Das letzte gesamt-jugoslawische Fussball-Nationalteam

Das letzte gesamt-jugoslawische Fussballteam zerfiel 1990 bis 1992 parallel zum Staat, den es repräsentierte. Was noch übrig war, wurde kurz vor Beginn der EM 1992 ausgeschlossen. Zu Beginn der Qualifikation waren noch Spieler aus allen Teilrepubliken Jugoslawiens dabei, vor dem Turnier dann fast nur Spieler aus dem aus Serbien und Montenegro bestehenden Rest-Jugoslawien. Der Verbleib in bzw die Trennung von Jugoslawien verlief im Fussball ähnlich wie “im Grossen”. Basketball und Handball waren im damaligen Jugoslawien ebenfalls wichtig, aber der Fussball reflektierte den politischen Auseinanderfall besonders gut. So wie Sport meist in irgend einer Hinsicht politische und ethnische Verhältnisse wiederspiegelt. 2 Monate vor Beginn der EM 2016 ein Rückblick auf die Geschehnisse rund um die EM 1992.

Fussball, Nationalismus und Politik in Jugoslawien

Schon der erste grosse Erfolg des jugoslawischen Fussballs, der 4. Platz bei der ersten Weltmeisterschaft 1930, stand vor dem Hintergrund eines Nationalitäten-Konflikts. Es gab Streit zwischen serbischen und kroatischen Funktionären im Fussball-Verband, u. a. weil dessen Sitz von Zagreb nach Belgrad verlegt wurde. Kroaten boykottierten das Nationalteam bei der WM, das dann mit einer rein serbischen Mannschaft antrat.1 Und, mindestens so politisch wie das war der weitere Weg eines Spielers dieses Teams, Milutin Ivkovic. Er wurde dann Arzt, engagierte sich für den Boykott der Olympischen Spiele in Berlin in Nazi-Deutschland 1936. Wieder ein paar Jahre später war das erste (königliche) Jugoslawien durch den Angriff des Deutschen Reichs und seiner Verbündeten zerfallen. Ivkovic wurde während der nazideutschen Besatzung ermordet, da er mit den Partisanen zusammen arbeitete.

Ab 1945 bekamen die Klubs neue, sozialistische Namen. Und, gute Spieler aus diversen Republiken wurden gern zu den Belgrader Klubs Partizan oder Roter Stern “gelotst”, wie der Kroate „Tschick“ Cajkovski. Cajkovski, der später auch in West-Deutschland als Trainer tätig war, war bei Olympia 1952 dabei, als das jugoslawische Team die Silber-Medaillie gewann. In der ersten Runde gewann es über das sowjetische Team, das war kurz nach der Abwendung Titos von Stalin. In Emir Kusturicas Film „Papa ist auf Dienstreise“ (1985) werden Ereignisse rund um dieses Turnier dargestellt. Ja, der ex-moslemische Bosnier (was er nicht sein will) Kusturica. Am Beginn des Krieges in Bosnien 1992 ging er von Sarajevo nach Belgrad, trat dann zur serbisch-orthodoxen Kirche über, nahm den Namen Nemanja an, wurde eine islamophobe Ikone im Zeitalter von Islamkrise und Islamophobie. “Wir wurden nur Moslems, um die Türken zu überleben”, sagte er. Das ist vielleicht nicht ganz falsch, aber was bedeutet das im Klartext? Dass die Bosniaken (moslemische Bosnier) keine “echten” Moslems sind und südslawische Brüder der Serben, es eigentlich keinen Grund gab, sie zu vertreiben und zu bekämpfen… Kusturica ist übrigens auch “anti-lateinisch”,  was sich nicht nur auf die Katholiken am Balkan (wie Kroaten) bezieht, sondern auch auf Mitteleuropa bzw das katholische Europa. Damit liegt er voll auf Linie mit dem serbischen Nationalismus, wo der „Westen“ nur der andere Feind ist neben dem „Islam“.

Doch ich greife vor. Bei Olympia hat Jugoslawien im Fussball auch 1948 (mit Bobek u. A.) oder 1956 (etwa mit T. Veselinovic) Medaillien gewonnen. Dann gabs den 2. Platz bei der EM 1960, den Olympiasieg im selben Jahr und den 4. Platz bei der WM 1962. Bei allen drei Erfolgen war Fahrudin Jusufi dabei. Der Kosovo (Kosova) und seine Bevölkerung standen in (fast) allen Belangen Jugoslawiens im Abseits, einem Staat der schon seinem Namen nach jener der Süd-Slawen war. Dennoch, einer der ganz wenigen Fussball-Nationalspieler Jugoslawiens, die aus dem Kosovo kamen, war gleichzeitig einer der besten Fussballer des Landes. Fahrudin Jusufi ist kein Albaner, sondern ein Gorani (moslemische Slawen, wie die Bosnier).2 Mit Partizan Belgrad war er ausserdem in einem Europacup-Finale. Er war einer der vielen Fussballer aus Jugoslawien (Spieler und Trainer), die in kommunistischer Zeit als “Legionäre” ins Ausland (Westeuropa) gingen.

Die Krise

Klappte der Zusammenhalt Jugoslawiens unter Tito wegen seiner harten Hand (UDBA) oder weil er einen gerechten Ausgleich fand? Die Rivalitäten zwischen den Nationalitäten (bzw Nationen) in Jugoslawien brachen bald nach Titos Tod aus; existent waren sie wohl schon vorher3. In den 1980ern wurden die Parteiorganisationen der KP in den Teilrepubliken Träger der Nationalismen der Republiken. In Serbien wurde Slobodan Milošević 1987 Parteichef. 1989/90 hob er die Autonomie des Kosovo auf – der Auseinanderfall Jugoslawiens begann (und endete dann auch) mit dem Kosovo. Im Jänner 1990, als das Land schon keine Einheit mehr war, der (letzte) Parteitag der kommunistischen Partei SKJ. Es gab Konsens über die Abschaffung des Einparteiensystems (!), aber Dissens über die Frage der künftigen Verteilung der Kompetenzen zwischen der Zentralregierung und den Teil-Republiken (die slowenische und kroatische Delegation wollten viel mehr Föderalismus). Es gab keine Lösung, nur die de facto-Auflösung der Partei auf Bundesebene4.

Die kommunistischen Partei-Organisationen in den Republiken wurden in eigenständige und reformkommunistische oder sozialdemokratische Parteien umgewandelt. Die Gründung von anderen Parteien wurde erlaubt. Der nächste Schritt waren Wahlen in den Teilrepubliken, im Laufe des Jahres 1990. Teilweise setzten sich dabei Reform-Kommunisten durch, teilweise die neuen, nicht-kommunistischen Kräfte. Das kommunistische System wurde in den Teilrepubliken abgeschafft. Es gab weiter keine Reform, keine Lösung, auf Bundesebene, die Republiken gingen ihre eigenen Wege, Spannungen zwischen ihnen verstärkten sich. Innerhalb Kroatiens, das nun von der HDZ regiert wurde, wurden sie am grössten, und zwar in jenen Gebieten in denen die serbische Minderheit lebte, bzw zwischen dieser Minderheit und der Republiks-Regierung.

Der Ministerpräsident der Bundesregierung, Ante Marković, versuchte weiter eine gesamtstaatliche Reform – er wollte ein vereintes Jugoslawien, es musste/sollte kein sozialistisches sein. 1990 gründete er eine liberale Partei. Er hatte dabei aber nicht einmal die volle Unterstützung seiner Kollegen in der Bundesregierung, sein Verteidigungsminister Kadijevic agierte zB an ihm vorbei. Sein Reformprojekt wurde von Nationalisten und Alt-Kommunisten sabotiert; 1990 das Karadjordjevo-Treffen zwischen den Präsidenten Serbiens und Kroatiens, Milosevic und Tudjman, die sich gegen Markovic einigten. Im Staatspräsidium (1989 letztmals gewählt) vertraten die Vertreter der einzelnen Republiken deren Interessen. Das (ernannte) Bundesparlament verlor in der Krise ab 1990 ganz die Bedeutung.

