Die letzten Griechen von Istanbul und die Geschichte(n) dazu

In Ost-Thrakien und Antolien (also in der heutigen Türkei) waren in antiker und byzantinischer Zeit, teilweise auch noch in osmanischer, Zentren oder zumindest Stätten griechischer Kultur > Konstantinopel, Adrianopel, Smyrna, Trapesunt, Caesarea, Antiochia, Angora, Marmaris, Adalia, Milet, Ephesus, Pergamon, Troja, Gordion, Halikarnassos,… Die griechische Bevölkerung in der jetzigen Türkei ist winzig, umfasst etwa 2000 Personen (nach manchen Angaben bis zu 5000), wurde immer kleiner seit dem Untergang des Osmanischen Reichs und der Entstehung der Republik Türkei nach dem 1. Weltkrieg. Den grössten Abgang gab es durch den Bevölkerungsaustausch mit Griechenland 1923; aus Smyrna/Izmir aber etwa gingen die meisten Griechen schon davor weg, am Ende des Griechisch-Türkischen Kriegs 1922. Aufgrund von Diskriminierungen und Übergriffen gegen sie (wie dem Pogrom in Istanbul 1955), die viel mit dem Verhältnis der Türkei zu Griechenland zu tun hatten (und dieses wurde ab den 1950ern wiederum für lange Zeit durch den Zypern-Konflikt geprägt), gab es immer neue Auswanderunsgwellen (hauptsächlich natürlich ins benachbarte Griechenland/Hellas).

Die verbliebenen Türkei-Griechen leben in Istanbul/Konstantinopel und zwei Ägäis-Inseln nicht so weit von dieser Stadt. Ihr prominentester Angehöriger ist der Patriarch von Kontantinopel, globales Oberhaupt der orthodoxen Christen, z Zt ist das Bartholomäus I. Von der Republik Türkei wird der Patriarch nur als Oberhaupt der Orthodoxen in der Türkei anerkannt. Es ist fraglich, ob die griechische Minderheit in der Türkei (und mit ihr dieses Patriarchat) bestehen kann, in dieser Form überleben. Die verbliebenen Griechen in Istanbul sind gewissermaßen der letzte Rest des Byzantinischen Reichs, das sich über Kleinasien/Anatolien, den Balkan und zeitweise Gebiete Vorderasiens und Nordafrikas erstreckte – bevor es gegen die türkischen Osmanen unterging, am Ausgang des Mittelalters. Byzanz, das “zweite Griechenland”, hatte seinen Schwerpunkt in Kleinasien (Hauptstadt Konstantinopolis), also im Osten des Landes. Das antike Griechenland, ein Haufen zerstrittener Stadtstaaten, hatte sein Zentrum klar im Westen, das moderne Griechenland besteht nur aus diesem.1

Der Übergang vom Osmanischen Reich zur Republik Türkei verlief unter Ausschluss/ auf dem Rücken der christlichen Völker Kleinasiens, wobei “umstritten” ist, von wem die Feindseligkeit ausging. Hätte es ohne griechischen Kriegszug aus dem Gebiet um Smyrna heraus gegen die kemalistischen Truppen einen türkischen Angriff auf die Stadt gegeben, der zur Massenflucht der Griechen dort und Übergriffen auf die Verbliebenen führte? Oder hat dieser türkische Gegenangriff bestätigt, dass es für die Griechen von Smyrna/Izmir nicht nur eine Zugehörigkeit ihres Gebietes zu Griechenland bedurfte, sondern auch einer “Ausschaltung” der kemalistischen Truppen in Anatolien, die dieses gefährdeten? Die Einen sagen, sie haben bewiesen dass wir ihnen nicht vertrauen konnten/können, sie illoyal sind, die Anderen sagen, sie haben bewiesen dass wir ihnen nicht vertrauen konnten, sie nicht loyal sein konnten. Das moderne Griechenland entstand ab den 1820er-Jahren aus Gebieten, die auch (jahrhunderte lang) zum Osmanischen Reich gehörten.

Im Kern geht es hier um die Istanbuler Griechen, aber man muss etwas ausholen, die Sache ist eingebettet in die türkisch-griechische Geschichte… Der Artikel folgt den Spuren der Griechen unter türkischer Herrschaft, mit besonderer Berücksichtigung des orthodoxen Patriarchats in Istanbul/Konstantinopel, behandelt auch die griechisch-türkischen Beziehungen, insbesondere jene der letzten etwa 100 Jahren (seit den Umbrüchen nach bzw infolge des 1. WK), das Auf und Ab seit dem Lausanne-Vertrag 1923 – ein Verhältnis, das einige Überraschungen birgt. Auf die türkische Minderheit in Griechenland wird auch eingegangen. Und auf das “Dreiecks-Verhältnis” zwischen dem Westen, Griechenland und Türken (sowie der islamischen Welt), ansatzweise. Die wichtigen Umbrüche in der griechisch-türkischen Geschichte waren in den Jahren 1453 (Untergang Byzanz gegen das Osmanische Reich), 1821 (Beginn der Sezession westgriechischer Gebiete vom Osmanischen Reich), um 1920 (Versuch des Abschlusses der Enosis bzw Megali Idea, der in einer Katastrophe endete); für die verbliebenen Istanbuler bzw türkischen Griechen (aber damit auch für diese Beziehungen) tat sich 1930, 1942, 1955, 1964, 1971, 1974, vielleicht 1980, und seit 2002 (Beginn der Regierungszeit der AKP) Entscheidendes.

Es geht los mit den Grundlagen, Byzanz; dann weiter mit der osmanischen Herrschaft über Griechenland; der darauf folgende Teil behandelt Entstehung und Wachsen Neu-Griechenlands; dann der (katastrophale statt krönende) Abschluss der Enosis beim Untergang des Osmanischen Reichs; der “Hauptteil”: Griechen in der Republik Türkei; Details bezüglich der gegenwärtigen Situation; Betrachtungen

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Byzanz und sein Untergang

Die Stadt Istanbul/Konstantinopolis/Byzanz geht auf das antike Griechenland zurück, als Kleinasien kolonialisiert wurde. Byzantion (Βυζάντιον, latinisiert dann Byzantium) wurde um 660 vC von Dorern gegründet, am westlichen (also europäischen) Ufer des Bosporus, am Ende Thrakiens, bzw an seinem Übergang nach Kleinasien. Die Zentren des antiken Griechenlands (bzw sein Schwerpunkt) war(en) aber ja im Westen > Athen, Sparta, Theben, Korinth,… Eine Einigung dieser Stadtstaaten kam am ehesten unter den von der Argeaden-Dynastie (hauptsächlich natürlich Ἀλέξανδρος/ Alexandros/ Alexander) geführten Makedoniern zu Stande. Nachdem Griechenland/ Hellas infolge der Römisch-Makedonischen Kriege im 2. Jh vC römisch geworden war, blieb Byzantium/ Byzantion zunächst eine mäßig wichtige Stadt, in der (römischen) Provinz Thracia. Unter den Römern, die viel von der griechischen Kultur übernommen haben, wurde der griechische Kulturraum christianisiert, jene Religion vermittelt, die von ihnen selbst übernommen wurde.

Byzantium/Byzantion wurde ein Bischofs-Sitz, der Apostel Andreas (Bruder von Petrus) wird als erster Bischof von Byzantium und damit als erster Patriarch von Konstantinopel gesehen, da das Patriarchat aus diesem Bistum hervor ging. Sein erster Nachfolger war 54 nC Stachys, der ebenfalls ein Jünger Jesu’ gewesen sein soll. Wann der erste Grieche Bischof von Byzantion wurde (bzw, wer das war), ist mir nicht bekannt. 330 machte der römische Kaiser Konstantin die Stadt zu seiner Hauptresidenz (damit zu einer Art Hauptstadt), nannte sie in “Nova Roma” (Νέα ̔Ρώμη/Nea Rhome) um, liess sie ausbauen. Bald wurde sie aber nach ihm benannt, Constantinopolis/Κωνσταντινούπολις/Konstantinopolis. Der Kaiser/Caesar war auf der Suche nach einer neuen Residenz, mehr in der Mitte seines Reichs, die Ost und West verband, kam auf die Stadt, in der sich Europa und Asien berührten. Unter Konstantin begann auch der Aufstieg des Christentums im Römischen Reich. 330 wurde aus dem Bistum in der Stadt auch ein Erzbistum, und begann auf dem späteren Ort der Hagia Sophia eine Kirche zu entstehen. 360 wurde diese Megale Ekklesia/ Magna Ecclesia Bischofssitz, anstatt der Kirche Hagia Irene. Als Ende des 4. Jh im Römischen Reich das Christentum Staatsreligion wurde und das Reich dann geteilt wurde, war ein Nectarius Erzbischof von/in Kontantinopolis. 451 die Aufwertung des Erzbistums zum Patriarchat.

Hagia Irene in Konstantinopel ~1900

Der Schwerpunkt des Oströmischen Reichs war anfangs im europäischen/westlichen Reichsteil (Balkan), verschob sich aber bald in den asiatischen/östlichen (Levante), am Übergang von Spätantike zu Frühmittelalter2; also ungefähr zu der Zeit als das Weströmische Reich gegen die Germanen unterging. In den 530ern wurde die Hagia Sophia (Sofia) in Kontantinopolis/ Konstantinopel gebaut (auf dem Ort der Megale Ekklesia) und eröffnet, wurde Patriarchensitz. Die Säulen der Hagia Sophia („Heilige Weisheit“) stammen u.a. aus dem Artemis-Tempel in Ephesus. Manche sagen, diese Überlieferung sei schön aber falsch, sollte den Sieg des Christentums über die “heidnischen” griechischen Kulte untermauern. Wenn sie stimmt, steckt in der Hagia Sophia heute komprimiert die gesamte griechische Geschichte: die antike, vorchristliche Hochkultur, durch die Säulen aus einem Artemis-Tempel; das mittelalterliche/ byzantinische Griechenland natürlich, da war die Kirche Sitz des Patriarchen von Kontantinopel3; die Zeit der osmanischen Fremdherrschaft, als sie Moschee wurde; die Zeit der Republik Türkei, in der das Gebäude Museum wurde, nachdem der Griff (des neu erstandenen) Griechenlands nach der Stadt und anderer Gebiete misslungen war.4

Tempel in Ephesus

Im frühen 7. Jh, unter Kaiser Herakleios, der Übergang vom Oströmischen zum Byzantinischen Reich, die Hellenisierung des Reichs. Das Reich wurde nach dem ursprünglichen, griechischen Namen seiner Hauptstadt um-benannt, diese Stadt behielt aber ihren nunmehrigen Namen (der eigentlich halb römisch, halb griechisch ist). Da die Griechen in Ostrom in mehrerer Hinsicht dominierend waren, war dieser Schritt “folgerichtig”. Persien, nun unter den Sassaniden, wurde wie auch für das antike Hellas Nachbar und grosser Gegner5; unter Herakleios wurden auch diese entscheidend zurückgeschlagen. Sehr bald darauf dann der Vorstoss der islamischen Araber aus ihrer Halbinsel, Siege sowohl über Persien als auch Byzanz, das grosse Gebiete verlor, Vorderasien und Ägypten, also nicht griechisches (bzw byzantinisches) Kerngebiet.6 Im Gegensatz zum langjährigen Rivalen, Persien, konnte das Byzantinische Reich immerhin eine vollständige islamische Eroberung bzw seinen Untergang verhindern. Byzanz behauptete sich, auch wenn es dann auch am Balkan (wo es weiterhin über Nicht-Griechen herrschte) Machtverluste/Abfälle/Unabhängigkeitsaktionen gab. Und auch wenn es sich von da an immer wieder gegen Angriffe von moslemischen Reichen und Armeen in seinem Süden und Osten (jeweils Kleinasien/Anatolien) verteidigen musste. Patriarch z Zt der Kriege gegen Persien und Araber war Sergius.

Die orthodoxe Kirche, die sich in Byzanz herausbildete, wurde im Hoch-Mittelalter nach Russland oder Bulgarien verbreitet.7 Dann folgte bald der (endgültige) Bruch mit der Katholischen Kirche (das Schisma). Als Jorge Bergoglio 2013 nach dem Rücktritt Ratzingers Papst wurde, als “Franziskus (Franciscus) I.”, wurde er dies als erster Nicht-Europäer seit ca. 1300 Jahren, seit dem Syrer „Gregorius III.“ im 8. Jh. Syrien war damals bereits arabisch, nicht mehr byzantinisch, Ost- und West-Kirche aber noch nicht gespalten, nur kulturell. Das Pontifikat von Gregorius III. war, wie das seines Vorgängers, vom byzantinischen Ikonoklasmus/Bilderstreit (8., 9. Jh) geprägt (bzw gestört). Im Streit um die Verwendung von Heiligenbildern waren die byzantinischen Kaiser8 die Ikonengegner/ Ikonoklasten, die byzantinischen Patriarchen die Ikonenverteidiger/ Ikonodulen. Der Streit vertiefte den Antagonismus zwischen Westeuropa (fränkische Kaiser, katholische Päpste) und Osteuropa (byzantinische Kaiser, orthodoxe Patriarchen). Die anderen orthodoxen Patriarchate, jene in Alexandria, Antiochia, Jerusalem, befanden sich ab dem 7. Jh in moslemischen Reichen (zunächst im Kalifat). Während es in Ägypten nie eine grössere Zahl von Orthodoxen gab9, halten sich in Gross-Syrien und Palästina bis in die Gegenwart stattliche Minderheitengruppen, in moslemischen arabisierten Gesellschaften. Sitz des Antiochia-Patriarchats ist seit dem Spät-Mittelalter in Damaskus, wegen der osmanischen Invasion (die bald aber auch in diesen Teil Syriens kam).

Nach dem Ende der Herrschaft der Makedonischen Dynastie ereignete sich bald der erste Vorstoss von Türken nach Anatolien/Kleinasien, jener der Seldschuken im 11. Jh über Persien, der nach der Schlacht von Mantzikert/Malazgirt 1071 den Anfang vom Ende des Byzantinischen Reichs einleitete. In der späten Antike hatte in Kappadokien eine Besiedlung der dortigen Tufflandschaft begonnen, mit Menschen die sich für das Einsiedlertum entschieden hatten und dort Höhlen (aus-) bauten, klösterliche Gemeinschaften bildeten. Mit dem Einfällen der Perser und dann der Araber im frühen Mittelalter in Kleinasien begann der Ausbau der Höhlenanlagen, nun unter Sicherheits-Aspekten. Mit dem Vordringen der Seldschuken unter Sultan Alp Arslan im 11. Jh begann die allmähliche Abwanderung der und Aufgabe der Höhlen durch christliche Byzantiner. Die Höhlen sind heute eine Touristen-Attraktion der Türkei. Was Byzanz in der Phase der seldschukischen Angriffe und Eroberungen entscheidend schwächte, war natürlich der 4. Kreuzzug aus Westeuropa 1204 (hauptsächlich von der Republik Venedig betrieben), der nach Konstantinopolis/ Konstantinopel um-dirigiert wurde, zur Plünderung, Besetzung und Teilung des Reichs führte.10

Es wurden venezianische und genuesische Kreuzfahrer-Staaten gegründet, von denen das Lateinische Kaiserreich (Imperium Romaniae) das wichtigste war, und drei byzantinische Rumpfstaaten entstanden. Teilweise bestanden diese Kreuzfahrer-Staaten einige Jahrzehnte, einige Aneignungen griechischer Gebiete durch die italienischen Stadtstaaten blieben aber über Jahrhunderte bestehen. Kreta/Kriti etwa, war gut 450 Jahre venezianisch, bis es im späteren 17. Jh von den Osmanen erobert wurde. Zypern/ Kipros war bereits auf dem 3. Kreuzzug im 12. Jh besetzt worden, von einer multinationalen Streitmacht, wurde ein Kreuzfahrerstaat, im 15. Jh fiel die Insel an die Venezianer(, und im 16. Jh an das Osmanische Reich). Die Ionischen Inseln fielen im 13./14. Jh an Venedig, blieben das bis zu den Napoleonischen Kriegen.11

Venezianer und Genuesen hatten in Konstantinopel schon vor dem Kreuzzug Handels-Niederlassungen, eine gewisse Präsenz von Händlern aus diesen Staaten blieb auch nach dem Ende der Besetzung von Byzanz. Patriarch zur Zeit der Invasion war Johannes/Ioannes; das Patriarchat ging für einige Jahrzehnte ins Exil nach Nicäa/Nikaia/Iznik. Diese Besetzung durch Westeuropäer, die Frankokratia, brachte eine dauerhafte Schwächung von Byzanz, eine Vertiefung der Spaltung zwischen katholischer und orthodoxer Kultur. Die Kaiser aus der Palaiologos-Dynastie, die das Byzantinische Reich danach “übernahmen”, hatten keine leichte Aufgabe angesichts des Seldschuken-Sultanats, das sich bis zur Marmara-Region erstreckte.12 Wenn man auf en.wikipedia “occupation of Constantinople” eingibt, kommt übrigens der Artikel „The occupation of Constantinople … November 13, 1918 – October 4, 1923“, (über) jene der Siegermächte des 1. WK im osmanischen Konstantinopel/Istanbul (vor der Ausrufung der Türkei), nicht die venezianische des byzantinischen Konstantinopels, und auch nicht die von Islamophoben als solche propagierte türkische Herrschaft über die Stadt seit 1453.13 Mit der Seldschuken-Invasion im 11. Jh begann eine Türkifizierung Kleinasiens, die sich in der osmanischen Zeit fortsetzte, durch Einwanderung, Konversionen, Mischehen, kulturelle Umstellung,…

So dass es zum Zeitpunkt, als Konstantinopel erobert wurde und Hauptstadt des Osmanischen Reichs wurde, dort nur noch einige “Inseln” von Griechen und anderen Völkern inmitten einer türkischen Mehrheit gab. Wobei sich die Türken auf ihrem Weg von Zentralasien über Persien nach Kleinasien ihrerseits mit Anderen (biologisch und kulturell) vermischt hatten, und Griechen selbst Hethiter u.a. “aufgesogen” hatten. Durch den Einfall der Mongolen in der Region um die Mitte des 13. Jh zerfiel das Seldschukenreich in kleine türkische Fürstentümer. Das nordwestanatolische Beylik/Fürstentum des Osman Bey (nach dem die Dynastie der Osmanen/Osmanli benannt wurde) setzte sich im 14. Jh durch, gegen die anderen Fürsten(tümer), v.a. das Beylik von Karaman um Konya/Ikonion, durch. Der Sohn von Dynastiegründer Osman soll eine byzantinische Prinzessin geheiratet haben.14 Und verkleinerten das Byzantinische Reich weiter, das nur noch das unmittelbare Hinterland von Konstantinopel sowie westgriechische und balkanische Gebiete umfasste, zur Regionalmacht abstieg, schliesslich zum Kleinstaat, Stadtstaat. 1353 die erste Türken-Eroberung  in Europa (Kallipolis/ Gallipoli/ Gelibulo), bald war die (gut befestigte) Stadt umzingelt, die Osmanen führten Eroberungen am Balkan durch (etwa Kosovo polje/ Fusha e Kosoves/ Amselfeld).

Anfang des 15. Jh fielen die Mongolen unter den Timuriden nochmal in Kleinasien ein, brachten dem Osmanischen Reich grössere Verluste bei, diese waren aber nicht von Dauer. Dann am Ausklang des Mittelalters der Untergang von Byzanz – mittlerweile waren die Stadt Konstantinopel (die manchmal so genannt wird) und das Reich ja wirklich (fast) ident – gegen die osmanischen Türken. Etwa 100 Jahre lang war die Stadt der umzingelte Rest des Reichs, neben einigen Splittern im Osten und Westen. Der Fall von Konstantinopel (Ἅλωσις τῆς Κωνσταντινουπόλεως) ereignete sich am Pfingstsonntag 1453, dem 29. Mai dieses Jahres, nach einer 53-tägigen Belagerung. Die osmanischen Angreifer wurden von ihrem Sultan, dem 21-jährigen Mehmet II., angeführt, die Verteidiger von ihrem Kaiser (Basileos) Konstantin(os) XI., aus der Palaiologos-Dynastie.15 Konstantinopel/Istanbul wurde neue Hauptstadt des Osmanischen Reichs. Die Patriarchen-Kathedrale Hagia Sophia wurde in eine Moschee umgewandelt. Das Ende von Byzanz markiert auch das endgültige Ende des Römischen Reichs.

Ikone Konstantin Palaiologos

Konstantinos Palaiologos, der letzte byzantinische Kaiser, starb beim Untergang Konstantinopels gegen die Osmanen. Sein Leichnam wurde nicht gefunden bzw nicht identifiziert. Er wurde in der griechisch-orthodoxen Kirche ein Märtyrer und inoffizieller Heiliger. Und er wurde ein nationales griechisches “Symbol” (s.u.) bzw ein Mythos, wie Sebastiao Aviz, David, Yazdgerd III., James Stuart,… in ihren Ländern.16 Der wichtigste der byzantinischen Rumpfstaaten war das kleine Kaiserreich Trapezunt/Trebizond am Schwarzen Meer, es wurde 1461 von den Osmanen erobert und ihrem Reich eingegliedert. Ausserhalb Kleinasiens gab es auch einige griechische/byzantinische Gebiete, die nach dem Fall Konstantinopels osmanisch erobert wurden. Athen wurde erst 1458 eingenommen, das Despotat Morea 1460, Epirus 1479,… Danach blieben noch einige griechische Inseln ausserhalb des osmanischen Machtbereichs, die aber schon lange nicht mehr byzantinisch waren, (ehemalige) Kreuzfahrer-Staaten. Rhodos, das von den Johannitern regiert wurde, wurde 1522 von den Osmanen erobert, die unter venezianischer Herrschaft stehenden Zypern und Kreta 1571 bzw 1669. Nur die Ionischen Inseln (Korfu,…), der westlichste Teil Griechenlands, blieben (immer) ausserhalb des Osmanischen Reichs, blieben bei der Republik Venedig (die Osmanen unternahmen einige Eroberungs-Versuche). Dorthin gab es auch immer wieder Flucht- und Auswanderungsaktionen von Griechen aus dem osmanischen Bereich.

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Die osmanische Herrschaft über Griechenland

Diese türkische Herrschaft (griechisch Τουρκοκρατία, latinisiert Tourkokratia) nach dem Untergang des zweiten Griechenlands erstreckte sich, je nach Region, über 4 – 500 Jahre, einige Regionen blieben es darüber hinaus. Es ist nicht ganz klar, wer der letzte Patriarch der orthodoxen Kirche zu byzantinischer Zeit bzw der jenige zur Zeit der osmanischen Eroberung war. Ein Athanasius könnte von 1450 bis 1453 Patriarch gewesen, und beim Fall der Stadt getötet worden sein. Gesichert ist Gregorius III. (Mammas) als 157. Patriarch. Dieser versuchte eine (Wieder-) Vereinigung mit der Römisch-Katholischen Kirche zu erreichen, was zu seinem Rücktritt als Patriarch geführt haben dürfte und sicher zu seinem Exil in Rom (Kirchenstaat). Manche Kirchenhistoriker sagen, dass er die Kirche vom Exil aus weiter führte. Jedenfalls hat Sultan Mehmet (Mehmed, Mohammed) 1454 den Mönch Gennadios (eigentlich Georgios) Scholarios zum neuen Patriarchen eingesetzt, der zuvor sein Gefangener war. Im Westen Europas sah man Gregorius nach wie vor als legitimen Patriarchen, bis zu dessen Tod 1459. Gennadios II. legte 1456 sein Amt nieder, zog sich in ein Kloster in Makedonien zurück.

Gennadius II. & Mehmed II., Foto eines Mosaiks aus 20. Jh.

Da die Hagia Sophia ja inzwischen eine Moschee war, etablierte sich Gennadius in der Kirche der Heiligen Aposteln. Diese war seit dem 4. Kreuzzug in einem schlechten Zustand, wurde 1456 von Gennadius aufgegeben, Patriarchats-Sitz wurde die Pammakaristos-Kirche, bis 1587. Die Apostel-Kirche wurde von den Osmanen abgerissen, auf ihrem Platz die Fatih-Moschee errichtet. Das Ökumenische Patriarchat, wie es offiziell heisst, übernahm unter osmanischer Herrschaft Aufgaben weltlicher Natur für die Griechen und auch die anderen Orthodoxen in diesem Reich, nachdem der byzantinische Kaiserhof nicht mehr existierte. Die Patriarchen wurden Führer (griechisch Ethnarchos, türkisch Milletbashi) der Griechen und Orthodoxen im Reich, und das sowohl aus Sicht der osmanischen Obrigkeit als auch der Griechen selbst. Und, vor den Erweiterungen des Osmanischen Reichs hauptsächlich unter den Sultanen Selim II. und Suleiman I. im 16. Jh (um bereits islamisierte Gebiete) machten Griechen in dem Reich einen gewichtigen Bevölkerungsanteil, wahrscheinlich die Mehrheit, aus!

In den Jahren vor der Eroberung Konstantinopels haben die byzantinische Seite (Kaiser, Patriarchen) und die “fränkische” (Kaiser, Päpste) über eine Kirchenunion verhandelt, für militärische Hilfe von westeuropäischer Seite gegen die Osmanen. Auf dem Konzil von Florenz (1431-1445) kam eine Union zu Stande, wie die im 13. und 14. Jh erreichten war sie aber nur von kurzer Dauer und innerhalb der orthodoxen Kirche schwer umstritten; die Militärhilfe blieb auch aus. Die orthodoxe Kirche in Russland erklärte 1448, also wenige Jahre vor dem Untergang Byzanz’, ihre Unabhängigkeit, aus Protest gegen die beschlossene Kirchenunion. Unter dem Moskauer Grossfürsten Iwan III., einem Rurikiden, gewann Russland in den Jahrzehnten danach seine Unabhängigkeit von der mongolischen Goldenen Horde wieder. Mit dem Untergang Byzanz’ begann die griechische Diaspora (Zerstreuung in der Welt), nicht wenige Griechen wanderten nach Russland aus, das damals hauptsächlich aus dem Grossfürstentum Moskau bestand. Sofia (Zoe) Palaiologos, die Nichte des letzten byzantinischen Kaisers Konstantin XI., heiratete 1472 Iwan III. Dies verstärkte die Vorstellung von Russland als dem Erben von Byzanz und dem “Dritten Rom” (nach dem eigentlichen Römischen Reich und dem Byzantinischen/ Oströmischen), dem Hüter des orthodoxen Christentums. Grossfürst Iwan nahm auch den Titel “Zar” an, der wie der deutsche “Kaiser” vom römischen „Caesar“ abgeleitet ist.17

Hagia Sofia: Rundschilde preisen die Namen von Allah, von Mohammed und Kalifen (Foto ca. 1890)

Nach dem Übergang vom Byzantinischen zum Osmanischen Reich wurden viele Kirchen in Moscheen “umgewandelt” (wie die Hagia Sophia auch etwa die Hagios Demetrios in Thessaloniki), manche zerstört (wie die Apostelkirche in Konstantinopel) oder für andere Zwecke verwendet, wie die Hagia Irene in Konstantinopel, die eine Waffenkammer wurde. Für den Neubau von Kirchen18 wurden spezielle Bestimmungen bzw Einschränkungen erlassen; ein Kirchturm sollte zB nicht höher sein als das Minarett/Manara von nahen Moscheen. Die Pammakaristos-Kirche, in früh-osmanischer Zeit Patriarchensitz, war eine jener byzantinischen Kirchen in Konstantinopel, die sich zunächst “behaupteten”. Unter Patriarch Matthaios II. übersiedelte das Patriarchat Ende des 16. Jh (es werden hauptsächlich die Jahre 1586 und 1587 genannt) in die Kirche des Heiligen Georg19 im Phanar im westlichen Teil Konstantinopels, ein früheres Kloster.20 Diese Kirche, eine relativ bescheidene, ist bis heute Patriarchatskirche.

Für die Griechen unter osmanischer Herrschaft21 wurde also die orthodoxe Kirche einigendes Band, nationale Klammer,… Es gab und gibt so Fälle von einer Quasi-Einheit von Volk und Religion, wie die katholische Kirche im russisch beherrschten Polen, und es gibt ethnoreligiöse Gemeinschaften wie Juden.22 Die Herrscher des Osmanischen Reichs teilten ihre Untertanen nach Religionszugehörigkeit ein, die (1454 geschaffene) griechische/ griechisch-orthodoxe Nation (Millet-i Rum) umfasste also auch die meisten Bulgaren, Walachen/ Rumänen, Serben, Russen, Ukrainer, Georgier sowie Teile der Albaner, Syrer, Palästinenser,…23 Die Grenzen zwischen diesen Nationen/Nationalitäten blieben aber grösstenteils gewahrt, wenn auch nicht in den Augen der osmanischen Obrigkeit. Orthodoxe waren die längste Zeit die zweit-grösste Religions-Gemeinschaft im Osmanischen Reich, hinter Moslems (bei denen Sunniten ganz klar überwogen).24

Es gab aber “Einschmelzungen” zu Griechen, in antiker, byzantinischer (mittelalterlicher) und osmanischer (neuzeitlicher) Zeit. Die “alten” Makedonier etwa sind unter den Griechen/Hellenen aufgegangen, brachten auch griechische Kultur in verschiedene Teile Asiens, die sich dort mischte. In Nord-Griechenland (neben Teilen Makedoniens beinhaltet das auch Thrakien und Epirus) sind auch in byzantinischer Zeit Andere zu Griechen geworden, Walachen, Slawen, Albaner,… Im osmanisch beherrschten Griechenland sind hauptsächlich andere Orthodoxe unter Griechen aufgegangen, begünstigt durch die osmanische Haltung dazu. Andererseits wurden auch Griechen zu Türken, hauptsächlich in Kleinasien (s. o.), daneben auch in Konstantinopel, Teilen Thrakiens,… Griechen in Kleinasien/ Asia Minor und anderen Regionen traten zB zum Islam über, um zusätzlichen Steuerverpflichtungen und anderen Diskriminierungen zu entgehen. Und damit war fast automatisch ein Verlust der nationalen (griechischen) Identität verbunden, eine Türkisierung. Die Griechen in Kappadokien wurden kulturell türkisiert, bewahrten sich aber grossteils ihre Religion25 (> Karamanlides/ Karaman-Griechen); ein kleiner Teil von ihnen trat aber zum Islam über, ging damit unter Türken auf. Im Zentralbereich des Osmanischen Reichs (Kleinasien, Konstantinopel, Thrakien,…) wirkten sich auch die Knabenlese (> Janitscharen) oder Einwanderungen aus dem Balkan oder Kaukasus aus, die mit Formen der Akkulturation und Assimilation verbunden waren.

Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 zog die Oberschicht der griechischen Bevölkerung in das Stadt-Viertel Phanar (türkisch Fener). Um 1600 zog auch der orthodoxe Patriarch in dieses Viertel (Georgskirche, s.o.). Irgendwann wurde Phanar, wo der Patriarchatssitz war, ein Synonym für das Patriarchat.26 Diese neue griechische Oberschicht im Osmanischen Reich entstammte oft byzantinischen Adelsfamilien, wurde/wird Phanarioten bzw Fanarioten genannt. Die Phanarioten waren oft im Handel tätig (und erfolgreich)27 , oft auch in führenden Rollen in der Verwaltung des Osmanischen Reichs tätig, (auch) ausserhalb griechischer Gebiete, etwa als Gouverneure in der Walachei und Moldawien im 18. und 19. Jh. Trotz ihrer hohen Stellungen im Sultanat und ihres Kosmopolitanismus kümmerten sich viele von ihnen um Angelegenheiten der griechischen Bevölkerung und Kultur, stifteten etwa Schulen. Während der Kriege des Osmanischen Reichs mit der Republik Venedig, dem Russischen Reich oder Österreich halfen manche Griechen, auch Phanarioten, den Gegnern der Osmanen. Einige Phanarioten, etwa Alexandros Mavrocordatos, hatten im 19. Jh Anteil an den griechischen Freiheitskämpfen sowie an der Gestaltung des entstehenden neuen Griechenlands.

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Entstehung und Wachsen des neuen Griechenlands

Bekanntlich expandierte das Osmanische Reich, in Osteuropa, bis es vor den Toren Mitteleuropas scheiterte, dann begann allmählich der Niedergang. Rigas Velestinlis (“Pheraios”), 1757-1798, stammte wahrscheinlich aus einer walachischen (aromunischen) Familie in Thessalien, die sich an die Griechen assimilierte. Der Schriftsteller wurde von der Französischen Revolution beeinflusst, dachte sowohl eine Umgestaltung des Osmanischen Reichs in eines auf Grundlagen der Aufklärung an (das bedeutete etwa die Gleichheit aller Religionen), als auch die Unabhängigkeit der orthodoxen Balkan-Länder vom Osmanischen Reich. Velestinlis wirkte als Sekretär des Phanarioten Alexandros Ypsilanti, der zu dieser Zeit als Dolmetscher unter Sultan Abdülhamid I. diente. Er wurde bei einem Aufenthalt in Wien von den österreichischen Behörden (die das Osmanische Reich erhalten wollten) festgenommen, an die Osmanen ausgeliefert, die ihn töteten. Der gleichnamige Enkel dieses Ypsilanti war einer der griechischen Führer beim Aufstand (Epanastasi) 1821, der u.a. in der (ebenfalls osmanischen) Walachei stattfand.

Im 19. Jh wurde das Osmanische Reich, eines der letzten nicht europäisch unterworfenen Gebiete der Welt28, zunehmend zum Einflussgebiet europäischer Gebiete (inklusive Russlands). Das betraf das Kerngebiet des Reichs (Kleinasien, Konstantinopel,…), aber auch “periphäre” Gebiete wie Ägypten und Syrien. Verschiedene Völker begannen um ihre Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu kämpfen29, und auch unter den Türken (bzw Türkisierten) des Reichs begann es zu “gären”. Weithmann (s.u.) schrieb, die Griechen waren bis Anfang des 19. Jh im Osmanischen Reich so stark geworden, bei gleichzeitiger Schwächung der Zentralgewalt, dass sogar eine griechische Übernahme des Reichs im Raum stand…

Als sich die Griechen 1821 erhoben, war die Schwäche des Osmanischen Reichs noch nicht so dramatisch. Der Aufstand und die Kämpfe konzentrierten sich klar auf westgriechische Gebiete (Balkan-30 und Ägäis-Raum), Kleinasien war hier nicht involviert. Unter den militärisch-politischen Führer der Griechen waren aber Fanarioten (Phanarioten) wie Mavrokordatos oder Ypsilanti prominent vertreten, daneben etwa auch der Ionier/Korfioter Ioannis Capodistrias; die Ionischen Inseln waren mit den Napoleonischen Kriegen unter britsche Herrschaft gekommen. Im Griechischen Unabhängigkeits-Krieg (1821 bis 1829 bzw 1830) nahmen westeuropäische Philhellenen auf griechischer Seite Teil. Ihr prominentester, George Byron, projezierte die Thermopylen-„Thematik“ (Europa gegen Asien) dort hinein; sein Aufenthalt in Missolonghi verlief (in jeder Hinsicht) anders als von ihm erwartet.

Der Ausbruch des griechischen Aufstands bzw Kriegs 1821 führte zu Massakern, Kirchenzerstörungen und anderen Übergriffen gegen Griechen in verschiedenen Teilen des Osmanischen Reichs, von Seiten der osmanischen Behörden. Besonders gravierend war das Massaker von Konstantinopel, in dessem Verlauf der orthodoxe Patriarch Gregorius V. am Ostersonntag abgesetzt und in einem Tor des Patriarchats aufgehängt wurde – obwohl er die Aufständischen exkommuniziert hatte. Sein Nachfolger Eugenius war anfangs Gefangener des Sultans. Konstantinos Mourouzis, Chefdolmetscher/Gross-Dragomane am Sultanshof, wurde geköpft. Die Nachricht vom Mord an dem Patriarchen löste in Teilen Europas Empörung und eine Verstärkung des Drängens nach (staatlicher) Unterstützung der griechischen “Rebellion” aus. Fürchterlich war auch das Massaker von Chios 1822: Die vor Smyrna/ Izmir in Kleinasien gelegene Insel war stark im Handel involviert und die dortigen Griechen zögerten mit einer Unterstützung des griechischen Aufstands bzw der griechischen Seite im Krieg – weil sie um ihren Wohlstand fürchteten, aber auch weil sie nahe beim Festland waren und damit Vergeltungsaktionen der Türken ziemlich ausgeliefert. Dazu ist zu sagen, dass nicht unwesentliche Teile der griechischen Bevölkerung des Osmanischen Reichs31 beim Aufstand bzw Krieg abseits standen, aus verschiedenen Gründen.

Zurück zu Chios: 1822 landeten einige Hundert griechische Rebellen von der Nachbarinsel Samos dort, griffen das dortige osmanische Heer an; ein Teil der Inselbewohner schloss sich nun der Rebellion an. Nachdem Verstärkung für die Osmanen gekommen war, das Massaker an der Bevölkerung von Chios mit etwa 20 000 Toten. Weitere Zehntausende wurden versklavt!32 Alexios Alexandris, auf dessen Arbeit (s.u.) ich das Kapitel über die Entwicklungen rund um den Griechisch-Türkischen Krieg (also der nächste Abschnitt) zu einem grossen Teil und jenes über Griechen in der Republik Türkei maßgeblich aufbaute, merkte dazu an (und das spricht mit für die Qualität bzw Objektivität seines Buchs): “Greeks were no less cruel. The Fall of Tripolitsa in 1822 resulted in the massacre of 30,000 Turks and Jews.”

In Griechenland vergingen vom Tod von Konstantinos XI. Palaiologos in der Schlacht um Konstantinopel 1453 bis zur Proklamation eines griechischen Staates 1822, mit Alexandros Mavrocordatos als Oberhaupt, 369 Jahre. Wobei dieses Byzanz am Schluss praktisch nur noch aus der Stadt bestanden hatte; und dem Griechenland das (ab) 1822 entstand, fehlten auch noch die meisten griechischen Gebiete. Die Wiedererringung der griechischen Unabhängigkeit ab 1821/22 musste ausserdem noch mühsam erkämpft bzw abgesichert werden. Nachdem der Aufstand der Griechen und Philhellenen 1826 zusammengebrochen war, griffen die Westmächte in den Krieg ein, retteten so das Unterfangen. Das Hellas das am Kriegsende 1829 “freigekämpft” worden war, bestand aus Peloponnes/Morea, Attika, Mittel- und Westgriechenland, mit Athen/Athinai als Hauptstadt. Natürlich wurde die Vereinigung (Enosis, Ένωσις) mit den anderen griechischen Gebieten das Ziel; der dritte Premierminister des neuen Griechenlands, Ioannis Kolettis, soll den Ausdruck Megali Idea (Μεγάλη Ιδέα; “Grosse Idee”) geprägt haben, für das irredentistische Konzept der schrittweisen Freikämpfung und Vereinigung griechischer Gebiete. Es gab unterschiedliche Vorstellungen davon, in der “extremsten” Form der Megali Idea33 wurde die Vereinigung mit Konstantinopel und kleinasiatischen Gebieten anvisiert, gewissermaßen eine Wiederbelebung des Byzantinischen Reichs, natürlich mit Konstantinopel als Hauptstadt und der griechisch-orthodoxen Kirche als Staatskirche.34

Die Westmächte sicherten sich Einfluss im neuen Griechenland (nicht zuletzt gegen Russland), Grossbritannien wurde wichtigste “Schutzmacht”.35 Die Westmächte und Russland (inzwischen Hauptgegner des Osmanischen Reichs) hatten ihre Parteigänger in Griechenland.36 Russland schürte am Balkan dann Freiheitsbestrebungen der v.a. slawischen orthodoxen Völker. Nach der Unabhängigkeitsproklamation 1822 war Griechenland eine Republik, wurde 1832 ein Königreich, blieb ein solches bis 1973, mit der Unterbrechung 1924-35 (2. Republik), mit ausländischen Königshäuser (Wittelsbach, Slesvig). 1863, nach dem Sturz des Bayern Otto, wurde der dänische Prinz Georg (Haus Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg) von den Westmächten und griechischen Notabeln zum griechischen König bestimmt.37

Möglicherweise hat diese dänisch-deutsche Familie sogar byzantinische Vorfahren, und zwar aufgrund von Heiratsverbindungen mit den russischen Romanovs, die wiederum mit den Rurikiden verschwägert waren, in die ja die Palaiologen hineingeheiratet haben. 1833 erklärte die Griechisch-Orthodoxe Kirche Griechenlands ihre Eigenständigkeit/ Autokephalie gegenüber dem Patriarchat in Konstantinopel (dem sie aber natürlich weiter unterstellt war), was dieses 1850 anerkannte. Die Kirche auf Zypern war bereits im 5. Jh autokephal geworden. 1448 hatte sich die orthodoxe Kirche in Russland autokephal erklärt, was 1589 von Konstantinopel anerkannt wurde; seither gibt es eine Russisch-Orthodoxe Kirche mit einem Patriarchen, der aber jenem in Konstantinopel untergeordnet war. Die Russisch-Orthodoxe Kirche wurde die grösste orthodoxe Landeskirche.38 Die erste Enosis Griechenlands mit anderen griechischen Territorien vollzog sich 1864; GB übergab die von ihm beherrschten Ionischen Inseln (das einzige griechische Gebiet, das nie osmanisch geworden war). Die Frankokratia dort bewirkte eine leichte Enosis im 19. Jh.

Griechenland wurde bald auch vom Osmanischen Reich als unabhängiger Staat anerkannt. Erster osmanischer Botschafter in Griechenland wurde der Phanariote Konstantinos Mousouros. Es bürgerte sich im Türkischen39 die Bezeichnung “Yunanli” für Griechen in Griechenland und “Rum” für Griechen im (dezimierten) Osmanischen Reich ein. Es tat sich eine interessante Beziehung zwischen diesem Griechenland, dem Osmanischen Reich und den “unerlösten” Griechen dort auf, mit dem orthodoxen Patriarchen in der Reichs-Hauptstadt Konstantinopel als “Drehscheibe”. Konstantinopel, zumindest in manchen Megali-Idea-Vorstellungen die Krönung… Nach einigen Jahrzehnten kamen die Griechen im Osmanischen Reich, besonders die Konstantinopoler, wieder in jene führende Positionen, in denen sie vor der griechischen (Teil-) Unabhängigkeit gewesen waren. Im diplomatischen Dienst, oder in der Verwaltung verschiedener Regionen. Wie Stefan Vogoridis40, ein hellenisierter Bulgare, der die Walachei oder Samos für die Osmanen verwaltete und unter Sultan Abdulmajid (Abdülmecid) I. eine hohe Stellung einnahm.

Am Balkan erkämpften sich die Völker allmählich die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich, Nordafrika wurde von europäischen Kolonialmächten angeeignet, unter den arabischen Völkern Vorderasiens gärte es auch. Europäische Mächte nahmen zunehmenden wirtschaftlichen Einfluss auf das Sultanat (Kapitulationen). Das Janitscharen-Korps, das zeitweise mehr Macht hatte als die Sultane, wurde 1826 aufgelöst. Umgestaltungsbemühungen in der Tanzimat-Periode führten zu einer Verfassung (قانون اساسی, Ḳānūn-i Esāsi) bzw Machtbeschränkung des Sultans (1876), die aber nach 2 Jahren wieder “aufgehoben” wurde.41 Als die Verfassung kam, die Gleichheit für Nicht-Moslems festschrieb, waren die meisten Nicht-Türken innerlich schon von diesem Reich abgefallen. Alexandris weist darauf hin, dass die Griechen in Konstantinopel vor den 1910ern kaum Türkisch lernten, diese also auch sprachlich von der Mehrheitsbevölkerung und dem Reich an sich getrennt waren.

Gemälde von H. Sattler von Konstantinopel/Istanbul aus 1851

Nach Alexandris waren die meisten osmanischen Griechen um 1850 noch für eine Beibehaltung der osmanischen Herrschaft, um 1910 nicht mehr. Auch die Griechisch-Orthodoxe Kirche im Osmanischen Reich, mit dem Patriarchat an der Spitze, wandte sich allmählich dem griechischen Nationalismus (bzw Irredentismus) zu. Was wiederum mit dazu führte, dass sich die orthodoxe Kirche in diversen Balkan-Ländern, die im 19. Jh die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich gewannen, um Autokephalie bemühten, mehr dazu weiter unten. Diese Kirche war über osmanische Reformbemühungen in Richtung Gleichheit (auch “Osmanismus” genannt”) nicht begeistert, diese würden die klerikale Authorität über das (griechische) Millet schmälern. Wobei die griechisch-orthodoxe Kirche unter osmanischer Herrschaft schon davon profitierte, dass die osmanischen Behörden, aus Reformbemühungen oder aus Schwäche heraus, im späteren 19. und frühen 20. Jh die Bestimmungen für den Kirchenbau tolerant hand habten; so dass es in dieser Zeit zu einem Bauboom von orthodoxen Kirchen in Konstantinopel/Istanbul kam.

Kloster Arkadi bei Rethymno auf Kreta, wo sich 1866 fast 1000 Griechen vor einem belagernden osmanischen Heer in die Luft sprengten

Gegen Ende des 19. Jh verlor das Osmanische Reich weitere griechische Gebiete. Zypern nahmen sich 1878 die Briten. Thessalien wurde, der nächste Schritt der Enosis, 1881 mit Griechenland vereinigt. Dann begann der Unabhängigkeitskampf auf Kreta (erneut), eines jener griechischen Gebiete in denen der Aufstand 1821ff niedergeschlagen wurde. Neue Aufstände und ein osmanisch-griechischer Krieg führten 1898 mit westlicher Hilfe zur Autonomie Kretas im Osmanischen Reich. 1908 de facto, 1913 de jure der Anschluss an Griechenland bzw die Annexion durch dieses. Eine grosse türkische Volksgruppe lebte v.a. im Zentrum der Insel(, wurde 1923 ausgesiedelt). Kreta wurde und blieb der südlichste Teil Griechenlands (und seine grösste Insel). Die Yunanlar wurden allmählich mehr, die Rumlar immer weniger.42 Rumlar, also osmanische Griechen (oder griechische Osmanen), gab es nun hauptsächlich noch im Norden des europäischen Griechenland (von Epirus über Makedonien bis Thrakien), auf den Ägäis-Inseln, in Konstantinopel, in Smyrna und Umgebung, an der Südostküste des Schwarzen Meeres (die Pontus/Pontos-Griechen), in Kappadokien in Zentral-Anatolien. In all diesen Gebieten dürften Griechen die relative Mehrheit der Bevölkerung ausgemacht haben. Es gab auch eine, nicht allzu starke, Auswanderung von Griechen aus dem Osmanischen Reich nach Griechenland.43

Die Enosis

Das Osmanische Reich zerfiel allmählich, und für Angehörige seines “Staatsvolkes”, also Türken, stellte sich die Frage, was eigentlich “gerettet” werden sollte, wohin man sich orientieren sollte, wie man den Staat gestalten sollte. Es gibt da Parallelen zu Österreich-Ungarn an seinem Ende. Der Osmanismus zielte auf eine Modernisierung des Reichs bei Gleichheit aller Bürger ab, der Islamismus stellte natürlich das Islamische (sunnitische) in den Vordegrund, der Türkismus oder türkische Nationalismus sah in erster Linie die Türken im Reich (und jene die dazu geworden waren) und ausserhalb (in Persien, in Russland,…). Eine Identitätssuche bzw ein Kampf darum, was vom sinkenden Schiff gerettet werden sollte, und welches rettende Ufer es ansteuern sollte, solange es noch möglich war. Man kann sagen, dass sich diese Konfliktlinien in die Republik Türkei hinein fortsetzten, zT bis heute. Das osmanische Territorium nach ethnischen Gesichtspunkten gerecht aufzuteilen wäre unmöglich gewesen, und dies nicht zuletzt aufgrund der konkurrierenden Ansprüche nicht-türkischer Nationalitäten.44

Als Makedonien (mit Saloniki) noch osmanisch war (ein multiethnisches Gebiet), brach (von) dort 1908 die Jungtürkische Revolution aus, die man auch als Putsch bezeichnen könnte. Die Revolution (?) führte zu einer Absetzung des despotischen Sultans Abdülhamit (mütterlicherseits Tscherkesse), zur Einsetzung  von dessen Halbbruder Mehmet45 als Sultan46, wobei die Regierungen (mit dem Gross-Wesir an der Spitze) nur am Ende dieser Phase (1917/18) von Jungtürken geführt wurde47, die Macht aber bei diesen lag. Das jungtürkische “Komitee für Einheit und Fortschritt” hatte mehrere Flügel (bzw mehrere Ansätze), wenn man so will, einen emanzipativen und einen nationalistischen. Wobei sich der erstere durchsetzte, der von Offizieren geführt wurde, von grossen Teilen der türkischen politisch bewussten Klasse unterstützt wurde, der das Osmanische Reich mit türkischer Vorherrschaft weiterführen wollte, mit Zentralisierungs- und Modernisierungsschritten. Der liberale Teil der Jungtürken spaltete sich 1911 als “Partei für Freiheit und Verständigung” (حريت و ائتلاف فرقه سی , Hürriyet ve İtilaf Fırkası) ab.

Für die christlichen Völker im Zentralbereich des Osmanischen Reichs (hauptsächlich Griechen, Armenier, Assyrer48) gab es Gründe, über die jungtürkische Machtübernahme erfreut zu sein. Es wurde die Verfassung und das Parlament wieder-belebt und noch 1908 Wahlen dazu ausgerufen, in denen auch Griechen wie alle Anderen aktiv und passiv teilnehmen konnten.49 Die Irredentisten unter den osmanischen Griechen (Anhänger von Enosis bzw Megali Idea), und das war inzwischen die Mehrheit, haben nach der Erfahrung mit Kreta auch auf eine “gradualistische” Lösung statt auf eine konfrontative gesetzt. Zumal bezüglich Makedonien und Thrakien die grossen Entscheidungen noch bevor standen, und dort auch Bulgarien und die Anhänger eines südslawischen Staates Ansprüche hatten.

Orthodoxe Metropolien Kleinasien um 1900

Und die Politik der (regierenden, rechten) Jungtürken war anfangs nicht minderheitenfeindlich. Der (osmanische) Grieche Alexander Mavroyenis wurde beispielsweise zum osmanischen Botschafter in Österreich-Ungarn ernannt. Und vor der Wahl 1908 verhandelte das jungtürkische Komitee mit den Konstantinopoler Griechen über eine Unterstützung der Jungtürken durch die Griechen. Jedenfalls wurden 1908 einige Griechen als Kandidaten des Jungtürken-Komitees ins osmanische Parlament gewählt, darunter Aristidis Georgantzoglou (Pascha; ein Karaman-Grieche) und Pavlos Karolidis (Effendi; vertrat Smyrna). Karolidis erklärte, die nationale Idee der Griechen bestehe aus Beiträgen zur “Zivilisation des Ostens” und dem Schutz und Kultivierung dieser. Eigentlich war er auch ein Karamanli (ein Grieche aus Kappadokien), wurde in Konstantinopel und Deutschland ausgebildet, wirkte als Professor für Geschichte an der Universität Athen, bei Konstantinos Paparrigopoulos50. Seine Vorstellungen von griechisch-türkischer Freundschaft machten ihn unter Griechen eher zum Aussenseiter.

Als seine Zeit als Abgeordneter (bzw die Parlaments-Periode) 1912 zu Ende ging, wurde er vom Jungtürken-Komitee eingeladen, wieder für es zu kandidieren. Dann brach aber der (erste) Balkan-Krieg aus, in dem sich Griechenland und das Osmanische Reich wieder gegenüber standen, und Karolidis zog sich nach Griechenland zurück. Im nationalen Schisma Griechenlands stellte er sich auf die monarchistische Seite, bis zur Niederlage im Griechisch-Türkischen Krieg. Er starb 1930 in Athen. Sein Leben ist eigentlich exemplarisch für die Chancen griechisch-türkischer Verständigung und für die diesbezügliche Tragödie. Die Wahlen im Februar 1912 wurden vom Jungtürken-Komitee durch Gewalt und Korruption zum gewünschten Resultat geschoben. 1912/13 wurde der andere Jungtürken-Flügel, die Partei für Freiheit und Verständigung, ausgeschaltet.51 Das Aufräumen der regierenden Jungtürken mit Vorrechten des Klerus der Religionsgemeinschaften und der Konfessionalisierung an sich brachte ausserdem ein Ende der weitgehenden Autonomie im Bildungsbereich, den die Religionsgemeinschaften im osmanischen Millet-System genossen. Bei der Neuwahl zum osmanischen Parlament 1914 wurden natürlich wieder Griechen gewählt, darunter Emmanuel Emmanuelidis aus Smyrna (der schon zuvor dem Parlament angehörte).52

In Griechenland wurde Eleftherios Venizelos 1910 erstmals Premierminister, nach einer Art Putsch bzw Aufbegehren von Teilen des Militärs, der/das von der Kaserne in Goudi bei Athen ausging, unter Nikolaos Zorbas, aber im Endeffekt mehr Demokratie brachte. Venizelos’ Vorfahren stammten vom Peloponnes, er wuchs aber in Kreta auf, hatte die osmanische Herrschaft dort noch erlebt, wurde politisch geprägt im Kampf um die Ablösung Kretas vom Osmanischen Reich und in weiterer Folge bei jenem anderer griechischer Gebiete. Mit Venizelos kam erstmals eine Herausforderung für die Oligarchie unter der Königsherrschaft, er lieferte dem König und dessen Anhängern einen Machtkampf. Dieses nationale Schisma führte zeitweise bis zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, dauerte etwa von 1910 bis 1922. Die Partei von Venizelos und der Venizelisten war die Liberale Partei (KF), eine “starke” Monarchie unterstützte die Volkspartei (LK). Venizelos war von 1910-33 mit Unterbrechungen 7x Premier. Er wollte eine grosse/finale Enosis, die Wiedererrichtung Griechenlands in (beinahe) byzantinischen Dimensionen. Nicht gesichert ist, ob er als Premier vor dem 1. WK mit Vertretern des Osmanischen Reichs über einen Bevölkerungs-Austausch von Türken/Moslems in Nord-Griechenland und Griechen/Christen aus Smyrna verhandelt hat (dies wird behauptet).

Vor dem Weltkrieg verlor das Osmanische Reich noch weitere Gebiete in Afrika und Europa. Die Italiener entrissen 1911/12 den Türken Libyen und Dodekanes (mit Rhodos). Nach den Balkankriegen 1912/13 bekam Hellas den für sich relevanten Teil Makedoniens (Süd-, mit Thessaloniki), den Süd-Epirus und einen Grossteil der Ägäischen Inseln; ausserdem Kreta endgültig. Durch die Gebiete im Norden gab es nun mehr Minderheiten in Griechenland (Juden, Türken, Albaner, Slawen, Aromunen, Roma/Sinti,…) sowie Grenzstreitigkeiten mit anderen Mächten als den Osmanen.

***

Untergang des Osmanischen Reichs, katastrophaler Abschluss der Enosis, Entstehung der Türkei

Das (jungtürkisch regierte) Osmanische Reich war im 1. WK, als Teil der Mittelmächte, an mehreren Fronten engagiert, gegen Truppen der Entente bzw der Alliierten: In seinem Nordosten, an der Kaukasusfront, gegen die Russen. Hier spielten die Armenier eine wichtige Rolle, nach den Deportationen und Massakern an diesen im osmanischen Bereich konnte die russische Armee weit vorrücken. Am Ende des Kriegs konnte eine osmanische Armee unter Enver Pascha dieses Gebiet in Nordost-Anatolien zurückerobern, Teile von ihr drangen nach Persien und Zentralasien ein; im Südosten, in Mesopotamien/Irak, gegen die Briten (und deren Hilfstruppen); im Nordwesten bei den Dardanellen, vor Istanbul, wo Truppen der Entente 1915/16 scheiterten; im Südwesten gegen die Briten, die aus Ägypten (bzw Sinai), das sie kurz vor dem Krieg annektierten, nach Palästina (Gaza) vordrangen, eine entscheidende Niederlage des osmanischen Militärs im September 1918.

In Griechenland führte der Gegensatz zwischen deutschfreundlichem König (Konstantinos I.) und Premier Venizelos im Ersten Weltkrieg zu einem kleinen Bürgerkrieg. Die Republikaner setzten sich diesbezüglich durch, und das Land trat unter Venizelos 1917 auf Seiten der Entente-Mächte in den Krieg ein, während der König zugunsten seines Sohnes Alexandros abtrat. Im Vergleich zum östlichen Nachbarn war Griechenland in diesem Krieg wenig involviert (etwas am Balkan, gegen Bulgarien), und die wirkliche “Bewährungsprobe” kam erst danach. Der griechische Kriegseintritt auf der Gegenseite gegen Ende des Kriegs, noch dazu unter dem Irredentisten Venizelos, verschlechterte das griechisch-türkische Verhältnis auf allen Ebenen wieder, das bekamen nicht zuletzt die Griechen in Konstantinopel und anderswo im Osmanischen Reich zu spüren. Eine osmanische Nation aus den verschiedenen Nationalitäten zu formen, dieses Unterfangen der Jungtürken erwies sich in diesem Krieg als aussichtslos, schlug in die “Gegenrichtung” um.

Dort, wo Nordwest-Anatolien in Armenien und Georgien übergeht, also an der Kaukasusfront, war die russische Armee im Krieg ja (s.o.) weit vorgestossen, hielt 1916/17 diese Frontlinie; nach den Revolutionen in Russland zogen die Russen ab. Diese Frontlinie in Kleinasien wurde so 1917/18 von Ost-Armeniern gehalten, zusammen mit Georgiern, Assyrern und Schwarzmeer-Griechen. Die Schwarzmeer/Pontus-Griechen riefen 1917 dort, südlich vom Schwarzen Meer, eine “Republik Pontus” (griechisch Dimokratía tou Póntou) um Trapesunt/Trabzon aus. Nach der osmanischen Rückeroberung 1918, aber auch schon vor dem Vorrücken der Russen kam es zu Massakern und Deportationen moslemischer osmanischer Verbände (auch) an den dortigen Griechen. Besonders hervor tat sich dabei Nuredin Pascha. Bei der Pariser Vorort-Nachkriegskonferenz das Osmanische Reich betreffend, in Sevres, plädierte die griechische Venizelos-Regierung dafür, das Pontus-Gebiet in Gross-Armenien (seinem westlichen Teil) zu inkorporieren53. Was dort auch geschah. Auch andere osmanische Griechen wurden in den Kriegsjahren und danach in Mitleidenschaft gezogen, mehr dazu weiter unten.

Im Oktober 1918 der Waffenstillstand von Mudros, dann die Besetzung (auch des Kernbereichs) des Osmanischen Reichs durch Truppen der Entente-Mächte Grossbritannien, Frankreich, Italien und Griechenland54. Konstantinopel/ Istanbul und die Region darum herum (Marmara-Region) wurde durch die vier Mächte gemeinsam besetzt55, die alle auch ihre Besatzungs-Zonen sonstwo im Reich hatten. Der machtlose Sultan und die Regierung wurden abgesetzt, ein neuer Sultan und neue Regierungen kamen. Nun kam auch der liberale Flügel der Jungtürken zum Zug, etwa mit Damat F. Pascha (bosniakischer Herkunft), der 1919/20 zwei Mal Grosswesir/Premierminister war. Sultan und Regierung wirkten aber unter dem Regime der Besatzungstruppen, also mit beschränkten Möglichkeiten. Britische Truppen waren “tonangebend” in der Marmara-Region, hielten ausserdem Ägypten, Mesopotamien, Palästina, Transjordanien, die arabische Halbinsel (und einige Jahrzehnte bereits Zypern). Die Franzosen hielten Kilikien sowie Syrien (inklusive Antiochia-Gebiet und Libanon). Truppen aus Griechenland und Italien kamen 1919, zum Einen wie gesagt in den Raum um Istanbul. Zum Anderen: Die Italiener in eine Zone in Südwest-Anatolien; die Griechen (1919) nach Smyrna und (1920) nach Ost-Thrakien.

Griechische Soldaten in Konstantinopel, nach dem 1. WK… nach beinahe 500 Jahren wieder. Wobei: die Beteiligung von Soldaten aus Griechenland an der Besetzung der Stadt war marginal56 und die Griechen hatten in den Jahrhunderten davor, als Teil der Oberschicht, über die Stadt wohl mit-geherrscht. Das Osmanische Reich lag am Boden, war besetzt, die Auflösung der osmanischen Streitkräfte wurde in die Wege geleitet, und die Äusserungen von Führern der Entente-Staaten bestätigten, dass es zu gravierenden territorialen Änderungen kommen werde, das Osmanische Reich stark verkleinert werde. Und die Griechen waren in einer noch günstigeren Position als die Armenier oder Kurden, schliesslich hatte Griechenland einen kleinen Beitrag zu den Kriegsbemühungen der Entente geleistet. Würde es also zur finalen Enosis kommen? Thrakien und das Gebiet um Smyrna (Ionien) wurde von Truppen Griechenlands kontrolliert, die auch in Konstantinopel waren. In diesen Gebieten sowie im Pontus und in Kappadokien gab es grosse und tief verwurzelte griechische Bevölkerungsggruppen. In Konstantinopel und Smyrna gab es damals eine grössere griechische Bevölkerung als in jeder Stadt Griechenlands inkl. Athen.

Orthodoxer Patriarch zur Zeit des Kriegs war “Germanus V.” (Georgios Kavakopoulos), genauer von 1913 bis 1918. Auch unter osmanischen Griechen gab es die Polarisierung zwischen Venizelisten und Royalisten, besonders unter jenen in Konstantinopel. Und mit dem Mudros-Waffenstillstand und dem was darauf folgte, waren die politischen Rahmenbedingungen für die osmanischen Griechen ganz neu. Patriarch Germanos wurde in dieser Situation von seinen Leuten zum Rücktritt gedrängt, im Oktober 1918. Die pro-venizelistische grecophone Istanbuler Presse hatte sich auf Germanos eingeschossen, dem man vorwarf, zu wenig politisch und energetisch zu sein, mit den Jungtürken Kompromisse geschlossen zu haben. In der Georgskirche im Phanar wurde vereinbart, die Wahl eines neuen Patriarchen bis zu einer dauerhaften Friedensregelung aufzuschieben. Einstweilen wurde der Erzbischof von Brussa/Bursa, Dorotheos Mammelis zum amtierenden, provisorischen Patriarchen bestellt. Diese(s) Interregnum/ Vakanz dauerte immerhin bis 1921. Der locum tenens Mammelis stattete nach seiner Wahl dem ebenfalls ziemlich neuen Sultan, Mehmet VI. (es sollte der letzte sein), einen Besuch ab. Der Sultan begrüsste ihn freundlich und versprach, alle osmanischen Bürger ungeachtet der Religion gleich zu behandeln. Viel Gelegenheit dazu hatte er aber nicht, vielleicht schade… Dorotheos war der letzte Patriarch (falls er als solcher zu sehen ist), der die Anerkennung eines Sultans bekam, aber der erste seit 1453, der auch ohne diese Anerkennung amtieren hätte können! Seine Nachfolger waren wieder auf die Akzeptanz türkischer Behörden angewiesen, jene der Republik dann.

Damals glaubten die meisten Griechen in Griechenland und im (noch bestehenden) Osmanischen Reich daran, dass die Megali Idea nun bald Realität werden würde. An eine Koexistenz mit Türken (auf Grundlage einer echten Gleichberechtigung) glaubten nur wenige Griechen. Dem Patriarchat kam bei den von den meisten Griechen erhofften Entwicklungen eine historische Rolle zu. Die politische Führungsrolle für die Volksgruppe, die es unter osmanischer Herrschaft bekommen hatte, kam nun (in der Phase zwischen den Waffenstillständen von Mudros ’18 und Mudanya ’2257) wahrscheinlich noch stärker zu Tragen. Unter Griechen war und ist kein Nationalismus unter Ausblendung der orthodoxen Kirche möglich. Und nach dem 1. WK waren auch die Beziehungen zwischen Athen (also griechischer Regierung) und Phanar (Patriarchat) ausgezeichnet. Und der amtierende Patriarch, Dorotheos, äusserte seine Überzeugung, die einzige Lösung für den Hellenismus (das Griechentum) in der “Türkei” liege in der “byzantinischen Lösung”.

Die Stimmung der Griechen Konstantinopels/Istanbuls kam beim begeisterten Empfang der Flotte der Entente/Alliierten im November 1918 gut zum Ausdruck. Zum ersten Mal seit 1453 war die Stadt nicht mehr in türkischen Händen.58 Das Millet-System, das den Beginn der Abtrennung griechischer Gebiete vom Osmanischen Reich gut ein Jahrhundert überlebt hatte, kam nun zu einem Ende, davon waren die Meisten damals überzeugt. Griechische Truppen waren wie erwähnt an der Besetzung Istanbul (18-23) beteiligt. Die Ankunft des Panzerkreuzers “Georgios Averoff” 1919 wurde wiederum von der griechischen (und armenischen) Bevölkerung der Stadt enthusiastisch begrüsst.59 Erster griechischer Hochkommissar in Istanbul/Konstantinopel wurde Efthymios Kanellopoulos (1919-21). Griechische Marine-Soldaten patrouillierten durch Teile der Stadt, das Patriarchat wurde durch ein kretisches Regiment beschützt. Eine griechische Flagge wurde über dem Patriarchat gehisst, ein grosses Bild von Venizelos am Taksim-Platz im Viertel Pera/Beyoglu aufgestellt.60

Griechische Soldaten/Polizisten aus Kreta im Patriarchat

Auch Ost-Thrakien und Ionien waren von Truppen des „alten Hellas“ besetzt. Das Sagen hatten aber die führenden Entente-Mächte Grossbritannien und Frankreich, und die Zukunft der Region war noch in der Schwebe. 1918/19 gab es Konsens darüber, dass Istanbul und die Region mit den Meerengen auf Dauer internationalisiert (also unter Kontrolle dieser Mächte gestellt) werden sollte, was den meisten Griechen wahrscheinlich nicht Unrecht war. In dieser Phase vollzog sich eine innere Ablösung der Griechen Konstantinopels (in Smyrna war es vermutlich ähnlich) von der Zugehörigkeit zu einem türkischen Staat. Das Patriarchat liess den Unterricht von Türkisch in griechischen Schulen Konstantinopels im Jänner 19 abschaffen. Im März 19 wurde in den orthodoxen Kirchen der Stadt eine Resolution für die Vereinigung mit Griechenland verkündet. Die Autonomie ihre eigenen Angelegenheiten betreffend, die ihnen unter osmanischer Herrschaft gewährt worden war, war in der Zeit 1918-22 für die Griechen Konstantinopels grösser geworden. Es bestimmte das Patriarchat, unter Einbeziehung der Notabeln der Gemeinschaft (es bildete sich ein “Nationales Komitee”).

Die ziemlich machtlose Sultans-Regierung von Ahmet Tevfik Pascha (1918-19, 1920-22) versuchte gute Beziehungen zu den Griechen des untergehenden Reichs aufrecht zu erhalten, sie einzubinden. Tevfik bot dem griechischen Abgeordneten im osmanischen Parlament, Kostaki Vayianis (früherer Gouverneur von Samos) einen Ministerposten (jenen für Handel) an, was der annahm. Er ernannte andere osmanische Griechen in Positionen der Verwaltungsbehörden. Doch, im Jänner 1919 verlangte das Patriarchat von osmanischen Griechen in der Politik (Minister, Abgeordnete,…) und Verwaltung (Beamte), ihre Ämter niederzulegen. Vayianis, der Grieche in der wahrscheinlich höchsten Position, trat hier, nach wenigen Monaten im Minister-Amt, zurück. Aristidis Georgantzoglou lehnte das Angebot ab, sein Nachfolger zu werden. Was weniger ein Affront war: die griechischen Abgeordneten um Emmanuelidis forderten vor ihrem Abgang aus dem Parlament die Strafverfolgung der Jungtürken-Führer, unter denen die Armenier mehr als alle Anderen gelitten haben – dies wurde damals unter den Briten auch in die Wege geleitet. Von März 19 an verweigerte das Patriarchat unter Mammelis Kontakte mit dem Sultan oder der osmanischen Regierung, und forderte die Griechen auf, auch nicht an Wahlen teilzunehmen (1919 die letzte Wahl zum osmanischen Parlament).

1919 warnte sogar der griechische Hochkommissar Kanellopoulos die Konstantinopoler Griechen davor, die Gunst der Stunde nicht zu strapazieren, das Schicksal nicht herauszufordern, von provokativen Akten abzusehen. Genau das dürfte aber vor sich gegangen sein… Für die Türken und anderen Moslems Konstantinopels und des Reichs bedeutete diese Zeit (die etwa mit der Jungtürken-Revolution begann und mindestens bis in die 1930er ging, mit dem was die Gründung der Republik nach sich zog) auch eine der enormen Umwälzungen und Verunsicherungen. Gerade in der Hauptstadt wurde die Atmosphäre zwischen den Bevölkerungsteilen (Christen-Moslems, grob geteilt) zunehmend polarisiert. Aus der Sicht der betreffenden Griechen (und Armenier,…) ging es aber darum, nun endlich den Status als Bürger zweiter Klasse abzulegen. Mit Hilfe der eingefallenen Westmächte, gegen die moslemischen Landsleute, vereinfacht gesagt, und auf eine Abtrennung ihrer Gebiete vom Osmanischen Reich (oder einem Nachfolgestaat) abzielend. Aber es gab damals auch ausgestreckte Hände von türkischer Seite, Bemühungen um eine tiefgreifende Reform, nicht gegen die Minderheiten, wie sie dann unter Atatürk kam.61

Währenddessen begannen die Entente-Mächte in Paris, die Zukunft des Osmanischen Reichs (und der anderen Mittelmächte des 1. WK) zu debattieren (1919/20). Neben einer Delegation aus Griechenland unter Venizelos war auch eine Delegation von Griechen aus Istanbul dort. Griechenlands Regierungschef Venizelos war fest entschlossen, jetzt ein Gross-Griechenland zu realisieren, nie war die Gelegenheit so günstig, nie würde sie wieder so sein. Was Konstantinopel/Istanbul betraf, Venizelos hat in dieser Zeit nach dem 1. WK keine Ansprüche auf diese Stadt gestellt, weder in Paris noch in anderem Kontext. Wobei, wenn das thrakische Hinterland erst einmal Teil Griechenlands war (zu diesem Zeitpunkt war das weder der westliche noch der östliche Teil), und wenn die Stadt unter internationaler/westlicher Herrschaft blieb, würde die grosse griechische Bevölkerungsgruppe in Konstantinopel ohnehin die Stadt dominieren, so erwartete man.62 Griechenland (unter Venizelos) beanspruchte Smyrna und sein Umland, ganz Thrakien, die Ägäis und ihre Inseln und Nord-Epirus.

Im Endeeffekt hat Griechenland all das dann zugesprochen bekommen, ausser Nord-Epirus. In „Extremvarianten“ der Megali Idea waren nicht nur die in Sevres zugesprochenen Gebiete Teil Griechenlands, sondern auch Istanbul, Zypern (damals britisch), der Dodekanes-Archipel (italienisch) und (weitere) Teile des westlichen Anatoliens. Und dann wären noch immer die Kappadokien- und die Pontus-Griechen draussen geblieben. Alexandris schreibt dass die venizelistische Politik davon ausging, dass die neuen griechischen Territorien relativ homogen griechisch bevölkert sein würden, aufgrund freiwilliger Inter-Migrationen, also von Moslems aus Nord-Griechenland (oder auch Kreta) in das Rest-Sultanat, Griechen aus abgelegenen Gebieten in Anatolien nach Gross-Griechenland… Bei Allem, und das war die Crux an diesen Plänen und Wünschen, war Griechenland auf das Wohlwollen und die Unterstützung der grösseren Entente-Mächte (GB und Frankreich) angewiesen; sein eigenes Militär war zu schwach.

Im Mai 1919 die Landung, das Einrücken griechischer Truppen in Smyrna, gemäß der Absprache mit GB/Frankreich. Der Kreter Aristeidis Stergiadis wurde von Premier Venizelos zum Zivilverwalter ernannt, blieb das bis zum Ende 1922. Smyrna war im 11. Jh von den Seldschuken erobert worden, hier kam also nach etwa 900 Jahren wieder eine griechische Herrschaft. Man kann vermutlich viel über den Charakter der griechischen Herrschaft in Ost-Thrakien und Smyrna mit Hinterland (Ionien) schreiben, was sie für Nicht-Griechen bzw Nicht-Christen bedeutete. Die Landung der Griechen in Smyrna (wo Griechen wahrscheinlich in der Mehrheit waren) wird jedenfalls zT (von Türken) als Beginn des (Griechisch-Türkischen) Krieges gesehen, soll hauptverantwortlich für die Entstehung “türkischen National-Bewegung” unter Mustafa Kemal Atatürk gewesen sein. Im November ’19 wurde im Friedensvertrag der Entente-Mächte mit Bulgarien in Neuilly Griechenland West-Thrakien zugesprochen.

Smyrna 1919

Nun erst gab es eine Land-Verbindung griechischen Territoriums bis zur osmanischen Grenze. Die Maritsa/ Mariza trennt West- von Ost-Thrakien, war 1913 nach dem bulgarischen Gewinn West-Thrakiens Grenzfluss des Osmanischen Reichs geworden. Ein kleiner (und freiwilliger) Bevölkerungsaustausch folgte dem Gebietstransfer 1919 (Bulgaren aus dem nun griechischen West-Thrakien nach Bulgarien, Griechen nach Griechenland). 1920 der Einmarsch der Griechen in Ost-Thrakien, die Region mit dem Zentrum Adrianopel/Edirne wurde ihnen nach dem Weltkrieg von den führenden Entente-Mächten zugesprochen. Blieb wie Ionien bis 1922 unter griechischer Herrschaft. Wobei: Der gesamte östliche Teil Ost-Thrakiens war und blieb Teil der Entente-Besatzungszone um Istanbul (die entmilitarisiertes osmanisches Gebiet werden sollte). Diese Zone beinhaltete die Halbinsel Gallipoli/Gelibolu/Kallipolis (ist ein Teil Ost-Thrakiens) und das westliche Hinterland von Konstantinopel; die griechische Zone ging bis Catalca/Kataldja an der Stadtgrenze Istanbuls.

Nationalpakt 1920

Eigentlich war es angesichts der Entwicklungen in und um das Osmanische Reich, seinem semi-kolonialen Status, nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem grösseren Aufbegehren von Türken kam. Der dann “Atatürk” Genannte stammte aus (einer türkischen Familie in) (Thes)saloniki/ Selanik, sprach gut Griechisch. Die Geschichte ist bekannt, wie er sich 1919 der Auflösung des osmanischen Militärs, mit der er betraut wurde, widersetzte, zusammen mit anderen Offizieren, im Inneren Anatoliens neue militärische Einheiten formte. Das letzte osmanische Parlament wurde im Dezember 19 gewählt, was auf eine Einigung der Atatürk-Bewegung (in der unbesetzten Zone, in Ankara/Angora) und dem Sultan und seiner Regierung in Konstantinopel zurückging. Die Wahl brachte einen überwältigenden Sieg der Atatürk-nahen “Anadolu ve Rumeli Müdafaa-i Hukuk Cemiyeti”. Das Parlament trat im Jänner 1920 erstmals zusammen, hatte keine nicht-moslemischen Mitglieder – ein Fingerzeig. Es wurde im Frühling von den Entente-Mächten aufgelöst, kurz nachdem es den Nationalpakt angenommen hatte, mit dem die Nationalisten ihre territorialen Ziele absteckten. Die umfassten um Einiges mehr, als dann die Republik Türkei ausmacht(e): Neben Antiochia/Hatay weitere Teile Syriens (mit Aleppo/Halap), West-Thrakien, Batumi (SU/Georgien), das Mossul-Gebiet (Irakisches Kurdistan/ Mesopotamien) und Zypern.63

Atatürk organisierte darauf hin ein neues Parlament und eine Gegenregierung, in Ankara; und er gewann allmählich an Boden, gegenüber dem Sultan und “dessen” Regierung in Istanbul/Konstantinopel. Im Sommer 1920 ordnete Venizelos als griechischer Regierungschef eine Offensive von der Smyrna-Zone aus an, die Griechenland ja (international akzeptiert) kontrollierte, auch bevor sie ihm zugespochen wurde. Der griechische Vorstoss ins Innere Anatoliens sollte den Kemalisten/ türkischen Nationalisten “begegnen”, die sich in Ankara sammelten, die Smyrna-Zone absichern und wennmöglich langfristigen Schutz für Griechen in Anatolien (Pontus, Kappadokien, westliches Anatolien) bringen. Der Vorstoss führte östlich von der Smyrna-Zone heraus, nördlich der italienischen Zone (um Antalya/Adalia) vorbei, südlich der gemeinsam von Entente-Mächten besetzten Marmara-Zone. Es war anfangs ein Durchmarsch. Atatürk organisierte den Widerstand. Der Krieg begann unter König Alexandros Slesvig und Premier Eleftherios Venizelos.

Dann, im August 1920, wurde der Vertrag von Sèvres unterzeichnet; die Siegermächte des Ersten Weltkriegs beschlossen die “Zerlegung” des Osmanischen Reichs, bis auf einen anatolischen Rumpfstaat. Istanbul/ Konstantinopel blieb demnach beim Sultanat (und Hauptstadt), aber mit Vorbehaltsrechten der Entente. Griechenland bekam die von ihm gehaltenen Gebiete Ostthrakien (nicht ganz bis Istanbul, ohne einen Teil der Küste), Ionien (Smyrna und Hinterland), die Ägäis-Inseln Imbros und Tenedos, zugesprochen. Das Smyrna-Hinterland blieb gemäß Sevres-Vertrag zwar griechisch kontrolliert, de jure aber dem Sultan unterstellt, ein Referendum sollte hier über die Zugehörigkeit entscheiden. In Anatolien bekamen Frankreich und Italien Interessengebiete/Einflusszonen zugestanden, jene Gebiete die gerade von ihnen kontrolliert wurden. Das damals unabhängige (Ost-) Armenien bekam die west-armenischen Gebiete zugesprochen. Den Kurden wurde ein Staat unabhängig vom Osmanischen Reich in Aussicht gestellt, in Südost-Anatolien. Die Aufteilungen entsprachen also weitgehendst den damals aktuellen “Besatzungszonen”, nur bzgl Armenien nicht. Und, die französische Zone in Anatolien/Kleinasien schloss an das französische Syrien an, die italienische an den Dodekanes, die Griechenland zugesprochenen Gebiete an das bestehende Griechenland (über Land oder Wasser).

Die Aufteilung des Osmanischen Reichs gemäß dem Sevres-Abkommen

Der Vertrag wurde von den Repräsentanten des Osmanischen Reich unterzeichnet, aber dann nicht ratifiziert, schliesslich gab es kein osmanisches Parlament mehr; und das nicht anerkannte kemalistische war mit der Bekämpfung der Verhältnisse, die sich im Sevres-Vertrag wiederspiegelten, beschäftigt. Im Endeffekt wurden von den im Pariser Vorort beschlossenen Bestimmungen nur die Abtrennungen der arabischen Gebiete an GB und Frankreich, die Türken also nicht sehr betrafen, dauerhaft umgesetzt.64 Wobei es auch hier beim französischen Mandatsgebiet Syrien Änderungen zugunsten der späteren Türkei gab. Für Griechenland bedeutete Sevres nicht die Erfüllung aller Wünsche (Konstantinopel…), aber die Bestätigung der damaligen Verhältnisse, und das war nicht wenig. In der osmanischen Hauptstadt hätten Griechen auch eine wichtige Rolle gespielt.

Im Herbst ’20 dramatische Umwälzungen in Griechenland: der Tod von König Alexandros und die Wahlniederlage von Venizelos’ Liberaler Partei. Konstantinos kehrte, abgesegnet durch ein Referendum, auf den Thron zurück. Gounaris von der Volkspartei wurde Premier, er und König Konstantin(os) liessen den Feldzug in Anatolien fortsetzen. Die meisten osmanischen Griechen und jene in den neu zu Griechenland gekommenen Gebieten betrachteten Venizelos weiter als den “Führer” Griechenlands, konnten dem Umschwung an den Wahlurnen in Griechenland nicht folgen. Es gab einige Freiwillige aus griechischen Gemeinschaften des untergehenden Osmanischen Reichs an dem Kriegszug65, andere „spendeten nur“ Geld. Eingedenk des byzantinischen Erbes, das nun wiederbelebt werden sollte, wurde der letzte Kaiser von Byzanz, Konstantin(os) XI. Palaiologos, in diesem Krieg beschworen, “angerufen”. Der aktuelle griechische König, auch ein Konstantin, ersetzte venizelistische Offiziere durch monarchistische, Anastasios Papoulas wurde neuer Leiter des Feldzugs. Eine britische Unterstützung (unter Verteidigungsminister Churchill, ’19 – Feb ’21, unter Premier Lloyd-George) war nicht unwahrscheinlich, wurde evtl. angedeutet, wäre notwendig gewesen.66

Verwundete Griechen Sangarios

Anfang 1921 die Schlachten bei Inönü, unentschieden, erstmals kein griechischer Durchmarsch, grösserer türkischer Widerstand. Der spätere Ismet Inönü (väterlicherseits kurdischer Herkunft…) nahm seinen Nachnamen von dem Ort wo die Schlacht stattfand, an der er beteiligt war. Im Sommer 21 eine weitere Schlacht bei Ekisehir/Dorylaion, türkischer Rückzug an den Sakarya/Sangarios-Fluss bei Gordion; kein Durchkommen der Griechen, die sich etwas zurückzogen. August/September die Schlacht am Sakarya (griechische Entscheidung für den Angriff auf die letzte Verteidigungslinie vor Ankara), 21 Tage, 100 km vor Angora (Kanonendonner war dort zu hören), Türken auf den Anhöhen, Unentschieden, kein Durchbruch, kleiner Rückzug. Dann fast 1 Jahr Stillstand bis August 1922, hier war jedoch der Wendepunkt des Krieges, das Ende der Offensive. Die Entente leisteten den Griechen nicht nur keine Hilfe, sie waren, aus verschiedenen Gründen, bereits für eine Revision des Sevres-Vertrags. Papoulas trat ab, Kemal und Ismet konnten neu aufrüsten, wollten jetzt nicht mehr verhandeln; zwischendurch gab es griechische Pläne für einen Angriff auf Konstantinopel. Man kann vermutlich lange darüber diskutieren, ob die Türken die Griechen zügig weit vorstossen liessen, schneller als diese Nachschub organisieren konnten…und sie dann hart abbremsten. Oder ist der griechische Vormarsch zusammengebrochen aufgrund der Unfähigkeit der griechischen Militärführung und die Türken eigentlich nach vielen Niederlagen vor einer weiteren vor Ankara standen.

Der Ort, an dem der griechische Vorstoss 1922 zum Stillstand kam, der sich als Wendepunkt in dem Krieg erwies, hatte natürlich einen Bezug zur antiken griechischen Geschichte: Gordion… Wobei man hier sorgsam zwischen Geschichte und Legende unterscheiden muss. Es war beim Vorstoss des Makedoniers Alexander (“der Grosse”) nach Asien, durch das damals persische Kleinasien, als er 333 vC bei Gordion am Sangarios auf die Phryg(i)er stiess. Der Jahrhunderte früher “angesetzte” Phryger-König Gordios (der die Stadt Gordion gegründet haben soll) ist wahrscheinlich legendär. Und, die Legende sagt, Gordios weihte seinen Wagen mit einem unauflösbaren Knoten im Zeustempel und prophezeite, dass derjenige, der den Knoten (Gordischer Knoten) lösen könnte, die Herrschaft über Kleinasien erlangen würde; in anderen Varianten ging es um die Herrschaft über ganz Asien. Alexandros soll den Knoten mit seinem Schwert entzwei geschlagen haben; jedenfalls eroberte er Kleinasien67 und in Folge auch weitere grosse Teile Asiens, hauptsächlich Kern-Persien. Für die Griechen ging es über 2000 Jahre später um die Herrschaft von Teilen Kleinasiens. Und, vereinfacht gesagt wurden die Griechen infolge dieser Schlacht bei Gordion aus Asien hinaus getrieben.

Die kemalistischen Türken waren Ende 1920 mit ihrem Kriegszug gegen Armenien fertig und Ende 1921 mit jenem gegen die Franzosen im Grenzbereich zu Syrien (wo dann die Grenze festgelegt wurde). Und die Italiener gaben ihre Zone in Südwestanatolien 1921 auf; es heisst Italien hatte sich von Sevres auch die Smyrna-Zone erwartet und hat aus Unmut über die Festlegung dort vor dem Abzug noch kemalistische Truppen in Anatolien ausgerüstet und ausgebildet. Das heisst, Ende 21, also etwa zur Halbzeit der Pause des Kriegs mit griechischen Truppen, hatte die kemalistische Nationalbewegung nur noch die Griechen als Gegner; ja, die von Entente-Mächten gemeinsam verwaltete Zone um Istanbul gab es auch noch als Ziel. 1921/22 fuhren griechische Kriegsschiffe über die Meerengen bei Istanbul in das Schwarze Meer und bombardierten einige Städte, wie Trabzon/Trapesunt oder Samsun. Und was tat sich in der griechischen Gemeinschaft in Konstantinopel während des Krieges in Anatolien?

In der Hauptstadt des untergehenden Reichs verstärkten sich die Spannungen zwischen Christen und Moslems (hauptsächlich waren das Griechen und Türken); im Herbst 1921 kam es dort zu Erhebungen der Türken, gegen die Besetzung der Stadt und Anderes, etwa 30 000 Griechen verliessen in dieser Zeit die Stadt. Der amtierende orthodoxe Patriarch Dorotheos kommunizierte 1920/21 mit dem Oberhaupt der Anglikanischen Kirche, dem Erzbischof von Canterbury, Randall Davidson, über die Vertreibung von Türken aus Konstantinopel und die Wiederherstellung der Hagia Sophia als Kirche, was er beides befürwortete. Im März 21 starb der Übergangs-Patriarch Dorotheos in London. Anlässlich seines Tods bzw zwischen seinem Tod und der Wahl eines neuen Patriarchen wurde unter den Griechen Konstantinopels heftig über seine strikt nationalistische (soll man sagen: “separatistische”) Linie diskutiert. Es war eine Zeit der Ungewissheit bezüglich der politischen Zukunft dieser südlichen eurasischen Region und ihrer Bevölkerung. Zwar nach Sevres, aber inmitten des Kriegs den Griechenland vom Zaun gebrochen hatte, um seine Gebietserweiterungen abzusichern. Und Konstantinopel sollte ohnehin beim Osmanischen Reich verbleiben. Die Truppen der Entente/Alliierten könnten sich rasch zurückziehen, so wie die französischen und die italienischen aus Kleinasien… Deshalb war Dorotheos Mammelis’ Kurs unter den Griechen der Stadt umstritten. Zwar dürfte eine deutliche Mehrheit für diesen venizelistischen Kurs gewesen sein, aber ein auch nicht geringer Teil war für eine neutralere Politik des Patriarchats, ein weniger überheblicheres Auftreten der Griechen in der Stadt und anderswo gegenüber den Türken.

Proponenten dieses “vorsichtigeren” Lagers der Istanbuler Griechen aus der Umbruchs-Zeit nach dem 1. WK waren etwa Aristidis Georgantzoglou, die Mavrokordatos-Familie (einer der prominentesten Phanarioten-Familien), der Bischof von Chalcedon/ Kadiköy, Gregorius Zervoudakis, der ehemalige Abgeordnete im osmanischen Parlament Basil Orphanidis. Die Wahl des neuen Patriarchen im Dezember 1921 wurde ein Machtkampf der beiden Lager der Griechen der Stadt, die sich in etwa mit jenen der Venizelisten und Royalisten deckten. Gewählt wurde Emmanuel Metaxakis, ein Kreter, der auf Zypern und als Erzbischof von Athen gewirkt hatte; er nahm den Namen “Meletius IV.” an. Meletius/ Meletios war ein gemäßigter (griechischer) Nationalist/Venizelist; die griechische Regierung unter Dimitrios Gounaris versuchte seine Wahl ungültig erklären zu lassen. Und auch die osmanischen Behörden sowie (erst recht) die kemalistischen Nationalisten hatten ein Problem mit ihm. Seine Wahl verstiess gegen osmanische Gesetze aus 1454 und 1856, wonach Kandidaten Griechen aus dem Osmanischen Reich sein und von der “Hohen Pforte”68 genehmigt werden mussten.

Meletius war aber ein “Griechenland-Grieche” (ein Yunanli), und das Patriarchat überging die entsprechenden Regeln nicht nur, es erklärte vor der Wahl auch, dass diese von den “moslemischen Eroberern” aufgezwungen worden waren und nun bedeutunsglos seien. Das zeugt schön von der Sicherheit, in der “man” sich damals wog, von einer gewissen Überheblichkeit. Aber auch von der Zwickmühle, in der sich die osmanischen Griechen (besonders jene in Konstaninopel) befanden. Wenn man den Sultan um eine Bewilligung gefragt hätte, hätte das gegenüber den Kemalisten (die ja bald die Machthaber wurden) gar nichts genützt, eher den Sultan bei den Kemalisten weiter in Misskredit gebracht. Meletius war jedenfalls der letzte aus einem grösseren Kreis gewählte Patriarch… Eine Neuerung von ihm, die Bestand hatte, hatte mit dem Konflikt mit Türken nichts zu tun, er gründete 1922 die orthodoxe Erzdiözese von Amerika (Nord- und Süd-).

Im August 1922 nahmen die kemalistischen Türken nach etwa 1 Jahr Stillstand/Patt den Krieg in Anatolien wieder auf, überrannten bei Dumlupinar die griechischen Stellungen. Nikolaos Trikoupis69 und weitere hochrangige griechische Offiziere wurde dabei gefangen genommen; Trikoupis wurde Mustafa Kemal Atatürk (er konnte Griechisch, wir erinnern uns) vorgeführt, der ihn darüber informierte dass er zum Kommandant  der griechischen Truppen auf diesem Feldzug ernannt worden war, statt General Hatzianestis… Trikoupis, Digenis und andere hochrangige Kriegsgefangene kamen in ein Lager in Kirsehir/Mocissus, wurden nach dem Krieg 1923 gegen türkische Gefangene ausgetauscht. Nach dem Durchbruch von Dumlupinar war rasch klar, dass es nun um den Erhalt von Smyrna ging, der Stadt, der Zone herum, die vom griechischen Militär gehalten wurde, der Existenz der Griechen dort, aber auch jener anderswo.

Kriegsgefangene griechische Generäle

Ein Grossteil der dortigen griechischen Bevölkerung zog sich zusammen mit den Truppen aus Griechenland mit Schiffen über die Ägäis nach Griechenland zurück (Samos war eine der nächst gelegenen Inseln). Und mit ihnen die meisten Armenier aus der Gegend; Griechen und Armenier waren in diesen Jahren oft im selben Boot, bei der Evakuierung Smyrnas im wahrsten Sinn des Wortes. Am 8. September, als sich die letzten griechischen Truppen zurückzogen, kamen die ersten Elemente der kemalistischen Armee in die Stadt. Am Tag darauf begann die Disziplin unter den türkischen Truppen zusammenzubrechen… Jene Christen, die geblieben waren, hofften dass die Präsenz der britischen und französischen Flotte vor der Küste das Schlimmste verhindern würde. Darunter war Chrysosthomos (Kalafatis), der orthodoxe Erzbischof. Kalafatis stammte aus der Nähe von Konstantinopel war 1914 von den osmanischen Behörden abgesetzt worden; 1919 wurde er wieder eingesetzt. Er hatte auch mit Hochkommissar/ Gouverneur Stergiadis Schwierigkeiten, aufgrund seiner anti-türkischen Haltung, die er auch in Predigten an den Tag legte – das soll hier auch nicht unterschlagen werden.70 Am 10. September holten ihn türkische Offiziere aus “seiner” Kathedrale und lieferten ihn an Nuredin Pascha, welcher ihn von einem Mob lynchen liess. Am 13. September suchte ein Feuer die Stadt heim, gelegt von flüchtenden Griechen oder erobernden Türken, das ist nach wie vor unklar bzw umstritten.

Smyrna/Izmir 1922

Die Atatürk-Bewegung/Regierung hatte während des Kriegs zunehmend Anerkennung der Entente-Mächte gewonnen, und Sowjetrussland unterstützte ihn, auch weil GB und Frankreich die Gegenseite im Russischen Bürgerkrieg unterstützten. Griechenland wiederum war auf sich allein gestellt. Diesmal gab es kein hilfreiches Eingreifen der Westmächte wie gut 100 Jahre zuvor, im Unabhängigkeitskrieg, der am Beginn eines Prozesses stand, der nun zum Abschluss kam. Die Russische Revolution hat sich für die Türken in dieser Phase mehrmals als “Glücksfall” erwiesen. Die Griechen wurden 1922 bei Smyrna (wo Homer sein “Illias” geschrieben hatte) ins Meer getrieben. In Griechenland wurden Premier Gounaris, General Hatzianestis und Andere abgeurteilt und hingerichtet. König Konstantin dankte zugunsten seines Sohnes Georg(ios) ab. Venizelos wurde wieder Premier, 1924 gelang ihm die Errichtung der Republik (der zweiten des modernen Griechenlands). König Konstatin(os) I. hätte es wie Konstantinos Palaiologos gehen können, mehrmals; im Krieg von 1897 wurde er (in Thessalien) fast von den Türken gefangen genommen (als Kronprinz), 1921 (als König) beim Sakarya entging er einer Gefangennahme auch relativ knapp, und 1922 vor Smyrna wieder.71

Die Kemalisten kontrollierten im September 22, am Ende ihrer Kriege, den grössten Teil Anatoliens. Atatürk, seine Krieger und seine Anhänger konnten von niemandem mehr übergangen werden. Nach der Einnahme Smyrnas rückten die türkischen Truppen mit breiter Brust auf Konstantinopel bzw zunächst auf die südliche Marmara-Region (die ebenfalls unter internationaler Kontrolle war) vor.  Französische und italienische Truppen dürften bereits zuvor abgezogen sein, britische und griechische Truppen noch übrig geblieben sein. Es kam fast zu einem Krieg, doch die Briten und die Türken verhandelten dann miteinander. Im Abkommen von Mudanja/Mudanya im Oktober wurde ein Waffenstillstand vereinbart, der Abzug der britischen Truppen, die Revision des Sevres-Vertrags, die Anerkennung der Ankara-Regierung…und die griechischen Truppen wurden weggeschickt, auch aus Ost-Thrakien nun. Mit dem Mudanya-Abkommen hatten die Kemalisten auf ganzer Linie gesiegt. Sie schickten Refet Pascha (später Refet Bele) nach Konstantinopel, wo er ihr Repräsentant wurde, ihre Machtübernahme vorbereitete und die Übernahme Ost-Thrakiens von Griechenland leiten sollte. Er teilte Mehmet VI., dem letzten Sultan, und Ahmet Tevfik Pascha, dem letzten Grosswesir, mit dass sie auf Beschluss der Gegenregierung und des Gegenparlaments in Ankara zurücktreten mussten. Das war im November 22.

Mehmet Osmanoglu musste Konstantinopel verlassen (tat das auf einem britischen Schiff, lebte dann in Italien); ein Cousin von ihm wurde noch als neuer Kalif (mit rein religiösem Charakter) eingesetzt, bis 1924. Die Kemalisten in Ankara erklärten auch das Osmanische Reich für aufgelöst.72 Sie hatten in Istanbul einen Fuss in der Türe, noch nicht das Sagen. Die Exzesse in Smyrna/Izmir wenige Wochen zuvor hatten zwar in Abwesenheit von europäischen Truppen und nach einer 4-jährigen griechischen Herrschaft über die Stadt und die Region stattgefunden, was bei Konstantinopel/Istanbul nicht der Fall war, aber es gab grosse Befürchtungen unter Angehörigen der christlichen Völker in Istanbul. Es gab schliesslich unter den Armeniern und Assyrern der Stadt auch solche, die die Vertreibungen und Massaker in Ost-Anatolien erlebt/überlebt hatten, Griechen aus verschiedenen Teilen des Osmanischen Reichs, die im 1. WK und danach Übergriffe von Türken oder Kurden erlebt hatten.

Bei nationalistischen Türken hatte sich in den vergangenen Jahren einiges aufgestaut, manche wollten in dieser Phase die Vertreibung der christlichen Bevölkerung der Stadt. Die Übergabe der Macht von den Briten an die Kemalisten war eigentlich nur eine Frage der Zeit. So gab es in der Zeit vom September bis Dezember 1922 die erste grössere Ausreise-/Fluchtwelle von Griechen (von denen viele Staatsbürger Griechenlands waren) und Armeniern aus Istanbul. Es war wirklich ein wenig wie 1453 – als es zu Fluchtwellen aus der Stadt kam, und in den Jahrzehnten davor von Griechen (und Hellenisierten) aus Kleinasien in die Stadt. Aus dem byzantinischen Traum wurde ein Albtraum. Bis zum Abzug der Briten sollte es noch gut ein Jahr dauern. Die Niederlage in Anatolien und die Vertreibung/Flucht aus Smyrna/Izmir (“Kleinasiatischen Katastrophe”, Μικρασιατική Καταστροφή) und der Verlust des zugesprochenen Ost-Thrakiens waren jedenfalls nicht Alles was die Griechen in diesen jahren einstecken mussten. Es gab in den Jahren 1914-1922 Massaker an der griechischen Zivilbevölkerung in Anatolien, v.a. im Pontus-Gebiet, das fernab der griechischen Staatlichkeit und europäischer Interventionen lag, aber zeitweise zusammen mit den Armeniern verwaltet wurde; weniger in Kappadokien,…

Matthaios Kofidis, ein früheres Mitglied des osmanischen Parlamants, wurde etwa 1921 (während des Griechisch-Türkischen Kriegs) in Amasya gehängt, neben anderen griechischen Notabeln der Gegend. Treibende und ausführende Kräfte waren die bis Kriegsende regierenden Jungtürken und dann die kemalistische Nationalbewegung. Gemäß den weit divergierenden Quellen wurden mehrere hunderttausend osmanische Griechen in dieser Zeit getötet. Hinzu kommt die Zerstörung von Kirchen und anderen Immobilien, Diebstahl von Eigentum. Es wird auch von einem “Griechischen Genozid” für diese Phase gesprochen. Es gab aber Massaker von beiden Seiten, und immer war es eine “Antwort”, eine “Reaktion” auf etwas. Aus dem Pontus/Schwarzmeer-Gebiet flüchteten nicht wenige Griechen in den russischen Bereich (wo damals die SU entstand).73 Die Aussiedlung der meisten Griechen aus der Türkei 1923, aufgrund eines internationalen Abkommens, wird teilweise als Teil dieses Genozids gesehen.

Jungfrauen-Kirche in Nicäa/Iznik, 1920/22 zerstört

Einige Zahlen: Vor dem 1. WK gab es circa 300 000 Griechen in Istanbul/Konstantinopel, das war etwa ein Drittel der Bevölkerung der Stadt. Sie lebten v.a. im europäischen Teil (Phanar, Pera), waren in manchen Bereichen dominant. Zu dieser Zeit hatte Istanbul 1 Million und nicht 15 Millionen Einwohner. Während der Präsenz westlicher Truppen, des Krieges in Anatolien und der Übergriffe v.a. im Pontus-Gebiet, also nach dem “Weltkrieg”, wuchs die griechische Bevölkerung auf 400 000 an. Die christliche Bevölkerung der Stadt wurde ergänzt durch Armenier, Assyrer (v.a. Syrisch-Orthodoxe), Westler (konfessionell Katholiken, Protestanten) und kleinere Gruppen östlicher Christen (wie Maroniten). Christen gab es vor dem Krieg etwa 500 000 in der osmanischen Hauptstadt, sie machten etwa die Hälfte der Bevölkerung aus. Moslems (hauptsächlich natürlich Türken und Türkisierte) demnach auch etwa 50%. Hinzu kamen noch die Juden. Es gibt einige Unsicherheiten und Abweichungen bezüglich dieser Zahlen, was u.a. mit “Meinungsverschiedenheiten” bezüglich den Grenzen der Stadt zu tun hatte. Der Anteil der Griechen an der Gesamtbevölkerung des Reich lag bei irgendwas zwischen 5 und 10 % (1,8 Millionen in absoluten Zahlen), auf dem Gebiet der späteren Türkei (O-Thrakien & Anatolien) bei etwa 15%.

Es gab in Zentral-Anatolien eine griechische Gemeinschaft, die zur Zeit der Aussiedlung aufgrund des Lausanne-Vertrags 100-150 000 Menschen zählte: Die Karamanli-Griechen (auch Karamanlides, Karamanlis) oder Kappadokien-Griechen im Raum um Caesarea/Kayseri. Möglicherweise sind das streng genommen zwei verschiedene Gemeinschaften. Kappadokien/Kappadokia und Kara(h)man/ Caramania bezeichnen in etwa das selbe Gebiet. Unter der türkischen Karamaniden-Herrscherdynastie entstand im späteren Mittelalter in Kleinasien ein Fürstentum (Beylik), das dann dem Osmanischen Reich eingemeindet wurde. In diesem gab es dann die Provinz (Eyalet) Karaman, die 1864 zur Provinz Konya wurde. Diese osmanische Provinz umfasst 5 heutige türkische Provinzen. Das Besondere an diesen Griechen (für die der orthodoxe Bischof von Kayseri zuständig war) war ihre Isolation von anderen Griechen und dass sie türkisch-sprachig (turkophon) waren. Sogar ihre Gottesdienste wurden in der Regel in (osmanischem) Türkisch abgehalten, und sie haben Türkisch in griechischen Buchstaben geschrieben. Sprachliche und genetische/ethnische Entwicklung korrelieren nicht zwangsweise miteinander…74

Aufgrund dessen hatten sie eine niedrige Stellung unter Griechen inne. Ein Teil der Karamanli-Griechen ist sogar zum Islam übergetreten – und damit zu Türken geworden. Es gab im 19. und 20. Jh auch eine Binnenmigraton von ihnen, hauptsächlich nach Istanbul. In dieser Zeit wurden diese Griechen auch “Objekt einer Rivalität” zwischen griechischen und türkischen Nationalismen sowie Historiographien; siehe dazu den Text von G. Göktürk. Die einen sahen sie als (in osmanischer Zeit) türkisierte Griechen, die anderen als (in byzantinischer Zeit) christianisierte Türken. Bezüglich ihrer Herkunft gibt es diverse Theorien. Ihr Siedlungsgebiet war etwas südöstlich von dort, wo die griechische Armee 1920-22 hin kam. Der grösste Teil wurde 1923 ausgesiedelt. Ein kleiner, pro-türkischer Teil der Kappadokien/Karaman-Griechen blieb aber in der Republik Türkei. Und gründete eine neue Kirche. Treibende Kraft dabei war Efthymios Karahissaridis, ein Karamanli-Grieche, der 1915 griechisch-orthodoxer Priester wurde. Als sich in den “Besatzungsjahren” das Verhältnis zwischen Griechen und Türken dramatisch verschlechterte, nahme er gegen den griechischen Irredentismus (die Megali Idea) und auch direkt gegen das Patriarchat in Konstantinopel (die diesen unterstützte) Stellung.

Er begann die Kemalisten zu unterstützen und versuchte unter den Karamanlides für diese Sache zu “missionieren”. Papa (Vater, Priester) Eftim(ios) änderte seinen Namen, zunächst auf “Hisaroglu”, nachdem er das noch immer zu griechisch fand, nannte er sich “Zeki Erenerol”. Im September 1922, am Ende des griechischen Feldzugs, gründete er in Kayseri die “Türkisch-Orthodoxe Kirche”, mit sich als Patriarchen (“Eftim I.”). Die wenigen Anhänger, die Karahisaridis/Erenerol unter den Karamanli/ Kappadokien-Griechen gewannen, verlor er grossteil durch den griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch von 1923. Auch der “Patriarch” hätte eigentlich nach Griechenland aussiedeln müssen, aufgrund seiner protürkischen Haltung bekamen er, Verwandte und Unterstützer Genehmigungen zu bleiben (es soll sich um etwa 60 Leute gehandelt haben). Sie zogen aber 1923 aus Kayseri nach Istanbul um, agitierten dort gegen Patriarch Meletios. “Eftim” war ein Aussenseiter unter den Karamanlides, mit seinem radikalen Bekenntnis zum Türkentum, bei Verbleib im orthodoxen Glauben; und doch hat er wahrscheinlich einen gewissen Zug ihrer Mentalität zum Ausdruck gebracht.

