Deutschland und Polen

Zwischen Deutschland und Polen gibt es historisch enge Verbindungen, Wechselwirkungen, die Geschichten der Länder sind mit einander verwoben. Es gibt von Deutschland an Polen verlorene Gebiete, Deutsche im jetzigen Polen, aus Polen Vertriebene in Deutschland, polnische Einwanderer in Deutschland,… Rastenburg, Breslau oder Auschwitz sind nur einige von vielen Orten mit deutschem Bezug im heutigen Polen, die Rübezahl-Sage kommt aus dem Riesengebirge im böhmisch-schlesischen Grenzgebiet, Kant oder Schopenhauer stammten auch aus Teilen Deutschlands, die heute zu Polen gehören. Ein Streifzug durch die Wechselfälle dieses Verhältnisses.

Zusammenfassend kann man sagen, die Gebiete die im Mittelalter von der deutschen Ostsiedlung “betroffen” wurden, wurden in der Neuzeit zu “Preussen” zusammengefasst, bzw gingen mit Brandenburg in diesem auf. Durch die polnischen Teilungen kamen weitere Gebiete hinzu. Dies änderte sich durch die “Weltkriege” im 20. Jh, besonders natürlich durch den zweiten. Der allergrösste Teil der infolge dieses Kriegs verlorenen Gebiete ging an Polen, gehört ihm bis heute.1 Die ehemals deutschen Regionen Polens waren und sind alle mehr oder weniger multikulturell und multiethnisch, waren nie nur deutsch oder nur polnisch, was von beiden Seiten gerne ausgeblendet wird.2

Nach der Völkerwanderung wurden die seit dem 2. WK polnischen Gebiete durch slawische Stämme besiedelt. Im 10. Jh entstand ein Polnisches Reich, unter der Piasten-Dynastie, in Nachbarschaft zum HRR, dem Kiewer Reich und Gebieten der baltischen Völker. Bald darauf begann die deutsche Ostsiedlung, unter dem Deutschen Orden, (u.a.) in Randgebieten Polens (im Norden und Westen). Zeitweise unterstützten die piastischen Könige Polens die deutsche Ansiedlung, und gegen die “heidnischen” Prussen arbeiteten Polen und der Deutsche Orden im 13. Jh sogar zusammen. In Folge dieser Kampagne übernahm der Orden grosse Teile der Ostsee-Küste, begründete den Deutschordens-Staat. Und im 14. Jh begannen die Kriege des Ordens mit dem Königreich Polen3, die bis ins 16. Jh gingen. 1410 der polnisch-litauische Sieg von Tannenberg/ Grunwald im späteren Ostpreussen. Im 16. Jh wurde der (restliche) Deutschordensstaat im Zuge der Reformation in das Herzogtum Preussen umgewandelt, als autonomes Lehensgebiet des Königreichs Polen-Litauen.4 In dem Herzogtum herrschte eine deutsche Oberschicht, gab es Assimilationsdruck auf die slawischen und baltischen Bevölkerungsteile.

Polen-Litauen wurde im 16. Jh eine Realunion, Warschau wurde statt Krakau Hauptstadt, verlor im 17. Jh nach einem Kosakenaufstand die spätere Ukraine an das Russische Reich, stand zwischen den mächtigen Nachbarn Russland und Deutschland, wählte nach Aussterben der Jagiellonen seine Könige aus dem Adel. Das Herzogtum Preussen wurde 1618 mit dem Kurfürstentum Brandenburg in einer Personalunion verbunden, wobei der polnische König noch die Oberherrschaft hatte und das Gebiet nicht zum HRR gehörte. Einige Teile Preussens standen unter direkter polnischer Herrschaft, wie das ostpreussische Ermland (seit der Tannenberg-Schlacht) und das westpreussische Pommerellen. (Das brandenburgische) Preussen war ab 1701 Königreich. Brandenburg-Preussen wurde im 18. Jh eine Grossmacht, nicht zuletzt durch die Eroberung des grössten Teil Schlesiens von Österreich. Schlesien hat auch eine lange deutsch-polnische Geschichte, in Oberschlesien waren die Grenzen zwischen den Nationalitäten fliessend.

1764 die letzte Königswahl in Polen, Stanislav II. August Poniatowski5 wurde gewählt. Die beiden deutschen Mächte Österreich und Preussen sowie Russland einigten sich aber 1772 auf eine Auf-Teilung Polens. 1793 und 1795 folgten weitere. Russland bekam die grössten Teile, Österreich Galizien, und Preussen bekam das bislang polnische Preussen, das Posener Gebiet, sowie zeitweise Zentralpolen. Kurfürst Friedrich Wilhelm I. wurde 1772 infolge der Annexion Polnisch-Preussens zum König von Preussen, statt in. Die Polen wehrten sich mit Aufständen wie jenem unter Kosciusko, gingen in den nächsten Jahrzehnten in grosser Zahl ins Exil, hauptsächlich nach Frankreich. Durch die napoleonischen Kriege änderte sich die Aufteilung der polnischen Gebiete zwischen Preussen und Russland, Zentralpolen um Warschau ging an Russland. Am Wiener Kongress 1815 erst kam es zu einer Realunion von Brandenburg und Preussen. Das eigentliche Preussen (West-, Ost-) blieb ausserhalb des Deutschen Bundes, ebenso Posen. Erst mit Gründung des Deutschen Reichs unter preussischer Führung, wenige Jahre nach dem “Ausgleich” Österreichs mit Ungarn, 1871 änderte sich das.

Im Zuge der Nationswerdungen wurde die Kluft zwischen Deutschen und Polen grösser. Die radikale Linke (!) in der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49 stimmte mehrheitlich für die grossdeutsche Variante (also ein Deutsches Reich mit Österreich) und wollte sich dabei, wie Carl Vogt ausführte, gegen Polen und Ungarn auch auf „einen heiligen Krieg der Kultur des Westens gegen die Barbarei des Ostens“ einlassen. Ab 1880 betrieb das Deutsche Reich in von Polen “geerbten” Gebieten eine verschärfte Germanisierungspolitik; durch die Schaffung der „Preußischen Ansiedlungskommission“ sollten laut Bismarck deutsche Neuansiedler einen „lebendigen Wall gegen die slawische Flut“ bilden, v.a. in der preussischen Provinz Posen, ein altpolnisches Gebiet, das durch die zweite polnische Teilung an Preussen gekommen war (durch den Wiener Kongress “endgültig”), zuvor nie deutsch gewesen war und besonders stark polnisch besiedelt/geprägt war. Auch die Nazis faselten dann von Bedrohung und Rettung abendländischer Kultur und Asien, während sie mordeten und vertrieben.

Alle Gebiete mit “polnischer Vergangenheit” waren preussische Provinzen geworden, und in allen gab es eine unterschiedlich ausgeprägte deutsch-polnische Mischkultur, im Norden (Ostseeküste) auch mit baltischen Beimischungen. Vieles Polnische wurde eingedeutscht. Familien- und Ortsnamen, die auf -ski, -itz, -lau, -ow und teilweise auch auf -a enden, zeugen bis heute von einem slawischen Ursprung. Manche haben aber auch irgendwann ihren Namen ändern lassen, von polnisch auf deutsch! Aber die Mischungen und Assimilationen gehen zT viel weiter zurück als die feste Etablierung deutscher Herrschaft und auch vor die deutsche Ostsiedlung. In Schlesien etwa in die Zeit der germanischen Wandalen und der west-slawischen Polanen. Niederschlesien, wo sich die Reformation durchsetzte, nahm eine andere “nationale” Entwicklung als Oberschlesien, wo keine konfessionelle Schranke zwischen Deutschen und Polen existierte, und sich eine gemeinsame Kultur mit der schlesischen (Misch-) Sprache und Bräuchen etablierte.6 Dort entwickelten sich auch spät Zugehörigkeitsgefühle zur deutschen oder polnischen Seite, zT erst im 20. Jh, unter starkem Druck.

Im späteren Ostpreussen haben sich die baltischen Prussen bereits im Spätmittelalter an die sie umgebenden Deutschen, Polen, Litauer, Masuren assimiliert, sind in ihnen aufgegangen. Das Ermland wurde erst mit der ersten polnischen Teilung Teil Ostpreussens, die lange polnische (Ober-) Herrschaft erhielt dort den Katholizismus, aber kaum eine polnische Identität. Die Masuren, slawischer und baltischer Herkunft, wurden in Ostpreussen grösstenteils an die Deutschen assimiliert – wobei auch die Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche eine entscheidende Rolle spielte. Trotz aller Assimilierungen lebten in den östlichen Provinzen Preussens nach den Aufteilungen Polens etwa 3 Millionen Menschen polnischer Sprache und Identität, hauptsächlich in Posen und Westpreussen.7 Ein Teil dieser Polen in den preussischen Ostprovinzen wanderte Ende des 19. Jh und zu Beginn des 20. mit der Industrialisierung ins Rhein-Ruhr-Gebiet (ebenfalls preussisch) ein, aber auch nach Berlin und Mitteldeutschland. Sie waren dort starkem Integrationsdruck ausgesetzt. Von Ost-Preussen bzw Ost-Deutschland wurde nur Schlesien industrialisiert, hauptsächlich das “obere”; man kann also sagen dass Deutsche und Polen zusammen die beiden Industriereviere Deutschlands aufgebaut haben.

Im seit den Teilungen österreichischen Teil Polens, Galizien (ein Teil des historischen Kleinpolens), gab es eine früh polonisierte Volksgruppe deutscher Herkunft, die Walddeutschen/ Taubdeutschen/ Oberländer; daneben kamen in der österreichischen Zeit weitere Siedler. Auch in den nun russischen historischen Teilen Polens gab es deutsche Volksgruppen, in den Regionen Kurland, Litauen, Wolhynien und Lodz, wo die meisten aus der Ansiedlung in den ca. 15 Jahren der Zugehörigkeit Zentralpolens zu Preussen nach der zweiten Teilung stammten.

Das Deutsche Reich wurde nach dem 1. WK bekanntlich Republik, und musste, aufgrund des Versailles-Vertrags8, einige Gebiete abtreten: fast das gesamte Posen-Gebiet, Teile Westpreussens, Teile Schlesiens9, Teile Ostpreussens, einen Teil der Rheinprovinz, einen Teil Schleswig-Holsteins, Elsass-Lothringen und die Kolonien. Und, Polen wurde damals wieder-geschaffen, aus bislang deutschen, österreichisch-ungarischen und russischen Gebieten. Das Polen, das 123 Jahre nach der letzten Teilung wieder entstand, entsprach territorial in etwa jenem vor dem Beginn der Teilungen. Nach dem Welt-Krieg vergrösserte Polen, bis 1921, sein Gebiet noch gegenüber der Sowjetunion und der Tschechoslowakei. Die Grenze zur SU war Polens längste; jene zum DR durch den Versailles-Vertrag wurde zT von polnischen Nachkriegs-Aufständen in Ober-Schlesien und Posen beeinflusst.

Westpreussen wurde zwischen Deutschland und Polen geteilt, Polen sollte (nach dem Willen der Herrscher der Siegermächte des Kriegs) auch einen Ostsee-Zugang bekommen, Danzig/ Gdansk wurde internationalisiert; die deutsch gebliebenen Reste von Wespreussen und Posen wurden zur (preussischen Provinz) Grenzmark Posen-Westpreussen zusammengefasst, der östliche Teil von WP ging an Ostpreussen. Das etwas verkleinerte OP, wo es im Krieg Schlachten mit den Russen (u.a. bei Tannenberg) gab, lag exterritorial vom restlichen Reich, durch die Abtretung von Danzig und Umland; zwischen Pommern bzw Posen-Westpreussen und Ostpreussen gab es eine Art Korridor, für Polen. Bei der Volksabstimmung im südlichen Ostpreussen 1920 über die Zugehörigkeit des betreffenden Gebiets zu Deutschland oder Polen stimmten überwiegende Teile der polnischen Ermländer sowie der Masuren/ Masowier für Deutschland. Es heisst, dass viele von ihnen in der Zwischenkriegszeit (ZKZ) ihre Namen in deutsche änderten. Auch das zeigt, dass Deutschtum (auch) dort relativ ist.

Polen war Hauptnutzniessser der deutschen Gebietsverluste. Deutsche/ Deutsch-Sprachige als Minderheiten in verschiedenen europäischen Staaten, wie es sie in der Zwischenkriegszeit gab, war etwas ziemlich neues. In Polen gab es in allen Landesteilen deutsche Volksgruppen, in den bislang deutschen und österreichischen Gebieten, aber auch den von Russland gewonnenen (s.o.). Die polnische Minderheit im Deutschen Reich war dagegen kleiner geworden. Die unter polnische Herrschaft geratenen Deutschen hatten gemäß Versailler Vertrag das Recht auf die polnische Staatsbürgerschaft; es gab aber nicht wenige, die sich entschieden, ihre Heimat aufzugeben und in deutsch gebliebene Gebiete zu übersiedeln. In Schneidemühl in Posen-Westpreussen entstand ein Aufnahmelager für sie. Die meisten deutschen Regierungen der Weimarer Republik versuchten eine Form der Revision der Grenzen. Deutsche zählten in der Zweiten Polnischen Republik über eine Million, machten zwischen 2 und 4 Prozent aus. Am konzentriertesten lebten sie im abgetrennten Teil Westpreussens, der im Województwo Pomorskie (Pommersche Provinz) aufging (auch ohne Danzig, das ja international war). Pomorzie ist zwar etymologisch die polnische Entsprechung zu Pommern, bezeichnet aber nicht dasselbe Gebiet. Die Provinz/ Woiwodschaft lag in Nachbarschaft zu den deutschen Provinzen Ostpreussen und Pommern sowie zur polnischen Posen-Provinz.

