Die „israelischen Araber“

Was in der offiziellen zionistischen Diktion “israelische Araber” genannt wird, bezeichnet 20% der Bevölkerung Israels, jene Palästinenser die die Nakba im Gebiet dieses neu-proklamierten Staates überlebten, bzw ihre Nachkommen. Anders gesagt, der autochthonere bzw nicht-jüdische Bevölkerungsteil dieses Staats. Es gibt noch kleinere andere Gruppen von Nicht-Juden in dem Gebiet das als Israel verstanden wird, von westlichen evangelikalen Christen bis zu Gastarbeitern aus Thailand. Die “israelischen Araber” sind, die palästinensische Gesellschaft vor bzw neben dem Zionismus wiederspiegelnd, sehr diversifiziert und darüber versucht Israel auch, sie zu schwächen.

Die Bevölkerung Palästinas, Nachfahren der Kanaaniter oder Philister, wurde von der arabischen Invasion Palästinas nicht in dem Maß “getroffen”, wie man glauben möchte; siehe dazu Ilene Beatty, John Quigley, James Frazer u.a. Genau so wenig, wie von der vorhergehenden römisch-byzantinischen oder der nachfolgenden osmanischen Herrschaft. Die Araber “vermischten” sich etwas mit den Kanaanitern/Palästinensern, so wie alle Herrscher Palästinas vor und nach ihnen. Sie bewirkten vor allem eine kulturelle Arabisierung, sprachlich und religiös. Die einzigen echten Araber unter den Palästinensern (und in den benachbarten Ländern) sind die Beduinen; sie zeichnen sich nicht nur durch ihre Lebensweise aus. Dazu jedoch ein ander Mal mehr.

Vor Beginn der organisierten jüdischen Masseneinwanderung nach Palästina in den 1880ern machten Juden etwa 3% der Bevölkerung des damals osmanischen Palästinas aus (der sogenannte alte Jischuw). Die restliche Bevölkerung bestand aus Arabisierten und Arabern verschiedener Religionen sowie später ins Lande Gekommenen wie Armenier, Türken, Tscherkessen, Griechen, Assyrer, Sinti, Perser (Baha’i), Deutsche (Templer). Vor allem nicht im Land lebende palästinensische Grundbesitzer verkauften Land an zionistische Juden; der Landkauf war meist mit der Vertreibung der dort lebenden Bevölkerung verbunden. Das Land, auf dem “Tel Aviv” gegründet wurde, wurde von Beduinen gekauft (wo sind deren Nachfahren heute?). Die Palästinenser waren für die frühen Zionisten Teil der harten Natur dieses Landes, die es zu besiegen galt.

Ungefähr parallel zueinander (und teilweise kongruent) kamen um die Jahrhundertwende eine arabische Unabhängigkeitsbewegung vom Osmanischem Reich (im Mashriq) und eine palästinensische Nationalbewegung auf. 1914, nach mehreren Einwanderungswellen, machten Juden ca. 10% der Bevölkerung Palästinas aus. Mit der britischen Eroberung des Landes im 1. Weltkrieg verbesserten sich die Bedingungen für die Zionisten, die ab den 1920ern ihre Ziele forcierten, Waffen schmuggelten, Strukturen aufbauten. Ein Kibbuz bzw eine Siedlung war eine kleine Militärbasis und etwas, das zu weiteren Forderungen “berechtigte” – so ähnlich wie das Siedlungswerk heute. Juden wurden so in der Zwischenkriegszeit ein Faktor in Palästina, und das friedliche Zusammenleben mit den Palästinensern lag zu diesem Zeitpunkt schon in der Vergangenheit.

Die letzte Einwanderungswellen vor der jüdischen Staatsausrufung (“Bricha”) umfasste v.a. Holocaust-Überlebende im weiteren Sinn, fand mit Beteiligung der Jüdischen Brigade im Rahmen des britischen Militärs im 2. WK statt. Die Briten gaben das Palästina-Problem, an dem sie mitschuldig waren, an die junge UN weiter. Im UN-Teilungsvorschlag 1947 wurde Juden, die zu der Zeit 33% der Bevölkerung Palästinas ausmachten (nach massiven organisierten Einwanderungswellen) und 6% des Landes legal besaßen, 56% Palästinas zugesprochen, darunter die meisten fruchtbaren Gebiete, einen Grossteil der Küste und den wichtigsten Hafen Haifa, die meisten Städte, alles Gebiete wo sie in der Minderheit waren. Im jüdischen Staat würden Nicht-Juden bzw Palästinenser etwa 50% ausmachen (> 45% der Palästinenser würden unter jüdischer Herrschaft leben). Die Ablehnung durch das “Arabische Hohe Komitee” ist also nicht so abwegig gewesen… Die Hasbara dichtete eine Geschichte der palästinensisch-arabischen Ablehnung einer “gerechten” Teilung, aus “Vernichtungswünschen” einer “Übermacht”. Die Zionisten akzeptierten den Plan und arbeiteten gleichzeitig dagegen an!

Kriegsähnliche Gewalt zwischen Palästinensern und Zionisten ging in der Endphase des britischen Mandats, nach dem Teilungsplan, über in ethnische “Säuberungen” (Massaker, Vertreibungen). Palästinenser wurden auch aus dem ihnen zugesprochenen Gebiet vertrieben, das jüdische damit vergrössert, somit arbeiteten die Zionisten an einer Revision des UN-Teilungsvorschlags, zu ihren Gunsten. Fraglich ist, ob überhaupt eine Akzeptanz auf dieser Seite für einen palästinensischen Staat gegeben war… Die Zionisten orientierten sich mit der Proklamation “Israels” am Abzug der Briten, der mitten in der Nakba vor sich ging. Danach kamen zur palästinensischen “Armee des heiligen Krieges” und der “Arabischen Befreiungsarmee” (arabische Freiwillige) Heere verschiedener arabischer Staaten, zum Stop der ethnischen Säuberung Palästinas durch die Zionisten. Die zionistischen Milizen hatten mehr Menschenmaterial als die arabische Seite zur Verfügung, mehr/bessere Waffen, die bessere Ausbildung (z. T. auf die britische Jüdische Brigade zurückgehend), Methoden wie Spionage. Der Grossteil der Nakba bzw “Säuberung” war vor der jüdischen Staatsausrufung abgeschlossen und bevor arabische Armeen nach Palästina kamen.

Jaffa wurde zB wenige Tage vor Ende des britischen Mandats von Haganah und IZL eingenommen (unter dem späteren israelischen Premier Menachem Biegun), nach 3-wöchiger Belagerung, die palästinensische Verteidigung war von einem Christen namens Issa geleitet worden. Die meisten der 50 000 Einwohner der Stadt wurden vertrieben, manche sprichwörtlich ins Meer getrieben (die Flucht ging oft nach Gaza), manche getötet. Nazareth wurde 1948 ein Zufluchtsort für Palästinenser aus verschiedenen Teilen des Landes (wie Srebrenica 1992 für Ost-Bosnien). Obwohl die Stadt (und das Umland) im Teilungsvorschlag einem palästinensischen Staat zugeteilt worden war, wurde sie im Juli 1948 von den Zionisten eingenommen. Nazareth wurde danach weitgehend verschont, weil man die Reaktion des Westens auf ein Gemetzel an Christen fürchtete. Der UN-Vermittler Folke Bernadotte, der eine Neuaufteilung des Landes und die Rückkehr aller Vertriebenen forderte, wurde im September 1948 von zionistischen Terroristen ermordet.

Das im Teilungsplan vorgeschlagene Territorium wurde so vergrössert, fast 1 Million Palästinenser (50% der Bevölkerung) wurden während der Nakba vertrieben oder ermordet, die Grundlagen für den “Nahost-Konflikt” geschaffen. Während Zionisten die Säuberungen (auch Vergewaltigungen, Diebstahl,…) unternahmen, sprachen sie von drohendem Holocaust (Ilan Pappe: “Das israelische Ethos: Schiesse und weine”). Es ist auf zionistisches Lobbying zurückzuführen, dass die UNRWA als eigene Organisation für palästinensische Überlebende, Flüchtlinge, Vertriebene gegründet wurde, nicht die IRO für sie zuständig wurde – diese hatte nach dem 2. WK den jüdischen Flüchtlingen in Europa geholfen…

Der Rest Palästinas, der nicht “Israel” wurde, fiel an die Nachbarstaaten Jordanien und Ägypten. Die Grenze zwischen Israel und Jordanien lief vom Waffenstillstand 1949 bis 1967 quer durch Jerusalem/Quds, die Altstadt im Osten war bei Jordanien. Die meisten Armenier in Palästina leb(t)en in Ost-Jerusalem, kamen nach der Nakba vorerst zu Jordanien. Palästinenser im nun jüdischen Staat lebten hauptsächlich in Galiläa/Jalil (Nazareth wurde die “Hauptstadt” der unter Israel lebenden Palästinenser), Negev/Nagab (u.a. Bir as Sab/Beersheva), Quds/Jerusalem, Jaffa (das mit Tel Aviv zusammengeschlossen wurde), vielleicht noch die Küste südlich von Haifa. Dies sind bis heute die Schwerpunkte der “israelische Araber”, wie diese unter israelisch-zionistischer Herrschaft lebenden Palästinenser dann genannt wurden. 1949 waren es etwa 150 000.

So entstand Israel, im Land vertriebener oder getöteter Palästinenser. Die folgende Entrechtung der “israelischen Araber” kann auch als ein Teil der Nakba gesehen werden, zumal ethnische Säuberungen auch nach 49 auf kleiner Flamme weitergingen. Die nun unter der Herrschaft des jüdischen Staates lebenden Palästinenser wurden in Gefangenenlagern gehalten (zB “Atlit” bei Haifa) oder unter Militärverwaltung gestellt (in Ghettos gehalten); die Lager unterstanden Yigal Yadin (Sukenik), als Chef der Haganah schon einer der Hauptverantwortlichen der (eigentlichen) Nakba. Jene innerhalb der Waffenstillstandslinien (bzw “Israel”) geflüchteten überlebenden Palästinenser versuchten oft in ihre Häuser und Dörfer zurückzukehren, sie wurden in den meisten Fällen abgewiesen. Geräumte Dörfer wurden zerstört. In Baysan/ Betshean gelang Vertriebenen vorübergehend die Rückkehr. Gebliebene wurden sehr oft enteignet (Land, Haus,…).

Während die Lager dann aufgelöst wurden, blieb die Militärverwaltung für die unter Israel lebenden Palästinenser bis 1966. Ausnahmen davon scheint es nur in den Städten gegeben zu haben, wo man aber von Koexistenz auch weit entfernt war. Die Militärverwaltung umfasste eingeschränkte Bewegungsfreiheit, Enteignungen, Misshandlungen, in den ersten Jahren auch Zwangsarbeit,…  Zu den Diskriminierungen und Schikanierungen auf allen Ebenen gehörte natürlich, ihnen kein Wachstum und keine Selbstständigkeit zu erlauben. 1965 wurde der Hafen Jaffa endgültig geschlossen. Nazareth hat sich bis heute als palästinensische Stadt behauptet, aber auch das wird angefochten.

Die Nakba bedeutete auch die Teilung der Palästinenser. In die im nun israelischen Teil Palästinas Lebenden und jene im ägyptischen und jordanischen Teil. Daneben wurde unter israelischer Herrschaft die multikulturelle palästinensische Gesellschaft auseinandergerissen und gespalten, gegeneinander ausgespielt. Desertierende Drusen in der Arabischen Befreiungsarmee wechselten die Seiten, nahmen in der Endphase der Nakba schon daran teil. Palästinensische Kollaborateure hatte es schon in osmanischen Zeiten gegeben, aus verschiedenen Gründen; “gemäßigt” bedeutete in zionistischen Augen auch damals schon unterwürfig/selbsthassend. Aus weiteren Sondergruppen unter den Palästinensern, Beduinen und Tscherkessen, wurde 1949 eine “Minderheiten-Einheit” im israelischen Militär eingerichtet. Drusen und Tscherkessen müssen zwangsweise darin dienen, Beduinen sowie christliche und moslemische Araber können freiwillig. Gern wird diese Einheit gegen andere Palästinenser eingesetzt. Divide et impera.

Die Samaritaner sind wahrscheinlich aus der Vermischung von Assyrern mit Israeliten zu antiken Zeiten hervorgegangen. Ein grosser Teil der Bevölkerung Nordost-Palästinas dürfte auf Samaritaner zurückgehen, die zum Islam konvertierten. Der künftige israelische Präsident “Ben Zwi” (Shimshelevich) profilierte sich als “Freund” der Samaritaner. Er stellte auch die Behauptung auf, Palästinenser seien zT Nachfahren der antiken Juden, aber nur um den zionistischen Anspruch zu rechtfertigen, keiner entging dadurch der Nakba. Es war Ben Zwi, der in den 1950ern den Transfer eines Teils der Samaritaner von ihrer angestammten Gegend um Nablus, nun jordanisch verwaltet, nach Holon organisierte. Jene dort verbliebenen sind 1967 ebenfalls unter israelische Kontrolle gekommen. Die Loyalitäten der Samaritaner sind geteilt.

Das Schicksal der Bevölkerung von Ayn Hod (Ein Hawd) südlich von Haifa ist exemplarisch für das der “israelischen Araber”. Dieses palästinensische Dorf wurde während der Nakba entvölkert. Aus dem Ort wurde 1953 auf Initiative des aus Rumänien stammenden Juden Marcel Iancu ein “Künstlerdorf”, meist “En Hod” transkribiert. Die meisten der geflohenen Dorfbewohner ließen sich in Dschenin nieder. Andere wurden in ein Gefangenenlager in der Nähe ihres Dorfes gesteckt, siedelten sich nach ihrer Entlassung in der Nähe ihres ehemaligen Dorfes an und gründeten dort das neue Ein Hawd. Die israelischen Behörden versuchten, sie zu vertreiben, zogen Stacheldraht um dieses Dorf, verboten Neubauten und auch Reparaturen bestehender. Ein Hawd schloss sich der Vereinigung nicht-anerkannter arabischer Dörfer in Israel an. Erst 1992 wurde das Dorf vom israelischen Staat als Gemeinde anerkannt, 2005 erst wurde es an das israelische Elektrizitätsnetz angeschlossen. Irgendwann bekamen die Bewohner auch die israelische Staatsbürgerschaft zuerkannt.

Als Grossbritannien und Frankreich 1956 nach der Verstaatlichung der Suezkanal-Gesellschaft militärisch gegen Ägypten vorgingen, gesellte sich Israel zu ihnen. Als sein Sinaifeldzug begann, erliess Israel eine Ausgangssperre. Bewohner von Kafr Qassem (20 km östlich Tel Aviv), „israelische Araber“, die von ihrer Arbeit nach Hause kamen und nichts davon wussten, wurden von der Grenzpolizei in eine Reihe gestellt und erschossen, 47 Leute. Das Morden hatte weniger damit zu tun, dass sie Israels Angriff stören könnten, sondern damit, dass  Israel Palästinenser auf die eine oder andere Art am liebsten loswerden wollte. Die Nachricht von diesem Massaker vom 29. Oktober 1956 versuchten die zionistischen Behörden durch den Militärzensor zu verschweigen (Verteidigungsminister Peres/Perski). Peres kam Jahrzehnte später als Staatspräsident nach Kafr Kassem, um zu verkünden, dass Juden und Araber zusammenleben könnten.

Der Grossteil der Beduinen Palästinas ist im Zuge der israelischen Staatsgründung getötet oder vertrieben worden oder geflohen. In der Folge wurde ein grosser Teil des Negev/Nagab staatliches bzw. militärisches Gebiet und die Verbliebenen wurden auf ein Reservat-ähnliches Gebiet im Nordosten des Negev umgesiedelt, welches lediglich 10 % der Fläche dieser Wüste ausmacht und auch unter Militärverwaltung stand. Zu ihrer Kontrolle wurde Rahat als Neustadt errichtet. Um gegen die nomadisch lebende Bevölkerung vorgehen zu können, wurde 1950 im Namen des Umweltschutzes das Grasen von Viehherden – die Beduinen züchteten seit Jahrhunderten insbesondere Ziegenherden in dieser Region – in grossen Teilen des Negev verboten. Noch Anfang der 1950er wurden Beduinen aus der Negev-Wüste ins jordanische Westjordanland vertrieben, Nicht-Juden wollte man noch immer alle irgendwie aus diesem Staat loswerden. Die verbliebenen Beduinen sind bis heute allerlei Schikanen ausgesetzt, obwohl sie teilweise im israelischen Militär dienen. Seit den 1960ern versucht der israelische Staat sowohl verstärkt, jüdische Siedler zur Niederlassung in der Gegend zu bewegen, als auch die verbleibende beduinische Bevölkerung in (teils dafür gegründete) Städte umzusiedeln und Landenteignungen vorzunehmen.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) rief 2008 zu einem sofortigen Stopp von Häuser-Zerstörungen der (inzwischen nur noch halb-nomadisch lebenden) Beduinen auf, sowie zu einer unabhängigen Untersuchung der diskriminierenden Behandlung. Laut Angaben von HRW hat Israel seit den 1970er Jahren tausende ihrer Häuser zerstört. Die Regierung von Netanyahu/Mileikowsky will aktuell wieder Beduinen umsiedeln, ihre Dörfer zerstören und ihr Land beschlagnahmen. 2014 sagte Minister Yair Schamir, Israel müsse die Beduinen zu einer niedrigeren Geburtenrate und aus der Wüste herausbringen (siehe Artikel ElectronicIntifada unten). Anfang 2015 gab es eine “Drogenrazzia” der israelischen Polizei in Rahat, die 2 Tote forderte, die Verschleppung von Steinewerfern brachte. Bei den Begräbnissen kam es zu Strassenschlachten mit israelischen Kräften. Als Reaktion darauf wurde ein Generalstreik der “israelischen Araber” ausgerufen. Engagiert für die Rechte dieser Beduinen ist der frühere Parlamentsabgeordnete Taleb al-Sana (Arabische Demokratische Partei), selbst Beduine aus Negev/Nagab, Jurist. 2010 hat die “Jerusalem Post” angeregt, dass Sana in das Gebiet der Palästinensischen Autonomiebehörde (die 13 die Unabhängigkeit erklärt hat, aber weiter unter israelischer Kontrolle steht) deportiert wird.

Emil Habibi war eine der wichtigsten Persönlichkeiten der palästinensischen Minderheit von Israel. Er wurde 1922 in Haifa in eine anglikanische Familie (die orthodox gewesen war) geboren, wurde ein Führer der Palästinensischen KP, blieb während der Nakba in Haifa (das steht auch auf seinem Grabstein) und überstand sie, war dann der israelischen KP (Maki) aktiv, auch im israelischen Parlament. Der Autor übersiedelte dann nach Nazareth. Mahmoud Darwish, Schriftsteller aus Galiläa/Jalil, kehrte 1995 ins Land zurück, um an Habibis Begräbnis in Haifa teilzunehmen, erhielt dafür eine Aufenthaltserlaubnis für 4 Tage. Darwisch war 1948 mit seiner Familie in den Libanon geflüchtet, kehrte heimlich nach Palästina/Israel zurück. Da das Heimatdorf der Familie zerstört worden war (hatte zwei Kibbuzim weichen müssen), siedelte sich seine Familie in einem anderen Dorf an. Nach einer Protestaktion als 14-Jähriger in einem israelischen Gefängnis interniert, brach er 1970 auf, um in der Sowjetunion zu studieren, lebte dann in Ägypten und wieder im Libanon. Ursprünglich ein Anhänger der kommunistischen Rakah (eine Abspaltung der Maki), geriet er durch sein Engagement für die PLO neuerlich ins Visier der israelischen Behörden, erhielt er nach dem Oslo-Washington-Abkommen 1993/94 ihre Erlaubnis, sich in Ramallah niederzulassen. Er nahm scharf gegen die Hamas bzw Islamismus unter Palästinensern Stellung.

Der israelische Präventivkrieg 1967 brachte die Besetzung Rest-Palästinas und die israelische Militärverwaltung über die dortige Bevölkerung. Ost-Jerusalem und ein Teil des Umlands wurden annektiert, dies ist das einzige der 67 besetzten Gebiete, in dem Palästinenser teilweise “arabische Israelis” geworden sind. Dies wurden sie nach den Säuberungen in der Stadt. Kurz nach der Besetzung von Ost-Jerusalem mit seiner Altstadt vertrieben die Zionisten die (etwa 650) Einwohner des marokkanischen Viertels (Mughrabi/Magrebhi) mit der al-Buraq-Moschee vor der Klagemauer (einige blieben und wurden getötet) und zerstörten es (Teile erst 2 Jahre später); dann wurden auch alle palästinensischen Einwohner des jüdischen Viertels vertrieben. Dahinter soll auch der West-Jerusalemer Bürgermeister “Teddy” Kollek gestanden haben (der den Ruf eines Friedensengels hat). Der grösste Teil des ehemaligen (niedergewalzten) marokkanischen Viertels ist heute teil des “jüdischen”. Auch hier ging es darum, den nicht-jüdischen Charakter des Landes auszuradieren. Natürlich auch durch jüdische Besiedlung. Der Ost-Jerusalemer Bürgermeister Ruhi al-Khatib wurde übrigens nach Jordanien (das nur noch auf der anderen Seite des Jordans bestand) ausgewiesen.

Marokkanisches Viertel Jerusalem
Marokkanisches Viertel Jerusalem/Quds

Vielerorts in dem Land finden sich noch Spuren verlassener und zerstörter palästinensischer Orte und Gebäude, siehe auch hier. Die Palästinenser mussten in Israel (nach ihrer Entlassung aus der Militärverwaltung) im 3. Klasse-Abteil der zionistischen Gesellschaft Platz nehmen, unter den Mizrahis. Rassismus unter Juden ist übrigens auch ein ergiebiges Thema. Das Personenstandsrecht im jüdischen Staat ist nach Religionsgemeinschaften aufgespalten; dies ermöglicht die Bevorzugung der Juden und die Aufsplitterung der Palästinenser. Da Israel 100% Palästinas beherrscht, sind auch die Palästinenser in den seit 1967 besetzten Gebieten Teil dieses Kastensystems, der unterste. Die aus Äthiopien stammenden Juden stehen unter den Mizrahis und oberhalb der Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft.

In den 1970ern und darüber hinaus gab es Bemühungen zur Judaisierung Galiläas/Jalils, dem Hauptsiedlungsgebiet der “israelischen Araber”. Am „Tag des Bodens“/Yom el Ard gedenken die Palästinenser massiver Landenteignungen und sechs “israelischer Arabern”, die am 30. März 1976 in dem Ort Sachnin bei Protesten gegen die Beschlagnahme ihres Bodens von der israelischen Polizei getötet wurden. Die Aktion stand auch im Zusammenhang mit dem Kafr Kassem-Massaker 20 Jahre davor.

Diskriminierung ohne spezielle Gesetze ist gegenüber diesen “israelischen Arabern” der Regelfall (Vergabe Jobs/Wohnungen, Flächenwidmungspläne, Budgetzuteilungen, informelle Quoten an Unis,…). Es gibt aber auch viele diskriminierende Gesetze, etwa Land- und Immobilienbesitz betreffend, siehe einen der Links unten. Die Bevorzugung von Juden durch Israel in gewissen Bereichen, etwa Einwanderung, ist weltweit einzigartig. Der Staat, in dessen Hymne auch nur Juden bedacht sind, verlangt von den Nicht-Juden Identifikation und Loyalität.

Teile der israelischen Palästinenser machten in beiden Intifadas (Aufständen) mit und hatten Todesopfer zu beklagen. In palästinensische Demonstrationen wird gleich mit scharfer Munition geschossen, auf beiden Seiten der “grünen” Linie. Dass ihre Dörfer vom Staat weniger Geld bekommen (das gilt auch für jene der Drusen), ist schon Normalität. Ob man sich in einer jüdischen oder “arabischen” Stadt Israels befindet, erkennt man gleich am Zustand der Strassen, der Qualität des Wassers, der medizinischen Versorgung, dem öffentlichen Verkehr,… Ohne Genehmigung von ihnen gebaute Häuser werden schnell mal abgerissen. Bei den irakischen Raketenangriffen auf Israel 1991 und jenen aus Libanon 2006 (im Gegensatz zu dem, was aus Gaza kommt, kann man hier von Raketen sprechen) hat der israelische Zivilschutz diese Bürger vernachlässigt. Rechtstendenzen und ein hysterischer Nationalismus seit der 2. Intifada in Israel haben auch zu einer öffentlichen Einschränkung der arabischen Sprache geführt.

Die Drusen sind eine ethno-religiöse Gemeinschaft, die zur Fatimiden-Zeit als Abspaltung von der 7er-Schia (Ismailiten) entstanden ist, sie leben im Raum Süd-Syrien (auch auf dem israelisch besetzten Golan/Jawlan), Ost-Libanon, Nord-Palästina, Nord-Jordanien. Im April 1948 desertierten einige Einheiten aus palästinensischen Drusen in den Reihen der arabischen Freiwilligen, schlossen sich den Zionisten (Haganah) an, die die Oberhand hatten, wurden mit Ausführende der Nakba. In den 1950ern vereinbarten drei Führer der Drusen im nun “Israel” genannten Gebiet (darunter Amin Tarif) im Namen ihrer Gemeinschaft mit diesem Staat die Wehrpflicht der Drusen für diesen. Das Entscheiden durch Notabeln für ihre Gemeinschaft ist eigentlich genau jene “orientalische Rückständigkeit”, die Zionisten aller Art den Orientalen austreiben wollen. Die Drusen Israels wurden dadurch vom Rest der Palästinenser und auch von den Drusen in den Nachbarländern abgeschnitten.

Der Autor Samih al-Qasim aus Galiläa/Jalil ist einer jener Drusen, die sich als Palästinenser sehen, ist auch Pan-Arabist, schreibt auf Arabisch. Er wurde mehrmals von Israel inhaftiert, für seine Verweigerung vom Militärdienst für den Judenstaat, für sein Engagement für Palästinenser, für seine Mitgliedschaft in der kommunistischen Hadash/DFPE (Nachfolgerin der Rakah) im Krieg 1967 (wie andere Parteimitglieder). Auch Said Nafa sieht sich als drusischer Palästinenser, war für die Balad im israelischen Parlament, auch er wurde/wird von den israelischen Behörden drangsaliert. “Refuse, Your People Will Protect You” ist eine Organisation der drusischen Palästinenser, die das Arrangement mit Israel bestreitet, die drusische Jugend über die Umstände des Arrangements in den 1940ern & 50ern aufklären will.

Die Sache erinnert an die Kaschuben im damaligen Westpreussen unter der Nazi-Herrschaft. Diese ethnisch-sprachliche Sondergruppe unter den Polen wurde auch gegen die polnische Bevölkerungsmehrheit in Stellung gebracht, um Polen an sich zu schwächen. Jene Kaschuben aber, die verdächtigt wurden, die polnische Sache zu unterstützen (und das waren v.a. jene mit höherer Bildung…), wurden verhaftet, eingesperrt und oft exekutiert (v. a. in Piaśnica/Gross Plaßnitz). Manche Kaschuben gründeten Widerstandsgruppen, wie “Gryf Kaszubski” (später “Gryf Pomorski”). Auch die Windischen-Theorie bezüglich der Slowenen in Kärnten und die Apartheid-Bemühungen, die Nicht-Weissen Südafrikas in kontrollierbare Ethnien aufzuteilen (und gegeneinander auszuspielen), lassen grüssen.

Orthodoxe Juden sind dabei, ihre Befreiung vom israelischen Wehrdienst zu verlieren. Das pendelt hin und her, Netanyahu ging 13 eine Koalition u.a. mit der streng säkularen (und umso nationalistischen) Yesh Atid von Lapid (Lampel) junior ein, da wurde dies vorangetrieben; seit der Neuwahl 15 koaliert Likud u.a. mit den religiösen Parteien Schas und Vereinigtes Thora-Judentum, nun wurde das Vorhaben wieder verschoben… Die streng-religiösen (und teilweise antizionistischen) Juden müssen möglicherweise bald den Wehrdienst verweigern, Drusen tun das gelegentlich.

Die Herauslösung aus dem gesamt-palästinensischem Kontext wurde/wird ja auch bei den Beduinen versucht (ihr Entgegenkommen bzw Appeasement hat ihnen wenig gebracht) und aktuell verstärkt bei den christlichen Palästinensern (v.a. bei jenen in den 1948 israelisch gewordenen Gebieten). Christen machen etwa 20% unter den Palästinensern aus, es gibt Orthodoxe, Melkiten, Katholiken, Protestanten; daneben (hauptsächlich in den als israelisches Kernland geltenden Gebieten) Armenier, Assyrer, Maroniten, Griechen, die, je nach Sichtweise, ethnische Minderheiten unter Palästinensern oder ethnische Minderheiten in Palästina/Israel sind.

Eine Schlüsselfigur unter den christlichen Palästinensern in den Jahren nach der Nakba (bzw den frühen Jahren Israels) war George Hakim, der melkitische (griechisch-katholische) Bischof von Galiläa. Hakim verkaufte bereits in den frühen 1940ern, vor der Nakba, Ländereien der Kirche rund um Nazareth an zionistische Organisationen, für die der Erwerb von Land in Palästina Instrument ihrer Verdrängungspolitik war (und ist!). Während der Nakba stellte er eine christliche palästinensische Miliz zusammen, die sich anscheinend der zionistischen Seite andiente. Das bewahrte ihn und seine Anhänger nicht vor Vertreibung nach Libanon – jedoch durften sie, anders als die allermeisten anderen Flüchtlinge, nach dem Waffenstillstand (bzw dem zionistischen Triumph) 1949 zurückkehren. Hakim setzte sein Appeasement fort, gründete eine Jugendbewegung, die als Konkurrenz zur kommunistischen (und palästinensisch-jüdischen) Maki gedacht war. 1958 dachte Hakim darüber nach, mit dem israelischen Staat eine Vereinbarung einzugehen ähnlich jener der Drusen und Tscherkessen, die Teilnahme am zionistischen Militär betreffend – war aber unter den christlichen Palästinensern isoliert. Von Hillel Cohen gibt es zwei Bücher über palästinensische Kollaboration mit dem Zionismus (s. u.).

Aktivitäten zur weiteren Spaltung der Palästinenser gibt es auch aktuell, darunter Versuche, christliche palästinensische Bürger Israels in sein Militär einziehen. In einem teile-und-herrsche-Vorstoss veranstaltete das zionistische Verteidigungsministerium bei Nazareth eine “Konferenz” ab, in der es um Kollaboration von christlichen Palästinensern ging. Palästinenser wie die Schlayan-Brüder haben sich mit der äussersten Rechten der Zionisten zusammen getan bzw wurden von ihr rekrutiert; aber auch “gemäßigte” zionistische Politiker wie Livni (Benozovich) machen dabei mit. Der Inlands-Geheimdienst Shin Bet übt(e) Druck auf palästinensische Gemeinschaftsführer aus, die gegen die Initiative protestier(t)en. Beim Gaza-Massaker 14 waren diese Kollaborateure auch schon zur israelischen Propaganda eingespannt

Auch Evangelikale aus der USA versuchen, Teile der palästinensischen Christen zu bearbeiten. Spannungen oder gar deren Entladung unter israelischen Palästinensern, besonders entlang der Linie (die sie gern zu einer Grenze machen möchten) Moslems-Christen käme Zionisten sehr entgegen, und Nazareth wo Christen unter israelischen Palästinensern am stärksten sind, wäre dabei zentral. Bislang gibts nur Freiwillige unter christlichen und moslemischen Palästinensern in der zionistischen Armee (wie Schlayan). Die Versuche gehen auch in die Richtung, Melkiten und Maroniten gegen Orthodoxe (die weitaus grösste christliche Konfession unter Palästinensern) aufzubringen… Auch beim “Pinkwashing” geht es ja um die Instrumentalisierung bzw Spaltung der Palästinenser und PR für Israel (bzw Verdrehung der Realität).

Vor einigen Monaten fand in Sachnin eine grosse Versammlung der palästiensischen Gemeinschaft in Israel statt, als Protest gegen die staatlichen Bemühungen zur Spaltung der Gemeinschaft bzw Verhängung der Wehrpflicht für christliche Palästinenser. Organisiert wurde die Veranstaltung vom High Follow-up Committee for Arab Citizens of Israel, mit dabei waren Führungsfiguren wie der griechisch-orthodoxe Erzbischof Attalah Hanna (Theodosios), drusische Scheichs, palästinensische Knesset-Abgeordnete, Aktivisten,…

Die Maroniten in Palästina, das waren vor der Nakba ein paar Dörfer in Galiläa/Jalil, die seit dem 18. Jahrhundert aus dem angrenzenden, damals ebenfalls osmanischen Libanon eingewandert waren. Als die Region 1948 von zionistischen Milizen erobert wurde, wurden Iqrit and Kafr Bir’im geräumt, wie so viele Dörfer in Palästina während der Nakba (es war Benny Morris, der einst von Massakern dabei schrieb). Der Grossteil der Maroniten aus diesen Dörfern ging nach Jish, das zuvor schon einen maronitischen Bevölkerungs-Anteil hatte und von Zionisten auch “Gush Halaf” genannt wird; dessen sunnitische und orthodoxe Bevölkerung wurde wiederum nach Libanon vertrieben. Jish wurde Zentrum der Maroniten in Israel, die auch die Staatsbürgerschaft bekamen. Es ist einer der wenigen Orte in Israel/Palästina, wo zumindest teilweise die aramäische Sprache gepflegt wird. Das Engagement für das Recht auf Rückkehr in die alten Orte ist noch ein Thema; Diskriminierungen sind auch die Maroniten ausgesetzt. 2000 kamen mit dem israelischen Abzug aus dem Süd-Libanon Milizionäre der mit Israel verbündeten SLA nach Jish und Umgebung.

Das “teile und herrsche” spielt Israel nicht nur gegenüber den Palästinensern, sondern auch in der Region. Uri(el) Lubrani war lange in beiden Sphären dafür  zuständig. Für die betreffenden Palästinenser gibt es eine Reihe von Motivationen bzw Gründen: der Glaube dass Kollaboration die Gemeinschaft voranbringt, der persönliche Vorteil (gegen die Gemeinschaft), die Folgen eines Konditionierungsprozesses,… Übrigens, von christlichen Palästinensern die im israelischen Militär dienen wollen, hört man, dass sie nicht zusammen Beduinen (bzw in der Minderheiteneinheit) dienen wollen (wenn schon, denn schon). Und, jene Palästinenser, die sich Israel andienen, werden auch diskriminiert.

Diskriminierung von israelischen Palästinensern wird auch damit gerechtfertigt dass diese keinen Militärdienst leisteten… Die zionistische Propagandamaschinerie deutet den palästinensischen Widerstand gegen das Pflanzen trojanischer Pferde in ihre Gemeinschaften um in Diskriminierung von Christen und Illoyalität gegenüber Israel, stellt die Sache der Kollaboration etwa bezüglich Militärdienst so dar, dass die Initiative von den Palästinensern ausgehe. Die moslemische Bevölkerungsmehrheit der Palästinenser soll von den anderen isoliert werden, sie schlechter behandelt werden; darum geht es und das kam auch schon bei Selektionen während der Nakba zur Anwendung.

Wenn Zionisten, zB der Kreis um Justus Weiner, “Unterstützung” für christliche Palästinenser vorheucheltn, geht es in Wirklichkeit um die Spaltung und Schädigung der Palästinenser bzw um PR in eigener Sache. Dieselben stellen (den christlichen Palästinenser) Sirhan Sirhan dann als quasi-moslemischen Fanatiker, als Jordanier, usw dar. Der Balad-Politker Azmi Bishara, ein katholischer Christ, musste vor der Verfolgung durch israelische Behörden ins Exil gehen. Echte Repräsentanten der christlichen Palästinenser, ob in Israel, den palästinensischen Rest-Gebieten oder der Diaspora, wie Bishara, Edward Said oder Mitri Ragheb, werden von zionistischen Kreisen genau so wie andere Palästinenser diffamiert…1 Nadia Hilou, eine christliche Palästinenserin mit israelischer Staatsbürgerschaft, war Abgeordnete im israelischen Parlament, für die Avoda. Dennoch (oder gerade deshalb…) wurde sie vor/nach einer Reise am Ben Gurion-Flughafen in Lod/Lydda vom Sicherheitspersonal vor ihren Kindern erniedrigend behandelt.

Das Spiel ging auch schon in die andere Richtung, als Israel vor dem Papst-Besuch und der Camp David-Konferenz 2000 zum Bau einer Moschee in Nazareth ermutigte, neben der Verkündungsbasilika. 03 zerstörten die Israelis den begonnenen Bau, nachdem das Spiel aufgegangen war, Moslems gegen Christen ausgespielt worden waren. Die Basilika in Nazareth ist auch immer wieder Ziel von Vandalismus-Angriffen jüdischer Israelis, von Behörden kommt dazu keine Hilfe, kein Schutz.

Durch Landenteignungen ist ab den 1950ern neben Nazareth die jüdische Siedlung “Nazareth Illit” (“Oberes Nazareth”) gebaut worden, im Rahmen der “Judaisierung Galiläas” und der “Wahrung des jüdischen Charakter des Staates”. Das mit der Enteignung lief und läuft zB so, dass Gesetze erlassen und herangezogen werden, die die Regierung berechtigt, eine Gegend aus militärischen Gründen zu beschlagnahmen. Nazareth Illit ist dazu da, um zu zeigen wer der Boss im Land ist, um das Wachstum von Nazareth einzuschränken, es in den Schatten zu stellen,…  Aus dem engen, ohne Bebauungsplan und auf wenig Fläche gewachsenen Nazareth sind in den letzten Jahrzehnten daher auch Palästinenser in das weiträumige “Illit” gezogen. Die Palästinenser in Galiläa und besonders Nazareth sind ein häufiges und dankbares Thema für israelische Politiker und ganz besonders in “Nazareth Illit”. Dessen Bürgermeister Shimon Gapso hat etwa 2010 das öffentliche Aufstellen von Weihnachtsbäumen verboten. Derselbe hat in einem Brief an Innenminister Yishai geschrieben, dass Nazareth als feindlich gegenüber dem jüdischen Staat erklärt werden und seine palästinensische Bevölkerung nach Gaza ausgewiesen solle.

Natürlich sind auch die palästinensischen Christen in den erst 1967 israelisch besetzten Gebieten von dieser Politik betroffen. Der Beschluss der UNESCO, die Geburtskirche und den Pilgerweg in Bethlehem zum Weltkulturerbe zu erklären (als erstes palästinensisches Denkmal), hat Empörung von Israel ausgelöst. Der Antrag sei von einem Staat gekommen, der nicht existiere, hiess es. Auch dass mit dem Dringlichkeitsantrag suggeriert werde, dass Israel als Besatzungsmacht im Westjordanland die Stätte nicht schütze, sorgte für Empörung. 2002, während der 2. Intifada, war die Geburtskirche in Bethlehem vom israelischen Militär belagert worden. Und die Trennmauer verläuft auch im „christlichen Dreieck“ Bethlehem, Beit Jala und Beit Sahur nicht entlang der Eroberungslinie von 1949 sondern tief auf palästinensischem Rest-Territorium. Auch einmal ein Grund, Solidarität mit Christen im Orient zu üben, etwa mit den griechisch-orthodoxen Geistlichen, die in Beit Jala gegen die Mauer protestierten.

