Codein

Codein soll das meist-benutzte Opiat der Welt sein. Es wurde bald nach dem Morphin erstmals isoliert, in Frankreich, und in der Folge als Schmerzmittel oder Hustenmittel verwendet, als Rauschdroge missbraucht. Ob es sich bei dieser Verwendung wirklich um einen Missbrauch handelt, darum geht es hier auch. Ansonsten um chemische Grundlagen, Geschichte und Aktuelles zu dieser Substanz. Auch dem Codein ähnliche Opioide wie Oxycodon sind hier mit berücksichtigt.

Codein/Kodein ist ein Alkaloid des Opiums/Mohnsafts, wurde 1832 erstmals aus diesem isoliert. Die Mohn-Milch enthält etwa 40 opioide Alkaloide: Morphin, das zwischen 3 und 23 Prozent des Opiums ausmacht, Noscapin mit durchschnittlich 2 bis 10 Prozent, Codein mit 0,2 bis 3,5 Prozent, Papaverin mit 0,5 bis 3 Prozent Thebain mit 0,2 bis 1 Prozent, und weitere. Chemiker versuchten ab dem 19. Jahrhundert, die Wirkstoffe des Naturstoffextraktes Opium zu isolieren bzw synthetische Äquivalente dazu zu finden, um sie zur medizinischen Anwendung besser dosieren zu können. Die Herstellung der Mittel sollte jedenfalls ohne grösseren Aufwand möglich sein. Die Isolierung des Morphins durch Sertürner 1804 bedeutete u.a. für die Pflanzen-Chemie und die Pharmazie einen enormen Aufschwung.

Der französische Chemiker/Pharmazeut Jean-Pierre Robiquet (1780–1840) war einer jener Wissenschaftler, die dadurch angespornt wurden, sich der Erforschung und Isolierung anderer Alkaloide aus Arzneipflanzen zu widmen. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, gehörte zu der Generation, der die Französische Revolution ab 1789 die Möglichkeit auf Studium und Aufstieg brachte. Auch Friedrich Sertürners Wirken am Morphin war von diesen politischen Veränderungen im Grunde stark beeinflusst! Robiquet hat schon während seines Studiums aus dem Spargel (Asparagus) die Aminosäure (L-)Asparagin extrahiert – als er dabei war, einen raffinierteren Prozess der Morphin-Extraktion zu suchen. Nach dem Studium betrieb Robiquet eine Apotheke und forschte dort auch weiter. Dort entdeckte er Alizarin, das dann als roter Farbstoff genutzt wurde. Robiquet hat auch das Opium-Alkaloid Noscapin isoliert (das er zunächst “Narcotine” nannte).

1832 gelang es Robiquet und seinem Gehilfen J. B. Berthemot, aus (Roh-) Opium mit Hilfe verschiedener Lösungsmittel ein Doppelsalz aus Morphin und Codein herauszulösen und aus diesem die reinen Codeinkristalle abzutrennen. “Wir wissen, dass Morphin, von welchem wir so lange glaubten, es sei das einzige aktive Prinzip des Opiums, nicht für alle seine Wirkungen verantwortlich ist … Codein scheint diese Lücke zu füllen”, kommentierte Robiquet seinen Forschungsschritt. Der Name “Codein” für dieses Alkaloid des Opiums stammt auch von Robiquet, er taufte die von ihm isolierte Substanz nach dem griechischen Wort für die Mohn-Kapsel (Mohn-Kopf), Kodeia. Der chemische Namen für Codein/Kodein ist Methylmorphin. Die Summenformel ist C18H21NO3.

Codein ist ein Prodrug, es entfaltet seine Wirkung über die Wirkung des aktiven Metaboliten Morphin, der durch Demethylierung unter Beteiligung des Enzyms CYP2D6 in der Leber entsteht. Die Stoffwechselendprodukte werden über die Nieren ausgeschieden. So ist im Endeffekt die Wirkung des Codeins dem Morphin ähnlich, es ist auch das Monoethyläther des Morphins, hat aber auf den Organismus eine harmlosere Wirkung. Menschen mit einer bestimmten genetischen Ausprägung (sogenannte “Ultra-schnell-Metabolisierer”) wandeln Codein schnell zu Morphin um, was zu einer Opioidvergiftung führen kann.

Nachdem mit Codein ein weiterer wichtiger Bestandteil des Opiums gefunden wurde, wurden seine Eigenschaften erprobt. Zunächst in Tierversuchen, dann an Menschen. Codein/Methylmorphin erwies sich als antitussiv (narkotisiert das Hustenzentrum), obstipierend, analgetisch, sedierend. Mit der Isolierung des Codeins war nun die Herstellung neuer, wirksamerer, sicherer Heilmittel-Zubereitungen möglich. Gegen Schmerzen, (trockenen) Husten, Durchfall, als Sedativum, Hypnotikum, Anästhetikum. Die Rezeptur Robiquets für den von ihm in Frankreich auf den Markt gebrachten “Sirop de Codeine” war: 0,3 Gramm Codein auf 30,0 Gramm Sirup. Er und Mediziner warnten damals bereits vor der Anwendung des Codeins bei Kindern. Hauptsächlich wurde es gegen Husten und Schmerzen angewandt. Als Analgetikum wurden (und werden) höhere Dosen an Codein gegeben denn als Antitussivum.

Als Nebenwirkungen wurden die typischen Opiat-Nebenwirkungen fest gestellt. Verstopfung und andere Verdauungs-Probleme sowie Juckreiz etwa. Die obstipierende Wirkung von Codein und anderer Opiate ist aber manchmal erwünscht! Wichtigstes pharmazeutisches Antidiarrhoicum ist auch Loperamid (“Immodium”) geworden, ein Morphin-Abkömmling. Und, weitere „Nebenwirkungen“ zur Schmerz-/Hustenstillung sind, ebenfalls opiat-typisch, Euphorie, Wachträume,… Der Opiat-Rausch eben. Nebenwirkung ist das nur für Jene, die Codein nicht gezielt dehalb benutzen. Jedenfalls liegt hier das Suchtpotential des Codeins. Egal, wie man die antidepressive und angstlösende Wirkung kennen lernt, wenn man den Wohlfühlnebel einmal kennt, will man ihn gerne wieder haben. Noscapin wird auch als Antitussivum verwendet, es gilt als besser verträglich als Codein; es soll auch dazu verwendet werden, die Wirkung anderer Opiate zu steigern.

Codein kann aus natürlichen Ausgangsstoffen (Rohopium, Mohnstroh) hergestellt werden, semi-synthetisch aus Morphin, oder voll-synthetisch. Die Substanz kann direkt dem Saft der Mohnpflanze entnommen werden. Dieser enthält ungefähr 1-3% Codein. Die kontinuierliche Doppelextraktion, die Chemiker der Schweizer Arzneimittel-Firma Roche um 1900 entwickelten, um Morphin und Codein verlustfrei aus Rohopium zu gewinnen, dürfte eine Methode hierzu (gewesen) sein. Doch dieser Vorgang ist wenig effizient: In der Pflanze wird Codein in Morphin/Morphium umgewandelt, deshalb kommt dieses dort in sehr grossen Mengen vor, Codein in sehr kleinen. Daher wird heutzutage das meiste Codein durch eine Teilsynthese aus Morphin gewonnen, durch einen Prozess namens O-Methylierung. Ein grosser Teil des zu pharmazeutischen Zwecken produzierten Morphiuns wird zu Codein weiterverarbeitet.

Dieser Prozess zur Überführung von Morphin in Codein wurde 1886 von Albert Knoll entwickelt. Er hat ihn, im Deutschen Reich, zum Patent angemeldet, dieses wurde 1887 erteilt. Dies war so etwas wie der Grundstein zur Chemischen Fabrik Knoll, der späteren Knoll AG, heute (bei) Abbott Laboratories. Durch das Verfahren wurden codein-haltige Medikamente breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich. Dieser Codein-Gewinnungs-Prozess aus Morphin scheint im späten 20. Jh durch Robert Corcoran und Junning Ma verbessert worden zu sein.

Der Anbau von Schlafmohn für Pharmaka wird von UNODC und INCB überwacht. Kontrollierte Anbauflächen gibt es in Grossbritannien, Australien, Spanien, Frankreich, Indien und Türkei. Weltweit beträgt die von den UN-Behörden kontrollierte Anbaufläche etwa 750 km2, was etwa der Fläche des Bodensees entspricht. Für die pharmazeutische Verwendung werden nach der Blüte die Kapseln des Schlafmohns maschinell geerntet, getrocknet und zu Pellets (Mohnstroh) verpresst. Aus den Pellets wird “Roh”morphin herausgelöst, und an die Pharmafirmen geliefert. Aus dem Morphin wird Codein gewonnen. Daneben wird auch der Orientalische Mohn bzw Persische Mohn zur Gewinnung von Codein heran gezogen.

Ob es sich beim Orientalischen Mohn/ Papaver orientale/ Türkenmohn und dem Persischen Mohn/ Papaver bracteatum/ Armenischen Mohn/ Arzneimohn um zwei verschiedene Arten handelt, ist umstritten. Es gibt zahlreiche Sorten und Kreuzungen. Beide wachsen jedenfalls im Gebiet Iran/Kaukasus/Kleinasien, haben grosse, rote Blüten. In klimatisch gemäßigten Gebieten wurden/werden sie zu Zierpflanzen gezüchtet. Diese Mohnart(en) enthält(en) weder Morphin noch Codein, die beiden in erster Linie für die berauschende Wirkung des Schlafmohns verantwortlichen Alkaloide, aber Thebain. Und, die Gewinnung von Codein und anderer Schmerzmittel daraus ist möglich. Dies ist aber ein aufwändiger chemischer Prozess; dieser Mohn ist nicht so leicht in konsumierbare Formen umzuwandeln.

USA-Präsident Richard Nixon begann um 1970 mit dem “Krieg gegen Drogen”, dabei war die Eliminierung des türkischen Mohnanbaus ein Schwerpunkt. Seine Berater empfahlen den Anbau von Papaver bracteatum in der USA, als Ausgleich dazu, für die im Lande für Pharmaka benötigten Opiate. Im Gegensatz zu Schlafmohn enthält der Orientalische Mohn eben kein Morphin, aus dem Heroin, herzustellen ist. Beim illegalen Anbau von Mohn (bzw illegale Ernte, Verarbeitung, Handel), heute vorwiegend in Afghanistan, Birma, Mexiko, wird das geerntete Rohopium meistens zu Heroin (für den Export in den Westen) verarbeitet; die Verarbeitung zu und der Konsum von Rauchopium geschieht quasi nebenbei und ist nah am Anbau.

Der “Krieg gegen Drogen” verursachte aber solche Engpässe an Mohn, dass diese auch den Anbau des Orientalischen Mohns in der USA nicht ausgeglichen werden konnten. Nachdem die meisten Vorräte des US National Stockpile of Strategic & Critical Materials an Morphin und Entsprechendem aufgebraucht waren, wurden 1973 Forscher des United States’ National Institutes of Health von der Regierung beauftragt, einen Weg zur synthetischen Herstellung von Codein und seiner Derivate zu finden. Und so er-fand man dort die Herstellung von Codein aus Kohle und Erdöl, ganz ohne Mohn.

Erst in den 1880ern begann die grossflächige Herstellung von codein-haltigen Medikamenten (und damit ihre Anwendung), u.a. von Merck in Deutschland. Codein gibt es in Form mehrerer chemischer Verbindungen, als Base (die stärkste Form), als Phosphat, als Phosphat-Hemihydrat,… Daraus ergeben sich die Applikationsformen, nämlich Tropfen, Saft (diese flüssigen Formen werden meist bei Husten eingesetzt), Tablette/Kapsel, Zäpfchen. Die orale Bioverfügbarkeit liegt bei etwa 50%. Codein hat eine Plasmahalbwertszeit von circa 2 bis 4 Stunden, eine verlängerte Wirkdauer bieten Retardarzneimittel. Merck bildete 1906 zusammen mit Boehringer Mannheim, Knoll, Gehe und Riedel eine Interessengemeinschaft.

Die IG sollte ein Gegengewicht zu den Teerfarbenfabriken bilden, die sich bereits 1904 zu dem “Dreibund” (Bayer, BASF und Agfa) beziehungsweise dem “Dreiverband” (Hoechst, Cassella und Kalle) zusammengeschlossen hatten.1 Innerhalb der IG wurden die Geschäftsfelder aufgeteilt und – damals erlaubte – Preisabsprachen getätigt. Durch die Bündelung der Kapazitäten konnte die IG die Einkaufspreise für Rohstoffe reduzieren. Merck gab beispielsweise die Produktion von Codein zugunsten von Knoll auf, begann dafür aber mit der Produktion von Atropin oder Scopolamin, für die anderen Unternehmen der IG.

Die Konvention von Genf 1931 (Convention for Limiting the Manufacture and Regulating the Distribution of Narcotic Drugs bzw Narcotic Limitation Convention), 1933 in Kraft, eines der ersten internationalen Drogen-Abkommen, klassifizierte 2 Gruppen von Drogen, eine erste mit Morphium, Heroin, Kokain und anderen, eine zweite u.a. mit Codein. Erstere sollten strikter konrolliert/begrenzt werden, ihr medizinischer Gebrauch stark eingeschränkt werden. Im Deutschen Reich zB wurde der Inhalt des Abkommens 1934 ins Opiumgesetz eingearbeitet. Das Sucht- und Missbrauchspotential des Codeins war damals schon bekannt. In den meisten Ländern ist Codein heute legal, aber verschreibungspflichtig. Bis in die 1980er hinein waren (zB) Hustenmittel mit Codein in vielen Ländern rezeptfrei zu bekommen. Hochkonzentrierte Präparate fallen nun sogar unter Betäubungsmittelgesetze. Gleichwohl ist Codein auf der WHO-Liste der unverzichtbaren Arzneimittel.

Dihydrocodein (DHC) ist eigentlich keine Form des Codeins, sondern ein eigenes Opioid. Wenn man so will, eine „Weiterentwicklung“ des (Mono-) Codeins, in Phosphat-Form, aus dem frühen 20. Jh in Deutschland, auf der Suche nach einer Medizin gegen Tuberkulose. Dihydrocodein (C18H23NO3) ist mit dem Codein nur verwandt, ist ein (halbsynthetisches) Derivat von ihm. Es ist auch ein Prodrug, wird erst durch den aktiven Metaboliten Dihydromorphin im Körper des Konsumenten zu Morphin umgewandelt – dies in stärkerem Ausmaß als Codein. Dihydrocodein gibt es, ähnlich wie Codein, in mehreren chemischen Verbindungen. Dihydrocodein-Base (> Saft) ist die stärkste Form, dann kommt das Tartrat (> Tabletten), dann Thiocyanat (> Tropfen). Es wird jedenfalls oral verabreicht. DHC hat etwas andere Wirkungen und Nebenwirkungen als Codein, hat aber die selben Einsatzgebiete wie dieses, soll wirksamer sein als dieses (bzgl Schmerzstillung, Hustenstillung, Euphorisierung). Als Schmerzmittel (Analgetikum) gibt es DHC auch als Kombi-Präparat, ausserdem als Hustenmittel (Antitussivum) und Durchfallmittel (Antidiarrhoikum).

Das Hustenmittel „Paracodin“, früher von Knoll hergestellt, als Tropfen und Tabletten erhältlich, ist in Mitteleuropa das bekannteste DHC-Präparat. Hustenmittel mit Codein sind zB “Codipront” oder “Codipertussin”. Ein Kombinationspräparat mit Guaifenesin ist “Resyl”. Codein ist das wahrscheinlich wichtigste Antitussivum, sowie eines der weltweit am häufigsten verwendeten Schmerzmittel. Codein wie Dihydrocodein sind mittelstarke Schmerzmittel, eher niederpotente opioide Schmerzmittel, in Form von Zäpfchen und oralen Präparaten. Codein gibt es als Schmerzmittel in Tablettenform in Kombination mit Paracetamol/Acetaminophen (manche Sorten von “Tylenol”), Acetylsalicylsäure oder Diclofenac (zB “Voltaren Plus”); “Dolomo TN”, bzw die blaue Nacht-Tablette davon, hat Paracetamol und Acetylsalicylsäure.

Sowohl Codein als auch Dihydrocodein (DHC) sind nicht nur Medizin (bzw, werden nicht nur als solche genutzt), sondern auch Ersatzdroge und Droge. Zunächst zur Verwendung als Substitut. In Deutschland wurden Codein und DHC von Ende der 1970er bis 1999 offiziell von Ärzten als Substitutionsmittel für Opiatabhängige (v.a. von Heroin) verschrieben, etwa in Form von “Remedacen”-Kapseln, einem Hustenmittel mit DHC. Sowohl für jene Heroin-Süchtige, die ausschleichen woll(t)en, als auch für jene, die “überbrücken” woll(t)en, hat(te) Codein (und DHC) Vorteile. Er muss(te) nicht in die Szene, um sich den Stoff zu beschaffen, es gab keine Beschaffungskriminalität, die Qualität des “Stoffs” ist ausser Zweifel,…

Für Patienten und Ärzte war die Einleitung der Substitution einfach, im Gegensatz zu jener mit Methadon. Andererseits fixiert diese Substitution die Sucht, bzw schafft eine neue. Und, nicht alle Abhängige können selbstverantwortlich mit dem Ersatzstoff umgehen, ohne strikte Kontrolle. Sowohl zu Zeiten der legalen Codein-Substitution als auch danach gibt es Jene, die sich bei mehreren Ärzten mit dem Ersatzstoff versorgen und so ihre Dosis steigern oder den “Überschuss” auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Codein und andere medizinische Opiate, wie “Tramadol”, sind nach wie vor bei Heroin-Süchtigen als Substitutions-Mittel beliebt. DHC soll auch als Substitut für Alkoholiker in Verwendung sein (offiziell/inoffiziell?), sowie früher als Entzugsmittel für Morphinisten und Kokainisten.

Und, Codein und Dihydrocodein sind auch “eigene” Drogen, Opiate erster Wahl für Manche, nicht nur Ersatz für andere. Benutzt von jenen, die es aus körperlichen Gründen (Schmerzen,..) verschrieben bekommen und die seelische Wirkung entdecken; von jenen, die von härteren Drogen umsteigen; oder von jenen, die einen Tip bezüglich der Wirkung und ihrer Nutzung bekommen. Bei Opiaten ist der Schritt vom medizinischen Gebrauch zu jenem des Wohlfühlkicks wegen immer ein kleiner, ist die Versuchung immer nahe, wie von der Freikörperkultur (dem Nudismus) zur Sexualität. Codein und DHC sind etwas harmloser als Heroin oder Morphium, was auch daran liegt, dass sie von der Pharmaindustrie hergestellt werden und nicht in Untergrund-Labors. Der halb-legale Rausch ist die typische Opiat-Wirkung. Die süsse Gleichgültigkeit gegenüber der Umwelt, wenn man so will. Nicht wie auf Cannabis mit sich selbst beschäftigt.

Man kann darüber diskutieren, ob das Zeug alltagstauglich ist. Bis zu einer gewissen Dosis schon. Die Halbwachzustände und Wachträume, auch als “nodding” bezeichnet… 1 Fläschchen “Paracodin” reicht für 2x “schweben”, heisst es. Zuerst der eklige bittere Geschmack, dann das Anfluten. Nach 30-60 Minuten entfaltet sich die Wirkung, hält 3-4 Stunden an. DHC soll weniger sedieren als Codein, dafür mehr Wachträume auslösen, euphorisierender sein, keine Ceiling-Dosis haben. Die prominenten Nutzer hier waren/sind einerseits Nazi-Bonze Hermann Göring, andererseits Südstaaten-Rapper…

Es folgt ein Kater, physisch und psychisch. Es folgt auf ein Probieren oft das Entstehen einer Gewohnheit, dann die Erhöhung der Frequenz und der Dosis. Irgendwann sind Glücksgefühle nur mehr mit dem Mittel möglich. Und dann ist “Normalität” nur mehr mit hohen Dosen davon möglich. Darin besteht die Sucht. Jene, die Codein-Mittel als Schmerzmittel nehmen, und davon süchtig werden, vertreiben den Grund der Schmerzen damit nicht und bekommen ein Problem dazu. Es lenkt nur vom Grund der Schmerzen ab.

Es gibt Typen, die es gar nicht mögen, innerlich ohne Grund und übertrieben glücklich zu sein. Und eher Speed-Mittel bevorzugen, die sie einer Tätigkeit nachgehen lassen, der sie dann das Glück zuschreiben können. Opiaten wird vorgeworfen, sie täuschten Glück und Zufriedenheit vor. Aber wie ist das eigentlich mit Geld, Sex, Macht? Gibt es da wirklich reale, konkrete Anlässe, Grundlagen für Glück? Und, jene die lieber in einen Krieg ziehen, zB in jenen gegen Drogen, bekommen bei Verwundungen Schmerzstiller verabreicht, Opiate, und Missbrauch ist auch hier nahe.

Codein (und DHC) wird eigentlich nur für Arzneimittel gewonnen bzw synthetisiert sowie verarbeitet. Für den Drogenmarkt wird eher das stärkere Morphin gewonnen, und zu Heroin verarbeitet. Es gibt kaum illegale Herstellung von Codein, die Produktion ist bei der Pharmaindustrie. Das Illegale beginnt hier erst bei der Beschaffung, zum Zweck des Missbrauchs der Medikamente. Eine Entnahme aus der Hausapotheke steht oft am Beginn. Dann kommt das Vorgeben bzw Vortäuschen eines Reizhustens oder furchtbarer Zahnschmerzen, mit dem Ziel, ein Rezept für “Paracodin” oder “Dolomo Nacht” zu bekommen, das man in einer Apotheke einlöst. Wenn man aber eine Sucht entwickelt, muss man schon oft den Arzt wechseln. Abhängige betreiben oft Doktor-Hopping, um an Rezepte zu gelangen, setzen auch Familienmitglieder oder Freunde ein.

Aufwändig ist auch eine Reise in die Schweiz oder Frankreich, wo viele Codein-Präparate (wie “Neo-Codion”) rezeptfrei zu bekommen sind. Manchmal waren Ärzte oder medizinisches Personal Komplizen der Interessenten, oder auch Selbstversorger. Andere bestellen bei einer Online-Apotheke im Internet. Und dann gibt es noch den Schwarzmarkt, den illegalen Handel mit legal oder illegal Erworbenem. Codeinpräparate wie “Paracodin” gab es zB in Wien früher am Karlsplatz, vor und in der U-Bahn-Station, neben diversen anderen Pharmaka (“Antapentan”, “Mozambin”, “Rohypnol”,…) sowie Cannabis und Härterem (H, K). Daneben in bestimmten Lokalen, wie dem “Cafe Krugerhof” in der Inneren Stadt. Auf Instagram ist in der USA ein virtueller Drogen-Flohmarkt entstanden, wie früher auf “Silk Road”.

Jene, die Codein als Droge nehmen, nehmen es oft gemeinsam mit Alkohol-Getränken. Manche nehmen Codein um die Wirkung des Alkohols zu verstärken, Andere Alkohol, um die Wirkung des Codeins zu verstärken. Jedenfalls macht Alkohol die Atmung noch flacher, als sie durch Codein schon wird, was lebensgefährlich werden kann. Mischkonsum gibts auch mit Cannabis (meist geraucht), die Wechselwirkung von DHC und THC wird von manchen Menschen als zueinander komplementär gesehen. Kratom hat grundsätzlich eine sehr ähnliche Wirkung wie Codein bzw DHC, nur um einiges schwächer, hat auch eine Kreuztoleranz damit. SSRI- bzw SRI-Antidepressiva (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) sollen die die Aktivierung von Codein hemmen, heisst es. In den 1960ern wurden in manchen westlichen Ländern Codein-Tabletten zusammen mit “Doriden” (Glutethimid, ein Beruhigungsmittel) eingenommen, die Mischung war u.a. als “Loads, Dors & Fours” bekannt. Später wurde Glutethimid zusammen mit einem anderen Opiat, Pentazocin (“Talwin”, auch “Ts & Blues” genannt) genommen.

Aufgrund eines genetischen Polymorphismus kann die Metabolisierung von Codein bei Menschen (und damit die Codein-Wirkung) unterschiedlich stark ausfallen. Bei Schnell-Metabolisierern kann es zu einer Morphin-Überdosis kommen, zu einer tödlich verlaufenden Atemdepression. Dies kann auch Kinder betreffen. Bei Einnahme von mehr als 400 mg Codein ist jedenfalls das Maximum der Metabolisierbarkeit erreicht (Ceiling-Effekt), da die entsprechende Enzymkapazität von CYP2D6 erschöpft ist. Die Gene im Schlafmohn, die für die Produktion eines speziellen Enzyms verantwortlich sind, das die Umwandlung von Codein in Morphin vorantreibt, wurden kürzlich von den Wissenschaftern Peter Facchini und Jilian Hagel in Canada entdeckt. O-Demethylase (ODM) heisst dieses Enzym, und das Wissen darum soll genutzt werden, Mohn-Pflanzen zu züchten, die Codein für die Produktion von Schmerzmitteln “hergeben”, bei dem die Rausch- und damit die Suchtwirkung nicht so ausgeprägt ist.

Was die Gefahr einer Atemdepression betrifft, eine solche kann jedenfalls durch eine Überdosis geschehen; bzw, eine Überdosis würde sich durch eine Atemdepression äussern.2 Mit Alkohol erhöht sich wie gesagt das diesbezügliche Risiko. Das “Gegengift” (Antidote/Antagonist) ist hier Naloxon. Es blockiert die Wirkung von Opiaten, besonders bei Überdosen. Manchen medizinischen opioiden Präparaten ist es beigemengt, um den Missbrauch (bzw die diesbezüglich gewünschte Wirkung) zu unterbinden. Weiters gibt es natürlich auch die Gefahr des Erstickens an Erbrochenem, bei Bewusstlosigkeit.

Die Einnahme von Codein nach einer Gallenblasen-Entnahme (Cholezysektomie) kann gefährlich sein. Codein (bzw seine Abbauprodukte aus der Leber?) verursacht die Zusammenziehung des Schliessmuskels des Gallenganges an der Mündung in den Zwölffingerdarm (Sphinker Oddi). Die fehlende Gallenblase verschlimmert einen so entstehenden Spasmus (Krampf) am Gallengang. So kann es zu Kolik-artigen Schmerzen kommen. Ausserdem verstärkt Codein die Spannung (den Tonus) der (glatten) Darmmuskulatur, was zu Bauchschmerzen führen kann. Daneben ist eine Sekretstauung des Pankreas und in der Folge eine Pankreatitis möglich. Ärzte sollten Patienten nach einer Gallenblasenoperation Codein daher nur zurückhaltend verordnen. Diese möglichen Beschwerden betreffen auch die Einnahme von DHC. Auch hier ist im Notfall die Gabe des Opioid-Antagonisten Naloxon indiziert. Medizinische Dosen werden Einem, wenn der Bauch seit der Op Ruhe gab, aber eher nichts anhaben können.

Eine Codein-Drogenkultur gibt es am ehesten in einer bestimmten Rap-Szene. Dort ist ein Mischgetränk verbreitet, für das es (Slang-) Bezeichnungen wie Purple Drank, Lean, Sizzurp, Syrup, Texas teaOil, Mud, Dirty Sprite, DrankLean Drank gibt. Es gibt verschiedene Varianten dieses “Sirups”, normalerweise wird er aus einem Hustensaft, der Codein und Promethazin enthält, süsser kohlensäurehaltiger Limonade, und zerkrümelten Bonbons zubereitet. Bevorzugt ist, in der USA, dem Zentrum dieser Kultur, der Hustensaft der Marke “Actavis”, mit Codein und Promethazin, daneben auch “Hi-Tech”, “Phenergan” und “Qualitest”. Die Codein-Dosis ist bei diesen Marken höher als bei europäischen Hustensäften. Promethazin ist ein (verschreibungspflichtiges) Antihistaminikum, das eigentlich gegen Übelkeit, Migräne, allergische Reaktionen oder als Sedativ eingesetzt wird. Es potenziert die Opiatwirkung, mehr noch als andere Antihistaminika, wie Diphenhydramin (“Benadryl”) oder Loratadin.

Das verwendete Brause-Getränk ist meistens “Sprite”. Eben so wie die pulverisierten Zuckerln dient es der besseren Bekömmlichkeit, dem besseren Geschmack.3 Manche schütten noch Wodka oder anderen Alkohol in den weissen Styropor-Becher, der meist in einem zweiten steckt. Dies unter Anderem deshalb, um die Eiswürfel (ja, die gehören auch noch rein) von der Körperwärme zu schützen.4 Der Doublecup mit dem lila-farbenen sirupartigen Getränk ist dem Südstaaten-Rap der USA eigen. In dieser Szene wurde Lean Teil der Subkultur. Diese Zubereitung dürfte eine der am stärksten verbreiteten Rausch-Verwendungen von Codein sein.

Der Südstaaten-Rap und -Hip-Hop ist in Houston (Texas) entstanden, und noch immer hauptsächlich dort zu Hause. Er ist durch langsame monotone Musik gekennzeichnet, den Rhythmus den das Codein vorgibt. Auf den Purple Drank wird in den Texten auch oft (direkt/indirekt) Bezug genommen. Die Musiker sehen das Mittel als kreative Hilfe, wie andere zB Gras.5 Lean-ähnliche Drinks soll es schon in den 1930ern gegeben haben, aus Codein-Medikamenten zubereitet. Damals wurde es angeblich von Jazz-Musikern und -Fans zubereitet und konsumiert. Das eigentliche Lean ist in den 1960ern in Houston “entwickelt” worden, also vor der Entstehung der heute dazu gehörenden Musik.

Ende der 1990er popularisierte der aus Houston stammende Discjockey “DJ Screw” den langsamen, narkoseähnlichen Rap/Hip-Hop-Stil, passend zur Wirkung von Purple drank/Lean; diese Musikrichtung wird auch Screw Music genannt. DJ Screw rappte zu den sehr langsamen Beats („Screw-Rhythmen“), auch über den dazu gehörenden Drink. Es folgte “Big Moe”, der zwei seiner CDs “City of Syrup” und “Purple World” nannte. Auch die Gruppe “Three 6 Mafia” machte den Musikstil und die Droge populär, durch Songs wie „Sippin on Some Syrup“. DJ Screw (Robert Davis) starb 2000 im Alter von 29 an einer Überdosis des Codein-basierten Gemischs. “Pimp C” (von den “Underground Kingz”/UGK) und Big Moe starben 2007. Pimp C an einer Schlaf-Apnoe, in einem Hotel in Los Angeles.

“Lil Wayne” bekannte sich zum Konsum von purple drank, thematisierte auch Sucht und Entzugserscheinungen („starke Magenkrämpfe mit höllischen Schmerzen“) öffentlich. Lil Wayne hat mit Justin Bieber zusammen gearbeitet, und, wie man so liest, hat auch das saubere Tennie-Idol von dem Getränk “gekostet”. Auch “Macklemore”, “Big Hawk”, “Gucci Mane”, “Soulja Boy”, “Chief Keef”, “2 Chainz”, “Schoolboy Q”, “Ty Dolla $ign” oder “Danny Brown” machen diese Musik und konsumieren diese Droge dazu. Das eine ohne das andere ist anscheinend schwer vorstellbar. Der eine oder andere davon versucht, von zweiterem los zu kommen. Gucci Mane etwa wurde vor einigen Jahren in ein Krankenhaus eingeliefert und twitterte von dort über seine Sucht (“Das Scheisszeug ist nicht witzig“).

In Rap/Hip Hop geht es sonst ja meist um Cannabis. In der deutschen Rap-Szene ist die Screw-Richtung mit dem dazugehörigen “Syrup” anscheinend kaum übernommen worden. Hat vielleicht auch damit zu tun, dass “Paracodin” und dergleichen weniger Codein enthalten als “Actavis” & Co und schon gar kein Promethazin (und dieses hier schwer erhältlich ist). Und der Screw-Rap ist ja gewissermaßen der Soundtrack zur Wirkung des Purple drank. Es gibt aber einen Österreicher, der diesbezüglich etwas aufgebaut hat. Sebastian Meisinger hat 2008 ein Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien abgeschlossen, mit einer Magisterarbeit über “Gangsta-Rap in Deutschland. Die Rezeption aggressiver und sexistischer Songtexte und deren Effekte auf jugendliche Hörer” (bei Peter Vitouch6).

Danach ist er selbst (“Gangsta”-) Rapper geworden. 2012 veröffentlichte er, als “Money Boy”, das Mixtape “Pancakes And Sizzurp”, mit dem Track „Codein in meinem Eistee“. In Interviews steht er auch zu seinem Konsum einer bestimmten Sorte Hustensaft. Einmal empfahl er auch, auf Heroin zu feiern. Auch Money Boy‘s Schützlinge “Hustensaft Jüngling”7 und “Medikamenten Manfred” rappen vom und zum Codein-haltigen Mix. Über diese Szene weiss ich zu wenig als dass ich sagen könnte, ob auch die Fans Codein-hältige Hustensäfte bzw (österreichisches) Lean als „Partydroge“ konsumieren.

