RFK 68 nicht erschossen

 

32441_medWas, wenn Robert Kennedy nicht ermordet worden wäre? Hätte er in diesem Jahr (1968) die Nominierung seiner Demokratischen Partei gegen Hubert Humphrey gewonnen? Und wäre er dann gegen Richard Nixon zum Präsidenten der USA gewählt worden? Wenn ja, was wäre in USA und darüber hinaus anders gelaufen? Dass Kennedy mit seinem Sieg bei der Vorwahl in Kalifornien kurz vor seiner Ermordung die Nominierung sicher hatte, ist ein Irrtum. Und auch ein Sieg über Nixon wäre sehr fraglich gewesen. Der damalige Nominierungsprozess und die durch den Ablauf des Kandidatenrennens bedingte Spaltung der Partei benachteiligten Kennedy. Es wurden schon einige alternativgeschichtliche Szenarien ausformuliert, in denen RFK locker Vor- und Präsidentenwahlen gewinnt und dann ein “goldenes Zeitalter” schafft; hier eine Analyse dazu.

Robert Francis Kennedy hat CIA-Chef McCone 1963 gefragt, „Hat die CIA meinen Bruder umgebracht?“, wird berichtet. Unter seinem Bruder war er Justizminister geworden, hat als solcher das Gefängnis auf Alcatraz schliessen lassen. 1964 liess er sich (für New York) in den Senat wählen; unter Johnson weiter Minister zu sein oder Vizepräsident zu werden, kam für beide nicht in Frage.

Das direkte amerikanische Eingreifen im Krieg zwischen Nord- und Südvietnam begann unter Johnson nach dem Zwischenfall im Golf von Tonkin vor der Küste Nordvietnams 1964. Ein USA-Kriegsschiff war angeblich in ein Gefecht mit nordvietnamesischen Schnellbooten verwickelt worden; keine falsche Flagge, eher ein willkommener bzw. falsch deklarierter Anlass. Andere aussenpolitische Engagements unter Johnson war die Unterstützung des Sturzes des linken, demokratischen Präsidenten von Brasilien, João Goulart, sowie der Militärputsch und die nachfolgende Diktatur in Griechenland unter Papadopulos.

Lyndon Johnson durfte 1968 erneut für die Präsidentschaft kandidieren; mit dem Nachrücken für Kennedy 1963 hatte er nicht eine ganze Amtsperiode “verbraucht”. Ein amtierender Präsident wird in seiner Partei bei Neu-Wahlen normalerweise nicht ernsthaft herausgefordert; Ausnahmen waren Ford 1976 (von Reagan) – oder Johnson 1968. Eugene McCarthy, Senator von Minnesota, nicht zu verwechseln mit dem antikommunistischen Hexenjäger Joseph, war gegen Johnsons Kriegspolitik in Vietnam und wollte für und mit den Kriegsgegnern inner- und ausserhalb der Demokratischen Partei einen Kurswechsel herbeiführen. Als Johnson bei der ersten Vorwahl im März in New Hampshire gegen McCarthy überraschend schlecht abschnitt (aber gewann), ein starker Hinweis auf die Kriegsgegnerschaft in der Partei, begannen die Turbulenzen im Vorwahlkampf der Demokraten.

Robert Kennedy, der als Senator auf Distanz zur Vietnam-Politik von Johnson gegangen war, aber – zur Enttäuschung mancher Anhänger – gezögert hatte, diesen bei dieser Präsidentschaftswahl herauszufordern, meldete wenige Tage nach dieser Vorwahl nun auch seine Kandidatur an – was die Partei weiter spaltete wie auch das Anti-Kriegs-Lager. Der Vietnam-Krieg spaltete die USA wie zuletzt wahrscheinlich der Bürgerkrieg; im März 1968 ereignete sich auch das Massaker US-amerikanischer Soldaten in My Lai in Süd-Vietnam mit Hunderten Toten.

Am Ende dieses Monats kündigte dann Präsident Johnson an, seine Kandidatur zurückzuziehen; die Herausforderung aus der eigenen Partei war ein Grund dafür, seine Gesundheit ein anderer. Johnson hatte bis zu einem Herzanfall 1955 3 Packungen Zigaretten pro Tag geraucht, hörte dann abrupt auf; fing nach seinem Auszug aus dem Weissen Haus im Jänner 1969 wieder damit an. Er starb 2 Tage nach dem Ende von Nixon’s erster Amtszeit. Nach Johnsons Ausstieg stieg Vizepräsident Hubert Humphrey in die demokratischen Vorwahlen ein.

RFKinfrontofJFKpicture19661Humphreys offizieller Eintritt in den Wahlkampf erfolgte jedoch erst Ende April und damit zu spät, um noch an den restlichen Vorwahlen teilnehmen zu können. In Vorwahlen einzutreten war bis 1968 nicht der alleinige Weg zur Nominierung, galt sogar leicht als ein Zeichen von Schwäche. Humphrey, der Nachfolger von LBJ als Kandidat des Partei-Establishments wurde, konzentrierte sich darauf, die Delegierten-Stimmen jener Bundesstaaten zu gewinnen, in denen keine Vorwahlen stattfanden (die meisten). In diesen Bundesstaaten wurden die Delegierten für den Parteikonvent durch den Parteiapparat dieses Staates bestimmt (durch Ernennung, Konferenzen oder auch kleinere Abstimmungen). Der Vizepräsident wurde vom Parteiapparat unterstützt, er hatte auch den Präsidenten, den Grossteil der Gewerkschaften und des Südens sowie viel Anti-Kennedy-Geld (das Geld von Leuten, die ihn unterstützten, um RFK zu verhindern) für seine Kandidatur. In die Vorwahlen schickte er einige Günstlinge als “Zähl-Kandidaten”.

Nur in 14 Bundesstaaten (sowie in DC) fanden bei der DP in diesem Jahr Vorwahlen statt, manchmal wird auch 13 genannt, das dürfte an West Virginia liegen bzw an der Frage der Unterscheidung zwischen Vorwahl und anderer Delegiertenauswahl. Nach 1968 konnte bei den beiden Grossparteien kein Präsidentschaftsanwärter mehr nominiert werden, ohne sich in den Vorwahlen durchgesetzt zu haben. In den demokratischen Vorwahlen 68 duellierten sich hauptsächlich die beiden Liberalen McCarthy und Kennedy, beide katholisch und irischer Herkunft, beide sprachen ein ähnliches Wählersegment an. Der besonders konservative Teil der DP im Süden (genauer Südosten) brach mit dem ehemaligen Gouverneur Alabamas, George Wallace, weg, der für eine American Independent Party kandidierte. Kennedy bemühte sich, im Gegensatz zu McCarthy (der wahrscheinlich wusste, dass für ihn dort nichts zu holen war), aber recht erfolglos, um die Partei-Funktionäre in den Staaten ohne Vorwahlen. Johnson nutzte seinen ganzen Einfluss, Kennedy zu verhindern und Humphrey durchzubringen, der tatsächlich den Grossteil der Delegierten für den Konvent aus den Staaten ohne Vorwahlen gewann.

RFK wahlkampfRobert Kennedy war in der Democratic Party kein Liebling, für das Partei-Establishment war er zu “liberal”, auch für Johnson, für Südstaatler ohnehin, was die Gewerkschaften betraf, so war es sein Eintreten für “Schwarze” und “Latinos”, das grosse Teile der weissen Arbeiterschaft “vor den Kopf stiess”. Der Historiker Arthur Schlesinger, ein Unterstützer von ihm, schrieb in seiner Biografie von Kennedy: “Manche sahen ihn als erbarmungsvollen Heiland, andere als skrupellosen Opportunisten oder als unverantwortlichen Demagogen, der in die wunden Punkten der amerikanischen Gesellschaft griff – Rasse, Armut, Krieg. Wenige waren ihm gegenüber neutral oder gleichgültig.” Kennedy hat tatsächlich Themen behandelt, die die meisten Politiker mieden und mit 42 Jahren machte er sich nun auf den Sprung zur Macht bzw zur Umsetzung seines Programms. Er war, genau so wenig wie sein älterer Bruder, nicht die heilige und mutige Gestalt, als die er gerne dargestellt wird.

Dass unter John F. Kennedy das US-amerikanische “Engagement” in Vietnam begonnen hatte, ist aus der Logik des Kalten Krieges heraus irgendwie nachvollziehbar. Die ebenfalls unter ihm vorgenommenen Eingriffe in die Politik bzw. in die Geschichte des Irak (der Sturz von Premier Qasim) und des Kongo (der Sturz von Premier Lumumba) haben bis heute destruktive Folgen für diese Länder und ihre Regionen, und in beiden Fällen war eine Nähe der Regierung zum Kommunismus und zur Sowjetunion nicht wirklich gegeben. Heutige westliche Politik gegenüber diesen beiden Staaten versucht eigentlich, das zu erreichen, was auch von diesen damals gestürzten Regierungen angestrebt wurde… Da es hier ja um einen kontrafaktischen Ansatz geht: Wenn John Kennedy nicht ermordet worden wäre (wird öfter durchgedacht als eine Präsidentschaft Roberts), hätte das seinem Bruder für dessen eigene Karriere genützt oder geschadet?

Robert Kennedy hat, wiegesagt, “Tabus” der amerikanischen Politik wie Rassismus, Armut und Imperialismus kritisch behandelt. Hat etwa (weissen) Medizin-Studenten, die ihn bei einer Vorwahl-Veranstaltung fragten, woher er das Geld für Gesundheitsversorgungs-Programme für Arme nehmen wolle, geantwortet “Von euch.” Er ist nicht nur in die Wohngebiete der Schwarzen gegangen, er hat das Thema der rassischen Ungleichheit auch vor weissem Publikum angesprochen. Zur Bürgerrechtsbewegung bzw ihren Entstehungsgründen, neben dem Vietnam-Krieg das zweite wichtige Thema der Wahl, hatte er eine klare Haltung. 1966 hatte er Südafrika bereist, und dabei die Apartheid verurteilt, wie damals nur sehr wenige westliche Politiker. Als im April 1968 Martin Luther King ermordet wurde, war er gerade in Indianapolis im Wahlkampf, gab dann eine ziemlich improvisierte Rede dazu ab, in der er zur Versöhnung zwischen den Rassen aufrief. In Indianapolis sollen die Unruhen, die es damals in vielen anderen Städten gab, deshalb auch ausgeblieben sein. Dennoch, anders als Nelson Mandela 1993 nach der Ermordung Chris Hanis, konnte Kennedy durch seinen Umgang mit dem Attentat nicht entscheidend, über “sein” Wählersegment hinaus, Macht dazu gewinnen.

Vietnam war damals der Brennpunkt des Kalten Kriegs, und der Stellvertreter-Krieg zwischen Nord- und Südvietnam eskalierte 1968 im Zuge der Tet-Offensive der nordvietnamesischen Armee und des Vietcong. Für Amerikaner war der Krieg schon aufgrund der damals aktuellen Wehrpflicht ein unmittelbares. Kennedy war nicht dezidiert für einen amerikanischen Abzug aus Vietnam oder einen sofortigen Frieden, aber für eine Delegierung der Kriegsführung an das südvietnamesische Militär, durch ihre Unterstützung sowie Friedensverhandlungen. McCarthy war entschiedener gegen den Vietnam-Krieg bzw. die Teilnahme der USA daran (bzw die Anfachung durch sie); so wie er auch dezidiert J. Edgar Hoover als FBI-Chef ablösen wollte. Robert Kennedy wollte CIA, FBI wie auch der (teilweise mit der Gewerkschaft verbundenen) Mafia stärker Einhalt gebieten, was er schon als Justizminister versucht hatte. Bezüglich der Todesstrafe bezog er eindeutig Stellung zugunsten einer Abschaffung, die damals diskutiert wurde. Zu Fragen wie Abtreibung nahm er dagegen eine konservative Haltung ein.

Das Versprechen Kennedys am Rande des Vorwahlkampfes, im Falle eines Wahlsiegs 50 Kampfjets an Israel zu liefern, spielte für diesen auch deshalb keine grosse Rolle, da auch die anderen Kandidaten hier ähnliche Positionen vertraten. Er hatte Palästina 1948, einen Monat vor der Ausrufung “Israels” (nach dem britischen Abzug dann), besucht, für die “Boston Post” aus dem Land berichtet. Damals begann seine prozionistische Haltung; die Zionisten hätten überhaupt erst etwas aus dem Land gemacht, schrieb er damals, würden ums Überleben kämpfen, die Araber einen ideologisch verblendeten Kampf gegen sie führen, usw., Klischees die sich bis heute im Westen halten. Dass die Nakba damals schon einige Monate lief, nahm er nur insofern wahr, als im Land “enorme Spannungen” herrschten. Sein Bruder hatte Israel Anfang der 1960er nicht zuletzt bezüglich ihrer Atomwaffen kontra gegeben; unter Johnson setzte sich während des Kriegs 1967 (in dem Israel das von ihm kontrollierte Territorium weiter erweiterte, auch über Palästina hinaus) eine Allianz der USA mit Israel durch – trotz der israelischen Bombardierung der USS Liberty.

RFK bestritt nicht alle der Vorwahlen, gewann nicht alle die er bestritt. Nachdem in Oregon McCarthy gewonnen hatte, fanden am 4. Juni drei Vorwahlen statt. Entscheidend war das bevölkerungsreiche Kalifornien, wo Kennedy mit 46 zu 42% gegen McCarthy gewann, der an diesem Tag noch einen weiteren Bundesstaat verlor. Der Sieg in Kalifornien bedeutete eigtentlich die Entscheidung für Kennedy in den Vorwahlen. McCarthy gab aber noch nicht auf, bereitete sich auf New York vor, wo keine offiziellen Vorwahlen stattfanden, dort wurden Delegierte für den Parteikonvent direkt gewählt, ohne dass sich die Wähler direkt für einen Kandidaten entschieden.

RFK flyerKennedy und sein Tross feierte die Siege in Kalifornien und South Dakota im “Ambassador Hotel” in Los Angeles. Damals stellte das Secret Service nur für amtierende Präsidenten Personenschutz zur Verfügung, nicht für Kandidaten, auch etwas das sich durch die Wahl 1968 änderte. Kennedy’s eigene Leibwächter waren der ehemalige FBI-Agent William Barry und zwei ehemalige Athleten (Grier, Johnson). Das Hotel hat anscheinend über eine Sicherheitsfirma (“Ace Guard Service”) einen Wachmann für das Ereignis engagiert, Thane Eugene Cesar, und das weniger als Schutz für den Kandidaten als für die Kontrolle der Menschen-Mengen, die ins Hotel kamen. Kennedy und seine Begleiter verliessen, kurz nach Mitternacht, nach einer Siegesrede einen Festsaal durch die Küchenräume des Hotels, um in einen anderen Saal zu wartenden Journalisten zu gelangen. In der Küche wurde Kennedy von drei Schüssen getroffen; auch fünf andere Personen wurden getroffen, die sich aber dann erholten. Juan Romero, aus Mexiko eingewanderter Küchengehilfe, war der letzte der RFK die Hände schüttelte, und einer der ersten die sich nach dem Attentat um ihn kümmerten. Kennedy erlag 26 Stunden nach dem Attentat im Krankenhaus seinen Verletzungen.

rfk at ambassadorDer Schütze, der gleich überwältigt wurde, war Sirhan Sirhan, ein christlicher (griechisch-orthodoxer) Palästinenser aus Jerusalem. Sirhan, zur Zeit der Nakba 4 Jahre alt, hatte wegen der jordanischen Verwaltung von Ost-Jerusalem und der Westbank 1948 bis 1967 die jordanische Staatsbürgerschaft. In dieser Zeit wanderte die Familie in die USA aus, ein Teil kehrte wieder zurück. Sirhan arbeitete u.a. als Pferdepfleger in Kalifornien, schloss sich diversen Sekten wie den Rosenkreuzern an. Er erlebte den erfolgreichen israelischen Angriffskrieg ’67 aus der Distanz, als der Rest von Jerusalem und Palästina (sowie Teile Ägyptens und Syriens) unter zionistische Kontrolle kamen, auch seine Familie. Auch diese Palästinenser erlebten nun israelische Militärverwaltung und Vertreibungen, wie in der Altstadt im eroberten Osten Jerusalems. Er erlebte in Amerika die “Heirat” amerikanischer und zionistischer Interessen unter Johnson, Feiern nach dem Krieg. Er lebte nie unter israelischer Herrschaft, erlebt die weitere Besetzung und Zerstückelung seiner Heimat aus etwas Distanz. Für Palästinenser bedeutete 67 etwas anderes als für die amerikanische Mehrheitsbevölkerung, und westliche Solidarität mit Christen in Palästina und der Region gibt es in der Regel nur dann, wenn man sie gegen Moslems in Stellung bringen kann… Sirhan soll auch psychische bzw. neurologische Probleme gehabt haben, vom Fall von einem Pferd.

Im Jänner 1968 war der israelische Premier Eschkol (Shkolnik) bei Johnson gewesen, was damals schon ein Besuch unter Alliierten war. Er wollte 50 Kampfflugzeuge kaufen, die Sache zog sich dahin, das amerikanische Aussenministerium war dagegen, weil es eine derart eindeutige Positionsbeziehung in dem Konflikt nicht wollte, eine Eskalation dieses Konfliktes durch eine “Einbettung” in den Kalten Krieg sowie ein Wettrüsten in der Region befürchtete. Das Ringen bzw. der Entscheidungsweg über den Verkauf kam in einer Wahlkampf-Debatte zwischen Kennedy und McCarthy in der Woche vor der kalifornischen Vorwahl zu Sprache, dort sprach sich Kennedy dafür aus (ob es hier Widerspruch von McCarthy gab, ist mir nicht bekannt). Sirhan soll Kennedy bis dahin sehr geschätzt haben und nun sehr enttäuscht gewesen sein. In seinem Notizbuch, das die wichtigste Informationsquelle über seine Mord-Motive war/ist, fand sich ein Eintrag dazu (nicht direkt auf die Debatte bezogen).

Der war allerdings vor der Debatte bzw. Kennedy-Aussage datiert (18. Mai). Im Mai hatte es eine TV-Doku gegeben (“The Story of Robert Kennedy”), in der RFK selbes über den Verkauf der Waffensysteme für Israel sagte (dort dürfte auch sein Besuch im Land 1948 vorgekommen sein). Diese wurde in Kalifornien aber ebenfalls nach der Notiz (sofern diese richtig datiert war) ausgestrahlt. Sonst hatte es nur im Jänner des Jahres, anlässlich des Eschkol-Besuches, möglicherweise eine Aussage Kennedys dazu gegeben. Die Entscheidung für den Verkauf fiel übrigens im Oktober, nach Druck der zionistischen Lobby, unter Johnson, kurz vor der Wahl; und die Sowjetunion lieferte darauf hin MIG-Kampfflugzeuge an Ägypten, von dessem Territorium Israel damals auch einen grossen Teil besetzte. Dass sich der Mord am ersten Jahrestag des Beginns des Sechs-Tage-Kriegs ereignete, kann in jedem Fall eigentlich nur ein bizarrer Zufall sein.

In Alternativtheorien zum Mord wird darauf hingewiesen, dass Kennedy Schusswunden nur auf der Rückseite seines Körpers gehabt habe, Sirhan jedoch direkt vor ihm gestanden sei. Der kurzfristig angeheuerte Wachmann Thane E. Cesar, ein Gegner der Kennedys, seine Waffe wurde nach dem Attentat nicht sichergestellt und untersucht, wird als zweiter, von hinten feuernder Schütze verdächtigt. Manchmal wird auch über eine Manipulation Sirhans durch Andere spekuliert. Hinter jeder Verschwörungstheorie steckt irgend eine Wahrheit; und die Herausforderung des konservativen, etablierten Amerikas durch “Bobby” Kennedy, durch sein Entreten für die Armen oder gegen den Krieg, ist ein Fakt. Sirhan wurde 1969 zunächst zu Tode verurteilt, die Strafe wurde durch die Abschaffung der Todesstrafe in Kalifornien 1972 in lebenslängliche Haft umgewandelt, die er heute noch absitzt.

Circa 1 Woche ruhte der Wahlkampf nach dem Mord. In New York wurde eine Mehrheit von Delegierten gewählt, die am Konvent McCarthy wählen sollten, auch einige für den toten Kennedy. Der Parteivorstand der DP im Bundesstaat New York (das New York State Democratic Committee) durfte dann den Rest der Delegierten (etwa ein Drittel der gesamten) auswählen bzw. zuteilen, und wie auch in anderen Staaten wurde hier Humphrey bevorzugt, und seine Gegner, nun v.a. McCarthy, benachteiligt. Nachhher war nur noch die Vorwahl in llinois, wo McCarthy gewann. Es war klar, Humphrey würde beim Konvent zumindest im ersten Wahlgang eine Mehrheit haben. Kurz vor dem Beginn des Konvents überfielen Truppen der Warschauer Pakt-Staaten die Tschechoslowakei und beendeten den “Prager Frühling” genannten Reformversuch des dortigen kommunistischen Systems.

Zum Zeitpunkt von Kennedys Tod, also kurz vor Ende des Nominierungsprozesses, sah die Delegierten-Verteilung so aus: Humphrey, der nicht an Vorwahlen teilnahm, hatte über 1000 zugeteilt bekommen; Robert Kennedy hatte etwas unter 700 sicher; McCarthy etwas über 300. Für die Nominierung waren 1312 Delegierte nötig. In der Hochrechnung, die den Rückzug der Humphrey-Günstlinge und anderer schwächerer Kandidaten mit-berücksichtigte, war Humphrey schon deutlich über dieser Marke. Es hätte schon einiges eintreffen müssen, dass Kennedy (ohne Attentat natürlich) die Nominierung noch bekommen hätte, anstelle von Humphrey:

  • Kennedy hätte die Vorwahl in Illinois gewinnen müssen (was wahrscheinlich gewesen wäre, aufgrund der Gegenkandidaten) und in New York einen guten Teil der Delegierten zugeteilt bekommen müssen (schwierig). Dann hätte es beim Konvent in Chicago wahrscheinlich einen zweiten Wahlgang gegeben (und nicht schon eine absolute Mehrheit für Humphrey im ersten). In den letzten Jahrzehnten gab es nur zwei Konvents der beiden grossen Parteien, wo der Nominierte nicht vor Beginn feststand bzw. wo die Abstimmung eine Art “Kampfabstimmung” wurde, so genannte open conventions: 1976 bei den Republikanern zwischen Ford und Reagan, 1980 bei den Demokraten zwischen Carter und Edward Kennedy; in beiden Fällen gabs aber keinen zweiten Wahlgang. Den gab es letztmals 1952 beim DP-Konvent, der wie 1968 im International Amphitheatre in Chicago abgehalten wurde. Damals gabs vier Kandidaten und drei Wahlgänge, schliesslich setzte sich Adlai E. Stevenson gegen Estes Kefauver durch, mit Unterstützung von Noch-Präsident Truman, der einen Kandidaten aus Südstaaten mit Rassendiskriminierungsgesetzen verhindern wollte.

Im Fall eines 2. Wahlgangs im Sommer 1968, der eine Art Stichwahl zwischen Kennedy und Humphrey gewesen wäre, hätten andere Kandidaten wahrscheinlich aufgegeben. Kennedy hätte gute Chancen auf die Stimmen der McCarthy-Delegierten gehabt (auch ohne Aufgabe), was aber keineswegs sicher gewesen wäre, angesichts der Animosität, die in diesem Vorwahlkampf zwischen den beiden Lagern entstanden war, gerade wegen ihrer ähnlichen politischen Ausrichtung. Aber auch wenn RFK die McCarthy-Stimmen und jene für McGovern gedachten bekommen hätte, wäre das nicht genug gewesen.

  • Kennedy hätte Humphrey-Delegierte gewinnen müssen.

Dazu ist zu sagen, dass die aufgrund der Vorwahl-Ergebnisse oder von lokalen Parteiorganisationen ausgewählten Delegierten verpflichtet werden, bei der Convention für einen bestimmten Kandidaten abzustimmen. Hinzu kommen die ungebundenen Delegierten (“Super Delegates” und ähnliche), Parteiprominenz der Bundesstaaten. Die “normalen” haben aber theoretisch auch eine Freiheit, schliesslich soll die Versammlung bzw. die Wahl irgendwie auch lebendig sein (sie sind “pledged”, verpflichtet, aber es gibt keine Sanktionen wenn sie anders abstimmen). Sie werden auch nicht zuletzt nach Zuverlässigkeit ausgewählt. Von dieser Freiheit machen Delegierte manchmal Gebrauch, wenn “ihr” Kandidat abgeschlagen ist (und seit Jahrzehnten steht der Nominierte vor der Convention fest) und sie den kommenden Kandidaten stärken wollen. Oder ein Kandidat gibt am Konvent auf, dann sind “seine” Delegierten “frei”. 08 hat Obamas scharfe Kontrahentin in diesem Jahr, Hillary Clinton, selbst während der Convention beantragt, das Nominierungsprozedere abzuändern und Obama per Akklamation zu nominieren. Bei einem zweiten Wahlgang sind Delegierte jedenfalls ungebunden und frei in ihrer Wahlentscheidung.

Aus dem Humphrey-Lager wäre ein Hinüberwechseln von Delegierten zu Kennedy grundsätzlich eher vorgekommen als umgekehrt. Arthur Schlesinger und andere glauben, dass Kennedy’s Charisma und der Mythos seines Namens ein Gewinnen von anderen Delegierten möglich gemacht hätte. Es wird auch für möglich gehalten, dass der Chicagoer Bürgermeisters Richard Daley, eine Parteigrösse und Humphrey-Unterstützer, zu Kennedy hinübergewechselt wäre und einen grossen Teil der Delegierten mitgenommen hätte (ein paar Telefonate hätten genügt, sagen manche), während des Konvents oder in den Wochen davor. Das damalige System der “Widmung” der Delegierten ohne Vor-Wahl hätte sich auch als nachteilig für Humphrey erweisen können. Richard Nixon vertrat in seinen Memoiren die Ansicht, dass Kennedy nach dem Vorwahlsieg in Kalifornien einen Teil der Delegierten McCarthys hinzugewonnen und seine Kampagne in den verbleibenden zweieinhalb Monaten eine unwiderstehliche Eigendynamik entwickelt hätte, die auf dem Parteitag nicht mehr zu stoppen gewesen wäre. Andere Historiker/Politologen/Journalisten gehen davon aus, dass Humphreys Unterstützung durch diverse einflussreiche „Parteibosse“ und der Vorsprung bei den Parteitagsdelegierten nicht so schnell ins Wanken gekommen wären.

Ein anderes Szenario, eine Einigung hinter den Kulissen vor/während des Konvents zugunsten Kennedys wäre viel unwahrscheinlicher gewesen. Im Falle eines Nicht-Gelingens des Attentats wären Kennedys Chancen wahrscheinlich drastisch gestiegen. Jedenfalls hätte es bei einem Antreten von ihm am Konvent eine scharfe Auseinandersetzung zwischen seinem und Humphreys Lager gegeben, was die Unruhen “draussen” wahrscheinlich verstärkt hätte.