Die römischen Katholiken sind unter den palästinensischen Christen nach Orthodoxen und Melkiten die drittgrösste Konfession. Michel Sab(b)ah (ميشيل صباح‎) aus Nazareth war von 1987 bis 2008 der lateinische Patriarch von Jerusalem (mit Sitz in der Grabeskirche), als erster Palästinenser in dieser Position. Sabbah hat christlichen Zionismus als inkonsistent mit christlichen Lehren verurteilt und oft gegen die israelische Besatzung Stellung genommen.

Neben Religionsgemeinschaften, Vereinen, Parteien gibt es die (Dach-) Organisationen der “israelischen Araber”. Al Ard war eine frühe solche, wurde verboten. Abna el-Balad (Söhne des Landes) entstand ab Ende der 1960er, durch studierende israelische Palästinenser. 1982 wurde das High Follow-Up Committee for Arab Citizens of Israel gegründet, gewissermaßen als Nachfolgerin des Arabischen Oberkomitees das 1936/37 und 1945-48 bestand. Seine wichtigste Teil-Organisation ist das 1974 gegründete National Committee of Arab Local Council Heads (NCALC[H]), eine Vereinigung von Bürgermeistern und Kommunalpolitikern. Jonathan Cook schrieb, es gäbe Stimmen für die Direktwahl des High Follow-Up Committee, diese wird jedoch vermieden, weil Israel dies als Wahl zu einer Art eigenem Parlament betrachten und sehr harsch reagieren würde.

Neben der eigentlich binationalen kommunistischen Partei (seit 1977 hauptsächlich als “Hadash” aktiv) entstanden Parteien der israelischen Palästinenser. Dies waren in der Anfangszeit Israels die “Demokratische Liste Nazareth”, aus der die “Demokratische Liste israelischer Araber” wurde, beide waren mit der Arbeiterpartei Mapai verbunden. Das galt auch für die danach entstandenen Parteien “Fortschritt und Entwicklung”, “Zusammenarbeit und Brüderlichkeit” und der “Arabischen Liste für Beduinen und Dorfbewohner”. Einige dieser schlossen sich in den 1970ern zu der ersten “Vereinigten Arabischen Liste” zusammen, die sich in den 1980ern wieder auflöste. Dann entstanden die “Arabisch-Demokratische Partei”,”Balad”, die zweite “Vereinigte Arabische Liste” (aus der südlichen Islamischen Bewegung und der ADP) und “Ta’al”.

Ethnische Parteien gab/gibt es in Israel eigentlich eine Reihe, auch im jüdisch-zionistischen “Sektor”, ob das offen deklariert war (wie bei der “Yisrael BaAliyah”, für Einwanderer aus der Ex-SU oder der “Jemenitischen Vereinigung” für Einwanderer von dort) oder halb-offen (wie bei der “Schas”, der Partei der religiösen Mizrahis) oder dieser Charakter gewissermaßen ein Tabu war (wie bei den Arbeiterparteien, als Partei des aschkenasischen Establishments). Manche palästinensische Israelis sind auch für andere, zionistische Parteien aktiv; der erster der so in die Knesset kam, war Rostam Bastuni aus Haifa, für die Mapam, in der zweiten Periode.

Bei der letzen israelischen Wahl Ende 15 traten Balad, VAL, Taal, Hadash als Gemeinsame Liste an, weil die Sperrklausel angehoben wurde. Die Abna al-Balad rief trotz der neuen Liste zum Boykott dieser Wahlen auf, da eine Teilnahme einer Legitimation des Apartheid-Systems gleichkäme, und rief zu Solidarität mit den unter Besatzung lebenden Palästinensern, den vertriebenen und den ermordeten auf. Viele “israelische Araber” wählten auch nicht.

Es gibt immer wieder Versuche, Parteien der israelischen Palästinenser zu verbieten und einzelne Kandidaten von Wahlen auszuschliessen. Dies betraf zuletzt den “nördlichen Teil” der Islamischen Bewegung, bei der Balad wurde das etwa auch versucht. Eine Politikerin dieser Partei, die engagierte Palästinenserin Hanin Soabi (Zoabi) aus Nazareth, hat mit allerlei Angriffen offizieller und “inoffizieller” Art zu tun. Sie ist nicht bereit, die „brave Araberin“ zu geben, die sich genau an jene Grenzen hält, die im israelischen Diskurs den palästinensischen Israelis zugewiesen werden. Soabi reichte 124 Gesetzesinitiativen ein, die sich vor allem mit der Eingliederung arabischer Frauen in den Arbeitsmarkt beschäftigen. Sie kritisiert, dass bis heute der zionistische Mythos vom weitgehend unbewohnten Palästina, das die ersten jüdischen Siedler vorgefunden hätten, fortgeschrieben werde und fordert, dass dieses „Narrativ von ‚Das Land ohne Volk für ein Volk ohne Land‘“ geändert wird.

Nach der Entführung israelischer Jugendlicher im besetzten Westjordanland 14 (die dem Massaker in Gaza vorangingen), sagte sie u.a. dass Israel jeden Tag Jugendliche kidnappe. Ein Entrüstungssturm brach los, die mutige Politikerin bekam Hunderte Todesdrohungen, wurde von der Knesset suspendiert, Aussenminister Lieberman bezeichnete sie als “Terroristin”, die aus Marokko stammende Likud-Politikerin Regev forderte ihre Ausweisung nach Gaza (kommt gegenüber “israelischen Arabern” oft vor, dieser Wunsch), der Generalstaatsanwalt ermittelte (nicht gegen ihre Bedroher sondern gegen sie). In Wirklichkeit hat sie nur gesagt, was einem Ausgleich, was Frieden im Weg steht, das hat (wieder mal) den Zorn auf sich gezogen. Vor der Wahl wurde versucht, sie von der Kandidatur auszuschliessen. Bereits Monate davor hat der Likud-Politiker Danon ein Propagandavideo mit ihr hinter Gittern machen lassen. Im Parlament bekommt sie regelmäßig Beschimpfungen von den Rängen und auch Handgreiflichkeiten. Vielleicht auch mal ein Fall für Alice Schwarzer.

Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft gab es in allen Legislaturperioden im Parlament. In den 1970ern wurde der Druse Jabr Moadi, der meist über eine der “Satellitenlisten” der Mapai gewählt wurde, Vizeminister. Als einem der nächsten israelischen Palästinenser (und ersten Moslem) gelang dies Anfang der 1990er Nawaf Massalha, der für die Arbeiterpartei (Mifleget HaAvoda) gewählt wurde. Der Druse Salah Tarif (ebenfalls Avoda) wurde 2001 als erster Nicht-Jude Minister, ohne Geschäftsbereich und nicht für lange. 2007 wurde der Moslem Raleb Majadele (Avoda) Minister. Seine Ernennung in die Olmert-Regierung wurde von vielen Israelis kritisiert, darunter auch von neuen Kollegen im Kabinett, vor allem dem Rechtsextremen Avigdor Lieberman. Im selben Jahr amtierte der Druse Majalli Wahabi (Kadima) übergangsmäßig (für einen Tag) als Staatsoberhaupt, als Knesset-Vizepräsident, nach dem Rücktritt des angeklagten Präsidenten Kazav, als Parlamentspräsidentin Itzik auf Auslandsreise war. Ahmed Tibi (Ta’al) wurde wiederholt zu einem der stellvertretenden Parlamentspräsidenten gewählt; auch er wird immer wieder bei Reden im Parlament beschimpft, des Saales verwiesen, hat mit gerichtlichen Ermittlungen gegen ihn zu kämpfen (u.a. weil er sich auch für PLO bzw für gesamt-palästinensische Belange engagierte).

Viel ist das nicht, angesichts der 20% Anteil, den diese Bevölkerungsgruppe ausmacht, also auch nicht unter den Prämissen des Zionismus, der Akzeptanz der Verteibungen von 48. Und im Vergleich mit politischen Gremien in Libanon, Syrien, Ägypten oder Rest-Palästina. Und, “israelische Araber” haben bei ihrer Ernennung in einigermaßen hohe Positionen (etwa in der Justiz oder im diplomatischen Dienst) immer mit Missgunst, Misstrauen, Verbalangriffen zu rechnen. Als 07 etwa Ra’adi Sfori einer der Direktoren des “Jewish National Fund” wurde, gab es eine Unterschriftensammlung dagegen.

Auch Fussballer wie Rifat “Jimmy” Turk sind Diskriminierungen und Anfeindungen gewöhnt. Turk ist aus Jaffa, spielte in israelischer Liga und Nationalteam, war Mitglied jenes israelischen Teams, das an Olympia 1976 teilnahm. Sogar en.wikipedia, wo gut organisierte Teams so etwas normalerweise schnell unter Vorwänden löschen2, sagt: “Turk was subjected to anti-Arab abuse during nearly every game he played”. Später war er für Meretz Vize-Bürgermeister von Tel Aviv, wo Jaffa eingemeindet worden war. Neben moslemischen oder christlichen Palästinensern wie Turk, Armeli, Badir, Suan, Grayib, Tuama sind auch die anderen nicht-jüdischen autochthoneren Restpopulationen von Israel in dessen Fussball repräsentiert, Tscherkessen wie Nathko, Drusen wie Azam; auch einige wenige Eigebürgerte wie Colautti. Auch im Unterhaltungsbereich tauchen “israelische Araber” gelegentlich auf, Mira Awad (Hadash-Unterstützerin) etwa trat beim Song Contest auf.

Die rund 300 000 im annektierten Ostjerusalem lebenden Palästinenser haben meist einen israelischen Personalausweis und gewisse Rechte (Bewegungsfreiheit innerhalb “Israel”, Sozialversicherung), aber keine Staatsangehörigkeit. Die Siedlungs- und Enteignungstätigkeit wird in und um Ost-Jerusalem besonders forciert, gegen sie. Diese wird oft vom US-Glücksspiel-Millionär Irving Moskowitz finanziert. Netanyahu wollte kürzlich eine Mauer in bzw zu Ost-Jerusalem errichten. Nach scharfer Kritik und Aufregung aus/in seiner eigenen Regierung  nahm er den Beschluss zurück. Ja, der Mauerbau könnte als Teilung Jerusalems ausgelegt werden. Ein Dilemma des Zionismus: einerseits der Willen zur Abgrenzung von den Palästinensern um jeden Preis, andererseits gönnt man diesen nicht ein Stück des Landes, ein Stück Freiheit, Autonomie. Für Israel gehe es (bei Besiedlung und Enteignung) um die „Sicherheit und Einheit Jerusalems“ (so Netanyahu). Israel reagiert auf Gegenwehr nicht nur in den 67 besetzten Gebieten, sondern auch im Kernland mit Hauszerstörungen, Ausbürgerungen, Abriegelungen,…

Echte Koexistenz ist sehr selten, die Hadash ist die einzige teilweise zionistische Partei, die eine echte Koexistenz mit Palästinensern anstrebt. Übrigens, auch in Apartheid-Südafrika war die Kommunistische Partei die einzige echte Anti-Apartheid-Partei die zT im privilegierten Bevölkerungs-Segment verankert war. Ansatzweise gab es das Bestreben nach einer echten Teilung des Landes auch bei der Mapam. Bei der Meretz, die u.a. aus Mapam hervorging, dominiert dagegen schon der “Liberalismus” nach Art der “Lapids” (Yosef & Yair), ein überheblicher und chauvinistischer Liberalismus. So ist die Siedlung Newe Schalom/Wahat es-Salam nur eine Erinnerung war, wie es vielleicht einmal war in dem Land und wie es sein hätte können. Yousef Jabareen, 2015 für die Gemeinsame Liste in die Knesset gewählt, sagte, Netanyahu wolle eine “Koexistenz”, in der Juden gegenüber Palästinensern privilegiert sind.

Wie es vielleicht einmal war, das war am ehesten Ende des 19., Anfang des 20. Jh, und damals gab es auch sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Palästinensern, die heute sehr rar sind. Bei Kommunisten beider Seiten, durch eine gemeinsame Vision vereint, waren solche Beziehungen auch in der britischen Mandatszeit noch üblich. Die Eltern des unter ungeklärten Umständen ermordeten Juliano Mer-Khamis, ein christlicher Palästinenser aus Nazareth und eine israelische Jüdin, beides linke Aktivisten, waren sogar im Post-Nakba-Palästina/Israel noch zusammengekommen.

Von israelisch-jüdischer Seite sind “Mischehen” oder gemischte Beziehungen aus religiösen wie aus nationalistischen Gründen ungern gesehen. In Teilen der israelischen Presse ist von der Plage der “jüdisch-arabischen Ehen” zu lesen. Es gibt in jüdischen Wohngebieten die sich in Nachbarschaft von palästinensischen befinden, oft “Bürgerwehren” und ähnliches, die jüdische Frauen abhalten wollen, palästinensische Männer zu “treffen”, etwa in der israelischen Siedlung “Pisgat Zeev” in Ost-Jerusalem, in Petach Tikva bei Tel Aviv oder “Kiryat Gat” im Negev/Nagab, wo die bösen Beduinen lauern. Umgekehrt, beim Anbandeln jüdischer Männer mit Palästinenserinnen, ist die Sache übrigens anders; das kommt daher dass es (ethnologisch gesehen) den Männern des Unterwerfers erlaubt ist, mit Frauen der Unterworfenen etwas anzufangen. Die Likud-Politikerin Hotovely hat erst kürzlich vom “Problem jüdisch-palästinensischer Ehen” gesprochen; die Frau ist übrigens für die Annexion des Westjordanlandes.

Israelische Rechtsextremisten nationalreligiöser Art verüben hässliche Gewaltakte gegen Palästinenser (dies- und jenseits der grünen Linie von 1949), ob Moslems, Christen, Drusen, Linke,… bzw deren Besitz, hinterlassen dabei seit einigen Jahren den Slogan „Preisschild“ als Bekennerzeichen an den Tatorten ihrer Zerstörungen, Schmierereien und Brandanschläge, ob Häuser, Autos, Moscheen oder Kirchen. Selbst Fahrzeuge und Einrichtungen der israelischen Armee werden beschädigt, wenn diese gegen Siedlungen in den palästinensischen Restgebieten vorgeht, welche sogar nach israelischem Recht illegal sind. Etwa wurden antichristliche Parolen auf die Wände einer Kirche in Jerusalem geschmiert. Hebräische Parolen gegen „Heiden“ und „Götzendiener“ sind immer wieder zu lesen. Unbekannte schrieben 14 die Worte „Tod den Arabern, den Christen und allen, die Israel hassen“ an eine Wand des Büros der katholischen Bischofskonferenz in Jerusalem. Der katholischer Patriarch von Jerusalem, Fuad Twal (Sabbhas Nachfolger), sprach vor einer sprunghaften Übernahme der Angriffe. Die anhaltende Hasskriminalität sei „auch ein Schandmal für die Demokratie, die Israel sich selbst attestiert“, so Twal. Zwar würden die Taten verurteilt, aber eine Strafverfolgung finde kaum statt, bemängelte er. Weiterhin sei unklar, ob hinter den Vandalismusakten Einzeltäter oder eine Gruppe stünden. Israels Botschafter im Vatikan beschönigte die Taten als von „einigen Extremisten“, Christen gehe es ausserdem in “Israel” so gut, im Gegensatz zur Region… Der Entschädigungsfonds für Opfer von Terroranschlägen in Israel hat den Antrag einer katholischen Pilgerstätte zurückgewiesen, den bei einem Brandanschlag jüdischer Extremisten entstandenen Schaden zu erstatten. „Wir können die Summe nicht erstatten, weil wir gesetzlich gehalten sind, nur Terroropfer im Rahmen des israelisch-palästinensischen Konflikts oder von Kriegsfolgen zu entschädigen“. Bei dem Anschlag auf die Brotvermehrungskirche in Tabgha (2015) sei es aber um eine “religiös motivierte” Tat gegangen.

Ein “heikles” Thema ist auch das Verhältnis der israelischen Palästinenser zu jenen in den 1967 besetzen Gebieten sowie jenen in der (nahen und fernen, östlichen und westlichen) Diaspora. Die Kontakte sind 67 wieder einfacher geworden. Aus israelischer Sicht sind die beiden auseinanderzuhalten, ist der Glaube da, dass die “domestizierten” durch die “wilden” verdorben werden könnten. Auf der anderen Seite die dauernden Aufforderungen an die “israelischen Araber” bei Unbotmäßigkeit, doch nach Gaza oder das Westjordanland zu gehen. 2014 wollte Aussenminister Lieberman ihnen Geld bieten, damit sie das Land verlassen und in einen künftigen Palästinenserstaat ziehen. Aber hier wird er anderen Seite immerhin ein Staat zugestanden, wobei…

Ein Gebiets- oder Bevölkerungstausch (Siedlungsblöcke in der Westbank zu Israel, Teile Galiläas zu Palästina) wird auch gelegentlich angedacht. Es gibt “arabische Israelis” die ins Westjordanland siedeln, auf der Suche nach Arbeit, Bildung oder einer anderen kulturellen Umgebung, die palästinensischer ist. Das Rückkehrrecht für einen Teil der Nachkommen der während der Nakba Vertriebenen ist etwas, das Israel auf keinen Fall möchte. 02/03 kam (auf Initiative von der Shinui) ein Gesetz zu Stande, dass die Deportation von mit “israelischen Arabern” verheirateten Westbank-/Gaza-Palästinensern aus Israel ermöglichte; offiziell mit “Sicherheits”-Begründungen, eigentlich wegen der Demografie.

Protest von Palästinensern in Jaffa
Protest von Palästinensern in Jaffa

So bewegt sich das Schicksal der “israelischen Araber” zwischen Ausschluss von dieser Nation, dem Verlangen nach Loyalität zu ihr, ihrer Zerschlagung in Klein-Gruppen, Instrumentalisierung und Sündenbock-Rolle. Es gibt Aushängeschilder wie Ayoub Kara, Khaled Abu Toameh (der darf sogar fürs “Gatestone Institute” schreiben…), Ismail Khaldi. Nicht nur kontrolliert Israel direkt oder indirekt die Palästinenser in Westbank und Gaza ohne deren Einwilligung und Mitbestimmung; die Behandlung bzw der Status jener in Israel (die de jure mitbestimmen) unterstreicht, dass Israel nicht wirklich eine liberale Demokratie ist, sondern ein ethno-nationalistischer Staat.

Das Pochen auf Israel als dezidiert “jüdischer Staat” ist nicht zuletzt gegen die “israelischen Araber” gerichtet. Dennoch wird gerne das Toleranz-Märchen von Israel erzählt und die “israelischen Araber” spielen dabei eine wichtige Rolle. An ihnen tobt sich der zionistische Chauvinismus aus, mit seinem Oszillieren zwischen “Schaut, wie tolerant wir doch sind” und “Diese gefährlichen, nichtsnutzigen Kameltreiber”. Die “Tweets” von Netanyahu während der letzten Wahl haben dieses Dilemma auf den Punkt gebracht. Sein(e) erste(s) Aussage/Posting war, ganz nebenbei, überhaupt undemokratisch, und der Widerruf war das heuchlerische. Israel ist für sie Araber entweder der unverdiente Himmel oder aber die verdiente Hölle… Wir sind ja so tolerant oder aber: Toleranz ist falsch. Die Verwendung der “israelischen Araber” für Propaganda auf “Jewish Virtual Library” oder aber die offene Hetze gegen sie auf “Arutz7”. Die Argumentation bezüglich ihnen (aber auch den anderen Palästinensern) ähnelt den Apartheid-Apologien (geht ihnen so gut dort; geht ihnen viel zu gut schwingt dabei immer mit).

Die Meinung der Palästinenser, ihr Befinden, zählt, wenn sie etwas Positives über Israel sagen, nur dann. Wenn sie das (angeblich) “Richtige” sagen, werden sie auch für Hasbara herangezogen. Z.B. von der rechten englisch-sprachigen israelischen Zeitung “Jerusalem Post”, als es um die Teilung Jerusalems ging (2002); da gab es einen Artikel mit dem Titel “Jerusalem Arabs oppose division of city”. Der Apartheid-Vorwurf ggü Israel wird gerne mit Verweis auf die “israelischen Araber” zu widerlegen versucht, obwohl die Behandlung dieser Palästinenser den Befund eigentlich stützt… Man schmückt sich gern mit ihnen, man hat Besitzansprüche über sie (was sich schon an der Bezeichnungen zeigt), sie sind eine Art Trophäe (so oder so).

Anhand der Kommentare zu einem Youtube-Video über den Abriss von Beduinen-Häusern im Negev/Nagab zeigen sich wieder die zwei Spielarten des zionistischen Chauvinismus: Einer schreibt, sie hätten eben keine Genehmigung zum Bau gehabt und hätten diese zu befolgen (hier wird keine Koexistenz-Lüge aufgestellt, Israel wird in der Boss-Rolle verortet, die Palästinenser in jener der Unterworfenen), ein anderer, dass die Beduinen Verbündete Israels seien und das Video möglicherweise von “Pallywood” manipuliert sei (die Authentizität der Sache, die der andere unterstützt, wird hier in Frage gestellt, eine Toleranz behauptet und das Ausspielen der Beduinen gegen die anderen Palästinenser mitgespielt).

Es gibt auch Mischungen bzw Kombinationen der 2 “Denkrichtungen”, etwa in einem Kommentar unter einem Artikel in dem es um die diskriminierende Politik Israels gegenüber seiner palästinensischen Rest-Bevölkerung geht: “Lol they are not discriminated against.They are enemies that deserve harsh measures. Soon terrorist Ghattas [auch ein Knesset-Abgeordneter] and Zoabi will be hung.” Nein, diskriminiert werden sie nicht, aber aufgehängt gehören sie. Ein zionistischer Kampfposter im Kommentarbereich von “derstandard” schrieb über die Kadima-Partei, diese hätte „20% christlichen Drusen“ als Mitglieder. Ja, die Drusen sind ja auch Christen und keine Abspaltung von der 7er-Schia, hauptsache sie können herangezogen werden, den ethno-nationalistischen Charakter Israels weisszuwaschen.

Für jene Philo-Zionisten, die (zB) für Klagenfurt keine andere Bezeichnung wollen als diese, ist auch “Yafo” der einzige legitime Name für eine andere Stadt. Jene, die “Celovec” als Alternativname propagieren, müssen sich die Wahrheit über das System das über Jaffa herrscht, zurechtbiegen, aber das gelingt.

Der Autor Sayed Kaschua aus Tira nahe der grünen Linie hat in seinem autobiografischen Roman “Tanzende Araber” Israel aus der Sicht eines “israelischen Arabers” geschildert, auch so Manches über jene Israelis, die sich als links/liberal deklarieren. 2014  kündigte er an, in die USA zu emigrieren, aufgrund des Rassismus in der israelischen Gesellschaft gegenüber “israelischen Arabern”. Seine “Haaretz”-Kolumne mit dem Titel “Why Sayed Kashua is leaving Jerusalem and never coming back: Everything people had told him since he was a teenager is coming true. Jewish-Arab co-existence has failed.” wurde anscheinend vom “Spiegel” übernommen (s.u.). Die Ankündigung kam zur Zeit der Massenverhaftungen, der Kriegsvorbereitungen und des Rachemordes nach der Entführung und Morden im Westjordanland.

 

As’ad Ghanem: The Palestinian-Arab Minority in Israel, 1948-2000 (2001)

Hillel Cohen: Good Arabs: The Isræli Security Agencies and the Isræli Arabs, 1948-1967 (2011)

Nida Shoughry: “Israeli-Arab” Political Mobilization: Between Acquiescence, Participation, and Resistance (2012)

As’ad Ghanem: Ethnic Politics in Israel: The Margins and the Ashkenazi Centre (2010)

Amal Jamal: Arab Minority Nationalism in Israel: The Politics of Indigeneity (2014)

Hillel Cohen: Army of Shadows: Palestinian Collaboration with Zionism, 1917-1948 (2009)

Samih Farsoun, Christina E. Zacharia: Palestine And The Palestinians (1998)

Ayman Agbaria: The case of Palestinian civil society in Israel: Islam, civil society, and educational activism. In: Critical Studies in Education 55(1), 44-57, Dezember 2013

 

Überblick über die diskriminierenden Gesetze gegenüber den “israelischen Arabern”, auf der Homepage von Adalah

“For Jews Only: Racism Inside Israel”. Interview mit Phyllis Bennis zur Zeit der 2. Intifada

Sayed Kashuas Gast-Artikel im “Spiegel”

https://electronicintifada.net/content/palestinians-israel-find-consensus-against-army-enlistment/13512

Ayn-Hawd

Contesting Christian Identity in Israel: Arab, Aramean, Palestinian or Other?

http://www.theguardian.com/world/2010/jul/25/israel-arab-citizens-knesset-zoabi

Regional Council of Unrecognized Villages of Negev (RCUV oder RCUVN)

Landraub bei den Beduinen

https://electronicintifada.net/blogs/patrick-strickland/israel-exploring-ways-lower-birthrate-bedouins-says-minister

“We are refugees in our homeland”

“Sammy” Smooha: Ethnic democracy: Israel as an archetype (1997)

http://thehasbarabuster.blogspot.co.at/2012/01/thin-walled-israeli-jewish-glass-house.html

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Dasselbe gilt natürlich auch für Frauen oder Homosexuelle unter Palästinensern
  2. Das Produkt der Arbeit solcher Teams sind zB auch die Weisswaschungen und Verdrehungen im Artikel “Racism in Israel”, nicht zuletzt der Abschnitt “Racism against Israeli Jews by Israeli Arabs”. Auch “Ahmadiyya in Israel” zeugt von Hasbara-Bemühungen. Die Ahmadiyya, eine kleine Minderheit unter den Palästinensern (vielleicht etwas grösser als jene der Baha’i unter ihnen), werden in Deutschland und anderswo als Moslems gesehen (…); jene unter den Palästinensern werden wie die Drusen und Andere gegen die Palästinenser an sich instrumentalisiert, auch mit Geprotze bezüglich der (angeblichen) israelischen Behandlung von Ahmadiyya-Palästinensern. Ja, wenn es um die Aufspaltung des Feindes geht, kann man leicht “Toleranz” zeigen.

Die Entwurzelung der orientalischen Juden

Allgemeines

Die afro-asiatischen Juden bzw Mizrahim haben eher die vom Zionismus behaupteten Wurzeln der Juden in Palästina, waren jedenfalls lange Teil der Region, sind – vereinfacht gesagt – durch den aschkenasisch dominierten Zionismus entwurzelt worden. Mizrahis wurden teilweise im damals persisch regierten Babylon bzw Mesopotamien, in der Spät-Antike das wichtigste Zentrum der Juden, geprägt. Sie sind abzugrenzen von den Sepharden, welche von der moslemisch dominierten iberischen Halbinsel stammen, von wo sie mit der Reconquista vertrieben wurden, eine viel kleinere “Gruppe” sind. Wobei es Überschneidungen gibt, siehe Maimonides. Und, die Bezeichnung “Sepharden” wird auch gelegentlich für die Mizrahis verwendet. Nach der Ausbreitung des Islams in der Region durch die Araber waren Juden eine der anerkannten Religionsgemeinschaften (etwas, das für die Hindus Indiens etwa nur bedingt galt); eigentlich aber eine ethno-religiöse Gemeinschaft. Die arabisch-sprachigen (und entsprechend kulturalisierten) Juden, in der Neuzeit hauptsächlich im Osmanischen Reich, wurden auch “Musta’arabim” genannt. Grosse Gemeinschaften gab es in Mesopotamien und Ägypten. Jene in Jemen und Algerien kamen im 19. Jahrhundert unter die Herrschaft europäischer Kolonialmächte, andere später. Die Juden in Marokko waren nie unter osmanischer Herrschaft. Dasselbe galt für die meisten im iranischen Kulturkreis, zu dem auch die kurdischen und afghanischen sowie Teile der zentralasiatischen und kaukasischen Juden gehör(t)en. Die Juden Abessiniens (Äthiopiens) standen in keinerlei Kontakt mit “Glaubensbrüdern” anderswo; dass der Talmud keine Rolle in ihrer Religionsauffassung spielt, dürfte damit zu tun haben. Wie jene in Indien lebten sie nicht in einem mehrheitlich moslemischen Land.

Das 19. Jh. brachte für die Mizrahis, wie für andere Gemeinschaften im “Orient”, tiefgreifende Umwälzungen: Die westliche Einflussnahme in der Region, das Eindringen des europäischen Antijudaismus, die Einflussnahme der aschkenasischen (euro-amerikanischen, “weissen”) Juden auf sie. Die aschkenasische Bevormundung (hauptsächlich durch die AIU, s.u.) begann etwas früher als deren Griff nach Palästina. Die Einflussnahme von europäischer Kolonialmacht und aschkenasischen Organisationen verband sich am stärksten bzw deutlichsten in Algerien; auch anderswo gab es die Unterstützung der dortigen Juden für die Kolonialherren bzw die Nötigung dazu. So begann die Entfremdung von ihrer Umgebung und der„Entorientalisierungsprozess“ der Mizrahis, eine Umerziehung. Es gab auch vor ihren organisierten Transfers nach Palästina Mitte des 20. Jahrhunderts Einwanderungen dorthin (“Alija”) und die Teilnahme am dortigen zionistischen Projekt, auch von westlichen jüdischen Funktionären gelenkt. Der “Dynamik”, die der Zionismus mit der Nakba endgültig in der Region entfesselte, konnten sich nur wenige Mizrahis entziehen, auch jene nicht, die nicht direkt zur Teilnahme am zionistischen Projekt genötigt wurden. Manche von ihnen waren schon an der Nakba, der Umsetzung des Zionismus, beteiligt. Die Nakba bedeutete schliesslich auch die Verschmelzung diverser bewaffneter zionistischer Gruppen sowie die Einschmelzung der schon ins Lande geholten Mizrahis.

Der Grossteil der Mizrahis verliess ihre Länder durch von Israel (direkt oder indirekt) organisierte Transfers bzw Aussiedlungsaktionen in den 1950ern und 1960ern, oder, ebenfalls in dieser Zeit, in Auswanderungswellen, die viel mit Israel zu tun hatten und von ihm unterstützt wurden. Der Krieg 1967 markiert hier einen gewissen Abschluss. Danach gab es im Orient noch in Iran, Marokko, Türkei, Tunesien grössere jüdische Populationen. Jene in Äthiopien wurden damals übrigens noch nicht als Juden angesehen, zumindest nicht vom offiziellen Israel. Etwa eine Million Palästinenser wurden bei der Nakba aus dem dann israelischen Staatsgebiet vertrieben oder ermordet, eine ungefähr gleich grosse Zahl von Mizrahim kam in den Jahren danach aus islamischen Ländern nach Israel. Die unter israelischer Herrschaft gebliebenen bzw unterworfenen Palästinenser, “israelische Araber” (ein andermal wird sich hier ein Artikel um sie drehen), mussten im 3. Klasse-Abteil der zionistischen Gesellschaft Platz nehmen, unter den Mizrahi, die sich meist besonders von ihnen abzugrenzen müssen glaub(t)en; die restlichen palästinensischen Gebiete kamen 67 “hinzu”.

Die Integrationsleistung der Mizrahis beim Eintritt in die israelische Gesellschaft war die Teilnahme an der Unterdrückung und eine Extra-Portion Rassismus gegenüber den Palästinensern. Sie nahmen oft den Platz von Palästinensern ein, deren Häuser oder deren Arbeit, geben die Diskriminierung und Verachtung der Aschkenasen an sie weiter. Und, die Brücken hinter ihnen aus der alten Heimat sind abgebrochen, nicht nur weil sich einige ihrer Herkunftsländer im Krieg mit Israel befanden. Die Mizrahis waren nach ihrem Transfer angewiesen auf “Zion”. Auch wenn es solche gab, die aus dem Orient in den Westen gingen oder über Israel in westliche Länder oder dort Verwandte hatten – Frankreich wurde so etwa für die algerischen Juden ein wichtiger “Bezug”, Grossbritannien für die irakischen.

Ungefähr die Hälfte der israelischen Bevölkerung hat Wurzeln in nordafrikanischen oder westasiatischen Staaten; zum grösseren Teil sind die Mizrahis bei Eheschliessungen/Partnerschaften unter sich geblieben (z.T. auch in der angestammten jemenitischen oder marokkanischen “Edah”). Daneben sind ein kleinerer Teil der Juden in der westlichen “Diaspora” Mizrahis. Hinzu kommt der immer kleiner werdende Satz der in orientalischen Ländern verbliebenen Juden. Die allermeisten Mizrahis sind also heute zumindest räumlich entfremdet von ihren Herkunftsländern. Beziehungen Israels zu Regimen der Region gab und gibt es, diese stellen aber keine Brücke in den Orient dar, waren nie zum Vorteil von deren Bevölkerung. Es gibt natürlich eine rote Linie von der rhetorischen Abgrenzung Herzls zum Orient zu der Entwurzelung und Instrumentalisierung der Mizrahis und der Unterdrückung der Palästinenser. Manche Mizrahis stellen sich der aschkenasisch-zionistischen Hoheit über sie auf die eine oder andere Weise entgegen, scheren aus; andere aus dem Orient stammende Juden kämpfen mit dem Gewehr im Westjordanland, oder, wie die aus Ägypten stammende Giselle Littman (“Bat Yeor”), in der Hass-Propaganda an vorderster zionistischer Front.

Ausgewählte Länder

In Ägypten waren die Karäer (die den Talmud auch nicht anerkennen) die am stärksten verwurzelte und in die Mehrheitsgesellschaft integrierteste jüdische Gruppe. Zu den Mizrahis kamen im 19. Jh, als die Briten bei formalem Fortbestehen osmanischer Oberhoheit Ägypten unter ihre Kontrolle brachten, sephardische und aschkenasische Einwanderer dazu. Es gab, was die Juden Ägyptens betraf, im 19. und 20. Jh ein Nebeneinander verschiedener Staatsbürgerschaften, Klassen, Ausrichtungen, Sprachen, Kulturen. Die Intensivierung des Konfliktes zwischen Palästinensern und Juden im benachbarten Palästina in den 1930ern wirkte sich auf die Juden Ägyptens aus. Der Zionismus bekam erstmals in der Zeit des 2. Weltkriegs unter ihnen grössere Unterstützung, er blieb aber die Angelegenheit einer Minderheit. Sowohl die Zionisten als auch diverse ägyptische Nationalisten und Islamisten waren, aus unterschiedlichen Gründen, der Meinung dass Juden kein Bestandteil der ägyptischen Gesellschaft sein konnten! Nach der Nakba 1948, an der das Eingreifen der ägyptischen Armee wenig ändern konne, wurde es für Juden in Ägypten zunehmend schwieriger – ihr Schicksal verband sich in mehrerer Hinsicht mit dem Konflikt um Palästina. In der kommunistischen Bewegung Ägyptens nahmen Juden eine führende Rolle ein, manche davon waren gleichzeitig Zionisten. Nicht so Henri Curiel, der eine der kommunistischen Gruppen anführte. Er wurde 1950 unter König Faruk aufgrund seiner kommunistischen Tätigkeit ausgewiesen und liess sich in Frankreich nieder. Von dort aus unterstützte er etwa den Unabhängigkeitskampf Algeriens.

1954 unternahm ein Netz ägyptischer Juden im Auftrag des israelischen Militär-Geheimdienstes Bombenanschläge auf westliche Einrichtungen in Ägypten; die Anschläge sollten so aussehen als ob sie von nationalistischen Ägyptern verübt wurden und den britischen Rückzug aus dem Land zumindest verzögern. Durch ein Missgeschick flog die Sache bzw das Netzwerk auf. Es gibt verschiedene Bezeichnungen für die Operation, etwa jene nach dem Verteidigungsminister Lavon (eigentlich Lubianiker); Drahtzieher war aber Ben Gurion (Grün). Juden waren in Ägypten fortan als Saboteure bzw als fünfte Kolonne Israels im Land verdächtig, und als Israel zusammen mit GB und Frankreich nach der Suez-Kanal-Verstaatlichung Nasers 1956 (der entscheidende Schritt zur endgültigen Unabhängigkeit des Landes) angriff, reagierte die ägyptische Regierung mit Maßnahmen gegen Juden. Viele von jenen, die nicht ausgewiesen wurden, gingen damals von selbst. Beim Krieg 1967 wiederholte sich das. Die allermeisten Juden hatten danach Ägypten verlassen, bis auf einen kleinen Rest, der in den folgenden Jahren weiter schmolz. Ungefähr ein Drittel ging nach Israel, der Rest hauptsächlich nach Westeuropa und Nordamerika. Die Überlebenden der 1954 Verhafteten (zwei waren zum Tode verurteilt worden, einer beging im Gefängnis Selbstmord) wurden übrigens im Rahmen eines Gefangenenaustauschs nach dem Krieg 67 freigelassen. 1975 erzählten die vier Freigelassenen im israelischen Fernsehen ihre Geschichte, womit bestätigt wurde, dass sie im Auftrag des israelischen Staates handelten; dies war lange abgestritten worden. Einer von ihnen, Roberto Dassa, kehrte im Rahmen der Aussöhnung zwischen Ägypten und Israel unter Sadat als israelischer Journalist nach Ägypten zurück, als er den Besuch von Begin (Biegun) begleitete. Ihm und den anderen Bombenlegern wurden dann Heldenehrungen zuteil. Ende der 1980er wurden sie vom zionistischen Staat unter Premier Shamir (Jaziernicki) öffentlich geehrt, 05 von Präsident Kazav (Qasab).

Eine eingehende Untersuchung über die moderne Geschichte der Juden Ägyptens, das Ringen um eine säkular-liberale ägyptischen Nation unter gleichberechtigtem Einschluss von Minderheiten, und den Exodus in den 1950ern und 1960ern stammt von Joel Beinin (“Egyptian Jewish Identities: Communitarianisms, Nationalisms, Nostalgia”). Der Text ist wertvoll aufgrund der grossen Sachkenntnis des Autors, in vielen Punkten als Herausforderung zum hegemonialen Narrativ, und weil er auch die Wurzeln heutiger Konfliktlinien aufzeigt. Beinin weist etwa darauf hin, dass der Autor der autorisierten israelischen Darstellung der Bombenleger bei den ägyptischen Juden ein Fehlen von Affinität zu Ägypten behauptete. Der ägyptische Innenminister Muhyi al-Din dagegen beeilte sich damals, die in die Sache involvierte Juden sowie andere zionistische der grossen Mehrheit der zu Ägypten loyalen und in ihm verwurzelten gegenüber zu stellen. Erinnert wird man hier u. a. daran, das der israelische Spitzenpolitiker Lieberman vor einigen Jahren gefordert hat, “israelischen Arabern” die Staatsbürgerschaft zu entziehen wenn sie dem Staat gegenüber “illoyal” seien. John Bunzl hat in “Juden im Orient” die irakischen Juden besonders ausführlich behandelt, da ihre Entwicklung von “exemplarischer Tragik” sei; ich finde aber, dass die Entwicklung in Ägypten viel exemplarischer ist, für das Schicksal der Mizrahim.

