Der Admiral, der Hitler nachfolgte

Karl Dönitz, das letzte Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs, polarisierte die Bonner Republik. Für die einen personifizierte er die “saubere Wehrmacht”, war er der Retter von Millionen Soldaten und Zivilisten, die er am Kriegsende in das Besatzungs-Gebiet der Westmächte holen liess, und Opfer der “Siegerjustiz“ in Nürnberg. Von der anderen Seite die Vorwürfe, dass er die nationalsozialistische Ideologie tief verinnerlicht habe, mit seinen Befehlen den Krieg künstlich verlängert habe, ein willfähriger Handlanger Hitlers gewesen sei – und deshalb auch von diesem in seinem Testament zum Präsidenten des untergehenden Nazi-Staates bestimmt wurde. Beim eigentlichen Untergang des “Dritten Reiches” (aber auch des Deutschen Reichs an sich), der sich nicht in Berlin, sondern in Flensburg vollzog, spielte er eine Hauptrolle.

Dönitz kam aus einer brandenburgischen Familie, die gerade in die Mittelklasse aufgestiegen war, manche erklären seine militärische Karriere vor diesem Hintergrund. Er begann in der kaiserlichen Marine, geriet im 1. Weltkrieg in Gefangenschaft von Deutschlands Marine-Hauptgegner Grossbritannien. Der Kieler Matrosenaufstand im November 1918, am Ende des Kriegs (als er in Gefangenschaft war), soll Dönitz ultrakonservativ gemacht haben. Unter der nationalsozialistischen Herrschaft baute er die deutsche Unterseeboot-Flotte neu auf, wurde 1939 Befehlshaber der Unterseeboot-Flotte. 1942 wurde er in den Admirals-Rang erhoben, im Jahr darauf zum Grossadmiral und Chef der Kriegs-Marine im Oberkommando der Wehrmacht, als Nachfolger von Erich Raeder. Dönitz leitete auch das “Heranpirschen” deutscher U-Boote an die Ostküste der USA („Operation Paukenschlag“), auch wenn er sie nicht initiierte.

In der Endphase des Krieges schickte er mit seiner offensiven Strategie viele U-Boot-Besatzungen in den Tod. Seine zwei Söhne fielen in diesem Krieg als Angehörige der Marine, seine Tochter heiratete einen Marine-Offizier. Den Widerstands-Kreis in der Wehrmacht um Stauffenberg verurteilte er nach dem Auffliegen infolge des gescheiterten Attentats auf Hitler; im Nürnberger Prozess blieb er dabei, begründete es aber nun rein militärisch. Admiral Wilhelm Canaris, Leiter der Abwehr (Geheimdienst der Wehrmacht), der zu den konservativen Widerstandskämpfern Kontakte hielt, wurde im September 1944 durch Dönitz entlassen. Dönitz ordnete im Jänner 1945 die Evakuierung mit der „Wilhelm Gustloff“ aus Westpreussen (Gdynia/ “Gotenhafen”) an, das Schiff (auch Soldaten an Bord, militärische Begleitschiffe dabei) wurde ja von einem sowjetischen U-Boot durch 3 Torpedos versenkt, ca 6000 Menschen ertranken.

Gegen Kriegsende wurden zwei unter Dönitz’ Befehl stehende Kriegsschiffe von den Briten versenkt. Zu dieser Zeit brachten alliierte Heere Verwüstung und Tod in einem ähnlichen Maß nach Deutschland, wie die Wehrmacht zuvor fast überall in Europa, begünstigt durch die “Durchhaltepolitik” der faschistischen Führer. Im April 1945 wurde Dönitz von Hitler auch zum Wehrmachts-Oberbefehlshaber Nord gemacht und war daher in Plön in Schleswig-Holstein stationiert. Zu diesem Zeitpunkt war der Krieg für Nazi-Deutschland längst verloren, zog sich bereits die alliierte Schlinge um Berlin. Ein Teil von Hitlers Ministern war am 20. April auf dessen Geheiss von Berlin ebenfalls nach Plön ausgewichen. Dönitz gehörte anscheinend zu jenen Machthabern, die Hitler vergeblich davon überzeugen wollten, vor der anrückenden Roten Armee aus Berlin nach Bayern auszuweichen, um dort den Krieg fortsetzen zu lassen. Es heisst, Dönitz wollte Hitler dann auch in/aus Berlin “befreien” lassen.

Am 30. 4., als die Rote Armee wenige 100 Meter von seiner Reichskanzlei entfernt war, am Tag nachdem Mussolini von Partisanen erschossen worden war, erschoss sich Hitler im Bunker der Kanzlei. Hitler soll bereits am 21. April, als sowjetische Truppen in Berlin eindrangen und Einschüsse im Führerbunker zu hören waren, zum Selbstmord bereit gewesen sein und von Martin Bormann sowie einigen Generälen davon abgehalten worden sein. Bruno Brehm: „So endete der Mann, der namenloses Unheil über die Welt gebracht hat. Nicht den Soldatentod wählte er, den er Millionen Deutschen abverlangte, sondern den Selbstmord des Verantwortungslosen.“ Im Frühling 1945 haben sich aber nicht nur viele Nazi-Führer das Leben genommen, sondern etwa 100 000 Deutsche.