Grosser Sprung nun, zu prominenten Konsumenten von Codein (als Droge) in der Geschichte. In erster Linie ist da Hermann Göring zu nennen. Das Luftwaffen-Ass des 1. WK wurde beim Nazi-Putschversuch 1923 verletzt, wurde in Innsbruck mit Morphium behandelt, was den Beginn seiner Opiat-Sucht markiert. Er hat sich dann Morphium gespritzt. Mit den (Dihydro-) Codein-Tabletten soll er erst in den frühen 1930ern begonnen haben8, auch ursprünglich aus therapeutischen Gründen, aufgrund von Zahnschmerzen. Wahrscheinlich hat er DHC-Tabletten der Marke “Paracodin” genommen. Bis zu 100 Tabletten bzw 3 g pro Tag. Sein Opiat-Konsum wurde wahrscheinlich durch “Eukodal” (s.u.) abgerundet.

Ab 1942 nahm er seine diversen Funktionen im NS-Regime nur noch sporadisch wahr, nicht zuletzt wegen seiner Opiat-Sucht. Göring flüchtete nach dem Bruch mit Hitler kurz vor dessen Selbstmord und dem Untergang des Reichs nach Österreich, den Truppen der USA entgegen. Im Land Salzburg wurde er von ihnen gefunden, mit 2 Koffern mit Dihydrocodein-Tabletten. Anders als bei Gehlen, von Braun oder Speidel sahen die Amerikaner für ihn keine Weiterverwendung in einem künftigen Deutschland vor. In Nürnberg wurde er dann wie ein gewöhnlicher Gefangener behandelt (1945/46), und sein Opiat-Entzug dort dürfte ein kalter gewesen sein.

William Burroughs hat ja alle Opiate in allen Formen probiert, und das nicht zu knapp. Er beschrieb DHC als doppelt so stark wie Codein und “fast so gut wie Heroin”. Der Geschäftemacher Howard Hughes ist der wahrscheinlich Prominenteste, der direkt an Codein starb. Das geschah 1976, durch Leber-Versagen infolge der Einnahme einer immens hohen Codein-Dosis. Elvis Presley nahm neben andere Opiaten (wie “Demerol”/Pethidin) sowie Uppern und Downern auch Codein-Präparate, und starb wahrscheinlich an einer Mischung bzw den Langzeitfolgen davon. Und auch beim “Kannibalismus”-Mord in Rotenburg 2001 spielte Codein eine Rolle.

Meiwes wollte jemanden besitzen, Brandes suchte jemanden in dem er aufgehen konnte, Teil werden. In einem entsprechenden IT-Forum fand man sich, und nachdem man sich einig geworden war, kam Brandes zu Meiwes, der ihn am Bahnhof abholte. Brandes liess sich von Meiwes in dessen Heim seinen Penis abtrennen und ihn diesen (teilweise) essen, und sich dann von ihm töten. Eigentlich ging es dabei bei Beiden um die Stillung seelischer Schmerzen. Zur Stillung der körperlichen Schmerzen bei der Amputation, bevor er mit einem Stich in den Hals getötet wurde, nahm Brandes eine halbe Flasche Schnaps, Schlaftabletten und Codein-Hustensaft.

Der slowakische Eishockey-Spieler Marek Svatos starb 2016 an einer Mischung aus Codein und anderen Substanzen. Prominenter als die Screw-Raper ist Justin Bieber, und der ist ja aufgrund seiner Freundschaft mit einem von ihnen selbst in eine Codein-Abhängigkeit gekommen. Der American Football-Spieler JaMarcus Russell wurde des Konsums (bzw des Besitzes) von Codein bzw Lean überführt.

Codein war nicht nur Ausgangsmaterial für DHC, sondern auch von anderen medizinischen Opiaten. So wie Oxycodon (1916 Deutschland synthetisiert) und Hydrocodon (1920 in Deutschland synthetisiert). Nicocodein (1956 in Österreich erstmals hergestellt) ist ein Derivat von Codein, wird auch für Hustenmittel verwendet. Nahe beim Codein ist auch Dextromethorphan (DXM), ein synthetisches Opiat, Codein-Ersatz, gegen Husten eingesetzt, früher als „Romilar“, heute in einem „Wick“-Präparat oder im französischen „Tussidane“; es wirkt in hohen Dosen halluzinogen, Ketamin-ähnlich. Die meisten dieser codein-ähnlichen Stoffe werden aus dem Persischen bzw Orientalischen Mohn bzw dessen Inhaltsstoff Thebain hergestellt; und nicht mehr aus dem Codein synthetisiert. Im Begriff “Morphinismus” war auch die Sucht nach Codein, Oxycodon, etc mit ein geschlossen.

Oxycodon (bzw Di[hydro]hydroxycodeinon) ist ein semi-synthetisches Opioid. Es wird aus Thebain synthetisiert, das erste Mal gelang dies 1916/17 in Deutschland, an der Universität Frankfurt, im Bestreben, eine bessere Alternative zu den existierenden Opioide zu finden. Etwas, das die analgetischen Effekte von Codein, Morphium und Heroin hat, nicht aber deren Suchtpotential. Oxycodon wurde als medizinisches Präparat von der Firma Merck 1919 unter dem Namen “Eukodal” zur Schmerzlinderung und Hustendämpfung auf den Markt gebracht. 1939 kam es in der USA heraus. “Eukodal”/Oxycodon wurde aber auch als Rauschdroge genutzt bzw missbraucht. Und „Eukodalsucht“ bzw „Eukodalismus“ wurde ein Thema im Deutschen Reich der Weimarer Republik sowie der NS-Diktatur. Schliesslich wurde die Substanz dem Opiumgesetz unterstellt. Merck brachte 1928 “SEE” bzw “Scophedal” heraus, aus Oxycodon, Ephedrin, Scopolamin. Zur Herbeiführung eines Dämmerschlafs (sonst damals mit Morphin und Scopolamin erzeugt), bei der Entbindung oder als Narkosevorbereitung.

Der prominenteste und gefährlichste Eukodalist war Adolf Hitler. Dieser bekam laut Ohler von seinem Leibarzt Theodor Morell zunächst “Dolantin”/Pethidin, dann ab 1943 „Eukodal“. Auch am 20. Juli 1944, als es tatsächliche Schmerzen zu stillen galt. Morell soll Hitler auch Cocktails aus diversen Mitteln injiziert haben (Hormone, Steroide, Vitamine,…), Kokain zur lokalen Betäubung u.a. im Ohrraum, verbreicht haben, am Kriegsende auch „Pervitin“. Ein Abstinenzler war Hitler also vielleicht bezüglich Sexualität und Fleischverzehr, aber nicht bei Drogen. Und, diese dürften bei seinem Realitätsverlust eine wichtige Rolle gespielt haben, bei seinem Unterfangen, Europa in den Untergang zu reissen.

Das Regime stufte “Eukodal” und “Scophedal” bei Merck als kriegswichtige Produkte ein, neben Glucose- und Kohletabletten, Vitaminpräparaten (insbesondere Ascorbinsäure), Wasserstoffperoxid, Schädlingsbekämpfungsmittel wie Calciumarsenat (“Esturmit”) und dem Entlausungsmittel “Cuprex”. Die schwere Arbeit übernahmen damals unfreiwillig Zwangsarbeiter, Deutsche waren ja an der Front (auch oft unfreiwillig). Das Merck-Werk in Darmstadt wurde im Dezember 1944 durch einen alliierten Luftangriff weitgehend zerstört.

Auch die Mittel für Hitler wurden dann knapp, der sich ab Jänner 1945 in den “Führerbunker” zurückzog. Die Nr. 1 und Nr. 2 dieses Regimes befanden sich jahrelang in einer Opiat-induzierten Schlafwandler-Euphorie, waren eingehüllt in eine dumpfe Wolke synthetischen Wohlgefühls. Im Untergang war ihr finales Gift Zyankali, wie auch bei der Nr. 3 (Goebbels) und 4 (Himmler). Und die Wehrmacht ist auf “Pervitin” gewesen. Die Rolle von Codein in der Geschichte? Hier zu finden. Codein an sich hat nur Göring genommen. “Eukodal” wurde auch von den NS-Gegnern Klaus Mann („Schwesterchen Euka“) und Walter Benjamin genommen.

1996 brachte die amerikanische Purdue Pharma “OxyContin” heraus, ein Oxycodon-Präparat, das seine Wirkung verzögert entfaltet. Es wurde dennoch eine Art „Hinterwäldler-Heroin“ in der USA. Ein Otto Snow hat 2001 ein Buch namens „Oxy“ heraus gebracht, in dem er angeblich den chemischen Weg von in gemäßigtem Klima gewachsenem Mohn zu Oxycodon vorzeichnet. Es wird aber meistens das von der Pharma-Industrie hergestelltes und von Ärzten verschriebenes “Oxy” verwendet.

Die deutsche Grünenthal GmbH hat 1977 das opioide Schmerzmittel Tramadol unter dem Namen “Tramal” auf den Markt gebracht. Es gibt es als Tabletten und als Injektionslösung. Mit dem Auslaufen des Patents begann die auf Generika spezialisierte Pharmaindustrie in Indien Mitte der 2000er, billigere Tramadol-Generika herzustellen und zu exportieren, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländer. Dort, in vielen Ländern Lateinamerikas, Afrikas, Asiens, ist es oft das für Schmerzpatienten einzige erhältliche Medikament. Daher akzeptieren der Internationale Suchtstoffkontrollrat (INCB), die Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder Ärzte ohne Grenzen Tramadol in diesen Ländern. Doch auch Missbrauch und Abhängigkeit von Tramadol verbreiten sich dort. Um denselben Effekt zu erzielen, muss die Dosis dann sukzessive erhöht werden. Im Profi-Radsport soll es auch Verbreitung gefunden habe, um die Strapazen von langen Rennen wie etwa der Tour de France auszuhalten

Eine besondere Rolle spielt Tramadol anscheinend in Westafrika. Es ist auch unter Kämpfern der nigerianischen islamistischen Terrorgruppe Boko Haram beliebt. Und, es heisst, in Kamerun wird selbst Rindern das Mittel verabreicht, damit diese die landwirtschaftliche Arbeit in der Hitze besser ertragen. Gerade im Norden Kameruns wird es so stark konsumiert, dass es über menschliche und tierische Ausscheidungen wieder in Grundwasser und Boden landet und so von den Pflanzen aufgenommen wird. 2013 fanden Wissenschaftler in der Wurzelrinde einer dort beheimateten Heilpflanze eine Substanz, die dem Wirkstoff Tramadol glich. Dann zeigten andere Untersuchungen, dass es sich dabei nicht um natürliche Stoffe handelte, sondern dass die Pflanzen tatsächlich das chemisch hergestellte Opioid aufgenommen hatten! Zum Umschlagplatz in Afrika für die aus Indien kommende Ware wurde Benin.

In der USA sind Tramadol, Oxycodon und Codein die Drogen von Millionen geworden. Auch von Menschen, die “in der Mitte der Gesellschaft” stehen. Die wachsende Abhängigkeit von Schmerzmitteln in der Bevölkerung, opioid epidemic oder opioid crisis genannt, kam durch Verschreibungen von Ärzten zustande. Die Grenze zwischen übertriebenem Gebrauch und Missbrauch sind fliessend. Das betrifft auch Hydrocodon („Dicodid“,…)9 oder Kombi-Präparate aus Hydrocodon und Paracetamol („Vicodin“, die Droge von “Dr. House”, oder „Lortab“). Die Lobby der Pharmaindustrie versucht Änderungen in der Politik zu vehindern.

Manche wurden auch süchtig nach Opioiden, die eigentlich nur bei stärksten Schmerzen eingenommen werden sollten. Etwa nach Fentanyl, das ein synthetisches Opiat ist, das 50-mal stärker als Heroin wirkt. Oder Tilidin/”Valoron”, Laudanon, Trivalin,… Diese Mittel sind vom chemischen Aufbau her eng mit Heroin verwandt, wirken ähnlich und machen sehr schnell abhängig. Oft werden sie im Untergrund hergestellt, auch im Ausland (China oder Mexiko), und illegal erworben. Zu den prominentesten Opfern gehörte, 2016, der Popstar Prince (Nelson), der an einer Überdosis Fentanyl starb. Manche US-Amerikaner greifen dann sogar zu einem Mittel, mit dem sonst Elefanten betäubt werden: Carfentanil, noch 100-mal stärker als Fentanyl. Für andere sind die opioiden Schmerzmittel die Einstiegsdroge für Heroin.

Um auf Codein zurück zu kommen, dieses kann mit Pyridin auch demethyliert werden, um daraus Morphin herzustellen, daraus wiederum kann durch Azetylase Heroin werden – das dann oft durch das sehr gesundheitsschädliche Pyridin verunreinigt ist. Und, Codein wird auch für die Untergrund-Herstellung von Desomorphin (Dihydrodesoxymorphin) verwendet. Diese Substanz wurde erstmals 1932 in der USA synthetisiert, kam als „Permonid“ auf den Markt, wurde bis vor einigen Jahrzehnten von Roche hergestellt, als Schmerzmittel. Es heisst, die Herstellung wurde eingestellt, nachdem eine Person in der Schweiz, die es wegen einer seltenen Krankheit noch gebraucht hatte, 1981 starb.

Die illegale Herstellung verläuft über Codein, Iod und roten Phosphor, in einem ähnlichen Prozess wie zur Herstellung von Methamphetamin, auf Basis von Pseudoephedrin. Das Endprodukt ist unrein und reich an stark toxischen Nebenprodukten. Es findet als „Droge des armen Menschen“ eine weite Verbreitung in Russland. Aufgrund einer seiner Nebenwirkungen, der Bildung einer harten Haut an der Stelle wo es injiziert wurde, wird es in der entsprechenden Szene auch „Krokodil“ oder „Krok“ genannt.

Ein kurzer Blick auf die Verarbeitung des Rauschmittels Codein in der Kunst. Es gibt einige Pop/Rock-Songs darüber, auch ausserhalb des Screw-Raps: “Cod’ine” von Buffy Sainte-Marie, einer kanadischen Indianerin, “Cough Syrup” von den Butthole Surfers, “Codéine” von The Charlatans, „Codein Coda“ von Daevid Allen. Falco sang in “Ganz Wien” von Codein, Heroin, Mozambin, Kokain. Es gab eine Band (Indie Rock) namens Codeine, die von 1989 bis 1994 aktiv war. Und den Codeine Velvet Club in Schottland, mit “Jon Fratelli”.

Mir ist kein nennenswerter Film bekannt, in dem Codein eine Hauptrolle spielt, in “Trainspotting” steht es klar im Schatten von H. In „Casino“ spielt ein nicht näher spezifiziertes Schmerzmittel eine gewisse Rolle, das eines der hier genannten sein könnte. In Tao Lin’s Roman „Taipei“ kommt Codein neben vielen anderen Drogen vor. Es gibt die “Shinebox” des Künstlers Ron Ulicny, eine Installation, Referenz an “Goodfellas”, sie enthält neben Waffen, Zigaretten, Flachmann, Spielwürfeln “Vicodin”-Tabletten, einen Joint, Kokain, “Acid” (LSD).

Literatur & Links

Brigid M. Kane, D. J. Triggle: Codeine (2007). Englisch

Norman Ohler: Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich (2015)

Otto Snow: Oxy (2001). Englisch

Louis Lewin: Phantastica – Die betäubenden und erregenden Genußmittel – Für Ärzte und Nichtärzte (2005)

“Zeit”-Artikel, über Eukodal-Missbrauch in der BRD der 1950er, zur Steigerung von Arbeitserfolgen eingesetzt

Über die Opioid-Epidemie in der USA (Englisch)

Video über Lean

Über Codein im Opioidforum

Chemisches und Praktisches dazu (Englisch)

Erfahrungsberichte (Englisch)

DHC-Erfahrungsbericht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der Zusammenschluss von Dreibund und Dreierverband 1916 war der Vorläufer der IG Farben, nicht diese IG
  2. “Da macht einfach die Lunge schlapp und zack, das war’s. Davon könnte auch Sizzurp-Vater DJ Screw ein Lied singen, wenn er nicht eh schon an einer solchen Codein-Überdosis gestorben wäre.” (noisey.vice.com/alps/article/codein-deutsche-rapszene-432)
  3. “Sprite” enthält heute übrigens keinen Zitronensaft mehr, die Coca-Cola Company verwendet dazu Wasser, Zucker, Kohlensäure, Zitronensäure, Aroma und Natriumcitrat
  4. Oder doch aus anderen Gründen? https://genius.com/discussions/75507-Why-do-rappers-use-2-styrofoam-cups-to-drink-lean
  5. Das sich hier wahrscheinlich ganz gut als Ergänzung eignet
  6. Vitouchs Frau hat Meisinger wahrscheinlich noch in seiner Kindheit als “Am Dam Des”-Moderatorin erlebt
  7. Rappte zusammen mit Money Boy zB „Ich hab Codein im Doublecup, doch ich bin nicht abgefuckt. Der Hustensaft und Sprite sind der Grund, warum ich high bin“
  8. Also da, als die NSDAP an die Macht kam
  9. Die Schauspielerin Brittany Murphy (Bertolotti) hatte nach einem Autounfall chronische Schmerzen, nahm ein Hydrocodon-Präparat dagegen (> Michael Jackson, H. Göring,… begannen auch nach Verletzungen mit Mitteln, die sie dann immer begleiten sollten), dann aber auch diverse Downer sowie Beta-Blocker wegen dem Bluthochdruck. Ausserdem wird ihr zeitweiser Kokain-Konsum nachgesagt. Ihr Tod mit 32 J. (09) erfolgte wahrscheinlich infolge Medikamentenmissbrauchs

Der Versuch, einen objektiven Artikel über Hanf zu schreiben

Hanf/Cannabis zählt zu den ältesten Nutzpflanzen der Welt. Er wird zu Rausch-, Genuss-, Heilzwecken genutzt. Seine Pflanzenteile bzw -extrakte “Marihuana” und “Haschisch” sind neben Alkohol, Kaffee, Tabak die meistbenutzte und weitverbreitetste Droge der Welt. So lange existent wie die Cannabis-Mittel sind nur Opium (< Mohn), Koka, Meskalin (< Peyote) und einige weitere Pflanzen (-Produkte). Doch, obwohl Cannabis von verhältnismäßig vielen Menschen ausprobiert wurde oder konsumiert wird, und in fast allen Teilen der Welt verbreitet ist, es ist kaum noch in einer Kultur verwurzelt, nur in Gegen-Kulturen1. Seit dem frühen 20. Jahrhundert haben die meisten Staaten der Welt Gesetze erlassen2, die die Nutzung von Cannabis verbieten. Ein Gegentrend ist erst in der jüngsten Vergangenheit aufgekommen. Schmidbauer/v. Scheidt schrieben in ihrem Drogenbuch: “Von den mehr als 100 Substanzen, die in diesem Handbuch beschrieben werden, ist Cannabis ohne Zweifel die umstrittenste.” Die Autoren fällen in dem Buch (s.u.) dann übrigens ein eher negatives “Urteil” über Cannabis, im betreffenden Kapitel. Die Einschätzungen schwanken allgemein zwischen Verherrlichung und Verteufelung, zwischen Fan-Tum und Verdammung.

Biologie, Anfänge der Nutzung

Die Hanf-Pflanze (Cannabis) gehört zur Familie der Hanfgewächse, wie etwa auch Hopfen. Sie stammt aus Asien, hat sich global verbreitet; es ist nicht gewiss, ob Hanf in Amerika vor den Europäern existent war, ansonsten ist er das wahrscheinlich auf allen Kontinenten sehr lange. Die Systematik des Hanfes ist umstritten, es gibt verschiedene Modelle dazu, seit Carl von Linné. Cannabis sativa (gewöhnlicher Hanf) und Cannabis indica (indischer Hanf) sind jedenfalls zu unterscheiden; Kultur- und Wildhanf könnten Unterarten des gewöhnlichen sein. Verschiedene Produkte aus Hanfpflanzen, die Fasern oder die Blüten, werden ebenfalls als Hanf bezeichnet. Die beiden Geschlechter kommen auf getrennten Pflanzenexemplaren vor. Die weiblichen Pflanzen produzieren den psychisch und körperlich aktiven Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC), in Blättern und Blüten.

Aufgrund von Funden nimmt man an, dass arische/indo-iranische Völker in Zentralasien sowie semitische in Mesopotamien die psychoaktiven Eigenschaften bzw Wirkstoffe des Cannabis gekannt und genutzt haben. Mithin einige der ältesten Hochkulturen. Aus der persischen Bezeichnung “Kanab” dürfte bei den Assyrern (in Mesopotamien) “Qunubu” geworden sein; die Assyrer benutzten es in religiösen Zeremonien. Die Perser stellten Cannabis bzw seine Nutzung auch den Skythen vor, die es ebenfalls kultisch nutzten, mittels Dampfbädern, die eine schamanische Trance bzw Ekstase bewirken sollten. Aus “Qunubu” dürfte bei den Griechen das Wort “Cannabis” geworden sein. Die älteste bekannte schriftliche Referenz auf Cannabis ist eine von Herodot. Im vorislamischen Iran wurde Cannabis u.a. “Dugh-e-wahdat” genannt und mit grosser Vorsicht genossen. Die negativen Seiten der Wirkung waren längst bekannt. Bei den Mazdakiten, einer religiös-politischen Bewegung zur Zeit der Sassaniden, wurde es als “ahrimanisch” (teuflisch) verurteilt.

Auch in Indien wird der Hanf sehr lange genutzt, er wurde und wird dort “Ganja” (गञ्जा) genannt. Ganja bezeichnet aber auch spezifisch Gras/Marihuana. Es besteht die Vermutung, dass Cannabis/Ganja das in den Veden erwähnte Rauschgetränk “Soma” war – auch für die im Mysterienkult von Eleusis verwendete Droge ist Hanf ein Kandidat, sowie für das in der “Odyssee” bezeichnete “Nepenthes”. Aber nicht der einzige. Neben dem Gebrauch als Rauschmittel wird Hanf ja auch als Arzneimittel sowie als Faser- und Ölpflanze verwendet. Als Arznei auch meist in Form von Marihuana und Haschisch. Als solche ist Hanf auch in der Ayurveda-Heilkunst behandelt, die ja auch auf den Veden basiert. “Charas” ist die indische Bezeichnung für Haschisch. Im Hinduismus verwurzelt ist die Mischung “Bhang” (s.u.).

Aus den weiblichen Pflanzen von Cannabis sativa wie von Cannabis indica werden die Rausch- bzw Heilmittel “Haschisch” und “Marihuana” gewonnen. Der Wirkstoff THC befindet sich im Harz aus den Blüten-Spitzen und oberen Blättern (Haschisch), und in den Blüten und Blättern (Marihuana). Cannabis sativa soll eine mehr psychedelische und anregende Wirkung als Cannabis indica haben, dem eine mehr sedative bis einschläfernde Wirkung nachgesagt wird. Haschisch ist eigentlich ein Extrakt, wenn auch kein Konzentrat; es ist eine Verarbeitung notwendig. Pflanzenhaare und Blütenspitzen (Kif) werden zusammengepresst und so das kuchen- bzw platten-artige Hasch hergestellt. Der THC-Gehalt darin ist höher als im Gras.

Konsum, Wirkung, frühere Kulturgeschichte

Hanf wächst wild oder wird kultiviert, und das entweder als Nutz-/ Industrie-/Kulturhanf oder als Rausch-/ Medizinhanf. Jener Hanf der für seine Fasern oder Samen gezüchtet wurde bzw wird (der Nutzhanf), enthält weniger “Rauschstoffe” (THC), als jene Pflanzen, die der Gewinnung der Rauschmittel oder als Medizin dienen sollen (“Rausch-Hanf”). Es kann klar unterschieden werden zwischen Nutzhanf und Rausch/-Medizinhanf. Die Grenze zwischen der Nutzung des zweiteren als Rauschmittel oder Medikament oder Geselligkeitsmittel oder Entheogen/Kultmittel ist aber sehr unscharf, eine Grauzone.

Beide Pflanzen-Teile bzw -produkte, Hasch wie Gras, werden dazu jedenfalls geraucht (gerne mit Tabak zusammen) oder oral aufgenommen, gegessen oder getrunken, ebenfalls vermischt bzw zubereitet mit anderen Zutaten. Es gab und gibt sowohl für die Pflanze und ihre Produkte als auch für die Rauch-Zubereitungen diverseste Bezeichnungen, auch für den (angestrebten) Rausch-Zustand. Oral eingenommenes Cannabis wirkt stärker als gerauchtes.

Was die medizinische Anwendung betrifft, THC ist zB ein Antiemetikum (Mittel gegen Übelkeit), wird seit langem als solches eingesetzt. Cannabis kann medizinisch (zur Behandlung medizinischer Probleme) eingesetzt werden, kann aber auch selbst solche Probleme verursachen – wie alle wirksamen Medikamente. Als Entheogen wurde es in vielen Kulturen genutzt, v.a. in Asien, v.a. in antiken. Die spirituelle /religiöse /kultische Verwendung /Perspektive /Auffassung des Mittels ist wohl ab dem Mittelalter stark zurück gegangen. Cannabis hat sich, wie erwähnt, in alle Kulturen bzw alle Erdteile ausgebreitet, in  manche mehr, andere weniger.

Was islamische Kulturen betrifft, der Koran verbietet Cannabis nicht explizit bzw erwähnt es nicht. Daher wurde und wird es von vielen Moslems als halal bzw erlaubt gesehen. Es gibt aber auch die Auffassung, dass es khamr sei (ein Rauschmittel) und daher haram (verboten). Der Ausdruck „Haschisch“ ist auch arabischen Ursprungs, soll “Heu” bedeuten. Cannabis-Mittel bzw ihre Nutzung sind auch in der Märchensammlung von „Tausendundeiner Nacht“ (persisch hazār-o-yak šab, arabisch alf laila wa-laila) erwähnt. In der islamischen Literaur werden Cannabis wie Opium aber oft mit “Wein” umschrieben. Zu quasi-religiöser Nutzung von Cannabis im Islam weiter unten noch etwas. “Marihuana” bezeichnet die Pflanze wie auch die leichtere “Zubereitung” aus Blüten, Blättern und Stielen der weiblichen Pflanze.3

Haschisch gibt es in verschiedenen Sorten, Farben und Konsistenzen. Zum Teil kann von der Farbe auf die Herkunft geschlossen werden. Schwarzes Haschisch kommt hauptsächlich in bzw aus Afghanistan („Schwarzer Afghane“) sowie anderen mittel- und südasiatischen Staaten (vor). Rotes Haschisch wird meist im Libanon gewonnen. Das auf dem mitteleuropäischen Markt häufige marokkanische Haschisch hat in der Regel eine hell- bis dunkelbraun-grünliche Färbung. Das südasiatische (Indien,…) Charas wird im Unterschied zum “eiegntlichen” Haschisch aus dem Harz einer lebenden Hanf-Pflanze gewonnen. Die betreffende Hanf-Art wächst im nördlichen Indien sowie den angrenzenden Gebieten von Pakistan oder Nepal.

Das indische Bhang ist eine milde (< 5 % THC) Zubereitung aus Gras (und etwas Hasch) und diversen Aromen, die oral eingenommen wird (oder auch geraucht wird) und die in die hinduistische Kultur eingebettet ist. In Marokko gibt es Kif, das nicht nur die Vorstufe zum Hasch (>) bezeichnet, sondern auch eine traditionelle Rauch-Mischung aus Gras und Tabak und in meist in einer langen Pfeife (“Sebsi”) geraucht wird. Das arabische Wort “Kif” (كيف) bedeutet ausserdem Wohlbefinden und das Wort “kiffen” (Cannabis) rauchen.

Wenn Cannabis irgendwo geraucht wird, verbreitet sich der typische, intensive Geruch. Und bei den Rauchern entfaltet sich bald die Wirkung der psychedelischen Droge. Diese kann in Entspannung und einer harmlosen Zerstreuung liegen, nicht unähnlich der von Bier, und in Euphorisierung. Cannabis wirkt meist auch phantasie-anregend, was sich auf die Kreativität in irgend einem Bereich auswirken kann. Die Wirkung kann aber auch beängstigend sein, kann einen nicht nur in den Himmel, sondern auch in die Hölle bringen. Das Empfinden ändert sich, zB auch jenes der Zeit. Das kann aufregend und interessant sein, aber auch beunruhigend. Es kommen Einsichten in das eigene Wesen und das Wesen der Dinge. Und wenn daran etwas beunruhigend ist (oder so empfunden wird), können Angstgefühle ziemlich schnell zu Horror, Paranoia, Wahnideen “ausarten”.

Manche sagen, Cannabis ruft so etwas nicht hervor, verstärkt “nur” Vorhandenes; die Panik und die Zwangsgedanken, die unter seinem Einfluss wach werden können, sind aber so und so unangenehm. Und, es handelt sich dabei nicht um unangenehme Nebenwirkungen, psychedelisch-halluzinogene Mittel bewirken immer so eine Art Gratwanderung, die zu einem “Absturz” führen kann. Bei höheren Dosen (an THC) sind auch Halluzinationen möglich; diese werden als Projektionen innerer Vorgänge in die äussere Welt definiert, aber auch als durch Aufhebung der Filter der Wahrnehmung zu Stande kommend (somit das Gegenteil: aus der äusseren Welt dringt etwas in das Innere ein!). Bei psilocybin-haltigen Pilzen, Meskalin, LSD ist das alles noch viel stärker ausgeprägt. Auch veränderte Bewusstseins-Zustände bis zur Depersonalisation, der Veränderung des ursprünglichen, natürlichen Persönlichkeitsgefühls.

Die aphrodisierende Wirkung von Cannabis besteht eigentlich in der Anregung der Phantasie… Im Gegensatz zur Opiat-Wirkung wird die Lust auf Nahrungs-Aufnahme eher gesteigert. Das durch THC verstärkte Serotonin ruft körperliche Wirkungen wie “Kaninchen-Augen” und Erhöhung der Pulsfrequenz hervor. Durch Herabsetzung der Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit und Urteilskraft sind Unfälle möglich. Was Langzeitwirkungen betrifft, ist eine Veränderung der Persönlichkeitsstruktur wahrscheinlich.4 Es können Psychosen auftreten. Cannabis soll auch Schizophrenie auslösen bzw verstärken. Das Gedächtnis soll unter dem Konsum leiden. “Flashbacks” (Echoräusche) werden teils als angenehm, teils als unangenehm empfunden. Langzeit-Konsum kann eine psychische Sucht hervorrrufen. Und, diverse Krebse (nicht zuletzt durch die Aufnahme über das Rauchen) sowie Herz-Leiden können die Folge sein.

Spätere Kulturgeschichte und Erforschung

Hanf wurde in moslemischen Sufi-Orden benutzt, ab dem Spät-Mittelalter, etwa bei den Qalandar-Derwischen. Man nahm dort an, dass Cannabis einen in grössere Verbundenheit mit Gott (Allah) bringen würde. Über die (vermeintliche) Cannabis-Verwendung der ismailitischen Haschischiuns/ Assassinen wurde viel geschrieben, es stellt sich aber die Frage der Faktizität dieser Verwendung und ggf ihrer Bedeutung. In den islamischen Reichen der Neuzeit (Osmanisches Reich, Persien, Mogul-Indien) war Cannabis die Droge der Sufis und der Unterschichten. In China hat es nie so eine grosse Rolle gespielt; Opiumpfeifen wurden in und ausserhalb Chinas aber auch zum Rauchen von Tabak und Hanf verwendet. In Afrika und der afrikanischen Diaspora (v.a. Karibik-Raum) erfreut sich Cannabis durchwegs grosser Beliebtheit.

Hanf hat in europäischen Gefilden eine Tradition, aber der in mildem Klima gewachsene ist immer schwach rauschmachend. Die Sonneneinstrahlung bestimmt den Gehalt (an Cannabinolen). Hildegard von Bingen empfahl, im 12. Jh, die medizinische Anwendung von Hanf, äusserlich. In Hexensalben war er dann oft enthalten, auch im Bier früher. Francois Rabelais, der auch Arzt war, schrieb darüber (in “Le tiers livre des faits et dits héroïques du noble Pantagruel”, 1546), Shakespeare hat ihn angeblich genommen (man fand Reste), und auch Goethe angeblich – alle wahrscheinlich die milden heimischen Produkte. “Linnaeus” erforschte und kategorisierte im 18. Jh den Hanf. Angeblich wurden erst durch den Import durch französischen Soldaten der napoleonischen Invasion in Ägypten starke Hanf-Produkte in Europa etabliert.