Über die Juden des Irak habe ich hier schon einiges geschrieben. In den zionistischen Darstellungen wird die Zusammenarbeit von manchen politischen und militärischen Kreisen des Irak mit der faschistischen Achse herausgestrichen und der “Farhud” als Vorbedingung zur Aussiedlung instrumentalisiert, bei Ausblendung der zionistischen Bombenanschläge (auch unter falscher Flagge) und dem Abkommen zwischen Irak und Israel zur Aussiedlung. Das widersprüchliche Geklage ist “Sie waren kein Teil des Irak” – “Es wurde ihnen nicht erlaubt, Teil des Irak zu sein”. “Forget Baghdad”, ein Dokumentarfilm von Samir (Jamal-Aldin) aus 2002 behandelt das Schicksal ex(il)-irakischer Juden, auch die Bomben der Zionisten die zur Auswanderung führten und der dahintersteckende aschkenasische Hegemonie-Anspruch. Im Orient-Institut der Österreichischen Orient-Gesellschaft kam es zu einem jüdisch-moslemischen Irakertreffen anlässlich des Films; Karl Pfeifer (IKG; seine Fangemeinde hat auch einen Film über ihn gemacht…) hat irgendwo verbal dagegen gehetzt, die übliche Haltung des zionistisch-aschkenasischen Mainstream zu Mizrahis an den Tag gelegt, Instrumentalisierung, nicht Aufarbeitung, Narrativ-Hoheit, Vereinnahmung.

In dem Film wird u.a. Samir Naqqash interviewt. 1938 in Bagdad in eine reiche jüdische Familie geboren, ist er vor einigen Jahren gestorben. Zu dem Transfer 1951, mit den allermeisten anderen Juden aus dem Irak nach israel, sagte er, er wurde von der Jewish Agency entführt. Er hat einige Integrationsleistungen in die israelische Gesellschaft nicht vollzogen, diese Gesellschaft auch verlassen, um im Iran und anderen orientalischen Staaten zu leben, wie auch in Grossbritannien, kehrte nochmal zurück, hatte dort Familie. Er hatte diverse Jobs, studierte arabische Literatur in Jerusalem, lebte seine arabistische, anti-zionistische Haltung als Schriftsteller aus. Er hat den Zionismus eher boykottiert anstatt zu versuchen, ihn zu ändern. Der ägyptische Autor Naguib Mahfouz nannte ihn einen der grössten gegenwärtigen Schriftsteller auf Arabisch. Bezeichnenderweise wurde nur ein Buch von Naqqash auf Hebräisch übersetzt. In seinem letzten Roman, “Die Genitalien des Engels” (1996; anscheinend auf Englisch übersetzt, nicht aber auf Deutsch), beschreibt er etwa die Probleme eines arabischen Juden (mit einem “terrroristischen Gesicht”) am Ben Gurion-Flughafen. Andere jüdische Iraker in der israelischen Gesellschaft haben sich ähnlich weit vorgewagt wie Naqqash, etwa Sasson Somekh oder Sami Mikhael, die mit Palästinensern einen gemeinsamen Grund such(t)en und dabei auch die arabische Sprache als Brücke verwend(et)en. Von Elle Shohat und Rachel Shabi wird hier noch die Rede sein. Solche sind aber in einer Aussenseiter-Rolle. Stärker im Mainstream verhaftet ist etwa Eli Amir, der auch für die Jewish Agency arbeitete; er schrieb etwa “Aus dem Irak ins Land der Väter”.

Der Transfer der Juden aus dem Jemen 1949/50 (“Fliegender Teppich”) lief so ab, dass Manchen die Kinder wegenommen wurden und an aschkenasische Familien inner- und ausserhalb Israels verteilt wurden. Es spricht einiges dafür, dass der amerikanische Schauspieler Grant Heslov einen solchen Hintergrund hat. Die Entführungen wurden in einem Ochajon-Roman von Batya Gur behandelt, sind aber nach wie vor ein Tabu, rufen ansonsten Verschleierung bzw aggressives Bestreiten hervor. Auf der englischen Wikipedia etwa wird versucht, die Sache als Verschwörungstheorie abzutun.

In der Geschichte der Juden Algeriens waren die Cremieux-Dekrete zentral und bezeichnend: Adolphe Cremieux (Moise), Gründer der schon erwähnten Alliance Israelite Universelle (AIU), ein Lobbyist, wurde 1870 mit dem Sturz Napoleons III. Justizminister. In dieser Funktion verlieh der Aschkenase den Juden in Algerien (v.a. Sepharden, Mizrahi) die französische Staatsbürgerschaft, stellte sie mit den Franzosen bzw den dortigen französischen Siedlern gleich; die moslemischen Araber und Berber blieben zweitklassig. Ein extremes Beispiel einer Einflussnahme, die orientalische Juden an eine westliche Kolonialmacht band und sie von ihren Landsleuten entfremdete. Diese Entfremdung bzw Verschlechterung der Beziehungen wirkte sich dann im Unabhängigkeits-Krieg massiv aus. Damals (1950er, 1960er) war Israel eng mit Frankreich verbündet, die (an Frankreich gebundenen) Juden Algeriens wurden gewissermaßen in diese Zusammenarbeit einbezogen. Manche die 1962 Algerien verliessen, wie der Musiker Enrico Macias (Gaston Ghrenassia), versuchen sich als Zionisten und Brückenbauer zu Algeriern bzw der Region. Cremieux war übrigens laut en.wiki ein “Menschenrechtsaktivist”, als Beleg für dieses Einstufung wird die “Jerusalem Post” angegeben.

In Marokko, das 1956 seine Unabhängigkeit gewann, gab es Anfang der 1960er die “Operation Mural” zur Aussiedlung der Juden (die stark in die marokkanische Gesellschaft integriert waren), von David Littman und dem Mossad. Die Aktion fand z.T. mit Zustimmung des marokkanischen Königs Hassan statt, z.T. an ihm vorbei. Die Aktion, die auch die Entführung von Kindern mit einschloss, wird auch als “humanitär” deklariert; Littman, der Ehemann von “Bat Yeor”, ist laut Wiki auch ein “Menschenrechtsaktivist”, als Beleg genügte eine entsprechende Charakterisierung von Broder-Schützling Medick im “Spiegel”. Die nach Israel gebrachten wurden neben der normalen Diskriminierung Maßnahmen unterzogen die an Eugenik grenzten. In Israel sind marokkanisch-stämmige Juden die grösste Mizrahi-Gruppe, machen um die 500 000 Menschen aus. Ein Teil ist in Marokko geblieben, bis heute, zwischen 5 000 und 10 000.

Im Iran gab es in den frühen 1950ern den Versuch eines organisierten zionistischen Transfers, der schon deshalb nicht umfassend war, weil der iranische Schah mit Israel gute Beziehungen pflegte. Die Revolution 1979 führte zu bis heute anhaltenden Auswanderungswellen von Juden, primär in westliche Länder. Dennoch machen die im Iran Gebliebenen noch immer eine der grössten jüdischen Gemeinden des Orients aus, neben jenen in Marokko und der Türkei. Die ab 1991 aus der Sowjetunion in grosser Zahl ausgewanderten Juden sind teilweise den Mizrahis zuzurechnen (v.a. Bucharis aus Usbekistan und Tadschikistan).

In Israel

Bei Ilan Pappe kann man einiges über Eliahu Sassoon lesen, einen der wenigen Mizrahis, die zur Zeit der Staatsgründung schon eine Rolle spielten. Dieser stammte aus Syrien, das in der Zwischenkriegszeit französisches Mandatsgebiet war, er wirkte zunächst in der syrischen National- bzw Unabhängigkeits-Bewegung mit. Dann, nach seiner Auswanderung, im zionistischen Projekt in Palästina, stieg dort in diversen Führungsgremien auf. Rund um die Nakba spielte er das „Teile und herrsche“-Spiel gegen die Palästinenser (v.a. gegen Husseini, ausserdem die Instrumentalisierung der Drusen), wollte das aber anscheinend anstatt ethnischen “Säuberungen” weiter betreiben (womit er sich ja nicht durchgesetzt hat), war also ein vergleichsweise gemäßigter Zionist. Dieser Sassoon begründete die zionistische „Arabistik“, bei der es sich um dieses gegeneinander ausspielen, Aktionen unter deren “Flagge” unternehmen, sie vorführen, handelt. Fortgeführt hat diese “Arabistik” der Aschkenase Menahem Milson, führender Politikberater und einer der “Memri”-Führungsleute.

Der Zionismus brauchte die Mizrahis zur jüdischen Besiedlung Palästinas, wollte aber nicht ihre Kultur. Im Zionismus wurde alles Orientalische immer abgewertet und verdrängt. Dass Mizrahis (in mehrerer Hinsicht) oft die Plätze der vertriebenen Palästinenser einnahmen, kann man gut anhand des Viertels Wadi Salib in Haifa sehen. In den Häusern der während der Nakba Vertriebenen oder Ermordeten wurden bald danach die aus dem Orient transferierten Juden angesiedelt; v.a. Nord-Afrikaner, v.a. Marokkaner. Diese machten 1959 einen kleinen Aufstand gegen das Ashkenasi-Establishment, unter Führung der Schwarzen Panther. Später wurde das Viertel geräumt. Es gibt ein Buch von Professor Yifat Weiss darüber, s.u.

Der Krieg 1967 brachte Israel dem Orient näher, v.a. wegen den vielen Palästinensern, die nun unter seiner Herrschaft lebten. Mizrahis profitierten von der Besetzung, da Palästinenser nun ihre Arbeit übernahmen; die Okkupation war und ist mit der “Einbeziehung” der Palästinenser als Arbeiter verbunden. Mizrahis sind in der Regel nicht zuletzt aus diesem Grund gegen eine Aufgabe der “Gebiete”! In den 1970ern gab es Verbesserungen für die Mizrahis.

Bei Bunzl findet sich eine eingehende Behandlung der Frage, warum Mizrahis in der Regel rechts wähl(t)en, was meist Likud bedeutet. Und auch ein wenig über den “doppelten Boden” bei “linken” und “friedensbewegten” Israelis Marke Amos Oz (Klausner). Der Regierungswechsel 1977 zum Likud soll auch den Niedergang der aschkenasischen Hegemonie eingeleitet haben, obwohl auch dessen Spitzenleute alle aschkenasisch waren; Begin, der Premier wurde, Shamir, zunächst Parlamentspräsident, und Verteidigungsminister Scharon (Scheinerman) stammten alle aus Polen (jenem der Zwischenkriegszeit, aus Gebieten die dann zur Sowjetunion kamen). Auch der Frieden mit Ägypten hat dabei eine Rolle gespielt. Bis dahin waren die Mizrahis in der israelischen Spitzenpolitik sehr überschaubar, etwa der aus Jemen stammende Yeshayahu, der den “Fliegenden Teppich” mitorganisierte und für die Arbeiter-Partei Parlamentspräsident war. In Likud-Regierungen wurden sie allmählich häufiger, etwa mit dem aus Marokko stammenden Aussenminister David Levy. Was Levy betrifft, so gab es (israelische) Witze über ihn, die das Bild des ungebildeten Orientalen gut herausbrachten, zB: Levy ist auf Staatsbesuch in USA, seine Mitarbeiter sagen ihm dass am Abend ein Besuch im “Schwanensee” am Programm steht, und er fragt: “Haben wir Badekleidung dabei?” Eigentlich wurden Mizrahis erst in den 00er-Jahren des 21. Jh eine Selbstverständlichkeit in den Eliten des israelischen Staats, wobei Kazavs Wahl zum Staatspräsidenten da etwas bewirkte; danach kamen etwa Shalom oder Mofaz (Mofazzazkār). Bei der letzten Wahl hat der libysch-stämmige Kahlon mit einer eigenen Partei einen gewissen Erfolg erzielt, diese ist aber keine Mizrahi-Partei. Das ist noch immer am ehesten die Schas, die Partei der religiösen orientalischen Juden.

Da Fussball ja auch immer irgendwie ein Spiegelbild der jeweiligen Gesellschaft ist, lohnt es sich, auch dorthin zu sehen. Der grösste Erfolg des israelischen Fussballs war die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1970. Das damalige Team war noch ein überwiegendes aschkenasisches. Der Verband war aber damals, und zwar von 1954 bis 1974, beim asiatischen Kontinentalverband AFC, hat sich dort für einige Asien Cups, die WM 70 und ein Olympia-Turnier qualifiziert. Nach einer Reise durch verschiedene Kontinentalverbände (die WM-Quali bestritten sie meist über Ozeanien) ist der isrealische Fussball 1992 bei der europäischen UEFA gelandet. Mittlerweile dominieren aber Mizrahis den dortigen Fussball (wenn auch nicht den Verband). In “Fussball und Rassismus” (1993/94, Hg. Dietrich Schulze-Marmeling) steht über die israelische Liga, „Rassistische Schmähungen gegen arabische Spieler sind … erstaunlicherweise nahezu unbekannt.“ Das stimmte leider auch schon damals nicht, heute noch weniger. Besonders die Anhänger der dem Likud nahestehenden Betar-Klubs (wie jener aus Jerusalem) sind für ihren Rassismus gegen Nicht-Juden berüchtigt. Je tiefer die Liga, desto mehr Palästinenser und Mizrahis spielen darin.

Gegenüber den Zeiten, als Ben Gurion sagte, Israels Mizrahi-Immigranten hätten keine “jüdische Erziehung” und diese gegenüber ihren neuen Landsleuten ihre Kultur verleugnen mussten, es im Land kaum irgendeine kulturelle Entsprechung zur Tatsache gab, dass gut die Hälfte der Bevölkerung aus orientalischen Ländern stammte, hat sich vieles verändert. Wie man auch im Fussball sieht. Die einen haben sich ein Stück angepasst, die anderen wurden ein Stück toleranter. Künstler wie die aus Jemen stammende Ofra Haza, die die Kultur aus ihren Herkunftsländern aufbereiteten, wurden akzeptierter. Auch im israelischen Atomprogramm spielte die Thematik Aschkenasis-Mizrahis eine Rolle. Der inner-israelische Diskurs begann, vorsichtiger, codierter, zu laufen. Bei Oz gibt es z.B. in “Black Box” (Ende der 1980er erschienen) die Figur des aus Nordafrika (Algerien) stammenden Michel Somo, fanatisch, engstirnig, irgendwie unfähig. Wenn der Rechtsextremist Aryeh Eldad (Scheib) sagt, dass er den halben Tag gegen einen palästinensischen Staat kämpft und die andere Hälfte gegen “Korruption”, meint er mit zweiterem wahrscheinlich die Mizrahim bzw ihren Anteil an der Macht. Mizrahis sind heute unter den Siedlern in den “verbliebenen” palästinensischen Gebieten, ebenso wie im organisierten Verbrechen Israels; der Alperon-Clan kommt etwa aus Ägypten, andere wichtige Familien aus Marokko, daneben v.a. aus der Ex-Sowjetunion. Unter jenen, die vor der Strafverfolgung ins Ausland ausweichen, sind auch welche, die nach Marokko gehen (daneben u.a. nach Südafrika), meist solche, deren Grosseltern von dort stammen. “Rückkehr” in diese Herkunftsländer oder auch nur Besuche dort ist in mehrerer Hinsicht ein heikles Thema und kommt auch nicht allzu oft vor.

Der im Iran geborene Mosche Kazav wurde von seinen Eltern als Kind nach Israel gebracht. Er wurde für den Likud im Alter von 24 Bürgermeister von Kiryat Mal’achi, ursprünglich ein Auffanglager für orientalische Einwanderer. Nach dem Wahlsieg seiner Partei 1977 zog er in die Knesset ein. Begin, der damals Premier wurde, schickte ihn in dieser Zeit mehrmals in den Iran um die dortigen Juden zur Einwanderung zu bewegen – was angesichts der Revolution auch in gewissem Maß geschah. Der Gegner des Oslo-Friedensabkommens wurde unter Netanyahu (Mileikowsky) Tourismusminister, hier dürften die sexuellen Übergriffe an Mitarbeiterinnen bzw Untergebenen begonnen haben. 2000 Staatspräsident, wobei ein Teil der Abgeordneten der Regierungskoalition (jene der religiösen Parteien, v.a. Schas) für ihn, den Oppositionskandidaten, gestimmt haben, und nicht für Peres (Perski). Amos Asa El schrieb damals in der “Jerusalem Post” eine Lobpreisung für Peres (wegen seiner Nuklearisierung Israels, seinen Verdiensten für Wissenschaft, Militär, Diplomatie,…), eine Selbstbeweihräucherung der säkularen, alteingesessenen, herrschenden, aschkenasischen, “produktiven” Israelern, die Teil des Westens seien, und eine Schmähung der (zT orientalischen) Religiösen in dem Land, welche die zionistische Idee der “Befreiung von Juden aus der Ghetto-Abhängigkeit” gefährdeten. Kazav hat den Artikel bei der Pressekonferenz anlässlich seines (emotionellen) Abtritts als Präsident als Teil einer Kampagne gegen ihn angeführt. 2003 sprach er in der persisch-sprachigen Radiosendung des Senders “Kol Israel” (lange von Menashe Amir geführt) mit Hörern aus dem Iran. Sexuelle Gewalt, derer Kazav beschuldigt und dann auch (zu einer Gefängnisstrafe) verurteilt wurde, ist im Judenstaat verbreitet. Kazav selbst (und mancher Anhänger von ihm) hat seine Verurteilung als abgekartetes Spiel der aschkenasischen Elite und als durch seine orientalische Herkunft motiviert dargestellt. Jüdische und nicht-jüdische Zionisten überschlugen sich angesichts des Urteils in Lobeshymnen für Israel, seine Demokratie, seine Justiz, usw. In manchen Kommentaren wurde auch die iranische Herkunft Kazavs mit seiner Sexualität in Zusammenhang gebracht bzw diese dadurch erklärt.

Ihre Rolle und der Diskurs

Die Sache mit Juden aus islamischen Ländern spielt eine wichtige Rolle im Themenkomplex Zionismus, Nahostkonflikt, Antisemitismus, Islamophobie. Ein Paradebeispiel für eine zionistisch-tendenziöse Darstellung ist “In Ishmael’s House. A History of the Jews in Muslim Lands” von Martin Gilbert. Pappe wies in seinem Buch über die Nakba auf die zionistische Propagandalinie hin, die transferierten Mizrahis den getöteten/vertriebenen Palästinensern der Nakba gegenüberzustellen, die einen mit den anderen aufzuwiegen. Auch als Argument gegen das Rückkehrrecht der überlebenden Palästinenser. Über die “vergessene Million” klagen, auch um die Vertreibung der Palästinenser zu parallelisieren. Obwohl Israel für beide Zwangsumsiedlungen verantwortlich war! Wenn Mizrahi als Vertriebene dargestellt werden, kann man aber ihr Eigentum und ihren Status mit denen der palästinensischen Bevölkerung verrechnen und deren Ansprüche damit als abgeschlossen darstellen.

Auf der einen Seite will man die ethnische Säuberung Palästinas parallelisieren, auf der anderen sie in Abrede stellen. Joseph Massad weist darauf hin dass Israel einerseits beansprucht, Heimat aller Juden zu sein, andererseits die Behauptung aufstellt, dass die orientalischen Juden als “Flüchtlinge” und “Vertriebene” kamen (und nicht als “Rückkehrer”, “nach Hause”).

Die Auswanderung der Mizrahis wurde in den meisten Fällen von Israel organisiert oder/und diese bewusst von ihren Landsleuten entfremdet bzw. das gerne hingenommen. Probleme wurden geschaffen als deren Löser sich der Zionismus, in seinen heroischen Ansprüchen, darstellt. Beim Rechtfertigen der aufgeflogenen israelischen Aktion von 1954, bei der ägyptische Juden angeleitet wurden, Spionage sowie Sabotage gegen westliche Einrichtungen auszuführen, und sie nach einer ägyptisch-nationalistischen Aktion aussehen zu lassen, kommt das zionistische Narrativ (und seine Widersprüche) heraus: Juden in diesen Ländern hätten ohnehin keine Verbindung zum Land und ihren Landsleuten gehabt, der Orient sei zurückgeblieben, der westliche Zionismus zivilisatorisch überlegen und die wahre Bestimmung für diese Juden. Auf der anderen Seite das Lamento, von/in der Region nicht akzeptiert zu werden, was der Grund für den Konflikt sei… Aus zionistischer Perspektive gibt es auch die Tendenz, alles „Negative“ an Mizrahis zu einem „Erbe“ ihrer „Sozialisation“ im „Orient“ zu erklären, alles Positive zur Folge ihres Jüdisch-Seins. Die Geschichten über „Moslems und Nationalsozialismus“ werden gerne mit denen über Juden im/aus dem Orient zusammengepackt. Der Orientale als fanatischer Feind der Juden, Gegner der Aufklärung, Helfer der Nazis…

Man muss aufpassen, nicht in eine Falle zu tappen. Es ist nicht so, dass aschkenasische Zionisten überall die Harmonie zwischen Juden und Moslems im Orient zerstörten, und sie heute daran hindern, eine Brücke zum Orient zu bauen bzw einen Ausgleich mit ihm zu finden. Es gab auch ohne zionistischen oder europäischen Einfluss Diskriminierungen von Nicht-Moslems, antijudaistische Strömungen in diesen Ländern; diese werden heute maßlos übertrieben dargestellt, und als Henne die das Ei hervorbrachte, dankbar angeprangert als ein authentischer “moslemischer Antisemitismus”. Manche Aschkenasen waren/sind im zionistischen Zusammenhang für eine “Orientalisierung” (und sei es in Form von einer Vereinnahmung, wie bei der Gruppe der “Kanaaniter”), viele Mizrahis für “Anschluss” an den Westen. Aschkenasen dominieren fast alle jüdischen “Nahost”-Friedensgruppen und antizionistischen Initiativen – weil Mizrahis auf Israel angewiesen sind… Und weil sie, wie auch die später nach Israel gebrachten äthiopischen Juden, bei den gegebenen Verhältnissen ihre einzige Chance meist in einer Abgrenzung ggü Palästinensern und anderen Völkern der Region sehen.

Was immer wieder die Rolle der Mizrahis im zionistischen Rahmen ist, in dem sie sich befinden, ist das Spielen von Orientalen, ob in der Spionage oder in Spielfilmen. Bekanntestes Beispiel im ersteren Tätigkeitsfeld ist der syrisch-ägyptische Jude Eli Cohen, der im Vorfeld des 6-Tages-Kriegs in Syrien in die Nähe der Staatsspitze kam. In der anderen Branche ist etwa Sasson Gabay aktiv, ein israelischer Schauspieler wohl irakischer Herkunft. Im Hollywood-Film „Nicht ohne meine Tochter“ (z.T. in Israel gedreht) spielte er einen Iraner, in „Das Schwein von Gaza“ (auf eine andere Art ebenso tendenziös) etwa einen Palästinenser. Ist ja irgendwie dasselbe

In der Hierarchie des Rassismus suchen sich Opfer wie Mizrahis neue Opfer (wie Palästinenser). Dennoch haben Mizrahis immer wieder zumindest ansatzweise ihr Potential als Brückenbauer ausgeschöpft. Etwa der aus dem Iran stammende Friedensaktivist Avraham “Abie” Nathan oder die Mizrahi Democratic Rainbow Coalition (Hakeshet Hademocratit Hamizrahit), die wie die israelischen Schwarzen Panther früher neben dem Engagement für Mizrahi-Rechte auch den Palästinenser die Hand reicht, und die Verbindung zwischen Mizrahi-Juden und Palästinensern mit israelischer Staatsbürgerschaft auch einen “Missing Link” nennt. Oder der Autor und Aktivist Mati Shemoelof, dessen Vater aus Syrien, die Mutter aus Irak stammen. Er ist Zionismus-Kritiker, auch, aber nicht nur, wegen dessen Bedeutung für die Palästinenser. „Mein Judentum steht nicht im Widerspruch dazu, dass ich queer bin oder Araber.“ Die Abgrenzung von Aschkenasen ist für ihn auch eine von der Holocaust-Thematik.

Zugespitzt gesagt: Wenn man Palästina/Israel nimmt und Palästinenser und Mizrahis zusammenzählt, kommt man auf 90% der Bevölkerung, die von einer aschkenasischen Elite regiert werden – wovon aber noch deren Ultra-Religiöse abzuziehen wären sowie auf der anderen Seite jene Mizrahis die mittlerweile in den Eliten mitmischen. Ein Bündnis zwischen Mizrahis und Palästinensern gibt es natürlich nicht. Aber, bei den israelischen Sozialprotesten vor einigen Jahren gab es gemeinsame Demonstrationen in Tel Aviv, mit Schildern wie “Arabs and Jews refuse to be enemies” – daneben übrigens auch Solidarisierungen der sozialkritischen “Bewegung 14. Juli” mit den zionistischen Siedlern im Westjordanland. Vom Gefühl von Gemeinsamkeiten bei Rassismus und Benachteiligung zum Gefühl von Gemeinsamkeiten bei der Herkunft und Kultur ist es noch ein Weg. Elle Shohat hat ihr Standardwerk “Zionismus vom Standpunkt seiner jüdischen Opfer” genannt. Die aus dem Irak stammende Jüdin (sie hat auch in “Forget Bagdad” mitgewirkt) lehrt zur Zeit in USA, wird “Edward Said der Mizrahim” genannt, aufgrund ihrer radikalen Beschäftigung mit Eurozentrismus, Postkolonialismus und Orientalismus. Rachel Shabi (auch in den Hinweisen unten) stammt auch aus dem Irak, ist aus Israel nach Grossbritannien ausgewichen, schreibt von dunklen Juden (Mizrahis), die, um von der israelischen Polizei nicht für Palästinenser gehalten zu werden, Kipas oder Sterne tragen. Sie wird übrigens, wie auch andere in diesem Text genannte Personen, vom zionistischen Mainstream angefeindet, aufgrund ihrer Analysen.

Als die Böll-Stiftung vor einigen Jahren ein Filmfestival verantaltete, in dem Mizrahim im Mittelpunkt standen, gab es einen offenen Protestbrief von Juden, darunter auch Mizrahis wie der in Berlin lebenden Filmregisseurin Meital Abekasis, gegen die fehlende Behandlung von Rassismus gegen diese Gruppe in der zionistischen Gesellschaft (der richtigerweise als mit jenem gegen Araber als verwandt eingeschätzt wird). Es werde etwa ein Film von Ephraim Kishon (Hoffmann) mit rassistischer Darstellung von Mizrahis ohne Diskussion bzw Kritik gezeigt. Auch wurde Kritik an der Rede von “Vertreibung” dieser Gruppe aus ihren Ländern geübt und auf diverse unbequeme Wahrheiten im Zusammenhang mit Zionismus und Mizrahim hingewiesen,

Auf der anderen Seite: Die Ausschreitungen gegen afrikanische Flüchtlinge 2012 in Tel Aviv, auch hauptsächlich von Mizrahis. An vorderster Front der (aus Tunesien stammende) Innenminister Yishai, der dann auch für die Ausweisungen mit-verantwortlich war. Der Führer einer Partei (Schas), die den Juden, welche lange als “schwarz” angesehen wurden, eine Stimme geben soll, erklärte, Israel müsse die Afrikaner ausweisen da das Land “uns, dem weissen Mann” gehöre. Beinart auf openzionism: ”Yishai’s comments illustrate the awful paradox of contemporary Sephardi (or more accurately, Mizrahi) identity.” Was bewirkt dieses Paradox: Dass die Mizrahis, Yishais Klientel, in den ärmeren, schlechteren Gegenden Tel Avivs leben, in denen sich auch Afrikaner angesiedelt hatten? Dass jene, die das Gefühl haben, zwischen den Stühlen zu sitzen, sich auf einen der Stühle fixieren? Hinweise auf Rassismus in Israel werden natürlich als “antisemitisch” abgewehrt, vor allem von jenen linken Zionisten (auch nicht-jüdischen, im Westen), die gerne die israelische Fahne zusammen mit der des Regenbogens zeigen. Ihre (die afrikanischen) Probleme sind nicht unsere (die israelischen), sagen jene, die ihre Anliegen gerne zu jenen der ganzen Welt oder zumindest des Westens erklären. Während der Kriege im Sudan oder beim Terrorangriff in Kenia 2013 wurden Opfer gerne als Propagandamittel, gegen die Moslems, gebraucht. Oder auch der ghanaische Fussballer Paintsil. Den eigenen Umgang mit Afrikanern blendet man da lieber aus, und da gehört auch das sehr enge Bündnis mit dem Apartheid-Regime Südafrikas dazu.

Noch einmal zurück zu Joel Beinin und seinen Text über ägyptische jüdische Identitäten und Loyalitäten. Er schreibt dort über Rachel Maccabi’s autobiografisches Buch Mitzrayim sheli (Mein Ägypten), einem der ersten Bücher für ein israelisches Publikum, das jüdisches Leben in einem orientalischen Land porträtiert. Die ersten Kapitel erschienen 1965 in “Keshet”, der Zeitschrift der “Kanaaniter-Bewegung”. In der triumphalistischen Atmosphäre nach dem Sieg im “Präventivkrieg” 1967, so Beinin, gab es in der israelischen Gesellschaft einen Markt für diesen Blick auf Ägypten als Buch, nicht zuletzt da der Sieg über den wichtigsten Gegner und die Besetzung eines grossen Teils seines Territoriums als Folge einer zivilisatorischen Überlegenheit über diesen gesehen wurde. Maccabi wuchs in den 1920ern und 1930ern in einer Mittelschichtsfamilie in Alexandria auf, der Vater war aus einer einige Generationen im Land ansässigen aschkenasischen Familie, jene der Mutter stammte aus dem Irak. 1935 wanderte sie, nach einigen Besuchen dort, in einen Kibbuz im damals britischen verwalteten Palästina aus, wurde Offizierin in der “Haganah” (die Integration in die zionistische Gesellschaft Palästinas bzw das Ablegen des Ägyptischen ermöglichte ihr erst, mit ihren ägyptischen Erinnerungen an die Öffentlichkeit zu gehen). Ihr Milieu beschreibt sie als fast gänzlich von allem Arabischen oder Ägyptischen isoliert, ihre Sprachkenntnisse des Arabischen blieben minimal. Während sich die (aschkenasische) Familie väterlicherseits zumindest bis zu einem gewissen Grad in Ägypten assimilierte, war es die (Mizrahi-)Mutter die das ägyptische als “schmutzig” und “barbarisch” sah, und die Tochter damit prägte (Maccabi hat auch den Titel “Mein Ägypten” nicht gewollt und gewählt). Maccabi schrieb von einem “schmutzigen arabischen Viertel” in der Nähe ihrer Villa, den Arabern Alexandrias als “dunkelhäutigen und trübäugigen Männern”, der Welt der Ägypter als “angsteinflössend”, “minderwertig” und “das Andere”; dies erstreckte sich auch auf jene Juden, die sich nicht von der ägyptischen Mehrheitsbevölkerung unterschieden. Maccabis Buch bestätigt das zionistische Narrativ: Juden in diesen Ländern waren unberührt von der Landeskultur, irgendwie überlegen, ihre jüdische Identität wurde durch das Einschlagen des zionistischen Wegs (Auswanderung) bewahrt. Amos Elon (Sternbach) hat in “Nachrichten aus Jerusalem” (1995/1998) ebenfalls über Maccabis Ägypten-Darstellung geschrieben, sie im Gegensatz zu Beinin unkritisch wiedergegeben, auch den kaum verhüllten Rassismus und Kulturalismus, der Familie mit der Ermordung des Vaters noch die Opferrolle zugebilligt.

Nicht alle Juden gingen während ihres Lebens dort und in der nachträglichen Darstellung so auf Distanz zu Ägypten und gaben die Deutungshoheit über sich an den Zionismus ab. Nach Sadats Besuch in Jerusalem 1977 und dem Frieden mit Ägypten kamen auch andere von dort stammende Juden mit ihren Erinnerungen hervor. Yitzak Gormezano-Goren schrieb ebenfalls über seine Jugend in Alexandria, die er ganz anders darstellt als Maccabi; die damalige (aschkenasische) zionistische Aktivität porträtierte er dagegen wenig schmeichelhaft. Beinin bringt ein bezeichnendes Detail aus der Rezeption: Eine Kritikerin tat seinen Roman “Blanche” nicht nur als Kitsch ab, sie schalt Gormezano auch dafür, “Superman” und “Flash Gordon” “anachronistisch” in das Kino des Alexandria der 1940er eingebaut zu haben. Beinin: “She believed that they, like so much that is valued and recognized by Israeli yuppie culture, could only be a product of the 1980s.” Auch Jacqueline Kahanoff feierte in ihren Erinnerungen einen Levantinismus bzw Mediterranismus (der auch der aktuellen ägyptischen Nationskonstruktion entgegensteht), hinterfragte damit den zionistischen Kanon, forderte das eurozentrische Kultur-Establishment Israels heraus. Die Selbstkonzeption als Teil der Region, nicht in Gegnerschaft zu ihr (bzw nicht als weisse, westliche Festung), ist eine Unterminierung des Paradigmas der nativen Feindschaft von Juden und Arabern und damit eine Perspektive eines substantiellen Ausgleichs.

Bei westlichen Kulturkämpfern oszilliert die Rolle der Mizrahis zwischen Instrumentalisierung als Opfer der Orientalen (Moslems), rassistisch formulierter Verachtung und Ratlosigkeit. Philozionisten sehen sie teilweise ähnlich wie sie Moslems sehen; ein Kommentar zur Schas: “Orientalisch und zurückgeblieben, das passt zusammen.” Keine Anerkennung der Selbsteinstufung des ehemaligen Führers dieser Partei als “weisser Mann” (s.o.) also. Aus solchen “Zurückweisungen” heraus glauben viele, sich durch Rassimus gegen andere anbiedern zu müssen. Der israelische Soziologe Kimmerling sagte, Palästinenser und Mizrahim seien im aktuellen Diskurs beide nicht präsent; es gibt noch eine dritte Gruppe der Einwohner von Israel/Palästina, die dazu zu zählen wäre, die extrem religiösen Juden sind ebenfalls Aussenseiter, was etwa die Referenz westlicher Israel-Fans auf sie betrifft. In der deutsch-österreichischen Israel-Solidarität von links (oder eher: der Schönfärber; Feiern von Homosexuellen-Rechten, Holocaust-Aufarbeitung) und rechts (Faszination für Nationalismus, militärische Durchschlagskraft) kann man mit diesen Gruppen jenseits von Bevormundung meist nicht so viel anfangen.

Material

Joel Beinin: The Dispersion of Egyptian Jewry. Culture, Politics, and the Formation of a Modern Diaspora (1998; Englisch)

John Bunzl: Juden im Orient. Jüdische Gemeinschaften in der islamischen Welt und orientalische Juden in Israel (1989)

Naeim Giladi: Ben-Gurion’s Scandals. How the Haganah and the Mossad Eliminated Jews (2006; Englisch). Der irakische Jude Khalaschi bekam von Israel den neuen Namen “Giladi”. Er ging weiter in die USA, wo er u.a. dieses Buch schrieb

Baruch Kimmerling: קץ שלטון האחוסלים (Kets shilton ha-Ahusalim; Das Ende der aschkenasischen Hegemonie) (2001; Hebräisch)

Gudrun Krämer: The Jews in Modern Egypt, 1914–1952 (1989; Englisch)

Abdelwahab Meddeb, Benjamin Stora (Hg.): A History of Jewish-Muslim Relations. From the Origins to the Present Day (2013; Englisch)

Alexandra Nocke: The Place of the Mediterranean in Modern Israeli Identity (2009; Englisch)

Ilan Pappe: Die ethnische Säuberung Palästinas (2007; englische Originalausgabe 2006)

Rachel Shabi: We Look Like the Enemy. The Hidden Story of Israel’s Jews from Arab Lands (2009; Englisch)

Abbas Shiblak: Iraqi Jews. A History (2005; Englisch). Der Palästinenser Shiblak, nun in GB, forscht über Vertreibung und Flucht, zu den Folgen der Nakba (bzw. der palästinensischen Diaspora), wie auch zu den nach Israel gebrachten orientalischen Juden, v.a. jenen aus dem Irak; publizierte über die zionistischen Aktionen zum Transfer sowie ihrer Geschichte. Hat das “Shaml”-Zentrum in Ramallah begründet.

Yfaat Weiss: A Confiscated Memory: Wadi Salib and Haifa’s Lost Heritage (2011; kam 2012 auf Deutsch heraus)

Joel Beinin: Egyptian Jewish Identities: Communitarianisms, Nationalisms, Nostalgia

https://libcom.org/library/khamsin-5-oriental-jewry

Ehud Ein-Gil und Moshe Machover: Zionism and Oriental Jews. A dialectic of exploitation and co-optation. In: Race & Class 50/3 (2009) 62-76. Die beiden Autoren kommen aus der linken (anti-kapitalistischen und anti-zionistischen) Organisation “Matzpen” (eigentlich nur der Name der Publikation der Organisation), die 1962 in Israel gegründet wurde, als Abspaltung der kommunistischen Maki, aufgrund deren unkritischen Haltung zur Sowjetunion und aus einer grösseren Gegnerschaft zum Zionismus. In Matzpen waren Juden und Palästinenser aktiv. Dieser Artikel wurde im britischen Magazin “Race & Class” veröffentlicht; es geht darum um die ethnischen Grenzen in der israelischen Gesellschaft. Online

David Green: Arab Jews and Myths of Expulsion and Exchange

Joseph Massad: Palestinians, Egyptian Jews and propaganda

Ella Shohat: Sephardim in Israel. Zionism from the Standpoint of Its Jewish Victims. In: Social Text No. 19/20 (Autumn, 1988)

http://rehmat1.com/2013/11/28/what-about-jewish-refugees-rights-of-return/

Yifat Bitton: Discrimination Based on Sameness, Not Difference: Re- Defining the Limits of Equality through an Israeli Case for Discrimination. In: Journal of Hate Studies, Vol. 12, No. 1 (2014)

Ran Greenstein: Zionism and its Discontents: A Century of Radical Dissent in Israel/Palestine (2014; Englisch)

Nissim Rejwan: The Jews of Iraq (1985; Englisch)

Yitzhak Gormezano-Goren: Alexandrian summer (1978/2015). Roman

Nachtrag: Artikel über die entführten jemenitischen Babies

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Israel hat gewählt

Netanyahus Äusserungen kurz vor und kurz nach den Wahlen. Hier gehts nicht um das iranische Atomprogramm (oder das israelische). Dass Islamisten wie jene von IS ihm nützen bzw er daraus Kapital schlägt, hat sich im Wahlkampf bestätigt, wo der Likud einen Wahlkampfspot gebracht hat, in welchem eine “Kapitulationsmentalität” der (israelischen) “Linken” suggeriert wird, gegenüber dem Vormarsch des IS. Als ob diese Gruppe nicht genau jenes Bild von “Islam” vermitteln würden, die er braucht, nicht genau jene Instabilität in der Region verbreitet, die Israel nutzt.

Als das Rennen um den Wahlsieg knapp wurde, hat Netanyahu sein wahres Gesicht gezeigt. Keine “Konzessionen” gegenüber den Palästinensern werde es geben, keinen palästinensischen Staat, es werde vielmehr weiter eine Verdrängung und Unterwerfung der Palästinenser (das bedeutet der Siedlungsbau) geben. Natürlich, wie sein “Friedensangebot” 09 und seine “Verhandlungsbereitschaft” zu verstehen ist, hätte eigentlich schon lange klar sein müssen. Nur ganz am Rande: die Geschichtpolitik, die mit der Besiedlung/Unterwerfung der palästinensischen Gebiete einhergeht, würde auch mal Augenmerk verdienen.