Aus den polnisch gewordenen Teilen Ober- und Niederschlesien wurde das Województwo Śląskie (Provinz Schlesien) gebildet, mit der Hauptstadt Katowice/ Kattowitz. Woiwode /Wojewoda (ernannter Ministerpräsident/ Landeshauptmann) dieses polnischen Schlesiens war von 1926 bis 1938 Michał Grażyński, dessen Politik gegenüber der deutschen Minderheit als “feindselige” beschrieben wird. Es gibt starke Schwankungen zwischen den Zahlen der bei den Volkszählungen 1921 und 1931 im polnischen Schlesien als Deutsche deklarierten (von 44 auf 6%) und zwischen dem Stimmenanteil deutscher Parteien dort und den aufgrund der Volkszählungen ausgewiesenen Bevölkerungsanteilen der Deutschen. Zu erklären ist das vielleicht dadurch, dass sich viele eigentlich polnische Schlesier in der einen oder anderen Hinsicht zeitweise “deutsch” deklarierten, zusätzlich zu jenen Schlesiern polnischer Herkunft, die längst deutsch assimiliert waren.

Erwin Hasbach aus (dem früheren) Westpreussen (1945 dann geflüchtet) war lange Abgeordneter im polnischen Parlament, für die Deutsche Partei-Vereinigung des deutschen Volkstums in Polen (DP-Verein., bestand 18-22), danach für andere Parteien. Dann gab es, 22-39, eine andere Deutsche Partei (DP), für die etwa Johann Rosumek aus Ober-Schlesien im polnischen Parlament saß. Dann existierte u.a. noch eine christdemokratische deutsche Partei, die mehrmals ihren Namen änderte bzw sich neu konstituierte (KDV, DKV, CDV). Die deutschen Parteien gingen meist Wahlbündnisse mit Parteien der anderen Minderheiten in Polen ein > BNM. Der Rat der Deutschen in Polen (RDP) war die Dachorganisation der Organisationen und Parteien der deutschen Minderheit in der Zweiten Polnischen Republik. Er bestand von 1934 bis 1939 mit Sitz in Warschau. Rudolf Wiesner, im damals deutschen Oberschlesien geboren, war Gründer der Jungdeutschen Partei in Polen (JDP), einer NS-nahen Partei. Sie wurde wichtigste Deutschen-Partei in Polen, Wiesner Abgeordneter. Im internationalisierten Danzig hat, in den 1930ern, auch die NSDAP Zulauf bekommen. Wie Menschen dort dem Gesang der nationalistischen Nachtigall verfielen, wird auch in der “Blechtrommel” geschildert.

Im Polen der Zwischenkriegszeit machten ethnische Minderheiten gut ein Drittel der Bevölkerung aus (siehe).10 Auch bei den anderen mussten jene, die durch Gebietstransfers unter polnische Herrschaft kamen, erst eingebürgert werden. Ukrainer, hauptsächlich im südlichen Ost-Polen, zählten an die 4 Millionen Menschen, machten etwa 15% der Gesamtbevölkerung aus. Juden gab es unter 3 Millionen (etwa 10%), lebten vorwiegend in Ostpolen. Die über eine Million Weissrussen (ca. 3,5 %) hatten ihren Siedlungsschwerpunkt im damaligen Nordostpolen. Dann gab es eben noch Deutsche, Litauer, Kaschuben, Tschechen, Masuren, Russen, Armenier, Sinti, Griechen, Tataren,… Wenn man so will, ist die zweite polnische Republik an dieser “demografischen Situation” gescheitert bzw zerstört worden. Die Minderheiten hatten alle ihre Organisationen und Parteien, diese traten 1922 bis 1935 zusammen als Wahlbündnis Blok Mniejszości Narodowych (BMN; Block nationaler Minderheiten) an. Für die Deutschen wurde zB Heinrich Greitzer auf der Liste des Blocks gewählt. Bei der Parlamentswahl 1922 erreichte der BMN 19,5% und wurde die zweitstärkste Partei… In mehreren ostpolnischen Woiwodschaften wurde der Minderheiten-Block stärkste Partei, aufgrund der Stimmen der Ukrainer, Weissrussen, Juden. 1938 traten die diversen Minderheiten-Parteien einzeln an, dies war auch die letzte faire Wahl in Polen bis 1990.11

Die Ukrainer im ZKZ-Polen, unter Führung von Vlad Turchynyv und anderen, lebten in Gebieten die zuvor russisch gewesen waren und dem zuvor österreichischen Galizien (besonders in dessem östlichen Teil, mit dem Zentrum Lwiw/Lemberg). Sie kämpften um ukrainisch-sprachigen Schulunterricht und (erfolglos) eine ukrainische Universität in Lemberg. Im damaligen Südost-Polen des Landes war die militante Organisation Ukrainischer Nationalisten (ONU) aktiv, bekämpfte den polnischen Staat mit Anschlägen und Sabotageakten, was zu Militäraktionen Polens führte. Wie so oft bei Terrorismus, ist auch hier die Frage, was zuerst war (die Unterdrückung oder die Gewalt), was Reaktion und was Aktion war. Die Weissrussen erhielten 1929 an der Universität Wilna/ Vilnius (wo auch die Litauer im ihre Rechte kämpften) einen Lehrstuhl für Beloruthenistik. Der “Führer” der Weissrussen in Polen, Taraskiewicz, ging in die SU.

Die grosse jüdische Volksgruppe war stark diversifiziert, nach der kulturell-ethnischen Prägung (zT deutsch, zT polnisch, zT russisch-ukrainisch, zT in einer deutsch-slawisch-jiddischen Mischkultur,…), nach der Haltung zur Religion, der politischen Ausrichtung (Zionismus, Kommunismus,…),… Für die meisten war die Erstsprache Jiddisch. Etliche spätere israelische Staats- und Ministerpräsidenten, Minister, Militärs,… wuchsen in diesem Polen auf, so wie Szymon Perski (> Shimon Peres) im weissrussisch geprägten Polesien. Einer der Juden-Vertreter im Minderheiten-Block BMN, Yitzak Grunbaum, wanderte 1932/33 nach Palästina aus, wurde 1948 israelischer Innenminister.12 Das Scheitern dieses Polens, bzw seine Zerstörung, hauptsächlich durch Hitler, hatte auch Auswirkungen auf die Region, die heute gerne “Naher Osten” oder ähnlich genannt wird.

1926 endete eigentlich in Polen das parlamentarisch-demokratische Regierungssystem und das Land bekam ein autoritäres politisches System. Der starke Mann dieser Republik, Józef Piłsudski (eher nach Osten orientiert), führte augrund der instabilen innenpolitischen Situation einen Staatsstreich durch, und war bis zu seinem Tod 1935 De-Facto-Staatschef, auch wenn in der Regel Andere Staats- oder Ministerpräsidenten waren. Der deutsche “Führer” Hitler schloss 1934 mit Polen einen Nichtangriffspakt ab, trotz seiner Gebietsansprüche bzw seiner Verachtung für das Land an sich. Im selben Jahr kündigte Polen den Minderheitenschutzvertrag und kündigte an, ein solches Abkommen nur erneut abzuschliessen, wenn es ein einheitliches für ganz Europa geben würde.

1937 schlossen das Deutsche Reich und Polen einen bilateralen Vertrag, der den Schutz der “eigenen Landsleute” im jeweils anderen Staat festschrieb. Tatsächlich  gab es in Polen mit Ukrainern und Weissrussen weit grössere Reibereien als mit der deutschen Volksgruppe. Nach der Ermordung von Innenminister Pieracki durch einen ukrainischen Nationalisten 1934 liess die polnische Regierung in der Kleinstadt Bereza Kartuska im Osten ein Internierungslager für ukrainische Nationalisten, Kommunisten und Regimegegner anlegen. Nach Piłsudskis Tod blieb der autoritäre Staat (und die Auseinandersetzung mit den ostslawischen Minderheiten) erhalten, unter anderen Personen, mit den beiden Machtzentren um Mościcki sowie Rydz-Śmigły. Die deutsche Minderheit geriet nach der Machtergreifung der Nazis im Reich immer stärker unter deren Einfluss, damit sank ihre Loyalität zu Polen, wuchs das Misstrauen der Polen ihnen gegenüber,… Die beiden grossen Nachbarstaaten Polens, das Deutsche Reich und die Sowjetunion, hatten beide Volksgruppen in Polen, für die sie sich zuständig fühlten, über die sie Gebietsansprüche formulierten. Die Differenzen zwischen Hitler und Stalin verführten Polen, sich in Sicherheit zu wiegen.

Die Polen im Deutschen Reich setzten sich aus den Ruhrpolen und jenen in den preussischen Ostprovinzen zusammen, wobei der 1. WK das betreffende Territorium dort eben ziemlich stark verändert hat. Bei den Polnisch-Stämmigen im Ruhrgebiet wie jenen im Osten gab es jene, die dabei waren, sich an die Deutschen zu assimilieren. Es gab ab Anfang des 20. Jh diverse polnische Parteien und Wahlbündnisse in Deutschland, die Polnische Nationaldemokratische Partei, die in den 1920ern durch die Polnische Volkspartei und 1932 durch die Polnische Liste abgelöst wurde. Einer ihrer prominentesten Vertreter im Reichstag war der schlesische Journalist Wojciech Korfanty.13 In der Weimarer Republik wurden die Polen als nationale Minderheit anerkannt. Ihre Gesamtzahl belief sich damals auf etwas zwischen 200 000 (polnische Schätzung) und 2 000 000 (deutsche Schätzung)… Es kam eben (u.a) darauf an, ob man auch Masuren oder Oberschlesier als Polen rechnete, bzw ob man Polentum durch Abstammung oder aber durch Muttersprache definierte.

Von 1924 bis 1939 bestand ein Verband der nationalen Minderheiten in Deutschland, aus den Organisationen der Polen (Bund der Polen in Deutschland), Dänen, Sorben, Friesen, Litauer; die Tschechen und Masuren wurden noch in der Verbandszeitschrift berücksichtigt. Der Verband trat bei Wahlen zum Preussischen Landtag an. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde er aufgelöst. Bei der letzten Reichstagswahl, jener im März 1933, erzielte die NSDAP ihre besten Ergebnisse in den drei Gebieten des östlichen Preussens, Ostpreussen, Pommern und Westpreussen-Posen (um die 55%). Die Familie von Reichspräsident Hindenburg stammt aus Ostpreussen14, die Vorfahren waren nach Osten ausgewandert und sind dort herumgewandert, er wurde in Posen geboren.

Mit dem Minderheitenschutz, wie polnisch-sprachigem Schulunterricht, war es schon zuvor vorbei.  Mit dem Angriff des nationalsozialistischen Deutschland auf Polen am 1. September 1939 wurden die polnischsprachigen Schulen in Deutschland geschlossen und zahlreiche polnische Aktivisten und Lehrer verhaftet. Viele sind anschliessend in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern ums Leben gekommen. Am 7. September 1939, unmittelbar nach Beginn des Polenfeldzugs, wurde die Anerkennung als nationale Minderheit von der nationalsozialistischen Diktatur Hitlers per Dekret widerrufen und der Bund der Polen in Deutschland verboten. Am 3. Juni 1940 wurden die Immobilien, Banken und sonstiges Vermögen der polnischen Minderheitsorganisationen im Deutschen Reich beschlagnahmt.

Danzig/Gdansk

Mit dem nazideutschen Überfall auf Polen (“Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen”) begann bekanntlich der 2. Weltkrieg. Vorausgegangen war dem die Übereinkunft der Dikatoren Hitler und Stalin, die auch eine neue Auf-Teilung Polens beinhaltete und bedeutete. Wie schon 150 Jahre zuvor wurde Polen zwischen Deutschland und Russland, nun unter besonders schlimmen Diktaturen, geteilt. Den französischen Protest kommentierte die NS-Propaganda mit „Mourir pour Danzig?“, als ginge es den Nazis nur um dieses Ziel und als müsse jede Macht nur im engen eigenen Interesse handeln. Im Zuge des deutschen Einmarsches in Polen 1939 gab es Übergriffe auf die deutsche Minderheit im Lande, hauptsächlich in Bromberg/ Bydgoszcz (Posener Gebiet); dieser “Bromberger Blutsonntag” wurde von der NS-Propaganda ausgeschlachtet – wie das “Hebron-Massaker” 1929 von Zionisten bis heute, auch mit der Verdrehung von Ursache und Wirkung, Vervielfachung von Opferzahlen,… Und die NS-Kriegsmaschinerie begann zu rollen. Blitzkrieg, Gleiwitz, Bromberg, Danzig, Wolfsschanze, Auschwitz,…

West-Polen wurde nach der Besetzung dem Deutschen Reich einverleibt, den Osten nahm sich die SU, die Mitte wurde vom DR “verwaltetes” Generalgouvernement. Es wurde der Reichsgau Wartheland bzw Warthegau gebildet, mit niemals vorher deutsch gewesenen Gebieten wie jenem um Lodz; Bromberg wurde dagegen Danzig-Westpreussen zugeschlagen, auch Schlesien wurde gehörig erweitert,… Das Generalgouvernement (Warschau, Krakau, Lublin,…), der nicht annektierte deutsch besetzte Teil Polens, wurde nach dem Angriff auf die SU 41 um Teile des vormaligen Ost-Polens erweitert (u.a. Ost-Galizien), bis 45. Die anderen Teile Ostpolens kamen zum “Reichskommissariat Ukraine” und zum “Reichskommissariat Ostland”, wurden mit besetzten Gebieten der SU zusammengefasst. Im Generalgouvernement gab es nur auf kommunaler Ebene eine begrenzte polnische Selbstverwaltung; Zwangsarbeiter wurden dort rekrutiert, “Konzentrationslager” errichtet,… “Volksgruppenführer” Rudolf Wiesner war 1939 von polnischen Behörden verhaftet worden, von den Nazi-Invasoren dann befreit. Seine Partei ging ’39 in der NSDAP auf. Wiesner wurde von Hans Frank in die Verwaltung seines “Generalgouvernements” geholt, ihm ging es ähnlich wie Sudetendeutschen-Führer Henlein. 1940 wurde Wiesner als Abgeordneter in den Reichstag berufen, in dem er bis zum Ende der NS-Herrschaft im Frühling 1945 Schlesien vertreten sollte. Am Kriegsende flüchtete er nach Westdeutschland.

