Eine Annäherung an den Charakter Kasachstans

Kasachstan, der neunt-grösste Staat der Welt, das grösste Binnenland, liegt zu einem kleinen Teil in Europa (bzw westlich des Uralgebirges), ist auch stark von Russland geprägt worden. Seinen (ursprünglichen) asiatischen Charakter gewinnt es seit der Unabhängigkeit allmählich wieder zurück, scheint es. Die Region, Zentralasien, war immer wieder Schnittpunkt der Kulturen, Vermischungs- und Durchzugsgebiet, umfasst eigentlich mehrere historisch-geographisch-kulturelle Räume. Die Ex-SU-Republiken Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan und Kirgisistan sind jedenfalls dazu zu zählen, dazu Afghanistan und eigentlich auch Iran sowie die Mongolei, ausserdem Teile von Russland und China. Iranische und türkische Völker sind die wichtigsten Ethnien, es gab Phasen der Oberherrschaft über grosse Teile Zentralasiens durch Perser, Griechen, Türken, Mongolen, Russen,…

Kasachstan ist ein Tiefland (Waldsteppe, Steppe, Wüste), Gebirge gibt es am südlichen und östlichen Rand. Es hat Anteil am Altai-Gebirge, dem Aral-See, dem Kaspischen Meer, den Flüssen Ural, Jaxartes/Syr Dariya (und Ausläufer), Irtysch. Wann die Vorgeschichte einer Nation beginnt und wann ihre “eigentliche” Geschichte, das ist oft so eine Frage… Die Nationswerdung der Kasachen wird mit dem späten Mittelalter bzw der frühen Neuzeit angesetzt. Das nördliche Kasachstan war Zentrum der Botai-Kultur (ca. 4000 vC), der die früheste Domestizierung von Pferden gelungen sein soll. Das spätere Kasachstan (sein östlicher Teil) ist Teil der Urheimat der Türken, von Turan/ Turkestan1; der Jaxartes/Syr Dariya bildete die historische Grenze von Gross-Persien zum türkischen Zentralasien. Eine der ersten türkischen Staatsgründungen (eher ein Verbund von Nomadenstämmen), das Reich der Gök-Türken, erstreckte sich zum Teil in später kasachisches Gebiet hinein. Dieses war in den nächsten Jahrhunderten Teile verschiedener Reiche, (Ein-) Wanderungsgebiet bzw Durchzugsgebiet verschiedener Völkerschaften, die im Mittelalter im riesigen Gebiet von Sibirien zum Schwarzen Meer “umherzogen”.

Hunnen und Skythen bewohnten in der späteren Antike das Gebiet. Zum Reich der Samaniden in Zentralasien gehörten auch Teile des späteren Kasachstans, ebenso zu jenem der Khasaren. Im 9. Jh bildeten die (türkische, später islamisierte) Karluken-Föderation den Karachaniden-Staat, der sich ab dem 11. Jh mit den südlich angrenzenden Seldschuken bekämpfte. Die Karachaniden wurden im 12. Jh von den mongolischen Kara-Khitan/ Karakitai besiegt. Der östliche Teil des heutigen Kasachstans wurde vom 9. bis zum 11. Jh von den türkischen Kiptschaken kontrolliert, der westliche von den oghusischen Türken. Im 12. und 13. Jh verbanden sich die Kumanen mit den Kiptschaken. Teile des südlichen Kasachstans gehörten im Hoch-/Spät-Mittelalter zum Choresm-Reich, in dem sich iranische und türkische Kultur verbanden. Dass die Kategorien des modernen Nationalismus für diese Zeit nicht greifen, zeigt sich auch bei der Unmöglichkeit, den im heutigen Kasachstan lebenden Sufi Ahmed Jesewi (12. Jh) diesbezüglich einzuteilen.

Die Religion der Vorfahren der Kasachen vor den diversen Islamisierungs-Schritte war äusserst vielfältig. Diesen Vorfahren waren hauptsächliche diverse Turkvölker (Karluken, Kiptschaken, Khasaren,…), daneben mongolische Volksteile (darunter die Keraiten) und die nicht leicht einzuordnenden Hunnen; auch Sarmaten und andere Iraner gingen in ihnen auf. Es sind Schamanismus, Buddhismus, Christentum, Judentum, Zoroastrismus, Manichäismus sowie Mischformen davon zu nennen! Tengrismus war die ursprüngliche Religion der türkischen und mongolischen und Völker Zentralasiens, eine Version des Schamanismus. Der Buddhismus breitete sich im Mittelalter nach Gandhara, Kaschgar und andere Gebiete Zentralasiens aus.

Das nestorianische Christentum breitete sich aus Persien über die Seidenstrasse2 auch nach Zentralasien und das westliche Ostasien aus, hauptsächlich nach Kashgar. Die Keraiten wurden etwa im 11. Jh dazu konvertiert. Ein schamanistischer Buddhismus (eine synkretistische Religionsform also) war wahrscheinlich auch noch nach Abschluss der Ethnogenese der Kasachen in der frühen Neuzeit lebendig. Im 8. und 9. Jh stiessen die Araber ins südliche (ursprünglich persische) Zentralasien vor, brachten ihre Religion (Islam) dorthin, die sich allmählich auch nördlich ausbreitete – die ersten Schritte der Islamisierung Zentralasiens. Die Kiptschaken und Karluken wurden im Grossen erst infolge der mongolischen Invasionen islamisiert; beide Völker hingen dem Schamanismus an, wurden teilweise Christen – Islamisierungen in frühen Jahrhunderten geschahen nur in Nähe moslemischer Zentren.

Im 13. Jh überfielen die Reiterhorden des Dschingis (Cengiz) Khan auch diesen Teil Zentralasiens, besiegten u.a. die Karakitai. Das Gebiet fiel dann zum Teil- bzw Nachfolgereich der Goldenen Horde, das sich von Osteuropa bis Zentralasien erstreckte; der südliche Teil des späteren Kasachstans gehörte zum Tschagatai-Khanat. Timur Leng (Tamerlan) stammte aus diesem Tschagatai-Khanat, war ein turkisierter Mongole, unterwarf Ende des 14. Jh das südöstliche Zentralasien. Unter den mongolischen Herrschern erfuhr die Region ihre dritte Islamisierung, nach jenen der Araber und der Perser. Auch der Niedergang des Nestorianismus in Zentral und Ost-Asien war durch die Mongolen-Stürme des späten Mittelalters bedingt, besonders den zweiten. Der Grossteil des für diesen Artikel relevanten Gebiets blieb beim Reich der Goldenen Horde (mongolisch Altan Ord), bis zu dessen Auseinanderfall Ende des 15., Anfang des 16. Jh.

Auch im Reich der Goldenen Horde spielte der Buddhismus eine Rolle, bis 1313  Uzbeg (Öz-Beg) neuer Herrscher wurde und den Islam zur Staatsreligion machte, Buddhismus und Schamanismus zurückdrängte. Die vierte “Welle” der Islamisierung. Zu den Verwaltungseinheiten in die das Reich im 15. Jh geteilt wurde, gehörte auch das Kasachische Khanat (oder Kasachische Horde), eine Stammesföderation von (Proto-) Kasachen und Kirgisen. Es entstand um 1465, durch den Dschingisiden Janybek Khan (also einen Mongolen, keinen Kasachen), in Rebellion gegen das Usbekische Khanat, zu dem das Gebiet zuvor gehört hatte. 2015 hat man in Kasachstan 550 Jahre Staatlichkeit gefeiert mit Bezug auf die Schaffung des Khanats (kasachisch Qazaq Handyg’y bzw Қазақ Хандығы) – das aber erst im Laufe der Jahrzehnte unabhängig wurde, durch die Auflösung der Goldenen Horde (Anfang 16. Jh), und somit einer von dessen Nachfolgestaaten.

Janybeks Sohn Kasim Khan3 war Führer des Khanats Anfang des 16. Jh, vereinigte kasachische Stämme (etwa die Kumanen im Westen des Landes). Die Kasachen als eigene Nation entstanden an dieser Wende von Mittelalter zu Neuzeit, parallel zur politischen Eigenständigkeit entstand auch die kasachische Sprache, eine kulturelle Identität, un kam die Nationsbezeichnung auf (dazu unten noch mehr). Dem ging, wie erwähnt, ein Prozess der Vermischung von hauptsächlich türkischen Stämmen voraus. Die mongolische Oberschicht begann, in der kasachisch-türkischen Bevölkerung aufzugehen, oder wurde in den Osten “abgedrängt”. Grundkonstante de kasachischen Lebens blieb das Nomaden-Leben in der Steppe.

Das usbekische Scheibaniden-Reich zerfiel im 16. Jh in die Khanate Buchara und Khiwa.4 Das Kasachische Khanat legte sich mit dem Buchara-Khanat an, eroberte es teilweise, unternahm aber auch Kriegszüge nach Persien, Russland5, China, verschleppte dabei auch Menschen, die Sklaven wurden. Im 17. Jh zerfiel das Kasachen-Khanat in drei Stammesföderationen/Jüz (Grosse, Mittlere, Kleine Horde). Im selben Jahrhundert spalteten sich die Kirgisen ab. Das (usbekische) Khiwa-Khanat eroberte zu dieser Zeit der inneren Schwäche der Kasachen die Mangyshlak-Halbinsel am Kaspischen Meer.

Der Name “Kasach” (bzw “Qazaq”) kommt von einem türkischen Wort, das so viel wie “Wanderer” bedeutet, es bezieht sich auf die Nomadenkultur dieses Volkes. Das Wort “Kosacke” ist selben Ursprungs. Im 17. Jh gab es in Russland Bemühungen zur Unterscheidung der ursprünglich entlaufenen slawischen Leibeigenen und desertierten Tataren (Казак) von dem zentralasiatischen Turkvolk (Казах), so wurde der End-Buchstabe ein unterschiedlicher (Kosak/Kasak bzw Kasakh/Kasach). Und im 17. Jh begann auch die lange Geschichte der Kasachen mit den Russen. Der Zarenhof entwickelte damals hatte Interesse an der Region, im Zuge der Reichs-Expansion, es dauerte aber bis ins 19. Jh, dass diese Unterwerfung vollzogen war.

Den Russen kam zu Nutze, dass das kasachische Khanat bzw seine Teilvölker im 17. und 18. Jh vom Osten her angeriffen wurde(n), aus der Dsungarei (heute ein Teil von Sinkiang), von mongolischen Völkern wie den Oiraten und den Kalmüken. Die drei Horden der Kasachen unterstellten sich dagegen nacheinander 1731 bis 1742 russischem Schutz gegen die mongolischen Angriffe. Unter Abul Khair Khan schüttelten die Kasachen bis in die 1750er die Bedrohung ab.6 Manche setzten das Ende des Kasachischen Khanats durch die Russen mit 1731 an, nicht im 19. Jh. Die Russen begannen jedenfalls im 18. Jh damit, Festungen/Garnisonen in kasachischem Gebiet zu errichten, die dann zum Teil zu Städten wuchsen. So entstand als erster Aussenposten 1735 Orsk. Es begann auch, die Kasachen kulturell und wirtschaftlich zu beeinflussen.

Das Buchara-Emirat und das Kokand-Khanat nahmen in dieser Phase Besitz von kasachischem Gebiet, bevor sie selbst von Truppen des Russischen Reichs unterworfen wurden. Kasachen wiederum nahmen den Aufstand der Don-Kosaken unter Jemelian Pugachov im späten 18. Jh zum Anlass, Raubzüge in russisches Gebiet zu unternehmen. Anfang bis Mitte des 19. Jh unterwarfen die Russen das gesamte kasachische Gebiet (hauptsächlich unter Zar Nikolai I.); einige (Nomaden-)Stämme behielten eine Art Unabhängigkeit. Kenesary Khan (Kassimov), der letzte Khan, wurde abgesetzt, leitete einen Widerstand gegen die Unterwerfung. Das Kasachen-Khanat war der letzte Nachfolge-Staat des Khanats der Goldenen Horde, der von Russland unterworfen wurde. Die Gebiete nördlich und östlich davon (heute Teile Russlands) wurden früher erobert, waren grossteils von Tataren bewohnt. Nach dem nördlichen Zentralasien kam das südliche an die Reihe, die Unterwerfung der Staaten Kokand, Buchara, Chiwa, die bis ins späte 19. Jh ging und mit der Eroberung von Merw vor den Toren Persiens ihren (vorläufigen) Abschluss fand. Von Indien rückten zur selben Zeit die Briten nach Zentralasien vor, wurden Gegner der Russen im “Grossen Spiel” dieser europäischen Mächte um diese Weltregion.

Das russisch gewordene Zentralasien wurde Russisch-Turkestan genannt, das kasachische Gebiet ein Teil davon. 1868 wurde das Generalgouvernement Turkestan (russisch Туркестанское генерал-губернаторство, Turkestanskoje general-gubernatorstwo bzw. Туркестанский Край, Turkestanski Kraj) errichtet, mit der Hauptstadt Taschkent. Das Generalgouvernement der Steppe (Степное генерал-губернаторство, Stepnoje General-Gubernatorstwo) wurde 1882 aus Teilen des Generalgouvernements Turkestan und des dabei aufgelösten Generalgouvernements Westsibirien gebildet, es existierte bis 1917. Kasachstan gehörte grossteils zum General-Gouvernement Steppe, machte dieses hauptsächlich aus7, während “Turkestan” das südlichere Zentralasien war. Zu den russischen Garnisonen in diesen Gebieten kamen wirtschaftliche Ausbeutung (Bodenschätze, Baumwollanbau,…) sowie Ansiedlung von Russen. Ende des 19., Anfang des 20. Jh kamen an die 500 000 Menschen aus “alt-russischen” Gebieten ins heutige Kasachstan, auch Ukrainer, Juden, Deutsche und Andere, ermutigt und geleitet von einem eigenen Migrationsbüro in St. Petersburg. Semirechye/ Zhetysu (heutiges Südost-Kasachstan) bildete einen Schwerpunkt dieser Ansiedlung, daneben der Nordwesten Kasachstans. 1906 wurde die Trans-Aral-Eisenbahn von Orenburg nach Taschkent fertiggestellt.

Kasachen wanderten in dieser Zeit ins chinesische Sinkiang aus. Es entfachte sich eine Konkurrenz zwischen den Neu-Siedlern und den Alt-Eingesessenen um gutes Land und Wasser. In Kasachstan gibt es wegen der Trockenheit relativ wenig Acker- und Weideland, dieses liegt v.a. im Norden des Landes. Der grösstenteils nomadische Lebensstil der Kasachen wurde unter russischer Herrschaft gestört, und es kam noch in den letzten Jahren des zaristischen Russischen Reichs Unmut und Widerstand dagegen auf. Eine kasachische Nationalbewegung formierte sich Ende des 19. Jh vor diesem Hintergrund, beinhaltete die Erhaltung der Sprache und, soweit möglich, des Lebensstils – gegen russische Assimilationsversuche. Kasachisch wurde erst im 19. Jh zu einer Schriftsprache, im arabischen Alphabet. Abai Qunanbaiuly (1845-1904) schrieb seine Werke in diesem Kasachisch, sah aber russische und andere europäische Kulturen als Bereicherung. Sein Name wird/wurde manchmal russifiziert (etwas das in Sowjet-Zeiten zur Regel wurde) zu “Kunanbayev”.

Zu der Zeit als Zentralasien mit seinen zT türkischen Völkern russisch wurde (zuvor schon der Kaukasus), geriet das Osmanische Reich in eine tiefe (und finale) Krise, mit Russland als jener Macht, die auf grössere Stücke dieses Reichs bei seinem endgültigem Auseinanderfall hoffte, bzw darauf hinarbeitete. Was im Osmanischen Reich in dieser Situation an Ideologien aufkam, war auch für Zentralasien relevant, sowohl der Islamismus als auch der Türkismus/Turanismus zielten auch auf Turkvölker ausserhalb des Sultanats ab. Das Jungtürken-Komitee, das 1908 schliesslich die Macht in Istanbul/Konstantinopel errang, verfolgte zwar einen extremen Nationalismus, aber einen der sich auf das bestehende Reich konzentrierte und keinen Pan-Turanismus. Dafür kam Ende des 19. Jh unter den moslemischen Völkern des Russischen Reichs (hauptsächlich den Tataren) eine islamische Reformbewegung auf, der Djadidismus, der hauptsächlich auf eine Verwestlichung bzw Modernisierung dieser moslemischen Kulturen abzielte.

In Zentralasien fand der Djadidismus (deren Proponenten auch Taraqqiparvarlar genannt wurden) hauptsächlich in den usbekischen Gebieten Anklang – die an sich stärker islamisch geprägt waren als die kasachischen oder kirgisischen.8 Kurz vor dem Ende des Zarenreichs, 1916, kam in Kasachstan (also dem Generalgouvernement Steppe) noch ein grosser Aufstand gegen die Fremdherrschaft, mit Angriffen auf russische Militäreinrichtungen und Siedler und harten Gegenmaßnahmen. Paradoxerweise kämpften beide Seiten, russische Soldaten und Kasachen, nach der bolschewistischen Machtergreifung in Petersburg im November 1917, gegen die Ausdehnung der kommunistischen Macht in diesen Teil Russlands, bis etwa 1919. Dies kann als Teil des Russischen Bürgerkriegs gesehen werden, der in manchen Teilen des Landes mit anderen Konflikten verbunden war.

Im Gebiet der Kasachen bildete sich Alasch Orda, eine Organisation von Stammesführern und bürgerlichen Nationalisten, die 1917 vor Hintergrund des Bürgerkriegs die Autonomie Kasachstans proklamierte, in Allianz mit der antikommunistischen Weissen Armee. Es blieben dort also weitgehend die bisherigen Kräfte an der Macht, das war als Gouverneur Vasile Balabanov, ein Russe. Hauptstadt des kasachischen Autonomiegebiets innerhalb des im Umbruch befindlichen Russlands (russisch Alashskaya avtonomiya) war Semey/Alash-qala. Premierminister war ein Kasache, Alikhan Nurmukhameduly Bukeikhanov. Alasch Orda verfolgte als mittelfristige politische Ziele die Gleichheit von Kasachen und Russen in dem Gebiet und eine Anlehnung der kasachischen an die westliche Kultur. Zu der Zeit breitete sich in Zentralasien ausserdem der Basmatschi-Aufstand gegen Russland aus (1916-32). 1920 gelang es der Roten Armee, die Alasch-Autonomie zu beenden. 1918 war bereits die Turkestanische ASSR aus Russisch Turkestan gebildet worden, als Teil der Russischen SFSR. 1920 wurde die Kirgisische ASSR aus dem Generalgouvernement Steppe (das betraf Kasachstan) gebildet.

Der Basmatschi-Aufstand9 spielte sich zT auch im Russischen Bürgerkrieg ab. Die russischen Bolschewiken schickten 1921 entmachteten osmanischen Jungtürken-Führer Enver Pascha nach “Turkestan”, um die dortige Basmatschen-Bewegung unter Ibrahim Beg nieder zu werfen, der tat aber das Gegenteil. Der Aufstand spielte sich hauptsächlich im Gebiet der Turkestanischen ASSR (S-Zentralasien) und nicht in Kirgisischen ASSR (N-Zentralasien, u.a. Kasachstan) ab. Man kann darüber diskutieren, ob die Bewegung auf eine nationale Befreiung abzielte, gegen Fremdherrschaft, oder einen falschen Nationalismus bzw religiösen Fundamentalismus (Pan-Türkismus bzw Islamismus) etablieren wollte. Im Emirat Buchara und Khanat Khiwa wurden 1917 von den Bolschewiken die traditionellen Herrscher abgesetzt. Diese beiden Gebiete waren anders als das Khanat Kokand nicht in Russisch-Turkestan aufgegangen. In Kokand formierte sich 1917/18 eine autonome Regierung für das südliche Zentralasien, dieser Aufstand wurde im Februar 1918 von der Roten Armee brutal niedergeschlagen.10  Dies stärkte den dortigen Zulauf für die “Basmatschis”. Endgültig zerschllgen wurde diese Bewegung von der Roten Armee 1934.

Zu diesem Zeitpunkt gab es längst eine Sowjetunion (seit 1922, Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken), und auch eine Türkei (seit 1923), die sich ganz am Westen orientierte. Die Turkestanische ASSR wurde 1924 geteilt, in zwei Sowjetrepubliken, die Turkmenische SSR und die Usbekische SSR. Die Volksrepubliken Buchara und Khoresm wurden in die Usbekische Sozialistische Sowjetrepublik integriert. Die ethnischen Iraner bzw Tadschiken in Zentralasien bekamen eine Tadschikische ASSR innerhalb der Usbekischen SSR. 1929 wurde diese ASSR eine vollwertige Sowjetrepublik; diese Teilung liess die alten persischen Zentren, Buchara und Samarkand, grossteils von Tadschiken bewohnt, bei der Usbekischen SSR. Der Tadschikischen SSR blieb nicht viel. Stalins innersowjetische Grenzziehungen zerschnitten zT absichtlich Nationalitätengrenzen, auch im Fall Armenien (Teile an Aserbeidschan und Georgien); im Fall der Kasachen war das nicht der Fall. Jener Teil vom südlichen Kasachstan, der 1920 zur Turkestanischen ASSR kam, kam später zur Kirgisischen ASSR.

Aus dieser wurde 1925 die Kasachische ASSR, also weiter ein Teil der Russischen Sowjetrepublik, man trug aber dem Umstand Rechnung, dass die Kasachen ein viel grösseres und anderes Volk waren/sind als die mit ihnen verwandten Kirgisen. Das eigentliche Kirgisen-Gebiet existierte von 1929 bis 1936 als Kara-Kirgisisches Autonomes Oblast innerhalb der Russischen SFSR. 1936 wurde eine Kasachische SSR geschaffen, von einer ASSR innerhalb Russlands zu einer eigenen Sowjet-Republik aufgewertet. Das Kara-Kirgisische Oblast wurde ebenfalls eine SR in diesem Jahr. 1936 war die innere Aufteilung der SU weitgehendst abgeschlossen. In Zentralasien gab es also bis zum Ende dieses Staates 1991 fünf Teilrepubliken, Kasachstan war bei weitem die grösste. Es war (bis zum Ende der SU) die zweitgrösste Republik hinter der Russischen, aber dünn besiedelt.11 1936 wurde auch eine eigene Kommunistische Partei von Kasachstan gegründet (die natürlich Teil der KPSS bzw KPdSU war), nun da das Gebiet nicht mehr Teil Russlands war.12

Teilweise gingen Führer traditioneller Bewegungen zu den “Siegern” über, wie der ehemalige Alasch-Orda-Führer Bukeikhanov, der sich der Kommunistischen Partei (RKP-B, dann WKP-B, dann KPSS) anschloss und wissenschaftlich aktiv wurde. Das bewahrte ihn aber nicht davor, später verhaftet zu werden und 1937, zur Zeit der stalinistischen “Säuberungen”, in Moskau getötet zu werden, im Rahmen von Massenexekutionen einheimischer Eliten in bzw aus Zentralasien. An die Spitze der sowjetischen Institutionen (Republik, Partei, KGB,…) in den Teilrepubliken der SU kamen meist Russen (Ukrainer und Weissrussen auch noch manchmal). Das gilt insbesondere für Zentralasien und die frühen Jahrzehnte der SU. Man bemühte sich um die Rekrutierung von Einheimischen für die sowjetische Verwaltung in den Teil-Republiken (Korenizatsiya). Nach dem 2. WK wurden moslemische, einheimische Kommunisten in Führungspositionen in den zentralasiatischen Republiken häufiger, hatten dann oft lange Amtszeiten.

