Aspekte des Films „Rosemary’s Baby“

Vorlage war der Roman von Ira Levin, der 1967 heraus kam.1 Eine junge Braut scheint vom Teufel schwanger geworden zu sein, durch Satanismus und Hexerei in ihrem Umfeld, Opfer einer Verschwörung. Zumindest gewinnt sie diesen Eindruck, bis sie sich sicher ist. Der Horror speist sich aus dem Übernatürlichen/Metaphysischen, aber auch aus dem Psychologischen und der Uneindeutigkeit…2 Der Regisseur/Produzent William Castle hat das Buch anscheinend gelesen, wollte es verfilmen, Paramount-Produktionschef Robert Evans war grundsätzlich einverstanden, zweifelte aber ob Castle der Richtige dafür war. Evans war damals dabei, Roman Polanski aus Frankreich in die USA zu locken, dessen “Tanz der Vampire” gerade in die Kinos gekommen war. Evans wollte ihn „Downhill Racer“ filmen lassen, gab ihm auch „Rosemary’s Baby“ (Rosemaries Baby) zu lesen.3 Der Rest ist bekannt, „Rosemary’s Baby“ wurde mit Polanski als Regisseur (der auch das Drehbuch schrieb) verfilmt, noch 1967, mit Castle als Produzent, von Paramount Pictures. Kam 1968 in die Kinos, Premiere war im Mai dieses Jahres beim Cannes-Filmfestival.4

 

Produzent Castle (Schloss) hatte einen “Cameo”, bei der Telefonzelle, als Rosemary Dr. Hill kontaktiert. Als Rosemary mit dem erblindeten Schauspieler Baumgart telefonierte, tat sie das mit Tony Curtis/Bernard Schwartz, wovon Farrow im Vorhinein nichts wusste.5 Die Szene mit dem Überqueren einer befahrenen Strasse in New York wurde improvisiert, Farrow und ein Kamerateam stürzten sich auf Anweisung Polanskis ins Verkehrsgetümmel. Farrow sang auch den Titelsong, das dafür komponierte “Wiegenlied” (“Lullaby”) des polnischen Jazzers (und Arztes) Kryzstof Komeda, selber. Komeda verletzte sich einige Monate nach der Fertigstellung des Films, wobei, darüber gibt es unterschiedliche Angaben, jedenfalls zog er sich eine Hirnblutung zu. Er starb 1969 in Polen, mit 37.6 Unter den Szenen, die rausgeschnitten wurden, ist ein Theaterbesuch Rosemarys mit einer Freundin vor dem Aufsuchen Hills, bei einer Aufführung von “The Fantasticks”, mit Joan Crawford.

S. Hatami-Foto von der Theateraufführung mit Van Johnson & Joan Crawford

Product Placements gab es für “Pall Mall” (Marke von British-American Tobacco) und, auch im Roman, für Vidal Sassoon, britischer Jude, Friseur-Unternehmer in New York. Er hat Farrow während der Dreharbeiten tatsächlich die Haare geschnitten, wie Rosemary im Film. Er nahm auf zionistischer Seite (Haganah) 1948 am Ersten Arabisch-Israelischen Krieg bzw der Nakba teil, stellte dies als „Verteidigung des Landes” dar. Als im August 1967 in der USA die Dreharbeiten für „Rosemary’s Baby“ begannen, war Israel seit einigen Wochen (etwas mehr als 2 Monate) vergrössert, durch die Besetzung weiteren palästinensischen Landes, ägyptischen und syrischen. Die Weltpolitik war damals natürlich vom Kalten Krieg dominiert. Roman und Film spielen 1965/66, thematisieren auch den Besuch von Papst Paul VI. (Giovanni Montini) im Oktober ’65 in der USA. Montini, Bischof von Mailand, wurde während des 2. Vatikanischen Konzils Papst, unternahm als erster Papst der Neuzeit Auslandsreisen. Traf 1965 in der USA auch mit Präsident Lyndon Johnson zusammen.7 Sein Tod im August 1978 war der Auftakt zum Dreipäpstejahr.

