Rasse, Sport und Politik in Südafrika

Allgemein

In der Republik Südafrika ist Politik nach wie vor rassisch, Sport nach wie vor politisch. Alles dreht sich in Südafrika am Ende um Rassenbeziehungen. Fast alle Probleme des Landes sind in gewisser Hinsicht Rassenprobleme bzw Apartheiderbe. Vom Rassendiskurs kommt man schnell zum Afrikadiskurs und zum Kolonialismus-/ West-/Imperialismus-Diskurs. Das eigentliche Apartheid-System herrschte in Südafrika von 1948 bis 1994; aber es sind 100 bis 150 Jahre, die Weisse dort über Schwarze geherrscht haben, teilweise mehr. In der Sportgeschichte steckt alles über das Land (Apartheid und Überwindung, Rassenbeziehungen, …) drinnen.

Verallgemeinert kann man sagen, dass Fussball in Südafrika der Sport der Schwarzen ist (sowohl was Aktive betrifft, als auch Zuseher), Rugby jener der Weissen. Dahinter ist v.a. Kricket noch zu nennen, wo auch die Inder Südafrikas eine Rolle spielen. Die Mischlinge (Coloureds, “Farbige”, im Westkap die grösste Volksgruppe) sind in allen Sportarten vertreten, nirgendwo dominierend. Im Rugby und Kricket gehört Südafrika zur Weltklasse, im Fussball gelang dieser Sprung nicht. Gebracht haben so gut wie alle Sportarten die Briten nach Südafrika, Ende des 19. Jahrhunderts.

Eine Rassentrennung gab es in Südafrika schon vor dem Beginn der Apartheid 1948 (burische Parteien alleine an der Macht), vor der (de facto-) Unabhängigkeit von Grossbritannien 1931 (Westminster-Statut) und vor der Entstehung Südafrikas als Einheitsstaat 1910 (Vereinigung von vier britischen Kolonien). Aus Kolonialpolitik wurde eine Praxis (der weissen Siedler), und diese wurde erst unter der Apartheid in Gesetzen festgeschrieben, im Sport in den 1950ern von Innenminister T. E. Dönges.1 1908 nahmen die damaligen britischen Kolonien Südafrikas, die Vereinigung von 1910 vorwegnehmend, erstmals bei Olympischen Spielen an, gemeinsam.2 Von diesem Anfang an bis zum Ausschluss in den 1960ern durften nur Weisse teilnehmen, die Anfang des 20. Jh 20 bis 25% der Bevölkerung ausmachten.3 Unter Premier Verwoerd (1958 bis 1966) wurde die Apartheid in verschiedener Hinsicht noch verschärft, auch im Sport.

Es gab verschiedene Sportvereine für die verschiedenen Rassen und getrennte Dachverbände, und nur die weissen waren in der South African Olympic and Empire [später Commonwealth] Games Association (SAOEGA, später SAOCGA) vertreten. Sogar die Uni, die als liberaler Campus schwarze Studierende zuliess, hatte zwei Teams. Diese Vorgabe galt auch für Gast-Mannschaften.4 Die British Empire – Spiele (Vorläufer der Commonwealth-Spiele) 1934, zuerst an Johannesburg vergeben, wurden nach London verlegt, da die südafrikanische Regierung eine Teilnahme farbiger Teilnehmer ablehnte. Es gab einige “farbige” Sportler, die durch Emigration diesem Ausschluss entgingen, wie der Gewichtheber Ronald Eland, der dann für Grossbritannien antrat; die Möglichkeit der Emigration hatten aber nur Wenige.

Ab Ende der 1940er beschwerten sich schwarze Athleten und Verbände Südafrikas beim IOC über ihren Ausschluss – ihnen wurde beschieden, die Sache mit “ihrem” nationalen olympischen Komitee SAOCGA auszumachen. Auch als 1952 ein neuer IOC-Präsident kam, der US-Amerikaner Avery Brundage (bis 1972), wurde dies als eine interne südafrikanische Angelegenheit gesehen, wurden keine Maßnahmen unternommen. Das IOC war eben eine Gruppe von Personen hauptsächlich aus dem Westen, welcher sich ausgebreitet hatte und damals noch über viele Kolonien herrschte, auch wenn er dabei war, einen Teil davon zu verlieren. Nachdem die olympische Bewegung 1936 in Hitlers Berlin und Garmisch gastiert hat, war die Apartheid auch kein Ausschlussgrund.

Es war der von der Sowjetunion geführte kommunistische Ostblock, der in den 1950ern zuerst die Haltung des IOC zu Apartheid-Südafrika in Frage stellte. Auch Indien und manche Blockfreie begannen sich in der Frage zu engagieren. Mit der Entkolonialisierung in Afrika, Asien, Amerika (Karibik) und Ozeanien entstand auch im IOC Opposition zur Apartheid. Ähnlich ging es in anderen internationalen Organisationen, wie der UN, und so kam es Ende der 1950er, Anfang der 1960er zur Isolation Apartheid-Südafrikas. Für Olympia 1960 ging es sich aber nochmal aus: Als IOC-Delegierte 1959 darauf hinwiesen, dass die Praxis der SAOCGA gegen die in der Olympischen Charta festgeschriebene Ächtung von Diskriminierung möglicherweise verstosse, behauptete der südafrikanische Delegierte, dass sich nicht-weisse Athleten aus rein sportlichen Gründen nicht qualifiziert hatten… Und Brundage war der Meinung, dass diese Nicht-Diskriminierungs-Regel nur für Olympia selbst und nicht für nationale “Vorausscheidungen” gelte. So war ein südafrikanisches Team 1960 in Rom dabei und auch erstmals eines bei den Winterspielen.

1955 wurde in Südafrika ein Committee for International Recognition gegründet, das 1958 in die South African Sports Association (SASA) überging und 1963 in das South African Non-Racial Olympic Committee (SAN-ROC). Der Organisation ging es um den Kampf gegen Rassentrennung im südafrikanischen Sport, die Anerkennung der alternativen Sportverbände und den Ausschluss eines rein weissen Südafrikas von Olympia. Geleitet wurde sie von Dennis Brutus (Generalsekretär der SASA und Präsident von SAN-ROC), der afrikanische, europäische und asiatische Vorfahren hatte, wie viele der Mischlinge Südafrikas. Dennis Brutus bekam keinen Reisepass und wurde gebannt, was eine Beschränkung u.a. seiner Bewegungsfreiheit und seiner Möglichkeit, Andere zu treffen, bedeutete. 1960 wurde er wegen Verstössen gegen diesen Bann verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Danach gelang ihm die Flucht ins portugiesische Mozambique, von wo ihn die Kolonialbehörden aber nach Südafrika zurückschickten. Bei einem Fluchtversuch wurde er dort angeschossen; er wurde ins Gefängnis auf Robben Island gebracht, für etwa eineinhalb Jahre, in eine Zelle neben jener Nelson Mandelas. Auch John Harris, Vorsitzender des SANROC, wurde gebannt und eingesperrt. Er schloss sich einer militanten weissen Gruppe an und wurde 1965 hingerichtet.5

Anfang der 1960er intensivierte sich der Widerstand gegen die Apartheid in Südafrika und verband sich der Konflikt mit anderen im südlichen Afrika. Südafrika wurde eine Republik und trat aus dem Commonwealth aus, die Teilnahme an Commonwealth-Spielen wurde dadurch hinfällig. Die SAOCGA wurde in SAONGA (South African Olympic and National Games Association) umbenannt, später in SANOC (South Africa National Olympic Committee). Unabhängige afrikanische Staaten thematisierten die Rassendiskriminierung Südafrikas in internationalen Gremien, auch im IOC. Das Apartheid-Regime wurde von einem geachteten Mitglied der Staatengemeinschaft zu einem Aussenseiter; es behielt aber Freunde und gewann neue hinzu.

1963 gewann Sewsunker “Papwa” Sewgolum, ein indischer Südafrikaner, als Caddie tätig, die Golf-Meisterschaft von Natal. Er wurde zur Preisverleihung nicht in das Klubhaus gelassen, das Foto von ihm, wie er draussen in strömendem Regen die Trophäe erhielt, ging um die Welt, schadete dem Ansehen des Rassentrennungs-Systems und half jenen, die dagegen kämpften.

Das IOC verlegte seine Konferenz 1963 von Nairobi nach Baden-Baden, nachdem die kenianische Regierung der südafrikanischen Delegation die Einreise nicht gestatten wollte. SAN-ROC wurde daran gehindert, Vertreter zu der Konferenz zu schicken, aber die an Bedeutung gewinnende Anti-Apartheid-Bewegung im Exil schickte Appelle an nationale olympische Komitees, den Apartheid-Sport zu ächten. Abdul Samad Minty, Exil-Südafrikaner, in der britischen Anti-Apartheid-Bewegung aktiv, Leiter des UN-Zentrums gegen Apartheid, setzte sich in Baden-Baden bei Delegierten und IOC-Funktionären im Namen von SAN-ROC ein, präsentierte Material über Rassismus im südafrikanischen Sport. Besonders Indien nahm sich der Sache an (teilweise deshalb, weil die Apartheid auch die indische Volksgruppe in Südafrika betraf), beantragte Südafrikas Ausschluss von Olympia.

Das IOC nahm auf dieser Konferenz die Einladung an das SANOC zu den Olympischen Spielen 1964 zurück und stellte eine Teilnahme (nur) für den Fall in Aussicht, das sich das NOK von Südafrika gegen die Regierung(spolitik) dieses Landes stellte. Das tat SANOC nicht und zusätzlich kündigte Innenminister Jan de Klerk (Vater des zukünftigen Präsidenten Frederik W.) an, dass das Team für 1964 nicht “rassisch gemischt” sein würde. So blieb es beim Ausschluss. Dennis Brutus, der darauf hingearbeitet hatte, war gerade im Gefängnis, als diese Nachricht kam. Mit der Suspendierung Südafrikas von Olympia (ab) 1964 waren die Weichen für den Sportboykott gegen die Apartheid überhaupt gestellt.

Als Südafrika von Olympia ausgeschlossen wurde (und bei Commonwealth-Spielen nicht mehr antrat), begann, ab 1964, die Teilnahme an den Paralympics (Sommer und Winter) und im selben Jahr die Ausrichtung der South African Games (manchmal South African Open Games genannt). Diese waren eine direkte Antwort auf den Olympia-Ausschluss, fanden 64, 69, 73, 81, 86 statt, unter Teilnahme einiger ausländischer (weisser) Sportler. An den Behinderten-Spielen Paralympics durften südafrikanische Sportler 1976 letztmals antreten; ’80 wurden sie vom Veranstalter Niederlande ausgeschlossen, wegen der Rassentrennung Südafrikas bei Sportlern und Zuschauern.

1966 gründete die Organisation für afrikanische Einheit (OAU) das Supreme Council for Sport in Africa (SCSA), das sich vornahm, Apartheid-Südafrika von Olympia auszuschliessen und Spiele zu boykottieren, sofern Südafrika teilnahm. SAN-ROC war nach den Verhaftungen Mitte der 1960er zerschlagen, wurde in London 1966 wiederbelebt. Die Vereinigung nationaler olympischer Komitees Afrikas (ANOCA) gewährte SAN-ROC die Mitgliedschaft, anstelle des SANOC. Auf der IOC-Konferenz in Teheran 1967 sagte SANOC zu, ein Team aus allen Bevölkerungsgruppen zur Sommer-Olympia 1968 zu schicken. Um das eigene Verbot gemischtrassiger Wettbewerbe zu umgehen, sollten Vorausscheidungen ausserhalb Südafrikas stattfinden (obwohl die einzelnen Bewerbe rassisch getrennt sein sollten)… Dieses kleine Einlenken unter Premier Vorster war und ist für Hardcore-Apartheid-Anhänger auch Mit-Grund, ihn zu den “Verrätern” an dieser Ideologie zu erklären.

Im Februar 1968 entschied das IOC, SANOC zu den Spielen 1968 in Mexiko einzuladen, mit der Bedingung, das verbleibende Diskriminierung bis zu den Spielen 1972 beendet wird. Das SCSA drohte darauf hin, dass afrikanische Staaten Olympia 1968 boykottieren würden; auch der Ostblock deutete diese Möglichkeit an. Daraufhin intervenierte das mexikanische Organisationskomitee beim IOC, die Entscheidung zur Wiederzulassung zu überdenken, da seine Veranstaltung so zu einem Fiasko werden könnte. Im April schloss das Exekutiv-Komitee des IOC Südafrika “aufgrund des internationalen Klimas” aus. 1968 rief auch die UN-Generalversammlung zum Boykott von Sportveranstaltungen mit Südafrika auf.

1970 wurde SANOC vom IOC ausgeschlossen; auf der Konferenz in Amsterdam wurden Fälle von Diskriminierung im Sport vorgetragen sowie die Verwendung der olympischen Ringe bei den South African Games. Ungefähr zur selben Zeit wurde eine Tour des südafrikanischen Kricket-Teams in England abgesagt und das Land im Tennis-Davis-Cup ausgeschlossen. Ein Team aus der BR Deutschland zog die Teilnahme von den SA Games 1969 zurück, nachdem die SCSA im Namen afrikanischer Staaten androhte, Olympia in München 72 zu boykottieren. 1969 gab es auch den Versuch, Black Games in Soweto zu veranstalten.

1973 wurde ein South African Council on Sports (SACOS) gegründet, als Nachfolger der SASPO, als nicht-rassischer Sportverband, als Partner des SAN-ROC, auch bei Bemühungen zum vollständigen internationalen Boykott des Apartheid-Sports. Während dieses inzwischen vom Londoner Exil aus agierte, war SACOS in Südafrika tätig. SACOS-Generalsekretär M. N. Pather wurde etwa an der Ausreise gehindert, als ihn die UN zu Konsultationen nach New York einlud. Der Präsident der South African Amateur Swimming Federation (mit dem SACOS affilliert), Morgan Naidoo, wurde gebannt, nachdem der Apartheid-Schwimmverband 1973 von der International Swimming Federation ausgeschlossen wurde.

Eine wichtige Rolle im südafrikanischen Sport spielt(e) Sam Ramsamy, auch ein indischer Südafrikaner, aus Durban. Er schaffte es, zum Studium ins Ausland (nach Europa) zu gehen und arbeitete dann als Sportlehrer in London. Bereits während des Studiums gegen die Apartheid im Sport aktiv, war er ein Gründungsmitglied von SACOS. Er gab seinen Job auf, um hauptamtlich für SAN-ROC in London zu arbeiten, wurde 1976 dessen Vorsitzender. Er knüpfte Kontakte mit Sportverbänden, v.a. in der “3. Welt”, zum ANC und ausländischen Anti-Apartheid-Solidaritäts-Gruppen, mit Sportjournalisten, erreichte die Anerkennung für SACOS beim Supreme Council for Sport in Africa, verband Widerstand in Südafrika und im Exil, SACOS und SAN-ROC, arbeitete für die UN, arbeitete an einer Ausweitung des Sport-Boykotts.

Südafrika bzw die Apartheid war der indirekte Grund für den Olympia-Boykott 1976 (die nächsten Turniere wurden dann immer von irgendwem boykottiert, im Zeichen des Kalten Krieges). Das neuseeländische Rugby-Team gastierte in diesem Jahr, nach dem Soweto-Massaker, in Südafrika, mit dem Segen des neuen neuseeländischen Premiers Robert Muldoon (National Party).6 Afrikanische Länder verlangten den Ausschluss Neuseelands. Das IOC wies darauf hin, dass Rugby kein olympischer Sport war und der neuseeländische Rugby-Verband nicht Mitglied des NOK’s des Landes. 26 von 28 afrikanischen NOK’s boykottierten daraufhin die Spiele in Montreal, jene von Guyana und Irak schlossen sich ihnen dabei an. Im folgenden Jahr haben Regierende von Commonwealth-Staaten bei einem Treffen in Gleneagles, Schottland, beschlossen, von Sportkontakten mit Südafrika Abstand zu nehmen. 1978 hat auch die EG eine ähnliche Erklärung verabschiedet.

Der (in die USA ausgewanderte) Inder Enuga Sreenivasulu Reddy hat an der UN das Special Committee against Apartheid (dessen Sekretär er 1963–1965 war) und dessen Centre against Apartheid (dessen Direktor er 1976–1983 war) ins Leben gerufen. 1977 hat die UN eine Erklärung gegen Apartheid im Sport verbaschiedet. Das Spezialkomitee hat 1980 ein “Register of Sports Contacts with South Africa” begonnen, das alle Sportspersonen auflistete, die in Südafrika auftraten. Manche Regierungen verweigerten diesen Personen die Einreise

1985 hat die UN die Internationale Konvention gegen Apartheid im Sport verabschiedet, die zuvor u.a. wieder unter der Mitwirkung Sam Ramsamys ausgearbeitet worden war. Sie sah Sanktionen auch gegen jene vor, die Sportkontakte mit solchen hatten, die Sanktionen gebrochen hatten. Beim Entwurf gab es einigen Streit und vom Beginn des Unterzeichnungsprozesses 1986 bis zum Inkrafttreten (für die Unterzeichnerstaaten) wurde sie von keinen westlichen Staaten unterzeichnet, und nur von 20 von 52 afrikanischen. Die Sache mit dem bindenden Boykott von “Drittparteien” erwies sich als nicht konsensfähig. Die Sowjetunion etwa hatte Angst vor den Auswirkungen auf Olympia in Moskau 1980. Mit der Konvention wurde auch eine Commission against Apartheid in Sport (CAAS) ins Leben gerufen.

Das IOC verabschiedete 1988 eine “Erklärung gegen Apartheid im Sport”. In den 1980ern war der Apartheid-Sport weitgehend isoliert; im Sport haben die Gegner der Apartheid am meisten bezüglich der Isolation dieses Regimes erreicht – im Vergleich zum Handel mit Bodenschätzen, Waffen (auch nuklearen) oder Technologie war das aber ein “weicher” Bereich. Oder doch nicht? Gerade die Isolation im Rugby schmerzte viele Afrikaaner enorm. Mit Hilfe mancher westlicher Freunde blieb Apartheid-Südafrika von vollständiger Isolation im Sport bewahrt. Gastauftritte von Sportteams in Südafrika (etwa im Rugby, s. u.) konnten von der Boykott-Bewegung nur schwer verhindert werden. Dennis Brutus war nach seiner Haft-Entlassung zuerst nach GB, dann in die USA ausgewandert (wurde nach einem langen Kampf als politischer Flüchtling anerkannt). Er arbeitete dann als Englisch-Lehrer und musste seine Arbeit für SAN-ROC vernachlässigen.

In den 1980ern mussten sogar Israel sowie die konservativen Regierungen von USA, GB und BRD Maßnahmen gegen das Apartheid-Regime ergreifen, v.a. den Handel betreffend. Die Apartheid hatte aber bis zum Schluss ihre Apologeten und Kollaborateure. Jene, die keine Gelegenheit ausliessen, Menschenrechtsverletzungen und Totalitarismus in den kommunistischen Staaten anzuprangern, sich dabei als “Menschenrechtler” aufspielten, waren in der Regel jene, die bei der Apartheid in Südafrika oder der Diktatur in Chile nicht nur ein oder zwei Auge(n) zudrückten, sondern eher davon angetan waren. SANOCs langjähriger Präsident in den “kalten Jahren”, Rudolf Opperman, verfasste ein Buch mit, in dem es um die olympische Bewegung in Südafrika ging, Titel war “Afrikas erste Olympioniken”.

Anhänger des rassischen Fanatismus beschuldigten Leute die dagegen ankämpften des Fanatismus. Jene, die davon redeten, Sport und Politik getrennt zu halten, unterstützten ein System, das Politik (in Form von Rassismus) in den Sport brachte, oder Teil dieses Systems waren. Jene, die Verachtung für die Mehrheit der Südafrikaner hatten, machten jenen Vorwürfe, die das Rassische aus dem südafrikanischen Sport (und überhaupt aus der Gesellschaft) wegbringen wollten. Deon Geldenhuys’ “Isolated States: A Comparative Analysis” (1990/91) ist noch ein relativ moderates Lamento gegen den Sportboykott. Er hat nicht ganz Unrecht, wenn er schreibt, dass die Voraussetzungen für Wiederzulassung und Aufhebung nicht in den Händen der Sportverbände lagen sondern bei der Regierung – nur gab es da ein hohes Maß an Gemeinsamkeiten, v.a. bei der ideologischen Ausrichtung.

Während früher manche Schwarze (wie Eland) vor der Diskriminierung ins Ausland auswiechen, taten dies später (von Anfang der 1960er bis Anfang der 90er) Weisse, wegen des Boykotts. Mit dem Wechsel der Nationalität (Staatsbürgerschaft) wurde dieses Problem gelöst. Der bekannteste Fall war jener der Läuferin Zola Budd, die für Grossbritannien startete. Der jüdische Südafrikaner Mark Handelsman, auch ein Läufer, nahm die israelische Staatsbürgerschaft an, trat so 1984 bei Olympia an. Der Fussballer Roy Wegerle ging in die USA, spielte für das dortige Nationalteam. Der Tennisspieler Kevin Curren trat auch für die USA an. Beim Rugby-Spieler Andrew Mehrtens waren es nicht sportpolitische Gründe, dass er von seinen Eltern als Kind nach Neuseeland gebracht wurde. Der Kricketer Allan Lamb ging während der Isolation Südafrikas nach England und spielte für dessen Nationalteam.