Ende November 1922 begannen dann die Verhandlungen in Lausanne zwischen dem Königreich Griechenland und der nationaltürkischen Führung, unter Vermittlung/Leitung von Vertretern der Entente/Alllierten, hauptsächlich GB. Nach langen Monaten des Tauziehens wurde im Juli 1923 der Vertrag unterzeichnet. Hauptverhandler waren Eleftherios Venizelos and Ismet Inönü75, für die Briten Aussenminister George Curzon, der auch schon anderswo über Grenzen und Bevölkerungen entschieden hatte. Ein Bevölkerungsaustausch zur Lösung bestehender Konflikte und Verhütung kommender war bereits vor Beginn der Konferenz in der Schweiz ein Thema; der Norweger Fridtjof Nansen hatte, als Beauftragter des Völkerbundes, so etwas nach der Smyrna-Katastrophe im September 1922 vorgeschlagen. Und auch von türkischer Seite war so etwas gefordert worden, bezüglich der Griechen von Konstantinopel. Bei der Konferenz kam dies dann als Forderung der türkischen Delegation, erweitert um die Entfernung des orthodoxen Patriarchats aus der Stadt (ein Transfer auf den Berg Athos wurde  vorgeschlagen). Für die griechische Seite kam so etwas nicht in Frage; die Aufgabe von Ionien, Ostthrakien, den Ägäis-Inseln Imbros und Tenedos76 stand schon vor den Verhandlungen gewissermaßen fest, weitere Konzessionen wollte man vermeiden.

Ausserdem glaubte man, dass eine Ausweisung des Patriarchen bzw Abschaffung des Patriarchats eine Massenauswanderung der Griechen der Stadt zur Folge hätte. Griechenland hatte damals bereits etwa 1 Million griechischer Flüchtlinge (aus Smyrna, O-Thrakien,…) zu betreuen, zu integrieren. Griechenland brachte als Priorität das Bleiben der Griechen und des Patriarchats in Istanbul ein, war dafür bereit, die Aussiedlung aller anderen Griechen zu akzeptieren. Die Türken wären bereit gewesen, die Kappadokien-Griechen zu “behalten”, um sie an die Türkisch-Orthodoxe Kirche zu binden; hier zog Hellas die Aufnahme/Aussiedlung vor. Die Gespräche standen einige Male am Rande des Abbruchs…und damit die Region am Rande eines neuen Kriegs. Schliesslich kam der Handel zustande, den (etwa 300 000) Istanbuler Griechen das Bleiben zu ermöglichen (samt des Patriarchen), und im Gegenzug das der Türken in West-Thrakien. Alle anderen Griechen und Türken sollten ausgesiedelt werden aus dem jeweils anderen Staat. Gefeilscht wurde zB über die Frage der Wehrpflicht für verbliebene Türken/Moslems in Griechenland und Griechen/Christen in der künftigen Türkei. Dabei wurde über die diesbezüglich in den Jahrzehnten davor praktizierte Toleranz gestritten.77 Schliesslich wurde beschlossen, dass die Wehrpflicht für beide Minderheiten-Gruppen (weiterhin) gelten sollte.

Der Vertrag von Lausanne wurde im Monat nach seiner Unterzeichnung auch vom Ankara-Parlament ratifiziert. Er brachte die Anerkennung der Resultate der kemalistischen Kriegszüge, die Aufhebung des Sevres-Vertrags, die Wiederherstellung der vollen Souveränität der Türken, in einem verkleinerten und nun republikanischen Staat, der weiterhin stark militarisiert und autoritär war, im Endeffekt minderheitenfeindlicher als das Osmanische Reich. Was die Überwachung der Lausanne-Beschlüsse bezüglich Minderheitenschutz betraf: Es wurde zwar eine Gemischte Kommission mit Vertretern der 3 Vertragsparteien eingerichtet, für Nachverhandlungen und Ähnliches, aber die Türkei verbat sich effektive Schutzmaßnahmen diesbezüglich, als “Einmischung”. Die nicht-moslemischen Minderheiten müssten sich nur an die Gesetze der Republik halten, hiess es. Wobei es hier tatsächlich eine Umstellung geben musste, von Megali Idea – Ambitionen, die eben noch aktuell waren. Und die starke Mitwirkung der Griechen in Konstantinopel (die bleiben würden) daran hatten die Türken nicht vergessen.

Das Lausanne-Abkommen brachte die Gründung der Republik Türkei, den Abzug der letzten Besatzer, die türkische Wieder-Aneignung Konstantinopels, den Bevölkerungsaustausch. Die Proklamation der Republik Ende Oktober ’23 war nur die Offizialisierung der bestehenden Machtverhältnisse. Im selben Monat zogen die Briten78 als letzte Besatzungsmacht aus Konstantinopel/Istanbul ab; einige Griechen und Armenier gingen mit, bzw verliessen das Land anlässlich dieses Abzugs. Und, am 6. 10. der Einzug des kemalistischen/nationaltürkischen Militärs in der Stadt, das von der moslemischen Bevölkerungshälfte der Stadt enthusiastisch begrüsst wurde. Es gab kleinere Übergriffe und Zusammenstösse, nichts Gröberes.79 Die türkische Presse schrieb (mit Genugtuung) von der zweiten Eroberung Istanbuls (470 Jahre nach der durch die Osmanen), was gar nicht so daneben war – schliesslich sah die christliche Bevölkerungshälfte das auch so ähnlich. Die Schlachten hatten aber nicht in Istanbul und Umgebung stattgefunden, sondern in Anatolien (Gordion, Dumlupinar,…).

Im Rahmen des Bevölkerungsaustausches wurden etwa 1,5 Mio. Griechen aus dem Gebiet das die Türkei wurde (aus Ost-Thrakien, Ionien, Pontus, Kappadokien, Marmara-Gebiet, Kilikien) nach Griechenland ausgesiedelt, und 500 000 Türken aus Kreta, Süd-Epirus, Makedonien in die Gegenrichtung. Bleiben durften die Griechen in Istanbul, Imbros, Tenedos sowie die Türken in West-Thrakien. Wobei in diesen Jahren ja auch Griechen aus der ehemaligen osmanischen Haupstadt gingen, hauptsächlich Wohlhabende. Und wie wurde “Griechen”, “Türken”, “in Istanbul”, “in Westthrakien” definiert? Griechen die vor dem Oktober 1918 (Mudros-Waffenstillstand, Kriegsende) in Istanbul/Konstantinopel (innerhalb der 1912 definierten Stadtgrenzen) niedergelassen/ “etabliert” waren, sollten also nicht ausgesiedelt werden. Und auch nicht Moslems wohnhaft in Westthrakien, wie es im Vertrag von Bukarest 1913 (der den 2. Balkankrieg beendete) definiert war.80 Es wurde also jene Gruppen definiert, die bleiben durften, nicht jene die gehen mussten.

Und es wurde teilweise über Religion, teilweise über Ethnizität definiert. Es mussten die Karamanlides/Karamanlılar/Karamanlis gehen, obwohl sie Türkisch-sprachig waren. Es mussten die Hayhurum (nach Griechenland) gehen, griechisch-orthodoxe Armenier aus Anatolien, deren Wurzeln bzw Ethnizität ebenso unklar/umstritten sind/ist.81 Es waren auch orthodoxe Georgier oder Syrer unter den Ausgesiedelten. Und: Die Moslems aus Griechenland die in die Türkei mussten, schlossen auch Albaner, Pomaken, Sinti, Aromunen oder die griechisch-sprachigen Vallahades mit ein. Aber auch unter Griechen und Türken die damals nicht zwangs-umgesiedelt wurden, gab es solche Assimilationen, ein solches Aufgehen, über viele Jahrhunderte hinweg…82 Die Pontus-Griechen waren zT schon vor dem Austausch gegangen (bzw geflüchtet), und nach Sowjetrussland. Dort und in Kappadokien (weniger in Ionien,…) gab es aber auch Leute griechischer Herkunft, die der Aussiedlung entgingen, da ihre Vorfahren bereits zum Islam konvertiert waren. Es entgingen dem zwangsweisen Bevölkerungsaustausch auch die Türken auf Rhodos (da der Dodekanes damals noch italienisch war), und die orthodoxen Syrer im Antiochia-Gebiet (das damals noch französisch war).83

Es gab eine Dichotomie bei den Aussiedlern wie auch bei den Dableibern. Was die Griechen/Orthodoxen zurückliessen, hatte einen weit grösserern Wert als der Besitz den die Türken/Moslems in Griechenland lassen mussten, und nicht nur weil erstere Gruppe gut 3x grösser war als die zweitere. Und, die Griechen in der Türkei, das war nun das Bürgertum von Istanbul (nicht mehr die Hauptstadt, aber weiterhin die Metropole), die Türken in Griechenland waren Bauern im abgelegenen Westthrakien. Gut, Imbros und Tenedos, lange von Griechen dominiert (die ja auch bleiben durften), sind auch agrarisch dominiert. Es kam auch zu direktem Aufeinandertreffen zwischen Ausgesiedelten und Bleibenden. Die Griechen aus Ost-Thrakien verliessen die Türkei über den Maritsa-Grenzfluss, ins griechische West-Thrakien (auch schon vor dem Aussiedlungsabkommen) – wo sie auf die dortige türkische Minderheit trafen. Türken aus Kreta wiederum wurden bevorzugt an von Griechen verlassene Dörfer an der Ägäis-Küste angesiedelt.

Es sind bei diesen Aussiedlungen (besonders jener der Griechen) Parallelen zu anderen solchen festzustellen, etwa jenen von Deutschen aus Osteuropa (zB aus Polen) nach dem 2. WK: Die Initiatoren wollten damit künftige Konflikte aber auch künftige Ansprüche und Illoyalitäten verhindern, auch bestrafen. Und diese Wechselwirkung von “Nicht als gleich akzeptiert werden” und “Illoyal sein”. Die gebliebenen Minderheiten wurden von den jeweiligen Staatsvölkern als (potentielles) “Trojanisches Pferd” gesehen, auch das ist “klassisch”. Auch bei jenen Deutschen in osteuropäischen Staaten, die nach 1945 blieben, musste nach einer der Phase der Entfremdung wieder Vertrauen aufgebaut werden. Dann wurden die Ausgesiedelten nicht immer und überall wirklich willkommen geheissen in der neuen Heimat, wo ihnen doch eigentlich Solidarität (als Landsleute, die Opfer eines Feindes geworden waren) entgegen strömen sollte. Aber zum Einen wurden sie auch als Konkurrenten gesehen (um Wohn-, Arbeitsplätze,…), zum Anderen genau mit diesem Feind assoziiert, Ähnlichkeiten mit diesem ausgemacht. “Volksdeutsche” die aus Ostgebieten nach Ost- und Mitteldeutschland strömten, wurden dort teilweise als “Polacken” gesehen… Und so haben manche Griechen oder Türken an den Einwanderern “bemerkt” dass diese etwas “Türkisches” bzw “Griechisches” hätten.84 Und in vielen Fällen haben die “Aussiedler” retrospektiv auch Gemeinsamkeiten mit ihren früheren “Nachbarn” entdeckt.85

Jener Aspekt des “Mübadele” (türkische Bezeichnung für den Bevölkerungsaustausch) wo es zu Streitigkeiten kam, war die Frage der in Istanbul ansässigen Griechen. Es ging um Jene, die sich nach dem (Stichtag) 30. Oktober 1918 dort niedergelassen hatten und um jene, die nicht bei den osmanischen Behörden als dort wohnhaft gemeldet waren. Dieser Streit wird als jener um die “Etablis” bezeichnet, aufgrund der Bezeichnung “etablis” im französischen Originalversion des Lausanne-Vertrags für “niedergelassen”. Natürlich wollte die türkische Seite die Zahl der Dableiber möglichst klein halten und die griechische sie möglichst gross. Und dementsprechend wurden um Definitionen gerungen, sofern diese nicht im Vertrag festgelegt waren. Der Streit um die Definition von „etablis“ bzw die “Etablis” (wer ein legitimer griechischer Istanbuler war, dort ansässig) ging zunächst bis 1930, spielte dann 1964 wieder eine Rolle. Daneben wurde auch um griechische Istanbuler gestritten, die nach 1918 die Stadt verlassen hatten, und nun zurückkehren wollten.

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Griechen in der Republik Türkei und die Beziehungen Griechenland-Türkei

Die neu gegründete Republik Türkei verstand (versteht) sich als türkischer Nationalstaat, westlich, säkular, souverän, homogen, von Mustafa K. Atatürk (“Vater der Türken”, wie er sich seit 1934 nannte) erkämpft, gegründet, geführt, mit der CHP als Staatspartei, starker Stellung des Militärs. Die totale Orientierung am Westen, ohne Ausgleich mit seinen Nachbarn im Westen (Griechenland, Bulgarien). Die Antithese zum Osmanischen Reich in manchen Aspekten, in anderen seine Fortsetzung. Die Staatsideologie von Ziya “Gökalp” (auch ein Künstlername), der eigentlich Kurde war. Die aus Anatolien und Ost-Thrakien bestehende Türkei war/ist eigentlich von einem Völkergemisch bewohnt. Wahrscheinlich wurde gerade deshalb ein ethno-linguistischer Nationalismus erfunden (angenommen), bei dem die Religion (Moslems-Andere) nach wie vor eine definierende Rolle spielte. Präsident Atatürk selbst sprach in manchen Reden von der “türkischen Rasse”, ihrer “Einzigartigkeit”, “türkischem Blut”. In den 1930ern begann man, eine Geschichtsauffassung zu propagieren86, die “Türkische Geschichtsthese”, in der es um eine frühe Ankunft von Türken in Kleinasien geht, eine Abstammung von den Hethitern, und Anderes.

Kemalistische Türken brachten ab Lausanne 1922/23 vor, dass man einen säkularen westlichen Staat habe, Religion und Staat getrennt seien (bzw Religionen dem Staat untergeordnet), Religionsgemeinschaften keine administrativen Vollmachten/Aufgaben haben sollten,… Es gibt aber weiterhin eine privilegierte Stellung des Islams bzw Moslems und Diskriminierung von Anderen.87 Man muss sich fragen, ob Religion durch kemalistische Politik “ent-politisiert” wurde oder ob nicht das Gegenteil der Fall war… Der Islam blieb in der kemalistischen Republik nationaler, identitätsstiftender (bzw ausschliessender!) Faktor. Als Moslem (egal wie wenig religiös man war/ist) spielt(e) auch eine nicht-türkische Herkunft keine so grosse Rolle, wenn man in die Politik geht, in den öffentlichen Dienst,… Als Nicht-Moslem gilt man (allerdings oft auch im Eigenbild) nicht als “echter Türke”. Auch im Osmanischen Reich fielen religiöse und nationale Identität zusammen, bzw Nationalität wurde über die Religionszugehörigkeit definiert. In der Türkei wie im Osmanischen Reich werden/wurden auch nur religiöse Minderheiten anerkannt/geduldet, keine ethnischen. Und Nicht-Moslems oft als nicht vertrauenswürdige Subjekte gesehen.

1912 gab es 80% Moslems auf dem Territorium der 1923er-Grenzen, 1923 dann 98%, was in der Folge auch noch leicht hinauf ging. Entgegen dem was man dem Kemalismus und dem Übergang vom Sultanat zur Republik zuschreibt, gab es für Nicht-Moslems hier eine Abwärtsentwicklung, in praktisch jeder Hinsicht. Im Fall der Armenier fand das “Verschwinden” gerade in diesem Übergang (oder währenddessen) statt… Es gab/gibt auch keinen Schutz, keine Anerkennung für Minderheiten in Form von regionaler Autonomie oder festen Minderheitensitzen im Parlament. Übrigens auch nicht für moslemische ethnische Minderheiten wie Araber oder Tscherkessen; den Kurden (der grössten dieser Gruppen) wurde um 2010 unter Erdogan Schulunterricht sowie ein TV-Kanal in den Varianten ihrer Sprache eingeräumt. Atatürk hielt sich von Äusserungen oder Maßnahmen ggü Minderheiten als Staatspräsident fern, Inönü als Ministerpräsident in späteren Jahren auch grossteils.88 Manche Maßnahmen der Republik verärgerten sowohl konservative Moslems als auch Angehörige nicht-moslemischer Minderheiten. Die neue bürgerliche Gesetzgebung etwa ermöglichte zivile Eheschliessungen, auch unter Angehörigen unterschiedlicher Religionen. Der Staat war aber nicht der über den Volksgruppen stehende Unparteiische, wie er hier erscheint.

Nach dem Debakel von Smyrna89 war der Niedergang der Griechen in Kleinasien, Konstantinopel, Ost-Thrakien eine “gemähte Wiese”. Und auf den orthodoxen Patriarchen, noch immer Meletius, focussierte(n) sich anti-griechische(s) Ressentiment und Maßnahmen in der frühen Türkei. Refet Bele griff ihn bald nach seiner Ankunft in der Stadt in einer Rede scharf an, die türkische Presse folgte. Meletius, während der Besetzung Istanbuls gewählt, zweifelte selbst an der Vereinbarkeit des Patriarchats mit dem neuen türkischen Staat, trat für einen Transfer nach Thessaloniki oder Athos ein. Anders herum, von türkischer Seite wurde auch vorgebracht, dass eine Aussiedlung auch der Istanbuler Griechen und thrakischen Türken/Moslems den Existenzgrund des Patriarchats beseitigen würde. Meletius war vielleicht der “umstrittenste” Patriarch in dieser langen Reihe; er war auch vom Königreich Griechenland und den Istanbul-Griechen aufgrund seiner Haltung zu Venizelos nicht geliebt.

Papa Eftim setzte nach seiner Übersiedlung aus Kayseri nach Istanbul und der Gründung der Türkei seine Kampagne gegen das griechisch-orthodoxe Patriarchat fort. Zunächst versuchten er und seine wenigen Anhänger, Kontakte zu den Karamanli in dieser Stadt zu knüpfen, sie zu missionieren. Sein wichtigster Mitarbeiter wurde ein Damianos Damianidis, ebenfalls aus Zentralanatolien und pro-türkisch. Es besteht kaum Zweifel, dass die Türkisch-Orthodoxe Kirche Unterstützung von kemalistischer/republikanischer Seite bekam, auch bei ihrer Aktion am 1. Juni 1923. Etwa 100 Demonstranten, angeführt von Damianidis, versammelten sich vor dem Patriarchat, verlangten den Rücktritt von Patriarch Meletius, der dort gerade einer pan-orthodoxen Konferenz vorstand. Die Demonstranten drangen in den Hof des Patriarchats ein, Meletius und die Bischöfe wurden von britischen Soldaten/Polizisten gerettet, die ja noch in Istanbul waren.90 Die türkische Polizei (die keinem Sultan mehr unterstand und noch keinem Präsidenten) liess es geschehen. Damianidis und andere Anführer wurden vom Patriarchen exkommuniziert. Eftim(ios) bekam auch Unterstützung der türkischen Presse (die bis 1928/29 noch in arabischer Schrift gedruckt wurde91), in manchen Zeitungen wurde sogar seine Erhebung zum neuen (griechisch-orthodoxen) Patriarchen gefordert.

Es ging Meletius aber nicht so wie Gregorius V., dessen Exekutionsstätte ein (heute zugeschweisstes) Eingangstor zum Patriarchat ist. Im September 1923 verliess Patriarch Meletius Istanbul/Konstantinopel, ging nach Griechenland (Athos), erklärte anscheinend von dort seinen Rücktritt. Der letzte “osmanische” Patriarch wurde dann 1926 Patriarch von Alexandria, ebenfalls unter dem Episkopal-Namen “Meletius”.92 Zum Nachfolger wurde im Dezember 23 Gregorius (Zervoudakis) gewählt, der Bischof von Chalcedon/Kadiköy war. Mit Gregorius VII. hatte die Republik Türkei kein so grosses Problem, da er von “antitürkischen” Aussagen und Aktionen in den Jahren 18-22 abgesehen hatte. Er bemühte sich auch nach seiner Inthronisation als Patriarch um gute Beziehungen zur Republik, ja um eine Aussöhnung von Griechen und Türken. Aber (auch) er musste sich gegen die Türkisch-Orthodoxe Kirche und türkische Verdächtigungen durchsetzen. Im Oktober ’23, zwischen dem Abtritt Meletius und der Wahl Gregorius, drang Eftim selbst ins Patriarchat in der Georgskirche ein, mit Anhängern, rief sich zum „allgemeinen Repräsentanten aller orthodoxen Gemeinschaften”93 aus, besetzte die Heilige Synode, ernannte eine eigene Synode,… Er unterstützte dann die Wahl von Kyrillos, dem Erzbischof von Rodopolis. Nach Gregorius’ Wahl im Dezember dann das dritte Eindringen in die Patriarchatskirche durch die “Türkisch-Orthodoxen”.

Im März 1924 wurde der letzte (osmanische) Kalif abgesetzt, Abdulmajid II. Osmanoglu, 2 Jahre nachdem dies dem letzten Sultan (ein Cousin von ihm) widerfahren war. Beamte der türkischen Republik kamen in den Dolmabahce-Palast, brachten ihn zu einem Bahnhof, von wo er ins Exil fuhr war.94 Anlass für Atatürk zur Abschaffung des Kalifats soll gewesen sein, dass die indische Kalifats-Bewegung die Türkei zur Erhaltung des Kalifats aufrief. Im selben Jahr wurde das Diyanet Isleri Baskanligi gegründet, das “Religionsamt”, welches Kalif und Schaich al-Islām ersetzen sollte. Und, im Zuge der Absetzung und Ausweisung Abdulmajids verlangte die Presse („Vatan“,…) nach selbigem für den orthodoxen Patriarchen, im Zuge der “Säkularisierung”. Im November 24 starb Gregorius, an einem Herzinfarkt. Nachfolger wurde Konstantinos Arabaglou, aus dem südlichen Marmara-Gebiet, als Konstantin(os) VI.

Auch der hatte grosse Probleme mit den Behörden: Im Oktober ’23 begannen diese, alle Bischöfe im Patriarchat zu registrieren. Verkündeten dann, drei davon müssten ausgewiesen werden, da sie keine Istanbuler waren, und daher unter den Bevölkerungsaustausch fielen. Darunter war auch Konstantinos Arabaglou, der bereits als Nachfolgekandidat für Gregorius galt. Zunächst begnügte man sich mit der Warnung, einen Bischof zum Patriarchen zu wählen, der eigentlich gar nicht (mehr) in der Türkei sein dürfte. Konstantin wurde dennoch gewählt. In der Georgskirche sah man die Dinge so, dass die Angehörigen des Patriarchats (die nach 1918 in die Stadt gekommen waren) vom Austausch ausgenommen wären. Die Türkei anerkannte den neuen Patriarchen nicht nur nicht, sie wandten sich auch an die Gemischte Kommission bezüglich seiner Ausweisung. Daneben hatte Konstantin als Patriarch auch Ärger mit der Türkisch-Orthodoxen Kirche: Eftim setzte seinen Versuch der Spaltung der griechischen Gemeinde fort, teilweise mit Unterstützung der türkischen Behörden. Er besetzte 1924 einige griechisch-orthodoxe Kirchen in Istanbul, eignete sich diese an, darunter die Kaphatiani-Kirche im Stadtteil Galata.

Und im Jänner 1925 wurde Patriarch Konstantin ausgewiesen, weil er nicht aus Istanbul stammte. Die türkische Polizei kam eines Morgens auf das Gelände der Patriarchatskirche, verhaftete ihn und brachte ihn zum Bahnhof Sirkeci95. Es wurde “überstürzt” vorgegangen, nicht die Entscheidung der Gemischten Kommission dazu abgewartet, der Patriarch nicht auf seine Ausweisung vorbereitet. Dies sorgte nicht nur in Griechenland für Empörung. Dort wurde Araboglu von Tausenden in Saloniki empfangen. Im griechischen Militär rumorte es, wurden Stimmen laut, die Türkei anzugreifen, wie 192096 eine “Entscheidung” zu suchen. General Theodoros Pangalos warnte mit Verweis auf die Exekution von 6 Ministern 1922, dass so etwas wieder passieren würde, wenn die griechische Regierung “nationale Interessen verräte”. Die griechische Regierung unter Michalakopoulos (Liberale Partei) entschied sich aber gegen eine grosse Internationalisierung der Sache, für das Verhandeln mit der Türkei. Dafür zog diese das Verlangen nach der Ausweisung anderer (nicht aus Istanbul stammender) Bischöfe zurück. Wenn rasch ein neuer Patriarch gewählt werde. Also reichte Araboglu aus Griechenland seinen Rücktritt ein, und im Juli wurde Vasilios Georgiadis, früherer Erzbischof von Nicäa, gewählt, wurde Patriarch Basileios III., 25-29.

Die Türkei mischte sich aber nicht nur in die Auswahl der Patriarchen ein, sie spielte auch den internationalen Charakter des Patriarchats (seine Stellung für die Orthodoxen weltweit, in der christlichen Ökumene) konstant hinunter97, der Patriarch wurde und wird nur als Oberhaupt der Griechisch-Orthodoxen in der Türkei anerkannt. Das Patriarchat in Istanbul verlor mit dem Lausanne-Abkommen alle nicht-religiösen Vollmachten, wurde von türkischer Seite aber gleichwohl als hochpolitische Institution behandelt. Das Patriarchat in der Kirche des Hagios Georgios (Hl. Georg) im Phanar machte (ab) 1923 eine Zäsur durch wie das Papsttum durch das Ende des Kirchenstaats 1870 durch das Aufgehen in Italien. Wobei sich kein Patriarch eine “Boykott-Haltung” gegenüber der Türkei leisten konnte wie jene von Papst Pius IX. gegenüber Italien. Das Patriarchat stellte gewissermaßen eine Antithese zur Politik der Türkifizierung und Ausweitung der staatlichen Herrschaft über alle Bereiche dar.

Auch die anderen drei alten orthodoxen Patriarchate (die jenem in Istanbul unterstanden) waren politischen Umwälzungen ausgesetzt. Wie Konstantinopel/Istanbul waren sie bis zum 1. WK im Osmanischen Reich gelegen. Zu jenem in Alexandria, siehe die Fussnote zum Abgang von Meletius. Das von Antiochia/Syrien war in der Zwischenkriegszeit im französischen Syrien, jenes von Jerusalem im nun britischen Palästina, wo zwischen Palästinensern und Zionisten Auseinandersetzungen begannen. Die meisten Orthodoxen waren/sind ja aber in Osteuropa. Aus der jungen Türkei (bei Mardin) wurden die beiden Patriarchate der westsysrischen/aramäischen Kirchen weg verlegt. Das syrisch-orthodoxe98 nach Homs, das der Unierten/Katholiken nach Beirut (ebenfalls im französischen Libanon). Das armenische Patriarchat blieb in Istanbul, war aber anders als das griechische nicht für die Armenier weltweit zuständig. Zu den Umwälzungen im orthodoxen Christentum nach dem (oder: infolge des) 1. WK gehörte auch die Entstehung der Sowjetunion aus dem Zarenreich, und der Antiklerikalismus in diesem Staat, der derjenige mit den meisten Orthodoxen wurde bzw blieb. Die drei ostslawischen Völker plus die Georgier, die Rumänen in Moldawien,… machten die SU zum Staat mit den meisten Orthodoxen, was auch das Russische Reich schon war.99

Eleftherios Venizelos sagte nach Lausanne, als Oppositionsführer im griechischen Parlament, die Behandlung der Griechen in der Türkei sei “direkt analog” zum Zustand der griechisch-türkischen Beziehungen. Keine Frage, Griechenland und Türkei waren (sind) die Schutzmächte der Minderheiten im jeweils anderen Land (Istanbuler Griechen, Westthrakische Türken), mehr eigentlich, die “Mutterstaaten”. Zumal beide gerne Teile des Territoriums des anderen gehabt hätten bzw beanspruch(t)en. Das Griechenland, das in Lausanne fast seine heutigen Grenzen bekommen hat, war nicht das mächtige, komplette, neue Griechenland, wie es anvisiert wurde. Sondern eines ganz ohne (klein-) asiatische Gebiete, ohne Ionien und Ost-Thrakien, die schon unter griechischer Kontrolle waren und durch den Sevres-Vertrag zugesprochen wurden, dann durch Krieg bzw Lausanne verloren gingen. Und ohne Konstantinopel. Auch wenn die Megali Idea nach dem Lausanne-Vertrag ein Anachronismus geworden war, einige potentielle und realistische Gebietserweiterungen gab es noch: Zypern, Dodekanes.

1,5 Millionen Griechen aus der nunmehrigen Türkei (aus Ionien, Pontus, O-Thrakien, Kappadokien, Marmara-Region) mussten in Griechenland (mit seinen damals nur 4,5 Millionen Einwohnern) integriert werden. Hinzu kam noch ein kleinerer Bevölkerungsaustausch mit Bulgarien. Durch die Aussiedlung von Türken, die Einwanderung von Griechen (die kulturell aber sehr diversifiziert waren) und den Verlust von “gemischten” Gebieten wie Ost-Thrakien gewann Griechenland etwas an (ethnisch-sprachlicher) Homogenität. Die Aussiedler wurden v.a. in Makedonien (Thessaloniki) und Attika (Athen) angesiedelt. Sie organisierten sich in Vereinen und Organisationen, wie dann auch die Italiener aus dem nunmehrigen Jugoslawien und die Deutschen aus den Ostgebieten nach dem 2. WK. So entstand etwa 1924 in Athen/Athinai AEK (Athlitikί Énosis Konstantinoupόleos), als Sportklub geflüchteter Konstantinopoler, hauptsächlich aus Pera. Erster Präsident war Konstantinos Spanoudis, selbst Konstantinopoler. Auch die Rembetiko-Musik (in der sich griechische mit osmanisch-türkischer Musik mischte) wurde durch Aussiedler aus Kleinasien und Konstantinopel importiert.

Zu den Umwälzungen kam ja noch, dass Griechenland kurz vor und nach dem 1. WK im Norden Gebiete zugesprochen wurden, die auch erst integriert werden mussten! Im Griechenland nach dem 1. WK und dem Folgekrieg, nach den scheiterndern Abschluss der Enosis, setzte sich auch die innere Polarisierung zwischen Monarchisten (Volkspartei) und Venizelisten (Liberale Partei) fort, hatte Teile des Militärs den Anspruch, politisch mitzugestalten. 1924 wurde König Georg(ios) II. abgesetzt und die Zweite Republik ausgerufen; 1925/26 regierte General Pangalos, nach einem unblutigen Putsch. 1935 die Restauration der Monarchie, dann die Regierung von Ioannis Metaxas (Offizier, 36-41 Premier, autoritär), dann schon die Besetzung des Landes im Rahmen des 2. WK. In dieser konfliktgeladenen Gesellschaft lebten auch die gebliebenen Türken in West-Thrakien. Im „neuen“ Nordgriechenland fanden sich also, in Nachbarschaft zum türkischen Ost-Thrakien, Westthrakien mit den gebliebenen Türken, viele der Flüchtlinge/Aussiedler/Vertriebenen, die in Makedonien angesiedelt wurden, und (nicht-moslemische) Volksgruppen wie Albaner, Aromunen, Juden, Slawen, (christliche) Sinti.

Türken aus Makedonien (Saloniki,… von wo Kemal stammte) waren genau so ausgesiedelt wie Griechen von dort, deren Vorfahren in osmanischer Zeit zum Islam übergetreten waren (aber kulturell Griechen blieben)100, wie die Vallahades in West-Makedonien. Flächenmäßig ist Westthrakien natürlich viel grösser als Istanbul, die dortige gebliebene(n) moslemische(n) Gruppe(n) machten damals aber etwa 85 000 Leute aus, also um einiges weniger als die Istanbul-Griechen. Auch die Lage der Westthrakien-Türken war den griechisch-türkischen Beziehungen unterworfen und prägte diese mit. Die Türken/Moslems in WT waren/sind oft Tabak-Bauern, eine agrarische rurale Gesellschaft, konservativ-religiös, scheuten die säkular-nationalistischen Umwälzungen in der damaligen Türkei unter Atatürk; wobei ihr Festhalten am arabischen Alphabet nach der türkischen Schriftreform auch mit der Abgeschnittenheit des griechischen Thrakiens von der Türkei kam. Der vorletzte Shaikh-al-Islam/Scheichülislam101 (1919, 1920) des Osmanischen Reichs, Mustafa Sabri, wanderte nach Komotini in Westthrakien aus, wegen der Machtergreifung der Kemalisten, und mit ihm eine Reihe weiterer antikemalistischer Türken. Sabri wurde von den Westthrakien-Türken gut aufgenommen, ihr religiöser Führer, verstärkte den Traditionalismus dieser Gemeinschaft. Die Auswanderung dürfte nach Ende des Griechisch-Türkischen (bzw Anatolischen) Kriegs 1922 stattgefunden haben, als der Weg für die Kemalisten/Nationalisten frei war. Diese Machtergreifung trieb ethnisch-religiöse Minderheiten sowie Anhänger und Repräsentanten des osmanischen Systems ausser Lande, kein Zufall.

Sabri könnte jener Shaikh-al-Islam/Scheichülislam gewesen sein, der 1920 eine Fatwa (Takfir) bzgl Atatürk (damals M. Kemal P.) ausstellte, die diesen zum Ungläubigen/Nicht-Moslem erklärte, evtl zum Tode verdammte. Im Lausanne-Vertrag war von einer „moslemischen Minderheit“ in Griechenland Westthrakien die Rede (die Bleiben durften). Eigentlich handelt(e) es sich dabei um drei unterschiedliche ethnische Gruppen, die aber gerne als “Türken” zusammengefasst werden: Tatsächlich Türken die ab dem 14. Jh (frühosmanische Zeit) in die Region einwanderten – aber auch bei ihnen könnte eine türkische Herkunft konstruiert worden sein, sie tatsächlich andersstämmige Muslime gewesen sein, die kulturell türkisiert wurden…; Pomaken, also islamisierte Südslawen/Bulgaren; und moslemische Sinti/Roma (wahrscheinlich wurden sie wie die Pomaken in osmanischer Zeit islamisiert).

Die bisher selbstbewussten und stolzen Griechen in Istanbul/Konstatinopel mussten sich ab 1922/23 gründlich umstellen – was sich ja auch bei den Patriarchen (s.o.) zeigte. Politische Ansprüche mussten ohnehin aufgegeben werden, das Ausleben eigener Kultur musste diskreter geschehen, das Halten des wirtschaftlichen Status wurde schwierig.102 Das Osmanische Reich war nicht “ihr” Staat gewesen, aber so heterogen, dass sie ihren Platz einnehmen konnten, und es war ein prominenter. In der Republik Türkei waren/sind die Istanbul-Griechen Untertanen in einem fremden Staat, eine isolierte und ungeliebte Minderheit, nicht nur weil alle anderen Griechen aus dem Land ausgesiedelt waren. Was aber nicht heisst, dass es auf persönlicher Ebene im Alltag nicht auch freundschaftliches Miteinander zwischen Griechen und Türken in Istanbul gab (und gibt)… Die Istanbul-Griechen waren natürlich weiter sozial diversifiziert, man rückte aber enger zusammen. Sondergruppen waren Jene, die nicht Griechisch (als Erstsprache) sprachen, hauptsächlich Karamanlides und orthodoxe Albaner, die als “Griechen” galten. Die Karamanlides in Istanbul waren hauptsächlich im 19. Jh aus Anatolien gekommen, sie wurden dort zT hellenisiert. Die Griechisch-Katholischen waren eine noch kleinere Gruppe103; dann gab es auch Griechen mit anderer Staatsbürgerschaft als der türkischen. Hauptsächlich natürlich Griechen; Teile der Rallis-Familie waren aber zB italienische Staatsbürger geworden, andere hatten britische oder französische Pässe.104

Es mussten ja 1923 jene Griechen gehen, die sich nach 1918 in Istanbul niedergelassen hatten. Es mussten damals jene Griechen gehen, die in Vororten oder der Umgebung der Stadt lebten. Jene, die vor dem Bevölkerungsaustausch geflohen waren, durften (grossteils) nicht zurückkehren. Und dann gab es Jene, die mit den neuen Zuständen in der Republik nicht klar kamen, und ab etwa 1924 auswanderten. Es gingen hauptsächlich Angehörige der Mittelschicht. Die griechische Volksgruppe in der Türkei schrumpfte so in den 1920ern beträchtlich. Zur Zeit der Gründung der Republik gab es in Istanbul etwa 1 Million Einwohner, wovon sich Moslems und Andere noch immer etwa die Waage hielten. Die “Anderen” waren: 300 000 Griechen (davon ca. 10% Ausländer), 70 000 Armenier, 55 000 Juden, weitere autochthone (v.a. Syrisch-Orthodoxe) und westliche Christen (diese grösstenteils Ausländer). 1927 gab es nur noch 100 000 Griechen in Istanbul; in 3 (frühen) Jahren der Türkei gingen also fast 2 Drittel weg! Auf den Inseln Imbros (Gökçeada) und Tenedos (Bozcaada) lebten etwas über 8000 Griechen.105 In Phanar/Fener, dem Viertel der Griechen in Istanbul/Konstantinopel, war die demographische Transformation (Auswanderung von Griechen, Einwanderung von Moslems) besonders deutlich. In einem anderen griechisch dominierten Viertel, Tatavla, trug noch ein Grossfeuer 1929 zum Wandel bei.

Die ehemalige Hauptstadt und der als Republik Türkei konstituierte Rumpf des Osmanischen Reichs machten in den 1920ern und 1930ern einen tiefgreifenden Wandel durch. Die Griechen als grösste nicht-moslemische Minderheit, dem Nachbarn und wichtigsten Gegner verbunden, “Überbleibsel” der vor-türkischen Geschichte des Landes, stellten in den Augen vieler Türken ein Hindernis in der gewünschten Entwicklung des Landes dar, das beseitigt werden musste. Zu den Einschränkungen und Schikanierungen gehörte, dass Griechen auch in Stadtteilen in denen sie in der Mehrheit waren (wie auf den zu Istanbul gehörenden Prinzen-Inseln (Prinkipos/Büyükada, Chalki/Heybeliada,… im Marmara-Meer) ethnische Türken als Administratoren vorgesetzt bekamen. 1925 wurde für Griechen die Bewegungsfreiheit ausserhalb des Distrikts Istanbul eingeschränkt. Schulen und Kirchen wurde (wird) den Griechen gestattet, aber schon die Gründung von Vereinen war/ist sehr schwierig. Der offizielle Name der Stadt war zu osmanischen Zeiten anscheinend Ḳusṭanṭīniyye (قسطنطينيه) und Istanbul ein Alternativname; beides Abwandlungen des griechischen Namens Konstantinopolis (Κωνσταντινούπολις). Die Republik Türkei änderte den Namen offiziell auf Istanbul. International wurde sie deutlich darüber hinaus Konstantinopel genannt. Um 1930 begann die Türkei, diesen Alternativnamen zu boykottieren. Die “Bürger sprich Türkisch” – Kampagne fand auch in dieser Zeit statt; nun, in Istanbul tat das gut ein Drittel der Bevölkerung zumindest in Kontakten in der eigenen Volksgruppe nicht.

“Die Griechen leben in Palästen, die Türken in Hütten”, hiess es damals. “Türkisierung” (die hauptsächlich Istanbul betraf) sollte von daher auch eine wirtschaftliche “Umgestaltung” bedeuten.106 Industrie und Handel war in der frühen Türkei noch immer grossteils in den Händen von Minderheiten (Christen, Juden107) und Ausländern (die in der Regel Christen waren). Die Griechen in Istanbul waren (auch) nach 1923 besonders stark in der Gastronomie, der Herstellung und Vertrieb von Genussmittel, Lebensmittel,… Die türkischen Maßnahmen begannen mit der Übernahme der Geschäfte ausgewanderter Griechen und Armenier. 1926 wurde ein staatliches Alkohol-Monopol beschlossen, was griechische Unternehmen sehr traf.

Andere, wie der Tabak-Händler Nikolaos Sepheroglou, wurden diverser Vergehen angeklagt. Ausländische Firmen in der Stadt wurden gedrängt, moslemische Türken einzustellen. Die Istanbul-Griechen blieben aber in der Wirtschaft der Türkei vorerst wichtig. Für sehr viele von ihnen, wie auch andere Minderheiten-Angehörige, wurde aber klar, dass der Schritt vom Sultanat zur Republik für sie kein Fortschritt war, im Gegenteil… Von türkischer Seite wurden Zurschaustellungen diesbezüglicher Nostalgien auch gerne als Missgunst gegenüber einer starken und unabhängigen Türkei ausgelegt.108 Einige wenige Griechen gab es, die im Osmanischen Reich relativ wichtige öffentliche Funktionen inne hatte und diese in der Republik Türkei behielten; wie der Archäologe Theodor Makridi(s) im Archäologischen Museum in Istanbul. Er hatte in osmanischen Zeiten auch an den österreichischen Ausgrabungen in Ephesus teil genommen, den deutschen in Baalbek, Sidon und Boğazköy/Hattuša.109 Griechen in Istanbul, die ihre Koffer packten und nach Griechenland gingen, gab es jedenfalls auch weiterhin.

Grösste Minderheit in der Türkei wurden die Kurden, mit mehreren Millionen, hauptsächlich in ihrer angestammten Heimat im Südosten von Anatolien, um Diyarbakir/Amed, anschliessend an die kurdischen Gebiete in den Nachbarstaaten. Man kann sagen, sie waren einen langen gemeinsamen Weg mit den Türken gegangen (nahmen teil an den Verfolgungen christlicher Völker um den 1. WK), sind zT sogar in ihnen aufgegegangen (oder tun das weiterhin). Nach der Ausrufung der Republik dann die Kurden-Aufstände, bis in die 1930er, meist um Dersim, vom türkischen Militär niedergeschlagen. Die meisten Kurden waren weit davon entfernt, im nationalistischen Sinne ein kurdisches Bewusstsein zu haben. Viele der Aufständischen hatten sogar in den osmanischen Hamidiye-Einheiten gedient, es ging hauptsächlich um (gegen) die kemalistische Säkularisierung. Auch wenn es auch Alewiten und Yaziden gibt, die meisten (türkischen) Kurden sind Sunniten; und das war und ist das, was mit den ethnischen Türken (bzw Türkisierten) verbindet. Die anderen moslemischen Ethnien in der Türkei (Tscherkessen, Tschetschenen, Albaner, Lasen,…) sind Nachkommen von Einwanderern bzw Umgesiedelten, aus dem Balkan, Kaukasus,… Auch sie haben ihre ethnische Identität zugunsten einer türkischen zT (einem grossen Teil) weitgehend aufgegeben (zwangsläufug).

Die türkischen Sondergruppen (die schiitischen Aseris, die ostasiatischen Uiguren, Usbeken, die christlichen Gagausen,…) wurden ebenfalls nach Anatolien bzw seine europäischen Ausläufer transferiert.110 Ein Sonderfall sind die (moslemischen) Sinti, da sie schon lange im Land sind. Die Juden (zu einem grossen Teil Sepharden) sind auch seit Langem in Istanbul konzentriert. Zu ihnen konnten die Türken leicht(er) grosszügig sein als zu den dort autochthonen Ethnien wie den Griechen. Hinzu kommen die kryptojüdischen Dönmeh, deren Vorfahren ihrem Führer Zwi bei der Konversion zum Islam folgten. Sie sind nominell (sunnitische) moslemische Türken, die gewisse jüdische Praktiken aufrecht erhalten haben. Auch die krypto-armenischen Hemshinli haben insgeheim zT ihre armenische Identität (oder Teile davon) beibehalten. Für die Baha’i-Religion spielte die heutige Türkei bei der Entstehung (Wanderung der Gründer) eine Rolle (Istanbul, Edirne), sie ist in der Türkei nicht anerkannt.111 Zu den anderen christlichen Gruppen sowie den moslemischen Sondergruppen unten.

Es soll an dieser Stelle gesagt werden, dass die Behandlung von Minderheiten in der Türkei der Zwischenkriegszeit gar nicht abfällt von jenen in den meisten europäischen Ländern, und auch nicht den unabhängig gewordenen europäischen Übersee-Kolonien wie USA oder Australien. Und am Westen und seinem Nationalismus war die Türkei ausgerichtet. Es gab Unterhöhlungen der Lausanne-Verpflichtungen bzgl Minderheitenschutz, aber das Problem war dieses Abkommen an sich, und die darin enthaltenen Grundannahmen, Kategorien,…

Der Tscherkesse A. Fethi Okyar war 1924/25 Premierminister (vor und nach ihm Inönü), galt als Liberaler bzw Abweichler in der CHP112, “musste” sich deshalb mit Maßnahmen gegen Ausländer und Minderheiten profilieren. In seiner Amtszeit war die Ausweisung des grieschisch-orthodoxen Patriarchen Konstantin(os)…und der Beginn der kurdischen Revolten. Zu dieser Zeit “feilschte” die Türkei noch um ihre Grenzen, wollte das Mossul-Gebiet von den Briten (das zum Irak kam) und das Antiochia/Alexandretta/Hatay-Gebiet von Frankreich (das über Syrien herrschte). Als Inönü wieder am Ruder war, wurden diplomatische Beziehungen zwischen der Türkei und Griechenland aufgenommen; jene zwischen Griechenland und dem Osmanischen Reich waren während der Balkan-Kriege 1912/13 abgebrochen worden. Es kam eine griechische Botschaft nach Ankara und ein Konsulat in Istanbul; eine türkische Botschaft in Athen, Konsulate in Komotini oder Saloniki. Man verhandelte über offene Fragen. Dann, 1925/26 in Griechenland die Militärdiktatur unter Pangalos, der Eroberungszüge nach Ost-Thrakien und Istanbul/Konstantinopel in den Raum stellte (dazu wollte er ein Bündnis mit GB und Italien erreichen). Atatürk schickte Einheiten der türkischen Streitkräfte ins Grenzgebiet. Zu dieser Zeit der verschlechterten bilateralen Beziehungen kamen in der Türkei wieder minderheitenfeindliche Maßnahmen113, wie die Konfiszierung des Eigentums von Griechen, die sich ausser Landes befanden. Auch wurden im Syllogos-Gebäude der griechischen Literaturgesellschaft Bücher konfisziert, weggebracht, u.a. zur TTK.

Nach dem Sturz Pangalos’ begannen wieder Gespräche zwischen Vertretern der beiden Staaten, “obwohl” es Venizelos war, der, nach dem Wahlsieg seiner Liberalen Partei, als Premier zurückkehrte (bis ’33). Und 1929 starb Patriarch Basileios III. Zum Nachfolger wurde Dimitrios Maniatis gewählt, von Prinkipos/Büyükada, also ein Istanbuler (wichtig!), zuletzt Erzbischof von Derkos/Derkoi (in Istanbul); er wurde Photios II. In der Republik Türkei bzw in der Post-Lausanne-Zeit gab es für das Patriarchat Verschiedenes zu beachten, das im Osmanischen Reich keine Rolle spielte. Nicht nur die Türken, auch Griechenland hat diese (religiöse, supranationale) Institution politisiert, hauptsächlich beim Drängen auf Venizelisten als Nachfolger. Die Türkei betrachtet(e) das Patriarchat als eine rein türkische Institution, sah sich als berechtigt an, bei Nachfolgefragen mit zu bestimmen. Das Patriarchat muss(te) Alles vermeiden, was irgendwie als “anti-türkisch” ausgelegt werden könnte. Viele Türken sahen/sehen es als unwilkommenen Überrest der griechischen Vergangenheit der Stadt und des Landes. Und bis etwa 1964 wurde es (bzw die Behandlung von ihm) von dieser Seite immer wieder als Instrument/Druckmittel gegenüber Griechenland benutzt.

Das Patriarchat hatte auch seine Ländereien in Anatolien, Thrakien und Makedonien verloren, damit seine wichtigsten Einkommensquellen. Hinzu kam noch, dass das Patriarchat durch die Aussiedlung der Griechen aus Ost-Thrakien und Anatolien seine meisten “Rekrutierungsfelder” verlor. Es wurde über die Jahrzehnte immer schwieriger, Geistliche mit dem gefragten Kaliber zu finden, heute ist die Lage schon prekär. Das waren alles Gründe, für Griechen in Griechenland und der Türkei, die Verlegung des Patriarchats zu favorisieren – was auch vielen Türken gepasst hätte. In die Diskussion gebracht wurden dabei (das damals britische) Zypern und natürlich Griechenland. Der abgesetzte Patriarch Meletius ware einer Jener, die für einen Transfer nach Athos eintraten. Befürworter eines Transfers wiesen darauf hin, dass das Patriarchat im 13. Jh (temporär) nach Nicäa verlegt worden war, und auf das päpstliche Exil in Avignon im 14. Jh. Unter Photios II. verbesserten sich die Beziehungen zwischen der Georgs-Kirche und der Republik. Der Patriarch schickte an Atatürk zum siebenten Jahresjubiläum der Republik-Gründung 1930 ein Glückwunsch-Telegramm. In seiner Antwort adressierte (anerkannte) der Präsident ihn als “Patriarchen”, damit begann die offizielle türkische Akzeptanz des Titels bzw des grundsätzlichen Charakters der Institution.

Venizelos war nun für einen Ausgleich mit der Türkei114, initiierte diesen mit einem Brief an Inönü. Der griechische Premier kam 1930 zu einem Besuch in die Türkei, wo ein wichtiges Abkommen abgeschlossen wurde. Darin wurden Fragen geklärt, die sich aus dem Lausanne-Vertrag ergeben hatten. Das war in erster Linie jene der “Etablis”: Die Türkei kam den Griechen ein Stück entgegen, anerkannte alle in Istanbul ansässigen Griechisch-Orthodoxen als türkische Bürger, egal wann sie in die Stadt gekommen waren. Dies betraf auch einige Bischöfe im Patriarchat. Dafür mussten jene Istanbul-Griechen, die zwischen 1918 und 1923 aus der Stadt geflohen waren (Viele taten das im Herbst 1922, nach den Ereignissen in Smyrna), auf ein Rückkehrrecht verzichten.115 Dann die Frage der griechischen Istanbuler, die griechische Staatsbürger waren: Von den damals etwa 100 000 Griechen in der Türkei waren 15 000 bis 30 000 griechische Bürger.116 Sie wurden den Istanbul-Griechen mit türkischer Staatsbürgerschaft mit dem Abkommen beinahe gleichgestellt.

Venizelos & Atatürk in Ankara 1930

Weiter nahm Griechenland alle Ansprüche auf Territorium das nun zur Türkei gehörte, zurück. Es wurden auch Regelungen über Entschädigungen für den Besitz ausgesiedelter Bürger im jeweils anderen Staat getroffen. Venizelos besuchte bei seinem Türkei-Staatsbesuch 1930 (der sich ja hauptsächlich in Ankara abspielte) auch Patriarch Photios in Istanbul. Der griechische Premier schlug bei diesem Besuch den türkischen Präsidenten Mustafa Kemal (Atatürk) für den Friedensnobelpreis vor, hat ihn anscheinend 1934 offiziell beim Komitee vorgeschlagen. Das unterstreicht den bizarren Charakter der griechisch-türkischen Beziehung; der grösste Verfechter der Megali Idea (Vergrösserung Griechenlands auf Kosten der Türken) streut demjenigen Rosen der den entscheidenden Teil (Abschluss) dieses Projekts verhindert hat. Und: Venizelos ist ja ihm noch osmanischen Kreta aufgewachsen, Kemal in Thessaloniki; die beiden konnten auch die Sprache des Anderen.

Von August bis November bestand eine “Oppositionspartei” zur CHP in der Türkei, deren weggebrochener liberalerer Flügel, als SCF konstituiert, geführt von Fethi Okyar. Die SCF agierte “im Geist” der türkisch-griechischen Annäherung (1931 Besuch von Premier Inönü in Hellas), fuhr eine Politik, die zumindest für die bürgerlichen Teile der religiösen Minderheiten attraktiv war (zB weniger staatlich gelenkte Wirtschaft), umwarb diese bei der Istanbuler Lokalwahl 1930. Dies wurde von der CHP scharf kritisiert, die daran “erinnerte”, dass Griechen und Armenier wenige Jahre zuvor “Todfeinde der Türkei” gewesen seien. Die SCF musste wieder aufgelöst werden, die Türkei wurde wieder ein Einparteienstaat, Okyar kehrte zur CHP zurück.

Die griechisch-türkische Entspannung von 1930 führte auch dazu, die jeweilige Minderheit nicht mehr so gegen ihren Mutterstaat aufzubringen bzw diesem erlauben, “ihre” Volksgruppe im anderen Staat an die Kandare zu nehmen. Venizelos kam dem türkischen Drängen nach einer Nationalisierung/Türkisierung der moslemischen Volksgruppen in Westthrakien nach. Die nur zum Teil türkischen und grösstenteils konservativ-religiösen Moslems durften im Sinne der aktuellen türkischen Nationsdefinition “umgemodelt” werden. Zentral dabei war die Ausweisung von Mufti Mustafa Sabri, dem ehemaligen osmanischen Scheich-al-Islam, der 1931 das Land verlassen musste. Er ging nach Ägypten, wurde an der Al Azhar (Moschee, Universität) in Kairo ein führender Gelehrter, blieb ein scharfer Kritiker der kemalistischen Türkei. Griechenland wies auf türkisches Verlangen auch andere wichtige Persönlichkeiten der osmanischen Endzeit aus, die ins griechische Thrakien ausgewandert waren, einige Mitglieder der Yüzellilikler. Nach der Deportation der führenden antikemalistischen Konservativen konnten dort auch (“verspätet”) Maßnahmen wie die Einführung der lateinischen Schrift anstatt der arabischen durchgesetzt werden, nicht zuletzt durch aus der Türkei geschickte Lehrer. Im Gegenzug lockerte die Türkei ihre Unterstützung von Eftymios und seiner Kirche(?), er wurde aber nicht ganz fallen gelassen oder gar ausgewiesen.

Entgegen der Versöhnung117 und dem Abkommen von 1930 erliess das türkische Parlament 1932 ein Gesetz, das Ausländern in der Türkei die Ausübung einer Reihe von Berufen verbot. Und das traf natürlich jene Istanbul-Griechen die nicht türkische Staatsbürger waren. Diese waren die grösste Ausländer-Gruppe im Land, und in den Berufen die im Gesetz genannt waren (diverse akademische, Händler-Berufe, aber auch zB Cabaret-Sänger), stark vertreten. Als das Gesetz 1934 in Kraft trat, mussten viele dieser Griechen den Beruf wechseln, ein grösserer Teil (Tausende) ging nach Griechenland. Dennoch, auch unter Metaxas118 als Lenker griechischer Politik hielt die Politik der Annäherung zwischen den beiden Ländern. Ein anderes türkisches Gesetz wurde von griechischer Seite eigentlich negativer aufgenommen: Das Verbot des Tragens religiöser Kleidung, 1934/35, eigentlich gegen moslemische Geistliche gerichtet, betraf auch orthodoxe Priester, war Teil der Bemühungen, eine “uniforme” äusserlich westliche Gesellschaft zu schaffen. Alexandris schrieb, die Verbitterung darüber von griechischer Seite war so gross, dass die einige Jahre zuvor gegründete Griechisch-Türkische (Freundschafts-) Gesellschaft in Athen an den Rand der Auflösung kam.

Von Patriarch Photios wurde damals der Transfer des Patriarchats nach Griechenland (Athos) andiskutiert. Es tat sich wieder mal eine Schicksalsgemeinschaft von Gegnern bzw Opfern des Kemalismus zu formen: Moslemisch-Konservativen sowie Nicht-Moslems. Es gab aber auch Türkei-Griechen und griechische Politiker (darunter der abgetretene Venizelos), die die Empörung nicht teilten, sie sahen hier konservative religiöse Befindlichkeiten gestört, die sie nicht teilten. Die türkische Regierung lenkte dann insofern ein, als sie den orthodoxen Patriarchen und sieben weitere religiöse Würdenträger von dem Verbot ausnahm: Mesrup Naroyian, armenisch-gregorianischer Patriarch in Istanbul, Vahan Kocarian (armenisch-katholische Kirche), Vaton Mighirdich (Oberhaupt einer armenischen protestantischen Kirche in Istanbul), Dionysios Varougas (griechisch-katholische Kirche), Eftimios Karahissaridis/ Zeki Erenerol (Türkisch-Orthodoxe), Ishaq Shaki (jüdischer Hahambaschi); der siebente dürfte Mehmet Rifat Börekci gewesen sein, der erste Chef des islamischen Religionsamtes Diyanet.119

Einige Monate später wurde die Hagia Sophia von einer Moschee in ein Museum umgewandelt, wiederum im Zuge des Aufbaus der Republik Türkei. Die ehemalige Kirche der Heiligen Sophia war in ihrer Existenz als Moschee das sichtbarste Symbol des osmanischen Siegs über Byzanz gewesen, daher dürfte diese Maßnahme auf griechischer Seite nicht so gestört haben.120 1935 kam auch ein Gesetz, das den Besitz der Religionsgemeinschaften (der islamischen und der anderen), ihre Immobilien oder Stiftungen, quasi verstaatlichte – was sich auf die christlichen Gemeinschaften wiederum negativ auswirkte. Und dann kam 1934/35 auch das Nachnamen-Gesetz, das zunächst alle türkischen Staatsbürger verpflichtete, Nachnamen anzunehmen. Jene Minderheiten-Angehörigen, die bereits welche hatten, wurden gedrängt, türkische(re) anzunehmen. Jene ethnischen Nicht-Türken oder Türken ausländischer Herkunft, die noch keine hatten, durften keine “ausländischen” annehmen, mit Endungen auf “ian” bzw “yan” (armenisch), “poulos” oder “is” (griechisch), “shvili” (georgisch), “zadeh” (iranisch121), “of” oder “vic” (slawisch),…, mussten das türkische “-oglu” nehmen. Dass diese Griechen, Armenier,… nicht am Namen zu erkennen waren (sind), erschwert(e) aber auch ihre Diskriminierung…

1930 noch wurde Istamat Zihni Ozdamar (Özdamar), eigentlich Stamati(o)s Pulloglou, ein enger Verbündeter von “Patriarch” Eftim, wie dieser ein Karamanli, von den türkischen Behörden als Verwalter des griechischen Balikli-Krankenhauses in Istanbul eingesetzt. Danach verlor die Organisation der “Türkisch-Orthodoxen” ja einen Grossteil der Unterstützung der Türkei. 1935 war sie führend an der Gründung einer “Bewegung” namens “Vereinigung von laizistischen christlichen Türken” beteiligt, wo einige Griechen, Armenier und wahrscheinlich auch Assyrer/Aramäer zusammenwirkten, um Assimilation an die türkische Mehrheitsgesellschaft zu verstärken (bzw zu vollenden) und damit Diskriminierung zu beenden. Die christliche Minderheit in der Türkei besteht ja eigentlich aus ethnischen Minderheiten. Die Organisation bekam Unterstützung durch den CHP-Staat, verschwand aber bald. 1935 wurden die ersten Nicht-Moslems in das Parlament der Türkei berufen. Darunter war der türkisch-orthodoxe bzw eftimitische Özdamar, ein Anwalt, der der Versammlung bis 1946 angehörte.

Zusammen mit ihm wurde Nikola(s) Taptas nominiert, ein Arzt aus Istanbul, parteilos wie die anderen Minderheiten-Abgeordneten, der damit der erste echte griechische Abgeordnete im Parlament der Republik wurde (bis 1943).122 Die anderen waren der armenische Bankier Berç „Türker“ Keresteciyan und der Jude Abravaya Marmarali, beides ebenfalls Istanbuler. Keresteciyan soll Kemal das Leben gerettet haben (oder zumindest die politisch-militärische Laufbahn), als dieser Konstantinopel/Istanbul 1919 auf das Schwarze Meer verliess, um den Widerstand gegen die Besetzung zu organisieren. Sein Schiff sollte vom britischen Militär versenkt werden, und Keresteciyan hat davon Wind bekommen und dem osmanischen Offizier eine Warnung zukommen lassen, heisst es. Im Sevres-Vertrag waren den Minderheitsvölkern im Parlament eine Art Festmandate zugesprochen worden; die Gebiets-Abtrennungen und diese Vorschreibungen waren “zuviel des Guten”, so kam beides nicht zustande. Griechen waren ja in der frühen Türkei die grösste nicht-moslemische Minderheit vor Armeniern und Juden. Grösste insgesamt waren und sind die Kurden.

Religiös müsste man Bevölkerung der Türkei eigentlich so aufschlüsseln: Moslems (Sunniten, ca 90% der Bevölkerung, ob religiös oder nicht123; kleine Minderheit von 12er-Schiiten); Angehörige von aus dem Islam hervor gegangenen Religionsgruppen (Alewiten, Yaziden, Alawiten, Baha’i)124; Christen (Monophysiten wie die armenisch-gregorianische Kirche, Orthodoxe125, mit dem Vatikan Unierte, Diophysiten, Katholiken,…). Die kemalistische Ideologie zieht wahrscheinlich eine noch schärfere Trennlinie zwischen Moslems und Nicht-Moslems als die osmanische. Die Armenier, im Osmanischen Reich mit dem Siedlungsschwerpunkt in Nordost-Anatolien, waren oft bzw lange an der Seite der Griechen, besonders vom späten 19. Jh bis in die zweite Hälfte des 20. Jh hinein, auch zB in Zypern dann. Sie waren vom bzw im 1. WK (> Krieg mit Russland) noch stärker betroffen als die Griechen. Es blieben einige Zehntausend in Istanbul, wo sie auch ein Patriarchat haben126, Resten im Nordosten zu Armenien (91 von der SU unabhängig) hin, das Land mit dem Ararat/Masis. Dort, im Gebiet um Erzurum, leben auch die Hems(c)hinli, Leute armenischer, griechischer, georgischer Herkunft, die sich äusserlich den Türken anpassten, wie u.a. die Dönmeh schon zuvor, bei einer teilweisen Beibehaltung der Kultur/Identität der Vorfahren.127

Patriarch Photios II. starb im Dezember 1935; er scheint mit seiner mäßigenden Art auch den Respekt der türkischen Behörden gewonnen zu haben, der Gouverneur/ Vali von Istanbul kam zu seinem Begräbnis. Einen Nachfolger zu finden, der sowohl der Türkei als auch Griechenland passte, war wieder eine schwierige Aufgabe. Ankara favorisierte Jacob Papapaisiou (Bischof von Imbros/ Tenedos), Athen (wo 35 Venizelos abgetreten war, der König zurückgekehrt und unter ihm eine Diktatur des royalistischen Militärs Metaxas errichtet wurde) dagegen Maximos Vaportzis (Bf. von Chalcedon, aus der Schwarzmeer-Region). Als Kompromiss wurde, im Jänner 1936, Benjamin Christodoulou gewählt, aus Edremit/Adramyttion, Erzbischof/Metropolit von Heraclea/Eregli. Zu diesem Zeitpunkt, so Alexandris, waren Teile der herrschenden Klasse der Türkei schon der Meinung, dass ein gestärktes orthodoxes (“ökumenisches”) Patriarchat mit türkischen Interessen kompatibel sei. In sein Pontifikat, bis 1946, fiel etwa die Anerkennung der Autokephalie der orthodoxen Kirchen Albaniens (1937) und Bulgariens (1945)128 sowie der Empfang eines päpstlichen Vertreters, der erste solche Besuch seit dem 16. Jh; es war der spätere Papst Giuseppe Roncalli, der Benjamin I. 1941 besuchte. Im selben Jahr zerstörte ein Feuer Teile der Georgs-Kirche/Kathedrale, was erst Jahrzehnte später wieder gut gemacht wurde.

1939 kam das Antiochia-Gebiet (“Hatay”) an die Türkei, womit ihre heutigen Grenzen feststanden. Der nach Syrien hinein ragende (und aus ihm herausgelöste) Südzipfel der Türkei schliesst südlich an Kilikien/Kilikia (Adana,…) an. Türken waren damals dort eine Minderheit, die Region war/ist von Syrern (sehr ungenau als “Araber” bezeichnet) diverser Religionen bevölkert: sunnitische Moslems, Nusairer/Alawiten, orthodoxe, jakobitische, maronitische, katholische Christen129,… Die allmählich schrumpfende griechische “Gemeinde” in Istanbul bekam so etwas Verstärkung durch die Gebietserweiterung der Türkei um ein Gebiet mit einer (teils) orthodoxen Bevölkerung, etwa 20 000. Die syrisch-arabischen Orthodoxen in der Hatay-Provinz (zu der die Region in der Türkei wurde) unterstehen dem Patriarch von Antiochia (der in Damaskus/ Dimasq sitzt, wir erinnern uns), und dessen Erzdiözese Aleppo-Alexandrette. Und dem Patriarchen von Konstantinopel nur insofern, als dieser Ehrenoberhaupt der orthodoxen Christenheit ist.

Es gab aber auch eine Migration von Antiochia-Orthodoxen nach Istanbul. Diese Arabisch-sprechenden Griechisch-Orthodoxen können als die neuen Karamanlis gesehen werden: von den Griechen sprachlich getrennt, religiös mit ihnen verbunden. Liturgiesprache ist übrigens Griechisch. Von griechischer Seite werden sie als (arabisierte) Griechen gesehen, auch hier also das “Gerangel” um die Ethnizität. Jene in Istanbul sind auch weitgehend unter den Griechen aufgegangen! Durch den seit 2011 laufenden syrischen Bürgerkrieg gab es ja einen Influx von geflüchteten Syrern verschiedener Religionen in die Türkei130, hauptsächlich nach Hatay, wodurch die Orthodoxen auch wieder etwas “Verstärkung” bekamen. Während eigene Schulen für Griechen und Armenier Bestand haben, haben die (mehrheitlich moslemischen!) Antiochia-Syrer in der Republik Türkei keine solchen, keinen arabischen Schulunterricht bekommen.

Im 2. Weltkrieg war die Türkei, inzwischen mit Ismet Inönü als obersten Machthaber, im Gegensatz zu Griechenland (von den Achsenmächten besetzt, dann von GB) nicht involviert. Die Türkei fühlte sich von der Sowjetunion bedroht (schloss Freundschaftsvertrag mit dem nationalsozialistischen Deutschland), dann von Nazi-Deutschland (Anlehnung an GB). Es kam zu einer Teil-Mobilisiserung des türkischen Militärs, wobei es schon zu einer Trennung nicht-moslemischer Wehrpflichtiger von den anderen kam. Und, es kamen Erinnerungen an den 1. WK auf, als der Völkermord an den Armeniern mit der Entlassung von deren Wehrpflichtigen begann, mit den Vorwürfen der (möglichen) Kollaboration mit den Russen begründet wurde. Es wurde 1942 eine Sondersteuer für Wohlhabendere eingeführt131, die Varlık Vergisi, mit der ein eventueller Kriegs-Eintritt finanziert werden sollte, wirtschaftliche Engpässe behoben und der Schwarzhandel eingeschränkt. Die Steuer, 42-44 eingehoben, zielte auch, vielleicht sogar in der Hauptsache, auf eine weitere Türkisierung der Wirtschaft, eine Einschränkung der wirtschaftlichen Stärke von Nicht-Moslems.

Ein grosser Teil der Bevölkerung in dem Land, in dem noch drei Viertel Bauern waren, unterstützt von den Zeitungen, war in der damaligen Wirtschaftskrise für eine Abschröpfung der Christen und Juden (vielleicht 2% der Bevölkerung), die hauptsächlich in Istanbul lebten, zT ausländische Bürger waren.132 So hatte diese Vermögenssteuer auch von Anfang an einen gewissen “Charakter”. In der Praxis hatten die “Einschätzungs-Komitees” freie Hand, die Höhe der Abgabe für die Bürger festzulegen; und obwohl die Höhe eigentlich in Relation zum Reichtum stehen sollte, wurden Nicht-Moslems viel höher besteuert. Es heisst, intern wurde die Bevölkerung nach ihrer Staatsbürgerschaft und Religionszugehörigkeit kategorisiert und Bürger erhielten demzufolge in den Unterlagen einen Buchstaben zugewiesen: “M” für Müslüman/ Moslem, “G” für Gayrimüslim/ Nicht-Moslem, “D” für Dönmeh (quasi ein unechter Moslem), “E” für Ecnebi/Ausländer. Griechen wurden am schlimmsten betroffen, und in Beyoglu/Pera, einem der wenigen noch kosmopolitischen Viertel Istanbuls, wurde besonders viel eingehoben.

Wenn in dem vorgeschriebenem Monat nicht gezahlt werden konnte oder wollte, durfte der Besitz konfisziert und öffentlich versteigert werden. Wenn das die “Steuerschuld” nicht deckte, wurden die Geschäftsinhaber (solche waren in der Regel betroffen) zur Zwangsarbeit eingezogen. Die Angst und Unruhe in Istanbuler (nichtmoslemischen) Kreisen verstärkte sich, als bekannt wurde, dass in diesem Fall ein Arbeitslager in Anatolien wartete, quasi das “türkische Sibirien”. Im Jänner wurden die ersten 32 verhaftet, zunächst in den asiatischen Teil Istanbuls gebracht, dann zur Zwangsarbeit nach Askale bei Erzurum geschickt. Wieder Christen (darunter Armenier!) unter türkischer Herrschaft in Lagern in Ost-Anatolien im Schatten eines Kriegs… In jener Gegend, aus der 1915/16 die mörderischen Deportationen wegführten. Die Arbeits- und Lebensbedingungen in dem Lager sind umstritten, es gab aber sicher Tote (von 21 liest man). Das Ende der Varlik-Steuer und damit der Arbeitsbataillone kam mit der Erkenntnis, dass Hitler-Deutschland den Krieg verloren hatte, 1944.133

Was blieb, waren zerstörte Existenzen, Enteignungen, Übergaben von Geschäften (die in nicht-moslemischen oder ausländischem Besitz waren), Umschichtung von Reichtum, schliesslich waren wohlhabende Angehörige der Minderheiten betroffen. Es heisst, viele Grossbauern aus der Adana-Gegend (historisches Kilikien) waren unter den Nutzniessern dieser Umschichtung; und Vehbi Koc, der mit Weinstöcken begonnen hatte, die Armenier zurück lassen mussten in Anatolien, wurde nicht nur von hohen Abgaben verschont, auch er begann sich damals in Istanbul zu etablieren und reich zu werden. Die “neue Jizya”134 führte zu etwas Auswanderung, aber keiner grossen, da Griechenland (und viele andere Länder) damals besetzt war und beraubt wurde. Auch (oder: gerade) wenn die damaligen Diskriminiereungen zuungunsten von Nicht-Moslems retrospektiv herunter gespielt werden, die Varlik-Steuer (bzw ihre Handhabung) war bezeichnend für die kemalistische Praxis der benachteiligenden Diskriminierung von Nicht-Moslems bei theoretischer/formaler Gleich-Behandlung… Für die Realität der “Trennung Staat-Religion” in der Republik Türkei, für die Handhabung des “laizistischen Prinzips”.

Ja, islamische Geistliche (sunnitische Scheichs) hatten keinen Anteil an der Sache, der Koran wurde nicht herangezogen zur Rechtfertigung, es war der Staat unter Präsident Inönü, der dies veranlasste und ausübte. Aber/Und die Zugehörigkeit zur moslemischen Bevölkerunsgmehrheit machte das Kriterium aus, wie man behandelt wurde, ob man Bürger erster Klasse war; die Wirtschaft “türkisieren” – die Nation über die Religion definieren. Und heraus kommt ein Konzept, das intoleranter und repressiver ist, als es zuvor (zu osmanischen Zeiten) bei Nicht-Weg-Leugnung des Islams war135, als Nicht-Moslems so etwas wie “geschützte Freiräume” hatten. Kurden waren von dieser Reichensteuer natürlich nicht betroffen, weil es kaum Reichtum unter ihnen gab/gibt, und weil sie dem Islam oder “moslemischen Sondergemeinschaften” (wie den Alewiten) angehören. Die Sache 1942-44 unterminierte das Vertrauen in den türkischen Staat, dass die Griechen und die anderen Minderheiten in den 1930ern ansatzweise entwickelt hatten.

Die Welt und Griechenland hatten damals aber andere Probleme, und an dieser Stelle sei auch die “SS Kurtuluş” erwähnt, ein türkisches Schiff, das humanitäre Hilfe in das deutschbesetzte notgeplagte Griechenland brachte (und 1942 sank, am fünften Weg von Istanbul nach Piräus). Nazi-Deutschland raubte aus Griechenland nicht zuletzt Lebensmittel, weshalb es zu Hungersnöten kam, v.a. im Winter 1941/42. Der Rembetiko-Musiker Kostas Skarvelis, der aus Istanbul/Konstantinopel stammte (anscheinend vor 1923 auswanderte), starb dadurch ’42 in Athen. Die Varlik-Steuer war im Geist von Hitler und Stalin, aber der selbstgerechte deutsch-österreichische Fingerzeig auf die Türkei sollte sich eigentlich “relativieren” durch die deutsch-österreichische Vergangenheit und aktuelle antigriechische Ressentiments und Geschichtsklitterungen von dort à la Sven Kellerhoff.136

Die “Wahlen” 1923 bis 1943 in der Türkei waren Scheinwahlen, nur mit der CHP, einige wenige “unabhängige” Kandidaten wurden gewählt, nicht-moslemische Abgeordnete von Atatürk oder Inönü ernannt. 1946 fand die erste echte (Mehrparteien-) Wahl statt, mit der im selben Jahr gegründeten Demokrat Parti (DP)137, die aus ehemaligen CHP-Politikern bestand. Die CHP siegte vor der DP, 1950 war es umgekehrt.138 Die CHP wurde erstmals „entmachtet“, Menderes wurde Ministerpräsident, Bayar Staatspräsident, Inönü Oppositionsführer; die DP wurde bei den Wahlen 54 und 57 wieder gewählt, regierte 10 Jahre. In dieser Zeit, den 1950ern, gab es eine leichte Reislamisierung139, eine leichte Entflechtung Staat-Partei (CHP), fand die Anbindung der Türkei an den Westen statt (NATO-Mitgliedschaft, EWG-Assoziierung), das Pogrom von Istanbul 1955 (staatlich unterstützt), der Beginn der Zypern-Spannungen, Beginn der Landflucht aus Anatolien nach Istanbul, mit der Mechanisierung der Landwirtschaft.

Minderheiten-Abgeordnete wurden nun von Parteien aufgestellt und gewählt. Im Zuge der Wahl 1943 war noch der Jurist Mihal Kayaoglu, ein Istanbul-Grieche, ernannt worden. 1946 wurde Vasil Konos gewählt, ein Psychiater, auf der DP-Liste, er nahm sein Mandat dann wegen einer Erkrankung nicht an. Für die CHP wurde damals ein anderer griechischer Mediziner aus Istanbul gewählt, Nikola(s) Fakacelli(s), blieb bis zum Ende der Legislatur-Periode 1950 im Parlament. Christos Mavrophrydis, der u.a. am Chalki-Seminar unterrichtete, kandidierte ebenfalls für die CHP, wurde nicht gewählt. Mit der DP kam 1950 wieder ein (Istanbul-) Grieche in die “Grosse Nationalversammlung” in Ankara, Achilleas/Ahilya Moschos, ein Anwalt.

Als Patriarch Benjamin I. 1946 starb, zeigten die türkischen Behörden ihren guten Willen ggü dem Patriarchat und damit auch ggü der griechischen Minderheit sowie Griechenland. Wieder nahm der Vali von Istanbul Anteil am Begräbnis, und, diesmal wurden vor der Wahl des Nachfolgers keine Namen mit unerwünschten Kandidaten an die Georgskirche übermittelt. So wurde Maximos Vaportzis gewählt, der 1936 Benjamins unterlegener Gegenkandidat und Favorit der griechischen Regierung gewesen war, gewählt, folgte Benjamin als Maximos V. Er war pro SU eingestellt, wobei es in dieser seit 1943 (spätere Stalin-Zeit) wieder einen Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche gab, der wurde für Beziehungen des Staates zu Orthodoxen in Osteuropa und Westasien eingesetzt. Die SU war für die Neuaufstellung des Konstantinopoler Patriarchats: der Patriarch sollte von und aus allen orthodoxen Kirchen gewählt werden, in Istanbul bleiben, dort aber eine vatikan-artige souveräne Zone bekommen; eine Unterordnug der Griechisch-Orthodoxen Kirche unter die Russisch-Orthodoxe (die vom Regime gegängelt wurde) wurde ausserdem anvisiert. Aus Griechenland kam der Gegenvorschlag eines Pan-Orthodoxen Rates. Zur Zeit des Patriarchats von Maximos wurde die Türkisch-Orthodoxe Kirche vom Staat wieder etwas „zurecht gestutzt“.

In Griechenland folgte auf Besetzung Bürgerkrieg und Blockbindung…und eine starke Annäherung an die Türkei. Der Athener Erzbischof Damaskinos (Papandreou) wurde 1945 auch Ministerpräsident, seine Aus-Wahl wie Absetzung waren Teil der inneren Auseinandersetzung bzw hingen mit dem kommunistischen Aufstand (der 1949 zusammenbrach) zusammen. Griechenland bekam drei kommunistische Nachbarstaaten neben der Türkei. Italien musste 1947 die Dodekanes-Inseln an Griechenland abtreten, womit seine heutigen Grenzen feststanden.140 Griechenland und die Türkei rückten nach dem 2. WK enger zusammen, da sie im beginnenden Kalten Krieg auf der selben Seite waren141 und sich von einer kommunistisch-slawischen „Achse“ bedroht sahen.142 Im Korea-Krieg 1950-53 kämpften Truppen beider Staaten auf der westlichen bzw internationalen Seite. Beide wurden 1952 NATO-Mitglieder (und 2 Jahre später des Balkan-Paktes).

Allein im Jahr 1952 gab es 4 Staatsbesuche; der Besuch von König Pavlos/ Paul und seiner Frau in der Türkei bedeutete den ersten Aufenthalt eines griechischen Staatsoberhaupts in Kleinasien seit den Tagen des Byzantinischen Reichs. Sie besuchten auch Istanbul und den Patriarchen dort. Im Gegenzug besuchten Präsident Bayar und Premier Menderes, durch die ansatzweise Demokratisierung der Türkei an die Macht gekommen waren, Athen und West-Thrakien. Im selben Jahr wurde die Visa-Pflicht für Besuche im jeweils anderen Land abgeschafft, was vor allem viele Griechen nach Istanbul brachte. Es war eine wirkliche Aussöhnung in Reichweite. Bis die Spannungen wegen dem damals britischen Zypern stiegen. Der griechische Premier 1950 und 1951/52, General Nikolaos Plastiras143 schlug eine Vereinigung von Griechenland und der Türkei vor! Der Ökonom Athanasios Sbarounis plädierte für eine Wirtschafts- und Zollunion zwischen den beiden Ländern.

1948 trat Patriarch Maximos zurück, Aristocles M. Spyrou wurde zum Nachfolger gewählt. Er stammte aus dem Süd-Epirus, ist im Osmanischen Reich aufgewachsen; wurde auf Chalki ausgebildet, wirkte dann in der USA. Mit seiner antikommunistischen Einstellung/Prägung passte er auch der Türkei und zu der damaligen griechisch-türkischen Annäherung. So sehr, dass aus Ankara keine Einwände kamen, obwohl Spyrou nicht Istanbuler oder türkischer Staatsbürger war. Er wurde 268. Patriarch, als Athenagoras I. Der US-amerikanische Präsident Harry Truman stellte ihm für die Reise nach Istanbul nach der Wahl ein Flugzeug zur Verfügung. Alle wichtigen orthodoxen Landeskirchen waren nun hinter dem “Eisernen Vorhang”, von Athenagoras wurde bezüglich der Orthodoxen dort ein gewisser “korrigierender Einfluss” erwartet. Er gab seine USA-Staatsbürgerschaft auf, nahm die türkische an. Und machte von Anfang an klar, dass er ein Freund bzw loyaler Bürger der Türkei war, und das Patriarchat zu einem Drehpunkt für eine Griechisch-Türkische Koexistenz, Freundschaft, ja Symbiose machen wollte. Natürlich spielte der Kalte Krieg dabei auch eine Rolle. Die Istanbul-Griechen, so Athenagoras, sollten sich voll in die türkische Gesellschaft integrieren.

Das Patriarchat, die Georgskirche, liess er wie türkische offizielle Gebäude sonntags mit einer türkischen Flagge “dekorieren”. Er besuchte viele historische, kulturelle, religiöse Stätten in der Türkei, betete auch in Moscheen. Knüpfte Kontakte zu vielen prominenten Türken, wie dem Dichter und Politiker (CHP, DP, HP) Hamdullah S. Tanriöver. Zu den Führern der ab 1950 regierenden DP hatte er eigentlich ein gutes Verhältnis, Premier Menderes besuchte 1952 das Patriarchat, als erster Spitzen-Repräsentant der Türkei. War populär unter Türken, viele blieben bei Begegnungen mit ihm auf der Strasse stehen und küssten seine Hand, sprachen ihn als “Patrik Baba” (Patriarch-Vater) an. Das Patriarchat bekam unter ihm einige Zugeständnisse, so wurde der Theologischen Hochschule auf Chalki erlaubt, Studenten aus Griechenland und anderen Ländern aufzunehmen. 1953 wurde 500 Jahre osmanische Herrschaft über Konstantinopel gedacht, die Türkei machte das bezeichnenderweise mit Atatürk-Kult, der Umbettung der Überreste des Führers in ein neues Mausoleum. Patriarch Athenagoras wurde zu der Prozession in Ankara eingeladen.

Für die jeweiligen Minderheiten in Istanbul bzw West-Thrakien gab es in der Zeit der griechisch-türkischen Zusammenarbeit nach dem 2. WK auch Erleichterungen. Die Griechen Istanbuls profitierten von der Wirtschaftspolitik der DP-geführten Regierungen, wurden (zusammen mit Armeniern und Juden) wieder stark im Aussenhandel, der Lebensmittelindustrie, der Gerberei,… 1954 wurde Alexandros/Alexander Chatzopoulos (Hacopoulos), Direktor einer griechischen Schule (Zappeion), für die DP in’s türkische Parlament gewählt.144 Chatzopoulos wurde dort in einen Ausschuss gewählt, wie auch schon Moschos vor ihm (auch in den 1950ern)145. 1957 wurde der Anwalt Christos Ioannidis (Hristaki Yoannidis) für die DP ins Parlament gewählt. In dieser Zeit gab es, bezeichnenderweise, auch einen griechischen Türken, der im Fussball von sich reden machte, der als Lefteris Andonyadis getaufte Lefter Kücükandonyadis146 aus Prinkipos/Büyükada, Spieler bei Fenerbahce Istanbul und im Ausland (auch bei AEK Athen). (Kücük)andonyadis war Sohn eines Fischers, der im Gegensatz zum Rest der Familie nicht nach Griechenland ging, er spielte für das türkische Nationalteam, bei Olympia 1948 und der WM 1954.

Die Wolken, die sich über diesen “Honeymoon” zusammenbrauten, kamen von Zypern. Es zeichnete sich Mitte der 1950er ab, dass Grossbritannien die Insel trotz ihres strategischen Wertes aufgeben würde, im Zuge seiner Entkolonialisierung. 1950 wurde Michael Mouskos als “Makarios III.” griechisch-orthodoxer Erzbischof von Zypern und damit auch in gewisser Hinsicht Ethnarch, politischer Führer der griechischen Bevölkerungsmehrheit des Landes (der Insel). Er setzte sich für die Enosis, Vereinigung Zyperns mit Griechenland, ein. Die griechische Regierung übernahm 1954/55, teilweise auf Betreiben Makarios’, diese Forderung. In dieser Zeit begann der Kampf der Guerilla-Organisation EOKA für Enosis.147 Zypern-Türken und Türkei ware natürlich gegen die Vereinigung mit Griechenland, aber auch gegen die Unabhängigkeit Zyperns. Von türkischer Seite wurde die Forderung nach Taksim (Teilung) erhoben, wobei der türkische Teil der Insel entweder britisch bleiben sollte oder mit der Türkei vereinigt. Mitte der 1950er wurde der Konflikt in bzw um Zypern ernst und begann sich auf die türkisch-griechischen Beziehungen und die Minderheiten auszuwirken.

Wobei es der zypriotische Erzbischof Makarios auf eine solche Verknüpfung anlegte. In der Türkei wurde die Kibris Türktür Derneği (“Zypern ist türkisch” – Gesellschaft) aktiv. Patriarch Athenagoras versuchte eine neutrale Rolle einzunehmen und nicht abzurücken von seinem Vorhaben, loyaler türkischer Bürger zu sein. Dies wurde ihm von beiden Seiten nicht gedankt. Von türkischer Seite wurde anscheinend erwartet, dass er Makarios verbal entgegentrat. Es kamen wieder Unterstellungen, Verdächtigungen ggü dem Patriarchen und den Istanbul-Griechen, türkische Medien (u.a. „Hürriyet“, „Cumhüriyet“) und Politiker agitierten gegen sie; auch in Griechenland kam wieder eine anti-türkische Stimmung auf. Die Menderes-Regierung hielt sich selbst zurück, dürfte die “Kampagne” aber diskret unterstützt haben, aufgrund der Annahme dass etwas Druck auf das Patriarchat Athen nachgiebiger in Bezug auf Zypern machen würde.

Alexandris verheimlicht nicht, dass dies in der Türkei nicht unumstritten war, dass es Stimmen gab, die Politik ggü Zypern von den in Lausanne geregelten Fragen zu trennen. Für die Istanbuler Griechen stellte sich die Frage, saßen sie mit den zypriotischen in einem Boot oder sollten sie sich von deren Anliegen/Ansinnen distanzieren? Der Abgeordnete Alexandros Chatzopoulos versuchte zu beschwichtigen, die Istanbuler Griechen aus der “Schusslinie” zu bringen. Phaidon Skouros, ebenfalls ein DP-Politiker, Stadtrat in Istanbul, erklärte öffentlich, dass Zypern der Türkei “gegeben” werden sollte. Dies hätte auch eine grössere griechische Volksgruppe in die Türkei gebracht. Unter Premierminister Konstantinos Karamanlis änderte Griechenland Ende der 1950er seine Politik bzgl Zypern, trat nun für Unabhängigkeit statt Anschluss an Griechenland ein.

Doch, in diesem politischen Klima fand am 6. und 7. September das Pogrom in Istanbul (Σεπτεμβριανά; 6–7 Eylül Olayları) statt, das hauptsächlich gegen die Griechen der Stadt gerichtet war. Es waren damals gerade die Gespräche zwischen GB, TR, GR in London über Zypern im Gange, als türkische Medien Nachrichten über einen Anschlag auf Atatürks Geburtshaus in Thessaloniki, nun Teil des türkischen Konsulats dort, verbreiteten. Einige Fenster waren zerbrochen, und es ist längst erwiesen, dass es ein Anschlag unter falscher Flagge war.148 Zu den falschen Nachrichten über einen griechischen und zerstörerischen Anschlag in Saloniki kamen solche über einen geplanten Angriff griechischer Zyprioten auf türkische. Premier Menderes verlieh diesem Gerücht anscheinend Glaubwürdigkeit und die Zeitung “Hürriyet” zeigte auf die Istanbul-Griechen als potentielle Ziele für “Vergeltung”. Im Zuge der falschen und hetzerischen Nachrichten kam es in Istanbul und anderen Städten der Türkei zu Demonstrationen, die man als “anti-griechisch” zusammenfassen kann (anti-EOKA,…). Wobei jene in Istanbul bald in schlimme Krawalle ausartete(n), die sich gegen die Griechen der Stadt richteten – wie es sie zuletzt 1821 gegeben hatte.

Und zu einem Pogrom wurde, bei dem hauptsächlich Eigentum zerstört und geplündert wurde, auch Menschen angegriffen. Die staatlichen Ordnungskräfte verhielten sich tatenlos bis anstachelnd-unterstützend. Die Randalierer nahmen sich hauptsächlich griechische Geschäfte vor, weniger armenische, jüdische und ausländische; auch einige türkisch-moslemische Geschäfte wurden angegriffen. Die Einkaufsstrasse Istiklal Caddesi in Beyoglu/Pera etwa war übersät mit zerbrochenen Fensterscheiben, liegen gelassenen Waren, zerstörten Möbeln,… Bei den Ereignissen, die sich hauptsächlich in der Nacht vom 6. auf den 7. September abspielten, wurden zwischen 10-30 Menschen getötet (anscheinend alles Istanbul-Griechen), Dutzende wurden verletzt, zwischen 50 und 200 Frauen wurden vergewaltigt, 73 griechische Kirchen zerstört/beschädigt, weiters 1 Synagoge, 2 Klöster, über 4000 Geschäfte, über 20 Fabriken und Labore, über 100 Restaurants und Hotels, etwa 25 Schulen, 5 Sportklubs, die beiden wichtigen griechischen Friedhöfe und viele Wohnhäuser. Obwohl die Behörden keine genauen Angaben veröffentlichten, kann man sagen: Die relativ wenigen Todesopfer und die grössten Zerstörungen gab es in den Aussenvierteln und Vorstädten, am Bosporus und an der Marmara-Küste. Etwa den alten Priester im Baloukli-Kloster, Chrysanthos Mantas, der verbrannt wurde.

Im NATO-Stützpunkt in Izmir wurden damals griechische Offiziere in ihren Wohnhäusern angegriffen, was den anti-griechischen Charakter der Krawalle nochmal evident machte. Die türkische Regierung reagierte auf die Gewaltakte mit Ausrufung des Ausnahmezustandes über Istanbul, Ankara und Izmir. In Istanbul brachte erst das Eingreifen des Militärs (Panzer auf den Strassen) die Gewalttätigkeiten unter Kontrolle. Es wurden an dem Pogrom Beteiligte verhaftet, allein in Istanbul über 5 000 Personen. Die meisten davon gehörten der  “Zypern ist türkisch – Gesellschaft” oder anderen Organisationen an, nicht unbedingt nationalistischen, auch Gewerkschaften. Es kam (1956) zu Prozessen und Verurteilungen. Die Menderes-Regierung verurteilte die Übergriffe149, lehnte jegliche Verantwortung für die Gewalttätigkeiten ab und beschuldigte Kommunisten, dahinter zu stecken… Es folgte auch eine Repressionswelle gegen tatsächliche/ vermeintliche Kommunisten im Land, Kritiker der Regierung aus dem linken Spektrum (TKP,…), ganz dem Kalten Krieg entsprechend. Die Regierung versprach auch Entschädigungen, zusammenfassend kann man sagen, dass dies dann aber ungenügend geschah.

Von dem was heute bekannt ist (etwa durch den Yassiada-Prozess, s.u.), ergibt sich folgendes Bild: Die DP-Regierung schürte Demonstrationen, als Druckmittel im Zypern-Streit. Dies geschah über die Seferberlik Taktik Kurulu (Tactical Mobilisation Group), einer Spezialeinheit des türkischen Militärs im Rahmen ihrer Mitwirkung an NATO und Gladio, sowie des Geheimdienstes MAH. Die Demos gerieten aber bald ausser Rand und Band. Organisationen wie “Zypern ist türkisch” spielten eine untergeordnete Rolle bei der Organisierung der Demos, aber bei den Übergriffen eine grosse. Es gab aber auch eine starke „Sozialneid“-Komponente dabei, arme Ländler (aus dem Umland und den Vorstädten) gegen “reiche” Städter, dass diese oft Nicht-Moslems/-Türken waren, kam noch dazu. Diese Leute mussten nicht nationalistisch oder anderwärtig motiviert werden.150 Der damalige Vize-Premier Fuat Köprülü, der sich vor dem Putsch ’60 von der DP und Menderes abwandte), sagte im Yassiada-Prozess 1960/61, die Idee, das Pogrom als “kommunistischen Plot” abzutun, kam von CIA-Chef Allen Dulles, der sich damals in Istanbul zu einem Kongress der Interpol aufhielt.151

Ruine der Panagia-Kirche oder Agia Anna, Istanbul, Patriarch Athenagoras, 1955

Als die Nachrichten von den Ereignissen in Istanbul die Zypern-Konferenz in London erreichten, zog sich die griechische Delegation sofort zurück. Die griechisch-türkischen Beziehungen kamen an einen neuen Tiefpunkt. Damals gab es etwa 67 000 Griechen in Istanbul und den 2 Ägäis-Inseln152. Nachdem sie sich von der Varlik-Steuer-Sache materiell und psychisch einigermaßen erholt hatten, wurde neben Besitz nun auch viel Sicherheit zerstört. In der Folge kam es zu Auswanderungsströmen nach Griechenland und Übersee. Zumal der Zypern-Konflikt noch lange nicht zu einem Höhepunkt gekommen war. 1957 ging auch der Ex-Abgeordnete Nikolas Fakacellis (Fakatsellis). 1958 wurde der Foto-Journalist Dimitrios Kaloumenos ausgewiesen. Der Istanbul-Grieche dokumentierte 1955 die Zerstörungen, darunter Kirchenkunst aus byzantinischer Zeit. 1966 brachte er die Fotos in Griechenland in einem Buch heraus, das später übersetzt und neu aufgelegt wurde (s.u.); die begleitenden Texte sind zweifellos in einer äusserst gefühlsgeladenen Sprache. Die Familie des Schauspielers Tcheky Karyo (als Baruh Djaki Karyo 1953 in Istanbul geboren) muss auch in diesen Jahren gegangen sein, nach Frankreich. Sein Vater war ein (sephardischer) Jude, die Mutter eine (Istanbul-) Griechin.153 Die Zahl der Istanbul-Griechen ging zwischen 1955 und 1960 auf etwa 50 000 zurück.

Alexandris: “It is beyond doubt that the Constantinopolitan Greeks, on the whole, enjoyed a high standard of living though their grievances were not economic, but social and political. They complained about their insecure status in Turkey.” Die Istanbul-Griechen und das orthodoxe Patriarchat waren allen Spannungen zwischen Athen und Ankara (damals hauptsächlich wegen Zypern) voll ausgeliefert; Resignation (= Auswanderung)154 war ein möglicher Umgang damit, kämpferische Selbstbehauptung war aufgrund der numerischen Verhältnisse äusserst schwierig, echte Verständigung zu suchen aber auch. Patriarch Athenagoras setzte seine Linie fort, die man als Versuch der Verständigung sehen kann, aber auch als Appeasement, im Sinn einer Hinnehmung von etwas eigentlich Un-Akzeptablem. Es gibt ein Foto von ihm aus den Tagen nach dem Pogrom 1955, wahrscheinlich von Kaloumenos, er knieend betend in einer zerstörten Kirche.

Der Abgeordnete Alexander Chatzopoulos (DP!) hielt am 12. September im Parlament eine emotionale Rede, machte das Verhalten der Polizei zum Mittelpunkt seiner Kritik – nicht das Schüren des politischen Klimas, die Mitverantwortung der Regierung, griechische Rechte auf/in Zypern,… Die Polizei, so Chatzopoulos, habe 200-300 Marodeuren nach Mitternacht erlaubt, mit 5 Booten nach Prinkipo/Büyükada zu fahren, um die dortigen Griechen zu drangsalieren. Anstatt einzugreifen, habe sie fraternisiert. Ähnlich sei es in Beyoglu gewesen, wo die Zappeion-Schule verwüstet wurde. Dann beschrieb Chatzopoulos den Angriff auf sein eigenes Haus – gleich daneben war eine Polizeiwache, dennoch griff niemand ein. Dann sprach er auch davon, dass die Sache sorgfältig geplant/vorbereitet worden sein muss; wie sonst käme es, dass von 74 in der Stadt (inklusive Prinzeninseln) verteilten griechischen Kirchen 74 angegriffen worden sind. Er hatte sein Vertrauen in die Türkei nicht verloren, äusserte die Hoffnung auf eine Bestrafung der Verantwortlichen. Oppositionschef Inönü verurteilte in einer Parlamentsrede ebenfalls die Ausschreitungen, machte die Menderes-Regierung dafür verantwortlich, dass ihnen nicht Einhalt geboten wurde. Chatzopoulos wurde 1957 wiedergewählt, im Wahlkampf hob er hervor, dass der Staat (DP-Regierung) Entschädigung geleistet hat und Wiederaufbauten in die Wege geleitet – während die CHP niemanden für die Varlik-Sache entschädigte.

Nach Istanbul 55 war klar, dass eine Vereinigung Zyperns mit Griechenland Blutvergiessen zur Folge haben würde. Die Spannungen zwischen den Nachbarländern schaukelten sich weiter auf. Nach einem Besuch von Makarios in Athen 1957 hiess es von Seiten der Menderes-Regierung sogar, die Türkei könne sich vom Lausanne-Abkommen zurückziehen und Griechen aus Istanbul ausweisen. Auch wurde mit einer Aberkennung des Abkommens von 1930 über die greichischen Staatsbürger in der Türkei gedroht. Griechenlands Aussenminister Averoff-Tositsas sprach von der Möglichkeit eines Austauschs der türkischen Zyprioten gegen die Istanbuler Griechen. Was aber am Interesse Ankaras an Zypern aufgrund seiner strategischen Lage vorbei ging. Ein Austausch von westthrakischen Türken und Istanbuler Griechen (samt Patriarch) wäre realistischer gewesen. Am Ende der 1950er wurden zweitere wieder Zielscheibe nationalistischer Agitation, etwa in Form von schriftlichen “Ermahnungen”, Türkisch zu sprechen. Auch Papa Eftim wurde wieder entdeckt als Instrument gegen das Patriarchat im Phanar/Fener. 1958 wurde die “Hellenische Union der Konstantinopolitaner” aufgelöst.155

1959 die Einigung auf die Unabhängigkeit Zyperns, die griechisch-türkischen Beziehungen entspannten sich wieder etwas. 1960 wurde Zypern unter Markarios, der die Präsidentenwahl gewonnen hatte, unabhängig von GB. Die griechische Seite rückte von der Vereinigung (mit Hellas) ab, die türkische von der Teilung. Etwa 3 Monate vor der Unabhängigkeit Zyperns, im Mai ’60, putschte sich das Militär in der Türkei an die Macht, setzte die DP-Regierung ab. Stellte die alte Ordnung wieder her, bald (1961) war die CHP wieder an der Macht (nach einer Wahl unter Ausschluss echter Opposition wie vor 1946), Inönü wieder Premier. Junta-Chef Gürsel ernannte ausserdem eine Verfassungs-Versammlung156, darunter auch einige Minderheiten-Vertreter, darunter Kaloudis Laskaridis (Kaludi Laskari), ein griechischer Anwalt aus Istanbul, der im 1. WK an der Dardanellen-Front im osmanischen Heer gekämpft und einen Arm verloren hatte. Laskari ist bis heute der letzte Istanbul-Grieche, der in ein türkisches Parlament (Legislative oder Konstituante) gewählt oder ernannt wurde. Der erwähnte Ioannidis verlor durch den Putsch 60 seinen Sitz, war der letzte gewählte und der letzte im eigentlichen Parlament. Überhaupt: nach diesem Putsch gab es noch die Verfassungsversammlung, dann den Armenier Turan im damaligen Senat, bis 1964. Und dann jahrzehnte lang keine Nicht-Moslems im Parlament.

Der Wille der Militärregierung, das antigriechische Pogrom von 1955 im Prozess gegen die gestürzten DP-Politiker vorzubringen (als Anklagepunkt), wurde von Athen als eine Garantie für das Wohl der Istanbul-Griechen gesehen, und von diesen selbst auch. Dieser Prozess fand 1960/61 auf der Prinzen-Insel Yassiada (Plati) statt; es stellt sich die Frage was die Militärs damit genau bezwecken wollten und inwiefern er rechtsstaatlich war. Menderes und die anderen Angeklagten wurde hauptsächlich vorgeworfen, kemalistische Prinzipien verletzt zu haben. Dies betraf Menderes’ Haltung zum Islam: Er erlaubte etwa den Gebetsruf von den Moscheen (Adhan) wieder auf Arabisch (statt auf Türkisch), wandte sich also ein Stück von der Nationalisierung der Religion von Atatürk und seiner Party ab. Aber aussenpolitisch: Seine Regierung unterstützte etwa Frankreich während des Algerien-Kriegs in verschiedener Weise, war im Kalten Krieg fest auf der westlichen Seite. Weiters zählte Korruption zu den Anklage-Punkten; und die Fabrikation des Anschlags in Saloniki 1955 sowie die Involvierung in das folgende Pogrom.

Den Militärs ging es dabei offenbar in hauptsächlich darum, ihren Putsch zu legitimieren und mit der gestürzten Regierung und der DP abzurechnen, und nicht darum, Klarheit in die Sache des Pogroms zu bringen und juristisch aufzuarbeiten. Der Militärrichter erklärte die Angeklagten zu Hauptverantwortlichen (Organisatoren), liess darüber hinausgehende Verbindungen aber “unangetastet” – sie führten zu Militär und Geheimdienst. Es erhärtete sich: Menderes dürfte die Demonstration organisiert haben, die ihn „Krawallen“ ausgeartet ist, das Nicht-Einschreiten der Polizei dürfte von der Regierung abgesegnet/angeordnet worden sein. Patriarch Athenagoras sagte auf Yassiada als Zeuge aus, die Ausschreitungen 55 seien offenbar organisiert gewesen.157 Der Ex-Ministerpräsident und zwei Regierungsmitglieder wurden diesbezüglich zu Haftstrafen von 6 bzw. 4,5 Jahren verurteilt. Menderes, Zorlu und Polatkan wurden aber wegen der anderen Anklagepunkte zum Tode verurteilt und auf der Insel hingerichtet (gehängt).

Athenagoras Yassiada

1962 ein Besuch von Papandreou dem Mittleren in der Türkei, dann wieder Spannungen wegen Zypern. Zypern hat in seinen frühen Jahren als unabhängiger Staat so funktioniert, wie Frederik W. De Klerk zu Beginn der Verhandlungen über das Ende der Apartheid (Anfang 1990er) das künftige Südafrika gestalten wollte, mit einer Art ethnischem Proporz, Konzentrationsregierung, Vetorecht der kleineren Volksgruppe (in Zypern der Türken). Als Präsident Makarios/Mouskos158 dies (bzw die Verfassung) 1963/64 ändern wollte, gab es Aufruhr. Die demographischen Verhältnisse (78% Griechen, 18% Türken, 4% Andere) hätten sich bei einer Auflockerung der bestehenden Spielregeln vorteilhaft für die Griechen auswirken können – aber auch mehr Gemeinsames bringen können.

Die Schutzmächte (die Truppen auf der Insel halten durften) wurden angesichts der Spannungen aktiv, Enosis und Taksim bekamen wieder Zuspruch, wurden wieder Themen. Viele türkische Zyprioten verliessen ethnisch gemischte Gebiete in überwiegend türkische, und die zypriotische Nationalgarde begann diese Enklaven zu blockieren. Gewalt zwischen den Volksgruppen lebte wieder auf. Die Einheitsregierung kollabierte. Wie, das ist eben so umstritten wie der Grund für die Wanderungen der türkischen Zyprioten in dieser Zeit. Den einen Angaben zufolge zogen sich türkische Zyprioten von Vizepräsident Kücük abwärts aus öffentlichen Posten zurück, den andern nach wurden sie dazu gezwungen. Im August 1964 dann ein Angriff der türkischen Luftwaffe auf griechisch-zypriotische Stellungen in Kokkina.

An diesem Punkt, zur Zeit von Berichten von griechischen Übergriffen auf Türken in Zypern und der Aufregung über Makarios’ Bestrebung zur Verfassungsänderung (von Griechenland unterstützt), nahm sich Ankara einmal mehr die Istanbuler Griechen vor. Die Türkei, unter Premier Inönü159, kündigte einseitig das Abkommen von 1930, in dem das Aufenthaltsrecht der griechischen Staatsbürger in Istanbul (die vor Oktober 1918 dort wohnhaft waren, also als Etablis galten) geregelt wurde. Der Grossteil der griechischen Staatsbürger unter den damaligen Istanbul-Griechen wurde 1964/65 ausgewiesen, mit Begründungen wie “Spionage” gegen die Türkei. Die Abschiebungen fanden unter schlimmen Bedingungen statt: Die Betroffenen durften nicht mehr als 200 türkische Lira (etwa 20 €) mitnehmen sowie einen Koffer, der nur Kleidung und persönliche Gegenstände beinhalten durfte. Man gab ihnen maximal 10 Tage Zeit zum Verlassen des Landes, in manchen Fällen 48 Stunden. Wenn Immobilien und Geschäfte in dieser Zeit nicht verkauft wurden, konfiszierte sie der Staat. Die meisten der Deportierten hatten immer in der Türkei gelebt und hatten in Griechenland keine Existenz (im Sinne von Wohnraum, Beruf,…). Etwa ein Drittel der Istanbul-Griechen (“Konstantinopolitaner”) waren Pass-Griechen und fast alle davon wurden damals ausgewiesen. Das müssen etwa 10 bis 15 000 Menschen gewesen sein.