Montini & Johnson

“Rosemary’s Baby” ist ein Kunstwerk durch das Spiel mit Ängsten. Der verstörendste Horror in dem Film hat eigentlich nichts mit Hexerei oder Übernatürlichem zu tun, sondern mit Psychologie.8 Wie Guy mit den Nachbarn gemeinsame Sache gegen seine Frau macht, sich ein Ring von Verschwörern um sie bildet (Dr. Sapirstein,…), Rosemary während ihrer Schwangerschaft leidet… Und, ein Verrat anderer Art, durch Dr Hill, an den sie sich wendet als sie flieht. Der ihr zunächst Verständnis vormacht, als sie vom „Plot gegen mich und mein Baby“ erzählt, sie im Sicheren wiegt. Sie träumt beim Schlaf in Hills Praxis von den guten Leuten und ihrem Kind, davon, den bösen entronnen zu sein. Dr. Hill (Charles Grodin) “entscheidet”, dass Rosemary Wahnvorstellungen hat und schickt Sapirstein und Guy zu ihr. Rosemarys Rede über den Hexenzirkel und ihr Baby mag sich für ihn nach Wahnsinn anhören, aber sie hat Angst vor diesen Leuten, und er macht ihr Verständnis vor, liefert sie diesen dann aus, während sie schläft… Hill ist nicht Teil des Hexenzirkels, glaubt wahrscheinlich, das Beste (für sie) zu tun, als er sie verrät an ihr Umfeld (den Hexen- bzw Satanszirkel), sorgt dafür dass sie das Baby nicht in einem Krankenhaus bekommt, sondern im Kreis dieses Zirkels. Man kann Hills Verhalten aber auch so interpretieren, dass er nicht an Rosemarys Geschichte glaubte, sie für Hirngespinste hielt, und sie Hirngespinste waren…sich im Film Wahres und (von Rosemary) Phantasiertes vermischten, bis zum Ende. Dann wären Hill, Sapirstein,… die Vertreter der Vernunft. Aber selbst dann, eine Hochschwangere an Leute “auszuliefern”, vor denen sie grosse Angst hat, nachdem sie sich an Einen um Hilfe gewandt hat…

Die Polizei kommt übrigens im Film nur am Anfang, beim “Selbstmord” von Terry, vor. Sie aufzusuchen ist für Rosemary kein Thema; nun, es hätte ihr dort auch ähnlich ergehen können wie bei Dr. Hill. Hat Rosemary paranoide Verschwörungs-Phantasien oder erkennt sie die Realität – dass sie Opfer einer satanistischen Verschwörung ist? Dieser Verdacht auf etwas Böses, der sich sukzessive bestätigt, mit dem man alleine dasteht…erinnert an “Biedermann und die Brandstifter” (Drama, Max Frisch, Uraufführung 19589). Die Nachbarn sind zu freundlich und hilfsbereit; obwohl der Verdacht (auf etwas Schlimmes) immer konkreter wird, werden Erklärungen geliefert, wird versucht, Ängste zu zerstreuen. Das Spannungsfeld zwischen Paranoia und Hellsichtigkeit gibt es auch in den Filmen “Vier im rasenden Sarg” („Race with the Devil”) oder „Arlington Road“, in anderer Form auch in „Shutter Island“. Der Grat zwischen Erkenntnis und Wahn… In „Arlington Road“ geht es dabei ja auch um Nachbarn. Verschwörungstheorien haben aber auch etwas von Horror, wie man merkt wenn man zB “Das Lexikon der Verschwörungstheorien” von Robert A. Wilson liest.

Nachdem Rosemary mit einer in ein Mousse au Chocolat gemischten Droge dafür “vorbereitet” wurde, wird sie in der Nacht vom Teufel bzw Incubus geschwängert, unter “Anleitung” der Verschwörer.10 Wahrscheinlich, weil sie nicht das ganze Mousse gegessen hat (s.u.), bekommt sie etwas davon mit. “This is no dream! This is really happening!”. Die Wahrnehmung bzw der Bewusstseinszustand der in dieser Szene dargestellt wird, ist eigentlich typisch für einen LSD-Horrortrip, von der Vermischung von Traum (bzw Phantasie) und Wirklichkeit, von den Horrorvorstellungen. Aber auch die ganze “Paranoia” (?) ggü ihrer Umgebung über einen längeren Zeitraum. Dieses Mittel ging damals den Weg von der medizinisch-psychiatrischen Verwendung in den Untergrund. Der Film enthält einiges zum Gruseln, Nacktheit in 2 oder 3 Szenen, wenig Gewalt, und etwas Drogen-Gebrauch: Auf der Party wird ein Joint geraucht. Gegen Ende nimmt Rosemary die ihr verabreichten Beruhigungs-/Schlaf-Tabletten nicht ein, sammelt sie nicht um jemand Anderen damit ausser Gefecht zu setzen, wie in “Mysery” oder “Todesstille”11, sondern um der Verschwörung auf die Spur zu kommen.