Mitte des 19. Jh entstand in Frankreich durch J.J. Moreau de Tours der Club des Hachichins, dem die Künstler Charles Baudelaire, Theophile Gautier, Eugène Delacroix, Arthur Rimbaud, Alexandre Dumas der Ältere, Honoré de Balzac, Gérard de Nerval, Gustave Flaubert u.a. angehörten. Der Club traf sich im Hôtel Pimodan in Paris und trug zur Verbreitung des Cannabis in Europa bei. Baudelaire malte ein Selbstportrait unter dem Einfluss von Haschisch, schrieb darüber, auch die anderen verarbeiteten es künstlerisch. Da Anfang des 20. Jh die Verbote kamen, hatte potentes Cannabis in Europa nur eine kurze legale Verwendungs-Phase.

Viele Bauern rauch(t)en aber wild gewachsenes oder von ihnen kultiviertes Hanf (bzw seine Blätter), mit wenig “Gehalt”, im deutschen Raum wurde es meist “Hanfkraut” genannt. Ende des 19., Anfang des 20. Jh wurde (importiertes) Cannabis in Apotheken verkauft (zur medizinischen Anwendung) und Hanf-Tabakmischungen in Trafiken. Man nannte sie “orientalische Tabakmischungen”, sprach von “Sonntags-Pfeifen”. In Deutschland gab es die Zigarettenmarken “Nil” (mit 8% Cannabis) und “Harem” (7%). Eine Massendroge war Hanf in Europa nie -nur angeblich in Griechenland nach dem 1. Weltkrieg!

Die Bezeichnung “Marihuana” kommt aus Mexiko, breitete sich global aus. Das Wort dürfte sich aber nicht von “Maria Juana” (> Mary Jane,…) ableiten, sondern vom Nahuatl5-Wort “Malihuan” bzw “Mariguan”. Die Ausbreitung des Ausdrucks begann wahrscheinlich mit der Eroberung mexikanischer Gebiete durch die USA Mitte des 19. Jh. Besonders im nachmaligen Texas (grosse Teile der vormaligen mexikanischen Provinz Coahuila y Tejas) war Marihuana verbreitet, als Rauschmittel, als Medizin (zur Behandlung von Asthma und zur Herbeiführung von Geburten) und als “Kultmittel” (um Hexen abzuwehren). Als ersteres gerne zusammen mit Tabak geraucht oder dem Tequila beigesetzt, oft mit etwas Zucker hinterher, um die Wirkung zu verstärken. Auch mit Stechapfel zusammen wurde es eingenommen.

Wahrscheinlich hat Marihuana ursprünglich in Mexiko auch Haschisch bezeichnet, nicht nur das heute gemeinte (“Gras”). Im mexikanischen Bürgerkrieg (bzw mexikanische Revolution, ca. 1910-1920), der den Sturz nicht nur des Langzeitpräsidenten Porfirio Díaz brachte, sondern auch des politisch-gesellschaftlichen Systems des Landes, das noch stark vom Erbe der spanischen Kolonialherrschaft gekennzeichnet war, sollen sich die Truppen des Aufständischen-Anführers Francisco “Pancho” Villa (José Doroteo Arango Arámbula) mit Cannabis aufgeputscht haben. Wie bei den Assassinen ist es fraglich, ob dem wirklich so war. Das Mittel macht eigentlich eher passiv/friedlich, es löst aber auch eine gewisse “Verwirrung” aus, die vielleicht genutzt werden kann.

Im Anglo-Zulu-Krieg in Südafrika Ende des 19. Jh sollen sich die Zulus ebenfalls mit Cannabis sowie psychoaktiven Pilze “vorbereitet” haben. Auch hier also Halluzinogene, und nicht die “speedigen” Aufputschmittel. In Südafrika6 gab es Dagga (Cannabis)-Kulte in Religionen der “schwarzen” Völker, die staatlich zu unterbinden versucht wurden. Im südlichen Kongo gab es an der Wende vom 19. zum 20. Jh einen Cannabis-Kult bei den Bena Riamba unter ihrem Häuptling Kalomba-Mukenge; der Hanf für den Riamba-Kult kam über die Araber.

Zu den möglichen oralen Einnahmen kamen jene durch Cannabis-Tinktur (aus Gras) sowie Haschisch-Öl. Dieses, aus Hasch isoliertes Cannabinol, ist ein Konzentrat, das nicht mit dem nicht berauschenden “fettigen” Öl der Hanfpflanze verwechselt werden sollte. Dieses wird aus dem Industrie-, Nutz- oder Faserhanf gewonnen, der aus wenig berauschenden Hanfarten gezüchtet wird. Zu gebrauchen ist dieser für Kleidung(sfasern), Segel, Seile, Fischernetze; die Papier-Herstellung; Lebensmittel, etwa Speiseöle; als Tier-Futtermittel (etwa Hanfsamen); als Baustoff, etwa für Isolierungen; als Basis für Farben, Lacke, Waschmittel. Es gab eine lange Tradition auch dieser Nutzung. Im 19. Jh kam es zu einem Niedergang des Industriehanfs, durch die Konkurrenz durch Baumwolle (> Kleidung), Holz (> Papier), u.a.

T. B. Wood identifizierte Ende des 19. Jh in Cambridge Cannabinol (CBN), eines der Cannabinoide (bzw Wirkstoffe) des Cannabis. Auch über die Taxonomie des Hanfes wurde in dieser Zeit geforscht und gestritten. Ob es also eine Spezie davon gibt, mit mehreren Unterarten/Variationen, oder mehrere Hanf-Arten. Der sowjet-russische Botaniker D. E. Janichevsky etwa vertrat in den 1920ern das zweitere Konzept. Ab den 1940ern wurden weitere Wirkstoffe des Cannabis, die Cannabinoide, entdeckt, zunächst Cannabidiol (CBD). Eigentlich ist dabei von Phyto-Cannabinoiden zu sprechen, die im Cannabis (und anderen Pflanzen) vorkommen, in Abgrenzung zu den Endo-Cannabinoiden, körpereigenen Substanzen, die ähnliche pharmakologische Eigenschaften haben, sowie synthetischen Cannabinoiden.

Verbotsgeschichte

Erst im 20. Jh wurde der Hanf als Rauschmittel stigmatisiert, vom Westen ausgehend. Das Rauschfeindliche der globalen westlichen Moderne bei gleichzeitiger Herstellung und Verbreitung von gefährlicheren konzentrierten Drogen wurde auf diesem Blog schon thematisiert. Seit dem frühen 20. Jh haben jedenfalls die meisten Staaten der Welt Gesetze gegen die Kultivierung, den Handel, die Verarbeitung, den Besitz, den Konsum von Cannabis erlassen. Vorgeschoben, als Begründung, wurden in der Regel gesundheitliche Folge-Schäden (körperliche, seelisch-geistige) durch den Konsum.

Bei den internationalen Drogen-Konferenzen in Shanghai 1909 und Den Haag 1911/12 spielte Hanf noch keine Rolle, der Schwerpunkt an diesem Beginn des internationalen Drogenregimes lag auf dem Opium – daher auch die Bezeichnungen “Opiumkonferenz” und “Opiumabkommen”. 1925 die Zweite Opiumkonferenz des Völkerbundes in Genf, das dort verabschiedete Abkommen (das „3. Genfer Opium-Abkommen“) schloss auch Cannabis mit ein7. Die medizinische Nutzung war von diesem Verbot noch nicht betroffen. Die meisten Völkerbund-Mitglieds-Staaten setzten das Abkommen in den folgenden Jahren in nationale Gesetze um. Das Deutsche Reich etwa 1929/30, durch das „Opiumgesetz“, das sein erstes Drogengesetz von 19208 ersetzte. Damit wurde der “indische Hanf” (Haschisch und Marihuana) verboten.

Die Entwicklung in der USA war eine andere. Die USA war nicht Mitglied des Völkerbundes, unterzeichnete damit auch nicht das Abkommen von 1925 oder setzte es in ein Gesetz um. Das Hanf-Verbot kam hier später, bald wurde die USA aber im internationalen Drogen-Regime federführend, und drängte Hanf dann weiter zurück.9 Dieses Verbot ging auf das Federal Bureau of Narcotics (FBN) zurück, die 1930 im Finanzministerium gegründete Anti-Drogen-Behörde der USA. Finanzminister der USA 1921 bis 1932 war der Geschäftsmann Andrew Mellon, unter den republikanischen Präsidenten Harding, Coolidge, Hoover. Mellon setzte seinen Schwiegerneffen Harry Jacob Anslinger als ersten Chef (commissioner) des FBN ein. Anslinger (Eltern aus Schweiz und Deutschland) war 32 Jahre lang Chef der Drogenbehörde.

Harry Anslinger und das FBN nahmen ihre Arbeit auf, als in der USA die 1919/20 eingeführte Alkohol-Prohibition galt. Es soll hauptsächlich die ärmere Bevölkerung gewesen sein, die in dieser Zeit auf (aus der Karibik und Mexiko eingeführtes) Cannabis zurück griff, und die Besserverdienenden eher zu illegal hergestelltem oder eingeführten Alkohol. Für die Überwachung des Alkoholverbots war hauptsächlich das Bureau of Prohibition zuständig. Mit dem Ende der Prohibition 1933 wurde es aufgelöst, ging der Grossteil der Mitarbeiter zum neu gegründeten Bureau of Alcohol, Tobacco, and Firearms. Das FBN begnügte sich nicht damit, die Einhaltung des Harrison-Gesetzes und des Jones-Miller-Gesetzes durch zu setzen (das Verbot von Opium, Heroin, Kokain,…), es bemühte sich um ein Verbot von Cannabis. Anslinger und seine Behörde starteten dazu eine Kampagne, die inhaltlich und formal höchst fragwürdig war, auch oder gerade aus heutiger Sicht.

Hanf, bzw seine psychoaktiven Teile/Produkte, sei eine Gewalt verursachende Droge, wurde verbreitet.10 Wahrscheinlich hat sich erst im Zusammenhang mit dieser Kampagne der Begriff “Marihuana” (bzw “Marijuana”) im Englisch-sprachigen Bereich und global durchgesetzt. Das Stigma des Exotischen, Fremden sollte dem Hanf aufgedrückt werden. Marihuana sei ja nicht nur ein in Wahnsinn und Tod führendes Rauschgift sei, es werde auch von “Negern” oder “Mexikanern” eingeführt, die damit und mit ihrer Musik das Land vergiften und “weisse” Frauen verführen wollten. Anslinger ging auch mit heroinsüchtigen weissen Show-Stars wie “Judy Garland” ganz anders um als mit schwarzen wie “Billie Holiday”.

1936 kam der Kreuzzug Anslingers gegen Cannabis auf Touren, erschien der Propaganda-Film „Reefer Madness“.11 Anslinger und das FBN waren nicht direkt involviert, der Film geht aber zumindest auf die von ihm geschaffene Hysterie um Cannabis zurück. Auch in „Reefer Madness“ wurde eine rassistisch gefärbte Propaganda betrieben, Marihuana daneben als krank-machend und Droge der Perversen dargestellt. Auch der Victor Licata-Fall wurde im Film ausgeschlachtet; der hat 1933 in Florida seine Familie mit einer Axt getötet, angeblich unter Marijuana-Einfluss, der Mann war aber psychisch gestört. Es gab ähnliche Propaganda-Filme in dieser Zeit, wie “Assassin of Youth” (1937, Elmer Clifton).12

Mit dabei bei der Kampagne gegen Hanf waren die Zeitungen des “Medienmoguls” William Randolph Hearst, zB der “San Francisco Examiner”. Darin wurden etwa häufig Verbrechen mit Marihuana in Verbindung gebracht. Das Verbot richtete sich dann ja auch gegen Hanf an sich, und hier haben die Hearst Corporation sowie der Chemie-Konzern DuPont Interessen gehabt. Der Vorwurf lautet bis heute, das FBN habe (mit Unterstützung von Finanzminister Mellon) mit Hearst und Du Pont gemeinsame Sache gemacht, ein Verbot der Hanf-Nutzung zu erreichen, aus wirtschaftlichen Gründen. Industriehanf war in den Branchen, in denen diese Industriellen tätig waren, eine Konkurrenz. William R. Hearst war nicht nur Zeitungsmagnat, sondern auch Waldbesitzer und Papier-Hersteller – und Hanf ist eine (preisgünstigere?) Alternative zu Holz als Ausgangsstoff für Papier. Du Pont wiederum entwickelte in dieser Zeit Kunststoffe wie Nylon für Kleidung, die ebenfalls in Konkurrenz zum Hanf standen. Hearst und Du Pont förderten anscheinend das FBN und weitere Träger der Kampagne in der USA. Und Mellon hatte Geschäftsbeziehungen zu Hearst und Du Pont.

Der Zusammenhang mit der Kriminalisierung von Cannabis in der USA mit der wirtschaftlichen Konkurrenz zur Hanfindustrie wird von anderen Historikern abgelehnt bzw abgestritten. Der Lobbyismus von Hearst und Du Pont wird hier als nicht entscheidend angesehen. Dass Anslinger Cannabis als Rauschmittel aus ideologischen Gründen verboten haben wollte, ist ziemlich unumstritten; die Frage ist, warum Hanf als “Ganzer” unter das Verbot fiel. Es wird eingewandt, dass nur etwa ein Drittel von Hanf-Fasern lang und stark waren und auch Verbesserungen bei den Maschinen, die Fasern vom Stiel trennten, Hanf-Fasern wirtschaftlich nicht attraktiv machen konnten. Und dass sich Nylon auch ohne Hanf-Verbot durchgesetzt hätte.

Tatsache ist aber, dass beide Familien, Hearst und Du Pont, im 19. Jh in der USA sehr einflussreich wurden und es bis heute sind. Die Hearst-Presse spielte eine wichtige Rolle bei dem Krieg, den die USA Ende des 19. Jh gegen Spanien vom Zaun brach und u.a. dessen Kolonie Kuba eroberte. William Hearst war auch Vorbild für die Titelfigur in Orson Welles’ Filmklassiker “Citizen Kane”.13 Du Pont ist nach wie vor ein führender Chemie-Konzern in der USA. Die Familie geht zurück auf Pierre Samuel du Pont de Nemours, der aus einer calvinistischen (hugenottischen) Familie aus dem Burgund stammte und 1800 aus Paris in die USA auswanderte, dort zunächst mit einer Schiesspulver-Fabrikation begann. Pierre “Pete” du Pont (“IV”) ist ein republikanischer Politiker, war Gouverneur von Delaware und bewarb sich 1988 für die Präsidentschafts-Kandidatur seiner Partei.

1937 erliess der Kongress der USA jedenfalls den Marijuana Tax Act14, ein Gesetz das den Anbau, Handel und Gebrauch von Hanf verbot. Dieses Gesetz war wie das Harrison-Gesetz 191415 ein fiskalisch formuliertes Drogen-Verbots-Gesetz. Inwiefern Anslinger und seine Behörde, im Zusammenspiel mit wirtschaftlichen Lobbies, nun für sein Zustande-kommen verantwortlich waren, ist eben umstritten. Das US-amerikanische Gesetz von 1937 wurde jedenfalls richtungsweisend, für viele Länder sowie internationale Abkommen. Das mit der Droge auch die Pflanze verboten war, begriff man in der USA erst nach und nach. Kurz nach dem Verbot meldete das Magazin “Popular Mechanics” noch die Erfindung und Produktion effizienter Erntemaschinen für den bis dahin aufwändig zu erntenden Hanf. Es hatte das Verbot des Hanfanbaus noch nicht realisiert und prophezeite der Nutz-Pflanze goldene Zeiten.

Im Auftrag des New Yorker Bürgermeisters Fiorello LaGuardia untersuchte das LaGuardia-Komitee von 1938 bis 1944 die Gefahren von Cannabis, und widerlegte in seiner Studie im Wesentlichen die Behauptungen des FBN und des Finanzministeriums, dass das Rauchen von Marihuana zu Wahnsinn führe, die körperliche und geistige Gesundheit angriff, kriminelles Verhalten fördere, körperlich abhängig mache und eine Einstiegsdroge für gefährlichere Drogen sei.  Im 2. Weltkrieg kam Hanf in der USA nochmal zu einem “Comeback”. Das Militär brauchte Hanf, v.a. für Taue für die Marine, daher ermunterte die Regierung Bauern zum Anbau von Hanf. Die „Hemp-for-Victory“-Kampagne gipfelte in einem gleichnamigen vierzehn-minütigen Propagandafilm, der 1942 im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums der Vereinigten Staaten gedreht wurde. Anscheinend wurde das Gesetz von 1937 für die Dauer des Kriegs ausser Kraft gesetzt.

Kunstfasern besonders des Herstellers Du Pont setzten sich Mitte des 20. Jahrhunderts in der Bekleidungs-Industrie durch, in der USA und global. Der Hanf wurde auch aus der Papier-Herstellung verdrängt.16 Die britische Weltherrschaft wurde nach dem 2. Weltkrieg in grossen Teilen der Welt durch eine US-amerikanische ersetzt. Ein strenges internationales Drogenregime entstand erst jetzt allmählich. Anslinger bekämpfte Hanf nun in der UN-Drogenbehörde Commission on Narcotic Drugs (CND); der Anbau und die industrielle wie medizinische Nutzung sollten auch international verboten werden. Im nationalsozialistischen Deutschland war der Anbau von Hanf noch verstärkt worden, als Rohstoff für diverse Kriegsproduktionen.

Der Rassist und Antikommunist Anslinger setzte seinen Kreuzzug gegen Drogen also auch auf internationaler Ebene fort. Er war auch beim Verbot von Coca/Kokain in der Nachkriegszeit führend beteiligt, schüttete auch hier das Kind mit dem Bade aus, liess Coca wie Kokain verbieten. Nicht betroffen von seinem Kreuzzug waren natürlich Alkohol, Tabak und Medikamente; und unter letztere Kategorie fielen nach dem Krieg auch noch Mittel wie LSD und Methamphetamin. 1961 kam in der UN auf Anslingers Betreiben das Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel (Single Convention on Narcotic Drugs) zu Stande. Darin verpflichteten sich die Unterzeichnerstaaten zum Verbot des Hanf-Anbaus; Cannabisprodukte wurden Opiaten gleich gestellt. Anslinger trat als FBN-Commissioner 1962 zurück, wurde noch für 2 Jahre USA-Repräsentant bei der UN-Drogenkommission CND. Aus dem FBN und anderen Behörden ging 1973 die DEA hervor.

Zumindest die Staaten des Westen folgten dem Abkommen von 1961, passten ihre Gesetzgebung daran an, in der BRD das Betäubungsmittelgesetz (aus dem Opiumgesetz hervor gegangen). Im Ostblock war alles etwas anders (Hier über Cannabis in der Sowjetunion), anders repressiv. Einige Staaten der “Zweiten” und “Dritten” Welt, wie Indien, beugten sich nicht ganz. Drogen-Hunde überall auf der Welt kennen heute den Geruch von Cannabis, werden darauf abgerichtet, es aufzuspüren. Der Handel mit Cannabis wurde illegal, von “Syndikaten” übernommen, wurde ein weltweites Multimilliardengeschäft, von keiner Behörde reguliert; besonders Haschisch ist meist gestreckt.

Gegenwart

Die Art der Aufnahme selbst änderte sich nicht so stark über die Jahrhunderte. Was man heute mit einem Vaporizer/Verdampfer macht, hat man früher mittels sauna-artigen Dampfbädern gemacht (> Skythen). Auch das “hotboxing”, kiffen in einem geschlossenen, kleinen Raum wie einem Auto (stärkere Wirkung), kennt man, in anderen Rahmen, schon sehr lange. Und Blunts, mit Marihuana gefüllte Zigarren, werden mindestens seit dem 19. Jh geraucht, wenn nicht früher. Das Rauchen in Pfeifen verschiedener Art hat sich im Westen in der jüngeren Vergangenheit stärker verbreitet. Joints sind hier wahrscheinlich noch immer die häufigste Aufnahme-Art. Oraler Konsum (bzw über das Verdauungssystem) haben eine lange Tradition, ob als Cannabis-Tinktur oder in Form von Süssigkeiten.

In Marokko gibt’s etwa Majoun, ein Konfekt, in das üblicherweise Cannabis verarbeitet wird, teilweise auch andere Mittel. Klaus Mann, Sohn von Thomas, auch Schriftsteller, reiste 1930 mit seiner Schwester nach Spanien und Französisch Marokko; in Fes nahm er eine orale Überdosis von Haschisch (zeitverzögerte Wirkung, zu schnell nachgelegt…). Die Horrortrip-Hölle führte ihn in ein Militär-Krankenhaus, bekam dort ein Schlafmittel. Mann beschrieb das in seiner zweiten Autobiografie (Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht. 1952) ausführlich. Er war hauptsächlich Morphinist, nahm sich nach dem Hitler-Krieg in Frankreich mit Schlafmitteln das Leben. Cannabis wird gerne mit anderen Mitteln kombiniert, hierzulande gerne mit Alkohol17, in Teilen des Orients mit Opiaten. Über dabei entstehende Wechselwirkungen könnte man sicher einen eigenen Artikel schreiben. Cannabis hat keine Kreuztoleranz zu anderen Halluzinogenen.

Wie erwähnt, ist Cannabis (trotz Verboten) global stark verbreitet, fast überall, relativ wenig vielleicht noch in Nordost-Asien. Es wird in Gefängnissen, Kasernen, Schulen, Krankenhäusern geraucht. Mit dem Konsum ist eine gewisse (regional und zeitlich unterschiedliche) “Kultur” verbunden.18 Die frühere religiöse/kultische Nutzung ist aber beinahe ganz “verschwunden”. Schon lange, seit dem Beginn des Mittelalters wahrscheinlich. Die kultische Bedeutung hatte Cannabis (wie andere Mittel) in antiken Religionen/Kulten. Modernere Religionen sind allgemein eher negativ zu Rausch, Lust, Ekstase. Cannabis hat heute wahrscheinlich nur im Hinduismus und in der Rastafari-Bewegung eine Rolle, einen Stellenwert. Indien mit seinem Hinduismus ist eines der ganz wenigen Länder, in denen Cannabis bis heute in der Landeskultur verwurzelt ist (v.a. als Bhang).

Cannabis kam Mitte des 19. Jh nach Jamaika (vielleicht generell in die Karibik), durch Kontraktarbeiter aus Indien, “Nachfolger” der Sklaven in den britischen Kolonien (das waren sowohl Jamaika als auch Indien). Daher stammen viele Ausdruck der Cannabis-Kultur dort aus Indien, wie “Ganja”. Die Rastafari-Kulte entstanden ab den 1930ern, als religiös-politische Bewegung, unter Schwarzen im Karibik-Raum, der Jamaikaner Marcus Garvey war einer der wichtigen “Urheber”. Jamaica ist auch ein Zentrum der Rastafari, die dort entstandene Reggae-Musik ist stark damit verbunden. Die Rastafari stehen aber im Gegensatz zum “Mainstream” der jamaikanischen Gesellschaft, sind dort nicht prägend sondern Aussenseiter. Und Cannabis wurde unter den Briten in Jamaika bereits 1913 verboten.19

Die chemische Struktur des Cannabis wurde in den 1960ern erforscht. Mechulam/Gaoni “entdeckten” (isolierten) 1964/65 an der Hebräischen Universität Jerusalem20 seinen Hauptwirkstoff Tetrahydrocannabinol (eigentlich Δ9-Tetrahydrocannabinol; Summenformel C21H30O2). Neben diesem THC und Cannabidiol gibt es noch an die 100 weitere Cannabinoide. Der Gehalt an dem psychoaktiven THC wird von Umwelt-Faktoren beeinflusst; das Verhältnis THC/CBD ist genetisch fest gelegt. Heutige Cannabis-Produkte sind angeblich stärker/gehaltvoller als frühere.

In den Nachkriegs-Subkulturen des Westens spielte Cannabis eine wechselnde Rolle. Bei den Rockern und Mods war es nicht gut angeschrieben, da es eine verlangsamende Droge ist, während in diesem Lebensstil Beschleunigen angesagt war. Für die Beatniks und die Hippies wiederum waren Hasch und Gras  wichtig, für zweitere quasi elementar. Über die ideologischen Unterschiede zwischen Elvis und den Beatles auch anhand ihres Drogen-Konsums war im Speed-Artikel schon die Rede. Lennon & Co sollen 1963 von “Bob Dylan” in der USA mit Cannabis bekannt gemacht worden sein; davor hatten sie anscheinend nur Amphetamine (seit Hamburger Zeiten) gekannt. Das Linke, Intellektuelle kam bei den Beatles aber erst mit der LP “Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” 1967 richtig heraus, damit gingen sie in der Hippie-Kultur auf, bis dahin waren sie hauptsächlich eine Teenie-Band.

Auch beim linksradikalem Aufbruch in der BRD in den 60ern (ausgehend von West-Berlin) waren die Hanf-Extrakte wichtig, ein Gruppe nannte sich ja auch “Umherziehende Haschrebellen”.21 Und beim Woodstock-Konzert schwebten dicke Hasch- und Gras-Wolken herum, etwas das heutzutage bei solchen Festivals gang und gäbe ist. Dass es eine Droge ist, die gewissermaßen vom äusseren Universum ins innere führt, sie nie eine Droge der Oberschicht war, nahe an der Natur ist, und global “verwurzelt”, machte sie so passend für diese Bewegung. Für Linke stehen auch heute Aufputschmittel (von Koks bis Amphetaminen) aber auch Opiate dem („öffnenden“) Cannabis negativ gegegnüber; das eine als Droge der Leistungsgesellschaft, das andere als jene der “Dekadenz”, die einen vor Problemen nur abschirmt, einen aber nicht damit/daran arbeiten lässt, die „egozentrisch“ wirke im Gegensatz zum „sozialen“ Cannabis. Für rechte Drogen-Gegner gilt aber (auch) Cannabis als von der Realität weg-führende Droge.

Der von der USA angeheizte Krieg zwischen Süd- und Nord-Vietnam war für die Flower Power-Bewegung ja ein wichtiges Thema, v.a. für jene in der USA. Es wäre zu einfach, die nach Vietnam geschickten amerikanischen Soldaten als gesellschaftlichen Gegenpart der Hippies hinzustellen, schon allein weil auch diese von der Wehrpflicht betroffen waren. Jedenfalls wurde Marihuana auch von den US-amerikanischen Soldaten in Vietnam (circa 1964 bis 1973) stark konsumiert. Bis 1968 wurde das von der militärischen Führung toleriert, ehe man aufgrund von Medienberichten darüber die Politik änderte. Das hatte aber zur Folge, dass viele Soldaten auf Heroin umstiegen, auch meist in einem Joint mit Tabak geraucht.22

Von der linken Bewegung der 60er und 70er kam auch erstmals Widerstand im Westen gegen die bestehende Einstufung von Cannabis. Die in anderen sozialen Realitäten als die oft aus bürgerlichen Verhältnissen stammenden Hippies lebenden Black Panther hatten zum Cannabis eine andere Haltung, sahen es als etwas dass vom notwendigen Widerstand abhielt. Viele berühmte Cannabis-Konsumenten, die also damit erwischt wurden oder ein Bekenntnis dazu ablegten, konsumierten es (auch) in der Zeit von Mitte der 1960er bis Mitte der 1970er: LSD-Papst Timothy Leary (Verurteilung dafür), Louis Armstrong, Ernst Bloch (jeweils in ihren letzten Jahren), der jüdisch-amerikanische Astronom Carl Sagan, Peter Bourne (“Jimmy” Carters Drogen-Berater), William “Bill” Clinton.

Clinton studierte in Georgetown, Oxford (68-70) und Yale (70-73), wo er seinen Abschluss in Jus machte und Hillary kennen lernte. Im Präsidenten-Wahlkampf ’92 sagte er auf eine Journalisten-Frage im Fernsehen: “When I was in England, I experimented with marijuana a time or two, and didn’t like it. I didn’t inhale, and I didn’t try it again.” An der Universität Oxford wurde David Cameron etwa 20 Jahre später damit erwischt.23 Barack Obama redete seinen Cannabis-Konsum in jüngeren Jahren nicht “schön”. Zu Berühmtheiten, die sich in späteren Jahren dazu bekannten, zählen zB Yannick Noah, Kate Moss oder “Lady Gaga”. Und weitere

Die Clintons an der Yale-Universität in New Haven, ~1971. In dieser Zeit hat er vielleicht auch gezogen jedoch nicht inhaliert

Der Mediziner Gabriel Nahas, ein US-Amerikaner libanesisch-französischer Herkunft, war wohl der namhafteste jener ernstzunehmenden Wissenschaftler, die negativ zu Cannabis standen/stehen und keine Liberalisierung woll(t)en. Nahas war hauptsächlich in den 70ern aktiv, schrieb Cannabis-Konsum schwere Gesundheits-Schäden zu. In den 1980ern beteiligte er sich an der Anti-Drogen-Werbung der Reagans.24 Konservative geiseln Liberale wegen ihrer Toleranz ggü Drogen, nehmen und propagieren selbst welche, andere.

Ein Einwand gegen Cannabis ist, dass es die Einstiegsdroge für härtere Drogen sei. Bei Christiane Felscherinow war das zumindest von der Reihenfolge so: Mit zwölf der erste Joint, bald der erste Schuss Heroin. Gibt es Todesfälle durch Cannabis? Googelt man das nach, tauchen Beiträge dazu von “Die Welt” oder aber “Hanf-Magazin” auf, auf beiden Seiten wird das jeweilige ideologische Anliegen in wissenschaftliche Argumentation gepresst. Verkehrsunfälle unter Cannabis-Einfluss wird es geben, und Langzeiterkrankungen (s.o.) die durch den Konsum hervor gerufen wurden. Bei tödlichem Mischkonsum war es sicher öfters involviert, ohne entscheidend dafür zu sein. Aber es soll auch tödliche akute Herz-Kreislauf-Erkrankungen geben, durch hohe Dosen Cannabis (bzw entsprechende Veranlangung) ausgelöst.

Eine der ersten Liberalisierungen von Cannabis in der westlichen Welt nach dem Abkommen 1961 und seinen Ratifizierungen war jene Gesetzesänderung in der Niederlande, in deren Folge dort die Coffeeshops eingerichtet wurden. Auf Empfehlung einer Kommission gestaltete die Regierung 1976 die Drogenpolitik neu; Cannabis als weiche Droge blieb illegal, aber der Staat verzichtete auf eine Strafverfolgung bei “Verstössen”.25 Ziel war eine effektivere Bekämpfung harter Drogen wie Kokain und Heroin, für die Holland ein Umschlagplatz war und ist. Für die Coffee Shops, wo Cannabis verkauft und konsumiert werden darf, galten immer verschiedene Auflagen. 2012 kamen dann gesetzliche Verschärfungen der Auflagen, die u.a. die Schliessung jener in Grenzgebieten erzwang.

Über alternative Wege und Liberalisierungen wird viel nachgedacht und diskutiert, teilweise auch vernünftig. Johann Hari legt in seinem Drogenbuch nahe, dass eine weltweite, geregelte Abgabe sämtlicher harter Drogen und eine Freigabe von Cannabis zwar zu einem leichten Anstieg des Drogenkonsums führen würde, aber die Drogenkriminalität ganz wegfiele und der Anteil an Süchtigen harter Drogen und die Zahl der Drogentoten zurückginge. Die Forderung nach einer Legalisierung bzw Rehabilitation von Cannabis wurde lange von Aussenseitern wie Jack Herer (1939 – 2010) erhoben.26 Eine Übersicht über den gesetzlichen Status von Cannabis in den Staaten der Welt in der englischen Wikipedia.

Auch in Indien war Cannabis eigentlich immer illegal, zumindest auf Bundesebene, in einigen Bundesstaaten ist aber zumindest die Bhang-Mischung legal und wird Cannabis toleriert. Auch Jamaica ist einer der Staaten mit einer Politik der Tolerierung bei offiziellem Verbot gewesen. 2015 wurde der Anbau, Handel, Besitz und Konsum in gewissen Mengen ent-kriminalisiert – und wurde die Bedeutung von Cannabis für religiöse und medizinische Zwecke sowie für die Fauna anerkannt. Der Anbau für den Export in die Industrieländer des Westens (Westeuropa, Nordamerika,…) war unter den aus der britischen Kolonial-Zeit stammenden cannabis-feindlichen Gesetzen in Schwung gekommen. Ähnlich wie auch in Marokko gab es eine Politik der Tolerierung bzw Korruption, nicht zuletzt aufgrund der Profite für das Land dadurch.

Am strengsten bestraft wird Cannabis in verschiedenen Ländern Ost-Asiens, wo bis hin zur Todesstrafe viel möglich ist, und auch keine Liberalisierung diskutiert wird. Im Westen ist die Frage der Befürwortung oder Ablehnung einer Liberalisierung von Cannabis im politischen Koordinatensystem normalerweise klar zwischen Links und Rechts verteilt. Verantwortliche von Pharmakonzernen sind entschiedene Gegner einer Rehabilitierung von Cannabis, sie hätten dabei zu verlieren. Die französische Senatorin Samia Ghali (PS, algerischer Herkunft), Bürgermeisterin von zwei Bezirken Marseilles, kämpft für weitere Sanktionen gegen Dealer und Konsumenten jeder Drogen, gegen die Legalisierung von Cannabis. Hans-Christian Ströbele, deutscher Grünen-Politiker, kämpft seit 50 Jahren für die Legalisierung von Cannabis, die deutschen Grünen als Gesamtpartei inzwischen auch. Es gibt in verschiedenen Teilen der Welt auch Parteien, die sich primär der Cannabis-Legalisierung widmen, hier eine Übersicht.