Mit dem Tod Kennedys stand Vizepräsident Humphrey als demokratischer Kandidat de facto fest, zumal Kennedys Delegierte nicht bereit waren, sich “einheitlich” hinter McCarthy zu stellen. Die meisten von ihnen stimmten für den spät gestarteten Senator George McGovern, der im Frühling noch Kennedy in den Vorwahlen unterstützt hatte. Die anderen sind möglicherweise eher zu Humphrey als zu McCarthy gegangen! Noch-Staatspräsident Johnson behielt als Druckmittel gegen Humphrey die Präferenz der Delegierten von Texas und Illinois lange offen, ihre Unterstützung sollte er nur bekommen, wenn er nicht von Johnson’s Vietnam-Kriegskurs abwich; was er auch nicht tat.

Auf dem Nominierungsparteitag/Konvent vom 26. bis 29. August bekam Humphrey im 1. Wahlgang weitaus genug Delegierten-Stimmen für die Nominierung (1761 und drei Viertel); McCarthy (601) und McGovern waren weit abgeschlagen. Unter den anderen Kandidaten, die noch Stimmen bekamen, war der baptistische Geistliche Channing E. Phillips aus Washington, D.C., der erste “Schwarze” der auf einem Konvent der beiden Grossparteien in USA Stimmen bei der Präsidentschaftskandidaten-Nominierung bekam; diese DC-Delegierten waren ursprünglich zur Wahl Kennedys vorgesehen. Edward “Ted” Kennedy war 68 nach der Ermordung seines Bruders ernsthaft als Vizepräsidenten-Kandidat im Gespräch, auch bei Humphrey. Der Konvent wählte aber Edmund Muskie, Senator aus Maine, als Humphreys “running mate”.

Die Nominierung auf dem Parteitag in Chicago wurde von schweren Auseinandersetzungen zwischen linken Vietnamkriegsgegnern und der (auf Anweisung des Bürgermeisters Richard J. Daley extrem hart agierenden) Polizei überschattet. Anders als meist angenommen, ereigneten sich diese Unruhen nicht gleich ausserhalb des International Amphitheatre (dem Veranstaltungsort) sondern weit entfernt in der Stadt. Das Zustandekommen der Nominierung (des Vietnam-Kriegs-Befürworters) Humphreys ohne Teilnahme an Vorwahlen trug zu den Unruhen um den Parteitag bei. Die Auseinandersetzung über Vietnam fand aber auch im Amphitheater statt, auf dem Konvent ging es neben den Kandidaten für die Präsidentenwahl schliesslich auch um so etwas wie ein Parteiprogramm. Und die Polarisierung “drinnen” entsprach gewissermaßen jener “draussen”. Chicago war so etwas wie der Höhepunkt des amerikanischen 68. Der DP-Vorwahlkampf 1968 war, so wie er abgelaufen war, der Grund, dass der parteiinterne Auswahlprozess dann reformiert und geregelt wurde, durch eine Kommission unter McGovern – der 1972 dann auch selbst als Kandidat ausgewählt wurde. Humphrey war der letzte Präsidentschafts-Kandidat, der die Nominierung ohne Vorwahlen gewann

democratic-national-convention-1968So chaotisch und turbulent das Rennen der DP um die Nominierung zum Kandidaten war (mit dem Konvent als Kulmination), so glatt lief jenes der RP ab. Dazu de.wikipedia: “Die Republikanische Partei nominierte Richard Nixon, der zwar von Anfang an als Favorit gegolten hatte, aber auch von der Schwäche und Unentschlossenheit seiner Gegner profitierte, die ihren Vorwahlkampf entweder frühzeitig abbrachen (wie George W. Romney, Gouverneur aus Michigan, der wegen seiner Behauptung, er sei vom US-Militär in Vietnam einer ‘Gehirnwäsche’ unterzogen worden, heftig kritisiert und verspottet wurde), zu lange mit ihrer Kandidatur zögerten (wie der New Yorker Gouverneur Nelson Rockefeller) oder diese nur halbherzig betrieben (wie der kalifornische Gouverneur Ronald Reagan). Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten wurde der Gouverneur von Maryland Spiro Agnew.” 1962 schien Nixons politische Laufbahn schon ihr Ende gefunden zu haben, als er nach einer erneuten Niederlage bei den Gouverneurswahlen in Kalifornien auf einer von ihm selbst so bezeichneten „letzten“ Pressekonferenz die Journalisten beschimpfte und seinen Abschied von der Politik bekanntgab. Die Republikaner hätten auch gegen RFK wohl keinen Anderen ins Rennen geschickt, da zum Zeitpunkt dessen Ausscheidens ihre Auswahl auch schon im Endstadium war. Nixon und andere in der RP sahen eine Chance bei jenen Arbeitern, denen RFK zu “minderheitenfreundlich” war.

Der eigentliche Wahlkampf beginnt ja nach den Konvents im Sommer, geht etwa drei Monate. Der “turbulente” Vor-Wahlkampf in seiner Partei wirkte sich nachteilig für Humphreys Kampagne aus. Nixon begann seine Kampagne mit einem grossen Vorsprung in den Meinungsumfragen, der jedoch zusehends schrumpfte, als sich Humphrey mehr und mehr von Johnson emanzipierte und dieser zudem am 31. Oktober, sechs Tage vor der Wahl, einen endgültigen Stopp der Bombardierungen Nordvietnams anordnete. Die American Independent Party nominierte als “Running Mate” für George Wallace den Luftwaffen-General Curtis LeMay, der vorschlug, in Vietnam Nuklearwaffen einzusetzen. Bei einem starken Abschneiden von Wallace und einem knappen Rennen zwischen Nixon und Humphrey (im Bereich des Möglichen) hätte es dazu kommen können, dass kein Kandidat die absolute Mehrheit der Wahlmänner erringen würde. Dann hätte (wie schon 1824) das Repräsentantenhaus den Präsidenten wählen müssen, worauf Wallace auch hoffte. Zu jenem Zeitpunkt verfügte die Demokratische Partei über eine deutliche Mehrheit in dieser Kongresskammer.

Kennedy als Kandidat (nicht getötet, Nominierung auf Convention gewonnen) hätte auch das Problem mit Wallace gehabt, der damals für Rassentrennung war und deshalb im “tiefen Süden” (Südosten) gewann, damit den Republikanern nutzte, und auch im Norden Humphrey Stimmen weg nahm. Eines von vielen Problemen. 1968 war das Wahlalter 21, somit hätte sich Kennedys Beliebtheit bei Jungen nicht so stark in Stimmen umgesetzt. Dass die meisten aus dem Showbiz und Kunstbetrieb für ihn waren, auch nicht. Da ihm die “liberalen” Stimmen angesichts der beiden Gegenkandidaten ziemlich sicher waren, hätte er wahrscheinlich einen ziemlich “konservativen” Wahlkampf geführt, um jene zu gewinnen, die nicht seine logische Klientel waren. Über “sein” Segment hinaus Wähler zu gewinnen, wäre jedenfalls für einen Sieg notwendig gewesen. Der Ex-Gouverneur von North Carolina, Terry Sanford, hätte Running Mate von RFK sein können, einen relativ konservativen Südstaatler auszuwählen, hätte hier Sinn gemacht (“balancing out the ticket”). Gut, die Antikriegs-McCarthy-Wähler hätten Kennedy mehr unterstützt (gewählt) als sie das mit Humphrey getan haben. Vermutlich wäre es ein sehr schmutziger Wahlkampf geworden, zwischen RFK und Nixon.

Wenn man sich Humphreys tatsächliches Abschneiden ansieht, und das auf Kennedy “umlegt”, ergibt sich folgendes Bild: RFK hätte Texas (das Humphrey gewann) kaum gewinnen können. Wenn er dafür in jenen Bundesstaaten gewonnen hätte, in denen Nixon 3% oder weniger vor Humphrey war, also Alaska, Kalifornien, Illinois, Missouri, New Jersey und Ohio, sowie jene (abgesehen von Texas) auch gewonnen hätte, in denen Humphrey ebenso knapp vor Nixon lag (Washington, Maryland), wäre sich ein Sieg für Kennedy gut ausgegangen (290 zu 215 Wahlmänner; statt 191 zu 301 für Humphrey/Nixon); er hätte nicht mal alle gewinnen müssen. Während Humphrey bei konservativen Wählern eine Chance hatte (wie in Texas), hätte Kennedy andere Wählerschichten gewonnen (z. B. in Kalifornien).

Bei Wählerstimmen schlug Nixon Humphrey zweieinhalb Monate nach Chicago mit 43,4% zu 42,7; bei der Zahl der gewonnen Staaten endete es 32 zu 13. Wallace schnitt erwartungsgemäß stark im Südosten ab, errang landesweit 13,5% der Stimmen, gewann 5 Bundesstaaten, bekam 45 Wahlmännerstimmen (und dann eine “untreue” von einem Nixon-Wahlmann dazu). Im gleichzeitig gewählten Kongress behielten die Demokraten Mehrheiten in beiden Kammern (Senat-Mehrheitsführer Mansfield war ein Vietnam-Kriegsgegner). Im Dezember 1968 kam übrigens R. Kennedys 11. und letztes Kind, Tochter Rory, zur Welt.

Am Ende des Jahres 1968 war also Richard Nixon der Sieger. Er konnte sich revanchieren, für seine Wahlniederlage gegen JFK 1960; oder an Lateinamerika, wo er 1958 als Vizepräsident Eisenhowers bei einer Südamerika-Reise vom Volk ablehnend empfangen wurde, als Repräsentant der USA, in Venezuela die Limousine mit seiner Frau und ihm von Demonstrierenden geschaukelt wurde (anscheinend hat ihn die venezolanische Polizei gerettet). 15 Jahre später durfte er als US-Präsident den Pinochet-Putsch in Chile einfädeln, wobei hier natürlich die Geschäftsinteressen von ITT und Kommunismus-Paranoia die Motive waren, auch ein Hegemonie-Anspruch über Lateinamerika. Die nächste Wahl, 1972, gewann er gegen McGovern, nachdem er in das Hauptquartier der Demokratischen Partei (des Democratic National Comittee) im Watergate-Gebäude in Washington einbrechen hat lassen (seine Auffassung von “Law and order”). Es war Nixon, unter dem sich die USA dann aus Vietnam zurückzogen. Und, im Vorwahlkampf 68 hatte man Eugene McCarthys Präferenz, die Volksrepublik China anzuerkennen, noch als “unrealistisch”, “ultraliberal” und “Kapitulation vor dem Kommunismus” attackiert; dies geschah dann auch unter Nixon.

Anti-Vietnam-Kriegs-Demo, zur Zeit der Präsidentschaft Nixons
Anti-Vietnam-Kriegs-Demo, zur Zeit der Präsidentschaft Nixons

Kennedy hätte als USA-Präsident sicher Einfluss auf den Vietnam-Krieg genommen, was auf die Dynamik des Kalten Kriegs grosse Wirkung gehabt hätte, mehr als auf Vietnam selbst. Ob es ihm wirklich gelungen wäre, die Politik der USA im Inneren und Äusseren gerechter zu machen? Mit der Mehrheit seiner Partei im Kongress wären einige Vorhaben umzusetzen gewesen. Vielleicht wäre er 1972 wiedergewählt worden, oder aber erst 72 drangekommen, nach einer Nixon-Amtszeit, gegen diesen. Bei einer Nominierung Humphreys 68 und einer Niederlage dieses gegen Nixon hätte Kennedy leicht die Wiederwahl in den Senat schaffen können und in der zerstrittenen DP dann eine der dominanten Figuren werden können. Im demokratischen Vorwahlkampf 72 gab es ja wieder ein Attentat auf einen Kandidaten, den diesmal wieder für diese Partei kandidierenden George Wallace (ein unpolitisches, wie es aussieht). McGovern, der tatsächlich 72 die Kandidatur gewann, hätte für RFK wahrscheinlich verzichtet. Auch ohne Präsidentschaft wäre dieser wohl auf Jahrzehnte hinaus ein wichtiger Politiker in Washington gewesen, z.B. als Senator, wie es dann Ted war.

Der Spielfilm “Bobby” von Emilio Estevez aus 2006 zeigt fiktive Ereignisse im Ambassador Hotel in Los Angeles in der Nacht zum 5. Juni 1968, vor dem Hintergrund realer. Von Robert Dornhelm erschien 2002 die TV-Dokumentation “RFK”.

„Shampoo“ (1975) mit W. Beatty u. a. spielt am Tag von Nixons Wahlsieg 68, wurde zur Watergate-Zeit gedreht/veröffentlicht, es geht vordergründig um Sex. Die Hauptperson, ein Friseur, soll an Jay Sebring angelehnt sein, der von der Manson-Familie umgebracht wurde

Mitchell J. Freedman: A Disturbance of Fate. The Presidency of Robert F. Kennedy (2010). Eine kontrafaktische/alternative Geschichte über ein Überleben und einem Wahlsieg dieses Kennedys. Scheint darauf abzuzielen, die Erwartungen ggü einer Präsidentschaft Kennedys als übertrieben darzustellen

Michael Bishop: Dieser Mann ist leider tot (1993): kein Watergate (aufgeflogen), Nixon bekommt freie Bahn, etabliert  ein autoritäres Regime.

Dan Moldea: The Killing of Robert F. Kennedy: An Investigation of Motive, Means, and Opportunity (1995)

Im Comic „Watchmen“ wird Nixon Führer der USA

Über den Mord

Über die DP-Vorwahl 68

Über den Konvent

Amerikanische TV-Berichte nach der Vorwahl in Kalifornien, im 2. Teil eine kontrafaktische Einschätzung

Alternativgeschichtliche/kontrafaktische Szenarien und Diskussionen:

Bei PBS

Auf althistory.wiki

Auf alternatehistory mehrere

(alles auf Englisch in diesen links)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vom Erbe der Apartheid

Die Apartheid in Südafrika bedeutete rassische Hierarchie und Afrikaaner-Vorherrschaft; ersteres war auch vor der Alleinregierung der Nationalen Partei schon, weniger formell, gegeben. Apartheid beinhaltete auch den Versuch, die Asiaten und Mischlinge gegen die schwarze Bevölkerungsmehrheit auszuspielen. In den anglosächsisch dominierten Ländern USA, Kanada, Australien, Neuseeland war bezüglich der Abtrennung und Schlechterstellung der “Farbigen” lange ähnliches gegeben wie in Südafrika und seinen Nachbarländern Südwestafrika (Namibia; das vom 1. Weltkrieg an bis zur Unabhängigkeit von Südafrika verwaltet wurde) und Rhodesien (Zimbabwe). Brachte die Apartheid abseits aller falscher Apologetik auch gutes für das Land oder wenigstens einzelne Gruppen? Nun, was die Afrikaaner/Buren betrifft, in den 1950er-Jahren (als die Apartheid noch ziemlich jung war) war noch die Mehrheit von ihnen auf Farmen beschäftigt oder arbeitete in minderqualifizierten Tätigkeiten als Industriearbeiter. Mitte der 1970er hatten ungefähr 70% den Aufstieg zu einer neuen Mittelschicht vollzogen. Diese musste aufgrund ihres höheren Bildungsstandes keine Konkurrenz von Schwarzen um Arbeitsplätze mehr fürchten; diesen wurde nun fast jede Bildung vorenthalten.

Die Haltung vieler Staaten des Westens zum Apartheid-Regime war beschämend, viele haben erst in den 1980ern ihre enge wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit mit dem Regime eingestellt; als Rechtfertigung wird gerne die Frontstellung des Kalten Krieges genannt. Dass die Sowjetunion Befreiungsbewegungen des südlichen Afrikas unterstützte, sagt aber eher etwas positives über deren Aussenpolitik aus, als dass sie westliche entschuldigt. Kein Staat ausserhalb der “Dritten Welt” hat mehr gegen die Apartheid getan als die Sowjetunion, auf verschiedenen Ebenen. Nelson Mandela und der ANC (African National Congress) begannen Anfang der 1960er den bewaffneten Kampf gegen die Apartheid (der sich mit jenem in den südafrikanischen Nachbarländern verband), setzten sich dann Anfang der 1990er mit der NP-Regierung an den Verhandlungstisch und leiteten nach der freien Wahl von 1994 den Übergang zur Demokratie.

Zu Apartheid-Zeiten betrieb Südafrika mit auswärtiger Hilfe ein Atomwaffenprogramm; 1988 hat das Regime in Angola einen Einsatz erwogen, kurz bevor der Konflikt dort und in den anderen Ländern des südlichen Afrika, nicht zuletzt wegen der Entschärfung des Kalten Kriegs, einem Ende zusteuerte. Die Atomwaffen (die erst nach ihrer “Entschärfung” offiziell bekannt gegeben wurden) wurden praktisch parallel mit der Apartheid aufgegeben; die Opposition zum Aufgeben des militärischen Atomprogramms war gleichzeitig eine zur Beendigung der Apartheid, etwa beim 2008 verstorbenen Atomwissenschafter “Wally” Grant.

Parteitag der Nationalen Partei 1985, am Rednerpult der damalige Staatspräsident Pieter W. Botha
Parteitag der Nationalen Partei 1985, am Rednerpult der damalige Staatspräsident Pieter W. Botha; “1915” bezog sich übrigens auf das Gründungsjahr der Partei

Renfrew Leslie Christie, ein weisser Südafrikaner, fand sich mit 17 Jahren in der Armee des Apartheid-Regimes wieder, das war Ende der 1960er. “Manche in meiner Familie hatten im 2. Weltkrieg [an dem Südafrika durch seine damals noch enge Bindung an Grossbritannien an der Seite der Alliierten teilnahm] Hitler und den Faschismus bekämpft. Mit 17 war mir schon klar dass die Apartheid bekämpft werden musste und ein bewaffneter Kampf das Mittel dazu war.” Als er in der Militärbasis in Lenz bei Johannesburg ein Munitionslager bewachen musste, bemerkte er etwas, dass ihn auf den Verdacht brachte, dass die Apartheid-Regierung etwas mit Nuklearwaffen zu tun hatte. An diesem Punkt begann seine Jagd nach den Apartheid-Atombomben. Aus stiller Ablehnung der Apartheid wurde bei Renfrew Christie ein aktives Engagement. “Ich habe dieser Regierung nicht getraut und wollte nicht, dass sie über Atomwaffen verfügt. Daher habe ich später Informationen an den ANC weitergegeben. Auch als ich dann im Gefängnis war, habe ich mein Verhalten nicht bereut”, sagt er. Anfang der 1970er, als er in Kapstadt studierte, wurde er Vizepräsident der Studentenvereinigung NUSAS. Als sein Armee-Regiment 1975 nach Angola geschickt wurde, kurz nach dessen Unabhängigkeit, hatte er gerade ein Stipendium an der Universität Oxford (GB) gewonnen und durfte daher Südafrika anderwärtig verlassen.

Christie schrieb dort seine Geschichts-Dissertation über die Elektrifizierung Südafrikas; dies gab ihm einen Vorwand, beim Elekrizitätsversorger Eskom zu forschen, auch die Pläne bezüglich Uran-Anreicherung und Plutonium-Erzeugung für das geplante Atomkraftwerk Koeberg bei Kapstadt einzusehen. Aus den Mengenangaben liess sich berechnen, wieviel spaltbares Material für Atomwaffen abgezweigt werden konnte. Bei seinen Heimatbesuchen aus Oxford machte Christie auch Filmaufnahmen über die Realität der Apartheid, etwa in Soweto, wo sich 1976 der Aufstand ereignete. Christie begann, Unterlagen über das damals international nur vermutete Atomwaffenprogramm des Apartheid-Regimes an den ANC (dessen Führung im Exil residierte) weiterzugeben; etwa den Bericht von einer Untersuchung des südafrikanischen Atomic Energy Board über mögliche Orte für nukleare Tests in Südafrika, die sich anscheinend darauf beschränkte, die (Folgen von) Explosionen in „schwarzen“ Wohngegenden zu untersuchen und den radioaktiven Niederschlag in „weissen“.

Christie könnte auch eine vorbereitende Rolle bei Anschlägen der ANC-Miliz Umkhonto we Sizwe auf Kraftwerke in Südafrika gespielt haben – die keine Menschenleben kosteten oder gefährdeten. Die von Abdul Minty geleitete World Campaign against Military and Nuclear Collaboration with South Africa thematisierte das Atomprogramm des südafrikanischen Regimes immer wieder. Minty, ein indischer Südafrikaner, nahm nach dem Ende der Apartheid eine wichtige Rolle im Aussenministerium des Landes ein und kandidierte 2009 für den Posten des Generaldirektors der IAEO in Wien.

1979 kehrte Christie nach Südafrika zurück und wurde bald verhaftet. Er war von dem Apartheid-Agenten Williamson (s.u.), der die internationale Anti-Apartheid-Bewegung infiltriert hatte, aufgedeckt worden. Bei den polizeilichen Einvernahmen in Johannesburg wurde er auch gefoltert. Als es 1980 zum Prozess kam (er sass sieben Monate in Einzelhaft), drohte ihm sogar die Todesstrafe. Dennoch nutzte er die Gelegenheit, noch Empfehlungen an den ANC auszusprechen; er verpackte diese in einem “Geständnis”, das der Richter laut vorlas und damit weiterverbreitete… Er wurde unter dem Terrorismus-Gesetz verurteilt, unter dem er auch verhaftet worden war, zu zehn Jahren Gefängnis. Diese hatte er im Zentralgefängnis von Pretoria zu verbüßen.

Dort wurde er Ohrenzeuge von über 300 Todesstrafen-Vollstreckungen durch Hängen, an politischen Aktivisten wie gewöhnlichen Kriminellen. Die Nähe der Zelle zum Galgen war Teil der Strafe, die man für ihn grausam gestalten wollte. Er erinnert sich daran, dass das Gefängnis zwei bis drei Tage vor einer Exekution mit Gesang erfüllt gewesen war, um den Verurteilten den Abschied von dieser Welt etwas erträglicher zu machen. Am Tag der Hinrichtung gab es dann den Klang der Falltüre und das Hämmern von Nägeln, nachdem der Tote in einen Sarg gelegt worden war. Christie traf im Gefängnis in Pretoria auch Dimitri Tsafendas, der 1966 den “Apostel der Apartheid”, Premierminister Hendrik Verwoerd, ermordet hatte.

Tsafendas, griechisch-mosambikanischer Herkunft, war damals Parlamentsdiener gewesen. Zum einen war er unglücklich mit seiner Stellung im Apartheidsystem gewesen, die auch etwas von einem Kastensystem hatte, zum anderen sind psychische Probleme als Motivation für seine Tat anzuführen (er sagte aus, dass ein Bandwurm in ihm Anweisungen gäbe) – wobei diese zwei Faktoren wohl auch miteinander korrelierten. Wie Brian Bunting in “The Rise of the South African Reich” schrieb, war die Tat von Tsafendas, wie auch der Mordversuch an Verwoerd durch einen Weissen, David Pratt, sechs Jahre zuvor, weniger die Aktion individueller Gewalttäter mit psychischen Problemen, als Symptom einer gestörten und unterdrückten Gesellschaft, in der sich Spannungen so entluden.

Christie machte in Haft einen weiteren Studienabschluss, in Wirtschaft. Während seiner Zeit im Gefängnis bekam er auch mit, dass seine Freundin aus der Zeit an der Witwatersrand-Universität, Jeanette Schoon, in Angola von einer Paketbombe getötet worden war (s.u.). Zu den politischen Gefangenen des schwarzen Widerstands war er durch die konsequente Rassentrennung auch in Haft getrennt; Nelson Mandela und die meisten anderen von ANC, PAC, z.T auch von der namibischen SWAPO, saßen auf Robben Island vor Kapstadt, mehr als 1500 km entfernt von den weissen “politischen” in Pretoria. 1986 wurde Christie vorzeitig freigelassen, nach 7 Jahren in Haft. Nachdem Anfang der 1990er die Weichen für eine Demokratisierung Südafrikas gestellt waren, widmete er sich wieder Forschung und Lehre; wobei er vorher aufgrund seiner politischen Tätigkeit auch an keiner Universität eine Chance hatte.

Er ist heute an der Westkap-Universität in Kapstadt  (UWC), scheint sich auch weiter mit dem südafrikanischen Nuklearprogramm beschäftigt zu haben. Seine Oxford-Dissertation “The Electrification of South Africa, 1905-1975” (1979) dürfte abseits der “Hintergedanken”, die er bei der Wahl des Themas hatte, eine wichtige und lesenswerte Arbeit sein. Die Elektrifizierung Südafrikas wurde, nebenbei, erst nach dem Ende der Apartheid für alle vollendet. Das 1984 erschienene Buch von ihm, “Electricity, Industry, and Class in South Africa” scheint ein “Abspann” bzw. eine Verarbeitung seiner Doktorarbeit zu sein. Christie arbeitet auch in einem Beratungsgremium für das Verteidigungsministerium sowie in einer Bezirksgruppe des ANC in Kapstadt mit. Nelson Mandela hat er nicht gut gekannt, dessen langjährige Ehefrau Winnie schon. Über das heutige Südafrika sagt er: “Es hätte auch so kommen können, dass wir weitere 20 Jahre aufeinander schiessen, wir müssen froh sein, wie es ausgegangen ist. Wir haben eine gewisse Stabilität, politisch und wirtschaftlich, erreicht. Ja, manchmal wird bei uns eine dumme Politik gemacht, aber das gibt es überall auf der Welt.”

Das Atomforschungszentrum in Pelindaba, heute Teil der zivilen nuklearen Infrastruktur Südafrikas. Die erste Atombombe Südafrikas war hier produziert worden
Das Atomforschungszentrum Pelindaba, heute Teil der zivilen nuklearen Infrastruktur Südafrikas. Die erste Atombombe Südafrikas war hier produziert worden

Der von Christie an den ANC weitergegebene Untersuchungsbericht wurde von diesem 1979 auf einem UN-Seminar in London über „Nukleare Zusammenarbeit mit Südafrika“ präsentiert. Teilnehmer an dem Seminar war der “Apartheid-Meisterspion” Craig Williamson, als Vize-Direktor der „Internationalen Universitäts Austausch-Stiftung“ (IUEF). Williamson arbeitete für eine Spezialeinheit der südafrikanischen Polizei und den Militär-Geheimdienst. Er tarnte sich mit einer falschen Identität als Apartheid-Gegner, seit er ein Studium an der “Wits” (Witwatersrand-Universität) begonnen hatte und Funktionär der Studentenvereinigung NUSAS wurde, und infiltrierte im Auftrag des Regimes die internationale Anti-Apartheid-Bewegung („Operation Daisy“). Er setzte dies 1976 zunächst im Exil in Botswana fort, machte dort Bekanntschaft mit Lars-Gunnar Eriksson, Leiter der IUEF, die Stipendien für afrikanische Studenten vergab, in der Schweiz ihren Sitz hatte und von der schwedischen Regierung unter Olof Palme unterstützt wurde, die überhaupt ein Förderer der Anti-Apartheid-Bewegung war.