Dass der Boykott nicht nur den Sport von Apartheid-Südafrikas betraf, wurde etwa bei der Amtseinführung von F. W. De Klerk 1989 ersichtlich, wo es kaum internationale Gäste gab. De Klerk startete 1990 mit Reformen bzw der schrittweisen Abschaffung der Apartheid. Im Gegenzug wurden die Sanktionen nach und nach aufgehoben, jene im Sport zuerst, jene Waffen betreffend zuletzt7 Verhandlungen begannen, hauptsächlich zwischen der aus der NP gebildeten Regierung (unter De Klerk) und dem eben noch verbotenen ANC (unter Nelson Mandela) – auch über eine Abschaffung der Apartheid im Sport.

Die United Democratic Front (UDF), ein Zusammenschluss noch nicht verbotener Anti-Apartheid-Organisationen der 1980er, gründete 1989 der National Sports Congress (NSC), das stärker als SAN-ROC oder SACOS im Land verwurzelt war, auch in den “schwarzen” Townships. Während SACOS zum ANC oder der Gewerkschaft COSATU Abstand hielt, war das NSC eindeutig mit den wesentlichen politischen Anti-Apartheid-Kräften verbunden. So repräsentierte SACOS hauptsächlich die dünne schwarze Mittelklasse und wurde als “Sport-Flügel” der Befreiungsbewegung vom NSC in den Hintergrund gedrängt. Aus dem NSC wurde 1990 NOSC, der National Olympic and Sports Congress.

1988 hatte das IOC unter Juan A. Samaranch eine Apartheid and Olympism Commission (AOC) gegründet, mit Sportdiplomaten und Repräsentanten der im Kampf gegen Apartheid im Sport engagierten südafrikanischen Verbände. Die AOC beschäftigte sich ab 1990 (dem Beginn der Reformen unter De Klerk) hauptsächlich mit dem Ende der Apartheid im Sport. Auch das kaltgestellte olympische Komitee des Apartheid-Regimes (SANOC), ab 1989 unter Johan du Plessis, wurde an den Verhandlungen beteiligt. Das Ringen um die Wiederzulassung begann. Klar war, dass das Südafrika, welches wieder am internationalen Sport teilnehmen würde, ein anderes als bislang sein würde. Auch wenn IOC-Präsident Samaranch, ein früherer Funktionär des Franco-Regimes in Spanien, für eine baldige Rückkehr Südafrikas war, am liebsten bei Sommer-Olympia in Barcelona 1992. Sam Ramsamy vom SAN-ROC konnte Anfang der 1990er nach Südafrika zurückkehren, so wie auch andere Dissidenten; politische Häftlinge, wie Nelson Mandela vom ANC, wurden in dieser Zeit aus Gefängnissen entlassen.

SAN-ROC ging von Boykott zu Zusammenarbeit zur Erreichung einer nicht-rassischen Vereinigung des Sports über. Im November 1990 wurde bei einem Treffen in Harare (Zimbabwe) unter Leitung von Jean-Claude Ganga aus Kongo (AOC, ANOCA) mit weissen und schwarzen Sportfunktionären aus Südafrika die Aufhebung der Apartheid im Sport und die Aufhebung der Sanktionen im Gegenzug diskutiert. Wichtig war nun ein repräsentatives NOK für Südafrika. Als Vorstufe wurde ein Komitee der Acht (dann Zehn), Vertreter diverser Sportverbände des Landes, gegründet, mit Sam Ramsamy, einem der führenden Anti-Apartheid-Aktivisten in Bezug auf Sport, als Vorsitzender. Das Komitee setzte sich zusammen aus Vertretern von SANOC, SAN-ROC, SACOS, COSAS8 und NOSC. Es nannte sich dann South African Coordinating Committee, und Ramsamy wurde Präsident.

Im März 1991 wurde daraus (durch eine gewisse internationale Anerkennung) das Interim National Olympic Committee of South Africa (INOCSA).9 Nach dem Besuch einer IOC-Kommission in Südafrika (unter Keba Mbaye; AOC, Senegal) im selben Monat, die u.a. De Klerk, Mandela und den “Zulu-Führer” Buthelezi traf, wurde das INOCSA auch von der IOC zunächst vorläufig anerkannt. Im Juni 1991 hob das (weisse) Parlament auf De Klerks Initiative den Population Registration Act und den Group Areas Act von 1950 auf, zwei Grundpfeiler der Apartheid.

Nun hatten auch die politischen und sportpolitischen Anti-Apartheid-Bewegungen sowie die Apartheid and Olympism Commission (AOC) keine Einwände mehr gegen eine Wiederzulassung Südafrikas im Sport. Im folgenden Monat, Juli ’91, anerkannte das IOC die INOCSA endgültig, das damit das offizielle NOK Südafrikas wurde, unter dem Kürzel NOCSA, das “Interim” wurde aus dem Namen gestrichen. Südafrika war damit wieder Mitglied des IOC. Ramsamy blieb/wurde Präsident des NOCSA. Damit war die Voraussetzung für eine Teilnahme an Olympischen Spielen geschaffen; Südafrika wurde wenige Wochen später eingeladen, in Barcelona 92 (Sommer-Spiele der 25. Olympiade) teilzunehmen. SANOC und SAN-ROC, das bisherige offizielle und das alternative NOK, gingen beide in NOCSA auf. NOCSA-Präsident Ramsamy durfte die Annahme der Einladung verkünden.

Die Einigung im Sport, die Abschaffung der Rassentrennung dort und die internationale Anerkennung dafür nahm einiges von den grossen politischen Verhandlungen vorweg, die damals im vollen Lauf waren. Aber wie dort gab es auch im Sport noch einiges an Ärger und Hindernissen. Es standen ja noch die Vereinigungen der diversen (verschieden-rassigen) Fachverbände an, die Beitritte dieser neuen nationalen Verbände zum NOCSA und zu den internationalen Dachverbänden (und damit verbunden, die Wiederzulassung zu internationalen Wettbewerben). Und die Schaffung gemeinsamer nationaler Meisterschaftsbewerbe für Klubmannschaften der verschiedenen Sparten. Die Aufhebung der Rassenschranken auf der untersten Ebene, in Schulen und Vereinen. Das Zusammenwirken der Leute aus den verschiedenen “Lagern” in den neuen Nationalmannschaften und in deren Verbänden musste sich erst bewähren. Die Entwicklung in den wichtigsten Sportarten, Fussball, Rugby und Kricket (wo es international am schnellsten wieder los ging), werden noch genauer ausgeführt.

Südafrikas Teilnahme an Olympia Barcelona war die erste seit Rom 1960 und die erste überhaupt nicht mit einem rein weissen Team; auch an den Paralympics nahmen ab 92 wieder südafrikanische Teams teil. Dass man politisch noch keine Einigung gefunden hatte, zeigte sich auch darin, dass die offiziellen Staatssymbole damals alles andere als eine verbindende Wirkung hatten, (von Vielen) als Symbole der Apartheid gesehen wurden. NOCSA entschied daher, dass das südafrikanische Team in Barcelona unter einer “neutralen” Flagge (dem Symbol von NOCSA auf weissem Grund) antreten werde und dass bei Siegesfeiern gegebenenfalls Beethovens “Ode an die Freude”, die olympische Hymne, gespielt wird. Auch werde das Springbock-Zeichen nicht auf der Sportkleidung aufscheinen. Ramsamy gab das schon bei der Annahme der IOC-Einladung für 92 bekannt.

Die Entscheidung wurde in weiten Teilen des weissen Südafrikas mit Empörung und Ärger aufgenommen. Präsident De Klerk sagte, es handle sich um nationale Symbole, die nichts mit Apartheid zu tun hätten. Louis Pienaar, der auch für Sport zuständige Minister, kommentierte die Sache als “Schlag in das Gesicht aller Südafrikaner” und drohte, NOCSA Geld vorzuenthalten. Manche bemühten sich darauf hinzuweisen, dass der Springbock bereits viele Jahre vor der Apartheid als Sport-Symbol verwendet wurde. “The Citizen”, so ziemlich die einzige Englisch-sprachige Zeitung, die die Apartheid (bzw die Nationale Partei) unterstützte, schrieb, die Sport-Administratoren hätten vor dem ANC kapituliert.10 Als Konzession wurde die grün-gelbe Farbgebung der weissen Sportteams für das “gemischtrassige” bei Olympia übernommen.

Der nächste Streitpunkt war die Auswahl der teilnehmenden Athleten. Es gab einige umstrittene Entscheidungen, wie die Nominierung der (schwarzen) Tischtennis-Spielerin Cheryl Roberts (weniger wegen ihrem Engagement gegen die Apartheid als wegen einer positiven Dopingprobe) und die Auslassung des Weltklasse-Speerwerfers Tom Petranoff. Dieser war 1988 nach einem Antreten in Apartheid-Südafrika vom US-amerikanischen Leichtathletik-Verband gesperrt worden. Er wanderte nach Südafrika aus, wurde dessen Staatsbürger. Es gab einen Streit der (bisher) konkurrierenden LA-Verbände Südafrikas um seine Nominierung, die schon allein aufgrund seiner Haltung zur Apartheid einen politischen Charakter hatte. Roberts ist heute publizistisch tätig, s.u. Schliesslich wurde ein Team aus 93 Sportlern aus 17 Disziplinen nominiert, darunter beachtliche ca 90% Weisse. Stars waren der Tennisspieler Wayne Ferreira, die Schwimmerin Penelope Heyns11 und die zurückgekehrte Läuferin Zola Budd-Pieterse.

1992, als Winter- und Sommer-Olympia letztmals im selben Jahr stattfanden, gab es nicht nur die Rückkehr Südafrikas; Tschechoslowakei nahm letztmals teil, die GUS einmalig, die DDR erstmals nicht mehr (wie auch schon in Albertville), ebenso Jugoslawien12, Namibia erstmals, auch Jemen als geeinte Nation, Ungarn und einige anderen Staaten waren erstmals seit Jahrzehnten nicht mehr kommunistisch. Erstmals seit Jahrzehnten gab es keinen Boykott und keinen Ausschluss mehr.

Der schwarze Marathon-Läufer Jan Tau wurde Südafrikas erster nicht-weisser Flaggenträger bei der Eröffnungsfeier. Im Juli/August 92 gab es für Südafrika in Barca bei der Olympia-Rückkehr zwei Silber-Medaillien, durch das Tennis-Doppel Ferreira/Norval und die Läuferin Elana Meyer. Bei Meyer zeigt sich die Relativität der Apartheid-Einteilung als “Weisse”.

Mandela, der selbst Amateur-Boxer gewesen war13, war 1992 bei einem Kricket -Länderspiel dabei, einem der ersten Südafrikas nach der Wiederzulassung bzw “Rassenintegration”; dies wurde als Beleg für seine Präsidentschafts-Ambitionen gedeutet. Eines der letzen wichtigen Apartheid-Gesetze, die De Klerk abschaffen liess, war 1993 die getrennte Bildung, die im Bantu Education Act festgeschrieben war.

Zum Zeitpunkt des Verhandlungsabschlusses 1993 und dem endgültigen Ende der Apartheid durch die ersten freien Wahlen 1994 war im Sport der Abbau der “äusseren” Rassenschranken schon erledigt (s.o.); im Sport wie in der Politik, der Gesellschaft allgemein,… folgte auf den Abbau der äusseren Schranken jener der inneren, bzw der Versuch dazu, von Teilen der Gesellschaft. Bisherige Feinde sollten nun zusammenwirken, in den verschiedensten Bereichen. Die 1994 eingeführte neue Fahne war auch ein Kompromiss, wie die Verhandlungslösung. Nelson Mandela sagte im Mai 1994 bei der Rede zu seiner Angelobung als Präsident, 40 Millionen Südafrikaner sollten in Zukunft mit erhobenem Haupt auftreten können.

Manche meinen, dass der ANC und Mandela 1993/94 einen faustischen Pakt eingegangen seien, weisse Privilegien vielfach belassen haben, nur die Inkorporation relativ weniger Schwarzer in die Eliten erreicht haben, den Neoliberalismus angenommen haben. Die wenige Umverteilung ist vielen weissen Südafrikanern (und ausländischen Beobachtern) schon zu viel, manche wollen mit minimalen Zugeständnissen einer echten Umverteilung aus dem Weg gehen. Kritiker des neuen Südafrika wollen weder Umverteilung noch die Folgen dieser Unterlassung (Kriminalität und Armut hängen natürlich stark zusammen).

Bei einer Anti-Rassismus-Konferenz 1999 haben viele Redner die Linie widergegeben, die viele Weisse nach dem Ende der Apartheid “eingeschlagen haben”, “Ich war eigentlich immer gegen die Apartheid, aber diese und jene Zustände im heutigen, Post-Apartheid-Südafrika…”. Der ANC-Politiker Pallo Jordan antwortete ihnen damals: “Anscheinend waren damals ALLE gegen die Apartheid. Schade dass man sich damals nicht gekannt hat, als WIR gegen die Apartheid kämpften”. Es gibt wenig Anerkennung dafür, dass Wenige um Demokratie gekämpft haben, in der Regel unter Einsatz ihres Lebens. Suzman und die anderen von den DA-Vorgängerparteien waren nicht jene, die aus ihrer privilegierten Position als Weisse heraus unter Einsatz ihres Lebens gegen die Apartheid gekämpft haben; Kasrils oder Schoon oder Slovo taten das.

Brutus konnte 1990 aus der USA nach Südafrika heimkehren. 2007 sollte er in die südafrikanische Sports Hall of Fame aufgenommen werden. Bei der Zeremonie lehnte er seine Aufnahme öffentlich ab, mit der Begründung, man könne nicht jene, die für Rassismus im Sport verantwortlich waren, mit ihren Opfern in eine Reihe stellen.

COSAS und NSC vereinigten sich zum National Sports Council of SA (NSC). NOCSA vereinigte sich 2004 mit anderen Organisationen zur South African Sports Confederation and Olympic Committee (SASCOC), der nationalen Sportbehörde, die dem Sport-Ministerium untersteht. Ramsamy ist inzwischen beim IOC.

So trennend Nationalismus auch sein, ein südafrikanischer Nationalismus (also kein burischer oder schwarzafrikanischer) ist einend – und erst seit ca. 1994 im Entstehen. Die Ausrichtung der Rugby-WM 1995 und der Sieg dabei (s.u.) war für Südafrika eine triumphale Rückkehr in die internationale Sport-Szene nach der Apartheid. Im Streit um Rassenquoten für nationale Auswahlmannschaften wie die Springboks (s.u.) steckt der ganze Post-Apartheid-Richtungsstreit drin.

Die weisse Auswanderung nach der Apartheid betraf auch Sportler. Der Kricket-Spieler Kevin Pietersen, Sohn eines Afrikaaners und einer englischen Südafrikanerin, ging 2000 ins Land der Vorfahren seiner Mutter, nachdem er sein Missfallen über Rassenquoten im südafrikanischen Kricket (s.u.) geäussert hatte. Dem Fussballer Sean Dundee gelang der Sprung ins deutsche Team nicht ganz. Der Rugbyspieler Pierre de Villiers ging 1994 nach Frankreich, von wo ein Teil seiner Vorfahren stammen (Hugenotten), spielte ab 1999 für dessen Nationalteam.

Die Oscar Pistorius-Mord-Sache (ab) 2013) enthält u.a. die Faktoren Rasse und Gewalt, welche in Südafrika sehr heikel sind. Pistorius’ Vater Henke sagte zu britischen Medien, dass sein Sohn Waffen zur Verteidigung brauchte, da es den ANC-Regierungen nicht gelänge, die Weissen zu beschützen. Die Richterin, die das erste, milde Urteil aussprach, hatte in ihrer Laufbahn noch die ganzen rassistischen Hindernisse des Apartheid-Staates für Schwarze zu spüren bekommen. Reiche Weisse könnten es „sich richten“, ist zu hören. Der Wiener Wirtschaftshistoriker und Südafrika-Spezialist Walter Sauer schrieb in “Indaba”, weisse Feministinnen und schwarze Law-and-Order-Fanatiker demonstrierten gegen das Urteil. Im südafrikanischen “Mail &Guardian” auch noch etwas dazu.

Fussball

Fussball ist in Südafrika wiegesagt der “Sport der Schwarzen” und da es in dem Land viel mehr Schwarze als Weisse gibt, ist Fussball der Sport Nr. 1.14 “Schwarze” Menschen, v.a. in den Townships der Städte, haben um die Wende vom 19. zum 20. Jh den englischen Import Fussball angenommen. Der Fussball war in Südafrika von Anfang an rassisch getrennt. Es bildeten sich um die Jahrhundertwende die Fussballverbände SAFA bzw dann FASA (Weisse), SABFA und SAAFA (Schwarze), SACFA (Mischlinge), SAIFA (Asiaten). Die Klubs dieser Verbände spielten zunächst in regionalen (Amateur-)Ligen. Die Umwandlung von SAFA zu FASA war verbunden mit einer Löschung der Statuten wonach nur weisse Fussballer in ihren Ligen und dem Auswahlteam willkommen waren – dies wurde aber natürlich als Praxis beibehalten. Der weisse Verband FASA wurde in den 1950ern Mitglied der afrikanischen Konföderation CAF (Gründungsmitglied) und des Weltverbandes FIFA.

Aus den Klubs dieses Verbandes wurde ein südafrikanisches Fussball-Nationalteam geformt, das 1924 sowie von 1947 bis 1955 und 1963 aktiv war, freundschaftliche Länderspiele absolvierte, anscheinend nur gegen Australien, Neuseeland, Portugal, Israel. SAAFA, SABFA und SACFA schlossen sich zum Anti-Apartheid-Fussballverband SASF zusammen, beantragten Mitgliedschaft bei der FIFA. Weder FASA noch SASF repräsentierten den ganzen Fussball des Landes; bei der FIFA scheint man auf das Argument von FASA-Chef Fell gehört zu haben, wonach Rassentrennung zur “Kultur des Landes” gehöre. Die CAF reagierte schneller: Vom ersten Afrika-Cup 1957, für den das südafrikanische Team schon eingeplant war, wurde dieses noch kurzfristig ausgeschlossen, weil es eben nur für Weisse offen war, so wie vieles im Apartheid-Südafrika. Bald danach wurde Südafrika bzw die FASA auch von der CAF ausgeschlossen.

Von der FIFA wurde die FASA zunächst 1961 bis 1963 suspendiert, dann aber wieder zugelassen, auf Drängen des britischen FIFA-Präsidenten Stanley Rous. Das Ringen dieser Jahre, Mitte 1950er bis Mitte 1970er, um die Anerkennung oder aber Ächtung des rein weissen Fussballs Südafrikas als jenen des Landes sagt viel über die Vorgänge im Weltfussball, in der FIFA und überhaupt in globalen Beziehungen aus! 1964 die neuerliche Suspendierung Apartheid-Südafrikas vom Weltfussball. Auch als der weisse Brasilianer Joao Havelange 1974 Rous-Nachfolger als FIFA-Chef wurde, ging dieses Ringen noch weiter. Havelange soll schliesslich im Hinblick auf die afrikanischen und asiatischen Verbände 1976 für den Ausschluss der FASA entschieden haben. Dazu ist anzumerken, dass im brasilianischen Fussball bis Pelé (ab Ende 1950er) Schwarze bzw Farbige noch die Ausnahme waren, im Nationalteam krass unterrepräsentiert waren.

Als die Fussball-Sanktionen wegen der Rassentrennung begannen, ging es auch mit den landesweiten Profi-Ligen in Südafrika los. Einigen schwarzen Spielern gelang davor unter schwierigen Umständen der Sprung von Amateurklubs nach Europa, wie Johanesson (nach England) und Dhlomo (der auch Boxer und politisch engagiert war, in die Niederlande). 1959 startete die weisse NFL, wo zB Durban City spielte, ein Klub bei dem Gordon Igesund seine Karriere begann, der spätere Österreich-Legionär und Bafana-Teamchef. In dieser Liga spielten auch vereinzelt Schwarze, wie Vincent Julius. Der farbige Verband SASF startete Anfang der 60er mit der SASL. Diese Liga hatte mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen, u.a. mit einem Mangel an Spielplätzen/Stadien (Infrastruktur jeder Art für Nicht-Weisse wurde ja vernachlässigt). Nach einigen Jahren Unterbrechung wurde der “schwarze” Spielbetrieb 1971 mit der NPSL fortgesetzt. Diese, mit Klubs wie Kaizer Chiefs und Orlando Pirates (beide aus dem Raum Johannesburg), hatte ein gutes Niveau, von hier wurden Fussballer wie “Jomo” Sono in die amerikanische NASL engagiert. Ein Teil der Inder und Mischlinge spielt ab 1969 in der FPL.

Unter den Weissen sind Englischsprachige im Fussball eher zu finden als Afrikaaner. Auch einige Europäer kamen in die weisse Liga Südafrikas, die NFL. Auch einige der Beteiligten am deutschen Bundesligaskandal um Spielmanipulationen 1971, wie Bernd Patzke und Arno Steffenhagen, gingen während ihrer Sperre dorthin, da sich diese ausserhalb der FIFA befand und die Sperre daher dort nicht galt. Auch viele der politischen Gefangenen auf Robben Island, wie Nelson Mandela, versuchten, dort Fussballspiele zu organisieren; darüber, über den Makana FC auf Robben Island, gibt es die Film-Doku “More than just a game”.