Doch: Es betraf viel mehr Konstantinopolitaner, da diese familiär eng miteinander verflochten waren und daher in der Regel weitere Teile der Familie mit Ausgewiesen mit gingen. Das waren wahrscheinlich noch einmal an die 15 000, insgesamt also etwa 30 000 Griechen die damals die Türkei verliessen.160 Und nicht genug damit: Dass die Istanbul-Griechen neuerlich durch einen aussenpolitischen, Griechenland betreffenden, Konflikt massiv in Mitleidenschaft gezogen wurden, verbreitete eine tiefe Verunsicherung, sodass auch damals “Unbeteiligte” in den folgenden Jahren auswanderten. Der finale Exodus der Griechen aus der Türkei setzte 1964 ein, es kam endgültig ein Domino-Effekt in Gang: die Auswanderer schwächen die Dortbleiber, wie in solchen Konstellationen üblich. Allmählich brach das ganze soziale Gefüge zusammen. Es fehlen dann zB die Schüler für die eigenen Schulen, irgendwann aber auch die Lehrer,… 1974, das neuerliche Aufkochen des Zypern-Konflikts, war noch eine “Draufgabe”. 1964 kamen noch weitere Gängelungen hinzu, hauptsächlich Druck auf die Schulen der Griechen in Istanbul, in Form von häufigen Inspektionen, die Ernennung von Türken als Vize-Direktoren,…

Ausweisung Griechen 1964

Hier ein Einzelbeispiel aus 1964: Stathis Arvanitis von der Insel Büyükada/Prinkipos erlebte als Kind 1955, als Randaleure mit der Fähre aus Istanbul kamen. Danach lebte man in Angst, so Arvanitis. Sein Vater, ein Schuster, war griechischer Staatsbürger, der Rest der Familie nicht. 1964 wurde der Vater ausgewiesen, natürlich gingen die Anderen mit (nach Griechenland). Bei der Grenzkontrolle wurde dem Vater noch eine Ikone abgenommen, mit der Begründung, es handle sich um eine Ausfuhr von Antiquitäten. Aus Istanbul gehen musste zB der Papierfabrikant Constantinos Vasileiadis. Der Journalist Andreas Lambikis, ebenfalls ein Istanbul-Grieche, wurde 1965 von den Behörden ausgewiesen, weil er in Artikeln in Istanbuler griechischen Zeitungen die Diskriminierungen thematisiert hatte. Fotos von alten oder behinderten Griechen, die in Istanbul zu Flugzeugen geführt wurden, gingen um die Welt. Der Westen blieb aber ruhig, ausser einzelnen Diplomaten oder Schreiberlingen, man war schliesslich im Kalten Krieg.

Nach dem Putsch 1960 gab es eine gelenkte Demokratie in der Türkei, für Jahrzehnte eigentlich, mit Militärs als Staatspräsidenten bis 1989 und dem Nationalen Sicherheitsrat, der eine Rolle spielte wie der Wächerrat in der IR Iran. Militärs die über Politiker wachten. Bestimmte Parteien wurden neben der CHP zugelassen, die DP gewissermaßen als AP (Gerechtigkeits-Partei) wiedergegründet. Mit der Wahl 1965 begann diese gelenkte Demokratie, Suleyman Demirels AP besiegte die CHP, Inönü wurde abgelöst, Demirel das erste Mal Ministerpräsident. Er war zwischen 1965 und 1993 6x Premier, dann Präsident; aus der AP wurde dann die DYP. Es heisst, die Istanbuler Christen und Juden bevorzugten die AP gegenüber der CHP. Eine minderheitenfreundliche Politik betrieb Demirel aber sicher nicht, nicht nur weil er kaum Minderheitenvertreter (keine Griechen) ins Parlament brachte. Und ja, “Minderheit” im türkischen Kontext bedeutet eigentlich “Nicht-Moslem”. Aber: Der politische Islam ist deshalb nicht notwendigerweise die “Antithese”, die Nemesis zu diesen Minderheiten – darauf werde ich noch eingehen. Für die AP spielte der Islam jedenfalls keine grössere Rolle, obwohl sie eher die Partei für Ärmere und Anatolier war.

1967 in Griechenland ein Militärputsch und in der Folge bis 1974 eine Diktatur; mit USA-Unterstützung, bis dahin haben in der Regel die Briten in Griechenland interveniert. Das Militärregime unter Georgios Papadopoulos (bis 1973), obwohl rechts, betrieb keine türkenfeindliche Politik (ausser dann auf Zypern). Ende der 60er, Anfang der 70er arbeiteten die Regime der beiden Länder etwas zusammen, bezüglich Austausch von Lehrern und Lehrmaterial für die Minderheiten im anderen Land. Der letzte griechische König Konstantin(os), der 1964 Nachfolger seines Vaters Paul/Pavlos geworden war, dürfte eine Rolle beim Zustandekommen der Militärdiktatur gehabt haben, im Vorfeld, als Drehscheibe zwischen USA-Vertretern, Offizieren, Politikern; er arrangierte sich zunächst mit der Junta, ging dann noch 67 ins Exil nachdem er versucht hatte in dieser Situation die Macht zu erringen (nicht, die Demokratie zurück zu bringen). 1973 wurde der Exilierte abgesetzt, die Monarchie abgeschafft, nachdem er wieder „hineingefunkt“ hatte (wiederum nicht im Sinne einer Demokratisierung); durch Referenden wurde dies abgesegnet. Die Glücksburg-Könige mussten immer wieder in’s Exil. Konstantin durfte lange nach der Demokratisierung nach Griechenland zurückkehren, 2003. Die Nachfahren der letzten osmanischen Sultane/Kalifen durften in den 1990ern in die Türkei zurück.

Im März 1971 erzwang das türkische Militär den Rücktritt der AP-Regierung von Demirel. Im Sommer ’71 wurde die orthodoxe Theologische Schule auf Chalki (Θεολογική Σχολή Χάλκης) geschlossen, nachdem der Oberste Gerichtshof private (nicht-staatliche) Hochschulen verbat. Seit Mitte des 19. Jh waren dort orthodoxe Kleriker ausgebildet worden. 1844 hat Patriarch Germanos IV. das Kloster aus dem 11. Jh in ein theologisches Seminar umgewandelt. Fast alle Gebäude wurden beim Istanbul-Erdbeben 1894 zerstört, bis 1896 wieder aufgebaut. In den 127 Jahren seines Bestehens graduierten 930 Kleriker vom Seminar, viele spätere Bischöfe, 12 orthodoxe Patriarchen. Der Niedergang des Konstantinopoler Griechentums spiegelt sich auch in der Entwicklung dieser Hochschule wieder; in Jahren zuvor war bereits die Teilnahme von nicht-türkischen Staatsbürgern als Lehrende161 und Lernende verboten worden. Nun wurde auch die Ausbildung künftiger Priester, Bischöfe, Patriarchen abgewürgt!

Hinzu kam das Schwinden der griechischen Bevölkerung Istanbuls. Bei 100 000 (also die Zahl aus der Zwischenkriegszeit) war es schon schwierig, qualifiziertes Personal zu finden.162 Um 1971 gab es vielleicht noch 10 000 Griechen in der Türkei. In dieser Zeit müssen die Antiochia-Orthodoxen (~20 000), die zT nach Istanbul zogen (und sich zT an die Griechen assimilierten) die Griechen zahlenmäßig überholt haben. Hinter der Existenz des orthoxen Patriarchats in Istanbul und der Griechen in der Stadt steht ein immer grösser werdendes Fragezeichen. Athenagoras musste das in den letzten Jahren seines Patriarchats und seines Lebens erleben.

1972 starb er, nach 24-jährigem Pontifikat (das längste seit Jahrhunderten); er hatte vieles bewegt und versucht. Für die Wahl eines Nachfolgers gab es neue Regeln seitens des türkischen Staats, die Anwesenheit eines Notars. Dies verstiess gegen das diesbezügliche kanonische Kirchengesetz. Weiters wurde dem Patriarchat mitgeteilt, dass Meliton Chatzis und zwei weitere Mitglieder der Heiligen Synode für die Türkei als neue Patriarchen nicht in Frage kämen. Chatzis bekleidete diverse Bischofs-Posten, jene die es nach Lausanne noch gab in und um Istanbul, zuletzt jenen von Chalcedon. Anfang der 1970er vertrat er 2 x Athenagoras als Patriarch, als dieser gesundheitlich “bedient” war. Im Juli 1972 wählte die Synode schliesslich Dimitrios Papadopoulos, den Erzbischof von Imbros und Tenedos, der als Patriarch “Dimitrios I.” wurde.

Makarios versuchte als Präsident des einigermaßen geeinten Zyperns nach 1964 eine bezüglich der türkischen Minderheit gemäßigte Linie zu “fahren”, bekam dabei Gegenwind aus Athen und den eigenen Reihen.163 1974 stürzte die neue EOKA, unterstützt von Teilen der Nationalgarde sowie dem Regime in Athen, den zypriotischen Präsidenten. Der EOKA-B-Mann Nikos Sampson/Nikolaos Georgiades wurde zum Präsidenten ausgerufen. Sampson hatte die Absicht, eine Vereinigung/Enosis Zyperns mit Griechenland vorzunehmen, seine ersten Schritte als Machthaber waren aber Verfolgungen von Makarios-Anhängern und Linken unter den griechischen Zyprioten! Nach Haralambos Athanasopulos wurden mindestens 500 unter Sampson getötete griechische Zyprioten auf die Liste der infolge der türkischen Inavsion Getöteten gesetzt, und ihr Tod den Türken untergeschoben… Ein Mythos bzw Geschichtsklitterung ist es aber auch, dass türkische Zyprioten nach dem Putsch in Nikosia gelitten hätten, verfolgt worden seien. Denktas, seit 1973 Vizepräsident, sprach damals zunächst sogar davon dass es sich dabei um eine interne griechische Angelegenheit handle. Dennoch164, 5 Tage nach Makarios’ Sturz, intervenierte das türkische Militär auf der Insel.165

Mehr als ein Drittel des Ostens (oder Nordens) der Insel wurde besetzt, die griechische Bevölkerung daraus vertrieben, im Gegenzug auch Türken aus dem Westen/Süden. Hier gab es dann Übergriffe, Massaker. 1974 dürften Griechenland und Türkei einem Krieg gegen einander (wie zuletzt 1920-22) sehr nahe gekommen sein. Mit den Rücktritten von Sampson & Co in Nikosia und von Ioannides166 & Co in Athen wurde das abgewendet. Makarios kehrte wieder in sein Amt als Präsident Zyperns zurück, in Griechenland ernannte die Junta Konstantinos Karamanlis zum Ministerpräsidenten, die Metapolitefsi begann.167 Das Land ist seither wieder stärker an den Westen gebunden. Zypern ist seither bekanntlich geteilt.168 Wenn man die Enosis-Absichten von Sampson/Georgiades und seinen Hintermännern in Athen als Anlass für die türkische Invasion sieht169, kann man sagen, der “Griff nach Zypern” brachte für Griechen Verteibungen und Verluste, wie schon jener nach Ost-Thrakien, Istanbul, Ionien ca. 50 Jahre zuvor. Zypern wurde in den 1950ern wichtig für das griechisch-türkische Verhältnis, was sich 1964 und 1974 natürlich intensiviert hat. Die Leute dort müssen einen eigenen Weg zu einander finden, die Zukunft ihrer Insel steht aber im Zusammenhang mit ihren “Schutzmächten” und ihrem Verhältnis zu einander.

Die türkische Invasion auf Zypern, der “Höhepunkt” der Konfrontation auf der bzw um die Insel, verstärkte die Auswanderung der Istanbul-Griechen, ohne dass sie damals Erlebnisse wie 1955 oder 1964 gehabt hätten. Sie waren oft genug daran erinnert worden, dass sich Verschlechterungen im griechisch-türkischen Verhältnis für sie schlimm auswirken konnte. Und 1974 kam diese Beziehung ja an einen neuen Tiefpunkt. Die Auswanderung ging die ganzen 1970er weiter. 1978 veröffentlichte Charalambos Rombopoulos in seiner Istanbuler griechischen Wochenzeitung “HΧΩ” (Echo) Zahlen über die Griechen in der Stadt (demnach gab es damals etwas unter 8 000) und Umfragen unter ihnen. Ein sehr grosser Teil äusserte die Absicht, die Türkei bald zu verlassen. Keine Frage, die Ereignisse in Zypern 1974 haben zum fast kompletten Verschwinden der Istanbul-Griechen einen entscheidenden Teil beigetragen.

Als türkische Behörden im September 1974 drei byzantinische ehemalige Kirchen und Klöster im Raum Istanbul in Moscheen umwandelte, gab es dort längst zu wenige Griechen, als dass diese Aufregung/Widerstand generieren konnten, so wie es die Moslems Indiens 1992 taten, bei der Zerstörung der Babri-Moschee in Ayodhya zum Zweck der Errichtung eines hinduistischen Tempels. 1980 wieder ein direktes Eingreifen des Militärs der Türkei in die Politik. Erst Ende der 1980er wurde die Macht dann an Politiker (wie Süleyman Demirel und Turgut Özal) abgetreten, wobei Einschränkungen für die Demokratie (Parteienverbote,…) darüber hinaus blieben. 1955 hatte das Eingreifen des Militärs spät die antigriechischen Randale gestoppt, 1964 waren unter dem Einfluss des Militärs Griechen des Landes verwiesen worden. In den 80ern tat sich diesbezüglich nichts Markantes. Dafür begann damals ein neuer Aufstand von Teilen der Kurden, in Südost-Anatolien.

Ein Blick auf die türkische Volksgruppe in Griechenland: Die “Türken” in Westthrakien sind ja eigentlich ein Amalgam aus moslemischen Türken, Pomaken und Roma/Sinti. Und Westthrakien gibt es als Verwaltungseinheit nicht (mehr). Die Westthrakien-Moslems sind vom griechischen Staat auch als moslemische Minderheit anerkannt, als religiöse nicht als ethnische Minderheit; was von türkischer Seite kritisiert wird. Hier hat sich gewissermaßen das osmanische Millet-System fortgesetzt, die Verschmelzung von ethnischer und religiöser Identität. Differenzen gibt es hauptsächlich zwischen den eigentlichen Türken und den Pomaken; zweitere sind griechischer, was wohl auch damit zu tun hat, dass sie keine “Schutzmacht” ausserhalb haben, die noch dazu mit Griechenland verfeindet ist. Jedenfalls wurden für diese moslemische Minderheit im Lausanne-Vertrag gewisse Rechte festgeschrieben. Sie ist die einzige staatlich anerkannte Minderheiten-Volksgruppe in Griechenland. Die Albaner gelten als ausgesiedelt (als “Türken”)170, die Aromunen als assimiliert171, den Dodekanes-Türken (s.u.) will man gewisse Rechte nicht zugestehen,…

1986/87 wurde im Zuge einer Verwaltungsreform auch die Region (Περιφέρεια,  Periféria) Ostmakedonien-Thrakien geschaffen, mit der Hauptstadt Komotini. Sie besteht aus 6 Regionalbezirken, wovon Rodopi jener ist mit den meisten Westthrakientürken/muslimischen Griechen (ca 50% d. Bevölkerung), auch die Regionalshauptstadt Komotini liegt dort. In Komotini gibt es ein türkisches Konsulat, viele türkische Schulen,… Man kann die Türken im historischen Westthrakien (zumindest die tatsächlichen Türken unter ihnen) in den Kontext mit den (anderen) Balkantürken stellen, das sind hauptsächlich jene in Bulgarien, im früher jugoslawischen Makedonien, Rumänien (dort v.a. in Dobrudscha). Das ist Diaspora aus türkischer Sicht, wohin gegen WT an die Türkei grenzt. Jedenfalls sind die Türken/Moslems im jetzigen Ostmakedonien-Thrakien eine grosse Minderheit geblieben (an die 100 000), während die Istanbuler Griechen zusammengeschrumpft sind. Es gab aber auch von hier eine starke Auswanderung, v.a. natürlich in die Türkei. Es gibt dann noch eine kleinere Zahl von Türken auf den Dodekanes-Inseln (v.a. auf Rhodos, in Kos weniger), die ja erst spät von Italien übergeben wurden, womit diese Menschen dem Bevölkerungsaustausch von 1923 entgingen. Es sind kleinere Gruppen, ohne Minderheitenschutz, sie müssen sich anpassen.

Nicht bekannt ist mir, inwiefern es vom Dodekanes oder Ostmakedonien-Thrakien172 eine Binnenwanderung in Hellas gibt, also zB nach Athen. Zur Frage der Moschee in Athen, s.u. In den letzten Jahren und Jahrzehnten gab es natürlich auch neue moslemische Einwanderer, Flüchtlinge,… in Griechenland. Zeitweise werden diese, die moslemische Minderheit in Westthrakien, die Türkei sowie die moslemischen (türkischen, albanischen,…) Bevölkerungsgruppen in Nachbarstaaten wie Bulgarien und Nordmakedonien als quasi unter einer Decke steckend und Bedrohung für Griechenland empfunden/dargestellt. Das Verhältnis der Griechen zu Arabern und Persern ist entspannter als zu Türken und Albanern (die eigentlich nur zT moslemisch sind). Aber auch mit orthodoxen Völkern gab/gibt es ja Spannungen, dazu auch noch mehr.

In Griechenland werden Kandidaten der moslemisch-türkischen Minderheit(en) aus Thrakien in der Regel auf Listen linker Parteien (wie PASOK) oder als Unabhängige ins Parlament gewählt. Sadik Ahmet wurde 1989 als Unabhängiger gewählt. Später gründete er eine Partei, namens “Freundschaft Gleichheit Frieden” (türkische Abkürzung DEB, griechische KIEF), die eine Partei der Minderheit ist, aber nicht sein darf (so wie die bulgarische ДПС oder die Kurden-Parteien in der Türkei), und ausserdem nicht über die (3%-) Sperrhürde kommt. 1990 wurde Ahmet kurzfristig verhaftet, worauf hin es in Komotini zu Unruhen kam. Sadik Ahmets Auto-Unfall-Tod 1995 wurde von vielen Westthrakien-Türken dem griechischen Staat angelastet. Hetzer und Chauvinisten gibt es natürlich schon auch in Griechenland und die dortige türkische Minderheit hat auch gelegentlich die Sündenbock-Funktion. Auch sie sind nur pro forma gleichberechtigte Bürger. Es gibt auch eine Parallele zum orthodoxen Patriarchen von Istanbul; 1991 begann der griechische Staat, den Mufti (also das religiöse Oberhaupt der Moslems in Thrakien) zu ernennen. Dieser wird von den Betroffenen nicht anerkannt. Parallelen gibt es hier auch zum Pantschen Lama in Tibet.

In der Türkei war eine regionale Autonomie, wie in Südtirol, für die nach 1923 verbliebenen Griechen kein Thema, da diese in der wichtigsten Stadt des Landes leben – inzwischen sind es längst zu wenige. Die Türken/Moslems in Griechenland leben in einer abgelegenen Gegend und machen im Bezirk Rodopi wie erwähnt die Hälfte der Bevölkerung aus. Aber: Zum Einen wird auch dort streng auf eine “Einbindung” der Minderheit in den Staat geachtet. Zum Anderen: Das mit der “Abgelegenheit” ist relativ. Die Westthrakien-Türken bzw moslemischen Griechen leben am (für Manche) sensitivsten Punkt Griechenlands, im Grenzgebiet zur Türkei. Östlich vom Bezirk Rodopi (Siedlungs-Schwerpunkt dieser Türken/Moslems) liegt noch der Bezirk Evros (mit der Stadt Alexandropoulis), ebenfalls ein Teil des historischen Westthrakiens, wo auch Türken leben, nicht so viele. Auf der anderen Seite des Evros/Maritsa/Meric liegt das türkische Ost-Thrakien (mit Edirne/Adrianopel). 1986 gab es eine Schiesserei an der Grenze (West-Ost-Thrakien) zwischen griechischen und türkischen Soldaten.

Ansonsten grenzen die beiden Länder in der Ägäis aneinander, von der Insel Samos zur kleinasiatischen Küste etwa ist es nur 1,6 km. Lange gab es Sorge in Griechenland, die Türkei könnte in West-Thrakien “zum Schutz” der dortigen türkischen Minderheit militärisch intervenieren, wie in Zypern. In der Ägäis gab und gibt es auch Grenzkonflikte zwischen den beiden Staaten, speziell ab den 1970ern. 1987 (griechische Ölbohrungen bei Thasos, türkische Antwort) und 1995/96 (Imia/Kardak) hat auch nicht viel zu einem vollen militärischen Konflikt gefehlt. Es geht immer um Seegrenzen, Souveränität, Meeresbodenbergbau, militärisches Geprotze,… Nach dem Konflikt 1987 kam es 1988 beim Weltwirtschaftsforum in Davos (Graubünden, Schweiz) zu einem Übereinkommen zwischen den Regierungschefs Özal und A. Papandreou, mit dem sich die Staaten erstmals seit 1974 wieder einander annäherten. Auch wurden damals Rückkehr-Besuche von 1923 oder später (1964,…) Vertriebenen erleichtert.

Patriarch Demetrios/Dimitrios, in dessen Zeit Zypern-Invasion, Militärputsch und konstante Auswanderung seiner Gemeinde gefallen waren, wurde am Ende seines Lebens/seines Pontifikats auch mit türkischem Unmut über die Behandlung der türkischen Minderheit in Griechenland konfrontiert (Ahmet-Verhaftung, Mufti-Ernennung). 1990 und besonders 1991 wurde der Patriarchenpalast bzw die Georgskirche von nationalistischen Demonstranten mehrmals belagert, die Dimitrios zu einer Verurteilung der diesbezüglichen griechischen Politik zwingen wollten. Die Blockaden, etwa jene im August 91, wurde von den türkischen Behörden zumindest geduldet. Das Patriarchat ist, überspitzt gesagt, seit Jahrhunderten in einem Belagerungszustand, und mit dem Übergang vom Osmanischen Reich zur Republik ist das definitiv schlimmer geworden. Es dürfte aber einen Zusammenhang zwischen diesen Aktionen und seinem Ende gegeben haben, diese ihm gesundheitlich zugesetzt haben. Im Oktober 1991 starb er. Zum Nachfolger wurde sein Mitarbeiter, der damals 51 Jahre alte Metropolit Demetrios Archontonis, gewählt. Der 270. Nachfolger des Apostels Andreas nahm den Patriarchen-Namen Bartolomaios (Bartholomäus) I. an. Archontonis/Bartolomaios ist 1940 auf Imbros geboren, besuchte eine griechische Schule in Istanbul, studierte auf (C)halki Theologie ab ’61, wurde ’69 Priester, leistete zwischendurch seinen türkischen Militärdienst ab, war dann zur postgraduellen Ausbildung sowie als Geistlicher im Ausland, u.a. in der USA.

Mit dem Ende der kommunistischen Systeme/Staaten in Osteuropa (Warschauer Pakt, YU, Albanien) Anfang der 1990er kam Bewegung ins Verhältnis zwischen Griechenland und seinen nördlichen Nachbarn. Während Grenzen geöffnet wurden, wurden Grenzfragen, Irredenta-Ansprüche und Ähnliches wieder etwas aktuell, u.a. um das historische Makedonien, das zwischen Griechenland (3 Regionen), Bulgarien und dem ehemals jugoslawischen Makedonien/Mazedonien geteilt ist. Die Türkei verlor die Privilegierung, die sie vom Westen im Kalten Krieg als “Frontstaat” genoss, konnte aber Kontakte zu türkisch-sprachigen nun unabhängigen Staaten der Ex-SU knüpfen sowie zu türkischen Volksgruppen am Balkan. Restrospektiv begann das Ende der kemalistischen Republik.

Zwischen der Türkei und Griechenland verbesserte sich in den letzten Jahren des 20. Jh das Verhältnis etwas. Das war, als George Papandreou in Griechenland Aussenminister war, und in der Türkei Ismail Cem (İpekçi). Cem war 97-02 Aussenminister, unter Yilmaz und Ecevit, Papandreou 99-04, unter Simitis (PASOK; später wurde er Ministerpräsident). Den beiden gelang es, etwas Bewegung in die festgefahrenen Beziehungen zu bringen. Es war/ist nicht nur Zypern…als Papandreou und Cem Abkommen in Athen unterschreiben sollten, hatte man das Problem dass es im Aussenministerium und anderen Gebäuden kaum Räume ohne Gemälde von Kämpfen mit Türken gab, vom Untergang Byzanz’, vom Unabhängigkeitskampf gegen die Osmanen,… Dieser Antagonismus hat die griechische Geschichte der letzten (mehr als) 500 Jahre geprägt. Und 1999 (im Februar) war noch die Verhaftung von PKK-Chef Abdullah Öcalan in Kenya, durch türkische Agenten mit israelischer Hilfe. Der Chef der kurdischen Miliz hatte von griechischer Seite Hilfe nach seiner Ausweisung aus Syrien 98 bekommen.173 Drei griechische Minister traten deshalb zurück, darunter Aussenminister Pangalos, dem Papandreou nachfolgte. Die linksextreme DHKP-C (Dev Sol) agierte auch zeitweise von Griechenland aus. Im selben Jahr die “Erdbeben-Diplomatie”, nach Erdbeben sowohl in Türkei als auch in Griechenland, gegenseitige Hilfe und Anteilnahme.174 Und im Dezember 99 zog Griechenland sein Veto gegen EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei zurück.

Man redete über die Grenzkonflikte in der Agäis. Anfang 2000 ein Staatsbesuch Papandreous mit Kranzniederlegung am Atatürk-Mausoleum in Ankara. Bald darauf der Gegenbesuch von Cem in Athen. Damals dürfte das Problem mit den fehlenden Prunkräumen ohne Gemälde von Gewalt mit Türken aktuell gewesen sein175, jedenfalls wurden damals und in den folgenden Monaten einige Abkommen unterzeichnet, betreffend wirtschaftliche, wissenschaftliche, kulturelle Zusammenarbeit, Verkehr (auch Schiffs-),… Cem, der aus einer Dönmeh-Familie kam, bekam den Ipekci-Preis für türkisch-griechische Freundschaft, gestiftet 1981 zu Ehren von Abdi Ipekci, einem Journalisten („Milliyet“) und Menschenrechtsaktivisten, der 1979 von Grauen Wölfen (darunter Mehmet A. Agca176) ermordet wurde.177 Ismail Cem war sein Cousin, ein Kemalist, aber ein liberaler (vielleicht sogar linksliberal) und engagiert für die Aussönung mit Griechenland, für Minderheitenrechte. Cem wechselte von der CHP zur SHP, dann zur DSP (Ecevit), gründete 02 die YTP. Nachdem diese bei Wahlen nicht gut abschnitt, brachte er sie in die CHP ein, in der Hoffnung, deren liberalen Flügel zu stärken. Das war kurz vor seinem Tod 2004, infolge einer Krebserkrankung.

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Die gegenwärtige Situation

Heute dürfte es etwa 2000 Griechen geben in der Türkei, in Istanbul (inklusive den Prinzeninseln) sowie auf Imbros und Tenedos, mit dem Patriarchen als Quasi-Führer/ Ethnarchen178, den Sondergruppen der Karamanlides-stämmigen, der Griechisch-Katholischen, der Zuwanderern aus Antiochia/Antakya unter ihnen. Auch ganz wenige griechische Staatsbürger dürfte es darunter noch geben in Istanbul. Und natürlich die Eftimisten/Türkisch-Orthodoxen, die den Weg der Anpassung an die türkische Gesellschaft gegangen sind. Es gibt aber auch jene (Türken), bei denen nicht die Zugehörigkeit zu einer christlichen (oder pseudochristlichen?) Gruppe an die “Wurzeln” erinnert (und auch nicht Name oder Sprache), Griechisch-Stämmige (oder ihre Nachfahren) die zu verschiedenen Zeiten den Weg der Assimilation beschritten haben und das eine oder andere Griechische behalten haben; auch ausserhalb Istanbuls.179 Und natürlich ist die kleine griechische Gemeinschaft auch sozial (nach Berufen), kulturell und politisch diversifiziert. Es wird sich zeigen, ob sie als solche bestehen kann.

Patriarch Bartholomäus ist inzwischen seit 28 Jahren Patriarch, hat damit Athenagoras überholt. In seine Zeit fiel bislang eine Zeit relativer Stabilität in den Beziehungen Griechenland-Türkei. Und der Übergang von der kemalistischen Republik zu einer islamischeren sowie die globale Islamkrise. Wobei: Es war die nationalistische Ergenekon-Organisation, die einen Anschlag auch auf Bartholomäus/Archontonis plante und die kemalistische Justiz, vor der sich der Patriarch 2007 verantworten musste – weil er an seinem traditionellen Titel als “Ökumenischer Patriarch” festhält. Und es waren die AKP-Regierungen, unter denen die Griechisch-Orthodoxe Kirche Immobilien zurückerstattet bekam. Archontonis hat sich markant zur Reziprozität von Moslems in Europa und Christen in der Türkei geäussert, im Zusammenhang mit dem geschlossenen Priesterseminar, dazu noch mehr. Für diese so kleine Gemeinschaft wird es jedenfalls immer schwieriger, einen würdigen Patriarchen in seiner Mitte zu finden.

Der Niedergang der Griechen in Istanbul/Konstantinopel wirkte sich auch auf ihre Presse aus. „Echo“ (Rombopoulos Vater und Sohn) und viele andere Zeitungen/Zeitschriften mussten eingestellt werden. Heute ist “Apogevmatini” (Απογευματινή) die letzte, sie erscheint täglich, seit beinahe 100 Jahren, wurde aber immer dünner und stand mehrmals vor der Einstellung. “Apogevmatini” wird wie zu ihren Anfängen von der Vasiliadis-Familie herausgegeben. Andere wichtige kontemporäre Personen der Istanbuler Griechen sind etwa Metropolit Apostolos Danilidis, einer der Mitarbeiter des Patriarchen in der Georgskirche. Bin mir aber nicht sicher, ob er der aktuellen Synode angehört. Dann soll es einen Universitäts-Professor namens Stepanopoulo(s) geben, der so etwas wie säkularer Führer dieser Gemeinschaft sein soll. Der Sänger Fedon Kalyoncu ist Sohn eines Griechen und einer Armenierin aus Istanbul. Die Philosphin Kucuradi ist auch eine jener, deren griechische Abstammung man nicht am Namen erkennt. Das gilt auch für den Fleischer Lazari Kosmaoglu, der in diversen Dokus über die Istanbul-Griechen vorgestellt wurde.

02 gewann in der Türkei also die Adalet ve Kalkinma Partisi (AKP) die Wahl, durfte die Regierung bilden, ist seither an der Macht, mit Recep T. Erdogan als starkem Mann (Minister-, nun Staatspräsident). Dieser Machtwechsel dürfte zum Ende der CHP/Militär-Republik führen bzw geführt haben. In vielen Bereichen (v.a. Streitkräfte, Justiz) blieb die kemalistische Hegemonie weit über 02 hinaus erhalten, änderte sich erst in den 2010er-Jahren etwas. Letzter Ministerpräsident/ Premierminister der CHP war übrigens Bülent Ecevit, 1978/79. Dieser war 99-02 auch letzter vor dem Machtwechsel zur AKP, diesmal als Politiker der DSP. Parteien wie DSP oder ANAP sind natürlich auch kemalistisch orientierte Parteien. Der Ausgleich mit Griechenland vollzog sich also vor und während dieses Wandels, wurde fortgeführt. Die Darstellung bzw Wahrnehmung der AKP und ihrer Politik im Westen ist in der Regel verzerrt. Vor allem ist es lächerlich bzw wahnwitzig, dem Kemalismus zu bescheinigen, er habe die Türkei als rechtsstaatlich-liberalen Staat aufgebaut, den diese “Islamisten” jetzt sabotierten. Das passt natürlich zum Geist der Zeit. An kemalistischen Parteien sind nur (noch) die CHP und die MHP von Belang. Die MHP wurde ja von A. Türkes gegründet nachdem er die CHP dafür kritisierte, vom nationalistischen Erbe Atatürks zu weit abgewichen zu sein. Sieht sich gewissermaßen als die wahren Kemalisten.

Die CHP hat neben dem nationalistischen auch einen liberalen Flügel, der nicht nur Leute wie Ismail Cem ansprach, sondern auch Angehörige christlicher Minderheiten. Wenn man so will, ist das Liberale dort ein Nationalismus des Territoriums bzw des Demos (der also alle türkischen Staatsbürger mit einschliesst), hegemonial ist aber der Ethno-Nationalismus, der “echte Türken” gegen solche mit Sub-Identitäten in Stellung bringt. Die AKP fordert(e) die CHP-Politik der Anlehnung an den Westen (zugunsten einer Hinwendung zur Region) wie auch jene der Vorherrschaft der West-Türkei über Anatolien heraus. Die MHP ist noch dezidierter gegen Minderheiten unter Türken (Kurden, Christen), “spielt” ausserdem mit einem Turanismus/Pantürkismus, bezüglich des Machtkampfes Anatolien gegen Westküste, Islam(ismus) gegen Nation(alismus), Orient gegen Europa, neue Eliten gegen alte, steht die MHP gewissermaßen in der Mitte. 2013 die Proteste gegen ein Bauprojekt im Gezi-Park beim Takism-Platz in Beyoglu/Pera, das mit der westlichste Teil Istanbuls ist (nicht geografisch) – und ein Viertel der Istanbuler Griechen war.180 Bei den (erfolgreichen) Protesten schlossen sich verschiedene Gegner der AKP-Politik zusammen.181

1964 bis 1996 gab es keine Minderheiten- (nichtmoslemischen) Abgeordneten im türkischen Parlament, dann kam der Jude Cefi Kamhi (DYP, bis ’99); 2011 wurde der syrisch-orthodoxe Erol Dora für die HDP gewählt. Mit der ersten Wahl 2015 kamen weitere hinzu und seither hat(te) das Parlament in jeder Legislaturperiode einige Minderheiten-Abgeordnete. Für die AKP, die CHP, die HDP (seit 2012 die aktuelle “Ausgabe” der Kurdenpartei). Das im Juni ’15 gewählte Parlament war wohl das ethnisch-religiös bunteste in der bisherigen Geschichte der Türkei, mit Armeniern, Kurden, Assyrern/Syrisch-Orthodoxen, Yeziden, Sinti, Mhallami,…und Alewiten, wie CHP-Chef Kilicdaroglu. Mit ihm hat der liberale Flügel in der CHP Oberhand, aber er steht unter Druck. Die Alewiten sind so ziemlich die einzige (nicht-sunnitische) Gruppe, die auch die MHP zu unterstützen bereit ist. Was sich auch geändert hat: Die meisten Minderheiten-Abgeordneten in früheren Zeiten waren männliche Istanbuler “Notabeln”. Inzwischen gibt es auch welche aus Anatolien, Frauen,…

Türkei-Griechen gab es keine im Parlament in den letzten Jahren; Ioannides (gewählt, 57-60 bzw) Laskari (ernannt, 61, Verfassungsversammlung) waren die letzten Griechen in parlamentarischen Versammlungen der Türkei. Es gab auch keine Kandidaten, auf den Listen der Parteien, so weit ich feststellen konnte. Weil sie inzwischen so eine kleine Minderheit sind, oder weil sie weiter diskriminiert werden? Ich glaube eher, ersteres, vielleicht auch, weil sie den Kopf weiter “tief halten” wollen. Die kleine griechische Minderheit ist kein Faktor mehr in der türkischen Politik, 2000 Angehörige, ein x-beliebiges Dorf in Anatolien hat mehr Einwohner… Nun ja, wenn es um das Chalki-Priesterseminar oder um den Patriarchen geht, bekommen sie doch Aufmerksamkeit. Jedenfalls: Dass Minderheiten wieder stärker im Parlament vertreten sind, hat mit viel der AKP-Politik zu tun, die entgegen dem über sie vorherrschenden Bild toleranter ggü Minderheiten ist als die kemalistischen Kräfte. Manche wurden auch auf ihren Listen gewählt. Auch der Konflikt mit der Kurden-Miliz PKK ruhte, 2013-15, ist aber wieder aufgeflammt.182

2008 absolvierte Konstantinos Karamanlis junior (Premier, ND) einen Staatsbesuch in der Türkei, besuchte Patriarch Bartholomäus in Istanbul und die türkische Staatsführung in Ankara. Die griechische Rechtspartei LAOS kritisierte den Besuch am Atatürk-Mausoleum in Ankara, dies sei so wie wenn ein israelischer Politiker ein Grab Hitlers besuche. Die LAOS (Λαϊκός Ορθόδοξος Συναγερμός, Laikós Orthódoxos Synagermós, Orthodoxe Volksversammlung) wurde 2000 vom Journalisten Georgios Karatzaferis gegründet, der zuvor in der ND aktiv war. 09 errang sie ihr bestes Wahlergebnis, 11/12 war LAOS in der Regierung von Papademos (PASOK), seit 12 nimmer im Parlament, von anderen Rechtsparteien überflügelt, im Zuge der Wirtschaftskrise. Im Grossen und Ganzen hat sich das griechisch-türkische Verhältnis aber in den letzten 20, 25 Jahren verbessert.

Erdogans, Papandreous, Theodorakis 2010 in Athen; Michael Theodorakis ist für griechisch-türkische Verständigung: https://www.tovima.gr/2019/08/13/international/famed-composer-mikis-theodorakis-issues-impassioned-plea-for-greek-turkish-understanding/

Einige Vertriebene sind auch in der neuen Heimat politisch aktiv geworden. Neoklis Sarris, ein Istanbul-Grieche, war Berater von Patriarch Athenagoras, nach seiner Auswanderung/Vertreibung war er in der griechischen Politik aktiv (Partei EDIK), blieb der griechisch-türkischen „Sache“ verbunden, u.a. bei Verhandlungen zwischen den beiden Ländern oder in einer akademischen Zusammenarbeit mit Ahmet Davutoglu, der dann türkischer Premierminister wurde. Bülent Arinç wiederum stammt von Türken, die aus Kreta ins Osmanische Reich gingen, um die Jahrhundertwende, und Griechisch sprachen, eine Sprache, die er selbst auch kann (von den Eltern lernte). 2009-15 war der AKP-Politiker Vizepremier. Der parteilose Dimitris Mardas (stammt aus Istanbul) kam unter Tsipras in die griechische Regierung.

Die Türkei, seit 1963 mit der EU-Vorgänger-Organisation assoziiert, wurde 1999 Beitrittskandidat, 2005 wurden Beitrittsverhandlungen aufgenommen. Einige Verbesserungen für die kleine griechische Minderheit sind im Zuge dessen zu Stande gekommen. So wurde etwa die türkische Verstaatlichung von Immobilien der Griechisch-Orthodoxen Kirche rückgängig gemacht. Nach einem Urteil des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs (EGMR) musste die Türkei 2012 das 1964 geschlossene und später enteignete Waisenhaus auf Prinkipos/Büyükada an das Patriarchat zurückgeben. Die Angabe der Religionszugehörigkeit in türkischen Personalausweisen wurde im Zuge des Beitritssprozesses geändert, scheint auf neueren Ausweisen nicht mehr auf (bleibt aber auf dem Chip gespeichert). Dies ist vermutlich im Sinne der meisten Nicht-Moslems; in der Türkei ist Religionszugehörigkeit (zB Rüm Ortodoks) noch immer mehr oder weniger gleichbedeutend mit der ethnischen Zugehörigkeit. Wenn dies auch nicht so gravierende Auswirkungen hat wie in Israel.

Unter Erdogan hat die Türkei aber auch, in den 2010ern, Besitz (Grundstücke oder Gebäude, also Immobilien) an religiöse Minderheiten bzw ihre Stiftungen zurückgegeben, ohne von europäischen Behörden dazu verurteilt worden zu sein. Gegen den Willen der CHP, den der MHP sowieso. Etwa Land auf der Insel Chalki an die Griechisch-Orthodoxe Kirche, benachbart zum geschlossenen Priesterseminar (zu dem auch ein Kloster gehört, das in „Betrieb“ ist). Auch wurde die armenische Achtamar-Kirche auf der Insel im Van-See renoviert. Anfang 2015 hat eine türkische Regierung erstmals seit der Gründung der Republik 1923 den Bau einer neuen Kirche genehmigt. Eine syrisch-orthodoxe Kirche soll im Istanbuler Stadtteil Yesilköy errichtet werden, der Bau begann erst kürzlich, nach langem Gerangel u.a. über die Finanzierung. Bisher sind in der Türkei Kirchen nur saniert oder wieder geöffnet worden.

In der Frage der Wiedereröffnung des Seminars auf Chalki hat sich unter der AKP auch etwas bewegt. Möglicherweise hat Erdogan, in Gesprächen mit griechischen Regierungsvertretern, die Sache mit der Eröffnung einer Moschee in Athen verknüpft. Moscheen in Athen (und anderswo in Hellas) wurden zur Zeit der griechischen Unabhängigkeit zerstört oder umgewidmet, heute gibt es nur im Gebiet der Westthrakien-Türken echte Moscheen in Griechenland. Und unechte bzw improvisierte, zB in Wohnhäusern, in Athen. Für die etwa 300 000 Moslems im Gross-Raum Athen, die Einwanderer sind; wahrscheinlich sind auch einige türkische Griechen aus Westthrakien und dem Dodekanes darunter, die in die Hauptstadt gezogen sind. Die Moscheen sind eben alle im Zuge der osmanischen Eroberung vom Byzantinischen Reich bzw dieser Herrschaft entstanden. Es gab zB die Reste der Fethiye-Moschee im zentralen Athen, die lange zweckentfremdet genutzt wurde; sie wurde renoviert, aber nicht um wieder Moschee zu sein, sie wird für kulturelle Ausstellungen genutzt.

Ein Bild der Moschee aus der Zeit knapp vor der Umwidmung

Im Athener Stadtteil Votanikos wurde aber eine neue Moschee errichtet, die bald “in Betrieb” gehen soll.183 Widerstand gegen den Bau kamen von Teilen der Kirche und rechtsgerichteten Organisationen, mit Unterstützung westlicher Islamophober. Die Frage der Reziprozität der Behandlung von Moslems hier und Christen dort ist im Grunde eine wichtige, und eine komplexe – entgegen den Befunden der Scharfmacher beider Seiten, etwa Douglas Murray. Einstweilen ist Athen noch die einzige Hauptstadt eines EU-Staats ohne Moschee – und Griechenland eines jener Länder der EU, die unter osmanischer Herrschaft standen, wie Bulgarien, Rumänien,… A propos Reziprozität: Im April 18 sagte Patriarch Bartholomäus/ Bartolomaios nach einem Treffen mit Präsident Erdogan und Premier Tsipras, dass das Seminar auf Chalki bald geöffnet werden würde.

Heuer im Februar hat Tsipras Chalki (und die geschlossene Hochschule) besucht, auch er sprach von der Wieder-Öffnung. Es gibt aber längst Engpässe bei Priestern unter den Griechen der Türkei, das Seminar ist ja seit bald 50 Jahren geschlossen… Geistliche aus Griechenland müssen bzw dürfen aushelfen. Da inzwischen auch die Zahl der 12 Bischöfe wackelt, die eines Tages einen neuen Patriarchen wählen müssen aus ihren Reihen, gibt es das türkische Angebot für Staatsbürgerschaft für ausländische (griechische) Bischöfe, um ihnen Wahlberechtigung zu ermöglichen (soll auch schon geschehen sein). Die Frage der Zukunft des Patriarchats ist eng mit der des Überlebens der Griechen in der Türkei verbunden, und beide mit der Wiederöffnung des Priesterseminars. In diesem Zusammenhang ist es lohnenswert, sich die Haltungen der CHP oder der (kemalistisch dominierten) Justiz zu dieser Frage anzusehen, die im Westen in der Regel als positive, “moderne” Alternative zu den “rückständigen Islamisten” der AKP gezeichnet werden.

Erdoğan sagte 2009, damals war er noch Premier, dass Angehörige von Minderheits-Völkern im Zuge ungerechter Maßnahmen vertrieben worden seien, und dies sei nicht zum Vorteil der Türkei gewesen. Ob er damit die im Zuge des Bevölkerungsaustausches ausgesiedelten Griechen meinte? Oder die zB im Zuge der Ereignisse von 1955 Emigrierten oder die 1964 Ausgewiesenen? Sein Verteidigungsminister Mehmet Gönul wiederum sagte vor einigen Jahren, die “Vertreibung von Griechen und Armeniern war ein wichtiger Beitrag zur Nationalstaatsbildung”. Ein türkischer Politologe entgegnete ihm, diese habe die Industrialisierung um mindestens 50 Jahre zurückgeschmissen. 2016 kritisierte Erdogan (nun Präsident) den Lausanne-Vertrag, weil damit die Zugehörigkeit fast alle Ägäis-Inseln zu Griechenland bestätigt worden war (auch jene direkt vor der kleinasiatischen Küste). Dies war zur Zeit von Streitigkeiten mit Griechenland um Seegrenzen; teilweise ergaben sich durch diese Inseln für die Türkei ungünstigere Grenzen als jene die das Seerecht für Gewässer vor der Küste eines Staates eigentlich vorsieht. 2014 tauchte ein weiterer Konflikt auf (GR-TR, aber auch TR-EU,…), nach dem Fund von Gasvorkommen vor Zypern. 2016 äusserte Recep Erdogan auch eine “Zuständigkeit” der Türkei für seine “Verwandten” in Westthrakien, Zypern, Krim (Tataren) und anderswo. Dies wurde in Griechenland auch negativ aufgenommen, wobei das Beachtenswerte hier eigentlich die Nennung der Krim-Tataren war, was die Ukraine oder aber Russland betrifft.

Unter Erdogan wurden aber auch topographische Türkisierungen, die von (v.a. spät-) osmanischer Zeit bis in die 1980er/1990er liefen, gestoppt und teilweise rückgängig gemacht. Alle Bezeichnungen, die auf einen nicht-türkischen Charakter von Land und Leuten hinwiese, sollten ausgelöscht werden. Erdogan, der der Istanbuler Unterschicht entstammt, von Eltern die vom Schwarzen Meer (Nordost-Anatolien) eingewandert waren, und die georgischer Herkunft sind, verwendete bei einer Rede die griechische Originalbezeichnung für den Herkunftsort der Eltern (Potamia). Sein langjähriger Weggefährte Abdullah Gül (Präsident 07-14) stammt aus Zentralanatolien, verwendete bei einer Rede in einem kurdischen Ort dessen ursprünglichen Namen. 2016 feierte die Türkei den 563. Jahrestag der osmanischen Eroberung von Konstantinopel, v.a. in der Stadt (Istanbul) selbst, mit Feuerwerk und Militärflugshow. Anschläge von PKK oder IS wurden befürchtet, gab es aber nicht. Die AKP bezieht das Osmanische Reich in ihre Geschichtspolitik mit ein; was Kemalisten ablehnen, dazu war dieses Reich zu multiethnisch, multikulturell, feudal,… Die MHP steht (auch) hier dazwischen. Die rechtsextreme griechische Partei Goldene Morgenröte erinnerte 2013 mit einem Fackelzug an die Eroberung und den damit verbundenen Untergang des zweiten Griechenlands, 560 Jahre zuvor.

Als sich das Scheitern des Putschversuchs in der Türkei im Juli 2016 abzeichnete, kaperten 8 Putsch-Offiziere einen Militär-Hubschrauber und flogen über die griechische Grenze nach Alexandroupolis (Ostmakedonien-Thrakien). Sie suchten dort um politisches Asyl an, was nach einigem Hin und Her bewilligt wurde. Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras lehnte einen “Tauschhandel” mit der Türkei zur Freilassung von zwei griechischen Soldaten ab (die beiden waren bei schlechtem Wetter in unübersichtlichem Gelände auf die andere Seite der Grenze geraten). Zugleich warf er dem Nachbarstaat heute vor, er entferne sich immer weiter von Europa. Neben diesen Offizieren sollen viele weitere Türken nach dem Putschversuch um Asyl in Hellas angesucht haben (unter anderen Umständen). Ob die Putschoffiziere ggü Griechenland eine so positive Einstellung hatten/haben…? Wenn man so will, tut sich da eine Querfront auf. 1920 setzten sich, nach dem Machtwechsel in Griechenland, einige venizelistisch gesinnte griechische Offiziere (General E. Zimbrakakis,…) nach Istanbul ab; wo es aber eine grosse griechische Volksgruppe und griechische Truppen gab, und das Osmanische Reich “entmündigt” worden war.

Auch war/ist in der westlichen Berichterstattung zum Putschversuch nicht selten eine Darstellung der Putschisten als “Opfer” festzustellen, der Niederschlagung als “illegitim”,… Die Militärputsche 1960 und 1980, die Absetzungen der Regierung durch das Militär 1971 und 1997184 sowie die Versuche dazu hauptsächlich in den 00er-Jahren (Ergenekon185, Balyoz harekati186,…) wurden (wie auch der Versuch ’16) von Offizieren ausgeheckt/durchgeführt, die sich als “Hüter der Republik” fühl(t)en und sich über demokratisch gewählte Politiker stellten. Bei diesen militärischen Eingreifen in die Politik wurden Nicht-CHP-Regierungen abgesetzt (oder sollten das werden), und die kemalistische Elite unterstützte diese Aktionen auch grossteils. Die Verfassungsreform nach der Volksabstimmung 2010 ermöglichte die Verfolgung der Verantwortlichen des Putsches von 1980 und die Aufarbeitung dieser Phase; der Prozess gegen Putschistenführer Evren (12-14) markiert das Ende jener Ära, in der die türkische Armee nach Belieben schalten und walten konnte und sich vor Niemandem verantworten musste. Als der Staatssekretär im deutschen Aussenministerium, Michael Roth, der „Welt“ sagte, Deutschland würde “Regierungskritikern” und “kritischen Geister” aus der Türkei Asyl gewähren, hat er keine Abgrenzung zu Putschanhängern und -beteiligten gezogen, und auch nicht jene Deutschen bedacht, die Türken par tout nicht wollen.

Griechischer Friedhof Sisli (Istanbul)

Von der Ergenekon-Verschwörung gab es auch eine Verbindung zur Türkisch-Orthodoxen Kirche. Ihr Gründer, Pavlos Karahisaridis/ Zeki Erenerol starb 1962. Von der Griechisch-Orthodoxen Kirche exkommuniziert, verweigerte ihm diese ein Begräbnis auf ihrem Friedhof im Stadtteil Sisli. Von Militär-Präsident Sunay abwärts setzten sich türkische Offizielle aber dafür ein, zwangen Patriarch Athenagoras quasi zu einer Einwilligung. Beim Begräbnis waren dann auch viele Abgeordnete und andere Repräsentanten des türkischen Staates anwesend. Sein Sohn Turgut Erenerol/ Yiorgos Karahisaridis setzte sein Werk fort, als “Patriarch Eftim II.”. Nach dessen Tod 1991 kam Selçuk Erenerol als Patriarch an die Reihe (Eftim III.), der zweite Sohn von Eftim I. und Bruder des II. Er trat 2002 aufgrund der Annäherung Türkei-Griechenland zurück, starb wenige Wochen danach. Es folgte ihm sein Sohn, nun Papa Eftim IV. (Ümit Erenerol). Dessen Schwester, Sevgi Erenerol, stand/steht der rechtsextremen MHP nahe, wurde für ihre Beteiligung an den Ergenekon-Plänen zu einer Gefängnis-Strafe verurteilt. Die Zahl der Anhänger der Türkisch-Orthodoxen Kirche liegt vermutlich im zweistelligen Bereich und dürfte nicht weit über die Familie Erenerol hinausgehen, sich vielleicht noch auf weitere freiwillig türkisierte Karamanli-Griechen erstrecken. Dem Patriarchat unterstehen in Istanbul drei Kirchen, in denen jedoch seit Jahren schon kein Gottesdienst mehr stattfindet.

Im Dezember 2017 wurde Erdogan der erste türkische Präsident seit 1952 der Griechenland besuchte. Dabei stellte er erneut den Lausanne-Vertrag in Frage, mit Verweis auf die türkische Minderheit in Griechenland, der Frage der Auswahl ihrer Muftis und ihrer Anerkennung nur als religiöse (nicht ethnische) Minderheit. Dabei verstieg sich Erdogan zur Behauptung, es gäbe keinerlei Diskriminierungen gegenüber Türken griechischer Herkunft. Auch die Seegrenzen in der Ägäis, ebenfalls in Lausanne geregelt, waren wieder ein Thema. CHP-Chef Kemal Kılıçdaroğlu aber kritisierte Erdoğan dann im Parlament über sein “Versäumnis”, die Angelegenheit von “18 besetzten Inseln” vorzubringen…seine Partei brachte die türkischen Namen von 156 Ägäis-Inseln und reklamierte sie als “türkisch”. Bezeichnend, die (zB bei der Bürgermeisterwahl in Istanbul kürzlich) im Westen so gelobten Kemalisten fahren eigentlich die nationalistischere Linie; nicht nur hier, auch gegenüber Kurden etwa.

Als Istanbul 2010 zur Kulturhauptstadt Europas ernannt wurde, wurden in der Hagia Sophia die islamische Übertünchung der Seraphen-Mosaiks rückgängig gemacht. Während des Ramadans 2017 organisierte das Religionsamt Diyanet zur Lailat al-Qadr in der ehemaligen byzantinischen Kirche ein islamisches Gebet, das im Staats-TV TRT übertragen wurde. Von der griechischen Regierung kam umgehend eine Stellungnahme, dass die Hagia Sophia ein Museum und UNESCO-Weltkulturerbe sei und diese Veranstaltung daher unpassend. Vor den Kommunalwahlen ’19 dann Meldungen, Erdogan wolle die Hagia Sophia in eine Moschee zurückverwandeln lassen. Bülent Arinc ist unter jenen AKP-Politikern, die dies unterstützen.

Istanbuler und kleinasiatische Griechen in der Diaspora gibt es natürlich hauptsächlich in Griechenland. Etwa 98% dieser Griechen (inklusive Nachkommen) sind heute in der Diaspora. Bei ihnen sind viele Charakteristika von Umgesiedelten zu beobachten, wie das Hochhalten spezifischer Bräuche in “geschützten”  Bereichen. Und darunter sind auch Bräuche, die in der Ursprungsheimat eigentlich jene der “Anderen” waren. Es gab/gibt Entsprechendes auch zB bei den Deutschen aus Schlesien in der BRD oder Juden aus Marokko in Israel. In Gegenden Athens mit hohem Anteil an Konstantinopolern, wie Palaio Phaliron und Kalamaki, hört man auch Junge gelegentlich mit einander auf Türkisch zu reden.

In Athen gibt es die (2006 gegründete) Ökumenische Föderation von Konstantinopolern187, Vorsitzender ist ein Nikolaos Ouzounoglou. Sie ist auch für die ausserhalb Griechenlands Lebenden “zuständig”. Erzbischof von Amerika waren mehrmals Griechen aus Istanbul oder Kleinasien, so wie auch der jetzige. Petros Markaris ist Sohn eines Armeniers und einer Griechin aus Istanbul, wurde als Bedros Markarian geboren. Besuchte die österreichische Schule in dieser Stadt, studierte Volkswirtschaft in Wien und Stuttgart. Ein Teil der Familie übersiedelte 1954 nach Athen, Markaris/Markarian erst 1964. Er gehörte aufgrund seines Vaters eigentlich zu den Armeniern Istanbuls, war wohl türkischer Staatsbürger, wurde in Griechenland griechischer. Dort begann er mit dem Schreiben.188

Noch ein wenig zum Patriarchat und zur orthodoxen Kirche. Dem Patriarchen untersteht direkt die orthodoxe Kirche in Istanbul und Teilen Griechenlands (darunter der Berg Athos) sowie (umstritten) in der “Diaspora” (Länder die keine autokephale orthodoxe Kirche haben). Er hat Ehrenvorrang über die anderen alten orientalischen Patriarchate, also jene von Alexandria, Antiochia, Jerusalem.  Dem Patriarchat von Antiochia unterstehen die Orthodoxen im Hatay, dem von Jerusalem die orthodoxen Palästinenser. In Palästina/Israel gibt es Konflikte zwischen dem Patriarchen (z. Zt. “Theophilos III.”, Illias Giannopoulos) und den palästinensischen Gläubigen. Dabei ging es v.a. um Land-Verkäufe an Israelis. Dies ging so weit, dass die orthodoxen Palästinenser ihrem Patriarchen die Anerkennung entzogen. Vor der Autokephalie der orthodoxen Landeskirchen (in Osteuropa) wurden auch diese von griechischen Klerikern (Metropoliten,…) geleitet, nicht von Einheimischen.

Ein viel ge-wichtigerer Streit innerhalb der orthodoxen Kirche ist jener zwischen dem Patriarchat von Konstantinopel und der Russisch-Orthodoxen Kirche, der sich an der Frage der Autokephalie der Kirche in der Ukraine entzündete. Zwischen Istanbul und Moskau kam es in der Post-SU-Zeit mehrmals zu Streits. Als das „Ökumenische Patriarchat“ aber 2018 der Loslösung einer Ukrainisch-Orthodoxen Kirche189 von der Russisch-Orthodoxen zustimmte (als Zwischenschritt zur Autokephalie die dann 2019 kam), brach die Russisch-Orthodoxe Kirche mit Konstantinopel. Die zwei wichtigsten orthodoxen Kirchen, die griechische und die russische, sind also miteinander zerstritten. Einen ähnlichen Zwist wie in der Ukraine gibt es in Belarus/ Weissrussland, auch dort spiegelt dieser den politischen wieder, zwischen den Kräften die Anlehnung oder aber Abgrenzung von Russland wollen.190

Was Nordmakedonien/Nordmazedonien betrifft, wie die Ex-YU-Teilrepublik seit 2018 heisst, dort gab es keinen Kirchenstreit (den führt die orthodoxe Kirche des Landes mit der serbischen) mit Griechenland, aber einen politischen – der sich hauptsächlich eben um den Staatsnamen drehte. Während das Verhältnis Griechenlands zu Serbien gut ist (zumindest wird das immer wieder demonstriert), gibt es zu den slawischen, orthodoxen Nachbarländern Bulgarien und Nordmakedonien Probleme. Ende des 19., Anfang des 20. Jh kämpften Griechen, Bulgaren (zusammen mit den Slawo-Makedoniern) und Serben um Teile des noch osmanischen Makedoniens. Auch um Teile Thrakiens waren Griechen und Bulgaren ja Konkurrenten. Der Metropolit von Kastoria, Germanos Karavangelis, hat in Makedonien damals (im Namen der Griechen) mit Türken gegen Bulgaren und Slawo-Makedonier zusammen gearbeitet. Er ist eine Hassfigur für bulgarische und nordmakedonische und albanische Nationalisten. In Nord-Makedonien gibt es auch eine griechische Minderheit; sie soll sich hauptsächlich aus den Nachfahren Jener zusammensetzen, die im Griechischen Bürgerkrieg als Flüchtlinge kamen, sowie aus Aromunen/Walachen die als Griechen deklariert wurden.

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Betrachtungen

Das Oströmische Reich wurde, unter Herakleios, zum Byzantinischen Reich, einem griechischen, das zweite Griechenland, geprägt durch das orthodoxe Christentum und die Stadt (Konstantinopolis). Das Römische Reich hatte natürlich auch Einiges vom alten Hellas übernommen bzw gelernt, genau so wie die Makedonier zuvor. Vielleicht hätte das Osmanische Reich auch in ein griechisches umgewandelt werden können, vor dem Beginn der Unabhängigkeit griechischer Gebiete Anfang des 19. Jh. (siehe Weithmann, oben). „Plethon“ (Georgius Gemistus), ein Philosoph im späten Byzanz (er starb 1452, im westlichen Griechenland) erlebte die osmanischen Eroberungen von Teilen des Reichs und damit dessen Untergang mit (er war auch Berater von Kaisern und Despoten). Plethon sah den Zusammenbruch des Byzantinischen Reichs als Bestätigung der Überlegenheit des antiken Griechenlands mit seinen Kulten und Philosophien (besonders der Platonismus hatte es ihm angetan) über das christliche Byzanz. Griechenland solle an seine Kultur der Antike mit einem Polytheismus anknüpfen, ausserdem Elemente des persischen Zoroastrismus inkorporieren.

Die orthodoxe Kirche (mit dem Patriarchen von Konstantinopel an der Spitze) blieb aber als Erbe von Byzanz, wurde unter türkisch-osmanischer Herrschaft noch wichtiger für die Griechen. In der neugriechischen Identität nimmt das byzantinische Erbe einen wichtigeren Platz ein als das antike, “heidnische” Griechenland (in der westlichen Sicht auf Griechenland ist es umgekehrt). Jene Griechen, für die Religion wichtig ist, sind meist kulturell eher in Ost-Europa zu Hause, orientieren sich oft an Russland, sind gerne anti-westlich und anti-orientalisch/-islamisch. Und nicht selten sind solche Neu-Orthodoxe auch Linke. Im Byzantinischen Reich haben Griechen jedenfalls über Andere (Nicht-Griechen) geherrscht, wie es Türken (und zu Türken gewordene) im Osmanischen Reich taten. Und, nicht-orthodoxe Christen wurden in Byzanz unterdrückt, v.a. die monophysitischen Kirchen (Kopten, Syrisch-Orthodoxe, Armenisch-Gregorianische,…) – diese waren die grösste religiöse Minderheit.

Ob es (zB) in Istanbul/Konstantinopel unter osmanischer Herrschaft eine moslemisch-christliche Koexistenz (nicht ganz gleichbedeutend mit türkisch-griechisch) oder sogar Symbiose gab, darüber kann man vermutlich lange diskutieren. Der Übergang zur Republik Türkei machte für Minderheiten Manches besser und Vieles schlechter. Das letzte Jahrhundert des Osmanischen Reichs war diesbezüglich eigentlich ein besonders Schlimmes, und leider gelang die Reform des Osmanischen Reichs oder die Gründung der Türkei auf Grundlage der liberalen jungtürkischen Ideologie nicht. Nach Gebietsabtretungen an die Nachbarn Griechenland und Armenien und der Besetzung durch Westmächte (1918 – 1923) setzte sich ein resoluter, intoleranter Nationalismus durch, und eine starke Stellung des Militärs im Staat, das als Löser innerer und äusserer Probleme herangezogen wird oder die Initiative ergreift. Der Islam blieb in der Türkei wichtig, aber nicht als Weg zur spirituellen Erlösung, sondern als nationales/ethnisches Definitionsmerkmal. Auch in der Region Südbalkan-Ägäis-Kleinasien-Levante haben Nationalismen im 19. und v.a. 20. Jh Menschen und Länder getrennt – auch wenn viele Probleme dort schon früher begannen. Im 20. Jh wurden Thrakien, Banat, Tirol, Schlesien, Bukowina,… auseinander gerissen, verbunden mit Vertreibungen.191

Als die Griechen zu Beginn des 19. Jh begannen, ihre Gebiete vom Osmanischen Reich unabhängig zu kämpfen, gab es kein klares definiertes “Endziel”. In vielen Vorstellungen und Wünschen schwirrte die Eingliederung von Konstantinopel sowie gewisser kleinasiatischer Gebiete (wie Smyrna und Umgebung) herum, als synchrone Verwirklichung der Megali Idea und Auflösung des Osmanischen Reichs. Es gab aber auch ein Miteinander von Griechen und Türken und jene, die das erhalten wollten. Nach dem Beginn 1821-1830 wuchs Griechenland langsam, um die Jahrhundertwende nahm es dann allmählich Formen an. Kurz vor und nach dem 1. WK tat sich noch etwas zum Vorteil Griechenlands, in Europa. Dann aber der Griff nach Konstantinopel/Istanbul und kleinasiatischen Gebieten, während das Osmanische Reich unterging. Griechenland kam (1922/23) an seine Grenzen an statt zum krönenden Abschluss seines Wachsens. Und die Griechen Kleinasiens kamen nicht nur nicht (dauerhaft) unter griechische Herrschaft, sie mussten auch ihr Land verlassen.

Der Krieg den Griechenland 1920 in Anatolien/Kleinasien begann, war wahrscheinlich ein Fehler (im doppelten Sinn, auch weil er nach hinten los ging), aber aus türkischer Sicht begann die Aggression bereits 1919, als griechische Truppen in (osmanische) Gebiete einrückte, die dem Land international (zunächst als Besatzungsgebiete) zugesprochen wurden. War dann auch die Inbesitznahme des in Neuilly 1919 zugesprochenen West-Thrakien (das einige Jahre bulgarisch gewesen war) falsch? Es war die Politik Griechenlands und der Griechen im besetzten Osmanischen Reich in diesen Jahren, die (u.a.) auf die in der Türkei gebliebenen Griechen (jene in Istanbul) dann zurückfiel. Die Entstehung der Türkei ist auch nicht zu trennen von dem Krieg gegen Griechenland, der die wichtigste Front des Türkischen Unabhängigkeitskriegs war; aus türkischer Sicht gab es damals einen nationalen Überlebenskampf. Smyrna/Izmir 1922 ist hier nur der Abschluss einer Verteidigungsaktion. Der türkische Nationalismus (in seiner kemalistischen Ausprägung und in “extremeren”) war/ist die Reaktion auf die spätosmanischen Entwicklungen, mit den “Unabhängigkeitskriegen” als Angelpunkt. Alles im Land unter eigene Kontrolle bringen war/ist dabei ein zentrales Anliegen – nicht zuletzt das kosmopolitische Istanbul/Konstantinopel.

Die Megali Idea nach 1923? Die griechischen Unabhängigkeits-/Enosiskriege gingen von 1821 bis 1922, mit dem Lausanne-Vertrag war das Anliegen eigentlich “gestorben”. Im 2. WK besetzte Griechenland den Nord-Epirus, der rasch wieder verloren ging. Der Dodekanes kam wie erwähnt 1947 zu Griechenland, die letzte Grenzänderung. In den 1950ern wurde Zypern aktuell, ist es bis heute. In der Ägäis gibt es einige Grenzstreitigkeiten mit der Türkei, hauptsächlich um unbewohnte Inselchen sowie um mit Nutzungsrechten verbundenen Seegrenzen. Der Streit mit dem nunmehrigen Nord-Makedonien (die Ex-YU-Republik) war einer um den Staatsnamen und damit möglicherweise verbundene Ansprüche (der Slawo-Makedonier), aber in Griechenland werden/wurden keine Ansprüche auf das Nachbarland (in dem es auch nur eine sehr kleine griechische Minderheit gibt) erhoben. Die rechtsextremistische Goldene Morgenröte (Chrysi Avgi, CA) bekennt sich aber zur Megali Idea, mit Berufung auf das antike und mittelalterliche Erbe Griechenlands. Die anderen Rechtsparteien, LAOS und EL (Elliniki Lisi), scheinen hier näher an der Realität zu sein.192

Die jetzt türkischen Gebiete Ost-Thrakien, Ionien, Pontus, Kappadokien, sowie südlich und östlich des Marmara-Meeres sind historisch griechisch und heute Griechen-frei. Ostthrakien oder Izmir haben für Griechen eine Bedeutung wie Schlesien oder Westpreussen für Deutsche, besonders natürlich für jene, deren Vorfahren von dort stammen. Und Istanbul mit seinen restlichen Griechen ist nicht nur ein Diaspora-Gebiet von Griechen (so wie es zB auch Israel/Palästina welche gibt), es ist für manche Griechen auch ein Irredenta/Enosis-Gebiet (wie zB Zypern). Auch in Istanbul/Konstantinopel gibt es natürlich auch Spuren griechischen Lebens ohne griechische Anwesenheit, verfallene Häuser, Friedhöfe, Kirchen,… aus vielen Jahrhunderten.193 Und es gibt Türken mit griechischen Wurzeln, seit dem Beginn der Kontakte, dem späten Mittelalter, sind Griechen unter Türken aufgegangen, Manche haben etwas bewahrt; Cem Özdemirs Vater etwa ist Tscherkesse, aus der ländlichen Gegend um Ankara, die Mutter aber Halb-Griechin aus Istanbul (hat das Pogrom 55 erlebt).

Zwei der Nachbarn Griechenlands, Türkei und Albanien, “haben” also historisch griechische Gebiete, die anderen zwei, Nordmakedonien und Bulgarien, kleinere griechische (autochthone) Minderheiten. Mit Zypern hat Griechenland keine gemeinsame Grenze, aber dort gibt es eine griechische Bevölkerungsmehrheit, auch wenn man nicht nur das von der Republik kontrollierte Gebiet zählt, sondern die ganze Insel, also auch den türkischen besetzten Teil. Zypern: ein zweiter griechischer Staat (Stammland) oder griechische Diaspora? Manches erinnert an Deutschland und Österreich, auch der eigene Charakter den Zypern hat. Zur griechischen Diaspora gehören zum Teil (an die Italiener) assimilierte Griechisch-Stämmige in Süd-Italien (u.a. Grecia salentina), Griechen in der Levante (hauptsächlich nördliches Ägypten, Libanon, Israel/Palästina), in Russland und früher russisch beherrschten Gebieten (Ukraine, Armenien, Moldawien, Georgien,…), am Balkan (v.a. Rumänien), im Westen (USA, Deutschland, Canada, Frankreich, Australien, GB,…). Heute leben etwa 12 Millionen Griechen in Griechenland und auf Zypern, und etwa 7 Mio. Griechen der Diaspora (inklusive ehemals griechische Gebiete).

In einer Stadt wie Wien gibt es heute mehr Griechen als in Istanbul, dem ehemaligen Konstantinopel, aber nichtsdestotrotz war Istanbul Zentrum des zweiten Griechenlands, wurde von Griechen gegründet und geprägt, sie haben dort eine (andere) Verwurzelung. Griechen waren im Osmanischen Reich schon die “Erben” des eroberten Byzanz, in der Türkei gibt es an Roumoi/Rumlar nur noch die “Konstantinopolitaner” (Istanbul-Griechen) die immer weniger wurden, sowie die Imbrioten und Tenedioten. Es ist nicht nur die Millet-“Mentalität”, die auch in der Türkei die Beziehungen zwischen Moslems und “Anderen” bestimmt, die hier schlagend ist, es sind ja auch “Angehörige des Feindes”, was Griechenland eigentlich in dieser Zeit nach dem 1. WK wurde. Hat etwas von den Russen in Lettland (die aber ein Drittel der Bevölkerung ausmachen), den Palästinensern unter direkter israelischer Herrschaft (den “israelischen Arabern”), den Franzosen die in Algerien nach dessen Unabhängigkeit blieben (wobei: Frankreich war dort Kolonialmacht, die Franzosen eben Siedler, die Griechen in der Türkei sind dagegen eine autochthone Volksgruppe), Juden in arabischen Ländern nach 1948 (v.a. jene in Ägypten), die Kosova-Serben seit 2008, Indianer in der USA, Afrikaaner in Südafrika nach der Apartheid194, Deutsche in Osteuropa nach 1945, Südtiroler in Italien zeitweise, die Grönland-Dänen, Serben in Kroatien nach 1995, die Azteken in Neuspanien, oder Hindus in Pakistan.

Moslems 1947 von Indien nach Pakistan

Nach der Unabhängigkeit und Teilung Britisch Indiens gab es einen ungeregelten Bevölkerungs-Transfer (oder -Austausch), Hindus und Sikh zogen aus Pakistan nach Indien, Moslems von dort nach Pakistan (Mohajiren genannt), jeweils etwa 5 Millionen. Diese Wanderungen bieten sich als Analogie für den Griechisch-Türkischen Bevölkerungsaustausch statt, ausserdem die Aussiedlung der “Volksdeutschen” aus Osteuropa nach dem 2. WK (wo der “Verkehr” aber praktisch nur in eine Richtung ging), die Vertreibung der Palästinenser durch die Nakba 1947-49 im Zuge der Gründung “Israels” (wird manchmal aufgerechnet gegen die Mizrahis, die ebenfalls durch den Zionismus entwurzelt wurden). Man kann darüber dikutieren, wem der türkisch-griechische “Austausch” mehr nutzte, und auf welcher Seite mehr Grosszügigkeit (in der Behandlung der Gebliebenen) war. Es wurde ja auch mehrmals ein Austausch bzw eine Ausweisung der verbliebenen Griechen in der Türkei (inklusive des Patriarchen) und der Türken in Griechenland angedacht. Eine Auslöschung der Einen droht auch ohne dem; durch den demografischen Niedergang der Griechen in der Türkei. Der natürlich eine Folge der geschilderten Behandlung ist. Es spielte eine grosse Rolle, dass sie in der wichtigsten Stadt des Landes leben, die Türken in Griechenland aber in der Peripherie.

Die Istanbul-Griechen sind vom Aussterben bedroht – an diesem Ort. Nicht die Griechen an sich oder diese 2000 als Menschen, es geht um die Istanbul-Griechen der Zukunft, ob es sie geben wird. Wie die Palästinenser im Jordan-Tal oder die Banater Schwaben oder die Juden in Ägypten – durch Auswanderung und Assimilation könnten sie schon überleben, in anderer “Form”, an anderem Ort. Wie es oft in der Geschichte vorkam – die Awaren oder Illyrer zB wurden ja nicht ausgerottet, sie sind in Südslawen, Ungarn,… aufgegangen. Die Babylonier sind arabisiert worden, viele Karelier russifiziert,… Sudetendeutsche gibt es im betreffenden Land (heutiges Tschechien) kaum noch welche, aber in Bayern, et cetera. Buddhisten gibt es keine mehr in Afghanistan, sie sind einst zum Islam übergetreten. Sollte Kiribati durch den weltweiten Anstieg des Meeresspiegels infolge des Klimawandels195 wirklich “untergehen”, würde es zu grossen Evakuierungsaktionen kommen – wobei Klimaflüchtlinge von dort schon an die “Türen” anderer Staaten klopfen.

Bei den Khoisan im südlichen Afrika wiederum ist ihre Kultur/Lebensart vom Aussterben bedroht. Griechen in Istanbul oder Kleinasien oder Ostthrakien…wie Löwen in Persien/Iran oder Nordafrika, um in die Tierwelt zu gehen. Es gibt natürlich eine Wechselwirkung zwischen der Lage der letzten Griechen Istanbuls und ihrem Prominentesten, dem Patriarchen. Beide waren den Wechselfällen des Verhältnisses der Türkei mit Griechenland ausgesetzt; in Zeiten eines guten Einvernehmens der beiden Länder (wie die 1930er, die frühen 1950er,…) war der türkische Staat ihnen ggü tolerant, während zu Zeiten der Spannungen (1920er, 1955, 1964,…) Repressalien meist nicht lange auf sich warten liessen, die Sicherheit dieser Griechen weg war und Auswanderungsströme entstanden.

Man kann das (türkische) Argument lesen/hören, in der Türkei gäbe es 50 Minderheiten, all die Interessen seien eben nicht leicht zu vereinen,… Aber wieviele davon sind autochthone? Nicht-moslemische? In der Türkei gibt es auch eine Indifferenz gegenüber der Diversität des Islams im Land: Innerhalb des türkischen Islams ist natürlich der sunnitische hegemonial, und darin die hanafitische Schule; die sunnitischen Kurden folgen mehrheitlich der schafiitischen. Daneben gibt es eben noch 12er-Schiiten, Alewiten,… Die Alewiten können als ethnoreligiöse Gruppe (es gibt Theorien über sie, etwa als Nachfahren der Hethiter), als Religion (hauptsächlich von Kurden), als Sondergruppe innerhalb des Islams oder als unterdrücktes Proletariat gesehen werden. Der alewitische Bektaschi-Orden wurde unter Atatürk ebenso verboten wie sunnitische Orden wie jener der Mevlevi. Mustafa Kemal Atatürk wird aber auch im Westen meist unkritisch als “progressiver und säkularer Vater der modernen Türkei” und ähnlich gesehen… Fikret Adanir schrieb über den Untergang des Osmanischen Reichs, dieses hatte wahrscheinlich (bzw bestand aus) zu viel Staat und zu wenig Gesellschaft; für die Türkei gilt das vermutlich auch. Und, was Föderalismus betrifft, hatte das OR wahrscheinlich noch mehr als die TR!

Es gibt zwischen Türken und Griechen natürlich auch Begegnungen und Interaktionen in ihren Diasporen, ob in der Ex-SU, am Balkan, im Westen oder in der Levante. Was letztere betrifft: Türken sind zT in (den ebenfalls sunnitischen) Arabern (bzw Arabisierten) aufgegangen, zT haben sie ihre Identität bewahrt. So etwas hat es zwischen orthodoxen Griechen und Arabern auch gegeben… Chrysosthomos Kalafatis, der orthodoxe Erzbischof von Smyrna/Izmir, das prominenteste griechische Opfer der türkischen Einnahme der Stadt und ihres Umlandes, wurde von seinen Neffen überlebt, von denen einer, Yannis Elefteriades, der Hinrichtung seines Onkels beiwohnte. Der ging in den damals französischen Libanon, wo seine Nachfahren heute noch leben, darunter der Künstler Michel Elefteriades. Mit dem Ende der griechischen Herrschaft über Smyrna wurden die Griechen aus Kleinasien herausgedrängt, die Anderen erst danach, durch den Bevölkerungsaustausch. Was diese Familie betrifft, war der “Hinausschmiss” der Griechen aus Asien bzw der Levante nicht gelungen.

In Deutschland arbeitete Günter Wallraff (der sich auch gegen die Militärdiktatur in Griechenland sowie für die türkischen Kurden engagiert hat) 1983-85 als türkischer Gastarbeiter „Ali Levent Sinirlioğlu“ bei verschiedenen Unternehmen, unter anderem bei McDonald’s und Thyssen, was er in dem Buch “Ganz unten” (85 erschienen) beschrieb. Besonders im Thyssen-Stahlwerk traf er auf viele (echte) Türken – denen er vormachte, er sei Türke aus Griechenland, der nur Griechisch konnte.196 In Fatih Akins “Gegen die Wand” gibt es die Tötungsszene infolge einer Provokation mit “Eine Türkin griechisch ficken”, in “Soul Kitchen” (wo es viele Anspielungen auf “Gegen die Wand” gibt) stellt er ein von Griechen betriebenes Restaurant (wiederum in Hamburg) in den Mittelpunkt, arbeitete dabei mit Adam Bousdoukos zusammen. Der Migrationsforscher und Autor Mark Terkessidis setzt sich gegen Rassismus gegen Einwanderer ein, und die Anfeindungen gegen ihn beweisen, dass er dabei etwas richtig macht.

Nach Canada ging (über die Zwischenstation Frankreich) Dimitri Kitsikis, ein griechischer Wissenschafter, der über Turkologe und Sinologe forscht und lehrt, sich mit Geopolitik beschäftigt. Er hat den Hellenotürkismus wieder belebt, im Sinne der Idee eines gemeinsamen Staates von Türken und Griechen, als Reinkarnation des Byantinischen/Osmanischen Reichs. Hellenotürkismus bezeichnet eigentlich zwei Konzepte: das einer Zusammenarbeit und gegenseitigen Abhängigkeit von Griechen und Türken seit dem Auftauchen der Türken in Anatolien im 11. Jh197; und die Bestrebung einer Art Zusammenschluss von Griechenland und Türkei. Byzanz am Anfang und das Osmanische Reich ca 1000 Jahre später hatten fast die idente Ausdehnung. Kitsikis (sein Sohn wurde Hindu) lehrte auch in Istanbul (lernte dabei den späteren türkischen Premier Davutoglu kennen), war auch ein Freund und Berater des türkischen Präsidenten Özal!

Kitsikis sieht die alewitische Religion als eine Art Symbiose aus (oder Verbindung zwischen) orthodoxem Christentum und Islam. Dies wurde auch schon im Spätmittelalter von einem byzantinisch-griechischen Philosophen, Georgios Trapezuntios, so gesehen. Dieser hat die osmanische Eroberung von Rest-Byzanz (am Ende war Byzanz das was es am Anfang war, die Stadt198) erlebt, schickte dem osmanischen Sultan Mehmet eine Huldigungsbotschaft. Und: Die im Spät-Mittelalter in Kleinasien entstandene Religion ist tatsächlich ein Synkretismus aus dem sunnitischen Islam der Seldschuken und Osmanen sowie anderen Konfessionen und Religionen der Region, vom schiitischen Islam über orthodoxen Christentum bis zum Zoroastrismus. Den Ausgang des türkische Verfassungsreferendum 2017 bejubelte Kitsikis, pries Erdogan. Vor diesem Hintergrund ist es noch verwirrender, dass (wie bekannt wurde) er bei der griechischen Wahl 2015 die rechtsextreme Goldene Morgenröte/ Chrysi Avgi unterstützte…

Die Anhänger einer griechisch-türkischen Zusammengehörigkeit lösen die türkische Zivilisation aus islamischen und zentralasiatischen Kontexten, die griechische aus osteuropäischen und orthodoxen. Die Idee einer Symbiose, Allianz, Kon-Föderation oder sogar eines gemeinsamen Staates dieser Völker (bzw ihrer Staaten) gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder, etwa in den frühen 1950ern. Der damalige orthodoxe Patriarch „Athenagoras“ sah auch eine gemeinsame Bestimmung von Griechen und Türken über Jahrhunderte hinweg, obwohl sie harte und destruktive Kriege gegen einander führten. Dabei hat er, zB 1955, immer wieder das Gegenteil eines brüderlichen Nebeneinanders erlebt. Istanbul war in Athenagoras’ früheren Patriarchen-Jahren noch der Ort der Überschneidung von Türkentum und Griechentum.

Kulturelle Gemeinsamkeiten der beiden Völker gibt es nicht zuletzt beim Essen. Tassos Boulmetis hat das im Film „Zimt und Koriander“ (2003) mit thematisiert. Der griechische originale Filmtitel ist “ΠΟΛΙΤΙΚΗ κουζίνα”, in lateinischen Buchstaben “POLITIKI kouzína”, was durch unterschiedliche Betonungen (bzw ein diakritisches Zeichen) sowohl “Küche Konstantinopels” als auch „politische Kocherei“ bedeuten kann. Es geht um eine grossbürgerliche Familie in Athen, die aus Istanbul stammt, wo noch der Grossvater der Hauptfigur lebt, die Vergangenheit, das griechisch-türkische Verhältnis,… und das Kochen. Erinnerungsarbeit ohne Revanchismus. Bei der Geschichte des Verhältnisses von Türken und Griechen stösst man auf den Rashomon-Effekt, eine Sache sieht aus der einen oder anderen Perspektive ganz anders aus. Des Einen Sieg war in dieser Geschichte meist des Anderen Katastrophe. Bezüglich Zypern und des Verhältnisses Griechen-Türken dort gibt es den Film “Our Wall”.

„Alexis Sorbas“ in dem 1964 verfilmten Roman von Nikos Kazantzakis:

„I have done things for my country, that would make your hair stand. I have killed, burned villages, raped women. And why? Because they were Turks or Bulgarians! That’s the rotten damn fool I was. Now I look at a man, any man, and I say he is good, he is bad. What do I care if he’s Greek or Turk? As I get older, I swear by the bread I eat, I even stop asking that. Good or bad? What is the difference? We all end up the same way: food for worms.“

Nun noch zum Westen und Griechenland/Türkei. Bundespräsident Christian Wulff hatte 2010 kurz nach dem Erscheinen von Thilo Sarrazins “Deutschland schafft sich ab” in einer Rede anlässlich 20 Jahre deutsche Einheit das Thema Islam, Zuwanderer aufgegriffen. Sprach dabei über das Verständnis von Deutschland, über die “christlich-jüdische Geschichte”, sagte am Ende “Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“, womit er Springer und viele Andere gegen sich hatte. Wenig später besuchte Wulff (mit Bettina) die Türkei, sprach im Parlament in Ankara, über Integration in Deutschland und Religionsfreiheit in der Türkei („das Christentum gehört zur Türkei“).

Dann ein ökumenischer Gottesdienst in der Paulus-Kirche (die normalerweise ein Museum ist) in Tarsus bei Mersin (Kilikien). Es gibt dort keine christliche Gemeinde mehr, es reisten der syrisch-orthodoxe Bischof Gregorius M. Ürek aus Adiyaman an, der armenisch-gregorianische Patriarch Aram Atesyan aus Istanbul, Holger Nollmann von der deutschen lutherischen Kirche in Istanbul, Vertreter der griechisch-orthodoxen Kirche,… Diese Geistlichen zelebrierten den Gottesdienst zusammen, Ürek rezitierte das Vaterunser auf Aramäisch, der Sprache des Urchristentums – in Anatolien, von wo aus sich das Christentum verbreitete. In Medien-Statements nahm Wulff (der danach noch Patriarch Bartholomäus in Istanbul traf) auch für die Wiederöffnung des Priesterseminars auf Chalki Stellung, zollte der Erdogan-Regierung Respekt für ihre Reformen.

Zur Frage der Reziprozität (Christen dort; Moslems hier) am Ende noch etwas. Zu Zeiten des Kalten Kriegs jedenfalls hätte ein westdeutscher Politiker diese Thematik nie angesprochen, die Türkei für ihre Rolle an der Südost-Flanke der NATO gerühmt und den Kemalismus gepriesen. Ablehnung für Wulffs Aussagen/Politik kam in Deutschland zB von Matthias Matussek im “Spiegel”. Bei Wulffs Rede in der Türkei hätte es Ablehnung gegeben, gibt Innenminister Friedrich recht (der anscheinend die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland bestritt), der Islam sei kein Teil der historisch-religiösen DNA Deutschlands, die weiterhin christlich sei. Als ob Wulff oder ein türkischer Politiker das bestritten hätte; wenn so etwas jemand bestreitet, dann (vorgeblich) linksliberale Deutsche wie die Leute der Giordano-Stiftung, mit ihrer neoliberalen Religionskritik.

Matussek stellte positive europäische „Spiegelungen“ von islamischer Kultur, darunter Goethes Bezugnahme auf Hafez, moslemischen Subkulturen im heutigen Deutschland (wie er sie „wahrnimmt“), Geschlechterunterdrückung, Bomben gegenüber, brachte den osmanischen Angriff auf Österreich 1683 höhnisch-demagogisch als “Beginn der christlich-moslemischen Freundschaft”. Der inzwischen “identitär” gewordene Matussek wollte sich nicht mit als “progressiv” verstandenen Inhalten/Einstellungen anlegen (zB Homsexuellen-Ehe, die er sicher ablehnt), er wollte ja die ganze Rückständigkeit “dem Islam” umhängen, dem der Westen in seiner ganzen Pracht ggü stünde. Matussek, der in einem Nebensatz Sarrazin verharmloste bzw in Schutz nahm, vermischt(e), im Zuge seiner Rechtswendung, Religion und Rasse, Geschichte und Gegenwart, es ist von jemandem wie ihm nicht zu erwarten, nicht-weisse Christen als ebenbürtig zu betrachten.

Der Westen hat die CHP-Republik jahrzehntelang unterstützt, und wie, und man sieht den Kemalismus noch immer als fortschrittlich und besten Weg für dieses Land. Es werden auch gerne unkritisch Vorwürfe von Kemalisten übernommen, etwa wenn diese der AKP die Bezugnahme auf die osmanische Geschichte vorwerfen – ohne zu fragen, was eigentlich die Alternative dazu ist. Und wofür die Kemalisten sonst noch stehen. Leute im Westen, die sagen dass sie an der Lösung von gewissen Problemen die Türkei betreffend interssiert sind, tun sich zusammen mit jenen, die Urheber dieser Probleme sind und Gegner ihrer Lösung, gegen den bösen Erdogan. Beispiel: das griechisch-orthodoxe Priesterseminar auf Chalki, 1971 nach der Militärintervention in die türkische Politik durch die (bis heute kemalistisch dominierte) Judikative geschlossen. Unter Kilicdaroglu ist der (rezessive) liberale Flügel der CHP etwas zur Geltung gekommen, aber man kann getrost davon ausgehen, dass in dieser Partei die Gegnerschaft zur Wiedereröffnung des Seminars stark hegemonial ist…199 In der AKP sieht das anders aus, und es hat sich auch etwas bewegt diesbezüglich (s.o.). Ja, und das Militär ist ja das “Rückgrat der türkischen Demokratie” – sagte Shimon Peres, der ja auch zB Johannes Vorster oder Ilham Alijev hofierte.

Oder: Ömer Ş. Asan, ein türkischer Volkskundler, Fotograf und Autor aus Trabzon/Trapesunt, hat ein Buch veröffentlicht, “Pontos Kültürü” (Die Kultur des Pontus), eine Studie über die Sprache und Kultur der griechischsprachigen Moslems (Hemshinli) der Schwarzmeerregion, von der er stammt. Nach Protesten nationalistischer türkischer Kreise gegen das Buch verfügte das Staatssicherheitsgericht200 in Istanbul 2002 ein (Verkaufs)verbot der Neuauflage. Asan und sein Verleger Ragıp Zarakolu wurden ausserdem nach dem “Anti-Terror-Gesetz” angeklagt. Durch die Abschaffung des betreffenden Artikels (“separatistische Propaganda”) wurden sie freigesprochen. Oder: Seit 1933 müssen Schüler in den Schulen morgens einen Eid sprechen, auch die Minderheiten-Schulen in Istanbul. 1972 wurde das besonders nationalistische und ausschliessende “Ne mutlu Türküm diyene” in den Eid aufgenommen. Dieser wurde 2013, von einer AKP-Regierung abgeschafft,  als Teil eines Demokratie-Pakets. Die kemalistische Judikative (der Staatsrat) ordnete 2018 die Wiedereinfühtung an. Das ist der “Säkularismus”, “Laizismus”, den der Kemalismus so hoch hält.

xxx.eurasiareview.com/27072018-turkey-turns-on-its-christians-analysis, über die Lage von Christen in Kleinasien, Kontantinopel,… und was sich beim Übergang vom Osmanischen Reich zur Türkei und nach dem Ende (?) der kemalistischen Türkei für sie veränderte. „The end of World War I saw the expulsion of more than a million Greeks, and the position of the dwindling Christian community only somewhat improved in Mustafa Kemal Atatürk’s secularist republic. Yet while Kemalist Turkey paid lip service to the equality of its non-Muslim minorities, the AKP unabashedly excludes these groups from Turkey’s increasingly Islamist national ethos.“ Dass es für Griechen, Armenier, Aramäer,… in der Republik besser ging als im Osmanischen Reich und unter Erdogan wieder ganz schlecht, dieser “Befund” passt dazu, dass sie auf die Umstände der Ausweisung (nach 1. WK) gar nicht eingeht. Und: Die Autorin zitiert Pipes, Hirsi, Voice of America, missbraucht Akcam, Shafak,… Der Artikel stammt aus dem “Middle East Quarterly” (meforum.org) des Likud-Historikers Efraim Karsh. Nuff said, eigtl. Wenn man ihren Namen (Anne-Christine Hoff) googelt, stellt man fest, dass sie auch bei counterislamist.org oder ruthfullyyours.com (was nahe beim Gatestone Institute ist) schreibt.

Wenn man über das Pogrom 1955 im IT Informationen sucht, stösst man auf viele Texte/Seiten (seleducatedamerican.com, wnd.com, factsoffaith.org,…) eines US-Amerikaners namens Bill Federer, möglicherweise ein Evangelikaler, jedenfalls ein Islamophober, der die Ereignisse 1955 ausschlachten will. In Deutschland werden auch generelle Ressentiments gegen Türken in Engagement für Minderheiten oder Erdogan-Kritik gekleidet. Für die Springer-Medien war Deniz Yücel sogar ein „deutscher Journalist“.201 Verkehrsminister A. Scheuer, der langjährige Assistent (GS) von Seehofer, griff Erdogan wegen “übelster Hetze gegen Israel” an. Die Israel-Verteidigung ist ein probates Mittel für Rechte zur eigenen “Reinwaschung”. Das sind die, die dann für Saudi-Arabien eine Lanze brechen… Für C. Schüller, ORF-TR-Korrespondent (von Russland versteht er mehr) scheint auch Israel-Kritik Erdogans schlimmste Sünde zu sein; in seiner TV-Doku über die “letzten Christen der Türkei” stellte er deren Situation auch falsch dar.

Oder die Hysterie, als Erdogan in Wien auftrat (im Rahmen einer UETD-Veranstaltung), etwa von Putin-Freund Strache („Wien darf nicht Istanbul werden“), S. Kurz („kein Respekt vor dem Gastland“), orf.at („gibt sich gemäßigt“). Die in einer Zeitung vorgestellte kemalistische türkische Demonstrantin gegen ihn („Bin für eine moderne Türkei“) hätte gefragt werden sollen, was sie genau unter “modern” versteht – ? mehr Nationalismus, die Vorherrschaft einer Elite über Anatolien, Orientierung am Westen, Parteienverbote durch das Verfassungsgericht, Putsche durch das Militär, die Anklage von Menschen wegen “Beleidigung des Türkentums” oder “separatistischer Tendenzen”, die Gängelung von Minderheitenschulen,… Aus einem Artikel der Antiimperialistischen Koordination (AIK, Wien): “Seit Jahren macht man Erdoğan nun von westlicher Seite seinen Autoritarismus zum Vorwurf. Dieser Vorwurf ist inhaltlich schon richtig. Aber trotzdem ist er von Seiten des Westens die pure Heuchelei…Dass die türkische Demokratie, soweit sie existiert, ausschließlich der AKP-Regierung zu verdanken war, dass die Kemalisten in Wahlen nie eine Mehrheit errangen, fällt unter den Tisch…Die Menschenrechtspolitik der Türkei spielte keine Rolle”

Ein türkischer Kritiker von AKP/Erdogan ist ein „Stratos202 Moraitis“, der schreibt dass er Sohn eines “heimlichen” Griechen und einer Tscherkessin ist, in Izmir (dem früheren Smyrna) lebt. Er machte türkiye.blog, turkishdiaries, theglobetimes.com, stratosmoraitis.blogspot, ist nun anderswo als IT-Journalist und -Übersetzer aktiv. Auf theglobetimes hat er einmal angerissen, wie die griechische Herrschaft über Smyrna/Izmir 1919-22 aussehen hätte sollen/können, gerechter gegenüber den Nicht-Christen. Dies hätte vermutlich auch eine(n) andere(n) Rückstoss/Reaktion gebracht. Was sich im Kontext der neueren türkisch-griechischen Geschichte sonst lohnen würde, alternativgeschichtlich angerissen zu werden? Zum Beispiel, wenn der Sevres-Vertrag realisiert worden wäre. Voraussetzung dafür wäre ein anderer Verlauf der Kriege Anfang der 1920er. Etwa der zwischen den kemalistischen und griechischen Truppen (20-22) > Gordion 21. Dazu wurde auch hier spekuliert. Im türkischen Kontext wird das so ähnlich gesehen wie Matussek über 1683 schrieb, als die Türken vor Wien standen und “Europa zitterte” was nun passieren würde.203 Oder 1974, als es einen Krieg zwischen den beiden Staaten hätte geben können.

Der deutsche Historiker Stefan Ihrig, der an der Universität Haifa ist, beschäftigt sich u.a. mit “Atatürk als Hitlers Vorbild“, hat sich auch des Armenier-Völkermords angenommen. Ob er sich auch mit der deutschen Mitwirkung beim osmanischen Genozid an den Armeniern auseinander setzt, oder mit der nazideutschen Herrschaft über Griechenland? Ob ihm Nihal Atsiz etwas sagt? Dieser türkische Ultra-Nationalist war einer jener Rechten/Nationalisten (die es gerade im deutsch-österreichischen Raum auch zuhauf gibt), die Juden verachten und Israel bewundern. Der Autor Cevat R. Atilhan war ein türkischer Antisemit, Kemalist und Turanist, nicht Islamist. Relevant in diesem Zusammenhang ist auch Moise Cohen (später Munis Tekinalp), ein osmanischer/türkischer Jude (eigentlich vom Balkan), er unterhielt Kontakte zu den Jungtürken-Führern, legte mit die Basis für die Zusammenarbeit Türkei-Israel. Er wandte sich Kemalismus und pan-türkischen Nationalismus zu, überzeugte damit auch Ziya Gökalp, der ein Zaza-Kurde war.

Die Namensänderung war Ausdruck dessen, er trat für die “Türkisierung” der türkischen Juden ein; war während des 2. WK auch von der Vermögenssteuer betroffen, starb in Frankreich. Corry Guttstadt schreibt über türkische Juden, Türkei und Holocaust,… Tja, was bedeutet(e) es konkret, zB in diesem Kontext, für den “Orient”, dem Westen zu folgen? Wen gab es denn in den 1920ern, den sich ein Atatürk als Vorbild nehmen sollte aus dem Westen? Etwa USA-Präsident Woodrow Wilson, der gegenüber der afroamerikanischen Minderheit eine rassistische Politik betrieb, Rassentrennung aufrecht erhielt? Von daher ist es nicht so verwunderlich und absurd, dass Kemal/Atatürk Teile des faschistischen italienischen Rechtssystems für die Türkei übernahm. Es ist ja etwas, was auch heute erwartet wird, dass sich die Türkei am Westen orientiert… Erinnert an das Umweltbewusstsein, das man diesen Völkern ausgetrieben hat im Zuge von Verwestlichungen, dann abverlangt(e).

Was die Deportationen und Massaker an den Armeniern im 1. WK in Anatolien betrifft, es gab dort schon einen Realkonflikt (wenn man so will, ein Aspekt des Kriegszustandes des Osmanischen Reichs mit dem Russischen an der Kaukasusfront), und das ist ein Unterschied zu den Massentötungen an Juden im 2. WK. Aus türkischer Sicht (und Türken agierten damals symbiotisch mit den Kurden) gab es einen Kampf um die Existenz. Israel und seine Helfer (v.a. in der USA) haben der Türkei viele Jahrzehnte geholfen, dass der Genozid nicht als solcher anerkannt wird; das war Teil des Bündnisses TR-IL. Als sich, unter Erdogan, dieses Bündnis auflöste, änderte sich auch die diesbezügliche zionistische Politik…204 Im Rahmen der türkisch-israelischen Zusammenarbeit half Israel der Türkei auch bei der Bekämpfung der PKK, wurde auch PKK-Chef Öcallan verhaftet. Schliesslich sah man die Kurden irgendwie als “Palästinenser der Türken”.205 Heute ist ein “Bündnis” zwischen Zionisten und Kurden gerade en vogue, gegen alle möglichen “Feinde”. Zum “Entsetzen” von vielen “Kemalisten”, unter denen es ganz grosse Israel-Fans gibt. Die jüdische amerikanische Anti-Defamation League (ADL) hat auch, aus Verbundenheit mit Israel, deren Haltung zum Armenier-Genozid mitgetragen, dann geändert. Ihr langjähriger Chef Abraham Foxman, der Silvio Berlusconi 2003 mit einem Preis auszeichnete (als Freund Israels), hat den griechischen Patriarchen Bartholomaios in Istanbul getroffen; irgendwann im frühen 21. Jh, unter den nunmehrigen Vorzeichen.

Noch eine Verbindung gibt es hier: Der Verfall des kosmopolitischen Charakters von Jerusalem/Quds seit 1967, und von Istanbul/Konstantinopolis seit 1923. Das griechisch-orthodoxe Patriarchat in Jerusalem/Quds mit Sitz in der Grabeskirche liegt in der Altstadt im Osten der Stadt der 1967 zu Israel kam. Damals kamen sowohl dieses Patriarchat als auch die restlichen Teile Palästinas unter israelische Herrschaft. Das Patriarchat soll für orthodoxe Palästinenser da sein, muss andererseits mit dem zionistischem Staat auskommen. Die Patriarchen sind wie erwähnt in der Regel Griechen, 1957 bis 1980 war dies der in Bursa/Brussa als Vasileios Papadopoulos geborene Benedikt(os) I. Der ökumenische Patriarch Athenagoras besuchte Jerusalem 1964, traf dort Papst Paul VI.; damals wurden die gegenseitigen Ex-Kommunikationen vom Schisma 1054 zurückgenommen. Dieser Papst besuchte den Patriarchen (Athenagoras) dann im Juli 1967, als erstes Oberhaupt der katholischen Kirche seit mehr als 1250 Jahren.

Über das Verhältnis zwischen Griechenland und dem Westen, insbesondere Deutschland, ausführlich in diesem Artikel. Die Wahrnehmung Griechenlands als Retter oder aber Zerstörer des Abendlands… Einiges darüber soll aber hier dargelegt werden. Griechenland wurde (retrospektiv!) für “Westisten” ein Schutzwall für Europa gegenüber “asiatischen Horden”. Durch seine Kriege mit Persien und den Türken/Osmanen. Griechen-Perser-Kriege gab es eigentlich in 3 Auflagen: die von den Achämeniden im frühen 5. Jh vC unternommenen Versuche, von (“ihrem”) Kleinasien206 aus das (damals auf Europa beschränkte) Griechenland der Stadtstaaten zu erobern, was misslang. Diese Schlachten von Marathon, Thermopylai, Salamis, Plataiai,… sind eigentlich “die Perserkriege”. In Delphi wurden später kostbare Weihegeschenke zum Angedenken an den Sieg geweiht, wie eine Schlangensäule, die später nach Konstantinopel gebracht wurde, am römischen Hippodrom aufgestellt wurde;

Etwa 150 Jahre später, im Zeitalter des Hellenismus, der erfolgreiche Angriff der makedonischen Griechen unter Alexander auf Persien, das damals in Kleinasien begann, die Achämeniden wurden nun entmachtet. Die griechische Herrschaft setzte sich unter den Seleukiden fort, bis die parthischen Arsakiden Persien frei kämpften – die parthisch-seleukidischen Kriege (hauptsächlich in und um das “eigentliche” Persien) sind eventuell als eigene Kategorie von Griechen-Perser-Kriegen zu sehen; Auf die Parther folgten in Persien die Sassaniden, Griechenland wurde römisch und aus Ostrom wurde ja Byzanz. Sassanidisches Persien und Byzantinisches Reich bekämpften einander im frühen Mittelalter (s. o.). In Kleinasien/Anatolien, wo sich Byzantiner und Osmanen dann meist gegenüberstanden, bekämpften Griechen und Perser einander also auch gelegentlich.

Ach ja, und als Persien von den moslemischen Arabern erobert wurde, war Byzanz auch Retter des Abendlands, zB in den Augen von Berthold Seewald von “Die Welt” 2010: xxxx://www.welt.de/kultur/article6618004/Die-Supermacht-die-Europa-vor-den-Arabern-rettete.html. “Hätte Byzanz sich als Großmacht nicht behauptet, würden wir heute vielleicht Arabisch sprechen.”, so der Springer-Journalist. Byzanz wurde aber von den “Franken” entscheidend geschwächt (4. Kreuzzug), und bald nach dem endgültigen Fall von Byzanz ging(en) Europas Blick und Verkehrswege nach Amerika. Europa bzw der Westen stand nie geschlossen bzw engagiert hinter Griechenland, nicht als dieses unter osmanischer Herrschaft stand und auch nicht, als es um seine Unabhängigkeit kämpfte. Mit dem Staatskonkurs um 2010 waren die Griechen für Koutofrangoi wieder die faulen Südländer statt die Retter des Abendlands.

Auch in der österreichischen “Die Presse” wurden arrogant und zeitgeistig Kontinuitäten hergestellt: xxxx://diepresse.com/home/zeitgeschichte/4779914/Koenig-Ottos-Erben_Die-Pleitengeschichte-der-Hellenen. Der Flüchtlingsansturm nach West-/Mittel-/Nordeuropa aus Afrika, Asien ab Mitte der 10er lief zu einem grossen Teil über Türkei und Griechenland. Berthold Seewald schreib 2015 den Artikel „Geschichte vor Tsipras: Griechenland zerstörte schon einmal Europas Ordnung“: Griechenland habe schon im 19. Jahrhundert die nach dem Wiener Kongress geschaffene europäische „Friedensordnung“ zerstört, dies wiederhole sich nun. Ein Grund dafür sei, dass die Griechen in Wirklichkeit gar keine Griechen seien. Seewald deckte auf: „Die Vorstellung, dass es sich bei den Griechen der Neuzeit um Nachfahren eines Perikles oder Sokrates handeln würde und nicht um eine türkisch überformte Mischung aus Slawen, Byzantinern und Albanern, wurde für das gebildete Europa zu einem Glaubenssatz. Dem konnten sich auch die Architekten der EU nicht entziehen. In seinem Sinne holten sie das schon 1980 klamme Griechenland ins europäische Boot. Die Folgen sind täglich zu bestaunen.”207

Übrigens, Thilo Sarrazin nimmt ja in seinem Deutschland-Abschaff-Buch “Balkanesen” zu den Muselmanen dazu; Juden hebt er positiv hervor. Da ich das Buch nicht gelesen habe (und dies auch nicht tun werde), weiss ich nicht, inwiefern er Griechen darin erwähnt hat. Aber der Schritt scheint ein kleiner zu sein… Auch Griechen werden gelegentlich mit Ziegen “in Zusammenhang gebracht”, waren immer wieder eine Art Vorhut des “schrecklichen Orients”. Das neue Griechenland war von Anfang an Westeuropa orientiert/gebunden (in Folge  der Entstehung durch Herauslösung vom Osmanischen Reich) – obwohl der Nationalcharakter eigentlich “breiter” ist.

Türken, Griechen…und Ziege

Im Kalten Krieg waren Griechenland und Türkei in den Westen eingebunden. Und während der Westen den nationalistischen türkischen Kemalismus unterstützte, wurde einem Türken wie Nazim Hikmet (Ran) keine Chance gegeben. Hikmet, im frühe 20. Jh im damals osmanischen Saloniki geboren, mütterlicherseits europäischer Herkunft, war Kommunist (ging dann in den Ostblock); als in den 1950ern auf Zypern Spannungen zwischen Griechen und Türken immer grösser wurden, rief Hikmet die türkische Minderheit auf, den Kampf der griechischen Zyprioten um die Unabhängigkeit der Insel von GB zu unterstützen, glaubte daran, dass die beiden Volksgruppen zusammen leben konnten. Aber im Kalten Krieg hat der Westen ja auch Islamisten unterstützt, und was Saudi-Arabien betrifft, gilt das noch immer, auch in der Post-9/11-Welt.