Für Polen brachte die Invasion Gebietsaufteilungen, Festnahmen, Umsiedelungen, Erschiessungen, Zerstörungen, Enteignungen, Zwangsarbeit,… Das Massaker von Katyn 1939 an dorthin verschleppten polnischen Offizieren war eines der von bewaffneten Kräften der SU verübten. Bezeichnenderweise waren auch alle NS-Vernichtungslager im besetzten Polen, hauptsächlich im Generalgouvernement (Treblinka, Majdanek, Sobibor, Belzec), in direkt deutsch beherrschten Gebieten lagen jene in Auschwitz/Oświęcim (40-45, ~1 Mio. Opfer) und Chelmno/Kulmhof (Warthegau). Auschwitz war historisch ein Teil des westlichen Galizien (und daher lange bei Österreich) und dann Teil der Zweiten Polnischen Republik; nach dem Nazi-Einmarsch wurde es Schlesien zugeschlagen. Die SS erstellte mit Hilfe von einigen “Volksdeutschen” des nun aufgeteilten Polens das “Sonderfahndungsbuch Polen” mit etwa 60 000 Namen von Polen – nach diesen wurde gefahndet und sie verhaftet und/oder getötet. Es gab auch in Polen Menschen, die mit dem NS kollaborierten. Es wurden im „Generalplan Ost“ auch “Wertvolle” unter den „Untermenschen“ gesucht. Und in einer „Deutschen Volksliste“ wurde die Polen mit möglichen deutschen Wurzeln in 4 Kategorien mit jeweils abgestuften Rechten eingeteilt. Bis zum Nazi-Angriff auf die SU 41 führte diese ebenfalls Deportationen von Polen durch.

Der Hitler-Stalin-Pakt war auch Basis für die Umsiedlungen von Auslandsdeutschen/ “Volksdeutschen”; 1939 bis 44 wurden ca. 1 Million dieser umgesiedelt, aus “abgelegenen” Gebieten, die nicht als Teil eines künftigen Grossdeutschen Reichs gesehen wurden. Umgesiedelt wurden sie in Gebiete dieses vergrösserte Deutschlands. Hauptsächlich war das der neu geschaffene “Warthegau”, das vergrösserte Posener Gebiet, besetztes polnisches Gebiet. Daneben auch Ostpreussen und andere Gebiete. Vor allem im Wartheland wurden Polen für sie vertrieben. Angehöriger deutscher Volksgruppen in Zentral- und Ostpolen wie die Wolhyniendeutschen sowie assimilierte Polen von dort wurden zB im Warthegau angesiedelt. Die Familie von Ex-Bundespräsident Horst Köhler waren Bessarabien-Deutsche, aus dem damaligen Rumänien. Auch diese wurden “heim ins Reich” geholt, also entwurzelt und mehrmals umgesiedelt. Aus dem Warthegau flüchtete man dann ins deutsche Ländle.

Nicht nur die Revision von Versailles wurde vorgenommen, sondern wahnsinnige Ziele angestrebt und umgesetzt. Im NS wurde die Inbesitznahme und Neu-Besiedlung von Krim oder Burgund geplant, letztlich wurde aber sogar Stettin und Breslau verloren. Die Ausweitung Deutschlands nach Osten war geplant und in Arbeit, effektiv wurde das Gegenteil erreicht. Und, Polen wurde der Gedanke näher gebracht, dass gewaltsamer Bevölkerungstransfer eine Möglichkeit zur Lösung “nationaler Probleme” ist…bzw dass die totale “Ethnisierung” der Bevölkerung im nationalen Interesse ist.

Nach der Aufteilung Polens 1939 konstituierte sich in GB eine Exilregierung, mit der diverse Exilarmeen verbunden waren, die hauptsächlich gegen die Nazi-Besatzung Widerstand leisteten, mit den West-Alliierten verbunden war. Einer dieser Armeen stand General Wladyslaw Anders vor, von den Wurzeln her Deutsch-Balte (oder Baltendeutscher) und evangelisch. 39 von der SU gefangen genommen nachdem er den Widerstand gegen ihre Besatzung leitete, durfte er dann Einheiten bilden und wurde mit ihnen über den Iran in britische Machtsphären im “Nahen Osten” verlegt. Stalin entzog der polnischen Exilregierung 1943 die Anerkennung, weil sie (zutreffenderweise) die SU für das Katyn-Massaker verantwortlich machte. Bald darauf kam der Ministerpräsident der Exilregierung, Wladyslaw Sikorski, bei einem Flugzeugabsturz bei Gibraltar ums Leben. Widerstand leistete auch die Armia Krajowa (“Heimatarmee”), die den grossen Aufstand im besetzten Warschau (Generalgouvernement) im Sommer 1944 organisierte. Das war knapp nachdem die Rote Armee die Heeresgruppe Mitte der Wehrmacht zerschlagen hatte (Juli 44), und alliierte Truppen von 3 Richtungen auf Deutschland zu rollten.

Als im Oktober 44 eine Vorhut der Roten Armee Nemmersdorf im nördlichen Ostpreussen15 erreichte, war der Krieg auch am Boden nach Vorkriegs-Deutschland zurückgekommen. Das Massaker wurde von der NS-Propaganda prompt ausgeschlachtet und verdreht (Ursache-Wirkung, Henne-Ei), die Gegend von der Wehrmacht nochmal zurück erobert. Aber, bereits im November musste die Naziführung von der “Wolfsschanze” bei Rastenburg abziehen. Gauleiter in Ostpreussen war der Rheinländer Koch, Bonzen wie er gaben Durchhaltebefehle aus, setzten sich selber ab. Anfang 45 kam die Rote Armee erneut nach Nemmersdorf, setzte sich dauerhaft in Ostpreussen fest, begann die grosse Flucht von Deutschen aus den Ostgebieten.16

Und die an die Deutschen Assimilierten gingen in der Regel mit. Im Jänner 45 die Versenkung der „Gustloff“, die Deutsche aus Gdynia/Gdingen (“Gotenhafen”) in Westpreussen evakuieren sollte, Zivilisten, Soldaten, Offiziere, sowie KZ-Häftlinge aus Stutthof in Pillau. Überall versuchte man sich in Sicherheit zu bringen. Westlich von der Weichsel/ Wisla galt zunächst als sicher, obwohl das zT nicht Vorkriegsdeutschland war (Warschau liegt an der Weichsel). Kolberg/ Kolobrzeg in Pommern wurde im März von den Sowjets belagert, die Bevölkerung war inzwischen grösstenteils evakuiert. In der Stadt hatten preussische Truppen 1806/07 gegen Napoleons Truppen ausgeharrt, Goebbels liess dazu einen Propagandafilm machen, „Kolberg“ mit „Heinrich George“, hatte im Jänner 45 Premiere, wurde kaum mehr gesehen, weil viele Kinos zerbombt waren. Und diesmal fiel die Stadt.

Ab Anfang 45 flüchteten also Deutsche aus den Ostgebieten des Reichs vor der Roten Armee, westwärts, zT mit Pferdetrecks. Die Rote Armee kam erst zum Stillstand, als sie auf Westalliierte traf, in der Mitte Deutschlands. USA-Truppen stiessen Mitte 45 in die Tschechoslowakei vor, nach Sachsen,  Thüringen, Sachsen-Anhalt,…17, auch flüchtenden Deutschen (Soldaten und Zivilisten) entgegen. Als die Sowjets zum Stillstand kamen und der Krieg zu Ende war, begannen die “wilden” Vertreibungen von Deutschen aus ihrem Machtbereich. Viele Evakuierte waren am Kriegsende zurückgekehrt; Schlesien oder Pommern schienen nur Teile einer grossen Sowjetischen Besatzungszone zu sein. Diese wurden nun neu vertrieben, bzw neue Rückkehrer zurückgeschickt, Ende Mai wurde die Oder-Neisse-Grenze für sie gesperrt, im Juli endgültig. Nun begannen, in Folge der Potsdamer Konferenz (auf der auch die Westverschiebung Polens beschlossen wurde) die geordneten Vertreibungen; in Danzig oder Stettin geschah der grösste Teil der Aussiedlung der Deutschen erst hier, Mitte 45. Insgesamt sind 44-48 15 Mio. Deutsche oder Deutsch-Assimilierte aus den 1937er-Grenzen geflüchtet/vertrieben; ca. 1 Mio kamen ums Leben. Hinzu kamen die “Volksdeutschen”.

So klar und eindeutig war die Unterscheidung zwischen Ostdeutschen und Auslandsdeutschen (bezüglich der 37er-Grenzen) nicht. Die Flüchtlinge/ Vertriebenen/ Evakuierten/ Umsiedler aus den (später) polnischen Gebieten waren hauptsächlich Reichsdeutsche, aus dem Warthegau hauptsächlich “Volksdeutsche”, Auslandsdeutsche aus deutschen Streusiedlungen in Osteuropa. Die Ostdeutschen, einst als „wahre Deutsche“ gesehen, waren nun, da sie ins deutsche Kerngebiet einströmten, „osteuropäisches Völkergemisch“ und ähnliches, auch Goebbels rümpfte über sie die Nase. Mit den Deutschen aus Ostpreussen gingen auch viele polnischsprachige Ermländer sowie Masuren – wenn sie nicht ohnehin schon aufgegangen waren unter den dortigen Deutschen.18 Die deutschen Schlesier waren mit ca 3 Millionen die grösste Gruppe die umgesiedelt wurde. Auch hier gingen viele mit “undeutschen” Namen (bzw Wurzeln), wie Przyklenk, Tyralla, Luda, Michalik. So ähnliche “Konzepte” gab und gibt es bei den Windischen die aus den Kärntner Slowenen herausgelöst wurden, und den israelischen Drusen die nichts mit den Palästinensern zu tun haben sollten. Bis zu 1,5 Mio. deutsche Schlesier entgingen zunächst der Vertreibung, ob aus Nützlichkeit gegeneüber dem neeun Polen oder unklarer Volkszugehörigkeit.

Generalgouverneur von Polen 39-45 war Hans Frank, ein früher Nazi und Wegbegleiter Hitlers, dann Bonze in dieser Diktatur. Er residierte in der Krakauer Burg Wawel, wie einst polnische Könige… In dem von ihm beherrschten Gebiet befanden sich 4 KZs, er war dort als Sklavenhalter tätig, hatte Mitschuld an der Ermordung von Millionen Polen, der Errichtung von Ghettos, Plünderungen, arbeitete an der Zerstörung polnische Kultur,… auch seine Ehefrau war an den Untaten beteiligt. Angesichts der nahenden Ostfront warb er 44 um Polen (Untergrund, Intellektuelle, obwohl Zerstörung der Intelligenz Nazi-Politik für Polen gewesen war), für den “gemeinsamen Kampf gegen den Bolschewismus”19… Im Jänner 45 flüchtete er nach Bayern, wurde dort von USA-Truppen gefangen, aber nicht wieder verwendet (> von Braun, Gehlen,…), sondern nach Mondorf, dann Nürnberg gebracht. Befreite polnische Zwangsarbeiter (unter Franks Leitung deportiert!) überfielen den Hof in Bayern,auf dem seine Familie wohnte, nach deren Erzählungen liessen sie ab, als sie den Weinkeller entdeckten. Während Nürnberger Haft und Prozess unternahm Frank Selbstmordversuche, wurde gläubiger Katholik.20 Frank schrieb kurz vor seiner Hinrichtung 46, dass Hitlers Grossvater mütterlicherseits Jude gewesen sein könnte (Frankenberger-These), nahm sein Schuldbekenntnis zurück (Schuld sei durch Verbrechen an Deutschen relativiert). Sein Sohn Niklas schrieb im “Stern” eine Serie über den Vater, und dass er an dessen Todestag auf ein Foto von seiner Leiche onaniere.21 Niklas Frank schrieb auch Bücher, hat(te) mehrere Theaterprojekte,…

Die Exilregierung unter Raczkiewicz und Sikorski verlor 45 auch die westliche Anerkennung, ein Zugeständnis an die SU, ihre Armee aufgelöst, sie machte aber bis 90 weiter. 43 in Tehran einigten sich die Alliierten auf die Westverschiebung Polens, mit der Curzon-Linie (nach 1. WK bereits Grenze, dann Polen durch Krieg gg SU 21 weit nach Osten verschoben) als Ostgrenze22. In Jalta fasste man im Februar 45 die Oder-Neisse-Linie als Westgrenze ins Auge. Auf der Potsdamer Konferenz (Juli/August 45) wurde diese beschlossen sowie die Massenausweisungen von Deutschen (nach dem Vorbild des griechisch-türkischen “Austauschs” von 1923). Es war Stalin, der die polnische Westverschiebung durchsetzte, ggü den Westmächten, und dann eine Marionettenregierung in Polen einsetzte. Er wollte den Ostteil Polens für die SU behalten, den Hitler ihm 39 zugestanden hatte und der hauptsächlich von Ukrainern, Weissrussen, Litauern bewohnt war. Stalin hat den Ruf des Polenhassers, und manche sehen den Kulturpalast in Warschau als Souvenir, das er den Polen vor diesem Hintergrund hinterlassen hat.

Die polnischen Unabhängigkeits- und Irredentismus-Bestrebungen im späteren 19. und frühen 20. Jh fassten Gebiete, die schon sehr lange deutsch waren, wie Schlesien, meist nicht mit ein. Das Posen-Gebiet schon eher, da es erst mit den polnischen Teilungen deutsch bzw preussisch geworden war. Hauptsächlich ging es damals um die unter russischer Herrschaft stehenden Gebiete, also Kongresspolen und östlich davon liegenden Gebiete (die teilweise polnisch besiedelt waren). Und um das österreichische Galizien. Deutsche/preussische Gebiete wurden nur in Extremformen anvisiert, wurden “piastische Gebiete” genannt (weil sie unter dieser Dynastie zu Polen gehört hatten), rundeten Phantasien von einem Gross-Polen ab. Etwa bei Roman Dmowski. Wilna/Wilno/Vilnius oder Lemberg/Lwow/Lwiw waren dagegen integrale Bestandteile polnischer Pläne/Ziele. Die polnische Exilregierung in GB wollte während der Nazi-Besatzung keine territoriale Vergeltung in Form einer polnischen Westausdehnung auf Kosten Deutschlands. Weil sie einen darauf folgenden deutschen Revanchismus fürchtete, dem sich Polen nur durch Anlehnung an die SU (unter Preisgabe der Souveränität) widersetzen könnte. Aber die piastischen Grenzen kamen dann ja.