Bei den Südafrika-Spielen (South African Games) 1973 gab es im Fussball keine ausländischen Teilnehmer, die Organisatoren veranstalteten daher ein Fussball-Turnier mit vier Mannschaften aus den vier Rassen, in die alle Südafrikaner eingeteilt waren. Die Weissen siegten im Finale über die Schwarzen 4:0, Dritter wurden die Farbigen, vor den Indern.

Sono und Kaizer Motaung haben beide nach ihrer Rückkehr aus der USA eigene Klubs in Südafrika gegründet, Jomo Cosmos und Kaizer Chiefs, im Raum Johannesburg. Keith Broad schloss sich in den 1970ern den Orlando Pirates in der NPSL an und wurde der erste weisse Spieler dort. 1978 vereinigten sich die schwarze NPSL und die weisse NFL zur neuen NPSL. Die Einrichtung einer gemischten Liga spiegelte die leichte Liberalisierung der Apartheid unter Premier P. W. Botha wieder. Ein Teil der schwarzen Klubs machte ab 1985 in einer neu gegründeten NSL weiter.

Viele schwarze, braune und weisse Fussball-Talente Südafrikas gingen in den Jahrzehnten vor 1992 “verloren”, von Sono bis Igesund, von Ntsoelengoe bis Smethurst. Sie konnten sich zwar teilweise in starken Ligen wie der englischen präsentieren, aber nicht als Nationalteam. Eine Auslegung des Sportboykotts traf auch den “Prinzen” des südafrikanischen Fussballs, (den Schwarzen) Jomo Sono, der von Zimbabwe 1988 daran gehindert wurde, an einem Wohltätigkeitsmatch von Pelé’s Weltelf in Harare teilzunehmen; Sono hatte mit dem Brasilianer in USA bei Cosmos New York zusammen gespielt. Ja, manchmal wurden auch schwarze Südafrikaner Opfer des Sportboykotts – der eigentlich wegen ihrer Diskriminierung angestrengt wurde.

1991, unter den Vorzeichen der Beendigung der Apartheid, vereinigten sich die vier rassisch definierten Fussball-Verbände des Landes zu einem, der SAFA. 1992 wurde dieser in die FIFA und die CAF aufgenommen, und ein erstmals “gemischtrassiges” südafrikanisches Nationalteam begann mit dem Spielbetrieb. Im Juli 92 trat es in Durban gegen Kamerun mit Roger Milla an; danach in Jo’burg und Kapstadt. Die Spieler dieses Teams wurden aus der gemischten NPSL und der schwarzen NSL zusammengetrommelt; die farbige FPL hatte 1990 ihren Betrieb eingestellt. Am 10. Mai 1994, dem Tag der Angelobung Nelson Mandelas als Staatspräsident, kurz nach den ersten freien Wahlen, spielte die “Bafana Bafana” (isiZulu für “die Burschen”, wurde Beiname des südafrikanischen Fussball-Nationalteams) in Johannesburg freundschaftlich gegen Zambia – in Anwesenheit des neuen Präsidenten. NPSL und NSL stellten Ende 1995 den Spielbetrieb ein und wurden zur Premier Soccer League (PSL) vereinigt, gleichzeitig wurde von Kalenderjahr auf Saison umgestellt, 1996/97 war die erste Saison der PSL. 1995 haben die Orlando Pirates die afrikanische Champions League gewonnen, was sonst noch keinem südafrikanischen Klub gelungen ist.

Das Ende der Apartheid bewirkte auch einen Abbau der Distanz zum restlichen Afrika, auch im Fussball, führte zu einem Messen mit anderen afrikanischen Teams. 1996 durfte Südafrika den Afrika-Cup ausrichten, kam bis ins Finale, gewann dieses gegen Tunesien. Eine überwiegend schwarze Mannschaft mit einigen Farbigen und Weissen (darunter der Kapitän Neil Tovey) feierte wie 95 das Rugby-Team einen Heimsieg. Präsident Mandela (im Trikot der Bafana) und sein Stellvertreter De Klerk waren bei der Preisverleihung im FNB-Stadion in Johannesburg anwesend, es hätte die Entsprechung zum weissen Rugby-Triumph im Jahr davor sein können. Vielleicht lag es an der mangelnden Anteilnahme von Weissen, besonders der Afrikaaner, dass dem nicht ganz so war.

Die Stars dieser Zeit waren neben Tovey Lucas Radebe (der auch lange in England spielte), Phil Masinga, “Doc” Khumalo, Mark Fish, und die aus dem Ausland “zurückgeholten” südafrikanischstämmigen Hans Vonk und Pierre Issa. Das Team, zeitweise von Europäern trainiert, qualifizierte sich für die WM 1998, spielte 98 und 2000 weitere gute Afrika-Cups, war bei Olympia ’00 und beim Confederations Cup 97 dabei. Die WM 02, hier waren auch “Benni” McCarthy und Steven Pienaar schon dabei, war seltsamerweise der Wendepunkt. Nach einem starken Auftritt und einem knappen Ausscheiden in der 1. Runde begann ein Abwärtstrend für das Team

Und das ausgerechnet in der Phase als dem Land die WM 2010 zugesprochen wurde. 01/02 wurde von der FIFA festgelegt, dass die Fussball-WM 2010 nach Afrika kommt; ’04 setzte sich Südafrika gegen Marokko und Ägypten durch. Für die Ausrichtung 06 war das Land schon knapp gescheitert. Es begannen die Vorbereitungen im Land (v.a. Um- oder Neubauten von Stadien), und das Land geriet stärker in den Focus der Weltöffentlichkeit. Ende 07 in Durban die Auslosung der Qualifikation für die WM, der österreichische Ex-Fussballer Peter Burgstaller, Agentur-Manager, privat dort, wurde damals am Golfplatz seines Hotels in Durban ermordet und ausgeraubt. Diskussionen über die WM-Austragung in Südafrika und die Kriminalität dort kamen auf Touren und gingen oft nahtlos über in Verdammungen des neuen (Post-Apartheid) Südafrikas. Als ob so etwas in Europa nicht vorkommen würde. Die Mörder an Burgstaller wurden übrigens gefasst und verurteilt.

Und die Krise der Bafana: bei den Afrika-Cups 04, 06, 08 schied sie immer in der 1. Runde aus, für die WM 06 konnte sie sich nicht qualifizieren. Langsam musste man sich von der Vorstellung verabschieden, dass Südafrika ein schlafender Riese des Weltfussballs ist. Sogar der Anschluss an die afrikanische Spitze ging verloren. Bald nach dem Afrika-Cup 08 ging der brasilianische Bafana-Trainer Carlos A. Parreira („familiäre Gründe“), Nachfolger wurde sein Landsmann Santana. Die Bafana schaffte dann auch die Quali für den Afrika Cup 2010 nicht! Ein Lichtblick war der Confederations-Cup 2009, die WM-Generalprobe, sowohl vom organisatorischen (ein Test ohne Pannen) als auch vom Auftreten des Heimteams – dies besonders im kleinen Finale gegen Spanien.15 In Erinnerung blieben v.a. die Vuvuzelas und der dortige Winter. Santana wurde nach Niederlagen nach dem Confedcup gefeuert, Parreira wieder eingestellt.

Innerhalb Südafrikas, v.a. von Weissen, kam Kritik an der SAFA und der Politik (bzw den ANC-Regierungen), die sich laufend in Rugby-Angelegenheiten einmische, nicht aber in den Fussball. Die Misserfolge der Bafana werden (zB im Kommentarbereich von Online-Zeitungen) auch gern den Erfolgen der (hauptsächlich von Weissen gelenkten und “betriebenen”) Rugby-Auswahl gegenüber gestellt und dies als Beispiel schwarzer Misswirtschaft bzw Folge weissen Wirkens dargestellt. Rugby wird aber weltweit vielleicht in 1 Dutzend Staaten intensiv betrieben, im Fussball sind es ungefähr so viele, wo das nicht der Fall ist.

Nach dem ANC-Parteitag in Polokwane 07 (Abwahl Mbekis als Parteichef) und dem Rücktritt Mbekis als Präsident 08 begann eine paranoide Stimmungsmache im Hinblick auf die Wahl 09 (bei denen die Wahl Zumas zum Präsidenten zu erwarten war) und die WM 10. Die Zweifel an der ersten WM auf afrikanischem Boden erhielten neue Nahrung, nachdem im Sommer 08 gemeldet wurde, dass der Stadionneubau in Port Elizabeth nicht rechtzeitig zum Confederations Cup 09 fertiggestellt werden könne. FIFA-Präsident Joseph Blatter erklärte, dass drei Länder als Ersatz bereit stünden, falls Südafrika es nicht schaffen sollte, die Weltmeisterschaft auszurichten. Er relativiert dann aber: nur bei einer Naturkatastrophe würde Südafrika die WM verlieren. Im Mai 09, kurz vor dem Confederations-Cup, lief eine ARD-Doku: „Schafft Südafrika die WM 2010?“.

Der CSU-nahe kriminelle Unternehmer Ulrich Hoeness (2014 dreieinhalb Jahre Haft wegen Steuerhinterziehung) sagte nach dem Terror im Vorfeld des Afrika-Cups 10 in Angola (Angriff gegen das anreisende togolesische Team, durch eine Abspaltung der Separatistenbewegung der Exklave Cabinda, FLEC, 3 Tote), die Vergabe der WM 2010 nach Südafrika sei “eine der grössten Fehlentscheidungen” von FIFA-Präsident Blatter gewesen (in Wirklichkeit dessen grösste Leistung). “Ich war nie ein großer Freund von einer WM in Südafrika oder überhaupt in Afrika, solange Sicherheitsaspekte nicht zu 100 Prozent geklärt sind”. Angebliche Korruption und Schiebung bei der Vergabe an Südafrika kam auch zur Sprache – inzwischen wird diesbezüglich aber auch über die Vergabe der WM 06 an Deutschland gesprochen.

Auch der Mord an dem Rechtsextremisten Terre Blanche auf seiner Farm 2 Monate vor WM-Beginn wurde instrumentalisiert, etwa von DA-Führerin Zille, gegen den ANC; sie stellte einen Zusammenhang mit dem damaligen ANC-Jugendchef Malema und dem von ihm gerne gesungenen Kampflied “Ayesaba amagwala” her. Die VF+ reagierte (auch) hier insgesamt gemäßigter/seriöser. Westliche Medien schrieben von “ethnischen Spannungen” im Land, die sich entladen könnten, verwiesen auf Farmenteignungen und Diktatur unter Mugabe in Zimbabwe. Misshandlungen von Farmarbeitern (die die Mörder waren) durch den Neonazi und einiges andere wurde dagegen selten thematisiert. Auch dass meistens Schwarze Opfer von Kriminalität in diesem Land sind. Dann auch noch Sozialproteste wenige Wochen vor WM-Beginn (wie in Brasilien vier Jahre später); eine Form von Umverteilung wollten jene, die das gegen Südafrika und die WM dort anführten, aber schon gar nicht.

Nelson Mandela, schon sehr gebrechlich, erlebte die Fussball-Weltmeisterschaft noch, deren Ausrichtung von einem stabilen Südafrika zeugte, zu dem niemand stärker hingeführt hatte als er. Seine Familie machte ihm Sorgen, seine Partei und das Land auch in mancher Hinsicht. Kurz vor der Eröffnungsfeier kam eines von Mandelas Urenkeln (13 Jahre alt) bei einem Autounfall ums Leben. Madiba trat bei der Feier kurz auf, die vor dem Eröffnungsspiel der Bafana gegen die mexikanische Auswahl stattfand. Auch an der Abschlussfeier vor dem Finale nahm er teil.

Matthew Booth (mit einer Schwarzen verheiratet) war der einzige Weisse im Kader der Bafana, einige Mischlinge wie Pienaar waren dabei, sonst Schwarze, nicht aber Benni McCarthy. Viele weisse Südafrikaner, besonders Afrikaaner, hielten Distanz zur Fussball-WM, weil sie mit diesem Sport wenig anfangen können, manche auch weil sie sie als Projekt der ANC-Regierung, der Schwarzen, sahen. Der Rechtsextremist Dan Roodt rief Afrikaaner dazu auf, bei der WM das niederländische Team zu unterstützen; bei der Rugby-WM 95 haben Schwarze entsprechendes erwogen (die Gegner der Springboks zu unterstützen), Mandelas Einsatz verhinderte dies damals. Im niederländischen Fussball-Nationalteam sind seit der Gullit-Generation in den 1980ern immer Schwarze bzw Farbige dabei und wichtig. Sie stammen aus den Ex-Kolonien Surinam (wie Gullits Vater oder Aron Winter) oder (seltener) Indonesien (Taument oder van Bronckhorst) oder von den niederländischen Antillen (wie Kluivert zT); seit einiger Zeit sind auch marokkanisch-stämmige dabei. Gullit hat seinen Preis als Fussballer des Jahres 1987 dem damals noch inhaftierten Nelson Mandela gewidmet. Auch der letzte Präsident der Apartheid-Ära, FW De Klerk, brachte vor dem Finale (also als das südafrikanische Team schon lange nimmer dabei war) seine teilweise holländische Herkunft mit seiner Unterstützung für die Oranjes in Verbindung. “Ich hatte aber einen der besten Urlaube meines Lebens in Spanien, daher wäre ich auch über einen Sieg von ihnen glücklich.”

Die Bafanas schieden nach der Vorrunde aus, das 0:3 gegen Uruguay im zweiten Match war entscheidend. Schuldzuweisungen begannen sogleich wieder. Das Team aus Ghana, das fast ins Semifinale kam, rettet das afrikanische Abschneiden insgesamt einigermaßen. Die WM 2010 in Südafrika sollte endlich den Durchbruch für den afrikanischen Fussball bringen, der sich seit Anfang der 1990er ankündigte. Auch aus sportlicher Sicht liess der WM-Slogan “Ke Nako – Afrikas Zeit ist gekommen” an den Erwarungen keinen Zweifel. Bei afrikanischen Nationalteams scheint es immer wieder ähnliche Probleme zu geben: die Stars reden den (oft ausländischen) Trainern oft drein, die Politik und der Verband mischen sich ein, es gibt Streits um Prämien, zu wenig Team-Qualität,…

Die WM ging mit der Umarmung zwischen Iker Casillas und Sara Carbonero nach dem Finale (mit dem spanischen Sieg) in der Soccer City (bzw FNB-Stadion) in Jo’burg zu Ende. Es gab allgemein Lob für die Organisation des Turniers. In der Vorbereitung zur WM sind Infrastruktur-Probleme (v.a. im öffentlichen Nah-Verkehr) ersichtlich geworden und zT behoben worden. Die Sicherheit war „Fragezeichen“ vor dem Turnier gewesen, islamistischer Terror war möglich gewesen, auch Anschläge von weissen Rechtsextremisten aus Südafrika. Für das Land brachte die WM einen Tourismus-Aufschwung, mehr Ansehen. Es hat zwar noch enorme Probleme, aber es ist wie mit dem Glas, das je nach Sichtweise, halb voll oder halb lehr ist. Mehr Einheit zwischen Schwarz und Weiss im Land hat die Fussball-WM nicht gebracht, sie sind kaum näher zusammengerückt.

Zu den Schattenseiten des Turniers gehörte neben Nationalismus und Kommerz die Verdrängung (im wahrsten Sinn) von Problemen in Südafrika (etwas ähnlich wurde auch über Brasilien 14 gesagt). In Kapstadt wurde etwa 07 das Green Point Stadion im Hinblick auf die WM abgerissen; ein Teil blieb als Leichtathletik-Stadion erhalten. 07-09 wurde dafür das Kapstadt-Stadion gebaut (von Murray & Roberts Construction). Arme und Obdachlose aus der Gegend (Green Point) wurden dafür umgesiedelt, auch aus anderen Teilen Kapstadts (zB Woodstock) vor der WM, an den Stadtrand (Blikkiesdorp). Nachrichten davon bringen aber ein schlechteres Image als der Anblick von Elendssiedlungen für WM-Besucher und andere Touristen. Die Nachnutzung vieler Stadien ist fraglich; in jenem von Kapstadt spielt seit der WM Ajax Cape Town (Partner von Ajax Amsterdam) und finden u.a. Konzerte statt.

Die Bafana vor der WM 02
Die Bafana vor der WM 02

Rugby

Wie überall ist auch in Südafrika Rugby Union wichtiger als Rugby League, das sich u.a. durch die Zahl der Spieler (nicht 15 pro Team, sondern 13) unterschiedet. England/GB ist auch das Mutterland vom Rugby, kam wie Fussball Ende des 19. Jh nach Südafrika – und verbreitete sich hauptsächlich unter den Afrikaanern/Buren. Dass ein Sport englischen Ursprungs als Zelebration afrikaansen Lebensstils gilt, ist einer der Widersprüche dieser Nationalität. V. a. im heutigen Ostkap wurde und wird Rugby auch von Schwarzen (hier v.a. Xhosa) gespielt16, im Westkap von Mischlingen. Auch Rugby war in Südafrika von Anfang an rassisch getrennt.

Wie im Fussball gab es ein – sich veränderndes – Nebeneinander rassisch getrennter Verbände mit dem Primat der Weissen. Das waren hauptsächlich der South African Rugby Board (SARB) von/für Weisse(n) (1889 bis 1992), der South African Coloured Rugby Football Board (SACRFB) und seine Abspaltung, die South African Rugby Federation (SARF) für Mischlinge, sowie die South African Rugby Association (SARA; zuvor South African African Rugby Board) für Schwarze. Die Verbände hatten jeweils eigene Ligen, im Fall des weissen SARB war dies der Currie Cup, der Teams aus den vier Kolonien umfasste, die 1910 zu Südafrika vereinigt wurden.

Auch eine Art weisses, südafrikanisches Rugby-Nationalteam gab es schon vor der Entstehung Südafrikas, eine Auswahl  aus den Teams des Currie Cups. Das Team hatte einen Springbock als Emblem und grüne Leibchen. Damals ging es darum (nicht nur im Rugby!), eine Einheit zwischen den beiden grossen weissen Gruppen, der Afrikaans- und der Englisch-sprachigen, zu erreichen. Die Rassentrennung gab es schon vor der Apartheid, der Wahl 1948, und in Südafrika gastierende Rugby-Mannschaften haben auch davor schon nicht-weisse Spieler zu Hause gelassen. Das neuseeländische Nationalteam “All Blacks” kam etwa 1928 ohne seine Maoris, wie George Nepia.

Auch die Verbände der Mischlinge und Schwarzen hatten zeitweise sowas wie Nationalteams. Der SACRB stellte etwa 1939 eine Auswahl von “Farbigen” für eine Tour zusammen. Auch dieses Team wurde “Springboks” genannt und trug die grün-gelben Farben. Später war auch eine andere “Mischlings”-Auswahl aktiv, von einem anderen Verband organisiert, von der South African Rugby Football Federation (SARFF). Dieses Team wurde “Proteas” genannt. Eine nationale schwarze Auswahl waren etwa die “Leopards”, zur SARA gehörig.

Im Rugby war Südafrika länger international dabei als in den meisten anderen Sportarten. Der Weltverband gehörte nicht zum IOC und ausserhalb einiger Commonwealth-Staaten (vor allem der weissen) ist Rugby vielleicht noch in Frankreich ernsthaft verbreitet.17 Und in vielen Commonwealth-Staaten war man mit dem Apartheid-System nicht so streng (auch wenn dieses im Zuge der von den herrschenden Afrikaanern durchgesetzten “Abnabelung” von Grossbritannien 1961 aus dem Commonwealth austrat). Rugby war der wichtigste Sport für die in der Apartheid herrschenden Afrikaaner, und hier nicht isoliert zu sein, liess sie vieles andere verschmerzen. Aber auch hier braute sich etwas zusammen. Eine Tour der Springboks durch Grossbritannien und Irland 1969 wurde von intensiven Protestaktionen gegen die Apartheid begleitet. Auftritte von Rugby-Teams in Südafrika oder des südafrikanischen Teams anderswo wurden registriert, führten zu internationalen Protesten und teilweise vor Ort.

Für 1970 waren die neuseeländischen “All Blacks” zu einer Tour in Südafrika angesagt; Premier Balthazar J. Vorster erlaubte die Präsenz von Maoris unter den neusseländischen Spielern und mitreisenden Zuschauern. Aus Protest gegen diese “Grosszügigkeit” spaltete sich 1969 eine Gruppe um Albert Hertzog (Sohn eines früheren Premiers) von der Nationalen Partei ab und gründete die Herstigte Nasionale Party (HNP), rechts von der NP. Die HNP war für eine noch stärkere Stellung der calvinistischen, niederländisch-reformierten Kirchen und der Afrikaans-Sprache in Südafrika (auch für Andere!), für noch mehr Rassentrennung.18

Ebenfalls 1969 wurde in Neuseeland, an der Universität Auckland, die Initiative Halt All Racist Tours (HART) gegründet, die gegen Sport-Kontakte mit Apartheid-Südafrika (mit besonderem Augenmerk auf dem Rugby) protestierte.19 Trevor Richards, einer der Mitbegründer, war auch lange ihr Vorsitzender und dann internationaler Sekretär. Der in Afrika aufgewachsene britische Labour-Politiker Peter Hain (Minister unter Blair und Brown) war auch bei HART aktiv. Eine australische Initiative war der South Africa Defence and Aid Fund (SADAF), von den aus Südafrika geflüchteten Weissen John und Meg Brink gegründet. Aus der Gruppe tat sich besonders der Anarchist Peter McGregor hervor, der sich auch Lebensbedingungen der Aborigines bei sich in Australien beschäftigte.