Und am Wahltag dann, auf seiner Facebook-Seite: „Die Herrschaft der Likud-Partei ist in Gefahr. Arabische Wähler gehen in Massen in die Wahllokale, linksorientierte Organisationen bringen sie in Bussen dorthin.“ Für das Letztere hat er sich entschuldigt, aber eben genau so chauvinistisch, “Israel, seine einzigartige Demokratie”, usw. Das sind die beiden Pole bzw Spielarten des zionistischen Chauvinismus: “Wir sind so tolerant, wir wollen nur Koexistenz, verteidigen uns nur, wollen in der Region akzeptiert werden” oder aber “Das Land gehört uns, sie sind die Unterworfenen, wir sind ihnen überlegen, wir scheissen auf die Region”. Westliche Israel-Fans stören sich daran nicht, sie entscheiden sich in der Regel ebenfalls für eine der zwei Varianten (> “Israel ein linkes Paradies” oder aber “Israel so toll weil es eben nicht durch die Linke verdorben ist”).

Die “israelischen Araber”, um die es hier ging, werde ich ein ander Mal behandeln; sie sind jedenfalls im zionistischen Diskurs (auch in der Praxis) immer Zielobjekt von Chauvinismus, solchem oder solchem, eine Art Trophäe. Was jene Palästinenser betrifft, die erst 1967 unter israelische Herrschaft gekommen sind, diese werden, direkt oder indirekt, ohne ihre Einwilligung und Mitbestimmung von Israel kontrolliert. Einer der Gründe, warum Israel nicht wirklich eine Demokratie ist; hier zeigen sich Parallelen zu Apartheid-Südafrika: volle Mitbestimmung und Bürgerrechte, wenn man zur richtigen Gruppe gehört, nur für diese.

Christopher Hitchens hat einmal in einem Artikel aufgezeigt, wie der Vater des israelischen Ministerpräsidenten, Benzion Netanyahu (Mileikowsky), vom revisionistischen Zionisten und selbsterklärten Faschisten Ahimeir/Geisinovich beeinflusst wurde, und letztendlich auch dieser selbst. Der Artikel heisst “The iron wall” und erschien 1998 auf salon.com (zur Zeit anscheinend nicht online).

Ein wirklich souveräner palästinensischer Staat in jenen Gebieten, die den Palästinensern nach der Nakba 1948 blieben, wäre auch weit weg von einer einigermaßen gerechten Friedenslösung (das ist noch um einiges weniger als das was für die Palästinenser im UN-Teilungsvorschlag 1948 vorgesehen war, etwa im Gebiet um Gaza). Aber auch dazu ist keine der im zionistischen Mainstream verankerten Parteien bereit.

Peres hat vor einigen Jahren zum Sieg der Hamas bei der Wahl zur Palästinensischen Autonomiebehörde und zum Argument, es sei eine einwandfreie demokratische Wahl gewesen, gesagt, “The fact that they were elected properly, does not entitle them to attack Israelis”. Nun, genau das ist auch auf das Gefasel (Geprotze) von der “israelischen Demokratie” zu sagen, bzw. zeigt auf, was diese seit Jahrzehnten für Palästinenser bedeutet. Eine Demokratie für Juden und eine Militärdiktatur für Palästinenser; und aus ihrer ordentlichen Wahl leiten israelische Politiker das Recht ab, Palästinenser anzugreifen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

RFK 68 nicht erschossen

 

32441_medWas, wenn Robert Kennedy nicht ermordet worden wäre? Hätte er in diesem Jahr (1968) die Nominierung seiner Demokratischen Partei gegen Hubert Humphrey gewonnen? Und wäre er dann gegen Richard Nixon zum Präsidenten der USA gewählt worden? Wenn ja, was wäre in USA und darüber hinaus anders gelaufen? Dass Kennedy mit seinem Sieg bei der Vorwahl in Kalifornien kurz vor seiner Ermordung die Nominierung sicher hatte, ist ein Irrtum. Und auch ein Sieg über Nixon wäre sehr fraglich gewesen. Der damalige Nominierungsprozess und die durch den Ablauf des Kandidatenrennens bedingte Spaltung der Partei benachteiligten Kennedy. Es wurden schon einige alternativgeschichtliche Szenarien ausformuliert, in denen RFK locker Vor- und Präsidentenwahlen gewinnt und dann ein “goldenes Zeitalter” schafft; hier eine Analyse dazu.

Robert Francis Kennedy hat CIA-Chef McCone 1963 gefragt, „Hat die CIA meinen Bruder umgebracht?“, wird berichtet. Unter seinem Bruder war er Justizminister geworden, hat als solcher das Gefängnis auf Alcatraz schliessen lassen. 1964 liess er sich (für New York) in den Senat wählen; unter Johnson weiter Minister zu sein oder Vizepräsident zu werden, kam für beide nicht in Frage.

Das direkte amerikanische Eingreifen im Krieg zwischen Nord- und Südvietnam begann unter Johnson nach dem Zwischenfall im Golf von Tonkin vor der Küste Nordvietnams 1964. Ein USA-Kriegsschiff war angeblich in ein Gefecht mit nordvietnamesischen Schnellbooten verwickelt worden; keine falsche Flagge, eher ein willkommener bzw. falsch deklarierter Anlass. Andere aussenpolitische Engagements unter Johnson war die Unterstützung des Sturzes des linken, demokratischen Präsidenten von Brasilien, João Goulart, sowie der Militärputsch und die nachfolgende Diktatur in Griechenland unter Papadopulos.

Lyndon Johnson durfte 1968 erneut für die Präsidentschaft kandidieren; mit dem Nachrücken für Kennedy 1963 hatte er nicht eine ganze Amtsperiode “verbraucht”. Ein amtierender Präsident wird in seiner Partei bei Neu-Wahlen normalerweise nicht ernsthaft herausgefordert; Ausnahmen waren Ford 1976 (von Reagan) – oder Johnson 1968. Eugene McCarthy, Senator von Minnesota, nicht zu verwechseln mit dem antikommunistischen Hexenjäger Joseph, war gegen Johnsons Kriegspolitik in Vietnam und wollte für und mit den Kriegsgegnern inner- und ausserhalb der Demokratischen Partei einen Kurswechsel herbeiführen. Als Johnson bei der ersten Vorwahl im März in New Hampshire gegen McCarthy überraschend schlecht abschnitt (aber gewann), ein starker Hinweis auf die Kriegsgegnerschaft in der Partei, begannen die Turbulenzen im Vorwahlkampf der Demokraten.

Robert Kennedy, der als Senator auf Distanz zur Vietnam-Politik von Johnson gegangen war, aber – zur Enttäuschung mancher Anhänger – gezögert hatte, diesen bei dieser Präsidentschaftswahl herauszufordern, meldete wenige Tage nach dieser Vorwahl nun auch seine Kandidatur an – was die Partei weiter spaltete wie auch das Anti-Kriegs-Lager. Der Vietnam-Krieg spaltete die USA wie zuletzt wahrscheinlich der Bürgerkrieg; im März 1968 ereignete sich auch das Massaker US-amerikanischer Soldaten in My Lai in Süd-Vietnam mit Hunderten Toten.

Am Ende dieses Monats kündigte dann Präsident Johnson an, seine Kandidatur zurückzuziehen; die Herausforderung aus der eigenen Partei war ein Grund dafür, seine Gesundheit ein anderer. Johnson hatte bis zu einem Herzanfall 1955 3 Packungen Zigaretten pro Tag geraucht, hörte dann abrupt auf; fing nach seinem Auszug aus dem Weissen Haus im Jänner 1969 wieder damit an. Er starb 2 Tage nach dem Ende von Nixon’s erster Amtszeit. Nach Johnsons Ausstieg stieg Vizepräsident Hubert Humphrey in die demokratischen Vorwahlen ein.

RFKinfrontofJFKpicture19661Humphreys offizieller Eintritt in den Wahlkampf erfolgte jedoch erst Ende April und damit zu spät, um noch an den restlichen Vorwahlen teilnehmen zu können. In Vorwahlen einzutreten war bis 1968 nicht der alleinige Weg zur Nominierung, galt sogar leicht als ein Zeichen von Schwäche. Humphrey, der Nachfolger von LBJ als Kandidat des Partei-Establishments wurde, konzentrierte sich darauf, die Delegierten-Stimmen jener Bundesstaaten zu gewinnen, in denen keine Vorwahlen stattfanden (die meisten). In diesen Bundesstaaten wurden die Delegierten für den Parteikonvent durch den Parteiapparat dieses Staates bestimmt (durch Ernennung, Konferenzen oder auch kleinere Abstimmungen). Der Vizepräsident wurde vom Parteiapparat unterstützt, er hatte auch den Präsidenten, den Grossteil der Gewerkschaften und des Südens sowie viel Anti-Kennedy-Geld (das Geld von Leuten, die ihn unterstützten, um RFK zu verhindern) für seine Kandidatur. In die Vorwahlen schickte er einige Günstlinge als “Zähl-Kandidaten”.

Nur in 14 Bundesstaaten (sowie in DC) fanden bei der DP in diesem Jahr Vorwahlen statt, manchmal wird auch 13 genannt, das dürfte an West Virginia liegen bzw an der Frage der Unterscheidung zwischen Vorwahl und anderer Delegiertenauswahl. Nach 1968 konnte bei den beiden Grossparteien kein Präsidentschaftsanwärter mehr nominiert werden, ohne sich in den Vorwahlen durchgesetzt zu haben. In den demokratischen Vorwahlen 68 duellierten sich hauptsächlich die beiden Liberalen McCarthy und Kennedy, beide katholisch und irischer Herkunft, beide sprachen ein ähnliches Wählersegment an. Der besonders konservative Teil der DP im Süden (genauer Südosten) brach mit dem ehemaligen Gouverneur Alabamas, George Wallace, weg, der für eine American Independent Party kandidierte. Kennedy bemühte sich, im Gegensatz zu McCarthy (der wahrscheinlich wusste, dass für ihn dort nichts zu holen war), aber recht erfolglos, um die Partei-Funktionäre in den Staaten ohne Vorwahlen. Johnson nutzte seinen ganzen Einfluss, Kennedy zu verhindern und Humphrey durchzubringen, der tatsächlich den Grossteil der Delegierten für den Konvent aus den Staaten ohne Vorwahlen gewann.

RFK wahlkampfRobert Kennedy war in der Democratic Party kein Liebling, für das Partei-Establishment war er zu “liberal”, auch für Johnson, für Südstaatler ohnehin, was die Gewerkschaften betraf, so war es sein Eintreten für “Schwarze” und “Latinos”, das grosse Teile der weissen Arbeiterschaft “vor den Kopf stiess”. Der Historiker Arthur Schlesinger, ein Unterstützer von ihm, schrieb in seiner Biografie von Kennedy: “Manche sahen ihn als erbarmungsvollen Heiland, andere als skrupellosen Opportunisten oder als unverantwortlichen Demagogen, der in die wunden Punkten der amerikanischen Gesellschaft griff – Rasse, Armut, Krieg. Wenige waren ihm gegenüber neutral oder gleichgültig.” Kennedy hat tatsächlich Themen behandelt, die die meisten Politiker mieden und mit 42 Jahren machte er sich nun auf den Sprung zur Macht bzw zur Umsetzung seines Programms. Er war, genau so wenig wie sein älterer Bruder, nicht die heilige und mutige Gestalt, als die er gerne dargestellt wird.

Dass unter John F. Kennedy das US-amerikanische “Engagement” in Vietnam begonnen hatte, ist aus der Logik des Kalten Krieges heraus irgendwie nachvollziehbar. Die ebenfalls unter ihm vorgenommenen Eingriffe in die Politik bzw. in die Geschichte des Irak (der Sturz von Premier Qasim) und des Kongo (der Sturz von Premier Lumumba) haben bis heute destruktive Folgen für diese Länder und ihre Regionen, und in beiden Fällen war eine Nähe der Regierung zum Kommunismus und zur Sowjetunion nicht wirklich gegeben. Heutige westliche Politik gegenüber diesen beiden Staaten versucht eigentlich, das zu erreichen, was auch von diesen damals gestürzten Regierungen angestrebt wurde… Da es hier ja um einen kontrafaktischen Ansatz geht: Wenn John Kennedy nicht ermordet worden wäre (wird öfter durchgedacht als eine Präsidentschaft Roberts), hätte das seinem Bruder für dessen eigene Karriere genützt oder geschadet?

Robert Kennedy hat, wiegesagt, “Tabus” der amerikanischen Politik wie Rassismus, Armut und Imperialismus kritisch behandelt. Hat etwa (weissen) Medizin-Studenten, die ihn bei einer Vorwahl-Veranstaltung fragten, woher er das Geld für Gesundheitsversorgungs-Programme für Arme nehmen wolle, geantwortet “Von euch.” Er ist nicht nur in die Wohngebiete der Schwarzen gegangen, er hat das Thema der rassischen Ungleichheit auch vor weissem Publikum angesprochen. Zur Bürgerrechtsbewegung bzw ihren Entstehungsgründen, neben dem Vietnam-Krieg das zweite wichtige Thema der Wahl, hatte er eine klare Haltung. 1966 hatte er Südafrika bereist, und dabei die Apartheid verurteilt, wie damals nur sehr wenige westliche Politiker. Als im April 1968 Martin Luther King ermordet wurde, war er gerade in Indianapolis im Wahlkampf, gab dann eine ziemlich improvisierte Rede dazu ab, in der er zur Versöhnung zwischen den Rassen aufrief. In Indianapolis sollen die Unruhen, die es damals in vielen anderen Städten gab, deshalb auch ausgeblieben sein. Dennoch, anders als Nelson Mandela 1993 nach der Ermordung Chris Hanis, konnte Kennedy durch seinen Umgang mit dem Attentat nicht entscheidend, über “sein” Wählersegment hinaus, Macht dazu gewinnen.

Vietnam war damals der Brennpunkt des Kalten Kriegs, und der Stellvertreter-Krieg zwischen Nord- und Südvietnam eskalierte 1968 im Zuge der Tet-Offensive der nordvietnamesischen Armee und des Vietcong. Für Amerikaner war der Krieg schon aufgrund der damals aktuellen Wehrpflicht ein unmittelbares. Kennedy war nicht dezidiert für einen amerikanischen Abzug aus Vietnam oder einen sofortigen Frieden, aber für eine Delegierung der Kriegsführung an das südvietnamesische Militär, durch ihre Unterstützung sowie Friedensverhandlungen. McCarthy war entschiedener gegen den Vietnam-Krieg bzw. die Teilnahme der USA daran (bzw die Anfachung durch sie); so wie er auch dezidiert J. Edgar Hoover als FBI-Chef ablösen wollte. Robert Kennedy wollte CIA, FBI wie auch der (teilweise mit der Gewerkschaft verbundenen) Mafia stärker Einhalt gebieten, was er schon als Justizminister versucht hatte. Bezüglich der Todesstrafe bezog er eindeutig Stellung zugunsten einer Abschaffung, die damals diskutiert wurde. Zu Fragen wie Abtreibung nahm er dagegen eine konservative Haltung ein.

Das Versprechen Kennedys am Rande des Vorwahlkampfes, im Falle eines Wahlsiegs 50 Kampfjets an Israel zu liefern, spielte für diesen auch deshalb keine grosse Rolle, da auch die anderen Kandidaten hier ähnliche Positionen vertraten. Er hatte Palästina 1948, einen Monat vor der Ausrufung “Israels” (nach dem britischen Abzug dann), besucht, für die “Boston Post” aus dem Land berichtet. Damals begann seine prozionistische Haltung; die Zionisten hätten überhaupt erst etwas aus dem Land gemacht, schrieb er damals, würden ums Überleben kämpfen, die Araber einen ideologisch verblendeten Kampf gegen sie führen, usw., Klischees die sich bis heute im Westen halten. Dass die Nakba damals schon einige Monate lief, nahm er nur insofern wahr, als im Land “enorme Spannungen” herrschten. Sein Bruder hatte Israel Anfang der 1960er nicht zuletzt bezüglich ihrer Atomwaffen kontra gegeben; unter Johnson setzte sich während des Kriegs 1967 (in dem Israel das von ihm kontrollierte Territorium weiter erweiterte, auch über Palästina hinaus) eine Allianz der USA mit Israel durch – trotz der israelischen Bombardierung der USS Liberty.

RFK bestritt nicht alle der Vorwahlen, gewann nicht alle die er bestritt. Nachdem in Oregon McCarthy gewonnen hatte, fanden am 4. Juni drei Vorwahlen statt. Entscheidend war das bevölkerungsreiche Kalifornien, wo Kennedy mit 46 zu 42% gegen McCarthy gewann, der an diesem Tag noch einen weiteren Bundesstaat verlor. Der Sieg in Kalifornien bedeutete eigtentlich die Entscheidung für Kennedy in den Vorwahlen. McCarthy gab aber noch nicht auf, bereitete sich auf New York vor, wo keine offiziellen Vorwahlen stattfanden, dort wurden Delegierte für den Parteikonvent direkt gewählt, ohne dass sich die Wähler direkt für einen Kandidaten entschieden.

RFK flyerKennedy und sein Tross feierte die Siege in Kalifornien und South Dakota im “Ambassador Hotel” in Los Angeles. Damals stellte das Secret Service nur für amtierende Präsidenten Personenschutz zur Verfügung, nicht für Kandidaten, auch etwas das sich durch die Wahl 1968 änderte. Kennedy’s eigene Leibwächter waren der ehemalige FBI-Agent William Barry und zwei ehemalige Athleten (Grier, Johnson). Das Hotel hat anscheinend über eine Sicherheitsfirma (“Ace Guard Service”) einen Wachmann für das Ereignis engagiert, Thane Eugene Cesar, und das weniger als Schutz für den Kandidaten als für die Kontrolle der Menschen-Mengen, die ins Hotel kamen. Kennedy und seine Begleiter verliessen, kurz nach Mitternacht, nach einer Siegesrede einen Festsaal durch die Küchenräume des Hotels, um in einen anderen Saal zu wartenden Journalisten zu gelangen. In der Küche wurde Kennedy von drei Schüssen getroffen; auch fünf andere Personen wurden getroffen, die sich aber dann erholten. Juan Romero, aus Mexiko eingewanderter Küchengehilfe, war der letzte der RFK die Hände schüttelte, und einer der ersten die sich nach dem Attentat um ihn kümmerten. Kennedy erlag 26 Stunden nach dem Attentat im Krankenhaus seinen Verletzungen.

rfk at ambassadorDer Schütze, der gleich überwältigt wurde, war Sirhan Sirhan, ein christlicher (griechisch-orthodoxer) Palästinenser aus Jerusalem. Sirhan, zur Zeit der Nakba 4 Jahre alt, hatte wegen der jordanischen Verwaltung von Ost-Jerusalem und der Westbank 1948 bis 1967 die jordanische Staatsbürgerschaft. In dieser Zeit wanderte die Familie in die USA aus, ein Teil kehrte wieder zurück. Sirhan arbeitete u.a. als Pferdepfleger in Kalifornien, schloss sich diversen Sekten wie den Rosenkreuzern an. Er erlebte den erfolgreichen israelischen Angriffskrieg ’67 aus der Distanz, als der Rest von Jerusalem und Palästina (sowie Teile Ägyptens und Syriens) unter zionistische Kontrolle kamen, auch seine Familie. Auch diese Palästinenser erlebten nun israelische Militärverwaltung und Vertreibungen, wie in der Altstadt im eroberten Osten Jerusalems. Er erlebte in Amerika die “Heirat” amerikanischer und zionistischer Interessen unter Johnson, Feiern nach dem Krieg. Er lebte nie unter israelischer Herrschaft, erlebt die weitere Besetzung und Zerstückelung seiner Heimat aus etwas Distanz. Für Palästinenser bedeutete 67 etwas anderes als für die amerikanische Mehrheitsbevölkerung, und westliche Solidarität mit Christen in Palästina und der Region gibt es in der Regel nur dann, wenn man sie gegen Moslems in Stellung bringen kann… Sirhan soll auch psychische bzw. neurologische Probleme gehabt haben, vom Fall von einem Pferd.

Im Jänner 1968 war der israelische Premier Eschkol (Shkolnik) bei Johnson gewesen, was damals schon ein Besuch unter Alliierten war. Er wollte 50 Kampfflugzeuge kaufen, die Sache zog sich dahin, das amerikanische Aussenministerium war dagegen, weil es eine derart eindeutige Positionsbeziehung in dem Konflikt nicht wollte, eine Eskalation dieses Konfliktes durch eine “Einbettung” in den Kalten Krieg sowie ein Wettrüsten in der Region befürchtete. Das Ringen bzw. der Entscheidungsweg über den Verkauf kam in einer Wahlkampf-Debatte zwischen Kennedy und McCarthy in der Woche vor der kalifornischen Vorwahl zu Sprache, dort sprach sich Kennedy dafür aus (ob es hier Widerspruch von McCarthy gab, ist mir nicht bekannt). Sirhan soll Kennedy bis dahin sehr geschätzt haben und nun sehr enttäuscht gewesen sein. In seinem Notizbuch, das die wichtigste Informationsquelle über seine Mord-Motive war/ist, fand sich ein Eintrag dazu (nicht direkt auf die Debatte bezogen).

Der war allerdings vor der Debatte bzw. Kennedy-Aussage datiert (18. Mai). Im Mai hatte es eine TV-Doku gegeben (“The Story of Robert Kennedy”), in der RFK selbes über den Verkauf der Waffensysteme für Israel sagte (dort dürfte auch sein Besuch im Land 1948 vorgekommen sein). Diese wurde in Kalifornien aber ebenfalls nach der Notiz (sofern diese richtig datiert war) ausgestrahlt. Sonst hatte es nur im Jänner des Jahres, anlässlich des Eschkol-Besuches, möglicherweise eine Aussage Kennedys dazu gegeben. Die Entscheidung für den Verkauf fiel übrigens im Oktober, nach Druck der zionistischen Lobby, unter Johnson, kurz vor der Wahl; und die Sowjetunion lieferte darauf hin MIG-Kampfflugzeuge an Ägypten, von dessem Territorium Israel damals auch einen grossen Teil besetzte. Dass sich der Mord am ersten Jahrestag des Beginns des Sechs-Tage-Kriegs ereignete, kann in jedem Fall eigentlich nur ein bizarrer Zufall sein.

In Alternativtheorien zum Mord wird darauf hingewiesen, dass Kennedy Schusswunden nur auf der Rückseite seines Körpers gehabt habe, Sirhan jedoch direkt vor ihm gestanden sei. Der kurzfristig angeheuerte Wachmann Thane E. Cesar, ein Gegner der Kennedys, seine Waffe wurde nach dem Attentat nicht sichergestellt und untersucht, wird als zweiter, von hinten feuernder Schütze verdächtigt. Manchmal wird auch über eine Manipulation Sirhans durch Andere spekuliert. Hinter jeder Verschwörungstheorie steckt irgend eine Wahrheit; und die Herausforderung des konservativen, etablierten Amerikas durch “Bobby” Kennedy, durch sein Entreten für die Armen oder gegen den Krieg, ist ein Fakt. Sirhan wurde 1969 zunächst zu Tode verurteilt, die Strafe wurde durch die Abschaffung der Todesstrafe in Kalifornien 1972 in lebenslängliche Haft umgewandelt, die er heute noch absitzt.

Circa 1 Woche ruhte der Wahlkampf nach dem Mord. In New York wurde eine Mehrheit von Delegierten gewählt, die am Konvent McCarthy wählen sollten, auch einige für den toten Kennedy. Der Parteivorstand der DP im Bundesstaat New York (das New York State Democratic Committee) durfte dann den Rest der Delegierten (etwa ein Drittel der gesamten) auswählen bzw. zuteilen, und wie auch in anderen Staaten wurde hier Humphrey bevorzugt, und seine Gegner, nun v.a. McCarthy, benachteiligt. Nachhher war nur noch die Vorwahl in llinois, wo McCarthy gewann. Es war klar, Humphrey würde beim Konvent zumindest im ersten Wahlgang eine Mehrheit haben. Kurz vor dem Beginn des Konvents überfielen Truppen der Warschauer Pakt-Staaten die Tschechoslowakei und beendeten den “Prager Frühling” genannten Reformversuch des dortigen kommunistischen Systems.

Zum Zeitpunkt von Kennedys Tod, also kurz vor Ende des Nominierungsprozesses, sah die Delegierten-Verteilung so aus: Humphrey, der nicht an Vorwahlen teilnahm, hatte über 1000 zugeteilt bekommen; Robert Kennedy hatte etwas unter 700 sicher; McCarthy etwas über 300. Für die Nominierung waren 1312 Delegierte nötig. In der Hochrechnung, die den Rückzug der Humphrey-Günstlinge und anderer schwächerer Kandidaten mit-berücksichtigte, war Humphrey schon deutlich über dieser Marke. Es hätte schon einiges eintreffen müssen, dass Kennedy (ohne Attentat natürlich) die Nominierung noch bekommen hätte, anstelle von Humphrey:

  • Kennedy hätte die Vorwahl in Illinois gewinnen müssen (was wahrscheinlich gewesen wäre, aufgrund der Gegenkandidaten) und in New York einen guten Teil der Delegierten zugeteilt bekommen müssen (schwierig). Dann hätte es beim Konvent in Chicago wahrscheinlich einen zweiten Wahlgang gegeben (und nicht schon eine absolute Mehrheit für Humphrey im ersten). In den letzten Jahrzehnten gab es nur zwei Konvents der beiden grossen Parteien, wo der Nominierte nicht vor Beginn feststand bzw. wo die Abstimmung eine Art “Kampfabstimmung” wurde, so genannte open conventions: 1976 bei den Republikanern zwischen Ford und Reagan, 1980 bei den Demokraten zwischen Carter und Edward Kennedy; in beiden Fällen gabs aber keinen zweiten Wahlgang. Den gab es letztmals 1952 beim DP-Konvent, der wie 1968 im International Amphitheatre in Chicago abgehalten wurde. Damals gabs vier Kandidaten und drei Wahlgänge, schliesslich setzte sich Adlai E. Stevenson gegen Estes Kefauver durch, mit Unterstützung von Noch-Präsident Truman, der einen Kandidaten aus Südstaaten mit Rassendiskriminierungsgesetzen verhindern wollte.

Im Fall eines 2. Wahlgangs im Sommer 1968, der eine Art Stichwahl zwischen Kennedy und Humphrey gewesen wäre, hätten andere Kandidaten wahrscheinlich aufgegeben. Kennedy hätte gute Chancen auf die Stimmen der McCarthy-Delegierten gehabt (auch ohne Aufgabe), was aber keineswegs sicher gewesen wäre, angesichts der Animosität, die in diesem Vorwahlkampf zwischen den beiden Lagern entstanden war, gerade wegen ihrer ähnlichen politischen Ausrichtung. Aber auch wenn RFK die McCarthy-Stimmen und jene für McGovern gedachten bekommen hätte, wäre das nicht genug gewesen.

  • Kennedy hätte Humphrey-Delegierte gewinnen müssen.

Dazu ist zu sagen, dass die aufgrund der Vorwahl-Ergebnisse oder von lokalen Parteiorganisationen ausgewählten Delegierten verpflichtet werden, bei der Convention für einen bestimmten Kandidaten abzustimmen. Hinzu kommen die ungebundenen Delegierten (“Super Delegates” und ähnliche), Parteiprominenz der Bundesstaaten. Die “normalen” haben aber theoretisch auch eine Freiheit, schliesslich soll die Versammlung bzw. die Wahl irgendwie auch lebendig sein (sie sind “pledged”, verpflichtet, aber es gibt keine Sanktionen wenn sie anders abstimmen). Sie werden auch nicht zuletzt nach Zuverlässigkeit ausgewählt. Von dieser Freiheit machen Delegierte manchmal Gebrauch, wenn “ihr” Kandidat abgeschlagen ist (und seit Jahrzehnten steht der Nominierte vor der Convention fest) und sie den kommenden Kandidaten stärken wollen. Oder ein Kandidat gibt am Konvent auf, dann sind “seine” Delegierten “frei”. 08 hat Obamas scharfe Kontrahentin in diesem Jahr, Hillary Clinton, selbst während der Convention beantragt, das Nominierungsprozedere abzuändern und Obama per Akklamation zu nominieren. Bei einem zweiten Wahlgang sind Delegierte jedenfalls ungebunden und frei in ihrer Wahlentscheidung.

Aus dem Humphrey-Lager wäre ein Hinüberwechseln von Delegierten zu Kennedy grundsätzlich eher vorgekommen als umgekehrt. Arthur Schlesinger und andere glauben, dass Kennedy’s Charisma und der Mythos seines Namens ein Gewinnen von anderen Delegierten möglich gemacht hätte. Es wird auch für möglich gehalten, dass der Chicagoer Bürgermeisters Richard Daley, eine Parteigrösse und Humphrey-Unterstützer, zu Kennedy hinübergewechselt wäre und einen grossen Teil der Delegierten mitgenommen hätte (ein paar Telefonate hätten genügt, sagen manche), während des Konvents oder in den Wochen davor. Das damalige System der “Widmung” der Delegierten ohne Vor-Wahl hätte sich auch als nachteilig für Humphrey erweisen können. Richard Nixon vertrat in seinen Memoiren die Ansicht, dass Kennedy nach dem Vorwahlsieg in Kalifornien einen Teil der Delegierten McCarthys hinzugewonnen und seine Kampagne in den verbleibenden zweieinhalb Monaten eine unwiderstehliche Eigendynamik entwickelt hätte, die auf dem Parteitag nicht mehr zu stoppen gewesen wäre. Andere Historiker/Politologen/Journalisten gehen davon aus, dass Humphreys Unterstützung durch diverse einflussreiche „Parteibosse“ und der Vorsprung bei den Parteitagsdelegierten nicht so schnell ins Wanken gekommen wären.

Ein anderes Szenario, eine Einigung hinter den Kulissen vor/während des Konvents zugunsten Kennedys wäre viel unwahrscheinlicher gewesen. Im Falle eines Nicht-Gelingens des Attentats wären Kennedys Chancen wahrscheinlich drastisch gestiegen. Jedenfalls hätte es bei einem Antreten von ihm am Konvent eine scharfe Auseinandersetzung zwischen seinem und Humphreys Lager gegeben, was die Unruhen “draussen” wahrscheinlich verstärkt hätte.

Mit dem Tod Kennedys stand Vizepräsident Humphrey als demokratischer Kandidat de facto fest, zumal Kennedys Delegierte nicht bereit waren, sich “einheitlich” hinter McCarthy zu stellen. Die meisten von ihnen stimmten für den spät gestarteten Senator George McGovern, der im Frühling noch Kennedy in den Vorwahlen unterstützt hatte. Die anderen sind möglicherweise eher zu Humphrey als zu McCarthy gegangen! Noch-Staatspräsident Johnson behielt als Druckmittel gegen Humphrey die Präferenz der Delegierten von Texas und Illinois lange offen, ihre Unterstützung sollte er nur bekommen, wenn er nicht von Johnson’s Vietnam-Kriegskurs abwich; was er auch nicht tat.

Auf dem Nominierungsparteitag/Konvent vom 26. bis 29. August bekam Humphrey im 1. Wahlgang weitaus genug Delegierten-Stimmen für die Nominierung (1761 und drei Viertel); McCarthy (601) und McGovern waren weit abgeschlagen. Unter den anderen Kandidaten, die noch Stimmen bekamen, war der baptistische Geistliche Channing E. Phillips aus Washington, D.C., der erste “Schwarze” der auf einem Konvent der beiden Grossparteien in USA Stimmen bei der Präsidentschaftskandidaten-Nominierung bekam; diese DC-Delegierten waren ursprünglich zur Wahl Kennedys vorgesehen. Edward “Ted” Kennedy war 68 nach der Ermordung seines Bruders ernsthaft als Vizepräsidenten-Kandidat im Gespräch, auch bei Humphrey. Der Konvent wählte aber Edmund Muskie, Senator aus Maine, als Humphreys “running mate”.

Die Nominierung auf dem Parteitag in Chicago wurde von schweren Auseinandersetzungen zwischen linken Vietnamkriegsgegnern und der (auf Anweisung des Bürgermeisters Richard J. Daley extrem hart agierenden) Polizei überschattet. Anders als meist angenommen, ereigneten sich diese Unruhen nicht gleich ausserhalb des International Amphitheatre (dem Veranstaltungsort) sondern weit entfernt in der Stadt. Das Zustandekommen der Nominierung (des Vietnam-Kriegs-Befürworters) Humphreys ohne Teilnahme an Vorwahlen trug zu den Unruhen um den Parteitag bei. Die Auseinandersetzung über Vietnam fand aber auch im Amphitheater statt, auf dem Konvent ging es neben den Kandidaten für die Präsidentenwahl schliesslich auch um so etwas wie ein Parteiprogramm. Und die Polarisierung “drinnen” entsprach gewissermaßen jener “draussen”. Chicago war so etwas wie der Höhepunkt des amerikanischen 68. Der DP-Vorwahlkampf 1968 war, so wie er abgelaufen war, der Grund, dass der parteiinterne Auswahlprozess dann reformiert und geregelt wurde, durch eine Kommission unter McGovern – der 1972 dann auch selbst als Kandidat ausgewählt wurde. Humphrey war der letzte Präsidentschafts-Kandidat, der die Nominierung ohne Vorwahlen gewann

democratic-national-convention-1968So chaotisch und turbulent das Rennen der DP um die Nominierung zum Kandidaten war (mit dem Konvent als Kulmination), so glatt lief jenes der RP ab. Dazu de.wikipedia: “Die Republikanische Partei nominierte Richard Nixon, der zwar von Anfang an als Favorit gegolten hatte, aber auch von der Schwäche und Unentschlossenheit seiner Gegner profitierte, die ihren Vorwahlkampf entweder frühzeitig abbrachen (wie George W. Romney, Gouverneur aus Michigan, der wegen seiner Behauptung, er sei vom US-Militär in Vietnam einer ‘Gehirnwäsche’ unterzogen worden, heftig kritisiert und verspottet wurde), zu lange mit ihrer Kandidatur zögerten (wie der New Yorker Gouverneur Nelson Rockefeller) oder diese nur halbherzig betrieben (wie der kalifornische Gouverneur Ronald Reagan). Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten wurde der Gouverneur von Maryland Spiro Agnew.” 1962 schien Nixons politische Laufbahn schon ihr Ende gefunden zu haben, als er nach einer erneuten Niederlage bei den Gouverneurswahlen in Kalifornien auf einer von ihm selbst so bezeichneten „letzten“ Pressekonferenz die Journalisten beschimpfte und seinen Abschied von der Politik bekanntgab. Die Republikaner hätten auch gegen RFK wohl keinen Anderen ins Rennen geschickt, da zum Zeitpunkt dessen Ausscheidens ihre Auswahl auch schon im Endstadium war. Nixon und andere in der RP sahen eine Chance bei jenen Arbeitern, denen RFK zu “minderheitenfreundlich” war.

Der eigentliche Wahlkampf beginnt ja nach den Konvents im Sommer, geht etwa drei Monate. Der “turbulente” Vor-Wahlkampf in seiner Partei wirkte sich nachteilig für Humphreys Kampagne aus. Nixon begann seine Kampagne mit einem grossen Vorsprung in den Meinungsumfragen, der jedoch zusehends schrumpfte, als sich Humphrey mehr und mehr von Johnson emanzipierte und dieser zudem am 31. Oktober, sechs Tage vor der Wahl, einen endgültigen Stopp der Bombardierungen Nordvietnams anordnete. Die American Independent Party nominierte als “Running Mate” für George Wallace den Luftwaffen-General Curtis LeMay, der vorschlug, in Vietnam Nuklearwaffen einzusetzen. Bei einem starken Abschneiden von Wallace und einem knappen Rennen zwischen Nixon und Humphrey (im Bereich des Möglichen) hätte es dazu kommen können, dass kein Kandidat die absolute Mehrheit der Wahlmänner erringen würde. Dann hätte (wie schon 1824) das Repräsentantenhaus den Präsidenten wählen müssen, worauf Wallace auch hoffte. Zu jenem Zeitpunkt verfügte die Demokratische Partei über eine deutliche Mehrheit in dieser Kongresskammer.

Kennedy als Kandidat (nicht getötet, Nominierung auf Convention gewonnen) hätte auch das Problem mit Wallace gehabt, der damals für Rassentrennung war und deshalb im “tiefen Süden” (Südosten) gewann, damit den Republikanern nutzte, und auch im Norden Humphrey Stimmen weg nahm. Eines von vielen Problemen. 1968 war das Wahlalter 21, somit hätte sich Kennedys Beliebtheit bei Jungen nicht so stark in Stimmen umgesetzt. Dass die meisten aus dem Showbiz und Kunstbetrieb für ihn waren, auch nicht. Da ihm die “liberalen” Stimmen angesichts der beiden Gegenkandidaten ziemlich sicher waren, hätte er wahrscheinlich einen ziemlich “konservativen” Wahlkampf geführt, um jene zu gewinnen, die nicht seine logische Klientel waren. Über “sein” Segment hinaus Wähler zu gewinnen, wäre jedenfalls für einen Sieg notwendig gewesen. Der Ex-Gouverneur von North Carolina, Terry Sanford, hätte Running Mate von RFK sein können, einen relativ konservativen Südstaatler auszuwählen, hätte hier Sinn gemacht (“balancing out the ticket”). Gut, die Antikriegs-McCarthy-Wähler hätten Kennedy mehr unterstützt (gewählt) als sie das mit Humphrey getan haben. Vermutlich wäre es ein sehr schmutziger Wahlkampf geworden, zwischen RFK und Nixon.

Wenn man sich Humphreys tatsächliches Abschneiden ansieht, und das auf Kennedy “umlegt”, ergibt sich folgendes Bild: RFK hätte Texas (das Humphrey gewann) kaum gewinnen können. Wenn er dafür in jenen Bundesstaaten gewonnen hätte, in denen Nixon 3% oder weniger vor Humphrey war, also Alaska, Kalifornien, Illinois, Missouri, New Jersey und Ohio, sowie jene (abgesehen von Texas) auch gewonnen hätte, in denen Humphrey ebenso knapp vor Nixon lag (Washington, Maryland), wäre sich ein Sieg für Kennedy gut ausgegangen (290 zu 215 Wahlmänner; statt 191 zu 301 für Humphrey/Nixon); er hätte nicht mal alle gewinnen müssen. Während Humphrey bei konservativen Wählern eine Chance hatte (wie in Texas), hätte Kennedy andere Wählerschichten gewonnen (z. B. in Kalifornien).