Williamson wurde Vize-Direktor der Stiftung, nutzte die Position zum Ausspionieren von Anti-Apartheid-Aktivisten und zur Zweckentfremdung von IUEF-Geldern für das Apartheid-Regime. Die Tätigkeit brachte ihn auch in Kontakt mit Bernt Carlsson, Olof Palmes Wegbegleiter und Generalsekretär der Sozialistischen Internationale (SI) – und späteres Opfer des Fluges, der aufgrund eines Anschlags über dem schottischen Lockerbie abstürzte (s.u.). 1980 wurde Williamson enttarnt, durch einen Überläufer des südafrikanischen State Security Council den einen Angaben zufolge, durch die britische Zeitung “The Guardian” nach anderen. Ihm gelang die Rückkehr nach Südafrika; er zog von dort aus in den folgenden Jahren bei vielen Gewalttaten des Apartheid-Regimes die Fäden.

Etwa bei den Briefbomben an Ruth First und die Schoons, weissen Regimegegnern im Exil. Bei anderen wird er der Urheberschaft verdächtigt, so beim Mord an Olof Palme, an der ANC-Repräsentantin in Paris, Dulcie September, oder beim Flugzeugabsturz von Samora Machel, dem Präsidenten Mocambiques (dessen Witwe später Nelson Mandelas dritte Ehefrau wurde). 1987 versuchte Williamson, für die regierende Nasionale Party den Parlamentssitz in einem liberal geprägten Wahlkreis im Norden Johannesburgs zu erlangen, verlor aber gegen den Kandidaten der Progressive Federal Party (eine Vorgänger-Partei der heutigen Democratic Alliance). Er wurde im selben Jahr Mitglied des Präsidialrates und blieb es bis 1991. Williamson rekrutierte auch eine Spionin, die wie er eine gewisse Bekanntheit erlangte, Olivia Forsyth. Sie lief irgendwann zum ANC über, was aber möglicherweise Teil ihres Spiels bzw. ihres Auftrags war. Ein anderer Günstling Williamsons war Joseph Klue, der auch mit etlichen Gewaltakten in Verbindung gebracht wird.

Das Apartheid-Regime unterstützte auch, über Williamson, die 1986 gegründete International Freedom Foundation (IFF), eine antikommunistische Stiftung in USA, die v.a. Propaganda gegen Gegner der Apartheid lancierte. An ihrer Spitze stand der verurteilte Lobbyist Jack Abramoff. Die IFF unterhielt enge Beziehungen zum Western Goals Institute (in GB), das wiederum enge Beziehungen mit der südafrikanischen Konservativen Partei (die die ersten freien Wahlen 1994 boykottierte) oder der World Anti-Communist League (WACL) unterhielt. In diesen antikommunistischen Netzwerken des (späten) Kalten Kriegs waren auch Milizen und Parteien aus der 3. Welt (UNITA, ARENA, afghanische Mujahedin,…), Exilregierungen von Ostblock-Ländern und Rechts-Konservative im Westen eingebunden.

Williamson war für die IFF in Südafrika verantwortlich. 1988 produzierte Abramoff mit seiner Hilfe im damaligen Südwestafrika den US-amerikanischen Spielfilm “Red Scorpion”. Der Schwede Dolph Lundgren spielte darin wieder mal den bösen Russen (“Leutnant Nikolai Rachenko”, was eigentlich ein ukrainischer Name ist, aber die waren damals noch nicht die Guten), sein Gegenspieler ist ein antikommunistischer Guerilla-Führer, der an den Führer der angolanischen Terrorgruppe UNITA, Jonas Savimbi (von Washington and Pretoria unterstützt), angelehnt ist.

In den 1990ern arbeitete Williamson als Diamantenhändler in Angola, möglicherweise bei der südafrikanischen Söldnerfirma “Executive Outcomes”. Er ersuchte 1995 die Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC), die Verbrechen der Apartheid wie auch im Kampf gegen sie juristisch aufarbeitete, für die Morde an First und den Schoons sowie den Anschlag auf das ANC-Büro in London 1982 um Amnestie. Der hinterbliebene Marius Schoon sagte vor der Kommission aus, er sei nicht bereit, Williamson den Mord an seiner Frau und seiner Tochter zu verzeihen. Für den Anschlag in London erhielten Williamson und sieben andere Mitglieder der Spezialpolizei, darunter der Vlakplaas-Chef Eugene de Kock (einer der wenigen Apartheid-Funktionäre, die dann vor der Kommission nicht ungeschoren davonkamen), 1999 Amnestie. Für die anderen Verbrechen wurde Williamson nach langen Erhebungen im Juni 2000 ebenfalls Amnestie gewährt, da sie nach Ansicht der Kommission politisch motiviert waren (was meist schon ausreichte). Nach der Verkündung des Urteils kam es zu Protesten. In seinen “inoffiziellen” Stellungnahmen zu seiner Vergangenheit kam keine Reue, nur Apologetik.

Marius Schoon war der wichtigste/prominenteste Afrikaaner im Anti-Apartheid-Kampf nach “Bram” Fischer, einem Enkel eines Präsidenten des Oranje-Freistaats, der sich der SACP anschloss und im Gefängnis starb. 1977 heiratete Schoon Jeanette Curtis, die wie er gegen die Apartheid eingestellt war, auf der Universität und in der Gewerkschaft diesbezüglich aktiv war. Das Paar entschied sich, Südafrika zu verlassen, und die Apartheid von aussen zu bekämpfen anstatt im Land verhaftet zu werden. Sie gingen, mit ihren Kindern Kathryn and Fritz, zuerst nach Botswana, dann nach Angola, agierten im Umfeld des ANC. Craig Williamson war Kommilitone von Marius Schoon gewesen, erschlich sich das Vertrauen der exilierten Familie. 1984 organisierte er einen Brief-/Paketbombenanschlag auf sie – er galt primär Marius, tötete aber Jeanette und die 6-jährige Tochter Kathryn. Ausgeführt wurde der Anschlag vom selben Polizei-Agenten wie der Briefbombenanschlag auf Ruth First in Mocambique zwei Jahre zuvor, Roger Raven.

Ruth First und ihr Mann Joe Slovo waren jüdische Südafrikaner, Kommunisten, in der Führung der SACP, auch lange im Exil in Afrika und Europa. Slovo wurde nach dem Ende der Apartheid unter Nelson Mandela Minister. Für solche Mordanschläge machte das Apartheid-Regime damals interne ANC-Machtkämpfe verantwortlich… Marius kehrte Anfang der 1990er, als De Klerk den Übergang von der Apartheid zur Demokratie einleitete, nach Südafrika zurück, heiratete noch einmal und kämpfte vor seinem Krebstod 1999 vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission gegen Amnestie für die Mörder seiner Familie; neben Williamson und Raven war das ein Willem Schoon, alle bekamen aber am Ende Amnestie. Marius’ Sohn Fritz und Ruth Firsts Töchter, darunter die Autorin Gillian Slovo, brachten 2002, 2 Jahre nach der Amnestie-Entscheidung, einen Antrag auf Überprüfung dieses Urteils ein. Vertreten wurden sie dabei von George Bizos, der auch schon Nelson Mandela verteidigt hatte. Williamson wurde dann zur Zahlung einer Kompensationssumme verurteilt, die einer Stipendiats-Stiftung zugute kommen sollte – womit sich bei ihm beinahe ein Kreis schliessen würde. Nachdem er dem nicht nachkam, fand 08 eine Pfändung bei ihm statt.

Dieter Gerhardt, 1953 aus der BRD nach Südafrika eingewandert, dort in der Marine Karriere gemacht, ging den umgekehrten Weg wie Williamson. Er wurde 1983 mit seiner Frau Ruth wegen Spionage für die Sowjetunion verurteilt. Gerhardt war zur Zeit eines wahrscheinlichen südafrikanisch-israelischen Atomtests vor den zu Südafrika gehörenden Prince-Edward-Inseln 1979 Kommandant der Marine-Basis Simonstown. Nach seiner vorzeitigen Freilassung im Februar 1994 (er ging dann in die Schweiz) sagte er gegenüber Medien dazu, seines Wissens nach habe der Atomtest stattgefunden. Er arbeitet heute in der englischen Wikipedia mit, am Artikel über ihn, unter seinem Klarnamen.

Nach dem gleichnamigen Buch des Franzosen Caryl Ferey kam 2014 der Polit-Thriller„Zulu“ ins Kino. Orlando Bloom und Forest Whitaker kämpfen darin als Polizisten in Südafrika gegen einen Arzt, der früher für das Apartheidregime Gift gegen die schwarze Bevölkerung hergestellt hatte und später synthetische Drogen. Fereys Roman (eher ein Krimi als ein politischer Roman) basiert auf der Geschichte von Wouter Basson und Project Coast. Die Atombomben waren nicht die einzigen Massenvernichtungswaffen, die das Apartheid-Regime produzierte, im Rahmen von Project Coast wurden biologische und chemische Waffen hergestellt. Das Programm hatte seine Wurzel in der Zusammenarbeit Südafrikas mit den Briten im 2. Weltkrieg sowie mit Rhodesiern und Portugiesen, die B- und C-Waffen gegen schwarze Befreiungsbewegungen verwendeten.

Anfang der 1980er begann das südafrikanische Militär mit der Forschung an und systematischen Herstellung von biologischen und chemischen Waffen zur Bekämpfung innerer und äusserer Feinde, unter Verletzung eingegangener internationaler Verträge, dem Genfer Protokoll von 1925 (dem Südafrika 1963 beigetreten war) und der Biowaffenkonvention (die es 1972 unterzeichnet und 1975 ratifiziert hatte). Das Programm wurde bald zu Vorfeldfirmen „ausgelagert”, der junge Militärarzt Wouter Basson wurde Verantwortlicher. Eine dieser Firmen war “Delta G Scientific”, die sich auf chemische Waffen konzentrierte und von Philip Mijburgh, einem Neffen von Verteidigungsminister Magnus Malan, geführt wurde. Coast umfasste die Verbreitung von Anthrax, Mittel zur Unfruchtbarkeitmachung von schwarzen Frauen, Kontaktgifte (damit wurde etwa 1989 ein Anschlag auf den politisch engagierten Pfingstler-Geistlichen Frank Chikane verübt), Drogen (wurden nur in schwarze Gemeinschaften eingeführt, um sie „ruhigzustellen“).

Nachdem F. W. De Klerk 1989 Präsident geworden war, wurde er, wie in das Atomwaffenprogramm, auch in das B- und C-Waffen-Programm eingeweiht, 1990, durch den Leiter der medizinischen Abteilung des Militärs (SAMS), Daniel „Niels” Knobel. De Klerk liess dann nur den defensiven Teil, den Schutz gegen Angriffe mit B- und C-Waffen, wie Arbeit an Gasmasken, weiterlaufen. Die Vorfeldfirmen wurden, nachdem staatliche Geldflüsse versiegten, von Verteidigungsminister Malan (keiner, der De Klerks Umgestaltung unterstützte) privatisiert. Basson kontrollierte diese Firmen zum Teil und verlegte sich auf die Produktion von und den Handel mit Drogen. Konkret ging es um Methaqualon(e), als “Mandrax”, “Quaalude” oder “Mozambin” lange zugelassenes Arzneimittel in vielen Ländern. De Klerk wurde erst durch spätere Untersuchungen (v. a. den „Steyn-Report“) mit der wahren Natur von „Coast“ vetraut, in deren Folge er 1993 das Abdrehen des Programms anordnete.

Noch 1992 waren im Rahmen des Programms hergestellte Stoffe, eingesetzt worden, in Mocambique. Bestände der B- und C-Waffen wurden vernichtet, Dokumente darüber auf CD-ROM’s gebrannt. Basson nahm Kopien davon sowie Drogen mit, wie sich herausstellen sollte. Er unternahm damit mehrere Reisen nach Libyen und gab dort möglicherweise Know how über das Programm weiter. Die USA erfuhren Anfang der 1990er vom Programm und übten Druck aus, die Waffen und die Aufzeichnungen zu zerstören, da sie Vorurteile bezüglich der Kontrolle einer ANC-Regierung darüber hatten; ausserdem verlangten sie, Basson unter “Kontrolle” zu bringen. Der ANC war einmütig für das Abdrehen von „Coast“, nur nicht-tödliche Stoffe wie Tränengas sollten behalten werden. Mandela selbst wusste wenig über die Programme des Regimes für Massenvernichtungswaffen, da sie erst nach seiner Inhaftierung und Verurteilung angelaufen waren. Im August 1994 wurde die neue Regierung unter Mandela, die zuvor nur skizzenhaft Bescheid wusste, davon unterrichtet. Südafrika trat unter ihr 1995 der Chemiewaffenkonvention bei. Project Coast wurde von der Wahrheits- und Versöhnungskommission untersucht, da es hier Geschädigte gab. Basson wurde unabhängig davon in einem eigenen Prozess angeklagt und 2002 freigesprochen. Er wurde auf internationalen Druck wieder vom Militär eingestellt (um ihn daran zu hindern, sein Wissen an andere Interessenten weiterzugeben), führte später eine Klinik.

1995 erschien das Buch „The Mini-Nuke Conspiracy. Mandela’s Nuclear Nightmare“ der britischen Journalisten Peter Hounam und Steve McQuillan. Ihre Red Mercury-Hypothese besagt, dass in Apartheid-Zeiten neben den (nach ihrer Entschärfung) deklarierten Atombomben “Mini-Nukes” auf Basis einer Substanz namens “Red Mercury” (Rotes Quecksilber, dessen Existenz ist umstritten) produziert worden seien. Die Waffen seien seit den letzten Tagen der Apartheid in den Händen weisser (afrikaanischer) Rechtsextremisten. Einige ungeklärte Morde in Südafrika und Europa in den 1980ern und 1990ern stünden in Zusammenhang mit Red Mercury. Einer der Ermordeten, Alan Kidger, ein in Südafrika lebender Brite, Vertreter des Chemiekonzerns „Thor SA“, soll damit zu tun gehabt haben, und mit Project Coast bzw. seinen Vorfeldfirmen in Zusammenhang gestanden sein. Delta G hat von “Thor Chemicals” Quecksilber für unbekannte Zwecke gekauft, kurz danach wurde Kidger ermordet. Peter Hounam hatte sich als seriöser Journalist einen Namen gemacht, er war es, dem der abtrünnige Mitarbeiter des israelischen Atomprogramms, Mordechai Vanunu, 1986 in London seine Informationen anvertraute, für die “Sunday Times”. Hounam wurde in Zusammenhang mit dieser Geschichte 2004 in Israel kurzzeitig festgenommen, als er den gerade aus dem Gefängnis entlassenen Vanunu interviewen wollte.

Dem Buch „The Mini-Nuke Conspiracy” zufolge soll auch die Mission der „Coventry Four“ in Zusammenhang mit Red Mercury gestanden sein. Die „Coventry Four“ waren vier Südafrikaner, die trotz des Waffenembargos gegen das Apartheid-Regime 1984 in Grossbritannien für dieses Waffen und militärisches Zubehör besorgen wollten. An dieser Stelle kommt Patrick Haseldine ins Spiel; der britische Diplomat (nicht zu verwechseln mit Michael Heseltine, Verteidigungsminister unter Thatcher) wurde 1989 entlassen, weil er den sanften Umgang der britischen Regierung mit dem Apartheid-Regime kritisierte, wozu er auch die Genehmigung zur Ausreise der vier in Coventry Verhafteten zählt. Konkret hatte er dies in einem Brief an den „Guardian“ kritisiert und Premier Margaret Thatcher der Komplizenschaft mit diesem Regime beschuldigt. Auch Haseldine ist in der englischen Wikipedia in Artikeln ihn und “seine” Themen betreffend, mehr oder weniger offen, aktiv, als „Phase 4“ und unter anderen Benutzernamen.

Den Nicknamen erklärte er dort als die unerklärte vierte Phase des südafrikanischen Atomwaffenprogrammes. Die bekanntgegebene 3-Phasen-Strategie oder „mehrstufige Abschreckungsstrategie“ des Programms sah in der ersten Phase Ambiguität die nuklearen Möglichkeiten des Regimes betreffend vor. Bei einer ernsthaften Bedrohung würde Phase 2 in Kraft treten, in der Hinweise über die Atombomben an die Führer westlicher Staaten, besonders der USA, zugespielt werden sollten, um Hilfe zu erpressen. Falls das nicht funktionierte, würde in Phase 3 ein offener Test oder die Bekanntgabe des nuklearen Potentials stattfinden. Nach der offiziellen Darstellung waren die Waffen somit nur zur Abschreckung bzw. als Einflußmöglichkeit des Apartheid-Regimes und nicht zum Gebrauch gedacht. Man sei nie über Phase 1 hinausgekommen, hiess es in den offiziellen Bekanntmachungen zum Programm. Gerüchte über eine vierte Phase, den in Erwägung gezogenen Einsatz der Bomben (mit denen Mittelstreckenraketen ausgestattet werden sollten) bzw. die Drohung damit, existier(t)en auch abseits von Haseldine.

Auch namhafte west-deutsche Politiker unterstützten lange das Apartheid-Regime. Noch 1988 war der damalige CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauss Ehrengast von Präsident P. W. Botha. Die Abschaffung der Apartheid sei “unverantwortlich” und die Gleichstellung der schwarzen Mehrheit “nicht wünschenswert”, sagte Strauss damals. Treffen mit ANC-Vertretern lehnte er ab. Bei einem öffentlichen Auftritt rief er: “Nie in meinem 40-jährigen politischen Leben habe ich eine so ungerechte und unfaire Behandlung eines Landes erlebt, wie sie Südafrika widerfährt.”

Patrick Haseldine gehört zu jenen, die glauben, dass das Apartheid-Regime auch für den Lockerbie-Anschlag 1988 verantwortlich war. Ein PanAm-Flugzeug, das am 21. Dezember dieses Jahres am Weg von London nach New York war, explodierte über der schottischen Stadt Lockerbie, alle 259 Insassen wurden getötet, elf Dorfbewohner wurden von Flugzeugtrümmern erschlagen. Am Tag darauf wurde in New York ein Abkommen zwischen Südafrika, Kuba und Angola unterzeichnet, das die Unabhängigkeit Namibias, den Abzug der kubanischen Truppen aus Angola und das Ende der Unterstützung der UNITA und der mosambikanischen RENAMO durch Südafrika sowie des ANC durch Angola vorsah. In dem Flieger, der durch den Anschlag abstürzte, kam, auf dem Weg zur Unterzeichnung, auch Bernt Carlsson, nunmehr UN-Kommissar für Namibia, ums Leben, der das Abkommen auch mit ausgehandelt hatte. Südafrikas Außenminister “Pik” Botha sollte ursprünglich auch diesen Flug nehmen, buchte aber noch um. Zwei hochrangige Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes wurden als Attentäter beschuldigt. Sie sollen einen Koffer mit einer Bombe von Malta aus auf die Reise geschickt haben. Drei Jahre nach dem Anschlag erliessen die USA und Grossbritannien Haftbefehl gegen die Agenten.

Um ihre Auslieferung zu erzwingen, verhängten die Vereinten Nationen 1992 Sanktionen gegen Libyen. Tripolis lieferte die Verdächtigen schließlich aus, machte zur Voraussetzung, dass die UN regelmäßig ihre Haftbedingungen überprüft. Im Jänner 2001 wurde der Libyer Abdelbaset al-Megrahi von einem Sondergericht nach schottischem Recht in den Niederlanden zu lebenslanger Haft verurteilt. Der zweite Angeklagte wurde damals freigesprochen, der Schuldspruch gegen Megrahi hingegen in einer Berufungsverhandlung 2002 bestätigt. Der bis dahin in den Niederlanden inhaftierte Megrahi wurde zur Verbüßung seiner Strafe nach Schottland gebracht, ehe er 2009 wegen einer Krebserkrankung vorzeitig freikam, er starb 2012. Er beteuerte bis zu seinem Tod seine Unschuld. Libyens Machthaber Ghadaffi übernahm 2003 die Verantwortung für den Anschlag. Im Zuge der Bemühungen zur Beendigung ihrer internationalen Isolation sagte die Ghadaffi-Regierung zu, den Familien der Opfer insgesamt 2,7 Milliarden Dollar (zwei Mrd. Euro) Entschädigung zu zahlen.

Ein libyscher Anschlag auf den Flieger in dem sich 190 US-Bürger befanden, hätte durch den Hintergrund der militärischen Konfrontation zwischen Libyen und den USA, die 1986 zur Bombardierung von Tripolis geführt hatte, motiviert sein können. Megrahi veröffentlichte nach seiner Freilassung auf seiner Website Dokumente, aus denen hervorgehen soll, dass einer der Hauptbelastungszeugen offenbar mit Einwilligung der US-Regierung bis zu zwei Millionen Dollar für seine Aussage erhalten hatte. Der Malteser Gaudi hatte im Prozess ausgesagt, dass Megrahi Kleider in seinem Geschäft gekauft habe, welche später in dem Koffer mit der Bombe gewesen sein sollen. Nach dem Sturz Gaddafis im Jahr 2011 reisten britische und amerikanische Ermittler nach Libyen, um nach Hintermännern des Anschlags zu suchen und die Archive zu durchforsten. Die schottische Parlamentsabgeordnete Christine Grahame verwies in einem Gastartikel für den „Independent“ darauf, dass fünf Monate vor Lockerbie ein US-Kriegsschiff eine iranische Verkehrsmaschine mit 290 Menschen an Bord – angeblich versehentlich – abgeschossen habe; ein Racheakt des Iran sei naheliegend gewesen. Grahame wies auch darauf hin, dass einige Angehörige wie auch zahlreiche Experten Megrahi für ein Bauernopfer hielten.

Es gibt noch einen Flugzeug-Absturz, der Fragen aufwirft und mit Apartheid-Südafrika eine Verbindung aufweist (die hier viel enger ist). Die “Helderberg”, eine Boeing 747 Combi der South African Airways, war im November 1987 auf dem Flug von Taiwan nach Südafrika vor Mauritius abgestürzt, alle 159 Insaßen wurden getötet. Einigkeit herrscht darin, dass ein Feuer oder eine Explosion an Bord den Absturz verursacht hat, die Ursache dafür ist auch nach zwei Untersuchungen (eine durch die TRC) unklar. Sie dürfte mit der Fracht des Flugzeugs zusammenhängen, über die es auch verschiedene Angaben gibt, neben Fahrrädern und konventionellen Waffen(komponenten) war in diesem Zusammenhang auch von Red Mercury die Rede.

In der Regierungszeit von Olof Palme war Schweden der einzige westliche Staat, der der Anti-Apartheid-Bewegung, speziell dem ANC, grosszügige Unterstützung zukommen liess. Von daher würde die Ermordung Palmes durch das Regime aus deren Sicht Sinn machen. Eine der brisantesten Aussagen in Vernehmungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission war jene von Eugene De Kock (s.o.), wonach das Apartheid-Regime (er nannte hier Craig Williamson) hinter dem Mord an Palme steckte, wegen dessen Einsatzes gegen die Apartheid. De Kock wiederholte die Aussage in seinem Prozess, sein früherer Vorgesetzter Johan Coetzee bestätigte sie. Ein Team schwedischer Ermittler reiste daraufhin nach Südafrika um den Spuren des ungeklärten Attentats nachzugehen, kam aber anscheinend nicht weiter. In der schwedischen Polizei gab es jedenfalls Elemente, die über die International Police Association (IPA) mit Apartheid-Behörden in Verbindung standen, ausserdem mit der WACL, dem Gladio-Netzwerk, auch mit Neonazi-Gruppen; diese könnten in den Mord bzw. seine Verschleierung involviert gewesen sein.

Manche zeigen auf Bertil Wedin, der Offizier in der schwedischen Armee war, dann im Geheimdienst seines Landes, Söldner im Kongo, Kontakte zum türkischen und südafrikanischen Geheimdienst hatte, mit Craig Williamson zusammenarbeitete – als den Mann, der Palme erschossen hat. 2007 veröffentlichte der südafrikanische investigative Journalist De Wet Potgieter das Buch „Total Onslaught, Exposing Apartheid‘s Dirty Tricks“, in welchem er aufgrund von Indizien den Südafrikaner Roy Daryl Allen als Mörder ausmacht. Dieser lebt mittlerweile in Australien und streitet natürlich ab. Da das Apartheid-Regime Gegner seiner Politik, besonders jene, die im Ausland agierten und sich seiner Kontrolle entzogen, häufig ermordete, wäre der Verdacht beim Palme-Mord nicht so abwegig. Anders sieht es bei Uwe Barschel aus, dieser war kein Apartheid-Gegner; aber ein Geschäft mit dem Regime könnte ihm zum Verhängnis geworden sein. Der (dann getötete) südafrikanische Agent Stoffberg, der Aussagen zum rätselhaften Tod Barschels machte, wird auch als sein Mörder genannt.

Eeben Barlow wanderte von Sambia nach Südafrika ein, diente dessen Apartheidtruppen in Angola, dann Spezialeinheiten der Polizei. Er gründete 1989 die Söldner-Firma “Executive Outcomes”, war dadurch vor und nach der Apartheid Teil von Todesschwadronen. Executive Outcomes hat z. B. in Sierra Leone geholfen, den gestürzten Präsidenten Kabbah wieder einzusetzen, für westliche Firmen (Bodenschätze). Die britische Regierung unter Blair und eine britische Söldner-Firma waren daran ebenfalls beteiligt. Auch in Äquatorial-Guinea oder in Papua-Neu Guinea, wo die Regierung eine Rebellengruppe auf der Insel Bougainville bekämpft, die gegen die Umweltzerstörung durch eine grosse Kupfer- und Goldmine im Besitz der britischen Firma “Rio Tinto” kämpft(e), waren Barlows Kämpfer im Einsatz. 1998/99 wurde die Firma wegen einem neuem Gesetz in Südafrika aufgelöst. Lafras Luitingh, auch ehemaliges Mitglied einer staatlichen südafrikanischen Todesschwadron und dann bei Executive Outcomes, soll verantwortlich gewesen sein für die Ermordung zweier Anti-Apartheid-Aktivisten 1989, des Wissenschaftlers David Webster (wie Barlow ein aus Sambia bzw. dem damaligen Nord-Rhodesien stammender Weisser), ein Anthropologe, der angeblich viel über geheime Waffenprojekte wusste, in Johannesburg und des Rechtsanwalts Anton Lubowski in Windhoek (Namibia, damals noch SWA).

Union Buildings, Pretoria, 10. Mai 1994: Amtseinführung von Nelson Mandela (begleitet von seiner Tochter Zindziswa) als Präsident sowie seiner Stellvertreter Mbeki und De Klerk
Union Buildings, Pretoria, 10. Mai 1994: Angelobungsfeier von Nelson Mandela (begleitet von seiner Tochter Zindziswa) als Präsident sowie seiner Stellvertreter Mbeki und De Klerk; in der Reihe dahinter u.a. die Führung des Militärs unter Generalstabschef Meiring

Im November 1989 ordnete der frisch ins Amt gewählte De Klerk (dem nicht der Ruf eines Reformers vorauseilte) ein Moratorium für Vollstreckungen von Todesurteilen an, eines seiner ersten Reformschritte. Im Februar 1990 leitete er mit einem Paukenschlag die Beendigung der Apartheid ein, zu den im Parlament angekündigten Schritten gehörte die Freilassung Mandelas und die Aufhebung des Verbots des ANC. Der Weg bis zur Wahl 1994 und der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit war ein steiler. Die Hauptverhandlungspartner NP-Regierung und ANC fanden spät einen gemeinsamen Nenner; Kräfte an verschiedenen Rändern des politischen Spektrums versuchten den Übergang von der Apartheid zur Demokratie zu stören, am hartnäckigsten die weisse Rechte und die Herrscher der (schwarzen) Homelands, die aufgelöst werden sollten. Die Gefahr der Eskalation war am grössten, nachdem der ANC-Politiker Chris Hani (der als Mandela-Nachfolger gehandelt wurde) 1993 durch Rechtsextremisten ermordet wurde. Nelson Mandelas Fernsehansprache in dieser Situation, in der er, in staatsmännischer Art, die Bevölkerung zur Ruhe aufrief, bewirkte eine Machtverschiebung im Transformationsprozess.