Göring (der eigentlich vorgesehene Nachfolger) und Himmler waren in den Tagen davor wegen Angebot der Übernahme bzw. Kontakten zu den Alliierten vom “Führer” verstossen worden und befanden sich in Gefangenschaft bzw. auf der Flucht. Im Hitlers Testament wurden die Posten des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers wieder getrennt; Goebbels wurde darin als Kanzler (und eigentlicher Machthaber) bestimmt, als Minister viele aus der letzten Hitler-Regierung (etwa Schwerin von Krosigk als Finanzminister). Marinechef Dönitz wurde im Testament zum Reichspräsidenten (und damit Oberbefehlshaber der Wehrmacht) ernannt. Hitler tat dies auf Grundlage des “Gesetzes über den Nachfolger des Führers und Reichskanzlers” vom Dezember 1934.

Dönitz ist aber nur bedingt als Reichspräsident und letztes Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs anzusehen. Hitlers testamentarische Verfügungen bezüglich der Nachfolgeregierung gingen von einer Macht aus, die verbrecherisch errungen worden war. Die Grundlage für die Errichtung der Diktatur (und alle von ihr erlassenen Gesetze) war das Ermächtigungsgesetz von 1933; dieses war illegal in seinem Zustandekommen (Terror gegen Abgeordnete) und in seinem Charakter (widersprach Prinzipien der Weimarer Verfassung wie jenem der Gewaltenteilung). Gemäß der Weimarer Verfassung war der Reichspräsident durch allgemeine Wahl zu bestimmen, eine Ernennung durch den Amtsvorgänger war keinesfalls vorgesehen.

Bormann übermittelte Hitlers Verfügungen per Funk aus dem Führerbunker an Dönitz im Norden; nach anderen Angaben telegraphisch. Dönitz trat mit einer Rundfunkansprache über den Reichssender Hamburg am 1. Mai das Amt an, nachdem ein Rundfunksprecher den Deutschen Hitlers Tod mit geteilt hatte1, und dass der “Führer” den Grossadmiral Dönitz zu seinem Nachfolger ernannt hat. Dönitz kündigte die Fortsetzung des Kampfes im Osten gegen den „bolschewistischen Feind“ an. An diesem Tag brachte sich in Berlin auch Goebbels um, samt seiner Familie, mit Zyankali, kurz bevor Einheiten der Roten Armee kampflos den “Führerbunker” einnahmen. Er hatte noch versucht (gegen Hitlers Willen), eine Teilkapitulation mit der Sowjetunion auszuhandeln.

So wurde Dönitz „Nachlassverwalter“ des Reichs; nachdem die Goebbels-Regierung nicht wirklich zustande gekommen war, ernannte er Finanzminister Schwerin von Krosigk zum Reichskanzler bzw. Leitenden Reichsminister, liess diesen eine neue Regierung zusammenstellen, auch, weil manche die Hitler in seinem Testament vorgesehen hatte, nicht verfügbar waren, abgeschnitten durch die Alliierten oder ebenfalls aus dem Leben desertiert, wie Bormann. Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess sagte Dönitz, dass er mit einigen unter Goebbels vorgesehenen Ministern nicht zusammenarbeiten hätte wollen. Albert Speer, der Ende April, Anfang Mai nach Schleswig-Holstein kam, war in der Göbbels-Regierung nicht vorgesehen, wurde unter Schwerin Wirtschaftsminister. Am 3. Mai wich die Dönitz-Schwerin-Regierung vor den vorrückenden britischen Truppen nach Flensburg aus, in die Marineschule Mürwik. Dort hatte Dönitz’ Laufbahn in der Marine auch begonnen!

Dönitz und Schwerin hielten auch Ressorts, daneben gab es die sechs Minister Speer, Stuckart (hoch belastet bzw. schuldig als Schreibtischtäter, u.a. am Holocaust, dann milde bestraft), Thierack, Seldte, Dorpmüller und Backe sowie Hunderte Militärs, Beamte und Hilfskräfte, darunter Otto Meissner. Auch die Wehrmachts-Spitzen Keitel und Jodl bezogen dort Quartier. Die Führungsleute zogen auf die “Patria”, ein Wohnschiff der deutschen Marine vor Flensburg, Speer ins Schloss Glücksburg. Die Wehrmacht kämpfte noch beim Antritt dieser “geschäftsführenden Reichsregierung”, Dönitz sah dann aber ein dass sie nicht mehr in Lage war, Widerstand zu leisten, daher wurde der Plan eines Kampfes gegen die Sowjetunion bei gleichzeitiger Verwirklichung eines Separatfriedens mit den West-Alliierten (der schon von anderen Nazi-Führern am Kriegsende, wie auch etwas früher von einigen Widerstandskämpfern, angestrebt wurde) fallengelassen.

Auch die nun vollzogenen Kapitulationen waren gegen Hitlers Willen. Herrscher in Nordwest-Deutschland waren die Briten geworden. Admiral Hans-Georg von Friedeburg, der nach Dönitz Ernennung zum Reichspräsidenten zu dessen Nachfolger als Marine-Befehlshaber aufgerückt war, verhandelte in dessen Auftrag in Lüneburg mit dem britischen Feldmarschall Bernard Montgomery über die Kapitulation Nordwestdeutschlands sowie Dänemarks (eine der Teilkapitulationen), die am 4. Mai unterzeichnet wurde. Am 5. Mai untersagte Dönitz weitere Aktionen der Werwolf-Organisation, die in den besetzten Gebieten des Deutschen Reiches ab September ’44 Sabotage gegen alliierte Truppen verüben sollten, meist aber gegen Deutsche vorgegangen waren, die mit diesen zusammenarbeiteten. Keitel und Jodl unterzeichneten in den Tagen darauf (in Abstimmung mit bzw. im Auftrag von Dönitz) die Gesamt-Kapitulationen, kamen dann nach Flensburg zurück. Schwerin-Krosigk verkündete mit einer Ansprache über den Sender Flensburg am 7. Mai das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa und die deutsche Niederlage, Dönitz bestätigte einen Tag später dort die bedingungslose Kapitulation. Seine Regierung bestand aber über die Kapitulationen hinaus.2