Das Rosemary zur “Unterstützung” der satanischen Schwangerschaft verordnete Tannis hat etwas von einer fiktiven Droge. Vorbild dafür soll Mönchspfeffer sein. Vermeintlich ist Tannis, das Rosemary auch in den von der Nachbarin zubereiteten Drinks zu sich nehmen muss, eine natürliche Alternative zu den chemischen Mitteln, die der Medizinbetrieb sonst so bereit hält. Rosemarys Umgang mit dem Anhänger mit der Tanniswurzel spiegelt die Beziehungen zu den Leuten des Hexenzirkels (die Castevetes, deren Freunde, darunter Sapirstein, ihr Mann Guy) wieder. Als ihr bewusst wird (oder sie sich einbildet), dass ihr Mann und die Nachbarn gegen sie konspirieren, schmeisst sie den Anhänger vor dem Haus durch ein Kanalgitter.12 Bin mir nicht sicher, ob der Tannis-Anhänger ein “MacGuffin” ist, wie etwa das veruntreute Geld in „Psycho“.

Rosemary deckt am Ende ja Alles auf, bekommt die Bestätigung für ihren schrecklichen Verdacht. Das Kind, das sie austrug, sieht man nicht (man hört Rosemarys Kommentar über seine Augen), und es wird offen gelassen, ob sie es annimmt, Teil der Satanisten-Gruppe wird (dies wird angedeutet). Ein mehrdeutiger Ausgang; wie zB bei “Memento” (Hat Teddy mit seiner Erklärung Recht oder nicht?) oder “Sopranos”. Und die Interpretation, dass die ganze Verschwörung Rosemarys Phantasie bzw Wahnsinn entsprang, ist auch nicht illegitim.

Die Verbindung von Sexualität, Fortpflanzung/Schwangerschaft und Horror: Bei einem Besuch von Minnie Castevet und deren Freundin Lara-Louise in ihrer Wohnung erzählt Rosemary auf eine Frage nach ihrem Befinden, sie habe den ersten Tag ihrer Periode. Und während die 2 alten Besucherinnen zu häkeln anfangen, wird ein bisschen über Menstruation geredet, zumindest steuert Lara-Louise ihre Erfahrungen bei. So wie das Drehbuch überhaupt nahe bei der Romanvorlage ist, hat Polanski auch diese Szene übernommen. Man kann sich fragen, wie die Bloggerin Cassandra Parkin, was mit der Szene gesagt werden soll. “The only reason I can think for its existence is to establish that Ro’s in tune with her cycle, in step with the times, happy to discuss her body; in fact, part of the sisterhood.” Es ist dieser Besuch, bei dem Rosemary das Amulett von Minnie bekommt.

Einige Tage später dann der (zum Satanismus) “bekehrte” Guy: “Let’s have a baby”. Er habe auch die richtige Zeit dafür herausgefunden, 4./5. Oktober, hat diese Tage im Wandkalender markiert. Vermutlich ist der Roman hier expliziter, weiss Guy dort von Rosemarys Ovulation/Follikelsprung/Eisprung in dieser Zeit. Dann die Schwängerung durch den Teufel nach dem Mousse, die sie zT mitbekommt (oder phantasiert?). Guy sagt ihr danach ja, dass er sie im Schlaf/Ohnmacht/Rausch “bestiegen” (und gekratzt) hat. 13 Die eigentlich folgenden Szenen sind auch heraus geschnitten worden. Rosemary ist verstimmt darüber, fährt für ein paar Tage zur Hütte von Hutch nahe New York City, um allein zu sein. Nach ihrer Rückkehr wartet sie auf ihre Regelblutung, Guy wettet mit ihr dass sie schwanger ist. Nach einem Besuch bei Dr. Hill, das sieht man wieder im Film, erfährt sie von der Schwangerschaft, sie soll auch zu einer weiteren Blutabnahme kommen, zeichnet diesen Termin im Kalender als “Blood” ein. Gibt Guy, als er nach Hause kommt, eine Münze, da er die Wette gewonnen hat.

Der Gynäkologe Sapirstein, der ihr aufgedrängt wird, ist ja Teil der satanistischen Verschwörung. Das Teufelskind wächst in ihr heran, der Horror nimmt seinen Lauf. Rosemary hat fürchterliche Schmerzen im ersten Drittel der Schwangerschaft; isst rohes Tier-Fleisch. Sehen tut man Blut nur da und ein bisschen durch das Kratzen des Teufels mit seinen Klauen bei der Begattung Rosemarys. Blut wird thematisiert, aber spärlich inszeniert in dem Film. Man denke an das fontänenartige Spritzen bei Kriegsverletzungen in Filmen wie “Der Soldat James Ryan”, das Herunter-Rinnen des Menstruationsblutes in “Carrie”, die Übertragung des weiblichen Blutmysteriums auf das Männliche in Jesus-Filmen wie “Die letzte Versuchung Christi”, die ins Komische gezogene Vampir-Thematik in Polanskis “Tanz der Vampire”, die grosse Rolle die es in “Pulp fiction” spielt… weitere symbolischen und historischen Codierungen von Blut findet man in “Winnetou” (Blutsbruderschaft) oder “Der Pate” (Blutrache). In “Rosemarys Baby” geht es ja auch darum, dass Andere über den Körper einer Frau verfügen. Es war die Zeit, als sich die Antibabypille durchsetzte, Zeit der Emanzipation der Frau – der Körper der Frauen fängt an ihnen wirklich zu gehören. Rosemary ist aber nicht die unterworfene Frau, sie wehrt sich.14

