Die Frage der ägyptischen Nation

Die Frage nach der nationalen Identität kam in Ägypten im 19./20. Jh auf (wie anderswo!1), ist noch immer nicht beantwortet, wie gezeigt wird; auch wenn Ägypten unerschüttlich als arabisch-islamische Nation dazustehen scheint. Eher gibt es ein Spannungsfeld zwischen eigener Tradition und arabisch-islamischer Identität.2 Ausgehend von der antiken Hochkultur wird hier der diesbezüglichen Entwicklung nach gegangen. Damit geht es natürlich auch um die Grundzüge der Geschichte Ägyptens, Kontinuitäten, Wendepunkte, Besonderheiten, Spezial-Aspekte. Auf den Sinai und die Juden Ägyptens wird besonders eingegangen. Die Kopten spielen in dieser Thematik aufgrund ihrer Verbundenheit mit der ägyptischen Nation per se eine Rolle. Eine Konstante durch die Jahrhundert war (ist), dass Ägypten hauptsächlich entlang des Nils sowie im Nildelta (> Mittelmeerküste) besiedelt ist, der Rest ist Wüste (und teilweise auch Küste). Nil und Nildelta sind das eigentliche Ägypten, hier entstand ab ca 3000 vC die antike Hochkultur.3

Zeichnung von je einem Libyer, Nubier, Syrer, Ägypter am Grab von Pharao Seti/Sethos I. (Neues Reich)

Die Nachbarn und die Grenzen: Im Westen führt die Wüste irgendwann in die Cyrenaica/Barqa (der östliche Teil Libyens, von Berbern bewohnt), im Süden nach Nubien (der zweite Nil-Katarakt war einmal die Grenze der Ägypter zu den Nubiern, heute ist es weiter südlich), zu der Grenze im Osten noch Eingehenderes – hier sind Sinai, Rotes Meer und Palästina zu nennen. Und im Norden das Mittelmeer, dann kommt irgendwann Griechenland. Das antike Ägypten war ethnisch homogen,  die Ägypter gelten (von ihrer “Wurzel”) als Hamiten. Die ägyptische Antike wird unterteilt in Altes, Mittleres, Neues Reich, und die Spätzeit (Beginn der Fremdherrschaften), dazwischen die Zwischenzeiten (durch inneren Zerfall oder von aussen). Die Pharaonen waren Gottkönige, spielten eine Rolle in der polytheistischen Religion dieser Kultur. 31 Pharaodynastien zählt man, mit der 3. Dynastie (~2700 vC) begann die Errichtung von monumentalen Grabanlagen für die Könige in Pyramidenform – die sichtbarsten und prominentesten Hinterlassenschaften des alten Ägyptens. Etwa 60 Pyramiden entstanden bis etwa 1500 vC, verstreut von Atrib bis Elephantine, die meisten im Nil-Delta (v.a. Gize), dem Schwerpunkt/Zentrum des Landes.

Der erste Pharao des Neuen Reichs, Ahmose, war der letzte der eine Pyramide bekam, dann gab es für verstorbene Pharaonen Felsengräber im Tal der Könige. Im Neuen Reich wurde nach Asien expandiert, die grösste Ausdehnung des alten Ägyptens erreicht, u.a. unter Pharao Thutmosis (> Witwe Hatschepsut). Unter Amenophis (eigentlich Amenothep) IV./Echnaton und Nofretete entstand die Residenzstadt Achet-Aton, Aton gewidmet, der vorübergehend die anderen Götter verdrängte, nach ihm die Rückkehr zu Polytheismus. Diese Zeit (~1300 vC) war von innerer und äusserer Instabilität gekennzeichnet, die Zeichen standen auf Untergang. Die Errichtung des Totentempels von Medinet Habu war letzter kultureller Höhepunkt des alten Ägyptens, Baubeginn war ungefähr zeitgleich mit dem des Felsentempels von Abu Simbel. Am Ende dieser Phase (Neues Reich) wurde Ägypten vom Machtsubjekt zum Machtobjekt, und das für sehr lange Zeit. Das Ende des Neuen Reichs wird mit etwa 1000 vC angesetzt, die darauf folgende Dritte Zwischenzeit ging bis circa 600 vC, die Spätzeit bis etwa 300 vC. In dieser “Zwischenzeit” gab es libysche Pharaonen (23. Dynastie), die Oberägypten (den Süden) von 880 bis 734 vC regierten.4 Die 25. Dynastie (etwa 744 – 656 vC) war gleichbedeutend mit der nubisch-kuschitischen Herrschaft über Ägypten.5

Es folgte die Herrschaft der Assyrer aus Asien und der Beginn der Spätzeit. Im 6. Jh gab es unter der 26. Dynastie (3 Pharaonen namens Psammetich/Psamtik) noch ein letztes Wieder-Erstarken des alten Ägyptens. 525 vC kamen die unter Herrschaft der Achämeniden-Familie stehenden Perser (bzw ihr Heer) nach Ägypten, eroberten es. Die persische Herrschaft wurde fann unterbrochen, die 28. bis 30. Dynastien (404-341 vC) waren wieder wieder ägyptisch. Nechethorenebit/ Nectanebo II. (30. Dynastie) war letzter Pharao, und letzter letzter einheimischer Herrscher bis Nasser! In der Spätzeit gelangten Einflüsse aus Ägypten für die Entstehung der Religion der Juden, die mehr oder weniger in Nachbarschaft lebten.6 Die Tanach/Bibel-Geschichten über „Sklaverei“ und „Exodus“ der Juden in/aus Ägypten (samt Gebote-Übergabe an “Moshe”/”Moses” im Sinai) sind höchstwahrscheinlich Märchen/Legenden. Die Grenze der Spätzeit zur Phase der Fremdherrschaften (in der Spätantike, Früh-MA) würde ich beim Übergang von Persern zu Griechen ansetzen, somit im späteren 4. Jh vC; v.a. weil Griechen die ägyptische Kultur auf Dauer stärker beeinflusst haben als frühere Beherrscher Ägyptens. Das Ende des alten Ägypten kam also mit der Invasion der makedonischen Griechen, deren Herrschaft dann in jene der Ptolemäer überging. Ägypten wurde nun von einer Serie von Fremdherrschern regiert, die sich ablösten, das Land zT prägten, vom Land geprägt wurden. Nach den Griechen die Römer (deren Reich sich dann wandelte), dann nochmal kurz die Perser, dann die Araber. Die arabische Eroberung war gegen die Byzantiner geschah zB ohne viel Beteiligung der Ägypter.

Zur Zeit der Herrschaft der Römer (Kaiser Nero) über Ägypten brachte der Judenchrist oder Heidenchrist Marcos/Markus (ein Evangelist), im 1. Jh nC, das Christentum nach Ägypten. Er wurde von den Römern hingerichtet, die Kopten sehen ihn als ihren ersten Patriarchen/Papst, auf ihn geht die Gründung der Koptischen Kirche zurück. Ägypten wurde christlich (mit einer eigenständigen Kirche), die altägyptische Religion wurde abgelöst. Mit dem Christentum kam (wie später mit dem Islam) Neues nach Ägypten, aber auch Eigenes zurück, das in den Tanach geflossen war, und damit in die Bibel. Das Ankh-Symbol kommt aus dem vorchristlichen, alten Ägypten, war Hieroglyphen-Symbol für “Leben”; die Kopten machten daraus (leicht modifiziert7) ein Symbol für ihre Kirche und ihre Kultur. Daneben gibt es das koptische Kreuz, das aus 2 gleichlangen, dicken, verzierten Balken besteht. Nach dem Ende der römischen Christenverfolgungen (im 4. Jh) kam für die Ägypter und ihre Kirche bald Konkurrenz von der katholischen, dann der orthodoxen Kirche, auch von Nestorianern, Jakobiten. 395 die (endgültige) Teilung des Imperium Romanum, Ägypten im Oströmischen Reich. Die Ägyptische oder Koptische Kirche bekannte sich am 4. Konzil 451 zum Monophysitismus, daraus ergab sich auch der Weg der Eigenständigkeit. In Ostrom war bereits vor der Hellenisierung/Graezisierung das orthodoxe Christentum ggü dem lateinischen dominierend; zwischen diesen beiden war bis ins Hoch-Mittelalter noch kein so grosser Widerspruch. Bis zu diesem 4. Konzil waren auch die monophysitischen Kirchen irgendwie Teil einer „Gesamtkirche“ gewesen, danach wurden im Oströmischen Reich Kopten, Aramäer/Jakobiten,… drangsaliert. Die Koptische Kirche breitete sich auch zu manchen Nachbarn (v.a. Nubier) aus.

Anfang des 7. Jh kamen mehrere Entwicklungen Ägypten betreffend zusammen. Zunächst die Gräzisierung des Oströmischen Reichs unter Herakleios (610-641 Kaiser), die den Übergang zum Byzantinischen Reich bedeutete. Kaiser (Basileios) Herakleios ritt dann persönlich an der Spitze eines Heeres und warf die zoroastrischen Perser (sassanidisches Reich) zurück. Dann kamen die moslemischen Araber.8 Byzanz verlor Syrien und Ägypten binnen weniger Jahre an das Kalifat. Der Übergang vom byzantinischem Ägypten zum arabischen war der zu einer Fremdherrschaft, die das Land am tiefsten und nachhaltigsten von allen prägte. Auch wenn die Araber von Teilen der ägyptischen Bevölkerung als Befreier begrüsst wurden (wegen der byzantinischen Unterdrückung der koptischen Kirche,…). Von der orthodoxen Kirche und der griechischen Bevölkerung blieb nicht viel übrig nach dieser Invasion, von der griechischen Kultur schon9. Der Beginn der islamische Zeit war auch in Ägypten gleich bedeutend mit dem Beginn des Mittelalters.

Ägypten war im Kalifat unter Raschiden, Omayaden, Abbasiden Peripherie. Erst mit dem Zerfall des Kalifats und der Entstehung von Regionalreichen änderte sich das. Es gab unter arabisch-moslemischer Herrschaft (wie andernorts für Nicht-Moslems) eine Sonder-Steuer für Ägypter/Kopten (damals gleichbedeutend!), begründet mit deren “Schutz”, da die Nicht-Moslems nicht in der Armee dienten. Es gab Aufstände der Ägypter gegen die arabisch-moslemische Herrschaft, bis in’s 9. Jh (zB jener unter Bashmura um 830), v.a. wegen der Kopfsteuer, sie wurden niedergeschlagen; dabei spielte auch eine Rolle, dass die Ägypter schon zuvor nicht Herr im eigenen Land gewesen waren, keine eigene Armee gehabt hatten,… Was, wenn diese Aufstände dazu geführt hätten, dass Ägypten (oder Teile davon) diese Herrschaft abschüttelt…?10 Wäre Ägypten dann wie der Libanon geworden, oder wie Äthiopien…? (Länder, in denen sich christliche und moslemische Bevölkerungsgruppen die Waage halten) Übertritte zum Islam waren aber natürlich auch eine Reaktion auf den Steuer- und sonstigen Druck, mit der Zeit gingen viele Ägypter gingen den Weg der Kollaboration bzw Anpassung. So kam es zur Islamisierung Ägyptens bzw der Kopten. Die Arabisierung geschah hauptsächlich durch die Erhebung der arabischen Sprache zur Staatssprache. Es kam aber nicht zu einer grossen Einwanderung von Arabern (von der Halbinsel). Die Ansiedlung von Arabern geschah hauptsächlich am Sinai (s.u.) – diese Beduinen sind bis heute einzige grössere echt arabische Bevölkerungsgruppe Ägyptens.11

Die Änderung der ethnischen Struktur und des nationalen Charakter Ägyptens infolge der arabischen Herrschaft geschah nicht in dem oft angenommenen Maß. Ein guter Teil der arabischen Soldaten blieb natürlich, vermischte sich mit der ägyptischen Bevölkerung. Die Abbasiden brachten auch viele Militärsklaven12, die Perser, Türken,… waren. Und, die original-ägyptische Kultur wurde durch den Sprachwechsel, die Assimilation und Konversion der Kopten, sukzessive zurück gedrängt. Durch den Islam kam, wie schon zuvor durch das Christentum, sowohl Alt-Ägyptisches zurück ins Land als auch Fremdes herein. Aufgrund der Tatsache, dass Einflüsse aus Hochkulturen der Region in das Judentum flossen, und dessen Inhalte wiederum in Christentum und Islam. Der Eigenname für das Land wurde durch die Arabisierung zB “Misr”, eine Bezeichnung für Ägypten, die aus dem Koran stammt. Der hat es wiederum aus dem Tanach. Das hebräische Wort stammt wiederum von (ebf. semitischen) babylonischen und assyrischen Bezeichnungen für das Land. “Aigýptos” ist ein griechisches Wort, daraus gingen die Fremdbezeichnungen für das Land in vielen Sprachen hervor. Und die (Eigen-) Bezeichnung für die Kopten und ihre Kirche. Die alt-ägyptische Bezeichnung für das Land ist “Kimi”, “Kemi” oder “Kemet” (Ⲭⲏⲙⲓ; soll “schwarzes Land” bedeuten).

Die “Annahme” des Islams bedeutete nur für einige Regionen einen Fortschritt, die Arabische Halbinsel und Nordwest-Afrika hauptsächlich, für Persien und Mesopotamien und die unter byzantinischer Herrschaft gestandenen Regionen (wie Ägypten, Syrien) nicht, und auch nicht für Indien. Dort gab es lange zuvor eine Hochkultur; im Fall Ägyptens und Syriens auch schon vor der Übernahme des Christentums. Mit Persien/Iran verbindet Ägypten so Manches. Auch in Persien gab es Auflehnungen gegen die arabische Herrschaft und die Islamisierung, meist als Shu’ubiyyah zusammengefasst. Es entstand auch ein zoroastrisches Persisch, das sich von der Mehrheitssprache (jener der Islamisierten) unterschiedet, analog zum Koptischen. Was es in Ägypten nicht gab, ist eine Emigrationsbewegung von jenen, die ihre Religion/Kultur behalten wollten, wie die von Zoroastriern nach Indien. Das altpersisch-zoroastrische Symbol Faravahar dürfte auf ein alt-ägyptisches Vorbild zurückgehen.13 Einigen Quellen zufolge spielten Kopten aber unter islamischer Herrschaft eine grössere Rolle in ihrem Land als unter byzantinischer.

828 entführten venezianische Kaufleute die Knochen des heiligen Markus aus Ägypten; zur Rechtfertigung diente eine Legende, wonach Markus auf seinen Missionsfahrten die (noch unbewohnte) Lagune von Venedig durchquert habe und dort von einem Engel eine Weissagung erhalten habe. In Venedig baute man auf das Grab den Markusdom, der geflügelte Markuslöwe wurde zum Staatswappen der Republik Venedig. Mit der Annahme des Christentums durch das Römische Reich begann eine „Verwestlichung“ des Christentums, die sich mit der Ausbreitung des Islams über zuvor christliche Länder (wie Ägypten) verstärkte. Es entstand eine Dynamik, die in der Gegenwart besonders stark ist. In Ägypten wurden die Kopten immer weniger und wurden Bewahrer alt-ägyptischer Kultur (Sprache,…); was sich nicht zuletzt in der Sprachentwicklung Ägyptens zeigt. Im Alten Reich wurde die Ägyptische Sprache in Hieroglyphen geschrieben, auf Stein eingemeisselten Bildzeichen14. Im Mittleren Reich kam die Hierartische Schrift (Kursive Schreibschrift der Hieroglyphen) für Papyrus hinzu. Ausserdem veränderte sich auch die Ägyptische Sprache. Im Neuen Reich und in der Spätzeit wurde das (nun Demotisch genannte) Ägyptisch in Demotischer Schrift geschrieben, u.a. an Wänden von Bauwerken. Zur Zeit der frühen Fremdherrschaften (1. Jh nC bis 3. Jh) entstand daraus die Koptische Sprache, letzte Stufe der Ägyptischen, geschrieben in einer modifizierten griechischen Schrift, zunächst v.a. auf Papyrus und Pergament. Darin ist zB die ägyptische Bibel-Übersetzung verfasst. Koptisch wurde also im Mittelalter vom Arabischen verdrängt. Wobei in das Ägyptische Arabisch Vieles von der Ägyptischen/Koptischen Sprache hinein floss.

Im 9. Jh verfiel das Abbasiden-Kalifat, als Oberherrscher über alle regionalen islamischen Machthaber, es behielt noch eine gewisse Bedeutung als (sunnitische) religiöse Instanz. Auch in Ägypten kamen zur Zeit dieses Übergangs vom Früh- zum Hochmittelalter unabhängige (und auswärtige) Herrscher an die Macht, die türkischen Dynastien der Toluniden und Ichsididen.15 Es folgten die aus Mesopotamien bzw Syrien stammenden (schiitischen) Fatimiden, die im 10. Jh über Nordwest-Afrika Ägypten einnahmen, es bis 1171 beherrschten. Sie haben bekanntlich Kairo gegründet.16 Die Fatimiden-Herrschaft brachte einen Zustrom von Söldnern verschiedener Herkunft nach Ägypten, wo sie schliesslich in der Bevölkerung aufgingen, und eine weitere Islamisierung der Ägypter.17 Der Islam wurde in Ägypten am Übergang vom Hoch- zum Spät-Mittelalter die Religion der Bevölkerungs-Mehrheit, Kopten/Christen wurden eine Minderheit, das ergibt sich aus dem Rückgang des “Toleranz”steuer-Aufkommens. Im 12. Jh kamen Zengiden/Ayubiden aus Syrien (5. und 6. Kreuzzug war gegen das damals von ihnen regierte Ägypten gerichtet), im 13. Jh die Mameluken, im 16. Jh die Osmanen.

Nun, ein Exkurs zum Sinai. Diese Halbinsel war zT in die antike ägyptische Kultur eingebunden, es gab dort Kupfer-Minen die genutzt wurden, und es wurde Türkis-Gestein (für Schmuck,…) dort abgebaut. Die alten Ägypter nannten den Sinai auch “Ta Mefkat“, “Land des Türkis”. Ägypten übte in der Antike zT auch Macht über Palästina/Kanaan aus. Dennoch, der Sinai war bis zum Mittelalter meist nicht Teil ägyptischer Reiche18, die Zugehörigkeit kristallisierte sich allmählich heraus. Wie gesagt, Ägypten entstand entlang des Nils. Der Sinai ist trotz seiner Meereszugänge und seiner Brückenfunktion zu Palästina bzw Asien zu unwirtlich, als das dort menschliches Leben blühen könnte. Eroberer aus Asien (Hyksos, Assyrer, Perser,…) kamen über den Sinai nach Ägypten (bzw dort zuerst in Ägy. an)…auch die Araber und die osmanischen Türken dann. Die “Militärstrasse” des Sinai führt, im Norden, parallel zum Mittelmeer. 1116 nahmen auch die Kreuzritter aus Palästina (das sie damals beherrschten) unter König Balduin auf diesem Weg nach Äygpten. Die anderen Eroberer kamen aus (anderen Teilen) Afrika(s) oder über das Mittelmeer in das Nildelta. Die meisten Inavsoren aus Asien stiessen erst bei Peramun/Pelusium/Tel el Farama (nahe des heutigen Port Said), im äussersten Osten des Nildeltas auf Widerstand. Eine effektive Einbindung des Hinterlandes bzw Verteidigung dort hätte Ägypten vor den meisten Fremdherrschaften bewahren können… Allerdings, die Sinai-Halbinsel wurde lange nicht als Teil Ägyptens gesehen, eher als Verlängerung Palästinas.

Der Sinai war auch für Pilgerreisen aus Ägypten, von Moslems nach Mekka sowie Christen und Juden nach Jerusalem/Quds/Jebus, ein Durchzugsgebiet. Zeitweise war er auch Verbindungsstück zwischen Teilen eines Reiches, zu dem Ägypten gehörte > Perser, Griechen, Römer, Byzantiner, Araber, Fatimiden, Osmanen, das Mohammed Ali-Reich,… Auch mit der arabischen Invasion im 7. Jh wurde der Sinai zunächst nicht dichter besiedelt: Erst als beduinische Araber von der Halbinsel über das Rote Meer und Palästina einwanderten, vom Spät-MA zur früheren NZ. Die Beduinen sind die einzigen echten Araber Ägyptens und dominieren (bis) heute die Bevölkerung des Sinai. Sie sind oft strenger (sunnitisch-) islamisch als die (hamitischen) Ägypter des Nilgebietes. Sie haben eine lange Tradition der Auflehnung gegen den ägyptischen Staat, und Invasoren haben das öfters auszunutzen versucht, etwa die Kreuzfahrer. Unter den Mameluken, die Ägypten im späten Mittelalter regierten, wurde ein Teil der Sinai-Beduinen in den Sudan umgesiedelt.

Sinai 1862

Es gab diese Mameluken-Machtphase vor den Osmanen, dann jene unter der osmanischen Herrschaft19, und die nach ihrer weitgehenden Entmachtung von 1811 (in dieser Zeit wurden auch die Osmanen in Ägypten de facto entmachtet). Im 17. Jh übernahmen die Mameluken (ursprünglich Militärsklaven verschiedener Herkunft, die mit verschiedenen islamischen Herrschern nach Ägypten kamen, v.a. mit bzw unter den Ayyubiden) zur Zeit der Zugehörigkeit Ägyptens zum Osmanischen Reich die Herrschaft in dem Land. Der Anteil der Kopten an der ägyptischen Bevölkerung ging in der Neuzeit auf die heutigen 10% zurück. Der grosse Umbruch kam mit der französischen Invasion unter Napoleon Bonaparte 1798 bis 1801, die gegen Grossbritannien gerichtet war, und im Kontext der europäischen Revolutionskriege stand. Etwa 100 Jahre nachdem die osmanische Expansion in Europa aufgehalten wurde, ging es nun erstmals in die Gegenrichtung. In Ägypten wurde die sozio-politische Ordnung dadurch erschüttert. Mohammed Ali kam in Folge an die Macht, begründete eine Dynastie, schaltete die Mameluken aus, begann die Unterwerfung des Sudan, eine Modernisierung kam in Gang. Und, diese Entwicklung führte zur westlichen Vorherrschaft über das Land, die also in der späten NZ begann und gut 100 Jahre währte.

Mohammed (Muhammad, Mehmet) Ali (Pascha) war ein albanischer Offizier aus Makedonien im osmanischen Heer, 1801 mit diesem zur Vertreibung der Franzosen nach Ägypten gekommen. Durch die Niederlagen gegen die Franzosen wie 1798 in Gize20 wurde die Vorherrschaft der Mameluken schwer erschüttert, was den Aufstieg von Muhammad Ali zum Gouverneur/Vali der Provinz (Eyalet) Ägypten (Ernennung durch den Sultan 1805) ermöglichte. Als solcher “besiegelte” er die Entmachtung der Mamluken durch Tötungen ihrer Anführer, v.a. in Kairo. Mohammed Ali führte Kriegszüge, am Hejaz, in Griechenland (dort im Auftrag der Osmanen), Nubien, Eritrea/Abessinien, Somalia/Punt, und in Syrien, 1831-40 (1832 Sieg über ein osmanisches Heer). Ehe er auch Syrien vollends seinem Machtbereich hinzufügte, wurde er dort von Osmanen und Europäern vertrieben. Er bekam aber vom osmanischen Sultan Ägypten als erbliches “Vizekönigreich” zugeteilt. Die Familie herrschte in Ägypten bis 1953.

Kam mit Mohammed Ali eine neue Fremdherrschaft über Ägypten, eine weitere in der Linie seit der persischen Eroberung 525 vC ? Er war Albaner, diente anfangs den Türken, und an seinem Hof wurde Türkisch gesprochen. Auch seine Nachfahren/Nachfolger heirateten keine Ägypter. Er war ein Bektaschi-Alewit, seine Nachfolger der ägyptischen Bevölkerungsmehrheit gemäß sunnitische Moslems. Er hat Äygpten zu einem de facto unabhängigen Staat gemacht, de jure blieb es aber unter osmanischer Hoheit. Auch unter Ptolemäern oder Fatimiden war Ägypten (mehr oder weniger) unabhängig gewesen, aber eben unter einer Herrscherdynastie ohne Wurzeln im Land. Achämeniden, Abbasiden, oder Osmanen dagegen waren Königshäuser, die von anderswo regierten. In Ägypten sieht man ihn einerseits als Be-Gründer des modernen Ägyptens, der eine ägyptische Armee schuf, nach der Entmachtung der Mameluken, zusammen mit der Modernisierung in anderen Bereichen. Andererseits wird er auch als Eroberer bzw militärischer Abenteurer gesehen, einer der unter Oberherrschaft des schwachen Osmanischen Reichs die eigentliche Macht hatte, wie vor ihm die Mameluken, und der der westlichen Einflussnahme wenig entgegen setzen hatte. Es heisst, er habe Ägypten mit sich identifiziert, aber sich nie mit den Ägyptern. Ein weiterer ausländischer Herrscher, der ägyptische Resourcen für seine Zwecke ausbeutete?

Unter Vali Mohammed Ali gab es auch bescheidene Anfänge des Parlamentarismus in Ägypten, in den 1820ern. Und, es gab damals Rifa’a al Tahtawi, vielleicht der erste Liberale Ägyptens. Er war nicht politisch aktiv tätig, schrieb über seine politischen Vortsellungen; trat weder für Verwestlichung noch für Ablehnung des Westens ein, sondern für eine „Übernahme“ von (eigentlich universalen) Prinzipien, die damals im Westen selbst noch umstritten waren, wie gewisse Ideale der Französischen Revolution, war für die Selbstständigkeit Ägyptens. Die “Einbindung” Ägyptens in den “Weltmarkt”21 im frühen 19. Jh, durch Baumwoll-Exporte, hauptsächlich nach GB, war wiederum etwas, was das Land allmählich in eine Abhängigkeit vom Westen brachte. Es begann damals auch eine Einwanderung nach Ägypten, von Juden, Griechen, Italienern,…

Die napoleonische Invasion leitete auch die Erforschung der Pyramiden22 und allgemein der alt-ägyptischen Kultur ein. Die Ägyptologie entstand, die Erforschung des alten Ägyptens. Bekanntlich wurde im Zuge der Inavsion in Rosetta/Rashit ein Stein mit Inschriften in Hieroglyphen, Demotisch, Griechisch gefunden, ein Priesterdekret aus der Spätzeit bzw der Ptolemäer-Zeit, der die Entzifferung der Hieroglyphen ermöglichte. Man kann sagen, die Ägyptologie wurde von Westlern aufgerichtet und lange von ihnen dominiert. Und man kann darüber diskutieren, ob dies ein Dienst an Ägypten war, der dem Land (bzw seinen Leuten) ihr vor-islamisches Erbe “lebendig” gemacht hat, oder ob man nicht eher sehen muss, was im Zuge von “Erforschungen” alles weggeschleppt wurde. Der Stein von Rosetta/Rosette selbst steht heute im British Museum in London. Aber, im Zuge dieser Entwicklung sind auch die Anfänge des Ägyptischen Altertümer-Museums in Kairo zu finden.

Gustave Flaubert bereiste 1849-51 Ägypten und andere Länder der Levante, mit dem befreundeten Fotografen Maxime Du Camp, schrieb darüber ein Reisetagebuch

Die Oberhäupter der Dynastie von Mohammed Ali (auch Alawiyya-Dynastie genannt), die nacheinander die Funktion Vali, Khedive, Sultan, Melek (König) inne hatten, herrschten also fast das gesamte 19. Jh (zunächst) unter (nomineller) osmanischer Oberherrschaft in Ägypten. Ismail, der erste Khedive23, erweiterte (den ägyptisch beherrschten) Sudan um Darfur und den schwarzen animistischen späteren Süd-Sudan. Das Osmanische Reich an sich war im 19. Jh ja sehr schwach und zunehmend abhängig von europäischen Mächten. Vor diesem Hintergrund “bekam” Ägypten von Grossbritannien und Frankreich den Suez-Kanal, der Mittelmeer und Rotes Meer verbindet, viele Seefahrts-Wege stark verkürzte. Wege, die wiederum nicht im Interesse Ägyptens waren. Das war beim Panama-Kanal auch entsprechend.24 Der Kanalbau (1859-1869) bzw die ägyptische Beteiligung an den Kosten war der entscheidende Schritt zur Abhängigkeit Ägyptens von GB und Frankreich.25

Ismailia um 1870

Die britisch-französische Einflussnahme zeigte sich auch darin, dass in der Regierung des ersten Premierminister Ägyptens, Nubar Pascha (Nubarian26), 1878 auch britische und französischen Minister saßen. Als Khedive (Vizekönig) Ismail 1879 diese Regierung auflöste, wurde er vom osmanischen Sultan auf Druck der Westmächte abgesetzt; sein Sohn (Mehmet) Tawfik wurde Nachfolger, sollte ein willfähriger Herrscher sein. In dieser Situation entfachte sich ein Aufstand von Ägyptern gegen ihre Bevormundung, zu dessen Anführer sich der Offizier Ahmed Urabi aufschwang. Die Urabi-Revolte (etwa 1879-1882) wurde von einer breiten heterogenen Koalition getragen, führte dazu dass Urabi 1882 unter Sharif Pascha Kriegsminister wurde. Er erhob u.a. die  Forderung nach Einberufung des “Parlaments”, was geschah. Doch diese Demokratisierungs-Schritte wurden sofort abgewürgt, das britische Militär intervenierte (mit französischer Hilfe), übernahm die Macht in Ägypten. Das Aufbegehren gegen Entmündigung führte zu neuer Entmündigung – westliche Realpolitik. Die khedivale Herrschaft (türkisch geprägt) und die osmanische Oberherrschaft (dieses Reich selbst zunehmend unter westlicher Kontrolle) blieben bestehen, aber die Macht lag nun in London, wurde von den britischen Militärbasen aus exekutiert.27 Auch der französische Einfluss wurde verstärkt. Und, die Machtelite unter den Khediven war zT noch türkisch gesprägt, zT kam (durch die Einwanderung) eine neue, westlich ausgerichtete hinzu.

Die ebenfalls türkisch geprägte Mameluken-“Kaste” war im Militär noch dominierend. Die Khediven richteten sich nun eher an den westlichen Mächten aus als an den islamischen Reichen und Regionen. Auch der Sudan wurde von den Briten mit übernommen, die dortige Mahdi-Rebellion begann 1881 noch gegen die Ägypter, wurde dann bis 1899 von den Briten nieder geschlagen. Vor diesem Hintergrund entstand Ende des 19. Jh eine ägyptische Nationalbewegung, die sich der Wiedererlangung der (vor Jh verlorenen) Souveränität widmen musste (und dabei mehrere Kontrahenten hatte) und gleichzeitig eine Richtung (bzw eine Definition dieser Nation) finden. Gegenüber westlicher Bevormundung28 boten sich Konzepte von Arabismus und Islamismus an, andererseits waren aber die Kopten die Bewahrer der ursprünglichen Nationalkultur. Die Koptische Sprache wurde in dieser Zeit Kirchensprache, in die Liturgie zurückgedrängt, starb im 19./20. Jh als Umgangssprache aus. Und, eigentlich gibt es auch in der koptischen Kultur viele nicht-ägyptische (v.a. griechische) Elemente, Einflüsse. In der koptischen Kirche gab es Ende des 19. Jh auch einen Machtkampf zwischen der Kirchenhierarchie (dem Klerus) und dem Laiengremium Maglis Milli (mit Marcus Simaika), und in diesem mischten auch die Briten mit. Das ägyptische Parlament wurde um die Jahrhundertwende allmählich bedeutender, und die Wahlen zu ihm (noch ohne Parteien). Damals wirkte auch der Liberale Qasim Amin.

In dieser Phase wurden die Grenzen Ägyptens festgelegt. Jene zu Libyen 1841 (als beide Länder unter osmanischer Herrschaft standen) sowie 1925/26 (zwischen dem inzwischen teil-souveränen Ägypten und den über Libyen herrschenden Italienern). Zum Sudan, der mit Ägypten zusammen (offiziell) unter osmanischer Hoheit stand und britisch besetzt war, zogen die Briten 1899 die Grenze am 22. Breitenkreis29; 1902 änderten sie das, weil diese Grenze Stammesgebiete zerschnitt. Mit der Grenzziehung zum osmanischen Palästina war es so: Als Mohammed Ali als Herrscher von Ägypten anerkannt wurde (vom osmanischen Sultan und den europäischen Herrschern), war die Notwendigkeit einer Abgrenzung Ägyptens zu den osmanischen Gebieten im Osten gegeben. Damals wurde der Sinai international als zu Ägypten zugehörig eingestuft, ohne aber eine genau Abgrenzung zu Palästina festzulegen. Dies geschah erst 1906, die Briten inzwischen Herrscher über Ägypten und auch schon so etwas wie eine Regionalmacht. Anlass war ein Streit zwischen Briten und Osmanen über einen britischen Militärposten in Akaba. Sinai bzw Ägypten bzw Afrika und Palästina bzw Asien wurden damals entlang einer Linie von Rafah nach Taba (bzw östlich davon) abgegrenzt.30

Man hätte die Grenze auch von der Stadt Akaba (bzw östlich davon) nach el Arish ziehen können… Jedenfalls, die Zugehörigkeit des Sinai zu Ägypten wurde damals definitiv entschieden. Die Beduinen-Stämme des Sinai bekamen danach die ägyptische Staatsbürgerschaft. Der Sinai wird noch immer teilweise als Teil Asiens gesehen, es gibts keine natürliche Grenze, der Suez-Kanal ist ja „künstlich“.31 Auch der Nil wurde zeitweise als Grenze zwischen Afrika und Asien gesehen, öfters auch das Rote Meer, bzw seine Buchten, der Golf von Suez und Golf von Akaba. Der erstere Golf führt vom Roten Meer zum Suez-Kanal; eine Grenzziehung über zweiteren Golf führt zur bestehenden Rafah-UmmRaschRasch-Grenze hin. Die Zugehörigkeit Ägyptens zu Afrika ist auch nicht so selbstverständlich: In der Antike wurde Afrika überwiegend im Nordosten mit Libyen abgegrenzt, Ägypten als Teil Asiens gesehen. Die “Idee” von Ägypten als afrikanischem Land scheint erst im 19. Jh entstanden zu sein, mit der (europäischen) Erforschung Afrikas (die Ende dieses Jh zu einem Abschluss kam) und der Erkenntnis des “Einschlusses” Ägyptens in die afrikanische Landmasse. Und, der Sinai wird trotz der Zugehörigkeit zu Ägypten (die von israelischen Besatzungen unterbrochen wurde) nach wie vor gerne zu Asien gerechnet. Demnach verläuft die Kontinental-Grenze entlang des Suez-Kanals und Ägypten ist ein transkontinentales Land. Bekanntlich hat sich Ägypten ja dann zeitweise mit Syrien zusammen geschlossen und war (ist) überhaupt eher nach (West-) Asien ausgerichtet als nach Afrika.32

Mit Ausbruch des Ersten “Welt”kriegs 1914 wurde Ägypten erst offiziell britisches “Protektorat” (bis dahin war es ein Besatzungsregime), kam es zum Ende der osmanischen Herrschaft. Khedive Abbas wurde von den Briten abgesetzt, wegen Unterstützung des Osmanischen Reichs (und exiliert), stattdessen sein Onkel Hussain Kamil eingesetzt, und zwar als Sultan; das britische Protektorat Ägypten wurde ein Sultanat.33 Volkssouveränität kam weiter nicht… 1915/16 zunächst ein osmanischer Angriff (mit Hilfe des Deutschen Reichs,…) von Palästina, auf den Suez-Kanal, abgewehrt, dann starteten die Briten (mit Frankreich,…) 16-18 eine Gegenoffensive, drangen über Sinai und Gaza nach Palästina ein, von dort nach Syrien,.. Und zwischendurch (17) die Balfour-Erklärung, an Lionel Walter Rothschild.34 Ägypter wie Palästinenser waren an den Kämpfen in ihren Ländern relativ wenig beteiligt, beteiligten sich z.T. an der britischen Offensive, um die Unabhängigkeit von den Osmanen zu gewinnen, kämpften z.T. in der osmanischen Armee.

Die Unabhängigkeit kam schrittweise, der Kampf um diese und um Orientierung, hatte schon vor diesem europäischen Krieg begonnen. 1919 entstand die Wafd, als eine der ersten Parteien Ägyptens, eine nationalistische Partei35, die an frühere Gruppierungen und Bewegungen anknüpfte. Wafd-Führer Saad Zaghloul führte 1919 einen säkular-nationalistischen Aufstand an, für Unabhängigkeit, Freiheit und Demokratie – und das schloss auch Unzufriedenheit mit der Vorherrschaft der türkischen/türkisierten Elite mit ein. Zaghloul wurde nach Malta ausgewiesen, das sich die Briten ebenfalls unter den Nagel gerissen hatten. Dennoch wurde damit etwas erreicht. 1922 gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit, mit einigen Vorbehalten. Sultan Fuad wurde König, die Briten behielten militärische Stützpunte sowie die Kontrolle über die Kanalzone. Wie ggü Irland gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit in Schritten36, bei Irland begann das ebenfalls 1922; 1937 und 1949 waren die weiteren grossen Schritte; Nordirland blieb “draussen”. In diesem Jahr 1922 fand der britische Archäologe Howard Carter (mit seinem Team) im Tal der Könige das Grab von Pharao Tutenchamun (Tutankhamun, Neues Reich, ~1300 vC), eine der sensationellsten archäologischen Entdeckungen, quasi das Gesicht einer Kultur.37

Die Wafd wurde bald an der Macht beteiligt, Zaghloul wurde 1924 der erste Premierminister mit einer parlamentarischen Basis.38 Die drei Jahrzehnte zwischen der nominellen Unabhängigkeit 1922 und dem Putsch 1952 war eine semi-unabhängige, semi-demokratische Phase. Die Macht war geteilt zwischen dem Königshaus, den britischen Repräsentanten, und der Wafd (die noch am ehesten Wünsche des Volkes vertrat). Von der Wafd spaltete sich die  Liberal-Konstitutionelle Partei (حزب الاحرار الدستوريين‎, Ḥizb al-aḥrār al-dustūriyyīn) ab. Ab 1923 bis zum Ende der Monarchie gab es immer Wahlsiege für die Wafd, ausser ’45, und die Partei stellte (ab 24) einige Premiers. Diese Parlaments-Wahlen waren ziemlich frei als, aber es gab relativ wenig Macht für Regierungen und Parlament, und Moslembrüder sowie Linke waren gebannt. Die Moslembruderschaft (Ichwan al Muslimiyun) wurde 1928 gegründet, sah den Islam als Antwort auf alle Probleme Ägyptens, als ein Zurück zu den Wurzeln.39 Sie sah eine Verbindung des eigenen Kampfes gegen die Briten mit jenem der Palästineneser (gegen Briten und Zionisten), der in den 1920ern begann. Führende Bevölkerungsschicht dieser Zeit war das Grossbürgertum, das oft ausländischer Herkunft und Nationalität war. 1936 wurde Faruk König und die Briten zogen sich in die Zone des Suez-Kanals “zurück”, der einer Internationalen Gesellschaft gehörte. High Commissioner40 Lampson wurde Botschafter, Ägypten und Grossbritannien schlossen einen “Bündnisvertrag”.

Die Frage der ägyptischen Identität wurde im frühen 20. Jh “brennend”, betraf die “Gestaltung” der eigenen Gesellschaft wie auch die äussere “Ausrichtung”. Ausländer hatten in Ägypten 1876 bis 1949 eigene Gerichte (konnten nicht an ägyptischen Gerichten angeklagt werden), die Ägypter hatten bis 1955 die Gerichte ihrer Religionsgemeinschaften (über das Ende des osmanischen Millet-System mit der offiziellen britischen Machtergreifung 1914 hinaus). (Westliche) Ausländer in Ägypten hatten damals weitere Privilegien, diese wurden erst 1937 abgeschafft. Mit diesen separaten Gerichten (bzw ihrer Anerkennung) für religiöse Gemeinschaften (Moslems, Christen, Juden) unterminierte der ägyptische Staat seine eigene Souveränität, und wurde auch eine liberale Auffassung von Staatsbürgerschaft, unabhängig von der Religion, unterminiert. Eine ägyptische Staatsbürgerschaft wurde 1929 eingeführt. Die in der späteren Monarchie dominierende Wafd vertrat einen territorialen Nationalismus, sah Kopten, Juden, Griechen,… als prinzipiell gleichberechtigte Ägypter. Nicht umsonst war ihr Symbol eine Kombination aus Halbmond und Kreuz. Diese Auffassung von Ägyptern als Bewohner Ägyptens wurde ab den 1920ern von mehreren Seiten in Frage gestellt: Von jenen Ausländern die ihre kolonialen Privilegien behalten wollten und möglichst wenig mit Ägypte(r)n zu tun haben wollten41; von jenen, die eine islamische Auffassung von Gemeinwesen hatten (hauptsächlich die Moslembrüder); von faschistoiden Gruppen, die (europäisch inspiriert) ein ausschliessendes Nationakonzept vertraten; den im britischen Palästina, von Europa aus, aber auch bald in Ägypten wirkenden Zionisten, die wie Antijudaisten einen Widerspruch darin sahen, als Jude in Ägypten zu leben.

In den späteren 1930ern führte Unzufriedenheit mit dem begrenzten Charakter der Unabhängigkeit, der Unterminierung der parlamentarischen Monarchie durch Königshaus und Briten, und die privilegierte Stellung von Europäern dazu, dass Unterstützung für ein liberales Nationskonzept schwand, Islamisten, Arabisten und Nationalisten Zulauf bekamen. Und, die Entwicklung in Ägypten begann, sich mit dem palästinensisch-zionistischen Konflikt zu verbinden. Was sich auf die Juden Ägyptens auswirkte, auch auf jene, die ggü Palästina bzw dem zionistischen Projekt dort indifferent waren. Um 1900 gab es um die 100 000 Juden in Ägypten 42, und das blieb bis zu den Auswanderungswellen ab 1948 so. Sie hatten verschiedene Staatsbürgerschaften43, Kulturen, Sprachen, Klassen, politische Ausrichtungen,… In Familien gab es oft mehrere verschiedene Konzeptionen von Judentum, innerhalb der jüdischen Bevölkerung gab es viele kulturell-politische Konflikte, wie heute in Israel und in grösseren “Diaspora”-Gemeinschaften.

Jene mit den tiefsten Wurzeln in Ägypten waren die Mizrahi-Juden, die hauptsächlich Karäer waren44, meist sehr arm. Ihr Lebensstil unterschied sich nicht von dem anderer Ägypter dieser sozialen Klasse(n). Sie sahen sich als geschützte religiöse Minderheit, wollten meist gar keine liberale Umgestaltung des Staates, oder ein anderes Nationskonzept, sahen sich ohenhin als Ägpter. Erst nach dem 2. WK gab es hier Änderungen. Die Führung unter den Juden Ägyptens war an Einwanderer des 19. und 20. Jh, Aschkenasen und Sepharden, über-gegangen. Diese hatten weniger Bindung zu Ägypten als die Mizrahis, waren reicher, hatten in der Regel andere Präferenzen, waren näher beim Königshaus bzw der Oligarchie. Die Sepharden (wie die Cattaoui- oder Cicurel-Familien) waren etwas besser integriert als die Aschkenasen. Diese waren meist Teil jener westlichen Ausländer, die Ägypten damals “dominierten”, ausserdem am empfänglichsten für den Zionismus. Rachel Maccabi, die in Alexandria aufwuchs, in den 1930ern nach Palästina auswanderte und nach dem Sieg Israels über Ägypten 1967 ein Buch über das Land ihrer Kindheit herausbrachte, frohlockte dort, dass auch König Fuad I. (1922-1936) kein echter Ägypter war, das Königshaus zu diesem “Ägypten der Ausländer” passte.45

Das Schicksal der Juden Ägyptens46 verband sich mit dem “Palästina-Konflikt”, wie jenes der “Volksdeutschen” mit dem Nationalsozialismus. Ab den 1930ern entstand eine immer stärkere Dynamik, aus der aschkenasischen Hegemonie über die Juden Ägyptens47, Unmut über die Entwicklungen im benachbarten Palästina, dem Wirken zionistischer Stellen in Ägypten selbst, unter dessen Juden48, der westlichen Einflussnahme in Ägypten, und dann auch bald der Verwicklung Ägyptens in diesen Palästina-Konflikt. Der Aufstieg des Faschismus in Europa (mit seinem Antijudaismus) spielte auch eine Rolle, aber nicht jene, die ihm gerne zugeschrieben wird um von manchen Entwicklungen abzulenken. Zumindest bis zum Krieg 48 war es möglich, als Jude die ägyptische “Nationalbewegung” zu unterstützen (zB in der Wafd) und gleichzeitig in der jüdischen Gemeinschaft aktiv zu sein. Manche sahen auch keinen Widerspruch darin, sich als Ägypter zu fühlen und den Zionismus zu unterstützen. Auch die Kombinationen aus (linkem) Zionismus und Kommunismus oder Kommunismus und “Ägyptizismus” gab es.

Und bezüglich der Konzeption Ägyptens als Nation (jetzt nicht den Ein- oder Ausschluss bestimmter Bevölkerungsteile betreffend) gab es auch unterschiedlichste Vorstellungen. Das heute vorherrschende Konzept von Ägypten als arabischer (und islamischer) Nation wurde erst in den 1940ern/50ern hegemonial! Als der Wafd-Führer Saad Zaghlul zur Nachkriegskonferenz nach Versailles reiste, teilte er Politikern anderer “arabischer” Gebiete (die ihre Unabhängigkeit erst bekamen) mit, dass ihre Unabhängigkeitsbestrebungen nicht miteinander verbunden seien. Es dominierte das Konzept eines ethno-territorialen, ägyptischen Nationalismus. Dieses führte im Ägypten der Zwischenkriegszeit zum Pharaonismus. Darin wurde Ägyptens vor-islamische Vergangenheit, seine nationalen Besonderheiten, sein mediterraner Charakter, hoch gehalten. Wichtigster Verfechter des Pharaonismus war der Autor Taha Hussein (1889 – 1973). Der syrische Pan-Arabist Sati’ al-Husri bemerkte bei einem Besuch in Ägypten 1931, dass der Gedanke einer arabischen Nation dort sehr wenig Anklang fand. Dennoch war Ägypten unter Faruk 1945 Gründungsmitglied der Arabischen Liga.

König Faruk I. wollte Ägypten nicht am 2. WK beteiligen, Ägypten wurde aber Kriegsschauplatz. Italienische und deutsche Truppen drangen von (der italienischen Kolonie) Libyen her ein, bei El Alamein fanden 1942 zwei Schlachten zwischen Achsenmächten und Alliierten (GB und ihre Hilfstruppen) statt, erstere wurden zurückgeschlagen, was mit-entscheidend für diesen Krieg war. Ägypten war beim Krieg zwischen europäischen Mächten Schauplatz, die Ägypter in ihrem Land Zuschauer. Wie um 1800 (bei den französisch-britischen Schlachten), im 1. WK, beim Kampf Perser gegen Byzantiner, Ayubiden gegen Kreuzritter. Das Land verwandelte sich in eine grosse britische Militärbasis (diese Truppen zogen sich nach dem Krieg wieder in die Kanalzone zurück), auch Deutsche und Italiener drangen ein, um ihre Ziele zu verfolgen, wie später Israelis. Die Zerstörungen und die gelegten Minen haben Ägypten noch Jahrzehnte danach zu schaffen gemacht.49 Für die Juden Ägyptens rückten NS und Holocaust bedrohlich nahe heran, und auch an das britische Palästina, das nun eine zT jüdische Bevölkerung und Charakter hatte. Im bzw nach dem Krieg wurden die Beziehungen zwischen den karaitischen Mizrahis und rabbanitischen Sepharden und Aschkenasen50 enger, der Zionismus bekam erstmals grössere Unterstützung unter ägyptischen Juden, was noch gegen die Linie der grossen jüdischen Organisationen war.

König Faruk I. schickte 1948 Truppen nach Palästina um die zionistischen Vertreibungen und Massaker im Rahmen der Ausrufung “Israels” (bzw des Abzugs der Briten) zu bremsen, darunter war Gamal A. Nasser. Was nur in der an den Sinai angrenzenden Gegend um die Stadt Gaza (im Westzipfel Palästinas) gelang. Dieser “Gaza-Streifen” (voll mit Flüchtlingen von anderswo) kam nach dem Krieg unter ägyptische Verwaltung. Vertriebene/Flüchtlinge aus den israelisch gewordenen Gebieten kamen damals auch auf den Sinai. In Ägypten wurde 1948 staatlich gegen zionistische Gruppen und Aktivitäten vorgegangen, auch mit Internierungen (zusammen mit Moslembrüdern und Kommunisten), ausserdem gab es Übergriffe; es kam zu einer ersten grossen Auswanderungswelle, nach Israel und in den Westen (v.a. von jenen Juden mit anderen Staatsbürgerschaften als der ägyptischen). Im Sinai und in der angrenzenden Nagab/Negev-Wüste dominierten beduinische Araber die Bevölkerung, und es hatte über Jahrhunderte hinweg dort nicht wirklich eine Grenze gegeben, die den Personen- und Warenverkehr dieser Beduinen behinderte – bis zur Proklamation Israels. Wichtigster Stamm im südlichen Palästina wie am Sinai waren und sind die Tarabin/Tirabin.51

In den Jahren ab 48/49 gab es Gewalt der Moslembrüderschaft gegen den Staat (Ermordung von Premier Nukraschi 1948), westliche Ausländer, Angehörige von Minderheiten, ein staatliches Vorgehen dagegen (u.a. Ermordung von Moslemrüder-Chef Banna ’49). 1950 die letzte Wahl unter der Monarchie, mit einem Sieg der Wafd (vor der Saadistischen Partei), die letzte (einigermaßen) freie bis 2011. Die militärische Niederlage 1948/49 war eine Vorbedingung für den Militärputsch 1952. Und es war eher ein Putsch als eine Revolution. ’53 wurde  die Monarchie abgeschafft, Nagib wurde Präsident, 54 schob Nasser Nagib zur Seite (56 kam eine neue Verfassung). Im Kubbeh-Palast in Kairo residieren seither statt Königen Präsidenten. Unter Nasser wurde eine autoritäre Republik mit Zügen einer Militärdiktatur und Notstandsgesetzen errichtet, ein Polizeistaat. Es kam das Ende der Oligarchie, des Feudalismus, der Paschas und der Macht der Ausländer. Die Ägyptisierung in vielen Bereichen52, eine Bodenreform. Der linksnationalistische Nasser war aber anti-religiös, propagierte einen Säkularismus, nicht unähnlich der kemalistischen Türkei, aber nicht westistisch. Liess die Moslembrüder zerschlagen. Es kam keine Demokratisierung, im Gegenteil. Es kam eine Staatspartei, Pseudo-Wahlen.

Faruk al Alawiyya, Frau Narriman, Sohn Fuad 1953 im Exil in Italien

Diese Umwälzungen waren Teil des Ringens um Unabhängigkeit, Eigenständigkeit, Identität. Die für Afrika typische postkoloniale Phase wurde in Ägypten von Nasser beendet. Vor der Machtergreifung der Freien Offiziere 1952 wurde Ägypten fast 3000 Jahre von Nicht-Ägyptern regiert…53 So etwas gab es nicht nur im “Orient”. In Griechenland vergingen vom Tod von Konstantinos XI. Palaiologos in der Schlacht um Konstantinopel 1453 bis zur Proklamation eines griechischen Staates 1822, mit Alexandros Mavrocordatos als Oberhaupt, 369 Jahre.54 In Persien gab es eine Phase der Fremdbestimmung von Sassaniden bis Safawiden (fast 1000 Jahre), wobei Manche erst die Pahlevi als echt persische/iranische Dynastie zählen.55 Mit Nasser kam aber die Konzeption von Ägypten als arabischer Nation, was wiederum etwas “Fremdes” ist…56

Nasser (wie auch Nagib) sah keinen Widerspruch zwischen ägyptischem Stolz und einer überspannenden arabischen (kulturellen, politischen) Identität. Noch unter Nagib wurde eine neue Staatsflagge mit den pan-arabischen Farben gewählt.57 Ägypten bekam eine Führungsrolle in der “arabischen Welt”, als Gegenpol zu dem Block der konservativen (prowestlichen) Monarchien wie Saudi-Arabien und Marokko. Auch in der Blockfreien-Bewegung wurde es führend. Nasser wandte sich auch zur SU, die seine Armee aufrüstete; obwohl linke, kommunistische Parteien in Ägypten verboten waren. Ägypten wurde unter Nasser Hauptfeind Israels, Nassers frühes Engagement diesbezüglich ging über Gaza (und die Palästinenser), das ägyptisch verwaltet wurde, vor und nach dem israelischen Angriff auf Ägypten und Besetzung von Sinai und Gaza-Streifen 56/57. Israel unter Premier Ben Gurion stiftete 1954 ägyptische Juden dazu an, Anschläge auf amerikanische und britische Ziele in Ägypten durchzuführen, die auf Ägypter zurückfallen sollten, und die Briten von ihrem geplanten Abzug aus der Suez-Kanal-Zone abhalten sollten; für die misslungen Aktion gibt es verschiedene Bezeichnungen, meist wird sie nach dem Verteidigungsminister Lavon (Lubianiker) benannt. Dennoch zogen die Briten ab, 54-56.

Die Universal Maritime Suez Canal Company/ Compagnie universelle du canal maritime de Suez hatte den Kanal bauen lassen und betrieb ihn von seiner Fertigstellung 1869 bis 1956. Letzter Präsident war (ab 1948) François Charles-Roux, ein starker Befürworter der Behaltung französischer Kolonien. Ägyptens Präsident Nasser verstaatlichte 1956 den Kanal bzw die Gesellschaft. Eigentlich war das der letzte Schritt zur Erringung der Unabhängigkeit, die Beseitigung des letzten Restes kolonialer Präsenz in Ägypten.58 Und sofort wurde das Land angegriffen, von Grossbritannien, Frankreich und Israel. “Schutz der freien Schifffahrt” war eine der Begründungen die da kamen. Die israelische Armee kam über Gaza auf den Sinai, besetzte diese Gebiete. Die Invasoren mussten auf Druck der Grossmächte USA und SU abziehen. Israel kam dem erst 1957 nach. Die UN wollte Blauhelme an der ägyptisch-israelischen Grenze (bzw Waffenstillstandslinie von 1949) stationieren. Israel weigerte sich, die UN-Truppen (UNEF) auf “seiner” Seite stationieren zu lassen. Die damit auf den Sinai kamen. Ägypten also 1957 endlich ganz unabhängig? Nun, die israelische Besetzung kam ja 1967 wieder, bis 1982, in Taba dauerte sie bis 1989. Im Zuge des Krieges, in dem Ägypten seine Unabhängigkeit behaupten musste, kam im Land eine antiwestliche, ausländer- und minderheitenfeindliche Welle auf (bzw wurde eine solche verstärkt), und das Konzept von Ägypten als arabischer Nation bekam viel Zulauf. Besonders in Alexandria/ Iskandariya war das spürbar, wo Ägypter seit Jahrhunderten unterprivilegiert waren. Vor allem Griechen und Italiener verliessen nun von dort in grosser Zahl das Land, es folgten Verstaatlichungen (von Betrieben, Grundstücken,…). Alle britischen und französischen Staatsbürger wurden des Landes verwiesen.

Angriff auf Port Said 56

Nach dem Auffliegen der israelischen Falsche-Flagge-Terror-Pläne 1954 (mit dem Ziel der Verschlechterung der Beziehungen Ägyptens zum Westen, der Verlängerung kolonialer Präsenz dort) hatte sich Innenminister Zakaria Mohieddin noch bemüht, zwischen der Masse der Juden Ägyptens und den Zionisten unter ihnen (die sich dafür rekrutieren hatten lassen) zu differenzieren. Nach dem israelischen Angriff (mit Massakern im Gaza-Streifen übrigens) und der Besatzung 1956/57 (zusammen mit den Westmächten) war diese Differenzierung schon sehr schwer. Die Konfrontation mit dem Zionismus war zu einem bestimmenden Thema Ägyptens geworden (im Inneren und nach aussen). Auch unter den Briten und Franzosen (die aus Ägypten vertrieben wurden) waren Juden. Aber auch Juden mit anderen Staatsbürgerschaften, darunter der ägyptischen, verliessen in grosser Zahl das Land. 1956 (und in den darauf folgenden 1,2 Jahren) fand die grösste Auswanderungswelle von Juden aus Ägypten statt. Dazu trug die Verstaatlichungspolitik der Regierung bei, die viele Juden betraf, vor allem aber machte sich unter Juden eine allgemeine Unsicherheit breit, durch die Reaktionen der Ägypter auf Israels Politik gegenüber Ägypten.59 Die meisten Juden gingen 1956ff nicht nach Israel, sondern in westliche Länder.

Da war zum Beispiel die sephardische Cicurel-Familie. Moreno Cicurel war im 19. Jh aus Smyrna (Izmir) nach Ägypten immigriert, von einem Teil des Osmanischen Reichs in einen anderen. Das wichtigste Familiengeschäft wurde die Geschäftskette Les Grands Magasins Cicurel. Die Cicurels wurden britische Staatsbürger. Die Enkelin von Moreno Cicurel60, Liliane, heiratete 1933 den jüdischen französischen Politiker Pierre Mendes-France (Parti radical), Premierminister 1954/55. Dessen Regierung war es, die die nukleare Zusammenarbeit Frankreichs mit Israel begründete. Im Sevres-Protokoll, in dem Israel und Frankreich 1956 den Feldzug gegen Ägypten fixierten, hat Frankreich Israel für seine Unterstützung gegen Ägypten nukleare Hilfe zugesagt. Hilfe beim Bau der Nuklearanlage in Dimona, wo dann Israels Atombomben produziert wurden. Diese wären 1973 beinahe gegen Ägypten eingesetzt worden. Zu Beginn des 3-Mächte-Angriffs auf Ägypten 1956 wurde die Cicurel-Firma unter Zwangsverwaltung gestellt. Familienoberhaupt Salvator Cicurel brachte einen grossen Teil des Vermögens ausser Land, verkaufte die Geschäfte in Ägypten an die moslemische Gabri-Familie und verliess das Land (1956 oder 57), ging nach Westeuropa (wahrscheinlich Frankreich); der Grossteil der Familie folgte.61

Auch die Famile von Chaim Saban (aus Alexandria) verliess nach dem Krieg gegen Ägypten 1956 das Land, auch Giselle Orebi,…und Rafaat El-Gammal. Ganz unten in der Hierarchie der ägyptischen Juden und am verwurzeltsten im Land waren die Karäer, die zB in Kairos Harat al-Yahud (Judenviertel) lebten.62 Auch nach 56 blieb noch eine relativ stattliche jüdische Gemeinde in Ägypten, und die bestand nun hauptsächlich aus diesen Karäern. Aber die Dynamik der Verbindung von europäischer (post-)kolonialer und zionistischer Einflussnahme sollte sich auch auf sie auswirken. Die Zionisten (bzw auf Zionismus Ansprechenden) unter den Juden Ägyptens waren vorwiegend jene mit kurzen Wurzeln in Ägypten und wenig Bezug zum Land, verloren haben aber alle ägyptischen Juden. Joseph Massad weist darauf hin, dass viele exilierte ägyptische Juden prominent wurden für ihre hasserfüllten Ansichten über (bzw Beschreibungen von) Ägypten63, es aber auch andere gäbe, die weniger Aufmerksamkeit bekämen.

Das zionistische Narrativ ist eben, dass jüdische Identität im Gegensatz zum “Orient” steht und nur durch Verlassen von (Länder wie) Ägypten erhalten werden konnte. Wenn Hillel Neuer (“UNwatch”) fragt, „Algeria where are your jews?“, weiss er wahrscheinlich nur zu gut, dass er die Frage eigentlich jenen stellen müsste, die diese Juden nicht Algerier sein lassen wollten, wie Cremieux/Moise. In Ägypten oder Irak war es entsprechend. Wie andere Mizrahis haben auch Juden ägyptischer Herkunft in Israel dann meist besonders zionistisch-nationalistische Positionen eingenommen; schon allein um nicht mit den Palästinensern in einen Topf geworfen zu werden. Zu jenen ägyptischen Juden, die nach Israel ausgewandert sind, und das Land ihrer Herkunft nicht in den Dreck zogen, gehören Yitzhak Gormezano-Goren und Jacqueline Kahanoff.64 Henri Curiel war noch unter Faruk ausgewiesen worden, als Kommunist, ging nach Frankreich und unterstützte dort linke und antikoloniale Bewegungen, wurde 1978 ermordet.

Nasser entliess den Sudan 56 in die Unabhängigkeit, der (bis dahin) gemeinsam mit den Briten verwaltet wurde; eine Nation aus arabisierten Nubiern und grossteils christlichen Schwarzafrikanern. Ägypten vereinigte sich 1958 mit Syrien, was 1961 von syrischer Seite aufgekündigt wurde (u.a. aus Unzufriedenheit mit ägyptischer Dominanz). Ägypten behielt den Namen “Vereinigte Arabische Republik” bis 1971 bei, seither heisst es “Arabische Republik Ägypten”. “Abschliessung” gegenüber dem Westen sowie Arabismus waren unter Nasser angesagt. “Israel” wurde selbst für Ägypter, die sich nicht um die Palästinenser kümmerten und unpolitisch waren, ein bestimmendes, ja existenzielles Thema, spätestens in den 60ern. Der Konflikt war fast immer präsent, auch zwischen den Kriegen 48, 56, 67, 73, durch Gewalt in den jeweiligen Grenzgebieten. Oder durch Geheimdienst-Aktionen wie gegen westdeutsche Raketenleute (Techniker/Wissenschafter), die unter Nasser in Ägypten arbeiteten, durch eine Terror-Kampagne des Mossad dazu veranlasst wurden, (vor 67) abzuziehen. In den folgenden Kriegen hatte das ägyptische Militär so zwar Kurzstrecken-Raketen, aber ohne Navigationssysteme.65 Ägypten nahm eine zentrale Rolle in der israelisch-“arabischen” Konfrontation ein.

Tom Segev sagt, dass für Israel 1967 aus rein militärischen Gesichtspunkten keine existenzielle Bedrohung bestanden hätte66. Es gab wohl wie 48 eine Hysterie mit der die Aggression gerechtfertigt wurde. Und Eroberungspläne die 48 nicht verwirklicht worden waren. Gegenüber Ägypten war zum Einen natürlich die Luftangriffe auf die Luftwaffen am Boden entscheidend. Aber auch die Tatsache, dass 67 ungefähr die Hälfte des ägyptischen Offizier-Korps im Bürgerkrieg in Nord-Jemen (62-70) engagiert war, der ein Stellvertreterkrieg der Lager in der arabischen Welt war, zumindest zu Beginn des Krieges bzw zur Zeit des israelischen Angriffs. Ägyptischer Befehlshaber im Grenzgebiet, am nordöstlichen Sinai, war Mohammed A. H. Amer, der schon beim Putsch 52 dabei war, 58-62 Vizepräsident, danach weiter Verteidigungsminister und Generalstabschef. Nach der Niederlage bei Abu Ageila (Ost-Sinai, südöstlich von Arish) ordnete Amer den Rückzug aller Einheiten an, was den israelischen Durchbruch und Sieg bedeutete.67 Im Rahmen des israelischen Sieges kam es zu neuen Besetzungen, Vertreibungen, Massakern.68 Der grösste Teil der in Ägypten verbliebenen Juden verliess das Land nach dem Krieg.69

Nasser ’68 am Suez-Kanal

Der Sinai war also 67-82 wieder israelisch besetzt, wie schon 56/57 (48/49 gab es “nur” ein Eindringen und Angriffe).70 Es gab eine Militärverwaltung über die dortige Bevölkerung, Israel “saß” auf den ägyptischen Erdöl-Feldern. Ägypten startete 67-70 diverse Angriffe auf die israelischen Besatzungstruppen am Sinai bzw versuchte eine Rückeroberung („Abnutzungskrieg“, am Suezkanal); Israeli beschoss Port Said, Ismailiyya, Suez auf der Westseite des Kanals, was zu vielen zivilen Opfern, der Zerstörung der Stadt Suez und der Flucht von 700 000 Menschen führte. Israel besetzte 1967 (zum wiederholten Mal) den Sinai, den man als Nordostzipfel Afrikas (oder als Verländerung Asiens) sehen kann, zur selben Zeit kam am anderen Ende Afrikas, in der Republik Südafrika, die Apartheid-Politik zu einem Höhepunkt. Es ist kein Zufall, dass diese beiden Regime wunderbar miteinander harmonierten, auch wenn das heute (von jenem das einen Teil Ägyptens besetzte, sowie seinen Anhängern) in Abrede gestellt wird. 1968 kamen die Markus-Gebeine teilweise aus Venedig zurück, anlässlich der 1900-Jahr-Feier der Gründung der koptischen Kirche, zu der die Markus-Kathedrale in Kairo gebaut wurde, Sitz des koptischen Patriarchen (“von Alexandria”), wo sie seither aufbewahrt werden.

Nach Nassers Tod 1970 wurde Anwar as-Sadat Staatspräsident, der zT Nubier war, einer der Freien Offiziere, nach dem Umsturz 52 hohe Staatsfunktionen inne hatte, darunter Vizepräsident. Verheiratet mit einer halben Engländerin, begann Sadat eine Öffnung gegenüber dem Westen sowie verschiedene Liberalisierungen. Der Arabismus hatte für viele Ägypter durch den Krieg mit Israel an Legitimität verloren, Tausende von ihnen hatten ihr Leben verloren, und Solidarität mit den Palästinensern war noch nicht einmal in Ägyptens ureigenstem Interesse. So ähnlich sah es auch Sadat. Er wurde aber in Israel wie zuvor Nasser zum „Hitler vom Nil“ gemacht, obwohl er bereits 71 von Frieden sprach, was misstrauisch und siegestrunken abgelehnt wurde. Der Krieg 73 zur Rückeroberung der besetzten Gebiete misslang wieder, aber die “Barlev-Linie” am Sinai wurde überrannt (wie der Atlantik-Wall 1944), Resultat war ein Unentschieden.71 74/75 kam es nach einem Abkommen zum Teilrückzug der Zionisten (hinter den Mitla-Pass, weg von Kanal), kam der Westteil des Sinai zurück an Ägypten, der Kanal wurde wieder geöffnet.

In den frühen 1970ern errichtete Israel am besetzten Sinai zwei Siedlungsblöcke, im Nordosten (am Mittelmeer, östlich von Arisch, angrenzend an den Gaza-Streifen, der ja auch “besiedelt” war) und im Südosten (am Roten Meer, östlich von Ras Muhammad, bei Sharm el Sheikh). Wichtigste Siedlung im Norden war “Yamit”. 1972/73 wurde die Rafah-Ebene dafür auf Anweisung der “Warlords” (bzw Kriegshelden) Mosche Dayan und Ariel Scharon von Beduinen “gesäubert” (also vor dem Krieg 73), die sich dort vor Langem niedergelassen hatten, Landwirtschaft betrieben. An die 20 000 Leute und 47 Quadratkilometer waren betroffen… 1 bis 2 Tage hatten diese Ägypter Zeit, ihre Häuser bzw Zelte zu verlassen, ehe die Bulldozer kamen. Auch im Süden gab es diese Vertreibungen, und anderswo aus “militärischen” Gründen, immer verbunden mit Gewalt und Toten, wenn Gegenwehr kam.72 Für “Yamit” gab es ambitionierte Pläne, daraus eine Stadt mit 200 000 Einwohnern zu machen, es lebten aber nie mehr als 3 000 dort. Nun, zumindest gab es hier keine Annexion, wie bei anderen 67 besetzten Gebieten.

Bekanntlich kam es zum Friedensabkommen, nachdem 77 Begin vom Likud Premier Israels geworden war. Der Sadat-Besuch, der Beginn der Verhandlungen73, die Vermittlung u.a. von USA-Präsident James Carter, die Einigung von Camp David 78, die Unterzeichnung des Abkommens 79 in Washington. Saad el Shazly, ein hoher Militär, war Gegner des Friedens mit Israel, ging ins Exil, soll mit Libyens Machthaber Ghadaffi gegen Sadat gepackelt haben. Auch in Israel gab es diese Friedensgegner… Roberto Dassa, einer der ägyptischen Juden, die ’54 die Anschläge durchführen wollten, verbrachte anschliessend 14 Jahre im Gefängnis, ehe er durch einen Gefangenenaustausch nach Israel kam. 1979 kehrte er zurück, war er als Journalist74 Begleiter von Begin bei dessen Besuch in Alexandria. Begin hat dort eine Synagoge besucht, die ziemlich leer war – das war das Produkt der Bemühungen israelischer Politiker wie ihm und ägyptischer Juden wie Dassa. Der Sinai kam 79-82 zurück (unter Auflagen), in Raten, erst der Mittelstreifen (79/80, hinter eine Linie von Arish bis Ras Muhammad). Mit dem Friedensvertrag mit Israel war Ägypten endgültig in den “Schoß” des Westens zurück gekehrt.75

Ende der 70er begann vielerorts in der islamischen “Welt” Islamismus zu “blühen”. In Ägypten war Sadats Abkommen mit Israel diesbezüglich ein guter “Dünger”. Nun gab es Gruppen, die radikaler als die (im Untergrund aktiven) Moslembrüder waren, salafistisch geprägte. Auch dieser Islamismus war /ist Ausdruck der Identitätssuche der Ägypter, des Unabhängigkeitsbestrebens. Er beinhaltet eine Ablehnung von ägyptischem Nationalismus (Religion wichtiger als Ethnie und Vor-Islamisches verwerflich), auch von Sozialismus und Bevormundung durch den Westen, meist ist etwas Pan-Arabisches dabei. Manche (Moslems) sehen aber Islamismus als Missbrauch bzw Missdeutung des Islam. Im Kalten Krieg wurden viele islamistische Gruppen durch westliche Mächte unterstützt, sah man Islamismus als gesunde Alternative zu Kommunismus oder linkem Anti-Imperialismus. In Ägypten stehen Islamisten seit jeher in Opposition zum Staat, sind oft auch auch anti-koptisch, wobei die Haltung zu religiösen Minderheiten und Demokratie bei Moslembrüdern toleranter ist als bei Salafisten. Anwar Sadat wurde bei einer Militärparade 81 von Offizieren, die dem (ägyptischen) Djihad Islami angehörten, ermordet. Leute aus dem Umfeld von “Haupttäter” Islambuli kämpften später in Afghanistan bei den dortigen (internationalen) Mujahedin, und waren dann bei al Kaida, u. a. Aiman al Zawahiri (der bei den Moslembrüdern angefangen hatte). Die Jama’at Islamiyya ging aus dem Djihad Islami gervor. Begin kam zu Sadats Begräbnis, das Volk wurde (v.a. deshalb) ausgeschlossen. Vizepräsident Hosny Mubarak, ein Militär, unter den Verletzten auf der Ehrentribüne, rückte zum Präsidenten auf.

Infolge der Sadat-Friedensinitaitive kam also 1982 der östliche Rest des Sinai an Ägypten zurück, wo die Siedlungen (sowie viele militärischen Anlagen) bestanden hatten. “Yamit”, dem israelisch gehaltenen Territorium am nächsten, wurde zerstört, um zu verhindern, dass die Siedler versuchten zurück zu kehren. Taba am Roten Meer wurde aber erst ’89 zurückgegeben, war 82 eines der Gebiete die Israel behalten wollte. Israel bekam auch vertragsgemäß Durchfahrt durch den Suez-Kanal und die Tiran-Strasse. Im östlichen Sinai ist die Aktionsfreiheit des ägyptischen Militärs stark beschränkt worden, dort hin kam eine internationale Friedenstruppe, die Multi-National Force and Observers (MFO). Viele der am Sinai angesiedelten Israelis wählten 1982 als neue Heimat israelische Siedlungen im Gazastreifen… Und Verteidigungsminister Scharon verkündete einen Ausbau der Siedlungen dort und im Westjordanland, die Rückgabe des Sinai sei die letzte “territoriale Konzession” gewesen. Kaum war der Rückzug komplettiert, kam es zudem zum israelischen Angriff auf Libanon… Für fast 30 Jahre war Ägypten für Israel der “wichtigste” Nachbar gewesen, so wichtig, dass man ihn 3 Mal angriff (48, 56, 67) und einen substantiellen Teil seines Territoriums 16 Jahre besetzte. Nun konnten die meisten Truppen von dort zur Besatzung des palästinensischen Restgebiete und des syrischen Jawlan/Golan umgruppiert werden.

Ein Blick auf das Schicksal der Bevölkerung des Sinai unter israelischer Besatzung, und den “Diskurs” darüber. Ein de.wiki-Artikel stellte überhaupt die Behauptung auf: “Sie hatten gute Beziehungen zu den beduinischen Bewohnern des Sinai”. Was schon eher der Wahrheit entspricht, ist dass die Beduinen im Norden Vertreibungen durch das israelische Militär durchmachen mussten, jene im Süden der israelischen Herrschaft teilweise etwas Positives abgewinnen konnten. Die gespannten Beziehungen der Beduinen zu Ägypten (bzw umgekehrt) wurden hier natürlich ausgenutzt. Man findet im IT viele Berichte, was Israelis alles Gute für den Sinai und seine Bevölkerung getan hätten, im Gegensatz zu Ägypten76, zB hier: www.culturalsurvival.org/publications/cultural-survival-quarterly/settling-down-bedouin-sinai. Am en.wiki-Artikel über die Tarabin-Beduinen steht (im Abschnitt “Attitude of Egyptian authorities”): „Israel’s attitude towards its Bedouin citizens has always been positive, although the relations between the Negev Bedouin and the state had their ups and downs.” Als Quelle angegeben ist ein Text des israelischen Aussenministeriums. Na dann.77 Auf der Webseite von “Stratfor” ist zu lesen: “In contrast with Egypt, Israel accommodated the Bedouins and let them live their lives, provided they didn’t interfere with its rule.”78

Man kann lesen, was Israel alles Gutes getan hat für die (südlichen) Beduinen, Infrastruktur (aus-) gebaut, durch die Errichtung von Tourismus-Anlagen (und auch militärischen Anlagen) Jobs geboten, die “Moderne” in die Region gebracht. Wobei dies einmal deshalb bemerkenswert war, weil die Beduinen ja eine “primitive, seminomadic culture” gehabt haben, ein andermal aber weil Ägypten sie so vernachlässigt hat… Und man lese und staune: “A few young, dark men, who had grown up knowing only women heavily cloaked and veiled in black, were stunned by the sudden appearance of blond Scandinavians in bikinis.” Ja, diese dunklen Männer immer, und ihre Lüsternheit, hoffentlich hat man ihnen da Grenzen aufgezeigt. Die im Inneren des Sinai kultivierten Mohn-Produkte haben Beduinen an Israelis und Touristen verkauft, kann man auch lesen. Was bei dem Ganzen unter den Tisch fallen soll, ist, wie Israel (zB) zu dieser Zeit die Palästinenser (ebenfalls seit 1967 ganz unter seiner Kontrolle) behandelte… Es ist dasselbe wie bei den Drusen am Golan/Jawlan oder den Samaritern/Shamerin in der “Westbank”. Man versucht(e) eine Teilgruppe gegen einen Gegner auszuspielen.

Inzwischen hat man sich bezüglich Ägypten hauptsächlich auf die Kopten konzentriert. Von denen viele angefressen damit sind, dass “alles” moslemisch und arabisch sein muss, zumal wenn man sich auf ältere und eigene kulturelle Traditionen stützen kann. Aber die einzigen echten Araber Ägyptens versucht man auch zu bedienen… Ziegenhaar-Zelte, Kamele, Hütten, Wüste, das Lebensumfeld der (traditionell lebenden) Beduinen ist wie die Karikatur eines Islamophoben (der den ganzen “Orient” so sieht). Und das sind die Verbündeten Israels (?)79. Aber man bedient ja auch gleichzeitig iranische Monarchisten und belutschische Separatisten, kemalistische und kurdische Türken,… Ausgerechnet Israel (bzw seine Sprachrohre), wo Aschkenasen einen Führungsanspruch haben und durchsetzen, prangert die “Behandlung” von Beduinen durch Ägypten an. Der südostliche Sinai ist nach der Rückgabe des Gebietes an Ägypten ein beliebtes Tourismusziel für Israelis geblieben/geworden. Israelis sind die viert-grösste nationale Gruppe im Tourismus nach Ägypten.80 Es heisst, manche frequentierten dort von Beduinen betriebene Lager als Unterkunft statt Hotels die Ägyptern aus dem Niltal gehörten.

Als in den 00er-Jahren auch diese Gegend (bzw ihre Tourismusangebote) Ziel von Anschlägen islamistischer Terroristen (aus der Bevölkerungsgruppe der Beduinen) wurde, sollen Israelis (von diesen) bewusst verschont worden sein.81 Seit den 1990ern kommt es im Land vermehrt zu islamistischen Anschlägen, wie 1997 in Luxor/ Uqsur auf Touristen und Ägypter. Von salafistischen Gruppen wie Jama’at Islamiyya. Seit den 00ern ist auch der Sinai ein Brennpunkt, sind dort “Organe” des ägyptischen Staats und der Tourismus Angriffsziele. Und immer wieder die christlichen Kopten. Dann gibt es auch Ägypter, die diesbezüglich international aktiv sind. Bei Gegenaktionen am östlichen Sinai ist Ägypten auf israelische Zustimmung angewiesen. Einige Tage bevor Mubaraks Sturz genehmigte Israel die Entsendung von 2 Bataillons des Militärs in den NO-Sinai, die dort “Jihadisten” bekämpfen sollten – erst das zweite Mal das um so etwas angesucht wurde. Als 2 Wochen später eine Erdgas-Leitung sabotierte wurde (die nach Israel führt), genehmigte Israel weitere 3600 Männer (oder 6 Bataillone).

In dem an den Sinai angrenzenden Gaza-Ghetto entstand ja aus Moslembrüder-Zellen die Hamas. 05 dort der Abzug der israelischen Siedler und Soldaten von dort (bei Beibehaltung vieler Restriktionen für die Bevölkerung), seit 06 diverse militärische Strafaktionen für die Palästinenser dort. Die “Waffenstillstandsverhandlungen” zwischen der Hamas und den Zionisten fanden dabei dann über Ägypten statt. Palästinenser können nirgendwo in ihren Rest-/Autonomie-Gebieten ihre Grenzen kontrollieren, am ehesten noch jene von Gaza nach Ägypten bei Rafah. Unter Mubarak hat Ägypten den Gaza-Streifen meist blockiert, unter Sisi auch wieder, während der kurzen Präsidentschaft Mursis von Juni 12 bis Juli 13 war das anders. Mittlerweile gibt es auch eine salafistische “Szene” in Gaza (wahrscheinlich verantwortlich für den Mord an Vittorio Arrigoni), vernetzt mit jener am Sinai (dazu noch mehr). Tunnell zwischen dem Sinai und Gaza dienen dem Schmuggel verschiedenster Güter aber auch der Zusammenarbeit von Islamisten (Moslembrüder-Hamas oder aber Salafisten). Sisi liess die ägyptische Armee Schmuggel-Tunnell (die meist vom palästinensischen Teil Rafahs in den ägyptischen Teil der Stadt führ[t]en) zerstören. Israel hat an der Grenze des Negev/Nagab zum Sinai-Grenze in den frühen 10ern eine 240 km lange Sperranlage errichtet – wegen Afrikanern, die dort einwander(te)n. Inzwischen gibt es die “Idee”, die Gaza-Palästinenser auf den Sinai umzusiedeln.

Grenze zu Palästina, Rafah ägyptische Seite

Die USA stützten Mubarak als Präsident Ägyptens mit 3 Milliarden Dollar jährlich, damit er die “richtige” Politik macht. Das betrifft hauptsächlich das Aussenpolitische; Demokratie und Menschenrechte gegenüber Ägyptern waren dabei kein Thema.82 Und es gab Opposition, die nicht selbst reaktionär ist, wie die Ghad-Partei. Anfang 11 der Aufstand gegen das Mubarak-Regime, für Demokratie, Freiheit, Menschenrechte, der Meidan al Tahrir in Kairo als Zentrum. Im Zeitalter der Islamkrise konnte Mubarak seine unterdrückerische Politik gegenüber dem Westen noch leichter verkaufen, und sich als Stabilitätsgarant. Altersschwache Oppositionsparteien aus dem Untergrund hängten sich an die Revolution, darunter die Moslembrüder, diese wurden Schreckgespenst. Im Februar der Rücktritt von Mubarak und Ministerpräsident Shafik; Verteidigungsminister Tantawi wurde 11/12 Übergangs-Staatsoberhaupt, das Militär stellte sich nun aber nicht gegen Demokratisierung. Die Moslembruder gründeten eine Partei als Ableger, die Staatspartei NDP wurde aufgelöst. Noam Chomsky: “Die USA und ihre Verbündeten werden alles tun, um Demokratie in der arabischen Welt zu verhindern… Die Bedrohung besteht nicht im Islamismus – warum hat man sich nicht schon längst aus der Verbindung mit Saudi Arabien gelöst? Die ‘Bedrohung’ war immer die Unabhängigkeit. Die USA und ihre Verbündeten haben immer wieder radikale Islamisten unterstützt, manchmal um säkularen Nationalismus auszuschalten…”

Ghassan: “…gehen dort keine Islamisten, sondern ganz normale Leute auf die Straße und fordern keinen Gottesstaat, sondern Demokratie. Auf der anderen Seite ist das Mubarak-Regime ein Verbündeter Israels (wie nahezu alle anderen arabischen Diktaturen) und hat nie damit gezögert die gewünschte Politik durchzusetzen (Abriegelung des Gazastreifens und der Grenze zu Ägypten, Unterdrückung “gefährlicher” Palästinasolidarität in Ägypten, etc…).”. Charlotte Wiedemann: “Was für Ägypten bis vor Kurzem galt, galt lange auch für Iran: Die Zivilgesellschaft wurde vom Westen unterschätzt oder ignoriert. Muslimen wurde nicht zugetraut, als Citoyens aufzutreten.” 2011 gab es den Versuch von Demonstranten, an Geheimdienst-Akten zu kommen…wie bei der Stürmung der Stasi-Zentrale in Ost-Berlin 1990. Dennoch hat man im Westen und Israel die Revolution überwiegend skeptisch gesehen; für Menschenrechtsverletzungen an Nicht-“Westlern” gibt es eine grössere Toleranz. Die Demokratiebewegung sah Angriffe auf Kopten als Angriffe auf sich, wurde aber damit diffamiert.

2011/12 die Parlaments-Wahl, die erste freie nach 61 Jahren; Sieg der Moslembrüder-Partei mit kleineren Verbündeten, vor der salafistischen Nur (mit Verbündeten), der Neuen Wafd, dem linken Ägyptischen Block,… Meist treten Liberale Revolutionen los und tragen Andere den Sieg davon. Das Abschneiden der Moslembrüder (bzw der Ḥizb al-Ḥurriya wa al-’Adala) erinnert an jenes der DDR-CDU, die bei der Wende keinerlei Rolle spielte, bei der Volkskammer-Wahl im Frühling 1990 dann über 40% der Stimmen bekam und gewann. Diktatur (Kaserne) oder Moschee waren und sind in arabischen Staaten meist die Alternativen. Moslembrüder-Mann Kandil wurde Ministerpräsident, Staatschef Tantawi blieb zunächst Verteidigungsminister in seiner Regierung. Das Verfassungs-Gericht hob (kurz vor der Präsidenten-Stichwahl) die Parlaments-Wahl wegen “Formfehlern” auf; die alten Kräfte versuchten eine Demokratisierung zu verhindern.83 Ägypten blieb eine semi-präsidentielle Republik, und 2012 wurde auch der Präsident gewählt.

Präsidenten-Wahl ’12

Moslembruder Mohammed Mursi setzte sich in der Stichwahl gegen Shafik vom gestürzten Regime durch. Nun musste das Militär die Macht abgeben. Mursi ernannte Abdelfattah Sisi ’12 zum Verteidigungsminister im Kandil-Kabinett (> Pinochet, Mobutu), als Nachfolger von Tantawi. Die Moslembrüder-Partei (englisches Akronym FJP) gewann Präsidenten- und Parlamentswahlen, 2 Referenden, doch die ihre Politik polarisierte, bald gab es Massenproteste, Strassenkämpfe zwischen Anhängern und Gegnern. Wenn Mursi irgendwo hin in den Westen reiste, zB nach Berlin zu Westerwelle, wurde er gemahnt, Demokratie und Menschenrechte hoch zu halten – Mubarak musste sich das nie anhören. Das gestürzte Regime war quasi ein Militärregime gewesen, und das Militär war ein machtvoller Gegner der neuen Verhältnisse.84 Die Salafisten waren auch gegen Mursi und die Moslembrüder, und dann gab es noch die liberal-bürgerliche Opposition, u.a. von Ex-IAEA-Chef Mohammed El Baradei angeführt. Mitten in diesem schwierigen Start der Demokratie starb (im März 12) Nasir G. Rafail (“Schinoda III.”), der koptische Patriarch.85

Nach einem Jahr Mursi im Amt (und Protesten zum Jahrestag) 2013 der Militär-Putsch unter Verteidigungsminister Sisi. Auflösung der Regierung und des Parlaments, Festnahme der Staatsspitzen. Oberrichter Mansour wurde übergangsweise Staatspräsident, El Baradei Vizepräsident. Die Moslembrüder wurden wieder in die Illegalität gedrängt, ihre Funktionäre eingesperrt. Ein Schlag gegen die demokratische Entwicklung, mit welcher Legitimation?, aus welchem Grund?, wer soll jetzt noch nach demokratischen Regeln spielen? Mursis Absetzung wurde von den Generälen (u.a.) mit seinen Machtausweitungen begründet, aber jene Allmacht die Sisi jetzt hat… Die Salafisten unterstützten den Putsch; Saudi-Arabien und die anderen “konservativen” Golfstaaten unterstützen ihn ebenfalls, weil die Moslembrüder Erbmonarchien ablehnen und eine islamische Demokratie anstreben, die die Saud(i)s bei sich nicht ansatzweise wollen. Auch im Westen wurde der Militärputsch, der die Demokratie abwürgte, mancherorts bejubelt. Der CDU-Politiker Missfelder: “Ich verteidige nicht …, aber…”. Mursi sei eine “Gefahr für die Region” (damit meint er Israel), ein “Antisemit” (gibt’s einen Vorwurf der darüber geht, von einem Deutschen wie ihm?), auch sei die “Situation in Ägypten schlechter unter ihm geworden” (nein, es geht ihm nicht rein um israel, es geht ihm natürlich auch um Ägypten und die Region). Das repressivste und rückständigste Regime (Saudi-Arabien), das seine Vorstellung von Islam auch überall hin exportieren will, wird ernsthaft als “Stabilitätsanker” gesehen. Atemberaubend.

Der Arabische Frühling ist in Ägypten gescheitert, aber nicht wie in Syrien „ausgeartet“. Nun gibt es wieder abgekartete Wahlen, ein autoritäres, auf das Militär gestützte Regime, wie seit 1952 (mit der Unterbrechung 11-13)86. Sisi hat noch keinen Nachfolger für die NDP geschaffen, soviel ich weiss, aber das kommt wohl noch, dann gibt es auch wieder ein Einparteiensystem. Das Militär kontrolliert grosse Teile der Wirtschaft, u.a. die Tourismus-Industrie. Alles was unter Mubarak schlimm war, ist unter Sisi noch schlimmer, auch die wirtschaftliche Lage. Saudi-Arabien und USA sind die “Schutzmächte” von Sisi-Ägypten. Ägypten übergab unter Sisi seine Inseln Tiran und Sanafir im Roten Meer an Saudi-Arabien. Auf das auch irgendwie die Führungsrolle von Ägypten in der arabischen/islamischen Welt übergegangen ist. Ägypten wird aber immer ein Schlüsselland in Afrika, in der Region Westasien-Nordafrika, sowie unter den islamischen Ländern, bleiben. Es gibt eine demokratisch ausgerichtete Opposition zur Kaserne jenseits von der “Moschee”, zB die Verfassungspartei/Ḥizb el-Dostour. Aber die zur Seite geschobenen Islamisten werden nicht verschwinden, werden eher radikalisiert werden.

Die Zukunft Ägyptens?

Ein Blick auf die Thematik der ethnischen Minderheiten (bzw Volksgruppen) in Ägypten führt hin zu jenen Invasoren und Einwanderern, die teilweise auch unter den (ethnischen) Ägyptern aufgegangen sind, sich an sie assimiliert haben. Kanaaniter, Berber, Nubier, Griechen, Phönizier, Hethiter, Philister, Äthiopier, Perser, Römer, Araber, Türken, Briten, Franzosen, Italiener, Juden, Assyrer, Kurden, Tscherkessen, Syrer, Schwarzafrikaner, Syrer, Armenier,… sind zT unter den Ägyptern aufgegangen, zT sind sie auch als Minderheiten unassimiliert in Ägypten erhalten (als Ägypter im staatsrechtlichen Sinn). Ihre Identität behauptet haben hauptsächlich Teile der Araber, Nubier, Griechen, Türken. Die Mameluken sind ein Sonderfall, da sie ja eigentlich keine Ethnie waren (hauptsächlich Tscherkessen, aber türkisch geprägt), sondern eine Art Kaste. Von den Mameluken geprägt wurde v.a. Kairo, demographisch wie kulturell. Ob die Kopten am Weg dazu sind, eine ethnoreligiöse Gruppe zu werden, wird man sehen.

Die Nubier leben hauptsächlich im südlichen Nil-Gebiet, in der Provinz Assuan, sowie im südlich daran angrenzenden Sudan. In beiden Staaten sind sie zu einem grossen Teil arabisiert (wobei arabisierte Nubier im Sudan das Staatsvolk ausmachen, in Ägypten sind das arabisierte Hamiten). Und, es gibt in Ägypten eine Binnenwanderung von Nubiern. Sadat und Tantawi, zwei Ex-Militärs und -Präsidenten, waren/sind “arabische” Ägypter nubischer Herkunft. Herrscher über Ägypten kamen oft aus Asien oder Europa, seltener aus anderen Teilen Afrikas. Die Nubier herrschten in der Spätzeit über Ägypten, mehr als 2500 Jahre später war es umgekehrt. Und ein Teil Nubiens kam durch die britische Grenzziehung (s.o.) zu Ägypten. Alexandria/Iskandariya am westlichen Rand des Nil-Deltas wurde von Griechen gegründet (in der ersten von zwei Phasen griechischer Herrschaft über Ägypten in der Antike), von ihnen stark geprägt, ist bis heute weniger afrikanisch-orientalisch, mehr mediterran-levantinisch. Es war seit den Mameluken so etwas wie zweite Hauptstadt Ägyptens. Bis Nasser gab es dort eine grössere griechische Gemeinschaft (neben Italienern, Juden und Anderen). Konstantínos Kaváfis war vielleicht der prominenteste Alexandria-Grieche; 1863 in eine griechische Kaufmannsfamilie (mit GB-Verbindung) hineingeboren, die in Alexandria mit dem Handel ägyptischer Baumwolle zu Reichtum gekommen war, starb der Schriftsteller 1933. Nasser stammte selbst aus Alexandria, seine Familie aber zT aus dem Süden. Die griechische Sprache war schon vor Alexander nach Ägypten gekommen, ist ja auch am “Rosette-Stein” vertreten, wurde vorherrschend, war weit in die islamische Zeit hinein wichtig. Nach der mythologischen Figur des “Aigyptos”, der ein Reich in Afrika beherrschte, kam der Name für das Land in den meisten Sprachen. Auch in Dalmatien (Kroatien) gibt es kaum noch Italiener, aber die Region ist trotzdem stark von ihnen geprägt.

Türkische Ägypter stammen von Staatsbediensteten oder Siedlern ab, die unter den Toluniden, Zengiden, Mameluken und Osmanen ins Land kamen. Viele davon waren aber Albaner, Tscherkessen, Kurden, Bosnier,… die türkisiert worden waren. Nach dem Ende der osmanischen Herrschaft (1914) und der nominellen Unabhängigkeit (1922) blieb eine gewisse Dominanz der türkisierten Schicht (bis Nasser), schliesslich gehörte ihr auch das Königshaus an! Die “Türken” sind heutzutage grossteils eingeschmolzen87 unter den Ägyptern, behielten aber zT ein Bewusstsein für die Herkunft, sowie gewisse Bräuche (zB kulinarische), sind oft am (helleren) Aussehen zu erkennen. Die Türkei ist der Nachfolgestaat von einem der früheren Beherrscher Ägyptens.

Am Sinai dominieren wie gesagt arabische Beduinen.88 Diese Halbinsel ist dünn besiedelt, ausser im Norden, nur 2% der ägyptischen Bevölkerung lebt dort. Das sind etwa 400 000 Menschen, gut drei Viertel davon im Norden, an der Küste, v.a. in der Provinz-Hauptstadt des Nord-Sinai, El Arish. Die Beduinen machen noch etwa 70% der Sinai-Bevölkerung aus. Sie sind in Stämmen organisiert, ungefähr 20 gibt es, wie die Tarabin im Süden und die Garasha im Zentrum (die Opium kultivieren). Im Zentrum und im Süden leben die Beduinen noch grossteils ihren nomadenhaften Lebensstil, jene im Norden sind sesshaft geworden. Weiters gibt es am Sinai Palästinenser (mit oder ohne ägyptische Staatsbürgerschaft), etwa 40 000, im Norden, jenem Gebiet, das an den Gaza-Streifen anschliesst, hauptsächlich den drei Städten Rafah, Sheikh Zuwayed and El Arish. Sie sind seit der Nakba in mehreren Wellen gekommen, haben natürlich auch eine eigene Identität (ethnisch, kulturell, politisch,…), und dazu gehören verwandtschaftliche Beziehungen in das historische Palästina, das seit 1967 ganz unter israelischer Kontrolle steht. Speziell seit der Ende der israelischen Besatzung in den 1980ern hat es durch das Entstehen des Tourismus auch eine Arbeits-Migration von Ägyptern aus dem Nilgebiet auf den Sinai gegeben.89

El Arish hat eine gemischte Bevölkerung, aus urbanisierten Beduinen, Nil-Ägyptern, Palästinensern und türkischen Ägyptern (deren Vorfahren während der osmanischen Herrschaft als Soldaten kamen, dort stationiert waren). Natürlich auch Mischungen… Beduinen wie Palästinenser haben ein anderes Nationalgefühl als die Ägypter aus dem Zentrum, aus Nildelta und -tal (ob Moslems oder Christen)90, Türken sind stärker assimiliert/integriert. Es sind aber mittlerweile nicht nur Beduinen am Sinai urbanisiert worden (v.a. in Arish), es sind auch welche nach Kairo oder Ismailiyya ausgewandert. Die Beduinen sind sich ihrer Unterschiede zum Hauptstrom der ägyptischen Bevölkerung sehr bewusst, sie sehen sich als echte Araber, von der Arabischen Halbinsel Stammende, im Gegensatz zu den arabisierten Afrikanern (was sie auch sind). Die Entwicklung des Tourismus am Sinai (an den Küsten) hat den Beduinen nicht viel gebracht, dieser ist hauptsächlich in der Hand von Ägyptern aus dem Nilgebiet. Die Beduinen fühlen sich ausgeschlossen und zur Seite gedrängt; aber die Angehörigen des Tarabin- und des Muzayna-Stammes schliessen wiederum andere Stämme von ihrem Anteil am (hauptsächlich westlichen) Tourismus aus…

Beduinen dürfen bzw wollen nicht im ägyptischen Militär dienen, heisst es, brauchten Bewilligungen wenn sie den Suez-Kanal überqueren wollen. Israel versucht diese Kluft auszunutzen; so wie die Briten einst die Sinai-Beduinen gegen den Urabi-Aufstand aufbringen wollten. Die “eigenen” Beduinen besser behandeln, ist da schon eine andere Sache, von den (anderen) Palästinensern ganz zu schweigen. Die Beduinen unter israelischer Herrschaft sind grossteils vom Tarabin-Stamm, haben oft Verwandtschaftsbeziehungen zu jenen am Sinai. Durch die Errichtung “Israels” kam es überhaupt erst zu Grenzen, die die Tarabin sowie andere Beduinen-Stämme “zerschnitt”. Und, die Grenzsicherungsanlage bzw Mauer die Israel vor einigen Jahren auch dort errichtet hat, verstärkt das noch.