1970 kamen also die All Blacks nach Südafrika und die Maoris unter ihnen und den mitgereisten Zuschauern wurden als “Ehren-Weisse” behandelt.20 Im Jahr darauf kamen die Springboks nach Australien. Die Reise war begleitet von massiven Demonstrationen und Protest-Aktionen. Das südafrikanische Team wurde von der australischen Luftwaffen transportiert, da sich Gewerkschaften weigerten, Flugzeuge oder Züge für sie abzufertigen. Im Jahr darauf wurde in Australien die konservative Regierung abgewählt und die Labour-Regierung unter Gough Whitlam verhängte einen Boykott gegenüber dem Apartheid-Sport.

Eine geplante Tour der Springboks nach Neuseeland 1973 kam nicht zustande, wegen Boykott-Drohungen von Indien und afrikanischen Staaten für die nächsten Commonwealth-Spiele (in NZL), wegen der öffentlichen Meinung sowie Bedenken bezüglich der öffentlichen Sicherheit – in den 1970ern waren Sportkontakte jeder Art mit Südafrika schon stark politisiert (so wie die Apartheid-Regierung und ihre Anhänger den Sport Südafrikas politisiert hatten). 1974 kam das englische Rugby-Nationalteam, die “Lions”, nach Südafrika (sowie nach Südwestafrika und Rhodesien, wie diese Nachbarstaaten damals hiessen). Das Match gegen die Springboks in Port Elizabeth soll eines der brutalsten Rugby-Matches überhaupt gewesen sein, aber das hatte mit der Apartheid nichts zu tun. 1975 durften erstmals Mischlinge und Schwarze offiziell mit Weissen in einer nationalen südafrikanischen Auswahl (eine South African Invitation XV, nicht die Springboks) gegen einen ausländischen Gegner, in diesem fall das französische Nationalteam, spielen. Einer der vier vom langjährigen SARB-Präsidenten Daniel Craven ausgewählten “Farbigen” war John Noble.

Zur neuseeländischen Tour in Südafrika und den Folgen 1976, siehe oben. In einem südafrikanischen Provinzteam, das damals gegen die All Blacks spielte, war auch Daniel “Cheeky” Watson. Berühmt wurde er einige Monate später, als er mit seinem Bruder im heimatlichen Port Elizabeth (bzw einem schwarzen Township von ihm) verbotenerweise mit Schwarzen Rugby spielte, im Dan-Qeqe-Stadion, benannt nach einem schwarzen Spieler in der östlichen Kapprovinz in den 50ern. Das sorgte damals für einen landesweiten Skandal. Watson ist bis heute gegen Rassismus im südafrikanischen Rugby engagiert.

Infolge des wachsenden internationalen Drucks kam es 1977 zu einer formalen Vereinigung des weissen SARB mit der “farbigen” SARF und der schwarzen SARA. Die 1966 aus dem SACRFB hervorgegangene South African Rugby Union (SARU), ein nicht-rassischer Rugby-Verband, blieb abseits. SARU war Gründungsmitglied von SACOS und ihr Vorsitzender Abdul Abbas verlangte als Vorbedingung einer Vereinigung eine Integration auf Vereinsebene und die Abschaffung verschiedener Gesetze.

Spätestens ab Ende der 1970er hatten auch im Rugby Alle, die mit Südafrika Kontakte eingingen, zumindest mit Nachwirkungen zu rechnen. Eine geplante Springbok-Tour durch Frankreich 1979 wurde von der französischen Regierung verhindert. Die “South African Barbarians”, ein invitational club (also ein gelegentlich aus Spielern anderer Teams zusammengestellter Klub) tourte 1979 durch Grossbritannien, sensationellerweise mit weissen, schwarzen und “braunen” Spielern.

Einer der Nicht-Weissen bei den Barbarians 1979 war Errol Tobias, ein Kap-Mischling. Tobias spielte in den 1970ern für die Proteas, das damalige Mischlings-Nationalteam. 1980 wurde er für die weissen Springboks ausgewählt, für inoffizielle Testspiele in Südamerika gegen nationale Auswahlen (in Argentinien wurde ihnen die Einreise verweigert). 1981 war er der erste Nicht-Weisse in einem offiziellen Länderspiel (“Test”) der Springboks, zu Hause gegen Irland – Ausdruck der leichten Liberalisierung der Apartheid unter Botha. Bis 1984 war er immer wieder bei Länderspielen dabei (viele gab es nicht, da Gegner fehlten).21

Tobias war auch bei der Springbok-Tour nach Neuseeland 1981 mit dabei. Neuseeland setzte sich mit der Einladung dafür über das Gleneagles-Abkommen hinweg. Auch die Erinnerung an den Besuch der Südafrikaner 1976 und die Folgen spielten eine Rolle und in den 1980ern hatte die Apartheid auch im Westen die meiste Akzeptanz verloren. So wurde die Reise der Springboks von Massen-Protesten begleitet. Auch Maoris beteiligten sich an daran. Viele von deren Aktivisten stellten das Bekenntnis weisser Neuseeländer (Pākehā) zu rassischer Gleichheit in Frage und warfen die Frage auf, ob das Focussieren auf Rassismus anderswo nicht eine Verdrängung des eigenen ist.22 Das südafrikanische Team verlor die Testspiel-Serie 1:2, aber das spielte überhaupt keine Rolle. Dem Nicht-Weissen Tobias wurde vorgeworfen, sich als Alibi-Farbiger zur Verfügung zu stellen. Über seine Behandlung innerhalb des Teams gibt es verschiedene Angaben.

Nach dieser Neuseeland-Tour wurde Südafrika vom International Rugby Board (IRB) von weiteren internationalen Auftritten ausgeschlossen. Erst 1992, als sich das Ende der Apartheid abzeichnete, änderten sich die Bedingungen. Das “Rugby-Embargo” war v.a. für den afrikaansen Teil der Weissen eine der härtesten Sanktionen. So verpassten die Springboks v.a. die ersten beiden Weltmeisterschaften, 1987 und 1991.23 Der Boykott war aber nicht vollständig. 1984 kam das englische Team, wobei ein ausgewählter Spieler, Ralph Knibbs, es aus politischen Gründen ablehnte, gegen Südafrika zu spielen. Eine geplante Reise der All Blacks 1986 wurde gerichtlich untersagt, dafür kam eine Art Ersatz-Nationalteam, New Zealand Cavaliers genannt. Im selben Jahr spielten Südafrikaner zum 100-Jahr-Jubiläum des IRB in All-Star-Games in Grossbritannien. 1989 kam eine Weltauswahl (World XV) zu Gastspielen nach Südafrika, zum 100-Jahr-Jubiläum des SARB diesmal.

1992, vor dem Hintergrund der Verhandlungen zur Beendigung der Apartheid, vereinigten sich der weisse SARB und die farbige SARU zur SARFU (South African Rugby Football Union), der bisherige SARB-Präsident Craven leitete auch den neuen Verband. Die Vereinigung der Ligen bzw die Öffnung des Currie Cups für nicht-weisse Spieler und Teams wurde in die Wege geleitet. Dies und die politischen Schritte zum Abbau der Apartheid führten auch im Rugby zu einer Rückkehr Südafrikas auf die internationale Bühne. Der damalige Präsident De Klerk ist ein grosser Rugby-Fan. Sichtbares Zeichen, dass sich etwas geändert hatte, war etwa die Auflösung der neuseeländischen Initiative Halt All Racist Tours (HART) 1992.

Die Springboks kehrten 1992 mit einem Testspiel gegen die neuseeländischen All Blacks im Johannesburger Ellis-Park-Stadion zurück. Unter den Springbok-Spielern waren zwei dabei, die schon bei der turbulenten NZL-Tour 1981 mit von der Partie waren, “Naas” Botha und “Danie” Gerber. Der ANC, damals so etwas wie die ausserparlamentarische Opposition, hatte sein Einverständnis gegeben, dass internationale Sportsanktionen gegen Südafrika im Zuge der Beendigung der Apartheid aufgehoben werden. Vor dem Neuseeland-Match war vor diesem Hintergrund ausgemacht worden, dass die damals noch (alleine) gültige Nationalhymne, “Die Stem van Suid-Afrika”, nicht gespielt wird, um den Sport von der Apartheid zu trennen. Diese und andere Abmachungen wurden nicht eingehalten von der SARFU, die viel mehr SARB war als SARU.

So schnell änderten sich die Dinge nicht. Aber allmählich. Auf einer Tour durch GB bald darauf hat eine Gruppe von afrikaansen Fans vor dem Match gegen Schottland vor dem Stadion “Nkosi Sikelel’ Afrika” gesungen, so etwas wie die Hymne des schwarzen Südafrika. Es war diese Tour, nach der eine Erneuerung bei den Springboks stattfand. Francois Pienaar wurde danach statt Naas Botha Kapitän, ein neuer Trainer kam,… Das Ende der Apartheid im Rugby 1992 hat natürlich eine Öffnung der Springboks für Nicht-Weisse gebracht, theoretisch. In den ersten Jahren nach der Rückkehr spielten gelegentlich ein oder zwei Farbige, ab 93 etwa Chester Williams, dessen Onkel Avril Williams in den 80ern in der Zeit von Errol Tobias bei den Springboks gespielt hatte.

Natürlich hatte sich das Niveau des weissen Rugbys auf einem anderen Niveau bewegt als das “farbige” und ist ein Nationalteam eine Auswahl der Besten. Aber manchmal scheint es darum zu gehen, genau diesen aus der Apartheid resultierenden Rückstand einzuzementieren. Zu wenig Begeisterung und Talent fürs Rugby bei den Schwarzen oder rassistische Strukturen, Henne oder Ei, darum drehen sich die Diskussionen in Südafrika, noch immer. Louis Luyt, ein Unternehmer (u.a. Manager des Ellis Parks), später Politiker (Gründer der Federal Alliance), wurde 1994 Präsident der SARFU.24 Er wiedersetzte sich der “Aufnahme” Schwarzer bei den Springboks.

Die “Springböcke”, das Rugby-Nationalteam Südafrikas, waren Repräsentanten der Apartheid gewesen, der Afrikaaner-Vorherrschaft, sowohl für die Profiteure dieses Systems als auch für dessen Leidtragende. Das Durchbrechen von Sanktionen durch Andere auf diesem Gebiet hat das nur verstärkt. Premier Vorster sagte 1971, die Springboks seien nicht repräsentativ für ganz Südafrika, sondern nur für seine Weissen (eigentlich, für seinesgleichen, auch nur für den einen Teil der weissen Bevölkerung; aber die Englischsprachigen auszuschliessen konnten sich die Afrikaaner nicht leisten).25

Mandela wirkte dieser Konnotation des Rugbys in Südafrika entgegen. Bei einem Springbok-Länderspiel gegen England war ihm aufgefallen, dass Schwarze im Stadium die Gastmannschaft unterstützten; er sagte später dazu, dass er das im Gefängnis ebenso gehalten hatte. Die Heimmannschaft repräsentierte schon von ihrer ethnischen Zusammensetzung Apartheid bzw weisse Vorherrschaft. Im Hinblick auf die Rugby-WM in Südafrika 1995 begann er damit, auf verschiedenen Ebenen schwarze Unterstützung für den “weissen” Sport zu organisieren und gleichzeitig dessen Protagonisten für ein “gemischtrassiges” Südafrika zu öffnen – ein Spiegelbild seines Wirkens überhaupt! Er traf sich etwa mit Springboks-Kapitän François Pienaar, und machte ihn mit einem englischen Gedicht bekannt, “Invictus”, das ihn in seiner Zeit im Gefängnis inspiriert hatte.

Mluleki George stammt vom Ostkap, spielte selbst Rugby, engagierte sich gegen die Apartheid, beim ANC, war dafür auf Robben Island interniert, war beim NSC aktiv, nach der Apartheid bei NOCSA, wurde Vizepräsident von SARFU, Funktionär beim internationalen Rugby-Verband IRB, dann Vize-Verteidigungsminister, bevor er zu COPE wechselte. Er sagte, “In der Vergangenheit haben Schwarze immer die Gegner der Springboks angefeuert. Ich selbst habe das bei der Tour der Engländer 1974 getan. Um das Ende der Apartheid herum gab es das unter Schwarzen noch immer, und auf der anderen Seite das Gefühl bei vielen Weissen, dass Rugby ihnen gehört.”

Dass die Springboks bei der WM im Mai und Juni 1995 mit nur einem Farbigen spielten, war keine Überraschung. Das würde sich bald ändern, hofften Viele. Während des Turniers sah man in den Stadien bei den Spielen der “Boks” immer wieder die alte südafrikanische Flagge (die mit der Apartheid 1994 abgeschafft wurde). Und andererseits jene schwarzen Südafrikaner, die die Gegner der Springboks unterstützten. Diese kamen etwas überraschend ins Finale.

63 000 sahen dieses live im Ellis Park, fast ausschliesslich Weisse, v.a. Afrikaaner. Gegner war das neuseeländische Team mit dem kürzlich verstorbenen Maori Jonah Lomu, und es begann daher mit einem Haka. Mandela saß als Präsident des Landes (in Springbok-Kleidung) in der Ehrenloge, mit SARFU-Präsident Luyt, dem neuseeländischen Premier Bolger oder “Tokyo” Sexwale, dem Premier der Provinz Gauteng. In dem Spiel gab es nur Penalties, keine Tries. Die in den schwarzen Dressen glichen in der 2. Hälfte aus, 2 Penalties von Stransky in der Verlängerung nach der Führung durch Mehrtens (der aus Südafrika stammt!) sorgten für den 15:12-Sieg.

Dass zum ersten Mal ganz Südafrika hinter den Springboks stand, war Produkt von Mandelas Vorarbeit. Pienaar wurde Sekunden nach dem Schlusspfiff des englischen Schiedsrichters von einem TV-Reporter gefragt, wie das Gefühl der Unterstützung durch 63 000 Fans sei. “Heute hatten wir die Unterstützung von 42 Millionen”, so die Antwort. Dann die Übergabe des Webb-Ellis-Pokals. Nelson Mandela tat dies, mit den Worten “Danke dafür, was Sie für Südafrika getan haben”. Pienaar, der an diesem Tag auch nichts falsch machte, antwortete: “Danke dafür, was Sie für Südafrika getan haben” Das Ende der Apartheid, das Treten aus der Isolation, auch im Rugby, dann die triumphale Rückkehr mit dem Sieg bei der Heim-WM, und das Ganze dann auch noch im Zeichen der nationalen Versöhnung. Beinahe märchenhaft, ein Stück Sportgeschichte.

Der Triumph der Südafrikaner war aber auch von Misstönen überschattet.26 Louis Luyt sagte beim Abschlussdinner, “There were no true world champions in the 1987 and 1991 World Cups because South Africa were not there.” Die Neuseeländer (Sieger 1987) verließen daraufhin erbost den Saal. Die Jahre der Isolation haben das Gefühl der heimlichen Überlegenheit (auch was das Rugby betrifft) noch gestärkt.27

Und, fast alle neuseeländischen Spieler lagen zwei Tage vor dem Endspiel nach einem Restaurantbesuch (anscheinend in einem “Pizza Hut”) mit einer Lebensmittelvergiftung flach. Das Gerücht, das Team sei von einer Kellnerin namens „Suzie“ vergiftet worden, hält sich noch heute. Während des Finales sah man neuseeländische Spieler sich am Spielfeldrand übergeben. Weiters war/ist die Rede von Abhöreinrichtungen und Störungen des Schlafs der Neuseeländer.

Die Rugby-WM 1995 war ein Höhepunkt von Mandelas Versöhnungspolitik. Der britische Autor John Carlin schrieb darüber ein Buch, “Playing the Enemy: Nelson Mandela and the Game That Changed a Nation” (2008). 2009 wurde ein Hollywood-Film daraus, “Invictus”, von Clint Eastwood (!), mit Morgan Freeman als Mandela and Matt Damon als Pienaar. Einige Rugby-Profis waren als Spieler dabei. Es gab und gibt Vorwürfe, dass Mandela mehr zur Beschwichtigung der Weissen machte als zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Schwarzen; und das Weisse das Entgegenkommen nicht erwidert hätten. Aus einer Diskussion in der Kommentarsektion der Online-Ausgabe einer südafrikanischen Zeitung: “I wish that one day someone would critically assess the whole ‘Madiba Magic’ legacy. And really tell us -who was the beneficiary of this phase of our history? As time has ticked I have come to deride that picture of Madiba wearing the Francious Pienaar number 6. But are we allowed to honestly critic this?
I saw images of the 46664 concert and of the images that I saw, over 95 percent of people at that concert were white. Am I reading too much or has our greatest light be stolen from us? just as our land and heritage was.”

Die Frage der Rassenbeziehungen ist eine sehr empfindliche im neuen Südafrika. Was das Rugby betrifft, es ist in dem Land bis heute vorwiegend weiss (und von Afrikaanern dominiert) geblieben. So wie Mandelas Bemühen um 1995 die Versöhnung unter ihm wiederspiegelt, so spiegelt für Viele die mangelnde Transformation des Rugbys des Landes die fehlenden Bemühungen von Weissen zur “Veräusserung” ihrer Privilegien wieder. Der erste Schwarze, der für die Springboks spielte, war Kaya Malotana, aus dem Ostkap, 1999. Der Verband wurde in SARU (South African Rugby Union) umbenannt, hatte farbige Präsidenten. Aber unter den Spielern (Klubs, Nationalteam) dominieren weiterhin Weisse, die etwa 10% der Bevölkerung Südafrikas ausmachen. Die eine Sichtweise darauf ist, dass in dieser Bevölkerungsgruppe eben mehr Leidenschaft und schliesslich Klasse fürs Rugby da ist.

Die andere ist, dass die Klasse durch gezielte Förderung, bzw Diskriminierung gegenüber Anderen, zu Stande komme. So hat der Verband ein Quotensystem eingeführt, wonach Schwarze/Farbige auf verschiedenen Ebenen einen bestimmten Anteil von Teams ausmachen mussten; analog zum “Black Empowerment” in der Wirtschaft. Solcherarts geförderte Spieler werden hinter vorgehaltener Hand gerne “Quotenspieler” genannt, welche talentierteren Weissen den Weg verbauten.

Die Nationalhymne illustriert gut das “Patchwork” des politischen Kompromisses Südafrikas. Seit 1997 ist Südafrikas Nationalhymne eine Kombination aus Extrakten des schwarzen Befreiungslieds “Nkosi Sikelel’ iAfrika” und der alten weissen Hymne “Die Stem van Suid-Afrika”/”The Call of South Africa”. In den Jahren vom Ende der Apartheid bis 97 (u. a. bei der Rugby-WM 95 und Olympia 96) waren beide Hymnen nebeneinander in Kraft (wurden meist hintereinander gespielt). Die Kombination enthält Teile in den wichtigsten Sprachen des Landes, Englisch, isiZulu, Afrikaans, isiXhosa, Sesotho. Der Zeitungs-Herausgeber Mondli Makhanya wies darauf hin, dass bei ihrem Abspielen vor Rugby-Länderspielen die Menge beim ersten, “schwarzen”, Teil meistens ziemlich ruhig bleibt und beim “weissen” in Fahrt komme. “It tells you a lot. Rugby is the one thing Afrikaners want to hang on to as their own culturally.”

Hier geht es auch um die Frage, ob die 10% Weissen Südafrikas, eine (weiterhin) privilegierte Elite oder eine (nun) bedrängte Minderheit sind. Und wiegesagt, im Rugby sind besonders die Afrikaaner unter ihnen der “Platzhirsch”. Es gibt auch andere Länder, wo verschiedene Ethnien verschiedene Sport-Vorlieben haben und eine Minderheit einen Sport dominiert, zB Kasachstan: Kasachen mögen v.a. Ringen, Russen Eishockey. Das kasachische Eishockey-Nationalteam besteht zu mindestens 80% aus ethnischen Russen. Also hat das mit Diskriminierung und Privilegien nichts zu tun?28 Soll eine nationale Sportauswahl demographische Verhältnisse wiederspiegeln oder die besten verfügbaren Sportler bringen? Aber, jene die über 7 Maghrebiner/Schwarzafrikaner/Karibianer im französischen Fussball-Nationalteam maulen, das als Zeichen von Überfremdung sehen, sehen dann gerne 12 Weisse im südafrikanischen Rugby-Team als Selbstverständlichkeit.

In ethnisch gemischten Sport-Nationalteams spielt die Diversität teilweise eine Rolle, teilweise nicht, im brasilianischen Fussball-Nationalteam die Unterschiede zwischen Weissen, Schwarzen und Mischlingen schon lange nicht mehr. Im nordirischen Fussball-Nationalteam, wo Iren (“Katholiken”) und britische Siedler (“Protestanten”) zusammenspielen, spielen die Grenzen sehr wohl noch eine Rolle – wie auch ausserhalb des Fussballs dort. Und, teilweise spiegelt die Verteilung die Gesamtbevölkerung anteilsmäßig wieder, teilweise ist sie nicht proportional.

Auch bei den WMs 1999 und 2003 war das südafrikanische Team hauptsächlich weiss. 2004 wurde Jake White (eigentlich Jacob Westerduin…) als Springbok-Coach ernannt, nach dem schwachen Abschneiden von 2003, der Aufregung über Trainingsmethoden im Kamp Staaldraad und internen Konflikten in der SARU. Vor der WM 2007 in Frankreich kochte die “Rassendebatte” über.