Rosemary ist zwar Hausfrau, gutmütig, vielleicht gutgläubig, aber nicht dumm und hilflos. Maria „Mia“ Farrow bekam ja für den Film keinen Oscar, was mit Francis “Frank” Sinatra zu tun haben soll. Für den Golden Globe wurde sie immerhin nominiert. Ruth Gordon bekam 1969 den Oscar als beste Nebendarstellerin des abgelaufenen Jahres. Wie Rosemary Woodhouse ist Farrow katholisch, aber kein “Landei” wie diese, wuchs in Beverly Hills auf, in einem Schauspieler-Elternhaus. Farrow gelang mit dem Film, einem ihrer ersten, der Durchbruch in Hollywood. Seit 1966 mit Frank Sinatra verheiratet, hatte sie diesem eigentlich versprochen, ihre Schauspiel-Karriere aufzugeben bzw zurückzustecken. Dann nahm sie doch diese Rolle an, und die Dreharbeiten dauerten auch noch länger als erwartet. Sinatra hatte ihr die Rolle in “Der Detektiv” gegeben, der nun gedreht werden sollte. Im November 1967, als Farrow noch “Rosemarys Baby” drehte, reichte Sinatra die Scheidung ein. Im August 1968 wurde diese rechtskräftig. Farrow nannte später den Altersunterschied den Grund für die Differenzen; die Beiden blieben Freunde.15

Ihr nächster Partner, der klassische Musiker André Previn, soll Farrow als “hysterisch” bezeichnet haben. Eher so wie Jaqueline de Belfort in „Tod auf dem Nil”, bei dessen Filmen 1977 sie noch mit Previn zusammen war, oder wie Rosemary Woodhouse? 1980 wurde Farrow die Lebensgefährtin von Heywood “Woody” Allen (der seinen Namen von Allan Konigsberg auf diesen geändert hat). Mit Previn hatte sie drei Kinder (plus drei adoptierte), mit Allen ein biologisches und 7 adoptierte. Die meisten der Filme in der Zeit ihrer Partnerschaft mit Allen waren von diesem, etwa “Hannah und ihre Schwestern”. Nach der Trennung 1992 begann Allen eine Beziehung zu Farrows Adoptivtochter Soon-Yi Previn, heiratete diese. Und zum Sorgerechtsstreit um die gemeinsamen Kinder kamen Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Dylan Farrow an ihren Adoptivvater Allen. Ronan Farrow, zur Zeit der Beziehung mit Allen gezeugt und geboren und als dessen Kind angesehen, soll das Kind von Frank Sinatra sein, mit dem Farrow ja “freundschaftlich” verbunden blieb.16 Mias Kinder…

John Cassavetes spielte Rosemarys Ehemann Guy Woodhouse, der für seine Schauspieler-Karriere17 einen Pakt mit dem Teufel eingeht. Dass bzw wie Guy von den Castevetes überzeugt wird, bei ihrem Satanskult mitzumachen, wird nur angedeutet; er ist jedenfalls schnell eingeweiht und überzegt. Cassavetes konnte aufgrund dieser Rolle seine Independent-Filmprojekte verwirklichen, u.a. “Eine Frau unter Einfluss” mit seiner Frau Gena Rowlands und Peter Falk, 1974.18 Auch so eine Fügung/Koinzidenz im “echten Leben”. Ira Levin ist auch der Autor von “Deathtrap”/”Todesfalle”, des am längsten gespielten Theaterstücks am Broadway, die Geschichte eines alternden Theaterautors, der plant, einen jungen Rivalen zu töten und dessen neues Stück (“Deathtrap”) zu stehlen. 1982 wurde es in Hollywood mit Michael Caine und Christopher Reeve verfilmt. Und natürlich sind wir an den Mephisto bzw den Faust-Stoff erinnert.