Die Westverschiebung Polens infolge des 2. WK verschob den Schwerpunkt des Landes aus dem Osten. Polen hat dadurch mehr verloren als gewonnen, flächenmäßig und was polnisch besiedeltes Gebiet betrifft. Deutschland hat etwa ein Viertel seines Territoriums an Polen verloren; und die SBZ/DDR wurde Deutschlands Osten. Polen bekam das südliche Ostpreussen (mit den Regionen Masuren und Ermland), Hinterpommern (mit Stettin und dem Oderdelta), Ost-Brandenburg/Neumark (mit dem östlichen Teil von Guben zB), den grössten Teil Schlesiens (inklusive Breslau), Westpreussen, das Posen-Gebiet23; ausserdem das einst österreichische West-Galizien. Eine Grenzziehung konsequent entlang der Oder/ Odra hätte das halbe Stettin sowie den grössten Teil Schlesiens für Deutschland erhalten (zunächst für die DDR). Die Oder-Neisse-Grenze zerschnitt mehrere Städte: Görlitz/Zgorzelec, Guben/Gubin, Frankfurt (Oder)/Słubice, Bad Muskau/Łęknica.

Im Juni 45, also vor der Potsdamer Konferenz, rückte die wieder-entstandene polnischen Armee zur Oder-Neisse-Linie vor, schloss die Grenzen für Rückkehrer. Ende Mai übergab die SU die Verwaltung dieser Gebiete an Polen, behielt sich das nördliche Ostpreussen sowie das bisherige Ost-Polen. Entgegen der Bestimmungen des Potsdamer Vertrags kam auf Wunsch der Polen ganz Stettin/ Szczecin zu ihnen und ein Gebiet westlich davon, also ein Teil Vorpommerns. Die Sowjets unterstellten Stettin und Umgebung bald nach der Eroberung Ende April 1945 einer polnischen Verwaltung. Die Festlegung der Grenze erfolgte im September, nach einer sowjetisch-polnischen Vereinbarung. Erst ab Greifenhagen/Gryfino führt die Grenze wieder entlang der Oder. Der grösste Teil Vorpommerns kam zur SBZ, dann an die DDR, an das Land Mecklenburg-Vorpommern sowie zu Brandenburg.

Polnische Soldaten markierten die Grenze am Oder-Ufer

Kriegswende, Vorrücken der Alliierten, Flucht und Vertreibungen aus dem Osten,  Besatzungen, Grenzverschiebungen bzw deutsche Teilungen, Ende der Diktatur bzw neue, das kam alles innerhalb weniger Jahre. Der Terror den die Nazis in viele Teile Europa brachten, kam zurück, er be-traf aber selten die wirklich Verantwortlichen. Man könnte sagen, dass die Vertriebenen/Umsiedler Hitlers letztes Opfer waren. Umsiedlungen in Mitteleuropa 39-49 durch Hitler wie auch seine Gegner betrafen ca 50 Mio Menschen. Ost-Europa wurde von den Nazis klar als auf einer minderwertigeren Stufe gesehen und behandelt; dort wutrde noch leichtfertiger über das Schicksal bzw den “Wert” von Menschen aufgrund ihrer vermeintlichen “Volkszugehörigkeit” entschieden. Aus dem Osten kamen zunächst Zwangsarbeiter, dann (deutsche) Flüchtlinge. Mit der Kinderlandverschickung gelangte Helmut Kohl nach Bayern, wo er eine vormilitärische Ausbildung erhielt. Von Berchtesgaden ging er ab Ende April 1945 mit drei Schulkameraden zu Fuß nach Ludwigshafen. Bei Augsburg verprügelten befreite polnische Zwangsarbeiter Kohl und Freunde in den Braunhemden.

In den vormaligen Nazi-Lagern, auch in Polen, wurden in der Nachkriegszeit (u.a) Deutsche gehalten. Zgoda in Schlesien war ein Aussenlager des KZ Auschwitz, von Februar bis November 45 wurden dort tatsächliche/vermeintliche deutsche Nazi-Kollaborateure gefangen gehalten. Wer in der NS-Volksliste “weit vorne” war, konnte leicht dort landen… Im Lager Potulitz, Aussenlager des KZ Stutthof (früheres Westpreussen), verhielt es sich ähnlich. Viel über die polnischen Gefangenenlager wurde vom jüdischen US-Historiker John Sack aufgedeckt, der von ca 70000 Opfern dort schreibt. Im ehemaligen KZ Sachsenhausen (Oranienburg, Brandenburg) wurden 45-50 (unter SU-Kontrolle, nicht polnischer) zunächst anscheinend NS-Belastete, dann allmählich aber (auch) Demokraten bzw Aktivisten die sich gg Entwicklung in der SBZ wehrten, eingesperrt! Laut Hubertus Knabe sind dabei etwa 12 000 Menschen umgekommen, darunter jedenfalls “Heinrich George”24. Das Lager Hohenschönhausen in Berlin ging über in “Besitz” der DDR (MfS), Knabe ist Leiter der Gedenkstätte dort. Es gab auch die “Reichs”- und “Volks”-Deutschen, die zu Reparationsarbeit in die SU verschleppt wurden.

Polen hatte wie sonst vielleicht nur noch die SU unter dem NS gelitten, allein bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands wurden 200 000 getötet. Jenen Deutschen, die 44/45 unter polnischer Herrschaft lebten, ging es meist noch schlechter als jenen unter sowjetrussischer. Für Polen tat sich ebenfalls binnen weniger Jahre Entscheidendes; die Befreiung von den Nazis durch die Rote Armee war mit der Errichtung einer neuen Diktatur verbunden, verbunden mit einem Territorial- und Bevölkerungstransfer. Nachdem es solche Transfers bereits unter Hitler gegeben hatte. Das Nachkriegs-Polen war weitgehend ethnisch homogen. Ethnisch bereinigte Staaten hatten nach dem 2. WK Konjunktur.25 Hitler wollte die Sammlung aller Deutscher in einem Staat, nun bekam man zwei deutsche Staaten (plus Österreich, Luxemburg,…) und verlor die deutschen Ostgebiete sowie die Siedlungsgebiete in Osteuropa. Die polnische Ostgrenze stimmte weitgehend mit der Aufteilung des Hitler-Stalin-Pakts überein.

44 übernahm das Lubliner Komitee/Nationales Befreiungskomitee (PPS, PPR,.. die Vorgängerparteien der polnischen kommunistischen Partei) die Herrschaft in Mittel-Polen; im Osten herrschte die SU (in den dann von ihr kassierten Gebieten), im Westen damals noch die Wehrmacht. 45 kam eine provisorische Regierung, von den Kommunisten dominiert, von der Roten Armee und anderen SU-Behörden im Land unterstützt. Gomulka, 56-70 Generalsekretär der KP als Nachfolger von Bierut, war für die komplette Vertreibung der Deutschen. 1947 eine halbfreie Parlamentswahl, mit einem Sieg eines linken Bündnisses (PPS,…). Die bürgerliche Volkspartei (PSL) wurde in vielerlei Hinsicht benachteiligt. Und, die PZPR, die 1948 entstandene KP, verdrängte in den nächsten Jahren alle andereren Kräfte, liess diese teilweise als Blockparteien bestehen, gab die Macht erst 1989/90 ab.

Als Kresy (“Grenzland”) wird das historische Ostpolen genannt, das nach dem 2. WK zur SU kam, Regionen wie Wolhynien oder Polesien.26 Der grösste Teil der Polen von dort wurde umgesiedelt, offiziell freiwillig, da die SU und die VR Polen ja “Brüderstaaten” waren. Diese “Sabuschanije” durften mehr von ihrem Hab und Gut mit nach Westen nehmen als die Deutschen aus Ostpreussen oder Schlesien. Viele von ihnen haben ein, zwei Jahre sowjetischer Herrschaft erlebt. Der Grossteil der Ostpolen kam in die piastischen/exdeutschen Gebiete im nunmehrigen West- und Nordpolen. Vor allem Ostpreussen war nach dem Abgang der Deutschen entvölkert. Bereits Anfang 45 strömten im Sog der Roten Armee die ersten Polen als Siedler in die teilweise verlassenen deutschen Ost-Gebiete, die Ostpolen/Sabuschanije kamen grossteils 1946. Daneben gab es im neuen Westpolen auch dort gebliebene oder zurückgekehrte Polen (die schon vor dem Krieg dort gelebt hatten) sowie Einwanderer aus Zentralpolen. Es fand eine Art Bevölkerungsaustausch statt; die Polen aus Vilnius/Wilna/Wilno (die Bevölkerungsmehrheit dort) oder Lwiw/Lemberg gingen nach Stettin/Szczecin oder Breslau/Wroclaw. Dessen Einwohner nach Berlin oder München.

Die VR Polen bemühte sich auch um Rückkehr von Polen aus Deutschland, als Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter dorthin verschleppte, der Ruhr-Polen, der Polnisch-Stämmigen in Mitteldeutschland. Die Resonanz war gering, hauptsächlich weil Polen kommunistisch geworden war, es dort eine Kontinuität des Totalitarismus gab. Die Ruhrpolen hatten ausserdem längst Wurzeln geschlagen. Aber auch viele ehemalige Zwangsarbeiter blieben lieber in Deutschland oder gingen weiter in eines der Übersee-Anglo-Einwanderungsländer. Der RAF-Aktivist Stefan Wisniewski ist Sohn eines als Zwangsarbeiters nach Deutschland verschleppten Polen.

Die Integration der deutschen Vertriebenen/Umsiedler in BRD und DDR war eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Natürlich gabs Unterschiede, und ein Fischer aus Hinterpommern der sich in Vorpommern niederliess, musste sich nicht so umstellen wie schlesische Fabrikarbeiter die ins ländliche Bayern gingen. Vertriebene wurden in in West- wie in Mitteldeutschland oft als “Polacken” oder so gesehen und beschimpft (obwohl es in beiden Deutschlands schon polnisch-stämmige Bevölkerungsteile gab). Es gab nach dem 1. und 2. WK viele Gruppen, die solche Umsiedlungsprozesse durchmachen mussten, die Italiener aus dem jugoslawisch gewordenen Teil des Julischen Venetiens, Griechen aus dem türkischen Kleinasien, Palästinenser aus dem nunmehrigen Israel,… Vielerorts haben Vertriebene Schlüssel ihrer alten Häuser mitgenommen. In der BRD wurden etwa 10 Mio Deutsche aus dem Osten aufgenommen, in Schleswig-Holstein und Bayern am meisten.

Die BRD erhob bis 1970 Ansprüche auf ein Deutschland in den Grenzen von 1937 bzw in jenen aufgrund des Versailles-Vertrags. Und die “Frage” der ehemaligen deutschen Ostgebiete war in den Kalten Krieg eingebettet, verbunden mit den Beziehungen zum Ostblock, zur DDR (die dazwischen lag), aber auch mit der Nazi-Vergangenheit. Eine Integration der Vertriebenen stand dem Anspruch auf die ehemaligen Ostgebiete jedenfalls nicht entgegen, das eine schloss das andere nicht aus. Theodor Schieder, unter dem 1953 bis 1962 eine Dokumentation der Vertreibung erstellt wurde, im Auftrag des Vertriebenenministeriums, einer der bedeutendsten Historiker der BRD, hatte in 1930ern die Annexion von Teilen Polens, die Ausweisung von Polen aus diesen Gebieten und die “Entjudung” Rest-Polens gefordert. Viele Vertriebene/Aussiedler machten sich in der BRD einen Namen: aus Schlesien stamm(t)en etwa Georg Thomalla, Bernhard Grzimek, Hanna Schygulla27, aus Hinter-Pommern Heinrich George (Georg Schulz), Alfred Döblin, Klausjürgen Wussow, aus Westpreussen Kurt Schumacher, Günter Grass, Klaus Kinski (Nakszynski)28, aus Ostpreussen Heinz Sielmann, Marion Dönhoff, Rainer Barzel, Linus Kather oder Lena Valaitis, aus Ost-Brandenburg Gottfried Benn, aus dem Posener Gebiet (der Vertriebenen-Politiker) Waldemar Kraft.29

4 Millionen kamen in die SBZ/DDR, machten dort ein Viertel der Bevölkerung aus. In Mecklenburg-Vorpommern lebten die meisten. Die Umsiedler galten in der DDR als Hitler-Opfer, der Hauptinitiator der Vertreibungen (SU) war deren grosser Bruder, Polen war Nachbar und auch ein Bruder. Bekannte Umsiedler waren der Schriftsteller Horst Bienek (setzte sich literarisch mit seiner Heimatstadt Gleiwitz/Gliwicze auseinander), der Politiker Lothar Bolz (NDPD), ebenfalls aus Schlesien, der Schauspieler Armin Müller-Stahl (Ostpreussen), und die Staatschefs Wilhelm Pieck (aus dem östlichen Teil Gubens in der Neumark) und Egon Krenz (aus Pommern). Die DDR anerkannte die Oder-Neisse-Grenze 1950 im Görlitzer Vertrag, sah die Frage der Grenze aber damit anscheinend nicht als abgeschlossen. 1951 gab es mit der VR Polen kleine Grenzkorrekturen; die DDR hatte hauptsächlich Ambitionen auf Stettin, wünschte zumindest eine Nutzung ihres Hafens. Von polnischen Kommunisten wurde in den in den 50ern angeblich ein Tausch des nunmehrigen West-Polens an die DDR gegen das ehemalige Ostpolen von der SU angeregt. Von 1971 bis 1980 waren die ostdeutsch-polnischen Grenzen weitgehend offen, bis man einen schlechten Einfluss polnischer Regimegegner auf die DDR-Bürger fürchtete.

Ein Teil der Oberlausitz war zeitweise von Sachsen (Königreich, dann Land) zu Schlesien gewandert, nach dem Krieg wieder zu Sachsen/SBZ/DDR, weil westlich der Neisse. So blieb ein kleiner Rest (Nieder-)Schlesiens, mit dem halben Görlitz, Deutschland erhalten. Die Lausitz ist auch Heimat der slawischen Sorben. Von Brandenburg blieb der grösste Teil bei der SBZ/DDR, von Pommern wie erwähnt nur der westlich der Oder gelegene Teil, Vorpommern. Die DDR grenzte an die ehemaligen deutschen Ostgebiete (nunmehr polnisch) Hinterpommern, Ostbrandenburg/Neumark, Nieder-Schlesien, sowie das nördliche Sudetenland; in der alten BRD grenzte nur Bayern ans (westliche) Sudetenland. 1952 wurden die Bundesländer der DDR in Bezirke umgewandelt, vor der Wiedervereinigung 1990 wurden sie wieder hergestellt. Marion Dönhoffs (aus Ostpreussen) “Namen, die keiner mehr kennt” und “Anna Seghers'” “Die Umsiedler” sind zwei Thematisierungen des Verlustes der Ostgebiete bzw der Heimat aus BRD und DDR.