David Nutt war Vorsitzender des britischen Advisory Council on the Misuse of Drugs, das dem Innenministerium untersteht, also Drogenberater der britischen Regierung. Er wurde ’09 nach einem Streit mit Innenminister Alan Johnson (Labour) entlassen. Dabei ging es um die Einstufung von Cannabis: Die britische Regierung hatte es zuvor wieder als weiche Droge der Kategorie B eingestuft, deren Besitz mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden kann. Damit machte sie eine Entscheidung von 04 rückgängig, als Cannabis als einfaches Beruhigungsmittel der Kategorie C eingestuft wurde. Nutt kritisierte diese “Rückstufung”, als politisch mehr denn als wissenschaftlich motiviert. Nutt gründete sodann das Independent Scientific Committee on Drugs, ein unabhängiges Wissenschafter-Kommitee zur Erforschung von Drogen. Suchtmittel müssten nüchterner eingestuft und die Menschen besser über die tatsächlichen Gefahren der einzelnen Drogen informiert werden, so Nutt.

Über einige Attentäter der Pariser Anschläge vom November 15 (Bataclan-Theater, Stade de France,…) gibt es Erkenntnisse, denen zufolge sie weniger gottesfürchtige Fundamentalisten waren als vielmehr ein Leben zwischen Alkohol, Drogen und Strassenkriminalität führten, bevor sie zu Mördern wurden. Der Terrorist Saleh Abdeslam etwa galt im Brüsseler Stadtteil Molenbeek als notorischer Kiffer. Gemeinsam mit seinem Bruder soll er eine Kneipe betrieben haben, die als Drogenumschlagplatz bekannt war. Seinem Anwalt sagte Abdeslam, er habe den Koran nie komplett gelesen. Nur eine Zusammenfassung im Internet. Bekifft waren auch jene Maghrebiner, die zu Sylvester 15/16 in Köln und anderen deutschen Städten Frauen sexuell belästigten. Cannabis ist also nicht nur die Droge der Einkehr, der Lockerheit und des Friedens. Andererseits, beim Alkohol ändern tödliche Verkehrsunfälle oder “Komasaufen” von Teenagern auch nichts an der Legalität. Man gesteht den Konsumenten hier eine Eigenverantwortung zu.

Insgesamt geht der Trend beim Cannabis in Richtung Liberalisierung, auch wenn (noch) kaum grundsätzliches Umdenken stattfindet. Uruguay legalisierte 2013 unter Präsident Mujica Anbau, Verkauf und Konsum von Cannabis. Allerdings mit der Einschränkung, dass dieses in Uruguay von einem lizensierten Hanfbauern angebaut wird (worden ist). Chile begann 2014 damit, Cannabis zu therapeutischen Zwecken anzubauen. Der genaue Ort der Zuchtanlage in Santiago de Chile ist geheim. Aus der Ernte wird Cannabis-Öl extrahiert und an Krebspatienten verteilt. Das Ganze läuft versuchsweise und unter einer Ausnahmegenehmigung, es ist keine Legalisierung von Hanf damit verbunden.

Kürzlich wurde in Kanada Cannabis unter Auflagen legalisiert. Sogar in der USA wurden die Bestimmungen für Cannabis in den letzten Jahren liberalisiert, und zwar auf der Ebene der Bundesstaaten (sowie der Indianer-Reservate!). Überraschenderweise hat Schwarzenegger in Kalifornien als Gouverneur Cannabis weiter ent-kriminalisiert. Anscheinend ist er selbst gelegentlicher “Kiffer”. Noch wird ein Grossteil des Cannabis für die USA in Mexiko angebaut, der Bedarf sinkt aber stetig mit den Liberalisierungen. In dem vom Drogenkrieg geschüttelten Mexiko befeuert dieser Wandel eine Debatte über eine Freigabe im eigenen Land. In Kalifornien wurde der Sinsemilla-Hanf gezüchtet, eine Kreuzung aus hawaiianischem und mexikanischen Hanf, mit hohem THC-Gehalt.

Afghanistan ist eines der führenden Länder beim Anbau, Konsum und Export von Opiaten; für Cannabis gilt das auch so ähnlich, besonders für Haschisch. Es ist eines der Länder, in denen Cannabis in die Kultur bzw Gesellschaft integriert ist und nicht eine Droge der Aussenseiter ist. Das obwohl es 1973 (wie Opium) von Schah Sahir verboten wurde, was seither nicht geändert wurde, trotz aller Umstürze. Wichtige Anbau-Länder für Cannabis sind meist solche, in denen ein nennenswerter eigener Konsum stattfindet, aus denen nicht nur exportiert wird. In Marokko verhält es sich ähnlich wie in Afghanistan: Cannabis ist verboten, dennoch wird es stark angebaut (hauptsächlich im Rif im Atlas-Gebirge), ist im Volk verbreitet und wird exportiert (auch eher Haschisch)27. Auf Libanon und Nepal trifft das auch grossteils zu. Führende Anbauländer für Marihuana sind Mexiko, Kolumbien, Jamaika, Niederlande (Indoor), Kongo.

In Mitteleuropa ist nur “milder” Hanf (mit wenig THC) züchtbar, ausser in Innenräumen mit künstlichem Licht und Heizung, oft genetisch aufgemotzt. Solche Züchter (die meist auch Händler und Konsumenten sind) fliegen gelegentlich auf. Die Bestimmungen für den Anbau von Faserhanf wurden auch in verschiedenen Ländern in der jüngeren Vergangenheit liberalisiert. Seit Anfang der 1990er hat der Anbau von Hanf für industrielle Zwecke (jener Hanf, der wegen seiner Stengeln und nicht wegen seinen Blättern und Blüten angebaut wird) kontinuierlich zugenommen. Dabei werden meist Pflanzen angebaut, die aus Kulturen mit minimalem THC-Gehalt stammen.

Cannabis-Plantage Österreich

Die Produkte des Rausch-/Medizinhanfs durchlaufen nach Ernte und Verarbeitung bis zum Konsumenten in der Regel viele Stationen und weite Strecken – und werden gestreckt, wenn auch nicht so stark wie H und K. Und auf dem Weg vom Hanf-Feld in Afghanistan oder Marokko in die U-Bahn von Wien oder Berlin ist auch der Preis etwas in die Höhe gegangen. Umsätze machen diverse Branchen auch ohne Legalisierung von Cannabis: Jene die Zigarettenpapier, Pfeifen oder Merchandising-Produkte mit dem Hanf-Symbol herstellen oder vertreiben, Head Shops, Grow Shops,…

Synthetische Cannabinoide (zT aus chinesischen Labors) sind heute in Mischungen enthalten, die als „Badesalze“, “Pflanzendünger” oder Räucherwerk (“Spice” genannt) gehandelt werden. Synthetische Cannabinoide sind entweder dem THC strukturell verwandt oder den Endo-Cannabinoiden. Auch synthetisches Cannabis bzw THC gibt es natürlich längst. Unter Markennamen wie “Synhexyl” bzw “Parahexyl” war ein THC-Homolog auf dem Markt. Medizinisches Cannabis ist teilweise auch synthetisch; Markennamen sind “Dronabinol” oder “Marinol”.

Aktuelle medzinische Nutzung

Cannabis kann beim Tourette-Syndrom helfen, bei Multipler Sklerose wie Culitis Ulcerosa, gegen Übelkeit, Spasmen,… Als medizinischer Hanf kommen sowohl Cannabis sativa als auch Cannabis indica zur Verwendung. Industrie-/Kulturhanf, mit wenig THC, wird medizinisch nur selten, als Hanföl, eingesetzt. In Deutschland war Hanf-Tinktur 1941 aus dem Arzneimittelbuch gestrichen worden, die “Haschisch-Sucht” wurde in dieser Zeit endeckt. Heute ist Cannabis als Medizin zT wieder zugelassen, in einigen Ländern, unter bestimmten Auflagen. Die Forschung an der medizinischen Nutzung von Cannabis ist (noch) durch gesetzliche Beschränkungen beim Umgang mit der Pflanze behindert.

Der Spanier Manuel Guzman ist einer Jener, die am Einsatz von Cannabis bei Krebs forschen. Cannabinoide, die aktiven Bestandteile von Cannabis, und ihre Abkömmlinge weisen bei Krebspatienten lindernde Eigenschaften auf, indem sie Übelkeit, Erbrechen und Schmerzen verhindern und den Appetit steigern. Zudem wird darüber geforscht28, inwiefern Cannabinoide – natürliche oder synthetische – das Wachstum von Tumorzellen hemmen können.

Wie in Chile steht der Anbau von Cannabis für medizinische Zwecke normalerweise unter staatlichem Schutz. Verarbeitet wird er zu Rauchmischung oder zu Pillen-Form.

Künstlerische Referenzen 

Hier geht es um Songs, Bücher, Filme, die unter dem Einfluss von Cannabis entstanden oder von ihm handeln.

Fitz H. Ludlow, der amerikanische Autor aus dem 19. Jh, hat viele Haschisch-Experimente unternommen, darüber geschrieben, etwa “Der Haschisch-Esser” (1857 erstmals erschienen). Seine Offenheit auf diesem Gebiet hielt ihn nicht von zutiefst rassistischen Überzeugungen ab, gegen Alle, die er als “un-amerikanisch” sah, in erster Linie die amerikanischen Ureinwohner.

Paul Bowles, ein anderer amerikanischer Schriftsteller, lebte über die Hälfte seines Lebens in Marokko, scheint für andere Kulturen aufgeschlossener gewesen zu sein. Bezüglich Cannabis ist seine Zusammenarbeit mit dem berberischen Marokkaner Mohammed Mrabet (eigentlich Mohammed ben Chaib el Hajam), einem Geschichtenerzähler aus der Rif-Region, von Bedeutung. Die beiden trafen sich in Tanger, Mrabet erzählte bzw diktierte Bowles seine mündlich überlieferten oder selbst erfundenen (bzw erlebten) Geschichten, auf Spanisch, einer Sprache, die Beide halbwegs konnten und die in Tanger verbreitet war, durch den spanischen Einfluss in der internationalen Zone, die dort (1923-1956) bestand. Bowles übersetzte Mrabets Geschichten ins Englische und liess sie verlegen. “M’Hashish”, eine Sammlung von “Kiffgeschichten” aus Marokko, kam zB 1969 heraus.

Alfred Kubins phantastischer Roman “Die andere Seite” (1908/09) basiert – wie Kubin erklärte – auf Cannabis-Erfahrungen. In “Das Geheimnis der Orakels”29 von Philip Vandenberg spielt Cannabis im Orakel von Delphi eine Rolle. Viele kennen das ‘Magische Theater’ im “Steppenwolf” von Hesse und haben das eingangs gerauchte Zeug unschwer identifiziert. In “Der Graf von Monte Christo” von Alexandre Dumas wird dem Baron D’Epinay auf der Insel Monte Christo von einem Sinbad neben einem Essen eine grüne Paste serviert, die dieser als Haschisch deklariert, als Epinay schon Halluzinationen hat.

William Burroughs hat ja mit einigen Drogen “experimentiert”, auch mit Cannabis. “Für den Künstler ist diese Droge ist zweifellos sehr nützlich, da sie Assoziationen auslöst, die ansonsten unzugänglich wären, und ich verdanke viele der Szenen aus ‘Naked Lunch’ direkt dem Gebrauch von Cannabis.” Auch Hunter Thompson hat viele Drogen genommen, seine Räusche literarisch verabeitet.

James Hadley Chase (ein Pseudonym) schrieb Thriller und Krimis, darunter “Figure it out for Yourself – The Marijuana Mob” (1950 heraus, deutsch “Jeff Barratts Ratten”), ein Roman der der Richtung von “Reefer Madness” folgen dürfte.

Auch H. Michaux, A. Crowley, Humphry Davy oder G. d.Nerval haben ihre Erfahrungen mit Cannabis literarisch verarbeitet.

Was Musik betrifft, sind einige Richtungen zu nennen, die stark mit dem Konsum von Hanf(-Teilen) verbunden sind: Der aus Jamaika stammende Reggae ist Teil der Cannabis-Kultur geworden. “Bob” Marley maß dem Cannabis religiöse Bedeutung zu, seiner Zugehörigkeit zu einem der Häuser (Gruppen) der Rastafari gemäß. Peter Tosh brachte 1976 das Album „Legalize it“ heraus, mit dem gleichnamigen Song. Dann ist die Psychedelik zu nennen, von Iron Butterfly bis Pink Floyd. Angeblich auch der griechische Re(m)betiko (u.a. Markos Vamvakaris), hier würde sich eine Nachforschung lohnen (Kommentare dazu willkommen). “Cannabis-Musik” macht auch die Band Cypress Hill aus der USA, setzt sich auch für die Legalisierung ein. 1989 kam eine Kompilation von Jazz-Songs über Cannabis aus dem frühen 20. Jh als LP mit dem Titel “Reefer Songs” heraus. Nicht drauf ist aber dazu gepasst hätte “When I Get Low, I Get High” von Ella Fitzgerald.

Ob Hans Söllners Musik zum Reggae zu rechnen ist, ist fraglich. “Irgend ein” Bezug ist schon da, klar, aber vielleicht ist es eher ein “Para-Reggae” oder ein bayerischer Reggae. Den Bezug zum Kraut hat er natürlich auch, viele Songs handeln davon, er wurde wegen Besitz davon angezeigt (auch wegen Anderem) und setzt sich für seine gesetzliche Legalisierung ein. Söllner stammt aus einer eigentlich zerrütteten Familie in Reichenhall im Chiemgau. Er ist volkstümlicher als andere Linke, daher nicht so von Trends abhängig, ist konsequent gegen Rechts. Nichtsdestotrotz lebt er heute bürgerlich mit BMW, Haus, Garten, in 2. Ehe, und hat sogar zum CSU-Bürgermeister seines Wohnortes ein ganz gutes Verhältnis.

Janis Joplin sang auch von “Mary Jane”, eben so Rick James, Muddy Waters von “Champagne & Reefer”, W. Ambros vom “Schwarzen Afghanen”, Waldeck von “Dope Noir”. Heinrich Walchers „Gummizwerg“-Song handelt von diversen Drogen, darunter auch Grass.30

Filme & TV:

“Easy Rider”: 1969… zumindest Peter Fonda & Jack Nicholson haben auch privat ziemlich viel Cannabis konsumiert; Fonda & Hopper waren später zerstritten; auch der Song “Don’t bogart me” von Fraternity of Men im Soundtrack handelt davon. “American Beauty”: Ein Mann mittleren Alters kehrt durch den Nachbars-Sohn in seine Jugend zurück. “Midnight Express” handelt von den Folgen des Handelns. In “The Big Lebowski” raucht die Hauptfigur viel Cannabis, daneben trinkt er “White Russian” (Wodka, Kaffelikör, Sahne/Milch). In “Contact High” (09) aus M. Glawoggers Sex-’n’-Drugs-’n’-Rock-’n’-Roll-Trilogie spielen Magic Mushrooms, Ecstasy, Haschisch-Kekse & -Zigaretten eine Rolle. Der Titel bezieht sich auf ein angebliches psychologisches Phänomen, wonach ein Rauschzustand von einer Person auf eine nüchterne “übertragen” werden kann.

Weiters: Die “Cheech & Chong”-Serie (u.a. “Up in smoke”, 1978), “Half Baked”, “Kid Cannabis”, “Jackie Brown”, “Lammbock”, “Homegrown”, “Charas”, “Kids”, “Eyes Wide Shut”, “La Haine”, “The Wall”, “Coogan’s Bluff”, “Trainspotting” (geht neben H ganz unter), “Lost in Translation”, “Purple Haze” (1982), “Dazed and confused”, “Super Troopers”, “Marihuana” (“The Marihuana Story”, 1950, Argentinien),…

Die Serie “Weeds” (“Kleine Deals unter Nachbarn”, 05-12 erstmals ausgestrahlt) handelt von einer bürgerlichen Frau in einer kalifornischen Kleinstadt, die sich nach einem Unglücksfall mit dem Handel von Marihuana etwas dazu verdient.31 Arte hat die Miniserie „Cannabis“ produziert, in der es um den Handel von Haschisch von Marokko nach Spanien und Frankreich geht.

Der mexikanische Maler Diego Rivera hat anscheinend viel Marihuana geraucht, auch beim Malen. Comics: Fritz the Cat kifft auch. Die Fabulous Furry Freak Brothers noch um einiges mehr. Im 1967 erstmals aufgeführten Hippie-Musical “Hair” (1979 verfilmt) spielt Kiffen natürlich auch eine Rolle. Wie auch im PC-Spiel “Pot Farm”.

Literatur & Links

Charles Baudelaire: Die künstlichen Paradiese (1860). Hätte man auch zur Cannabis-Literatur einordnen können, und Ludlow zur Literatur über Cannabis

Rudolf Gelpke: Vom Rausch in Orient und Okzident (1966). Cannabis steht darin nicht im Mittelpunkt, eher Opium

Martin Booth: Cannabis: A History (2015)

Hans Georg Behr: Von Hanf ist die Rede. Kultur und Politik einer Droge (1982). Angeblich nur mehr antiquarisch erhältlich

Jack Herer, Mathias Bröckers: Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf (1996). Englisch: Hemp and the Marijuana Conspiracy

Julie Holland (Hg.): The Pot Book: A Complete Guide to Cannabis. Its Role in Medicine, Politics, science, and culture (2010)

Robert C. Clarke: Haschisch: Geschichte, Kultur, Inhaltsstoffe, Genuss, Heilkunde, Herstellung (2000)

Franjo Grotenhermen (Hg.): Cannabis und Cannabinoide. Pharmakologie, Toxikologie und therapeutisches Potential (2004)

Leslie Iversen: The science of marijuana (2008 2. Auflage)

Ernest L. Abel: Marijuana – The First Twelve Thousand Years (1980)

Bernd Werse: Cannabis in Jugendkulturen: kulturhistorische und empirische Betrachtungen zum Symbolcharakter eines Rauschmittels (2007)

Jorge Cervantes: The Cannabis Encyclopedia: The Definitive Guide to Cultivation & Consumption of Medical Marijuana (2015). Vorwort von Vicente Fox Quesada

Johann Hari: Drogen. Die Geschichte eines langen Krieges (2015). Hauptsächlich über das internationale Drogenregime

Ricardo Cortés: It’s Just a Plant (2005)

Hans Gros: Rausch und Realität. Eine Kulturgeschichte der Drogen (1996, 3 Bände)

Peter Cremer-Schaeffer: Cannabis: Was man weiß, was man wissen sollte (2016)

Gabriel Nahas: Histoire du hash (1979)

Roger Pertwee: Handbook of Cannabis (2014)

Marcus Boon: The Road of Excess: A History of Writers on Drugs (2002)

Steve Elliott: The Little Black Book of Marijuana: The Essential Guide to the World of Cannabis (2011)

Lester Grinspoon, James B. Bakalar: Marihuana: The Forbidden Medicine (1997)

Steffen Geyer, Georg Wurth: Rauschzeichen – Cannabis: Alles, was man wissen muss (2008)

Pierre Bouloc (Hg.): Hemp: Industrial Production and Uses (2013)

Andreas Müller: Kiffen und Kriminalität. Der Jugendrichter zieht Bilanz (2015).
Müller tritt für die für Legalisierung von Cannabis ein

Walter Benjamin: Über Haschisch: Novellistisches, Berichte, Materialien (1972)

Jack Herer: The Emperor Wears No Clothes (1990)

Hans-Georg Behr: Haschisch-Kochbuch (1970)

Sidney Cohen und R.C. Stillman (Hg.): The Therapeutic Potential of Marihuana (1976)

Edward Reavis: Rauschgiftesser erzählen. Meskalin / LSD 25 / Haschisch / Opium (1967)

Mathias Broeckers: Warum Cannabis legalisiert werden muss (2014)

Christian Rätsch: Hanf als Heilmittel. Ethnomedizin, Anwendungen und Rezepte (1992)

Wolfgang Schmidbauer, Jürgen vom Scheidt: Handbuch der Rauschdrogen (1971)

Lark-Lajon Lizermann: Der Cannabis Anbau: Alles über Botanik, Anbau, Vermehrung, Weiterverarbeitung und medizinische Anwendung sowie THC-Messverfahren (2010)

Vera Rubin (Hg.): Cannabis and Culture (1975)

M. I. Soueif: The use of cannabis in Egypt: A behavioural study (1971)

Karl-Artur Kovar und Dieter Kleiber: Auswirkungen des Cannabiskonsums (1997)

Doug Fine: Hemp Bound: Dispatches from the Front Lines of the Next Agricultural Revolution (2014)

Oriana Josseau Kalant (Hg.): Cannabis: Health Risks (1983)

Gabriel G. Nahas: Keep off the Grass: A Scientific Enquiry Into the Biological Effects of Marijuana (1979)

Joseph Berke, Calvin C. Hernton: Cannabis Experience: Interpretative Study of the Effects of Marijuana and Hashish (1974)

Kurosh Yazdi: Die Cannabis-Lüge: Warum Marihuana verharmlost wird und wer daran verdient Taschenbuch (2017)

Michael Pollan: Die Botanik der Begierde. Vier Pflanzen betrachten die Welt (2001). Er beschreibt am Beispiel der Züchtung von vier Pflanzen menschliche Begierden, wobei er der Tulpe die Schönheit, der Hanfpflanze den Rausch, dem Apfel die Süße und der Kartoffel die Kontrolle zuordnet

Günter Amendt: Haschisch und Sexualität (1982)

Murphy Stevens: Marijuana-Anbau in der Wohnung mit künstlichem Licht (1978). Original: How to grow Marijuana indoors (under Lights), 1975

Liat Kozma: Cannabis Prohibition in Egypt, 1880–1939: From Local Ban to League of Nations Diplomacy. In: Middle Eastern Studies Vol. 47 , Iss. 3, 2011

Brian M. du Toit: Man and Cannabis in Africa: A Study of Diffusion. In: African Economic History, No. 1., Frühjahr 1976, S. 17–3

Das Magazin “High Times” erscheint monatlich aus New York, widmet sich der legalisierung von Cannabis

Mahmoud E. A. El-Ghany: Molekulargenetische Diversität einer monözischen und einer diözischen Hanfsorte und Analyse des Fasergehaltes von verschiedenen Hanfformen (Cannabis sativa L.). Dissertation, Martin Luther Universität Halle, 2002

Cannabis Regulation and the UN Drug Treaties (TNI)

Haschmuseum

Cannabis: A journey through the ages

Marihuana als Heilmittel

Hanfjournal

History of Cannabis in India

Cannabis Culture

Cannabis-Slang

Das steirische Unternehmen HGV Kräutergarten mit seinem “Hanfgarten” baut Hanf an, verkauft Pflanzen und Stecklinge, und fördert die Cannabis-Forschung für medizinische Zwecke

Artikel über Auswirkungen von Cannabis auf’s Gedächtnis

Wikipedia-Portal zum Thema

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Rastafari sind auch eine solche, in Jamaica und anderswo
  2. Oder übernommen, von früheren Kolonialmächten, von Staaten von denen man sich abgespalten hat, oder von internationalen Bestimmungen
  3. Im Englischen bezeichnet “Marijuana” heute meist den Hanf generell, das “eigentliche” Marihuana wird dort meist “Weed” genannt
  4. Was nicht unbedingt etwas Schlimmes sein muss. Manche Menschen hätte “Kiffen” wahrscheinlich zum Besseren verändert
  5. Die Sprache der Azteken
  6. Das als solches auch infolge des britischen Siegs über die Zulus zu Stande gekommen ist; die Kulte gab es freilich schon vor 1910
  7. Unter anderem auf Betreiben Ägyptens
  8. Auch dieses war die Umsetzung eines internationalen Abkommens
  9. Vielleicht kann man es auch so formulieren: Das Verbot in der USA kam durch eine Kampagne zu Stande, welche sich dann auch auf internationaler Ebene fort setzte
  10. Später wurde die gegenteilige Wirkung als Vorwurf aufgebracht, Cannabis würde die Menschen passiv machen und einschläfern
  11. 1939 kam eine neue Version davon heraus. Ab Ende der 1990er wurden Musicals als Satire auf den Film produziert
  12. Dass auf der Gegenseite (bis) heute mit ähnlich hanebüchener Einseitigkeit operiert wird, wird schnell klar wenn man im IT auf entsprechende Seitens stösst und Sätze liest wie: “Die nützlichste Feldfrucht des Planeten wurde als Droge bezeichnet und unsere Gesellschaft leidet darunter bis heute.”
  13. Seine Enkelin Patricia wurde in den 1970ern berühmt, durch ihre Entführung durch die linksextreme SLA und ihre darauf folgende Mitarbeit in dieser Gruppe
  14. oder Marijuana Transfer Tax Act
  15. Das auf Anslingers Druck hin verschärft wurde
  16. In der Bekleidungsherstellung wurde das auch die Baumwolle von synthetischen Fasern grossteils
  17. Der einen in gewisser Hinischt auf den Boden der Realität zurück bringt, von Höhenflügen oder Höllenfahrten
  18. Etwa der Spass-Kult um die “Heilige Cannabia“
  19. Man denke an die Diskussionen nach der deutschen Bundestags-Wahl ’05 mit dem Patt, unter dem weder SPD und Grüne noch CDU/CSU und FDP eine Mehrheit hatten. Es kam dann eine grosse Koalition (Kabinett Merkel I). Aber zuvor wurde eine Ampel-Koalition (Rot-Gelb-Grün) und eine Jamaika-Koalition (Schwarz-Grün-Gelb) ins Gespräch gebracht, an die Farben der Nationalflagge des Inselstaats angelehnt. Und “Joschka” Fischer, ein Politiker der mit Cannabis sicher Erfahrungen hat, brachte auch die Assoziation damit vor, deutete die “Unvereinbarkeit” von grünen und schwarzen (eigentlich auch gelben) Werten an, indem er auf die Absurdität der Vorstellung von “Unionsleuten mit Dreadlocks und einer Tüte in der Hand“ verwies
  20. Damals auf den Westteil der Stadt beschränkt
  21. Karl-Heinz Kurras blieb beim Alkohol
  22. Erinnert etwas an Iran nach der Revolution, wo harte Alkoholika illegal erhältlich sind, aber kaum mehr Bier und selten Wein. Durch das Risiko des Schmuggels werden Wodka und ähnliches bevorzugt, die im selben Volumen mehr Alkohol enthalten. Somit hat das Alkoholverbot der Mullahs eine Verschiebung zu harten Alkoholika bewirkt
  23. In seiner Studienzeit hat Cameron überhaupt so einiges ausprobiert, scheint es
  24. Der “Krieg gegen Drogen”, den auch Reagan führte, ist immer einer gegen bestimmte Drogen bzw bestimmte Verteiler. Für antikommunistische Gruppen machte die DEA (und amerikanische Politiker) immer wieder Ausnahmen, wie die nicaraguanischen Contras (Kokain) oder das blauchinesische Militär in Nord-Thailand (1950er, Opium)
  25. Anscheinend gab es schon vor ’76 vereinzelte Coffee Shops in der NL, in welchem gesetzlichen (oder ungesetzlichen) Rahmen auch immer
  26. Der Amerikaner Herer schrieb u.a. “The Emperor Wears No Clothes” über das Thema, gründete die Organisation “Help End Marijuana Prohibition” (HEMP); der “Jack Herer Cup” findet jährlich in Las Vegas zu seinen Ehren statt
  27. Es wird auch im Land von Ausländern, Touristen (hauptsächlich Westlern) konsumiert
  28. An Mäusen und Ratten
  29. Eine Art historischer Roman, vielleicht aber eher eine Alternativgeschichte
  30. So etwas war im Jahr 1972 möglich: Walcher sang im Fernsehen ein schweres Drogenlied und die ORF-Big Band spielte dazu… Gut, die Meisten haben nicht kapiert, worum es geht
  31. Erinnert an “Breaking Bad”, aber die Serie ist definitiv später gedreht worden

Heil und Unheil des Alkohols

Alkohol ist die verbreitetste Droge der Welt, auch die am meisten verharmloseste. Das gilt hauptsächlich für den Westen. Er ist schädlicher als viele verbotene Drogen. Gleichzeitig sind alkoholische Getränke aber auch Genussmittel und Nahrung. Und Kulturgut, wie alle Drogen. Alle Drogen bedürfen einer gewissen Bearbeitung des “Naturzustands” um konsumierbar zu werden (etwa der Schritt vom Roh- zum Rauchopium). Alkohol, das hebt ihn hervor, entsteht erst durch einen Verarbeitungs- bzw Veränderungsschritt natürlicher Stoffe.

Dieser Schritt ist aber auch natürlich, er geschieht auch ohne menschlichen Eingriff in der Natur. Es heisst, Affen und andere Tiere sammeln in freier Wildbahn vergorene Früchte ein, um sich zu berauschen. Im Vergleich zu synthetischen Drogen ist Alkohol in seiner Herstellung einfach; manchmal gelingt Strafgefangenen die alkoholische Gärung aus (dort erhältlichen) Zutaten wie Früchten und Brot.1

Der Artikel gehört zur Reihe über Drogen2; die Gliederung sieht so aus: Kulturgeschichte des Alkohols, Systematik von Alkoholika, Trinkkulturen, Wirkungen und Sucht, Verbotsgeschichte, berühmte Konsumenten und Opfer, Verarbeitung/Referenzen in der Kunst, Links und Literatur

Kulturgeschichte

Menschen entdeckten, dass im Gärungsprozess überreifer (Feld-)Früchte Alkohol entstand (spontane Gärung). Entdeckten, dass kohlehydrathaltige Flüssigkeiten durch einen Gärungsprozess in berauschende Getränke verwandelt werden können. Hefe spaltet dabei Zucker in Alkohol und Kohlendioxid. Praktiziert wurde die alkoholische Gärung erstmals in Mesopotamien, von den Sumerern. Dies geschah im Rahmen des Übergangs zu Sesshaftigkeit, Ackerbau, Züchtung von Pflanzen. Die Herstellung alkoholischer Getränke basiert(e) auf Erfolgen der Landwirtschaft.

Für Bier braucht man grössere Mengen Getreide, musste es also anbauen. Aus dessen Körnern gewinnt man durch Keimung und Trocknung Malz (Stärke wird also in Zucker umgewandelt). Malz und Wasser vergären dann zu (noch ungehopftem) Bier. Auch bei der Herstellung von Weinen (aus Weintrauben wie aus anderem Obst) wurden landwirtschaftliche Vorgänge, Zwischenschritte, Kenntnisse notwendig. Der Saft der meisten Wildfrüchte enthält für eine natürliche Gärung nicht genug Zucker. Es mussten süsse Früchte gezüchtet werden, Obstkulturen angelegt werden. Die Wilde Weinrebe wurde domestiziert.

Chemisch gesehen ist Alkohol ein Produkt des Stoffwechsels, der bei der Gärung von Biomasse entsteht, wenn Hefe-Pilze Zucker (Glucose) abbauen bzw in Alkohol umwandeln. Ist ein bestimmter Alkoholgrad erreicht, vergiftet der Alkohol jene Hefepilze, denen er seine Existenz verdankt. Das bei der Gärung entstehende Ethanol (Äthylalkohol, auch Äthanol genannt, Trivialname Alkohol, Trinkalkohol, “Weingeist”) ist ein aliphatischer, einwertiger Alkohol mit der Summenformel C2H6O und der Halbstrukturformel C2H5OH. Alkohole bilden eine ganze chemische Stoffklasse.

Auch in anderen antiken Hochkulturen, v.a. Ägypten, wurden dann Malz-Sud (zu Bier), Traubensaft/-maische (zu Wein), Obstsaft (zu Obstwein), Honigwasser (zu Honigwein) vergoren. Auch in Ostasien und im “vorkolonialen” Amerika lernte man, alkoholische Getränke herzustellen; aus Hirse, Reis, Honig, Maniok, Mais, Palmensaft. Der Rausch, den (auch) die alkoholischen Getränke hervorrufen, bekam in manchen Kulturen eine kultische Bedeutung. Diese Getränke konnten aber auch Nahrung oder Medizin sein. Und man lernte auch die unangenehmen “Nebenwirkungen” kennen.