Der Kader bestand aus 21 Afrikaanern (+ der Trainer), 5 englischsprachigen Weissen (darunter einer aus Zimbabwe), 5 Mischlingen (darunter die Leistungsträger Habana und Pietersen), 1 Schwarzen; 12 Jahre zuvor waren es 21 Afrikaaner, 6 Englischsprachige (darunter ein Jude; + der Trainer), 1 Mischling (Chester Williams) gewesen.29 Wenig Fortschritt also. Und, es stellte sich heraus, dass das Springbok-Team die gleiche Anzahl an Nicht-Weissen hatte wie das englische. Und die paar Nicht-Weissen waren grösstenteils auf Quoten-Vorgaben zurückzuführen.

Der Vorsitzende des parlamentarischen Sport-Ausschusses, Butana Khompela (ANC), regte in einem Interview an, dass den Spielern die Reisepässe weggenommen werden (und an der Reise zur WM gehindert werden sollten), wenn das Team nicht “repräsentativ” genug sei. Sport-Minister Makhinese Stofile (früher selbst Rugby-Spieler im Ost-Kap, wo der Sport unter Schwarzen ja eine gewisse Beliebtheit hat, ein Sport-Boykott-Kampaigner) sagte im Parlament, dass seit dem Ende der Apartheid im Rugby zu wenig passiert sei beim Abbau der Rassenschranken und dass ein Element des Zwangs notwendig sei.

Dann gabs auch eine Kontroverse über den “Springbok”, das Abzeichen, den Namen. Dass er teilweise als Symbol der Apartheid gesehen wird, war wieder aktuell. SARU-Präsident Hoskins war für die Beibehaltung, Sportminister Stofile neutral, Teile des ANC setzten sich für die Abschaffung ein; es solle ein einheitliches Symbol für alle Sportteams geben. Dann sagte Vize-Innenminister Malusi Gigaba vor dem Finale der WM (für das sich die Springboks qualifiziert hatten) im Parlament, nur weil das Team erfolgreich sei, werde das Verlangen nach einer repräsentativeren Zusammenstellung nicht nachlassen.

Präsident Mbeki versuchte entgegenzulenken, auch sein Vorgänger Mandela. Mandela sagte, er werde sich das Finale gegen England im Fernsehen anschauen und schickte dem Team Glückwünsche in verschiedenen Sprachen, darunter Afrikaans. Mbeki schrieb in seinem wöchentlichen “Blog” auf der ANC-Website, „Go Bokke, go!“. Die Regierung sei zuversichtlich, dass die Springboks das im Ellis Park 1995 Erreichte wiederholen und als Rugby-Weltmeister nach Hause kommen.

Nach dem 15:6 in Paris gegen England war Mbeki auch bei der Preisverleihung anwesend, wurde von Sarkozy eingeladen, den Pokal zu überreichen. Der Unterschied zwischen Mandela und Mbeki kommt in den Auftritten bei der Preiszeremonie bei den gewonnenen Rugby-Weltmeisterschaften heraus, 1995 und 2007. Mandela hatte eben mehr Selbstbewusstsein gegenüber Weissen; aber Mbeki hatte allgemein die Mühen der Ebene zu bewältigen, und wie die Post-Apartheid-Führer vor und nach ihm hat er die Negativ-Prophezeiungen Mancher nicht erfüllt. Nach der Heimkehr Empfang für die Springboks in den Union Buildings in Pretoria beim Präsidenten, Fahrt im offenen Bus durch Soweto, Besuch bei Mandela.

Der Chef der afrikaansen Partei Freiheitsfront Plus (VF+) Pieter Mulder, sagte, der Sieg 2007 sei sogar bedeutender als der 1995, weil das Team diesmal auch politischen Druck und Einmischung zu bewältigen gehabt hatte. Er argumentierte für ein Nationalteam das nach Leistung zusammengestellt werde, nicht nach Rasse bzw Ethnizität. Dieses Team, mit Bryan Habana als “Held”, habe mehr für “nation-building” und gute (Rassen-)Beziehungen getan als Quoten und politischer Druck.

1995 stand im Zeichen von Versöhnung und Neubeginn zwischen den Rassen, 07 im Zeichen von neuen Spannungen. Online-Benutzerkommentare von damals: “Victories such as the Rugby World Cup is superfluous and although the victory is wonderful, I cannot see how it can unite a nation of people who by instinct distrust one another. Sport is just that, sport.” Aber auch: “Amusing comments! Im a SA of Greek decent. Made choice to stay & have no regrets. It’s a Pandora’s Box!! Just open it and be amazed at what will spring out at you. I love it and truely believe it to be one of the most dynamic worldwide. I agree that ignorance of its youth, beauty,dynamics, progressiveness and determination to succeed, results in generalized, false media-hysterical induced, sensationalized stayed opinions being voiced! I love it and am proud to be South African!!”

Dass das Team auch 07 hauptsächlich aus Weissen bestand, einfach ein Zeichen dass Schwarze lieber Fussball mögen oder eine apartheidbedingte Struktursache? Die Auswahl nach Können zusammenstellen oder auch das “rassische Ungleichgewicht” etwas zurechtrücken? Das Argument der “Farbenblindheit” wirkt in einem Land, in dem die schwarze Mehrheit viele Jahrzehnte aufgrund rassischer Vorurteile unterdrückt wurde, etwas seltsam. Wirkt manchmal wie ein Bemühen um die Behauptung von Besitzständen. Der Rugby-Quotenstreit spiegelt die allgemeine Umverteilungsproblematik Südafrikas wieder. Muss man nicht etwas zurechtrücken, DAMIT es eines Tages keine Rassenschranken mehr gibt? Die Frage gibt es auch an Universitäten oder in Firmen.

Entscheidende Weichenstellungen sind wahrscheinlich nicht im Profi- (Elite-) Rugby zu finden, sondern am Weg dorthin, in Klubs und Gymnasien, teilweise auch in den Lebensbedingungen (siehe den Guardian-Artikel unten), teilweise in den Köpfen. Wie im Fussball vielerorts ist der Sprung von der U 21 zum “Senioren”- (bzw A-) Level der schwierigste, die Entwicklung im Alter von 19 bis 21.

Peter de Villiers, ein Kap-Mischling, wurde 2008 Nachfolger von Jake White als Teamchef von Rugby-Weltmeister Südafrika. Der vormalige Trainer der U21-Mannschaft war der erste nicht-weisse Headcoach der Springboks. „Gegenkandidat“ war Heyneke Meyer, früher u.a Coach der “Blue Bulls” Pretoria. Die VF+ und viele aus dem “weissen Südafrika” kritisierten die Wahl. Bei der WM 2011 kamen die Boks unter De Villiers ins Viertelfinale. Der Exil-Afrikaaner in GB, Wessel van Rensburg, schrieb dazu auf seinem Blog mhambi.com: “If any of you were reading Mhambi four years ago during the Rugby World Cup, you would have noticed how negative I was about South Africa. We won the tournament, but it did not lift my mood. No not at all.
Four years later and we don’t have a half bad team. In fact, in some respects its even better. But four years ago the agressive racial and purposefully unreflective debate – that the team were too white – even included threats of withholding visas by the minister of sport. Depressing stuff.”

Nach dem Turnier kam Meyer ans Ruder, bis zur WM 15. Peter de Villiers kritisierte seinen Nachfolger einmal, den farbigen Cornal Hendricks zugunsten des weissen Jesse Kriel aus dem Team genommen zu haben. Peter de Villiers dazu: “That decision took the country back to the late eighties, when blacks supported the opposing team because of apartheid”. Die Diskussion geht weiter.

Kricket

Auch Kricket wurde in Südafrika von seinen frühesten Tagen an nach rassischen Linien organisiert. Auch hier war Südafrika zu Zeiten der Rassentrennung Weltklasse und dann vom internationalen Betrieb ausgeschlossen. Auch hier wurden spät Weltmeisterschaften eingeführt (und gab es davor andere Turniere) und Südafrika hat die ersten paar wegen den Sanktionen verpasst. Auch hier kehrte man im Laufe der Beendigung der Apartheid zurück, ist an die (erweiterte) Weltspitze zurückgekehrt und gibt es Streitereien und Diskussionen über Rassismus bzw politische Eingriffe bezüglich der ethnischen Zusammensetzung von National- und Klubteams sowie der Strukturen. Wie Rugby wird auch Kricket in relativ wenigen Staaten ernsthaft betrieben.

Andre Odendaal (früher selbst Cricketer) hat in seinem Buch “The Story of an African Game” herausgearbeitet, dass Kricket seit Mitte des 19. Jh von Schwarzen im südlichen Afrika gespielt wurde und nicht (nur) ein Spiel privilegierter Weisser war. Auch indische Südafrikaner beteiligten sich natürlich am Kricket. Die 1890 gegründete weisse South African Cricket Association (SACA) spielte den Currie Cup aus, dessen Trophäe wie jene der Rugby-Meisterschaft vom britischen Reeder Donald Currie gestiftet wurde. Der Bewerb wurde während des Südafrikanischen Krieges 1899-1902 ausgesetzt, und dann auch während des 1. Weltkriegs.

Für Nicht-Weisse gabs den SA Coloured Cricket Board (SACCB), der die Barnato Memorial Trophy ausspielte. Dieser Verband spaltete sich in den folgenden Jahrzehnten (vor der Apartheid) in den schwarzen SA Bantu Cricket Board (SABCB; >NRC-Trophy), den farbigen SAICCB (> David Harris Trophy), die indische SAICU (>Christopher Floating Trophy), auf. 1947 vereinten sie sich wieder zum SA Cricket Board of Control (SACBOC) und zur Meisterschaft um die Dadabhay Trophy. In 1960ern spaltete sich der schwarze SAACB ab, die SACBOC blieb für Asiaten und Mischlinge. Als Folge der Rassentrennung bzw der weissen Vorherrschaft mussten jene, die gegen diese kämpften, die (Selbst-)Definition über die Rasse mitmachen.

Es gab, wie im Rugby, neben der weissen Nationalmannschaft “farbige”. Die weisse, “eigentliche” Kricket-Nationalmannschaft Südafrikas hatte als Test-Gegner nur Australien, England und Neuseeland; “farbige” Gegner wie Indien oder die Westindies kamen nicht in Frage und andere (weisse) Teams hatten nicht das Niveau. Auch im Kricket betrieben “farbige” Commonwealth-Staaten wie Indien den Ausschluss Apartheid-Südafrikas.

Später als im Fussball und früher als im Rugby kam es im Kricket zur Isolierung Südafrikas, infolge der D’Oliveira-Affäre. Basil D’Oliveira wurde in Kapstadt mit indischen und portugiesischen Wurzeln geboren, was ihn im Apartheid-System zum Mischling bzw (Cape) Coloured machte. Er spielte für Südafrikas farbiges Kricket-Nationalteam; viele Türen blieben ihm verschlossen. 1960 gelang ihm die Emigration nach Grossbritannien, ab 1966 spielte er für das englische Nationalteam. Für den Jahreswechsel 1968/69 war eine Tour(nee) des englischen Teams in Südafrika geplant, und D’Oliveira war eigentlich dafür vorgesehen.

Der Marylebone Cricket Club (MCC), der für das englische Team zuständig war, verzichtete auf seine Nominierung, wohl aus Appeasement gegenüber dem Apartheid-Regime; begründet wurde die Auslassung des farbigen Spielers gleichwohl mit Leistungsgründen. Nach der Verletzung eines anderen Spielers rückte er dann doch nach. Apartheid-Premierminister Vorster kündigte an, D’Oliveiras “Auftritt” in Südafrika nicht zuzulassen. Schliesslich wurde das Gastspiel der Engländer abgesagt.

Dies hatte entscheidenden Einfluss auf die Entscheidung des Weltverbandes ICC 1970, Südafrika vom internationalen Kricket auszuschliessen. Der Boykott wurde auch hier nicht von allen eingehalten, es kam zu sogenannten “rebel tours”. Könner wie Graeme Pollock waren aber weitgehend vom internationalen Kricket ausgeschlossen. 1975 liess das ICC  erstmals eine Weltmeisterschaft ausspielen.

Die weisse South African Cricket Association (SACA), inzwischen aus der SACU hervorgegangen, versuchte gegenzusteuern, indem die rassisch definierten Verbände unter ein gemeinsames Dach gestellt werden. SACA und SAACB schlossen sich 1972 zum Cricket Council of South Africa zusammen, eine Vorstufe dazu. SACBOC zierte sich lange dagegen. 1976 machte er mit bei der “Vereinigung” mit den anderen beiden zur SA Cricket Union (SACU) mit, Teile von ihm blieben aber abseits, glaubten an keine echte Lösung, gründeten den South African Cricket Board (SACB), der sich mit SACOS verband. SACA-Funktionäre hatten mit dem Versprechen, die Rassenschranken im südafrikanischen Kricket niederzureissen, zur Vereinigung gelockt, auch im Currie Cup. Es kam natürlich nicht zu einer echten Gleichberechtigung, man konnte sich auf die Vorgaben der Regierung ausreden, und das südafrikanische Kricket kam nicht aus seiner internationalen Isolation heraus.

Die weiss dominierte SACU beteiligte sich an Bemühungen des Regimes, die Leute in den Townships zu gewinnen, indem sie ihnen Kricket-Ausrüstung wie Bälle, Schläger, Wickets zur Verfügung stellte. Spielfelder wurden allerdings keine geschaffen. Und, die Leute dort haben wichtigere Bedürfnisse, wie bessere Wohnmöglichkeiten, Wasser, Elektrizität, Bildung, medizinische Versorgung.

Als De Klerk 1990 mit seinen Reformen begann, war im Kricket gerade ein Streit zwischen der SACU und den Anti-Apartheid-Sportorganisationen NSC und SACOS im Gange, in dem es um eine kommende englische rebel cricket tour und Proteste dagegen ging. Schliesslich fand man im neuen Geist einen Kompromiss und auch im Kricket ging es mit Versöhnung los.

Unter Vermittlung des ANC-Sportsprechers Steve Tshwete vereinigten sich SACU und SACB im Juni 1991 zum United Cricket Board of South Africa (UCBSA)  – Kricket war erste Sport, in dem Einheit erreicht wurde. Es folgte die Aufhebung der Rassentrennung im Kricket, nicht-weisse Spieler und Klubs wurden in die Meisterschaft integriert. Im selben Jahr hob das ICC die Einschränkungen gegen Südafrika auf. Es war (das vehement gegen die Apartheid engagierte) Indien, das das südafrikanische Nationalteam in dem Jahr zur Rückkehr auf die Weltbühne einlud, das sein erstes offizielles Match seit 1970 spielte, in Kolkata. Das Nationalteam wurde (theoretisch) geöffnet für Nicht-Weisse, auch hier blieb aber weisse Dominanz.

Mandela and Tshwete setzten sich beim ICC dafür ein, dass der UCBSA zur WM 1992 eingeladen wird; was dann auch geschah. Südafrika wurde beim WM-Debut Dritter. Früher auch Springboks genannt, bekam das Kricket-Nationalteam nun die Bezeichnung “Proteas”, nach den Zuckerbüschen, die so etwas wie Südafrikas Nationalpflanze sind. Clive Rice’s Karriere war mit der internationalen Isolation weitgehend zusammengefallen. Er war 42, als er 1991 wieder international spielen konnte. Aber für die WM 1992 wurde er als zu alt eingeschätzt und nicht mitgenommen. Er starb letztes Jahr an einem Tumor.

Es folgten weitere WM-Teilnahmen, mit gemischtem Erfolg; 03 hat Südafrika die Kricket-WM ausgerichtet, schied in der Vorrunde aus. Aus dem UCBSA wurde Cricket South Africa (CSA). Currie Cup war der Name der Meisterschaft bis 1990/91, dann bis 1996/97 Castle Cup und anschließend Supersport Series; seit der Saison 2012/13 heisst der Wettbewerb Sunfoil Series. Bis zur Saison 2004/05 nahmen Provinzteams teil, seither sechs Franchises.

Der Streit um nicht-weisse Spieler in der Nationalmannschaft und den Klubs der Liga begann schon anlässlich der WM 92. Der 40-jährige Farbige Omar Henry war schliesslich der Einzige unter den 14 Nominierten. Mainstream-Medien schrieben dass die Nominierung rein nach Qualitätskriterien erfolgen sollte (merit selection) und wenn es eben keine schwarzen Klasse-Spieler gäbe… Künftige Streits im Rugby wurden hier vorweg genommen. Auch hier ist die Frage, ob es jenen, die merit selection das Wort reden, wirklich um Qualität geht, oder um die Aufrechterhaltung des Status quo. “Auswahl rein nach Leistung” baut automatisch auf den in der Apartheid geschaffenen Ungleichheiten auf. Auch hier also eine Entsprechung zur allgemeinen politischen Diskussion, Affirmative action und dergleichen betreffend.

Wenn man die Elite-Cricketers Südfrika (nach der Apartheid) ethnisch aufschlüsselt, dominieren Weisse (Afrikaaner und Englischsprachige), vor Indern (moslemischen und hinduistischen), dann Farbigen und zuletzt die Schwarzen. Makhaya Ntini war 1998 der erste schwarze Südafrikaner, der für die Proteas spielte. Seither ist nur ein gutes Dutzend dazu gekommen, wie Ashwell Prince und Tsolekile.

Von daher ist es nicht so abwegig, dass 2004 von der Politik in der obersten Liga “Rassen-“Quoten vorgegeben wurden, die eine gewisse Anzahl Nicht-Weisser im Team vorschreiben. Die Quoten wurden über die Jahre angehoben und Nachwuchs-Nationalteams repräsentieren bereits eher die demographischen Verhältnisse des Landes. Es zirkulieren Horrorgeschichten über Quoten, etwa dass verletzte schwarze Spieler anstatt fitten weissen in WM-Kader “hineingepresst” wurden. Und natürlich der Hinweis auf Zimbabwe, wo ein Quotensystem im Kricket zu einem Qualitätsverfall in diesem Sport geführt hat.

Andere Sportarten

Allgemein war es so, dass Südafrika in den meisten Sportarten spätestens in den 1980ern ausgeschlossen war vom internationalen Betrieb, und Anfang der 1990er vor dem Hintergrund der Apartheid Rassenschranken im Sport fielen und im Gegenzug Sanktionen aufgehoben wurden. Nur im Golf und Motorsport (auch zwei sehr “exklusive” Sportarten) waren Südafrikaner relativ unangestastet. Jody Scheckter war 1979 der letzte Formel 1-Weltmeister auf Ferrari bis Michael Schumacher 2000; der Grand Prix in Kyalami wurde 1985/93 aus dem FI-Kalender gestrichen, soll wieder rein. Sewgolum (s.o.) wurde 1963 von grossen Golf-Turnieren in Südafrika ausgeschlossen. Währenddessen haben weisse Golfer wie Gary Player internationale Karriere gemacht. Diese zwei Sportarten sind auch nach Ende der Apartheid vorwiegend weiss geblieben.

Der South African Table Tennis Board (SATTB), der in Opposition zum weissen Verband gegründet wurde, wurde 1956 von der International Table Tennis Federation anstelle von diesem anerkannt bzw aufgenommen. Bei der WM 1957 in Schweden durften Sportler des SATTB auch teilnehmen, allerdings wurde ihnen die Ausreise verweigert. Kein Schwarzer könne Südafrika international vertreten, hiess es vom Regime, höchstens über weisse Sport-Organe. In den 1970ern gab es erfolglose Vereinigungsgespräche der beiden Tischtennis-Verbände. Dazu kam es erst in den 1990ern.

Das südafrikanische Davis Cup-Team wurde 1970 ausgeschlossen, teilweise aufgrund der Bemühungen von Arthur Ashe. 1973 wurde es wieder zugelassen und kam im Jahr darauf (mit “Bob” Hewitt, einem Australier, der durch Heirat Südafrikaner wurde) bis ins Finale. Indien (mit den den Amitraj-Brüdern) weigerte sich dort, gegen Südafrika anzutreten, und so bekam dieses kampflos den Sieg. Dann wurden Südafrikaner wieder von diesem Team-Bewerb ausgeschlossen; auf der ATP-Tour waren sie weiter unterwegs. Johan Kriek und Kevin Curren, die Grand Slam-Finale erreichten, waren aber zuvor USA-Staatsbürger geworden. Einer der als Südafrikaner auftrat und erfolgreich, war Christo van Rensburg  (80er, 90er). Er hat sich dezidiert gegen die Apartheid ausgesprochen. Der südafrikanische Tennisverband SATU war anscheinend etwas liberaler als andere Sport-Behörden, aber damalige Gesetze verhinderten echte Integration. Schwarze Tennis-Spieler wie Mark Mathabane hatten keine Chance.

Im Zuge der Transformation Südafrikas vereinigten sich SATU und die farbigen bzw multirassischen Verbände, zu Tennis South Africa (TSA), und traten der International Tennis Federation (ITF) bei. Ab 1992 waren Südafrikaner wieder bei Davis Cup, Fed Cup, Olympia dabei; van Rensburg, Ferreira oder Coetzer konnten von da an auch bei diesen Bewerben antreten.

Im Leichtathletik wurde Südafrika bzw die SAAAU 1976 von der IAAF ausgeschlossen. Zola Budd brach 1984 mit 17 Jahren den Weltrekord über 5000m, der aber nicht anerkannt wurde, da er ausserhalb der Auspizien der IAAF erbracht wurde. Sie trat dann wie erwähnt für Grossbritannien an. Matthews Batswadi, ein schwarzer Langstreckenläufer, hatte seine beste Zeit in den Jahren nach dem Ausschluss, als die SAAAU die Rassenschranken lockerte.