Über Polen kam also nach der Hitler-Herrschaft jene Stalins. Das Militärbündnis des Ostblocks wurde 1955 in Warschau geschlossen. Ohne Vertreibungen etc hätten Deutsche im neuen Polen ca ein Drittel der Bevölkerung ausgemacht. Bis etwa 1950 siedelten Deutsche oder Deutsch-Assimilierte noch vereinzelt aus Polen aus, in die WBZ/BRD oder SBZ/DDR. Die (vorerst) Gebliebenen waren meist „Mischlinge“ oder an die Polen assimilierte Deutsche, unabkömmliche Fachleute, Antifaschisten oder aber NS-Verbrecher wie der KZ-Auschwitz-Kommandant Rudolf Höss, der 1947 in Oswiecim hingerichtet wurde. Deutsche waren hauptsächlich in Oberschlesien (> Woiwodschaft Opolskie, mit der Hauptstadt Opole/Oppeln) geblieben, wo die Grenzen zwischen den Volksgruppen durchlässiger waren, wodurch einiges Deutsche bleiben konnte (weil es von polnischer Seite als “polnisch” gesehen wurde); daneben Bergleute in Niederschlesien (s.u., 1945-75 Województwo wrocławskie), Leute in den ländlichen Gebieten Hinterpommerns (Woiwodschaft szczecińskie) sowie im südlichen Ostpreussen (W. olsztyńskie) einst eingedeutschte Masuren und Ermländer. Gewisse (deutsche) Vornamen wurden verboten, was zB dazu führte, dass man seinen Sohn „Jan“ nannte, ein typisch polnischer Name, der aber eigentlich die niederländische Version von Johannes ist. Ab 1951 gab es offiziell keine Deutschen mehr in Polen, weil die Gebliebenen als “verkappte” Polen gesehen wurden oder als irgendwie illegitim oder temporär in Polen lebend.

In Waldenburg/ Walbrzych in Niederschlesien gab es einige zehntausend deutsche Bergleute (Steinkohle-Abbau) und Textilfacharbeiter, die man im Land behielt, um die Wirtschaft dort weiter laufen zu lassen. Als deutsche Minderheit wurden sie nicht anerkannt, viele von ihnen wollten das auch nicht, ein grosser Teil wurde DDR-Bürger. Nachdem die DDR 1951 die Oder-Neisse-Grenze anerkannt hatte, wurden in einigen Schulen der Gegend deutscher Schulunterricht erlaubt. Es kam zu einer unfreiwilligen Ökumene zwischen diesen mehrheitlich katholischen Industriearbeitern in Niederschlesien und deutschen evangelischen Christen in Oberschlesien. 1957 wurde ein grosser Teil der Waldenburger in die DDR ausgewiesen (oder ziehen gelassen), ein Teil in den Jahren davor und danach auch nach West-Berlin. In den 1960ern gab es weitere Auswanderungsaktionen, spätestens hier ist von Spätaussiedlern zu sprechen. Ein kleinerer Teil blieb anscheinend, integrierte sich ins kommunistische Polen, ohne wirklichen Schutz für ihre kulturell-ethnische Identität.

Von 1950 bis 1989 gelangten insgesamt über 1 Million “Aussiedler” aus
Polen nach dem Bundesvertriebenengesetz in die Bundesrepublik Deutschland. Etwa infolge des Warschauer Vertrages von 1970 im Rahmen von Familienzusammenführungen. Die deutsche “Sprachinseln” im kommunistischen, westverschobenen Polen schrumpften immer mehr zusammen, wurden zumeist durch gemischte Familien, wie jene von Miroslav Klose, oder Deutsch-Assimilierte gebildet. In Osteuropa war das überall so zur Zeit des Kalten Kriegs, die Besonderheit an Polen war/ist, dass es ehemals (anerkanntes) deutsches Staatsgebiet enthielt; ansonsten betrifft das nur das Gebiet um Hultschin/Hlucin, das von Schlesien zur Tschechoslowakei kam (nach dem 1. WK), sowie das nördliche Ostpreussen (nach 1. bzw 2. WK zur SU).

Es gab ein polnisches Ministerium “für die wiedergewonnenen Gebiete”, das sich zum Einen um die Ansiedlung und Integration von Polen in den ehemals deutschen Gebieten kümmerte, zum Anderen dort um (Re-)Polonisierung auf geistiger Ebene bemüht war. In Danzig/ Gdansk im ehemaligen Westpreussen wurde etwa Johannes Hevelius/ Jan Heweliusz, ein teilweise polnischer Astronom aus dem 17. Jh, zu einer Symbolfigur für die polnische Vergangenheit der Stadt aufgebaut. Polonisierung bzw „Entdeutschung“ (polnisch Odniemczanie) betraf natürlich auch die verbliebene Deutschen (in Schlesien/ Slask,…), deutsch-polnische Mischlinge, grossteils an die Deutschen assimilierte Gruppen wie die Masuren, Kaschuben30, Ermländer. Sie zielte auch auf die Verdrängung deutscher Spuren (die es hauptsächlich an den Rändern Polens gab) ab, die auch vor Friedhöfen nicht halt machte. Die polnische Verwaltungsneugliederung 1975 vermischte zudem endgültig die Grenzen ehemaliger deutscher/preussischer Provinzen mit anderen Teilen Polens.

Was die Evangelische Kirche in Polen betraf, mit dem deutschen Exodus um 1945 verlor sie ca. 75% ihrer Mitglieder. In der Zwischenkriegszeit hatte sich eine Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen (Kościół Ewangelicko-Augsburski w Polsce) gebildet, hauptsächlich aus der deutschen Minderheit und an diese Assimilierte bestehend. Generalsuperintendent war Juliusz Bursche, der von Deutschen abstammte, die nach Kongresspolen ausgewandert waren. Es gab grosse Konflikte in und um diese(r) Kirche, die die politisch-ethnischen wiederspiegelten. Nach der NS-Unterdrückung wurde also die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen wieder hergestellt, der Klerus staatlich polonisiert. Die bisherige evangelische deutsche Kirchenprovinz Schlesien (Evangelische Kirche der altpreußischen Union) etwa wurde nach 1945 mit ihren Kirchenkreisen östlich von Oder und Neisse in diese polnische evangelische Kirche eingegliedert (und aus dem schlesischen Kontext herausgelöst). Bischof der Evangelischen im ehemaligen Niederschlesien (Breslauer Woiwodschaft) wurde 1946 Ernst Hornig, als Nachfolger von Otto Zänker (1945 schon kommissarisch als Präses). Hornig wurde aber bereits Ende 1946 aus Polen ausgewiesen, die in Wrocław/ Breslau verbliebenen Konsistorialmitglieder Anfang 1947. So konstituierte sich ’47 in der SBZ in Görlitz die “Evangelische Kirche von Schlesien”, die 1968 in “Evangelische Kirche des Görlitzer Kirchengebietes” umbenannt wurde.

Auch in der katholischen Kirche zeigte sich im Nachkriegs-Polen Unduldsamkeit ggü den Resten deutscher Bevölkerung, bzw die “Polonisierung” wurde auch dort betrieben. Der aus dem einst deutschen Ober-Schlesien stammende Warschauer Erzbischof und Primas von Polen, August Hlond betrieb die Absetzung deutscher Bischöfe und Pfarrer, und setzte sich für ihre Ausweisung ein. Das betraf nicht zuletzt Maximilian Kaller, Bischof von Ermland in Ostpreussen, der zunächst in den Westen geflüchtet war, dann aber zurückgekehrt. Hlond, in Österreich ausgebildet, dann im Polen der ZKZ tätig, war während des 2. WK in Vatikan, wurde dort auf Betreiben deutschfreundlicher Kreise abgeschoben… Adolf Bertram, 1914-45 Bischof von Breslau (Schlesien), zeitweise Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, hatte anlässlich der Volksabstimmung in Oberschlesien 1921 Streit mit Hlond. Bertram gestatte im deutschen Schlesien der ZKZ Predigten auf Polnisch; er starb 45 auf der Flucht in Sudetenland, wurde 91 in Breslau/Wroclaw beigesetzt.

Nikolaus von Lutterotti, 1892 im damals österreichischen Süd-Tirol geboren, Vater aus Venedig, bekam seine Priesterweihe in Nieder-Schlesien, blieb dort tätig, auch während des NS, den er ablehnte. Nachdem der grösste Teil Schlesiens 1945 an Polen gefallen war, wurde auch fast der gesamte Konvent des Zisterzienserklosters in Grüssau/Krzeszów dem Lutterotti angehörte, vertrieben. Da Lutterotti nach dem 1. WK italienischer Staatsbürger geworden war, durfte er bleiben. Er war in den folgenden Jahren in der deutschsprachigen Seelsorge in Schlesien aktiv, etwa im Waldenburger Bergrevier. Daneben wirkte er ab 1946 als Spiritual für die in Krzeszów neu angesiedelten polnischen Benediktinerinnen, die aus der Allerheiligenabtei in Lemberg/Lwiw vertrieben worden waren. Auch geheimen deutschen Schulunterricht organisierte er mit – wie er in Südtirol unter dem Faschismus stattgefunden hatte31. Von Lutterotti wurde vom vom kommunistischen Regime eingesetzten Kapitularvikar von Breslau, Kazimierz Lagosz (aus Ost-Galizen), zunehmend gegängelt. 1954 verliess er Polen, im Jahr darauf starb er.

Ein Briefwechsel zwischen den polnischen und deutschen katholischen Bischöfen 1965 führte zu einer Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen, obwohl er von den Ostblock-Regimen wie von westdeutschen Vertriebenen-Verbänden kritisiert wurde. Auch das Verhältnis der polnischen Zuwanderer und der deutschen Restbevölkerung in den ehemaligen deutschen Restgebieten war davon betroffen. Es entwickelten sich in Einzelfällen auch familiäre Bindungen zwischen ihnen. Józef Glemp, der einer deutschstämmigen Arbeiterfamilie im Gebiet Posen entstammte, wurde während der deutschen Besetzung Polens zur Zwangsarbeit auf einen Bauernhof nach Deutschland geschickt. Von 1981 bis 2009 stand er an der Spitze der katholischen Kirche Polens. Auch er tauschte sich mit seinen westdeutschen Kollegen aus, in den 1980ern, auch über deutschsprachige Seelsorge in Polen.

Das Verhältnis zwischen Polen und Juden ist ein Thema für sich. In kommunistischer Zeit gab es den Ausdruck “Zydokomuna”, der unterstellte, dass das kommunistische Polen von Juden dominiert sei; zumindest für die oberste Führung galt das aber nicht. 1956 gab es Liberalisierungsversprechen des Regimes, Proteste gegen dieses – und eine Auswanderungswelle von Juden. Broder, der Retter des Abendlandes, ging 57 in die BRD, viele nach Israel oder in die USA. Es gab auch ein polnisches 1968, wieder Anti-Regime-Proteste (die niedergeschlagen wurden), und wieder ein Bezug zu Juden. Es war die Zeit nach Israels glorreichem Sieg von 67. Die SU hat damals die Beziehungen zu Israel abgebrochen, die anderen Ostblock-Staaten folgten. 68 gab es vom polnischen Regime antizionistische Kundgebungen und Rhetorik. Die Kirche mit Kardinal Wyszyński an der Spitze nahm dagegen eher eine proisraelische Haltung ein, die meisten Juden sowieso (es wurden wieder Auswanderungen gebilligt); es heisst, in der polnischen Bevölkerung gab es auch Sympathie für das von polnischen Juden dominierte Israel, welches in einem “Überlebenskampf” sei, der dem polnischen glich, gegen “Russen” (und die SU unterstützte jetzt die arabischen Staten) und (Nazi-)Deutschland. Dort, zumindest in der BRD, verehrten aber auch Viele das von polnischen Juden geprägte Israel. Parteichef und damit Machthaber in Polen war 70-80 Gierek.

1958 wurde der westdeutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer Mitglied des Deutschen Ordens, wurde dabei fotografiert, wie er im Ordensmantel vor dem Hochmeister des Deutschen Ordens niederkniete. Für das polnische Regime ein willkommener Anlass, den deutschen “Drang nach Osten” bestätigt zu sehen. Ausgerechnet Adenauer, für den Vertriebene und verlorene Ostgebiete aber auch eine Wiedervereinigung mit der damaligen DDR keine Priorität hatten und für den das Rheinland bzw der katholische Südwesten Deutschlands die Antithese zu “Preussen” darstellte. Die SPD fuhr lange eine grossdeutsche Linie, polemisierte gegen Adenauers “beschränkten Horizont” (> Kossert S 173), veranstaltete ihre Parteitage 1964 und 68 mit einer Land-Karte von Deutschland in den Grenzen von 1919 bis 193732; auf jenem 68 hat sie allerdings die “ostpolitische” Wende eingeleitet. Die sie 1969 nach der Regierungsbildung mit der FDP umsetzte.