In dem 1991 veröffentlichten (politischen bzw. alternativgeschichtlichen) Roman „Vortex“ des Amerikaners Larry Bond wird der reformorientierte weisse Präsident Südafrikas vom ANC ermordet. Der Innenminister, ein Reformgegner, wusste von den Attentatsplänen und liess es gewähren. Er wird, nachdem sein politischer Gegner tot ist, Präsident. In Namibia kommt es zur Konfrontation mit aus Angola vorgerückten kubanischen Truppen, Massenvernichtungswaffen kommen zum Einsatz, die Grossmächte intervenieren. Der Roman wurde in den 1980ern geschrieben, noch im Kalten Krieg, und gibt die Befürchtungen und Horrorszenarien wieder, die damals allgemein bezüglich Südafrika geteilt wurden.

Die Democratic Party (DP; heute Democratic Alliance) wurde zwischen den Wahlen 1994 und 1999 die Partei der Weissen und 99 offizielle Opposition (was in den angelsächsisch geprägten Staaten die stärkste nicht an der Regierung beteiligte Partei bezeichnet), gewinnt von Wahl zu Wahl ein paar Prozente dazu. 1994 wählten die meisten Weisse und viele Asiaten und Mischlinge NP, (seit) 99 die DP. Auch die meisten Afrikaaner, trotz ihrer englisch-sprachigen und liberalen Tradition. Wahrscheinlich, weil die DP nun “rassischer” ausgerichtet war als die NNP (wie die ehemalige NP nun hiess), sich mehr als Interessensvertretung der Weissen verstand. Unter Anthony Leon rückte die DP/DA nach rechts. Wobei das Paradigma von den liberalen Englischsprachigen und den konservativen Afrikaanern vielleicht hinterfragt gehört; bei diesen “Konservativen” ist oft mehr Nähe zu Afrika und den Afrikanern da als bei den Anderen, wie auch der (Eigen-)Name schon aussagt.

Die DA steht vor dem Dilemma, einerseits Anliegen der weissen Kernklientel vertreten zu wollen, andererseits, um in das grosse schwarze Wählersegment vorzudringen, “ganzheitlichere” Anliegen bzw. die noch immer vorherrschende Ungleichheit zuungunsten der Schwarzen, behandeln zu müssen. Lehnt sie sich zu weit auf die eine Seite, droht der Verlust der Kernwähler, etwa zur Freiheitsfront Plus (Vryheidsfront +), die 1994 als Partei rechts von der NP gegründet worden war und den Wahlboykott der weissen Rechten durchbrach; ihre Auffassung von Afrikaaner-Interessen ist weniger materialistisch als kulturell. Bleibt sie zu sehr auf der anderen Seite, wird sie nie eine Konkurrenz für den ANC. Gerne versucht sie sich darüber weg zu schwindeln, indem sie freie Marktwirtschaft sowie harte Mittel von Polizei und Justiz als Heilmittel für die Probleme des Landes anpreist, ohne auf die zugrunde liegenden Ursachen einzugehen. Sie verweist auf ihre Regierung in der Provinz Westkap sowie in Kapstadt, wobei diese eigentlich von ihrem Bemühen zeugt, möglichst viele Privilegien der Weissen (wenn man so will, Produkte der Apartheid) zu erhalten. Die DA möchte zwar Stimmen aus der schwarzen Bevölkerung, sich aber möglichst wenig von ihren Anliegen zu eigen machen.

Ronald Suresh Roberts, ein in Südafrika lebender Autor aus Trinidad-Tobago, schrieb über den südafrikanischen Diskurs über Zimbabwe unter Mugabe seit 2000 (Beginn der Farmbesetzungen,…), darin gehe es von weisser Seite in der Regel weniger über Zimbabwe als um das Frönen einer Dystopie, die mit südafrikanischen Realitäten nichts zu tun habe. Er verweist auf die Wahlkampagne der Democratic Alliance (DA) 04 unter Tony Leon, in der der damalige Präsident und ANC-Spitzenkandidat Mbeki nicht nur in die Nähe von Mugabe gerückt wurde, sondern propagandistisch mit diesem verschmolz. Das Ablenken vom Rassismus sowie Attacken auf das Post-Apartheid-Südafrika gleiteten oft über in Apartheid-Apologetik. Helen Suzman, so Roberts 07 über die 09 verstorbene “Ahnfrau” der DA, sei gegen Mugabe leidenschaftlicher aufgetreten als gegen die Apartheid, Landbesetzungen/-enteignungen die sie in Palästina in Ordnung finde, finde sie in Zimbabwe skandalös.

Das Thema Zimbabwe spielte auch eine Rolle in der Krise zwischen der Abwahl von Staatspräsident Mbeki als ANC-Chef 07 und dem Amtsantritt von Zuma als Präsident 09 (zwischendrinnen lag auch der Mbeki-Rücktritt als Präsident): die politische Unsicherheit dieser Zeit bestand vor allem in Ängsten vor Zuma, bei dem es sich um einen im Grunde ungebildeten, sowie populistischen, polygamen, für Korruption anfälligen, Machtpolitiker handelte, der lange martialische Lieder sang. Dennoch ähnelten die Ängste jenen, die es auch vor Mandela und Mbeki gegeben hatte, obwohl nichts von dem auf sie zugetroffen hatte. Begleitet wurde die Unsicherheit Ende der 00er-Jahre neben Südafrikas Kernproblemen AIDS, Kriminalität, Armut vom Aufstieg Julius Malemas, nach dessen Wahl zum Chef der Jugendliga des ANC (er goss viel rhetorisches Öl ins “Feuer”), einer Energiekrise und Ausschreitungen in Städten gegen Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern – was mit der Zimbabwe-Krise zusammenhing, da von dort die meisten Einwanderer stammen.

Der Mbeki-Regierung wurde bezüglich Zimbabwe Fehlverhalten vorgeworfen, „Komplizenschaft“ bzw. ein „Kuschelkurs“, Beschwichtigung, Zurückhaltung gegenüber Mugabe. Die Vermittlung des Kompromisses nach der Wahl 08 dort, die Machtteilung zwischen ZANU-PF (Mugabe) und MDC (Tsvangirai), war Mbekis letzer Erfolg, er könnte dennoch das Image des Mugabe-Verstehers behalten. Unter Mbekis Verteidigungsminister Lekota spaltete sich in dieser Zeit ein Teil vom ANC ab, der sich als COPE konstituierte. Die Unsicherheit zeigte sich etwa in verstärkter weisser Auswanderung und in Schwarzmalen bezüglich der Austrichtung der Fussball-Weltmeisterschaft 2010. Ex-Präsident De Klerk, der letzte im Apartheid-System gewählte (er nützte seine Amtszeit dafür, mitzuhelfen, dieses System abzuschaffen), äusserte sich (auch) in dieser Zeit optimistisch zur Zukunft Südafrikas. “Wir haben damals, Anfang der 1990er, eine friedliche Lösung gefunden, als alle Krieg und Gewalt erwarteten. Wir haben auch jetzt das Vermögen, die grossen Probleme des Landes zu bewältigen. Es ist eine wachsende verfassungsstaatliche Reife zu beobachten.” De Klerk hat kürzlich den Status, letzter weisser Präsident in Afrika gewesen zu sein, verloren, als Guy Scott übergangsmäßig Präsident in Sambia wurde. Dazwischen war noch Paul Bérenger Premier in Mauritius.

Nachdem Zuma 08/09 im Korruptions-Prozess freigesprochen wurde, war sein Weg zur Präsidentschaft frei; der (weisse) Richter sprach in seiner Urteils-Begründung davon, dass Zumas Rivale Mbeki als Präsident das Verfahren vorangetrieben habe. Die Machtübergabe nach der Wahl 09 und die WM im Jahr darauf verliefen aber glatt. Zumas Populismus richtete sich zur Freude gerade der Wohlhabenderen nicht zuletzt gegen Kriminalität, sein Zulu-Stolz liess Zuma auch die anderen Völker Südafrikas, nicht zuletzt die (weissen) Afrikaaner, positiv sehen, Malema der sein Anhänger gewesen war, wurde unter ihm in die Schranken gewiesen, die VF+ wurde von ihm in Regierungsarbeit eingebunden. Es gab keine Wahlmanipulation, keine Nach-Wahl-Gewalt, keine Rücknahme von Freiheiten, die in Südafrika erst in Post-Apartheid-Zeiten eingeführt worden waren, keine skandalösen Verfassungsänderungen, keine Säuberungen oder Enteignungen. Er begann spätestens im Wahlkampf, das AIDS-Thema vernünftig zu behandeln. Was die Vorwürfe wegen der Korruptionssache betrifft, von der er freigesprochen worden war, schrieb ein britischer Kommentator im “Guardian”: “Before we announce the moral contamination of President Zuma, perhaps we should address the source of the contamination especially as it appears to eminate from our own door step and once again is not limited to ‘corrupt and chaotic South Africa’. Perhaps we should question more closely the morality and power of our biggest industrial exporter, the arms industry, with special attention being given to BAE Systems [die britische Waffen-Firma, von der Geld an Zuma geflossen sein soll, als er Vizepräsident war].”

Die rassischen Bruchlinien sind nach wie vor die wichtigsten in Südafrika, die Bewältigung des Erbes der Apartheid-Jahrzehnte ist ein langsamer, schmerzhafter Prozess. Viele Weisse interpretieren die hohe Kriminalität als rassisch (gegen sie) motiviert, obwohl inzwischen feststeht, dass die meisten Kriminalitätsopfer Schwarze sind (wie der Fussballspieler Meyiwa vor wenigen Tagen). Attacken auf die Politik der ANC-Regierungen bzw. Post-Apartheid-Südafrika kommen aber auch wegen ihrer liberalen Politik bezüglich gleichgeschlechtlicher Ehe oder Abtreibung. Wenige Kommentatoren sind offen rassistisch wie Dan Roodt. Der ANC spielt aber auch gerne die Rassenkarte, wenn dies nicht angebracht ist, benutzt sie mitunter als Schild gegen Kritik; beim Fall von Caster Semenya (vor dem Pistorius-Prozess Südafrikas Aufreger Nr. 1 aus dem Leichtathletik-Bereich) reagierten ANC-Politiker etwa auf den Ausschluss nach dem Geschlechtstest mit Rassismus-Vorwürfen gegenüber dem internationalen Verband.

Der Krimiautor Mike Nicol aus Kapstadt hat über dieses Genre in Südafrika gesagt, zu Apartheid-Zeiten war Polizei-Arbeit zu „politisch“ als das es für Verarbeitung in Kriminalromanen getaugt hätte. In Schweden gäbe es wahrscheinlich mehr Krimis als Verbrechen, in Syrien zuviel Gewalt als das jemand Interesse an Krimis haben könnte. So gesehen, so Nicol, stünde Südafrika ganz gut bzw. stabil da, mit seiner Krimi-Szene, die zu Post-Apartheid-Zeiten mit Deon Meyer begann, trotz der hohen Kriminalität. Die veränderten Rahmenbedingungen wirken sich auch in anderen Bereichen aus. Die Karriere von Charlize Theron, dem grössten südafrikanischen Hollywood-Star, lief parallel zur Befreiung Südafrikas von der Apartheid, ohne den “Zola-Budd-Runterzieh-Faktor”, wie R. S. Roberts schrieb.

Kritik am Post-Apartheid-Südafrika ist dann rassistisch, wenn sich Kritik an der Politik der ANC-geführten Regierungen seit Beginn der Demokratie die Einführung dieser Demokratie in Frage stellt (bzw das Mitbestimmen der Schwarzen). Diese Aussage kommt nämlich nicht selten, dass schwarze Regierungen bzw Politiker “strukturell” inkompetent seien. Manche Kritiker des neuen (demokratischen) Südafrika kritisieren an ihm auch Zustände, die sie zu Apartheid-Zeiten (als diese viel schlimmer waren) hinnahmen – etwa Eingriffe der Politik in die Medien bzw Einsfluss darauf, Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Oder Zustände, die auch im Westen noch aktuell sind. Es gibt auch die Apartheid- bzw. Rassismus-Apologetik, die ANC-Regierungspolitik bzw die Post-Apartheid-Zeit mit jener der NP bzw der Apartheid unsachlich vergleicht. Eine seriösere bzw glaubwürdigere Kritik ist gegeben, wenn sie (auch) Probleme von Schwarzen darin thematisiert, nicht Weisse als Opfer der Schwarzen darstellt. Der Karikaturist “Zapiro” dürfte einer sein, der eine solche Kritik formuliert. Die Probleme des Landes (AIDS, Armut, Kriminalität) betreffen Schwarze eigentlich noch mehr als Weisse.

Über den Palme-Mord und die südafrikanische Verbindung

Ebenfalls

Die schwedische Unterstützung des Anti-Apartheid-Kampfes: Tor Sellström: Sweden and National Liberation in Southern Africa. Vol. II: Solidarity and assistance

Zur Rolle Kubas beim Sieg über die Apartheid

Zum südafrikanischen Atomwaffenprogramm

Portal zum südlichen Afrika

Literatur:

* Timothy Sisk: Democratization in South Africa: The Elusive Social Contract (1995)

* Anthony Sampson, Nelson Mandela. Die Biographie (1999)

* Christoph Marx: Südafrika (2012)

* Khalo Matabane und Sasha Abramsky: Madiba – Das Vermächtnis des Nelson Mandela (2014)

* Hans-Joachim Löwer: Mandelas schweres Erbe: Südafrika am Scheideweg (2010)

* Jens Erik Ambacher und Romin Khan: Südafrika – Nach der Apartheid (2009)

* Renate Wilke-Launer: Südafrika. Katerstimmung am Kap (2010)

* Christel und Hendrik Bussiek: Mandelas Erben. Notizen aus dem neuen Südafrika (1999)

* Hans-Georg Schleicher: Südafrikas neue Elite. Die Prägung der ANC-Führung durch das Exil (2004)

* Antjie Krog: Country of My Skull (1998)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literarische und spekulative Griffe in die Geschichte

Möchte etwas über die Genres Alternativgeschichte und Kontrafaktische Geschichte schreiben, die eng miteinander verwandt sind. In der kontrafaktischen Geschichte (lat.: contra facta = entgegen den Tatsachen) wie auch in der Alternativ(welt)geschichte wird spekuliert, was geschehen wäre, wenn bestimmte historische Tatsachen nicht oder anders eingetroffen wären. In beiden Genres kann sichs um den alternativen Verlauf eines Ereignisses drehen (“Wie hätte es auch verlaufen können”) oder dessen Folgen (also „Was hätte sein können, wenn …?“). Oder auch um beides. Der Ansatzpunkt kann also z.B. die Gettysburg-Schlacht im USA-Bürgerkrieg sein (bzw. die Schilderung, wie der Krieg von den Konföderierten Staaten gewonnen hätte werden können) oder der (andere) Ausgang dieses Kriegs, aufgrund dessen eine alternative Entwicklung etwa in Nordamerika ausgemalt wird.

Während Alternativgeschichten eher eine literarische Gattung sind (der Unterhaltung dienen), ist kontrafaktische Geschichte eigentlich eine geschichtswissenschaftliche Methode (dient dem Erkenntnisgewinn). Dennoch kann auch erstere seriös und zweitere unterhaltsam sein. Die Grenzen werden auch schon mal verwischt, für beide wird auch die Bezeichnung Uchronie verwendet. Um beim amerikanischen Bürgerkrieg zu bleiben, die kontrafaktische Fragestellung hiesse “Wie wäre die Geschichte verlaufen (hätte sie verlaufen müssen), wenn die Südstaaten den Sezessionskrieg gewonnen hätten?” (oder: “Wie wäre der Krieg weiter verlaufen, hätten sie die Gettysburg-Schlacht gewonnen?”). In alternativgeschichtlichen Szenarien heisst die Frage eher, wie hätte die Geschichte weiter verlaufen können?

Die Herangehensweise und der Anspruch sind andere, in der Ausführung gibts Überschneidungen. Die Geschichte wird in diesen Genres meist an ihren Wendepunkten umgeschrieben, wo neue Weichenstellungen (auch kulturell, wirtschaftlich,…) vorgenommen werden können. In beiden Gattungen ist der Wunsch der Autoren oft der Vater ihrer Gedanken. Die wichtigsten Revisionsmöglichkeiten setzen bei Protagonisten ein (meist früherer/späterer Tod), bei einem anderen Ausgang entscheidender Schlachten/Kriege sowie beim Zufall. Aufgrund der Änderung (meist) einer Variable wird eine Kettenreaktion ausgemalt.

Ziel der kontrafaktischen Geschichte (auch “Konjekturalhistorie” u.a. Bezeichnungen werden verwendet) ist, wie Wikipedia sagt, ein Erkenntnisgewinn über Kontinuitäten und Brüche, über Zwangslagen und Handlungsspielräume in historischen Situationen oder über die Bewertung von deren Akteuren. Von vielen Historikern als unwissenschaftlich abgelehnt, werden sie doch häufig angewendet und spielen kontrafaktische Aussagen und Betrachtungen in der Geschichtswissenschaft gleichwohl eine erhebliche Rolle, liefern Kausalitäts-Befunde, Aussagen über Bedeutung von Ereignissen und Personen, dienen dem Erkennen von Fehlern von Handelnden, versetzen in deren Lage. Eine Reihe von geschichtswissenschaftlichen Kontroversen kreisen um kontrafaktische Aussagen. Manche meinen, Schicksal ist unabänderbar, es war, wie es war, und die Folgen, wäre es anders gewesen, sind nicht Aufgaben des Historikers.

Eine mutige eigene klare Schlussanalyse einer historischen Untersuchung hat aber meist etwas spekulatives, fiktives, am kontrafaktischen Denken orientiertes. Kontrafaktisches Denken kann beim Verstehen von Geschichte helfen. Nachdenken über unverwirklichte Möglichkeiten in der Geschichte ist so alt wie diese selbst, schrieb Alexander Demandt (s.u.). Wenn Krösus den Halys nicht überschritten hätte, dann hätte er sein Reich nicht zerstört, hiess es schon bei Herodot. Und, das (ernste) Nachdenken über alternative Geschichtsszenarien kann Spass machen, wie Alternativgeschichten auch Erkenntniswert haben können.

Alternativ(welt)geschichten werden auch Allohistoria, Parahistorie, Virtuelle Geschichte, Imaginäre Geschichte, Ungeschehene Geschichte, Potentielle Geschichte oder Eventualgeschichte genannt, auf Englisch meist Historical Fiction oder Alternative History. Im Vergleich zur kontrafaktischen Geschichte ist hier grösserer Spielraum für Unterhaltungs-Elemente gegeben, auf Kosten von wahrscheinlichen/fundierten Szenarien bzw. experimenteller Geschichtsforschung. Das Szenario wird etwa gern mit fiktiven Personen ausgeschmückt, ein lockererer Geschichtston wird angeschlagen. Auch in Alternativgeschichten zeigt sich aber durch das bis ins Äusserste Fantasierte plötzlich wieder das Wahre. Es kann sich um ein spekulatives Sachbuch oder leichtere Unterhaltung handeln. AG funktionieren der engeren Definition nach ohne naturwissenschaftliche Abweichungen, aber manchmal spielt etwa das Science-Fiction-Element Zeitreisen eine Rolle; die Nähe zu SF ist durch die Schilderung einer Parallelwelt, einer alternativen Realität, ohnehin gegeben. Die Übergänge zur Polit(ical) fiction sind fliessend, wie Zeitgeschichte eben an die Politikwissenschaft grenzt.

Politische Fiktion (wozu auch Polit-Thriller zählen) grenzt sich von Geschichtsfiktionen in der Regel dadurch ab, dass ein politischer Zustand oder eine politische Entwicklung geschildert (erfunden) wird, keine geschichtliche, der zeitliche Raum also kleiner ist. Beispiele sind “Der Manchurian Kandidat”, der Roman zum (bzw. vor dem) Film, 1959 in USA erschienen, als ein Kampfbuch im Kalten Krieg. Der israelische Autor Schabtai Schoval, ein ehemaliger Mossad-Mitarbeiter der über Mossad-Operationen im Iran „nachdenkt“, hat den Roman “Ich, der Auserwählte” geschrieben. Darin greift Israel Iran mit nuklear bestückten “Jericho”-Raketen von “Dolphin”-Unterseebooten aus an, weil es sich bedroht fühlt und nachdem es nicht gelungen ist, die USA dafür einzuspannen. Schoval könnte sich mit dem deutschen Journalisten Casdorff zusammensetzen und das Szenario weiter ausmalen, Deutschland nicht nur ein Lazarettschiff sondern auch einen neuen Rommel schicken lassen.

Das Science Fiction-Genre, das von Jules Verne mit-begründet wurde, ist von den hier besprochenen geschichtsfiktiven dadurch abzugrenzen, dass in ihm die Grundanlage unserer Welt abgewandelt ist, Naturgesetze abgeändert sind. Während kontrafaktische und alternative Geschichte mit dem Irrealis operiert (stellt also die Frage: „Was hätte sein können, wenn …?“), operiert Science-Fiction mit dem Potentialis (“Was wäre wenn…”). “Warlords of Utopia” von L. Parkin ist eher SF, obwohl es Elemente von Alternativgeschichte enthält – diese Abgrenzung ist manchmal schwierig, als weiteres Unterscheidungsmerkmal könnte ausgemacht werden dass bei SF nicht die Abänderung von Geschichte zentral ist, sondern die von Verhältnissen. Ray Palmer behandelte bzw. kommerzialisierte Rätsel und Verschwörungstheorien und machte daraus (zB aus UFO-Sichtungs-Berichten) z.T. SF. “Steampunk”-Geschichten können als Subgenre von SF aufgefasst werden, haben aber auch etwas von AG und KG (also eine Art Genrehybrid). Sie spielen in Dampfkraft-Zeiten, meistens in USA oder GB des 19. Jahrhunderts, enthalten Fantasy-Elemente, manchmal werden darin auch Ideen über den vermeintlichen Bauplan des Universums aus der Zeit vor Isaac Newton wahr.

Die heute sehr beliebten Historischen Romane sind Geschichten zu bzw. vor tatsächlich geschehener grosser Geschichte, Erzählungen vor historischer Kulisse. Im Unterschied zu den Geschichtsfiktion-Genres wird Geschichte hier nicht umgeschrieben und bleibt schön im Hintergrund, während fiktive Personen im Vordergrund stehen. Die Vermittlung (eines) historischen Stoffs kann aber Hauptzweck sein, die Geschichtsauffassung des Autors kann gut rüberkommen. Beispiele hierfür sind “Der Glöckner von Notre-Dame”, “Der Name der Rose” oder “Hundert Jahre Einsamkeit”. Der 2. Weltkrieg und der USA-Bürgerkrieg sind, wie in KG und AG, auch hier oft verwendete Topoi.

Filmische Entsprechungen bzw. Umsetzungen zu/von diesen Gattungen sind etwa “Saving Private Ryan” (erfundene Handlung vor historischem Hintergrund, also Art filmischer historischer Roman), “Inglourious Basterds” (erzählt eine Alternativgeschichte), “Von Winde verweht” (Verfilmung eines historischen Romans). Die “Meuterei auf der Bounty”-Filme sind dagegen Verfilmungen eines historischen Stoffes mit mehr oder weniger grossen künstlerischen Freiheiten (bzw. Abweichungen). Im Zeichentrickfilm über Pocahontas hat diese eine Romanze mit einem Engländer, in Wirklichkeit war sie mit einem zwangsverheiratet und zwangskonvertiert. “Krieg der Welten” ist eine SF-Geschichte von H.G. Wells, die Orson Welles als Hörspiel umsetzte.

Einige bedeutende kontrafaktische/alternativgeschichtliche Werke und Autoren:

Der römische Geschichtsschreiber Titus Livius (1. Jh. v.C.) schrieb in “Ab Urbe condita” darüber, wie es ausgesehen haben könnte, wenn Alexander d. Gr. sein Reich nicht in den Osten sondern in den Westen expandiert hätte und in Konflikt mit Rom gekommen wäre.

Im von J. C. Squire herausgegebenen Sammelwerk „If it had happened otherwise“ (1931) scheint sich zu zeigen, dass Autoren kontrafaktischer Geschichte gerne ihren (alternativen) Wunschverlauf geschichtlicher Entwicklungen ausformulieren; z.B. Emil Ludwig, wie es mit Deutschland weitergegangen wäre, wenn Friedrich III. nicht Krebs bekommen (oder ihn überlebt) hätte, nicht nach 99 Tagen als deutscher Kaiser gestorben wäre, und statt seinem Sohn länger regiert hätte – es hätte demnach ein liberal-humanistisches Regime gegeben und keinen 1. Weltkrieg. Winston Churchill schrieb darin über eine gelungene Abspaltung der USA-Südstaaten, die bei ihm dann eng mit GB und der verbliebenen USA zusammenrücken. Mit Squires Sammelband begann das kontrafaktische Genre eigentlich erst.

Der Ansatz mit dem Hohenzollern Friedrich III. führt zum Ausmessen der Rolle von einzelnen Personen, wie auch von „Zufällen“ (auch Wetter > Napoleonischer Feldzug gegen Russland) in der Geschichte. Auch Perikles starb an einer Krankheit und hätte noch etwas bewegen können. Ein längeres Leben oder ein früherer Tod bedeutender Personen ist Potential für kontrafaktisches/alternativgeschichtliches Denken, siehe auch den Abschnitt über Attentate unten.

Hitler nicht geboren, anderen Weg genommen, ermordet, wurde oft durchgedacht bzw. ausgemalt. Von Norman Spinrad stammt “Der stählerne Traum”, eine Alternativgeschichte in der Science Fiction verpackt ist. Darin wandert Hitler nach dem 1. Weltkrieg in die USA aus und wird SF-Autor (Rahmenhandlung), die Binnenhandlung bildet eine SF-Geschichte, die vorgeblich von Hitler geschrieben wurde. Jerry Yulsman hat in “Elleander Morning” ein Szenario entworfen, in dem Adolf Hitler 1913 in Wien ermordet wird, wodurch der Zweite Weltkrieg nicht statt findet. Der Tod im 1. WK hätte Hitler auch stoppen können, dass der Kunsthändler Hanisch ihn als Maler grossgemacht hätte, seine Abschiebung nach Österreich, die nach dem Putschversuch in München eigentlich vorgesehen war, Widerstand Hindenburgs gegen seine Ernennung, ein Vorgehen der Wehrmacht 1938 gegen ihn oder natürlich ein Attentat (s.u.); die Folge könnte auch sein dass er in Deutschland noch heute ein Held ist.