Bald darauf, am 12. 5., traf in Flensburg eine „Alliierte Kontrollkommission beim Oberkommando der Wehrmacht“ ein, die die Durchführung der Kapitulationsbedingungen überwachen sollte. Zunächst bestand sie nur aus Briten und Amerikanern unter der Leitung von Brigadegeneral Foord und Generalmajor Rooks, später kamen Sowjets hinzu. Hauptquartier der Kommission wurde die “Patria”, anscheinend sind die Nachlassverwalter des 3. Reichs dann von dort ausgezogen. Der Umgangston zwischen Siegern und Besiegten soll höflich gewesen sein. Infolge kamen auch britische Truppen in die Gegend (in den ersten Mai-Tagen hatte es auch noch britische Luftangriffe auf Flensburg gegeben), das “Regierungsviertel” von Flensburg (der “Sonderbereich Mürwik”) blieb unbesetzt. Am 10. Mai musste die Dönitz-Regierung auf Druck der Engländer die Reichskriegsflagge über der Marineschule einholen. Keitel wurde nun von britischen Truppen verhaftet, Jodl von Dönitz zu dessen Nachfolger als Chef der Wehrmacht ernannt. Die Briten sorgten auch dafür, dass in Flensburg keine Todesurteile gegen Deserteure der Wehrmacht mehr vollstreckt wurden, was noch in den letzten Kriegstagen vorgekommen war.3

Das letzte Aufgebot des zusammenbrechenden Dritten Reiches zog sich also in den Norden zurück, nicht in die “Alpenfestung”. Die Reichsregierung ohne Reich amtierte weniger als ein Monat, von Anfang bis Ende Mai 1945, ihr Einfluss ging wegen der alliierten Besetzung nicht weit über den hohen Norden Deutschlands hinaus, die Briten sprachen vom “Pocket Reich”. Die Wehrmachts-Kapitulationen am 7. und 8. 5. bedeuteten eigentlich schon die Übergabe der Macht an die Alliierten, die deren Kontrollrat erst Anfang Juni “offiziell” übernahm. Wenn nicht schon der Sieg in Berlin am 2. 5., von wo die meisten NS-Bonzen geflüchtet waren. Die Alliierten erkannten Dönitz bis zum 8. Mai pragmatisch als Oberbefehlshaber der Wehrmacht und Verhandlungspartner für ihre bedingungslose Kapitulation an, bestritten danach jedoch seine Autorität als Reichspräsident; weil er diese nur auf Kopien von Funksprüchen stützen konnte und weil sie ja eigentlich einen Regimewechsel wollten.

Der in den frühen Mai-Tagen in Österreich von amerikanischen Soldaten festgenommene Göring anerkannte die Flensburger Regierung nicht. Zum Zeitpunkt der Kapitulationen wurde bereits an den Grundlagen für die künftigen deutschen Staaten gearbeitet. Konrad Adenauer wurde von den Amerikanern Anfang Mai 1945 wieder als Oberbürgermeister von Köln eingesetzt und begann auch, an der Gründung einer christlich-demokratische Partei zu arbeiten. Walter Ulbricht und andere im NS in der Sowjetunion exilierte KPD-Führer kehrten ab Ende April zurück, in die SBZ, und machten sich an die Neugründung der Partei. Die Regierung Dönitz blieb aber noch über die Kapitulation der Wehrmacht hinaus im Amt bzw. in Freiheit, ohne Einfluß und ohne Anerkennung. Am 2. Mai stellte sich Wernher von Braun zusammen mit seinem Team in Österreich den US-Streitkräften. Reinhard Gehlen tat dies am 22. Mai in Bayern.

Die Flensburger Regierung unter Dönitz bemühte sich, Wehrmachts-Soldaten in amerikanische oder britische Kriegsgefangenschaft zu bringen, sowjetischer zu entgehen, sowie deutsche Flüchtlinge aus Ost- und Westpreussen und Pommern mit der Marine über die Ostsee nach Schleswig-Holstein zu bringen. Dieter Hartwig, Ex-Marine-Offizier, Militärhistoriker und Enkel Friedrich Ruges, schrieb aber in seiner 2010 erschienen Dönitz-Biografie auf Basis von Originalquellen, Dönitz habe erst am 6. Mai den Rettungsschiffen Brennstoffreserven zur Verfügung gestellt und viele wurden sogar gegen seine Befehle gerettet. Jedenfalls kamen nun Hunderttausende Flüchtlinge/Vertriebene in den Norden (zunächst in Auffanglager), mehr als in jede andere Gegend Deutschlands. Hinzu kamen britische Internierungslager für Wehrmachtssoldaten.

Die Dönitz-Regierung verfügte auch die Auflösung der NSDAP und plante einen Wiederaufbau Deutschlands. Kanzler Schwerin wollte offenbar sämtliche Kabinettssitzungen nachholen, die in den Jahren unter Hitler ausgefallen waren. Hohe Offiziere und Beamte erfreuten sich in Flensburg an Luxus (Top-Offiziere liessen sich etwa in der Stadt neue Uniformen anfertigen), niedere an Alkohol und Sex. Albert Speer wollte seinen Posten als Minister wieder loswerden, er hielt eine Reichsregierung für überflüssig und störte sich an der Zusammenarbeit mit betrunkenen Beamten. Nach Keitel wurden auch die Minister Backe und Dorpsmüller im Laufe des Mai in Flensburg von den Briten verhaftet. Auch der NS-Ideologe Rosenberg, der ins Lazarett der Marineschule gekommen war, wurde dort verhaftet. Flensburg war im Mai 1945 ein Fluchtziel für diverse Drahtzieher des NS-Staats geworden.