Der Bosnier Ivan Osim5 war als Spieler im jugoslawischen Team ein Aussenseiter, da er von keinem der vier grossen Klubs aus Serbien und Kroatien kam. Nach einer Sperre wegen erfundenen Schiebungsvorwürfen in der Meisterschaft kam sein Auftritt bei der EM 1968, wo Jugoslawien Zweiter wurde. “Schwabo” Osim wurde ins All Star-Team des Turniers gewählt, neben Zoff, Moore oder Mazzola.6 1986 wurde er jugoslawischer Nationaltrainer7, nachdem er unter unter Toplak und Milutinovic schon Assistent gewesen war. Er holte als Teamchef viele Bosnier, zB Mehmet Bazdarevic, den er bei Željezničar Sarajevo trainiert hatte. Er übernahm ein Team mit Spielern, die 1984 bei Olympia eine Medaillie geholt haben (etwa Katanec, Bazdarevic, Stojkovic, Ivkovic, Elsner) und bei der U 20-WM 1987 gewonnen haben (wie Šuker, Mijatović, Boban, Prosinečki, Jarni, Štimac, Brnović, Leković). Osim holte als erster jugoslawischer Nationaltrainer nach dem 2. WK Legionäre ins Team (zB Susic, Hadzibegic, Vujovic, Ivkovic, Katanec); zu seinen Spieler-Zeiten wurden Auslandstransfers in der Regel ab 28 J. genehmigt und nachdem er nach Frankreich gegangen war, hatte er keine Länderspiele mehr gemacht.

Ein wichtiger Schritt am Weg zur Auflösung Jugoslawiens war das Meisterschaftsspiel Dinamo Zagreb gegen Roter Stern Belgrad, im Mai 1990. Hier gab es so etwas wie Wechselwirkungen zwischen Fussball und Politik, der Fussball spiegelte hier nicht rein Politik wieder, sondern beeinflusste sie. Das Match fand bald nach der kroatischen Wahl statt, mit dem Sieg der HDZ (die Manche als so etwas wie das Ende des YU-Konsenses sehen) und kurz vor dem Unabhängigkeits-Referendum Kroatiens. Vor dem Match brachen Krawalle zwischen den Fans beider Klubs aus, bei den Belgrader Fans mit dabei war “Arkan” Željko Ražnatović, der zuvor als Bankräuber in Westeuropa tätig war, danach als Führer serbischer Milizen in Kroatien und Bosnien. Dinamo-Spieler Zvonimir Boban kämpfte im Stadion mit einem Polizisten (ein Bosniake, wie man heute weiss), der auf einen Dinamo-Fan losgegangen war. Das Match, in der vorletzten Runde der Meisterschaft, wurde abgesagt und 0:3 für Roter Stern straf-verifiziert. Dies entschied aber nicht für die Meisterschaft von Roter Stern. Beide Klubs hatten viele Nationalspieler in ihren Reihen, Roter Stern etwa Stojkovic, Prosinecki, Pancev, Savicevic, Sabanadzovic oder den serbischen Rumänen Belodedici, Dinamo hatte neben Boban Suker, Ladic, Stimac, Deveric oder Panadic.

Wie bezeichnend: 10 Jahre zuvor war zum Spiel RS Belgrad gegen Hajduk Split die Nachricht vom Tod Titos in Ljubljana (Laibach) vorgedrungen, das Match wurde abgebrochen, alle weinten zusammen. Boban war bei der WM einige Wochen später wegen seiner Aktion nicht dabei8; Bazdarevic fehlte dort wegen einer Attacke auf einer Schiedsrichter mit dem Nationalteam in der Qualifikation. 3 Wochen später fand in dem Stadion in Zagreb das letzte Vorbereitungs-Spiel des Nationalteams für die WM statt, gegen Niederlande. Es gab Pfiffe für das Team. Viele waren damals schon mehr Kroaten oder Serben als Jugoslawen. Das jugoslawische Team spielte in Italien ein glänzendes Turnier, trotz der Auftakt-Niederlage gegen die BRD. Mit Dragan Stojkovic als Regisseur besiegte man Spanien im Achtelfinale. Im Viertelfinale war Argentinien mit Maradona der Gegner; es gab eine Rote Karte für Sabanadzovic und die Entscheidung im Elferschiessen, Hadzibegic vergab den entscheidenden.

Ein WM-Sieg 1990 hätte vielleicht Kriege bzw Auseinanderfall verhindert, sagte Osim im “Ballesterer”-Interview (s.u.). Er hat auch die Aufnahme Jugoslawiens in die EG zur Kriegsverhinderung angedacht. Dazu hätten aber die Jugoslawen den Willen zum Zusammenbleiben haben und ihren Staat reformieren müssen. Nach den Wahlen in den Teilrepubliken kamen aber in der “nächsten Runde” am Weg zur Auflösung Unabhängigkeits-Referenden; das erste fand im Dezember 1990 in Slowenien statt, das letzte im Frühling 1992 in Bosnien. Dazwischen führten auch Kroatien, Montenegro und Makedonien welche durch. Nur das in Montenegro (Crna Gora) ging negativ aus. Die machtlosen Albaner im (damals serbischen) Kosovo warteten auf ihre Chance.

Neben der Auflösung Jugoslawiens in Einzelstaaten und einer Reform in Richtung Marktwirtschaft und Demokratie war auch eine Umwandlung in einen Staatenbund eine Option. Bis Mitte 1991 war das nicht entschieden. Auch ein Militärputsch alt-kommunistischer Richtung (ähnlich wie er in der SU in diesem Jahr versucht wurde) wäre möglich gewesen. Im März 1991 war das Staatspräsidium knapp dran, den Kriegszustand in YU zu verhängen, vor dem Hintergrund von Waffenkäufen der kroatischen Regierung, Anti-Regierungs-Protesten in Serbien, Spannungen in Kroatien zwischen Kroaten und der serbischen Minderheit, Unabhängigkeits-Referenden und der allgemeinen Instabilität. Eine Verhängung wäre im Sinne Milosevics gewesen und der serbische Block im Staatspräsidium9 hatte vier von acht Stimmen; es war die Stimme des bosnischen Vertreters Bogicevic (ein serbischer Bosnier!), die dagegen entschied.

Der serbische Präsident Milosevic wurde der eigentliche Machthaber des späten Jugoslawien. Ausser auf den serbischen Block im Staatspräsidium konnte er seine Macht auf Montenegro unter Präsident Bulatovic (einem Reformkommunisten) stützen, die Führer der Serben in Kroatien (Raskovic /Babic, SDS) und Bosnien (Karadzic10), und das serbisch dominierte Militär Jugoslawiens JNA (Jugoslavenska narodna armija) unter Verteidigungsminister Kadijevic, nach der “Auflösung” des SKJ die wichtigste Klammer des Staates.11

Osim schaffte es als Nationaltrainer, aus den verschiedenen Nationalitäten und aus „Künstlern“ eine Mannschaft zu formen. Im Team selbst war die Stimmung lange Zeit gut. Die Qualifikation für die EM 92, Gruppe 4, das Debakel der Österreicher gegen die (zu Dänemark gehörenden) Färöer-Inseln. Zlatko Vujovic hörte nach der WM im jugoslawischen Team auf, sonst machten alle weiter; Bazdarevic und Boban kehrten zurück. Im Oktober 1990 spielte aber ein kroatisches Team bereits ein inoffizielles Länderspiel (zum ersten Mal seit 1945), gegen die USA, rund um die Wieder-Aufstellung des Denkmals von Josip Jelacic12 am zentralen Platz in Zagreb und der Rückbenennung des Platzes nach ihm.

Im September 1990, zu Beginn der jugoslawischen Meisterschaft 1990/91 (die letzte Saison, in der Alle dabei waren), verbrannten kroatische Fans beim Match Hajduk Split gegen Partizan Belgrad die jugoslawische Flagge. Roter Stern Belgrad wurde 90/91 wieder jugoslawischer Meister und sein makedonischer Stürmer Darko Pancev Topscorer (er schoss auch in der Quali für die EM die meisten Tore überhaupt, vor Papin und Van Basten). Bezüglich des Spiels Dinamo Zagreb gegen Roter Stern gab es Schiebungsvorwürfe. Roter Stern verlor in dieser letzten Saison des jugoslawischen Fussballs das aufgeheizte Pokal-Finale gegen Hajduk Split mit 0:1. Die Kroaten nahmen den Cup, eigentlich Eigentum des jugoslawischen Verbandes, mit nach Hause und behielten ihn, heisst es.

Die Sezessionen und die Kriege

Ab Mitte Mai 1991 wurde die Übernahme des Vorsitzes des Staatspräsidiums durch den kroatischen Vertreter Stjepan “Stipe” Mesic (als Nachfolger des Milosevic-Mannes Jovic) vom serbischen Block blockiert, eine Funktion die aber schon mit wenig Macht verbunden war. Ende Juni wurde Mesic, von der HDZ, dann gewählt, als das erste nicht-kommunistische Staatsoberhaupt Jugoslawiens seit König Petar II. (Karadjordjevic) 194513. Das war während des Krieges in Slowenien, der nach der Unabhängigkeitserklärung dieser Republik ausbrach.