Im Kampf der Kulturen verlor Hellas mit seiner Wirtschaftskrise Ansehen und “Kredit”… In Österreich etwa waren/sind Strache/FPÖ (die Serben/Orthodoxe umwerben, akzeptieren, als positiven Gegenpol zu Islam/Moslems) gegen Türkei in der EU ebenso kantig wie gg. Griechenlandhilfe. Manche mussten den Widerspruch zwischen dem vorgeblichen Geschichtsbewusstein und dem eigennützigen, engstirnigen Vorgehen in ihrem Neo-Westismus begründen. 2015 in der “Welt” Tadel von Seewald für die unfolgsamen Griechen, „Griechenlands mittelalterlicher Systemfehler. Das Fehlen von Renaissance, Reformation, Aufklärung oder Säkularisation gehört zu den Traditionen der orthodoxen Welt. Das fördert Vorbehalte gegen den Westen und drängt Griechenland zu Russland.“ Man vergleiche mit Matussek oben… Nach dem Untergang von Byzanz entkamen aber viele griechische Gelehrte nach Westeuropa, mit Büchern, die auf Latein übersetzt wurden, was die Renaissance mit bewirkte! Manche Griechen (und Neo-Philhellenen) schieben alles Schlechte (Korruption,…) in Griechenland auf die osmanische Herrschaft, lagern dieses als “orientalisch” aus. Die Vorgängerstaaten des Osmanischen Reichs waren hauptsächlich Byzanz sowie diverse moslemische Reiche (die davor grossteils auch byzantinisch gewesen waren), Traditionen wurden hier übernommen.

Als im März 18 bei einem Spiel in der griechischen Fussball-Liga zwischen PAOK Saloniki und AEK Athen PAOK-Präsident Iwan Savvidis (ein aus Georgien stammender Grieche) nach einem nicht gegebenen Tor für “sein” Team bewaffnet das Spielfeld stürmte, kamen von Westisten Fingerzeige auf unzivilisierte Orientale/Südländer oder aber auf „Verweichlichte“/“Gutmenschen“ in den eigenen Reihen bei Bewunderung für „unverdorbene Wehrhaftigkeit“ und Ähnlichem… Henryk Broder steht ja eigentlich für die zweite Schule, solche wie Savvidis sind doch noch undegenerierte, un-verweiblichte Männer, die zu ihren Werten und ihrer Kultur stehen, wie es sie im Westen nur noch selten gibt, oder? Auch in den anglokeltisch dominierten Ländern USA, Australien, Canada,… werden (dorthin ausgewanderte) Griechen nicht immer als Weisse/Westler genommen, eher als Südländer/Orientale. Wie sich zB am Präsidenten-Wahlkampf in der USA 1988 zeigte, als der griechisch-stämmige Michael Dukakis gegen George Bush senior antrat. Oder bei den anti-griechischen Krawallen in Toronto 1918.

Zurück zu den letzten Griechen von Istanbul. Es ist leicht, Diskriminierungen von Minderheiten anderswo zu thematisieren, und das geschieht auch oft, um Andere als zurückgeblieben und unzivilisiert hinzustellen und von Anderem abzulenken. Und ja, es gibt jene, die die Türkei jetzt auf dem “Weg in eine Diktatur“ sehen, aber Verachtung für Türken an sich haben. Ethnisch-sprachlich-religiöse Minderheiten haben in der Regel Assimilationsdruck, das Militär (der Wehrdienst) ist fast immer ein Ort der Diskriminierung, der Zugang zum öffentlichen Dienst ist für Minderheiten schwieriger, es wird ihnen die Loyalität zu einem Staat abverlangt, mit dem sie u. U. schlechte Erfahrungen gemacht haben,… Die schwierige Rolle der Griechen in der Türkei ergab sich aus ihrer Vergangenheit als Staatsvolk im Vorvorgängerstaat, ihrer prominenten Stellung im Vorgängerstaat, dem Streben Griechenlands nach Vereinigung mit griechischen Gebieten, die schliesslich auch einige umfassten, die die Türken als unabdingbar für sie auffassen.

Am Ende des Artikels schliesst sich ein Kreis, wir kommen zurück zum römischen Kaiser Konstantin. „Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Konstantin zwar dafür berühmt ist, als Kaiser den Grundstein für die Christianisierung Europas gelegt zu haben, aber nie darauf hingewiesen wird, dass seine Begeisterung für die neue Konfession einen Preis hatte: Sie beeinträchtigte die Zukunft des Christentums im Osten erheblich. Es stellte sich die Frage, ob die Lehren Jesu Christi, die bereits tief in Asien Fuss gefasst hatten, imstande waren, eine entschlossene Herausforderung zu überstehen.“ Schreibt Peter Frankopan in “Licht aus dem Osten”. Die staatliche römische Übernahme des Christentums die Konstantin I. einleitete, behinderte seine Ausdehnung im Osten, das war hauptsächlich (das sassanidische, zoroastrische) Persien, da es nun mit dem Römischen Reich assoziiert wurde. Das hat in mehrerer Hinsicht mit Griechen und Türken zu tun, auch weil es einen Staat gibt der so etwas wie Schutzmacht der Griechen in der Türkei ist. Oder weil Konstantin das spätere Byzantinische Reich mit prägte. Oder, weil das Christentum in Rom im Zuge dieser Entwicklung mehr und mehr zu einer nationalen Klammer wurde anstelle von etwas Spirituellem – wie der Islam in der Republik Türkei! Und, das Christentum ist eigentlich asiatisch, theologische Basis waren west- und zentralasiatische Religionen (auch der Zoroastrismus); und es wurde von/in Rom zunächst verfolgt.

Georgskirche (Patriarchat) Istanbul

Zum Abschluss noch Mal zur Reziprozität Christen Orient – Moslems Westen. Patriarch Bartolomaios hatte Recht, als er, im Zusammenhang mit dem geschlossenen Priesterseminar sagte (klagte), in Europa gibt es 40 bis 50 Millionen Moslems und die 2000 Griechen in der Türkei dürfen nicht einmal ihre Priester ausbilden. Mit dieser Frage der Wechselseitigkeit habe ich mich im Frankreich-Algerien-Artikel befasst, wo doch heraus kommt, dass die Sache etwas komplexer ist, als es zunächst erscheint. Auch weil die Moslems im Westen in der Regel Einwanderer sind, Christen im Orient aber meist Einheimische, und weil Europäer in ihrer Kolonialgeschichte nicht-weisse Christen eigentlich nie als gleichrangig gesehen und behandelt haben. Auch nicht jene Christen von anderswo, die als Einwanderer nach Europa kamen/kommen. Bartolomaios ist mittlerweile länger als Athenagoras Patriarch, man wird sehen was nach ihm kommt.

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Literatur & Links

Alexis Alexandris: The Greek Minority of Istanbul and Greek-Turkish Relations 1918-1974 (1992)

Steven Runciman: The Great Church in captivity: a study of the Patriarchate of Constantinople from the eve of the Turkish conquest to the Greek War of Independence (1985)

Vally Lytra (Hg.): When Greeks and Turks Meet: Interdisciplinary Perspectives on the Relationship Since 1923 (2014)

Dimitri Kitsikis: De la Grèce byzantine à la Grèce contemporaine (1970)

Ioannis Grigoriadis: Instilling Religion in Greek and Turkish Nationalism: A “Sacred Synthesis” (2013)

Georgios Theotokis, Aysel Yildiz (Hg.): War and Conflict in the Mediterranean (2018)

Huw Halstead: Greeks without Greece: Homelands, Belonging, and Memory amongst the Expatriated Greeks of Turkey (2018)

Dimitri Gondicas, Charles Issawi: Ottoman Greeks in the age of nationalism: politics, economy and society in the nineteenth century (1999)

Umut Özkirimli, Spyros Sofos: Tormented by history: nationalism in Greece and Turkey (2008)

Ioannis Zelepos: Die Ethnisierung griechischer Identität 1870–1912. Staat und private Akteure vor dem Hintergrund der „Megali idea“ (= Südosteuropäische Arbeiten. Band 113, 2002) Zugleich: Dissertation Freie Universität Berlin, 2000

Bruce Clark: Twice a stranger: How mass expulsion forged modern Greece and Turkey (2006)

Benjamin C. Fortna, Stefanos Katsikas, Dimitris Kamouzis, Paraskevas Konortas (Herausgeber): State-Nationalisms in the Ottoman Empire, Greece and Turkey: Orthodox and Muslims, 1830-1945 (2012)

Dilek Güven: Nationalismus und Minderheiten. Die Ausschreitungen gegen die Christen und Juden in der Türkei vom September 1955 (2012)

Gülen Göktürk: Clash of Identity Myths. In the Hybrid Presence of the Karamanlis (2009). Masterarbeit Central European University Budapest, 2009

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Evangelia Balta: Karamanlı Yazınsal Mirasının Ocaklarında Madencilik (2019)

Maria Eliades: Leaving Istanbul. In: The Puritan, Fall 2017. Essay einer griechischen Amerikanerin, die einige Jahre in Istanbul lebte (wo die Hälfte ihrer Vorfahren her stammt), auch an der Bogazici-Universität lehrte; sie arbeitet an einem historischen Roman über Griechen im Istanbul der 1950er

Yüzde 100 yerli: Karamanlılar ve Hay-ho(u)ro(u)mlar. Über die Hayhurum und die Karamanlides, auf Türkisch

Ömer Asan: Pontos Kültürü (1996)

Dimitri Kitsikis: Türk-Yunan İmparatorluğu. Arabölge gerçeği ışığında Osmanlı Tarihine bakış (1996)

Ariana Ferentinou: How will Mitsotakis handle relations with Turkey? (Hürriyet)

Nihal Esen: Kurucu Meclis Çalismalarinda Çanakkale Gazisi Bir Rum: Kaludi Laskari. In: Rahmi Doğanay, Ahmet Çelik, Fatih Özçelik (Hg.): Rifat Özdemir’e Armağan (2018)

Lucian N. Leustean (Hg.): Eastern Christianity and Politics in the Twenty-First Century (2014)

Servet Mutlu: Late Ottoman Population and it’s Ethnic Distribution

Ηλίας Βενέζης: Το Νούμερο 31328 (1924/1931). Elias Venezis (Mellos) stammte aus dem Umland von Smyrna (Ionien), die Familie floh im 1. WK nach Lesbos, kehrte mit dem Einzug der griechischen Armee 1919 nach Ionien zurück. Nach der Einnahme der Gegen durch die kemalistischen Truppen kam Mellos in eine Arbeitsbrigade, was er in diesem autobiografischen Buch (verfilmt 1978) schilderte. Während der deutschen Besetzung Griechenlands wurde er wieder gefangen genommen

Yannis Hamilakis: Indigenous Hellenisms/Indigenous Modernities: Classical Antiquity, Materiality, and Modern Greek Society. In: George Boy-Stones, Barbara Graziosi, Phiroze Vasunia (Hg.): The Oxford Handbook of Hellenic Studies (2009)

Ernest Hemingway: In our time (1925). Hemingway war als Kriegs-Berichterstatter für eine kanadische Zeitung im Osmanischen Reich in seinen letzten Zügen unterwegs, seine Beobachtungen flossen in diese Kurzgeschichten-Sammlung ein (dt. „In unserer Zeit“, 1932)

Über das Pogrom von Istanbul 1955

Özgür Kaymak: İstanbul’da Az(ınlık) Olmak: Gündelik Hayatta Rumlar, Yahudiler, Ermeniler (2017)

Samim Akgönül: Türkiye Rumları: Ulus-Devlet Çağından Küreselleşme Çağına Bir Azınlığın Yok Oluş Süreci (2007)

Yakup Kadri Karaosmanoglu: Yaban (1932). In dem Roman (dt. “Der Fremdling”) geht es um die Zeit des Umbruchs nach dem 1. WK

Judith Herrin: Byzanz. Die erstaunliche Geschichte eines mittelalterlichen Imperiums (2013)

Sevan Nisanyan: Die falsche Republik (1994)

Jeffrey Eugenides: The Burning of Smyrna (Kurzgeschichte, 1998)

Lois Whitman: Denying Human Rights and Ethnic Identity: The Greeks of Turkey (1992, Human Rights Watch)

Rifat Bali: Model Citizens of the State: The Jews of Turkey during the Multi-Party Period (2012)

Andrew Mango: Remembering the Minorities. In: Middle Eastern Studies
Vol. 21, No. 4, Politics and the Academy: Arnold Toynbee and the Koraes Chair (Oct., 1985)

John Joseph: Muslim-Christian Relations and Inter-Christian Rivalries in the Middle East: The Case of the Jacobites in an Age of Transition (1984)

Aylin de Tapia: Orthodox Christians and Muslims in Nineteenth-Century Cappadocian Villages. Everyday Life, Languages, Culture and Socio-economic Relations

Marlene von Kalnein: “Halbungläubige und mit Joghurt Getaufte”. Diplomarbeit, Universität Wien, 2013

Maurizio Isabella, Konstantina Zanou: Mediterranean Diasporas: Politics and Ideas in the Long 19th Century (2015)

Kerem Öktem: The Nation’s Imprint: Demographic Engineering and the Change of Toponymes in Republican Turkey. In: European Journal of Turkish Studies 7/2008 (Online-Journal)

Homepage des Patriarchats

Gábor Ágoston and Bruce Alan Masters (Hg): Encyclopedia of the Ottoman Empire (2008)

Sylvia Kedourie: Turkey Before and After Ataturk: Internal and External Affairs (2012)

Louis de Bernières: Birds without wings (2004)

Centre for Asia Minor Studies, Athen

Adem Can: Der Türkische Nationalismus. Diplomarbeit Universität Wien, 2013

Das verlassene Dorf Livisi/ Kayaköy

John Alexandropoulos über Griechenland und die Zeit der Balkankriege (Griechisch)

http://turkishgreekfriendship.info/

Von einem Boghard ist einmal ein Uni-Abschlussarbeit (?Dissertation) zur Meghali Idea erschienen, die ich im IT aber nicht mehr finde; wäre dankbar für Hinweise

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Wobei: Wenn man sagt, das historische West-Griechenland ist das zum Balkan gehörige Festland, und der historische Osten der levantinische Seeraum und Kleinasien: der grösste Teil der Ägäis(-Inseln) gehört zu Griechenland, und damit auch ein Teil dieses Ostens
  2. Athen wurde bedeutungslos
  3. Auch wenn im Oströmischen Reich anfangs Römer dominierend waren und dieses erst nach einigen Jahrhunderten griechisch und ein Byzantinisches wurde
  4. Und nun ist unter Erdogan/AKP die Rückwidmung in eine Moschee angedacht
  5. Die Augen Roms waren auf Asien gerichtet, weiter als nach Syrien kam man aber nicht, östlich vom Euphrat begann in der Regel der persische Machtbereich. Nach der Reichsteilung und Hellenisierung Ostroms wurden diese Konfrontationen fortgesetzt
  6. Die Schlacht am Yarmuk in Syrien 636 war der Schlüssel dazu
  7. Hauptsächlich durch Method(ius)/Mefodii und seinen Bruder Kyril(los), im 9. Jh
  8. Die damals ebenfalls Syrer waren, aus der syrischen Dynastie
  9. Aber andere (autochthone) Christen, die Kopten; die unter byzantinischer Herrschaft, mit der orthodoxen Kirche als Staatskirche, unterdrückt wurden. Gleichwohl wurde Ägypten immer wieder von Griechen geprägt, zu Zeiten der Makedonier/Ptolemäer, der Byzantiner, und auch in osmanischer Zeit, von neuen Einwanderern
  10. Die Quadriga auf der Basilika San Marco in Venedig stammt etwa aus Kontantinopel. Ursprünglich war die Republik Venedig dem Byzantinischen Reich unterstellt, in der Praxis handelte Venedig seit dem 9. Jahrhundert als eigenständiger Staat
  11. Als der Archipel an die Briten fiel und sich die Serenissima Repubblica auflöste
  12. Zusätzlich gingen auch immer wieder nicht-griechische Völker am Balkan “Eigenwege”
  13. Die 1918-1923 unterbrochen wurde
  14. So wie eine Tochter des letzten sassanidischen Königs Persiens Yazdgerd III., Shahrbanu, den arabischen schiitischen Imam Hussein geheiratet haben soll; in beiden Fällen wurde ein Herrschaftswechsel, ein Übergang damit abgesegnet, quasi komplettiert. Im Fall Alt-Persiens fand die (angebliche) Verbindung zwischen Angehörigen der alten und neuen Herrscherfamilien nach dem endgültigen Aus des alten Systems statt, in jenem Mittel-Griechenlands etwa 150 Jahre davor
  15. Mehmet Osmanoglu hat Konstantinos Palaiologos vor dem Beginn der Belagerung eine Nachricht überbringen lassen, derzufolge er ihm bei einer Kapitulation sein Leben lassen werde und als Regionalherrscher in Morea/Peloponnes/Peloponnisos einsetzen würde
  16. Die Palaiologos waren vom 13. bis zum 15. Jh die Herrscherdynastie in Byzanz, die letzte. Konstantin XI. hatte keine Kinder, aber zB sein Bruder, Herrscher in einem der byzantinischen Rumpfstaaten. Der Franzose Maurice Paléologue (1859 – 1944), Diplomat und Historiker, war einer Jener aus jüngerer Zeit, die eine Abstammung von den Palaiologen behaupteten. Er stammte väterlicherseits aus Rumänien bzw der Walachei
  17. Obwohl das Grossfürstentum erst 1547 zum “Zarenreich Russland” erhoben wurde. Iwan III. und seine Nachkommen führten auch den Titel „Bewahrer des byzantinischen Throns“
  18. Aber auch für Renovierungen
  19. Καθεδρικός ναός του Αγίου Γεωργίου (Kathedrikós naós tou Agíou Geōrgíou); türkisch Aya Yorgi Kilisesi)
  20. Die Pammakaristos-Kirche wurde 1591 in die Fethiye-Moschee (Fethiye Camii) konvertiert, ist heute grossteils ein Museum, das Parekklesion
  21. Und das waren fast alle Griechen, nur nicht die auf den (venezianischen) Ionischen Inseln sowie in der Diaspora (Russland, Heiliges Römisches Reich,…)
  22. Und es gibt Nationen, die sich nur in gewissen Vorstellungen oder Aspekten durch eine Konfession definieren, wie Iraner und schiitischer Islam, Österreicher und Katholizismus, Indien und Hinduismus
  23. Die 3 antiken orientalischen Patriarchate (in Syrien, Palästina, Ägypten) kamen (mitsamt ihrer “Schäfchen”) durch die genannten osmanischen Expansionen im 16. Jh ebenfalls unter osmanische Herrschaft
  24. Abzugrenzen von den diophysitischen orthodoxen Kirchen die den Patriarch von Konstantinopel als Oberhaupt anerkennen, sind monophysitische Kirchen wie die “Syrisch-Orthodoxen” oder “Armenisch-Orthodoxen”, die eigene Patriarchen haben, inhaltlich, historisch und organisatorisch von den eigentlichen Orthodoxen getrennt waren und sind, nur im “unscharfen” Sprachgebrauch als “Orthodoxe” bezeichnet werden. Auch die Koptische Kirche gehört zu diesen monophysitischen Kirchen (göttliche und menschliche Natur hätten sich in Jesus vereint), deren Angehörige im Osmanischen Reich die drittgrösste Glaubensgruppe waren, wenn auch eine sehr diversifizierte. Im osmanischen Millet-System wurden Menschen/Untertanen ihrer Konfession nach eingeteilt (nicht nach Sprache,…), den Führern ihrer Religionsgemeinschaften unterstellt, die Ethnarchen waren, also auch weltliche Führer bzw Vertreter. Die Angehörige monophysitischer Kirchen wurden dem Patriarchen der Armenisch-Apostolischen Kirche (= Armenisch-Gregorianische Kirche) zugeordnet, dem Oberhaupt der wichtigsten dieser Kirchen im Osmanischen Reich. Und richtigerweise nicht dem griechisch-orthodoxen Patriarchen. Die Patriarchen der Syrisch-Orthodoxen oder Kopten unterstanden dem armenischen Patriarchen. Daneben gab es in allen diesen Kirchen auch Zweige die sich mit der Römisch-Katholischen Kirche vereinten (unierten)
  25. Und waren daher vom Bevölkerungsaustausch 1923 betroffen
  26. Manchmal ist zu lesen „Im Phanar wurde über das Geschlecht der Engeln gestritten, als die Türken Konstantinopel einnahmen“ >  soll wohl Irrationalität, Ineffizienz, Faulheit, Verdorbenheit der byzantinischen Kultur zum Ausdruck bringen – kann aber so nicht stimmen. Die Patriarchenkathedrale Hagia Sophia wie auch der Blachernon-Palast (die Kaiser-Residenz) waren beide ausserhalb des Phanar-Stadtteils. Welche Entscheidungsträger sollen dort also über Engeln philosophiert haben? Der Kaiser nahm ja an der Verteidigung der Stadt teil, kam dabei ums Leben
  27. Der erste griechische Millionär in der osmanischen Ära soll Michael Kantakouzenos-Shaytanoglu gewesen sein, im 16. Jh, der im Pelzhandel mit Russland tätig war. Er übte immer wieder Einfluss auf die Besetzung des Patriarchats aus, stand Gross-Wesir Mehmet Sokolowitsch (Sokolu Mehmet Pascha), der aus einer serbischen Familie in Bosnien stammte, nahe. Als dieser beim Sultan in Ungnade fiel, ging es auch Kantakouzenos an den Kragen
  28. Andererseits aber selbst Herrscher über Andere
  29. In Ägypten kam alles zusammen: Napoleons Ägypten-Feldzug war überhaupt so etwas wie der Auftakt zur westlichen Einflussnahme im Osmanischen Reich; danach begann der Aufstieg des Albaners (ursprünglich in osmanischen Diensten) Mohammed Ali zum Herrscher Ägyptens (mit Erbrecht für seine Nachkommen) – er hat übrigens mit seinen Truppen auf osmanischer Seite am Unabhängigkeitskrieg der Griechen teil genommen; es entstand eine ägyptische Nationalbewegung; und Grossbritannien wurde gegen Ende des 19. Jh Mit-Herrscher im Land
  30. Hauptsächlich der Peloponnes, der als südlichster Teil des Balkans gesehen werden kann
  31. Und bis auf die Ionischen Inseln waren alle griechischen Gebiete osmanisch
  32. Georgios Stravelakis überlebte das Massaker als Kind, wurde in die Sklaverei verkauft, kam nach Tunesien, auch Teil des Osmanischen Reichs. Er wurde dort unter dem Namen Mustafa Khaznadar Premierminister des Beyliks
  33. Extrem für die Einen, der logische bzw krönende Abschluss für die Anderen
  34. Wobei es auch hier verschiedene Varianten gab, also inwiefern es ein multinationales Reich (wie es Byzanz war) werden sollte, mit griechischer Vorherrschaft über andere Völker, eine Monarchie oder Republik (und damit verbunden war auch das Verhältnis zum Westen),…
  35. Das moderne Griechenland war von Anfang an an den Westen gebunden, seine politische Kultur stand dem aber entgegen; innere politische Auseinandersetzungen entluden sich immer wieder in bürgerkriegsähnlichen Zuständen (das erste Mal 1824/25, also während des Unabhängigkeitskriegs!). Wobei: Wie war das in Frankreich im 19. Jh, wie viele Revolutionen, Umstürze, innere Gewalt gab es da, auch noch in der Dritten Republik?! Also, stand die politische Kultur Neu-Griechenlands wirklich dem Westen “entgegen”? Im Gegensatz zu GB oder Frankreich hat Griechenland jedenfalls keine Kolonien in Afrika, Amerika, Asien oder Ozeanien gehalten
  36. Die “Englische Partei” unter Mavrokordatos hielt das Partizipativ-Prowestlich-Merkantilistische hoch, aus ihr wurde die Modernistische Partei unter Trikoupis (nun wirklich eine Partei), dann die Liberale Partei (1910-61, unter Venizelos, republikanisch), dann die EK (Papandreou), schliesslich die PASOK. Die “Russische Partei” (der sich dann die Französische anschloss) war paternalistisch-prorussisch-orthodox ausgerichtet, aus ihr ging 1865 die Nationalistische Partei hervor, 1920 die Volkspartei (royalistisch), 1958 die ERE von Karamanlis, schliesslich die Nea Dimokratia (ND)
  37. Griechische Monarchie-Gegner verwendeten gerne den Namen “Glücksburg” für das Königshaus, um ihren nicht-griechischen Charakter heraus zu streichen; zu diesem Haus Einiges im Grönland-Artikel
  38. Hatte aber jahrhundertelang (1721-1917) keinen Patriarch, nur Metropoliten/Erzbischöfe von Moskau, nachdem Zar Pjotr/Peter “der Grosse” Stefan/Simeon Yavorsky hinabstufte
  39. Beziehungsweise in seiner damaligen osmanischen Ausprägung
  40. Auch: Bogoridi, Vogoride, Stefanaki Bey, Stojko Z. Stojkow
  41. Vom 1876 “eingesetzten” Sultan Abdülhamit II.
  42. Manchmal wird zwischen “Hellenen” und “Griechen” auch in diesem Sinn unterschieden; in diesem Text werden die Begriffe als Synonyme verwendet
  43. Manche der Griechen aus dem untergehenden Osmanischen Reich gingen auch schnell ins Ausland weiter, verliessen das arme Griechenland. Aristoteles Onassis aus der Umgebung von Smyrna siedelte 1922 nach Griechenland aus, ging ’23 nach Argentinien, wurde Tabakhändler und Reeder. Der Vater von Michael Dukakis (Präsidentschaftskandidat in der USA 1988), Panos, stammt auch von der von kleinasiatischen Küste (Edremit), wanderte zunächst auf die Insel Lesbos aus (ebf. vor dem Austausch), dann in die USA; Dukakis’ Mutter war aromunische Griechin. Elia Kazan(zoglou) wurde 1909 in Istanbul geboren, in eine griechische Familie aus Kappadokien, immigrierte während des 1. WK in die USA. Leonidas Daskalidès (Kestekides) war ebenfalls ein Kappadokien-Grieche; er ging Ende des 19. Jh über Konstantinopel und Griechenland nach Belgien, gründete die Leonidas-Firma für Schokolade-Pralinen
  44. Etwa auf das nördliche Mesopotamien, wo sich die Ansprüche der Kurden und Assyrer “bissen”, und es immer noch tun
  45. Ihr Vater, Sultan Abdülmecid, hatte 44 Kinder (von denen 4 Sultane wurden) von 19 Frauen
  46. Und seit dem 14. Jh waren die osmanischen Sultane immer auch Kalifen
  47. Grosswesir 1909/19 war Hüseyn Hilmi Pascha, dessen griechische Vorfahren zum Islam konvertiert waren, kein Jungtürke
  48. Inwiefern die Angehörigen der ostsyrischen Kirchen (Nestorianer, Chaldäer) und der westsyrischen (Jakobiten/Syrisch-Orthodoxe, Syrisch-Katholische) ethnisch zusammen gehörig sind, und sie von den antiken Assyrern oder Aramäern abstammen, ist nicht ganz gesichert. Es gibt jedenfalls verschiedene Auffassungen darüber, und Bezeichnungen für sie. Im türkischen Kontext werden sie “Süryani” genannt, und das sind hauptsächlich Syrisch-Orthodoxe und -Katholische
  49. Die Jungtürken liessen in Palästina auch Abbas Effendi Nuri (“Abdul’baha”) und andere Führer der Baha’i frei, 1908, sie waren in Akka bei Haifa inhaftiert gewesen
  50. Paparrigopoulos, 1815 – 1891, wird als Begründer der modernen griechischen Historiographie gesehen; das Konzept der Dreiteilung der griechischen Geschichte in Antike, Mittelalter (Byzanz), Moderne (dazu gehörten anscheinend die osmanische Zeit und der Beginn von Unabhängigkeit und Enosis) dürfte auf ihn zurückgehen
  51. Man kann die beiden Flügel der Jungtürken, den nationalistischen und den liberalen, als Vorläufer der Flügel der CHP sehen
  52. Emmanuelidis (bzw Emmanouilidis) stammte eigentlich aus Kayseri, studierte Recht in Konstantinopel und Athen und lebte dann in Smyrna. Sein autobiografisch-zeithistorisches Buch “Die letzten Jahre des Osmanischen Reichs” kam 1924 heraus, nach seiner Aussiedlung nach Hellas
  53. Anderen Angaben zu Folge wurde dort ein unabhängiger Staat vorgeschlagen
  54. Für Manche war es keine Besetzung, sondern Befreiung
  55. Ausserdem waren, 1918-20, Truppen der USA in Istanbul stationiert
  56. Weniger als 800 Soldaten, GB als grösste Besatzungsmacht hatte über 27 000 stationiert
  57. Also in etwa die Zeit des Übergangs vom Osmanischen Reich zur Republik Türkei
  58. Es wurde/wird gerne geschrieben, dass Louis Franchet d’Espèrey als neuer französischer Hochkommissar im Jänner ’19 wie der osmanische Eroberer Mehmet II. über 4 Jahrhunderte davor auf einem weissen Pferd in die Stadt einzog. Auch bei Alexandris findet sich das, bei ihm ist das Pferd das Geschenk eines Istanbuler Griechen. Die Geschichte dürfte aber nicht stimmen: www.academia.edu/13541781/De_quelle_couleur_%C3%A9tait_le_cheval_blanc_de_Franchet_d_Esp%C3%A8rey_Petite_enqu%C3%AAte_sur_la_v%C3%A9rit%C3%A9_historique
  59. Im Griechisch-Türkischen Krieg dann war dieses Schiff an Truppenlandungen in Ost-Thrakien beteiligt, an Operationen im Schwarzen Meer und der Evakuierung der griechischen Bevölkerung nach der Niederlage
  60. Die griechischen Truppen in Konstantinopel dürften nicht dem Hochkommissar (nach Kanellopoulos gab es noch Triantafyllakos und Simopoulos), einem Zivilisten, unterstanden haben, sondern Admiral Georgios Kakoulidis
  61. Wobei die Griechen in ihren Haupt-Siedlungs-Gebieten im Osmanischen Reich wahrscheinlich jeweils die relative Mehrheit bildeten – einer der Gründe warum man diese Gebiete nicht unbedingt in einem Staat belassen wollte in dem man insgesamt jedenfalls eine Minderheit war
  62. Venizelos soll König Alexander/Alexandros 1919 gesagt haben, er setze darauf dass Konstantinopel von Innen griechisch erobert werde
  63. In weiteren Zielen schwirrten auch Teile Bugariens und Armeniens herum, die Ägäis und Makedonien,… Wenn man so will, sind die Grenzen, die dann kamen, ein Kompromiss zwischen der “Gross-Türkei” und “Gross-Griechenland”; auch andere Nachbarn der Türkei hätten Irredenta-Konzepte, die der Türkei (und sich gegenseitig) “in die Quere kommen” würde
  64. Abgesehen von einigen “Absegnungen” territorialer Administrationsverhältnisse die vor dem 1. WK zu Stande gekommen waren
  65. Es gab ein Rekrutierungsbüro bei der griechischen Militärmission in Konstantinopel
  66. Die Türken kämpften ausserdem im Nordosten Anatoliens gegen Armenien (Sep. bis Dez. ’20) und im Süden (Kilikien) gegen die Franzosen (Dez. 18 bis Okt. 21) – der “Türkische Unabhängigkeitskrieg” (1919-23, oder 1920-22)
  67. Die indoeuropäischen Phyrger sind ein untergegangenes Volk…wie die Awaren oder die Goten. Eines der Völker die dann unter den Griechen aufgegangen sind. Infolge Alexanders Sieg damals wurde Kleinasien für griechische Besiedlungen und Staatengründungen geöffnet
  68. باب عالی
  69. Er gewann 1896 bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit in Athen eine Medaillie im Schiess-Bewerb
  70. Chrysosthomos war 1921 einer der Gründer der “Verteidigungsorganisation von Kleinasien” (Οργάνωση Μικρασιατικής Άμυνας, Organosi Mikrasiatikis Amynas, oft zu “Amyna” abgekürzt)
  71. Napoleon III. war (1870 in Sedan) einer der letzten bedeutenden Herrscher, der bei einer Schlacht in die Hände des Gegners fiel; sonst gibt es das bei Putschen und Revolutionen noch recht häufig
  72. Es ist nicht ganz klar, aber zwischen der Abschaffung des Sultanats und der Ausrufung der Republik 1923 dürften die Kemalisten einen “Türkischen Staat” proklamiert haben, natürlich mit Atatürk als Oberhaupt
  73. Der Schriftsteller und Beamte Nikos Kazantzakis, ein Kreter, organisierte 1922 im Auftrag der griechischen Regierung den Transfer von 150 000 Pontus-Griechen aus dem sowjetischen Kaukasus nach Griechenland. Dabei begleitete ihn wieder Georgios Sorbas
  74. In Kreta waren die allermeisten Türken Griechisch-sprachig; siehe dazu auch die “Indianer” in Südamerika
  75. Teil der griechischen Delegation waren auch 2 Konstantinopel-Griechen, Michail Theotokas und Angelos Ioannidis
  76. Sie waren 1919 von Griechen eingenommen worden, ihnen 1920 zugesprochen, mussten 1922 aufgegeben werden
  77. Im späten Osmanischen Reich gab es ein Ende der diesbezüglichen Freistellung gegen die Sondersteuer, dies wurde aber teilweise weiter praktiziert; in Griechenland scheint es eine ähnliche Praxis gegeben zu haben, mit den moslemischen Gruppen v.a. in Makedonien und Thrakien
  78. Die gelegentlich beschossen worden waren
  79. Oder doch? Es heisst, die Türken gingen 1923 gegen Istanbul-Griechen vor, die dem griechischen Militär oder anderen Entente-Mächten geholfen hatten (oder denen man das vorwarf); aber darüber fand ich nichts Genaueres
  80. Damals wurde das Gebiet Bulgarien zugesprochen
  81. Andere Armenier konnten bleiben, auch ausserhalb Istanbuls, insofern sie den Völkermord überlebt hatten
  82. Und auch unter Jenen in Iran oder Zentralasien, die als Türken gelten, liegt oft eigentlich eine andere Ethnizität vor
  83. A propos: Nicht von der Aussiedlung betroffen waren natürlich auch die (nicht allzu zahlreichen) Griechen in den arabischen Gebieten des untergegangenen Osmanischen Reichs. Diese Länder bekamen in den 1930ern, 1940ern ihre Unabhängigkeit
  84. In “Zimt und Koriander” gibt es die Szene, wo ein griechischer Beamter an den aus der Türkei ausgesiedelten Griechen bemängelt, dass diese Griechisch mit türkischem Akzent sprechen
  85. In “Verkaufte Heimat”, wo es um die teilweise vollzogene Aussiedlung der Südtiroler geht, sagt ein Aussiedlungs-Kandidat angesichts der NS-Pläne bezüglich der Neuansiedlung: “Bevor ich nach Galizien gehen, gehe ich lieber nach Sizilien”
  86. Hauptsächlich durch die 1931 unter Atatürk gegründete TTK (Türkische Historische Gesellschaft), die als Symbol einen byzantinischen doppelköpfigen Adler hat
  87. In der Verfassung von 1924 hiess es noch, “die Staatsreligion ist der Islam”, dies wurde in jener von 1928 abgeschafft
  88. Inönü hat etwa ganz am Beginn der republikanischen Ära gesagt, Christen hätten moslemische Toleranz damit gelohnt, sich mit den Feinden der türkischen Nation verbündet zu haben
  89. Das seinen Ursprung wo hatte? Vor dem Durchbruch bei Dumlupinar war das Patt von Gordion, und da ist man bei diesem Kriegszug… die Frage darf aber gestellt werden, ob die “nationaltürkische Bewegung” unter dem späteren Atatürk eine griechische Exklave in Anatolien geduldet hätte
  90. Bin mir nicht sicher, ob es notwendig ist, das an dieser Stelle zu erwähnen, aber die Iren (zB) machten mit den bewaffneten Einheiten aus GB nicht unbedingt gute Erfahrungen, zB in ihrem Unabhängigkeitskrieg 1919-21
  91. Bei dieser Sprachreform spielte neben dem Armenier Martayan auch der Grieche Theologos Anthomelidis, ein Turkologe, eine wichtige Rolle
  92. Auch Ägypten war damals im Übergang von osmanischer über britische Herrschaft zur Unabhängigkeit. Dem orthodoxen Alexandria-Patriarchat unterstehen zwar alle orthodoxen Bischöfe Afrikas, aber (da Griechenland seit byzantinischen Zeiten) nicht (mehr) in Afrika kolonialisierte, gibt es auf diesem Kontinent kaum Griechen oder andere Orthodoxe. Am ehesten noch Auswanderer in Südafrika. In Ägypten sind Christen eine wichtige Minderheit, aber die sind überwiegendst Kopten. Bedeutende orthodoxe Stätte in Ägypten ist das Katharinen-Kloster am Sinai, und das untersteht dem Jerusalem-Patriarchat… Es gab allerdings, bis Nasser, in Ägypten eine grössere griechische Gemeinschaft, hauptsächlich in Alexandria
  93. Bütün Ortodoks Ceemaatleri Vekil Umumisi
  94. Abdulmajid war 1922 als Kronprinz nach Absetzung des Sultans vom Parlament in Ankara zum Kalifen gewählt worden, amtierte etwa eineinhalb Jahre; er dürfte noch einen Harem gehabt haben, jedenfalls malte er gern
  95. Kalif Abdulmajid wurde nach Catalca gebracht
  96. Wobei aus türkischer Sicht bereits das Einrücken in Smyrna 1919 eine Aggression, eine Invasion, war
  97. Alexandris: “Extremely sensitive on the activities of the Patriarchate, Turkish public opinion labelled as treacherous any dealings of the Phanar with foreign Orthodox religious heads.”
  98. Das seinen Sitz im Kloster Dar es Zafaran/ ܕܝܪܐ ܕܡܪܝ ܚܢܢܝܐ (Dayro d-Mor Hananyo)/ Dêra Zehferanê hatte
  99. 1924 (Stalin) bis 1943 war der Patriarchensitz wieder vakant
  100. Solche gab es ausser in Makedonien auch in Kreta und Epirus
  101. Ein sunnitischer Religionsgelehrter, der Mufti der Hauptstadt war und gleichzeitig die oberste religionsrechtliche Autorität des Staates; natürlich dem Sultan/Kalifen untergeordnet. Medeni Mehmet Nuri Efendi war 1920 bis 1922 letzter Scheich-ul Islam des Osmanischen Reiches
  102. Die Umstellung zeigte sich etwa bei den griechischen Zeitungen der Stadt, die nun um Zurückhaltung bemüht waren
  103. Die Griechische Griechisch-Katholische Kirche entstand 1859/60
  104. Das gab es auch bei Armeniern und Juden
  105. Die Zahlen liessen sich aus den Unterlagen des Patriarchats ermitteln, sowie aus staatlichen türkischen
  106. Es erinnert etwas an Südafrika und die Situation nach der Apartheid; dort woll(t)en Schwarze mit dem Ende der politischen Entrechtung auch ihre (damit verbundene) wirtschaftliche Benachteiligung wettmachen. Eine solche hat es für Türken im Osmanischen Reich natürlich nicht gegeben
  107. Der Chef der Handelskammer Millî Türk Ticaret Birliği war Ibrahim Pashazadeh, ein Dönmeh, er konnte sich anscheinend halten
  108. Hier ist ein wichtiger Punkt: Eigentlich ist Intoleranz ggü Minderheiten alles Andere als ein Zeichen von Stärke
  109. Nach seiner Pensionierung 1930 übersiedelte er nach Athen und war von 1931 bis 1940 Gründungsdirektor des dortigen Benaki Museums. Er starb 1940 in Istanbul
  110. Jene Tscherkessen, Albaner, Uiguren, Pomaken,… deren Vorfahren irgendwann in die heutige Türkei gebracht wurden, als “Moslems”, “Türken”,…, sind wie die Mizrahi-Juden in Israel; sie wurden im Rahmen einer “Heimholungsaktion” transferiert, ihrem Umfeld entfremdet und sich zu einem grossen Teil besonders starke Nationalisten (in der neuen Heimat) geworden
  111. Anhänger dort sind Konvertiten sowie Zuwanderer
  112. Später war er auch in der kurzlebigen SCF aktiv
  113. Diese Verschlechterungen und derartige Maßnahmen hingen eben miteinander zusammen; schwer zu sagen was die Henne und was das Ei war
  114. Dabei ging es auch um eine Angst vor einer türkisch-bulgarischen Allianz gegen Griechenland
  115. Möglicherweise betraf das nur jene, die unter Umgehung der damaligen osmanischen Behörden die Stadt verlassen hatten
  116. Alexandris: “Many had never even been to Greece. They held the Hellenic nationality because their ancestors had come from the provinces of the Ottoman empire that were incorporated in the Greek kingdom in 1830 and later.” Bin mir nicht sicher, ob das bedeutet, dass diese Vorfahren aus nun griechischen Gebieten in die Stadt kamen, oder ob sie griechische Bürger wurden, weil ihre Herkunftsgebiete Teile Griechenlands geworden waren
  117. Die sogar militärische Zusammenarbeit einschloss
  118. Ein Gegner der Megali Idea gewesen
  119. Alexandris erwähnt einen Rifat Bey
  120. Die vormaligen Sultans-Paläste Topkapi und Dolmabahce, beide zu osmanischen Zeiten gebaut, wurden ebenfalls zu Museen
  121. Solche gab es bei Aseris wie auch bei Kurden
  122. Offiziell vertrat er Ankara im Parlament, eine Stadt ohne griechische Bevölkerung
  123. Die Dönmeh sind eigentlich hier dazu zu rechnen
  124. Diese sind eigentlich Religionen für sich, das islamische Religionsamt Diyanet, das sich hauptsächlich um den sunnitischen Islam kümmert, ist aber auch für sie zuständig
  125. Die Türkisch-Orthodoxen sind hier eigentlich nicht dazu zu rechnen, da sie den Patriarchen in der Georgskirche nicht anerkennen
  126. Armenier oder Aramäer/Assyrer (, auch Kurden) sind in Istanbul eigentlich in der Diaspora, Griechen nicht
  127. Es gibt immer wieder Morde an zum Christentum übergetretenen Türken oder ausländischen Missionaren in der Türkei. Angehörige christlicher Minderheiten (Armenier, Assyrer/Aramäer, Griechen,…) werden in der Türkei vereinzelt Opfer von (eigentlich politisch-nationalistisch motivierter) Gewalt, wie Hrant Dink 07
  128. Nach der Unabhängigkeit Griechenlands hatten in der zweiten Hälfte des im 19. Jh weitere Länder am Balkan ihre Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich gewonnen, und begannen die dortigen orthodoxen Kirchen ihre Bemühungen um ein eigenes Haupt (autos, kephale) bzw Selbstständigkeit. Das Patriarchat in Konstantinopel gab mit “etwas” Verzögerung seinen Segen und blieb diesen Nationalkirchen ehrenhalber übergeordnet. Bezüglich Bulgarien gab es schon zu byzantinischen Zeiten Streit zwischen dem Patriarchat in Konstantinopel und der Kirche im Land um Eigenständigkeit, der sich zu osmanischen Zeiten fortsetzte. 1870 wurde die Bulgarisch-Orthodoxe Kirche vom Sultan als unabhängig (Exarchat) anerkannt; zu diesem Zeitpunkt hatte sie griechische Geistliche schon weitgehend durch eigene ersetzt. Die Vorherrschaft des Konstantinopoler Patriarchen über die Orthodoxen setzte sich aus byzantinischen Zeiten (Reichskirche) in osmanischen durch das Millet-System fort. Nach der Unabhängigkeit Bulgariens 1878 kämpfte das Land zeitweise mit Griechenland um seine Grenzen, was sich auf den Streit um Autokephalie auch auswirkte. 1945 anerkannte/gewährte Patriarch Benjamin Autokephalie, 1953 wurde Metropolit/Exarch “Kyril” (Konstantin Markov-Konstantinov) zum Patriarchen aufgewertet. In Serbien und Rumänien erklärten die Kirchen ungefähr zur selben Zeit wie die bulgarische ihre Autokephalie, was “vom Phanar” viel früher anerkannt wurde. Die Albanisch-Orthodoxe Kirche erklärte 1922 ihre Autokephalie, was 1937 anerkannt wurde, ebenfalls unter Benjamin. Längere Zeit gab es dort einen Streit zwischen einheimischem und griechischem Klerus und deren Kulturen
  129. Antiochia/Antakya war ein Zentrum des frühen Christentums, in römischer Zeit
  130. Auch die syrische Gegenregierung zu Assad “sass” zeitweise in Türkei
  131. Taptas war unter jenen Abgeordneten die dagegen stimmten
  132. Wie gesagt, griechische Bürger waren die grösste ausländische Gruppe in der Türkei
  133. Genau genommen erfolgte die Abschaffung in Schritten und war erst unter Menderes abgeschlossen
  134. Sondersteuer für Nicht-Moslems in islamischen Reichen
  135. Und unter der AKP wieder wird?
  136. Ein kleiner rechter Balg wie Tobias Huch will auch seinen Deutsch-Chavinismus ggü Türkei ausleben, mit Instrumentalisierung der Kurden. Natürlich ist für ihn auch Israel Projektionsfläche
  137. Die dritte Oppositionspartei in der Republik, nach SCF und MKP, die erste echte, sie durfte länger bestehen und mitgestalten
  138. 1946 und 1950 dürften die meisten Türkei/Istanbul-Griechen CHP gewählt haben (aufgrund einiger Entegegnkommen zur Zeit von Benjamin und Maximos, während die anderen (nicht-moslemischen) Minderheiten zur DP “gingen”
  139. Angeblich schon in den letzten Jahren der CHP-Herrschaft
  140. Rhodos wurde östlichster Teil Griechenlands, brachte auch eine türkische Minderheit ein
  141. Wobei es in beiden Staaten relativ starke linke Gruppen gab – und diese hätten vielleicht einen Ausgleich, eine Annäherung eher herbeiführen können…
  142. Die SU wollte nun von der TR das (westarmenische) Kars-Gebiet „zurück“; Jugoslawien, Bulgarien, Albanien hätten alle gerne Grenzgebiete von GR gehabt
  143. Er folgte jeweils auf Sophokles Venizelos, wie der Vater in der Liberalen Partei
  144. Zur Zeit der Absetzung von Germanos und Kür von Dorotheos war ein Chatzopoulos unter den Laien-Mitgliedern des Patriarchalen Rates, es dürfte sich dabei um seinen Vater gehandelt haben
  145. Der in einen zur “Untersuchung anti-kemalistischer Propaganda in der Türkei”
  146. Kücük = klein
  147. Makarios/Mouskos kannte ihren Führer Georgios Grivas und teilte ihre Ziele, aber das Ausmaß seiner Involvierung ist unklar und umstritten. Jedenfalls wurde der Erzbischof 1956 von den Briten auf den Seychellen/Sesel exiliert
  148. Wahrscheinlich durch den damaligen türkischen Geheimdienst MAH; ein westthrakischer Türke wurde von den griechischen Behörden verhaftet, dann im Auto eines türkischen Konsuls in die Türkei gebracht
  149. Dies, das späte Stoppen des Wüten, die Aburteilungen, Entschädigungen,… zeugen doch davon, dass der türkische Staat nicht genozidär gegen die Griechen und anderen Minderheiten vorging, bei aller Mitverntwortung
  150. Kam öfter vor in der Geschichte. Beim Beschuss Dubrovniks durch Einheiten Rest-Jugoslawiens im Kroatien-Krieg 1991 etwa sollen sich Montenegriner aus einer ähnlichen Motivation heraus beteiligt haben
  151. An diesem Kongress nahm jedenfalls auch der britische Autor und Offizier Ian Fleming teil. Er wurde Augenzeuge der Geschehnisse, berichtete für “The Times” darüber. Und, gewisse Istanbul-Eindrücke liess er in seinen Agentenroman “From Russia, with Love” (1957) einfliessen. 1955 hatte er bereits 2 “James Bond”-Romane veröffentlicht
  152. Davon weiterhin etwa ein Drittel griechische Staatsbürger; hinzu kamen die Antiochia-Orthodoxen, die zT in Istanbul lebten
  153. Bekannt wurde er durch “Nikita” (1990, das Original). Griechen und die anderen nichtmoslemischen Minderheiten rückten klarerweise etwas zusammen; Petros Markaris ist ja auch halb Armenier. Abgeändert gibt es das in der USA etwa beim Zusammenrücken/Paaren von Iren und Italienern, die der Katholizismus dort verbindet
  154. Es gab noch eine Art von Resignation, die Selbstaufgabe, in diesem Zhg wäre darunter eine Aufgabe der ethnisch-religiös-kulturellen Identität zu verstehen, ähnlich wie bei jenen, die die türkisch-orthodoxe Kirche mach(t)en. Im Film “Zimt und Koriander” wird angedeutet, dass es so etwas auch gab. Über diese späteren Begründungen von Krypto-Griechentum habe ich keine Informationen gefunden; ist auch eine “delikate” Angelegenheit
  155. In dieser Zeit spielte sich auch die Sache mit dem in der Türkei grabenden britischen Archäologen James Mellaart ab, mit Bezug zu türkischen Griechen (griechischen Türken?). Mellaart behauptete 1958, von einem griechisch-stämmigen Mädchen (im Zug kennengelernt) in Izmir einen Schatz aus Dorak aus antiker Zeit (Yortan-Kultur) gezeigt bekommen zu haben. Das Mädchen existierte unter dem angegebenen Namen (Anna Papastrati) und der Adresse nicht. Mellaart wurde ausgewiesen, wegen Verdachts auf Unterschlagung von Antiquitäten. Dann kam er wieder, zu Ausgrabungen in Catalhüyük im südlichen zentralen Anatolien, wo eine Siedlung aus der Steinzeit gefunden wurde; er wurde wieder ausgewiesen
  156. Die einige Monate amtierte
  157. Er selbst soll von der Polizei „gewarnt“ worden sein bzw beruhigt im Vorhinein, dass nichts “passieren” werde
  158. Von den Anglo-Mächten nicht geliebt weil nicht fanatisch antikommunistisch-westistisch
  159. Der unter Präsident General Gürsel herrschte
  160. In manchen Quellen ist auch von 50 000 die Rede, wobei das “Plus” dabei auf das Konto der Griechen mit türkischer Staatsbürgerschaft geht
  161. Wodurch die Hochschule ihren Status als Forschungs-Institution verlor
  162. Leute die männlich waren, willens und fähig, diese Laufbahn einzuschlagen, was, beim Weg zum Bischof, auch zölibateres Leben bedeutete
  163. Christopher Hitchens zufolge verdächtigten die CIA und das griechische Regime Makarios, dem Kommunismus nahe zu stehen, begannen ab Anfang der 1970er gegen ihn zu arbeiten
  164. Quasi, um Verfolgungen von Türken auf der Insel vorzubeugen
  165. Premier Ecevit sagte, die Aktion sei durch den Garantievertrag von 1960 gedeckt
  166. Er soll davor noch einen Angriff auf die Türkei erwogen haben
  167. Karamanlis war in der Rolle von Adolfo Suarez, aber Konstantin nicht in jener von Juan Carlos
  168. Die Abwässer werden gemeinsam von Landesteilen verwaltet…
  169. Was wahrscheinlich zum Teil stimmt
  170. Ein anderer Teil dürfte nach dem 2. WK nach Albanien gegangen sein, aber es gab/gibt auch darüber hinaus welche
  171. Die meisten Minderheits-Völker waren im Norden Griechenlands, ein grosser Teil davon ist tatsächlich “unter den Griechen aufgegangen”, was Fallmerayer zu seiner These verarbeitet hat
  172. Auch im östlichen Makedonien (v.a. Regionalbezirk Drama, auch Teil OMT) gibt es noch oder wieder einige Türken
  173. Er hatte anscheinend einen griechischen und zypriotischen Pass bekommen, hatte in Nairobi die griechische Botschaft aufgesucht
  174. Zwischen Türkei und Armenien begann am Rande des Fussballs eine Annäherung, bei Qualifikations-Spielen zur WM 2010. Zwischen Türkei und Griechenland gab es einige diesbezügliche Begegnungen, etwa in den 00ern. 02 wurde das türkische Team WM-Dritter, 04 das griechische Europameister; in der Quali für 06 gab es nach dem Match der Schweizer in Istanbul ein Gerangel (hauptsächlich zwischen Spielern), am Eingang zum Kabinentrakt und in ihm. In der Quali zur EM 08 musste die Türkei daher Heimspiele zT auswärts ohne Zuseher austragen. Und sie waren in eine Gruppe mit Griechenland gelost; das türkische Team gewann 4:1 in Athen, das griechische dafür in Istanbul, beide qualifizierten sich, die TR spielte ein gutes Turnier, GR als Titelverteidiger nicht
  175. Und Cem legte einen Kranz an das Grab des unbekannten Soldaten in Athen
  176. Dieser floh mit Hilfe von Offizieren…auch die CIA soll geholfen haben
  177. Ein anderer Träger des alle 2 Jahre vergebenen Preises war etwa der Fotograf Nikos Economopoulos
  178. Und (daher) dem Phanar/Fener nach wie vor als Zentrum
  179. Fethiye Cetin ging vor einigen Jahren mit ihrem Familiengeheimnis an die Öffentlichkeit ging, dass ihre Grossmutter eine Armenierin war, die den Übergang vom Osmanischen Reich zur Türkei durch die Annahme einer türkisch-moslemischen Identität sowie die Trennung von ihrer Familie überlebte. Armenische Kultur, schrieb sie, habe bei solchen Krypto-Armeniern etwa in Form eines Pseudo-Oster-Festes überlebt, zur entsprechenden Zeit im Frühling haben Frauen bestimmte Kuchen gebacken und sich dann mit den anderen Familien dazu getroffen
  180. Dort befindet sich noch immer etwa das Zoğrafyon-Gymnasium (Ζωγράφειον Λύκειον, Özel Zoğrafyon Rum Lisesi), eine griechischsprachige Schule
  181. Es gibt verschiedenste Gründe, dass die Griechen Istanbuls keinen Guerillakrieg gegen den türkischen Staat begannen wie die PKK; dass das griechische Bürgertum dafür “schlechte” soziokulturelle Voraussetzungen mitbrachte, war einer davon
  182. Geblieben ist aber der von AKP-Regierungen eingeführte TV-Kanal TRT Kurdi sowie Schulunterricht in Kurmanci und Zaza
  183. 1938/39 wurden in Griechenland Bestimmungen erlassen, wonach eine Moschee-Bau-Bewilligung vom orthodoxen Metropoliten abhängt; dies wurde ’96 vom EGMR für unzulässig erklärt und ein neues Gesetz kam
  184. Premier Erbakan wurde ein Menderes-Schicksal angedroht
  185. Mit Patriarch Bartholomäus als einem Anschlagsziel
  186. Dt. „Vorschlaghammer“; die Verschwörung soll unter anderem Pläne beinhaltet haben, historische Moscheen in Istanbul zu sprengen und einen Konflikt mit Griechenland heraufzubeschwören, um durch das so herbeigeführte Chaos den Weg für eine Machtübernahme durch das Militär zu ebnen
  187. Von ihrer Homepage
  188. Gemeinsam mit der türkischen Regisseurin Yeşim Ustaoğlu arbeitete er am Drehbuch für ihren 2004 erschienenen Film „Waiting for the Clouds“, über Krypto-Pontus-Griechen
  189. Die zwei Ukrainisch-Orthodoxen Kirchen die es gab vereinigten sich in diesem Jahr; abseits blieben jene Geistlichen und Gläubigen die sich dem Moskauer Patriarchat unterstellt sehen
  190. Die Russisch-Orthodoxe Kirche hat an manchen Ecken und Enden Problemchen, die politische Zwistigkeiten Russlands mit anderen Völkern wiederspiegeln. Neben dem Konflikt mit der Ukraine ist da jener mit Georgien – ebenfalls ein orthodoxes Land. 2019 gab es Aufruhr in Georgien, nachdem bei einem Treffen von Abgeordneten aus orthodoxen Ländern ein russischer Abgeordneter im georgischen Parlament auf Russisch sprach, va von Seiten der georgischen Opposition. In der russischen Republik Jakutien/Sacha gibt es ein Wiederaufleben der alten schamanistischen Religion, verbunden mit einer “Ablegung” des orthodoxen Christentums, das den Jakuten vor 300 Jahren aufgezwungen wurde
  191. Der Vollständigkeit halber: Vor der Vertreibung der Deutschen aus Schlesien gab es dort Terror von Deutschen gegen Polen (und auch Vertreibungen von ihnen). Und: In manchen dieser Gebiete hat man inzwischen annehmbare Lösungen gefunden
  192. Auch sie betonen das orthodoxe Christentum als Teil griechischer Identität und sind gegenüber dem Westen kritisch
  193. Der türkische Armenier Sevan Nişanyan veröffentlichte 2010 “Index Anatolicus”, ein Verzeichnis von (etwa 16 000) topographischen Bezeichnungen, die zur Zeit der Republik Türkei geändert wurden, griechische, armenische, kurdische, arabische, aramäische, georgische,… Nisanyan hat sich auch um Sirince gekümmert, einen der seit dem Bevölkerungsaustausch leeren Orte
  194. Es war hauptsächlich Nelson Mandela, der durchsetzte dass diese “integriert” wurden und auch viele Privilegien behalten konnten
  195. Konkret: Abschmelzen von Gletschern und Eisschilden, Ausdehnung des Wassers durch Erwärmung der Ozeane
  196. Ein Türkisch-Crashkurs habe nichts genutzt und zur Demonstration seines Griechisch zitierte er etwas Altgriechisches aus der Schule
  197. Der Beginn der Kontakte zwischen Griechen und Türken. Kitsikis geht aber davon aus, dass die Region vom Südbalkan über die Agäis bis Kleinasien auch davor schon zusammen gehörte, auch wenn Römer oder Perser “zwischendurch” dort herrschten
  198. Konstantinopel/Istanbul wird auf Griechisch meist als „η Πόλη“ = „die Stadt“ bezeichnet
  199. 2017 Gespräch mit dem kemalistischen Kurden aus Türkei in Berlin-Kreuzberg, der sagte “Priesterseminar ist geschlossen weil es in Istanbul keine/kaum Griechen gibt”; auf meine Frage “Warum eigentlich?”: “Warum gibt es in Selanik (Saloniki) keine Türken mehr?”
  200. Diese Gerichte wurden 2004 abgeschafft…
  201. Zur Tötung von Ohnesorg schrieb “Bild” früher, „er wurde nicht getötet“, dann „wurde von der Stasi getötet“
  202. Efstratios?
  203. Wenn man damals die Griechen nicht besiegt hätte, wäre das und das alles untergegangen/ nie zustande gekommen,…
  204. Am Tag nach dem israelischen Massaker auf der zT türkischen Hilfsflotte für Gaza 2010 gab es zB vor der türkischen Botschaft in Tel Aviv eine (spontane?) Demonstration mit Spruchbändern wie “Who has committed the genocide on the Armenians?” – hauptsächlich für die internationale Presse
  205. Und, auch die kemalistische Türkei ging dort vor mit willkürlichen Verhaftungen, monate- und jahrelanger Haft ohne Prozess, militärischen Maßnahmen gegen Zivilisten – worüber Manche gerne hinweg gingen
  206. Wo Persien Griechen unterworfen hatte
  207. Er bezieht sich dabei auf die These von Jakob Fallmerayer aus dem 19. Jh, auf die ich auch im Deutschland-Griechenland-Artikel einging
  208. “I was born and grew up in Istanbul, Turkey. I spent 12 years in the United States. I live in Greece since October 2004”
  209. “Von dem Rum-Millet zur griechischen Nation”

Mythos Haile Selassie und Äthiopien

Haile Selassie I. (ቀዳማዊ ኃይለ ሥላሴ]) bzw Tafari Makonnen (1892 – 1975), äthiopischer König/ Kaiser von 1930 bis 1974 und zuvor ab 1916 “Regent”, ist eine umstrittene historische Figur, jedenfalls eine bestimmende Gestalt in der Geschichte Äthiopiens aber auch Afrikas an sich. Über die Geschichte von Äthiopien/ Abessinien liegt Vieles im Unklaren, hier vermischen sich gerne Mythen und Legenden mit Fakten. Der Versuch einer Annäherung an diesen Herrscher und sein Land, und die Widersprüche und Gegensätze in den Auffassungen darüber.

Ländliches Äthiopien, Norden

Haile Selassie kam aus der Salomonischen Dynastie, die sich auf den legendären jüdischen König Salomon/ Shelomoh1 bezieht, der sich im 10. Jh vC laut Tanach/Bibel/Koran und äthiopischer Legenden mit der ebenfalls legendären Königin von Saba/ Sheba in Jerusalem/ Jebus getroffen haben soll. Laut dem äthiopischen “Kebra Nagast” aus dem 13./14. Jh2 soll in ihrem Bauch aus dem Samen Salomons, mit dem sie in das lebendäre Saba zurück kehrte, ein Bub gewachsen sein, den sie Menelik nannte. Dieser soll Herrscher von Äthiopien (wofür Saba ein Synonym gewesen sein soll3) geworden sein, als Erster aus dieser “salomonischen Dynastie”. Gesichert ist diese Dynastie erst ab etwa 1300 (nC), als Herrscherfamilie Äthiopiens, nicht die Abstammung vom biblischen König. Und, das erste Staatswesen Äthiopiens war das Reich von Aksum (nach der “Hauptstadt” so genannt), dessen Anfänge irgendwann zwischen 100 und 500 nC liegen müssen.4 Ob das Aksum-Reich von dieser Dynastie regiert wurde, ist sehr fraglich – wiederum abgesehen von der Frage der Abstammung.

Stele/ Obelisk in Aksum

Die Bevölkerung des Kern-Äthiopiens vor der Erweiterung im 19. Jh waren die Habescha/ Abesha/ Abessinier, die semitischer Sprache und möglicherweise Herkunft waren und aus denen Amhara/ Amharen und Tigre/ Tigray hervor gingen. Die Sprache Ge’ez entstand, die Vorform von Amharigna und Tigrinya, evtl durch Einwanderung aus Südwest-Arabien bzw Jemen. Zeugnisse aksumitischer Kultur sind nicht zuletzt die grossen Obelisken/ Stelen, die auch zT von Europäern aus dem Land verschleppt wurden. Aksum war eines der Reiche  in Spät-Antike/ Früh-Mittelalter in Afrika, wie das benachbarte Reich von Kusch in Nubien, wo sich der aus Äthiopien kommende Blaue Nil mit dem Weissen vereinigt. Das Reich unterhielt Beziehungen über den Nil und das Rote Meer, mit Südarabien und Ägypten (von wo später der Islam kam), mit Europa, mit Asien. Der aus Äthiopien stammende Kaffee wurde hauptsächlich über Jemen/Südarabien verbreitet. Im 4. Jh kam das Christentum, aus dem Osten des Römischen Reichs durch Syro-Phönizier oder Griechen, wurde unter König Ezana Staatsreligion.

Was Äthiopien mit Jemen verbindet, ist auch der Konsum von Qat/ Kath; hier ein Feld in Äthiopien

Die Äthiopische Kirche bekannte sich zum Monophysitismus5, verband sich mit der Koptischen Kirche in Ägypten, hat aus dem Judentum zB die Beschneidung übernommen; an ihrer Spitze steht ein Abuna. Koptische Ägypter füllten jahrhundertelang diese Position aus, standen an der Spitze der Äthiopischen Kirche. In Aksum entstand unter Ezana die Kirche “Sankt Maria von Zion”. Dorthin soll die Bundeslade gebracht worden sein6, dort wurden jahrhundertlang die äthiopischen Könige gekrönt. Der Niedergang des Aksum-Reiches begann mit der Ausbreitung des Islams in der Region Westasien-Nordafrika. Der Islam kam auch nach Ägypten, Nubien, Äthiopien und die Küste des Horns von Afrika, das spätere Somalia (wahrscheinlich das legendäre Punt/-land, das teil- und zeitweise zum Aksum-Reich gehört hatte). Die Maria-Zions-Kirche wurde aber (das erste Mal) um 1000 von der Armee der Gudit/ Judith zerstört, möglicherweise ebenfalls eine legendäre Figur, die das Reich von Aksum “beendete”. Sie soll Jüdin gewesen sein und/ oder den kuschitischen Agau angehört haben – wie die als Juden nach Israel gebrachten Äthiopier. In der Folge entstand das Reich der Zagwe-Dynastie sowie andere regionale Reiche.

Kebra Negest – Illustration

1270 wurden die Zagwe von einem Yekuno Amlak gestürzt, der sich als Angehöriger der Salomonischen Dynastie vorstellte. Die Herrschaft dieser Dynastie ist erst ab hier gesichert (abgesehen von der legendären Gründung), sie ging mit kurzen Unterbrechungen bis 1974/75. In der einen Geschichtsauffassung kam es hier zu einer Wiederherstellung der Herrschaft des königlichen Hauses des Aksum-Reichs. Unter den “salomonischen” Kaisern wehrte Äthiopien die Osmanen ab, ging dabei Allianzen mit den Portugiesen ein. Unterhalb des Negus (König/Kaiser) gab es die Ras, regionale Statthalter, meist auch aus dieser Dynastie. Und, in der späteren Neuzeit machten sich die Ras’ selbstständig, die Negus’ (in der Hauptstadt Gondar) begannen ein Schattendasein zu führen. Wie in Japan, wo die Shogune vom 13. bis zum 19. Jh die eigentliche Macht ausübten, die Tennos in den Hintergrund stellten. Diese Periode in Äthiopien von Mitte des 18. Jh bis Mitte des 19. Jh wird Zemene Mesafint (ዘመነ መሳፍንት) genannt, was mit “Ära der Prinzen” übersetzt werden kann.7 Diese Phase kam zu einem Ende, als der Ras von Quara, Kassa Hailu, zunächst weitere Regionen unter seine Kontrolle brachte, dann 1855 Yohannes III.8 absetzte und sich zum Negus Tewodros/ Theodorus II. machte.

Tewodros stellte die Zentralgewalt über/ in Äthiopien wieder her, zu einer Zeit, als europäische Mächte dabei waren, sich ganz Afrika “unter die Nägel zu reissen.” Im südlichen Grenzgebiet kämpfte Tewodros’ Armee mit hamitischen Völkern. Aussenpolitischer Gegner war Ägypten, dass damals de jure Teil des Osmanischen Reichs war, de facto unabhängig (und auch über den Sudan herrschte) und unter zunehmenden britischen Einfluss. Negus Tewodros führte seine Armee gegen die britische Äthiopien-“Expedition” 1868 an, beging am Ende der Schlacht von Magdala Selbstmord, um nicht in britische Gefangenschaft zu geraten. Sein Nachfolger Tekle Giyorgis II. war väterlicherseits ein Abkömmling der alten Zagwe-Dynastie, die ja von der Salomonischen Dynastie, der auch seine Mutter entstammte, entmachtet worden war. In seiner Regierungszeit begann (1869) die italienische Inbesitznahme des Küstengebiets von Äthiopien, Eritrea, ein hauptsächlich von Tigre bevölkertes Gebiet, zT moslemisch, zT christlich, wie der Rest Äthiopiens zeitweise unter regionalen Herrschern, auch unter Herrschaft der Osmanen/Ägypter. Nachfolger Yoannes/Johannes IV. fiel gg die eindringenden Mahdisten aus Sudan; er ist der erste äthiopische König von dem es ein Foto gibt.

Nach ihm kam, 1889, Menelik II., vom Shewa-Zweig der Salomonen, zuvor auch einer der Ras/ Landesfürsten. Dieser Zweig konnte auf eine ununterbrochene patrilineare Abstammung vom frühesten gesicherten Salomonen, Yekonu Amla, “verweisen”. 1895/96 versuchte Italien von Eritrea aus, Äthiopien an sich einzunehmen (“Erster Italienisch-Äthiopischer Krieg”). Abessinien unter Kaiser Menelik II. gewann die Schlacht von Adua (Adwa), konnte seine Unabhängigkeit wahren. Ras Makonnen Woldemikael, Vater des späteren Kaisers (Königs) Haile Selassie, spielte bei diesem Sieg als General eine Rolle. Äthiopien/Abessinien war bei der Berliner “Kongo”-Konferenz 1884/85 anerkannt worden, von den welt-beherrschenden Westmächten, war der einzige afrikanische Staat in Afrika neben dem von der USA gegründeten Liberia. Gegen den italienischen Angriff (der im Zuge der vollständigen europäischen Aufteilung Afrikas kam) konnte das gewahrt werden. China (damals unter den Qing), Persien (unter den Kadscharen), das Osmanische Reich, Japan und Äthiopien waren einige der wenigen Reiche/Länder, die auch im 19. Jh nicht ganz von europäischen Kolonialmächten unterworfen wurden; nach dem 1. WK begann diesbezüglich eine neue Ära.9

Menelik II.

Die Grenzen Äthiopiens wurden unter Menelik II. neu festgelegt, durch seine Eroberungen10, er vergrösserte Abessinien/Äthiopien in den Süden, in hamitische, kuschitische, nilotische Gebiete. Eroberte zB das (nilotische) Kaffa-Reich, das von Naturreligionen geprägt war, sein letzter Herrscher Tato Gaki Sherocho wurde gefangen genommen. Sonst waren vor allem Moslem-Gebiete betroffen; die amharisch-christliche Herrschaft wurde über weitere Ethnien ausgedehnt (zuvor bestand sie nur über Tigre, Afar und einen Teil der Oromo). Meneliks dritter relevanter Wirkungsbereich war eine Modernisierung, die er dem Land verpasste. Im Zuge dessen wurde Addis Abeba Hauptstadt, wurde der Staat zentralisiert, die Macht des Negus gestärkt. In Japan gab es ab 1868 die Meiji-Restauration, mit der die Macht des Tennos wieder hergestellt wurde – was in Äthiopien unter Tewodros und Menelik geschah.

Der Mythos von Äthiopien bzw seine Bedeutung für Afrika und die afrikanische Diaspora kam aus seinem Charakter als afrikanische Hochkultur, seiner frühen Annahme des Christentums, der weitgehenden Behauptung seiner Unabhängigkeit, und nicht zuletzt aus seinen legendären Verbindungen zu den Wurzeln von Christentum und Judentum. Die Äthiopische Orthodoxe Tewahedo Kirche ist eine der wenigen vor-kolonialen Kirchen in Afrika; aber abgesehen davon wird auch ein Bezug des Landes zu Inhalten, Geschehnissen und Figuren aus Tanach und Bibel beansprucht, Äthiopien mit als Quelle jener Kultur gesehen, die den Westen eroberte, und die längst als “westlich” gesehen wird. Äthiopien hat den Europäern (Italiener, Briten,..) wie den Moslems (Araber, Türken) weitgehend widerstanden. Äthiopien war ja auch ein Kandidat für das “Johannesreich”, ein von Europäern vermutetes christliches Reich in einer Region von “Wilden”. Westler, die sich auf den christlichen Charakter Äthiopiens sürzen, blenden die Gräuel aus, die v.a. beim dritten (gelungenen) italienischen Versuch der Einnahme des Landes geschahen, blenden die Bedeutung des Landes in der Behauptung gegen die totale europäische Expansion aus; und: Giordano Bruno schrieb 1591, “niemand könne sich tatsächlich vorstellen, dass zum Beispiel das jüdische Volk und die Äthiopier die gleichen Vorfahren gehabt hätten. Also hätten seinerzeit nicht nur ein Adam, sondern mehrere unterschiedliche erste Menschen geschaffen werden müssen, oder die Afrikaner seien die Abkömmlinge präadamitischer Stämme der Menschheit.”11

Menelik wurde 1913 von seinem Enkel Iyasu und dann seiner Tochter Zauditu gefolgt, dann kam sein Grosscousin Haile Selassie an die Reihe. “Lij” Iyasu, von Grossvater und Vorgänger Menelik ernannt, war Sohn eines ursprünglich moslemischen Oromo-Fürsten (der eine Tochter Meneliks geheiratet hatte). Er war 1910-13 Regent für den erkrankten Opa, 1913 (16 Jahre alt) bis 1916 ungekrönter König (Iyasu V.). Er hatte in der Familie, im Adel, keinen leichten Stand, wurde (v.a. aufgrund seines Vaters) der Förderung von Moslems im Inneren und Äusseren verdächtigt. Seine Halbtante Zauditu (Zewditu, Zawditu, Zäwditu) sah er als Bedrohung, liess sie exilieren; 1916 setzten Adel und Kirche aber Iyasu ab und diese ein. Sie heiratete den Sohn von Meneliks Vorgänger Johannes, bzw wurde verheiratet, es folgten weitere Heiraten. Sie war bis 1930 Negiste (Königin) bzw Negiste Negest (Königin der Könige, bzw Kaiserin), eines von ganz wenigen weiblichen Staatsoberhäuptern weltweit damals. Der gestürzte Iyasu hielt seine Ansprüche aufrecht, forderte mit seinen Anhängern Zauditu (1916) militärisch heraus. Ras Tafari Makonnen, der spätere Haile Selassie, spielte eine Rolle bei der Absetzung von Iyasu, wurde ’16 Kronprinz bzw Thronerbe, spielte unter (seiner Tante) Zauditu eine bestimmende Rolle, als ihr Regent.

Seine Mutter war Oromo (und Tochter eines Regionalherrschers), sein Vater väterlicherseits Oromo, mütterlicherseits Amhara und Angehöriger der Salomonischen Dynastie (Tante von Menelik II., somit gehörte Haile Selassie auch dem Shewa-Zweig der Salomonischen Dynastie an). Sein Vater, Ras Makonnen Woldemikael Gudessa, war “Gouverneur” (Ras) der Provinz Harar, wo Tafari auch 1892 geboren wurde. Dort lebten verschiedene Ethnien, darunter das Harari-Volk, aber Amhara oder an diese Assimilierte herrschten über sie. Es gab innerhalb der Herrscherfamilie viele Machtspiele, Streitigkeiten, Intrigen, auch Heiraten; Posten wie die Regionalfürsten (Ras) und Militärgeneräle wurden oft an Familienangehörige vergeben. Sein Vorname Tafari wurde, nach äthiopischem Brauch, gefolgt von dem seines Vaters (Makonnen), manchmal von dem seines Grossvaters (Woldemikael). Als Kind wurde er Lij (“Kind”12) Tafari Makonnen genannt. Verschiedene Umstände, wie die Tatsache dass keine von Zauditus Kindern über die Kindheit hinaus kamen, “spülten” ihn in der Thronfolge nach oben. Er heiratete eine Nichte von Iyasu V. Als Ras von Harar wurde er Ras Tafari Makonnen.

Der frühere Gouverneurspalast in Harar

Als Regent für Königin Zauditu übernahm er weitgehend “ihr” operatives Geschäft (während sie hauptsächlich Kirchen errichten liess), er sorgte dafür, dass Äthiopien 1923 dem Völkerbund beitrat. Liberia war 1920 Gründungs-Mitglied des Völkerbundes, Südafrika war auch von Anfang an dabei (bevor es unabhängig wurde von GB), 1937 folgte mit Ägypten ein dritter afrikanischer Staat. Der Völkerbund war hauptsächlich mit der Konkurrenz und Feindschaft der westlichen Mächte untereinander beschäftigt – die Anliegen der nicht-weissen Staaten waren absolut untergeordnet. Paradoxerweise kamen die beiden afrikanischen Mitglieder Äthiopien/Abessinien und Liberia im Völkerbund unter Druck wegen Sklaverei bei sich. “Am Ende” waren es die beiden einzigen unabhängigen afrikanischen Staaten, in denen es noch Sklaverei gab, und westliche Länder, die auf Abschaffung drängten…13 In Äthiopien hatten sich Könige seit Tewodros II. um die Abschaffung bemüht, die Praxis ging aber bis in die Königszeit von Tafari Makonnen/Haile Selassie hinein. Im Liberia gab es damals die Minderheitenherrschaft der (schwarzen) Americo-Liberianer über die Afro-Liberianer, und die Wirtschaft des Landes war ganz auf die Produktion von Kautschuk ausgerichtet, und da hatte der US-amerikanische Konzern Firestone quasi ein Monopol – und die Sklaverei spielte sich in deren Bereich ab.

Äthiopien oder Abessinien? “Abessinien” leitet sich vom arabischen “Habash” ab und war der Name, unter dem Äthiopien jahrhundertelang im Ausland bekannt war. Die Äthiopier haben ihr Land eigentlich immer “Äthiopien” (Ītyōṗṗyā, ኢትዮጵያ) genannt. Und, vor der Schaffung des Völkerbundes gab es eigentlich keine internationale Registrierung von Staatsnamen oder so etwas Ähnliches, und das Land trat dem Völkerbund als Äthiopien bzw Äthiopisches Reich bei. Es gab also keinen Namenswechsel, wie bei Ceylon/ Sri Lanka, Siam/ Thailand, Persien/ Iran. Eigentlich bezeichnet “Abessinien” nur den semitischen, ursprünglichen Teil Äthiopiens.

1924 bereiste Regent Tafari Makonnen Europa, Nordafrika, Westasien. In Grossbritannien bekam er die Krone von Tewodros für das Land (bzw Königin Zauditu) zurück, die die Briten bei ihrer Invasion in Äthiopien 1868 mitgenommen hatten – im Gegenzug für zwei Löwen. Die es in Äthiopien damals wahrscheinlich auch nur noch in Gefangenschaft gab. Wie anderswo (zB Persien) waren Löwen auch in Äthiopien bis ins späte 19. Jh weitgehend ausgerottet worden. Vielleicht gibt es auch noch wild lebende im Osten des Landes. 1928 versuchten einige Reaktionäre am Hof, durch einen Putsch gegen Tafari Makonnen seinen sanften Reformkurs zu stoppen. Nach dessen Niederschlagung verschob sich die Macht noch weiter zum Regenten, dem künftigen König, der nun bereits diesen Titel (Negus) bekam. 1930 versuchte Zauditus 3. (4.?) Ehemann, Gugsa Welle (anscheinend ohne Unterstützung der Königin), eine Rebellion gegen Makonnen zu starten, wurde mit seinen Anhängern dabei von der äthiopischen Armee geschlagen und getötet. Kurz darauf starb Zauditu. Es halten sich Gerüchte, wonach sie umgebracht worden sei, und ihr Nachfolger dabei beteiligt war. Tafari Makonnen wurde jedenfalls neuer Negus, nahm den Kaisernamen Haile Selassie an.

Die Gegner jeglicher Reformen im Zentrum der Macht hatten ihn also schon mehrmals herausgefordert, bevor er offiziell an die Macht kam. Haile Selassie I. wird als 225. Nachfolger des Sohnes von Makeda und Salomon, Menelik, gesehen. Als die Kunde von seiner Krönung die damals britische Karibik-Insel Jamaica (Jamaika) erreichte, formierte sich dort die Rastafari-Religion, dazu noch mehr. Haile Selassie erliess 1931 Äthiopiens erste Verfassung,  die ein Parlament aus 2 Kammern festschrieb, allerdings ein ernanntes Parlament aus Adeligen und mit beratender Funktion… Eigentlich hat sich dadurch nur geändert, dass der Entscheidungsprozess des Adels in geregelte Bahnen gelenkt wurde. Es wurde in der Verfassung Demokratie anvisiert, für einen Zeitpunkt in dem das Volk “reif dazu war”.14 Des weiteren wurde dort die Thronfolge auf Nachkommen des aktuellen Königs beschränkt – was in der grossen und weitverzweigten Herrschersippe klarerweise auf Unmut stiess.

Kronprinz Asfaw Wossen und König Fuad von Ägypten 1931

Das faschistische Italien entwickelte Appetit auf neue Aussengebiete und eine “Wiedergutmachung” für die Niederlage von Adua. Zu Eritrea war in der Region noch Ende des 19. Jh ein Teil von Somalia unter italienische Herrschaft dazu gekommen. Äthiopien war auch ein Verbindungsstück zwischen diesen Gebieten. In diese beiden Gebiete in Ostafrika sandte der italienische “Duce” Benito Mussolini 1935 zusätzliche Truppen, Äthiopien wurde so Ende ’35 angegriffen. Den Angriff leitete zunächst Emilio de Bono, dieser wurde nach kurzer Zeit von Pietro Badoglio ersetzt. Der Piemontese15 war schon in Adua als Soldat dabei gewesen, dann bei der Einnahme Libyens in höherer Position, hatte im 1. WK Kampagnen im Julischen Venetien gegen Österreich-Ungarn geleitet16, war dann in Libyen Zivilgouverneur gewesen (mit der Niederschlagung von Widerstand beschäftigt), wurde in der Zwischenkriegszeit Generalstabschef. Badoglio befahl den Einsatz von Giftgas, die Vergiftung von Trinkwasserquellen, Bombardierungen, Beschuss ziviler Ziele.

Haile Selassie und ein italienischer “Blindgänger”, 1935

Das moderne italienische Militär war überlegen, die Äthiopier hatten allenfalls bessere Ortskenntnisse und in der Regel eine höhere Motivation, aber zum Teil nicht einmal Schusswaffen. Im Mai 1936 nahmen die Italiener unter Badoglio Addis Abeba ein, kam der Italienisch-Äthiopische Krieg17 zu einem Ende. Mussolini erklärte Äthiopien zu einer italienischen Provinz, liess es mit Eritea und Somalia zu Italienisch-Ostafrika (Africa Orientale Italiana, bestand 36-41) zusammenschliessen. Der italienische König Vittorio Emanuele III. di Savoia wurde zum Kaiser Äthiopiens proklamiert, Badoglio wurde Vizekönig von Italienisch-Ostafrika, für einige Monate, ehe er von Rodolfo Graziani abgelöst wurde.18 Haile Selassie, der während des Krieges u.a. eine Wallfahrt zu den Lalibela-Kirchen gemacht hatte, verliess die Hauptstadt kurz vor ihrer Einnahme, mit einer Entourage, nach einer Beratung mit Regierung und Parlament.

Die Regierung verliess Addis ebenfalls, wich in den Süden des Landes aus. Der Negus ernannte seinen Cousin Ras Imru Haile Selassie zum Regenten während seiner Abwesenheit. Mit seiner Familie, einigen Vertrauten und Bediensteten fuhr er nach Französisch-Somaliland, von dort (wie einst Makeda der Legende nach) mit dem Schiff über das Rote Meer nach Palästina, damals unter britischer Kontrolle. Er besuchte dort u.a. Jerusalem/ Quds, wohnte im Bayt ʾal-šarq/Orient House; in den 1920ern hatte er das Land erstmals bereist. In Palästina hatte damals gerade der palästinensische Aufstand gegen die zionistische Siedlungs- bzw Verdrängungspolitik unter der britischen Kolonialherrschaft begonnen. Über Gibraltar führen die Äthiopier dann nach Grossbritannien, wo sie die Zeit des Exils bis 41 verbringen sollten, in Bath im Südwesten. Wobei Haile Selassie und seine Begleiter von Haifa nach Gibraltar mit einem britischen Kriegsschiff gebracht wurden19, von dort mit einem zivilen Schiff weiterfuhren. Das ersparte der britischen Regierung, dem exilierten König einen offiziellen Empfang zu geben. Beziehungsweise, ihn als solchen zu empfangen und damit die Besetzung und Annexion seines Landes durch eine andere europäische Macht umissverständlich zu verurteilen.

In Jerusalem

Haile Selassies zwei Schwiegersöhne wurden in diesen Jahren vom italienischen Militär getötet, seine Tochter Romanework starb in Gefangenschaft. Der Negus wollte sein Anliegen beim Völkerbund vorbringen. Die Invasion war vom Völkerbund verurteilt worden, allerdings wurden keine richtigen Sanktionen verhängt. USA-Präsident Franklin Roosevelt erliess (unter dem kurz davor erlassenen Neutalitätsgesetz) für “beide Seiten” (also Aggressor und Opfer) ein Embargo für Waffen und Munition. Der britische Aussenminister Hoare und sein französischer Kollege Laval dachten zur Lösung des “Konflikts über Abessinien” die Teilung des Landes bzw Abtretung eines Teils an Italien an.20 Im Juni 1936 sprach Haile Selassie vor der Generalversammlung des Völkerbunds in Genf, als erstes Staatsoberhaupt überhaupt. Er prangerte in seiner Rede21 den italienischen Gebrauch von Giftgas bei der Eroberung Äthiopiens an und appellierte um Hilfe gegen die Besetzung. Die Rede wurde von italienischen Journalisten auf der Zuschauer-Tribüne gestört. Es stellte sich heraus, dass diese regimetreu waren und von Mussolinis Schwiegersohn und Aussenminister Ciano instruiert worden waren.22

Die Rede machte ihn international berühmt23, jedoch: die ineffektiven Sanktionen gegen das faschistische Italien wurden nicht verschärft, sondern sogar bald aufgehoben. Und 1937 gab es nur 6 Staaten die die italienische Einverleibung Äthiopiens nicht anerkannten: USA, Sowjetunion, Rep. China, Rep. Spanien, Mexico, Neuseeland. Die internationale Gemeinschaft bzw der Völkerbund waren damals eben überwiegend “weiss”, und kaum eine Regierung hatte ein Problem damit, dass endlich auch Äthiopien unterworfen wurde, von einer weissen Macht. Und jene, die eines damit hatten, zT deshalb weil sie eine Expansion des faschistischen Italiens fürchteten, das damals mit Hitler-Deutschland noch nicht fest verbündet war, aber darauf lief es ja hinaus. “Bewahrung von Frieden” bedeutete auch damals nicht, die Aggression gegen ein Land bzw Volk als das Problem zu erkennen, sondern zu vermeiden was gegebenenfalls bei einem Vorgehen gegen die Aggression heraus kommen könnte. Und: Alle wichtigen Mächte hatten selbst “nicht-weisse” Länder unterworfen, wieso sollte das auf einmal ein Problem sein.24

In der USA, wo es in einem sehr grossen Teil des Landes Rassentrennung, und überall Rassendiskriminierung zum Nachteil der Afro-Amerikaner (und anderer Nicht-Weisser) gab, stiess Selassies Rede auf Gehör, bei diesen Unterprivilegierten. Diese sahen schon einen Zusammenhang zwischen der Verletzung ihrer Menschenrechte und der faschistischen Besetzung Äthiopiens. Dort wurden nun die Bodenschätze ausgebeutet, die Völker gegeneinander ausgespielt und den Italienern, die im Zuge der Eroberung ins Land kamen, eine Vorherrschaft in allen Bereichen über die Äthiopier “eingeräumt”.25 Vizekönig/ Gouverneur Graziani liess Abuna Qerellos 36 absetzen, 45 kehrte der zurück an die Spitze der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche. Es gab äthiopischen Widerstand gegen die Besetzung und Einverleibung 36-41, Arbegnoch wurden diese Kämpfer genannt, die italienischen Behörden nannten sie “Shifta”. Die Widerstandsbewegung war in ländlichen Gegenden stark, in Addis Ababa und anderen Städten gab es nur kleine Zellen. Auch einige Hundert Eritreer partizipierten. Und ausländische Freiwillige. Die “Schwarzen Löwen” waren eine Gruppe dieses Widerstands. Unterstützt wurde er von der Oberschicht und der Kirche. Kollaboration gab es auch, nicht zuletzt in Eritrea.

Im Rahmen des zweiten grossen Krieges westlicher Mächte gegeneinander im 20. Jh (“Zweiter Weltkrieg”) kam es 1941 zur britischen Einnahme Äthiopiens – nachdem italienische Truppen von dort aus Britisch- und Französisch-Somalia angegriffen hatten. Die Hauptoffensiven gegen die italienischen Kolonialtruppen wurden vom anglo-ägyptischen Sudan und von Britisch-Ostafrika (Kenia) aus eingeleitet. Die äthiopischen Partisanen beteiligten sich an der Befreiung ihres Landes. Die britischen Truppen bestanden hauptsächlich aus (weissen) Südafrikanern und Indern sowie Männern aus der Region Nordost-Afrika, wie die “Gideon Force” unter Orde Wingate, ein Offizier, der die Zionisten in Palästina offen gegen die dortige Bevölkerung unterstützte. Der König kehrte nach 5 Jahren wieder nach Äthiopien und an die Macht zurück, über den Sudan. Und traf auch mit Wingate zusammen. Der bei der Niederschlagung des palästinensischen Aufstands 36-39 beteiligt war, und beim Aufbau der Haganah (des Instruments ethnischer Säuberungen, von Einschüchterungen und Massakern an Zivilisten). Es gab bei der Befreiung unter den Südafrikanern die für die Briten kämpften, auch solche, die dann bei der Errichtung des Apartheid-Systems in ihrem Land beteiligt waren. Und auf der Gegenseite Südtiroler die für Italien kämpften, auch nolens volens bzw ohne Bezug zum Kriegsziel.26

Haile Selassies zweite, längere Machtphase dauerte von 1941 bis 1974. 1942 gab GB die Souveränität über Äthiopien an die Äthiopier zurück, bzw an ihre Oberschicht. 1942 liess der König die Sklaverei endlich abschaffen. Die Briten behielten aber Militär-Stützpunkte (bzw eine “Militärmission”), 1950 wurden diese durch US-amerikanische ersetzt. Äthiopien war 1946 ein Gründungsmitglied der UN, wiederum als einer von ganz wenigen afrikanischen Staaten. GB hatte nun auch die Herrschaft über Eritrea, diese von Italien übernommen. Nach der Rückkehr des Monarchen und der Souveränität strebte Äthiopien auch die Rückkehr Eritreas an, das schliesslich auch nur durch eine italienische Invasion einst von Äthiopien getrennt wurde. Aus praktischen Gründen war eine Wiedereingliederung wichtig, um einen Meereszugang zu bekommen. Die UN beriet nach dem 2. WK über Eritrea; GB schlug eine Teilung des Landes zwischen Äthiopien und Sudan vor, womit Christen und Moslems getrennt wären. Dies wurde u. a. von allen politischen Kräften Eritreas abgelehnt. Durch eine Resolution der UN-Generalversammlung 1950 wurde eine Föderation von Äthiopien und Eritrea geschaffen, die 1952 realisiert wurde. Damit kehrte Eritrea zu Äthiopien zurück, als föderativer Teilstaat, mit einer eigenen Regierung und mit dem äthiopischen Monarchen als Staatsoberhaupt, nicht unähnlich der Konstruktion von Österreich und Ungarn von 1867 bis 1918.27

Ethnisch sind die Eritreer hauptsächlich Tigre, wie ein grosser Teil der Bevölkerung im angrenzenden Äthiopien. In Äthiopien wird die Volksgruppe Tigray genannt, in Eritrea Tigre; Tigrinya ist jedenfalls die Sprache. Eigentlich sind die Eritreer nur kolonialhistorisch anders geprägt, sie erfuhren Industrialisierung unter den Italienern und etwas Demokratie unter den Briten – das macht den Gegensatz zum landwirtschaftlich geprägten und autokratischen (Rest-)Äthiopien aus.28 Die koloniale Prägung. Aber, mit dem Unterschied zwischen Deutschland und Österreich, Niederlande und Flandern oder Iran und Tadschikistan ist es ja ähnlich, und eine Grenzziehung streng nach ethnischen Kriterien käme in vielen Fällen einer “Vergewaltigung” nahe. In Äthiopien gab es zudem weiter die Vorherrschaft der Amhara (und des Christentums) und einer Oberschicht. Eine mehr oder weniger absolute Monarchie. Dadurch Potential für politische, soziale und ethnische Spannungen. Die Amhara mach(t)en im unter Menelik II. vergrösserten Äthiopien etwa ein Drittel der Bevölkerung aus, blieben aber eben die herrschende Ethnie.29

Äthiopien war unter Haile Selassie an den Westmächten orientiert, hauptsächlich an GB und USA. Daher war er auch relativ ruhig zum europäischen Kolonialismus in Afrika, er mischte dann im Zuge der Entkolonialisierung ab Ende der 1950er bei der Einigung der unabhängig gewordenen afrikanischen Länder mit. GB hatte Äthiopien die Unabhängigkeit zurück gegeben, hatte aber allein in Afrika noch 13 Kolonien sowie 2 Gebiete (Ägypten, Südafrika), auf die es noch grossen Einfluss ausübte…und hatte etwa 4 Millionen Afrikaner in die Sklaverei verschifft, in die Karibik (die von dort nach Nord-, Süd-, Mittelamerika weiter “geleitet” wurden). Eigentlich war Äthiopien das einzige afrikanische Land, das sich einer Kolonialisierung weitgehend entzog; denn die Gründung von Liberia geht auf die “weisse” American Colonization Society zurück, die danach trachtete, in Afrika einen Brückenkopf für die USA zu schaffen und ehemalige (“schwarze”) Sklaven aus der USA fort zu schaffen.30 In der Zeit, als Afrika restlos aufgeteilt wurde, Ende des 19. Jh, hat Äthiopien sogar expandiert (auf Kosten diverser kleiner afrikanischer Reiche).

Haile Selassies Anlehnung an den Westen ging so weit, dass er ein Bataillon seines Heeres sogar auf amerikanischer Seite am Korea-Krieg teilnehmen liess. Wobei die “amerikanische Seite” streng genommen die der von der UN gebilligten Intervention gegen den Angriff Nordkoreas auf Südkorea war. Und darum ging es dem Monarchen hauptsächlich, ein Teil der “internationalen Gemeinschaft” zu sein. Militärische “Abenteuer” der USA hat er sonst nicht unterstützt. Um 1960 wurde Afrika entkolonialisiert, aber nicht sein Süden, und in nominell unabhängigen Staaten wie Congo (Kongo) begann sogleich der Neokolonialismus westlicher Mächte. Und in Teilen der USA herrschten damals noch Zustände, die der Apartheid in Südafrika ähnelten. Selassie hat das, zB bei Besuchen in der USA in diesen Jahren, auch thematisiert, die weitere Bürgerrechts-Gesetzgebung “angespornt”. Er hat aber nicht den diesen “Jim-Crow-Gesetzen” zu Grunde liegenden Rassismus angesprochen oder Kontakte mit antirassistischen Bewegungen dort geknüpft. Hat, anders als Nelson Mandela, nicht einen Zusammenhang zwischen der europäischen Kolonialisierung Afrikas, US-amerikanischen Interventionen in der Welt, den Zuständen in der USA selbst, und einer rassistischen Grundhaltung gesehen.

An Nachbar-Staaten bekam Äthiopien vorerst den Sudan (56), Somalia (60) und Kenya (Kenia, 1963); 1977 Djibouti (zuvor Französisch-Somalia/Somaliland), 1991/93 Eritrea (durch Abspaltung von sich), 2005 den Süd-Sudan (Abspaltung vom Sudan). Der äthiopische König schickte äthiopische Truppen auch nach Congo, im Rahmen der UN-“Blauhelm”-Intervention in der Kongo-Krise. Dem für echte Unabhängigkeit und Integrität des Landes kämpfenden Premierminister Patrice Lumumba hat er darüber hinaus nicht unterstützt, weder verbal noch in Taten. Aber wie erwähnt kümmerte er sich um die afrikanische Einigung, war bei der Gründung der Organisation afrikanischer Einheit (OAU/ OUA)31 1963 beteiligt, die ihr Hauptquartier auch in  Addis Ababa (Abeba) bekam. Haile Selassie wurde erster Vorsitzender der OAU. Auch bei der Gründung der Blockfreien-Bewegung 1961 in Belgrad war er dabei. Und, Äthiopien war meistens Pro-Israel eingestellt, aufgrund der Verbindungen, die man zu diesem Land und den Juden sieht. Daran änderte auch der Rassismus innerhalb der israelischen Gesellschaft und gegenüber der Region32 nichts.

Äthiopien war, 1956, der zweite afrikanische Staat, der Israel anerkannte, nach (Apartheid-) Südafrika. Äthiopien war wichtiger Teil von Ben Gurions Peripherie-Strategie, unterhielt relativ enge Beziehungen zum jüdischen Staat, arbeitete mit ihm auch gegen die Sezession Eritreas zusammen. Daran änderte auch nichts, dass Israel wichtigster Partner des Apartheid-Regimes war.33 Südafrikas Aussenminister Eric Louw sprach nach der Gründung der OAU von “Bettler-Nationen”34 und kritisierte die “Gewährleistung” der Unabhängigkeit der afrikanischen Länder durch die europäischen als “Betrug am weissen Mann” und “Ermunterung für die Kräfte der Barbarei”. Das Apartheid-System Südafrikas wurde, im Zusammenspiel von NP-Politikern mit den Niederländisch-Reformierten Kirchen, religiös-pseudochristlich begründet; auf der anderen Seite entstanden ab Ende des 19. Jh im südlichen Afrika “Äthiopische Kirchen”, bezugnehmend darauf, dass die damals dort vorherrschenden Anglikanischen und Methodistischen Kirchen weiss dominiert waren, und dass das Christentum früher in Äthiopien war als in den meisten Teilen Europas.35

Haile Selassie versuchte im Inneren nach dem 2. WK verschiedene Reformen, die auf eine Modernisierung des Landes abzielten. Manchen gingen diese Reformen zu weit, Anderen viel zu wenig weit. Seine beinahe absoluten Machtposition war eigentlich eine gute Voraussetzung dafür, seine Politik umzusetzen, auch wenn diese darauf hinaus lief, einen Teil dieser Macht abzugeben. Aber diese Macht stützte sich eben auf Loyalitäten, und diese konnten auch entzogen werden. Sein Vorhaben der Einführung einer “progressiven” Besteuerung scheiterte am Widerstand des Adels (der dabei zu verlieren hatte). Den Feudalismus etwas abzubauen war schwierig, denn Adelige waren ja im Militär und als Provinzfürsten stark vertreten… Hier lag eines seiner Dilemmata. Ähnlich war es beim letzten iranischen Schah, Mohammed Reza I. Pahlevi; der etwa mit seiner “Weissen Revolution” zur Landumverteilung 1963 Viele gegen sich aufbrachte. Andere Reformvorhaben, etwa im Bildungswesen, scheiterten am Festhalten an äthiopischen Traditionen in der Bevölkerung. 1955, zu seinem silbernen Thronjubiläum, konnte er wenigstens eine neue Verfassung erlassen, die die Vorrechte des Adels etwas einschränkte. Das ernannte Oberhaus des Parlaments blieb, das Unterhaus sollte nun gewählt werden. Unter einem eingeschränkten Wahlrecht, und ohne die Bildung von Parteien.

1957 wurde das Unterhaus dann das erste Mal gewählt. Wirklich viel Macht hatte es nicht (auch weil der König selbst die meiste behielt), aber es war ein erster Schritt Richtung politische Mitbestimmung getan. Die Opposition zu diesem Regime war überwiegend links, wie hätte es bei diesem Feudalsystem auch anders sein können; Kommunismus fand in Teilen der Intelligenz Anklang, besonders bei jenen, die im Ausland studierten. Daneben gab es aber auch Demokraten, Separatisten, – und Ultrakonservative, denen Haile Selassie zu fortschrittlich war. 1960, als Haile Selassie auf Staatsbesuch in Brasilien war36, versuchte seine Palastwache einen Putsch, proklamierte seinen ältesten Sohn Asfa Wossen zum neuen Monarchen. Die Sache brach rasch in sich zusammen, aber wie der Monarch darauf reagierte, spricht für sich: Militär- und Polizei-Chefs wurden Ländereien zugesprochen. Ebenfalls 1960 errang ein äthiopischer Athlet, A. Bikila, die erste Olympia-Medaillie, für dieses Land, im Marathon, beim zweiten Antreten Äthiopiens bei Olympia. Und begründete die Tradition der Weltklasse-Langstreckenläufer aus diesem Land (> Wolde, Yifter, Gebreselassie,…)

Die Autokephalie (Eigenständigkeit) der Äthiopischen Kirche bzw “Trennung” von der Koptischen kam 48 – 59 zu Stande. Vom 4. Jh bis Mitte des 20. Jh unterstand die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche der Ägyptisch-Koptischen, Oberhaupt (“Abuna”) der äthiopischen Kirche war immer ein vom koptischen Patriarchen ernannter koptischer Bischof. Hauptsächlich wegen dessen Unkenntnis der Landessprachen (wie Amharisch/ Amharigna) und der Kirchensprache Ge’ez hatte er nur begrenzten Einfluss auf die Kirche, wurde er auf eine repräsentative Rolle beschränkt. 1948 leitete der koptische Patriarch Joseph/Yusab/Yosef II. (46-56) auf Bitte von Haile Selassie die Autokephalie der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche (so der volle Name) in die Wege. Die Position des Ichegea (Abt des Klosters von Dere Libanos) war bis dahin die höchste, die ein Äthiopier in seiner Kirche erreichen konnte. Der damalige, Gebre Giyorgis Wolde Tsadik (1891 – 1970), wurde ’48 von Yosef zum ersten äthiopischen Erzbischof ernannt. Ausserdem wurden fünf Bischöfe geweiht. Gebre Giyorgis bzw “Basilios” hatte lange in Jerusalem gewirkt, wo die Tewahedo-Kirche seit Langem eine Präsenz (v.a. in der Grabeskirche in der Altstadt) hat.

1950 starb der letzte ägyptische Abuna, Querellos/Kyrillos IV., und Basilios wurde der neue, somit Oberhaupt der Kirche. 1951 wurde er geweiht. 1959 fiel mit dem Amtsantritt des neuen koptischen Patriarchen dessen Ehrenvorrang über den Abuna weg. Josef II. war ’56 intern abgesetzt worden, bis 59 wurde die Koptische Kirche von einem Gremium geleitet. Azar Y. Atta wurde 59 Patriarch Cyril VI. (59-71), als Vorgänger von Schinoda III. Bei einer Zeremonie in der Markus-Kathedrale in Kairo (Foto) wurde, in Beisein von Haile Selassie, die Position des Abuna aufgewertet, zum Oberhaupt der Tewahedo-Kirche. Damit war die Autokephalie 1959 vollkommen. Anders als die Koptische Kirche war die Äthiopische nicht im eigenen Land bzw in der eigenen Bevölkerung zurückgedrängt. Heute ist die Koptische Kirche auch in absoluten Zahlen kleiner als die Äthiopische. 44% der Äthiopier gehören ihr an; 34% sind sunnitische Moslems, dann kommen v.a. andere Kirchen. Nachdem Äthiopien 1993 die Unabhängigkeit von Eritrea anerkannte, erlangte auch die Eritreisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche den Status der Autokephalie (1998).

Die Abspaltung Eritreas von Äthiopien wurde dadurch in die Wege geleitet, dass es Anfang der 1960er stärker in Äthiopien eingegliedert wurde… 1960 liess Haile Selassie zunächst die Autonomie-Regierung für Eritrea (damals unter A. Abebe) “einschränken”, 1962 löste er sie auf und damit die Eigenständigkeit Eritreas innerhalb Äthiopiens. Eritrea wurde zu einer normalen äthiopischen Provinz “herabgestuft”. 62 bis 91 gab es äthiopische Ras’/ Gouverneure für Eritrea, wie für die anderen Provinzen. Dadurch erfuhr die Eritrea-Unabhängigkeitsbewegung Zulauf, begann der Unabhängigkeitskampf. Erste diesbezügliche Organisation war ab den 1950ern die ELF, im Exil, die 61 eine Miliz aufstellte und den Kampf aufnahm – womit der Sezessionskrieg (61-91) begann. ELF-Mitgründer Hamid I. Awate war Ascari für die Italiener gewesen, was das Argument, die Eritrea-Unabhängigkeits-Idee sei eine von der Kolonialmacht “implantierte”, nicht gerade entkräftet. Die EPLF wurde die wichtigste der Abspaltungen von der ELF, die sich zeitweise gegenseitig bekämpften. Auch ausländische Akteure mischten mit. In den 30 Jahren Krieg fand der grosse Umsturz in Äthiopien statt, von der Feudal-Monarchie zur kommunistischen Junta.

Das Aufbegehren in Eritrea war der ernsteste ethnische Konflikt in Äthiopien37, aber nicht der einzige. In der damaligen südöstlichen Provinz Hararghe38, wo die Somalis dominierten, gab es irredentistische Bestrebungen, einen Anschluss an Somalia anstrebend. Die Somalis sind moslemisch, hamitisch, und hatten ab 1960 Somalia “im Hintergrund”39 Die Provinzen waren damals zudem ziemlich willkürlich gezogen. Das Aufbegehren gab es auch in anderen Gegenden des Südens, der ja später Teil Äthiopiens geworden war; aber auch unter den Afar im Norden. Und daneben eben das politische Aufbegehren, auch unter Amharen und Tigray, nicht zuletzt unter Studenten.