Auch SS-Führer Himmler setzte sich auf der Flucht vor den Alliierten zum Rest der ehemals Hitler-Treuen im Norden ab, mit 150 Personen seines Stabes (auch Ex-Auschwitz-Kommandant Höss), kam dort am 2. 5. an, etwas vor dem OKW. Dönitz nahm Himmler nicht in seine Regierung auf, aber sein Beamtenapparat in der Marineschule und im Flensburger Polizeipräsidium half ihm, für SS- oder Gestapo-Leute falsche Papiere auszustellen. Viele von jenen, die dadurch zu einfachen Soldaten und Polizisten wurden (und den Alliierten nicht ins Netz gingen), blieben in Schleswig-Holstein und fanden in der Nachkriegszeit Anstellung im Landesdienst. Am 6. 5. nahm Himmler an einer Kabinettssitzung teil, wurde dann von Dönitz seiner Ämter enthoben (wie schon von Hitler) und verliess den Ort, mit falschen Papieren.

Am 20. Mai lief ein sowjetisches Kriegsschiff in den Flensburger Hafen ein und ankerte neben der Patria. Am 22. Mai wurden Dönitz, Jodl und von Friedeburg für 9:45 Uhr des Folgetages auf die Patria beordert. Es waren dort Ford, Rooks, und der sowjetrussische General Truskow anwesend. Rooks verlas ein Schreiben von Eisenhower, das die Geschäftsführende Reichsregierung und das Oberkommando der Wehrmacht für aufgelöst und zu Kriegsgefangenen erklärte.4 Dönitz feilschte noch um die Anzahl der Koffer, die er in die Gefangenschaft mitnehmen durfte. Währenddessen wurde nun auch das “Regierungsviertel” mit der Marineschule von den Briten gestürmt, besetzt und die dort Residierenden festgenommen. Dabei wurden Leibesvisitationen durchgeführt, nicht zuletzt, um Selbstmorde zu verhindern (wie jenen Himmlers an diesem Tag in Lüneburg), von Friedeburg gelang es aber, sich mit einer Zyankali-Kapsel das Leben zu nehmen.

Speer wurde in Glücksburg geschnappt. Dönitz, Jodl und Speer wurden noch zu Pressevorführung in den Innenhof des Flensburger Polizeipräsidiums gebracht (Foto). Sie und andere führende Militärs, Politiker, Beamte des NS-Staates wie Schwerin oder Meissner wurden auf LKWs zum Flugplatz und von dort aus nach Bad Mondorf in Luxemburg gebracht. Dort wurden die gefangenen Nazi-Größen, auch Göring, Keitel oder von Ribbentrop, unter Aufsicht der US-Armee in einem Kurhotel (Palace Hotel) interniert. In diesem „Camp Ashcan“ blieben sie von Mai bis September, ehe sie, als der Krieg endgültig zu Ende war, ins Nürnberger Zellengefängnis gebracht wurden.5

Wie das Deutsche Reich ging auch das Königreich Italien durch den Faschismus unter, König Vittorio Emanuele blieb aber über Mussolinis endgültige Entmachtung hinaus am Ruder (unter alliierter Kontrolle), trat 1946 zurück, sein Sohn Umberto wurde so für einen Monat, den Mai 1946, König, ehe die Monarchie durch eine Volksabstimmung abgeschafft wurde.

Im Hauptkriegsverbrecherprozess erschien Dönitz meist mit dunkler Brille. Sein Anwalt war Otto Kranzbühler, ein Marine-Veteran. Er reklamierte ab Nürnberg eine unpolitische, rein militärische Rolle für sich unter dem NS (ähnlich wie Speer, der sich als unpolitischer Technokrat darstellte). Die Annahme der Ernennung zum Präsidenten und die Regierungsarbeit sei erfolgt aufgrund der “Zugehörigkeit des deutschen Volkes zum christlichen Westen” und dem Streben nach der Rechtssicherheit für die Person… 1946 wurde er bezüglich Befehlen zur Behandlung von Schiffbrüchigen (Laconia-Befehl) und zum Seekrieg gegen Handelsschiffe freigesprochen (was ihn vor der Todesstrafe bewahrte), für die Durchführung des Angriffskriegs schuldig befunden. Er bekam eine Strafe von 10 Jahren Haft. Der Einsatz von KZ-Häftlinge in Werften zum U-Boot-Bau wurde ihm nicht zur Verantwortung gelegt.