Im November 70 der Staatsbesuch von Kanzler Brandt in Polen, der Kniefall vor Denkmal der Aufständischen im ehemaligen Warschauer Ghetto, die Unterzeichnung des Warschauer Vertrags, die Anerkennung der Oder-Neisse-Grenze durch die BRD, die anderen Ostverträge (mit denen der damalige USA-Herrscher Nixon einverstanden war). Die Bundesrepublik Deutschland hatte bis dahin Ansprüche auf Deutschland in den Grenzen von 1937 erhoben, auf die DDR (daran änderte sich nichts) und auf Gebiete die zu Polen und zur SU gehörten. Die bundes-deutschen Grenzrevisionsforderungen (die oft mit einer Diskussion der “Lebendigkeit” des Deutschen Reichs verbunden waren) bezogen sich auf die nach dem 1. WK gezogenen Grenzen – obwohl die damalige Abtrennung des grössten Teil Westpreussens ebenso ein Machtwort der Siegermächte war wie die Abtrennung Schlesiens nach dem 2. WK.33

Günter Grass ist in der „Freien Stadt“ Danzig aufgewachsen, Vater war Lutheraner (in Westpreussen ca. 50%), Mutter katholische Kaschubin (Polen & Kaschuben ca 1/3 in W-Preussen); erlebte 2. WK, Gefangenschaft, Westflucht,… In „Blechtrommel“ (1959) behandelte er nicht nur das Thema Vertreibung/Flucht, sondern auch die Vorgeschichte. Der verfilmte und vielfach übersetzte Roman kann als Tatsachenroman, historischer Roman, autobiografischer oder Entwicklungsroman eingestuft werden. Den Untergang des deutschen Westpreussens, den er miterlebte, mit dem Zwischenschritt von der internationalen Stadt zur NS-Herrschaft, erzählt er hauptsächlich anhand einer Familie, aus der Perspektive des Oskar Mazerath, der inzwischen in Westdeutschland ist. Grass unterstützte die SPD und Brandts Ostpolitik, bekam den Nobelpreis, verlor wegen seiner späten Israel-Kritik international und in Deutschland viel Kredit.

Der Bundesverband der Vertriebenen (BdV) entstand 1957 als Zusammenschluss der Landsmannschaften; diese sind Vereine, keine Körperschaften oder Behörden, benahmen sich aber zT wie Exilregierungen. Daneben gab es in der BRD ein Vertriebenen-Ministerium und eine Partei (BHE), es gibt Zeitungen, einen Gedenktag, Treffen,… Erst mit Brandts Ostpolitik band sich der BdV an CDU und CSU und bekamen diese Parteien Vertriebene als Wähler, bis dahin war’s umgekehrt, u.a. weil CDU/CSU die Parteien der Alteingesesseneen in katholischen Gegenden waren. Der aus Schlesien stammende Vertriebenen-Funktionär und Politiker Herbert Hupka trat 1972 zur CDU über.34 Andere Vertriebene in der westdeutschen Politik waren Wenzel Jaksch (Sudetenland, SPD), Rainer Barzel (Ostpreussen, CDU), Erich Mende (Schlesien, FDP dann CDU), Klaus Töpfer (Schlesien, CDU), Manfred Kanther (Schlesien, CDU), Hans Klein (Sudetenland, CSU).35 Manche von ihnen waren/sind Berufs-Vertriebene, bei anderen spielte dieser Hintergrund gar keine Rolle in ihrer Politik. Ein NS-Belasteter unter den Vertriebenen-Funktionären war Theodor Oberländer; der Thüringer nahm am Hitler-Putsch 23 teil, wurde 33 NSDAP-Mitglied, diente im Bataillon “Nachtigall” in der Sowjet-Ukraine; 53-60 war er Vertriebenen-Minister, als GB/BHE-Politiker.36

Rechtsextremen Parteien gelang es nicht, Vertriebene und ihre Verbände zu gewinnen. Und, die Erinnerungskultur der Vertriebenen ging vom Öffentlichen ins Private. In dieser Kultur wurden auch Vielfalt und Heterogenität von Ländern wie Schlesien im Nachinein “gesäubert”, auch die eigene “Identität”, auf rein deutsch. Die Sache der Ostgebiete war wiegesagt einzementiert in den Kalten Krieg, wurde ein Randthema, Hoffnung auf Rückkehr schwand, wurde eine politisch irreale Position. Die BRD des Wirtschaftsaufschwungs war auch zu gemütlich als dass man “Abenteuer” gesucht hätte. Eher selten wurde die Frage von Teilung, Gebietsverlust und Vertreibung im westdeutschen Diskurs mit den vorangegangenen Nazi-Verbrechen in Zusammenhang gebracht. Polen kamen durch die Jahrzehnte als Einwanderer in die BRD, neben Spät-Aussiedlern Dissidenten, Gastarbeiter,…, waren eine von mehreren Zuwanderer-Nationalitäten, wie Jugoslawen, Italiener, Türken. Und der Papst war ab 1978 ein Pole. Polnische Antikommunisten als gleichrangige Bündnispartner im Kalten Krieg zu sehen, damit taten sich viele Konservative in der BRD schwer… Aber so eine gewisse Heuchelei gab es auch im (exil-) polnischen politischen Diskurs.

1980 wurde Jaruzelski “Herrscher” Polens, liess 1981–1983 im Kampf gegen die Solidarność von Walesa (aus Gdansk/Danzig) das Kriegsrecht gelten. Gorbatschows Reformen ermöglichten die Umbrüche in Osteuropa 1989 bis 1991, die zu einem Ende des Ostblocks und des Kalten Kriegs führten. Die Wende in der DDR 89/90, mit Demokratisierung und Vereinigung mit der BRD. In Polen in dieser Zeit ebenfalls Demokratisierung sowie Entstehung der Dritten Republik. Einreisen nach und Ausreisen aus Polen wurden möglich, etwa für weitere “Spät-Aussiedler” (der deutschen Minderheit in Polen) und Besuchsreisen von Vertriebenen, oder anderer Deutscher, zu deutschen Erinnerungsorten in Polen. Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen mit ihren Anteilen an Polen verlorener Länder wurden 1990 wieder Bundesländer sowie Teile Gesamtdeutschlands, der vergrösserten BRD. Diese anerkannte 1990 nochmal bzw definitiv die bestehende Grenze zu Polen entlang Oder und Neisse. Die deutsche Rechte, angefangen von der CSU und Teilen der CDU, musste sich mit diesem Verzicht arrangieren. Der BdV dehnte sich in das nunmehrige Ost-Deutschland aus. 1991 schlossen Kohl und der polnische Regierungschef Mazowiecki (Solidarnosc) den Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrag.

In diesem wurden die gebliebenen Deutschen (oder Deutsch-Assimilierten) als Minderheit in Polen anerkannt! Wie sich herausstellte, sind Deutsche die grösste ethnische Minderheit in Polen, mit etwas zwischen 200 000 und 400 000 Personen, vor Kaschuben, Litauern, Ukrainern,… Wobei alle diese Gruppen nach den Jahrzehnten der kommunistischen Herrschaft mehr oder weniger an die Polen assimiliert waren. Siedlungsschwerpunkt war weiterhin klar das ehemalige Oberschlesien, die Woiwodschaft Oppeln (Województwo opolskie). Dort stellen sie in mehreren Gemeinden 20 bis 50 Prozent der Bevölkerung; in der Woiwodschaft gesamt dürfte sich ihr Anteil auf etwa 10% belaufen. An dieser Stelle sei vorgegriffen: 1999 kam in Polen eine Verwaltungsreform, die Provinzen/Woiwodschaften wurden neu eingeteilt, und im Folgenden wird auf diese eingegangen.

Ausser in Oppeln/Opole gibt es Deutsche noch v.a. im historischen Hinterpommern, das 99 auf 3 Woiwidschaften aufgeteilt wurde, da hauptsächlich in Pomorze Zachodnie (“Westpommern”) mit Sczeczin/ Stettin.37 Das ehemalige Westpreussen mit Gdansk/Danzig gehört grossteils zur Woiwodschaft Pomorskie. Reste deutscher Bevölkerung gibt es auch noch in Niederschlesien/Dolnoslask (Hauptstadt Wroclaw/Breslau), im früheren Süd-Ostpreussen, nun Woiwodschaft Warminsko-Mazurskie (Ermland-Masuren), weiters in Ost-Brandenburg (Lubusz-Woiwodschaft), Posen (Wielkopolska/Grosspolen),…

Oder/Odra, Stettin/Szczecin

Man muss dazu sagen, dass alles Deutsche jahrzehntelang aus dem öffentlichen Leben verbannt war, und auch solche, die sich als (Polen-)Deutsche deklarierten, Deutsch auch in der Familie nicht mehr als Erstsprache verwendeten. Mit der Demokratisierung Polens begann also ein Wiederaufbau, behindert von Abwanderung, Vereinnahmungsversuchen deutscher Ewiggestriger und Verdächtigungen polnischer Nationalisten. Es gibt auch Polen mit (teilweise) deutschen Wurzeln und evtl. Namen, die sich keineswegs als Deutsche sehen. So wie Janusz Steinhoff aus Gleiwitz/Gliwice, 1946 geboren, ehemaliger Vize-Ministerpräsident; Leszek Miller, Ministerpräsident 01-04, ein Linker, der pro USA ist; Danuta Hübner, ehemalige EU-Kommissarin. In Schlesien wird auch von “Deutschen” eher Schlesisch gesprochen, eine Mischsprache mit slawischer Dominanz. In Teilen der Woiwodschaft Oppeln darf inzwischen Deutsch als Zweitsprache unterrichtet werden, die Unterrichtssprache bleibt jedenfalls Polnisch. Seit 2005 ist Deutsch ab einem Minderheitenanteil von 20% auch als Hilfssprache bei Behörden zugelassen.

1989 wurde die Gründung von Vereinen der deutschen Minderheit in Polen möglich; 1990 schlossen sich diese zum Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) zusammen. Sein politischer Arm wurde das Wahlkomitee der Deutschen Minderheit (polnisch Komitet Wyborczy Mniejszość Niemiecka; MN). Wobei dieses nur in der Woiwodschaft Oppeln breit aufgestellt ist und regelmäßig an Wahlen teilnimmt. Das MN ist bei polnischen Parlamentswahlen von der 5-Prozent-Hürde befreit, hat also ein Art Festmandat im Parlament (manchmal auch 2, je nach Ergebnis). Seit 1991 ist es durchgängig im polnischen Parlament vertreten. Henryk Kroll, geboren 1949, ein Tierarzt in Oberschlesien, trat 1990 als Kandidat bei der ersten freien Parlamentswahl an, verlor gegen eine “polnische” Oberschlesierin, wurde bei der Neuwahl 1991 gewählt. Auch im Sejmik (Landtag) der Woiwodschaft Oppeln sowie in mehreren Gemeinderäten ist das MN vertreten.

Lech Walesa hat als polnischer Präsident, der er von 1990 bis 1995 war, zu zweisprachigen Ortstafeln noch gesagt, dafür fehle in Polen das Geld. Inzwischen gibt es, mit deutschen Ortsbezeichnungen neben den polnischen, v.a. im Oppeln-Gebiet (Ober-Schlesien). 05 wurden sie erlaubt, 08 wurden die ersten aufgestellt. Eine Befragung der Gemeindebevölkerung ist bei der Aufstellung zweisprachiger Ortsschilder dann erforderlich, wenn der Anteil der Deutschen an der Bevölkerung unter einem Fünftel liegt. Ansonsten müssen der Gemeinderat, der Woiwode und das Innenministerium zustimmen. Diese sichtbaren Zeichen von Ethnopluralismus, Minderheitenschutz, subnationaler Identität sorgen gelegentlich für Kontroversen, manche wurden auch beschädigt. Auch anderswo gab es Kontroversen dieser Art, in Kärnten oder Südtirol. In Deutschland gibt es bezüglich polnischer Städtenamen inzwischen die Tendenz, die landessprachlichen (polnischen) Bezeichnungen statt der deutschen zu verwenden.

Der grösste Teil jener Polen, die sich als ethnische Deutsche deklarieren, sind Katholiken. Die Evangelischen waren von der Umsiedlung nach dem Krieg viel stärker betroffen, weil sie sich eben schon durch die Konfession von den Polen unterschieden, stärker deutsch fühlten bzw stärker als Deutsche identifiziert wurden. Bischof im Bistum Oppeln/Opole war (1977-2009) Alfons Nossol, *1932, aus einer deutschen Familie die 45 blieb. Viele Deutsche in Oberschlesien/Oppeln mussten nach 1990 eine (ihre) deutsche Identität neu erfinden. Bei manchen drückt sich das so aus, dass sie Gartenzwerge im Garten aufstellen. Inzwischen sind auch nicht wenige Doppelstaatsbürger geworden, bekamen auch den deutschen Pass, ohne Polen zu verlassen. 2015 kam es vor der Parlamentswahl in Polen zu vereinzelten Störaktionen von Veranstaltungen der deutschen Minderheit in Schlesien durch polnische Nationalisten, aus der PiS-Ecke. Der deutsche Verband VdG fordert grundsätzlich mehr Deutschunterricht an den Schulen, mehr “Objektivität” im Geschichtsunterricht, bessere Sendezeiten von Minderheitensendungen im öffentlichen Rundfunk, mehr regionale  Verwendung von Deutsch bei Behörden. Es gibt aber auch im VdG unterschiedliche Meinungen, darüber inwiefern man sich von der polnischen Mehrheitsbevölkerung “entfernen” und eine Sonderrolle einehmen soll.

Spuren deutscher Vergangenheit in Gdansk/Danzig: In der Jana z Kolna (früher Schichaugasse), gegenüber dem Haupteingang der Danziger Werft, befindet sich ein Wohnhaus, in dessen Erdgeschoss sich früher das Kolonialwarengeschäft Willy Iskraut befand. Die Inschriften wurden erst vor Kurzem freigelegt

Und die Polen in Deutschland? In Artikel 20 und 21 des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrages vom 17. Juni 1991 verpflichten sich beide Länder, die Rechte der in ihren Staatsgebieten ansässigen Personen der jeweils anderen Abstammung zu respektieren. Die Leute polnischer Abstammung in Deutschland sind aber eine sehr heterogene “Gruppe”, reichen von den Ruhrpolen bis zu Einwanderern der 90er und 00er, Bekenntnis zum Polentum sind unterschiedlich ausgeprägt. Viele, die als “deutsche Vertriebene” oder “Spätaussiedler” deklariert werden, haben etwas Polnisches, es gibt Nachfahren von Zwangsarbeitern, jüdische Auswanderer aus Polen,…38 Viele, die in Deutschland in der Mitte der Gesellschaft stehen, haben polnische Namen, vom Politiker Wolfgang Kubicki über den Sänger Michael Skowronek („Wendler“, verheirateter Norberg) bis zum Fussballer Holger Stanislawski. Nur ein relativ kleiner Teil dieser Polnisch-Stämmigen hat eine polnische Identität bzw hält sie hoch. Es gibt da den Bund der Polen in Deutschland, der Polnische Kongress in Deutschland, die Deutsch-Polnische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland.