In den 00ern kam unter der beduinischen Bevölkerung des Sinai der salafistische Islamismus auf, dort verbunden mit ihrer Stellung am Rande Ägyptens. Es war hauptsächlich am nördlichen Sinai, dass dies der Fall war, und es sind auch Palästinenser dabei; es gibt Verbindungen zu Salafisten in Gaza91 und im “zentralen” Ägypten (manche von diesen sind auch vor dem ägyptischen Staat auf den Sinai “ausgewichen”). Es geht bei diesen Djihadisten auch um ein Gefühl der “religiösen Authentizität”, als Araber den Islam richtig angenommen zu haben bzw besser verstanden zu haben als diese “echten” Ägypter… Es heisst, die eine Dachorganisation dort heisst “Wilayat Sinaa” (Provinz Sinai), und diese sei Zweig bzw Franchise-Nehmer von Daesh (IS). Dass Äygpten als Teil des Vertrags von 1979 bei militärischen Bewegungen am bzw auf den Sinai eingeschränkt ist, wirkt sich auch auf die Bekämpfung dieser Gruppe aus. Oft wird daher die Polizei eingesetzt, sie ist schlecht bewaffnet, ist ein leichtes Ziel. Einrichtungen und Vertreter des ägyptischen Staats sind Zielscheibe der der Islamisten. Und die Tourismus-Industrie, wie bei vielen Anschlägen am südlichen Sinai. 2011 drangen Islamisten am mittleren Sinai in den südlichen Negev ein, töteten 8 Israelis (davon 5 Zivilisten). Beim israelischen “Gegenschlag” wurden 6 ägyptische Soldaten getötet, worauf hin die israelische Botschaft in Kairo gestürmt wurde, diese Beziehungen an den Rand des Abbruchs kamen.92

Zurück zum “arabischen Charakter” Ägyptens; diese Zuschreibung ergibt sich u.a. aus der Führungsrolle Ägyptens in der Region (die von verschiedenen Seiten als “arabisch” gesehen wird)93 sowie aus der Sprache. Spanien wird auch gerne als “romanische” Nation gesehen, obwohl nicht nur Römer, sondern auch Iberer, Kelten, Phönizier, Griechen, Goten u.a. Germanen, Basken, Araber, Berber das Land ethnisch und kulturell geprägt haben; auch Italien ist nicht nur von den Römern geprägt worden. Die Aserbeidschaner/Aseris werden auch aufgrund der Sprache als “Turkvolk” betrachtet, die ethnisch-historische “Zusammensetzung” ist komplexer. Im Fall Ägypten sind die hamitischen Ägypter der “Grundstock”, im Laufe der Jahrhunderte kamen ethnische und kulturelle Beimischungen von Nubiern, Arabern, Türken,… Die Staaten der Arabischen Halbinsel sind noch am ehesten echt arabische Länder, wobei es dort in manchen Teilen auch recht starke ost-afrikanische Einflüsse gibt. Die anderen arabischen Staaten sind jene der arabisierten Berber/Amazigh (Maghreb), Kanaaniter (Palästina), Phönizier (Libanon), Aramäer (Syrien), Assyrer (Irak)94, Nabatäer (Jordanien), Nubier (Sudan).

Bei Mauretanien, Sudan, Libanon zeigt sich Relativität von “Arabizität” besonders deutlich, bei Ägypten aber eigentlich auch. Ägypten war/ist eine Führungsmacht des (Pan-)Arabismus (seit Nasser), gleichzeitig gibt es unter Ägyptern ein tiefes Ressentiment dagegen, Araber zu sein, und die Besinnung auf eigene Traditionen. Das gibt es auch in den anderen arabisierten Ländern; in Libanon, Syrien, Irak ist die Rolle des Bewahrers der vor-arabischen (und verbunden damit: vor-islamischen !) Traditionen des Landes auf die jeweiligen christlichen Volksgruppen übergegangen, also Maroniten, Syrisch-Orthodoxe/Jakobiten (“Aramäer”), Nestorianer und Chaldäer (“Assyrer”). In Ägypten sind die Kopten in einer ähnlichen Rolle, wie noch ausgeführt wird. Ägypten war bereits eine Hochkultur, als der Prophet Mohammed noch nicht einmal geboren war, war bereits eine Nation95, bevor die Briten die Macht im Land übernahmen. Das Arabische ist nur ein Aspekt der ägyptischen Identität, der andere, ursprünglichere überlagert. Ein bedeutender Ägypter, der ägyptischen Nationalismus (oder Ägyptizismus) über arabischen Nationalismus/Arabismus stellt, ist zB der langjährige Chef-Archäologe Zahi Hawass (wer, wenn nicht er, der sich so stark mit dem vorarabischen Ägypten beschäftigt…).

Der ägyptische Nationalismus ist nicht notwendigerweise chauvinistisch ggü Nicht-Ägyptern, richtet sich hauptsächlich gegen das arabische Nations-Konzept; anders als früher geht es nicht mehr um Selbstbestimmung für Ägypten, die ist gegeben.96 Er hat viel mit dem irakischen gemeinsam. In beiden Fällen gibt es eine starke Einbeziehung der jeweiligen christlichen Bevölkerungsgruppen (Kopten bzw Assyrer), gibt es verschiedene Ausprägungen. Nassers pan-arabischer Linksnationalismus wies wiederum Gemeinsamkeiten mit jenem Husseins auf (der im Inneren und Äusseren bösartiger war, und weniger antiimperialistisch). Es gibt auch einen ägyptischen (sowie einen irakischen) Nationalismus, der das Islamische integriert, eine Variante die das Arabische integriert (zB bei Ashraf Ezzat97), und einen der Islam und Arabertum komplett ausschliesst von ägyptischer Identität (der neue Pharaonismus)98. Arabischer Nationalismus kann aber auch Brücke zwischen Religionsgruppen sein, man denke an Michel Aflak. Der Islamismus, der dem ägyptischen Nationalismus total entgegen steht, ist natürlich der salafistische.

Bezüglich des “arabischen Charakters” Ägyptens (und einiger anderer Länder) ist eine Unterscheidung zwischen “Behälter” und “Inhalt” notwendig; der Inhalt ist sehr wenig arabisch. Unter der Decke nationaler Identitäten verbirgt sich in der Regel so Manches, wie ich auch in dem Türkei-Artikel ausgeführt habe. Die Selbstfindung bzw nationale Renaissance Ägyptens ist seit dem frühem 19. Jh im Gange (bzw Bemühungen darum). Ist eine komplette “Abwendung” von der arabisch-islamischen Identität möglich, oder eher Islamismus und Terror gegen Kopten?99 Von der Shu’ubiyyah war schon die Rede, vom Widerstand gegen Arabisierung und Islamisierung als diese in Persien oder Syrien statt fand, vor und während den Abbasiden100. Teilweise ging es dabei aber auch um (bzw gegen) den privilegierten Status von Arabern (und das waren damals wirklich nur die von der Halbinsel stammenden) – was eigentlich ein anderes Anliegen ist. Der niederländische Forscher Leonard Biegel hat in seinem Buch über Minderheiten im “Mittleren Osten” (unten aufgeführt) den Begriff Neo-Shu’ubiyya geprägt101, der seither manchmal verwendet wird für Nationalismen in der “arabischen Welt”, die eben nicht arabisch sind, jenen der Berber im Maghreb, den Phönizianismus im Libanon, den ägyptischen Pharaonismus, die syrischen Nationalismen, oder den kurdischen Nationalismus (der eine Ethnie betrifft, die nicht arabisiert worden ist).

Die Kopten sind die grösste christliche Gemeinschaft der islamischen Welt.102 Das Christentum ist in vielen islamischen Ländern autochthon (nicht von westlichen Mächten dorthin gepflanzt); insofern sind die Kopten oder Nestorianer auch nicht mit den zugewanderten Moslems in Europa zu vergleichen. Im Iran ist nicht eine christliche Gemeinschaft Träger der vor-islamischen Kultur, sondern die Zoroastrier/ Zarathustrier/ Zartoschtis. Es gibt auch eine grosse Palette von Abspaltungen vom Islam, die in diesen Ländern präsent sind, wobei man den schiitischen Islam als die erste dieser Abspaltungen sehen kann.

Kopten machen wahrscheinlich um die 10% der ägyptischen Bevölkerung aus, manche Angaben belaufen sich aber auf bis zu 30%. Daneben gibt es in Ägypten noch einige weitere, kleine Kirchen, die griechisch-orthodoxe, die römisch-katholische, die jakobitische,…; deren Angehörige sind hauptsächlich Angehörige ethnischer Minderheiten, Nachkommen von Zuwanderern. Ansonsten gibt es kleine Gruppen von 7er-Schiiten (Ismailiten103, v.a. Mustalis), 12er-Schiiten (Imamiten), Baha’i, Drusen,… Oberägypten (der einstige Süden Ägyptens, mit Assiut als Zentrum) ist durch die Grenzziehung zum Sudan im 19. Jh eigentlich Mittelägypten geworden; es soll jener Teil Ägyptens sein, der heute am stärksten von Kopten bewohnt und geprägt ist, mehr als Unterägypten mit Alexandria, Kairo,… Die Gegend ist arm, es gibt eine Abwanderung in den Norden.

Es gibt eine Wechselwirkung zwischen der westlichen Einflussnahme im “Orient” und der Lage von christlichen Gemeinschaften in diesen Ländern. Sehr stark hat sich das bei den Armeniern gezeigt, ihrem Schicksal im späten 19. und frühen 20. Jh im Osmanischen Reich. Engagement westlicher Mächte für diese Christen macht diese in ihren Ländern gewissermaßen “verdächtig” und “fremd”, was zu (neuen104) Diskriminierungen führt, worauf hin sie erst recht “gezwungen” sind, sich an den Westen anzulehnen. In Ägypten war das die westliche Einflussnahme, die im ausgehenden 18. Jh begann und gut 150 Jahre andauerte, vielleicht länger. In der Zwischenkriegszeit wurde Ägypten ein Ziel westlicher Missionare, hauptsächlich aus dem protestantischen Bereich, die Moslems wie Kopten gleichermaßen bekehren wollten; dies hat den Kopten auch nicht gerade genutzt. Die (prowestliche, säkulare) Mubarak-Diktatur hat zur Stärkung der Islamisten und wohl indirekt zu fallweiser Gewalt gegen Kopten beigetragen. In der Zeit nach der Revolution gegen Mubarak hatten mehrere tausend Kopten in Kairo zunächst friedlich gegen einen Brandanschlag auf eine Kirche in der Region Assuan demonstriert. Plötzlich kam es zu schweren Zusammenstössen zwischen Kopten, Muslimen und den Sicherheitskräften, mindestens 25 Menschen starben, mehr als 300 wurden verletzt.

Militärherrscher Sisi unterdrückt politischen Pluralismus, auch moderate Islamisten, verteidigt öffentlich Kopten, diese stehen weitgehend zu seinem Regime, das wiederum bringt Islamisten gegen sie auf… Im Dezember 16 gab es einen Anschlag auf ein Seitengebäude (Kirche Sankt Peter und Paul) der Markus-Kathedrale von Kairo (Sitz des koptischen “Papstes”), der ungefähr 25 Menschen tötete, viele weitere verletzte. Der Sprengsatz wurde vermutlich während der Sonntagsmesse in das Gebäude geworfen… 17 sind in der Stadt al-Minja sind bei einem Anschlag mit Schusswaffen auf Kopten in einem Bus auf dem Weg zu einem Kloster 30 Menschen getötet worden. Sisi liess das ägyptische Militär darauf hin Ausbildungslager für salafistische Islamisten in Libyen angreifen. Attacken aus dieser Ecke gelten auch den kleinen Gemeinschaften der Sufi-Moslems105 und Schiiten. Ich glaube, es war Volker Perthes, der in einem Buch über den Libanon schrieb, die dortigen Maroniten wollten nicht in eine Situation wie die Kopten kommen (eine so kleine Minderheit in ihrem Land werden), bei den Kopten wiederum sei die Lage der Maroniten (Partei in einem Bürgerkrieg geworden zu sein, 1975-1990), ein “Schreckgespenst”. In Syrien ist im dortigen Bürgerkrieg die Lage von Christen auch in mehrere Hinsicht prekär geworden.

Es gibt vielerlei Diskriminierungen von Kopten in Ägypten. Über jene im Fussball hier. Was den Bau und die Reparatur von Kirchen betrifft, diese war lange durch das osmanische Homayouni-Dekret von 1856 geregelt, wonach die Erlaubnis dazu vom osmanischen Sultan erteilt werden müsse. Nach dem “Transfer” zur nominellen Unabhängigkeit bzw Abhängigkeit von GB wurde dies als Gesetz modifiziert, nun musste die Genehmigung vom ägyptischen Monarchen kommen, später vom Präsidenten. Aber es kam, 1934, auch eine Erweiterung, mit vage formulierten Kriterien, die erfüllt werden müssen, darunter Einwände von lokalen Moslems. Unter Mubarak (er hat wirklich nicht nur Schlechtes gemacht) kam zunächst 1998 eine Novelle, die die Erlaubnis des Präsidenten an die Gouverneure der 26 Provinzen delegierte. Im Jahr darauf wurde die Notwendigkeit der Erlaubnis gestrichen, die Erlaubnis zum Kirchenbau der Bauordnung “unterstellt” – womit Kirchen auf einer Stufe mit Moscheen sind. Koptische Kleriker und Laien haben aber wiederholt kritisiert, dass lokale Beamte auf bürokratischen Wegen Kirchen-Bauten und -Reparaturen blockierten. Was wahrscheinlich noch schwerer wiegt: Übertritte vom Islam zum Christentum (ob aus “nationalen” oder aus religiöser Motivation) sind sehr schwierig; wie sich beim Fall des Mohammed Hegazy zeigte. Auch kann die Koptische Sprache in Ägypten nicht in Schulen unterrichtet werden,

Koptisch hat in mancher Hinsicht eine Entwicklung wie das Aramäische durchlaufen: weitgehend in die Liturgie bestimmter christlicher Gemeinschaften zurück gedrängt, Ausdruck echter nationaler Identität (bzw des kulturellen Erbes) des Landes,… Eine Identität, die Kopten in der Regel für sich beanspruchen, manchmal für Ägypten erkämpfen wollen. Das originale Ägypten vor den Fremdherrschaften, die das Land veränderten, das ethnische und kulturelle Fundament des Landes. Kopten sehen besonders stark einen Widerspruch zwischen Araber und Ägypter und sich als zweiteres.106  Der Kampf ihrer Vorfahren gegen die arabischen Invasoren vom 7. bis zum 9. Jh spielt im koptischen Geschichtsverständnis eine wichtige Rolle. Von moslemischen Landsleuten, die diese “Dinge” anders sehen, werden Kopten manchmal “gins firaun“, “Leute des Pharaos”, bezeichnet. Der Pharaonismus, der ägyptische Nationalismus der Bezug auf das vor-islamische und vor-christliche Erbe des Landes Bezug nimmt, überbrückt die “Spaltung” der ägyptischen Bevölkerung zwischen Moslems und Christen. Es gibt aber auch eine koptische Variante des Pharaonismus, die auf Abschliessung von der Mehrheitsgesellschaft aus ist, diese quasi als “verloren” (islamisiert, arabisiert) sieht, die Kopten eher als ethno-religiöse Gemeinschaft.107

Mit Nassers (Pan-) Arabismus – der mit der vollen Unabhängigkeit kam – stellte sich die Frage der koptischen nationalen Identität erst dringlich. Vorher war das eine religiöse Frage. Nationalistische Kopten (und andere “Ägyptizisten”) müssen sich bis zu gewissem Grad dem Westen andienen, diese Thematik habe ich schon angerissen. Die Haltung zum Westen ist unterschiedlich in diesen “Kreisen”, ebenso zur Stellung der Religion in der Gesellschaft, zu Liberalismus/Demokratie, zu Afrika, zu Israel,…  Natürlich sollte in diesem Zusammenhang nicht unterschlagen werden, dass “der Westen” selbst mancherorts an Verdrängung bzw Überlagerung von Kulturen gearbeitet hat, auch an der physischen Vernichtung ihrer Träger, im Kolonialismus, zB in in Amerika (Nord und Süd). Die Situation der “Indianer” oder jene der Afro-Amerikaner hat sich auch nicht dadurch gebessert, dass sie ihre Sprachen (wie Nahuatl/Aztekisch) ganz oder teilweise aufgegeben haben. Auch sind in Europa Kulturen, Sprachen, Menschen ganz oder teilweise vernichtet worden; das irische Gälisch zum Beispiel. Manche Kopten sehen eine Anlehnung an Israel als geboten, wie auch gewisse Iraner, die die totale Islamisierung ihrer Gesellschaft satt haben.108

Der koptische Patriarch Schinoda sagte, die Selbstmordanschläge von Palästinensern gegen Israel seien eine natürliche Reaktion auf die Unterdrückung, und Ägypten solle die palästinensischen Brüder109 nicht aufgeben. Wallfahrt von Kopten nach Jerusalem/Quds/Jebus missbilligte er. Dabei ging es auch um einen Streit um das Al Sultan-Kloster am Dach der Grabeskirche, das mit den äthiopischen Kopten umstritten ist. Auch der maronitische Patriarch (1986-2011) Nasrallah B. Sfeir hat sich im Zusammenhang mit Israel ziemlich “defensiv” geäussert. Es kann sein, dass dabei auch die Motivation mitschwingt, die eigene Gemeinschaft nicht in der Verdacht der Kollaboration mit Israel zu bringen. Wenn armenische Bischöfe in der Türkei dementieren, dass es Armeniern in dem Land schlecht ginge, ist das auch mit Vorsicht zu geniessen. Andererseits, Leute aus dem arabischen Raum, die sich für eine “Normalisierung” des Verhältnisses ihrer Herkunftsländer zu Israel aussprechen (wie Farid Ghadri oder Najim Wali), landen schnell in zionistischen Kampagnen (wie “Stop drop the bomb“), Organisationen und den Artikeln des unterstützenden Journalismus’110, egal für wie Wenige sie sprechen (was bei Uriel Avineri dann zB immer ein grosses Thema ist111).

Die Pro-Israel-Fraktion im Libanon (Teile der Kataib/Phalange, die Harras al Arz, SLA,..) hat im dortigen Bürgerkrieg mit den israelischen Invasoren militärisch kollaboriert, wobei auch nicht der rechtsextreme Charakter dieser Gruppen und ihre Ausrichtung am europäischen Faschismus störte… Im Fall des Verhältnisses von Ägypten und Israel gibt es ja neben den Kopten auch die Beduinen, die sich Israel als “Verbündete” ausgesucht hat. Unter Ausnutzung derer anti-ägyptischen Haltung. Ägyptische Juden wie Maccabi (s.o.) haben ja auch eine “gewisse” Verachtung für Ägypten an sich an den Tag gelegt. Kopten sind aber die ägyptischsten Ägypter… Und zum autoritären Sisi hat Israel auch einen guten Draht. Und seit einigen Jahren auch zu Saudi-Arabien… trotz (?) dessen Promotion von Islamismus und Arabismus. Bündnisse in der Region einzugehen war für Israel schon seit jeher eine Alternative dazu, die Palästinenser besser zu behandeln. Und die Palästinenser werden von Israel und seinen Propagandisten immer als “Araber” dargestellt, die keine eigene Identität hätten, deren Wurzeln im Land nur auf die arabische Invasion in der Region hinunter reichten.

Es gibt einige anti-islamische Exil-Ägypter, die sich voll und ganz neokonservativen, us-imperialistischen und zionistischen Organisationen und Anliegen verschrieben haben. Nahid “Nonie” Darwish112 (“Arabs for Israel”), Raymond Ibrahim (> Victor Hanson, Horowitz Foundation, Middle East Forum,…), Nakoula B. Nakoula (Kopte mit diversen Pseudonymen, der Moslems zu provozieren trachtet113) in der USA, Magdi Allam (zum Christentum übergetreten, in die Politik gegangen) in Italien, Hamed Abdelsamad in Deutschland114. Sie zu konsumieren, soll ersparen, sich damit auseinander zu setzen, was die Feministin Nadah el Saadawi sagt und schreibt, Tarek Heggy, Heba Amin, Sayed Bedreya, oder Samir Khalil Samir (ein katholischer Priester aus Ägypten, im Libanon, jetzt gäbe es die “grösste Krise in der Geschichte des Islam”, kein Scharfmacher oder Krisen-Profiteur, so weit ich beurteilen kann).

Vor den Arabern war Ägypten zwar christlich, stand aber auch unter Fremdherrschern, die das ägyptische, koptische Christentum weitgehend unterdrückten. Im Römischen Reich aus allgemeiner Christenverfolgung, im Ost-Römischen wegen Abweicheung ggü dem orthodoxen. Ägyptische Christen wurden auch später von Europäern/Westlern nicht als gleichrangig gesehen…115 Das Christentum kam nach der antiken Hochkultur nach Ägypten. Eine Idealisierung der vorislamischen Geschichte Ägyptens kann auch nicht über die Schattenseiten dieser Zeit hinweg täuschen, wie die damalige Sklaverei oder Frauengenitalverstümmelung. Zu zweiterem weiss Wikipedia: Die Ursprünge der Beschneidung weiblicher Genitalien konnten weder zeitlich noch geographisch eindeutig bestimmt werden. Schon in der Antike setzten sich Gelehrte mit der Beschneidungsthematik auseinander, welche zu jener Zeit vor allem aus dem antiken Ägypten bekannt war. Beschreibungen finden sich bei Galenos, Ambrosius von Mailand und Aetius von Amida. Auf einem Papyrus aus dem Jahr 163 v. Chr., der Epoche des alten Ägypten, wird die Beschneidung von Mädchen erwähnt. Auch wurden Mumien gefunden, die Anzeichen einer Beschneidung aufweisen. Die männliche Zirkumzision kann ebenfalls auf diese Zeit zurückdatiert werden. Laut dem griechischen Geschichtsschreiber Strabon wurde Beschneidung an beiden Geschlechtern in Ägypten durchgeführt, ebenso wird von Philon von Alexandria berichtet, der um die Zeit Christi Geburt lebte, dass „bei den Juden nur die Männer, bei den Ägyptern jedoch Männer und Frauen beschnitten sind“. … Die antiken Autoren gingen davon aus, dass Frauen aus ästhetischen Gründen beschnitten wurden, um somit das Aussehen der weiblichen Genitalien zu korrigieren beziehungsweise zu verbessern. – Heute soll es im Süden des Landes Ausläufer davon aus Ostafrika geben.

Geschlechterbeziehungen sind natürlich auch für Ägypten ein Thema bzw sollten es sein. Einen radikalen Feminismus vertritt Aliaa M. Elmahdy, die bekannt wurde, als sie Ende 2011 Fotos auf ihrem Blog veröffentlichte, auf denen sie – bis auf rote Schuhe und halterlose Strümpfe – nackt zu sehen war. Bald darauf ging sie ins Exil nach Schweden, begann mit Femen zusammen zu arbeiten. 2014 veröffentlichte Elmahdy ein Bild, auf dem sie mit einer anderen Aktivistin auf die Flagge von Daesh/IS menstruiert und kackt. Um das alles in einen politischen Kontext zu setzen: Es gibt wirklich jene Moslems, die sich über die Zur-Schau-Stellung von Elmahdys Körper ereiferten, nicht aber über das Morden und Zerstören des Daesh, ob in Irak oder Frankreich.116 Der Theologe Nasr H. Abu Zayd hat während seines Lebens dafür gekämpft, den Koran im kulturellen Kontext seiner Entstehung (Araber des 7. Jh) zu lesen. Er bekam viele Todesdrohungen, obwohl er gar nicht eine göttliche “Herkunft” des Buches in Frage stellte. Er verliess Ägypten, kehrte dann heimlich zurück, starb 2010. Farag Foda wurde für vergleichbare Gedanken von Islamisten ermordet. In einem Land der 2. Welt sind aber auch nicht alle Probleme auf die Religion herunter zu brechen.

Zum Abschluss etwas über und von Nagib Mahfouz (Machfus). Der Literaturnobelpreisträger von 1988 war ein Anhänger des ägyptischen Nationalismus (ägyptische Identität über einer arabischen), heiratete eine Koptin. In Folge seiner Unterstützung für Sadats Frieden mit Israel wurden seine Bücher in mehreren arabischen/islamischen Ländern gebannt. Darüber hinaus verteidigte er Salman Rushdie (gegen Todesdrohungen von Islamisten)117, weil er an künstlerische Freiheit glaubte, kritisierte aber auch dessen Roman mit dem er “Anstoss” erregt hatte (als “Beleidigung des Islams”). Keine Blasphemie schade dem Islam und Moslems so sehr wie solche Mord-Aufrufe ggü Schriftstellern, so Mahfouz in einem Aufruf. Mahfouz hatte 1959/1971 den Roman أولاد حارتنا heraus gebracht, der 1990 auf Deutsch als “Die Kinder unseres Viertels” herauskam. Darin geht es um die drei abrahamitischen Religionen. Mit der Rushdie-Kontroverse und Mahfouz’ Nobelpreis Ende der 1980er wurde das Buch erst verbreitet, und Mahfouz’ bekam Todesdrohungen, darunter von seinem Landsmann, dem blinden Scheich Omar Abdul-Rahman, von der Jama’at Islamiyya, der in Afghanistan mit westlicher Unterstützung seinen Djihad führen durfte, dann in der USA tätig war.  1994 überlebte er einen Messerangriff. Mahfouz sagte über Ägypten, dieses Land, der schmale Streifen entlang des Nils, sei die Wiege der Zivilisation. Ägypten habe überlebt, während andere Zivilisationen untergegangen seien, habe dem Islam eine neue “Stimme” gegeben, abseits von seinen arabischen Wurzeln.118

Literatur und Links:

Donald Malcolm Reid: Whose Pharaohs? Archaeology, Museums, and Egyptian National Identity from Napoleon to World War I (2003)

Taha Hussein: مستقبل الثقافه في مصر‎ (Die Zukunft der Kultur in Ägypten; 1938)

Ulrich Haarmann: Das islamische und christliche Ägypten (2008)

Ataf L. Al-Sayed-Marsot: A History of Egypt. From the Arab Conquest to the Present (1985)

Arthur Goldschmidt: Historical Dictionary of Egypt (1994)

Nina Burleigh: Mirage: Napoleon’s Scientists and the Unveiling of Egypt (2007)

Aziz S. Atiya: The Coptic Encyclopedia (8 Bände, 1991)

Joel Beinin und Zachary Lockman: Workers on the Nile: Nationalism, Communism, Islam, and the Egyptian Working Class, 1882-1954 (1998)

James H. Breasted: A History of Egypt (1951)

Anthony Gorman: Historians, State and Politics in Twentieth Century Egypt: Contesting the Nation (2003)

Mohannad Sabry: Sinai: Egypt’s Linchpin, Gaza’s Lifeline, Israel’s Nightmare (2015)

Gilles Kepel: Muslim Extremism in Egypt (1986)

William M. Flinders-Petrie (Hg.): A History of Egypt (6 Bände, 1894-1905)

Joel Beinin: The Dispersion of Egyptian Jewry: Culture, Politics, and the Formation of a Modern Diaspora (2005)

Gudrun Krämer: Ägypten unter Mubarak: Identität und nationales Interesse (1986)

Leonard C. Biegel: Minorities in the Middle East: Their significance as political factor in the Arab World (1972)

Adeed Dawisha: Arab Nationalism in the Twentieth Century (2003)

Tom Segev: 1967. Israels zweite Geburt (2007)

Wolfgang G. Lerch: Halbmond, Kreuz und Davidstern. Nationalitäten und Religionen im Nahen und Mittleren Osten (1992)

Said K. Aburish: Nasser, the Last Arab (2004)

Hamid Sadr: Der Fluch des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi. Demokratie oder Herrschaft des Islam? (2011)

Tarek Heggy: Egyptian Political Essays (2000)

Blog von Aliaa Elmahdy

https://www.ispionline.it/en/pubblicazione/islamism-egypt-emerging-divide-19868

egy.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ägypten stand damals auch noch unter einer Fremdherrschaft, sogar einer doppelten
  2. Und der Arabismus wurde erst mit Nasser hegemonial
  3. Heute leben 95% der Bevölkerung entlang des Nils, in 6% der Fläche des Landes. Die grösste Provinz (Muhafazet) ist El Wādī El Ǧedīd, das die südwestliche Wüste ausmacht, es ist gleichzeitig die am dünnsten besiedelte; auf der anderen Seite des Nil ist die Rote Meer-Provinz, mit der es sich ähnlich verhält; auch Matruh im NW und die 2 Provinzen aus denen der Sinai besteht (Norden /Süden) sind grosse Muhafazat mit wenig Bevölkerung und Bedeutung
  4. Daneben gab es auch einheimische Regionalherrscher. Die ägyptischen Pharaonen, der anderen Dynastien, kamen aus der thebanischen Priesterschaft, waren eigentlich Generäle
  5. Unter den kuschitischen Herrschern wurden auch in Nubien Pyramiden-Gräber gebaut, für diese
  6. Über die Einbindung des Sinai in die alt-ägyptischen Reiche folgt später noch etwas
  7. Der Querbalken wurde herunter gesetzt (oder anders, eine Schleife auf ein Kreuz gesetzt)
  8. Der Prophet Mohammed hatte Ägypten 628 mit Begleitern besucht, war dort schon auf Konversion der Ägypter aus; trat dort mit einem “Muqawqis” in Kontakt, der wahrscheinlich entweder ein byzantinischer Kirchenmann oder ein persischer Gouverneur war
  9. Auch das Katharinenkloster am südlichen Sinai, im 6. Jh entstanden
  10. > https://www.alternatehistory.com/forum/threads/coptic-revolt-founds-christian-kingdom-of-egypt.291776/  
  11. Das ist in den “arabischen” Ländern ausserhalb der arabischen Halbinsel so ähnlich
  12. Wie alle weiteren islamischen Herrscher auch
  13. Und, der letzte iranische Schah starb im ägyptischen Exil
  14. Hieroglyphen-Aufschriften wurden bis ins 4. Jh nC vereinzelt angebracht, die Kenntnis darüber ging dann verloren
  15. Endgültig ging das Abbasiden-Kalifat Mitte des 13. Jh unter, durch die Mongolen-Invasion in Mesopotamien. Jedoch, als die Mameluken wenig später in Ägypten die Macht übernahmen, kamen einige Angehörige der Abbasiden-Familie dorthin, übten unter dem Schutz der Mameluken etwas religiöse Macht aus, bis zur Eroberung durch die Osmanen (16. Jh), die dann das sunnitische Kalifat übernahmen
  16. Das eine der grössten Städte der Welt wurde, wie früher Alexandria, Theben
  17. Es ist umstritten, wie schiitisch Ägypten zur zeit der Fatimiden war, ob das nur die Herrscherklasse und ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung war
  18. Oder nur der Norden, wie unter den Ptolemaiern; das Zentrum und der Süden sind von einer trockenen Gebirgslandschaft dominiert
  19. Dominierten das Militär, waren Landbesitzer,… Offizielle osmanische Statthalter in Ägypten waren auch in dieser Zeit die Beylerbeys, die Mameluken herrschten zT (halb-offiziell) mit einem aus ihrer Mitte als Kaymakam, oder inoffiziell (de facto)
  20. Die französischen Truppen wiederum verloren die entscheidenden Schlachten dort gegen die Briten
  21. Es war nicht so, dass Ägypten mit Indien oder dem Zulu-Reich Handel betrieben hätte (können), das ging alles über westliche Mächte
  22. Die Cheops/Chufr-Pyramide in Gize war bis etwa 1300 höchstes Gebäude der Welt; sie ist das älteste und einzige intakte der “7 Weltwunder”. Plünderungen der Pyramiden begann schon in Antike, verstärkten sich unter Fremdherrschaften
  23. 1867 wurde er von den Osmanen endlich als Khedive anerkannt, was mehr Autonomie und höhere Abgaben bedeutete; seine Vorgänger hatten den Titel schon beansprucht, waren aber nur als Valis anerkannt worden, so wie auch Ismail bei seinem Amtsantritt 1863. Das Eyalet Ägypten (Eyalet-i Misr; hatte als solches seit 1517 bestanden, mit Unterbrechung der französischen Besatzung) wurde so 1867 zu einem Khedivat
  24. Dazu ist auch zu sagen, es gab in der den Antike den Bubastis-Kanal zwischen Nil und Rotem Meer (über einen Wadi), unter Pharao Necho begonnen, unter Dareios fertig gestellt, unter Ptolemäern, Römern, Arabern, erneuert…schliesslich aber versandet
  25. Eine andere Folge: Es entstanden beiderseits des Kanals neue Städte, wie Port Said (Bur Said), Ismailiyya (nach Khedive Ismail benannt), El Qantara (der östliche Teil am Sinai, der westliche nahe des Nildeltas)
  26. Ein armenischer Ägypter
  27. Auch damals schon war das “Ägypten von Despotie befreien“ das “Thema”…auch: seine “Öffnung”, wie gegenüber China beim Opiumkrieg
  28. 1906 das Denshawai-Massaker der Briten; 1910 wurde Premier Boutros Ghali von ägyptischen Nationalisten wegen seiner probritischen Politik ermordet
  29. Das ist um einiges weiter südlich als die historische Grenze zwischen Ägypten und Nubien; noch Anfang des 19. Jh hatte das osmanische Eyalet Ägypten etwas südlich von Assuan geendet; dann kamen die Kriegszüge von Mohammed Ali und seinen Nachfolgern
  30. Grenzsteine und Militärposten errichtet,…
  31. Siehe zB www.quora.com/Is-the-Sinai-considered-Africa-or-Asia
  32. Es gibt noch einige Verbindungsstücke zwischen Afrika und Asien, Seychellen, Mauritius, Komoren, Sokotra,…
  33. Nach Hussans Tod 1917 folgte ihm sein Bruder Fuad
  34. Und das Abkommen der Aussenminister Sykes und Picot sowie die Versprechen an die Regionalherrscher auf der Arabischen Halbinsel
  35. “Nationalistisch” im Sinne des Strebens nach nationaler Selbstbestimmung
  36. Es brachte Ägypten auch in Schritten unter seine Kontrolle
  37. Aufgrund der (nominellen) Unabhängigkeit liess der nunmehrige König Fuad 1922 die Nationalflagge ändern, statt der seit Mohammed Ali bestehenden rot-weissen (der osmanischen bzw heutigen türkischen ähnlich) kam eine grüne mit einem weissen Halbmond und drei Sternen. Die Sterne standen entweder für Ägypten, Nubien, Sudan oder für Moslems, Christen, Juden. Auch die von Giuseppe Verdi komponierte Hymne von 1869 wurde ersetzt
  38. 1923 kam eine neue Verfassung
  39. Obwohl Ägypten schon 3500 Jahre Kultur hatte, als der Islam ins Land kam. Die Inspiration kam von Mohammed Abduh
  40. Ab 1914 gab es diese
  41. Zur Gruppe der westlichen Ausländer gehörte zB die Familie von Rudolf Hess. Seine Grosseltern waren in das damals osmanische Alexandria (Iskandariyya) ausgewandert, er lebte bis 14 (1894-1908) dort (erlebte also auch die britische Zeit), wuchs in Alexandria in der deutschsprachigen Gemeinschaft der Stadt auf und hatte wenig Kontakt mit den Einheimischen oder den Briten, die Ägypten verwalteten. Die Familie hielt Distanz zu Ägyptern, schon Briten und Franzosen waren verdächtig, Griechen und Italiener erst recht, hat von Land und Leuten kaum was wahr genommen. Auch wenn Michael Ley verbreiten will, die Moslembrüder seien in Alexandria mit Unterstützung /unter Einfluss von Hess’ Bruder gegründet worden…
  42. Weniger als 1% der Bevölkerung
  43. Sie waren zT staatenlos (darunter die meisten der ägyptischsten Juden), zT Ausländer (Bürger europäischer Staaten, va die Neueren, ein Teil davon fühlte sich aber ägyptisch); ein Teil bemühte sich um ägyptische Staatsbürgerschaft, als dies möglich war, Teil bekam sie
  44. Es gab auch später eingewanderte Mizrahis, zB aus dem Irak
  45. Die Monarchen der Alawiyya-Dynastie waren hell und un-ägyptisch, wie die Herrscher über Ägypten schon seit vielen Jahrhunderten
  46. Und anderer jüdischen Gemeinschaften in dieser Region
  47. Die Alliance Israélite Universelle (AIU) wollte auch hier den Juden „Zivilisation“ und dann Zionismus bringen, sie “ent-orientalisieren”
  48. Ein Haim Sha`ul war vor ’48 für  die jüdische Einwanderung von Ägypten nach Palästina zuständig, dann in Ägypten für die Jewish Agency, zur Organisation weiterer Auswanderung und anderer zionistischer Aktivitäten
  49. Das soll dahinter versteckt werden, wenn die damalige Propaganda von NS-Deutschland in Ägypten thematisiert wird bzw das wo sie positiv aufgenommen wurde (zB in Teilen der Ichwan/Moslembruderschaft)
  50. Es gab da auch einen religiösen Unterschied!
  51. Infolge der Nakba wurden auch Tarabin aus der Nagab in den Gaza-Streifen vertrieben, manche auch auf den Sinai, nach Jordanien,… Das Grenzgebiet Sinai – Negev/Nagab wurde dann strategisch sehr wichtig, Ägypten und Israel grenzen nur dort aneinander
  52. Zum Beispiel wurden 1958 türkisch-stämmige Bezeichnungen für Ränge im ägyptischen Militär geändert, zB Sirdar (General) in Fariq Awal umgeändert
  53. Manche rechnen die Ptolemäerin Cleopatra als Ägypterin
  54. Wobei dieses Byzanz am Schluss nur noch aus der Gegend um die Stadt herum bestand; und dem Griechenland das (ab) 1822 entstand, fehlten auch noch die meisten griechischen Gebiete. 1832 bis 1973 gab es zudem, mit der Unterbrechung 1924-35 (2. Republik), ausländische Königshäuser (Wittelsbach, Slesvig), aber weitgehendste griechische Selbstbestimmung
  55. Was diese Phase auf 1300 Jahre verlängert. Und unter dem zweiten Pahlevi gab es viel Fremdbestimmung aus dem Westen. Unter den darauf folgenden Mullahs aber eine ebenfalls un-iranische Re-Islamisierung
  56. Und, es gab in den Jahren nach dem Umsturz christen(kopten)feindliche Ausschreitungen, also gegen die Träger der vor-arabischen, ur-ägyptischen Kultur gerichtet
  57. Mit dem Adler des (kurdischen) Ayubiden Salahdin in der Mitte. Als der Herrscher über Ägypten geworden war, wurde ein Adler Symbol Kairos, in Anlehnung an antike Darstellungen, auf der unter ihm gebauten Zitadelle von Kairo abgebildet
  58. Ägypten wurde über den Kanal abhängig von GB (und Frankreich) und es gewann seine Unabhängigkeit über den Kanal wieder
  59. Und nach den Erfahrungen von 1948 und 1954 musste man davon ausgehen, dass Teile der jüdischen Gemeinschaft diese Politik in der einen oder anderen Form unterstützten
  60. Der früh den Zionismus in Palästina unterstützte
  61. Die Gabris verloren das Geschäft 1961, als es unter Nasser verstaatlicht wurde. Es waren also auch (moslemische oder christliche) Ägypter von dieser Politik betroffen; und unter den betroffenen Ausländern waren auch (christliche oder moslemische) Syrer
  62. Eingehende Schilderungen der soziopolitischen Verhältnisse unter den ägyptischen Juden in der ersten Hälfte des 20. Jh finden sich in verschiedenen Texten von Joel Beinin, s.u.
  63. Orebi/Littman (“Bat Yeor”), Maccabi, Nadav Safran,…
  64. Kahanoff sah “Westernisierung” als Lösung für ägyptische Probleme. Bis 56 sahen das auch viele andere Ägypter so, als Ägyptens Streben nach Selbstständigkeit mit einer westlich-zionistischen Invasion beantwortet wurde
  65. Wernher von Braun wurde von niemanden gehindert, sein Know How aus der Nazi-Zeit an die USA weiter zu geben, wo daraus nicht nur ein ziviles Weltraumfahrtprogramm erwuchs, sondern auch militärische Raketen wie die “Redstone”. Dies ist ein Privileg des weissen Mannes. In die Mossad-Kampagne gegen Ägypten wurde auch der SS-Veteran Otto Skorzeny eingespannt
  66. Angesichts des Truppenaufmarsches am Sinai, der Wegweisung der Blauhelme dort (die Israel auf seinem Gebiet ja nicht haben wollte…), der Sperre der “Strasse von Tiran” und der Rhetorik durch Nasser
  67. Amer wurde nach dem Krieg aller Funktionen entbunden, dann eines Komplotts gegen Nasser angeklagt, unter Hausarrest gehalten, wo er im September 67 wahrscheinlich Selbstmord verübte
  68. Und zu einer Welle der Israel-Solidarität unter Rechten im Westen. Schliesslich wurden die unzivilisierten Orientalen in die Grenzen gewiesen. “In manchen Fällen ließ sich sogar eine persönliche Identität von begeisterten Frontberichterstattern des Dritten Reichs und Bewunderern Israel nachweisen.” – Helmut Spehl: Spätfolgen einer Kleinbürgerinitiative. Deutschland, Israel und die Palästinenser (1979)
  69. Und, im Rahmen von Gefangenenaustauschen kamen Spione und Saboteure frei, wie die ’54 Verurteilten
  70. Aber eigentlich war der Sinai auch „befreites Land“, wie „Samaria“, “Galiläa”,…
  71. Israelis überquerten den Kanal im Süden, die Ägypter im Norden, es kam zu einer Entflechtung bzw dem Status quo ante bellum
  72. Der Unterschied zu den jüdischen Siedlern, die zB Widerstand (gg ihre Soldaten) leisteten, als sie 82 “Yamit” verlassen mussten: Dort wurde nicht scharf geschossen. Den Unterschied gibt’s auch beinahe täglich in der “Westbank”
  73. U. a. mit dem ägyptischen Vize-Aussenminister Boutros Boutros-Ghali
  74. Für das Arabisch-Programm des israelischen Rundfunks
  75. Auch die Nationalhymne wurde anlässlich des Abkommens geändert. Ende der 1950er war “Wallāhi Zamān, Yā Silāḥī” Hymne Ägyptens geworden, oft gesungen von (und assoziiert mit) “Umm Kulthum” (Fatima ʾIbrāhīm as-Sayyid al-Biltāǧī), 1900-75. Die wichtigste Sängerin Ägyptens hat auch Präsident Nasser in Liedern gepriesen, wie auch Abdel Halim Hafez. Sadat wollte 79 eine andere Hymne, eine weniger “militantere”. Es heisst, Umm Kulthum ist in Israel, unter Mizrahi-Juden und Palästinensern, auch beliebt. Sie war vor der Ausrufung Israels im Alhambra-Kino in Jaffa aufgetreten. Während der Revolution in Ägypten im Arabischen Frühling, ist, u.a. auf dem Tahrir-Platz, ihre Musik aus vielen Lautsprechern geklungen
  76. So wie zB über das Wirken von Nazideutschland in der Ukraine, im Gegensatz zu den Russen…
  77. Unter den “Downs” bei den Negev-Beduinen sind auch Zwangs-Umsiedlungen, Vertreibungen,…
  78. Hier wäre es interessant, auszuführen, was mit interfere/einmischen genau gemeint ist/war, und zwar für die Verantwortlichen des israelischen Militärs
  79. Dessen Freunde immer mit seiner technologisch-zivilisatorischen Überlegenheit protzen, und Moslems/ Orientale als “Ziegenficker” titulieren
  80. Und Tourismus die wichtigste Einnahmequelle Ägyptens, neben den Durchfahrtsgebühren für den Suez-Kanal und den Überweisungen von Auslands-Ägyptern
  81. Was auch nicht gerade für sie sprechen würde
  82. Bei Sisi ist es jetzt ähnlich
  83. Präsident Mursi machte dann die Auflösung rückgängig
  84. Wie jenes in der Türkei gegenüber Erdogan
  85. Schinoda war unter Sadat 81 interniert worden, um dessen damaliges Vorgehen gegen die Moslembrüder “aufzuwiegen…
  86. Zuerst gegen den Westen, ab Ende der 70er mit/für ihn
  87. Was in Erinnerung ruft, dass die Fremdherrscher Ägypten nicht nur kulturell und historisch sondern auch ethnisch geprägt haben
  88. Unabhängig von der Frage, ob der Sinai jetzt doch zu Asien gehört; in diesem Fall wäre Ägypten ein transkontinentales Land, wie zB auch Russland
  89. Präsident Mubarak hat in den 80ern Sharm al-Sheikh zu seiner Sommer-Hauptstadt gemacht, an der Transformation am Sinai damit auch persönlich mit-gewirkt
  90. Kaum Bezüge zur antiken Hochkultur mit Pharaonen und Pyramiden
  91. Die in Gegnerschaft zur Hamas stehen; unter Mursi hat Ägypten ansatzweise mit der Gaza-Verwaltung zusammengearbeitet, etwa nach einer salafistischen Attacke im August 2012, bei der 16 ägyptische Grenzpolizisten getötet wurden
  92. Was sich Israel entgegen aller Grossspurigkeit doch nicht leisten kann. Während des Gaza-Massakers ’12 zog Mursi den Botschafter seines Landes aus Israel ab, liess den israelischen in Ägypten einbestellen
  93. Zum Beispiel ist Ägypten das bevölkerungsreichste arabische Land
  94. Etwas vereinfacht gesagt. Im Irak zB gab es auch Babylonier und andere vor-arabische/vor-islamische semitische Völker. Und in der islamischen Zeit “entstand” im nördlichen Mesopotamien das kurdische Volk, aus Iranern und Anderen. Und auch Osmanen/Türken und Andere haben ihre “Spuren” hinterlassen
  95. In seiner territorialen, ethnischen und teilweise historischen Kontinuität
  96. Sisi, der Militär-Präsident, der das Land Saudi-Arabien unterwirft, sich mit dessen Hilfe an die Macht putschen konnte, ist auch Ägypter
  97. Bei ihm ist “arabisch” so etwas wie ein Synonym für “orientalisch”, also die Region Nordafrika-Westasien betreffend
  98. Im Libanon gibt es auch den Libanonismus (libanesische Identität über einer arabischen) und den Phönizianismus (libanesische Identität unter Ausschluss einer arabischen)
  99. Im Iran gab es unter dem letzten Schah einen nicht-moslemisch orientierten Nationalismus, der aber dem Islamismus der Mullah das Feld bereitete, so restriktiv er war; der Sturz von Premier Mossadegh war in jener Zeit, als in Ägypten Nasser an die Macht kam
  100. Die sich diesen Unmut bei ihrem Machtkampf gegen die Omayaden auch zu Nutze machten, dann mehr Nicht-Arabisches zuliessen
  101. Bezog sich dabei auf den koptischen Ägypter Sami A. Hanna, der so etwas Ähnliches einige Jahre zuvor formuliert hatte
  102. Eigentlich sind es zwei Kirchen, da sich auch hier (wie bei anderen orientalischen Kirchen) ein Zweig mit der Römisch-Katholischen Kirche “assoziiert” hat, der andere unabhängig geblieben ist
  103. Ein kleiner Rest jener Konfession, die Ägypten einst tief geprägt hat
  104. Was ist die Henne, was das Ei?
  105. ’17 ein Daesh-Anschlag auf eine Sufi-Moschee am nördlichen Sinai mit über 300 Toten!
  106. Auch jene koptischen Ägypter, die solidarisch mit den Palästinensern sind – diese sind eben Nachbarn Ägyptens, nicht unbedingt “arabische Brüder”
  107. In Iran, Libanon, Irak, Syrien,… sind es auch nicht-moslemische Gemeinschaften, die die alternative Nationsidee besonders tragen, ihre Identität als “Verlängerung” des vor-islamischen/ vor-arabischen Charakters des Landes sehen; und dort gibt es auch Teile, die sich eher von der Mehrheitsgesellschaft abschliessen
  108. Der Schritt von (Teil-) Persern wie Kazem Mousawi, Sama Maani, Mehrdad Beiramzadeh zu solchen wie David Ali Sonboli und Udo Landbauer ist ein kleiner…
  109. Unter denen es, nebenbei, auch viele Christen gibt
  110. A la Ralph Raschen, Florian Niederndorfer, Norbert Jessen, Tobias Huch,…
  111. Da wird dann auch schnell pathologisiert
  112. Väterlicherseits türkische Ägypter
  113. Nakoula und 6 weitere koptische Exilanten wurden im Post-Mubarak-Ägypten wegen des Mohammed-Schmähfilms in Abwesenheit wegen Blasphemie zum Tode verurteilt
  114. Schreibt vom islamischen Faschismus, für den aber eher die Saudis stehen als Mursi, hinter dessen Absetzung diese stehen und die er unterstützte; er hat den Islam zu viel studiert, diverse islamische Realitäten zu wenig; natürlich sind gewisse Deutsche entzückt von ihm
  115. Dazu Gerayer Koutcharian in “Im Land der Rosen und Nachtigallen. Eine armenische Jugend im Iran”, in: Tessa Hofmann (Hg.): Armenier und Armenien – Heimat und Exil (1994): „Als ich selbst am Ende meiner Jugend den Iran verliess, um in Deutschland zu studieren, tat ich dies in der Absicht, nie mehr in das Land meiner Kindheit zurückzukehren. Ich hielt damals den Iran für mein rein zufälliges Geburtsland… Ich sehnte mich nach Europa, von dem ich, wie viele orientalische Christen, naiverweise annahm, es würde mich mit offenen Armen empfangen und mit Solidarität und Wärme ausgleichen, was wir als Minderheitenangehörige in unseren orientalischen Ghettos inmitten muslimischer Völker entbehrt hatten. Ich hatte mich gründlich getäuscht. Ich geriet in eine materialistisch orientierte Industriegesellschaft, der meine Herkunft, mein Schicksal und meine Religion völlig gleichgültig schienen…“
  116. Übrigens, die Pyramiden und andere alt-ägyptische Bauwerke sind von dieser “Gruppe” und ähnlichen auch schon bedroht worden
  117. Und nannte Khomeini einen Terroristen
  118. Das lässt sich über Persien/Iran auch sagen

Aspekte der Geschichte und Gegenwart der Baha’i

Die Frage, ob die Grundlagen über diese Religion (bzw ihre Geschichte) oder Spezialaspekte über sie den Artikel ausmachen sollen, war nicht leicht zu beantworten. Da Vieles über die Baha’i noch immer im Dunklen liegt, wird doch auf ihre ganze Entwicklung eingegangen. Die meisten (echten) Religionen sind viel früher entstanden als die Baha’i-Religion, und zwar in den etwa 1000 Jahren von Spät-Antike zum Früh-Mittelalter (etwa 500 vC bis 600 nC). Dies ist eine Besonderheit dieser Religion, die im 19. Jahrhundert entstand. Dann, so angefeindet sie von Aussen auch wurde und wird, so viele innere Streitigkeiten gab und gibt es auch. In seinem Herkunftsland Iran ist der Baha’ismus heute besonders schweren Schikanen ausgesetzt. Wo “steht” diese Religion, die aus dem schiitischen Islam entstand, international im Zeitalter von Islamkrise und Islamophobie?1

Es begann am 22. Mai 1844 im persischen Schiras, als (Sayed2) Ali Mohammed (Schirasi) bei der Koran-Lektüre (bei der Yusuf-Sure) eine Offenbarung bekam.3 Der Mann gehörte dem schiitischen Islam an, wie über 90% der Perser/Iraner, und darin der Bewegung der Shayki(yeh). Die Vision stellt den Beginn der Baha’i-Zeitrechnung dar. Schirasi erklärte sich damals zum “Bab” (arabisch “Tor”), dem Tor zum Imam Mahdi, zum Verborgenen,…4 Das Mahdi-Konzept spielt im schiitischen Islam eine wichtige Rolle, bezieht sich auf den zwölften und letzten Imam, der im späten 9. Jh verschwunden sein soll. Das Konzept ist ausserhalb des Korans entstanden, der Mahdi ist nur in den Hadith erwähnt, seine Historizität an sich ist nicht gesichert. Es ist mehr politisch als religiös, dreht sich um einen erwarteten Führer, eine Art Messias. Es gab in der islamischen Welt viele Aktivisten, die sich als “Mahdi” ausgaben, sich diesen Titel zulegten, nicht zuletzt Mohammed Ahmed im Sudan, etwa zur selben Zeit wie der Bab in Persien; für die Ahmadiya ist Jesus der Mahdi.

Der Bab verkündete am 23. 5. 1844 das Tags zuvor Erlebte, zunächst einem hohen Shaykieh. Er kündigte das Kommen eines Grösseren an, gewann Jünger, schrieb den Bayan (1847/48, eine persische und eine arabische Version). Die Gründung des Babismus ist wohl 1848 anzusetzen, als die Loslösung vom Islam proklamiert wurde, auf einer Konferenz der Bab-Anhänger in Badasht. 1848, als es vielerorts in Europa bürgerlich-revolutionären Erhebungen gegen die damals herrschenden Mächte der Restauration (der Herrschaft von Adel und Klerus) gab (ausgehend von der französischen Februarrevolution), entstand im “Orient” eine neue Religion. Für westistische “Kulturkämpfer” eine Bestätigung aller ihrer Klischees. War es überhaupt eine neue Religion oder eine Erneuerung innerhalb des schiitischen Islams? Es gibt im bzw aus dem schiitischen Bereich eine Reihe von Sondergruppen bzw Abspaltungen5, die Drusen/ Duruziyyah, die Alawiten/ Nusairier/ Alawiyyun, die Alewiten, die Ahl-e Haqq/ Yarsani, die Schabak.6 Es gibt die 7er-Schiiten (Ismailiten) in ihren verschiedenen Ausprägungen und die 5er. Und es gibt Strömungen in der Zwölfer-Schia, wie die Usuli oder Shaykiyeh. Ein damals führender Shaykieh, Karim Khan, lehnte den Bab ab, führte die Bewegung abseits der Babis weiter, die heute in den schiitischen Kernstaaten Iran und Irak weiter existiert.

In der Regel werden die Anhänger des Bab vor der Proklamation Baha’ullahs “Babis” genannt (und die Religion “Babismus”), und danach als “Baha’i” oder aber “Azalis” (Asalis), je nachdem welchem der Brüder sie folgten. Manchmal werden die Babis ab der “Offenbarung” des Bayan (bis zur Erhebung der Ansprüche der Nuri-Brüder) aber als “Bayanis” bezeichnet. Dies wird hauptsächlich von den Azalis favorisiert, die auch sich zT “Azali Bayanis” (oder sogar “Bayanis”) nennen. Die Baha’i sehen durch die Entwicklungen in den 1860ern einen klaren Bruch, die Azalis eine Kontinuität. Doch ich greife vor. Es gab ab 1848 Aufstände der Babis/Bayanis in Persien bzw ein Vorgehen des Staates gegen sie. Schah/ König wurde im September dieses Jahres Naser ad Din, der letzte bedeutende der Kadscharen-Dynastie. Bei der Tabarsi-Burg (oder -Schrein) in Masandaran in Nord-Persien gab es 1848/49 Kämpfe der Armee des Schahs gegen Babis, über gut ein halbes Jahr hinweg.

Der Bab selbst war bereits zuvor gefangen genommen worden. In einem Prozess im Juli 1848 soll er allen Ansprüchen auf eine göttliche Mission, Auserwähltheit oder übernatürliche Kräfte “entsagt” haben. Nachdem 1850 ein neuer Premierminister/Grosswesir kam, Amir Kabir, wurde er in Tabriz getötet, mit 31 Jahren, mit einem Anhänger. Er hinterliess keine eindeutige Nachfolgeregelung. 1852 verübten zwei radikale Babis in Schemiran mit einer Schusswaffe ein (erfolgloses) Attentat auf Schah Nasr ad Din, aus Rache für die Hinrichtung des Bab. Dies intensivierte die Verfolgungen der Babis, die ganze Gemeinschaft wurde verantwortlich gemacht, Tausende getötet. Dass der Schah 1848 mit der Verfolgung der Babi begann (ab 1850 mit Unterstützung des neuen Grosswesirs), war eher Ursache ihrer Auflehnungen als Folge! Nasr ad Din (Nasr al-Din, Naser ad-Din, Nasreddin) wurde für seine absolutistische Herrschaftsweise vom Theoretiker und Aktivisten Dschamal ad-Din “al-Afghāni” kritisiert, dieser daher verhaftet und ausgewiesen. 1896 tötete ein Anhänger Afghanis den Schah.

1853 wurden die Babi-Führer (und ihre Familien) aus Teheran in das Osmanische Reich ausgewiesen, nach vorhergehender Inhaftierung. Es waren an die 100 Personen, die Persien verliessen. Darunter die Nuri-Brüder aus Masandaran, die 1848 Jünger des Bab bzw Babis geworden waren. Mirza Yahya Nuri war angeblich von diesem als Nachfolger eingesetzt worden, heiratete auch seine Witwe. Der grössere Teil der Babis (einige Hundert, eine Tausend?) blieb in Persien. Sie praktizierten Taqiya (schiitische Verstellung), wegen der Verfolgungen und Diskriminierungen als politische/öffentliche/religiöse Unruhestifter. Die Babi-Führer hielten sich 1853 bis 1863 im damals osmanischen Mesopotamien auf, meist in Bagdad. 1863 hat Mirza Hussain Ali Nuri im Ridvan/Nayibiyih-Park in Bagdad vor Verwandten (darunter seinem Sohn) und engen Anhängern erstmals Anspruch darauf erhoben, der vom Bab (auch im Bayan) Angekündigte zu sein, der Führer der Babis/Bayanis zu sein.7 Kurz danach wurde der Gruppe von den osmanischen Behörden angeordnet, nach Istanbul/ Konstantinopel weiter zu reisen. In Bagdad schrieb Baha’ullah u.a. das Ketab i Iqan (Buch der Gewissheit).

1863 hielten sich die Babis ein paar Monate in Konstantinopel auf, dann (1863-68) in Adrianopel/Edirne. Dort 1866 die Proklamation von “Baha’ullah” und die Spaltung der Gemeinschaft. 1866 machte Mirza Hussain Ali Nuri, nun “Baha’ullah” (Glanz Gottes), seinen Führungs- bzw Prophetenanspruch öffentlich, nach der Offenbarung der Mission in kleinem Kreis in Bagdad.8 Er bekam die Unterstützung des grösseren Teils der mitgereisten persischen Babis, aber Widerstand von seinem Halbbruder Mirza Yahya Nuri, der sich dann “Sob-i Azal” (Morgen der Ewigkeit) nannte und diesen Anspruch ebenfalls erhob. Um ihn scharte sich der kleinere Teil der Gruppe. Es gab also ein tiefes Zerwürnis zwischen Mirza H. A. Nuri und Mirza Y. Nuri und eine Spaltung der Babis. Und die Transformation des Babismus in zwei neue Religionen, jene der Baha’i (jene die Baha’ullah folgten) und jene der Azalis (die Sob-i Azal folgten).

„Nabil i Azam“, ein persischer Babi, besuchte Nuri u.a. in Bagdad, wurde Emissär zwischen den Baha’i und den Babis in Persien, reiste später auch nach Akka. Über ihn kam wohl die Kunde von dieser Entwicklung im osmanischen Ost-Thrakien zu den Babis in Persien. Bayanis/Babis die sich weder Baha’ullah noch Sob’i Azal anschlossen, gab es nicht, nicht in Persien, nicht im Sultanat, somit keine Babis mehr. Babismus ist Vorstufe zu den Religionen der Baha’i und Asalis, wobei zweitere wie gesagt eine Kontinuität sehen. Das Zerwürnis in Edirne führte zu Feindschaft und Gewalt zwischen den Gruppen, Baha’i und Azalis. Von wem diese ausging, ist umstritten, berichtet wird von Vergiftungsversuchen und Anderem. Dies führte zu neuerlichem osmanischen Einschreiten, Ausweisungen der Gruppen 1868, der Anhänger und Verwandten von Baha’ullah (über Ägypten) nach Akka in Palästina, der Gruppe um Sob-i Azal nach Famagusta 9 auf Zypern, auch dies damals Teil des längst sehr schwachen Osmanischen Reichs. Und zur endgültigen, auch räumlichen Spaltung.

Die Azalis/Asalis/Azaliya/Azali Babis/Azali Bayanis/Bayanis/Sob-i-Azal-Gruppe lebte in der damals mehrheitlich griechischen Stadt Famagusta, auch nachdem Zypern 1878 (offiziell erst 1914) britisch wurde10. Sob-i Azal starb dort 1912, wurde in einem kleinen bescheidenen Schrein begraben, wie Azalis (auch) heute betonen… MY Nuri/ Sob-i Azal hatte viele Frauen und Söhne, hinterliess keine klare Nachfolge-Regelung. Die Azalis sagen heute, das Prophetentum sei mit ihm abgeschlossen und die Führung der Gemeinschaft erfolge kollektiv. Damals gab es aber etwas Konkurrenz darum, wenn auch nicht so stark wie bei den Baha’i. Ein Sohn von Sobi, Yahya Dawlatabadi, spielte jedenfalls eine gewisse Rolle. Ein anderer Sohn, Mirza Hadiy Dawlatabadi, soll zum Baha’i-Glauben übergetreten sein. Die Azali-Religion ist konservativer als jene der Baha’i, weniger westoffen, nicht auf Massen ausgerichtet, politisch (angeblich) radikal, ihre (wenigen) Anhänger praktizieren die Taqiya / Kitman, d. h. sie gehören oft auch zum Schein anderen Religionsgemeinschaften an. Wie der Brite Denis MacEoin11 meinte, bewahrte diese Gemeinschaft den konservativen Kern der vorangegangenen Babi-Bewegung.

Baha’ullah und ca. 60 Personen (darunter sein Sohn Abbas Effendi Nuri) kamen 1868 nach Akka bei Haifa. Es heisst, manche Azalis gingen mit den Baha’i nach Palästina, als Maulwürfe, wurden (wie ein Sayed Mohammed) Opfer von Gewalt oder verübten Gewalttaten an Baha’i. Baha’ullah und weitere Baha’i (-Führer) wurden interniert, wie schon in Persien, in der Zitadelle von Akka/Akko/Akkon/Acre, die als Gefängnis der Osmanen diente12. Später arretierten die Briten dort zionistische Führer und Terroristen, wie Z. Jabotynski aus Russland (für die heute ein Heldenmuseum drin ist). Baha’ullah und sein Gefolge erlebten 2 Jahre strenge Gefangenschaft dort, ehe sie woanders hin kamen. Baha’ullah schrieb in Gefangenschaft das Kitab i Akdas (“Das heiligste Buch”, 1873 fertig), und Briefe an die damaligen Weltführer.13 Laut H. E. Miers hat die Baha’i-Religion bzw Baha’ullah von der russischen Spiritualistin Helena Blavatsky Vieles übernommen, auch in seinem “Kitab”; Anderen zufolge hat sich Blavatsky reichlich mit fremden Federn geschmückt. Baha’ullah bekam 1890 Besuch vom britischen Orientalisten Edward G. Browne, führte mit diesem mehrere Gespräche – sein einziger “Verkehr” mit dem Abendland, für das er dennoch einen gewissen Scharfblick zu haben schien.

Browne war durch Joseph A. de Gobineau auf die Baha’i aufmerksam geworden, dem französischen Diplomaten, Autor und Rassentheoretiker. Dieser war Mitte des 19. Jh (zwei Mal) als Diplomat nach Persien gekommen, relativ bald nach dem erzwungenen Exodus der Babis. Dort entwickelte er seine (in Büchern verbreiteten) Theorien über die Arier, d. h. er behauptete dass (manche) Europäer von ihnen abstammten. Seine Bewunderung galt den alten Persern, an den neuen störte ihn Vieles, u.a. dass sie sich gegen den Absolutismus der kadscharischen Schahs auflehnten. Und er sah auch einen grossen Gegensatz zwischen Orient (inklusive Persien) und Okzident (den er als überlegen sah). De Gobineau sah auch einen Gegensatz zwischen dem (arabischen) Islam und der iranischen Kultur (den sehen auch viele Iraner, auch heute) und die schiitische Ausprägung des Islam als eine Abgrenzung der Iraner/Perser gegenüber den Arabern und anderen moslemisch gewordenen Völkern (was teilweise zutrifft).

Er erlebte und beschrieb die Verfolgung der Babis in Persien, die er guthiess; die Babis seien Anarchisten und eine Art von Kommunisten, gefährlich wie jene in Frankreich. Gobineaus Auführungen dürften die ersten eines Menschen aus der westlichen Welt über diese neue Religion gewesen sein.14 Edmond Browne lernte die Religionen der Baha’i und Azalis etwas besser kennen und schrieb darüber. Er traf auch Sob-i Azal, auf Zypern. Und Baha’ullahs Sohn “Abdul’baha”, von dem er ein Buch übersetzte und ergänzte.

Baha’ullah starb 1892 in Akka, wo er auch beigesetzt wurde. Er hatte 19 Apostel ernannt, ausserdem die ersten der “Hände der Sache” (Gottes), alles (Exil-)Perser, zT Verwandte, ua seinen Bruder Mirza Musa Nuri. Als Nachfolger hat er seinen Sohn “Abdul’baha” (Abbas Effendi Nuri) eingesetzt, gegen den Widerstand von dessem Halbbruder Mirza Mohammed Ali Nuri. Abdul’baha ist am 23. 5. 1844  geboren worden, dem Tag der Offenbarung des Bab, in Tehran. Als sein Vater starb und er Baha’i-Führer wurde, befand er sich in Haft. 1908 wurden er und andere Baha’i im Zuge der Jungtürkischen Revolution im Osmanischen Reich freigelassen.15 Abdul’baha erlebte noch die britische Herrschaftsübernahme in Palästina im 1. Weltkrieg.

Haifa / حيفا, ca 1900

Unter ihm wurde das nördliche Palästina Zentrum der Baha’i-Religion; er liess den Leichnam des Bab 1909 aus Persien überführen und in Haifa beisetzen, am Berg Carmel/Kurmul, wo auch der Bau der Baha’i-Anlagen begann. Baha’ullahs Sohn (von dem es einige Fotos gibt) unternahm Missionreisen, nach Persien wie in den Westen. Dort ernannte er 19 “Jünger”, darunter den Schotten John Esslemont, der übergetreten war und auch Autor von Büchern über diese Religion ist. Mit Abdul’baha beginnt die Öffnung dieser Religion zum Westen bzw ihre Ausbreitung dort. Ibrahim George Kheiralla, ein griechisch-orthodoxer Syrer, der zu den Baha’i übertrat, wanderte Ende des 19. Jh in die USA aus und gründete in Chicago die erste Baha’i-Gemeinde in der USA.

Abdul’baha starb 1921, als die Spannungen zwischen zionistischen Juden, Palästinensern und den britischen Herren in Palästina begannen.16 Die Baha’i(-Führung) in Palästina, nie mehr als einige Dutzend, hauptsächlich Perser/Iraner, später eine wachsende Zahl von Westlern, nahm in den Jahrzehnten bis zur zionistischen Staatsgründung und Nakba, darüber hinaus, und zu den bürgerkriegsähnlichen Unruhen davor, eine neutrale, quietistische Haltung ein, wie es ihre Religion gebietet. Die Bevölkerung Palästinas bestand damals aus Arabisierten und Arabern verschiedener Religionen, einer durch Einwanderung wachsenden Zahl von Juden, sowie Armeniern, Türken, Tscherkessen, Griechen, Assyrern, und Angehöriger kleinerer Gruppen, wie auch die Baha’i dort eine waren. Missionierung unter den verschiedenen Volks- und Religionsgruppen in Palästina war für die Baha’i vor und während der israelisch-zionistischen Herrschaft schwierig.

Und wie lief die Entwicklung im Babi/Baha’i/Asali-Mutterland Persien weiter? Die Ölfunde dort im frühen 20. Jh haben den Quasi-Kolonialstatus des Landes natürlich verstärkt bzw das Interesse der Briten.17 Der schiitische Islam blieb dominierend, die Mitsprache der Bevölkerung begann erst mit der Konstitutionellen Revolution (1905 bis etwa 1911, انقلاب مشروطه). Einige Azalis waren in dieser Verfassungsbewegung aktiv, darunter Scheich Ahmed Ruhi Kermani. Danach ist diese Religionsgemeinschaft aber wirklich zu einer unbedeutenden Splittergruppe herab gesunken. Es gab anscheinend Übertritte von Zoroastriern und Juden zu den Baha’i. Zwei der bedeutendsten persischen Autoren aus der Zeit um die Jahrhundertwende, Sayed Hassan Taqizadeh und Muhammad Qazvini, haben Abdu’l-Bahá persönlich getroffen und sich mit der Baha’i-Religion auseinander gesetzt.

Die Ressentiments, die es in Persien/Iran gegenüber Baha’i und Azalis gab, wurden durch die “Dolgorukov-Memoiren” geschürt. Diese kamen erstmals 1943 heraus, unter dem Titel “Eʿterāfāt-e sīāsī yā yāddāšthā-ye Kenyāz Dolqorūkī” (transkripiert; “Politische Bekenntnisse und Memoiren des Prinzen Dolgorukov”), als Kapitel in einem Buch. Dimitri Dolgurukov stammte aus einer russischen Adelsfamilie, war russischer Botschafter/”Minister” in Persien 1845-54 gewesen. Dem Traktat zufolge war er bereits zuvor nach Persien gekommen, zum Islam übergetreten, dann aber den “Bab” zu dessen Ansprüchen aufgestachelt, später Baha’ullah geholfen, diese Religionen quasi gegründet, um den Iran zu schwächen. Die dafür herangezogenen Unterlagen sind leicht als Fälschung zu erkennen, der tatsächliche Kern der Geschichte geht in eine andere Richtung.

Auch Ahmed Kasravi anerkannte, dass die “Memoiren” ein Betrug sind, und zwar in seinem Anti-Baha’i-Buch “Bahāʾīgarī”. Spätere Forschungen haben das bestätigt. Kasravi stand in der Tradition der iranischen Intellektuellen, die ein nationales Konzept mit Betonung des Vor-Islamischen mitgestalteten. Der Philosoph sah Religionen an sich sehr kritisch, und den im Iran dominierenden schiitischen Islam erst recht. Die Baha’i-Religion war für ihn kein positives Gegenkonzept dazu. Er stand aber auch westlichem Säkularismus und Eurozentrismus skeptisch gegenüber… Kasravi erlag einem Mordanschlag, nachdem hochrangige schiitische Kleriker eine Fatwa gegen ihn erlassen hatten.

In der Frühzeit der Babi/Baha’i-Religionen emigrierten Angehörige von ihnen aus Persien in umliegende Länder, das waren hauptsächlich das inzwischen russische Kaukasus-Gebiet sowie Zentralasien, bevor und nachdem auch dieses russisch wurde. Baha’i kamen so in das Khanat Khiwa, bevor dieses 1873 russisches Protektorat wurde. Die Stadt Ashgabad (heute Hauptstadt Turkmenistans) entstand nach der russischen Übernahme. Dort wurde 1902-08 das erste Haus der Andacht (House of Worship) der Baha’i gebaut, auf Initiative von Abdul’baha und nach Planung von Vakílu’d-Dawlih, einem Cousin des Bab. Die Baha’i-Religion kam über Zentralasien auch nach Kern-Russland, fand Anerkennung etwa von Leo Tolstoi, der aber nicht übertrat.18 Während der Sowjet-Ära wurden alle Religionen unterdrückt, so auch jene der Baha’i. Das Haus der Andacht in Ashgabad in (seit 1925) der Turkmenischen SSR wurde 1938 zweckentfremdet, 1948 durch ein Erdbeben schwer beschädigt, 1963 abgerissen.19

Das Haus der Andacht in Ashgabad einst

In NS-Deutschland wurde die Baha’i-Religion 1937 verboten. Eine unter den Nazis aufgrund der jüdischen Herkunft ermordete Person war Lidia Zamenhof aus Polen, Tochter von Esperanto-Entwickler Ludwig. Sie war zu den Baha’i übergetreten. Eben so später der amerikanische Jazz-Musiker „Dizzy“ Gillespie, einer prominentesten westlichen Baha’i. Die rumänische Königsgemahlin Maria/Marie dürfte sich dagegen mit dieser Religion nur beschäftigt haben. Die Britin aus dem Haus Sachsen-Coburg-Gotha hat 1893 Ferdinand von Hohenzollern-Sigmaringen geheiratet, der 1914 nach dem Tod seines Onkels, König Carol I. von Rumänien, rumänischer König wurde. Die Anglikanerin wurde rumänisch-orthodox, wie ihr Sohn Carol. Nachdem Ferdinand I. 1927 starb, wurde zunächst sein Enkel Mihai König, als Kind. 1930 kam dann, für 10 Jahre, doch Carol (II.) auf den Thron. Königswitwe Maria machte nicht die Thronbesteigung ihres Sohnes Kummer, aber verschiedene seiner Entscheidungen. In dieser Situation lernte sie den Baha’i-Glauben kennen, durch Martha Root, eine frühe amerikanische Baha’i, und wandte sich ihm zu. Anscheinend gefiel ihr besonders die Idee der Einheit der Menschheit bei religiöser Diversität – angesichts ihrer religiös geteilten Familie! Maria von Hohenzollern-Sigmaringen begann auch einen Briefwechsel mit dem damaligen Baha’i-Oberhaupt Shoghi Effendi.

Shoghi Effendi Rabbani wurde 1921 Nachfolger seines Grossvaters Abdul’baha als Führer der Baha’i. Der in Akka Geborene musste sich gegen die Ansprüche seines Grossonkels Mírzá Muhammad Alí durchsetzen, der auch schon die Führung von (seinem Halbbruder) Abdu’l-Bahá bestritten hatte und deshalb mit einigen Unterstützern ausgeschlossen worden war. Mirza Mohammed Ali konnte darauf verweisen, dass ihn sein Vater Baha’u’llah in dessen Kitab-i-Ahd eingesetzt hatte. Auch in der USA wurde die Übernahme der Führerschaft durch Shoghi Effendi von Einigen bestritten, die sich um eine Ruth White sammelten und eine Gruppe namens „Free Baha’i“ gründeten. Dies wurde in Deutschland von einem Hermann Zimmer aufgegriffen.

Shoghi Effendi gilt nicht als Prophet, war “Hüter des Bündnis”. Er hat auch spirituell keine neuen Akzente gesetzt, war hauptsächlich organisatorisch aktiv. Unter ihm vollzog sich eine Hinwendung der Baha’i-Religion zum Westen, und eine gewisse (wohl damit verbundene) Entfremdung in West-Asien, wo sich in der Zwischenkriegszeit eine neue Staatenwelt formierte. Shoghi unternahm viele Missionsreisen in Westen, starb auch 1957 in London (wo seine  körperlichen Überreste begraben sind), und, er war mit einer Kanadiern verheiratet, der Tochter von William S. Maxwell, einem konvertierten Architekten, der den Überbau zum Schrein des Bab in Haifa plante. Viele Verwandte von Shoghi aus dem Baha’i-“Adel” in und um Haifa waren mit dieser westlichen Ausrichtung nicht einverstanden, und taten sich mit bereits Ausgeschlossenen zusammen, wurden nun selbst ausgeschlossen. Auch mit seinen eigenen Eltern zerkrachte er sich, mit dem allergrössten Teil der lebenden Verwandten bzw den Baha’i in Palästina. Dies führte aber nicht dazu, dass ein konkurrierender Führer zu ihm erhoben wurde, der ihn herausforderte.

Shoghi Effendi liess weltweit Strukturen aufbauen, Lokale und Nationale Geistige Räte20, 1931 wurde das nächste Haus der Andacht eröffnet, in Wilmette bei Chicago. In der USA musste Shoghi aber weiter mit Widerstand kämpfen. Die Baha’i dort waren inzwischen überwiegendst nicht-persisch und es gab Kreise, die die Baha’i als eine Art offene ökumenische Gesellschaft sahen. Hier pochte Shoghi darauf, dass die Baha’i eine eigene Religion waren. Ein Kreis in New York, mit den Chanlers und Mirza A. Sohrab, der eigene Wege ging21, wurde ausgeschlossen. Hier wurde er wiederum als der “orientalische Autokrat” wahrgenommen und kritisiert… Shoghi Effendi erlebte noch die Gründung Israels, eine Vertreibung wie sie die meisten Palästinenser (auch) im Raum Haifa damals erlebten, blieb den Baha’i erspart.

Man kann die Situation der Baha’i in Persien/Iran so analysieren dass die Herrschaftszeit der Pahlevi-Schahs eine Atempause für sie war, von Verfolgungen und Diskriminierungen. Aber, genau das wird wiederum gegen sie angeführt… Sie wurden in ihrem Herkunftsland von gewissen Seiten nicht mehr “nur” als Häretiker gesehen und als Agenten anderer Mächte, nun kamen auch Spekulationen über ihre “privilegierte Stellung” hinzu. Hinzu kamen die guten Beziehungen des Irans unter dem letzten Schah mit Israel, wo sich nun das Weltzentrum der Baha’i befand, und daraus “entstand” ein Geflecht aus Unterstellungen und Vorwürfen. Was bei “Behandlungen” dieses Geflechts gerne unter den Tisch fällt, ist der Charakter des Regimes dieses letzten Schahs, Mohammed Reza Pahlevi, was es für den Iran und die Iraner bedeutete.22 Mohammed Mossadegh, einer der ganz wenigen demokratischen Premierminister unter dem Schah (1951 bis 1953, mit einer Unterbrechung), war gegenüber den Baha’i tolerant, jedenfalls geht das aus dem Buch von Chubineh hervor, das unten in der Literaturliste angeführt ist.

Es heisst, der damalige iranische Geheimdienst SAVAK23 kollaborierte mit islamistischen Gruppen gegen die Baha’i, dennoch wurden diese gerne SAVAK-Agenten verdächtigt. Und, 1955 die Zerstörung des Baha’i-Zentrums in Teheran. Ramadan 1955, nach dem “erzwungenem” (GB, USA) Beitritt Irans zum Bagdad-Pakt, durfte sich ein Mob als “Ausgleich” (bzw Ventil) auf Initiative von Gross-Ajatollah Hossein Burudjerdi nach einer Medienkampagne mit staatlicher Unterstützung (auch der SAVAK) dort etwas austoben. Dazu muss auch gesagt werden, dass sich Burudjerdi nach anfänglicher Unterstützung gegen Mossadegh gestellt hatte und den britisch-amerikanischen Staatsstreich gegen diesen unterstützt hatte. Burudjerdi unterstützte auch die  Verfolgung und das Verbot der kommunistischen Tudeh-Partei, auch dies im Einklang mit der damaligen westlichen Politik gegenüber Iran. In einer Fatwa 1955 erklärte er Pepsi-Cola für verwerflich, weil der iranische Konzessionär ein bekennender Bahai war. Der Industrielle Habib(ollah) Sabet, der dann bereits vor der Revolution ins westliche Exil ging.

Wurden die Baha’i unter dem Schah bevorzugt behandelt? Wenn ja, spricht das für ihn ?  Verdächtigungen über den Einfluss der Baha’i unter dem letztem Schah und ihre Unterstützung für diesen sind bis heute hier und dort aktuell. Es gab Shapour Rasekh, einen Berater, seinen persönlichen Arzt sowie Verteidigungsminister Sani’ee an Baha’i im Umfeld Pahlevis. Sani’ee wurde von seiner Religionsgemeinschaft ausgeschlossen, weil sie ihren Angehörigen direkten politischen Aktivismus verbietet. Es gab damals den Architekten Hossein Amanat, der den Bau des Shayad/Azadi-Gebäudes (1966-72), bis heute eines der Wahrzeichen Tehrans, plante, sowie das Universale Haus der Gerechtigkeit in Haifa. Viel Spekulationen gibt es diesbezüglich über die Familie des Premierministers 1965-1977, Amir A. Howeida; sein Vater dürfte Baha’i gewesen sein, der diese Religion verlassen hat.24 Jedenfalls, die Dynamik die sich im Iran bzw unter Iranern aus dem repressiven Charakter der Herrschaft dieses Schahs ergab, hat sich für die Baha’i äusserst ungünstig ausgewirkt

Shoghi Effendi starb 1957 kinderlos und ohne eine eindeutige Nachfolgeregelung zu hinterlassen. Die meisten der Baha’i in und um Haifa waren auch von ihm exkommuniziert worden… Er hatte 1951 einen Internationalen Baha’i-Rat ernannt, mit dem US-amerikanischen Architekten Charles M. Remey, seiner  Frau,… Und er hatte weitere “Hände der Sache” ernannt, darunter den Autor Hasan M. Balyuzi, Remey, den Deutschen Adelbert Mühlschlegel, Ali-Akbar Furutan,… Es gab, wie zu erwarten, nach Shoghis Abgang, Nachfolgestreits, Abspaltungen, Richtungskämpfe. 1960 erhob Remey (die Hand der Sache sowie Präsident des Internationalen Baha’i-Rats) den alleinigen Führungsanspruch, wurde ausgeschlossen, eine kleine Zahl von Baha’i folgte ihm. Er hatte diverse Baha’i-Gebäude geplant, darunter die Häuser der Andacht in Uganda und Australien. 1969 spaltete sich eine Gruppe unter dem Franzosen Joel Marangella von der Remey-Gruppe (den “Orthodox Baha’i”) ab, weitere folgten. 1961 wurde ein neuer Int. Baha’i-Rat gewählt, mit Ali Nakhjavani, Ian Semple,…

1963 wurde eine Nachfolgeregelung gefunden: die 27 lebenden Hände der Sache (Gottes) wählten 9 (die heilige Zahl der Baha’i25) aus ihrer Mitte zu “Hütern”, die das erste “Universale Haus der Gerechtigkeit” bildeten. Anfangs waren in diesem Gremien 3 von 9 Mitgliedern Exil-Iraner (Nakhjavani, Fateazam, Hakim); dieser Anteil blieb in etwa so, bis heute, die meisten Anderen kommen aus der englisch-sprachigen Welt. Nakhjavani ist 1919 in Aserbeidschan geboren, in jener Zeit in der sich das Land in den Wirren der russischen Revolutionen unabhängig gemacht hatte, vermutlich in eine Familie die den Iran verlassen hatte. Die Familie verliess auch die SU bald, lebte im britisch beherrschten Palästina (hatte Kontakt mit Abdul’Baha), im französischen Libanon, dann im Iran und in Uganda, bevor er 1961 in die erwähnte Vorgänger-Institution des Universalen Hauses der Gerechtigkeit in Haifa gewählt wurde. Diesem gehörte er von 1963 bis 2003 an. Seine Tochter Bahiyyih wurde Schriftstellerin.

Mit Shoghi Effendis Tod ging die konstituierende Periode der Religion zu Ende, auch die Zeit der Vorherrschaft der Familien der Gründergeneration (bzw der Perser), kamen interne Streitigkeiten etwas zur Ruhe. Ende der 1950er gab es eine “Konferenz” Ausgestossener/Abgespaltener verschiedener Generationen der Baha’i, auf Zypern (kurz vor dessen Unabhängigkeit von GB), von den Azalis über die “orthodoxen Baha’i” Remeys bis zu Individuen wie einigen von Shoghi Exkommunizierten… Ab 1961 entstanden weitere Häuser der Andacht, in Sydney, Kampala (von Remey geplant), Langenhain (BRD), Delhi (auch von Maxwell geplant), Ciudad de Panama, Apia (Samoa), Santiago de Chile, Battambang (Kambodscha); weitere sind geplant. In anderen Ländern versammeln sich Baha’i in unscheinbaren Häusern oder Wohnungen. In Israel/Palästina gibt es drei Gebäude auf dem Carmel/ Kurmul/ Jebel Mar Elias in Haifa: Der Schrein des Bab mit dem von Maxwell geplanten Überbau (1948-1953 gebaut), in dem auch Abdul’baha begraben wurde, mit den Gärten rundherum die 2001 fertig wurden. Das von H. Amanat geplante Universale Haus der Gerechtigkeit (-Gebäude) wurde 1983 fertig, in seinem Garten befinden sich Gräber von Verwandten Baha’ullahs. Dann gibt es es dort noch ein Archiv/Museums-Gebäude, das ’57 fertig wurde. Und das Grab Baha’ullahs in Akka. Pilgerorte der Baha’i mit Verbindung zur Geschichte dieser Religion befinden sich u.a. in Bagdad, Edirne, Schiraz, London,…

Bei den Baha’i gibt es keine Geistlichkeit, keine Priester. Man wartet auf ein göttliches “Neues Zeitalter”. Das von Baha’ullah in Gefangenschaft (auf Arabisch) geschriebene “Kitab al Akdas” ist eigentlich das heilige Buch. Es (bzw sein Inhalt) wird aber nicht nach Aussen verbreitet, und für die eigenen Anhänger bzw Angehörigen gibt es, so liest man26, nur eine interne Teilübersetzung bzw Teilfassung. Grund dafür soll sein, dass es in der vom Propheten einst geforderten bzw gewünschten Gesellschaft zB die Todesstrafe geben soll, und Weiteres was man heutzutage eher zu verstecken trachtet.

William McElwee-Miller (1892-1993), ein US-amerikanischer presbyterianischer Missionar, der auch in Iran unterwegs war, setzte sich mit dem schiitischen Islam und der Baha’i-Religion auseinander, schrieb Bücher darüber. 1961 brachte er mit einem Earl Elder eine (angebliche) englische Übersetzung des Kitab al Akdas heraus, die manchen Urteilen zufolge eine Verdrehung des Inhalts sein soll. 1931 kam von ihm erstmals “Baha’ism, Its Origin, History and Teachings” heraus, ein Buch über (bzw gegen) die Baha’i mit Attacken auch vom Azali-Standpunkt. Nach Laurence P. Elwell-Sutton soll McElwee-Millers Quelle Subh-i Azals Enkel Jalal Azal gewesen sein, den mit den Baha’i eine Erbfeindschaft auf persönlicher Ebene verband. In dem mehrfach neu aufgelegten Buch findet sich anscheinend auch eine Stellungnahme der Tochter der rumänischen Königsgemahlin Maria, Ileana, wonach diese nie übergetreten sei.

Im Iran wurde die Auflehnung gegen den Schah ab 1978 ja von den Islamisten unter Khomeini gestohlen bzw missbraucht. Für die Baha’i im Iran (etwa 300 000) änderte sich die Lage infolge der islamistischen Machtergreifung nach der Revolution ab 1979 dramatisch; Ruhollah Khomeini hat noch im Anflug auf dem Iran (bei seiner Rückkehr) auf Journalisten-Fragen gesagt, die Baha’i würden im Gegensatz zu den Juden nicht anerkannt und toleriert werden. Die Anschuldigungen der Häresie, des Abfalls vom Islam, wurden wieder hoch-aktuell, hinzu kamen jene der Spionage für westliche Mächte, und dahinter auch ein gewisser sozialer Neid aus gewissen Schichten. Die Baha’i-Religion an sich wurde in der Islamischen Republik illegal, jene die sich nicht davon abwandten, waren (sind) schweren Diskriminierungen ausgesetzt, zB ist ihnen Studieren nicht erlaubt. Manche verloren ihre Anstellungen. Besonders schwer traf es in den frühen Jahren nach der gestohlenen Revolution die Führer der Gemeinschaft im Iran. Ali-Murad Davudi, ein Philosophie-Professor an der Universität Teheran, war 1973 in den Nationalen Geistigen Rat der Baha’i im Iran gewählt worden, wurde 1974 Sekretär dieses Rats, also eine Art Oberhaupt.27 Im November 1979 ging er in einem Park in Tehran spazieren, “verschwand“… Es ist davon auszugehen, dass er von Kräften, die diesen Staat nun regierten, entführt und ermordet wurde, wahrscheinlich auch gefoltert.

Im Jahr darauf wurden die restlichen 8 Mitglieder der iranischen Baha’i-Führung28 verschleppt, von einem Treffen ihres Gremiums weg. Auch von ihnen gab es keine Spuren mehr, ist ein Schicksal wie jenes von Davudi anzunehmen. Der Nationale Baha’i-Rat des Iran wurde aber wiederum neu konstituiert, durch Wahlen, und 1981 wurden zumindest 8 davon wiederum getötet. Entsprechendes geschah in den folgenden Jahren, bis 1984, bis anscheinend die Strukturen und der Mut der Baha’i total zerschlagen waren. Auch Mitglieder von lokalen Geistigen Räten sowie einfache Mitglieder29 betraf dies. 1982 allein wurden mindestens 32 Baha’i hingerichtet, heisst es. Darunter war der Vater von Wahid Wahdath-Hagh, der in den 1960ern Militärattaché an der iranischen Botschaft in der BRD gewesen war. Der junge Wahdath-Hagh konnte nach Deutschland emigrieren, wo er seine(n) gesamte(n) akademische Arbeit und politischen Aktivismus gegen die Islamische Republik Iran und ihren religiösen Totalitarismus einsetzt.

Dabei arbeitet er aber auch (bzw hauptsächlich) mit Gegnern des Iran an sich zusammen, gibt ihnen Alibis, lässt er die Unterdrückung der Baha’i im Iran instrumentalisieren, macht den Jubelperser für Dropthebomb, Memri, “Jungle World”, “European Foundation for Democracy”, „Die Welt“, „Achsedesguten“,… So dass sich auch der letzte Rassist geschmeichelt (und fortschrittlich) fühlen darf. Wer sich nicht für Karimpour Shirazi (oder andere Opfer des Regimes dieses letzten Schahs) interessiert, möge über Alimurad Davudi schweigen und vice versa. Und jenes Publikum, das von “Die Welt” oder “Jungle World” bedient wird, interessiert sich eben nicht für Opfer, die nicht in ihr Weltbild passen, nicht dafür, dass Herrscher bei ihren Menschenrechtsverletzungen vom Westen unterstützt wurden und werden30, dass dieser im Kalten Krieg auch Islamisten gegen Demokraten unterstützt hat, nicht für den verkappten Deutsch-Nationalismus der Springer-Presse, et cetera. Nicht für Palästinenser oder die Zusammenarbeit Israels mit dem Apartheid-Regime Südafrikas31, um die es in einem Artikel geht, der demnächst erscheinen wird.

Unter Rafsanjani, der 1989 nach Khomeinis Tod iranischer Präsident wurde, mäßigte sich die islamistische Diktatur im Iran etwas, auch gegenüber den (restlichen) Baha’i. Viele sind (in den Westen) ausgewandert oder versuchen dies noch. Diese Auswanderung von religiösen Minderheiten des Iran (Zoroastrier, armenische und assyrische Christen, Juden, Baha’i) wird von der amerikanischen jüdischen Organisation HIAS organisiert, in Wien gibt es für die Betreffenden meist einen mehrmonatigen Transit-Aufenthalt. Der renommierte Psychiater   Nossrat Peseschkian, der in Deutschland wirkte, war dagegen unter jenen Iranern, die in den 1950ern/60ern in den Westen gingen, aus unpolitischen Gründen, zum Studium. Die inoffizielle Führung der Baha’i im Iran wird weiterhin drangsaliert; 2008 wurden 7 Mitglieder des “Yaran” genannten Gremiums inhaftiert und zu 10-jährigen Gefängnisstrafen verurteilt, u.a. wegen “Spionage für eine feindliche Macht” und “Bildung einer illegalen Organisation”. Fariba Kamalabadi, Mahvash Sabet, Behrouz Tavakkoli32 und die anderen wurden 2017 freigelassen. Es gibt aber ziemlich sicher noch Baha’i unter den politisch-religiösen Gefangenen des Landes.

Charles Mason Remey hat einst, in den späten 1950ern, auf Bitte von Shoghi Effendi, einen Baha’i-“Tempel” für Teheran geplant (siehe Bild rechts). Dann wurde Remey von den Baha’i ausgeschlossen (oder er verliess sie, wie man es sieht), dann machte der Verlauf der Revolution ein solches Haus der Andacht im Iran unmöglich. Ob es dies im Iran jemals geben wird? Die grösste Feindseligkeit gegenüber der Baha’i-Religion gibt es in jenem ethnisch-religiösen Milieu, in dem sie entstanden ist, dem iranischen schiitischen Islam. In vielen sunnitischen Ländern bzw Milieus, zB Pakistan oder Türkei, gibt es ihnen gegnüber mehr Toleranz. Der Schwerpunkt der Baha’i ist aber der Westen geworden und durch islamistische Diskriminierung sind auch die iranischen (und anderen “orientalischen”) Baha”i gezwungen, sich an den Westen “anzulehnen”. Was wiederum die Unterstellungen, Werkzeuge “imperialer Mächte” zu sein, nährt. Auch die “Nähe” der Baha’i zum Zionismus liegt in so einem Teufelskreis.

Von den drei Baha’i-Gebäuden in Haifa ist nur der Schrein des Bab für Besucher zugänglich; das Museum ist das nur für langjährige Baha’i. Im Krieg Israels 06 gegen Hisbollah und Hamas (bzw Libanon und Gaza) flogen Raketen der (vom iranischen Regime unterstützen, schiitischen) Hisbollah auch in die Nähe von Haifa mit seinen Baha’i-Gebäuden. Die Baha’i in Israel sind (nach wie vor) nur eine recht kleine Zahl von Funktionären, von denen ein Teil auch nur temporär dort ist, beschäftigt in den 4 Baha’i-Einrichtungen in bzw um Haifa. Sie sind eine der kleineren Bevölkerungsgruppen dieses Landes, nicht so tief verwurzelt wie die Armenier, aber tiefer als zB die Schwarzen Hebräer.33 Den Baha’i ist in Israel Vieles nicht erlaubt, sie dürfen nicht missionieren (schon gar nicht unter Juden), der Bab-Schrein darf nachts nur temporär beleuchtet werden, und ein Haus der Andacht war/ist ihnen nicht vergönnt. Ein solches wurde auch von Remey geplant, der Plan wurde von Shoghi Effendi gebilligt. Es sollte auch am Carmel/Kurmul gebaut werden, in der Nähe der anderen Gebäude; 1971 wurde an der geplanten Stelle ein Obelisk errichtet. Streng genommen gibt es in Israel keine Baha’i-Gotteshäuser, die 4 bestehenden Baha’i-Gebäude sind Verwaltungs- bzw Graborte. Wer aus Israel/Palästina zu den Baha’i konvertieren will, muss nach Zypern reisen, ausgerechnet auf die Insel der Konkurrenten von den Azalis.

Schrein des Bab

Die Baha’i-Führer in Haifa sind wie der griechisch-orthodoxe Patriarch in der Türkei, fast ohne “Fussvolk” in dem Land an sich. Es gibt einige Palästinenser die übergetreten sind. So wie Suheil Bushrui (1929-2015), aus Nazareth (ein “israelischer Araber”), ursprünglich wohl Christ. Der Wissenschafter und Khalil-Gibran-Spezialist lebte und arbeitete hauptsächlich in anderen Ländern der Region (wie Libanon) sowie dem Westen (USA, GB,…). Den (persischen) Baha’i gelang es in ihrer frühen (osmanischen) Zeit in Palästina anscheinend auch, Palästinenser zu missionieren; dies wäre ein ergiebiges Thema. Es gibt unter den Palästinensern eben Moslems (überwiegendst Sunniten), Christen (v.a. Orthodoxe), Drusen, Ahmadyiyya, Baha’i,… Und (der maronitische Christ) Gibran hatte selbst Verbindungen zu den Baha’i in Palästina, u.a. traf er Abdul’baha.