Die sieben dort zu Freiheitsstrafen verurteilten (darunter auch Dönitz’ Vorgänger Raeder) wurden 1947 zur Verbüssung nach Berlin-Spandau gebracht, als der Kalte Krieg zwischen den Alliierten des Krieges schon dabei war, auszubrechen. Bei der Wahl des deutschen Bundespräsidenten 1954 wurde für Dönitz, obwohl er nicht nominiert und noch in Haft war, in der Bundesversammlung eine Stimme abgegeben. Er hat sich laut Speers Memoiren in Spandau bei diesem beschwert, dass er es war der Hitler vorschlug, ihn als Nachfolger einzusetzen, wodurch er erst als “sauberer Wehrmachtsoffizier” mit der “schmutzigen Politik” in Verbindung gebracht worden sei und dadurch zu dieser Strafe gekommen. Andererseits soll er auch (vor seiner Haft, nachher) darauf herum geritten sein, als Staatsoberhaupt unrechtmäßig abgesetzt worden zu sein (in Bad Mondorf im Juli 1945 schrieb er eine Erklärung zu Kapitulation, Gefangennahme, Reich). Einerseits verteidigte er sich damit, ein “unpolitischer Offizier” gewesen zu sein, andererseits war er Hitler bis zum Ende ergeben und hat auch im Nachhinein nichts kritisches über den Nationalsozialismus gesagt.

1956 wurde er freigelassen und liess sich in Schleswig-Holstein nieder. Dönitz erhielt nur die Pension eines Kapitäns, da die Beförderungen ab der nationalsozialistischen Ausschaltung der Demokratie diesbezüglich nicht anerkannt wurden. Er schrieb zwei autobiografische Bücher, mehrere militärische. Mit Hitler und dem NS glaubte er nicht brechen zu müssen, da er nur als Offizier gedient habe. 1958 musste sich das Verteidigungsministerium von ihm distanzieren, nachdem sich Bundeswehr-Offiziere der Marine gegen die Distanzierung eines SPD-Politikers von Dönitz und Raeder verwahrt hatten. Dönitz beschwerte sich daraufhin schriftlich bei Kanzler Adenauer, der gab die Sache an Verteidigungsminister Strauss weiter, der soll Dönitz für seinen Standpunkt von der Wehrmacht, die mit NS-Verbrechen nichts zu tun hatte, kritisiert haben. Der positive Bezug auf Ex-Offiziere wie ihn fiel der Bundeswehr leichter als auf Widerständler in der Wehrmacht.

Rudolf-Christoph von Gersdorff, der den Krieg als einer von wenigen Wehrmachtsangehörigen des aktiven Widerstandes überlebte ohne aufzufliegen, scheiterte mit einigen Versuchen, in die Bundeswehr aufgenommen zu werden, am Widerstand des Adenauer-Vertrauten, Staatssekretär Hans Globke sowie Kreisen ehemaliger Offiziere der Wehrmacht in der Bundeswehr. Gersdorff wollte 1943 im Berliner Zeughaus ein Sprengstoff-Selbstmordattentat auf Hitler (sowie die anderen anwesenden Naziführer Göring, Himmler, Keitel und Dönitz) unternehmen, in Absprache mit dem Widerstands-Kreis in der Wehrmacht um v. Tresckow, scheiterte aber weil Hitler nur durch die Ausstellung hastete (es gelang Gersdorff gerade noch, den bereits aktivierten Säurezünder rechtzeitig zu entschärfen). Beim Attentat vom 20. Juli 1944 war er auch aktiv beteiligt. Konteradmiral Gerhard Wagner, einer der am 23. Mai 1945 in Mürwik verhafteten Offiziere (die nicht als Nazi-Grösse eingestuft wurden), wurde dagegen einer der führenden Leute in der Marine der BRD. Wie der erste Inspekteur der Bundesmarine Friedrich Ruge war er dazwischen im amerikanischen “Naval Historical Team”, das die Kriegserfahrung der NS-Marine gegen die Sowjetunion für die USA abzuschöpfen trachtete. Dönitz nahm gemeinsam mit Ruge (der auch sonst in der Hinsicht immer wieder herumeierte) 1960 an Raeders Begräbnis teil.

1963 trat er in einer Schule in Schleswig-Holstein auf, auf Einladung von Schülersprecher Uwe Barschel, erzählte von der NS-Zeit. Nach der Aufregung darüber, die entstand nachdem ein anwesender Journalist den Auftritt bejubelte (“Genauso, wie er im Krieg seine U-Boot-Soldaten begeisterte und zu höchsten Leistungen anspornte, zog er auch diese Jugend schnell in seinen Bann”), verübte der Direktor des Gymnasiums in Geesthacht Selbstmord. Durch den “Gegenwind” wurde Dönitz noch stärker eine Bezugsfigur für Rechtsextreme. Die Schule lud dann den Historiker Karl Dietrich Erdmann ein, um den Dönitz-Auftritt nachträglich “zurechtzurücken”. Erdmann erklärte dabei, dass (auch) Dönitz einer jener führenden Offiziere sei, die Hitler verfallen gewesen seien.

Nach Dönitz’ Tod zu Weihnachten 1980 entschied Verteidigungsminister Apel (der 1982 neue Traditionsrichtlinien erliess, die stärker mit der Wehrmacht brachen) für das Begräbnis im Jänner 1981 gegen eine Teilnahme der Bundeswehr und gegen die Erlaubnis zum Uniform-tragen von ihren Angehörigen bei privatem Erscheinen. 4000 Leute kamen zum Begräbnis, darunter Soldaten in Zivil (einige auch in Uniform) und angeblich Uwe Barschel (damals Innenminister von Schleswig-Holstein), der mit Dönitz seit dessen Schul-Auftritt in Kontakt gestanden haben soll, sowie Angehörige der britischen Marine.