Diese Verbände forderten lange die Anerkennung der Polen als nationale Minderheit in Deutschland und Gewährung der daraus resultierenden Rechte sowie die Beseitigung der ihrer Meinung nach bestehenden Asymmetrie (Deutsche sind in Polen als nationale Minderheit anerkannt). Nach Ansicht der Bundesregierung bzw der Behörden sind die Deutschland lebenden Polen deutscher Staatsangehörigkeit aber Angehörige einer zugewanderten Gruppe und nicht einer autochthonen deutschen Minderheit. Das sind die Sorben in Sachsen, die Dänen in Schleswig-Holstein, die Friesen in Niedersachsen und die Sinti/Roma.39 Die Polen in Deutschland sind demnach in der Diaspora, wie jene, die (ab dem 18. Jh) nach Frankreich oder später in die USA gingen. Die Exilregierung, die 1939 ihre Tätigkeit aufnahm, kehrte 1990 nach Polen zurück und löste sich auf.

Das Thema Vertreibung (das mit dem Gebietsverlust und dem NS zusammen hängt) wurde in der frühen Berliner Republik (wieder) ein Thema. Wie sich auch durch Günter Grass’ 2002 veröffentlichte Novelle “Im Krebsgang”, über die Gustloff-Versenkung, zeigte. Oder durch die Knopp-Serie (fürs ZDF) und das Buch “Die grosse Flucht”. Manche machen eine Tendenz im deutschen Selbstverständnis vom Tätervolk zur Opferrolle hin aus. Aber wurde das Thema im westdeutschen, bundesrepublikanischen Diskurs wirklich jemals behandelt, ohne die Opferrolle einzunehmen? Kam es oft vor, dass auf diese Umsiedlungen geblickt wurde, und dabei auf die Vorbedingungen eingegangen wurde, etwa die Vertreibungen und Versklavungen von Polen, Tschechen oder Ukrainern. Oder auf die bei der Blockade Leningrads gestorbenen Kinder. Auf Ursache und Wirkung. Andererseits, ethnische “Säuberungen” sollten nicht Strafe für voran gegangene Verbrechen sein, bzw ersteres nicht durch zweiteres gerechtfertigt werden.

Man wollte Deutsche als Minderheit in Polen nicht akzeptieren, nach den entsprechenden Aktionen und weiteren wahnsinnigen gab es nicht nur in Danzig oder Kattowitz (fast) keine Deutschen mehr, sondern auch in Breslau oder Stettin. „Volksdeutsche“ wurden vom NS als Vehikel für expansionistische Politik benutzt, viele von ihnen machten mit, gingen damit unter. Die NS-Politik bescherte ihnen eine Entwicklung vom Bromberger Blutsonntag über Umsiedlungsaktionen (im „Warthegau“, auch Deutsche aus Ost-Polen wurden dort angesiedelt) zum Aufenthalt in Lagern wie Zgoda, Flucht/Vertreibung und die Oder-Neisse-Grenze. Der Nationalsozialismus setzte ein Ende unter deutsche Siedlung in Osteuropa die ca 1000 Jahre zuvor begann. So wie der Zionismus die Mizrahis von ihren Landsleuten entfremdete, sie zu Feinden der Region aufbaute, schliesslich entwurzelte.

Wobei in der “Unterwürfigkeit” eines Salzborn auch eine Form von Ewiggestrigkeit und Deutschchauvinismus steckt… Oder wenn Volker Beck bei einer zionistischen Veranstaltung “…against the Conference of Palestinians in Europe” in Deutschland ’15 die Ansprüche von von Israel vertriebenen Palästinensern und ihrer Nachfahren damit abzuqualifizieren versucht, indem er darauf verweist dass er von Sudetendeutschen abstammt, die aus der Tschechoslowakei vetrieben wurden und den Status als Vertriebener/Flüchtling nicht geerbt habe. Bogdan Musial, aus Galizien/Galicja, flüchtete 85 in die BRD, wurde im 2. Bildungsweg Historiker, und bekannt durch das Aufzeigen falsch beschrifteter/zugeordneter Bilder bei der Wehrmachts-Ausstellung der 1990er, wo SU-Verbrechen den Nazis zugeschoben wurden, dies ist überhaupt sein Hauptthema. Musial deutete Antisemitismus von Polen in der NS-Zeit als Reaktion auf eine Kollaboration von Juden mit den sowjetischen Besatzern Ostpolens. Unter Anderen Klaus Wiegrefe warf ihm darauf die Übernahme antisemitischer Klischee (Gleichsetzung von Juden und Kommunisten) vor. Wieder mal rümpft der Deutsche über den “Antisemiten” von anderswo die Nase.

Der jüdisch-polnische-amerikanische Historiker Jan Tomasz Gross schrieb, in seinem Buch „Nachbarn“ (2000)40, Polen hätten während des Zweiten Weltkriegs mehr Juden als Deutsche getötet, löste in Polen einen Historikerstreit aus, in dem es u.a. um das Massaker von Jedwabne 1941 ging, bei dem Polen und Volksdeutsche zwischen 500 und 1600 Juden ermordet hatten. Musial warf Gross überhöhte Opferzahlen und Fehler in der historischen Arbeit vor. Es ging auch um die Kollaboration von Polen mit dem nazideutschen Besatzungsapparat und Opferansprüche. 2013 lief der dreiteilige deutsche Fernsehfilm “Unsere Mütter, unsere Väter”, der die Erlebnisse von fünf deutschen Freunden im Hitler-Stalin-Krieg erzählt. In Polen wurde die deutsche Produktion wegen der Darstellung von Polen (auch Partisanen) als “unzivilisierte Antisemiten” und der “verharmlosenden Darstellung” der Naziverbrecher stark kritisiert.

Das deutsch-polnische Verhältnis ist also nach wie vor stark vom 2. WK geprägt. Und es gibt einige grundsätzliche Fragen dazu, wo die Meinungen stark auseinandergehen. Sind Gewalt, Vertreibungen und Diktatur in Mittel- und Ostdeutschland Folgen der Nazi-Verbrechen gewesen? War das Kriegsende dort eine Befreiung? Hätte es ohne den Nazi-Krieg keine Gräueltaten der Roten Armee und Vertreibungen von Deutschen gegeben? Die Errichtung von kommunistischen Systemen in anderen Ländern Osteuropas nach dem Krieg, inwiefern bestand ein Zusammenhang mit dem Nazi-Krieg?! Wurden Deutsche und Polen im Endeffekt beide von der SU (westwärts) vertrieben? Hubertus Knabe streitet in “Tag der Befreiung” die Verantwortung der Nazi-Politik für die Vertreibungen der Deutschen ab, schmälert den Verdienst der Roten Armee bei der Befreiung vom NS, kommt auch mit der oft (von Rechten) vorgebrachten Rechnung, wonach Stalin mehr Menschen umbringen hat lassen. Von Knabes  Argumentation ist es nicht so weit zum “Bombenholocaust” gegen Deutsche; er beklagte auch dass Millionen deutscher Soldaten in Kriegsgefangenschaft kamen.
Wo er Recht hat: Die NS-Herrschaft basierte nicht nur auf Unterdrückung…es gab viel Zustimmung; “Befreiung” war so gesehen relativ.

Auch Manfred Zeidler (“Kriegsende im Osten”) beschäftigt sich mit den Untaten der Roten Armee – mit denen schon bald nach Kriegsende jene der Nazis zugedeckt wurden. Im Gegensatz zur klassischen Rechten werden hier überzeitliche westliche “Masstäbe” in die Welt gesetzt, welche für Deutschland i-wie immer schon gegolten hätten. Andreas Kossert in “Kalte Heimat: “Während man in der Bundesrepublik von ‘Wroclaw’ spricht, erinnert man sich in Israel ganz selbstverständlich an die reiche deutsch-jüdische Vergangenheit in der Hauptstadt Schlesiens [namens Breslau]”. Er setzt Deutsche in ein Boot mit Juden, führt deutsch-sprachige Identitäten von Juden an (zB in/aus Galizien), auch solcher die nach Israel gingen. Die bundesdeutsche Absicherung. Und er stellt NS-Anklang bei “Volksdeutschen” als Folge von Diskriminierungen in ihren Staaten dar (S 26), aber wenigstens den Untergang als Folge von NS.

Am Ende noch ein Einschub: Österreich ist auch hier etwas anders, wegen des Katholizismus (der mit Polen verbindet, nicht nur zu Zeiten des polnischen Papstes), keinen eigenen Gebietsverlusten (Galizien, nach dem 1. WK verloren, war nie Teil des österreichischen Kerngebiets), weniger Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten, keiner gemeinsamen Grenze, und Jan Sobieski. Dieser polnische König half mit seiner Armee Österreich und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gegen die Osmanen vor Wien. FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache, im Versuch, seine Hetzer und Ausgrenzung positiv zu affirmieren sowie die Menschen gegeneinander auszuspielen: Sein spezieller Dank gelte einem Polen, Sobieski, der „die Wiener und die Wiener Lebensart vor dem Osmanischen Reich gerettet hat“. Auch in der FPÖ gibt es immer wieder Polnisch-Stämmige, wie Rainer Pawkowicz.

Zwischen Polen und Deutschland kam es in den letzten Jahrzehnten zu Versöhnungen und neuen Spannungen. Eine wichtige Rolle spielt dabei Erika Steinbach. Beide Eltern stammten aus West-Deutschland, arbeiteten für die Luftwaffe der Wehrmacht, kamen so in einen Teil Westpreussens, der nach dem 1. WK an Polen abgetreten wurde, nun im 2. WK besetzt worden war. Dort, in Rumia/Rahmel, wurden Erika Hermann, so ihr Mädchenname, und ihre Schwester geboren. Im Jänner ’45 wurde die Mutter mit den kleinen Töchtern mit dem Schiff über die Ostsee nach Schleswig-Holstein evakuiert; der Vater geriet in SU-Gefangenschaft. Als Präsidentin des BdV war sie zB entscheidend an der Planung des Zentrums gegen Vertreibungen beteiligt. Aus der DDR stammende deutsche Politiker mit Vertriebenen-Hintergrund, die im vereinten Deutschland eine wichtige Rolle einnahmen, sind Wolfgang Thierse (Schlesien) und Manfred Stolpe (Pommern).

“Wie die Deutschen uns im Westen empfangen”

Wladyslaw Bartoszewski hat als Aussenminister des demokratischen Polens 1995 vor dem deutschen Bundestag sein Bedauern über das Leid der am Kriegsende vertriebenen Deutschen ausgedrückt, setzte sich für die polnisch-deutsche Aussöhnung ein. Der Historiker war von Nazis und Kommunisten verfolgt worden. Im “Spiegel special”-Interview (2/2002): “Mein Abitur-Thema in Deutsch war Lessings ‘Minna von Barnhelm'”; “Ein Onkel hatte uns [vor den Nazis in Deutschland] beruhigt, Hitler könne schon deshalb kein Scharfmacher sein, weil er Österreicher sei und kein Preusse”; Polen hätte nur Probleme mit Preussen (und Russland) gehabt, nicht mit Rheinländern oder Bayern, er erinnerte daran dass der polnisch-französische General Ludwik Mieroslawski 1849 mit den badischen Freiheitskämpfern gegen die konterrrevolutionären preussischen Truppen gekämpft hat, Truppen aus Bayern 1812 mit Napoleon bis Moskau gezogen sind. Auch der Schriftsteller Andrzej Szczypiorski, der die Nazi-Besatzung als Jugendlicher erlebt hatte, war nach Ende des kommunistischen Systems in Polen für die Aussöhnung mit Deutschland.

Als Polen 04 im Rahmen der EU-Osterweiterung EU-Mitglied wurde, wurden die Grenzkontrollen (auch) zu Deutschland gelockert, 07 durch den Schengen-Beitritt Polens weiter. 1999 war das Land bereits NATO-Mitglied geworden, zusammen mit Tschechien und Ungarn. Bereits 1995 gab es in Sagan in Nieder-Schlesien eine erste gemeinsame Übung deutscher und polnischer Streitkräfte, in Sagan, wo 1944 aus einem deutschen Gefangenen-Lager für Piloten verfeindeter Luftwaffen ein Teil der Gefangenen nach monatelangen Grabungsarbeiten durch einen Tunnel entkam. In Szczecin/ Stettin sind im Rahmen des Multinationalen Korps Nordost der NATO auch Bundeswehr-Soldaten stationiert.

Polen hat seit 2015 PiS-Regierungen, deren Umgang mit demokratischen Werten bedenklich zu sein scheint. PiS und die AfD haben im Europäischen Parlament zusammengearbeitet, scheinen viele Gemeinsamkeiten aneinander zu sehen. Für die AfD spielt die ehemaligen deutschen Ostgebiete und die deutsche Minderheit in Polen eben (noch) keine Rolle, in ihrer Fixierung auf Islam und “politische Korrektheit” in Deutschland. Rechte Positionen sind inter-national eigentlich unvereinbar, und ob AfD-Leute jene von der PiS als gleichrangig behandeln können? Ist Deutschland für sie nicht auf einer höheren Kulturstufe als Polen? Interessant in dem Zusammenhang ist zB auch, dass ein Generalschlüssel für Autodiebe in Deutschland „Polenschlüssel“ genannt wird. Jedenfalls gibt es weiter polnische Einwanderung nach Deutschland; aber auch eine in die Gegenrichtung! Es heisst, jährlich wandern 8000-9000 Personen aus Deutschland nach Polen aus, um dort zu studieren, zu arbeiten, wegen des Partners,…41

Zwischen Deutschen und Polen gibt es eben auch viele postive Bezüge sowie Gemeinsamkeiten. Im SU-Gebiet wurden während des 2. WK sowohl Deutsche als auch Polen deportiert, nach Sibirien oder Kasachstan, heute leben ihre Nachfahren (sofern nicht ausgewandert), dort zusammen. Der Sturm im deutschen Fussball-Nationalteam wurde von ca. 05-14 oft von Miroslav Klose und Lukas(z) Podolski gebildet, den beiden Spät-Aussiedlern aus gemischten Familien in Oberschlesien, zeitweise verständigten sie sich dabei auch auf Polnisch oder Schlesisch. Im Artikel über Nationswechsel von Sportlern sind auch Weitere erwähnt, die sich zwischen diesen Ländern “beweg(t)en”. Andererseits, während der EM 08 wurden rund um das Spiel zwischen den Teams dieser beiden Länder zB Erinnerungen an Tannenberg/Grunwald 1410 beschworen. In Deutschland wie in Polen gibt es heute grössere Feindbilder, gelegentlich sind sie aber noch grosse.