In Osteuropa, Kaukasus, Baltikum geschah dies leichter, häufiger, früher. Regierung, Partei, Sowjet, KGB und andere Institutionen in den zentralasiatischen Republiken waren aber weiter stark von Russen dominiert (die von Aussen bestellt/geschickt wurden).13 Die KGB-Chefs in diesen Republiken waren weitgehend bis zum Ende Russen… Im Zarenreich konnten Zentralasiaten nicht Soldaten werden, in der SU mussten sie es, mit wenig Aufstiegsmöglichkeiten. In der Roten Armee waren höhere Offiziere fast alles Russen, oder andere Ostslawen. Das Abdienen der Wehrpflicht geschah meist weit weg von der Heimat, v.a. bei Nicht-Russen, was im Fall von Unruhen (ihrer Niederschlagung) wichtig war.14 Man darf dabei aber nicht vergessen, dass Russen in der SU auch unterjocht wurden. Stalin selbst hatte sich von seinen georgischen Wurzeln gelöst.

Die Sowjetunion übernahm weitgehend die Grenzen des Russischen Reichs bzw dessen Ausdehnung, die das Resultat von jahrhundertelanger Expansion (und Unterwerfung) war. Widerstand gegen die Bevormundung durch Russland kam im 19. Jh in verschiedenen Ecken des Reichs auf, im Zuge der allgemeinen europäischen Nationswerdungsprozesse, auch in nicht-europäischen Teilen. In Russland blickten auch (oder gerade) die Progressiven auf die Landwirtschaft, auf die Kohle und die Metalle in der Ukraine, das Erdöl in Aserbeidschan und die Baumwolle in Zentralasien. Liberale Russen15, wie Peter Struve, lehnten einerseits die unterdrückerische Politik des Zarenreichs gegenüber Nicht-Russen ab, konnten sich aber auch nicht mit Abspaltungen von deren Territorien von Russland anfreunden, nicht mit solchen von “entfernten” Völkern wie den Kasachen und eigentlich noch weniger mit jenen von verwandten Völkern wie den Ukrainern. Gerade für liberal-bürgerliche sowie linke Russen waren die (bis zum 1. WK) von Russland kontrollierten Völker in Europa wie Polen, Finnen oder Litauer eher ernst zu nehmen in ihren Ansprüchen als Kaukasier, Zentralasiaten oder Sibirier.16

Unter den Kontinuitäten vom Zarenreich in die SU war nicht zuletzt die russische Vorherrschaft über die anderen Völker; ausserdem Absolutismus und Grossmachtpolitik. Unter den Romanovs war Russland so gross geworden, ihr Imperialismus wurde unter den Kommunisten fortgesetzt. Der russische Chauvinismus gegenüber anderen Völkern war von den Kommunisten kritisiert worden, aber dann in mancher Hinsicht übertroffen worden! Russen machten etwas über 40% der Bevölkerung der SU aus, aber sie saßen an den meisten Schalthebeln der Macht über dieses Imperium. 1920 haben die Bolschewiken einen Völkerkongress in Baku veranstaltet, nach der Wiedereingliederung von Aserbeidschan, die Völker des Orients sollten mit dem Kommunismus gegen westliche Kolonialherrscher “vorgehen”. Zentralasien war das Armenhaus der SU, seine Völker in der Rassenhierarchie der SU ganz unten, noch unter den kaukasischen Völkern. Die russische Entwicklung war ausschlaggebend für die allgemeine der Sowjetunion. In der Sowjetunion war die russisch-nationale Historiographie auch die offizielle, etwa in Bezug auf Bessarabien. Russen haben aber “ihre” “Indianer” (“Naturvölker” in Sibirien, ebenso die zentralasiatischen und kaukasischen Völker) nicht dermaßen dezimiert, an den Rand der Ausrottung gebracht wie die Amerikaner bzw. Westeuropäer “ihre”. Es gab aber kaum ein kollektives Aufbäumen von Russen oder Nicht-Russen gegen die SU.

In den frühen Jahrzehnten der SU gab es auch in Kasachstan die Kollektivierung der Landwirtschaft, eine Umwandlung von Gross- zu Kleinbetrieben. Und auch dort hat diese Umstellung zu verheerenden Versorgungsengpässen geführt, zu einer Hungerkatastrophe mit vielen Todesopfern; ein Drittel bis ein Viertel der Bevölkerung ist dabei ums Leben gekommen. Wie fast überall in Zentralasien wurde Baumwolle auch in der Kasachischen SSR das landwirtschaftliche Hauptprodukt, daneben Tabak. Bewässerungssysteme für die Felder wurden errichtet (s.u.). Die bis ins 20. Jh hinein weit verbreitete (bzw dominierende) nomadische Lebensweise wurde weitgehend “ausgerottet”, bzw die Nomaden-Stämme unterworfen. Aufgrund dieser Lebensweise waren in Kasachstan wenige Städte und Bauten entstanden.

Die meisten Städte entwickelten sich aus russischen Festungen des 19. Jh, oder noch später, wie Astana. Im Süden des Landes gibt es einige aus alten Handelszentren hervor gegangene Städte, wie Turkestan/Jesi, Dschambul, Tamgaly. Auch wurde in der Zwischenkriegszeit in Kasachstan eine Schwer-Industrie aufgebaut (v.a. Metallverarbeitung), so wie die SU als Ganzes überhaupt erst nach Revolutionen, 1. WK und Bürgerkrieg wirklich industrialisiert wurde. Bodenschätze auszubeuten gab/gibt es hauptsächlich in bzw um Karaganda/Qaraghandy (Eisen, Kohle,…). Dass die SU-Herrschaft das Leben bzw die Kultur (auch) in Kasachstan total veränderte (stärker als die vorangegangene Zarenherrschaft) zeigt sich auch dadurch, dass Kasachisch Ende der 1920er zunächst auf lateinische Schrift umgestellt wurde, die in den frühen 1940ern dann durch die kyrillische ersetzt wurde.

Im 2. WK kam die Wehrmacht ja nicht bis nach Zentralasien, wurde dieses nicht in den Krieg involviert. Aber: Es gab dort einige der grössten politischen Gefangenenlager (GULAGs).17. Und: Manche Volksgruppen wurden in dieser Zeit unter Stalin dorthin sowie nach Sibirien deportiert, meist wegen Kollaboration mit dem Feind oder angeblicher oder möglicher. Das betraf u.a. Wolga-Deutsche, Koreaner, Tschetschenen, Ukrainer, Mescheten, Polen, Tataren, Griechen, Kurden. Die meisten kamen aus dem Westen in den Osten, bei den Koreanern war es umgekehrt. Die ersten Koreaner kamen 1905 nach der japanischen Eroberung Koreas und Süd-Sachalins als Flüchtlinge nach Russland. Dann wurden ab 1937 Koreaner aus dem Grenzgebiet zu Korea nach Zentralasien umgesiedelt, auch nach Usbekistan. Was die Tschetschenen und Inguschen betrifft, diese haben mit ihren Sufi-Orden den Islam der Kasachen aufgefrischt, eine neue Islamisierung für dieses Land gebracht. Die Nachkommen der damals Deportierten bilden heute nationale Minderheiten im unabhängigen Kasachstan, auch wenn nicht wenige in post-sowjetischer Zeit ausgewandert sind.

Nahe der Stadt Semipalatinsk entstand nach dem Krieg ein Atom-Versuchsgelände, das wichtigste Entwicklungs- und Produktionsentrum für Atomwaffen in der Sowjetunion. Von 1949 bis 1991 fanden dort Atomtests statt. Bei Baikonur (Baiconur)18 wurde 1957 ein “Weltraum-Bahnhof” eröffnet; der erste künstliche Satellit, “Sputnik I”, wurde in diesem Jahr von dort abgeschossen. 1945-54 gab es in Kasachstan erstmals einen einheimischen Parteichef, Shayakhmetov. Dann kam ein Weissrusse, dann, 1955/56 Leonid Brejschnew (schrieb dort das Buch “Neuland”). Nach ihm 2 weitere Russen, 1960 erstmals der Kasache Dinmukhamed Kunajew, 62-64 der uigurische Kasache Jusupow. 1964 bis 1986 war wieder Kunajew KP-Chef in Kasachstan. 1985 wurde ja Michail Gorbatschow Chef (1. Sekretär) der Partei für die ganze SU (KPSS/KPdSU), leitete seine Politik der Perestroika (Umgestaltung) ein, wurde ’88 auch Staatschef. 1986 hat er den einheimischen kasachischer Parteichef Kunajev durch den Russen Kolbin ersetzt, was zu Protesten (v.a. der Hauptstadt Alma-Ata) führte, bei deren Niederschlagung Blut floss.

1989 wurde der Kasache Nursultan Nasarbajew, ein ehemaliger Stahlarbeiter, KP-Chef der Republik, von “Gorbi” als solcher eingesetzt. Er war 84-89 bereits Premier gewesen. Was die wirtschaftlichen und anderen Reformen Gorbatschows betraf, Boris Jelzin (der 90/91 Präsident bzw Parlamentspräsident Russlands wurde) gingen sie zu wenig weit und zu langsam, konservativen Hardlinern wie Jegor Ligachov viel zu weit und zu schnell. 1989 wurde die Unterstützung der kommunistischen Regierung Afghanistans beendet, zog sich die Rote Armee von dort zurück, wurde das letzte grosse aussenpolitische “Abenteuer” der SU beendet. 1989 durften das Unions-Parlament gewählt werden, 1990 die Parlamente der Teilrepubliken, kam es praktisch zu einem Ende des KPdSU-Machtmonopols, ausserdem mehr Selbstbestimmung der Republiken. Nursultan Nasarbajew wurde nach der Wahl 90 Vorsitzender des Obersten Sowjets Kasachstans, was eine Art Parlamentspräsident war, gleichzeitig aber auch der Posten des obersten Repräsentanten der Republik. Die Kasachische SSR gab unter ihm im Oktober 1990 eine Souveränitäts-Erklärung ab, eine solche gab es aber de facto und de jure nicht.

Im Sommer ’91 der Putschversuch reaktionärer Kräfte in Russland, kurz bevor die Umwandlung der SU in einen Staatenbund durch den Unionsvertrag umgesetzt werden sollte. Gorbatschow, seit 1990 Präsident der SU, wurde in seiner Datscha am Schwarzen Meer festgehalten, während in Moskau die Panzer aufrollten. Nasarbajew war unter jenen SU-Politikern, die gegen den Putsch Stellung nahmen. Nach 3 Tagen der Zusammenbruch, Gorbi kehrte zurück nach Moskau. Der Putsch sollte einen stramm kommunistischen Kurs und zentrale Machtausübung in der SU zurück bringen, erreichte das Gegenteil. Es gab eine Machtverschiebung zu den Republiken, Russlands Präsident Jelzin wurde der neue starke Mann – auch weil der Westen nun auf ihn setzte. Der Kommunismus in der SU verlor die Macht und die SU fiel auseinander. Die baltischen Republiken setzten ihre Unabhängigkeit nun um, andere erklärten sie jetzt. Anfang Dezember 91 gründeten die Präsidenten von Russland, Ukraine, Weissrussland (Belarus) die “Gemeinschaft Unabhängiger Staaten” (GUS), als Nachfolge-Bund der SU (deren Auflösung sie dabei beschlossen). Dieser Vertrag von Beloweschskaja Puschtscha kam über Gorbatschow hinweg zu Stande, der hatte daran gearbeitet, die SU zu erhalten – was aber auch auf einen Staatenbund hinaus gelaufen wäre. Am 21. 12. 91 schlossen sich in Alma-Ata die anderen SU-Republiken, bis auf die baltischen, der GUS an; Georgien später.

Kasachstan proklamierte am 16. Dezember 1991 seine Unabhängigkeit; bereits am 10. 12. hatten die Regierenden Kasachstans den Staat von “Sozialistischer Sowjetrepublik” in “Republik” umbenannt. Nasarbajew wurde mit der Unabhängigkeit erster Präsident Kasachstans. Die endgültige Auflösung der SU erfolgte wenig später, am 25. und 26. Dezember 91, mit dem Rücktritt von Gorbatschow als Präsident und der Selbstauflösung des Obersten Sowjets. Dieser anerkannte die Unabhängigkeit der 12 Staaten, die die GUS bildeten, darunter Kasachstan. Das endgültige Ende des Kalten Kriegs. Die SU ist vom Zentrum her zerfallen, nicht an der Peripherie oder durch Auflehnung, von Russen oder Anderen. Die Auflösung der SU war im Gegensatz zu jener Jugoslawiens (die im selben Jahr begann) friedlich, aber es gab doch einige „Gebietskonflikte“ in der Ex-SU in Folge, keiner aber der Kasachstan betraf (bislang). Der Rückzug Russlands aus Zentralasien und Kaukasus mit dem Ende der SU kann auch als Stück Entkolonialisierung gesehen werden.

Das Ende der SU brachte keinen Elitenwechsel in den meisten Nachfolgestaaten! Neue Parteien, alte Eliten, oft autoritäre ex-kommunistische Herrscher, personalisierte Gesellschaftsbeziehungen, klientilistische Netzwerke. Staatspräsident Nursultan Nasarbajev ist seit 1989 in Kasachstan an der Macht. In vielen Ex-SU-Republiken wandelte sich die KP um, in Kasachstan blieb sie die Qazaqstan Kommunistik Partiyasi (Қазақстан Коммунистік партиясы, KKP) blieb bestehen. Nasarbajew gründete eine neue Partei, die ein quasi Monopol bekam, das war die Union der Volkseinheit Kasachstans (SNEK). Aus ihr und anderen den Präsidenten unterstützenden Parteien wurde 1999 OTAN (Republikanische Vaterlandspartei); 2006 wurde daraus und verbündeten Partein, darunter der von Nasarbajews Tochter Dariga geführten Asar (Tochter Dariga N.), die Partei Nur Otan, die nun die einzige legitime politische Kraft im Lande ist. Echte Opposition wird keine geduldet, nur einige harmlose “Blockparteien”, wie die Ak Schol. Auch die KKP wird gelegentlich dazugerechnet.

Mindestens drei “echte” Oppositionelle, Tujakbaj, Sarsenbajev und Nurkadilov, sind in den letzten Jahren ermordet worden, der Geheimdienst KNB wird dahinter vermutet. Altynbeg Sarsenbajew (Sa’rsenbai’uly) wurde 06 ermordet, er hat die Naghyz Ak Shol 05 von Ak Shol abgespalten. Daneben gibt es u.a. die AZAT (Bulat Abilov) und die in verschiedenen Gruppen organisierten Islamisten. Manipulierte Wahlen (Präsident, Parlament) bringen die gewünschten Mehrheiten; Nasarbajew hat sich zuletzt 2015 bestätigen lassen. In dem autoritären Regime gibt es keinen Föderalismus (für die 15 Provinzen). 1995 wurde eine Verfassung erlassen. Die Hauptstadt Alma Ata wurde 1992 in Almaty umbenannt. 1997/98 wurde Astana neue Hauptstadt; die Stadt hiess zunächst Akmoly, dann Akmolinsk, Zelinograd, Akmola, dann Astana, wurde in den letzten Jahren suksessive ausgebaut. Sie liegt mehr im Zentrum des Landes als Almaty (in der Südostecke).

Unter Alleinherrscher Nasarbajew gibt es Regierungen; unter den diversen Premierministern hat sich noch kein Kronprinz “heraus kristallisiert”. Nach dem Tod von Usbekistans Islam Karimov 2016 ist Nasarbajew der letzte Präsident im Post-SU-Raum, der vor der Auflösung der SU ins Amt gekommen ist. In Turkmenistan gab es durch den Tod Nijasov 06 einen Machtwechsel. In Kirgisien gab es 05 (Sturz Akajev) und 10 (Sturz Bakijev) Umstürze. In Tadschikistan gab es einen Bürgerkrieg zwischen den Machtzentren. Auch die Medien werden in Kasachstan gegängelt. “Demokratie in Kasachstan steht am Ende der Entwicklung, nicht am Anfang”, sagte Nasarbajew. Und “einstweilen” bestimmt er die Entwicklung. Auch die wirtschaftliche, die Umstellung ab 91 und die Folgen. Auch hier stützt er sich auf ein flächendeckendes Netz aus Günstlingen. Einer der führenden Oligarchen ist Askar Mamin, der verschiedene Funktionen in der staatsnahen Wirtschaft und in der Politik selbst hat(te), ausserdem Chef des kasachischen Eishockeyverbandes ist. Der Oligarch Rachat Alijew ist in Ungnade gefallen, obwohl er Schwiegersohn Nasarbajews war. Dies fiel mit seiner Abberufung als Botschafter in Österreich zusammen. Wegen verschiedener Vorwürfe kam er hier ins Gefängnis, wo er sich anscheinend umgebracht hat.19

Das Fundament der Wirtschaft sind die Erdöl und -gas – Vorkommen, wie das Öl-Feld “Kasachgan” im Kaspischen Meer. Dadurch ist das Land relativ wohlhabend. Je tiefer der Ölpreis aber fällt, desto schwerer lässt sich das System Nasarbajew aufrecht erhalten. Die Förderung und Verarbeitung ist heute zT in der Hand ausländischer Konzerne. Andere Bodenschätze sind (noch immer) Kohle und Metalle. Die Energiegewinnung geschieht auch hauptsächlich durch Thermische/kalorische Kraftwerke, die ja mit fossilen Brennstoffen arbeiten. Thema der Expo/Weltausstellung in Astana 2017 war auch “Energie der Zukunft”. Es gibt in dem Land viel Industrie, wenig Kulturhistorisches, daher auch wenig Tourismus. Der Westen schweigt zu dieser Diktatur, immerhin ist Kasachstan ein wichtiger Anbieter für Öl und Gas, eine Alternative zu Russland. Da das Land ausser fossilen Rohstoffen nur wenig eigene Ressourcen hat, ist es auch als Abnehmer von Importgütern interessant.

Der zu Kasachstan und Usbekistan gehörende Aral-See ist seit vielen Jahren der Austrocknung nahe, weil in der SU-Zeit seine Zuflüsse (u.a. der Fluss Syr-darja) auf Baumwoll- und Reisfelder umgeleitet wurden, und aus Feldern Dünger und Pestizide in den See. Der See ist bereits in mehrere getrennte Teile zerteilt, ist versalzen, Fische sterben (Kaviar-Gewinnung war dort einst wichtig). Nach 91 wurde diese Politik fortgesetzt, v.a. in Usbekistan. Um zumindest den kleinen (nördlichen) Aralsee zu erhalten, wurde in den 90ern und den 00ern auf kasachischer Seite ein Damm gebaut. Der Zustand des Aralsees kann als Teil eines grösseren Wasser-Problems in Zentralasien gesehen werden, das auch darin besteht, dass die “Oberlaufstaaten” von Amu-darja und Syr-darja, Tadschikistan und Kirgisistan, Staudämme an ihrem Anteil dieser Flüsse bauen (> Kraftwerke), Wasser fehlt dann Unterlaufstaaten zur landwirtschaftlichen Bewässerung. Auch der Balchaschsee im Osten Kasachstans ist vom Austrocknen bedroht.

Das kasachische Militär wurde nach der Unabhängigkeit aus den Immobilien und dem grössten Teil des Geräts aufgebaut, das die Rote Armee in der vormaligen SU-Republik gehabt hatte. Was das Personal betrifft, viele Kasachen waren ja ausserhalb ihrer Republik stationiert gewesen, dagegen viele Russen und Andere in Kasachstan. Kasachstan gehörte zum Militärdistrikt Turkestan der Roten Armee, über den auch das SU-Militärengagement in Afghanistan lief. Noch vor dem endgültigen Ende der SU gab es Versuche (v.a. aus Russland), die entstehende GUS mit einer gemeinsamen Armee “auszustatten”, was aber in den anderen Republiken auf Widerstand stiess. So erfolgte die Auflösung der Roten Armee teilweise chaotisch, der Militärdistrikt Turkestan wurde etwa im Sommer 1992 aufgelöst und die “Schätze” endgültig von den dortigen Nachfolgestaaten geerbt. Ein Teil an Personal und Ausrüstung wurde nach Russland gebracht, ein Teil wurde als russisches Militär in Kasachstan behalten, wie auch in anderen Ex-SU-Republiken. Russische Militär-Basen in Kasachstan sind heute das Baikonur Kosmodrom (>), eine Radarstation am Balchaschsee und ein Raketenabwehrtestgelände in Sary Shagan.

Eine heikle Sache war jene der sowjetischen Atomwaffen in Kasachstan. Im Atom-Versuchsgelände bei Semipalatinsk wurde bis 1991 getestet, 2000 wurde es geschlossen, die Schächte versiegelt. Es gab weitere Atomwaffentestgelände in Kasachstan, v.a. im Ural-Gebiet. Und Uran-Abbau, u.a. bei Simkent. Und, es gab die in SU-Zeiten dort stationierten Atomwaffen; am Ende der SU gab es nur noch welche in Russland, Ukraine, Weissrussland und Kasachstan. Russland würde weiter Atomwaffenmacht bleiben, das war klar. Im Dezember 91 wurde im Alma Ata-Abkommen beschlossen, dass Ukraine, Weissrussland und Kasachstan ihre von der SU “geerbten” Atomwaffen an Russland abgeben würden. Auch die USA, nun alleinige Weltmacht, schaltete sich ein, es gab Verhandlungen, in Lissabon wurden die 3 Staaten nochmals zur Abgabe verpflichtet sowie zum Beitritt zu START und NPT. Nasarbajew versuchte dafür etwas vom Westen und Russland zu bekommen, wehrte sich aber weniger als die Ukraine unter Kravchuk. Zunächst wurden, 1992, die taktischen Nuklearwaffen eingesammelt, 1993 wurden auch die nuklearen Sprengköpfe an Russland abgegeben. Kasachstan war temporär ein Nuklearwaffenstaat, hatte aber eigentlich keine Verfügungsgewalt über diese Waffen, und auch keine Ambitionen für verantwortungslosen Umgang.

Peter Scholl-Latour 1991 in “Den Gottlosen die Hölle. Der Islam im zerfallenden Sowjetreich”: „Vollauf dramatisch hat sich im Herbst 1991 die Situation in der riesigen Steppenrepublik Kasachstan entwickelt. Dort gebärdet sich der eigenwillige Präsident Nursultan Nasarbajew wie ein neuer Groß-Khan. Schon profiliert er sich neben Jelzin als maßgeblicher Staatsmann im ehemals sowjetischen Unions-Bereich und nimmt die Huldigungen des In- und Auslands entgegen. Außenminister Genscher besuchte bei seiner letzten Rußlandreise nicht nur das ukrainische Kiew, sondern auch die kasachische Hauptstat Alma-Ata. Dort hat Nasarbajew – gestützt auf die in Kasachstan gelagerten Interkontinentalraketen der ehemaligen Sowjetmacht – der erschrockenen Menschheit mitgeteilt, seine Republik betrachte sich nunmehr als Atommacht und verlange ein Mitspracherecht bei den laufenden Abrüstungsverhandlungen. Jedenfalls verfügt Alma-Ata nunmehr über eine beachtliche ‚bargaining power‘. Zu einem Zeitpunkt, da diverse Staaten des islamischen Gürtels, von Pakistan bis Algerien, krampfhaft nach dem Erwerb einer ‚islamischen Atombombe‘ trachten, ist die Verstreuung von zwanzigtausend taktischen Nuklearwaffen – Kurzstreckenraketen und Granaten -, über deren Plazierung, geschweige denn über deren Verfügungsgewalt keine präzisen Informationen vorliegen, zum potentiellen Alptraum des Westens geworden.“

Gegenüber Litauern oder Ukrainern werden Russen von Westisten als wilde asiatische Barbaren gesehen, gegenüber Kasachen oder Tadschiken sind sie aber zivilisierte Europäer, die die Wilden zähmen sollen.20 Der Präsident verlangte ein Mitspracherecht bei der Frage der in seinem Staat stationierten Atomwaffen – schockierend und anmaßend. Gepriesen seien da zivilisierte Völker und Regierungen wie das südafrikanische der Apartheid oder das israelische, das ersterem half, zu seinen Atomwaffen zu kommen… AKW hat Kasachstan keines mehr, 1999 wurde jenes bei Aktau nach 26 Jahren still gelegt. Dessen Hauptzweck war jedoch Entsalzung gewesen, nicht Energiegewinnung. Im Atomgelände in Semipalatinsk stehen noch drei Forschungsreaktoren. 2003 gab das kasachische Energieministerium bekannt, dass 2018 mit dem Bau eines neuen Atomkraftwerks begonnen werden soll.