(Um) 1973 eine Hungerkatastrophe im Nordosten des Landes, die Zehntausende Äthiopier tötete. Dies führte mit zu Haile Selassies Sturz. Anfang 1974 Unruhen in der Hauptstadt wegen einer Inflation; der Monarch reagierte mit einer TV-Ansprache in der er das “Einfrieren” der Preise für Grundlebensmittel sowie “Sprit” ankündigte. Doch begann nun eine Meuterei in der Armee, beginnend in Asmara (Eritrea), wo sie mit der Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung beschäftigt war. Haile Selassie wusste, dass damit seine Macht und das System ernsthaft in Gefahr war. Er tauschte seinen Premier aus, trat nochmal vor die TV-Kameras und kündigte Gehaltserhöhungen für Offiziere an. Im Juni 1974 bildete sich der Derg, ein (kommunistisch ausgerichtetes) Komitee aus mittleren und unteren Heeres-Angehörigen, im September setzte dieses den damals 82-jährigen Selassie ab. Selassie wurde von den Putschisten in seinem Palast in Addis Abeba unter Hausarrest gestellt; er soll in den letzten Monaten seines Lebens nicht gemerkt haben, dass er abgesetzt war.

Der Derg ernannte (wie schon die Aufständischen 1960) seinen ältesten Sohn Asfaw Wossen Tafari40 zu seinem Nachfolger – wieder gegen seinen Willen. Da sich dieser gerade im Ausland befand, sollte General Aman Mikael Andom, ein protestantischer Eritreer, vorübergehend die Position ausfüllen. Asfaw Wossen Tafari war seit 1930 Kronprinz, daneben Regionalfürst (Ras), hatte 1973 einen Schlaganfall erlitten, wurde daher zur Zeit des Putsches in der Schweiz medizinisch behandelt. Der Grossteil der im Land befindlichen königlichen Familie, darunter Königstochter Tenagnework, wurde zunächst in einem anderen Palast in der Hauptstadt eingesperrt, kam dann in das Kerchele-Gefängnis in Addis Abeba. Im November ’74 wurden 60 hohe Offizielle des gestürzten Regimes (darunter Selassie-Enkel Iskinder Desta, ein Admiral) getötet.41 Als Wossen dies verurteilte, kündigte der Derg an, die Monarchie abzuschaffen.

Haile Selassie hat 1965 eine Autobiografie (auf Amharisch/ Amharigna) herausgebracht, die 1972 anscheinend das erste Mal auf Englisch heraus kam. Es liegt auf der Hand, dass er sein Wirken anders beurteilte als seine Gegner. Die Urteile über ihn oszillieren zwischen Verklärung und Verteufelung. Bereits als Ras der Provinz Harar war er für Umsiedlungen und ethnische Diskriminierungen verantwortlich. Sein Regime als König/ Kaiser war autokratisch und grossteils undemokratisch. Menschenrechte wurden auf verschiedenen Gebieten verletzt, ob politische Rechte oder bürgerliche Freiheiten. Man muss allerdings auch sehen, welchen Gestaltungsspielraum er hatte bzw nicht hatte, und, welche Ausgangslage er bei seinem Amtsantritt vorfand und was er verändert hat. Soll man das Glas halb voll oder halb leer sehen? Einen Herrscher, der ein Parlament in seinem Land eingeführt und die Türe für die politische Mitbestimmung des Volkes geöffnet hat, oder einen unter dem keine Parteien erlaubt waren und die Mitbestimmung der gewählten Parlamentskammer sehr schwach war? Soll man seine Reformversuche zur Überwindung des Feudalismus sehen (gegen den Widerstand von Adel und zT Kirche) oder das Scheitern dieser Versuche? Es gibt starke Parallelen zum letzten iranischen Schah.

Ryszard Kapuściński durfte aus dem kommunistischen Polen Auslandsreisen unternehmen, nicht zuletzt nach Afrika, hat darüber geschrieben. 1978 brachte er eine Biografie Haile Selassies heraus (s. u.), die wenig schmeichelhaft ausfiel. Er stellte ihn als dilettantisch, absurd, korrupt dar. Das Buch sei aufgrund von Interviews mit ehemaligen Hofbediensteten entstanden, jedenfalls nach dem Sturz des Monarchen. Hat er ihn schlechter gemacht, als er war?42 Und hat er wirklich mit Leuten geredet, die ihn gekannt hatten? Und die ein objektives Urteil abgeben konnten? Asfa-Wossen Asserate, Grossneffe Selassies, merkte an, zu der Zeit als Kapuściński in Äthiopien war, als also das Mengistu-Regime “wütete”, sei es schwer gewesen, (zumal für einen Ausländer) Leute aus dem Umfeld des ehemaligen Monarchen zu finden (ausserhalb von Gefängnissen), und selbst wenn, diese hätten Angst gehabt, etwas Positives über ihn zu sagen. Kapuściński brachte 1982 auch ein Buch über den 1979 gestürzten Herrscher des Iran heraus, auf Polnisch (“Szachinszach“), das 1986 auf Deutsch erschien (“Schah-in-Schah: Eine Reportage über die Mechanismen der Macht und des Fundamentalismus”).

Der Schah und der Negus sind sich zumindest 1971 begegnet, bei der Feier die Erster zur Demonstration der Verbindung seiner Dynastie mit jener der Achämeniden veranstaltete.43 Damals zeigte sich übrigens das internationale Prestige, dass Selassie genoss, er bekam “Vorrang” gegenüber anderen Staatsgästen, wie auch beim Begräbnis von John F. Kennedy einige Jahre zuvor. Äthiopien hatte unter Haile Selassie international ein gewisses Prestige, wie der Iran unter Mohammed R. Pahlevi; obwohl, gerade im bzw aus dem Westen viel Rassismus und Paternalismus weiter aktuell war, und obwohl die Herrschaft dieser beiden in ihrem Land grossteils als repressiv empfunden wurde. Beide haben eine genuine Nationalkultur gepflegt, wobei die Islamisten im Iran der Meinung sind, dass diese in Wirklichkeit der schiitische Islam sei (während Pahlevi das vor-islamische Erbe hervorstrich), und in Äthiopien viele Linke und Nicht-Amhara hier auch Einspruch einlegen würden.44

Auch beim Schah kann man durchaus die Modernisierung des Landes unter ihm sehen, die er gegen den Widerstand konservativer Kräfte vollbrachte. Beide Herrscher haben ihrem eigenen Volk nicht wirklich zugetraut, die Politik mitzubestimmen, es als nicht reif dafür gesehen, haben keine Demokratie zugelassen, eine Herrschaft von oben herab als nötig erachtet. Eine solche Geringschätzung wirft auf den “Nationalismus” der Betreffenden wieder ein anderes Licht… Linke im Westen (und im Land) hatten vom Schah wie vom Negus zu deren Herrschaftszeiten ein negatives Bild, und das nicht ganz ohne Grund. Aber in beiden Ländern ist es nach dem Umsturz schlimmer geworden und muss man sich fragen, ob nicht eine Fortsetzung unter diesen Herrschern (bzw unter ihren Söhnen) das kleinste Übel gewesen wäre. Parallelen gibt’s auch zu Afghanistan und dessem letzten König/Schah – auch dort war es so, wenn eine echte Modernisierung und Demokratisierung gelungen wäre, wäre dem Land und der Welt viieel erspart geblieben. Und eine solche hat übrigens der Westen nicht unterstützt, im Gegenteil…

Die Österreicherin Lore Trenkler war von 1962 bis 1975 Köchin am Hof von Haile Selassie, anfangs als Diätassistentin für seine Gemahlin, nach deren baldigen Tod wurde wurde ihr die Leitung der Palastküche übertragen.45 Über den autoritären Negus meinte sie: „Ich nehme an, dass er den Äthiopiern gegenüber streng war, als Mensch war er ganz reizend.“ Nun ja, aber wäre es umgekehrt nicht besser gewesen? Aber, jeder Held ist ein Bösewicht für irgend jemanden. Und alle Helden haben Blut an ihren Händen. Beim Vorgehen gegen den Eritrea-Separatismus hat das äthiopische Militär, sowohl unter Selassie als auch unter Mengistu, auch Verbrechen begangen. Hier tut sich noch einmal eine andere Tragik auf, eine Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Selassie bemühte sich um die afrikanische Einheit, konnte aber nicht einmal im eigenen Land die Einheit erhalten.46 Auch wenn man sagt, die Eritrea-Sezession war auf das koloniale Erbe zurückzuführen und war ein Ausdruck von Tribalismus, das äthiopische Militär hat bei ihrer Bekämpfung Grausamkeiten begangen und sie doch nicht verhindern können.

Aus der Distanz aber sehen die Dinge immer anders aus… Zum Beispiel Äthiopien und Haile Selassie aus der Karibik. Wo das Erbe der europäischen Sklaverei noch am lebendigsten ist. Die zehn Millionen Afrikaner47, die als Sklaven von Afrika nach Amerika deportiert wurden (16.- 19. Jh), kamen zunächst in der Karibik an, wurden von dort in andere Teile Amerikas weiter verkauft, ein Teil blieb auch dort, zur Arbeit in Zuckerrohr-Plantagen hauptsächlich. Die Karibik, wo die “Indianer” (Arawak und Caraib gab es dort) fast ganz ausgerottet sind und wo sich nicht allzu viele Europäer niederliessen, ist überwiegend “schwarz” bevölkert (und sprachlich zersplittert, von der jeweiligen Kolonialherrschaft geprägt).48 Die meisten Schwarzen in Amerika (Nord-, Süd-,…) wurden zu christlichen Gemeinschaften “gelotst”, daneben entstanden trans-afrikanische Religionen wie Voodoo, Umbanda oder eben Rastafari.

Der Jamaikaner Marcus Garvey beschäftigte sich im früheren 20. Jh mit dem Schicksal bzw der Orientierung der “Schwarzen” am amerikanischen Kontinent nach der Sklaverei, vor der echten Gleichberechtigung, vor der Unabhängkeit der karibischen und afrikanischen Nationen. Er nahm dabei stark auf Afrika Bezug, auf die Wurzeln, strebte nicht eine Stärkung der Bürgerrechte der Afro-Amerikaner in Staaten wie der USA an, wie W. E. B. Du Bois, sondern ihre Rückkehr nach Afrika. In seiner Ablehnung der Assimilation der Schwarzen in die weissen Gesellschaften traf er sich mit den weissen Rassisten. Garvey wird die Prophezeiung der Krönung eines (schwarzen) Königs in Afrika, der die Befreiung der Schwarzen bringen würde, zugeschrieben. Damit inspirierte er die Gründung der Rastafari-Religion. Denn als Haile Selassie 1930 König von Äthiopien wurde, sahen Jamaikaner wie Leonard Howell das Eintreffen von Garveys Prophezeiung, sahen im bisherigen Ras Tafari Makonnen einen Messias, und ihn Garvey einen Prophet, und gründeten die Rastafari-Bewegung, die sich v.a. in der Karibik verbreitete.

1961 reiste eine Delegation aus dem damals noch britischen Jamaica (Rastafari und Andere) nach Äthiopien, um Verschiedenes mit Haile Selassie zu diskutieren, darunter eine “Repatriation” von Karibik-Schwarzen nach Äthiopien. Dieser selbst hat stets abgelehnt hat, der Messias zu sein. 1966 besuchte der äthiopische König Jamaica, also einige Jahre nach der Unabhängigkeit (1962). Der Tag wurde zu einem Rastafari-Feiertag. Tausende Rastafari kamen zum Palisadoes-Flughafen bei Kingston um ihn zu empfangen, “Joints” (Ausdruck der Rasta-Kultur) wurden offen geraucht. Haile Selassie konnte das Flugzeug zunächst nicht verlassen, da das Rollfeld mit seinen Anhängern überfüllt war. Jamaikanische Behörden fragten Mortimo Planno, einen Rastafari-Führer, der schon beim Besuch ’61 dabei war, um Vermittlung. “The Emperor has instructed me to tell you to be calm. Step back and let the Emperor land”, rief er der Menge zu. Einige Rastafari-Führer bekamen dann eine Audienz beim äthiopischen König.49

Dazu ist zu sagen, dass heute etwas über 1% der Jamaikaner Rasta(fari) sind, und damals waren es eher etwas weniger. Für sie war der Besuch wichtiger als für die meisten anderen Jamaikaner. Und: Manch ein Jamaikaner, ob Rastafari oder Christ, war enttäuscht von der Erscheinung des “Messias”, der relativ klein und hell war. Die Schwarzen in der Karibik und in anderen Teilen Amerikas stammen aus Westafrika50, nicht aus Ostafrika – entgegen den Rasta-“Mantras” von “Diaspora” und “Rückkehr” im Zusammenhang mit Äthiopien. Die Semiten, Hamiten, Kuschiten im Norden und Osten Afrikas sind ein anderer Typus als die Bantu im grossen Rest Afrikas. In Ländern, wo diese “Rassen” zusammen leb(t)en, wie Sudan (vor der Unabhängigkeit des Südens), Ruanda/Rwanda und Kenya, gibt/gab es auch öfters Spannungen. Die Schwarzen in der Karibik und anderen Teilen Amerikas sind wiederum öfters mit Weissen vermischt.51

Es gab früher zB die Pharaonen, die als “göttlich” gesehen wurden, die “Vorstellungen” von Gottesgnadentum bei den europäischen Monarchen, oder die japanischen Kaiser/ Tennos, die zumindest im Schintoismus als göttlich bzw Nachfahren der Göttin Amaterasu gesehen wurden – bis Hirohitos Erklärung 1945. Stark verbunden mit Rastafari ist die Reggae-Musik. Robert Marley gehörte der Rastafari-„Sekte“ an (sowie christlichen Kirchen), war Freund von Planno, hat Haile Selassie aber nie getroffen. Einige Rastafaris liessen später die Idee von der Göttlichkeit Haile Selassies fallen und wandten sich der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche zu. Es gibt auch Jamaikaner, die nach Äthiopien ausgewandert sind. Mit Afrikanern/Schwarzen wird “normalerweise” eine Nummer geschoben, Äthiopien und Haile Selassie waren aber auch handelnde Subjekte, mit Macht, Tradition,…. deshalb die starke Bezugnahme (u.a.) der Karibik-Schwarzen (Diaspora-Afrikaner) auf dieses Land und seinen (bislang) letzten Monarchen.

Der Derg unter Mengistu Haile Maryam errichtete 1974 mit Unterstützung der SU eine “sozialistische” Militärdiktatur. Die Monarchie wurde im März 1975 abgeschafft; die Derg-Führer wurden bis dahin als amtierende Staatschefs gesehen. Im August 1975 wurde der Tod von Haile Selassie bekannt gegeben; der “Ex-Monarch” sei durch Komplikationen in Folge einer Operation gestorben. Von manchen Seiten wurde/ wird dies angezweifelt, der Negus sei von den Putschisten getötet worden. Maryam war väterlicherseits Oromo, seine Grossmutter hatte Kaiserin Zauditu gedient, dafür Land bekommen, dieses verlor sie durch die Verstaatlichung ihres Enkels; er selbst war 77 bis 91 Staatsoberhaupt. Die amharische und christliche Vorherrschaft wurde unter dem Derg fortgeführt, die Äthiopische Kirche verlor aber ihre starke Stellung, und oppositionelle Bischöfe das Leben. Abuna “Theophilos” wurde 1976 abgesetzt und 1979 hingerichtet. 77/78 der Ogaden-Krieg durch somalischen Angriff nach Somali-Aufständen in dieser äthiopischen Provinz, durch SU-Frontwechsel zurückgeschlagen.

Um 1984 die Dürre und Hungersnot in weiten Teilen Äthiopiens, hauptsächlich im Osten. Die Politik der Junta unter Mengistu Maryam dürfte die Auswirkungen der Dürre verschlimmert haben. Ausserdem lief damals auch der Eritrea-Krieg 52 Etwa 500 000 Menschen starben von 1983 bis 1985. Wieder einmal tat sich bei Äthiopien eine Kluft zwischen „Anspruch“ und Realität auf; das Land wurde Empfänger von Mitleid und Almosen aus aller Welt… In der BRD hatte Karlheinz Böhm bereits 1981, in der dritten “Wetten dass…?”-Sendung, sein Hilfsprojekt für Äthiopien gestartet. Die (oder das?) britische “Band Aid” brachte Ende 84 “Do They Know It’s Christmas?” heraus, die Pop-Szenen in anderen Ländern folgten, 1985 die “Live Aid”-Konzerte. “Do they know it’s Christmas time at all?” In Äthiopien länger als in England. “Feed the world…”53

Die “humanitäre Katastrophe” veranlasste Israel zu Evakuierungssaktionen der Äthiopier, die sich als Juden sahen, 1985 und 1991 wurden die allermeisten “Beta Israel”/”Falasha” nach Israel ausgeflogen. Es handelte sich um Angehörige der kuschitischen Agau/Agaw aus dem amharischen Teil Äthiopiens, die ihr Christentum zugunsten jüdischer Bräuche aufgaben. Richard Pankhurst fasst die Theorien über ihr Judentum so zusammen: Sie könnten Agaus sein die konvertiert sind (schliesslich ist in Äthiopien auch im Christentum das Judentum präsent); jüdische Einwanderer, die sich mit Agau vermischten; eingewanderte moslemische Jemeniten die konvertiert sind; eingewanderte jemenitische oder ägyptische Juden. Das Selbstverständnis dieser äthiopischer Juden ist, dass sie Juden waren, bevor sie Christen wurden, sie also rück-konvertierten. Es könnte sich auch um Nachfahren der “verlorenen Stämme Israels” handeln, die mit der assyrischen Eroberung im 8. Jh vC verschleppt wurden. Unter israelischen und jüdischen Gremien gab es auch lange Diskussionen über ihre Aufnahme.54

1987 gab es eine Parlamentswahl, aber nur die KP durfte antreten. Der Widerstand gegen das Regime verband sich um 1989 mit dem Eritrea-Unabhängigkeitskampf, hauptsächlich handelte es sich um ein Bündnis der “Volksbefreiungsfront von Tigray” (TPLF) mit der EPLF (im Endeffekt auch Tigre), zur “Revolutionären Demokratischen Front der Äthiopischen Völker” (EPRDF). Den Tigre-Rebellen ging es auch gegen die Amhara-Vorherrschaft. 1990 beendete die SU im Zuge von Perestroika ihre Unterstützung des Derg55; Mengistu wandte sich darauf hin vom Kommunismus ab, Machterhalt blieb aber das Ziel, nur wirtschaftlich wurde etwas geöffnet. Im Mai 1991 marschierten die Truppen der EPRDF in Addis Abeba ein, stürzten den Derg. Mengistu floh mit 50 engen Verwandten und Derg-Kollegen aus dem Land nach Zimbabwe, wo sie von Robert Mugabe aufgenommen wurden.

Die EPRDF übernahm die Macht in Äthiopien, entliess Eritrea, dessen “Rebellen” in ihr mit gekämpft hatte, in die Unabhängigkeit (91-93).56 In der EPRDF war damit die TPLF die haushoch dominierende Kraft, führte eine Tigre/Tigray-Vorherrschaft im Land ein. Und eine Halb-Demokratie: Zulassung von Parteien, eine Verfassung (1994), Wahlen (ab 1995), ein föderatives System mit autonomen Regionen für die grossen Völker (ebenfalls 95). Aber eine Vorherrschaft der TPLF, abgesichert bzw ermöglicht durch Wahlmanipulationen und ethno-regionale Satellitenparteien. Meles Zenawi wurde starker Mann Äthiopiens, zuerst als Staatspräsident, dann (ab 95) als Ministerpräsident, nachdem die Macht zu diesem verschoben wurde.57 Verlierer der Teil-Demokratisierung nach dem Umsturz sind, wenn man es auf’s Ethnische herunterbricht, die lange dominierenden Amhara/ Amharen; auch die Oromo, die grösste Volksgruppe, die Afar, Somali, Kaffa, Harari,… fühlen sich benachteiligt.58

In der EPRDF herrscht seit dem Tod von Zenawi im Jahr 2012 ein Machtvakuum. Die wichtigsten Oppositions-Parteien haben sich zu einem Bündnis mit der englischen Abkürzung CUD zusammengeschlossen. 2015 begannen öffentliche Proteste gegen die von der EPRDF (TPLF,…) ausgeübte Tigray-Vorherrschaft. Ethnisches und Politisches verbindet sich hier, wie oft in Afrika. Teile unter den Oromo (> Oromo Liberation Front), Somali, Afar, die unter Negus, Derg und EPRDF zu kurz kamen, visieren eine Abspaltung (ihrer Provinz) von Äthiopien an, wie es Eritrea tat59. Äthiopien, das als einziger afrikanischer Staat (!) seine Grenzen selbst festlegte, könnte vom Auseinanderfall bedroht sein. Die Gräben in der Bevölkerung verlaufen hauptsächlich entlang ethnischer Linien. Religion ist kein so trennender Faktor; die somalische Islamisten-Gruppe Al-Shabab scheiterte einst bei einem Terrorangriff mit einer Separation von Moslems und Christen in einem Bus… Unter den (grösstenteils äthiopisch-orthodoxen) Tigray wurde der damalige Abuna/ Patriarch der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, “Merkorios”, 1991 abgesetzt. Verschiedene Kriege und Konflikte am Horn von Afrika bzw in Ostafrika hängen miteinander zusammen, darunter der Al-Shabab-Terror in der Region und das militärische Vorgehen dagegen, in dem das äthiopische Militär eine wichtige Rolle spielt – wofür es westliche Unterstützungsgelder erhält.

Sarkophag Haile Selassies

Da, als die letzten Angehörigen der ehemaligen Herrscherfamilie vom Derg freigelassen wurde, 89/90, war dieser selbst schon fast am Ende (> 91). Haile Selassies Tochter Tenagnework wurde 89 freigelassen, ging ins Exil. Nach dem Umsturz konnten exilierte Angehörigen der Familie auch wieder Äthiopien besuchen, wie Haile Selassies Grossneffe Asfa-Wossen Asserate, der 1974 in Deutschland studiert hat. Asfaw Wossen Tafari (1914-97), der sich später Amha Selassie nannte, Oberhaupt der Familie, lebte in GB und USA. 1992 wurden die Gebeine des Ex-Monarchen unter einer Steinplatte im ehemaligen Palast gefunden. Die Überreste seines Körpers wurden in die Kathedrale von Addis Ababa umgebettet, wo auch die seines Grossonkels Menelik (II.) liegen. 2000 bekam er dort ein Begräbnis von der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, das von der nunmehrigen Regierung nicht zu einem Staatsbegräbnis gemacht wurde.60 Bob Marleys Witwe Alpharita “Rita”61 war dabei, die meisten Rastafari lehnten das Ereignis aber ab; weil das Begräbnis ihres “Messias” in ihren Augen nicht würdig genug war oder weil sie daran zweifelten, dass er überhaupt gestorben war.

Amha Selassies Sohn Zera Yacob Selassie ist seit 1997 Chef des Hauses bzw der Familie, und Prätendent für die äthiopischen Monarchisten. Er hat sich 1989 im Exil zum Negus proklamiert, rückdatierend auf 1975 (Tod des Grossvaters), gründete 1991 eine monarchistische Organisation. Es gibt widersprüchliche Aussagen dazu, ob er (der 1951 in Addis Abeba geboren wurde) mittlerweile nach Äthiopien zurück gekehrt ist oder nicht. Ist Äthiopien ein Land, wo der Monarchismus stark ist? Und würde eine Restauration eine Verbesserung für das Land bedeuten? Wiederum Parallelen zum Iran: Bei allem Schlimmen, das danach kam, die Monarchie in ihrer Unfreiheit und ihrem Absolutismus hat irgendwie den Grundstein dazu gelegt. So wie sie zuletzt bestand, wäre sie kein Anlass zur Hoffnung; etwas anders sähe es mit einer konstitutionellen Monarchie aus, und einer auf Konsens ausgerichteten Restauration. In Afrika gibt es zur Zeit Monarchien in Marokko und Lesotho (konstitutionell) sowie Swasiland (absolut)62. Früher u.a. in Ägypten, Tunesien, der Zentralafrikanischen Republik63,..

Äthiopien ist also weit von einer stabilen Demokratie entfernt, die Mittelschicht fehlt noch immer weitgehend. Nicht wenige Äthiopier sind nach Westeuropa oder die Golfstaaten ausgewandert. Aber es gibt Erfolge in der Bildungs-, Gesundheits- und Infrastrukturpolitik. Der Tourismus dorthin hat einen Aufschwung erfahren. 2011 begann ein Bau eines Kraftwerks am Blauen Nil, das Strom für Äthiopien und den Export produzieren soll. Was im Hinblick auf Naturzerstörung natürlich auch nicht unbedenklich ist. Saudi-Arabien und China haben sich in den letzten Jahren grosse Landflächen in Äthiopien gesichert, um dort Ackerbau für die eigene Versorgung zu betreiben. Auch exportiert das Land Nahrungsmittel in Afrika. Oft geht es hier aber um Land und Ernten, die auch die eigene Bevölkerung bräuchte. Äthiopien ist jedenfalls einer der Schlüsselstaaten Afrikas. Es ist vorsichtiger Optimismus bezüglich Entwicklungen in Afrika angebracht, gibt einige positive Bestandsaufnahmen und Prognosen. Die verbreiteten Afrika-Bilder bestehen entweder in Naturschönheiten oder menschlichem Elend, das mit westlichen Almosen gemildert werden kann. Jene Afrikaner, die verzweifelt versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen, bestärken das klarerweise.

Georgs-Kirche in Lalibela

Bei seinem Besuch am Sitz der Afrikanischen Union (AU) in Addis Abeba hat USA-Präsident Barack Obama 2015 dem afrikanischen Kontinent Aufbruchstimmung bescheinigt. Es müssten „Vorurteile von einem Afrika, das für immer in Armut und Konflikten feststeckt“ wegfallen. Zugleich prangerte er Amtsmissbrauch und Korruption an. Allem voran übte er schärfste Kritik an einigen seiner afrikanischen Amtskollegen: Niemand solle „auf Lebenszeit Staatschef sein“. Yoweri Museveni etwa ist seit ca. 30 Jahren Präsident Ugandas, begann eben seine sechste Amtszeit. Zu lange an der Macht festhaltende Staatschefs seien die Wurzel der afrikanischen Probleme, hat auch er, ein Liebling des Westens, einst gemeint…64 Der Weisse als Retter in Afrika – oder doch ein Verursacher mancher Übel? Abgesehen von der Vergangenheit: Die EU ist wichtigster Handels“partner“ Afrikas; aber eben selten ein richtiger Partner.

Asserate, alles andere als anti-westlich, beklagt die EU-Afrika-Politik: Sobald westliche Politiker sähen, dass ein afrikanischer Präsident ihnen nicht hilft, ihre Geschäftsinteressen durchzusetzen, produzierten sie einen Umsturz. Milliardenhilfen aus dem Westen würden bei afrikanischen Diktatoren landen, die kein Interesse an einer Eindämmung der Flüchtlingskrise bzw ihrer Ursachen hätten. Beliebt wurde in diesem Zusammenhang das Eindreschen auf China. „Sie kommen nur hierher, um Profite zu machen“, sagte ein Afrikaner in einer Film-Dokumentation. Und es klang eher erleichtert als vorwurfsvoll. China hat in Afrika weniger Missionierungsambitionen. Und, beim Verhältnis zwischen China und Afrika handelt es sich nicht um eine Einbahnstrasse. Afrikaner können recht unkompliziert nach China reisen. In Guangzhou haben sich auch mittlerweile Viele niedergelassen. Es gibt auch binationale bzw bikulturelle Paare, auch ein Unterschied.

 

Material

Richard Pankhurst: The Ethiopians: A History (2001)

Paul B. Henze: The Rise of Haile Selassie: Time of Troubles, Regent, Emperor, Exile (2000)

Bahru Zewde: A History of Modern Ethiopia 1855-1991 (2001)

Harold G. Marcus: A History of Ethiopia (1994)

Teshale Tibebu: The Making of Modern Ethiopia: 1896-1974 (1995)

Asfa-Wossen Asserate: Der letzte Kaiser von Afrika: Triumph und Tragik des Haile Selassie (2014)

Siegbert Uhlig, David Appleyard, Alessandro Bausi, Wolfgang Hahn, Steven Kaplan: Ethiopia: History, Culture and Challenges (2017)

Ryszard Kapuściński: König der Könige: Eine Parabel der Macht (1984, polnisches Original “Cesarz” 1978, englische Übersetzung “The Emperor” 1978)

James De Lorenzi: Guardians of the Tradition: Historians and Historical Writing in Ethiopia and Eritrea (2015)

Saheed A. Adejumobi: The History of Ethiopia (2007)

Walter Schicho: Handbuch Afrika (3 Bände, 1999-2001)

Paul B. Henze: Layers of Time: A History of Ethiopia (2004)

Haile Selassie: My Life and Ethiopia’s Progress (1972)

Christopher Othen: Lost Lions of Judah: Haile Selassie’s Mongrel Foreign Legion 1935-41 (2017)

Asfa-Wossen Asserate, Aram Mattioli (Hg.): Der erste faschistische Vernichtungskrieg. Die italienische Aggression gegen Äthiopien 1935–1941 (2006)

John H. Spencer: Ethiopia at Bay: A Personal Account of the Haile Selassie Years (1987)

Edmond J. Keller: Revolutionary Ethiopia: From Empire to People’s Republic (1989)

Richard Pankhurst: The Ethiopian Borderlands: Essays in Regional History from Ancient Times to the End of the 18th Century (1997)

William Saroyan: The Lion of Judah. In: Letters from 74 rue Taitbout or Don’t Go But If You Must Say Hello To Everybody (1971)

Christopher Clapham: Transformation and Continuity in Revolutionary Ethiopia (1990)

Dessalegn Rahmato: Democratic Assistance to Post-conflict Ethiopia: Impact and Limitations (2000)

Walter Rodney: How Europe Underdeveloped Africa (1972)

Asfa-Wossen Asserate: Die neue Völkerwanderung: Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten (2016)

John G. Jackson, C. S. Moore: Ethiopia and the Origin of Civilization (2015)

Taddesse Tamrat: Church and State in Ethiopia, 1270-1527 (1972)

Ernst Hammerschmidt: Äthiopien. Christliches Reich zwischen Gestern und Morgen (1967)

John Markakis: Class and revolution in Ethiopia (1978)

E. A. Wallis Budge: A History of Ethiopia (2 Bde., 1928)

A. J. Barker: The Rape of Ethiopia (1936)

Darrell Bates: The Abyssinian Difficulty: The Emperor Theodorus and the Magdala Campaign, 1867-68 (1979)

Sven Rubenson: King of Kings. Tewodros of Ethiopia (1966)

Graham Hancock: The Sign and the Seal. The Quest for the lost Ark of the Covenant (1993)

Messay Kebede: Eurocentrism and Ethiopian Historiography: Deconstructing Semitization. In: International Journal of Ethiopian Studies, 1 (1) (2003)

Jon Abbink: An Historical-anthropological Approach to Islam in Ethiopia: Issues of Identity and Politics. In: Journal of African Cultural Studies, December 1998

Ein bisschen etwas über den Unterschied in der Sichtweise auf Haile Selassie in Äthiopien und in Jamaica

Über die Besuche von Haile Selassie in Jerusalem/ Quds und die äthiopische Präsenz in der Stadt

Tekeste Negash: The Zagwe period re-interpreted: post-Aksumite Ethiopian urban culture

https://ethiopianhistory.com/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der genau wie sein Vater und Vorgänger David historisch nicht gesichert ist, ausserhalb des Tanach und davon abhängiger Texte gibt es fast keine Hinweise auf sie
  2. Die Königin von Saba trägt dort den Namen Makeda
  3. Aber das Äthiopien “gegenüber liegende” Jemen ist ein “heisserer” Kandidat. Saba/ Sheba könnte sich auf die dortige Sekte bzw Ethnie der Sabäer (Sabaiyyun) beziehen, die im Koran erwähnt (und toleriert) wurden
  4. Nun, davor gab es noch das Reich von Damot in Teilen des späteren Äthiopiens
  5. In Jesus Christus sei das Göttlichen und das Menschliche vereint
  6. Laut “Kebra Negast” ist Menelik, Stammvater der äthiopischen Könige, selbst nach Jerusalem gereist und habe von dort die Bundeslade mit den beiden Tafeln der Zehn Gebote nach Äthiopien “entführt”
  7. Daneben gab es auch gelegentlich nicht-dynastische Usurpatoren wie Amdo Seyon als Negus
  8. Letzter Herrscher aus dem “Gondar”-Zweig der Salomoniden-Dynastie
  9. In der auch Äthiopien für wenige Jahre kolonialisiert wurde
  10. Er war der letzte der äthiopischen Monarchen, die selbst mit in die Schlachten zogen
  11. Womit die nach ihm benannte Stiftung in der BRD, die sich als “liberal-aufklärerisch” sieht, wiederum kein Problem hat
  12. Zeigte Zugehörigkeit zum Adel an
  13. Beim Völkerbund-Beitritt musste sich Äthiopien dazu verpflichten
  14. So ähnlich wurde es formuliert
  15. 1871 geboren, im Jahr als das Risorgimento mit der Einnahme Roms zu einem Abschluss kam
  16. Auch bei der italienischen Niederlage von Karfreit/Caporetto/Kobarid
  17. Der zweite, eigentlich aber der dritte, schliesslich war die italienische Inbesitznahme Eritreas auch durch Krieg zwischen diesen Ländern zu Stande gekommen
  18. Im 2. WK war Badoglio dann beim italienischen Seitenwechsel 43 eine Schlüsselfigur, wurde italienischer Premierminister. Für seine Kriegsführung in Äthiopien wurde er nie zur Rechenschaft gezogen
  19. Wie schon von Djibouti nach Eilat
  20. Die Beiden mussten zurücktreten, als das bekannt wurde; Mussolini wäre einverstanden gewesen
  21. www.youtube.com/watch?v=oyX2kXeFUlo
  22. Der Präsident der Versammlung, der Rumäne Nicolae Titulescu, liess die Störer des Saals verweisen
  23. 1963 hat er auch vor der UN-Generalversammlung gesprochen
  24. Für Grossbritannien etwa, dass einen grossen Streifen Afrikas von “Kairo bis zum Kap” beherrschte…? Höchstens Italien als Konkurrent in Afrika war eines. In allen diesen mehr oder weniger mit GB verbundenen Gebieten hatten weisse Siedler einen höheren Status als die einheimische Bevölkerung, nicht zuletzt in Südafrika (auch vor der Apartheid). Dort hatte Premier Hertzog das Wahlrecht für weisse Frauen bewilligt, jenes von schwarzen Männern weiter eingeschränkt. Übrigens hatte GB dann ein grosses Problem damit, dass sich im “2. Weltkrieg” Irland, das dabei war sich seine vollständige Unabhängigkeit zu erkämpfen, neutral blieb. Und dass in “seinem” Indien nicht alle Führer/ Politiker das Mitmachen bei diesem Krieg der Briten als selbsverständlich sahen
  25. Drei Rassengesetze wurden von den Faschisten für die Kolonien in Afrika erlassen, 1937, 1939 und 1940. Einer der Gründe warum es dort kaum “Vermischung” zwischen Kolonialherren und Kolonialisierten gab
  26. Und es gibt jene Deutsch-Nationalen, die den Giftgas-Einsatz der Italiener in Äthiopien anprangern, wobei es ihnen nur um eine Desavouierung der Italiener an sich geht, wegen Südtirol; die mit den deutschen Kolonial-Tötungen in Südwestafrika kein Problem haben, im Gegenteil. Es gibt auch jene Zionisten, die diesen Völkermord an den Herero und Nama 1904-08 thematisieren, nur weil sie deutsche Kritik an israelischer Politik, zB an der Allianz mit Apartheid-Südafrika, abwürgen wollen
  27. Ein Unterschied, Eritrea war viel kleiner im Verhältnis zum restlichen Äthiopien als Ungarn im Verhältnis zur österreichischen Reichshälfte. Ausserdem hatte die eritreische Regierung weniger Kompetenzen als die ungarische
  28. Äthiopien, dass sich einer Kolonialisierung weitgehend entzog, musste sich, im Gegensatz zu Eritrea, seine Infrastruktur selbst herstellen
  29. 1920 wurde von den Franzosen ein “Gross-Libanon” von Syrien abgetrennt, die Grenzen wurden so gezogen, dass der Libanon (der in den 1940ern unabhängig wurde) so gross war dass die Maroniten gerade noch die Mehrheit seiner Bevölkerung bildeten. Damit kam ein relativ grosser (hauptsächlich) für die Maroniten konzipierter Staat zu Stande, in diesem machten Nicht-Maroniten aber eben fast die Hälfte der Bevölkerung aus…
  30. Wann genau Ägypten eigentlich genau seine Unabhängigkeit verlor, darum geht es in diesem Artikel
  31. Aus der die Afrikanische Union/ AU hervor ging
  32. Vor und nach der Besetzung der palästinensischen Rest-Gebiete 1967, vor und nach dem Transfer der äthiopischen Juden dorthin
  33. So einen Spagat schafft Israel bzw der Zionismus locker
  34. Vornehm übersetzt
  35. Und die Johannesreich-Idee, von einem aussereuropäischen christlichen Reich… Das man (die Portugiesen etwa) auch in Äthiopien gefunden geglaubt hatte. Aber wurde Äthiopien jemals als gleichrangiger Partner des Westens behandelt…? Dann doch lieber sich als weisser Retter in Szene setzen. Genau wie gegenüber Kurden oder moslemischen Frauen oder was jetzt so alles als an nicht-weissen/westlichen Verbündeten bzw Schutzobjekten deklariert wird
  36. Andere Reisen waren zB die nach Österreich und Deutschland 1954, Jamaica (Jamaika) 1966 (>), zur ehemaligen Besatzungs-/Kolonialmacht Italien 1970
  37. Aber eben eigentlich kein ethnischer
  38. 1943 u.a. aus Harar hervorgegangen
  39. Das damals noch französische Djibouti ist auch ein Teil Gross-Somalias, auch ein Teil von Kenya; heute geht die Tendenz eher zum Auseinanderfall Somalias als zu seiner Vergrösserung
  40. Es gab daneben eine lebende Tochter; drei Töchter und zwei Söhne waren früh gestorben
  41. Auch General Andom
  42. Wobei, was heisst “schlecht”, für wen?
  43. Die Feier war Sinnbild des Scheiterns des Schah, die eigenen Leute (Iraner) waren ausgesperrt, ausländische Staatsgäste wurden verwöhnt
  44. Die Flagge Äthiopiens wurde 1996 festgelegt, bis dahin waren verschiedene Varianten derselben in Gebrauch, spätestens ab dem 19. Jh, mit Streifen in den Farben Grün, Gelb, Rot, mit dem Kaiserlöwen („Löwe Judas“) und ohne ihn; auch die iranische Flagge hat sich seit dem 19. Jh immer wieder verändert, das Grunddesign ist gleich geblieben, bis zur Revolution 79 war auch ein Löwe darauf abgebildet (dieser auch schon vor dem 19. Jh)
  45. Auch nach dem Umsturz 1974 kochte sie weiter im Palast, die fertigen Gerichte wurden vom Militär den gefangenen Angehörigen der Königsfamilie gebracht. Nach Selassies Tod 75 ging sie zurück nach Österreich
  46. Erinnert an Ghanas Präsidenten Kwame Nkrumah, der 66 gestürzt wurde, während er sich ebenfalls um die afrikanische Einheit bemühte
  47. Hauptsächlichst aus Westafrika
  48. In den ehemals britischen Kolonien gibt es auch viele Asiaten, hauptsächlich Inder, aus der Phase nach der Abschaffung der Sklaverei
  49. Der Chef einer der beiden grossen Parteien Jamaicas, der PNP, Michael Manley, damals Oppositionschef (zur Zeit der Herrschaft der Jamaica Labour Party/ JLP) besuchte Äthiopien und seinen Negus 1969. Er bekam dort einen Stab, der ihm geholfen haben soll, die Wahl 1972 zu gewinnen und Premierminister zu werden
  50. In Westafrika und der Karibik sind die Sprinter, in Ostafrika dominieren die Langstreckenläufer
  51. Wie man an “Bob” Marley oder dem Politiker Michael Manley sieht
  52. Als Bürgerkrieg zu sehen?
  53. In der österreichischen Variante des Benefiz-Songs hiess es, “Es hasst, du woast amoi a Königin, der Stolz von Afrika”… Auch die Zeilen über den Hunger, der Methode hat, und das Spenden um des eigenen Wohls halber sind treffend
  54. Sie werden nun gerne eingesetzt, um vom rassistischen Charakter Israels abzulenken. In der Realität Israels gibt es dann zB immer wieder Weigerungen, Blutspenden dieser “schwarzen Juden” anzunehmen. Die aus Äthiopien stammenden Israelis werden auch immer wieder Ziel von Übergriffen, weil sie für afrikanische Einwanderer (die hauptsächlich aus Eritrea und Süd-Sudan stammen) gehalten werden. Wie einst die Mizrahis versuchen viele von ihnen, ihren Platz in dieser Gesellschaft zu sichern, indem sie besonders rassistisch ggü Nicht-Juden (hauptsächlich Palästinensern) sind
  55. Man muss dazu sagen, dass die SU in Afrika, besonders im südlichen, auch politische Kräfte unterstützte, die es sehr verdienten
  56. Äthiopien verlor damit wieder seinen Zugang zum Roten Meer, wurde wieder ein Binnenland
  57. Seit 1909 gibt es Premierminister in Äthiopien; bis 1974 waren es Partei-Unabhängige, die Vertraute des jeweiligen Negus waren; 74-87 war die Position abgeschafft, dann wurde er bis 91 von der Äthiopischen Arbeiterpartei besetzt; 91-94/95 der Übergang; seither wird er theoretisch von Parteien mit parlamentarischer Basis gestellt, in der Realität ist das die TPLF bzw die EPRDF, und es ist fraglich ob das wirklich die stärkste Partei bzw Parteienallianz ist
  58. Wobei: Solange die Amhara dominant waren, war es ihnen nicht so “wichtig”, dass Äthiopien ein Vielvölkerstaat ist
  59. A propos: Eritrea wurde eine der repressivsten Diktaturen Afrikas, ein Einparteienstaat der PFDJ (Nachfolger der EPLF) unter Isayas Afewerki. Eritreer flüchten inzwischen nach Äthiopien, wie auch Süd-Sudanesen oder Somalier. Davon abgesehen gab es 1998 bis 2000 einen Grenzkrieg zwischen diesen Ländern. Und vor wenigen Wochen eine Aussöhnung
  60. Was wahrscheinlich ein Zeichen von Grösse gewesen wäre; man denke an das Begräbnis für die Zarenfamilie in Russland 1998 und das Staatsbegräbnis, das die Post-Apartheid-Regierung Südafrikas 2006 der Familie von Pieter Botha anbot
  61. Eine gebürtige Kubanerin
  62. Streng genommen gehören geografische Teile Afrikas wie Ceuta und die Kanaren zu Spanien, das auch eine Monarchie ist. Und es gibt regionale bzw zeremoniale Monarchien wie jene der Zulus in Südafrika
  63. Bokassa, der Präsident der sich 1976 zum Kaiser proklamierte; andere Präsidenten haben das nicht getan, aber so geherrscht
  64. Nach dem Abgang von Mugabe in Zimbabwe und Dos Santos in Angola heuer sind Kameruns Biya (seit 43 Jahren zunächst Minister-, dann Staatspräsident), Obiang in Äquatorial-Guinea, Sassou in Kongo-Brazzaville, Museveni in Uganda, König Mswati in Swasiland, Bashir in Sudan, Deby im Tschad, Afewerki in Eritrea und Bouteflika in Algerien die längst Herrschenden in Afrika (und auch global im Spitzenfeld bzw führend)

Aspekte der Geschichte und Gegenwart der Baha’i

Die Frage, ob die Grundlagen über diese Religion (bzw ihre Geschichte) oder Spezialaspekte über sie den Artikel ausmachen sollen, war nicht leicht zu beantworten. Da Vieles über die Baha’i noch immer im Dunklen liegt, wird doch auf ihre ganze Entwicklung eingegangen. Die meisten (echten) Religionen sind viel früher entstanden als die Baha’i-Religion, und zwar in den etwa 1000 Jahren von Spät-Antike zum Früh-Mittelalter (etwa 500 vC bis 600 nC). Dies ist eine Besonderheit dieser Religion, die im 19. Jahrhundert entstand. Dann, so angefeindet sie von Aussen auch wurde und wird, so viele innere Streitigkeiten gab und gibt es auch. In seinem Herkunftsland Iran ist der Baha’ismus heute besonders schweren Schikanen ausgesetzt. Wo “steht” diese Religion, die aus dem schiitischen Islam entstand, international im Zeitalter von Islamkrise und Islamophobie?1

Es begann am 22. Mai 1844 im persischen Schiras, als (Sayed2) Ali Mohammed (Schirasi) bei der Koran-Lektüre (bei der Yusuf-Sure) eine Offenbarung bekam.3 Der Mann gehörte dem schiitischen Islam an, wie über 90% der Perser/Iraner, und darin der Bewegung der Shayki(yeh). Die Vision stellt den Beginn der Baha’i-Zeitrechnung dar. Schirasi erklärte sich damals zum “Bab” (arabisch “Tor”), dem Tor zum Imam Mahdi, zum Verborgenen,…4 Das Mahdi-Konzept spielt im schiitischen Islam eine wichtige Rolle, bezieht sich auf den zwölften und letzten Imam, der im späten 9. Jh verschwunden sein soll. Das Konzept ist ausserhalb des Korans entstanden, der Mahdi ist nur in den Hadith erwähnt, seine Historizität an sich ist nicht gesichert. Es ist mehr politisch als religiös, dreht sich um einen erwarteten Führer, eine Art Messias. Es gab in der islamischen Welt viele Aktivisten, die sich als “Mahdi” ausgaben, sich diesen Titel zulegten, nicht zuletzt Mohammed Ahmed im Sudan, etwa zur selben Zeit wie der Bab in Persien; für die Ahmadiya ist Jesus der Mahdi.

Der Bab verkündete am 23. 5. 1844 das Tags zuvor Erlebte, zunächst einem hohen Shaykieh. Er kündigte das Kommen eines Grösseren an, gewann Jünger, schrieb den Bayan (1847/48, eine persische und eine arabische Version). Die Gründung des Babismus ist wohl 1848 anzusetzen, als die Loslösung vom Islam proklamiert wurde, auf einer Konferenz der Bab-Anhänger in Badasht. 1848, als es vielerorts in Europa bürgerlich-revolutionären Erhebungen gegen die damals herrschenden Mächte der Restauration (der Herrschaft von Adel und Klerus) gab (ausgehend von der französischen Februarrevolution), entstand im “Orient” eine neue Religion. Für westistische “Kulturkämpfer” eine Bestätigung aller ihrer Klischees. War es überhaupt eine neue Religion oder eine Erneuerung innerhalb des schiitischen Islams? Es gibt im bzw aus dem schiitischen Bereich eine Reihe von Sondergruppen bzw Abspaltungen5, die Drusen/ Duruziyyah, die Alawiten/ Nusairier/ Alawiyyun, die Alewiten, die Ahl-e Haqq/ Yarsani, die Schabak.6 Es gibt die 7er-Schiiten (Ismailiten) in ihren verschiedenen Ausprägungen und die 5er. Und es gibt Strömungen in der Zwölfer-Schia, wie die Usuli oder Shaykiyeh. Ein damals führender Shaykieh, Karim Khan, lehnte den Bab ab, führte die Bewegung abseits der Babis weiter, die heute in den schiitischen Kernstaaten Iran und Irak weiter existiert.

In der Regel werden die Anhänger des Bab vor der Proklamation Baha’ullahs “Babis” genannt (und die Religion “Babismus”), und danach als “Baha’i” oder aber “Azalis” (Asalis), je nachdem welchem der Brüder sie folgten. Manchmal werden die Babis ab der “Offenbarung” des Bayan (bis zur Erhebung der Ansprüche der Nuri-Brüder) aber als “Bayanis” bezeichnet. Dies wird hauptsächlich von den Azalis favorisiert, die auch sich zT “Azali Bayanis” (oder sogar “Bayanis”) nennen. Die Baha’i sehen durch die Entwicklungen in den 1860ern einen klaren Bruch, die Azalis eine Kontinuität. Doch ich greife vor. Es gab ab 1848 Aufstände der Babis/Bayanis in Persien bzw ein Vorgehen des Staates gegen sie. Schah/ König wurde im September dieses Jahres Naser ad Din, der letzte bedeutende der Kadscharen-Dynastie. Bei der Tabarsi-Burg (oder -Schrein) in Masandaran in Nord-Persien gab es 1848/49 Kämpfe der Armee des Schahs gegen Babis, über gut ein halbes Jahr hinweg.

Der Bab selbst war bereits zuvor gefangen genommen worden. In einem Prozess im Juli 1848 soll er allen Ansprüchen auf eine göttliche Mission, Auserwähltheit oder übernatürliche Kräfte “entsagt” haben. Nachdem 1850 ein neuer Premierminister/Grosswesir kam, Amir Kabir, wurde er in Tabriz getötet, mit 31 Jahren, mit einem Anhänger. Er hinterliess keine eindeutige Nachfolgeregelung. 1852 verübten zwei radikale Babis in Schemiran mit einer Schusswaffe ein (erfolgloses) Attentat auf Schah Nasr ad Din, aus Rache für die Hinrichtung des Bab. Dies intensivierte die Verfolgungen der Babis, die ganze Gemeinschaft wurde verantwortlich gemacht, Tausende getötet. Dass der Schah 1848 mit der Verfolgung der Babi begann (ab 1850 mit Unterstützung des neuen Grosswesirs), war eher Ursache ihrer Auflehnungen als Folge! Nasr ad Din (Nasr al-Din, Naser ad-Din, Nasreddin) wurde für seine absolutistische Herrschaftsweise vom Theoretiker und Aktivisten Dschamal ad-Din “al-Afghāni” kritisiert, dieser daher verhaftet und ausgewiesen. 1896 tötete ein Anhänger Afghanis den Schah.

1853 wurden die Babi-Führer (und ihre Familien) aus Teheran in das Osmanische Reich ausgewiesen, nach vorhergehender Inhaftierung. Es waren an die 100 Personen, die Persien verliessen. Darunter die Nuri-Brüder aus Masandaran, die 1848 Jünger des Bab bzw Babis geworden waren. Mirza Yahya Nuri war angeblich von diesem als Nachfolger eingesetzt worden, heiratete auch seine Witwe. Der grössere Teil der Babis (einige Hundert, eine Tausend?) blieb in Persien. Sie praktizierten Taqiya (schiitische Verstellung), wegen der Verfolgungen und Diskriminierungen als politische/öffentliche/religiöse Unruhestifter. Die Babi-Führer hielten sich 1853 bis 1863 im damals osmanischen Mesopotamien auf, meist in Bagdad. 1863 hat Mirza Hussain Ali Nuri im Ridvan/Nayibiyih-Park in Bagdad vor Verwandten (darunter seinem Sohn) und engen Anhängern erstmals Anspruch darauf erhoben, der vom Bab (auch im Bayan) Angekündigte zu sein, der Führer der Babis/Bayanis zu sein.7 Kurz danach wurde der Gruppe von den osmanischen Behörden angeordnet, nach Istanbul/ Konstantinopel weiter zu reisen. In Bagdad schrieb Baha’ullah u.a. das Ketab i Iqan (Buch der Gewissheit).

1863 hielten sich die Babis ein paar Monate in Konstantinopel auf, dann (1863-68) in Adrianopel/Edirne. Dort 1866 die Proklamation von “Baha’ullah” und die Spaltung der Gemeinschaft. 1866 machte Mirza Hussain Ali Nuri, nun “Baha’ullah” (Glanz Gottes), seinen Führungs- bzw Prophetenanspruch öffentlich, nach der Offenbarung der Mission in kleinem Kreis in Bagdad.8 Er bekam die Unterstützung des grösseren Teils der mitgereisten persischen Babis, aber Widerstand von seinem Halbbruder Mirza Yahya Nuri, der sich dann “Sob-i Azal” (Morgen der Ewigkeit) nannte und diesen Anspruch ebenfalls erhob. Um ihn scharte sich der kleinere Teil der Gruppe. Es gab also ein tiefes Zerwürnis zwischen Mirza H. A. Nuri und Mirza Y. Nuri und eine Spaltung der Babis. Und die Transformation des Babismus in zwei neue Religionen, jene der Baha’i (jene die Baha’ullah folgten) und jene der Azalis (die Sob-i Azal folgten).

„Nabil i Azam“, ein persischer Babi, besuchte Nuri u.a. in Bagdad, wurde Emissär zwischen den Baha’i und den Babis in Persien, reiste später auch nach Akka. Über ihn kam wohl die Kunde von dieser Entwicklung im osmanischen Ost-Thrakien zu den Babis in Persien. Bayanis/Babis die sich weder Baha’ullah noch Sob’i Azal anschlossen, gab es nicht, nicht in Persien, nicht im Sultanat, somit keine Babis mehr. Babismus ist Vorstufe zu den Religionen der Baha’i und Asalis, wobei zweitere wie gesagt eine Kontinuität sehen. Das Zerwürnis in Edirne führte zu Feindschaft und Gewalt zwischen den Gruppen, Baha’i und Azalis. Von wem diese ausging, ist umstritten, berichtet wird von Vergiftungsversuchen und Anderem. Dies führte zu neuerlichem osmanischen Einschreiten, Ausweisungen der Gruppen 1868, der Anhänger und Verwandten von Baha’ullah (über Ägypten) nach Akka in Palästina, der Gruppe um Sob-i Azal nach Famagusta 9 auf Zypern, auch dies damals Teil des längst sehr schwachen Osmanischen Reichs. Und zur endgültigen, auch räumlichen Spaltung.

Die Azalis/Asalis/Azaliya/Azali Babis/Azali Bayanis/Bayanis/Sob-i-Azal-Gruppe lebte in der damals mehrheitlich griechischen Stadt Famagusta, auch nachdem Zypern 1878 (offiziell erst 1914) britisch wurde10. Sob-i Azal starb dort 1912, wurde in einem kleinen bescheidenen Schrein begraben, wie Azalis (auch) heute betonen… MY Nuri/ Sob-i Azal hatte viele Frauen und Söhne, hinterliess keine klare Nachfolge-Regelung. Die Azalis sagen heute, das Prophetentum sei mit ihm abgeschlossen und die Führung der Gemeinschaft erfolge kollektiv. Damals gab es aber etwas Konkurrenz darum, wenn auch nicht so stark wie bei den Baha’i. Ein Sohn von Sobi, Yahya Dawlatabadi, spielte jedenfalls eine gewisse Rolle. Ein anderer Sohn, Mirza Hadiy Dawlatabadi, soll zum Baha’i-Glauben übergetreten sein. Die Azali-Religion ist konservativer als jene der Baha’i, weniger westoffen, nicht auf Massen ausgerichtet, politisch (angeblich) radikal, ihre (wenigen) Anhänger praktizieren die Taqiya / Kitman, d. h. sie gehören oft auch zum Schein anderen Religionsgemeinschaften an. Wie der Brite Denis MacEoin11 meinte, bewahrte diese Gemeinschaft den konservativen Kern der vorangegangenen Babi-Bewegung.

Baha’ullah und ca. 60 Personen (darunter sein Sohn Abbas Effendi Nuri) kamen 1868 nach Akka bei Haifa. Es heisst, manche Azalis gingen mit den Baha’i nach Palästina, als Maulwürfe, wurden (wie ein Sayed Mohammed) Opfer von Gewalt oder verübten Gewalttaten an Baha’i. Baha’ullah und weitere Baha’i (-Führer) wurden interniert, wie schon in Persien, in der Zitadelle von Akka/Akko/Akkon/Acre, die als Gefängnis der Osmanen diente12. Später arretierten die Briten dort zionistische Führer und Terroristen, wie Z. Jabotynski aus Russland (für die heute ein Heldenmuseum drin ist). Baha’ullah und sein Gefolge erlebten 2 Jahre strenge Gefangenschaft dort, ehe sie woanders hin kamen. Baha’ullah schrieb in Gefangenschaft das Kitab i Akdas (“Das heiligste Buch”, 1873 fertig), und Briefe an die damaligen Weltführer.13 Laut H. E. Miers hat die Baha’i-Religion bzw Baha’ullah von der russischen Spiritualistin Helena Blavatsky Vieles übernommen, auch in seinem “Kitab”; Anderen zufolge hat sich Blavatsky reichlich mit fremden Federn geschmückt. Baha’ullah bekam 1890 Besuch vom britischen Orientalisten Edward G. Browne, führte mit diesem mehrere Gespräche – sein einziger “Verkehr” mit dem Abendland, für das er dennoch einen gewissen Scharfblick zu haben schien.

Browne war durch Joseph A. de Gobineau auf die Baha’i aufmerksam geworden, dem französischen Diplomaten, Autor und Rassentheoretiker. Dieser war Mitte des 19. Jh (zwei Mal) als Diplomat nach Persien gekommen, relativ bald nach dem erzwungenen Exodus der Babis. Dort entwickelte er seine (in Büchern verbreiteten) Theorien über die Arier, d. h. er behauptete dass (manche) Europäer von ihnen abstammten. Seine Bewunderung galt den alten Persern, an den neuen störte ihn Vieles, u.a. dass sie sich gegen den Absolutismus der kadscharischen Schahs auflehnten. Und er sah auch einen grossen Gegensatz zwischen Orient (inklusive Persien) und Okzident (den er als überlegen sah). De Gobineau sah auch einen Gegensatz zwischen dem (arabischen) Islam und der iranischen Kultur (den sehen auch viele Iraner, auch heute) und die schiitische Ausprägung des Islam als eine Abgrenzung der Iraner/Perser gegenüber den Arabern und anderen moslemisch gewordenen Völkern (was teilweise zutrifft).

Er erlebte und beschrieb die Verfolgung der Babis in Persien, die er guthiess; die Babis seien Anarchisten und eine Art von Kommunisten, gefährlich wie jene in Frankreich. Gobineaus Auführungen dürften die ersten eines Menschen aus der westlichen Welt über diese neue Religion gewesen sein.14 Edmond Browne lernte die Religionen der Baha’i und Azalis etwas besser kennen und schrieb darüber. Er traf auch Sob-i Azal, auf Zypern. Und Baha’ullahs Sohn “Abdul’baha”, von dem er ein Buch übersetzte und ergänzte.

Baha’ullah starb 1892 in Akka, wo er auch beigesetzt wurde. Er hatte 19 Apostel ernannt, ausserdem die ersten der “Hände der Sache” (Gottes), alles (Exil-)Perser, zT Verwandte, ua seinen Bruder Mirza Musa Nuri. Als Nachfolger hat er seinen Sohn “Abdul’baha” (Abbas Effendi Nuri) eingesetzt, gegen den Widerstand von dessem Halbbruder Mirza Mohammed Ali Nuri. Abdul’baha ist am 23. 5. 1844  geboren worden, dem Tag der Offenbarung des Bab, in Tehran. Als sein Vater starb und er Baha’i-Führer wurde, befand er sich in Haft. 1908 wurden er und andere Baha’i im Zuge der Jungtürkischen Revolution im Osmanischen Reich freigelassen.15 Abdul’baha erlebte noch die britische Herrschaftsübernahme in Palästina im 1. Weltkrieg.

Haifa / حيفا, ca 1900

Unter ihm wurde das nördliche Palästina Zentrum der Baha’i-Religion; er liess den Leichnam des Bab 1909 aus Persien überführen und in Haifa beisetzen, am Berg Carmel/Kurmul, wo auch der Bau der Baha’i-Anlagen begann. Baha’ullahs Sohn (von dem es einige Fotos gibt) unternahm Missionreisen, nach Persien wie in den Westen. Dort ernannte er 19 “Jünger”, darunter den Schotten John Esslemont, der übergetreten war und auch Autor von Büchern über diese Religion ist. Mit Abdul’baha beginnt die Öffnung dieser Religion zum Westen bzw ihre Ausbreitung dort. Ibrahim George Kheiralla, ein griechisch-orthodoxer Syrer, der zu den Baha’i übertrat, wanderte Ende des 19. Jh in die USA aus und gründete in Chicago die erste Baha’i-Gemeinde in der USA.

Abdul’baha starb 1921, als die Spannungen zwischen zionistischen Juden, Palästinensern und den britischen Herren in Palästina begannen.16 Die Baha’i(-Führung) in Palästina, nie mehr als einige Dutzend, hauptsächlich Perser/Iraner, später eine wachsende Zahl von Westlern, nahm in den Jahrzehnten bis zur zionistischen Staatsgründung und Nakba, darüber hinaus, und zu den bürgerkriegsähnlichen Unruhen davor, eine neutrale, quietistische Haltung ein, wie es ihre Religion gebietet. Die Bevölkerung Palästinas bestand damals aus Arabisierten und Arabern verschiedener Religionen, einer durch Einwanderung wachsenden Zahl von Juden, sowie Armeniern, Türken, Tscherkessen, Griechen, Assyrern, und Angehöriger kleinerer Gruppen, wie auch die Baha’i dort eine waren. Missionierung unter den verschiedenen Volks- und Religionsgruppen in Palästina war für die Baha’i vor und während der israelisch-zionistischen Herrschaft schwierig.

Und wie lief die Entwicklung im Babi/Baha’i/Asali-Mutterland Persien weiter? Die Ölfunde dort im frühen 20. Jh haben den Quasi-Kolonialstatus des Landes natürlich verstärkt bzw das Interesse der Briten.17 Der schiitische Islam blieb dominierend, die Mitsprache der Bevölkerung begann erst mit der Konstitutionellen Revolution (1905 bis etwa 1911, انقلاب مشروطه). Einige Azalis waren in dieser Verfassungsbewegung aktiv, darunter Scheich Ahmed Ruhi Kermani. Danach ist diese Religionsgemeinschaft aber wirklich zu einer unbedeutenden Splittergruppe herab gesunken. Es gab anscheinend Übertritte von Zoroastriern und Juden zu den Baha’i. Zwei der bedeutendsten persischen Autoren aus der Zeit um die Jahrhundertwende, Sayed Hassan Taqizadeh und Muhammad Qazvini, haben Abdu’l-Bahá persönlich getroffen und sich mit der Baha’i-Religion auseinander gesetzt.

Die Ressentiments, die es in Persien/Iran gegenüber Baha’i und Azalis gab, wurden durch die “Dolgorukov-Memoiren” geschürt. Diese kamen erstmals 1943 heraus, unter dem Titel “Eʿterāfāt-e sīāsī yā yāddāšthā-ye Kenyāz Dolqorūkī” (transkripiert; “Politische Bekenntnisse und Memoiren des Prinzen Dolgorukov”), als Kapitel in einem Buch. Dimitri Dolgurukov stammte aus einer russischen Adelsfamilie, war russischer Botschafter/”Minister” in Persien 1845-54 gewesen. Dem Traktat zufolge war er bereits zuvor nach Persien gekommen, zum Islam übergetreten, dann aber den “Bab” zu dessen Ansprüchen aufgestachelt, später Baha’ullah geholfen, diese Religionen quasi gegründet, um den Iran zu schwächen. Die dafür herangezogenen Unterlagen sind leicht als Fälschung zu erkennen, der tatsächliche Kern der Geschichte geht in eine andere Richtung.

Auch Ahmed Kasravi anerkannte, dass die “Memoiren” ein Betrug sind, und zwar in seinem Anti-Baha’i-Buch “Bahāʾīgarī”. Spätere Forschungen haben das bestätigt. Kasravi stand in der Tradition der iranischen Intellektuellen, die ein nationales Konzept mit Betonung des Vor-Islamischen mitgestalteten. Der Philosoph sah Religionen an sich sehr kritisch, und den im Iran dominierenden schiitischen Islam erst recht. Die Baha’i-Religion war für ihn kein positives Gegenkonzept dazu. Er stand aber auch westlichem Säkularismus und Eurozentrismus skeptisch gegenüber… Kasravi erlag einem Mordanschlag, nachdem hochrangige schiitische Kleriker eine Fatwa gegen ihn erlassen hatten.

In der Frühzeit der Babi/Baha’i-Religionen emigrierten Angehörige von ihnen aus Persien in umliegende Länder, das waren hauptsächlich das inzwischen russische Kaukasus-Gebiet sowie Zentralasien, bevor und nachdem auch dieses russisch wurde. Baha’i kamen so in das Khanat Khiwa, bevor dieses 1873 russisches Protektorat wurde. Die Stadt Ashgabad (heute Hauptstadt Turkmenistans) entstand nach der russischen Übernahme. Dort wurde 1902-08 das erste Haus der Andacht (House of Worship) der Baha’i gebaut, auf Initiative von Abdul’baha und nach Planung von Vakílu’d-Dawlih, einem Cousin des Bab. Die Baha’i-Religion kam über Zentralasien auch nach Kern-Russland, fand Anerkennung etwa von Leo Tolstoi, der aber nicht übertrat.18 Während der Sowjet-Ära wurden alle Religionen unterdrückt, so auch jene der Baha’i. Das Haus der Andacht in Ashgabad in (seit 1925) der Turkmenischen SSR wurde 1938 zweckentfremdet, 1948 durch ein Erdbeben schwer beschädigt, 1963 abgerissen.19

Das Haus der Andacht in Ashgabad einst

In NS-Deutschland wurde die Baha’i-Religion 1937 verboten. Eine unter den Nazis aufgrund der jüdischen Herkunft ermordete Person war Lidia Zamenhof aus Polen, Tochter von Esperanto-Entwickler Ludwig. Sie war zu den Baha’i übergetreten. Eben so später der amerikanische Jazz-Musiker „Dizzy“ Gillespie, einer der prominentesten westlichen Baha’i. Die rumänische Königsgemahlin Maria/Marie dürfte sich dagegen mit dieser Religion nur beschäftigt haben. Die Britin aus dem Haus Sachsen-Coburg-Gotha hat 1893 Ferdinand von Hohenzollern-Sigmaringen geheiratet, der 1914 nach dem Tod seines Onkels, König Carol I. von Rumänien, rumänischer König wurde. Die Anglikanerin wurde rumänisch-orthodox, wie ihr Sohn Carol. Nachdem Ferdinand I. 1927 starb, wurde zunächst sein Enkel Mihai König, als Kind. 1930 kam dann, für 10 Jahre, doch Carol (II.) auf den Thron. Königswitwe Maria machte nicht die Thronbesteigung ihres Sohnes Kummer, aber verschiedene seiner Entscheidungen. In dieser Situation lernte sie den Baha’i-Glauben kennen, durch Martha Root, eine frühe amerikanische Baha’i, und wandte sich ihm zu. Anscheinend gefiel ihr besonders die Idee der Einheit der Menschheit bei religiöser Diversität – angesichts ihrer religiös geteilten Familie! Maria von Hohenzollern-Sigmaringen begann auch einen Briefwechsel mit dem damaligen Baha’i-Oberhaupt Shoghi Effendi.

Shoghi Effendi Rabbani wurde 1921 Nachfolger seines Grossvaters Abdul’baha als Führer der Baha’i. Der in Akka Geborene musste sich gegen die Ansprüche seines Grossonkels Mírzá Muhammad Alí durchsetzen, der auch schon die Führung von (seinem Halbbruder) Abdu’l-Bahá bestritten hatte und deshalb mit einigen Unterstützern ausgeschlossen worden war. Mirza Mohammed Ali konnte darauf verweisen, dass ihn sein Vater Baha’u’llah in dessen Kitab-i-Ahd eingesetzt hatte. Auch in der USA wurde die Übernahme der Führerschaft durch Shoghi Effendi von Einigen bestritten, die sich um eine Ruth White sammelten und eine Gruppe namens „Free Baha’i“ gründeten. Dies wurde in Deutschland von einem Hermann Zimmer aufgegriffen.

Shoghi Effendi gilt nicht als Prophet, war “Hüter des Bündnis”. Er hat auch spirituell keine neuen Akzente gesetzt, war hauptsächlich organisatorisch aktiv. Unter ihm vollzog sich eine Hinwendung der Baha’i-Religion zum Westen, und eine gewisse (wohl damit verbundene) Entfremdung in West-Asien, wo sich in der Zwischenkriegszeit eine neue Staatenwelt formierte. Shoghi unternahm viele Missionsreisen in Westen, starb auch 1957 in London (wo seine  körperlichen Überreste begraben sind), und, er war mit einer Kanadiern verheiratet, der Tochter von William S. Maxwell, einem konvertierten Architekten, der den Überbau zum Schrein des Bab in Haifa plante. Viele Verwandte von Shoghi aus dem Baha’i-“Adel” in und um Haifa waren mit dieser westlichen Ausrichtung nicht einverstanden, und taten sich mit bereits Ausgeschlossenen zusammen, wurden nun selbst ausgeschlossen. Auch mit seinen eigenen Eltern zerkrachte er sich, mit dem allergrössten Teil der lebenden Verwandten bzw den Baha’i in Palästina. Dies führte aber nicht dazu, dass ein konkurrierender Führer zu ihm erhoben wurde, der ihn herausforderte.

Shoghi Effendi liess weltweit Strukturen aufbauen, Lokale und Nationale Geistige Räte20, 1931 wurde das nächste Haus der Andacht eröffnet, in Wilmette bei Chicago. In der USA musste Shoghi aber weiter mit Widerstand kämpfen. Die Baha’i dort waren inzwischen überwiegendst nicht-persisch und es gab Kreise, die die Baha’i als eine Art offene ökumenische Gesellschaft sahen. Hier pochte Shoghi darauf, dass die Baha’i eine eigene Religion waren. Ein Kreis in New York, mit den Chanlers und Mirza A. Sohrab, der eigene Wege ging21, wurde ausgeschlossen. Hier wurde er wiederum als der “orientalische Autokrat” wahrgenommen und kritisiert… Shoghi Effendi erlebte noch die Gründung Israels, eine Vertreibung wie sie die meisten Palästinenser (auch) im Raum Haifa damals erlebten, blieb den Baha’i erspart.

Man kann die Situation der Baha’i in Persien/Iran so analysieren dass die Herrschaftszeit der Pahlevi-Schahs eine Atempause für sie war, von Verfolgungen und Diskriminierungen. Aber, genau das wird wiederum gegen sie angeführt… Sie wurden in ihrem Herkunftsland von gewissen Seiten nicht mehr “nur” als Häretiker gesehen und als Agenten anderer Mächte, nun kamen auch Spekulationen über ihre “privilegierte Stellung” hinzu. Hinzu kamen die guten Beziehungen des Irans unter dem letzten Schah mit Israel, wo sich nun das Weltzentrum der Baha’i befand, und daraus “entstand” ein Geflecht aus Unterstellungen und Vorwürfen. Was bei “Behandlungen” dieses Geflechts gerne unter den Tisch fällt, ist der Charakter des Regimes dieses letzten Schahs, Mohammed Reza Pahlevi, was es für den Iran und die Iraner bedeutete.22 Mohammed Mossadegh, einer der ganz wenigen demokratischen Premierminister unter dem Schah (1951 bis 1953, mit einer Unterbrechung), war gegenüber den Baha’i tolerant, jedenfalls geht das aus dem Buch von Chubineh hervor, das unten in der Literaturliste angeführt ist.

Es heisst, der damalige iranische Geheimdienst SAVAK23 kollaborierte mit islamistischen Gruppen gegen die Baha’i, dennoch wurden diese gerne SAVAK-Agenten verdächtigt. Und, 1955 die Zerstörung des Baha’i-Zentrums in Teheran. Ramadan 1955, nach dem “erzwungenem” (GB, USA) Beitritt Irans zum Bagdad-Pakt, durfte sich ein Mob als “Ausgleich” (bzw Ventil) auf Initiative von Gross-Ajatollah Hossein Burudjerdi nach einer Medienkampagne mit staatlicher Unterstützung (auch der SAVAK) dort etwas austoben. Dazu muss auch gesagt werden, dass sich Burudjerdi nach anfänglicher Unterstützung gegen Mossadegh gestellt hatte und den britisch-amerikanischen Staatsstreich gegen diesen unterstützt hatte. Burudjerdi unterstützte auch die  Verfolgung und das Verbot der kommunistischen Tudeh-Partei, auch dies im Einklang mit der damaligen westlichen Politik gegenüber Iran. In einer Fatwa 1955 erklärte er Pepsi-Cola für verwerflich, weil der iranische Konzessionär ein bekennender Bahai war. Der Industrielle Habib(ollah) Sabet, der dann bereits vor der Revolution ins westliche Exil ging.

Wurden die Baha’i unter dem Schah bevorzugt behandelt? Wenn ja, spricht das für ihn ?  Verdächtigungen über den Einfluss der Baha’i unter dem letztem Schah und ihre Unterstützung für diesen sind bis heute hier und dort aktuell. Es gab Shapour Rasekh, einen Berater, seinen persönlichen Arzt sowie Verteidigungsminister Sani’ee an Baha’i im Umfeld Pahlevis. Sani’ee wurde von seiner Religionsgemeinschaft ausgeschlossen, weil sie ihren Angehörigen direkten politischen Aktivismus verbietet. Es gab damals den Architekten Hossein Amanat, der den Bau des Shayad/Azadi-Gebäudes (1966-72), bis heute eines der Wahrzeichen Tehrans, plante, sowie das Universale Haus der Gerechtigkeit in Haifa. Viel Spekulationen gibt es diesbezüglich über die Familie des Premierministers 1965-1977, Amir A. Howeida; sein Vater dürfte Baha’i gewesen sein, der diese Religion verlassen hat.24 Jedenfalls, die Dynamik die sich im Iran bzw unter Iranern aus dem repressiven Charakter der Herrschaft dieses Schahs ergab, hat sich für die Baha’i äusserst ungünstig ausgewirkt

Shoghi Effendi starb 1957 kinderlos und ohne eine eindeutige Nachfolgeregelung zu hinterlassen. Die meisten der Baha’i in und um Haifa waren auch von ihm exkommuniziert worden… Er hatte 1951 einen Internationalen Baha’i-Rat ernannt, mit dem US-amerikanischen Architekten Charles M. Remey, seiner  Frau,… Und er hatte weitere “Hände der Sache” ernannt, darunter den Autor Hasan M. Balyuzi, Remey, den Deutschen Adelbert Mühlschlegel, Ali-Akbar Furutan,… Es gab, wie zu erwarten, nach Shoghis Abgang, Nachfolgestreits, Abspaltungen, Richtungskämpfe. 1960 erhob Remey (die Hand der Sache sowie Präsident des Internationalen Baha’i-Rats) den alleinigen Führungsanspruch, wurde ausgeschlossen, eine kleine Zahl von Baha’i folgte ihm. Er hatte diverse Baha’i-Gebäude geplant, darunter die Häuser der Andacht in Uganda und Australien. 1969 spaltete sich eine Gruppe unter dem Franzosen Joel Marangella von der Remey-Gruppe (den “Orthodox Baha’i”) ab, weitere folgten. 1961 wurde ein neuer Int. Baha’i-Rat gewählt, mit Ali Nakhjavani, Ian Semple,…

1963 wurde eine Nachfolgeregelung gefunden: die 27 lebenden Hände der Sache (Gottes) wählten 9 (die heilige Zahl der Baha’i25) aus ihrer Mitte zu “Hütern”, die das erste “Universale Haus der Gerechtigkeit” bildeten. Anfangs waren in diesem Gremien 3 von 9 Mitgliedern Exil-Iraner (Nakhjavani, Fateazam, Hakim); dieser Anteil blieb in etwa so, bis heute, die meisten Anderen kommen aus der englisch-sprachigen Welt. Nakhjavani ist 1919 in Aserbeidschan geboren, in jener Zeit in der sich das Land in den Wirren der russischen Revolutionen unabhängig gemacht hatte, vermutlich in eine Familie die den Iran verlassen hatte. Die Familie verliess auch die SU bald, lebte im britisch beherrschten Palästina (hatte Kontakt mit Abdul’Baha), im französischen Libanon, dann im Iran und in Uganda, bevor er 1961 in die erwähnte Vorgänger-Institution des Universalen Hauses der Gerechtigkeit in Haifa gewählt wurde. Diesem gehörte er von 1963 bis 2003 an. Seine Tochter Bahiyyih wurde Schriftstellerin.

Mit Shoghi Effendis Tod ging die konstituierende Periode der Religion zu Ende, auch die Zeit der Vorherrschaft der Familien der Gründergeneration (bzw der Perser), kamen interne Streitigkeiten etwas zur Ruhe. Ende der 1950er gab es eine “Konferenz” Ausgestossener/Abgespaltener verschiedener Generationen der Baha’i, auf Zypern (kurz vor dessen Unabhängigkeit von GB), von den Azalis über die “orthodoxen Baha’i” Remeys bis zu Individuen wie einigen von Shoghi Exkommunizierten… Ab 1961 entstanden weitere Häuser der Andacht, in Sydney, Kampala (von Remey geplant), Langenhain (BRD), Delhi (auch von Maxwell geplant), Ciudad de Panama, Apia (Samoa), Santiago de Chile, Battambang (Kambodscha); weitere sind geplant. In anderen Ländern versammeln sich Baha’i in unscheinbaren Häusern oder Wohnungen. In Israel/Palästina gibt es drei Gebäude auf dem Carmel/ Kurmul/ Jebel Mar Elias in Haifa: Der Schrein des Bab mit dem von Maxwell geplanten Überbau (1948-1953 gebaut), in dem auch Abdul’baha begraben wurde, mit den Gärten rundherum die 2001 fertig wurden. Das von H. Amanat geplante Universale Haus der Gerechtigkeit (-Gebäude) wurde 1983 fertig, in seinem Garten befinden sich Gräber von Verwandten Baha’ullahs. Dann gibt es es dort noch ein Archiv/Museums-Gebäude, das ’57 fertig wurde. Und das Grab Baha’ullahs in Akka. Pilgerorte der Baha’i mit Verbindung zur Geschichte dieser Religion befinden sich u.a. in Bagdad, Edirne, Schiraz, London,…

Bei den Baha’i gibt es keine Geistlichkeit, keine Priester. Man wartet auf ein göttliches “Neues Zeitalter”. Das von Baha’ullah in Gefangenschaft (auf Arabisch) geschriebene “Kitab al Akdas” ist eigentlich das heilige Buch. Es (bzw sein Inhalt) wird aber nicht nach Aussen verbreitet, und für die eigenen Anhänger bzw Angehörigen gibt es, so liest man26, nur eine interne Teilübersetzung bzw Teilfassung. Grund dafür soll sein, dass es in der vom Propheten einst geforderten bzw gewünschten Gesellschaft zB die Todesstrafe geben soll, und Weiteres was man heutzutage eher zu verstecken trachtet.

William McElwee-Miller (1892-1993), ein US-amerikanischer presbyterianischer Missionar, der auch in Iran unterwegs war, setzte sich mit dem schiitischen Islam und der Baha’i-Religion auseinander, schrieb Bücher darüber. 1961 brachte er mit einem Earl Elder eine (angebliche) englische Übersetzung des Kitab al Akdas heraus, die manchen Urteilen zufolge eine Verdrehung des Inhalts sein soll. 1931 kam von ihm erstmals “Baha’ism, Its Origin, History and Teachings” heraus, ein Buch über (bzw gegen) die Baha’i mit Attacken auch vom Azali-Standpunkt. Nach Laurence P. Elwell-Sutton soll McElwee-Millers Quelle Subh-i Azals Enkel Jalal Azal gewesen sein, den mit den Baha’i eine Erbfeindschaft auf persönlicher Ebene verband. In dem mehrfach neu aufgelegten Buch findet sich anscheinend auch eine Stellungnahme der Tochter der rumänischen Königsgemahlin Maria, Ileana, wonach diese nie übergetreten sei.

Im Iran wurde die Auflehnung gegen den Schah ab 1978 ja von den Islamisten unter Khomeini gestohlen bzw missbraucht. Für die Baha’i im Iran (etwa 300 000) änderte sich die Lage infolge der islamistischen Machtergreifung nach der Revolution ab 1979 dramatisch; Ruhollah Khomeini hat noch im Anflug auf dem Iran (bei seiner Rückkehr) auf Journalisten-Fragen gesagt, die Baha’i würden im Gegensatz zu den Juden nicht anerkannt und toleriert werden. Die Anschuldigungen der Häresie, des Abfalls vom Islam, wurden wieder hoch-aktuell, hinzu kamen jene der Spionage für westliche Mächte, und dahinter auch ein gewisser sozialer Neid aus gewissen Schichten. Die Baha’i-Religion an sich wurde in der Islamischen Republik illegal, jene die sich nicht davon abwandten, waren (sind) schweren Diskriminierungen ausgesetzt, zB ist ihnen Studieren nicht erlaubt. Manche verloren ihre Anstellungen. Besonders schwer traf es in den frühen Jahren nach der gestohlenen Revolution die Führer der Gemeinschaft im Iran. Ali-Murad Davudi, ein Philosophie-Professor an der Universität Teheran, war 1973 in den Nationalen Geistigen Rat der Baha’i im Iran gewählt worden, wurde 1974 Sekretär dieses Rats, also eine Art Oberhaupt.27 Im November 1979 ging er in einem Park in Tehran spazieren, “verschwand“… Es ist davon auszugehen, dass er von Kräften, die diesen Staat nun regierten, entführt und ermordet wurde, wahrscheinlich auch gefoltert.

Im Jahr darauf wurden die restlichen 8 Mitglieder der iranischen Baha’i-Führung28 verschleppt, von einem Treffen ihres Gremiums weg. Auch von ihnen gab es keine Spuren mehr, ist ein Schicksal wie jenes von Davudi anzunehmen. Der Nationale Baha’i-Rat des Iran wurde aber wiederum neu konstituiert, durch Wahlen, und 1981 wurden zumindest 8 davon wiederum getötet. Entsprechendes geschah in den folgenden Jahren, bis 1984, bis anscheinend die Strukturen und der Mut der Baha’i total zerschlagen waren. Auch Mitglieder von lokalen Geistigen Räten sowie einfache Mitglieder29 betraf dies. 1982 allein wurden mindestens 32 Baha’i hingerichtet, heisst es. Darunter war der Vater von Wahid Wahdath-Hagh, der in den 1960ern Militärattaché an der iranischen Botschaft in der BRD gewesen war. Der junge Wahdath-Hagh konnte nach Deutschland emigrieren, wo er seine(n) gesamte(n) akademische Arbeit und politischen Aktivismus gegen die Islamische Republik Iran und ihren religiösen Totalitarismus einsetzt.

Dabei arbeitet er aber auch (bzw hauptsächlich) mit Gegnern des Iran an sich zusammen, gibt ihnen Alibis, lässt er die Unterdrückung der Baha’i im Iran instrumentalisieren, macht den Jubelperser für Dropthebomb, Memri, “Jungle World”, “European Foundation for Democracy”, „Die Welt“, „Achsedesguten“,… So dass sich auch der letzte Rassist geschmeichelt (und fortschrittlich) fühlen darf. Wer sich nicht für Karimpour Shirazi (oder andere Opfer des Regimes dieses letzten Schahs) interessiert, möge über Alimurad Davudi schweigen und vice versa. Und jenes Publikum, das von “Die Welt” oder “Jungle World” bedient wird, interessiert sich eben nicht für Opfer, die nicht in ihr Weltbild passen, nicht dafür, dass Herrscher bei ihren Menschenrechtsverletzungen vom Westen unterstützt wurden und werden30, dass dieser im Kalten Krieg auch Islamisten gegen Demokraten unterstützt hat, nicht für den verkappten Deutsch-Nationalismus der Springer-Presse, et cetera. Nicht für Palästinenser oder die Zusammenarbeit Israels mit dem Apartheid-Regime Südafrikas31, um die es in einem Artikel geht, der demnächst erscheinen wird.

Unter Rafsanjani, der 1989 nach Khomeinis Tod iranischer Präsident wurde, mäßigte sich die islamistische Diktatur im Iran etwas, auch gegenüber den (restlichen) Baha’i. Viele sind (in den Westen) ausgewandert oder versuchen dies noch. Diese Auswanderung von religiösen Minderheiten des Iran (Zoroastrier, armenische und assyrische Christen, Juden, Baha’i) wird von der amerikanischen jüdischen Organisation HIAS organisiert, in Wien gibt es für die Betreffenden meist einen mehrmonatigen Transit-Aufenthalt. Der renommierte Psychiater Nossrat Peseschkian, der in Deutschland wirkte, war dagegen unter jenen Iranern, die in den 1950ern/60ern in den Westen gingen, aus unpolitischen Gründen, zum Studium. Die inoffizielle Führung der Baha’i im Iran wird weiterhin drangsaliert; 2008 wurden 7 Mitglieder des “Yaran” genannten Gremiums inhaftiert und zu 10-jährigen Gefängnisstrafen verurteilt, u.a. wegen “Spionage für eine feindliche Macht” und “Bildung einer illegalen Organisation”. Fariba Kamalabadi, Mahvash Sabet, Behrouz Tavakkoli32 und die anderen wurden 2017 freigelassen. Es gibt aber ziemlich sicher noch Baha’i unter den politisch-religiösen Gefangenen des Landes.

Charles Mason Remey hat einst, in den späten 1950ern, auf Bitte von Shoghi Effendi, einen Baha’i-“Tempel” für Teheran geplant (siehe Bild rechts). Dann wurde Remey von den Baha’i ausgeschlossen (oder er verliess sie, wie man es sieht), dann machte der Verlauf der Revolution ein solches Haus der Andacht im Iran unmöglich. Ob es dies im Iran jemals geben wird? Die grösste Feindseligkeit gegenüber der Baha’i-Religion gibt es in jenem ethnisch-religiösen Milieu, in dem sie entstanden ist, dem iranischen schiitischen Islam. In vielen sunnitischen Ländern bzw Milieus, zB Pakistan oder Türkei, gibt es ihnen gegnüber mehr Toleranz. Der Schwerpunkt der Baha’i ist aber der Westen geworden und durch islamistische Diskriminierung sind auch die iranischen (und anderen “orientalischen”) Baha”i gezwungen, sich an den Westen “anzulehnen”. Was wiederum die Unterstellungen, Werkzeuge “imperialer Mächte” zu sein, nährt. Auch die “Nähe” der Baha’i zum Zionismus liegt in so einem Teufelskreis.

Von den drei Baha’i-Gebäuden in Haifa ist nur der Schrein des Bab für Besucher zugänglich; das Museum ist das nur für langjährige Baha’i. Im Krieg Israels 06 gegen Hisbollah und Hamas (bzw Libanon und Gaza) flogen Raketen der (vom iranischen Regime unterstützen, schiitischen) Hisbollah auch in die Nähe von Haifa mit seinen Baha’i-Gebäuden. Die Baha’i in Israel sind (nach wie vor) nur eine recht kleine Zahl von Funktionären, von denen ein Teil auch nur temporär dort ist, beschäftigt in den 4 Baha’i-Einrichtungen in bzw um Haifa. Sie sind eine der kleineren Bevölkerungsgruppen dieses Landes, nicht so tief verwurzelt wie die Armenier, aber tiefer als zB die Schwarzen Hebräer.33 Den Baha’i ist in Israel Vieles nicht erlaubt, sie dürfen nicht missionieren (schon gar nicht unter Juden), der Bab-Schrein darf nachts nur temporär beleuchtet werden, und ein Haus der Andacht war/ist ihnen nicht vergönnt. Ein solches wurde auch von Remey geplant, der Plan wurde von Shoghi Effendi gebilligt. Es sollte auch am Carmel/Kurmul gebaut werden, in der Nähe der anderen Gebäude; 1971 wurde an der geplanten Stelle ein Obelisk errichtet. Streng genommen gibt es in Israel keine Baha’i-Gotteshäuser, die 4 bestehenden Baha’i-Gebäude sind Verwaltungs- bzw Graborte. Wer aus Israel/Palästina zu den Baha’i konvertieren will, muss nach Zypern reisen, ausgerechnet auf die Insel der Konkurrenten von den Azalis.

Schrein des Bab

Die Baha’i-Führer in Haifa sind wie der griechisch-orthodoxe Patriarch in der Türkei, fast ohne “Fussvolk” in dem Land an sich. Es gibt einige Palästinenser die übergetreten sind. So wie Suheil Bushrui (1929-2015), aus Nazareth (ein “israelischer Araber”), ursprünglich wohl Christ. Der Wissenschafter und Khalil-Gibran-Spezialist lebte und arbeitete hauptsächlich in anderen Ländern der Region (wie Libanon) sowie dem Westen (USA, GB,…). Den (persischen) Baha’i gelang es in ihrer frühen (osmanischen) Zeit in Palästina anscheinend auch, Palästinenser zu missionieren; dies wäre ein ergiebiges Thema. Es gibt unter den Palästinensern eben Moslems (überwiegendst Sunniten), Christen (v.a. Orthodoxe), Drusen, Ahmadyiyya, Baha’i,… Und (der maronitische Christ) Gibran hatte selbst Verbindungen zu den Baha’i in Palästina, u.a. traf er Abdul’baha.

Wenn im Westen über die Baha’i berichtet wird, dann meistens dahin gehend, dass sie im Iran von Anfang an bis heute verfolgt wurden, sie werden gegen den Iran angeführt. Für Leute wie Mosche Sharon oder Henryk Broder ist das ein gefundenes Fressen. Im islamischen Bereich wird oft ihre Verbindung zum Westen gegen sie angeführt. Für manche “Westisten” sind die Baha’i aber auch zu islam-ähnlich, orientalisch. Zu den Anti-Baha’i-Hass-Seiten aus dem islamistischen Bereich gehören bahaism.blogspot (wahrscheinlich schiitisch), bahaileaders9.blogspot.com, thebahaiinsider (“Imran Shaykh”, scheint sunnitisch zu sein); bahaisects.wordpress könnte aus der Azali-“Ecke” sein.

Ein Kommentator auf “derstandard”: „…wären erste wenn ich an gott glauben würde; sie sind zu zivilisiert und fortschrittlich und gut gebildet für die monster in Teheran; 300.000 könnten doch leicht fuss fassen in europa und-oder usa. der baha’ismus kann durch das christentum gut toleriert werden, aber im iran sind sie völlig ausgeliefert. also kommt in den westen baha’i brüder und schwestern..” Die Baha’i Licht, die Region bzw Kultur aus der sie kommen, Finsternis, ohne zu kapieren, dass sie aus eben dieser kommen. Idealisierung und Vereinnahmung ist hier aber eben nur eine Spielart von westüberheblichem Chauvinismus, es gibt auch das überhebliche Abkanzeln und ignorante Verteufeln der Baha’i selbst, das sie-in-den-Topf-mit-den-anderen-Orientalen-werfen34 – Da wird dann betont dass Baha’ullah ein schiitischer Iraner war bevor er eine Religion stiftete. Und natürlich müssen Frauen und Homosexuelle als Ausweis edler Gesinnung herhalten.

Baha’i als ideologisches Kanonenfutter – erinnert an den Gebrauch von Kurden und Süd-Sudanesen.35 Oder von Kopten – solange diese die wehrlosen Opfer der Muselmanen sind. Ein Kopte wie der ägyptische Hotelmilliardär Samih Sawiris dagegenwenn der dann noch im Schweizer Alpendorf Andermatt sein dort schon bestehendes Ferienressort gehörig erweitern will, dann ist er auch ganz schnell ein grössenwahnsinniger Orientale der die westliche Kultur missachtet, ist vom Ausverkauf der Heimat die Rede. Im “Derstandard” schrieb Einer zum Vergewaltigungs-Urteil zu Israels Präsident Mosche Kazav: “Die einzige Demokratie im Orient,so ein Urteil wäre dort sonst nirgends vorstellbar.Dazu käme der religiöse Aspekt in den Nachbarstaaten:Durch unstatthafte Kleidung werden die Frauen den Mann halt so gereizt haben, dass er nicht anders konnte.Katzav stammt aus dem Iran.” Und, wie bei McElwee-Miller erwähnt, werden die Baha’i auch gerne aus der evangelikalen Ecke angegriffen. Die Baha’i werden sowohl von islamischer wie von christlicher Seite auch oft als “Sekte” gesehen.

Der USA-Historiker John “Juan” Cole wurde Baha’i und trat wieder aus, wegen der Hierarchie, setzt sich aber (weiter) kritisch-konstruktiv mit dieser Religion auseinander; für seine Analysen über den “Orient” wird er von Efraim Karsh & Co attackiert. Ein umtriebiger Baha’i-Diffamierer im deutschsprachigen Raum ist dagegen der Schweizer Francesco Ficcicha, ein Ex-Baha’i, der dann zum Buddhismus übertrat. Er schrieb auch das Kapitel über die Baha’i im von Hans Gasper heraus gegebenen “Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen: Fakten, Hintergründe, Klärungen” (1990), einem katholizistischen Machwerk. Über manches von dem was er dort bei den Baha’i ausmacht, kann man diskutieren (“diesseitsbezogene Religion”, “theokratisches Verständnis”,…). Ansonsten macht Ficcicha diese Diffamierung auf seiner Website oder über ein eigenes Buch – zu diesem gab es eine Entgegnung vom deutschen Baha’i Udo Schäfer („Desinformation als Methode“).

Ein iranischer Baha’i, der über Wien in die USA ging, hat mir geschrieben, es gäbe in Amerika einen “bias” gegen Iraner unter den Baha’i (obwohl der Prophet ein solcher war) und grosse Unterschiede bei den Gottesdiensten zwischen diesen Ländern. Orient und Okzident ist (auch) bei den Baha’i ein grosses Thema… International bestreitet die Baha’i-Gemeinde meist eine besondere Verbindung dieser Religion mit dem Iran. Es gibt aber eine solche, trotz der schweren Diskriminierung der Baha’i dort und dem damit verbundenen Auswanderungsstrom. Die Baha’i-Religion war im Iran immer eine einer kleinen Minderheit36, ist aber ein Produkt der Entwicklung dieses Landes, mit seiner Synthese aus islamischen und nicht-islamischen Elementen. Unter jenen Iranern die den Islam als Religion für ihr Land ablehnen, scheint aber eine “Wiederbelebung” des Zoroastrismus als Staatsreligion eher in Frage zu kommen als eine Ausbreitung bzw Annahme der Baha’i-Religion. Mehr Akzeptanz sowie Gleichberechtigung für Baha’i ist aber sehr wohl ein Thema37, und eine Beendigung oder zumindest Reform der Mullah-Herrschaft war immer eines unter Iranern, seit es diese gibt. Sogar Ajatollah Hossein-Ali Montaseri ist vor seinem Tod 09 für Rechte der Baha’i im Iran eingetreten.

Es gibt etwa 6 Millionen Baha’i weltweit, die Religion dürfte global die zehnt-grösste sein. Wie bei allen Religions-Statistiken sind hier auch jene gezählt, die nicht (mehr) aktiv sind. Baha’i sind in allen Ländern in der Minderheit, weit davon entfernt, irgendwo Staatsreligion oder Religion Nr. 1 zu sein. In westlichen Ländern sind überall viele Exil-Iraner darunter, überall machen Konvertiten bzw Baha’i in erster Generation einen grossen Anteil aus.38 Die Länder mit den meisten Baha’i in absoluten Zahlen sind Indien (etwas unter 2 Millionen), dann die USA, Kenia, Vietnam, DR Congo, Philippinen, Iran (250 000), Sambia, Südafrika, Bolivien. Den höchsten Anteil an der Bevölkerung haben sie in den Pazifik-Staaten Nauru (9,22%), Tonga, Kiribati,…; in Bolivien machen sie etwas über 3% aus, in Belize etwas darunter. Die zweitgrösste Religionsgemeinschaft sind sie in Iran, Panama, Belize. Azalis dürfte es heute maximal einige Tausend geben, in Iran, Usbekistan, westlichen Ländern,… Die Konkurrenz bzw Feindschaft zu den Baha’i ist aktuell, wie man an IT-Publikationen sieht. Chef der Remey-Abspaltung von den Baha’i (dieser starb ’74) ist seit ’91 der Franzose J. Soghomonian.

Materialien

Dominic Parviz Brookshaw, Seena B. Fazel: The Baha’is of Iran. Socio-Historical Studies (2007). Mit Beiträgen von Mehrdad Amanat, Moojan Momen, Kavian Milani, Eliz Sanasarian, Mohamad Tavakoli-Targhi (“Anti-Bahaism and Islamism in Iran,”), Houchang Esfandiar Chehabi, Reza Afshari,…

Alessandro Bausani, Juan Cole: Religion in Iran: From Zoroaster to Baha’u’llah (2000)

Bahram Chubineh: Dr. Mohammed Mossadegh & Bahaian (2009)

Janet Afary: The Iranian Constitutional Revolution, 1906– 1911: Grossroots Democracy, and the Origins of Feminism (1996). Auch über die Mitwirkung von Azalis an der Konstitutionellen Revolution

Mehrdad Amanat: Jewish Identities in Iran: Resistance and Conversion to Islam and the Baha’i Faith (2011). Amanat geht der Frage auf den Grund, warum persische Juden zu den Baha’i übertraten, obwohl diese harscher verfolgt wurden

Druzelle Cederquist: The Story of Baha’u’llah: Promised One of All Religions (2005)

Edward G. Browne: Materials for the Study of the Babi Religion (1918)

Moojan Momen (Hg.)39: From Iran East and West (Studies in Babi and Bahai History 2) (1984). Mitarbeit von Juan Cole

Robert H. Stockman: The Baha’i Faith: A Guide For The Perplexed (2012)

Hasan Balyuzi: Studies in Babi and Baha’i History, Vol. 1. (1982)

Hermann A. Römer: Die Bābī-Behā’ī. Eine Studie zur Religionsgeschichte des Islams (1911, Dissertation Universität Tübingen)

Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá’í Faith (1999)

Mina Yazdani: The Islamic Revolution’s Internal Other: The Case of Ayatollah Khomeini and the Baha’is of Iran. In: Journal of Religious History, Vol. 36, No. 4, December 2012

Juan Coles Webseite über die Baha’i

Website von Moslems, die sich für Baha’i einsetzen

Baha’i in fiction (Wikipedia)

Etwas vom Azali-Standpunkt

Auf bahaiblog.net über Frauen bei den Baha’i, hauptsächlich über die Babi-Anhängerin Fatimeh Baraghani

https://bahai-library.com

Suheil Bushrui: An Evening with Suheil Bushrui: recitations & commentary on notable prayers by Baha’u’llah (Audio CD)

Reza Allamehzadeh: Iranian Taboo (2011/2012). Dokumentationsfilm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Und in der Zeit der inner-islamischen Zuspitzung zwischen Sunniten und Schiiten
  2. Dieser Titel weist darauf hin, dass er ein Nachkomme des Propheten Mohammed gewesen sei
  3. Das Haus des “Bab” in Schiras wurde später zerstört und dort eine Moschee gebaut
  4. Anscheinend erklärte er sich später auch zum Mahdi selbst
  5. Manchmal “Ghulat” (Übertreiber, bzw freier übersetzt, Extremisten) genannt
  6. Es gibt auch einige aus dem sunnitischem Islam entstandene Religionsruppen wie Yaziden oder Ahmadiyya
  7. Der Tag wird heute von Baha’i als Ridvan/Rezvan-Fest gefeiert
  8. Das wahrscheinlich einzige Foto, das von Baha’ullah existiert, stammt auch aus der Zeit in Edirne
  9. Ammochostos/Magusa
  10. Bis 1960; Palästina wurde etwas später britisch, blieb es kürzer
  11. Ein früherer Baha’i, der sich nun als “sakularen Humanisten” sieht und ein Pro-Israel-Kampaigner (schreibt auch für’s Gatestone Institute) sowie “Islamkritiker” ist
  12. Die Zitadelle geht auf die Johanniter in Kreuzfahrerzeiten zurück, wurde von den Osmanen ausgebaut, zeitweise als Kaserne genutzt, dann als Gefängnis, für politische “Verbrecher” aus allen Teilen des Reichs
  13. Papst Pius IX., die britische Königin Victoria I., den osmanischen Sultan Abdulaziz I., den russischen Zaren Alexander II., den preussischen König Wilhelm I., den USA-Präsidenten, den persischen Schah Nasr ad Din, den französischen Kaiser Napoleon III.
  14. Es heisst, er hat das Manuskript eines Mirzâ aus Kashan erhalten, das einen Bericht über die frühe Geschichte der Babis darstellt und heute in der Bibliothèque Nationale in Paris aufbewahrt wird
  15. Diese Bewegung hatte auch ursprünglich etwas progressives, hat aber letztendlich zu einem intoleranten Nationalismus geführt und zum Völkermord an den Armeniern
  16. Er war 1920 von den Briten zum Ritter geschlagen worden, wahrscheinlich für seine Bemühungen während des 1. WK, eine Hungersnot zu vermeiden. Zu seinem Begräbnis am Kurmul kam auch Gouverneur Samuel
  17. Christopher de Bellaigue in “Rosengarten der Märtyrer”: Eine (im Iran nicht vollzogene) eindeutige Kolonisation brachte wenigstens Eisenbahn, Abwasserkanäle und eine eindeutige Unabhängigkeit
  18. Ähnlich war es bei Arnold J. Toynbee
  19. In Turkmenistan konstituierten sich die Baha’i nach der Unabhängigkeit 1991 neu; sie sind aber nicht staatlich anerkannt, da ein Gesetz aus 1995 dafür verlangt, mindestens 500 erwachsene Anghörige pro örtlicher Niederlassung zu haben
  20. Wahlrecht haben anscheinend nur Männer
  21. Organisiert in der “New History Society” und der “Caravan of East and West”
  22. Es bedeutete sicher nicht nur Negatives!
  23. Der hauptsächlich gegen die eigene Bevölkerung, gegen Iraner, vorging!
  24. Howeida war demnach ein “Baha’i-Zadeh”, jemand mit Baha’i-Hintergrund, ohne selber einer zu sein
  25. Das Symbol der Religion ist auch ein 9-zackiger Stern
  26. Bitte um Korrektur, wenn das nicht stimmt
  27. Geistliche gibt es wie erwähnt keine in dieser Religion
  28. Oder 9, möglicherweise wurde Davudi ersetzt
  29. Etwa 1983 die 18-jährige Mona Mahmudnizhad
  30. US-Politiker Dana Rohrabacher hat ja zB angeregt, über Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien oder Usbekistan hinwegzuschauen, aufgrund der “nationalen Interessen der USA”; in Deutschland hat dies Missfelder getan – Andere sagen es nicht so offen, fahren aber diese Politik
  31. Hier gibt es auch Söhne, die ihre Väter verloren haben
  32. „Es gab zur Zeit der Verhöre nach der Gefangennahme keine physische Folter. Aber wir wurden damals in Einzelhaft gehalten, was eine Form von psychischer Folter ist. Auch waren in dieser Zeit keine Besuche erlaubt. Erst 2 Monate nach der Verhaftung durfte ich meine Familie anrufen“
  33. Auch wenn de.wikipedia im Artikel über die “Demographie Israels” dazu angibt, dass sich „14 000 Baha’i” in Israel aufhalten würden… Aber dieser Artikel führt die in Israel/Palästina lebenden Armenier auch im Rahmen von Einwandereren aus der SU an, macht die Aufsplitterung der Palästinenser in kleinere (kontrollierbarere) Gruppen mit, schlüsselt in „ethnisch-religiöse Gruppen“ auf, hebt zB die Ahmadiyya unter den Palästinensern hervor (denen es dort so gut ginge), und behandelt nur das Gebiet, das bereits vor 1967 “Israel” darstellte (wenn es um die Demografie geht, sind “Judäa” und “Samaria” plötzlich nicht mehr Teile Israels)
  34. Ebenfalls im “Derstandard”-Forum gesehen
  35. Kurden unterstützen oder doch lieber (weiter) Kemalisten? Armenier oder Aserbeidschan oder..?
  36. Anders als der Buddhismus in Indien oder das Christentum in Palästina, die dort längst weitgehend verdrängt sind
  37. Siehe zB http://iranpresswatch.org/post/998/we-are-ashamed/ , http://www.iranian.com/main/2009/feb/more-signatures-defense-bahais
  38. Von adherents.com: “As is typical with a religious group made up primarily of converts, Baha’is who drift from active participation in the movement are less likely to retain nominal identification with the religion — because it was not the religion of their parents or the majority religion of the surrounding culture. On the other hand, there are no countries in which people are automatically assigned to the Baha’i Faith at birth (as is the case with Islam, Christianity, Shinto, Buddhism, and other faiths), so their numbers aren’t inflated with people who have never willingly participated in or been influenced by the religion while adults.”
  39. Wie Hasan Balyuzi, Peter Smith, Robert Stockman gehört Momen der Baha’i-Religion in offizieller bzw führender Funktion an

Abgeschriebenes in der Bibel

Die Frage der Historizität der jüdisch-christlichen Schriften bzw die Vereinbarkeit dieser religiösen Mythen mit der Geschichtsforschung ist hier nicht das eigentliche Thema. Sondern das von anderswo Übernommene in Bibel/Tanach. Diese beiden Thematiken sind aber mit einander verbunden. Anders etwa Arik Brauer behauptet1, wurde nicht (nur) aus dem Alten Testament der Bibel (dem jüdischen Tanach) abgeschrieben, sondern (auch) umgekehrt. Es gibt dort unverkennbar Übernommenes von den alten Ägyptern, Mesopotamiern (besonders Babyloniern), Persern, Kanaanitern (den Konkurrenten im Land), Phöniziern, Aramäern, Ammonitern,… Die betreffenden Völker kommen auch vor in den Märchen des Tanach, zB der Aramäer Laban. Das alte Judentum hatte Kontakte mit diesen Völkern/Kulturen, nahm Einflüsse von ihnen auf, die damit auch ins Christentum übergingen. Und in weiterer Folge auch in den Islam; und über Christentum und Islam ist von Juden und Anderen verarbeitetes Kulturgut wieder an Völker der Region zurück geflossen. Während andere die jüdischen Wurzeln des Christentums ins Licht rücken möchten, wird hier auf die Wurzeln der jüdischen Texte eingegangen. Und in weiterer Folge auch auf die „Märchen“ im jüdisch-christlichen Geschichts-Mythen-Komplex, die teilweise noch immer als faktisch gesehen werden bzw geschichtspolitisch propagiert werden. Es werde Licht.