Bei Wählerstimmen schlug Nixon Humphrey zweieinhalb Monate nach Chicago mit 43,4% zu 42,7; bei der Zahl der gewonnen Staaten endete es 32 zu 13. Wallace schnitt erwartungsgemäß stark im Südosten ab, errang landesweit 13,5% der Stimmen, gewann 5 Bundesstaaten, bekam 45 Wahlmännerstimmen (und dann eine “untreue” von einem Nixon-Wahlmann dazu). Im gleichzeitig gewählten Kongress behielten die Demokraten Mehrheiten in beiden Kammern (Senat-Mehrheitsführer Mansfield war ein Vietnam-Kriegsgegner). Im Dezember 1968 kam übrigens R. Kennedys 11. und letztes Kind, Tochter Rory, zur Welt.

Am Ende des Jahres 1968 war also Richard Nixon der Sieger. Er konnte sich revanchieren, für seine Wahlniederlage gegen JFK 1960; oder an Lateinamerika, wo er 1958 als Vizepräsident Eisenhowers bei einer Südamerika-Reise vom Volk ablehnend empfangen wurde, als Repräsentant der USA, in Venezuela die Limousine mit seiner Frau und ihm von Demonstrierenden geschaukelt wurde (anscheinend hat ihn die venezolanische Polizei gerettet). 15 Jahre später durfte er als US-Präsident den Pinochet-Putsch in Chile einfädeln, wobei hier natürlich die Geschäftsinteressen von ITT und Kommunismus-Paranoia die Motive waren, auch ein Hegemonie-Anspruch über Lateinamerika. Die nächste Wahl, 1972, gewann er gegen McGovern, nachdem er in das Hauptquartier der Demokratischen Partei (des Democratic National Comittee) im Watergate-Gebäude in Washington einbrechen hat lassen (seine Auffassung von “Law and order”). Es war Nixon, unter dem sich die USA dann aus Vietnam zurückzogen. Und, im Vorwahlkampf 68 hatte man Eugene McCarthys Präferenz, die Volksrepublik China anzuerkennen, noch als “unrealistisch”, “ultraliberal” und “Kapitulation vor dem Kommunismus” attackiert; dies geschah dann auch unter Nixon.

Anti-Vietnam-Kriegs-Demo, zur Zeit der Präsidentschaft Nixons
Anti-Vietnam-Kriegs-Demo, zur Zeit der Präsidentschaft Nixons

Kennedy hätte als USA-Präsident sicher Einfluss auf den Vietnam-Krieg genommen, was auf die Dynamik des Kalten Kriegs grosse Wirkung gehabt hätte, mehr als auf Vietnam selbst. Ob es ihm wirklich gelungen wäre, die Politik der USA im Inneren und Äusseren gerechter zu machen? Mit der Mehrheit seiner Partei im Kongress wären einige Vorhaben umzusetzen gewesen. Vielleicht wäre er 1972 wiedergewählt worden, oder aber erst 72 drangekommen, nach einer Nixon-Amtszeit, gegen diesen. Bei einer Nominierung Humphreys 68 und einer Niederlage dieses gegen Nixon hätte Kennedy leicht die Wiederwahl in den Senat schaffen können und in der zerstrittenen DP dann eine der dominanten Figuren werden können. Im demokratischen Vorwahlkampf 72 gab es ja wieder ein Attentat auf einen Kandidaten, den diesmal wieder für diese Partei kandidierenden George Wallace (ein unpolitisches, wie es aussieht). McGovern, der tatsächlich 72 die Kandidatur gewann, hätte für RFK wahrscheinlich verzichtet. Auch ohne Präsidentschaft wäre dieser wohl auf Jahrzehnte hinaus ein wichtiger Politiker in Washington gewesen, z.B. als Senator, wie es dann Ted war.

Der Spielfilm “Bobby” von Emilio Estevez aus 2006 zeigt fiktive Ereignisse im Ambassador Hotel in Los Angeles in der Nacht zum 5. Juni 1968, vor dem Hintergrund realer. Von Robert Dornhelm erschien 2002 die TV-Dokumentation “RFK”.

„Shampoo“ (1975) mit W. Beatty u. a. spielt am Tag von Nixons Wahlsieg 68, wurde zur Watergate-Zeit gedreht/veröffentlicht, es geht vordergründig um Sex. Die Hauptperson, ein Friseur, soll an Jay Sebring angelehnt sein, der von der Manson-Familie umgebracht wurde

Mitchell J. Freedman: A Disturbance of Fate. The Presidency of Robert F. Kennedy (2010). Eine kontrafaktische/alternative Geschichte über ein Überleben und einem Wahlsieg dieses Kennedys. Scheint darauf abzuzielen, die Erwartungen ggü einer Präsidentschaft Kennedys als übertrieben darzustellen

Michael Bishop: Dieser Mann ist leider tot (1993): kein Watergate (aufgeflogen), Nixon bekommt freie Bahn, etabliert  ein autoritäres Regime.

Dan Moldea: The Killing of Robert F. Kennedy: An Investigation of Motive, Means, and Opportunity (1995)

Im Comic „Watchmen“ wird Nixon Führer der USA

Über den Mord

Über die DP-Vorwahl 68

Über den Konvent

Amerikanische TV-Berichte nach der Vorwahl in Kalifornien, im 2. Teil eine kontrafaktische Einschätzung

Alternativgeschichtliche/kontrafaktische Szenarien und Diskussionen:

Bei PBS

Auf althistory.wiki

Auf alternatehistory mehrere

(alles auf Englisch in diesen links)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gaza II

Im heurigen Sommer die Entführung und Ermordung von drei Talmud-Schülern im Westjordanland. Bei der Suche des israelischen Militärs nach den Abgängigen („Bruders Hüter“) werden etwa 10 Palästinenser im Westjordanland getötet; in Nablus etwa wird einer erschossen, als er zum Morgengebet in die Moschee gehen will, er habe sich den Truppen „auf bedrohliche Weise“ genähert und nicht auf Warnschüsse reagiert. Für Palästinenser gilt eben “live on your knees or die standing”. Dutzende werden verletzt, Hunderte einfach so verhaftet1, die Durchsuchungen sind auch mit Zerstörungen verbunden. Nach Verhören (wahrscheinlich wieder mit “moderate physical pressure”) sagt der Geheimdienst Shin Bet, er habe die Entführer identifiziert, sie gehörten zur Hamas.

Scheint die Aktion einer vereinzelten Hamas-Zelle gewesen zu sein. Israelische Behörden könnten vor dem Bekanntwerden des Auffindens der getöteten Jugendlichen (die  zu Märtyrern gemacht wurden) von ihrem Tod gewusst haben und die “Suchaktion” unternommen haben, um gegen die Hamas im Westjordanland vorzugehen. Ging es hier um (bzw. gegen) die einige Monate zuvor zustande gekommene Einigung zwischen der Gaza-Regierung der Hamas und der Westbank-Regierung der Fatah?

Nach dem Auffinden der Leichen der Entführten, ihrem Begräbnis, Ruf nach Rache, nicht zuletzt bei einer grossen Demonstration in Jerusalem, an der auch Politiker wie Michael Ben Ari teilnehmen. Tags darauf wird ein palästinensischer Jugendlicher in Jerusalem entführt und getötet, bei lebendigem Leib verbrannt, er musste Benzin trinken damit die Flammen auch ins Innere gehen. Sechs Verdächtige, “jüdische Extremisten”, festgenommen, Geständnisse. Die Reaktionen von israelischer und pro-israelischer Seite bewegen sich zwischen Infragestellen der Verantwortung (“Palästinenser bringen sich oft gegenseitig um”, “selbst schuld”, u.a.) und einem anderen Chauvinismus (auch von Netanyahu), der die Behandlung des Mordes in Israel der “Gegenseite” positiv gegenüberstellt.

Der Vater des Verbrannten fragt, warum die Häuser der Mörder nicht zerstört werden, wie es mit jenen der drei palästinensischen Tatverdächtigen im Westjordanland geschah, wenn die Verurteilungen der Tat ernst gemeint sind. Bleibt abzuwarten, welche Strafe hier tatsächlich am Ende steht; die Terroristen des “Jüdischen Untergrunds” (eng vernetzt in der Siedlerszene), die Anfang der 1980er Bombenattentate gegen palästinensische Bürgermeister und Autobusse verübten, wurden nach ihrer Verurteilung von Präsident Herzog mehrmals begnadigt, bis von einer Strafe fast nichts mehr blieb, der Haupttäter Mosche Zar, ein Freund und Militärkollege von Scharon, verbrachte überhaupt nur einige Monate im Gefängnis. Abzuwarten auch, ob den Tätern eine ähnliche Verehrung zuteil wird wie Baruch Goldstein.

Bald darauf beginnt im Gaza-Streifen der “Krieg”; wer begonnen hat, provoziert hat, was eine Reaktion auf was war (das Abfeuern von Geschossen aus Gaza, israelische Angriffe darauf), darüber gehen die Angaben bzw. die Meinungen wieder auseinander. Mit der Militäraktion im Westjordanland gibt es in jedem Fall einen Zusammenhang. Netanyahu kündigt an “jetzt die Samthandschuhe auszuziehen”, als schon Dutzende Palästinenser getöten waren. Drei Geschosse aus Gaza wurden laut israelischem Militär über dem Tel Aviver Flughafen abgefangen, der Flugverkehr wird vorübergehend eingestellt. Israelischer Luftangriff auf den syrisch gebliebenen Teil der Golanhöhen, nachdem nach israelischer Darstellung eine Rakete aus Syrien in einem von Israel besetzten Gebiet der Golanhöhen eingeschlagen war, ohne Schäden anzurichten; dort vier Menschen getötet. Auch vom Libanon aus kurzfristig Beschuss, Gegenbeschuss. Nach der Entdeckung von auf israelisches Gebiet führender Tunnel befiehlt Netanyahu eine Bodenoffensive; neben dem Tunnelsystem soll es um Raketenwerfer und Waffenfabriken gehen.

Einen Häuserkampf wollten Israelis wegen der befürchteten Opferzahl in den eigenen Reihen eigentlich vermeiden, seit Libanon 2006 zerstört man lieber ganze Wohngegenden samt Einwohnern; mit überlegener militärischer Kraft aus der Distanz anzugreifen ist leichter.2 Finkelstein auf “Democracy Now”: “Israel hätte die Tunnel auch auf seiner Seite verschliessen können anstatt Hunderte dafür zu töten.” In der Nähe eines Tunnels soll ein israelischer Soldat entführt worden sein, israelische Armee bombardiert daraufhin mit aller Härte die nahe gelegene Stadt Rafah, tötet Dutzende Zivilisten; anscheinend wurde aber doch kein Soldat entführt. Israel sagt, die Hamas installiere Militäreinrichtungen in Wohngebieten. Nach anderen Angaben werden die “Raketen” aber aus den Öffnungen von Tunnels abgefeuert, und Israel übt an umliegenden Gebäuden Vergeltung.

Bewohner des Gazastreifens werden per SMS, automatisierten Anrufen, abgeworfenen Flugblättern, aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Was als grosszügige Geste dargestellt wird, ist eigentlich Teil psychologischer Kriegsführung, eine Form der Machtausübung und bringt keine Verschonung von Zivilisten. Sie sollen ihre Häuser verlassen, damit diese in Ruhe zerstört werden können, und das soll auch noch grosszügig sein. Jene, die bleiben (oder wieder zurückgekehrt sind), werden als “menschliche Schutzschilder der Hamas” und damit “legitime Kollateralschäden” angesehen.3 Als in Gaza Stadt wieder zahlreiche Zivilisten durch massiven Beschuss getötet werden, darunter auch ein Sanitäter und ein Journalist, rechtfertigt sich Israel damit, dass die Leute aufgefordert wurden, die Gegend zu verlassen. Und wenn sie weggehen, werden sie woanders getötet, auch in UNRWA-Einrichtungen, Schulen, Krankenhäusern. Es genügt, dass dort Waffen vermutet werden, manchmal heisst es dann auch, der Grund für den betreffenden Beschuss werde “untersucht”. Das IKRK kritisiert (z.T. tödliche) Angriffe auf Rettungskräfte des Palästinensischen Roten Halbmondes und medizinisches Personal im “Gaza-Konflikt”.

Es gibt im Gaza-Streifen keine Zufluchtsstätten für die Zivilbevölkerung wie Bunker. Diese hätte die Verwaltung des Streifens, die seit 06 von der Hamas gestellt wird, bauen lassen können. Voraussetzung dafür wäre, dass Israel die dafür nötigen Materialien durchlässt und die Bauarbeiten zulässt. Bilder zeigen, dass Israel bei Bodenoperationen palästinensiche Kinder/Jugendliche als Schutzschilder benützt; bei Bodenoperationen wurden auch absichtlich Zivilisten getötet, wie auch durch die Initiative “Breaking the Silence” bekannt wurde.

Ilan Pappes Kritik, Israelis betrachteten den palästinensischen Raum militärisch und beanspruchten für sich, als Zivilisten wahrgenommen und behandelt zu werden, bestätigt sich hier. Israel führt auch in “Friedenszeiten” immer wieder Kollektivbestrafungen gegenüber den Palästinensern durch, nicht zuletzt durch die Einbehaltung der palästinensischen Steuergelder. In Kriegszeiten wird (in Gaza) ihre Infrastruktur zerbombt, Verwaltungseinrichtungen werden automatisch der Hamas zugeordnet und zerstört, auch Universitäten werden anscheinend als politische Ziele gesehen, auch Brücken oder  Feuerwachen zerbombt. Das einzige Kraftwerk in Gaza, es erzeugte Strom für Haushalte, Betriebe, Krankenhäuser und Abwasserpumpen, wird zerstört.

Während einer Feuerpause (die für die Gaza-Bevölkerung Gelegenheit bietet zu Atem- und Proviant-holen, Bergen von Überlebende und Leichen aus Trümmern) wird ein belebter Markt nahe Gaza-Stadt aus der Luft angegriffen, nach palästinensischen Angaben werden mindestens 15 Menschen getötet. 9 junge Fussballfans werden in einem Strandcafé beim WM-Semifinale Argentinien-Niederlande von israelischen Raketen getötet – nicht nur in Nigeria, wo es der islamistische Terror ist, gibt es Tote beim öffentlichen Schauen von WM-Spielen. Am Strand werden Kinder von einem israelischen Kriegsschiff aus erschossen, ein Offizier/Soldat am Schiff soll sie für “flüchtende Kämpfer” gehalten haben.

Merkel kommentiert ganz überraschend mit Abnicken in Bauchlage. Obama übt sich in Appeasement. UN-Hochkommissarin für Menschenrechte Navanethem Pillay kritisiert die israelische Operation wegen der Bombardierung von Wohnhäusern und weil bei den israelischen Angriffen nicht zwischen Hamas-Kämpfern und Zivilisten unterschieden werde, auch Kinder getötet werden; sie verurteilte auch den Abschuss von Raketen und Granaten durch palästinensische Extremisten auf Israel. Die türkische Regierung unter Erdogan hat sich am entschiedensten gegen das Massaker ausgesprochen, wird entsprechend dämonisiert.

Je schlimmer die Tat, desto verlogener die Rechtfertigung. Gegen Kritik daran, Gaza in Schutt und Knochen zu legen, wird eine perfekte Immunisierung geliefert, der Antisemitismus-Vorwurf. Eine Asymmetrie gibts nicht nur in dem Konflikt, sondern auch in seiner Darstellung/Wahrnehmung. Zivile palästinensische Opfer sind mal “selbst schuld”, mal “tragische Kollateralschäden”, mal die Schuld der Hamas (Regierungssprecher Regev), mal die Antwort auf Islamismus, mal wird ihnen das Zivilisten- oder das Opfer-sein abgesprochen, mal werden sie auch bejubelt. Jede Kritik an der Militäraktion, jeder Protest, wird im Endeffekt mit “Antisemitismus”-Vorwürfen versehen, besonders im deutschsprachigen Raum. Die Menschenverachtung, die Hetze, der Rassismus in der Apologetik der Militäraktion bzw. allgemein in proisraelischen Stellungnahmen, Argumentationen, Diskursen ist in diesen Metadiskursen nicht präsent, wird ausgeblendet – was insofern Sinn ergibt, als die “Richter” hier oft gleichzeitig Partei sind. “Die Qualität der Untaten der israelischen Streitkräfte unter der Führung von Ministerpräsident Netanyahu lässt sich mitunter auch daran bemessen, wie hoch die Gefahr eines neuen Antisemitismus eingeschätzt wird. Wie hat es Norman Finkelstein einmal ausgedrückt: ‘Kill Arabs, cry anti-Semitism’ ” hat Mondoprinte geschrieben.

1000 Palästinenser waren schon getötet, derweil schärft Broder den Deutschen und Österreichern über “Die Welt” und “News” ein, dass Kritik daran “antisemitisch” ist. Von Springer auch eine “Nie wieder Judenhass”-Aktion der “Bild”, in der es hauptsächlich um Kritik an dem, Proteste gegen das israelische Massaker geht. “Antisemitismus”-Zuweisungen an Moslems verbinden sich mit Apologetik der israelischen Militäraktion. In dem Zusammenhang auch die Attacke von Nicolaus Fest gegen den “Islam”; so kommt Rassismus heutzutage gern daher, politisch korrekt formuliert, mit einem philosemitischen, pseudo-progressiven Aufhänger, um gegen andere hetzen zu können. “… antisemitische Pogrome stören mich mehr, als halbwegs zivilisierte Worte hergeben.” > Ein “Pogrom” in dem Raum stellen, um vom Massaker in Gaza abzulenken, den Grad der Zivilisiertheit über seinen eigenen “Philosemitismus” definieren,… In Deutschland gibt es seit jeher Begeisterung für israelische militärische Durchschlagskraft, die gern mit einem Wiedergutmachungs-Anspruch Hand in Hand geht und gern auch mit einer Verachtung für das “orientalische”.

Von Apologeten kommen gerne die Verweise auf den Syrien-Krieg, um Kritik am israelischen Vorgehen in Gaza als “heuchlerisch” (bzw. “antisemitisch”) abzutun oder um zu relativieren (“viel schlimmer als was in Gaza passiert”) oder um von dort abzuleiten, wie “Araber” doch seien, “miteinander umgingen” (dies in Bezug auf Afrikaner war auch eine der beliebtesten Rechtfertigungen des Apartheid-Regimes Südafrikas). In Wirklichkeit ist es umgekehrt, in Syrien gibts Sanktionen, Ächtung, Druck. Die wochenlange Bombardierung von Wohnvierteln wird in Syrien als ungeheures Kriegsverbrechen angesehen… Und, die Apologetik des israelischen Vorgehens durch genau jene, die im Fall der Chemie-Waffen des syrischen Regimes eine westliche Militär-Intervention forderten, sagt eine Menge über deren Motivation bei ihrer damaligen Kriegspropaganda (“Kinder in Syrien retten statt ungerührte Neutralität”) sowie ihre Heuchelei aus.

Israelis kommen in Nähe von Gaza um israelische Bombardements (bzw. “Verteidigung”) dort zu bejubeln, machen La Ola dazu auf den Hügeln. Diana Magnay von CNN ist auch dort (ausländische Journalisten werden von Israel nicht nach Gaza gelassen), nach dem Tweet “Israeli auf dem Hügel über Sderot jubeln während Bomben auf Gaza fallen; drohen unser Auto zu zerstören wenn ich ein falsches Wort sage. Abschaum.” wird sie versetzt. Israeler können sich die Hamas-“Raketen”-Angriffe in der Regel ruhig auf ihren Balkonen anschauen, oder bei einem Picknick. Und jene, die vermeintliche/tatsächliche palästinensische Freudenkundgebungen bei Anschlägen anprangern, stecken bei diesen ihre Köpfe tief in den Sand. Auf Youtube gibt es, bei Videos über die Zerstörung ganzer palästinensischer Wohnviertel im Gaza-Streifen, einerseits das zynische Bejubeln (“Wartet, ich hole mir Popcorn” uä), andererseits das “Es ist antisemitisch das zu thematisieren”.

Es gibt in Israel auch Proteste gegen das Töten. Aber auch Übergriffe gegen diese und gegen Nicht-Juden. Die faschistische Rhetorik von Politikern wie Ajelet Schaked, Militärs, oder Wissenschaftern wie Mordechai Kedar bleibt hierzulande weitgehend unbeachtet. Der Hitler-Bewunderer Feiglin, inzwischen Knesset-Vizesprecher, nimmt offen Stellung für die Wiederbesetzung Gazas (“Gaza ist Teil von Israel”) und die Vertreibung der Palästinenser von dort; ginge es um ein anderes Land, würden nach einer solchen Äusserung eines Spitzenpolitikers die Botschafter dieses Landes in mehrere westliche Aussenministerien zitiert werden; dies zu den “doppelten Standards”. Ein palästinensischer Abgeordneter, der das Massaker thematisierte, wird von Feiglin des Saals verwiesen. “Wenn wir den [angeblich entführten] Soldaten nicht binnen weniger Stunden zurückbekommen, werden wir Gaza fertigmachen“, sagt Danny Danon von der regierenden Likud-Partei. Er hat unmittelbar vor der Bodenoffensive wegen radikaler Äusserungen das Amt des Vizeverteidigungsministers verloren, heisst es. Was für eine Äusserung muss das gewesen sein, wenn sie für ihn in diesem Israel sogar negative Konsequenzen hat?

Jemand auf Youtube unter einem Video vom Krieg: “Nuke Gaza and wash it down with Napalm, then clean up with Sarin, bulldoze the rubble into the sea and start over with human beings this time.” (viele likes). Oder: “I love watching CNN because I get to see more of those Palestinian cockroaches dead. Fuck them up the ass. I love when I see the T.V. and see the tears of the Palestinian people from there dead. I just wish Israel did not give them warning before they bomb. The Palestinian People don’t deserve warning They deserve the most painful excruciating death. The Israelis have bombed the cities. They have bombed the power plants. They have shut there water off so they can suffer slowly that is what they deserve. If i had it my way I would execute every child with a gun shot to the back of there head so they cant grow up and become a terrorist…”.

Eine Untersuchung über die Menschenverachtung und den Rassismus in Israel-Solidarität/-Begeisterung würde sich auszahlen, gerade im deutschsprachigen Raum (von wo die zwei Beispiele nicht stammen dürften). Ein Forschungsprojekt an der TU Berlin beschäftigt sich gerade wieder einmal mit “Antisemitismus im Internet”, und nach dem was darüber bekannt ist, läuft es wieder auf die Delegitimierung von Israel-Kritik hinaus; dass es “am anderen Auge” blind ist, versteht sich fast von selbst. Jene, die (wieder mal) vom töten aller Gaza-Palästinenser träumen, sagen auch, was von ihrer sonstigen Instrumentalisierung von Frauen, Christen, Homosexuellen oder Hamas-Gegnern unter Palästinensern zu halten ist…

In Bischofshofen (Österreich), bei einem Testspiel zwischen Maccabi Haifa und OSC Lille, laufen gegen Spielende türkisch-stämmige Zuschauer mit einer palästinensischen Fahne aufs Feld um gegen das Massaker (damals 700 unschuldige Menschen getötet) zu protestieren. “Fuck Israel” und ähnliches sollen sie zudem während des Spiels gerufen haben. Es kommt zu einem “Gerangel” mit Haifa-Spielern. Ein Video zeigt, dass ein Spieler zuerst zugetreten hat (als die Leute über das Spielfeld rannten) und so die Schlägerei begann. Platzsturm und feindselige Sprechchöre gibt’s öfters. Dass zuerst ein Spieler zutritt, sieht man selten. Nicht nur die israelischen Fussballer konnten gar nicht mehr beruhigt werden. Die Platzsturm-Aktion wird von manchen Journalisten (etwa zwei von österreichischen Gratiszeitungen), Organisationen und Politikern verwendet, zur Diffamierung von jeder Kritik an dem Massaker; Gaza wird mitunter auch in den Schatten von Bischofshofen gestellt.

Die Platzstürmer seien keine “echten Österreicher” gewesen, wird wiederholt betont. “Antisemitisch” sei die Aktion sowieso, auch “terroristisch” und “rassistisch” (bei dieser Etikettierung werden aber gleich einmal ein paar Leser auf Distanz zum Schreiber und seinem Anliegen gegangen sein…). In sozialen Netzwerken wird einerseits Maccabi Haifa als “coexistence club” angepriesen (sie hätten moslemische Spieler), andererseits “DEATH TO ALL ARABS AND MUSLIMS !! FUCK TURKEY !!! TO BURN GAZA !!” dazu gepostet. Einerseits will man sich das Opfermäntelchen umhängen, andererseits kommt dann so was wie “Go Israel! Those footballers should smash the head of those idiot Palestine supporters”. Es gibt auch längst einen Aufkleber dazu, “Kick Antisemitism & Antizionism” sagt er, dazu das Bild eines Maccabi-Spielers wie er einen Protestierenden mit palästinensischer Flagge tritt. Genau das war von den selben Kreisen wütend in Abrede gestellt worden – aber das sich-in-der-Opferrolle-verorten oder aber protzen mit seiner Schlagkraft und “Überlegenheit” (bzw. zu offener Verachtung stehen) sind beim zionistischen Chauvinismus immer zwei Seiten der Medaillie.

Rassismus im israelischen Fussball wäre in dem Zusammenhang auch ein ergiebiges Thema. Abbas Suan aus Sachnin in Galiläa/Jalil ist ein “israelischer Araber”, ehemaliger Profi-Fussballer, war Nationalspieler für das israelische Team, und er spielte auch bei Maccabi Haifa. Auch er war Zielscheibe von rassistischen und chauvinistischen israelischen Fussballfans, so haben die bekannt rechten Fans von Beitar Jerusalem bei einem Spiel ihres Klubs gegen Bnei Sachnin, wo Suan damals spielte, ein Riesen-Transparent mit der Aufschrift “Suan, du repräsentierst uns nicht” (auf seinen Status als Nationalspieler abzielend) entrollt, dazu skandierend “Wir hassen alle Araber”. Auch Spieler von Beitar beteiligen sich an der Hetze. Amit Ben Shushan etwa, der nach dem israelischen Pokalfinale 2009 zusammen mit Tausenden Fans (und vor laufenden Fernseh-Kameras) über das “Hassen der Araber” sang und dies Salim Toama widmete, einem anderen “israelischen Araber”. Suan, der auch dafür angefeindet wurde, weil er die israelische Nationalhymne bei Länderspielen nicht mitsang (“da sie nur Juden erwähnt”), unterstützt die Gründung eines palästinensischen Staats und eine Wiedergutmachung für die während der Nakba enteigneten Häuser und Grundstücke.

Vielleicht hier mit “Koexistenz” ansetzen und den “israelischen Arabern” eine Stimme geben? Oder Chaim Revivo. Der Israeli spielte einige Jahre in der Türkei, bei Galatasaray und Fenerbahce in Istanbul, war dort sehr beliebt. Nun ist er Manager bei Beitar Jerusalem. Als solcher hat er angekündigt, keine arabischen Spieler zu verpflichten; man wolle die Fans nicht provozieren. Siehe dazu http://www.haaretz.com/opinion/1.534207 (manchmal kommt die nackte Wahrheit eher aus israelischen denn aus irgendwelchen anderen Quellen). Die Koexistenz in Haifa ist eigentlich durch den Terror der Jahre 1947-49 (Nakba) zerstört worden, danach waren von den 70 000 palästinensischen Einwohnern der Stadt nur noch ca. 4000 übrig; und die wurden zwangsweise umgesiedelt, ghettoisiert, diskriminiert, waren Übergriffen ausgesetzt (hauptsächlich von ehemaligen IZL- & LEHI-Leuten).

Apropos “israelische Araber”: Am Rande des Begräbnisses des verbrannten Mohammed Abu Chedair kommt es in Ost-Jerusalem zu Krawallen; ein 15 Jahre alter Cousin des Ermordeten (die Familie war aus den USA zum Begräbnis gekommen) wird festgenommen und misshandelt. Von Jerusalem breiten sich die Proteste der “israelischen Araber” (Palästinenser die während der Nakba 1947-49 nicht ermordet oder vertrieben wurden bzw. ihre Nachkommen) während des “Krieges” in Gaza ins Zentrum und in den Norden Israels (u.a. Nazareth) aus; Zusammenstöße. Auch Beduinen beteiligen sich an den Protesten. “Israelische Araber” halten ihre Köpfe normalerweise tief. Die Szenen erinnern an Proteste zu Beginn des Palästinenseraufstands im Herbst 2000 (2. Intifada).

Damals waren 13 israelische Araber von der Polizei getötet worden. Bei Unruhen im Westjordanland im Zuge von Solidaritätsprotesten für die Bewohner von Gaza werden mindestens sieben Palästinenser getötet. Eine “Rakete” aus Gaza trifft ein Beduinendorf bei Dimona (sie wurde nicht abgefangen), tötete einen dort (verletzte andere), einen von 3 Zivilisten auf israelischer Seite in dem “Krieg” (wenns um Opfertum geht, sind die volle Israelis), neben 64 Soldaten (einige davon wieder durch Beschuss eigener Kollegen). Und wenn nach dem Krieg die Meldung kommt, die Hamas-Miliz habe Gaza-Bewohner wegen des Vorwurfs der Zusammenarbeit mit Israel hinrichten lassen, dann zählen auch palästinensische Opfer.

Im österreichischen “Kurier” gibts einen grossen Sonntags-Artikel über Türken in Österreich, Schwerpunkt “Antisemitismus” (> Bischofshofen, Demos), Integrationsdefizite,… mit der Schlagseite, die dazu zu erwarten war, aber noch einigermaßen im Rahmen. Das lag auch an der wiedergegebenen Stellungnahme des Politologen Schmidinger zum Thema “Antisemitismus unter moslemischen Jugendlichen”: “…Jetzt bin ich aber skeptisch, wie man mit dem Thema umgeht: Es wird sehr stark gegen Muslime an sich benutzt. Der Antisemitismus wird momentan als Argument für antimuslimische Ressentiments verwendet. Zum Beispiel von der FPÖ, die so tut, als gäbe es keinen Antisemitismus in der Mehrheitsgesellschaft…Der Antisemitismus wird auch gegen Muslime eingesetzt.” Eine Auseinandersetzung mit dem Geschehen in Gaza, das dem Ganzen zu Grunde liegt, findet in dem Artikel gar nicht statt. Die Kommentare unter dem Artikel in der Online-Ausgabe bestätigen, welche Funktion die Antisemitismus-Keule gegen “Orientale” hat, es kommen fast nur ausländerfeindliche, antitürkische Kommentare, die knapp neben offenem Rassismus stehen.

“Denen [Linke, Herrschende] sind türkische Antisemiten noch immer lieber als Österreicher, die im Dirndl beim Trachtenumzug mit machen.” < In diesem wurde “Antisemitismus” ausnahmsweise noch verwendet. In vielen anderen ging es um Abrechnungen mit “Multikulti”, mit Linken, irgendwann kam auch Lampedusa (und dass man gegenüber Flüchtlingen härter zu sein hat) und der “clash of civilizations”. Der Kommentar war irgendwie repräsentativ für das Niveau und den Tenor: “schuld sind wir, weil es uns (manchen!) nicht passt, wenn sie radikal sind, mit Messern spielen, …….Das ist doch nur deren Mentalität, die von den Neantertalern übriggeblieben ist!”

Der “Krieg” ging nach 4 Wochen mit etwa 2000 getöteten Palästinensern (überwiegendst Zivilisten) zu Ende, 9000 Verletzten; und 67 Israelis (überwiegendst Soldaten; auch Nicht-Juden darunter). Die Fernangriffe werden auch fortgesetzt, als über Ägypten Waffenstillstandsverhandlungen laufen. Neben dem einzigen Kraftwerk wurden auch die Trink- und Abwassersysteme beschädigt, Krankenhäuser,… Die Infrastruktur des Gaza-Streifens wurde wieder schwerst zerstört, schlimmer als bei früheren Angriffen. Auch der Zoo in der Stadt wurde beschädigt, Tiere getötet. Tausende haben ihr Obdach verloren. Versorgungsknappheit sowieso, halben Tag für Brot anstellen.

Der Palästinensische Wirtschaftsrat für Entwicklung und Wiederaufbau (PECDAR) in Ramallah schätzt die Kosten für den Wiederaufbau des Gazastreifens auf rund 4,6 Milliarden Euro. Die PECDAR-Experten schätzen, dass der Wiederaufbau des Gazastreifens selbst bei einer vollständigen Aufhebung der israelischen Blockade fünf Jahre dauern würde. Seit Beginn der Waffenruhe haben aber noch keine Baumaterialien die Grenzen in den Gazastreifen passieren dürfen. Und, in Israel wird schon vom nächsten “Rasenmähen” in Gaza gesprochen. Die palästinensische Seite fordert in den Verhandlungen u.a. die Aufhebung der Blockade, etwas dass nun auch die US-amerikanische Regierung unterstützt (Präsident Obama, Aussenminister Kerry). Mit Beginn des jüngsten “Kriegs” verboten Israelis den Gaza-Palästinensern das Fischen anscheinend ganz, in den Verhandlungen in Kairo heben sie das endlich (teilweise!) auf, stellen das als grosses Zugeständnis dar… In Wirklichkeit gehts in dem Konflikt u.a. um das permanente Verbot über die 3-Meilen-Zone hinaus. Netanyahu ordnet an, dass in Gaza über die Sommerferien hinaus die Schulen geschlossen bleiben, weil die Hamas diese “für Angriffe nutze”; bei Zuwiderhandeln droht die Todesstrafe.

Links:

Vijay Prashad: What You Bomb, a poem for Gaza

http://between-the-lines-ludwig-watzal.blogspot.co.at/2014/07/israels-attack-of-gaza-strip.html

Gaza: Wer in dieser Zeit nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen denkt, hat es schwer.

http://oraclesyndicate.twoday.net/stories/premier-benjamin-netanyahu-zu-israels-aktion-endgueltige-loesung-des/

www.youtube.com/watch?v=cbHSiQyCPTw&index=94&list=LLHdRFHbkQPfAQTfm3VYdW6w “Israel is only Defending itself”

Sieben Mythen über die Hamas |Fabian Köhler

what-blumenthal-gaza

http://www.hintergrund.de/201407273176/politik/welt/mein-herz-ist-tot.html

IDF Sniper Admits On Instagram To Murdering 13 Gaza Children

https://le-bohemien.net/2014/08/11/zum-medienkrieg-um-gaza/

Names of the Victims in Gaza – Continuously Updated

 

Gaza 2014
Gaza 2014

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Sie kamen in “israelische Verwaltungshaft”, die unbegrenzt alle sechs Monate durch Richterbeschluss verlängert werden kann, ohne Anklage
  2. Im Jahr 2006 hat der damalige Zahal-Nord-Chef „Gadi“ Eisenkot (Eltern aus Marokko) im Libanon die Zerstörung ganzer Wohngegenden eingeführt, statt um sie zu kämpfen, im Beiruter Vorort Dahiya, eine auch hier angewandte Methode
  3. Die palästinensischen Opfer/Zivilisten in Gaza werden mit der Hamas identifiziert. Selbiges geschah mit der Hilfe die die zT türkische Flotille nach Gaza bringen wollte; auch um davon abzulenken, dass Israel Gaza (dem es angeblich grosszügigerweise die Unabhängigkeit geschenkt hat) nicht einmal Schiffsverkehr (empfangen, aussenden) zugesteht

Gaza I

 

“Che” Guevara 1959 im damals ägyptisch verwalteten Gaza

Aus aktuellem Anlass geht es hier um das Freiluftgefängnis Gaza, eines der gequältesten Länder auf der Welt, seine Spezifika und seinen Anteil an der palästinensischen Geschichte (Tragödie). Im 2. Teil, der demnächst kommt, wird es um das jüngste “Rasenmähen” in Gaza gehen, auch um (weitere) Asymmetrien in dem Konflikt und in seiner Darstellung. Die Wurzeln des “Gaza-Konfliktes” liegen in der Nakba 1948, damals wurde dieses Ghetto geschaffen, danach (1967, 1994,…) haben sich nur die Bedingungen mal verschlechtert, mal leicht verbessert; insofern steht Gaza für ganz Palästina. Die Schnittstellen-Position Palästinas zwischen Asien, Afrika, und Europa wäre in Gaza besonders ausgeprägt, doch ist es heute übervölkert, total abgeschnitten und “am Rande” gelegen.

Palästina/Kanaan war in der frühen Antike in ägyptischer Hand, ehe die Philister die Macht über nahmen (ca 12. Jh vC). Südwest-Palästina geht in den Sinai über, war immer wieder ägyptischem Einfluss “ausgesetzt”; der Name der Stadt Gaza geht auf die Ägypter zurück. Das zeitweise „Kana“ genannt Gaza war eine wichtige Handelsstadt, an der Weihrauchstrasse, Zwischenstation nach/von Alexandria, mit einem Hafen, mit Landwirtschaft in ihrer Umgebung. Dann gab es im Land lange Kämpfe zwischen Kanaanitern, Philistern, Israeliten; Gaza war ein Zentrum der Philister, der Feinde der Israeliten. Die Legende von Samson (aus der Zeit der Richter), der die Philister bekämpfte (und sich in die Philisterin Delila verliebte), hat Bezüge zu Gaza. Die religiösen jüdisch-christlichen Überlieferungen decken sich nur teilweise mit den geschichtlichen Fakten. Ein Drama von John Milton dreht sich um diesen Samson; der Roman “Eyeless in Gaza” (“Geblendet in Gaza”) von Aldous Huxley aus 1936 bezieht seinen Titel davon, nicht aber den Inhalt.

An der Verbindung zwischen Afrika und Asien gelegen, bekam die Gegend um die Stadt Gaza viele kulturelle Einflüsse mit, aber auch viele Schlachten. Etwa 332 vC jene zwischen den makedonischen Griechen, von Phönizien kommend, am Weg nach Ägypten, das noch von Persern gehalten wurde. In spät-römischer Zeit gab es (auch) in der Gegend Christenverfolgungen; nach der Durchsetzung des Christentums im Römischen Reich wurden im Kernland und in der “Peripherie” (unterworfene Gebiete, auch Palästina) dann ältere Kulte (römische und andere) ausgelöscht. In Gaza/Kana gab es einen Kampf um die Schliessung des Tempels des phönizischen Gottes Marnas; in Askalon wurde damals der griechische Gott Asklepios/Äskulap verehrt, in anderen Teilen Palästinas waren noch kanaanitische Kulte präsent. Prokopios von Gaza (5./6. Jh), eher Kanaaniter/Semit als Grieche, wirkte in dieser Stadt zur Zeit der byzantinischen Herrschaft (als sich das orthodoxe Christentum in Palästina durchsetzte1); der Gelehrte beschrieb auch die monumentale Uhr in Gaza.

In byzantinischer Zeit wurde an der Stelle eines Tempels der Philister in Gaza eine (orthodoxe) Kirche gebaut. Nach der arabischen Eroberung Palästinas wurde an ihrer Stelle  die grosse (Omar-) Moschee errichtet. Die Kreuzfahrer (> Kgr. Jerusalem) machten wieder eine Kirche daraus, diese wurde von den Ayubiden zerstört. Unter den Mameluken kam wieder eine Moschee, diese wurde von den Mongolen zerstört, dann wieder aufgebaut, dann durch ein Erdbeben zerstört. Unter den Osmanen entstand an der Stelle wieder eine Moschee; bei der britischen Eroberung Palästinas wurde diese durch ein Bombardement zerstört, dann wieder aufgebaut. Die Gaza-Gegend war auch unter den Fatimiden und anderen Dynastien, die Ägypten und Gross-Syrien regierten, wichtiges Verbindungsstück gewesen. Die Gaza-Gegend war in osmanischer Zeit wie der grösste Teil Palästinas beim Mutasarrifat bzw Sanjak Jerusalem. Unterbrochen bzw herausgefordert wurde diese Herrschaft ja von den Franzosen unter Napoleon Bonaparte, der in Gaza nächtigte, am Weg von Ägypten nach Palästina.