Das Land fiel auseinander, als sich sein Fussball einem Höhepunkt näherte. Das 7:0 des jugoslawischen Teams gegen die Färöer im Mai 91 war das letzte Länderspiel einer gesamt-jugoslawischen Mannschaft. (Dass zu dem Spiel in Belgrad nur 7000 Zuschauer kamen, hatte wohl auch mit dem Gegner zu tun.) Der Europacup-Sieg Roter Stern Belgrads (mit Spielern aus fast allen Teilrepubliken), ebenfalls im Mai 1991. Ein Monat später die Unabhängigkeits-Erklärungen Sloweniens (auf die ein kurzer Krieg folgte) und Kroatiens – wo Spannungen und Scharmützel in einen offenen Krieg übergingen. Im Slowenien-Krieg versuchte die JNA auf Anordnung der Bundesregierung, zumindest die Kontrolle über die Aussen-Grenzen Sloweniens wieder zu erlangen, stiess dabei auf Widerstand.14 Jugoslawien löste sich während des Slowenien-Kriegs auf. Die Kräfte, die Jugoslawien erhalten wollten (in der Armee, der Politik,…), gerieten ins Hintertreffen. Milosevic hatte seine Priorität vom Erhalt (eines serbisch dominierten bzw zentralistischen) Jugoslawiens zur Schaffung eines Gross-Serbiens verschoben, war vom Kommunisten zum Nationalisten geworden.

Im Kroatien-Krieg war die JNA bereits eine Institution, die im Dienst der gross-serbischen Nationalismus stand, nicht im Dienst eines vereinten Jugoslawiens. Sie griff in der “Krajina” 15 an der Seite der Milizen der separatistischen Serben ein. Milosevic hatte sich damit durchgesetzt, Serbien zu vergrössern statt Jugoslawien zu erhalten, “dirigierte” die Bundesinstitutionen in diesem Sinne. Der Militärhistoriker Tudjman16 liebäugelte auch mit einem Gross-Kroatien (v.a. auf Kosten Bosniens dann), arbeitete aber weniger rücksichtslos darauf hin. Kroatien durfte Jugoslawien verlassen, aber nur ohne jene Gebiete, die als “serbisch” erklärt wurden. Eine gesamt-jugoslawische Lösung war nach dem Slowenien-Krieg hinfällig. Im Herbst 1991 gab es in Kroatien Kämpfe um JNA-Kasernen, in jener von Bjelovar lehnten sich kosovo-albanische Soldaten gegen ihre serbischen und montenegrinischen Offiziere auf; auch Makedonier und Bosnier desertierten immer wieder. Und, August bis November die serbische Einnahme Vukovars, der grausamste Teil des Kroatien-Krieges.

Im Juli ’91 gab es ein Trainigslager des jugoslawischen Nationalteams in Italien; die Kroaten, wie Talent Prosinecki, waren nicht mehr dabei. Der Slowene Katanec war in der Quali überhaupt nur einmal dabei, 1990, und erklärte dann schon seinen Rücktritt von Team, weil er in Ljubljana auf der Strasse angespuckt worden sei, da er noch für Jugoslawien spiele. Im Herbst 91 (als der Kroatien-Krieg in die heisse Phase kam) gab es an Qualifikationsspielen noch Färöer und Österreich auswärts17. Dazu drei freundschaftliche Länderspiele.18 Das Team bestand im letzten Drittel der Qualifikation aus Serben (wie Stojkovic), Montenegrinern (wie Savicevic), Bosniern wie Hadzibegic oder Osim (als Trainer), Makedoniern wie Pancev. Auch Mario Stanic war dabei, der später für Kroatien spielte. Er ist aber eigentlich Bosnier (kroatischer Bosnier) und spielte damals auch in Sarajevo.

Der serbische Nationalismus (den u.a. Milosevic vertrat) war bezüglich Kroatien und Bosnien für ethnische Grenzen – bezüglich Kosovo aber für historische Grenzen. Kosovo mit seiner 90%igen albanischen Bevölkerung sollte bei Serbien bleiben, weil es seit Jahrhunderten serbisch war. Von Serben bewohnte Gebiete in Kroatien und Bosnien sollten aber das Selbstbestimmungsrecht haben. Milosevic sagte, Republiken hätten eine reine Verwaltungsfunktion, ethnische Grenzen seien entscheidend; bezüglich Kosovo aber nicht. Serbische Nationalisten, die strikt gegen einen Auseinanderfall Jugoslawiens waren, begannen mit separatistischen Bestrebungen in Kroatien und Bosnien. Und während die serbisch dominierten bundesstaatlichen Institutionen im Vorfeld der Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens auf eine Entwaffnung ihrer TO’s drängten, wurden bei den Serben Kroatiens und Bosniens separatistische Milizen aufgestellt. “Ethnische Säuberungen” wurden als Schutz-Maßnahmen dargestellt, wo es aber um den Gewinn von Territorium ging.

Als in Kroatien Serben für die Abspaltung einiger Gebiete kämpften (verbunden mit ethnischen “Säuberungen”), gab es de facto kein Jugoslawien mehr. De jure war Mesic noch immer Oberhaupt dieses Staates (der erst im Sommer 1992 offiziell zu existieren aufhörte). Als im Herbst 1991 Dubrovnik belagert und beschossen wurde, organisierte Mesic einen Schiffs-Konvoi dalmatinischer Bootsbesitzer von Split aus dorthin. Nördlich von Dubrovnik wurde der Konvoi von der Marine Rest-Jugoslawiens aufgehalten. Mesic trat von seinem Schiff aus mit ihnen in Funkkontakt, verlangte die Durchfahrt, verwies darauf dass er eigentlich noch immer Staatsoberhaupt und damit ihr Oberbefehlshaber sei – wobei weder er noch die Gegenseite von der Existenz dieses Staates ausgingen. Schliesslich, nach einem Funk-Gespräch mit dem jugoslawischen Vize-Verteidigungsminister Brovet (einem Slowenen) durfte die Flotille durch, nachdem diese auf Waffen durchsucht wurden war. Das ist eine der Kuriositäten aus diesem Auseinanderfall, einmal eine nicht blutige. Auch dass Naser Oric, ein Srebrenica-Verteidiger, Anfang der 90er Milosevics Leibwächter war, und den serbischen Oppositionellen Vuk Draskovic verhaftete, ist so eine.19

Beim Auseinanderfall gab es eben jene, die nicht so klar zum einen oder anderen “Bruchstück” gehörten. Jene, die an ein vereintes Jugoslawien glaubten, wozu auch “Ivica” Osim gehörte (der nebenbei einen gemischten ethnischen Hintergrund hatte). Oder Bosniaken oder Kroaten in von Serben gehaltenen (abgetrennten Gebieten). Gemischte Familien gab es nicht wenige in Bosnien und Kroatien; manche dieser Familien fielen auseinander. Teilweise gab der Vater die (neue) Nationalität für die anderen Mitglieder solcher Familien vor, teilweise war der Wohnort für die Staatsbürgerschaft entscheidend, teilweise geschieht die Definition über die Religionszugehörigkeit. Auch unter den Fussballern gab es “Mischlinge”. Robert Prosinecki hatte eine serbische Mutter (wurde daneben in Deutschland geboren), spielte zur Zeit der Unabhängigkeit Kroatiens bei Roter Stern Belgrad und hatte eine serbische Freundin. Dass er in dieser Zeit ein Angebot von Real Madrid bekam, hat ihn wohl vor dem einen oder anderen inneren (und auch äusseren) Konflikt bewahrt. Er gehört wohl zu den kroatischen Nationalspielern, von denen man sagt, dass sie gerne weiter in diesem jugoslawischen Team gespielt hätten. Er wusste, egal in welche Richtung er sich entschied, es würde für ihn persönliche Konsequenzen haben. Serbische oder kroatische Bosnier, die sich gegen das bosnische Team (das freilich erst nach Kriegsende ’95 begann) entschieden, gab es viele. Der Serbe Mihajlovic hatte kroatische Eltern, der Slowene Katanec ebenfalls.

Was von Jugoslawien nach der Abspaltung Kroatiens und Sloweniens noch übrig war, zerfiel im Herbst/Winter 91, durch die Rücktritte von Regierungschef Markovic und Staatsoberhaupt Mesic.20 Während des Kroatien-Kriegs schuf das Rumpf-Staatspräsidium kommunistische Symbole in der JNA ab (Uniformen,…)21 und schloss Slowenen und Kroaten offiziell von der Armee aus. Im Frühling/Sommer die Umwandlung in die “Bundesrepublik Jugoslawien”; da waren auch Bosnien-Herzegowina und Makedonien22 nicht mehr dabei. Gleichzeitig (damit, dass es sich auf Serbien und Montenegro beschränkte) unterstützte dieses Rest-Jugoslawien den Terror in Bosnien und die Besetzung von Teilen Kroatiens – die Schaffung eines Gross-Serbiens. Die JNA bzw Vojska Jugoslavije (VJ), wie die Armee nach dem offiziellen Ende des zweiten Jugoslawien hiess, zog auch aus Kroatien und Bosnien ab, in der Realität formierte sie sich dort nur um, die dortigen serbischen Milizen bekamen den Grossteil des Kriegs-Materials und Personals.