Die Mürwiker Marineschule wurde nach dem Auszug der letzten Reichsregierung zunächst als Krankenhaus genutzt, dann ein Teil als Zollschule, ab Mitte der 1950er wieder von der Marine. Im 1973 erschienenem Roman „Das Boot“ von Lothar-Günther Buchheim sind die Erlebnisse des Autors als Kriegsberichterstatter auf verschiedenen U-Booten im Hitler-Stalin-Krieg verarbeitet. Diverse ehemalige Marine-Offiziere waren nicht erfreut über die Darstellungen; auch Dönitz wird darin kritisch dargestellt. Dönitz ist übrigens bei weitem nicht das kürzest regierende Staats-/Regierungsoberhaupt (wenn man ihn überhaupt als Herrscher über das Deutsche Reich sieht, was er eigentlich weder de jure noch de facto war). Goebbels ist da mit seinem 1 Tag als Reichskanzler näher dran

 

23. 5. 1945 Flensburg, Jodl, Speer, Dönitz
Flensburg, 23. 5. 1945: Jodl, Speer, Dönitz, britische Soldaten

 

Dieter Hartwig: Großadmiral Karl Dönitz. Legende und Wirklichkeit (2010)

Peter Padfield: Dönitz. The Last Führer (2013; Englisch). Vom selben Autor: Dönitz – des Teufels Admiral (1984)

Michael Salewski, Marineoffizier in der BRD sowie Professor für Geschichte an den Universitäten Bonn und Kiel, arbeitete die Buchheim-Kontroverse in seinem 1976 erschienenen Werk „Von der Wirklichkeit des Krieges“ auf

Klaus Hesse: Das „Dritte Reich“ nach Hitler: 23 Tage im Mai 1945. Eine Chronik (2016)

Francois-Emmanuel Brézet: Dönitz. “Le dernier Führer” (2011; Französisch)

Jörg Hillmann: Der „Mythos“ Dönitz – Annäherungen an ein Geschichtsbild. In: Bea Lundt (Hg.): Nordlichter. Geschichtsbewußtsein und Geschichtsmythen nördlich der Elbe (2004)

Walter Görlitz: Karl Dönitz. Der Großadmiral (1972)

Walter Lüdde-Neurath, der persönliche Adjutant des Grossadmirals in jener Zeit, berichtete mit Walter Baum über “Regierung Dönitz: die letzten Tage des Dritten Reiches”.

Joachim Fest: Der Untergang (2003)

“Eine deutsche Karriere. Rückblicke auf unser Jahrhundert.” Dokumentarfilm, DDR 1987, Karl Gass, soll empfehlenswert sein

www.youtube.com/watch?v=hNCrXc5880Q Über die Verhaftungen in Flensburg (Englisch)

www.youtube.com/watch?v=M6lvfL_2k0M&list=PL2d3cEu3bkorHNN6KetWWJndd4UdxdOT6&index=1 Dönitz in Nürnberg

www.youtube.com/watch?v=D505WKDrrHM Interview mit Dönitz und Speer 1973

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. „Bis zum letzten Atemzuge gegen den Bolschewismus kämpfend für Deutschland gefallen“
  2. Und einzelne Verbände der Wehrmacht, wie die 8. Armee, kämpften noch einige Tage über die Gesamt-Kapitulationen hinaus gegen sowjetische Truppen; dies vor allem in dem Bestreben, Militärverbände und Zivilisten noch in die Westgebiete zu transportieren und sich nicht gegenüber der Roten Armee zu ergeben. Darüber hinaus waren manche Einheiten noch selbstständig aktiv: in Norwegen, Tschechien, Teilen Frankreichs, auf den britischen Kanalinseln, in Lettland. Und, Wehrmachts-Soldaten agierten nach Kriegsende in Teilen Deutschlands unter alliierter Kontrolle als Polizei-Kräfte, auch im Nordwesten, für die Briten
  3. Im März ’45 wurde der Matrose Walter Gröger aus Schlesien, der desertiert war, in Norwegen von Marine-Richter Filbinger zu Tode verurteilt, und erschossen
  4. Den Alliierten ging es u.a. darum, den Eindruck zu vermeiden, es habe nur eine militärische Kapitulation gegeben, gegen den Willen der politischen Führung. Im 1. WK hatte es eine politische, aber keine militärische Kapitulation Deutschlands gegeben, und dies hatte die Dolchstosslegende genährt, welche auch Hitler dann politisch ausnützte
  5. Im August ’45 die Atombomben-Abwürfe auf Japan; in diesem Monat wurde auch die Wehrmacht aufgelöst

Uwe Barschels Tod

Der Tod des Ex-Ministerpräsidenten Barschel inmitten eines landespolitischen Skandals (Barschel-Affäre/”Waterkantgate”) ist ein hochbrisanter politischer Stoff der jüngeren deutschen Geschichte mit wahrscheinlich internationaler Dimension und wirft noch immer Fragen auf.