Ägyptische, mesopotamische, persische, kanaanitische und andere Einflüsse aus der südwestasiatisch-nordostafrikanischen Region haben den Tanach und damit die Bibel stark mit geprägt. Alkohol kommt in Bibel/Tanach vor; im Judentum erfährt Trauben-Wein religiöse Verwendung (und ist sein profaner Gebrauch durch religiöse Vorschriften geregelt), im Christentum wurde aus dem Pessach-Seder das Sakrament des Abendmahls. Die antiken Griechen tranken Wein, der meist mit Wasser vermischt wurde, widmeten die Gottheit Dionysos dem Wein und der Ekstase. Dies kam im Dionysus(-Mysterien)-Kult und in den Dionysien zum Ausdruck. Auch in eigentlich “profanen” Trinkgelagen (Symposien genannt) spielte Dionysos eine Rolle.

Römisches Äquivalent zu Dionysus war ja Bacchus. Germanen, Slawen und Kelten kannten Bier und Met (Honigwein), lernten Wein durch die Römer kennen. Missionare gingen im Rahmen der Christianisierung Europas im Früh-Mittelalter gegen die dort ältere Trinkkultur vor, letztlich vergeblich.3 Das Bier-Brauen scheint erst mit dem “Übergang” des Braubetriebs auf Klöster-Brauereien geregelt worden zu sein. Bis dahin wurde Bier mit unterschiedlichen Zugaben gebraut, einer “Grut” (Kräutermischung), die oft auch psychotrope Pflanzen wie Bilsenkraut oder Stechapfel enthielt!4 Es blieb dann nur noch Hopfen übrig5; dessen Zugabe bringt die charakteristischen Bitterstoffe wie auch eine Verstärkung der beruhigenden Wirkung ein. Verwendet wurde obergärige Hefe.

Während sich in Europa das Christentum festsetzte und sich Reiche bildeten, entstand in West-Asien und Nord-Afrika ein grosses islamisches Reich (das ab dem Hoch-Mittelalter zerfiel). Alkoholische Getränke waren im Milieu des Propheten Mohammed verbreitet gewesen, Dattel- und Traubenwein. Im Koran gibt es (früher entstandene) Stellen, die Wein (arabisch “Khamr”) preisen, und spätere, die ihn verurteilen – es wurde Konsens, dass die negativen die positiven aufheben. Mohammed soll wegen eines Onkels, der Trinker war, seine Meinung geändert haben. Die Kalifen, unter denen das arabisch-islamische Reich entstand, haben das Alkoholverbot im Grossen und Ganzen anscheinend nicht streng ausgelegt, das betrifft die raschidischen ebenso wie die omayadischen und abbasidischen6. In islamisierten Ländern wie Persien und Ägypten kam es also nicht zu einem abrupten Bruch mit Alkohol. Was Ägypten betrifft, scheint es dann unter den (schiitischen) Fatimiden strenger geworden zu sein.

Die Destillation dürfte im früheren Mittelalter im islamischen Raum entwickelt worden sein, auch wenn es einigen Angaben zufolge in Europa etwa zur selben Zeit die selbe Entwicklung gab. Das bedeutet, das die Destillation zu höher konzentriertem Alkohol im selben Raum entwickelt wurde, in dem das Alkohol-Verbot galt. Man entdeckte, dass der berauschende Stoff im Wein destilliert und dadurch konzentriert werden konnte. Und benannte den Stoff “al Kuhl”, was das Feinste von etwas bezeichnet, bzw ein Pulver. Die Bezeichnung “Alkohol”, die von Arabern stammt, könnte sich aber auch von “Alkul” ableiten. Oder sie könnte vom babylonischen oder akkadischen Wort “Guhlu” kommen.7 Die Destillation wurde im 9. Jahrhundert von zwei persischen Alchemisten8, Geber und Razi, weiter verbessert; etwa haben sie den Destillierhelm weiter entwickelt.

Hochprozentiger oder gar reiner Alkohol kann nur durch zusätzliche Destillation gewonnen werden, da bei der Gärung  wie erwähnt Hefezellen bei höheren Alkoholkonzentrationen absterben. Bei der (ein-/mehrmaligen) Destillation wird der Alkohol teilweise vom Wasser getrennt, durch Verdampfen und anschließendes Kondensieren, unter Ausnutzung der unterschiedlichen Siedepunkte, der Alkoholgehalt dadurch erhöht. Branntwein wird als Oberbegriff für diese Produkte verwendet, wie auch Destillate, Spirituosen, Schnäpse.9 Das bei “unsauberer” Destillation oft entstehende Methanol (Methylalkohol; CH3OH) ist ein gefährlicher Verwandter des Ethanols. Unter seinen Metaboliten (Abbauprodukte) ist zB Formaldehyd, und Konsum kann Blindheit und Tod verursachen.10

Im Laufe der Jahrhunderte wurde in den meisten Kulturen Alkohol auch für medizinische Zwecke eingesetzt. In Europa wurden Branntweine im Spät-Mittelalter, in der Zeit der Pest-Epidemien, als Arzneimittel verwendet. Die Pest und andere Seuchen führten zu einem Aufschwung der Destillate, obwohl diese als Gegenmedizin völlig wirkungslos waren. Die Menschen klammerten sich an die hochprozentigen Alkoholika, die Verdrängung und Betäubung bewirkten. Desinfizierend ist Alkohol nur in ziemlich reiner Form, als eine ca. 90% alkoholische Flüssigkeit, was alkoholische Getränke nicht sind. Das betrifft die äusserliche Anwendung, eine innerliche von so reinem Alkohol würde eher neue Probleme schaffen.11 Alkohol fand auch Verwendung als Schmerzmittel12, bevor man Opiate verwendete, als Narkotikum für chirurgische Eingriffe, bevor man Äther hatte. Und als Angstlöser; oft wurde/wird zB zum Tode Verurteilten vor der Hinrichtung der Konsum eines alkoholischen Getränks gestattet.13

Im islamischen Bereich wurde Wein das wichtigste alkoholische Getränk. Weinbau und -handel kam oft in die Hände von nicht-moslemischen Minderheiten, v.a. Armeniern (Christen), blieb es zT bis heute. Viele Dichter haben den Wein gepriesen (zB Abu Nawas, Omar Chayyam), es gibt eine richtige Weinliteratur im islamischen Raum (Khamriyat). Nach Gelpke ist in den Dichtungen, besonders den persischen, mit “Wein” aber oft Opium gemeint. Viele moslemische Sufis, Derwische, Mystizisten verwendeten Alkohol in ihren Zeremonien, nicht zuletzt der Bektaschi-Orden. Insgesamt dürfte der nicht-europäische Alkohol-Konsum “gemäßigter” gewesen sein als der europäisch-westliche; und das dürfte sich gehalten haben.

Die Entwicklung in Europa war ein Siegeszug für den Alkohol. Anbau, Gebrauch, Handel, Verarbeitung kamen v.a. hier auf Touren. Mit der europäischen Ausbreitung ab der frühen Neuzeit kam er zu neuer Verbreitung. Im Westen wird Be-Rausch-ung nur mit Alkohol als legitim erachtet, er wurde zur einzigen integrierten/akzeptierten Droge. Wirtschaftlich wurde Alkohol vielerorts ein Faktor (Brauer, Winzer, Brenner, Wirte, Kutscher, Kellner,…) und so sichert und vernichtet das Lebergift gleichzeitig Existenzen. Dass Wein und Bier in Europa Alltagsgetränke wurden, lässt sich auch mit der schlechten Wasserqualität vielerorts erklären und damit, dass sie als Lebensmittel galten.14 Schnaps erlebte vom 17. bis zum 19. Jh im Norden und Osten Europas einen Aufschwung auf Kosten der einfachen Gärungsprodukte Bier und Wein. Unter Anderem wegen der leichteren Schnaps-Herstellung durch die Einführung der Kartoffeln.

Im 17. Jahrhundert kam auch der Kaffee nach Europa. Zunächst blieb sein Konsum auf den Adel beschränkt, im Laufe des 18. Jh begann er sich vom Luxus- zum Alltagsartikel zu wandeln. Dies verdrängte wiederum alkoholische Getränke etwas; wurde zuvor etwa zum Frühstück gern eine Biersuppe gegessen, verbreitete sich nun die Kaffeesuppe. Dieser Wandel passte zur Aufklärung, die sich damals vollzog, der Wachmacher und Ernüchterer Kaffee statt dem berauschenden und dämpfenden Alkohol.

In den Napoleonischen Kriegen tranken viele Soldaten verschiedener Armeen Schnäpse, sowohl als “Motivation”, als auch als Nahrungsersatz. Und, diese Kriege in Folge der Französischen Revolution führten zu einem Ende des bisherigen Staats- und Wirtschaftsgefüges, mancherorts früher, andernorts später. Das kapitalistisch-bürgerliche System entstand. Und bald begann dann die Industrialisierung. Alkoholika wurden billiger. Einerseits weitete sich der Alkoholkonsum (in vielen Teilen des Westens) dadurch aus, andererseits wurde er immer weniger kompatibel mit der neuen, schnellen Welt… Alkoholkonsum war mit/in vielen Berufen nicht mehr kompatibel. Und Berauschung wurde weitgehend aus der Öffentlichkeit verdrängt.

Infolge von Industrialisierung und Kapitalisierung entstand im 19. Jh ein Alkoholproblem der Arbeiterschaft. Von “Branntwein-Epidemie” oder „Gin Epidemie“ (bezüglich GB) war/ist da die Rede. Alkohol als Betäubung, als Flucht vor den Arbeits- und Lebensbedingungen, Sucht als soziales Phänomen. Diverse Anführer oder Theoretiker der Arbeiterbewegung nahmen sich des Themas an. Etwa Friedrich Engels, der im Alkohol-Konsum (nicht nur des Proletariats anscheinend) ein Symptom des Industriekapitalismus sah. Oder in Österreich Victor Adler, Sozialdemokrat und Arzt („Der trinkende Arbeiter denkt nicht, der denkende Arbeiter trinkt nicht!“).

Im frühen 19. Jh wurde Ethanol erstmals synthetisch hergestellt. Der Prozess wurde verfeinert, man kam auf die Hydratisierung von Ethylen (Reaktion von Ethen mit Wasser unter Benutzung eines geeigneten Katalysators; industrielle Ethanolsynthese). Der so hergestellte Industriealkohol oder technische Alkohol wird für andere Verwendungen des Alkohols als Rauschgetränk hergenommen15: Als medizinisches Desinfektionsmittel etwa. Dazu werden meist sekundäre Alkohole wie Propanol, vermischt mit Wasser, verwendet. Nur dank des Wassers kann der Alkohol die Zellwände eindringen, was reiner Alkohol nicht schafft. Für die Herstellung mancher Arzneimittel wird Alkohol verwendet, somit kommt dieser auch (noch immer) zu einer innerlichen medizinischen Anwendung.

Die chemischen Industrien verwenden Alkohol auch für die Herstellung von Konservierungsmitteln, Brenn-Spiritus, Kosmetika, Parfüms, Reinigungsmittel, Lösungsmittel und Lacke, Farben,… Da wo Industriealkohol mehr oder weniger rein verkauft wird, wie beim Spiritus, wird er durch Zusetzung von Chemikalien vergällt, um den Trinkkonsum auszuschließen. Dafür ist keine Branntweinsteuer zu entrichten. Wenn unvergällter Alk für die Forschung gekauft wird, ist diese Steuer fällig. Die Versuchung, daraus richtigen Schnaps herzustellen (etwa Gin, mit Wacholderauszügen), ist gegeben, und früher soll das in Labors auch gang und gäbe gewesen sein.

Systematik/Klassifizierung(en) alkoholhaltiger Getränke

Die grundlegende Unterscheidung ist jene nach Herstellungsart bzw Alkoholgehalt (Stärke):

– Einfache Gärungsprodukte (Bier, Wein, Sekt): Getränke, deren Alkohol lediglich durch alkoholische Gärung entstanden ist

– Destillate/Gebranntes/Spirituosen: Getränke, deren Alkoholgehalt auf die Destillation von Gärungs-Getränken oder vergorenen Maischen zurückgeht. Liköre oder Ansatzgetränke gehören auch hier zu, werden aber manchmal gesondert klassifiziert

Eine andere Einteilung wäre die nach Herkunft/Kulturraum oder nach Aroma/Geschmacksrichtung,..

Bier hat ca 5% Alkohol, Starkbier mehr, es gibt auch alkoholfreies Bier; zum Unterschied ober-/untergäriges hier einiges; dunkles Bier entsteht durch die Verwendung von dunklem Malz

Wein: Weisswein wird aus Traubensaft hergestellt, Rotwein aus Traubenmaische, dem Gemisch aus Saft, Schalen und Kernen; Bei der Gärung kommt es dann auf den Winzer an, welche Geschmacksrichtung/Stärke er dem Wein geben will. Je länger der Wein gärt, desto mehr Zucker wird in Alkohol umgewandelt und desto “trockener“ wird der Wein. Die Länge des Gärprozesses lässt sich etwa durch Schwefelung stoppen. Es gibt also eine Korrelation von Restzuckermenge und Alkoholgehalt, von Geschmack und Stärke. Der Geschmack wird auch vom Tannin-Gehalt bestimmt, der primär von der Trauben-Sorte (Rebsorte) abhängig ist. 16,5 Volumenprozent ist die Grenze beim Alkoholgehalt, wegen der Natur der Gärung

Als Sturm wird noch in Gärung befindlicher neuer Wein bezeichnet (wenig Alkohol). Durch Nachgärung eines weissen Weins (meist durch Zusatz von Zuckersirup hervorgerufen) entsteht Sekt, mit Kohlensäure. Beim Schaumwein wird Kohlensäure dagegen einfach hinzugesetzt. Champagner ist ein Sekt aus der Champagne-Gegend in Frankreich (in der Region Champagne-Ardennes). In der frühen Neuzeit haben Mönche in Südwest-Frankreich zufällig dieses Getränk “entdeckt”, das durch die Weitergärung nach der Abfüllung in Flaschen entstand, durch den Hefesatz darin. Wie auch im Bier beschleunigt Kohlensäure auch hier den Übertritt von Alkohol ins Blut. Die sogenannten Dessertweine werden durch Zugabe von Branntwein zum gärenden Wein erzeugt. Dadurch wird die Gärung abgebrochen, es entstehen süsse Weine. Ursprünglich geschah dies zur “Stabilisierung” des Weines für einen wochenlangen Schiffstransport.

Andere vergorene Fruchtsäfte sind gewissermaßen auch Weine (Obstweine): Apfelwein/Most, Cider (mit Kohlensäure),… Most kann auch unvergorener Fruchtsaft sein, Traubenmost = Traubensaft, Wein vor der Gärung. Aus Palmensaft hergestellter Palmwein, Dattelwein, Met, Kräuterweine sind schon ziemlich ausgefallen. Reiswein und die aus anderen Süssgräsern hergestellten alkoholischen Getränke (Maiswein,…) werden teilweise als Bier angesehen, weil sie aus verzuckerter Stärke hergestellt werden.

Spirituosen enthalten ca 40% Alkohol, Rum aber zB deutlich mehr. Es gibt Weindestillate (Cognac u. a. Weinbrände, Ouzo/Arak/Raki/Pernod, die mit Anis aromatisiert werden), Getreidedestillate (Whiskey,…), Obstdestillate (/-brände, Schnäpse), Destillate aus sonstigen Pflanzen (Wodka wenn aus Kartoffeln, ansonsten aus Getreide; Gin ist ebf aus Kartoffelmaische oder Getreidesud, mit Wacholderbeeren aromatisiert; Rum aus Zuckerrohr/Melasse; Tequila aus Agave; Absinth aus Wermuth und anderen Kräutern;…).

Liköre sind Destillate mit viel Zucker und Aromen (Zusätzen); Inländerrum ist “Ethanol unbekannter Abstammung mit Zusatzstoffen unbekannter Abstammung. Nur zum Kochen, für Alkoholiker im letzten Stadium und für Deutsche verwendbar.”16 “Alkopops” oder “Hyperdrinks” sind Spirituosen gemischt mit süssen Limonaden, die Jugendliche ansprechen (sollen). Der Alkoholgeschmack wird durch die Süße überdeckt, worin eine gewisse Gefahr liegt. Bei Ansatzgetränken wird Ethanol/Weingeist oder ein definierter Brand mit Kräutern, Gewürzen, Zuckersirup, Karamel, Fruchtsirup, Früchten oder Eiern angesetzt.

In alkoholhaltigen Pralinen sind meist Liköre enthalten, oder auch Cognac oder Obstbrände. Cocktails, alkoholische Mischgetränke, sind ab der späten Neuzeit entstanden, enthalten in der Regel mindestens eine Spirituose.

Trinkkulturen

Alkohol ist die Droge des Westens, da die meistbenutzte, meist kultivierteste. Der Alkoholkonsum ist seit jeher fest in der Kultur des Abendlandes verankert, auch das übermäßige Rauschtrinken; vor allem bei festlichen Anlässen. Wenn Slavoj Zizek für das Recht auf Rausch eintritt, meint er da auch andere Mittel ausser Alkohol? Weinbau, -lese, etc wird als normale landwirtschaftliche Tätigkeit gesehen, bei Mohn, Kratom, Hanf,… (die hier aber meist eh nicht wachsen bzw potent werden) ist das anders. Trinken steht einerseits für Geselligkeit, Wohlstand, Belohnung, positive Stimulation, Umgang mit einem Kulturgut; andererseits dafür, ein Laster der unteren Bevölkerungsschichten zu sein, etwas das Elend schafft,…

Fast überall auf der Welt ist Alkoholkonsum mit Feiern verbunden, dient der Festigung (oder aber Knüpfung) sozialer Kontakte, ist oft Teil von Ritualen des Brauchtums. Von Frauen wird oft erwartet, dass sie weniger Alkohol trinken als Männer und einen Rausch nicht in der Öffentlichkeit ausleben17 Einschränkende Regeln zum Alkoholkonsum von Kindern bzw. Jugendlichen sind schon eher gesundheitlich zu argumentieren und sind meist offiziell. Von Frauen bevorzugte Getränke enthalten zT tatsächlich weniger Alkohol.

Bezüglich der westlichen Trinkkulturen wird unterschieden18:

  • Eine germanisch-slawische, nord-östliche Trinkkultur: gekennzeichnet durch sporadische (zB an Wochenenden) exzessive Berauschung, oft zur Schau gestellt (v.a. von Jugend), Trinken von Mahlzeiten abgekoppelt, geringer nutritiver Gebrauch, Alkohol reines Genuss- und Rauschmittel. Oktoberfest, Trinkspiele, Aufnahme mit der Bierrutsche oder über den Tampon (über die Haut), saufende Burschenschafter, das findet man hier.

Es werden hier noch unterschieden: alkoholexzessive Kulturen, in denen Alkoholkonsum und der Rauschzustand als eine Art Norm gilt und überwiegend hochprozentige Alkoholika konsumiert werden, v.a. osteuropäische Länder; Alkoholdeterminierte Kulturen, in denen Alkoholkonsum und Trunkenheit zu gewissen Anlässen, in einem gewissen Rahmen, gebilligt wird, hauptsächlich mitteleuropäische Staaten, hier überwiegt Bier; auch Abstinenzkulturen kommen aus dieser Trinkkultur, v.a. dem protestantischen Bereich (Skandinavien, Grossbritannien,..)

  • Die mediterran-romanische-südliche alkoholpermissive Trinkkultur: hauptsächlich in den Mittelmeerländern Italien, Griechenland, Spanien und Frankreich; Trinken ist Bestandteil des Alltags, ist integriert, auch ohne besonderen Anlass wird Alkohol serviert, er ist in die Mahlzeiten integriert, wird täglich konsumiert, jedoch in kleineren Mengen, ist Alltagsgetränk, Wein wird bevorzugt, es gibt wenig Abstinente, auch weniger Alkoholiker, es gab hier nie bedeutende Abstinenzbewegungen

Es gibt Mischtypen und Übergangszonen, in Frankreich entlang des Nord-Süd-Gefälles; im Süden der USA gibt es vielleicht auch so einen Übergang von einer Trinkkultur in eine andere19. Die Alkohol-“Dichtung” gehört eher zum Norden, wo Alkohol weniger integriert ist und man mehr auf den Rausch hin trinkt. Trink-Lokale wie Bars, Kneipen, Pub, Shebeens, Heurige,… sind auch Bestandteile dieser Trinkkultur; in südlicheren Gegenden trinkt man mit dem Essen zusammen. In den italienischen “Wein-Bars” (Enoteca, Taverna) ist das Essen genau so wichtig wie das Trinken. Und, restriktive Maßnahmen/Verbote werden eigentlich immer im Norden ergriffen, abgesehen von der nicht-europäischen Welt, v.a. der islamischen (aus anderen Gründen). Die Übergänge in der Trinkkultur gibt es auch im deutschsprachigen Raum; in mehrheitlich evangelischen Gebieten in Deutschland und in der Schweiz gibt es viele Gruppen der Anonymen Alkoholiker, kaum aber in deren katholischen Gegenden und in Österreich.20

Guinness-Bier steht nicht umsonst für Irland, Whiskey für Schottland (und Irland), Ouzo und Wein für Griechenland, Wodka für Russland (und Polen,…), Wein für Frankreich, Italien, Spanien (in Frankreich ist ausserdem Pernod, im Süden, und Bier, im Norden, verbreitet), Bier für Deutschland, Tequila für Mexiko, Sake/Reiswein für Japan,… Wenn man genauer hinschaut, ergibt sich teilweise ein anderes Bild: In Polen gilt Wein als Getränk der Mittelschicht, während Wodka und (einheimisches) Bier die Getränke der unteren Schichten sind. Champagner und Sekt gelten fast überall als Getränk für besondere, feierliche Anlässe. Importierte Getränke haben oft einen höheren Status als einheimische.

Was nicht-europäischen Umgang mit Alkohol betrifft: Mancherorts in der nichtweissen Welt kam Alkohol spät und schnell, mit der europäischen Unterwerfung.21. Die Trinkkultur in Lateinamerika steht der südeuropäisch-mediterranen nahe; in Afrika gibt es wohl eine “Spaltung” zwischen moslemischen und christlichen Gebieten, aber auch nach anderen Faktoren.

Was den islamischen Kernraum betrifft, die Länder in West-Asien und Nord-Afrika, im Abschnitt über die Verbotsgeschichte folgt noch einiges dazu. Die Bezeichnung für den Alkohol stammt aus dem Arabischen und die Destillation wurde (wahrscheinlich) dort entwickelt – und Alkohol ist heute in der islamischen Welt vielfach verboten. Es gibt alkoholprohibitive Länder mit Verboten, wie Saudi-Arabien oder Iran seit der letzten Revolution, und alkoholexeptionelle, wo Alkohol grundsätzlich erlaubt ist, aber (in der Regel) nur bei definierten, seltenen Anlässen in begrenzten Mengen getrunken wird, wie Ägypten oder Syrien. Die Türkei ist teilweise der mediterranen Kultur zuzurechnen, auch so ein Übergang… Auch die islamische Diaspora ist diesbezüglich gespalten.

Süd- und Ostasien ist weitgehend alkohol-exeptionell; dabei soll ein genetischer Zusammenhang von Bedeutung sein: Einem Teil der Asiaten (sowie den aus Nordost-Asien stammenden “Indianern” Amerikas) fehlt ein bestimmtes Enzym für den vollständigen Abbau von Alkohol; den Betreffenden wird schon nach dem Konsum kleinerer Mengen schlecht, weil ein giftiges Zwischenprodukt (Aldehyd) nicht umgesetzt werden kann.

Rausch und Sucht

Wenn der Alkohol ins Blut übertritt, beginnt die Wirkung, der Rausch, der Genuss. Was Menschen seit der Entdeckung der Gärung vor Jahrtausenden am Alkoholkonsum schätzen, ist die bald einsetzende Veränderung des Gemütszustands, v.a. die euphorisierende Wirkung, einhergehend mit körperlichen Veränderungen. Für bestimmte Sorten Trinker ist die Wieder-Aufnahme des Alkohols wie der “Flash” bei Heroinsüchtigen nach der Spritze, eine “Umarmung eines Bären in einer kalten Nacht”, die alles von schlecht auf gut ändert. Und Probleme verdrängt.22. Genau auf diese quasi-opioide Wirkung sind viele Trinker aus. Manche sind eher auf andere Wirkungen aus, die enthemmende (etwa beim Feiern), die entspannende (nach Feierabend, als Abstresshilfe), die (körperlich) betäubende, die bewusstseinstrübende.

Ein leichter Schwips steht am Anfang der Rausch-Skala, irgendwann kommt ein Vollrausch mit folgenden Kater, dann eine leichte Alkoholvergiftung, bei rund 5 Promille Alkohol im Blut tritt der Tod ein. Erbrechen ist ein Wehrmechanismus des Körpers auf zu viel Alkohol. Wirkungen wie herabgesetzte Konzentrationsfähigkeit, Tunnelblick, langsamere Reaktionszeit sind verantwortlich für Verkehrsunfällen unter Alkoholkonsum. Aggression gegen Andere (etwa Gewalttaten in der Familie) oder gegen sich23 sind häufig. An Kombinationen/Mischkonsum sind v.a. jene mit Opiaten sowie Sedativa (Beruhigungsmittel, “Downer”) gefährlich.

Mit dem Konsum grösseren Mengen stellt sich bekanntlich Toleranz ein, beginnt der Übergang vom risikoarmen zum schädlichen Alkoholkonsum – chronischer Konsum, Alkoholabhängigkeit/Alkoholismus. Wie bei anderen Drogen ist es auch beim Alkohol so, dass man ihn zuerst wegen der Wirkung nimmt und dann nehmen muss. Die Grenze zwischen normalem/sozialem Trinken und Alkoholismus (Sucht) wird von Betroffenen gerne verwischt, verschleiert. Zu den bestehenden Problemen kommen weitere hinzu: Diverse körperliche und seelische Langzeitwirkungen und Schäden. Besonders Leber, Pankreas, andere Verdauungsorgane, und Blutgefässe (> Schnapsnase,…) werden betroffen. Auch nehmen Alkoholiker einen Teil ihrer Nahrung durch die Kalorien ihrer Drinks auf, dadurch können sie leicht einen Vitaminmangelzustand bekommen; andererseits ist auch Gewichtzunahme oft Folge von starkem Trinken. Wenn Alkohol schlechter Qualität konsumiert wird, sind noch schlimmere gesundheitliche Folgen zu erwarten.

Etwa 1 von 5 Alkoholikern kommt von der Sucht los, heisst es. Früher gab es bei schweren Trinkern mehr Verwahrung als Heilung/Begleitung. Im 18./19. Jh wurde übermäßiger Alkoholkonsum erstmals als Krankheit gesehen (auch als Ursache für gesellschaftliche Fehlentwicklungen), es gab die ersten Bücher, Untersuchungen darüber. Elvin Jellinek machte 5 Typen von Trinkern aus, zB den  Spiegeltrinker. Die Anonymen Alkoholiker wurden 1935 in der USA gegründet, 1982 eröffnete die Betty Ford-Entzugs-Klinik in Kalifornien. Das Anton-Proksch-Institut in Wien (Kalksburg) gibts seit den 1950ern.

Nicht allen Alkoholikern geht es so
Nicht allen Alkoholikern geht es so

Zu den Medikamenten, die in der Entzugs-Therapie eingesetzt werden, gehören: Disulfiram (Markenname “Antabus”), das gleich nach dem Alkoholkonsum unangenehme Symptome wie Übelkeit hervor ruft, diesen verleiden soll; Baclofen soll den Drang zum Alkoholkonsum unterdrücken (siehe Link unten); Naltrexon (“Revia” u.a.), zur Reduktion des Rückfallrisikos, Unterstützung der Abstinenz und Minderung des Verlangens nach Alkohol (Craving); Ibogain ist ein natürliches Mittel beim Alkoholentzug, auch zur Kontrolle des Suchtverhaltens; gegen leichtere Entzugserscheinungen werden Chlordiazepoxid (“Librium”) oder Oxazepam (“Praxiten”) gegeben; Clomethiazol (“Distraneurin”) gegen die schwere Entzugserscheinung Delirium Tremens.

Der ehemalige Drogenbeauftragte der britischen Regierung, David Nutt, hat den Alkohol unter allen Suchtmitteln, was die Gefährlichkeit für die Gesellschaft angeht, an erste Stelle gereiht. Aufgrund der Legalität und Akzeptanz des Alkohols in den meisten Ländern gibt es viel mehr Alkoholiker als Junkies anderer Drogen. Nutt wurde 2009 gefeuert, nachdem er in einer Studie die Meinung vertreten hatte, dass Drogen wie Cannabis, Ecstasy und LSD weniger gefährlich seien als die legalen Suchtmittel Alkohol und Tabak. Nur Heroin, Kokain, Barbiturate und Methadon sind laut ihm gefährlicher für Individuen als Alkohol. Nutt arbeitet zur Zeit an einem Alkohol-Substitut auf Benzodiazepin-Basis.

Verbotsgeschichte

Alkohol wurde im aussereuropäischen Raum und in Ländern der nördlichen Trinkkultur immer wieder verboten. Natürlich betrifft ein Alk-Verbot auch den mäßigen Konsums, wird das Kind mit dem Bad ausgeschüttet. Aber Gesundheit ist oft gar nicht so entscheidend dabei. Verteufelung des Alkohols geht oft mit einer Verteufelung des Rausches (bzw des Lustprinzips) an sich einher; im islamischen Raum oft mit einer Verteufelung des westlichen. Oft geht es beim Umgang mit einer Droge nicht um ihre tatsächlichen Eigenschaften, sondern ihr zugeschriebene. Verbote von Drogen wie Alkohol haben auch viel mit sozialer Kontrolle zu tun. Die Besteuerung ist ein staatlicher Versuch der Einschränkung des Konsums aber auch des Mitschneidens.

Das Osmanische Reich war das wichtigste/grösste islamische Reich der Neuzeit. Trotz des islamischen Alkoholverbots wurde Alkohol auch in der herrschenden Klasse dieses Reichs konsumiert24, in Teilen der Bevölkerung ohnehin (von Christen wie Moslems), vorwiegend Wein. Im 17. Jh wurde eine Art Alkohol-Steuer im Osmanischen Reich eingeführt, die Müskirat resmi. Diese betraf Nicht-Moslems, also hauptsächlich Christen; für Moslems war Alkohol ja “eigentlich” tabu.

Osmanische Behörden gingen gelegentlich hart gegen Handel und Ausschank vor. Das, obwohl Soldaten, v.a. Janitscharen, in den Tavernen stark vertreten waren. Da ging es hauptsächlich um die Demonstration von Frömmigkeit. Unter Sultan Murad IV. (1623-1640) ging es um die Wiederherstellung von Kontrolle in einer turbulenten Zeit, im Zuge dessen verbot er Alkohol, Tabak, Kaffee – obwohl er selbst ein Trinker war. Auch unter Sultan Abdul-Hamid II. (1876-1909) war Vorgehen gegen Alkohol Teil einer grösseren politischen Kampagne zur Aufrechterhaltung der Macht; hier gings auch um den (sunnitischen) Islam als Klammer, um diverse Bevölkerungsteile zusammen zu halten.

Persien/Iran, das in der frühen Neuzeit unter der Safawiden-Dynastie wieder neu “erstand” (als unabhängiges Reich), hat eine lange Weintradition, die Anbaugebiete waren v.a. in Fars (Südwesten; Schiraz-Rebe) und Aserbeidschan (Nordwesten). Unter den Safawiden gabs nur unter Schah Sultan Hossein (17./18. Jh) ein richtiges Verbot des Alkohols, ansonsten höchstens eine “Verdrängung” ins Private. Unter den Kadscharen war es ähnlich; unter den Pahlevis gewann Alkohol an Akzeptanz (s.u.), im Rahmen einer allgemeinen Verwestlichung, auf Kosten von Opium.

Was Europa und seine Ableger betrifft, Luther war schon kritisch gegenüber dem Alkohol. Im 19. Jh entstanden (meist “christlich” motivierte) Abstinenz-/Prohibitionsbewegungen im Westen, etwa in Skandinavien. Im frühen 20. Jh kamen dort diverse Verbote und Beschränkungen, etwa in Finnland, für einige Jahre. Dieses wurde mit Schmuggel aus Estland (das in der Zwischenkriegszeit unabhängig war) zu umgehen versucht.25 Beschränkungen und hohe Steuern für Alkohol blieben in den skandinavischen Staaten, am wenigsten noch in Dänemark. In Island war 1915 ein Alkohol-Verbot erlassen worden, nach einigen Jahren wurden aber aus verschiedenen Gründen Wein und Spirituosen davon ausgenommen, so dass nur Bier (mit mehr als 2,25% Alkohol) verboten blieb, was so begründet wurde dass es billiger sei und zu mehr Trinkerei verführe. Am “Bier-Tag” 1989 wurde Bier nach 74 Jahren wieder zugelassen.