Milosevic blieb zunächst Präsident Serbiens. Staatspräsident Rest-Jugoslawiens wurde der serbische Schriftsteller Dobrica Cosic. Dieser hatte sich im 2. Weltkrieg den Partisanen angeschlossen, weil er glaubte, dass der Kommunismus den serbischen Interessen am besten diente. Aus dem selben Motiv wandte er sich später vom kommunistischen System ab.23

Die jugoslawische Liga ’91/92 fand grossteils vor der Beschränkung Jugoslawiens auf Serbien (mit Kosovo) und Montenegro statt. Klubs aus Makedonien waren dabei, und aus Bosnien-Herzegowina. Željezničar Sarajevo stieg Ende März aus, kurz nach Beginn der Frühjahrssaison. Das war in der Zeit, als BiH seine Unabhängigkeit erklärte und der Krieg ins Land kam. Željezničar-Spieler, wie Mario Stanić, konnten grossteils ins Ausland entkommen. FK Sarajevo sowie die Vereine aus Tuzla und Mostar stiegen gegen Ende der Saison aus; jener aus Banja Luka im serbisch kontrollierten Bosnien spielte sie zu Ende. Osim war in dieser Saison parallel zu seiner Tätigkeit als Nationaltrainer Coach von Partizan Belgrad, wo er auch Spieler aus Slowenien und Bosnien (nunmehr Legionäre) hatte, von denen noch die Rede sein wird. In Slowenien begann 91 eine eigene Liga. In Kroatien wurde von Februar bis Juni 92 eine Meisterschaft gespielt, nach der Ende der ersten Phase des Kroatien-Kriegs, ab der folgenden Saison dann regulär.

Der Krieg in Bosnien war/ist das traurigste Kapitel dieser Kriege, dieses Auseinanderfalls.24 Bosnien war das Zentrum Jugoslawien und keine der Volksgruppen drängte auf seine Auflösung. Bosnier glaubten lange an Jugoslawien. Aber im Zuge der Demokratisierung 1990 entstanden zunächst ethnisch definierte Parteien (der Bosniaken, Serben, Kroaten), die bei der Wahl die nationaliäten-übergreifenden wie den Ableger von Markovics liberaler Partei und die Reform-KP klar in den Schatten stellten. Nachdem auch Makedonien YU verliess, stand Bosnien vor der Aussicht, in einem von Milosevic beherrschten Rest-Jugoslawien (dass eher ein Gross-Serbien sein würde) zu verbleiben – und nahm erst jetzt Kurs auf Unabhängigkeit. Die Partei der serbischen Bosnier, die SDS unter Karadzic, bereitete sogleich die Sezession der Serben von diesem Bosnien vor. Bosnien-Herzegowina sei ein künstliches Gebilde, hiess es. Und, in (aus) diesen als serbisch definierten Gebieten sollten Angehörige anderer Nationalitäten vertrieben werden.

Das Vertreiben und Morden begann bald nach der Unabhängigkeit Bosniens im März 1992, als der Krieg in Kroatien gerade vorläufig mit der Besetzung/Sezession grosser Gebiete durch Serben in eine “Pause” gegangen war. Gebiete/Städte, die nicht eingenommen werden konnten, wie die Hauptstadt Sarajevo oder Srebrenica in Ost-Bosnien, wurden belagert und beschossen. Daneben kämpften in der Herzegowina auch Kroaten gegen Serben und Bosniaken. Die verbleibende VJ (ehemalige JNA) unterstützte die serbischen Milizen in Bosnien wie auch in Kroatien bei ihren Vertreibungen bzw Gebietsgewinnen. Kroatien und Serbien (bzw Rest-YU) waren/sind durch BiH miteinander “verbunden”, Milosevic und Tudjman machten auch zeitweise gemeinsame Sache in Bosnien. Serbische und kroatische Bosnier standen ganz unter dem Einfluss von ihnen.

Im Frühling 92 gab es nur ein offizielles Länderspiel, im März, gegen die Niederlande, ein 0:2; da waren Osim und die anderen Bosnier noch dabei. Und zwei inoffizielle Länderspiele: gegen Makedonien, in dem Pancev 1 Hälfte dort, 1 da spielte; dann in Sarajevo eines gegen eine Stadtauswahl. Osim hielt sich in Belgrad auf, als in Bosnien im Frühling der Krieg begann, u.a. mit der Einkesselung Sarajevos. Er trat am 23. Mai als Nationaltrainer zurück, wegen des Krieges, in den auch Rest-Jugoslawien “verwickelt war”, das sein Team ja eigentlich nun bei der EM in Schweden repräsentieren sollte. Es gab eine Pressekonferenz mit Verbandschef Miljanic in Belgrad. Osims Co-Trainer Ivan Cabrinovic, ein Serbe, übernahm das Team bis auf Weiteres.

Es sah so aus, dass das Team ohne ihn (und viele andere Wichtige) in Schweden spielen würde. Auch die bosnischen Spieler, wie Kapitän Hadzibegic 25, und der Makedonier Pancev, die bis zum Ende der Qualifikation und darüber hinaus dabei waren, traten im Frühling 92 aus dem jugoslawischen Team aus. Es verblieben Serben und Montenegriner sowie jene Spieler die dort spielten, bei den beiden grossen Belgrader Klubs, die Slowenen Milanic und Novak, der Bosnier Omerovic und der Makedonier Najdoski.26

Die EM 1992

Für Rest-Jugoslawien (die Bundesrepublik) wurde dann für sein Mitmischen in Bosnien und Kroatien (wo der Zustand, die serbische Besatzung von einem Drittel des Landes, für 3 Jahre mehr oder weniger eingefroren war) Sanktionen verhängt. Sanktionen die weh tun sollten! Der Sicherheitsrat der UN beschloss am 30. Mai 1992, also eine Woche nach Osims Rücktritt, Resolution 757. Noch am selben Tag schloss die UEFA auf Grundlage der Resolution das jugoslawische Team von der EM aus. Das war 11 Tage vor dem Beginn des Turniers. Und, der Gruppen-Zweite, das dänische Team, rückte nach, erbte sofort seine Qualifikation.27 Am 31. 5. lief eigentlich die Frist für die Bekanntgabe der Kader aus, Dänemarks Teamchef Möller-Nielsen bekam aber etwas mehr Zeit zugestanden, seine Spieler aus dem Urlaub zusammen zu trommeln.

Jugoslawiens Teamchef Cabrinovic hatte schon seine 20 Spieler bekannt gegeben. Das waren, an Serben: Dragan Stojkovic (Verona), Sinisa Mihajlovic (RS Belgrad), Miroslav Djukic (La Coruna), Vladimir Jugovic (RS Belgrad), Dragoje Lekovic (RS Belgrad; kann auch als Montenegriner gesehen werden), Slobodan Dubajic (Stuttgart), Vujadin Stanojkovic (Partizan Belgrad), Gordan Petric (Partizan B.), Slavisa Jokanovic (Partizan B.), Dejan Petkovic (Nis), D. Jakovljevic (Antwerpen), Krcmarevic (Partizan B.); Montenegriner: Dejan Savicevic (RS Belgrad), Predrag Mijatovic (Partizan Belgrad), Branko Brnovic (Partizan B.), Budimir Vujacic (Partizan B.), Dusko Radinovic (RS Belgrad; evtl mehr Serbe); Slowenen: Darko Milanic, Dzoni Novak (beide Partizan Belgrad); Makedonier: Ilija Najdoski (RS Belgrad); Bosnier: Fahrudin Omerovic (Partizan B.). Und, 17 oder 18 der 20 waren schon nach Schweden aufgebrochen, am 27. 5.28

Nach dem Ausschluss bekamen die jugoslawischen Spieler und Funktionäre 2 Tage Zeit, um Schweden zu verlassen. Ganz überraschend kam der Ausschluss nicht. Zum Jahreswechsel 1991/92, nach der Qualifikation, hatte UEFA-Präsident Johannson  angesichts des Krieges in Kroatien gemeint, eine Teilnahme Jugoslawiens bei der EM sei angesichts der politischen Zustände “schwer vorstellbar”. Und das Panini-Sammelalbum für 92 hatte, wenn mich nicht alles täuscht, neben der jugoslawischen Mannschaft zwei “Reserve-Teams” für den Falle eines Ausschlusses dabei, Dänemark und Italien.