Einflüsse auf Tanach/Bibel

Beginnen muss man wohl mit den patriarchalen Umformungen in den Religionen der Region von Ägypten bis Persien in der späten Antike, die sich teilweise mit der Herausbildung der modernen Religionen überschnitten. Alle Religionen dieser Region waren matriarchalisch, mit Göttinnen wie Ishtar oder Ardvi Sura Anahita. Der Übergang vom mythologischen zum rationalen Weltbild, vom Mythos zum Logos, von Mysterienkulten zu Religionen, begann in Griechenland mit den Vorsokratikern (600 bis 350 vC, u.a. Thales von Milet, mehr Wissen/Vernunft als Gefühl/Glaube), wurde in Europa mit der Durchsetzung des Christentums im 4. Jh vollendet, im “Orient” geschah er vor Aufkommen des Islams (die Region war bis dahin christlich oder aber zoroastrisch).

Die Bibel ist in einem Zeitraum von fast 2000 Jahren entstanden, durch verschiedene Autoren, sie existiert in verschiedenen Gliederungen, Versionen, Übersetzungen. Hier geht es aber um das Alte Testament (AT) der Christen, den Tanach der Juden.2 Das AT/ der Tanach (geschrieben in Alt-Hebräisch und Alt-Aramäisch) erzählt von der Schöpfung über die Wanderungen der Israeliten/Juden unter Abraham und Moses, die Eroberung Kanaans unter Joschua, die Herrschaft der Richter und Könige (David,…) dort, von Propheten wie Elija, von der Reichs-Teilung, den Eroberungen und Verschleppungen unter Assyrern und Babyloniern, bis zur Rückkehr aus dem Babylonischen Exil. Die Geschichten sind nicht in chronologischer Reihenfolge, beruhen grossteils nicht auf Faktizität, enthalten viel Metaphysisches (Gott als ordnende Kraft,…) und sind zT von anderswo entlehnt.

Die jüdischen und christlichen Gliederungen des Buchs decken sich teilweise: Thora entspricht dem Pentateuch (5 Bücher Mose’, Schöpfung bis Ägyptisches Exil; auch als Gesetzesbücher bezeichnet); die Propheten-Bücher sind die Nebiim; und die Ketubim sind bei den Christen die Geschichts- sowie die Weisheitsbücher. Die T(h)ora-Bücher (Genesis, Exodus, Leviticus, Zahlen, Deuteronomium) und die Geschichts- und Prophetenbücher wurden grösstenteils zur Zeit der persischen Herrschaft über Babylonien und Kanaan/Palästina/Israel (6.-4. Jh vC) geschrieben, von Führern der Juden/Israeliten unter den Exilanten bzw Heimkehrern. Nur ein Teil der Prophetenbücher wurden zuvor verfasst, zwischen dem 8. und 6. Jh. Die Zusammenstellung bzw Redaktion der Bücher zum Tanach erfolgte nach der Befreiung aus dem Exil, durch Esra und andere Gelehrte. Daneben gibt im Judentum den Talmud (der von einigen Sondergruppen nicht anerkannt wird), den Babylonischen (im dortigen Exil entstanden, aber zu sassanidischer Zeit) und den Jerusalemer bzw Palästinensischen, entstanden in der Spätantike im “heiligen Land”, das unter römischer bzw byzantinischer Herrschaft stand.

Die wichtigsten Einflüsse auf das Judentum, den Tanach, waren die babylonischen und persischen, während bzw infolge des Babylonischen Exils. Die betreffende Phase (die eigentliche Geburt des Judentums?) begann mit der Eroberung Judäas durch die Babylonier unter König Nebukadnezar II. an der Wende vom 7. zum 6. Jh vC3, bekam eine Zäsur durch die Eroberung Babylons durch den Perserkönig Kyros II. 539 vC, ging bis zur Niederlage Persiens gegen die Griechen Alexanders 332 vC, mit der die hellenistische Periode begann.4 In diesen zweieinhalb Jahrhunderten in Babylon und Jerusalem begannen die alten Juden/Israeliten erst richtig mit der Niederschrift ihrer bislang hauptsächlich oralen Lehren und nahmen neue Einflüsse auf, aus mesopotamischen (hauptsächlich der babylonischen) und persischen Kulturen.

Teile der für die mesopotamische Göttin Inana/Ishtar im Zusammenhang des Hieros Gamos bestimmten erotischen Liebeslyrik finden sich im Hohen Lied im Tanach (AT der Bibel) wieder. Die 10 Gebote sind von Hammurabis Gesetzes-Codex “inspiriert”, evtl diente der babylonische König sogar als Vorbild für „Mosche“/”Moses” (s.u.). Die Geschichte der Sintflut ist eine Verarbeitung eines entsprechenden Märchens im sumerischen Gilgamesch-Epos. Der babylonische Gott Marduk diente als Vorbild für Mordechai. Die Legende von der Schrift an der Wand des Palasts Nabonids, des letzten babylonischen Königs, die dessem Sohn Belsazar kurz vor dem Fall an die Perser erschienen sein soll, hat in veränderter Form in den Tanach Eingang gefunden. Der jüdische Monats-Name Tammuz ist aus dem babylonischen Kalender entlehnt, dem Siwan liegt ein akkadischer Monat zu Grunde,… Den Garten Eden gab es bereits bei den Sumerern.

Die Apokalypse wurde schon in mesopotamischen Schöpfungsmythen, z. B. dem Gilgamesch-Epos, behandelt. Im persischen Zoroastrismus gibt es die Idee eines Endkampfes zwischen „Gut“ und „Böse“, „Licht“ und „Finsternis“; von dort aus dürfte sie in den Hellenismus eingedrungen sein. Auch wenn es im Tanach/AT apokalyptische Themen gibt, etwa im Buch Daniel, könnten diese Einflüsse ohne diesen Umweg in das Christentum (NT, Johannes-Offenbarung) eingegangen sein.

Möglicherweise begann auch die Umformung der jüdischen Religion zum Monotheismus unter babylonisch-persischem Einfluss. Dies sagt zB der exil-iranische Wissenschafter Reza Aslan. Zumindest bis ins 8. Jh vC gab es in der jüdisch-israelitischen Religion mehrere Götter, neben Jahwe auch Baal, El oder Astarte. Dies kommt auch in den frühen Büchern des Tanach zum Ausdruck. Die Entwicklung vom Polytheismus zum Henotheismus mit Jahwe als der den anderen Göttern übergeordnete Gottheit vollzog sich anscheinend noch zu Zeiten des Königreichs Judäa, also vor der babylonischen Inavsion. Der Weg zum Monotheismus dürfte aber erst im Babylonischen Exil oder nach der Rückkehr aus diesem (und unter entsprechenden Einflüssen) vollzogen worden sein.

Friedrich Delitzsch, ein deutscher Gelehrter (u.a. Assyriologe), Gründer der Deutschen Orient-Gesellschaft, löste Anfang des 20. Jh im Deutschen Reich den Babel-Bibel-Streit aus, indem er (zuerst in einem Vortrag in Berlin, u.a. vor Kaiser Wilhelm) die Abhängigkeit bzw den Plagiarismus biblischer (jüdischer) Erzählungen von mesopotamischen Vorbildern (v.a. Babylonier und Assyrer) nachwies, eine Überlegenheit der mesopotamischen Kulturen über die jüdische in den Raum stellte. Vor allem protestantische Theologen und jüdische Vertreter griffen ihn scharf an, erstere damit dass die Bibel nicht auf ihre Historizität zu untersuchen sei sondern als von Gott inspiriert (daher unfehlbar) zu begreifen. Delitzsch sah das Alte Testament (und die jüdische Religion) vor dem Hintergrund zunehmend kritisch, forderte seine Weglassung aus dem Christentum und dessen Kanon. Er verstieg sich noch zu „Vermutungen“ über eine „arische“ Herkunft Jesus’. In Folge dieses Streits entspann sich der „Panbabylonismus“, begonnen von Hugo Winckler, auch einem Altorientalisten, der ebf. den Einfluss der mesopotamischen Kultur (Gilgamesch-Epos) auf die israelitische feststellte. Ihren Vertretern, wie Winckler, Fritz Hommel, oder Delitzsch, waren auch viele andere Kulturen von Babyloniern und anderen mesopotamischen Kulturen beeinflusst.

Infolge des persischen Siegs über Babylon (Kyros über Nabonid) herrschten die achämenidischen Perser etwa 200 Jahre über die Juden, über die im Land gebliebenen wie über die nach Mesopotamien deportierten, im Grunde genau jene 200 jahre, die das Achämenidenreich bzw das erste Persien existierte.5 Das von Ägypten bis Indien reichende Persien liess gegenüber unterworfenen Völkern Toleranz walten. Perser-König Kyros(h) präsentierte sich in Babylon gegenüber der dortigen Bevölkerung als Gesandter des Gottes Marduk, während Nabonid die Gottheit Sin vorgezogen hatte.

Kyros II. erlaubte nach seiner Eroberung Babylons 539 vC den dorthin deportierten Juden die Rückkehr. Möglicherweise hat es eine grössere, planvolle Rückkehraktion erst unter Dareios(h) I., ab 522 vC, gegeben. Als Führer dieser Rückkehrer wird in Tanach/AT Serubabbel gennnant, ein Enkel Jojachins, sowie Scheschbazar, angeblich Onkel Serubabbels. Ein Teil blieb jedenfalls im nun persischen Babylon. Die Bezeichnung “Juden” wird eigentlich ab der Rückkehr aus dem Babylonischem Exil verwendet, da die Hauptmasse aus Nachkommen Judas/Judäas bestand; die Israeliten waren von den Assyrern verschleppt worden. Der persische König erlaubte den Juden die Wiedererrichtung ihres Tempels in Jerusalem; Judäa stand ja auch unter persischer Herrschaft.6 In Tanach wird Kyros, bei Jesaja, sogar als “Messias Gottes” bezeichnet, wird die persische Herrschaft über die Juden positiv dargestellt. Der Tempel-Neubau ging in etwa von 538 vC bis 515 vC, wird auch von Flavius Josephus berichtet.7

Historisch scheinen auch Esra und Nehemia gewesen zu sein. Nehemia war ein aus Babylon repatriierter Jude, der im 5. Jh vC unter persischer Herrschaft Statthalter von Jud(ä)a wurde und eine Reform der jüdischen religiösen Vorschriften durchführen liess. Esra, ein Priester, hatte eine hohe Stellung am persischen Königshof inne, und wurde dann nach Jerusalem geschickt. Er hat dort bedeutenden Einfluss auf auf Auswahl und Redaktion der heiligen Schriften ausgeübt, wird auch als “Verfasser der Thora” bezeichnet. Die Oberherrschaft der babylonischen Juden sorgte für Streit mit den im Lande Gebliebenen. Über Nehemia und besonders Esra sind persische und babylonische Einflüsse stark ins Judentum eingedrungen. Was aus dem damals in Persien vorherrschenden Zoroastrismus ins Judentum (und damit auch ins Christentum) eingedrungen ist, könnte der Teufel/ das Böse als als Widersacher des Guten sein, dieser Dualismus, oder auch das „Verbot“ der Nennung Gottes, die Vorstellung von Engeln (Malakhim), sicher verschiedene religiöse Begriffe, wie Pardess (Paradies), Dat (Gesetz), Raz (Geheimnis), Magis bzw Magu (Magie, Magier), die über biblische “Vermittlung” zT auch in westliche Sprachen kamen.8

Persische Elemente/Motive gibt es auch im Neuen Testament, die Heiligen drei Könige/ Weisen aus dem Morgenland im Matthäus-Evangelium dürften, unabhängig von der Historizität der Geschichte bei der Geburt Jesus’, ursprünglich Magis, zoroastrische Geistliche, dargestellt haben. Der aus Persien stammende Mithras-Kult war Konkurrent und Wegbegleiter des Christentums im späteren Römischen Reich. Der Manichäismus hat u.a. die Katharer beeinflusst.

Der Purim-Mythos spricht auch für sich. Erst kürzlich wurde auf Ö1 davon gesprochen als der “ersten organisierten Verfolgung von Juden“ und der “mutigen Jüdin“ Esther, als ob das Märchen die Wahrheit sei, und nicht eher etwas über jene aussagt, die daran glauben. Bekanntlich wird im Buch Esther (Ketubim) erzählt, dass die Jüdin Esther den persischen König “Ahasveros” heiratete und in Folge, zusammen mit ihrem Onkel Mordechai, die Juden unter persischer Herrschaft vor einem Pogrom rettete, das der Grosswesir Human/ Haman an ihnen geplant hatte; in der Folge gab es übrigens (in der Erzählung) ein Pogrom/Massaker an Persern. Die Legende der Rettung der Juden durch Esther hat wahrscheinlich im 3. Jh vC ihre literarische Endfassung bekommen, also zur Zeit der griechischen Vorherrschaft über die Region; es gibt verschieden lange Fassungen davon (Tanach/Bibel).

Zunächst ist “Esther” eine Figuration der babylonischen Weiblichkeits-Göttin Ishtar und “Mordechai” eine der babylonischen Gottheit Marduk. Befürworter der Historizität des religiösen Mythos’ können eigentlich nur darauf verweisen, dass verschiedene historische Verhältnisse des damaligen (achämenidischen) Persiens zutreffend geschildert werden – was aber noch gar nichts heisst. Ausser, dass es sich um eine Art historischen Roman handelt, oder ein politisches Märchen. Ausfechten könne sie die Sache nicht, ziehen sich hinter den Opfer-Gegenwehr-Mythos zurück, in dem die bösartigen Orientalen mit List ausgetrickst werden. Die „Wahrheit“ der Erzählung liegt vielleicht darin, dass ein subjektives Gefühl des Bedroht-Seins ausgedrückt wird, das trotz der Toleranz für Juden im achämenidischen Persien bestand. Und die Hoffnung auf eine Art Rettung/ Beschützung durch Gott.9 Laut Ernst Herzfeld könnte der sassanidische König Yazd(e)gerd I. Vorbild für die Geschichte sein und das angebliche Grab Esthers in Hamadan10 jenes von einer jüdischen Frau Yazdgerds. Dies liegt aber ziemlich weit ausserhalb des Zeitraums in dem die Entstehung und Kanonisierung der Legende vermutet wird.

Die Frage der Datierung gibt ja auch einige Antworten… Einzige historische Hauptfigur der Erzählung ist der persische König (486-465 vC) Ahasverus/ Ahaschwerosch/ Xerxes/ Khashayarsha I. Unter Khashayarsha wurden auch wichtige Schlachten der Perser mit den Griechen geführt, somit gibt es von ihm ein doppelt negatives Bild, aus hystorischen “Mythen”. Wochen vor dem entscheidenden griechischen (bzw spartanisch-athenischen) Sieg von Salamis (480 vC) gab es den persischen Sieg von Thermopylae, der bis heute stark ideologisiert wird. Mit dem Heroismus von angeblich 300 Spartanern gegen 100 000 Perser; die erste Zahl ist zu niedrig, die zweite zu hoch (man lese dazu zB Hans Delbrück). „Europa gegen Asien“, “Freiheit gegen Tyrannei”, so wurden die Perser-Griechen-Kriege, besonders der „Endkampf“ bei den Thermophylen, ab dem 19. Jh umstilisiert, unter verschiedensten Vorzeichen.11

Unter den Sas(s)aniden gab es wieder eine persische Herrschaft über Kanaan/ Palästina/ Israel/ Jud(ä)a, eine kurze, unter König (Schah) Chosrou II., Anfang des 7. Jh nC, vor dem Hintergrund der Kriege Persiens mit Byzanz. In die sassanidische Zeit fällt auch das durch die Römer erzwungene lange Exil der Juden, manche gingen auch wieder nach Persien, bzw in das von Persern beherrschte Mesopotamien. Die Einflüsse des Zoroastrismus auf den Tanach (und damit auf Christentum und Islam) kamen in achämenidischer Zeit, jene auf den Talmud in sassanidischer. In sassanidischer Zeit gab es aber auch Kontakte zwischen Zoroastriern und Christen, durch Christen in Persien (hauptsächlich Nestorianer), und Perser/Zoroastrier in Ost-Rom/Byzanz. Der Zoroastrismus, damals “zu Hause” von den Mazdakiten herausgefordert, hat auch direkt auf den Islam eingewirkt, zu einer Zeit als dieser in Arabien gärte, u.a. über Salman Farsi. Mit der Islamisierung Persiens nach den arabischen Invasionen wurden die Zoroastrier dort eine kleine Minderheit; die Perser verloren für fast 1000 Jahre ihre Eigenständigkeit, weit über den Auseinanderfall des Kalifats hinaus.

Wichtige Impulse für den Tanach bzw die Formierung der jüdischen Religion kamen wie erwähnt auch aus Ägypten, und zwar in der Zeit vor dem Babylonischen Exil. Joel Beinin schreibt, dass in der Ausgabe des Jahrbuchs des ägyptischen Judentums von 1945-46 ein anonymer Autor, als den er Maurice Fargeon vermutet12 in einem Artikel auf die historischen Verbindungen zwischen Ägypten und den Juden einging, und dabei u.a. schrieb, dass die Quelle des jüdischen Monotheismus der Kult des ägyptischen Gottes Ra gewesen sei. Viele jüdische Rituale, Symbole, Vorschriften, von der Penis-Beschneidung über einige der 10 Gebote bis zum Design des Tempels aus der alt-ägyptischen Religion stammen. Beinin meint, dass dies auf Joseph Ernest Renan zurückginge, bzw dessen “Histoire du Peuple d’Israël. Sigmund Freud hat ja in “Der Mann Moses und die monotheistische Religion” (1939) auch geschrieben, dass die alten Ägypter den Monotheismus “erfunden” hätten, im Kult des Gottes Aton/ Aten. Darüber hinaus schrieb er darin, dass Moses/ Mosche bzw das Vorbild für diese Figuration ein ägyptischer Priester war und die Geschichte des Exodus nicht stimmen könne. Sicher ist, dass im alten Ägypten Aton ab dem 14. Jahrhundert v. C. gegenüber anderen Gottheiten erhöht wurde, sich die Religion in Richtung Monotheismus entwickelte. Auch aus dem Osiris-Isis-Kult könnten Elemente in das Judentum (und damit in Christentum, Islam) eingeflossen worden sein.13

Die Behauptung, dass Andere vom Tanach abgeschrieben hätten, stimmt schon i-wie > Bibel, Koran, und aus diesen hervor gegangene Religionen wie die der Baha’i. Aber, diese Inhalte sind über Christentum und Islam oftmals zurück zu Völkern/Kulturen in Asien und Afrika geflossen. Es wird hervor gehoben, dass der babylonische Talmud den Islam beeinflusst hat; aber wieviel persisches oder mesopotamisches Kulturgut in diesen Talmud geflossen ist… Die heute aktuelle ägytische arabische Bezeichnung für Ägypten, “Misr”, kam mit der Islamisierung und Arabisierung des Landes auf. Im Koran wird Ägypten so bezeichnet, nach dem Sohn bzw. Enkel von einem Ham, der eine entscheidende Rolle bei der “Neubesiedlung Ägyptens” nach der legendären Sintflut spielte. Dieser entspricht dem biblischen “Mizraim” (in Genesis/ Bereshit), der Ägypten seinen hebräischen und aramäischen Namen gab; es bezieht sich auf die beiden Landesteile, Ober- und Unter-Ägypten. Die europäischen Begriffe Ägypten, Egypt, Égypte,… stammen vom lateinischen Aegyptus und dieses vom altgriechischen Aigýptos. Der Bezeichnung der christlichen Kopten (die sich in der Regel stark auf die alten Ägypter beziehen) leitet sich davon ab, und nach Theorien aus ihren Reihen ist das griechische Wort von einem altägyptischen entlehnt. Das heutige Ägypten benutzt also eine Selbstbezeichnung die aus dem Hebräischen stammt und über den Islam über das Land kam? Mehr oder weniger. Das hebräische Wort stammt wiederum von babylonischen und assyrischen Bezeichnungen für das Land. Während manches vom altem Ägypten geklaute durch Christentum oder Islam zurück nach Ägypten kam, ist anderes dadurch verstellt.

Historizität

Eine klare Trennung von Fakten und Fiktion in Tanach/Bibel, zwischen Geschichte und Religion, tut Not. Dies überschneidet sich mit dem Thema “Geklautes aus anderen Kulturkreisen”.14 Die Wanderungen, die Herrschaft der Priester, Richter und Könige, die Reichsteilung, der Beginn der Fremdherrschaften, das Exil, die Propheten – vielfach wird noch immer davon ausgegangen, dass hier die Frühgeschichte der Juden zumindest in Grundzügen faktisch erzählt wird. Dass es so etwas wie ein jüdisches Exil in Ägypten gab, ist schon sehr zweifelhaft. Den Exodus aus Ägypten könnten in Wirklichkeit dort versklavte Kanaaniter vollzogen haben (zurück nach Kanaan). Moses galt bis in die Zeit der Aufklärung als historische Person und Verfasser der Bücher des Pentateuch/der Thora – ihn gab es aber wahrscheinlich nicht. Gab es eine Landnahme der Israeliten unter Joschua gegen die Kanaaniter?

Ob Könige wie David und Salomon weiter als historische Fakten genommen werden können, sei auch dahin gestellt, auch sie könnten Mythos sein. Im Phantasieorte-Artikel wird die Frage nach Historizität von einem Ort (oder der Person) wie Saba gestellt. Vor der babylonischen Eroberung und Deportation soll es ja schon jene unter den Assyrern gegeben haben, ab 722 vC. Damit in Zusammenhang stehen die “10 verlorenen Stämme” des Nordreichs Israel, welches sich von dem aus 2 Stämmen bestehenden Südreich Jud(ä)a zuvor getrennt haben soll. Auch hier ist die Frage der Historizität zu stellen (hier angerissen). Es gibt viele Spekulationen und Kandidaten bezüglich der Nachfahren dieser 10 Stämme, von den Paschtunen bis zu Indianern. Und Bemühungen um Vergeschichtlichung von religiösen Mythen. Im jüdisch-christlichen Geschichts-Mythen-Komplex gibt es Vieles, das von manchen Seiten als faktisch gesehen wird, wo Religion, Geschichte und Politik vermischt wird. Die Suche nach Spuren von Noahs Arche am Ararat ist so ein Fall, wo religiöse Mythen mit Geschichte in Einklang zu bringen versucht wird.

Es gibt unter Historikern und Religionsgelehrten die Denkschule der “Bibel-Maximalisten” (William Dever, Baruch Halpern,…), die glauben, dass die in Tanach/Bibel erzählte(n) Geschichte(n) im Grossen und Ganzen den Fakten entsprechen (und die noch in der hegemonialen Position sind), und die “Minimalisten” (Keith Whitelam, Niels P. Lemche,…), die einen Revisionismus vertreten, diese Geschichten als Dichtung und religiöse Mythen sehen – meist unbesehen von ihrem Ursprung. Die Minimalisten lassen eine historische Relevanz biblischer Texte frühestens für das 7. Jh vC gelten. Werner Keller (1909–1980) versuchte in „Und die Bibel hat doch recht“ (1955), mit Hilfe der biblischen Archäologie im “Vorderen Orient” die Aussagen des Alten Testaments zu beweisen bzw die Geschichte der Region in biblische Mythen zu pressen.

Der Zionismus ist mehr oder weniger auf diesen “Maximalismus” angewiesen, braucht ihn zur Untermauerung seiner Ansprüche. Zionistische/israelische Archäologie existiert eigentlich nur im Dienste dieser Geschichtspolitik, seit den Anfängen, unter dem aus Polen stammenden Benjamin Meisler (Mazar). Wenn heute im besetzten syrischen Golan/Jawlan (angeblich) Reste einer antiken Synagoge gefunden werden, wird das aufgeblasen und werden Ansprüche auch auf diese Gebiete abgeleitet. Meislers Enkelin Eilat Mazar ist ebenfalls als Archäologin aktiv, will in Ost-Jerusalem Reste von “Davids Palast” gefunden haben. Was natürlich auch ein Hebel ist, Einwohner von dort zu vertreiben. Sie arbeitet mit der Siedlerbewegung und Organisationen wie dem Shalem Center zusammen.

Bei radikalkritik.de gibt es eine Rezension von Harald Spechts Buch “Jesus? Tatsachen und Erfindungen”. Darin geht es auch um die Umstände der Entstehung des Christentums im römischen Palästina. Und um die Übernahme von Inhalten aus anderen Religionen, Kulten, Kulturen. So gesehen muss man das Christentum als eine synkretistische Religion betrachten (Judentum und Islam aber auch). Übrigens gibt es auch Zweifel an der Existenz von Jesus/Issa. Die Vertreter des “Jesus-Mythos” wie Bruno Bauer oder Richard Carrier äussern solche Zweifel. Oder jene der holländischen Radikalkritik, wie Gustaaf Adolf van den Bergh van Eysinga (1874–1957), ein niederländischer reformierter (Nederlandse Hervormde Kerk) Theologe, Pfarrer, Philosoph und Historiker.

Eysinga glaubte an eine christliche Botschaft, ohne der Notwendigkeit der Historizität eines Jesus… Machte auch indische Einflüsse auf das Christentum aus. Die Vertreter dieser Schule stellten nicht alle Jesus als historische Figur in Frage, hoben aber den mythischen Charakter vieler Texte des Neuen Testaments hervor, zweifelten etwa an der Echtheit der Paulusbriefe. Es gibt tatsächlich wenige schriftliche Quellen über Jesus, die nicht aus dem Umfeld der Bibel stammen, von Flavius Josephus gibt es zB solche. Und wenig archäologische Funde, die die diesbezüglichen Erzählungen des NT stützen.15 Der skythische Mönch (in Rom) Dionysius Exiguus hat ja die christliche Zeitrechnung begründet, nachdem er im 6. Jh aus Angaben des Alten und Neuen Testaments das Geburtsjahr von Jesus zu ermitteln versuchte, das er zum Jahr 1 machte. Auf den 25. Dezember als Geburtstag hat man sich schon 2 Jahrhunderte früher festgelegt, auch hier wahrscheinlich irrtümlich. Die Kalenderhoheit der katholischen Kirche ist auch Ansatzpunkt vieler Theorien der Chronologiekritik. Ein Bischof namens Fortunatianus von Aquileia hat im 4. Jh nC in einer der frühesten lateinischen Interpretationen des Evangeliums nahe gelegt, dass die Bibel nicht wörtlich genommen werden soll. Dies sei auch die Haltung früher christlicher Gelehrter gewesen, sagte Hugh Houghton, der den Text mit wiederentdeckt hat.

Zur Zeit der Entstehung und Ausbreitung von Christentum und Islam am bzw. nach Ende der Antike war die Patriarchalisierung/Monotheisierung in den Religionen der Region schon abgeschlossen. Das Christentum wurde in der Spät-Antike vorherrschende Religion im Kernbereich des heutigen islamischen Orients, der damals unter römischer Herrschaft stand (nicht allerdings der Maghreb, Mesopotamien und die Arabische Halbinsel) und blieb das bis zur Islamisierung dieser Länder im Früh-Mittelalter infolge der arabischen Invasionen. Nun verbreitete es sich in Europa, wurde mit Mächten von dort assoziiert. Die Völker/ Kulturen, die die Bibel geprägt haben, sind ganz andere als jene, die das Christentum über die Jahrhunderte geprägt haben. In Palästina wurde unter byzantinischer Herrschaft die griechisch-orthodoxe Kirche dominant, wie in Syrien; Griechisch-Orthodoxe sind bis heute die grösste christlische Gruppe in Palästina/Israel, mit dem Patriarchat in Jerusalem. Im Keller der (römisch-katholischen) Verkündigungsbasilika in Nazareth befinden sich zwei kanaanitische Opferaltäre für den Gott Baal.

Mit der Eroberung Palästinas durch die moslemischen Araber 634 wurde die nächste Phase der religiösen “Entwicklung” der Palästinenser eingeleitet. Und, im Gegensatz zu Persien etwa (das 642 erobert wurde), wurden die Kanaaniter/ Palästinenser auch arabisiert, hautsächlich sprachlich; Vermischung und Ansiedlung fanden wenig statt. Vorislamische National-Geschichten heutiger islamischer Staaten und Völker werden sowohl von Islamisten wie Islamophoben gern unterschlagen, auch von Historikern unter ihnen, v.a. bei Ägypten, Iran, Irak, Palästina. Es ist falsch, dass die Vorfahren der heutigen Palästinenser mit den arabischen Eroberungen im 7. Jh in dieses Land kamen; und auch, dass palästinensische Ansprüche auf ihr Land von der Erwähnung Jerusalems im Koran abhingen oder dergleichen… Über die Behauptung der Kontinuität von den alten zu den modernen Juden wird es auf dieser Webseite ein andermal gehen, dies ist ein verwandtes Thema.

Instrumentalisierung

Aber selbst wenn es diese irgendwie gibt und wenn es eine im Land gäbe, würde das noch keinen Anspruch der modernen Juden auf dieses Land rechtfertigen. “Judäa” oder “Dan” sollen wieder aufleben – warum nicht auch das abbasidische Kalifat oder das Fatimidenreich oder Ostpreussen oder Etelköz oder Ergenekon, alles viel später untergegangen. Oder Deutschland in den Grenzen von 1256, mit Neapel…16 Vor der organisierten zionistischen Masseneinwanderung nach Palästina gegen Ende des 19. Jh gab es dort mehr Drusen oder Armenier als Juden; diese sind dort tiefer verwurzelt, gründeten aber keinen Staat auf Kosten der Anderen. Der Zionismus basiert auf der Historisierung religiöser Mythen, leitete politische Ansprüche aus pseudo-historischen religiösen Schriften ab. Von westlicher Seite kam dazu oftmals die Wahrnehmung Palästinas als Land der Bibel und dass die Juden nun in der ihnen zustehenden Heimat waren, wie bei Leopold von Mildenstein, und diese dort ein paarmal mit dem eisernen Besen durchkehren müssten.

Religiöser gesinnte Zionisten argumentieren überhaupt damit, dass Gott dieses Land den Juden zugesprochen hätte… Alternierende Besitzansprüche auf Palästina stützen sich auf angebliche historische Quellen, welche die religiösen Mythen/Schriften stützten, sowie auf den Holocaust.17 Archäologie wird von zionistischer Seite seit jeher zur Unterstreichung politischer Ansprüche eingespannt. Die israelische Altertümerbehörde (Rashut ha-‘atiqot, englische Abkürzung IAA) steht seit jeher im Dienste dieser Geschichtspolitik, vereinnahmt Funde zur Konstruktion der jüdischen Vergangenheit, Kontinuität und Gegenwart in Palästina. Auch bzw gerade dann, wenn diese von Kanaanitern stammen.18

Eine grosse Sache war die Masada-Ausgrabung und –Rekonstruktion 1963-66, unter Yigal Yadin (Sukenik), der passenderweise auch israelischer Politiker und Militär war, mit westlichen Freiwilligen. Yadin sah diese Arbeiten als patriotische Angelegenheit und war entscheidend an der Schaffung des Masada-Mythos‘ beteiligt. Sein Vater, Sukenik senior, war verantwortlich für die Beschaffung eines Teils der Tanach/Bibel-Handschriften, die 1947 in einer Höhle in (Khirbet) Qumran am Toten Meer (damals britisches Palästina, heute Palästinensisches Autonomiegebiet) von einem Beduinen-Jungen gefunden wurden. Die anderen Rollen gelangten damals in den Besitz des syrisch-orthodoxen Metropoliten in Jerusalem, Athanasius Y. Samuel, der sie in die USA brachte, um sie dort zu verkaufen. Wo sie Sukenik junior/Yadin für Israel erwarb. Andere gefundene Rollen kamen in das Archäologische Museum von Palästina im damals jordanischen Ost-Jerusalem – das 1967 ebenfalls unter israelischer Kontrolle kam.
Einige wenige Qumran-Funde blieben im Nationalmuseum in Amman, wo sie 67 gerade ausgestellt wurden. Nadia Abu El Haj, eine Palästinenserin in der USA, hat mehrere Bücher über zionistische Archäologie und verwandtes geschrieben, wird dem entsprechend diffamiert.

Geschichtsschreibung und Geschichtswissenschaft wurden im zionistischen Zusammenhang zu einer Hilfswissenschaft der Politik, mit der das eigene historische Recht sowie das historische Unrecht der anderen legitimiert werden soll. Bei Michael Oren (der zuerst amerikanischer Historiker war, dann israelischer Botschafter in der USA, dann israelischer Politiker) geht es nicht um die (angeblichen) antiken Wurzeln der Juden, sondern die Geschichte des Staates Israel, die beschönigt werden soll. Die Palästinenser werden als geschichstlos gesehen und dargestellt, der Diebstahl von Land geht mit Diebstahl von Geschichte (Memorizid) einher; gerne wird auch ihre Existenz an sich geleugnet („Land ohne Volk“,…). Zionisten haben dabei Helfer in islamistischen Palästinensern, die ihre vor-islamische und vor-arabische Geschichte ignorieren und verdrängen.

Es gab den zionistischen “Kanaanismus”, von einem “Yonatan Ratosh” geschaffen, Pseudonym eines Uriel Halperin aus Warschau, der seinen Nachnamen in “Shelach” umbenannte, aus dem “revisionistischen” Zionismus kommt, also der Vorgängerbewegung des Likud. Er stand auch dem Terroristen Avraham Stern nahe, und der Kanaanismus war im rechten Spektrum des Zionismus angesiedelt. Es ging um die Idee der Abkoppelung von der jüdischen Religion, Diaspora und Vergangenheit, stärkere Bindung an die Region/Umgebung, mit Unterstreichung der antiken Vergangenheit dort. Dazu wurden eben auch die Kanaaniter vereinnahmt, eher als ein Ausgleich mit den arabischen/arabisierten Nachbarn gesucht wurde. Diese Vereinnahmung findet auch ausserhalb dieser kleinen “Bewegung” statt; der Name “Anat” ist ein beliebter Mädchennamen in Israel. Manche wie Uri Avineri (der auch Terrorist war) gingen von den Kanaanitern zur Linken über. Der Kanaanismus war einer der Versuche, den Zionismus aus seinem westlich-kolonialistischen Charakter zu lösen, wie auch die “Zionist Freedom Alliance” (ZFA).

Auf de.wikipedia beschreiben heute deutsche Zionisten etwa kanaanitische Mythen als „altisraelisch“, im Artikel zur “Machpela” in Hebron/al Khalil… Dort stand/steht19 auch: “… Da sich auch die Muslime auf den Stammvater Abraham zurückführen, gehört zu diesem Baukomplex auch eine heilige Moschee, die Abrahamsmoschee (..al-Ḥaram al-Ibrāhīmī). Aus demselben Grund ist Machpela auch für Teile des Christentums eine heilige Stätte. Die von den christlichen Ureinwohnern errichtete Kirche wurde während der islamischen Eroberung durch die Sassaniden zerstört. Ein Kirchenbau aus Kreuzfahrerzeiten wurde erobert und wird heute als Moschee genutzt..” Findet niemand den offensichtlichen Fehler? Deutsche Israelfreunde und jüdische Patrioten wissen anscheinend nicht, dass die Sassaniden vor der moslemischen Zeit in Persien herrschten; sie sind im iranischen Kontext geradezu eine Antithese zum Islam, da mit ihrer Niederlage gegen die Araber die Islamisierung des Landes begann. Die Thermophylen-Instrumentalisierung steht auch der „Vorstellung“ entgegen, dass der „Orient“ erst mit dem Islam böse wurde…20

Und: Diese christlichen Ureinwohner sind mit die Vorfahren der Palästinenser, deren Rechte hier klein geschrieben werden sollen. Wie gesagt, die arabischen Armeen, die Palästina im 7. Jh eroberten, haben die Demografie des Landes nicht entscheidend verändert. Aber: Das Böse kommt aus dem Orient und man macht den Kreuzritter. Die deutsche Wiki ist im Zweifelsfall schlimmer als englische. Ob es diesen Abraham wirklich gab, das ist die Frage. Aber mit dem Grab lässt sich der Transfer israelischer Siedler mit legitimieren, die die Bevölkerung der Stadt terrorisieren. Aus Protest gegen die Bezeichnung des angeblichen Grabes der biblischen Figur Rachel bei Bethlehem als Moschee hat Israel einst seine Zusammenarbeit mit der UNESCO abgebrochen. Inzwischen ist es, zusammen, mit der Trump-USA, ausgetreten. Im Fall von Jerusalem/Jebus/Quds ist das Zusammenspiel zwischen der Kultivierung pseudohistorischer religiöser Mythen (darunter das Sich mit fremden Federn schmücken), exklusiven politischen Ansprüchen und ethnischen Säuberungen besonders gut zu erkennen.

Viel Unterstützung für die zionistische Jerusalem-Politik kommt von der westlichen Rechten.21 Manchmal ist hier auch ein Einfluss der Evangelikalen gegeben, mit ihrer wörtlichen und fundamentalistischen Auslegung der Bibel und ihrer wissenschaftsfeindlichen Haltung, in die ihr Pro-Israel22 und Anti-Orient eingebettet ist. Europa/ der Westen beruft sich auf die biblische Tradition, in den letzten Jahren stark auf “jüdisch-christliche Werte”, übersieht dabei wie viel Orientalisches darin eigentlich steckt. Im Kirchenkampf der NS-Zeit ging es auch die jüdischen, semitischen, orientalischen Wurzeln des Christentums, die der NS-Ideologie zuwider stand; etwas woran sich durch „Umfirmierung“ zu Babyloniern nichts geändert hätte, im Gegenteil. Deutschtümler wollten Weihnachten durch das Julfest ersetzen, die “Deutsche Christen” versuchten das Christentum auf ihre Vorstellung von “Ariertum” zu verdrehen.

 

Literatur:

Joseph P. Free, Howard F. Vos: Archaeology and Bible History (1992) Englisch

Nur-eldeen Masalha: The Bible and Zionism: Invented Traditions, Archaeology and Post-colonialism in Palestine-Israel (2007) Englisch

Eric Hobsbawm und Terence Ranger: The Invention of Tradition (1983) Englisch

Nadia Abu El-Haj: Facts on the Ground: Archaeological Practice and Territorial Self-Fashioning in Israeli Society (2002) Englisch

Christian Schüle: Die Bibel irrt: Die sieben großen Mythen auf dem Prüfstand (2010)

Joseph Ernest Renan: Histoire du Peuple d’Israël (5 Bände, 1887-1893) Französisch

K. A. Kitchen: On the Reliability of the Old Testament (2006) Englisch

John van Seters: In Search of History: Historiography in the Ancient World and the Origins of Biblical History (1986) Englisch

William J. Hamblin: Solomon’s Temple: Myth and History (2007) Englisch

Keith Whitelam: Die Erfindung des alten Israel. Das Verschweigen der palästinensischen Geschichte (1996)

Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand (2011)

Antonius H. Gunneweg: Vom Verstehen des Alten Testaments. Eine Hermeneutik (1977)

Harald Specht: Jesus? Tatsachen und Erfindungen (2010)

Mitri Raheb: Ich bin Christ und Palästinenser. Israel, seine Nachbarn und die Bibel (1994)

Kenneth A. Kitchen: On the Reliability of the Old Testament (2003) Englisch

Daniel I. Block: Israel: Ancient Kingdom or Late Invention? (2008) Englisch

Theodor Gaster: Myth, Legend, and Custom in the Old Testament (1969) Englisch

Karl Jaros: Esther. Geschichte und Legende (1996)

Reza Aslan: Zelot: Jesus von Nazareth und seine Zeit (2013)

Friedrich Delitzsch: Babel und Bibel. Ein Rückblick und Ausblick (1904)

Nachman Ben-Yehuda: The Masada Myth: Collective Memory and Mythmaking in Israel (1995) Englisch

Niels P. Lemche: Early Israel: Anthropological and Historical Studies on the Israelite Society Before the Monarchy (Vetus Testamentum , Suppl. 37; 1986) Englisch. Lemche ist wie van Seters oder Thomas Thompson ein Vertreter der „Copenhagen school“

Klaus Koch: Das Buch der Bücher. Die Entstehungsgeschichte der Bibel (= Verständliche Wissenschaft. Bd. 83, 1963)

Svenja Nagel, Joachim F. Quack, Christian Witschel (Hg.): Entangled Worlds: Religious Confluences between East and West in the Roman Empire. The Cults of Isis, Mithras, and Jupiter Dolichenus (2017) Englisch

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des römischen Imperiums (2 Bände, Original 1776-1789)

Hubert Irsiegler: Ein Weg aus der Gewalt. Gottesknecht kontra Kyros im Deuterojesajabuch (1998)

Julius Wellhausen: Israelitische und jüdische Geschichte (1894)

Israel Finkelstein und Neil Asher Silberman: David und Salomo: Archäologen entschlüsseln einen Mythos (2006)

Philippe Abadie: L’Histoire d’Israël entre mémoire et relecture (2009) Französisch

Richard N. Frye: The Heritage of Persia: The pre-Islamic History of One of the World’s Great Civilizations (1963) Englisch

Nadia Abu El-Haj: The Genealogical Science: The Search for Jewish Origins and the Politics of Epistemology (2014) Englisch

Jason M. Silverman: Persepolis and Jerusalem: Iranian Influence on the Apocalyptic Hermeneutic (2012) Englisch

Theodor Gaster: Purim and Hanukkah in Custom and Tradition; Feast of Lots, Feast of Lights (1950) Englisch

Dieter Böhler: Die heilige Stadt in Esdrasa und Esra-Nehemia: Zwei Konzeptionen einer Wiederherstellung Israels (1997)

Susanna Cantele: Die Transformation des Judentums im babylonischen Exil (2010). Diplomarbeit, Universität Wien, Katholisch-Theologische Fakultät, BetreuerIn Ludger Schwienhorst-Schönberger

Erich Zenger: Einleitung in das Alte Testament (1995)

Rolf Krauss: Das Moses-Rätsel (2000)

Michael Weichenhan: Der Panbabylonismus: Die Faszination des himmlischen Buches im Zeitalter der Zivilisation (2016)

Shlomo Sand: Die Erfindung des Landes Israel. Mythos und Wahrheit (2014)

Israel Finkelstein und Neil A. Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel (2002). Englisches Original: The Bible Unearthed: Archaeology’s New Vision of Ancient Israel and the Origin of Its Sacred Texts, 2001

Diana Edelman, Anne Fitzpatrick-McKinley, Philippe Guillaume: Religion in the Achaemenid Persian Empire (2016) Englisch

Omer Sergi, Manfred Oeming, Izaak de Hulster: In Search for Aram and Israel (2016) Englisch

Johannes Fried: Dies irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs (2016) Eine Ideengeschichte der Apokalypse

Jan Erik Sigdell: Es begann in Babylon. Biblische Wurzeln in den sumerischen Keilschrifttafeln. Zeugnisse außerirdischen Eingreifens? (2008)

Gustav Teres: Time Computations and Dionysius Exiguus. In: Journal for the History of Astronomy, Vol. 15, No. 3 (Oct 1984), p 177. Englisch

Angelika Berlejung, Raik Heckl (Hg.): Rüdiger Lux: Ein Baum des Lebens. Studien zur Weisheit und Theologie im Alten Testament (2017)

Tom Holland: Persisches Feuer: das erste Weltreich und der Kampf um den Westen (2009)

Josef Wiesehöfer: Das frühe Persien. Geschichte eines antiken Weltreichs (1999)

René Freund: Braune Magie? Okkultismus, New Age und Nationalsozialismus (1995). Auch über ersatzreligiöse Strömungen bei den Nazis

Ashraf Ezzat: Hebrew Bible. Plagiarized Mythology and Defaced Monotheism

Karl May: Babel und Bibel (1906) Drama, zur Zeit des entsprechenden Wissenschaftler-Streits und inspiriert davon geschrieben, geht darin auch um den „Zusammenhang“ zwischen mesopotamischer Kultur, alttestamentarischen Stoffen und abendländischer Kultur

Hans Delbrück: Die Perserkriege und die Burgunderkriege. Zwei combinierte kriegsgeschichtliche Studien, nebst einem Anhang über die römische Manipulartaktik. (1887)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Anlässlich einer künstlerischen Verarbeitung des Tanach durch ihn sagte er, dieses Buch sei das grösste Kunstwerk und alle anderen hätten davon abgeschrieben. Abgesehen davon, in den letzten Jahren spielt Brauer gegenüber den Österreichern immer die Leier, Israel sei das jüdische Brösel im Meer des Hasses, das die Araber vernichten wollten, hier im Westen würde Israel so ungerecht beurteilt, und er im Speziellen hätte sich ein Leben lang für den Frieden eingesetzt. Der österreichisch-israelische Doppelstaatsbürger malt ein Gespenst der Israel-Feindlichkeit im Westen, tut so, als ob es hier (auch in Österreich) nicht die rechten (und längst auch die linken!) Israel-Fans geben würde, von Strache bis Palin. Ignoriert, dass Israel seit Jahrzehnten über 100% des historischen Palästinas herrscht, auch die palästinensischen Restgebiete als Teil von sich ansieht und behandelt, als ob es noch weitere Sandhaufen bräuchte… Und das Leben als “Friedensaktivist”: Wenn man eine Villa in Hietzing  hat und eine in einem “Künstlerdorf” in Israel, das ein solches wurde infolge der Vertreibung seiner palästinensischen Bewohner im Rahmen der Nakba, kann man auch etwas für Frieden demonstrieren, zB in Tel Aviv, mit “Shalom Achshav”. Die Palästinenser leben seit Jahrzehnten unter der Realität der Besatzung, haben nicht die Bürgerrechte in diesem Staat (im Gegensatz zu Brauer), und die Nachfahren der Besitzer der Häuser von Ayn Hod leben in der Nähe dieses Dorfes, als „israelische Araber“, Menschen 3. Klasse. Die Kontrolle bei der Ein- und Ausreise, die Brauer in ein paar Minuten hinter sich bringen kann, dauert bei einem Palästinenser mehrere Stunden. Für Juden, die über diesen Tellerrand hinausschauen, verwendet er den Ausdruck “selbsthassend”
  2. Die, abgesehen von der Sprache, nicht ganz deckungsgleich sind, aber ziemlich
  3. Und der darauf folgenden Verschleppung der Einwohner von Judäa/Juda, inklusive ihres Königs Jojachin
  4. Über beide, Perser wie Juden, kam dann der Hellenismus
  5. Neu-Bayblonier und makedonische Griechen waren für Juden wie für Perser Vorläufer und Nachfolger als Be-Herrscher bzw Feinde
  6. Der erste, salomonische Tempel wurde von den Babyloniern bei ihrer Eroberung Jerusalems zerstört
  7. Dieser zweite, unter den Persern gebaute, Tempel wurde 70 nC von den Römern zerstört
  8. Die Perser haben ihrerseits aber auch einiges von den Babyloniern gelernt/übernommen infolge ihres Siegs über diese. Das persische Faravahar, ein zoroastrisches Symbol, das ein Symbol des persischen/ iranischen Nationalismus wurde, dürfte nach äusseren Vorbildern entworfen worden sein, einigen Angaben zufolge aber von ägyptischen
  9. Apropos Purim: Es gibt im Tanach auch den Mythos von Judith-Mythos, die den Mesopotamier Holofernes überlistet und vernichtet, die historische Unwirklichkeit ist hier ausser Frage (zB wird der dem Babylonier Nebukadnezar nachempfundene Holofernes als Assyrer gezeichnet); oder das Geschichtlein von Richterin Debora, welche die Armee der Kanaanäer in einen Hinterhalt lockt
  10. Jenes des Propheten Daniel soll in Susa/ Shush sein
  11. Griechenland wird aber von diesen Westisten immer wieder ähnlich wie der Orient verachtet…das ist eine der Heucheleien bei diesem Thema
  12. Ein Notabel der Juden Ägyptens in dieser Zeit
  13. Dieser Kult soll auch den persischen Mithraskult, den Dionysos-Kult sowie jenen von Eleusis (Isis und Osiris zu Demeter und Persephone?) im alten Griechenland und weitere synkretistisch beeinflusst haben
  14. Noch ein anderes Thema sind Irrtümer bezüglich dem was in Bibel/Tanach steht; bei Adam und Eva ist etwa nicht von einem Apfel die Rede
  15. Ein K.H. Ohlig sagt, es habe Mohammed nie gegeben, dort gibt es das also auch
  16. Netanyahu hat in jüngerer Zeit das UN-Palästinenserhilfswerk UNRWA mehrmals scharf kritisiert, „UNWRA ist eine Organisation, die das Problem der palästinensischen Flüchtlinge verewigt; sie verewigt auch die Idee von einem Recht auf Rückkehr mit dem Ziel der Zerstörung des Staates Israel. Deshalb muss UNWRA verschwinden.“ Oder: „…schafft eine Situation, in der es schon Urenkel von Flüchtlingen gibt, die keine Flüchtlinge sind, die aber von UNWRA unterstützt werden. Und in 70 Jahren wird es Urenkel von Urenkeln geben – daher muss diese absurde Situation beendet werden.“ Oder 2000 Jahre warten, dann Ansprüche erheben
  17. Der Zionismus begann aber lange davor, war alles andere als ein Rettungsprojekt. Und verstand sich in seinen Anfangsjahrzehnten als Positiv zu den entwurzelten Diaspora-Juden, mit besonderer Verachtung für die religiösen, orientalischen und auch die geistigen Juden
  18. Was man aus den heiligen Schriften noch so alles herauslesen kann, zeigt sich bei Broder: „…nicht nur einen ‚islamisierten’, sondern einen originär muslimischen bzw. islamischen (!) Antisemitismus gibt, der bereits auf das 1. Buch Mose in der Thora, nämlich auf den Streit zwischen Jakob und Esau im Bauch Rebekkas, zurückgeht und wie dieser islamische Antisemitismus sich heutzutage auswirkt, nämlich konkret gesagt in den Vernichtungsdrohungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad gegen Israel als Heimstatt des jüdischen Volkes…“
  19. Habe längere Zeit nimmer rein geschaut
  20. Alte Griechen gegen von den Achämeniden regierte (und zoroastrische) Perser
  21. FPÖ-Strache setzte sich etwa für die Verlegung der österreichischen Botschaft nach Jerusalem ein, nach dem Beispiel Trumps
  22. Es gibt hier aber Stolpersteine…Nicht nur, weil Michael Ben Ari, ein religiöser Nationalist, die Seiten des Neuen Testaments aus der Bibel riss

Das iranische Atomprogramm. Teil 6: Kriegsgetrommel und Propaganda nicht-staatlicher Akteure

Der Einsatz von F16-Bombern und Interkontinentalraketen gegen die iranische Bevölkerung wird manchmal als Befreiung der Iraner dargestellt, andere stehen zu Verachtung und Vernichtung. „Den Islam aus der Steinzeit in die Neuzeit bomben“ heisst es seit 01 öfters. Rassistische Überheblichkeit äussert sich heutzutage (auch) so. Zum “Ausgleich” wird ein neuer “antifaschistischer Kampf” vorgemacht.1 Zu diversen Motivationen für anti-iranische Kriegs-Propaganda, und auch Methoden, Einiges in Teil 4.

Israel-Lobbyisten in der USA, das ist die Mischung aus jüdischen Organisationen wie AIPAC, den Evangelikalen von der Christian Coalition, diversen rechten “Think-Tanks”,… Norman Podhoretz hetzt für einen vorbeugenden US-Krieg gegen Iran, wollte Bush jun. dazu bewegen; er ist mit den Abrams und William Kristol verbunden. Das Saban Center for Middle East Policy wurde ja von dem israelischen Milliardär Chaim Saban gegründet, der “vorschlug”, die “living daylights” aus dem Iran herauszubomben. Der Evangelikale John Hagee (Christians United for Israel) befürwortet ebenfalls einen vorbeugenden Nuklearkrieg gegen Iran. Evangelikale hatten unter Bush jun. grossen Einfluss. Kenneth Timmerman, ein jüdischer neokonservativer Amerikaner, betreibt u.a. eine Foundation for democracy in Iran (FDI), die schon 06 zur Bombardierung Irans aufrief. Komplettiert wird das Bild hier dadurch, dass Timmerman auch ein Buch schrieb, in dem der schwarze Bürgerrechtsaktivist Jesse Jackson diffamiert wird.

Michael Leeden ist ein führender Neocon und USA-Imperialist, ist an der Schnittstelle von Politik, Medien und Wissenschaft. Dass er einst an Iran-Contra beteiligt war, zeigt seine “Flexibilität”. Zu seinen krausen Theorien gehört, dass al Kaida vom iranischen Regime unterstützt werde. regimechangeiran.blogspot wird von einem “Dr. Zin” gemacht, der Gary Metz ist. Auch er versucht, iranische Opfer des iranischen Regimes für Ziocon-Propaganda zu benutzen, die Opposition zu vereinnahmen. Der “supports democracy in iran”-banner in der Blogosphäre und in sozialen IT-Netzwerken war ein Bush-regime change-Bekenntnis.2 Es gab/gibt, auf Facebook, auch ein buntes „free iran“-Logo (bomb iran als Anliegen), von jenen, die dann „free gaza from hamas“ zur Schau stellten.3 Es gibt weitere USrael-gesponserte Organisationen/ Initiativen wie „Free Iran Now”, “United Against Nuclear Iran” (Woolsey, Küntzel, Dagan), „coalition for democracy in iran“. Das Wisconsin Project on Nuclear Arms Control betreibt iranwatch.org.

Der Schwede Per Ahlmark war Führer der schwedischen liberalen Partei (1975-1978), Abgeordneter und Minister für sie in den 1970ern. Er wurde Schreiber und änderte seinen Schwerpunkt von Antikommunismus zu “Anti-Antisemitismus” bzw als solche deklarierte Isreal-Unterstützung und  Kriegsunterstützung. Er macht die Per-Ahlmark-Stiftung und die Sweden–Israel-Friendship-Association. Schon über den USA-geführten Krieg 03 gegen Irak war er glücklich – jenen Krieg, der auch mit angeblichen Massenvernichtungswaffen als Vorwand geführt wurde, der den Iran aus einer Isolation in der Region holte, und den sowohl seine damaligen Neocon-Initiatoren als auch der jetzige Hoffnungsträger Trump bedauern. Ahlmark schlug John Bolton und Ken Timmerman wegen ihrer Kriegshetze gegen Iran für den Friedensnobelpreis vor… Und, er attackierte Hans Blix als IAEO-Chef (1981 bis 1997) immer wieder, den er aus der Jugendorganisation der schwedischen Liberalen kennt.

Leon de Winter unterstützt wenig überraschend einen Krieg gegen Iran, wegen Israel. Er hat ja auch gesagt, die auf der Gaza-Hilfsflotte Getöteten hätten ihr Schicksal verdient, weil sie vor dem Start in Istanbul etwas über das “Töten von Juden” gesungen hätten. Angenommen, diese zur Rechtfertigung des Massakers in internationalen Gewässern vorgebrachte Behauptung stimmt: wie ist es dann mit jenen Israelis (nicht nur Siedler in den palästinensischen Restgebieten), die zB “Mavet le Aravim” skandieren? Günter Wallraff, ein Teilnehmer von Hartmut Krauss’ „kritischer Islamkonferenz“, ist für einen Angriff auf Iran, “wenn alles andere fehlschlägt“. Er hat zumindest auch über ausgebeutete iranische Gastarbeiter in Japan berichtet, und sich unter sie gemischt. Surft nicht wie viele andere deutsche Ex-Linke auf einer neokonservativen Welle; bei ihm ist es halt das, was Broder “deutschen Verantwortungsimperialismus” genannt hat. Auf manchen einschlägigen Webseiten gibt es auch Wetten über Angriff auf den Iran…

Und dann gibt es die österreichisch-deutsche Kampagne “Stop the bomb” („-Bündnis gegen das iranische Vernichtungsprogramm”, „überparteiliche Plattform”,…)4, die im (vermeintlichen) Sinn Israels Verschwörungstheorien und Hetze den Iran und sein Atomprogramm betreffend bringt. Im letzten Teil der Serie über die iranische Atomforschung wird es also noch mal unappetitlich. 2005 gab es bereits die Veranstaltung „Der Iran und die Bombe“, die von couragierten Antifaschisten gestört wurde. Der eigentliche Beginn von Dropthebomb (auf Iran) war 07, mit einem hysterischen Grigat-Kundgebungsaufruf im Namen von Café Critique (der Grigat-Kreis in Wien), mit “Anti”deutschen-Rhetorik, die auf breite Akzeptanz ausgerichtet war. Der Aufruf enthielt jede Menge NS-Rhetorik und Vernichtungsunterstellungen (“Zweiter Holocaust“, „kein Appeasement ggü derartigen Regimes“, „Beim Kampf gegen das iranische Regime und bei der Verhinderung seiner Aufrüstung mit Atomwaffen geht es um nichts anderes als die Verhinderung einer zweiten Shoah“…), Westschelte (“naiv…, nichts gelernt aus NS”) und –beschützung (sei auch von IR bedroht), Instrumentalisierung der iranischen Opfer der Diktatur (> Baha’i u.a. Minderheiten, Frauen, Homosexuelle, sogar Arbeiter/Gewerkschaften, dann auch die Allgemeinheit wegen “Verhinderung von ökonomischen Wohlstand“…).

Die militärische Zielsetzung des Atomprogramms und “Vernichtungs”-Absichten ggü Israel wurden /werden als gesichert vorausgesetzt.5 Eine geplante OMV-Investition war Aufhänger der frühen Kampagne; auch hier die Beschwörung „historischer Kontinuitäten“ und der Versuch, sich ein antifaschistisches Mäntelchen umhängen; „die Rückendeckung der österreichischen Regierung und die Zustimmung der Oppositionsparteien sind dem größten börsennotierten Industrieunternehmen des Landes dabei sicher. Man kann sich auf eine langjährige Tradition stützen“. Die wahren Motive und Zielsetzungen wurden gut getarnt eingeschmuggelt, wobei die Kriegsaufforderungen schon relativ explizit waren. Unterstützt wurde der Aufruf von jenen Kreisen im deutschsprachigen Raum, die Dropthebomb auch machen: das ganze “anti“deutsche Rudel, Neokonservative, reine Zionisten und einige Alibiiraner. Von „Bahamas“ über Stawski zu Stefan Herre von „Politically Incorrect“.

Der Chef der jüdischen Gemeinde Wiens (IKG), Muzicant, sagte, er trage mit der Unterstützung der Initiative nicht den Konflikt nach Österreich, sondern versuche zu verhindern, dass sich “österreichische Firmen noch einmal schuldig machen, indem sie ein Regime unterstützen, das offen die Zerstörung Israels fordert.”6 Auf der Homepage prangte eine Grussbotschaft der Politikerin Ursula Stenzel. Wie sie zB die ÖVP dafür kritisierte, den Moslem Asdin El Habbassi aufgestellt zu haben, ist ein kleiner Hinweis darauf, wie manche bei Drop die Alibi-Iraner sehen bzw dass diese ihre Herkunft auch nicht mit Appeasement “reinwaschen” können. Stenzel ging von der ÖVP zur FPÖ, kann dort mit Strache Gotcha-spielen oder Bier trinken. Es findet sich, was zusammengehört…. Auch Christian Ortner, so eine Art österreichischer Neocon, wirkt(e) direkt und indirekt bei Drop mit. Der sagt so Manches über sich, wenn er gerade nicht über Israel, Iran oder Islam schreibt. Sondern für die Abschaffung des NS-Verbotsgesetzes eintritt (wie zB auch der Akademikerbund7), frauenfeindliche Untertöne “erklingen” lässt, eine Tirade gegen Griechenland wegen der „€-Sünde“ loslässt, oder gegen “die Macht des Pöbels“ („Prolokratie“) wettert.

Die Antiimperialistische Koordination (AIK) kritisierte:”…bereits am ersten Tag die Unterschrift des ehemaligen wissenschaftlichen Leiters des DÖW, Dr. Wolfgang Neugebauer, der seit langem für seine pro-zionistsche Haltung bekannt ist und im Herbst 2007 in einem Artikel im ‘Standard’ keinen Hehl daraus machte, dass er auch militärischen Schlägen gegen den Iran nicht ablehnend gegenübersteht. Radikale Zionisten wie sämtliche Mitglieder des ‘Cafe Critique’ (das ja auch Veranstaltungen unter dem Titel ‘stop the bomb’ abhält) und andere ‘Größen’ aus dem ‘antideutschen’ Lager fehlen ebenso wenig wie die für ihre Hetze gegen Israel-kritische Stimmen bekannten Journalisten Karl Pfeifer und Samuel Laster. Etwas später entdeckt man dann übrigens unter anderem auch die Unterschrift des in den letzten Jahren anscheinend endgültig zum Neokonservativen gewandelten ehemaligen KPÖ-Chefs Walter Baier, der kein Problem damit hat, gemeinsame Sache mit denen zu machen, die die Kriege in Afghanistan, im Irak und im Libanon bejubelt haben. Und auch wenn die Initiatoren von ‘stop the bomb’ aus taktischen Gründen davon abgesehen haben, von UNO und EU offen militärische Maßnahmen gegen den Iran zu fordern, entsprechen ihre – sogar von US-Geheimdiensten widerlegten – Behauptungen (‘nukleare Bedrohung’)8 und die völlig selektive Wahrnehmung in Menschenrechtsfragen doch genau dem Propagandaschema, das die USA und ihre Verbündeten zur Rechtfertigung von Krieg und Besatzung in Afghanistan und im Irak angewendet haben…”

Es folgte die Kundgebung „Keine Geschäfte mit den iranischen Mullahs!“. Rund um die Bühne am Wiener Stephansplatz wurden israelische Fahnen geschwungen und diese von Sicherheitsleuten abgeschirmt. Michaela Sivich führte durchs Programm, welche so eine Art Journalistin ist. Für den “Standard” machte sie zB einmal ein Interview mit ihrem engen persönlichen Freund, dem gleich gesinnten Schiedel /Peham, sie machte dabei auf unbekannte, unabhängige, interessierte Journalistin, stellte ihm genau jene Fragen, die Schiedel und seine germanischen Freunde auch sonst andauernd ungefragt “beantworten”… Natürlich ging es darum, “anzuordnen”, dass man als Linker heutzutage pro USA und pro Israel sei9, und eine Querfront aus Islamisten, Rechten und Linken zu “konstatieren”.10

Im “Standard” ist so etwas eher die Regel, schliesslich darf sich dort auch der “wissenschaftliche Berater” persönlich zu Wort melden. Und Bronner hat ja auch Figuren wie Florian Niederndorfer und Bernhard Weidinger eingestellt; eine gute Zeitung hätte so etwas eigentlich nicht nötig.11 Zurück zur Kundgebung im September 07 in Wien: Es waren (bei den Rednern, den Grussbotschaften-Schickern und dem Publikum) “Gesinnungsethiker” ganz unter sich, um sich gegenseitig ihr hermetisches Weltbild zu bestätigen und sich in wohliger Nestwärme zu suhlen und um dafür Propaganda zu machen. Dann die dazugehörige „Konferenz“ „Die islamische Republik Iran-Analyse einer Diktatur“ – die entsprechende Szene Wiens (dumm parteiisch wie die Borodajkewycz-Sympathisanten bei dessen Pressekonferenz 1965, und auch hier gg die Bösen da draussen, den Trend der Zeit,…), viele Deutsche (darunter der ex-linke Geschichtspolitiker Matthias Küntzel, der ernst genommen wird) und ein paar exil-iranische “Feigenblätter” (Je mehr man sich schmückt, desto mehr zeigt man seine Hässlichkeit).

Im Mai 2008 die „internationale Konferenz“12 „Die iranische Bedrohung. Die Islamische Republik, Israels Existenzkampf und die europäischen Reaktionen“; die zionistische Szene Wiens und ihre Verbündeten (hauptsächlich Ex-Linke), Verstärkung aus Deutschland, Israelis, Neokonservative aus der USA, Alibi-Iraner. Einer aus der zweiteren Kategorie war natürlich Thomas von der Osten-Sacken, dort als „Politischer Analyst und Direktor von Wadi e. V. Deutschland“ vorgestellt. (Auch) bei dem Ex- bzw Pseudo-Linken, der längst auf dem Schoß der Springer-Presse gelandet ist, ist die journalistische/ publizistische Arbeit Teil des politischen Aktivismus. Und bei ihm wird Deutschnationalismus und Neokonservativismus huckepack auf dem (Philo-) Zionismus transportiert. Er “feierte” den Krieg gegen Irak und versucht(e) dort, über Kurden Einfluss zu bekommen; so ein westlicher Krieg gegen Iran (mit Saudi-Arabien als Verbündeten…) wäre sein Herzenswunsch. Natürlich sind es nur bestimmte Amerikaner, die er in seinen Vorstellungen von westlicher Weltherrschaft als Verbündete sieht (Israelis übrigens auch…); Linke/Antiimperialisten hier nennt er „Freiheitsfeinde“.

Dann trat dort ein Patrick Clawson auf. „Gleichgültig, ob uns das nun lächerlich erscheint oder nicht: Die iranische Führung ist tatsächlich davon überzeugt, dass sie den Westen zerstören kann“. Das Regime in Teheran werde dabei von einer religiösen und einer revolutionären (marxistischen) Agenda angetrieben. Der US-Amerikaner arbeitet bei WINEP13, Middle East Forum, „The New Republic“, in Zhg mit dem Irak-Krieg anscheinend auch für die Bush-Regierung. Und konzentriert sich nun auf den Iran. Und hat auch Ideen, wie ein Krieg dort beginnen könnte: www.youtube.com/watch?v=WP1of59H4iI&feature=g-all-u 14

Auch Michael Oren (Bornstein) nahm an dieser “Konferenz” teil, der US-amerikanische Historiker (Autor von Büchern wie „The ‘USS Liberty’: Case Closed“) war, dann israelischer Diplomat und Politiker, selbst an diversen israelischen Kriegen teilnahm, so auch 08/09 gegen Gaza, als er auch Militärsprecher war und den Iran als Macht im Hintergrund darstellte. Seine und Morris’ Teilnahme zeigte die Unterstützung der Veranstaltung (bzw Initiative) von hohen zionistischen Kreisen15, jene von Clawson die Drähte zu den damals herrschenden Neocons in der USA.

Benny Morris ist ein linientreuer israelischer Historiker, inzwischen sogar rechts der Mitte. Er forderte auf der “Konferenz”, wie auch schon 07 in “Die Welt”, einen israelischen Präventivangriff auf den Iran wegen dessen Atomprogramm, wenn “nötig” mit Atomwaffen…  Widersprochen hat ihm dort niemand. Die Iraner hätten das Regime zu verantworten und seien damit selber schuld. “Viele unschuldige Menschen würden dabei sterben. Aber das ist immer noch besser als ein nuklearer Holocaust in Israel“…”Das ist die Richtung, in die die Welt den Nahen-Osten und Israel drängt, weil es verabsäumt wurde wirksame wirtschaftliche Sanktionen zu verhängen und damit den Iran auf friedlichem Weg zu stoppen”…”Es reduziert sich … auf die Frage, ob Israel zerstört wird, oder der Iran zerstört wird”…”Ich denke, alle rundherum wären sehr ruhig danach“…”Wenn ich Europäer wäre, würde ich mich auch vom Iran bedroht fühlen.”…”Auf Abschreckung zu setzen ist meiner Meinung nach aber nicht verlässlich, weil das Regime im Iran nicht normal zu sein scheint. Es macht nicht den Eindruck als würde es rational reagieren, nicht in dem Sinn wie westliche Staaten rational reagieren”…

“Israel hat niemals seine Atomwaffen verwendet. Es ist ein verantwortungsvolles Land, das Atomwaffen nur verwenden würde, wenn es direkt bedroht würde. Aber die Iraner sprechen weiterhin über die Zerstörung Israels. Also sprechen wir über zwei unterschiedliche Arten von Ländern. Das ist ein Land, dem nicht erlaubt werden darf Atomwaffen zu entwickeln”… Hier ist der entscheidende Punkt. Es geht um die Frage, wer Atomwaffen haben darf, sich bedroht fühlen darf, sich verteidigen darf, wer zum Westen gehört,… Darf Venezuela Atomwaffen entwickeln und gegen die USA einsetzen, da Trump kürzlich mit einer militärischen Intervention dort gedroht hat? Ist Venezuela zB weiss genug? Und wer/was ist die Instanz, das zu entscheiden? Aber Morris hat ja auch für das Recht des Stärkeren plädiert, für einen Sozialdarwinismus.16

Der „Haaretz“-Journalist Yossi Melman, „Spezialist für Geheimdienste und strategische Angelegenheiten“, war auch bei der Propaganda-Veranstaltung in Wien, zeigte sich im Interview mit Gudrun Harrer von “DerStandard”17 zu diesem Anlass als verhältnismäßig sachkundig und gemäßigt. Zum Beispiel, wenn er sagt “Wobei es durchaus nicht klar ist, wie Khomeini zur Bombe stand. Einerseits war sie für ihn ein Symbol der moralischen Korruption des Westens, als Massenvernichtungswaffe, die ohne Unterschied tötet. Andererseits hat er ihre politische und strategische Bedeutung erkannt – wobei dazu kommt, dass die Welt in den 1980er Jahren kein Wort zu den irakischen Giftgasattacken auf den Iran gesagt hat.”

Oder “Die iranische Regierung ist kein neues Nazi-Regime, das sind auch keine Khmer Rouge oder etwas Ähnliches. Es gibt eine Art von demokratischer Partizipation, und das Regime kann und will es sich nicht leisten, die Bevölkerung völlig zu entfremden. Es gibt ja so viele Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Iran, … Deshalb wird es einmal gestürzt werden, es ist nur die Frage, ob das sein wird, bevor oder nachdem es die Bombe bekommt. Und ich denke, das Regime würde mit Konzessionen auf harte Sanktionen reagieren. Ich bin übrigens auch dafür, dass die USA mit Teheran reden. Dialog und Härte, das braucht es”. Dachte einen “Kompromiss, etwa die Anerkennung der nuklearen Rechte des Iran bei gleichzeitiger Auslagerung der Uran-Anreicherung” an; sagte aber auch: “Österreich sollte dem deutschen Beispiel folgen: Deutschland ist der beste Alliierte Israels, besser als die USA, weil an die deutsche Unterstützung für Israel keine Interessen geknüpft sind.”

Im Buch zur „Konferenz“ war neben deren Teilnehmern auch Justus Wertmüller beteiligt/vertreten; nur im Buch, man war um Respektabilität bemüht… Man hält inzwischen taktische Distanz, so wie die FPÖ oder der Vlaams Belang zu den Skinheads.18 Dann wurde die “Konferenz” in Berlin aufgeführt. Deutsche Erstunterzeichner von Dropthebombs war die Querfront der dortigen Zionisten und Islamophoben, von Klaus Blees bis Petra Pau. Es wurden auf der “Konferenz” die Iran-entlastenden US-Geheimdienstberichte angezweifelt (dieser Antiamerikanismus, tztz) und Flyer für die diesjährige „Kritische Islamkonferenz“ verteilt. Broder, der auch im Buch vertreten ist, las Zeitungsmeldungen zum Atomstreit vor; nicht die israelischen Drohungen aus 20 Jahren. Das Bierzelt-Niveau kennt man ja bei ihm.19

Es gab und gibt in den Medien und im akademischen Bereich wenig Kritik an Drop, hauptsächlich wegen seiner Instrumentalisierung des Holocausts und Verwendung der Antisemitismus-Keule. Und weil es bzgl Israel im Westen keine akademische Freiheit gibt. Dafür aber Brückenköpfe in Redaktionen, die Diffamierungen und Ähnliches besorgen. Der Politikwissenschafter Gerhard Mangott hat in etwa das kritisiert, im “Standard”, in einer Antwort auf Wolfgang Neugebauer (DÖW), und wurde dafür an den Pranger gestellt. Harrer schrieb über die “Konferenz als Roadshow”: “…nicht, wie bei Konferenzen üblich, Meinungsaustausch und -findung das Ziel sind, sondern allein die Überzeugung des Publikums. Kampagnen und Lobbying, um Meinungen unter die Leute zu bringen und Interessen durchzusetzen, sind ebenfalls erlaubt. Man kann selbstverständlich auch eine Konferenz in diesem Rahmen ‘aufführen’. Den Unterstützern – vor allem einer politischen Partei wie den Grünen, von denen eine Grußbotschaft eines Abgeordneten kam20 – würde es aber nicht schaden, einmal nachzuprüfen, wofür da geworben wird: für Solidarität mit Israel, gegen den OMV-Deal mit dem Iran. Warum auch nicht? Oder vielleicht für Unterstützung Israels, gleich, was immer es tut, für einen Krieg, einen Angriff auf den Iran? Und wer betreibt das Lobbying? Gegen Antisemitismus zu kämpfen ist nicht nur legitim, sondern eine Pflicht. Personen für ihre kritischen Meinungen als Feinde Israels zu denunzieren…”

Die beiden Bosse von Drop, der Israel-Fetischist und seine Begleiterin, tauchten im Sommer 09 auch bei exil-iranischen Kundgebungen in Wien gegen das iranische Regime und den Wahlbetrug auf, und versuchten, die anwesenden Exil-Iraner zu ködern, machten auf Freunde der Iraner. Die deutsch-österreichische Kriegskampagne gegen Iran und ihre Hinterleute haben damals ihre Haltung geändert, bis dahin sind sie ziemlich offen als Feind des Iran aufgetreten, die Tarnung kam dann. Eigentlich waren ja die Iraner an sich schlecht, eins mit ihrem Regime, verantwortlich für dieses. Kurz vor der iranischen Präsidentenwahl 09, dem Wahlbetrug zugunsten Ahmadinejad, den Protesten dagegen und ihrer blutigen Niederschlagung gab es noch eine “anti”deutsche Veranstaltung mit Scheit und Wertmullah in Hamburg über „Islam, orientalische Despotie, Ehrenmorde“. Da hiess es „Und ein Unstaat wie der Iran ist eben darum kein Staat, weil er nichts anderes ist als die Kombination aus Ehrenmord und Selbstmordattentat in großem Maßstab und auf geschlossenem, vom Völkerrecht sanktioniertem Territorium – so daß der Ehrenmörder sich hier vor der Tat fallweise die Robe des Souveräns umhängt und der Selbstmordattentäter als jener Mob auftritt, der die Bombe will, die auf Israel zielt. Dem Anspruch des Islam auf Weltherrschaft entgegenzutreten wäre für westliche Staaten materiell gesehen ein Leichtes, denn an wirkungsvollen Waffen und überlegener Logistik sind sie allen islamischen Staaten und Banden haushoch überlegen. Doch dem Westen scheint verloren gegangen zu sein, was der Islam nie hatte, eine nach objektiven Kriterien bestimmbare Moral. Die Neuauflage eines Puritanismus, der sich als Vollzugshelfer längst den islamischen Mob ausgeguckt hat, manifestiert sich seit nunmehr drei Jahren im zunehmend hysterisch zelebrierten Kirchenkampf gegen den Bischof von Rom gerade dann, wenn der an die universale Vernunft oder die Humanisierung der Sexualität appelliert. Es geht nicht mehr darum, die Frau ode…“

Die Frage der realen Unterdrückung der Iraner war auch weiterhin nicht wichtig, nur dass sie das diskursive Kanonenfutter sind und man an ihnen seine Güte zeigt; als wirklich mündig werden sie weiterhin nicht gesehen. Es begann eine selektive Vereinnahmung der iranischen grünen Bewegung, auch für das Kriegstrommel gegen Iran! Auch von Netanyahu oder Strache kam plötzlich “Solidarität” mit der iranischen Protestbewegung, bzw Missinterpretation dieser, sowie Aneignung. Ein Krieg wird seither meist als im Sinne der iranischen Bevölkerung vorgeheuchelt, die in diesen Kreisen bis dahin pauschal diffamiert wurde.21 Osten-Sacken brachte mit ein paar Gleichgesinnten ein Buch zur Instrumentalisierung der iranischen Demokratie-Bewegung heraus, die er gerne in eine Reihe mit seinen kurdischen Irakern stellen würde.

Organisationen wie Amnesty International und Reporter ohne Grenzen riefen im Sommer 09 zu einem “globalen Aktionstag” unter dem Motto “United for Iran” auf. In Österreich bekundete eine Reihe prominenter Autoren ihre Unterstützung, darunter die Drop-Unterstützer Elfriede Jelinek (sie greift wenigstens Trump an, in einem Stück) und Robert Schindel, sowie Robert Menasse oder Doron Rabinovici. Ob sie den Unterschied zwischen dem iranischen Volk und einer “islamischen Bande” (s.o.) inzwischen kapiert haben? Auch Bernd Dahlenburg, ein deutscher Erstunterzeichner von Dropthebombs, ein evangelischer Theologe, der gar nix kapiert, nur ein dummer Wellenreiter ist, versucht(e) die grüne Bewegung zu be-nutzen.

Der Springer-Journalist und „Nahost-Experte“ Bruno Schirra, Teilnehmer bei der Drop-“Konferenz” 08, sagte, Nord-Teheran sei nicht Iran, soll heissen, die Leute wollten Ahmadinejad, trat für Härte gegen Iran ein. Ostensack dagegen: Ein grosser Teil der iranischen Bevölkerung sei “für ihre Befreiung“, womit er Krieg meint… Er stellte ausserdem eine Agenda für „die Demokratisierung des Nahen Ostens“ (> mehr entmündigen, besser ausbeuten) vor, einer Region, die er “seit vielen Jahren sehr gut” kenne. Das sind hier so die Widersprüche, Heucheleien und Metamorphosen: Zuerst hiess es, die Interessen Israels müssten gegen die böse Region durchgesetzt werden, dann, die Interessen Israels seien eigentlich im Interesse der Region (die gar nicht so grundsätzlich böse sei). Der Iran gehört bekämpft, als ganzes (er ist ja eine Kombination aus Ehrenmord und Selbstmordattentat), oder aber die inneren Gräben instrumentalisiert. Den (ganzen) Iran über sein Regime zu diffamieren oder ihn über die Gegnerschaft grosser Teile der Bevölkerung zum Regime zu spalten (diese Gegnerschaft in seinem Sinne zu instrumentalisieren).

Seine von uralten Feindbildern gespeisten Ressentiments kann man dabei ruhig behalten, zumal man ein paar Gewährsleute gefunden hat und auf wissenschaftlich und humanistisch macht. Diese Entwicklung hin zum Umschmeicheln von regimekritischen Iranern (“wir sind eigentlich auf der gleichen Seite”), weg vom konfrontativen, fand wie gesagt nach den Nachwahlprotesten 09 statt. Im ersten Drop-Buch 08 wurde von Iranern nur auf Frauen und Homosexuelle eingegangen, um zu zeigen wie gut man ist und wie schlecht die, ausserdem ging es um die “Kollaboration” iranischer Linker mit den Islamisten – um anzudeuten, dass es keinen genuin iranischen Widerstand gegen das Regime gab/gibt.22 Im Buch von 2010 (Untertitel “Perspektiven der Freiheitsbewegung”) waren Iraner an sich dann ein Thema, nicht mehr die finsteren Orientalen, wurde zwischen Regime und Bevölkerung unterschieden, versuchte man, sich bei der Anti-Regime-Bewegung einzuhaken, den Militärschlag als im Sinne der iranischen Bevölkerung (bzw demokratischer Opposition) dar zu stellen, war man nicht mehr Erzieher sondern „Freund“… Es ging auch um “Bündnisse des Regimes”, aber nicht um jene der Gegenseite mit Saudi-Arabien.

Am Beginn ihrer Kampagne wurde auch überall posaunt “Es geht um Israel”23, bei der Stephansplatz-Veranstaltung haben zur Organisation gehörende Personen israelische Fahnen geschwenkt; inzwischen macht man auf universalistisch, stellt eher in Abrede, dass es (einem) um Israel ginge… Es geht um Israel; nicht um Iraner, nicht um Menschenrechte, diese sind nur Garnitur bzw Tarnung. Es geht (ihnen) auch nicht um die Menschenrechtslage in Saudi-Arabien oder Israel. Über eine Drop-Veranstaltung “berichtete” 08 in der “Jerusalem Post” ein Herb Keinon, in typischer Kampagnen-Journalismus-Manier, bezeichnete die Kampagne als „anti-iran grassroots movement“. Ersteres will es nicht mehr sein, ist es aber, zweiteres (grassroots) war es nie. Der an wirkungsvollen Waffen haushoch überlegene Westen (s.o.) würde diese selbstverständlich nur im Sinne der Iraner und anderer Menschen in dieser Region (und anderer) einsetzen.

Neben den Schulterschlüssen bzw Unvereinbarkeiten zwischen rechter und linker Islamophobie drehen sich die Widersprüche (und die Wandlungen) der Kampagne darum, inwiefern Leute im/aus dem islamischen Raum als vollwertige und mündige Menschen anzusehen/ zu behandeln sind. Inwiefern „Islam“ an ihnen fest gemacht werden soll oder wo anders. „Anti“deutsche haben eine Verachtung für diese Weltregion, allgemein für das Nicht-Weisse, Nicht-Europäische, die jene der offen Rechten klar in den Schatten stellt. Der Orient24 als das irrationale, irregeleitete Andere, das vom rationalen, starken, maskulinen, aufgeklärten Westen bezwungen/belehrt werden muss. Die Fortsetzung von wilhelminischem Kolonialrassismus und seiner Fortführung in der NS-Rassenlehre…25

In der Kampagne wurde neben der iranischen Protestbewegung auch jene in Syrien benutzt, welche die iranische Regierung helfe niederzuschlagen; hier wäre ihnen zB ihr B. Morris entgegen zu halten, und was er über den Arabischen Frühling sagte… Ein konstant verbreitetes Sujet ist das des harmlosen und (in der bösen Region) bedrohten Israel, und das des schwachen/ beschwichtigenden /bescheidenen Westens; und das eines drohenden neuen Holokausts – und um den zu verhindern ist ja nun jede Gegenwehr legitim. Von Israel ist aber wie gesagt nicht mehr so viel die Rede wie am Anfang, Anderes (universelleres) wird vorgeschoben, die Agenda geleugnet. Über „Erdogan in Teheran“ empörte man sich auf einer Veranstaltung, statt über Bush oder Trump in Riad, oder Strache in Jerusalem.

Gruber & Co thematisieren lieber die „Situation von Schwulen und Lesben in der IR Iran“ als in Saudi-Arabien und allgemein…warum wohl? Da entdecken sie ihren Moralischen. Die „islamische Welt“ (sie wird über den Islam definiert) kommt nur als jene der Malalas vor, die man vor ihren Leuten beschützen wolle oder der Ex-Jihadisten à la Mossab Youssef, die die Erweckung geschafft haben. Zu beobachten war auch das Ende der (aggressiv-)positiven Bezugnahme auf die USA mit dem Ende der Ära Bush. Drop hat Helfer in manchen Redaktionen, kann sich auf ein Netzwerk im akademischen Betrieb26 stützen, das als SPME auftritt, hat diverse Sprachrohre bzw Verstärker. 2013 wurde das „Menschenrechts-Filmfestival“ von Thishumanworld für Propaganda missbraucht, über eine in der zionistischen Szene Wiens bestens vernetzte Mitarbeiterin.

Als “Nebenteilnehmer” marschier(t)en neben einigen Exil-Iranern u.a. auf: Leute von IDC Herzliya, Hardcore-“Anti”deutsche wie Feuerherdt (als „Publizist“ präsentiert), österreichische „Nahostexperten“ wie Christian Ultsch, der pseudo-liberale Grüne Schreuder, Farid al Ghadry, dessen syrische Reformpartei ungefähr so viele Mitglieder hat wie Kabolis Grüne Partei des Iran (aber hauptsache pro Israel), oder die Schauspielerin Elisabeth Hörbiger „Orth“, deren Mutter Paula Wessely-Hörbiger einst Engagement für den NS an den Tag legte27. Genau so wie auf den “Konferenzen” nicht mit dem Publikum diskutiert wird, werden auch nur ideologisch einschlägige und verlässliche Leute auf der Bühne präsentiert, es kommen natürlich keine abweichenden Meinungen zu Wort, bei “Podiumsdiskussionen” et cetera. Auch gemäßigte Drop-Teilnehmer, wie Melman oder Posener, sind schon selten.

Die Ankündigungs-Plakate der Veranstaltungen werden immer blut-roter und die Texte darauf immer reisserischer. Wovon versucht man abzulenken? Drop prangert auch Leute oder Organisationen an, die „Kontakte“ verschiedener Art in den Iran pflegen. Viele Iraner im Land oder im Exil müssen sich mit dem Regime arrangieren, und ihre Anliegen und Rechte an sich sind natürlich kein Anliegen… Es werden auch schon jene diffamiert, die gegen Krieg gg Iran eintreten. Nach dem Atomabkommen ’15 zeterte „Drop the Bomb“-Sprecher Schaden mit „Holocaust” und “Antisemitismus” (= > Ich habe keine Argumente, würde aber gerne, als Österreicher, aus einer moralisch unangreifbaren Position richten, verurteilen). Auch “Menschenrechte“ im jetzigen Iran werden verwendet, als ob diese jenen aus dieser Ecke für sich ein Anliegen wäre… Statt über die neue Grossmacht Deutschland reden jene, die sich „Anti“Deutsche nennen, lieber über “die Regionalmacht Iran”.

Eine Auseinandersetzung mit dem IL-Fetischisten ist falsch, aber dennoch einige Anmerkungen zu ihm. Der Berliner hat sich die Politikwissenschaft an der Uni Wien unter die Nägel gerissen und begann im Windschatten von Bush und Bin Laden mit seinen politischen Veranstaltungen. Kann sich dabei auf das Netz von Zionisten im grossdeutschen Raum und ein paar internationale Verbündete stützen. Bei seinem “Stop the bomb”Dropthebombs trat er irgend wann als “wissenschaftlicher Berater” auf; die Kunst der Tarnung und Verwischung versteht er; der Brandstifter als Brandexperte. In seiner neurotischen Fixierung auf Israel, Holocaust/NS, “Antisemitismus”, Deutschland und Iran, greift er gern zu hysterischer Demagogie. Er bekam (von seinen Freunden) und behielt eine Hagiografie als de.wiki-Artikel in dem er als grosser Denker und engagierter Aktivist dargestellt wird28, und wo alle seine Flatulenzen eingetragen werden.

09 hielt er vor dem rechtsextremen Wiener Akademikerbund einen Vortrag über „Die ‘Islamische Republik Iran’ und die Menschenrechte im ‘Kampf der Kulturen’“. Wissend, dass nur ein Brückenbau zur rechten Islamophobie den grossen Sprung bringen würde.29 In seiner verlogenen Apologetik dazu versuchte er darüber hinweg zu täuschen, dass Teile seiner Kampagne in solchen Kreisen begeistert unterstützt werden. Grigat triumphierte dass das österreichische Aussenministerium ihm ggü Appeasement übte und unaufgefordert eine Stellungnahme (Rechtfertigung bzgl Aussenhandel und so) zuschickte. Da gestehe ich sogar ihm das hämische Grinsen zu. So leicht wird es ihm selten gemacht. Man muss nur unablässig irgend etwas trommeln, so wie die “Krone” zB einst gegen AI Österreich und Patzelt, nach dessen Polizei-Kritik. Skrupellos:

“Wir glauben nicht, dass die OMV den Deal aus moralisch-politischen Gründen zurückziehen würde, aber sie muss sich überlegen, ob sie das aus ökonomischen Überlegungen noch machen kann. Meiner Meinung nach ist es ziemlich kurzsichtig, dort Milliarden zu investieren, wenn es möglicherweise zu einer militärischen Konfrontation kommen kann.”

Die israelischen Atomwaffen verteidigt er „ganz offensiv“, mit Holokaust-Rhetorik (Platzhalter). Und, wie er die Grenzen bei Iranern (und Anderen in der Region) verwischen will zwischen Anti-Regime bzw Regime-Skepsis und Unterstützung für einen Krieg. Inzwischen wird in seinem Kreis (in dem als Wissenschaft getarnten Lobbyismus) ein Angriff auf den Iran nicht gegen sondern “mit” seiner Bevölkerung argumentiert. Gleichzeitig führt er auch die arabischen Länder an, welche Israel signalisiert hätten, dass sie kein Problem mit einem israelischen Angriff auf Iran hätten. Länder wie Saudi-Arabien – dort schiebt man dann wenigstens nicht Frauen oder Schwule vor30. In seinen Kreisen hat man keine Ahnung von Iran, keine Solidarität mit den Iranern, die unterdrückte Bevölkerung soll die nützliche Idioten sein. Da arbeitet man mit allem zusammen, was sich anbieten, von Volksmujahedin bis Schah-Anhängern. Mit der weitgehenden Entrechtung des Volkes an sich hat man kein Problem, es geht um Israel-Lobbying und Deutschland-Rehabilitation.31

„Die Europäer führen einen Dialog mit dem Regime, die sollen gefälligst die Opposition unterstützen! Die Amerikaner unterstützen nur halbherzig. Wenn ich es richtig im Kopf habe, wurden 60 Millionen Euro vom Kongress im Jahr 2008 für die iranische Opposition bewilligt – das ist ein Witz, die brauchen 60 Milliarden!“ – Abgesehen von dem Sprüche-Klopfen und der Protzerei, in der Aussage steckt ja irgendwie drinnen, dass die (Regierung der) USA (damals die unter Bush) die iranische (Exil-) Opposition KAUFEN kann, und die Behauptung dass die Neokonservativen (wie auch er) auf der Seite der (authentischen, emanzipativen) Oppostion wären, ihre Anliegen teilen würden! Für welche iranischen Gruppen hat der USA-Kongress übrigens Geld bewilligt? Zu Zeiten Obamas waren Seinesgleichen ja nicht mehr die grossen USA-Fans, er jammerte über die „Einsamkeit Israels“.32 Klaus Emmerich vom ORF und der polnische Politiker Artur Gorski (PiS) sprachen bei Obamas Wahl 08 vom „Ende der Zivilisation des weissen Mannes“ und Ähnlichem. Auf Youtube schrieben Manche vom „Head Nigger In Charge“. Tja, und bei Trump…

In diesem Semester darf Grigat an einer Ring-Vorlesung zu “Nationalismus” an der Uni Wien teilnehmen, dort über „Zionismus und Nationalismuskritik“ referieren, den Zionismus im Gegensatz zu Nationalismus stellen, reinwaschen, in seiner debil-präpotenten Einseitigkeit… Peham wird über „Die Internationale des Rechtsextremimus“ reden, sich dabei über Israel auf dieser Achse ausschweigen; es lässt sich jetzt schon sagen, welche Allianzen konstruiert werden und welche ausgeblendet werden. Und sein neuestes Buch (im Rahmen von Drop) hat der Likud-Knabe mit Scheit zum Iran-Atomabkommen heraus gebracht. Dazu hat sich auch Sama Maani her gegeben. Bei dessen Vor-Aktivitäten war es folgerichtig und logisch, dass er irgendwann vor Grigat Männchen macht…33 Um “Iran, Deutschland und Israel” ginge es in dem Buch, um “Antisemitismus, Atom, Aussenhandel”. Und das Buch werde von Drop nur “unterstützt”…stellt also wieder mal unabhängige Wissenschaft dar.

Nur nicht über Saudi-Arabien reden, seinen Kronprinzen oder den Handel der deutschen Waffenindustrie mit ihm, oder den Trump-Rassismus in der USA, oder über Rassismus in der deutsch-österreichischen Israel-Solidarität34, Palästinenser behandeln wir nur als Gefahr und Last für Israel bzw als “antisemitisches Mordkollektiv”, lieber ablenken von Bennett, Lieberman und Shaked, nur nicht über die FPÖ reden (und Israel-Soli-Reisen aus Wien, von Stephan Strache bis HC Grigat) oder (zumal wenn man Deutscher ist) über die AfD und Rassismus und Rechtsextremismus in Deutschland, oder die Haltungen der AfD zu Israel. Lieber wieder Israel-Lobbying im wissenschaftlichen Gewand.

Die AfD hat eine halbherzige Abgrenzung von den “Reichsbürgern” vorgenommen, die wiederum mit Pegida marschieren, Strache tritt für sie auf, die AfD ist auch nahe bei der “Junge Freiheit”,… Nur so ein paar Koordinaten. Was die “Unverträglichkeit von Migranten und Moslems” betrifft, da gibt es bei den pseudo-linken Islamophoben von Drop Leute, die das schärfer, drastischer ausdrücken würden. Andere dort sagen es lieber durch eine “Blume”. Und manche “Orientale”, die dort mitmachen, tun das auch, um nicht als “unverträglich” und so angesehen zu werden. An appeaser is one who feeds a crocodile, hoping it will eat him last.

Einerseits: Gauland verlangte eine Neubewertung der Taten deutscher Soldaten in den zwei Weltkriegen. Gedeon äusserte sich zu den “Protokollen der Weisen von Zion”, zum Holocaust, äusserte auch IL-Kritik. Und Höcke kritisierte das Holocaust-Mahnmal und deutsche “Schuld-Kultur”.35 Andererseits: Nicolaus Fest, bei dem man auch sieht wie bei Deutschen heutzutage das Zauberwort „Antisemitismus“ erlauben soll, alle rassistischen und chauvinistischen Emotionen ungehindert auszuleben. Oder: Heinrich Fiechtner: Ein Evangelikaler, für die „klassische Ehe mit Familie“, verglich den Koran mit „Mein Kampf“, griff den Stuttgarter OBM Kuhn an nachdem dieser auf einer Anti-Pegida-Demo eine Rede gehalten hatte, “recherchierte” in einem Flüchtlingsheim nach Misständen, verteidigte Gedeon (16) zunächst, dann trat er mit Meuthen aus der LT-Fraktion aus und stellte sich gg Gedeon, stritt später auch mit Meuthen, ist gg Antisemitismus bzw würde gerne Einiges als “antisemitisch” deklarieren, sieht Antisemitismus als “faule Wurzel” der Partei, ist sehr proisraelisch, gg IL-Kritik (schlug vor, sich in der Präambel der Fraktionssatzung zum „Existenzrecht Israels“ zu bekennen), hat auch die Fahnen von Israel und Deutschland überkreuzt am Revers…

Dass Teile der AfD pro-israelisch sind (auch die ausgetretene Petry ist zu einem “Vortrag” hin gereist), sagt nichts Positives über die AfD, sondern etwas Negatives über Israel aus. Der ewige Widerstreit in der modernen deutschen Rechten, die sich auch in dauernden Macht- und Richtungskämpfen in der AfD ausdrücken. Als Fiechtner das mit der Präambel zugunsten Israels vorschlug, fragten Andere, “sollen wir uns dann auch für Belgier oder Zigeuner einsetzen”. Es gibt in diesem Zusammengehen zwischen “Westisten” und Zionisten (siehe dazu auch Aznar, Teil 4) auch Stolpersteine und Hindernisse; die Kreuzzügler nahmen sich zuerst die Juden in Europa vor,… Der “Koscher”-Stempel, den AfD & Co wollen, der wird aber auch gelegentlich erteilt.

Ex(il)-Iraner wie Sama Maani sind nützliche Vasallen für Andere, und auf ihre Art Fanatiker. Auch bei ihrer “Operation Ajax” hatten USA und GB Verbündete unter Iranern. Solange diese Iraner den Grigats auch die Bestätigung geben, die sie wollen, sind ihre Wortmeldungen auch willkommen. Für Drop sind sie wichtig, um Lobbying und Hetze zu maskieren. Es sind immer dieselben, grossteils unseriösen, Aussenseiter, welche den “Anti”deutschen dienen. Kazem Moussavi (Mousawi) verlangte auf einer dieser Konferenzen die Unterstützung des „aktiven iranischen Widerstands“ (MEK oder Jundullah? Und Krieg auch dazu?). Er attackiert auch Omid Nouripour, Cem Özdemir, Akbar Ganji, Joschka Fischer und Minu Barati, Trita Parsi, Mohsen Massarat, Udo Steinbach, Walter Posch,… als “Appeaser” des iranischen Regimes. Er ist als Alibi-Iraner für alle zionistischen und neokonservativen Anliegen problemlos zu buchen, trat zB auch auf einer Veranstaltung gg eine Konferenz von Palästinensern in Europa in Berlin 15 auf. Auch auf Broders “Achgut” hat er seinen Platz.

Nasrin Amirsedghi ist eigentlich Monarchistin und iranische Nationalistin. Und Monarchismus bedeutet im aktuellen iranischen Kontext normalerweise die Unterstützung einer absoluten Monarchie, wie sie unter dem letzten Schah und im Grunde unter all seinen Vorgängern bestand. Sie attackiert iranische Linke und Demokraten, wie zB Katajun Amirpour, Navid Kermani, Bahman Nirumand. Den Widerspruch ihrer Agenda zu jener der MEK (> K. Mousavi) oder PDK-I (> Hiwa Bahrami) und auch zu jener ihrer deutschen Meister hat sie anscheinend noch nicht durchschaut. Eine exil-iranische Soziologin namens Saba Farzan ist bei bzw für Foreign Policy Circle oder Institute for Middle Eastern Democracy abgerichtet worden, und gibt entsprechend einfache, scharfe, naive Antworten bzw Befunde. Nirumand konterte (bzw relativierte) ihre Forderung, die iranische Demokratiebewegung zu unterstützen, damit, dadurch würde diese nur diskreditiert. Was ja stimmt, hinter jenen, denen Farzan dient, grinsen Norman Podhoretz oder Michael Leeden hervor.

Auch Wahied Wahdat-Hagh tut mehr, als gegen das iranische Regime und Islamismus aktiv zu sein, gibt den Vorzeigeiraner für Feinde Irans. Auch Fathiyeh Naghibzadeh, Hiwa Bahrami, Niloofar Beyzaie, Keyvan Kavoli (Kaboli), Sogol Ayrom lassen sich vor den deutsch-zionistischen Karren spannen. “Jungle world” macht gerne inzuchtmäßige Promotion von Aktionen und Publikationen aus eigenem Milieu, zT von eigenen Autoren. Zum Beispiel eine Iran-„Reportage“ rechtzeitig zu den Drop-„Konferenzen“ und –buchveröffentlichung: Ein “Interview” mit dem „Exiliraner“ Menasche Amir, Artikel von K. Mousawi und Naghibzadeh, “Interview” von Wahdathagh mit Menashri über Juden im Iran (auf hagalil wiedergegeben). Fast konnte man den Eindruck bekommen, dass man es mit einem repräsentativen Teil der iranischen Exil-Opposition zu tun hat.

Islamophobe verschiedener Couleur wollen nur Islamisten wie Hassan Dabbagh oder Unterwürfige wie Mossab Yousef (ein Palästinenser den sogar ein Ostensack schätzen kann). Aber nicht authentische Reformer oder echte Liberale aus diesem Kukturkreis wie Nawid Kermani. Daioleslam, Shoebat, Hirsi-Ali, Allam, W. Sultan, Hussein Solomon,… sind im neokonservativ-zionistischen Milieu eingespannt. In “Islam-Diskussionen” sind Ghadry, N. Darwish, B. Gabriel, Abdelsamad,… Feigenblätter, zur Verdeckung nackter Tatsachen (zB für jene, für die Muslime sonst unverträglich mit der “christlich-abendländischen Kultur” sind). Sie wollen einen Ahmadinejad und einen Kazem Mousavi, aber nicht Makhmalbaf, Abbas Milani, oder Amirpur, eine wichtige iranische Exil-Frau (in Deutschland), die gegen das Regime ist, aber einen eigenen Kopf hat, nicht naiv proisraelisch ist. Solche werden eher diffamiert. Einige, wie Khalaji oder Yousef, sind auch von der einen (islamistischen) auf die andere (islamophobe, neokonservative) Seite gewechselt. Ein Ahmad Mansour, der Alibi-Palästinenser, geniesst viel grössere Aufmerksamkeit als “Adonis”, der in Frankreich lebende syrische Schriftsteller (Ali Esber). Taslima Nasrin oder “Sabatina James” ist ihnen lieber als Schirin Ebadi… Hengameh Yaghoobifarah, „Taz“, ist eine Exil-Iranerin die den Grigats verordnet werden sollte, eine im Gegensatz zu ihnen echte (und konstruktive) Anti-Deutsche.

Karel Lisicky trat mit der Schaffung der Tschechoslowakei 1918 in deren diplomatischen Dienst ein, wurde 1936 Botschafter in Grossbritannien. Nach dem Krieg und der Wiedergewinnung der Unabhängigkeit wurde er UN-Botschafter. Im Laufe des Jahres 1948 übernahm die Kommunistische Partei in der CS die alleinige Macht und Lisicky trat als Botschafter zurück; er ging wieder nach GB, wo er während der Nazi-Herrschaft schon Exil gefunden hatte. Der tschechische Exil-Oppositionelle suchte in den 1950ern Kontakte mit Sudetendeutschen-Verbänden in der BRD, musste von dieser Seite Ressentiments gegen Tschechen generell erfahren, und keinen Respekt vor der territorialen Integrität der Tschechoslowakei. Dort wollte man lieber die Grenzen von 1939 (“bevor der Krieg begann”, also nach der von Hitler erzwungenen Abtretung der grossteils von Deutschen bewohnten Randgebiete Tschechiens 38) als jene von 1937 (bevor Hitler begann, die Grenzen Deutschlands auf Kosten der Nachbarn zu verändern) als “Verhandlungsgrundlage” (und am liebsten einen neuen Emil Hacha als “Ansprechpartner”)… Ähnliches ist auch zwischen iranischen Regimegegnern und Zionisten bzw Neocons zu beobachten (die sich gerne als Verbündete/Helfer der Ersteren aufspielen), der gute Wille ist hier auch meist nur auf der einen Seite und auf der anderen die Ausnutzung von deren Situation; hinter (der Unterstützung für) Anti-Regime steckt oft Anti-Iran. Lisicky spielte übrigens eine Rolle bei der Schaffung Israels, als Vorsitzender der UN-Palästina-Kommission 1948, wurde als tschechoslowakischer UN-Botschafter zum Vorsitzenden dieser Kommission gewählt, wenige Monate vor seinem Abtritt.36

Nationale Anliegen werden mit dem „Islam“-„Argument“ zu entwürdigen bzw diskreditieren versucht, der “Westen” als Lehrer und Vorbild dargestellt, welcher Unmündige zu erziehen habe.37 Ex-68er im weitesten Sinn nehmen eine führende Rolle in der Moslemophobie des 3. Jt ein, auch im anglosächsischen Raum. Im deutschsprachigen Raum sind das zuvorderst “Anti”deutsche wie Küntzel, welche ja das, was offen Rechte wie Mahler sagen, schreiben, fordern, in den Schatten stellen. Die zt stalinistisch sozialisierten “A”D (KBW,…) entstanden nicht zuletzt aus Opposition zu Skeptikern des westlichen Krieges 1991 gegen Irak (der in Teil 4 behandelt wird). Sie kritisieren den BRD-Apparat nicht deswegen, weil er Teil der imperialen Machtstruktur ist, sondern im Gegenteil deswegen, weil er es momentan ihrer Meinung nach nicht überzeugt und militant genug ist.38 Und, haben sich über Israel mit Deutschland versöhnt. Israel wurde die Kompensationsfantasie für Deutsche/Österreicher, die endlich allen rassistischen Müll rauslassen können, weil sie sich (scheinbar) für die Belange der Juden und gegen Antisemitismus eintreten. Germany goes Weltmacht. Reloaded.

Die „offene Flanke“ der Israel-Solidarität zur Rechten wird gerne weg zu reden versucht. Für Rechte, besonders im deutschen Raum, bietet Philozionismus die Möglichkeit auf Rehabilitierung des Rassedenkens und des Nationalismus’, sowie eine Art Wiedergutmachung der NS-Vergangenheit. Die neuen Rechten geben auch vor, sie könnten nicht rassistisch sein, da sie ja pro Israel sind. Und, solange sie nicht anti-jüdisch oder israel-kritisch sind (auf Israel gleiche Maßstäbe anlegen wie auf Andere), können sie meist auch rassistisch sein, wie sie wollen. Auch die AfD hetzt heute meist politisch korrekt, es gibt aber eine innere Auseinandersetzung diesbezüglich, siehe oben. Einen Deutsch-Nationalismus ausleben ohne Ewiggestrige zu sein, durch “Islamkritik” und Pro-Israel.