Absinth wurde Anfang des 20. Jh in vielen Ländern verboten, nach einem Mord in der Schweiz 1905 (eines Alkoholikers, der meistens Wein trank). Der im 18. Jh in der Schweiz entstandene Kräuterschnaps galt als Heilmittel u. a. für Verdauungsbeschwerden, war im 19. Jh ein Getränk der französischen Soldaten in Algerien, wurde von Heimkehrern in Frankreich populär gemacht, war das Getränk von Künstlern wie Henri de Toulouse-Lautrec. Seine Gegner, darunter Emile Zola, glaubten an spezifische Schäden durch Absinth (am ehesten durch Thujone hervor gerufen), taten sich mit Weinproduzenten zusammen…26

In Australien und Canada ab es Ende des 19./Anfang des 20. Jh zeitweise regionale Verbote, Neuseeland war knapp an einem landesweiten Verbot dran. In Russland/Sowjetunion galt 1914-25 eine Beschränkung. In Nord-Amerika gab es (in der kolonialen Phase und der frühen der Unabhängigkeit von USA und Canada) Ausschankverbote für afrikanische Sklaven und Indianer, wobei v.a. zweitere gleichzeitig mit Alkohol überschwemmt wurden (sie sollten ihn nur nicht in “weissen” Lokalen konsumieren). In der USA, einem der grössten Trinker-Länder, entstand im bzw aus dem puritanisch-pietistischen Protestantismus auch eine Alkohol-Verbots-Bewegung, organisiert in der Anti-Saloon League, der Prohibition Party oder der Woman’s Christian Temperance Union.

Die Prohibitions-Bewegung war im Süden und im ruralen Norden am stärksten. In der Diskussion kamen viele ethnische Vorbehalte auf, gegen diverse Einwanderer, und ihre (vermeintliche) Trinkkultur. Die Bewegung kam zu ihren Triumphen. Nachdem in einigen Bundesstaaten ein Alkohol-Verbot erlassen wurde, kam während des 1. Weltkriegs ein landesweites für den Kriegszustand. 1919 wurde dies auf Friedenszeiten ausgeweitet (mit dem “Volstead Act”), 1920 in die Verfassung aufgenommen, durch den 18. Zusatz. Die Alkoholindustrie stellte sich durch die Prohibition zwar (zwangsläufig) um; Budweiser etwa begann mit der Herstellung nicht-alkoholischer Getränke. Aber, das Verbot wurde in grossem Maß umgangen, auf verschiedenen Wegen.

Messwein und technischer Alkohol durften bleiben, wurden zT zweckentfremdet, das stillte aber nur einen kleinen Teil der Nachfrage. Fruchtsäfte haben einen geringen Alkohol-Gehalt, bei der Eigenherstellung wurden sie nun gern “etwas” der Gärung überlassen. Vor allem aber gab es Schwarzbrennerei (illegale Destillerien, moonshine distilleries) sowie Schmuggel (bootlegging) aus Kanada und Mexiko. Dieser Schwarzmarkt, der auch den Verkauf und Ausschank in illegalen Kneipen (Speakeasies) mit einschloss, wurde durch Syndikate organisiert; hauptsächlich italienische (Mafia,…), aber auch jüdische (“Kosher Nostra”) oder irische.

Zur Überwachung des Verbots war das “Bureau of Prohibition” geschaffen worden, das dem Finanzministerium, später dem Justizministerium, unterstand. Die Agenten des Bureau waren sehr oft korrupt, viele sollen auch konfiszierten Alkohol selbst getrunken haben. Unbeliebt in der Bevölkerung waren sie weniger deshalb, sondern wegen ihrem “Daseinszweck” (dem Vorgehen gegen Alkohol) und den Rechten, die sie dabei hatten. In Chicago leitete Elliot Ness 1927-33 das Prohibition Bureau, suchte unbestechliche Mitarbeiter aus, war hinter “Al” Capone her, der von der anderen Seite wegen Steuerhinterziehung vom IRS “gejagt” wurde, nur deshalb schliesslich verurteilt wurde. Zu einer gewissen Bekanntheit schaffte es auch ein Einstein vom Prohibitionsbüro in New York. Im Süden der USA soll der Ku Klux Klan der Einhaltung der Prohibition geholfen haben.

Das “Experiment” des Alkoholverbots verlor Jahr für Jahr an Unterstützung. Sogar Staatspräsident Hoover soll die Prohibition von Alkohol umgangen haben, gerne Gin getrunken haben. Eine der Folgen der Prohibition war, dass harte Getränke (Spirituosen) an Boden gewannen, da diese den Schwarzmarkt beherrschten, dabei sollte das Verbot gerade sie treffen. Dann gab es viele Tote und Kranke durch Methanolvergiftungen, durch Destillationen die Fuselöle enthielten, ein Nebenprodukt, das eigentlich verworfen gehört. Und, während es Konfiszierungen gab, Verhaftungen und Verurteilungen von Konsumenten, Händlern, Wirten, blühte eine viel schlimmere Kriminalität, erwirtschaftete die Mafia hohe Gewinne, gab es v.a. bei Schiessereien von Verbrechersyndikaten untereinander viele Tote.27

Der Verlust von Steuereinnahmen, der während der Weltwirtschaftskrise ab 1929 besonders schwer wog, kam auch hinzu. 1933 wurde die Prohibition beendet28 hob der Kongress den 18. Verfassungs-Zusatz wieder auf, durch den 21. Zusatz. Als Präsident Franklin Roosevelt das Gesetz unterzeichnete, sagte er “I think this would be a good time for a beer.” Die Alk-Gesetzgebung wurde wieder an Bundesstaaten übertragen, diese ratifizierten die Rücknahme dann.29 Das Bureau of Prohibition wurde zunächst ins FBI absorbiert, als dessen “Alcohol Beverage Unit”. Da aber die einzigen Bundesgesetze Alkohol betreffend die über seine Besteuerung waren, gingen die Reste des Bureaus ans Finanzministerium, als “Alcohol Tax Unit”. Schliesslich wurde daraus das “Bureau of Alcohol, Tobacco, and Firearms” (ATF).

Die Prohibitions-Bewegung machte weiter, ist heute im “American Council on Alcohol Problems” organisiert. In manchen Bundesstaaten gibt es “trockene” Counties, in denen Herstellung, Verkauf, Bewerbung, Konsum von Alkohol eingeschränkt sind.

In der NS-Zeit gab es das “Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, das neben “Erbkranken” auch “schwere Alkoholiker” betraf, die unfruchtbar gemacht wurden.30 In der Sowjetunion gab es ab 1958, 1972 und 1985 Anti-Alkohol-Kampagnen. Die dritte, unter Gorbachov, 1985–87, umfasste Preis-Erhöhungen für Bier, Wein, Wodka und Einschränkungen beim Verkauf. Ausserdem wurden Leute, die betrunken in der Arbeit oder in der Öffentlichkeit erwischt wurden, angeklagt. Auch hier wanderten Alkohol-Einnahmen vom Staat an den Schwarzmarkt.

Alkoholverbote sind heute v.a. im islamischen Raum in Kraft. In Saudi-Arabien sehr strikt und durchgehend, allgemein im Raum des Golfs bzw der Halbinsel, dem eigentlichen Arabien. Zum Iran unten. Die islamischen Länder in denen kein Alkohol-Verbot herrscht (zB Ägypten, Syrien, Marokko, Oman, Irak, Algerien, Indonesien, Algerien, Jordanien, Aserbeidschan,..), sind aber in der Mehrheit.

Erst nachdem aus den Resten des Osmanischen Reichs die Türkei geworden war, wurde Moslems dort offiziell das Alkohol-Trinken erlaubt, 1926. Es wurde Teil des Verständnisses von Modernität – wie im Iran in dieser Zeit. Besonders Raki wurde Teil türkischer Kultur. In Teilen des Landes wurde diese Modernität nicht mit-getragen, jene (religiösen) Teile die jahrzehntelang “abseits standen”, abseits von der Macht. Mustafa K. Atatürk war selbst ein starker Trinker (Raki), starb auch an einer Leberzirrhose. Unter AKP-Regierungen wurden in den letzten Jahren Einschränkungen der Werbung für Alkohol-Getränke erlassen, ausserdem die Steuer dafür erhöht.

Im Iran war unter dem letztem Schah die Freiheit der Wahl gegeben; oft waren Armenier in Herstellung und Handel von Alkohol involviert. Dann die Revolution von 1979 und ihre Übernahme durch Islamisten. Philipp W. Fabry schildert in „Zwischen Schah und Ayatollah. Ein Deutscher im Spannungsfeld der Iranischen Revolution“ (1983) einiges aus diesem Übergang, auch bezüglich Alkohol: Im Hilton- und im Intercontinental-Hotel wurden Alkoholvorräte von “Komitees” vernichtet (zusammengeschossen, zerschlagen). Auch Spirituosengeschäfte und Brauereien waren Zerstörungswut ausgesetzt. Alkoholiker saßen oft plötzlich am Trockenen, hatten die Wahl zwischen Rosskuren oder Draufgehen. “Manch einer versuchte, seine Entzugserscheinungen durch schwarz gebrannten Wodka zu lindern, doch der Methylalkohol liess ihn erblinden, andere bezahlten den ‘Genuss’ dieses Fusels gar mit dem Leben.”

In anderen islamischen Staaten gab es nicht so einen abrupten Bruch (einer, der auch den gesamt-gesellschaftlichen widerspiegelte), sondern lange Traditionen entweder der Tolerierung oder des Verbots. Unter dem Ajatollah kehrten im Iran Manche oft zunächst “zurück” zum Opium. Auf dem Schwarzmarkt ist Alkohol auch in der Islamischen Republik erhältlich und jene Beamten, die das Alkohol-Verbot kontrollieren, sind oft bestechlich.31 Bei privaten Parties wird oft exzessiv getrunken. Alkohol wurde durch das Verbot teurer, es gibt teilweise Dosierungsrisiken, Lebensmittelunsicherheit – Umstände, die Drogenverbote mit sich bringen. Die Shirazi-Reben werden heute vorwiegend in Australien angebaut. Auch hier zeigt sich, dass der Islam in vielen Ländern dieser Region über ältere Kulturen “gelegt” wurde.

In Pakistan war Alkohol von der Staatsgründung 1947 bis 1977 legal, als Premier Z. A. Bhutto kurz vor seinem Sturz das änderte; seither ist er nur für Nicht-Moslems, in bestimmten Mengen, von einer heimischen Brauerei, legal. Gandhi war gegen Alkohol eingestellt. In Indien ist Prohibition den Bundesstaaten freigestellt, manche mach(t)en davon Gebrauch. Etwa Morarji Desai (Janata Party, früher INC) als Chefminister im damaligen Bombay State in den 1950ern; als er 1977 Premier wurde, wollte er ein landesweites Verbot durchsetzen, was ihm aber nicht gelang. In einigen Ländern, zB Thailand, ist Alkoholverkauf/-konsum an religiösen Feiertagen und/oder Wahltagen illegal.

Berühmte Konsumenten & Opfer

Boris Jelzin war so etwas wie der typische russische Trinker (Wodka), er hat viele betrunkene Auftritte als Präsident zu Buche stehen (http://www.youtube.com/watch?v=v9YnDirqwT4), ist auch in Folge seines Alkohol-Konsums gestorben, sein Herzleiden wurde dadurch zumindest verschlimmert.

“Jimi” Hendrix starb indirekt an einer Kombination aus Wein und Schlaftabletten, erstickte an seinem Erbrochenen. John Bonham von der britischen Rockgruppe Led Zeppelin war einer Jener, die im Alkoholrauschschlaf an ihrem Erbrochenen erstickten

Der schwedische Eishockey-Tormann „Pelle“ Lindbergh starb, 1985, durch einen Autounfall infolge Alkoholkonsums, wie zB auch der amerikanische Stuntman/Schauspieler Ryan Dunn

Der Schauspieler Cory Monteith war einer Jener, denen die Kombination Alkohol und Heroin zum Verhängnis wurde

Amy Winehouse trank sich zu Tode, starb letztlich an einer Alkoholvergiftung; bei Gerhard Höllerich war die Alkoholvergiftung vielleicht eine Art Selbstmord, wegen seiner Herzkrankheit

“Billie Holliday” (Elenora Fagan) nahm zwar hauptsächlich Heroin, starb aber an einer Leberzirrhose

Stephen Marriott von den “Small Faces” starb 1991 durch einen selbstverschuldeten Schwelbrand in seinem Haus in GB; er war aus der USA rüber geflogen, hatte dafür Valium genommen, während und nach dem Flug auch einiges getrunken; und schlief mit einer brennenden Zigarette ein.

Gerry Rafferty’s Alkoholismus führte zu seinem Tod durch Leber- und Nierenversagen

Der amerikanische Senator Joseph McCarthy dürfte an einer Trinker-Krankheit gestorben sein, 1957, im Alter von 49, er soll auch Morphinist gewesen sein, um vom Heroin loszukommen; McCarthy hatte ein Naheverhältnis zum Drogenjäger Harry Anslinger

Gestorben am Alkohol sind auch: Larry Hagman (das Trinken hatte er mit seiner wichtigsten Figur J. R. Ewing gemein, ansonsten unterschied er sich grundlegend von diesem, er unterstützte die Peace and Freedom Party und rauchte auch Marijuana)32, Vladimir Vysotskij (sowjet-russischer Künstler, nahm neben Alkohol auch Amphetamine uA), George Best, Henri de Toulouse-Lautrec, Richard Burton, Jack Kerouac, John Cassavetes, “Garrincha”, Christopher Hitchens, Modest Mussorgsgy, Harald Juhnke, Patrick Swayze (war Trinker und Raucher), Truman Capote, Dylan Thomas, “Hank” Williams, Branko Zebec, Errol Flynn, Mickey Mantle, Chögyam Trungpa (tibetischer buddhistischer Geistlicher), „Rio Reiser“, Frank Giering Werner Schwab,…

Winston Churchill („I have taken more out of alcohol than alcohol has taken out of me“), Vincent van Gogh (Absinth), “Lemmy” Kilmister (nahm reichlich Whiskey, gemischt mit Cola, zu sich, neben “Speed” und Anderem), Franz Josef Strauss (angeblich Champagner), James Joyce, “Romy Schneider” (Alkohol und Tabletten), Ernest Hemingway, Elizabeth Taylor, Robin Williams, Leopold Gratz, Orson Welles, Jeffrey Dahmer, Edgar Degas waren auch Sklave der Flasche bzw des Mittels, sind aber nicht daran gestorben

Den “Kampf” mit dem Alkohol bestreiten z Zt (oder haben gewonnen) Paul Gascoigne, Gerard Depardieu, David Hasselhoff, Brigitte Nielsen, George W. Bush, “Ozzy” Osbourne, Mel Gibson, Helmut (Stein)berger, „Johnny“ Depp, Wolfgang Ambros (u.a. Tequila), Matti Nykänen, Kurt Krenn, Walter Mayer, Udo Lindenberg, Katrin Sass, Stephen King, Hermann Nitsch, John Daly, Klaus Eberhartinger33, Sara Netanyahu,…

Künstlerische Referenzen 

“Leaving Las Vegas” (1995) ist wohl der ultimative Alkoholiker-Film.

“Ich weiss nicht, ob ich zu trinken begann, weil mich meine Frau verliess oder ob mich meine Frau verliess weil ich zu trinken begann”

, sagt der Protagonist irgendwann. Nachdem er seinen Job, wegen Alkohol, verloren hat, fährt er nach Las Vegas, um sich zu Tode zu trinken, wobei ihm eine Prostituierte Gesellschaft leistet. Manche Alkoholiker bekommen Probleme erst durchs Trinken, andere trinken weil sie schon Probleme haben; der Teufelskreis von Problemen und Trinken.34 Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von John O’Brien, der durch einen “echten” Selbstmord endete (er erschoss sich), der Roman war eine Art Abschiedsbrief.

Eine wichtige Rolle spielt der Alkohol(ismus) auch in diesen Filmen: “The Lost Weekend” (“Das verlorene Wochenende”, 1945, Ray Milland), “The Days of Wine and Roses” (1962, Jack Lemmon und Lee Remick), “The Morning After”, “The Rum Diary” (nach Hunter Thompson) “Wer hat Angst vor Virginia Woolf?” (verfilmtes Theaterstück, wie “Tage des Weins und der Rosen”), “Crazy Heart” (Jeff Bridges als Country-Musiker), “Cocktail” (Tom Cruise, nur die positive Seite des Alkohols gezeigt darin), “Bright Lights, Big City” (1988, Kokain und Alkohol), “Shining”, “Bad Santa”, “Afonya”, “Under the Volcano”, “Oldboy” (2013),… und natürlich die James Bond-Filme mit den Martinis; In der TV-Serie “Falcon Crest” gings um eine Winzer-Familie in Kalifornien; Mitte der 1960er verschob sich der Focus der im Film behandelten Drogen von Alkohol zu Drogen-Gebrauch und -Handel; In “Platoon” sagt der von “Tom Berenger” dargestellte Charakter, aus einer Whiskey-Flasche trinkend, zu den Opium und Haschisch rauchenden Kollegen: “Ihr müsst der Wirklichkeit entfliehen, ich bin die Wirklichkeit”

Die eigene Alkohol-Sucht literarisch verarbeitet haben “Jack London” (“König Alkohol”, 1913), Capote, Norman Mailer, Hemingway, Tennessee Williams, William Faulkner, Eugene O’Neill (zB in “Long Day’s Journey Into Night”, wurde auch verfilmt), Charles Bukowski (schrieb auch das quasi-autobiografische Drehbuch für den Film “Barfly”), die zT auch anderes nahmen. Der rebellische Südtiroler Dichter Norbert Kaser (wurde Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens, PCI, und trat aus der katholischen Kirche aus) arbeitete zeitweise als Lehrer, war besonders in den letzten Jahren seines Lebens (ab Anfang/Mitte 1970er) schwer alkoholsüchtig, hatte diverse Heilaufenthalte. Im August 1978 starb er im Krankenhaus von Bruneck an den Folgen einer Leberzirrhose. Sein letztes Gedicht “ich krieg ein kind” beschreibt den Verfall seines Körpers kurz vor dem Tod (Ascites). In “Fledermausmann” von Jo Nesbo gehts auch um Alkohol.

Ozzy Osbourne nahm 1980 (solo) den Song “Suicide Solution” auf, in dem es um Alkoholmissbrauch geht; 1984 brachte sich ein Amerikaner dazu um, seine Eltern klagten den Musiker. Commander Cody and His Lost Planet Airmen brachten 1971 “Lost in the Ozone” (“One drink of wine, two drinks of gin…And I’m lost in the ozone again…”) heraus. Auch der “Alabama Song” (Doors), “Bloody Mary Morning” (Willie Nelson), “Eisgekühlter Bommerlunder” (Tote Hosen), “Red Red Wine” (u.a. UB40), “Sippin’ on Bacardi Rum” (Groove Connection), “Whiskey in the Jar” (irisches Volkslied, ua von “Dubliners” aufgenommen), “Tequila Sunrise” (Eagles), “Drunken Sailor” (Seefahrer-Lied wahrscheinlich irischer Herkunft), “Schiffn” (und andere von Alkbottle) und “Alkohol” von H. Grönemeyer handeln vom Trinken.

Weiterlesen

Über den Alkohol-Stoffwechsel im Körper

Geschichte des Alkohols von der Antike bis fast in die Gegenwart

C. Rätsch über das frühe Bier der Germanen/Deutschen

Geschichte des Alkohols

Liste alkoholischer Getränke (Englisch)

Rund um das Bier

Über Baclofen

Anthroposophische Sicht

Über Absinth

Rod Phillips: Alcohol: A History (2014)

Jack S. Blocker, David M. Fahey, Ian R. Tyrrell: Alcohol and Temperance in Modern History: An International Encyclopedia (2003)

Scott C. Martin: The SAGE Encyclopedia of Alcohol: Social, Cultural, and Historical Perspectives (2015)

Bert Fragner, Ralph Kauz, Florian Schwarz (Hg.): Wine Culture in Iran and Beyond (Osterreichische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse, Veröffentlichungen zur Iranistik Nr.75)

“Bacchante”, Kathleen Ryan, Theseustempel Wien 2017. Die Skulptur soll Trauben darstellen und an Bacchus/Dionysos “erinnern”

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Solche Gesöffe werden zB “Pruno” genannt. Beim Hineinschmuggeln in Gefängnisse sind alkoholische Getränke wiederum im Nachteil gegenüber den meisten anderen Drogen. Eine Anleitung zur Herstellung von Gefängniswein: https://www.youtube.com/watch?v=OWo25-_oEw8
  2. Bereits erschienen: Opium, Heroin, Kratom, Kokain, Morphium, fiktive
  3. Schon damals bildeten sich die Trinkkulturen heraus, südlich der Alpen wurde lieber Wein getrunken, nördlich davon Bier
  4. Das Bier der alten Ägypter, Sumerer oder Inka enthielt auch gelegentlich Cannabis, Opium oder Coca
  5. Das bekannteste der Reinheitsgebote im deutschen Raum, jenes in Bayern, kam erst am Übergang von Mittelalter zur Neuzeit
  6. Die Abbasiden noch am ehesten, aber unter ihnen dürfte es starke Trinker gegeben haben
  7. Der Alchemist und Mediziner “Paracelsus” hat die Bezeichnung “Alkohol” im deutschen Raum mit eingeführt, davor war meist von “Weingeist” die Rede. Paracelsus dürfte selbst ein Alkohol-Problem gehabt haben
  8. Persien/Iran hatte fast 1000 Jahre lang, zwischen Sasaniden und Safawiden, keine Unabhängigkeit
  9. Weinbrand entsteht durch Destillation von Wein, ist eine bestimmte Form von Branntwein
  10. Die Destillation zu hochprozentigem Alkohol (die allerdings vom Orient ausgegangen sein dürfte) stand am Anfang einer Entwicklung der Drogen im Westen, die eine globale wurde, und die die allgemeine Entwicklung widerspiegelte: Entwicklung stärkerer und konzentrierterer Mittel, durch chemische und technische Fortschritte; später Säkularisierung (Berauschung nicht mehr in Rituale eingebettet) und Kommerzialisierung (die auch Verbote harmloserer Mittel aus wirtschaftlichen Gründen und die Verbreitung gefährlicherer umfasste)
  11. In Tarantinos Film “Deathproof” wird der von Kurt Russell dargestellte Psychopath am Ende von den Frauen die er drangsalierte, angeschossen, verwandelt sich in ein Weinbaby, und greift zu einer Flasche Whiskey (Uisce) im Handschuhfach, versucht seine Schmerzen damit zu stillen (mit oraler Anwendung), schüttet ihn auch auf seine Wunde am Oberarm, zur Desinfizierung, was bei den ca 40% Alkohol, die ein Whiskey enthält, sinnlos ist. http://www.youtube.com/watch?v=hkR8oeIBAz4
  12. Als solches ist Alkohol schlecht geeignet, da schlecht steuerbar, u.a. weil die Toxizität rascher eintreten kann als die Analgesie
  13. Siehe etwa http://www.youtube.com/watch?v=M1vc3Ut5mvs
  14. Die antiseptische Wirkung des Alkohols in Kombination mit der Säure von Bier und Wein tötet Mikroben in verschmutztem Wasser ab. In weiten Teilen Ostasiens dagegen gab es die Tradition, das Wasser zum Trinken abzukochen, gewöhnlich um Tee zu bereiten
  15. Agraralkohol (etwa Wein oder Apfelmost) wird in der Nahrungsmittel-Industrie etwa für die Herstellung von Essig verwendet
  16. http://www.chemryb.at/chemie2/sauerstoffv/alk_getraenke.htm
  17. Man denke etwa an den Song “Ich lieb dich überhaupt nicht mehr”, den Unterschied in der Version von Udo Lindenberg und der von Nena (die Zeile “Wenn ich manchmal nachts nicht schlafen kann, geh’ ich in die Kneipe und sauf’ mir einen an” singt sie “geh’ ich in die Kneipe von nebenan
  18. Etwa bei Thomas Hengartner: Genussmittel. Eine Kulturgeschichte (2001)
  19. Und nachdem sie ein Einwanderungsland ist, auch in nördlichen Gebieten südliche Trinkkultur, man denke an die Italo-Amerikaner
  20. Dort trinkt man anders oder geht anders damit um
  21. Was die “Indianer” Nord-Amerikas betrifft, sie kannten anscheinend im Gegensatz zu jenen in Mittel- und Südamerika die Gärung nicht. Ob sie die Bezeichnung “Feuerwasser” für Alkohol tatsächlich benutzten, ist umstritten. Alkoholismus wurde ein grosses Problem für sie, nicht zuletzt in den Reservaten
  22. Wilhelm Busch in „Fromme Helene“: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“
  23. Die Zerstörung der eigenen Gesundheit ist auch ein Akt der Autoaggression, ein zT bewusster
  24. Wie in vielen islamischen Reichen durch die Jahrhunderte
  25. Nachdem Estland mit dem Ende der Sowjetunion wieder unabhängig wurde, wurde diese Option wieder aktuell. Aus Schweden fährt man vorzugsweise nach Dänemark
  26. Über die Verbote des Absinth, sein “Leben” im Untergrund, und die Wiederzulassungen, könnte man einen eigenen, feinen, kleinen Artikel schreiben; oder über den Uhudler
  27. Eine andere Folge der Prohibition war, dass neue Cocktails kreiert wurden, um den Geschmack von schlechtem Alkohol zu “überdecken”
  28. Bald danach ging auch die Weltwirtschaftskrise zu Ende
  29. Roosevelts Unterzeichnung war zwischen der Verabschiedung durch den Kongress und der Ratifizierung der Parlamente der Bundesstaaten, die Aufhebung hätte also noch scheitern können
  30. Siehe http://www.alk-info.com/index.php/reportagen-hm/367-alkoholiker-im-dritten-reich-alkohol-und-nazis-euthanasie-kz-konzentrationslager . Wenn man an die Hinterräume kleiner Bierlokale in München denkt, in denen die NSDAP und ihre Vorgängerpartei ihre ersten Anhänger fanden, oder die Biotope von Neo-Nazis… Der Nationalsozialismus und Drogen, das ist ein Kapitel für sich. Soldaten wurden Aufputschmittel gegeben für den “Blitzkrieg”, auch einige NS-Führer nahmen “Speed”; darum wird es hier ein ander Mal gehen
  31. Wie jene, die die Prohibition in der USA kontrollierten
  32. Marion Morrison (“John Wayne”) etwa war dagegen ein Typ wie die Charaktere, die er darstellte
  33. In seiner Autobiografie brüstet er sich seines Alkoholkonsums u.a. als Skilehrer und beim Autofahren (“Auge zuhalten half gegen doppelt sehen”, “Wir haben gesoffen wie die Bären”), beschuldigt gleichzeitig seine Ex-Partnerin, getrunken zu haben, daher habe er sie verlassen
  34. Nach Homer Simpson ist C2H5OH die Lösung aller Lebens-Probleme, wie auch die Ursache aller Probleme

Heroin

Das Morphin wurde fast ein Jahrhundert vor der Entwicklung des Heroins aus dem Opium isoliert, Anfang des 19. Jh, durch Friedrich Sertürner, wurde dann als “Morphium” vermarktet, das als Medizin verstanden wurde; um das Morphium wird es hier ein ander Mal gehen. Die Isolierung von pflanzlichen Wirkstoffen war ein grosser Schritt (nicht ein ausschliesslich guter), Sertürners Morphiumentwicklung steht auch am Anfang der Entstehung der pharmazeutischen Industrie und ist ein wesentlicher Teil davon. Das durch die Firma “Merck” vertriebene Morphin/Morphium war die Voraussetzung für das spätere Diacetylmorphin/Heroin, bezüglich Forschungsgrundlage wie Forschungs- und Produktionsmöglichkeiten. Die Injektionsspritze und Kriege hatten dem Morphin zur Ausbreitung verholfen. Im Westen wurden ab Beginn des 19. Jh Drogen wie Medikamente in chemischer Form synthetisch hergestellt. Aus schwachen Pflanzenprodukten wurden bösartige chemische Konzentrate hergestellt, aus gemäßigtem, lokalen Drogenkonsum wurde ein weltumspannendes Geschäft. Dies stand im Einklang mit der damaligen allgemeinen Technisierung und „Synthetisierung“; man denke etwa an die Entwicklung und Verbreitung chemischer Fasern (zB “Nylon”, durch “Du Pont”, 1930er). Diese Entwicklungsschritte gingen nicht zuletzt von Deutschland aus, und die Voraussetzungen unter den Sertürner Morphium isolierte und jene, unter denen es Felix Hoffmann fast 100 Jahre später zu Heroin verfeinerte, bringen auch zum Ausdruck, wie sich Deutschland in dieser Zeit verändert hat.

Der Engländer Wright untersuchte bereits Mitte des 19. Jh die Verbindung bzw die Reaktion von Morphin (Morphium) und Essigsäure. Der Pharmazeut/Apotheker/Chemiker Felix Hoffmann kam Ende des 19. Jh zur Friedrich-Bayer-Fabrik in Elberfeld (heute Wuppertal), die u.a. Farben, chemische Grundstoffe und Arzneimittel herstellte und 1863 gegründet worden war. Im dortigen Haupt-/Forschungslaboratorium unter Professor Dreser stellte Hoffmann 1896 Diacethylmorphin her, aus Morphin(base) und Essigsäure. Wenige Jahre später kam er auch auf die Acetylsalicylsäure. Diacethylmorphin (bzw Diamorphin) wurde an Katzen wie auch an Werksangehörigen und ihren Kindern erprobt. Es wurde ab 1898 fabrikmäßig hergestellt und als „Heroin“ (von griechisch “Heros”, Held) auf den Markt gebracht (als Pulver, Tabletten, Tinktur, Tropfen, später auch als Injektionslösung), kurz darauf Acetylsalicylsäure-Präparate unter dem Namen “Aspirin”. Die beiden Mittel, auf die “Bayer” Patente hatte, zwei der ersten chemischen Arzneimittel der Geschichte, haben die Firma gross gemacht, nicht zuletzt durch ihren Erfolg in der USA.

Fläschchen "Heroin" von Bayer
Fläschchen “Heroin” von Bayer

Indikationen für das “phantastische” Arzneimittel Heroin waren in den Augen des Bayer-Konzerns hauptsächlich Husten und Schmerzen (es sollte nicht süchtig machen und die Blutschranke schneller überwinden – zweiteres erwies sich als richtig), aber auch zahlreiche weitere körperliche und seelische Beschwerden, von Bronchitis bis Schizophrenie, auch zur Ruhigstellung von psychisch Kranken (bzw dafür gehaltenen) wurde Heroin verwendet. Anfangs glaubte man auch, dass es bei der Entwöhnung von Morphium als Rauschmittel, eine Verwendung die oft mit einer medizinischen Verabreichung begonnen hatte, eine Rolle spielen könnte – das sprichwörtliche „Den Teufel durch den Beelzebub austreiben“. Heroin sollte Morphium als Schmerzmittel ablösen, was nicht ganz geschah, es wurde als Analgetikum nie hegemonial, das blieb Morphium bis in die 1920er/30er, als bessere Mittel entwickelt wurden, wieder v.a. in Deutschland, wie Pethidin (“Dolantin”, das erste vollsynthetische Opiat) oder Codein-Derivate, auf der Suche nach Alternativen zu Morphium und Heroin. Das semi-synthetische Heroin verdrängte Morphium als Rauschmittel, ab Beginn des 20. Jh, v.a. nach dem 1. WK, endgültig nach dem 2. WK.

Bayer begleitete Herstellung und Verkauf von einer aufwändigen internationalen Werbekampagne, versuchte auch Kritik an dem Mittel zum verstummen zu bringen; hinter der aggressiven Vermarktung und Imagepflege bezüglich des H. stand anscheinend der damalige Werks-Prokurist Carl Duisberg der später an der Entwicklung chemischer Kampfstoffe und dem Zusammenschluss deutscher Chemiekonzerne zur IG Farben beteiligt war.

Anfang des 20. Jh wurde von dem ins Deutsche Reich importierte Opium 55% zu Morphium, 45% zu Heroin verarbeitet. Bis zum 1. Weltkrieg dominierten pharmazeutische Firmen aus Deutschland den globalen Handel mit synthetisch hergestellten Opiaten (Heroin, Morphium, Codein), die meist auch dort entwickelt worden waren.

Als “Medizin” gab es neben der oralen Verabreichung die Tinktur, die über verletzte Haut aufgenommen wurde sowie die Injektion (was eine um ein Vielfaches stärkere Wirkung gab); als “Droge” wurde es zudem geschnupft. Nicht medizinisch begründeter Konsum ist nicht so eindeutig zu definieren, der erwünschte Effekt vom Nebeneffekt zu unterscheiden, zumal bei den vom Hersteller vorgegeben Indikationen. Gerade Ärzte, Apotheker, Pfleger sollen früher und auch heute immer wieder für Missbrauch von solchen Arzneimitteln anfällig sein. Man wurde bald auf das Suchtpotential von Heroin aufmerksam, doch vorerst breitete es sich weiter aus. “Konkurrenten” für Heroin im Westen waren bis zum Ende des 2. Weltkriegs (neben Alkohol) v.a. Kokain und andere Opiat-Verarbeitungen; Kodein hinkte als Schmerz- wie Rauschmittel schon Morphium hinterher, tat dies auch gegenüber dem Heroin.