Es ist noch immer irgendwie verwirrend; für wen war der Ausschluss eigentlich eine Strafe? Für die Milosevics und Karadzics? Für die Spieler? Oder für die Osims, die an ein friedlich vereintes Jugoslawien geglaubt hatten? Hätte die Mannschaft die nunmehrige Bundesrepublik Jugoslawien vertreten, die ein verkapptes Gross-Serbien war, oder ein nicht mehr existentes Land, das vereinte, multikulturelle Jugoslawien? Die paar Spieler von ausserhalb Serbien und Montenegro, die zuletzt geblieben waren, dürften von Osim davon überzeugt worden sein. Der Ausschluss war jedenfalls in Ordnung, zumal am Ende ja auch Osim fehlte und das verbliebenes Team ein fast ausschliesslich serbisches bzw rest-jugoslawisches war.

Die Sowjetunion zerfiel auch während der Qualifikation zur EM, aber friedlich, und als Staatenbund GUS (Ex-SU minus Baltikum) nahm ein Team aus den Nachfolgestaaten der SU teil. Und, die DDR war bereits für die Quali ausgelost worden, spielten vor der deutschen Vereinigung im Herbst 1990 zum Abschied noch ein Match in Belgien, das eigentlich als Qualifikationsmatch angesetzt wurorden war. Am 10. Juni der Turnierbeginn. Es war die letzte EM mit nur 8 Teilnehmern, die letzte bei der der Sieger eines Matches nur 2 Punkte bekam und die letzte vor der Einführung der Rückpass-Regel. Die kontrafaktische Frage „Wäre YU 1992 bei einem Nicht-Ausschluss Europameister geworden?“ muss beantwortet werden mit dem Hinweis auf den Zerfall des Landes und des Teams vom Sommer 1991 bis zum Sommer 1992. Das Team, das am Schluss blieb und teilgenommen hätte, hatte keinen Osim mehr als Trainer, keinen Prosinecki, Pancev, Katanec, Bazdarevic, Ivkovic, Hadzibegic, Boban, Sabanadzovic, Jarni, Spasic,… Bei einer Änderung nur der Variablen „Kein Ausschluss am 30. Mai (oder vorher oder nachher)“ wäre ein rest-jugoslawisches Team in Schweden angetreten, das wenig vom dem hatte, das durch die Auftritte in Italien 90 und in den ersten zwei Drittel der Qualifikation sowie von RS Belgrad im Europacup zum Mit-Favoriten für das Turnier geworden war. Etwas Anderes wäre es gewesen, wenn eine Einigung auf ein Weitermachen als Nationalteam bis zur EM zustande gekommen wäre, so ähnlich wie bei der Sowjetunion bzw GUS.29

Jugoslawien war in die Gruppe mit Frankreich, England und Schweden gelost worden, in die dann Dänemark kam. Eine schwere Gruppe, in der für das reale, geschwächte YU-Team auch das Ausscheiden in der 1. Runde möglich gewesen wäre. Osim sagte “Wir hätten das Turnier nicht gewonnen, wenn wir teilgenommen hätten.” – Wahrscheinlich meint er aber auch das ausgedünnte Team, das am Ende übrig war. Er sagte auch, dass es kein Wunder gewesen sei, dass das dänische Team gewonnen habe. In der Tat, Dänemark war schon in der Quali knapp an Jugoslawien dran, in Kopenhagen hatte das Jugo-Team gewonnen, in Belgrad das dänische, und am Ende war nur ein Punkt Unterschied. Auch ist zu berücksichtigen, dass Rest-Jugoslawien auch bei seinem nächsten Antreten, bei der WM 98, als Mitfavorit galt und dann ein schwaches Turnier spielte.

Ivica Osim verfolgt das Turnier am Fernseher in Belgrad. Er ging dann zu  Panathinaikos nach Athen. Die meisten Spieler des ehemaligen Nationalteams Jugoslawiens gingen in dem Sommer auf Klubebene ins westliche Ausland, falls sie das nicht schon waren. Savicevic zum AC Mailand, wo er auf Boban traf (der schon 91 hin gewechselt war). Die Möglichkeit, für ein Nationalteam zu spielen, hatte vorerst keiner von ihnen. Osims Frau und  Tochter waren in Sarajevo eingeschlossen, von der Karadzic-Mladic-Armee. Über Jahre hatte Osim nur sporadischen Kontakt zu seiner Familie, über einen Amateurfunker, und lebte in ständiger Angst, Nachricht zu bekommen dass seine Angehörigen vom Beschuss der serbischen Belagerer (der 4 Jahre auf die Stadt hinunter ging) getroffen worden sind.30

Der ehemalige bosnische Fussballer Vahid Halilhodzic wurde zu Beginn des Bosnien-Krieges 92 in Mostar verletzt. Der serbischer Bosnier Predrag Pasic blieb während des Kriegs in Sarajevo, obwohl er die Möglichkeit hatte, nach Westeuropa zu gehen. Er öffnete damals eine Fussballschule in seiner Stadt. Bei seinem Stammklub FK Sarajevo hatte er in den 1980ern Radovan Karadzic erlebt, einen der Hauptverantwortlichen der Massaker und Vertreibungen in Bosnien, als psychologischen Betreuer des Teams. Pasic sagte dazu, im Doku-Film “Rebelles du Foot”, er habe ihn damals als komplett unterschiedliche Person (als den Politiker) kennen gelernt. Damals habe Karadzic den Fussballern mit unterschiedlichem konfessionellen Hintergrund Einheit und Zusammenhalt “gepredigt”.31

Im März 94 fand im Zetra-Stadion von Sarajevo ein Match zwischen dem FK Sarajevo (dem, was noch von diesem Klub an Spielern übrig war) und den Blauhelmen der UNPROFOR statt, unter Luftüberwachung. Eine Art Todesmatch, das an jenes 1942, im 2. WK, erinnert, wo eine Stadtauswahl von Kiew (hauptsächlich frühere Spieler von Dynamo und Lokomotyv Kyiv) gegen eine deutsche “Flakelf” (deutsche Besatzungs-Soldaten der Luftabwehr) spielte und gewann. Anscheinend spielte die Kiewer Mannschaft weitere Matches gegen deutsche Teams in der besetzten Ukraine; einige Spieler wurden danach von der Gestapo in “Lager” gesteckt, aber aus “Gründen” die -entgegen dem Mythos- nichts mit den Matches zu tun hatten.32

Das Srebrenica-Massaker 1995 war noch ein schlimmer Höhepunkt gegen Ende von Europas schlimmstem Krieg seit dem 2. WK. Mit westlicher Hilfe kam er dann, parallel zu jenem in Kroatien, zu einem Ende. Die USA unter Bill Clinton, nach dem Sieg im Kalten Krieg allein an der Spitze, übten einen moderaten Imperialismus aus. Das folgende Dayton-Abkommen war Appeasement gegenüber der serbischen (paranoiden) Aggression. Das ehemalige Jugoslawien kam aber 95 einstweilen zur Ruhe, Milosevics Gross-Serbien war gestorben. Von den rund 200 000 Toten in allen Jugoslawien-Kriegen wurde etwa die Hälfte in Bosnien getötet.

Stadtmuseum Sarajevo, ein Automotor der während der Belagerung der Stadt als Generator zur Stromerzeugung verwendet wurde
Stadtmuseum Sarajevo, ein Automotor der während der Belagerung der Stadt als Generator zur Stromerzeugung verwendet worden ist

Epilog

Ivan Osim ging 1994 nach Graz, wo er mit seiner Famile wieder zusammen kam und das Ende des Kriegs erlebte. In seinen frühen Grazer Jahren muss auch der ehemalige Premier Ante Markovic in der Stadt gewesen sein, als Unternehmer. Osim war bis 2002 Trainer von Sturm, der Klub erlebte unter ihm einige goldene Jahre. In der österreichischen Liga gabs für ihn auch Wiedersehen mit Savicevic, Milanic oder Lubomir Petrovic, den EC-Siegertrainer von Roter Stern 1991.

Viele der 1990er-Mannschaft haben für Nationalteams von Nachfolgestaaten des sozialistischen Jugoslawiens gespielt, auch bei Welt- und Europameisterschaften. Im Juli 92 wurde der kroatische Verband bereits zur FIFA zugelassen und bald spielte ein kroatisches Team offizielle Länderspiele. Ähnlich war es mit Slowenien und Makedonien. Diese drei Nationalteams durften in der Qualifikation zur EM 1996 loslegen. Für ’98 waren auch Rest-Jugoslawien und Bosnien-Herzegowina mit dabei (Bosnien spielte seine Heimspiele in Italien). Das Team der BR Jugoslawien, mit einigen Spielern der 92er-Mannschaft wie Savicevic und Stojkovic, enttäuschte 1998 in Frankreich33 – wo Kroatien (mit Suker, Boban,…) mit dem Dritten Platz einen schönen Erfolg errang. Präsident Tudjman besuchte das Team dort.