1991 die Vereinigung der SAAAU mit SAAAB (mit SACOS verbunden) und SAAAC (mit NOSC verbunden) zur SAAAA. IAAF-Präsident Nebiolo gewährte dieser gleich die Aufnahme. Er lud den südafrikanischen Verband zur LA-WM im August/September 91 in Tokio ein. In der SAAAA gab es aber interne Differenzen ob die Transformation schon weit genug fortgeschritten war, oder die Teilnahme einer Anerkennung von Apartheid-Strukturen gleichkäme; sie entschied sich daher dagegen. 28 südafrikanische Leichtathleten stellten darauf hin den Antrag, “unabhängig” an der WM teilnehmen zu können, was nicht möglich war. Die Vereinigung der LA-Verbände wurde rückgängig gemacht und neu verhandelt, im Februar 1992 entstand schliesslich Athletics South Africa (ASA), anstelle von der SAAAA. ASA wurde von der IAAF anerkannt, Stunden nachdem Nebiolo in das IOC aufgenommen worden war; darum war es ihm hier nicht zuletzt gegangen.

Von Bedeutung sind darüber hinaus noch Schwimmen, Boxen, Segeln, Rad. Kapstadt hat sich für Sommer-Olympia ’04 beworben; irgendwann in den nächsten Jahrzehnten wird Südafrika Olympische Spiele ausrichten.

Material

John Nauright: Sport, Cultures, and Identities in South Africa (1998); neue Ausgabe 2010: Long Run to Freedom. Sport, Cultures and Identities in South Africa

Douglas Booth: The Race Game. Sport and Politics in South Africa (1998)

O. Alpheus Koonyaditse: The Politics of South African Football (2010)

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  1. 1957 verbot die SAOCGA aufgrund dessen gemischtrassige Bewerbe unter den Fittichen seiner Mitgliedsverbände – die gab es aber auch davor so gut wie nicht
  2. Das britische NOK hatte im Vorfeld beim IOC erreicht, dass ein südafrikanisches Team teilnehmen konnte, statt vier
  3.  Besonders unter den Afrikaanern (hauptsächlich Männern) gab es in früheren Jahrhunderten Individuen, die Partnerschaften mit Angehörigen anderer “Rassen” eingingen. Deren Nachkommen gingen oft unter den Afrikaanern auf. Zu Apartheid-Zeiten wurde die Bevölkerung in vier Rassen klassifiziert und waren sexuelle Beziehungen zwischen Angehörigen verschiedener verboten. Und die Abgrenzung zwischen “Weissen” und “Farbigen” war oft nicht so eindeutig
  4. Übrigens, und aus solchen Implikationen geht klar hervor, dass es sich nicht um eine Trennung in gleichberechtigte Kollektive handelte, die Schwarzen oder Asiaten Südafrikas hatten nicht die Möglichkeit, sich mit ausländischen Sportlern ihrer “Rasse” zu messen
  5. Frederick John Harris wurde Mitglied des African Resistance Movement (ARM), das Anfang der 1960er als National Committee of Liberation (NCL) gegründet worden war, von Mitgliedern der hauptsächlich weissen südafrikanischen Liberalen Partei. Bei einer Polizei-Razzia 1964 wurde bei einem ihrer Anführer, Adrian Leftwich, in Kapstadt viel Material über die Aktivitäten und die Mitglieder des NLC/ARM gefunden. Dies und Aussagen von Leftwich ermöglichten den Apartheid-Kräften die Verhaftungen und dann Verurteilungen der meisten Aktivisten (zu Gefängnis-Strafen). Der nicht gefasste Harris platzierte einen Brandsatz im Johannesburger Hauptbahnhof, in einem Wartesaal für Weisse und gab eine Warnung an die Polizei durch, die nicht reagierte. Der Anschlag tötete eine Person und verletzte mehrere. Durch die Aussage eines anderen Mitkämpfers aufgeflogen, wurde Harris 1965 gehängt, als einzige weisse Person im Kampf gegen Apartheid
  6. Geduldet wurden von Südafrika fünf Maoris und ein Samoa-stämmiger im neuseeländischen Team
  7. Ende Mai 1994 wurde das Waffenembargo von 1977 durch die UN aufgehoben
  8. COSAS = Confederation of South African Sport, eine “weisse Organisation, die aus der South African Sports Federation (SASF) hervorgegangen war und sich um nicht-olympische Sportarten kümmerte
  9. Mit Gründung des INOCSA wurde aus NOSC wieder NSC
  10. Die Zeitung war 1976 von Louis Luyt gegründet worden, der auch als Rugby-Funktionär in Erscheinung trat. Während der Muldergate-Affäre (Informationsskandal) 1978 wurde bekannt, dass das Regime (auch) die Zeitung von der Gründung weg finanziell “unterstützt” hatte, um eine günstige Presse zu bekommen
  11. Bei Olympia 1996 und 2000 sorgte sie mit ihren Medaillien und ihren Tätowierungen für Aufsehen. In Atlanta war das ein Springbok (der als politisches Statement interpretiert wurde) und in Sydney ein kanadisches Ahornblatt
  12. Rest-Jugoslawien wurde aufgrund seiner Rolle in den Kriegen in Kroatien und Bosnien ausgeschlossen, individuelle Athleten durften aber als “Nations-Unabhängige” teilnehmen; Makedonien war aufgrund des Namensstreits mit Griechenland noch nicht teilnahmeberechtigt, auch von dort nahmen einige Unabhängige teil; Kroatien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina nahmen erstmals als unabhängige Staaten teil
  13. Bei seinen Mitstreitern Patrick M. “Terror” Lekota und Gabriel M. “Tokyo” Sexwale stecken die sportlichen Leidenschaften in ihren Spitznamen: bei Lekota die Art, Fussball zu spielen, bei Sexwale der ostasiatische Kampfsport
  14. Das Ellis Park-Stadion in Johannesburg etwa wurde ursprünglich für Rugby gebaut, ist aber meistens nur bei Fussball-Spielen ausverkauft
  15. Bafanas beste Spiele immer gegen Spanien: 2002 (WM), 2009 (Confederations Cup), 2013 (Freundschaftsspiel)
  16. Der Anti-Apartheid-Kämpfer Stephen Biko spielte es dort etwa auch
  17. Das Leistungsgefälle im Rugby führt dazu, dass sich die Teilnehmerliste der Weltmeisterschaften fast nie verändert
  18. Die Partei hatte ihre Basis unter den ruralen und ärmeren Afrikaanern; sie gewann nie Sitze bei Wahlen (evtl. einen bei einer Nachwahl). Die noch rechtere bzw militantere Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB) spaltete sich von ihr ab. Die später ebenfalls von der NP abgespaltene Konservative Partei war erfolgreicher als die HNP, wurde in den letzten Jahren der Apartheid eine Konkurrenz für die NP. Die HNP boykottiert das Post-Apartheid-Südafrika seit 1994
  19. Für Neuseeland gilt im Rugby, was im Fussball für Brasilien gilt: Nicht das Mutterland, aber der Lehrmeister
  20. So ging es in Apartheid-Südafrika auch öfters Geschäftsleuten aus Japan oder Israelis, die nicht hell genug waren
  21. Tobias wurde später Bürgermeister seiner Heimatstadt Caledon im Westkap und TV-Ko-Kommentator für Rugby-Spiele
  22. Zumindest ein Teil der neuseeländischen Anti-Apartheid-Aktivisten nahm die Sache zum Anlass, sich auch Themen die neuseeländischen Maoris betreffend zu widmen, etwa dem Vertrag von Waitangi und seinen unterschiedlichen Auslegungen
  23. Bis dahin gab es “nur” Turniere wie das der „Five Nations“-Turnier – heute zwischen „Six Nations“ gespielt
  24. Der ehemalige SARU-Präsident Patel war ab 92 Cravens “Co-Präsident” gewesen, nach dessen Tod 93 dann Präsident der SARFU
  25. Auch mit Katholiken bzw Südeuropäern hatte das Apartheid-System ein Problem, sah diese nicht als ebenbürtig. Aber auch diesen, nach der Unabhängigkeit der portugiesischen Kolonien im südlichen Afrika einströmenden, Weissen konnte man sich nicht verweigern
  26. Und nicht nur dieser. Im Vorrunden-Spiel zwischen Côte d’Ivoire und Tonga wurde der Ivorianer Max Brito zwischen mehreren Spielern “eingequetscht”, er blieb vom Hals abwärts gelähmt. Nur eine Fussnote
  27. Bei der WM 1991 waren in England auch zwei Südafrika-Fans aufs Spielfeld gelaufen, mit einem Banner, auf dem ihr Team als “Unofficial World Champions” proklamiert wurde
  28. Im rumänischen Eishockey-Nationalteam gibt es aber Konflikte aufgrund des hohen Anteils von ungarischen Rumänen
  29. Ein Springbok-Spieler (“Os” du Randt) war bei beiden WM-Siegen 1995 & 2007, dabei, aber sowohl 95 (Pienaar, van der Westhuizen, Stransky) als auch 07 (Smit, Montgomery, Habana) waren andere die Stars (du Randt 95 nicht mal Ersatz)

Vom Erbe der Apartheid

Die Apartheid in Südafrika bedeutete rassische Hierarchie und Afrikaaner-Vorherrschaft; ersteres war auch vor der Alleinregierung der Nationalen Partei schon, weniger formell, gegeben. Apartheid beinhaltete auch den Versuch, die Asiaten und Mischlinge gegen die schwarze Bevölkerungsmehrheit auszuspielen. In den anglosächsisch dominierten Ländern USA, Kanada, Australien, Neuseeland war bezüglich der Abtrennung und Schlechterstellung der “Farbigen” lange ähnliches gegeben wie in Südafrika und seinen Nachbarländern Südwestafrika (Namibia; das vom 1. Weltkrieg an bis zur Unabhängigkeit von Südafrika verwaltet wurde) und Rhodesien (Zimbabwe). Brachte die Apartheid abseits aller falscher Apologetik auch gutes für das Land oder wenigstens einzelne Gruppen? Nun, was die Afrikaaner/Buren betrifft, in den 1950er-Jahren (als die Apartheid noch ziemlich jung war) war noch die Mehrheit von ihnen auf Farmen beschäftigt oder arbeitete in minderqualifizierten Tätigkeiten als Industriearbeiter. Mitte der 1970er hatten ungefähr 70% den Aufstieg zu einer neuen Mittelschicht vollzogen. Diese musste aufgrund ihres höheren Bildungsstandes keine Konkurrenz von Schwarzen um Arbeitsplätze mehr fürchten; diesen wurde nun fast jede Bildung vorenthalten.

Die Haltung vieler Staaten des Westens zum Apartheid-Regime war beschämend, viele haben erst in den 1980ern ihre enge wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit mit dem Regime eingestellt; als Rechtfertigung wird gerne die Frontstellung des Kalten Krieges genannt. Dass die Sowjetunion Befreiungsbewegungen des südlichen Afrikas unterstützte, sagt aber eher etwas positives über deren Aussenpolitik aus, als dass sie westliche entschuldigt. Kein Staat ausserhalb der “Dritten Welt” hat mehr gegen die Apartheid getan als die Sowjetunion, auf verschiedenen Ebenen. Nelson Mandela und der ANC (African National Congress) begannen Anfang der 1960er den bewaffneten Kampf gegen die Apartheid (der sich mit jenem in den südafrikanischen Nachbarländern verband), setzten sich dann Anfang der 1990er mit der NP-Regierung an den Verhandlungstisch und leiteten nach der freien Wahl von 1994 den Übergang zur Demokratie.

Zu Apartheid-Zeiten betrieb Südafrika mit auswärtiger Hilfe ein Atomwaffenprogramm; 1988 hat das Regime in Angola einen Einsatz erwogen, kurz bevor der Konflikt dort und in den anderen Ländern des südlichen Afrika, nicht zuletzt wegen der Entschärfung des Kalten Kriegs, einem Ende zusteuerte. Die Atomwaffen (die erst nach ihrer “Entschärfung” offiziell bekannt gegeben wurden) wurden praktisch parallel mit der Apartheid aufgegeben; die Opposition zum Aufgeben des militärischen Atomprogramms war gleichzeitig eine zur Beendigung der Apartheid, etwa beim 2008 verstorbenen Atomwissenschafter “Wally” Grant.

Parteitag der Nationalen Partei 1985, am Rednerpult der damalige Staatspräsident Pieter W. Botha
Parteitag der Nationalen Partei 1985, am Rednerpult der damalige Staatspräsident Pieter W. Botha; “1915” bezog sich übrigens auf das Gründungsjahr der Partei

Renfrew Leslie Christie, ein weisser Südafrikaner, fand sich mit 17 Jahren in der Armee des Apartheid-Regimes wieder, das war Ende der 1960er. “Manche in meiner Familie hatten im 2. Weltkrieg [an dem Südafrika durch seine damals noch enge Bindung an Grossbritannien an der Seite der Alliierten teilnahm] Hitler und den Faschismus bekämpft. Mit 17 war mir schon klar dass die Apartheid bekämpft werden musste und ein bewaffneter Kampf das Mittel dazu war.” Als er in der Militärbasis in Lenz bei Johannesburg ein Munitionslager bewachen musste, bemerkte er etwas, dass ihn auf den Verdacht brachte, dass die Apartheid-Regierung etwas mit Nuklearwaffen zu tun hatte. An diesem Punkt begann seine Jagd nach den Apartheid-Atombomben. Aus stiller Ablehnung der Apartheid wurde bei Renfrew Christie ein aktives Engagement. “Ich habe dieser Regierung nicht getraut und wollte nicht, dass sie über Atomwaffen verfügt. Daher habe ich später Informationen an den ANC weitergegeben. Auch als ich dann im Gefängnis war, habe ich mein Verhalten nicht bereut”, sagt er. Anfang der 1970er, als er in Kapstadt studierte, wurde er Vizepräsident der Studentenvereinigung NUSAS. Als sein Armee-Regiment 1975 nach Angola geschickt wurde, kurz nach dessen Unabhängigkeit, hatte er gerade ein Stipendium an der Universität Oxford (GB) gewonnen und durfte daher Südafrika anderwärtig verlassen.

Christie schrieb dort seine Geschichts-Dissertation über die Elektrifizierung Südafrikas; dies gab ihm einen Vorwand, beim Elekrizitätsversorger Eskom zu forschen, auch die Pläne bezüglich Uran-Anreicherung und Plutonium-Erzeugung für das geplante Atomkraftwerk Koeberg bei Kapstadt einzusehen. Aus den Mengenangaben liess sich berechnen, wieviel spaltbares Material für Atomwaffen abgezweigt werden konnte. Bei seinen Heimatbesuchen aus Oxford machte Christie auch Filmaufnahmen über die Realität der Apartheid, etwa in Soweto, wo sich 1976 der Aufstand ereignete. Christie begann, Unterlagen über das damals international nur vermutete Atomwaffenprogramm des Apartheid-Regimes an den ANC (dessen Führung im Exil residierte) weiterzugeben; etwa den Bericht von einer Untersuchung des südafrikanischen Atomic Energy Board über mögliche Orte für nukleare Tests in Südafrika, die sich anscheinend darauf beschränkte, die (Folgen von) Explosionen in „schwarzen“ Wohngegenden zu untersuchen und den radioaktiven Niederschlag in „weissen“.

Christie könnte auch eine vorbereitende Rolle bei Anschlägen der ANC-Miliz Umkhonto we Sizwe auf Kraftwerke in Südafrika gespielt haben – die keine Menschenleben kosteten oder gefährdeten. Die von Abdul Minty geleitete World Campaign against Military and Nuclear Collaboration with South Africa thematisierte das Atomprogramm des südafrikanischen Regimes immer wieder. Minty, ein indischer Südafrikaner, nahm nach dem Ende der Apartheid eine wichtige Rolle im Aussenministerium des Landes ein und kandidierte 2009 für den Posten des Generaldirektors der IAEO in Wien.

1979 kehrte Christie nach Südafrika zurück und wurde bald verhaftet. Er war von dem Apartheid-Agenten Williamson (s.u.), der die internationale Anti-Apartheid-Bewegung infiltriert hatte, aufgedeckt worden. Bei den polizeilichen Einvernahmen in Johannesburg wurde er auch gefoltert. Als es 1980 zum Prozess kam (er sass sieben Monate in Einzelhaft), drohte ihm sogar die Todesstrafe. Dennoch nutzte er die Gelegenheit, noch Empfehlungen an den ANC auszusprechen; er verpackte diese in einem “Geständnis”, das der Richter laut vorlas und damit weiterverbreitete… Er wurde unter dem Terrorismus-Gesetz verurteilt, unter dem er auch verhaftet worden war, zu zehn Jahren Gefängnis. Diese hatte er im Zentralgefängnis von Pretoria zu verbüßen.

Dort wurde er Ohrenzeuge von über 300 Todesstrafen-Vollstreckungen durch Hängen, an politischen Aktivisten wie gewöhnlichen Kriminellen. Die Nähe der Zelle zum Galgen war Teil der Strafe, die man für ihn grausam gestalten wollte. Er erinnert sich daran, dass das Gefängnis zwei bis drei Tage vor einer Exekution mit Gesang erfüllt gewesen war, um den Verurteilten den Abschied von dieser Welt etwas erträglicher zu machen. Am Tag der Hinrichtung gab es dann den Klang der Falltüre und das Hämmern von Nägeln, nachdem der Tote in einen Sarg gelegt worden war. Christie traf im Gefängnis in Pretoria auch Dimitri Tsafendas, der 1966 den “Apostel der Apartheid”, Premierminister Hendrik Verwoerd, ermordet hatte.

Tsafendas, griechisch-mosambikanischer Herkunft, war damals Parlamentsdiener gewesen. Zum einen war er unglücklich mit seiner Stellung im Apartheidsystem gewesen, die auch etwas von einem Kastensystem hatte, zum anderen sind psychische Probleme als Motivation für seine Tat anzuführen (er sagte aus, dass ein Bandwurm in ihm Anweisungen gäbe) – wobei diese zwei Faktoren wohl auch miteinander korrelierten. Wie Brian Bunting in “The Rise of the South African Reich” schrieb, war die Tat von Tsafendas, wie auch der Mordversuch an Verwoerd durch einen Weissen, David Pratt, sechs Jahre zuvor, weniger die Aktion individueller Gewalttäter mit psychischen Problemen, als Symptom einer gestörten und unterdrückten Gesellschaft, in der sich Spannungen so entluden.

Christie machte in Haft einen weiteren Studienabschluss, in Wirtschaft. Während seiner Zeit im Gefängnis bekam er auch mit, dass seine Freundin aus der Zeit an der Witwatersrand-Universität, Jeanette Schoon, in Angola von einer Paketbombe getötet worden war (s.u.). Zu den politischen Gefangenen des schwarzen Widerstands war er durch die konsequente Rassentrennung auch in Haft getrennt; Nelson Mandela und die meisten anderen von ANC, PAC, z.T auch von der namibischen SWAPO, saßen auf Robben Island vor Kapstadt, mehr als 1500 km entfernt von den weissen “Politischen” in Pretoria. 1986 wurde Christie vorzeitig freigelassen, nach 7 Jahren in Haft. Nachdem Anfang der 1990er die Weichen für eine Demokratisierung Südafrikas gestellt waren, widmete er sich wieder Forschung und Lehre; wobei er vorher aufgrund seiner politischen Tätigkeit auch an keiner Universität eine Chance hatte.

Er ist heute an der Westkap-Universität in Kapstadt  (UWC), scheint sich auch weiter mit dem südafrikanischen Nuklearprogramm beschäftigt zu haben. Seine Oxford-Dissertation “The Electrification of South Africa, 1905-1975” (1979) dürfte abseits der “Hintergedanken”, die er bei der Wahl des Themas hatte, eine wichtige und lesenswerte Arbeit sein. Die Elektrifizierung Südafrikas wurde, nebenbei, erst nach dem Ende der Apartheid für alle vollendet. Das 1984 erschienene Buch von ihm, “Electricity, Industry, and Class in South Africa” scheint ein “Abspann” bzw. eine Verarbeitung seiner Doktorarbeit zu sein. Christie arbeitet auch in einem Beratungsgremium für das Verteidigungsministerium sowie in einer Bezirksgruppe des ANC in Kapstadt mit. Nelson Mandela hat er nicht gut gekannt, dessen langjährige Ehefrau Winnie schon. Über das heutige Südafrika sagt er: “Es hätte auch so kommen können, dass wir weitere 20 Jahre aufeinander schiessen, wir müssen froh sein, wie es ausgegangen ist. Wir haben eine gewisse Stabilität, politisch und wirtschaftlich, erreicht. Ja, manchmal wird bei uns eine dumme Politik gemacht, aber das gibt es überall auf der Welt.”