“Umso erstaunlicher und begrüßenswerter ist es, was auf der rechten Seite passiert. Die Pro-Israel-Haltung, die sich dort breit macht, könnte nicht nur einer Rechten wie wir sie kannten das Ende bereiten. Dieser Unterschied ums Ganze lässt sich in der Jerusalemer Erklärung nachlesen”                  Sören Pünjer (“bahamas”)

Die “Jerusalemer Erklärung” wurde von den Rechtsextremisten-Führern Strache (begleitet u.a. von Mölzer), Wilders, De Winter, Stadtkewitz, Ekeroth auf ihrer Solidaritäts-Reise 2010 nach Israel abgegeben. Strache absolvierte, ebenso wie andere FPÖ-Funktionäre, in den vergangenen Jahren immer wieder Israel-Besuche, forderte kürzlich auch die Verlegung der österreichischen Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem. Der Wiener Akademikerbund konnte sich ggü “dem Islam” austoben, erst als sie das Verbotsgesetz behandelten… Weitere Querfronten: Jene die zB Rigoberta Menchu attackieren (zB auf Wikipedia), sind oft auf der (philo)zionistischen Seite. Die Selben, die Verschwörungstheorien bezüglich Obama bringen wollen, verteidigen auch den Titel “Elon peace plan” für den entsprechenden Artikel und seinen tendenziösen Inhalt – und die weinen und zetern bzgl einer “Dämonisierung Israels”. Xenophobie und Rassismus in Israel betrifft auch nicht nur Palästinenser und Araber, auch Afrikaner und andere “Nicht-Westler”.

Deutschland war mit der BRD endlich im Westen angekommen; nicht mehr imperialer Eigenweg sondern Teilnahme am West-Imperialismus. Daran kann ja nichts falsch sein, das steht ja im Gegensatz zum NS, oder? Es gab aber nicht nur eine gewisse personelle Kontinuität aus dem NS (auch bzw nicht zuletzt in Bereichen die Zusammenarbeit mit IL betrafen, wie Gehlen/BND), sondern auch eine gewisse inhaltliche. Gunnar Heinsohn machte eine „deutsche Impotenz“ nach WK II durch die Akzeptanz des Verlusts der Ostgebiete aus und stellte sie der moslemisch/arabisch/palästinensischen Politik gegenüber Israel gegenüber (schrieb in dem Zhg vom Streben nach Atombombe, die Präventivschläge „rechtfertigen“ würden und Vernichtungsträumen).39 Heutzutage drehen sich viele Befunde und Szenarien bzgl Westen/Europa um „Entvölkerung“ (niedrige Geburtenrate), Masseneinwanderung (> Moslems), dass man nicht wehrhaft genug sei, „Appeasement“ betreibe, es „Inländerdiskriminierung“ gäbe, eine “Dekadenz der deutschen Aufnahmegesellschaft” (H. Krauss),…

Migranten werden tendenziell für Rückschrittliches verantwortlich gemacht, wobei dieses verschiedentlich definiert wird. Osteuropa ist für manche Neokonservative und Kulturkrieger einerseits gelobtes Land, u.a. weils dort einige naiv-proamerikanische Strömungen gibt, andererseits zurückgebliebenes “antisemitisches Gebiet”. In einer Drop-Veranstaltung war von der „Refugee Crisis“ die Rede, mit der Wahl des englischen Wortes wollen sich die österreichischen “Anti”deutschen auf unverfängliches Terrain begeben, von ihrem Völkischen ablenken, nein fremdenfeindlich sind sie ja nicht… Über jene Afrikaner, die versuch(t)en, nach Israel zu kommen, werden sie eher nicht geredet haben.

“Islamophobie” ist genau so wenig berechtigte Angst vor etwas Schlimmen wie “Homophobie”. Islamophobie ist Feindschaft ggü Subjekten (und ihrer Kultur), nicht Feindschaft ggü Religion, sie ist Feindschaft/Dämonisierung über diese Religion. „Islamophobie“ sei eine Erfindung Khomeinis. Jene, die im historischen oder aktuellen Kontext am meisten unter “dem Islam” litten/leiden, wie ein Grossteil der Iraner, werden von Islamophoben genau so verachtet… Hinter “Islamkritik” steckt oft Menschenfeindlichkeit und Xenophobie. Und, vieles den Moslems bzw dem Islam Zugeschriebene, von Zwangsheiraten über religiösen Fanatismus und Ehrenmorden bis Genitalverstümmelung kommt auch (oder nur) bei solchen vor, die nicht nur keine Moslems sind, sondern auch für (manche) Islamophobe positiver Gegenpol zu diesen > christliche Afrikaner, Assyrer, Mizrahis, Südeuropäer,…40

Als Claus Peymann eine Aufführung im Iran plante, waren die dort regierenden (schiitischen) Islamisten wie auch westliche Islamophobe dagegen. Das iranische Regime machte Ebadis Nobelpreis madig, nur naturwissenschaftliche Preise seien wirklich was wert, genau so machen es Islamophobe. Sarrazin rechnete vor, es gäbe 840 Nobelpreisträger, 250 davon seien jüdischer Abstammung, nur 4 aus der islamischen Welt. Er hat nicht deutsche oder weisse Wissenschafter den farbigen ggü gestellt sondern es politisch korrekt gemacht. Zwischen linken und rechten Philozionisten bzw Islamophoben gibt es gewisse Widersprüche, in Wien etwa zwischen der Cafe Critique-Szene und jener vom Club der Freunde Israels (> Akademikerbund,…); die Behauptung dass Zionismus im Gegensatz zu Nationalismus stünde einerseits, und der “Blick” von Nation zu Nation andererseits; “Jungle World” oder aber “Junge Freiheit”, „Kritische Islamkonferenz“ einerseits und „Counterjihad Conference“ andererseits. Grigat oder sein Kollege als “Presse”-Kolumnist, Mölzer.

Daniel Pipes freut sich darüber, dass Europa immer rassistischer wird, pardon “sich auf seine Wurzeln besinnt”. FPÖ, BNP, VB, FN, PVV,… sollen Moslems Einhalt gebieten. Robert Spencer redete nicht nur positiv über die Kreuzzüge, er zollte auch Tribut an Jörg Haider. Geert Wilders sagte, das Sarrazin-Buch sei Anzeichen dafür dass Deutschland mit sich ins Reine kommt, den Schuldkomplex überwunden habe… Er ist auch für ein Schächtverbot. Er hat Hofer via Twitter Erfolg bei der Bundespräsidentenwahl gewünscht. Solange er aber seinen Rassimus als „Anti-Jihad“ ver-kleidet… Eine Allzweck-Diffamierungs-Masche; Strache sagte, Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou führe einen regelrechten Dschihad gegen die Autofahrer.

Material jenseits von Kriegspropaganda ist zu dem Thema nicht so leicht zu finden, hier einige Bücher, Dokus, wissenschaftliche Arbeiten und IT-Links, ohne Gewähr auf absolute Seriosität:

Michael Lüders: Iran: Der falsche Krieg. Wie der Westen seine Zukunft verspielt (2012). Negative Kritiken von den Drop-Teilnehmern Küntzel und Tempel bestätigen, dass es mehr Störenfriede wie ihn braucht, die nachfragen.41

Scott Ritter: Target Iran (2007; Englisch)

Trita Parsi: Treacherous Alliance: The Secret Dealings of Israel, Iran, and the United States (2007; Englisch)

Haggai Ram: Iranophobia: The Logic of an Israeli Obsession (2009; Englisch)

Gareth Porter: Manufactured Crisis: The Untold Story of the Iran Nuclear Scare (2014; Englisch)

Bahman Nirumand: Iran Israel Krieg (2012)

David Patrikarakos: Atommacht Iran. Die Geburt eines nuklearen Staates (2013; englisches Original 201242)

Majid KhosraviNik: Discourse, Identity and Legitimacy: Self and Other in representations of Iran’s nuclear programme (2015; Englisch)

M. Onderco: Iran’s Nuclear Program and the Global South: The Foreign Policy of India, Brazil, and South Africa (2015; Englisch)

Mehdi Sarram: Nuclear Lies, Deceptions and Hypocrisies (2017; Englisch). Der Autor hat in der ersten Phase des iranischen Atomprogramms (in den 1970ern) mitgearbeitet

Henner Fürtig: Großmacht Iran: Der Gottesstaat wird Global Player (2016)

Ulrich Ladurner, Gero von Randow: Die iranische Bombe. Hintergründe einer globalen Gefahr (2006)

Mohammad Homayounvash: Iran and the Nuclear Question: History and Evolutionary Trajectory (2016; Englisch)

Mohammed El Baradei: Wächter der Apokalypse. Im Kampf für eine Welt ohne Atomwaffen (2011)

Seyed Hossein Mousavian: The Iranian Nuclear Crisis: A Memoir (2012; Englisch). Mousavian ist ein ehemaliger Atom-Unterhändler, wurde unter Ahmadinejad aufgrund von Spionage-Vorwürfen verhaftet, lebt jetzt in der USA

Heinz Gärtner (Herausgeber): Obama and the Bomb: The Vision of a World Free of Nuclear Weapons (2011; Englisch)

Anwar Alam: Iran & Post-9/11 World Order: Reflections on Iranian Nuclear Programme (2009; Englisch)

Hamad Subani: The Secret History of Iran. How Iran is the Key to both the Survival & the Destruction of the Islamic World (2013; Englisch)43

Farhad Rezaei: Iran’s Nuclear Program: A Study in Proliferation and Rollback (2017; Englisch)

Asadollah Alam: Diaries of Asadollah Alam, 1968-1977, 7 Bände (veröffentlicht 1993 – 2014; Englisch)

Sung-Ju Cho: The Politics of Nuclear Cooperation. A Diversionary Peace Theory of Non-Proliferation (2017; Englisch)

Akbar Etemad: Iran. In: Harald Müller (Hg.): European Non-Proliferation Policy (1987; Englisch)

Reza Zia-Ebrahimi: When the elders of Zion moved to Eurabia: Continuities and transmutations between conspiratorial antisemitism and islamophobia (In Vorbereitung; Englisch)

Zalmay Khalilzad: Iran. The Nuclear Option (1977; Englisch)

Michele Gaietta: The Trajectory of Iran’s Nuclear Program (2015; Englisch)

Sebastian Sons: Auf Sand gebaut (2016). Über den “problematischen Verbündeten” Saudi-Arabien

Seymour M. Hersh, Atommacht Israel. Das geheime Vernichtungspotential im Nahen Osten (1991)

Shyam Bhatia: Nuclear Rivals in the Middle East (1988; Englisch)

Moritz Pieper: Hegemony and Resistance around the Iranian Nuclear Programme: Analysing Chinese, Russian and Turkish Foreign Policies (2017; Englisch)

Hamid Dabashi: Iran, the Green Movement and the USA: The Fox and the Paradox (2010; Englisch)

Bahman Nirumand: Iran. Die drohende Gefahr (2006)

Jeffrey T. Richelson: Spying on the Bomb: American Nuclear Intelligence from Nazi Germany to Iran and North Korea (2013; Englisch)

Shahram Chubin: Iran’s Nuclear Ambitions (2006; Englisch)

Trita Parsi: Losing an Enemy: Obama, Iran and the Triumph of Diplomacy (2017; Englisch)

Emmanuel Todd: Weltmacht USA: Ein Nachruf (2003)

Daniel H. Joyner: Iran’s Nuclear Program and International Law (2016)

Eric Laurent: Bush, l’Iran et la bombe : Enquête sur une guerre programmée (2008; Französisch)

Wyn Q. Bowen and Matthew Moran: Living on the Edge: Iran and the Practice of Nuclear Hedging (2016; Englisch)

Fartash Barvarz: Islamic Atomic Bomb Cookbook (2010; Englisch)

Anne Hessing-Cahn: Determinants of the Nuclear Option: The Case of Iran. In: Onkar Marwah, Ann Schulz (Hg.): Nuclear Proliferation and the Near Nuclear Countries (1975; Englisch)

Paul Erdman: The Crash of ’79 (1976; Englisch). Roman

David Schwarzbach: Iran’s Nuclear Program: Energy or Weapons? (1995; Englisch)

Charlotte Wiedemann: Der neue Iran: Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten (2017)

Ali M. Ansari: Perceptions of Iran. History, Myths and Nationalism from Medieval Persia to the Islamic Republic (2013; Englisch)

Mitchell Reiss, Robert S. Litwak (Hg.): Nuclear Proliferation after the Cold War (1994; Englisch)

Beston Husen Arif: Iran’s Nuclear Program and the future of Israeli-Iranian Relations (2016; Englisch)

Shida Bazyar: Nachts ist es dunkel in Teheran (2016)

Daniel Poneman: Nuclear Power in the Developing World (1982; Englisch)

Joachim Krause (Herausgeber): Iran’s Nuclear Programme: Strategic Implications (2012; Englisch)

Ali Mirsepassi: Democracy in Modern Iran: Islam, Culture, and Political Change (2010; Englisch)

Steve Weissman und Herbert Krosney: The Islamic Bomb (1981; Englisch)

Shaul Bakash: The Reign of the Ayatollahs: Iran and the Islamic Revolution (1984; Englisch)

Frank Barnaby: How Nuclear Weapons Spread. Nuclear-weapon proliferation in the 1990s (1993; Englisch)

Norton Belknap, Guido Brunner, Akbar Etemad: Probleme der Kernenergie (1989)

Mehran Tamadonfar: Islamic Law and Governance in Contemporary Iran: Transcending Islam for Social, Economic, and Political Order (2015; Englisch)

Al J. Venter: Iran’s Nuclear Option: Tehran’s Quest for the Atom Bomb (2005; Englisch). Venter vertritt hier usraelische Positionen  – diese Haltung kam aus einer Apartheid-apologetischen Position heraus, die u.a. in seinen früheren Publikationen evident sind; die Bücher von Küntzel, Jafarzadeh, Melman/Javedanfar, Ottolenghi, Raddatz oder Rados habe ich nicht angeführt

Film-Dokumentation: David Carr-Brown und Dominique Lorentz: La République atomique (2001; Französisch)

Hossein Haghshenas: Oil Development and Social Change in Iran Since 1953 (Abschlussarbeit in Soziologie University of North Texas 1982; Englisch)

Der im 2. Teil erwähnte Artikel von Kenneth Waltz

Über die Gefahr eines Donald Trump mit Verfügungsgewalt über Atomwaffen

Freeing Israel from its Iran bluff

Terence McNamee und Greg Mills: Denuclearizing a regime. What South Africa’s nuclear rollback might tell us about Iran. In: “Defense & security analysis” 3/2006, S. 329-335

http://www.lorientlejour.com/article/1069280/speculations-sur-un-changement-dans-les-relations-entre-teheran-et-riyad.html

Farzad Bazoft: Iran Signs Nuclear Deal. In: „The Observer“ 12. Juni 1988

Scott D. Sagan: Why Do States Build Nuclear Weapons? In: “International Security” Winter 1996/97 S. 54-86

David Albright: An Iranian Bomb? In: “The Bulletin of the Atomic Scientists” 51 (March-August 1995) S. 22

Zur Wahl des Baradei-Nachfolgers als IAEA-Chef

Artikel von Scott Ritter, über Obamas Politik ggü dem iranischen Atomprogramm, dessen Einschätzung, dessen Diffamierung, viele technische Details über das Programm

Von Trita Parsi auf “Intercept” über den Atomstreit

Jürgen Todenhöfer darüber

Bei Juan Cole über Rohanis Stellung im Regime nach dem Nukleardeal

1. von 3 Teilen über das iranische Nuklearprogramm auf Payvand.com, die anderen beiden Teile sind dort verlinkt

IAEO-Berichte

Weniger schmeichelnd für Drop the bomb & den Israel-Akklamations-Pöbel 

Gareth Porter über die Argumente des Ex-IAEO-Offiziellen Olli Heinonen gegen Atom-Verhandlungen mit dem Iran

Über die Volksmujahedin

Über den Partner des Westens, Saudi-Arabien, und seinen De-facto-Herrscher

http://www.iaea.org/newscenter/focus/iran/chronology-of-key-events

http://www.juancole.com/2017/10/giraldi-controversy-mideast.html

atomwaffena-z.info > iran

Über Trumps Bündnis mit Diktatoren gegen Iran

http://theintercept.com/2015/03/02/brief-history-netanyahu-crying-wolf-iranian-nuclear-bomb/

H. Akbulut von der OIIP über den “Iran-Deal”

Israel und seine Instrumentalisierung kurdischer Anliegen

Über Atoms for Peace

Beispiel für Kriegspropaganda mit deutscher Beteiligung 

Über den vom iranischen Regime kultivierten schiitischen Märtyrerkult

Einiges Wahre über Irans angebliche Isolation, die wahre Haltung der iranischen Opposition und wahre Beweggründe der anti-iranischen Bündnispartner; aus 2012, noch zu Zeiten von Obama und Ahmadinejad an der Macht

Die Aufrüstung des Iraks gegen Iran in den 1980ern

Unter Anderem über dt. „Israel-Solidarität“

Über Netanyahu ’12 vor der UN-Vollversammlung

Islamophobe Homosexuellen-Instrumentalisierung

“Anti”deutscher Aufmarsch

Noch relativ ausgewogene Berichte rund um USA und Iran, aus us-amerikanischer Perspektive

http://de.qantara.de/inhalt/interview-mit-kay-sokolowsky-rassismus-im-gewand-der-islamkritik

zcomm.org/znetarticle/new-insights-into-the-islamic-republic-of-iran-by-ali-fathollah-nejad/

propagandaschau.wordpress.com/2013/11/20/anti-iranische-hetze-im-sogenannten-atomstreit/

www.hintergrund.de/politik/welt/sanktionen-gegen-iran-zeigen-doppelmoral-der-staatengemeinschaft/

propagandaschau.wordpress.com/2015/07/20/paul-craig-roberts-die-wahren-gruende-fuer-das-iran-abkommen/

dissidentvoice.org/2011/03/projecting-israels-crimes-onto-iran

zcomm.org/znetarticle/netanyahus-hysterical-rhetoric-on-iran-seeks-to-divert-attention-from-west-bank-settlement-building/

www.youtube.com/watch?v=neezCiTaRxw (Doppelte Standards beim iranischen Nuklearprogramm)

www.youtube.com/watch?v=3Dmz8JO9zIw (Übersicht über das iranische Atomprogramm und den Streit darüber)

Treffende Latuff-Zeichnung 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Und westliche Politiker/Kommentatoren, die keinen Krieg oder Regimwechsel von aussen wollen bzw differenzieren, als feige “Appeaser” diffamiert
  2. War zB auf „gatesofvienna“, das von Edward May („Baron Bodissey“) gemacht wird, welcher u.a. Palin, FPÖ, Caroline Glick, „Fjordman“, Breivik unterstützt(e)
  3. Die Schikanen gegen die Bevölkerung des Gaza-Streifens begannen vor der Hamas-Machtübernahme…und die Schaffung dieses “Streifens” noch viel früher
  4. „Stop the bomb“ sagen und „Drop the bomb(s)“ meinen
  5. “…Kann es kaum Zweifel geben, dass der Bau von Nuklearwaffen geplant ist“
  6. Die IKG unterstützt(e) nicht nur die Kampagne, etliche ihrer Veranstaltungen fanden auch in ihren Räumlichkeiten statt
  7. Nachsicht und Toleranz für Nazis
  8. 07, als Drop startete, kam die in Teil 2 erwähnte USA-Geheimdienst-Einschätzung zum iranischen Atomprogramm heraus – und das zu Bush-Zeiten…
  9. Und zwar nicht trotz sondern wegen Bush & Sharon
  10. Eine andere Veranstaltung, bei der Sivich als Moderatorin auftrat, wurde mal im rechten Internetforum gegen-islamisierung.info angekündigt, ein Forum, dass laut eigener Darstellung “über aktuelle Aktionen, die sich gegen die Verbreitung des Islams in unserer europäischen Heimat richten” berichtet; es könnte eine Alternativausgabe von “missioneuropakarlmartell” sein
  11. “Derstandard” hat aber neben all dem Kampagnenjournalismus auch etwas Pluralismus
  12. An der Universität Wien…
  13. Es gibt hier ein Netzwerk von Ziocon-Gruppierungen, die von Aubrey Chernick finanziert werden (zB CAMERA), auch israelische Siedlungen in den palästinensischen Restgebieten werden das
  14. > Fort Sumter, Tonkin-Golf, USS Maine, Überfall auf den Sender Gleiwitz,…
  15. Grigat hat Kontakte zum IDC Herzliya, das an den israelische Militär- und “Sicherheits”-Komplex angeschlossen ist
  16. Ob lysis/rhizom den ersten Satz des letzten Absatzes in dem verlinkten Artikel heute noch so schreiben würde, weiss ich nicht
  17. Sie ist der Hauptgrund, dass diese Zeitung nicht ganz abzuschreiben ist
  18. Zum Brückenschlag der Drop-Macher zur (offen) rechten Islamophobie folgt noch was
  19. Moshe Zuckermann hat sich zu den mutmaßlichen Befindlichkeiten Broders geäussert: Juden wie ihn bewege wohl eine andere Form der Schuld, die Tatsache, dass sie es selbst nicht geschafft haben, sich in Israel eine Existenz aufzubauen. Vermutlich würde man ihm dort auch nicht so viel durchgehen lassen wie in Deutschland und er hätte auch nicht so ein dankbares Publikum. Interessant wird es ja auch, wenn Broder bei islamophoben Aktionen nicht mit von der Partie ist. Etwa, als vor wenigen Monaten zehntausende Katholiken in Polen (Broders Herkunftsland) an den Aussengrenzen des Landes Menschenketten bildeten und Gott um die „Rettung Polens und der Welt“ baten. Zu der Aktion „Rosenkranzgebet an den Grenzen“ hatte auch die polnische Bischofskonferenz eingeladen. Gegner sprachen von einer „islamophoben Aktion“
  20. Vermutlich von Albert Steinhauser, der bei späteren Drop-Veranstaltungen auch aktiv mitwirkte
  21. Dass diese Weltregion immer zur negativen Skandalisierung “taugt”, egal was geschieht, zeigte sich zB im Umgang der rechtspopulistischen Gratiszeitschrift “Österreich” mit den damaligen Demokratieprotesten und ihrer Niederschlagung: Schlagzeilen wie „Iran-Rakete reicht bis Österreich“, „Bürgerkrieg“, „Iran wird zu Bedrohung für ganze Welt“,… In “Talk of town” auf Puls4 wurde damals diskutiert „Wie sehr bedroht Iran die Welt? – Wahlbetrug, Folter, Atombombe!“. Daran sieht man auch, dass die Opfer des Regimes und das Regime sehr wohl in einen Topf geworfen werden
  22. Die „Zusammenarbeit“ ergab sich, gegen das von Schah-Regime, und Linke haben bitter bezahlt
  23. Manchmal mit dem Zusatz “und um den Restbestand politischer Vernunft!“
  24. „Orient“ bezeichnete früher die östlich von Italien liegenden Länder; ist im Grunde eine genau so eurozentrische Bezeichnung wie “Naher Osten”, etc
  25. Bei manchen Deutschen in diesem Milieu fallen die Österreicher schon irgendwie in diese Kategorie von zu belehrenden Menschen; so etwas gibt es auch in der Zusammenarbeit von (offen) Rechtsextremen aus den beiden Ländern
  26. Hat da jetzt jemand “Akademikerbund” gelesen?
  27. Sie ist Präsidentin der Aktion gegen den Antisemitismus in Österreich, unterstützt(e) diverse Drop-Veranstaltungen
  28. In der Bearbeitungszusammenfassung der Initiation des Artikels stand: “Einer der aktuell prominentesten linken Antisemitismus- und Iran-Kritiker”
  29. Wobei es rechts von Broder ohnehin nicht mehr viel gibt
  30. “Antisemiten und Todfeinde jeglicher emanzipatorischen Bestrebung” sagte er über das iranische Regime. Bei KSA sehen wir das etwas pragamatischer, nicht? Und auch bei anderen Freunden des Westens und Israels. Und der Rassismus aus/in Israel ist ohnehin ein Anathema, Israel kommt nur als potentielles Opfer das sich wehrt und Objekt der Beschönigung sowie eigenen Profilierung vor
  31. Es wird auch immer wieder unterstellt, dass Israel und “der Westen” die gleichen Interessen hätten (haben sollten) und dies die moralisch richtige Seite sei. Dass sich diese Interessen gegen die “islamische Welt” richteten, wird dadurch zu verschleiern versucht, indem man deren “innere” Gräben benutzt
  32. Nun konnte man nicht mehr Kritik an US-amerikanischer Politik (im aktuellen wie historischen Kontext) als „anti-amerikanisch“ klassifizieren und von dort elegant die „Verbindung“ zum „Antisemitismus“ herstellen
  33. Politische Gefangene in Ägypten oder Israel oder Saudi-Arabien? Schwamm drüber, die werden schon etwas verbrochen haben. Das ist sicher kein Kulturrelativismus…
  34. Beziehungsweise, auch die Intensität deutsch-israelischer Beziehungen auf verschiedensten Ebenen, bis hin zu Übungen der Bundeswehr dort
  35. Dass Meuthen vom “versifften linksgrüne 68er-Deutschland” redet, tut hier eigentlich nichts zur Sache
  36. Die Tschechoslowakei unterstützte die Schaffung Israels, nicht zuletzt waffentechnisch
  37. “Feindaufklärung und Reeducation”, Titel eines Grigat-Buchs. Bei Veranstaltungen in den früheren 00ern faselte er auch von “Antifaschismus auf US-Bajonetten”
  38. exit-online.org
  39. Wenn jemand so etwas über Israel schreiben würde, bekämen Einige gleich einen Herzinfarkt
  40. In einem Grigat-Buch schreibt ein Frischberg: “In den 1990er Jahren lautete die gängige Redewendung, die Türken seien die Juden von heute. Spätestens in diesen Zusammenhang tauche die Wortschöpfung ‘Antiislamismus’ auf, die weniger verschämt als der Begriff ‘Islamophobie’ das Bestreben nach Nivelierung des Antisemitismus offen legt.” Darum gehts also auch bei der Relativierung der Islamophobie
  41. Die Drop-Teilnehmerin Akrap schrieb, in der „taz“, eine Hymne als „Rezension“ zu Ostensacks Buch über den Iran
  42. Nuclear Iran: The Birth of an Atomic State
  43. Mit der Möglichkeit eines zarathustrischen “Revivals” im Iran befasst sich Bijan Gheiby in seinem Buch “Zarathustras Feuer: Eine Kulturgeschichte des Zoroastrismus” (2014)

Das iranische Atomprogramm. Teil 5: Iran, Juden und Israel

Wenn man so will, sind in diesem “Atomstreit” Iran und Israel die beiden Gegenpole. Daher ein Kapitel zum historischen Verhältnis der Völker dieser Staaten.

Man kann trotz Allem nicht von einer einhelligen gegenseitigen Ablehnung oder historischen Feindschaft zwischen Iranern und Juden sprechen. Es handle sich hierbei um ein kompliziertes Verhältnis zwischen Nähe und Verachtung, hat einmal jemand gesagt. Die scharfen Attacken Ahmadinejads, die Haltung des iranischen Regimes, die rassistischen Pöbeleien eines Lieberman, Drohungen eines Netanyahu,… stehen in einem gewissen Kontrast zur gemeinsamen Geschichte. Immerhin haben Ahmadinejads Vorgänger Chatami und sein Nachfolger Rouhani auch den Holocaust auch (als Tragödie) anerkannt.1 Der (aus Irak stammende) israelische Rabbiner Ovadia Yosef2 liess seine Anhänger für die Zerstörung Irans und den Tod der Iraner “beten”.

In Sportbegegnungen IR-IL gab es in den letzten Jahrzehnten auch immer wieder Wirbel, um iranische Sportler, die Duellen mit israelischen Athleten/Vereinen aus dem Weg gingen. Einige dieser “Boykotte”, wie die der Fussballer Minavand oder Hashemian mit ihren österreichischen/deutschen Klubs, waren aber von möglichen Konsequenzen durch das iranische Regime bei einem Antreten in der “zionistischen Einheit” motiviert. Und es gab auch Diskriminierungen bei westlichen Vereinen tätiger moslemischer Sportler durch israelische Behörden bei der Einreise, Rassismus des israelischen Publikums ggü moslemische Sportler,… Otla Pinnow über “olympische Peinlichkeiten” zwischen Iran und Israel 2016. Ein grundsätzlicher Unterschied: Iran hat nicht die Regierung, die das Volk repräsentiert, Israel sehr wohl. Die Bevölkerung Israels hat deren Politik gewählt.

Am Anfang dieser Beziehung stand, vor etwa 2500 Jahren, die persische Eroberung des Neu-Babylonischen Reichs. Der persische König Kyros(h) ermöglichte in deren Folge den nach Babylonien exilierten Juden die Rückkehr in ihre Heimat und die Wiedererrichtung ihres Tempels in Jerusalem. Im Tanach (Nebiim, Buch Jesaja) wurde er daher sogar als “Messias” bezeichnet. Andere antike Begegnungen, u. a. den Purim-Mythos, werden in einem der nächsten Artikel behandelt, in dem es um die Bibel und ihre Vorbilder gehen wird. An dieser Stelle sei die Frage nach der Kontinuität zwischen alten und modernen Juden angerissen; bei den Mizrahis (und somit auch bei den Juden Persiens) dürfte das aber weniger fraglich sein. Juden erlebten in Persien/ Iran auch die Islamisierung des Landes in Folge der Niederlage der Sassaniden gegen die raschidischen Kalifen aus Arabien.

Infolge der Islamisierung verlor Persien wie in Teil 4 erwähnt für Jahrhunderte seine Unabhängigkeit. Als es sie unter den Safawiden in der frühen Neuzeit wieder gewann, waren verschiedene historisch persische Gebiete nicht mehr dabei (unter der Herrschaft benachbarter Mächte), andere Gebiete gingen vom 16. bis zum 20. Jh verloren. In diesen Gebieten des historischen Gross-Irans (Iran-e bozorg) gab und gibt es auch persisch geprägte jüdische Gruppen. Das betrifft Gebiete im Kaukasus, Mesopotamien und Zentralasien, die unter osmanische, russische oder britische Herrschaft kamen, und im 20. Jh unabhängig wurden.3 In Persien selbst gab es für Juden verschiedene Diskriminierungen, wie auch für andere Nicht-Moslems bzw Nicht-Schiiten.

Die Schaffung eines jüdischen Staates im osmanischen Palästina soll auch eine Anregung Schah Nasr ad Dins gewesen sein4. Dies wurde dann ja von westlichen Juden umgesetzt, unter deren Einfluss auch die persischen seit Ende des 19. Jh gerieten (zunächst über die Alliance Israélite Universelle); nach dem 1. WK kam die Region unter westliche Vorherrschaft, zumindest für einige Jahrzehnte. Die persische Verfassungsrevolution (Maschrutiye) Anfang des 20. Jh brachte Juden (und anderen religiösen Minderheiten) Festmandate im Parlament und andere Verbesserungen. Die erste Einwanderung von Juden aus Persien nach Palästina, aufgrund des dortigen zionistischen Projekts, erfolgte noch in osmanischer Zeit (u.a. Rabbiner Elazar), die zweite „Welle“ kam nach dem 1. WK bis zum Ende des britischen Mandats – in dieser Zeit kamen u.a.: Avraham “Abie” Nathan5, über das britische Indien; der spätere Avodah-Politiker Mordechai Zar; und Eli(yahu) Avivi, der Gründer von Akhziv-Land.

Auch die Gründer der Baha’i-Religion hatte es aus Persien nach Palästina verschlagen, die Gruppe um Baha’ullah kam 1868 nach Akka. Durch die Ausrufung “Israels” dort 1948 liegen die Mausoleen ihrer Gründer/Propheten und ihre wichtigsten Zentren/Verwaltungssitze im jüdischen Staat, im Raum Haifa. Durch die Diskriminierungen nach der von Islamisten gestohlenen Revolution wurden die iranischen Baha’i nahe an jüdische internationale (westliche) Organisationen herangeführt. Etwa bei der Auswanderung aus Iran (aus der Islamischen Republik).6

Während des zweiten grossen im 20. Jh von europäischen/westlichen Mächten ausgefochtenen Kriegs, zur Zeit der Absetzung Schah Reza Pahlevi I. durch Alliierte (> Teil 4) und Ersetzung durch seinen Sohn, half der Iran verfolgten Juden aus und in Europa. 1939, nach der Besetzung Polens durch nazideutsche und sowjetrussische Armeen, wurden Tausende Polen, darunter Juden, als Gefangene nach Sibirien gebracht. Als Hitler 1941 die SU angreifen liess, liess Stalin die polnischen Gefangenen befreien, so dass sie sich einer der polnischen Exil-Armeen anschliessen konnten. Die polnische “Anders-Armee” sollte in Afrika gegen Rommels Truppen kämpfen, wurde im Iran versammelt. Die Polen aus der SU gelangten über die Usbekische SSR dort hin. Jene jüdischen Kinder unter ihnen, die Waisen waren und denen im Iran Zuflucht gewährt wurde, wurden Teheran-Kinder genannt. Ein Teil der Teheran-Kinder blieb im Iran7, ein Teil wurde dort von zionistischen Gruppen für das Projekt in Palästina abgeholt und eingespannt, ein Teil ging mit der Anders-Armee ins britisch besetzte Palästina (auf dem Weg nach Nord-Afrika), wo wiederum ein Teil (bei den Zionisten) blieb8, und einer weiter ging, um zu kämpfen.

Daneben half der iranische Diplomat in Frankreich, Abdolhossein Sardari. Nach der deutschen Besatzung 1940 wurden die wenigen Iraner auch dort nicht von NS-Verfolgung betroffen, da sie in der NS-Rassentheorie “Arier” waren.9 Sardari erreichte (bei den Nazis und dem Vichy-Regime), dass dieser Status auch auf die jüdischen Iraner in Frankreich ausgedehnt wurde, und diese dadurch verschont wurden.10 Sardari verschaffte darüber hinaus nicht-iranischen Juden iranische Identitäten bzw Pässe… Das Leben Sardaris, “Oskar Schindler des Iran”, verlief in mancher Hinsicht tragisch, was aber nicht hier her gehört. Sein Neffe Amir Howeida war lange Premierminister unter dem letzten Schah, wurde im April 1979, im Zuge der Revolution, hingerichtet.11 Diese iranischen Hilfsaktionen kamen zur Zeit von Umbrüchen und der Besetzung des Irans.

Anfang der 1950er gab es eine israelische Auswanderungsaktion iranischer Juden nach Israel („Operation Kyrosh“), nicht vergleichbar mit den Aktionen aus Irak oder Jemen, u.a. weil Iran (als nicht-arabisches Land und mit einem pro-westlichen Regime) nach der Gründung Israels in Palästina auf Kosten der Palästinenser offen für Beziehungen mit diesem Staat war. Damals kamen auch Mussa Quasab (> Moshe Katsav), Shahrām Mofazzazkār (> Shaul Mofaz) und Eliezer Avtabi; das sind 3 der 4 bislang im Iran geborenen Knesset-Abgeordneten bzw israelischen Spitzenpolitiker (der vierte war der erwähnte Zar). Avtabi war für die National-Religiöse Partei (MDL) aktiv, Kazav für Likud, Mofaz (der zuerst militärische Karriere machte) für Likud und Kadima. Jüdische Iraner waren aber auch in der kommunistischen Tudeh-Partei vertreten, wanderten in den Westen aus oder waren unter dem Schah als Unternehmer aktiv. Manche übersiedelten in der Zeit von den 50ern bis ’79 auch hin und her zwischen Iran und Israel, wie die Familie des israelisch-iranischen Mode-Designers Eli Tahari.

Das war damals ohne “Versteckspiel” möglich. Die Beziehungen zwischen Iran und Israel wurden ab Ende der 1950er eng. David Ben Gurion verfolgte aussenpolitisch seine Peripherie-Strategie, den Aufbau von Beziehungen zu Staaten der Region, die bereit waren, die Anliegen der Palästinenser und auch der Nachbarn (wie des zB 1956 heimgesuchten Ägyptens) zu übergehen. 1957 wurde mit einem Treffen von SAVAK-Chef12 Teimur Bachtiar mit Mossad-Mann Karuz (der dann die Iran-Kontakte koordinierte) die Grundlage für die Beziehungen der Länder in dieser Phase gelegt. Die sich infolge der Umwälzungen in der Region 1958 (u.a. Umsturz im Irak) noch intensivierten. Die Beziehungen Iran-israel waren eng, aber immer inoffiziell; es wurde Anfang der 1960er eine iranische Gesandtschaft in Tel Aviv innerhalb der Schweizer Botschaft eingerichtet, und eine israelische „Handelsmission“ in Teheran. Auch die hohen gegenseitigen Besuche, wie jener Premier Ben Gurions in Iran 1961, waren inoffiziell.

Die SAVAK folterte (tatsächliche/vermeintliche Regimegegner) mit Anleitung des Mossad. Dies war einer der Gründe (bzw Indikatoren), dass die politische, militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit v.a. zum Nutzen der Israelis war und keine Freundschaft zwischen den “Völkern” entstand, dies war auch nicht erwünscht. Dies trotz der Tatsache, dass es etwa ab 1960 wöchentliche Linienflüge zwischen diesen Ländern gab, später tägliche. Bei vielen Israelis gab es auch hier Widerwillen und Misstrauen ggü allem Orientalischen. Und: Persien/Iran, das Land des mythischen Bösewichts Haman…13 Es ist der (in zionistischen Kreisen) anerkannte Autor Ronen Bergman, der schrieb14, mit Verweis auf Quellen im israelischen Militär-Establishment, man habe dem Iran veraltete Waffensysteme verkauft, für (zu) viel Geld, sei dort königlich behandelt worden.

Der Schriftsteller und Wissenschafter Jalal Al-e-Ahmad (1923-1969) war einer der wenigen nicht-jüdischen Iraner, die nicht für den Staat arbeiteten und in diesen Jahrzehnten nach Israel reisten. 1963 war er für 2 Wochen dort, in einem stark aschkenasisch dominierten Israel (ohne Westbank und so), und er nahm es als eine Art Utopia und potentielles Vorbild für den Iran wahr bzw beschrieb es so. Ungefähr so hat auch auch Hossein Derakhshan (“Hoder”) 43 Jahre später das Land empfunden. Derakhshan hat sich dann davon abgewandt. Und Ahmad nahm auch gegen die “gedankenlose Nachaffung des Westens” Stellung, wie sie damals im Iran in gewisser Hinsicht stattfand. Und prägte den Begriff Gharbzadegi, den man mit “Westfixierung” aber auch “die vom Westen Geschlagenen” übersetzen kann.

Ahmads Leben und Wirken sagt viel über den Iran seiner Zeit aus. Er war zunächst in der kommunistischen Tudeh-Partei aktiv, dann in dessen Abspaltung Dritter Weg, dann in der Arbeiterpartei, eine der Komponenten der Nationalen Front. Nach dem vom Westen organisierten Staatsstreich 1953 war er für einige Jahre inhaftiert und verlor allen Glauben in das Regime des Schahs. Er stand dann wieder dem links von der NF stehenden Dritten Weg nahe. Daneben sympathisierte er auch mit Khomeini und dessen Aufbegehren gegen den Schah 1963/64, das mit dessen Ausweisung endete. Dies waren die Rahmenbedingungen seines Israel-Besuchs und dort gefiel ihm anscheinend, dass das Religiöse nicht komplett von Politik und Gesellschaft ausgeschlossen war.

Iranisches Öl15 deckte 70% des Bedarfs des jüdischen Staats! Als Ägyptens Präsident Gamal A. Nasser Ende Mai 1967 die Meerenge von Tiran für Schiffe von und nach Israel sperrte, traf das hauptsächlich wegen der Schiffe mit iranischem Öl! Der 6-Tage-Krieg wurde nicht zuletzt aus diesem Anlass von Israel vom Zaun gebrochen, und nach dem Krieg begann es den Bau einer Pipeline von Eilat zur Mittelmeerküste, um den Suez-Kanal zu umgehen.

Irakische Juden flüchteten 1969 über den Iran, darunter auch die heutige Islamophobie-Ikone Rita Katz (falls ihre Geschichte stimmt). Schah Mohammed Reza Pahlevi vermittelte zwischen Israel und Ägyptens Sadat. Gegen Ende der Herrschaft dieses letzten Schahs war Yosef Alpher (dort residierender) Iran-Leiter des Mossad. Tausende israelische Geschäftsleute und Regierungsangestellte mit ihren Familien lebten damals in Tehran!16 Im Nachhinein wurde diese Zeit auch gerne als eine voller (legitimer) Bedrohungsängste dargestellt. Uri(el) Lubrani war inoffizieller israelischer Botschafter im Iran von 1973 bis 1978, zuvor u.a. in Uganda. Noch 1977 vereinbarte Israel mit dem Schah-Regime die Entwicklung einer Langstreckenrakete (siehe Teil 1).

Lubranis Nachfolger Hermelin (zuvor Shin Bet, danach Botschafter in Südafrika) und viele andere Israeler (darunter auch in Militärprojekten engagierte) verliessen Iran am 18. Februar 1979, ein Monat nachdem der Schah inmitten der Unruhen das Land verlassen hatte und beinahe 3 Wochen nach der Rückkehr Khomeinis.17 Sie hofften bis zuletzt auf einen Militärputsch, der die Revolution niederschlagen sollte. Vielleicht gab es auch jene, die auf ein Gelingen der Demokratisierungs-Bemühungen von Premier Bachtiar (die bis zum 11. Februar 79 gingen) hofften. Am Tag nach der Abreise der offiziellen Israelis aus dem Iran kam eine palästinensische Botschaft in „ihr“ Gebäude 18; der Abbruch der Beziehungen geschah wahrscheinlich unter der Bazargan-Regierung.

Demonstranten schlugen während der heissen Phase der Revolution die Fenster des Büros der israelischen Fluglinie “El Al” in Teheran ein

Ein aufmerksamer Nutzer von Google Earth hat vor einigen Jahren auf einem Satellitenbild eine “sensationelle Entdeckung” gemacht, hiess es: Auf dem Dach des Teheraner Flughafengebäudes prangt(e) offenbar ein “Davidstern”. Ob er inzwischen entfernt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Möglicherweise waren israelische Ingenieure am Bau (vor der Revolution natürlich) beteiligt und haben sich einen Scherz erlaubt. Viele aus der (bislang herrschenden) Oberschicht verliessen Anfang 1979 den Iran, die meisten westlichen Ausländer, Teile der ethnisch-religiösen Minderheiten. Auch viele Juden; dies wurde durch ein politisches Urteil geschürt. Der jüdische Geschäftsmann Habib Elghanian (Inhaber einer Plastikfabrik,…), eine Führungspersönlichkeit der iranischen Juden, wurde nach dem Zusammenbruch des Schah-Regimes verhaftet, u.a. wurde ihm seine Israel-Connection zum Vorwurf gemacht – die aber offizielle Politik gewesen war. Man wollte an ihm diesbezüglich wohl ein Exempel statuieren; Elghanian wurde verurteilt und im Mai 79 exekutiert.

Die Auswanderungswellen der iranischen Juden halten bis heute an. Von etwa 100 000 vor der Revolution sind etwa 10 000 dort. Zuerst gingen Reiche und v.a. in die USA (zB Ober-Rabbiner Y. Shofet, 1980), später Arme und nach Israel. Teilweise gingen/gehen Juden aus dem Iran auch nach West-Europa, Canada,.. Arye Sharuz-Shalicar’s Eltern gingen nach West-Deutschland, wo er aufwuchs. Seine Zeit in einer “Gang mit Türken”, in der Bundeswehr, die Auswanderung nach Israel, hat er in einer Autobiografie beschrieben. Die deshalb relevant war, weil er inzwischen an vorderster israelischer Propagandafront ggü den Deutschen kämpft, zunächst als ARD-Mitarbeiter, dann als Sprecher des israelischen Militärs. Was die Gebliebenen betraf: Khomeini selbst bestand auf einer Unterscheidung zwischen Zionisten und Juden.

Die Revolution (und der Machtwechsel) im Iran berührte Israel auch, weil sie die regional- und  geopolitische Situation beeinflusste, durch das Erstarken des islamischen Fundamentalismus, den Verlust eines Verbündeten,… Israel wurde für das Mullah-Regime der „kleine Satan“. Khomeini führte den “Quds-Tag” ein (der letzte Freitag am Ende des Fastenmonats Ramazan), als Zeichen der Solidarität mit den Palästinensern bzw als Versuch der Profilierung innerhalb der islamischen Welt. Lubrani oder Mossad-Offizier David Kimche traten für eine militärische Intervention zum Sturz Khomeinis (der zur Vernichtung Israels aufrief) ein.19 Die Kontakte zwischen den Staaten brachen aber nach dem Regimewechsel nicht ganz ab. Nachdem der Irak den Iran 1980 angriff und ein Teil dessen Territoriums besetzte, sahen die Mullahs die Chance, u.a. auf einen Export der “Revolution”. Der „Weg nach Jerusalem führt über Bagdad“, hiess es damals.

Dennoch gab es israelische Waffenverkäufe an den Iran in diesem Krieg, als Teil der Iran-Contra-Affäre; auch die USA beteiligten sich an den Verkäufen und unterstützten auch den Irak… Der Krieg sollte am Laufen gehalten werden; es soll auch Interesse an einer Stärkung radikaler Elemente in Region gegeben haben…20 Kimche spielte in dieser Sache eine Hauptrolle21, neben Oliver North (im Nationalen Sicherheitsrat der USA), dem saudi-arabischen Waffenhändler Adnan Khashoggi, Manoucher Ghorbanifar, Yaakov Nimrodi.

Ghorbanifar war vor der Revolution ein SAVAK-Agent gewesen, kannte daher Nimrodi, damals israelischer Militär-Attachée in Iran, der aus einer irakischen jüdischen Familie stammt. Ausserdem war er Teilhaber der israelisch-iranischen Schifffahrtsgesellschaft22 Starline Iran, die Öl aus dem Iran nach Israel brachte. Nimrodi war israelischer Drahtzieher von Iran-Contra, dann Herausgeber von “Maariv”. Ghorbanifar spielte ausserdem eine Rolle bei einem von Ex-Premier Bachtiar organisierten Putschversuch gegen Khomeini 1980. Ausserdem wurde ihm vorgeworfen, auch für den Geheimdienst der Islamischen Republik gearbeitet zu haben. Die israelischen Waffen an die IR Iran gingen (zT) über Kiel, Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Uwe Barschel soll dabei eine gewisse Rolle gespielt haben (wie auch beim Verkauf von U-Booten für das Apartheidregime in Südafrika), bzw sein Tod damit in Zusammenhang gestanden sein.

Ebenfalls von israelischer Seite involviert in Iran-Contra war Marc Rich (Reich), ein israelisch-schweizerischer Geschäftsmann (Gründer des Bergbaukonzerns Glencore). Darüber hinaus hat Rich dem Iran nach der Revolution geholfen, sein Öl im Westen zu verkaufen, auch nach Israel. Da dies gegen internationale und amerikanische Sanktionen verstiess, wollten ihn USA-Behörden dafür (ausserdem für Steuerbetrug,…) vor Gericht stellen. Die Schweiz lieferte ihn aber nicht aus. “Bill” Clinton begnadigte ihn an seinem letzten Tag als Präsident Anfang 2001, nachdem sich v.a. israelische Politiker dafür eingesetzt hatten und Richs Frau über 1 Million $ an Clintons Wohltätigkeitsprojekte gespendet hatte. Der Israeli Nahum Manbar organisierte Waffenverkäufe an den Iran, wurde ’98 dafür verurteilt.

Wie in Teil 1 erwähnt, war es Anfang der 1990er auch mit den inoffiziellen Verbindungen zwischen Israel und Iran vorbei.23 Was sich auch in der iranischen Unterstützung für die libanesische schiitische Hisbollah zeigte, die gegen die israelische Besetzung des Süd-Libanons kämpfte. Rabin bezeichnete den Iran 92 als „Feind Nr. 1“. Was bei der Aufzählung gegenseitiger “Gehässigkeiten” nie zur Sprache kommt, ist die Darstellung von Iranern und anderen “Orientalen” in Spielfilmen mit (direkter/indirekter) israelischer Beteiligung. Wie “Nicht ohne meine Tochter”. Iraner werden im Westen gerne als “Terroristen” und “Fanatiker” gesehen, und daran haben solche Filme einen erheblichen Anteil. Dass die Verbreitung rassistischer Stereotypen für das iranische Regime kein Problem sind, sondern nur „Angriffe“ auf den Islam, zeigt einmal mehr, wie schlecht und einseitig es über den Iran herrscht und dass die meisten Auslands-Iraner im Gegensatz zu ihm stehen.

Unter Ahmadinejad und dann Netanyahu kamen die Beziehungen an einen Tiefpunkt. Die tatsächliche Bedeutung der Unterdrückung der Palästinenser für die Iraner ist eine schwierige Frage. Die Instrumentalisierung des israelischen Terrors gegen die Palästinenser (Häuserzerstörungen, Land-Enteignungen, willkürliche Verhaftungen,…) durch das iranische Regime hat eher den gegenteiligen Effekt… Die Islamische Republik Iran gibt sich ggü Israel/Palästina arabischer als die Araber. Auch, um von der Unterdrückung der eigenen Bevölkerung abzulenken. In einer öffentlichen Erklärung des Koordinationskomitees der Studentenbewegung für Demokratie im Iran gegen die Abhaltung des al-Quds-Tags 2002 hiess es: “Na Gaze, na Lubnan – Janam fadayeh Iran (Nicht Gaza, nicht Libanon, für Iran gebe ich mein Leben)…Lasst Palästina in Ruhe, … denkt an uns!”

Was die im Iran verbliebenen Juden betrifft, es gibt keine Anschläge oder Übergriffe auf sie, für sie gelten die selben Grenzen der Freiheit wie für andere Iraner auch. Es ist noch immer eine relativ grosse jüdische Gemeinschaft in der islamischen Welt, die grösste neben Marokko, Türkei, Tunesien, Usbekistan,… Und, es gibt geheime Auswanderung und Besuche, über Drittländer. Reisen iranischer Juden nach Israel und von Israelis iranischer Herkunft in den Iran sind häufig, gehen über Türkei oder Zypern. Die Flugroute über Istanbul ist die bevorzugte. Die jüdischen Iraner die nach Israel reisen, bekommen im Judenstaat nicht ihre iranischen Pässe gestempelt, sondern ein separates Blatt. Unter den Präsidenten Chatami und jetzt Rouhani haben iranische Behörden diese Reisen tendenziell wissentlich ignoriert, unter Ahmadinejad war das anders.

Die Auswanderung von iranischen Juden erfolgt offiziell oder klandestin (und organisiert), u.a. über Pakistan und Armenien. Uriel Davidi-Khansari etwa war nach der Auswanderung von Rabbi Shofet 1980 bis 1994 Oberrabbiner gewesen. 1994, am Ende seines Lebens, wanderte er nach Jerusalem aus. Unterstützt/ organisiert wird die Auswanderung von der zionistischen HIAS (über Wien, auch für andere Nicht-Moslems aus dem Iran) und der antizionistischen Rav Tov; es gibt auch finanzielle Anreize jüdischer und christlich-evangelikaler Organisationen. Im Jahr 2000 wurden in Schiras einige Juden der Spionage für Israel angeklagt; tatsächlich ging es hier wahrscheinlich auch um Reisen solcher Art. Umgekehrt ist 2008 ein Israeli iranischer Herkunft wegen des Verdachts auf Spionage für den Iran verhaftet worden. Die jeweiligen Konsulate in Istanbul und auf Zypern spielen bei dem Reisefluss zwischen Iran und Israel eine wichtige Rolle.

2005 (Ausgabe vom 3. November) gab es von einer Orly Halpern einen Artikel in der Englisch-sprachigen israelischen Zeitung “The Jerusalem Post”, “Immigrant moves back ‘home’ to Teheran”. Darin ist etwa von einem jüdischen Iraner die Rede, der nach Israel ausgewandert war. Nun, nach 2 Jahren, ging er zurück, trotz Ahmadinejad im Iran.24 Sein Juweliergeschäft in Jerusalem ging nicht, in Israel könne man den Leuten nicht trauen und sich auf sie verlassen, im Iran gehe es einem als Juden gut. Er fliegt, mit seinen Söhnen, in die Türkei, dort schickt die Familie ihre israelischen Pässe zur in Israel verbliebenen Tochter. Mit ihren iranischen Pässen geht es dann nach Tehran25 Seine moslemischen Freunde fragten ihn, warum er aus Israel zurück gekehrt sei; seine jüdischen Freunde wussten bereits warum. Andere iranisch-jüdische Geschäftsleute in Jerusalem empfangen Verwandten-Besuche aus Iran, Leute die nicht dorthin auswandern möchten.

Jene aus Iran stammenden Juden, die sich in die zionistische Gesellschaft integriert haben, umfassen zB Mosche Kazav (Staatspräsident 00-07, zuvor Minister), Ex-Minister und -Generalstabschef Schaul Mofaz (dessen politische Karriere noch nicht zu Ende ist), den Historiker Amnon Netzer (Spezialgebiet iranisches Judentum), den ehemaligen sephardischen Oberrabbiner Eliahu Bakshi-Doron, die Banai-Künstlerfamilie, den IT-Unternehmer Shai Agassi, den faschistischen Politiker Ben Ari (Eltern aus Iran und Afghanistan), einige Fussballer wie Uriel Malmilian,… Oder die Schriftsstellerin Dorit Rabinyan. Die Eltern waren einige Jahre vor ihrer Geburt (und deutlich vor der Revolution) eingewandert, in der Familie wurde auch Persisch gesprochen, gekocht,… Sie sagte, der grosse Epos des Holokaust und europäische Kultur bestimme die israelische Identität; das Orientalische kann nur in Nischen existieren. Die Situation der Mizrahis in Israel spielt auch immer wieder eine Rolle in ihren Romanen.

Der exil-iranische Sänger “Sattar” (Abdolhassan Sattarpour, auch Hassan Sattar genannt) trat vor einigen Jahren in Jerusalem auf. Der ehemalige Hofsänger des letzten Schahs (dessen Vater aus dem nördlichen, damals sowjetischen, Aserbeidschan stammt) ging 1978 nach Los Angeles in die USA. Das Konzert wurde zu einem Auflauf der aus Iran stammenden Israelis bzw jener mit Bezug zu iranischer Kultur – den zB auch die Bucharis haben (die nach der Auflösung der Sowjetunion kamen). Rita Jahanfirouz-Kleinstein, 1962 in Tehran geboren, ist so eine. Ihre Songs, die sie in Persisch singt, sollen auch im Iran und der persischen Diaspora herunter geladen werden. Der erwähnte, verstorbene Netzer begründete (1958) die Persisch-sprachigen Radio-Sendungen im israelischen Rundfunk, die auch im Iran empfang-bar sind.

Der damalige Präsident Kazav sprach um 03 dort mit iranischen Radiohörern, in der Zeit nach der Ablöse des moderaten Mullahs Chatami (welcher wie Kazav aus dem Raum Yazd in Zentral-Iran stammt) als iranischer Präsident durch Ahmadinejad (siehe Teil 2) und bevor Kazav in Israel verschiedener sexueller Delikte beschuldigt wurde (06). Kazav, der mit 6 Jahren von Iran nach Israel gebracht wurde, sprach im Studio von Kol Israel (Radio des israelischen Rundfunks) in Persisch/Farsi mit (über europäische Telefonnetze) zugeschalteten Zuhörern, in der wöchentlichen persischen Anruf-Sendung. Kazav erhielt viel Zuspruch, persönlichen und für sein Land, gab eben solchen zurück. Es war auf beiden Seiten emotional. Es hiess, die Initiative für die Sendung war von Kazav selbst gekommen, in Zusammenarbeit mit dem israelischen Aussenministerium und dem Leiter der persischsprachigen Radiosendungen Israels, Menashe Amir. Ein Anrufer (aus dem Iran) fragte: “Hat Israel die Absicht, die Atomreaktoren in Bushehr anzugreifen?” Der Präsident antwortete ausweichend: “Israel hat gegenwärtig keine militärische Konfrontation mit dem Iran. Ich hoffe, dass das iranische Regime die Lage nüchtern beurteilt und versteht, dass seine Politik für die internationale Gemeinschaft unakzeptabel ist.”

Kazav und Chatami, links im Vordergrund der jordanische König Abdullah bin al Hussain

Beim Papst-Begräbnis im Vatikan 05 saßen Chatami und Kazav neben einander, aufgrund der Platzverteilung nach der alphabetischen Reihenfolge der Länder welche die Politiker repräsentierten. Kazav sagte später, er habe mit Chatami (auf Persisch) gesprochen, was Chatami in Abrede stellte. Kazav hat sich bei seinem Abtritt 06/07 mehr oder weniger direkt als Opfer einer aschkenasischen rassistischen Intrige dargestellt. Der deutsch-israelische Historiker Michael Wolffsohn kommentierte dies in seinem Buch „Israel: Geschichte, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft“ so, dass diese Vorwürfe haltlos seien, es so etwas in Israel (heute) nicht gäbe und persische Juden in der jüdischen Welt ohnehin als „aristokratisch“ gelten, im Vergleich zu den marokkanischen.

Ebenfalls 03 hatte der auch im Iran geborene Verteidigungsminister Shaul Mofaz in der Persisch-Sendung des israelischen Radios26 gesprochen, ebenfalls mit Hörern aus dem Iran. Mofaz war ebenfalls 6 gewesen, als er auswanderte, im Gegensatz zu Kazav kann er kaum mehr Persisch. Und brauchte einen Dolmetscher. Ausserdem war er ein ehemaliger Militär und nun in der Tagespolitik (damals mitten in der Niederschlagung der Zweiten Intifada), kein Mann der schönen Worte. In dieser Zeit war Chatami iranischer Präsident, aber der oberste Führer der Islamischen Republik, Khamenei, hatte wenige Tage zuvor zur Gefangennahme Saddam Husseins gesagt, er wünsche Bush und Sharon (Mofaz’ Boss) ein Schicksal wie diesem. Viele Fragen von Hörern betrafen einen möglichen israelischen Militärschlag gegen iranische Atomanlagen. Mofaz, damals eigentlich der jenige, der das entschied, sagte, man würde in diesem Fall (iranische) Zivilisten bzw die Umgebung der Anlagen möglichst verschonen. Israel hätte keine offensiven Absichten ggü Iran, und in der Vergangenheit habe es freundschaftliche Beziehungen gegeben; aber wenn es nötig sei, sich zu verteidigen

Ein Anrufer aus Iran meinte, Israel sollte seine historische Schuld begleichen, die durch die Rettung der Juden unter Kyrosh aus babylonischer Gefangenschaft entstanden sei, und die Iraner “aus der Gefangenschaft der Mullahs befreien”. Es war die Zeit nach den Bush-Kriegen in Irak und Afghanistan und manche erwarteten so etwas auch für Iran. Der Verteidigungsminister sagte, er wünsche Iranern Glück im Freiheitskampf und dass die USA in der Region noch viel zu tun hätten.27 Auch Mofaz musste am Ende der Sendung bilanzieren, dass er niemals so viel Sympathie von normalen Iranern erwartet hätte. Von Gefühlen bestimmt wird die Politik (gegenüber Iran oder sonst) aber auch in Israel nicht. Und das was Frank Zappa gesagt hat, “Government/Politics is the Entertainment division of the military-industrial complex”, trifft auf Israel in besonderem Maß zu.

Mofaz sagte einige Jahre später, der Iran sei die grösste Bedrohung für Juden seit Hitler28, oder, bei einem Besuch in Berlin: „Ein Militärschlag gegen den Iran ist möglich“. Er meinte auch, die sunnitischen “moderaten” arabischen Staaten sollten gemeinsam mit Israel gegen den Expansionismus des schiitischen Iran ankämpfen29 – also Saudi-Arabien & Co. Auch Netanyahu hat so etwas gesagt, in einer Videobotschaft zu einer AIPAC-Konferenz (Araber und Juden hätten mit den Iranern nun einen gemeinsamen Feind). Also auch die Palästinenser, die er täglich schikanieren lässt? Man sollte sich das auch merken, wenn es wieder heisst, der Iran sei so feindselig gegenüber Israel, das so gerne Freundschaft hätte.

Der aus Iran ausgewanderte Menashe Amir war auch für die persischsprachigen Webseite des israelischen Aussenministeriums (hamdami.com) zuständig, arbeitete auch für israelische Regierungen, wurde mit Zuspitzung der Krise zwischen den Ländern Mitte der 00er zu einem „Iran-Experten“; er gibt sich ggü westlichen Medienvertretern als Freund des Iran, unterstützt aber harte Sanktionen, Regime change von aussen (von dem er behauptet dass Iraner ihn wollten), instrumentalisiert Exil-Iraner, war bei “Dropthebomb” und bei der Aufstachelung ethnischer Minderheiten beteiligt, und behauptet, Iran hätte von der Beziehung zu Israel unter dem Schah profitiert. Amir sagt auch, auch Dissidenten wollten eine Atombombe für den Iran, da das Land keine natürlichen Verbündeten hat, zur Abschreckung. Er war auch unter jenen, die 09 meinten dass Ahmadinejad gut für Israel sei. “I will be very pleased if Ahmadinejad wins reelection. There are no fundamental differences between the four candidates in terms of foreign relations. There is a difference in style and rhetoric. Ahmadinejad is callous and blunt, whereas the others mumble and conceal their true intentions with self-serving phrases. At least when it comes to Ahmadinejad, he says what he means.”

Wie im 2. Teil erwähnt, wurde Ahmadinejad bei seinen Auführungen zum Holocaust auch im Iran widersprochen. Auch von dem Abgeordneten Moris Motamed, der die jüdische Minderheit im Parlament vertrat. Die Äusserungen Ahmadinejads seien eine Beleidigung der Juden in der ganzen Welt. Sie seien deplatziert; einmal weil ein Staatspräsident vermeiden sollte, das Verhältnis Irans zum Rest der Welt zu belasten, und zweitens weil es offensichtlich ist, dass eine historische Tragödie dieses Ausmaßes durch Fotos und Filme dokumentiert ist. Es wurde auch über jüdische Vorfahren von Ahm-Nej gemunkelt. Meir Javedanfar sagt, er hat keine.

Inwiefern die Drohungen israelischer Offizieller mit einem Militärschlag gegen Iran in der Bevölkerung Israels unterstützt werden, ist unklar. Medien berichten von Meinungsumfragen, wonach eine Mehrheit der Befragten gegen einen einseitigen Angriff auf Iran ohne US-Unterstützung sei. 2012 haben mehrere hundert Israelis in Tel Aviv demonstriert, um die Regierung (Netanyahu) von einem möglichen Angriff auf den Iran abzuhalten. Sie versammelten sich dazu vor einem Gebäude, in dem auch Verteidigungsminister Ehud Barak wohnt. Die Demonstranten riefen Barak und Netanjahu auf, eher zurückzutreten, als das Leben israelischer Bürger zu gefährden. In den Tagen davor hatten Medien wieder mal über Angriffspläne berichtet. Auch die Facebook-Initiative (bzw Internetkampagne) gegen einen Krieg, “Israelovesiran” („Israel liebt Iran“), wurde in diesen jahren gestartet. Die Initiatoren, wie Ron Edry, haben auch Demonstrationen organisiert. Als Erwiderung entstand “Iranlovesisrael”, u.a durch Sharzad Hosseini, eine Iranerin in Deutschland mit einem israelischen Partner.

Es ist aber leider nicht so, dass es nur auf der Regierungsebene Feindschaft gäbe; Vorurteile, Misstrauen,… gibt es auch auf unteren Ebenen. Und die Besuche der Leute von Naturei Karta (religiöse und anti-zionistische Juden) bei Ahmadinejads „Holocaust-Konferenz“ in Teheran entsprechen der Mitwirkung von Alibiiranern wie Amirseghdi bei den Bomben-„Konferenzen“ in Wien. Der in Tehran geborene israelische Historiker David Menashri glaubt auch, dass Potential für gute Beziehungen zwischen diesen Ländern gegeben ist. Dass er für “Hagalil” und “Jungle World” Interviews gab, als “Iran-Experte”, spricht nicht gerade für ihn. Er kam auch in der “Doku” “Im Schatten der Bombe” vor, in der es um das iranische Atomprogramm ging. Peres sagte darin, “Die Iraner tun so als ob sie nukleare Energie produzieren wollen, in Wirklichkeit aber wollen sie die Bombe” > und selber?! David Albright, ein ehemaliger IAEO-Inspektor, nun Chef des in Washington ansässigen Institute for Science and International Security (ISIS), sagte damals, er glaube, der Iran baue an Atomwaffen. Barak: “Die Iraner haben den Samen des Terrors in alle Ecken der Welt getragen”, und immer wieder “der Westen”, und “Nur Nuklearanlagen werden bomardiert werden” etc.

Moshe Scharon ist einer der “Iran-Experten” in Israel an Schnittstelle vom akademischen Betrieb und Staatsdienst, so wie auch Eldad Pardo oder U. Eidam. Scharon sagte bei einer “Sicherheits”-Tagung in Herzliya, es wird niemals Frieden zwischen Israel und der moslemischen Welt möglich sein. In seinen Ausführungen warf er Beziehungen zwischen Israel und den Palästinensern, den arabischen Staaten, dem Iran und der islamischen Welt an sich durcheinander, eben so die Ebenen der Regierungen/Regime und die der Menschen, die der Religion und jene der Praxis. Israels Umgang mit den Palästinensern und den Nachbarn hätte daran natürlich keinen Anteil, eben so wenig eine solche Feindseligkeit wie er sie an den Tag legt, der Islam bestimme hier alles. Die sunnitischen Saudis seien über Atomwaffen in iranischen Händen weit mehr besorgt als Israel. Die militärische Konfrontation mit Iran sei Mächten zu überlassen, die grösser als Israel seien. Scharon, der an der Hebräischen Universität Jerusalem lehrt und als Spezialist für die Baha’i-Religion gesehen wird, schrieb auch einmal, Europa müsse sich gegen den Ansturm der moslemischen Horden wehren (“Europe, Beware! Muslim Europe in the Making…”).30

Soli Shahvar und Meir Javedanfar sind moderatere “Iran-Experten” Israels, beide auch selbst iranischer Herkunft. Beide sitzen im “Ezri Center for Iran and Gulf Studies” an der Uni Haifa. Dort treten zB Sazegara und Khalaji (siehe Teil 4) auf. Shavar sagte zu “Ynet”, dass Ahmadinejad besser für Israel sei als Mousavi. Javedanfar ist wahrscheinlich noch etwas näher bei staatlichen israelischen Anliegen und ihren amerikanischen neokonservativen Partnern als Shavar. Er macht den iran-israel-observer.com und schrieb Artikel auf iranian.com, wie auch Menashri. Als “Hoder” Israel besuchte, traf er dort Alle, Shavar, Amir, Menashri, Javedanfar, und einige mehr.

Der israelische Historiker Haggai Ram brachte 09 „Iranophobia: The Logic of an Israeli Obsession“ heraus, worin er der israelischen Hysterie im Bezug auf Iran behandelt. Netanyahu war damals gerade erst wieder an die Macht zurückgekehrt, die Sprüche eines Mosche Scharon aber zB schon ein paar Jahre alt. Er streicht heraus, dass sich Israel stets darum bemühe, sich als Leuchtturm westlicher “Rationalität und Zivilisiertheit” in einer schon immer unberechenbaren, feindseligen, irrationalen und fanatischen Region darzustellen (wobei der Islamismus in seinen verschiedenen Ausdrucksformen dabei sehr hilfreich ist). Es gehe dabei aber auch um inner-jüdische Spannungen in Israel, um das Ende der Vorherrschaft der Aschkenasen, der westlich geprägten Juden. Und, sich teilweise damit überschneidend, die Gefährdung des säkularen Charakters des Staats. Der bärtige, dunkle, fanatische iranische “Haman” als Schreckgespenst für (das von osteuropäischen Juden geprägte) Israel. Wie etwa für die beiden Lapids (Vater und Sohn).31 Für westliche Israel-Fans zählt in der Regel auch nur das aschkenasisch-säkulare Israel – welches sich heroisch gegen die Wilden behauptet. Daneben, so Ram, gehe es bei der Iran-Obsession auch um ein Ablenken von der Lage der Palästinenser.32

In dem Zusammenhang relevant ist auch der Song „Boker tov Iran“ (“Guten Morgen Iran”) von Aviv Gefen aus 01. Darin malt Gefen, der aschkenasische Hochwohlgeboren, genau das dann von Ram beschriebenen Horrorszenario (“iranische Zustände” für Israel) als Teufel an die Wand. Wieder mal „aufgeklärte Zionisten“ gegen Religiöse, Mizrahis, Orientale. In der Stadt Bet Schemesch haben tausende Israelis gegen die Diskriminierung von Frauen durch “ultraorthodoxe” Juden demonstriert (die in dieser Stadt zT stattfindet), u.a. mit „Israel darf nicht der Iran werden“. Die sehr religiösen Israelis haben sich dann mit KZ-Kleidung als Nazi-Opfer der anderen Israelis dargestellt. Sie sind auf einer anderen Ebene anti-iranisch, man muss nur an Eliyahu Yishai denken. Und, es gab einmal einen Kommentar von Gideon Levy in “Haaretz”, wo er die “israelischen Ahmadinejads” angreift, jene, die Gaza oder Libanon oder Iran auf die eine oder andere Art “fertigmachen” wollen; in den Kommentaren darunter in der Online-Ausgabe gab es ausser den üblichen Hassausbrüchen auch Kritik an Levy, die “Fehlübersetzung” mit der “angeblichen” Drohung Ahmadinejads übernommen zu haben…

Egal, ob Israel oder jüdische “Diaspora”, seit gut 15 Jahren wird jede Gelegenheit wahr genommen, vor dem Iran zu warnen, um Unterstützung gegen ihn zu “bitten”, anzudrohen dass man sich “diesmal” wehren werde,… Während der Krieg auf manchen Ebenen schon begonnen hat (> Teile 2 und 4). Peres, wenn er zum Holocaust im deutschen Parlament spricht, oder die jüdische Gemeinde Wiens, als Papst Benedikt XVI. 07 die Stadt besuchte. Damals haben Gemeindevorsteher Muzicant und Rabbiner Eisenberg um Unterstützung Israels, “des geistigen und spirituellen Zentrum des jüdischen Volkes” gebeten, gegen den Iran welcher mit Auslöschung drohe, “62 Jahre nach der Schoah”,… Es ist dieser Opferkult, in Kombination mit Atomwaffen, was Israel so gefährlich macht.

Im Frühling 2010 hat sich Peres, damals Präsident, wie auch zuvor USA-Präsident Obama, mit einer “Botschaft an die Iraner” zu deren Neujahr (2569) gemeldet, über das israelische Radio; ein paar persische Wörter hat ihm Amir dafür beigebracht. Seine Botschaft war im Grunde, dass Israel und die iranische Bevölkerung denselben Feind hätten, nämlich das iranische Regime. Er frage sich, warum ein Land, das eine so reiche Kultur habe, “ein paar Fanatikern gestatte, den schlimmsten Weg unter den Augen Gottes und der Menschheit” einzuschlagen”. Er habe die Hoffnung dass die Iraner eines Tages ihre Führung stürzen würden. Peres forderte die Führung in Teheran außerdem auf, Geld besser für die Armutsbekämpfung als für das Atomprogramm auszugeben: “Kinder können kein angereichertes Uran zum Frühstück essen”.

Wenn Peres gewissen Israelis gesagt hätte, dass Iran eine reiche Kultur hat (und nicht alle Iraner Fanatiker sind), wäre das glaubwürdiger, als wenn er damit die Iraner umschmeichelt. Was das Stürzen betrifft, das hätte er tatsächlich den Iranern überlassen sollen, und seine Leute zurückpfeifen, die das über Volksmujahedin oder Jundullah tun wollen. Seine Sorge um Armut andernorts wäre vielleicht bei Südafrika angebrachter gewesen, das zu Apartheid-Zeiten mit israelischer Hilfe (hauptsächlich in den 70ern, mit Peres als Verteidigungsminister) Atomwaffen entwickelte, trotz Armut bestimmer Teile der Bevölkerung. Oder bei den Palästinensern.

Netanyahu nutzte ein Interview mit dem unter Iranern beliebten persischsprachigen Programm der BBC vor einigen Jahren, weiter gegen die „Charmeoffensive“ Rouhanis zu wettern. Er wandte sich dabei auch an das „iranische Volk“, heuchelte Nähe zu ihm vor, etwa in seinem Kampf gg Tyrannei, gab dem „Regime der Ajatollahs“ die Schuld an den schmerzhaften Sanktionen, unterstellte ihm, weiter an Atomwaffen zu arbeiten, flocht auch einige persische Wörter ein. Hier sei zB auf Netanyahus Botschaft auf einer AIPAC-Konferenz verwiesen, wonach Araber und Juden mit den Iranern nun einen gemeinsamen Feind hätten. Oder an Ahmadinejad, der versuchte, sich mit dem Empfang antizionistischer religöser Juden zu profilieren. Dass Harun Yashayaei, einer der Führer der jüdischen Iraner, Netanyahu öffentlich kritisierte, mag seiner spezifischen Situation geschuldet gewesen sein.33

Freundliche Gefühle gegenüber dem Iran (einem anderen > welchem?!?) aus dem zionistischen Lager (also nicht solche Botschaften) bedeuten nicht notwenigerweise mildere Haltungen gegenüber den Palästinensern – im Gegenteil! Viele glauben dass sie mit Kontakten mit iranischen oder syrischen Oppositionellen einer Auseinandersetzung mit der nun schon Jahrzehnte anhaltenden Militärherrschaft über die palästinensischen Restgebiete entgehen können, sich eine Absolution dafür holen können, wie sie sie sonst von amerikanischen Evangelikalen oder „geschichtsbewussten“ Deutschen bekommen… Umgekehrt, freundliche Gefühle ggü Israel (welchem?) machen einen Iraner nicht unbedingt zum Demokraten. Diese Gefühle kommen meist aus dem historischen Bewusstsein der Unterwerfung durch die Araber im 7. Jh und der folgenden Islamisierung, sowie dem Überdruss mit dem islamistischen Regime.

Ein Verständigung Israels mit Iran allein würde nichts an den Wurzeln des „Nahost-Konflikts“ (Besatzer und Besetzte) ändern, für die u.a. die Apartheid-Mauer steht. Knut Mellenthin: “Als Ausdruck der herrschenden Doppelmoral in den internationalen Beziehungen interpretiert man im Iran auch, daß Israel das einzige Land der Welt ist, dem es seit nunmehr 39 Jahren straffrei gestattet wird, unter Verletzung der UN-Charta und zahlreicher UN-Resolutionen fremdes Land zu besetzen und stückweise zu annektieren. Und während die palästinensische Hamas jetzt unter massiven Druck gesetzt wird, ‘das Existenzrecht Israels anzuerkennen’, löst die explizite Ankündigung der israelischen Regierung, demnächst wesentliche Teile des besetzten Westjordanlands endgültig zu annektieren, in den westlichen Hauptstädten noch nicht einmal milde verbale Proteste aus.” Kürzlich, im September 17, hat Israel den 50. Jahrestag der Besetzung des Westjordanlands begangen. Netanjahu sowie rund 5 000 geladene Gäste nahmen an der von Gesangseinlagen und einem Feuerwerk untermalten Feier im Siedlungsblock „Gusch Ezion“ südlich von Jerusalem teil. Netanjahu versprach den Siedlern, dass sie niemals weichen müssten. „Es wird auf israelischem Boden keine Entwurzelung mehr geben“ (für Juden).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Chatami sagte laut “Haaretz” 06, die Wirklichkeit des Holocaust müsse anerkannt werden, auch wenn diese historische Realität missbraucht worden sei und ein enormer Druck auf dem palästinensischen Volk liege
  2. Der geistliche Führer der Partei Schas
  3. Nennenswert sind hier hauptsächlich die kurdischen Juden, die “Bergjuden” aus Aserbeidschan und Russland, die Buchara-Juden aus Usbekistan und Tadschikistan sowie die Juden Afghanistans
  4. Laut Elie Barnavi, Universalgeschichte der Juden
  5. Der 1965 sein Engagement für Frieden zwischen Israel und seinen Nachbarn aufnahm
  6. Einen Artikel über die Baha’i wird es hier auch einmal geben
  7. Wurde ein (aschkenasischer) Teil der jüdischen Bevölkerungsgruppe Irans
  8. Darunter anscheinend Menachem Begun
  9. Im Gegensatz zu den Deutschen waren/sind sie das auch
  10. Der marokkanische Sultan Mohammed V. setzte sich bei den Vichy-Behörden zu dieser Zeit für die Juden Marokkos ein
  11. Es hielten sich lange Gerüchte, wonach die Howeida-Familie Baha’i waren; tatsächlich dürfte nur der Vater von Amir und Fereydoun Bahá’í gewesen sein, der noch dazu diese Religion verliess
  12. Der Geheimdienst des Schahs wurde infolge der Ausschaltung der Demokratie bzw Absetzung Mossadeghs gegründet
  13. Dessen Darstellungen öfter an antisemitische Karikaturen erinnern
  14. In: The Secret War with Iran: The 30-Year Clandestine Struggle Against the World’s Most Dangerous Terrorist Power ((2008)
  15. Änderung von dessen Verfügung bzw Besitzverhältnisse war eines der Hauptanliegen von Mohammed Mossadegh gewesen
  16. Zu diesem eher unbekannten Kapitel gibt es den Film von einem Dan Shadur, “Before The Revolution. The untold story of the Israeli paradise in Iran”. Oder, ebenfalls eine israelische Darstellung, den Artikel von Neta Feniger und Rachel Kallus: „Building a New Middle East: Israeli Architects in Iran in the 1970s”. In: The Journal of Architecture 18 Nr. 3 (2013), S 381-401
  17. Es heisst, man nahm zum Abschied noch Hirsche aus dem Iran mit, weil die in Israel/Palästina fehlen, aber in der Bibel/Tanach erwähnt werden
  18. Arafat besuchte diese Botschaft; er unterstützte aber Saddam Hussein in seinem Krieg gegen Iran
  19. Es heisst, es gab Pläne unter Verteidigungsminister Scharon, 1982, einen solchen Coup zu versuchen und Reza Pahlevi, den Sohn des 1980 verstorbenen Ex-Schahs an die Macht zu bringen
  20. Siehe Teil 2, die “Unterstützung” Ahmadinejads. Daneben gab es noch andere Elemente bzw Motivationen in der “Zusammenarbeit”, etwa die Freilassung amerikanischer Geiseln aus den Händen schiitischer Milizen im Libanon
  21. Er schrieb 06 einen Gastkommentar für die “Jerusalem Post”: “Brecht Syrien weg von Iran”
  22. So etwas gab es damals…
  23. Noch nicht mit individuellen Begegnungen und Verständigungen
  24. Mit der Journalistin gesprochen hat er bei einer Rückkehr nach Jerusalem, die geschah, um sein Geschäft zu verkaufen
  25. In dem Artikel ist auch von Einem die Rede, der keinen iranischen Pass mehr hatte, und bei einer iranischen diplomatischen Vertretung in Türkei nach einem fragte, mit dem Hinweis dass er 20 Jahre in Israel gewesen sei. Er bekam einen
  26. Der iranische staatliche Rundfunk, englisches Akronym IRIB, hat übrigens auch ein Angebot auf Hebräisch und in anderen Sprachen
  27. Dass sowohl Hussein im Irak als auch die Mujahedin in Afghanistan in den 1980ern von der USA (mit Papa Bush als Vizepräsident) unterstützt worden waren, und die USA einst die Demokratie im Iran abgewürgt hatten, sollte auch dazu gesagt werden
  28. Laut dem (aus Tunesien stammenden) früheren israelischen Innenminister Yishai sind wiederum (nach Israel kommende) afrikanischen Flüchtlinge für Israel eine ebenso grosse Bedrohung wie Irans „Atomwaffenprogramm“
  29. www.youtube.com/watch?v=N05DbTs3KqE
  30. Womit man wieder bei Aznar und dem Wall zu Asien ist. Und bei der Frage, ob Leute wie er wenigstens die Abdel-Samads und Ahadis von den Bösen ausnehmen
  31. Viele Siedler und viele Religiöse “erinnern” äusserlich und im Fanatismus an diese Haman-Vorstellung… Und sie stehen eben für eine andere Spielart des zionistischen Chauvinismus
  32. Eine Karte des historischen Palästinas, das seit 67 komplett unter israelisch-zionistischer Herrschaft steht, mit den wenigen Enklaven, die man den Palästinensern noch gelassen hat, lässt sich eben relativieren, indem man eine Karte von der Region bringt, die auch den Iran zeigt
  33. Die Identifikation von Juden mit IL geht meist von jüdischen Organisationen, Gemeinden, Einzelpersonen aus, nicht von Antisemiten

Das iranische Atomprogramm. Teil 4: Geo-Strategisches, Weltpolitisches, Regionales

Inwiefern die Anschläge in der USA 2001 Bush jun. halfen, geht ja auch aus dem Auftreten der USA bei der NPT-Überprüfungskonferenz 2005 hervor (> Teil 3). Saudi-Arabien, das hinter dem meisten Islamismus auf der Welt steckt1, bekam nicht einmal ein “Ohrenreiberl”, der Iran schaffte es auf die “axis of evil” der “rogue states”. Dann der Krieg gegen Irak. Es gibt Jene, die die USA-Militärintervention gegen Irak 1991 und 2003 begrüssten, ohne aber auf 1963 einzugehen oder auf jene Husseins in 1980ern gegen Iran (als USA diesen unterstützte), seither auf West-Kriege gegen Iran und Syrien hoffen. Enzensberger hat etwa beim “Golfkrieg” 1991 Saddam Hussein mit Hitler gleichgesetzt und den US-Angriff unterstützt, wie auch 03 (als er die Friedensbewegung scheinheilig attackierte). Die unter Bush junior regierenden Neocons haben sich inzwischen fast alle von ihrem Krieg distanziert. Und Trump hat gesagt, der Welt ginge es heute zu „100 Prozent besser“, wenn Saddam Hussein nicht gestürzt worden wären…

Im “2. Golfkrieg“ 1991 schoss der Irak bekanntlich Boden-Boden-Raketen auf Israel ab. Vorausgegangen waren dem Lieferungen deutscher Firmen an das Hussein-Regime. Damit soll die Reichweite seiner “Scud”-Raketen vergrössert worden sein und die Möglichkeit Israel zu erreichen, entstanden sein. Durch den Beschuss gab es ca. drei Tote in Israel. Es folgten hysterische Reaktionen in Teilen des „Westens“ (zB Martin Kloke: „beispiellose Bedrohung Israels“). Von israelischer Seite wurde wie dann auch 03 über “einen neuer Hitler” (wieder mal) geschrieben, Erinnerungen an Husseini und Gailani beschworen, über die europäischen, besonders deutschen, Helfer, gewütet. Nazi-, Antisemitismus- und Vernichtungsvorwürfe kamen dort von Politikern, Journalisten, Demonstranten,… In der deutschen Bußfertigkeit gab es schnell angesetzte Reisen, Zusage der U-Boote (s.o.), Lieferung deutscher Gasmasken, und einiges mehr. Die deutsche Friedensbewegung, die Waffenexporte auch an den Irak verurteilte, war/ist bei Zionisten genau so verhasst.

Gegnerschaft zu dem Krieg, den USA und Verbündete (wie Saudi-Arabien) 91 gegen Irak führten, wurde als “antiamerikanisch” und letztlich “antiisraelisch” gesehen. Als ob es Bush senior und seiner Regierung darum gegangen wäre, Hussein wieder das Giftgas, das er von deutschen Firmen bekommen hatte, weg zu nehmen. Oder als ob ihnen etwas an Kuwait liegen würde. Als ob sie ein Problem mit solchen Dikaturen an sich hätten. Oder mit dem Einsatz solcher Waffen an sich. “Linke” Schriftsteller wie Amos Oz, die als Friedensaktivisten gesehen werden, machten einen Aufruf an die europäische Friedensbewegung, in dem sie den Krieg verteidigten, “gegen den irakischen Aggressor”. Warum ein solcher Krieg nicht berechtigt war, als irakische Truppen genau 10 Jahre vor Kuwait den Iran angriffen und Teile besetzte, haben Oz, Kaniuk & Co nicht geschrieben. Um eine globale Ablehnung von Waffenlieferungen ging es den israelischen Linken jedenfalls nicht.

Als Hussein einen Krieg gegen Iran vom Zaun brach, übte man sich in Diskretion. Als “Scud”-Raketen dort hin abgefeuert wurden. Und auch (das mit deutscher Hilfe bekommene) Giftgas, als ungleich mehr Iraner und Kurden getötet wurden. Wenn das Abschiessen der “Scuds” so böse war, dann auch ggü Iranern. 80-88 hiess es, ein Sieg Iraks sei besser für Israel; was es für die Bevölkerung Irans bedeutete, war egal. Ulfkotte ist zwar ein Islamophob, aber er wies immerhin auf die westliche Unterstützung für Saddam Hussein hin und kritisiert den Einsatz von deutschem Giftgas gegen Iran, den er miterlebte, scharf bzw unapologetisch.2 Chelsea Manning war verantwortlich für die weltweite Sichtbarmachung, u.a. davon wie USA-Soldaten im Irak in Folge des Krieges 03 aus einem niedrig fliegendem Hubschrauber mehrere friedliche Zivilisten erschossen. Er/sie wurde dafür zu 35 Jahren Haft verurteilt, den er/sie zT unter folterähnlichen Bedingungen verbüsste. Von den Mördern wurde keiner bestraft.

Das iranische Regime verurteilte die Anschläge von 01, begrüsste die Bush-Kriege  gegen Afganistan und Irak, profitiert davon…obwohl nun USA-Militär rund herum präsent ist. Und obwohl Bush, wie auch Trump jetzt, den Iran dann als Hauptgegner sah, etwa bei einem Besuch in den VAE sagte: “Die USA und ihre Verbündeten müssen gemeinsam der iranischen Gefahr begegnen”. Bush hat den alleinigen Weltmacht-Status der USA, zu dem sie infolge der Implosion der SU und des restlichen Ostblocks kam, eher niedergemacht. Im Irak kam es durch den (von so vielen ex-linken Europäern frenetisch begrüssten) Bush-Krieg zur “Machtübernahme” der grössten Bevölkerungsgruppe des Landes, der Schiiten, und einer Anlehnnung an den Iran. Maliki soll von der CIA eigentlich gebilligt worden sein. Es war jedenfalls seine Politik, die den Aufstieg von Daesh/IS begünstigt hat, viele Sunniten im Land wurden dadurch zu Unterstützern der Terror-Miliz. Der IS sieht die IRI als eben so grossen Gegner wie die USA und manche ihrer Verbündeten. Das Wüten von IS begann da, als Bush weg war, Bin Laden erledigt, Menschen in islamischen Ländern für ihre Demokratie kämpften. Wieder sind die Menschen der Region zwischen dem Amboss des westlichen Imperialismus und dem Hammer des Islamismus gefangen.

Dies zeigt sich auch im Unterschied beim Umgang mit Iran und Saudi-Arabien. Auch wenn im Iran in diesem Jahr nur 6 von 1600 Bewerbern für das Präsidenten-Amt kandidieren durften (und sich viele Weitere gar nicht bewerben konnten, weil eingesperrt oder im Exil), und auch wenn der Präsident einem nicht gewählten religiösen Führer untergeordnet ist – dort wird zumindest ein Präsident gewählt, und ein Parlament (mit vergleichbaren Einschränkungen). Im Monat davor (Mai 17) hatte US-Präsident Trump, wenige Monate nach seinem Amtsantritt, Saudi-Arabien und seiner absoluten Monarchie die Aufwartung gemacht. Die saudi-arabischen Führer (mehr oder weniger ident mit der saudischen Familie) waren überglücklich mit der Wahl Trumps, der ihre Stellung (in der Welt) unangetastet lassen würde. Jener Trump, der seit dem Wahlkampf immer davon geredet hatte, den “Islam(ismus) zu bekämpfen”, fördert (nicht überraschend) den miesesten.

Dort sagte er sogar ein paar nette Sachen über den Islam (ui, ist das nicht “Appeasement”?). Es gehe um einen Kampf zwischen Gut und Böse, und mit ersterem deutete er Saudi-Arabien und die von ihm geführte sunnitische Achse an. Die extremste Form des sunnitischen Islams, der in Saudi-Arabien (KSA) vorherrschende wahabitische, soll das Gute im Islam verkörpern. Natürlich ging es bei Trumps Reise, die ihn nach Saudi-Arabien nach Israel führte, um (bzw gegen) den Iran. Von den Wikileaks weiss man, dass diverse arabische Herrscher (wie jene des KSA) die USA baten, den Iran anzugreifen. Und, es gibt einige Personen in Trumps Kreis, die das auch gut fänden. Bannon früher, als Kampf gegen den Islam, Tillerson, der Aussenminister mit der Öl-Agenda, und Daniel Coats sowie Ezra Cohen-Watnick im Nationalen Sicherheitsrat.

Der Iran wird von Trump-Leuten als Wurzel aller Probleme in der Region dargestellt… Und dabei spielt es gar keine Rolle, was das Regime macht oder nicht, was die Bevölkerung macht. Es geht um wirtschaftliche und geostrategische Interessen. Und da ist Trump skrupelloser als Bush. Saudi-Arabien, der Gute, wird mit Militärhilfe in Millardenhöhe unterstützt. Den Atomdeal von 2015 hat er nicht ganz rückgängig gemacht bzw verworfen, er hat sich für ein anderes Vorgehen entschieden. Hier zeigt sich viel Heuchelei in der westlichen Opposition zum iranischen Regime. Die USA importiert einen grossen Teil ihres Erdöls von KSA. Juan Cole wies darauf hin, dass die guten Beziehungen der Saudis zum Westen auf Geschäften beruhten, nicht auf Werten… Für die deutsche Rüstungsindustrie ist Saudi-Arabien ein wichtiger Kunde. 2013 genehmigte der Bundessicherheitsrat Waffenexporte für 360 Millionen Euro dorthin. Saudi-Arabien wird vom Westen unangetastet gelassen (ist wichtigster islamischer Verbündeter der USA, des Westens!), obwohl es eine absolute Monarchie ist3 obwohl die Taliban von dort unterstützt wurden, Frauen kaum Rechte haben (jetzt erst das Recht auf Auto fahren bekommen), ebenso Ausländer (Gastarbeiter), die meisten 9/11-Attentäter von dort kamen, der Terror im Irak gegen Schiiten unterstützt wird, (antiwestlicher) Salafismus in der moslemischen Welt von dort unterstützt wird,…

In Ägypten war Saudi-Arabien die treibende Kraft, das die Demokratie (die die Moslembrüder und Mursi an die Macht gebracht hat) dort “abgedreht” hat. In Syrien hat es die Islamisten unter den Aufständischen gegen die Demokraten gestärkt. Zu Jemen später noch. Ob Saudi-Arabien auch IS unterstützt, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die salafistische Auslegung des Islams4 verbindet zwar, aber glaubwürdigen Quellen zufolge haben die Saudis nach dem Ende der SU quietistische Strömungen des Salafismus bevorzugt. Der österreichische Politiker Efgani Dönmez (von Grünen zur ÖVP) sagte, dass die Saudis den Terror in Europa durch den durch sie in Moscheen verbreiteten Islam vorbereiten; kurioserweise soll er im Parlaments-Wahlkampf 17 für die Anliegen Saudi-Arabiens lobbyiert haben.5 Ehemalige Diktatoren der Region, wie etwa Tunesiens Ben Ali und Jemens Saleh, haben in dem Land ihr Exil gefunden. Flüchtlinge aus Syrien werden dagegen nicht aufgenommen.

Jeder Kampf gegen Islamismus kuscht vor Saudi-Arabien, scheitert daran. Philo-Zionisten wie Philipp Missfelder oder Richard Kemp waren/sind glühende Saudi-Verteidiger. Im Umgang mit Iran wird gerne von „Kulturrelativismus“ gesprochen. Der Begriff wurde eigentlich vom US-amerikanischen Ethnologen Melville Herskovits zur Relativierung der vermeintlichen Höherstellung der “weissen Kultur” eingeführt. “Dropthebomb” (> 6. Teil) schrieb vom “europäischen Kulturrelativismus als einer Form der Kollaboration mit dem Islamismus”.6 Aber wie hat Missfelder bezüglich Saudi-Arabien gesagt: Da gäbe es eben Grautöne, Saudi-Arabien sei ein Stabilitätsanker in der Region7, sei wichtig für Israel, die Beziehungen zu ihm sollte Deutschland weiter pflegen, natürlich auch die militärischen… Ja, ja, die Denkverbote, die falsche Toleranz, die faulen Kompromisse… Ob Badawi am Beginn einer Reform Saudi-Arabiens steht, oder auch hier Menschenrechte für höhere Interessen verhandelt (bzw geopfert) werden?

Hillary Clinton hat als US-Aussenministerin vor der Errichtung einer “Militärdiktatur” im Iran gewarnt, es sei absehbar, dass die Revolutionsgarden ihren Einfluss weiter ausbauen. Während ihres Besuchs im Emirat Katar hat sie das gesagt… Nun, da das CENTCOM des US-Militärs in Katar ansässig ist, wollen wir nicht so streng mit diesem Land sein und die Diktatur dort ein wenig in Ruhe lassen. Auf die Länder des Gulf Co-operation Council (GCC) kann man (der Westen) sich verlassen, und das zählt schliesslich. Auch Barack Obama hat die Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien verteidigt; manchmal müsse man eine Balance finden zwischen Menschenrechtsfragen sowie der Zusammenarbeit im “Anti-Terror-Kampf” (!) und Fragen “regionaler Stabilität”. Und so kann es schon passieren, dass manche Urteile etwas unbalanciert sind. Die Exekution eines schiitischen Klerikers in KSA (Nimr al-Nimr, 2016) etwa würde man im Falle Iran oder Türkei (umgesetzt auf diese Länder) als Hinrichtung eines Oppostionellen sehen. Hier muss man halt ein Auge zudrücken.

Die arabische Halbinsel mit Ausnahme der südlichen Küste, also das heutige Saudi-Arabien, war vor Mohammed, in der Antike, Peripherie, und bald danach auch wieder. Und das änderte sich erst mit den Funden grosser Ölreserven bald nach der Entstehung Saudi-Arabiens in den 1930ern. Der welt-grösste Ölproduzent blieb über die Jahrzehnte eine absolute Monarchie mit dem wahabitischen Islam als Staatsdoktrin – Einschränkungen von diversen Freiheiten sind darauf zurück zu führen. Der Staatshaushalt kann ausser auf Öl-Einnahmen eigentlich nur auf jene zurückgreifen, die durch moslemische Pilger (nach Mekka) ins Land kommen. Die Öl-Boykotte 1967 und 1973 nach den Israel-Kriegen (Besetzungen grosser Teile der “Nachbarstaaten” und Behauptung dieser Besetzungen) waren kurze Abwendungen Saudi-Arabiens vom Westen. Damals erhöhten die prowestlichen Regime von Iran und Venezuela ihre Öl-Exporte.8 In den 1980ern war in der saudi-arabischen Unterstützung der Islamisten in Afghanistan gegen die Kommunisten noch kein Widerspruch zur westlichen Politik, zog man offen an einem Strang

Als IS im Juni 17 einen Anschlag in Tehran durchführten9, frohlockte Trump, „Staaten, die Terrorismus unterstützen, riskieren, dem Bösen, das sie fördern, zum Opfer zu fallen“. Was genau meinte er? Dass iranische Truppen bzw mit ihnen verbündete Milizen in Irak und Syrien gegen IS kämpfen? An dieser Stelle: Wie Danny Sjursen hervorstrich, sind mehr Freiwillige aus Belgien oder den Malediven im IS als Iraner, und die Meisten dort aus Ländern die “Partner” der USA sind, wie Marokko, Saudi-Arabien, Jordanien. Wer die regional focussierten Hisbollah und Hamas als schlimmer als die globalen Djihadisten von IS oder (früher?) al Kaida einstuft, täuscht (und verharmlost) absichtlich oder hat keine Ahnung. Und: Gerade IS/Daesh ist die Antwort, was schlimmer als Assad ist.

Saudi-Arabiens König Salman ist ein alter, kranker Mann. Sein Sohn und Kronprinz Mohammed bin Salman (31) ist bereits de facto Herrscher Saudi-Arabiens. Dass der kürzlich eine Liberalisierung des Islams im Lande angekündigt hat, sollte man erst kommentieren, wenn Schritte geschehen sind. Bis jetzt deutet Einiges in die Gegenrichtung. Der paranoide Hass gegenüber Iran und Schiiten10 geht so weit, dass er versucht, Katar zu isolieren, weil dieses Iran sowie die Moslembrüder zuwenig schneidet. Und vor allem hat er die Hegemonialkämpfe in Nahost mit dem Iran kräftig angeheizt, die Kampfzonen kräftig ausgeweitet. In der islamischen Welt haben sich zwei Achsen/Lager gebildet.

Der von Saudi-Arabien geführte sunnitische “Block” umfasst auch die anderen Golfstaaten (UAE,…), Jordanien, Ägypten unter Sisi, Marokko, Pakistan, die Mehrheit der Staaten der Arabischen Liga und der “Islamischen Weltkonferenz” (OIC), die grössten Teile der syrischen Opposition (Aufständischen), die 14. März-Allianz im Libanon, PLO/Fatah, und irgendwie auch diverse salafistische Gruppen. Dem vom (islamistisch regierten) Iran geführten schiitischen Block gehören auch der Irak (mit seinen schiitisch dominierten Regierungen) an, die Reste des (alawitisch dominierten) Baath-Regimes in Syrien, Hisbollah und andere Teile der (ursprünglich pro-syrischen) 8. März-Allianz im Libanon, und Organisationen der schiitischen Minderheiten in Afghanistan, Jemen, Bahrain11, Pakistan,… Die palästinensische Hamas ist zwar irgendwie mit dem iranischen Regime verbunden, aber: Als etwa Saddam Hussein 06 hingerichtet wurde, “kochte” auch in ihr Pan-Arabismus und Anti-Iranismus hoch. Beinahe alle moslemischen Palästinenser sind Sunniten.12

Die Türkei steht gewissermaßen „zwischen“ den Achsen; Katar und Algerien scheren etwas aus der sunnitischen Achse aus, Aserbeidschan aus der schiitischen, die Kurden sind nicht so leicht zuzuordnen. Der Iran hat seit der islamistischen Machtergreifung auf die Schia gegründete regionalpolitische Ambitionen, wurde Konkurrent Saudi-Arabiens. Die Schiiten im Irak waren die ersten “Ansprechpartner” des Regimes, dann jene im Libanon,… Durch den Bush-Krieg im Irak wurde der Iran Regionamacht, da infolge dessen die Schiiten erstmals seit Jahrhunderten ihrer Bevölkerungsstärke gemäß dort an der Macht beteiligt wurden. Die Beherrschung von Nukleartechnologie durch den Iran war sicherlich auch davon motiviert, sein Gewicht in der Region zu erhöhen. Für die IR Iran sind die (mongolisch-stämmigen) Hesoren der wichtigste Ansprechpartner in Afghanistan, weil schiitisch13, und nicht etwa die Tadschiken dort, die zwar Sunniten sind, aber ethnisch-sprachlich sehr eng mit den Persern verwandt.

Im Irak sind es die Schiiten und nicht die (ebenfalls verwandten) Kurden. Zentralasien, wo es mit Tadschikistan eigentlich einen natürlichen Verbündeten gibt, wird vom jetzigen Iran links liegen gelassen14, dafür das westliche Asien zu einer Einflusszone zu machen versucht. Indien mit den ethnisch-historisch-kulturellen Verbindungen und einer stattlichen zoroastrischen Volksgruppe (Träger der ursprünglichsten persisch-iranischen Kultur) spielt für die Mullahs gar keine Rolle. Für den letzten Schah (und seine Einflüsterer) waren diese Parameter auch ohne Bedeutung, seine Allianzen schmiedete er danach, inwiefern der potentielle Partner westlich ausgerichtet war, oder nicht.

Kampfschauplatz im Ringen um die regionale Vorherrschaft zwischen den Achsen ist v.a. Syrien. Stellvertreterkämpfe gibt es auch in den zerrütteten Staaten Irak und Jemen sowie dem Libanon. Was Jemen betrifft: Während die iranische Unterstützung für die Houthis marginal ist, ist der saudische für die Regierungsseite massivst. Saudische Truppen wurden auch zur Niederschlagung schiitisch dominierter Proteste nach Bahrain entsandt. Die “regionale Stabilität”, wie Missfelder sagte. Und, Saudi-Arabien agiert überall in Übereinstimmung mit der USA. Es könnte in Jemen und in Syrien direkte USA-Militärinterventionen auf der Seite der Saudis geben. Die Verbindung der Achse USA-KSA mit Israel ist besonders stark über Ägypten (Sisi). Dass auch diverse salafistische Gruppen mit an dieser Achse hängen, stört nicht. Man hat ja den gemeinsamen Feind Iran. Die sunnitische Achse ist Verbündeter des Westens. Für die westliche Welt und besonders seine Kulturkrieger sind die Saudis ein kleineres Problem als der Iran oder die Hamas.

Man wird sehen, ob das Trump-Regime Houthi-Aktionen in Jemen als causus belli gegen Iran nehmen wird, und Israel Aktionen der Regierungsseite in Syrien. Der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, “Avi” Primor, sagte dass der Iran mit “antiisraelischer Hasspropaganda” in Wirklichkeit die sunnitische Achse treffen will, Einfluss in der islamischen Welt gewinnen. Dagegen könnte Israel einen „glaubwürdigen Friedensprozess“ ins Leben rufen, der dem Iran „den Wind aus den Segeln nimmt“. Dass Netanjahu “Verhandlungen” mit den Palästinensern ewig in die Länge zieht, ohne jemals ein Ergebnis erzielen zu wollen, gibt Primor zu. Von einem “Präventivschlag” gegen den Iran will sich Primor nicht ganz distanzieren. Israel bemüht sich immer wieder um eine Annäherung an arabische und moslemische Staaten und Akteure. Auch innerhalb des von ihm kontrollierten Gebiets. Also jene Menschen, die den Konflikt in ihrer Natur haben, wie Netanyahus Vater sagte. Die Söhne der Dunkelheit, in der Meinung von David Bukay. 2016 hat Israels Luftwaffe etwa bei einem grossen internationalen Manöver in der USA gemeinsam mit Kampfpiloten Spaniens, Pakistans und der Vereinigten Arabischen Emirate trainiert. „Eine wichtige Vorbereitung für Flüge in feindlichem Territorium“ (> Iran).

Der Krieg in Syrien ist längst einer mit auch direkter internationaler Beteiligung, und auch Israel mischt mit. Auf Seiten der sunnitischen Achse, gegen das vom Iran unterstützte Assad-Regime und seine Verbündeten. Bei einem israelischen Luftangriff auf die syrischen Golan/Jawlan-Höhen15 2015 sollen libanesische Hisbollah-Kämpfer und ein iranischer Soldat/Offizier getötet worden sein. „Wir werden alles tun, was nötig ist, um uns selbst zu verteidigen, wo auch immer“, so Netanyahu damals. Übrigens hat auch die islamistische Al-Nusra-Front die Verantwortung für diesen “Vorfall” für sich reklamiert. Israel nutzt das Chaos in Syrien, um immer wieder aus sicherer Distanz “einzugreifen”. In gewisser Hinsicht tobt in Syrien nicht nur ein Krieg der beiden Lager der islamischen Welt, sondern auch ein Stellvertreterkrieg zwischen Israel und Iran. Manche sagen, auch der Libanon und die palästinensischen Restgebiete sind (zumindest) gelegentlich Schauplatz dessen. Zur israelischen Unterstützung von Volksmujahedin, Jundullah und PJAK folgen noch weitere Details.