Wenn im Westen über die Baha’i berichtet wird, dann meistens dahin gehend, dass sie im Iran von Anfang an bis heute verfolgt wurden, sie werden gegen den Iran angeführt. Für Leute wie Mosche Sharon oder Henryk Broder ist das ein gefundenes Fressen. Im islamischen Bereich wird oft ihre Verbindung zum Westen gegen sie angeführt. Für manche “Westisten” sind die Baha’i aber auch zu islam-ähnlich, orientalisch. Zu den Anti-Baha’i-Hass-Seiten aus dem islamistischen Bereich gehören bahaism.blogspot (wahrscheinlich schiitisch), bahaileaders9.blogspot.com, thebahaiinsider (“Imran Shaykh”, scheint sunnitisch zu sein); bahaisects.wordpress könnte aus der Azali-“Ecke” sein.

Ein Kommentator auf “derstandard”: „…wären erste wenn ich an gott glauben würde; sie sind zu zivilisiert und fortschrittlich und gut gebildet für die monster in Teheran; 300.000 könnten doch leicht fuss fassen in europa und-oder usa. der baha’ismus kann durch das christentum gut toleriert werden, aber im iran sind sie völlig ausgeliefert. also kommt in den westen baha’i brüder und schwestern..”     Die Baha’i Licht, die Region bzw Kultur aus der sie kommen, Finsternis, ohne zu kapieren, dass sie aus eben dieser kommen. Idealisierung und Vereinnahmung ist hier aber eben nur eine Spielart von westüberheblichem Chauvinismus, es gibt auch das überhebliche Abkanzeln und ignorante Verteufeln der Baha’i selbst, das sie-in-den-Topf-mit-den-anderen-Orientalen-werfen34 – Da wird dann betont dass Baha’ullah ein schiitischer Iraner war bevor er eine Religion stiftete. Und natürlich müssen Frauen und Homosexuelle als Ausweis edler Gesinnung herhalten.

Baha’i als ideologisches Kanonenfutter – erinnert an den Gebrauch von Kurden und Süd-Sudanesen.35 Oder von Kopten – solange diese die wehrlosen Opfer der Muselmanen sind. Ein Kopte wie der ägyptische Hotelmilliardär Samih Sawiris dagegenwenn der dann noch im Schweizer Alpendorf Andermatt sein dort schon bestehendes Ferienressort gehörig erweitern will, dann ist er auch ganz schnell ein grössenwahnsinniger Orientale der die westliche Kultur missachtet, ist vom Ausverkauf der Heimat die Rede. Im “Derstandard” schrieb Einer zum Vergewaltigungs-Urteil zu Israels Präsident Mosche Kazav: “Die einzige Demokratie im Orient,so ein Urteil wäre dort sonst nirgends vorstellbar.Dazu käme der religiöse Aspekt in den Nachbarstaaten:Durch unstatthafte Kleidung werden die Frauen den Mann halt so gereizt haben, dass er nicht anders konnte.Katzav stammt aus dem Iran.” Und, wie bei McElwee-Miller erwähnt, werden die Baha’i auch gerne aus der evangelikalen Ecke angegriffen. Die Baha’i werden sowohl von islamischer wie von christlicher Seite auch oft als “Sekte” gesehen.

Der USA-Historiker John “Juan” Cole wurde Baha’i und trat wieder aus, wegen der Hierarchie, setzt sich aber (weiter) kritisch-konstruktiv mit dieser Religion auseinander; für seine Analysen über den “Orient” wird er von Efraim Karsh & Co attackiert. Ein umtriebiger Baha’i-Diffamierer im deutschsprachigen Raum ist dagegen der Schweizer Francesco Ficcicha, ein Ex-Baha’i, der dann zum Buddhismus übertrat. Er schrieb auch das Kapitel über die Baha’i im von Hans Gasper heraus gegebenen “Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen: Fakten, Hintergründe, Klärungen” (1990), einem katholizistischen Machwerk. Über manches von dem was er dort bei den Baha’i ausmacht, kann man diskutieren (“diesseitsbezogene Religion”, “theokratisches Verständnis”,…). Ansonsten macht Ficcicha diese Diffamierung auf seiner Website oder über ein eigenes Buch – zu diesem gab es eine Entgegnung vom deutschen Baha’i Udo Schäfer („Desinformation als Methode“).

Ein iranischer Baha’i, der über Wien in die USA ging, hat mir geschrieben, es gäbe in Amerika einen “bias” gegen Iraner unter den Baha’i (obwohl der Prophet ein solcher war) und grosse Unterschiede bei den Gottesdiensten zwischen diesen Ländern. Orient und Okzident ist (auch) bei den Baha’i ein grosses Thema… International bestreitet die Baha’i-Gemeinde meist eine besondere Verbindung dieser Religion mit dem Iran. Es gibt aber eine solche, trotz der schweren Diskriminierung der Baha’i dort und dem damit verbundenen Auswanderungsstrom. Die Baha’i-Religion war im Iran immer eine einer kleinen Minderheit36, ist aber ein Produkt der Entwicklung dieses Landes, mit seiner Synthese aus islamischen und nicht-islamischen Elementen. Unter jenen Iranern die den Islam als Religion für ihr Land ablehnen, scheint aber eine “Wiederbelebung” des Zoroastrismus als Staatsreligion eher in Frage zu kommen als eine Ausbreitung bzw Annahme der Baha’i-Religion. Mehr Akzeptanz sowie Gleichberechtigung für Baha’i ist aber sehr wohl ein Thema37, und eine Beendigung oder zumindest Reform der Mullah-Herrschaft war immer eines unter Iranern, seit es diese gibt. Sogar Ajatollah Hossein-Ali Montaseri ist vor seinem Tod 09 für Rechte der Baha’i im Iran eingetreten.

Es gibt etwa 6 Millionen Baha’i weltweit, die Religion dürfte global die zehnt-grösste sein. Wie bei allen Religions-Statistiken sind hier auch jene gezählt, die nicht (mehr) aktiv sind. Baha’i sind in allen Ländern in der Minderheit, weit davon entfernt, irgendwo Staatsreligion oder Religion Nr. 1 zu sein. In westlichen Ländern sind überall viele Exil-Iraner darunter, überall machen Konvertiten bzw Baha’i in erster Generation einen grossen Anteil aus.38 Die Länder mit den meisten Baha’i in absoluten Zahlen sind Indien (etwas unter 2 Millionen), dann die USA, Kenia, Vietnam, DR Congo, Philippinen, Iran (250 000), Sambia, Südafrika, Bolivien. Den höchsten Anteil an der Bevölkerung haben sie in den Pazifik-Staaten Nauru (9.22%), Tonga, Kiribati,… aus; in Bolivien machen sie etwas über 3% aus, in Belize etwas darunter. Die zweitgrösste Religionsgemeinschaft sind sie in Iran, Panama, Belize. Azalis dürfte es heute maximal einige Tausend geben, in Iran, Usbekistan, westlichen Ländern,… Die Konkurrenz bzw Feindschaft zu den Baha’i ist aktuell, wie man an IT-Publikationen sieht. Chef der Remey-Abspaltung von den Baha’i (dieser starb ’74) ist seit ’91 der Franzose J. Soghomonian.

Materialien

Dominic Parviz Brookshaw, Seena B. Fazel: The Baha’is of Iran. Socio-Historical Studies (2007). Mit Beiträgen von Mehrdad Amanat, Moojan Momen, Kavian Milani, Eliz Sanasarian, Mohamad Tavakoli-Targhi (“Anti-Bahaism and Islamism in Iran,”), Houchang Esfandiar Chehabi, Reza Afshari,…

Alessandro Bausani, Juan Cole: Religion in Iran: From Zoroaster to Baha’u’llah (2000)

Bahram Chubineh: Dr. Mohammed Mossadegh & Bahaian (2009)

Janet Afary: The Iranian Constitutional Revolution, 1906– 1911: Grossroots Democracy, and the Origins of Feminism (1996). Auch über die Mitwirkung von Azalis an der Konstitutionellen Revolution

Mehrdad Amanat: Jewish Identities in Iran: Resistance and Conversion to Islam and the Baha’i Faith (2011). Amanat geht der Frage auf den Grund, warum persische Juden zu den Baha’i übertraten, obwohl diese harscher verfolgt wurden

Druzelle Cederquist: The Story of Baha’u’llah: Promised One of All Religions (2005)

Edward G. Browne: Materials for the Study of the Babi Religion (1918)

Moojan Momen (Hg.)39: From Iran East and West (Studies in Babi and Bahai History 2) (1984). Mitarbeit von Juan Cole

Robert H. Stockman: The Baha’i Faith: A Guide For The Perplexed (2012)

Hasan Balyuzi: Studies in Babi and Baha’i History, Vol. 1. (1982)

Hermann A. Römer: Die Bābī-Behā’ī. Eine Studie zur Religionsgeschichte des Islams (1911, Dissertation Universität Tübingen)

Peter Smith: A Concise Encyclopedia of the Bahá’í Faith (1999)

Mina Yazdani: The Islamic Revolution’s Internal Other: The Case of Ayatollah Khomeini and the Baha’is of Iran. In: Journal of Religious History, Vol. 36, No. 4, December 2012

Juan Coles Webseite über die Baha’i

Website von Moslems, die sich für Baha’i einsetzen

Baha’i in fiction (Wikipedia)

Etwas vom Azali-Standpunkt

Auf bahaiblog.net über Frauen bei den Baha’i, hauptsächlich über die Babi-Anhängerin Fatimeh Baraghani

https://bahai-library.com

Suheil Bushrui: An Evening with Suheil Bushrui: recitations & commentary on notable prayers by Baha’u’llah (Audio CD)

Reza Allamehzadeh: Iranian Taboo (2011/2012). Dokumentationsfilm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Und in der Zeit der inner-islamischen Zuspitzung zwischen Sunniten und Schiiten
  2. Dieser Titel weist darauf hin, dass er ein Nachkomme des Propheten Mohammed gewesen sei
  3. Das Haus des “Bab” in Schiras wurde später zerstört und dort eine Moschee gebaut
  4. Anscheinend erklärte er sich später auch zum Mahdi selbst
  5. Manchmal “Ghulat” (Übertreiber, bzw freier übersetzt, Extremisten) genannt
  6. Es gibt auch einige aus dem sunnitischem Islam entstandene Religionsruppen wie Yaziden oder Ahmadiyya
  7. Der Tag wird heute von Baha’i als Ridvan/Rezvan-Fest gefeiert
  8. Das wahrscheinlich einzige Foto, das von Baha’ullah existiert, stammt auch aus der Zeit in Edirne
  9. Ammochostos/Magusa
  10. Bis 1960; Palästina wurde etwas später britisch, blieb es kürzer
  11. Ein früherer Baha’i, der sich nun als “sakularen Humanisten” sieht und ein Pro-Israel-Kampaigner (schreibt auch für’s Gatestone Institute) sowie “Islamkritiker” ist
  12. Die Zitadelle geht auf die Johanniter in Kreuzfahrerzeiten zurück, wurde von den Osmanen ausgebaut, zeitweise als Kaserne genutzt, dann als Gefängnis, für politische “Verbrecher” aus allen Teilen des Reichs
  13. Papst Pius IX., die britische Königin Victoria I., den osmanischen Sultan Abdulaziz I., den russischen Zaren Alexander II., den preussischen König Wilhelm I., den USA-Präsidenten, den persischen Schah Nasr ad Din, den französischen Kaiser Napoleon III.
  14. Es heisst, er hat das Manuskript eines Mirzâ aus Kashan erhalten, das einen Bericht über die frühe Geschichte der Babis darstellt und heute in der Bibliothèque Nationale in Paris aufbewahrt wird
  15. Diese Bewegung hatte auch ursprünglich etwas progressives, hat aber letztendlich zu einem intoleranten Nationalismus geführt und zum Völkermord an den Armeniern
  16. Er war 1920 von den Briten zum Ritter geschlagen worden, wahrscheinlich für seine Bemühungen während des 1. WK, eine Hungersnot zu vermeiden. Zu seinem Begräbnis am Kurmul kam auch Gouverneur Samuel
  17. Christopher de Bellaigue in “Rosengarten der Märtyrer”: Eine (im Iran nicht vollzogene) eindeutige Kolonisation brachte wenigstens Eisenbahn, Abwasserkanäle und eine eindeutige Unabhängigkeit
  18. Ähnlich war es bei Arnold J. Toynbee
  19. In Turkmenistan konstituierten sich die Baha’i nach der Unabhängigkeit 1991 neu; sie sind aber nicht staatlich anerkannt, da ein Gesetz aus 1995 dafür verlangt, mindestens 500 erwachsene Anghörige pro örtlicher Niederlassung zu haben
  20. Wahlrecht haben anscheinend nur Männer
  21. Organisiert in der “New History Society” und der “Caravan of East and West”
  22. Es bedeutete sicher nicht nur Negatives!
  23. Der hauptsächlich gegen die eigene Bevölkerung, gegen Iraner, vorging!
  24. Howeida war demnach ein “Baha’i-Zadeh”, jemand mit Baha’i-Hintergrund, ohne selber einer zu sein
  25. Das Symbol der Religion ist auch ein 9-zackiger Stern
  26. Bitte um Korrektur, wenn das nicht stimmt
  27. Geistliche gibt es wie erwähnt keine in dieser Religion
  28. Oder 9, möglicherweise wurde Davudi ersetzt
  29. Etwa 1983 die 18-jährige Mona Mahmudnizhad
  30. US-Politiker Dana Rohrabacher hat ja zB angeregt, über Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien oder Usbekistan hinwegzuschauen, aufgrund der “nationalen Interessen der USA”; in Deutschland hat dies Missfelder getan – Andere sagen es nicht so offen, fahren aber diese Politik
  31. Hier gibt es auch Söhne, die ihre Väter verloren haben
  32. „Es gab zur Zeit der Verhöre nach der Gefangennahme keine physische Folter. Aber wir wurden damals in Einzelhaft gehalten, was eine Form von psychischer Folter ist. Auch waren in dieser Zeit keine Besuche erlaubt. Erst 2 Monate nach der Verhaftung durfte ich meine Familie anrufen“
  33. Auch wenn de.wikipedia im Artikel über die “Demographie Israels” dazu angibt, dass sich „14 000 Baha’i” in Israel aufhalten würden… Aber dieser Artikel führt die in Israel/Palästina lebenden Armenier auch im Rahmen von Einwandereren aus der SU an, macht die Aufsplitterung der Palästinenser in kleinere (kontrollierbarere) Gruppen mit, schlüsselt in „ethnisch-religiöse Gruppen“ auf, hebt zB die Ahmadiyya unter den Palästinensern hervor (denen es dort so gut ginge), und behandelt nur das Gebiet, das bereits vor 1967 “Israel” darstellte (wenn es um die Demografie geht, sind “Judäa” und “Samaria” plötzlich nicht mehr Teile Israels)
  34. Ebenfalls im “Derstandard”-Forum gesehen
  35. Kurden unterstützen oder doch lieber (weiter) Kemalisten? Armenier oder Aserbeidschan oder..?
  36. Anders als der Buddhismus in Indien oder das Christentum in Palästina, die dort längst weitgehend verdrängt sind
  37. Siehe zB http://iranpresswatch.org/post/998/we-are-ashamed/ , http://www.iranian.com/main/2009/feb/more-signatures-defense-bahais
  38. Von adherents.com: “As is typical with a religious group made up primarily of converts, Baha’is who drift from active participation in the movement are less likely to retain nominal identification with the religion — because it was not the religion of their parents or the majority religion of the surrounding culture. On the other hand, there are no countries in which people are automatically assigned to the Baha’i Faith at birth (as is the case with Islam, Christianity, Shinto, Buddhism, and other faiths), so their numbers aren’t inflated with people who have never willingly participated in or been influenced by the religion while adults.”
  39. Wie Hasan Balyuzi, Peter Smith, Robert Stockman gehört Momen der Baha’i-Religion in offizieller bzw führender Funktion an

Abgeschriebenes in der Bibel

Die Frage der Historizität der jüdisch-christlichen Schriften bzw die Vereinbarkeit dieser religiösen Mythen mit der Geschichtsforschung ist hier nicht das eigentliche Thema. Sondern das von anderswo Übernommene in Bibel/Tanach. Diese beiden Thematiken sind aber mit einander verbunden. Anders etwa Arik Brauer behauptet1, wurde nicht (nur) aus dem Alten Testament der Bibel (dem jüdischen Tanach) abgeschrieben, sondern (auch) umgekehrt. Es gibt dort unverkennbar Übernommenes von den alten Ägyptern, Mesopotamiern (besonders Babyloniern), Persern, Kanaanitern (den Konkurrenten im Land), Phöniziern, Aramäern, Ammonitern,… Die betreffenden Völker kommen auch vor in den Märchen des Tanach, zB der Aramäer Laban. Das alte Judentum hatte Kontakte mit diesen Völkern/Kulturen, nahm Einflüsse von ihnen auf, die damit auch ins Christentum übergingen. Und in weiterer Folge auch in den Islam; und über Christentum und Islam ist von Juden und Anderen verarbeitetes Kulturgut wieder an Völker der Region zurück geflossen. Während andere die jüdischen Wurzeln des Christentums ins Licht rücken möchten, wird hier auf die Wurzeln der jüdischen Texte eingegangen. Und in weiterer Folge auch auf die „Märchen“ im jüdisch-christlichen Geschichts-Mythen-Komplex, die teilweise noch immer als faktisch gesehen werden bzw geschichtspolitisch propagiert werden. Es werde Licht.

Einflüsse auf Tanach/Bibel

Beginnen muss man wohl mit den patriarchalen Umformungen in den Religionen der Region von Ägypten bis Persien in der späten Antike, die sich teilweise mit der Herausbildung der modernen Religionen überschnitten. Alle Religionen dieser Region waren matriarchalisch, mit Göttinnen wie Ishtar oder Ardvi Sura Anahita. Der Übergang vom mythologischen zum rationalen Weltbild, vom Mythos zum Logos, von Mysterienkulten zu Religionen, begann in Griechenland mit den Vorsokratikern (600 bis 350 vC, u.a. Thales von Milet, mehr Wissen/Vernunft als Gefühl/Glaube), wurde in Europa mit der Durchsetzung des Christentums im 4. Jh vollendet, im “Orient” geschah er vor Aufkommen des Islams (die Region war bis dahin christlich oder aber zoroastrisch).

Die Bibel ist in einem Zeitraum von fast 2000 Jahren entstanden, durch verschiedene Autoren, sie existiert in verschiedenen Gliederungen, Versionen, Übersetzungen. Hier geht es aber um das Alte Testament (AT) der Christen, den Tanach der Juden.2 Das AT/ der Tanach (geschrieben in Alt-Hebräisch und Alt-Aramäisch) erzählt von der Schöpfung über die Wanderungen der Israeliten/Juden unter Abraham und Moses, die Eroberung Kanaans unter Joschua, die Herrschaft der Richter und Könige (David,…) dort, von Propheten wie Elija, von der Reichs-Teilung, den Eroberungen und Verschleppungen unter Assyrern und Babyloniern, bis zur Rückkehr aus dem Babylonischen Exil. Die Geschichten sind nicht in chronologischer Reihenfolge, beruhen grossteils nicht auf Faktizität, enthalten viel Metaphysisches (Gott als ordnende Kraft,…) und sind zT von anderswo entlehnt.

Die jüdischen und christlichen Gliederungen des Buchs decken sich teilweise: Thora entspricht dem Pentateuch (5 Bücher Mose’, Schöpfung bis Ägyptisches Exil; auch als Gesetzesbücher bezeichnet); die Propheten-Bücher sind die Nebiim; und die Ketubim sind bei den Christen die Geschichts- sowie die Weisheitsbücher. Die T(h)ora-Bücher (Genesis, Exodus, Leviticus, Zahlen, Deuteronomium) und die Geschichts- und Prophetenbücher wurden grösstenteils zur Zeit der persischen Herrschaft über Babylonien und Kanaan/Palästina/Israel (6.-4. Jh vC) geschrieben, von Führern der Juden/Israeliten unter den Exilanten bzw Heimkehrern. Nur ein Teil der Prophetenbücher wurden zuvor verfasst, zwischen dem 8. und 6. Jh. Die Zusammenstellung bzw Redaktion der Bücher zum Tanach erfolgte nach der Befreiung aus dem Exil, durch Esra und andere Gelehrte. Daneben gibt im Judentum den Talmud (der von einigen Sondergruppen nicht anerkannt wird), den Babylonischen (im dortigen Exil entstanden, aber zu sassanidischer Zeit) und den Jerusalemer bzw Palästinensischen, entstanden in der Spätantike im “heiligen Land”, das unter römischer bzw byzantinischer Herrschaft stand.

Die wichtigsten Einflüsse auf das Judentum, den Tanach, waren die babylonischen und persischen, während bzw infolge des Babylonischen Exils. Die betreffende Phase (die eigentliche Geburt des Judentums?) begann mit der Eroberung Judäas durch die Babylonier unter König Nebukadnezar II. an der Wende vom 7. zum 6. Jh vC3, bekam eine Zäsur durch die Eroberung Babylons durch den Perserkönig Kyros II. 539 vC, ging bis zur Niederlage Persiens gegen die Griechen Alexanders 332 vC, mit der die hellenistische Periode begann.4 In diesen zweieinhalb Jahrhunderten in Babylon und Jerusalem begannen die alten Juden/Israeliten erst richtig mit der Niederschrift ihrer bislang hauptsächlich oralen Lehren und nahmen neue Einflüsse auf, aus mesopotamischen (hauptsächlich der babylonischen) und persischen Kulturen.

Teile der für die mesopotamische Göttin Inana/Ishtar im Zusammenhang des Hieros Gamos bestimmten erotischen Liebeslyrik finden sich im Hohen Lied im Tanach (AT der Bibel) wieder. Die 10 Gebote sind von Hammurabis Gesetzes-Codex “inspiriert”, evtl diente der babylonische König sogar als Vorbild für „Mosche“/”Moses” (s.u.). Die Geschichte der Sintflut ist eine Verarbeitung eines entsprechenden Märchens im sumerischen Gilgamesch-Epos. Der babylonische Gott Marduk diente als Vorbild für Mordechai. Die Legende von der Schrift an der Wand des Palasts Nabonids, des letzten babylonischen Königs, die dessem Sohn Belsazar kurz vor dem Fall an die Perser erschienen sein soll, hat in veränderter Form in den Tanach Eingang gefunden. Der jüdische Monats-Name Tammuz ist aus dem babylonischen Kalender entlehnt, dem Siwan liegt ein akkadischer Monat zu Grunde,… Den Garten Eden gab es bereits bei den Sumerern.

Die Apokalypse wurde schon in mesopotamischen Schöpfungsmythen, z. B. dem Gilgamesch-Epos, behandelt. Im persischen Zoroastrismus Persiens gibt es die Idee eines Endkampfes zwischen „Gut“ und „Böse“, „Licht“ und „Finsternis“; von dort aus dürfte sie in den Hellenismus eingedrungen sein. Auch wenn es im Tanach/AT apokalyptische Themen gibt, etwa im Buch Daniel, könnten diese Einflüsse ohne diesen Umweg in das Christentum (NT, Johannes-Offenbarung) eingegangen sein.

Möglicherweise begann auch die Umformung der jüdischen Religion zum Monotheismus unter babylonisch-persischem Einfluss. Dies sagt zB der exil-iranische Wissenschafter Reza Aslan. Zumindest bis ins 8. Jh vC gab es in der jüdisch-israelitischen Religion mehrere Götter, neben Jahwe auch Baal, El oder Astarte. Dies kommt auch in den frühen Büchern des Tanach zum Ausdruck. Die Entwicklung vom Polytheismus zum Henotheismus mit Jahwe als der den anderen Göttern übergeordnete Gottheit vollzog sich anscheinend noch zu Zeiten des Königreichs Judäa, also vor der babylonischen Inavsion. Der Weg zum Monotheismus dürfte aber erst im Babylonischen Exil oder nach der Rückkehr aus diesem (und unter entsprechenden Einflüssen) vollzogen worden sein.

Friedrich Delitzsch, ein deutscher Gelehrter (u.a. Assyriologe), Gründer der Deutschen Orient-Gesellschaft, löste Anfang des 20. Jh im Deutschen Reich den Babel-Bibel-Streit aus, indem er (zuerst in einem Vortrag in Berlin, u.a. vor Kaiser Wilhelm) die Abhängigkeit bzw den Plagiarismus biblischer (jüdischer) Erzählungen von mesopotamischen Vorbildern (v.a. Babylonier und Assyrer) nachwies, eine Überlegenheit der mesopotamischen Kulturen über die jüdische in den Raum stellte. Vor allem protestantische Theologen und jüdische Vertreter griffen ihn scharf an, erstere damit dass die Bibel nicht auf ihre Historizität zu untersuchen sei sondern als von Gott inspiriert (daher unfehlbar) zu begreifen. Delitzsch sah das Alte Testament (und die jüdische Religion) vor dem Hintergrund zunehmend kritisch, forderte seine Weglassung aus dem Christentum und dessen Kanon. Er verstieg sich noch zu „Vermutungen“ über eine „arische“ Herkunft Jesus’. In Folge dieses Streits entspann sich der „Panbabylonismus“, begonnen von Hugo Winckler, auch einem Altorientalisten, der ebf. den Einfluss der mesopotamischen Kultur (Gilgamesch-Epos) auf die israelitische feststellte. Ihren Vertretern, wie Winckler, Fritz Hommel, oder Delitzsch, waren auch viele andere Kulturen von Babyloniern und anderen mesopotamischen Kulturen beeinflusst.

Infolge des persischen Siegs über Babylon (Kyros über Nabonid) herrschten die achämenidischen Perser etwa 200 Jahre über die Juden, über die im Land gebliebenen wie über die nach Mesopotamien deportierten, im Grunde genau jene 200 jahre, die das Achämenidenreich bzw das erste Persien existierte.5 Das von Ägypten bis Indien reichende Persien liess gegenüber unterworfenen Völkern Toleranz walten. Perser-König Kyros(h) präsentierte sich in Babylon gegenüber der dortigen Bevölkerung als Gesandter des Gottes Marduk, während Nabonid die Gottheit Sin vorgezogen hatte.

Kyros II. erlaubte nach seiner Eroberung Babylons 539 vC den dorthin deportierten Juden die Rückkehr. Möglicherweise hat es eine grössere, planvolle Rückkehraktion erst unter Dareios(h) I., ab 522 vC, gegeben. Als Führer dieser Rückkehrer wird in Tanach/AT Serubabbel gennnant, ein Enkel Jojachins, sowie Scheschbazar, angeblich Onkel Serubabbels. Ein Teil blieb jedenfalls im nun persischen Babylon. Die Bezeichnung “Juden” wird eigentlich ab der Rückkehr aus dem Babylonischem Exil verwendet, da die Hauptmasse aus Nachkommen Judas/Judäas bestand; die Israeliten waren von den Assyrern verschleppt worden. Der persische König erlaubte den Juden die Wiedererrichtung ihres Tempels in Jerusalem; Judäa stand ja auch unter persischer Herrschaft.6 In Tanach wird Kyros, bei Jesaja, sogar als “Messias Gottes” bezeichnet, wird die persische Herrschaft über die Juden positiv dargestellt. Der Tempel-Neubau ging in etwa von 538 vC bis 515 vC, wird auch von Flavius Josephus berichtet.7

Historisch scheinen auch Esra und Nehemia gewesen zu sein. Nehemia war ein aus Babylon repatriierter Jude, der im 5. Jh vC unter persischer Herrschaft Statthalter von Jud(ä)a wurde und eine Reform der jüdischen religiösen Vorschriften durchführen liess. Esra, ein Priester, hatte eine hohe Stellung am persischen Königshof inne, und wurde dann nach Jerusalem geschickt. Er hat dort bedeutenden Einfluss auf auf Auswahl und Redaktion der heiligen Schriften ausgeübt, wird auch als “Verfasser der Thora” bezeichnet. Die Oberherrschaft der babylonischen Juden sorgte für Streit mit den im Lande Gebliebenen. Über Nehemia und besonders Esra sind persische und babylonische Einflüsse stark ins Judentum eingedrungen. Was aus dem damals in Persien vorherrschenden Zoroastrismus ins Judentum (und damit auch ins Christentum) eingedrungen ist, könnte der Teufel/ das Böse als als Widersacher des Guten sein, dieser Dualismus, oder auch das „Verbot“ der Nennung Gottes, die Vorstellung von Engeln (Malakhim), sicher verschiedene religiöse Begriffe, wie Pardess (Paradies), Dat (Gesetz), Raz (Geheimnis), Magis bzw Magu (Magie, Magier), die über biblische “Vermittlung” zT auch in westliche Sprachen kamen.8

Persische Elemente/Motive gibt es auch im Neuen Testament, die Heiligen drei Könige/ Weisen aus dem Morgenland im Matthäus-Evangelium dürften, unabhängig von der Historizität der Geschichte bei der Geburt Jesus’, ursprünglich Magis, zoroastrische Geistliche, dargestellt haben. Der aus Persien stammende Mithras-Kult war Konkurrent und Wegbegleiter des Christentums im späteren Römischen Reich. Der Manichäismus hat u.a. die Katharer beeinflusst.

Der Purim-Mythos spricht auch für sich. Erst kürzlich wurde auf Ö1 davon gesprochen als der “ersten organisierten Verfolgung von Juden“ und der “mutigen Jüdin“ Esther, als ob das Märchen die Wahrheit sei, und nicht eher etwas über jene aussagt, die daran glauben. Bekanntlich wird im Buch Esther (Ketubim) erzählt, dass die Jüdin Esther den persischen König “Ahasveros” heiratete und in Folge, zusammen mit ihrem Onkel Mordechai, die Juden unter persischer Herrschaft vor einem Pogrom rettete, das der Grosswesir Human/ Haman an ihnen geplant hatte; in der Folge gab es übrigens (in der Erzählung) ein Pogrom/Massaker an Persern. Die Legende der Rettung der Juden durch Esther hat wahrscheinlich im 3. Jh vC ihre literarische Endfassung bekommen, also zur Zeit der griechischen Vorherrschaft über die Region; es gibt verschieden lange Fassungen davon (Tanach/Bibel).

Zunächst ist “Esther” eine Figuration der babylonischen Weiblichkeits-Göttin Ishtar und “Mordechai” eine der babylonischen Gottheit Marduk. Befürworter der Historizität des religiösen Mythos’ können eigentlich nur darauf verweisen, dass verschiedene historische Verhältnisse des damaligen (achämenidischen) Persiens zutreffend geschildert werden – was aber noch gar nichts heisst. Ausser, dass es sich um eine Art historischen Roman handelt, oder ein politisches Märchen. Ausfechten könne sie die Sache nicht, ziehen sich hinter den Opfer-Gegenwehr-Mythos zurück, in dem die bösartigen Orientalen mit List ausgetrickst werden. Die „Wahrheit“ der Erzählung liegt vielleicht darin, dass ein subjektives Gefühl des Bedroht-Seins ausgedrückt wird, das trotz der Toleranz für Juden im achämenidischen Persien bestand. Und die Hoffnung auf eine Art Rettung/ Beschützung durch Gott.9 Laut Ernst Herzfeld könnte der sassanidische König Yazd(e)gerd I. Vorbild für die Geschichte sein und das angebliche Grab Esthers in Hamadan10 jenes von einer jüdischen Frau Yazdgerds. Dies liegt aber ziemlich weit ausserhalb des Zeitraums in dem die Entstehung und Kanonisierung der Legende vermutet wird.

Die Frage der Datierung gibt ja auch einige Antworten… Einzige historische Hauptfigur der Erzählung ist der persische König (486-465 vC) Ahasverus/ Ahaschwerosch/ Xerxes/ Khashayarsha I. Unter Khashayarsha wurden auch wichtige Schlachten der Perser mit den Griechen geführt, somit gibt es von ihm ein doppelt negatives Bild, aus hystorischen “Mythen”. Wochen vor dem entscheidenden griechischen (bzw spartanisch-athenischen) Sieg von Salamis (480 vC) gab es den persischen Sieg von Thermopylae, der bis heute stark ideologisiert wird. Mit dem Heroismus von angeblich 300 Spartanern gegen 100 000 Perser; die erste Zahl ist zu niedrig, die zweite zu hoch (man lese dazu zB Hans Delbrück). „Europa gegen Asien“, “Freiheit gegen Tyrannei”, so wurden die Perser-Griechen-Kriege, besonders der „Endkampf“ bei den Thermophylen, ab dem 19. Jh umstilisiert, unter verschiedensten Vorzeichen.11

Unter den Sas(s)aniden gab es wieder eine persische Herrschaft über Kanaan/ Palästina/ Israel/ Jud(ä)a, eine kurze, unter König (Schah) Chosrou II., Anfang des 7. Jh nC, vor dem Hintergrund der Kriege Persiens mit Byzanz. In die sassanidische Zeit fällt auch das durch die Römer erzwungene lange Exil der Juden, manche gingen auch wieder nach Persien, bzw in das von Persern beherrschte Mesopotamien. Die Einflüsse des Zoroastrismus auf den Tanach (und damit auf Christentum und Islam) kamen in achämenidischer Zeit, jene auf den Talmud in sassanidischer. In sassanidischer Zeit gab es aber auch Kontakte zwischen Zoroastriern und Christen, durch Christen in Persien (hauptsächlich Nestorianer), und Perser/Zoroastrier in Ost-Rom/Byzanz. Der Zoroastrismus, damals “zu Hause” von den Mazdakiten herausgefordert, hat auch direkt auf den Islam eingewirkt, zu einer Zeit als dieser in Arabien gärte, u.a. über Salman Farsi. Mit der Islamisierung Persiens nach den arabischen Invasionen wurden die Zoroastrier dort eine kleine Minderheit; die Perser verloren für fast 1000 Jahre ihre Eigenständigkeit, weit über den Auseinanderfall des Kalifats hinaus.

Wichtige Impulse für den Tanach bzw die Formierung der jüdischen Religion kamen wie erwähnt auch aus Ägypten, und zwar in der Zeit vor dem Babylonischen Exil. Joel Beinin schreibt, dass in der Ausgabe des Jahrbuchs des ägyptischen Judentums von 1945-46 ein anonymer Autor, als den er Maurice Fargeon vermutet12 in einem Artikel auf die historischen Verbindungen zwischen Ägypten und den Juden einging, und dabei u.a. schrieb, dass die Quelle des jüdischen Monotheismus der Kult des ägyptischen Gottes Ra gewesen sei. Viele jüdische Rituale, Symbole, Vorschriften, von der Penis-Beschneidung über einige der 10 Gebote bis zum Design des Tempels aus der alt-ägyptischen Religion stammen. Beinin meint, dass dies auf Joseph Ernest Renan zurückginge, bzw dessen “Histoire du Peuple d’Israël. Sigmund Freud hat ja in “Der Mann Moses und die monotheistische Religion” (1939) auch geschrieben, dass die alten Ägypter den Monotheismus “erfunden” hätten, im Kult des Gottes Aton/ Aten. Darüber hinaus schrieb er darin, dass Moses/ Mosche bzw das Vorbild für diese Figuration ein ägyptischer Priester war und die Geschichte des Exodus nicht stimmen könne. Sicher ist, dass im alten Ägypten Aton ab dem 14. Jahrhundert v. C. gegenüber anderen Gottheiten erhöht wurde, sich die Religion in Richtung Monotheismus entwickelte. Auch aus dem Osiris-Isis-Kult könnten Elemente in das Judentum (und damit in Christentum, Islam) eingeflossen worden sein.13

Die Behauptung, dass Andere vom Tanach abgeschrieben hätten, stimmt schon i-wie > Bibel, Koran, und aus diesen hervor gegangene Religionen wie die der Baha’i. Aber, diese Inhalte sind über Christentum und Islam oftmals zurück zu Völkern/Kulturen in Asien und Afrika geflossen. Es wird hervor gehoben, dass der babylonische Talmud den Islam beeinflusst hat; aber wieviel persisches oder mesopotamisches Kulturgut in diesen Talmud geflossen ist… Die heute aktuelle ägytische arabische Bezeichnung für Ägypten, “Misr”, kam mit der Islamisierung und Arabisierung des Landes auf. Im Koran wird Ägypten so bezeichnet, nach dem Sohn bzw. Enkel von einem Ham, der eine entscheidende Rolle bei der “Neubesiedlung Ägyptens” nach der legendären Sintflut spielte. Dieser entspricht dem biblischen “Mizraim” (in Genesis/ Bereshit), der Ägypten seinen hebräischen und aramäischen Namen gab; es bezieht sich auf die beiden Landesteile, Ober- und Unter-Ägypten. Die europäischen Begriffe Ägypten, Egypt, Égypte,… stammen vom lateinischen Aegyptus und dieses vom altgriechischen Aigýptos. Der Bezeichnung der christlichen Kopten (die sich in der Regel stark auf die alten Ägypter beziehen) leitet sich davon ab, und nach Theorien aus ihren Reihen ist das griechische Wort von einem altägyptischen entlehnt. Das heutige Ägypten benutzt also eine Selbstbezeichnung die aus dem Hebräischen stammt und über den Islam über das Land kam? Mehr oder weniger. Das hebräische Wort stammt wiederum von babylonischen und assyrischen Bezeichnungen für das Land. Während manches vom altem Ägypten geklaute durch Christentum oder Islam zurück nach Ägypten kam, ist anderes dadurch verstellt.

Historizität

Eine klare Trennung von Fakten und Fiktion in Tanach/Bibel, zwischen Geschichte und Religion, tut Not. Dies überschneidet sich mit dem Thema “Geklautes aus anderen Kulturkreisen”.14 Die Wanderungen, die Herrschaft der Priester, Richter und Könige, die Reichsteilung, der Beginn der Fremdherrschaften, das Exil, die Propheten – vielfach wird noch immer davon ausgegangen, dass hier die Frühgeschichte der Juden zumindest in Grundzügen faktisch erzählt wird. Dass es so etwas wie ein jüdisches Exil in Ägypten gab, ist schon sehr zweifelhaft. Den Exodus aus Ägypten könnten in Wirklichkeit dort versklavte Kanaaniter vollzogen haben (zurück nach Kanaan). Moses galt bis in die Zeit der Aufklärung als historische Person und Verfasser der Bücher des Pentateuch/der Thora – ihn gab es aber wahrscheinlich nicht. Gab es eine Landnahme der Israeliten unter Joschua gegen die Kanaaniter?

Ob Könige wie David und Salomon weiter als historische Fakten genommen werden können, sei auch dahin gestellt, auch sie könnten Mythos sein. Im Phantasieorte-Artikel wird die Frage nach Historizität von einem Ort (oder der Person) wie Saba gestellt. Vor der babylonischen Eroberung und Deportation soll es ja schon jene unter den Assyrern gegeben haben, ab 722 vC. Damit in Zusammenhang stehen die “10 verlorenen Stämme” des Nordreichs Israel, welches sich von dem aus 2 Stämmen bestehenden Südreich Jud(ä)a zuvor getrennt haben soll. Auch hier ist die Frage der Historizität zu stellen (hier angerissen). Es gibt viele Spekulationen und Kandidaten bezüglich der Nachfahren dieser 10 Stämme, von den Paschtunen bis zu Indianern. Und Bemühungen um Vergeschichtlichung von religiösen Mythen. Im jüdisch-christlichen Geschichts-Mythen-Komplex gibt es Vieles, das von manchen Seiten als faktisch gesehen wird, wo Religion, Geschichte und Politik vermischt wird. Die Suche nach Spuren von Noahs Arche am Ararat ist so ein Fall, wo religiöse Mythen mit Geschichte in Einklang zu bringen versucht wird.

Es gibt unter Historikern und Religionsgelehrten die Denkschule der “Bibel-Maximalisten” (William Dever, Baruch Halpern,…), die glauben, dass die in Tanach/Bibel erzählte(n) Geschichte(n) im Grossen und Ganzen den Fakten entsprechen (und die noch in der hegemonialen Position sind), und die “Minimalisten” (Keith Whitelam, Niels P. Lemche,…), die einen Revisionismus vertreten, diese Geschichten als Dichtung und religiöse Mythen sehen – meist unbesehen von ihrem Ursprung. Die Minimalisten lassen eine historische Relevanz biblischer Texte frühestens für das 7. Jh vC gelten. Werner Keller (1909–1980) versuchte in „Und die Bibel hat doch recht“ (1955), mit Hilfe der biblischen Archäologie im “Vorderen Orient” die Aussagen des Alten Testaments zu beweisen bzw die Geschichte der Region in biblische Mythen zu pressen.

Der Zionismus ist mehr oder weniger auf diesen “Maximalismus” angewiesen, braucht ihn zur Untermauerung seiner Ansprüche. Zionistische/israelische Archäologie existiert eigentlich nur im Dienste dieser Geschichtspolitik, seit den Anfängen, unter dem aus Polen stammenden Benjamin Meisler (Mazar). Wenn heute im besetzten syrischen Golan/Jawlan (angeblich) Reste einer antiken Synagoge gefunden werden, wird das aufgeblasen und werden Ansprüche auch auf diese Gebiete abgeleitet. Meislers Enkelin Eilat Mazar ist ebenfalls als Archäologin aktiv, will in Ost-Jerusalem Reste von “Davids Palast” gefunden haben. Was natürlich auch ein Hebel ist, Einwohner von dort zu vertreiben. Sie arbeitet mit der Siedlerbewegung und Organisationen wie dem Shalem Center zusammen.

Bei radikalkritik.de gibt es eine Rezension von Harald Spechts Buch “Jesus? Tatsachen und Erfindungen”. Darin geht es auch um die Umstände der Entstehung des Christentums im römischen Palästina. Und um die Übernahme von Inhalten aus anderen Religionen, Kulten, Kulturen. So gesehen muss man das Christentum als eine synkretistische Religion betrachten (Judentum und Islam aber auch). Übrigens gibt es auch Zweifel an der Existenz von Jesus/Issa. Die Vertreter des “Jesus-Mythos” wie Bruno Bauer oder Richard Carrier äussern solche Zweifel. Oder jene der holländischen Radikalkritik, wie Gustaaf Adolf van den Bergh van Eysinga (1874–1957), ein niederländischer reformierter (Nederlandse Hervormde Kerk) Theologe, Pfarrer, Philosoph und Historiker.

Eysinga glaubte an eine christliche Botschaft, ohne der Notwendigkeit der Historizität eines Jesus… Machte auch indische Einflüsse auf das Christentum aus. Die Vertreter dieser Schule stellten nicht alle Jesus als historische Figur in Frage, hoben aber den mythischen Charakter vieler Texte des Neuen Testaments hervor, zweifelten etwa an der Echtheit der Paulusbriefe. Es gibt tatsächlich wenige schriftliche Quellen über Jesus, die nicht aus dem Umfeld der Bibel stammen, von Flavius Josephus gibt es zB solche. Und wenig archäologische Funde, die die diesbezüglichen Erzählungen des NT stützen.15 Der skythische Mönch (in Rom) Dionysius Exiguus hat ja die christliche Zeitrechnung begründet, nachdem er im 6. Jh aus Angaben des Alten und Neuen Testaments das Geburtsjahr von Jesus zu ermitteln versuchte, das er zum Jahr 1 machte. Auf den 25. Dezember als Geburtstag hat man sich schon 2 Jahrhunderte früher festgelegt, auch hier wahrscheinlich irrtümlich. Die Kalenderhoheit der katholischen Kirche ist auch Ansatzpunkt vieler Theorien der Chronologiekritik. Ein Bischof namens Fortunatianus von Aquileia hat im 4. Jh nC in einer der frühesten lateinischen Interpretationen des Evangeliums nahe gelegt, dass die Bibel nicht wörtlich genommen werden soll. Dies sei auch die Haltung früher christlicher Gelehrter gewesen, sagte Hugh Houghton, der den Text mit wiederentdeckt hat.

Zur Zeit der Entstehung und Ausbreitung von Christentum und Islam am bzw. nach Ende der Antike war die Patriarchalisierung/Monotheisierung in den Religionen der Region schon abgeschlossen. Das Christentum wurde in der Spät-Antike vorherrschende Religion im Kernbereich des heutigen islamischen Orients, der damals unter römischer Herrschaft stand (nicht allerdings der Maghreb, Mesopotamien und die Arabische Halbinsel) und blieb das bis zur Islamisierung dieser Länder im Früh-Mittelalter infolge der arabischen Invasionen. Nun verbreitete es sich in Europa, wurde mit Mächten von dort assoziiert. Die Völker/ Kulturen, die die Bibel geprägt haben, sind ganz andere als jene, die das Christentum über die Jahrhunderte geprägt haben. In Palästina wurde unter byzantinischer Herrschaft die griechisch-orthodoxe Kirche dominant, wie in Syrien; Griechisch-Orthodoxe sind bis heute die grösste christlische Gruppe in Palästina/Israel, mit dem Patriarchat in Jerusalem. Im Keller der (römisch-katholischen) Verkündigungsbasilika in Nazareth befinden sich zwei kanaanitische Opferaltäre für den Gott Baal.

Mit der Eroberung Palästinas durch die moslemischen Araber 634 wurde die nächste Phase der religiösen “Entwicklung” der Palästinenser eingeleitet. Und, im Gegensatz zu Persien etwa (das 642 erobert wurde), wurden die Kanaaniter/ Palästinenser auch arabisiert, hautsächlich sprachlich; Vermischung und Ansiedlung fanden wenig statt. Vorislamische National-Geschichten heutiger islamischer Staaten und Völker werden sowohl von Islamisten wie Islamophoben gern unterschlagen, auch von Historikern unter ihnen, v.a. bei Ägypten, Iran, Irak, Palästina. Es ist falsch, dass die Vorfahren der heutigen Palästinenser mit den arabischen Eroberungen im 7. Jh in dieses Land kamen; und auch, dass palästinensische Ansprüche auf ihr Land von der Erwähnung Jerusalems im Koran abhingen oder dergleichen… Über die Behauptung der Kontinuität von den alten zu den modernen Juden wird es auf dieser Webseite ein andermal gehen, dies ist ein verwandtes Thema.

Instrumentalisierung

Aber selbst wenn es diese irgendwie gibt und wenn es eine im Land gäbe, würde das noch keinen Anspruch der modernen Juden auf dieses Land rechtfertigen. “Judäa” oder “Dan” sollen wieder aufleben – warum nicht auch das abbasidische Kalifat oder das Fatimidenreich oder Ostpreussen oder Etelköz oder Ergenekon, alles viel später untergegangen. Oder Deutschland in den Grenzen von 1256, mit Neapel…16 Vor der organisierten zionistischen Masseneinwanderung nach Palästina gegen Ende des 19. Jh gab es dort mehr Drusen oder Armenier als Juden; diese sind dort tiefer verwurzelt, gründeten aber keinen Staat auf Kosten der Anderen. Der Zionismus basiert auf der Historisierung religiöser Mythen, leitete politische Ansprüche aus pseudo-historischen religiösen Schriften ab. Von westlicher Seite kam dazu oftmals die Wahrnehmung Palästinas als Land der Bibel und dass die Juden nun in der ihnen zustehenden Heimat waren, wie bei Leopold von Mildenstein, und diese dort ein paarmal mit dem eisernen Besen durchkehren müssten.

Religiöser gesinnte Zionisten argumentieren überhaupt damit, dass Gott dieses Land den Juden zugesprochen hätte… Alternierende Besitzansprüche auf Palästina stützen sich auf angebliche historische Quellen, welche die religiösen Mythen/Schriften stützten, sowie auf den Holocaust.17 Archäologie wird von zionistischer Seite seit jeher zur Unterstreichung politischer Ansprüche eingespannt. Die israelische Altertümerbehörde (Rashut ha-‘atiqot, englische Abkürzung IAA) steht seit jeher im Dienste dieser Geschichtspolitik, vereinnahmt Funde zur Konstruktion der jüdischen Vergangenheit, Kontinuität und Gegenwart in Palästina. Auch bzw gerade dann, wenn diese von Kanaanitern stammen. Israel Finkelstein von der IAA hat mehrere Bücher, für den Westen, zur Verbreitung dieses Blut, Boden & Thora verfasst.18

Eine grosse Sache war die Masada-Ausgrabung und –Rekonstruktion 1963-66, unter Yigal Yadin (Sukenik), der passenderweise auch israelischer Politiker und Militär war, mit westlichen Freiwilligen. Yadin sah diese Arbeiten als patriotische Angelegenheit und war entscheidend an der Schaffung des Masada-Mythos‘ beteiligt. Sein Vater, Sukenik senior, war verantwortlich für die Beschaffung eines Teils der Tanach/Bibel-Handschriften, die 1947 in einer Höhle in (Khirbet) Qumran am Toten Meer (damals britisches Palästina, heute Palästinensisches Autonomiegebiet) von einem Beduinen-Jungen gefunden wurden. Die anderen Rollen gelangten damals in den Besitz des syrisch-orthodoxen Metropoliten in Jerusalem, Athanasius Y. Samuel, der sie in die USA brachte, um sie dort zu verkaufen. Wo sie Sukenik junior/Yadin für Israel erwarb. Andere gefundene Rollen kamen in das Archäologische Museum von Palästina im damals jordanischen Ost-Jerusalem – das 1967 ebenfalls unter israelischer Kontrolle kam.
Einige wenige Qumran-Funde blieben im Nationalmuseum in Amman, wo sie 67 gerade ausgestellt wurden. Nadia Abu El Haj, eine Palästinenserin in der USA, hat mehrere Bücher über zionistische Archäologie und verwandtes geschrieben, wird dem entsprechend diffamiert.

Geschichtsschreibung und Geschichtswissenschaft wurden im zionistischen Zusammenhang zu einer Hilfswissenschaft der Politik, mit der das eigene historische Recht sowie das historische Unrecht der anderen legitimiert werden soll. Bei Michael Oren (der zuerst amerikanischer Historiker war, dann israelischer Botschafter in der USA, dann israelischer Politiker) geht es nicht um die (angeblichen) antiken Wurzeln der Juden, sondern die Geschichte des Staates Israel, die beschönigt werden soll. Die Palästinenser werden als geschichstlos gesehen und dargestellt, der Diebstahl von Land geht mit Diebstahl von Geschichte (Memorizid) einher; gerne wird auch ihre Existenz an sich geleugnet („Land ohne Volk“,…). Zionisten haben dabei Helfer in islamistischen Palästinensern, die ihre vor-islamische und vor-arabische Geschichte ignorieren und verdrängen.

Es gab den zionistischen “Kanaanismus”, von einem “Yonatan Ratosh” geschaffen, Pseudonym eines Uriel Halperin aus Warschau, der seinen Nachnamen in “Shelach” umbenannte, aus dem “revisionistischen” Zionismus kommt, also der Vorgängerbewegung des Likud. Er stand auch dem Terroristen Avraham Stern nahe, und der Kanaanismus war im rechten Spektrum des Zionismus angesiedelt. Es ging um die Idee der Abkoppelung von der jüdischen Religion, Diaspora und Vergangenheit, stärkere Bindung an die Region/Umgebung, mit Unterstreichung der antiken Vergangenheit dort. Dazu wurden eben auch die Kanaaniter vereinnahmt, eher als ein Ausgleich mit den arabischen/arabisierten Nachbarn gesucht wurde. Diese Vereinnahmung findet auch ausserhalb dieser kleinen “Bewegung” statt; der Name “Anat” ist ein beliebter Mädchennamen in Israel. Manche wie Uri Avineri (der auch Terrorist war) gingen von den Kanaanitern zur Linken über. Der Kanaanismus war einer der Versuche, den Zionismus aus seinem westlich-kolonialistischen Charakter zu lösen, wie auch die “Zionist Freedom Alliance” (ZFA).

Auf de.wikipedia beschreiben heute deutsche Zionisten etwa kanaanitische Mythen als „altisraelisch“, im Artikel zur “Machpela” in Hebron/al Khalil… Dort stand/steht19 auch: “… Da sich auch die Muslime auf den Stammvater Abraham zurückführen, gehört zu diesem Baukomplex auch eine heilige Moschee, die Abrahamsmoschee (..al-Ḥaram al-Ibrāhīmī). Aus demselben Grund ist Machpela auch für Teile des Christentums eine heilige Stätte. Die von den christlichen Ureinwohnern errichtete Kirche wurde während der islamischen Eroberung durch die Sassaniden zerstört. Ein Kirchenbau aus Kreuzfahrerzeiten wurde erobert und wird heute als Moschee genutzt..” Findet niemand den offensichtlichen Fehler? Deutsche Israelfreunde und jüdische Patrioten wissen anscheinend nicht, dass die Sassaniden vor der moslemischen Zeit in Persien herrschten; sie sind im iranischen Kontext geradezu eine Antithese zum Islam, da mit ihrer Niederlage gegen die Araber die Islamisierung des Landes begann. Die Thermophylen-Instrumentalisierung steht auch der „Vorstellung“ entgegen, dass der „Orient“ erst mit dem Islam böse wurde…20

Und: Diese christlichen Ureinwohner sind mit die Vorfahren der Palästinenser, deren Rechte hier klein geschrieben werden sollen. Wie gesagt, die arabischen Armeen, die Palästina im 7. Jh eroberten, haben die Demografie des Landes nicht entscheidend verändert. Aber: Das Böse kommt aus dem Orient und man macht den Kreuzritter. Die deutsche Wiki ist im Zweifelsfall schlimmer als englische. Ob es diesen Abraham wirklich gab, das ist die Frage. Aber mit dem Grab lässt sich der Transfer israelischer Siedler mit legitimieren, die die Bevölkerung der Stadt terrorisieren. Aus Protest gegen die Bezeichnung des angeblichen Grabes der biblischen Figur Rachel bei Bethlehem als Moschee hat Israel einst seine Zusammenarbeit mit der UNESCO abgebrochen. Inzwischen ist es, zusammen, mit der Trump-USA, ausgetreten. Im Fall von Jerusalem/Jebus/Quds ist das Zusammenspiel zwischen der Kultivierung pseudohistorischer religiöser Mythen (darunter das Sich mit fremden Federn schmücken), exklusiven politischen Ansprüchen und ethnischen Säuberungen besonders gut zu erkennen.

Viel Unterstützung für die zionistische Jerusalem-Politik kommt von der westlichen Rechten.21 Manchmal ist hier auch ein Einfluss der Evangelikalen gegeben, mit ihrer wörtlichen und fundamentalistischen Auslegung der Bibel und ihrer wissenschaftsfeindlichen Haltung, in die ihr Pro-Israel22 und Anti-Orient eingebettet ist. Europa/ der Westen beruft sich auf die biblische Tradition, in den letzten Jahren stark auf “jüdisch-christliche Werte”, übersieht dabei wie viel Orientalisches darin eigentlich steckt. Im Kirchenkampf der NS-Zeit ging es auch die jüdischen, semitischen, orientalischen Wurzeln des Christentums, die der NS-Ideologie zuwider stand; etwas woran sich durch „Umfirmierung“ zu Babyloniern nichts geändert hätte, im Gegenteil. Deutschtümler wollten Weihnachten durch das Julfest ersetzen, die “Deutsche Christen” versuchten das Christentum auf ihre Vorstellung von “Ariertum” zu verdrehen.

 

Literatur:

Joseph P. Free, Howard F. Vos: Archaeology and Bible History (1992) Englisch

Nur-eldeen Masalha: The Bible and Zionism: Invented Traditions, Archaeology and Post-colonialism in Palestine-Israel (2007) Englisch

Eric Hobsbawm und Terence Ranger: The Invention of Tradition (1983) Englisch

Nadia Abu El-Haj: Facts on the Ground: Archaeological Practice and Territorial Self-Fashioning in Israeli Society (2002) Englisch

Christian Schüle: Die Bibel irrt: Die sieben großen Mythen auf dem Prüfstand (2010)

Joseph Ernest Renan: Histoire du Peuple d’Israël (5 Bände, 1887-1893) Französisch

K. A. Kitchen: On the Reliability of the Old Testament (2006) Englisch

John van Seters: In Search of History: Historiography in the Ancient World and the Origins of Biblical History (1986) Englisch

William J. Hamblin: Solomon’s Temple: Myth and History (2007) Englisch

Keith Whitelam: Die Erfindung des alten Israel. Das Verschweigen der palästinensischen Geschichte (1996)

Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand (2011)

Antonius H. Gunneweg: Vom Verstehen des Alten Testaments. Eine Hermeneutik (1977)

Harald Specht: Jesus? Tatsachen und Erfindungen (2010)

Mitri Raheb: Ich bin Christ und Palästinenser. Israel, seine Nachbarn und die Bibel (1994)

Kenneth A. Kitchen: On the Reliability of the Old Testament (2003) Englisch

Daniel I. Block: Israel: Ancient Kingdom or Late Invention? (2008) Englisch

Theodor Gaster: Myth, Legend, and Custom in the Old Testament (1969) Englisch

Karl Jaros: Esther. Geschichte und Legende (1996)

Reza Aslan: Zelot: Jesus von Nazareth und seine Zeit (2013)

Friedrich Delitzsch: Babel und Bibel. Ein Rückblick und Ausblick (1904)

Nachman Ben-Yehuda: The Masada Myth: Collective Memory and Mythmaking in Israel (1995) Englisch

Niels P. Lemche: Early Israel: Anthropological and Historical Studies on the Israelite Society Before the Monarchy (Vetus Testamentum , Suppl. 37; 1986) Englisch. Lemche ist wie van Seters oder Thomas Thompson ein Vertreter der „Copenhagen school“

Klaus Koch: Das Buch der Bücher. Die Entstehungsgeschichte der Bibel (= Verständliche Wissenschaft. Bd. 83, 1963)

Svenja Nagel, Joachim F. Quack, Christian Witschel (Hg.): Entangled Worlds: Religious Confluences between East and West in the Roman Empire. The Cults of Isis, Mithras, and Jupiter Dolichenus (2017) Englisch

Edward Gibbon: Verfall und Untergang des römischen Imperiums (2 Bände, Original 1776-1789)

Hubert Irsiegler: Ein Weg aus der Gewalt. Gottesknecht kontra Kyros im Deuterojesajabuch (1998)

Julius Wellhausen: Israelitische und jüdische Geschichte (1894)

Philippe Abadie: L’Histoire d’Israël entre mémoire et relecture (2009) Französisch

Richard N. Frye: The Heritage of Persia: The pre-Islamic History of One of the World’s Great Civilizations (1963) Englisch

Nadia Abu El-Haj: The Genealogical Science: The Search for Jewish Origins and the Politics of Epistemology (2014) Englisch

Jason M. Silverman: Persepolis and Jerusalem: Iranian Influence on the Apocalyptic Hermeneutic (2012) Englisch

Theodor Gaster: Purim and Hanukkah in Custom and Tradition; Feast of Lots, Feast of Lights (1950) Englisch

Dieter Böhler: Die heilige Stadt in Esdrasa und Esra-Nehemia: Zwei Konzeptionen einer Wiederherstellung Israels (1997)

Susanna Cantele: Die Transformation des Judentums im babylonischen Exil (2010). Diplomarbeit, Universität Wien, Katholisch-Theologische Fakultät, BetreuerIn Ludger Schwienhorst-Schönberger

Erich Zenger: Einleitung in das Alte Testament (1995)

Rolf Krauss: Das Moses-Rätsel (2000)

Michael Weichenhan: Der Panbabylonismus: Die Faszination des himmlischen Buches im Zeitalter der Zivilisation (2016)

Shlomo Sand: Die Erfindung des Landes Israel. Mythos und Wahrheit (2014)

Diana Edelman, Anne Fitzpatrick-McKinley, Philippe Guillaume: Religion in the Achaemenid Persian Empire (2016) Englisch

Omer Sergi, Manfred Oeming, Izaak de Hulster: In Search for Aram and Israel (2016) Englisch

Johannes Fried: Dies irae. Eine Geschichte des Weltuntergangs (2016) Eine Ideengeschichte der Apokalypse

Jan Erik Sigdell: Es begann in Babylon. Biblische Wurzeln in den sumerischen Keilschrifttafeln. Zeugnisse außerirdischen Eingreifens? (2008)

Gustav Teres: Time Computations and Dionysius Exiguus. In: Journal for the History of Astronomy, Vol. 15, No. 3 (Oct 1984), p 177. Englisch

Angelika Berlejung, Raik Heckl (Hg.): Rüdiger Lux: Ein Baum des Lebens. Studien zur Weisheit und Theologie im Alten Testament (2017)

Tom Holland: Persisches Feuer: das erste Weltreich und der Kampf um den Westen (2009)

Josef Wiesehöfer: Das frühe Persien. Geschichte eines antiken Weltreichs (1999)

René Freund: Braune Magie? Okkultismus, New Age und Nationalsozialismus (1995). Auch über ersatzreligiöse Strömungen bei den Nazis

Ashraf Ezzat: Hebrew Bible. Plagiarized Mythology and Defaced Monotheism

Karl May: Babel und Bibel (1906) Drama, zur Zeit des entsprechenden Wissenschaftler-Streits und inspiriert davon geschrieben, geht darin auch um den „Zusammenhang“ zwischen mesopotamischer Kultur, alttestamentarischen Stoffen und abendländischer Kultur

Hans Delbrück: Die Perserkriege und die Burgunderkriege. Zwei combinierte kriegsgeschichtliche Studien, nebst einem Anhang über die römische Manipulartaktik. (1887)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Anlässlich einer künstlerischen Verarbeitung des Tanach durch ihn sagte er, dieses Buch sei das grösste Kunstwerk und alle anderen hätten davon abgeschrieben. Abgesehen davon, in den letzten Jahren spielt Brauer gegenüber den Österreichern immer die Leier, Israel sei das jüdische Brösel im Meer des Hasses, das die Araber vernichten wollten, hier im Westen würde Israel so ungerecht beurteilt, und er im Speziellen hätte sich ein Leben lang für den Frieden eingesetzt. Der österreichisch-israelische Doppelstaatsbürger malt ein Gespenst der Israel-Feindlichkeit im Westen, tut so, als ob es hier (auch in Österreich) nicht die rechten (und längst auch die linken!) Israel-Fans geben würde, von Strache bis Palin. Ignoriert, dass Israel seit Jahrzehnten über 100% des historischen Palästinas herrscht, auch die palästinensischen Restgebiete als Teil von sich ansieht und behandelt, als ob es noch weitere Sandhaufen bräuchte… Und das Leben als “Friedensaktivist”: Wenn man eine Villa in Hietzing  hat und eine in einem “Künstlerdorf” in Israel, das ein solches wurde infolge der Vertreibung seiner palästinensischen Bewohner im Rahmen der Nakba, kann man auch etwas für Frieden demonstrieren, zB in Tel Aviv, mit “Shalom Achshav”. Die Palästinenser leben seit Jahrzehnten unter der Realität der Besatzung, haben nicht die Bürgerrechte in diesem Staat (im Gegensatz zu Brauer), und die Nachfahren der Besitzer der Häuser von Ayn Hod leben in der Nähe dieses Dorfes, als „israelische Araber“, Menschen 3. Klasse. Die Kontrolle bei der Ein- und Ausreise, die Brauer in ein paar Minuten hinter sich bringen kann, dauert bei einem Palästinenser mehrere Stunden. Für Juden, die über diesen Tellerrand hinausschauen, verwendet er den Ausdruck “selbsthassend”
  2. Die, abgesehen von der Sprache, nicht ganz deckungsgleich sind, aber ziemlich
  3. Und der darauf folgenden Verschleppung der Einwohner von Judäa/Juda, inklusive ihres Königs Jojachin
  4. Über beide, Perser wie Juden, kam dann der Hellenismus
  5. Neu-Bayblonier und makedonische Griechen waren für Juden wie für Perser Vorläufer und Nachfolger als Be-Herrscher bzw Feinde
  6. Der erste, salomonische Tempel wurde von den Babyloniern bei ihrer Eroberung Jerusalems zerstört
  7. Dieser zweite, unter den Persern gebaute, Tempel wurde 70 nC von den Römern zerstört
  8. Die Perser haben ihrerseits aber auch einiges von den Babyloniern gelernt/übernommen infolge ihres Siegs über diese. Das persische Faravahar, ein zoroastrisches Symbol, das ein Symbol des persischen/ iranischen Nationalismus wurde, dürfte nach äusseren Vorbildern entworfen worden sein, einigen Angaben zufolge aber von ägyptischen
  9. Apropos Purim: Es gibt im Tanach auch den Mythos von Judith-Mythos, die den Mesopotamier Holofernes überlistet und vernichtet, die historische Unwirklichkeit ist hier ausser Frage (zB wird der dem Babylonier Nebukadnezar nachempfundene Holofernes als Assyrer gezeichnet); oder das Geschichtlein von Richterin Debora, welche die Armee der Kanaanäer in einen Hinterhalt lockt
  10. Jenes des Propheten Daniel soll in Susa/ Shush sein
  11. Griechenland wird aber von diesen Westisten immer wieder ähnlich wie der Orient verachtet…das ist eine der Heucheleien bei diesem Thema
  12. Ein Notabel der Juden Ägyptens in dieser Zeit
  13. Dieser Kult soll auch den persischen Mithraskult, den Dionysos-Kult sowie jenen von Eleusis (Isis und Osiris zu Demeter und Persephone?) im alten Griechenland und weitere synkretistisch beeinflusst haben
  14. Noch ein anderes Thema sind Irrtümer bezüglich dem was in Bibel/Tanach steht; bei Adam und Eva ist etwa nicht von einem Apfel die Rede
  15. Ein K.H. Ohlig sagt, es habe Mohammed nie gegeben, dort gibt es das also auch
  16. Netanyahu hat in jüngerer Zeit das UN-Palästinenserhilfswerk UNRWA mehrmals scharf kritisiert, „UNWRA ist eine Organisation, die das Problem der palästinensischen Flüchtlinge verewigt; sie verewigt auch die Idee von einem Recht auf Rückkehr mit dem Ziel der Zerstörung des Staates Israel. Deshalb muss UNWRA verschwinden.“ Oder: „…schafft eine Situation, in der es schon Urenkel von Flüchtlingen gibt, die keine Flüchtlinge sind, die aber von UNWRA unterstützt werden. Und in 70 Jahren wird es Urenkel von Urenkeln geben – daher muss diese absurde Situation beendet werden.“ Oder 2000 Jahre warten, dann Ansprüche erheben
  17. Der Zionismus begann aber lange davor, war alles andere als ein Rettungsprojekt. Und verstand sich in seinen Anfangsjahrzehnten als Positiv zu den entwurzelten Diaspora-Juden, mit besonderer Verachtung für die religiösen, orientalischen und auch die geistigen Juden
  18. Zum Beispiel: Israel Finkelstein, Neil A. Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel (2004)… Was man aus den heiligen Schriften noch so alles herauslesen kann, zeigt sich bei Broder: „…nicht nur einen ‚islamisierten’, sondern einen originär muslimischen bzw. islamischen (!) Antisemitismus gibt, der bereits auf das 1. Buch Mose in der Thora, nämlich auf den Streit zwischen Jakob und Esau im Bauch Rebekkas, zurückgeht und wie dieser islamische Antisemitismus sich heutzutage auswirkt, nämlich konkret gesagt in den Vernichtungsdrohungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad gegen Israel als Heimstatt des jüdischen Volkes…“
  19. Habe längere Zeit nimmer rein geschaut
  20. Alte Griechen gegen von den Achämeniden regierte (und zoroastrische) Perser
  21. FPÖ-Strache setzte sich etwa für die Verlegung der österreichischen Botschaft nach Jerusalem ein, nach dem Beispiel Trumps
  22. Es gibt hier aber Stolpersteine…Nicht nur, weil Michael Ben Ari, ein religiöser Nationalist, die Seiten des Neuen Testaments aus der Bibel riss

Guyana 1978

Der Massen-Selbstmord einer US-amerikanischen Sekte/ Kommune in Guyana 1978 markiert wie kaum ein anderes Ereignis das Ende der 1970er, eines liberalen Jahrzehnts. Das Land, in dem sich das zutrug, ist ein weit gehend unbekanntes, schwer einzuordnendes. Gehört geographisch zu Südamerika, aber “tatsächlich” zum Karibik-Raum. In der Karibik ist die Vergangenheit der westlichen Sklaverei präsent, war sie doch Umschlagplatz für die aus Afrika Deportierten, auch in die USA. Wenn man so will, schloss sich mit dem Exodus des “People’s Temple” nach Guyana ein Kreis, waren dort doch viele Schwarze (Afro-Amerikaner) mit dabei. Und gab es in der USA (auch) in den 70ern Bemühungen um ihre Emanzipation. Zuerst geht es also um den Peoples Temple und “Jonestown”, dann um die 1970er und ihr Ende, schliesslich um Guyana und seine Region.

 

Der Peoples Temple und sein Ende

James “Jim” Jones stammte aus Indiana, hat mehrmals seine christliche Konfession gewechselt, seine Wurzeln dürften im Methodismus gelegen sein. Er engagierte sich früh gegen Rassismus gegen Schwarze und war ein Sympathisant der CPUSA. In den 1950ern gründete er in Indianapolis seine eigene Kirche, den Peoples Temple of the Disciples of Christ (Volkstempel der Schüler von Christus), meist zu Peoples Temple abgekürzt. Es war von Anfang an eine Kirche bzw Sekte mit stark politischer Prägung, bezüglich Rassengleichheit und gemeinsamen Besitz. In einem Land, in dem die grösste Einzelkirche, die baptistische, gespalten ist, weil ihre Anhänger im Süden an Sklaverei und Rassentrennung fest halten wollten.1

Der britische Autor Malise Ruthven schrieb von der Gründung der Mormonen-Sekte um 1830 als “religiöser Unabhängigkeits-Erklärung Amerikas”. Was die britisch-stämmigen Siedler in Nord-Amerika betrifft, stimmt das. Das Mormonentum war eine ihrer ersten Neu-Gründungen. Es folgten hunderte weitere, gross gewordene und klein gebliebene, meist aus dem protestantischen Bereich kommende Kirchen, oder Gruppen die das sein wollten. Von den 7-Tages-Adventisten bis Scientology, von Christian Society bis Weltweite Kirche Gottes. Die Abgrenzung zwischen Kirche und Sekte ist in der USA oft ziemlich schwierig.

In den frühen 1970ern übersiedelten Jones und seine Anhänger nach San Francisco in Kalifornien, die (ehemalige) Flower-Power-Metropole. Einigen Quellen zufolge umfasste der “Volkstempel” 20 000 Mitglieder, 5 000 sind aber wohl realistischer. Ist aber auch eine beachtliche Grösse. Angela Davis oder Dennis Banks nahmen an Veranstaltungen des Peoples Temple teil. Jones sprach von “jüdisch-christlicher Tradition”, wie Angela Merkel. Der Peoples Temple war eine Mischung aus einer unabhängigen US-amerikanischen Sekte (nicht Filiale einer grösseren) aus dem protestantischen Bereich, einer Flower-Power-Kommune (in Guyana dann), einer marxistischen Gruppe, einer Anti-Rassismus-Initiative (Jones selbst soll übrigens Cherokee-Vorfahren gehabt haben), hatte auch etwas von einem Sozialhilfeprojekt, einer Psychosekte oder den Black Hebrews.

Damals waren Viele auf der Suche nach der idealen Gesellschaft. Anscheinend änderte sich die “Sekte” in den 70ern, von Mitbestimmung, Antirassismus etc zur Tyrannei Jones, aus Liebe wurde Macht, aus Gleichheit Hierarchie, Paranoia wurde statt Gesellschaftsveränderung dominant. 1973 die erste Expedition einer Abordnung des PT nach Guyana, auf der Suche nach einem Ort für eine landwirtschaftliche Kommune fernab der USA. Ein “schwarzes” Land sollte es sein, zum Teil noch unerschlossen, mit einer sozialistischen Regierung, Englisch-sprachig, nicht voll dem Einfluss der USA ausgesetzt. Das war Guyana. 1974 die Pacht eines circa 1500 Hektar grossen Gebiets im Nordwesten Guyanas, nahe Port Kaituma, von der Co-operative Republic of Guyana. Es heisst, die Regierungsvertreter hofften darauf, dass die Anwesenheit von Amerikanern in dem von Venezuela beanspruchten Gebiet eine gewisse Sicherheit (vor diesen Ansprüchen) bedeuten würde.

Der Ort war im Dschungel, abgelegen, ohne fruchtbaren Boden, ohne Wasser in der Nähe. Dort wurde das Peoples Temple Agricultural Project begründet, meist “Jonestown” genannt. Wie nahe Jones und die “Notabeln” der Siedlung (bzw der Sekte) der guyanischen Regierung um Premierminister Burnham vom PNC standen, ist fraglich. Aber gewisse Gemeinsamkeiten hat man im jeweils Anderen wohl schon gesehen, das Engagement gegen “weisse” Vorherrschaft und das genossenschaftliche, sozialistische Wirtschaften. Charles Krause behauptet etwa in seinem Buch, dass Jones mit der guyanischen Regierung gut stand, speziell mit Minister Ptolemy Reid, einem Tierarzt, der dann 1980 bis 1984 Premier war, als Burnham zum Präsidenten aufgerückt war. In der USA wurden dann Kreise in der Democratic Party (DP) beschuldigt, Jones und seine Gruppe protegiert zu haben.

Jones glaubte gegen Ende der 70er, dass staatliche Organe der USA (CIA,…) daran arbeiteten, ihn und seine Kirche zu zerstören. Sein Projekt bekam einen faschistoiden Zug. Jones liess “weisse Nächte” veranstalten, “Selbstmord-Übungen“. 1976 der Tod des Sektenmitglieds “Bob” Houston, in San Francisco, ein Arbeitsunfall. Manche sag(t)en, Houston wollte die Gruppe verlassen, und der Tod war kein Unfall. Sein Vater war der Erste, der den Abgeordneten Ryan wegen des Peoples Temples konsultierte. Im Sommer 1977 ein kritischer Artikel im “New West Magazine” über Jones und den “Tempel”, von einem Marshall Kilduff. Erst danach wurde Jonestown das “Hauptquartier” der Organisation, übersiedelten etwa 1000 “Volkstempler” und ihr “leader” “Jim” Jones von San Francisco dauerhaft dort hin. In SF war die Organisation nicht mehr gut angeschrieben.

PT-Logo

Es gab zunehmend Angehörige von Peoples Temple-Mitgliedern, vor allem solchen in Guyana, die sich Sorgen um ihre Verwandten machten und damit an die Öffentlichkeit gingen. Manche davon waren früher selbst Mitglieder. So wie der Jurist Timothy O. Stoen, der einen Sorgerechtsstreit um seinen Sohn führte. Einst im Umkreis von Jones, wurde er ein Vertreter der besorgten Verwandten von Kommunen-Mitgliedern. Diplomaten der US-amerikanischen Botschaft in Guyana besuchten Jonestown ’78 mehrmals, das letzte Mal 11 Tage vor dem Massaker/ Massenselbstmord. Und fanden keine Anhaltspunkte für Misshandlungen und Zwang. War Jonestown ein Potemkinsches Dorf? Die besorgten Jonestown-Verwandten wandten sich 78 an den Kongress-Abgeordneten Leo Ryan.

Leo J. Ryan, irischer Amerikaner, DP, linksliberal für US-amerikanische Verhältnisse, vertrat ab 1973 Kalifornien im Repräsentanten-Haus des Kongresses, genauer einen Teil der San Francisco Bay. Er hatte im Kongress eine Kampagne für die Milderung des Urteils gegen Patricia Hearst geführt. Er entschloss sich zu einer Erkundungsmission nach Jonestown. Begleitet wurde er von seinen Mitarbeitern (“Jackie” Speier,…), einigen Journalisten (darunter ein Fernsehteam von NBC), Tim(othy) Stoen und weiteren besorgten Verwandten und dem Jones-Anwalt Mark Lane. Charles Krause von der “Washington Post” war im November 1978 gerade in Venezuela, um über die dortigen Wahlen (Präsident, Parlament) zu berichten. Da wurde er von seiner Zeitung nach Trinidad-Tobago geschickt, um sich dem Tross von Ryan anzuschliessen, der dort am Weg von Kalifornien nach Guyana umstieg.

Eine Abordnung von Jonestown-Leuten wartete am Timehri-Flughafen in (bzw bei) Guyanas Hauptstadt Georgetown. Ryan besuchte das HQ des Peoples Temple in Georgetown. Die Weiterreise nach Jonestown machten auch Richard “Dick” Dwyer von der USA-Botschaft sowie Informationsoffizier Annibourne vom guyanischen Tourismusministerium mit. Es ging mit einem gecharteten Flug von Georgetown nach Port Kaituma weiter. Dort wurde man von weiteren Jonestown-Leuten sowie der guyanischen Polizei empfangen. Der Journalist Gordon Lindsay wurde wegen seiner kritischen Artikel nicht nach Jonestown gelassen (musste nach Georgetown zurück fliegen), die Anderen mit dem Lastwagen nach Jonestown gebracht.

Ryan und die Journalisten gewannen dort überwiegend positive Eindrücke. Ein hoher Anteil von Schwarzen (Afro-Amerikanern), ein friedlicher Eindruck, Landwirtschaft und Anderes, ein Utopia im Dschungel. Der Politiker hielt am Abend dieses 17. November eine Rede zu den Jonestown-Bewohnern, die auch von Kamera(s) und Mikrofon(en) des NBC-Teams aufgenommen wurde. “…Whatever the [questions and criticisms] are, there are some people here who believe this is the best thing that ever happened to them in their whole life…” Jubel und Applaus. Und die Band spielte Marvin Gaye’s “The Greatest Love.” Abendessen, Tanz. In Gesprächen kamen Geschichten über sexuelle Beziehungen von Jones mit Frauen in der Kommune. Der Besucher-Tross musste in Pt. Kaituma übernachten, Jones liess sie nicht in Jonestown bleiben.

Am nächsten Tag fuhren die Besucher wieder zur Kommune. Die Erkundungsmission war fast beendet und hatte die “Vorbehalte” mancher Verwandter und Medien zum Teil (bzw in den Augen Mancher) ausgeräumt. Als Ryan & Co an diesem Tag dann abreisen wollten, baute sich eine Spannung auf. Es gab einen Zwischenfall mit einem Messer gegen Ryan. Und einige Jonestown-Bewohner entschieden sich, mit den Besuchern abzureisen. 16 Abtrünnige sollen es gewesen sein, die nun abreisten, darunter aber auch Einige wie Larry Layton, die sich darunter mischten, aber Anderes im Sinn hatten. Als am Flugplatz in Port Kaituma gerade die Frage der Aufteilung der Passagiere auf die 2 Flugzeuge besprochen wurde, kamen ein Lastwagen und ein Traktor mit Anhänger aus Jonestown.

Layton und die Jonestown-“Schergen” die mit den Besuchern und den Abtrünnigen gekommen waren, sowie “Tom” Kice und jene, die nun am Flugplatz in Port Kaituma ankamen, eröffneten dort das Feuer auf die Gruppe um Ryan, die abreisen wollte. Ryan, drei Medienleute (darunter NBC-Korrespondent Don Harris) und eine Frau die den “Tempel” verlassen wollte, wurden getötet, andere verletzt. Die Sache war von Jim Jones angeordnet worden. Dass die Jonestown-Leute gut bewaffnet waren, soll auf gute Beziehungen zur PNC-Regierung Guyanas hin deuten. Eines der beiden wartenden Kleinflugzeuge flog nach der Schiesserei nach Georgetown, die Angreifer zogen sich nach Jonestown zurück, die Toten und Verwundeten (wie Jackie Speier, Charles Krause) blieben zurück. Manche der “Abtrünnigen” aus Jonestown flüchteten in den Dschungel. Guyaner auf dem Flugplatz holten Hilfe aus der Stadt Port Kaituma. Die Verwundeten und anderen Überlebenden mussten aber eine Nacht warten, bis effektiv Hilfe kam.

In dieser Nacht spielte sich im Peoples Temple Agricultural Project die grosse Tragödie ab. Die Ereignisse liessen sich weitgehend rekonstruieren. Wie die wenigen überlebenden Augenzeugen berichten, berief Jones nach der Rückkehr der Fahrzeuge aus Pt. Kaituma am Abend eine Versammlung ein, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Davon gibt es eine MC-Aufnahme. Jones ordnete dabei einen “revolutionären” Massen-Selbstmord an, fürchtend dass der lang erwartete Angriff der staatlichen Organe der USA nun bevor stand. Jonestown-Arzt Lawrence “Larry” Schacht mixte einen “Cocktail” aus den Beruhigungsmitteln Diazepam/”Valium”, Promethazin, Chloralhydrat (in dieser Kombination bzw Konzentration evtl. auch schon tödlich), einem Grapefruit-Geschmacksaroma – und Zyankali. Mit Gehilfen, in grossen Eimern.

Über Lautsprecher wurden alle Bewohner angewiesen, sich “ihre” Portion des Giftes abzuholen, das in Einwegbechern ausgegeben wurde. Erwachsene sollten es auch Kindern und Tieren verabreichen. Bewaffnete (Privilegierte) wachten darüber. Einige versuchten zu fliehen, die Meisten davon wurden von den Wachen erschossen, fünf entkamen. Die Wachen töteten sich weitgehend danach (auch hier gibt es zumindest einen Überlebenden). Jones (er soll übrigens krebskrank gewesen sein) starb durch einen Kopfschuss. 909 der 1110 “Peoples Templer” in Guyana kamen an diesem 18. 11. 78 in Jonestown ums Leben. Darunter 276 Kinder, auch Timothy Stoens Sohn.

Einigen gelang es wie gesagt, in den Dschungel rundherum zu flüchten. Darunter der Rechtsanwalt Mark Lane, der mit Ryans Tross kam, aber zurück gelassen wurde; er war möglicherweise gewarnt worden. Auch Mike Prokes, der zu den Führern des Projektes gehörte, wollte nicht sterben und konnte entkommen. Odell Rhodes, ein gewöhnliches Mitglied, flüchtete bis nach Kaituma; von ihm stammen die Schilderungen über den “Todesabend” hauptsächlich. Der Dschungel, der einen grossen Teil von Guyana ausmacht… Indianer, wilde Tiere. Das (karbische) Meer und Venezuela in grösserer Entfernung. Der grössere Teil der Überlebenden war aber an diesem Abend (bzw Tag) gar nicht in “Jonestown” gewesen, sondern in Georgetown (oder anderen Teilen Guyanas) – sie überlebten deshalb.

In Georgetown gab es aber auch einen Selbstmord. Linda Sharon Amos, hochrangigstes Mitglied der Sekte in der Hauptstadt (bzw Leiterin der Aussenstelle dort), wurde über Funk angewiesen, an dem Massenselbstmord teil zu nehmen. Amos brachte darauf hin ihre drei Kinder und sich mit einem Messer um. Die Jonestown-Basketballmannschaft war aber für ein Spiel in Georgetown (gegen die nationale Auswahl Guyanas), wurde nicht beteiligt. Auch die zwei leiblichen Söhne von Jones und der eine oder andere Adoptivsohn waren Teil dieser Mannschaft und überlebten – Zufall? Jones und seine “Hauptfrau” Marceline hatten 7 Adoptivkinder verschiedener Rassen und einen leiblichen Sohn, Stephen. Weiters hatte er einen leiblichen Sohn mit einem Tempel-Mitglied (vermutlich eine Verwandte von Larry und Deborah Layton) und möglicherweise einige “Kuckuckskinder” in anderen Familien. Marceline und einige Adoptivkinder starben in Jonestown durch Gift.

Am folgenden Tag, dem 19. November, bekamen die am Flugplatz Pt. Kaituma Überlebenden Hilfe durch das Militär. Sie wurden nach Georgetown gebracht, die USA-Luftwaffe wartete dort bereits. Das guyanische Militär entdeckte auch die Toten in Jonestown. Soldaten, Journalisten,… aus der USA und anderen Teilen der westlichen Welt fielen in Guyana ein, in Georgtown, Kaituma, Jonestown. Auch der Journalist Krause und der Fotograf Johnston, die das Kaituma-“Massaker” überlebt hatten, flogen mit dem Hubschrauber nach Jonestown. Zuerst vermuteten guyanisches und amerikanisches Militär etwa 500 Tote. Es stellte sich aber heraus, dass es fast doppelt so viele waren, weil viele untereinander lagen, v.a. Eltern und Kinder. Von den 909 in Jonestown getöteten starben die allermeisten durch Zyankali-Vergiftung, einige wenige durch Schüsse. Insgesamt starben an diesem Tag 918 Menschen in Jonestown, Kaituma und Georgetown, die allermeisten davon Tempel-Mitglieder, alle oder fast alle US-Amerikaner.

Das USA-Militär holte die Leichen ab, mit Genehmigung der guyanischen Regierung, die Toten wurden von der Air Force auf einen Militärflughafen in Delaware gebracht. Am Ende agierte die staatliche, offizielle USA vernünftiger als ihre Gegner, die Aussteiger, die sich umgebracht hatten… Holte die Toten ab, kümmerte sich um Überlebende. Auch viele Afro-Amerikaner kamen mit den US-Streitkräften in dieser Mission nach Guyana, sie machen ca. ein Drittel dieser Streitkräfte aus. Schwarze wurden im USA-Militär benötigt, aber man fürchtete lange, dass sie die damit verbundenen Waffen und Ausbildung einsetzten, ihre Rechte zu Hause zu erkämpfen. Erst ab dem Vietnam-Krieg gab es in der amerikanischen Armee Gleichberechtigung, davor überwiegend getrennte Einheiten.

Am 19. November verbreitete sich die Nachricht vom Massenselbstmord des Peoples Temple in Guyana, nicht zuletzt in der USA. Die meisten “Volkstempler” und somit auch die meisten Toten waren aus der Gegend um San Francisco. Hier war die Betroffenheit am grössten. Auch der getötete Abgeordnete war von dort. Jones hatte auch ganz gute Beziehungen zum Bürgermeister von SF, George Moscone, gehabt. Als die Betroffenheit in der Stadt noch gross war, am 27. November, erschoss der ehemalige Stadtrat Dan White den Bürgermeister sowie den Stadtrat Harvey Milk. White war zurückgetreten, wollte wieder “eingesetzt werden”, was Moscone auf Anraten Milks nicht tat. Milk war eine wichtige Figur in der Schwulenrechtsbewegung der USA gewesen; der Film über ihn (“Milk”, 08, mit Sean Penn) erwähnte Jones oder Jonestown nicht.

Der Peoples Temple – immerhin gab es ja in San Francisco eine hohe Zahl von Mitgliedern, die nicht nach Guyana gegangen waren – musste Ende 1978 Bankrott erklären und wurde aufgelöst. Einige “Templer” reisten von SF nach Guyana, um dort die Auflösung vor zu nehmen und Manches in die USA zu bringen; bis Mitte 1979 war das erledigt. Ein Koffer mit Geld aus Jonestown wird vermisst, heisst es. Der Einzige, der im Zusammenhang mit dem Massaker in Port Kaituma und dem (teilweise erzwungenen) Massenselbstmord in “Jonestown” angeklagt wurde, war Larry Layton. Er wurde von guyanischen Behörden fest genommen und an die USA ausgeliefert, und 1986 oder 1987 (in seinem zweiten Prozess) für seine Beteiligung an den Flugplatz-Morden zu lebenslanger Haft verurteilt. 2002 wurde er vorzeitig freigelassen, nicht zuletzt weil sich der Jonestown-Überlebende Vernon Gosney dafür einsetzte.

Das verwaiste ehemalige Dschungelparadies brannte Mitte der 1980er ab, wurde danach wieder von der Vegetation “heimgesucht”. Man muss nun schon genau “hinschauen”, um festzustellen, dass es sich um eine Art Geisterstadt handelt. TV-Teams tun das gelegentlich, besichtigen und filmen die Relikte der Siedlung. Nächstes Jahr jährt sich das Ende von Jonestown zum 40. Mal, da wird es wohl wieder einige neue Dokus geben. In Guyana ist die touristische Aufbereitung des Ortes im Gespräch, hauptsächlich für Amerikaner. Das ehemalige Hauptquartier des Peoples Temple in San Francisco wurde bei dem Erdbeben 1989 zerstört. Andere früher vom “Tempel” genutzte Gebäude in anderen Städten werden hauptsächlich von anderen Kirchen genutzt; jenes in Los Angeles etwa von einer Spanisch-sprachigen Sieben-Tages-Adventisten-Gemeinde.

Die Überlebenden gingen verschiedene Wege. Jeannie Mills verliess die Gruppe 1975, wegen Gewalt von Jones gegen ihr Kind, wie es heisst. Schrieb ein Buch über die Sekte und war unter jenen, die Ryan von der Erkundungsmission nach Guyana überzeugten. 1980 wurde sie und ihre Familie in Kalifornien ermordet, unter nach wie vor ungeklärten Umständen. Es gibt Spekulationen über Rache von Ex-Templern. Deborah Layton, die Schwester von Larry, war unter jenen, die ’77 mit Jones nach Guyana gingen. Als sie sich im Mai 78 in Georgetown aufhielt, verliess sie Guyana und den Peoples Temple, liess einige Angehörige zurück. Sie schrieb ein Buch, das 1998 herauskam (“Seductive Poison”), 10 Jahre später auf Deutsch (“Selbstmord im Paradies”).2 Layton hat(te) einige TV-Auftritte, zum Thema Sekten, auch bei Maischberger in Deutschland.

Die überlebenden Journalisten Tim Reitermann und Charles Krause verfassten auch Bücher. Karen Lorraine Jacqueline „Jackie“ Speier gehörte sie zum Stab des Kongressabgeordneten, wurde am Flugplatz angeschossen; 2008 wurde sie ins Repräsentanten-Haus gewählt. Mark Lane war Politiker der DP, im Parlament des Staates NY, beschäftigte sich mit dem JFK-Mord (sah Oswald unschuldig), untersuchte Kriegsverbrechen der USA in Vietnam. 1978 wurde er Anwalt von Jones bzw des PT, sah die CIA und den Staat auch sehr kritisch. Er beschuldigte in seinem Buch die USA, beim Ende des PT bzw dem Massensterben eine Rolle gespielt zu haben, u.a. durch Agents provocateurs. Er arbeitete dann weiter als Anwalt und Autor. Stephen und Jim Jones jr., die “echten” Söhne des Reverends, überlebten wie erwähnt in Georgetown, wo sie dann einige Zeit von den Behörden festgehalten wurden. Beide leben in der USA.

War das in Jonestown ein Massenselbstmord oder eine Art Massaker? Die Frage der Freiwilligkeit ist nicht so eindeutig bzw pauschal zu beantworten. Die Sache erinnert an den kollektiven Suizid der Sonnentempler-Sekte nach dem ihr Gründer, der Belgier Luc Jouret, dies vorgemacht hatte, in den 1990ern. In der USA gab es die quasi-religiöse Gruppe Heaven’s Gate, die 1997 einen Gruppen-Selbstmord veranstaltete (39 Tote). 76 “Branch Davidians” mitsamt ihrem Führer “David Koresh” (Vernon Howell) starben 1993 in Texas durch selbst gelegtes Feuer am Ende einer “Belagerung” durch das FBI und andere Behörden der USA. Andere Pseudo-Religiöse haben sich eher darauf verlegt, das Spiel mit Leben und Tod mit Anderen zu spielen, die sie als “Ungläubige” sehen – und nehmen dabei auch den eigenen Tod in Kauf.

Auch Masada kommt einem in den Sinn, lieber sterben als dem Feind in die Hände zu fallen. Wie es die jüdischen Zeloten vor den belagernden Römern getan haben. Haben sie das getan? Oder die Montanisten im Byzantinischen Reich, die der Zwangskonversion von Kaiser Leo III. 722 zum orthodoxen Glauben entgehen wollten, in dem sie sich töteten.3 Das Seppuku bzw Harakiri der Samurai in Japan.4 Die Gruppenselbstmorde in der Erwartung von Weltuntergängen, quer durch die Jahrhunderte, etwa im Mai 1910, als sich der Halley’sche Komet der Erde näherte. Der rituelle Massenselbstmord Puputan in Bali, aus der dortigen hinduistischen Tradition, u.a. 1906 im Widerstand gegen die Niederländer in Denpasar praktiziert.

Beim Untergang des Deutschen Reichs 1945 im 13. Jahr der Nazi-Herrschaft gab es eine Selbstmordwelle, von Hitler abwärts. Selbstverbrennungen als politischer Protest, wie beim buddhistischen Mönch Thich Quang Duc 1963 in (Süd-)Vietnam oder Jan Pallach 1968 in der Tschechoslowakei. Aber auch Parallelen zur Manson Family tun sich auf, die gut 10 Jahre zuvor ebenfalls in Kalifornien aktiv war, auch von der Flower-Power-Kultur inspiriert waren, auch einen dominanten Führer hatte, aber Andere ermordete und dies Afro-Amerikanern in die Schuhe schieben wollte. Oder der Friedrichshof in Zurndorf im Nord-Burgenland unter Otto Mühl, auch ein aus dem Ruder gelaufenes 70er-Alternativ-Lebensprojekt; wenn auch mit weniger dramatischem Ausgang.

Der Charakter der Sekte/Kommune wurde nach dem angeordneten Massenselbstmord vielleicht schlechter gemacht als er (einmal) war, aus politischen Gründen. Der Peoples Temple war links. Seine Mitglieder waren arme Schwarze und liberale Weisse. Die Regierung Guyanas unter Burnham war damals ziemlich links, hatte gewisse Verbindungen zum Peoples Temple. Manche Unterstützer der Sekte in der USA waren für amerikanische Verhältnisse links, v.a. San Franciscos Bürgermeister Moscone. Auch der getötete Abgeordnete Ryan, Kaliforniens Gouverneur “Jerry” Brown und USA-Präsident Carter waren das.

Konservative Medien in der BRD wie “Bunte” oder “Bild” nahmen das Massensterben 1978 dankbar zum Anlass zur Abrechnung mit alternativen Lebensformen, der Schwarzenrechtsbewegung, Dritte-Welt-Solidarität, Kapitalismuskritik,… Medien und Politiker in der USA taten Ähnliches. Aber auch von der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS kam ein Kommentar über die Gesellschaft der USA angesichts des Massenselbstmords, auch die Gegenseite im Kalten Krieg versuchte das Ereignis für sich auszuschlachten.5 Das Reagan-Zeitalter konnte kommen.

Die konservativen Sekten gab (gibt) es ja auch, Scientology, Mormonen oder Moon (Vereinigungskirche). Scientology-Gründer Hubbard war in den 70ern dennoch zeitweise untergetaucht, hauptsächlich wegen seiner Steuerprobleme. Man findet einige Gemeinsamkeiten zwischen Scientology und Peoples Temple, ablehnende Haltungen gegen Behörden, einiges Pseudoreligiöse, vielleicht einen Totalitarismus. Scientology wurde aber viel älter, ist viel grösser und etablierter. Und die Konstruktion als „Kirche“ war/ist nur eine Konstruktion zur Steuerschonung; 1993 gab die Steuerbehörde IRS in der USA auf, gestand dem Grosskonzern (der glz auch Psychosekte und Science-Fiction-Kirche ist) den Status einer gemeinnützigen Organisation zu. „High werden ohne Drogen“ versprach Scientology Anfang der 70er. Bei einer Demonstration gegen Scientology Anfang der 80er gab es ein Schild „No Jonestown here“.

V(idiadhar) S(urajprasad) Naipaul, der aus Trinidad-Tobago stammende Autor, hat einmal über die Lethargie/Trägheit in Guyana/Georgetown geschrieben. Sein Bruder Shiva(dhar) Naipaul bereiste nach der Tragödie Guyana und die USA, veröffentlichte 1980 “Journey to Nowhere” (USA) bzw “Black & White” (Titel des Buchs in GB), ein Text der eine Analyse des Peoples Temple und Reverend Jones darstellen sollte. Der indische Trinidad-Tobagoer6 kritisierte die kalifornische Gegenkultur wie auch revolutionäre Dritte-Welt-Regierungen, die (das Ende von) Jonestown möglich gemacht hätten. Das Thema dieses Naipauls war die Kritik am westlichen Liberalismus wie auch an den postkolonialen Gesellschaften.