Mephistopheles (kurz: Mephisto), der Teufel im “Faust”, der mit Johann G. Faust einen Pakt eingeht. Etwa 150 Jahre nach Goethe, 1936, brachte Klaus Mann im niederländischen Exil “Mephisto – Roman einer Karriere” heraus.19 Darin geht es ja um einen Schauspieler, “Hendrik Höfgen”, der unschwer als “Platzhalter” für Gustaf Gründgens zu erkennen war. Der faustische Pakt hier war das Arrangement mit den nationalsozialistischen Machthabern in Deutschland, die Höfgen/Gründgens eine steile Schauspieler-Karriere ermöglicht(e). Manns Schwester Erika war kurz mit Gründgens verheiratet gewesen.20 1940 wurde, hauptsächlich in Potsdam-Babelsberg, “Jud Süss” gedreht. Die Rolle des Joseph Süss Oppenheimer hatte u.a. Gustaf Gründgens abgelehnt. In “Jud Süß – Film ohne Gewissen” (2010), dem Film über den Film, redet der von Armin Rohde gespielte “Heinrich George” (Georg Schulz), der in “Jud Süss” Herzog Karl Alexander von Württemberg gespielt hat, zu Jud Süss – Darsteller Marian/Hasch(k)owetz (in dem Film von ’10 gespielt von Moretti/Bloeb) auch über das Verkaufen der Seele des Schaupielers an den Teufel um der Karriere willen.

Roman Polanski erwog für die Rolle der Rosemary auch Tuesday Weld und seine Verlobte Sharon Tate. Was mit der passierte, stellt den Horror im Film ja leicht in den Schatten. 1965 drehte Tate “Eye of the devil”/ “Die schwarze 13”, einen Horrorfilm. 1966 kamen Polanski und Tate bei den Dreharbeiten für „The Fearless Vampire Killers“/ “Tanz der Vampire” in Hollywood (Innenaufnahmen) und Italien (Aussenaufnahmen) zusammen. Damals wurde Charles Manson gerade aus einem Gefängnis entlassen, trieb sich danach in San Francisco herum bzw dessen Hippie-Viertel Haight Ashbury. “1966” erinnerte an “666”, das “Untier” mit dieser Zahl aus der biblischen Offenbarung des Jochanan/ Johannes. Anton LaVey gründete damals in San Francisco die “Church of Satan”, erklärte 1966 zum “Jahr 1” – so hat auch Levin dieses Jahr von den Satanisten in seinem Roman deklarieren lassen. Später kam das (falsche) Gerücht auf, La Vey habe bei “Rosemarys Baby” als Berater mitgearbeitet. Und Manson, der sich sowohl zu Jesus als auch zum Teufel erklärte, stellte seine “Familie” zusammen, die eine Landkommune im San Fernando Valley bezog.

Nachdem der Musikproduzent “Terry” Melcher (Sohn von Doris Day) Manson nicht als Musiker herausbringen wollte, entzündete sich dessen Hass auf ihn und das Showbusiness-Establishment. Im März ’69 fuhr Manson zum Haus am Cielo Drive in Beverly Hills in dem Melcher gewohnt hatte (wahrscheinlich, um ihn zur Rede zu stellen), und wo nun Polanski/Tate (inszwischen verheiratet) wohnten, wurde vom iran-stämmigen Fotografen Sharokh Hatami weggeschickt, der dort zu Besuch war. Danach begannen die Morde der “Manson Family” im Raum Los Angeles, mit den von Manson angeordneten im Sommer 69 an der hoch schwangeren Sharon Tate und 4 Freunden/Gästen in der Villa in Beverly Hills als grausamer Höhepunkt. Wobei nicht ganz klar ist ob Manson im Glauben war, dass Melcher noch immer dort lebte oder ob das keine entscheidende Rolle mehr spielte. Polanski war damals in Grossbritannien. Zu dieser Zeit war die USA an zwei Kriegen beteiligt: in Vietnam gegen Vietcong und Nord-Vietnam, und “zu Hause” mit sich (Vertreter der bisherigen Gesellschaftsordnung gegen ihre Herausforderung). Und die “Manson Family” agierte genau so faschistisch wie das damalige Nixon-Regime. Was für die Einen die Perversion von Flower Power war, war für die Anderen ihr wahres Gesicht.21