Der Jurist aus Mölln wurde 1982 für die CDU Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Angeblich war er süchtig nach Tabletten und scharf auf schnellen Sex. Am Tag vor der Landtagswahl am 13. September 1987 wurde bekannt, „Der Spiegel“ werde am Tag nach der Wahl berichten, Barschels Medienreferent Reiner Pfeiffer (zuvor im “Springer”-Konzern) habe auf Veranlassung Barschels das Privatleben des SPD-Gegenkandidaten Björn Engholm ausspionieren lassen, ihn anonym der Steuerhinterziehung beschuldigt und ihm telefonisch mitteilen lassen, er sei HIV-infiziert. Für einige der Anrufe dürfte der Hochstapler Postel, ein Freund Pfeiffers, verantwortlich gewesen sein. Die Wahl brachte eine Niederlage der CDU. Dann das berühmte Ehrenwort Barschels auf einer Pressekonferenz, dass die Vorwürfe haltlos seien. Doch schnell wurde klar, dass er nicht die Wahrheit gesagt hatte. Am 2. Oktober 1987 trat er vom Amt des Ministerpräsidenten zurück. Die Landesregierung wurde daraufhin kommissarisch von seinem bisherigen Stellvertreter Henning Schwarz geleitet. Die weiteren Auswirkungen auf die Landespolitik waren die Neuwahl 1988 (aufgrund eines Patts im Landtag) mit dem neuerlichen Sieg der SPD unter Engholm. Dieser musste 1993, auch als SPD-Bundeschef, der er inzwischen war, zurücktreten, da er in einem ersten Untersuchungs-Ausschuss des Landtags wahrheitswidrig erklärt hatte, vor der Wahl 1987 nichts von den Barschel-Pfeiffer-Aktionen gewusst zu haben. Die SPD hatte Pfeiffer geholfen, die Informationen an den Spiegel weiterzugeben.

Am 11. Oktober 1987, einen Tag bevor Barschel vor dem U-Ausschuss des Landtags aussagen sollte, wurde er von „Stern“-Reportern tot und bekleidet in der Badewanne seines Zimmers im Hotel “Beau-Rivage” in Genf aufgefunden. Er war zuvor mit seiner Gattin Freya, die eine entfernte Verwandte Bismarcks ist, auf den Kanarischen Inseln gewesen. Der tote Barschel wurde von den Reportern erst ausgiebig fotografiert bevor sie die Polizei riefen. Den offiziellen Ermittlungen und Bekanntmachungen in der Schweiz und in Deutschland nach ist Barschel durch Suizid zu Tode gekommen. Aber auch Selbstmord mit Hilfe eines Zweiten und Mord stehen im Raum. Sicher ist, er starb nach einer Vergiftung durch Medikamente (v.a. Sedativa), in der Nacht vor seinem Auffinden. Man fand am Tatort keine Verpackungen der eingenommenen Medikamente. Ebenfalls verschwunden war eine Rotweinflasche, die Barschel geordert hatte. Möglicherweise wurden diese Gegenstände von der Schweizer Polizei unachtsam entsorgt. Interessant ist ein medizinisches Gutachten des Schweizer Toxikologen Hans Brandenberger, das u.a. besagt dass Barschel nicht in der Lage gewesen sein konnte, die in seinem Körper gefundenen Medikamente alleine einzunehmen. Fast 25 Jahre nach dem Tod des CDU-Politikers hat das Landeskriminalamt von Schleswig-Holstein auf Barschels Kleidung den genetischen Fingerabdruck eines Unbekannten entdeckt; das belegt dass er in seiner Todesnacht Kontakt zu einer unbekannten Person hatte.

Da es keine umfangreiche offizielle Untersuchung zum Tod Barschels gab, schwirren viele Gerüchte dazu herum, deren Bewandtnis ungeklärt ist. Barschels Familie hat die Selbstmord-These immer bezweifelt. Der ehemals ermittelnde Lübecker Staatsanwalt Heinrich Wille geht inzwischen von der Ermordung Barschels aus. Das Ermittlungsverfahren wurde aber 1998 eingestellt, und Wille wurde von Schleswig-Holsteins Generalstaatsanwalt Erhard Rex die Veröffentlichung eines Buches zum Thema (Arbeitstitel: “Der Mord an Uwe Barschel – das Verfahren”) untersagt. Erschienen ist vom Luxemburger Armand Mergen “Tod in Genf: Ermittlungsfehler im Fall Barschel: Mordthese vernachlässigt”. Einigen Angaben zufolge wurde Barschel von anonymen Informanten nach Genf bestellt und hatte seinen letzten Termin mit dem saudi-arabischen Waffenhändler und Geheimdienst-Vertrauten Adnan Kashoggi. Der Privat-Detektiv Werner Mauss hielt sich zum Zeitpunkt des Todes Barschels in Genf in unmittelbarer Nähe zum Geschehen auf, verneint eine Verwicklung in die Affäre.

Der Ex-Mossad-Agent Ostrovsky behauptete in seinem Buch „Geheimakte Mossad“, Barschel sei vom Mossad getötet worden, weil er sich 1987 der Abwicklung geheimer (und später aufgeflogener) Waffengeschäfte zwischen Israel und dem Iran (!), die über Schleswig-Holstein abgewickelt worden sind, widersetzt habe und sein Wissen über die Angelegenheit preiszugeben drohte. Diese Waffenlieferungen standen im Rahmen der Iran-Contra- (bzw. Irangate-) Affäre: Die Reagan-Regierung verkaufte geheim Waffen an den Iran, der im Krieg gegen Irak stand, der Erlös ging an die “Contras” in Nicaragua. Die USA lieferten Waffen daneben auch an Saddam Hussein; erlaubten Israel, Waffen an Iran zu liefern, auch diese dürften aber beide Seiten beliefert haben. Israel und USA erhofften sich eine Verlängerung des Krieges. Ein Faktor war auch die Freilassung von US-Geiseln im Libanon, die in den Händen schiitischer Gruppen waren. Laut Brandenberger stimmen die chemischen Analysedaten bis in Details mit dem Mordablauf überein, den Ostrovsky in dem Buch schildert. Das staatliche Israel soll nach dem Gutachten Stellung gegen diese Spekulationen bezogen haben. Der ehemalige iranische Präsident (1980/81) Banisadr sagte, Barschel sei an den Waffengeschäften beteiligt gewesen, sprach aber auch von einer Erpressung durch diesen. Später soll auch die Weitergabe von Nukleartechnologie an den Iran über Schleswig-Holstein gelaufen sein.