 

Die 1970er

Die Tragödie in Jonestown, das Ende der multikulturellen sozialistischen amerikanischen Kommune in Guyana 78, markiert das Ende der 1970er! Der Massenselbstmord und die Morde waren repräsentativ für das Ende dieses Jahrzehnts, nicht nur weil die staatlichen Organe der USA hier vernünftiger als ihre Gegner agierten. Die 1970er waren eine liberale Dekade, global, auch in vielen islamischen Ländern, sogar in Saudi-Arabien. Die Flower Power – oder Love & Peace – Ära war 1969, wenn man so will, mit den Morden der Manson-Family sowie dem Konzert in Altamont mit einem Toten zu Ende gegangen. Christopher Othen hat über dieses Ende und einige unheimliche/verrückte Querverbindungen geschrieben. Die 70er gingen unter mit der Revolution im Iran ab 1978 (dazu noch mehr), “Cat Stevens” brachte 1978 mit “Back to Earth” sein letztes Album vor der Konversion und Musikpause heraus, die Konservative Thatcher wurde 1979 britische Premierministerin, Ronald Reagan wurde 1980 zum Präsidenten der USA gewählt, 1980 wurden in der BRD auch die Grünen gegründet, als Zusammenschluss regionaler Gruppierungen, ohne “Rudi” Dutschke, der im Jahr davor gestorben war, der Putsch in der Türkei ’80 brachte eine Militärdiktatur, John Lennon wurde in diesem Jahr ermordet,…

Der verfilmte Roman „Der Eissturm“ (1994 “The Ice Storm, 1995 deutsche Übersetzung) gibt das Zeitkolorit der 70er ganz gut wieder. Er spielt 1973, in New Canaan in Connecticut, wo Autor Rick Moody her kommt. Es gibt auch eine Stelle vorne im Buch, wo er beschreibt, was es damals alles (noch) nicht gab. “Keine Anrufbeantworter…keine CD-Player…keine Laserdrucker…kein Vielfliegerbonus…kein Punkrock…Kein HIV…keine Perestroika…” Anderes war noch nicht so lange her, etwa die 4 Tote bei der Demo an der Uni in Kent, Ohio, 1970; und der Vietnam-Krieg war 73 noch voll im Laufen.7

1973 musste der Congress der USA in der Watergate-Affäre zu ermitteln beginnen – die entscheidende Frage war „Was wusste Nixon?“. Der fädelte in diesem Jahr noch die Errichtung der Pinochet-Diktatur in Chile ein. Watergate und Moneda, 2 Gebäude die für Nixons Präsidentschaft stehen (ausser dem Vietnam-Krieg). Das Watergate-Gebäude in Washington, wo Nixon 72 in die Parteizentrale der Democratic Party einbrechen liess, und der chilenische Präsidentenpalast Palacio de la Moneda in Santiago de Chile, der im September 73 von der Luftwaffe Pinochets bombardiert wurde, im Zuge des Militärputsches gegen Präsident Allende, ein Putsch der von der Nixon-Regierung unterstützt wurde.

Moneda Santiago 11. September 1973

Chile in den 1970er-Jahren war ein drastisches Beispiel dafür, dass Marktwirtschaft und Demokratie nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben müssen – und Kommunismus nicht mit Diktatur. Ende 72 rettete die chilenische Luftwaffe noch die im chilenisch-argentinischen Anden-Gebiet durch den Flugzeugabturz in Bergnot geratenen Uruguyaner (die überlebten, weil sie ihre getöteten Kollegen aßen); ein Jahr später griff sie den Präsidentenpalast in der Hauptstadt im Rahmen ihres Putsches gegen den demokratischen Präsidenten Allende an… Armee-General Pinochet errichtete eine Diktatur, eine rechte Militär-Diktatur, wie sie damals in grossen Teilen Lateinamerikas existierte.

Die 200-Jahr-Feier der USA 1976 fand in der Präsidentschaft Fords statt, der im Zuge des Watergate-Skandals zunächst im Dezember 73 Agnew als Vizepräsident folgte und im Jahr darauf nach dem Rücktritt Nixons auf dessen Position nachrückte. Als Gerald Ford 1974 infolge Watergate Präsident wurde, wurde die Position des Vizepräsidenten vakant. Nelson Rockefeller (aus der Familie, die mit Öl zu Reichtum kam) setzte sich gegen Rumsfeld und Bush sen. als Nachfolger durch. Rockefeller war in der Eisenhower-Regierung (53-61), Gouverneur des Staates New York (59-73; > Attica-Gefängnis-Aufstand 71), dann VP 74-77. 76 wurde er als Running Mate von Ford (der sich in der RP gegen Reagan durch setzte) ausgebremst. James Carter setzte sich in der DP gegen Jerry Brown und George Wallace durch. Bei der Präsidenten-Wahl 76 gab es einen knappen Sieg Carters.

„Ted“ Bundy unterstützte als (Jus-)Student die Republikaner, u.a. Rockefeller bei dessen Kandidatur für die RP-Präsidentschaftskandidatur ’68. Bundy (als Theodore Cowell geboren) mordete in den 70ern Frauen, trat vom Methodismus zu den Mormonen über; im Februar 78 wurde er endgültig eingefangen, 79 die Prozesse, 80 die Verurteilung. John W. Gacy wiederum unterstützte die Demokraten und war Katholik. Er mordete ebenfalls in den 70ern, auch 30+ Menschen (er aber Buben) und wurde 78 verhaftet, auch zum Tode verurteilt.

Carter unterzeichnete mit SU-Führer Brejschnew 1979 in der Hofburg in Wien das SALT-II-Rüstungs-Abkommen. Und er stellte die Unterstützung für Pinochet8 oder das Apartheid-Regime Südafrikas ein… Seine Niederlage bei der Wahl 1980 gegen Reagan hatte viel mit dem Umsturz im Iran zu tun. Die Iranische Revolution kennzeichnet wie kein anderes Ereignis das Ende der 70er, mehr noch als Jonestown, nicht nur, aber auch wegen dem damit verbundenen Aufkommen des Islamismus. Gängiges Verständnis der Revolution ist, dass es den Iranern unter dem Schah soo gut ging, und sie, anstatt froh darüber zu sein, ein islamistisches Regime installiert haben.

Da kommt auch gleich die Oberflächlichkeit von Islamismus-Analysen zum Vorschein.. Unter diesem letzten Schah gab es keine unzensurierte Zeitung, Zugang zu Universitäten war reglementiert, es gab grosse Armut bzw grosse soziale Unterschiede, keine Demokratie,… Der grösste Teil der Opposition zum Schah war gegen den Absolutismus9, die Abhängigkeit von der USA, ausufernden Machtmissbrauch, die Oligarchie. Die “ursprüngliche” Opposition zum Schah (1950er, Mossadegh) stellte auch die Beibehaltung der Monarchie, die prowestliche Ausrichtung, den Säkularismus nicht in Frage. Der Schah hat das Loch ausgehoben, das die Mullahs mit Scheisse füllten… Aber inwiefern war das wirklich er, Mohammed Reza Pahlevi, und nicht die Verhältnisse der Zeit, die politische Grosswetterlage,…?

Khomeini, der den grössten Teil der 70er im Irak verbracht hatte, wo ein Baath-Regime herrschte, nutzte die Revolution, riss sie an sich. Und so folgte auf eine absolute Monarchie, eine repressive Modernisierungsdiktatur, ein rückwärtsgewandtes islamistisches Regime; viele Iraner wollten beides nicht, kämpften um Demokratisierung, scheiterten – bis 1981 war die Macht der schiitischen Islamisten (mit dem Klerus, den Mullahs, an der Spitze) abgesichert. Zu diesem Zeitpunkt hatte Saddam Hussein, seit 1979 Staatschef des Irak, bereits einen Krieg mit dem Iran vom Zaun gebrochen, den Khomeini gerne “erwiderte”. Hussein war nach der Revolution im Iran der Gute für den Westen, für einige Jahre.

Mehrabad-Flughafen Tehran, 16. 1. 79: Der Schah des Iran verliess das Land. Rechts gegenüber Premierminister Schapour Bachtiar, links von ihm seine Frau Farah Diba-Pahlevi

Im Laufe der Revolution wurden Ende 1979 die Angehörigen der USA-Botschaft in Teheran von islamistischen Studenten sowie den (heute von westlichen Neokonservativen geschätzten) Volksmujahedin entführt. Die Sache führte zum Rücktritt vom iranischen Premier Bazargan (Nahżat-e āzādi-e Irān‎), was die (reinen) Islamisten dort weiter stärkte. Und sie spielte eine Rolle in der Präsidentenwahl der USA 1980. Der vormalige Gouverneur von Kalifornien, Ronald Reagan, trat im Wahlkampf 80 für “traditionelle Familienwerte” und die „konservative Revolution“ ein. Die (am Ende 52) Geiseln wurden am Tag der Amtseinführung von Reagan im Jänner 1981 frei gelassen. Es spricht einiges dafür, dass sich die Republican Party in Präsident Carters Bemühungen um eine Freilassung einmischte, mit den Islamisten zu einem Handel kam (die Freilassung hinaus zu zögern), um die Wahl zu beeinflussen.

Vom Ende der 70er nochmal zu ihrem Kern. Im Westen brachten sie eine Liberalisierung des Abtreibungs- und Scheidungsrechts, im Familienrecht eine Ent-Patriarchalisierung, die Freigabe und Popularisierung der Anti-Befruchtungs-Pille, eine weitere Säkularisierung der Gesellschaft, Erfolge der Schwulenrechtsbewegung. Und die Entfaltung der Wohlstandsgesellschaft auf breiter Ebene; in jeder Familie gab es nun (mindesteins) eine Fotokamera, einen Fernseher, (fast) Alle fuhren auf Urlaub,… Der Massentourismus kam in verschiedene Welt-Gegenden. Die wirtschaftliche Globalisierung bekam einen kräftigen Schub; zB wurde 1971 in München die erste McDonalds-Filiale in Deutschland eröffnet. Die Abschaffung der Todesstrafe in den letzten verbliebenen Ländern des Westens, wo es sie noch gab, erfolgte auch um die 70er. In GB 1969, in Frankreich gab es in den 70ern die letzten Exekutionen, die Abschaffung erfolgte 1981. In der USA gab es ab 1967 ein Moratorium, 1972 die Abschaffung durch den Obersten Gerichtshof; ab ’77 die Wiedereinführung in vielen Bundesstaaten.

“Maggie” Thatcher war 70-74 unter Heath Ministerin, den sie 75 als CUP-Führer ablöste, als Labour am Ruder war (Wilson, dann Callaghan). 1972 töteten britische Soldaten in (London)derry in Nord-Irland 13 Demonstranten. Zu den Anschlägen die die IRA durchführte, zählte jener auf zwei Pubs in Guilford 1974. Dafür wurden in den Jahren danach insgesamt 11 unschuldige Menschen verurteilt, die Guilford Four (darunter Gerard Conlon) und die Maguire Seven. 1976 der von Mairead Corrigan und Betty Williams veranstaltete Friedens-Marsch in Nordirland, Teil ihres Engagements für das sie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden.

1970 trennten sich die Beatles. Die vier Band-Mitglieder gingen von da an Solopfade. Und, der Fussball-Klub aus Liverpool begann nach der Beatles-Auflösung mit den grossen internationalen Erfolgen. John Lennon und Yoko Ono lebten in den 1970ern in der USA, in New York. Lennon unterstützte dort alle Linken, wie “Bobby” Seale (Black Panther) und “Abbie” Hoffman. Hoffman, aus der amerikanischen APO, tauchte 74-86 unter. Nur wenige Monate vor seinem Tod, nach fünf-jähriger künstlerischer Pause, erschien Lennons letztes Album „Double Fantasy“ (mit „Woman“,…).

In Frankreich trugen sich in diesem Jahrzehnt zwei demographische Entwicklungen zu, von denen in anderen Artikeln hier die Rede war: Die Zahl der Algerier in Frankreich übertraf erstmals jene der im unabhängigen Algerien verbliebenen Franzosen. Und im Elsass setzte sich auch innerhalb der Familien das Französische durch. Das französisch-britische Überschallflugzeug Concorde hatte 1976 seinen kommerziellen Erstflug. Und 1979 startete die erste Rakete aus der “Ariane”-Familie, die “Ariane 1”, von Kourou in Französisch-Guyana aus in den Weltraum. Von Seiten der NASA gab es in den 70ern die Mondmissionen “Apollo” 13-17 (bis 72)10, die Mars-Mission “Viking 1”, das “Skylab”-Programm, die Arbeit am “Space Shuttle”.

In Österreich regierte die SPÖ von 1970 bis 1983 allein, unter Bundeskanzler Bruno Kreisky. 1969 war, noch unter der ÖVP-Regierung Klaus, der Beschluss zum Bau eines Atomkraftwerks in Zwentendorf bei Tulln im Mostviertel in Niederösterreich gefallen. 1972 begann der Bau, mit einem Siedewasserreaktor. 1976 war die Fertigstellung und der Beginn des Testbetriebs, sowie der Regierungs-Beschluss zur Errichtung zwei weiterer AKWs (St. Pantaleon, St. Andrä). Kanzler Kreisky liess dann vor der Inbetriebnahme abstimmen, um eine Bestätigung gegenüber den Atomkraft-Gegnern zu bekommen.

Diese Bürgerbewegung stellte die Anfänge der Umweltbewegung in Österreich dar; der Giftgas-Unfall in einer chemischen Fabrik in Seveso in der Lombardei 1976 hatte die Menschen für Umweltthemen weiter sensibilisiert. Es gab, im November 78 (also in zeitlicher Nähe zum Ende Jonestowns) eine hauchdünne Ablehnung von 50,47% in der Zwentendorf-Volksabstimmung. Die Gefahren durch Atomkraft wurde durch einen (Kernschmelz-) Unfall im AKW auf Three Mile Island bei Harrisburg in der USA im März 1979 in Erinnerung gerufen. Kreisky gewann die Nationalrats-Wahl 79, sein grösster und letzter Wahl-Sieg; und er “gewann” das Volksbegehren gegen das Konferenzzentrum in Wien 82 (das Begehren wurde abgelehnt).

Die Reichsbrücke in Wien 1974, links die im Bau befindliche “UNO-City”

Die letzten Diktaturen Westeuropas, Spanien, Portugal und Griechenland (eigentlich Teil Osteuropas), demokratisierten sich Mitte der 70er. Die Demokratisierung Griechenlands war mit der türkischen Invasion auf Zypern verbunden, die zur Teilung der Insel führte. Die Demokratisierung Portugals war mit seiner Entkolonialisierung verbunden bzw diese bedingte sie. Und, die Unabhängigkeit von Angola und Mocambique 1975 verschärfte den bewaffneten Konflikt im südlichen Afrika, in dem auf der einen Seite das Apartheid-Regime Südafrikas (in den 70ern meist unter Premier Balthazar J. Vorster) und seine Verbündeten standen (Rhodesien, UNITA in Angola,…), auf der anderen Seite seine Gegner (ANC, SWAPO, ZANU, Regierungen von Angola und Mocambique, von der SU unterstützt,…). In der DR Congo herrschte seit 1965 den vom Westen (v.a. USA) unterstützte Mobutu, der das Land in “Zaire” umbenannt hatte. “Zaire” war vor allem in den Konflikt in Angola tief verstrickt. Ein anderer der schlimmsten Despoten Afrikas, Idi Amin, beherrschte Uganda von 1971 bis 1979. An Haile Selassie, dem Kaiser von Äthiopien, scheiden sich nach wie vor die Geister. Er wurde 1974 gestürzt.

“Rumble in the Jungle”: Boxkampf Mohammed Ali gegen George Foreman in Kinshasa 1974

In Ägypten folgte Anwar Sadat 1970 auf den verstorbenen Gamal Nasser. Ein grosser Teil Ägyptens, der Sinai, war seit dem Krieg 1967 von dem “blühenden Land, das auf den österreichischen Burschenschafter Herzl zurückgeht” (H. C. Strache) besetzt, etwas das sich auch durch den Krieg 73 nicht änderte. Im Widerstand gegen die zionistischen Besetzungen spielte die Konstruktion einer arabischen Nation eine Rolle und wuchs auch der Islamismus; ausserdem war der Konflikt (teilweise) in den Kalten Krieg integriert. Auch die “ausserparlamentarische Linke” im Westen war damals grossteils auf der Seite der Opfer Israels. Auch die erste (72 zerschlagen) und die zweite Generation der RAF (77). Der Terror in den 70ern war noch kein islamistischer; auch palästinensische Gruppen waren damals säkular und meist an der SU orientiert.

Die Errichtungen der israelischen Siedlungen am besetztem ägyptischen Sinai begannen relativ spät (im Vergleich zu den anderen 1967 eroberten/ besetzten Gebieten), Mitte der 70er, aber noch unter Arbeiterpartei-Regierungen. Zum Einen „Yamit“ und andere Siedlungen im Norden, am Mittelmeer, anschliessend an den Gaza-Streifen (seinem Süden, Rafah), diese sollten Puffer zwischen dem Streifen und Sinai und zugleich zionistischer Vorposten sein; zum Anderen im Süden, am Roten Meer und seinen Golfen. Das Land für „Yamit“ wurde von Beduinen enteignet, diese vertrieben (unter Verteidigungsminister Dayan und dem südlichen Kommandanten Scharon).11

Als die ersten Siedler kamen (zu den Soldaten), war schon der Likud an der Macht. Die Siedlungen am Sinai wurden auch für den Tourismus genutzt, „entwickelten sich zu einem späten Hippie-Paradies“ (so ein Reiseführer aus den 1990ern). Das sagt nicht nur viel über die israelische „Linke“ aus, sondern auch einiges über die Flower Power-„Bewegung“ (jene Teile, die einen unpolitischen Hedonismus pflegten, aber auch über den westlichen Charakter der Sache). Auch hier waren die israelischen „Ansiedlungen“ mit Inbesitznahme, Verdrängung, Errichtung von “Wehrposten”,… verbunden. Ein Paradies war es nicht für die ägyptischen Bewohner der Gegend, die vertrieben worden waren und von Soldaten fern gehalten wurden (diese wiederum konnten teilnehmen an Orgien u.ä.) und auch nicht für die Palästinenser in Gaza, nicht nur für jene in Gefängnissen wie „Ansar II“ am Strand der Stadt Gaza nicht, auch nicht für jene anderswo im Freiluftgefängnis „Gaza-Streifen“. Nach dem Abkommen Sadats mit Israel begann die israelische Räumung des ägyptischen Sinai. Die Aufgabe von “Yamit” war 1982 Teil der letzten „Etappe“ des Abzugs.12

Pakistan war in den 70ern von Zulfikar A. Bhutto dominiert. Seine PPP gewann bei der Wahl 70 in West-Pakistan, in Ost-Pakistan aber die Awami-Liga. Nachdem deren Machtantritt verhindert wurde, folgte die Sezession Ost-Pakistans als Bangla Desh. Die (West-) Pakistan gewaltsam verhindern wollte, in dem Krieg der folgte, intervenierte Indien auf der Seite Bangla Deshs. Bhutto war 71-73 Staatspräsident, dann Ministerpräsident. Obwohl er eher ein Liberaler war, bezüglich Afghanistan begann unter ihm die Unterstützung dortiger Islamisten, gegen die Republik, wegen (möglicher) afghanischer Gebietsansprüche auf den Westen Pakistans. Es waren jene Islamisten, die dann gegen die Kommunisten auch vom Westen unterstützt wurden, in der Endphase des Kalten Kriegs. Bhuttos PPP gewann die Wahl 77, doch das Militär unter General Haq würgte die Demokratie ab, konservative Kräfte setzten sich durch, und Bhutto wurde 79 getötet.

Hippies in Pakistan in den 1970ern

Kroatien war in den 1970ern noch ein Teil von (dem kommunistischen) Jugoslawien und radikale kroatische Exil-Gruppen bekämpften dieses YU; die Ukraine war Teil der SU (eine von 15 Teilrepubliken). Deren Dissident Aleksandr Solschenitzyn wurde 1974 in den Westen ausgewiesen. In die BRD, die damals von der SPD (und der FDP) regiert wurde. OJ Simpson spielte noch American Football, machte Werbung (v.a. für den Autovermieter Hertz), 1979 hörte er mit dem Profisport auf, bereits 1978 kam “Unternehmen Capricorn” (über eine vorgetäuschte Mars-Landung der NASA) heraus. Arnold Schwarzenegger machte noch Bodybuilding. Oriana Fallaci war noch eine Linke. Der saudi-arabische Bauunternehmer-Sohn Osama Bin Laden urlaubte 1971 mit der Familie in Schweden. Caitlyn Jenner war noch Bruce Jenner und Zehnkämpfer (Olympiasieger 76). Christoph Waltz trat, 1976, in der ORF-Kinder-Sendung „Am dam des“ auf.

Christoph Waltz 1976 in “Amdamdes”, mit Elisabeth Vitouch

Die Verfilmung des Musicals „Jesus Christ Superstar“ (1973) gibt eindrucksvoll Zeugnis vom Geist dieses Jahrzehnts, spezifisch von der Gegenkultur in der USA (zu Nixon,…). In der BRD und anderen Teilen des Westens wurde das Hollywood/USA-Kino erst in den 60ern oder 70ern endgültig dominant. Zu den wichtigsten Filmen des Jahrzehnts zählen “Der Pate” (I+II), “Taxi driver”, “Der Clou”, “Einer flog übers Kuckucksnest”, “Grease” (I), “MASH”, “Love Story”, “Rocky” (I+II) und ziemlich alle Filme mit Jill Clayburgh. Die filmische “Konterrevolution” kam u.a. in Gestalt der “Dirty Harry”-Reihe daher, ab 1971, überhaupt die Eastwood-Filme, ab “Hang em high” (1968). Und natürlich mit “Electra Glide in Blue”/”Harley Davidson 344” (1973) mit “Robert Blake”, eine Art Anti-Easy-Rider. Zu den “typischen” Fernseh-Serien der 70er gehören “Kojak”, “Reich und Arm”, “Die Waltons”, “Die Strassen von San Francisco” (…), “Mondbasis Alpha 1”, “Columbo” (1. Ära); “Bonanza” ging zu Ende, “Dallas” begann, ebenso “Kottan ermittelt”. Wichtigste Unterhaltungsshow im deutschsprachigen Fernsehen wurde “Am laufenden Band”.

Punk entstand in GB, 1976 veröffentlichten die Sex Pistols ihre erste Single, „Anarchy in the U.K.“. Im selben Jahr lösten sich die deutsch-britischen “Les Humphries Singers” (69 gegründet; immer in den typischen Schlaghosen) auf. Funk-Musik blühte. Rock/Popkonzerte wurden aufwändig. ABBA starteten nach ihrem Sieg beim Song Contest durch. Es entstanden in dem Jahrzehnt “You’re so vain”, “Year of the cat”, “Tubular Bells”, “Goodbye Yellow Brick Road”, “Heart of glass”, “It’s a game”, oder die Hymnen “We Are The Champions”, “Another Brick in the wall”, “No woman no cry”. “Stayin’ Alive” von den Bee Gees verschmolz gewissermaßen mit dem dazu gehörigen Film “Saturday Night Fever” (1977). Rolling Stones oder Who wirkten zwar auch in den 70ern, ihr Bestes entstand aber in den 60ern, das Beste von Scorpions und BAP in den 80ern. Michael Jackson machte 1979 “Off the wall”, seine letzte LP vor “Thriller”. Elvis starb 1977. In der Musik wirkten in dieser Zeit auch Leonard Bernstein, Pierre Boulez oder Astrud Gilberto.

Im Eishockey gab es die parallelen Welten IIHF (Weltmeisterschaften, Olympia; von der SU dominiert) und NHL (von Canada dominiert). Und echtes Aufeinandertreffen gabs nur bei den Summit Series 72 und 74 und beim Canada Cup 76. Canada mit Howe, Perreault oder Hull, die SU mit Mihailov, Petrov, Kharlamov. Der Kalte Krieg dominierte auch andere Sportarten, etwa Handball (Männer wie Frauen). Franz Klammer war der erfolgreichste österreichische Skirennfahrer der Post-Schranz-Ära; er gewann zwar nie den Gesamt-Weltcup, war aber 1975 verdammt knapp dran. Zwei Saisonen nach seinem Olympiasieg ’76 kam er in eine 3-jährige Krise, hauptsächlich aufgrund seines Ski-Marken-Wechsels. Im Tennis begann 76 die Ära von Björn Borg in Wimbledon. Der dominierende Fussballer der 70er war wahrscheinlich Franz Beckenbauer, immerhin hatte er so ziemlich alles gewonnen, als er 1977 in die North American Soccer League wechselte.

 

Guyana

Aufgrund der kolonialen, wirtschaftlichen, demografischen, politischen, kulturellen Entwicklung ist das Guyana-Gebiet der Karibik zuzurechnen und nicht Südamerika, obwohl es dort geografisch liegt. Ob die Karibik ein Teil von Lateinamerika ist, ist eine andere Frage. Die Region ist auf 2 Staaten und ein Kolonialgebiet aufgeteilt, kleinere Teile des historischen Guyanas gehören auch zu Venezuela und Brasilien. Gu(a)yana bedeutet “Land des Wassers”, in der Sprache der Caraib, was sich auf die vielen Flüsse bezieht. Der Name “Karibik” stammt aebenfalls von Caraib(en), einem der “indianischen” Völker der Region, dem wichtigsten neben den Arawak, den Ureinwohnern auch in diesem Teil Amerikas. Für die Karibik gibt es noch diverse andere Bezeichnungen, wie Antillen oder West Indies. Der zirkumkaribische Raum schliesst auch Teile von Nord-, Mittel-, und Südamerika mit ein.

Die Karibik wurde im 15. Jahrhundert spanisch, Teil des Vizekönigreichs Neu-Spanien. Wurde allerdings von Spanien vernachlässigt; die Kolonialmacht war eigentlich nur auf den grossen Antillen präsent. Ab dem 16. Jh wurde die Karibik Umschlagplatz für afrikanische Sklaven nach Amerika. Besonders im zirkumkaribischen Raum entstand sklavenbasierte Plantagenwirtschaft, zB mit Zuckerrohr. Und die “Indianer” waren dezimiert bzw “ungeeignet” für diese Arbeit. Im 17. Jh drangen andere europäische Mächte in die Region ein, Grossbritannien, Frankreich, Niederlande; später noch andere. Spätestens ab dem Kolonialkrieg im 18. Jh gab es in der Karibik eine Dominanz der Briten ggü den Franzosen; Spanien war nur Cuba und Puerto Rico geblieben. In diesem Teil des amerikanischen Kontinents gab es viel mehr Diversität und Abänderungen unter den europäischen Kolonialmächten als in anderen.

Auch die Guyanas waren nur theoretisch unter spanischer Herrschaft gestanden, die tatsächlich ersten Europäer in dieser Region waren die Niederländer, deren WIC (Geoctroyeerde Westindische Compagnie) im 17. Jh ins westliche Guyana kam. Und sie arbeiteten auch dort mit den Engländern zusammen, luden diese ein, gemeinsam mit ihnen eine Plantagenwirtschaft aufzubauen. Englische “Pflanzer” kamen zB aus Barbados, brachten ihre aus Afrika stammenden Sklaven mit. Holländer und Engländer führten weiter versklavte Afrikaner für ihre Pflanzungen ein, aber auch zur Arbeit an Dämmen und Befestigungen an der Küste. Damit sollten Überschwemmungen abgewehrt werden (es gibt sie aber bis heute) und (fruchtbares) Land zum Anbau gewonnen werden – eine Polderisation der Küste, wie sie die Niederländer bei sich praktizier(t)en.

So kommen in den Guyanas bald nach der Küste landeinwärts die Plantagen, und dahinter der Busch, in riesigen Dimensionen, zT heute noch unerschlossen. Mit Flüssen, die dort entspringen und in den Atlantik bzw die Karibische See münden. Berge, wie der Roraima, Wasserfälle, wilde Tiere, die überlebenden Indianer, entlaufene Sklaven. Einen grossen Sklavenaufstand gab es 1763 unter einem “Cuffy” in Berbice im westlichen Guyana. Er wurde von den Niederländern mit Hilfe von Truppen der benachbarten Kolonialmächte GB und Frankreich nieder geschlagen. Im 18. Jh haben sich die Franzosen im östlichen Guyana festgesetzt. Aufstände und Fluchtversuche von Sklaven waren über Jahrhunderte gang und gäbe im Karibikraum. Im 18. Jh kamen verstärkt britische Siedler von den Kleinen Antillen ins westliche, niederländische Guyana; sie wurden im Westteil dieses Westens die Mehrheit.

Grossbritannien eroberten 1781 Teile des westlichen Guyanas (Berbice und Essequibo inkl. Demerara) von den Niederländern.13 In dieser Zeit wurde, an Mündung des Demerara in den Atlantik/die Karibik von den Briten Georgetown gegründet, benannt nach König George III. (1760-1820, Haus Hannover). An dieses britische “Zwischenspiel” 1781/82 schloss sich ein französisches an, 1782-84. Sie nannten Georgetown in Longchamps um. Die Niederländer benannten sie 1784 in Stabroek, nach Nicolaas Geelvinck van Stabroek, Präsident der WIC. Während der Revolutionskriege/Napoleonischen Kriege in Europa Ende des 18./Anfang des 19. Jh besetzten britische Truppen weder Niederländisch-Guyana. Frankreich mischte an der Seite der Holländer mit. Stabroek wurde wieder in Georgetown umbenannt.

1814 wurde Niederländisch-Gu(a)yana aufgeteilt: Die westlichen Teile, Berbice, Essequibo/Demerara und Pomeroon kamen definitiv an das Vereinigte Königreich von Grossbritannien und Irland. Den Niederländern blieb Surinam(e), das zuvor nur ein Teil von Niederländisch-Guyana gewesen war.14 1831 wurden die britischen Gebiete im nördlichen Südamerika zu Britisch-Guyana (British Guiana) vereinigt. Guyana war nunmehr aufgeteilt auf GB, Frankreich, NL15, diese Mächte hatten auch in der “eigentlichen” Karibik ihre Kolonien, in der Nähe ihrer Guyana-Kolonien.

Der westlichste Teil Guyanas kam also auch unter den britischen Kolonialismus. Zu einem Zeitpunkt, als sich jener Teil des britisch beherrschten Nordamerikas, aus dem die USA wurde, bereits unabhängig gemacht hatte und dabei war, zu expandieren. Ausser dem was dann Canada wurde, hatten die Briten in Amerika noch einige Kolonien im Karibik-Raum: Inseln in der eigentlichen Karibik, wie Jamaica; die Ostküsten Mittelamerikas (de jure aber nur das spätere Belize, und das auch erst ab 1862); und eben West-Guyana. Nach Eric Williams (Trinidad-Tobago, 20. Jh) waren Profite aus der Sklaven-/Plantagenwirtschaft entscheidend für den industriellen Aufschwung in GB. Liverpool war britisches Zentrum des Sklavenhandels aus der Karibik, dort gab es die erste Einwanderung von Schwarzen in GB. Wichtigste britische Kolonie wurde im 19. Jh Indien. In Britisch-Guyana machten aus Afrika stammende Sklaven die Arbeit in allen relevanten wirtschaftlichen Bereichen; und die waren Landwirtschaft (Plantagen, hauptsächlich Zuckerrohr, auch Reis), der Bergbau (Abbau von Bauxit, das für Aluminium benötigt wird; daneben auch Gold), und die Abholzung.

1823 gab es in Demerara-Essequibo eine Rebellion in die mehr als 10 000 Versklavte beteiligt waren. Die weitgehend friedliche Rebellion wurde von den britischen Kolonial-Truppen unter Gouvereneur John Murray in 2 Tagen brutal nieder-geschossen. Sie wurde von Sklaven mit hohem Status an-geführt, insbesondere einem Jack, der auf der Plantage eines John Gladstone arbeitete und daher auch Jack Gladstone genannt wurde. Auch dessen Vater, Quamina, und ein englischer Pastor, John Smith, waren beteiligt. Es ging ihnen um die aktuellen Lebens- und Arbeits-Bedingungen, auch gegen die Sklaverei an sich. Jack Gladstone wurde auf die britisch gehaltene Karibik-Insel Saint Lucia deportiert. Sein Vater Quamina wurde im unabhängigen Guyana ein Nationalheld für seinen Kampf gegen die Sklaverei. John Smith wurde zum Tode verurteilt, und insbesondere sein Schicksal stärkte die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei (abolitionist movement) im British Empire.

GB schuf 1833/34 die Sklaverei in seinen Kolonien ab.16 Viele der nun freien Schwarzen in Britisch-Guyana gründeten an der Küste Dörfer, in denen sie Subsistenz-Landwirtschaft (also für sich, nicht für den Verkauf) betrieben. Die Briten begannen 1838, so genannte Kontraktarbeiter (indentured laborers) für ihre Kolonien anzuwerben (hauptsächlich in der Karibik und im östlichen Afrika), die die Sklaven ersetzen sollten. Sie kamen hauptsächlich aus Indien, das damals dabei war, ganz britisch zu werden, sowie aus China und Portugal. Von 1838 bis 1917, dem Ende der Kontraktarbeit, brachten die Briten etwa 240 000 Inder in ihr Guyana. Sie arbeiteten in der Produktion von Zucker und Reis, wie zuvor die Sklaven, unter etwas besseren Bedingungen.

Die Beziehungen zwischen den Bevölkerungsgruppen sollen an dieser Stelle betrachtet werden. An der Spitze standen die Weissen, v.a. Briten, die Kolonialverwaltung sowie Plantagenbesitzer, wie Harry Davson von Davson & Co. Die Portugiesen kamen u.a. aus Madeira, gingen hauptsächlich nach Georgetown, als Händler. Von den Briten wurden sie, im Gegensatz zu den verbliebenen Niederländern, in der Regel nicht als gleichwertig angesehen, aufgrund ihrer mediterranen und katholischen Identität. Von den “Farbigen” wiederum wurden sie gerne als Lakaien der Briten gesehen. Zumindest ein Teil der Portugiesen in Britisch-Guyana assimilierte sich an die Briten, begann Englisch auch untereinander zu sprechen, nahm englische Namen an.

Die Schwarzen waren nun (de jure) frei. Inder und Chinesen arbeiteten bis zum “1. Weltkrieg” auf Plantagen. Die Indianer waren und wurden am wenigsten Teil der sich bildenden west-guyanischen Gesellschaft: die meisten von ihnen leb(t)en zurückgezogen im Urwald, dort wo Guyana gewissermaßen aufhörte. “Vermischungen” gab es im 19. Jh zwischen Schwarzen (meist Frauen) und Weissen (meist Männer), so entstand eine kleine Schicht von “Mischlingen”/ “Coloureds”/ “Mulatten”. Mitte des 19. Jh war der gemischt-rassige Prediger James Sayers -Orr in Britisch-Guyana aktiv, der anti-katholisch eingestellt war, er hetzte Schwarze gegen die Portugiesen auf. 1856 gab es deshalb die so genannten “Gabriel Riots”.

Ab Ende des 19. Jh gab es ernsthafte Bestrebungen hauptsächlich der Schwarzen und der Inder zur Änderung der kolonialen Plantokratie und schrittweise Reformen dieser. 1891 wurde eine erste Verfassung erlassen, auf deren Grundlage 1892 erstmals gewählt wurde. Und zwar die Hälfte eines 16-köpfigen Court of Policy, der britische Gouverneur war unter den nicht-gewählten Mitgliedern. Und die (sechs) Financial Representatives. Zusammen bildeten diese beiden Gremien den Combined Court. Das Wahlrecht war an Geschlecht, Einkommen, Bildung gebunden, wie damals üblich, so konnte ca. 1% der Bevölkerung wählen, und nur ein winziger Teil der Nicht-Weissen. Die Farbigen kämpften zunächst um Emanzipation, die Unabhängigkeit war zweitrangig.

Die Dekolonisation der Karibik erfolgte später als jene Lateinamerikas. Anfang des 19. Jh wurden die meisten lateinamerikanischen Staaten unabhängig, auch Haiti in dieser Zeit, als erster karibischer Staat. Es gibt in der Karibik heute noch von europäischen Staaten oder der USA abhängige Gebiete. Im Karibik-Raum gab es nicht den Unabhängigkeits-Kampf der weissen Oberschicht gegen das koloniale Mutterland wie in Lateinamerika > weil diese Schicht zu dünn, weil diese Gebiete an sich zu unattraktiv? Einer der gegen Rassenschranken kämpfte, der “Farbige” Patrick Dargan, scheiterte 1892 mit seiner Kandidatur; gewählt wurden 7 Plantagenbesitzer, 5 Händler, 2 Anwälte. Bei der nächsten Wahl 1897 schaffte es Dargan, der inzwischen die Progressive Association gegründet hatte. 1906 wurde unter Anderen der schwarze Guyaner Alfred Thorne gewählt, der sich auch anderswo in der Karibik gegen Rassendiskriminierung engagierte, Bürgermeister von Georgetown wurde.

1916 wurde mit Joseph Luckhoo der erste Inder in den Combined Court gewählt; ausserdem 3 Briten, 3 Portugiesen, 5 Schwarze (darunter Thorne), 1 Mischling. Im Wahlrecht gab es durch die Jahre leichte Änderungen/ Erweiterungen. 1917 schuf GB die Kontraktarbeit ab, die asiatischen Plantagenarbeiter blieben grossteils im Land, und suchten sich andere Plätze in der Gesellschaft. Die Oligarchie der britischen und niederländischen Plantagenbesitzer und Unternehmer blieb aber bestehen. Es gab ein langes Ringen um die Macht zwischen Weissen und Farbigen bzw zwischen Beibehaltung weisser Vorherrschaft und universaler Demokratie. 1926 gewann die “schwarze” Popular Party (PP) 12 von 14 gewählten Sitzen. Die meisten Sitze wurden aberkannt. 1928 wurde British Guiana Kronkolonie mit starker Stellung des General-Gouverneurs, und wenig Mitsprache der farbigen Mehrheit. An statt des Combined court trat ein Legislative Council, mit 30 Mitgliedern, 14 gewählten, 16 ernannten oder ihm kraft ihres Amtes angehörenden (wie der britische Gouverneur).

Die PP gewann auch die Wahlen 1930, gewählt wurde etwa, in Berbice, der aus Trinidad-Tobago stammende Autor A. R. F. Webber. In den 1940ern bereitete GB sein Guyana auf Autonomie vor. Georgetown brannte 1945 und 1951 ab. Die Wahl 1947 gewann die British Guyana Labour Party (BGLP) mit Crichlow von der Gewerkschaft BGLU; auch L. Forbes S. Burnham zog für sie ins Parlament. Dahinter die MPCA, die Partei (hauptsächlich) der indischen Zuckerarbeiter.  Das war auch das Political Affairs Committee (PAC) von Cheddie Jagan, der auch gewählt wurde. Diese 2, die die nächsten Jahrzehnte der Politik Guyanas bestimmen sollten, Führer der beiden wichtigsten Volksgruppen des Landes werden sollten, Burnham und Jagan, taten sich nach der Wahl zunächst mal zusammen, um 1950 die People’s Progressive Party (PPP) zu gründen, eine sozialistisch ausgerichtete Partei.

Der indische Gewerkschafts-Führer Jagan wurde leader der PPP, der schwarze (in GB ausgebildete) Jurist Burnham ihr chairman. Jagans Eltern waren aus Indien gekommen, er studierte in der USA, Zahnmedizin, heiratete dort Janet Rosenberg17, war dann gewerkschaftlich-politisch aktiv. Burnham wurde 1952 Führer der der PPP zugehörigen Gewerkschaft British Guiana Labour Union. Die PPP richtete sich an die ruralen indo-guyanesischen Arbeiter und die unteren Schichten der Afro-Guyanesen, sowie Elemente der Mittelklasse-Sektoren beider ethnischer Gruppen. Vor der Wahl 1953 wurde eine neue Verfassung beschlossen, die Gewährung echter Autonomie, die durch ein neues House of Assembly wahr genommen werden sollte (24 von 28 Mitgliedern gewählt) und die Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Diese Wahl brachte einen deutlichen Sieg der PPP. Die andere neue Partei war die National Democratic Party (NDP) unter Carter, die aus der League of Coloured Peoples hervor gegangen war und die Mittelklasse vertrat (Schwarze, Inder, Portugiesen).

Die Unterschichten siegten bei der ersten echt freien Wahl über die Mittelklasse, und die weisse Vorherrschaft schien sich nicht mehr lange halten zu können. Von Konservativen verschiedener Seiten wurde die PPP als kommunistisch gebrandmarkt, was in Zeiten des Kalten Kriegs in einem Entwicklungsland ein Verdikt war, das leicht zur Auslöschung der Betroffenen bzw zur Ausschaltung der Demokratie führen konnte. Zunächst wurde Jagan Premierminister und Abgeordnete seiner PPP wurden Minister, Burnham zB für Bildung.18 Die neue Regierung Britisch-Guyanas wurde vom britischen Kolonial-“Apparat” (vom Gouverneur abwärts) von Anfang an misstrauisch gesehen. Die Geschäftsleute waren aufgeschreckt vom Vorhaben, die Rolle des “Staates” in der Wirtschaft zu vergrössern.

Wobei sich auch innerhalb der Regierung bzw der PPP “Gräben” auftaten; Burnham plädierte angesichts der geopolitischen Bedingungen in der Region für eine moderatere Vorgehensweise als jene die Jagan wählte. Die PPP wurde zunehmend zwischen den Anhängern Jagans (die hauptsächlich Indo-Guyanesen waren) und jenen Burnhams (vornehmlich Afro-Guyaner) gespalten. Der aussen- und innenpolitisch linke Kurs der PPP-Regierung unter Jagan gefiel London und Washington gar nicht. Dann brachte die Regierung bzw ihre parlamentarische Mehrheit den Labour Relations Act durch, ein Gesetz das in den Augen seiner Kritiker die PPP-nahe Gewerkschaft GIWU begünstigen würde. An jenem Tag im Oktober 1953, als das Gesetz “durch kam”, suspendierte die britische Regierung (Premier Winston Churchill) die Verfassung Britisch-Guyanas (enthob damit die Autonomie-Regierung ihres Amtes) und schickte Truppen hin.

1953 bis 57 regierten der Generalgouverneur und eine “Interimsregierung”. Das Legislative Council wurde für die nächste Wahl wieder eingeführt. 1955 spaltete sich die PPP entlang der Anhängerschaften von Jagan und Burnham in zwei “Fraktionen”. Die Spaltung verlief weitgehend, aber noch nicht gänzlich, entlang der rassisch-ethnischen Linien. Bei der Wahl ’57 siegte die PPP-Jagan vor der PPP-Burnham, der NLF (der Arawak Stephen Campbell wurde erster Indianer im Parlament), UDP, GNP. Durch die neue Verfassung gab es nur ein (teilweise gewähltes) Parlament mit eingeschränkten Rechten, keine Regierung i.e.S. Eine Lektion, die Burnham aus der Wahl 57 lernte, war dass er mit den Stimmen der urbanen (und radikaleren) Unterschicht-Schwarzen nicht gewinnen konnte. Er brauchte die ruralen Mittelschicht-Schwarzen, Jene die die United Democratic Party (UDP) unterstützten. Seine Präferenz für Sozialismus konnte diese Schichten nicht zusammen bringen, so betonte er die Rasse als Gemeinsamkeit stärker.

Burnhams PPP-Fraktion und die UDP bildeten 1958 den People’s National Congress (PNC). Und die PPP wurde die Partei der indischen Bevölkerungs-Mehrheit der Kolonie, die ebenfalls klassenmäßig gespalten war, in die ruralen Zuckerrohr-Plantagen-Arbeiter und die urbanen Händler. Es bildeten sich hier die bestehenden (Konflikt-)Linien der Politik und Gesellschaft Guyanas heraus, v.a. die rassisch/ethnisch definierten Parteien. Und während Burnhams PNC etwas nach rechts rückte, blieb Jagans PPP links. Damit war er in den Augen von Verantwortlichen in Georgetown, London und Washington der Gefährlichere. Die “endgültige” Division der Politik in der Kolonie in eine indische PPP und einen schwarze PNC brachte Jagans Widerstand gegen den Beitritt Britisch-Guyanas zur Westindischen Föderation, die dabei war sich zu bilden, ein Zusammenschluss der britischen Karibik-Kolonien, als Übergangsform zur Unabhängigkeit. Nur in Trinidad-Tobago gab es sonst eine grosse indische Bevölkerungsgruppe und die PPP als Partei der Indo-Guyaner wollte einen politischen Rahmen vermeiden, in dem Inder den Schwarzen derart zahlenmäßig unterlegen waren.

Nach der Wiedereinsetzung der Autonomie wurde 1961 wieder gewählt, wieder ein neues Gremium, dazu kam ein ernannter Senat. Der PNC verbündete sich mit der NDP. Es siegte aber die PPP (Inder, Gewerkschaft GIWU) vor PNC (Schwarze, Gewerkschaft MPCA) und The United Force (TUF; Business, Katholische Kirche, Indianer, Chinesen, Portugiesen). Cheddi Jagan wurde wieder als Premier Britisch-Guyanas angelobt, von Oberrichter Joseph Luckhoo, auf die Bhagavad Gita, im Beisein von Gouverneur Ralph Grey. Er wurde auch Entwicklungsminister. Spätestens nach einem Abkommen mit Kubas Industrieminister “Che” Guevara begannen britische und amerikanische Destabilisierungsversuche seiner Regierung. Es ging jetzt um die Weichenstellungen für die Unabhängigkeit. 1964 brachte u.a. einen Streik der “Zucker-Arbeiter”. Dann die Ermordung von Arthur Abraham, einem portugiesischen Guyaner, der ein hoher Beamter war. Abraham, einer jener Portugiesen mit anglisierten Namen, und sieben seiner Kinder wurden durch ein gelegtes Feuer in seinem Haus in Georgetown getötet.

Eine Theorie dazu ist, dass Abraham getötet wurde, weil er an die TUF Informationen über die Regierung weiter gab, einer Partei die von einem anderen portugiesischen Guyaner geführt wurde, Peter d’Aguiar. Während Inder und Schwarze um die Macht kämpften, gelang es den Portugiesen nicht, sich ihren Platz im Land zu sichern. Portugiesen wurden mit dem britischen Kolonial-Establishment identifiziert, und der Mord an Abraham führte zu eienr Emigrations-Welle von Portugiesen, hauptsächlich nach Canada, USA, GB. Dann wurde Ende ’64 wieder gewählt, ein neues Ein-Kammern-Parlament, mit einem Sprecher der von den Gewählten gewählt wurde. Jagans PPP siegte vor Burnhams PNC und der (T)UF (D’Aguiar). CIA und MI6 sollen den PNC gegen die PPP unterstützt haben. PNC und UF bildeten eine Koalitionsregierung, Burnham wurde erstmals Premier.

1966 wurde Guyana von GB in die Unabhängigkeit entlassen, im Zuge der Entkolonialisierung der Karibik. Britische Truppen verliessen das Land, die britische Königin blieb zunächst Staatsoberhaupt, vertreten durch einen einheimischen General-Gouverneur. Guyana wurde nicht Teil der West Indies Associated States (1967 geschaffen), aber von dessen Kricket-Auswahl. Kricket war und ist der wichtigste Sport des Landes. Und er ist einend im Land der Spannungen zwischen Indern und Schwarzen, in dem auch nach der Unabhängigkeit das Trennende dominiert(e). Guyana ist ein Land ohne dominante Bevölkerungsgruppe und ohne kontinuierliche Kolonialherrschaft. Inder machen etwa die Hälfte der Bevölkerung aus. Indo-Guyaner sind ein wichtiger Bestandteil der indischen Diaspora. Sie leben eher im ruralen Raum, sind dort oft in der Zucker- und Reis-Produktion beschäftigt. Inder sind überall nach der Religion (Hindus, Moslems, Sikh, Christen,…) und nach dem Herkunftsgebiet (bzw der Sprache) diversifiziert (Bihari, Tamil,…). Afro-Guyaner machen etwa 40% aus.

Im benachbarten Surinam(e) (1975 von NL unabhängig) gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen jenen Schwarzen deren Vorfahren immer Sklaven und Bedienstete der Weissen waren (“Kreolen”, auch zT biologisch mit den Niederländern vermischt) und den “Maroons”, denen irgendwann die Flucht gelang, in den Dschungel, zu den Indianern – sie haben sich ihre afrikanische Identität stärker bewahrt. In Guyana sind diese Unterschiede nicht so ausgeprägt bzw ist die Gruppe der Maroons kleiner. Afro-Guyaner arbeiten oft im Bergbau, dominieren die meisten Städte, jedenfalls Georgetown, stellen einen sehr grossen Teil der Staatsbediensteten, nicht zuletzt jene in Militär und Polizei.

Die drittgrösste Bevölkerungsgruppe Guyanas sind Mischlinge, die etwa 4% ausmachen. Das sind v.a. “Dougla”, Nachkommen von Verbindungen zwischen Indern und Schwarzen, die es auch anderswo in der Karibik gibt. Im Land der rassischen Parteien haben sie keine eigene. Auch die “Indianer” (oft Amerindians genannt) machen etwa 4% aus. Es gibt Caraib, Arawak, WaiWai und andere Unter-Gruppen. Die meisten leben im Süden des Landes. Die nach der Unabhängigkeit gebliebenen Weissen (~1%) sind überwiegendst Portugiesen, die britische Oberschicht ist kaum geblieben. Weiters gibt es Chinesen und andere Asiaten, auch Mizrahi-Juden.

Die erste Wahl nach der Unabhängigkeit, 1968, brachte eine absolute Mehrheit für den PNC, die möglicherweise manipuliert war. PPP und UF landeten weit abgeschlagen. Und hier schliesst sich der Grenzstreit mit Venezuela sowie der Indianer-Aufstand von 1969 an. Guyana grenzt im Westen an Venezuela, im Osten an Suriname, im Süden an Brasilien. Grenzstreitigkeiten gibt es mit Venezuela und Suriname. Venezuela beansprucht seit seiner Unabhängigkeit 1830 Land westlich des Essequibo-Flusses. Einen Teil von dem, was Niederländer bzw Briten einst den Spaniern abnahmen. 1962 hat die Regierung Venezuelas den Anspruch erneuert und die Ablehnung der 1899 fest gelegten Grenze. 1966 annektierte Venezuela die Hälfte der Ankoko-Insel im Cuyuni-Fluss. Und 1968 erhob das Land Ansprüche auf einen Streifen an der Westküste Guyanas.

1969 erhoben sich in der Provinz Upper Takutu – Upper Essequibo im Südwesten Guyanas die Makushi-Indianer. In der Rupununi-Gegend dieser Provinz dominiert nicht Regenwald sondern Savanne, was Viehzucht ermöglicht. Die Makushi dort sind zT mit Weissen vermischt. Der dort “führende” Melville-Hart-Clan geht auf den Schotten Melville und seine 2 indianischen Frauen zurück (Ende des 19. Jh). Möglicherweise lebten 1969 auch Weisse dort. Die Gegend grenzt an Venezuela und Brasilien, ist teilweise protestantisch, teilweise katholisch. Sie ist südamerikanischer als der Rest Guyanas. Edward Melville wurde 1961 für die (T)UF ins Parlament gewählt.

Der Aufstand 1969 war vom PNC-Wahlsieg 68 motiviert, von der Sorge um Landrechte. Es war ein Aufstand gegen Guyana, wurde möglicherweise von Venezuela unterstützt. Das Gebiet befindet sich in dem von Venezuela beanspruchten “Guyana Essequiba”. TUF-Führer D’Aguiar wurde auch der Aufstachelung beschuldigt. Die Guyana Defence Force unter ihrem ersten Generalstabschef Ronald Pope, einem Briten, schlug den Aufstand nieder. Soldaten wurden mit Flugzeugen der Guyana Airways in den Süden gebracht, weil das Militär keine eigenen Transport-Flugzeuge hatte. Ein Abkommen zwischen den Regierungschefs von Venezuela und Guyana 1970 brachte vorläufig Ruhe in den Grenzstreit.

Die Indianer haben also auch ihren Anteil zu den rassisch-kulturell-politischen Konflikten des Landes bei getragen. Der dominierende war der Kampf um die Macht zwischen Schwarzen und Indern. Zu den Problemen nach der Unabhängigkeit kamen auch noch wirtschaftliche. Dies führte zur Auswanderung vieler Guyaner. Manche gingen schon vor der Unabhängigkeit, v.a. viele Weisse. Jene, die Guyana ab Ende der 1960er verliessen, gingen hauptsächlich nach Grossbritannien, USA, Canada. Manche auch in Länder der Region, wie Suriname und Brasilien. Die Emigration hält bis heute an, und der Verlust talentierter bzw gut gebildeter Menschen schwächt das Land natürlich weiter. Etwa 500 000 Guyaner leben im Exil, fast so Viele wie im Land. Auch die meisten Literaten Guyanas leben im Exil, etwa Rooplall Monar, ein indischer Guyaner. Der Reggae-Musiker Edmond “Eddy” Grant ist einer der berühmtesten Guyaner (bzw einer der wenigen berühmten) und ebenfalls Exil-Guyaner (in GB).19

1970 bekam das Land den bis heute geltenden Namen “Co-operative Republic” (of Guyana). Diese Änderung war damit verbunden, dass der letzte Gouverneur Edward Luckhoo (der die Queen als Staatsoberhaupt vertrat) Übergangs-Staatspräsident wurde. Dann war, 1970 bis 80 Arthur Chung, ein chinesischer Guyaner, Präsident Guyanas. Die Exekutivgewalt blieb beim Premierminister. Und da die Wahlen 73 und 80 eben so ausgingen wie jene 68, regierten Burnham und der PNC weiter. Burnham machte eine Wende nach Links, zu einem sozialistischen Kurs, und zu einem autoritären Regime. 1972 wurden die Beziehungen zu GB eingeschränkt. Cuba wurde dafür ein wichtiger Partner. Hegemonialmacht (und weisse Aufsicht?) in der Region wurde die USA. Als Gegengewicht (?) wurde 1973 der Staatenbund Caribbean Community (CARICOM) geschaffen.

Das Massaker bzw der Massenselbstmord der amerikanischen Sekte im November 78 brachte für die Burnham-Regierung ungewollte internationale “Aufmerksamkeit” bzw für die USA einen Grund, sich dort einzumischen. Zu einer Invasion wie in Grenada 1983 kam es aber nicht. Im Inneren schwelten in dieser Zeit die Spannungen zwischen Indern und Schwarzen weiter, führten 1979 zu Unruhen. Vor diesem Hintergrund gründete der Historiker Walter Rodney in diesem Jahr die Working People’s Alliance (WPA). Der Afro-Guyaner Rodney, in GB ausgebildet, beschäftigte sich mit schwarzer Geschichte, lebte auch in Tanzania, engagierte sich zB in Jamaica Ende der 60er. Er war Rastafari und Pan-Afrikanist, wollte mit der WPA aber einen Beitrag zur “interrassischen Harmonie” leisten, stand im Gegensatz zur PNC-Regierung. Er wurde 1980 durch eine Autobombe getötet, Burnham soll dahinter gestanden haben.

Die WPA kam bei der Wahl 1980 hinter PNC, PPP und UF ins Parlament. Die Wahlen der 70er und 80er in Guyana waren wahrscheinlich manipuliert, sicherten die PNC-Herrschaft. Burnham erliess ’80 eine neue Verfassung, die Umwandlung Guyanas in eine semi-presidentielle Republik. Burnham (Premier 64-80) selbst wurde erster Staatspräsident mit Exekutivgewalt (80-85); das Amt des Premierministers/ Ministerpräsidenten blieb bestehen. Burnham starb 1985, Desmond Hoyte (PNC), zuvor Vizepräsident und Premier, wurde neuer Staatspräsident. Hoyte änderte den linken, antiimperialistischen Kurs. Auch mit den Wahlschiebungen war es vorbei20. 1992 gewann die PPP die Wahl, Cheddi Jagan wurde Präsident21, Hoyte Oppositionsführer. Die Afro-Guyaner waren nicht mehr die dominierende Ethnie.

Der Zahnarzt Cheddi Jagan, 53 Chefminister, 61-64 Premier, feierte also 92 ein politisches Comeback. Nach seinem Tod 97 wurde zunächst Hinds, ein Schwarzer von der PPP, zuvor Premier, für kurze Zeit sein Nachfolger. Die Witwe Jagans, Janet, zuvor u.a. UN-Botschafterin Guyanas, wurde Vizepräsidentin und Premierministerin. Nach der Parlaments-Wahl im Dezember 97, die einen Sieg der PPP brachte, wurde Janet Jagan Präsidentin; Hinds wieder Premier. Darauf folgte ein Monat mit Unruhen in Guyana, hauptsächlich von Funktionären und Anhängern des PNC. Eine Mission der CARICOM vermittelte ein “Friedensabkommen”.

Janet Jagan trat 1999 aus gesundheitlichen Gründen zurück. Der Indo-Guyaner Bharrat Jagdeo von der PPP wurde neuer Präsident.22 Da die PPP auch die Wahlen 01 und 06 gewann, blieb Jagdeo bis 11 Präsident. Die PPP gewann auch die Wahl 11, aber Donald Ramotar wurde Spitzenkandidat und dann neuer Präsident, da Jagdeo aufgrund einer von ihm selbst initiierten Begrenzung von Amtszeiten abtrat. Für die Wahl 15 tat sich die PNC mit anderen Parteien zusammen (NDF, WPA,…), zu A Partnership for National Unity (APNU), und gewann, knapp vor der PPP (alleine), dann die UF,… David Granger, ein früherer Top-Militär des Landes, war auf die verstorbenen Hoyte und Corbin als PNC-Chef gefolgt, wurde nun Staatspräsident. Jagdeo ist inzwischen wieder PPP- bzw Oppositions-Chef. Der Ausweg aus ethnischen Konflikten, politischer Instabilität, Unterentwicklung, Armut, Abhängigkeit muss noch gefunden werden.

Die Kreolisierung und die Suche nach Identität zeigt sich in Guyana auch in der Sprach-Situation. Die Kolonial-Sprache Englisch ist klar die Sprache Nr. 1, jene der Bildung, der (meisten) Medien,… Daneben spielen aber auch die Sprachen diverser Volksgruppen eine Rolle. Jene der Inder, wie Hindi, jene der Indianer, wie Arahuacan, ausserdem Portugiesisch, Chinesisch,… Und es gibt eine Englisch-Kreol-Sprache, ein verändertes, landesspezifisches Englisch mit Einflüssen diverser Volksgruppen. Darin finden sich Wörter der “Amerindians” (besonders für topographische Bezeichnungen, Ausdrücke für die Tier- und Pflanzenwelt), aus dem Niederländischen (hauptsächlich für Begriffe in Zusammenhang mit dem Meer), aus afrikanischen Sprachen, aus indischen Sprachen (v.a. für die Küche, aber auch Verwandtschaftsbezeichnungen).

Auch bei den Religionen Guyanas zeigt sich die Heterogenität bzw Diversität. Das Christentum dominiert (Anglikaner sind die grösste Einzel-Gruppe; die meisten von ihnen sind Afro-Guyaner), es gibt aber auch Hindus, Moslems, Sikh (Inder), Buddhisten (Chinesen), Baha’i, Naturreligionen (Indianer). Eine afro-amerikanische Mischreligion wie wie Voodoo, Rastafari oder Umbanda ist in Guyana nicht entstanden, aber besonders die Rastafari-Religion hat sich auch dort hin ausgebreitet. Dass der Katholizismus nicht dominierend ist, trennt Guyana auch von Lateinamerika (bzw ist Ausdruck dieser “Sonder-Entwicklung”).

Ungefähr 90% der Bevölkerung von Guyana lebt an oder in der Nähe der Küste.23 Ungefähr 90% der Fläche Guyanas ist nicht verbaut und spärlichst besiedelt. Jean La Rose, eine Arawak, kämpft für einen Schutz des Regenwalds und seiner Bewohner, gegen Bergbau-Unternehmen. Tourismus ist wichtigster Wirtschaftszweig der Karibik, Guyana nascht (noch) wenig mit. Im Drogenweiterhandel, dem Transit aus Südamerika (v.a. Kolumbien) nach Nordamerika (v.a USA), spielt das Land inzwischen auch eine Rolle.

Die Karibik wie sie heute besteht, ist Produkt des europäischen Kolonialismus’ der Neuzeit. Sie ist ethnisch, sprachlich, religiös, kulturell (Kricket ist zB nur in den britisch geprägten Inseln und Gebieten der dominierende Sport), wirtschaftlich, politisch heterogen. Schwarze sind die dominierende “Ethne” im karibischen Raum. Asiaten (v.a. Inder) gibt es nur in manchen Ländern der Karibik, Weisse sind wenig, Indianer fast nicht (mehr) existent; daneben gibt es Mischlinge. Sprachlich dominiert Spanisch, vor Englisch, Französisch, Niederländisch, Kreolsprachen, asiatischen Sprachen, “indianischen” Sprachen. Die Vorstellungen und Realitäten (von) der Karibik schwanken zwischen Paradies und 3. Welt.

 

Literatur & Links & Filme

* Zum Peoples Temple:

Alternative Considerations of Jonestown & Peoples Temple

Deborah Layton: Selbstmord im Paradies: Mein Leben in der Sekte (2008). Englisches Original: Seductive Poison. A Jonestown Survivor’s Story of Life and Death in the Peoples Temple (1998)

Mark Lane: The Strongest Poison (1980)

Henning Mankell: Vor dem Frost (2005). Roman der einen Bogen von dem Massaker in Jonestown 1978 bis zu jenem in New York 2001 spannt. Es geht um religiösen Wahn und Gewalt. In Jonestown gab es auch die höchste Zahl ziviler amerikanischer Opfer vor 01, ausser bei Naturkatastrophen

Tim Reiterman: Raven: The Untold Story of the Rev. Jim Jones and His People (1982)

Ralf Isau: Der silberne Sinn (2003). Mischung aus Tatsachenroman, SF,… mit der Massentötung 78 als Ausgangspunkt, auch das Land Guyana spielt eine Rolle

Verschwörungstheorien zu Jonestown! 

Franco »Bifo« Berardi: Helden. Über Massenmord und Suizid (2016)

Marshall Kilduff, Ron Javers: Der Selbstmordkult. Die Hintergrundgeschichte der ‘Volkstempel’-Sekte und das Massaker von Guayana (1979). Javers ist auch ein überlebender Journalist

Charles A. Krause: Die Tragödie von Guayana. Der Massenselbstmord (1978)

Shiva Naipaul: Journey to Nowhere/ Black & White (1980)

“Jonestown: The Life and Death of Peoples Temple” ist ein Dokumentarfilm aus 2006. Dann gab es die CNN-Doku „Escape From Jonestown“ (2008, 30 Jahre danach). Es gibt (zumindest) 2 Spielfilme über Jonestown. Und, HBO plant eine Serie darüber, geschrieben von Vince Gilligan (“Breaking Bad”). Sie soll “Raven” heissen und auf dem Buch von Tim Reiterman basieren. Reportage aus 1978

* Zu Guyana:

Odeen Ishmael: The Guyana Story: From Earliest Times to Independence (2013)

Vere T. Daly: A Short History of The Guyanese People (1975)

Barbara Josiah: Migration, Mining, and the African Diaspora. Guyana in the Nineteenth and Twentieth Centuries (2011)

James G. Rose: British colonial policy and the transfer of power in British Guiana, 1945-1964 (1992)

Walter Rodney: Guyanese Sugar Plantations in the Late Nineteenth Century: a Contemporary Description from the “Argosy” (1979)

George K. Danns: Domination and Power in Guyana: A Study of the Police in a Third World Context (1982)

Odeen Ishmael: The Trail of Diplomacy: The Guyana-Venezuela Border Issue (2015)

Silvius E. Wilson: Nationalism in the Era of Globalisation – Issues from Guyana and the Bahamas: Working People’s Contribution to Civil Society, Good Governance and Sustainable Development (2008)

Selwyn R. Cudjoe: Caribbean Visionary: A. R. F. Webber and the Making of the Guyanese Nation (2008)

Juanita De Barros: Order and Place in a Colonial City. Patterns of Struggle and Resistance in Georgetown, British Guiana, 1889-1924 (2003)

Dave Hollett: Passage from India to El Dorado: Guyana and the Great Migration (1999)

Über die Wahl 2015

Michael Swan: The Marches Of El Dorado (1958)

Über die Portugiesen in Guyana

Nigel Westmaas, Juanita De Barros: Historical Commentaries: British Guiana (Guyana). In: Robert Hill (Hg.): The Marcus Garvey and Universal Negro Improvement Association Papers, The Caribbean Diaspora, 1910-1920, Volume 11 (2013)

Über Walter Rodney 

Albert Raymond Forbes Webber: Centenary History and Handbook of British Guiana (1931)

www.politicalresources.net/guyana.htm

workmall.com/wfb2001/guyana/

www.guyana.org

David J. Holbrook and Holly A. Holbrook: Guyanese Creole Survey Report  (SIL International 2001)

Herrscher Guyanas

Karte von Guyana

* Zur Karibik allgemein:

Eric Williams: From Columbus to Castro: The History of the Caribbean 1492-1969 (1984)

Bernd Hausberger, Gerhard Pfeisinger (Hg.): Die Karibik. Geschichte und Gesellschaft 1492-2000 (2005)

Franklin W. Knight: The Caribbean. The Genesis of a Fragmented Nationalism (1990)

Eric Williams: Capitalism and Slavery (1994)

Cécile Révauger: The Abolition of Slavery – The British Debate 1787–1840 (2008)

Jamaica verlangt Reparationen von GB für die Sklaverei 

Paloma Mohamed, Barrington Braithwaite, Al Creighton: Caribbean Mythology and Modern Life: 5 Plays for Young People (2004)

* Zu den 1970ern:

http://www.history.com/topics/1970s

Susanne Pauser, Wolfgang Ritschl: Wickie, Slime und Paiper. Das Online-Erinnerungsalbum für die Kinder der siebziger Jahre (1999)

Die besten Pop/Rock-Songs der 70er

http://seventiesmusic.wordpress.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Southern Baptist Convention hat sich erst 1995 davon distanziert
  2. 2014 machte Random House daraus ein Hörbuch; Charles Krause, ein anderer Überlebender, liest das Vorwort
  3. Die Zwangskonversion betraf auch andere religiöse “Dissidenten”, Paulikaner, Juden und Manichäer
  4. Das letzte bedeutende Seppuko war jenes von Yukio Mishima 1970
  5. Wenn man die selben Kategorien anwendet wie Manche heute zB zum Bürgerkrieg in Syrien, dann, ja, war es eine Sache unter (christlichen) Amerikanern
  6. Er ist wie sein Bruder nach GB ausgewandert. Guyana und TT sind jedenfalls die beiden Staaten im karibischen Raum mit der höchsten Zahl von Indern in der Bevölkerung; danach kommen, schon mit einigem Abstand, Surinam, Jamaica,…
  7. Und Pablo Picasso starb übrigens in diesem Jahr
  8. 3000+ Menschen unter ihm getötet
  9. Den man in Europa infolge der Aufklärung beseitigt hatte!
  10. “Apollo 13”, 1970, war die schief gelaufene Mission mit dem explodierten Tank, die mit “Tom” Hanks verfilmt wurde
  11. In Taba wurde „nur“ ein Hotel gebaut. In den Verhandlungen mit Ägypten beanspruchte Israel Taba dann für sich, da es bei der osmanisch-britischen Grenzziehung 1906 auf der osmanischen (palästinensichen) Seite gewesen sei. Die Stadt wurde erst 1989 an Ägypten zurück gegeben
  12. Im Libanon gingen 1975 Spannungen, Scharmützel (die stark mit der Anwesenheit palästinensischer Flüchtlinge seit der Nakba 1948 zu tun hatten) und staatlicher Autoritätsverlust in einen Bürgerkrieg über. Aber das ist eine andere Geschichte
  13. Die Briten waren dort bereits 1665/66 eingedrungen
  14. Niederländisch-Guyana” war bis 1814 die inoffizielle Bezeichnung für die Gesamtheit von Surinam, Berbice,…, wurde danach für Surinam (offizieller Name, tatsächliches Gebiet) benutzt, wurde Synonym dafür
  15. Teile im Westen waren den Spaniern verblieben, dieser war Teil von Neugranada, Grosskolumbien und schliesslich Venezuela. Vielleicht kam ein Teil von Guyana im Osten auch an das portugiesische Brasilien – das historische Guyana war schliesslich nie genau definiert. Aber wurde von europäischen Mächten aufgeteilt
  16. Einige Ausnahmen blieben bis in die 1840er
  17. Eine amerikanische Jüdin ungarisch-rumänischer Herkunft
  18. Der Speaker bzw Parlamentspräsident wurde vom Gouverneur ernannt, Janet Jagan von der PPP wurde zur Vizesprecherin gewählt
  19. Die 1980er waren seine beste Zeit. Er sagte einst in einem Interview, dass in Österreich zum Rhythmus seines hochpolitischen Anti-Apartheid-Songs “Gimme Hope Jo’anna” in Bierzelten herum-gehopst wird, störe ihn nicht
  20. Das Antiimperialistische und das Autoritäre hat nicht unbedingt miteinander zu tun, auch wenn man das gerne vermischt
  21. Der Kandidat der Siegerpartei bei der Parlaments-Wahl wird Präsident
  22. Jagdeo ist der Name eines Dorfes im heute pakistanischen Teil des Punjab; gut möglich, dass seine Vorfahren von dort stammen
  23. Das hat es mit den anderen beiden Guyanas gemeinsam. Das östliche Guyana ist noch immer französisch. Surinam hat wie die Co-operative Republic of Guyana grosse schwarze und asiatische Bevölkerungsteile, wenig Weisse, ethnisch definierte Parteien, viel Heterogenität und Gegeneinander, viel Armut und Auswanderung

Von Meinungsfreiheit und Tabus

Der “Fall” Böhmermann soll Anlass sein, die Tabus und die Toleranzgrenzen der anderen Seite unter die Lupe zu nehmen, jener die gerne auf der Meinungsfreiheit herum reiten, hinzuschauen wo diese selbst keinen Spass verstehen, wo es hier Zensur gibt, Tabus, hier die Meinungsfreiheit endet, und wo es ein Einknicken vor diesen Zensurversuchen und Empörungen gibt. Schwerpunkt ist der deutschsprachige Raum.

Im März 16 zunächst ein Erdogan-Schmäh-Lied in der NDR/ARD-Sendung “extra 3” („Erdowie, Erdowo, Erdogan“), Empörung der türkischen Regierung, dann in der ZDF-Sendung “Neo Magazin Royale” ein “satirisches” Gedicht über Erdoğan, von Jan Böhmermann, bezugnehmend auf das Lied. Böhmermann sagte seine nächste Sendung ab, stand unter Polizeischutz, der Clip wurde aus der Mediathek gelöscht. Man kennt diese Wechselwirkungen seit dem Rushdie-Buch. Erregungsstürme hier, Erregungsstürme anderer Art da. Merkel liess im April 16 ein vom türkischen Staat angestrengtes Strafverfahren gegen Böhmermann in Deutschland nach § 103 StGB (Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten) zu und erklärte gleichzeitig, dass die Bundesregierung den Paragraphen abschaffen wolle. AfD warf der Kanzlerin einen “Kniefall vor Erdogan” vor. Im Oktober gab die Staatsanwaltschaft Mainz bekannt, dass das Strafverfahren eingestellt wurde. Türkeis Präsident Erdogan soll auch eine einstweilige Verfügung gegen Springer-Chef Mathias Döpfner beantragt haben, wegen dessen Unterstützung für das Schmähgedicht.

orf.at damals: “Mit einem bizarren Fernsehbeitrag hat der türkische Sender A Haber auf das Schmähgedicht des ZDF-Satirikers Jan Böhmermann reagiert. A Haber ist auf Linie von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, der wegen Böhmermanns Schmähgedicht Strafanzeige erstattet hat. Ein A-Haber-Reporter versuchte in Mainz nun, unter Berufung auf die Pressefreiheit mit laufender Kamera auf das Gelände der ZDF-Zentrale zu gelangen. Dass dem türkischen Team der Zutritt nicht gestattet wird, soll als Beleg für den schlechten Zustand der Pressefreiheit in Deutschland dienen. Das ZDF wies die Darstellung von A Haber zurück. Ein Sprecher erklärte in Mainz auf Anfrage: ‘Es hat keine Anfrage des türkischen Senders gegeben: weder nach einem Interview noch nach einer Drehgenehmigung.’ ” Fragwürdiges und Bemerkenswertes von mir hervor gehoben.1

Erdogan war 1999 wegen des Rezitierens eines politisch-religiösen Gedichts zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, eines Gedichts von Gökalp, das einen türkischen Nationalismus religiöser Note widergibt. Jene Kräfte in der Türkei, die damals dort herrschten (auf die, so gesehen, Erdogans damalige Strafe zurück ging), also hauptsächlich die Kemalisten (v.a. CHP), stehen Gökalps Gedankengut eigentlich näher als Erdogan bzw die AKP.

Die konservative britische Zeitschrift „The Spectator“ startete “aus Solidarität mit Böhmermann” einen Wettbewerb um das beste satirische Gedicht über Erdogan. Den Sieg holte sich der frühere Londoner Bürgermeister und jetzige Aussenminister Boris Johnson, Conservative and Unionist Party, früherer Herausgeber des Spectators, der sowohl (russisch-)jüdische als auch (tscherkessisch-)türkische Vorfahren hat. Im Limerick von Johnson geht es unter anderem um einem „jungen Typen aus Ankara“, der sich mit einer Ziege „die Hörner abstiess“. Dem Magazin sagte Johnson, wenn jemand einen Witz über die Liebe zwischen dem türkischen Präsidenten und einer Ziege machen wolle, solle er das in jedem europäischen Land tun dürfen, „auch in der Türkei“.

Einen deutschen oder englischen Politiker würde er aber nicht mit Sex mit einer Ziege zusammenbringen. Es ist salonfähig geworden, Muslime als “Ziegenficker” zu bezeichnen. Der Sohn der FPÖ-Politikerin Susanne Winter, in der Jugend-Organisation der Partei aktiv, schlug mal vor, “Ziegen und Schafe in Grazer Parks anzubinden, damit Moslems nicht Frauen vergewaltigen”.2 Unter dem Deckmantel von “Meinungsfreiheit”, “Islamkritik” oder “Provokation” soll jeder Rassismus erlaubt sein. Der Unterschied zwischen Religionskritik und Rassismus wird entweder bewusst vermischt oder blind übersehen. Der niederländische Filmemacher “Theo” van Gogh bezeichnete Moslems häufig als geitenneukers (Ziegenficker). Er wurde, nachdem was bekannt wurde, 04 nicht wegen diesen Rassismen von einem Islamisten ermordet, sondern wegen seinen “Gotteslästerungen”. Womit man schon mitten im Thema ist. Für Islamisten sind nicht (als „aufklärerisch“ maskierte) völkisch-rassische Ressentiments ein Problem sondern “Beleidigungen” des Islam.

Eine Topemeldung von orf.at: “Ein türkisches Gericht muss nun eine nur auf den ersten Blick erheiternde Frage klären: Wie böse ist Gnom Gollum aus J. R. R. Tolkiens ‘Herr der Ringe’ eigentlich – und was hat er mit Präsident Recep Tayyip Erdogan gemein? Hintergrund ist eine harmlose Fotomontage eines türkischen Arztes, in der dieser die Tischmanieren der beiden verglich. Ihm droht deshalb…” Oder, ebenfalls dort: “Der für sein cholerisches Temperament bekannte türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat bei der Trauerfeier für die verstorbene Boxlegende Muhammad Ali für einen Eklat gesorgt. Er verließ vorzeitig die Feierlichkeiten in den USA, berichtete der ‘Spiegel’… Erdogan wollte … bei der Trauerfeier ein Stück des mit Koran-Versen verzierten Stoffes aus der großen Moschee in Mekka auf Alis Sarg legen. Weil ihm das nicht gestattet worden sei, sei der türkische Präsident sehr gekränkt, berichtete die Zeitung ‘Hürriyet’ unter Berufung auf Mitarbeiter Erdogans.” Vielleicht sind es eher seine Gegner, die hysterisch sind, nicht er. Vielleicht ist die Obsession hier auf der Gegenseite.

Bei den Yahoo-Nachrichten kürzlich: “Unfassbar, wegen dieses Bildes rasten die Leute aus, der schockierende Grund…, …brach wegen eines Urlaubsfotos ein Shitstorm über PSG-Keeper Kevin Trapp herein, …aufs Übelste beleidigt, weil er ein Foto seiner Israel-Reise via Instagram veröffentlichte, Wie die Bild-Zeitung berichtete, musste er sich vor allem von Arabern, die Israel als Staat nicht akzeptieren, beleidigen lassen, …rassistischer Shitstorm wegen einer Israel-Reise..”. Damit die Quellenlage nicht so einseitig ist, wurde auch auf “Die Welt” und die Twitter-Meldung der blonden Springer-Schreiberin Mirjam Fischer zurück gegriffen, die sich dem “Kampf gegen Antisemitismus” widmet.3

Das sind sie, die Empörungen über die Empörung, das Ausrasten über den Orientalen und seine Verklemmtheit, das sich Erfreuen darüber und “Entlarven” bzw Analysieren/Sezieren. Eng damit zusammen hängt der Entrüstungssturm über tatsächliches/vermeintliches Einknicken, Zurücknehmen und Zensieren. Bezüglich der (in der Tat schwerwiegenden) Übergriffe zu Sylvester 15/16 in Köln kamen zB Vorwürfe des Verschweigens, des Unter-den-Tisch-kehrens. Man muss es sagen dürfen, es darf keine Denkverbote, keine Tabus, Zensur und Redeverbote geben; es gäbe eine Selbstzensur der Medien im Hinblick auf Berichterstattung über Muslime, durch die Gutmenschen. „Kritik am Islam ist ein Tabu“ heisst es, während die Islamkritik-Industrie blüht. Weg mit dem Tabu-Katalog der politisch korrekten Meinungsdiktatur, kein Appeasement. Schluss damit dass man unschuldig ins rechte Eck geschoben wird, dass die Rassismuskeule geschwungen wird. Keine Sonderrechte und Verhätschelung mehr. Statt Kulturrelativismus bzw Toleranz gegenüber der Intoleranz die fortschrittlichen Werte der westlichen Aufklärung.

Von Rushdie bis Houellebecq

Das Muster, sich über die fanatische Erregung der Orientalen zu mokieren (und sich in der Rolle des aufgeklärten Westlers zu verorten), geht mindestens in die 1980er zurück, als “Rudi Carrell” eine Khomeini-Parodie machte und die “Bild” danach wusste, aus dem Iran sei ein Todeskommando für ihn unterwegs sei. Allerdings, Reaktionen wie auf Salman Rushdies Roman “Die Satanischen Verse” (1988 erschienen), in dem u.a. der Prophet Mohammed mit dem Engel Gabriel “schwulte”, haben diese Mokerie erst genährt bzw begründet. Die Todes-Fatwa des iranischen Staatschefs Khomeini 1989 kam zu einer Zeit, als Islamismus (bzw Islamkrise) und Islamophobie erst “aufblühten”. Seit damals gibt es das Muster der islamistischen hysterischen Reaktion sowie der westistischen Lust an der Provokation und des Weidens an der Hysterie.

Khomeini und andere Islamisten haben nicht nur für dieses Buch von Rushdie geworben, sie haben ihn überhaupt unsterblich gemacht… Die islamistische Erregung über ihn und die westlich-kulturkämpferische Vereinnahmung verdecken, dass dieser auch postkoloniale Kritik übt. Und: das iranische Regime und viele Moslems (darunter auch manche Iraner) empörten sich hier mehr als über echt Rassistisches, wie Betty Mahmoody (Buch, Film)4 oder von Oriana Fallaci. Diese hat in “Die Wut und der Stolz” Muslime/Migranten als Ratten beschimpft, nicht die Religion bzw deren Wurzeln, sondern die Menschen und ihre Kultur (bzw, was sie darunter verstand). So etwas löst(e) nicht so heftige Reaktionen in der islamischen Welt aus, obwohl diese Aussagen im Gegensatz zu Rushdies Roman rassistisch und hetzerisch sind. Und noch ein Aspekt hierzu: Gilles-William Goldnadel, Präsident der französischen “Anwälte ohne Grenzen” (die sich anders als etwa “Reporter ohne Grenzen” nicht für die Dritte Welt interessieren), verteidigte vor Gericht das Pamphlet von Fallaci, wie er zB „israelkritische“ Journalisten verklagt.

Oder die Aufregung und dann Gegen-Aufregung um die Regensburger Rede des damaligen Papstes Benedikt (J. Ratzinger) über den Islam 06, mit einem Zitat aus der Rede des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaologos an einen „gebildeten Perser“. Dies war voll im Zeitalter der Islam-Übergangskrise. Der damalige EU-Kommissionspräsident Barroso hatte vielleicht nicht ganz Unrecht, als er sagte, “Das Problem sind nicht die Äusserungen des Papstes, sondern die Reaktionen der Extremisten.” Da die Rede keine Inhalte des Islams behandelte, sondern seine geschichtliche Dimension, hielt sich die Aufregung hier aber in Grenzen. Barroso und auch die damalige italienische Opposition um Berlusconi warfen Europas Politikern vor, den Papst bezüglich der Kritik nicht genügend verteidigt zu haben. Manche machten eine “Verteidigung westlicher Identität” daraus. Die Kritik, auch jene im Westen, bezog sich auf die undifferenzierte Beurteilung der Religion bzw ihre kommentarlose Wiedergabe. Barroso ortete den Grund für die “Zurückhaltung” in einer “Besorgnis über eine mögliche Konfrontation” und in einer “Art politischer Korrektheit”.

In den 00er-Jahren wurde das IT Instrument sowohl von Islamisten wie auch Islamophoben, für Verbreitung ihres Hasses und ihrer Hetze. Und, die Sache mit dem “Einknicken” wurde ein Sujet der Islamophobie. Dabei begann sich das Muster zu entwickeln, Splitter in fremden Augen zu thematisieren, den Balken im eigenen aber nicht zu sehen. Auf der deutschen Hass-Seite PI (“politically incorrect”) etwa kommen hasserfüllte Angriffe gegen ihre Kritiker, wie die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan. Eine kritische Rezeption von ihr in der Blogosphäre, in Medien, von Wissenschaftern, Behörden, wird mit „Angriff auf die Pressefreiheit“, „NS-Methoden“, etc kommentiert. Die PI-Macher und ihre Fans sehen sich bedroht und verfolgt. Während dessen verabreden sich PI-„Ortsgruppen“ zB, um Online-Foren oder Auftritte wie einen von Wolfgang Benz aufzumischen.

Breivik schrieb, v.a. in Blogs Anderer, von einer „neuen Türkenbelagerung”, einem “neuen Kreuzzug”, “der Rettung des Abendlands”, einem “Kapitulieren vor den Moslems”, “Geld an Israel statt an Palästinenser”. Wo er Recht hat: “Die Zukunft der konservativen Bewegungen ist mit der Entwicklung der djihadistischen Bewegungen und/oder dem islamischen Einfluss in den westlichen Gesellschaften direkt verbunden. Es handelt sich um eine symbiotische Wechselbeziehung.” Ausser dass “konservativ” da vielleicht nicht der richtige Ausdruck ist. Was etwa die “Eurabien”-Behauptungen betrifft, die Breivik begeistert aufnahm, Giselle Littman (“Bat Yeor”) hat infolge 11/9 etc (also islamistischen Terror) mächtig Aufwind und Akzeptanz bekommen. Viele versuch(t)en diesen Wind auszunutzen für ihre Ziele.

Robert Misik schrieb damals angesichtes des Massakers in der “taz”: “Um die Zirkel radikaler Spinner bildeten sich konzentrische Kreise normaler Bürger, die zwar nicht alle Postulate der Moslemhasser vertreten, doch manche ihrer Meinungen teilen und selbst die bizarrsten Wortmeldungen tolerieren. Durchaus angesehene Zeitungen gaben ihnen Raum, ihre Positionen zu vertreten, vom Boulevard ganz zu schweigen, wo Menschenhass sich hinter der Floskel ‘Das wird man doch noch sagen dürfen’ verschanzt. Kurzum: Die gesellschaftliche Immunabwehr hat ausgesetzt. Sicherheitsdienste und Verfassungsschutz durchleuchteten islamische Szenen, Linksradikale und die alten Neonazi-Kreise, aber dass sich das Milieu der rechtskonservativen Wutbürger radikalisierte, wurde übersehen – trotz dessen sichtbar wachsenden Grolls gegen Multikulti, Ausländer, Muslime, gegen alles, was anders ist, trotz deren zunehmend menschenfeindlicher Sprache, mit der sie sich über ‘Hinternhochbeter’ und ‘Schafficker’ auslassen.“ Breiviks Idole wiesen die Verantwortung von sich, taten so als ob nur die Tat und nicht auch das zu Grunde liegende Denken extremistisch wären.

Und, die Sache mit den doppelten Standards… Etwa die Hysterie um angebliche Drohungen des iranischen Regimes gegenüber Israel. Umgekehrt rede(te)n aber nicht nur israelische Politiker und Militärs fortwährend über Militärschläge gegen Iran. Oder die deutsch-österreichische Kampagne, der es vorgeblich um die Verhinderung einer iranischen Atombombe geht. Im USA-Präsidenten-Wahl-Kampf 08 stimmte der Kandidat der Republikanischen Partei ein fröhliches “Bomb, bomb Iran” an. Und in einem Werbevideo für die israelische Kabelfernseh- und Internetproviderfirma “Hot” wird per Samsung-Tablet ein Atomreaktor im Iran von als Frauen verkleideten Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad gezündet. Empörung von Iranern über diesen zynischen Kulturalismus, der Spass mit Angriffen auf ihr Land macht und dieses als „primitiv“ sowie Israel als „machtvoll“ darstellt, verstärkte diesen in der Wahrnehmung nur (smarte Zionisten, fanatische Perser). Ein Selbstläufer. Der Neocon Kenneth Timmerman konnte auch unbehindert ein Buch veröffentlichen, dass die Bombardierung Irans legitimieren soll.5

“Das Juwel von Medina” (“The Jewel Of Medina”) von der US-Amerikanerin Sherry Jones, eine Art historischer Roman über Aisha und Mohammed, sollte (08) bei Random House heraus kommen, der Verlag nahm aber die Veröffentlichung zurück, anscheinend aus Angst vor “negativen” moslemischen Reaktionen. Er erschien dann bei anderen Verlagen. Proteste gegen die Nichtveröffentlichung des britischen Verlags kamen u.a. von Salman Rushdie (“Zensur aus Angst”) und Kurt Westergaard.

Florian Klenk, inzwischen Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung “Falter” und mit Preisen ausgezeichnet, geriert sich gern als kritischer Aufdecker, Menschenrechts-Journalist, streitbarer Publizist, moralisches Gewissen, als der liberale Demokrat, der objektive Beobachter,… Ihm geht’s primär um Eins: was nicht alles zu machen sei um die FPÖ auszubremsen und wer nicht aller Schuld sei an ihrem Zulauf; die Welt aus der Bobo-Perspektive. Wenn er sich und die Textilindustrie als Opfer der militanten Tierschützer darstellt, er das Jauffret-Buch über Fritzl-Österreich diffamiert, über afrikanische Drogenhändler schreibt, über den ägyptisch-stämmigen Anwalt Farid Rifaat, oder über Integration, Flüchtlinge oder Islamismus schreibt, wird’s interessant. Was er über die Regensburger Rede des Papstes schrieb (“Nein, ich bin kein besonderer Freund des Papstes . Und vermutlich hätte er seine Worte auch bedächtiger wählen können. Doch die Reaktionen der muslimischen Welt zeigen, dass er so falsch nicht liegt…”), ist nicht ganz daneben, sagt aber auch etwas über ihn aus.

Vor einigen Jahren gab es von ihm den Artikel “Scharia in St. Joseph“6. Es ging darum, dass die deutsche Evangelikale Christine Schirrmacher in der Pfarre von Traun (St. Joseph) einen Vortrag über den Islam halten wollte/sollte (im Rahmen einer “…islamkritischen Veranstaltung…”). Dazu kam es schliesslich nicht – weil der Wiener SPÖ-Politiker Omar al Rawi dagegen interveniert habe, heisst es. Rawi, auch in der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGIÖ) aktiv, stammt aus dem Irak. Die von Klenk hier an den Tag gelegte Rhetorik und Auslassungen verdienen Analyse.

Da heisst es uA: “Schirrmacher wurde auf Druck islamischer Funktionäre von einer Veranstaltung ausgeladen, weil sie sich kritisch über die Scharia äußern wollte.”, “…gegen eine deutsche Professorin agitierte, bis diese ausgeladen wurde.”,  “Diesen Vorfall kann man getrost als Skandal bezeichnen.”, “Ein SPÖ-Politiker verhindert die freie Rede einer deutschen Intellektuellen, weil die ihm zu kritisch ist.”

“Während muslimische Vertreter wie Al Rawi in öffentlichen Ansprachen das Wort vom ‘offenen und ehrlichen Dialog’ im Mund führen und damit Stimmen und Sympathie fortschrittlicher Kräfte gewinnen, interveniert er hinter den Kulissen gegen eine kluge, wenn auch umstrittene Frau, nur weil diese ein anderes Bild vom Islam verbreiten will, als er selbst…” – Warum Schirrmacher umstritten ist, dazu kommen wir noch. Diese Formulierung zeigt jedenfalls schon, wie stark er da in Klischees unterwegs ist. Und: Al Rawi, den scheren wir mit muslimischen Funktionären allgemein über den Kamm.

Klenk verweist dann auch völlig unkritisch auf “Memri” und seine Übersetzungen. Spätestens an dem Punkt ist klar, dass er ein höchst naiver Florian ist oder ein höchst ideologisierter. Zu diesem Institut kann man sich zB den Artikel auf der englischen Wikipedia anschauen. Dort ist noch ein bisschen was geblieben von kritischer Betrachtung, trotz aller Reinwaschungsversuche. Oder “Memri.org – A Tool of Enlightenment or Incitement?” von Schirin Fathi in: “Orientalism and Conspiracy: Politics and Conspiracy Theory in the Islamic World” von Arndt Graf (Hg.).

“Wer muslimische Funktionäre wie Al Rawi für ihre Methoden kritisiert, erlebt stets dasselbe Reaktionsmuster. Kaum kritisiert man sie, legen sie sich das unbefleckte Opferkostüm an. Al Rawi zum Beispiel verweist auf all die Drohbriefe, die er tagtäglich erhält. Zu Recht rügt er auch die hetzerischen Aussagen von Politikern wie der blauen Stadträtin Susanne Winter, die Mohammed einen Kinderschänder nannte…” – Ja, die muslimischen Funktionäre und ihre Methoden… Zu Winter habe ich schon was geschrieben hier und es kommt noch was. Jedenfalls: Ihre Hetze gegen jetzt lebende Menschen ist schlimmer als die gegen einen toten Propheten.

“Von anderen muslimischen Vertretern folgt dann auch noch ein Seitenhieb gegen die Kultusgemeinde, die doch auch interveniert und die man wohl nie so hart anfassen würde, wie die Muslime. Ja, die Juden! Schon wieder sind sie an allem schuld.” – Jemanden die Aussage “Die Juden sind an allem Schuld” unter zu schieben, ist schon ziemlich billig. Ich meine, moslemische Funktionäre reden viel Unsinn. Diese Aussage aber aus einem Verweis auf Interventionen Anderer abzuleiten, zeigt schon, dass man Angst hat, sich damit inhaltlich auseinander zu setzen.

“Ihre Meinung dürfen muslimische Gottesfürchtige natürlich äußern – aber sie sollen sich dabei nicht jener Methoden bedienen, die die katholische Kirche in diesem Land jahrelang praktizierte.” – Das passt zu dem was ich eingangs zu Klenk schrieb. Und was ich in dem Artikel über Deutschchauvinismus schrieb. Über die 2 Sorten von Abendland-Rettern; was das Abendland aber ist bzw ausmacht, darüber gehen die Meinungen eben auseinander. Für die Klenks sind zB Schwulenrechte oder Säkularisierung integraler Bestandteil bzw Charakteristikum des Abendlands, für die andere Seite aber dessen Untergang.

“‘Im Namen des Islam’, so steht dort geschrieben7, würden Frauen gesteinigt, vergewaltigt und unterdrückt. Das ist richtig, wie amnesty-Berichte aus Saudi Arabien, Afghanistan, Pakistan und dem Iran zeigen. Al Rawi, selbst gebürtiger Iraker, muss das wissen.” – Zu Saudi-Arabien komme ich noch. Wenn iranische Frauen etwas mehr für Sie sind, Klenk, als Referenzobjekt für Ihre edle Einstellung, dann lesen Sie doch zB das Buch von Frau Fathi, das ich Ihnen empfohlen habe. Selbiges gilt für Schirrmacher. Vor allem aber ist hier etwas über die Ebenen zu sagen, die da durcheinander gebracht werden. Islamophobie funktioniert eben genau so, dass Feindschaft ggü/Dämonisierung von Subjekten über diese Religion hergestellt wird…8 Islamophobie im Sinne der Feindschaft ggü einer Religion wäre nicht das Problem.

“Soll es nun anti-islamisch sein, diese Wahrheiten auszusprechen? Darf man die religiöse Arpartheid nur noch als Übel patriarchaler Strukturen bezeichnen – und nicht mehr als Konsequenz eines autoritären, religiös fundierten Gesellschaftsordnung, die keine Demokratie duldet, sonder letztlich nur Gottes Wort? Sollen selbst kleine Initiativen wie das Trauner ‘Personenkomittee Aufeinander Zugehen’ ab sofort nur noch Leute einladen, die auch Al Rawi passen?” – “Anti-islamisch” wäre nicht das Problem, wenn das hiesse, bei der Religion zu bleiben, bzw dort, wo diese Religion von ihren Fanatikern mit Politik vermengt wird. Es ist aber etwas Anderes, wenn Leute über diese Religion bzw ihre extremen Auslegungen definiert werden, die das selbst nicht tun. Oder wenn bei Ablehnung aus ethnisch-kulturellen (oder politischen) Gründen Islamismus vorgeschoben wird. Oder wenn Rassismus und eigener Fanatismus als Kampf gegen Islamismus und Rückständigkeit verkauft wird. Zu den Evangelikalen komme ich noch.

Wir merken uns also vorerst: “Kritisch, kritisch, kritisch” muss man sein; es können Reaktionsmuster bei Kritik erlebt werden (zB “unbeflecktes Opferkostüm” anlegen”); man hat sich mit dem Gegner (seinen Inhalten) auseinander zu setzen anstatt ihn als Feind zu behandeln; Wahrheiten müssen ausgesprochen werden; hinter den Kulissen Intervenieren gilt nicht; es ist illegitim, gegen die Einladung von Leuten zu agitieren, die Einem nicht passen

Von Klenk kam dann auch eine Schirrmacher-Verteidigungsrede, ebenfalls naiv oder bösartig verdrehend, diffamierend ggü Anderen, ein vorgeblich liberales Weltbild hochhaltend; weiters eine Broder-Verharmlosung (“Autor und Provokateur”) und ein Verweis auf andere Fälle des “Kapitulierens” vor dem Islam aus diesen Jahren. Ja, und man hat sich auch die Formulierung “Mobbing gegen Kritiker” zu merken und die Aufforderung, wenn man mit einem Inhalt ein Problem hat, möge man diesen doch widerlegen.