Christopher Othen schrieb über einige Querverbindungen in dieser Ära: Im Dezember 1969 in Altamont (ebenfalls California) das Rockmusik-Festival mit den Rolling Stones, Ike & Tina Turner, Grateful Dead, Jefferson Airplane, Crosby, Stills, Nash and Young,… Neben drei anderen Menschen, die an diesem Tag verunglückten, wurde ein Zuschauer vor der Bühne von einem der als Sicherheitskräfte eingesetzten Hell’s Angels erstochen. Einer der Hell’s Angels bei diesem Konzert war William Fritsch – Freund von “Bobby” Beausoleil, dem ersten aus der Manson Family der verhaftet wurde (August 69). Beide kommen im “Okkultfilm” “Lucifer Rising” von Kenneth Anger vor, der 1972 fertig war, aber erst 1980 vertrieben wurde, nachdem Beausoleil aus dem Gefängnis den Soundtrack gemacht hatte. Crowley-Anhänger Anger kannte die Rolling Stones, die in Altamont gerade spielten, als unter der Bühne die tödlichen Randale ausbrachen, soll die Inspiration für den Song “Sympathy for the devil” geliefert haben, neben dem Roman “Der Meister und die Margarita” von Michail Bulgakov.

Prominente im Raum L.A. bekamen nach den Tate-Morden Angst und trafen Vorkehrungen, darunter Frank Sinatra. Dann die Verhaftungen und Aufdeckungen dazu, der „Haupt“-Prozess 1970/71. Todesurteile der Geschworenen für Manson, Atkins, Krenwinkel, van Houten, die später umgewandelt wurden. Staatsanwalt Vincent Bugliosi: “Die ‘Familie’ hatte immer gesagt, der Tod sei was Schönes, sie hätten den Getöteten einen Gefallen getan usw, ich habe Manson aber im Prozess 9 Monate hart für sein Leben kämpfen gesehen und bei der Verlesung des Urteils zittern.” Manson saß dann im selben Gefängnis ein wie der Musikproduzent Philip Spector und Sirhan Sirhan, der 1968 Richard Nixons Herausforderer Robert Kennedy tötete. Es gibt 4 ungeklärte Mordfälle aus LA 1968/69, die auch aufs „Konto“ der Manson-Familie gehen könnten, Hippies die in Kontakt mit der „Familie“ standen… Darunter war Marina Habe, die nahe des Mulholland Drive erstochen gefunden wurde, von Thomas Noguchi begutachtet wurde, der auch die Autopsien von Sharon Tate, Robert Kennedy, “Marilyn Monroe” (Norma J. Mortenson), Natalie Wood und anderen Prominenten machte.22

Tate am Set von RB

Noch einmal zu Shahrokh Hatami (Chatami): Er war ein Freund von Polanski und Tate, fotografierte und filmte auch bei den Dreharbeiten von “Rosemarys Baby”. Dabei entstand der Kurzfilm “Mia and Roman”, der der DVD-Ausgabe von “Rosemary’s Baby” aus 2000 beinhaltet ist. Hatami sagte im Prozess gegen die Mörder Tates aus.23 Hatami hat hauptsächlich für “Life” fotografiert24, nicht zuletzt in seinem Heimatland Iran und weiteren Ländern dieser Region. Er war beim Sturz von Premierminister Mossadegh (durch dem Schah Mohammed R. Pahlevi verbundene Kräfte) dabei und auch beim Sturz dieses Schahs, war in dem Flugzeug, das Ruhollah Khomeini in den Iran brachte, jener schiitische Geistliche, der die Revolution an sich riss. Auf seiner Homepage finden sich viele seiner Aufnahmen.

Roman Polanski ist in Frankreich in einer jüdisch-polnischen Familie geboren, die zurück nach Polen ging (Krakau/Krakow), überlebte die deutsche Besetzung und den Holocaust. In der Nachkriegszeit kam er durch Andrzej Wajda zum Film, als es unter dem kommunistischen Machthaber Gomulka politisch “ungemütlich” wurde, konnte er emigrieren, 1963, ging wieder nach Frankreich. Machte dort Filme wie “Cul de sac” (“Wenn Katelbach kommt”). Mit “Tanz der Vampire” 66/67 der Durchbruch, die Frau, und das “Ticket” nach Hollywood. Dort behauptete er sich mit “Rosemarys Baby”. Der erste Film nach dem Mord an seiner Frau war “Macbeth” (1971), eine Adaption des Shakespeare-Stücks.25 Der nächste wichtige Film war “Chinatown”, 1976 kam sein letzter Hollywood-Film heraus, “The Tenant”/”Der Mieter”, in dem Polanski auch wieder eine Rolle spielt, neben Isabelle Adjani und Melvyn Douglas.26 Dann 1977 die Sache mit der 13-Jährigen, die er für Aufnahmen buchte, dann in Jack Nicholsons Villa am Mulholland Drive vergewaltigte. Der Mulholland Drive liegt oberhalb von Hollywood, der so genannte Film von David Lynch aus 2001 handelt auch von den Mechanismen und Intrigen der Filmindustrie dort. Und, Nicholson hätte Guy Woodhouse spielen können, machte dann Easy Rider. Zuerst wurde die Villa von Jacqueline Bisset erwogen, die die für Mia Farrow gedachte Rolle in Sinatras Film “The Detective” (1968) bekam. Wieder so Querverbindungen, Zufälle.