Die heute gültige Grenze zwischen Palästina/Israel und Ägypten (Sinai) geht auf ein Abkommen von 1906 zurück, das die ägyptische Regierung mit dem Osmanischen Reich schloss, das über Palästina herrschte. Ägypten war damals de jure noch unter osmanischer Hoheit, de facto ein britisches Protektorat (was es infolge des Suez-Kanal-Baus geworden war). Durch die britische Quasi-Abtrennung Ägyptens vom Osmanischen Reich wurde eine Grenzziehung zum osmanischen Palästina notwendig. Bis zur Festlegung von 1906 wurde meist von einer Grenzlinie ausgegangen, die vom Golf von Akaba bis östlich von el Arish verlief. Nun wurde die Linie von Akaba nach Rafah gezogen (bzw. durch Rafah, ein Teil der Stadt liegt seither auf palästinensischer, der andere auf der ägyptischen Seite). Diese Süd- (bzw. Südwest-) grenze Palästinas, die den Sinai, Ägypten und Afrika begrenzt, wurde von den Briten nach ihrer Eroberung Palästinas übernommen, im Abkommen zwischen Ägypten und Israel 1979 bestätigt.

Die osmanische Armee versuchte während des 1. Weltkriegs 1915 und 1916 (da mit deutscher Hilfe) Vorstösse bis zum Suez-Kanal, die von den Briten abgewehrt wurden. Danach begann die britische Gegenoffensive (mit französischen und italienischen Hilfstruppen, mit australischen, neuseeländischen und indischen sowieso), die nach der Rückeroberung des Sinai zur Einnahme Rafahs im Februar 1917 führte. Zwei britische Vorstösse auf Gaza im März und April 1917 wurden von den Osmanen, die von deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen unterstützt wurden, abgewehrt. Im Oktober gelang den Briten der Durchbruch nach Palästina, nach der Einnahme Bir as Sabs wurde im dritten Anlauf auch Gaza eingenommen. Im Dezember folgte die Schlacht um Jerusalem, 1918 wurden die Osmanen in Palästina endgültig besiegt (Schlacht bei Megiddo). Von Palästina aus eroberten die Briten und ihre Verbündeten auf der anderen Jordan-Seite Amman und stiessen bis Damaskus vor. Die arabischen Völker, wie Ägypter und Palästinenser, beteiligten sich z. T. an der britischen Offensive, um die Unabhängigkeit von den Osmanen zu gewinnen, kämpften z.T in der osmanischen Armee.

Die Briten teilten Palästina nach ihrer Eroberung und der Festlegung der Grenzen zu den Nachbarn (die ebenfalls westliche “Protektorate” waren) 1918 in Bezirke (Districts, Mintaqa) ein; änderten diese 1919, 1920 (2x), 1922, 1924, 1931, 1939, 1945. Die Gaza-Region war zuerst ein Unterbezirk vom Süden/Birassab, dann ein eigener Bezirk, bestehend aus der engeren Gaza-Gegend (dieser Subdistrikt viel grösser als der 1948/49 entstandene “Streifen”) und Birassab; ab 39 gab’s den „Gaza District“, mit Birassab/Beersheba als Subdistrikt (der den ganzen Süden Palästinas von Birassab bis UmRasRas umfasste) und Gaza als den anderen Sub-district (der an den Birassab-Subdistrikt anschliessende Küstenstreifen). Die ersten jüdischen Siedler waren wahrscheinlich Anfang des 20. Jahrhunderts in die Region um die Stadt Gaza gekommen (war auch kein “Land ohne Volk”), also in osmanischer Zeit. Es gab relativ wenig zionistische Ansiedlung/ Tätigkeit/ Aneignung in der Region um die Stadt Gaza. Im Zuge des Aufstands gegen die zionistische Landnahme wurden diese Siedler 1929 vertrieben.2

Der grösste Teil des Bezirks Gaza wurde im UN-Teilungsvorschlag 1947 ganz dem “arabischen Staat” zugeteilt, der Subdistrikt Gaza (mit den Städten Gaza, Majdal, Isdud, Khan Younis) ganz. Vom Bezirk Birassab (Negev) war der an den Bezirk Gaza südlich anschliessende Teil (mit Auja), sowie der nördlich anschliessende, mit Birassab, Al Khalil/Hebron für Palästina vorgesehen.3 Ägyptische Truppen rückten während der Nakba vom Sinai nach Palästina vor; sie hielten während des Waffenstillstands im Juni 1948, den die Zionisten zum Aufrüsten und für “ethnische Säuberungen” nutzten, Teile des Nagab/Negev, den die Küste nördlich von Gaza mit Isdud (Asdod, Ashdod) sowie Enklaven in Zentral-Palästina. Es gelang ihnen aber am Ende nur, die ethnischen Säuberungen in jenem Gebiet zu verhindern, das durch die Waffenstillstandslinien von 1949 zum Gaza-Streifen wurde, zionistische Truppen dehnten das von ihnen beherrschte Gebiet im Westen Palästinas so weit aus. Ein Gebiet, viel kleiner als das im Teilungsplan dem palästinensischen Staat in dieser Gegend zugesprochene. Zionistische Kampfflugzeuge bombardierten auch Gaza, Rafah, Arisch.

Der Teilungsvorschlag von 1947

Vor allem der Norden des Subdistrikts Gaza wurden abgeschnitten, darunter die Städte Majdal (bzw Majdal Askalon; bekam zunächst „Migdal Gaza“ u. a. Namen, heisst heute „Aschkelon“) und Asdod (> nach Bevölkerungs-Austausch „Aschdod“). Rund um den „Gaza-Streifen“ wurden während der Nakba viele palästinensische Dörfer und Städte zerstört und entvölkert, z.B. auch Najd (wo “Sderot” entstand) und Dimra (> “Erez”), hauptsächlich im Juni 1948 (manche wähnten sich im Schutz benachbarter Kibbuzim). Auch al-Faluja (الفالوجة‎) lag ausserhalb des Gebiets, das das ägyptische Militär für die Palästinenser retten konnte. Dort wurden die Ägypter (darunter ein Offizier namens Gamal Abdel Nasser) 4 Monate von „Israel“ belagert. Mit dem Waffenstillstand 1949 „durften“ sich die ägyptischen Truppen (in den „verbliebenen“ Gaza-Subdistrikt) zurückziehen, die Gegend „kam“ zum Judenstaat. Die Zionisten begannen sofort, unter Verletzung der Waffenstillstandvereinbarungen, die Bevölkerung auszutreiben. Dort wo Faluja und das benachbarte Iraq al-Manshiyya standen, entstand in den 1950ern “Kiryat Gat”, wo Juden aus Nordafrika angesiedelt wurden.4

Der Gaza-Streifen wurde ein Fluchtziel vieler Vertriebener aus verschiedenen Teilen Palästinas, besonders aus der Region Jaffa. Aus der Stadt allein flüchteten etwa 65 000 Menschen, viele Christen, viele von ihnen schlugen sich auch nach Jerusalem oder in den Libanon durch. Nach Gaza kamen die Flüchtenden aus Jaffa in Rahmen der Nakba mit Schiffen über das Meer (siehe Foto unten). Sie bzw. ihre Nachkommen machen noch immer einen sehr grossen Teil der Bevölkerung des Gaza-Streifens aus. Auch aus angrenzenden Bezirken strömten damals Flüchtlinge in den Gaza-Streifen, aus Ramla, Hebron, Birassab (auch Beduinen aus der Nagab). Der Psychiater Eyad al-Sarraj kam 1948 als 4-jähriger mit einer aus Birassab/Beersheva vertriebenen Familie in den Gazastreifen, wo er bis zu seinem Tod 2013 lebte. Durch die Nakba entstand der Gaza-Streifen, als ein Art riesiges Flüchtlingslager, das elendste Gebiet in ganz Palästina, übervölkert, mit traumatisierten Menschen, zu klein (oder zu voll) um sich allein zu versorgen, abgeschnitten vom Rest Palästinas. Vor der Nakba gab es im Gebiet des späteren Streifens um die 70 000 Einwohner, danach waren es circa 400 000. 360 Quadratkilometer umfasst das Gebiet (etwas kleiner als Wien, etwas grösser als Malta ist das), bei heute 1,8 Millionen Einwohnern.

Der Gaza-Streifen war 1948 bis 1967 ägyptisch verwaltet (siehe Foto aus dieser Zeit oben), es gab keine Annexion wie von der “Westbank” durch Jordanien, sondern eine Militärverwaltung (daher auch keine ägyptische Staatsbürgerschaft für die dortigen Palästinenser). Unter dieser wurde bis 1959 eine Regierung für Palästina unter dem ehemaligen Jerusalemer Mufti Mohammed Amin al Husseini (der von den Briten aus Palästina ausgewiesen worden war) proklamiert. Palästinenser konnten sich im Gaza-Streifen so teilweise selbst verwalten. 1949 wurde die UNRWA für die palästinensischen Vertriebenen/Flüchtlingen in Gaza und anderswo zuständig. Es entstanden zu den bestehenden Städten und Ortschaften acht Flüchtlingslager, u.a. Jabaliya. Die landwirtschaftliche Produktion um Gaza reichte früher für den Export (Zitrusfrüchte, Getreide, vom Hafen Gaza aus), nun nicht mal mehr zur Versorgung der abgeschnittenen Region.

Nach der Revolution in Ägypten 1952 wurden vom Gaza-Streifen aus Guerilla-Aktionen gegen Israel unternommen. Ein  „Fedayin“ genanntes palästinensisches Bataillion in der ägyptischen Armee wurde gebildet. Daneben waren neugegründete palästinensische Organisationen wie Fatah oder PFLP sowie die panarabische Baath aktiv. Auf diese Aktionen folgte grausame Vergeltung, etwa 1955 unter Ariel Scharon (Scheinermann). Dieser kaufte später auf dem Areal eines der in der Nakba um Gaza herum „gesäuberten“ Dörfer, ‘Iraq al-Manshiyya, Grund und bezog dort sein Anwesen.

Der israelische Angriff auf Ägypten zusammen mit Grossbritannien und Frankreich nach dessen Griff zu seiner eigentlichen Unabhängigkeit 1956 bedeutete auch die Eroberung und Besetzung Gazas für einige Monate. Gaza und Sinai wurden 1956/57 4 Monate durch die Zionisten besetzt. Joe Sacco, maltesisch-amerikanischer Zeichner, der in seinen Comics auch geschichtliche Ereignisse aufbereitet, die er auf Reisen erkundete (etwa über den Krieg in Bosnien-Herzegowina), hat 2009 “Footnotes in Gaza” herausgebracht, in dem er zwei Massaker der Israelis an Palästinensern im Gaza-Streifen auf diesem Suez-Kriegszug 1956 mit zusammen 386 Toten (UN-Angaben), bei der Eroberung von Rafah und Khan Younis, thematisiert. Er hat dazu in UN-Archiven wie auch direkt in Gaza, z. Zt. der 2. Intifada unter Überlebenden, recherchiert. Es scheint in dieser ersten Phase israelischer Machtausübung über Gaza 1956/57 weitere Massaker gegeben zu  haben, siehe “Le Monde Diplomatique” (deutsche Ausgabe), August 2014.

Ägypten wurde auch 1967 von Israel angegriffen und besetzt; vorausgegangen war dem in Gaza, dass die seit 1956 stationierten UNEF-Soldaten (UN-Friedensmission im Nahen Osten) vom ägyptischen Militär weggeschickt wurden und im Grenzgebiet Kämpfe (PLO-Kämpfer, ägyptische Soldaten auf der einen Seite) ausbrachen. Die Einnahme Rafahs war für das israelische Militär ein Zwischenschritt bei seinem Vorrücken zum Suez-Kanal. Diese Besetzung Gazas währte nun aber länger… Mit den Soldaten kamen die Militärverwaltung (eine andere Art als die ägyptische; Ausschluss von praktisch jeder Selbstbestimmung) und die Siedler. Palästinenser leisteten ca. 4 Jahre harten Widerstand gegen die Besatzung (bis 70), der von Israel mit Massenverhaftungen und Hauszerstörungen nieder geschlagen wurde. In dieser Phase gab es anscheinend auch Ausweisungen von Einwohnern nach Ägypten, wie aus dem Westjordanland nach Jordanien.

1970 bis 2001 wurden israelische Siedlungen errichtet. Darunter auch Wiederansiedlungen dort wo in britischer Zeit zionistische Wehrdörfer bestanden. 8 000 jüdische Siedler durften sich 1/3 bis 40% des Gaza-Streifens einverleiben, natürlich das fruchtbarste Gebiet. Der grösste Siedlungsblock, “Gusch Katif”, lag im Süden, zum Sinai-Hinterland hin5, schnitt Palästinenser von Verkehrswegen und Grundstücken ab. Die jüdischen Siedler in Gaza standen wie jene in Ost-Palästina (Westjordanland) heutzutage unter Zivilrecht, die palästinensische Bevölkerung unter Militärrecht. Auf einem km lebten zwei Dutzend Israeler, aber 3100 Palästinenser… Die grösste Siedlung „New Deqalim“ lag im Süden bei Khan Younis, dort wurde Tourismus betrieben von den “Gush Emunim”-Leuten. Auch dieses zionistische „Unternehmen“ ging auf Kosten der Palästinenser: in der Nähe der protzigen Ferienanlage6 befand sich bis 67 eine Bungalow-Anlage, wo Gaza-Palästinenser Urlaub machen konnten, nun wurde ihnen das Betreten dieses Strandes verboten.

Die Gaza-Siedler waren die fanatischsten, neben jenen von Hebron. Gemeinsam hatten diese Beiden, dass sie „unter“ Palästinensern leben woll(t)en (in ihrer Nähe), sie täglich schikanieren (lassen) woll(t)en; jene die keine Palästinenser weit und breit wollen sind „gemäßigter“ (relativ), die gönnen den Palästinensern wenigstens ein kleines Stück Freiraum. Die Siedler kamen, mit umgehängten Maschinengewehr, bis zur Intifada gerne auf Einkaufstour nach Gaza Stadt. Neben Enteignungen gab es für die Palästinenser viele Restriktionen, hohe Steuern, die die verbliebene Wirtschaft zerstörten. In allen Bereichen war man von der Willkür des isrealischen Militärs abhängig – daran hat sich für die Bewohner Gazas im Grunde bis heute nichts geändert. Ausgangssperren, wann es den Generälen bzw Politikern in den Sinn kam, keine Zeitungen oder Kulturveranstaltungen wurden lange genehmigt, keine öffentlichen Verkehrsmittel den Palästinensern zur Verfügung gestellt.7 Gaza wurde endgültig ein überbelegtes Gefängnis, ein Elendsquartier.

Karawanserei in Khan Yunis in den 1930ern
Karawanserei in Khan Yunis in den 1930ern

Nachdem in Israel 1977 erstmals der Likud-Block unter Begin an die Macht kam, wurden entgegen den Erwartungen von den seit 1967 besetzten Gebieten “nur” Ost-Jerusalem und Golan/Jawlan annektiert – aus demselben Grund, aus dem Scharon Gaza “aufgab”: die palästinensische Bevölkerung dort, die jüdische Vorherrschaft erschwerte.

Im israelisch-ägyptischen Friedensabkommen von 1979 wurde die Errichtung einer “Pufferzone” und einer Grenzbefestigungsanlage an der Grenze, auf der Seite des Gaza-Streifens, festgeschrieben. Dieser “Philadelphi-Korridor” (-Passage, -Route) sollte Gaza vom Sinai abtrennen, den nun wieder Ägypten übernahm. Hunderte palästinensische Häuser wurden dafür zerstört. Der Sperrzaun mit dem Übergang in Rafah wurde mit dem israelischen “Abzug” 05 an Ägypten übergeben. 1970 war der Notabel Rashad Shawa von der Militäradministraion zum Bürgermeister von Gaza eingesetzt worden, später wurde er „aufmüpfig“, u.a. gegen das Camp David-Abkommen, das er als auch als Ausverkauf palästinsischer Rechte sah – und abgesetzt. Tatsächlich waren im Abkommen von 79 keinerlei Verbesserungen für Gaza ausgehandelt worden. Die Sinai-Siedler („Yamit“ u.a.) wurden 82 hauptsächlich im Gaza-Streifen angesiedelt.

Benjamin Beit-Hallahmi schrieb 1988 in “Schmutzige Allianzen. Die geheimen Geschäfte Israels”:

“Ein Israeli braucht nicht nach Lateinamerika zu reisen, um die Probleme der Dritten Welt zu studieren…Er erlebt die Dritte Welt – und bekämpft sie – Tag für Tag vor der eigenen Haustür.”

Nach dem Krieg 1967 gab es bis zum Ausbruch der 1. Intifada 1987 für Gaza-Palästinenser (wie für jene aus der Westbank) immerhin so etwas wie Bewegungsfreiheit in das seit 1948 als “Israel” deklarierte Gebiet. Die Gewährung dieser geschah aber weniger, um Verwandten-Besuche, Ausbildung, Einkäufe zu ermöglichen, sondern um die Bereitstellung billiger Arbeitskräfte zu gewährleisten (für bis zu 40% unter israelischem Verdienst arbeiten, Sozialversicherung zahlen, aber keinen Anspruch auf Leistungen haben, dazu diverseste arbeitsrechtliche Benachtteiligungen ggü Juden). Mit dem Aufstand gegen die Besatzung kam eine drastische Einschränkung des Pendler- und Güterverkehrs mit Gaza und Westbank. Die Intifada begann in Gaza, nachdem vier Palästinenser in Lager Jabaliya von einem israelischen Jeep getötet wurden und danach gleich ein weiterer, als israelische Soldaten in eine aufgebrachte Menge feuerten. Dieser Vorfall war aber nur der Auslöser, es hatte sich in 20 Jahren Besatzung einiges aufgestaut. Und: es gab wenig zu verlieren.

In ägyptischer Zeit hatte auch die Moslembruderschaft unter Palästinensern in Gaza etwas Fuss gefasst; Ahmed Yassin war für dieses Engagement bis zum Krieg 1967 unter dem säkularen Naser mehrfach in ägyptischen Gefängnissen. Aus die der Moslembruderschaft entstanden in den 1980ern der “Islamische Jihad” und während der Intifada die “Hamas”. Sie wurde damals von Israel als “Gegengewicht” zur PLO und ihrem säkularen Nationalismus unterstützt, nicht zuletzt über den Militärgouverneur von Gaza, Yizak Segev. So hat die Militärverwaltung nicht nur Spenden aus den arabischen Golf-Staaten für die religiösen und sozialen Aktivitäten der Hamas in Gaza durchgelassen, sondern wahrscheinlich auch selbst etwas beigesteuert.

Auch die Durchreise von Hamas-Aktivisten in die Westbank zur Unterstützung ihrer dortigen Kollegen in der Auseinandersetzung mit der Fatah wurde genehmigt, vor der 1. Intifada. „Sie werden sich ja nur gegenseitig die Köpfe einschlagen.“ Gaza ist ein Beispiel dafür, dass Islamismus auch durch die Bedingungen, unter denen Leute leben müssen, gross werden kann, und nicht, weil die Religion so schlecht ist oder die Leute (der Region Westasien-Nordafrika) so schlecht sind.8 Die Hamas begann mit Aktionen gegen Israel an der Wende von der 1. Intifada zur Verhandlungszeit, und Gaza wurde ihr Schwerpunkt. Sie verübte in den 1990ern Selbstmordanschläge, begann Anfang der 00er-Jahre mit dem Abfeuern von Geschossen aus Gaza.

Nach dem Oslo-Washington-Grundsatz-Abkommen 1993 kam im Mai 1994 das Gaza-Jericho-Abkommen, wonach die Palästinenser auch in einem Teil des Gazastreifens Verwaltungsautonomie erhielten. Während sich die Palästinensische Autonomiebehörde etablierte, zog sich das israelische Militär zu den Siedlungsblocks “zurück”. Yassir Arafat, damals PLO-Chef, der z.T. aus Gaza stammte, und auch dort gelebt hatte, kehrte 1994 nach Gaza zurück, wo die Autonomiebehörde zunächst ihr Hauptquartier aufschlug, ehe sie 1996 nach Ramallah umzog. Unter Rabin wurden nicht nur Sperranlagen um den Gazastreifen errichtet, um den “Ausgang” zu kontrollieren (ein beschränktes Pendeln wurde wieder erlaubt), sondern auch eine “Beobachtungs”-/”Sicherheits”/”Puffer”-zone, auf palästinensischem Gebiet, die nicht betreten werden darf; dazu unten mehr.

Die Bevölkerung des Gaza-Streifens durfte nun ihre Vertreter wählen, die über einen Teil des 1948 nicht besetzen Landes eine gewisse Selbstverwaltung ausüben durften. Der im Flüchtlingslager von Khan Younis geborene Mohammed Dahlan, vor der Intifada wegen seinem Aktivismus für die Fatah oft in israelischen Gefängnissen, wurde nach dem Oslo-Abkommen Chef der Sicherheitskräfte der dortigen Autonomiebehörde, arbeitete mit Israel zusammen, hauptsächlich gegen die Hamas unter Ahmed Yassin; auch während der 2. Intifada. Und, im Zuge von Oslo wurde auch der Bau eines Flughafens vereinbart, bei Rafah im Süden, er wurde Ende 1998 eröffnet (mit Clinton), war der einzige palästinensische Flughafen. Eine Eisenbahn-Strecke war unter den Briten von Kairo nach Gaza und weiter gebaut worden, ab 1948 wurde die Strecke bis Gaza von Ägypten betrieben, 1967 ein Teil von Israel übernommen (auch der Sinai-Teil bis 1982), infolge des Oslo-Abkommen wurde sie in palästinensische Hände gelegt, inzwischen wurde der Betrieb eingestellt.

Als Netanyahu erstmals Ministerpräsident wurde, verlangsamte er die Umsetzung der vertraglich vereinbarten israelischen Verpflichtungen, liess sie neu verhandeln und neue palästinensische Gegenleistungen festschreiben (Wye-Abkommen 1998), während er den Siedlungsbau, v.a. in Jerusalem, voran trieb. Die Position in der sich Israel seit 1967 befindet, aus der es die Kontrolle über ganz Palästina ausübt, erlaubt das. Diese Vorherrschaft will Israel auch nicht aufgeben oder lockern, und das Angebot bei den Camp-David-Verhandlungen 2000 sah so aus, sah Pseudo-Souveränität für die Palästinenser vor, war ein Pseudo-Ausgleich, verlangte die palästinensische Kapitulation vor der zionistischen Herrschaft über das Land.

2000 das Scheitern des Oslo-Friedensprozesses, der Ausbruch der 2. Intifada9. Im Zuge der Niederschlagung wurden drei Mal so viele Palästinenser getötet wie Israelis, was angesichts der militärisch-strategischen Ungleichheit auch “logisch” ist. Zu den vielen Einrichtungen, die in dieser Zeit zerstört wurden, gehört auch der Flughafen von Gaza, 2001/02, als Vergeltung für den Angriff auf Soldaten und “Prävention”. Die paar Flugzeuge der Palestinian Airlines stehen seither in Arish am Sinai. Der Flughafen hatte nichts mit den getöteten Soldaten zu tun, die Zerstörung war eine Kollektivbestrafung. Genau so wie 2006 in Gaza das (einzige) Kraftwerk bombardiert wurde.

Der von Israel zerstörte Flughafen von Gaza
Der von Israel zerstörte Flughafen von Gaza

2002 hat Israel das Schiff “Karine A” aufgebracht, das nach israelischer
Darstellung Waffen nach Gaza bringen sollte. 2003 wurde die US-Amerikanerin Rachel Corrie im Gazastreifen getötet, als sie mit anderen Aktivisten vom “International Solidarity Movement” die israelische Zerstörung von Häusern in Rafah mit Bulldozern (angeblich um Tunnel zu zerstören, durch die Waffen aus Ägypten geschmuggelt würden) behinderte, der Bulldozer-Fahrer will sie nicht gesehen haben. Auch Hamas-Führer Yassin wurde während der 2. Intifada von Israel getötet; der exilierte Khaled Meshal rückte zur neuen Nr. 1 auf.

2005 der israelische Abzug aus Gaza (Siedler, Soldaten), nach 38 Jahren, am Ende der Intifada. Im Vorfeld der Räumung hatten Siedler aus Wut einen unbewaffneten Palästinenser noch fast zu Tode gesteinigt. Und, vor dem Abzug gab es noch Massenverhaftungen von Palästinensern, die angeblich der Hamas und dem Islamischen Jihad angehörten. Scharon eignete im Westjordanland für Israel mehr Land an als er in Gaza “aufgab”. Ein Berater von ihm, Dov Weisglas, hat damals in einem Interview mit “Ha’aretz” recht offen gesagt, dass der Abzug aus Gaza nichts mit einem Friedensprozess und schon gar nichts mit den Rechten der Palästinenser zu tun habe; durch die einseitig durchgesetzte Maßnahme sollte das demografische Gewicht der Palästinenser im israelischen Herrschaftsbereich reduziert und ihnen keine Mitsprache bei der Gestaltung ihrer Zukunft gewährt werden.

Die Abriegelung des Streifens wurde mit dem “Abzug” verschärft. Israel verhängte von zwei Land-Seiten und der Wasser-Seite eine Blockade, kontrolliert natürlich auch den Luftraum; die Grenze zu Ägypten wurde deren Kontrolle übergeben (dazu unten). Die von Israel im Gaza-Streifen gehaltene “Puffer”-Zone wurde nicht nur behalten, sie wurde mehrmals verbreitert, vor allem vor dem Abzug (anscheinend auch nach dem Krieg 2009), wiederum auf palästinensischer Seite, wofür Häuser und Felder geräumt und zerstört wurden. Die Zone ist heute bis zu 1500 m breit, umfasst inzwischen mehr als 60 km2, die als landwirtschaftliche Fläche verloren gehen (17% der Fläche des Gaza-Streifens!); ein weiterer Indikator dafür, dass man nicht wirklich davon sprechen kann, dass Israel den Gaza-Streifen 05 den Palästinensern zurückgegeben hat. Dass das von Israel ausgesprochene Betretungsverbot ernst gemeint ist, davon zeugen etliche dort erschossene Palästinenser. An der israelischen Militärherrschaft über Gaza hat sich seit 05 nicht allzu viel geändert; der Militärgouverneur, der früher am Midan Jund in Gaza-Stadt, nahe dem Gefängnis, seinen Sitz hatte, ist jetzt ausserhalb des Gebiets.

Der ägyptische Sinai ist das eine Hinterland Gazas, El Arish an der östlichen Sinai-Küste die nächste grössere Stadt dort; das andere Hinterland wäre die Negev/Nagab-Wüste, die seit 1948 von Gaza aus meist unzugänglich ist. Nördlich schliesst sich der Mittelmeer-Küstenstreifen Palästinas an, dessen Süden mit der Region von Gaza vor der Nakba verbunden war.

Gemäß Abkommen sollte Gaza ein Hochseehafen erlaubt werden. Doch: Das Recht auf einen Luft- und Seeweg wird den Palästinensern nicht eingeräumt. Sie könnten in Gaza versuchen, den Flughafen wiederaufzubauen, einen Hochseehafen zu bauen – Israel würde es nicht zulassen. 2000 wurde (von BP) vor Gaza ein Gasfeld ermittelt, die israelische Regierung hat die Rechte der PNA darauf theoretisch anerkannt, verhindert aber seine Ausnutzung. Es gibt einige solcher Rechte, die die Gaza-Palästinenser theoretisch haben. Mit den Palästinensern in der Westbank ist kaum Kontakt möglich; Israel gestattet zur Zeit nicht einmal den temporären Aufenthalt z.B. für Studenten aus Gaza, die in Bir Zait studieren wollen. Ausnahmen gibt es, theoretisch, für 16 Personengruppen, z.B. Sportler der palästinensischen Nationalmannschaften für gemeinsames Training und Wettbewerbe. Auch hier bricht Israel eingegangene vertragliche Vereinbarungen.

Und wie es ausgeht, wenn ihnen jemand Hilfe bringen will, hat sich beim gewaltsamen Aufbringen der internationalen Hilfsflotte 2010 auch gezeigt. Der schwedische Schriftsteller Henning Mankell, auf der Hilfsflotte dabei, sagte damals, er habe keine Erklärung dafür, warum die Gaza-Flotte, die einen strikt humanitären Auftrag erfüllen sollte, in internationalen Gewässern und ohne Vorwarnung angegriffen worden sei. “Wenn die Israelis uns hätten stoppen wollen, dann hätten sie an der Seegrenze ihres Hoheitsgebiets auf die Schiffsschrauben zielen können, ganz einfach.” Ganz abgesehen vom Massaker auf der “Mavi Marmara”: Die Hilfe für die Palästinenser in Gaza wurde damals mit Hilfe und Engagement für die Hamas durcheinander zu bringen versucht… Das Leiden in Gaza wurde durch die Diffamierung der Hilfsflotte zu relativieren versucht, die israelische Verantwortung so hemmungslos reinzuwaschen versucht. Aber nicht nur damals. Palästinensische Aspirationen auf Gerechtigkeit werden mit Islamismus und Terror verschmolzen. Und Palästina-Solidarität immer mit “Islamismus”, “Antisemitismus”,… zu diffamieren versucht.

Israels Militär hat zudem rund um den Gazastreifen ein lückenloses Überwachungssystem errichtet, mit Big-Brother-Maschinen wie Drohnen, Zeppelinen, Wärmebildkameras. Während der Übergang “Erez” von/nach Israel (im Norden des Gaza-Streifens, für Personen) geschlossen ist (ausser für humanitäres Personal), werden über “Keren Shalom” und andere im Süden und Osten gelegentlich Güter durchgelassen, von denen Gaza abhängig ist (nicht zuletzt Treibstofflieferungen). Die Zionisten sitzen auch am Wasserhahn Gazas sowie an seiner Stromleitung… Israels Aussenminister Lieberman: Ungeachtet “aller Verbrechen des Hamas-Regimes” im Gazastreifen reagiere Israel “auf humanste Art und Weise” und lasse Tausende Tonnen Nahrung und Ausrüstung die Grenze passieren. Im Hinblick auf direkte Hilfslieferungen über den Seeweg drohte er, sein Land werde die “Verletzung seiner Souveränität” nirgendwo, weder zu See noch in der Luft oder auf dem Land, gestatten. Zur Seeblockade gehört auch, dass den palästinensischen Fischern entgegen internationalem Recht verboten wird, ausserhalb einer 3-Seemeilenzone zu fischen. Dadurch gehen den Fischern von Gaza 85 Prozent der Fischgründe verloren. Wer diese Grenze überschreitet, wird von der israelischen Kriegsmarine beschossen. Durch die Blockade bewirkte Versorgungsengpässe wirkten sich auch so aus, dass Kläranlagen nicht richtig funktionierten, Abwässer ungeklärt ins Mittelmeer abgelassen wurden.

Der Sieg der Hamas bei der palästinensischen Wahl 2006 (Ismail Hanijeh wurde Premier) und die gewaltsame Ausschaltung der Fatah bzw. Übernahme der PNA in Gaza10 2007 führte zu einer Verschärfung der Belagerung sowie zu Sanktionen des Westens (von dem die palästinensischen Gebiete abhängig sind). Israel erlaubt auch die Einreise von westlichen Politikern in den Gaza-Streifen nicht, weil die dort herrschende Hamas diese “zu Propagandazwecken ausnützt”. Dies musste etwa der damalige deutschen Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel erfahren, als er ein Klärwerk besuchen wollte, das mit deutscher Entwicklungshilfe finanziert wird. Der Emir von Katar, Scheich Hamad bin Chalifa Al Thani, kam vor einigen Jahren über die ägyptische Seite, über Rafah, war einer von ganz wenigen Staatsgästen seit der Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen.

Im Rahmen seiner Militäraktion 2012 hat Israel den Sitz von Ismail Hanijeh in Schutt und Asche gelegt, wenige Stunden nachdem dieser dort den damaligen ägyptischen Ministerpräsidenten Kandil empfangen hatte. 2012 ist der exilierte Chef der Hamas, Khaled Meschaal, dessen Familie vor der israelischen Eroberung des Westjordanlands 1967 geflüchtet war, für einen Kurzbesuch in den palästinensischen Gazastreifen gekommen, ebenfalls über Ägypten, um an den Feiern zum 25. Jahrestag der Hamas-Gründung teilzunehmen. Auch ausländische Reporter können normalerweise nur über Ägypten in den Gaza-Streifen. Tunnel aus dem Streifen werden vor allem im Süden nach Ägypten (Sinai) gegraben, v.a. um Lebensnotwendiges zur Versorgung, das vorenthalten wird, von dort zu schmuggeln. Tunnel werden auch nach Israel gegraben, bis unter die Grenzorte, gelegentlich entdeckt und zerstört.

Die Rechtfertigungen Israels für die Blockade sind vielfältig (wie auch für die Besatzung des Westjordanlands), einmal geht es um ihre “Sicherheit” bzw. die “mögliche Aufrüstung der Palästinenser”, dann wird sie offen als das deklariert, als was sie von den UN kritisiert wird, als kollektive Bestrafung der Bevölkerung. 2012 hat Israel eigentlich vertraglich zugesagt, sie aufzuheben bzw. zu lockern. Das Erdgas vor der Küste Gazas dürfte auch eine Rolle spielen. Zur Blockade gehört auch die Verweigerung von Gesprächen. Mit dem Abzug bzw. dem Beginn der Blockade begannen die “Raketen”-Angriffe des militärischen Arms der Hamas (die Geschosse werden so wie dieser “al Kassam” genannt) und anderer Gruppen aus dem Gazastreifen, und die “Gegenschläge” des israelischen Militärs.

Diese Geschosse (die in geringerem Maß auch schon während der 2. Intifada abgefeuert wurden), eine Form von Mörsergranaten, haben keine Steuerung und (wenn, dann) kleine Sprengköpfe, richten fast nie Schaden an Menschen oder Gebäuden an (teilweise auch, weil sie abgefangen werden) – im Gegensatz zu den israelischen Geschoßen. Sie ängstigen auch in Wirklichkeit nicht, werden aber von israelischer Seite als das Um und Auf des Konflikts dargestellt. Die Behauptung, die sich weitgehend durchgesetzt hat, lautet: “Wir haben Ihnen grosszügigerweise den Gazastreifen gegeben, und sie haben sich mit Raketen bedankt”. Abgesehen davon, dass man am Ende einer jahrzehntelangen Besatzung kaum von Grosszügigkeit sprechen kann, ist sie auch nicht wirklich zu Ende gegangen.

Dann heisst es, kein Staat könne es sich gefallen lassen, wenn aus benachbarten Gebieten auf seine Zivilisten geschossen werde. Der Terror gegenüber der Bevölkerung von Gaza, die Vorenthaltung von Selbstbestimmung, während der direkten Besatzung von Gaza und seither, bleibt dabei ausgespart. Israel wäre auch kein bisschen toleranter, würde die Hamas rein militärische Ziele angreifen (wozu sie aufgrund ihrer Waffen nicht in der Lage sind), wie sich bei der Entführung des Soldaten 2006 gezeigt hat (seinen Namen kennt man, von den Hunderten für ihn getöteten Gaza-Palästinensern keinen). Seine Raketen, die viele Leben zerstören (vor allem das von Zivilisten) und den Menschen in Gaza das wenige kaputt machen, werden als “Antwort” dargestellt.

Die Blockade, die Vorgeschichte, Angriffe und Gegenschläge, Ursache und Wirkung… Der Fehler im verbreiteten Narrativ liegt darin, dass die Kausalkette in die falsche Richtung konstruiert wird. Israels Aktionen bzw seine Politik ggü Gaza, auch die Abriegelung an sich, werden mit den palästinensischen „Raketen“, auch mit der Haltung der Hamas, begründet. Es ist eine absurde Verdrehung/Umdrehung, diese Geschosse als Wurzel oder Wesen des Konflikts darzustellen! Die Henne des Konflikts ist die im Artikel beschriebene Ghettoisierung der Palästinenser im Gaza-Streifen in verschiedenen Formen seit 1948, Israels Politik gegenüber den Palästinensern, die solche Haltungen und Aktionen hervor bringt. Und Frieden bedeutet nicht, dass der Unterdrücker seine Ruhe von den Unterdrückten hat, sondern dass eine einigermaßen gerechte Lösung gefunden wird.

Wer also über die „Kassam“-Geschosse redet, aber nicht zB über die Beschränkungen und Schikanen für palästinensische Fischer um Gaza, der weiss nichts oder verdreht absichtlich. Abgesehen davon ist die Gewalt alles andere als proportional, bezüglich dieser “Kassam”-Geschossen und den israelischen Raketen die nach Gaza geschossen werden, in Zeiten von „Kriegen“ oder in „Friedenszeiten“. Auch bei den Geschossen der Palästinenser aus Gaza oszilliert der zionistische Chauvinismus zwischen Verächtlichmachung des Gegners, seiner “Impotenz” und “Unfähigkeit”, und hysterischer Dämonsierung mit Opfergehabe. Gerne wird auch die apologetisierende Frage gestellt, “Wie würde Deutschland/… auf solchen Terror reagieren?”; die Frage, wie würden Deutsche auf ein Leben, wie es Palästinenser in Gaza führen müssen, reagieren, ist aber mindestens so berechtigt. Und daneben der Hinweis auf den Unterschied zwischen israelischen Raketen (die Gaza treffen) und jenen Geschossen aus Gaza.

Hamas-Chef Meshal sagte in einem Yahoo-Interview, Widerstand gegen die Besatzung sei legitim, kündigte an, Hamas werde Israelis vor bevorstehenden Raketenangriffen warnen, um den Tod “unschuldiger Zivilsten” zu verhindern,„Wir versuchen meistens militärische Ziele und israelische Basen anzugreifen, aber wir geben zu, dass wir ein Problem haben. Wir haben keine hoch entwickelten Waffen. Wir haben nicht jene Waffen, wie sie unser Feind hat…das Avisieren von Zielen ist also schwierig. Würden wir präzisere Waffen erhalten, würden wir nur militärische Ziele angreifen.“ Es gibt einiges an Pragmatismus bei der Hamas, und eine Verhandlungslösung ohne sie nicht mehr möglich. Der israelische Wissenschafter Ilan Pappe (in seinem Land in Ungnade gefallen) meinte, die Dämonisierung der Hamas sei für die Aufrechterhaltung der israelischen Blockade Gazas und Besetzung des Westjordanlands wichtig.