In den Kommentaren gab Einer der propagierten Sichtweise fundiert Kontra, Al Rawi als den Wolf und Schirrmacher als das Lamm (bzw die Märtyrerin) dar zu stellen. Von mir kommt jetzt keine Al Rawi-Verteidigungsrede, da ich nicht weiss was er wirklich gemacht hat. Und Klenk ebenso wenig als zuverlässige Quelle sehe wie Rainer Nowak von der „Presse“, der die Sache dann „aufgriff“ (aufblies), oder den Hassblog “gatesofvienna” (“islamophobic and proud of it“; der Titel ist eine Anspielung auf die Türkenkriege). Einer Angabe zufolge kam von Rawi als “Intervention” nur ein Brief an die Veranstalter, worin Schirrmachers Hintergrund nicht ganz falsch beleuchtet wurde.

Christine Schirrmacher ist „wissenschaftliche Leiterin“ der evangelikalen “Deutschen Evangelischen Allianz” (die u.a. das „Institut für Islamfragen“/ islaminstitut.de betreibt) und der “Ständigen Arbeitsgruppe Islam” der “Lausanner Bewegung – Deutscher Zweig”. Die “Lausanner Bewegung” ist eine auf den US-amerikanischen Fundamentalisten “Billy” Graham zurück gehende internationale evangelikale Bewegung (Teil der “World Evangelical Alliance”, betreibt u.a. “ERF Medien”, wozu ein eigener TV-Sender gehört). Ob es bei Klenk Unvermögen oder Unwille ist, zwischen “evangelisch” oder “evangelikal” zu unterscheiden, sei dahin gestellt. Dass sich die Organisation “evangelisch (e Allianz)” nennt, ist Absicht im Hinblick darauf, gemäßigt und neutral zu erscheinen. Und Schirrmacher (ihr Mann ist ein ebenfalls evangelikaler calvinistischer Theologe) vermittelt gerne den Anschein von Wissenschaftlichkeit und Ausgewogenheit.9

Evangelikale Organisationen wie die genannten heften sich in Europa gerne “linke” und fortschrittliche Anliegen wie Frauenrechte (im Islam) auf die Fahnen. Evangelikale Gruppen speziell in (bzw aus) der USA engagieren sich gegen die Evolutionstheorie, wollen dass der Kreationismus an Schulen unterrichtet wird, greifen Abtreibungsärzte körperlich an, veranstalten Lager für Kinder in denen “Hexerei” “ausgetrieben” werden soll (zB Harry Potter), unterstützen Fundamentalisten in Afrika (auch bei deren Angriffe auf Homosexuelle),… Aus dem früheren Anti-Jüdischen ist bei ihnen ein fanatisches Pro-Israel geworden.

Nach den Aufbrüchen des arabischen Frühlings und nachdem in der (Noch-Supermacht) USA Obama Präsident geworden war, eine zwischenzeitliche Entspannung in diesem Weltkonflikt eingetreten war, Ende der 00er-Jahre, Anfang der 10er, kam ja eine neue Welle des Islamismus und der “Gegenreaktion”, kam neue Aktivität von Islamofaschisten wie jenen des IS und Aufwind für ihren vermeintlichen Gegenpol (von Netanyahu bis AfD). Beide Seiten haben eine Obsession mit dem Islam bzw instrumentalisieren diese Religion für ihre Zwecke. Während Salafisten Korane verteilen, oder wie aktuell in Nordrhein-Westfalen, Mo-Biografien, machen die Anderen Karikaturen von oder Filme über diesen Propheten. Mit denen es ihnen um die Reaktionen von Moslems geht.

2012 entstand der Provokations-Film „Innocence of Muslims“; der Film (oder nur ein Trailer oder Ausschnitt davon, das ist unklar) wurde auf YouTube hochgeladen. Der mit kleinem Budget und in schlechter Qualität hergestellte Film scheint auf einen in USA lebenden koptischen Ägypter sowie evangelikale US-Amerikaner zurück zu gehen. Der Film über den Propheten Mohammed basiere auf einem Buch, das er 1994 veröffentlicht habe, sagte dieser Nakoula Basseley Nakoula, der auch „Sam Bacile“ genannt wird. Beteiligt an Produktion/Vertrieb des Films waren anscheinend die evangelikal-rechtsextremen Aktivisten Terry Jones aus Florida (Koran-Verbrennungen ’11) und Steve Klein. Dass die Darsteller selbst getäuscht worden ware, im Castingaufruf für den Film von einem „historischen Wüstendrama“ die Rede war, Dialoge nachsynchronisiert wurden, ist nicht das Thema.

Dieser Nakoula scheint eine arabische Version des Films auf seinem (anti-islamischen) Blog veröffentlicht zu haben und erst infolge dessen soll der Film Aufmerksamkeit in der islamischen bzw arabischen “Welt” bekommen zu haben, zunächst in Ägypten. So gab es, 2012, wieder Proteststürme und Tote, die Angriffe auf diplomatische Vertretungen v.a. der USA in Libyen (wobei vier US-Diplomaten getötet wurden; der Film/Clip war möglicherweise nur ein Vorwand für den bereits zuvor organisierten Anschlag), Ägypten, Jemen, Sudan, Tunesien,…

Wie der Titel schon sagt, sollte der Film ja etwas über DIE Moslems aussagen (fanatisch, gewalttätig,…), und es gab Jene wieder, die mit ihren Reaktionen die gewünschte Bestätigung lieferten. Eine syrische Satire-Facebook-Seite schrieb: „Wir wünschten, was gerade in Syrien passiert, wäre ein Film. Wenigstens dann würden die Araber etwas für uns tun.“ Dass Mohammed als Frauenheld, Kinderschänder und Mörder dargestellt und als „Bastard“ beschimpft wurde, war für Viele ja tatsächlich schlimmer als das Kämpfen und Morden in Syrien.

Im USA-Präsidenten-Wahlkampf wurde die Sache aufgegriffen. „Pro Deutschland“ uA wollten den Mohammed-Film öffentlich vorführen. Ging es dabei um die künstlerische Freiheit oder um die Provokation? “Charlie Hebdo” in Frankreich brachte eine neue Mo-Karikatur (s. u.). Es gab in Teilen des Westens Diskussionen über eine „Zensur“ des Films, sowohl auf Youtube als auch bzgl. öffentlicher Vorführungen. Fanatiker beider seiten wollten verhindern, dass sich die Aufregung legt. Broder, der in „Hurra wir kapitulieren“ einen “Kniefall des Westens” gegenüber “dem Islam” polemisiert, durfte sich die Hände reiben.

Im jüngsten Roman von Michel Houellebecq, „Soumission“ („Unterwerfung“), geht es um ein Frankreich in nicht all zu ferner Zukunft, in dem ein aus Nordafrika stammender moslemischer Fundamentalist die Präsidentenwahl gewinnt, mit Hilfe der Linken sowie der UMP, und gegen Marine Le Pen, die als Einzige Widerstand leistet. Der Literatur-Professor der das alles erlebt, hat auch eine jüdische Partnerin. Sie geht nach Israel, er in ein Kloster mit Verbindung zu Karl Martell. Der dystopische (oder politsatirische?) Roman erschien im Jänner 15, zufällig am Tag des Massakers an der Redaktion von “Charlie Hebdo”. Der französische Autor wehrt sich dagegen, dass sein Buch als islamfeindlich eingestuft wird. Er stellte aber klar, dass man aber sehr wohl das Recht dazu hätte, ein islamfeindliches Buch zu schreiben. Damit hat er nicht Unrecht.

Das Recht auf ein Buch, in dem die Religion durch den Kakao gezogen oder kritisch analysiert wird. Ein rassistisches, gegen Menschen, ihre Kultur, gerichtes Buch verdient wie jeder andere Rassismus behandelt zu werden. Wozu sicher nicht physische Angriffe auf Autoren, Verleger oder Leser gehören. Sowohl Islamisten wie islamophobe Rassisten bemühen sich immer wieder, den Unterschied zu verwischen. Über dieses Buch von Houellebecq weiss ich zu wenig, um es einzuschätzen. Jedenfalls hat es unter moslemischen Fanatikern wenig Unruhe ausgelöst, da es nicht um die Inhalte ihrer Religion geht. Siehe Rushdie/Mahmoody.

Karikaturen

05/06 die „Karikaturen-Krise“, ausgehend von in der dänischen Zeitung „Jyllands Posten“ 10 veröffentlichten Mohammed-Karikaturen, die vom Kulturchef der Zeitung, Flemming Rose, in Auftrag gegeben wurden, um diesbezügliche “Selbstzensur” auf die Probe zu stellen. Es ist ein berechtigter Punkt, dass ein islamisches “Abbildungsverbot” (das in dieser Religionsgemeinschaft auch noch sehr umstritten ist) für Europa bzw Nicht-Moslems bzw Nicht-Religiöse keine Rolle zu spielen braucht. Nur: Es spielte ja für die Macher und Veröffentlicher und viele Verteidiger der Karikaturen eine Rolle. Sie haben sich an diesem “Tabu” orientiert, wollten bewusst Reaktionen provozieren. Sind nicht bei Illustrationen zu einem Islam-Artikel ahnungslos da hinein gestolpert. Sie legten es auf grösstmögliche Provokation und Öffentlichkeit an. Die Karikaturen wurden diversen moslemischen Geistlichen in Skandinavien unter die Nase gerieben. Als Medien in der islamischen Welt die Sache aufgriffen, entstand allmählich die Aufregung. Die Islam-Übergangskrise erreichte einen neuen Höhepunkt.

Es kamen genau jene Reaktionen, die gewünscht waren: gewalttätige Demonstrationen in diversen Teilen der islamischen Welt sowie Diaspora, Attacken auf westliche Botschaften dort (zB in Teheran, von Basidj-Gruppen), ein Mordanschlag auf einen (italienischen?) Priester in der Türkei, Drohungen (zB bei einer moslemischen Demo in London),… Die Welle ging vom Zentrum an die Peripherie (zuletzt Bosnien, Somalia,…). Im Westen wurde die Sache mit dem “Einknicken” und der künstlerischen Freiheit andauernd beschworen. Michel Friedman sprach von einem „zivilisatorischen Unterschied“. Viele sahen endgültig einen Kampf der Kulturen gekommen. Anders Breivik schrieb später vom “feigen Verhalten der [norwegischen?] Regierung bei den Mohammed-Karikaturen”.

Der Zeichner Westergaard wurde in seinem Haus angegriffen. Die Produzenten der US-Zeichentrickserie “South Park” (Prophet Mohammed in einem Bärenkostüm dargestellt) wurden von einer radikalen islamischen Gruppe bedroht, dass sie “wahrscheinlich so enden werden wie Theo van Gogh”.11 Jahre später gab es eine Ausstellung von Mohammed-Karikaturen in Texas (USA), einen bewaffneten Angriff darauf, die beiden Angreifer wurden von der Polizei getötet. Es gab aber auch Übergriffe in die andere Richtung deshalb, in Australien wurde etwa ein Taxifahrer iranischer Herkunft getötet. Es gab auf beiden “Seiten” absichtliches Schüren des “Feuers”.

Die Probleme mit den Karikaturen sind meiner Ansicht nach nicht darin, den Islam als Religion anzugreifen. Sondern: 1. Rassismus in den Zeichnungen (was Islamophobe wie Islamisten nicht sehen wollen), 2. die absichtliche Provokation (es wurde nicht unabsichtlich ein Tabu Anderer verletzt, man wollte Reaktionen), 3. ungleiche Standards im Umgang mit diesen und vergleichbaren “Äusserungen”.

Westergaards Karikatur, die berühmteste, zeigt Mohammed, bzw einen Orientalen, mit einer Bombe im Turban. Geht es da nicht darum, Moslems an sich dar zu stellen? Bei den anderen ist ähnliches zu sagen. Die meisten heftigen Reaktionen kamen wegen einem Verriss der Religion; dabei war der Verriss der “Anhänger” dieser Religion, egal wie religiös sie sind, das eigentliche Problem. Die Darstellungen der Menschen in und aus dieser Region, ihre vermeintlichen rassischen und kulturellen Merkmale. Und Islam(ismus) als eine Art Rechtfertigung dafür. 12 Der belgische Comic-Zeichner “Hergé” hat in seiner “Tintin”-Reihe 1930 über Tintin im Congo gezeichnet und geschrieben. Die Kongolesen werden da als kindliche Idioten gezeichnet, die eine “starke Hand” brauchen, die ihnen natürlich die damalige Kolonialmacht Belgien reicht.

Der wilde, intolerante, fanatische Muselman mit seinen Kern-Eigenschaften Zurückgebliebenheit, Primitivität, Gewalttätigkeit sollte sich auch in den Reaktionen auf die Karikaturen zeigen. Viele Moslems geben den Provokateuren genau das, was sie wollten. Jene, die fanatisch-gewalttätig reagierten, halfen der “Gegenseite”. Da war er, der Orientale mit seiner grossen Leidenschaft und seiner winzigen Vernunft.

Es hiess, “Jyllands Posten”-Kulturchef Rose wollte nach den Mohammed-Karikaturen auch die Holocaust-Karikaturen wiedergeben, zu denen der damalige iranische Präsident Ahmadinejad aufgerufen hatte. Deshalb sei er von Chefredakteur Juste beurlaubt worden.

Die südafrikanische Wochenzeitung “Mail & Guardian” hat 2010 gegen den Widerstand von Muslimen eine Mohammed-Karikatur veröffentlicht; ein moslemischer Verband versuchte dies gerichtlich verbieten zu lassen.13 Es war eine Zeichnung des Karikaturisten Jonathan Shapiro (“Zapiro”), die einen mürrischen Bartträger beim Psychiater zeigt, der sich darüber beschwert, dass “andere Propheten Anhänger mit Sinn für Humor haben”. Hier stand nicht die Darstellung (vermeintlicher) rassisch-kultureller Wesenszüge und die Provokation von Reaktionen im Vordergrund. Und, Zapiro ist nicht einäugig und steht auch nicht im Dienst neokonservativer Kampagnen. Selbst Jude, übt er immer wieder Israel-Kritik, er kritisierte auch die dänischen Mohammed-Karikaturen; er karikiert immer wieder Südafrikas Präsidenten Zuma, vor allem dessen früheren Umgang mit HIV/AIDS, aber nicht im Sinne einer Apartheid-Nostalgie.

“Charlie Hebdo” hat 2006 die “Jyllands-Posten”-Cartoons wieder gegeben, 2011 eine Sonderausgabe namens “Charia Hebdo” heraus gebracht (worauf hin es schon tätliche Angriffe gab) oder 2012 neue “Mohammed-Karikaturen”, anlässlich der Aufregung und Angriffe rund um den Mo-Film. Im Jännner 15 der Kalaschnikow-Angriff auf die “Charlie Hebdo”-Redaktion in Paris, das Massaker an 10 ihrer Mitglieder sowie 2 indirekt Beteiligten, durch 2 algerisch-stämmige islamistische Brüder.14 mondoprinte schrieb damals: “Doch fällt es mir schwer, diesen Mehrfachmord als einen Anschlag auf Meinungsfreiheit, Satire, Zivilisation, ‘uns alle’ etc. zu sehen. ‘Charlie Hebdo’ hat zahlreiche rassistische Witze gerissen und nur allzu oft Hass als Spaß maskiert.”

“Charlie Hebdo” hat tatsächlich eine rassistische Note und reaktionäre Züge (gehabt). Der auch ermordete Redaktionsleiter Stéphane “Charb” Charbonnier hatte anlässlich einer früheren Aufregung gesagt: “Wir müssen weiter machen, bis der Islam genau so banal wie der Katholizismus geworden ist.” War/ist das aber wirklich der richtige Weg dazu, darauf herum zu reiten, was den Gläubigen und Fanatikern dieser Religion ein Tabu ist, den Islam immer wieder in den Mittelpunkt zu stellen? Die beiden Mörder haben jedenfalls nicht nur auch 2 Moslems umgebracht und den in Frankreich lebenden unbeteiligten Maghrebinern das Leben schwerer gemacht.15

“Charlie Hebdo” ist während der Flüchtlingskrise im selben Jahr wie das Massaker durch Zeichnungen des ertrunkenen Jungens Aylan Kurdi in die Kritik geraten. 16 2008 hat C. H. seinen Cartoonisten “Siné” mit “Antisemitismus”-Vorwürfen gefeuert. Siné hatte angedeutet, dass Sarkozy’s Sohn Jean zum Judentum konvertieren würde, um die schwerreiche Erbin heiraten zu können.”Siné Mensuel” hat sich von “Charlie Hebdo” abgespalten.

Die Auszeichnung der Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ mit dem PEN-“Preis für Mut und Meinungsfreiheit” ’15 führte dazu, dass sechs Schriftsteller, darunter Michael Ondaatje und Rachel Kushner, aus Protest gegen die Ehrung ihre Teilnahme an der Preisgala absagten. Kushner begründete das mit der „kulturellen Intoleranz“ der Zeitschrift. Im August 16 machte „Charlie Hebdo“ Karikaturen über das Erdbeben in der mittelitalienischen Gemeinde Amatrice (295 Todesopfer), auf einer Zeichnung mit der Überschrift „Erdbeben auf italienische Art“ waren drei Erdbebenopfer als Nudelgerichte dargestellt. Später veröffentlichte „Charlie Hebdo“ auf Facebook eine weitere Zeichnung zum Erdbeben, darauf sagt eine verschüttete Frau: „Nicht ‚Charlie Hebdo‘ baut eure Häuser, sondern die Mafia.“17 Doch, bei aller Kritik an „Charlie Hebdo“ muss Eines klar gesagt werden: Natürlich verdient es niemand, wegen einer Zeichnung getötet zu werden. Und genau das ist geschehen.

Der kürzlich verstorbene österreichische Karikaturist Manfred Deix sagte 06 in einem Interview zur “Zeit”: “Ich zeichne jetzt nur noch mit der Burka. Man darf mit diesen Herrschaften mit den langen Bärten offenbar nicht spassen. Wir erleben hier eine neue totalitäre Bedrohung. Würde ich über Mohammed scherzen, wäre ich in Lebensgefahr. Mir versagt fast die Stimme. Ich leide wie ein Hund. Es ist eine Katastrophe. Ich habe mir die Finger blutig gezeichnet, um die Benachteiligungen der Ausländer anzuprangern. Ich hab Jörg Haider jahrelang verhöhnt. Und jetzt wollen mir die Muslime das Zeichnen verbieten? Da ist etwas passiert.” Ein bisschen arg vereinfacht, vielleicht auch nicht ganz ernst gemeint.

Deix, der auch nackte Bischöfe beim Schmusen gezeichnet und Jesus sowie den Papst unvorteilhaft dargestellt hatte, wurde 09 von katholischen Geistlichen angezeigt, wegen einer Zeichnung mit dem Titel “Entwurf für ein multikulturelles Kompromisskreuz”, das Symbole von Christentum, Islam und Buddhismus mit Symbolen von Nationalsozialismus und Kommunismus zusammenmontierte. Sie orten unter anderem einen Verstoss gegen das Verbotsgesetz. Der Künstler verglich das Vorgehen mit jenem von radikalen Muslimen.

Sein Kollege Gerhard Haderer brachte 2002 das Buch “Das Leben des Jesus” heraus. In Österreich forderte Weihbischof Andreas Laun dafür die Einhaltung des § 188 StGB, der für Blasphemie eine Freiheitsstrafe von bis zu 6 Monaten vorsieht. 2005 wurde er in Griechenland wegen Beschimpfung einer Religionsgemeinschaft durch dieses Buch in Abwesenheit zu sechs Monaten Haft verurteilt. Dieses Urteil wurde jedoch im Berufungsverfahren korrigiert. 05, als auch die Mo-Karikaturen-Krise begann. Im Endeffekt keine Verurteilungen für die Beiden, keine Drohungen und Gewalt von fanatischen Christen (so weit ich das überblicke). Für manche Rechtskonservative ist diese „Gleichgültigkeit“ im Umgang mit der eigenen Religion aber ein Armutszeugnis bzw ein Alarmsignal, ein Zeichen für „Degeneration“.

Der brasilianische Karikaturist Carlos Latuff, christlich-libanesischer Herkunft, ist ein Unterstützer palästinensischer Anliegen, er zeichnet aber auch gegen Erdogan oder die Saudis. Latuffs israelkritische Cartoons rufen heftige Reaktionen hervor, wahrscheinlich gerade weil seine Karikaturen Wahrheiten zum “Nahost-Konflikt” ausdrücken, etwa den Unterschied der “Raketen” aus Israel nach Gaza und umgekehrt. So ist er dauerndem “Antisemitismus”-Geklage ausgesetzt, wurde etwa vom Wiesenthal Center (SWC) zum drittgrössten Antisemiten erklärt (~2012). Der Artikel über ihn auf der englischen Wikipedia ist auch gespickt mit derartigen Versuchen der Diffamierung. Inhalte seiner Zeichnungen erzürnen Manche so, dass sie auch vor rassistischen Angriffen auf Latuff nicht Halt machen. Wie war das beim Klenk: Man hat sich mit dem Gegner (seinen Inhalten) auseinander zu setzen, anstatt ihn als Feind zu behandeln.

Pakhtunkhwa/Emran Feroz verglich die Wahrnehmungen von Latuffs Zeichnungen mit jenen der Mohammed (bzw Moslem) -Karikaturen. “…wäre es interessant zu wissen, warum hier nicht plötzlich die sogenannte ‘Kunst- und Meinungsfreiheit’ ins Spiel kommt. Auf jener dänischen Karikatur, die den islamischen Propheten Mohammad darstellen soll, ist unter anderem der Schriftzug ‘la ilaha illallah wa muhammad rasul allah’ zu lesen. Dieser Schriftzug ist eine Art islamisches Symbol und steht im gleichen Verhältnis wie der Davidstern zum Judentum. Während Karikaturen mit Davidstern zu Recht als antisemitisch gelten, scheint dieses Argument für den Islam nicht gültig zu sein. Alle Cartoons und Comics mit islamisch-arabischen Aufschriften gelten offiziell nicht als islamfeindlich, sondern als Teil der westlichen Künstlerfreiheit.”

Eine Karikatur in einem Schulbuch in Baden-Württemberg zeigt einen Hund, der an eine Hütte mit der Aufschrift „Erdogan“ gekettet ist, hiess es. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne)18 wies Kritik daran scharf zurück. Es handle sich nur um eine Karikatur, Erdogan wolle ablenken von „Rechtsstaatsproblemen“ im eigenen Land, Umgang mit Kritikern.

“Al-Quds-Tag Wien 2015“, die (gut organisierten) Zionisten Wiens nahmen eine “antisemitische” Karikatur auf dessen Facebook-Seite dankbar als Aufhänger, um gegen palästinensische Anliegen zu agitieren und ihren Chauvinismus heraus zu kehren, sowie um nach Zensur zu rufen, in schrillen Worten. orf.at schrieb verschämt betreffend der Karikatur von einem “antisemitischen Posting”. Die Karikatur hat über den “Konflikt” tatsächlich nichts treffendes ausgesagt, aber um das gehts gar nicht, denn das war auch bei anderen Karikaturen so; ach so, verhetzend war sie? Aber, man muss doch nicht übertrieben politisch korrekt sein, oder?

So ist hier eben eine gewisse Selektivität zu beobachten, eine gewisse Flexibilität bei den Standards. Josef Joffe regte sich über rassistische Karikaturen von Condoleeza Rice auf (in der Bush-Ära), am überbordenden Rassismus ggü Obama auf verschiedensten Ebenen hatte er dann nichts auszusetzen, hält er sich vornehm zurück. Auch bei anderen rassistischen und kulturalistischen Karikaturen, wie jenen in „Bahamas“ oder jene von Daniel Haw auf PI, aber auch bei rassistischen Kinderbüchern, drückt man Augen zu.

Deutschland

Es gibt Menschen in Deutschland, für die es ein Problem ist, dass es solche gibt, die “Menschen wie Boateng” nicht als Nachbarn wollen; dann es gibt solche für die das Problem darin besteht, dass das einer laut sagt; und jene, die eine Problem damit haben, dass man “das nicht sagen darf”. Gauland sei es „nur um eine Beschreibung von Gefühlen“ gegangen, „die wir alle überall in unserer Nachbarschaft wahrnehmen und die sich nicht dadurch vermindern, dass wir sie heuchlerisch nicht zur Kenntnis nehmen“.

Sarrazin hat mit seinem Buch in mehrfacher Hinsicht Tabus berührt. Die Verteidigungsargumentation von Sarrazin und den Seinen: „unbequeme Wahrheiten“ (mit denen man gleich ins rechte Eck gestellt werde), „sonst aus Angst zurück gehalten“, „Maulkorb“, „schlimme Vergiftung der Meinungsfreiheit fest zu stellen“, „berechtigte Unruhe in der Bevölkerung thematisieren“, “doch nur ein Buch mit unwillkommenen Zahlen und deren Analyse geschrieben”,… Broder war vom Buch begeistert, fand es skandalös, wie “mit Sarrazin in der Öffentlichkeit umgegangen wird” und vermisste eine “Meinungsvielfalt” bei diesem Thema (welches ist das jetzt genau?), es gäbe eine „Hexenjagd” gegen Sarrazin (auch Köppel benutzte diese Formulierung), dieser hat das Recht sich zu äussern, klagte über die “Spielregeln der political correctness”, “Anlagen werden doch tatsächlich vererbt”, der “Rauswurf“ Sarrazins sei der grösste Fehler der Politik,…

Roger Köppel (“Weltwoche”, “Die Welt”, Schweizerische Volkspartei, ein Blocher-Ziehsohn) sagte zu Sarrazins Buch, ein Umfrageergebnis wonach viele Deutsche Türken nicht als Nachbarn wollten, sei Beleg für die Berechtigung der Ressentiments/Aussagen Sarrazins. Im Wiener Wahlkampf 2010 hat die FPÖ Köppel mit einer Pro-Sarrazin-Plädoyer (man ziele auf ihn mit politischen Sanktionen um sich mit seinen Argumenten nicht auseinandersetzen zu müssen, wer eine “der Obrigkeit” nicht genehme Meinung äussere, den treffe die “geballte Ausgrenzungsmacht”) angeführt bzw mit ihm geworben. In dem Inserat stellte sich die FPÖ/Strache als Opfer dar, von Mächtigen gejagt, weil sie die Wahrheit sage, „wie Sarrazin in Deutschland“. Auch Sarrazin trat für die FPÖ auf.

Ausgerechnet Jan Fleischhauer sagte über das 3. Sarrazin-Buch, über „neuen Tugendterror“ (u.a. Medienkritik, auch antifeministisch): „Die Mär vom armen Opfer Sarrazin. Machen Sie sich bereit für den neuen Sarrazin: Die Startauflage liegt bei 100.000 Exemplaren. Nicht schlecht für ein Buch mit der These, dass man in Deutschland seine Meinung nicht frei äußern dürfe…“. Der Erfolg von Sarrazins Büchern widerlegt indirekt seine Kernthesen (man dürfte nicht über gewisse Themen denken, reden, schreiben). Aber die Masche zieht. Das 2. Buch von ihm war gegen den Euro, die deutsche Hilfe für “Schwache” in der EU geschehe aus schlechtem Gewissen wegen dem Holocaust > da war bei Manchen die grosse Begeisterung weg. Ups

“Unbequeme Wahrheiten” werden von den Broders nur dann gefördert, wenn sie für sie bequem sind; Sarrazin hatte sich in seinem 1. Buch positiv über die jüdische Einwanderung nach Deutschland ausgesprochen, keinerlei Kritik an Israel geübt (bzw dort keinesfalls auch gleiche Standards für Palästinenser gepocht). “Meinungsfreiheit/-vielfalt” ist für sie eine Einbahnstrasse. Broder vertritt das Prinzip der “freien Rede” bei ihm gefälligen Inhalten (zB dem Sarrazin-Buch) ebenso vehement, wie er bei (ihm) unbequemen dagegen wütet (zB beim Grass-Gedicht). Bezüglich Grass oder Augstein (mit seiner milden Israel-Kritik) bläst er ins Jagdhorn, schäumt und hetzt, in hysterischer Sprache, mit Totschlag-Begriffen, ad personam-Attacken,… Bezüglich der Reaktionen zum 1. Sarrazin-Buch meinte er, die Eliten seien dumm und die Einfachen gescheit, weil diese Sarrazin gut fänden und Deutschland ihretwegen eine gereifte Demokratie; in einem Buch von ihm mit dem Titel “Israel ist an allem Schuld” (“Deutschland und die Endlösung der Israel-Frage”) finden auch ein paar Deutsche Gnaden in seinen Augen.19  Der sanfte Kommentar von Merkel (von der er sonst entzückt ist) zu Sarrazin “erinnerte” ihn an die Reichsschrifftumkammer (zumindest tat er so), bei der Anprangerung Augsteins war er dann führend dabei.

Der bayerische Kabarettist Jonas: „Broder hat Recht, es sind keine Witze über den Islam möglich“. Broder schaukelte ihm danach auch die Eier. Die Frage hier ist aber, geht’s um das ungestörte Witzemachen oder um die Provokation der Reaktion (auf die man aus ist)? Und um das politische Ausschlachten dieser Reaktionen. Geht es um Religionskritik oder um die “Karikatur” (vermeintlicher) rassischer und kultureller Merkmale von Menschen aus jenen Kulturkreisen, die durch diese Religion (mit) geprägt wurden?

Zurück zum Sarrazin-Buch über das Abschaffen Deutschlands. Broder also entzückt. Der Zentralrat der Juden in Deutschland (ZdJ) rückte Sarrazin vor allem wegen der Ausführung, alle Juden teilten ein bestimmtes Gen, in die Nähe der NS-Rassenlehre. Michel Friedman gewissermaßen dazwischen, als sanfter Kritiker. Die “Anti”deutschen waren verlegen. Chaim Noll, aus der DDR nach Israel ausgewandert, verteidigte Sarrazin, u.a. in einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“: “Nach der Halacha ist Judesein zum Teil genetisch definiert, indem nämlich jedes Kind einer jüdischen Mutter als jüdisch gilt. Daneben gibt es eine zweite Definition des Judeseins, über Konversion oder Annahme der jüdischen Religion.“ Und er kritisierte den ZdJ, dessen Äusserungen „werfen ein ernüchterndes Licht auf die Unbildung deutsch-jüdischer Funktionäre, denen offenbar das elementare Grundwissen über das Judentum abhandengekommen ist“.

“Die verschreckte Reaktion der deutschen Zentralrats-Funktionäre auf das Wort ,Gen’ findet in Israel wenig Verständnis. Ein Tabu, jüdische Identität mit Genetik in Zusammenhang zu bringen, besteht hierzulande nicht. An den israelischen Universitäten wird auf diesem Gebiet intensive fachwissenschaftliche Forschung betrieben, in zunehmendem Ausmaß. Es ist ein Thema, das viele jüdische Wissenschaftler und Laien interessiert und ausführlich in den Medien reflektiert wird. (…) Diese Themen sind auch in Israel umstritten. Aber die Debatte wird offen geführt und, anders als in Deutschland, ohne Hysterie”. Nolls Aussagen wurden auf PI gefeiert, auf Achgut etwas leiser, von Rechtszionisten und rechten Islamophoben immer wieder zitiert.

Im „Spiegel“-Streitgespräch bezichtigt Dieter Graumann vom ZdJ Jakob Augstein der „moralischen Asymmetrie“ und “Empathie aus dem Eisschrank“ für Israel. Grigat darf im “Standard” gegen Augstein (“israelfeindlich”) und Andere mit der Antisemitismus-Keule nachlegen. Köppel sagte ja, die Tatsache, dass viele Deutsche Türken nicht als Nachbarn wollten, sei ein Beleg für die Berechtigung der Ressentiments/Aussagen Sarrazins. Hier lautete der Vorwurf nun, dass Augstein Vielen (in D) aus dem Herzen redete. Wie jetzt? Also wird man mit den unbequemen Wahrheiten gleich ins rechte Eck gestellt, muss man diese aus Angst zurück halten, gibt es Denk- und Redeverbote? Ist “politische Korrektheit” doch angesagt?20 Das Wiesenthal-Zentrum (SWC) stellte Augstein, mit Berufung auf Broder, als einen der “grössten Antisemiten des Jahres” an den Pranger.

Der CDU-Politiker Martin Hohmann wurde von der evangelikalen “Nachrichtengentur” „idea” (Evangelikale, Hr. Klenk!) zum Politiker des Jahres 2001 gekürt, da er sich nach dem Terror vom 11. September 2001 „gegen ein falsches Toleranzdenken und eine christlich-muslimische Verbrüderung“ gewandt hatte; auch hatte er Abtreibung als “Holokaust” bezeichnet. Am 3. Oktober 2003 hielt Hohmann in Neuhof (Hessen) eine Rede zum Tag der Deutschen Einheit, die als als Ausdruck „antisemitischen Denkens“ ausgelegt wurde. Die Rede kann man vielerorts im IT nachlesen.21 Es gibt jedenfalls Passagen, über die zumindest die Broders (die offen Rechten unter den Zionisten und Islamophoben) entzückt gewesen sein müssten, wie auch über die Aussagen über den 11. 9. 01; etwa, als er moniert, „dass man als Deutscher in Deutschland keine Vorzugsbehandlung“ genieße. Broder greint ja, der Westen würde nach 11-9 kapitulieren, moslemische Einwanderer seien inländer-/deutschenfeindlich.

Erst nachdem der CDU-Ortsverband Neuhof die Rede auf seine Internetseite gestellt hatte, kam die Aufregung in Fahrt, beginnend mit einem Artikel auf Hagalil.com. Hohmann wurde von Bundestags-Fraktion und Partei ausgeschlossen. Auch ein Bundeswehr-General, der Hohmann verteidigte, musste zurücktreten.22

Diese Hohmann-Grenze gilt für alle Rechten in Deutschland. Auch Steinbach, Schönbohm, Stadtkewitz,… haben sich daran zu halten. Wie auch Möllemann oder Gedeon. Das sind die Grenzen des Deutschnationalismus, dort endet der erlaubte Rassismus. Sarrazin war grossteils im erlaubten Bereich, kam ungeschoren davon. Der rechte CDU-Flügel kann sich gegen “den Islam” austoben, damit ist man auf der sicheren Seite; Manche dort, wie Missfelder oder Kristina Schröder (Köhler), versuch(t)en sich zudem mit inquisitorischen Vorgehen gegen Israel-Kritik zu profilieren. Die Mantras von der “freien Rede, immer”, “offene Sprache”, “keine Denkverbote”, “endlich heikle Fragen ansprechen”, “Notwendigkeit, politisch unkorrekt zu sein”,  “zuviel mediale Herumdruckserei”, “falsch verstandener political correctness”, “Produkte einer falschen Toleranz”, dem Drängen auf “Meinungsvielfalt”, dem Verdammen von “Tabus”, erweisen sich bald als hohl bzw eingleisig. Und die Aufforderung, wenn man mit einem Inhalt ein Problem hat, möge man diesen doch inhaltlich widerlegen, hinter den Kulissen Intervenieren gilt nicht… Die AfD und die Hohmann-Grenzen 

Doppelbödigkeiten

Das 1975 von Rainer W. Fassbinder geschriebene Theaterstück “Der Müll, die Stadt und der Tod” geht auf einen Roman von Gerhard Zwerenz zurück, wurde 1976 verfilmt. Ein jüdischer Immobilienhändler will Rache für den NS über eine Prostituierte, auch seine Spekulationen (und die Anderer) werden thematisiert. Die Aufführung im Frankfurter Theater am Turm (dessen Intendant Fassbinder gewesen war) wurde auf Druck hin mit dem “Antisemitismus”-Vorwurf verhindert, schliesslich wurde das Stück durch Intervention vom Frankfurter Oberbürgermeister Wallmann abgesetzt. Auf de.wiki wird die Absetzung etwas verschleiert. Bei den Protesten tat sich Ignaz Bubis, jüdischer Funktionär aus Frankfurt und Immobilienhändler, hervor – die jüdische Figur in dem Stück soll an ihn und die(ser Teil der) Thematik an den Frankfurter Häuserkampf (> Joschka Fischer) angelehnt sein.

Aufführungen in Frankfurt wurde auch in 1980ern verhindert. Das Theaterstück konnte und kann in Deutschland nur auf ganz kleinen Bühnen und unter Protesten (etwa mit Hinweis auf den Holocaust) aufgeführt werden; im Ausland geschah/geschieht das hin und wieder, auch in Israel23. Eckhard Jesse, führender deutscher Extremismusforscher: “Warum wurde gegen die Störer des Stücks in Frankfurt nicht die Polizei gerufen? Und wieso ist es abgesetzt worden?” Befürworter der Aufführung wurden zu “Antisemiten” stilisiert. Manche Konservative/Rechte versuchten sich durch Unterstützung der “Antisemitismus”-Vorwürfe zu profilieren, die “Welt” etwa. Joachim Fest erhob den Vorwurf des “Linksfaschismus” bzgl des “Müll”-Theaterstücks und seiner Befürworter. Um mit Köppel zu reden, das Stück wurde wohl von der “geballten Ausgrenzungsmacht” getroffen.

Bei der als Spass maskierten rassistischen Hetze der israelischen “Comedytruppe” Latma tv (feat. [by] Caroline Glick) steht dann wieder die künstlerische Freiheit im Vordergrund. Die Erwähnung von Kritik an Glick auf en.wiki wird mit vereinten Kräften weggewaschen; während bei Helen Thomas (s.u.) zB gar nicht genug davon sein kann. Von moralischer Asymmetrie zeugen auch die Aktivitäten von Raimund Fastenbauer (Israelitische Kultusgemeinde Wien).

Fastenbauer stand, als IKG-Funktionär, an vorderster Front bei der Kampagne gegen die Ehrentafel für den ukrainischen Dichter Iwan Franko an der Universität Wien, der ein „Antisemit“ gewesen sei. Die Uni gab dem Druck nach und veranstaltete eine Überprüfung der Vorwürfe – was Fastenbaur schon zu wenig ist, er kritisierte auch die Zusammensetzung der Kommission. 24 Er agitierte auch gegen Roger Waters von Pink Floyd vor dessem Auftritt in Wien, weil bei einer Bühnenshow eine “antisemitische” Symbolik (ein Schwein mit “jüdischem” Stern) verwendet worden sei, brachte das mit der “Israel-Kritik” von Waters in Verbindung.25 Die Freiheit der Kunst ist in solchen Fällen sowieso kein Thema, da geht es um eine Hexenjagd.

Bei “Stop Drop the bomb” redete Fastenbauer von der “westlichen Zivilisation”, von palästinensischer Mitschuld am Holokaust wegen eines Aufstands aufgrund dessen die Briten jüdische Einwanderung nach Palästina drosselten26, von jüdischer Toleranz ggü Moslems. Ein ander Mal, dass die NS-Verfolgung in Österreich im Kalten Krieg eingeschlafen sei (die US-Amerikaner wollte er aber dafür nicht schelten, das war zu Bush-Zeiten).

Ein Körperverletzungs-Urteil eines Kölner Gerichts 2012 wertete die religiös motivierte Penis-Beschneidung, wie sie bei Muslimen und Juden üblich ist, als Körperverletzung. Die Empörung unter vielen Juden und Moslems war gross. 2013 bezeichnete die Parlamentarische Versammlung des Europarates auch die Beschneidung von Buben zusammen mit der genitalen Verstümmelung von Mädchen als Grund „besonderer Besorgnis“. Das israelische Aussenministerium forderte die sofortige Rücknahme der europäischen Resolution. Ariel Muzicant, langjähriger Präsident der IKG Wien sagte, ein Beschneidungsverbot sei wie die „Vernichtung der Juden“. Fastenbauer sagte “…Teil unserer Kultur, werden uns das nicht nehmen lassen”.

Die Debatte bzw Verbotsforderung wurde von Necla Kelek und der Giordano-Bruno-Stiftung27 voran getrieben. Die Sache brachte/bringt Atheisten, Rechtspolitiker, Blogger einer bestimmten liberalen Richtung zusammen. Die “Anti”deutschen sind in der Frage des Beschneidungsverbots gespalten… Wie hat Sarrazin gesagt? Man dürfe über gewisse Themen nicht denken, reden, schreiben. Und manch einer, der sonst auf “Religionskritiker” und “Aufklärer” macht, pocht hier dann doch auf Religionsfreiheit, und deren Vorrang vor rationalen und universale Kategorien

„Es werde Licht“ auf Okto TV (Jorit Posset,…) ist eine vorgeblich religionskritische Sendung, tatsächlich aber eine islamophob-pseudolinke. Fastenbauer war dort zB einmal (~2013) in einer Diskussion, mit einer jüdischen religiösen Kopfbedeckung, wo er sich mit anderen Gästen wie Grigat und Michael Ley gegenseitig zunickte. Eigentlich hätte in dieser Sendung über die Fragwürdigkeit von Beschneidungen kleiner Buben aus religiösen Gründen, den juristischen Graubereich in dieser Frage, und die Empörungen über die Diskussion geredet werden müssen. Aber, natürlich wurden Fastenbauer keine kritischen Fragen dazu (oder einem anderen Thema) gestellt, wurde der Fanatismus in der Beschneidungsdebatte ausgeblendet. Auch die Verquickung von Religion und Politik (bzw Nationalismus) in USA, der Einfluss der Evangelikalen dort (besonders unter Bush jun.) oder religiöse Rechtfertigungen für zionistische Ansprüche sind dort kein Thema.

Die “säkular-humanistische Analyse”, die dort vorgegeben wird, beschränkt sich auf den Islam bzw was dort darunter verstanden wird, auch das “Menschenrechte zuerst” macht vor “heissen Themen” Halt.28 Und auch bezüglich islamischen Ländern und islamischer Diaspora wird (dort, wie allgemein in diesen Kreisen) nach politischen Gesichtspunkten ausgefiltert. Das saudi-arabische Regime kommt weitgehendst ungeschoren davon – die Auffassung von Religion (Islam), die es in die Welt hinaus trägt, die Verletzungen von Menschenrechte dort, dass es vom Westen militärisch aufgerüstet statt sanktioniert wird; bei diesen Pseudo-Linken wie auch bei den Neokonservativen im Westen, mit derselben Doppelmoral.

Martin Walser warnte 1998 in seiner Rede u.a. vor einer Instrumentalisierung des Holokausts, hysterische Aufregung war die Folge. Ein Leserbrief im “Spiegel” 05 dazu: „Man sollte ihm dankbar sein, wenn er dem liebgewonnenen deutschen Selbsthass, der jederzeit in Hass nach aussen umschlagen kann, zutiefst mißtraut.“ Es gibt inzwischen eine wissenschaftliche (?!) Arbeit über Antisemitismus in Walsers Arbeit… Wo bleibt hier das Stöhnen über “political correctness” und “Denkverbote”, die Freude über den “Tabubruch”? In anderen Zusammenhängen wird gefordert, dass Wahrheiten ausgesprochen werden müssen, dass Debatten ohne Hysterie geführt werden.

Jene, die alternative Theorien zu den Anschlägen in USA vom 11. 9. 01 vorbrachten, wie Cynthia McKinney, Mathias Bröckers, Andreas von Bülow, Gerhard Wisnewski, Udo Holey, haben Zorn und Diffamierung auf sich gezogen. Die “Planetengirls” bekamen Todesdrohungen als Leserkommentare und schliesslich wurde die Einstellung ihres Blogs erzwungen. So wie es ja auch Hoder einst ergangen war. Ulfkotte klagt auch kritische Blogger, u.a. Jochen Hoff (duckhome). Hassblogs wie gegenstimme.net oder sultanknish.blogspot bleiben dagegen unbehelligt.

Der Schweizer Schokoladenhersteller Lindt musste kürzlich einen Shitstorm (vor allem in sozialen Netzwerken) über sich ergehen lassen. Ein Adventskalender der Firma hat eine vermeintliche Moschee als Motiv. In Zeiten wie diesen… Den Kalender gibt es bereits seit zehn Jahren. Ähnlich ging es dem Lebensmittelhändler Spar, der in 20 Wiener Filialen Fleisch mit Halal-Zertifikat anbot. Spar reagierte, indem es das Angebot zurück nahm. Die Supermarkt-Kette knicke vor den Bedürnissen von Moslems ein, komme diesen zu weit entgegen, hatte es geheissen. Dann hat Spar aber gegenüber den rechten Hetzern Appeasement geübt.

Vor einigen Jahren gab es Aufregung um den Bürgermeister von Gföhl (Bezirk Krems), er soll in einer Stadtratssitzung gesagt haben: „Mir gehen die scheiß Asylanten sowieso am Oarsch, aber Schuld sind die Pressefritzen. Die gehören aufgehängt, de san wia de Juden“. In Medien wurde dann daraus: “der Bürgermeister soll sich antisemitisch geäußert haben”. Was er über Flüchtlinge und Journalisten sagte… Eine andere Meldung: Eine pensionierte Philologin aus Polen in Wien wurde wegen Verhetzung zu neun Monaten bedingt verurteilt. Die selbst ernannte „Verteidigerin des Abendlands“ hetzte über Facebook v.a. gegen Moslems, aber auch gegen Juden. Tja, ist das, dieses Urteil nicht ein Schlag für die Meinungsfreiheit durch die gutmenschliche Meinungsdiktatur, bedeutet es nicht ausufernde Political Correctness, Ausgrenzung eines Andersdenkenden, ein Denkverbot sowie die schleichende Aufgabe westlicher Werte?

Nach einem Faschingsumzug in Maissau (Bezirk Hollabrunn) im Februar 16 herrschte große Empörung. Auf einem Wagen waren islamfeindliche und flüchtlingsbeschimpfende Plakate sowie Aufschriften zu lesen. Auch „Asyl 88“ war als Autokennzeichen auf dem Wagen zu lesen (88 gilt in Neonazikreisen als Kürzel für “Heil Hitler”). Das Landesamt für Verfassungsschutz ermittelte. Ui, ist das nicht eine Dämonisierung von freier Meinungsäusserung?

“Israel-Kritik”

Die Behauptung, dass Israel der meistkritisierteste Staat der Welt sei, “entsteht” auf der Grundlage dass hier in anderen Fällen selbstverständliche Kritik als “Israel-Kritik” firmiert und diffamiert wird. “Israel-Kritik” muss quasi erst genehmigt werden; man vergleiche dazu, wenn man in Deutschland oder anderswo Merkel, die CDU oder die deutsche Politik generell kritisiert. Echte Diskussion über israelische Politik29 wird unterbunden. Es könnte etwas Unangenehmes heraus kommen, wenn man sich mit den Wurzeln des Konflikts auseinandersetzt, daher wird der “Überbringer” der Kritik “erschlagen”, anstatt auf diese einzugehen.

Willst du den Hund loswerden, sagst du, er hat Tollwut; magst du den Befund nicht, nennst du ihn antisemitisch. Broder sagt gleich pauschal „Kritik an der israelischen Politik, das ist der einzige zeitgenössische Antisemitismus, der von Bedeutung ist”; Kritik an bestimmten Israelis (in verschiedenen Formen) und bestimmten politischen Richtungen im Zionismus kommen aber auch von den Broders und Grigats, meistens an (echten) Linken. Ansonsten wird Einem meist (theoretetisch) das Recht auf Israel-Kritik zugestanden – diese dann als “antisemitisch” diffamiert. Die Grenze der Diskursfreiheit ist hier jedenfalls bald erreicht. Der “Antisemitismus”-Vorwurf kommt in der Regel nicht umso eher die “Kritik” “antisemitisch” ist, sondern umso unangenehmer der Befund ist. Israel-Kritik, Antizionismus und Antisemitismus werden als ununterscheidbares Gespenst an die Wand gemalt. Gegen einen, der im Nahost-Konflikt bezüglich Palästinensern gleiche Standards anwendet, wird ins Horn getutet und eine ganze Meute hetzt los, besonders in Deutschland, nicht nur gegen Augstein.

In Deutschland und Österreich kann man mit „Israel-Kritik“ alles verlieren (aber nicht nur hier), besonders wenn man in der Öffentlichkeit steht. Die Kritik wird als Diffamierung oder Delegitimierung, aus finstersten Motiven, behandelt, der Kritiker als Deutscher oder Österreicher erkenntlich gemacht, die Kritik als deutsch/österreichisch markiert. Bei Israel-Apologetik (die oft im wissenschaftlichem Gewand daher kommt) findet diese Ethnisierung nicht statt.30 Dabei würde gerade die deutsch-österreichische Israel-Manie viel zu analysieren geben… Kritiker israelischer Politik und Unterstützer der Palästinenser im Westen sind immer “Antisemiten”, aber die Zion-Fans im Westen (von den westeuropäischen Rechtspopulisten bis zu den nordamerikanischen Evangelikalen) werden nicht analysiert, egal wie viel Rassismus, (Ersatz-) Nationalismus, Menschenverachtung hier im Spiel ist.

Es bleibt nicht beim Lamentieren über Darstellungen des israelischen Vorgehens ggü den Palästinensern, oder bei Diffamierungen, die nächste Stufe sind direkte Interventionsversuche und Bedrohungen. Initiatoren nahostpolitischer lnformationsveranstaltungen, die von Eiferern verschiedener Art als “antizionistisch” eingestuft werden, müssen mit massiven Störungen und Diffamierungen rechnen. Eine schlimme Vergiftung der Meinungsfreiheit ist also fest zu stellen. Mutige Recherche und kritische Fragen, das Anlegen gleicher Standards, wird hier bestraft, es können Reaktionsmuster bei Kritik erlebt werden (zB das “unbefleckte Opferkostüm” anlegen), politisch korrekte Zurückhaltung aus Angst vor dem Antisemitsmus-Vorwurf ist zu beobachten, eine Art Selbstzensur. Gerade jene, die greinen, dass “Islamkritik” nicht möglich sei, pochen hier auf ein Tabu, setzen ungleiche Standards durch.

Merkel hat sich “besorgt” über “den fortdauernden Antisemitismus in Deutschland” gezeigt. Anlässlich eines bevorstehenden Jahrestags der Reichspogromnacht von 1938 bekannte sich die deutsche Kanzlerin in einer Videobotschaft zu ihrer Aussage, wonach die Sicherheit Israels zur Staatsräson Deutschlands zähle. Kritik an der Politik Israels sei legitim, die gebe es auch in Israel selbst. Aber sie trete “entschieden” dagegen auf, wenn pauschalisiert werde und mit Kritik an Israel Antisemitismus und Antizionismus durch die Hintertür zum Ausdruck kämen. In Wirklichkeit wird bei Israelkritik pauschalisiert und ihre Diffamierung geschieht indem durch die Hintertür Antisemitismusvorwürfe kommen, während der sehr oft in Israelsolidarität enthaltene Rassismus so gut wie nie thematisiert wird.

Darstellungen israelischer Realität, etwa Rassismus gegenüber afrikanischen Flüchtlingen, sind ein Tabu. Im Zusammenhang mit Israel etwas zu thematisieren, das bzgl anderen Ländern selbstverständlich ist, zB soziale Ungleichheit (geschweige denn, die Politik ggü Palästinensern), ist ein Minenfeld. Den Überbringer der schlechten Nachricht attackiert man lieber, als sich mit der Nachricht auseinderzusetzen (zB auch dass es in einigen Bussen in Jerusalem Geschlechtertrennung gibt, dass sich jüdisch-orthodoxe Soldaten weigerten, an Veranstaltungen teilzunehmen, auf denen Frauen singen,…). Wenn man die enge Zusammenarbeit Israels mit Apartheid-Südafrika thematisiert, ist man bald ein “Israel-Hasser”. “Kritisieren” wird hier als “Angreifen” ausgelegt. Ein kritischer Artikel ist ein „antiisraelischer“. Man wird angegriffen wie eben der Arzt, der eine schlechte Diagnose gestellt hat.31

Der ZdJ hat vor einigen Jahren empört auf Aussagen deutscher katholischer Bischöfe zur israelischen Besatzungspolitik reagiert. Die Bischöfe hatten in einer Pilgerreise Israel inklusive der nicht formal annektierten (aber okkupierten) palästinensischen Restgebiete besucht. Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke verglich die Zustände in den Städten dieser palästinensischen Gebiete mit dem Warschauer Getto. Der Augsburger Bischof Walter Mixa sprach zudem von israelischem Rassismus im Umgang mit den Palästinensern. Der damalige Vizepräsident des Zentralrats, Dieter Graumann, sprach von Äusserungen mit “antisemitischem Charakter.” Das ist die Höchststrafe in Deutschland. Der Zentralrat erwarte von Kardinal Karl Lehmann, dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz, eine “Klarstellung”. Der israelische Botschafter Stein warf den Bischöfen Demagogie und Dämonisierung Israels vor. Auch von Journalisten wie Schapira & Co kamen, zuverlässig, Diffamierungen und Empörungen, mit dem “Hinweis” auf den Nationalsozialismus.

Deutschland soll aus NS/Holocaust lernen, heisst es (das ist auch so), aber nicht universale Massstäbe anlegen. Dass Viertel europäischer Städte wegen den dortigen Nord- oder Schwarzafrikaner (tatsächlich/angeblich) gefährlich bzw unzugänglich seien, ist eine der “unbequemen Wahrheiten”, die “ausgesprochen werden müssen”, nicht aus “politischer Korrektheit” zurück gehalten werden sollen. Aber: Wie es den Leuten in Hebron geht, unter den Siedlern und ihrer Armee… “Empathie aus dem Eisschrank“ für die Palästinenser? Und: Meinungsfreiheit, meine Herrschaften!

Als Netanyahu 2011 im USA-Kongress sprach, störte eine amerikanische Jüdin auf der Zuschauertribüne seine Show, protestierte gegen dessen Politik, wurde deshalb von den sie umgebenden AIPAC-Aktivisten krankenhausreif getreten. Netanyahu/Mileikowsky selbst rief ihr zu, hier könne man das machen (protestieren), nicht in den Scheinparlamenten von Iran oder Libyen. Echte Opposition in islamischen Staaten wurde aber oft vom Westen mit allen Kräften ausgeschaltet (zB Kommunisten im Irak, Jebeh-ye Melli im Iran, Moslembrüder in Ägypten,…), tja und echte Opposition zur israelischen Landnahme in Palästina findet sich zum grossen Teil in Gefängnissen oder im Exil, und im israelischen Parlament wird “sie” des öfteren des Saals verwiesen.

Erhard Arendt ist einer jener Blogger, die in Emails für ihre Inhalte bedroht und beschimpft werden. Nicht zuletzt aus dem Kreis von “Honestly concerned”, jener Agitations/Lobbyplattform, die mittels ihrer E-mail-Liste mobilisiert, Artikel, die Israel in irgendwelcher Art “kritisieren”, mit Kommentaren zu diffamieren und Druck auf die Herausgeber_innen der jeweiligen Publikation auszuüben. Ins Fadenkreuz von H.C. gerät man auch, wenn man ihre rassistischen Witze thematisiert. Auch Andere bekommen aus dieser Ecke Hass- und Drohmails bzw -postings. Welchen Vergleich hat Broder da bemüht? „Reichsschrifftumkammer“.

Der britische Journalist Robert Fisk („Independent“) berichtete, dass er und andere Journalisten, die israelische Politik kritisieren, es mit Hass-Emails und Todes-Drohungen zu tun bekommen. Octavia Nasr, eine griechisch-orthodoxe Libanesin, verlor den Job bei CNN nachdem sie privat Hisbollah lobte; noch eine Frau aus der arabisch-moslemischen Welt, deren Meinungen bei angeblichen Frauenrettern nicht erwünscht ist. Ähnlich war es ja Helen Thomas ergangen. Diana Magnay wurde von CNN nach einem Tweet zu Israels Gaza-Massaker (bzw den Schlachten-Bummlern dazu) versetzt. Auch der “Jerusalem Post”-Korrespondent Derfner verlor seine Stelle, nachdem er Ungehöriges geschrieben hatte. Oder “Ken Jebsen”,  der 2011 beim RBB entlassen wurde, nachdem er “verschwörungstheoretische Positionen” vertreten hatte und der Vorwurf des Antisemitismus gegen ihn erhoben wurde.

09 berichtete die schwedische Zeitung “Aftonbladet” über den möglichen Diebstahl von Organen getöteter Palästinenser durch israelisches Militär. Der Bericht löste in der israelischen Öffentlichkeit eine Welle der Empörung aus. Es gab Boykottaufrufe gegen den schwedischen Möbelhersteller Ikea. Israels Ministerpräsident Netanjahu verglich den Bericht empört mit der “mittelalterlichen Ritualmordlegende” und forderte die schwedische Regierung zu einer Verurteilung des Berichts auf. Schwedens Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt lehnte eine Entschuldigung oder Verurteilung mit Hinweis auf die in der Verfassung verankerte Meinungs- und Pressefreiheit ab. Aussenminister Avigdor Lieberman verglich die “fehlende Reaktion” der schwedischen Regierung mit dem angeblichen “Schweigen” während des Holocaust, warf Schweden Heuchelei vor. Zwei unbeteiligten Journalisten des “Aftonbladet” wurde auf Anweisung von Innenminister Yischai (unterschiedliche Angaben dazu) die Verlängerung oder Erteilung der Aufenthaltsbewilligung bzw die Ausstellung von Presseausweisen, die für journalistische Arbeit unter israelischer Herrschaft (also im gesamten historischen Palästina) Voraussetzung sind, verweigert.32

Das dafür zuständige israelische Regierungs-Presseamt hat vielfältige Möglichkeiten, Druck auf ausländische Journalisten auszuüben. Und um gefällige Berichte zu bekommen, werden diese auch zB in die Gebiete gefahren, in denen “Kassam-Raketen” einschlugen; jene, die auf der israelischen Seite der Grenze Fotos von feuernden Artilleriegeschützen machten, werden oft vom Militär gezwungen, diese Bilder aus ihren Kameras zu löschen. Und die Einreise in den Gaza-Streifen wird in den seltensten Fällen gestattet. Daneben gibt es eine militärische Zensurbehörde, die entscheidet, was in israelischen Zeitungen erscheinen darf, “Sicherheitsbelange” betreffend (ein Begriff, der sehr weit gedehnt werden kann). Und, die Militärverwaltung über die palästinensischen Rest-Gebiete zensiert palästinensische Medien. Es darf zB nicht “Jaffa”, es muss “Yafo” verwendet werden.33 Natürlich gibt es auch viel vorauseilenden Gehorsam in diesen Bereichen, in dem letzt genannten noch am wenigsten.

Tja, wenn das IT allgemein oder soziale Medien in der Türkei oder im Iran eingeschränkt werden, und wenn dies gegenüber Palästinensern geschieht… Wenn da Journalisten verhaftet werden oder dort.

In Frankreich gibt es ein Netzwerk zionistischer Organisationen, das gegen Alles vorgeht, was als “anti-israelisch” aufgefasst wird. Die Website “La Mena” prangert Journalisten an, denen das unterstellt wird, auf amisraelhai.org wird zB zu Boykotten aufgerufen. Betar oder Ligue de défense juive (Ableger der JDL) gehen auch physisch gegen Gegner vor, zB auf Demonstrationen für Frieden in “Nahost”. Andere demonstrieren vor den Sitzen “feindlichen Medien”. An die Hauswand des Redaktionsgebäudes von “Le Monde” haben sie “Le Monde = antisemite” und “Plantu = Nazi” gepinselt (“Plantu” ist Karikaturist bei “Le Monde”; er hat auch zu dem Brüssel-Anschlag 16 eine Karikatur gezeichnet).

Der bereits erwähnte Gilles-William Goldnadel betreibt das ideologische Geschäft mit dem Antisemitismus, verklagt Journalisten, im Verein u.a. mit der Ligue internationale contre le racisme et l’antisémitisme (Licra) und der Union des étudiants juifs en France (UEJF). Etwa Daniel Mermet vom Radiosender France Inter, weil Anrufer die israelische Regierung in einer von ihm moderierten Sendung kritisiert hatten. Mermet: “Bei einem so massiven Angriff auf die Meinungsfreiheit hätten die Leute eigentlich auf die Barrikaden gehen müssen…Obwohl sie verloren haben, schüchtern meine Verfolger die Journalisten weiter ein.”

Wenn man objektiv berichtet, gibts Zores; wenn man zB Kinderverhetzung auf beiden Seiten des “Nahostkonflikts” behandelt. Das Israelische mit dem Palästinensischen auf eine Stufe zu stellen, Skandal. Da müssen auch die “Mena-watch”-Funktionäre getobt haben.

A propos: Es gibt eine ganze Infrastruktur an Organisationen oder Initiativen, die sich dem Beobachten und Anprangern der Berichterstattung Israel betreffend gewidmet haben. Von CAMERA über MEMRI bis zum NGO-Monitor. Der leider stillgelegte Blog Mondoprinte über das bereits erwähnte SWC: “Es ist dann auch nicht weiter schlimm, dass ein Zentrum, das sich den Kampf gegen Judenhass zur Aufgabe gemacht und sich nach dem wichtigsten und berühmtesten Nazijäger der Welt benannt hat, sich so unverblümt der Sache Netanyahus und Liebermanns andient, dass es die relativ milde Israelkritik eines Jakob Augstein in eine Reihe setzt mit Ahmadinejad und Co. Dass es auch dieses Zentrum ist, dessen Vertreter dann keine Probleme damit hatten, die Zerstörung eines alten muslimischen Friedhofs in Jerusalem zugunsten eines Toleranzmuseums (Orwell, ick hör Dir trapsen) in Kauf zu nehmen, mutet fast wie Firlefanz an.”34

Stichwort akademische Freiheit und Geschichts-Politik: Die wissenschaftliche Karriere des US-amerikanischen Historikers Norman Finkelstein “scheiterte” an den Standpunkten, die er vertritt. Und Engagements und Vorträge von ihm werden bis heute zu verhindern oder zu stören versucht. Die zu der Partei Die Linke gehörende Rosa-Luxemburg-Stiftung knickte vor einigen Jahren ein und sagte einen Vortrag von Finkelstein ab; selbiges machte die Universität Wien 09 auf proisraelischen Druck, von Seiten SPME/Contreras, Aktion gegen Antisemitismus in Österreich/Neugebauer und IKG. Honestly concerned veröffentlichte dann die Kontaktdaten von dem Hotel, wohin er auswich… (Schikanen durch Mails gehört zu deren Spezialitäten). Liberale Juden setzten sich für den Vortrag ein. Wie war das bei Klenk: Es ist illegitim, gegen die Einladung von Leuten zu agitieren, die Einem nicht passen. So wie es die ADL bei einem Vortrag von Tony Judt erfolgreich getan hat.

08 hat Israel Finkelstein die Einreise verweigert und ihn stundenlang am Flughafen von Tel Aviv festgehalten. Er wurde anscheinend hauptsächlich zu einer voran gegangenen Libanon-Reise verhört. Er habe dort vermutlich Kontakt zu “Israel-feindlichen Elementen” aufgenommen. Und da seine Antworten als “nicht zufriedenstellend” eingestuft wurden, wurde der Wissenschafter zurück geschickt. Noam Chomsky, wie Finkelstein ein jüdischer amerikanischer Wissenschafter abseits des jüdischen Mainstreams, geht es ähnlich. Auch seine Vorträge werden wegen Drucks/Drohungen abgesagt oder gestört. Und, vor einigen Jahren versuchte Chomsky von Jordanien aus in das Westjordanland einzureisen – auch ihm wurde dies von Israel verweigert, auch er wurde mehrere Stunden “befragt”, an der Grenze. Er wollte einige Tage lang in den palästinensischen Autonomie-Gebieten bleiben und an der Bir-Zeit-Universität in Ramallah einen Vortrag halten.

So ging es auch dem UN(HRC)-Sonderberichterstatter für die besetzten palästinensischen Gebiete, Richard Falk, ebenfalls ein amerikanischer Jude; ihm wurde die Einreise verwehrt weil er “parteiisch” sei. Dem ehemaligen USA-Präsidenten Carter wurde ein frostiger Empfang und Schikanen bereitet, er konnte aber in das Land, und sich auch mit palästinensischen Vertretern treffen. Die nord-irische Friedensnobelpreisträgerin Mairead Maguire (Corrigan) wurde am Flughafen in Lod/Lydda festgehalten und dann ausgewiesen. Sie hatte vor, sich in dem Land mit israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten zu treffen. Die Liste ist lang. Auch Steven Georgiou (“Cat Stevens”, “Yusuf Islam”) hatte Probleme dieser Art, 2000. Zu Grass kommt hier noch etwas. Strache oder Petry sind dort willkommen, Grass oder Chomsky nicht; Palästinenser die von dort stammen, schon gar nicht, höchstens unter härtesten Bedingungen.

Die Veranstaltung “Remapping Palestine” vom Dar al Janub in Wien 2011 löste Aufregung, Diffamierungs- und Verhinderungsversuche aus, u.a. beim KA Christlich-jüdische Zusammenarbeit, SPME, den “Anti”deutschen in der ÖH, ADA, IKG (Fastenbauer), ÖIG. Besonders die Teilnahme von Ilan Pappe, der Klartext über die Nakba und die Entwicklung seither redet und schreibt, und jene von Joseph Massad, erzürnte. Pappe referierte dort über über akademische Freiheit anhand des Nahostkonflikts. Er ist einer jener, die die Grenzen wissenschaftlicher Freiheit erfahren mussten. Er war von der Universität Haifa ausgeschlossen worden, nachdem er sich des Themas Nakba annahm. Das bewirkte überhaupt einen Bruch mit „Mainstream-Israel“. Kritische Standpunkte zu Israel wie seine bekommen den Stempel „antizionistisch“, was ganz bewusst mit “antisemitisch” gleich gesetzt wird. Ein wohlfeiles Instrumentarium.

Pappe damals im Albert-Schweitzer-Haus: Zensurversuche seien die selbe Kraft wie jene, die zb Häuser zerstört. Er wies auch darauf hin, dass israelische Wissenschaft oft im Dienste des Zionismus steht; in der Zwischenkriegszeit sollte etwa der britischen Peel-Kommission die Kontinuität jüdischer Besiedlung (des Landes) von Historikern “bewiesen” werden (um Ansprüche darauf zu untermauern). „Reclaiming Palestine“ im November 2014 rief die selben Diffamierungen und Verhinderungsversuche hervor.

“Scholars for Peace in the Middle East” (SPME) ist an vorderster Front beim Mobbing gegen unbequeme Professoren wie dem Palästinenser (in der USA) Joseph Massad aktiv, während sie den akademischen Boykott gegen Israel anprangern. Dabei arbeitet die Lobby-Organisation eng zusammen mit “Campuswatch” (nicht zuletzt auch gegen liberale Juden) oder “Israel on campus coalition”. Von ihrer Homepage gibt es Links u.a. zu “jihadwatch” und “lizaswelt”. Das “Frieden” in ihrem Namen zeugt von Zynismus oder aber von der Verdrehung dieses Begriffs im Zusammenhang mit Israel/Palästina. Die Zwangsjacken, die von diesen Wachhunden bereit gehalten werden, sind die des “linken Antisemiten” und des “jüdischen Selbsthassers”, und wenn das nicht reicht, wird eine “Querfront zu Rechtsextremen” gefunden.

Der Politikwissenschafter Gerhard Mangott wurde 07/08 angeprangert von Dropthebomb/SPME (da gibt es grosse personelle Überschneidungen), nachdem er DÖW-Neugebauer im “Standard” mit dem Gastkommentar „Anti-Iran-Bellizisten missbrauchen Shoah“ geantwortet hatte. Eine Lesung von Mosche Zuckermann am Wiener Zeitgeschichte-Institut wurde trotz Empörung und heftiger Reaktionen (u.a. von C. Heni) wenigstens nicht abgesagt.

CAMERA-Mitbegründer Charles Jacobs produzierte 04  mit Martin Kramer vom WINEP den vorgeblichen Dokumentarfilm “Columbia Unbecoming” – der u.a. eine Kampagne gegen Joseph Massad darstellt(e). Gleichzeitig wurde Massad in dem Buch “The Professors: The 101 Most Dangerous Acadamics in America” dämonisiert. Verfasser dieses Buches war der neokonservative Aktivist David Horowitz (ein Ex-Linker). Finanziert wurde die Treibjagd von Aubrey Chernick, der auch das “David Project” (Leiter Jacobs), israelische Siedlungen oder die ADL unterstützt und die “Sicherheitsfirma” NC4 betreibt. Daniel Pipes ist ebenfalls in den Kampagnen gegen Massad aktiv und wird von Chernick unterstützt. Er betreibt Campus Watch (Online-McCarthyismus, unliebsame Akademiker an den Pranger stellen), das Middle East Forum, u.ä. IT-Kampagnen. Und, er tut das teilweise in einem wissenschaftlichen Mäntelchen.

Der ägyptisch-schweizerische Wissenschafter Tariq Ramadan verlor durch Druck u.a. des Wiesenthal-Zentrums seine Lehrstellen in USA und der Schweiz. Dass die Aufführung eines Voltaire-Stücks in Genf von ihm verhindert worden sei, wird immer wieder gebracht; dass seine Karriere aber verhindert wurde… Man muss nur unablässig diffamieren – etwas bleibt hängen.

Die kürzliche UNESCO-Resolution zu Jerusalem/Quds/Jebus/Jerusalam löste heftige Proteste aus35 – auch aus der Wissenschaft in Österreich. Die Leitung der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Universität Wien protestierte dagegen. Die “Ausblendung der engen Beziehungen zwischen Jerusalem und dem Judentum” sei ein „Akt fahrlässiger Geschichtsvergessenheit“. Unterzeichnet ist die Stellungnahme von der Dekanin Siegrid Müller (Deutsche) und den beiden Vize-Dekanen Jan-Heiner Tück (Deu) und Johann Pock. Eine christliche Theologie, die „Auschwitz als Zeitindex ernst nimmt“ und auf der „Erinnerung an die dunkle Nacht der Shoah“ beharre, müsse mit „gesteigerter Wachsamkeit“ alle „judenfeindlichen Tendenzen der Gegenwart“ im Blick haben. So könne christliche Theologie auch „nicht gleichgültig bleiben, wenn Juden in ihrem Selbstverständnis irritiert oder verletzt werden“, wie dies durch die UNESCO-Resolution geschehe. Die Resolution provoziere „Irritationen“ und schüre Konflikte „anstatt dazu beizutragen, dass Jerusalem als ‚Stadt des Friedens‘ ein Ort sein kann, an dem Juden, Christen und Muslime friedlich miteinander leben und die heiligen Stätten aufsuchen können.“ Die Wiener Fakultätsleitung schließe sich daher „uneingeschränkt“ dem Protest der Laien-Gemeinschaft Sant’Egidio an und fordere eine sofortige Rücknahme der Resolution.

Wissenschaft wird da mit Politik vermischt, Geschichte mit Geschichtspolitik bzw Religionsmythen durcheinander gebracht, nationalen und politischen Gefühlen ein Primat über internationale Politik (bzw Diplomatie) und Wissenschaft eingeräumt. Und völlig einseitig, blind, naiv und mit Scheuklappen wird die Sache behandelt. Den “Konflikt” auf die religiöse Ebene herunter zu brechen, das verschleiert ohnehin nur. “Israel” dehnt sich über ganz Palästina, ganz Jerusalem aus, es ist nicht Israel, das in Jerusalem seiner “Rechte” beraubt wird. Und es macht Sinn, sich die selbstherrliche israelische Siedlungs-/Verdrängungspolitik in dieser Stadt anzusehen, bevor man über friedliches Zusammenleben redet.

Mit “Säuberungen” und Siedlungen in und um Jerusalem begann es nach der Eroberung unter Bürgermeister Kollek ab 67. Israelisches Hauptanliegen war und ist ein Ring von Siedlungen (“Har Homa”,…) zwischen Ost-Jerusalem und der (noch) palästinensischen Stadt Bethlehem. Wem wird die Verbindung zur Stadt abgesprochen und wem wird sie gekappt? Zum 44. Jahrestag der Besetzung des Ostteils von Jerusalem durch Israel hat Netanyahu weitere Baumaßnahmen in diesen Stadtteilen angekündigt. „Vor 44 Jahren wurde die Stadt wiedervereinigt, und wir sind auf die Erde unserer Vorfahren zurückgekehrt. Die ganze Welt weiss, dass das israelische Volk und seine Freunde stolz auf Jerusalem sind“. Ein “Bibelpark” oder Technologie-Einrichtungen dort sollen Ansprüche unterstreichen und (nach aussen) verschleiern, was die Siedlungspolitik für die Palästinenser bedeutet, nämlich Enteignungen und Abrisse ihrer Häuser. Netanyahu wollte eine Mauer zu Ostjerusalem bauen, so wie überall hin. Aber, eigentlich gehört der Osten ja auch uns, also doch nicht. “Wir bauen in ganz Jerusalem, dem Herz der Nation” tönte er im letzten Wahlkampf; das wäre relevant hier, auch für die Katholisch-Theologische Fakultät der Uni Wien. Die “unteilbare und ewige Hauptstadt”, “uns gehört ganz Jerusalem, das ganze Land” (> und wenn Palästinenser solche Ansprüche erheben…). Die Siedlungen im Westjordanland und Ostjerusalem sind Netanjahu, prononciertem Verfechter von “Wettbewerb” und “freier Marktwirtschaft”, so wichtig, dass er dort auch jenen Sozialstaat zulässt, den er sonst ablehnt.

Wenn man über Jerusalem redet, soll man auch darüber reden, dass ultra-orthodoxe Juden in der Stadt sowie in der Umgebung, wie in Beit Shemesh, eine strikte Geschlechtertrennung im öffentlichen Leben fordern und zT praktizieren. Oder dass es einen Protestmarsch Hunderter Flüchtlinge aus Afrika gab, die sich weigerten, zum abendlichen Einschluss in das für sie eingerichtete Internierungs-/Abschiebelager “Holot” in der Negev-Wüste zurückzukehren.36 Und in Jerusalem haben Strache und einige internationale Konsorten vor einigen Jahren ihre “Erklärung” abgegeben, auch das sei erwähnt, wenn man Klartext redet.

A propos Siedlungsbau: Der UNO-Sicherheitsrat forderte kürzlich ja das sofortige Ende des israelischen Siedlungsbaus in den palästinensischen Rest-Gebieten. Die USA enthielten sich überraschend, legten nicht wie von Israel gewünscht und wie üblich ein Veto ein. Schon vor der Abstimmung war die Rede von einer „Anti-Israel-Resolution“ , einer “umstrittenen Resolution”, dann von einem Schlag Obamas gegen Netanyahu (weil dieser den anhaltenden Siedlungsbau kritisch und als Hindernis für den Friedensprozess betrachtet…). Netanyahu reagierte auch vorhersehbar, griff Obama an, redete von einer „beschämenden antiisraelischen Resolution“, man werde sich nicht daran halten, statt dessen das Verhältnis zu der UN überprüfen, einen „Aktionsplan“ gegen sie ausarbeiten. Ausserdem hat Israel die Botschafter all jener Staaten ein bestellt, die für den Beschluss gestimmt haben (und die Israel auch anerkennen). Die ausländischen Vertreter sollten „gerügt“ werden. Wenn man darauf pocht, dass sich Israel an seine international anerkannten Grenzen hält…

Nachdem 2012 SPD-Politiker mit solchen der palästinensischen Fatah gesprochen hatten, schäumte der der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann: “Die SPD macht sich gemein mit einer Terror-Organisation, die zu Hass und Hetze gegen Juden aufruft. Die Partei sollte sich schämen”, SPD-Chef Sigmar Gabriel und Kanzlerkandidat Peer Steinbrück müssten “jetzt ganz schnell erklären, was das zu bedeuten hat und sich davon distanzieren. Ich hoffe, sie wissen überhaupt, mit was für einer Organisation sie es hier zu tun haben. So ist die SPD ganz sicher nicht regierungsfähig”. Mondoprinte dazu: “Ihm geht es offenkundig darum, nicht nur der israelischen Regierung seine Solidarität zu zeigen, sondern sich auch auf das Niveau von Likud und Co. zu begeben: Letzten Endes, so hat man den Eindruck, ist jeder Palästinenser – qua Existenz – eine Provokation.”

Auch Martin Schulz wurde nach seiner Knesset-Rede schlimm angegriffen, aus dem Eintreten für eine einigermaßen gerechte Lösung wird im nu propalästinensich, antiisraelisch, nazi… Das musste auch “Jean” Ziegler erfahren, nachdem er auf israelische Grausamkeiten in Gaza (nach dem Abzug) hinwies.

Von “israel-kritischen” Juden wie Finkelstein, Chomsky, Pappe, Zuckermann, Falk war schon die Rede. Jüdische Zionismus-Kritiker wie diese oder Bunzl oder Goldstone werden auch immer wieder angegriffen, riskieren die Quasi-Exkommunikation aus der jüdischen Gemeinde. Von den “Anti”deutschen und ihren Freunden wird auch die antisemitische Einteilung in “gute” und “schlechte” Juden vollzogen.37

Die vom deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete israelische Menschenrechtsanwältin Felicia Langer wirft jüdischen Intellektuellen wie Ralph Giordano, die gegen die Ordensverleihung Sturm laufen, eine “Verleumdungskampagne” gegen sie vor. Giordano hat gedroht, sein eigenes Bundesverdienstkreuz und sein Großes Verdienstkreuz zurückzugeben, falls Felicia Langer das Bundesverdienstkreuz nicht aberkannt werde. “Niemand hat in den letzten 25 Jahren mit einer an Blindheit grenzenden Einseitigkeit Israel mehr geschadet als diese angebliche Menschenrechtsanwältin”. Es ging ihm um einen Schaden für Israel, das sagte er auch, und dieser “Schaden” bzw ihre “Blindheit” kommt für ihn davon, dass sie den israelischen Umgang mit den Palästinensern thematisiert, abseits von Lobbyismus, Apologetik, Partikularismus.

Den französisch-israelischen Journalisten Charles Enderlin (TV5) traf eine aggressive Kampagne weil er in der al Dura-Sache eine andere Meinung vertrat als etwa Schapira. In Zuge dessen musste sich der französische jüdische Dachverband CRIF von seinen “Ultras” distanzieren. Alexandra Schwartzbrod musste ihre Stellung als Korrespondentin von “Libération” in Jerusalem zur Zeit der zweiten Intifada aufgeben. Die Lobby-Organisation “La Mena” hatte ihr “Anstiftung zum Rassenhass” und “antiisraelische Propaganda” vorgeworfen.

2012 hat die deutsche Holocaust-Gedenk-Stiftung EVZ die Unterstützung für die israelische interethnische NGO Zochrot (die für echte Koexistenz ist) beendet, aufgrund deren Unterstützung für das Recht während der Nakba vertriebener Palästinenser (bzw ihrer Nachfahren) auf Rückkehr.

Den eigenen “Ansprüchen” bezüglich künstlerischer Freiheit wurden Viele bei Mel Gibsons angeblich “antisemitischem” Jesus-Film „Die Passion Christie“ oder bei “Paradise Now” nicht gerecht. Auch die  türkische TV-Serie “Tal der Wölfe” rief Empörung und Wut hervor. Wie auch Filme, die palästinensische Realität unter israelischer Herrschaft zeigen, wie “Five broken cameras”. Gegen Filme wie “Der Goldene Kompass” mit Nicole Kidman38 rufen nur bestimmte Gruppen, wie streng religiöse Christen, zum Boykott auf. Aber: Jene, die gegen “Passion Christie” oder “Broken cameras” zetern, sind in der Regel jene, die mit “Homeland” oder “True Lies” keine Probleme haben und diese Werke durch künstlerische Freiheit gedeckt sehen.

Wie kurz der Weg ist von der Zuschreibung “propalästinensisch” zu “israelkritisch”, “antiisraelisch”, “antisemitisch”, musste Vanessa Redgrave erfahren, als sie  aufgrund ihres propalästinensischen Engagements vor der Oscar-Verleihung 74 Gegenstand von Hasskampagnen der JDL und ähnlicher Gruppen wurde, inklusive Bilderverbrennungen und Druck gegen die Verleihung des Preises an sie, für einen Film, der in keiner Beziehung zu ihrem Engagement stand.

Der ungarische Beitrag zum Song Contest 15, “Wars for Nothing”, thematisierte u.a. das israelische Massaker in Gaza; die israelische Botschaft in Budapest und Andere intervenierten, das Video wurde geändert. Der (von Diaspora-Armeniern aufgeführte) armenische Beitrag in diesem Jahr thematisierte ihren Völkermord, musste entpolitisiert werden. Die “Dixie Chicks” wurden 03 nach ihrer Bush-Kritik von manchen Radio-Stationen nimmer gespielt, in öffentlichen Aktionen CDs von ihnen vernichtet. Zu Zeiten des jungen Bush waren auch in Deutschland Manche äusserst hochmütig und ungeniert, man denke an die vulgäre Veranstaltung gegen die Frankfurter Buchmesse 04 (Schwerpunkt arabische Literatur) mit dem Motto „Regime change statt kritischer Dialog“.

Oder die hysterischen Reaktionen auf das Grass-Gedicht. Günter Grass hat 2012 in einem in mehreren Zeitungen veröffentlichten Gedicht geschrieben, „die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden“. Er wirft sich vor, zu lange dazu geschwiegen zu haben. In dem Zusammenhang kritisiert der Schriftsteller auch die Lieferung von U-Booten „aus meinem Land“ nach Israel, das diese als Träger für sein Atomwaffenprogramm einsetzt. Und das ganz ohne Broder um Erlaubnis zu fragen. Grass löste mit seinen Gedanken ja ein Entrüstungsritual in der deutschen Öffentlichkeit aus. Ein sattsam bekannter politisch korrekter (?) Mob attackierte Grass und die Meinungsfreiheit, rief nach Zensur, prangerte ihn an, erschoss den Überbringer der Botschaft.

Das Gedicht und einige Reaktionen bei Arendt. Der iranische Staatsrundfunk und die NPD sollen Grass gelobt haben, was sofort dankbar ausgeschlachtet wurde.39 Wie zu erwarten, gab es von Broder, in „Die Welt“, noch bevor das Gedicht bekannt wurde, eine verbale Blutgrätsche. Und für Viele wurde erst jetzt Grass’ Waffen-SS-“Zugehörigkeit” ein Thema. Grotesk war, dass ausgerechnet aus der Israel-Lobby in Deutschland Lamentos über die “einseitige Anklage” und “Dämonisierung” (Israels) kamen…

Auch Aussenminister Westerwelle schloss sich dem Shitstorm an, anstatt auf das von Israel wegen des Gedichts erlassene Einreiseverbot zu reagieren. Auch andere deutsche Politiker machten mit bei der inquisitorischen Aufregung, von Polenz bis Özdemir. Auch Tel Aviv war erbost, mehrere Regierungs-Mitglieder und Spitzenpolitiker schalteten sich ein; Innenminister Yishai (Schas) erliess ein Einreiseverbot für Grass. Er erhob auch die Forderung nach Aberkennung des Nobelpreises für ihn. Seine “Fatwa” war grossteils durch innenpolitische Profilierung motiviert. Lieberman dumm-hysterisch wie gewohnt. Beilin zeigte seinen „Liberalismus“: Grass solle “kommen dürfen” und sich Sederot anschauen. Und Beilin sollte sich Gaza anschauen. Auch israelische Autoren wie Kaniuk, Z. Shalev, E. Amiri sowie der dortige Pen-Klub stimmten in den Chor der Verurteilung mit ein.

Eine hysterische Tirade von Andreas Koller in den „Salzburger Nachrichten“, mit reichlich “Antisemitismus”-Anklagen. Am Tag des Erscheinens des Artikels bekam dieser den Marcic-Journalistenpreis, nach einem Ustascha-Funktionär und Chefredakteur von Kollers Zeitung. Lendvai, der im “Standard” Poster und Kommentatoren zu dem Thema attackierte, müsste sich im Sinne Brechts ein neues Volk bzw Publikum suchen 40; die “Interessen der Mehrheitsgesellschaft” (s.o.) waren hier nicht mehr berechtigt… Möchtegern-Gutmensch Rubina Möhring griff im “Standard” nicht den Pöbel an, der gegen Grass hetzte, sondern benutzte eine Anti-Sinti-Geschichte der „Weltwoche“ um Grass anzuklagen (weil sich dieser dort nicht zu Wort meldete), und nicht etwa Broder der bei der “Weltwoche” schreibt. Rauscher schrieb im “Standard” über eine „pseudo-moralische Pose“ –  bei Grass und nicht beim Mob.41

Grass in Schutz genommen hat indessen der Präsident der deutschen Akademie der Künste, Klaus Staeck: “Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden. Die reflexhaften Verurteilungen als Antisemit finde ich nicht angemessen. Grass hat das Recht auf Meinungsfreiheit auf seiner Seite und nur seiner Sorge Ausdruck verliehen. Diese Sorge teilt er mit einer ganzen Menge Menschen”. Zuckermann kritisiert die Hatz gegen Grass in der “taz”: „…medialer Amoklauf gegen ihn…tatsächliches Tabu…Broder, Graumann, Wolffsohn, Giordano agieren nicht zum Wohl Israels”. Lüders sagte, die israelische Regierung benutze die Iran-Thematik. Auch Gabriel (SPD), Gehrcke (Linke), Strasser (PEN-Klub), die EJJP, J. Augstein („Aufschrei deshalb, weil er Recht hat”), Muschg, A. Grosser, Vanunu, U. Steinbach, Chomsky, U. Avinery, H. Dabashi42 verteidigten Grass. Mely Kiyak, eine Kurdin aus der Türkei in Deutschland43, konstatierte, hier gebe es im Gegensatz zum Sarrazin-Buch tatsächlich eine hysterische Reaktion.

Grass bekräftigte seine Kritik am zionistischen Kriegsgetrommel. “Es ist mir aufgefallen, dass in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund steht”. Er präzisierte seine Kritik an Israel: dessen Atomwaffen seien auch gefährlich und gemeint habe er in erster Linie die Regierung Netanyahu wegen ihrem Siedlungsbau.

Bei Schmok schrieb einer: “Als 1959 die Blechtrommel erschien, die die Pogromnacht 1938 in Danzig beschreibt und deren letzter Teil nicht in Danzig und nicht an der Front, sondern in Düsseldorf der Nachkriegszeit spielt, sprach man noch so gerne von der ‘Stunden Null’…Als er Anfang der siebziger Jahre in Israel war und Menschen aus der zerstörten Danziger jüdischen Gemeinde interviewete, als er dann darüber in Tagebuch einer Schnecke schrieb, hatte die Bundesrepublik Deutschland bereits einen Altnazi als Bundeskanzler gehabt 44. Praktika und Urlaub in Israel waren noch lange nicht so cool wie heute und von Versöhnung und Hebräisch-Kursen hat man noch kaum gehört. Das waren anfängliche Versuche, die NS-Vergangenheit aufzuarbeiten. Mittlerweile haben aber die Eliten dieses Landes einen leichteren Weg gefunden: Sie schwören dreimal täglich ihren Beistand für Israel, liefern Waffen und laden das ultra-nationalistische israelische Kabinett zur gemeinsamen Sitzung in Berlin ein. Weg mit Reflexion über historische Kontinuitäten und heutigen Rassismus in Deutschland, immer her mit Israels Sicherheit, Israels Rechte, Israels Sorgen… bejubelt dann die ‘jüdisch-christliche Tradition’ Deutschlands…”

In der Tat: Als das angeblich in seiner Existenz bedrohte Israel im Juni 1967 einen Krieg gegen seine Nachbarn vom Zaun brach und in der Bundesrepublik eine Welle der Begeisterung für den militärisch überlegenen jüdischen Staat ausbricht, war Günter Grass einer der wenigen Linken, die pro-israelisch blieben. Die Rechte wurde das, die Linke brach weg, vereinfacht gesagt. Grass versuchte am 3. Juni 67, kurz vor Kriegs-Ausbruch und kurz nach der Tötung des Anti-Schah-Demonstranten Ohnesorg, eine Versammlung an der Freien Universität in West-Berlin zur Abgabe einer Solidaritätsbekundung mit Israel zu bewegen (vergeblich). Der Westpreusse unterzeichnete dann die von 20 Vertretern der deutschen Linken wie Ernst Bloch, Martin Walser, Alexander Mitscherlich, Walter Jens, Alfred Andersch, Uwe Johnson, Helmut Gollwitzer abgegebene Solidaritätserklärung. Das „Deutschland denken heisst Auschwitz denken“ ist auch von Grass.

Als früherer Israel-Apologet war Grass hoch angesehen in den entsprechenden Kreisen, das änderte sich auch nicht durch seine Bekanntgabe der Mitgliedschaft in der Waffen-SS; sondern mit dem israelkritischen Gedicht, dadurch wurde auch das mit der SS ein Thema. Herzl Chakak, der Vorsitzende des israelischen Schriftstellerverbands, sagte: “Würde Grass gegen die nukleare Aufrüstung des Iran aktiv werden, könnte er so die Spuren des Hakenkreuzes auf seiner Kleidung löschen. Aber sein Kreuzzug gegen das jüdische Volk und Israel geht weiter, und dafür kann man ihm nicht vergeben.” Dem de.wiki-Artikel über die betreffenden U-Boote, der Dolphin-Klasse, und der dazugehörigen Diskussion kann man auch entnehmen, wie sehr diese Sache der historischen Entlastung dient und wie Manche dort ihren Charakter ausleben.

Die aggressiven Reaktionen auf das harmlose Gedicht haben gezeigt, wie weit das deutsch-jüdische Verhältnis von Aufrichtigkeit und unverkrampften Umgang entfernt ist. Und wie unbequeme Ansichten in Deutschland stigmatisiert werden. Wie war das: Die Position gar nicht auf Stimmigkeit hin zu untersuchen, sie stattdessen von vornhinein zu stigmatisieren… Meinungen werden von “Politkommissaren” diffamiert, es wird nach Zensur gerufen.

Die Grenzen der Meinungsfreiheit

Jene, die einfache Rezepte geben (alles muss erlaubt sein), sind oft erst recht Jene, die doppelte Standards anlegen. Das “Credo” von der “Gedankenfreiheit” oder “Radikalkritik” erweist sich immer wieder als leer bzw Einbahnstrasse. „Das wird man wohl noch sagen dürfen!” sagen Jene, die Anderen diese Attitüde zum Vorwurf machen. Das “Provokative” wird gefeiert wenn es eine gewisse Tendenz hat, sonst verteufelt. Aggressivität liegt entweder dann vor, wenn klare Worte ausgesprochen werden, oder wenn gegen diese Stellung genommen wird. „Berechtigte Unruhe in der Bevölkerung thematisieren“ oder aber doch die “Unruhe” in der Bevölkerung dieser zum Vorwurf machen.

Yusuf Halacoglu von der türkischen “historischen Gesellschaft” TTK, dann Abgeordneter der nationalistischen MHP, der den Völkermord an den Armeniern entschieden in Abrede stellt, sagte, es solle diesbezüglich Meinungsfreiheit geben – in der Schweiz, wo die Leugnung dieses Holocausts verboten ist, nicht in der Türkei, wo seine Thematisierung verboten ist.

Hinter dem Verlangen nach Meinungsfreiheit steht oft jene nach Hetze, während differenzierte, berechtigte Kritik als Tabu behandelt wird. Rechte greinen auch wegen fehlender Meinungsfreiheit für Eva Herman, David Irving oder Lutz Bachmann. Als der PEGIDA-Führer, wegen „gewöhnlichen“, unpolitischen kriminellen Delikten in Dresden vor Gericht stand, wurde er von zahlreichen Unterstützern empfangen und kündigte an, dass er den Prozess, mit einer „Zensurbalkenbrille“,  zur Selbstdarstellung als Märtyrer der „Lügenpresse“ nützen wolle. “Tabubrecher” wie er, Sarrazin, Wertmüller, Zschäpe, Breivik und ihre Fans sehen sich dauernd mit Maulkörben konfrontiert.

Auch Straches Anhänger zeigten sich in Massen empört, über die Zwänge der political correctness. Während die FPÖ rund 40 000 Parteimitglieder hat, gibt es auf Facebook bereits über 100 000 Fans des Auftritts von Parteichef Strache. Unter den rechtspopulistischen Parteien halten die “Blauen” mit diesen Zahlen den Europarekord, heisst es. Und, wo in Mittel- und Westeuropa schon fast jeder Haushalt einen Computer mit IT-Zugang (und das dazu gehörige Know How) hat, ist das IT vielfach Stammtisch-Ersatz geworden. Dort gibt es noch die “freie Rede“, in gewissen Diskussionsforen, Kommentarspalten, Facebook-Seiten, Blogs.

Und Strache wird auf fb von seinen Fans als Retter des Abendlands gefeiert. Was ihr Beitrag zu diesem ist, zeigt sich auch, dort wird ja Klartext geschrieben. Zu Natascha Kampusch schrieb dort einer „sperrts die oide in kölla dasa rua is“. V.a. gegen Flüchtlinge, Einwanderer, Moslems, Linke richtet sich der Volkszorn. Bei Feministinnen oder Homosexuellen bemühen sich manche in Zurückhaltung, man ist ja besser als die Muselmanen. Bundeskanzler Kern wurde auf der Seite von Strache mit einer „9 mm“ bzw. einer „schnellen Kugel“ bedroht. So eine Polemik wird doch noch erlaubt sein. Nach einer Brandstiftung im Wiener Neustädter Dom, die von einem türkischstämmigen Burschen begangen wurde, hiess es von einem Wutbürger: “Ein Türk ein Strick ein Baum ein Genick billigste Lösung.” Nur keine Denk- und Sprechverbote.45 Nach dem Massaker des Islamophoben in Norwegen schriebt eine Strache-Anhängerin von einer „Mitverantwortung jener Politiker die für Zustände verantwortlich sind, über die sich der psychpathische Attentäter aufregte“. Natürlich, im Grunde hat er ja Recht gehabt.

Nach der (falschen) Strache-Behauptung, dass Moslems mit rot-grüner Unterstützung den Nikolaus in Wiener Kindergärten verhinderten, schäumt der Mob bei ihm auf fb, zB „glei bei der grenz gehörn die männer kastriert und frauen sterilisiert..“. Unter einen „Salafisten-kritischen“ Text postete Einer „Wir brauchen diese Untermenschen nicht!!! Affen sind für mich noch intelligentere Lebewesen als diese unterentwickelten Muslime!!!“. “Flüchtlingsgegner” fühlen sich auch in Deutschland ausgegrenzt, werden nicht mit Kritik an ihrer Kritik fertig. Der deutsche Justizminister Heiko Maas erhielt Morddrohungen, einige gingen über Zuschriften hinaus: „Jemand hat eine Neun-Millimeter-Patrone in den Briefkasten meiner Privatwohnung geworfen.“

Es ist ein Unterschied, ob Empörungen über etwas bewusst provoziert (hervor gerufen) wurden, oder ob diesen ein Übersehen zu Grunde liegt. Anlässlich der Fussball-WM 1994 etwa hat McDonald’s Flaggen aller (damals 24…) Teilnehmer auf ihren Papiertüten abgebildet, auch jene von Saudi-Arabien, dessen Team damals erstmals bei einer WM war. Islamistische Gruppen empörten sich, da ja diese Tüten irgendwann in den Mist geschmissen werden und damit auch das islamische Glaubensbekenntnis, die Schahada, die in weisser Schrift auf grünem Grund die saudische Flagge ausmacht. Somit sei eine Schändung des Islams gegeben. Das war kein grosser Aufregungs-Sturm, aber es war lächerlich; und anmaßend und fanatisch. Wenn man ernsthaft erwartet, dass auf so etwas Rücksicht genommen wird, muss man sein Fussball-Nationalteam abschaffen.

Aber es gibt eben auch Fälle, wo gezielt auf Aufregung und Empörung hin gearbeitet wird. Und diese Reaktionen werden dann als Beleg für die Verdorbenheit der “Gegenseite” angeführt. Und auch zur Relativierung und Legitimierung der eigenen Ressentiments. Zur De-Legitimierung der Anliegen dieser Seite.

Dieses westistische Überlegenheitsgehabe… Jauch liess einen herausgeschmissenen Störer in seiner Sendung zurückholen mit „Wir sind hier nicht in der Ukraine“; ähnliches geschah bei Lanz mit Barbusigen die angeblich gegen Arbeitsbedingungen in Katar protestierten.