Bayer verlor mit dem Versailles-Vertrag nach dem 1. WK die alleinigen Rechte für Heroin! Es wurde fortan v.a. von US-amerikanischen Firmen erzeugt; Heroin wurde auch, wie auch andere „potente“ Mittel (zB Kokain) im frühen 20. Jh, in diversen Mischpräparaten verwendet. Die USA wurde das erste Land, in dem Heroin ein gesellschaftliches Problem wurde. Infolge des USA-Bürgerkriegs war Morphium als Schmerz- & Rauschmittel dort hegemonial geworden (zT durch Umsteiger vom Opium), in der Zwischenkriegszeit erfolgte der Vormarsch des Heroins. Es entstand eine Diskussion über staatliche Maßnahmen, die bald kamen. Der Begriff “Junkie” entstand Anfang des 20. Jahrhunderts in der USA. Opiatabhängige/-konsumenten in USA waren zu einem sehr grossen Teil aus der Mittelklasse, weisse Hausfrauen zB, in der “öffentlichen Psyche” waren sie Ausländer, Arme, Aussenseiter. Künstler bilden oft die Avantgarde, beim Heroin in Nordamerika war das die New Yorker Jazzszene rund um Charlie Parker, die in der Zwischenkriegszeit zu Heroin griff. In Deutschland dürfte zu dieser Zeit noch Morphium die Drogenszene beherrscht haben, die grosse Heroin-Rausch-Welle kam um einiges später. Frühe Wellen des Rauschgebrauchs von Heroin gab es in den 1920ern im Mittelmeerraum (v.a. in Ägypten, Türkei) und in Ost-Asien, v.a. China. In Ägypten dominierten Pillen mit grossem Anteil an Streckmitteln, mit Namen wie “Zauberpferd”. In China kam der Stoff teilweise aus Japan (wie auch Morphium), wurde teilweise selbst (von Triaden) hergestellt, meist in Pillenform.

Nach einer internationalen Drogenkonferenz 1912 wurde Heroin im Deutschen Reich zunächst apothekenpflichtig, 1917 kam die Verschreibungspflicht. Auch nach der “Opium-Konferenz” 1925 haben viele Staaten Drogen eingeschränkt, in Deutschland war das das “Opiumgesetz” 1929/30, mit dem in Deutschland Drogenmissbrauch ins Strafgesetz kam bzw Drogengebrauch gesetzlich reguliert wurde. Das Gesetz beinhaltete, gemäß den internationalen Vorgaben, ein Totalverbot von Cannabis und Opium, aber nicht von Heroin, das zu “medizinischen und wissenschaftlichen Zwecken” weiter verwendet werden durfte… Bayer war inzwischen mit “Hoechst” und anderen Konzernen zur IG Farben “verbunden”, dieser Konzern (der grösste nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa!) versuchte, das Gesetz ganz zu verhindern. Nach und nach musste nun die Heroinmenge in Medikamenten eingeschränkt werden, medizinische Verordnungen dafür gab es nur noch in Ausnahmefällen; 1931 stellte Bayer die Produktion ganz ein. Waren die Verbote Folge der unverbünftigen Vertriebspraxis der Hersteller, hätte es einen anderen Weg des “Umgangs” mit Heroin gegeben? An seine Vergangenheit als Heroin-Hersteller lässt sich Bayer jedenfalls heute nicht mehr gern erinnern.

In der USA kam mit dem Harrison-Gesetz 1914 die weitgehende Illegalisierung von Opiaten u.a. Drogen, auch medizinischen, dieses (fiskalisch formulierte) Bundesgesetz beendete die föderale Regelung des Medikamenten-/Drogen-Bereichs, und auch den exzessiven, legalen Gebrauch von Mitteln wie Morphium, u.a. wegen ihrer Rauschnutzung und ihrem Suchtpotential. 1924 erfolgte in USA das Verbot der Herstellung von Heroin.

Die medizinisch-legale Verwendung des Heroin endete also weitgehend in der Zwischenkriegszeit. Es hatte als Medikament eine kürzere Einsatzzeit als Morphium, etwas länger als LSD. In Japan wurde bis Ende des 2. WK Heroin weiter für verletzte Soldaten produziert. Andere Pharma-Firmen als Bayer in verschiedenen Staaten Europas stellten ihre Heroin-Produktion, die eingeschränkt und überwacht wurde, nach und nach ein. Die BRD hat 1958 Pharmafirmen die Produktion von Heroin verboten, das bis dahin also noch gelegentlich verordnet wurde. Diverse Firmen exportierten auch über Verbote hinaus und nicht nur zu medizinischen Zwecken. Der Schweizer Konzern Hoffmann-La Roche etwa soll lange die entstehende illegale Drogenszene mit Heroin aber auch Kokain beliefert haben. Erst um 1940 entstand eine illegale Drogenindustrie, die Herstellung und Handel übernahm. Nach Ende des chinesischen Bürgerkrieges, der mit dem Sieg der Kommunisten endete, wurde das sogenannte „Goldenen Dreieck“ in Südostasien ein Zentrum der Heroin-Produktion. Dorthin ausgewichene Kuomingtang-Truppen bauten sie auf und die Triaden exportierten den Stoff über Bangkok  in alle Welt. In Europa wurde Amsterdam der wichtigste Importhafen.

Nach dem 2. WK begann sich, in allen Teilen des Westens, die illegale Drogenszene um das Heroin zu entwickeln, das Morphium endgültig “ablöste”, als illegales Rauschmittel Nr. 1. Das Schwarzmarkt-Heroin dürfte zunächst im Westen hergestellt worden sein, aus importierter Morphinbase oder dessen Ausgangsstoff Rohopium sowie Acetanhydrid (Essigsäure), das Firmen wie Merck und Hoechst verkauften. Später wurde es in den Mohn-Anbauländern (Afghanistan, Birma, Türkei, Kolumbien,…) hergestellt und in den Westen geschmuggelt. Heroin wurde/wird hier auf diversen Drogen-Schmarzmärkten gehandelt, es kam zu vielen Opfern des illegalen Konsums.

Daneben gibt es auch krudes Heroin, ein Gemisch aus Morphium oder Rohopium oder Mohntee sowie Essigsäure und Streckmitteln, “Berliner Tinke”, “Armes Heroin” oder “Gassenheroin” genannt. Der Gehalt an reinem Heroin darin ist stark schwankend, was für die Konsumenten das Dosieren zu einem beträchtlichen Risiko macht. Streckmittel, von Mehl bis Strychnin, sind aber auch meist dem “richtigen” Heroin beigesetzt, was die Konzentration auch hier zu einer Unbekannten macht. Im Ostblock (1945 bis 1990) gab es wenig an Heroin (Kokain noch weniger), aus dem Westen oder dem Orient geschmuggeltes, auch wenig selbst produziertes, überhaupt weniger Drogen als im Westblock. Am ehesten noch eine Art krudes Heroin, dort “Kompot” oder “Polnische Suppe” genannt,  oder andere Opiatprodukte aus den zentralasiatischen Sowjet-Republiken.

In der Beat(nik)-Subkultur der 1950er in der USA spielte Heroin eine Rolle. Was in den 1960ern mit einem gemeinschaftlichen Aufbruch mit psychedelischen Drogen begann, endete in den 1970ern oft mit einem Rückzug mit Heroin. Seit Ende der 60er gab es in West-Deutschland einen nennenswerten Schwarzmarkt für Heroin; Berlin war in der Zwischenkriegszeit ein “Zentrum” von Drogen-Gebrauch (zunächst mit Morphium) geworden, blieb es mit Veränderungen bis heute. In der BRD wurde Heroin erst 1971 mit dem Betäubungsmittelgesetz dezidiert verboten. Die “Heroin-Kultur” ist jene der Bahnhofsklos, der schmutzigen Spritzen, der Beschaffungskriminalität; viel seltener ist es der Konsum im bürgerlichen oder wohlhabenden Milieu, vielleicht auch durch schnupfen oder rauchen, mit Mischungen wie jener des “Speed ball”, statt als Strassendroge.

Illegaler Anbau von Mohn, also nicht unter Aufsicht von UNODC für Schmerzmittel und andere Pharmaka, findet heute hauptsächlich in Afghanistan, in einigen von dessen Nachbarländern, wie Pakistan, in Südost-Asien (Goldenes Dreieck, also Birma, Thailand, Laos) und Lateinamerika (Kolumbien, Mexiko) statt. Der grösste Teil dieser Ernten wird zu Heroin verarbeitet, ein kleiner Teil zu Rauch-Opium. Die Verarbeitung zum Heroin ist heute meist nahe am Anbau (sein Konsum weniger, im Gegensatz zu Opium). Das nordamerikanische Heroin stammt vorwiegend aus Lateinamerika, in der USA ist aber Kokain wichtiger. Im Goldenen Dreieck ist v.a. Birma wichtig, wo der Schan-Kriegsherr Khun Sa einst “Pate” des Heroin-Exports war. In der Region soll auch die CIA lange als Heroin-Händler tätig gewesen sein; zu einer Zeit als Nixon den “Krieg gegen die Drogen” ausrief. Im Vietnam-Krieg “probierten” zudem viele der dortigen US-amerikanischen Soldaten dort hergestelltes Heroin.

In Afghanistan findet der Anbau von Mohn und seine Verarbeitung v.a. im paschtunisch-belutschischen Südwesten statt, v.a. in der Provinz (Wilayet) Helmand, im Grenzgebiet zu Iran und Pakistan. Essigsäure-Anhydrid muss zur Heroin-Produktion ins Land geschmuggelt werden. Der grösste Teil des afghanischen Heroins wird exportiert (ein wachsender Teil im Land konsumiert), beim dort hergestellten Opium ist es umgekehrt. Der Export läuft hauptsächlich über den Iran, Türkei, Balkan nach Mitteleuropa. Tausende iranische Grenzschützer sind in den letzten Jahrzehnten bei “Kämpfen” mit Schmuggler-Organisationen getötet worden, die mit belutschischen islamistischen Separatisten zusammenarbeiten; ein nicht kleiner Teil des Heroins wird mittlerweile im Iran konsumiert. Die anderen Routen führen über Zentralasien nach Russland, von dort auch nach Sinkiang und andere Teile Chinas, sowie über Pakistan nach Indien.

Bauern in der Gegend um Afyun im westlichen Anatolien durften Mohn für die Verwendung von pharmazeutischen Firmen anbauen. Viele verwendeten den Überschuss zum lokalen Konsum als Rauch-Opium sowie zum Verkauf für das Heroin der „French Connection“ (die v.a. aus Korsen bestand). Der grösste Teil der Felder wurde Ende der 1960er unter westlichem Druck zerstört, ein kleiner blieb für den international erlaubten Mohn-Anbau für Schmerzmittel. Bei dieser Verwendung wird nicht das Roh-Opium aus den Kapseln geerntet, sondern aus den gemähten ganzen Pflanzen (Mohnstroh) auf chemischem Weg Morphin und andere Opiate extrahiert. Bei der illegalen Produktion sind 10 kg geerntetes Rohopium (in Asien, Südamerika) ca. 50 €  wert. Die gleiche Menge an daraus hergestelltem Heroin kostet nach Verarbeitung und Transport im Endhandel im westlichen Abnehmerland etwa 700 000 €. Das grosse Geschäft ist auf Viele verteilt, manche schneiden mehr mit, andere weniger, wie im Kapitalismus so üblich. Manche Drogenkartelle kümmern sich nur um den Handel, andere auch um die Herstellung.

Heroin holt sich alles zurück, was es gibt. Die Schmerzen die es nimmt, kommen bei Entzug als ein Vielfaches zurück, das Wohlbefinden das es gibt, ist bei Sucht kein Genuss mehr sondern ein Muss, die Problemlösung ist eine trügerische. Illegaler Heroinkonsum hat gegenüber dem früheren, medizinisch “überwachten” mehrere Nachteile, von der Reinheit des “Stoffes” bis zu den Preisen. Heroin-Konsum ist eine Art halb-bewusster /-absichtlicher Selbstmord. Politiker setzen gerne Zeichen zur Eindämmung von Drogenproblemen, und kochen oft andere Süppchen dabei, früher wie heute. Ähnlich ist es bei Religionsgemeinschaften und Sekten wie Scientology (>Narconon).

In NS-Deutschland gelang Forschern in dem zu IG Farben gehörenden Hoechst-Konzern 1940 die Herstellung des vollständig synthetischen Methadons, das u.a. als “Polamidon” vermarktet wurde, etwa an die Wehrmacht, als Schmerzmittel für verwundete Soldaten, die zur Besetzung und Unterwerfung zahlreicher Länder ausgeschickt wurden. Man war damit unabhängig von ausländischen Pflanzenrohstoffen, also Schlaf-Mohn, geworden. Seit den 1960ern wird es als Entwöhnungs-Substitut für Heroin-Süchtige verwendet, nach wie vor durch Hoechst hergestellt. Die Verabreichung erfolgt im Rahmen medizinischer und psychosozialer Maßnahmen. Methadon, das vom Heroin entwöhnen soll, ohne eine neue Sucht zu schaffen bzw die bestehende zu verlängern, wird als “Primär”-Rauschmittel sehr wenig verwendet, aber recht oft missbraucht – am Drogen-Schwarzmarkt wird es in “geschweisster” Form (also original verpackt) oder in “gespuckter” (bei Einnahme in flüssiger Form unter Aufsicht) gehandelt… Methadon gehört nicht zu den Drogen, die es zur Verarbeitung in einem Roman geschafft haben, in J. M. Simmels “Wir heissen euch hoffen” (1983) sucht der Held immerhin an einer nicht süchtig-machenden bzw sucht-erhaltenden Alternative dazu.

Auch Morphin/”Morphium” wird in der Substitutionsbehandlung für  Heroin verwendet, mit einem oral wirksamen Präparat (Handelsname “Substitol”), das den Wirkstoff verzögert abgibt, so dass eine lang anhaltende Wirkung (Retardwirkung) resultiert. Daneben wird Buprenorphin, ein starkes Schmerzmittel, halbsynthetisch aus dem Opium-Alkaloid Thebain gewonnen, Handelsname u.a. “Subutex”, als Substitutionsmittel verwendet. Auch das natürliche Ibogain wird zur Heroin-Substitution eingesetzt. Die chemisch-pharmazeutische Industrie produziert nach den Mitteln selbst und den Rohstoffen dafür auch die Entzugs-/Substitionsmittel, bleibt im Geschäft.

In wenigen Ländern wird Heroin an Süchtige kontrolliert abgegeben (im Rahmen eines Entzugs), in der Schweiz als “Diaphin” (chemisch Diamorphin-Hydrochlorid). Angesichts des Drogenelends v.a. auf dem Zürcher Platzspitz hatte sich die Schweiz 1993 für eine “pragmatische” Drogenpolitik mit ärztlich kontrollierter Heroinabgabe an “therapieresistente” Süchtige entschieden, u.a. um Beschaffungskriminalität und Gefahren durch verunreinigten oder gestreckten “Stoff” zu begegnen. 1999 hat das Schweizer Volk das “Experiment” abgesegnet. Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit (BAG) stellte das Heroin aus importierten Grundstoffen zunächst selbst her, wollte die Sache (Produktion und Verteilung) 2001 abgeben, was sich schwierig gestaltete. Die Schweizer Pharmafirmen lehnten aus wirtschaftlichen und Image-Gründen ab, auch solche, die wie “Novartis” grossflächig aus importierten Rohstoffe bzw Zwischenprodukten opiathaltige Medikamente herstellen, für den globalen Export. Die anscheinend dafür gegründete Thuner Firma “DiaMo” begann, im Auftrag des BAG aus dem aus GB (Schottland; von UNODC überwachte Anbaufelder dort) importierten “Zwischenprodukt” (anscheinend fertiges Diamorphin) das Heroin bzw “Diaphin” (in Form von Injektionslösungen und Tabletten) herzustellen. Der Transport zu den Abgabestellen wird schwer überwacht. Das Modell fand einige Nachahmer, Niederlande, Dänemark, Grossbritannien, auch in Deutschland wird die kontrollierte Abgabe von reinem, medizinischen Heroin an ausgewählte Süchtige vorsichtig wieder zugelassen. Entspricht das so abgegebene Heroin den Medikamenten, die man einem schwerstabhängigen lungenkranken Raucher auch nicht vorenthält, oder den Zigaretten für diesen Raucher?

De Ridder bedauert in seinem Buch (s.u.), dass Heroin in den allermeisten Ländern vollständig verboten ist, und nicht als potentes Schmerzmittel für Extremfälle verfügbar ist. In Grossbritannien wurde Heroin als Arzneimittel nie verboten, „medizinisches Heroin“ (dort auch hergestellt) wird dort als Schmerzmittel verwendet. Ansonsten ist das global evtl. noch in Kanada der Fall. Beim Gebrauch von reinem Heroin sind einige der Gefahren des Schwarzmarkkonsums nicht gegeben. Aber am Suchtpotential ändert sich nichts.

Ausweichmittel für Heroinsüchtige sind v.a. opiathaltige bzw -ähnliche Medikamente, von codein-haltigen Hustensäften über Schmerzmittel wie “Valoron” (Tilidin) oder Fentanyl (ein vollsynthetisches opioides Analgetikum/Anästhetikum), auch DXM. Gelegentlich taucht Morphium (s.o.), das aus legalen Verschreibungen oder Krankenhaus-Diebstählen stammt, in der H-Szene auf.

Heroin ist nach wie vor eine der stärksten und gefährlichsten Drogen, neben Crack und Crystal Meth wahrscheinlich. Wie auch die anderen wirklich gefährlichen Drogen ist es aus der chemischen Isolierung von pflanzlichen Inhaltsstoffen und ihrer Verarbeitung zu Medikamenten im 19. und 20. Jh hervorgegangen. Möglicherweise ist nicht die Vermarktung von Diamorphin/Heroin als Arzneimittel an sich ein Kandidat für die Irrtümer-Liste, sondern die Bayer einst vorgenommene. Schwächere, bekömmlichere und ursprünglich in Kulturen integrierte Mittel wie Opium und Koka sind die Verlierer einer Entwicklung, die jene der grossen Weltpolitik wiederspiegelt, und deren Widersprüchlichkeit schon ziemlich am Beginn, im Opiumkrieg gegen China, erkennbar ist.

Wahrscheinlich nicht ernst gemeint
Wahrscheinlich nicht ernst gemeint

An Heroin starben direkt, durch eine versehentliche (?) Überdosis u.a. “Jim” Morrison, Philip S. Hoffman, Janis Joplin, Timothy Buckley, J.-M. Basquiat, “Sid Vicious”, Brad Renfro, Hillel Slovak, D. D. Ramone, Peaches Geldof, “Lenny Bruce” (möglicherweise auch durch Morphium), Chris Farley (Speedball?), Hans Dujmic. Der Jazztrompeter “Chet” Baker fiel unter dem Einfluss von Heroin und Kokain vom Balkon eines Hotels; John Belushi starb an so einer “Speedball”-Mischung, er aber von der Mischung an sich, wie auch River Phoenix; Kurt Cobain nahm eine Heroin-Überdosis, erschoss sich bevor sie richtig zu wirken begann, in seiner Villa in Seattle, 1994

Überlebt haben ihren Heroin-Konsum u.a. “Coco” Chanel (nahm H neben anderen Opiaten, hat bis ins hohe Alter sauberen Stoff konsumiert, konnte sich das leisten), David Bowie (teilte sich eine Zeit lang eine Wohnung in Berlin-Schöneberg mit Iggy Pop), Ray Charles, William Burroughs (nahm von allen Opiaten), Keith Richards (bislang), Angelina Jolie, “Charlie” Parker, Billie Holiday (diese beiden starben an alkoholbedingten Krankheiten), Jimi Hendrix (starb auch an anderen Drogen), Eric Clapton, Samuel L. Jackson, Jörg Fauser, Robert Downey,… Genommen haben soll es auch Robert Kennedy; wenn, dann ist das bei ihm nie richtig “auf Touren gekommen”. Sein Sohn wurde einmal damit geschnappt.

Literarische Behandlungen der Heroin-Sucht gibt es neben der Christiane-Felscherinow-Erzählung aus dem West-Berlin der 1970er (sie lebt noch immer von den Tantiemen ihrer Drogen-Erzählungen und nimmt noch immer Methadon zur Substitution) von W. S. Burroughs in “Junkie” oder Irvine Welsh in “Trainspotting”. Von einem Rudolf Brunngraber erschien 1951/52 “Heroin. Roman der Rauschgifte”, faktisches und fiktives dazu, u.a. über die frühe Welle in Ägypten.

In Filmen wie “Candy”, “Requiem for a dream” oder “Trainspotting” werden Sucht sowie Enzug, Beschaffungskriminalität, Verfall, familiäre Konflikte von Süchtigen dargestellt. Filme in denen Heroin-Handel/-Kriminalität eine Rolle spielen und nicht der Gebrauch bzw die Sucht an sich, gibts viele mehr, zB “The French Connection” (basierend auf einem Sachbuch), den DDR-Film aus 1968 namens “Heroin” oder “The Big Easy”.

Davon handelnde oder davon inspirierte Songs, die auch die Verbindung der Kultur dieser Droge mit jener des Pops und Rocks unterstreichen und in denen meist persönliche Erfahrungen der Stars verarbeitet wurden: der nach ihr benannte von Lou Reed/Velvet Underground (1967), John Lennon 1969 über “Cold turkey”, den kalten Entzug, “Dead Flowers” & “Brown sugar” von den Rolling Stones, “Running to stand Still” (U2), “The Needle and the Damage done” (Neil Young), “The needle and the spoon” (Lynyrd Skynyrd), “Smack Jack” von Nina Hagen, “Lust for life” (Iggy Pop), “King Heroin” v. James Brown, “Beetlebum” (Blur), “H” (Böhse Onkelz),…; …und solche, die “verdächtigt” werden, davon zu handeln: “Coming Down Again” von den “Stones”, “Hotel California” (Eagles), “Bridge over troubled water” (!; Simon & Garfunkel), “Comfartably numb” (Pink Floyd), “Perfect day” (L. Reed), “Down in a hole” (Alice in the chains), “Dancing in glass” (Mötley Crüe), “Under the Bridge” (RHCP), “Golden Brown” (Stranglers), “Space Oddity” (David Bowie), “Gold Dust Woman” (Fleetwood Mac)

Material:

Michael de Ridder: Heroin. Vom Arzneimittel zur Droge (2000). De Ridder, der beruflich mit Heroinsüchtigen zu tun hat, ist es gelungen, in die Bayer-Firmenarchive vorzudringen.

Alfred W. McCoy: Die CIA und das Heroin (2003)

Präsentation zur Geschichte des Heroins

https://www.unodc.org/documents/wdr/WDR_2010/1.2_The_global_heroin_market.pdf

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Opium, Krieg, und der Zusammenprall der Kulturen

Der Schlaf-Mohn wurde schon von den Sumerern kultiviert, verarbeitet und genutzt. Nicht geklärt ist, ob diese Pflanze durch natürliche Auslese entstanden ist oder durch menschliche Kultivierung. Der getrocknete Saft ihrer Kapseln ist Roh-Opium, das Opiate (Alkaloide wie Morphin) enthält. Opium wurde ursprünglich oral aufgenommen wurde, gegessen oder aufgelöst getrunken. In antiken vorderasiatischen und nordafrikanischen Kulturen wie dann auch in frühen europäischen wurde es als Medizin und Rauschmittel angesehen und verwendet, oft in kultische Rituale eingebettet. Für beide Zwecke wurden dieselben Effekte geschätzt, das Betäubende, Schmerzstillende, Beruhigende, Euphorisierende. Der Name “Opium” kommt von den alten Griechen (von “Opos”, Saft), die den Mohn und seine Wirkung in ihre Sagenwelt integrierten, die Göttin Demeter etwa betäubte damit ihren Kummer über den Verlust ihrer Tochter und pries die Heilkraft des Opiums. Das in der griechischen Mythologie und Literatur erwähnte Nepenthes war wahrscheinlich auch Opium. Das Soma/Haoma in den Veden bzw der Avesta könnte Opium gewesen sein, ebenso wie in den Mysterien von Eleusis. Im Deutschland des 19. Jahrhunderts wurden nach gelungener Isolierung des wichtigsten Alkaloids des Opiums die Bezeichnung “Morphium” (bzw “Morphin”) in Anlehnung an Morpheus gewählt, den griechischen Gott des Traumes, manchmal auch des Schlafes oder des Sterbens, dessen Symbol eine Mohnkapsel war. Auch Hippokrates beschäftigte sich mit der Wirkung des Produktes der Mohnpflanze, aus medizinischer Sicht. Er verwarf die magischen Attribute, anerkannte eine narkotisierende und blutstillende Wirkung.

Im Mittelalter war Opium vor allem im islamischen Raum verbreitet, wo es, im Gegensatz zum Alkohol, nicht untersagt war, es wurde noch immer überwiegend oral eingenommen (gegessen oder in Wein aufgelöst getrunken). Der persische Wissenschafter Avicenna hat sich auch damit beschäftigt, er empfahl die stopfende und beruhigende Wirkung des Opiums, warnte aber auch vor seiner “den Geist und die Sinne zerstörenden” – die erste überlieferte derartige Einschätzung dieser Droge. In orientalischen, besonders persischen Dichtungen (etwa von Hafes, Omar Chayam) kann „Wein“ auch Opium meinen; auch für sexuelle Beschreibungen wurden anscheinend Metaphern benutzt, für Knabe oft „Frau“. Die Sufis suchten mithilfe des Opiums eine direkte Beziehung zwischen stofflichem und religiösem Rausch. Die früheste Anweisung gegen den Gebrauch von Drogen allgemein war eine religiöse, von Buddha, um 500 v. C., der seinen Anhängern einen klaren Kopf nahelegte. Von Persien aus wurde Opium über Indien nach China (und Südost-Asien) verbreitet, wo es im Hoch-Mittelalter ankam. Chinesen sahen dennoch Opium mitunter als eine für Buddha geschaffenen Gabe.

Ernte in Indien; Die Ernte des Schlafmohns erfolgt meist durch anritzen der Kapseln (Köpfe), das den Austritt des Milch-Safts, das den allergrössten Teil der Alkaloide der Pflanze enthält, zur Folge hat. Der getrocknete Saft ist Rohopium, das u.a. durch Fermentierung zu Rauchopium verarbeitet werden kann (die Qualität dürfte v.a. eine Frage dieser Verarbeitung sein). Beim erlaubten Schlafmohn-Anbau für die pharmazeutische Industrie werden die Alkaloide meist durch chemische Extrahierung aus den getrockneten Köpfen (Mohnstroh) gewonnen. Dieser Prozess gelang erstmals 1823 dem französischen Chemiker Tilloy. Aus Mohnstroh wird auch Morphinbase hergestellt, der Ausgangsstoff für Heroin. Die ganzen Kapseln werden auch für den Mohntee und manchmal das Laudanum verwendet. Die v.a. für kulinarische Zwecke interessanten Samen in den Kapseln werden auch aus anderen Mohnsorten gewonnen.
Ernte des Schlafmohns in Indien; Diese erfolgt meist durch anritzen der Kapseln (Köpfe), das den Austritt des Milch-Safts, das den allergrössten Teil der Alkaloide der Pflanze enthält, zur Folge hat. Der getrocknete Saft ist Rohopium, das u.a. durch Fermentierung zu Rauchopium verarbeitet werden kann (die Qualität dürfte v.a. eine Frage dieser Verarbeitung sein) – oder aber zu Morphinbase, den Ausgangsstoff für Heroin. Beim erlaubten Schlafmohn-Anbau für die pharmazeutische Industrie werden die Alkaloide meist durch chemische Extrahierung aus den getrockneten Köpfen (Mohnstroh) gewonnen. Die ganzen Kapseln werden auch für den Mohntee und manchmal das Laudanum verwendet. Die v.a. für kulinarische Zwecke interessanten Samen in den Kapseln werden auch aus anderen Mohnsorten gewonnen.

Tabak-Rauchen (in Pfeifen) wurde nach der europäischen Entdeckung Amerikas in der frühen Neuzeit weltweit verbreitet, in China und anderswo folgte das Rauchen des mit Tabak vermischten (Rauch-)Opiums dem Tabakrauchen auf den Fersen. Der Tabak (aus Amerika) und das Opium (aus Indien) wurden von Portugiesen und Niederländern über Südostasien nach Taiwan und an die Südküste Chinas eingeführt. Der Süden des Landes blieb auch der Schwerpunkt des Opium-Konsums in China, er war dort in allen sozialen Schichten verbreitet. Der grösste Teil des in China konsumierten Opiums wurde aus Mogul-Indien importiert, wo es ebenfalls eine wichtige Rolle spielte (die Herrscher nahmen es dort, Soldaten wurde es gegeben, der Fiskus verdiente daran), und seltener selber angebaut, v. a. wegen der besseren Qualität des indischen. Die nach innen gerichtete, meditative, Form des Opium-Rausches kam der chinesischen Mentalität vielleicht entgegen; zum Teil wurde aber wahrscheinlich auch einfach eine Flucht aus dem hartem Alltag gesucht, eine Form der Entspannung. Der letzte Ming-Kaiser Chongzhen verbot 1644 das Tabakrauchen in seinem Reich, er hatte wirtschaftliche (keine Einnahmen in die Staatskasse), kulturelle (wurde noch als etwas un-chinesisches gesehen) und gesundheitspolitische Gründe dafür. Danach wurde Opium in China pur geraucht. Die chinesische Bezeichnung für Rauchopium ist “Chandu” (leitet sich von einem Hindi-Wort ab), während “Madak” die Rauchmischung mit Tabak bezeichnete. Im islamischen Raum, wo sich ab der Neuzeit ebenfalls Rauchopium durchsetzte, gab es dafür die Bezeichnungen “Afyun” (arabisch und türkisch) und “Teryak” (persisch). Auch in Südost-Asien verbreitete sich das Opiumrauchen. 1729 verbot der chinesische Kaiser Yongzheng (inzwischen herrschte die mandschurische Qing-Dynastie) das Opiumrauchen und den -handel (Schmidbauer/vom Scheidt: “Interessanterweise ging man sehr modern vor, indem man die Händler bestrafte, die Konsumenten jedoch ungeschoren ließ.”), ausser zu medizinischen Zwecken.

Im Westen spielte Opium in der Antike eine Rolle und erlebte in der späten Neuzeit eine relativ kurze Blüte. Griechen wie erwähnt und dann Römer integrierten es bis zu einem gewissen Grad in ihre Kultur. “Opium heilt alles, ausser sich selbst” war ein lateinisches Sprichwort. Auch der botanische Name des Schlafmohns, Papaver somniferum (“schlafbringender Mohn”), von Carl von Linné gewählt, ist lateinisch. Somnus war der römische Gott des Schlafes. Der römische Dichter Ovid sah am Eingang von dessen Höhle den Mohn stehen, zur Gewinnung der Schlummersäfte. Im europäischen Mittelalter wurde Opium von der Inquisition zeitweise verfolgt, als etwas Böses, vom Osten kommendes. Kreuzfahrer brachten es aus Westasien, zusammen mit Seide oder Seife. Der deutsche Mediziner Paracelsus kreierte im Spät-Mittelalter/ in der frühen Neuzeit, wahrscheinlich nach Reisen nach Vorderasien, das als (Universal-)Medizin gedachte und eingesetzte Laudanum (“die Lobenswerte”), eine trinkbare Tinktur aus Opium und Alkohol, manchmal auch Bilsenkraut. Diese Verarbeitung von Opium machte nicht zuletzt wegen dessem natürlichen bitteren Geschmack Sinn. „Dosis sola venenum facit“, “Allein die Dosis macht das Gift”, verteidigte Paracelsus sein Mittel gegenüber Kollegen. Der Engländer Sydenham entwickelte etwa 100 Jahre später eine gleichnamige Tinktur, eine von mehreren Variationen des Laudanum, die sich durch die Anteile von Opium, Alkohol, möglichen sonstigen psychoaktiven Pflanzen sowie die Aromata unterschieden. Laudanum war v. a. im 18. und 19. Jahrhundert in Europa populär, wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein als Medizin angesehen (weshalb es nicht als alkoholisches Getränk versteuert werden musste und daher billiger war als solche), zuletzt von Pharmaunternehmen hergestellt. Daneben gab es “Theriak”, eine Tinktur die seit der griechische Antike als Gegengift gegen Schlangenbisse, später als Allheilmittel, zubereitet wurde, zunächst ohne Opium; sie wurde auch bis in die späte Neuzeit in Europa konsumiert. Der persische Name für Opium dürfte sich von diesem griechischen Wort ableiten.