Und: “Schmeckt eigenartig…kalkiger Beigeschmack”27 sagt “Rosemary”, als sie das mit einem Mittel versetzte Mousse isst, dass sie gefügig machen soll. Polanski gab Samantha “Quaalude”, das geschmacklos ist, wenn man es nicht lutscht, aber eben auch gefügig macht. Es gelang ihm, sich nach Frankreich abzusetzen. Anscheinend ist er auch immer französischer Staatsbürger geblieben. Gut 10 Jahre hat er in Hollywood gewirkt. Sein erster Film nach seiner Rückkehr war “Tess” mit Nastassja Kinski. 1981 spielte er Theater, in “Amadeus” von Peter Shaffer, das Stück auf dem der (Hollywood-) Film von 1984 basiert. 1988 machte er “Frantic”, mit seiner neuen Partnerin Emmanuelle Seigner. Mit “Der Pianist” kehrte er Anfang des neuen Jahrtausends gewissermaßen an seine Wurzeln zurück, bekam einen Oscar für die beste Regie, den er nicht entgegen nehmen konnte, da er bei einer Einreise in die USA verhaftet werden würde. 09 wurde er bei einem Aufenthalt in der Schweiz aufgrund des amerikanischen Haftbefehls vorübergehend verhaftet, dann aber nicht ausgeliefert. Polanski bezeichnete kürzlich die “#MeToo-Bewegung” als eine Form von Massenhysterie.

Die “Rosemary”-Dreharbeiten fanden zwischen August und Dezember 1967 grösstenteils in den Paramount Studios in Los Angeles statt, wo die Innenräume der beiden Wohnungen sowie die Flure des Dakota Buildings in New York aufgebaut waren. Die wenigen Außenaufnahmen entstanden vor dem Dakota-Gebäude (das im Film nicht so heisst, sondern „Bramford House“) in Manhattan, New York City, wo der Grossteil des Films spielt. Im Film macht Woodhouse Hill vor, sie würden nach Kalifornien ziehen, als Ausrede wegen des Gynäkologen-Wechsels. New York, der Schauplatz, Kalifornien Sitz der Filmindustrie. Dabei war NY Anfang des 20. Jh Sitz der US-amerikanischen Filmindustrie. Erst die Zerschlagung des “Edison Trusts” 1912 bewirkte die Verlagerung der Industrie in die Umgebung von LA. Im Dakota Building in New York lebten in den 1970ern Ex-Beatle John Lennon und Yoko Ono. Lennon hatte den Song “Helter Skelter”, den Charles Manson (dann in Kalifornien) in seinem rassistischen Sinn interpretierte bzw verwendete, 1968 mit geschrieben. Im Dezember 1980 wurde er ja dort, vor der Eingangstüre, von einem “Verrückten”, namens Mark Chapman (dem er ein paar Stunden davor ein Autogramm gegeben hatte), erschossen.28 “…In jedem Mietshaus passieren schlimme Dinge”, so Rosemary zu Hutch, als er ihr und Guy vom Bramford House erzählt bzw davor warnt.

“Rosemarys Baby”, inzwischen über 50 Jahre alt, stand mit am Beginn des neuen Hollywood. 1976 gab es eine Art Fortsetzung, den TV-Film “Look what happened to Rosemary’s Baby” mit Ray Milland (> “Lebendig Begraben”). Sam O’Steen, einer der beiden Filmeditoren/Cutter des Originals, führte dabei Regie. 1997 brachte Ira Levin eine Roman-Fortsetzung heraus, “Rosemary’s Sohn”, über das Teufelskind. 2014 lief auf NBC unter dem Titel “Rosemary’s Baby” eine Miniserie, die von Agnieszka Holland inszeniert wurde, mit Zoë Saldaña und Patrick Adams. Anspielungen auf das Original gibt es in vielen Filmen, Serien, Romanen… aber noch kein Remake.