Das Atomforschungszentrum in Pelindaba, heute Teil der zivilen nuklearen Infrastruktur Südafrikas. Die erste Atombombe Südafrikas war hier produziert worden
Das Atomforschungszentrum Pelindaba, heute Teil der zivilen nuklearen Infrastruktur Südafrikas. Die erste Atombombe Südafrikas war hier produziert worden

Der von Christie an den ANC weitergegebene Untersuchungsbericht wurde von diesem 1979 auf einem UN-Seminar in London über „Nukleare Zusammenarbeit mit Südafrika“ präsentiert. Teilnehmer an dem Seminar war der “Apartheid-Meisterspion” Craig Williamson, als Vize-Direktor der „Internationalen Universitäts Austausch-Stiftung“ (IUEF). Williamson arbeitete für eine Spezialeinheit der südafrikanischen Polizei und den Militär-Geheimdienst. Er tarnte sich mit einer falschen Identität als Apartheid-Gegner, seit er ein Studium an der “Wits” (Witwatersrand-Universität) begonnen hatte und Funktionär der Studentenvereinigung NUSAS wurde, und infiltrierte im Auftrag des Regimes die internationale Anti-Apartheid-Bewegung („Operation Daisy“). Er setzte dies 1976 zunächst im Exil in Botswana fort, machte dort Bekanntschaft mit Lars-Gunnar Eriksson, Leiter der IUEF, die Stipendien für afrikanische Studenten vergab, in der Schweiz ihren Sitz hatte und von der schwedischen Regierung unter Olof Palme unterstützt wurde, die überhaupt ein Förderer der Anti-Apartheid-Bewegung war.

Williamson wurde Vize-Direktor der Stiftung, nutzte die Position zum Ausspionieren von Anti-Apartheid-Aktivisten und zur Zweckentfremdung von IUEF-Geldern für das Apartheid-Regime. Die Tätigkeit brachte ihn auch in Kontakt mit Bernt Carlsson, Olof Palmes Wegbegleiter und Generalsekretär der Sozialistischen Internationale (SI) – und späteres Opfer des Fluges, der aufgrund eines Anschlags über dem schottischen Lockerbie abstürzte (s.u.). 1980 wurde Williamson enttarnt, durch einen Überläufer des südafrikanischen State Security Council den einen Angaben zufolge, durch die britische Zeitung “The Guardian” nach anderen. Ihm gelang die Rückkehr nach Südafrika; er zog von dort aus in den folgenden Jahren bei vielen Gewalttaten des Apartheid-Regimes die Fäden.

Etwa bei den Briefbomben an Ruth First und die Schoons, weissen Regimegegnern im Exil. Bei anderen wird er der Urheberschaft verdächtigt, so beim Mord an Olof Palme, an der ANC-Repräsentantin in Paris, Dulcie September, oder beim Flugzeugabsturz von Samora Machel, dem Präsidenten Mocambiques (dessen Witwe später Nelson Mandelas dritte Ehefrau wurde). 1987 versuchte Williamson, für die regierende Nasionale Party den Parlamentssitz in einem liberal geprägten Wahlkreis im Norden Johannesburgs zu erlangen, verlor aber gegen den Kandidaten der Progressive Federal Party (eine Vorgänger-Partei der heutigen Democratic Alliance). Er wurde im selben Jahr Mitglied des Präsidialrates und blieb es bis 1991. Williamson rekrutierte auch eine Spionin, die wie er eine gewisse Bekanntheit erlangte, Olivia Forsyth. Sie lief irgendwann zum ANC über, was aber möglicherweise Teil ihres Spiels bzw. ihres Auftrags war. Ein anderer Günstling Williamsons war Joseph Klue, der auch mit etlichen Gewaltakten in Verbindung gebracht wird.

Das Apartheid-Regime unterstützte auch, über Williamson, die 1986 gegründete International Freedom Foundation (IFF), eine antikommunistische Stiftung in USA, die v.a. Propaganda gegen Gegner der Apartheid lancierte. An ihrer Spitze stand der verurteilte Lobbyist Jack Abramoff. Die IFF unterhielt enge Beziehungen zum Western Goals Institute (in GB), das wiederum enge Beziehungen mit der südafrikanischen Konservativen Partei (die die ersten freien Wahlen 1994 boykottierte) oder der World Anti-Communist League (WACL) unterhielt. In diesen antikommunistischen Netzwerken des (späten) Kalten Kriegs waren auch Milizen und Parteien aus der 3. Welt (UNITA, ARENA, afghanische Mujahedin,…), Exilregierungen von Ostblock-Ländern und Rechts-Konservative im Westen eingebunden.

Williamson war für die IFF in Südafrika verantwortlich. 1988 produzierte Abramoff mit seiner Hilfe im damaligen Südwestafrika den US-amerikanischen Spielfilm “Red Scorpion”. Der Schwede Dolph Lundgren spielte darin wieder mal den bösen Russen (“Leutnant Nikolai Rachenko”, was eigentlich ein ukrainischer Name ist, aber die waren damals noch nicht die Guten), sein Gegenspieler ist ein antikommunistischer Guerilla-Führer, der an den Führer der angolanischen Terrorgruppe UNITA, Jonas Savimbi (von Washington and Pretoria unterstützt), angelehnt ist.

In den 1990ern arbeitete Williamson als Diamantenhändler in Angola, möglicherweise bei der südafrikanischen Söldnerfirma “Executive Outcomes”. Er ersuchte 1995 die Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC), die Verbrechen der Apartheid wie auch im Kampf gegen sie juristisch aufarbeitete, für die Morde an First und den Schoons sowie den Anschlag auf das ANC-Büro in London 1982 um Amnestie. Der hinterbliebene Marius Schoon sagte vor der Kommission aus, er sei nicht bereit, Williamson den Mord an seiner Frau und seiner Tochter zu verzeihen. Für den Anschlag in London erhielten Williamson und sieben andere Mitglieder der Spezialpolizei, darunter der Vlakplaas-Chef Eugene de Kock (einer der wenigen Apartheid-Funktionäre, die dann vor der Kommission nicht ungeschoren davonkamen), 1999 Amnestie. Für die anderen Verbrechen wurde Williamson nach langen Erhebungen im Juni 2000 ebenfalls Amnestie gewährt, da sie nach Ansicht der Kommission politisch motiviert waren (was meist schon ausreichte). Nach der Verkündung des Urteils kam es zu Protesten. In seinen “inoffiziellen” Stellungnahmen zu seiner Vergangenheit kam keine Reue, nur Apologetik.

Marius Schoon war der wichtigste/prominenteste Afrikaaner im Anti-Apartheid-Kampf nach “Bram” Fischer, einem Enkel eines Präsidenten des Oranje-Freistaats, der sich der SACP anschloss und im Gefängnis starb. 1977 heiratete Schoon Jeanette Curtis, die wie er gegen die Apartheid eingestellt war, auf der Universität und in der Gewerkschaft diesbezüglich aktiv war. Das Paar entschied sich, Südafrika zu verlassen, und die Apartheid von aussen zu bekämpfen anstatt im Land verhaftet zu werden. Sie gingen, mit ihren Kindern Kathryn and Fritz, zuerst nach Botswana, dann nach Angola, agierten im Umfeld des ANC. Craig Williamson war Kommilitone von Marius Schoon gewesen, erschlich sich das Vertrauen der exilierten Familie. 1984 organisierte er einen Brief-/Paketbombenanschlag auf sie – er galt primär Marius, tötete aber Jeanette und die 6-jährige Tochter Kathryn. Ausgeführt wurde der Anschlag vom selben Polizei-Agenten wie der Briefbombenanschlag auf Ruth First in Mocambique zwei Jahre zuvor, Roger Raven.

Ruth First und ihr Mann Joe Slovo waren jüdische Südafrikaner, Kommunisten, in der Führung der SACP, auch lange im Exil in Afrika und Europa. Slovo wurde nach dem Ende der Apartheid unter Nelson Mandela Minister. Für solche Mordanschläge machte das Apartheid-Regime damals interne ANC-Machtkämpfe verantwortlich… Marius kehrte Anfang der 1990er, als De Klerk den Übergang von der Apartheid zur Demokratie einleitete, nach Südafrika zurück, heiratete noch einmal und kämpfte vor seinem Krebstod 1999 vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission gegen Amnestie für die Mörder seiner Familie; neben Williamson und Raven war das ein Willem Schoon, alle bekamen aber am Ende Amnestie. Marius’ Sohn Fritz und Ruth Firsts Töchter, darunter die Autorin Gillian Slovo, brachten 2002, 2 Jahre nach der Amnestie-Entscheidung, einen Antrag auf Überprüfung dieses Urteils ein. Vertreten wurden sie dabei von George Bizos, der auch schon Nelson Mandela verteidigt hatte. Williamson wurde dann zur Zahlung einer Kompensationssumme verurteilt, die einer Stipendiats-Stiftung zugute kommen sollte – womit sich bei ihm beinahe ein Kreis schliessen würde. Nachdem er dem nicht nachkam, fand 08 eine Pfändung bei ihm statt.

Dieter Gerhardt, 1953 aus der BRD nach Südafrika eingewandert, dort in der Marine Karriere gemacht, ging den umgekehrten Weg wie Williamson. Er wurde 1983 mit seiner Frau Ruth wegen Spionage für die Sowjetunion verurteilt. Gerhardt war zur Zeit eines wahrscheinlichen südafrikanisch-israelischen Atomtests vor den zu Südafrika gehörenden Prince-Edward-Inseln 1979 Kommandant der Marine-Basis Simonstown. Nach seiner vorzeitigen Freilassung im Februar 1994 (er ging dann in die Schweiz) sagte er gegenüber Medien dazu, seines Wissens nach habe der Atomtest stattgefunden. Er arbeitet heute in der englischen Wikipedia mit, am Artikel über ihn, unter seinem Klarnamen.

Nach dem gleichnamigen Buch des Franzosen Caryl Ferey kam 2014 der Polit-Thriller„Zulu“ ins Kino. Orlando Bloom und Forest Whitaker kämpfen darin als Polizisten in Südafrika gegen einen Arzt, der früher für das Apartheidregime Gift gegen die schwarze Bevölkerung hergestellt hatte und später synthetische Drogen. Fereys Roman (eher ein Krimi als ein politischer Roman) basiert auf der Geschichte von Wouter Basson und Project Coast. Die Atombomben waren nicht die einzigen Massenvernichtungswaffen, die das Apartheid-Regime produzierte, im Rahmen von Project Coast wurden biologische und chemische Waffen hergestellt. Das Programm hatte seine Wurzel in der Zusammenarbeit Südafrikas mit den Briten im 2. Weltkrieg sowie mit Rhodesiern und Portugiesen, die B- und C-Waffen gegen schwarze Befreiungsbewegungen verwendeten.

Anfang der 1980er begann das südafrikanische Militär mit der Forschung an und systematischen Herstellung von biologischen und chemischen Waffen zur Bekämpfung innerer und äusserer Feinde, unter Verletzung eingegangener internationaler Verträge, dem Genfer Protokoll von 1925 (dem Südafrika 1963 beigetreten war) und der Biowaffenkonvention (die es 1972 unterzeichnet und 1975 ratifiziert hatte). Das Programm wurde bald zu Vorfeldfirmen „ausgelagert”, der junge Militärarzt Wouter Basson wurde Verantwortlicher. Eine dieser Firmen war “Delta G Scientific”, die sich auf chemische Waffen konzentrierte und von Philip Mijburgh, einem Neffen von Verteidigungsminister Magnus Malan, geführt wurde. Coast umfasste die Verbreitung von Anthrax, Mittel zur Unfruchtbarkeitmachung von schwarzen Frauen, Kontaktgifte (damit wurde etwa 1989 ein Anschlag auf den politisch engagierten Pfingstler-Geistlichen Frank Chikane verübt), Drogen (wurden nur in schwarze Gemeinschaften eingeführt, um sie „ruhigzustellen“).

Nachdem F. W. De Klerk 1989 Präsident geworden war, wurde er, wie in das Atomwaffenprogramm, auch in das B- und C-Waffen-Programm eingeweiht, 1990, durch den Leiter der medizinischen Abteilung des Militärs (SAMS), Daniel „Niels” Knobel. De Klerk liess dann nur den defensiven Teil, den Schutz gegen Angriffe mit B- und C-Waffen, wie Arbeit an Gasmasken, weiterlaufen. Die Vorfeldfirmen wurden, nachdem staatliche Geldflüsse versiegten, von Verteidigungsminister Malan (keiner, der De Klerks Umgestaltung unterstützte) privatisiert. Basson kontrollierte diese Firmen zum Teil und verlegte sich auf die Produktion von und den Handel mit Drogen. Konkret ging es um Methaqualon(e), als “Mandrax”, “Quaalude” oder “Mozambin” lange zugelassenes Arzneimittel in vielen Ländern. De Klerk wurde erst durch spätere Untersuchungen (v. a. den „Steyn-Report“) mit der wahren Natur von „Coast“ vetraut, in deren Folge er 1993 das Abdrehen des Programms anordnete.

Noch 1992 waren im Rahmen des Programms hergestellte Stoffe, eingesetzt worden, in Mocambique. Bestände der B- und C-Waffen wurden vernichtet, Dokumente darüber auf CD-ROM’s gebrannt. Basson nahm Kopien davon sowie Drogen mit, wie sich herausstellen sollte. Er unternahm damit mehrere Reisen nach Libyen und gab dort möglicherweise Know how über das Programm weiter. Die USA erfuhren Anfang der 1990er vom Programm und übten Druck aus, die Waffen und die Aufzeichnungen zu zerstören, da sie Vorurteile bezüglich der Kontrolle einer ANC-Regierung darüber hatten; ausserdem verlangten sie, Basson unter “Kontrolle” zu bringen. Der ANC war einmütig für das Abdrehen von „Coast“, nur nicht-tödliche Stoffe wie Tränengas sollten behalten werden. Mandela selbst wusste wenig über die Programme des Regimes für Massenvernichtungswaffen, da sie erst nach seiner Inhaftierung und Verurteilung angelaufen waren. Im August 1994 wurde die neue Regierung unter Mandela, die zuvor nur skizzenhaft Bescheid wusste, davon unterrichtet. Südafrika trat unter ihr 1995 der Chemiewaffenkonvention bei. Project Coast wurde von der Wahrheits- und Versöhnungskommission untersucht, da es hier Geschädigte gab. Basson wurde unabhängig davon in einem eigenen Prozess angeklagt und 2002 freigesprochen. Er wurde auf internationalen Druck wieder vom Militär eingestellt (um ihn daran zu hindern, sein Wissen an andere Interessenten weiterzugeben), führte später eine Klinik.

1995 erschien das Buch „The Mini-Nuke Conspiracy. Mandela’s Nuclear Nightmare“ der britischen Journalisten Peter Hounam und Steve McQuillan. Ihre Red Mercury-Hypothese besagt, dass in Apartheid-Zeiten neben den (nach ihrer Entschärfung) deklarierten Atombomben “Mini-Nukes” auf Basis einer Substanz namens “Red Mercury” (Rotes Quecksilber, dessen Existenz ist umstritten) produziert worden seien. Die Waffen seien seit den letzten Tagen der Apartheid in den Händen weisser (afrikaanischer) Rechtsextremisten. Einige ungeklärte Morde in Südafrika und Europa in den 1980ern und 1990ern stünden in Zusammenhang mit Red Mercury. Einer der Ermordeten, Alan Kidger, ein in Südafrika lebender Brite, Vertreter des Chemiekonzerns „Thor SA“, soll damit zu tun gehabt haben, und mit Project Coast bzw. seinen Vorfeldfirmen in Zusammenhang gestanden sein. Delta G hat von “Thor Chemicals” Quecksilber für unbekannte Zwecke gekauft, kurz danach wurde Kidger ermordet. Peter Hounam hatte sich als seriöser Journalist einen Namen gemacht, er war es, dem der abtrünnige Mitarbeiter des israelischen Atomprogramms, Mordechai Vanunu, 1986 in London seine Informationen anvertraute, für die “Sunday Times”. Hounam wurde in Zusammenhang mit dieser Geschichte 2004 in Israel kurzzeitig festgenommen, als er den gerade aus dem Gefängnis entlassenen Vanunu interviewen wollte.

Dem Buch „The Mini-Nuke Conspiracy” zufolge soll auch die Mission der „Coventry Four“ in Zusammenhang mit Red Mercury gestanden sein. Die „Coventry Four“ waren vier Südafrikaner, die trotz des Waffenembargos gegen das Apartheid-Regime 1984 in Grossbritannien für dieses Waffen und militärisches Zubehör besorgen wollten. An dieser Stelle kommt Patrick Haseldine ins Spiel; der britische Diplomat (nicht zu verwechseln mit Michael Heseltine, Verteidigungsminister unter Thatcher) wurde 1989 entlassen, weil er den sanften Umgang der britischen Regierung mit dem Apartheid-Regime kritisierte, wozu er auch die Genehmigung zur Ausreise der vier in Coventry Verhafteten zählt. Konkret hatte er dies in einem Brief an den „Guardian“ kritisiert und Premier Margaret Thatcher der Komplizenschaft mit diesem Regime beschuldigt. Auch Haseldine ist in der englischen Wikipedia in Artikeln ihn und “seine” Themen betreffend, mehr oder weniger offen, aktiv, als „Phase 4“ und unter anderen Benutzernamen.

Den Nicknamen erklärte er dort als die unerklärte vierte Phase des südafrikanischen Atomwaffenprogrammes. Die bekanntgegebene 3-Phasen-Strategie oder „mehrstufige Abschreckungsstrategie“ des Programms sah in der ersten Phase Ambiguität die nuklearen Möglichkeiten des Regimes betreffend vor. Bei einer ernsthaften Bedrohung würde Phase 2 in Kraft treten, in der Hinweise über die Atombomben an die Führer westlicher Staaten, besonders der USA, zugespielt werden sollten, um Hilfe zu erpressen. Falls das nicht funktionierte, würde in Phase 3 ein offener Test oder die Bekanntgabe des nuklearen Potentials stattfinden. Nach der offiziellen Darstellung waren die Waffen somit nur zur Abschreckung bzw. als Einflußmöglichkeit des Apartheid-Regimes und nicht zum Gebrauch gedacht. Man sei nie über Phase 1 hinausgekommen, hiess es in den offiziellen Bekanntmachungen zum Programm. Gerüchte über eine vierte Phase, den in Erwägung gezogenen Einsatz der Bomben (mit denen Mittelstreckenraketen ausgestattet werden sollten) bzw. die Drohung damit, existier(t)en auch abseits von Haseldine.

Auch namhafte west-deutsche Politiker unterstützten lange das Apartheid-Regime. Noch 1988 war der damalige CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauss Ehrengast von Präsident P. W. Botha. Die Abschaffung der Apartheid sei “unverantwortlich” und die Gleichstellung der schwarzen Mehrheit “nicht wünschenswert”, sagte Strauss damals. Treffen mit ANC-Vertretern lehnte er ab. Bei einem öffentlichen Auftritt rief er: “Nie in meinem 40-jährigen politischen Leben habe ich eine so ungerechte und unfaire Behandlung eines Landes erlebt, wie sie Südafrika widerfährt.”

Patrick Haseldine gehört zu jenen, die glauben, dass das Apartheid-Regime auch für den Lockerbie-Anschlag 1988 verantwortlich war. Ein PanAm-Flugzeug, das am 21. Dezember dieses Jahres am Weg von London nach New York war, explodierte über der schottischen Stadt Lockerbie, alle 259 Insassen wurden getötet, elf Dorfbewohner wurden von Flugzeugtrümmern erschlagen. Am Tag darauf wurde in New York ein Abkommen zwischen Südafrika, Kuba und Angola unterzeichnet, das die Unabhängigkeit Namibias, den Abzug der kubanischen Truppen aus Angola und das Ende der Unterstützung der UNITA und der mosambikanischen RENAMO durch Südafrika sowie des ANC durch Angola vorsah. In dem Flieger, der durch den Anschlag abstürzte, kam, auf dem Weg zur Unterzeichnung, auch Bernt Carlsson, nunmehr UN-Kommissar für Namibia, ums Leben, der das Abkommen auch mit ausgehandelt hatte. Südafrikas Außenminister “Pik” Botha sollte ursprünglich auch diesen Flug nehmen, buchte aber noch um. Zwei hochrangige Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes wurden als Attentäter beschuldigt. Sie sollen einen Koffer mit einer Bombe von Malta aus auf die Reise geschickt haben. Drei Jahre nach dem Anschlag erliessen die USA und Grossbritannien Haftbefehl gegen die Agenten.

Um ihre Auslieferung zu erzwingen, verhängten die Vereinten Nationen 1992 Sanktionen gegen Libyen. Tripolis lieferte die Verdächtigen schließlich aus, machte zur Voraussetzung, dass die UN regelmäßig ihre Haftbedingungen überprüft. Im Jänner 2001 wurde der Libyer Abdelbaset al-Megrahi von einem Sondergericht nach schottischem Recht in den Niederlanden zu lebenslanger Haft verurteilt. Der zweite Angeklagte wurde damals freigesprochen, der Schuldspruch gegen Megrahi hingegen in einer Berufungsverhandlung 2002 bestätigt. Der bis dahin in den Niederlanden inhaftierte Megrahi wurde zur Verbüßung seiner Strafe nach Schottland gebracht, ehe er 2009 wegen einer Krebserkrankung vorzeitig freikam, er starb 2012. Er beteuerte bis zu seinem Tod seine Unschuld. Libyens Machthaber Ghadaffi übernahm 2003 die Verantwortung für den Anschlag. Im Zuge der Bemühungen zur Beendigung ihrer internationalen Isolation sagte die Ghadaffi-Regierung zu, den Familien der Opfer insgesamt 2,7 Milliarden Dollar (zwei Mrd. Euro) Entschädigung zu zahlen.