In der Quali für die EM 2000 trafen Kroatien und Jugoslawien aufeinander, diesmal war das Team der Serben und Montenegriner stärker. Besonders rund um das Match in Zagreb gab es Spannungen, wurden Erinnerungen an den Raketenbeschuss und die Bombardierungen der Stadt im Krieg wach (gemacht). Und Dejan Savicevic, später ein glühender Verfechter der Unabhängigkeit Montenegros, gab ein bemerkenswertes Interview (https://www.youtube.com/watch?v=MTFhh3Ea5kE). Beim Turnier in Niederlande/Belgien traf Srecko Katanec, nun Trainer Sloweniens (mit Dzoni Novak), auf seinen Trainer bei Sampdoria Genua, Vujadin Boskov, nun Trainer Jugoslawiens.

Für 2014 hat sich auch das Team von Bosnien-Herzegowina qualifiziert. Ein Team, das zu ca 80% aus Bosniaken besteht, Serben und Kroaten aus Bosnien spielen noch immer oft lieber für die Teams von Serbien und Kroatien. Das begann bei kroatischen Bosniern mit Stanic, betrifft aktuell zB Corluka und Lovren. Ein serbischer Bosnier in der aktuellen serbischen Nationalmannschaft ist zB der Dortmunder Subotic. Man könnte fast sagen, dass nur jene bosnischen Kroaten und Serben für Bosnien spielen, die für die Teams von Kroatien und Serbien nicht gut genug sind. Ausnahmen davon sind aber Barbarez (der Wurzeln in allen drei Ethnien Bosniens hat) oder Misimovic.

Dann gabs und gibts Fussballer aus Ex-Jugoslawien, die für andere Nationalteams spielen. Solche, die in Jugoslawien (oder einem seiner Nachfolgestaaten) Fussball spielen gelernt haben und als Legionäre ins Ausland gingen, oder solche die als Gastarbeiterkinder im Ausland aufgewachsen sind. Zlatan Ibrahimovic (bosniakischer und kroatischer Herkunft) gehört zu Zweiteren, Ivica Vastic ist ein Beispiel für Erstere. Vastic spielte 90/91 bei RNK Split in der dritten jugoslawischen Liga. Nachdem 1991/92 aufgrund des Kriegs in Kroatien (zunächst) keine eigene Liga zu Stande kam, ging er nach Österreich, zur Vienna. Wie Ibrahimovic sind auch einige Kosovo-Albaner im “Ausland” aufgewachsen und dann Nationalspieler etwa der Schweiz geworden. Etwa Behrami und Shaqiri. So lange es Widerstand gegen die Anerkennung von Kosova/Kosovo als unabhängigen Staat gibt, gibt es auch Widerstand gegen die Anerkennung seines Fussball-Nationalteams – bzw umgekehrt, der Widerstand gegen die politische Anerkennung wird (v.a. von Serbien) über den Fussball geführt. Diverse “kosovarische” Schweizer Nationalspieler könnten zum Kosovo-Nationalteam wechseln, Albert Bunjaku hat das bereits getan.34

Auch in ex-jugoslawischen Nationalteams gibt es Eingebürgerte. Bei Kroatien etwa die schon erwähnten kroatischen Bosnier. Auch der 1998-Erfolgstrainer Miroslav Blažević ist ursprünglich Bosnier! Josip Simunic, der u.a. für seine Ustascha-Sprüche bekannt wurde, wurde in Australien geboren, seine Eltern sind anscheinend auch kroatische Bosnier. Dann gibts die “Gastarbeiter-Kinder”, die in das Land ihrer Eltern fussballerisch zurück kehrten, wie die Kovac-Brüder, Prso oder Rakitic. Darijo Srnas Vater ist Bosniake, seine Mutter anscheinend Serbin. Eduardo (Da Silva) kommt aus der brasilianischen Fussball-Diaspora. Der Kosova-Albaner Ardian Kozniku spielte während der Auflösung Jugoslawiens bei Hajduk Split, entschied sich für das kroatische Team, war beim 3. WM-Platz 1998 im Kader. Gelegentlich kommen auch Angehörige von nationalen Minderheiten ins Team, wie Giovanni Rosso (aus Dalmatien) oder Gordon Schildenfeld (aus Slawonien).35

Einen Nachschlag zu den Jugoslawien-Kriegen gab es 1998/99 im bzw durch Kosovo/Kosova. 2000 der Sturz Milosevics als Präsident Rest-Jugoslawiens und die Demokratisierung Serbiens. Dann seine Auslieferung an das Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag, dem die internationale juristische Aufarbeitung der Kriege und Massaker übertragen wurde. 2000/01 gab es bürgerkriegsähnliche Unruhen zwischen slawischen und albanischen Makedoniern.36 2003 die Umwandlung Jugoslawiens in den Staatenbund Serbien-Montenegro; nach einem Referendum in Montenegro 06 die Auflösung dieses, die Trennung Montenegros von Serbien. ’08 wurde Kosovo durch Bush-Intervention von Serbien unabhängig.37. Mittlerweile sind 2 YU-Nachfolgestaaten EU-Mitglieder.

Wie sehr am West-Balkan (Ex-Jugoslawien und Albanien) nach wie vor Nationalismus und Politik mit Fussball (bzw Sport allgemein) zusammen hängt, zeigte sich auch am Streit um die Umbenennung von Dinamo Zagreb. Oder, als Bosnien-Herzegowina und Serbien-Montenegro in der Qualifikation für die WM 06 aufeinander trafen, es 04 in Belgrad Fan-Sprechchöre und Transparente für Mladic und Srebrenica gab, und tätliche Angriffe. Oder das Match zwischen Serbien und Albanien im Herbst 14 (Quali für die kommende EM), das nach Tumulten aufgrund einer Drohne mit der Fahne Gross-Albaniens über dem Spielfeld abgebrochen und strafverifiziert wurde. 2010 provozierten serbische Fans bereits nach sechs Minuten den Abbruch der EM-Qualifikationpartie gegen Italien in Genua.

Da es hier schon das Kontrafaktik-Gedankenspiele bezüglich des Abschneidens des YU-Teams 1992 gab, auch ein Blick darauf, wie ein solches Auseinanderfallen Jugoslawiens am ehesten vermieden hätte werden können. Ob das wünschenswert gewesen wäre, ist eine andere Frage. Der Krieg in Bosnien-Herzegowina allein rechtfertigt aber jedenfalls die Suche nach einer Alternative.

Für die Verhinderung eines Zerfalls wäre die Abhaltung von Wahlen zum Bundesparlament 1990/91 entscheidend gewesen. Eine Wahl  ohne Boykotte wichtiger Kräfte und anschliessende Reformen (v.a. eine weitere politische Pluralisierung und die Delegation von Kompetenzen von der Zentralregierung weg) hätte diversen Nationalismen Wind aus den Segeln genommen. Eine Regierungsbildung wäre aber schwierig geworden angesichts der ethnischen Zersplitterung des Landes38, man sah das im ersten Jugoslawien (dem der Zwischenkriegszeit) oder an Belgien, wo es nur 2 grosse Sprach-/Volksgruppen mit eigenen Parteien gibt. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn es gelungen wäre, bundesweit mehrere Parteien zu etablieren (wie es in der Schweiz die Regel ist).