Russland ist der bei weitem der wichtigste Nachbar Kasachstans, nicht nur wegen der Vergangenheit, auch wegen der grossen russischen Volksgruppe im Land und vielen anderen Verbindungen. Ethnische (also “echte”) Kasachen machen heute etwas unter 65% der Bevölkerung (von 16 Millionen) aus, Russen fast 25% und andere Volksgruppen etwa 10%. Diese anderen sind Ukrainer, Usbeken, Deutsche, Tataren, Uiguren, Weissrussen, Koreaner , Juden, Turkmenen, Armenier, Tadschiken, Aserbeidschaner, Polen, Chinesen,… Im Unterhaus des Parlaments gibt es 9 Festmandate für Vertreter ethnischer Minderheiten. Zur Unterscheidung von ethnischen Kasachen (die es auch ausserhalb Kasachstans gibt) und Angehörigen von Minderheiten in Kasachstan wurden die Begriffe Kasachen und Kasachstanis (Bürger Kasachstans aber nicht unbedingt ethnische Kasachen) eingeführt (aber nicht immer verwendet). Kasachen in der Diaspora gibt es in Sinkiang (China), Türkei, Mongolei, Afghanistan, Iran,… Islam (überwiegendst sunnitischer) ist die Religion von etwa 70% der Kasachstanis; neben einem grossen Anteil an Christen (hauptsächlich orthodoxen) gibt es u.a. Buddhisten (die Koreaner).

Ethnische Russen leben hauptsächlich im Norden und Westen Kasachstans. Zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit 1991 machten sie zumindest um die 40% der Bevölkerung der Republik aus, nach manchen Angaben sogar die Hälfte oder (nach Eberhard Beckherrn, “Pulverfass Sowjetunion”, 1990) sogar die Mehrheit21. Durch höhere Geburtenrate, Auswanderung von Russen, Einwanderung von Kasachen hat sich das jedenfalls seither verschoben. Überall in Zentralasien gab es nach der Unabhängigkeit die Abwanderung von Russen (> Russland)22, Juden (>Israel), Deutschen (>BRD). Deutsche gab es zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit etwa 1 Million, hauptsächlich Nachkommen von deportierten Wolga-Deutschen und evangelisch. Ein Grossteil davon ist gegangen. Auch die meisten Nachkommen der einst aus der Türkei vertriebenen bzw von dort geflüchteten Pontus-Griechen sind ausgewandert, nach Griechenland. Eingewandert sind Kasachen von überall aus der Diaspora, hauptsächlich aus China.

Ethnische Konflikte gab es bisher keine, seit den Ausschreitungen gegen Kaukasier in Nowy Usen am Kaspischen Meer 1989. Aber es könnte sich etwas zusammenbrauen. Zwischen Kasachen und Russen, und zwischen Kasachstan und Russland. Die beiden Länder verbindet Vieles, nicht zuletzt die grosse russische Minderheit in Kasachstan und die Vergangenheit; aber genau darin liegt auch Konfliktpotential. Neben den (anderen) russischen Militär-Basen in Kasachstan wird eben auch die Weltraumbasis Baikonur (weiter) von Russland benutzt bzw gepachtet. Im Oktober 91, in den letzten Wochen der SU, wurde von dort die “Austromir”-Mission (SU/ Österreich) gestartet, mit einem Russen, einem Kasachen (der vormalige Militärpilot Aubakirov) und einem Österreicher. 01 flog von dort der erste Weltraumtourist, der US-Amerikaner Denis Tito, von dort in den Weltraum. 06 wurde von Baikonur der erste kasachische Kommunikations-Satellit ins All geschickt, mit russischer Hilfe. Und, Russlands Diktator Wladimir Putin hat ’15 die „Eurasische Wirtschaftsunion“ gegründet, mit Kasachstan und anderen Ex-SU-Republiken, deren Herrscher gegenüber Russland bislang nicht aufgemuckt haben.

 

Aber: Mit dem Ölpreisverfall wächst die Unzufriedenheit im Land mit dem Nasarbajew-Regime, könnten wirtschaftliche Probleme kommen, wachsen Spannungen mit Russland und ethnische Spannungen im Land. Putin sagte vor einigen Jahren, in einem Lob für Nasarbajew versteckt, etwas “Vernichtendes” über Kasachstan: Sein Präsidenten-Kollege habe etwas Einzigartiges zustande gebracht. “Er hat einen Staat geschaffen, wo niemals ein Staat existiert hat. Die Kasachen hatten nie einen eigenen Staat.“23 Die russische Sprache hat in Kasachstan in vielen Bereichen eine starke Stellung. Aber: Bei der kasachischen (bzw kasachstanischen) Präsidenten-Wahl 15 mussten alle Kandidaten einen kasachischen Sprachtest absolvieren, an dem laut dem Regime rund zwei Dutzend möglicher Gegner Nasarbajews scheiterten. Leute, die besser Russisch können. Vor einigen Jahren kündigte die kasachische Regierung an, dass Kasachisch künftig in lateinischer statt in kyrillischer Schrift geschrieben werden wird; die Umstellung ist noch nicht erfolgt.

Russland beansprucht über grosse Teile des Ex-SU-Raums Hegemonie, nur Georgien und die baltischen Staaten haben sich dem russischen Einfluss-Anspruch ganz entzogen, wobei Georgien zwei Regionen (Abchasien und Süd-Ossetien) “zurücklassen” musste. Wie die Ukraine, die gerade mitten in diesem “Abnabelungsprozess” steckt, die Krim und möglicherweise das Donezk-Becken/ Donbass. Russland hat auch militärisch in innere Konflikte in Georgien, Tadschikistan, Moldawien eingegriffen. Bei Kasachstan treffen sich mögliche Expansionsgelüste von Russland möglicherweise mit einer Tendenz zur Loslösung des mehrheitlich russisch besiedelten Nordwestens. Auch bezüglich Krim und Donbass (Ukraine) und Transnistrien (Moldawien) waren es die dortigen russischen Volksgruppen, die Russland zum Eingreifen motivierte (oder vorschob?). Bei den genannten Regionen Georgiens war es eher ein Imperialismus bzw Hegemonieanspruch. Bei der Ukraine geht es auch, wie auch gegenüber Weissrussland, um so etwas.

Im europäischen Kasachstan ist bislang kein nennenswerter pro-russischer Irredentismus/Separatismus/Autonomismus entstanden. Und Russland ist selbst sehr verwundbar auf diese Art, mit seinen 20% Minderheiten, von denen bislang nur die Tschetschenen den Aufstand geprobt haben, nicht aber die Tataren, Jakuten oder Mordwinen. Und: Kein Kolonialreich und kein Einflussbereich sind gottgegeben und ewig. Zwar ist Nasarbajew noch russland-freundlich und akzeptiert Putin noch Kasachstans Integrität. Aber Kasachstan hat auch andere Optionen. China ist der andere mächtige Nachbar. Wobei Kasachstans an die Provinz Sinkiang grenzt, wo es auch eines Tages ethnische Unruhen bzw gewalttätigen Separatismus geben könnte. Daneben arbeitet Kasachstan natürlich mit den anderen zentralasiatischen Ex-SU-Republiken zusammen (von denen nur Tadschikistan nicht an es grenzt). Die Türkei trat natürlich nach dem Ende der SU auch in Zentralasien auf, schliesslich gelten 4 der 5 Ex-SU-Republiken als türkische Staaten.24 Um Einflussnahme, Handelsbeziehungen, etc bemühen sich auch die USA, die EU oder Saudi-Arabien.

Sollte es zu einem Machtwechsel in Kasachstan (im Rahmen einer Demokratisierung oder auch nicht), würden die Karten bezüglich der aussenpolitischen Orientierung neu gemischt werden. Bei den Präsidentschaftswahlen in Bulgarien und Moldawien Ende 16 setzten sich russland-freundliche (Radew und Dodon) gegenüber pro-europäischen Kandidaten durch. Es gibt aber in Russland auch die geopolitische Ideologie des Eurasismus25, die einen Gegensatz zwischen Russland und dem Westen sieht und Russland als einen Teil Asiens. In der neuen westlichen Russophobie wird eine Neigung der Russen nach Asien als illegitim und dieses als minderwertig dargestellt bzw verstanden. Der Islam ist in Kasachstan viel weniger ein Faktor als in Usbekistan oder Tadschikistan. Das nördliche Zentralasien (Kasachstan, Kirgisien) ist schwächer islamisiert bzw islamisch geprägt worden als das südliche und es gab auch weniger Re-Islamisierung nach der Unabhängigkeit.

Kasachen und russische Minderheit, Asien und Europa, Ringen oder Eishockey, in dieser Doppelnatur des Landes steckt wahrscheinlich sein Potential.

 

Literatur und Links

Bert Fragner, Andreas Kappeler (Herausgeber): Zentralasien. 13. bis 19. Jahrhundert. Geschichte und Gesellschaft (2006)

Sally Cummings: Kazakhstan: Power and the Elite (2002)

Jonathan Aitken: Kazakhstan: Surprises and Stereotypes After 20 Years of Independence Hardcover (2012)

John Everett-Heath: Central Asia: History, Ethnicity, Modernity (2003)

Peter Dück: Kasachstan: Faszination des Unbekannten (2007)

Igor Trutanow: Russlands Stiefkinder: Ein deutsches Dorf in Kasachstan (1992)

Julie Stewart: Mongolischer Schamanismus (= A Course in Mongolian Shamanism – Introduction 101; 1997)26

Elisabeth Öfner: Josef Troll – seine Reise nach Russisch-Turkestan 1888/89 und seine Widerspiegelung im schriftlichen Nachlass und den Sammlungen des Museums für Völkerkunde in Wien. Diplomarbeit, Universität Wien, Fakultät für Sozialwissenschaften, BetreuerIn: Christian Feest (2011)

http://e-history.kz

http://www.kasach.de/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Von wo viele Wanderungen ausgingen
  2. Deren Hauptrouten deutlich südlich des späteren Kasachstans verliefen!
  3. Nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Tataren-Khan zur selben Zeit
  4. Die türkischen Usbeken und Turkmenen herrschten dort über die Tadschiken, Reste der iranischen Bevölkerung Zentralasiens, vermischten sich aber auch mit ihnen; im südlichen Zentralasien (heutige Staaten Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan) haben sich Türken und Iraner “wie Milch und Honig” vermischt
  5. Mongolen und Tataren herrschten im späteren Mittelalter über Proto-Russland (mit späterer Ukraine und Belarus, ohne Nord-Kaukasus und Nordasien), dann im 16. Jh die Wende, die Ost-Slawen schüttelten diese Herrschaft ab, unterwarfen dann Khazaren oder Tataren, begründeten das Zarentum, noch unter den Rurikiden, unter den Romanovs dann die grosse Expansion in den Osten
  6. Wenige Jahre später eroberte China die Dsungarei und das restliche Kaschgar-Khotan-Gebiet, das zu “Sinkiang” wurde. Ein Teil der Kalmüken war westwärts gezogen, in russisches Gebiet
  7. Es bestand aus den Gebieten Akmolinsk, Semipalatinsk und Semirjetschensk
  8. Führende Figur der Bewegung, die bis in SU-Zeiten ging, war der Krim-Tatare Ismail Gasprinski (1851–1914)
  9. Der Ausdruck wurde von seinen Gegnern geprägt
  10. Buchara und Khiwa wurden 1920 in Sowjetische Volksrepubliken verwandelt, jene von Khiwa wurde “Khoresm” genannt
  11. Usbeken waren, bei der letzten SU-Volkszählung 1989, mit 16,7 Mio. hinter Russen und Ukrainern und vor Weissrussen das drittgrösste Volk in der SU, auch wenn ihre Republik viel kleiner war als die kasachische
  12. Erster Parteichef der Republik war ein Armenier, dann kam ein Russe an die Spitze
  13. Auch kamen innerhalb Russlands (der Russischen SFSR) nicht-assimilierte Minderheiten, wie die Tataren, äusserst selten in Spitzenpositionen
  14. Vergleiche dazu die Force Publique im Kongo!
  15. Die eigentlich nur von März bis  November 17 etwas zu sagen hatten
  16. Oder die Tataren, das grösste Volk der SU ohne eigene Republik, heute die grösste Minderheit Russlands
  17. Stalin entledigte sich nach Lenins Tod nacheinander aller Mitstreiter bzw der alten Revolutionäre. Trotzki wurde 1927 von der Partei ausgeschlossen und 1928 nach Alma Ata verbannt, ’29 reiste er in die Türkei aus
  18. Das Gelände befindet sich 350 km westlich der Stadt
  19. Er stand auch im Verdacht, mit Sarsenbajews Ermordung zu tun zu haben
  20. Bismarck sagte einst über Russland, “Lasst es ostwärts gehen. Dort ist es eine zivilisierende Kraft”. Wobei es ihm auch darum ging, in Osteuropa ohne Störung schalten und walten zu können. Baron-Cohens Darstellungen “des Kasachen” als orientalischer Super-Tölpel “Borat Sagdiev” hat ja auch diese Tendenz bzw diesen Blick auf die Asiaten. Diese Figur ist bekannter (und beliebter) als der kasachische Hollywood-Regisseur Timur Bekmambetov
  21. Er überschrieb das Kapitel über die Kasachen mit: “Minderheit in der eigenen Republik”
  22. Eine Parallele zur französischen Auswanderung aus Algerien, wie Scholl-Latour in seinem Buch über Zentralasien meint?
  23. Stimmt so nicht. Es gab die Kasachischen Khanate als Vorläufer-Staaten. Und dass Russland auf Kosten anderer Völker expandiert hat, zeigt nur, dass es höchste Zeit war, dass Kasachen, Georgier, Ukrainer,… (wieder) die Unabhängigkeit bzw einen eigenen Staat bekommen
  24. Eigentlich sind sie türkischer als die Türkei. Bei Usbekistan und Turkmenistan ist aber viel Iranisches verdeckt worden
  25. Neben jener des Panslawismus und anderen
  26. Julie Stewarts Mutter stammt aus der Mongolei, ihr Vater war Deutscher, und sie wurde in den USA geboren

Russland, seine Revolutionen und alternative Entwicklungen

Eine Übersicht über die Weggabelungen bei den russischen Revolutionen 1917 inklusive der Vorlauf- und Folgeentwicklungen. 5 Tage vor der Wahl(farce) in Russland. Kontrafaktische Szenarien um diesen Wendepunkt der Weltgeschichte werden angerissen

* Ein Reformer am Zarenthron, statt Nikolai II., der 1894 letzter Zar wurde, einer der den politischen, sozialen und nationalen Herausforderungen anders begegnet wäre, vielleicht schon bevor sich Unmut in einer ersten Revolution 1905 äusserte (die zur Einrichtung einer Duma im Jahr darauf führte). Wenn Nikolaus/Nikolai etwas Macht abgegeben hätte, hätte ihm eine Revolution mit seinem Sturz erspart bleiben können (etwas, das man auch über den letzten Schah des Iran sagen kann). Noch im Winter 1916/17 hat der Zar eine Konferenz des Semstwo-Bundes unter Fürst Georgi Lwow in Moskau verboten.

* Ein anderer Verlauf der Kämpfe, in denen das russische Militär im 1. WK als Teil der Entente involviert war, also hauptsächlich an der Ostfront, wo es um die Grenzen Russlands gegenüber Deutschland, Österreich, dem wiederentstehenden Polen,… ging. Russische Kriegs-Ziele waren neben Einfluss und Gebietsgewinnen in Osteuropa auch Konstantinopel und Teile Anatoliens vom Osmanischen Reich sowie Teile Persiens. Erfolge des russischen Militärs hätten die Zarenherrschaft stabilisiert. Oder anders herum, die “Februarrevolution” war nicht zuletzt durch die Kriegssituation mit Deutschland und die Kriegsfolgen für die Bevölkerung bedingt. Die provisorischen Regierungen unter Lwow und Kerensky haben den Krieg an der Seite der Entente fortgesetzt, die imperialen Ziele des Zaren übernommen1, auch sie hatten aber wenig Erfolg. Andernfalls hätte die Oktoberrevolution ausbleiben können.

* Die Abdankung des Zaren/Kaisers durch die Revolution im März 1917 (“Februarrevolution”) verläuft anders bzw bewirkt eine andere Folge-Entwicklung. Und zwar die Erhaltung der Monarchie, unter Nikolais Bruder Michail, der vielleicht etwas Reform zulässt. Nach dem Februaraufstand (Julianischer Kalender), dem die Autokratie zum Opfer fiel, wollten auch manche Parteien eine konstitutionelle Monarchie. Und, Nikolai setzte damals auch seinen Sohn Alexei, den Bluter, ein, änderte noch am selben Tag diese Entscheidung zugunsten seines Bruders. Michael trat am Tag danach ab, nach einem Treffen mit Vertretern der provisorischen Regierung unter Georgi Lwow (der von den Rurikiden abstammte), die er gleichzeitig anerkannte.

Das Ende von 300 Jahren Romanov-Herrschaft, eine Dynastie, die sehr deutsch geworden war durch Heiraten. Wenn sich Michail (II.) Romanov also am 16. März (Gregorianischer Kalender) anders entschieden hätte, hätte er in der provisorischen Regierung und in der Duma auch einige Unterstützer gehabt. Es heisst, Michail (derwie seine Verwandten 1918 umgebracht wurde) wollte durch seine Abdankung die Monarchie erhalten, bzw sie durch eine Volksabstimmung über die Verfassung/Staatsform wieder-herstellen.

Die Provisorische Regierung unter Lwow und dann Kerensky bezog ihre Legitimation zum Einen vom Zaren-Bruder, dessen Zarentum umstritten ist, zum Anderen von der alten “zaristischen”, zuletzt 1912 gewählten Duma. Der unter sehr eingeschränktem Wahlrecht gewählten Duma. Die Republik wurde erst im September vom damaligen Premierminister Alexander Kerensky proklamiert. Die von Kommunisten dominierten Sowjets hatten ab Februar schon gewisse Macht im Land bzw bildeten Parallelstrukturen.

* Eine andere Entwicklung der “Juli-Krise” ’17 und der Kornilow-Affäre, welche den Zustand nach der Februar-Revolution erhalten hätte, mit der Provisorischen Regierung (mit oder ohne Bolschewiken), und zu einer Demokratisierung hätte führen können

Im Sommer 17 kam einiges zusammen: Streit in der Koalitionsregierung unter Lwow, u.a. über die Frage der Autonomie der Ukraine (s. u.), der Auseinanderfall der Regierung, eine neue Regierung unter dem Sozial-Revolutionären Kerensky, Kriegsniederlagen (Scheitern der Kerensky-Offensive) und wirtschaftliche Engpässe, die den Bolschewiken und dem von ihnen dominierten Petrograder Rat (Sowjet) der Arbeiter- und Soldaten-Vertreter2 Auftrieb gaben, sowie das von Armeechef Lew Kornilow im August angeordnete Vorgehen gegen den Petrograder Sowjet. Dieser war eine Konkurrenz zu den provisorischen Regierungen3 und versuchte im Revolutionsjahr, seinen Wirkungsbereich über St. Petersburg/Petrograd hinaus auszudehnen, baute eine Miliz, die Roten Garden, auf.

General Kornilow, der aus einer Kosaken-Familie stammte, war in diesen Jahren im Weltkrieg, im revolutionären Russland und im Bürgerkrieg (in der Weissen Armee) engagiert. Im August 17 ordnete er Truppen an, den Petrograder Sowjet gewaltsam aufzulösen, den er als eine Störkraft ansah. Premier Kerensky hatte er dabei nicht auf seiner Seite. Die Sache scheiterte, da der Sowjet in der Hauptstadt bewaffnete Einheiten mobilisieren konnte. Und Macht verschob sich von der Regierung zur “Gegenregierung”. Die Armee waren in den oberen Rängen ziemlich zaristisch/monarchistisch, drängte zu mehr Macht, einem anderem Kurs. Die Bolschewiken wurden zunehmend als Bollwerk gegen eine Rückkehr der Zarenherrschaft gesehen. Hätte die russische Armee aber den Sowjet aufgelöst, wären die Bolschewiken und andere linke Kräfte nachhaltig geschwächt gewesen, so dass die “Oktoberrevolution” hätte ausbleiben können.

Sich ein Pluralismus hätte erhalten bzw etablieren können. Aus marxistischer Sicht gab es aber unter den pluralistischen Regierungen der Monate März bis November keine (echten) Reformbemühungen und waren diese dominiert von den Anliegen der bisher herrschenden Klasse(n).4 Auch die Konstitutionell-Demokratische Partei (KD, “Kadetten”), deren Chef Pavel Miliukov Aussenminister war, war demnach eine Oberschichtpartei, die auf Erhaltung von Privilegien aus war, wenn auch nicht auf eine Fortsetzung der Zarenherrschaft (Monarchie).5 Die provisorischen Regierungen haben aber das universale Wahlrecht für Lokalwahlen eingeführt, weiters Gleichheit aller Bürger und bürgerliche Rechte. Jedoch: Die Wahl einer Verfassungsgebenden Versammlung (Konstituante), die die Weichen für die Zukunft Russlands stellen sollte und die Reformarbeit legitimieren, wurde ab Februar 17 immer wieder verschoben. Und: Infolge der Juli-Krise gewannen die linken Parteien (Petersburger Sowjet, v.a. Bolschewiken) wie gesagt auf Kosten der bürgerlichen (provisor. Regierung aus KD und anderen) an Rückhalt in der Bevölkerung.

* Auch die Stellung nicht-russischer Volksgruppen waren in der Übergangsphase vom Zarenreich zur Sowjetunion ein Thema, die SU (und ihre Nachfolgestaaten) hätte(n) damals andere Grenzen bekommen können. Die provisorische Regierung akzeptierte die Unabhängigkeit Polens von Russland, was aber weniger grosszügig war als es vielleicht aussieht; denn Polen war zu diesem Zeitpunkt vom Deutschen Reich und Österreich-Ungarn besetzt, hätte auch Gebiete dieser zwei Kriegsgegner Russlands reklamieren können… Mit der Unabhängigkeit Finnlands taten sich die russischen Übergangsregierungen schon schwerer. Das “Grossfürstentum” Finnland war mit dem Russischen Reich mehr oder weniger durch eine Personalunion verbunden (und genoss innere Autonomie), hätte nach der Abdankung von Nikolai/Nikolaus eigentlich unabhängig sein müssen… Die russische Regierung argumentierte aber, dass pro-deutsche Elemente in Helsinki das Sagen hätten, akzeptierte die finnische “Autonomie”-Erklärung vom Juli 17 nicht. Die Ukraine war (und ist) natürlich für Russland als Nation noch viel wichtiger.