Eine Rolle in diesen Spekulationen spielt der südafrikanische Waffenhändler Dirk Stoffberg, der mit Israel und islamischen Ländern gehandelt haben soll, auch mit der dubiosen Substanz “Red Mercury”. Er war vor dieser Tätigkeit beim Geheimdienst NIS und wird mit den Morden an den Apartheid-Gegnern Ruth First und Dulcie September in Verbindung gebracht. Er gab 1994 im Entwurf einer eidesstattlichen Versicherung an, Barschel sei von Robert Gates, später CIA-Direktor und amerikanischer Verteidigungsminister, nach Genf bestellt worden. Barschel habe mit Enthüllungen über militärische Lieferungen gedroht. Seine eidesstattliche Erklärung konnte er nicht mehr abgeben, er starb im Juni 1994, zusammen mit seiner Frau, anscheinend durch Mord und Selbstmord.

Ein anderes Mordmotiv könnte sich aus dem U-Boot-Geschäft einer Kieler Werft mit dem Apartheidsregime in Südafrika ergeben haben. Südafrika wollte in den 1980ern U-Boote in Deutschland kaufen, bei “Howaldtswerke Deutsche Werft” (HDW) in Kiel, damals zu 25,1 % im Besitz des Landes Schleswig-Holstein. HDW (die auch die U-Boote für Israel produziert) wollte diesen Auftrag bekommen und Barschel als Ministerpräsident die vom Konkurs bedrohte Werft mit dem Geschäft angeblich retten. Der Bundessicherheitsrat (mit dem damaligen Finanzminister Gerhard Stoltenberg, Barschels Vorgänger als Ministerpräsident von SH, der das Geschäft eingefädelt haben soll) wollte zunächst den Export von Bauplänen/Blaupausen und Komponenten genehmigen, beschloss dann aber, das wegen der Apartheidpolitik unter verhängte UN-Waffenembargo von 1977 zu befolgen und keine Genehmigung zu erteilen. 1984/85 soll aber eine südafrikanische Waffenfirma (“Sandock Austral”, die auch israelische Schnellboote und ein deutsches Minenabwehrfahrzeug unter trickreicher Umgehung des Waffenembargos nachbaute; oder aber “Armscor”) Baupläne und einen HDW-Mitarbeiter zur Verfügung gestellt bekommen haben (sowie einen Teil der Anzahlung zurückerstattet bekommen haben). Ein Steenkamp von der südafrikanischen Botschaft in der BRD soll dies eingefädelt haben. Die U-Boot-Bauplan-Weitergabe an Apartheid-Südafrika – ein Bruch des Embargos – wurde 1986 von der Regionalzeitung “Kieler Nachrichten” thematisiert und hatte zwei Bundestags-Untersuchungsausschüsse (Norbert Gansel, SPD, Obmann in einem Ausschuss und Freund Engholms, hält mittlerweile einen Mord an Barschel für möglich) und ein Ermittlungsverfahren zur Folge, die keine Strafen und wenig Aufklärung brachten. So gibt es keine Klarheit über eine stillschweigende Duldung oder sogar Unterstützung von Bonn (F.J. Strauss wurde hier genannt) und Kiel (Barschel). HDW-Manager behaupteten, nicht alle Blaupausen geliefert zu haben. Barschel wurde den diesbezüglichen Spekulationen zufolge von Organen Apartheid-Südafrikas ermordet, weil er gegen den Deal war, weil er sein Wissen in Geld verwandeln bzw. preisgeben wollte oder aber weil das Geschäft nicht zustandekam, die Südafrikaner bezahlt hatten und Barschel das Geld nicht zurückzahlen konnte. Die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC), die die Aufarbeitung von Verbrechen in der Apartheid-Ära zum Ziel hatte, hat die Sache mit den U-Booten und Barschel nicht behandelt.

Eine wichtige Rolle in den Theorien um den Tod Barschels spielt sein Geschäftspartner Ballhaus, dem er geholfen haben soll, Geschäfte in der DDR abzuwickeln (bei denen wiederum Südafrika eine Rolle gespielt haben soll). In dem Zusammenhang wird immer wieder das Hotel “Neptun” in Warnemünde genannt. Ballhaus stand in Kontakt mit dem südafrikanischen Wildjäger Jacobus Prinsloo, der bei der Übergabe der Blaupausen an den südafrikanischen National Intelligence Service (NIS) eine Rolle gespielt und Ballhaus gegenüber von der Ermordung Barschels gesprochen haben soll.

Genannt wird im Zusammenhang mit den Spekulationen zum Tod Barschels auch das von HDW hergestellte Kreuzfahrtsschiff “Astor”, das über Südafrika und Bahamas an die DDR verkauft wurde, und dort unter dem Namen “Arkona” in Dienst gestellt wurde. Es gibt Meinungen, dass der Verkauf des Schiffes an die DDR Teil eines geheimen Dreiecksgeschäfts zwischen Südafrika, der DDR und den HDW war, das maßgeblich durch die schleswig-holsteinische Landesregierung beeinflusst bzw. eingefädelt war, und bei dem bis 150 Millionen DM Schmiergeld geflossen sein sollen. Die DDR sei dadurch günstig zu einem Kreuzfahrtschiff gekommen, Apartheid-Südafrika an die U-Boot-Pläne und die wirtschaftlich angeschlagene HDW an dringend benötigte Aufträge.

Der Fall Barschel und das “Unbekannte”