Der vom US-Militärhistoriker Robert Cowley herausgegebene Sammelband „What if“ (dt. “Was wäre geschehen, wenn?”) enthält Essays mit klassischen (oft verwendeten) Revisionsszenarien dieses Genres, wie: ein anderer Ausgang der Perserkriege; eine Niederlage Alexanders beim Versuch der Eroberung Persiens; Sieg der Römer gegen die Germanen in der Schlacht im Teutoburger Wald; Scheitern der Spanier bei der Eroberung des Azteken-Reichs; Erfolge der Araber (8. Jahrhundert, Tours/Poitiers), der Mongolen (13. Jahrhundert, Wien, kein Tod Ogadai Khans), der Osmanen (Herbst 1529, vor Wien, nach dem Marsch durch vom Regen aufgeweichten Boden in Ungarn – was, wenn der Sommer nicht so nass gewesen wäre) beim Vorstoss nach Mitteleuropa; Sieg der spanischen Armada 1588 im Ärmelkanal gegen die englische Flotte, der den britischen Aufstieg zur Weltmacht behindert; anderer Ausgang des USA-Unabhängigkeitskrieges, der Napoleonischen Kriege, des USA-Bürgerkrieges; andere Bedingungen für den Verlauf des 1. Weltkriegs; ein nazi-deutscher Sieg im 2. Weltkrieg; Republik bzw. Kuomintang und nicht Kommunisten gewinnen chinesischen Bürgerkrieg; ein Erfolg der Assyrer auch beim Versuch der Einnahme Judäas (anstatt von einer Seuche gestoppt zu werden). In „What if American and not Soviet forces had taken Berlin in 1945?“ wird eine andere Ausgangsbasis für den Kalten Krieg gelegt. In den Geschichten wird jeweils ein Divergenzpunkt gewählt, der verändert wird, und meist alternativer Verlauf und Ausgang (Folgen) ausgemalt.

Von „What If…“ gibt es einen Teil 2 (2001 herausgekommen; dt. „Was wäre geschehen wenn“). Darin formuliert Andrew Roberts ein Appeasement-Szenario für den 2. Weltkrieg (eine Churchill-Apologetik), Carlos Eire lässt Pilatus Jesus begnadigen, in Japan findet zu Kriegsende die geplante Invasion anstelle von Atombomben-Abwürfen statt, die „Enigma“ bleibt „uncracked“1, Japan dringt im 2. WK nach Australien vor, Lenins Rückkehr nach Russland 1917 wird vereitelt, Luther wird zum Tode verurteilt, Zheng Hes Entdeckungen (s. u.) werden als Kontrafaktik ausformuliert, Hitler verantwortet sich nach dem Krieg vor Gericht, Napoleon verändert die Geschichte Nord-Amerikas. A. Horne ändert viele Variablen über den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 (gegenseitige Provokationen um Treffen/Depesche führen nicht zum Krieg oder dieser wird nicht so schlimm), packt viele Nebenentwicklungen rein (zB heilt der französische Okkultist “Allan Kardec” das Blasenleiden von Napoleon III.), malt Folgen bis weit ins 20. Jh aus.

In Eric G. Swedins “When Angels Wept: A What-If History of the Cuban Missile Crisis” eskaliert die Kuba-Krise von 1962 bis hin zum Atomkrieg. Die Variable, die er ändert, ist die Reaktion Chrustschows auf die Entdeckung der Raketen durch die USA und Kennedys Ultimatum. Er bringt eine detailreiche und seriöse Schilderung der Eskalation, des Krieges und dessen Folgen. Preis für den besten Alternativwelt-Roman (Sidewise Award) 2012. Wird auch als AG oder SF eingeordnet.

Im Band “Columbia & Britannia” werden neun Geschichten aus einer Welt erzählt, in der keine “Amerikanische Revolution” und kein Unabhängigkeitskrieg der britischen Kolonien in Amerika stattfand. Der Divergenzpunkt ist jeweils, dass der britische Premierminister William Pitt (d. Ä.) der “No taxation without representation”-Forderung der amerikanischen Kolonisten nachgibt und ihnen eine Vertretung im britischen Parlament ermöglicht.

Der rechte britische (schottische) Historiker Niall Ferguson bedient sich der kontrafaktischen Methode und soll einer ihrer Hauptbefürworter sein, stellt etwa ein Heraushalten GBs aus dem 1. WK und einen deutschen Sieg in diesem (bzw. die  Folgen davon) als gut für Deutschland und Europa dar. Zur europäischen Kolonialisierung Afrikas behauptet er: “the counterfactual idea that somehow the indigenous rulers would have been more successful in economic development doesn’t have any credibility at all”. “Virtual History: Alternatives and Counterfactuals” ist ein Buch von ihm mit Überlegungen zur Kontrafaktik sowie mit Szenerien aus bzw. für das 20. Jahrhundert.

Ein anderer bedeutender britische Historiker, Ian Kershaw, schrieb ein Buch (“Wendepunkte”) über zehn Entscheidungen 1940/41 von entscheidender Bedeutung für den 2. Weltkrieg. Etwa, was geworden wäre, wenn es den Alliierten im Mai 1940 nicht gelungen wäre, ihre Streitkräfte aus Dünkirchen zu retten.

Carl Amery schildert in „An den Feuern der Leyermark“ (1981) eine europäische Großmacht Bayern, die 1866 über Preussen gesiegt hat.

Der Amerikaner Harry Turtledove ist einer der Grossen dieses Genres, hat etwa über die Unabhängigkeit der US-Südstaaten durch einen Sieg im Bürgerkrieg eine ganze Reihe von Büchern, eine Anthologie, geschrieben. In „Bring the Jubilee“ von Ward Moore (1953; dt. „Der grosse Süden“, 01) hat die Schlacht von Gettysburg 1863 einen anderen Ausgang, die CSA behauptet sich dadurch im Krieg. In der Gegenwart (daher der Gegenwart beim Verfassen des Romans, also um das Jahr 1955) gibt es zwei amerikanische Staaten, die Konföderation und die Union. Enthält Elemente von Phantastik & Spass.

Philip K. Dick schrieb meist SF, “Das Orakel vom Berge” (“The Man in the High Castle”) handelt von einer Ermordung Roosevelts und einem Kriegssieg der Achse. Es spielt im Erscheinungsjahr 1962 und in der von Deutschland und Japan beherrschten USA. Auch Atlantropa kommt vor. In dem Kontrafaktik-Roman kommt ein Kontrafaktik-Roman vor, aber nicht in Form einer Rahmenhandlung. Eigentlich ein Beispiel für ein historisch-politisch ziemlich belangloses Alternativszenario. Die Dystopie enthält natürlich verschiedene Aussagen, darunter angeblich auch anti-deutsche und anti-japanische.

Eine Welt nach einem Sieg Hitlers beschreibt auch Robert Harris im Bestseller „Vaterland“ (Fatherland). Anhand eines Kriminalfalls im bzw vor der Kulisse eines von Nazi-Deutschland dominierten Europas.

“Crimson Skies”, erfunden von Jordan Weisman und Dave McCoy, spielt in einer alternativen Version der USA, die sich aufgrund der Weltwirtschaftskrise, des Ersten Weltkrieges und der Prohibition in viele einzelne Staaten zersplittert hat; ausser in Romanen wurde diese Welt u. a. in (Brett-, Computer- Rollen-) Spielen ausgearbeitet.

Der Schweizer Christian Kracht, früher Popliterat, hat sich auf geschichtsfiktive Literatur verlegt. In der Alternativgeschichte „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ verpasst Lenin im  April 1917 den Zug und macht aus der Schweiz eine Sowjetrepublik anstatt in die russische Revolution einzugreifen. Was mit Russland bezüglich Revolution(en) geschehen hätte können, wenn das Deutsche Reich Lenin und Entourage nicht die Durchreise erlaubt hätte, wurde öfters gefragt. “Imperium” von Kracht ist ein historischer Roman, der sich an August Engelhardt orientiert, welcher Anfang des 20. Jh. mit anderen Aussteigern aus Deutschland eine “Kommune” im Bismarck-Archipel (damals ein Teil der deutschen Kolonie Deutsch-Neuguinea, heute bei Papua-Neuguinea) gründete.

Wadim Davydov schrieb „Das Jahr des Drachens“ und andere AG-artige Romane, in denen es mehrere Abweichungspunkte gibt; sie sind nur in seiner Heimat Russland verbreitet.

Vom australischen Science-Fiction-Autor A. Bertram Chandler erschien 1983 der Alternativweltroman „Kelly Country“ (dt. Titel „Die australische Revolution“), in dem beschrieben wird, wie der Rebell „Ned“ Kelly einen Aufstand der Australier gegen die Briten bzw. der dortigen Iren gegen die dortigen Briten anführt und dabei erfolgreich ist.

“Les Miserables” gilt als historischer Roman, ist aber eigentlich eine Alternativgeschichte, da tatsächliche Geschichte verändert wurde (ausserdem erlebte der Autor die Zeit mit, was bei historischen Romanen eigentlich nicht vorkommen darf); es spielt von der Zeit Napoleons I. bis zu der des Bürgerkönigs Louis Philippe I. Einzelpersonen die etwas politisches personifizieren, wie der ehemalige Sträfling Jean Valjean, “bestreiten” die Handlung, die politischen Aussagen und historischen Betrachtungen sind der “eigentliche” Inhalt.

“Roma eterna” von Silverberg ist nahe beim historischen Roman, darin überlebt das Römische Reich bis in die Gegenwart.

In „South Africa 1994-2004. A popular History“ von Tom Barnard alias Deon Geldenhuys, einem Politikwissenschafter, werden die Folgen des Wandels in Südafrika von der Apartheid zur Demokratie, der zum Zeitpunkt des Schreibens und der Veröffentlichung (1991) hochaktuell war, ausgemalt – und zwar so, wie sich dieser Geldenhuys ein Scheitern des Post-Apartheid-Südafrikas gewünscht hätte.

Fred Allhoffs alternativgeschichtliches “Lightning night”, um 1940 als Fortsetzungsroman in einem USA-Magazin erschienen (später Neuauflage als Buch), propagierte vor Pearl Harbor den Kriegseintritt der USA, u.a. indem es die Folgen eines Hitler-Sieges ausmalte. Eine spezielle Form von AG (spielt in der Zukunft, hat politische Absicht), nahe bei polit fiction.

Pitt von Bebenburg und Matthias Thieme: Deutschland ohne Ausländer. Ein Szenario (2012)

Weitere kontrafaktische/alternativgeschichtliche Szenarien:

* Napoleons Kriege und da besonders die Waterloo-Schlacht gehören zu den meist-behandeltsten Themen der Kontrafaktik. Trevelyan hat zB dazu etwas geschrieben. Die Waterloo-Schlacht 1815 zwischen dem napoleonischen Frankreich und Truppen der 7. Koalition (Grossbritannien, Preussen,…) unter Wellington setzte der revolutionären Ordnung in Frankreich und Europa ein (vorläufiges) Ende. Ein anderer Ausgang hätte diese Folgen aber höchtswahrscheinlich nur hinausgezögert, Frankreich war schwer in der Defensive und hatte einen Grossteil seiner wehrfähigen Bevölkerung “verheizt”. Napoleon hätte nach einem Sieg bei Waterloo noch weitere Schlachten siegreich ausfechten müssen, da die Gegner nicht gleich aufgegeben hätten. Revisionspunkt müsste eigentlich eine alternative Weichenstellung (etwa eine andere Entscheidung Napoleons) an einem früheren Punkt sein. Ähnlich verhält es sich bei der Ardennen-Offensive 1944/45, die nur mehr ein Verzweiflungsangriff Hitler-Deutschlands war. Ein Eingreifen des Marschalls De Grouchy in Waterloo hätte Napoleon, entgegen Stefan Zweigs Einschätzung, nicht retten können. Auch Victor Hugo hat in „Les Misérables” eine kontrafaktische Behauptung bezüglich der Schlacht aufgestellt: „Hätte es in der Nacht des 17. Juni 1815 nicht geregnet, wäre Europas Zukunft anders verlaufen”. Andere wollen wissen, dass die Niederlage am Scheitern des Unbrauchbar-machens der von Franzosen vorübergehend erbeuteten britischen Kanonen lag. Napoleon hatte 1815 aber ausgespielt, wie Hitler 1945.

Napoleon betrachtete sein Wirken übrigens selbst in kontrafaktischen Überlegungen, zumindest gegenüber seinem Mitarbeiter De las Cases. Für ein Weiterwirken Napoleons über Waterloo hinaus hätte es also etwas anderes gebraucht als einen Sieg in dieser Schlacht; was hätte es gebracht? Einen Griff nach der “Weltherrschaft” (Nordamerika, nochmal Russland, Indien,…)? Schon im 19. Jahrhundert erdachte der französische Schriftsteller Louis Geoffroy in “Napoleon und die Eroberung der Welt” einen Endsieg Napoleons, dieser unterwirft auch China und macht das Reich zu einer asiatischen Provinz. Und für die liberalen und nationalen Ideen der damaligen Zeit, für die Machtstruktur in Europa (nicht zuletzt für Deutschland)?

* Gavin Menzies, ein pensionierter britischer U-Boot-Kommandant, behauptet in seinem Buch „1421″, dass die Chinesen Amerika vor Columbus entdeckt hätten, auch Australien vor den Europäern. Menzies nennt den chinesischen Admiral Zhèng Hé (Cheng Ho), der mit grossen Flotten zwischen 1405 und 1433 sieben Expeditionen in den Pazifik und den Indischen Ozean unternahm und laut ihm 1421 bis 1423 eine Weltumsegelung durchführte. Die frühen Ming-Kaiser, v.a. Ch’eng-tsu, förderten diese Erkundungsfahrten, danach wandte sich China nach innen. Hinweise auf seine Behauptungen sieht Menzies in Spuren chinesischer Zivilisation, wie Porzellan, Wracks und Werkzeuge, an den Küsten Australiens und Amerikas. Menzies meint es ernst (geschichtsrevisionistisch), die Hypothese wird aber als Geschichtsfiktion, als Alternativ- oder Pseudogeschichte eingeordnet. Jedenfalls führt die Frage “Haben Chinesen Amerika und Australien entdeckt?” (die notwendige Technologie hatten sie) zu der “Wenn ja, warum haben sie nicht versucht, diese Kontinente zu kolonialisieren?” (sie kannten auch Schiesspulver, verwendeten es jedoch vornehmlich für Feuerwerke und andere rituelle Zwecke…) sowie zur kontrafaktischen Fragestellung “Was, wenn China dies getan hätte?” – sehr wahrscheinlich wäre eine Konkurrenz zu europäischen Mächten entstanden, die den Lauf der Welt in der Neuzeit entscheidend geändert hätte. Bei Garnet V. Portus entdecken die Chinesen Australien, die Briten später, es kommt zu einer Rassenmischung.

* Nicht weit davon ist die Frage, was wenn Columbus 1492 nicht Amerika entdeckt hätte, etwa aufgrund eines Sturms. Hätte sich die Entdeckung mit allen Folgen einfach um ein paar Jahre verschoben? 1495 traf der Seefahrer bei seiner zweiten Reise vor der Karibik auf einen der gefährlichen Hurrikans, drei Schiffe gingen in den reißenden Fluten unter.

* Was, wenn Russland Alaska nicht 1867 an die USA verkauft hätte, was hätte das für Alaska, Russland, USA, die Welt gebracht?

* Die Ausmalung eines Hitler-Stalin-Bündnisses durch den Krieg hindurch, eine Achse mit der Sowjetunion, wäre aufgrund der Unwahrscheinlichkeit eher ein alternativgeschichtliches als kontrafaktisches Szenario.

* Entscheidende Schlachten des 2. Weltkriegs, nach dem Gelingen des Blitzkrieges, waren jene von Stalingrad, El Alamein, bei Caen (Landung der West-Alliierten in der Normandie; bzw. dann der Durchbruch bei Falaise) oder die Luftschlacht um England. Über Rumänien drang die Rote Armee in den Balkan vor, was bedeutsam war, aber Schlachten wie jene von Iasi 1944 muss man eigentlich als Folge von Stalingrad sehen. Bei den Schlachten wie jenen von Monte Cassino oder Kursk kann man davon ausgehen, das ein anderer Ausgang, wie auch bei der Ardennenoffensive, die Niederlage Deutschlands nur verschoben hätte, ganz zu schweigen bei jener um Berlin.

In Bezug auf Japan haben die amerikanischen Atombombenabwürfe die Niederlage besiegelt, aber die Entscheidung fiel eigentlich schon mit der Eroberung von Okinawa und vorher Iwojima. Hier gäbs einige Ansatzpunkte für kontrafaktische und alternativgeschichtliche Überlegungen: Hätte die (eigentlich geplante) Invasion auf Japan statt den Atombombenabwürfen eine anderen Ausgang bringen können? Basis für den Iwojima-Sieg war der in Leyte auf den Philippinen einige Monate zuvor. War also diese Schlacht oder eine noch frühere (Midway 42 wird als das “Stalingrad” im Pazifik-Krieg angesehen) die eigentlich entscheidende? Eine wichtige allgemeine Frage bei kontrafaktischen Szenarien: Wo in Kausalketten bzw. Schicksalslawinen müsste eingegriffen werden? Die Märzrevolution in Deutschland 1848 wäre ohne die Februar-Revolution in Frankreich evtl. nicht möglich gewesen (Marx sagte, schon). Wäre daher in Paris einzugreifen, um ein deutsches 1848 zu verhindern?

* Der japanische Angriff auf Pearl Harbor, Anlass für das Eintreten der USA in den 2. Weltkrieg, lädt zu alternativgeschichtlichen Denkspielen ein, aufgrund der weltgeschichtlichen Folgewirkungen. Bei Harry Turtledove erobern die Japaner ganz Hawaii und der Krieg nimmt eine andere Wendung. Daneben halten sich (Verschwörungs-)theorien, dass man in der amerikanischen Regierung im Voraus vom Angriff wusste und ihn geschehen liess um eine “Berechtigung” für einen Kriegseintritt an der Seite Grossbritanniens zu haben (Hinweise auf Übungen bzgl. eines solchen Angriffs, Verlegung der Flotte weg von dort, knacken der japanischen Kommunikation,…; Bücher von Bröckers u.a.). Konkret hätte eine 3. Angriffswelle (die eigentlich eingeplant war) mit einer Zerstörung der Treibstofftanks und Docks den Unterschied machen können, das Ausschalten von Pearl Harbor als Flottenstützpunkt also. Admiral Nagumos Entscheidung zum Abbruch kam, nach dem was man weiss, wegen der Gefahr, dabei Flugzeugträger, Flugzeuge und Piloten zu verlieren.

* Wenn Mohammeds Hedschra oder Luthers Reformation nicht stattgefunden hätte, gestört worden wäre, die Stiftung diverser Religionen und Konfessionen nicht zustande gekommen wäre. Eine Beschäftigung mit solchen Möglichkeiten zwingt zur Auseinandersetzung mit dem Wesen von Religion, aber auch mit ihrer Historizität. Bezüglich Luthers Reformation gibt’s „The Alteration“ von Kingsley Amis, wo eine Welt des Jahres 1976 geschildert wird, in der keine Reformation stattgefunden hatte. Martin Luther wurde Papst, und die katholische Kirche herrscht immer noch unangefochten über die westliche Christenheit.

* Die Perserkriege, die im frühen 5. Jahrhundert v. Chr. von den persischen Achämenidenkönigen Dareios I. und Xerxes I. unternommenen Versuche, von Kleinasien aus in das europäische Griechenland einzudringen (490 v. Chr. die Schlacht bei Marathon), endeten infolge der Seeschlacht von Salamis 480 v. Chr. bzw. 479 v. Chr. nach der Niederlage von Platäa. Ungefähr einen Monat vor Salamis siegten persische Truppen bei den Thermopylen in Mittel-Griechenland über Truppen des Hellenenbundes unter dem spartanischen Herrscher Leonidas, bestehend aus 300 “Elitesoldaten” aus Sparta und Tausenden “Mitkämpfern”; eine Schlacht, die den persischen Vormarsch nicht einmal verzögerte (Xerxes nahm dann Athen ein), aus der aber aufgrund des (angedichteten?) Heldenmuts der Griechen Kultur- und Morallehren gezogen werden. Die Salamis-Schlacht hatte weitreichende Auswirkungen auf die weitere persische und griechische Geschichte. Athen setzte sich in Griechenland durch, wurde Geburtsstätte der Demokratie.

Der Mythos des griechischen Sieges über eine persische Übermacht geht grossteils auf den antiken griechischen Geschichtsschreiber Herodot zurück und hat teilweise bis ins 20. Jahrhundert überlebt, wird gerne als historische Verteidigung der “Freiheit des Abendlandes” gegen „orientalische Despotie und Gewaltherrschaft“ gedeutet. Ein anderer Ausgang des Krieges hätte demnach einen Untergang des Abendlandes bedeutet, noch bevor es entstand. Gedankenspiele über einen persischen Sieg in diesen Kriegen begannen mit Friedrich Schlegel. Ende Januar 1943 hielt Göring anläßlich der Niederlage von Stalingrad eine leidenschaftliche Rede um Parallelen zur historischen Schlacht an den Thermopylen zu ziehen. Max Weber war in seiner Beurteilung der Perserkriege gar nicht so weit von diesem entfernt… Auch Plutarch, Hegel, J.S. Mill urteilten so. Ob der Film “300” aus 2007 kulturkämpferisch beabsichtigt war, ist fraglich; ausgelegt wurde er jedenfalls so. In “What if” (s.o.) dreht sich ein Essay von Victor D. Hanson um die Frage, was wenn die Perser die Salamis-Schlacht gewonnen hätten, auch bei ihm ging es um die “westliche Zivilisation”. Widerspruch zu dieser Einschätzung kam von Platon, Nietzsche, J. Beloch: Der Sieg hätte Griechenland und Europa auf lange Sicht fett und überheblich gemacht; es hätte auch eine grosszügige Perserherrschaft geben können, wie gegenüber den Juden von Babylon; Hellenismus und persische Kultur hätten sich gegenseitig befruchten können; der griechische Bürgerkrieg hätte bei einem Sieg der Perser ausbleiben können. Nietzsche war fasziniert von der Möglichkeit, der Zoroastrismus hätte Griechenland beherrscht. Eine Form von Kulturtransfer von Persern zu Griechen gab es wohl, wahrscheinlich inklusive zoroastrischer Elemente

* Der Untergang von Byzanz gegen die Osmanen war zweifellos von weltgeschichtlicher Bedeutung, die Niederlage 1453 war aber nur mehr der Endpunkt, eine Wende hätte früher kommen müssen. Eine Niederlage der Seldschuken 1071 in Mantzikert gegen Byzanz wäre ein Ansatzpunkt. Demandt spekuliert dazu, dass die Wanderung/Expansion der Türken in diesem Fall vielleicht nach Russland ausgewichen wäre. In “Tirant lo Blanch” des Spaniers Joanot Martorell (1490) rettet ein Ritter aus der Bretagne Konstantinopel vor der Eroberung. Anders herum hätte Byzanz’ Untergang auch früher kommen können, wenn die Araber nach Kleinasien vorgestossen wären.

Die Hagia Sofia zu byzantinischer Zeit.
Die Hagia Sofia zu byzantinischer Zeit

* Das britische Schiff “RMS Lusitania” wird 1915 nicht von einem deutschen U-Boot-Torpedo im Atlantik versenkt. Oder auch: Das Zimmermann-Telegramm 1917 wird nicht vom britischen Geheimdienst abgefangen. Jedenfalls treten die USA nicht in den Ersten Weltkrieg ein. Hätten dann die Mittelmächte den Krieg gewonnen?

* Auch ohne den Mordanschlag auf den österreichischen Kronprinzen Franz Ferdinand von Habsburg-Este 1914 in Sarajevo wäre es höchstwahrscheinlich früher oder später zum grossen Krieg der europäischen Mächte gekommen – daher sind Spekulationen über eine Verhinderung der Schüsse etwa durch eine frühere Routenänderung nach dem ersten Anschlag auf den Konvoi müßig. Es gab die Konkurrenz zwischen den Mächten, etwa um das osmanische Erbe, und auch starke „zentrifugale“ Kräfte (die z.T. von aussen unterstützt wurden) in den multinationalen Reichen Russland und Österreich-Ungarn. Der Krieg wäre wohl durch ein anderes Ereignis ausgelöst worden, hätte anders begonnen, wäre vielleicht anders verlaufen. Was aber wäre gewesen, wenn Franz Ferdinand Kaiser geworden wäre, was wären die Folgen für Österreich-Ungarn und Europa gewesen, wenn er die Gelegenheit zum regieren bekommen hätte? Während sich für die meisten Historiker die geschichtliche Rolle Franz Ferdinands mit dem Attentat schon erledigt hat, hat der französische Historiker Jean–Paul Bled eine Biografie über den Thronfolger geschrieben, in der dieser kontrafaktische Ansatz eine Rolle spielt. Der Thronfolger lehnte Demokratie ab und befürwortete einen stark zentralisierten Staatsaufbau mit Dominanz der Deutsch-Österreicher (über andere Volksgruppen) und des Katholizismus. Schlechte Voraussetzungen für sinnvolle Lösungen der Probleme von Österreich-Ungarn bzw. ein Fortbestehen dieses Reichs.

Ö1 kürzlich über das Jahr vor Beginn des Kriegs: Hitler, Stalin, Lenin, Trotzki und Tito waren alle im Jahr 1913 in Wien. “Da könnte man die Phantasie entwickeln, ob einander vielleicht einmal Hitler und Stalin im Schönbrunner Schlosspark begegnet sind, während zur gleichen Zeit bei der Einfahrt zum Park ein Mercedes-Testfahrer namens Josip Broz am Automobil des später in Sarajevo ermordeten Erzherzog Franz Ferdinand vorbeigefahren ist.”

* 1944 bei Rastenburg wurde der durch seine Kriegs-Verletzung stark bewegungsbehinderte von Stauffenberg hektisch, als ihn der Feldwebel vom Dienst beim Scharfmachen der ersten Bombe überraschte und versäumte so das Scharfmachen der zweiten, das die Geschichte verändern hätte können. Dass man einen Bunker, wo die Druckwelle nicht entweichen konnte, statt der Baracke erwartet hatte, dürfte dagegen nicht stimmen. Wenn er die zweite Bombe einfach neben die scharf gemachte mit in die Aktentasche gelegt hätte, wäre die Detonation wohl auch so stark gewesen, dass Hitler keine Chance gehabt hätte (auch nicht die übrigen anwesenden 23 Mann). Vielleicht hätte zu einem Gelingen schon genügt, dass Adolf Heusinger im Moment der Detonation Hitler nicht gerade die Lage im Norden der Sowjetunion erläuterte und daher beide fast über der Landkarte am Tisch lagen und durch dessen dicke Platte geschützt waren.