Ein libyscher Anschlag auf den Flieger in dem sich 190 US-Bürger befanden, hätte durch den Hintergrund der militärischen Konfrontation zwischen Libyen und den USA, die 1986 zur Bombardierung von Tripolis geführt hatte, motiviert sein können. Megrahi veröffentlichte nach seiner Freilassung auf seiner Website Dokumente, aus denen hervorgehen soll, dass einer der Hauptbelastungszeugen offenbar mit Einwilligung der US-Regierung bis zu zwei Millionen Dollar für seine Aussage erhalten hatte. Der Malteser Gaudi hatte im Prozess ausgesagt, dass Megrahi Kleider in seinem Geschäft gekauft habe, welche später in dem Koffer mit der Bombe gewesen sein sollen. Nach dem Sturz Gaddafis im Jahr 2011 reisten britische und amerikanische Ermittler nach Libyen, um nach Hintermännern des Anschlags zu suchen und die Archive zu durchforsten. Die schottische Parlamentsabgeordnete Christine Grahame verwies in einem Gastartikel für den „Independent“ darauf, dass fünf Monate vor Lockerbie ein US-Kriegsschiff eine iranische Verkehrsmaschine mit 290 Menschen an Bord – angeblich versehentlich – abgeschossen habe; ein Racheakt des Iran sei naheliegend gewesen. Grahame wies auch darauf hin, dass einige Angehörige wie auch zahlreiche Experten Megrahi für ein Bauernopfer hielten.

Es gibt noch einen Flugzeug-Absturz, der Fragen aufwirft und mit Apartheid-Südafrika eine Verbindung aufweist (die hier viel enger ist). Die “Helderberg”, eine Boeing 747 Combi der South African Airways, war im November 1987 auf dem Flug von Taiwan nach Südafrika vor Mauritius abgestürzt, alle 159 Insaßen wurden getötet. Einigkeit herrscht darin, dass ein Feuer oder eine Explosion an Bord den Absturz verursacht hat, die Ursache dafür ist auch nach zwei Untersuchungen (eine durch die TRC) unklar. Sie dürfte mit der Fracht des Flugzeugs zusammenhängen, über die es auch verschiedene Angaben gibt, neben Fahrrädern und konventionellen Waffen(komponenten) war in diesem Zusammenhang auch von Red Mercury die Rede.

In der Regierungszeit von Olof Palme war Schweden der einzige westliche Staat, der der Anti-Apartheid-Bewegung, speziell dem ANC, grosszügige Unterstützung zukommen liess. Von daher würde die Ermordung Palmes durch das Regime aus deren Sicht Sinn machen. Eine der brisantesten Aussagen in Vernehmungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission war jene von Eugene De Kock (s.o.), wonach das Apartheid-Regime (er nannte hier Craig Williamson) hinter dem Mord an Palme steckte, wegen dessen Einsatzes gegen die Apartheid. De Kock wiederholte die Aussage in seinem Prozess, sein früherer Vorgesetzter Johan Coetzee bestätigte sie. Ein Team schwedischer Ermittler reiste daraufhin nach Südafrika um den Spuren des ungeklärten Attentats nachzugehen, kam aber anscheinend nicht weiter. In der schwedischen Polizei gab es jedenfalls Elemente, die über die International Police Association (IPA) mit Apartheid-Behörden in Verbindung standen, ausserdem mit der WACL, dem Gladio-Netzwerk, auch mit Neonazi-Gruppen; diese könnten in den Mord bzw. seine Verschleierung involviert gewesen sein.

Manche zeigen auf Bertil Wedin, der Offizier in der schwedischen Armee war, dann im Geheimdienst seines Landes, Söldner im Kongo, Kontakte zum türkischen und südafrikanischen Geheimdienst hatte, mit Craig Williamson zusammenarbeitete – als den Mann, der Palme erschossen hat. 2007 veröffentlichte der südafrikanische investigative Journalist De Wet Potgieter das Buch „Total Onslaught, Exposing Apartheid‘s Dirty Tricks“, in welchem er aufgrund von Indizien den Südafrikaner Roy Daryl Allen als Mörder ausmacht. Dieser lebt mittlerweile in Australien und streitet natürlich ab. Da das Apartheid-Regime Gegner seiner Politik, besonders jene, die im Ausland agierten und sich seiner Kontrolle entzogen, häufig ermordete, wäre der Verdacht beim Palme-Mord nicht so abwegig. Anders sieht es bei Uwe Barschel aus, dieser war kein Apartheid-Gegner; aber ein Geschäft mit dem Regime könnte ihm zum Verhängnis geworden sein. Der (dann getötete) südafrikanische Agent Stoffberg, der Aussagen zum rätselhaften Tod Barschels machte, wird auch als sein Mörder genannt.

Eeben Barlow wanderte von Sambia nach Südafrika ein, diente dessen Apartheidtruppen in Angola, dann Spezialeinheiten der Polizei. Er gründete 1989 die Söldner-Firma “Executive Outcomes”, war dadurch vor und nach der Apartheid Teil von Todesschwadronen. Executive Outcomes hat z. B. in Sierra Leone geholfen, den gestürzten Präsidenten Kabbah wieder einzusetzen, für westliche Firmen (Bodenschätze). Die britische Regierung unter Blair und eine britische Söldner-Firma waren daran ebenfalls beteiligt. Auch in Äquatorial-Guinea oder in Papua-Neu Guinea, wo die Regierung eine Rebellengruppe auf der Insel Bougainville bekämpft, die gegen die Umweltzerstörung durch eine grosse Kupfer- und Goldmine im Besitz der britischen Firma “Rio Tinto” kämpft(e), waren Barlows Kämpfer im Einsatz. 1998/99 wurde die Firma wegen einem neuem Gesetz in Südafrika aufgelöst. Lafras Luitingh, auch ehemaliges Mitglied einer staatlichen südafrikanischen Todesschwadron und dann bei Executive Outcomes, soll verantwortlich gewesen sein für die Ermordung zweier Anti-Apartheid-Aktivisten 1989, des Wissenschaftlers David Webster (wie Barlow ein aus Sambia bzw. dem damaligen Nord-Rhodesien stammender Weisser), ein Anthropologe, der angeblich viel über geheime Waffenprojekte wusste, in Johannesburg und des Rechtsanwalts Anton Lubowski in Windhoek (Namibia, damals noch SWA).

Union Buildings, Pretoria, 10. Mai 1994: Amtseinführung von Nelson Mandela (begleitet von seiner Tochter Zindziswa) als Präsident sowie seiner Stellvertreter Mbeki und De Klerk
Union Buildings, Pretoria, 10. Mai 1994: Angelobungsfeier von Nelson Mandela (begleitet von seiner Tochter Zindziswa) als Präsident sowie seiner Stellvertreter Mbeki und De Klerk; in der Reihe dahinter u.a. die Führung des Militärs unter Generalstabschef Meiring

Im November 1989 ordnete der frisch ins Amt gewählte De Klerk (dem nicht der Ruf eines Reformers vorauseilte) ein Moratorium für Vollstreckungen von Todesurteilen an, eines seiner ersten Reformschritte. Im Februar 1990 leitete er mit einem Paukenschlag die Beendigung der Apartheid ein, zu den im Parlament angekündigten Schritten gehörte die Freilassung Mandelas und die Aufhebung des Verbots des ANC. Der Weg bis zur Wahl 1994 und der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit war ein steiler. Die Hauptverhandlungspartner NP-Regierung und ANC fanden spät einen gemeinsamen Nenner; Kräfte an verschiedenen Rändern des politischen Spektrums versuchten den Übergang von der Apartheid zur Demokratie zu stören, am hartnäckigsten die weisse Rechte und die Herrscher der (schwarzen) Homelands, die aufgelöst werden sollten. Die Gefahr der Eskalation war am grössten, nachdem der ANC-Politiker Chris Hani (der als Mandela-Nachfolger gehandelt wurde) 1993 durch Rechtsextremisten ermordet wurde. Nelson Mandelas Fernsehansprache in dieser Situation, in der er, in staatsmännischer Art, die Bevölkerung zur Ruhe aufrief, bewirkte eine Machtverschiebung im Transformationsprozess.

In dem 1991 veröffentlichten (politischen bzw. alternativgeschichtlichen) Roman „Vortex“ des Amerikaners Larry Bond wird der reformorientierte weisse Präsident Südafrikas vom ANC ermordet. Der Innenminister, ein Reformgegner, wusste von den Attentatsplänen und liess es gewähren. Er wird, nachdem sein politischer Gegner tot ist, Präsident. In Namibia kommt es zur Konfrontation mit aus Angola vorgerückten kubanischen Truppen, Massenvernichtungswaffen kommen zum Einsatz, die Grossmächte intervenieren. Der Roman wurde in den 1980ern geschrieben, noch im Kalten Krieg, und gibt die Befürchtungen und Horrorszenarien wieder, die damals allgemein bezüglich Südafrika geteilt wurden.

Die Democratic Party (DP; heute Democratic Alliance) wurde zwischen den Wahlen 1994 und 1999 die Partei der Weissen und 99 offizielle Opposition (was in den angelsächsisch geprägten Staaten die stärkste nicht an der Regierung beteiligte Partei bezeichnet), gewinnt von Wahl zu Wahl ein paar Prozente dazu. 1994 wählten die meisten Weisse und viele Asiaten und Mischlinge NP, (seit) 99 die DP. Auch die meisten Afrikaaner, trotz ihrer englisch-sprachigen und liberalen Tradition. Wahrscheinlich, weil die DP nun “rassischer” ausgerichtet war als die NNP (wie die ehemalige NP nun hiess), sich mehr als Interessensvertretung der Weissen verstand. Unter Anthony Leon rückte die DP/DA nach rechts. Wobei das Paradigma von den liberalen Englischsprachigen und den konservativen Afrikaanern vielleicht hinterfragt gehört; bei diesen “Konservativen” ist oft mehr Nähe zu Afrika und den Afrikanern da als bei den Anderen, wie auch der (Eigen-)Name schon aussagt.

Die DA steht vor dem Dilemma, einerseits Anliegen der weissen Kernklientel vertreten zu wollen, andererseits, um in das grosse schwarze Wählersegment vorzudringen, “ganzheitlichere” Anliegen bzw. die noch immer vorherrschende Ungleichheit zuungunsten der Schwarzen, behandeln zu müssen. Lehnt sie sich zu weit auf die eine Seite, droht der Verlust der Kernwähler, etwa zur Freiheitsfront Plus (Vryheidsfront +), die 1994 als Partei rechts von der NP gegründet worden war und den Wahlboykott der weissen Rechten durchbrach; ihre Auffassung von Afrikaaner-Interessen ist weniger materialistisch als kulturell. Bleibt sie zu sehr auf der anderen Seite, wird sie nie eine Konkurrenz für den ANC. Gerne versucht sie sich darüber weg zu schwindeln, indem sie freie Marktwirtschaft sowie harte Mittel von Polizei und Justiz als Heilmittel für die Probleme des Landes anpreist, ohne auf die zugrunde liegenden Ursachen einzugehen. Sie verweist auf ihre Regierung in der Provinz Westkap sowie in Kapstadt, wobei diese eigentlich von ihrem Bemühen zeugt, möglichst viele Privilegien der Weissen (wenn man so will, Produkte der Apartheid) zu erhalten. Die DA möchte zwar Stimmen aus der schwarzen Bevölkerung, sich aber möglichst wenig von ihren Anliegen zu eigen machen.

Ronald Suresh Roberts, ein in Südafrika lebender Autor aus Trinidad-Tobago, schrieb über den südafrikanischen Diskurs über Zimbabwe unter Mugabe seit 2000 (Beginn der Farmbesetzungen,…), darin gehe es von weisser Seite in der Regel weniger über Zimbabwe als um das Frönen einer Dystopie, die mit südafrikanischen Realitäten nichts zu tun habe. Er verweist auf die Wahlkampagne der Democratic Alliance (DA) 04 unter Tony Leon, in der der damalige Präsident und ANC-Spitzenkandidat Mbeki nicht nur in die Nähe von Mugabe gerückt wurde, sondern propagandistisch mit diesem verschmolz. Das Ablenken vom Rassismus sowie Attacken auf das Post-Apartheid-Südafrika gleiteten oft über in Apartheid-Apologetik. Helen Suzman, so Roberts 07 über die 09 verstorbene “Ahnfrau” der DA, sei gegen Mugabe leidenschaftlicher aufgetreten als gegen die Apartheid, Landbesetzungen/-enteignungen die sie in Palästina in Ordnung finde, finde sie in Zimbabwe skandalös.

Das Thema Zimbabwe spielte auch eine Rolle in der Krise zwischen der Abwahl von Staatspräsident Mbeki als ANC-Chef 07 und dem Amtsantritt von Zuma als Präsident 09 (zwischendrinnen lag auch der Mbeki-Rücktritt als Präsident): die politische Unsicherheit dieser Zeit bestand vor allem in Ängsten vor Zuma, bei dem es sich um einen im Grunde ungebildeten, sowie populistischen, polygamen, für Korruption anfälligen, Machtpolitiker handelte, der lange martialische Lieder sang. Dennoch ähnelten die Ängste jenen, die es auch vor Mandela und Mbeki gegeben hatte, obwohl nichts von dem auf sie zugetroffen hatte. Begleitet wurde die Unsicherheit Ende der 00er-Jahre neben Südafrikas Kernproblemen AIDS, Kriminalität, Armut vom Aufstieg Julius Malemas, nach dessen Wahl zum Chef der Jugendliga des ANC (er goss viel rhetorisches Öl ins “Feuer”), einer Energiekrise und Ausschreitungen in Städten gegen Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern – was mit der Zimbabwe-Krise zusammenhing, da von dort die meisten Einwanderer stammen.

Der Mbeki-Regierung wurde bezüglich Zimbabwe Fehlverhalten vorgeworfen, „Komplizenschaft“ bzw. ein „Kuschelkurs“, Beschwichtigung, Zurückhaltung gegenüber Mugabe. Die Vermittlung des Kompromisses nach der Wahl 08 dort, die Machtteilung zwischen ZANU-PF (Mugabe) und MDC (Tsvangirai), war Mbekis letzer Erfolg, er könnte dennoch das Image des Mugabe-Verstehers behalten. Unter Mbekis Verteidigungsminister Lekota spaltete sich in dieser Zeit ein Teil vom ANC ab, der sich als COPE konstituierte. Die Unsicherheit zeigte sich etwa in verstärkter weisser Auswanderung und in Schwarzmalen bezüglich der Austrichtung der Fussball-Weltmeisterschaft 2010. Ex-Präsident De Klerk, der letzte im Apartheid-System gewählte (er nützte seine Amtszeit dafür, mitzuhelfen, dieses System abzuschaffen), äusserte sich (auch) in dieser Zeit optimistisch zur Zukunft Südafrikas. “Wir haben damals, Anfang der 1990er, eine friedliche Lösung gefunden, als alle Krieg und Gewalt erwarteten. Wir haben auch jetzt das Vermögen, die grossen Probleme des Landes zu bewältigen. Es ist eine wachsende verfassungsstaatliche Reife zu beobachten.” De Klerk hat kürzlich den Status, letzter weisser Präsident in Afrika gewesen zu sein, verloren, als Guy Scott übergangsmäßig Präsident in Sambia wurde. Dazwischen war noch Paul Bérenger Premier in Mauritius.

Nachdem Zuma 08/09 im Korruptions-Prozess freigesprochen wurde, war sein Weg zur Präsidentschaft frei; der (weisse) Richter sprach in seiner Urteils-Begründung davon, dass Zumas Rivale Mbeki als Präsident das Verfahren vorangetrieben habe. Die Machtübergabe nach der Wahl 09 und die WM im Jahr darauf verliefen aber glatt. Zumas Populismus richtete sich zur Freude gerade der Wohlhabenderen nicht zuletzt gegen Kriminalität, sein Zulu-Stolz liess Zuma auch die anderen Völker Südafrikas, nicht zuletzt die (weissen) Afrikaaner, positiv sehen, Malema der sein Anhänger gewesen war, wurde unter ihm in die Schranken gewiesen, die VF+ wurde von ihm in Regierungsarbeit eingebunden. Es gab keine Wahlmanipulation, keine Nach-Wahl-Gewalt, keine Rücknahme von Freiheiten, die in Südafrika erst in Post-Apartheid-Zeiten eingeführt worden waren, keine skandalösen Verfassungsänderungen, keine Säuberungen oder Enteignungen. Er begann spätestens im Wahlkampf, das AIDS-Thema vernünftig zu behandeln. Was die Vorwürfe wegen der Korruptionssache betrifft, von der er freigesprochen worden war, schrieb ein britischer Kommentator im “Guardian”: “Before we announce the moral contamination of President Zuma, perhaps we should address the source of the contamination especially as it appears to eminate from our own door step and once again is not limited to ‘corrupt and chaotic South Africa’. Perhaps we should question more closely the morality and power of our biggest industrial exporter, the arms industry, with special attention being given to BAE Systems [die britische Waffen-Firma, von der Geld an Zuma geflossen sein soll, als er Vizepräsident war].”

Die rassischen Bruchlinien sind nach wie vor die wichtigsten in Südafrika, die Bewältigung des Erbes der Apartheid-Jahrzehnte ist ein langsamer, schmerzhafter Prozess. Viele Weisse interpretieren die hohe Kriminalität als rassisch (gegen sie) motiviert, obwohl inzwischen feststeht, dass die meisten Kriminalitätsopfer Schwarze sind (wie der Fussballspieler Meyiwa vor wenigen Tagen). Attacken auf die Politik der ANC-Regierungen bzw. Post-Apartheid-Südafrika kommen aber auch wegen ihrer liberalen Politik bezüglich gleichgeschlechtlicher Ehe oder Abtreibung. Wenige Kommentatoren sind offen rassistisch wie Dan Roodt. Der ANC spielt aber auch gerne die Rassenkarte, wenn dies nicht angebracht ist, benutzt sie mitunter als Schild gegen Kritik; beim Fall von Caster Semenya (vor dem Pistorius-Prozess Südafrikas Aufreger Nr. 1 aus dem Leichtathletik-Bereich) reagierten ANC-Politiker etwa auf den Ausschluss nach dem Geschlechtstest mit Rassismus-Vorwürfen gegenüber dem internationalen Verband.

Der Krimiautor Mike Nicol aus Kapstadt hat über dieses Genre in Südafrika gesagt, zu Apartheid-Zeiten war Polizei-Arbeit zu „politisch“ als das es für Verarbeitung in Kriminalromanen getaugt hätte. In Schweden gäbe es wahrscheinlich mehr Krimis als Verbrechen, in Syrien zuviel Gewalt als das jemand Interesse an Krimis haben könnte. So gesehen, so Nicol, stünde Südafrika ganz gut bzw. stabil da, mit seiner Krimi-Szene, die zu Post-Apartheid-Zeiten mit Deon Meyer begann, trotz der hohen Kriminalität. Die veränderten Rahmenbedingungen wirken sich auch in anderen Bereichen aus. Die Karriere von Charlize Theron, dem grössten südafrikanischen Hollywood-Star, lief parallel zur Befreiung Südafrikas von der Apartheid, ohne den “Zola-Budd-Runterzieh-Faktor”, wie R. S. Roberts schrieb.

Kritik am Post-Apartheid-Südafrika ist dann rassistisch, wenn sich Kritik an der Politik der ANC-geführten Regierungen seit Beginn der Demokratie die Einführung dieser Demokratie in Frage stellt (bzw das Mitbestimmen der Schwarzen). Diese Aussage kommt nämlich nicht selten, dass schwarze Regierungen bzw Politiker “strukturell” inkompetent seien. Manche Kritiker des neuen (demokratischen) Südafrika kritisieren an ihm auch Zustände, die sie zu Apartheid-Zeiten (als diese viel schlimmer waren) hinnahmen – etwa Eingriffe der Politik in die Medien bzw Einsfluss darauf, Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Oder Zustände, die auch im Westen noch aktuell sind. Es gibt auch die Apartheid- bzw. Rassismus-Apologetik, die ANC-Regierungspolitik bzw die Post-Apartheid-Zeit mit jener der NP bzw der Apartheid unsachlich vergleicht. Eine seriösere bzw glaubwürdigere Kritik ist gegeben, wenn sie (auch) Probleme von Schwarzen darin thematisiert, nicht Weisse als Opfer der Schwarzen darstellt. Der Karikaturist “Zapiro” dürfte einer sein, der eine solche Kritik formuliert. Die Probleme des Landes (AIDS, Armut, Kriminalität) betreffen Schwarze eigentlich noch mehr als Weisse.

Über den Palme-Mord und die südafrikanische Verbindung

Ebenfalls

Die schwedische Unterstützung des Anti-Apartheid-Kampfes: Tor Sellström: Sweden and National Liberation in Southern Africa. Vol. II: Solidarity and assistance

Zur Rolle Kubas beim Sieg über die Apartheid

Zum südafrikanischen Atomwaffenprogramm

Portal zum südlichen Afrika

Literatur:

* Timothy Sisk: Democratization in South Africa: The Elusive Social Contract (1995)

* Anthony Sampson: Nelson Mandela. Die Biographie (1999)

* Christoph Marx: Südafrika (2012)

* Khalo Matabane und Sasha Abramsky: Madiba – Das Vermächtnis des Nelson Mandela (2014)

* Hans-Joachim Löwer: Mandelas schweres Erbe: Südafrika am Scheideweg (2010)

* Jens Erik Ambacher und Romin Khan: Südafrika – Nach der Apartheid (2009)

* Renate Wilke-Launer: Südafrika. Katerstimmung am Kap (2010)

* Christel und Hendrik Bussiek: Mandelas Erben. Notizen aus dem neuen Südafrika (1999)

* Hans-Georg Schleicher: Südafrikas neue Elite. Die Prägung der ANC-Führung durch das Exil (2004)

* Antjie Krog: Country of My Skull (1998)