Statt “auf Augenhöhe” mit den Palästinensern zu verhandeln (was angesichts der Machtverhältnisse ohnehin weit weg ist), will Israel lieber Macht demonstrieren (auch ggü den eigenen Leuten sowie dem Westen) und durchsetzen. Unter der Führung Yassins war die Hamas zu einer vorläufigen Anerkennung Israels in den Grenzen von 1967/1949 bereit, bis zum Ausbruch der Zweiten Intifada 2000. Das Hamas-Angebot eines Waffenstillstands 1997 bekräftigte Netanyahus Vorhaben, ihren Exil-Führer Meshal in Jordanien umbringen zu lassen. Da die Mossad-Operation schief ging, musste der inhaftierte Yassin gegen die Agenten ausgetauscht werden. So wie 2012 mitten in die Waffenstillstandsverhandlungen  der Chef der Kassam-Brigaden, Jabari, getötet wurde. Das Gefangenenpapier 06 war auch eine der Bekundungen von Seiten der Hamas zur Bereitschaft einer Anerkennung Israels. Israel lehnt auch Waffenstillstands-Angebote der Hamas ab. Israel ist gegen die Hamas aus den gleichen Gründen, aus denen es gegen die PLO war: weil diese Organisationen den zionistischen Anspruch auf Palästina infrage stell(t)en.

Die meisten israelischen Parteien lehnen einen anerkannten, lebensfähigen palästinensischen Staat ab. Die Avodah (Arbeiter)-Partei auch, wie das Angebot von Barak 2000 zeigte. Jene, die eine einigermaßen gerechte Lösung (bzw Teilung) befürworten, sind am Rande des zionistischen politischen Spektrums zu finden. Dagegen ist es erklärtes Ziel einer Reihe von israelischen Parteien, einen palästinensischen Staat zu verhindern, und ganz “Judäa” und “Samaria” zu judaisieren; auch “Transfer” (Vertreibungs)-Pläne für Palästinenser werden immer wieder diskutiert. Die Likud-Charta ist eine Sache, und Netanyahus “Hinhaltetaktik” eine andere. Die palästinensische Seite soll aber den jüdischen Staat anerkennen – in welchen Grenzen, bleibt dabei offen, obwohl das für die Palästinenser existenziell ist (Israel kontrolliert faktisch 100% des historischen Palästinas), aber dass der Staat als “jüdisch” anerkannt werden muss, steht fest. Die PLO hat das längst getan und bekam einen sich endlos hinziehenden “Friedensprozess”, und nicht eine analoge Anerkennung eines souveränen Palästinas als Gegenleistung. Die palästinensische Autonomie-Behörde (PNA) hat aufgrund der Hinhalte-Taktik den Weg zur unilateralen Staatsausrufung gewählt. Die meisten Staaten der Welt anerkennen Palästina, das 2012/13 seine Unabhängigkeit erklärte, an, nur im Westen viele nicht.

Ägypten hält, aus mehreren Gründen, die Grenze zu Gaza (den Übergang bei Rafah) auch meist geschlossen. Dies ist abhängig von Entwicklungen in Gaza und Ägypten selbst; unter Mursi war der Übergang öfters offen, unter Sisi ist es auch in dieser Hinsicht schlimmer als unter Mubarak geworden. Die wichtigsten Faktoren hier sind der Druck Israels und die instabile Lage am Sinai (mit salafistischen Terrorgruppen). Mit der Übergabe der Grenzbefestigung und des Durchgangs in Rafah 05 wurde Ägypten im angrenzenden Sinai-Gebiet die Präsenz einer begrenzten Zahl von Soldaten erlaubt. Auch diese Südgrenze Gazas wird indirekt von Israel kontrolliert, u.a. über Video. Kürzlich wurde ein venezolanischer Hilfskonvoi am Grenzübergang Ägypten/Gaza angegriffen.

Nach der Gefangennahme des an der Blockade Gazas beteiligten Soldaten (über Tunnel) 06 kam der erste grosse israelische Angriff auf Gaza nach dem “Abzug” (und ein Wiedereinmarsch), die weiteren 08/0911, 12, 14. Es gibt Gemeinsamkeiten bei diesen Aktionen in der israelischen Motivation (Widerstand gegen die Blockade militärisch abwürgen, aber auch innenpolitische Ziele), im Vorgehen, in der Darstellung gegenüber dem Westen. Zum Massaker 2012 schrieb Amira Hass in “Ha­’aretz”, die Legitimation des Gaza-Kriegs durch westliche Staatsführer wie Obama und Merkel mit Israels “Recht auf Selbstverteidigung” war ein gewaltiger israelischer Propagandasieg, eine Vollmacht, das zu tun, “worin sie am besten sind: im Gefühl des eigenen Opferseins zu schwelgen und das palästinensische Leiden zu ignorieren”.

Was den israelischen Angriff 08/09 betrifft, so hat etwa der ehemalige US-Vize-Aussenminister Richard Murphy (in einem CNN-Interview) festgehalten, dass der Angriff im November 08 und das Nicht-Lockern der Blockade Gazas israelische Verstösse gegen den Waffenstillstand (von 06) waren, und dann erst der palästinensische Beschuss mit “Raketen” losging. Ein Untersuchungsbericht des südafrikanischen Richters Richard Goldstone im Auftrag der UNHRC stellte israelische Kriegsverbrechen fest. Der Bericht rief heftigste Reaktionen von zionistischer Seite hervor, Goldstone knickte teilweise davor ein. Peres: “Wir werden nicht akzeptieren, dass eine uns feindlich gesinnte Mehrheit im UNO-Menschenrechtsrat über uns urteilt.” Sein Land untersuche seine Kriege und benötige dafür keine “Richter von aussen”. Einige der beteiligten israelischen Soldaten kritisierten das wahllose und unvermittelte Töten von Zivilisten durch ihre Armee in dem “Krieg”, forderten Aufklärung über Kriegsverbrechen, mit der Initiative “Breaking the Silence”. “Die Vorgesetzten sagten uns, das sei in Ordnung, weil jeder, der dageblieben ist, ein Terrorist sei”, sagte einer der Soldaten, “Ich habe das nicht verstanden – wohin hätten sie denn fliehen sollen?”

Im April 2011 wurde der pro-palästinensische italienische Aktivist Vittorio Arrigoni von Salafisten (?!) entführt. Er lebte seit 2008 in Gaza-Stadt und war in der Gruppe “Internationale Solidaritätsbewegung” aktiv, bloggte von dort. Man wollten damit angeblich von der Hamas-Regierung inhaftierte Gesinnungsgenossen freipressen. Am Tag nach der Entführung wurde Arrigoni ermordet, als Sicherheitskräfte der Hamas das Versteck stürmten. Kurz zuvor war Juliano Mer-Khamis vor seinem „Freedom Theatre“ im Flüchtlingslager Jenin von maskierten „Palästinensern“ erschossen worden. Mer-Khamis war halb Palästinenser, halb Jude, seine Eltern waren beide linke Aktivisten. Die beiden damaligen palästinensischen Premiers Haniyeh und Fayad verurteilten die beiden Morde. Der “Charakter” der Palästinenser und die Palästina-Solidarität stand durch sie “am Prüfstand”. Als ob jemand genau das erreichen wollte. Ludwig Watzal schrieb, beide Morde stinken zum Himmel.

Es gab mehrere Anläufe zur Versöhnung von PLO/Westbank und Hamas/Gaza, zu einer Einigung und gemeinsamen Regierung sowie Abhaltung von Wahlen nach der blutiger Entzweiung 07. Aber noch alle zerschlugen sich. Und Israel schäumte jedes Mal. Netanyahu: Fatah müsse sich entscheiden zwischen einem Frieden mit der Hamas und einem Frieden mit Israel. Israel stoppte einmal die Überweisung von Steuereinnahmen an die Palästinenser-Regierung. Ein
ander Mal hat es mit der Bewilligung für 1000 Wohneinheiten in der Westbank und Ostjerusalem die “angemessene zionistische Antwort” gegeben.

Internet:

Grenzen zwischen Kontinenten

Über die Belagerung und die Vorgeschichte

Gazas touristisches Potential

Karte mit Details der Belagerung

Über den Menschenrechtsaktivisten aus Gaza, Raji Surani, bekam den “alternativen Nobelpreis” (RLA)

Über das Massaker 08/09

In Gaza

http://www.freegaza.org

Gaza muss leben

Bericht vom Hilfstransport nach Gaza 09 im Rahmen “Convoy Hope for Gaza”

Flucht aus Jaffa nach Gaza Mai 1948 (von www.palestineremembered.com)
Flucht aus Jaffa nach Gaza, Mai 1948 (von www.palestineremembered.com)

 

Buchhinweise:

Jean-Pierre Filiu: Gaza. A History (2017 Englisch; 2014 Französisch)

Ilan Pappe und Noam Chomsky: Gaza in Crisis. Reflections on Israel’s War Against the Palestinians (2010)

Gerald Butt: Life at the Crossroads: A History of Gaza (2010)

Amira Hass: Gaza. Tage und Nächte in einem besetzten Land (2003)

Joe Sacco: Footnotes in Gaza: A Graphic Novel (2009). Dt.: Gaza (2011)

Gideon Levy: The Punishment of Gaza (2010)

Johannes Zang: Gaza – Ganz nah, ganz fern (2013)

Bettina Marx: Gaza. Berichte aus einem Land ohne Hoffnung (2009)

Walid Khalidi: Nakba 1947-48 (2012)

Alternative Tourism Group: Palästina-Reisehandbuch. Geschichte, Politik, Kultur, Menschen, Städte, Landschaften (2013)

Moustafa Bayoumi und Willi Baer: Mitternacht auf der Mavi Marmara: Der Angriff auf die Gaza-Solidaritäts-Flottille (2011)

Vittorio Arrigoni: Gaza – Mensch bleiben (2011). Ital. Restiamo umani

Gudrun Krämer: Geschichte Palästinas. Von der osmanischen Eroberung bis zur Gründung des Staates Israel (2002)

Sara Roy: The Gaza Strip: The Political Economy of De-development (1995)

Ramzy Baroud: My Father Was a Freedom Fighter: Gaza’s Untold Story (2010)

Khaled Hroub: Hamas (2011)

Abraham Melzer und Vereinte Nationen (UN): Bericht der Untersuchungskommission der Vereinten Nationen über den Gaza-Konflikt (Goldstone Bericht): Menschenrechte in Palästina und anderen besetzten arabischen Gebieten (2010)

Herbert Fritz: Kampf um Palästina. Für Freiheit und Selbstbestimmung (2013)

Refaat Alareer: Gaza Writes Back. Short Stories from Young Writers in Gaza, Palestine (2014)

Sari Nusseibeh: Es war einmal ein Land. Ein Leben in Palästina (2009)

Michael W. Champion: Explaining the Cosmos. Creation and Cultural Interaction in Late-Antique Gaza (Oxford Studies in Late Antiquity; 2014)

Gaza – Brücke zwischen Kulturen. 6000 Jahre Geschichte. Begleitschrift zur Sonderausstellung des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Das griechisch-orthodoxe Christentum gibt es bis heute in Gaza
  2. Dies brachte nur für den Westzipfel Palästinas Erleichterung. Auf de.wikipedia wurde eine Opfergeschichte daraus gemacht, für die Zionisten, von „Beschwichtigung“ der Briten ggü den „Arabern“ geschrieben. Es wird von einer „jüdischen Gemeinde“ dort erzählt; als ob es um Feindseligkeit bzw Toleranz gegenüber einer religiösen bzw ethnischen Minderheit gehen würde und nicht um Verdrängung und Gegenwehr – dies wird in dem “Konflikt” bis heute bewusst verwischt. Seit wann es die “Gemeinde” gab und in welchem Zusammenhang sie sich ansiedelte, wird verschwiegen. Ein Netz von zionistischen Wehrdörfern in der weiterer Umgebung war vorhanden („Netivot“,…), kam in die Nähe Gazas, begründete Ansprüche, verminderte palästinensisches Land, war Grundlage für die Vertreibungen während der Nakba
  3. Der dritte palästinensische “Block” war im Norden, Jalil/Galiläa
  4. Es begann ’54 als „Übergangslager“ für aus Nordafrika geholte Juden, wurde dann „Entwicklungsstadt“; die aus Marokko stammende faschistoide Politikerin Miriam Regev ist dort aufgewachsen; später wurden Einwanderer aus der SU dort angesiedelt
  5. Der Sinai, bis 1982 ebenfalls israelisch besetzt, wurde ebenfalls mancherorts “besiedelt”
  6. Zwei zionistische Ansprüche prallten hier aufeinander, zum Einen “Das Land gehört uns”, zum Anderen “Der Westen soll nicht sehen wie wir die Palästinenser hier ‘halten'”
  7. Bis heute gibt es nur viele Autos, die meist auch als Taxis dienen
  8. Das gilt freilich nicht immer, man denke an den saudi-arabischen Millionär Bin Laden, aus einer Bauunternehmer-Familie. Bin Laden war übrigens auch 1990 für die Intervention in Kuwait nach dem irakischem Einmarsch dort gewesen, dennoch war es der USA-Truppenaufmarsch in Saudi-Arabien 90, der ihn gegen das saudische Regime und den Westen aufbrachte
  9. Der “Besuch” Scharons am Haram as-Sharif/Tempelberg war nur der Auslöser, so wie die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache für Schwarze in Südafrika für den Aufstand in Soweto 1976, oder mit Tierfett eingefettete Patronen Mitte des 19. Jh in Indien auch nur Anlass für den Aufstand gg die britische Herrschaft war
  10. Hanijeh sieht sich als Premier der gesamten palästinensischen Autonomie-Behörde
  11. Zur Zeit der letzten Tage von Bush als USA-Präsident

Krude Allianzen

Die Thematik, ihre Konstruktion und Verwendung

Die Herstellung von Verbindungen zwischen Islam(ismus) und deutschem Faschismus durch geschichtsrevisionistische und rechtszionistische Aktivisten, im historischen und aktuellen Kontext, ist in den letzten Jahren, an der Schnittstelle von Politologie, Geschichtswissenschaft, Publizistik und politischen Kampagnen, sehr modern geworden. Moslems, die für Nazi-Deutschland kämpften, nazi-deutsche Bemühungen um Bündnispartner (auch) in moslemisch geprägten Gegenden, palästinensische Bemühungen um Bündnispartner gegen Zionisten, und manch anderes werden als Beleg für eine vorgebliche Verwandtschaft von Nationalsozialismus und Islam bzw. Islamismus bzw. Menschen in/aus islamisch geprägten Kulturen ausgeschlachtet. Die Thematik bzw. ihre Verdrehung bietet reiche Gelegenheit zu Diffamierung (z. B. der Anliegen der Palästinenser an sich) oder Vergangenheitsbewältigung (im Sinne von Entsorgung oder Umschreibung einer Vergangenheit), sie erweist sich (zumal es hier um die selben, uralten Feindbilder geht) als Kitt, um verschiedene Fraktionen miteinander zu verbinden, die viel eher jene Querfront bilden, die sie woanders orten wollen. Inzwischen singen ja auch Rechtspopulisten wie der Österreicher Strache das Lied von den drei Totalitarismen Faschismus, Kommunismus, Islamismus, denen “der Westen” und “die Juden” gegenüber stünden und versuchen sich ein antifaschistisches Mäntelchen umhängen. Die Geschichtspolitik im Dienste gegenwärtiger Kampagnen zielt hier u.a. darauf ab, Israel als Gegenstand kritischer Analyse und Reflexion zu entsorgen und nur noch als Objekt der Affirmation und Beschönigung zuzulassen.

Die Konstruktion bzw. Verwendung der Thematik spielt z. B. bei bei der deutsch-österreichischen Kampagne “Stop Drop the bomb” (auf Iran) eine wichtige Rolle, wo “linke” Polit-Kommissare, Israel-Fetischisten und Freizeit-Likudisten gerne auch den Brückenbau ins rechtskonservative Lager üben (nicht nur in jenes, in dem die “ersatzlose Aufhebung des NS-Verbotsgesetzes” oder die Anerkennung der “effektiven Verschiedenheit von Rassen und Völkern” gefordert wird). Die Teilnahme an der Kampagne ist für diverse Wissenschafter und Publizisten die Verlängerung ihrer jeweiligen Arbeit. Der israelische Historiker Benny Morris etwa untersuchte früher mutig die Vertreibungen von Palästinensern im Zuge der israelischen Staatsgründung, gab dann dem Druck nach, der aufgrund dieser Arbeit auf ihn ausgeübt wurde, und befindet sich längst am rechten Rand des zionistischen Spektrums. Heute sagt er dass diese Vertreibungen gut waren und plädiert für weitere. Im Rahmen einer “Drop”-Veranstaltung 2008 in Wien rief er zu einem (gegebenenfalls atomaren) Präventivkrieg gegen den Iran auf, in dem Zusammenhang rechtfertigte er auch das israelische Atomprogramm. In der „Welt“ kam er mit dem praktischen Befund “palästinensische Mitschuld am Holocaust“ daher. Jeffrey Herf hat sich der “wissenschaftlichen Untersuchung von islamischem Antisemitismus” verschrieben, schreibt von einer “Synthese” während der “nazi-islamistischen Kollaboration”, von der heute noch die verschiedenen Formen des Islamismus geprägt sein würden, und wirkt ebenfalls an Drop mit. Matthias Küntzel, ein früher linksextremer Politikwissenschaftler und Publizist, heute ein angesehener und gut vernetzter Agitator, Vorstandsmitglied von SPME (Verhinderung Vorträge und Anprangerung unliebsamer Wissenschafter, Plattform für konforme), ADL-Preisträger, beherrscht wie kein anderer im deutschen Raum die deutsche Schuldentsorgung über “den Islam”, bei der der Brückenschlag ins rechte Lager und die Legitimierung israelischer Politik integrale Bestandteile sind; sein „Djihad und Judenhaß. Über den neuen antijüdischen Krieg“ erschien z. B. auf Englisch bei “Telos Press”, dem Hausverlag der neuen Rechten in USA/Grossbritannien, der u.a. auch De Benoist und Carl Schmitt verlegt. Von Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers, deutschen Erstunterzeichnern von “stopthebomb”, stammt „Halbmond und Hakenkreuz“, das Buch wurde in Wien von ziemlich jenen Kreisen, die Stop bzw Drop veranstalten, promotet. Volker Koop war Sprecher von CDU-Politikern, ist jetzt Publizist, er brachte “Hitlers Muslime. Die Geschichte einer unheiligen Allianz” heraus. Vorzügliche Demonstrationen, wie auch im 21. Jahrhundert Wissenschaft in den Dienst von Propaganda gestellt wird. “Anti”deutsche (wie sich jene “israelsolidarischen Linken” nennen, zu denen die genannten grossteils gehören) und ihre Partner argumentieren auch einen usraelischen Militärschlag gegen den Iran und Ignoranz für dessen Opfer aus dem Holocaust heraus – was nicht mehr ganz so leicht ist, seit man sich verpflichtet fühlt, die iranische Demokratiebewegung zu vereinnahmen. Niedlich wirds, wenn Küntzel auf einer Dropthebomb-“Konferenz“ davor warnt, diese zu einer „akademischen“ zu machen, und eine politische Intervention propagiert…

Die Verschiebung des NS in den “Nahen Osten”, wie auch die seit den 1950er-Jahren grassierende „Israelitis“ in Deutschland (und anderswo), ist nicht Folge der Aufarbeitung, sondern gerade der Verdrängung der eigenen Geschichte. Hannah Arendt kommentiert Anfang der 1960er einmal so: „Israel ist überflutet von Deutschen, die so philosemitisch sind, dass einem das Kotzen ankommt.“ Im Krieg 1967 solidarisiert sich ein Grossteil der westdeutschen Presse mit Israel, nicht nur der Springer-Verlag. “Spiegel” schrieb bewundernd von „Israels Blitzkrieg“ und schwärmte: „Sie rollten wie Rommel, siegten wie Patton und sangen noch dazu.“

Die Fakten

Im Verlauf des 2. Weltkrieges wurden nicht-deutsche Freiwillige und Kriegsgefangene, vor allem Osteuropäer, in Verbänden der deutschen Waffen-SS oder der Wehrmacht verwendet. Fast eine halbe Million Ausländer dienten in der Waffen-SS, in etwa 20 Divisionen, die ethnisch definiert waren. Diese ausländischen SS-Einheiten gab es für Rumänen, Serben, Spanier, Schweden, Ukrainer (s. u.), Bulgaren, Belgier (Degrelle), Briten, Dänen, Inder (ursprünglich der Wehrmacht unterstellt, siehe unten), Esten, Finnen, Ungarn, Letten, Niederländer, Norweger, Franzosen (“Charlemagne”), Italiener, Portugiesen, Weissrussen, Russen (die “Kosaken“-Division, gebildet aus seit dem Russischen Bürgerkrieg Exilierten; nach Kriegsende wurden sie in Lienz von Westalliierten an die Rote Armee ausgeliefert), Armenier, Georgier, Kroaten (inkl. Bosniaken, s.u.), Albaner (s.u.). Daneben gab es multinationale wie die “Wiking” oder die “Osttürkische” (s.u.) sowie jene der “Volksdeutschen” wie die „Prinz Eugen“. Aus kleineren Staaten wie Luxemburg oder Schweiz dienten Freiwillige in Divisionen benachbarter Völker. Der Grossteil der vertretenen Nationen waren Kriegsgegner Nazi-Deutschlands oder zumindest keiner seiner Verbündeten.

Ausländische Verbände in der Wehrmacht, die sogenannten “Ostlegionen”, umfassten neben vielen anderen die sogenannte Wlassow-Armee (von NS-Deutschland in Kriegsgefangenschaft gewonnene Russen, mehr als 300 000 Mann), die Indische Legion bevor sie der SS unterstellt wurde (s.u.), Einheiten von Ukrainern (s. u.), Georgiern, Polen, Armeniern, Kalmüken sowie jene, die im weitesten Sinn als “moslemisch” verstanden werden können und unten beleuchtet werden.

Hinzu kamen mit dem “nationalsozialistischen” Deutschen Reich verbündete Staaten bzw. Regime wie Italien, Japan, Spanien, Kroatien nach der Aufteilung Jugoslawiens,…

Asiaten aus der Sowjetunion, die als Soldaten der Roten Armee in nazi-deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten, wurden anfangs als “rassisch minderwertig” eingestuft, ehe man auf die Idee kam, anti-russische bzw. anti-sowjetische Gefühle auch bei ihnen zu nutzen um Bündnispartner gegen die SU zu finden. Die Gebiete dieser Asiaten waren zum grössten Teil noch nicht von den Deutschen erobert worden. Die Wehrmacht lieferte allein in den ersten 8 Monaten ihres Einmarsches 1941/42 geschätzte 2,8 Millionen Kriegsgefangene dem Hungertod aus. Von daher wurde eine solche Rekrutierung von den Betroffenen auch als Überlebensmöglichkeit gesehen. Aus Soldaten dieser sowjetischen Nationalitäten wurden dann SS-/Wehrmachts-Einheiten gebildet oder sie in bestehende eingegliedert. Am Kriegsende wurden sie und andere freiwillige oder unfreiwillige Kollaborateure (gemäß der Yalta-Konferenz) von den Westalliierten an die Sowjetunion ausgeliefert und die betreffenden Völker unter Stalin zum Teil pauschal als Kollaborateure bestraft und umgesiedelt. Mohammed Amin al-Husseini, Grossmufti von Jerusalem, war aktiv bei der Anwerbung von Moslems, zum grössten Teil aus der Sowjetunion und vom Balkan, für Wehrmachts- und SS-Einheiten. Das deutsche Bemühen um Moslems aus der Sowjetunion (und anderswo) dürfte auch darauf angelegt gewesen sein, die Türkei auf ihre Seite zu ziehen sowie irgendwann die Ölfelder in Westasien und Aserbeidschan zu kontrollieren.

Zunächst einige Einzelheiten zur indischen Einheit. Inder hatten in verschiedenen Kriegen an Seiten der Briten gekämpft, im 1. Weltkrieg alleine 1,3 Millionen Mann. Damals hatte sich “Mahatma” Gandhi bereit erklärt, unter Indern für eine Teilnahme am Krieg der Briten zu werben, wahrscheinlich um damit die Briten in der Sache der indischen Unabhängigkeit gnädiger zu stimmen – eine Rechnung die nicht aufging. Beim Ausbruch des 2. Weltkrieges in Europa erklärte der britische Generalgouverneur dem Deutschen Reich im Namen Britisch-Indiens (des “Indischen Empires”) den Krieg, ohne die indischen Politiker zu konsultieren. Diese wollten eine indische Kriegsbeteiligung von einer Gewährung der Unabhängigkeit abhängig machen. Dennoch meldeten sich auch diesmal wieder Inder in Millionenstärke um für die Sache ihrer Kolonialmacht zu kämpfen. Subhash C. Bose gehört in der Zwischenkriegszeit im Indischen Nationalkongress jener Fraktion an, die mit Gewalt statt mit passivem Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft kämpfen wollten. Nachdem er 1941 einem von den Briten verhängten Hausarrest entflohen war, gründete er die Exilregierung “Azad Hind” und paktierte, nach dem Motto “Der Feind meines Feindes ist mein Freund”, mit den Achsenmächten gegen die Briten. Die indische Öffentlichkeit sympathisierte ganz und gar nicht mit den Nationalsozialisten, auch Boses Fraktion nicht wirklich. Die von ihm aus indischen Soldaten in britischen Diensten, die von Achsenmächten gefangengenommen worden waren, sowie indischen Exilanten in Südost-Asien aufgestellte “Indische Nationalarmee” kämpfte zusammen mit den Japanern in Birma, von wo aus Indien eingenommen werden sollte. In Deutschland formierte er ab 1941 aus zumeist in Nordafrika gefangengenommenen indischen Soldaten die für die britische Armee gekämpft hatten, etwa 3500, eine militärische Einheit, die “Legion Freies Indien” oder “Indische Legion” oder “Tiger-Legion”. Geplant war, sie an Seite der Wehrmacht im sowjetischen Kaukasus einzusetzen um dann über den Iran nach Indien vorzustoßen und dort die britische Kolonialherrschaft zu beenden. Aufgrund der Lage an der Ostfront kam die Legion nie dorthin, wurde stattdessen an der Westfront, hauptsächlich in Frankreich, eingesetzt. 1944 wurde die Einheit der Waffen-SS unterstellt. Ein Jonathan Trigg, der mehrere Bücher über diese ausländischen SS-Divisionen geschrieben hat (“Hitler’s Vikings”, “Hitler’s Flemish Legions”,…), schrieb in “Hitler’s Jihadis” dass die Indische Legion zu zwei Dritteln aus Moslems bestand und zu einem Drittel aus Hindus und Sikhs; anderen Quellen zufolge (z.B. Neulen 1985) entsprach die religiöse Verteilung dieser Soldaten dagegen in etwa der damaligen indischen Gesamtbevölkerung, bestand also zu mindestens zwei Dritteln aus Hindus. Nach der deutschen Kriegsniederlage wurden die indischen Soldaten von Briten in das noch immer von ihnen beherrschte Indien zurückgebracht, wo Druck der Bevölkerung zu ihrer Freilassung führte. Die NS-Führung hatte aus rassistischen Gründen immer Vorbehalte gegenüber den indischen Soldaten sowie der Unabhängigkeit Indiens von Grossbritannien gehabt, die sie auch nicht förderte (Hitler in „Mein Kampf“: “Lieber Briten als Herrscher Indiens als wer anderer”). Sie hatte auch Vorbehalte gegenüber Bose und seiner Verbindung mit einer Österreicherin. Bose zweifelte immer mehr an den Nazis, nicht zuletzt, weil er auch ihren Rassismus zu spüren bekam. Auch das faschistische Italien stellte im 2. Weltkrieg eine indische Legionärs-Einheit auf, das Battaglione Azad Hindoustan.

Nun zu den “moslemischen” Einheiten. In der Wehrmacht gab es zunächst die “Wolgatatarische Legion” oder „Idel-Ural“, nach einer historischen Region in Russland, die ein Zentrum u.a. der Tataren ist. Die Namensgebung war, wie in anderen Fällen auch, ein “Appell” an nationale Gefühle – die in den Dienst der grossdeutschen Sache zu stellen waren. Wolga-Tataren wurden darin mit christlichen Mordwinen und anderen Nationalitäten aus dem europäischen Russland zwangsrekrutiert; viele liefen zu Partisanen über. Bekanntestes Mitglied war der tatarische Dichter Musa Dsahlil (auch Cälil oder Jalil). Er war nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion in die Rote Armee einberufen worden, mit der er NS-Deutschland bekämpfte. Er geriet schwer verwundet in deutsche Kriegsgefangenschaft, wurde in die “Wolgatatarische Legion” gesteckt und wurde in dieser der Kopf einer tatarischen Widerstandsgruppe. 1943 gelang 950 Männern von dieser das Überlaufen zu sowjetischen Truppen, bald darauf flogen Dsahlil und 10 weitere auf. 1944 wurde er im Gefängnis Plötzensee in Berlin hingerichtet, wo heute auch ihm gedacht wird. Daneben wurden aus kriegsgefangenen Kaukasus-Moslems (wie Aseris oder Tschetschenen) und “Turkestanern“ (v. a. Zentralasiaten) Einheiten gebildet. Die “Legion Freies Arabien” bestand aus Arabern, moslemischen und griechisch-orthodoxen, und Moslems vom Balkan, Freiwilligen und Kriegsgefangenen. Sie wurde in Griechenland eingesetzt. Auch hier gab es Desertionen und deutsche Unzufriedenheit über die Moral. Der “Sonderverband Bergmann” unter Oberländer war ein 1941 aufgestellter Verband der Wehrmacht, der aus deutschen Vorgesetzten und kaukasischen Rekrutierten, Georgiern, Armeniern, Aserbaidschanern und Nordkaukasiern, bestand.

Die “Handschar“ war die eine kroatische SS-Division. In ihr waren Bosniaken (Bosnien-Herzegowina wurde nach dem deutschen Angriff auf Jugoslawien einem unabhängigen Kroatien zugeschlagen, quasi als Ausgleich dafür, dass Kroatien seine gesamte Adria-Küste an Hitlers wichtigsten Verbündeten Italien abtreten musste) und Kroaten unter deutschen und “volksdeutschen”  (Donauschwaben aus Jugoslawien) Offizieren zusammengefasst. Viele Bosniaken, z. B. ihr Mufti Pandza, waren unzufrieden mit ihrer Lage in Ustascha-Kroatien, einem Staat an dessen Politik sie wenig partizipierten. Für viele Ustascha-Aktivisten waren die moslemischen Bosniaken Sympathisanten der kommunistischen Partisanen und sie griffen deshalb ihre Dörfer an und töteten viele Zivilisten. Die serbisch dominierten Tschetniks beschuldigten die Bosniaken, an den Ustascha-Grausamkeiten gegen Serben teilzunehmen und verübten ähnliche Gewalttaten gegen sie. Im Oktober 1941 unterzeichnete eine Gruppe von 108 moslemischen bosnischen Notabeln in Sarajevo eine Resolution, die Ustascha-Verbrechen verurteilte und Sicherheit für alle Bürger des Landes, ungeachtet ihrer Nationalität, verlangte. Himmlers Phantasien über eine Zusammenarbeit war nicht auf ein Wohlergehen der Betroffenen abzielend; der Mufti aus Palästina war auch hier notwendig, um Bosniaken, denen ihre Ulemas eine Kollaboration mit dem Ustascha-Regime verboten hatten, von einer Rekrutierung für die Deutschen zu überzeugen. Bei und nach der Rekrutierung waren sie auch deutscher Propaganda ausgesetzt. Die Rekrutierten mussten ihren Eid auf Hitler und den Ustascha-Führer Pavelic ablegen. Die “Handschar” wurde v.a. gegen kommunistische Partisanen im jugoslawischen Raum (in deren Reihen sich ebenfalls Bosniaken befanden…) eingesetzt. Es gab Fälle von Desertionen und Meutereien, u.a. schon bald nach ihrer Gründung 1943 in Frankreich, wo sie ausgebildet werden sollten. Ursprünglich aus etwa 20 000 Männern bestehend, war die Division gegen Kriegsende in Auflösung begriffen und bestand zu ca. 50% aus Deutschen. Die “Kama”, die 2. kroatische SS-Division, war wahrscheinlich nur geplant, was immer auch davon umgesetzt wurde, ging in der “Handschar” auf. Die blutigen Abrechnungen in Jugoslawien nach dem Krieg betrafen auch diese Bosniaken. Eine einigermaßen objektive Darstellung scheint George Lepres “Himmler’s Bosnian Division: The Waffen-SS Handschar Division 1943–1945” zu sein. Dass kroatische Bosnier (v.a. in der Herzegowina) viel stärker als Bosniaken in Ustascha-Aktivitäten verstrickt waren und dieses Ustascha-Kroatien an sich eng mit der Achse verbündet bzw. von ihr geschaffen war, “fällt” meistens unter den Tisch.

Die “Skanderbeg“-SS-Division umfasste 6500 Albaner aus Jugoslawien, die zunächst für die “Handschar” rekrutiert wurden, und Albanien, beides Länder, die von den Achsenmächten besetzt waren. Gemäß der religiösen Diversifizierung der Albaner umfasste sie nicht nur Moslems, zu ihren„Verbündeten“ zählte z.B. ein katholischer Clan. Wie die kroatisch-bosnische Division(en) wurde auch sie von deutschen Offizieren geleitet. Die Division wurde gegen die Hoxha-Partisanen, also kommunistische Albaner, sowie gegen Juden und Serben, eingesetzt. In ihrer kurzen Operationszeit, gab es viele Fälle von Befehlsverweigerungen u.ä. Die Mitglieder wurden teilweise in Wehrmachtseinheiten gesteckt.

Der “Osttürkische Waffen-Verband” der SS  bzw. das “Ostmuselmanische SS-Regiment” setzte sich aus diversen, v.a. moslemischen, Nationalitäten aus der SU (war insofern multinational) zusammen, Zentralasiaten/Turkestanern, Wolgatataren, Krimtataren, Kaukasiern. SS-Hauptsturmführer Billig exekutierte 78 Mitglieder der Einheit wegen Befehlsverweigerung. Ein Teil der Mitglieder wurde der Dirlewanger-Brigade zugeschlagen, die für viele Massaker verantwortlich war.

Nazi-Deutschland sendete über Radio auch Propaganda in den arabischen Raum (die Menschen dort mussten also erst überzeugt werden); ein Klaus Faber, Ex-Staatssekretär (auch sonst diesbezüglich aktiv), hat auf “Hagalil” eine Anpreisung eines Herf-Buchs geschrieben, das auch diese “behandelt”. Eine Jane ist dem Gesülze dort so überzeugend entgegengetreten, dass ich aus ihrem Kommentar zitieren will: “…solche Radioprogramme sagen aber mehr über die Nazis aus, als über die Muslime und bzgl. letzterem macht es Sinn die muslimischen Medien auszuwerten und da stellen sich die Dinge eben, wie zu erwarten, sehr viel differenzierter dar…Nicht zu letzt muss auch eines klar sein. Für die National-Sozialisten waren auch die Muslime letztendlich semitische Untermenschen und nur ebenfalls nur dann interessant, wenn sie ihrer politischen Agenda in irgend einer Form nützlich waren. Deutscher Rassismus und deutscher Chauvnismus hat wenig übrig für islamische, braune, glutäugige Muslime. Aus der Ecke betrachtet sehen die Dinge dann nämlich auch noch mal ganz anders aus…Natürlich war Propaganda der Nazis judenfeindlich und es kann nicht verwundern, dass da, wo sich Muslime in ihrer Exisenz nicht ohne Grund durch die hohe Einwanderung und politische Agitation der Zionisten gefährdet sahen, mitunter glaubten, dass sie von der Judenfeindschaft der Nazis politisch was zu gewinnen hätten…anders als eine angebliche ‘jüdische Gefahr’ in Deutschland, stellte die massive Einwanderung und nicht zu leugnende Verdrängungspolitik der Zionisten gegenüber der muslimischen Bevölkerung ja keine eingebildete, sondern eine ganz und gar konkrete Gefahr dar… Wenn übrigens sich schon viele Deutsche nicht bewusst waren, was in den Konzentrationslagern geschah, in einer Zeit in der die Massenmedien erste Gehversuche machten, was zum Teufel erwartet man dann denn von den muslimischen Bauern in Palästina?…Dieser Tage haben jüdische Rabbis in Tel Aviv einen Aufruf gestartet keine Wohnungen an Gastarbeiter zu vermieten, weil dies angeblich gegen die Gesetze der Torah verstieße. Wenn sich heute schon manche Juden zu solch fremdenfeindlicher Agitation veranlasst sehen, weil sie glauben dass das Dasein der Gastarbeiter sie irgendwie bedrohen würde, um wieviel mehr ist es nachzuvollziehen, dass sich Palästinenser in den 30ern durch Juden bedroht sahen. Die Gastarbeiter heute in Israel sind zumeist da, weil sie dort gebraucht werden und stellen bestimmt keine Gefährdung Israels dar, das zionistische Projekt war aber sehr konkret und mit militärischen Mitteln tatsächlich auf Verdrängung der einheimischen Bevölkerung angelegt…Die Konflikte um Palästina in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts mit der rassistischen und chauvinistischen ‘arischen Bewegung’ in einen Topf zu werfen, missachtet einfach viele eigentlich nicht zu übersehende Komponenten der Geschichte…”

Exkurs zur ukrainischen OUN und Stepan Bandera. Die “Organisation ukrainischer Nationalisten” wurde in der Zwischenkriegszeit von Exil-Ukrainern gegründet, die die Ukraine aus der Sowjetunion “herausführen” wollten. Bandera leitete den radikalen Flügel der Organisation (OUN-B), Melnyk den gemäßigten OUN-M. Einheiten der OUN (bestehend vor allem aus Ukrainern, die aus dem Polen der Zwischenkriegszeit stammten, wo sie um die 15% der Bevölkerung ausmachten) nahmen in den Bataillonen “Nachtigall” und “Roland” im Verband der Wehrmacht beim deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941 teil. Die “Galizische SS-Division” wurde dann aus diesen Einheiten oder anderen OUN-Kadern geformt. Nach dem Einmarsch proklamierten diese ukrainischen Nationalisten unter Bandera eine unabhängige Ukraine. Eine solche war aber nur einer von mehreren NS-Plänen für diese Region, die Deutschen machten die Ukrainer, auch die Kollaborateure unter ihnen, nicht zu gleichberechtigten Partnern; für das NS-Regime waren sie nützliche Vehikel gegen die Sowjetunion. Bald nach der deutschen Einnahme der ukrainischen Gebiete tauchten daher Zwistigkeiten zwischen den Verbündeten auf, noch 1941 wurden Bandera und andere OUN-Führer wie Stetsko verhaftet und nach Deutschland gebracht, 1942 in das KZ Sachsenhausen (in die Abteilung für hochstehende politische Gefangene, wo u.a. auch Kurt Schuschnigg, Julius Leber, Herschel Grynszpan, Georg Elser, Francisco Largo-Caballero saßen) eingeliefert. Die ukrainischen Gebiete wurden von den Deutschen hauptsächlich auf das “Reichskommissariat Ukraine” und das “Generalgouvernement” aufgeteilt, Gebiete im Osten nahe der sowjetischen Front kamen unter Militärverwaltung, das ebenfalls verbündete Rumänien bekam auch einen Teil ab, die Karpato-Ukraine gab Hitler (im “Wiener Schiedsspruch”) an Ungarn. Teile der ukrainischen Bevölkerung hatten die Wehrmacht als Befreierin von russischem und kommunistischem Joch begrüsst, die Abwürgung der Autonomie- und Unabhängigkeitsbestrebungen, die Verschleppung von Menschen als Zwangsarbeiter und die Abschöpfung von Ernte und Produktion ins “Reich” brachten aber auch die deutschfreundliche Bevölkerung gegen die Besatzer auf. Der grösste Teil von “Roland”, “Nachtigall” und “Galizien” ging in der “Ukrainischen Aufständischen Armee” (UPA) auf, die ab 42/43 bis Mitte der 50er  für eine unabhängige Ukraine kämpfte. Diese bekämpfte Russen (bzw. die Sowjetunion), Polen, Deutsche (die mit ihnen zuvor verbündeten NS-Truppen), Juden, Tschechoslowaken und verübte dabei Massaker auch an Zivilisten. Der ukrainisch-katholische Metropolit Szeptycki (mehr Pole als Ukrainer) war an der Ausrufung des ukrainischen Staates durch die OUN betetiligt, segnete ukrainische SS-Einheiten, rettete aber auch Juden. Die Rückeroberung der Ukraine ab 1943 durch die Rote Armee wurde nunmehr von grossen Teilen der Bevölkerung als Befreiung empfunden. 1944, als (auch) an der Ostfront die Kriegslage für Deutschland höchst prekär war, wandte sich das “Reichssicherheitshauptamt” (RSHA) an Bandera und Stetsko in Sachsenhausen, um eine neue Zusammenarbeit der ukrainischen Nationalisten gegen die Rote Armee einzufädeln. Die OUN-Führer wurden freigelassen, die UPA kollaborierte am Kriesgsende wieder mit den Deutschen, ehe für beide Seiten das dicke Ende kam. In der Beurteilung der OUN/UPA spiegeln sich nach wie vor die persönlichen/ nationalen/ politischen Präferenzen von Historikern (v.a. ukrainischen und polnischen) wieder. Die zeitweise enge Beziehung zu Nazi-Deutschland wird von Historikern wie David Marples als zwiespältig, taktisch und opportunistisch beschrieben, als Beziehung in der beide Seiten erfolgslos versuchten, die jeweils andere für ihre Ziele einzuspannen.