Wäre bei einem Gelingen des Attentats dem (abgeänderten) “Unternehmen Walküre”, das einen Macht- bzw. Systemwechsel in Deutschland bringen sollte, ein Erfolg beschieden gewesen? Was wären die Auswirkungen auf Deutschland und den Krieg gewesen? West-Alliierte waren schon in der Normandie, in Mittel-Italien stand ein Durchbruch bevor, dies galt auch für die Rote Armee in Ost-Polen (darüber redete Hitler beim Attentat gerade mit seinen Generälen; die Attentats-Verschwörer waren nicht zuletzt durch die prekäre militärische Lage und Hitlers Anteil daran motiviert). Die West-Alliierten wären zu diesem Zeitpunkt kaum bereit gewesen, wegen einer neuen Staats- und Militärführung in Deutschland den Krieg gegen dieses fallen zu lassen oder gar, sich mit ihm gegen die Sowjetunion zu verbünden; darauf deuten z.B. Churchills Kommentare über das Attentat hin. Ausserdem, wenn die Todesumstände Hitlers bekannt geworden wären, hätten die neuen Machthaber leicht ihre Legitimität, ihren Rückhalt verlieren können, wie Demandt schrieb. Auch ein Bürgerkrieg wäre möglich gewesen. Und eine Verlängerung des Krieges hätte evtl. zum Atombombenabwurf auf Deutschland geführt.

Auch ein Gelingen des Attentats Elsers 1939 (kurz nachdem Hitler den Weltkrieg vom Zaun brach) ist eine reizvolle Grundlage für Spekulationen; auch hier scheiterte das Vorhaben knapp und unglücklich (man kann es aufs Wetter herunterbrechen, aufgrund dessen Hitler nicht mit dem Flugzeug von München nach Berlin zurückreiste, stattdessen mit der Bahn, deshalb die Veranstaltung früher als geplant verliess). Dieter Kühn schrieb in “Ich war Hitlers Schutzengel” über vier Fiktionen über Hitlers Ende. Christian von Ditfurth, arrivierter Autor von alternativgeschichtlichen Romanen, spielt in „21. Juli“  drei oft aufgegriffene Szenarien aus der NS-Zeit durch: ein geglücktes Stauffenberg-Attentat auf Hitler, ein erfolgreiches deutsches Atomprojekt und ein anderer Kriegsausgang. Das Glücken des deutschen Uranprojektes wäre ein Szenario für sich. Was hätte es dazu gebraucht?, Gab es einen Wettlauf mit dem amerikanischen?, Was wären die Auswirkungen auf den Krieg gewesen?

* Hier schliesst sich die Frage nach den Folgen anderer gescheiterter Attentate für den Fall ihres Gelingens an: Napoleon Bonaparte 1800 oder 1809, Victoria von Hannover 1840, Lenin 1918, Churchill 1931 (Unfall, in NY von Taxi angefahren), Adenauer 1952, De Gaulle 1962, Dutschke 1968, Wojtyla 1981, Reagan 1981, Elizabeth of Windsor-Mountbatten 1981 (wenn Marcus Sarjeant nicht mit Platzpatronen geschossen hätte), Thatcher 1984, Schäuble 1990. 1974 erschien Eberhard Jäckels „Wenn der Anschlag gelungen ware…“.

Oder, wenn geglückte Attentate, politische Morde, fehlgeschlagen wären: Julius Caesar, Ali Ibn Abi Talib, Shaka, A. Lincoln, die Romanovs, Rosa Luxemburg, Dollfuss, Trotzki, Mahatma Gandhi, Folke Bernadotte, Lumumba, Hammarskjöld, John und Robert Kennedy (> Vietnam, Nahost, Kalter Krieg,…), Carrero Blanco (> wurde die Transicion durch die Tat erleichtert?), Faisal al Saud, Verwoerd, Moro, Sadat, B. Aquino, B. Gemayel, Palme, Indira oder Rajiv Gandhi, Hani, Habyariamana, Rabin, Dzindzic, R. Hariri, L. Kabila, Fortuyn, A. Massud, B. Bhutto.

Was, wenn Mahatma Gandhi, hier mit Pakistans Staatsgründer M. A. Jinnah, nicht ermordet worden wäre?
Was, wenn Mahatma Gandhi, hier mit Pakistans Staatsgründer M. A. Jinnah, nicht ermordet worden wäre?

* Ein anderes Ende des Kalten Kriegs, weil die Öffnung der DDR-Grenze nicht zustande kam oder der Putschversuch in der Sowjetunion 1991 gelang.

* Wenn Österreich und Deutschland nach dem 1. WK zusammengegangen wären (mit Erlaubnis der Alliierten oder gegen sie) wie wäre es mit ihnen, mit Mitteleuropa, usw. weitergegangen.

* Wenn die Spanische Grippe (1918-20) ein paar Jahre früher ausgebrochen wäre, wäre es zum 1. WK gekommen, wie wäre er anders gelaufen?

* Wenn der Sevres-Vertrag nach dem 1. WK umgesetzt worden wäre, entweder weil die Alliierten/die Entente dahinter waren oder weil der Türkische Unabhängigkeitskrieg anders oder nicht gekommen wäre.

* Wenn sich in Afghanistan die kommunistische Regierung über 1992 hinaus durchgesetzt hätte.

Hätten die USA den “Mujahedin” nicht auch “Stinger”-Flugabwehrraketen geliefert, hätten sich diese gegen die Kommunisten möglicherweise nicht durchgesetzt.

* Wenn die die arabische Eroberung Persiens missglückt wäre, indem die Kedisia/Qadisiyah-Schlacht oder die in Nehawend anders ausgegangen wäre, die Folgen wären weltgeschichtlich bedeutend gewesen, vorausgesetzt die Eroberung wäre auch in den folgenden Jahrhunderten nicht gelungen (der Islam wäre nicht so massiv nach Persien, Zentralasien und Indien eingedrungen,…). Eine frühere Allianz zwischen Persien und Byzanz hätte im Jahr 636 den Unterschied machen können, als beide Mächte, in Qadisiyah (Mesopotamien) bzw. Yarmuk (Syrien), gegen die Araber entscheidende Niederlagen hinnehmen mussten. Oder eine andere Taktik vom persischen Feldherr Rostam in Qadisiyah, die mit dem Wissen über den Verlauf der Schlacht natürlich leicht zu entwerfen ist. Ein alternativer Ausgang der arabischen Angriffe auf Persien wurde von Persern oft und lange danach ausgemalt und herbeigesehnt; davon zeugt auch die “Verarbeitung” Rostams im Nationalepos “Schahnameh” oder die zoroastrische Zeitrechnung, deren Beginn durch den Regierungsantritt König Yazdgerds III. (gestürzt durch die Niederlage in dem Krieg) markiert wird; umgekehrt wurde Kedisia von Saddam in den 1980ern im Krieg gegen Iran rhetorisch “verwertet”.

* Wenn es Karl den Grossen nicht gegeben hätte – Heribert Illig behauptet in seiner geschichtsrevisionistischen Chronologiekritik ja, dass dem so ist. Oder, wenn die byzantinische Kaiserin Irene 802 seinen Heiratsantrag angenommen hätte…

* Alternative Wahlausgänge, z.B. bei einer der Reichstagswahlen 1932 (zuungunsten der NSDAP; ein weiteres Gedankenspiel in dem es darum geht, Hitler aufzuhalten) oder der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl 1988 (Bush sen. gegen Dukakis). Was hätte es dazu gebraucht, was hätte sich dadurch geändert? Im Fall von 1988 wäre die aggressive Medienoffensive von Bush-Berater Harvey Leroy „Lee“ Atwater ein Ansatzpunkt. Darin war etwa der Fall Willie Horton ausgiebigst ausgeschlachtet worden; Horton, ein zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilter Mörder in Massachusetts, hatte während eines Freigangs eine Frau vergewaltigt. Michael Dukakis war während des Freigangs Gouverneur von Massachusetts gewesen, die Freigang-Regelung war vor seiner Zeit beschlossen worden. Die Kampagne half George Bush, den anfänglichen Vorsprung seines Konkurrenten von 17 Prozentpunkten in Umfragen zu überwinden. Atwater verstand sich auf das gezielte Verbreiten rufschädigender Anschuldigungen, Andeutungen und Gerüchte. Er war auch ein politischer Mentor und naher Freund von Bush jun. (dessen politische Karriere von einer Wahlniederlage seines Vaters sicherlich auch betroffen gewesen wäre) und Karl Rove, wurde Vorsitzender des Republican National Committee und versuchte sich in R&B-Musik. Kurz vor seinem Tod 1991 aufgrund eines Tumors konvertierte er zum Katholizismus und entschuldigte sich öffentlich und schriftlich unter anderem bei Dukakis für die Angriffe während seiner Beratertätigkeit.

Oder auch: Die Manipulationen zugunsten Bushs bei der USA-Wahl 2000 greifen nicht, Gore wird Präsident

* Wenn Frankreich durch einen anderen Ausgang des Kolonialkriegs mit den Briten Mitte des 18. Jahrhunderts seinen Kolonialbesitz in Nordamerika behalten hätte

* Wenn Spanien unter Franco für die Achse in den 2. Weltkrieg gezogen wäre

* Ein Schwedisch-Polnischer Sieg über Russland im Nordischen Krieg Anfang des 18. Jahrhunderts.

* Wenn Rainer Barzel beim konstruktiven Misstrauensvotum gegen den westdeutschen Kanzler Brandt zwei Stimmen mehr bekommen hätte… Heute geht man ja davon aus dass zwei Abgeordnete der CDU/CSU von der ostdeutschen Stasi gekauft waren.

* Was, wenn der letzte Habsburger am spanischen Thron, Carlos (Karl) II., nicht kinderlos geblieben wäre? Infolge der Thronbesteigung der Bourbonen in Spanien (aufgrund dieser Kinderlosigkeit) hätte es im absolutistischen, vor-nationalen Zeitalter auch zu einer Vereinigung des Landes mit Frankreich kommen können (im Spanischen Erbfolgekrieg sollte u.a. das verhindert werden)

* Der Bourbone Henri gibt 1873 sein insistieren auf der Wiedereinführung der Königsflagge auf, anerkennt die Trikolore und wird König von Frankreich

* Die Gruppe um Von Braun wird im April 1945 am Weg von Nordhausen nach Süddeutschland aufgehalten und fällt in die Hände der Roten Armee…

* Stefan Zweig brachte in “Sternstunden der Menschheit” Miniaturen von Ereignissen/Entwicklungen, die seiner Meinung nach historische Wendepunkte waren, wie der Waterloo-Schlacht, auch aus der Kunstgeschichte, Scotts Niederlage am Südpol, dem Ende von Byzanz (kritisiert Resteuropa, nicht eingegriffen zu haben) oder dem Fund von Gold auf der Farm des Schweizer Auswanderers Sutter in Kalifornien – ein kontrafaktisches Szenario in Zusammenhang mit dem letzteren Ereignis ist meines Wissens nach noch nicht für die breitere Öffentlichkeit durchgespielt worden, würde aber dazu einladen. Sehr spannend wäre dieses, wenn man den russischen Aussenposten Fort Ross bei San Francisco 7 Jahre länger als tatsächlich bestehen lässt, womit ein russisches Mitmischen im Goldrausch ermöglicht wird…

* Der iranische Schah M. R. Pahlevi lenkt früher ein, Schapur Bachtiar wird ein Jahr früher als tatsächlich geschehen, also im Jänner 1978, Ministerpräsident > keine Revolution, dafür eine Demokratisierung des Landes unter dem Schah, kein Auftrieb für den modernen Islamismus wie unter Khomeini?

* Die Möglichkeit einer Atomwaffen-Konfrontation zwischen USA und Sowjetunion bzw ihren Blöcken bestand infolge der Kuba-Krise 1962 und bei anderen Eskalationen im Kontext des Kalten Kriegs, etwa den Berlin-Krisen und den Konflikten zwischen den Chinas. Sowie 1973, als Israel einen Einsatz seines Arsenals erwogen zu haben scheint, und mehrmals zwischen Indien und Pakistan (1984, 1987, 1990).

* Ohne den Unfall bei der Chappaquiddick-Insel 1969 (oder bei einem anderen Ausgang) hätte Edward Kennedy gute Chancen gehabt, irgendwann Präsident der USA zu werden, wahrscheinlich schon 1972

* Wenn Jinnahs Grossvater nicht zum Islam übergetreten wären; am wahrscheinlichsten hätte jemand Anderer die Muslim League geführt und Pakistans Schaffung vorangetrieben

* Die Annahme der Stalin-Noten aus 1952 durch den Westen, unter der Voraussetzung dass sie ernst gemeint waren

* Ein Scheitern der Reconquista in Iberien (> Islam in Europa, kein Spanien und Portugal?, andere Kolonialgeschichte Amerikas). Über den Zusammenhangg Reconquista (Iberien) und Conquista (Amerika) schrieb der spanische Historiker und Politiker (2. Republik) C. Sanchez Albornoz.

* Oder: Schottland gelingt ein Kolonialprojekt in Mittelamerika, es kommt zu keine Vereinigung mit England…; Ungarn wird in Trianon in seinen bisherigen Grenzen anerkannt;

Kontrafaktisches oder alternativgeschichtliches Denken macht auch bei seiner eigenen Geschichte Sinn, findet da Anwendung. Oder im Sport; was, wenn dieser Treffer (nicht) gegeben worden bzw. gefallen wäre, wird bei fast jedem Fussball-Match diskutiert (z.B. der von Lampard im Achtelfinale der WM 2010 gegen Deutschland, beim Stand von 1:2). Ich fand einmal ein Fussball-Diskussionsforum, in dem belgische Fans diskutierten, wie ihr Team 1986 Weltmeister hätten werden können – wenn der damalige Anderlecht-Spieler Lozano für Belgien gespielt hätte und sich Vandenbergh nicht verletzt hätte, wurde da gemeint. Bei Kriegsspielen, v. a. auf dem Computer, spielen kontrafaktische Kampfverläufe auch eine Rolle. Das Grossvaterparadox bei Zeitreisen-Gedankenspielen, das sich um paradoxe Folgen von Eingriffen dreht, zeigt nicht nur in die Anwendung von Kontrafaktik in Naturwissenschaften, sondern enthält auch grundlegende Überlegungen zu ihr.

Alexander Demandt hat mit “Ungeschehene Geschichte. Ein Traktat über die Frage: Was wäre geschehen, wenn” ein wichtiges Stück Sekundärliteratur über kontrafaktische Geschichte geschrieben und darin auch einige interessante Szenarien angerissen: z.B. einen Erfolg der Aufständischen im deutschen Bauernkrieg 1525; wenn Louis XIV. sich hinter die Reformpläne Turgots gestellt hätte; wenn der preussische König Friedrich Wilhelm IV. 1849 die von der Nationalversammlung angebotene Kaiserkrone angenommen hätte; wenn Zar Nikolaj II. Romanov 1916 Rasputin fallengelassen und sich mit der Opposition in der Duma verständigt hätte. Er scheint selbst ein Befürworter der kontrafaktischen Methode zu sein, geht aber auch auf Einwände ein (etwa, wonach die Folgen des Abänderns einer Variablen oft nicht genug durchdacht seien). Das 1984 heraus gekommene Buch markiert den „Beginn“ der Uchronie in Deutschland.

Weitere Literatur über Kontrafaktik/Alternativgeschichten: Johannes Dillinger: Uchronie. Ungeschehene Geschichte von der Antike bis zum Steampunk (2015); Emmanuel Carrière: Kleopatras Nase. Kleine Geschichte der Uchronie; Uwe Durst: Drei grundlegende Verfremdungstypen der historischen Sequenz, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte DVjs, 2/2009, S. 337-358; Kai Brodersen (Hg.): Virtuelle Antike; Michael Salewski (Hg.): Was wäre wenn?; Benedetto Croce: Die Geschichte als Gedanke und Tat; Alexander Batzke: Was wäre gewesen, wenn…?; Hans-Peter Peschke: Was wäre wenn. Alternative Geschichte (2014); Hugh Trevor-Roper: Die verschollenen Krisenmomente der Geschichte; Jörg Helbig: Der parahistorische Roman. Ein literaturhistorischer und gattungstypologischer Beitrag zur Allotopieforschung; Magisterarbeit zum Thema von Hermann Ritter

Diskussionsforen und andere IT-Auftritte betreffend alternative/kontrafaktische Geschichte (zT auf Englisch):

www.changingthetimes.net (todayinah.co.uk)

alternatehistory.net

uchronia.net

https://www.reddit.com/r/ImaginaryMaps

https://www.deviantart.com/altmaps

http://althistory.wikia.com

www.youtube.com/user/AlternateHistoryHub

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Verschlüsselung der deutschen Enigma-Maschine wurde von den Alliierten (v.a. den Briten) im 2. Weltkrieg, 1940, geknackt, durch Fehler der Deutschen und kluge Köpfe (v.a Alan Turing) auf ihrer Seite – was NS-Deutschland nie bemerkte. Nach Einschätzung u.a. Eisenhowers war die Entschlüsselung des Codes entscheidend für den alliierten Sieg in dem Krieg, auch Churchill soll sich so geäussert haben. Andere sehen darin “nur” eine Verkürzung des Krieges. Im Luftkrieg um England und im U-Boot-Krieg im Atlantik wirkte sich die Entschlüsselung entscheidend aus. Nach dem Krieg wurde die Maschine von den Alliierten in die “3. Welt” verscherbelt um dort “mitlesen” zu können. Ein geschichtsfiktives Szenario für den 2. WK ohne Entschlüsselung bietet sich also an

Uwe Barschels Tod

Der Tod des Ex-Ministerpräsidenten Barschel inmitten eines landespolitischen Skandals (Barschel-Affäre/”Waterkantgate”) ist ein hochbrisanter politischer Stoff der jüngeren deutschen Geschichte mit wahrscheinlich internationaler Dimension und wirft noch immer Fragen auf.

Der Jurist aus Mölln wurde 1982 für die CDU Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Angeblich war er süchtig nach Tabletten und scharf auf schnellen Sex. Am Tag vor der Landtagswahl am 13. September 1987 wurde bekannt, „Der Spiegel“ werde am Tag nach der Wahl berichten, Barschels Medienreferent Reiner Pfeiffer (zuvor im “Springer”-Konzern) habe auf Veranlassung Barschels das Privatleben des SPD-Gegenkandidaten Björn Engholm ausspionieren lassen, ihn anonym der Steuerhinterziehung beschuldigt und ihm telefonisch mitteilen lassen, er sei HIV-infiziert. Für einige der Anrufe dürfte der Hochstapler Postel, ein Freund Pfeiffers, verantwortlich gewesen sein. Die Wahl brachte eine Niederlage der CDU. Dann das berühmte Ehrenwort Barschels auf einer Pressekonferenz, dass die Vorwürfe haltlos seien. Doch schnell wurde klar, dass er nicht die Wahrheit gesagt hatte. Am 2. Oktober 1987 trat er vom Amt des Ministerpräsidenten zurück. Die Landesregierung wurde daraufhin kommissarisch von seinem bisherigen Stellvertreter Henning Schwarz geleitet. Die weiteren Auswirkungen auf die Landespolitik waren die Neuwahl 1988 (aufgrund eines Patts im Landtag) mit dem neuerlichen Sieg der SPD unter Engholm. Dieser musste 1993, auch als SPD-Bundeschef, der er inzwischen war, zurücktreten, da er in einem ersten Untersuchungs-Ausschuss des Landtags wahrheitswidrig erklärt hatte, vor der Wahl 1987 nichts von den Barschel-Pfeiffer-Aktionen gewusst zu haben. Die SPD hatte Pfeiffer geholfen, die Informationen an den Spiegel weiterzugeben.

Am 11. Oktober 1987, einen Tag bevor Barschel vor dem U-Ausschuss des Landtags aussagen sollte, wurde er von „Stern“-Reportern tot und bekleidet in der Badewanne seines Zimmers im Hotel “Beau-Rivage” in Genf aufgefunden. Er war zuvor mit seiner Gattin Freya, die eine entfernte Verwandte Bismarcks ist, auf den Kanarischen Inseln gewesen. Der tote Barschel wurde von den Reportern erst ausgiebig fotografiert bevor sie die Polizei riefen. Den offiziellen Ermittlungen und Bekanntmachungen in der Schweiz und in Deutschland nach ist Barschel durch Suizid zu Tode gekommen. Aber auch Selbstmord mit Hilfe eines Zweiten und Mord stehen im Raum. Sicher ist, er starb nach einer Vergiftung durch Medikamente (v.a. Sedativa), in der Nacht vor seinem Auffinden. Man fand am Tatort keine Verpackungen der eingenommenen Medikamente. Ebenfalls verschwunden war eine Rotweinflasche, die Barschel geordert hatte. Möglicherweise wurden diese Gegenstände von der Schweizer Polizei unachtsam entsorgt. Interessant ist ein medizinisches Gutachten des Schweizer Toxikologen Hans Brandenberger, das u.a. besagt dass Barschel nicht in der Lage gewesen sein konnte, die in seinem Körper gefundenen Medikamente alleine einzunehmen. Fast 25 Jahre nach dem Tod des CDU-Politikers hat das Landeskriminalamt von Schleswig-Holstein auf Barschels Kleidung den genetischen Fingerabdruck eines Unbekannten entdeckt; das belegt dass er in seiner Todesnacht Kontakt zu einer unbekannten Person hatte.

Da es keine umfangreiche offizielle Untersuchung zum Tod Barschels gab, schwirren viele Gerüchte dazu herum, deren Bewandtnis ungeklärt ist. Barschels Familie hat die Selbstmord-These immer bezweifelt. Der ehemals ermittelnde Lübecker Staatsanwalt Heinrich Wille geht inzwischen von der Ermordung Barschels aus. Das Ermittlungsverfahren wurde aber 1998 eingestellt, und Wille wurde von Schleswig-Holsteins Generalstaatsanwalt Erhard Rex die Veröffentlichung eines Buches zum Thema (Arbeitstitel: “Der Mord an Uwe Barschel – das Verfahren”) untersagt. Erschienen ist vom Luxemburger Armand Mergen “Tod in Genf: Ermittlungsfehler im Fall Barschel: Mordthese vernachlässigt”. Einigen Angaben zufolge wurde Barschel von anonymen Informanten nach Genf bestellt und hatte seinen letzten Termin mit dem saudi-arabischen Waffenhändler und Geheimdienst-Vertrauten Adnan Kashoggi. Der Privat-Detektiv Werner Mauss hielt sich zum Zeitpunkt des Todes Barschels in Genf in unmittelbarer Nähe zum Geschehen auf, verneint eine Verwicklung in die Affäre.

Der Ex-Mossad-Agent Ostrovsky behauptete in seinem Buch „Geheimakte Mossad“, Barschel sei vom Mossad getötet worden, weil er sich 1987 der Abwicklung geheimer (und später aufgeflogener) Waffengeschäfte zwischen Israel und dem Iran (!), die über Schleswig-Holstein abgewickelt worden sind, widersetzt habe und sein Wissen über die Angelegenheit preiszugeben drohte. Diese Waffenlieferungen standen im Rahmen der Iran-Contra- (bzw. Irangate-) Affäre: Die Reagan-Regierung verkaufte geheim Waffen an den Iran, der im Krieg gegen Irak stand, der Erlös ging an die “Contras” in Nicaragua. Die USA lieferten Waffen daneben auch an Saddam Hussein; erlaubten Israel, Waffen an Iran zu liefern, auch diese dürften aber beide Seiten beliefert haben. Israel und USA erhofften sich eine Verlängerung des Krieges. Ein Faktor war auch die Freilassung von US-Geiseln im Libanon, die in den Händen schiitischer Gruppen waren. Laut Brandenberger stimmen die chemischen Analysedaten bis in Details mit dem Mordablauf überein, den Ostrovsky in dem Buch schildert. Das staatliche Israel soll nach dem Gutachten Stellung gegen diese Spekulationen bezogen haben. Der ehemalige iranische Präsident (1980/81) Banisadr sagte, Barschel sei an den Waffengeschäften beteiligt gewesen, sprach aber auch von einer Erpressung durch diesen. Später soll auch die Weitergabe von Nukleartechnologie an den Iran über Schleswig-Holstein gelaufen sein.

Eine Rolle in diesen Spekulationen spielt der südafrikanische Waffenhändler Dirk Stoffberg, der mit Israel und islamischen Ländern gehandelt haben soll, auch mit der dubiosen Substanz “Red Mercury”. Er war vor dieser Tätigkeit beim Geheimdienst NIS und wird mit den Morden an den Apartheid-Gegnern Ruth First und Dulcie September in Verbindung gebracht. Er gab 1994 im Entwurf einer eidesstattlichen Versicherung an, Barschel sei von Robert Gates, später CIA-Direktor und amerikanischer Verteidigungsminister, nach Genf bestellt worden. Barschel habe mit Enthüllungen über militärische Lieferungen gedroht. Seine eidesstattliche Erklärung konnte er nicht mehr abgeben, er starb im Juni 1994, zusammen mit seiner Frau, anscheinend durch Mord und Selbstmord.

Ein anderes Mordmotiv könnte sich aus dem U-Boot-Geschäft einer Kieler Werft mit dem Apartheidsregime in Südafrika ergeben haben. Südafrika wollte in den 1980ern U-Boote in Deutschland kaufen, bei “Howaldtswerke Deutsche Werft” (HDW) in Kiel, damals zu 25,1 % im Besitz des Landes Schleswig-Holstein. HDW (die auch die U-Boote für Israel produziert) wollte diesen Auftrag bekommen und Barschel als Ministerpräsident die vom Konkurs bedrohte Werft mit dem Geschäft angeblich retten. Der Bundessicherheitsrat (mit dem damaligen Finanzminister Gerhard Stoltenberg, Barschels Vorgänger als Ministerpräsident von SH, der das Geschäft eingefädelt haben soll) wollte zunächst den Export von Bauplänen/Blaupausen und Komponenten genehmigen, beschloss dann aber, das wegen der Apartheidpolitik unter verhängte UN-Waffenembargo von 1977 zu befolgen und keine Genehmigung zu erteilen. 1984/85 soll aber eine südafrikanische Waffenfirma (“Sandock Austral”, die auch israelische Schnellboote und ein deutsches Minenabwehrfahrzeug unter trickreicher Umgehung des Waffenembargos nachbaute; oder aber “Armscor”) Baupläne und einen HDW-Mitarbeiter zur Verfügung gestellt bekommen haben (sowie einen Teil der Anzahlung zurückerstattet bekommen haben). Ein Steenkamp von der südafrikanischen Botschaft in der BRD soll dies eingefädelt haben. Die U-Boot-Bauplan-Weitergabe an Apartheid-Südafrika – ein Bruch des Embargos – wurde 1986 von der Regionalzeitung “Kieler Nachrichten” thematisiert und hatte zwei Bundestags-Untersuchungsausschüsse (Norbert Gansel, SPD, Obmann in einem Ausschuss und Freund Engholms, hält mittlerweile einen Mord an Barschel für möglich) und ein Ermittlungsverfahren zur Folge, die keine Strafen und wenig Aufklärung brachten. So gibt es keine Klarheit über eine stillschweigende Duldung oder sogar Unterstützung von Bonn (F.J. Strauss wurde hier genannt) und Kiel (Barschel). HDW-Manager behaupteten, nicht alle Blaupausen geliefert zu haben. Barschel wurde den diesbezüglichen Spekulationen zufolge von Organen Apartheid-Südafrikas ermordet, weil er gegen den Deal war, weil er sein Wissen in Geld verwandeln bzw. preisgeben wollte oder aber weil das Geschäft nicht zustandekam, die Südafrikaner bezahlt hatten und Barschel das Geld nicht zurückzahlen konnte. Die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC), die die Aufarbeitung von Verbrechen in der Apartheid-Ära zum Ziel hatte, hat die Sache mit den U-Booten und Barschel nicht behandelt.