Eine Politik, die alle wichtigen politischen Kräften zufrieden gestellt hätte, wäre 1990/91 aber eine Quadratur des Kreises gewesen. Die Sezessionsbestrebungen Kroatiens und der gross-serbische Nationalismus waren etwa unvereinbar. Für Letzteren war etwa schon das Erstarken der Teilrepubliken ein Problem, die Tatsache dass die Serben in Kroatien und Bosnien unter “fremde Herrschaft kamen”. Hätte ein Staatenbund (Konföderation) wie Serbien-Montenegro 03 bis 06 einer war, für alle Republiken Jugoslawiens funktionieren können, zumindest für einige Jahre? Wäre mit 6 Republiken schwieriger gewesen, mit einem Milosevic in Belgrad (und den von ihm abhängigen Serbenführern in Bosnien und Kroatien), der brisanten Frage einer gemeinsamen Armee (oder 6 separaten), dem zu vollziehenden Systemwechsel vom Einparteien-Kommunismus weg,…

Hin und wieder findet man in IT-Foren zusammen gestellte Fantasieteams mit jetzigen Spielern aus dem post-jugoslawischen Raum (Jugosphäre), also eine hypothetische aktuelle jugoslawische Nationalmannschaft. Nicht vorbei kommt man da zur Zeit an Handanovic, Modric39, Dzeko, Vucinic, Ivanovic, Pandev, Kolarov, Srna, Ibisevic, Mandzukic,…

Der Auseinanderfall Jugoslawiens spiegelt sich zB auch in seinen Song Contest-Auftritten wieder. 1989 der (einzige) Sieg, durch eine Gruppe aus Kroatien. 1990 die Ausrichtung; dass sie in Zagreb stattfand, war schon mal umstritten. Die Veranstaltung war am 5. Mai (mit dem Sieg des Italieners Toto Cutugno). Das war genau zwischen den beiden Runden der Wahl zum kroatischen Parlament. Präsident der Sozialistischen (Teil-) Republik Kroatiens war noch Latin. Man befand sich am Vorabend des Machtwechsels in Kroatiens, der ein wichtiger Schritt zur Auflösung Jugoslawiens war. Staatspräsidiums-Vorsitzender war der Slowene Drnovsek (ebenfalls ein Kommunist, zumindest ursprünglich), der auch anwesend war, wie Ministerpräsident Markovic. Auch auf dieser Ebene stand ein Übergang bevor, am 15. 5. wurde der Milosevic-Mann Jovic Staatsoberhaupt. Zwischendurch lief ein Film über Jugoslawien, in dem es um die Vielfalt des Landes ging, die auch die beiden kroatischen Moderatoren betonten. Die ORF-Kommentatorin Stöckl damals: “Die Moderation ist weitaus harmonischer, als es die politische Situation im Lande ist”. Aber die Spannungen begannen bald erst so richtig.

1991 gewann eine Serbin die Vorausscheidung, im März in Sarajevo, einen Punkt vor “Danijel” (Milan Popovic), der 1983 Vierter geworden war, was (neben 2 weiteren 4. Plätzen) die beste Platzierung Jugoslawiens nach dem Sieg ’89 war. Der Gesangswettbewerb fand in dem Jahr wie immer im Mai statt, kurz vor dem Beginn des blutigen Auseinanderfalls des Landes. Für 92 traten in der Vorausscheidung auch Künstlet aus Bosnien an, obwohl sie kurz nach der Unabhängigkeit dieser vormaligen Teilrepublik stattfand. Der Krieg in Kroatien pausierte damals, jener in Bosnien war dabei loszugehen. Der jugoslawische Vertreter vertrat nur noch die aus Serbien und Montenegro bestehende Bundesrepublik Jugoslawien. 1993 waren Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina (das mitten im Krieg war) dabei; Rest-YU nicht, wegen der Resolution 757.

Zum Weiterlesen und -schauen

* Zu Ivica Osim und seinem Nationalteam:

Klaus Zeyringer: Fussball. Eine Kulturgeschichte (2014); Ivica Osim, Gerd Enzinger, Tom Hofer, Jure Buric: Das Spiel des Lebens (2001); Andrej Krickovic: Football Is War (1999)

“ballesterer” 108 (Jänner/Februar 2016) mit Osim-Schwerpunkt 40

http://magicspongers.blogspot.co.at/2011/10/what-if-yugoslavia-euro-92.html

http://www.the42.ie/dinamo-v-red-star-the-match-that-heralded-war-840682-Mar2013/

http://www.historija.ba/d/27-roden-ivica-osim/(auf Bosnisch bzw BKMS)41

Die Nachfolge-Ligen der jugoslawischen

https://www.opendemocracy.net/can-europe-make-it/ivan-djordjevic/red-star-serbia-never-yugoslavia-football-politics-and-national-i

Rückblick auf das jugoslawische Nationalteam

Die TV-Reportage “Elf Freunde” (Schweiz 1998, Deutsch) von Miklos Gimes über die letzte gesamtjugoslawische Nati bzw ihre Protagonisten, damals und später

weitere Dokumentarfilme: “The Last Yugoslavian Football Team” von Vuk Janic (NL 2000; Serbo-kroatisch bzw BKS mit Untertiteln), und “Fudbal, nogomet i jo poneto” von Igor Stoimenov (SRB 2007, BKS)

https://www.youtube.com/watch?v=06tdOMS6TME (Osims Rücktritts-Bekanntgabe auf der Presse-Konferenz 92; auf BKS)

* Zum Auseinanderfall Jugoslawiens allgemein:

Die Ethno-Falle. Der Balkan-Konflikt und was Europa daraus lernen kann von Norbert Mappes-Niediek; Land ohne Wiederkehr. Ex-Jugoslawien: Die Wurzeln des Krieges von Svein Monnesland (1997); Dunja Melic: Der Jugoslawien-Krieg (2007); The Breakup of Yugoslavia and the War in Bosnia von Carole Rogel; Misha Glenny: The Fall of Yugoslavia (1992)/Jugoslawien: Der Krieg der nach Europa kam; Nigel Thomas, Krunoslav Mikulan, Darko Pavlovic: The Yugoslav Wars (2006); Dejan Djokić, James Ker-Lindsay (Hg.): New Perspectives on Yugoslavia: Key Issues and Controversies; The Serbian Project and Its Adversaries: A Strategy of War Crimes von James Gow; Yugoslavia’s Bloody Collapse: Causes, Course and Consequences von Christopher Bennett; Marie-Janine Calic: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert (2010); Erich Rathfelder: Kosovo (2010)

Der Auseinanderfall Jugoslawiens aus marxistischer Sicht 

Die JNA und der Auseinanderfall: hrcak.srce.hr/file/4593

Die BBC-Dokumentation “The Death of Yugoslavia”, ist auch auf Youtube zu finden

Zelimir Zilnik, 1994: “Tito po drugi put medju srbima” (Tito zum zweiten Mal unter den Serben), Mockumentary

* Zum post-jugoslawischen Raum:

Karl-Markus Gauss: Die sterbenden Europäer (2002). Der Autor kommt aus einer donauschwäbischen Familie aus der serbischen Batschka (Teil der Vojvodina), ist in Salzburg geboren und aufgewachsen. Er behandelt hier u. A. die sephardischen Juden in Bosnien, die Gottscheer in Slowenien, die Aromunen/Walachen Mazedoniens.

Matthias Marschik, Doris Sottopietra: Erbfeinde und Hasslieben. Konzept und Realität Mitteleuropas im Sport

Neven Andjelic: Bosnia-Herzegovina. The End of a Legacy

Vedran Dzihic: Ethnopolitik in Bosnien-Herzegowina: Staat und Gesellschaft in der Krise (2009)

http://www.academia.edu/9533564/Football_and_Reconciliation_in_Post-war_Bosnia_and_Herzegovina

Über die mögliche Anerkennung der “fussballerischen Unabhängigkeit” von Kosovo/Kosova