Was in der Slowakei (Rudolf Schuster) und Rumänien (Klaus Johannis) geschah, in Ungarn beinahe (Otto Habsburg), und in Tschechien (Karel Schwarzenberg) in abgeschwächter Form, dass Angehörige deutscher Minderheiten oder Nachfahren von dort Vertriebenen in postkommunistischer Zeit in Spitzenpositionen dieser Staaten kamen, wäre in Polen ziemlich undenkbar; aber wie gesagt, kein anderes Land hat so unter dem Nazi-Terror gelitten wie Polen. Es gibt die Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung in Warschau, das Polen-Institut in Darmstadt, die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit,… Ist Polen ab 1990 zur Ruhe gekommen? Der letzte Präsident der Exilregierung, Kaczorowski, “übergab” 90 an Walesa; er starb bei dem Flugzeugunglück in Smolensk 2010. Und ist Deutschland in dieser Zeit “zur Ruhe gekommen”? Sind die Grenzen heute unumstritten?

 

Material

Andreas Lawaty, ‎Hubert Orłowski: Deutsche und Polen: Geschichte, Kultur, Politik (2003)

Marek Zybura: Niemcy w Polsce (2001)

Thomas Urban: Deutsche in Polen – Geschichte und Gegenwart einer Minderheit (2000)

Pertti Ahonen: After the Expulsion: West Germany and Eastern Europe, 1945-1990 (2003)

Hartmut Boockmann: Der Deutsche Orden. Zwölf Kapitel aus seiner Geschichte (2012)

Otto Heike: Die deutsche Minderheit in Polen bis 1939: ihr Leben und Wirken kulturell, gesellschaftlich, politisch; eine historisch-dokumentarische Analyse (1986)

Katarzyna Stokłosa: Polen und die deutsche Ostpolitik 1945-1990 (2011)

Christoph Augustynowicz: Kleine Kulturgeschichte Polens: Vom Mittelalter bis zum 21. Jahrhundert (2017)

Manfred Raether: Polens deutsche Vergangenheit (2004)

Michael A Hartenstein: Die Geschichte der Oder-Neisse-Linie: “Westverschiebung” und “Umsiedelung” – Kriegsziele der Alliierten oder Postulat polnischer Politik? (2006)

Wolfgang Benz: Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Ursachen, Ereignisse, Folgen (1995)

Włodzimierz Borodziej: Geschichte Polens im 20. Jahrhundert (2010)

Mads Ole Balling: Von Reval bis Bukarest – Statistisch-Biographisches Handbuch der Parlamentarier der deutschen Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa 1919-1945 (2 Bände, 1991)

Hans Lemberg, Erik Franzen: Die Vertriebenen. Hitlers letzte Opfer (2001)

Christian Heidrich und Aleksandra Chylewska-Tölle (Herausgeber): Mäander des Kulturtransfers: Polnischer und deutscher Katholizismus im 20. Jahrhundert (2014)

Helga Hirsch: Die Rache der Opfer. Deutsche in polnischen Lagern 1945-1950 (1990)

Hans Delbrück: Die Polenfrage (1894)

R. M. Douglas: Ordnungsgemäße Überführung. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg (2012)

Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945 (2008)

Michael Burleigh: Germany Turns Eastward (1988)

Hans-Adolf Jacobsen und Mieczyslaw Tomala: Bonn – Warschau. Die deutsch-polnischen Beziehungen 1945 – 1991. Analyse und Dokumentation (1992)

Klaus Ziemer: Die Neuorganisation der politischen Gesellschaft: staatliche Institutionen und intermediäre Instanzen in postkommunistischen Staaten Europas (2000)

Hubertus Knabe: Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland (2005)

John Sack: An Eye for an Eye: The Story of Jews Who Sought Revenge for the Holocaust (2000)

Tomasz Kaczmarek und Maria Edin-Kroll (Hg.): Polen und Deutschland – Von Nachbarschaft zu Partnerschaft. Interdisziplinäre Beiträge von der 1. Polnisch-Deutschen Sommer-Akademie in Ciazen 2006

Die Deutschen und die Polen. Geschichte einer Nachbarschaft. Filmreihe von Andrzej Klamt, Zofia Kunert und Gordian Maugg

Über die Behauptung einer polnischen Schuld an den Ereignissen des 2. WK

http://www.boehm-chronik.com/deutschpolnisch.htm

Rechte der polnischen Minderheit im Deutschen Reich

Deutsche und Polen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Das frühere Preussen ist heute auf 6 Staaten aufgeteilt: Deutschland (durch die deutsche Teilung “zwischendurch” bei 2 Staaten); Polen (darunter der allergrösste Teil des eigentlichen Preussens, das ehemalige West- und Ostpreussen); Russland, Litauen (waren Teile der Sowjetunion); Belgien, Dänemark (nach dem 1. WK verlorene Gebiete)
  2. Das gibt es häufig, etwa auch bezüglich Istrien bei Südslawen und Italienern
  3. Das im 14. Jh eine Personalunion mit Litauen unter den Jagiellonen einging
  4. Der Deutsche Orden, ab der frühen Neuzeit mehr oder weniger bedeutungslos, bezog seinen Sitz im Zuge der Napoleonischen Kriege in Österreich. Zur Zeit der Ersten Republik Österreichs wurde er als geistlicher Orden anerkannt
  5. Der zum Regensburger Autor Friedrich M. Grimm freundschaftliche Kontakte unterhielt
  6. Ein verwandtes Phänomen ist bei den Sorben in der Lausitz zu beobachten, die nur in katholischen Gegenden ihre Identität bewahren konnten
  7. Was Posen betrifft: Im 1841 gedichteten Deutschlandlied wurde mit der Memel eine Nordostgrenze Deutschlands definiert, was leichter war als eine Grenze des deutschen Siedlungs- und Herrschaftsraums weiter südlich fest zu legen
  8. Bzw, von ihm vorgesehenen Abstimmungen der Bevölkerung in betreffenden Gebieten
  9. Österreich musste seinen Teil Schlesiens nach diesem Krieg an die Tschechoslowakei “abtreten”, im Rahmen des Aufgehens Böhmens und Mährens (mit den “Sudetengebieten”) in diesem Staat
  10. In Rumänien war es eben so
  11. 1930 sind sie anscheinend auch einzeln angetreten
  12. Der BMN bestand wie erwähnt aus Einzel-Parteien, bei den Juden waren auch zionistische Gruppierungen darunter
  13. Als Fraktion hiessen die für diese Parteien Gewählten zT nochmal anders
  14. Wo Hindenburg im 1. WK federführend beim Sieg „von Tannenberg“ über die Russen war, von dem eine Verbindung zur verlorengegangenen Schlacht des Dt. Ordens in der Nähe gegen Polen im 15. Jh hergestellt wurde
  15. Nach dem Krieg Majakowskoje, im Kaliningrad Oblast
  16. “Ostpreußische Nächte” ist eine Erzählung in Gedichtform von Alexander Solschenizyn, über Gräuel an denen er selber teilgenommen hatte; es wurde, wie “Der Archipel Gulag”, erst nach seiner Ausweisung aus der Sowjetunion 1974 veröffentlicht
  17. Diese Gebiete wurden dann aber von den Westalliierten Anfang Juli 1945 geräumt und gemäß den interalliierten Vereinbarungen von 1944/45 im Tausch gegen die Berliner Westsektoren der Sowjetunion überlassen
  18. In Ostpreussen begann es 44 mit Flucht und Vertreibung, ging es ca. 48 zu Ende
  19. Siehe dazu den Abschnitt über Querfronten in Iran-Atom 6 ( http://tiara013.at/2017/11/14/das-iranische-atomprogramm-teil-6-kriegsgetrommel-und-propaganda-nicht-staatlicher-akteure/ )
  20. Gottesdienste im Gefängnis mit einem irischen Priester und den Mitgefangenen Seyss-Inquart und Von Papen
  21. In der Familie von Auschwitz-Göth geschieht die Aufarbeitung mit Israel-Begeisterung
  22. Polen war im Osten noch schwerer abzugrenzen als im Westen
  23. Teile dieser Gebiete hat Deutschland bereits nach dem 1. WK verloren, diese waren dann im 2. WK von Deutschland annektiert worden
  24. “Mephisto” Gründgens wurde “verschont”
  25. Wurde nach dem 1. WK zu wenig “bereinigt” oder damals der Grundstein dieses Übels gelegt?
  26. Seit 1991 bei Ukraine, Weissrussland, Litauen
  27. Kinder schlesischer Vertriebener sind zB Thomas Gottschalk und Wolfgang Fierek; der ehemalige Reichstagspräsident Paul Löbe spielte in der BRD keine Rolle mehr, siedelte aber auch in die BRD aus
  28. Der ebenfalls von dort stammende Wernher von Braun spielte in der NS-Zeit eine Rolle, ging ja nach dem Krieg in die USA
  29. Was in dieser Aufzählung auffällt, sind doch einige polnische oder (Valaitis) litauische Namen…
  30. Der jetzige EU-Ratspräsident Donald Tusk (Partei PO) ist ein Kaschube aus Gdansk/Danzig; vor der polnischen Präsidentenwahl 05 stellte sein Gegenkandidat Lech Kaczynski (PiS) in den Raum, dass Tusks Vater ein Kollaborateur mit den deutschen Besatzern gewesen sein könnte – was er zurücknehmen musste
  31. Noch eine Parallele: In Südtirol wie in Schlesien und den anderen ehemals deutschen Gebieten Polens folgten Kirchengrenzen politischen (Grenz-)Änderungen, wurden Ausdruck einer gewissen Endgültigkeit
  32. Der aus Westpreussen stammende Chef der 1956 verbotenen KPD, Max Reimann, war auch deutsch-national
  33. Der Freistaat Bayern forderte noch 1979, dass in allen Karten, mit denen Schüler umgehen, die Grenzen des Deutschen Reiches vom 31. Dezember 1937 markiert werden
  34. Hupka wurde 1915 in einem britischen Internierungslager auf Ceylon/ Sri Lanka geboren. Sein oberschlesischer Vater sollte 1914 im deutschen Pachtgebiet Kiautschou eine Stellung als Physikprofessor antreten; auf der Überseefahrt wurden er und seine (jüdische) Frau vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht und gerieten in britische Gefangenschaft, die sie vorwiegend in Australien verbrachten. Auf dem Rücktransport nach Deutschland 1919 starb der Vater an Lungenpest. Hupka wuchs bei der alleinerziehenden Mutter im oberschlesischen Ratibor/Racibórz auf
  35. Volker Kauder und “Joschka” Fischer sind in Westdeutschland geborene Kinder von Donauschwaben, bei Kauder solche aus dem damaligen Jugoslawien, Fischers Eltern stammten aus Ungarn
  36. GB/BHE fusionierte 61 mit der DP zur GDP; Oberländer trat zur CDU über
  37. Der polnische Teil Pommerns beinhaltet wie erwähnt auch Teile Vorpommerns. 1995 wurde die “Euroregion Pomerania” gegründet, aus deutschen und polnischen Gebieten. > Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino,…
  38. Manchmal werden auch die Sorben dazu gezählt
  39. Deren Vertreter haben 05 das “Minderheitensekretariat” als Interessenvertretung gegründet
  40. > Film “Poklosie”
  41. Auch in Polen gibt es heute andere Einwanderer-Gruppen, Vietnamesen, Nigerianer, Türken, Ukrainer,…

Abhandlung über Geschichte und Gegenwart der Ukraine

Die heutige Ukraine war Zentrum der Kiewer Rus, aus der auch Russland hervorging, dann peripherer Teil verschiedener Reiche. Eine Konstante in der Geschichte der Ukraine war die Zerteilung auf verschiedene Reiche 1 und das weitgehende Fehlen von Eigenständigkeit. Die Entscheidungen für die Ukrainer wurden meist woanders getroffen. Ungünstig für die Nationsbildung wirkte sich auch aus, dass die Oberschicht über die Jahrhunderte hinweg anderen Völker angehörten bzw. sich ukrainische Eliten an diese assimilieren mussten (dadurch polonisiert oder russifiziert wurden), und Ukrainer benachteiligt wurden. Dies wirkt sich bis heute auf die sozio-ethnischen Strukturen des Landes aus. Die heutige Ukraine ist hauptsächlich Nachfolgestaat der Ukrainischen Sowjet-Republik (territorial, von der politischen Kultur, den Netzwerken,…) – auch wenn in der Nationskonstruktion Waräger, das Teil-Fürstentüm (des Kiewer Reichs) Galizien-Wolhynien, die Kosaken-Herrschaft oder der Antagonismus zu Russland maßgeblich sind. Das sowjetische Erbe drückt sich nicht zuletzt im Fehlen zivilgesellschaftlicher, demokratischer, marktwirtschaftlicher Traditionen aus.

1991 begann für die Ukraine eine Phase der Unabhängigkeit und Einheit sowie des Friedens, die für ihre Verhältnisse eine lange war. Eine positive politische und wirtschaftliche Entwicklung kam trotz dieser Vorzeichen nicht zustande. Mit den Entwicklungen in Krim und anderen Teilen der Ost-Ukraine infolge der “Euromaidan”-Proteste 2013/14 und des Sturzes von Präsident Janukovich (worauf hier nicht mehr eingegangen wird) ist diese Phase wohl zu Ende gegangen. Die ukrainische Nationsdefinition funktioniert nur über die Abgrenzung zu Russen. Das Verhältnis zu den anderen Nachbarn ist nicht so problematisch und geladen; Polen ist der zweitwichtigste, auch hier gibt es viel historischen Bezug, u.a. als das Tor zum Westen.

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  1. Diverse Randgebiete der heutigen Ukraine wie die Krim, Galizien, die Karpato-Ukraine oder die Nord-Bukowina haben darüber hinaus die längste Zeit eine getrennte Entwicklung genommen