Eine wichtige Rolle in den Theorien um den Tod Barschels spielt sein Geschäftspartner Ballhaus, dem er geholfen haben soll, Geschäfte in der DDR abzuwickeln (bei denen wiederum Südafrika eine Rolle gespielt haben soll). In dem Zusammenhang wird immer wieder das Hotel “Neptun” in Warnemünde genannt. Ballhaus stand in Kontakt mit dem südafrikanischen Wildjäger Jacobus Prinsloo, der bei der Übergabe der Blaupausen an den südafrikanischen National Intelligence Service (NIS) eine Rolle gespielt und Ballhaus gegenüber von der Ermordung Barschels gesprochen haben soll.

Genannt wird im Zusammenhang mit den Spekulationen zum Tod Barschels auch das von HDW hergestellte Kreuzfahrtsschiff “Astor”, das über Südafrika und Bahamas an die DDR verkauft wurde, und dort unter dem Namen “Arkona” in Dienst gestellt wurde. Es gibt Meinungen, dass der Verkauf des Schiffes an die DDR Teil eines geheimen Dreiecksgeschäfts zwischen Südafrika, der DDR und den HDW war, das maßgeblich durch die schleswig-holsteinische Landesregierung beeinflusst bzw. eingefädelt war, und bei dem bis 150 Millionen DM Schmiergeld geflossen sein sollen. Die DDR sei dadurch günstig zu einem Kreuzfahrtschiff gekommen, Apartheid-Südafrika an die U-Boot-Pläne und die wirtschaftlich angeschlagene HDW an dringend benötigte Aufträge.

Der Fall Barschel und das “Unbekannte”

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Offene Fragen aus allen Gebieten

Existiert ausserirdisches Leben? Um diese Frage ranken sich jahrhundertealte Mythen, Gedanken und Träume der Menschen. Mit dem auf Kepler zurückgehenden Fernrohr waren ab der frühen Neuzeit Beobachtungen und erste Erkenntnisse über andere Planeten möglich. Der Mars faszinierte schon die antiken Babylonier oder Römer (Kriegsgott nach ihm benannt); er geriet im späten 19. Jahrhundert ins Zentrum der Spekulationen um ausserirdisches Leben, aufgrund astronomischer Beobachtungen, v.a. jenen von Schiaparelli, der dort “Kanäle” fand, die auch (von Lowell) als künstlich angelegt interpretiert wurden. Die diesbezügliche Sensationsgier führte zu Vorstellungen von (seit den Zeichnungen von W. R. Leigh kleinen grünen) Marsmenschen, die im Science Fiction-Genre verarbeitet wurden, etwa in “Krieg der Welten” von H.G. Wells, das von Orson Welles zu einem Hörspiel umgesetzt wurde. “Aelita” von Alexei Tolstoi (1923) ist eine der ganz wenigen menschlichen Dichtungen über Marsianer, wo diese nicht kommen um die Erde zu erobern. Der rote Planet wurde auch ein Kandidat weil dort Wasser vorkommt, ein Hügel gesichtet wurde, der auf manchen Fotos wie ein Gesicht aussieht (siehe Fotos), ein Meteorit von ihm 1984 in der Antarktis gefunden wurde und er überhaupt relativ erdähnlich ist.

wiki commons
Das “Marsgesicht” von der Raumsonde “Viking 1” 1976 fotografiert

Daneben kommen die Monde diverser Planeten und andere Galaxien als Umwelt Ausserirdischer in Frage. Dort, wo eine Kontaktaufnahme bzw. Suche noch schwieriger ist. Diese “Search for Extraterrestrial Intelligence” (SETI) geschieht seit langem mit Radioteleskopen, als Suche nach und Aussenden von Signalen. 1977 zeichnet das “Big Ear”- Radioteleskop in den USA das “Wow!”-Signal auf, nach dem Kommentar seines Entdeckers Jerry Ehman auf dem Computer-Ausdruck so genannt; eine Botschaft von Aliens oder ein stellares Phänomen? Versuche der Kontaktaufnahme waren auch die Plaketten auf den Raumsonden “Pioneer” 10 und 11 Anfang der 1970er. 1974 sandten amerikanische Astronomen per Radiowellen die Arecibo-Botschaft an mögliche Ausserirdische. Auch die “Voyager” 1, seit 1977 im All unterwegs, beteiligt sich an der Suche. Stephen Hawking ist skeptisch bezüglich dieser Suche nach und Kontaktaufnahmeversuchen mit Ausserirdischen, glaubt, solche könnten den Menschen überlegen sein und sie nicht unbedingt als Freunde sehen (manche beschäftigen sich auch schon mit “planetarer Verteidigung”). Eine andere Frage ist, wie ausserirdisches Leben beschaffen sein kann; inwiefern ist irdisches Leben Maßstab dafür, in welchem Entwicklungsstadium muss es sein um mit uns kommunizieren zu können (> Kardaschow-Skala), kann es nicht auch nur eine Moosart oder Bakterien sein anstatt intelligentem Leben? Der Physiker Enrico Fermi formulierte 1950 das nach ihm benannte Paradoxon, wonach es aufgrund des Alters und der Grösse des Universums eigentlich Leben ausserhalb der Erde geben müsste, für dieses aber keine Hinweise (z.B. Raumschiffe) auftauchten. Manche Menschen schliessen daraus, sie existieren – wir werden ignoriert. Die Rare-Earth-Hypothese (englisch für Seltene-Erde-Hypothese; nach einem Buch) besagt wiederum, dass Entstehung von Leben auf der Erde ein im Universum ungewöhnlicher Vorgang war und es dazu einer unwahrscheinlichen Konstellation bedurfte. Das Thema kann bewegen, es betrifft u.a. die Stellung des Menschen im Universum, ist Forschungsthema, u.a. in der Astronomie und Exobiologie; aber auch eine religiöse Frage. Arthur C. Clark (war ein britischer SF-Autor und Futurist): “Entweder wir sind alleine im Universum oder aber nicht. Beides ist gleich beängstigend.”

Eine schärfere Aufnahme des "Marsgesichts"
Eine schärfere Aufnahme des “Marsgesichts”

Gibt es UFOs, als Fluggeräte ausserirdischer Lebewesen, dann gibt es Ausserirdische und das Wissen voneinander. Des US-Hobbypiloten Arnold erste Beschreibung “fliegender Untertassen” 1947 und die Ereignisse in Roswell im selben Jahr (in Wirklichkeit abgestürzte Ballons und Dummies?) gehören hier zu den ersten “Sichtungen”. Die UFO-Hysterie in den USA begann parallel zum Kalten Krieg, der Angriff von „bösen Anderen“ war auch hier das Thema. Kontakte reichten laut Ufologen von Entführungen bis zu verheimlichten Begegnungen mit Behörden. In den Bereich der Pseudowissenschaft gehören auch Theorien wonach intelligente Ausserirdische die Erde besucht und menschliche Zivilisation beeinflusst hätten (Prä-Astronautik, Paläo-SETI). Dabei werden oft die in vielen Kulturen vorhandenen Sagen von Begegnungen mit Göttern oder gottähnlichen Wesen sowie Darstellungen wie die Val Carmonica-Zeichnungen als Zeugnisse von Besuchen ausserirdischer Wesen gedeutet.

Die Area 51 (Flugzeugtests der US-Luftwaffe?), die Marfa-Lichter in USA oder die Hessdalen-Lichter werden immer wieder mit UFOs und Aliens in Zusammenhang gebracht; bei den Kornkreisen ist inzwischen klar, dass sie bis auf wenige natürlich entstandene von Menschen gemacht werden. Rätsel geben z.B. die Berichte des Militärpiloten Jafari über seine Sichtung in Teheran 1976 auf. Das Eingreifen Ausserirdischer wird bei einigen anderen auch hier angeführten Rätseln behauptet. Diese Theorien sind nahe bei esoterischen Strömungen und beim literarischen Fantasy/Science Fiction-Genre. Der Tscheche Soucek (Zahnarzt, Offizier, Kommunist, Journalist, Frühpensionist) schrieb SF-Geschichten und über Rätsel wie jenes von Tunguska (s.u.), wo er ähnlich wie Von Däniken oft ausserirdische/übernatürliche Erklärungen nahelegte.

Ungeklärte politische Morde und Todesfälle:

  • John F. Kennedy: geklärt mit Oswalds Festnahme?!
  • Dag Hammarskjöld: schwedischer UN-Generalsekretär, stürzte im September 1961 in einem Flugzeug mit 15 Anderen, auf dem Weg zu Verhandlungen in der Kongo-Krise ab, über dem heutigen Sambia; ein Abschuss gilt inzwischen als wahrscheinlich, am ehesten durch Jene, die an der Unabhängigkeit Katangas arbeiteten
  • Olof Palme: es gab mehrere Festnahmen und eine Verurteilung, die aber mit Freilassungen endeten, und ziemlich konkrete Hinweise auf das südafrikanische Apartheid-Regime
  • Uwe Barschel: auch bei ihm nicht sicher ein Mord; sein Tod 1987 kurz nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein gibt aber nach wie vor Rätsel auf
  • Omar Torrijos: Staatschef von Panama, Flugzeugabsturz 1981, nach John Perkins handelte es sich um einen Anschlag der USA, weil Torrijos die ökonomische Souveränität Panamas verteidigte
  • Wladislaw Sikorski: Ministerpräsident der polnischen Exilregierung nach der deutschen Besetzung, stand für Ausgleich mit der Sowjetunion und hatte gleichzeitig Einfluss bei den angelsächsischen Alliierten, starb 1943 bei einem Flugzeugabsturz vor Gibraltar, es ist unklar ob Sabotage und somit ein Mordanschlag vorliegt wie oft behauptet wird, und wer dafür verantwortlich sein könnte, die Zweifel an der Unfallversion sind ernst zu nehmen
  • Dagobert II.: merowingischer König des fränkischen Teilreichs von Austrasien, wohl von Machthabern aus Neustrien 679 ermordet; Pierre Plantard mischte im 20. Jahrhundert Behauptungen über Abstammung und Nachfahren dieses Dagoberts und der Merowinger an sich mit solchen über die von ihm gegründeten Prieuré de Sion, die Maria-Magdalenen-Kirche in Rennes-le-Château und deren Pfarrer Saunière, den Heiligen Gral, den Templerorden sowie Jesus, was von Gerard de Sède sowie Lincoln/Baigent/Leigh und dann Dan Brown aufgegriffen bzw. adaptiert wurde. Umberto Eco hat die Sache in seinem Buch über die legendären Länder einer kritischen Untersuchung unterzogen
  • Juvenal Habyarimana: Präsident Ruandas, wurde 1994 gemeinsam mit seinem burundischen Amtskollegen Ntaryamira im Flugzeug über Kigali abgeschossen, eine Tat die den Völkermord an den Tutsi in Ruanda auslöste, da Hutu-Führer Tutsi verantwortlich machten; die Tutsi-Organisation RPF, die gegen die Hutu-Dominanz kämpfte, ist jedenfalls ein Kandidat
  • Birendra Shah: der König von Nepal wurde zusammen mit einigen Verwandten 2001 im Palast erschossen, es gibt Zweifel an der offiziellen Version wonach sein Sohn Dipendra, der selbst getötet wurde, der Mörder war
  • Ludwig II. von Bayern: starb 1886 kurz nach seiner Absetzung als bayerischer König unter ungeklärten Umständen
  • Samora Machel: Präsident Mosambiks, Flugzeugabsturz 1986, damaliges Apartheid-Regime Südafrikas als Verdächtiger
  • Jan Masaryk: stand der totalen Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei nach dem 2. Weltkrieg im Weg, wenn auch nicht ernsthaft, starb 1948 beim dritten Prager Fenstersturz, ein Mordanschlag ist wahrscheinlich
  • Ananda Mahidol: König von Thailand als Vorgänger seines Bruders Bhumibol, starb 1946 beim Hantieren mit Handfeuerwaffen, noch immer werden Unfall, Mord und Selbstmord für möglich gehalten
  • Oscar Romero: katholischer Bischof in El Salvador, wird zu den Befreiungstheologen gezählt, 1980 während einer Messe in der Hauptstadt von Todesschwadronen im Auftrag des Regimes erschossen, was aber noch immer “inoffiziell” ist
  • Papst Johannes Paul I.: Albino Luciani; ein Mord ist auch hier nicht erwiesen, wird u.a. von David Yallop behauptet, in dessen Buch “Im Namen Gottes” die Vatikan-Bank im Mittelpunkt steht
  • Danny Casolaro: US-amerikanischer Journalist, der u.a. über die Iran-Contra-Affäre und die Freilassung der im Iran festgehaltenen amerikanischen Botschaftsangehörigen, beides unter Reagan, recherchierte

Rätsel um die Existenz verschiedener Tierarten, die Fragestellungen der Kryptozoologie (die verschieden ausgeprägt bzw. definiert sein kann, nicht immer seriös ist). Das Loch Ness-Monster (nahm als Kryptid erst ab 1933 Gestalt an, als regionale Zeitungen von Sichtungen berichteten) und andere Seeungeheuer sowie Yeti, Bigfoot oder Chupacabra, also beschriebene, angeblich gesichtete Tiere, die zumindest von der breiten Öffentlichkeit verborgen leben, sind hierbei ein Teilgebiet. In manchen Fällen haben sich die Berichte von Sichtungen oder die Funde von Überresten bestätigt, bei in jüngerer Vergangenheit “entdeckten” Tieren wie dem Okapi (das den Menschen in seiner Umgebung sehr wohl bekannt war). Viele solcher Arten sind aber “unspektakuläre” Wirbellose. Legendäre Tiere und Fabelwesen (wie auch Mothman) gehen teilweise auf tatsächliche Tiere zurück, die in lokalen Mythen “verarbeitet” wurden; so könnten sich Drachenlegenden in Ostasien von Waranen ableiten. Auch mit der Möglichkeit von bekannten Tierarten in für sie untypischen Gegenden und mit als ausgestorben geltenden Tieren befasst sich die Kryptozoologie; es gibt davon solche wie den Quastenflosser, die sich als existent erwiesen. Als Grund für das Aussterben der Dinosaurier am Ende der Kreidezeit, also vor etwa 70 Mio. Jahren (manche Flugsaurier überlebten), werden Theorien von Raummangel in der Arche Noah bis kosmische Auswirkungen genannt. Arten, deren Aussterben (bzw. Ausrottung) in der jüngeren Zeit angesetzt wird, wie der tasmanische Beutelwolf, sind weniger rätselhaft.

Mögliche falsche Flagge-Aktionen: Bei solchen Operationen (die Bezeichnung kommt aus der Seefahrt) werden ja die Identität und damit die Absichten des tatsächlichen Urhebers verschleiert und sie einer anderen Partei in die Schuhe geschoben. Es gibt diesbezüglich erwiesene Fälle wie den “Überfall” auf den Sender Gleiwitz in Schlesien, bei dem SS-Männer einen polnischen Angriff darstellten, um den folgenden deutschen Angriff auf Polen, mit dem der 2. Weltkrieg begann, für die deutsche und internationale Öffentlichkeit als “Reaktion” aussehen zu lassen. Dann gibt es (mögliche) false flag-Operationen um die Fragen offen sind. Der Reichstagsbrand 1933 diente als Anlass (Vorwand) für die Reichstagsbrandverordnung, die ein wichtiger Schritt in der nationalsozialistischen Machtergreifung war. Der niederländische Kommunist Van der Lubbe wurde dafür hingerichtet, die Verantwortlichkeit für die Brandstiftung ist heute noch ungeklärt. Absichtliche und geklärte Täuschungen wie der Dreadnought-Streich (wo ein Staatsbesuch abessinischer Fürsten in Grossbritannien vorgegaukelt wurde) oder die Verkleidung britischer Siedler in Nord-Amerika als Indianer bei der Boston Tea Party, dem Beginn des Aufstands gegen ihr Mutterland, sind nicht mysteriös und auch keine keine falsche Flagge. Beim Katyn-Massaker wurde die Verantwortung im Nachhinein von der Sowjetunion auf das “Dritte Reich” abgeschoben. Rund um “Gladio” sind viele Fragen offen, v.a. über Aktivitäten, die über die Pläne für verdeckten militärischen Widerstand im Falle einer sowjetischen Invasion West-Europas und Informationsweitergabe hinausgingen, und Terroranschläge und Morde in verschiedenen europäischen Staaten im Kalten Krieg betreffen. Das Ausmaß der Sache ist noch lange nicht geklärt, unklar ist auch, inwiefern Politiker (v.a. der DC) beteiligt/eingeweiht waren oder ob die Aldo Moro-Entführung damit in Zusammenhang steht. Fraglich ist, wie seriös Verschwörungstheorien bzw alternative Theorien zur Urheberschaft von den Anschlägen in der USA 2001, im wesentlichen Falsche Flagge-Theorien, sind.

Verschwundene Menschen, siehe dazu den Artikel

Ungeklärte Morde oder rätselhafte Todesfälle, die keinen politischen Charakter haben:

  • die Jack the Ripper-Morde: in London 1888, wahrscheinlich 5 Prostituierte, die auch verstümmelt wurden, die Liste der Verdächtigen ist lang, wobei Kosminski und Druitt noch immer aktuell sind
  • die Djatlow-Toten: 9 Skiwanderer, Sowjetrussland 1959, der Gebirgspass am Ural wo die Toten gefunden wurden, wurde dann nach dem Gruppenleiter Igor Djatlow benannt, die Resultate der Untersuchungen warfen mehr Fragen über die Todesumstände auf als sie beantworteten
  • die Zodiac-Morde
  • Hinterkaifeck (1922)
  • “Marilyn Monroe”: wurde sie ermordet, wenn ja, von wem?
  • Dorothy Kilgallen
  • der Somerton-Mann: auch “Tamam-Shud-Fall”; Mord als Todesursache steht hier nicht fest, die Identität des Opfers und die Deutung der bei ihm gefundenen Notizen sind Teile des Rätsels
  • Mary Pinchot-Meyer: stand im Zusammenhang mit JFK, fast den politischen Morden zuzuordnen
  • Marilyn Sheppard: die Verurteilung ihres Ehemanns Samuel wurde rückgängig gemacht, der Fall wurde Vorlage für die Serie und den Film “Auf der Flucht”
  • die 1970 im norwegischen Isdal gefundene Frau wo neben dem Mord an sich auch die Identiät ungeklärt geblieben ist
  • Weiters: JonBenét Ramsey (Kindermodel), Elizabeth Short (“schwarze Dahlie”), jene des “Monsters von Florenz” (Pacciani?), Robert Crane, Tupac Shakur, Rosemarie Nitribitt, Meredith Kercher, Nicole Brown & Ron Goldman, Honolulu-Morde (1985/86, “Strangler”), Edith A. Morrell (John Bodkin-Adams wurde/wird hier und in ca. 160 weiteren Fällen verdächtigt), Dian Fossey, Grimes-Schwestern, Marie-Dolores Rambla (ihre Ermordung ist ungeklärt falls Ranuccis Verurteilung ein Justizirrtum war), Rudolf Diesel, Cora Crippen, Themse-Torso 01, Vierfachmord Annecy 2012, der YOGTZE-Fall, Adam Walsh

Fatima, Portugal: 1917 berichten 3 Kinder von Marienerscheinungen (2 sterben früh, Lucia dos Santos wird Nonne), etwa 30 000 erleben in Mittel-Portugal den angekündigten letzten Besuch Marias als “Sonnenwunder” (es gibt psychologische und physikalische Erklärungsversuche dafür, die Untersuchung des italienischen Priesters De Marchi 1943-1950 ist die wichtigste Quelle für die Sache), davor sollen die Kinder 3 Botschaften erhalten haben, diese wurden vom Vatikan anerkannt (1942 wurden zwei veröffentlicht, die dritte 2000). Zu aufsehenerregenden zeitgeschichtlichen Fällen von angeblich übernatürlichen Erscheinungen im religiösen Bereich zählen auch Pater Pio, bei dem sich Stigmata gezeigt haben sollen, Anneliese Michel mit ihrer “Teufelsbesessenheit” oder die “Seherin” Therese Neumann (gerade bei gläubigen Katholiken umstritten).

Das Bermuda-Dreieck, also das Gebiet nördlich der Karibik zwischen Bermuda, Puerto Rico und Florida (manchmal wird es ausgedehnt), gilt seit dem Verschwinden einer amerikanischen Flugzeugstaffel 1945 (manchmal werden Fälle rückwirkend miteingeschlossen, auch Vorkommnisse während Columbus’ Fahrt) als Ort, wo immer wieder Flugzeuge und Schiffe (wie die „Carroll A. Deering“)  verschwinden sollen. Charles Berlitz hat in seinem Buch 1974 das Quellenmaterial zu einer Theorie verdichtet, die Atlantis mit dem Dreieck in Verbindung brachte. Das Teufelsmeer im Pazifik vor Japan gilt (manchen) ebenfalls als so ein Ort des geheimnisvollen Verschwindens.

Das “Ereignis” in Tunguska in Russland 1908 war eine Art Explosion, deren Ursache bisher eben unbekannt ist. Der Ort des Geschehens war ein Gebiet in Mittel-Sibirien, das dünn besiedelt ist, weshalb es nur wenige menschliche Opfer gab. Bäume in einem grossen Gebiet wurden umgeknickt oder entwurzelt. Erst Jahrzehnte später (inzwischen gab es die Sowjetunion statt dem Zarenreich) führte der Geologe Leonid Kulik eingehende Untersuchungen durch. Ein Einschlag eines Himmelskörpers (eines Kometen oder Meteoriten) gilt als wahrscheinlichste Ursache. Weitere Theorien reichen von der Explosion aufgestiegenen Erdgases über den Einschlag eines schwarzen Loches bis zu Ausserirdischen. Die Sache wurde in mehreren Fantasy/SF- und alternativgeschichtlichen Romanen verarbeitet, etwa von Stanislaw Lem.

Der Bau der Pyramiden im alten Ägypten: Mehr ein bautechnisches als ein historisches Problem. Bis heute ist nicht geklärt, wie die bis zu 2,5 Tonnen schweren Steinblöcke bewegt und aufgeschichtet wurden, damit verbunden ist auch Frage des Transports der bis zu 40 Tonnen schweren Deckenplatten für die Grabgewölbe im Inneren der Pyramiden. Es dominieren Theorien über die Verwendung von Rampen.

Im Zusammenhang damit steht der “Fluch des Pharao“, die These, wonach Pharaonen ihre Gräber mit Magie (die auch wirksam ist) oder konkreteren (naturwissenschaftlich erklärbaren) Vorkehrungen wie Schimmel oder Sporen vor Eindringlingen geschützt haben. Spekulationen darüber dürften erst im 19. Jahrhundert begonnen haben, als unter westlicher Leitung die wissenschaftliche Erforschung der Pyramiden und anderer altägyptischer Bauwerke begann (und nicht in den Jahrhunderten davor, als Pharaonen-Gräber auch oft genug aufgesucht wurden). In Fahrt kamen sie aber durch die Entdeckung des Grabs von Tutenchamun 1922 unter dem Briten Howard Carter im Tal der Könige (der Bau von Pyramiden wurde einige Jahrhunderte vor Tutenchamun wegen Grabräubern eingestellt). Infolge dessen soll es ja zu einer Häufung von ungewöhnlichen Todesfällen von an der Graböffnung Beteiligten und anderen Vorfällen gekommen sein. Carter selbst starb 1939 eines natürlichen Todes, auch bei vielen anderen Beteiligten ist weder ein vorzeitiger noch ungewöhnlicher Tod festzustellen. Zur Stützung der Theorie werden Inschriften in Gräbern herangezogen, die als Warnung vor einem solchen Fluch interpretiert werden können. Andere Flüche sollen u.a. die an der “Ötzi”-Bergung Beteiligten oder den Kennedy-Clan betreffen.

Kaspar Hauser gibt nach wie vor Rätsel auf, seine Herkunft ist unbekannt und Punkte seiner Biografie nach seinem Auftauchen in Nürnberg umstritten. Hartnäckig hält sich (trotz widersprechender Genanalysen) die Theorie, dass er ein aus Erbfolgegründen beseitigter Prinz aus dem Haus Baden (die im gleichnamigen Grossherzogtum herrschten) war. Um den “Mann mit der eisernen Maske” in Frankreich (mehr darüber in diesem Artikel) und die Prinzen im Turm (England) ranken sich vergleichbare Spekulationen.

Auch wenn noch nicht alle Fragen rund um die Hinrichtung der Zaren-Familie 1918 geklärt sind, die (berühmteste) falsche Anastasia Romanova ist durch DNA-Tests überführt, ebenso der angebliche Rudolf von Habsburg-Sohn Pachmann; im Fall des Sohnes des französischen Königs Ludwig XVI., der zwar nie regierte aber als Ludwig XVII. gezählt wird und (aller Wahrscheinlichkeit nach) in den Wirren der Revolution umkam, gab es mehr als 30 Männer die Anspruch erhoben der überlebende Prinz zu sein, am bekanntesten wurde der Deutsche Naundorff.

In Amerika, v.a. Süd- und Mittel-, fanden sich aus Kristall “geformte” Nachbildungen menschlicher Schädel, aus den Zeiten vor den europäischen Entdeckungen. Sie geben Rätsel auf, da Eisen im “vorkolumbianischen” Amerika nicht verwendet wurde (soviel man weiss), für eine Politur mit anderem Material wären Jahrhunderte zu veranschlagen. Der bekannteste, von den Mayas stammende, wurde im heutigen Belize entdeckt; einige andere Exemplare haben sich als Fälschungen aus dem Deutschland des 19. Jahrhunderts herausgestellt. Fragen über ihre Entstehung werfen auch die Gesteinsformationen der Bimini-Strasse vor Bahamas auf (hier geht es darum, ob sie von Menschenhand oder natürlich geschaffen wurden), die Steinkugeln in Costa Rica, und vor allem die Nazca-Linien in Peru (hier gehts auch um die Bedeutung, den Zweck). Ungewöhnliche Artefakte aus anderen Gegenden sind etwa der Rechner von Antikytha (Griechenland, 1. Jh v.C.), die Bagdad-Batterie, die Klerksdorp-Kugeln, die Eiserner Mann-Stele, die Baigong-Pfeifen, die eiserne Säule von Delhi (rostet nicht), der Aluminiumkeil von Aiud (Rumänien), der Damaskus-Stahl.