Monstrous Mothers and Patriarchal Evil in Rosemary’s Baby

Vermaledeit unter den Weibern. Marginalien zu Polanskis Grusical “Rosemaries Baby”

Rosemary’s Baby Wiki (Über die Serie)

James Munn: This Is No Dream: Making Rosemary’s Baby (2018)

Birgit Neger: Moderne Hexen und Wicca. Aufzeichnungen über eine magische Lebenswelt von heute (2009)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Mehrere von Levins Romanen wurden in bzw von Hollywood verfilmt, darunter “Kuss vor dem Tode”, “Die Frauen von Stepford”, “Boys from Brazil”
  2. Und das ist vermutlich das, was die Verfilmung von anderen Horrorfilm/ -thrillern, wie “Das Omen” oder “Poltergeist” unterscheidet
  3. Es heisst, zuerst wurde Alfred Hitchcock gefragt, ob er die Filmrechte für den Roman haben wolle
  4. Roman Polanski war mit Sharon Tate dort
  5. Durch das Gespräch wird sie sicher, dass Guy in der Satanismus-Sache mit drinnen hängt, flieht, zunächst zu Sapirstein, kommt drauf dass auch dieser involviert ist, sucht Hill auf
  6. Polanski hatte Komeda in die USA geholt, die beiden haben bei mehreren Filmen zusammen gearbeitet
  7. Sidney Blackmer spielte “Roman Castevet”, den Ober-Satanisten; er hat Theodore Roosevelt im Film und auf der Bühne 10x gespielt, den vielleicht rassistischsten und imperialistischsten USA-Präsidenten
  8. Dies dürfte kennzeichnend für Ira Levin sein
  9. Als Hörspiel schon zuvor
  10. Den Teufel sieht man dabei teilweise
  11. Oder um sich umzubringen, wie der von Ruth Gordon gespielte Charakter in “Harold und Maude”
  12. Danach kommt sie noch drauf, dass auch der Frauenarzt Sapirsein beteiligt ist, und das auch durch den Tannis-Geruch
  13. Vergewaltigung in der Ehe war damals kein Delikt, und eigentlich war das Delikt Vergewaltigung durch Satan
  14. Ein Artikel auf/in “Vanity Fair”: The Devil Inside: Watching Rosemary’s Baby in the Age of #MeToo
  15. Als Rosemary auf der Couch in der Wohnung liegt und Minnie und ihre Freundin anläuten (siehe oben), liest sie “Yes I Can” von “Sammy” Davis, Sinatras langjährigem Partner. Auch der Kinsey-Report findet sich in den Bücherregalen der Woodhouse’
  16. “Er hat die Augen seines Vaters” – Kommentar von Roman Castevet über Rosemarys Baby im Film, meint den Teufel und nicht Guy
  17. Er ist hauptsächlich Theaterschauspieler
  18. ’72 hat Cassavetes mit diesem in einem “Columbo” gespielt
  19. In Deutschland erstmals 1956 in der DDR verlegt
  20. Nach dem Krieg versuchte Gründgens’ Adoptivsohn das Verbot des Romans in der BRD durchzusetzen. Er wurde 1981 durch István Szabó verfilmt
  21. Auch die “Zodiac-Morde” fanden in der späten Flower Power-Ära in Kalifornien statt, diese sogar in Raum San Francisco, bald nach dem Sommer der Liebe 1967
  22. Marinas Vater Hans Habe war ein Jude aus Österreich, der im Militär der USA zurück kehrte. Er war einer jener, die in Fort Ritchie (siehe hier) für künftige Propaganda- und Verhörtätigkeiten ausgebildet wurden. Bereits ab 1944 war er zuständig für die Herausgabe neuer Zeitungen in Deutschland, zusammen u.a. mit Stefan Heym, einem anderen “Ritchie Boy”, und Ernst Cramer, später im Springer-Konzern
  23. Wahrscheinlich auch in jenem gegen den eigentlichen Mörder, “Tex” Watson, der einen eigenen Prozess hatte. Dieser hat übrigens, wie sein “Guru” Manson, massenhaft Zuschriften von Frauen ins Gefängnis bekommen, beide durften intime Besuche empfangen
  24. Das Time & Life Building in NY kommt im Film ja auch vor, dort wollte Rosemary Hutch treffen
  25. Es wurde von Hugh Hefner und Playboy Productions finanziert und enthielt auch Einiges an Nacktheit sowie Gewalt
  26. Teil 3 von Polanskis “Wohnungs”-Trilogie, nach “Ekel” und “RB”
  27. “It has an undertaste… a chalky undertaste”
  28. Beim Warten auf Polizei und Rettung soll Chapman in einer Ausgabe von Jerome Salingers „Der Fänger im Roggen“ geblättert haben, während Ono den Kopf ihres Mannes in ihrem Schoß hielt. John Hinckley, der aufgrund des Films “Taxi driver” eine Obsession für Jodie Foster entwickelte, in deren Zuge er 1981 in New York versuchte, USA-Präsident Reagan zu erschiessen, hat anscheinend auch eine Vorliebe für diesen Roman gehabt