In der Nachkriegszeit gab es Differenzen zwischen US-Amerikanern und Briten über die Unterstützung der Guerillatätigkeit der OUN in der nun wieder sowjetischen Ukraine (v.a. ihrem Westen); die Briten (MI6) leisteten erhebliche geheimdienstliche und militärische Hilfe, während die Amerikaner (CIA) den ukrainischen Nationalisten kritisch gegenüberstanden – wegen dem brutalen Vorgehen der OUN v.a. im westdeutschen Exil auch gegen andere antisowjetische Nationalisten, weil sie skeptisch gegenüber ihrem Einfluss unter den Ukrainern, im Land wie im Exil, sowie ihren Möglichkeiten gegen die Sowjetmacht, waren, weil Bandera in seinem bundesdeutschen Exil falsche Dollar-Noten produzieren liess um die OUN-Aktionen zu finanzieren und weil sie sich einfach keine unabhängige Ukraine wünschten. Gerhard von Mende, baltendeutscher Herkunft, „Russland-Forscher“, war in der NS-Zeit bzw im 2. Weltkrieg in die Besatzung von sowjetischen Gebieten involviert gewesen. Er unterstützte  ab 1948, also noch zu Besatzungszeiten, die britische Position. In der BRD erhielt Von Mende wieder eine hohe Position auf Bundesebene, er setzte sich dann bei bayerischen Landes- sowie Bundesbehörden stark für Bandera und seine Truppe in München ein. Als ab 1953 auch die Briten zögerlicher wurden, hielt er sich mehr zurück. Daher übernahm 1956 Reinhard Gehlen, mit Mende seit grossdeutschen Zeiten politisch eng verbunden durch die “Fremden Heere Ost” (siehe unten), die Förderung der Bandera-Leute, im Gegenzug für Informationen aus der Ukraine und aus der Emigrantenszene, gegen den Willen der US-Amerikaner. Bandera wurde 1959 in München vom KGB ermordet.

Obwohl OUN-Theoretiker nachzuweisen versuchten, dass die Ukrainer keine Slawen, sondern Nachkommen einer „autochthonen Urbevölkerung“ seien, hielt Hitler sie für „genauso faul, unorganisiert und nihilistisch-asiatisch wie die Großrussen“. Die Haltung/Politik von “Anti”deutschen und anderen Hetzern gegenüber (etwa) Kurden lässt grüssen.

Nach dem Krieg flüchteten Nazis über die “Rattenlinie” über Italien, v.a. nach Lateinamerika (wo sie manchmal Terrormethoden an rechte Diktaturen vermittelten, die oft auch amerikanische und israelische Unterstützung hatten) und Westasien. Manche Rosinen aus dem Nazikuchen pickten sich aber die USA heraus. Viele Deutsche, darunter Ex-Nazis, kämpften in den 1950ern mit der französischen Fremdenlegion in Indochina und Algerien (dort wurden auch ehemalige italienische Kriegsgefangene gegen die Aufständischen eingesetzt), wo es für Unabhängigkeits-Aktivisten auch eine Art Auschwitz-Schaukel gab. Gegen “Wilde” waren Deutsche erst recht willkommene Bündnispartner, nicht nur gegen Russen im Kalten Krieg.

Walther Rauff, in der NS-Zeit im RSHA und maßgeblich am Einsatz von Gaswagen als Tötungsinstrument beteiligt, verhandelte am Kriegsende mit Alliierten, floh dann über die “Rattenlinie” zuerst nach Italien, war Fluchthelfer für andere Nazis. War dann ein Jahr in Syrien, arbeitete für den dortigen Geheimdienst. Diese Episode lassen sich Mallmann & Cüppers nicht entgehen; die Aktionen der Einsatzkommandos in Nord-Afrika werden bei ihnen in den Zusammenhang einer “deutsch-arabischen Aktion” gestellt die gegen den „Yishuv“ in Palästina gerichtet gewesen sei. Laut diesem Artikel hat Rauff auch für den israelischen Geheimdienst Mossad gearbeitet. Er verbrachte dann etwa 10 Jahre in Ecuador, bevor er nach Chile ging, nach eigenen Angaben war der spätere chilenische Diktator Pinochet dafür verantwortlich, den er in Ecuador kennenlernte. Von Chile aus arbeitete er mit dem BND zusammen, dort hatte er Freunde aus der Zeit im RSHA. Nach dem Putsch Pinochets und der Etablierung der Militärdiktatur arbeitete Rauff offenbar auch für deren Geheimdienst DINA. Chilenische Juden hatten, als integraler Teil der Mittelklasse, den Putsch gegen Allende grossteils unterstützt. Anders als die argentinische Militärdiktatur (1976-1983) verwarf die chilenische den Antisemitismus. Pinochet besuchte Synagogen zu Yom Kipur und ernannte Juden in hohe Ämter seines Regimes, etwa Sergio Melnick, der einer seiner wirtschaftlichen Berater war und Minister wurde, oder Jose Berdichewsky, der im Militär bis zum General aufstieg und schliesslich Botschafter in Israel wurde. Das Pinochet-Regime unterhielt sehr gute Beziehungen zu Israel, kaufte dort Waffen, v. a. nachdem die USA unter Carter (ab 1977) ihm die Unterstützung versagten. Das alles hinderte Pinochet nicht daran, die Wehrmacht anzupreisen und mit Ex-Nazis in Chile Kontakte zu halten (http://www.jewishworldreview.com/0798/pinochet1.asp). Spätestens ab Anfang der 1970er war Simon Wiesenthal hinter Rauff her. Reagan, der die von Carter unterbrochene amerikanische Unterstützung der Pinochet-Diktatur wieder aufnahm, empfing Wiesenthal, es folgten Floskeln, amerikanische Interessen schienen durch Druck auf das Regime gefährdet. Auch Israel, das mit dem Regime, das Rauff schütze, verbündet war, und jetzt auch die BRD, forderten die Auslieferung von Rauff, der „inmitten“ dieses Interessengemenges starb.

Die Zusammenarbeit zwischen den Auslandsgeheimdiensten BND und Mossad begann 1957, wahrscheinlich auf Initiative des BND-Chefs Reinhard Gehlen, dem früheren Chefspion Hitlers im Wehrmachtsgeheimdienst “Fremde Heere Ost”, und als Versuch der Emanzipation vom CIA. Gehlen hatte sich mit seinen Unterlagen über die Sowjetunion in Bayern der USA gestellt und machte eine steile Karriere in der BRD. Er verhalf noch dem engsten Mitarbeiter von Eichmann, Alois Brunner, zur Flucht nach Syrien, vielleicht auch Eichmann selber, und war laut Otto Köhlers Buch “Unheimliche Publizisten” auch enger Freund des Rechtsextremisten Gerhard Frey. Der erste Kontakt zwischen den Geheimdiensten wurde wohl über die damalige israelische Mission in Köln aufgenommen, deren Aufgabe in der Umsetzung des Luxemburger Abkommen über die so genannte “Wiedergutmachung” bestand und in der auch ein Mossad-Mitarbeiter stationiert war. Der BND, bzw. seine Vorläuferorganisation, die “Organisation Gehlen”, war, von Gehlen abwärts, von alten Nazis durchsetzt, von Fremde Heere Ost wurde viel Personal übernommen, darunter auch ehemalige SS-Angehörige (teilweise mit neuer Identität). Mit “Für die Sicherheit Israels kooperieren wir sogar mit dem Teufel” soll sich der damalige Mossad-Chef Isser Harel für eine Zusammenarbeit mit den Westdeutschen ein- und durchgesetzt haben. Wie auch beim Apartheid-Regime Südafrikas oder der argentinischen Militärjunta, wenns um die “Sicherheit Israels” geht, geht man eben einen “Pakt mit dem Teufel” ein. Pragmatismus aus “nationalem Interesse” über Moral zu stellen, ist aber nicht jedem erlaubt.

In Deutschland wiederum gab es spätestens nach dem erfolgreichen israelischen Angriff auf Ägypten an der Seite Grossbritanniens und Frankreichs 1956 eine Bewunderung für die militärische Durchschlagskraft des jüdischen Staates. Der BND hatte Informationen durch seine Informanten in arabischen Ländern zu bieten, der Mossad über Osteuropa. Wertvoll waren für den BND in der Hochzeit des Kalten Krieges die Informationen von Juden, die aus Warschauer-Pakt-Staaten nach Israel kamen, v.a. übergelaufene Mitarbeiter von dortigen Geheimdiensten, durch die Ostblock-Spione in westdeutscher Politik und Verwaltung enttarnt wurden. Gehlen beauftragte seinen Vertrauten Wolfgang Langkau (anscheinend NS-unbelastet) als Verbindungsoffizier des BND für den Kontakt mit den Israelis. Auf israelischer Seite war der Mossad-Resident in Paris, Shlomo Cohen, für den Kontakt zum BND verantwortlich; dieser verstand sich auf Operationen “unter falscher Flagge”, etwa Personen (z.B. arabische Diplomaten in Bonn) für eine nachrichtendienstliche Arbeit (Geheimnis-Verrat) anzuwerben, sie jedoch dabei im Glauben zu lassen, sie arbeiteten für ein anderes Land. Langkau entwickelte auch gute persönliche Beziehungen zu Harels Nachfolger Meir Amit (Slutsky), der sich damit rühmte, die Heere Ägyptens, Syriens, Iraks, mit seinen Informanten infiltriert zu haben. Im Winter 1960/61 kam es dann zum ersten Besuch Harels im BND-Hauptquartier in der “Doktor-Villa” in der ehemaligen “Rudolf-Heß-Siedlung” an der Heilmannstraße in Pullach, wo einst Hitlers Parteikanzleichef Martin Bormann residierte. Der Besuch war der offizielle Beginn einer kurz zuvor begonnenen geheimdienstlichen und militärischen Kooperation zwischen Deutschland und Israel, die damals trotz des Wiedergutmachungsabkommens von 1952 noch keine offiziellen Beziehungen unterhielten. Gehlen bot dem Mossad, der im BND-Jargon den Decknamen “Blaumeise” bekam, unter anderem operative Freiheit auf deutschem Boden.

Selbst ehemalige Nazis wie Otto Skorzeny, Hitlers Offizier für besondere Operationen, Befreier Mussolinis und später mutmaßlicher Kopf der Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen (ODESSA), wurde vom Mossad eingespannt, mit oder ohne Mitwirkung des BND. Nach seinem Ausbruch aus einem deutschen Gefängnis in der Nachkriegszeit war Skorzeny ins franquistische Spanien geflüchtet. Dort konnte er ungestört Kontakte zu ehemaligen Größen der NS-Zeit wie Léon Degrelle aufrechterhalten und als Waffenhändler und Vermittler von Söldnern (unter anderem nach Südafrika) sein Geld verdienen. Ab 1953 fungierte er unter anderem als Berater des argentinischen Präsidenten Juan Perón und des ägyptischen Staatschefs Gamal Abdel Nasser, für den er militärische Aktionen gegen die Briten in der Suezkanal-Zone und Israel vorbereitete. Skorzeny wechselte dann die Seite und arbeitete mit dem Mossad gegen seinen vormaligen Arbeitgeber zusammen, lieferte Informationen über die deutschen Raketenwissenschafter in Ägypten sowie über ehemalige Nazis – um zu erreichen dass Wiesenthal ihn von der Liste der gesuchten Nazi-Verbrecher strich, was nach der Entführung Adolf Eichmanns (den CIA und BND lange deckten) 1960 auch eine Art von pragmatischem Deal war (darüber schrieb Tom Segev in seiner Simon Wiesenthal-Biografie).

Reste von SS-Divisionen und Wehrmachts-Einheiten mit Moslems aus der Sowjetunion waren Grundlage für eine Moschee in München und gewissermaßen den Islam in Nachkriegs-Deutschland; der eigentliche Beginn ist aber eher mit der Verpflichtung türkischer Gastarbeiter anzusetzen. Diese Moschee und der damit verbundene Said Ramadan, eine Führungsfigur der ägyptischen Moslembrüder, von Nasser aus Ägypten ausgewiesen, wurden im Kalten Krieg von den USA (CIA, Radio Liberty/Free Europe,…) unterstützt. Als das USA-Interesse nachliess, nahmen sich Islamisten von anderswo und Ghadaffi der Moschee an. Gerhard von Mende, in der NS-Besatzung der Sowjetunion u.a. für den Kontakt zu dortigen Moslems zuständig, war auch in der BRD als Forscher und für staatliche Stellen tätig, nun im Zusammenhang Kalter Krieg/Antikommunismus, u.a. war er mit dieser Gemeinschaft von Moslems aus der Sowjetunion im Umfeld der Münchner Moschee befasst. Zu dieser Moschee erschienen Bücher von Ian Johnson (“Die vierte Moschee”), er scheint die Sache halbwegs unvoreingenommen/untendenziös zu behandeln und Stefan Meining (der auch eine TV-Doku dazu gestaltete), „Zwischen Halbmond und Hakenkreuz“, seine Sachlichkeit scheint eher in Frage zu stehen.

Die USA versuchten im Safehaven-Abkommen Anderen, hier v.a. Lateinamerikanern, die Beschäftigung von im NS tätigen deutschen Wissenschaftern zu untersagen – sie spannten aber die meisten Ex-Nazis ein. Manche amerikanische Konzerne haben sogar schon am Aufstieg Hitlers mitgewirkt. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand schnell eine Konkurrenz zwischen den Alliierten im Hinblick auf Hinterlassenschaften des “3. Reichs”. Die V2-Rakete (in Nazi-Deutschland unter Einspannung von Zwangsarbeitern entwickelt und auch eingesetzt), war das interessanteste Rüstungsgut der Deutschen. Interessant als Reparationsleistung, als vorbeugende Abrüstung, vor allem aber zur Verkürzung eigener Entwicklungsarbeit; die USA hatten ja die Atombombe, aber kein Raketensystem, um sie zu schicken. Die V2-Leute um von Braun, Dornberger, Rudolph, Debus verliessen Nordhausen am Kriegsende und stellten sich in Bayern den USA (zur Verfügung) – der (west)deutsche “Frontwechsel” nach dem Krieg bzw. die amerikanische Wiederverwendung im Kleinen. Im Rahmen von “Overcast”, “Paperclip” und Nachfolge-Programmen wurden sie und andere Wissenschafter und Techniker des 3. Reichs in die USA gebracht (insgesamt etwa 4000 inkl. Familien bis in die 50er, die meisten blieben). Die USA transportierten auch, im Wettlauf mit der SU, die diese Zone zugesprochen bekam, Raketenteile und Dokumente aus Nordhausen ab. Das V2-Team arbeitete in den USA erfolgreich an militärischen Raketen mit, am Weltraumprogramm und dann oft noch in der Privatwirtschaft. Arthur Rudolph war der seltene Fall einer Verstossung nach erfolgter Beschäftigung, die Betreffenden hatten ja nun intime Kenntnisse von amerikanischer Rüstungsproduktion und/oder dem Weltraumprogramm. Oder Hubertus Strughold. Auch er konnte in den USA unbehelligt Karriere machen (Weltraummediziner für die NASA) obwohl er im nationalsozialistischen Deutschland als führender Luftfahrtmediziner in Menschenversuche verwickelt war, er entkam so einer Anklage im Nürnberger Ärzteprozess. Unter den deutschen Raketenwissenschafter in Ägypten waren auch im NS aktive, die dazwischen am französischen Raketenprogramm gearbeitet hatten, in die USA gingen aber die namhafteren.

Oder Otto von Bolschwing, ein Adjutant Adolf Eichmanns, der sofort nach Kriegende die Seite wechselte und in Österreich für die CIA arbeitete. 1954 durfte er in die USA einreisen, wurde fünf Jahre später US-Staatsbürger und begann eine Karriere als erfolgreicher Geschäftsmann. Mit der Festnahme Eichmanns 1960 fürchtete er, seine wahre Vergangenheit könnte auffliegen. Das dauerte aber: Während man in der CIA laut dem Bericht debattierte, ob man bei Bekanntwerden alles leugnen oder sich auf die Umstände ausreden sollte, kam das US-Justizministerium Bolschwing erst 1979 auf die Schliche. 1981 sollte er ausgewiesen werden, starb aber noch im selben Jahr. Die USA interessierten sich für die Frage der Verantwortung für die Gräuel in Peenemünde, Nordhausen und anderswo von für sie strategisch Wichtigen bestenfalls am Rande (Widerstand gegen die Verpflichtungen gab es zeitweise im Aussen- und Justizministerium). Während etwa Speer im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess v.a. wegen seiner Verantwortung für den Zwangsarbeiter-Einsatz verurteilt wurde, bekamen dafür direkt Verantwortliche wie Dornberger Arbeitsverträge in den USA. Auch manche Kollaborateure gingen in die USA, siehe John Demjanjuk.

Die USA arbeiteten bald nach dem Krieg mit dem Franco-Regime in Spanien zusammen, das wenige Jahre zuvor 18 000 Spanier als „Blaue Division“ an die Seite Nazi-Deutschlands in den Krieg geschickt und Hitler Wolfram geliefert hatte, von diesem bei seiner Machtergreifung (im Bürgerkrieg) unterstützt worden war. Die Nr. 2 des Regimes, Carrero, hat sich einen Tag vor seiner Ermordung mit Kissinger zu einem Gespräch (über die Ölkrise) getroffen. Hingewiesen sei hier auf den Dokumentationsfilm „Dienstbereit“ über Nazis und Faschisten im Dienst der CIA im Kalten Krieg, von D. Pohlmann.

Analyse

Mit der vorgeblich geschichtsbewussten These, die “Feinde” Israels seien die Nachfolger der Nationalsozialisten, werden lästige Hindernisse einer bedingungslosen und militanten Parteinahme für Israel beseitigt und wird dessen Politik legitimiert. Beunruhigend erscheint, dass gerade diejenigen, die sich die Aufarbeitung der eigenen Geschichte zum Ziel gesetzt hatten, nicht bemerken (oder kein Problem damit haben), dass sie den Nahen Osten als Entsorgungsfeld für eben diese Geschichte missbrauchen. Die Wahrheit ist, Asiaten und Afrikaner (moslemische und andere) haben für den weissen Mann Kriege bestritten (ja, auch die “Weltkriege” waren Kriege der Weissen), nicht nur im 20. Jahrhundert, und davon gilt es, abzulenken.

In Nord-Aserbeidschan etwa, nach der Abtrennung von Persien Anfang des 19. Jahrhunderts unter russischer Herrschaft, wurden nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im 2. Weltkrieg Soldaten für die Rote Armee rekrutiert und eingesetzt. Nazi-Deutschland hat aus einem Teil jener, die in seine Kriegsgefangenschaft gerieten, wie auch im Fall anderer nicht-russischer Nationalitäten in der SU, Einheiten gebildet, die nun für sie kämpfen sollten; Freiwillige dürfte es hier nicht gegeben haben, zumal es NS-Deutschland nicht gelang, in diese SU-Republik vorzudringen. Es gab keine rein aserbeidschanischen Einheiten, sie wurden mit anderen Kaukasiern/Türken/Moslems zusammengespannt, unter deutschen Offizieren, in der “Ostmuselmanischen”/ “Osttürkischen” SS, in den “Turkestan”-, “Bergmann”- und “Kaukasus”-Wehrmachts-Einheiten. Fast 700 000 Aserbeidschaner (über 100 000 davon Frauen) kämpften für die Rote Armee, 250 000 wurden dabei getötet; 40 000 kämpften für das nationalsozialistische Deutsche Reich, wobei es, wie erwähnt, fraglich ist, ob hier eine Freiwilligkeit vorlag, und es hier Exekutionen wegen Befehlsverweigerungen sowie das Überlaufen zu Widerstandsbewegungen gab.

Es gab Araber/Moslems, die an der Seite der Alliierten gegen die Achse kämpften (v.a. mit Russen und Franzosen), Moslems die Juden im Holocaust halfen (etwa der marokkanische Sultan gegenüber dem Vichy-Regime, die damaligen Verantwortlichen der Moschee in Paris, die Zuflucht bot, der iranische Diplomat Abdol Hossein Sardari,…), Araber, die Opfer des Nationalsozialismus wurden; diese alle bekommen aber nie jene Aufmerksamkeit (zumal im deutschsprachigen Raum) wie jene, anhand derer man Schuld abzuwälzen versucht und heutige Politik rechtfertigen möchte. Wenn Satloff vom neokonservativ-rechtszionistischen WINEP einen aufwändigen Film über eine Suche nach einem arabischen “Gerechten unter den Völkern” macht, ist das noch eine relativ ausgewogene Behandlung des Themas, wenngleich natürlich auch hier der Ansatz, den Nahostkonflikt in den Holocaust mit seinen Opfer-/Täter-Rollen “einzubetten”, erkennbar ist.

Es gab Staaten/Völker/politische Organisationen, die Nazis während ihrer Macht oder danach halfen (auch die USA, die einige aufnahm), entweder weil man ideologische Gemeinsamkeiten sah oder aus pragmatischen Überlegungen – ohne dass entsprechende Rückschlüsse gezogen werden. Die „moslemischen“ SS-Divisionen waren auf deutsche Initiative hin entstanden, hatten deutsche Kommandanten, Deutsche waren unter den Mitgliedern, sie sollen aber nicht auf heutige Deutsche sondern heutige Moslems abfärben. Die Kollaboration von (20 000) “Kosaken” soll nichts über Russen und Ukrainer aussagen (oder über das orthodoxe Christentum, dem sie mehrheitlich angehörten), die von (ca. 10 000) “Ost-Türken” schon über sie bzw. ihre Religion; 40 000 Ungarn oder 60 000 Letten in SS-Einheiten sind, bekommt man den Eindruck, nichts gegen 20 000 Bosniaken (und andere Nationalitäten die in dieser Einheit dienten, siehe oben) oder 6 500 Albaner.

Natürlich hat das NS-Lebensborn-Projekt auch nur (helle) Nord- oder Osteuropäer(innen) eingeschlossen, nie Asiaten oder Afrikaner.

Johann von Leers, ein antijüdischer und antichristlicher Publizist im Nationalsozialismus, flüchtete nach dem Krieg zuerst in Perons Argentinien, dann nach Nassers Ägypten, wo er zum Islam konvertierte. Für jene, die mit der Konstruktion der Verbindung NS-Islam beschäftigt sind, wie Herf, ist er eine wichtige Ikone. Dabei würde (beispielsweise) die Karriere eines von Braun in USA mindestens genauso viel über beide Seiten aussagen, oder dass die USA allgemein deutschen Nazis willentlich Unterschlupf gewährt hat.

Die Sowjetunion war vom Nationalsozialismus und seinen Kriegen am stärksten getroffen und trug die Hauptlast am Sieg über ihn. Im Kalten Krieg wurden auf westlicher Seite Ex-Nazis wie auch faschistische Diktatoren wie Pinochet gegen die Nazi-Bezwinger eingesetzt. Gleichwohl setzten Rechtskonservative wie F.J. Strauss im Kalten Krieg den “Kommunismus” bzw. das, was sie darunter verstanden, auf eine Stufe mit dem Faschismus, und sich in Äquidistanz zu beiden.

Was dankbar angeprangert und verzerrt wird, sobald es in das betreffende Schema passt, darüber wird andernfalls (bzw. anderswo) gnädig (oder verschreckt) hinweggesehen. Hitler/NS-Begeisterung in Indien z.B., etwa beim kürzlich verstorbenen Hindu-Fundamentalisten Bal Thackeray, dem Gründer der “Shiv Sena”. Von den Küntzels werden auch die faschistischen Wurzeln der (maronitischen) Falange ausgeblendet oder dass die erste volle arabische Übersetzung der “Protokolle der Weisen von Zion” (Mu’amarat al al-Yahudiyya ‘ala-‘l-shu’ub) das Werk eines maronitischen Priesters aus dem Libanon, Anton Yamin, war (1925).

Hingewiesen sei hier auch auf den führenden SS-Ideologen Leopold von Mildenstein, Vorgänger Eichmanns als “Judenreferent” im RSHA, der die “Judenfrage” mit deren Auswanderung nach Palästina lösen wollte, und sich hier mit deutschen Zionisten (damals eine Minderheit unter deutschen Juden) traf. Er unternahm im Herbst 1933 eine mehrmonatige Palästinareise, zusammen mit dem führenden deutschen Zionisten Kurt Tuchler (ein Teilnehmer des 1. Weltkriegs und jüdischer Burschenschafter). Die Nazis liessen danach sogar eine Medaillie prägen, die Hakenkreuz und Davidstern auf den zwei Seiten zeigte. 1934 fand die Reise in einer enthusiastischen Artikelserie (“Ein Nazi in Palästina”) in Goebbels’ Zeitung “Der Angriff” ihren Niederschlag, deutsche Zionisten und Nazis waren voller Bewunderung für die zionistischen Siedler, fanden dass das Land den Juden gehörte und Juden dorthin gehörten, und sahen einen Wilden Orient in dem man mit grossem Besen durchkehren müsste. Der Zionismus war eben immer schon enger mit der westlichen Rechten verbunden als mit irgendwelchen anderen Kräften. Israel hat auch, wie erwähnt, mit dem von ehemaligen Nazis durchsetzten BND oder rechten Diktaturen wie jener in Chile eng zusammengearbeitet. Im Fall der Partnerschaft Israels mit Apartheid-Südafrika störte es auch nicht, dass dessen Premierminister aus der Nationalen Partei wie Verwoerd oder Vorster während des 2. Weltkriegs gegen die südafrikanische Unterstützung der Alliierten und die Aufnahme von Juden aus Europa agitiert hatten.

Dem de.wikipedia-Artikel über v. Mende kann man entnehmen wie die Sache insgesamt hingebogen wird von entsprechender Seite: Ein Benutzer „T.M.L.-KuTV“ schreibt dort von „Nazi-Moslems“ (mit Link zu „Islamfaschismus“-Artikel, wo dieser eigentlich nicht als Kollaboration sondern als Einschätzung von Islamismus definiert ist) und den „moslemischen Alliierten der Nazis“, löscht die Information über die ursprüngliche Kriegsgefangenschaft dieser SU-Moslems mit fadenscheinigen „Begründungen“, beschreibt den „Sonderverband Bergmann“ als Truppe “moslemischer Soldaten der Wehrmacht” (solchen ist übrigens zuzutrauen, dass sie aus Unwissen bzw. Ignoranz auch christliche Kaukasier wie Georgier zu „Moslems“ zählen und nicht gegen besseres Wissen), verschweigt Mendes Engagement für Ukrainer und andere SU-Völker, usw. Nach dem von diesen Kreisen verbreiteten Paradigma „Moslems und Nazis haben sich gefunden weil sie einander ähnlich sind“ müsste die Tatsache dass die USA (die Guten also) nach dem Krieg ebenfalls diese Moslems aus der SU einspannte, ja entweder etwas gutes über diese Tataren und andere oder etwas schlechtes über die Amerikaner aussagen, was aber beides nicht sein darf. Aus diesem Dilemma versuchen er und seine “Zuarbeiter” herauskommen indem sie schreiben, dass nicht alle von ihnen Kollabos waren, dass die USA nur Einfluss über sie wollten (aha) und die BRD bzw. alte Nazi-Seilschaften ebenfalls, und -nicht zuletzt- dass sich die Moslems geschickt gegenüber den Amerikanern tarnten. Man könnte noch lange fortfahren, die ganzen tendenziösen Bearbeitungen in diesem und anderen Artikeln aufzuzeigen. Jemand hat im Zusammenhang mit der Politisierung der Wikipedia darauf hingewiesen, dass der Artikel über den al Dura-Vorfall in der englischen Wiki fast doppelt so lang ist wie der über den Krieg 1948 um Palästina dort. Der Artikel „Relations between Nazi Germany and the Arab World“ ist an sich ein Produkt der Bemühungen, Wikipedia für Propaganda zu benützen.

Rassismus und Diffamierung/Dämonisierung über angebliche NS-Verwicklung (nicht zuletzt, um die eigene zu verstecken) ist gar nicht so ungewöhnlich. Im Roman „Die Insel der Abenteuer“ von Enid Blyton (Original „The Island of Adventure“) gibt es einen schwarzen Diener namens Jo-Jo, der als Feind der Briten dargestellt wird. Er ist ein Spion für die Nazis und grausam zu Kindern… Mehr zu Blyton aus Wikipedia: Blytons Erzählungen enthalten teilweise zeitbedingten versteckten bis offensichtlichen Rassismus, besonders in der Noddy-Serie, in der die dunkelhäutigen „Golliwogs“ („Golliwogs“ sind traditionelle „Negerpuppen“, die Minstrel-Musiker darstellen, zudem ist „Golliwog“ in Großbritannien ein Schimpfwort für Schwarze) oft Unsinn anstellen und den anderen Spielzeugpuppen geistig unterlegen sind. Die heutigen Noddy-Ausgaben erscheinen daher in einer bearbeiteten Fassung, in der die Golliwogs sympathischer dargestellt werden.

In “Icon of Evil. Hitler’s Mufti and the Rise of Radical Islam” von David G. Dalin (einem amerikanischen Rabbiner und Historiker), John Rothmann und Alan Dershowitz (2008) geht es einmal mehr um den Mufti Husseini, und der Titel sagt schon, wofür ihn die Autoren brauchen. Die Aussage in einem Satz: Der Geist des Nationalsozialismus ist über Husseini, der in Hitlers innerem Kreis gewesen sei, in die islamische Welt hineingetragen worden, wo er durch Arafat oder Ahmadinejad weiterleb(t)e. Lob von B. Morris bestätigt den Charakter des Buchs mit seinen verfälschten Geschichtsbildern. Tom Segev schrieb in der “New York Times” eine Kritik.

Annette Herskovits tritt in diesem Artikel den von proisraelischen Ideologen verbreiteten Mythen entgegen, stellt diese in den Zusammenhang von “moralischen” Rechtfertigungen, die Eroberer anderer Länder in die Welt setzen. Vertreibungen und Enteignungen von Palästinensern, die bis heute andauern, so Herskovits, verlangen nach Dekonstruktion der Beziehung von Land und Einwohnern, sowie der Neu-Produktion moralisch erscheinender Rechtfertigungen. Vor diesem Hintergrund würden Leute wie Alan Dershowitz die spärliche Zusammenarbeit von Arabern und Moslems mit Nazis ausschlachten um sie im “Nahostkonflikt” als Erben des Nazismus zeichnen, darauf erpicht, Juden auszurotten, und diese darin als unschuldige Opfer.

Ein aktuelles Buch von Gilbert Achcar, “Die Araber und der Holocaust. Der arabisch-israelische Krieg der Geschichtsschreibungen”, entlarvt zahlreiche pseudo-wissenschaftliche Arbeiten zum Thema und stellt arabische Haltungen zum Holocaust und den Juden in ihren angemessenen historischen und intellektuellen Kontext, wie der israelische Historiker Avi Shlaim urteilte. Das Buch zeigt, wie die “Nazifizierung” der Araber/Moslems mit dem Mufti von Jerusalem im Mittelpunkt (der gerne als repräsentativ für Palästina in jener Zeit dargestellt wird, obwohl seine Rolle hauptsächlich darin bestand, Moslems vom Balkan oder der damaligen Sowjetunion von einer Kollaboration zu überzeugen) funktioniert. Pipes’ “Campus Watch” hat umgehend eine Hetzkampagne gegen Achcar gestartet.

“Confronting fascism in Egypt: dictatorship versus democracy in the 1930s” von Jankowski/Gershoni ist ebenfalls eine sachliche Behandlung des Themas europäischer Faschismus im islamischen Raum.

Der deutsche Historiker René Wildangel hat in einer Studie, “Zwischen Achse und Mandatsmacht”, Palästina zur Zeit des Nationalsozialismus’ in Deutschland und in Bezug dazu, untersucht, u.a. anhand damaliger palästinensischer Zeitungen (anstatt nur anhand deutscher Geheimdienstberichte oder Nazi-Radioprogramme). Die Person Hitler, so Wildangel, seine Wirkung auf die Massen, die nationale Begeisterung, faszinierte durchaus (wie auch andernorts). Auch manche NS-Parolen seien in Palästina positiv aufgenommen worden, meistens allerdings weniger aus einer grundsätzlichen antijüdischen Haltung heraus, wie oft unterstellt, sondern getreu dem Motto “Der Feind meines Feindes ist mein Freund” (Peres und seine “Begründung” zur engen, auch nuklearen, Zusammenarbeit mit Apartheid-Südafrika lässt grüssen). Die Palästinenser kollektiv als Anhänger des Nazi-Regimes darzustellen, sei vor allem der politischen Entwicklung nach 1945 geschuldet.

Richard Wolin argumentiert in einem Artikel in “The Chronicle” aus 2009, Autoren wie Herf würden ein Amalgam aus einander widersprechenden Phänomenen konstruieren. Etwa aus den ägyptischen Muslimbrüdern unter Sayyid Qutb und der Regierung von Nasser, die sich eng an die SU anlehnte, anti-religiös war, Qutb hinrichten und die Moslembrüder verfolgen liess. Auch die USA hätten ehemalige Nazis weiter beschäftigt (eigentlich viel mehr und viel “wichtigere” als Nasser oder jeder andere arabische Herrscher), ohne dass sie allein dadurch faschistisch geworden sei. Der Islamismus, so Wolin, ist von realen Ereignissen in diesem Raum (als es gegen die kommunistische Regierung in Afghanistan ging, wurden Islamisten wie Bin Laden auch noch von den USA unterstützt…) und vom wahabitischen Saudi-Arabien geprägt worden, nicht von Ideen und der Propaganda durch Nazis und einzelnen Muftis und Imamen oder einer “Mufti-Gailani-Leers-Linie”, wie Herf behauptet. Nur in Qutb’s Spätschriften, insbesondere “Our struggle with the jews”, finde sich eine deutlich “islam-faschistische“ Verbindung, die dann von al-Qaida und anderen Salafiten aufgenommen wurde. Das Fortleben “nazistischer” Ideen in “Arabien” nach 1945 sei eng begrenzt gewesen.

Von Peter Wien, Gerhard Höpp und René Wildangel erschien 2004 “Blind für die Geschichte? Arabische Begegnungen mit dem Nationalsozialismus”, ein Sammelband des Zentrums Moderner Orient (ZMO). Darin wird das oft vereinfacht dargestellte Verhältnis arabischer Menschen, Regierungen oder Medien zum europäischen, besonders deutschen, Faschismus untersucht, auch auf die aktuelle Instrumentalisierung historischer Erfahrungen in der palästinensisch-israelischen Auseinandersetzung eingegangen. Der israelische Historiker Israel Gershoni untersucht in seinem Beitrag die Situation in Ägypten zu Beginn der 1930er, weist darauf hin, dass insbesondere die auflagenstarke Zeitschrift “Al-Hilal”, ein Organ der Intellektuellen und städtischen gebildeten Mittelschicht, schon früh und äusserst besorgt von den totalitären Strukturen und der rassistischen Hetze in Deutschland unter dem NS berichtete und diese ablehnte. Auch in Palästina gab es nazikritische Haltungen. Gerhard Höpp belegt in seiner Untersuchung detailgenau, dass in den Lagern der Nazis auch Araber gefangen und getötet wurden. Von der rassistischen Behandlung in deutschen Kriegsgefangenenlagern konnten auch die maghrebinischen Soldaten berichten, die in der französischen Armee gekämpft hatten und in Gefangenschaft geraten waren. Die Arbeit von Götz Nordbruch behandelt aktuellen Debatten zum Nationalsozialismus in Ägypten.

Die heutige “Judenfeindschaft” im “Orient”, inklusive jene unter Palästinensern, wird auch gerne mit der behaupteten “Verbindung” zu erklären versucht, als ob die Kinder in den palästinensischen Gebieten nicht von einer brutalen Besatzung, von der israelischen Armee, einem Staat, der darauf besteht, als “jüdisch” anerkannt zu werden, und seinen Siedlern, die die Bevölkerung in Hebron und anderen Orten terrorisieren, erzogen werden würden. Es ist einfacher, Palästinenser als Nachfolger/Agenten der Nazis zu denunzieren, als auf die wirklichen Gründe ihres Widerstands einzugehen. Rassismus in Israel, in der Presse, vor allem in “Yedioth Ahronoth”, aber auch von Politikern und Rabbinern, wird in der Regel ausgeblendet, zum Tabu gemacht – von “Memri”, das den Anspruch erhebt, die Medienlandschaft der Region repräsentativ wiederzugeben, aber nur “moslemische” Medien, Geistliche, Politiker, oft genug verzerrt, “wiedergibt”, sowieso. Der ägyptische Historiker Salah Issa schrieb zu den Vorwürfen des “Antisemitismus” in arabischen Medien, dass diese in einigen Fällen berechtigt seien, in Ägypten hätten sich einige Journalisten das ursprünglich europäische antijüdische Vokabular angewöhnt, ohne sich seiner historischen Dimension bewusst zu sein. Der Sache, der sie dienen wollten, nütze das nicht. Es sei dumm, Autoren wie Roger Garaudy und David Irving zu verteidigen, wenn man sich für die Rechte der Palästinenser einsetzen wolle. Erst dadurch gebe man die Gelegenheit, die ägyptische Presse als “antijüdisch” an den Pranger zu stellen.