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ivan Bek, einer der wichtigeren Spieler der Mannschaft, war deutsch-tschechischer Herkunft, galt aber als Serbe, da er dort geboren worden war und lebte
  2. Fadil Vokrri war einer der Kosova-Albaner, die für das jugoslawische Fussball-Nationalteam spielten. Das war in der “goldenen Zeit” des Fussballs des Kosovo. FK Prshtina spielte Mitte der 1980er einige Jahre in der ersten YU-Liga. Das war die Generation mit Spielern wie Vokrri oder Shala. Miro Blazevic war in dieser Phase auch mal Trainer des Klubs. Auch einige Spieler kamen von jugoslawischen Gebieten ausserhalb des Kosovos. 1983 gewann man gegen Roter Stern Belgrad, auch so ein “unvergessliches” Match… Vokrri wurde ’08 Präsident des Fussballverbandes von Kosova
  3. Es gab die Spannungen im ersten Jugoslawien und es war der Sieg über die Nazis nicht von Allen mitgetragen worden
  4. Und die Initiative ging vollends auf die Teilrepubliken über
  5. Er gehört zu keiner der drei wichtigen Volksgruppen von Bosnien-Herzegowina, sein Vater war slowenisch-bayrisch, seine Mutter polnisch-tschechisch
  6. Auch bei der EM ’76 kam das jugoslawische Team ins Semifinale, wie 68 dabei war Roter Stern Belgrad-Legende Dragan Dzajic
  7. Wichtigster “Gegenkandidat” war Vlatko Markovic
  8. Der langjährige AC Milan-Legionär studierte nach seiner Karriere Geschichte in Zagreb, graduierte 2004 mit einer Arbeit über das Christentum im Römischen Reich
  9. Bestehend aus den Vertretern Serbiens und Montenegros sowie den beiden serbischen Gebieten Kosovo und Vojvodina
  10. Wie der kroatische Serbenführer Raskovic war Karadzic Psychiater und auch seine Partei hiess SDS. Als Hauptverantwortlicher für die Massaker in Bosnien wurde Karadzic kürzlich in Den Haag verurteilt
  11. Auch so ein Kuriosum: Die JNA war 1989–1991 Teil der “United Nations Angola Verification Mission”. Bald nach dessem Ende löste sie sich auf bzw wandelte sich um von der Bewahrerin von Einheit und Sozialismus in YU zur Hüterin gross-serbischer Interessen – im Zuge der folgenden Kriegen kamen nun “Blauhelme” ins zerfallende Jugoslawien
  12. Der 1848/49 im Dienste der Habsburger Aufstände niederschlug
  13. Ante Markovic wurde 1990 durch seinen Parteiwechsel der erste nicht-kommunistische Premier von YU seit Subasic 1944 (HSS)
  14. Die zur Unterstützung der JNA vorgesehene Teritorijalna odbrana/TO wurde dort und dann auch in den anderen Republiken der Kern einer eigenen Armee
  15. Am inneren Rand des Hufeisens, das Kroatien vereinfacht ist. Es handelte sich dabei um drei Gebiete, wobei die beiden im Westen vereinigt werden konnten
  16. Er war nach dem 2. WK Präsident von Partizan Belgrad gewesen!
  17. Das Match in Wien war das letzte Bewerbsspiel Jugoslawiens. Der horrende Rückpass des damaligen Rapidlers Gager, den Savicevic abfing; 8 Jahre später trafen die Beiden bei einem von Savicevics ersten Matches mit Rapid aufeinander, Gager nun bei Bregenz
  18. Tormann Tomislav Ivkovic war als einziger Kroate über die Sommerpause hinaus geblieben, spielte im August 1991 gegen Schweden, lieferte nach eigener Aussage beim 3:4 ein schlechtes Länderspiel ab. Ivkovic sagte später, er habe sich von der Mannschaft und insbesondere Trainer Osim verabschieden wollen
  19. Im Haager Gefängnis gab es in den 00er-Jahren ein Wiedersehen zwischen Milosevic und Oric
  20. Beide Funktionen wurden dann bis zur Umstrukturierung von “Platzhaltern” ausgefüllt
  21. Im Kroatien-Krieg wurden bei serbischen Besetzungen noch YU-Fahnen, mit dem rotem Stern, verwendet
  22. Die Makedonier fühlten sich in Jugoslawien überwiegendst gut aufgehoben (bis zum Schluss fast). Wie die Bosniaken, und das obwohl Beide in YU lange nicht als eigene Nation galten. Auch die Multiethnizität ist eine Parallele zu Bosnien, aber hier gab es ein dominierendes “Staatsvolk”, die slawischen Makedonier, die ethnisch-sprachlich mit den Bulgaren verwandt sind (nach anderer Auffassung sogar Teil dieses Volkes sind). Diese machen hier schon stattliche 65% aus; von den Minderheiten sind die Albaner die grösste. 1990 siegte die wieder gegründete, historisch pro-bulgarische VMRO bei der Parlamentswahl, 1991 wurde Gligorov von der Reform-KP vom Parlament zum Präsidenten gewählt. Im September 91 die Unabhängigkeits-Erklärung nach einem Referendum. Es gab hier keinen Krieg, weil das Land nicht als Teil Grossserbiens gesehen wurde. Aber Spannungen mit Griechenland wegen des Namens bzw angeblichen Gebietsansprüchen auf das griechische Makedonien, und zwischen Mehrheitsbevölkerung und albanischer Minderheit. Die bekanneste Albanerin aus Makedonien ist katholisch, Agnes/Anjezë Bojaxhiu, dennoch wird gerne ein Religionskonflikt daraus “gemacht”
  23. Ähnlich verhielt es sich mit dem Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic. Er war linientreuer kommunistischer Offizier in der JNA gewesen, bevor er Ausführender von Karadzics Politik wurde, den ethnischen “Säuberungen” in Bosnien-Herzegowina, seiner Heimatrepublik
  24. Durch das serbisch-montengrinische und kroatische Mitmischen war er kein reiner Bürgerkrieg
  25. Wie Osim hatte er Verwandte in Sarajevo, die nun eingeschlossen waren
  26. Serbische Bosnier hätten sicher auch mitgemacht, gab es damals aber keine an erstklassigen Fussballern
  27. Was insofern gerecht war, als Dänemark von den Gruppenzweiten der Fünfer-Gruppen die meisten Punkte hatte, mehr als Portugal und Italien
  28. Osim fuhr zum Belgrader Flughafen um sich von der Mannschaft zu verabschieden. Beim Umsteigen auf einem Flughafen stiess der “ausgestiegene” Faruk Hadzibegic zu ihnen, auf einen Cafe mit ihnen
  29. Oder wie zwischen Tschechien und Slowakei, die sich im Laufe der Qualifikation für 94 trennten und ab Anfang 1993 nicht mehr als Tschechoslowakei antraten, sondern als „Gemeinsames Team der Tschechen und Slowaken“; oder das in Serbien-Montenegro ummodelierte Rest-Jugoslawien nach geschaffter Quali für 06 durch die Unabhängigkeit Montenegros auseinanderfiel, bei der WM aber noch als gemeinsames Team antrat
  30. Eine Olivera Stajic, die bei der angeblichen Qualitätszeitung “Standard” schreiben darf, schrieb dort mal zur Belagerung Sarajevos, man habe “manchmal den Eindruck, dass diese romantisch verklärt werde” und dass die Lage der serbischen Bosnier zu kurz komme
  31. Karadzic war 1983/84 auch psychologischer Betreuer von RS Belgrad, damals mit Spielern wie Tomislav Ivković, Marko Elsner, Milan Janković, Milos Šestić, Đurovski, Milovanović; angeblich war er auch beim FC Barcelona in dieser Funktion tätig gewesen
  32. Nach Motiven der Spiele von 1942 entstand 1962 der ungarische Film “Két félidő a pokolban”, deutsch “Zwei Halbzeiten in der Hölle” oder “Das letzte Tor”. 1981 gabs eine Art Neu-Aufguss davon, den US-amerikanisch-britischen Film “Escape to Victory” (“Flucht oder Sieg”), in dem Kriegsgefangene aus verschiedenen Ländern gegen deutsche Bewacher spielen; mit Pelé, Robert Moore, Michael Caine, John Wark, Osvaldo Ardiles
  33. Trainer war Slobodan Santrac, der 92 Cabrinovics Co-Trainer gewesen wäre
  34. 1993 spielte ein Kosovo-Nationalteam erstmals ein inoffizielles Länderspiel, seit 2014 (6 Jahre nach Unabhängigkeit) offizielle
  35. Im slowenischen Team sind seit der Unabhängigkeit Serben sehr präsent, wie Zahovic oder Novakovic, Nachkommen von Einwanderern aus YU-Zeiten; um die Einbürgerung solcher Einwanderer gibt/gab es einen politischen Streit. Bei Rest-Jugoslawien bzw Serbien gabs zB Albert Nadj (Nađ, Nagy), der Wurzeln in der Vojvodina haben muss
  36. Bei Makedonien gab es Potential für Kriege mit Griechenland und Albanien
  37. Anlässlich der Unabhängigkeit von Kosovo/Kosova gab es gewalttätige Demonstrationen von Belgrad (wo die US-Botschaft gestürmt wurde) bis Wien (Grussbotschaften von Handke bis Strache)
  38. Die grösste Volksgruppe Jugoslawiens waren die Serben, diese machten ca. 35% aus; eine Partei die unter Serben 60% bekam (was sehr viel ist), hätte landesweit dann etwas über 20% gehabt
  39. Luka Modrić wurde 1985 geboren und erlebte den Krieg in Kroatien in der Gegend um Zadar, musste mit seiner Familie flüchten, als die Gegend der “Republik Serbische Krajina” eingegliedert wurde
  40. Beim ballesterer gibt es freilich einige zweifelhafte Mitarbeiter wie Spitaler, Rosenberg, Forster
  41. Bei Serben, Kroaten, Bosniern und Montenegrinern schlug die Wahrnehmung bzw Hervorkehrung von Gemeinsamkeiten um zu jener von Unterschieden; die Sprache die lange als “Serbokroatisch” und gemeinsame Sprache gesehen wurde, wurde ab Anfang der 1990er zu drei bis vier verschiedenen, je nachdem ob Serbisch und Montenegrinisch als unterschiedliche Sprachen gesehen werden. Verständigung ist leicht möglich, es gibt zwischen diesen Sprachen Unterschiede, es gibt Gemeinsamkeiten, es kommt darauf an, was eher wahrgenommen wird. Wobei, (s)eine eigene nationale Identität zu unterstreichen, ist noch nicht der erste Weg zum Krieg, solange man Vielfalt akzeptiert