Bei Filmen wie “Fitna” wird Kritik daran als Einschränkung der Meinungsfreiheit gesehen, bei Filmen wie “Passion Christie” sei Kritik Ausdruck von Meinungsfreiheit. Bei “Homeland” ist nicht der Rassismus das Problem, sondern der Hinweis darauf, die Thematisierung.

 

Von Anderen:

Causa Grass

Zu Böhmermann

Thomas Steinfeld: Unsere Hassprediger

Über die Schwierigkeiten von Veranstaltungen in Deutschland, auf denen Israel nicht nur als Objekt der Beschönigung behandelt wird

Warum es selbst in den USA keine ganz freie Rede gibt

Zensur bei “Das Leben des Brian”

Ausladung der palästinensischen Christin und Frauenrechtlerin Sumaya Farhat-Naser vom ARD 09

Zensur bei Alma – A Show Biz ans Ende

Carlos Latuffs Internet-Seite

Noam Chomsky: Media Control (dt. 2006)

Ilan Pappe: Out of the Frame: The Struggle for Academic Freedom in Israel (2014)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Es gab übrigens auch in Polen Aufregung über Böhmermann. In dessem Video „Be deutsch“, das rechte Politiker aufs Korn nehmen soll, wurde neben US-Präsidentschaftsanwärter Donald Trump, Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban und Frankreichs Front-National-Chefin Marine Le Pen auch die polnische Premierministerin Beata Szydlo kurz eingeblendet. In den Hauptnachrichten des mittlerweile auf Linie der rechtskonservativen Regierung gebrachten polnischen Fernsehens hieß es, der Clip „diskreditiert aggressiv Politiker, mit denen Berlin im Clinch liegt“
  2. Eigentlich war das viel schlimmer als dass seine Mutter Mohammed als “Kinderschänder” bezeichnete. Die geschändeten Kinder lehnt Winter übrigens genau so ab, so wie jene die die zu Tode Verurteilten im Iran anführen oder andere islamische/orientalische Islamismus-Opfer
  3. Irgendwo auf dem Foto von Jerusalem müsste auch das “Teddy-Stadion” zu sehen sein. Wenn man sich mit den Fans des dort spielenden Beitar-Klubs beschäftigt, weiss man was Rassismus und Rechtsextremismus ist. Dass bei Beschäftigungen mit tatsächlichem oder vermeintlichem “Antisemitismus” Rassismus in die andere Richtung immer ignoriert, darüber wird es in einem kommenden Artikel gehen
  4. Die iranischen Mullahs haben auch “Nicht ohne meine Tochter” “islam-feindlich” genannt; sie treffen sich dabei mit jenen rassistischen Kulturalisten die den Iran rein über den Islam definieren wollen und leisten jenen Vorschub, die ihren Rassismus hinter “Islamkritik” verstecken wollen
  5. Wenn man sich ansieht, worüber Timmerman sonst noch so schreibt, weiss man etwas mehr über dieses Milieu. Etwa ein Buch über westliche Waffenlieferungen an Saddam Hussein – die dieser hauptsächlich im Krieg gegen Iran eingesetzt hat. Oder eines, in dem der Kämpfer für die Rechte von Afro-Amerikanern, Jesse Jackson, diffamiert wird
  6. Jedenfalls auf seiner Homepage, möglicherweise auch im “Falter”
  7. In Schirrmachers Buch
  8. Also, wenn man zB nahelegt, verrücktes Beispiel, dass ein Irak-stämmiger Österreicher mit historischen oder aktuellen Sünden des Islams in einer Art Verbindung steht
  9. Nebenbei: Klenk hat auch zur Skandalisierung eines Romans von Thomas Steinfeld beigetragen, in dem ein anderer Schirrmacher, FAZ-Frank, als “Vorbild” für das Mordopfer ausgemacht wurde
  10. In den 30er/40er-Jahren profaschistisch
  11. Bei der Ausstrahlung wurden die zwei entsprechenden Folgen deshalb von Comedy Central “entschärft”
  12. (Christliche) Schwarzafrikaner, Griechen, Inder, oder Mizrahis sind hier des Öfteren implizit oder dezidiert mit gemeint
  13. Der Rat der muslimischen Theologen in Südafrika warnte auch davor, dass die Veröffentlichung der Zeichnung gewalttätige Folgen für die Fussball-WM in dem jahr in Südafrika haben könnte
  14. Im November dieses Jahres die noch schlimmere Terror-Attacke in Paris
  15. Netanyahu etwa nutzte das Hebdo-Massaker um gegen die Anerkennung Rest-Palästinas und für die Einwanderung französischer Juden nach Israel zu werben
  16. Die deutsche Bundespressekonferenz hat sich kürzlich für eine Satire über Flüchtlinge entschuldigt. Zum Bundespresseball war ein „Almanach“ über Schwimmkurse für Flüchtlinge im Mittelmeer erschienen und hatte für Empörung gesorgt. Ist das nicht schon ein Einknicken, sich zu entschuldigen?
  17. Ein Rechtsanwalt hat im Namen der Gemeinde eine Beschwerde gegen „Charlie Hebdo“ eingereicht
  18. Laut „Django Asül“ ein CDU-ler mit Russpartikelfilter. Kretschmann plädierte für eine Koalition der Grünen im Bund mit der CDU (wie in BW) und warnte vor einem Zusammengehen mit den Linken. Er war beim KBW, wie viele der ärgsten (ex-)linken Reaktionäre
  19. Aber: er hat ja zu Israel keine grössere Nähe als zu Island, nein
  20. Die tatsächliche/vermeintliche Hegemonialität eines Ressentiments bzw einer Haltung zeugt also in dem einen Fall von dessen Richtigkeit, im anderen ist es ein Grund für schlechtes Gewissen
  21. U.A. sagte er: „Auf diesem Hintergrund stelle ich die provozierende Frage: Gibt es auch beim jüdischen Volk, das wir ausschließlich in der Opferrolle wahrnehmen, eine dunkle Seite in der neueren Geschichte oder waren Juden ausschließlich die Opfer, die Leidtragenden?…Daher sind weder ‚die Deutschen‘ noch ‚die Juden‘ ein Tätervolk. Mit vollem Recht aber kann man sagen: Die Gottlosen mit ihren gottlosen Ideologien, sie waren das Tätervolk des letzten, blutigen Jahrhunderts.“
  22. Während jener Oberst, der in Afghanistan Unschuldige beschiessen liess, befördert wurde
  23. Das erinnert an den Gegensatz zwischen dem ZdJ und Noll
  24. Wie war das mit den “Spielregeln der political correctness”, den verletzten Gefühlen? Zu jenen, die diese Kampagne mit-tragen, gehört, journalistisch, wie zu erwarten, Christa Zöchling vom “Profil”
  25. Auch A. Foxman von der ADL prangerte (u.a. auf Fox) Waters/Pink Floyd deshalb an; Waters antwortete, dass dies dessen Interpretation sei und zitiert das “Mission Statement” der ADL von 1913 wo es gegen Diffamierung auch von Nicht-Juden gehe, das sollte man beherzigen anstatt mit Steinen aufeinander zu werfen
  26. Er meinte wahrscheinlich den (von den Briten nieder geschlagenen) Aufstand 1936-39, der sich gegen die aggressive zionistische Siedlungs- und Vertreibungspolitik richtete, die schliesslich fortgesetzt wurde. A propos: Wie war das denn mit dem von den Briten angefachten Aufstand der Palästinenser und anderer arabischer Völker im 1. Weltkrieg?
  27. Die den neoliberalen Atheismus von R. Dawkins promotet, Teilnehmer der “kritischen Islamkonferenz”. Und Kelek arbeitet(e) u.a. mit Sarrazin und R. Giordano zusammen, ist Referenzfigur für Broder…
  28. Wie war das bei Broder & Co: “Anlagen werden doch tatsächlich vererbt” (zum Sarrazin-Buch), “Selbstzensur” ist abzulehnen,…
  29. Und “Israel” erstreckt sich seit 1967 auf das ganze historische Palästina, de facto. Das was die äusserste zionistische Rechte zu einem de jure-Zustand machen will, ist längst Realität, auch wenn man den Palästinensern ein paar “Inseln” gelassen hat, noch
  30. Auch die deutsch-israelische (auch militärische) Zusammenarbeit wird natürlich nicht in dieses Licht gestellt
  31. Auch “Haaretz” wird schon als “anti-israelisch” eingestuft, u.a. von der Partei Yesh Atid
  32. David Gall von “Hagalil” hat anlässlich der Karikaturenkrise (zu U. Sahm, der auch honestly concerned ist) gesagt, “Es ist doch verrückt, dass in Jemen 150 000 Menschen auf die Straße gehen, nur weil eine Zeitung in Aarhus ein paar Karikaturen veröffentlicht. Die dürften kaum wissen, wo Aarhus liegt. Ich weiß es selber nicht.” Irgend etwas sagte mir, dass er dann wusste, wo das “Aftonbladet” zu Hause ist
  33. Vor einigen Monaten hat die israelische Militärverwaltung auch einen Radiosender in Hebron mit Gewalt geschlossen, weil dieser Falschinformationen verbreitet habe, die zu Gewalt aufgestachelt hätten. – Aus der Sicht des Besatzers ist natürlich nicht die Drangsalierung der Bevölkerung durch Siedler und Soldaten das Problem. sondern die Unruhe, die diese Drangsalierung bewirkt
  34. Die organisierten zionistischen Aktivitäten auf Wikipedia, Youtube, Online-Foren sind ein benachbartes Thema, darum wird’s ein anderes Mal gehen
  35. Der israelische Vizeminister Kara bezeichnete die jüngsten schweren Erdbeben in Mittel-Italien als Strafe für die “gegen Israel gerichtete” Resolution der UNESCO. Ein italienischer Priester der Mitarbeiter des erzkatholischen Radiosenders Radio Maria ist, hat das Erdbeben ebenfalls als „Strafe Gottes“ bezeichnet, für die jüngst beschlossene Legalisierung von homosexuellen Lebenspartnerschaften
  36. Israel sieht sie als illegale Einwanderer ein und behauptet, es habe keine Kapazität, sie aufzunehmen
  37. „Bahamas“: “…diejenigen teile der jüdischen Gemeinde, die sich im Zuckermann-Diskurs verfangen” hätten. Auch “lizas welt” u.ä. schreiben gegen „falsche Juden“ wie Uri Avineri. Man vergleiche dazu den Umgang mit Mossab H. Youssef oder Nasrin Amirsedghi… Auch sie “Vaterlandsverräter”, “Renegaten” und “Selbsthasser”?
  38. Eigentlich ein bunter Fantasyfilm für die Familie, in dem es um Magie und sprechende Tiere geht. Aber die Buchvorlage des Atheisten Philip Pullman hat eine deutlich anti-klerikale Botschaft hat und Kirchenleute werden als Gedankenpolizisten dargestellt
  39. Wie war das bei Breivik? Wo sich dessen politische Bezugsfiguren und ihre Apologeten nach dem Massaker empört dagegen verwahrten, mit ihm in Zusammenhang gebracht zu werden. Robert Spencer, am öftesten in Breiviks Manifest genannt: “Wie Beatles von der Manson-Familie missbraucht”. Und die NPD, gegen wen hetzt die denn üblicherweise, und wer sind ihre Bezugsfiguren?
  40. A propos: Gegen Brecht gab es in der Nachkriegszeit aufgrund seiner politischen Haltung Boykott-Bemühungen, die auch von den „Salzburger Nachrichten“ mit getragen wurden
  41. Immerhin gab er zu: „Es gibt allerdings einiges, was zu Israel gesagt werden muss: dass Israel mit seiner Siedlungs- und Besatzungspolitik ins Unheil steuert; oder dass die Angriffspläne der Regierung Netanjahu gegen den Iran an Wahnsinn grenzen.” “Das muss allerdings von denen gesagt werden, die echte Freundschaft und Verantwortung für Israel empfinden. Aber nicht von Grass.“ – Ja, das Privileg auf Israel-Kritik hat nicht jeder
  42. US-amerikanisch-iranischer Columbia-Professor, auf der Blacklist von Pipes
  43. Frau und kurdisch; sie ist aber zu selbstbestimmt, als dass sie in Deutschland auf grössere Akzeptanz stossen könnte; so wird sie u.a. von PI und der Springer-Presse angegriffen
  44. Kiesinger
  45. Übrigens, die religiös-ethnische Markierung von Tätern/Opfern wird üblicherweise nicht konsequent, sondern sehr selektiv, durchgezogen

Fatimiden, Assassinen und Aga Khan. Die Ismailiten durch die Jahrhunderte

Konstanten in der Geschichte der Ismailiten, eines Zweigs des schiitischen Islams, sind ihre Lage “am Rande” des Islams, die Bildung quasi-ethnischer und sektenähnlicher Gemeinschaften, (Ab)spaltungen (von anderen Schiiten, innerhalb ihrer Konfession) und Zäsuren, die Stellung “in Opposition” zu jeweiligen herrschenden Mächten und Mehrheitsgesellschaften – ausser in einigen Jahrhunderten im Hoch-Mittelalter, als ihnen die Gründung einiger Staaten gelang. Mit diesen haben sie die islamische Welt allerdings stark geprägt, bis heute. Viele Quellen über sie sind von ihren einstigen Feinden verfasst worden; nicht nur war/ist ihr Islam vielen anderen Moslems verdächtig, durch Konfrontationen mit den Kreuzfahrern entstanden auch negative westliche Meinungen über sie, halten sich teilweise bis heute. Heute leben Ismailiten verstreut auf der Welt, zersplittert in mehrere Gruppen. Der Islam wirkt durch den Focus auf das Ismailitentum in einem anderen Licht.

Vorbedingungen, Entstehung, vor-fatimidischer Ismailismus 

Nach der Gründung des Islams und der Eroberung Arabiens unter Prophet Mohammed kam die Nachfolgefrage auf, es gab nun keine unbedeutende Sekte mehr zu führen, sondern ein bedeutendes Reich, das im Begriff war, noch bedeutender zu werden. Es setzten sich Leute aus dem Stamm, der Umgebung Mohammeds durch, die das Kalifat (Kalif/Chalifa bedeutet eigentlich “Nachfolger”) begründeten, was der Grundstein zum sunnitischen Islam (wenn man so will, der Hauptrichtung) war. In Opposition dazu standen jene moslemischen Araber, die die Führung der Religion und des Reichs in den Händen von Bluts-Verwandten des Propheten wissen wollten. Das war zunächst Ali, der als Imam ausgerufen wurde. Möglicherweise stand, wie bei den Karlisten-Kriegen im Spanien des 19. Jh, die Nachfolgefrage im Vordergrund, aber inhaltliche Differenzen im Hintergrund.

Bei den Eroberungen Persiens und grosser Teile von Byzanz unter den “rechtgeleiteten” (raschidischen) Kalifen (jenen aus der Umgebung Mohammeds), war die Umma also bereits gespalten (das erreichte Unterworfene wie die Perser erst später). Das Imamat war quasi eine interne Gegenregierung, mit wenig Macht. Als drei Kalifen gestorben waren (zuletzt Kalif Osman, von seinen eigenen Leuten ermordet), lebte Imam Ali noch immer. Er und seine Anhänger hatten seine Ansprüche auf die tatsächliche Führung von Umma (Glaubensgemeinschaft) und Reich aufrecht erhalten, nun kam er dran. Ali wurde allerdings nur von Teilen der Führung als Kalif anerkannt. Zu seinen Gegnern zählte besonders Muawiya, der Statthalter von Syrien, aus Mekka, vom Clan der Omayaden (Umayyaden). Es kam zu einer Art Bürgerkrieg im Arabisch-Islamischen Reich, zwischen den Anhängern der Aliden (der Schi’at Ali, der Partei Alis) und der Omayaden, ausgetragen vor allem im mesopotamisch-syrischen Grenzbereich. Das Ergebnis war eine Art Unentschieden.1 Am Ende dieser ersten “Fitna” (interne Auseinandersetzung) wurde Ali getötet.

Alis Sohn Hassan wollte auch als Kalif weiterherrschen, die Machtbefugnisse vom Vater erben, musste sie aber an Muawiya abtreten, der erster Kalif aus der Omayaden-Sippe wurde (was das Ende der raschidischen Kalifen markiert). Hassan wurde nur Imam, bestritt die Führung des Reichs und der Religion. In der Schlacht von Kerbala 680 kämpften die Schiiten unter ihm gegen die Sunniten unter dem omayadischen Kalifen Yazid (Teil der 2. Fitna, die sich auch während der Expansion des Reichs und der Religion, in Nordafrika, abspielte). Es kam zum entscheidenden Sieg der Sunniten (die das Kalifat nicht mehr aus der Hand gaben) und der entscheidenden Spaltung der Konfessionen im Islam (die auch eine politische war, die Schiiten unter den alidischen Imamen anerkannten die tatsächliche Regierung nicht).

Ali war der einzige der Imame der 12er-Schia, der über politisch-militärische Macht verfügte, weil er auch von Sunniten anerkannt wurde als Kalif. Ansonsten war bei den schiitischen Imamen spirituelle und weltliche Macht getrennt – etwas das die schiitische Theologie/Kultur prägte! Die Imame residierten bis 780 in Medina im Hejaz, dann in Mesopotamien (einer starb in Persien); die Kalifen regierten ab 661 nicht mehr in Medina, sondern in Damaskus, ab 750 in Bagdad; sie befanden sich also lange in der Nähe zueinander. Die meisten Imame wurden im Auftrag der Kalifen gefangen gehalten und/oder ermordet. Die erste Nachfolgekrise bei Schiiten gabs nach dem Tod von Imam Ali al Zain; ein Teil der Schiiten war für Said, ein grösserer für Mohammed-e Bakr, dieser setzte sich als 5. Imam durch. Said und seine Anhänger spalteten sich ab, die 5er-Schiiten, Saiditen, Zaidiyyah entstand(en), die das Imamat nach Said fortsetzte(n). Ihr Schwerpunkt wurde Süd-Arabien.

Bald darauf, nach dem Tod von Mohammed Bakrs Nachfolger Jafar (Dschafar), 765 in Medina, des 6. Imams (zur Zeit seines Imamats fand der Dynastiewechsel im Kalifat von Omayaden zu Abbasiden statt), kam die nächste Nachfolgekrise und Abspaltung, jene die für dieses Thema nun von Relevanz ist: Jafar, ebenfalls von den Sunniten vergiftet, hatte seinen Sohn Ismail (von einer berberischen Sklavin aus Nord-Afrika) als Nachfolger designiert (dies ist aber nicht unumstritten). Ismail war aber vor seinem Vater gestorben. Es setzte sich Jafars Halb-Bruder Musa als Imam durch; jener Teil der Schiiten, die (den toten) Ismail als rechtmäßigen Nachfolger, als siebenten Imam, sahen (ein Imam könne sich nicht irren, er sei gar nicht richtig gestorben), setzte sich ab. Hier ist der Beginn der Ismailiyya, des Ismailitentums. Dieser Teil war eine Gruppe namens Mubarakiyyah, eine der schiitischen Gruppen Mesopotamiens. Sie ist nach einem Anführer, einem gewissen Mubarak, benannt.

Ismail und sein Sohn Mohammed (Mohammed Ibn Ismail) spielen für die Ismailiten eine zentrale Rolle. Mohammed Ibn Ismail ging nach Jafars Tod von Medina nach Kufa. Nach seinem Tod 813 spalteten sich die Ismailiten. Beide Gruppen sahen Ismail als siebenten Imam; für einen Teil war Ismail der letzte Imam und Ismails Sohn Mohammed ein Mahdi (er war also nicht wirklich gestorben), für den anderen war dieser der 8. Imam, war gestorben, setzte sich das Imamat über ihn fort. Die Anhänger Ismails spalteten sich also früh das erste Mal. Welcher Teil der grössere war, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Aus jener Gruppe, die Ismail als letzten Imam und seinen Sohn als Mahdi sahen, gingen die Karmaten hervor, aus jener, die das Imamat über den Sohn fortführen wollten, die Fatimiden.

Der grösste Teil der Ismailiten, von beiden Gruppen, wanderte von Mesoptamien nach Salamiyah in Syrien, wo Mohammed Ibn Ismail gestorben war. Während das schiitische Haupt-Lager noch Anspruch auf die Macht in der Zentrale/im Ganzen hatte, begannen die Ismailiten, sich Macht abseits davon aufzubauen. Sie waren noch stärker als die anderen Schiiten gegen die Akzeptanz des (nun abbasidischen) Kalifats, trugen weiter zu dessen Machtverlust bei. Vom schiitischen Hauptstrom, von dem sie sich abgespalten hatten, wurden sie verachtet.

Abdullah, Sohn und Nachfolger (als Imam) von Mohammed Ibn Ismail, dürfte mit den anderen Ismailiten gewandert sein. Der “imamitische” Teil der Ismailiten (für die Ismail nicht der letzte, sondern der divergierende Imam ist), wurde von ihm und seinen Nachfolgern/Nachfahren geführt. Salamiyah bei Homs wurde Hauptquartier der Ismailiten im 9. und 10. Jh, für beide Richtungen2; ein Teil der Anhängerschaft war wohl in Mesopotamien geblieben. Die Ismailiten agierten in Syrien wahrscheinlich wie ein Geheimbund, um Verfolgung zu entgehen, praktizierten eine Art Taqiya. Die ismailitische Theologie wurde zum Teil in Salamiyah entwickelt, synkretistische, gnostische Elemente integriert, eine allegorische Auslegung des Islams. Auch haben die Ismailiten von dort missioniert, Dai’s ausgeschickt. Der “mahdistische” Teil missionierte in Mesopotamien und Persien (beide Gebiete wie Syrien Teil des abbasidischen Kalifats). Im Grenzgebiet dieser Gebiete, Khusestan, wurde ein Hamdan gewonnen, der den Zunamen “Karmat” (Qarmat) bekam, wahrscheinlich ein arabisierter Nabatäer – er wurde ein Anführer der Mahdisten unter den Ismailiten.

Ende des 9. Jh kam es zum Bruch der beiden “Fraktionen”, als sich Imam Abdullah auch als Mahdi ausgab. Hamdan Karmat selbst ging zur imamitischen Gruppe über, der mahdistische Teil der Ismailiten bekam/behielt aber den Namen “Karmaten”, der von ihm kam. Es war die Zeit des Beginns des Untergangs der Macht des abbasidischen Kalifats (der Zentralmacht), ein Prozess, der erst im 13. Jh zum Abschluss kam. Diverse Lokalherrscher wurden tatsächliche Machthaber und spalteten sich zT dezidiert ab, das arabisch-islamische Reich zerfiel. Auch nicht-sunnitische und nicht-arabische Gruppen kamen nun im islamischen Bereich an die Macht – was unter den Abbasiden schon ansatzweise so gewesen war. Zur selben Zeit ging das das 12er-Imamat (Ithna Ashariya) “unter”, 878 “verschwand” der zwölfte Imam dieser schiitischen Hauptrichtung, Mohammed Ibn Hassan („al Mahdi“), es wurde kein Nachfolger mehr gewählt. Persien und Mesopotamien wurden in den folgenden Jahrhunderten meist schiitisch regiert, zT von persischen Dynastien; Mesopotamien blieb Zentrum der (12er-)Schia, die abbasidischen Kalifen unterstanden zunehmend den Schiiten.

Zeit der ismailitischen Machtentfaltung

Aus dem “mahdistischen” Zweig der Ismailiten (der Ismails Sohn Mohammed als Mahdi verehrte) wurden also die Karmaten (Qaramita), auch wenn der Namensgeber Hamdan Karmat nicht mehr dabei war. Sie errichteten das erste ismailitische Staatswesen, in Ost-Arabien, es hatte vom 9. bis zum 11. Jh Bestand , sein Zentrum war auf Bahrain. Von dort führten sie Eroberungszüge durch, u.a. nach Mekka, von wo sie die Ka’aba entführten. Vor allem Sunniten bekämpften sie. Auch mit dem Fatimiden-Reich in Syrien gab es Kämpfe. In umliegenden Gebieten hoben sie Tributzahlungen ein. Die Karmaten wandten sich von vielem Islamischen ab, dagegen wurden persisch-zoroastrische Elemente in ihren Kultus aufgenommen. Die Berichte über Sex- und Drogenorgien unter ihnen dürften aber ihnen feindseligen Quellen entspringen. Ihr Staat erfuhr Ausdehnung und Zurückwerfung; im 11. Jh wurden sie auf Bahrain von den Uyuniden besiegt, am ostarabischen Festland ebenfalls bald, von Uyuniden und Seldschuken. Karmatische Reste haben sich über den Untergang des Reichs hinaus bis ins Spät-Mittelalter in West- und Zentralasien gehalten, die Leute gingen schliesslich zu andern moslemischen Richtungen.

Nur etwas nach dem mahdistischen Teil der Ismailiten expandierte auch der imamitische (jener, der Mohammed Ibn Ismail als Imam sah), schuf ein grösseres, mächtigeres und länger bestehendes Staatswesen. Imam Abdullah al Mahdi (auch Billah, Ubaydallah genannt, urssprünglich Said Ibn al Hussein) musste ihm 10. Jh flüchten, vor Soldaten der abbasidischen Kalifen, es verschlug ihn nach Nordwest-Afrika. Ihm und seinen Anhängern gelang dort der Sturz der Toluniden und Aghlabiden, die Begründung eines eigenen Herrschaftsbereichs. Der ismailitische Imam Abdullah, Gründer dieses Staates, proklamierte sich zu seinem Kalifen (auch Ausdruck der Gegnerschaft zu den Abbasiden)3, wählte den Dynastienamen Fatimiden (Fatimiyyun), nach Alis Ehefrau Fatima.4 Ein Rest der mahdistischen Ismailiten blieb in Syrien zurück. Das Reich der Idrisiden (eine saidistische Dynastie) im äussersten Westen Afrikas wurde dem Reich der Fatimiden tributpflichtig. Ägypten, das “de jure” noch den Abbasiden unterstand, wurde unter Imam-Kalif Abu Tamim al Muiz Mitte des 10. Jh erobert. Das Fatimiden-Reich wurde aber noch mächtiger: unter al Muiz wurden auch der Hejaz erobert, dann Syrien und die umliegenden Gebiete (Palästina, das frühere Nabatäa und Phönikien), von Hamdaniden und Karmaten.

Dort, wo die neue Residenz der Fatimiden-Herrscher sein sollte, wurde die Stadt Kairo gegründet (al-Qahira al-Muizziyya). Auch Sizilien wurde zeitweise von ihnen beherrscht. Das Fatimiden-Reich wurde eines der mächtigsten islamischen Reiche, zu seiner Zeit war es das wichtigste (auch, aber nicht nur, wegen der Herrschaft über Mekka). Das Fatimiden-Reich hatten mit den Reichen der Karmaten, Assassinen, Sulayhiden zu tun, den anderen ismailitischen Reichen, nicht immer im Positiven. Nach dem Untergang der Karmaten lag die Führung der Ismailiten unangefochten bei den Fatimiden – bis dann ihre Spaltungen kamen. Die Fatimiden wollten die Macht über die gesamte Umma bzw die Herrschaft über die ganze Grossregion, den Kalifats-Titel hatten sie sich ja schon zugelegt. Das Engagement gegen die immer machtloseren abbasidischen Kalifen hielten sie aufrecht.

Im Hoch-Mittelalter kam es zu einer Annäherung der drei schiitischen Richtungen (5er, 7er, 12er), zur Zeit ihres Vormarsches im islamischen Raum; in Iran und Mesopotamien herrschten damals die Buyiden. Hier wäre die kontrafaktische Frage anzusetzen, ob in dieser Konstellation eine “Übernahme” des Islams durch Schiiten möglich gewesen wäre. Die Konstellation änderte sich durch das Vordringen türkischer Stämme und ihre Machtentfaltung unter Dynastien wie den Seldschuken.

Wie im Karmaten-Staat gab es bei den Fatimiden eine ismailitische Führungsschicht und Unterworfene – von denen ein Teil zu den Ismailiten übertrat. In der Fatimiden-Zeit wurde das Ismailitentum kultivierter, in vor-fatimidische Zeit war es hauptsächlich von Beduinen getragen worden. Und es wurde un-arabischer, obwohl die neu Hinzugekommenen einen “Arabisierungsprozess” durchmachen mussten oder diesen schon hinter sich hatten. Es gab Söldnergruppen verschiedener Herkunft, Berber, Türken, Armenier, Schwarzafrikaner, viele mit einem sklavenähnlichen Status.5 Was die Frage der Toleranz bzw die Beurteilung der Herrschaftsausübung betrifft, so gab es unter den Fatimiden solche und solche Tatsachen. Christen (Kopten, Armenier, Jakobiten,…) und Juden wurden zeitweise ggü Sunniten bevorzugt, es gab auch christliche Wesire.6 Nicht-Moslems waren aber auch zeitweise schweren Diskriminierungen bzw Benachteiligungen ausgesetzt.

Bei den Sunniten gibt es 4 Rechtsschulen, bei den Imamiten/12er-Schiiten gibt es die Rechtsschule der Jafariyya/Dschafariya, vom 6. Imam Jafar begründet. Die Ismailiyya/7er-Schia hat auch eine eigene Rechtschule, sie wurde unter den Fatimiden begründet. Von Abū Hanīfa an-Nuʿmān ibn Muhammad at-Tamīmī (bekannt als Qadi al Numan), der aus NW-Afrika stammte und Sunnit gewesen war. Unter den frühen Fatimiden trat er zu deren Konfession über. Wichtige religiöse Führer/Funktionäre (unterhalb der Imame) wie er wurden unter den Fatimiden auch “Da’i” genannt.

Der Höhepunkt der Herrschaft der Fatimiden war im 11. Jh. Und da gab es eine Abspaltung. Der fatimidische Kalif al Hakim (Abu ‘Ali Mansur al-Ḥākim bi-Amr-Allāh), der christenfeindlichste der Fatimiden, verschwand am Beginn dieses Jahrhunderts nach einem Ausritt. Die ismailitischen Gelehrten Hamza (wahrscheinlich persischer Herkunft) und Darazi (wahrsch. Türke) hatten bereits zuvor begonnen, eine neue Religion zu “zimmern”, auch (synkretistisch) mit nicht-islamischen Elementen. Sie sprachen Hakim Göttlichkeit zu. So entstand die Drusen-Religion (Drusentum/Duruziyya/Duruziyyun/Din al Tawhid/Bnei Maruf/Muahidin), als Abspaltung vom ismailitischen Islam, im fatimidischen Ägypten. Vor einer Welle der Verfolgung wichen die Drusen nach Syrien und in “den Untergrund” aus.

Die Ziriden waren die Statthalter der Fatimiden in Ifriqya (das einen Teil Nordwestafrikas bezeichnet[e]), wo diese residiert hatten bevor sie Kairo begründeten und dorthin zogen. Im frühen 11. Jh machte sich im Westen dieses Ifriqya die Hammadiden-Dynastie unabhängig vom Machtbereich der Ziriden und damit letztlich von jenem der Fatimiden. Mitte des 11. Jh brachen die Ziriden dann mit den Fatimiden, orientierten sich an den abbasidischen Kalifen. Der Verlust NW-Afrika war ein erster grosser Rückschlag für die Fatimiden, sie verloren damit auch den Nachschub an berberischen Soldaten von dort. Die Fatimiden schickten nun arabische Beduinen-Stämme wie die Banu Hilal, die sich im 8. Jh in Ägypten niedergelassen hatten, nach Ifriqya, gegen die Ziriden. Diese verwüsteten Teile des Gebiets und nahmen Teile in ihren Besitz; die Ziriden wurden auf die Küste beschränkt, gingen zur Piraterie über. Auf Sizilien hatten die Fatimiden mit der Verlegung ihres Sitzes nach Ägypten die Kontrolle effektiv verloren, an ihre dortigen Statthalter, die Kalbiten. Mitte bis Ende des 11. Jh eroberten die Normannen Sizilien; Mitte des 12. Jh setzten sie nach Nordafrika über.

Ismailitische Missionare waren von Salamiya auch nach Jemen geschickt worden, hatten  etwas Erfolg. Anfang des 10. Jh gab es im Jemen zwei ismailitische Lokalherrscher, al Fadl im Süden, und Ibn Hawshab im Norden, die gemeinsam grosse Teile des Landes das formal weiter den Abbasiden unterstand, unter ihre Kontrolle brachten – und sie dann wieder verloren. Der Verlust kam ungefähr zu der Zeit, als die Führung des “imamitischen” Teils der Ismailiten aus Salamiyah (dem sich die Ismailiten in Jemen unterordneten) in den Maghreb auswich und dort mit der Begründung des Fatimidenreichs begann. Imam Abdullah wäre auch beinahe nach Jemen gegangen statt dorthin. Eine ismailitische Präsenz blieb im Jemen nach dem Verlust der ersten Macht dort (unter der Führung von Da’is). Im 11. Jh trat im Süden ein Ali bin Muhammad as-Sulayhi zum Ismailitentum über. Und er eroberte mit seinen Kriegern fast ganz Jemen, begründete die Sulaihiden-Dynastie (Banu Ṣulayḥ). Ein weiterer ismailitischer Staat, einer der mit dem Fatimiden-Reich verbunden war, über den Hejaz (Mekka) sogar im wahrsten Sinn. Grösster Konkurrent wurden die zaiditischen Rassiden; im 12. Jh (1138) verloren die Sulaihiden Jemen, zunächst an diverse regionale Herrscher.

Im 11. Jh kamen im Grossraum Syrien Angriffe anderer Mächte, byzantinische Rückeroberungen, Kämpfe gegen Hamdaniden-Reste dort, gegen Seldschuken, Kreuzfahrer. Unter Kalif Mustansir (1036-1094; Abū Tamīm Ma’add al-Mustanṣir bi-llāh) verloren die Fatimiden Syrien an die türkischen Seldschuken, die sich auch als Verteidiger des sunnitischen Islams sahen. Reste an der östlichen Mittelmeer-Küste, die sie zunächst behielten, gingen an die Kreuzfahrer. Innere Konflikte und Zerfall des Reichs gingen in der späten Fatimiden-Zeit Hand in Hand. Nach Mustansirs Tod kam es zu einem Thron-Nachfolgestreit zwischen Nizar (dem Sohn Mustansirs) und Mustali (dem Bruder Mustansirs) bzw ihren Hinterleuten. Mustali setzte sich als Kalif und Imam durch. Nizar wurde bei einem Aufstandsversuch getötet, seine Anhänger (Nizariten) spalteten sich von den Fatimiden/Mustalis ab. Unter Nizars Sohn wanderten sie zu den Ismailiten in Syrien und Persien (s.u.)

2 Kalifen später gab es wieder einen Nachfolgestreit der eine Abspaltung brachte: Kalif Amir starb 1130, ein Teil der Fatimiden (die nun der Mustali-Richtung angehörten) sah seinen Sohn Tayib als Nachfolger, der andere wollte Amirs Cousin Hafiz. Diese Hafizis/Hafiziten setzten sich durch, stellten die weiteren Kalifen (die auch ihre Imame waren). Die Tayyibi spalteten sich ab von den Mustali-Fatimiden-Ismailiten, sehen Tayib als letzten Imam, der sich im Verborgenen aufhalte. Die Verluste Siziliens, Nordwest-Afrikas, Syriens, Jemens verstärkten die inneren Machtkämpfen (auch Kämpfe unter berberischen, afrikanischen, türkischen Soldaten; Wesire gg Kalifen), mündeten in den Untergang des Fatimidenreichs.

Die Zangiden/Zengiden, regionale Machthaber der Seldschuken in Syrien und Mesopotamien, wurden im 12. Jh in quasi-unabhängige Herrscher von Teilen Syriens und Konkurrenten der Kreuzfahrer dort – und Bedroher des fatimidischen Restreichs in Ägypten. Kreuzfahrer wie Zengiden griffen Ägypten mehrmals an. 1169 suchte der fatimidische Kalif-Imam al Adid die Hilfe der Zengiden gegen die Kreuzfahrer (Königreich Jerusalem).7 Zengiden-Kommandant Sherko, einer der Kurden bei den Zengiden, wurde so mit seinen Truppen der Einmarsch in Ägypten gestattet.

Sherko wurde Wesir des fatimidischen Ägyptens, an statt Schawar, der getötet wurde. Nach Sherkos Tod im selben Jahr wurde sein Neffe Sala(h)din Wesir (also eine Art Premierminister). Al Adid war der (14. und) letzte Fatimiden-Kalif und Hafiziten-Imam, war minderjährig Herrscher Ägyptens geworden. Er löste nach Strassenkämpfen in Kairo die Garden der Armenier und Nubier auf und entzog den Fatimiden damit ihre letzte militärische Stütze. Als er 1171 starb, beendete Saladin die Herrschaft der Fatimiden und erbte ihr Rest-Reich, machte sich zum Sultan von Ägypten. Salahdin machte sich auch von den Zengiden in Syrien unabhängig, begründete das Reich der Ay(y)ubiden (der Dynastie-Name wurde an seinem Vater Ayub “angelehnt”). Die Ayubiden eroberten dann (1174) auch Syrien, Hejaz, Jemen.

In Persien war im 11. Jh ein anderer ismailitischer Staat entstanden, der das Fatimiden-Reich dann überlebte. Der Perser Hassan Sabah (einige seiner Vorfahren waren Araber), aus einer Zwölfer-schiitischen Familie, wurde Mitte des 11. Jh von fatimidischen Missionaren vom ismailitischen Islam überzeugt. Er besuchte infolge den Kalifenhof in Kairo, wurde so etwas wie Anführer der Ismailiten in Persien, das damals unter die Herrschaft der Seldschuken kam (wie auch Mesopotamien, Teile Syriens, Kleinasien, Armenien). Mit seinen “Mitarbeitern” gelang ihm die Konversion anderer Perser zur Ismailiyyah, man gründete eine Art Orden/Geheimbund. Sitz wurde die Festung Alamut (es ist nicht gewiss ob sie von ihnen erobert oder gebaut wurde), heute in der Stadt Mallem Kalaye in der Provinz Qazvin gelegen. Von dort führten die iranischen Ismailiten Eroberungen in der Umgebung (NW-Iran) durch, wurden Regionalherrscher, Ende des 11. Jh bis Mitte des 13. Bekämpft wurden v.a. die Seldschuken (als Sunniten und weltliche Herrscher), auch die Kreuzfahrer in Syrien, und die abbasidischen Kalifen in Mesopotamien. Dabei bedienten sich diese “Assassinen” oft einer Terror/Guerilla-Taktik (sie werden von manchen Seiten als Vorfahren von Selbstmordattentätern gesehen). Sie sind wahrscheinlich für Morde am seldschukischen Wesir Nizam al Mulk, dem Kreuzfahrer-Führer Konrad von Montferrat und dem fatimidischen Kalifen Amir verantwortlich.

Ob wirklich Cannabis/Haschisch von den Kämpfern (Fedayin) konsumiert wurde, als Ansporn diente, ist umstritten (von Marco Polo gibt es einen Bericht darüber). Amin Maalouf, in seinem historischen Roman “Samarkand”, bestreitet, dass sich “Assassinen” von “Haschischiyun” (also etwa “Haschisch-Konsumenten”) ableitet8. Er glaubt, dass sich die Bezeichnung für diese ismailitischen Regionalherrscher vom persischen Wort “Assass” (Fundament, Stiftung) ableitet. Die Bezeichnung für “Mord” und “Mörder” in Englisch und lateinischen Sprachen leitet sich jedenfalls von der Bezeichnung dieser Ismailiten ab. Ob diese Bezeichnung auf “Assass” oder “Haschisch” zurück geht und ob sie eine Eigen- oder eine Fremdbezeichnung war, ist fraglich. Umberto Eco wies darauf hin, dass die Geschichte der Assassinen in der Regel von ihren Gegnern verfasst wurde: westlichen Chronisten, die den Kreuzfahrern nahestanden, 12er-Schiiten oder Sunniten; bis Joseph von Hammer-Purgstall im 19. Jh.

Die Assassinen nahmen nach dem Schisma der Fatimiden Ende des 11. Jh für die unterlegene Nizariten Partei, wurden damit Gegner der regierenden Fatimiden. Die Nizariten kamen auch aus Ägypten zu ihnen (Nizar selbst wahrscheinlich nicht). Der erste Assassinen-Da’i Hassan Sabah, der 1124 starb, wird oft als der “Alte vom Berge” gesehen, das war aber eigentlich Raschid ad-Din Sinan. Dieser war im 12. Jh nach dem Ende der Fatimiden-Macht in Syrien dort ein Anführer der Nizari-Ismailiten, die in dieser Zeit auch als syrischer Zweig der Assassinen gesehen werden. Diese kämpfte gegen Seldschuken, Ayubiden und Kreuzfahrer, zT mit den Assassinen zusammen. Mehr noch als diese, sie hatten keine grössere Machtbasis, waren sie gezwungen, als “Untergrund”-“Terror”-Organisation zu kämpfen. Sie müssen irgendwann im 12. oder 13. Jh von Ayubiden oder Mameluken ganz bezwungen worden sein. Bald nach dem Ende des Fatimiden-Reichs 1171 kam auch die Seldschuken-Herrschaft in Persien zu einem Ende (1194). Über Persien/Iran kamen nun diverse regionale Herrscher, am wichtigsten die Khwarezmier (wie die Seldschuken Türken). Im 13. Jh fielen die Mongolen ein, diese töteten den Führer/Da’i der Assassinen, Rukn al-Din Khurshah, und weitere nizaritische Ismailiten in Persien. Ein Teil der Gemeinde flüchtete nach Zentralasien.

Neubeginn am Ausklang des Mittelalters

Mit dem Untergang der Assassinen war die Phase der Machtentfaltung der Ismailiten endgültig vorüber. Ab dem Spät-Mittelalter hatten sie nirgendwo mehr politische Macht (oder politischen Schutz). Der Kampf ums Überleben begann wieder, wieder in der Zerstreuung, oft mit Verstellung. Sie waren nun (wieder) Verleumdungen und Verfolgungen der 12er-Schiiten und Sunniten ausgesetzt. Es sollte dauern, bis sie wieder etwas an Sicherheit und Struktur bekamen. Was die von ihnen im Mittelalter hinterlassenen Spuren betrifft, die Fatimiden haben sehr tiefe in ihrer Region hinterlassen: Die Gründung Kairos und von al Azhar (Moschee und Universität); die aus ihnen hervor gegangene Drusen-Gemeinschaft (die sich auch bis in die Gegenwart behaupten konnte); die Lenkung von (echten) Arabern nach NW-Afrika (s.o.) hatte für diese Region immense Auswirkungen; während einer Hungersnot in Ägypten im 11. Jh strömten koptische Bauern in die Städte, konvertierten in Folge zum Islam, auch dies eine bedeutende Entwicklung unter den Fatimiden.

Was Ägypten betrifft, unter Salahdin/den Ayubiden kam es zur Wiederherstellung sunnitischer Vorherrschaft, auch Rückkonversionen von Ismailiten (und anderen Schiiten; wie auch zuvor schon in Syrien nach dem Ende der Fatimiden-Herrschaft). Das zog sich über die Zeit der Mameluken (ab 13. Jh) bis in jene der Osmanen (16. Jh) hinein. Wenige Ismailiten blieben in Ägypten, ein grosser Teil wanderte nach Jemen. Was die Spaltung zwischen Hafizis und Tayibis bei den Mustali-Ismailiten aus Ägypten betraf, die einst unterlegenen Tayibiten wurden die dominierende Richtung; bis in das 16. Jh gingen die Hafiziten in ihnen auf, heisst es. Über Adid hinaus gab es noch einige als hafizitische Imame anerkannte Fatimiden (Nachfahren von ihm). An der Spitze der Tayibi-Mustali(-Fatimid-)Ismailiten stand, seit der Abspaltung, ein Da’i al-Mutlaq als das religiöse Oberhaupt. Die Fatimiden hatten bereits ab dem 11. Jh Dais (in diesem Zusammenhang “Missionare”) nach Indien geschickt, wo ihnen Konversionen unter den Bohras gelang, einer Ethnie in Gujarat (ursprünglich eine hinduistische Kaste).9 Nach der Abspaltung der Tayibis von den anderen Mustaliten kamen sie unter den Einfluss dieser (ersteren).

Was die Nizariten/Nizariyun betraf, der grösste Teil war unter den Assassinen/persischen Ismailiten aufgegangen; ansonsten gab es noch in Syrien Vertreter.10 Die Nizariyyah legte ihre Radikalität ab, nachdem sie mit der Mongolen-Invasion ihre kleine Machtbasis um Alamut verloren hatte. Die Anhänger verstreuten sich in Persien (das unter diversen Fremdherrschern stand), gingen teilweise in den Untergrund (bzw in die Tarnung), die Imame gingen nach Anjudan (nicht so weit von Alamut entfernt). Manche Nizari-Ismailiten gingen mit Sufis zusammen. Die Hurufiyya, eine im Spät-Mittelalter im Raum Persien, Aserbeidschan, Anatolien bestehende sufistische Gruppe, scheint ismailitisch beeinflusst gewesen zu sein. Die Nizariten in Persien missionierten in diesen turbulenten Jahrhunderten des Iran (bis zur Entstehung des Neu-Persischen Reich unter den Safawiden) in Indien und Zentralasien (Kaschgar,…), manche wanderte auch dorthin aus.

Von der früheren ismailitischen Mission und Machtentfaltung in Jemen waren dort v.a. im Norden Reste an ismailitischer Bevölkerung geblieben. Im Spät-Mittelalter kam nun ein grosser Teil der Mustalis aus Ägypten. Die meisten davon zogen, unter ihrem Dai al Mutlaq, nach Indien weiter, wo sie ja bereits missioniert hatten. Der Jemen (mit einer kleinen ismailitischen “Gemeinde” und einer grossen saidistischen) kam in der frühen Neuzeit, wieder grösste Teil der islamischen Region, unter osmanische Herrschaft (die dort von den saiditischen Qasimiden heraus gefordert wurde). Unter osmanischer Herrschaft standen in der Neuzeit auch die Ismailiten in Syrien, Nord-Afrika, Mesopotamien/Irak. Die von den Ismailiten und vom Islam abgespaltene Drusen lebten auch in Syrien. Die anderen Teile der Ismailiten kamen in der Neuzeit in den anderen beiden grossen neuen islamischen Reichen zu leben: dem Persien der Safawiden (Nizariten) und dem Indien der Moguln (Mustalis und Nizariten). Daneben in Zentralasien, einem Gebiet, das in der frühen Neuzeit auf Persien, Buchara, Indien und das Tschagatai-Khanat (später Dsungaren-Khanat) aufgeteilt war. Auch im äussersten Westen Nord-Afrikas, der nicht unter osmanische Herrschaft kam, gab es wohl einige ismailitische Gemeinden.

Über die meisten Teile des indischen Raums kam ab dem Hoch-Mittelalter bis in das 19. Jh islamische Herrschaft, durch Invasoren aus dem Westen (Ghaznawiden, Delhi-Sultane, Moguln); die Islamisierung verlief aber so dass relativ wenige Inder konvertier(t)en (mussten), es waren rund 20% der Bevölkerung vom britischen Indien (also vor der Teilung) Moslems. Zum Teil lief die Konvertierung auch über Mission und Einwanderung – wie bei den Ismailiten. Der Mustali-, dann der Nizari-Ismailismus verbreitete sich ab dem Hoch-Mittelalter in Indien, durch Missionierungen bei den Bohras und Khojas. Das Mogul-Reich war eine gemäßigtere islamische Herrschaft für Nicht-Moslems in Relation zu den vorhergehenden. Ismailiten waren in der Herrscherklasse der Moguln nicht vertreten. Siedlungsschwerpunkt der mustalitischen wie nizarititischen Ismailiten war Gujarat (mit Mumbai/Bombay) – wo sie mit Hindus, Sunniten, Imamiten,… zusammen lebten. Die ismailitische Besonderheit von Jamat Khanas statt Moscheen dürfte schon früher eingeführt worden sein.

Die Must’alis/Mustaliten im Mogul-Indien waren Nachfahren konvertierter Bohras sowie Einwanderer. Wie erwähnt war der 25. Dai al Mutlaq der Tayibi-Mustalis mit seinem Gefolge aus Jemen gekommen. Nach dem Tod seines Nachfolgers kam es zur ersten Spaltung dieses ismailitischen Lagers. Es folgten später noch einige mehr, hauptsächlich über die Frage der wahren Führung. Die über Jemen aus Ägypten Eingewanderten und die Bohras dürften sich vermischt haben (wie später bei den Nizaris die entsprechenden Gruppen). Nizariten in Indien waren in der frühen NZ Nachfahren konvertierter Khojas. Im Spät-MA hatte der ismailitische Missionar und Da’i Pir Sadrudin/Sadardin Khojas vom Hinduismus zur Ismailiyya bekehrt (vor der Anjudan-Phase der Nizariten), in Nord-Indien. Andere Khojas konvertierten auch zum sunnitischen oder zwölfer-schiitischen Islam. Vor der Einwanderung des Nizariten-Imams aus Persien im 19. Jh haben Khoja-Ismailiten viele Hindu-Traditionen bewahrt (wie auch andere moslemische Gemeinschaften in der Indosphäre!).

In Persien war Anjudan (heute in der Provinz Markazi) vom 14. bis 16. Jh Zentrum der Nizari-Ismailiten (samt ihres Imams). Auch dort wurden sie anfangs noch von den Mongolen heimgesucht. Mit den Safawiden setzte sich endgültig die 12er-Schia in Persien durch.11 Persien wurde das Zentrum der 12er-Schia, herrschte in der frühen Safawiden-Zeit auch über die hierbei wichtigen Gebiete (Süd-)Mesopotamiens. Das machte Staat und Gesellschaft nicht unbedingt tolerant gegenüber der 7er-Schia. Ismailiten wurden in verschiedener Hinsicht verfolgt und diskriminiert. Zu den Gemeinden in Zentralasien gab es lose Verbindungen.

Im Osmanischen Reich lebten die Nizariten eher in (W-)Asien, die Mustalis vorwiegend in (N-) Afrika. Im 19. Jh siedelten die Osmanen syrische Ismailiten in ihrer mittelalterlichen Bastion Salamiyya wieder an, um sie von den verfeindeten Alawiten zu trennen, mit denen sie im Jabal Ansariyya, v.a. in Qadmos, zusammen (oder nebeneinander) gelebt hatten. Ägypten und Jemen kamen im 19. Jh unter britische Herrschaft; die Franzosen begannen in der Zeit, den Libanon von Syrien abzutrennen.

Das Gebiet im zentralen Zentralasien, wo sich Kaschmir, Kaschgar (Sinkiang), und Badachschan berühren, wurde im Hoch-MA Zufluchtsgebiet für Ismailiten aus Persien, vor seldschukischer Verfolgung, auch vor Ghaznawiden, Mongolen. Und Missionsgebiet ihrer Dais. Es wurde so ziemlich das einzige Gebiet ausserhalb ihres Machtbereichs, wo Ismailiten grossflächig missionieren konnten – noch ungehinderter als in Indien. Die meisten Konvertiten dort kamen wohl aus der Sunna. Eine wichtige Rolle bei der Ausbreitung der Ismailiyya in Zentralasien spielte Nasir Khusraw (Nasir-I Chosrou, Qubādiyānī Balkhi), persischer Gelehrter aus Balch in Khorassan/Choresmien (unter Herrschaft der Ghaznawiden/Seldschuken) im 11. Jh. Er bereiste Mekka, dann Kairo, beides damals unter Herrschaft der ismailitischen Fatimiden, wurdet selbst zur Ismailiyya bekehrt, wurde ein Da’i/Missionar. Er fand in den Bergen Badachschans Zuflucht vor Anfeindungen/Verfolgungen, Ruhe und Aufmerksamkeit. Später setzten sich dort Assassinen zur Ruhe. Ab dem Spät-MA hatten manche Lokalherrscher in Badachschan und Umgebung, im Schatten der grösseren Herrscher, zumindest Verbindungen zur Ismailiyya/Esmailiya. In der frühen NZ kamen in der Region neue Grenzen und Herrscher (s.o.) und in der späten wurden sie von Briten und Russen neu gezogen; zwischen Afghanistan, China, Britisch Indien und dem Russischen Reich.

Zurück nach Persien: Im 18. Jh gab es einige Umbrüche, schliesslich setzten sich die Kadscharen als Herrscher durch. Die Ismailiten dort standen den Nematollahi-Sufis nahe. Hielten Verbindungen zu den Glaubensbrüdern in Zentralasien (v.a. Afghanistan), in Indien und im Osmanischen Reich. Es gab Diskriminierungen und Übergriffe; der 45. Imam wurde von fanatischen 12er-Schiiten ermordet. Das, obwohl die Imame mit den Kadscharen-Schahs recht gut standen. Der 46. Imam der Nizari-Ismailiten, Sohn seines Vorgängers, Hasan Ali Shah Mehalati (ab 1817)12, wurde Gouverneur der Provinz Kerman. Der persische König/Schah Fath-Ali verlieh ihm den Titel “Aga Khan”; es gibt noch immer Dissens darüber, was das damals für eine Bedeutung hatte. 1837 wurde er nach 2 Jahren als Gouverneur abgelöst.13 Hasan Ali Shah akzeptierte seine Abberufung nicht, zog sich mit ihm gegenüber loyalen Kämpfern in die Festung von Bam zurück. Nach einer langen Belagerung durch Regierungstruppen ergab er sich und geriet in Gefangenschaft. Wieder frei und zurück in Mahallat, bereitete er eine neue Rebellion gegen den Schah vor, konnte dann vor der (vorbeugenden) Niederschlagung ins Ausland entkommen.

Zunächst, 1841, nach Kandahar in Afghanistan, wo gerade der Erste Britisch-Afghanische Krieg (1838–1842) im Gange war. Der Ismailiten-Imam begann dort eine “enge Beziehung” mit den Briten. Es heisst, einige enge Verwandte reisten mit ihm; und sonst noch Gefolgsleute? Er “ging” von Afghanistan nach Indien, zuerst Sindh, dann (1844) nach Gujarat (Bombay) – wo ja Nizari-Ismailiten leb(t)en. Das war am “Vorabend” der totalen britischen Machtübernahme in Indien, die damals noch einer von mehreren Machthabern dort waren (neben Moguln und weiteren Regionalherrschern sowie anderen europäischen Kolonialmächten). Der Aufstand der indischen Hilfssoldaten der Briten 1857 war der Anlass für diese, die schon recht machtlosen Moguln abzusetzen und die Ober-Herrschaft über ganz Indien zu erklären.14 Die islamische Herrschaft über Indien ging über in eine europäische. Der 46. Imam/1. Aga Khan der Nizari-Ismailiten war bestrebt, die Herren dieses Landes (und einiger benachbarter) nicht zu verärgern; ging auf ihren Geheiss nach Kalkutta (Bengalen). Nachdem er 1848 die Nachricht vom Tod des persischen Schahs (des Nachfolgers von Fath-Ali) bekommen hatte, bereitete er anscheinend seine Rückkehr nach Persien vor, blieb dann aber doch in Indien.

Eigentlich sind Ismailiten in Indien erst durch die Einwanderung des Aga Khans/Imams wichtig geworden; diese fiel wie gesagt ziemlich mit der britischen Machtergreifung zusammen. Der erste Aga Khan bewirkte auch eine Dominanz der Nizariya über die Mustaliya. Nicht alle bei den Nizaris (die ja v.a. Khojas waren/sind) waren mit der Präsenz des “Bosses” und seiner Leitung ihrer Angelegenheiten angetan – bei einer rein geistlichen Führung hätte das wahrscheinlich anders ausgesehen. Ein Streit zwischen den Fraktionen der Khojas in Bombay ging 1866 vor ein Gericht (“Aga Khan Case”), diejenigen die den Aga Khan nicht als Gemeindeführer anerkannten, strengten das an. Anscheinend war der Prozess (unter einem britischen Richter) eine Standort-/Identitätsbestimmung der (Nizari-)Ismailiten.

Die dissidenten Khojas sahen sich gar nicht als Ismailiten oder Schiiten, es wurde richtig historische Forschung betrieben, die das aber zu Tage brachte.15 Khojas wurden als als Nizari-Ismailiten bestätigt. Kleinere Teile von ihnen gingen zum sunnitischen oder 12er-schiitischen Islam, schüttelten die “Oberherrschaft” des Aga Khans ab. Dann gibt es eine Gruppe namens “Satpanth”, die ismalitisch geblieben ist, den Aga Khan aber nicht anerkennt. Diese Gruppe, auch “Imam-Shahi” genannt, hat schon ab dem 15. Jh ein Eigenleben geführt, als sie von Pir Sadruddins Enkel Pir Imam Shah gegründet wurde. Sie hat den nizaritischen Imam aber anscheinend nie anerkannt, auch als er noch nicht in Indien war. Die Satpanth ist sehr nah am Hinduismus.

Nachdem der Aga Khan/Imam als Oberhaupt der Nizariten von den britischen Herrschern Indiens anerkannt war, standen ihm Abgaben der Nizariten zu, die von den Briten eingetrieben wurden – die Grundlage des Reichtums der Aga Khan-Familie. Der 2. Aga Khan, Ali Shah, heiratete (u.a.) eine Enkelin des Kadscharen-Schahs Fath Ali (der seinem Vater den Titel verliehen hatte, aber auch ausser Landes vertrieben). Die meisten Ismailiten lebten wie erwähnt in Gujarat, also nicht in den moslemischen Mehrheitsregionen Indiens, dem Nordwesten und dem Nordosten, in jenen Teilen, die dann Pakistan ausmachten. Hinzu kamen die Nizariten im äussersten Norden Indiens, im Hunza-Tal im Kaschmir, das unter den Briten nach dem Sieg über die Sikh mit dem restlichen Indien wieder vereinigt worden war.16

Die indische Diaspora entstand v.a. im 19. Jh, durch Emigration in andere Teile des britschen Empires; auch viele Ismailiten gingen mit (aus ihrem Zentrum Gujarat), nach Ostafrika, den Karibik-Raum oder Grossbritannien selbst. So kam auch die Ismailiyya zu einer neuen Ausbreitung. In Indien entstand Ende des 19. Jh eine National-/Unabhängigkeitsbewegung, intensivierte sich nach dem 1. WK. Wichtigste inner-indische Trennlinie wurde jene zwischen Hindus und Moslems, nicht jene zwischen Ariern und Drawiden oder Reich und Arm. Möglicherweise hatte das mit der “Teile und herrsche”-Politik der Briten zu tun, die tendenziell eher Moslems gegen Hindus “halfen”; Mohammed Ali Jinnah, der Führer der Muslim League, wurde von ihnen während des 2. WK im Gegensatz zur Führung des Indian National Congress nicht inhaftiert.

Jinnah, dessen Grossvater in Gujarat vom Hinduismus zum ismailitischen Islam, zu den Khoja-Nizaris, übergetreten war17, trat zur 12erSchia über. Viele Ismailiten engagierten sich in der Muslim League und im Congress, was lange kein Widerspruch war, Jinnah selbst war bis 1920 auch Mitglied im Congress. Wirklich hegemonial wurde der moslemische Partikularismus wahrscheinlich erst 1946, durch den Bruch zwischen Congress und Liga, anlässlich der Wahl zu den Parlamenten der indischen Provinzen; hier begann auch die Gewalt zwischen Hindus und Moslems.

Auch der 3. Aga Khan, Mohammed Shah (1877–1957), engagierte sich in der Moslem-Liga, trotz der probritischen Ausrichtung seiner Familie. Er tat dies auch im Rahmen seiner Bemühungen um eine stärkere Integration der Ismailiten unter die Moslems Indiens. Er hat 1905 eine Art Verfassung für die Nizaris erlassen, mit örtlichen, regionalen, nationalen Räten. Zu seinen Anhängern in Afghanistan, den dortigen Nizaris, schickte er 1923 einen Emissär, (u.a.) um Abgaben einzusammeln und diese zu ihm nach Bombay zu bringen. Die Titeln “Prinz” und “Prinzessin” (prince und princess), welche die Aga Khan-Familie aufgrund der mütterlichen Abstammung vom persischen Schah Fath Ali beansprucht, wurden 1938 von den britischen Behörden anerkannt.

Die Pakistan-Forderung setzte sich bekanntlich durch, Indien wurde mit seiner Unabhängigkeit 1947 auch geteilt. Unter den “Mohajiren”, die damals von Pakistan nach Indien gingen, waren auch Ismailiten. Die meisten Nizaris gingen mit anderen Moslems aus Gujarat nach Pakistan (hauptsächlich nach Karachi in Sindh). Die meisten Bohras blieben dort. Die anderen Länder der Ismailiten waren grossteils früher entkolonialisiert worden, mit Ausnahme jener in Afrika und Amerika, in die sie mit der indischen Diaspora gekommen waren.

Gegenwart

Pakistan gehört zur islamischen Welt, Indien ist islamische Diaspora. Pakistan ist Schmelztigel der Invasoren und “Ureinwohner”, der sich über den Islam definiert. Zwischen Pakistan und Indien gab es bekanntlich mehrere Kriege. Circa 80% der Bevölkerung Pakistans sind Sunniten (in Rechtsschulen und Sufi-Orden “aufgeteilt”). Ungefähr 15% (die Angaben schwanken zwischen 5 und 25%) sind Schiiten, überwiegendst Imamiten/12er. Im Gegensatz zu den vor-herrschenden Sunniten (Orientierung an Saudi-Arabien) orientieren sie diese am Iran, die Führungsschicht bzw der Klerus ist (auch hier) überwiegend persisch(er Herkunft). Auch 12er-Schiiten sind in Pakistan Diskriminierungen und Angriffen ausgesetzt, obwohl der Gründervater des Landes Jinnah einer war und sie hin und wieder prominent in den Eliten des Landes vertreten sind.18

Ismailiten machen wahrscheinlich weniger als 1% der Bevölkerung aus; Nizariten dominieren gegenüber Mustaliten. Bei den Nizaris gibt es die Khojas in Karachi, die aus Gujarat stammen. Und, Pakistan bekam, fernab vom Schwerpunkt des Landes, die Hunza in den Northern Areas, aus denen Gilgit-Baltistan wurde. Die Hunza/Hunzukuc/Burusho waren vor ihrer Konvertierung (im zentralasiatischen Kontext, s.o.) Schamanisten gewesen (und wahrscheinlich nicht Buddhisten). Bei ihnen gibt es den Mythos über ihre gesunde Lebensweise. Wie die anderen Religions-Gruppen heiraten Ismailiten in der Regel innerhalb ihrer Gemeinschaften. Auch Ismailiten sind in Pakistan Terror-Angriffen von sunnitischen Salafisten ausgesetzt, wie 2015 auf einen Bus, wobei 50 getötet wurden. Die Ismailiten in Pakistan sind oft im Handel tätig, haben eine eigene Sozialfürsorge, viele sind wohlhabend.

Die Ahmadiyya steht noch unterhalb der Schiiten; die Religionsgruppe wurde in Pakistan 1974 offiziell aus dem Islam ausgeschlossen – Manche wollten selbiges mit Schiiten. Wie gegenüber den Ismailiten mischt sich hier zu religiösen Vorbehalten Sozialneid, heisst es. Ismailiten sind dem Islam eigentlich ferner als die Ahmadiyya> sie beten in Jama’at Khanas statt in Moscheen, der Ritus ist auf Gujarati (statt auf Arabisch), es sind 3 statt 5 Gebete vorgeschrieben, Frauen sind meist unverschleiert,… Andere Nicht-Moslems in Pakistan sind v.a. Hindus und Christen. In Ost-Pakistan, aus dem Bangla Desh wurde, gibt es kaum Ismailiten.

Auch im hinduistischen Indien machen Sunniten den grössten Teil der moslemischen Bevölkerung aus, und Imamiten (12er) den grösseren Teil der schiitischen. Die Ismailiten gehören vorwiegend Mustali-Bohra-Zweigen an, wichtigster ist jener der Dawoodi Bohra. Diese Mustali-Gemeinschaften haben zT einen Dai al Mutlaq an der Spitze. Sie leben überwiegend in Gujarat, wie die indischen Nizari-Ismailiten (Khojas; zu denen auch die Satpanth gehören). Seit den 1990ern gibt es in Indien beträchtliche Gewalt zwischen Hindus und Moslems, im indischen Kaschmir schon früher. Ismailiten werden von anderen Moslems oft nicht als solche anerkannt; von Hindu-Extremisten werden sie oft verschont. Während der anti-moslemischen Krawalle in Gujarat 2002 wurden Ismailis zum ersten Mal auch angegriffen, heisst es, aber weniger als andere Moslems, ihr Eigentum wurde zerstört aber ihre Leben “verschont” – Anerkennung ihrer Distanz zum fundamentalistischen Islam? 2015 bekam der vierte Aga Khan den Padma Vibhushan, einen der höchsten zivilen Orden Indiens, und das unter einer hindu-nationalistischen Regierung, für seine Investitionen in Bildung und Gesundheit im Land.

Nach dem Tod des dritten Aga Khans 1957 wurde gemäß seinem Testament nicht sein ältester Sohn Ali Salman al Hussein Nachfolger, sondern dessen Sohn Karim. Es war das erste Mal in der 1300-jährigen Geschichte der Religionsgruppe, dass die Übergabe von Vater an den Sohn umgangen wurde, aus welchen Gründen auch immer. Ali, Sohn des Aga Khans und einer Italienerin (dort auch geboren), ab 1947 pakistanischer Staatsbürger, wurde in GB als Anwalt ausgebildet, diente in der französischen Fremdenlegion. Er war einige Jahre pakistanischer UN-Botschafter. Er war u.a. mit der amerikanischen Schauspielerin Rita Hayworth verheiratet, war Jet-Set-Playboy, besaß Rennpferde. Er starb 1960 bei einem Autounfall in Frankreich; wurde in Salamiyyah in Syrien begraben. Alis Halb-Bruder Saddrudin Aga Khan hatte diverse Staatsbürgerschaften, lebte meistens in Europa, war UN-Flüchtlingskommissar.

Karim al Hussein wurde 1957, damals gerade ein Studienanfänger an der Harvard-Universität, als Nachfolger seines Grossvaters IV. Aga Khan und 49. Imam der Nizari-Ismailiten. Er wurde 1936 bei Genf geboren, wuchs in Britisch Kenia, Südafrika, Grossbritannien, Schweiz (Internat La Rosey) auf. Er ist u.a. britischer Staatsbürger, trägt diverse weitere Titel, wie “Prinz”. Ausser in Harvard studierte er auch im britischen Cambridge, also auch hier die feinsten Adressen. Bei Winter-Olympia 1964 in Innsbruck trat er für den Iran als Skirennfahrer an. Er hat(te) mehrere Ehen, mit Europäerinnen, die zum ismailitischen Islam konvertiert sind (musste nach Scheidungen hohe Abfindungen zahlen), Affären, Kinder. Er ist einer der Reichsten der Welt, vermehrt sein Geld durch Unternehmungen, Anteile, Anlagen, gibt einen Teil davon in Wohltätigkeits-Stiftungen. Er lebt meistens in einem Chateau bei Paris oder auch auf den Bahamas, wo er eine private Insel hat (zu der er sicher mit seiner eigenen Yacht fahren kann). Er hat Verbindungen zu Sarkozy und vielen Mächtigen. Es scheint, er ist mehr Playboy und Unternehmer als Religionsführer, hat mehr materiellen als geistigen Reichtum.

Afghanistan ist das Land mit der zahlenmäßig grössten ismailitischen Gemeinde weltweit geworden: etwas mehr als 650 000, das sind ungefähr 2% der Bevölkerung – womit Afghanistan auch beim Anteil der Ismailiten an der Bevölkerung weltweit vorne liegen dürfte. Zumal Pakistan, das in absoluten Zahlen knapp weniger Ismailiten hat, eine viel grössere Gesamtbevölkerung hat. Die Ismailiten Afghanistans sind hauptsächlich Tadschiken in Badakhshan/Badachschan im Nordosten. An das afghanische Badachschan schliesst sich das Badachschan der Republik Tadschikistan an (mit der Auflösung der Sowjetunion 1991 unabhängig), mit ebenfalls hauptsächlich tadschikischer ismailitischer Bevölkerung.19 Es handelt sich bei Badachschan um das einzige grossflächigere Gebiet der Welt, wo Ismailiten in der Mehrheit sind; sunnitische Moslems sind dort die Minderheit. Auch im östlich angrenzenden chinesischen Sinkiang gibt es eine grosse Zahl ismailitischer Tadschiken/Pamiris. Die Ismailiten in Zentralasien sind wie erwähnt Nizariten.

Es wären nicht die Ismailiten, wenn es nicht auch hier eine Abspaltung gäbe. Neben jenen in Badachschan im Norden gibt es in Mittel-Afghanistan in der Provinz Baghlan eine (nizaritische) ismailitische Gemeinschaft (ebenfalls Tadschiken) die nicht den Aga Khan/Imam als spirituellen Führer anerkennt; sie hat eigene mit den Sayeds von Kayan. Ein grosser Teil der Ismailiten Badachschans wie Baghlans unterstützte die kommunistischen Reformen ab 1978. Und folgten nicht dem Ruf der Mujahedin zu einem (vom Westen unterstützten) “heiligen Krieg”. Viele machten auch im kommunistischen Staat mit, Amirbig Jawan wurde etwa Gouverneur von Badachschan.

Ismailiten versprachen sich eine fortschrittliche Veränderung Afghanistans, die ein Ende ihrer Diskriminierung durch viele Sunniten oder 12erSchiiten bewirken sollte. Der Kayan-Sayed der Baghlan-Ismailiten, Mansur Nadiri (Naderi), diente davor der Monarchie, und nebenbei den Mujahedin, heisst es. Die Unterstützung für die Kommunisten führte nach deren Ende 1992 natürlich zu einer Gegenreaktion, bezweckte im Endeffekt das Gegenteil des Angestrebten, verstärkte ihre Diskriminierung. Naderi wurde nach dem Ende der Taliban-Herrschaft wieder politisch aktiv, er gründete die Hezb-e Paywand Milli (Nationale Solidaritätspartei), die als ismailitische Partei auch die Glaubensbrüder in Badachschan ansprechen will. Er wurde 2005 ins afghanische Parlament gewählt.20

In Syrien und Libanon sind islamische Sondergruppen, aus dem Islam hervorgegangene Glaubensgemeinschaften, wie auch nicht-islamische aber “orientalische” Konfessionen sehr stark präsent. Was die Ismailiten betrifft, ist das erwähnte Salamiyya in Nord-Syrien seit dem 19. Jh wieder ihr Zentrum im vorderasiatischen und arabischen Raum. Die meisten der über 200 000 Ismailiten in Syrien (1 bis 2 % der Bevölkerung) sind zwar Nizariten, anerkennen den Aga Khan/Imam aber nicht an – wie jene in Baghlan in Afghanistan und die Satpanth in Indien. In Salamiyah machen Ismailiten etwas mehr als die Hälfte der 67 000 Einwohner aus; die anderen sind Alawiten, Sunniten, 12er-Schiiten. In der Stadt sind Dutzende Jama’at Khanas sowie das nationale Führungsgremium der Ismailiten in Syrien.

Dann gibt es in Salamiyah die Moschee des Imams Ismail, neben dem Grabmal des ismailitischen Imams Ismail. 1991 wurde auf Initiative der Mustali-Ismailiten (die in Syrien auch Mustafis genannt werden), genauer ihrem Dawoodi-Bohra-Zweig, unter derem Da’i al-Mutlaq Mohammed Burhanuddin (1965-2014), die Moschee gebaut, an einer Stelle wo früher ein Zeus-Tempel und dann eine byzantinische Kirche waren. Es heisst, sie wird gegenwärtig als sunnitische Moschee genutzt. Im Krieg in Syrien sind Ismailiten als Minderheit am Rande des Islams gefährdet, v.a. durch salafistische Milizen wie IS; die Alawiten sind in einer ähnlichen Situation, diese sind ausserdem durch die Angehörigkeit der “Herrscherfamilie” zu ihrer Religion belastet. Das Baath-Regime unter Assad jun. lässt angeblich Angriffe auf diese Gruppen oder Christen bewusst zu, um durch Gräuel den Aufstand an sich zu diskreditieren.

Für den Iran brachte das 20. Jh zunächst Modernisierung und westlichen Einfluss, dann eine Re-Religionisierung, diese noch repressiver und aufgezwungener als das voran gegangene System, eben so an den Bedürfnissen der meisten Menschen und dem Charakter des Landes vorbei.21 Iran ist für die Ismailiten das Land von Alamut, das Land von wo aus Zentralasien missioniert wurde, das der Herkunft der Aga Khans, des grossen schiitischen Bruders, aber auch immer wieder von Verfolgungen. Der 3. und 4. Aga Khan besuchten Iran in der Zeit des letzten Schahs. Die meisten Ismailiten im Iran leben in Khorassan, in Dizbad haben sie eine Schule, die nach Nasir Khusro benannt ist, seit 1940. Es heisst, im Iran werden sie Muridan-i-Aga Khan (Anhänger des A. K.) genannt (es sind auch Nizariten), auch Bateni, Qermati, Saba’ie.

Jene Ismailiten, die mit anderen Indern in die Diaspora gingen, erlebten wie jene in Indien gebliebenen die Unabhängigkeit ihrer neuen Länder von Grossbritannien. In manchen Staaten mit indischer Diaspora waren/sind Ismailiten gut vertreten (zB Kenya, Tanzania), in anderen (zB Südafrika, Trinidad-Tobago) weniger. 1972 enteignete der Diktator von Uganda, Idi Amin, Asiaten und verwies sie aus dem Land.22 Diese Asiaten waren überwiegendst Inder, ein Teil davon auch Ismailiten. Viele davon gingen nach GB, Andere nach Canada, Australien, zurück nach Indien, ins nicht so weit entfernte Kenya, oder in die USA. Gerade die Ismailiten unter den Vertriebenen konnten sich auf ein gutes internationales “Netzwerk” an Hilfe stützen. Das was die indische Diaspora ausmachte, und was westliche, vermischte sich.

Zu prominenten Ismailiten im Westen zählt etwa Yasmin Ratansi in Canada, die aus Tansania stammt, für die Liberale Partei im Parlament wirkt. Irshad Manji wurde in Uganda geboren, hat väterlicherseits einen indisch-ismailitischen Hintergrund, mütterlicherseits einen ägyptischen (sunnitischen?), wurde von ihren Eltern 1972 nach Canada gebracht. Sie hat sich als Islam-Kritikerin einen Namen gemacht, will sich nicht vom ihm lösen oder diesen auflösen, sondern ihm „Vereinbarkeit“ mit Feminismus oder Zionismus (sie kritiserte aber auch die Besatzungspolitik in den palästinensischen Restgebieten)23 verordnen. Der britische Schauspieler Ben Kingsley (Krishna Bhanji) ist von seiner väterlichen Seite ja Inder, die Vorfahren waren Nizari-Ismailiten aus Gujarat, die es nach Sansibar (später Teil Tansanias), Kenya, dann GB verschlug.

Im Jemen gibt es zwar einen hohen schiitischen Bevölkerungsanteil (ca. 40%), dieser besteht aber überwiegendst aus Saiditen, Ismailiten sind eine kleine Minderheit. Kleinere ismailitische Gruppen gibt es auch in Saudi-Arabien (Mustalis, in Najran), Vereinigte Arabische Emirate, Irak, Marokko oder Ägypten. Ägypten ist wahrscheinlich jenes Land, das am stärksten von den Ismailiten geprägt wurde! Es gibt dort aber (in Nordafrika generell) heute nicht den Pluralismus innerhalb des Islams (bzw um ihn herum) wie in Syrien und anderen Staaten West-Asiens. Schiiten bilden dort höchstens ein Prozent der Bevölkerung, Ismailiten (vorwiegend Mustalis) und Imamiten; auch Drusen oder Alawiten gibt es kaum. Hin und wieder hetzen salafistisch (also strengst-sunnitisch) ausgerichtete Medien und Prediger gegen die kleine schiitische Minderheit, wie auch gegen die christlichen Kopten. Aus der “Ecke” der Moslembrüder gibt es das so nicht.24

Schlussbetrachtungen

Es gab viele schiitische Gruppen, Lehren, nicht alle haben bis in die Gegenwart Bestand. Die Ismailiten haben das geschafft, wenn auch mit vielen Brüchen und Spaltungen. Die Distanz zu anderen Moslems ist geblieben. Sie blieben aber innerhalb des (schiitischen) Islam, werden allgemein dort verortet. Teile des sunnitischen Islams (wie gross sie sind, ist die Frage) anerkennen aber den schiitischen Islam auf theologischer Ebene (die politische ist wieder eine andere) grundsätzlich nicht an, auch nicht seine “Hauptströmung”, die 12er-Schia. Besonders Salafisten/Wahabiten und die ihnen gewissermaßen zu Grunde liegende hanbalitische Rechtsschule lehnen Formen des schiitischen Islams in der Regel (als “nicht-islamisch”) ab.25

Ismailiten/7er-Schiiten werden von anderen Moslems teilweise der “Batiniyya” oder den “Ghulat” zugerechnet. Beides sind pejorative Begriffe bzw Konzepte für Gruppierungen im und um den Islam. Der eine für solche, die eine innere Bedeutungsebene (bāṭin) im Koran erkennen; der andere für “Übertreiber”, “Extremisten”, “Sektierer” aus dem/im schiitischem Bereich – wie die (aus den Ismailiten hervor gegangenen) Drusen, Alawiten, Alewiten, Ahl-e Haqq/Yarsani, Baha’i. Auch bei manchen Gruppen aus dem und im sunnitischen Bereich (Yaziden, Ahmadiyya, Zikri,…) stellt sich die Frage der Zugehörigkeit zum Islam, als Selbstdefinition wie Fremdbetrachtung. Dies ist nirgendwo ganz eindeutig. Die Drusen stehen eher ausserhalb des Islams, werden aber etwa im Libanon in der Regel zu den moslemischen Konfessionen gerechnet; die Ahmadiyya sehen sich selbst als Moslems,…

Die Aga Khans der Nizariten rechnen sich den Banu Hashim, dem Clan des Propheten Mohammeds, zu. Über die früheren schiitischen Imame (beginnend mit Ali) dürften sie in männlicher Linie von Mohammed abstammen.26 Selbiges müsste für die Da’is al Mutlaq der Mustaliten gelten. Auch die in Jordanien regierenden Hashemiten und die in Marokko herrschenden Alawiden (beides Sunniten) führen ihre Abstammung auf den Propheten des Islams zurück; auch sie übrigens über Ali und Fatima. Der Nizarismus ist insgesamt weltlicher, reformatorischer, intellektueller, fortschrittlicher, undogmatischer als die Mustali-Ismailiyyah. Wohlhabende Inder und Pakistaner beider ismailitischer Richtungen unterstützen weniger wohlhabende Ismailiten anderswo. Die frühere Radikalität haben Beide längst abgelegt.

In der frühen Neuzeit verlegte sich der Schwerpunkt der Ismailiten vom islamischen Kernraum (Westasien, Nordafrika) nach Südasien. Pakistan wurde aber schliesslich nicht ganz “Weltzentrum” der Ismailiten: viele Ismailiten sind mit der Teilung in Indien geblieben, die Aga Khans leben inzwischen lieber in Europa, und selbst die Nizariten anerkennen nicht alle den Aga Khan als Oberhaupt; es ist auch nicht das Land mit den meisten Ismailiten (weder in absoluten noch in relativen Zahlen). Zentralasien ist evtl mehr als Südasien Zentrum/Schwerpunkt der Ismailiten, besonders wenn man neben Afghanistan und Tadschikistan auch West-China und Iran dazu zählt. Der arabische Raum, wo es (mit dem Islam und der Schia) anfing, ist für Ismailiten Peripherie. Der Westen gewinnt immer mehr an Bedeutung für sie, zumal viele ihrer angestammten Länder Krisenregionen sind. Doch, auch Badachschan ist weit davon entfernt, ein neues Alamut oder gar Fatimidenreich zu sein. Eine politische Einheit, die unabhängig agiert und in der Ismailiten das Sagen haben. Der Aga Khan soll auch dagegen sein, so etwas anzustreben. Auf der anderen Seite, das messianische Geschichtsbild der Ismailiten…

Weiterlesen

Farhad Daftary: Kurze Geschichte der Ismailiten. Traditionen einer muslimischen Gemeinschaft (= Kultur, Recht und Politik in muslimischen Gesellschaften 4) (2003)

Heinz Halm: Die Kalifen von Kairo. Die Fatimiden in Ägypten 973–1074 (2003)

Farhad Daftary: The Isma’ilis. Their History and Doctrines (1992)

Heinz Halm: Die Schia (1988)

Farhad Daftary: A Modern History of the Ismailis: Continuity and Change in a Muslim Community (2010)

Werner Ende, Udo Steinbach (Hg.): Der Islam in der Gegenwart (5. Auflage 2005)

Shafique N. Virani: The Ismailis in the Middle Ages: A History of Survival, A Search for Salvation (2007)

Gudrun Krämer: Geschichte des Islam (2008)

Farhad Daftary: Historical Dictionary of the Ismailis (Historical Dictionaries of Peoples and Cultures) (2012)

Nadia Eboo: Surviving the Mongols. The Continuity of Ismaili Tradition in Iran (2002)

Heinz Halm: Das Reich des Mahdi. Der Aufstieg der Fatimiden (875-973) (1991)

Wladimir Ivanow: Studies in early Persian Ismailism (1948)

Farahnaz Ispahani: Purifying the Land of the Pure: Pakistan’s Religious Minorities (2016)

Hans Dieter Utz: Die Dynastie der Fatimiden (Afrikanistik-Diplomarbeit 2012, Universität Wien)

Wolfdieter Bihl: Islam. Historisches Phänomen und politische Herausforderung für das 21. Jahrhundert (2003)

Jonah Blank: Mullahs on the Mainframe: Islam and Modernity Among the Daudi Bohras (2001)

Joseph von Hammer-Purgstall: Die Geschichte der Assassinen aus morgenländischen Quellen (1818)

Amin Maalouf: Samarkand (1988)

Daniel Beben: Islamization on the Iranian Periphery: Nāṣir-i Khusraw and Ismāʿīlism in Badakhshan. In: Islamization: Comparative Perspectives from History (soll demnächst erscheinen, bei Edinburgh University Press)

Es gibt ein Buch von Bernard Lewis über die Assassinen; er thematisiert darin die Tradition des politischen Mordes im Islam. Lewis’ politische Ausrichtung, die sich in seiner Geschichtsauffassung widerspiegelt (oder ihr zu Grunde liegt), zeigt sich ja deutlich in seinen nicht-wissenschaftlichen Aktivitäten, für MEMRI, JCPA, Gatestone Inst., etc

 

Ismaili.net, dürfte der Nizariten-Führung nahe stehen

simerg.com

Historischer Abriss über die Assassinen, auf Englisch

(Nicht sehr übersichtliche) Darstellung der schiitischen Zweige, auf Wiki

Die ismailitischen Imame

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Charidschiten spalteten sich daraufhin von den Schiiten (der Partei Alis) ab. Die Ibaditen gingen aus den Charidschiten hervor (heute in Oman von Bedeutung)
  2. Karmaten, Fatimiden und Assasinen stammen von dort
  3. Das omayadische Emirat von Cordoba in Iberien erhob sich nach dem “Auftauchen” der Fatimiden ebenfalls zum Kalifat
  4. Von Ali und Fatima dürften die Fatimiden-Herrscher abgestammt haben
  5. Aus den unter den Abbasiden und Fatimiden für das Militär in Ägypten rekrutierten Türken gingen die Mameluken hervor. Als Militärsklaven hatten sie die Kavallerie/Reiterei gebildet
  6. Erinnert etwas an Saddam Hussein, der ausser Sunniten nur (christliche) Chaldäer an die Macht liess, diese gegen seine moslemischen Gegner in Stellung zu bringen versuchte
  7. Die Fatimiden hatten zuvor auch mit den Kreuzfahrern gegen sie zusammen gearbeitet
  8. Das soll der französische Orientalist Silvestre de Sacy etabliert haben
  9. Andere von diesen wurden auch zum sunnitischen Islam bekehrt
  10. Die Alawiten/Nusairier, die aus der 12er-Schia hervorgingen und einige Gemeinsamkeiten speziell mit den nizaritischen Ismailiten aufweisen (wie die synkretistische Einschmelzung von Elementen anderer Religionen), wurden in Syrien, wo sie sich an der Küste fest setzten, Konkurrenten der Ismailiten und Drusen
  11. Inwiefern die Safawiden als persische/iranische (oder auswärtige) Herrscherdynastie zu betrachten sind, darüber gehen die Ansichten auseinander. Das Land als solches gewann seine Souveränität zurück
  12. “Mehalati” bezieht sich auf die Stadt wo er aufwuchs
  13. Es heisst, er hatte dort die schwierige Aufgabe gelöst, die Rebellion eines konkurrierenden kadscharischen Thronanwärters sowie afghanische Einfälle unter Kontrolle zu bringen
  14. Ein Prozess, der Ende des 18. Jh begonnen hatte (nach dem ihnen ein Teil Nordamerikas verloren ging), kam zu einem Abschluss
  15. Ein Teil aus den Ginans (einer Art Gebetsammlung), das Gedicht “Dasavatar”, das auf Pir Sadruddin, den “Gründer” der Khojas, zurück ging, überzeugte: Neben starken hinduistischen Bezügen (die wohl zur Mission der Khojas hinein kamen) findet sich dort der Bezug auf den schiitischen Imam Ali
  16. Die Region war Anfang des 19. Jh von Afghanistan unter Sikh-Herrschaft gekommen; die Afghanen hatten sie im 18. Jh den Moguln abgenommen
  17. Das muss gewesen sein, bevor der Imam/Aga Khan der Nizaris aus Persien nach Indien kam
  18. Der Staatspräsident 1969-71 A. M. Yahya Khan war etwa ein 12er-Schiit; der Militär war Nachfahre von Soldaten die mit Nader Schah (Afshar) aus Persien nach Mogul-Indien kamen. Zulfikar Bhutto, in den 1970ern Staats- und Ministerpräsident, war mit einer Iranerin verheiratet, die anscheinend Schiitin blieb. Nach seinem Sturz durch das Militär (und vor seiner Hinrichtung) wurden gegen ihn auch Vorwürfe der Fraternisierung mit der Schia erhoben
  19. Es handelt sich in beiden Ländern grossteils um Pamiris, die als Untergruppe der Tadschiken oder als eigene Ethnie gesehen werden
  20. Auch seine Kinder sind politisch aktiv
  21. Khomeini brach mit Quietismus (sich in bestehende Verhältnisse fügen) der 12er-Schiiten (Klerus, Anhänger)
  22. Das betraf im Endeffekt auch jene, die Bürger dieses Staates waren, und nicht nur die britischen Staatsangehörigen unter ihnen. Nur Angehörige gewisser Berufe wurden ausgespart. Im Film “Mississippi Masala” aus 1991 hat Mira Nair den “Nachhall” der Ereignisse von damals dargestellt
  23. Hier spielt sie das Spiel mit, Ansprüche und Rechte in Palästina/Israel mit Religion und (vermeintlicher) Abstammung zu verknüpfen
  24. 2013 führte Hetze gegen Schiiten (7er od 12 er) zu einem Überfall Hunderter Sunniten auf eine schiitische Versammlung in einem Dorf südlich von Kairo, ein Geistlicher und 4 Anhänger wurden getötet. Die Polizei griff angeblich nicht ein. Ägyptens damaliger Regierungschef Hischam Kandil von den Moslembrüdern verurteilte den tödlichen Angriff scharf
  25. Obwohl der Gross-Imam der al-Azhar-Moschee, Mahmud Shaltut, 1959 die 12er-schiitische dschafaritische Rechtsschule mittels einer Fatwa anerkannt hat. Al Azhar gilt als höchste religiöse Instanz des sunnitischen Islams…und wurde von Ismailiten gegründet
  26. Die arabisch-alidische “Linie” der Imame wurde durch deren Frauen “verdünnt”

Phantasie-Orte

Umberto Eco’s Buch “Die Geschichte der legendären Länder und Städte” (2013; italienisches Original “Storia delle terre e dei luoghi leggendari”) ist die Grundlage für diesen Artikel, der nicht Inhaltsangabe, nicht Kritik, nicht Ergänzung davon /dazu ist, aber doch von allem etwas. Eco wies in der Einleitung des Buchs darauf hin, dass es sich dabei nicht um einen Katalog fiktiver Orte handelt, dazu sei “Manuale dei luoghi fantastici Copertina flessibile” von Alberto Manguel und Gianni Guadalupi (dt. “Von Atlantis bis Utopia. Ein Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur”) zu empfehlen. Es geht in dem Buch also nicht um für Romane oder Filme erfundene Orte, sondern um Plätze aus Sagen, Legenden, Mythen, Religionen,… Atlantis zB hat es eventuell mal gegeben, andere sicher nicht, Leute glaubten aber daran. Von antiken Mythen bis Science fiction, entsprungen sind die Vorstellungen dieser Orte meist aus der Sehnsucht nach einer ganz anderen Welt.

Umberto Eco starb während der Arbeit an diesem Artikel, das Buch war eines seiner letzten.

Das Buch ist reich bebildert, enthält viele Auszüge aus anderen (oft zu Grunde liegenden) Texten. Sekundärliteratur (oder das IT) ist dennoch fast unumgänglich. Meister Eco ist sehr in der abendländischen Kultur zu Hause, was nichts Schlechtes ist, er sieht auf andere Kulturen nicht hinunter. Aber manchmal wäre das Hereinbringen einer anderen Perspektive wünschenswert bzw fruchtbar. Er schweift oft in benachbarte Gebiete ab, was oft bereichernd ist. Das Buch knüpft in gewisser Hinsicht an “Die unendliche Liste” (2009) an, das hauptsächlich eine Anthologie von Listen, von Homer bis Dali, ist, mit Kommentaren von ihm, die (abendländische) kulturgeschichtliche Bedeutung und Verbreitung der Liste, des Katalogs, der Aufzählung, der Sammlung, zur Geltung bringend, auch wie sie den Zeitgeist auszudrücken vermögen. Eine Aufzählung von Aufzählungen. Die legendären Länder sind aber mehr als eine Aufzählung, Eco nimmt sich einige heraus, die er näher ausführt, andere vernachlässigt er. Auch sein “Im Wald der Fiktionen: Sechs Streifzüge durch die Literatur” (1996)” weist Ähnlichkeiten zu diesem Buch auf.

Im Kapitel (1) “Die Erde als Scheibe und die Antipoden” geht es um Vorstellungen von der Erde in anderen Formen als der tatsächlichen Kugelform und vom Leben auf der gegenüberliegenden Erdkugelhälfte. Eco weist auch darauf hin, dass entgegen landläufiger Vorstellungen Gelehrte des Mittelalters nicht mehr an eine Scheibenform der Erde glaubten. Vor der Erforschung anderer Weltgegenden haben Menschen über andere Länder spekuliert, wie heute über mögliche bewohnte andere Planeten; ab der Neuzeit wurde die Erde aus Europa erforscht und grossteils unterworfen.

(2) Die Länder der Bibel: Hier dreht sich am Ende alles um die Frage der Historizität jüdisch-christlicher Erzählungen bzw die Vereinbarkeit dieser religiösen Mythen mit der Geschichtsforschung. Eco bringt in dem Kapitel vier Themen: die seit der assyrischen Invasion verlorenen Stämme Israels, die Sage von Salomon und Saba, der Tempel in Jerusalem und die Heiligen Drei Könige (ihre fragliche Faktizität, ihre mögliche Herkunft und die Wanderungen ihrer vermeintlichen Reliquien). Bei den verlorenen Stämmen dürfte eine Historizität gegeben sein und es gab und gibt Spekulationen über ihren Verbleib; in deren Zuge wurde der Fluss Sambatyon “erfunden”, der die Juden hindere, zurück zu kehren.

In Bibel bzw Tanach ist die Rede von König Salomon und der Königin (von) Saba. Die Fragen hier lauten: Gab es sie wirklich? Wenn ja, von wo stammte sie, wo war ihr Land? In äthiopischen Geschichtsmythen spielt sie eine zentrale Rolle; in einer Sage aus dem 14. Jh, “Kebra Nagast”, so Eco, bekam der Besuch von Saba bei Salomon einen sexuellen Charakter und Saba wird dort mit Abessinien in Verbindung gebracht. Sie sei mit seinem Samen in ihrem Bauch zurückgekehrt und Menelik sei daraus entstanden, der die salomonische Dynastie begründet habe, die in Abessinien/Äthiopien bis in die 1970er (Haile Selassie) herrschte. Eine andere Möglichkeit für die Lage von Saba oder die Herkunft der Königin ist Südwest-Arabien, das heutige Jemen.

Am zweiten Tempel in Jerusalem schliesslich, nach der Rückkehr der Juden aus dem Babylonischen Exil, durch die “Intervention” der Perser ermöglicht, ist auch einiges legendär und rätselhaft; noch mehr allerdings am ersten, dem salomonischen. Nicht zuletzt einiges rund um den Bau, unter Hiram Abif. Nicht aber der Ort – weshalb dieses Kapitel fast etwas am Thema des Buches vorbei geschrieben ist.

(3) Die Länder Homers und die sieben Weltwunder: “…die griechische Phantasie hat fortwährend jeden Aspekt der Welt die sie kannte, in einen legendären Ort verwandelt.” Manche existente Orte haben Eigenschaften wie imaginäre, zB der Olymp(os) – ein reales Gebirge und zugleich mythischer Sitz der Götter. Odysseus’ Route bei seinen Irrfahrten (Odyssé) ist umstritten, es gibt diverse Theorien, ob der Erzählung reale Orte zu Grunde lagen. Er war auch in eindeitig legendären Orten, wie dem Hades.

Reiseberichte der Antike waren oft ungenau und das Beschriebene dann schwer zu lokalisieren; manchmal wurde auch etwas erfunden. Eco geht hier relativ kurz auf die Suche nach der Wahrheit über Troja ein, wo noch immer viele Legenden von der (herauszufindenden) Wahrheit getrennt werden müssen. Und dann noch die 7 Weltwunder: manche von ihnen waren evtl. legendär (erhalten ist ja nur die Cheops-Pyramide), etwa die hängenden Gärten von Babylon. Bei ihnen ist fraglich, unter welchem Herrscher sie errichtet wurden (unter der assyrischen Königin Schamuramat?) und wo genau sie waren.

(4) Die Wunder des Orients, von Alexander bis zum Priester Johannes: Ein katholischer Bischof aus dem Kreuzfahrer-Staat Antiochia überbrachte dem Papst im 12. Jh die Kunde von der moslemischen Eroberung Edessas. Daneben auch von einem christlichen, nestorianischen Reich im Orient (“jenseits von Persien”), von einem Priester namens Johannes geführt. Bezüglich Edessa rief Papst Eugen III. auch umgehend zum (zweiten) Kreuzzug auf. Der Priester, Hugo von Jabala, berichtete auch dem Chronisten und Bischof Otto von Freising über das Reich des Priesters Johannes. Dieser schrieb darüber, in seiner Chronica sive Historia de duabus civitatibus.

Der Papst sah den Nestorianismus als Ketzerei (die Chaldäische Kirche gabs noch nicht), nicht als Variante des Christentums. Dann kursierte ein angeblicher Brief dieses Priesterkönigs an den byzantinischen Kaiser. Zweck des in die Welt gesetzten Mythos war evtl die Expansion Europas oder die Förderung der weltlichen Herrschaft des Klerus in Europa. Diverse europäische Asien-Reisende, darunter Marco Polo, gaben Erzählungen von dem Reich wieder. Die Portugiesen kamen in der frühen Neuzeit nach Abessinien, glaubten das Johannes-Reich dort gefunden zu haben, obwohl in Afrika gelegen und nicht so reich und fabelhaft wie angepriesen. Umberto Eco hat übrigens Teile des Mythos vom Priesterkönig Johannes in seinem historischen Roman “Baudolino” (2001) verarbeitet.