Mitte des 18. Jahrhunderts eroberten die Briten Nordost-Indien (Bengalen und Bihar), ein Haupt-Anbaugebiet für Mohn; von dort aus (Hafen Kalkutta) wurde dann China mit Opium versorgt, auch Teile Südost-Asiens. Die British East India Company (BEIC) übernahm mit ihren Flotten nun den Handel mit Opium, der erstmals zu einem grossen Geschäft wurde. Zu diesem Zeitpunkt lag der Vorteil im Handel zwischen China und den Europäern noch bei ersteren, die vor allem Tee, Seide und Porzellan verkauften und dafür Silber bekamen; dieser in der Neuzeit begonnene Seehandel war von chinesischer Seite aus auf Kanton beschränkt. Die Briten wollten den Handel ausgleichen indem sie dort auch bengalisches Opium verkauften. Da dies in China verboten war, kamen nur die Triaden als grosse Abnehmer in Frage, mit denen der Opiumhandel, gedeckt von korrupten Beamten, bis zu den chinesischen Opiumhöhlen abgewickelt wurde. Die Briten kontrollierten die Mohn-Plantagen und Opium-Fabriken (Umwandlung von Roh- in Rauch-Opium) in Indien sowie den Export nach China.

1799/1800 wurden Anbau und Import, der ein wirtschaftlicher Faktor für das Reich geworden war, verboten. Diese Verbote setzten sich nicht durch, da der Kaiser-Hof bezüglich der Opium-Prohibition gespalten war, sie von korrupten Beamten nicht genug durchgesetzt wurden, und durch Schmuggel und geheime Opiumhöhlen (organisiert von den Triaden-Gesellschaften) umgangen wurden. Opium wurde wurde nun nicht mehr in den Hafen transportiert, sondern davor  an eine Schmugglerflotte der Triaden übergeben. Jardine-Matheson war eines der britisches Handelsunternehmen die im 19. Jh Tee und Seide aus China importierten, Opium nach China schmuggelten. Die Triaden-Gruppen “Rote Bande”, geführt von Chang Hsiao-lin, wurde Opium-Partner von Jardine-Matheson und des britischen Geheimdienstes.

Der Beamte Lin Tse-Hsu wurde 1838 von Kaiser Daoguang nach Kanton geschickt um den Kampf gegen den Opiumhandel zu forcieren. Er wurde als derjenige gesehen, der die Engländer zum Krieg reizte. 1839 liess er Lager von ins Lande gebrachter Ware zerstört und in den Handel involvierte Ausländer internieren. Dabei war die Volksgesundheit wohl nur ein Motiv, die Wahrung des Handelsvorteils ein anderer, die Durchsetzung des Machtmonopols, etwa gegenüber dem Vizekönig von Kanton, der gut an Abgaben und Schmiergeld aus dem Schmuggel verdiente, ein weiterer. Für Grossbritannien (Premierminister Melbourne) war das chinesische Vorgehen von 1839 ein willkommener Anlass, das Chinesische Reich komplett zu “öffnen” indem es einen Krieg vom Zaun brach; die Chinesen wurden damals, vor dem Hintergrund von Geschäftsinteressen, erstmals als “gelbe Gefahr” aufgebaut.

Dieser erste Opiumkrieg, 1839 bis 1842, wurde von den Briten überwiegend mit dampfgetriebenen Kanonenbooten, also von der See aus, bestritten und aufgrund waffentechnischer und strategischer Überlegenheit gewonnen. Er endete mit dem Vertrag von Nanking, nach dessen Fall die Chinesen kapituliert hatten. Darin musste China Hongkong an Grossbritannien abtreten, die Opiumeinfuhr zulassen, Häfen öffnen, “Reparationszahlungen” leisten und westlichen Ausländern Sonderrechte zugestehen. Den zweiten Opiumkrieg 1856 bis 1860 führten die Briten für die Erweiterung ihres Einflusses in China und zur Niederschlagung neuer chinesischer Maßnahmen gegen den Opium-Import. Das Aufbringen eines britischen Schiffes vor China wurde dafür zum Anlass genommen. Frankreich hängte sich an, 1858 kam der Krieg nach der Einnahme Kantons zu einem vorläufigen Ende; das Chinesische Reich musste in den Tianjin-Vertrag einwilligen, der diverse Häfen für weitere westliche Mächte öffnete. 1859/60 wurde dieser Krieg wieder aufgenommen um auch westliche Botschaften in Peking und das Recht auf christliche Missionierung durchzusetzen, was nach der Einnahme Pekings inklusive Verwüstungen und Plünderungen gelang. Militärisch war die chinesische Armee in den Opiumkriegen überhaupt kein Gegner für die Briten.

Die Kriege, für China der erste Konflikt mit westlichen Nationen, leiteten seinen Niedergang ein, erschütterten seinen Sinozentrismus und den Ruf der Qing-Dynastie im Land, sind noch immer eine nationale Wunde – zumal es mit anderen westlichen Mächten (Europäer und USA, auch Japan) in Folge ähnliche ungleiche Verträge schliessen musste, in denen es sich “öffnen” musste (ihnen wirtschaftliche und politische Privilegien und Einflussnahme einräumen), z.T. auch territoriale Abtretungen hinnehmen und knapp vor einer echten Kolonialisierung stand. Zu wirtschaftlicher Bevormundung und kulturellen Umbrüchen kamen sozialer Verfall und innere Unruhen. Und China wurde endgültig das weltweit führende Opiumverbraucher-Land (nun wurde auch der Anbau im Land vorgenommen), bis zu 20 Millionen Opium-Süchtige werden für die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts geschätzt, eine Zahl die nicht allzu viel aussagt, da es verschiedene Arten von Sucht gibt. Die Briten haben dies neben Handelsvorteilen auch bezwecken wollen, die Droge und den Rausch zur Beherrschung eines Volkes eingesetzt, so wie es etwa auch mit Alkohol gegenüber den “Indianern” geschah. Rudolf Gelpke hat auf die Ambivalenz des Rausches hingewiesen: Drogen werden immer wieder in böser Absicht gegen einzelne oder Gruppen verwendet, die damit geschwächt oder lahmgelegt werden sollen, zur Beherrschung und Ausbeutung. Die britischen Opiumkriege sind dafür ein exzellentes Beispiel. Die Opiumkriege sind noch immer Gegenstand divergierender Anschauungen und wütender Debatten, von Chinesen werden sie als Versuch gesehen, ihr Land mit Gewalt und Drogen zu zerstören, um des Profits willen, manche westliche Kommentatoren spielen gern Opium und Profit als Kriegsgrund herunter, und stellen “freien Handel” und “Fortschritt” in den Vordergrund.

Shanghai und Honkong wurden wichtige Importhäfen für Opium, das formal anscheinend verboten blieb; die Triaden organisierten weiterhin den Vertrieb, blieben Haupthandelspartner der Briten. Das Kaiserreich wurde nun durch eine Importsteuer am Handel beteiligt. Ende des 19. Jh befahl der Kaiser, Opium im Land anzubauen; um die Jahrhundertwende betrug die chinesische Eigenproduktion 22 000 Tonnen, während der Importanteil aus Indien auf 3 500 Tonnen zurückging. Auch Morphium und Heroin wurden nach China importiert, zur Heilung der Opiumsucht bzw als Ersatz.

Die Revolution 1911/12, die den Sturz der Monarchie brachte, entzündete sich nicht zuletzt am ausländischen Einfluss bzw. am kolonial-ähnlichen Status Chinas. In der folgenden Republik wurden Gesetze gegen das Opium erlassen, aber ihre Durchsetzung war wegen dem politischen Durcheinander schwer behindert. Das Geschäft mit dem Opium war eine wichtige Grundlage der Finanzierung der “Warlords”. Ma Fuxiang, ein General, der der moslemischen Hui-Volksgruppe angehörte, nahm zur Zeit der Republik China im Nordwesten des Landes wichtige militärische und politische Posten ein (war ein Warlord), verbot den Opiumhandel in seinem Machtbereich, vielleicht weil viele Moslems dagegen waren, förderte ihn aber heimlich, um seine Kriegsunternehmen zu finanzieren. In Schanghai dominierte die Triaden-Organisation “Grüne Bande” unter Du Yuesheng, mit Protektion der Polizei, den Opiumhandel, dann auch den mit Heroin(pillen). Wie andere Triaden war auch die grüne Bande mit der in der Republik dominierenden Kuomintang verbündet. Chiang Kai-Shek verwandelte das Opiumverbot in ein Staatsmonopol, dessen erste Lizenzträger Paten des Handels damit, wie Du, wurden… Unter dem Druck westlicher Mächte wurde das Staatsmonopol bald wieder aufgehoben. Neue Medikamente wie Penicillin und neue Drogen wie Zigaretten drängten Opium dann doch zurück. Die KP hatte sich im Bürgerkrieg noch mit Opium-Handel finanziert. In der Volksrepublik unter Mao wurden ab 1949 wurden drakonische Maßnahmen gegen Opium erlassen, das dadurch in China in den 1950ern sehr stark zurückgedrängt war.

Verabeitung von Roh-Opium, Indien 1908
Verabeitung von Roh-Opium, Indien 1908

Möglicherweise wurde Opium im Orient erst durch das Rauchen ein „Massenphänomen“ und war die orale Einnahme (stärkere Wirkung nebenbei) eine Sache der Oberschicht gewesen (wobei das früher auch praktizierte “Inhalieren” schon eine gewisse Ähnlichkeit zum Rauchen aufwies). Das Rauchen von Opium wurde hauptsächlich mit der chinesischen Diaspora verbreitet, im 19. Jahrhundert gab es in vielen Teilen der Welt, so auch in Europa, spezielle Rauchsalons/Opiumhöhlen, die im Wesentlichen von Chinesen betrieben wurden und eine Konzession hatten. Diese etablierten sich v.a. in Hafenstädten, in Hamburg beispielsweise gab es bis in die 1930er-Jahren ein kleines Chinesenviertel und illegale Opiumhöhlen in St. Pauli. Die Ausstattung solcher Höhlen, zu der oft Diwane gehörten, spiegelte die soziale Schicht seiner Klientel wider, Reiche hatten oft einen privaten. Opium wurde dort nach einem bestimmten Ritual geraucht, in Pfeifen, später ohne Tabak.

Viele Künstler, beginnend mit Schriftstellern der Romantik, nahmen Opium in der einen oder anderen Form ein, in vielen Fällen ursprünglich als Abhilfe für eine Tuberkulose-Erkrankung. In “Novalis” Leben spielte es eine wesentliche Rolle; E.T.A. Hoffmann lässt seinen Helden Medardus die Wirkung jener “teuflischen” Elixiere erfahren, die er selbst ausprobierte, vermutlich Wein mit Mohnextrakten, also eine Art Laudanum; Charles Baudelaire fand “künstliche Paradiese” durch Cannabis, den Absinth, aber auch das Laudanum; Hesses “Steppenwolf” nahm neben anderen Drogen auch Opium; auch Samuel T. Coleridge, Thomas de Quincey oder Edgar A. Poe thematisierten ihre Erfahrungen mit Opium literarisch. Fraglich ist, wie gross der Einfluss der Droge auf ihr künstlerisches Schaffen war. De Quincey meinte, dass sie nur Wahrnehmungen verstärke, aber nichts schaffe, während Coleridge im Rausch ein ganzes Gedicht “empfangen” haben will.

De Quincey begann sein literarisches Wirken mit seinen “Bekenntnissen eines Opium-Essers”; mit Laudanum und Opium-Pillen hatte er als Mittel gegen Schmerzen begonnen, dann entdeckte er einen über die Befreiung von Schmerzen hinausgehenden Genuss, etwa eine „wohltätige und schützende Kraft“. “Man fühlt den göttlichen Teil seines Wesens aufsteigen”“, schrieb er in seinen Bekenntnissen. Opiumkonsum war damals in Grossbritannien legal, und in verschiedenen Gesellschaftsschichten verbreitet, in verschiedenen Zubereitungen (auch in Medikamenten, etwa gegen Tuberkulose). Auch viele Arbeiter nahmen es, da es meist billiger als alkoholische Getränke war, und den Hunger unterdrückte. De Quincey wandte sich gegen die auch damals schon übliche “betrügerische Dämonisierung” des Mittels. Coleridge hatte ihn für seine (angebliche) Wollust als Motivation beim Opium-Gebrauch, in Abgrenzung zu sich der es nur gegen Schmerzen nähme, attackiert (was wahrscheinlich nicht nur scharfrichterlich war, sondern auch scheinheilig); er antwortete in diesem Buch darauf: zum einen hatte es auch bei ihm mit der Schmerzlinderung begonnen, zum anderen stand er zur Freude an diesem Rausch: “Was der Mensch gerechterweise im Wein suchen darf, darf er gerechterweise auch im Opium finden”. Erst durch spätere unbesonnene Anwendung bzw. höhere Dosen (aufgrund von Magenschmerzen) begannen die Probleme mit Opium für ihn, so De Quincey. Das Heilmittel für seelische und körperliche Probleme versursachte dann selbst solche, etwa Sucht und Albträume. Da er mit seinen Schilderungen sein Geld verdiente, blieb ihm im Gegensatz zu anderen ein sozialer Abstieg erspart. Trotz seiner positiven Einstellung zum Opium, zum Rausch („Kritik der Nüchternheit“), seinen Problemen mit der englischen Gesellschaft und der damit verbundenen Fähigkeit zur Kritik an ihren „Dogmen“, zeigte sich De Quincey als englischer Rassist, grenzte sich verachtungsvoll zu Orientalen ab, obwohl er „deren“ Droge Opium der “westlichen” Alkohol als weit überlegen gegenüberstellt. Ungefähr zu jener Zeit als er auch Betrachtungen über mögliche Auswirkungen von Opium-Gebrauch auf die Volksgesundheit anstellte (mit positivem Fazit), führte der britische Staat um seiner Drogenprofite wegen die Opiumkriege und etwas später die westliche Welt im “Kreuzzug” gegen Drogen an. Im Orient war der Rausch integriert, daher gibt es von dort wenige Erfahrungsberichte à la Quincey (der es immer allein einnahm, ein Exzentriker, ein Bourgeois war). Gelpke mit seinen Sprachkenntnissen hat einige der wenigen übersetzt.

Der Schriftsteller Jean Cocteau, der ab 1923 Trost für den Tod seines Geliebten im Opium fand (den Stoff bezog er aus Indochina), das bald sein Leben bestimmte, fasste die Wirkung der von ihm gerauchten Droge so zusammen: “Der Tod trennt unsere schweren und leichten Körpersäfte völlig. Das Opium trennt sie ein wenig.” Er schilderte auch die Sucht und andere negative Seiten seines Konsums. In Charles Dickens letztem und unvollendeten Roman “The Mystery of Edwin Drood” spielt ein Teil der Handlung in einer Opiumhöhle. Auch Schiller oder Chopin sollen Opium genommen haben und künstlerisch davon beeinflusst worden sein.

Im Westen wurde Opium in der späten Neuzeit überwiegend eingeführt, selten selbst produziert. Insgesamt überwog hier seine Wahrnehmung und sein Stellenwert als betäubend, zur Ignoranz führend, schädlich, von der Wirklichkeit ablenkend, dekadent, “orientalisch”. Das Zitat von Marx aus 1844 über die Religion als “Opium des Volkes” spiegelt das wieder; oder das des Schriftstellers De Sade in seinem Roman “Juliette” (in dem eine Figur die Politik des Königs kritisiert indem sie deren Wirkung mit jener des Opiums vergleicht). Vielleicht hat Marx aber die “Zweischneidigkeit” dieser Droge gemeint, die oben erwähnte andere Seite, die gerne imperial eingesetzt wird. Friedrich II., der nur nach schweren Konflikten mit seinem Vater preussischer König wurde, da er eigentlich ein anderes Leben wollte, soll stets ein Döschen mit Opiumpillen um den Hals getragen haben, um sich gegebenenfalls ins Jenseits zu befördern. Auch andere sahen und verwendeten es als einfache Fahrt aus dieser Welt für sich oder andere (als Mordgift). Manche Kolonialherren nahmen im 19./20. Jahrhundert mit Einheimischen in Opiumländern “deren” Droge. In europäischen Gefilden wurde bis in die jüngste Zeit auch lokal gewachsener und selbst bearbeiteter Schlaf-oder Klatschmohn zur Beruhigung für Kinder (Mohnschnuller,..) eingesetzt oder beim Backen mit Mohnsamen “Erfahrungen” gemacht (früher trat beim Öffnen der Mohnkapseln Opiumsaft aus und verteilte sich über die Samen, heute werden die Samen u.a. gewaschen). Andere Arten aus der Familie der Mohngewächse (Papaveraceae) als der Schlafmohn enthalten jedenfalls nur geringe Mengen Opium.

In USA wurde das Opium-Rauchen in the 1850ern und 1860ern von chinesischen Arbeitern eingeführt, die zur Arbeit an Eisenbahnstrecken gekommen waren, nachdem viele Amerikaner während des Goldrausches ihre Arbeitsplätze dort verlassen hatten. Opium scheint in chinesischen Gemeinschaften eine ähnliche Rolle wie Bier als Feierabendgetränk zum Entspannen und Sozialisieren gehabt zu haben. Nach der Fertigstellung der transkontinentalen Eisenbahnstrecke 1869 zogen mehrere 10 000 arbeitssuchende Chinesen in den Grossraum San Francisco, wo sie alsbald von der einheimischen Arbeiterschaft als Konkurrenz empfunden wurden. Opiumhöhlen (opium dens) entstanden in San Francisco und anderen Städten der Westküste, der Stoff dafür wurde importiert. Ins Zentrum der antichinesischen Ressentiments rückte das Opiumrauchen. Als ab 1870 “weisse” Amerikaner diese chinesische “Sitte” übernahmen, sah man die Kultur Amerikas bedroht, und es kam sogar zu Pogromen gegen Chinesen. Dabei waren Opiate in der USA das 19. Jahrhundert hindurch beliebt und legal (in Apotheken erhältlich), als Medizin gegen Durchfall, Husten, Menstruationsschmerzen, Schlaflosigkeit, zur Alkohol-Entwöhnung, dann auch zur Opium-Entwöhnung (!), u.v.a., bei Medizinern als Narkose- und Schmerzmittel. Die Darreichungsform der Opiate reichte von klassischem Laudanum über reines Morphium bis zu diversen Kombinationspräparaten mit Kräutern oder Alkohol, z.B. als Augentropfen oder Salben. Konsumenten wussten manchmal nicht gar nicht, was ihr Medikament so wirkungsvoll machte, oft wurden nicht alle Inhaltsstoffe genannt, andere wiederum kauften bestimmte Arzneimittel gerade wegen dieses Inhaltsstoffes und waren längst davon süchtig. So unscharf die Unterscheidung zwischen “Medizin” und “Droge” auch war, vor allem wenn es um konzentriertere, stärkere, gefährlichere ging, das Opiumrauchen der Chinesen in den USA wurde verteufelt, während dessen Verbot im Herkunftsland von Grossbritannien mit Waffengewalt aufgehoben wurde, das seinen Bürgern in Indien den Opium-Gebrauch untersagte.

Im späteren 19. Jahrhundert erlassene antichinesische Gesetze und Bestimmungen umfassten u.a. Wohnsitznahme nur in bestimmten Stadtteilen San Franciscos 1865, das Verbot der traditionellen Haartracht 1873 und das 1875 in San Francisco erlassene erste Strafgesetz der westlichen Welt gegen den Opiumkonsum. Auch in den meisten anderen amerikanischen Bundesstaaten wurden bis Anfang des 20. Jahrhunderts Gesetze gegen Einfuhr und Produktion von “Chandu” (war nur mehr US-amerikanischen Staatsbürgern vorbehalten), das Opiumrauchen und das Betreiben von Opiumhöhlen erlassen. Diese Gesetze betrafen nicht als Medizin eingestufte Produkte wie Laudanum, die von vielen weissen Amerikanern genommen wurden, sie richteten sich gegen eine Minderheit, dienten der öffentlichen Bekräftigung der “weissen” Normen. Mit dem Harrison Act 1914, einem Bundesgesetz, wurde eine Lizenz für den Verkauf von Opiaten verpflichtend, Ärzte durften Opiate nur mehr aus medizinischen Gründen verschrieben, die amerikanische Rauchopiumfabrikation wurde erheblich beschränkt und schliesslich verboten. Eine bestehende Opiat-Sucht (die auf ärztliche Verschreibung hin entstanden sein konnte) galt nicht als medizinischer Verschreibungsgrund, und bald wurden gar keine Lizenzen mehr ausgestellt. In den USA wurden Verbotsgesetze von Drogen grossteils fiskalisch ausgeführt (so auch der Marijuana Tax Act von 1937), auch wenn die eigentlichen Gründe und die Handhabung eine andere waren. In Folge des Harrison-Gesetzes entstand eine illegale Opiumfabrikation und der Schmuggel nahm erheblich zu, der Verkauf ging auf kriminelle Organisationen über, ähnlich wie bei der Alkohol-Prohibition 1920-1933. Auch Kokain, das isolierte Alkaloid des Cocas, war in den USA bis zum Harrison-Gesetz frei verkäuflich und als Medizin angesehen, in seinem Fall ging dem Verbot eine Kampagne als “Negerdroge” voraus. Die letzten Opiumhöhlen der USA wurden in den 1950er-Jahren geschlossen.

Rauchopium in Pillenform
Rauchopium in Pillenform

Sertürner gelang Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland die chemische Isolierung von Morphin, das dann ab den 1820er-Jahren als “Morphium” von der Firma Merck vertrieben wurde, als Schmerzmittel, das konzentrierter und dosierbarer als Opium war. Im USA-Bürgerkrieg gab es einen massiven Einsatz von Opium in Pillenform, vor allem aber Morphium (durch die neu entwickelte Injektionsspritze verabreicht), als Schmerzmittel für Verwundete. Auch im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 wurde es verwundeten Soldaten in grossen Mengen gespritzt, was zur Folge hatte, dass viele der Überlebenden als Opiatabhänge heimkehrten. Die Wirkung des Morphiums ist um ein Vielfaches stärker als die von Opium und dementsprechend gefährlicher. Seine “Verwendung” als Droge, wie beim Laudanum auch hier oft durch Ärzte und Apotheker, war Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts sehr verbreitet und führte die beabsichtigte Trennung zwischen “Droge” und “Medizin” ad absurdum. Wie bei anderen isolierten oder synthetischen Opiaten (Heroin, Codein,…) scheiterte hier der Versuch, Rausch- und Heilmittelaspekte zu trennen, bzw. den ersteren auszuschalten. Spätestens nach dem 1. Weltkrieg wurde im Westen Morphium unter Opiaten hegemonial, nach dem Zweiten wurde es Heroin. Während der Drogenkonsum von US-Soldaten in diversen Kriegen (in Vietnam war auch Opium darunter) von staatlicher Seite bekämpft wurde, bekamen die Soldaten in diesen Kriegen zur “Leistungssteigerung” Amphetamine verabreicht.

Der britische “All India Opium Act” 1878 war, in einem weissen Weltsystem, die erste internationale Regelung bezüglich Drogen, die es davor nur auf nationaler Ebene gab (im Iran etwa gabs unter den Safawiden erste Einschränkungen für Opium). 1909 wurde in Shanghai die “Internationale Opiumkommission” (USA unter Hamilton Wright treibende Kraft) gegründet, sie legte den Grundstein für die internationale Opiumkonferenz 1912, auf der Drogenverbote, v. a. von Opium, erlassen wurden. Erst in der Zeit um die Konferenz in Shanghai hörte der Westen auf, den Opiumkonsum in China zu fördern. 1925, auf der Opium-Konferenz des Völkerbundes, wurden, auf Drängen der USA, weitere internationale Verbote erlassen, die Verbote auf nationaler Ebene nach sich zogen. In Deutschland wurde 1929 ein Drogengesetz (“Opiumgesetz”) erlassen, das mehrmals ergänzt und verschärft wurde (Hanf war etwa ursprünglich nicht darin erwähnt). Auch unter dem Nationalsozialismus, in einer Zeit, als Göring seine Codein-Sucht auslebte und man Soldaten aufputschendes “Pervitin” (Methamphetamin; heute illegal hergestellt und gehandelt als “Crystal Meth”) gab. Drogenverbote basieren oft auf Ressentiments gegen den Import einer als schädlich angesehenen anderen Kultur, Drogenpolitik im weitesten Sinn kann eine Form imperialer Machtausübung sein. Spanische Eroberer verboten den Indianern in Amerika die kultische Nutzung von Peyote und anderer psychotroper Pflanzen. Rauchopium hat im Westen nicht die Akkulturation geschafft. Auch die Haltung im Islam zum Alkohol kann so gedeutet werden; manchen Auslegungen zufolge wird im Koran nur sein Missbrauch verboten. Vergleiche dazu auch die US-Intervention gegen Panama 1989, die hier in einem späteren Artikel behandelt werden wird, wo Drogen der Vorwand für eine Bestrafungs-/Machtaktion aus anderen Motiven war.

Der Anbau von Schlafmohn ist in allen Staaten und von der UNO aus reguliert, die Herstellung von Schmerzmitteln oder anderen Pharmaka daraus ist die einzige anerkannte/erlaubte Verarbeitung. Für diese medizinischen Zwecke werden spezielle Züchtungen angebaut, die etwa einen besonders hohen Thebain-Gehalt haben. Australien ist das wichtigste Anbauland für Mohn der zur legalen Weiterverarbeitung exportiert wird, neben Grossbritannien. Der Mohnanbau war dort seit Jahrzehnten auf Tasmanien beschränkt; nachdem Pharma-Konzerne wie “GlaxoSmithKline” (GSK), die Abnehmer, auf eine Ausweitung drängten, wird er auch auf dem australischen Festland erlaubt. Die globale Nachfrage nach Schmerzmitteln steigt, weil weltweit immer mehr Menschen der Mittelklasse angehören, insbesondere in Asien.

Produktion, Konsum und Export von Opium wurden in China unter dem Kommunismus, in der Türkei in den 1960er/70er-Jahren auf westlichen Druck, im Libanon nach dem Bürgerkrieg weit zurückgedrängt. Auch im Iran seit 1980ern unter den Mullahs (denen man selbst Opium-Konsum vorwirft), dort gibt es aber eine systemüberdauernde Tradition einer gewissen staatlichen Tolerierung. Die wichtigsten illegalen Anbaugebiete von Mohn sind heute Afghanistan (v.a. der paschtunische Süden des Landes), Südost-Asien (das “Goldene Dreieck”, v.a. Birma), Süd-Amerika (v.a. Mexiko). Heroin dominiert das Angebot an illegalen Opiaten seit vielen Jahrzehnten. Nur ein ganz kleiner Teil des geernteten Rohopiums wird zu Rauchopium verarbeitet, dessen Konsum heute nah an Anbau und Produktion liegt, in einem Teil der genannten Anbauländer, z.T. auch in den Diaspora-Gemeinschaften aus diesen Ländern im Westen. Orale Verarbeitungen/Anwendungen wie Laudanum und ähnliches sind heute noch seltener. Opium ist heute also auf sein Ursprungsgebiet, Teile Asiens, beschränkt, wo traditioneller, mäßiger Gebrauch, dominiert, wie auch beim Coca in Teilen Süd-Amerikas. Daneben haben sich aber auch dort härtere, konzentriertere Drogen etabliert, v.a. Heroin. In Afghanistan haben die meisten Herrscher (Schahs, Präsidenten, Kommunisten, Islamisten, Besatzer) den Drogen den Krieg erklärt, aus religiöser oder politischer Argumentation heraus, die tatsächliche Politik richtet sich aber nach Rücksichten auf regionale Machtverhältnisse, Handelsbilanz, korrupte Beamte u.v.a. Mohn ist dort nicht nur ein Wirtschaftsfaktor, sondern auch ein Machtmittel. In diesen Ländern hält aber auch eine medizinische Nutzung des Opiums an – für jene, die nicht zur Mittelklasse gehören. In Gegenden Afghanistan oder auch Indiens geben Mütter armer Familien (die nicht an andere Medikamente herankommen) ihren Kindern bei diversen Krankheiten wie Husten, Durchfall und Infektionen, aber auch bei Hunger, Opium. Gering dosiert, als Inhalat oder oral.

Opiumhöhle Hongkong ca. 1955; Beim Rauchen mit der Pfeife (persisch “Wafur”) wird das Opium nicht verbrannt sondern (meist mit Kohlen) erhitzt und der Dampf eingeatmet. Im Inneren der Pfeife setzten sich mit der Zeit Opium-Rückstände an, die (wieder-) verwendet werden konnten. Dieses “Dross” wurde auch, zu Pillen gerollt, an Arme verkauft, die es meist mit Tabak rauchten.
Opiumhöhle Hongkong ca. 1955; Beim Rauchen mit der Pfeife (persisch “Wafur”) wird das Opium nicht verbrannt sondern (meist mit Kohlen) erhitzt und der Dampf eingeatmet. Im Inneren der Pfeife setzten sich mit der Zeit Opium-Rückstände an, die (wieder-) verwendet werden konnten. Dieses “Dross” wurde auch, zu Pillen gerollt, an Arme verkauft, die es meist mit Tabak rauchten.

Literatur und Links:

* Der früh verstorbene Schweizer Ethnologe und Islamforscher Rudolf Gelpke beschäftigte sich mit persischer Literatur sowie mit Drogen, führte Selbstversuche durch, lebte zeitweise im Iran, pflegte eine Freundschaft mit Albert Hoffmann, lehrte und publizierte zu seinen beiden Forschungsbereichen, die er in “Vom Rausch in Orient und Okzident” (1966 erstmals erschienen) zusammenführte

* Wolfgang Schmidbauer, Jürgen vom Scheidt: Handbuch der Rauschdrogen

* Thomas de Quincey: Bekenntnisse eines englischen Opiumessers (1. Auflage 1822)

* Manfred Kappler: Drogen und Kolonialismus – Zur Ideologiegeschichte des Drogenkonsums

* Jean Cocteau: Opium (ein Buch aus der Zeit seines zweiten von sechs Entzugsversuchen 1929)

* Matthias Seefelder: Opium – eine Kulturgeschichte (1990)

* Herbert Grammatikopoulos: Opium als Mode- und Alltagsdroge und die literarische Avantgarde des 19. Jahrhundert (Magisterarbeit)

* Barbara Hodgson: Opium – A Portrait of the Heavenly Demon (englisch)

* Abul-Qasim Yazdi: Traktat für Opiumraucher. Erschien erstmals 1895 im damals britischen Indien, 1905 in Persien; dürfte in keine andere Sprache übersetzt worden sein und ist auch im persischen Original schwer aufzutreiben. Es enthält praktische Anweisungen wie philosophische Betrachtungen zum Opium. Yazdi beschreibt Opium als “erdend”, zur eigentlichen Realität führend (der Rausch wird gerne als Flucht aus „der Realität“ geheissen, nicht aber die Jagd nach Besitz etc)

* Alexander Kupfer: Göttliche Gifte. Kleine Kulturgeschichte des Rausches seit dem Garten Eden

* Alethea Hayter: Opium and the romantic imagination (1968; englisch)

* Werner Pieper: Die Geschichte des O. OpiumFreuden – OpiumKriege

* P. G. Kritikos, S. P. Papadaki: The history of the poppy and of opium and their expansion in antiquity in the eastern Mediterranean area (1967; Online auf der Homepage des United Nations Office on Drugs and Crime) (englisch)

* Christian Rätsch: Heilpflanzen der Antike

* Thomas Dormandy: Opium: Reality’s Dark Dream (englisch)

* Charles Baudelaire: Die künstlichen Paradiese (behandelt hauptsächlich Cannabis, der Teil, in dem es um Opium geht, ist eine Übersetzung von De Quinceys oben angeführten Text)

* Arthur Waley: The Opium War Through Chinese Eyes (1958; englisch)

* Julia Lovell über die Opiumkriege und ihre heutige Rezeption (englisch)

Virtuelles Opiummuseum (englisch). Der Amerikaner Steven Martin kam als Journalist nach Südost-Asien (wo Opiumhöhlen chinesischer Art noch existieren), sammelte O.-Pfeifen u.ä., wurde süchtig vom Opium-Rauchen (was er 20 J. lang tat, oft gemeinsam mit befreundeter US-Journalistin), machte einen Entzug (“verlorener Himmel”) im buddhist. Tham Krabok-Kloster in Thailand, schildert Himmel und Hölle des Opiums, schrieb ein Buch („Opium fiend“), will wieder zur Pfeife greifen wenn die Gesundheit eines Tages durch Alter oder Krankheit weg ist

* Artikel über Opium als Arzneimittel; streckenweise sehr lesenswert, aber mitunter wird vergessen, zwischen Opium und anderen Opiaten zu unterscheiden

Ausführlicher Artikel rund um die Opium-Kriege

Radio-Feature zum Thema

* Bevor Lin Tse-Hsu englische Opium-Händler verhaften liess, schreib er im Namen seines Kaisers einen Brief (englisch) an die britische Königin Victoria (die letzte aus dem Haus Hannover), in dem er, etwas naiv, darauf hinwies, wie unredlich es sei, Opiumgebrauch im eigenen Land zu untersagen und in anderen Ländern Geld damit zu verdienen.