Im Juni 17 erklärte die ukrainische Rada die Autonomie dieses Teils des Russischen Reichs, und im Jänner 1918 die Unabhängigkeit, unterstützt von Deutschland und Österreich. Dies brachte die erste provisorische Regierung zum Auseinanderfall, die KD (“Kadetten”) unter Miliukov wollten die Rada im Gegensatz zu anderen Parteien nicht anerkennen, sah einen deutsch inspirierten Separatismus, verliessen die Regierung. Kerensky sagte beim ersten Kongress der Sowjets Russlands im Juni/Juli, er anerkenne die Rechte der Ukraine und Finnlands, aber eine gewählte russische Konstituante müsse eine Abspaltung billigen. Die in den Sowjets dominierenden Bolschewiken riefen 17 eine Ukrainische Sowjet-Republik aus. Bei der Wahl zu der Konstituante im November 17 stimmten etwa 70% der Ukrainer für ukrainisch-nationalistische Parteien.  1917 bis 1921 wurde um die Ukraine gekämpft, eigentlich handelte es sich um Anteile verschiedener Kriege, die sich zT überschnitten, das Land wurde schliesslich Teil der Sowjetunion.

Natürlich ging es russischen Politikern bei der Behandlung separatistischer Tendenzen auch darum, dass das Reich an allen Rändern und auch mittendrin bröckeln und auseinanderfallen könne. Im Kaukasus entstanden in den Jahren innerer russischer Wirren auch (drei) unabhängige Staaten, in Zentralasien versuchte man das auch, die baltischen Staaten wurden mit Weltkriegsende unabhängig, Polen und Finnland ja auch… Was Teil des russischen Kerngebiets war, war und ist nicht so eindeutig zu beantworten, und gerade im Fall der Ukraine nicht.

Lenin nicht aus der Schweiz nach Russland durchgelassen

Wladimir Uljanov (“Lenin”) wurde im Zarenreich wegen seines politischen Aktivismus in die sibirische Verbannung geschickt, war dann 17 Jahre im Exil, zuletzt in der Schweiz.6 Als 1914 der Krieg in Europa “ausbrach”, beschlossen die dortigen sozialistischen Parteien, die Regierungen ihrer Länder zu unterstützen, die russische tat das nicht. Lenin unterstützte, wie auch schon 1905 (als es auch eine Revolution während des Kriegs gab), die äusseren Feinde des zaristischen Russlands; im Inneren sah er die Menschewiki als Hauptgegner.7 Lenin wollte den “imperialistischen Krieg” in einen “Bürgerkrieg” zugunsten der Proletarier verwandeln.

Das Deutsche Reich (Kriegsgegner Russlands), nämlich Erich Ludendorff, erteilte “Lenin” und seinen Anhängern im April 17 die Genehmigung, mit dem Zug über Deutschland nach Russland zurückzukehren. Um Russland zu destabilisieren.  Kaiser Wilhelm II., Verwandter des inzwischen inhaftierten Ex-Zars Nikolaus II., soll dies gebilligt haben. Die Gruppe aus 31 russischen sozialistischen Revolutionären unter unter Lenin/Uljanov konnte in einem versiegelten Zug aus der Schweiz über Deutschland fahren, über Schweden, kamen in Finnland in russisches Gebiet, schliesslich nach Petrograd/Petersburg (vor dessen Toren der ehemalige Zar und seine Familie inzwischen interniert waren).8 Nach seiner Ankunft forderte Lenin den sofortigen Rückzug Russlands vom Krieg und die Machtübergabe an Arbeiter- und Soldaten-Räte, begann gegen die Regierungen9 zu arbeiten, die für 9 Monate Herrscher Russlands waren. Im Juli entging er knapp einer von Regierung angeordneten Verhaftung, tauchte unter in Finnland. Sechs Monate nach seiner Rückkehr brach Lenin eine neue Revolution in Russland “vom Zaun”, die zu einer Alleinherrschaft der Bolschewiki führte, und die das Land (und andere) für Jahrzehnte prägen sollte

Wenn der Erste Generalquartiermeister Ludendorff (mit Hindenburg, seinem Kollegen der Obersten Heeresleitung, Quasi-Diktator Deutschlands) also 1917 anders entschieden hätte, etwa die mittelfristigen Auswirkungen eines sozialistischen Russlands auf Deutschland in seine Entscheidung mit einbezogen hätte… Die neue Revolution im November war sehr stark mit der Person Lenin verbunden, der dann, zunächst als Revolutionsführer, Machthaber wurde. Im Idealfall wäre Russland ohne Oktoberrevolution einen Weg der Demokratisierung gegangen. Die Linke “einzubauen” wäre aber eine grosse Herausforderung gewesen.

Im Fall eines erzwungenen Verbleibs in der Schweiz wäre auch ein weiteres Alternativszenario möglich gewesen, das etwa (der Schweizer) Christian Kracht in „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ ausgemalt hat. Bevor die Februarrevolution in Russland im März 17 Lenins ganze Aufmerksamkeit bekam, hat er sich auch in Schweizer Angelegenheiten engagiert. Vor allem während seines Aufenthalts in Zürich, wo er versuchte, die Sozialdemokratische Partei (SP) zu spalten, um eine Bewegung zu gründen, die auch in der Schweiz eine proletarische Revolution herbeiführen könne. Der Generalstreik vom November 1918 in der Schweiz (“Landesstreik”) hätte sich mit einem Lenin im Lande zu einem Kampf der bewaffneten Arbeiterschaft um die Macht entwickeln können

* Den Menschewiki gelingt es, sich nach Oktoberrevolution (mit) an der Macht zu halten.

Am 7. November (25. Oktober des damals in Russland gültigen Julianischen Kalenders) stürmten die Roten Garden den Winterpalast in Petersburg und nahmen die Regierung gefangen, die Bolschewiken (mit Unterstützung eines Teils der Sozial-Revolutionäre und anderer Linker) übernahmen mit dieser Oktoberrevolution die Macht. Bolschewiken-Führer Lenin wurde Staats- und zeitweise Regierungschef, bis zu seinem Tod 1924, herrschte als autoritärer Absolutist, wie die Zaren. Während die Kerensky-Regierung (mit Aussenminister Miliukov) das russische Kriegsengagement bis zuletzt aufrecht gehalten hatte, zog sich Sowjet-Russland bald vom “Weltkrieg” (europäischen Krieg) zurück, mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk vom März 1918 mit den Mittelmächten, nach 2-monatigen Verhandlungen.10

Ebenfalls im November 17 der zweite Sowjet-Kongress Russlands, mit Bolschewiken, Sozialrevolutionären, Menschewiki, den damals noch mit regierenden. Es gab eine deutliche Mehrheit für eine Übertragung aller Macht an die Sowjets, die anderen Optionen (Demokratie,…) bekamen viel weniger Zuspruch. Im selben Monat auch die Wahl zur Konstituante; Sieg der Sozial-Revolutionären Partei unter Chernov, vor den Bolschewiken unter Lenin, den Kadetten unter Miljukow, den Menschewiken unter Martow, den Parteien der verschiedenen Nationalitäten (Ukrainer, Georgier,…). Diese Duma trat im Jänner 18 zusammen, arbeitete aber nie, manche boykottierten die regierenden Bolschewiken, andere wurden von ihnen behindert, Lenin liess die Versammlung bald auflösen. Die RSDRP-Bolschewiki war bals die einzige herrschende und zugelassene Partei11, nannte sich 1918 in Kommunistische Partei Russlands (Bolschewiki), RKP(B), um.12

Wahlplakate November 17 Petersburg

 

* Ein anderer Verlauf bzw Ausgang des russischen Bürgerkriegs (1917-22), ein Sieg der Weissen

Die Gegner der “Roten Bewegung” waren oft auch Reaktionäre, Zaristen, aber auch Bürgerliche, gemäßigte Sozialdemokraten, Vertreter nicht-russischer Nationalitäten, und wurden von diversen Westmächten unterstützt. Bei einem solchen Ausgang wäre sowohl die Etablierung einer parlamentarischen Demokratie wie auch eine Rückkehr zur Zaren-Diktatur13 möglich gewesen. Statt der Gründung der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjet-Republik (Juli 18), als Vorstufe zur Gründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken 1922. Der Bürgerkrieg war im Westen mit einem Krieg mit Polen um die Grenzen sowie anderen inneren Konflikten verbunden14, auch der endgültige Rückzug aus dem Weltkrieg mit dem Brest-Friedensvertrag 1918 war in diese Entwicklung eingebettet.15

* Joseph “Stalin” (Dschugaschwili) setzt sich nicht als Nachfolger Lenins durch, entweder weil dieser nicht so früh stirbt, oder weil sich “Trotzki” als dessen Nachfolger etabliert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der Zusammenhang mit dem Abschnitt über Grenzen und Minderheiten ist offensichtlich
  2. Петроградский Совет рабочих и солдатских депутатов
  3. Dvoyevlastiye, “Doppelherrschaft”
  4. https://www.marxists.org/history/etol/writers/haynes/1997/xx/parlalt.htm
  5. Die Partei ist in mehrerer Hinsicht der iranischen Jebhe-ye Melli (Nationale Front) ähnlich, mit ihren Flügeln/Strömungen und ihrer Rolle (bzw ihrem Widerstand) beim Übergang von einem Totalitarismus zum anderen
  6. Insgesamt verbrachte er sechseinhalb Jahre in der Schweiz: 1903-1905 und 1908 in Genf, 1914-1915 in Bern und 1916-1917 in Zürich
  7. 1903 bei einem Parteitag im Exil in GB die Spaltung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (RSDRP), hauptsächlich über Lenins Ansichten bezüglich strategischer und organisatorischer Fragen (dem Weg zum Ziel, welches für beide Lager ähnlich aussah), in “Bolschewiki” (Lenin, Kamenev, Bucharin, Stalin,…) und “Menschewiki” (Martow, Axelrod, später Plechanow; eigtl. in der Mehrheit!); Trotzki „pendelte“ zwischen den Fraktionen. Diese Spaltung soll vom zaristischem Regime („U-Boot“ Malinowski) gefördert worden sein. 1912 die endgültige Aufspaltung, in eine bolschewikische und eine menschewikische RSDRP
  8. Catherine Merridale hat in “Lenins Zug” diese Fahrt dramatisiert
  9. Deren Oberhaupt nicht nur Regierungs- sondern auch Staatschef war
  10. Der französische Premier G. Clemenceau sagte 1918 zu den Ansprüchen der inzwischen (in Westeuropa) exilierten bürgerlichen Herrscher Russlands bezüglich Nachkriegsregelungen: “Russland ist ein neutrales Land, das mit unseren Feinden einen Separatfrieden geschlossen hat”
  11. Der linke Flügel der Sozialrevolutionäre schloss sich den Bolschewiki an
  12. 1925 in Kommunistische Allunions-Partei (Bolschewiki), WKP(B), 1952 in Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU)/ Kommunistícheskaya pártiya Sovétskogo Soyúza/ KPSS
  13. Mit einem Nikolaus II. der befreit hätte werden können ider einem anderen Romanov, seinem Bruder Michail oder seinem Cousin Kyrill
  14. Unabhängigkeitsbestrebungen der Ukraine, Georgien, Kasachstan,…
  15. Siehe Punkt über Entstehung anderer Grenzen

Die wichtigsten Westblock-Überläufer im Kalten Krieg

Es geht hier also um prominente Überläufer in den Ostblock zur Zeit des Kalten Kriegs. Als Überläufer sind nur jene zu werten, die in ihrem Staat/System eine Funktion inne hatten (und sei es eine als einfacher Soldat)! Und natürlich nur Aufgeflogene bzw “Bekennende”, nicht solche, die nur verdächtigt wurden/werden. “Maulwürfe”, also Personen, die in eine Organisation verdeckt eindringen, und nicht überlaufen, sind auch dabei. Reine Deserteure sind nicht berücksichtigt, solche die in ein neutrales “Lager” überliefen.

Auch Überläufer vor und nach dem Konflikt (Kalter Krieg) werden nicht gezählt, also zB Rosenblum/Reilly, der aus dem Russischen Reich nach Grossbritannien ging, Geheimdienst-Arbeit für Russland, GB, Deutschland, Japan leistetet, 1925 starb. Oder Günter Schabowski, der Mitglied des Zentralkomitees der SED in der DDR war, nach dem Aufgehen der DDR in der BRD die CDU untersützte. Guillaume wäre nur dann ein Überläufer gewesen, wenn er in der BRD nach seiner Enttarnung gewendet worden wäre; er war aber immer auf Seite der DDR. Die Meisten machten es aus Überzeugung, Andere aus Geld oder Liebe. Und: Des Einen Verräter ist immer des Anderen Helden. Bezüge zur Gegenwart sind viele da, etwa dass Edward Snowden auf den Spuren von Lee Oswald oder Kim Philby wandelt

Das geteilte Berlin beim Brandenburger Tor, die Welt z Zt des Kalten Kriegs

 

* Der Brite Harold “Kim” Philby wurde Kommunist, nicht zuletzt durch Begegnungen als Journalist mit dem Faschismus, in Spanien und Österreich. Als solcher trat er noch während des Weltkriegs (und damit vor Ausbruch des Kalten Kriegs) dem MI6 bei. Er war ein lupenreiner Doppelagent, der hauptsächlich auf die Sowjetunion “angesetzt” war, tatsächlich aber für deren Geheimdienst KGB (bzw Vorgänger NKWD) arbeitete. Stalin fürchtete, dass Philby ein Triple-Agent war. Ab 1956 arbeitete er, als “Nahost”-Korrespondent des „The Economist“ getarnt, als Agent des MI6 im Libanon. Er war dort auch an der Begleitung des (letztlich misslungenen) Kriegszugs von Grossbritannien, Frankreich und Israel gegen Ägypten (wegen des Suez-Kanals) beteiligt.

Flora Solomon, geborene Benenson, aus Russland stammende britische Jüdin, Mutter des AI-Gründers, einflussreiche Zionistin, Rothschild-Verwandte, war für das Auffliegen Philbys verantwortlich. Sie empörte sich, 1962 in Tel Aviv, über Philbys “pro-arabische” Artikel, etwa anlässlich des Kriegs gegen Ägypten 1956. Der MI5 in London wurde “informiert”, später sagte Solomon auch, dass Philby  versucht habe, sie zu rekrutieren. Victor Rothschildt von der MI5 (später Berater konservativer Politiker) wurde geschickt, um Philby zu befragen. Während der Befragungen setzte sich dieser 1963 in die SU ab. Ein Spionage-Ring um ihn, die Cambridge Four oder Five, flogen währenddessen auf, Leute in MI5 oder 6. Philby starb 1988 in der SU.

* Rudolf Fischer (Abel, Goldfus) wurde in GB als Sohn eines Deutsch-Russen geboren. Nach den Revolutionen 1917 ging die Familie um den überzeugten Kommunisten in die entstehende SU. Von dort ging Fischer/Abel als getarnter Agent u.a. nach GB, mit diversen Decknamen. Nach dem 2. WK wurde er in der USA eingesetzt, nachdem er der stalinistischen Eliminierungswelle entgangen war. Atomwaffen wurden Hauptaugenmerk seiner Spionage; er hatte Kontakt u.a. mit Theodore A. Hall aus dem Los Alamos National Laboratory und dem Kreis von Lona und Morris Cohen, bzw war ihr Führungsoffizier. Fischer wurde 1957 enttarnt, dann verurteilt. Er wurde 1962 auf der Glienicker Brücke zwischen West-Berlin (BRD) und Potsdam (DDR) gegen den amerikanischen Kampf-Piloten Francis G. Powers ausgetauscht. Dieser war 1960 während eines Spionagefluges von der sowjetischen Luftverteidigung bei Swerdlowsk abgeschossen worden. Fischer ging in die SU.

* Theodore A. Hall dürfte von Jenen, die im amerikanischen oder britischen Atom(waffen)programm für die Sowjetunion spionierten, der Bedeutendste gewesen sein, bzw die wichtigsten Informationen geliefert haben. Der Wissenschaftler (Physiker) war in Los Alamos (New Mexico) im Manhattan-Projekt beschäftigt. Er wurde erst 1995 als Informant bzw Spion für die Sowjetunion (SU) enttarnt. Er starb 1999, ohne verurteilt worden zu sein. Verrat half der SU bei ihrem Atomwaffenprogramm. Bald nach dem 2. WK hatte auch die SU Atomwaffen, war das USA-Atommonopol gebrochen, wurde der Kalte Krieg ein potentieller atomarer Konflikt.

* 1960 reisten zwei Kryptologen der US-amerikanischen National Security Agency (NSA), William H. Martin and Bernon F. Mitchell, in die Sowjetunion. Ob sie auch davor Informationen weiter gaben und welche Beweggründe sie hatten, habe ich nicht recherchiert. Beide wurden sowjetische Staatsbürger und heirateten dort. Martin bereute sein Überlaufen anscheinend nach ein paar Jahren, auch seine Ehe wurde geschieden; er ging schliesslich nach Mexico. Mitchell starb 2001 in Sankt Petersburg.

* David Greenglass ist im Zusammenhang mit den Rosenbergs bekannt geworden. Aus dem beteiligten Personenkreis arbeitete nur Ethel Rosenbergs Bruder David Greenglass im Manhattan-Projekt, der amerikanischen Atombomben-Entwicklung. Greenglass trat 1943 in die USA-Armee ein, war zu diesem Zeitpunkt schon Mitglied der Young Communist League USA, die der Kommunistischen Partei der USA, der CPUSA, nahe stand. In der Armee wurde Greenglass, als Maschinenschlosser, nicht etwa als Wissenschafter, zum geheimen Manhattan-Projekt kommandiert. Er war zunächst in dem Uran-Anreicherungsprojekt in Oak Ridge (Tennessee) beschäftigt, dann in den geheimen Laboratorien in Los Alamos in New Mexico.

Julius Rosenberg war Elektroingenieur, der in der Armee arbeitete, bevor er nach der Entdeckung seiner Verbindung zur CPUSA 1945 entlassen wurde. David Greenglass hat ab November 1944 bis zu seinem Ausscheiden aus dem Militär 1946 geheime Informationen die nukleare Forschung betreffend gesammelt und sein Schwager Julius Rosenberg diese an die sowjetischen Geheimdienste GRU und NKWD weiter gegeben. Ethel war eigentlich nur loyal zu ihrem Mann und ihrem Bruder. Rosenberg hatte zur Zeit der Weitergabe keine Funktion in einer staatlichen Stelle inne; ob Greenglass Maulwurf oder Überläufer war, ist diskutabel. Jedenfalls lag seine Aktivität eigentlich vor dem Beginn des Kalten Kriegs, der meist mit 1947 angesetzt wird (Truman-Doktrin,…).

Nach dem Krieg betrieben Greenglass und Julius Rosenberg eine Maschinen-Reparaturwerkstatt. Sie flogen durch das VENONA-Projekt auf, ein Gemeinschaftsprojekt der Geheimdienste der USA und des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6, zur Entschlüsselung von Geheimnachrichten offizieller sowjetischer Stellen in den USA, die in der Zeit von 1938 bis 1945 aufgezeichnet wurden. 1950 wurde aufgedeckt, dass Klaus Fuchs in GB als Spion für die Sowjetunion gearbeitet hatte. Fuchs’ Geständnis ergab, dass er über seinen amerikanischen Kontaktmann Harry Gold Informationen an einen sowjetischen Agenten übergeben hatte. Die Spur von diesem führte zu Greenglass und den Rosenbergs, die ihn ebenfalls als Kurier benutzt hatten.

Greenglass wurde im Juni 1950 vom FBI wegen Spionage verhaftet, belastete Julius Rosenberg, ging eine Immunitäts (Kronzeugen)-Übereinkunft mit der Justiz ein. Er wurde zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er 10 absass. Seine Belastungsaussage bewirkte die Todesstrafe gegen seine Schwester und seinen Schwager. Julius und Ethel Rosenberg bekamen 1951 ihren Prozess, wurden 1953 am elektrischen Stuhl hingerichtet. Die Rosenbergs sind bis heute die Letzten, die in der USA wegen Spionage hingerichtet wurden. Diese Fälle von Atomspionage im frühen Kalten Krieg heizten die Jagd auf (tatsächliche/vermeintliche) Kommunisten in der USA der 1950er, der Eisenhower-Zeit, an.

* Der ehemalige SS-Obersturmführer Heinz Felfe war ein Maulwurf/Doppelagent im BND. Der KGB soll ihn mit dem Wissen über seine Verstrickungen in NS-Verbrechen “angeworben” haben. Diese beging er als Mitarbeiter des RSHA, bestanden zT in Drangsalierungen gegen Sorben – kamen wahrscheinlich aus Gegnerschaft zu seinem sorbischen Vater. Der BND verlor durch seine Informations-Weitergabe einen Grossteil seiner geheimen Quellen im Ostblock. 1961 als “Verräter” enttarnt und verhaftet, wurde Felfe 1963 zu 14 Jahren Haft verurteilt. 1969 kam er durch einen Agentenaustausch in Freiheit bzw in den Ostblock. Der Austausch erfolgte gegen Widerstand des damaligen BND-Chefs Gerhard Wessel (wie Vorgänger Gehlen aus der Abteilung “Fremde Heere Ost” im Oberkommando des Heeres in der Wehrmacht) und  Bundeskanzler Kiesinger. Felfe lebte und arbeitete einige Jahre in der SU, dann in der DDR. 1986 veröffentlichte er seine Memoiren unter dem Titel “Im Dienst des Gegners”. Er starb 2008 in Berlin.

* Der Physiker Klaus Fuchs unterstützte die KPD in der Weimarer Republik, ging in der Nazi-Zeit nach GB, arbeitete an dessen Atomwaffenprogramm, und an jenem der USA (Manhattan-Projekt) mit, gab Infos darüber an die SU weiter  (über das Netzwerk mit dem auch Richard Sorge arbeitete). 1950 durch das VENONA-Projekt aufgeflogen, wurde er zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. 1959 wurde er begnadigt und reiste in die DDR aus, wo er im Jahr vor der Wende starb.

* Noel Field: Der Quäker vertrat die USA in der Zwischenkriegszeit als Diplomat, war dann beim Völkerbund tätig, während des 2. WK für eine US-amerikanische Hilfsorganisation für Flüchtlinge. Irgendwann war er Kommunist geworden, und von da war es zur Tätigkeit als Informant für die Sowjetunion (SU) nicht mehr so weit. Das war er auch im beginnenden Kalten Krieg. 1949 wurde er in der Tschechoslowakei verhaftet und nach Ungarn gebracht; er war den Ostblock-Machthabern verdächtig, als anti-stalinistischer Kommunist mit West-Hintergrund. So wurde er der Spionage für die USA beschuldigt, wurde Opfer der stalinistische Tschistki (“Säuberungen”), wie auch seine Frau und seine Adoptivtochter. Rudolf Slansky und viele Andere damals getötete oder gefolterte Kommunisten im Ostblock wurden mit von Field unter Folter erpressten „Geständnissen“ belangt oder weil sie mit Field Kontakt gehabt hatten. Beinahe auch Erich Mielke. Field selbst überlebte das Martyrium, wurde freigelassen, blieb Kommunist, lebte 1955-70 in Ungarn. Eigentlich war er vor Beginn des Kalten Kriegs übergelaufen, und in Ungnade zu fallen war für Überläufer eigentlich ein seltenes Schicksal, ihn ereilte es in den frühen Jahren dieses Konfliktes.

* Li Zongren war einer der Überläufer im Konflikt zwischen den beiden Chinas. Er war Kriegsherr im Chinesischen Bürgerkrieg, auf Seite des Staates bzw des KMT, war in der Republik China vor und nach Niederlage und Exil hoher Funktionär, als Vizepräsident, amtierender Präsident,… War im Kreis v Chiang, wurde Konkurrent von diesem, wollte Verhandlungen mit der Volksrepublik bzw der KP. Er ging ins Exil und 1965 in die VR China.