(5) Das irdische Paradies, die glückseligen Inseln und das El Dorado: Das biblische Paradies, der Garten Eden, wurde von den Sumerern entlehnt, die ihn als früher fruchtbarer Ort beschrieben. In der christlichen und jüdischen Lehre ist er eine Art Vorstufe zum himmlischen Paradies. Eco weist darauf hin, dass es in anderen Religionen ähnliche Vorstellungen gibt, nennt Indraloka aus dem Hinduismus.

Das Elysion (altgriechisch) bzw Elysium (lateinisch), die Insel(n) der Seligen oder glückseligen Inseln, Inseln des Glücks oder Elysischen Gefilde entstammen der griechischen Mythologie. Dort werden jene Helden dorthin entrückt, die von den Göttern geliebt wurden oder denen sie Unsterblichkeit schenkten. Spätere Dichter, wie auch Vergil, verlegten das Elysion in die Unterwelt, als einen Ort für die von den Totenrichtern für würdig Befundenen. Es gab auch hier Versuche der Lokalisierung, der irische Mönch Brendan (Früh-Mittelalter) will sie bei einer Seereise gefunden haben; die St. Brendan-Inseln wurden lange für existent gehalten. Über El Dorado hat Eco überraschend wenig geschrieben; das Goldene Zeitalter (von Griechen wie Hesiod und Römern ausgemalt) hat er hier erwähnt.

(6) Atlantis, Mu und Lemuria: Atlantis nimmt erwartungsgemäß viel Platz ein, Eco nennt viele der Aufgriffe des Konzepts seit Platon. Lemuria ist das im 19. Jh entstandene Konzept eines Kontinents bzw einer Landbrücke. Solche Landbrücken-Hypothesen waren bis zur Durchsetzung der Plattentektonik weit verbreitet. Später spielte Lemuria in Esoterik und SF eine Rolle. Auch die Vorstellungen vom (im Meer) verlorenen Kontinent Mu entstand im 19. Jh, hatte teilweise wissenschaftlichen, teilweise phantastischen Charakter, sie knüpften an Maya-Legenden wie auch an jene von Atlantis an.

(7) Ultima Thule und Hyperboräa: Auch Thule stammt aus der griechischen Mythologie, Pytheas, Strabon und Andere schrieben von diesem Land, der Mythos verschmolz mit der Sage von Hyperboräa, wurde von vielen Späteren aufgegriffen. Leute glaubten lange an die Existenz dieses Landes, versuchten es zu lokalisieren, v.a. im Nord-Atlantik. Nordische Rassen- und Abstammungstheorien etablierten sich darauf, etwa bei Fabre-D’Olivet, später bei der Thule-Gesellschaft, von der einiges vom Nationalsozialismus aufgegriffen wurde.

(8) Die Wanderungen des Grals: Die Legende um den Heiligen Gral erschien in vielgestaltiger Form in der mittelalterlichen britisch-französischen Artus-Sage, wie der legendäre Ort Avalon – der eher ein eigenes Kapitel in einem Buch mit dieser Thematik verdient hätte. Das Gefäss, dem das Kapitel gewidmet ist, ist durch einen angeblichen Bezug zu Jesus heilig geworden und wird mit den Kreuzzügen in Zusammenhang gebracht. In Avalon wurde der Gral schon lokalisiert, auch in Rennes-le-Château, er soll ja herum gebracht worden sein. Die Legende wurde natürlich von allerlei Okkultisten aufgegriffen, auch von jenen der Nazis, sowie von Künstlern oder Wichtigtuern.

(9) Alamut, der Alte vom Berge und die Assassinen: Ein realer Ort (eine Burg/Festung, heute in der Stadt Mallem Kalaye in der Provinz Qazvin im NO-Iran), der sich in eine legendäre Stätte verwandelte; schwierig, Dichtung und Wahrheit zu trennen. Um die Ismailiten wird es hier im Blog ein ander Mal gehen.

(10) Das Schlaraffenland: Darin werden biblische Motive aufgegriffen (“Land von Milch und Honig”), diverse antike Autoren leisteten Vorarbeiten, im Mittelalter entwickelten sich abhängig voneinander im französischen (Pays de Cocagne), italienischen, deutschen, englischen, niederländischen, spanischen, schwedischen Raum ähnliche Sagen über ein vornehmlich materialistisches Paradies; im deutschen Raum entstand der Gedanke vom Schlaraffenland im Spät-Mittelalter, wurde etwa von Hans Sachs aufgegriffen. Und seither immer wieder neu, etwa von den Grimms im 19. Jh als Märchen. Von Pieter Bruegel d. Ä. stammt das wohl berühmteste Gemälde dazu. Es geht um kulinarische Genüsse, aber auch (vor allem in den früheren Versionen) die Freude am Rollentausch: der Bischof dient im Schlaraffenland dem Bauer, Menschen den Tieren,… Diese Vorstellungen sagen natürlich viel über Sehnsüchte (und Nöte) der Menschen aus. Eco bringt hier Collodis Pinocchio und sein Spiel(zeug)land ins Spiel, als Antithese zum Schlaraffenland, als Alptraum-Land.

(11) Die utopischen Inseln: Eco sagt dass Utopien nicht Thema des Buches sind, schreibt aber doch ein Kapitel darüber. Genannt werden hier u.a. die Insel Utopia von Thomas Morus (More)1, Francis Bacons Nova Atlantis, die (fiktive) Südseeinsel Bensalem, Campanellas Sonnenstaat, Lilliput und die anderen Stationen auf Gullivers Reisen, Christianopolis von Andreae, Cabets Ikarien, Borges’ Erzählung “Tlön, Uqbar, Orbis Tertius”, Platons Werk “Politeia”, die Utopien von Saint-SimonEs gibt natürlich Gemeinsamkeiten bei diesen politisch-gesellschaftliche Fiktionen, Wiederholungen… Und das nicht nur, weil sich Morus, Campanella und Bacon Platons Beschreibung als Vorbild für ihre utopischen Werke nahmen.

Er nennt auch Dystopien, die von Orwell in “1984”, das London in Huxleys “Brave New World”, Bradbury in “Fahrenheit 451”, jene Dicks in “Träumen Androiden von elektrischen Schafen?” (Vorlage für “Blade Runner”), oder Langs “Metropolis”. Hinzuzufügen ist, dass die Realität gezeigt hat, dass aus Utopien “leicht” eine Dystopie werden kann, wie der Nationalsozialismus zeigte; als Utopie wurde er vor seiner Machtübernahme von Vielen gesehen, danach nur mehr von sehr wenigen. Auch dass des einen verwirklichte Utopie des anderen Alptraum sein kann.

(12) Salomon-Inseln und Terra Australis: Die Salomonen bekamen ihren Namen von den Spaniern, die in der frühen Neuzeit, wie auch andere Europäer, den Pazifik erfotschten. Nach dem biblischen König Salomon; das im A. T. erwähnte reiche Ophir sollte dort sein. Die von Melanesiern besiedelte Insel wurde viel später kolonisiertTerra Australis war der Name eines von den alten Griechen postulierten hypothetischen Süd-Kontinents. Auch auf ihn wurden utopische Vorstellungen projiziert, wie auf andere mythische unauffindbare Traumländer. Das eigentliche “Australien” ist die Antarktis, die aber kleiner und unwirtlicher als erwartet ist. Ausserdem war der Name schon an die früher von Europäern entdeckte nördlichere Insel vergeben. Und weil er hier schon im Pazifischen Ozean war, nahm Eco hier auch Sandy Island dazu, das ab 2012 aus Karten gestrichen wurde, weil man drauf kam, dass es nicht existiert.

(13) Das Erdinnere, der Polmythos und Agartha: Das Erdinnere wurde (früher) oft als Jenseits, Totenreich gesehen, als Hölle (nicht Höhle), es handelt sich also um einen tatsächlich vorhandenen Ort, von dem es falsche Vorstellungen gab. Auch nach Newtons Erkenntnissen über die Beschaffenheit des Erdinneren gab/gibt es darüber noch literarische wie wissenschaftliche Spekulationen, von Jules Vernes’ SF-Roman “Die Reise zum Mittelpunkt der Erde” (1864) bis zu den Hohlwelttheorien (vom Ägypter Mostafa Abdelkader u. A. im 20./21. Jh “wiederbelebt”).

Der Polmythos bestand darin, dass um die Erd-Pole attraktives Land sei, also etwa in der Antarktis. Agartha ist ein mythologischer Ort mit Wurzeln im Buddhismus, spielt(e) aber eher für westliche Buddhismus-“Neuinterpretierer” wie Ferdynand Ossendowski eine Rolle. Agartha wird oft mit Shambhala in Verbindung gebracht, einem sagenhaften versteckten bzw immateriellen Land im tibetischen Buddhismus, das von Helena Blavatsky und Anderen “zweckentfremdet” wurde. Anscheinend wurde durch einen Roman des Briten James Hilton 1933 aus Shambahla “Shangri-La”; er hat alten östliche Legenden von einem verborgenen Paradies im Himalaya-Gebirge verarbeitet, das bei ihm Westlern Zuflucht bietet.

(14) Die Erfindung von Rennes-le-Château: Dreht sich auch hauptsächlich um die Gralslegende, ist ein Ort, der nicht legendär sondern “nur” rätselhaft/ legendenumwoben ist.

(15) Die literarischen Stätten und ihre Wahrheit: Im Schlusskapitel kommen sie also doch noch, erwähnt werden u. a. Peter Pan’s Nimmerland, Sindbads Insel, Dornröschens Schloss, King Kongs Insel, Lemuel Gullivers Lilliput oder Glubbdubdrib (Swift), Armidas Gärten (von Tasso), Alice’s Wunderland (Carroll), Sherlock Holmes’ Haus in der Baker Street in London (heute gibt es ein Gebäude mit der Nummer 221), Film-Länder wie Zamunda, der Jurassic Park oder Parador, die Orte “wo Walt Disneys Figuren leben” (nennt Entenhausen nicht), das Dunkelland oder die Mittelerde aus Tolkiens “Herr der Ringe”, Clive S. Lewis’ Narnia, aus Comics Krypton (Superman), Robidas futuristisches Paris, Gotham City (Batman) oder die Insel Escondida (Corto Maltese), Salgaris schwarzen Dschungel, Stevensons Schatzinsel, Hogwarts aus Harry Potter oder Borges’ Aleph, Smallville aus der TV-Serie. Von Kindern wurden/werden einige vielleicht für real existierend gehalten. Auch die “verlorene Stadt” Opar aus Edgar R. Burroughs “Tarzan” kommt immer wieder vor (nicht im Schlusskapitel).

Eco schreibt hier auch einiges über das Verhältnis zwischen der Realität und der Fiktion. Dazu gehört auch die Benennung von Inseln des chilenischen Juan-Fernández-Archipels. Eine ist nach Alexander Selkirk (17./18. Jh) benannt, dem schottischen Seefahrer, der Vorbild für Daniel Defoes Figur Robinson Crusoe war und auf der Nachbarinsel ausgesetzt wurde – und diese wurde 1966 (nach) Robinson Crusoe benannt. Dass es sich bei Selkirk und Crusoe um zwei verschiedene Inseln handelt, bringt Eco dabei nicht gut herüber – möglicherweise ist das aber auch auf die Übersetzung zurück zu führen. Die Insel Monte C(h)risto gibt es auch, vor der Küste der Toskana, gab es schon vor Dumas’ Roman, in dem die Hauptfigur auf der Insel einen Schatz birgt und seinen Grafen-Titel von ihr bezieht; vorher war er im Gefängnis im Château d’If auf der Ile d’If vor Marseille, das tatsächlich ein Gefängnis war. Legendär, so Eco, ist auch die Wiener Kanalisation geworden, ein realer Ort, durch den “Dritten Mann”. Er schneidet hier auch kurz literarische Kontrafaktik an, das Anders-Ausgehen von Erzählungen, wie es P. Doumenc mit Emma Bovary geschehen liess; und auch Dicks geschichtliche Kontrafaktik im “Orakel vom Berge” sowie historische Rätsel wie jenes über die Romanovs. Dass das Vorbild für Dracula eine reale Person war, erwähnt er, nicht aber, dass es sich mit Schloss Bran (der Törzburg) ähnlich verhielt. In Casablanca/Dar al-Baida wurde anscheinend auch ein “Rick’s Café Americaine” nach dem Vorbild des Films errichtet.

Mohnfeld in Oz
Mohnfeld in Oz

Nicht erwähnt wird der Internats-Ort Kirchberg aus dem fliegenden Klassenzimmer, Rocky Beach aus den Drei ?, Pippi Langstrumpfs Taka-Tuka-Land (Lindgren), die Southfork-Ranch aus Dallas, das Königreich Tyrrhenien aus “Das Böse unter der Sonne” (Christie), die Benediktinerabtei im Apennin aus dem “Namen der Rose” (…), der Gutshof Sturmhöhe/Wuthering Heights aus Brontes gleichnamigem Roman, der Ort Boscaccio aus “Don Camillo und Peppone” (Signore Eco!), das Munchkin Land in der Welt von Oz (“Zauberer von Oz”-Serie, Baum), Kastalien aus dem Glasperlenspiel, Phantasien (“Unendliche Geschichte”), Trantor von Asimov, die Insel Pala in Eiland (Island) von Aldous Huxley, Ankh-Morpork aus Pratchetts Scheibenwelt, Tolkiens Auenland, Barrons Fincayra, Arkham oder Innsmouth von Lovecraft, Kings Castle Rock, Crimson Skies von Weisman und McCoy, Kirbet Kizeh von Yizhar Smilansky2, Tara aus “Vom Winde verweht”, die Solaris-Weltraumstation (S. Lem), A. C. Doyles vergessene Welt im Amazonas, das Perryversum aus der Perry-Rhodan-Serie, Shutter Island, Schilda, oder Meropis. In Lewis Carroll’s “Sylvie and Bruno” gehts u.a. um eine Landkarte im Maßstab 1:1. Ich weiss nicht, was Manguel & Guadalupi alles in ihrem Buch haben.

Aus Comics wären noch zu nennen: das Marvel-Universum, Kleinbonum und die anderen Römerlager um das Dorf der unbeugsamen Gallier aus Asterix3,…

Xanadu wird im Buch nur als Gedicht von Samuel T. Coleridge erwähnt, im Kapitel der literarischen Orte. Es ist der westliche Name von Shangdu, das unter der mongolischen Yuan-Dynastie Chinas Hauptstadt war, bevor sie nach Zhōngdū verlegt wurde, dem heutigen Peking. Shangdu blieb Sommer-Residenzstadt Kublai Khans. Es wurde vom venezianischen Reisenden Marco Polo besucht. Im 14. Jh wurde es unter der Ming-Dynastie zerstört. Von der Stadt existieren heute nur noch Ruinen. Xanadu wird auch als Metapher für Prunk und Wohlstand verwendet, auch in Welles’ “Citizen Kane”. Coleridge wurde durch historische Beschreibungen von Kublai Khan zu seinem Gedicht inspiriert.

Arkadien (neugriechisch Arkadia/ Αρκαδία) wurde von Eco ja nur kurz gestreift. Es ist eine Landschaft im Zentrum der Peloponnes und ist einer der Regionalbezirke der Region Peloponnes. Es wurde schon zur Zeit Alexanders, im Hellenismus, verklärt, zum Ort eines Goldenen Zeitalters, wo die Menschen in einer idyllischen Natur als zufriedene und glückliche Hirten leben. In den Hirtengedichten Vergils wurde das aufgegriffen; er versetzte die Region, wie auch andere Römer, nach Sizilien. In der europäischen Renaissance (frühe Neuzeit) wurde der Topos wieder belebt, etwa mit dem Schäferroman “Arcadia” von Jacopo Sannazaro. Auch im Barock und späteren Kulturepochen West-Europas wurde der Mythos Arkadiens gepflegt, blieb es ein Sehnsuchtsort einer friedlichen Utopie.

An mythologischen Orten, solchen die früher mal religiöse Phantasie- bzw Sehnsuchtsorte waren, sind noch zu nennen: Walhalla, in der nordisch-germanischen Mythologie Ruheort für gefallene Kämpfer, und Helheim als Jenseits; Apropos Unterwelt/Totenwelt/Hölle/Jenseits: in der alt-griechischen Mythologie gab’s da den Hades, der vom gleichnamigen Gott beherrscht wird; in der Azteken-Mythologie Omeyocan; bei den Babyloniern u. a. Mesopotamiern Kurnugia (beschrieben auch im Gilgamesch-Epos); Xibalba bei den Maya; Duat bzw Amenthes bei den alten Ägyptern –  und Ta-djeser als Lichtlands in der Duat, für die Verstorbenen, die ein positives Urteil des Totengerichts bekamen; der finnische Kalevala-Epos trägt den Namen eines mythischen Landes (“das Land des Kaleva”, des mythischen Ur-Vaters), dort gibt es Tuonela (“das Land des Tuoni”, des Gotts des Todes) als Jenseits, oft dasselbe wie Pohjola, “das Land des Nordens”, dann gibt’s da Lintukotola, “das Land des Vogel-Heims”, am Rande der Welt, wo sich Himmel und Erde treffen und die Seelen hinreisen; die “ewigen Jagdgründe” sind anscheinend nicht mythischer Jenseits-Ort nordamerikanischer Indianer, sondern ein literarisch erfundener Ort> http://karl-may-wiki.de/index.php/Ewige_Jagdgründe

Airyanem Vaejah wird in der zoroastrischen Avesta als die Urheimat der frühen Arier (Indo-Iraner) bezeichnet und als eine von sechzehn perfekten Länder des Gottes Ahura Mazda – da der Zoroastrismus eine lebendige Religion ist, gehört dies eigentlich weiter unten, zu den religiösen “Phantasie-Orten”, aber er spielt nicht nur bei Zoroastriern/Mazdaisten eine Rolle; in der Maori-Mythologie ist Hawaiki die Urheimat der Maori; Ergenekon wurde ein türkischer Herkunfts-/Gründungsmythos, zentralasiatische Legenden wurden in später osmanischer und früher republikanischer Zeit vom türkischen Ethnozentrismus aufgekocht, als Herkunftsort der Türken; in der (ost-)slawischen Mythologie ist Buyan (Буя́н) als geheimnisvolle Insel beschrieben, die verschwinden und wieder auftauchen kann; in Russland gibts (v.a. in paganistischen Gemeinschaften) den Mythos um den Ort Belovodye, mit weissem Wasser, an dem “heilige” Menschen vom Rest der Welt getrennt leben; bei den Azteken/Nahua gab/gibts Aztlán als legendären Herkunftsort

An mythischen Orten aus aktuellen Religionen sind bei Eco nicht genannt: Aus Bibel/Tanach etwa Sodom und Gomorrha, die es real wahrscheinlich nie gab; diese Orte stehen heute für etwas, in schwächerer Form auch der mit Jonas im A. T. genannte Walfischbauch; mit “Heiliges Land” ist in der Regel Kanaan/Palästina/Israel gemeint, hautsächlich in christlichen nach-biblischen Traditionen, “Gelobtes Land” ist mit “heiligem Land” nicht immer gleich zu setzen (Columbus hoffte, ein gelobtes zu finden); Abyssos bezeichnet in der biblischen Mythologie die Unterwelt, erscheint mehrfach in der Offenbarung des Johannes, ausserdem bei Paulus & Lukas (ebf. NT), in der Septuaginta (AT) dient Abyssos als Übersetzung des hebräischen Begriffs “Tehom” (Meerestiefe); das neue Jerusalem, auch „himmlisches Jerusalem“ genannt, entspringt dem neutestamentlichen Buch der Offenbarung des Johannes, wonach am Ende der Apokalypse eine neue Stadt, ein neues Jerusalem entstehen wird. das neue Jerusalem wurde ein relativ wichtiger christlicher Topos, besonders während der Zeit der Kreuzzüge (die die Befreiung des irdischen Jerusalems von den „ungläubigen“ islamischen Herrschern bringen sollte). bei den Swedenborgianern spielt das “neue Jerusalem” eine besondere Rolle; An die christlichen Vorstellungen vom Jenseits knüpft Dante Alighieris Göttliche Komödie an

Das babylonische Exil der Juden und andere alttestamentarische Mythen sind in die Rastafari-Religion eingeflossen, “Babylon” steht für das Exil der Schwarzen in Amerika; im Islam gibt es das Adjektiv “ḥarām” (حرام), das Verbotenes, Heiliges bezeichnet, etwa dem Begriff “Tabu” entspricht. verwandt mit dem Wort ist “Harem” (حريم), der eigentlich so etwas wie einen geheiligten Bereich bezeichnet, oft einen Wohnbereich von Frauen innerhalb eines Hauses meint; im Hinduismus gibt es Naraka als jenseitigen Ort oder Akasha (आकाश), das so etwas wie “Äther” meint. Im Buddhismus gibts das bekannte Nirvana; In der zoroastrischen Mythologie gibt es das wunderbare Land Schadukiam, das Eco als möglichen ausser-europäischen Einfluss auf den Schlaraffenland-Mythos nennt; aus der Mormonen-Sekte ist etwa das Land Lehi-Nephi zu nennen

Aus Filmen & Fernsehen gibt es zB noch Alphaville (Godard-Film), Korriban (“Stars Wars”), Twin Peaks, Lampukistan (“Switch”> “RTL Aktuell”-Parodie), South Park, Amity Island (“Weisser Hai”), Pleasantville, die Justizvollzugsanstalt Reutlitz in Berlin (in “Hinter Gittern – Der Frauenknast”),…

Reale Orte, die von Legenden umwoben wurden, sind etwa die “Area 51” genannte US-Luftwaffenbasis in Nevada, die immer wieder mit UFOs und Ausserirdischen in Zusammenhang gebracht wird, oder der Mount Shasta in Kalifornien.

Dann gibt’s einiges an Scheinstaaten, an “Staaten” die, ernsthaft oder zum Spass, ausgerufen wurden, aber nicht wirklich bestehen, von Sealand bis Padanien.

Nicht im Fischer-Weltalmanach steht auch Molwanien: “Das Buch Molwanîen. Land des schadhaften Lächelns” (05, engl. Originaltitel: Molvanîa: a Land Untouched by Modern Dentistry, 04) der australischen Autoren Santo Cilauro, Tom Gleisner und Rob Sitch ist eine Parodie auf einen Reiseführer, wurde ein internationaler Bestseller, erfindet ein ganzes Land (in Südost-Europa) komplett mit Sprache, Nationalhymne, Knoblauchschnaps und Kleidergrößen. Die selben Autoren haben auch fiktive Länder in Südostasien oder Mittelamerika für Pseudo-Reiseführer erfunden.

Oder Orte die es mal gab, aber nun nicht mehr, Länder, Bauwerke oder Städte: Ostpreussen (oder das ganze Deutsche Reich), die Confederate States of America (CSA; die USA-Südstaaten nach der Szession), Pangea, der Tempel in Jerusalem, Roanoke,…  In Berlin existieren zB Hitlers Bunker, das Spandauer Gefängnis oder die Mauer nicht mehr, das Stadtschloss wird wieder aufgebaut. Das Doggerland bildete bis zum Meeresanstieg nach der letzten Kaltzeit (Weichseleiszeit) eine zusammenhängende Landmasse zwischen den Britischen Inseln und Kontinentaleuropa, die für einige Jahrtausende von mittelsteinzeitlichen Jägern und Sammlern besiedelt war. Oder Beringia, die im Nachhinein so genannte Landbrücke zwischen Nordost-Asien und Amerika (darum wird es im nächsten Artikel gehen…). Dazu gehören auch jene Städte oder Bauwerke, die nur noch als Ruinen, Geisterstädte, Touristenattraktionen existieren, von Machu Picchu über  Pompeji bis Angkor Wat.

“Crocker Land” ist der Name eines vermuteten achten Kontinents im Nordpolarmeer, dessen Existenz widerlegt ist. 1906 gab der US-amerikanische Polarforscher Robert Peary (vermutlich von einer Luftspiegelung getäuscht) an, auf einer Arktis-Expedition eine Landmasse am Horizont gesehen zu haben. Diese benannte er nach einem George Crocker. 1913 startete die sogenannte Crocker-Land-Expedition, die damit endete, dass das das Schiff im Packeis festfror. Nur wenige Besatzungsmitglieder überlebten und wurden erst Jahre später gerettet. Anhand von Satellitenaufnahmen konnte bewiesen werden, dass der Kontinent nicht existiert. Manche Gebiete waren mal (vor ihrer Erforschung) eine Terra incognita, hatten was phantastisches. Antillia ist eine Phantominsel, eine Insel, an deren Existenz mal gelaubt wurde, wie auch St. Brendan oder Sandy Island.

An Dystopien gäbe es zB noch das Ozeanien Orwells oder Panem von Collins.

Für Computer-Spiele werden natürlich auch Welten/Länder geschaffen, etwa Azeroth (“Warcraft”), Zanarkand (“Final Fantasy”), Calradia (“Mount & Blade”). Der Cyberspace, das Internet, hat in gewisser Hinsicht auch den Charakter einer Parallel-/bzw Scheinwelt.

Timbuktu gibts wirklich. Die Stadt hatte jahrhunderte lang (in Europa) den Ruf eines legendären Ortes. New Canaan in Connecticut aus “Der Eissturm” gibt es auch. Eleusis, Ort des Mysterienkults in der griechischer Antike, ist ein nach wie vor bestehender Ort. Paris in Texas, Fargo und Punxsutawney bestanden, bevor sie Schauplatz von Geschichten wurden. Auch Mulholland Drive (Strasse), Hells Kitchen (Stadtviertel) oder Bells Beach (Strand). Disneyland, Legoland, Sun City (in Moses Kotane, NW, Südafrika), Graceland, Neverland sind zwar Phantasien entsprungen, diese aber auch umgesetzt worden.

Manche Orte, wie Dachböden, Keller oder Wälder, bekommen in der Phantasie leicht etwas geheimnisvolles. Und manche existieren nur in der Sprache: die Bananenrepublik, der Elfenbeinturm, die einsame Insel, Hintertupfingen (ein kleiner, abgelegener Ort, der Arsch der Welt, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen), Absurdistan, das Niemandsland (dafür stehen auch “die Pampa” und “die Walachei”, in der deutschen Sprache)

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Alberto Manguel und Gianni Guadalupi: Von Atlantis bis Utopia. Ein Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur (1996)

Lyon Sprague de Camp: Versunkene Kontinente – Von Atlantis, Lemuria und anderen untergegangenen Zivilisationen (1975)

Welten basteln

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Wo es religiöse Toleranz gibt, aber nicht für Atheisten
  2. ein fiktives palästinensisches Dorf in der gleichnamigen Erzählung von Smilansky, anhand dessen er Vertreibungen & Morde während der Nakba beschrieb, an der er beteiligt war, eine Art historischer Roman
  3. Kleinbonum leitet sich von dem französischen Begriff “petit bonhomme” ab, der für “kleine Spießer” steht

Afghanistans buddhistische Vergangenheit

Der Hintergrund zu den von den Taliban zerstörten Buddha-Statuen ist gar nicht so leicht zu verstehen. Jedenfalls, ein grosser Teil von dem was Afghanistan wurde, war in der späteren Antike und im frühen Mittelalter ein buddhistisches Land! Die Beschäftigung damit führt einen weit vor die Entstehung Afghanistans, ist ein Schlüssel zum Verständnis nicht nur dieses Landes, sondern auch der Regionen an denen es Anteil hat bzw an die es grenzt (vor allem Südasien, auch Zentralasien und Westasien). Erschwert wird das Verständnis bzw die Darstellung durch die Verwirrung um Bezeichnungen von Völkern, Reichen und Regionen im zentralasiatischen Raum. Der Buddhismus entfaltete sich in Zentralasien in wechselnden politischen Einheiten und ohne ethnische Konstanten. Die Buddha-Statuen gehörten zu den grössten in der Welt. Die Zerstörung der Statuen kommt als Vorgriff mit in den Artikel. In den Fortsetzungen wird es um die neuere Geschichte Afghanistans gehen, die ebenfalls unbekannte/unerwartete Gesichter dieses Landes birgt, die Zeit von der eigentlichen Enstehung des Landes über die Zeit in der Miniröcke über Burkas dominierten und die Amerikaner die ins Land kamen, hauptsächlich Hippies und andere Touristen waren und nicht Soldaten, bis zur Abwürgung einer notwendigen Modernisierung.

Das Hindukusch-Hochland teilt Afghanistan in 2 Landesteile, die bis zur Entstehung dieses Staats im 18. Jahrhundert ethnisch, kulturell und historisch unterschiedliche Entwicklungen durchliefen. Der Norden ist sehr persisch/iranisch geprägt, war jahrhundertelang der östliche Teil von Khorassan, ist hauptsächlich von Tadschiken bewohnt, einem Volk das erst in der späteren Neuzeit entstanden ist (bzw sich von den Persern weg-entwickelt hat). Das Süd-Hindukusch-Gebiet hiess früher Gandhara- oder Waihind-Gebiet, gehörte mit dem Westen des heutigen Pakistans zusammen. Um diese Region geht es hier hauptsächlich. Der Kern Gandharas lag im Osten, um die gleichnamige Stadt. Die Reiche von Gandhara, die von etwa 200 vC bis 1000 nC bestanden dehnten sich teilweise weit darüber hinaus aus. Dieses Gebiet ist seit der Entstehung Afghanistans sein südlicher Teil und diese Entstehung ging von den dort lebenden Paschtunen aus, deren Ethnogenese in die Zeit der Gandhara-Reiche fällt. Das Gandhara-Gebiet war nie lange bei Persien, ist nach Indien hin “offen”. Es wurde später als das nördliche Afganistan islamisiert, war bis dahin buddhistisch. Die Stadt Kandahar entstand übrigens später viel weiter westlich als Gandhara.

Gandhara war eine östliche Satrapie im achämenidischen Persien, im Grenzgebiet zu Indien, aber auch in umliegenden Satrapien wie Arachosien, Baktrien, Areia, Sogdia, Chorasmien lagen Anteile späterer Gandhara-Reiche. Die Bewohner Arachosiens waren die Pakhas/Paktas/Pakat (von Herodot stammt die Umschrift “Paktyaner”), die in der Ethnogenese der Paschtunen eine Rolle spielten. Mit den Eroberungszügen der makedonischen Griechen bis nach Indien kam es zu den ersten Berührungen von griechischer und indischer Kultur. Der Kontakt zwischen griechischer und iranischer Kultur kam u.a. durch die Heirat Alexanders mit Roksana, Tochter eines baktrischen Lokalfürsten, zu Stande. Das spätere Afghanistan lag dann auch im Seleukidenreichs im äussersten Osten, grenzte an Indien, das von der Maurya-Dynastie regiert wurde.

In Maurya-Indien setzte sich unter Ashoka der noch junge Buddhismus durch, um 300 vC wurde das Reich um das Gandhara-Gebiet erweitert. Über den Khyberpass (führt heute von Afghanistan nach Pakistan) kamen viele Eroberer aus Zentralasien nach Indien, in diesem Fall von dort. Mit dieser Abtrennung vom seleukidisch bleibenden Persien begann die Sonderentwicklung Gandharas. Buddhismus, auch Formen des Hinduismus, kamen in das das Gebiet südlich des Hindukuschs, setzten sich auf Kosten des Zoroastrismus durch. Der Buddhismus wurde hier mit-geprägt. Der kulturelle Synkretismus aus indischen, griechischen und iranischen Elementen wird Graeco-Buddhismus genannt.

Als Persien unter den parthischen Arsakiden wieder unabhängig wurde (250 vC), war der östliche Teil des Seleukidenreichs, Baktrien, vom seleukidischen Rest abgeschnitten; der Statthalter der Seleukiden in Baktrien schuf das Griechisch-Baktrische Reich in Zentralasien. Es wurde mit dem Ende des Maurya-Reichs u.a. um das Gandhara-Gebiet erweitert. Griechische und indisch-buddhistische Kultur fanden so wieder zueinander. Der grösste Teil Ost-Chorassans gehörte zum Partherreich. Der östliche, indische Teil des Greco-Baktrischen Reiches, mit Gandhara als Zentrum, machte sich um 150 vC unabhängig, dieser Staat wird meist Indo-Griechisches Königreich genannt (retrospektiv, wie manches andere bei diesem Thema). Das restliche Griechisch-Baktrische Reich wurde von einem zentralasiatischen “Steppen-Volk” eingenommen, das in chinesischen Quellen “Yuezhi” genannt wurde. Möglicherweise sind diese den Skythen zuzuordnen.

Und, um die Verwirrung komplett zu machen, sie dürften mit jenen ident sein, die antike und dann byzantinische Schriftsteller “Tocharer” (lateinisch Tochari, griechisch Tocharoi) bezeichneten. “Tocharistan” wiederum wird mit Baktrien gleichgesetzt, überschneidet sich mit Khorassan. “Ariana”, die latinisierte Form des alt-griechischen “Ἀρ(ε)ιανή” (Ar[e]ianē), geht auf “Areia” zurück, eine Provinz bzw Gegend des achämenidischen Persiens (im Gebiet des heutigen Afghanistans), wurde von griechischen und römischen Autoren teilweise für das ganze Gandhara-Gebiet und sogar darüber hinaus verwendet wurde. Areia und Arachosien bezeichneten ungefähr das selbe Gebiet, das auch von Baktrien nicht klar abzugrenzen ist.

Das Indo-Griechische Königreich wurde von den Skythen, iranischen Reiternomaden, die aus Zentralasien über den Hindukusch einsickerten, beendet bzw in ein Indo-Skythisches umgewandelt. Wie unübersichtlich und schwer greifbar diese Phase der aufeinanderfolgenden Reiche mit dem Gandhara-Gebiet ist, zeigt sich auch darin, dass die Geschichtsforschung auch eine Koexistenz von Indo-Griechen und Skythen nicht ausschliesst. Auch das Partherreich drang in die Region ein, seine lokalen Statthalter (u.a. Gondophares/Gudapharasa) regierten dann als seine Vasallen (“Indo-Parther”) neben den Indo-Skythen. Die Residenz der indo-parthischen Könige war in Taxila im Nord-Punjab, der meist zu den Gandhara-Reichen gehörte, oder aber in Kabul oder Peshawar. Nach anderen Darstellungen haben die (Indo-)Parther auch die (Indo-)Skythen in Gandhara “und Umgebung” als Herrscher verdrängt.

Im 1. Jh. nC drangen die Yuezhi/Tocharer über den Hindukusch in Gandhara ein und entrissen Indoparthern und Indoskythen sukzessive die Kontrolle über das nach Nordindien hineinreichende Land. Die Kuschan(a)s waren einer der Stämme der Yuezhi, begründeten ihr Reich, das Nord-Indien (bzw -Südasien), Teile Zentral-Indiens, einen Teil Ost-Asiens und einen grossen Teil Zentralasiens inkl. Gandhara umfasste. Die Kuschanas ernannten die vormaligen skythischen Regionalherrscher anscheinend zu (relativ selbstständigen) Statthaltern (Kshatrapas) von Provinzen. Die “Nord-Afghanen”/Ost-Khorassaner waren auch Teil dieses Reichs. Unter der Herrschaft der Kushanas festigte sich der Buddhismus in der Region, v.a. in Gandhara, das Kern des Reichs war, und blühte. In der Gegend um Bamiyan etwa ist der Buddhismus erst damals und nicht schon unter den Maurya dominant geworden; es entstanden nun Klöster, Tempel und Stupas. Neben dem Reich der “Kabul-Shahis” war Kuschana das wichtigste in der “buddhistischen Phase” (Süd-)Afghanistans.

Das heutige Afghanistan war spätestens unter den Kuschanas ein Zentrum des frühen Buddhismus, wie auch des Hinduismus; auch im angrenzenden Satavahana-Reich (in Zentral-Indien) existierten beide Religionen noch nebeneinander. Der Gandhara-Buddhismus mit seinem griechischen Einfluss beeinflusste v.a. den Mahayana-Buddhismus, der sich dann nach Nordost-Asien (China, Korea, Mongolei, Japan,…) ausbreitete. Auch der Buddhismus im Tarim-Becken wurde von Gandhara beeinflusst. Die enge Verbindung der Gandhara-Kultur mit dem Buddhismus zeigt sich auch in der Tatsache, dass die ältesten noch erhaltenen buddhistischen Handschriften in der Gandhari-Sprache (in der Kharoshthi-Schrift geschrieben) abgefasst sind. Die Benennung der Sprache erfolgte retrospektiv. Erst um das 5. Jh wurde sie vom Sanskrit als “Sprache des Buddhismus” verdrängt.

In Zentralasien hat das Kuschanreich bis ins frühe 3. Jahrhundert bestanden, bevor es (mit Gandhara) von den Sasaniden erobert wurde. Im frühen 4. Jh kam es zu einer Revolte der Kuschan, die aber unter Schapur II. niedergeschlagen wurde. Reste des östlichen Kuschan-Reichs in Indien blieben länger bestehen, bis ins 4. Jh etwa, als sich in Indien das Gupta-Reich ausbreitete. Im östlichen Zentralasien, dem vormaligen West-Kushan, dem östlichen Teil des sasanidischen Persiens, setzten sie Sasaniden ihre Prinzen als Statthalter ein, die den Titel Kushanshah („König der Kushan“) bekamen. Manche von ihnen nutzte diese Position für Usurpations- oder Sezessionsversuche aus. Diese Lokalherrscher werden heute auch Indo-Sasaniden oder Kushano-Sasaniden genannt. Buddhisten in Gandhara und Balkh scheinen unter den zoroastrischen Sasaniden toleriert worden zu sein. Im späten 4./frühen 5. Jahrhundert fielen iranische Hunnen (Kidariten, Hephthaliten,…) in diesem Gebiet, das auch Gandhara umfasste, ein. Mitte des 6. Jh konnten die Sasaniden mit Hilfe der Göktürken die Hephtaliten besiegen; Reste der hephtalitischen Herrschaft hielten sich im Gebiet um Gandhara gegen das sasanidische Persien. Auch wenn ein Teil blieb und buddhistisch wurde, der Hephtaliten-Einfall bedeutete für den Buddhismus dort zunächst grossen Schaden.

Im 6. Jh entstand im Gandhara-Gebiet, zwischen sasanidischem Persien und Gupta-Indien ein neues Reich, das der “Kabul-Schahis”, wahrscheinlich in Nachfolge der “Kuschano-Hephtaliten”. Die Herkunft der Herrscher ist umstritten, es gibt Hinweise auf indische, iranische, turkische und tibetische Wurzeln, wie auch bei den Kuschanas. Dieses Reich um/in Gandhara wird meist in zwei aufeinanderfolgende Phasen (manchmal auch in zwei verschiedene Reiche) unterteilt, eine buddhistische (“Kabul-Schahis”, “Turki-Shahi”, “Shahiya”, “Kabul-shāhān”,…) und eine hinduistische (“Hindu Shahis”), mit der “Ablöse” um 870. Die buddhistischen Kabul Shahis regierten von Kabul und Kapisa, in der Zeit kam auch die Bezeichnung “Kabulistan” auf, für ein Gebiet, das in etwa Gandhara entsprach. Informationen über die Kabul- und Hindu-Schahis stammen zu einem grossen Teil von al-Bīrūnī. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass es eine enge Verbindung zwischen den beiden Religionen in dieser Kultur gab; so enthielten hinduistischen und buddhistischen Tempel oft Statuen auch der jeweils anderen Religion.

Nach dem Untergang des sasanidischen Persiens gegen die islamischen Araber Mitte des 7. Jahrhunderts war das Kabul-Reich weiteren Expansionsbemühungen des Kalifats ausgesetzt. Diese kamen auch bis nach Kabul, überzeugten (wie auch immer) einen Teil der buddhistischen Einwohner von der Konversion zum Islam. Das Gebiet im äussersten Osten des Kalifats musste bald wieder aufgegeben werden, Gandhara/Kabulistan kam zurück unter die Herrschaft der buddhistischen Schahs/Könige. Die Kabul-Schahis bauten in der Folge Verteidigungsanlagen gegen die Moslems, Mauern, die heute noch zu sehen sind. Das spätere nördliche Afghanistan, Ost-Khorassan, teilweise auch buddhistisch, wurde von den Arabern im zweiten Anlauf 715 eingenommen und sukzessive islamisiert.

Buddhismus war, durch Mönche aus dem Gandhara-Gebiet, auch in Ost-Khorassan, dem heutigen Nord-Afghanistan, eingedrungen, v.a. um Balkh, das auch ein frühes Zentrum von Zoroastrismus (Zarathustra stammte evtl von dort) war und später vom islamischen Sufismus. Nach der arabisch-islamischen Eroberung Persiens gab es 715 in Balkh einen Aufstand, der niedergeschlagen wurde. Darufhin wanderten persische buddhistische Mönche die Seidenstrasse entlang nach Nordost-Asien aus, wo sie an der Verbreitung dieser Religion wirkten. Bereits in Jahrhunderten davor erfolgte die Verbreitung dieser Religion aus Indien über Persien nach China oder in das Tarim-Becken; auch der berühmte Missionar An Shigao dürfte aus Persien gestammt haben. Andere iranische Buddhisten folgten der mehrheitlichen Konversion zum Islam. Die Barmakiden waren etwa eine führende buddhistische Familie in Balkh, erbliche Verwalter des Klosters Nava Vihara in Balkh. Sie wurden mächtige Wesire der abbasidischen Kalifen.

870 gelang den Saffariden (die entweder persischer Herkunft waren oder stark von der persischen Kultur geprägt) die Einnahme Kabuls. Im Angesicht des Angriffs setzte der hinduistische Minister Kallar seinen buddhistischen König ab, wich dann als neuer Herrscher vor den Invasoren aus. Die Saffariden plünderten buddhistische Klöster, ein erster Schlag gegen den Buddhismus in Gandhara und Khorassan. Neue Hauptstadt des verkleinerten Reiches wurde Hund weiter südöstlich, heute im pakistanischen Paschtunengebiet. 879 eroberten die Hindu-Shahis Kabul zurück. Sie  waren Förderer auch des Buddhismus; unter ihnen wurde etwa das buddhistische Subahar-Kloster bei Kabul gebaut, anscheind an der Stelle eines zoroastrischen Feuertempels.

Das Bamiyan-Tal im Hindukusch nahe Kabul lag an der Seidenstrasse, dem Handelsweg, der Westasien bzw Europa von der Spätantike bis ins Spätmittelalter (Mongolen) mit Ostasien verband, und der durch Gandhara verlief. In der Kuschana-Zeit wurde Bamiyan ein Zentrum des Buddhismus bzw. der hellenistisch-buddhistischen Gandhara-Kultur, mehrere Klöster entstanden. Die Stadt bzw das Tal haben ihren Namen von einem frühen buddhistisch-hinduistischen Kloster bzw seinem Sanskrit-Namen. Die Buddha-Statuen und die Nischen wurden unter den “Kabul-Shahis” herausgearbeitet, im 6. und 7. Jh; sie waren auch bemalt. In dieser Wand aus Kalkstein befand sich auch eine aus dem Fels gegrabene Klostersiedlung, in denen Tausende Mönche wohnten, mit Gebetshallen mit reichhaltigen Wandmalereien. Felsentreppen, die teilweise heute noch vorhanden sind, führten bis zum Scheitel der Buddha-Statuen. Die grössere Statue war ein Bildnis des Buddha Dipankara, die kleinere stellte den Buddha Shakyamuni (Siddhartha Gautama) dar. Bamiyan geriet wie das restliche Gandhara mit den Invasionen der Omayaden, Saffariden und endgültig der Ghanznawiden unter moslemische Herrschaft.

Bamiyan 1931
Bamiyan 1931

Die Hindu-Schahis (870 bis 1026) leisteten lange Widerstand gegen islamische Eroberungen. Die Ghaznawiden, türkische Soldaten der persischstämmigen Samaniden (Nachfolger der Saffariden), dann ihre Erben als Herrscher über Teile Irans, waren der westliche Nachbar. Der Buddhismus wurde in ihren frühen Eroberungen wie Khorassan oder Baktrien nicht unterdrückt. 1008/09 besiegte die Armee von Mahmud von Ghazna jene von Anandapala, dem letzten Hindu Shahi von Gandhara; das Reich existierte zunächst noch als Vasall der Ghaznawiden weiter. Folgen hatte der Untergang v.a. für Indien, das, zumal in Kleinstaaten zersplittert was es damals war, nun das Ziel von moslemischen Eroberungen wurde. Von der Einnahme Gandharas war es für die Ghaznawiden ein kleiner Schritt zu jener des Punjab.

Manche sehen eine Kontinuität der buddhistischen Gandhara-Reiche, vom Griechisch-Baktrischen Reich bis zum im 11. Jh untergangenen Kabul-Shahi-Reich. Eine Konstante in dieser Zeit waren Wanderungsbewegungen in diese Reiche, ab den Griechen Alexanders, vor allem aus Zentralasien. Anscheinend vollzog sich die Volkswerdung der Paschtunen vor diesem Hintergrund (mit der Integration der meist als Eroberer neu Hinzugekommenen) – wobei Eroberungen und damit verbundene Einwanderungen nach Gandhara nicht mit den Ghaznawiden zum Stillstand kamen, zumindest noch das ganze Mittelalter weiterliefen. Die Paschtunen “entstanden” erst in islamischer Zeit, und Gandhara kam damit zu einem Ende. Es gibt auch die Theorie einer  Abstammung der Paschtunen/Afghanen (war ursprünglich dasselbe) von den Israeliten. Einige paschtunische Stämme sollen Nachkommen der 10 seit der Assyrer-Inasion verlorenen Stämme Israels sein und Stammesnamen wie Barakzai oder Yossufzai jüdische Vorfahren (namens Barak oder Yosef) wiederspiegeln. Diese Behauptung geht anscheinend auf das  (persischsprachige) Buch “Maḫzan-e Afghāni” eines Nehmatullah Herawi zurück, der im Indien der Moguln.

Unter den Ghaznawiden wurde der Süden des späteren Afghanistans, das bis dahin weitgehend buddhistische Gandhara-Gebiet, islamisiert, der Norden, Ost-Khorassan (zuvor zoroastrisch), war es zu diesem Zeitpunkt schon grossteils. Nur Nuristan wurde viel später islamisiert. Die Frage sei gestellt, warum nicht auch Ghaznawiden oder Mongolen in diese buddhistischen Reiche integriert wurden, nicht sie also konvertiert wurden, warum hier der Bruch kam. Nach den Ghaznawiden kamen Seldschuken, Karachitai, Chwarezm-Schahs, Ghoriden, Karakhaniden, Mongolen. Nachdem das Reich von Cengiz Khan noch 13. Jh zerfiel, kam der grössere Teil sowohl Ost-Khorassan als auch Gandharas zum Il-Khanat, das Ost-Drittel des späteren Afghanistans zum Tschagatai-Khanat. Vom letzteren gingen ja Timur Lenks Eroberungszüge des 14./15. Jh aus, dessen zentralasiatisches Reich umfasste auch das spätere Afghanistan. Das letzte der Delhi-Sultanate war jenes der Lodhi (1451-1520), einer paschtunischen Dynastie, aber ausserhalb Gandharas/Paschtunistans, wo damals der mongolisch-stämmige Babur herrschte. Dieser, Begründer der Mogul-Dynastie, nahm danach Indien ein.

Häufige Eroberungen bzw Machtwechsel, verbunden mit (Ein)wanderungsbewegungen, Zusammenfassung diverser Gebiete zu neuen Reichen, das ging im zentralasiatischen Raum bis zur frühen Neuzeit weiter, als das safawidische Persien, Mogul-Indien und die Khanate im nördlichen Zentralasien entstanden. Das spätere Afghanistan wurde auf diese Reiche aufgeteilt, die Grenze verlief ähnlich wie bei den Dschingis-Nachfolgereichen quer durch Ost-Chorassan und Gandahar hindurch, der Westen bei Persien, der Osten bei Indien; dem Buchara-Khanat der Usbeken gelang es, vom Norden einzudringen und einige Gebiete zu erobern.

Die Buddha-Statuen in Bamyan, unter den buddhistischen Schahis herausgearbeitet, blieben das auffälligste Erbe, das herausragendste Zeugnis, der buddhistischen Kultur Gandharas. Ihre Grösse hat durchaus die Bedeutung Gandharas für den Buddhismus (bzw umgekehrt!) wiedergespiegelt. Nach der Islamisierung durch die Ghaznawiden um die Jahrtausendwende blieben die Statuen vorerst unangetastet. Der Buddhismus verschwand etwa mit dem Ende des Mittelalters aus dem Gebiet des späteren Afghanistans (das damals zwischen Persien und Indien geteilt wurde), die Buddhas in Bamiyan (das zum Mogul-Reich kam) blieben.

Absichtliche Beschädigungen begannen spätestens mit dem Einfall der Mongolen unter Cengiz Khan, die auch die Bevölkerung der Stadt töteten. Obwohl Mongolen zu verschiedenen Zeiten selbst buddhistisch wurden, bedeuteten ihre Invasionen grossen Schaden für buddhistische Kulturen, auch in Ostasien. Cengiz’ Mongolen haben bei der Einnahme Bamiyans auch die Festung Schahr-e Gholghola zerstört, die Sitz islamischer Herrscher war, möglicherweise aber auf die Sasaniden zurückgeht. In der Gegend um Bamiyan “entstanden” die Hesoren/Hazaras im Spät-Mittelalter, aus eingefallenen Mongolen und Alteingesessenen (u.a. Paschtunen). Die Hazaras vereinnahmen die zerstörten Statuen und die untergegangene buddhistische Kultur Bamiyans heutzutage gerne für sich, als ihr kulturelles Erbe. Eine Form des Hinduismus hielt sich lange in abgelegenen Gebieten des östlichen Hindukusch, die heute in etwa die Provinz Nuristan bilden.

In Gross-Indien/Südasien wurde der Buddhismus zunächst im frühen Mittelalter weitgehend vom Hinduismus verdrängt, den die meisten Herrscher unterstützten (etwa die Guptas in der Spät-Antike). Es blieben Reste im Indus-Gebiet (Punjab, Sindh) im Nordwesten, im Norden (Kaschmir), sowie das buddhistische Pala-Reich, das von Bengalen im Nordosten zeitweise bis in den NW reichte, die letzte Hochburg des Buddhismus in Indien war. Die ersten islamischen Einfälle in Indien erfolgten noch unter den Omayaden. Auf den Fall der Hindu-Schahi gegen die Ghaznawiden folgten flächendeckende islamische Herrschaften ab dem Spät-Mittelalter (Ghoriden,…).

Die am stärksten islamisierten Gebiete Indiens, der Nordwesten (Sindh, Punjab) und der Nordosten (Bengalen, Bihar), waren (die letzten) buddhistische Zentren gewesen; zu einem gewissen Maß gilt das auch für Kaschmir. Das Pala-Reich mit seinem Zentrum im NO wurde von den Delhi-Sultanen im 12. Jh eingenommen, dabei wurde Nalanda mit seinen Klöstern, Tempel und Universität zerstört. Der in Zentral-, Süd- und Südost-Asien vorherrschende Mahayana-Buddhismus mit seiner wichtigen Stellung der Mönche soll durch die Tötung dieser leicht zu schwächen gewesen sein, diese Gegenden so islamisiert worden sein. Buddhistische Reste blieben im Süden, in Ceylon und Bhutan; und durch durch den tibetischen Exodus gab es in Indien ein Wiederaufleben. Der Buddhismus ist also in seinem Mutterland Indien fast verschwunden, verdrängt von Hinduismus und Islam; so verhält es sich auch mit der Baha’i-Religion im Iran oder dem Christentum in Palästina.

Der erste Europäer, der Bamiyan mit seinen Buddha-Statuen zu sehen bekam, soll der Engländer William Moorcroft gewesen sein, Anfang des 20. Jh, als er die Gegend im Auftrag der British East India Comapany bereiste, nach der Entstehung Afghanistans und vor seiner britischen Inbesitznahme, für die er mit die Grundlagen legte. Unter dem afghanischen Emir Abdur Rahman Khan (aus der bis 1973 herrschenden Barakzai-Dynastie) wurden die Bamiyan-Buddhas weiter zerstört, im Rahmen der blutigen Niederschlagung einer Hazara-Revolte Ende des 19. Jahrhunderts. Nach dem 1. WK begann die systematische Erforschung des buddhistischen Erbes in Afghanistan, durch Europäer. In Bamyan wurden 1930 auch Texte auf Palmblättern aus der Gandhara-Kultur gefunden. In Hadda in Süd-Afghanistan wurden von den 1930ern bis in die 1970er buddhistische Skulpturen ausgegraben. Westliche Touristen standen in den 1960ern und -70ern auf den Köpfen der Statuen. In den Höhlen des Felsmassivs wie überhaupt in der Gegend leben heute überwiegend Hazara.

Die Ausbreitung des Buddhismus war um 1000 an seine Grenzen gekommen (auch wenn danach etwa noch die Mongolen übertraten), er wurde vom Islam zunehmend zurückgedrängt, neben Zentralasien und Indien auch in Südost-Asien. Der Buddhismus setzte sich auch bei Ost-Iranern im Tarim-Becken im heute chinesischen Sinkiang, am Übergang von Zentral- nach Ostasien, durch (Khotan-Reich), sowie bei türkischen Völkern dort (frühe Uiguren, Königreich Quocho). Im Hoch-MA wurde dieses Gebiet durch Karluken/Karakhaniden islamisiert und türkisiert, am östlichen Rand blieb ein buddhistisches Rest-Gebiet übrig, das unter den Tschagatai immer kleiner. Hinduismus und Buddhismus haben sich in der Spät-Antike/Früh-Mittelalter aus Indien nach Südost-Asien verbreitet. Teilweise existierten diese Religionen nebeneinander (sogar in Symbiose mancherorts), zT in Konkurrenz zueinander.

Das buddhistisch-hinduistische Srivijaya-Reichs mit dem Zentrum Sumatra hat im Mittelalter einen Grossteil Südost-Asiens zumindest beeinflusst. Das spätere Indonesien (Java,…) war vorwiegend hinduistisch, hier hat sich ein Rest auf Bali gehalten. Im Festland-SO-Asien (ehem. Indochina, Thailand, Birma) hat sich der Buddhismus behauptet (in seiner Hinayana-Ausprägung), im maritimen SO-Asien (Malaiischer Archipel; Indonesien, Malaysia, Philippinen, Brunei, Singapur, O-Timor) wurde er von Islam oder dem Christentum verdrängt, im Spät-Mittelalter/Früh-Neuzeit, durch Missionare oder Eroberer. Auf dem Malaiischen Archipel zeugen heute, wie in Bamiyan, Nalanda oder Taxila, Ruinen von einer buddhistischen Vergangenheit; und chinesische und indische/ceylonesische Einwanderer, die ab der späteren Neuzeit kamen und Buddhismus und Hinduismus in “bescheidenem Maß” nach SO-Asien zurückbrachten.

Auch in Afghanistan gibt es indische Einwanderer, aus dem 19. Jh, bzw deren Nachkommen, hauptsächlich Hindus und Sikh, die zumindest diese Religionen ins Land (zurück) brachten, wenn auch nicht den Buddhismus. Sie leben in den grösseren Städten und werden “Hindki” genannt, was auch anderes bezeichnen kann, etwa Urdu-sprachige Moslems. Die Buddhas in Bamiyan hielten sich als buddhistische Symbole ca. 600 Jahre in einem Land ohne Buddhisten. Erinnert an die evangelische Schwarze Kirche in Kronstadt/Brasov (Rumänien), die immer noch so was wie die auffälligste Kirche der Stadt ist, obwohl es seit dem 2. Weltkrieg kaum noch Siebenbürger Sachsen bzw Protestanten dort gibt. Oder an die Gebäude der Baha’i in Haifa (Israel/Palästina), wie der Schrein des Bab oder das Universale Haus der Gerechtigkeit. Dorthin hatte es zwar die Gründer der Religion verschlagen, viele Anhänger hat es dort aber nie gegeben. Oder den Huei Teocalli (Templo Mayor) der Azteken im heutigen Mexiko Stadt, der von Spaniern 1521 zerstört wurde, oder den Zeustempel von Olympia von dem seit dem 5. Jh (Zerstörung unter Oströmern/Byzantinern) auch nur mehr Ruinen übrig sind. Bamiyan weist aber auch Gemeinsamkeiten mit Naqsh-e Rostam im Iran auf, wo sich neben den Gräbern achämenidischer Grosskönige Felsreliefs aus sasanidischer Zeit befinden, sowie der Kabe-ye Zartosht (Würfel Zarathustras), alles eine Erinnerung an die vor-islamische Vergangenheit.

Es war März 01, eine Zeit in der die damals Afghanistan regierenden Taliban durch verschiedene besonders “radikale” Maßnahmen auffielen, wie der Anordnung einer optischen Kennzeichnung der Nicht-Moslems (also Hindus und Sikh). In der Zeit ereignete sich auch die völlige Zerstörung der Buddha-Statuen. Taliban-Führer “Mullah” Omar, de facto Staatschef, hat sie wohl angeordnet. In Bamiyan lebende Hazaras sagen, dass gefangene Hazara zur Anbringung des Sprengstoffs gezwungen wurden (siehe verlinkten Artikel unten). Araber und Pakistanis seien beteiligt gewesen. Zuerst war versucht worden, die Figuren durch Schüsse zu zerstören. Für die Sprengung brauchte man mehrere Versuche über Wochen hinweg. Für viele Afghanen waren die Statuen ein Schatz aus der Vergangenheit des Landes gewesen. Die leeren Nischen zeugen davon, dass sich hier einmal die Perlen Asiens befanden. Die ganze Repressivität, Intoleranz und Destruktivität der Taliban und des Salafismus liegt in dieser Sprengung.

Eine andere Religion als der Islam ist in Afghanistan praktisch nicht existent. Die Paschtunen, Nachfahren der Gandhara-Buddhisten und Erbauer der Statuen, sind besonders strenge Moslems geworden. Im benachbarten Iran (das früher islamisiert wurde) ist dagegen mit Norus ein vor-islamisches Fest das wichtigste im Jahr, nicht-islamische Namen sind gang und gäbe, es gibt relativ grosse Gruppen von nicht-moslemischen Minderheiten, auch der Laizismus innerhalb des Bevölkerungssegments der nominellen Moslems ist (trotz bzw gerade wegen dem religiösen Regime) gross. Angesichts der Nicht-Präsenz des Nicht-Islamischen in Afghanistan (schon Schiiten werden oft angefeindet) war es eigentlich eine Frage der Zeit, bis die riesigen Buddha-Statuen verschwinden mussten, zumal unter dem fundamentalistischen Regime der (paschtunischen) Taliban.

Die UNESCO erklärte die Überreste 2003 zum Weltkulturerbe, plant zusammen mit der afghanischen Regierung einen Wiederaufbau. Es ist ein wenig wie beim Stadtschloss in Berlin, welchen Sinn macht eine Wiederherstellung, wenn die Umstände gegenüber der Enstehung ganz andere sind, es in diesem Land also keinen Buddhismus mehr gibt. Hier kommt noch dazu, dass die Gefahr der Taliban bzw einer neuerlichen Zerstörung noch lange nicht gebannt ist.

Auch Persien/Iran hat ein kleines buddhistisches Erbe. Das parthische Persien soll bei Ausbreitung des Buddhismus von Indien nach China geholfen haben. Ost-Khorassan war meist bei Persien, und, wie erwähnt, fand auch dort der Buddhismus etwas Einzug. Möglicherweise auch in das nördliche persische Zentralasien. Die religiöse Vielfalt im sasanidisches Persien reichte vom Nestorianismus in Mesopotamien bis zum Buddhismus in Khorassan, seiner “Mittler-Funktion” in Asien voll entsprechend. Ost-Khorassan wurde unter den Saffariden (eine der ersten moslemischen Lokaldynastien nach dem Abbasiden-Zerfall) islamisiert, also etwas später als das restliches Persien, etwas früher als Gandhara.

Nachfahren zoroastrischer Iraner die gewaltsam islamisiert wurden, brachten zT den Islam nach Indien, Inder wiederum nach SO-Asien; Die wahrscheinlich ost-iranischen/tadschikischen Ghoriden waren vor ihrer Konversion zum Islam durch die Ghaznawiden auch Buddhisten gewesen,… In Balkh legten Zoroastrismus und Buddhismus die Grundlage für den synkretischen moslemischen Sufismus des Jalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī (Balkhī, Mawlānā, Mevlânâ, Rūmī; 13. Jh), zu einer Zeit, als das Gebiet zum Reich der Khwaresm-Schahs gehörte. Im Il-Khanat war der Buddhismus zeitweise Staatsreligion, dieser kehrte somit für eine Zeit nach Persien und Gandhara zurück. Der Hinduismus kam viel später mit indischen Einwanderern in den Iran (zurück), es gibt 2 Tempel im Süden, aus dem 19. Jh. Einige moderne iranische Schriftsteller wie Sohrab Sepehri haben sich mit dem Buddhismus beschäftigt.

 

Mostafa Vaziri: Buddhism in Iran. An Anthropological Approach to Traces and Influences (2012)

Anna Akasoy, Charles Burnett, Ronit Yoeli-Tlalim: Islam and Tibet. Interactions Along the Musk Routes (2011)

Heinz Bechert/Richard Gombrich: Der Buddhismus. Geschichte und Gegenwart (1. Auflage 2000)

André Wink: Al-Hind the Making of the Indo-Islamic World. The Slave Kings and the Islamic Conquest, 11th-13th Centuries (2002)

Hamid Wahed Alikuzai: A Concise History of Afghanistan in 25 Volumes (2013)

Peter Levi: The Light Garden of the Angel King (1972)

René Grousset: Sur les traces de Bouddha (1929). Hauptsächlich über den chinesischen Pilgermönch Xuanzang und seine Reise nach Nalanda

Tribe_Diaspora_and_Sainthood_in_Afghan_History

https://jambudveep.wordpress.com/2010/09/12/kabul-shahi-the-hindu-kings-of-kabul-zabul/

Diskussion um die Ethnizität der Erschaffer der Buddha-Statuen…

http://www.ancient.eu/Gandhara_Civilization/

Über die Wiederaufbau-Diskussion

Über Schahr-e Gholghola

Von der iranischen Filmemacherin Hana Makhmalbaf (Schwester von Samira und Tochter von Mohsen) kam 2007 der Film “بودا از شرم فرو ریخت” (Buda az sharm foru rikht/ Buddha fiel aus Scham um) heraus, in dem es um Zustände im Afghanistan der Taliban und auch danach geht, aus den Augen von Kindern in Bamiyan gesehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Überblick zur Geschichte und Gegenwart Armeniens

Armenien, auf Armenisch Հայաստան (Hayastan), das Land zwischen Europa und Asien, liegt in einem seismischen wie politischen Bebengebiet. Auch der Völkermord mit ihnen steht damit in Zusammenhang, dieser jährt sich heuer zum 100. Mal (1915-2015). Nach dieser Katastrophe wurde das russisch beherrschte Ost-Armenien unabhängig, der erste armenische Staat nach Jahrhunderten. Am Ende dieser Phase war aber fast alles verloren. Das Ende der Sowjetunion war die nächste grosse Zäsur. Zur Zeit gibt es quasi zwei armenische Staaten, da Karabach diesen Status der Unabhängigkeit beansprucht, sich nicht an die Republik Armenien angeschlossen hat. Und die Diaspora (armenisch “Spjurk”).

Historischer Überblick bis zum Ersten Weltkrieg

In das 6. Jh. vC fällt der Übergang vom Urartu-Reich (von dem sich der Name Ararat ableitet, der auf armenisch Masis heisst) zu Hayassa (aus dem Hayastan wurde) bzw. Harminuya (> Arminya), das meist persisch beherrscht war. Armenien/Hayastan gewann seine Unabhängigkeit in der Spät-Antike, unter König Tigran entstand ein Grossreich, das schon damals in einer schwierigen geopolitischen Lage war, zwischen Rom und Persien. Nach Tigran kam Armenien auch unter römische Oberherrschaft. Im 4. Jh erfolgte seine Christianisierung. Ende des 4. Jh wurde es zwischen Byzanz und Persien geteilt, womit die Spaltung in Ost- und West-Armenien eingeleitet wurde. Auch die Begriffe Gross- und Kleinarmenien werden dafür benutzt, da Persien mit dem Osten etwa vier Fünftel Armeniens bekam; allerdings werden Gross- und Kleinarmenien auch zur Bezeichnung des “eigentlichen” Armenien bzw Kilikiens (wo im Hoch-Mittelalter ein armenischer “Filialstaat” entstand) verwendet. In dieser Zeit der ersten Teilung wirkte Mesrop Mashtoz, der Entwickler des armenischen Alphabets, der zwischen den Sphären pendelte. Auch die Behauptung der Eigenständigkeit der armenischen Kirche und ihr Festhalten am (gemäßigten) Monophysitismus ist in Spät-Antike/Früh-Mittelalter anzusetzen.

Wenn man so will, waren die moslemischen Araber der lachende Dritte im “Duell” zwischen Persien und Byzanz, auch Armenien geriet Anfang des 7. Jh unter ihre Herrschaft, war aber autonom. Im 9. Jh wurde es wieder unabhängig, unter der Bagratiden-Dynastie. Es kam immer wieder zu Auseinandersetzungen mit Byzanz, das sich damit selber schwächte, da Armenien einen Pufferstaat zu den Seldschuken darstellte. Im 11. Jh nahmen diese zuerst Armenien ein und eroberten dann den Grossteil der kleinasiatischen Gebiete des Byzantinischen Reichs. Armenien verlor damit für sehr lange Zeit seine Unabhängigkeit, wurde Spielball anderer Mächte. Auch die Entstehung der armenischen Diaspora wird auf die Seldschuken-Invasion zurückgeführt; diese bewirkte eine Massenflucht nach Kilikien und über den Kaukasus und Russland nach Europa. Byzantinische Herrscher haben aber schon Jahrhunderte zuvor Armenier auf den Balkan umsiedeln lassen. In Kilikien entstand im 11./12. Jh “Kleinarmenien”, das mit den südlich angrenzenden Kreuzfahrer-Staaten zusammenarbeitete. “Grossarmenien” wurde von Seldschuken beherrscht, erlebte im 13. und 14. Mongolen-Invasionen.

Kleinarmenien/Kilikien wurde 1375 von den Mameluken unterworfen, im eigentlichen Armenien herrschten nach den Mongolen u.a. Turkmenen. Es wurde im 16. Jh zwischen dem safawidischen Perserreich und dem osmanischen Türkenreich geteilt, eine Weichenstellung für die Neuzeit, die einige Jahrhunderte Bestand hatte, auch wenn die Grenzziehung jahrhundertelang umstritten war. Die Teilung Armeniens in einen Ost- und Westteil durch verschiedene Staaten war eine Konstante in seiner Geschichte, hat sich auch in der Sprache und der Kirche ausgewirkt. Das nun osmanische West-Armenien war auf diverse Eyalets, später Vilayets, aufgeteilt, bis in das späte 19. Jh hinein als “Ermenistan” anerkannt. Daneben gab es natürlich eine armenische “Binnen-Diaspora” im Osmanischen Reich, ob in Kilikien, Syrien, Palästina (an der Spitze ihrer Präsenz in Jerusalem stand der dortige Patriarch) oder Konstantinopel/Istanbul. Der armenische Patriarch in Istanbul, der theologisch dem Katholikos von Etschmiadsin in Ost-Armenien untergeordnet war, wurde vom osmanischen Staat als Oberhaupt der armenischen Nation (Millet) in diesem Staat gesehen. In Sis gab es, quasi als Relikt des armenischen Reichs in Kilikien, ein Katholikat, das in Konkurrenz zu jenem in Etschmiadsin bestand und sich erst im 17. Jh unterordnete. Auf der Achtamar-Insel im Van-See bestand seit dem 12. Jh ebenfalls ein Gegenkatholikat, das aus Protest gegen die Ausrufung eines Minderjährigen zum Katholikos von Etschmiadsin entstand und später ein regionales Katholikat wurde (statt einem konkurrierenden). Unmittelbare Nachbarn und Mitbewohner der Armenier im westlichen Teil ihres Stammlandes waren Kurden, mit denen sie eine lange, konfliktreiche Geschichte verbindet.

Im persischen Ost-Armenien befand sich das Etschmiadsin-Katholikat (die Führung der armenisch-gregorianischen/apostolischen Kirche, bis heute), das “albanische” Katholikat, wie auch der für Armenier heilige Berg Ararat (Masis). Unter Schah Abbas wurden Armenier weiter in den Süden Persiens umgesiedelt, v.a. nach Isfahan. In ihrem eigentlichen Siedlungsgebiet im Nordwesten des Persischen Reichs waren hauptsächlich Aserbeidschaner (Aseris) ihre Nachbarn. Auch in Karabach/Arzach, das unter diversen Herrschern Autonomie behauptete (auch unter den Persern). Der Rest Ost-Armeniens wurde unter den Persern auf die Khanate Jerewan und Nachitschewan aufgeteilt. 1827/28 eroberte das Russische Reich Ost-Armenien und weitere Gebiete im Süd-Kaukasus von den Persern; Russen waren die Hauptfeinde der nun angrenzenden Osmanen. Die Verwaltungsgliederung wie auch die Behandlung allgemein wechselte unter Russen, verschlechterte sich, anfangs gab es ein “Armenisches Gebiet” (Oblast) mit Autonomie. Das Gebiet (und spätere Einheiten) umfasste die vormaligen persischen Khanate Jerewan und Nachitschewan, nicht aber Karabach. Ostarmenien war unter den Russen als Teil des Kaukasus neben Sibirien Verbannungsort für Gegner des Zaren-Regimes (Narodniki, Raskolniki,…).

Ende des 19. Jh verschlechterte sich das Verhältnis der Armenier zu den Türken wie zu den Aseris. Was das osmanische West-Armenien betraf, so kam mit dem Niedergang des Reichs das Ende relativer osmanisch-moslemischer Toleranz. Der Versuch der Modernisierung und Umorganisierung des Reichs, die Tanzimat-Periode, endete mit Sultan Abdulhamid (Abdülhamit) 1876. Armenier, die eine wichtige Rolle im Handel einnahmen, lebten v.a. in den sechs Vilayets, die W-Armenien ausmachten, aber auch in vielen anderen Gebieten des Sultanats. Das Osmanische Reich war im 19. Jh unter starken Einfluss europäischer Staaten geraten, die hier unterschiedliche Ziele verfolgten. Es gärte unter Türken wie unter Arabern oder Armeniern. Die Griechen gewannen Stück für Stück ihre Unabhängigkeit, der Balkan ging sukzessive verloren. Nordkaukasische moslemische Völker aus dem russischem Bereich (oft pauschal als “Tscherkessen” bezeichnet) wurden auch in W-Armenien angesiedelt, wodurch Armenier dort zusehends in die “Defensive” gerieten. Im osmanisch-russischen Krieg 1877/78 kämpften Armenier auf beiden Seiten; im Friedensvertrag von Berlin musste ein Teil W-Armeniens, das Gebiet um Kars, an Russland abgetreten werden, daneben wurde Autonomie für Armenier unter osmanischer Herrschaft beschlossen. Da diese nicht gewährt wurde, gab es armenische Proteste, daraufhin kam es zu Massaker an Armeniern, Mitte der 1890er, die erstes grossen unter osmanischer Herrschaft, unter Abdülhamit, durch die von ihm geschaffenen Hamdiyeh-Einheiten (die hauptsächlich aus Kurden bestanden), mit zehntausenden Todes-Opfern.

Ende des 19. Jh entstand auch unter Armeniern eine Nationalbewegung, nicht zuletzt in Konkurrenz zu religiösen Führern. Russland wurde darin manchmal als Verbündeter gesehen, manchmal als einer von zwei Mächten die über Armenien herrschten. Autonomie in diesen Reichen war ein Ziel von Teilen dieser Bewegung, Unabhängigkeit das von anderen. Wichtigste Organisation wurde die 1890 im russischen Bereich gegründete “Föderation Armenischer Revolutionäre” (Hay Heghapokhakanneri Dashnaktsutyun), meist “Dashnaktsutiun” oder “Daschnak” genannt, die sich mit Arabern gegen Osmanen verbündete, mit Sozialisten gegen den Zaren. Daneben entstand die ebenfalls linksnationalistische “Hntschak” (in der westlichen Diaspora) und die “Armenak”/”Ramgavar”. Die Daschnak führte 1896 einen Banküberfall in Istanbul durch und 1905 ein Attentat auf den Sultan. Zur westlichen Diaspora gehörte auch die Führung der mit “Rom” unierten armenisch-katholischen Kirche.

Der Völkermord

Die Jungtürken-Bewegung hatte ursprünglich neben nationalistischen auch liberale Ziele, wie die Wiedereinsetzung von Verfassung und Parlament im Osmanischen Reich, Beschneidung der Macht des Sultans, Abänderung einer rein islamischen Rechtsdefinition. Sie arbeitete vor ihrer Machtübernahme dabei auch mit armenischen Organisationen zusammen. Nach ihrer Machtübernahme 1908/09 wurden vorrangig jene Tanzimat-Maßnahmen wieder eingeführt, die unter Abdulhamit rückgängig gemacht worden waren, darunter auch die formale Gleichstellung aller Bürger und Wehrpflicht für alle (was im Balkankrieg zum Tragen kam). Im Sinne von Minderheiten (damit sind in erster Linie Nicht-Moslems gemeint) war (auch) die Amnestie für Angehörige von Bürgerwehren wie den armenischen. Islam war auch angesichts der Unabhängigkeits-Bestrebungen der arabischen Völker keine “Reichsklammer” mehr. 1909 wurde von Anhängern der alten Ordnung an Armeniern in Kilikien (v.a. Adana) ein neues Massaker verübt; Armenier waren zu einem gutem Teil anfänglich für die Jungtürken. Der liberale Teil der jungtürkischen Bewegung spaltete sich von ihrer Organisation “Komitee für Einheit und Fortschritt” ab; Streitpunkt war zB die Frage Zentralismus-Föderalismus. 1913 stürzte das Komitee diese nun gerade herrschenden “Freiheits- und Einigkeitspartei”. Die “drei Paschas” Talat, Enver und Djemal wurde dominierende Kräfte in der Regierung (Talat am Ende als Grosswesir), führten das Reich an der Seite der Mittelmächte in den grossen Krieg. Die Jungtürken (das Komitee) regierten bis zur Niederlage im 1. WK, dem Sultan eher übergeordnet, wie Mussolini dem König in Italien später.

Dort wo Kleinasien und Kaukasus aufeinandertreffen, grenzten Russisches und Osmanisches Reich aneinander, lebten auf beiden Seiten Armenier. Dort kam es 1914 zum Krieg. Vorrangiges türkisches Ziel war die Rückeroberung der 1878 verlorenen Gebiete, im Hintergrund lockte die Aussicht auf eine “Vereinigung” mit Turkvölkern im Kaukasus und Zentralasien. Für die Russen waren die Armenier Vehikel für ihre gleichfalls expansionistische Politik. Istanbuler Patriarchat und Daschnak riefen die osmanischen Armenier zu osmanischem Kriegsdienst auf. 1914/15 erfolgte ein russischer Vorstoss nach Kleinasien, die Eroberung Westarmeniens und Nord-Kurdistans. Manche West-Armenier halfen der vorrückenden russischen Armee – so wie etwa Araber damals den Briten im Irak gegen die Osmanen halfen oder Nordkaukasier im russischen Bereich den Osmanen gegen die Russen. Daneben kämpften natürlich Ost-Armenier in der russischen Armee. 1915 gelang es der osmanischen Armee, die Russen zurückzuschlagen. In der Phase darauf ereignete sich der Völkermord (armenisch Aghet, Katastrophe).

Armenier wurden von der jungtürkischen Regierung des Osmanischen Sultanats nach der ersten Niederlage gegen die Russen 1914 als deren fünfte Kolonne gesehen; hier fiel der Beschluss zu den folgenden Maßnahmen. Es begann 1915 mit Entlassungen von Armeniern aus osmanischem Staats- und Kriegsdienst, dann folgten Verhaftungen ihrer Notabeln, im April in Istanbul. Diran Kelekian, Gründer und erster Chefredakteur der Tageszeitung “Sabah”, als Professor an der Universität Istanbul/Konstantinopel akademischer Lehrer zahlreicher Führer der jungtürkischen Bewegung, war unter jenen führenden Persönlichkeiten der armenischen Gemeinde Istanbuls, die Opfer der Verhaftungswelle vom 24. und 25. April 1915 wurden. Diese Armenier aus dem Westen sowie jene aus allen Teilen Anatoliens (v.a. aus W-Armenien) wurden zunächst nach Zentralanatolien deportiert; von dort weiter in die syrische Wüste weiter getrieben; ein Endpunkt war Dar es Zur. Die Deportationen waren begleitet von Übergriffen aller Art, Massakern, Plünderungen, Vergewaltigungen, Misshandlungen, Verschleppungen. Eine maßgebliche Rolle spielten wieder die Kurden, auch beim Eindringen osmanischer Truppen nach Persien, wo die Zentralgewalt damals sehr schwach war, und der dortigen Verfolgung von Armeniern und Assyrern.

Widerstand leisteten Armenier u.a. in Van, das von ihnen mit Unterbrechungen bis 1918 gehalten werden konnte und am Musa Dag (Musa Ler) im Antiochia-Gebiet 1915 (von Franz Werfel verarbeitet), wo dann ausländische Hilfe kam, in Form eines französischen Schiffes. Hunderttausende Armenier wurden in diesen Monaten getötet, manche überlebten, versteckt in Anatolien (auch mit Hilfe von Türken oder Kurden) oder in Syrien (wo vielen von Arabern geholfen wurde) oder ins russische O-Armenien geflüchtet. Betroffen waren auch Assyrer, Pontus-Griechen und Georgier in Ost-Anatolien, denen ebenfalls Kollaboration mit dem Feind bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen unterstellt wurden. Armenische Kinder, die als Waisen den Völkermord in Syrien oder anderswo überlebten, wurden in der Regel türkisiert, eine besonders unrühmliche Rolle spielte dabei Halide Edip, osmanische Schulinspektorin in diesem Gebiet, in Zusammenarbeit mit Djemal Pascha.

Hauptverantwortlicher für den Völkermord war Talat Pascha, z. T. bulgarisch-pomakischer Herkunft, Innenminister und dann Grosswesir. Er fand nach dem Krieg in Deutschland Zuflucht und wurde dort 1921 von einem Armenier ermordet. Enver Pascha hatte Wurzeln am Balkan, ein Elternteil war Albaner, nach Kriegsniederlage und Sturz flüchtete er in die SU und versuchte sich dort in pan-turkistischen Aktivitäten. Er wurde 1922 in Tadschikistan (einem nicht-türkischen Gebiet Zentralasiens) von russischen Truppen (anscheinend unter einem Armenier) getötet. Djemal Pascha hatte evtl. griechische Wurzeln, war Marine-Minister, wurde 1922 in Georgien (damals SU) für seine Verantwortung am Genozid (die eine geringe gewesen sein soll) von Armeniern ermordet.

Armenische Geschichte nach dem Völkermord

1916 gelang der russischen Armee die Wiedereroberung Ost-Anatoliens, womit die Deportationen und Massaker von Christen in diesem Gebiet zu einem Ende kamen. Mit den Russen kämpften armenische Milizen wie jene unter “Dro” Kanayan (ein ost-armenischer Daschnake). Die Russen drangen diesmal weiter vor, die Frontlinie umfasste dann in etwa die Grenzen West-Armeniens (ausgehend von Gerasunt/Giresun am Schwarzen Meer, dann südlich von Erzingan und Van verlaufend, bis zur persischen Grenze), das nun von Armeniern weitgehend leer war. 1916/17 war dieses Gebiet also unter russischer Verwaltung; es gab keine Autonomie für verbliebene oder aus O-Armenien zurückkehrende Armenier, dagegen eine Ansiedlung von Russen. Wegen der russischen Revolutionen 1917 zog sich die russische Armee von der “Kaukasus-Front” zurück; jene der Osmanen war auch an der Dardanellen-Front um Istanbul und diversen arabischen Fronten beschäftigt.

Die Frontlinie in Kleinasien wurde so 1917/18 von Armeniern gehalten, zusammen mit Georgiern und anderen christlichen Völkern. Da im Zuge der Umwälzungen im Russischen Reich O-Armenien (wie auch andere Gebiete) de facto unabhängig war, war damals ganz Armenien mehr oder weniger unter armenischer Kontrolle – aber ein grosser Teil der Bevölkerung war getötet oder verschleppt worden und die Zukunft war unsicher. In dieser Phase, der armenischen Kontrolle über W-Armenien/NO-Anatolien, soll es Gräuel gegen Türken und Kurden in dieser Region gegeben haben, ob zur Sicherung der Herrschaft oder als Vergeltung, was in einer polyperspektivischen Betrachtung auch nicht unterschlagen werden sollte. Ein Denkmal für durch armenische Unabhängigkeitskämpfer ermordete Türken gibt es dort auch längst, eines für Armenier nicht.

1918 stieg die kommunistische Regierung Russlands ganz aus dem Krieg aus, vereinbarte im März im Brest-Litowsk-Vertrag die Rückgabe des Kars- und Batumi-Gebiets an das Osmanische Reich; keiner der Beiden kontrollierte zu dem Zeitpunkt aber das betreffende Gebiet. Am Ende des Kriegs eroberte die osmanische Armee unter Enver Pascha aber W-Armenien zurück, es gab neue Massaker und Vertreibungen, die Enver-Armee drang auch nach O-Armenien ein, wurde in der Sardarapat-Schlacht abgewehrt. In dieser Zeit (Mai ’18) rief O-Armenien (wie auch die anderen beiden südkaukasischen Staaten) offiziell seine Unabhängigkeit aus. Während W-Armenien wieder osmanisch war, wurde O-Armenien unabhängig. Im Oktober des Jahres kapitulierte das Osmanische Reich (Mudros-Waffenstillstand). Türkische und kurdische Kämpfer mussten sich aus den westlichen Gebieten des unabhängigen Armeniens, wie Kars, zurückziehen. Die drei Jungtürken-Führer flüchteten mit deutscher Hilfe ins Ausland, wo sie von Armeniern getötet wurden (s.o). Der liberale Flügel der Jungtürken kam unter westeuropäischer Besatzung im Osmanischen Reich wieder ans Ruder; etwa Damad Farid Pascha, der 1919 und 1920 Grosswesir war, ein Türke montenegrinischer Herkunft – bei den Jungtürken-Führern gab es auffallend viele Eingetürkte. Die Besetzung durch die Entente betraf das türkische Kernland, nicht aber Ost-Anatolien. Unter der Besatzung fanden 1919-21 auch Prozesse gegen Jungtürken-Führer der zweiten Reihe und andere Verantwortliche des Genozids statt.

Die Demokratische Republik Armenien bestand 1918-20, im davor und danach russischen Ost-Armenien, war überfüllt mit Flüchtlingen aus West-Armenien. Das Kars-Gebiet, Nachitschewan und der Ararat waren Teil dieses Staats; Karabach war mit Aserbeidschan, Javakheti mit Georgien, umstritten. Bei der Parlaments-Wahl 1919 wurde die Daschnak die stärkste Partei. Aseris waren die grösste Minderheit, im Kars-Gebiet gabs auch viele Kurden. Die im 1. WK siegreiche Entente unterstütze im Russischen Bürgerkrieg die Weisse Armee, die die Wiederherstellung alter Grenzen wollte, somit kein unabhängiges Armenien.

Die Nachkriegsverhandlungen in den Pariser Vororten führten bezüglich des Osmanischen Reichs 1920 zum Vertrag von Sevres; zwischen den „verbliebenen“ Alliierten des Kriegs (Russland war nicht mehr dabei) und dem Osmanischen Reich. Der Vertrag bestätigte die Abtrennung der arabischen Gebiete (an Grossbritannien und Frankreich). Griechenland und Armenien bekamen ihren Anteil am Osmanischen Reich zugesprochen; im Fall der Griechen waren das die teilweise griechisch besiedelten Gebiete Ost-Thrakien und das Gebiet um Smyrna/Izmir. Das damals unabhängige O-Armenien sollte W-Armenien bekommen; unter USA-Präsident Wilson wurde den Armeniern ein Gebiet zugestanden, das 2 Jahre zuvor in Reichweite gewesen war, das sich im Wesentlichen mit der Frontlinie 1916-18 deckte, das noch heute in der Regel die Maximalforderung von, je nach Standpunkt, nationalistischen oder geschichtsbewussten Armeniern darstellt, ein Gebiet über das die Armenier zuletzt vor 900 Jahren geherrscht hatten. Darüber hinaus wurde fast das ganze Kleinasien/Anatolien europäischen Mächten als “Einflusszone” zugesprochen.

Türkischer Widerstand gegen Sevres formierte sich unter einer neuen Nationalbewegung, geführt von mittleren Offizieren wie Mustafa Kemal Pascha (später “Atatürk”) aus Saloniki, und führte zum “Türkischen Unabhängigkeitskrieg” an drei Fronten (1919-23). Armenier waren auch von der türkischen Einnahme Smyrnas (von Griechenland) und Kilikiens (von Frankreich) betroffen, vor allem aber natürlich vom Vorstoss unter Karabekir auf Ost-Armenien (“Türkisch-Armenischer Krieg”). Keiner der Alliierten/Entente-Mächte hatte den Schutz für das in Sevres geschaffene Gross-Armenien übernommen. Armenien verlor so nicht nur den Westteil, der Hauptschauplatz des Völkermords gewesen war, bevor es ihn in Besitz genommen hatte, sondern auch das Kars-Gebiet; das Friedensdiktat von Alexandropol bestätigte die Brest-Litowsk-Grenze. Der Rest Armeniens unterstellte sich der Sowjetunion, um Schlimmeres zu verhindern, die Unabhängigkeit endete somit nach zwei Jahren.

1921 schlossen die kemalistische Regierung des sterbenden Osmanischen Reichs und die der jungen Sowjetunion den Vertrag von Kars über ihre Grenze, die hauptsächlich die Armenier betraf. Der neue Vertrag folgte dem von Alexandropol weitgehend, zusätzlich zur Kars-Ardahan-Region wurde nun auch noch die Surmalu/Igdir-Region mit dem Ararat/Masis den Türken zugesprochen; nachdem in West-Armenien fast keine Armenier mehr lebten, waren die Armenier nun erstmals von “ihrem” Berg getrennt! Nach dem 2. WK stellte die SU den Kars-Vertrag und die darin festgelegte Grenzziehung in Frage. Inner-Sowjetische Grenzziehungen wirkten sich auch ungünstig für die Armenier aus: 1922 wurden Karabach, Nachitschewan und Javakheti abgetrennt bzw. den Nachbarn Aserbeidschan und Georgien zugeschlagen. Die heutigen Grenzen Armeniens sind auf die Ereignisse der Jahre 1920-22 zurückzuführen. Durch den Völkermord und Kriege 1914 bis 1922 haben Armenier etwa neun Zehntel ihres Landes (neben W-Armenien auch den Ararat und andere ostarmenische Gebiete) und zwei Drittel ihrer Bevölkerung verloren.

Die Gründung der Republik Türkei 1923 war “Schlusspunkt” dieser Phase, die Weichen für die nächsten Jahrzehnte waren gestellt. Die Prozesse gegen die Völkermord-Verantwortlichen waren bereits 1921 eingestellt worden. Der türkische Nationalstaat sollte eine türkische Nationalkultur haben, weshalb unter dem unumschränkten Herrscher Atatürk neben diversen Verwestlichungsschritten (wie der Einführung der lateinischen statt der arabischen Schrift) auch kulturelle Nationalisierungs-Maßnahmen durchgeführt wurden, wie die “Reinigung” der Sprache von Wörtern ausländischer Herkunft. So “gemischt” die Türken von ihrer Ethnogenese sind, so widersprüchlich ist dieses Unterfangen auch. Ziya Gökalp, der mit das theoretische Fundament für den türkischen Nationalismus legte, war eigentlich Kurde. Kurden, nicht durch die Religion von der türkischen Mehrheitsgesellschaft getrennt, haben lange bei allem mitgemacht, sind in grosser Zahl in ihnen aufgegangen (grosse Teile der türkischen Gesellschaft bis hin zu Staatspräsidenten wie Turgut Özal haben/hatten kurdische Wurzeln, früher osmanische Sultane). Widerstand nicht-assimilierter Kurden begann nach der Gründung der Türkei. Die Niederschlagung des immer wieder aufflackernden Aufbegehrens in Südost-Anatolien war in Dersim 1937/38 abgeschlossen; wenn man so will, begann es in den 1980ern wieder mit der PKK.

Der armenische Rest in der Türkei lebt(e) v.a. in Istanbul, wo sich auch ihr Patriarchat befindet; daneben existieren diverse “Krypto-Armenier” über das Land verstreut, s. u. 1939 gaben die Franzosen das Antiochia-Gebiet an die Türkei ab (statt an Syrien), Armenier hatten wieder die Wahl zwischen Exodus und Massaker. 1955 gab es in Istanbul ein Pogrom gegen christliche Gruppen, v.a. Griechen, die damals noch zahlreicher waren, nachdem bekannt wurde dass in Saloniki ein Anschlag auf das Geburtshaus Atatürks stattgefunden hatte, wahrscheinlich eine Aktion unter falscher Flagge. Unter den wenigen Nicht-Moslems, die seit der Gründung der Türkei ins Parlament gewählt wurden, waren auch einige Istanbul-Armenier, zuletzt der Bauunternehmer Migirdic Sellefyan Ende der 1950er, für die DP.

In Sowjet-Armenien gabs in der Anfangszeit von der Daschnak (die dann verboten wurde) etwas Widerstand, der bald unter Kontrolle gebracht war. Alexander Mjasnikjan (“Mjasnikov”) war in der Anfangszeit Chef der KP in Armenien und Ministerpräsident der Teilrepublik. 1922-36 wurden die drei südkaukasischen Republiken Armenien, Georgien, Aserbeidschan zur “Transkaukasischen Republik” zusammengeschlossen, dann wieder getrennt. Nachitschewan und ein Teil Karabachs wurden autonome Gebiete Aserbeidschans, in dessem Gebiet Armenier auch sonst verstreut lebten, vielfach in der Ölindustrie arbeiteten. Die Tötungen, Zwangskollektivierungen und Deportationen unter Stalin betrafen natürlich auch Armenier. Katholikos Choren I. wurde damals ermordet, aber auch (führende) Kommunisten wie Khanijan, der (aus Van stammende) Parteichef der Republik. Mit Anastas Mikoyan war sogar ein Armenier Staatsoberhaupt der Sowjetunion, 1964/65, in der Ära Breschnew, als Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets.

Das Agrarland (Ost-) Armenien wurde industrialisiert. Kulturelle Autonomie, vor allem die Pflege der eigenen Sprache war weitgehend gewährleistet. Es gab sogar eine Einwanderung von Diaspora-Armeniern nach Sowjet-Armenien, die Familie des späteren Präsidenten Lewon Ter-Petrossian kam etwa 1946 aus Syrien. Im 2. WK kam die deutsche Wehrmacht nicht bis Armenien; Sowjet-Armenier kämpften aber für die Rote Armee an diversen Fronten, Marschall Ivan Bagramyan führte sie im Baltikum. Ein anderer berühmter Sowjet-Armenier war der Komponist Aram Khatchatourian. Durch den Kalten Krieg war Armenien wieder im Spannungsfeld der Weltpolitik, an der sowjetisch-türkischen Grenze stiessen die beiden Blöcke aneinander, die SU-Republik Armenien war auf der einen Seite, das von Armeniern entvölkerte türkische West-Armenien auf der anderen. Die “religiöse Entsprechung” zur Tatsache, dass ein Teil der Armenier zum Ostblock gehörte und ein anderer zum Westblock, war die doppelköpfige Führung ihrer Kirche durch die Katholikate von Etschmiadsin und Beirut, wobei ersteres den Vorrang hatte.

Eine armenische Diaspora in Westasien gibts hautsächlich im Iran, Syrien und Libanon. In diesen Staaten haben Armenier nach ihrem Völkermord auch Zuflucht gefunden. Die multiethnische/-religiöse Gesellschaft des Libanon, der in den 1940ern von Frankreich unabhängig wurde, kam Armeniern entgegen. Neben dem unierten Patriarchat übersiedelte in den 1920ern auch das kilikische Katholikat aus der Türkei in dieses Land. Die ungünstige Entwicklung im “Nahen Osten” (Bürgerkrieg Libanon ab 1975, Revolution Iran 1979,…) traf auch die dort lebenden Armenier. Die Diaspora im Westen wird seit dem 1. WK immer grösser, hier sind v.a. Frankreich und USA zu nennen. Herausragende Vertreter sind hier der Künstler Charles Azanavour oder der Politiker George Deukmejian (war Gouverneur von Kalifornien). In der Diaspora müssen Armenier oft eine Dreifach-Identität bewältigen; ein in Deutschland lebender armenischer Iraner etwa wird (was rein die Sprache betrifft) versuchen, Deutsch, Armenisch und Persisch zu beherrschen. 1973 erschoss der Diaspora-Armenier Yanikian, der den Völkermord erlebt hatte, in der USA türkische Diplomaten; danach bildeten sich Gruppen wie ASALA (Armenian Secret Army for the Liberation of Armenia), die bis Ende der 1980er Gewalt gegen türkische Staatsrepräsentanten und Zivilisten ausübte (vom Libanon aus), den Kreislauf des Hasses kräftig ankurbelte.

1988 brachte für Sowjet-Armenien zum einen ein verheerendes Erdbeben (~25 000 Todesopfer, grosse Zerstörungen), zum anderen den Beginn des Konfliktes mit der benachbarten Sowjet-Republik Aserbeidschan um Berg-Karabach/Arzach. Wie auch in Jugoslawien brachte die Lockerung des kommunistischen Systems in der Sowjetunion eingefrorene nationale Konflikte zum Auftauen. Die grossteils armenische Bevölkerung Karabachs, das autonomes Gebiet innerhalb Aserbeidschans war, wollte den Anschluss an Armenien. Die Unruhen, die sich zunächst etwa in Vertreibungen niederschlugen, brachten auch neue armenisch-türkische Spannungen. Die Türkei betrachtet sich als eine Art Schutzmacht für sie sprach- und religionsverwandten Aserbeidschaner/Aseris. Aseris wurden aus Karabach und Armenien vertrieben, Armenier aus Aserbeidschan und dessem exterritoralen Gebiet Nachitschewan. Dieser “Bevölkerungsaustausch” war mit Massakern verbunden, wie jenes in Baku 1988 an dort lebenden Armeniern.

Die anti-kommunistische Unabhängigkeitsbewegung sammelte sich in der “Pan-Nationalen Armenischen Bewegung” (Hayots Hamazgain Sharzhum/Հայոց Համազգային Շարժում/HHSch), deren Kandidaten bei der ersten halbwegs freien Wahl zum Parlament SU-Armeniens (“Oberster Rat”) als Unabhängige antraten und viele Sitze errangen; die KP gewann die Wahl. Der HHSch-Spitzenmann Lewon Ter-Petrossian wurde zunächst Parlamentspräsident. Die SU-Republik Armenien erklärte im August 1990 ihre “Souveränität”. Nach dem gescheiterten Putsch von Altkommunisten gegen SU-Präsident Gorbatschow im August 1991 erklärte sie sich für unabhängig, was von der Bevölkerung in einem Referendum bestätigt wurde. Dies fiel zeitlich ziemlich mit der Wahl Ter-Petrossians zum Präsidenten Armeniens zusammen, der im November 1991 sein Amt antrat.