Das Voynich-Manuskript: wahrscheinlich im 15. Jh. in Oberitalien verfasst, war u.a. im Besitz des Böhmen Tepenec, des Jesuiten Kircher, dann lange im Vatikan, gelangte im 20. Jh. in die Hände des Antiquariatsbuchhändlers Wilfrid Voynich (aus dem damals russischen Teil Polens stammend, wanderte in USA aus), ist heute in der Bibliothek der Yale-Universität in Connecticut aufbewahrt. Es zeigt Abbildungen u.a. von Pflanzen die unbekannt sind und Texte in einer (auch in der heutigen vernetzten Welt) unbekannten Schrift. Die ernsthaften Aufklärungsversuche begannen spätestens mit Voynich; Kryptologie u.a. Disziplinen sind darin involviert. Mittlerweile wird die Fabrikation (nicht-existenter Pflanzen und Buchstaben) zum Zweck der Täuschung für wahrscheinlich gehalten. Verdächtigt wird dabei nicht zuletzt der englische Okkultist und Alchemist Kelley, der wegen eines anderen Betrugs (mit dem Abschneiden der Ohren) bestraft worden war. Dan Brown hat auch diese Sache verarbeitet.

Nazca-Linien
Eine der Figuren bei Nazca in Peru; die Linien sind nur wenige Dezimeter tief aber die Figuren nur aus grosser Höhe erkennbar; ihre Bedeutung ist ungeklärt

Vorhersagungen und Prophezeiungen, von jenen der Astrologie über den Maya-Kalender (bzw. Interpretationen dessen) und Nostradamus bis Jeane Dixon. Das mit dem Eintreffen scheint auch immer eine Frage der Auslegung zu sein. Es gibt jedenfalls viele Fälle, in denen Menschen alles verloren, weil sie “Vorhersagungen” Glauben schenkten. Etwa die Xhosa in Südafrika, die 1856 einen Grossteil ihres (“verhexten”) Viehbestandes töteten, weil ein Mädchen namens Nongqawuse die Häuptlinge davon überzeugte, dass ihr dies in einer Botschaft von Geistern aufgetragen worden war. Die versprochene Belohnung (v.a. neues Rind) kam nicht, dafür verhungerten Zehntausende (allerdings auch weil die Regierung der britischen Kapkolonie jede Hilfe verweigerte). Auch in Europa kam es immer wieder vor, dass Menschen ihre Habe aufgaben, weil sie an einen Weltuntergang glaubten.

Die Osterinsel (Isla de Pascua, Rapa Nui) gibt einige Rätsel auf. Bei den bekannten Statuen (“Moai”) war der Herstellungsprozess zu rekonstruieren, da sich am Vulkan der Insel heute noch Hunderte Statuen in verschiedensten Stadien der Vollendung befinden. Umstritten ist aber der Zweck, die Art des Transports, die Herstellungsphase, die Gründe für das Aufgeben der Herstellung sowie den Verfall der Kultur im 17. Jh (der möglicherweise mit der Abholzung einherging). Weiters ist die auf Holztafeln gefundene Rongorongo-Bilderschrift noch nicht enztiffert.

Schiffe, die ohne Besatzung gefunden wurden, waren die Mary Celeste” oder die “Ourang Medan”, die “MV Joyita” ist dagegen ganz verschwunden (übrigens nicht im Bermuda-Dreieck oder der Teufelssee), ebenso das australische U-Boot “HMAS AE1”. Im Frühling 1968 “verschwanden” kurz nacheinander zwei U-Boote unter ungeklärten Umständen, das sowjetische “K-129” sank auf einer Patrouillenfahrt im Pazifik, und das amerikanische “USS Scorpion” im Atlantik am Rückweg von Tests und Training im Mittelmeer. Die Regierungen gaben an dass es sich um Unfälle handelte. Die amerikanische Marine barg die “Scorpion” auf dem Meeresgrund vor den Azoren. 1974 versuchten die USA in einer Geheimaktion (Deckgeschichte war die Suche des Südstaaten-Unternehmers Howard Hughes nach Metallen am Meeresgrund) mit immensem Aufwand, die vor Hawaii liegende “K-129” zu heben, das Wrack zerbrach jedoch dabei. In manchen Analysen werden die beiden “Untergänge” miteinander verbunden. Demnach hat sich in der Tiefe des Meeres ein tödlicher Schlagabtausch der Supermächte im Kalten Krieg ereignet, der der Öffentlichkeit verborgen blieb, und das Versinken des amerikanischen U-Boots war die Vergeltung für jenes des sowjetischen davor.

Thor Heyerdahl stellte Theorien über die Besiedlung Ozeaniens auf. Auch in anderen Fällen sind Fragen der Herkunft, der Abstammung, des Verbleibs von Völkern oder Volksteilen offen. Die Chachapoya-Indianer, kurz vor der spanischen Invasion von den Inkas unterworfen, waren angeblich deutlich heller als benachbarte Völker und sind Gegenstand von diesbezüglichen Spekulationen und Untersuchungen. Der deutsche Kulturwissenschafter Giffhorn grenzt sich von Mahieu und anderen ab, die eurozentrische und rassistische Theorien über die Herkunft dieser “Indianer” hatten, stellt aber auch derartige geschichtsrevisionistische Behauptungen auf. Die im Tarim-Becken in Zentralasien gefundenen Mumien sollen ebenfalls eine ungewöhnlich helle Pigmentierung aufweisen. In den Zusammenhang gehören z.B auch der Verbleib der infolge der assyrischen Invasion 722 v.C. verschleppten Stämme Israels oder die Frage der Kontinuität der Kanaaniter. Die Gründe und Umstände des Untergangs der Harappa- Kultur in Indien oder jene der minoischen Kultur auf Kreta sind eine etwas andere Fragestellung.

Was ist dran an der Legende von Päpstin Johanna (auch Johannes Anglicus genannt), einer sich als Mann ausgebenden gelehrten Frau, die im Mittelalter als Papst amtiert haben soll? Die Geschichte ist seit dem 13. Jahrhundert überliefert, wurde u. a. von Boccaccio und Bertolt Brecht literarisch aufbereitet, und wird in der Forschung heute überwiegend als Erfindung ohne wahren Kern gesehen. Die Frage der Historizität stellt sich auch bei König Artus, Robin Hood, Wilhelm Tell oder Hiram Abiff.

Die Piri-Reis-Karte: osmanische Seekarte, die Gebiete zeigt, die zum Zeitpunkt ihrer Erstellung (frühes 16. Jh) teilweise noch nicht von Europäern entdeckt waren.

Ausschnitt der Piri-Reis-Karte, die im Topkapi-Palast in Istanbul liegt

Auf Oak Island (Kanada) wurden Ende des 18. Jh. ein zugeschütteter Schacht sowie angeblich Schieferplatten mit Zeichen entdeckt. Seither finden Grabungen nach dort vergrabenen Schätzen statt, die bislang nichts zu Tage brachten. Andere Beispiele für langwährende Gerüchte und Suchaktionen um vermeintliche Schätze sind der Toplitzsee in Österreich, in dem Werte aus der NS-Zeit zu Kriegsende versenkt worden sein sollen (jedenfalls das im “Unternehmen Bernhard” hergestellte Falschgeld), das Gold der Konföderierten Staaten (dem nach der Sezession von den USA proklamierten Staat), dessen Verbleib ungeklärt ist und der angebliche Dorak-Schatz.

Im Sommer 1980 stürzte ein DC-9-Passagierflugzeug bei der Insel Ustica aus zunächst ungeklärter Ursache ins Tyrrhenische Meer, alle 81 Insassen starben. Nach jahrelangen Ermittlungen stellte sich heraus, dass das Flugzeug aufgrund eines Treffers durch eine militärische Luft/Luft-Rakete abgestürzt war. Es soll im Absturzgebiet ein Luftkampf zwischen Kampfflugzeugen der NATO und Libyens stattgefunden haben. Diese Erkenntnisse werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten, zumal die italienischen Behörden die Ermittlungen massiv behinder(te)n. Das Unglück bei der Flugvorführung in Ramstein 1988 soll Teil der Vertuschung des Ustica-Unglücks sein. Der Absturz der “Helderberg”, SAA-Flug 295, könnte mit der Wahrheit über die Substanz “Red Mercury” in Zusammenhang stehen. Ungeklärt sind auch die Ursache der Entzündung des Luftschiffes “Hindenburg” bei der Landung in USA 1937, der Grund für den Absturz eines JAT-Passagierflugzeugs 1972 am Weg von Stockholm nach Belgrad über der damaligen Tschechoslowakei (eine Überlebende; Bombe einer kroatischen Extremistengruppe oder irrtümlicher Abschuss durch die CSSR?), und natürlich für den Malaysia Air-Flug 370 2014.

Stonehenge wirft, ähnlich wie die Carnac-Steine, Fragen über die Bedeutung/den Zweck, auch über Herstellung und Transport, auf.

Atlantis, die legendäre Insel, erstmals von Platon erwähnt, wird u.a. mit der untergegangenen minoische Kultur Kretas in Zusammenhang gebracht. Zu diesem und anderen legendären Orten wird es einmal einen eigenen Artikel geben.

Angeblich verschwundene Militär-Einheiten: die römische 9. Legion, 71 Männer einer australischen Einheit im 1. Weltkrieg bei Ypern während/nach dem Kampf gegen Deutsche anseite der Briten (in “Celtic Wood”), die Armee von Kambyses/Kambudschiye II. 525 vC in Ägypten.

Die Gesichter auf dem Boden eines Hauses in Belmez (Spanien), von denen seit 1971 berichtet wird. 2004 starb die Hausbesitzerin Maria Gomez, die auch als Urheberin der Bilder verdächtigt wird.

Ungeklärte Verbrechen die nicht Morde sind, wie den/die “Geisterschütze(n)” der/die 1927/28 in New Jersey Fahrzeuge traf, Leute verletzte; der Kunstraub von Gotha 1979, ein Einbruchdiebstahl, nachts wurden fünf Gemälde aus Schloss Friedenstein gestohlen, gilt als schwerwiegendster Kunstraub in der Geschichte der DDR und als einer der spektakulärsten der deutschen Nachkriegsgeschichte.

An den Behauptungen vom Philadelphia-Experiment” ist wahrscheinlich nichts dran. Dabei geht es um ein angebliches Experiment der USA-Marine während des 2. Weltkriegs in Philadelphia mit dem Kriegsschiff “USS Eldridge”, das Teleportation, Tarntechnologie und Zeitreisen umfasst haben soll. Die Geschichte geht auf einen Matrosen zurück, der 12 Jahre nach dem angeblichen Ereignis einen UFO-Schreiber kontaktierte. In Zusammenhang damit steht manchmal die Montauk-Station/Fort Hero.

Als Millennium-Probleme bezeichnet man die im Jahr 2000 vom Clay Mathematics Institute (CMI) in Cambridge (Massachusetts) in einer Liste aufgezählten ungelösten Probleme der Mathematik. Das Institut hat für die Lösung eines der sieben Probleme ein Preisgeld von jeweils einer Million US-Dollar ausgelobt. 1 von 7 wurde bislang gelöst.

Wo liegt … begraben (z.B. Dschingis Khan) ist meist nicht so brisant. Im Fall der Überreste Alexanders des Grossen ist man kürzlich in Amfipolis in Makedonien auf die Spuren eines gewaltigen Mausoleums gestossen das sein Grabmal sein könnte.

Die Zweifel an den Mondlandungen hat Kaysing begründet, es wird u.a. darauf hingewiesen, dass alle bemannten Mondlandungen unter Nixon stattgefunden haben.

Weiters: der Verbleib des Bernsteinzimmers, die Inschrift auf der Phaistos-Scheibe, wandernde Felsen (v.a. im Death Valley/Valle de la Muerte in Kalifornien), Kugelblitze, die Entstehung bzw. Herkunft des HI-Virus, das Brummton-Phänomen/Taos Hum, Kentucky Meat Shower 1876, die Identität der “Mona Lisa”,…

In der Serie “History’s Mysteries” auf “History Channel” wurde etwa in der Folge “Nazi Bomb” ergründet, wie nahe Nazi-Deutschland der Entwicklung einer Atombombe kam oder “The True Story of Rasputin” erzählt. Eigentlich gings da weniger um historische Rätsel/Geheimnisse bzw ihre Aufklärung, als um die Aufbereitung von geheimnis-umwitterten oder beliebten Themen. Die Gründe für den Hess-Flug nach GB sind nicht ganz klar, die Sache stellt evtl. ein echtes historisches Rätsel dar; nahe daran sind umstrittene historische Fragen wie die Hintergründe des Pearl Harbor-Angriffs oder die Ursachen der Irischen Hungersnot. Rund um “Dracula” gibts da auch vieles, was aber bleibt ungeklärt, wenn man erst mal den Unterschied zwischen der Legende und  der “zugrundeliegenden” historischen Figur sowie die Herkunft des Mythos’ um das Fabelwesen des Vampirs herausgestellt hat? Die Verschwörungstheorien des Abbé Barruel zur Französischen Revolution setzen kein Fragezeichen hinter das gängige Narrativ von ihr. Bezüglich des Titanic-Untergangs gibts einige Irrtümer aufzuklären, die Sache an sich ist aber nicht rätselhaft. Kannibalismus im Notfall wie in den Anden 1973 oder bei der Donner-Reisegruppe 1846/47 ist immer wieder interessant, aber auch kein Geheimnis. Ähnlich verhält es sich mit im Moor konservierten Leichen.

Zum Tod von Diana Spencer gibts viele Mordtheorien, noch um einiges abstruser sind Behauptungen vom Presley-Weiterleben oder gar jene (politisch motivierten) um Staatsbürgerschaft/Religion/… von Obama. Die “Weisen von Zion-Protokolle” stellen sind eine nachgewesene Fälschung bzw. Falschauslegung. Von angeblich übersinnlichen, paranormalen, parapsychologischen, unerklärlichen, esoterischen, okkulten, magischen Phänomenen, die von Telepathie über Schmerzausschaltung durch Trance oder Ekstase bis Heilungen reichen, ist nur ein Teil ernstzunehmen; Uri-Geller-Zaubertricks, die etwa Telekinese vortäuschen jedenfalls nicht. Wissenschaft kann zwar nicht alles erklären aber Hochstapelei und Aberglaube noch weniger. Der Grat zwischen pseudowissenschaftlichen Behauptungen wie jenen von Von Däniken und ernstzunehmender Theorie ist oft schmal; die geschichtsrevisionistischen Thesen von Illig (600 sei die Jahrrechnung um 300 Jahre nach vor gedreht worden) liegen vielleicht gerade darauf.

Robert Anton Wilsons “Lexikon der Verschwörungstheorien” erhebt nicht den Anspruch der Ernsthaftigkeit, ist aber lesenswert. Charles Fort schrieb über allerlei Rätsel, Carroll Quigley hauptsächlich über Verschwörungstheorien. Von einem Michael Schneider kam 2002 “Spuren des Unbekannten. Kryptozoologie. Monster, Mythen und Legenden” heraus. Daneben sei auf http://grenzwissenschaft-aktuell.blogspot.com/ und historic mysteries verwiesen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Berühmte verschwundene Menschen

* Kapitän Benjamin Briggs und neun weitere Menschen von Bord der “Mary Celeste”, einem Segelschiff (Brigantine), das 1872 auf dem Weg von New York nach Genua war und vor der  portugiesischen Küste verlassen im Atlantik treibend aufgefunden wurde. Dieser Fall eines Geisterschiffs gibt bis heute Rätsel auf. Die Mary Celeste wurde vom ebenfalls amerikanischen Schiff “Dei Gratia” teilweise überflutet, jedoch ohne Hinweise auf eine Meuterei oder Gewalt an Bord, gefunden und dann von einem Teil ihrer Besatzung zunächst nach Gibraltar gesegelt. Der geladene Industriealkohol, der nach Genua gebracht werden sollte, und schlussendlich auch wurde, war intakt. Es wurde dort allerdings festgestellt, dass einige Fässer leer waren. Der letzte Logbucheintrag gab eine Position nahe der Azoren-Insel Santa Maria an und datierte neun Tage vor der Sichtung durch die Dei Gratia. Das Fehlen des Rettungsbootes und einiger Navigationsinstrumente deuten darauf hin, dass die Besatzung damit (absichtlich) dass Schiff verlassen hat. Aber warum? Die Theorien dazu greifen die Versicherungssumme auf, die die “Retter” des Schiffes und seiner Ladung, die Dei Gratia-Leute, kassierten, den fehlenden Alkohol, der auf eine Verpuffung zurückzuführen sein könnte, vor der sich die Crew in Sicherheit bringen wollte oder auch natürliche Erklärungen (Seebeben, das die Besatzung ins Meer geschleudert hätte und anderes). Die Sache wurde oftmals künstlerisch verarbeitet (Bücher, Filme), das erste Mal von Arthur C. Doyle wenige Jahre danach in seiner Geschichte “J. Habakuk Jephson’s Statement”, in der das Rätsel um die Mary Celeste mit fiktiven Begebenheiten ausgeschmückt wird.

Benjamin_BriggsBenjamin Briggs

* D. B. (auch Dan) Cooper war das Pseudonym eines Flugzeugentführers, der 1971 mit einem Fallschirm samt dem erhaltenen Lösegeld (200 000 $, heute etwa der fünffache Wert) aus einer “Boeing 727” der “Northwest Airlines” über dem Nordwesten der USA (Bundesstaat Washington) absprang – und über dessen Identität und Verbleib keine weiteren Anhaltspunkte auftauchten. Flugsicherheitsregeln wie Ausweis- und Gepäckkontrollen (auch bei Inlandsflügen) wurden erst infolge dieser und anderer Flugzeugentführungen in den 1970ern eingeführt (sonst meist politisch motivierte, es gab aber auch einige Nachahmer Coopers in den USA). Dieser Entführer musste damals einfach einen Namen beim Schalter angeben, er nannte sich “Dan Cooper”, bevor er das Flugzeug zusammen mit 36 anderen Passagieren und sechs Crewmitgliedern in Portland in Oregon mit Bestimmung Seattle bestieg. Bald nach dem Abflug überreichte er einer Stewardess einen Briefumschlag, in dem ein Zettel mit einer schriftlichen Bombendrohung war. Um sein Anliegen zu unterstreichen, zeigte er ihr auch Drähte und rote Stangen in seiner Aktentasche. Nachdem der Pilot Rücksprache mit der Flugaufsicht gehalten hatte, wurde wie geplant in Seattle gelandet und dort wie von “Cooper” angewiesen die Passagiere freigelassen und das Geld sowie vier Fallschirme (wie er angab, für ihn und die drei Besatzungsmitglieder, die mit ihm weiterfliegen sollten) an Bord gebracht. Der Flug ging dann Richtung Mexiko weiter, doch irgendwann öffnete Cooper die Heckklappe und sprang (in Mantel und Strassenschuhen) in die stürmische Nacht ab. Er liess im Flugzeug eine Krawatte zurück, die eine DNA-Probe hergab. An Hinweisen tauchten danach nur noch drei Bündel verwitterter Banknoten auf, die von einem Kind 1980 am Flussufer des Columbia River in der Nähe des vermuteten Absprungortes gefunden und als Teil des Lösegelds identifiziert wurden. Natürlich gibt es auch hier etliche Theorien, darüber was nach diesem Absprung geschah und wer Cooper ist/war. Sein tollkühner Absprung wurde ursprünglich als Zeichen besonderer Beherrschung des Fallschirmspringens gedeutet, inzwischen aber eher als das Gegenteil, zumal er unter den zur Verfügung stehenden Fallschirmen den unpassendsten für sein Vorhaben wählte. Der Flugzeugentführer scheint solide Kenntnisse über den Flugbetrieb gehabt zu haben, daher wurde er auch beruflich in diesem Bereich vermutet.

* James “Jimmy” Hoffa, US-amerikanischer Gewerkschaftsführer. Er stieg zum Präsidenten der Transportarbeiter-Gewerkschaft “Teamsters” (vertritt v.a. LKW-Fahrer) auf und knüpfte Kontakte zum organisierten Verbrechen. Robert Kennedy war, als Senator und Justizminister, lange hinter Hoffa und anderen Gewerkschaftern her, die krimineller Verbindungen verdächtigt wurden. Erst 1967 wurde Jimmy Hoffa, u. a. wegen Betrugs, verurteilt, zu 13 Jahren Haft, doch bereits 1971 unter Präsident Nixon begnadigt. Hoffa, der sein Präsidentenamt bei den Teamsters im Gefängnis behalten hatte, fand sich bald danach in einem gewerkschaftsinternen Machtkampf wieder. Er verschwand am 30. Juli 1975 im Alter von 62 Jahren von dem Parkplatz eines Restaurants bei Detroit. Er soll dort mit den Mafiabossen Anthony Provenzano und Anthony Giacalone verabredet gewesen sein. Sieben Jahre nach seinem Verschwinden wurde er 1982 für tot erklärt. In den meisten Spekulationen spielt sein Ziehsohn Charles O’Brien eine Rolle.

* Lionel Crabb war ein Taucher für die britische Marine und den Auslandsgeheimdienst MI6 (SIS). Als 1956 die sowjetische Staatsspitze um Nikita Chrustschow zu Verhandlungen nach Großbritannien kam, sollte er ihr vor Portsmouth liegendes Schiff unter Wasser untersuchen, auf technische Details hin, wie es heisst. Und wurde nach seinem Abtauchen nie mehr gesehen. Ein etwa ein Jahr später im Wasser treibend gefundener Körper ohne Kopf und Hände könnte Crabb gewesen sein. Auch wenn dem so ist, sind die Todesumstände völlig unklar.

* Antoine de Saint-Exupéry sah sich selbst als schriftstellernden Berufspiloten. Kurz nach seiner erfolgreichsten Erzählung “Der kleine Prinz” begab er sich 1943 aus Süd-Frankreich, das in der “nationalsozialistischen” Machtsphäre lag, nach Algerien, wo inzwischen Amerikaner, Briten und die französische Gegenregierung des “Freien Frankreich” das Sagen hatten. Er ließ sich dort für Aufklärungsflüge nach Frankreich reaktivieren. Von seinem letzten Flug am 31. Juli 1944 Richtung Grenoble kam Saint-Exupéry nicht mehr zurück. Über die Ursache seines Verschwindens gibt es nur Vermutungen und wage Hinweise: Abschuss, technischer Defekt oder Selbstmord.

* Charles Horman, amerikanischer Journalist. Genannt für Tausende andere. Etwa 3000 Menschen “verschwanden” unter der von den USA unterstützten Diktatur von Pinochet in Chile, wurden gefoltert und ermordet, von vielen blieb das Schicksal ungeklärt. Auch eine Art des Verschwindens. Auch in anderen lateinamerikanischen Diktaturen gab es diese “Desaparecidos”. Horman wurde kurz nach Pinochets Putsch 1973 entführt und ermordet, ohne dass es (aus der Sicht der Militärjunta) dafür einen “Grund” gab. Verfilmt von Costa-Gavras.

* Frank Morris war ein amerikanischer Krimineller, der 1962 aus dem berüchtigten Gefängnis Alcatraz entkam und nie wieder gesehen wurde. Zusammen mit den Anglin-Brüdern grub er sich einen Weg durch einen Lüftungsschacht ins Freie und verschwand mit einem Schlauchboot, das sie aus Regenmänteln angefertigt hatten. Ihr Verschwinden wurde erst bemerkt, als sie bereits über neun Stunden Vorsprung hatten. Es wird meist angenommen, dass die 3 bei dem Fluchtversuch ertrunken sind; allerdings wurden die Leichen nie gefunden.

* Der Schwede Raoul Wallenberg rettete als Diplomat in Ungarn durch die Ausstellung von Schutzpässen Juden vor dem Holocaust. Als die sowjetische Rote Armee in Budapest einmarschierte, wurde Wallenberg als “Spion” festgenommen und verschwand.

* Der Norweger Roald Amundsen war der erste Mensch am Südpol, möglicherweise auch am Nordpol. 1928 brach er mit seinem Flugboot auf, um seinen Freund Umberto Nobile in der Arktis zu retten, der mit seinem Luftschiff dort abgestürzt war. Vermutlich ist er dabei ebenfalls abgestürzt, sein Flugzeug wurde aber bis heute nicht gefunden.

* Bruno Manser ging in den 1980ern aus der Schweiz in den malaysischen Teil von Borneo (Sarawak), studierte dort Fauna und Flora des Regenwaldes und die Lebensweise der nomadisch lebenden Penan und begann, sich für sie und gegen die Abholzung zu engagieren. Damit zog er den Zorn malaysischer Behörden auf sich. Von seiner letzten Reise nach Sarawak 2000 kehrte er nicht mehr zurück.

Mohammad Ibn Hassan “al Mahdi”: der bei den schiitischen Moslems als 12. (und letzter) Imam und Mahdi (bzw Mehdi) Verehrte soll in eine andere Welt verschwunden sein, seine Wiederkehr dereinst ein messianisches Zeitalter einleiten. Seine Historizität ist umstritten. Das Konzept eines verschwundenen Imams und das des Mahdis gab es auch schon vor diesem und nach ihm, auch bei Sunniten. Existierte dieser Mahdi als historische, tatsächliche Person oder ist er eine religiös-mythische Figur? Der 11. Imam, der sein Vater sein soll, wurde unter den Abbasiden in Mesopotamien gefangengehalten bzw umgebracht. Dieser Mahdi soll im 9. Jh gelebt haben, in Mesopotamien, wo damals die Macht der abbasidischen Kalifen (Peiniger der Schiiten) zu Ende ging. Wenn er existierte, ist er wahrscheinlich nie öffentlich aufgetreten, wurde Imam als Erbe seines Vaters, hielt angeblich (aus der Gefangenschaft) Verbindung zu den (niedrigeren) Notabeln/Führern/Geistlichen der schiitischen Gemeinschaft, die ihr Zentrum in Mesopotamien hatte.

Weitere interessante Fälle: über 100 (mit Indianern “zusammen”lebende) englische Siedler auf der Roanoke-Insel vor dem heutigen North Carolina, Ende des 16. Jh.; Ettore Majorana (italienischer Wissenschafter), Wallace Fard (Gründer der “Black Muslims”), Charles C. Taylor (und 13 weitere Teilnehmer des Fluges 19, der den Ruf des Bermuda-Dreiecks begründete), Heinrich Müller (NS-Scherge), Madelaine McCann (und andere Kinder wie die Beaumonts), Glenn Miller, Musa Sadr, Amelia Earhart, Mehdi Ben Barka, Michael Rockefeller, Emanuela Orlandi, Harold Holt, Fritz Wenzel, Jacques Vergès (tauchte nach 8 Jahren wieder auf), Heber Jentzsch (Scientology-Führer, seit 04 nicht in Öffentlichkeit gesehen), J. F. Crater, Subhas C. Bose, Giovanni Caboto, Camilo Cienfuegos, Yllenia Carrisi, Ambrose Bierce, Herschel Grynszpan, Natalee Holloway, Sylvester Matuska, F. Valentich, K. Abovian, T. H. Boggs, Horst Seidel & Otto Reinicke, John Bingham of Lucan, Benjamin Bathurst, Richard Cox, Ambrose Small, Tibor Foco (Flüchtiger evtl. zu Unschuld Verurteilter), John Gosch