* Stig Svante Eugén Bergling arbeitete für den schwedischen Geheimdienst Säkerhetspolisen (Säpo) und die Polizei. Und er gab, hauptsächlich in den 1970ern, Informationen an den Ostblock bzw die SU weiter. 1979 wurde er von Israel verhaftet und im selben Jahr in Schweden wegen Spionage zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Bergling-Affäre ging weiter, als er 1987 während eines Sexualbesuchs im Gefängnis fliehen konnte. Er lebte dann in der Sowjetunion oder auch im Libanon. 1994 kehrte er wegen angeschlagener Gesundheit nach Schweden zurück, musste wieder ins Gefängnis, ehe er 1997 begnadigt wurde. Er starb 2015.

* Über Dieter Gerhardt habe ich hier einiges geschrieben.

* Christopher Boyce

* Philip B. F. Agee (1935-2008) war ein Agent der CIA, wandte sich, noch im Kalten Krieg, öffentlich von ihr ab und kritisierte ihre Praktiken, hauptsächlich von Cuba aus, wo er sich niederliess.

* Aldrich Ames gab als CIA-Agent Informationen an den KGB weiter. 1994 wurde er verhaftet, er sitzt nach wie vor im Gefängnis.

* Otto John war Jurist, ein Bruder von ihm war beim Stauffenberg-Umsturzversuch  gegen Hitler involviert. 1950 wurde er erster Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV). 1954 verschwand er nach einer Gedenkfeier für den 20. Juli 1944, tauchte Tage später in Ost-Berlin wieder auf. Er kritisierte im DDR-Rundfunk die BRD, konkret Adenauers Westbindung, welche die deutsche Wiedervereinigung behindere. Ausserdem die Beschäftigung von Ex-Nazis in Führungspositionen dieses Staates. Er wurde auch in die SU gebracht und verhört. Nach fast 1 1/2 Jahren im Ostblock kehrte er Ende 1955 zurück, nach West-Berlin, wo er verhaftet wurde. Johns Beweggründe für sein zeitweiliges Überlaufen sind nicht ganz klar. 1956 wurde er in der BRD wegen Landesverrats verurteilt, 1958 zur Hälfte seiner Strafe von Bundespräsident Heuss begnadigt. Er zog nach Österreich.

* Jeffrey Carney war im Kalten Krieg ein Überläufer, mit dem nach Ende desselben abgerechnet wurde. Der Luftwaffen-Unteroffizier arbeitete für die NSA in Berlin, aufgrund seiner Deutsch-Kenntnisse, an der Radaranlage Marienfelde. Diente sich 1982 dem MfS (“Stasi”) der DDR an. Als er zurück in die USA versetzt wurde, und er verdächtigt wurde, floh er über Mexiko und Kuba in die DDR. Er bekam dort eine neue Identität. Das MfS wollte zur Zeit der Wende Unterlagen über Spione wie ihn vernichten, schaffte aber nicht alles, weil die Verbrennungsöfen überlastet waren. Die CIA spürte ihn 1991 in Berlin auf, entführte ihn nach Tempelhof, von dort in die USA. Er machte ein Geständnis, bekam einen Geheimprozess (ungefähr zur selben Zeit, als die Spähstationen der Amerikaner in Berlin abgerissen wurden), wurde zu 38 Jahren Haft verurteilt, von denen er 12 absass.

* Der Berliner Heinz Lippmann hatte als “Teil-Jude” u.a. das “KZ” Auschwitz/Oświęcim zu überstehen. In der DDR war in der FDJ Stellvertreter Honeckers. 1953 fuhr er über West-Berlin nach Hamburg, mit der Kasse, wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Chef. Wegen der Unterschlagung gab es in der BRD ein Verfahren gegen ihn. Er war dann als Journalist tätig, auch für den Staatssender “Deutsche Welle”.

* George Blake (Behar), 1922 in der NL geboren, als Sohn eines ägyptisch-türkischen jüdischen Vaters (mit britischer Staatsbürgerschaft) und einer protestantischen Niederländerin, war während des Korea-Kriegs an der britischen Botschaft in Süd-Korea. Von der vorrückenden nord-koreanischen Armee gefangen genommen, entschied er sich in Gefangenschaft, künftig dem kommunistischen Ostblock Informationen zu liefern. Und das tat er dann, als MI6-Agent. 1961 flog er auf, wurde verurteilt. 1966 gelang ihm aber die Flucht aus dem Gefängnis! Er floh in die SU, wo er auf Kim Philby und andere “Kollegen” traf.

* Robert Thompson, USA-Luftwaffen-Angehöriger, der in den 1950ern in Berlin-Tempelhof stationiert war und damals der SU Infos weiter gab, flog in den 1960ern auf; seine Gefängnisstrafe kam 1978 zu einem Ende, als er ausgetauscht wurde, gegen einen amerikanischen Studenten der DDR-Bürgern zur Flucht verhelfen wollte, und einen israelischen Kampfpiloten, der dem Apartheid-Regime Südafrikas geholfen hat und dabei in/von Mozambique gefangen genommen wurde.

* Alfred Frenzel wurde im österreichisch-ungarischen Kronland Böhmen geboren, nach dem 1. WK war die Familie Deutschböhmen bzw Sudetendeutsche in der Tschechoslowakei. Mitglied der dortigen KP, blieb er in der NS-Besatzungszeit der Tschechoslowakei treu anstatt sich den Nazis anzudienen.1 Eine Aussiedlung nach dem 2. WK blieb ihm dennoch nicht erspart. Er ging wie viele andere von dort nach Bayern und wurde in der SPD aktiv. Als Abgeordneter im Landtag und Bundestag. Rechte Exil-Sudetendeutsche in anderen Parteien hielten ihm seine Vergangenheit vor. Angeblich wurde er vom CSSR-Geheimdienst mit Wissen um eine Veruntreuung in der Zwischenkriegszeit erpresst, vielleicht kam die Zusammenarbeit aber anders zu Stande. 1960 wurde Frenzel enttarnt und festgenommen. Seine Gefängnis-Strafe endete durch einen Gefangenen-Austausch mit der CSSR.

* Karel Koecher wurde von der CSSR in die USA eingeschleust (wegen seiner Englisch-Kenntnisse), arbeitete dort für die CIA (wegen seiner Tschechisch- und Slowakisch-Kenntnisse), aber tatsächlich für den KGB. Nach dem Auffliegen 1984 wurde er 1986 auf der Glienicker Brücke gegen Anatol Nathan Scharansky ausgetauscht, der aus der SU nach Israel auswandern wollte (er wurde dort Minister). Er ist einer von den wenigen hier, die noch am Leben sind.

* Der DDR-Propagandist Karl-Eduard von Schnitzler war im 2. WK als Wehrmachts-Soldat in britische Kriegsgefangenschaft geraten, wurde in der britischen Besatzungszone in Deutschland zur Propaganda eingesetzt, lief 1947 in die SU-Zone über.

* Bruno Pontecorvo (1913 – 1993), italienischer Atomphysiker, Assistent von Enrico Fermi, lief 1950 in die SU über, wo er seine Forschungen fort setzte.

* Stefan Heym: als Helmut Flieg ging er von Chemnitz in die USA, mit dessen Militär nach Deutschland zurück, sollte Propaganda im Sinn der USA machen, fühlte sich aber dem Kommunismus verbunden, verliess die Army, ging zurück in die USA, arbeitete als Schriftsteller, aufgrund des Terrors in der McCarthy-Ära ging er 1952/53 in die DDR, wandte sich von der SED ab, aber nur halb, 1994 für die PDS in den Bundestag gewählt, erlebte er bei seiner Alterspräsidenten-Rede Feindseligkeit aus den Reihen von CDU/CSU

* George Koval: Vater Jude aus Russischem Reich der in USA einwanderte, kommunistische Familie, Übersiedlung in SU (Birobidschan), George als Agent nach USA geschickt, Studium, ins Oak Ridge National Laboratory, Mitarbeit am USA-Atomprogramm, Weitergabe Infos an SU, legale Rückkkehr in SU, dann erst aufgeflogen, starb 06 in Russland.

* Der KGB-Agent Bogdan Staschinski tötete 1959 in der BRD im Auftrag seiner Behörde den ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera, der mit Wehrmacht und BND zusammenarbeitete. Stashinski stellte sich später in W-Berlin, wollte wegen einer Liebe überlaufen, bekam in der BRD eine milde Strafe (“nur Beihilfe”)2, dann eine neue Identität.

* Arnold Schölzel desertierte 1967 aus der Bundeswehr, lief in die DDR über, an der Humboldt-Universität hat er für die Stasi Oppositionsgruppen ausgehorcht, seine Stelle an der Uni verlor er nach der Vereinigung, er wurde Herausgeber der “Junge Welt”

* Ursel Lorenzen war eine Sekretärin in der NATO, die 1979 in die DDR über lief. Vor der Wiedervereinigung verliess sie und ihr Partner das Land, möglicherweise nach Libyen

* Fred Rose/Fishel Rosenberg: Anfang des 20. Jh im damals russischen Polen geboren, wurde er von seiner Familie im 1. WK nach Canada gebracht, wo er in der Kommunistischen Partei des Landes (CPC/PCC) aktiv war, ehe diese im 2. WK verboten wurde, für deren Nachfolgepartei Labor-Progressive Party wurde er 1943 in Quebec ins kanadische Parlament gewählt; als die SU vom Alliierten der Westmächte zu ihrem Feind wurde, nach dem Krieg, wurde Rose durch die Enthüllungen des übergelaufenen SU-Diplomaten/Agenten Gusenko der Spionage beschuldigt und verurteilt; nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis reiste er ins kommunistische Polen aus

* Robert Soblen/ Ruvelis Sobolevicius/ Roman Well, ein Jude aus Litauen, war in der Weimarer Republik als Kommunist aktiv. Zusammen mit einigen Mitstreitern floh er 1933 in die Sowjetunion, später wurden sie als Spione in die USA geschickt. Sobolevicius/Well/Soblen arbeitete dort als Psychiater. 1957 flog der Ring durch das FBI auf, Soblen wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Er konnte jedoch 1962 fliehen, wollte Asyl von Israel3. Nachdem er das nicht bekam, sollte er über GB in die USA zurück überstellt werden. In London verübte er Selbstmord

* Hansjoachim Tiedge lief 1985 vom BfV in die DDR über

Manfred von Brauchitsch: aus schlesischer Adelsfamilie, Auto-Rennfahrer bei Mercedes-Benz; nachdem er nach dem 2. WK pleite war, diente er sich der DDR an, lief 1954 auch tatsächlich dorthin über, nachdem er in der BRD angeklagt wurde. Das war nach seiner aktiven Zeit als Rennfahrer und er wirkte in der DDR als Sportfunktionär – was im Fall des Autorenn”sports” eine mühsame Angelegenheit gewesen sein dürfte. Ansonsten sind Sportler fast ausschliesslich in die andere Richtung “gegangen”. Er ist fast ein Fall für diesen Artikel

McKinley Nolan: Soldat des USA-Militärs, 1967 zu Nord-Vietnam über gelaufen

Margaret Schlauch: US-Wissenschafterin, ging 1951 vor McCarthy-Verfolgung nach Polen)

Clarence Adams: afro-amerikanischer US-Soldat, Kriegsgefangener Korea-Krieg, danach einer von 21 USA-Soldaten die nach China gingen, 66 Rückkehr (weil er Sehnsucht nach seiner Mutter hatte)

Ausserdem: Mihalis Maniadakis (griechische Luftwaffe, 1970 zur SU); Richard Tannimura (US-Militär, 1968 nach Schweden); Theo van Eijck (NL-Militär, 1964 nach Libyen); Gerald A. Eckert (RZA-Militär, 1983 nach Mozambique); Cheng Yi-Ming (Geheimdienst Rep. China, 1964 zur VR); Hede Massing, Alexander Koral, Gerhart Eisler, Ian Milner, Michael Peri, Harold Koch,

Beim konstruktives Misstrauensvotum der CDU/CSU gegen Willy Brandt 1972 (de facto wegen seiner Ostaussöhnung) versprachen die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag aufgrund der Wahl 1969 und durch diverse Übertritte von SPD und FDP zu CDU/CSU oder zur Fraktionslosigkeit ein Gelingen. Nach dem knappen Scheitern kamen Gerüchte über Stimmenkauf auf. Julius Steiner (CDU) und Leo Wagner (CSU) sollen von der DDR (MfS) und/oder der SPD bestochen worden sein. Dies ist nicht gesichert. Umstritten ist die “Schuld” auch bei Gunvor Galtung-Haavik, norwegische Aussenministeriums-Angestellte, sie wurde 1977 der Spionage für die SU beschuldigt, starb vor einem Prozess. Arne Treholt, norwegischer sozialdemokratischer Aussenminister, saß einige Jahre wegen Spionage für den Ostblock im Gefängnis. Der USA-Regierungsbeamter Alger Hiss wurde Ende der 40er, Anfang der 50er beschuldigt und verurteilt, kommunistischer/sowjetischer Spion zu sein

Dann gibt es die Kategorie jener, wo nicht ihr Handeln bzw der Wahrheitsgehalt von Vorwürfen unklar ist, sondern ob ihr Handeln als Überlaufen oder Maulwurf-Tätigkeit für den Ostblock einzustufen ist. Lee H. Oswald zB war nach dem Militär am Höhepunkt des K.K. 59-61 in der SU, kam dann aber zurück, mit seiner russischen Frau. Abgesehen von seiner fraglichen Schuld am Mord an JFK, spricht einiges dagegen, ihn als Ostblock-Überläufer zu kategorisieren; u.a. dass er keine Funktion im Staatsapparat der USA inne hatte, privat reiste. Renfrew Christie hat Infos das Militär des Apartheid-Systems betreffend an dessen Gegner weiter gegeben, und dieser war mit der SU verbündet (so wie das Apartheid-Regime Südafrikas immer irgendwie Teil des Westens war), aber gerade bei ihm zeigt sich die die Relativität der Einteilung “Ostblock-Spion”. Henri Maillot hat in Algerien den Unabhängigkeitskampf unterstützt, der auch von der SU unterstützt wurde.

Erwin Borchers war Sohn eines preussischen Offiziers und einer elsässischen Weingutstochter, ging vor dem 2. WK aus Deutschland nach Frankreich, dort in die Fremdenlegion, kam nach Indochina. Bald brach dort der Unabhängigkeitskrieg aus, in diesem “1. Vietnam-Krieg” lief Borchers 1945 zum Viet Minh über. Er bekam den Namen Chien Si, heiratete eine Vietnamesin, wurde Kommunist, war auch beim Sieg von Dien Bien Phu dabei.4 Nazim Hikmet (Ran) ging zwar in den Ostblock, hatte aber in der Türkei keine offizielle Funktion (gehabt). Martha Dodd, Tochter eines früheren amerikanischen Botschafters, spionierte im frühen KK und davor für die SU, war dabei aber ebenfalls “privat” unterwegs.5 Das lässt sich auch von Ana Maria Silva Pais (Tochter des Chefs des portugiesischen Geheimdienstes PIDE, 1965 nach Cuba), Wolfgang Kieling oder JoAnne Deborah Byron (Assata Shakur) sagen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Oder sich als Auswärtiger an dieser Besatzung zu beteiligen, wie H. M. Schleyer
  2. Als Staschinski-Fall bekannt gewordene Entscheidung des Bundesgerichtshofs
  3. > Meir Lansky, Samuel Sheinbein, Shmuel Flatto-Sharon, Salomon Morel,…
  4. Ein Jacques Doyon hat über die Franzosen und Fremdenlegionäre, die in diesem Krieg überliefen, das Buch “Les Soldats blancs de Ho Chi Minh” geschrieben
  5. 1957 gingen sie und ihr Partner in der Tschechoslowakei, wo Dodd 1990 starb. Sie entging dem Schicksal von Susanne Albrecht

Grundzüge der neuesten Geschichte Afghanistans

Im letzten Teil der Trilogie über die Geschichte Afghanistans geht es um die Zeit vom letzten König bis zur Gegenwart. Zuerst eine Zeit der Modernisierung und der Stabilität (mit Versäumnissen), dann (seit 1979) eine der Kriege, der Gewalt, des Zerfalls, der Emigration, der Schreckensherrschaft, der Besatzungen. In 30 Jahren gab es die Umwandlungen vom Königreich in eine Republik, dann Volksrepublik, einen “Islamischen Staat”, ein “Islamisches Emirat” und dann in eine “Islamische Republik”; wobei die Änderungen der Staatsbezeichnungen wenig über die jeweiligen Umwälzungen aussagen.

Nach der Ermordung seines Vaters Nader war ab 1933 Mohammed VII. Zahir Schah Mohammedzai (damals 19 Jahre alt) Padschah von Afghanistan. Er war zT in Frankreich ausgebildet worden, hatte Regierungen angehört. Er war 40 Jahre König, aber die tatsächliche Macht war lange bei zwei väterlichen Onkeln (bis 1953, je 10 Jahre), dann bei seinem Cousin Daud (Premierminister, bis 63), erst die letzten 10 Jahre hatte er eine unumschränkte Rolle. Afghanistan trat 1934 dem Völkerbund bei und wurde durch die USA anerkannt. Die paschtunische Hegemonie im Land stand für Mohammed Zahir eigentlich immer ausser Debatte. Er liess der moslemischen (hauptsächlich uigurischen) Rebellion in Zentralasien gegen China Hilfe zukommen, die jedoch nicht von Erfolg gekrönt war.

Was sich auch unter Zahir fortsetzte, waren die Konflikte zwischen Modernisierung und Tradition, Stadt und Land. Es war eine ziemlich absolute Monarchie, eine feudale Oligarchie, die sich noch dazu primär auf die ruralen, religiösen Gesellschaftsschichten stützte. Zeitweise wurde ein politischer Pluralismus gefördert, zeitweise gegen Regimegegner vorgegangen. Es gibt nicht wenige Ähnlichkeiten zum System des letzen Schahs im westlichen Nachbarland Iran. Es gab keine Parteien, nur Gruppen von Abgeordneten im 2-Kammern-Parlament, etwa die Wikh-i Zalmayan (“Erwachende Jugend”), gegen die es auch Verhaftungen gab. Sonst saßen v.a. Notabeln im Parlament (die traditionelle Oberschicht: Stammes- und Religionsführer, Grossgrundbesitzer, Militärs,…). Demokratisierung war kein echtes Anliegen Mohammedzais, ähnlich wie bei Mohammed Reza Pahlevi. Er liess etwas westlichen Einfluss zu, bekämpfte den Analphabetismus, liess die erste moderne Universität gründen, die Fluglinie “Ariana” (1955). An Industrie entstand in dem agrarisch geprägten Land mit Baumwoll-Kultivation am ehesten noch eine in der Textilbranche; die Teppich-Herstellung ist hier teilweise dazuzuzählen. Afghanistan, Entwicklungshilfeempfänger, modernisierte sich v. a. in den 1960ern und 1970ern. Aber ein grosser Teil des Landes, die ländlichen Gegenden, standen dabei abseits, blieben bei ihrem Hergebrachten. Auch eine Ähnlichkeit zum Iran. Auch der typisch afghanische Partikularismus setzte sich unter dem letzten Padschah fort.

Mohammed Zahir Schah Mohammedzai liess auch die Verkehrsinfrastruktur (Strassennetz,…) (aus)bauen. Und, mit Hilfe deutscher und amerikanischer Firmen und Organisationen (USAID) wurden Dämme an Flüssen gebaut, zT zur Regulierung, zT zur Energiegewinnung, also im Rahmen von Wasserkraftwerken. Die Kraftwerke wurden von den 1940ern bis zu den 1970ern gebaut, allein in der Provinz Kabul, wo der gleichnamige Fluss fliesst, sind es drei, u.a. der von Mahipar. In der Provinz Helmand im Süden, die auch einst nach dem dortigen Fluss benannt wurde, wurden zwei Dämme gebaut, zur Energiegewinnung wie auch zur Bewässerung des trockenen Landes, über Kanäle. Dort wurde die amerikanische Firma Morrison-Knudsen engagiert, die auch den Hoover-Damm und die San Francisco Bay Bridge gebaut hatte. Afghanen arbeiteten dort lange unter amerikanischen Ingenieuren – die sich dort mit ihren Familien niederliessen, meist für Jahre; in der Stadt Lashkar Gah, aber auch in der Wüste um die Baustellen, wo eigene Siedlungen entstanden. Engineering verband sich mit Social Engineering… Bis heute wird Strom in Afghanistan hauptsächlich aus Wasserkraft gewonnen; durch Kriegs-Zerstörungen ergaben sich Versorgungsprobleme, weshalb, zum Heizen, oft wild Holz geschlagen wird.

Premierminister 1953-63 war Sardar Mohammed Daud Khan (Mohammedzai), ein Cousin des Padschahs. Er führte Afghanistan etwas näher an die Sowjetunion (Afghanistan band sich nicht einseitig an den Westen), führte einige soziale Verbesserungen durch, liess 1959 den Schleierzwang für Frauen aufheben, liess das Militär aufrüsten, und stellte die Grenze zu Pakistan in Frage. Das Verhältnis Afghanistans zu Pakistan ist von der Existenz der dortigen grossen paschtunischen Volksgruppe bzw der das paschtunische Siedlungsgebiet durchschneidenden Grenze bestimmt. Die paschtunischen und belutschischen Gebiete, durch die Durand-Grenze bei Pakistan (siehe Teil 2), machen etwa die Hälfte der Fläche Pakistans aus. Pakistan erbte die Grenze, die die Briten einst zwischen “ihrem” Indien und Afghanistan zogen, bzw das Territorium. Während es bei Kaschmir auf die Selbstbestimmung der dortigen Bevölkerung bzw seine Zugehörigkeit zu Pakistan aufgrund der moslemischen Bevölkerungsmehrheit pocht(e), sah/sieht es das bei “seinen” Paschtunen nicht so “eng”, war/ist flexibel, wie auch schon Andere in dieser Frage.

Unter den Paschtunen wie auch Belutschen Pakistans gab/gibt es sezessionstische bzw irredentistische Strömungen. Die irredentistische Paschtunistan-Bewegung in Pakistan wurde von Afghanistan unterstützt, das die Durand-Grenze zu Pakistan nie anerkannt hat. 1949 erklärte eine Loya Jirga das Grenzabkommen mit den Briten für nichtig und Afghanistan zum “Anwalt” der Paschtunen jenseits der Grenze. Die Loyalität der pakistanischen Paschtunen zu Afghanistan bzw die Verwurzelung der Irredentismus-Idee dort ist aber fraglich, sie sind eher gegen jede übergeordnete Staatlichkeit. Die Schliessung der Grenze durch Pakistan war immer wieder eine Maßnahme, um ein Einlenken Afghanstans zu erzwingen (sein Aussenhandel läuft grossteils über den Hafen Karachi, zB Öl). Auch der Nomadismus der dortigen Paschtunen wird durch diese Grenze eingeschränkt; der Schmuggel blüht trotzdem. 1961 schickte Premier Daud Stammesmilizen über die Grenze, um die dortigen Paschtunen aufzuwiegeln, die Lage war nahe am Krieg. Diese unter Daud besonders an den Tag gelegte Haltung gegenüber Pakistan sollte sich für Afghanistan noch enorm negativ auswirken.