Der Syrien-Krieg könnte von Israel dazu benutzt werden, den Iran direkt anzugreifen. Mit mehr oder weniger stiller Unterstützung (bzw Zusammenarbeit mit) der saudischen Achse. Zumindest aber will es dort seine regionalpolitischen Ziele durchsetzen. Netanyahu sagte zu Putin, der Iran müsse sich aus Syrien “zurückziehen”, sonst werde sich Israel selbst verteidigen.16 Er kann dabei auf einen naiv-wohlwollenden Westen zählen. Man ist wieder an Grass’ Gedicht erinnert sowie an den Sender Gleiwitz. Der israelische Journalist Gil Yaron (“Der Spiegel”,,…) schrieb während des Krieges 06 in den “Salzburger Nachrichten”, es seien “iranische Schriftzeichen” auf den Resten eines Hisbollah-Geschosses (in Israel) gefunden worden.17 Nun, Persisch wird in einer etwas abgeänderten Variante des arabischen Alphabets geschrieben, mit vier zusätzlichen Buchstaben. “Persische” oder “iranische” Schriftzeichen gibt es in diesem Sinn nicht.18

Die Zionisten brachten den Iran auch mit Anschlägen auf ihre Diplomaten in Indien, Thailand und Georgien “in Zusammenhang”… 2013 der (mögliche) Giftgasangriff durch das syrische Regime im Syrien-Krieg; Netanyahu heuchelt unverschämt dass „unsere Herzen bei den abgeschlachteten Zivilisten seien“, dann schickte er eine neue pathetische Warnung an Iran raus. Einen Tag später töteten seine Soldaten in einem palästinensischen Flüchtlingslager bei Jerusalem Zivilisten ab, weil sie einen „Terrorismus-Verdächtigen“ suchten und angeblich angegriffen wurden. Er sehnt einen westlichen Militärschlag gegen das Regime in Syrien herbei, ist dabei nicht der Einzige. Die syrische Bevölkerung leidet nicht nur unter der Herrschaft Assads, sondern auch unter der zunehmenden Verfolgung durch islamistische Dschihadisten. Und Israel greift in Syrien militärisch ein, als wäre es sein Hinterhof. „Unsere Herzen sind bei den abgeschlachteten Zivilisten“.

Ansonsten stellt er den Syrien-Krieg ja so dar, dass sich Moslems dort gegenseitig abschlachten.19 Entsprechendes: Ilana Mercer prangert Gewalt von schwarzen Südafrikanern an schwarzafrikanischen Einwanderern an, oder Mugabe, weil er „20 000 unschuldige Ndebele umbringen liess” – nur, in Wirklichkeit verachtet sie die afrikanischen Einwanderer nach Südafrika und die Ndebele-Zimbabwer genau so wie alle anderen Schwarz-Afrikaner. Deshalb schreibt auch “ihr guter Freund” Dan Roodt auf ihrem Blog.20 Wenn “Memri” Filme über Brutalitäten in islamischen Ländern zeigt, dann nicht aus Mitgefühl/Solidarität mit den Opfern; sondern um zu demonstrieren, wie grausam die miteinander umgehen, wie schlecht sie sind. Iranische Opfer eines oft angedrohten Militärschlags spielen für entsprechende Kreise auch ÜBERHAUPT keine Rolle in Überlegungen zu einem Krieg. Oder Trump, wenn er “mit kreide-behandelter Stimme” davon schwafelt, dass die Menschen in Venezuela leiden und sterben und er deshalb eine militärische Antwort auf die Krise dort nicht ausschliesse.

3000 iranische Soldaten und Polizisten wurden in den letzten Jahren an der Grenze zu Afghanistan getötet, von Drogenschmugglern aus Afghanistan, welche zum Teil in Verbindung mit der islamistischen belutschischen Jundullah-Gruppe stehen. Wenn der Iran so reagieren würde auf Angriffe auf seine Soldaten wie Israel, noch dazu gegenüber der afghanischen Zivilbevölkerung… Wie Israel etwa im Sommer 06 gegen Gaza und Libanon “reagiert” hat, wegen 3 oder 4 Soldaten. Doppelte Standards… Selbes gilt ja für die “Scuds”, die auf Iran abgefeuert wurden und auf Israel. Und wie war das mit dem “Einmischen” Irans im Irak? Und im Vergleich dazu das israelische Mitmischen in Syrien. Und die Unterstützung von Israel für eine Gruppe wie Jundullah (die noch dazu islamistisch ist) zeigt, dass man mit Terror an sich dort kein Problem hat. Sie zeigt auch, wie deren Unterstützung für Kurden und Andere zu sehen ist…

Die Definitionen von Terrorismus sind sehr “elastisch”, stark von der Perspektive abhängig. Es war ein rechtskonservativer amerikanischer Politiker21, der etwas Richtiges gesagt hat, aber wahrscheinlich “anders” gemeint hat: Extremismus in Verteidigung der Freiheit ist kein Laster, Mäßigung im Streben nach Gerechtigkeit kein Verdienst. So haben Nelson Mandela und der ANC Anfang der 1960er den Kampf gegen die Apartheid in Südafrika aufgenommen und wurden dafür vom Westen zu “Terroristen” gemacht. Wenn jeder Aufstand gegen Verweigerung elementarer Menschenrechte Terrorismus ist und der Begriff des Freiheitskampfes negiert wird, dann waren auch die Resistance-Kämpfer oder jene Rumänen, die Ceausescu stürzten, Terroristen. Uwe Steinhoff hat geschrieben, 22 “dann muss ein Krieg gegen alle Terroristen geführt werden. Die USA sind aber nicht konsequent und haben immer wieder selbst Terroristen Unterschlupf gewährt, zum Beispiel den Contras in Nicaragua. Und sie haben zu ihrer Zeit sogar die Mujahedin in Afghanistan23 gegen die Russen unterstützt”.

Das postrevolutionäre (Sisi-) Ägypten hatte die Teilnehmer des Gipfel-Treffens der Arabischen Liga 2014 um Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus gebeten. Zu einer Zeit, als dort im Zuge eines Massenprozesses 529 Anhänger der Muslimbruderschaft (u.a. wegen “Terrorismus”) zum Tode verurteilt wurden,  daher äusserten einige Delegierte Vorbehalte gegen die weit gefasste Definition des Terrorismusbegriffs durch die ägyptische Führung. Assad nennt die Aufständischen in seinem Land ebenfalls “Terroristen”.24 Auch Israel nannte Palästinenser, die sich gegen die verschiedenen Formen der Unterdrückung und Entwurzelung in ihrem Land durch die (seit 1967 ganz Palästina betreffende) Besetzung auflehnten, immer “Terroristen”. Zur Herrschaft über dieses Land ist man selbst durch Terror gekommen. Die Gruppe LEHI (Stern-Gang) ermordete zB 1944 den britischen Politiker Walter Guinness of Moyne in Kairo, oder den schwedischen UN-Vermittler Folke Bernadotte 1948; und viele Palästinenser.

1975 wurden die Überreste der Mörder von Guinness (Moyne) von Ägypten nach Israel gebracht, wo sie ein Heldenbegräbnis bekamen. Jene israelische Agenten und ägyptische Juden, die 10 Jahre nach diesem Mord in Ägypten Anschläge auf britische und amerikanische Einrichtungen durchführten, die Ägypten in die Schuhe geschoben werden sollten, bekamen nach ihrer Freilassung im Rahmen eines Gefangenenaustauschs gut 15 Jahre später durch Israel auch einen Heldenempfang. Tzipora Livnis Eltern25 waren in der Irgun Zwai Leumi (IZL), einer anderen zionistischen Terrorgruppe, aktiv. IZL war u.a. für den Anschlag auf das King David-Hotel (46) sowie für das Deir Yassin-Massaker (48) verantwortlich26. Juan Cole schrieb, dass die israelischen Siedler im Westjordanland zB Terroristen seien. Wie gesagt, die Definition von “Terrorist” ist elastisch; die Mujahedin in Afghanistans waren früher “Freiheitskämpfer”, die iranischen Volksmujahedin sind am Weg dahin, diesen Status (vom Westen) zu bekommen.

Jeder IS-Anschlag27 in Europa stärkt Netanyahus Position (und Trump auch). Auch weil man dann nicht mehr über seine Politik gegenüber den Palästinensern spricht bzw diese anders einordnet. Lüders sagte, das Ziel dieser Islamisten ist eine stärkere Islamophobie im Westen, Gegenreaktionen, Konflikte. Netanjahu soll die Anschläge des 11. September 01 als vorteilhaft für Israel bezeichnet haben. “Wir profitieren von einer Sache, und das sind die Angriffe auf die Zwillingstürme und das Pentagon sowie der amerikanische Kampf im Irak”, sagte Netanjahu einem Bericht der israelischen Tageszeitung “Maariv” 08 zufolge bei einem Vortrag. Diese Ereignisse hätten die öffentliche Meinung in den USA “zu unseren Gunsten umschwenken lassen”, sagte der damalige Oppositions-Chef demnach.

Nicht nur in der USA. Islamismus und Terrorismus kann man besser als Ausschlussgrund anführen als Demografie, Rasse oder diverse Aspekte der Kultur, wenn man normalen Palästinensern die Gleichberechtigung versagen will. Shimon Peres sagte nach dem Terror-Angriff der islamistischen somalischen Shabab-Miliz in Nairobi, Kenia 2013, Israel stünde Schulter an Schulter mit Kenia, da es selbst so viele Male ein Opfer von Terror gewesen sei. Für ihn eine wunderbare Gelegenheit, sich von seiner Politik in Afrika, wie der Unterstützung des Apartheid-Regimes Südafrikas, etwas reinzuwaschen. Zu verdrängen, wie man früher in einem weissen Weltsystem mitgemischt hat, und dass man selbst Terror ausübt und unterstützt (auch islamistischen!). Auch die Hamas war einst ein Verbündeter Israels – weil ein Konkurrent zur PLO, die Israel inzwischen ja einigermaßen anerkennt… Kein propagandistischer Verbündeter, aber ein realer.

Kleiner Sprung nun. Wie erwähnt ist die Isolation des Iran relativ. Das Gezeter über die von der AKP regierte Türkei bzw Erdogans Regionalpolitik ist auch in diesem Zusammenhang zu sehen. Ist eigentlich der Iran schlecht weil er mit der Erdogan-Türkei Beziehungen unterhält oder wird die Erdogan-Türkei dadurch schlecht dass sie mit dem Iran Beziehungen unterhält? Eine Achse des Bösen gewissermaßen. Eine Abwendung vom Westen wie ihn die Türkei ziemlich vollzogen hat, wurde in Ägypten abgewendet. Bezüglich Venezuela hat Trump schon gedroht, es mit Gewalt wieder unter Kontrolle zu bringen – mit “Demokratie-Argumenten”. Die Krise Brasiliens ist auch besorgniserregend. Der Iran unterhält Beziehungen zu diesen beiden südamerikanischen Ländern, ausserdem zu China, Indien, Armenien, Russland,… China könnte der wahre Nutzniesser der Sanktionen des Westens ggü Iran sein.28 China wird auch schon als kommender Feind des Westens gesehen, es kommt in diesbezüglichen Debatten Vieles wie auch ggü der islamischen Welt (selbstgerechte Anwürfe, Menschenrechte als Vorwand, vieles vermischt).

Netanyahu sprach 2011 vor dem USA-Congress, war von den Republikanern eingeladen worden, diese wollten Obama eins auswischen, und Netanyahu ebenfalls. Er wiederholte sein Pseudo-Angebot eines “Palästinenser-Staats”, keinen Rückzug auf die israelischen Grenzen 49-67, Annexionen von Teilen des Westjordanlands, da “viele Areale mittlerweile so dicht bevölkert und zu sehr angewachsen seien, als dass man das bei einer Grenzziehung ignorieren könnte“, keine Teilung Jerusalems, keine echte Souveränität Rest-Palästinas, aber: Man sei “bereit, Teile des alten jüdischen Heimatlandes aufzugeben, grosszügigerweise”.29 Das ist weniger als das Barak-Angebot 00, wobei er bei jenen rechts von ihm (diverse Parteien, die auch in seinen Regierungen vertreten sind) auch das schwer durchsetzen würde, die Bennetts sind auch ehrlicher bzgl Palästinensern, Siedlungen, Verhandlungen. Wenn man jahrzehntelang Siedlungen (auf Kosten der dortigen Bevölkerung) aus-baut und massenhaft Leute dorthin schafft, dann sind die betreffenden Gegenden irgend wann dicht besiedelt, ja. Das war auch im “Warthegau” so, der Gegend um Posen, in der Nazi-Deutschland Polen vertrieb und “Volksdeutsche” aus verschiedensten Gegenden ansiedelte.

Wie bei “Judäa” und “Samaria” sagte man in dem Zusammenhang, die Berechtigung für die Vertreibung/Neubesiedelung sei, dass dies altes deutsches/jüdisches Land sei. Neben weiteren Märchen forderte er von Mahmud Abbas, dieser müsse sofort den “Pakt” mit der Hamas beenden, “welche von al Kaida finanziert werde”. Als er gerade paternalistisch und glatt auf den arabischen Frühling zu reden kam (“Yet, as we share their hopes,…”) störte eine jüdische Zuhörerin mit Hinweis auf israelische Besatzung und Kriegsverbrechen.30 Gideon Levy schrieb in “Haaretz”, es sei unwahrscheinlich, dass bereits ein anderer ausländischer Politiker versucht habe, dem US-Kongress “so einen Haufen Propaganda, Tatsachenverdrehungen, Heuchelei und Scheinheiligkeit zu verkaufen, wie dies Benjamin Netanjahu getan” habe. Dass dieser sein Publikum fest im Griff hat, davon zeugen auch viele Medien-Reaktionen; orf.at verdrehte die harte Linie zB als „kompromissbereit“ usw.

Bezüglich Demokratie in der islamischen Welt wird einerseits gern der Mangel an Demokratie dort als Ausdruck der Rückständigkeit der Menschen dort bezeichnet, andererseits diese Menschen als unreif usw dafür gesehen. Demokratie und Menschenrechte sind jedenfalls etwas „westliches“; ob sie nun mit Gewalt in diese Regionen gebracht werden, oder man dort lieber „zuverlässige“ Diktaturen installiert und aufrecht erhält. Es gibt eine lange Geschichte der westlichen Unterstützung für Diktaturen, inner- und ausserhalb der “islamischen Welt”, gegen Demokraten. Islamisten wie Islamophobe sind gegen eine echte Demokratisierung dieser Regionen, wobei man bei Saudi-Arabien zusammen findet. Demokratie wird von den dortigen Herrschern selbstverständlich als Gefahr angesehen. Noam Chomsky: Die USA und ihre Verbündeten werden alles tun, um Demokratie in der arabischen Welt zu verhindern… Die Bedrohung besteht nicht im Islamismus – warum hat man sich nicht schon längst aus der Verbindung mit Saudi Arabien gelöst? Die „Bedrohung“ war immer die Unabhängigkeit. Die USA und ihre Verbündeten haben immer wieder radikale Islamisten unterstützt, manchmal um säkularen Nationalismus auszuschalten…

Das Scheitern des Arabischen Frühlings und das Wüten des IS passt Zionisten und Saudis sehr gut; es gibt Ausnahmen wie Mosche Peretz, der sagte, eine Demokratisierung der Region sei gut für Israel und dieser “Frühling” eine Chance. Es dominiert hier Häme für das Scheitern des Frühlings, und Erleichterung darüber, dass die Menschen und die Region weiter in Entmündigung und Chaos gehalten werden können.31 Und: So wie es zu Zeiten des Kalten Kriegs jene im Westen (zB in Österreich, Deutschland) gab, die nicht nur gegen “Kommunisten” waren, sondern auch gegen Russen oder Osteuropäer generell, und ersteres (Kommunismus) vorschoben, gibt es solche heute auch bezüglich Orientalen und “Islamismus”. Kommunistische Russen waren auch leichter rassistisch/kulturalistisch zu diffamieren als “demokratische”. Amerikaner haben in Vietnam Rassismus und Kriegsverbrechen gegen die dortige Bevölkerung mit deren “Kommunismus” gerechtfertigt.

Das Mubarak-Regime in Ägypten hat sich als Bollwerk gegen den Islamismus inszeniert, die Moslembrüder als Schreckgespenst an die Wand gemalt, auch für öffentliches Chaos gesorgt, damit die Bevölkerung nicht mehr nach Freiheit, sondern nach einer ordnenden Hand ruft. Bezüglich des Westens ging das auf. Mubarak, einer der die Wilden im Schach hält, bei dessen Sturz islamische Extremisten in Ägypten die Macht übernehmen werden, der Aufstand drohe in eine islamische Revolution umzukippen. Hillary war gegen die Revolution Anfang 2011, für Mubarak und “Wandel”, Obama rückte schneller von ihm ab, Cameron war für “Evolution statt Revolution”, Mubarak sei ein “Partner im Kampf gegen Islamismus”, Westerwelle fordert das Regime auf, Gewalt bei Zusammenstössen aufzuklären..32, von Berlusconi kam wenig überraschend Lob für Mubarak. In Israel war man entsetzt, dass Manche im Westen einen so “wichtigen Verbündeten” fallen liessen, von “israelischen Ängste” war die Rede, dass Islamisten die Macht übernehmen, ein “iranian style regime” errichteten, wie es Netanyahu zu Merkel sagte, eine autoritäre prowestliche Diktatur war natürlich auch Peres lieber.

“Wenn iranische Oppositionelle Unterstützung aus dem Westen bekommen, werden sie leicht als Fünfte Kolonne des Imperialismus denunziert. Das liegt auch an der westlichen Doppelzüngigkeit. US-Außenministerin Hillary Clinton, so zögerlich im Fall der ägyptischen Opposition, stellte sich nun lauthals auf die Seite der iranischen Demonstranten – und ihr Ministerium twittert sich jetzt sogar auf Farsi durch die oppositionellen Netzwerke. Über die Anhänger des iranischen Regimes wissen wir wenig. Sie werden stets als manipuliert dargestellt. Aber es bedarf nicht unbedingt einer Gehirnwäsche, um die zwei Präsidentenstürze der vergangenen Wochen als Machtverlust des Westens zu sehen. Und als Zeichen des Erwachens in der muslimischen Welt. Möglicherweise muss die grüne Bewegung in Iran ihre Antennen neu justieren.”   (Charlotte Wiedemann)

Juan Cole schrieb, ein Vergleich Iran 79 und Ägypten 11 sei falsch und werde vom ägyptischen Regime instrumentalisiert – und auch von westlichen Gegnern dieses Wandels. Islamisten seien nicht führend in der ägyptischen Revolution (das waren sie im Iran aber eigtl. auch nicht), die Moslembrüder ausserdem relativ gemäßigt, Kleriker (die bei Sunniten eine andere Stellung haben als bei Schiiten) darin nicht führend. Das iranische Regime vereinnahmte übrigens die ägyptische Revolution für sich (Aufstand gegen ein Regime, das es auch nicht mochte), al Kaida versuchte das auch – die allermeisten Ägypter streb(t)en aber nicht nach einem politischen System der einen oder anderen Art. Die Rolle der Moslembrüder in Ägypten während/nach der Revolution ist vergleichbar mit jener der (Blockpartei) CDUD in der DDR 1989/90! Der Militärputsch 2013 beendete dann die demokratische Phase in Ägypten, in dem Zusammenhang gab es Massaker an protestierenden Mursi-Anhängern in Kairo und Umgebung, wie jenes auf dem Rabaa-al-Adawija-Platz (mit an die 1000 Opfern), ausserdem wieder die Ausschaltung der Freiheit von Medien, Inhaftierungen aus politischen Gründen, Folter, Todesurteile,…

Am Gebahren der Militärdiktatur von Abdelfattah Sisi kommt im Westen keine Kritik, es werden eher die Gegner diffamiert. Sisi wurde von Merkel in Berlin hofiert (als Mursi in Berlin war, wurden ihm ggü andauernd “Menschenrechte” angesprochen), er darf die Bevölkerung bzw die Demokratie unterdrücken wie er will, das wird wieder als “Kampf gg Islamismus” verkauft. Manche im Westen (sowie Saudi-Arabien) wollten so einen Putsch auch für die Türkei; wobei man Erdogan genau das unterstellt, was Sisi eben im Zuge seines Putsches anrichten liess.33 Und Tunesien, wo der Arabische Frühling 2010/11 begann? Die Beziehung zwischen dem Regime und der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich war in den Jahren davor gut gewesen. Ein französisches Unternehmen wollte das Ben Ali-Regime noch nach dem Ausbruch der blutigen Unruhen mit Nachschub an Tränengas versorgen. Noch 2008 lobte Frankreichs Präsident Sarkozy „ermutigende Zeichen“ in “Ben Alis Einsatz für Menschenrechte”. Jener Sarkozy, der gesagt hat, dass er Ahmadinejad wegen seiner Israel-Feindschaft weder die Hand reichen noch mit ihm an einem Tisch sitzen wolle. Auch andere Regierungen von EU-Staaten schwiegen zu Menschenrechtsverletzungen des dortigen autoritären Regimes; Ben Alis Regime galt als Bollwerk gegen Islamismus und als stabiler wirtschaftlicher Partner.

Am Ende seiner Herrschaft war auch Libyens Ghadaffi ein Partner des Westens geworden. Frankreich unter Sarko war auch hier unter den westlichen Schutzherren und Unterstützern der Diktatur, dann schwenkte man schnell um zu einem militärischen Eingreifen auf seiten Aufständischen und spuckte dazu auch grosse Töne („anderen arabischen Diktatoren wird es ähnlich gehen…“). In Bahrain wurde das von Saudi-Arabien unterstützte Regime vom Westen gegen die von Schiiten dominierte Demokratiebewegung unterstützt, bei deren Niederschlagung zugesehen. Strategisch-wirtschaftliche Interessen… Bei der blutigen Konfrontation in Syrien stehen auf der einen Seite eine säkulare Diktatur, auf der anderen neben Demokraten auch die schlimmsten Islamisten. Hier kommt man KSA und den anderen Golf-Arabern so weit entgegen, dass man ihnen genehme “Rebellengruppen” aufrüstet.

Über die Dämonisierung der Türkei unter Erdogan schrieb “MiddleEastEye”(.net): “As for those citizens who dared defend their electoral choices, they will be painted as zealots and religion-crazed fanatics, or in Turkey’s case, as ‘Erdogan’s Islamist mobs’, as one British newspaper referred to the anti-coup protesters.34. Our orchestra of apologists would swiftly move to embellish the ugly spectacle with fact-reversing analyses and commentaries than turn coup-plotters into ‘guardians of modernity’ and ‘agents of progress’ and democratically elected leaders into ‘dictators’. The truth is that the West couldn’t care less about democracy or human rights. They are irrelevant when it comes to its friends and allies and are only valuable as a stick with which it may beat its rivals and enemies. If Erdogan is being vilified today, it is not because he is a not democrat or a tyrant, but because he is not pliant to western dictates and willing to keep to the rules and parameters the West lays down in the region. The paradox is that no other leader in the Middle East is more demonised than Erdogan when he is one of the very few heads of state who have actually been democratically elected in that part of the world ‘we’ wish to keep as a ‘black hole’ and ‘our’ antithesis.” Ein Vergleich der Türkei mit Pakistan, einem anderen USA-Verbündeten, bzgl Menschenrechte et cetera wäre auch interessant.35

Eine Diktatur ist “dem Westen” egal, solange sie nicht gewisse Interessen berührt,  er hat selbst oft genug eine solche errichtet. Und umgekehrt, eine Demokratie wird bekämpft, wenn sie wirtschaftliche oder strategische Interessen berührt. So wie 1953 durch einen amerikanisch-britischen Coup im Iran nicht nur die Mossadegh-Regierung abgesetzt wurde, sondern auch die Demokratie dort abgewürgt. Mossadegh und die “Nationale Front” wollten eine Entwicklung im Sinne Aufklärung und Fortschritt, ein säkulares, demokratisches System, das Reichtum gerechter verteilt, eine eigenständige Aussenpolitik,… Dass das iranische Regime die eigene Bevölkerung unterdrückt, soll jetzt ein Problem sein für diverse Westisten und Imperialisten? Die Unterdrückung der Wünsche der iranischen Wähler und verschiedener Grundrechte der Bevölkerung war der Grund, dass man den autokratischen Schah jahrzehntelang unterstützte bzw als Herrscher dieses Landes akzeptierte!

John Dulles, Eisenhowers Aussenminister, spielte eine Rolle beim österreichischen Staatsvertrag 1955 und in Berlin ist eine zentrale Strasse nach ihm benannt; gegenüber den beiden Nachfolgestaaten des “Dritten Reichs” war er grosszügig, ihnen gestand er Selbstbestimmung zu. Den Farbigen in Iran oder Guatemala aber…bei den Staatsstreichen in diesen Ländern spielte er eine entscheidende Rolle. Der Islamismus im Iran war eine Folge dieser Schah-Herrschaft; doch wird die Sache inzwischen gern umgedreht, die westliche Intervention als von einer Gefahr des Islamismus motiviert dargestellt. Im im Umbruch befindlichen Iran wurde 79/80 auch eine Invasion der SU befürchtet (wie in Afghanistan damals) – gut möglich dass der Westen in diesem Fall Khomeini und seine Anhänger unterstützt hätte (wie die Islamisten in Afghanistan)! Dann unterstützte man Saddams Irak gegen Iran und jetzt Saudi-Arabien. Und jetzt ist der Iran, mit dem gemäßigteren Mullah Rouhani an der Spitze, “die Wurzel aller Probleme in dieser Region”.36

Mobutu, der grausamste afrikanische Herrscher, wurde vom Westen unterstützt (und an die Macht gebracht), Pinochet, Franco,… Mit Bin Laden zog man in Afghanistan an einem Strang. Wenn es um “seine Interessen” geht, drückt der Westen schon mal ein Auge zu, da nimmt man es mit Menschenrechten, Pressefreiheit und Demokratie nicht so genau. Menschenrechte ja, wenn man sie als Gegensazu zu dem Islam konstruieren kann. Ein aufdringliches, heuchlerisches, selektives und selbstgerechtes “Menschenrechts”-Engagement; und westliche Realpolitik. Dass (nominelle) Demokratie noch keine Menschenrechte garantiert, zeigen zB die “Jim Crow”-Gesetze, die im Süden der USA vom Ende des Bürgerkriegs ziemlich genau 100 Jahre lang Afro-Amerikanern elementare Rechte wie das auf die Teilnahme an Wahlen verwehrte. Der demokratische Charakter Israels (für seine Bürger) verhindert(e) nicht die Nakba oder die anhaltenden Vertreibungen oder Verhaftungen ggü Palästinensern; ganz im Gegenteil, diese Palästinenser werden auf Anweisungen (gewählter) israelischer Politiker enteignet, vertrieben,…

Die Republik Aserbeidschan ist wie Saudi-Arabien so ein undemokratischer islamischer Staat, der für den Westen wirtschaftlich (ebenfalls Öl) und strategisch (Bündnis mit Israel) wichtig ist und daher in Ruhe gelassen wird. Die ehemalige SU-Republik ist ein quasi-europäischer Nachbar des Iran, darf in der UEFA und in der Eurovision mitmachen. Nachdem eine aserbeidschanische Musik-Gruppe 2011 den Song Contest in Düsseldorf gewann, durfte das süd-kaukasische Land im Jahr darauf das Wettsingen abhalten. Damals wurde, west-chauvinistisch, etwas über Rückständigkeit und Homosexuellen-Rechte geschrieben und gesprochen; meist wird das Land aber à la Missfelder & Saudi-Arabien (“regionale Stabilität”,…) behandelt. Bis zur Entfremdung TR-IL war ein (diskretes) Dreieck zwischen Aserbeidschan, Türkei und Israel gegeben. Aserbeidschan ist unter Alijev sen. das Bündnis mit Israel eingegangen, das eines gegen Iran war/ist und auch mit Ansprüchen auf die nordwest-iranischen Provinzen West- und Ost-Aserbeidschan in Verbindung gebracht wird.37

Und eines gegen Armenien. Im Krieg mit Armenien wurde zweiteres zeitweise von Iran und Russland unterstützt. Mit der Türkei durch eine ähnliche Turksprache verbunden, hat sich das schiitische Land in den letzten Jahren auch von dieser entfernt. Die zu Gunsten der Staatspartei YAP geschobenen Wahlen lässt der Westen durchgehen, die Opposition wird dort nicht von ihm unterstützt. Ja, Demokratie ist auch nur weltfremdes Gutmenschengeschwafel, oder? Laut dem US-Magazin „Foreign Policy“ (~2010) könnte Israel den Iran von Aserbaidschan aus angreifen oder den Kaukasus-Staat zumindest als logistische Basis nutzen. Auf den Bericht folgte umgehend ein Dementi der aserbeidschanischen Regierung (unter Alijev junior). Für dieses Bündnis wurde auch ein Art ideologischer Unterbau geschaffen, die Propagierung gemeinsamer Feindbilder und Bedrohungsszenarien.

Als „einzige Demokratien und Rechtstaaten“ im “Nahen Osten” seien sie von einer „bösen Nachbarschaft umzingelt”, die es auf ihre „Existenz abgesehen” habe. Der israelische Staatspräsident Schimon Peres bei seinem Besuch in Baku 2009: „Israel und Aserbaidschan müssen ihre militärische Schlagkraft beibehalten, da sie beide unter konstanter Bedrohung stehen. Ich bin aber auch stolz darauf festzustellen, dass diese beiden Staaten immer den Weg des Friedens suchen. Ich weiss, dass Aserbaidschan von seinen Nachbarn bedroht wird. Wir können unsere Nachbarn leider nicht aussuchen. Wir unterstützen Aserbaidschans Streben, seine territoriale Integrität wiederherzustellen.“ 38 Dies war gegen Iran und Armenien gerichtet; inzwischen umschmeichelt man von israelischer Seite auch Armenier39 und iranische Nationalisten. Was an Victor Ostrovkys Buch erinnert, in dem er zB schreibt, dass Israel im Bürgerkrieg in Sri Lanka sowohl Tamilen als auch Singhalesen unterstützt hat; als Einheiten beider Lager auf Schulungsbesuch in Israel waren, musste man aufpassen, dass sie einander nicht begegneten…

Donald Trump bekennt sich stärker als Bush zu einem amerikanischen Egoismus, spielt weniger den Retter des Abendlandes bzw der ganzen Welt. Und er steht auch mehr oder weniger dazu, dass er für eine bestimmte USA (da) ist.40 Da, wo Bush oder Reagan zB etwas “guten Willen” ggü Afro-Amerikanern vor-geheuchelt haben, zeigt Trump eher etwas guten Willen bezüglich Rassismus, Rechtsradikalismus, Polizeigewalt, Ausgrenzung,… Im Schatten des Streits umd das iranische Atomprogramm (den Trump neu angefacht hat) gab es im Herbst 17 Raketen- und Atom-Tests von Nordkorea, Säbelrasseln bzw verbale Gefechte zwischen Kim Jong-Un und Trump. Auf einen echten Isolationismus will sich ein Trump schon deshalb nicht einlassen, weil es dann ja sein könnte, dass man zB Erdöl zu Weltmarkt-Konditionen kaufen müsste, anstatt es wie ein Boss einzufordern. Und wenn man zB nicht in der Lage (bzw Willens) ist, im eigenen Land für Sicherheit zu sorgen, wie das Massaker in Las Vegas im Oktober 17 zeigte, macht man eben vor, dass man für die Sicherheit der ganzen Welt zuständig ist.

Es heisst, Trump hat ein Foto von Afghanistan in den 70ern zu Gesicht bekommen, mit Frauen in Miniröcken, und danach beschlossen, das USA-Militär dort stärker „zu unterstützen“. Abgesehen von den Gedanken, die jemandem wie ihm beim Anblick leicht bekleideter Frauen durch den Kopf gehen müssen: Es war die Politik der USA gewesen, fortschrittliche Entwicklungen in Afghanistan (wie Erhöhung des Mindestalters von Frauen bei Heiraten) abzuwürgen, in dem man die islamistischen Mujahedin gegen die Kommunisten unterstützte… Und Saudi-Arabien, damals am begeistertsten und tatkräftigsten beim Rückschritt in Afghanistan beteiligt, ist auch jetzt (noch) wichtigster Verbündeter der USA in der Region.

Der Westen setzte oft auf rückständige Moslems gegen fortschrittliche, etwa im Irak nach dem 1. WK (Wüstenstämme gg städtische Intelligenz) oder eben in Afghanistan in den 1980ern. Raymond Westerling war einer jener (antikommunistischen) West-Imperialisten, die bei ihrem Vorgehen auf das “Islamische” setzten. Bei seinem Kampf gegen die Unabhängigkeitsbewegung für das niederländische Heer. Und noch mehr bei seinem Post-Unabhängigkeits-Aktivitäten gegen Indonesien. Auf lokale Herrscher oder Autoritäten, konservativ, skeptisch ggü allem Linken und Zentralismus, auch auf islamistische Gruppen. Und gab sich als Anführer seiner APRA selbst quasi als Moslem und Türke und Heilsbringer aus.

Im Kolonialismus gab es die Überzeugung europäischer Mächte, einer höherstehenden Zivilisation anzugehören, die über das gottgegebene Recht verfüge, mit „unterentwickelten Wilden“ fremder Länder nach Belieben verfahren zu dürfen. In der Weltordnung der Weissen, des Westens, ist es eigentlich ähnlich. “Anti”deutsche geifern über einen „Antiimperialismus von Teheran bis Caracas“, was ja hauptsächlich darauf abzielt, den lateinamerikanischen zu delegitimieren, und einen West-Imperialismus durch den Islamismus zu legitimieren. Und als Deutscher kann man durch ein Bündnis der USA und den Anglo-Mächten Junior-Partner in dieser Weltordnung werden, was nach dem Hitler-Krieg auch geschehen ist.

Dem Westen folgen – bedeutet was genau? Um seine Emanzipation kämpfen, gegen Kolonialismus und Neo-Kolonialismus, wie die Europäer circa von 1789 bis 1968 (gegen andere Bevormundungen und Ungleichheiten)? Oder heisst es, sich (als Nicht-Westler, Nicht-Erste-Welt-Mensch), sich einem System wie dem von Marcos auf den Philippinen zu fügen? Und was heisst es bezüglich dem, was allein im 20. Jh im und aus dem Westen kam, an Kriegen, Totalitarismen, Ausbeutungen? Ist dies auch nach zu holen? Die Aufklärung war ja der Vorlauf zum Schlimmsten, manche Dynamiken sind durch sie noch viel aggressiver geworden, ggü „Eigenen“ und Anderen. Heute redet man von “jüdisch-christlicher Zivilisation”, jahrhundertelang waren Juden aber das Andere in Europa. Wer zum Westen gehört, wie dessen Grenzen verlaufen, darüber besteht kein Konsens und keine Kontinuität…

Israel wird heutzutage als Mitglied der 1. Welt gesehen, der Weissen, ein westliches Land das sich (heroisch) gegen die unterentwickelten und fanatischen Orientalen behauptet – nicht zuletzt von den Holocaust-Urhebern. Franz J. Strauss, einst Oberleutnant der Wehrmacht und nationalsozialistischer Führungsoffizier, knüpfte in den 1950ern als Verteidigungsminister der BRD (militärische) Kontakte zu Israel, besuchte es. Die von dort vertriebenen Palästinenser hatten und haben keinerlei Besuchsrechte. Spaniens Ex-Premier José M. Aznar, der aus einer franquistischen Familie kommt und einem Geheimdienst-Folterer posthum einen hohen Orden verlieh, in der Alianza Popular gross wurde, in der 1976/77 ein grosser Teil des „Movimiento Nacional“ aufgegangen war, ist auch ein grosser Israel-Freund. Er gründete 2010 mit John Bolton und anderen rechten (Ex-)Politikern aus verschiedenen Ländern die konservative Lobby-Gruppe “Friends of Israel initiative”. Passenderweise wirkt Aznar auch bei MEMRI und in der News Corporation mit.

2010 schrieb er, nach dem israelischen Massaker auf der Hilfsflotte für das eingeschlossene Gaza, für “The London Times” einen Gastartikel, wonach die Welt Israel unterstützen müsse, da “wir alle” untergingen”, wenn es “unterginge”. Israel sei die erste Verteidigungslinie des Westens. “Israel kämpft unseren Kampf“ ist in den letzten ca. 15 Jahren im “Westen” ein weit verbreitetes Gefühl geworden. Auch Drekonja (siehe Teil 3) schrieb ja etwas Entsprechendes. Und diese Sicht korrespondiert mit der zionistischen Selbstsicht seit Herzl, der schrieb: “Für Europa würden wir dort 41 ein Stück des Walles gegen Asien bilden. Wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen. Wir würden als neutraler Staat im Zusammenhange bleiben mit ganz Europa, das unsere Existenz garantieren müsste.” Oder Netanyahu: “Wollen Sie an der Seite Israels stehen oder an der Seite von Terroristen?” Beschützer des Abendlandes, Vorposten der Zivilisation, Wall gegen den Orient.42 Eine solche Mauer gibt es ja inzwischen tatsächlich, nicht nur im bildlichen Sinn, mehrere sogar. (Zumindest) hier auf der Rechten schätzt man Israel ja nicht trotz seines Umgangs mit den Palästinensern und der Region, sondern gerade deshalb.

Natürlich wird hier nur eine gewisse Sorte von Israelis geschätzt, und nicht solche die offen religiös sind oder Mizrahis (und den “Arabern” von der Erscheinung zu ähnlich). Die Weltordnung der Weissen ist eben auf ihre “Verbündeten” angewiesen, wie die Schwarzen (Afro-Amerikaner) in der USA, die dort etwa ein Drittel des Militär-Personals ausmachen.43 Die lange Geschichte des christlichen Antijudaismus soll über Pro-Israel entsorgt werden. “Islamismus” wird vorgeschoben, um imperialistische, orientalistische und teilweise offen rassistische Ziele und Diskurse zu maskieren. In diesen Zusammenhang gehört auch die Erfindung eines “westlichen Wegs”, der Faschismus, Kommunismus wie Islamismus trotze.

Und die Auslagerung von Holokaust und NS-Kollaboration. Viel entscheidender als punktuelle „moslemische“44 Kollaboration mit dem nationalsozialistischen Deutschland und Übernahme von Elementen des europäischen Faschismus ist die Herumschubserei und die Oberherrschaft europäischer und westlicher Mächte (inklusive Russland/SU) über die nicht-weisse Welt, den globalen Süden, vor, während, nach dem 2. WK (der auch ein Krieg dieses Westens war).45 Netanyahu und andere israelische Politiker unterstellen dem iranischen Regime regelmäßig Verwandtschaft mit jenem der Nazis; auch ihre Unterstützer in Europa (wie Gerhard Scheit, auf einer Drop-“Konferenz” von “Appeasement” gegenüber der “Fortsetzung des Nazi-Vernichtungskriegs” schwafelte). Das war aber wie erwähnt auch schon bei Arafat so (vor 93 und ab 00 auch wieder) und oft ggü Palästinensern allgemein oder überhaupt ggü der “islamischen Welt”…

Diese “Vergleiche” (bzw Verschiebungen) verniedlichen bzw verzerren eher die Naziherrschaft, als dass sie die IR Iran (und was sie zB für die Iraner bedeutet) begreiflicher machen. Das Apartheid-Regime Südafrikas war zB ein Partner des der IRI vorangegangenen Schah-Regimes, und ein sehr enger Partner Israels (nicht zuletzt im nuklearen Bereich); auch Israel und Iran waren damals gut mit einander (siehe Teil 5). Und viele Politiker der Nationalen Partei in Südafrika haben zur Zeit des NS in Europa mit diesem sympathisiert46, abgesehen von den grundsätzlichen Ähnlichkeiten zwischen Nationalsozialismus und Apartheid sowie den Einflüssen von Ersterem auf Zweiteres.

Südafrika und Israel hatten bis 1979 den Iran als Öl-Lieferant; bei allem Negativen das man über die Islamische Republik sagen muss, dass sie mit diesem Regime Südafrikas die Beziehungen abgebrochen hat, war kein Fehler. Netanyahu hat sich ja 2015 sogar zu der Aussage verstiegen, dass Husseini und nicht Hitler hauptverantwortlich für den Holokaust an den Juden war.47 Den grossen gravierenden Unterschied zwischen tatsächlicher/vermeintlicher Judenfeindlichkeit unter Palästinensern und in der Region sowie jener in Europa früher versucht man zu verwischen, obwohl er eigentlich nur zu deutlich ist: Im ersteren Fall lag und liegt ein Realkonflikt vor, im zweiteren war das nicht der Fall.

Es gibt Iraner, die Anti-Regime sind und gewisse Versatzstücke der NS-Ideologie übernehmen, wie die Verdrehung des “Arier”-Begriffs der Nazis; zB jener Deutsch-Iraner in München, der seine Komplexe mit NS-Verehrung kompensieren wollte und „Kanaken“ tötete. Auch wenn hier Manche wieder eine “Querfront” zwischen Islam(ismus) und NS konstruieren wollen: Solche sind alles andere als “islamisch” und sehr westlich orientiert…48 Die Behauptungen/ Theorien, die es hierzulande über die Nuristani-Volksgruppe in Afghanistan gibt, zeigen auch, wie nahe westliche/deutsche “Solidarität” mit gewissen Bevölkerungsgruppen in der ausser-europäischen Welt und (zT NS-inspirierte) Rassentheorien beieinander liegen können… Ein ganz anderes Thema ist die Doppelgesichtigkeit der iranisch-persischen Kultur, mit der vorislamisch-urpersischen Identität und der schiitisch-islamischen. Shir-o-korshid oder Allah, Nehawend oder Kerbala, Del oder Qalb, Vasna Ahura Mazda oder Allah’u Akbar,…

Persien/Iran verlor für lange Zeit seine Unabhängigkeit, zwischen Sasaniden und Safawiden lagen fast 1000 Jahre Fremdherrschaft.49 Die  Wiederentstehung Persiens unter den Safawiden stand im Zeichen des schiitischen Islams, das Reich war lange davon geprägt. Und diese Herrscher-Dynastie (bzw die Herrscherkaste) war zumindest türkischer Herkunft. Die Identität Persiens in der Neuzeit war supra-ethnisch, da die Herrscher, wie auch in den Jahrhunderten seit dem Untergang des sasanidischen Persiens, grossteils nicht-persischer Herkunft waren (meist türkischer). Das Vor-Islamische, echt Persische, ist daher lange kaum zur Geltung gekommen im Neu-Persischen Reich, erst unter den Pahlevis im 20. Jh. Die Islamische Republik ist gewissermaßen die Antithese dazu, nach dem Diebstahl der Revolution wollten die Islamisten auch das Norus-Fest abschaffen oder die Ruinen von Persepolis zerstören (wie die Taliban die Buddha-Statuen in Afghanistan).

Die Nationsdefinition erfolgt wieder hauptsächlich über die Zugehörigkeit zum schiitischen Islam. Und auch die Auswahl der äusseren Bündnispartner, wie gezeigt. Die schitischen Aseris (die eine teilweise türkische Identität haben) geniessen alle Vorrechte, die indo-iranischen (arischen) Kurden oder Belutschen nicht. Die Opposition zum jetzigen Regime ist daher in der Regel gegen die schiitische Nationsauffassung eingestellt. Das kann auf eine Trennung von Staat und Religion abzielen oder auch auf einen neuen (un-islamischen) iranischen Nationalismus. Afghanistan hat durch die Machtübernahme der Mujahedin und dann Taliban genau so wenig „zu sich“ gefunden wie der Iran durch die Machtübernahme der Mullahs, was aber Islamisten wie Islamophobe glauben. Islamophobe verachten in der Regel “das Orientalische” an sich, misstrauen ihm, daher bringt eine nicht-islamische Identität nicht unbedingt Anerkennung von dieser Seite.50

Das Westliche ist im Iran trotz I. R. präsent, ist sogar Wichtiger geworden (durch das Tabu?). Es gibt die Attitüde, das (vermeintlich) Westliche nachzuahmen (auch die Nasenoperationen junger Frauen dürften davon motiviert sein)51, und es gibt unter Iranern auch die Haltung, das Westliche abzulehnen und es als Negativfolie zu gebrauchen. Wegen dieser in der Islamischen Republik vorherrschenden “Kultur” sind Manche auch bereit, jede Scheisse aus dem Westen zu fressen. Die Lage zwischen Hammer und Amboss… (siehe Teil 2). Die meisten Parteien waren unter dem letzten Schah (also in einer prowestlichen Diktatur) wie unter den Ajatollahs (in einer antiwestlichen Dikatur) verboten. Für jene Gruppen (im Westen), um die es im 6. Teil gehen wird, sind die Iraner an sich und ihre Befreiung kein Faktor, nur ihre Instrumentalisierung, dort gibt es keinen Respekt vor dieser Nation. Es gab im Iran schon eine Demokratie-Bewegung als der Westen den letzten Schah gegen das eigene Volk unterstützte, und eine gegen die Islamische Republik, als der Westen Saddam Hussein gegen den Iran unterstützten. Übrigens wurden die Mullahs früher für die genau passenden Herrscher für das iranische Volk gehalten, auch jetzt noch „gelegentlich“…

Den Besagten geht es nicht um eine Verbesserung der Lebensverhältnisse der Iraner, sondern um ihre Bevormundung, um eine Instrumentalisierung der Unzufriedenheit der Iraner mit dem Regime. Und dabei hat man einige Feigenblätter für seine imperialistische Nacktheit gefunden. Diese Einstellung ggü Iran bewegt sich zwischen “Es ist ein genozidäres Regime, daher muss man eingreifen” und “Sie verdienen einen Genozid”. Iran überhaupt nur mit Gewalt anpacken und besiegen, oder ihn an den Rändern anpacken, weil er an sich schlecht ist und man ihn bekämpfen muss, oder ihn in der Mitte anpacken, weil er eigentlich gut ist und man es gut meint… Minderheiten gegen die Mehrheit ausspielen, oder Araber gegen Iraner, oder doch „ganzheitlich“ vorgehen. Der Krieg gegen Iran hat ja schon begonnen. Nicht nur Tötungen von Wissenschaftern und Technikern oder Rundfunkpropaganda. Es wird auch versucht, gewisse Bevölkerungsgruppen und Individuen des Irans als Einfluss-Hebel zu gebrauchen.

Das können ethnische oder religiöse Minderheiten sein (Teile und herrsche), Homosexuelle und Frauen, Demokraten denen Honig ums Maul geschmiert wurde (oder deren Zwangslage ausgenutzt wird), bestimmte “Oppositions-Gruppen”, die für das Land an sich schlecht sind, nicht nur für das Regime. Man bedient sich des iranischen/persischen Nationalismus’, welcher unter den Mullahs ja “auf Eis gelegt” wurde, versucht gleichzeitig Spannungen unter den Nationalitäten des Irans zu schüren. Man sucht sich arme Opfer als Gewährsleute seiner edlen Gesinnung. Nimmt Menschenrechtsverletzungen im Iran (gg Iraner) zum Anlass (Vorwand), für einen Krieg gg Iran zu trommeln, der den (manchmal offenbarten) Wünschen dieser nach zu schwersten Menschenrechtsverletzungen an Iranern führen soll…52 Und behauptet, dass die Alternative zur USA-imperialistisch-neokonservativ-“anti”ideutsch-zionistischen Kriegstreiberei eine Akzeptanz der islamistischen Herrschaft über den Iran sei.

Daneben wird auch mit Saudi-Arabien und der sunnitisch-arabischen “Welt” gemeinsame Sache gegen den Iran gemacht, was schon zeigt, was von den “Menschenrechts”-“Begründungen” für einen Krieg zu halten ist. Und dann auch wieder “der Westen” geschlossen gegen “den Orient” in Stellung gebracht. Die Drohung eines Angriffs zwingt viele Oppositionelle zu einem gewissen Schulterschluss mit der Regierung. Manche Iraner geben sich in ihrem Engagement gegen das Regime zu “Bündnissen” mit Feinden des Landes an sich her, machen für diese den Onkel Tom. Die Anti-Regime-Iraner (gegen die Islamische Republik) die Saudis, Zionisten und Neokonservative unterstützen, sind wie jene Anti-Regime-Iraner (gegen die absolute Monarchie), die sich damals Khomeini unterordneten, gegen den Schah, glaubten, dieser sei ein probates Gegenmittel…

Die iranische Diktatur ist für Manche erst/nur durch den Israel-Bezug zum Problem geworden. Israel selbst machte in den 1980ern Waffen-Geschäfte mit dem iranischen Regime, während dessen Krieg mit dem irakischen; da spielte der Charakter des Regimes keine Rolle. Heute werden auch politische Gefangene heuchlerisch instrumentalisiert. Israel bedient heute gleichzeitig (manche) iranische Nationalisten sowie kurdische (u.a. PJAK) und belutschische (Jundullah) Separatisten, daneben die Volksmujahedin. Hauptsache, die Iraner werden gegeneinander ausgespielt. Und umgekehrt? Ein ultra-religiöser Jude, Mitglied der antizionistischen Gruppierung Neturei Karta, wurde in Israel wegen “versuchten Landesverrats” und “Kontakts zu feindlichen Agenten” angeklagt worden. Er soll sich der iranischen Botschaft in Berlin als Spion angeboten haben. Aber es werden auch Solche, die gewisse zionistische Dogmen in Frage stellen, wie Ilan Pappe, ausgegrenzt und diffamiert.

Es sind die Volksmujahedin (Mujahedin-e Kalqh, MEK, firmieren auch als MKO, PMO, NCRI, PMOI), die unter Iranern im Land oder Exil wenig Rückhalt und Unterstützung haben, die wichtigster “Ansprechpartner” von Regimewechslern und Bellizisten wurden. Die Mujahedin werden, nicht zuletzt wegen ihrer Firma „Nationaler Widerstandsrat“ (NCRI), manchmal mit der iranischen Exil-Opposition gleichgesetzt. Die Organisation entstand in den 1960ern im Iran, in Opposition zum Schah, mit einer Ideologie die eine Synthese zwischen politischem Islam und Sozialismus darstellen sollte. In den 1970ern haben sie bei ihren Terror-Anschlägen (im Iran) auch auf US-amerikanische Militärs und Zivilisten (in politischen Missionen) abgezielt, manche getötet. Sie nahmen an der Revolution an der Seite von Khomeini teil, sollen auch an der Geiselnahme in der USA-Botschaft in Tehran beteiligt gewesen sein. Die Freilassung der Botschafts-Angehörigen Anfang 1981 verurteilten die Volksmujahedin jedenfalls als “Kapitulation” vor der USA.

Dass sie bald danach mit den Mullahs brachen bzw von diesen von der Teilhabe an der Macht ausgeschlossen worden, spricht nicht gegen sie. Sie gingen wieder in den Untergrund, wurden die einzige Oppositionsgruppe, die mit Waffen- und Bombengewalt gegen das neue Regime kämpfte, das war ihnen möglich, weil sie schon zu Schah-Zeiten Guerilla-Strukturen aufgebaut hatten. Ihre spektakulärste Aktion war ein Bombenanschlag im Hauptquartier der Islamisch-Republikanischen Partei, der damaligen Staatspartei, im August ’81, der Präsident Rajai und Premier Bahonar tötete. Danach folgte ein brutales Vorgehen der IR gegen die Volksmujahedin (und gegen als solche Verdächtige!), die Zerschlagung ihrer Strukturen, bis Ende der 80er. Das europäische Exil, und hier Frankreich, wurde neues Zentrum der MEK. 1986 musste die Führung um Massud Rajavi und seine Frau Maryam Frankreich auf Druck der dortigen Regierung verlassen.

Und ging, mit einem Teil des Kaders, in den Irak Saddam Husseins. Der Feind meines Feindes… Volksmujahedin-Einheiten nahmen auch auf irakischer Seite am Krieg gegen Iran in diesen Jahren teil.53 Hussein überliess ihnen Stützpunkte und schwere Waffen. Kritiker werfen den Volksmujahedin seit Langem sektenähnliche Strukturen und die Misshandlung abtrünniger Mitglieder vor. Auch in der USA fassten sie Fuss, änderten also ihre Einstellung zu diesem Land (und vice versa). Die semi-islamistische Gruppe tat sich dort mit den Neokonservativen zusammen (gemeinsames Ziel: Iran destabilisieren) und kam so zu Akzeptanz. Die “Aufdeckungen” über die Nuklearanlagen in Natanz und Arak wurden, wie in Teil 2 geschildert, den Volksmujahedin überlassen.54

1997 waren die MEK in der USA auf die Liste des Aussenministeriums über terroristische Organisationen gesetzt worden. Die Gruppe soll Anfang der 00er-Jahre des 21. Jahrhunderts der Gewalt abgeschworen haben. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie in der Politik der USA bereits gewichtige Fürsprecher, wie “Tom” Ridge, “Ted” Poe, “Ed” Rendell, Republikaner und Demokraten. Zunächst ging es diesen darum, ihre Schützlinge von der Terrorliste zu bekommen. Das geschah unter Obama bzw seiner Aussenministerin Clinton, 2012. 3 Jahre, nachdem die EU dies getan hatte. Nun konnten die radikale Gruppe (die weiter in Frankreich und Irak wichtige “Stützpunkte” hatte) auch offiziell unterstützt werden. Unsere Terroristen sind eben gute Terroristen. Sogar Daniel Pipes verteidigt die MEK; sie lassen sich für alle Arten von Aktionen gegen Iran einspannen, verüben dort Anschläge, rühren die Kriegstrommel für ihre Meister,…

1986 waren die Volksmujahedin wie gesagt in den Irak gekommen, haben in dem ihnen zugewiesenen Lager ca. 100 km nördlich von Bagdad Camp Ashraf gegründet – der Name in Ehren zur ersten Frau des Führers, Ashraf Rajavi, 1982 in der IR Iran getötet. Über 3 000 Kämpfer und Angehörige blieben auch nach Ende des Krieges dort. 2003 wurde ihr Schutzherr Saddam ja durch eine internationale (USA-geführte) Militärinvasion gestürzt, amerikanische Panzer rollten auch bei Camp Ashraf vor. Die Mujahedin hatten sich neutral erklärt im Krieg zwischen ihrem alten Meister (S. Hussein) und ihrem neuen (G. Bush). Sie übergaben ihre schweren Waffen an die US-Truppen. Es gelang der USA hier ja nicht, eine Quisling-Regierung zu installieren, und als Nuri al Maliki 06 Premierminister (einer Koalitionsregierung) wurde, gab es in Bagdad keine Vasallenregierung mehr.

Als sich die US-Truppen Anfang 09 in Militärbasen zurückzogen, ging die Kontrolle über das Camp an die irakische Regierung über. Maliki drängte auf eine Schliessung des Camps der Iraner die mit Saddam Hussein kollaboriert haben. 2011 gab es eine gewaltsame Razzia irakischer Sicherheitskräfte. 2012 wurde in Zusammenarbeit mit UN und USA (die inzwischen ganz aus dem Land abgezogen waren) ein neues Lager für die Volksmujahedin im Irak gefunden: Camp Liberty, ein früheres US-Militärlager, in der Nähe des Bagdader Flughafens. Die wenigen Verbliebenen in “Ashraf” wurden 2013 angegriffen, wahrscheinlich von einer schiitischen Miliz. 2016 wurde auch das neue Lager aufgelöst und seine Einwohner mit Hilfe von UNHCR ins Ausland gebracht, grossteils nach Albanien.

Die Volksmujahedin sind in der USA Kettenhunde eines Netzwerks aus (den unter Bush mächtigen) Neokonservativen und Zionisten (Kenneth Timmerman, D. Pipes, Michael Ledeen, Meyrav Wurmser, Reuel Gerecht, P. Wolfowitz, Eliana Benador, Douglas Feith, William Kristol, Eli Lake, American Enterprise Institute,…), wie auch Monarchisten wie Amir Taheri und andere reaktionäre Gegner des iranischen Regimes55. Produkt der Zusammenarbeit dieser Ziocons war nicht zuletzt der Film „Iranium“.56 Die MEK sind also einer der “Ansprechpartner” der Zionisten unter Iranern, man hat zB bei den Morden an den Atomwissenschaftern zusammen gearbeitet. Im Fall eines Kriegs wären die Volksmujahedin wohl dabei. Das würde nur ein neues totalitäres Regime, gegen die iranische Bevölkerung, mit Rajavi-Personenkult57

Eine zentrale Figur dieser Mujahedin-Kreise in der USA ist Hassan Daioleslam (manchmal auch nur „Dai“ genannt – warum denn nur schneidet man diesen Teil des Namens ab?). Er wurde auch für eine dropthebomb-Veranstaltung in Deutschland ’09 gebucht (Ankündigung: „Der exiliranische Politikwissenschaftler Hassan Daioleslam analysiert seit Jahren die Politik des iranischen Regimes gegenüber dem Westen sowie die Tätigkeit seiner Lobbyisten in den USA“), über die neokonservativen Partner der Drop-Macher. Er steckt auch hinter der Website iranianlobby.com. Auch der ebenfalls dort als exil-iranischer Gewährsmann vorgeführte Keyvan Kaboli kommt aus diesem Eck, ist eines der wenigen Mitglieder in Daioleslams Tarnorganisation „PAIC“ sowie einer „Grüne Partei Iran“. Anfang 17 traten auf einer Volksmujahedin-Veranstaltung in Paris nicht nur Newt Gingrich, Joseph Lieberman, Rudolph Giuliani und John Bolton auf; diese Herrschaften wären aber schon Gegengewicht genug zu den iranischen Mullahs gewesen, Gegengewicht im Sinne von “auf andere Art genau so schlimm”; es trat auch Prinz Turki Bin Faisal al Saud auf.

Das National Iranian American Council (NIAC) unter Trita Parsi58 hat sich in letzten Jahren als Lobbygruppe der Iraner in der USA profiliert, hat hierbei v.a. NCR(I)/ MEK (Volksmujahedin) und Monarchisten verdrängt. Es sind v.a. diese Kräfte, die, mit Hilfe ihrer Partner, die das NIAC nun (und aus diesem Grund) als Regime–nahe diffamieren. Eine der Ironien bezüglich dieser Partnerschaft ist ja, dass 02/03 ja unter anderem damit Stimmung für einen Krieg gegen Irak gemacht wurde, dass dessen Regime Verbindungen zu Terror-Gruppen hätte. Nun, für einen Krieg gegen Iran, sind die Volksmujahedin ihr wichtigster Kollabo-Partner, jene Terrorgruppe die tatsächlich nahe bei Saddam war… Das die Kriegsbefürworter unter der Exil-Opposition versuchen, NIAC zu diffamieren, zeigt deutlich, dass sie nicht den Hauptstrom der Exil-Iraner repräsentieren.

Das NIAC klagte Daioleslam wegen dessen Behauptungen, NIAC unterstütze das iranische Regime, und gewann. Der Neocon Jeffrey Goldberg von “The Atlantic” wiederum hat die “Loyalität” von NIAC-Gründer Trita Parsi59 zur USA in Frage gestellt, da er ein in Schweden aufgewachsener Iraner sei. Goldberg, der sich als “Nahost-Experte” sieht, und die USA verliess, um in der israelischen Armee zu dienen. Nachdem das NIAC 08 Olmerts Kriegsbemühungen gegen Iran im Congress abgewehrt hatte, wurde es verstärkt unter “Beschuss” genommen. Zum Beispiel von “Lenny” Ben-David, früherer AIPAC-Lobbyist, jetzt israelischer Siedler im Westjordanland. Er ist bekannt für seinen anti-arabischen Rassismus. Bahman Nirumand wird in Deutschland auch von Ziocons, Monarchisten, Islamisten attackiert.

Daneben ist es mancherorts mehr oder weniger offizielle Politik geworden, die Nationalitäten Irans gegen einander auszuspielen. Der deutsch-stämmige60 Kongress-Abgeordnete Dana Rohrabacher (Rep.) will Minderheiten gegen Iran aufhetzen bzw. militant-separatistische Gruppen unter ihnen unterstützen, den Iran entlang ethnischer Linien zerschneiden. Er weiss, dass das Schüren ethnischer Spannungen zur schlimmsten Gewalt und zu einem Flächenbrand führen kann. Ausgesucht als Ziele hat er sich Aseris und Belutschen und „ihr legitimes Unabhängigkeitsbestreben“. Daneben unterstützt er auch die Volksmujahedin – aufgrund ihrer Bereitschaft, Gewalt einzusetzen.61 Nicht Demokraten unterstützen oder Regimewechsel oder das Land schwächen, nein, es zerstören.

Rohrabacher hat auch angeregt, über Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien oder Usbekistan hinwegzuschauen, aufgrund der nationalen Interessen der USA. Auch hier zeigt sich diese Beliebigkeit: Beim Andijan-Massaker 05 in Usbekistan bei der Niederschlagung von Protesten gegen das Regime hat Machthaber Karimov den Demonstranten das islamistische Label umgehängt, zur Rechtfertigung. Bei Saudi-Arabien wiederum geschehen die Menschenrechtsverletzungen im Namen des Islam(ismus)… Vielleicht wachen einige iranische Quislinge auf, wenn sie sich den Charakter und die Absichten ihrer Partner etwas genauer ansehen. Vom Wegschauen bei diesen Menschenrechtsverletzungen ist es zur Unterstützung von IS nicht mehr all zu weit; und die Unterstützung der afghanischen Mujahedin in den 1980ern (> Taliban, als Kaida) lässt hier in mehrerer Hinsicht grüssen. Und bei allem was man der Islamischen Republik Iran vorwerfen muss, der “Islamische Staat” ist um einiges schlimmer und auch mit dem Königreich Saudi-Arabien würde sich “ein Vergleich lohnen”. Auch dass es um nationale Interessen der USA geht, hat Rohrabacher offen gesagt, und dass man ihretwegen Menschenrechte vergessen soll…

Wahrscheinlich muss man solche Tatsachen mit sehr lautem Gebrüll zu übertönen versuchen, Gebrüll von “Demokratie”, “Regimewechsel”, “Antisemitismus”, “Holocaust”, “freier Westen”, “Terrorismus”, “Befreiung der Iraner”,… Es stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob die Mullahs mit ihrer Politik das Feld dafür aufbereitet haben, dass der Iran in einer solchen Situation ist, solche Pläne für ihn gewälzt werden. Oder ob die Machtergreifung der Mullahs die Folge davon ist, dass man dem Iran schon zu Zeiten der Schahs auf diese Art gegenüber getreten ist, man gewisse Entwicklungen nicht zugelassen hat.

Auch die frühere Kongress-Abgeordnete Jane Harman hat auf der AIPAC-Konferenz 09 das Aufteilen des Irans entlang “ethnischer Linien” unterstützt, wie NIAC aufzeigte. Nicht nur Israel, auch die USA hat ihren Krieg gegen Iran wohl schon begonnen, laut Scott Ritter bedienen sie sich dabei der Volksmujahedin, kurdischer und aserbeidschanischer Separatisten, evtl auch belutschischer. Und dieser Krieg beinhaltet nicht nur Rundfunkpropaganda. Die Methode ist alt und bekannt. Im Congo (Kongo) folgte auf die Jahrzehnte direkter Kolonialherrschaft. In dieser Zeit hatte man schon eine Force Publique aufgebaut, die nach dem Willen der belgischen Kolonialmacht gegen die Kongolesen agierte. nach der (nominellen) Unabhängigkeit die neokolonialistische Einflussnahme. Belgien und Frankreich versuchten eine Abspaltung der rohstoffreichen Provinz Katanga unter Tschombé, die USA stürzten Lumumba und seine Zentralregierung, setzten dort Mobutu ein. Mobutu oder Tschombe, Volksmujahedin oder Jundullah…

Oder, 2 bis 3 Jahrzehnte früher, als die Nazis Ukrainer oder Tataren gegen Russen, Kaschuben gegen Polen, Slowaken gegen Tschechen oder Kroaten gegen Serben aus(zu)spiel(t)en (versuchten). Legitime Unabhängigkeitsbestrebungen. Übrigens waren dann nicht wenige dieser (ehemaligen) Nazi-Soldaten in Afrika unterwegs, in kolonialen oder neokolonialen Diensten, zB als Söldner in Katanga. Die Bantustans des Apartheid-Regimes in Südafrika, legitime Unabhängigkeitsbestrebungen. Osten-Sacken: „Föderalisierung statt Nationalisierung“ in dieser Region. Hauptsache, es gibt Streit bzw Uneinigkeit unter ihnen. Aber: alles kommt zurück.

Der Iran ist ein Vielvölkerstaat mit Vorherrschaft der Perser, der grössten Bevölkerungsgruppe. Die Volksgruppen sind zT miteinander verschmolzen, zB haben viele “Perser” heute Wurzeln in anderen Ethnien.62 Die Süd-Aserbeidschanische Nationale Erweckungsbewegung (GAMOH/SANAM), die kurdischen PDK-I und PJAK und die belutschische Jundullah sind also Partner der USA und Israel gegen Iran geworden. Die Kurden sind von den Nicht-Persern Irans den Persern am nächsten63, der Separatismus bei ihnen ist historisch am grössten, auch weil sie Volksteile ausserhalb Irans haben. Und sie werden gerne instrumentalisiert…

Im 2. WK wurde Iran von den Alliierten GB und SU besetzt, wurde als Transport-Transit-Land für militärische Unterstützung für die SU benutzt.64 Bei der Gelegenheit hat man dort auch den Schah ausgetauscht (1941) und eine Alliierten-Konferenz dort abgehalten (Tehran, 1943). Die Briten zogen sich 1945 weitgehend zurück, die SU-Truppen (Rote Armee) nicht. Stalin nutzte die Gelegenheit, die iranischen Provinzen Kurdistan und Aserbeidschan mit Hilfe lokaler kommunistischer Kräfte zu (von Iran) unabhängigen (aber tatsächlich von der SU abhängigen) Republiken ausrufen zu lassen. Die kurdische Mahabad-Republik65 (nach ihrer Hauptstadt) und die Aserbeidschanische Volksregierung66, die Ende 1945/Anfang 1946 ausgerufen wurden. Die Westmächte stellten sich dagegen (“Territoriale Integrität des Iran”,…), der Konflikt wurde eine internationale Krise im ganz frühen Kalten Krieg. Im Dezember ’46 wurden die beiden Republiken wieder in den Iran integriert.

Kurden sind Lieblingsobjekte geworden von Leuten im Westen, denen an einem Schaden dieser Region liegt. Gewisse Deutsche schwärmen davon, wie positiv sie sich von Persern oder Türken abhebten… Es stört auch nicht, dass man dann dazwischen auch wieder kemalistische Türken unterstützt. Oder dass bei dieser Art von Kurdistan-Solidarität die Assyrer, die in etwa das selbe Gebiet beanspruchen, “unter die Räder kommen”. Irgendwann kommen gegenüber Kurden auch die selben Ressentiments wie ggü anderen Orientalen – wie bei Jenen, die sich die Ukrainer als “die besseren Russen” idealisierten und dann enttäuscht werden.67 Im irakischen Kurdistan, das ähnlich wie das spanische Katalonien zur selben Zeit den Weg zur Unabhängigkeit geebnet hat, diese aber noch nicht ausgerufen, hat Israel einen Fuss in der Türe. Um Kurden, Griechen und Armenier bemüht man sich dort erst, seit die Türkei unter Erdogan andere Wege geht. Und, sich gleichzeitig um Aserbeidschan wie auch um Armenien zu bemühen, das geht auch irgendwie.

USA, Israel und Saudi-Arabien unterstützen die die Jundullah, eine militante Gruppe von Belutschen in Iran und Pakistan, die auch im Drogenhandel aus Afghanistan mitmischen. Die Belutschen sind sunnitische Moslems, die wichtigste sunnitische Volksgruppe im Iran. Die Jundullah ist nicht nur separatistisch bzw irredentistisch, sie ist auch salafistisch-islamistisch. Aber das stört die Unterstützer nicht weiter, die die militärisch aufbau(t)en, es geht ja um das Schüren von Unruhe und ethnischen Spannungen. Tausende von iranischen Soldaten sind in den letzten Jahren im Kampf gegen diese Gruppe ums Leben gekommen. Ihre Anführer, die Rigi-Brüder, wurden 2010 gehängt. Die arabische Minderheit in der Provinz Khusestan wurde auch immer wieder gegen den Iran auzuhussen versucht, nicht zuletzt von Saddam Hussein im Krieg in den 1980ern.68

Der rechte US-amerikanische Journalist Charles Krauthammer schrieb 1990, nach der Unabhängigkeitserklärung Litauens von der SU im “Time”-Magazin einen Artikel mit dem Titel “Why Lithuania Is Not Like South Carolina”. Warum Sezession (seiner Meinung nach) in einem Fall gut und berechtigt ist, im anderen (jenem der US-Südstaaten) nicht. Die Dinge (bzw Massstäbe) sind eben relativ. Was auch das Gezeter über Unterstützungen des iranischen Regimes für Gruppen in Rest-Palästina (Hamas) und Libanon (Hisbollah) sowie die irakische Regierung zeigt! “Legitime Unabhängigkeitsbestrebungen” einerseits und “Es gibt keine Palästinenser”69 andererseits. “Keine Chance dem Kulturrelativismus” einerseits, aber wenn er in einem “nationalen” oder anderen “Interesse” ist, dann ihn praktizieren. Über zurückgebliebene Ziegenficker schimpfen, aber die Kurden sind so eine Art Ehren-Arier. “Islamismus bekämpfen” aber die Jundullah unterstützen wir. Wir sind eigentlich Freunde Irans, aber wir zerstückeln ihn.70

Schwule im Iran werden in den Kriegskampagnen angeführt, jene in Saudi-Arabien sind egal, und eigentlich sind sie nur gleichgültiges Kanonfutter, das seinen Dienst im Propaganda-Krieg zu leisten hat. Vielleicht sollte man seine Partner von der Jundullah konsultieren, was von Schwulen zu halten ist… In Afghanistan hat man (die neokonservative Kamarilla um George Bush) natürlich einen Krieg geführt, “um Mädchen den Schulbesuch zu ermöglichen“. Man definiert alle möglichen Gruppen und deren Rechte, für die man sich am im eigenen Land nicht interessiert. „Feministinnen schwächen europäische Männer“ schreiben die Broders und PI. So wie Gutmenschen für die rechten Islamophoben Landesverräter sind, deren Liberalismus aber den „zurückgebliebenen Orientalen“ entgegengestellt wird. Auch innerhalb des Feminismus gibt es Heucheleien und Widersprüche. Die Suffragettenbewegung Südafrikas zB kämpfte einst nur für die weissen Frauen und ihre Rechte…

Manche Iraner, sowohl solche die selbst unter dem Mullah-Regime lebten als auch jene die es aus der Distanz des Exils „beobachteten“, waren/sind von ihm so angewidert, dass sie sich mit den schlimmsten den Feinden des Landes (und nicht nur des Regimes) zusammen tun bzw sie unterstützten, sobald sie die Gelegenheit dazu hatten/haben. Und diesen ein Alibi gaben/geben. Khomeini und Ahmadinejad haben das Feld für die Grigats und Bushs aufbereitet. Iraner wurden vom Regime mit so viel Scheisse gefüttert dass viele geneigt sind, alles zu schlucken, was vom Regime as “schlecht” klassifiziert wird. Es gibt welche, die mit dem Alkoholverbot in der IR aufwuchsen und dann im Westen exzessiv und unvernünftig dem “Gegenteil” fröhn(t)en… Jene säkular-demokratischen (Exil-) Kräfte, die tatsächliche iranische Interessen vertreten, werden diffamiert und bekämpft!

Jene Exil-Iraner, die sich mit Neokonservativen und Ähnlichen zusammen tun, diesen Alibis geben, sind entweder aus der MEK-Ecke, oder Monarchisten oder Dissidenten, die die Islamische Republik persönlich erlebten. Allein schon die Anliegen der Anhänger einer absoluten Monarchie und jene der Mujahedin wären schwer zu vereinbaren – aber darum geht es auch gar nicht. Es geht nicht um eine Verbesserung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in diesem Land. Im Folgenden einige wichtige Akteure aus Nordamerika. Die Azadegan-Stiftung von Assad Homayoun in der USA ist eindeutig nationalistisch, evtl auch monarchistisch. Sie arbeitet mit Zionisten und Neocons zusammen, sie behauptet, Khomeini sei durch Linke an die Macht gekommen und Ähnliches, sie ist minderheitenfeindlich und irredentistisch. Das stört aber weder die Azadegan noch ihre Partner, jene denen ja so an den Anliegen der Kurden und Belutschen liegt, und die den Iran aufspalten wollen…

In diesem Buch konstruiert A. Fakhravar im Sinne seiner neokonservativen Meister eine Allianz zwischen Kommunisten und Islamisten bei der Revolution im Iran

Mehdi Khalaji ist ein ehemaliger Vertreter des Regimes, der sich im Westen mit Reaktionären anderer Art zusammentat. Auch Mohsen Sazegara war innerhalb des Regimes tätig, war dann in Haft, ging dann ins Exil, bewegt sich in neokonservativen Kreisen, war bei WINEP. Amir A. Fakhravar war angeblich ein Anführer des Studenten-Aufstands von 1999, ging nach der Haft ebenfalls ins westliche Exil, wo er sich ebf. den Ziocons als loyale Hilfskraft zur Verfügung stellte. Fakhravar traf Bush, Cheney, Perle, B. Lewis, Berman u.a., arbeitet(e) bei Radio Farda mit, beim Institute of World Politics, wird mittlerweile auch von Adelson unterstützt, ist deshalb nun nicht nur für „Regime Change“ sondern auch für Militärschlag bzw Krieg. Auch er und die Anderen werden erfahren, dass auch jene Iraner die Anti-Regime, pro-israel und anti-arabisch sind, Feindschaft und Misstrauen abbekommen.

Werden den genozidär-rassistischen Diskurs im zionistischen Kontext kennenlernen, der nicht nur ggü Palästinensern geführt wird, sondern ggü der Region an sich (> Bennett,..). Und erfahren, dass Manche gar nicht zwischen Arabern und Iranern unterscheiden können/wollen, und die „Essenz“ des Arabers ist ja der Konflikt…71 “Ali Sina” ist ein Exil-Iraner in Canada, der den Islam an sich attackiert. Er gründete Faith Freedom International, wirkt bei SION (Stop Islamization of Nations) von Pam Geller und Rob Spencer mit, die keine Rassisten sein wollen. Wie seine Islamkritik einzuschätzen ist, sieht man zB an seinen offen rassistischen, unappetitlichen Attacken auf Obama. Er selbst hat das Glück, ziemlich hell zu sein, somit hat er die Chance, von jenen die er als Partner sieht, nicht als islamistischer Verbrecher qua Geburt gesehen zu werden. Homa Darabi tötete sich 1994 durch Selbstverbrennung als Protest gegen das Regime, seine Schwester in der USA wird von Neocons ge-braucht. Reza Zarabi schreibt für die “Jerusalem Post” (Online-Rubrik „iranian threat“).72

Es stellt sich auch die Frage, inwiefern diese Iraner von dem Rassismus und der Verachtung ggü Orientalen ausgenommen sind – den es zB bei Lesern und Redakteuren der “Jerusalem Post” gibt. Inwiefern man ihnen einen iranischen Nationalismus. “Nationalismus” kann verschiedene Bedeutungen haben, im 2./3.-Welt-Kontext beinhaltet er immer auch Bestrebungen zur Verringerung der Abhängigkeit von der 1. Welt… Im spezifisch iranischen Kontext ist er auch gegen eine Machtausbüng und Nationsdefinition im Namen des schiitischen Islams und Demokratiebestrebungen73 gestattet. Eine antiiranische Hasstirade unter einer Meldung, wonach Reformer und Oppositionelle das Land im Fall eines Angriffs unterstützen wollen, bestätigt, dass man in Kreisen der Partner der gewissen Exil-Iraner entgegen Beteuerungen mit Iran an sich ein Problem hat und auf eine Bevormundung aus ist.

Das zeigte sich zB auch bei Online-Kommentaren über den deutsch-iranischen Fussballer Ashkan Dejagah, die damit beginnen, dass dieser “antiisraelisch” eingestellt sei und damit enden, dass im deutschen Nationalteam ohnehin zu viele Zuwanderer, Südländer, Dunkle,… spielen. Ja, und den Broders zufolge sind die Zuwanderer ja so inländerfeindlich, besteht das Problem darin. Auf der Hetz-Seite “lizaswelt” stand, in den früheren 00er-Jahren, mal etwas über die iranischen Volksmujahedin; das was “man” (Feuerherdt und Freunde) inzwischen über diese Gruppe wüsste, sei nicht dazu angetan, zu glauben dass sie Pro-Israel und Pro-USA sei, hiess es da. Um das gehts, das ist das Kriterium, nicht was sie für Iran bedeuteten. Und, “Pro-USA” hiess natürlich Pro-Bush, eben so wie sich “Pro-Israel” ganz sicher nicht auf die Tradition der Mapam (Maki/ Rakah/ Hadash/ Matzpen) bezieht. Inzwischen hat sich das ja verlagert, verschleiert man in den Kreisen der “Anti”deutschen die eigenen Prioritäten, sagt, man hat her Exil-Iraner welche für Demokratie und gegen das Regime seien.

Dass man mit Israel gut Freund sein kann, auch als “Orientale”, wenn man “nur” die Anliegen der Palästinenser links liegen lässt und versucht, seine eigenen mit jenen Israels in Einklang zu bringen, haben schon Viele geglaubt. Und sich ihr Unbehagen schöngeredet. Und, auch solche Iraner werden dann doch für “ihr” Regime “verantwortlich” gemacht. Man denke an Kommentare wie “euer Präsident (Ahmadinejad)”, “euer Evin-Gefängnis”,…74 Ob der Rassismus der JDL und Ähnlicher Zionisten gegen Araber/Orientale wirklich (solche75) Iraner ausnimmt? Wie „Anti“deutsche und andere Rechte Irans Beziehungen zu nicht-westlichen Staaten (wie Brasilien, China, Südafrika) schlecht machen, gibt eindrucksvoll Zeugnis von deren Rassenhierarchie; quasi zum Ausgleich dazu braucht man ein paar Quislinge. Sind die guten Iraner, die sich für Ziocons hergeben, Teil der “freien westlichen Welt”? Sind sie (also zB Herr Daeioeslam) ausgenommen von den psychopathologischen Befunden der Frau Wilting?

Beim Blog „gatesofvienna“ heisst es z.B. „..supports democracy in iran„, und an anderer Stelle fordert man strengere Kontrollen von „Arabisch- und Persisch-Sprachigen“ auf Flughäfen. Abbas Kiarostami, der wahrscheinlich bedeutendste iranische Filmemacher, oft vom Regime drangsaliert, wurde in der Zeit nach den Anschlägen vom September 01 eine Einreiseerlaubnis in die USA zum New York Film Festival verweigert… Krauthammer schrieb von einem “absurden Tabu des racial profiling“. Ja, Mina Ahadi (BRD) gibt allen Fremdenfeinden Alibis, auch jenen von PI (“Politically Incorrect”); dort schrieb sie, “die iranische Revolution braucht eure Hilfe”. Da kann sich auch der letzte Rassist geschmeichelt fühlen. Der, der sonst auf PI die optische Kennzeichnung von Moslems (oder was er darunter versteht) fordert.

Saudi-Araber die sich kritisch mit dem Islam und dem Regime ihres Landes auseinandersetzen, treten in solchen Kreisen (“Stopthebomb” uä) nicht auf76. Das verlangt man auch nicht von ihnen. Saudis haben sich nicht durch eine solche Gegnerschaft zu qualifizieren, sie haben eine Wild Card (wegen ihres Regimes). Und dass jene die regimekritische Iraner benutzen wollen, die selben sind, die zornig aufschreien, wenn man sich auf Finkelstein oder Pappe bezieht, rundet das Bild ab.

Maryam Namazie mag das Islamophobie-“Konzept” nicht, hat aber erkannt dass die Etikettierung von Staaten/Gruppen/Personen als „islamisch“ für einen Zweck betrieben wird und dass man unislamische Moslems bis auf wenige Handlanger nicht will. Sie wurde auch schon als “Nazi” bezeichnet und ihre Herkunft aus einer islamisch geprägten Kultur wurde ihr zum Vorwurf gemacht – weil sie nicht nach der imperialistischen Pfeife tanzt. Ansonsten würde diese Herkunft als Grundlage für ihre Erweckung ausgelegt werden, wie bei Abdel-Samad oder Ahadi. Hitchens war zwar sehr islamkritisch bzw antiislamisch, aber nicht zionfaschistisch (blind bzw fetischistisch), und verlor dadurch auch sein Ansehen in gewissen Kreisen.

“Aus westlicher Sicht ist der russische Autor Sachar Prilepin auf der richtigen Seite gestanden: Er war gegen Putin. Dass er als Nationalbolschewik in westlichen Ländern als Radikaler gegolten hätte, schien schon nicht mehr interessant. Prilepin wurde international mit Preisen überhäuft und von Kritikern hofiert. Nun bleiben aber keine Zweifel: Prilepin zog vor wenigen Wochen freiwillig und begeistert in den Ukraine-Krieg. Das sei wichtiger, als Bücher zu schreiben, so Prilepin vor seiner Reise an die Front.”77 Tja, mit den Verbündeten des Westens unter den Bösen ist das so eine Sache. Davon zeugen auch die “Katanga-Gendarmen”, die sich gegen ihre Meister wandten. Die Katanga-Gendarmen waren Kämpfer des von Belgien unterstützten Katanga-Herrschers Moise Tschombé78, der nach Mobutus Machtübernahme 1965 aufgeben musste. Die “Gendarmen” wurden von europäischen Söldnern geführt.

Mobutu versuchte die Miliz aufzulösen, die lehnte sich, 1966/67 dagegen auf. Nachdem die kongolesische Armee (von der USA unterstützt) die Katanga-Truppe unter dem Belgier Jean Schramme bezwang, flohen deren Überlebende nach Angola – und schlossen sich der kommunistischen MPLA an, die gegen die portugiesischen Kolonialherrschaft kämpfte. 1977/78 drangen die Katanga-Gendarmen aus (dem nunmehr unabhängigen) Angola in das ehemalige Katanga (nunmehr “Shaba”) ein, mit dem Ziel, die rohstoffreiche Provinz von “Zaire” loszulösen, mit der Unterstützung des “Ostblocks”. Ihnen gelang es zeitweise, wichtige Städte zu kontrollieren. Sie richteten Massaker unter der Bevölkerung an, auch unter dort lebenden Europäern. Hauptsächlich durch zweiteres wurden diese Massaker für den Westen ein Problem, ansonsten hätte es geheissen, Afrikaner schlachten sich gegenseitig ab. Aber die Wurzeln dieser “Gendarmen” war wie gesagt ihr Kampf für Tschombe, ein Liebkind des Westens. Auch die kroatische Ustascha wandte sich am Ende (des 2. WK) gegen die Italiener…

Der vietnamesisch-amerikanische Autor Viet Thanh Nguyen brachte heuer den Roman “Der Sympathisant” heraus, ein zeitgeschichtlicher Roman oder Politthriller. Darin geht es um einen exil-vietnamesischen Doppelagenten in der USA, der am Ende des Vietnam-Kriegs 1975 mit anderen Offiziellen Süd-Vietnams aus Saigon über Guam in die USA geflüchtet war. Dort arbeitet er in Kreisen  der (hauptsächlich aus Süd-Vietnam stammenden) Exil-Opposition zum nunmehr kommunistischen Vietnam, und auch für US-amerikanische Behörden in diesem Sinn. Gleichzeitig berichtet er dem vietnamesischen Staat über das Treiben der Antikommunisten in der USA, das auch paramilitärische Trainingscamps in Süd-Kalifornien beinhaltet.79

Nguyen beschreibt das Milieu der Exil-Vietnamesen, ihr politisches Engagement, ihre Bündnisse mit erzkonservativen Kongressabgeordneten und antikommunistischen Thinktanks, den Rassismus den sie in der USA erfahren (unbesehen von ihrer politischen Einstellung…), die kulturellen Unterschiede zwischen alter und neuer Heimat, die Schwierigkeiten dort über die Runden zu kommen. Verachtung von Amerikanern gab es für Süd-Vietnamesen die an ihrer Seite kämpften, an sie glaubten, schon zu Zeiten der Waffenbrüderschaft im Lande, auch die vielfache Überlassung an ihr Schicksal. Und erst Recht als sie in deren Land unter ihnen lebten. Beim Dreh eines Films über den Vietnam-Krieg auf den Philippinen ist der Protagonist als Berater dabei; dort werden Vietnamesen vor dem Hintergrund amerikanischen Heldentums zu Rohmaterial für ein Epos “über weisse Männer, die gute gelbe Menschen vor schlechten gelben Menschen retteten”.80

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Seit der Jasminrevolution konzentriert sich salafistische Propaganda von Saudis oder IS auf Tunesien, man will auch das einzige erfolgreich demokratisierte arabische Land in Gewalt und Chaos stürzen, um Vorurteile zu bestätigen
  2. Der deutsche Israel-Fetischist redete vom „antisemitischen Massenmörder“ Saddam (und grinste), damit deutet er an, dass dieser Massen von Juden getötet hätte; fast alle seiner Opfer waren aber Moslems, die meisten davon irakische (dann iranische). Überflüssig zu sagen, dass Seinesgleichen nichts an diesen liegt ausser dass sie als argumentatives Kanonenfutter herhalten sollen
  3. Der König und sein Kreis, der mehr oder weniger seine Familie ist, tun was sie wollen. Man vergleiche dazu die Dämonisierung von Rouhani
  4. In der zB Schiiten als vom Islam abgefallene “Apostaten” gesehen werden
  5. Peter Pilz (Grüne > Liste Pilz) jedenfalls konzentriert sich auf die türkische AKP als grösseres Übel…
  6. Auch der Drop-Mitarbeiter Maani spricht gerne darüber
  7. “In dieser von zahlreichen Konflikten geprägten Region” – Und in wievielen dieser Konflikte mischt Saudi-Arabien entscheidend mit?!
  8. Das iranische Öl war 67 der ausschlaggebende Grund für Israel, in den Krieg zu ziehen!
  9. Es werden hauptsächlich Moslems vom IS getötet, und Iraner sind in mehrerer Hinsicht Opfer von Islamismus
  10. ZB: “We will not wait until the battle is in Saudi Arabia, but we will work so the battle is there in Iran”
  11. Schiiten finden sich vielerorts in Küstenregionen der arabischen Halbinsel
  12. Daher hat Israel hier nicht so leichtes Spiel, wie es gerne hätte. Der von Israel nicht angenommene Friedensplan der Arabischen Liga (Anerkennung IL gegen Rückzug aus den 67 besetzten Gebieten und Anerkennung eines palästinenischen Staats dort) entspricht übrigens ungefähr den Hamas-Bedingungen für einen Waffenstillstand
  13. Die Hesoren/Hazara sind ethnisch nicht iranisch aber (auch) sprachlich „persianisiert“, bei den Aserbeidschanern/Aseris dürfte es sich umgekehrt verhalten
  14. Der schiitische Islam setzte sich im Neupersischen Reich unter den Safawiden durch, und dieses umfasste im Nordosten (Zentralasien) nicht mehr die dortigen historischen iranischen Gebiete
  15. Jener Teil der 1973 zurück erobert worden war
  16. Übrigens: Wenn es gegen Russland geht, ist sogar die Türkei wieder ein Verbündeter des Westens. Wenn das türkische Militär einen russischen Kampfjet in Syrien abschiesst, weiss der deutsche Kulturkrieger zumindest nicht so Recht
  17. Er schrieb dort auch von “Schiiten mit westlichen Pässen”
  18. Seine Berichterstattung auf die Reaktionen in der islamischen Welt auf den Tod von Bin Laden zeigte zB auch einen Enthusiasmus für diesen, der mit der Realität nicht übereinstimmte
  19. Auch Broder versuchte ’13 seinen Beitrag zu einer Intervention in Syrien, “…Wenn ich mir heute die Aktionen der Friedensbewegung anschaue, die dem Massaker in Syrien ungerührt zuschaut…”… aber der wahre Grund für diesen Konflikt ist doch dass Moslems verklemmt und reaktionär sind, oder etwa nicht, und sich dort zu engagieren ist deutscher Verantwortungsimperialismus
  20. Der lobt u.a. „die Afrikaaner“ (die er andernorts als “Arier” bezeichnet, dafür, dass sie ihre “natürlichen Feinde” (die Schwarzen) nicht mit ihren selbstgebauten Atomwaffen ausgerottet haben (sondern friedlich die Bomben eliminiert), verteidigt die Apartheid, eine Anspielung mit Banane und Affe darf nicht fehlen; der Artikel endete mit einer „Warnung“ vor Obama und einer Attacke auf die “Freunde der Schwarzen” im “Westen”. In den Kommentaren darunter zog der Mob Parallelen zwischen Schwarz/Weiss und „Islam/Dhimmi“
  21. Barry Goldwater
  22. wenn man Terrorismus bekämpfen will,
  23. Die dort die städtische Bevölkerung, Linke, Feministinnen, ethnische Minderheiten,… jahrelang terrorisierten und aus denen die Taliban hervor gingen
  24. Übrigens, das Massaker unter seinem Vater gegen einen Moslembrüder-Aufstand in Syrien 1982 wurde und wird gegen die Assads und ihre Regime angeführt. Dieselben “Menschenrechtler” drücken aber bei “Säuberungen” (Tötungen) ggü Moslembrüdern in Ägypten beide Augen zu – vielleicht sogar mit klammheimlicher Freude?
  25. Ihr Vater, Yeruham Benozovich, war aus einem der Gebiete, das nach dem 1. WK von Russland zum wieder-entstandenen Polen kam
  26. Dass sie auch mit den deutschen Nazis kollaborierte, darüber hier ein ander’ Mal
  27. Jeder salafistisch-islamistische Anschlag, der von ihm reklamiert oder ihm zugeschrieben wird
  28. Israel schickte in diesem Jahr zwei hohe Militärs, Amir Eshel und Amos Yadlin, nach China, um dort “seinen Standpunkt” zu präsentieren und China auch gegen Iran aufzubringen
  29. Die Vorstellungen der Mifleget HaAvoda/ Arbeiter-Partei sind diesbezüglich nicht so verschieden davon
  30. Er hat dann die Demokratisierungs-Aufstände in arabischen Ländern in Zhg mit “Gefahren” erwähnt, ohne zu vergessen, den Holocaust und Iran einzuflechten
  31. al-samidoun.blogspot.co.at/2011/02/oops-i-did-it-again.html : „Interessanterweise haben genau die gleichen Leute es bejubelt, als die USA die Demokratie in den Irak bomben wollten. Da war Demokratie noch was schönes. Sobald die Araber sie aber selbst wollen, dann ist es einem doch wieder nicht geheuer.“
  32. 2 Jahre zuvor eine solche Aufforderung an Ahmadinejad?
  33. Ausschaltung der Freiheit von Medien, Inhaftierungen aus politischen Gründen, Folter, Todesurteile,…
  34. “The Spectator”
  35. Oder mit Israel. Wenn das Militär in einer Nacht-Aktion einen Radio-Sender lahmlegt, der Dinge beim Namen nennt, die den dort Regierenden nicht passen, wird das bei Israel (wie in Hebron kürzlich geschehen) selbstverständlich hingenommen, es muss ja so eine Art Anti-Terror-Kampf sein. Wenn so etwas in der Türkei geschehen würde… Dass es bei Israel im Grunde nicht um Regierung und Opposition geht sondern um Juden und Nicht-Juden (das Problem am Sender war, dass er ein palästinensischer ist, nicht dass er gegen die Likud-Partei eingestellt war oder so), ist ein weiterer Hinweis darauf, dass es sich dort um eine Art Apartheid-System handelt…
  36. Viele regimekritische Iraner sehen schon eine Linie in der Politik des Westens gegenüber ihrem Land, die auch die Sanktionen die sie treffen/bestrafen, mit einschliessen. Dass sich Feinde des Irans der Opposition zum Regime bedienen (wollen), passt hier dazu
  37. Aserbeidschaner/Aseris sind im Iran nach den Persern die grösste Volksgruppe
  38. madlens-blog.blogspot.co.at/2012/01/acht-blickwinkel-aserbaidschan.html
  39. madlens-blog.blogspot.co.at/2012/03/acht-blickwinkel-armenien.html
  40. Es ist davon auszugehen, dass für ihn “der Westen” enger bzw rassischer definiert ist als üblicherweise
  41. in Palästina
  42. Übrigens, wenn die FPÖ plakatiert, “Respekt für unsere Kultur”, was meint sie damit genau? Thomas Bernhard? Michael Jeannee? Sido? (ach so, der ist ja teilweise Sinti)
  43. Was weniger etwas über deren Begeisterung an der Teilnahme an imperialistischen Unternehmungen sagt, als über ihre mangelnden alternativen Berufs- und Aufstiegschancen
  44. Das Vorbild für die maronitische (=christliche!) Kataib/Falange-Partei/Miliz im Libanon waren zB diverse europäische Faschismen
  45. Übrigens, viel wichtiger als dass der spanische Faschismus die Kataib mit-beeinflusst hat, war, dass die USA und andere westliche Mächte dieses Franco-System nach dem 2. WK gestützt haben!
  46. Ein guter Überblick dazu ist “The Rise of the South African Reich” von Brian Bunting
  47. Siehe dazu: hummusforthought.com/2015/10/21/netanyahus-hitler-speech-is-nothing-new
  48. Dem Westen folgen – bedeutet was genau?
  49. Die Buyiden scheinen aber echte Perser gewesen zu sein, und über das ganze Land geherrscht zu haben
  50. Eine Erfahrung die auch schon Kopten oder Baha’i gemacht haben
  51. Siehe dazu auch Jalal Ahmad, Teil 5
  52. Es lasst grüssen: der Bezug auf die (von einer Seite angegriffenen) syrischen Zivilisten, die ungefragt Kriegstreiberei legitimieren sollen
  53. Damit haben es sich die Mujahedin auch mit vielen Iranern verscherzt, die gegen das Mullah-Regime sind!
  54. Dieser Alireza Jafarzadeh hat, 2007, auch ein Buch über das iranische Atomprogramm herausgebracht
  55. Shireen Tahmaaseb-Hunter, die iranische Diplomatin unter dem letzten Schah war, nach der Revolution ins Exil ging, wissenschaftliche Karriere machte, nennt im iranischen Kontext die Nehzat-e Azad und die Volksmujahedin als Beispiel für “Islamo-Linke”; hier ist zumindest nicht diese Beliebigkeit, dieser Opportunismus, bei der Auswahl von Bündnispartnern und Gegnern (Islamisten, Sozialisten? Egal, hauptsache sie haben den selben Feind und sind nützlich)
  56. Die Beschuldigungen in der USA vor einigen Jahren bezüglich eines angeblichen iranischen Mordkomplotts gegen den saudi-arabischen Botschafter waren auch ein kleiner Hinweis darauf, wer da noch im Hintergrund mitmischt
  57. Als der Schah gestürzt wurde, haben die Meisten geglaubt, nun könne es nur noch aufwärts gehen…
  58. Ist möglicherweise ein Pseudonym
  59. Der übrigens Zoroastrier ist
  60. Und seit Rumsfeld weiss man, dass man sich als Deutscher im amerikanischen Gewande alles erlauben kann
  61. Ein Iran nach den Vorstellungen der MEK oder die Abtrennung von Sistan-Beluchistan? Wie hätten wir es denn gerne? Egal, hauptsache die Iraner zerfleischen sich gegenseitig
  62. Im Grunde sind alle Ethnien/Volksgruppen, aber auch Nationen, Konstrukte
  63. Was gleich ersichtlich wird, wenn man eine der kurdischen Sprachen, Kurmanji, Sorani oder Palevani, mit Persisch/Farsi vergleicht
  64. Beide Mächte hatten bereits seit dem 19. Jh einen Fuss in Persien
  65. کۆماری مەھاباد‎ , Komara Mehabadê
  66. آذربایجان میلّی حکومتی‎‎ , Azerbaycan Milli Hökumeti
  67. Der Turban von Massud Barzani gefällt einstweilen noch
  68. Dies sind noch lange nicht alle Volksgruppen des Irans, nicht behandelt wurden zB die Turkmenen oder die Bachtiaren
  69. Golda Meir, Newt Gingrich
  70. Ggü den Iranern so wohlwollend wie es Pädophile ggü Kindern (die sie für attraktiv halten) sind
  71. Siehe Teil 1
  72. Über Exil-Iraner, die sich im deutschsprachigen Raum nützlich machen, im letzten Teil
  73. Echte Demokratie, im Sinne von Volksherrschaft
  74. Oder: “Ihr Ziegenficker, euer Diarrhöestan…”
  75. regimekritischen
  76. Nicht echte Reformer und nicht nützliche Idioten
  77. orf.at, einmal ausgewogen
  78. Ein Sezessionsversuch, der mit diversen kurdischen vergleichbar ist
  79. Mit dem Ziel, von der CIA unterstützt, über Thailand nach Vietnam zurückzukehren und gegen den kommunistischen Staat zu kämpfen
  80. Man kann das auch auf Youtube studieren, in den Kommentaren zu Videos über den Vietnam-Krieg, und gegenüber getöteten Vietnamesen, das Oszillieren zwischen zwischen offener Verachtung (“may they rest in piss”) und Rettungsgehabe (“haben sich gegenseitig umgebracht, wir sie vor dem Kommunismus gerettet”)

Das iranische Atomprogramm. Teil 3: Das internationale Atomregime

In der USA wurden Atombomben während des 2. WK bekanntlich entwickelt und von ihr am Ende dieses Kriegs erstmals eingesetzt, gegen die Achsenmacht Japan.1 Durch Spionage (der Sowjetunion) und Zusammenarbeit (mit den den anderen beiden West-Alliierten des Kriegs) verlor die USA dann bald das nukleare Monopol. Die führenden Ostblock- und Westblock-Staaten hatten in den 1950ern Atomwaffen, mit Ausnahme der beiden deutschen Staaten. 1964 stiess die VR China zum nuklearen Klub.2 Die friedliche Nutzung der Kernspaltung kam nach der Entdeckung der militärischen. Sowohl Atomenergie als auch Atomwaffen arbeiten mit der Atomspaltung (entweder des Urans bzw. U235 oder von Plutonium bzw. Pu239) bzw der daraus resultierenden Kettenreaktion.

Die Dampfturbine des nicht in Betrieb gegangenen AKWs in Zwentendorf in Österreich

Der Brennstoffkreislauf (nuclear fuel cycle) für friedliche Nutzung und jener für militärische haben viele Parallelen und Querverbindungen. Aus abgebrannten AKW-Brennelementen kann mittels einer Wiederaufbereitungsanlage Plutonium waffenfähig gemacht werden oder für die Wiederverwendung im Reaktor aufbereitet werden. Der andere Weg (zur Atombombe) ist jener über die Anreicherung von Uran235. Die Unterscheidung zwischen friedlicher und militärischer Nutzung der Atomspaltung ist nicht so eindeutig und leicht. Die 1957 gegründete International Atomic Energy Agency (IAEA; französisch AIEA, deutsch IAEO) will Atomenergie und andere zivile Anwendungen der Atomkraft  fördern, aber die Verbreitung von Atomwaffen verhindern.3 In der IAEO flossen das Technisch-Wissenschaftliche und der “sicherheits”- politische Kontext immer ineinander. Und der weltpolitische Rahmen von etwa 1947 bis 1991 war der “Kalte Krieg“.

In die “heissen” Kriege in diesen Jahrzehnte waren auch spätere oder damalige Atomwaffenmächte involviert, neben den fünf offiziellen Mächten auch Indien, Pakistan, Israel, Südafrika – glücklicherweise ohne Einsatz von Atomwaffen.4 Europa bzw der Westen führt seit dem 2. WK seine Kriege anderswo, abgesichert durch atomare Kapazitäten. Und, der Kalte Krieg drückte sich natürlich nicht zuletzt durch ein atomares Wettrüsten aus. Die inoffiziellen und tolerierten Atomwaffen-Mächte sind Israel, Indien, Pakistan, früher Südafrika. Inzwischen muss man wohl Nordkorea dazu zählen, seine Atomwaffen sind aber (noch) nicht allgemein toleriert. Als Motive, die in Staaten zur Arbeit an Atomwaffen führen, sind zu nennen: „Sicherheit“ (Abschreckung) durch den Besitz einer Waffe, die möglichst grosse Vernichtungen anrichten kann, eine tatsächliche oder eingebildete Bedrohung; das Streben nach internationalem Prestige durch das Meistern des Brennstoffkreislaufs, Macht durch Kontrolle von Technik und Wissenschaft5; eine innenpolitische Auseinandersetzung; und schliesslich: die Herausforderung zu diesem Schritt nach dem Meistern der Atomenergie.

Besonders nahe daran, ein sehr heisser Krieg zu werden, war der Kalte Krieg ja in der Kuba-Krise von 1962. Der Atomwaffensperrvertrag von 1968 wird als Folge davon gesehen, bzw der folgenden internationalen Gespräche über Atom-Rüstung. Der Atomwaffensperrvertrag, auch Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen, Nuklearer Nichtverbreitungsvertrag (NVV), englisch (Nuclear) Non-Proliferation Treaty (NPT), war zur Eindämmung von Atomwaffen gedacht. Er schreibt vor, dass die damals existierenden (fünf) Atommächte (USA, Sowjetunion, USA, Grossbritannien, Frankreich, China) keine Nuklearwaffen (und Know How zur Fertigung) an Dritte weitergeben dürfen, sich zur nuklearen Abrüstung verpflichten.6 Staaten, die noch nicht im Besitz von Atomwaffen sind, dürfen diese auch nicht entwickeln/erwerben. Alle haben Recht auf ein friedliches, ziviles Atom-Programm. Der bis heute gültige Vertrag trat durch die Ratifikation in den Unterzeichnerstaaten 1970 in Kraft. Die führenden Industriestaaten des Westens sowie die 2 kommunistischen Grossmächte wurden also als legitimen Nuklearwaffenmächte anerkannt. Das “Einfrieren” des damaligen Zustands brachte jenen (Staaten), die schnell waren, einen permanenten nuklearen Vorsprung, ein nukleares Monopol.

Die nukleare gegenseitige Bedrohung zwischen Westblock und Ostblock (wobei die SU und China ab den späten 1950ern entzweit waren) wurde als eine symmetrische gesehen. Die Asymmetrie gegenüber den Anderen war v.a. eine gegenüber der 2. und 3. Welt. Diverse “regionale” Akteure, die später Atomwaffen entwickelten, werden geduldet. Israel7, Indien, Pakistan sind einfach nicht dem NPT beigetreten, Südafrika auch nicht, solange es Atomwaffen hatte. Ihre nukleare Aufrüstung hatte keine Konsequenzen, u.a. weil “man” von ihnen kein Unterlaufen der Vorherrschaft der Grossmächte befürchtete. Nordkorea ist 2003 aus dem Vertrag wieder ausgeschieden. Die IAEO inspiziert weltweit Atomanlagen, auf Sicherheit und Verstösse (Arbeit an Nuklearwaffen) – aber nicht jene der Atomwaffenstaaten: Die offiziellen Atomwaffenstaaten haben dieses Privileg, und die inoffiziellen stehen ausserhalb des Vertrags…

Die Abrüstungsverpflichtungen (der offiziellen Atomwaffenstaaten) sind im NPT/NVV vage formuliert. Der Vertrag mit den festgeschriebenen Privilegien sollte zunächst für 25 Jahre gelten, dann sollten auf Überprüfungskonferenzen im Fünfjahresrhythmus Verhandlungen über die nukleare Abrüstung aufgenommen werden. Verhandlungen sind vorgeschrieben, keine konkreten Schritte, kein Zeitplan. Und die inoffiziellen Mächte stehen wiederum ausserhalb. Die Zahl der Atomwaffen stieg in den bald 5 Jahrzehnten seit Inkrafttreten des Vetrags stark an. Trotz Abrüstungsverpflichtung, Proliferationsverbot, diverser Begrenzungsverträge (v.a. zwischen den beiden Supermächten zu KK-Zeiten geschlossen), und regionaler Abkommen. Die Umwandlung des “Nahen Ostens” in eine nuklearwaffen-freie Zone wurde mehrmals angeregt, nach Vorbild des Vertrags von Tlatelolco, der Lateinamerika in eine solche “verwandelte”; es gibt hier Unterschiede in dem ägyptischen und dem israelischen Vorschlag.

Ein Blick auf jene Staaten, die sich in Nuklearwaffen-Enthaltsamkeit üben. Da sind einmal jene, die ein ziviles Atomprogramm haben, also in der Regel Atomkraftwerke, auch Uran-Anreicherungsanlagen selbst betreiben, und das Potential zur Atombombe haben. Diese “nuklearen Schwellenländer” haben quasi die zerlegte Bombe in der Schublade, und meist auch die notwendigen Trägersysteme. Bei einem Zusammenspiel von Politik, Wissenschaft und Militär wäre in solchen Ländern eine Atomwaffe wahrscheinlich in wenigen Wochen (oder Monaten) fertig zu stellen, wenn nicht die IAEO-Kontrollen und Spionage wären. Ein solches “virtuelles Atomwaffenprogramm” haben etwa Deutschland, Japan, Canada, Spanien, Schweden, Niederlande, Iran, Brasilien, Rumänien. Dann gibt es jene Länder, die sich unter einem Nuklearschirm8 befinden, so wie Deutschland oder die Türkei unter jenem der NATO bzw USA.

Manche dieser Schwellenländer haben oder hatten auch Ambitionen auf Atomwaffen, aus welchen Gründen auch immer. In der BRD gab es in der zweiten Hälfte der 1960er eine Debatte über den Beitritt zum Atomwaffensperrvertrag, und Widerstand dagegen, aus verschiedenen Motiven: Man sträubte sich gegen eine Einigung USA-SU über Europa hinweg, gegen „Diskriminierungen” von Deutschland (“ein zweites Versailles“), gegen eine “Benachteiligung” für die zivile deutsche Nuklearindustrie