Mit der Unabhängigkeit begann der (Berg-)Karabach-Krieg mit Aserbeidschan. Das mehrheitlich von Armeniern bewohnte autonome Gebiet erklärte sich unabhängig, Aserbeidschan hob seine Autonomie auf. Armenier leisteten gegen den Versuch der Eingliederung Widerstand, eroberten 1992 das Latschin-Gebiet, einen Verbindungskorridor zwischen Karabach/Arzach und der Republik Armenien; dieses Gebiet war 1922 wie andere Teile Karabachs nicht zu dem autonomen Gebiet dazugenommen worden. Armenien behauptete in dem bis 1994 laufenden Krieg diese Gebiete. Nach etwa 30 000 Toten auf beiden Seiten wurde ein Waffenstillstand geschlossen. Karabach wurde nicht als Teil Armeniens proklamiert, es ist je nach Sichtweise unabhängig oder ein abtrünniger/besetzter Teil Aserbeidschans, de facto ist es aber ein Teil Armeniens. Der Krieg hat das vom Erdbeben schon schwer getroffene Land weiter wirtschaftlich geschwächt, nicht zuletzt, da Aserbeidschan, schon zu Sowjet-Zeiten, eine Blockade der Luft- und Schienenwege nach Armenien verfügte. Die Grenze zur Türkei war nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion kurz geöffnet, wurde dann aufgrund des Krieges von der Türkei geschlossen. 1993 drohte Türkeis Präsident Özal Armenien. Aserbeidschan profitiert von Öl- und Gasvorkommen im Kaspischen Meer, Armenien bleibt arm.

Vor diesem Hintergrund vollzogen sich die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen von der SU-Republik zum unabhängigen Staat. Wie auch in den anderen ehemaligen SU-Republiken kamen irgendwann die Privatisierungen der Staatsbetriebe, wodurch eine Klasse der Oligarchen entstand, die eng mit der Politik verbunden ist. Von den drei Kaukasus-Republiken hat sich Georgien inzwischen am stärksten von Russland ab- und dem Westen zugewandt, Aserbeidschan (das auch noch die Türkei hat) hat noch relativ starke Bande, Armenien ist von diesen Staaten am stärksten an Russland “orientiert”. Ob das den Handel betrifft (wo es aber auch neue Partner gab) oder die Militärbasis in Gyumri, die Russland in Armenien unterhalten darf, oder die russische Minderheit im Land (oder auch die in Russland lebenden Armenier). Zu den Nachbarn Georgien und Iran hat Armenien vielfältige Beziehungen. 1993 wurde eine eigene Währung eingeführt, davor gab es eine Währungsunion innerhalb der GUS. Auf religiösem Gebiet gab es 1995 eine Art Versöhnung, Neshan Sarkissian, als Garegin II. Katholikos von Kilikien im Libanon, wurde als Karekin I. (ost-armenische Schreibweise) Katholikos von Etschmiadsin, somit Oberhaupt der armenisch-gregorianischen Kirche, der die meisten Armenier, in der Republik und in der Diaspora, angehören.

Die innenpolitischen Probleme begannen mit dem Auseinanderfall der HHSch, dessen Rest 1995 noch die Wahl gewann. Armenien hat ein semi-präsidentielles System, ist de facto aber eine Präsidialrepublik, was schon unter Ter-Petrossian zu Spannungen mit Regierung und Parlament führte – anders herum kann man auch sagen, dass er autoritäre Züge an den Tag legte. Er liess etwa die Daschnak-Partei (HHD), damals neben der KP die stärkste Oppositionspartei, vorübergehend verbieten. Seine Wiederwahl 1996 war die erste Wahl mit Schiebungsvorwürfen in Armenien. 1998 trat er wegen Unstimmigkeiten mit der Regierung unter Robert Khotscharian, der zu seinem Nachfolger gewählt wurde, zurück. Die Republikanische Partei (HHK), 1990 gegründet, wurde bei der Parlamentswahl 1999 Grosspartei, siegte vor der KP-Nachfolgepartei HKK, stellte mit Wasgen Sargsyan den Ministerpräsidenten. Seither hat sie bei allen Wahlen gewonnen, wahrscheinlich aber nicht ganz “sauber”, und übt ein Machtmonopol aus. Im Oktober 1999 ereignete sich ein Terrorangriff auf das Parlament, eine Gruppe unter einem Ex-Daschnak-Aktivisten tötete den Ministerpräsidenten, Parlamentspräsident K. Demirtschian (KP-Chef der Republik 74-88, nun bei der HZK) sowie mehrere Minister und Abgeordnete. Der damalige Sicherheitsminister Sersch Sargsian wurde von Ex-Präsident Ter-Petrossian der Komplizenschaft mit den Terroristen beschuldigt, auch Präsident Khotscharian (parteilos) wurde dessen beschuldigt. Sersch Sargsian von der HHK wurde 2007 Ministerpräsident, 2008 Staatspräsident.

Der Ararat von Jerewan aus gesehen
Der Ararat von Jerewan aus gesehen

Der Umgang mit dem Völkermord, seine Aufarbeitung

Eng verbunden mit der Beurteilung des Völkermordes ist die Frage, inwiefern Unabhängigkeits- bzw. Irredentismusbestrebungen der Armenier berechtigt waren; abgesehen davon, dass nur ein Teil der West-Armenier diesen Bestrebungen nachgingen. Es gab gerade im 1. Weltkrieg einige vergleichbare Situationen. Österreich-Ungarn und das Russische Reich waren wie das Osmanische Sultanat Vielvölkerreiche und gingen auch in diesem Krieg unter. In der Ukraine standen sie sich auch gegenüber, und beide verdächtigten die Ukrainer der Kollaboration mit dem Anderen und erliessen auch harte Repressalien in Fällen, wo sie diesen Verdacht bestätigt sahen; diese waren aber weit weg von kollektiven Zwangsumsiedlungen aus dem Kriegsgebiet. Ähnlich verhielt es sich an der österreichisch-italienischen Front, wo viele Italiener unter österreichisch-ungarischer Herrschaft (Trient, Triest) vor “Loyalitätskonflikten” standen, wo es Exekutionen gab wie jene Cesare Battistis.

Natürlich gab/gibt es vielerorts Wechselwirkungen zwischen Diskriminierungen vor dem Krieg, harten Maßnahmen währenddessen und dem Bestreben nach Grenzveränderungen. Während des 1. Weltkriegs gab es einige Volksgruppen im Osmanischen Reich, die ein ähnliches Schicksal wie die Armenier erleiden hätten können, nicht zuletzt diverse arabische Völker, aufgrund ihrer Sezessionsbestrebungen. Die osmanischen Kriegsherren wie Djemal Pascha sollen potentiell illoyalen Gemeinschaften explizit gedroht haben, sie wie die Armenier zu behandeln. Die Sezessionsbestrebungen der Araber versuchten die Jungtürken auch niederzuwerfen (Djemal Pascha hier auch verantwortlich), waren aber nicht so grausam und auch nicht erfolgreich wie bei den Armeniern. Weil die Araber viel zahlreicher waren und das fragliche Gebiet grösser, weil die Türken Anatolien im Gegensatz zu Irak oder Palästina als ihr Kernland betrachteten oder weil sich Westmächte um die arabischen Länder kümmerten?

Durch den Prozess gegen Soghomon Tehlirjan, den Talat-Attentäter, im Deutschen Reich wurde vieles über den Völkermord erstmals bekannt, zumal der Theologe Johannes Lepsius, der Helfer und Zeuge dabei gewesen war, dort aussagte. Deutsche waren im Krieg Verbündete der Osmanen gewesen, bei den Aktionen gegen Armenier in mehrerer Hinsicht Mittäter bzw. Kollaborateure; auch einer dieser Beteiligten sagte damals in Berlin aus, General Liman von Sanders. Lepsius hat nach dem Ersten Weltkrieg auch Akten des deutschen Aussenministeriums zu den Deportationen veröffentlicht, diese so genannten Lepsius-Dokumente galten bis in die 1960er als die wichtigste Quelle für den Völkermord an den Armeniern.

Franz Werfels 1933 erschienener Tatsachenroman “Die vierzig Tage des Musa Dag” war eine der frühen Thematisierungen des Völkermordes, und ist bis heute eine der eindrucksvollsten. 1929 war er mit Alma Mahler über Kairo nach Jerusalem und weiter nach Damaskus gereist, alles Länder die in der Zwischenkriegszeit unter europäischer, nicht mehr osmanischer, Herrschaft standen. In Damaskus im französisch beherrschten Syrien wurden sie auch in die grösste Teppichweberei der Stadt geführt. Bei der Führung bemerkten sie ausgehungerte Kinder, die Hilfsarbeiten verrichteten. Der Fabrikbesitzer erklärte dazu, es seien die Kinder der von den Türken erschlagenen Armenier, denen er Brot und Unterkunft für die Arbeit gäbe. Dies war Werfels erste Begegnung mit dem Unglück der Armenier, das ihn so bewegte, dass er noch auf der Reise die Idee eines Romans skizzierte. Um die historischen Details zu erfahren, suchte er u.a. das armenische Kloster der Mechitaristen in Wien auf (eine armenisch-katholische Kongregation übrigens), wo er in der Bibliothek recherchieren durfte. Werfel, im 1. WK selbst Soldat in der österreichisch-ungarischen Armee, fand die Augenzeugenberichte eines protestantischen Priesters namens Dikran Andreasian über die Ereignisse von 1915 in der Antiochia-Region, wo auf diesem Berg Widerstand geleistet wurde. 36 Tage, nicht 40, einer der Punkte, in denen der Roman von der Realität abweicht. Viele der von Franzosen geretteten Musa-Dag-Überlebenden wurden einige Jahre später von diesen bei der Besetzung der Region eingesetzt. Als die Franzosen das Gebiet 1939 an die Türkei abtraten (die es dann “Hatay” nannte), zogen auch die meisten Armenier ab, viele liessen sich in der Bekaa-Ebene im Libanon nieder.

Die sogenannten Andonian-Papiere sind in der Forschung über den Völkermord deshalb so wichtig, weil sie (im Fall ihrer Echtheit) die Vernichtungsabsicht bei den Umsiedlungsaktionen beweisen, oder aber (im Fall ihrer Falschheit) diese Absicht widerlegen sollen, ein Hinweis auf die ungerechtfertigte Unterstellung dieser wären. Die Diskussionen bei den Wikipedia-Artikeln über sie sind ein ganz guter Indikator für ihre Umstrittenheit. “The Memoirs of Naim Bey: Turkish Official Documents Relating to the Deportation and the Massacres of Armenians” wurden 1920 von Aram Andonian, einem der Überlebenden der am 24. April 1915 aus Istanbul nach Anatolien deportierten Armenier, als Buchpublikation herausgebracht. Im selben Jahr erschien eine französische Ausgabe, im Jahr darauf in USA eine armenische. Sie zeigen, teils als Faksimile, teils als Übersetzung, Telegramme der jungtürkischen Führung an Regierungsstellen in der damaligen osmanischen Provinz, welche als Anordnung zur Vernichtung der deportierten Armenier verstanden werden müssen. Ein osmanischer Beamter in Aleppo, eben dieser Naim Bey, soll sie gesammelt und dann verkauft haben. Die Zweifel beziehen sich vor allem auf Unstimmigkeiten bei Datumsangaben in den Telegrammen. Zur Bewertung dieser und anderer Dokumente zum Genozid sind Kenntnisse des osmanischen Rumi-Kalenders, der osmanischen Sprache (die in vielen Punkten vom heutigen Türkisch abweicht) und des Chiffriersystems der osmanischen Behörden notwendig, Kenntnisse, die rar geworden sind, wie der deutsche Wikipedia-Artikel anmerkt!

Daher ist der Authentizitäts-Streit auch ziemlich auf die Experten-Ebene beschränkt. Natürlich ist auch der Kontext der Entstehung zu betrachten; zum Zeitpunkt der Entstehung und Veröffentlichung des Buches war das Schicksal Armeniens noch in der Schwebe, in Sevres wurde verhandelt, die englische Ausgabe enthält einen offenen Brief des deutschen Völkermord-Augenzeugen Armin Wegner an den dort maßgeblichen USA-Präsidenten Wilson. Falls die Dokumente gefälscht wurden, muss dies nicht unbedingt auf Andonian zurückgehen, es könnte auch jemand versucht haben, damit ein Geschäft zu machen. Die Tatsache, dass auch nicht-revisionistische Forscher zu diesem Genozid wie Yves Ternon und Christopher Walker nicht (ganz) von der Echtheit der verwendeten Telegramme überzeugt sind, ist Grund genug, die Zweifel zu akzeptieren. Dazu sei gesagt, dass die Vernichtungabsicht und damit der Genozid-Charakter der Aktionen nicht von dem Buch abhängen. Die Originale der Naim-Bey-Telegramme sind verschollen.

Die Aufarbeitung dieses Völkermordes war in der Geschichtsforschung wie in der Politik lange ein Aussenseiter-Thema (ausser für Armenier). Sowohl die Anzweiflung als auch die Anerkennung des Völkermord-Charakters der osmanischen Aktionen gegen die Armenier im 1. Weltkrieg folgt in der Regel weniger sachlichen Begutachtungen und Kriterien als politischen Erwägungen! Die zentralen Streitfragen der Diskussion darüber, insofern sie einigermaßen seriös geführt wird, sind die Frage der Vernichtungsabsicht, die Opferzahlen, die “Rechtmäßigkeit” bzw. der Anlass der Deportationen. Inzwischen hat sich in Historiographie und Politik grossteils durchgesetzt, dass es sich um einen der grossen Völkermorde des 20. Jh. handelt, neben dem an Juden und dem Stalins an verschiedenen Gruppen; der “Völkermord”-Begriff ist nach dem 2. Weltkrieg entstanden.

Es gibt gewisse Parallelen zum Völkermord an den Juden, dem/der Holocaust/Schoah, etwa dass beide im Schatten des Krieges stattfanden. Gerade diese Gemeinsamkeiten werden aber oft in Frage gestellt. Guenter Lewy (aus Deutschland nach USA) etwa lässt den Völkermord an den Zigeunern/Sinti wie auch den an den Armeniern nicht als solchen gelten, zum Entzücken v. a. von türkischen Nationalisten. Er trifft sich mit Eberhard Jäckel, einem deutschen Historiker, der das Lied von der Einzigartigkeit des jüdischen Holokausts singt, von “Legenden­bildungen bezüglich der Zigeuner die sich sehr geschickt den verfolgten Juden gleichstellen möchten” schreibt; Sündenstolz? Bernard Lewis, ein anderer Leugner, verteidigt wie Vertreter des türkischen Staates die These des “Bürgerkriegs” zwischen Türken und Armeniern. Auch Daniel Goldhagen oder Steven T. Katz verfechten eine “abgehobene, metahistorisierende Einzigartigkeit der Shoa” (Kieser). Justin McCarthy, in diesem Zusammenhang (Leugnung/Relativierung des Armenier-Genozids) berüchtigt, dürfte “eingekauft” worden sein. Ein kleiner Indikator, welcher Unterschied international in der Akzeptanz des jüdischen und des armenischen Völkermordes besteht: Bei der Eishockey-WM 2006 musste das armenische Team (in der Division III) am armenischen Völkermord-Gedenktag (24. April) gegen das türkische spielen; am 25. April hätte das israelische Team in der Division II am jüdischen Völkermord-Gedenktag gegen das deutsche antreten sollen – aufgrund der Bedeutung des Tages wurde das Spiel verschoben. Der türkische Historiker Fikret Adanir schrieb, bei manchen armenischen Historikern gäbe es vor diesem Hintergrund eine Art “Obsession”, die zum metahistorischen Mass alles Bösen erhobenen Nationalsozialisten und die Jungtürken gleichzusetzen, um so mehr Anteil an internationaler Beachtung und Anerkennung zu erlangen.

Die Entstehung eines neuen armenischen Nationalbewusstseins in den 1960ern, verstreut auf westliches Exil, “Orient” (Westasien) und “Ostblock” (v.a. SU), vollzog sich v.a. im Gedenken an den Völkermord; die armenischen Bezeichnungen dafür sind neben “Aghet” (Katastrophe) “Medz Yeghern” (grosses Verbrechen) oder “Hayots Tseghaspanutyun” (armenischer Völkermord). Dazu gehörte die Einführung eines Gedenktages und die Errichtung des Gedenkmals Jerern bei Jerewan 1967. Auch die Aktionen militanter Gruppen wie ASALA kamen aus Frustration von Armeniern, deren Tragödie in der Endphase des Osmanischen Reichs meist verdrängt blieb. Für die Armenier war, wie erwähnt, die Vernichtung von einem grossen Teil des Volkes mit dem Verlust von einem grossen Teil des Territoriums verbunden.

Auf dem Territorium der Republik Türkei ging ein Auslöschungsprozess gegenüber allem armenischen (bzw. generell nicht-türkischen) auch lange nach dem 1. Weltkrieg (und dem Völkermord), dem “Unabhängigkeitskrieg” und der Gründung der Republik weiter – einer der Unterschiede zum deutschen Völkermord an den Juden im 2. Weltkrieg. Dazu gehörte die staatliche Beschlagnahmung aller sogenannten “verlassenen Güter”, Kirchen-Zerstörungen, Umbenennungen von Ortschaften und die lancierte Geschichtspolitik zum Ende des Osmanischen Reichs. Der Westen kam der Türkei dabei weit entgegen, vor dem Hintergrund ihrer Bedeutung im Kalten Krieg, die sie aus westlicher Sicht schon in der Zwischenkriegszeit gegenüber der Sowjetunion bekam, und in den 1990ern als Verbündeter in der Region behielt. Für Armenier war/ist es schmerzlich, dass eine Frage wie jene nach der materiellen Restitution ihrer geraubten oder zerstörten Güter nur als utopisch anzusehen ist. Jene Türken, die den Völkermord oder zumindest grosses Leid der Armenier anerkennen, sind Aussenseiter ihres Milieus, ob in der Politik, der Geschichtswissenschaft, der Publizistik oder anderen Bereichen. Entgegen landläufiger Vorstellungen ist die seit 2002 regierende AKP hier die positive Ausnahme, kein anderer türkischer Staats- oder Ministerpräsident ist hier so grosse Schritte gegangen wie Recep Tayyip Erdogan (s. u.).

Es gibt auch eine recht unmittelbare Verbindung zwischen den Völkermorden in den beiden Weltkriegen: Max Erwin von Scheubner-Richter, deutscher Offizier und Diplomat, war während des 1. Weltkriegs (Vize-?) Konsul des Deutschen Reichs in Erzurum, also im “Zentrum der Ereignisse”, und somit Augenzeuge der Deportationen und Übergriffe. Dass er osmanischen Behörden dabei entgegen getreten sein soll, erscheint zweifelhaft, Deutschland war ja Verbündeter und unterstützte es in mehrerer Hinsicht bei den Gräueln an Armeniern, z. B. bei der Belagerung des Musa Dag, in Form von Militärberatern. Es waren auch die deutschen Bündnispartner, die die Türken zur Instrumentalisierung des Islam zum heiligen Krieg/Jihad in diesem Krieg drängten… Scheubners Biograph Paul Leverkuehn (im 1. WK in dessen Delegation, im 2. WK für die deutsche Abwehr in der Türkei, in der BRD u. a. CDU-Politiker) schrieb 1938 über die “wölfische Wildheit der losgelassenen Kurden” (dass Kurden maßgeblich an dem Genozid beteiligt waren, ist zutreffend) und von einer “Auseinandersetzung eines Volkes Asiens mit einem anderen fernab europäischer Zivilisation”. Scheubner wurde bald nach dem 1. WK einer der engsten Mitarbeiter Hitlers bei dessen frühen politischen Aktivitäten, er soll Hitler vom Völkermord an den Armeniern (den er damals auch als “asiatisch” und “grauenvoll” einstufte) unterrichtet und ihn “inspiriert” haben. Hier kommt Ernst Nolte ins Spiel, der den deutschen Historikerstreit in den 1980ern u.a. damit auslöste indem er schrieb, die Sowjetunion (unter Stalin) habe “asiatische Methoden” der Nationalsozialisten vorweg genommen (beschreibt eine Folter mit Rattenkäfig vor dem Gesicht) und damit den Holokaust (den er nicht leugnet) u.ä. quasi provoziert. Scheubner-Richter wurde beim Putschversuch Hitlers 1923 in München erschossen.

Die Armenier erfuhren für die erlittenen Gräuel nicht nur keinerlei Wiedergutmachung der Türkei, im Gegenteil, die Türkei hat nie Verantwortung dafür übernommen. Der türkische Umgang mit dem Leid der Armenier schwankt zwischen Leugnung von Grausamkeiten, Rechtfertigungen dieser, Opfer-Notwehr-Behauptungen als Begründung für das Vorgehen, Totschweigen, Aufarbeitung. Türken sehen sich, was die Zeit um den 1. Weltkrieg betrifft, in der Regel in einer Position der Schwäche bzw. als Opfer. Die Armenier werden dabei meist als einer jenen “inneren und äusseren Feinde” gesehen, gegen die man sich letztlich erfolgreich gewehrt hat. Das Vorgehen der Jungtürken, v.a. aber der Kemalisten, wird gerne auch antiimperialistisch interpretiert. Manchmal wird von einem “Bürgerkrieg” in Kleinasien gesprochen, der für Türken ein Überlebenskampf gewesen sei, in dessen Zuge die todbringenden Umsiedlungen geschahen. “Geschah ihnen Recht” kommt von türkischer Seite eben so wie “Gabs nie”. Die seriöseren Argumente sind: Umsiedlungen geschahen wegen dem Krieg bzw. der Illoyalität, es gab keine geplanten Vernichtungen, Massaker waren die Ausnahme. Dann werden meist Opfer-Zahlen bestritten, höchstens 300 000 seien ums Leben gekommen, nicht 1,5 Millionen. Der gemäßigtere türkische Standpunkt ist, dass es Gewalt von beiden Seiten gab, Türken auch Opfer gewesen seien. Die Geschehnisse rund um den 1. WK sind Hauptgegenstand staatlicher türkischer Propaganda und Lobbyings, die Türk Tarih Kurumu (TTK; Türkische Historische Gesellschaft) hat etliche pseudohistorische Arbeiten dazu angefertigt. Laut “Washington Post” gaben türkische Regierungen mehr als 300 000 $ monatlich für Lobbying gegen Resolutionen zum Völkermord im US-Kongress aus. Akademische Diskussionen über den Völkermord zwischen türkischen und armenischen Wissenschaftlern sind selten; 2000 fand etwa in Frankreich eine statt. Man muss dazu bedenken, dass türkische Historiker, die diesbezüglich von ihrer “nationalen Norm” abweichen, viel zu verlieren haben. Kieser weist darauf hin, dass sich auch die internationale Turkologie seit den 1930ern stark im Schlepptau türkischer Nationalgeschichtsschreibung bewegt.

Jungtürken wie Kemalisten waren bzw. sind stark für Säkularismus bzw. Laizismus in der Türkei, konkret bedeutet das die Verbannung des Islam aus dem öffentlichen Leben, die Entmachtung religiöser Funktionäre – und einen aggressiven Nationalismus als Ersatz-Religion, der im Zuge einer oberflächlichen Verwestlichung entstand. Türkentum wird darin aber (unausgesprochen) über den Islam definiert und die Einschmelzung bzw. Konversion zum Türken geschieht über diesen. Hier sind türkische Kemalisten oder Nationalisten intoleranter als Religiöse bzw. Traditionelle, früher wie heute (Dissenz kommt auch von Linken). Die christlichen Völker im Osmanischen Reich bzw. der Türkei sind die Leidtragenden dieser Entwicklung; durch ihre Ermordung, Ausweisung, Marginalisierung wurde die Türkei ethnisch homogen. Inwiefern die europäische “Interventionspolitik” im späten Osmanischen Reich dabei eine Rolle spielte, wäre eine interessante Frage. Es gibt Mutige in der türkischen Gesellschaft und Diaspora mit dem Willen zur Auseinandersetzung mit den Gründungsmythen der türkischen Nation (wozu auch der Völkermord gehört), wie Ragib Zaraoglu, Elif Shafak, Taner Akcam, Orhan Pamuk oder Cem Özdemir. Anlass zur Hoffnung gibt etwa, dass ein Enkel von einem der Jungtürken-Führer, Djemal Pascha, Hasan Cemal, für Aussöhnung eintritt, vor einigen Jahren auch am Völkermord-Denkmal in Armenien Blumen niederlegte.

Die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern begann in den 1980ern, geschieht hauptsächlich im Westen. In den letzten 10-15 Jahren ist dabei aber eine Instrumentalisierung durch anti-islamische Kulturkämpfer oder aus politischem Kalkül zu beobachten. Der Völkermord als Verhandlungschip und Druckmittel, genau wie bei seiner Leugnung, je nachdem, wen man als Verbündeten braucht. Jede Solidarität hat ihre Falle, jede Geschichte hat ihre andere Seite; und manchmal sind Feigheit und Berechnung der Antrieb. Als etwa FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache aus dem Wiener Gemeinderat/Landtag ausschied um in den Nationalrat zu wechseln (vor etwa 10 Jahren), war sein letzter Antrag im Rathaus, die Verbrechen an den Armeniern als Völkermord zu verurteilen. Zu dem Zeitpunkt war bei dem westeuropäischen Rechtspopulisten bereits die Verschiebung zum “Islam” als Feindbild vollzogen. Nicht über den Inhalt, aber über die Art und Weise, wie und womit Politik gemacht wird, gab es zu Recht eine heftige Debatte. SPÖ, ÖVP und Grüne warfen der FPÖ vor, lediglich anti-türkische Ressentiments schüren zu wollen und auch einen unsauberen Umgang mit der eigenen Vergangenheit und dem Nationalsozialismus. Somit blieb Strache mit seiner Fraktion allein, den Völkermord 1915 zu verurteilen bzw. zu benutzen. Die aus Griechenland stammende damalige Klubchefin der Wiener Grünen, Maria Vassilakou, fand dazu klare Worte an Strache. Dieser hat ja bei einem anderen Anlass gesagt, dass er “westlich orientierte” Türken akzeptiert; nun, diese (Wähler der CHP, die jahrzehntelang regierte und hauptverantwortlich für die türkische Geschichtspolitik ist) werden ihm bei seiner Behandlung türkischer Geschichte entschieden widersprechen, um es vorsichtig zu sagen. Dabei übertreffen werden sie nur Funktionäre und Klientel der rechtsnationalistischen MHP, die so etwas wie das Äquivalent der FPÖ in der Türkei ist… Internationalismus war immer problematisch für Rechte, aber das ist eine andere Geschichte. Ein ähnliches Beispiel ist der Versuch der bulgarischen Rechtsextremisten (Ataka) vor einigen Jahren, im Parlament eine Armenier-Völkermord-Verurteilung durchzubringen; genau so undurchdacht und nationalistisch waren auch die Abwehrreflexe der Partei der türkischen Minderheit in Bulgarien, DPS, gegen die sich die Aktion richtete.

Als Sarkozy in Frankreich ein Völkermord-Gesetz, das den von Türken an Armeniern miteinschliesst, durchbringen wollte, kam aus der Türkei die “Drohung”, die französische Kolonialgeschichte, besonders jene in Algerien, zu thematisieren und die Unterstellung des Schielens nach Stimmen von armenischen Franzosen; auch Befürworter einer Annäherung an Armenien in der Türkei sollen sich gegen dieses Gesetz ausgesprochen haben. Als das schwedische Parlament eine Erklärung verabschiedete, in der die Tötung von Armeniern im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs als Völkermord bezeichnet wurde, regierte die Türkei mit der Abberufung ihres Botschafters. Aussenminister Carl Bildt distanzierte sich von der Erklärung und schrieb in seinem Blog: “Die Geschichte durch Abstimmungen im Reichstag zu politisieren ist alles andere als konstruktiv.” Es beunruhige ihn vor allem, dass das von Reformgegnern in der Türkei ausgenutzt und der Versöhnungsprozess zwischen Türken und Armeniern gestoppt werden könne.

Die Frage, ob Parlamente Geschichte schreiben sollen, rückwirkend, ist tatsächlich berechtigt. Meist kommen die Einwände aber aus politischem Kalkül. Die Türkei ist/war als NATO-Mitglied und als Transitland für Energiequellen Asiens ein wichtiger Verbündeter der USA und des restlichen Westens in seiner Region. Aus diesem Grund stossen Initiativen zur Anerkennung des Armenier-Völkermordes im USA-Kongress immer auf harte Widerstände und ist diese noch immer nicht durch. Spätestens unter Präsident “Bill” Clinton (93-01) begann das Spiel mit dem Versuch und der Verhinderung. Unter Bush jun. forderten Verteidigungsminister Gates und Aussenministerin Rice den Aussen-Ausschuss des Repräsentantenhauses 07 auf, gegen die Verurteilung bzw. Anerkennung des Völkermordes zu stimmen. “Als Akademikerin sind mir Tatsachen bekannt, aber als Aussenministerin…”, hauchte Condoleeza Rice. Der Ausschuss hat dann unter Obama, der sich weniger entschieden dagegen wehrte, die Verfolgung von Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord bezeichnet. Eine Annahme durch die ganze Kammer steht noch aus. Die türkische Regierung hat daraufhin ihren Botschafter aus USA abberufen, der sagte, die Beschuldigung eines Völkermordes sei die schwerste vorstellbare. Aussenministerin Hillary Clinton kündigte an, “sehr hart dafür zu arbeiten”, dass die Resolution nicht im Plenum des Repräsentantenhauses in Washington zur Abstimmung gestellt wird. Türkeis Ministerpräsident Erdogan und Staatspräsident Gül haben damals in ihren Reaktionen die Auswirkungen auf die Beziehungen zur USA in den Mittelpunkt gestellt.

Jungtürken und Zionisten haben in der osmanischen Spätzeit verschiedentlich zusammengearbeitet; manche sagen dass hier die Grundlage für die spätere Zusammenarbeit zwischen Israel und den Kemalisten (die in den 1950ern begann) gelegt wurde. Der israelische Wissenschaftler Yair Auron hat in seinem Buch “The Banality of Indifference” das auf die eigenen Interessen und das eigene Überleben ausgerichtete Verhalten der zionistischen Führer und der jüdischen Siedlerschaft in Palästina angesichts der spätosmanischen Armenierverfolgungen behandelt. Er geht etwa auf die “Realpolitik” ab Theodor Herzl ein, der um die Jahrhundertwende den osmanischen Sultan Abdulhamid hofierte, ungeachtet der Pogrome an Armeniern unter diesem. Diese Hofierung hat der französische Jude Bernard Lazare, ein früher Weggefährte Herzls, heftig kritisiert. Der Yishuv in Palästina, so Auron, war im 1. WK geschützt durch seine ostentative Loyalität mit dem Osmanischen Reich sowie das Eintreten der Deutschen (eines seiner Verbündeten) und die Protektion der Briten (die Palästina dann eroberten) für sie. Franz Werfel hat wohl Verknüpfungspunkte zwischen der armenischen Tragödie und den Juden gesehen, vor deren grösster Tragödie. Die “40 Tage” sollen in den jüdischen Ghettos während des Zweiten Weltkrieges “Leiblektüre” gewesen sein. Jüdische Nationalisten machten ihm den Vorwurf, sich mit dem Leiden eines fremden Volkes zu beschäftigen anstatt des eigenen.

Die Zusammenarbeit zwischen Israel und der Türkei bedeutete für die Armenier grosse Sorge, zumal auch Aserbeidschan auf dieser Achse lag/liegt. Vor dem Hintergrund der türkisch-israelischen Partnerschaft (sowie der Türkei als Partner des Westens und den Juden in der Türkei) sind auch die (entscheidenden) Bemühungen israelischer Stellen und jüdischer Organisationen zu sehen, den Völkermord an den Armeniern nicht als solchen anerkennen zu lassen. Auch ein Singularitäts-Anspruch für die “Schoah” spielt(e) dabei eine Rolle. 1982 wurden Armenier bei einer Völkermord-Konferenz in Israel auf türkischen Druck ausgeladen. Shimon Peres sagte im April 2001 bei einem Besuch in der Türkei: “Die Armenier haben eine Tragödie erlitten, aber keinen Genozid.” Die “Anti-Defamation League” hat noch 07 den Chef ihrer New England-Regional-Organisation, Andrew Tarsy, wegen seiner Anerkennung des Genozids abgesetzt. Pro-israelische Lobbies haben in Washington mit türkischen gegen armenische Interessen agitiert. Auch Cefi Kamhi, Istanbuler Jude, in den 1990ern Abgeordneter der DYP, hat sich daran beteiligt. Die Vereinigung türkischer Juden in Israel hat erklärt, es habe einen Bürgerkrieg gegeben, keinen Genozid. Vertreter der israelischen Diplomatie und jüdischer Organisationen in den USA haben zur Genugtuung türkischer Stellen den ursprünglich vorgesehenen Einbezug des armenischen Genozids im Holocaust Memorial Museum in Washington (eingeweiht 1993) vereitelt.

Staat und Diaspora in der Gegenwart, neue und neueste Entwicklungen

Die unabhängige Republik Armenien ist trotz ihrer Armut, ihrer Kleinheit und des autoritären Systems für Armenier weltweit ein noch wichtigerer Bezugsrahmen als es die Sowjetrepublik war, auch wenn es nur einen relativ kleinen Teil des historischen Armeniens umfasst und grosse Probleme hat (politische, wirtschaftliche, ökologische). Es gibt aber zwischen Ost-Armeniern (die grossteils die Bevölkerung der Republik stellen) und West-Armeniern (die grossteils die Diaspora ausmachen) Unterschiede, nicht nur in der Aus-Sprache. Für West-Armenier spielen der Völkermord und “ihre” an die Türkei verlorenen Gebiete in der Regel eine grössere Rolle als für Ost-Armenier. Dies hat sich etwa gezeigt, als der nach der Unabhängigkeit aus der USA nach Armenien eingewanderte Raffi Hovanissian als Aussenminister beim Staatsbesuch in der Türkei 1992 diese Themen zur Sprache brachte – und daraufhin entlassen wurde. Auch die Ausrichtung an Russland ist eher nach dem Geschmack der O-Armenier; erste Alternative wäre wohl der Westen (EU, USA; wo auch ein grosser Teil der Diaspora lebt).

Im Hof der Armenischen Kirche in Wien

Seit 2008 wird das Land von Sersch Sargsian (Sarkissian) und der HHK geführt. Seine Wahl damals gegen Ter-Petrossian war umstritten, bei anschliessenden Protesten wurden zehn Menschen getötet. Die Wiederwahl Sargsians als Staatspräsident 2013 wurde von der Opposition (“Blühendes Armenien” unter Oligarch Tsarukian, “Armenischer Nationalkongress” unter Ex-Präsident Ter-Petrossian, Daschnak unter Markarian, “Erbe” unter Hovanissian) grossteils boykottiert, da sie die Fairness der Wahlen schon im vorhinein anzweifelte. Nur das “Land des Rechts” unter Baghdasarian ist mit der herrschenden Partei verbündet. Auch die letzte Parlaments-Wahl ’12 soll zu ihren Gunsten geschoben worden sein.

Nachdem die meisten Aseri in Armenien im Krieg vertrieben wurden oder geflüchtet sind (analog zu den Armeniern aus Aserbeidschan), sind Kurden die grösste Minderheit. Bei ihnen überwiegen Yaziden gegenüber Moslems. An der Akademie der Wissenschaften in Jerewan gibt es eines der wenigen Kurdologie-Institute auf der Welt. Dann sind Russen, Assyrer, Griechen, Juden, Ukrainer und weitere kleine Gruppen zu nennen. Deutsche und Polen dort sind etwa stark russifiziert, wie auch in anderen Ex-SU-Republiken.

Heute leben etwa 3,5 Millionen Armenier in der Republik und Karabach und 3,5 Millionen in der Diaspora (darunter auch in Gebieten wie Javakh). Der Waffenstillstand von 1994 um Karabach/Arzach ist brüchig, es gibt keinen Friedensvertrag, immer wieder kommt es zu Scharmützeln. Im Schatten der Karabach-Frage steht die Auffassung von Pan-Turkisten, dass nur Armenien zwischen der Türkei und Aserbeidschan sowie den zentralasiatischen Turkstaaten steht. Armeniens Schutzmacht ist Russland, jene von Aserbeidschan die Türkei, die unter der AKP eine konstruktivere Rolle einnimmt. Ansonsten haben Armenier in ihren historischen Territorien (traditionellen Siedlungsbieten) nur in Javak(eti) in Georgien “einen Fuss in der Tür”. Der südliche, armenisch besiedelte Teil der georgischen Provinz Samtskhe-Javakheti ist das armenische Javakhk (Akhalkalaki und Akhaltsikhe), das im Sevres-Vertrag Armenien zugesprochen worden war und von der Ersten Republik Armeniens umkämpft war, in Sowjetzeiten Georgien zugesprochen wurde. Da das Verhältnis Armeniens zu Georgien im Gegensatz zu den anderen beiden Staaten, mit denen Territorium/Grenzen “umstritten” sind, in Ordnung ist und die Minderheit/Bevölkerung (daneben gibts auch in Tiflis welche) dort im Grossen und Ganzen korrekt “behandelt” wird, sind Armenier hier sehr zurückhaltend mit Ansprüchen. Im exterritorialen aserbeidschanischen Gebiet Nachitschewan (zwischen Armenien und der Türkei gelegen) sowie in (dem früheren) West-Armenien (Nordost-Anatolien) leben heute fast keine Armenier mehr (zu den Hemshenli unten mehr). Die eine “Säuberung” fand im Zuge des Karabach-Krieges statt (am Ende der Sowjetunion), die andere am Ende des Osmanischen Reichs.

In der Republik Armenien erhebt nur die Daschnak-Partei (HHD), die an zwei HHK-geführten Kabinetten als Juniorpartner beteiligt war, im post-sowjetischen Armenien insgesamt aber wenig Macht ausübt(e), Ansprüche auf historische armenische Gebiete. Regierungen erheben keine Territorialforderungen, auch auf Karabach nicht offen (das von Armenien kontrolliert wird), tun sich mit der Anerkennung der einen oder anderen Grenze aber schwer. Irredenta ist eher für West-Armenier bzw. die Diaspora ein Thema, aus der Diaspora wird gegenüber armenischen Regierungen, von HHSch wie von HHK, der Vorwurf erhoben, armenische Grundinteressen nicht zu vertreten, Appeasement ggü der Türkei zu üben. Die Daschnak ist auch die einzige Partei, die in der Republik (bzw. Ost-) Armenien und in der Diaspora verankert ist, und deren Wurzeln über die spät- oder postsowjetische Zeit hinunterreichen.

Neben den genannten Nachbarn grenzt Armenien an den Iran, mit dem es eine lange gemeinsame Geschichte und viele Verbindungen hat: Zunächst gibt es im Iran ein kleines Gebiet, im Nordzipfel der Provinz West-Aserbeidschan, wo es seit undenklichen Zeiten Armenier gab; durch Massaker von Türken und Kurden 1915 und 1918 wurden die diese dort zumindest stark dezimiert. Dann gab es schon in der vorchristlichen Religion der Armenier starke persische Einflüsse. Persien herrschte dann von der frühen Neuzeit bis in die späte über Ost-Armenien; in dieser Phase wurden Armenier in das “zentralere” Persien gebracht, v.a. nach Isfahan, der Grossteil der Vorfahren jener, die heute die armenische Bevölkerung Irans ausmachen. Es gibt Gemeinsamkeiten in der Küche oder im Sport, Ringen ist z.B. bei beiden Völkern sehr beliebt. Die armenisches Namesendung “-ian” ist wahrscheinlich persischer Herkunft, ebenso das “-stan” wie im armenischen Eigennamen für Armenien, “Hayastan”. Im 19. und 20. Jh. kamen armenische Flüchtlinge nach Persien, v.a. aus dem osmanischen Bereich; manche gingen aber auch von Persien in den russischen Bereich. Heute ist der Iran zum einen ein wichtiges Diaspora-Land der Armenier (die Parskahaj, die persischen Armenier, fallen in verschiedene Gruppen, nach Herkunft bzw. Verwurzelung im Land, Konfession, Wohngebiet, soziale Klasse,…). Auch während der gewaltsamsten Phase der “Islamischen Revolution” (dem Diebstahl der Revolution durch Khomeini) blieben ihre Rechte zumindest auf einem Grundniveau geschützt. Zum anderen ist der Iran für die Republik Armenien Handelspartner, Reisen finden in beide Richtungen statt, etc.

In der Diaspora gibt es einige armenische Enklaven, von ihnen überwiegend besiedelte Gebiete. Dazu gehört z. B. Anjar in der Bekaa-Ebene im Libanon, wo sich Musa Dag-Überlebende und andere aus dem Antiochia-Gebiet niederliessen. Oder das armenischen Viertel der Altstadt von Jerusalem/Quds (Israel/Palästina). Im Westen ist das etwa Little Armenia in Los Angeles (USA).

Armenien und seine historischen Gebiete
Armenien und seine historischen Gebiete

Istanbul, die einzige Stadt der Türkei, wo es heute eine grosse armenische Gemeinde gibt (um die 50 000), war aus armenischer Sicht immer Diaspora. Armenier sind die grösste christliche wie nicht-moslemische Gruppe in der Türkei. In den letzten Jahren soll es sogar eine Einwanderung aus Armenien in die Türkei gegeben haben, anscheinend aus wirtschaftlichen Gründen. Hrant Dink war neben dem Patriarchen wohl der prominenteste (und wichtigste) Armenier Istanbuls. Als Chefredakteur der Wochenzeitung “Agos” hat er auch heisse Eisen behandelt, wie die Massaker und Deportationen im 1. Weltkrieg. Daher musste er sich auch Prozessen stellen, wegen “Beleidigung des Türkentums”. Dink war aber nicht für Aufrechnung oder Vergeltung, sondern für Aussöhnung, und für die Demokratisierung der Türkei. Versöhnung nicht ohne Aufarbeitung, Aufarbeitung nicht mit Hass und im Hinblick auf eine friedliche Lösung zwischen Türken und Armeniern. Er kämpfte darum, Armenier als Teil der Türkei zu verankern. Er wollte nicht, dass die Vergangenheit den Weg in die Zukunft versperrt. Er hat auch eine Konferenz zum Genozid in der Türkei mit-organisiert. Einmal standen die Bewohner eines ganzen Dorfes in seiner Redaktion, Nachfahren türkischer Armenier, die 1915, zur Zeit der schlimmsten Verfolgung, bei ihren alewitischen Nachbarn in der Region Dersim Schutz gefunden hatten. Jenen, die die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern als Vorbedingung für eine EU-Mitgliedschaft der Türkei fordern, hielt er vor, dass sie das Spiel der reaktionären Kräfte in der Türkei mitspielten. Er stritt für die Öffnung der Grenze zwischen der Türkei und Armenien. Und liess sich nicht auf Zahlen- und Begriffsdiskussionen bezüglich des belastendsten Kapitels in der Beziehung der beiden Völker ein. Er musste lange darum kämpfen, einen türkischen Reisepass zu bekomment; er galt als nicht “verlässlich” und sollte nicht ausser Landes reisen. Gerade weil er sich so um die konstruktive Debatte und um Aussöhnung zwischen Armeniern und Türken bemühte, wurde ihm von anderen Armeniern, v.a. aus der westlichen Diaspora, mitunter vorgeworfen, Verrat an der armenischen Sache zu begehen.

Hrant Dink wurde 2007 im Alter von 52 Jahren vor seiner Redaktion ermordet, aus den selben Gründen aus denen er verurteilt worden war. Der Mörder wurde nach seiner Verhaftung auf der Polizeiwache wie ein Held gefeiert (wie ein Video zeigte); diese Polizisten wurden aber bestraft, auch jene, die Hinweise auf Hintermänner nicht ernst nahmen. Zwischen 100 000 und 200 000 Menschen nahmen an seinem Begräbnis in Istanbul teil, riefen “Wir sind alle Armenier” oder “Schulter an Schulter gegen Faschismus”. Der türkische Staat lud Politiker (Vize-Aussenminister Arman Kirakosian war der hochrangigste) und Geistliche aus Armenien, zu dem es keine Beziehungen hat, ein. Auch einige Diaspora-Armenier kamen, wie Bischof Khazkah Parsamian aus USA. Dink brachte Türken und Armenier also auch über seinen Tod zusammen. Die Messe wurde von Patriarch Mesrob II. zelebriert.

Dass sich unter der AKP (2002 nach Wahlsieg zuerst Gül, dann Erdogan Ministerpräsident, beide dann Staatspräsidenten) in der Türkei für Armenier und andere Minderheiten etwas zum positiven verbessert hat, wird im Westen in der Regel nicht wahrgenommen. Für sie als gemäßigte Islamisten ist nicht ein intoleranter Nationalismus als Ersatz-Religion bzw. Identitätsstiftung vonnöten, wie für die kemalistischen Parteien. Eine Konferenz zur historischen Aufarbeitung der Armenier-Frage etwa konnte nur dank der ungewöhnlichen Allianz von liberalen Bürgerrechtlern und der islamisch-konservativen Regierung von Erdogan stattfinden. Westliche Beobachter ereifern sich über “Säuberungsaktionen” von AKP-Regierungen in der Justiz oder im Militär, die sich gegen türkische Ultra-Nationalisten richtet, wie die “Ergenekon”-Gruppe, die eine Rolle auch bei dem Mord an Dink und anderen Christen spielte. Auch dass unter Erdogan bezüglich der Kurden etwas weitergegangen ist (Unterricht von und Rundfunkprogramme in deren Sprachen Kurmanci und Zazaki, daneben ein Waffenstillstand mit der PKK), fällt bei seiner Beurteilung gern unter den Tisch.

Zur türkischen Parlaments-Wahl 07 wurde der armenische Patriarch in Istanbul, Mesrob II. Mutafyan, von der “Hürriyet” interviewt, er gab eine Art Unterstützungserklärung für die AKP ab, die er als toleranter gegenüber Minderheiten einschätzte. Ein wichtiges Zeichen war auch die Restaurierung der Kirche auf der Achtamar-Insel im Van-See unter Erdogan, die bis zum Genozid so etwas wie ein kulturelles Zentrum der West-Armenier gewesen war. Die Insel war Sitz der Könige von Vaspurakan, einem armenischen Staat, der sich im Hoch-Mittelalter vom Armenischen Reich der Bagratiden loslöste und die Kirche “Zum heiligen Kreuz” vom 12. Jh an Sitz eines Katholikats. Dieses war ab 1895 (Abdulhamit-Massaker) verwaist und wurde 1916 von den osmanischen Behörden aufgelöst, nachdem im Zuge des Völkermordes das Kloster zerstört wurde und Mönche ermordet wurden. Die Kirche war geplündert worden und verfiel.

Die AKP-Politik bedeutete einen Kurswechsel auch gegenüber “Nahost”, ein stärkeres Engagement für die Palästinenser statt einem Ausbau des Bündnisses mit Israel. Durch das Massaker israelischer Soldaten 2010 auf einem Schiff der Hilfsflotte für das eingeschlossene Gaza, die hauptsächlich türkisch besetzte “Mavi Marmara”, kam es zu einer entscheidenden Entfremdung. Der Quasi-Abbruch der Beziehungen der Staaten kam dann erst mit dem UN-Bericht zum Massaker. Israels Aussenminister Lieberman posaunte danach, er könnte sich mit Vertretern der PKK in Europa treffen und über eine mögliche Waffenhilfe beraten, möglich seien auch Kontakte mit der armenischen Lobby in den USA, mit dem Ziel, eine Anerkennung des Völkermords an den Armeniern im US-Kongress zu erreichen; er wurde übrigens schnell zurückgepfiffen. Als Erdogan beim Gipfeltreffen in Davos Peres wütend auf dessen Begründung für ein neues Massaker in Gaza antwortete, schrieb ein Kolumnist in der israelischen Zeitung “Haaretz” am nächsten Tag: “Perhaps the next time the Armenian genocide bill comes up in the U.S. congress, the Palestinians will help them block it.” Der Völkermord und seine Anerkennung als reiner Verhandlungsgegenstand bzw. Druckmittel, aus politischem Kalkül, je nachdem, was gerade gebraucht wird. Kritik an der Hilfsflotte und der Haltung der Erdogan-Regierung dazu kam von der „Hürriyet“ und dem islamischen Prediger Fethullah Gülen. Der Chef der kemalistischen CHP, Kilicdaroglu (der teilweise kurdischer Herkunft ist, aber nicht kurdische Interessen vertritt), äusserte verhaltene Kritik an Erdogan. Dass Israel sich (nun) um Kurden bemühen will, wird gerade jene Kemalisten die pro-zionistisch sind, vergraulen…

Vor wenigen Jahren gab es eine Erklärung einer Gruppe von rund 200 türkischen Intellektuellen, die sich für die Aktionen im 1. WK entschuldigten. In der Erklärung heißt es: “Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, dass die große Katastrophe, denen die Armenier im Osmanischen Reich 1915 ausgesetzt waren, immer noch so unsensibel behandelt und geleugnet wird. Ich weise diese Ungerechtigkeit zurück und teile die Schmerzen meiner armenischen Brüder. Ich entschuldige mich bei ihnen.” Die Initiatoren vermieden in ihrer Erklärung den Begriff “Völkermord”, sie sprachen stattdessen von einer “grossen Katastrophe”. Erdogan sagte damals, “Wenn es ein Verbrechen gab, dann können die, die es begangen haben, eine Entschuldigung anbieten”. Am 24. April 2010 gab es in der Türkei erstmals eine öffentliche Gedenkfeier für den Armenier-Völkermord, von der Menschenrechtsorganisation IHD organisiert; eine Gegendemonstration wurde von der Polizei auf Distanz gehalten. 2011 lud Erdogan Vertreter von Stiftungen von Alewiten, Christen und Juden zu einem Abendessen anlässlich des traditionellen Fastenbrechens im islamischen Fastenmonat Ramadan. An dem Treffen nahmen unter anderen der griechisch-orthodoxe Patriarch Bartholomaios I., der amtierende armenische Patriarch Aram Atesyan und der türkische Oberrabbiner Isak Haleva teil. Auch der Chef des Religionsamtes, Mehmet Görmez, sowie einige Minister aus Erdogans Kabinett waren Gäste des Treffens. In seiner Rede ging Erdogan auf den kurz zuvor veröffentlichten Erlass seiner Regierung ein, der die Rückgabe von eingezogenem Besitz nicht-muslimischer Stiftungen oder die Entschädigung für die Enteignungen vorsieht; in der Türkei gebe es unabhängig von der Religionszugehörigkeit nur „Bürger erster Klasse“. Patriarch Bartholomaios sagte damals, die Türkei sei auf dem richtigen Weg. Oberrabbiner Haleva sprach von einer „Revolution“. 2011 hat sich Erdogan im Namen des Staates auch für das Dersim-Massaker 1937/38 an Alewiten und Zaza-Kurden entschuldigt.

Die eigentliche Entspannung der Türkei mit Armeniern und Armenien begann mit einem Fussballspiel. In der Qualifikation für die WM 2010 wurden Armenien und die Türkei in die selbe (Europa-)Gruppe gelost; 08 begleitete der damalige türkische Staatspräsident Gül die türkische Mannschaft zum Match in Jerewan, traf dabei mit seinem armenischen Amtskollegen Sargsian zusammen. Dies leitete das Tauwetter in den Beziehungen der beiden Staaten ein, die sehr viel mehr ausmachen als binationale Beziehungen. Mit den Beziehungen zur Türkei (die noch keine diplomatischen sind) sind für Armenier die Anerkennung des Völkermordes, die Öffnung der gemeinsamen Grenze, die Anerkennung dieser Grenze, der Konflikt mit Aserbeidschan um Karabach und auch die armenische Minderheit in der Türkei verbunden. Die Verwundbarkeit Armeniens kommt hauptsächlich von der noch bestehenden Feindschaft mit der Türkei, die einer der mächtigsten Staaten der Region ist, v.a. militärisch, aufgrund ihrer Unterstützung durch den Westen. Dies scheint sich jetzt zu drehen.

09 wurde in der Schweiz zwischen Repräsentanten der Türkei und Armeniens das Zürich-Protokoll unterzeichnet, ein Grundsatzabkommen bzw. ein Fahrplan, welche Punkte in Verhandlungen gelöst werden müssen. Der Annäherungsprozess ist dann ins Stocken gekommen, da es auf beiden Seiten “Bremser” gibt, die jeweils meist gar nicht zum betreffenden Staat gehören und warnen, sich “zu billig” zu verkaufen. Im Fall der Türkei sind dies das verbündete Aserbeidschan und die Rechtspartei MHP, die u.a. das Resultat des Krieges als Besetzung aserbeidschanischen Territoriums ansehen. Bei Armenien sind dies ebenfalls die Rechte (Daschnak?) und Teile der Diaspora, die eine Grenzanerkennung als Gebietsverzicht verstehen und eine Anerkennung des Völkermordes zur Vorbedingung für Verhandlungen machen möchten. Armeniens Präsident Sargsian sprach irgendwann in den Jahren danach von “West-Armenien”, was Erdogan erzürnte und die Annäherung wieder zurückwarf; umgekehrt haben Aussagen armenischer Politiker zur Anerkennung der Grenzen zum Rückzug der Daschnak aus der Regierung geführt.

2014, einen Tag vor dem armenischen Völkermord-Gedenktag, also am 23. April, sprach Erdogan zum Völkermord, 99 Jahre danach: Er ordnete die Taten nicht als Völkermord ein, sprach aber den Nachfahren der Opfer im Namen der Türkei Beileid aus, äusserte sein Bedauern darüber, verurteilte die Ereignisse als unmenschlich. “Die pluralistische Sichtweise, die demokratische Kultur und die Moderne erfordern, dass in der Türkei unterschiedliche Meinungen und Gedanken zu den Ereignissen von 1915 frei geäußert werden”, hiess es in der Erklärung weiter, die auch auf Armenisch veröffentlicht wurde. „Es lässt sich nicht abstreiten, dass die letzten Jahre des Osmanischen Reiches, gleich welcher Religion oder ethnischer Herkunft sie angehörten, für Türken, Kurden, Araber, Armenier und Millionen weiterer osmanischer Bürger eine schwierige Zeit voller Schmerz waren“. So weit war noch nie ein türkischer Spitzenpolitiker diesbezüglich gegangen, noch nie hatte ein Ministerpräsident in der Frage so versöhnliche Töne angeschlagen. Kritik kam von MHP und CHP. Am Tag danach fand ein relativ grosse Gedenkfeier in Istanbul statt, durch nationalistische Sprechchöre gestört. Deutschlands Präsident Gauck war bald darauf auf Staatsbesuch in der Türkei, kritisierte Erdogans “Twitter-Verbot” statt das Bedauern über den Völkermord zu loben – exemplarisch für die westliche Wahrnehmung.

In diesem Jahr, zum 100. Jahrestag des Völkermordes, hat Erdogan, nun Staatspräsident, im Staatsfernsehen TRT seinen Vorschlag erneuert, eine unabhängige Historikerkommission einzusetzen, die die Massaker an den Armeniern untersuchen soll. Sollte sich ergeben, dass die Türkei Schuld auf sich geladen und „einen Preis zu zahlen“ habe, dann werde er entsprechend handeln. In dem Interview beklagte er auch, Armenien sei nicht bereit, sich dieser Diskussion zu stellen. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, Erdogans Nachfolger in dieser Position, hat Armenien kürzlich, anlässlich des Gedenkens an die Ermordung Hrant Dinks, einen „Neuanfang“ in den beiderseitigen Beziehungen vorgeschlagen. „Für zwei Alte ist es möglich, die nötige Reife zu haben, um sich zu verstehen und gemeinsam in die Zukunft zu schauen“, Türken und Armenier teilten sich „dieselbe Geografie und dieselbe lange Geschichte“. Sie müssten daher miteinander „über ihre Probleme sprechen können und gemeinsam Möglichkeiten finden, um sie zu lösen“, hieß es in der Erklärung Davutoglus. Die Türkei teile das „Leid der Armenier“ und bemühe sich „mit Geduld und Entschiedenheit, die Sympathie zwischen unseren beiden Völkern wiederherzustellen“.

Ein erstaunliches Kapitel armenischer Existenz in der Türkei sind Krypto-Armenier, welche ihre (teilweise) armenischen Wurzeln entweder geheim halten oder verloren haben oder nichts davon wissen. Die kompakteste und bekannteste Gruppe unter ihnen sind die Hemshenli, eine “Nationalität” in Nordost-Anatolien, im ehemaligen West-Armenien, benannt nach dem Ort Hemşin. Ob es sich bei ihnen um Moslems handelt, die die armenische Sprache übernommen haben (sie sprechen Homschezi, einen Dialekt des West-Armenischen), oder um Armenier, die den Islam angenommen haben, ist umstritten. Wegen ihrer islamischen Religion waren sie nicht vom osmanischen Völkermord betroffen.

Dann gibt es Leute wie Fethiye Cetin, eine (Menschenrechts-) Anwältin in Istanbul. Sie brachte 04 auf Türkisch ihre Familiengeschichte in Buchform heraus („Meine Grossmutter“); ihre Grossmutter hatte ihr anvertraut dass sie Armenierin war die dem Todesmarsch entkam indem sie in eine türkische Familie verschleppt wurde und dort moslemisch erzogen wurde. Sie hält sich mit Anklagen zurück, will Tabus brechen. Es soll Hunderttausende wie sie geben, manche wissen auch nichts davon, manche wollen nichts davon wissen, manche halten es geheim. Cetin sagt, in der türkischen Gesellschaft stecke viel armenisches. Manche kehren auch zu ihren Wurzeln zurück, wie Aras Özbiliz. Legendär waren die Telefonanrufe nach Hrant Dinks TV-Auftritten, in denen Türken ihre bislang verheimlichten armenischen Wurzeln offenbarten. Andere berichteten von Spuren armenischen Lebens in ihren Orten und bitteten um seine Hilfe für die Bewahrung dieses kulturellen Erbes. Auch in Syrien gibt es solche “Armenier”, deren Vorfahren von Arabern gerettet wurden.

Material

Richard G. Hovannisian: The Armenian People from Ancient to Modern Times (2004)

Hrant Dink, Günter Seufert: Von der Saat der Worte (2010)

Jasmine Dum-Tragut und Uwe Blasing (Herausgeber): Cultural, Linguistic and Ethnological Interrelations in and Around Armenia (2011)

Tessa Hofmann: Annäherung an Armenien (1997)

Taner Akcam: Armenien und der Völkermord: Die Istanbuler Prozesse und die türkische Nationalbewegung (2004)

Sibylle Thelen: Die Armenierfrage in der Türkei (2010)

Artem Ohandjanian: Armenien – der verschwiegene Völkermord (1989)

Mihran Dabag and Kristin Platt: Verlust und Vermächtnis. Überlebende des Genozids an den Armeniern erinnern sich (2015). Dabag leitet das Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Uni Bochum

Vahakn Dadrian: Autopsie du Génocide Arménien (1995)

Marwan R. Buheiry: Theodor Herzl and the Armenian Question. In: Palestine Studies, Bd. 7, Nr. 1, 1977, S. 81-92. Buheiry übt eine ähnliche Kritik wie Lazare

Hans-Lukas Kieser: Die Armenierverfolgungen in der spätosmanischen Türkei. Neue Quellen und Literatur zu einem unbewältigten Thema

www.armenianhistory.info

Online-Ausgabe der Zeitschrift der Istanbuler Armenier, “Agos”, auf Türkisch, Armenisch, Englisch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Indien unter der Mogul-Herrschaft

Während Indien am Weg dazu ist, eine neue Grossmacht zu werden, dabei von inneren Konflikten (zwischen Religionsgemeinschaften, Geschlechtern, sozialen Klassen,… auch zwischen den Menschen und der Natur) geschüttelt wird, lohnt es sich, in die indische Geschichte zurückzuschauen, etwa in die frühere Neuzeit, als grosse Teile Indiens unter der moslemischen Herrschaft der “Moguln” war.

Indien ist für “Westisten”/Islamophobe/Kulturkämpfer oft ein anderes Gesicht “asiatischer Barbarei” oder aber es wird als ein positives Gegenstück zu ihr aufgebaut, wobei dann, wie bei Heinsohn, i.d.R. alles Gute der britischen Herrschaft zugeschrieben wird und Unbehagen über seinen Aufstieg spürbar bleibt. Im “Dschungelbuch” des englischen Imperialisten Kipling (der selbst in Indien zur Welt kam), einer Art Entwicklungsroman, mit seiner bekanntesten Erzählung von Mo(w)gli, einem Findelkind, das bei Tieren im indischen Dschungel aufwächst und schliesslich “Herrscher” dieser Welt wird, kommt Rassismus und Imperialismus dezent bzw. indirekt zum Ausdruck. Die Tiere scheinen für die “wilden Menschen” zu stehen und Mogli die Herrschaft der zivilisierten Kolonialmacht zu repräsentieren; manche Tiere, wie der widerspenstige Tiger “Shere Khan”, stehen für die anti-koloniale Auflehnung (das heutige Äquivalent dazu wäre jene die westliche Weltordnung), die als “gegen die Natur” dargestellt wird. Als Kipling das Buch schrieb, war das Unabhängigkeitsbestreben der Inder noch in seinen Anfängen, es wurde erst nach dem 1. Weltkrieg, in dem die Inder ihren Kolonialherrschern zu dienen hatten, eine dominante Kraft.

Es ist eine Konstante der indischen Geschichte, dass Eroberer dort hellhäutiger als Unterworfene waren, vom Norden kamen. Von daher soll es ein hellhäutiges Schönheitsideal unter Indern geben, eine Art Versuch, Kolonialherren zu imitieren (koloniales Mimikry), das auch zur Verwendung aufhellender Kosmetika führt. Auch im Kastensystem soll helle Haut eine Rolle spielen. Die Adivasi sind so etwas wie die Urbevölkerung des indischen Raums, sie sind wahrscheinlich Australoide; heute leben sie unvermischt nur an den Rändern Indiens, wie auf den Andamanen- und Nikobaren-Inseln. Nach ihnen kamen die Drawiden, die ihrerseits um 2000 vC von den Ariern in den Süden verdrängt wurden, nachdem sich diese von jenem Teil getrennt hatten, der den Iran “machte”. Auf diese gemeinsamen Wurzeln hat der damalige indische Premier Manmohan Singh (INC) vor einigen Jahren angespielt, als er zur Haltung Indiens zum Atomstreit mit dem Iran gefragt wurde.1 Dann Griechen, Hunnen und die diversen moslemische Eroberer: die türkischen Ghaznawiden, die iranischen Ghoriden, die türkischen und paschtunischen “Delhi-Sultane”. Und natürlich die Briten und die anderen Europäer.

Die Wurzeln der Mogule liegen in den von Dschingis (Cengiz) Khan Anfang des 13. Jh. und Timur Lenk (Tamerlan) Ende des 14. Jh errichteten mongolischen Reichen. Unter Dschingis’ Sohn Tschagatai entstand das nach diesem benannte Khanat in Zentralasien, zuerst als autonomer Bestandteil des Reichs, ab Mitte des 13. Jh als eines seiner Nachfolgereiche, von Tschagatais Nachfahren (einer Dschingisiden-Linie) regiert. Timur stammte aus diesem Tschagatai-Khanat, gehörte zum Barlas-Stamm/Volk (turkisierten Mongolen); er unterwarf Zentralasien, von seinem Heimat-Khanat aber nur den westlichen Teil (wo auch das Fergana-Teil lag), während der verbliebene Osten als “Moghulistan” (auch: Ost-Tschagatai-Khanat) weiter bestand. Unter Timur wurde die mongolische Elite kulturell persianisiert, was auch mit ihrer Islamisierung zusammenhing; “Moghul” bzw. “Mughal” bedeutet in der persischen Sprache “Mongole”, “Moghulistan” bedeutet “Mongolei” bzw. “Mongolen-Land” (war aber eben nur ein Teil-Staat des Mongolen-Lands).

Aus der Familie der Lokalherrscher von Fergana, Timuriden, stammte Babur, der die Moghul-Herrschaft in Indien begründete; mütterlicherseits stammte er von den dschingisidischen Tschagatai-Herrschern ab. Babur sprach Tschagatai-Türkisch und Persisch, aber wahrscheinlich nicht Mongolisch. Er unternahm Kriegszüge, mit einer ethnisch gemischten Armee, Richtung Südosten, nahm zunächst die Gegend um Kabul ein, noch im timuridischen Machtbereich. Dann expandierte er nach Nord-Indien, wo die Delhi-Sultane herrschten, damals jene der Lodi-Dynastie – bis 1526. Mittel- und Süd-Indien war zwischen Reichen hinduistischer oder moslemischer Prägung geteilt.

“Mog(h)ul” bezeichnet im indischen Zusammenhang das Reich, die herrschende Ethnie bzw. Schicht, die herrschende Dynastie (eine Timuriden-Linie; auch “Gurkani” genannt) wie auch den Herrscher-Titel – als den es auch die Bezeichnungen “Padschah” (-e Hind), “Grossmogul”, “Mogulkaiser” gibt. “Gurkani” soll die persische Version des türkischen “gur akan” sein, was jemanden bezeichnet der Gräber gräbt und ein Beiname Timurs gewesen sein soll (der gerade im persischen Zusammenhang bis heute einen sehr schlechten Ruf hat). “Gurkani” bzw. “Gūrkāniyān” (گورکانیان‎) wurde neben der Herrscher-Dynastie dieses Reichs in Indien auch das Reich an sich genannt, für das es auch Bezeichnungen wie “Hind-Reich” oder “Mog(h)ul-Reich” (persisch Shahan-e Mogul, hindustani Mughliyah Saltanat) gibt.

Ethnisch waren die “Moguln” Moslems überwiegend nicht-indischer Herkunft (Mongolen, Perser, Türken, Araber, Kizilbash, die ihrerseits iranisch-türkische Mischlinge sind), Nachkommen der Eroberer und spätere Immigranten, über die Jahrhunderte ihrer Herrschaft zunehmend mit Indern vermischt, von den Padschahs abwärts.2 Das Militär war im Mogul-Staat die entscheidende Institution, durch die Rolle bei der Eroberung und Ausbreitung (Vergabe von Militärlehen, “Jagir”, an Beteiligte) und dem Machterhalt. Es übernahm Aufgaben ziviler Verwaltung, bildete eine Art Herrscherkaste (es gab keinen Erb-Adel).

Die Herrschaft der Moguln dauerte von der frühen Neuzeit bis in die späte, umfasste nie ganz Indien – je weiter es in den Süden ging, desto “löchriger” wurde diese Herrschaft. Der Norden war immer der Schwerpunkt, wurde auch viel stärker islamisiert als der Süden Indien. Regionalreiche und europäische Kolonialmächte (Beginn mit den Portugiesen unter Da Gama Ende 15. Jh) waren immer präsent, am Ende der fast 500 Jahre Mogul-Herrschaft bereits dominierend in Indien. Das Reich wuchs bis Aurangzeb (s.u.), schrumpfte dann, bis sein Rest Mitte des 19. Jh von den Briten “aufgelöst” wurde. Die Mogule knüpften an die anderen moslemischen Herrscher an, die Indien seit dem Hoch-Mittelalter dominierten, wobei die Ghaznawiden auch schon kulturell persianisiert waren, persische Kultur nach Indien gebracht hatten.

Unter dem Mogul bzw. Padschah gab es eine Regierung (Diwan) unter einem Wakil, kein Parlament, somit Absolutismus und Zentralismus; die Mogule waren aber diversen Einflüssen bzw. Lobbies ausgesetzt. Es gab direkt verwaltete Provinzen (Subahs) unter einem Nizam, Nawab oder Subahdar, vom Diwan kontrolliert, sowie halb autonome Staaten. Daneben existierten immer Staaten in Indien, die nicht unter Mogul-Herrschaft standen, somit komplett unabhängig waren. Über die Jahrhunderte gab es bezüglich des Status (wie auch bei der Ausdehnung) der Staaten zahlreiche Änderungen. Von Hindus und Sikh dominierte Staaten wurden von einem (Maha)raja/(Gross)könig regiert. Hauptstadt des Mogul-Reichs war bis 1648 u.a. Agra, dann Delhi, mit dem Roten Fort als Herrscher-Residenz. Delhi war auch unter den Vorgänger-Sultanen und den britischen “Nachfolgern” Zentrum; es bestand ursprünglich aus mehreren Städten nebeneinander. Wirtschaftlich handelte es sich um einen Agrar- und Handelsstaat, Manufakturen spielten keine grosse Rolle.

Flagge Indiens unter den Moguln
Flagge Indiens unter den Moguln

Als die Mogule im frühen 16. Jh Nord-Indien unter ihre Herrschaft brachten, war im Dekkan (Zentral- und Südindien) das hinduistische Vijayanaga-Reich (das vom 14. bis zum 17. Jh existierte) der wichtigste Staat. Die Portugiesen errichteten in dieser Zeit als erste europäische Macht Stützpunkte an der Küste Indiens. Persien und Indien grenzten meist südlich vom Hindukusch-Gebirge und westlich vom Indus-Fluss aneinander, also etwa im heutigen Afghanistan. Sowohl der Name für das Gebirge (“Indisches Gebirge”) als auch für den Fluss, die sich durchgesetzt haben, sind persisch. Die anderen Nachbarn waren ceylonische, nepalesische und bhutanische Fürstentümer, der Malediven-Archipel als Sultanat (während sich in Bhutan der Buddhismus gegen den Hinduismus durchsetzte, unterlag er auf den Malediven dem Islam), Tibet, getrennt durch das Arakan-Gebirge Birma (wo die Taungoo-Dynastie herrschte), über Kaschmir auch Sinkiang (war zeitweise ein Teil von Moghulistan, vor der chinesischen Eroberung).

Vom persischen Namen für den heute in Pakistan liegenden Fluss Indus (Eigenbezeichnung “Sindh”) leiteten sich auch der persische Name für (Nord-) Indien, (H)industan, ab, und davon wiederum die meisten Fremdbezeichnungen für Indien (kamen über Griechen nach Europa), wie auch Bezeichnungen für die Sprache Hindi und die Religion Hinduismus. Das Mogul-Indien hat mit dem Persien der Safawiden aber trotz der engen kulturellen Beziehungen viele Kriege geführt, nach der Abspaltung Afghanistans von Persien im 18. Jh. mit diesem. Der Eigenname Indiens, Bharat, leitet sich vom legendären König Bharata ab, der im Mahabharata auftaucht. Ein Arier aus der ebenso mythischen Chandravamsha- (Mond-) Dynastie, eroberte Bharata ganz Gross-Indien, das unter ihm als “Bharatavarsa” vereinigt wurde.

Unter dem dritten Mogul-Herrscher Akbar (Ende 16./Anfang 17. Jh), gelang durch die Unterwerfung der meisten Rajputen-Staaten die Ausdehnung des Reichs nach Zentralindien. Mit diesen Eroberungen kamen viele Hindus und Sikh unter seine Herrschaft, er heiratete auch eine Hindu. Akbar liess viel Nicht-Islamisches zur Geltung kommen, kreierte sogar eine neue Religion, Din-e Ilahi (persisch “Religion Gottes”), eine Synthese hauptsächlich aus Islam und Hinduismus3, mit Elementen aus dem Christentum, Zoroastrismus und Jainismus. Möglicherweise intendierte er auch eine Neuauslegung des Islam oder einen “Brückenbau” zwischen den Religionsgemeinschaften, keine neue Religion. Die einzigen Anhänger bzw. Praktikanten des “Kults” waren Angehörige des Herrscherhofs der Moguln, der damals in Fatehpur Sikri bei Agra residierte. Akbar liess dort im Palast als eine Art Gotteshaus 1575 das Ibādat Khāna (Haus der Verehrung) bauen. Vom Din-e Ilahi blieb nach Akbars Tod nichts übrig, auch von seiner religiösen Toleranz nicht.

Im 17. Jh. entstand das Buch “Dabestan-e Mazaheb” (“Schule der Religionen”), über die Religionen Indiens/Südasiens, auf Persisch, wahrscheinlich von einem Perser verfasst, eventuell einem zoroastrischen. Darin findet sich auch ein Kapitel über den Din-i Ilahi. Das Kapitel über das Judentum besteht aus Übersetzungen von Sarmad Kashani, einem Juden aus Persien, der zuerst zum Islam übertrat (ein Sufi wurde) und dann zum Hinduismus. Das Werk wurde möglicherweise vom Mogul-Prinzen Dara Shikoh in Auftrag gegeben, der sich mit Religionen beschäftigte und wie Akbar dabei einen synkretistischen Ansatz hatte.

Miniaturmalerei einer religiösen Versammlung im Ibadat Khana in Fatehpour Sikri unter Akbar, u. a. mit zwei portugiesischen Jesuiten
Miniaturmalerei einer religiösen Versammlung im Ibadat Khana in Fatehpour Sikri unter Akbar, u. a. mit zwei portugiesischen Jesuiten

In der “Kontaktzone” von Ariern und Drawiden in Mittelindien waren einst die Grundlagen für jene Kultur, die Grundlagen für den Hinduismus sind, entstanden. An Schriften waren das die Veden (ca. 1500 vC), dann die Upanischaden, und 100 nC das wichtigste Werk, das Mahabharata mit der Bhagavad Gita (ein anonymes Helden-/Nationalepos). Buddha und Mahavir (der Stifter der Jaina-Religion) wirkten 500 vC in Indien; Hinduismus ist die Mutterreligion des Jainismus, hat zumindest den Vajrayana-Buddhismus beeinflusst, und auch der Sikhismus ging aus ihm hervor. Der Sikh-Guru Nanak lebte im 15./16. Jh, er hat möglicherweise den Beginn der Mogul-Herrschaft über Punjab und Indien am Ende seines Lebens noch erlebt (und das Ende der Herrschaft der ebenfalls moslemischen Delhi-Sultane dort).4 Der Hinduismus setzte sich in Indien gegen Buddhismus durch, der in Ost-Asien grossen Anklang fand. Christentum, Islam, Zoroastrismus, Judentum und Baha’ismus kamen von aussen nach Indien.

Die Islamisierung Indiens begann mit den Ghaznawiden und Ghoriden, die Nord-Indien und Ost-Iran im Hoch-Mittelalter hintereinander beherrschten, wurde im Spät-MA von den Delhi-Sultanen fortgeführt. Es waren die moslemischen Ghoriden, die den Ausdruck “Hindu” für die vielen verschiedenen “Kulte” auf Grundlage der Bhagavad Gita und älterer Schriften (Veden, Upanishaden) in der Region aufbrachten!5 Die dann am stärksten islamisierten Gebiete Indiens, der Nordwesten (Sindh, Punjab) und der Nordosten (Bengalen, Bihar), waren die letzen buddhistische Zentren im Land bzw. Subkontinent gewesen.6 Das Pala-Reich im NO war das letzte Reich in Indien, das den Buddhismus unterstützte. Es wurde von den Delhi-Sultanen im 12. Jh eingenommen, dabei wurde Nalanda mit seinen Klöstern, Tempel und Universität zerstört. Der NW war das zuerst islamisierte Gebiet, dort fielen sogar schon die Omayaden ein, dort waren auch die Heerlager (Urdu) der Moguln, dort, im heutigen Pakistan, gab es am stärksten Vermischung mit moslemischen Invasoren.

Über den Charakter der Islamisierung gibt es verschiedene Meinungen. Teilweise  geschah sie durch Zwangskonversionen. Im Sindh geschah sie aber zB hauptsächlich durch missionierende Sufis, in der Zeit des späten Delhi-Sultanats und des frühen Mogul-Reichs. Auch Sindh (zumindest sein westlicher Teil) gehört zum “Randbereichs” Indiens im Nordwesten. Südost-Asien (wo die indischen Religionen Hinduismus und Buddhismus vorherrschten) wurde teilweise von Indien aus islamisiert. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung Indiens blieb hinduistisch, auch im Zentrum der islamischen Herrscher, in Delhi. Die Toleranz für sie unter moslemischer Herrschaft, wie auch für Sikh und andere Religionen, schwankte, die Sondersteuer wurde mehrmals eingeführt und wieder abgeschafft. Unter den Moguln wurde der Islam in Indien jedenfalls friedlicher. Und, der Islam in Indien wurde in dieser Zeit “indischer”: von Hinduismus beeinflusst (wie auch umgekehrt), von einheimischen Geistlichen ausgelegt,…

Unter den Moguln gab es eine gewisse Synthese von Hinduismus und Islam  in Indien, auf religiöser wie auf privater Ebene. Der Gegensatz zwischen Hindus und Moslems wurde gewissermaßen überbrückt. Von den Briten wurden diese Religions-Gemeinschaften dann gegeninander ausgespielt. Der schiitische Islam war und ist im indischen Raum in einer Aussenseiter-Rolle und noch dazu gespalten in die Zwölfer-Schiiten und die Siebener-Schiiten/Ismailiten, die wiederum auf Nizariten (“Khojas”; unter dem Aga Khan, der im 19. Jh aus Persien nach Indien kam) und Mustaliten (“Bohras”) aufgeteilt sind. Ab dem 18. Jh, als die Mogul-Herrschaft und moslemische generell in Indien zu bröckeln begann, wurde für religiöse Moslems dort eine Auseinandersetzung mit der Religion unabhängig von der Herrschaft notwendig und diverse Erneuerungsbewegungen entstanden.

Persisch war in der Mogul-Zeit die Staatssprache in Indien, wurde (wie auch schon unter manchen Vorgängern der Moguln als Herrscher Indiens) in Verwaltung, Literatur oder Wissenschaft verwendet; der Sohn des Mogulherrschers Jahan (auf Betreiben seiner jüngeren Brüder dann hingerichtet) verfasste etliche beachtliche Werke auf Persisch, hauptsächlich religiöser Natur, auch Übersetzungen, etwa der Upanischaden, aus dem Sanskrit. Währenddessen bildete sich in der Neuzeit die Hindustani-Sprache, auch Dehlavi, Hindawi oder Rekhta genannt, heraus, aus nordindischen Dialekten wie Khariboli, angereichert mit persischen, mongolischen, türkischen, arabischen Wörtern, die Eroberer mitgebracht haben. Hindustani, das mit anderen indo-iranischen Sprachen mehr oder weniger eng verwandt ist, wurde in der späten Mogul-Zeit die zweitwichtigste Sprache.

In arabischer Schrift geschrieben wurde daraus (Zaban-i-)Urdu, die Variante in Devanagari-Schrift wurde Hindi (nicht nur die Schrift des Sanskrit wurde hier übernommen, auch Wörter daraus, mit denen persische ersetzt wurden). Während Hindi von Hindus geformt wurde und sich zumindest unter jenen des Norden Indiens durchsetzte, wurde Urdu die wichtigste Sprache der Moslems Indiens, war am stärksten im Nordwesten, dem heutigen Pakistan, verankert. Das Wort “Urdu” geht auf das türkische Wort für “Heerlager” zurück, die damit bezeichnete Sprache aber nur insofern auf jene der frühen Moguln, als mit diesen Eroberungen die Einflüsse auf indische Sprachen begannen. An der Stelle sei angemerkt, dass Persisch (und andere iranische Sprachen wie Belutschisch oder Kurdisch) abgesehen von späteren Einflüssen mit Hindi/Urdu (und anderen nord-indischen Sprachen wie Bengali oder Marathi) von der Wurzeln her verwandt ist, was man leicht erkennen kann, wenn man etwa die Zahlen in diesen Sprachen vergleicht.

Im 17. Jh liess Herrscher Jahan in Agra das Taj Mahal (ungefähr mit “Kronen-Palast” zu übersetzen) als Grabmal für seine Haupt-Frau bauen, das wichtigste Stück Baukunst unter den Moguln. Unter Aurangzeb wurde Ende des 17./Anfang des 18. Jh. die grösste Ausdehnung des Mogul-Reichs erreicht, nur der tamilische Südzipfel Indiens blieb ausserhalb seinem Herrschaftsbereich – ähnlich wie beim Gupta-Reich in der Spät-Antike (mit dessen Untergang die lange Zeit der Zerstückelungen und Fremdherrschaften begann) und jenes der Maurya-Dynastie. Unter Aurangzeb wurden die Dekkan-Sultanate erobert, eine moslemische Staaten-Föderation in Zentral-Indien. Er propagierte einen strengen Islam, damit Schikanen gegen die hinduistische Mehrheit (u.a. die Sondersteuer Jizya). Der Beginn des Niedergangs ist nach seiner Herrschaftszeit anzusetzen, nach ihm ging es mit dem Mogul-Reich abwärts, es wurde zunehmend kleiner und machtloser.

Im Laufe des 17. Jh gesellten sich zu den portugiesischen Handels-Stützpunkten an der Küste Indiens solche anderer europäischer Mächte dazu, der Niederländer, Dänen, Franzosen und Briten. Die English East India Company bzw. ab 1707 British East India Company (BEIC), liess sich zunächst in der Bucht von Bengalen nieder, führte Opium nach China ein; Tee, Baumwolle, Salpeter und Gewürze nach England aus. Die Verluste des Mogul-Reichs im 18. Jh, durch die es zu einem von vielen Lokalfürstentümern herab sank, gingen nicht zu Gunsten der Briten sondern waren hauptsächlich Gewinne des hinduistischen Marathi-Reichs, das seinen Kern an der Westküste (um Poona) hatte, sowie der Rajputen (mehr eine Kaste als eine Ethnie), die im NW ein grosses Fürstentum errichteten. 7 Der Vizekönig des Moguls im Süden, der Nizam, machte sich im 18. Jh. mit seinem Reich um Hyderabad selbstständig. Weitere bedeutende Staaten waren der von den Sikh regierte Punjab, das moslemische Kaschmir, das hinduistische Mysore im Süden.

Bengalen im Osten unterstand einem Nawab, der es im Namen des “Moguls” regierte, es war damit ein semi-unabhängiger Staat. Briten und Franzosen hatten an dessen Küste ihre Stützpunkte; daneben versuchten die Marathen im 18. Jh, dort einzudringen. Die Briten begannen damit, sich in innere Angelegenheiten Bengalens einzumischen, sich nicht nur auf Handel zu beschränken. Mitte des 18. Jh entzündete sich an der Konkurrenz zwischen Briten und Franzosen in Nordamerika ein Kolonialkrieg, der sich mit dem 7-jährigen Krieg in Europa verband. Auch Indien war Kriegsschauplatz, nachdem Franzosen und Briten Konkurrenten um Bengalen waren.

Der Sieg der Briten in “Plassey” (Palashi) 1757 öffnete diesen die Tür zur Herrschaft über Indien. Die Franzosen, die die Ostküste kontrolliert hatten, verloren fast alles. Die Mogule verloren nun auch Bengalen, das Mogul-/Gurkani-/Hind-Reich wurde auf das Gebiet um Delhi beschränkt, einige Staaten blieben ihm als Vasallen verbunden, und es blieb eine offizielle Oberherrschaft über einige Gebiete bestehen, in denen es nichts mehr zu sagen hatten. Nun war klar, dass sich auch in Indien Europa durchsetzen würde und unter den europäischen Mächten die Briten.

Ab 1774 gab es einen General-Gouverneur der BEIC, der zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon mehr Macht hatte als die Mogule/Padschahs in Delhi. Als sich 13 der britischen Nordamerika-Kolonien als USA unabhängig machten (1776-1783), wurde Indien für Grossbritannien noch wichtiger. Die britische Herrschaft in Indien wurde schrittweise ausgedehnt, intensiviert und verstaatlicht; Ende des 18. Jh kam die BEIC unter stärkere staatliche Kontrolle. Persisch wurde als Verwaltungs- und Bildungssprache schrittweise durch Englisch ersetzt, eine Verwaltungsreform in den eroberten Gebieten durchgesetzt. Die Ansiedlung von Briten in Indien war vergleichsweise gering. Die britischen Herrscher machten sich die Diversifizierung der indischen Bevölkerung zu Nutze, die Vielfalt von Rassen, Völkern, Staaten, Religionen, Klassen, spielten v.a. Moslems gegen Hindus aus.

1818 besiegten die Briten nach langen Kämpfen ihre inzwischen schärfsten Rivalen, die Marathen (und mit ihnen verbündete kleinere Staaten). Nachdem auch südliche Lokalreiche in den Mysore-Kriegen eingegliedert wurden, blieben noch einige Fürstenstaaten wie das der Mogule, jene der Rajputen (in Rajasthan), Sikkim oder Kaschmir bestehen. 1825 gingen die Küsten-Stützpunkte der Niederländer durch Vertrag an GB, 1845 wurden die Dänen von den Briten abgefunden. Die Portugiesen (an der W-Küste) und die Franzosen (an der O-Küste) behielten ihre paar Exklaven, über die britische Kolonialherrschaft hinaus.

Die Briten benutzten Indien im 19. Jh auch als Sprungbrett zur Inbesitznahme oder Kontrolle diverser Gebiete Asiens: Birma, Ceylon (beide auch zeitweise Teil Britisch-Indiens), Afghanistan, Malediven; Nepal und China; Tibet und Bhutan. Sie zogen auch die Grenzen Indiens zu den Nachbarstaaten: im Westen zu Afghanistan (Durand-Line zu Ungunsten der Paschtunen, deren Gebiet bewusst z.T. Britisch-Indien zugeteilt wurde, auch Belutschistan wurde aufgeteilt), im langen und gebirgigen Norden zu China (Sinkiang), Nepal, Bhutan und Tibet, im Osten wurde Birma 1937 wieder abgetrennt.

“Sepoys” waren indische Hilfssoldaten der Briten, 1857 meuterten sie, wegen mit Tierfett präparierten Papier-Patronen, deren Ende vor dem Laden (Enfield-Gewehr) abgebissen werden musste, was Hindus (möglicherweise war es von Kühen) und Moslems (möglicherweise von Schweinen) gleichermaßen suspekt war. Der Aufstand wurde von einem Marathen-Adeligen angeführt und von den Briten niedergeschlagen. Der letzte Mogul-Padschah Bahadur Schah Zafar wurde in Folge des Aufstands 1858 abgesetzt, weil er von manchen der Teilnehmer als “Bezugsfigur” gesehen wurde und die Briten jetzt auch der symbolisch gewordenen Macht der Mogule (seine reale Macht reichte kaum über das Rote Fort in Delhi hinaus) ein Ende setzen wollten.

Bahadurs Mutter war eine hinduistische Inderin, er war 1838 Nachfolger seines verstorbenen Vaters geworden, war der einzige Mogul-Herrscher, von dem Fotos existieren. Bahadur schrieb Gedichte, hauptsächlich auf Urdu, hatte mehrere Frauen, rauchte Opium. Er wurde im ebenfalls britischen Birma exiliert, starb dort 1862. 1858 wurde auch die BEIC verstaatlicht, ihr letzter Generalgouverneur Canning wurde erster britischer Vizekönig Indiens. Die restlichen Staaten in Indien waren mehr oder weniger britische Vasallen. Ab 1876 nahmen britische Monarchen, beginnend mit Victoria, den Titel “Kaiser von Indien” an, wurden quasi Nachfolger der Mogul-Herrscher.

Der letzte Mogul-Herrscher Bahadur, kurz vor seiner Deportation nach Birma
Der letzte Mogul-Herrscher Bahadur, kurz vor seiner Deportation nach Birma

Im Hinduismus traten in der späteren Neuzeit Reformer und Erneuerer auf, die eine besondere Rolle einnahmen, da diese Religion keinen Stifter und keine Priesterschaft hat. Etwa Vinayak Damodar “Veer” Savarkar (1883-1966), der für die Abschaffung des Kastensystems im Hinduismus argumentierte und für die Rück-Konversion von Moslems (u.a.), deren Vorfahren zum Islam übergetreten waren. Etwas, das anscheinend auch unter Hindus nicht unumstritten war und das im Falle einer Umsetzung die Geschichte Indiens im 20. Jahrhundert wohl drastisch verändert hätte. Mit seinem Konzept von “Hindutva”, das Indien in erster Linie über den Hinduismus definiert, legte er mit den Grundstein für den Hindu-Nationalismus, der inzwischen in zahlreichen Parteien und Organisationen organisiert ist.8 Daneben engagierte sich Savarkar für die Unabhängigkeit Indiens von Grossbritannien und war Literat in Hindi und Marathi.

Der reformistische Gelehrte Dayananda Saraswati (19. Jh) bewirkte eine Aufwertung des Schutzes der Kühe, zur Abgrenzung vom Islam und dem Christentum und als Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft. Der Stellenwert der Kuh im Hinduismus kam auch aus pragmatischeren Gründen. Die Tiere liefern mit Milch die Grundnahrung, waren das wichtigste Zugtier und ihr Dung Heizmaterial und Dünger. Der indische Historiker Dwijendra Narayan Jha wies in seinem 2001 erschienenem Werk „Der Mythos der heiligen Kuh“ darauf hin, dass dieser im Wesentlichen im 19. Jh in diesem Zusammenhang entstanden sei; der Rigveda, der älteste Teil der Veden, enthalte etliche Verweise auf die Zubereitung und auch Opferung von Rindfleisch. Auch “Mahatma” Gandhi und andere Aktivisten aus höheren Kasten haben sich gegen das Töten von Kühen engagiert; Gandhi auch gegen Auswüchse des Kastenwesens. Ein Kritiker der Rinder-Verehrung war Bhimrao Ramji Ambedkar, ein Dalit (“Pariah”)-Politiker, der wegen des Kastensystems aus dem Hinduismus zum Buddhismus übertrat, er sah in der “heiligen Kuh” ein Mittel des Brahmanismus, der Vorherrschaft der obersten Kaste.9

“Gross-Indien” (Greater India), wie es nie als geeintes Reich bestanden hat, weder unter eigener noch unter fremder Herrschaft, bekam eine Bedeutung, bzw. mehrere. Indien und seine Nachbarstaaten sind darin als Geschichtsraum oder als Länder mit kulturellen Gemeinsamkeiten zusammengefasst, aber auch manchmal unter den Vorzeichen von Irredentismus oder Pan-Nationalismus. Es gibt verschiedene Ausdrücke für diesen Raum bzw. das Konzept: neben Gross-Indien auch Indosphäre, Vorderindien, East Indies, Südasien, Desi, Akhand(a) Bharat(a) (अखण्ड भारत). Neben Pakistan und Bangla Desch sind darin Sri Lanka, Nepal, Bhutan, Malediven, manchmal auch (Süd-)Afghanistan und Tibet mit Indien zusammengefasst. Und die Diaspora: die erste Welle war jene nach Südost-Asien, noch in der Mogul-Zeit; im 19. Jh. wurden Inder als Kontraktarbeiter in britische Kolonien geschickt, nachdem diese die Sklaverei abgeschafft hatten; nach der Unabhängigkeit gingen Inder sowie Bürger der Nachbarstaaten aus allen sozialen Schichten in den Westen. Die Diaspora existiert v.a. in Südost-Afrika, im Karibikraum, in SO-Asien, sowie in den anglokeltischen Staaten.

Zu Beginn des 20. Jh wuchsen Spannungen zwischen Hindus und Moslems, wurde die All-India Muslim League (Moslem-Liga) gegründet. Das indische “Risorgimento” im 20. Jh., der Unabhängigkeitskampf, war dann mit der Abspaltung der moslemisch gewordenen Teile als Pakistan verbunden. Auch wenn das Konzept eines moslemischen indischen Staates ungefähr ab Ende des 19. Jh angedacht wurde, hat sich die Moslem-Liga spät darauf festgelegt, dass Selbstbestimmung einen völlig vom restlichen Indien getrennten, unabhängigen Staat bedeuten muss, endgültig erst nach dem 2. Weltkrieg. Mohammed A. Jinnah, der langjährige Chef der Moslem-Liga und “Gründer” Pakistans, war der Enkel eines Hindus aus Gujarat, der aufgrund seines Berufs, dem Handel mit Fischen, mit Prinzipien seiner Religion (bzw. der Auslegung dieser Prinzipien in seiner Kaste) in Konflikt gekommen war; Jinnah selbst war schiitischer Moslem.

Eine Frage ist bis heute, ob die Moguln auswärtige Herrscher in Indien waren, die Mogul-Herrschaft ein über oder in Indien war, das Mogul-Reich ein einheimisches. Wenn man die Moguln als Fremdherrschaft sieht10, dann wurde Indien erst 1947, nach vielen Jahrhunderten, wieder unabhängig. Das was 1947 als Pakistan unabhängig wurde, ist demnach durch die Mogul-Herrschaft und andere moslemische Herrscher gewissermaßen in seinen “Erbanlagen” verändert worden.

Womit man auch schon beim Erbe der Moguln ist. Die (in verschiedenen Parteien organisierten) Hindu-Nationalisten bzw -Zentristen lehnen dieses ab, als “un-indisch”, und versuchen es stellenweise auszulöschen. 1992 wurde die Babri-Moschee in Ayodhya im nord-indischen Bundesstaat Uttar Pradesh von fanatischen Hindus zerstört, um an deren Stelle einen Hindu-Tempel zu bauen. Die Moschee soll 1528 (unter den ersten Moguln) an einem Ort errichtet worden sein, wo zuvor ein solcher Tempel gestanden war. Jedenfalls wurden auf Ruinen von Hindu-Tempeln Moscheen erbaut. Daneben gilt Ayodhya Hindus als Geburtsort von Gott Rama und heiligen Stadt. Nach der Zerstörung brachen landesweite Unruhen aus, rund 2 000 Menschen wurden getötet. Die Hindu-Nationalisten Indiens, die mit der BJP (Bharatiya Janata Party, Indische Volkspartei) und ihren Verbündeten gerade wieder die Regierung stellen, sind gegen die Idee eines pluralistischen Indiens, auch gegen “westliche Freiheiten”. Das Anti-Imperialistische ist auch für den INC (“Kongress-Partei”) nicht mehr die “Richtlinie” für die Politik.

 

Verweise:

S. R. Sharma: Mughal Empire in India (1999; 3 Bände)

How the Mughals viewed the British

Über Akbar und seine Religions-Synthese

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Manmohan Singh ist ein Sikh, dessen Familie sich nach der Teilung Indiens in Pakistan “wiederfand” (in jenem Teil des Panjab) und nach Indien auswanderte
  2. Nachkommen der Moguln als Ethnie bzw. Klasse leben heute in Pakistan, Indien, Bangla Desch, Afghanistan
  3. Was auch der Sikhismus irgendwie war
  4. Nanak kam aus einer Hindu-Familie, wie „Baha’ullah“ aus einer schiitischen, Jesus einer jüdischen,…
  5. Die Eigenbezeichnung der Hindus für ihre Religion wurde “Sanathana Dharma” (Ewiges Gesetz); die Briten übernahmen aber die (eigentlich moslemische Fremd-) Bezeichnung “Hindus”, prägten damit die heutigen Bezeichnungen für diese Religion
  6. Nordwesten und Nordosten waren Randgebiete, Puffergebiete, wurden daher angeblich von Hindus “abgelehnt”, was den Boden für Buddhismus und Islam dort aufbereitet haben könnte
  7. Shivaji Bhonsle war im 17. Jh ein Marathen-Herrscher, dessen Kampf gegen das Sultanat der schiitischen Adilshahi-Dynastie in Bijapur (Süd-Indien) am Beginn der Enstehung des Marathen-Reichs stand. Das Marathen-Reich wird haupt-verantwortlich für den Untergang des Mogul-Reichs gemacht. Die heutige rechtsextreme, hindu-nationalistische Partei Shiv Sena (“Shivajis Armee”), 1966 vom politischen Cartoonisten Bal Thackeray gegründet, bezieht sich auf diesen Shivaji. Die Partei ist v.a. in Maharashtra aktiv, dem Marathen-Stammland
  8. Hindutva bzw Hindu-Zentrismus strebt weniger die Umsetzung der Religion im Alltag an als die Vorherrschaft von Hindus (die in sich sehr diversifiziert sind) über religiöse Minderheiten
  9. Brahmanen wurden im 19./20. Jh auch hauptsächliche Träger der Nationalbewegung (Indian National Congress)
  10. Wofür neben der Eroberung von Teilen Indiens durch sie spricht, dass moslemische Herrscher (auswärtiger Herkunft) über eine mehrheitlich hinduistische Bevölkerung herrschten