Die Abberufung Dauds war Teil von Mohammed Zahir Schahs Bemühungen, den Nepotismus einzudämmen. Eine neue Verfassung 1964 (von einer Loya Jirga beschlossen) brachte eine Stärkung von Parlament und Regierung, war aber nur ein Schritt in Richtung konstitutionelle Monarchie. Mitglieder des Königshauses wurden darin von der Regierung ausgeschlossen. 1963-73 gab es beinahe eine konstitutionelle Monarchie, Ansätze von Parlamentarismus (Wahlen 65 und 69), diverse Premiers, aber das System blieb auf den König zentriert. Mohammed Zahir liess den Herrschaftsanspruch des Musahibun-Zweigs der Mohammedzai-Familie festschreiben, um Daud von der Macht fernzuhalten, den er nach dessen Entmachtung schon als gefährlich eingeschätzt haben muss. Auch die nicht-paschtunischen Staatsbürger Afghanistans werden seit 1965 als “Afghanen” bezeichnet. Eine Dürreperiode 1969 bis 1972 brachte eine Hungersnot und Zehntausende Todesopfer – und einen hilflosen Staat. Entscheidend für die weitere Entwicklung war, dass ein in der Verfassung von ’64 enthaltenes Parteiengesetz vom König nicht ratifiziert wurde, Parteien wie die kommunistische blieben illegal. Das scheint auf den Einfluss von General Abdul Wali zurückzugehen, auf eine Angst vor linken Mehrheiten. Kommunisten und Islamisten fühlten sich daher ihrerseits nicht an die Verfassung gebunden.

"Time Out" am Hippie Trail, von Rob Smiff, 1974.
“Time Out” am Hippie Trail, 1974, von Rob Smiff. Afghanistan war Ende der 60er, Anfang der 70er am Hippie-Trail eine wichtige Station. Westliche Abenteurer und Aussteiger kamen in Asien oft an ihre Grenzen.

Die beiden wichtigsten politischen Strömungen an der Universität Kabul und überhaupt waren Kommunisten und Islamisten. 1965 wurden Studentenproteste für mehr Demokratie gewaltsam niedergeschlagen. Die kommunistische “Demokratische Volkspartei Afghanistans” (Paschto: د افغانستان د خلق دموکراټیک ګوند‎), meist mit der Abkürzung ihres englischen Namens, PDPA, bezeichnet, wurde 1965 gegründet, zu einer Zeit als das herrschende System noch sehr feudal war, aber schon eine gewisse Modernisierung stattgefunden hatte. 1967 spaltete sich die Partei in die Partscham (“Fahne”) und die und Kalch (“Volk”)-Fraktion; beide Namen waren ursprünglich die von Zeitungen. Die Partscham wurde von Babrak Karmal geführt, war vorwiegend paschtunisch, aber pluralistisch, gemäßigt bezüglich Machterringung und -ausübung, und urbaner (bzw stärker auf Kabul beschränkt); die viel grössere Kalch wurde von Nur M. Taraki geführt, war stärker auf paschtunische Vorherrschaft ausgerichtet, und radikaler.

Die Funktionäre beider Lager kamen nicht aus den armen ländlichen oder städtischen (dort noch eher) Bevölkerungsschichten (es war/ist ein wenig industrialisiertes Land) und hatten dort wenig Rückhalt (gerade dort ist “man” oft religiös und traditionell, auch wenn diese Traditionen eine untergeordnete Rolle festschreiben). Viele der afghanischen Kommunisten haben in der USA studiert. 1965 war die Ärztin Anahita Ratebzad vom Partscham-Flügel der KP eine der ersten Frauen die nach der Wahl in diesem Jahr ins afghanische Parlament einzogen und eine von 4 Kommunisten (auch Karmal), die damals gewählt wurden. 1966 wurde die Afghanische Sozialdemokratische Partei (“Afghan Mellat”) gegründet, unter ihrem Führer Farhad, die paschtunisch-nationalistisch war; 1969 wurden Vertreter von ihr ins Parlament gewählt.

Bei den Islamisten entstanden Ende der 1960er, Anfang der 70er Organisationen, wie die Sazman-i Jawanam-i Musulman, der sich Gulbuddin Hekmatyar (ein Ghilzai-Paschtune, Technik-Student in Kabul) anschloss, und die Jamiat-i Islami, die von Burhanuddin Rabbani (einem Tadschiken) mitbegründet wurde. Als Bekenner eines politischen Islams lehnten sie Nationalismen ab, ethnische Grenzen spielten gleichwohl eine wichtige Rolle… Zur Zeit der Präsidentschaft Dauds “flüchteten” viele Islamisten, darunter Hekmatyar und Rabbani, nach Pakistan, um von dort Widerstand zu organisieren. Hekmaytar gründete dort die Hezb-i Islami, bis heute eine der wenigen echten Parteien Afghanistans unter vielen Milizen. Die Jamiat und die radikalere Hezb wurden schon damals, in vor-kommunistischer Zeit, vom pakistanischen Staat unterstützt, da Daud die afghanischen Ansprüche auf Ost-Pakistan vehement unterstrich und man seine Regierung bzw das Land destabilisieren wollte. Neue Akademiker fanden aus verschiedenen Gründen keine angemessenen Jobs, aus ihren Reihen kamen viele künftige Umstürzler, etwa Amin und Hekmatyar

Daud stürzte 73 seinen Onkel Zahir, dessen Berater er auch gewesen war, mit Hilfe von Teilen des Militärs und der KP (dem Partscham-Flügel) und rief eine autoritäre Präsidialrepublik unter ihm aus (das Premierminister-Amt wurde abgeschafft). Mohammed Zahir hatte das Land zu einer gesundheitlichen Behandlung in Italien verlassen, blieb dann dort, nahe Rom. Für Manche begann hier, beim Verlassen des jahrhundertealten Wegs der Monarchie, die Abwärtsspirale des Landes, die Gewaltspirale begann jedenfalls etwas später. Daud ist ideologisch schwer einzuordnen, taktierte zwischen SU und US, gründete eine eigene Partei, die Hezb Enqilab Mile. Wollte, wie als Ministerpräsident, Modernisierungen durch einen starken Staat. War Staatspräsident, Ministerpräsident, Aussen- und Verteidigungsminister. Die anderen Minister waren v.a. Militärs. Er liess die Pressefreiheit und die Bewegungsfreiheit für Ausländer aufheben. Oppositionelle, v.a. Islamisten, wurden verhaftet. Wandte sich dann von KP und SU ab, erneuerte seine Ansprüche gegenüber Pakistan bezüglich deren Paschtunen-Gebiete. Und Pakistan reagierte, unterstützte exilierte Islamisten. Neben Nationalismus und etwas Sozialradikalismus kam auch etwas Säkularisierung. Präsident Daud Khan ernannte eine Loya Jirga anstatt das Parlament wählen zu lassen; 1969 fand die letzte freie Parlaments-Wahl bis 2005 statt (1988 wurde gewählt, aber fast alle ausser den regierenden Kommunisten boykottierten). 1977 wurde eine neue Verfassung von der Loya Jirga verabschiedet. Die Fraktionen der von der Macht wieder verdrängten KP (PDPA) versöhnten sich 1977 mit Hilfe der SU.

Im April 1978 wurde der führende Kommunist Khaibar (Chefideologe der Partscham) unter ungeklärten Umständen ermordet, sein Begräbnis wurde zu einer Demonstration, woraufhin das Regime Maßnahmen gegen KP-Führer unternahm, aber die Revolution war schon unterwegs. Die “Saur”-Revolution (Engelab-i Saur), nach dem Monat. Oder war es eher ein Putsch? Daud wurde von Teilen des Militärs und KP gestürzt (und im Präsidentenpalast getötet). KP-Chef Taraki wurde Staatschef (Vorsitzender des Revolutionsrats) und Ministerpräsident, Hafizullah Amin (ebenfalls Kalch) Vize-Ministerpräsident und Aussenminister. Die “Partschamiten” in der Regierung wurden von Karmal als einem der Vizechefs des Revolutionsrats angeführt. Das Land bekam den Namen “Demokratische Republik” Afghanistan.

Die neue, kommunistische Regierung führte radikale Reformen durch, neben Alphabetisierungskampagnen und etwas Umverteilung (Landreform) auch solche, die das Herz von Islamophoben des 21. Jh schneller schlagen lassen müssten. Staat und Religion, die unter der Monarchie Hand in Hand geherrscht hatten, wurden getrennt; zur Säkularisierung gehörte die Stärkung von Frauenrechten, das Verbot von Zwangsheiraten. Und anscheinend auch Massentötungen von Mullahs und Stammesführern. Die paschtunischen Stammesstrukturen, die Afghanistan prägen, wurden erstmals von den Kommunisten angetastet. Ausserdem gab es die Inhaftierung (möglicher) politischer Gegner (Parchamis, Monarchisten, Liberale, Islamisten wie Mojadedi, wie schon unter Daud), v.a. im Gefängnis Pul-i Chaki bei Kabul. Verboten wurde von der kommunistischen Regierung etwa die Afghan Mellat, deren Existenz davor inoffiziell war, wie die aller Parteien.

Die Kalch dominierte also, und es gab bald einen inner-kommunistischen Machtkampf. Der Konflikt zwischen den Lagern der kommunistischen Partei entzündete sich (bzw eskalierte) über die Frage der Ernennung jener Offiziere, die die die Revolution mitgemacht hatten in ihr Zentralkomitee. Daneben entzweiten sich die Kalch-Politiker Taraki und Amin. Die Sowjetunion, über ihren Botschafter Puzanov, sprach bei allen wichtigen Entscheidungen zumindest mit. Sowjetische Entwicklungshilfe wurde verstärkt. Die Partschamiten wurden bald ganz von der Staatsspitze verdrängt. Amin wurde alleiniger Vize-Staatschef, die Nr 2 im Regime, die nun eine Alleinherrschaft der Kalch darstellte. Im Juli 1978 verliess Babrak Karmal, der Anführer der Partscham, das Land, offiziell als Botschafter in der CSSR, eigentlich aber auf der Flucht vor der herrschenden Kalch-Fraktion der PDPA.

Ein Putschversuch von Partschamiten im September vertiefte die Gräben; der Partscham-Fraktion zugerechnete Botschafter wie Karmal und Mohammed Nagibullah wurden zurückbeordert, verweigerten aber. Daneben schwelte noch der Machtkampf zwischen Taraki und Amin. Ersterer wollte mit Traditionen des Landes radikal brechen, die Macht der ruralen Eliten, und war, wie man sagt, ein Trinker, zweiterer wollte religiöse Gefühle respektieren und hatte selbst welche. Als Amin im März ’79 Ministerpräsident wurde, im Rahmen einer Umorganisation der Machtstruktur, änderte das nichts an Tarakis unumschränkter Machtstellung. Die SU war zwiespältig gegenüber dem Wirken der Kalch.

Die Uneinigkeit des Regimes war ein grosses Problem angesichts des wachsendes Widerstands in der Bevölkerung, den westliche und islamische Mächte erfreut registrierten. Das kommunistische Regime wurde in ländlichen Regionen vielfach als westliche Oktroyierung gesehen – während es “der Westen” zu bekämpfen begann. Der Islam avancierte zum ideologischen Gegenpol des Kommunismus. Dass Frauen in den Städten, v.a. Kabul, ihren Bildungsrückstand aufholten, vergrösserte nur die Kluft zum Land, und zum Gros der Bevölkerung. Ende 1978, Ende 1979 formierte sich Widerstand gegen das kommunistische Regime, v.a. in ländlichen Regionen, nennenswert ist der Aufstand in Herat im Februar/März 1979 unter Ismail Khan (Soldaten liefen auf die Seite der Aufständischen über, der niedergeschossen wurde, unter grossen Opfern). Im Oktober 1978 hatte es bereits einen Aufstand gegeben, in Nuristan. Über Badachschan und einige andere ländliche Regionen verlor die Regierung die Kontrolle. Es gab Desertionen im Militär, ein Bürgerkrieg war im Entstehen.

Im September 1979 eskalierte der Machtkampf zu einer Schiesserei im Präsidentenpalast, bei der Amin die Oberhand behielt; Taraki wurde anschliessend mit Brejschnews Einwilligung getötet. Gerade weil die Kalchi so radikal kommunistisch reformierten; die Sowjets fürchteten verletzte religiöse Gefühle in der Bevölkerung und unnötigen Widerstand. Amin wurde Staats- und Parteichef. Er machte einiges andere als Taraki, nicht zuletzt versuchte er dem wachsenden Widerstand im Land zu begegnen, in dem er Traditionen nicht zu ändern versuchte sondern sie akzeptierte, etwa in traditioneller paschtunischer Kleidung auftrat. Amin wollte Afghanistan nicht total der Sowjetunion ausliefern, hatte ein schlechtes Verhältnis zu ihr. Die Kommunisten schafften weiter nicht die Anerkennung in der breiten Bevölkerung. Im Februar 1979 wurde der USA-Botschafter Dubs entführt (von der linken, anti-paschtunischen Settam-e Melli) und getötet (bei der Militär-Befreiungsaktion). Die USA stellte ihre Entwicklungshilfe ein.

Karmal und andere Partschamis, Gegner der damaligen kommunistischen Regierung unter Amin, waren also im Ausland, hatten Verbündete/Anhänger im Land. Im Dezember 1979 kamen sowjetische Truppen nach Afghanistan, zu Luft und zu Lande. Amin wollte sie, sie kamen aber nicht nur, um gegen anti-kommunistische Aufstände vorzugehen, sondern auch um ihn zu beseitigen. Hauptsächlich, weil sie an seiner Bündnistreue zur SU zweifelten. Es war der Beginn der sowjetischen Militärintervention, auch wenn vorher schon sowjetische Truppen bei der Botschaft in Kabul waren. Der Westen geriet in Aufruhr. Nach einigen Vergiftungsversuchen an Amin kam dieser in einem Palast ums Leben, nach einem halben Jahr an der Macht, wohl durch sowjetische Soldaten (Taraki davor hatte ca. 1 Jahr geherrscht). Babrak Karmal kehrte zurück, kam, mit anderen Partschamis, mit SU-Hilfe ans Ruder; einige Khalqis wurden integriert.

Frauen-Demonstration der KP, 1980; Foto vom Album “Once Upon a Time in Afghanistan…” von https://www.facebook.com/Afghanslive

Die Gewaltspirale begann in Afghanistan spätestens 78/79, mit dem kommunistischen Sturz Dauds, das Land kam seither nicht mehr zu Ruhe. Der Niedergang begann ausgerechnet, als sich das Land zu einem gewissen Punkt entwickelt hatte, in den 1970ern war ansatzweise eine moderne Zivilgesellschaft entstanden. Wie im Iran ging in dieser Zeit in vielen islamischen Staaten eine liberale Zeit zu Ende. Vor der Gewalt und vor dem herrschenden System flüchteten/emigrierten Ende der 70er und in den 80ern viele Afghanen ins Ausland, v.a. nach Pakistan und Iran; manche gingen nach Indien, viele weiter in den Westen. Unter jenen, die Afghanistan (zT für immer) verliessen, waren grosse Teile der Gemeinschaften der Baha’i, Armenier (die einzige christliche Gemeinschaft im Land) und Juden, wenn nicht die ganze.

Möglicherweise begann das Übel schon mit Dauds Sturz seines Onkels, des Königs, dafür spricht auch: Pakistan unternahm Gegenmaßnahmen zu Dauds Ansprüchen, begann in den 70ern, die in Pakistan exilierten afghanischen Islamisten zu unterstützen. Mit der kommunistischen Regierung und der sowjetischen Invasion stiegen auch der Westen und Saudi-Arabien mit ein, zunächst die USA unter Carter. Jene Afghanen, die nach Pakistan flüchteten, und das waren viele, kamen dort unter den Einfluss der mehr oder weniger islamistischen Widerstandsallianz, den Mujahedin, die sich in Peschawar bildeten. Unter Reagan stieg die USA massiv bei der Unterstützung der Mujahedin (“Islamische Union der afghanischen Mudschahidin” oder “Peschawar-Sieben”) ein, vielleicht auch, um die SU noch stärker hineinzulocken. Die CIA organisierte die Sache (“Operation Cyclone”), die Finanzierung, Bewaffnung und Ausbildung der Kämpfer, zusammen mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI, auch Grossbritannien und andere westliche Staaten waren dabei, Israel, Saudi-Arabien. Araber oder Pakistanis beteiligten sich als “Söldner”, hier war ein gewisser Osama bin Laden aktiv.

Die wichtigsten Mujahedin-Gruppen waren:

  • die tadschikische Jamiat-e Islami, unter Burhanuddin Rabbani (einem Naqschbandi-Geistlichen) und Ismail Khan, die schon in der Daud-Zeit nach Pakistan “ausgewichen” ist; unter Ahmed Massud (der Kommandant und Lokalherrscher im Land war) spaltete sich eine Gruppe davon ab
  • Hekmatyars Hezb-i Islami (auch schon 1973 nach Pakistan), Liebkind von USA und Pakistan, auch hier gabs eine Abspaltung, in der übrigens der spätere Taliban-Chef Mohammed Omar wirkte
  • Abdul Rasul Sayafs wahabitsche Gruppe (Itehad, dann Tanzim genannt), in der viele arabische Freiwillige kämpften, der Favorit von Saudi-Arabien und anderen arabischen Spender
  • S. Mojadedis Jebh-e Melli Nejat, gemäßigt islamistisch, traditionalistisch, für die Restauration der Monarchie, 73 nach Pakistan
  • Harakat-e Engelab: ebenfalls traditionalistisch-monarchistisch (Grossgrundbesitzer, sunnitische Geistliche), angeblich Keimzelle der Taliban
  • die hesorische Hezb-e Wahdat unter Mazari; andere schiitische Gruppen unter den Mujahedin schlossen sich weitgehend an, kamen damit unter den Einfluss Irans. Die Islamische Republik Iran unterstützt(e) nicht die sprachlich und ethnisch verwandten Tadschiken, sondern die Schiiten (somit die religiös “Verwandten”), die hauptsächlich Hazara sind; entsprechend verhält es sich gegenüber dem Irak, wo nicht die Kurden sondern die Schiiten die Korrespondenten des iranischen Regimes sind. Die USA misstrauten dem Dari-sprachigen wie dem schiitischen Widerstand, da sie Nähe zum Iran vermuteten.

Die Mujahedin-Gruppen waren überwiegend sunnitisch-islamistisch, Paschtunen dominierten und unter ihnen die Ghilazi. Die pakistanische ISI hatte am meisten Macht bezüglich Weiterleitung von Geld und Ausrüstung. Von 1977 bis 1988 war Pakistan von Zia ul Haq regiert, der einem Islamismus nahestand. Hamid Gul wurde unter ihm ISI-Chef, Afzal Janjua Chef von dessen Afghanistan-Büro. Natürlich handelte Pakistan hier auch vor dem Hintergrund der Paschtunistan-Frage, also nicht zum Vorteil Afghanistans. Bürgerlich-Konservative in Opposition zum Kommunismus waren teilweise in den monarchistischen Gruppen aktiv, aber erhielten kaum internationale Unterstützung. Für die afghanischen Flüchtlinge brachte die Zeit in Flüchtlingslagern in Pakistan die gesellschaftliche Zurücksetzung von Frauen, eine Re-islamisierung, etwa durch religiöse Schulen, die teilweise vom wahabitischen oder Deobandi-Islam geprägt waren.

Die SU-Invasion, die ja 1980 auch den westlichen Olympia-Boykott in Moskau auslöste, sollte eigentlich nach wenigen Monaten vorbei sein… Die afghanische Armee war ineffizient und schrumpfend; unter den Überläufern zum Widerstand war etwa General Tanai, der nach Pakistan ging. Daher war die kommunistische Regierung auf die Rote Armee angewiesen. Die SU ging dazu über, nur die Städte zu kontrollieren, so war 80 bis 90% der Fläche (aber nicht der Bevölkerung) unter Kontrolle der Mujahedin. Es gab einen Staatszerfall, Parallelwelten von Stadt und Land. Massud herrschte zB lange im Pandschir-Tal nördlich von Kabul. Kämpfe fanden zB an strategisch wichtigen Verkehrsadern, wie dem Salang-Tunnell, statt. Das gebirgige Gelände begünstigte die Mujahedin.

Die Mujahedin führten einen Guerillakrieg, mit Attacken auf Lehrer und Schulen in Städten, die das Reformvorhaben der Kommunisten symbolisierten. Schmutzige Kriegsführung gab es auch von Seiten der SU (Zerstörung von Dörfern), die versuchte einen Cordon sanitaire um Städte zu schaffen; Minen wurden von beiden Seiten eingesetzt. Zur ausländischen Unterstützung für die Mujahedin gehörten über 2000 FIM-92 “Stinger” Boden-Luft-Raketen, mit denen Hunderte sowjetische Kampfflugzeuge abgeschossen wurden. Es gab auch Kämpfe von Mujahedin gegeneinander in Afghanistan, zB zwischen Hezb-i Islami und Jamiat-i Islami. Die Kämpfe zerstörten Teile des Landes und machten mehr Menschen zu Flüchtlingen, im Land und ins Ausland. Durch die Unterstützung der Mujahedin durch die USA wurde es ein Stellvertreter-Krieg im Kalten Krieg.

Über den Wakhan-Korridor war im Teil 2 schon die Rede. Nach der Errichtung der kommunistischen Volksrepublik China 1949 wurde die Grenze zu Afghanistan geschlossen. 1963 hat China die Grenze anerkannt und im Detail mit Afghanistan festgelegt. Nach der Ankunft sowjetischen Truppen in Afghanistan ab 1979 bauten sie in Wakhan, wahrscheinlich aufgrund seiner strategischen Lage, eine starke militärische Präsenz auf. Die grossteils kirgisische Bevölkerung floh grossteils bzw wurde vertrieben, erreichte Pakistan, wurde in der Türkei angesiedelt, in Ost-Anatolien.

Premierminister war 1979 bis ’81 Karmal, dann bis 87 Keshtmandi, ein Hazara. In der Regierung setzten sich die Konflikte zwischen Kalch und Parcham sowie zwischen Paschtunen und Anderen (deckte sich teilweise!) fort. Karmal, ein paschtunischer Nationalist, soll für den Terror gegen tatsächliche/vermeintliche Regimegegner verantwortlich gewesen sein. Mohammed Nagibullah, ein Arzt und Parchami, war nahe bei Karmal, war unter ihm Chef des Geheimdienstes KHAD. Michail Gorbatschow (ab 1985 Generalsekretär des ZK der KPdSU) unterstütze ihn als Nachfolger Karmals. So wurde Nagibullah 1986 Generalsekretär des Zentralkomitees der DVPA (PDPA), 87 auch Staatschef. Nagibullah wollte Versöhnung, erliess eine neue Verfassung, weg vom Kommunismus; die DVPA wurde in Hezb-i Watan umbenannt. Eine volle Demokratie kam schon wegen des Boykotts der meisten Kräfte nicht zustande. Eine Wahl 88 brachte wie auch Loya Jirgas in den Jahren danach oder Lokalwahlen 87 keinen Pluralismus. Bezüglich Islam und paschtunischer Nationalismus kam Nagibullah der (Exil-) Opposition aber sehr entgegen.

Der Krieg in Afghanistan war einer der letzten Höhepunkte des Kalten Kriegs. Reagan liess Afghanistan, Angola und Nicaragua destabilisieren, liess nochmal töten und Allianzen mit zweifelhaften Kräften eingehen. Der Krieg in Afghanistan wurde zu einer Verteidigung “des Islams” aufgeblasen. Saudis wie Amerikaner wollten der Welt zeigen dass die “gottlosen” Kommunisten die Verlierer sein würden. Im Kalten Krieg waren schon die Muslimbrüder in Ägypten gegen Naser vom Westen unterstützt worden, die Hamas gegen die PLO; konservative religiöse Monarchien wie Saudi-Arabien und Islamisten wurden als vermeintlich authentische politische Kraft “ihrer” Kultur angepriesen. Edle Wilde mit authentischen, unverdorbenen Normen. Die Kommunisten versuchten eigentlich vieles von dem, was der Westen jetzt in Afghanistan zu erreichen versucht, durchzusetzen; etwa wurde versucht, Zwangsverheiratungen einen Riegel vorzuschieben oder ein Mindesalter für Heiraten durchzusetzen. Der Afghanistan-Krieg trug zum “Fall” der Sowjetunion schliesslich (entscheidend) mit bei.

Und, die westlichen Mächte, insbesondere die Amerikaner, schufen/stärkten ihre künftigen Feinde, indem sie die Mujahedin so intensiv unterstützten. Die Anfänge des modernen Islamismus, das waren die Mullahs im Iran ab 1979 und die Mujahedin in Afghanistan zur selben Zeit; der Westen war also an seiner Wiege. Auch Bin Laden unterstützte den Kampf der Mujahedin gegen die von der Sowjetunion unterstützte kommunistische Regierung. Als Mujahedin damals Lehrer oder Polizisten angriffen (wie heute die Taliban), waren sie die Guten… Der Westen und seine doppelten Standards. So wie die von Raketen getöteten Palästinenser in Gaza oder aber die auf Kranlastern aufgehängten Iraner. Das eine rechtfertigt man, das andere instrumentalisiert man.

Hekmatyar verlor die pakistanische Unterstützung, als er einen paschtunischen Nationalismus an den Tag legte; nachdem er während des “2. Golfkriegs” seine Sympathie mit Saddam bekundete, auch jene der Saudis… Hamid Gul war Ende der 1980er Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI, war entscheidend bei der Unterstützung der Mujahedin. Der Militär aus dem Punjab tat dies aus seiner islamistischen Haltung und aus pakistanischem Nationalismus heraus; die Destabilisierung Afghanistans wegen den Paschtunen Pakistans, wegen der Angst vor Irredentismus, hat eine lange Tradition. Gul bekam einst ein Stück der Berliner Mauer für sein Wirken, von Bürgern der Stadt, heisst es, weil er mithalf, der Sowjetunion “einen ersten Schlag zu verpassen”… Gul unterstütze während und nach seiner Zeit als Geheimdienst-Chef Separatisten/Terroristen im Kaschmir, gründete eine konservative Partei, traf 1993 Bin Laden der für ihn kein Terrorist war, spielte evtl eine Rolle bei dessen Versteck in Pakistan, war im Jänner 01 Teilnehmer einer Konferenz in Peschawar zur Unterstützung des Taliban-Staates “Islamisches Emirat Afghanistan”. Es heisst, er befürworte offen die Disintegration Indiens, welche Pakistan auf verschiedenen Wegen zu erreichen versuche.

Die “Washington Post” schrieb noch 2012: “Afghanistan’s history since 1979, when the Soviet Union invaded to prop up a sympathetic government, has been dark and often violent.” Das “Schwarzbuch des Kommunismus” von 1997, in dem es über weltweite Verbrechen, Terror, Unterdrückung von kommunistischen Staaten, Regierungen und Organisationen geht (Herausgeber war der französische Historiker Stéphane Courtois), geht in Kapitel 5 u. a. auf das sowjetisch beherrschte Afghanistan ein. Bald nach seinem Erscheinen kamen im Westen dann “Schwarzbücher” des Islam(ismu)s heraus, in denen dann die von den Mujahedin getöteten afghanischen Kommunisten gezählt wurden.

Von der offiziellen Homepage des verstorbenen Otto Habsburg (www.ottovonhabsburg.org):

Afghanische Mujahedin 1983 im Europaparlament mit CSU-Abgeordneten; Bildunterschrift (noch immer): “Otto von Habsburg mit afghanischen Freiheitskämpfern und Ingo Friedrich im Europäischen Parlament”

Der US-Amerikaner (belgischer Herkunft) Thomas E. Gouttierre kam 1964 mit dem “Peace Corps” nach Afghanistan, unterrichtete dort Englisch (auch dem späteren kommunistischen Präsidenten Nagibullah) und Basketball (auch das Nationalteam Afghanistans!), lehrte im Fulbright-Programm Politikwissenschaft, blieb 10 Jahre (10 der guten Jahre des Landes), dürfte Dari und Paschtu gelernt haben. Er wurde dann Direktor des Center for Afghanistan Studies an der University of Nebraska – dieses wurde 1973 mit Hilfe des Energieunternehmens “Unocal” geschaffen, und von diesem finanziert. Unocal hat auch zur Zeit der Destabilisierung der kommunistischen Regierung Flüchtlinge (?) in Pakistan unterstützt. Gouttiere liegt auch auf der Linie, dass die kommunistische Regierung bekämpft werden musste. Er nennt das Land einen der schönsten Plätze der Welt, das unter den Taliban ein “religiöses Konzentrationslager” geworden sei (und wer hat diese früher unterstützt?). Gouttierre hat als Direktor des Zentrums staatliche und internationale Stellen sowie Medien bezüglich Afghanistan beraten. Er hat auch die Afghanistan-American Friendship Foundation gegründet. Ist ein Freund von Khalilzad, dieser mischt(e) auch bei Unocal bzw der Pipeline (s. u.) mit.

Afghanistan wurde die blutende Wunde der Sowjetunion; so reifte im Kreml die Erkenntnis, dass der Krieg nicht zu gewinnen sei. Nach 10 Jahren Engagement und Zehntausenden Toten zog sich die Rote Armee 1989 aus Afghanistan zurück. Das von der USA unterstützte Lager hatte ein “Unentschieden” erreicht. Es kam zum Genfer Abkommen (SU und US als Schutzmächte von afghanischer Regierung und Widerstand), das den sowjetischen Abzug bestätigte. Nagibullah versuchte diesen zu verhindern. Kleinere Truppenteile blieben, zB für den Schutz der sowjetischen Botschaft, und die Hilfe ging von aussen weiter. Die Sowjetunion wollte die kommunistische Regierung auch halten um das Vordringen des politischen Islam in der Region aufzuhalten, in der damals ihre zentralasiatischen Republiken lagen. Nagibullah setzte nun vollends auf die Durchsetzung paschtunischer Hegemonie – erreichte damit aber (auch) den Abfall von Nicht-Paschtunen von der kommunistischen Regierung. Auch dass die KP 1990 das Machtmonopol aufgab, nutzte den Kommunisten nicht mehr. Die Mujahedin bildeten 1989 eine Gegenregierung in Peschawar.

Die Regierung geriet nach dem sowjetischen Abzug weiter in die Defensive. Nun handelte es sich um einen reinen Bürgerkrieg, auch wenn beide Seiten von aussen unterstützt wurden. Die US-Unterstützung der Mujahedin ging bis 92; nach dem Ende der Sowjetunion 91 kam noch etwas zivile Hilfe von Russland für die kommunistische Regierung Afghanistans, auch von Ex-SU-Republiken in Zentralasien, die nun unabhängig wurden (v.a. Usbekistan, Tadschikistan). Daneben mischten auch Pakistan und der Iran mit. Mit dem Ende des Kalten Kriegs verlor der Afghanistan-Konflikt seine weltpolitische Dimension, gewann sie aber bald wieder…

Die kommunistische Regierung erteilte die Erlaubnis, Milizen zu bilden, solange sie auf ihrer Seite kämpften. Rashid Dostam gründete die “Jauzjan”, eine Miliz der Usbeken Afghanistans. Sie bekam die Unterstützung des frisch unabhängigen Usbekistans. Dostam wechselte dann die Seiten, ging zu den Mujahedin über. Das war mit-entscheidend, dass im Frühling 1992 das kommunistische Regime kollabierte. Der parteilose Hatef bernahm vorübergehend die Staatsführung. Zur Machtübergabe wurde das Peschawar-Abkommen geschlossen, das eine Übergangsregierung der Mujahedin-Gruppen mit Mojadedi als Übergangs-Präsident vorsah. Das Abkommen hatte den Segen des scheidenden kommunistischen Regimes und der allermeisten Mujahedin-Gruppen, nicht aber von Hekmatyars Hezb-i Islami.

Am Ende dieses Krieges kämpften verschiedene Mujahedin-Gruppen bereits gegeneinander. Auf der einen Seite eine Allianz der tadschikischen Jamiat-i Islami, und der Usbeken Dostams, auf der anderen Seite Paschtunen der kommunistischen Khalq und der Hezb-i Islami… Usbeken und Tadschiken nahmen Kabul ein, setzten Burhanuddin Rabbani als Staatspräsident ein, anstelle von Mojadedi (dessen Sekretär ein gewisser Hamid Karsai war). Damit war zum ersten Mal seit dem Sturz Amanullahs 1929 die Macht in Afghanistan nicht in den Händen von Paschtunen. Als Mujahedin-Führer in den Präsidentenpalast einzogen, im Moment des Sieges, war die Allianz der verschiedenen Gruppen bereits zerbrochen. Die Hauptstadt, die in kommunistischer Zeit fast unversehrt geblieben war, wurde nun Schauplatz von Kämpfen, geriet in die Hände der Mujahedin, Leute flüchteten aufs Land. Dostam liess Nagibullah den Weg zum Flughafen abschneiden, der ging in die UN-Mission in Kabul. Anahita Ratebzad, 1978 bis 1992 in der Führungsspitze der Kommunistischen Partei (Demokratischen Volkspartei) und in kommunistischen Regierungen, ging nach Indien, dann nach Deutschland.

In vielen Gebieten hatte es schon lange keine kommunistische Herrschaft gegeben, herrschten Warlords autonom, zB Ismail Khan in West-Afghanistan. Diese standen nun auf der einen oder anderen Seite im neuen Machtkampf. Spätestens im Dezember 92 fiel die neue Ordnung ganz auseinander. Hekmatyar war als Premier kurz eingebunden, griff dann zu den Waffen gegen die neue, tadschikisch dominierte Regierung unter Rabbani. Pakistan und Saudi-Arabien unterstützten die Paschtunen. Die Tadschiken als die Kleineren konnten leichter geeint werden. Die Macht von Rabbanis Regierung war bald wie zuvor die der kommunistischen auf wenige Teile des Landes beschränkt.

Afghanistan wurde vor diesem Hintergrund (Anarchie, islamistische Akteure) ein Zentrum des internationalen Islamismus. Alle Kriegsparteien beriefen sich nun auf den Islam, sahen sich genötigt, radikalere und plakativere Vorstellungen von ihm zu vertreten. USA, Saudi-Arabien, Pakistan zogen weiter an einem Strang, mit der paschtunischen Seite. Erst als sich ich den 1990ern zeigte, dass in deren Schatten auch Islamisten wirkten die Anschläge gegen die USA verübten, änderte sich das. Eine obskure Gruppe “religiöser Studenten” (Taliban) tauchte in diesen Kämpfen zwischen den meisten Paschtunen-Gruppen und (vereinfacht gesagt) dem Rest (meiste Tadschiken-Fraktionen, hesorische schiitische Hezb-e Wahdat; die usbekische Dostam-Miliz Jonbesh-i Melli wechselte wieder hin und her) auf. Es waren (sind) Ghilazi-Paschtunen, die auch unter Durrani Anhänger fanden (Raum Kandahar), die vom Deoband-Islam geprägt waren, in der Zeit in Flüchtlingslagern in Pakistan. Auch ehemalige Khalqis (also Kommunisten) waren/sind unter den Taliban! Da sie die Paschtunistan-Frage ruhen lassen, hat sich Pakistan ihrer angenommen. Und, die Entstehung al Kaidas ist hier anzusetzen.

Im September 1996 nahmen die Taliban Kabul ein. Pakistan und Saudi-Arabien anerkannten die neue Regierung umgehend. Was nun mit dem vier Jahre zuvor gestürzten kommunistischen Staatschef Nagibullah geschah, war ein Vorgeschmack auf das Wirken der Taliban. Während seiner Jahre im UN-Gelände in Kabul hoffte er auf ein von seinen Gastgebern mit den Regierenden (den gemäßigteren Mujahedin) ausgehandeltes freies Geleit nach Indien. Und, er beschäftigte sich damit, Peter Hopkirks Buch “The Great Game” in Pashto zu übersetzen. Als die Taliban dabei waren, Kabul einzunehmen, bot ihm Verteidigungsminister Ahmed Massud (der ihn seit Kindertagen kannte) zweimal die Möglichkeit an, aus der Stadt zu fliehen. Nagibullah winkte ab, glaubte, die Taliban, Ghilzai-Paschtunen wie er, würden ihn verschonen. Bald darauf kamen sie aber, um ihn (und seinen Bruder) grausam zu Tode zu foltern und dann öffentlich auszustellen

Das Regime der Taliban wurde ein viel schlimmeres als das kommunistische, ein radikal-islamisches, mit Burka-Gebot für Frauen, Verboten von Musikhören und dergleichen; ein auf selektiven Interpretationen religiöser Schriften basierendes System. Das Regime trat nicht zuletzt in Kabul hart auf, wie Schetter schreibt, mit viel Misstrauen gegenüber der Persisch-sprachigen, städtischen Bevölkerung, die ohnehin des Kommunismus verdächtig waren. An der Spitze standen “Mullah” Omar, ein Hotak-Ghilzai, 96-01 de facto-Staatschef, und Mohammed Rabbani. Hekmatyar unterstützte das Regime. Die Taliban haben sich auch mit Exporten von Heroin, das sie als “un-islamisch” verboten, finanziert. Auch arabische Söldner halfen wieder. Die Taliban wurden Speerspitze bzw Gastgeber des weltweiten islamistischen Terrors, boten al Kaida Unterschlupf. Oder anders herum, die Taliban kontrollierten mithilfe des Geldes und den “Kämpfern” der Kaida den grössten Teil Afghanistans.

Hezb, Jamiat, Jonbesh, Itihad, Wahdat, also alle anderen namhaften Kräfte, schlossen sich gegen die Taliban(-Regierung) zusammen, die tadschikisch dominierte Nordallianz (“Vereinigte Nationale Islamische Front”) entstand, unter Burhanuddin Rabbani und Massud. Rabbani leitete vom Exil in Tadschikistan (wo auch ein innerer Krieg war) eine Gegenregierung. Afghanische Botschaften in europäischen Ländern mit Jamiat-i Islami-Leuten blieben anerkannt, auch den UN-Sitz hatte die Nordallianz inne. Sie hielt im Norden Gebiete unter ihrer Kontrolle; der Süden und Teile des Nordens waren das von den Taliban gebildete “Islamische Emirat Afghanistan”, dieses wurde von Pakistan und Saudi-Arabien unterstützt. Die UN anerkannte aber auch die Taliban-Regierung; was aber auch nur den Realitäten entsprach, sie kontrollierte grosse Teile des Landes. Die Nordallianz bekam Unterstützung von Usbekistan, Iran, Russland, Indien. Der Krieg ging weiter.

Kämpfe gab es u.a. an den Hindukusch-Pässen, also wo Norden und Süden bzw die beiden Machtsphären aneinander grenzten. Es gab ein Massaker von Hesoren an Taliban in Mazar-i Scharif; es ist ähnlich zu beurteilen wie Angriffe von Bosniaken um das eingeschlossene Srebrenica. Bei Taliban-Offensiven und in ihrem Herrschaftsbereich gab es viele Gräuel. Nach einer Taliban-Offensive 98 blieb nur der Nordosten (wo Massud herrschte) ausserhalb des Taliban-Bereichs. Nordallianz-Fraktionen kämpften zeitweise auch gegeneinander.

Dass USA und die Taliban arbeiteten bis 1998 zusammen, es liefen Verhandlungen über Öl/Gas-Transit, eine Pipeline von Zentralasien nach Pakistan und Indien. Dass USA- und Taliban-Regierung so lange zusammen arbeiteten, sagt über beide Seiten nichts Gutes aus, über das Demokratieverständnis der Einen und den Antiimperialismus der Anderen. Die Trans-Afghanistan Pipeline soll von Turkmenistan über Afghanistan und Pakistan zur indischen Küste laufen, wurde in den 1990ern geplant. Unocal ist dabei der wichtigste “Spieler” im CentGas-Konsortium. Die Bedeutung Afghanistans für die USA kommt zu einem guten Teil wegen dieser Pipeline bzw dem Transport-Transit. Und, Afghanistan hat nach Schätzungen 1,9 Milliarden Barrel unentdeckte Rohölreserven. Die USA übte in den 1990ern auf die afghanischen Machthaber Druck aus, sich nicht mit Pipelines an den Iran zu binden, sondern an Pakistan. Nach den Anschlägen auf US-Einrichtungen in Afrika gab es amerikanische Luftangriffe auf vermutete al Kaida-Stellungen bzw Ausbildunsglager in Afghanistan. Die Nordallianz ging dann eine Allianz mit der USA ein. Die Pipeline-Pläne kamen nach 01 wieder auf den Tisch.

2001 zunächst die Sprengung der Buddha-Statuen in Bamiyan, eine höchst symbolträchtige Aktion. Ahmed Schah Massud, der Nordallianz-Führer, der “Löwe von Panjshir”, wurde dann nur zwei Tage vor den Kaida-Anschlägen in USA im September 01 getötet, durch algerische Islamisten. Einige Monate davor hatte er westlichen Journalisten gesagt, “Die Afghanen machen immer dieselben Fehler”. Der Übergang des Kalten Kriegs ins Zeitalter, der Weltära der Islamkrise und der Islamophobie ist in/an Afghanistan am deutlichsten nachzuvollziehen, auch der Anteil des Westens. Es vergingen weniger als 10 Jahre zwischen dem Sieg der Mujahedin über die Kommunisten, mit Unterstützung des Westens, und dem Angriff des Westens auf den von einem Teil dieser Islamisten geführten Staat, der Urheber von Anschlägen auf den Westen bzw die USA beherbergte.

Nach 11/9/01 forderte die US-Regierung zunächst die Auslieferung von Bin Laden, griff dann im Oktober an, mit Truppen aus Grossbritannien und der “Coalition against Terrorism” (“Operation Enduring Freedom – Afghanistan”), v.a. von Pakistan und Usbekistan aus, zum Sturz der Taliban. Gleichzeitig trat die Nordallianz zu einer Offensive an, mit Luftunterstützung von amerikanischen B-52-Kampfbombern. Am 8. November die Einnahme von Mazar-i Sharif, noch Ende des Monats ihr Einzug in Kabul. Burhanuddin Rabbani wurde wieder Präsident. Die Taliban traten nach der Niederlage den Rückzug an; ihre letzte Hochburg im Norden, Kunduz, fiel am 25. November an die Nordallianz. Im Zusammenhang mit dieser Zurückdrängung kam es zu Vertreibungen von Paschtunen aus Nord-Afghanistan. Im Dezember fiel Kandahar, ab da waren Taliban und al Kaida im Grenzgebiet zu Pakistan zurückgedrängt.

Dann wurden Verhandlungen am Bonner Petersburg organisiert, zwischen Anti-Taliban-Kräften; die Kommunisten spielten dabei keine Rolle mehr. Mit dabei waren die Nordallianz, die damals den grössten Teil Afghanistans kontrollierte und den Präsidenten stellte; dann die zum gestürzten König stehende Rom-Gruppe unter dem usbekischen Afghanen Abdul S. Sirat (Justizminister unter ihm von 1969 bis 1973); die Zypern-Gruppe welche damals mit dem Iran Verbindungen hatte (Hezb-i Islami und Hezb-i Wahdat); und die Peshawar-Gruppe von dort noch Exilierten unter Ahmed G(a)ilani von der Mahaz-e Milli-ye Islami-ye Afghanistan (Nationale Islamische Front Afghanistans) die zu den Peshawar Sieben gehört hatte und unter diesen die säkularste war (und am wenigsten Waffen bekam), auch monarchistisch. Bei den Verhandlungen 2001/02 wurde Hamid Karsai (vom Popalzai-Stamm, zu den Durranis gehörig) als neuer Übergangs-Präsident eingesetzt, mit Segen der amerikanischen Besatzer. Karsai war nach dem Sturz der Kommunisten unter Präsident Burhanuddin Rabbani Teil des politischen Establishments gewesen, hatte für eine Zeit die Taliban unterstützt, dann eine Restauration der Monarchie; dass er für Unocal ein Berater war, wird heute abgestritten. Nach einigen Angaben ist er als Mitglied der Rom-Gruppe in die Verhandlungen eingestiegen. Unter den zu Vizepräsidenten Gekürten war die hesorische Ärztin Sima Samar, Repräsentantin der Rom-Gruppe. Die NATO-geführte ISAF (International Security Assistance Force) wurde aufgrund der Konferenz aufgestellt, bekam ein UN-Mandat.

Karsai wurde als Präsident im Juni 2002 von einer Loya Jirga bestätigt (die in einem ehemaligen bayerischen Bierzelt zusammentrat). Auch der Ex-Schah Mohammed Z. Mohammedzai war im Gespräch gewesen. Dieser kehrte 02 aus Italien zurück, bekam Ehrenfunktionen und Restitution. Weiters wurde eine Festlegung auf Wahlen getroffen. Die Regierung, seit dem Regimewechsel durch die Nordallianz mit tadschikischer Dominanz, bekam bald wieder ein Übergewicht von Paschtunen. Der Exil-Afghane Khalilzad wurde US-Botschafter; früher war er Manager bei Unocal gewesen, dann Bush-Berater. Der mit der amerikanischen Frauenrechtlerin Cheryl Benard verheiratete Khalilzad ist aber kein ganz Schlechter. Afghanistan ist für die USA wirtschaftlich und strategisch wichtig. Der junge Bush hat Kriege in Afghanistan und Irak geführt, die dabei gestürzten Taliban und Baath waren unter Reagan (und seinem Vater als VP) noch von der USA unterstützt worden.

Rückzugsgebiet der Taliban und Resten von al Kaida (nach wie vor überwiegend Ausländer) wurde der Hindukusch und das ebenfalls gebirgige Grenzgebiet zu Pakistan. Von dort aus wurden und werden Guerilla-/Terror-Angriffe gegen die neue Ordnung, den neuen Staat, ausgeführt, v.a. im Süden des Landes. Etwa gegen Polizisten und Lehrer(innen), oder ausländische Soldaten. Bin Laden wurde im Tora Bora-Höhlensystem (stammt aus der Zeit des Kampfes gegen die SU) an der Grenze zu Pakistan vermutet. Auch “Mullah” Omar war untergetaucht. Der Wiederaufbau vollzog sich unter Gewalt. Die Paschtunen von den Taliban wegzuziehen war und ist dabei ein zentrales Anliegen. Der Mord an dem Vizepräsidenten Quadir 02 dürfte dagegen auf dessen Verwicklung in den Opiumhandel oder eine Stammes-Rivalität zurückgehen. Es gibt auch sogenannte Innentäterangriffe, wo afghanische Soldaten, zB in Ausbildungscamps, Vorgesetzte/Kollegen oder ausländische Ausbildner töten. 2011 hat die Kunde von der Koran-Verbrennung einer fundamentalistischen Kirche in der USA einen tödlichen Angriff auf eine UN-Zentrale in Mazar-i Sharif ausgelöst.

Möglicherweise werden die Taliban weiterhin durch den Staat Pakistan unterstützt. Jedenfalls haben sie im von Paschtunen bewohnten nordwestlichen Pakistan ein Hinterland. Musharraf war Bushs Verbündeter im “Krieg gegen Terror”, Pakistan wird weiter als solcher angesehen. Der (Nord)westen von Pakistan, das sind die paschtunisch besiedelten Gebiete Khyber Pakhtunkhwa (mit Peshawar, 2010 aus NWFP gebildet), die Federally Administered Tribal Areas (FATA), sowie ein Teil die Provinz Beluchistan. Während des Krieges mit den Kommunisten kam es in dieser Region zu einem Einstrom von Flüchtlingen aus Afghanistan, v.a. Paschtunen. Der Widerstandskampf der Mujahedin wurde von dort organisiert, v.a. in der NWFP.

Es gibt in der Region neben dem aus Afghanistan importierten und vom pakistanischen Staat geförderten auch einen “eigenen” Islamismus, v.a. in den “Tehrik-i Taliban” organisiert. Der Krisen-Raum im Grenzgebiet SO-Afghanistan/NW-Pakistan mit starker islamistischer Präsenz (Taliban-Rückzugsgebiet, pakistanischer Zweig Taliban dort) und paschtunischer Bevölkerung wird „AFPAK“ genannt; Paschtunistan oder Ost-Paschtunistan ist die irredentistische Bezeichnung. In diesem früher buddhistischen Gebiet, wo auch der Hinduismus blühte, noch immer manche Statuen Überbleibsel davon sind, wird wenig Kontrolle über die Grenze ausgeübt von staatlichen Stellen. Bin Ladens Versteck in Abbottabad wo er auch sein Ende fand, war dort, in Khyber Pakhtunkhwa. Islamistische Anschläge und westliche Drohnen-Angriffe fordern dort die Leben vieler Unschuldiger.

Wichtigster Faktor bei der pakistanischen Politik gegenüber Afghanistan ist der paschtunische Irredentismus. Pakistan hat schon “Ost-Pakistan” bzw Bangla Desh verloren. Der Irredentismus der Paschtunen hat einiges mit jenem der Belutschen gemeinsam, wie überhaupt diese beiden Völker. Es sind (herkunftsmäßig) iranische Völker, deren Siedlungsgebiet zT in West-Pakistan liegt, sie sind unterprivilegiert in diesem Staat, der durch Punjabi und Sindhi geprägt und dominiert ist; die Belutschen haben aber keine Schutzmacht. Die mangelnde Identifikation der Paschtunen und Belutschen mit Pakistan und ihre Unterprivilegierung in diesem Staat – was ist die Henne und was das Ei?

Manche sagen, wenn Karsai die Durand-Grenze anerkannt hätte, hätte Islamabad seine Unterstützung für die Taliban eingestellt. Pakistan sieht Afghanistan als seine Einflusssphäre. Afghanische Politiker machen den pakistanischen Geheimdienst für die Ermordung des früheren afghanischen Präsidenten Burhanuddin Rabbani 2011 verantwortlich (der Friedensgespräche mit Vertretern der Taliban geführt hatte). Die Unterstützung für afghanische Islamisten könnte sich aber auch gegen Pakistan wenden, der Salafismus im pakistanischen Paschtunen-Gebiet (zwei Taliban-Organisationen) könnte auch eine anti-pakistanische und/oder paschtunische-irredentische Färbung bekommen (sofern nicht schon geschehen). Die Durrani-Paschtunen gelten als liberal und besonders irredentistisch, die in und um Pakistan lebenden Ghilzai-Paschtunen als fundamentalistisch und weniger nationalistisch.

So verbindet die Haltung Pakistans ihnen gegenüber Afghanistan und Indien. Indien wurde eines der grössten Geberländer für Afghanistan, hat unter anderem in die Verkehrs-Infrastruktur investiert. Hamid Karzai hat die indische “Karte” gegenüber Pakistan gespielt. Zwei Bombenanschläge auf die indische Botschaft in Kabul 2008 und 2009 könnten vom pakistanischen Staat als Warnung an die indische Regierung gedacht gewesen sein, sich mit ihrem Engagement in Afghanistan zurückzuhalten.

Die Paschtunen sind nicht das einzige Volk, das zwischen zwei oder mehreren Ländern geteilt ist, ähnlich geht es den Tadschiken (Tadschikistan, Afghanistan, Usbekistan, wo ihr historisches Zentrum ist, u.a.), den Tswana (Botswana, Südafrika), den Iren (Irland, UK,…), oder den Mayas (Mexiko, Guatemala, Belize,…). Die Tadschiken und die anderen Nicht-Paschtunen Afghanistans hätten viel zu verlieren, wenn das pakistanische Ost-Paschtunistan zu Afghanistan käme, dann wären sie mit einer Mehrheit von ca 75% Paschtunen konfrontiert. Abgesehen davon wäre eine solche ethnische Grenzziehung für sie ein Anstoss, sich Tadschikistan, Iran oder Usbekistan anzuschliessen; wenn die Paschtunen konsequent ethnische Grenzen wollten, müssten sie Nord-Afghanistan bzw Ost-Khorassan aufgeben.

2002 wurden Dutzende Menschen beim Beschuss einer Hochzeitsgesellschaft durch Amerikaner getötet. 2015 wurden 22 Menschen bei dem “irrtümlichen” USA-Militärangriff auf ein Krankenhaus in Kunduz getötet. Der deutsche Oberst (inzwischen General) Klein liess 09 von Taliban entführten Tankwagen in Kunduz bombardieren, viele Zivilisten wurden getötet. 06 führte ein durch US-Soldaten verursachter Autounfall in Kabul zu Ausschreitungen. Einmal gabs einen Amoklauf eines US-Soldaten. Auch Drohnen töten oft die Falschen. Auf der einen Seite diese Gewalt, auf der anderen jene der Taliban. Gefangene wurden vom USA-Militär zT in Bagram gefoltert und nach Guantanamo gebracht. Die Luftwaffenbasis Bagram wurde in den 1950ern mit SU-Hilfe gebaut, war während der SU-Präsenz in den 1980ern eine Hauptoperationsbasis; die USA nutz(t)en es hauptsächlich als Militärgefängnis. Auch auf Präsident Karsai hat es, in Kabul, Attentatsversuche gegeben.

Murat Kurnaz, ein in Deutschland aufgewachsener Türke, wurde in Pakistan wegen Islamismus-Verdachts festgenommen und an die USA ausgeliefert, die ihn von 2002 bis August 2006 ohne Anklage im Guantanamo-Gefangenenlager auf Kuba festhielten. Er berichtete von Folter u.a. durch “Waterboarding”. Was nicht so bekannt ist, diese Methode wurde einst von der Gestapo angewendet, als “Badewanne”; später in Französisch-Algerien als “Baignoire”. Die Wertschätzung von gewissen Deutschen (und Österreichern) für das Waterboarding (mit vermeintlichen oder tatsächlichen Islamisten) steht also schon in einer bestimmten Tradition.

Die deutsche Bundeswehr stellt(e) den Grossteil der Truppen der Sicherheits- und Wiederaufbaumission ISAF und der Nachfolgemission “Resolute Support”, die an der Seite der USA Ordnungsmacht im Land waren und sind. Der Verteidigungsminister in der rotgrünen Bundesregierung, Struck, 2002: “Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt”. Deutschland ist im sichereren Norden präsent, andere Truppen vorwiegend im paschtunischen Süden, hauptsächliches Aktions- und Rückzugsgebiet der Taliban. Weitere westliche Nationen waren/sind beim Neuaufbau mit zivilen Aufgaben beteiligt. Auch viele Hilf- und Entwicklungsorganisationen sind in Kabul präsent. Ausbildung von afghanischen Soldaten und Polizisten erfolgt auch im Rahmen von ISAF bzw RS. Auch Firmen wie “Dyncorp” werden damit betraut. Viele Soldaten und Polizisten werden dann getötet; es gibt Desertionen; viele sind von lokalen Machthabern abhängig bzw diesen am stärksten loyal.

2004 wurde Karsai durch eine Wahl bestätigt, gegen den Tadschiken Yunus Qanuni (aus der Nordallianz; ein Spitzenpolitiker im Post-Taliban-Afghanistan). Eine neue Verfassung kam. Dann die Parlaments-Wahl ’05. Gewählt wurde das Unterhaus des nationalen Parlaments (Wolesi Jirga) sowie die Provinz-Parlamente, die dann das Oberhaus (Meschrano Jirga) beschickten; ein anderer Teil vom Oberhaus wird vom Präsidenten ernannt. Wie früher gab es ein Persönlichkeits-Wahlsystem (bzw direktes). Es gab eine geringe Wahlbeteiligung und anscheinend viele Manipulationen. Für die vielen Analphabeten wurden Zeichen neben dem Kandidaten-Namen auf den Wahlzettel abgebildet. Viele Kandidaten und gewählte Abgeordnete waren mit Parteien assoziiert, die auch Milizen waren; ehemalige Kriegsherren der Mujahedin dominierten (Dostam, Khan, Fahim,…), wie schon zuvor. Somit gaben weiter moderate Islamisten und in ruralen Strukturen Verhaftete den Ton an.

Das Patronagesystem wurde also gefördert. Die Taliban waren der grosse Abwesende, auch wenn einige ihnen Nahestehende antraten; sie versuchten die Wahl durch Gewalt zu stören. Hekmatyars Hezb-i Islami trat an. Jene Partei, der am meisten gewählte Kandidaten nahestanden, war die usbekische “Junbish” von Warlord Dostam, vor der tadschikischen Jamiat. Die Konstituierung des Parlaments, das erste Zusammentreten seit 1973, erfolgte im Beisein von Ex-Padschah Mohammedzai und USA-Vizepräsident Cheney. Ex-Mujahedin-Führer Mojadedi, der auch schon Loya Jirga-Vorsitzender war, wurde zum Oberhaus-Präsidenten gewählt. Als Unterhaus-Präsident versuchte Karsai einen Anderen aus dem antikommunistischen Widerstand durchzubekommen, Abdul Sayyaf.

Die Karsai-Regierung hatte etwa nicht die Mittel, Steuern einzutreiben, schon allein, weil das Finanzministerium schlecht ausgerüstet ist, vor allem aber, weil in den Provinzen “andere” Strukturen herrschen. Der 09 wiedergewählte Karsai versuchte dann, sich von der USA zu emanzipieren. Da waren einmal seine Amnestie- und Verhandlungsangebote an die Taliban. Und, er traf sich mit Chinas Präsident Hu und dem iranischen Präsidenten Ahmadinejad. Beim Treffen mit Hu gings um Afghanistans Bodenschätze; in Washington schrillten die Alarmglocken. Der Pipeline-Bau durch Afghanistan hat noch nicht begonnen; CentGas/Unocal scheint nimmer dabei zu sein in den Plänen. Auch Saudi-Arabien mischte in dem Konzern mit, der 05 zu Chevron kam.

Die meisten Entscheidungsträger in der Post-Taliban-Politik sind bis heute, wie erwähnt, ehemalige Mujahedin-Führer bzw. -Kommandanten. Auch Karsai wirkte damals im “Widerstand”, in zivilen Funktionen. Die Meisten waren in der kommunistischen Zeit oder/und während der Taliban-Herrschaft im Exil; vorwiegend in Pakistan oder Iran, manche auch in Usbekistan, Tadschikistan oder Indien. Manche kehrten auch aus dem Westen zurück, etwa Amin Farhang und Rangin Spanta, die in Deutschland waren und im Post-Taliban-Afghanistan Minister wurden. Kommunisten aber auch progressive Antikommunisten spielen heute so gut wie keine Rolle in der Politik. 1997 wurde in BRD eine “Watan-Partei” gegründet, als KP-Nachfolgepartei, sie existiert in Afghanistan nicht offiziell. Es gibt kaum Verfahren wegen oder Aufarbeitungen von Verbrechen im Kampf gegen den Kommunismus oder zwischen 1992 und 2001 von staatlicher Seite verübter. Assadullah Sarwari, Vorgänger von Nagibullah als Geheimdienst-Chef, wurde 06 zum Tode verurteilt, wegen seinem Vorgehen gegen Mujahedin; später folgte eine erfolgreiche Berufung.

Monarchisten finden sich sowohl unter den Rural-Traditionellen als auch unter den Urban-Progressiven, im Land wie im Exil; am meisten unter Durrani-Paschtunen. Der Ex-König starb 07 in Kabul. Sein ältester überlebender Sohn Ahmed Schah Khan Mohammedzai (* 1934) war 1973 eines von 14 Familienmitgliedern, die nach Dauds Coup verhaftet wurden; er durfte dann ins Ausland, ging nach Rom zu seinem Vater, später in die USA.

In der Landwirtschaft spielt Mohn eine dominierende Rolle, es ist wenig wasserintensiv, sehr profitabel, und es gibt immer eine Nachfrage. Daneben spielen Baumwolle und Früchte eine Rolle. Der grösste Teil des Roh-Opiums wird zu Heroin verarbeitet und in den Westen exportiert, ein kleiner Teil zu Rauch-Opium und im Land konsumiert. Opium ist in Afghanistan billiger als Alkohol. Cannabis wird gleichermaßen exportiert und konsumiert. Etwa 10% der afghanischen Bevölkerung soll im Drogengeschäft involviert sein. Die ISAF bzw ihre Nachfolgemission geht auch gegen Drogenanbau, -verarbeitung und -handel vor. Die Denkfabrik “Senlis Council” (ICOS) plädierte 05 dafür, den Mohnanbau in Afghanistan zu legalisieren um damit globalen Bedarf an medizinischen Opiaten zu decken.

Mohnfelder in Afghanistan
Mohnfelder in Afghanistan, wahrscheinlich im Südwesten, anscheinend nach der Ernte

Mit Jahresende 2014 beendete die “Sicherheits- und Wiederaufbaumission” ISAF offiziell ihren Kampfeinsatz am Hindukusch und begann die neue Mission „Resolute Support“ (Entschlossene Unterstützung). Auch der USA-Abzug wurde verschoben, Obama liess die Truppen aufstocken, sie haben nun etwa so viele dort wie einst die SU. Aufgrund der Instabilität wird das westliche Engagement fortgeführt. Bzw, weil die afghanischen Streitkräfte nicht so weit sind, den Kampf gegen die Taliban zu bewältigen. Eine grundsätzliche Frage dazu ist, ob die westlichen Streitkräfte dort Friedensstifter oder Kriegspartei sind. Und, ob es einen Widerstand jenseits der Taliban gibt, einen der gerechtfertigt ist. Die Taliban können vom Westen nicht besiegt werden, genau so wenig wie die Mujahedin von der SU, ein Elefant kann eine Ameise nicht zertreten; dass Taliban-Führer Omar getötet wurde, dürfte wenig daran ändern.

Sharbat Gula wurde einst in einem Lager geflüchteter Paschtunen in Pakistan von “National Geographic” fotografiert, es hiess sie sei durch sowjetisches Bombardement zur Vollwaisin geworden, wurde (Propaganda-)Symbol im Westen für das Trotzen des afghanischen Volkes gegenüber der kommunistischen Invasion (wer trotzte wem warum genau?), in ihren grün-blauen Augen spiegle sich der Schrecken des Krieges wieder. In Lagern in Peshawar wie jenem in dem Gula war, wurden auch die Taliban gebildet. Nach dem Taliban-Sturz wurde sie von westlichen Journalisten in Afghanistan gefunden und identifiziert, sie war zurückgekehrt nach dem Sieg der islamistischen Mujahedin, der Niederlage der Kommunisten, fand ein paar lobende Worte über die Taliban, wollte sich ohne Burka nun eigentlich nicht fotografieren lassen.

Und dann „Bibi“ Aisha Mohammadzai. Ihr wurde die Nase von Familien-Angehörigen abgeschnitten, da sie sich der Zwangsverheiratung mit 12 entzog (angeblich mit einem Taliban), schon in Nach-Taliban-Zeiten, also nach der USA-Invasion. Sie wurde von Amerikanern gefunden und in die USA gebracht, operiert usw. Nun, es waren jenen “tapferen Afghanen”, die man mit Stingern gegen die Kommunisten ausrüstete, um diesen zu “trotzen”, die sie verstümmelt haben. DEN Zusammenhang will man aber nicht sehen, hauptsache “white men save brown women”. Solche Frauen sind im Westen sehr präsent (die „nach westlichem Schutz schreienden“), nicht aber jene Frauen, die in der kommunistischen Partei aktiv waren und ebenso Bitteres erleben mussten (als der westliche Schutz den Islamisten galt…).

Afghanistan besteht aus zwei ethnisch unterschiedlichen Landesteilen, wie Mali, Belgien oder früher die Tschechoslowakei. Der Hindukusch trennt nicht nur die Landesteile, bietet auch immer wieder Unterschlupf für Kämpfer. Paschtunen, die “eigentlichen” Afghanen, haben seit der Staatsgründung 1747 fast immer das Land regiert. Die Paschtunen hätten mit dem Buddhismus eine vor-islamische Kultur (die sie mit geprägt haben), auf die sie sich “berufen” könnten, das tun sie aber nicht, sie sind durch und durch islamisch. Sie sind eines jener heute islamischen Völker, die mal grossteils buddhistisch waren, wie Indonesier oder Pakistanis.

Ist Afghanistan ein “Friedhof der Imperien”, wie es manchmal heisst? Das achämenidische Persien ging gegen die Griechen unter, nicht gegen die damaligen Gandhara-Reiche. Das makedonische Griechenland zerbrach nach Alexanders Tod durch den Machtkampf seiner Diadochen. Das Indien der Maurya ging auch nicht an Gandhara kaputt. Die Araber bzw das Kalifat konnten das Kabul-Reich nicht ganz erobern, gingen aber nicht daran unter. Die türkischen Ghaznawiden haben dieses Kabul-Reich besiegt. Mongolen haben grosse Zerstörungen im Hindukusch-Gebiet angerichtet, weder das dschingisidische noch das timuridische Reich ist an Paschtunen oder Tadschiken zerbrochen. Die Briten haben es wie die Sowjetrussen nicht geschafft, ganz Afghanistan zu unterwerfen – möglicherweise gilt das auch gegenwärtig für die USA. Die Briten haben aber wahrscheinlich (im 2. Krieg gegen Afghanistan) gar nicht mehr erreichen wollen als das was sie haben. Mit der Durand-Grenze haben die Briten nicht nur Afghanistan, sondern auch dem heutigen Pakistan ein “Ei gelegt”, ein schwieriges Erbe hinterlassen. Ja, die SU ist auch wegen ihres Afghanistan-Engagements auseinandergebrochen.

Was eher zutrifft als die Friedhofs-These, ist, dass Afghanistan Schauplatz mancher weltpolitischer Wenden war und ist. Wahrscheinlich sind noch einige der Stinger in Gebrauch, die die USA in den 1980ern an die “Freiheitskämpfer” lieferte, nun gegen den einstigen Sponsor. Das Land zuerst “Opfer des Kommunismus”, dann jene Kräfte die man dagegen stärkte, neue Weltbedrohung. Die Säkularisierung der Gesellschaft und der Kampf gegen die Macht der rückständigen ruralen Clans, was der Westen jetzt versucht, hat die kommunistische Regierung in den 1980ern versucht und wurde dabei vom Westen bekämpft.

Eine Konstante seit ca 100 Jahren ist ein Konflikt-Kreislauf aus Modernisierung und Gegenreaktion. Die Kommunisten haben etwa die Geschlechtertrennung im Schulunterricht aufgehoben (natürlich waren auch die Lehrinhalte, die sie einführten, im Sinne ihrer Ideologie gefärbt, und nicht unbedingt an objektiven Kriterien ausgerichtet); solche Maßnahmen waren der Grund für das Unbehagen über die kommunistische Herrschaft, schon vor der sowjetischen Invasion. Unter Amanullah, Mohammed Zahir und Karsai gab es vergleichbare Schritte, die zu Gegenreaktionen führten, welche den Urheber der Modernisierung “wegfegten” oder das beinahe taten. So dass ein radikaler, zwangsweiser Bruch angemessener ist als Rücksicht auf Traditionen?

Schetter: “Die meisten Afghanen verstanden unter Islam und Kommunismus keine ausgefeilten Ideologien, sondern die Fortführung des Dualismus von Stadt und Land.” Der Partikularismus ist auch eine der Konstanten dieses Landes, nicht nur jener zwischen Paschtunen und Tadschiken. Familie, Clan, Stamm, Ethnie oder die Region sind oft wichtiger als der Staat, die Nation. Ein Staat, dem die Steuerung und Kontrolle von Partikularinteressen gelingt, ohne totalitär zu sein, eine Zivilgesellschaft, in der Konflikte nicht mit Waffengewalt ausgetragen werden, das fehlt Afghanistan. Die Entwicklungen in der Region deuten darauf hin, dass dorthin noch ein weiter Weg ist. Auch ist eine Überlagerung von Konflikten zu beobachten. Die Schiiten Afghanistans etwa (Hesoren, Kizilbash,…) werden seit Jahrhunderten diskriminiert – und das betrifft auch jene, die nicht religiös sind. Dass sich das iranische Regime ihrer annimmt, stärkt den Fundamentalismus unter ihnen, bringt weiteren ausländischen Einfluss, ist aber nicht die Wurzel des Problems.

Raschid Dostam, der jetzige Vizepräsident Afghanistans, personifiziert die Übergänge von Konflikten des Landes seit den 1980ern, als er als Kriegsherr an der Seite der kommunistischen Regierung begann; der Führer der usbekischen Afghanen kämpfte zunächst für, dann gegen die Sowjets/Kommunisten, später mit und gegen die Nordallianz. Die Einbindung von Figuren wie ihm in den jetzigen Staat ist andererseits aber vernünftig, da Konflikte sonst wieder mit der Waffe ausgetragen würden, wenn nicht in der Kabuler Politik. Seiner Partei etwa könnte wieder zu einer Miliz werden.

Die Präsidentenwahl 14 war wieder umstritten, was ihren Ausgang betrifft (wie jene 09). Nach monatelangem Streit zwischen dem Lager des Paschtunen Ashraf Ghani mit dem Lager des Gegenkandidaten Abdullah Abdullahs, des tadschikischen Ex- Aussenministers, ist Ghani zum Sieger der Wahl erklärt worden, am selben Tag an dem sich die Lager auf eine Einheitsregierung einigten; Abdullah wurde Ministerpräsident.

Die Kämpfe haben eigentlich nie aufgehört seit 1978. Alle Nachbarn und Regionalmächte sind in Afghanistan in verschiedener Hinsicht involviert, ob als Wirtschaftspartner oder Schutzmacht der einen oder anderen Bevölkerungsgruppe. Die Konkurrenz zwischen Iran und Saudi-Arabien strahlt zumindest nach Afghanistan hinein. Wird es ein neues “Great Game” geben, um die bzw in der Drehscheibe des asiatischen Schicksals? Durch den Islamismus als Weltthema ist das Westineresse gegeben und gewisse Erwartungen von dort. Die anhaltende Flucht von Afghanen nach Europa oder in andere Länder Asiens zeigt, das eine “Normalisierung” noch in weiter Ferne ist.

Literatur:

Nancy Hatch-Dupree kam 1962 als Diplomatengattin aus der USA nach Afghanistan, begann, sich mit der Geschichte des Landes zu beschäftigen. Dann traf sie einen Landsmann, den Archäologen Louis Duprée. Bald darauf liessen sie sich von ihren damaligen Partnern scheiden und heirateten. Sie lebten und arbeiteten zusammen in Kabul, reisten durch das Land, nahmen Ausgrabungen vor, schrieben Bücher über Afghanistan. Bis zur kommunistischen Saur-Revolution im April 1978, da wurden sie von der neuen Regierung unter dem Spionage-Verdacht für die USA des Landes verwiesen. Die nächsten Jahre verbrachten sie mit vielen exilierten Afghanen in Peshawar, engagierten sich für die Flüchtlinge und Emigranten. Louis Dupree starb 1989, als die Sowjets aus Afghanistan abzogen. Nancy kehrte wieder zurück, ging dann wieder ins Exil. Sie ist mittlerweile amerikanische und afghanische Staatsbürgerin. Heute lebt sie wieder in Peshawar, reist öfters nach Afghanistan. Nicht zuletzt, um ihrer Arbeit nachzugehen und ihre Früchte zu geniessen. Sie hat “SPACH” gegründet (“Society for the Preservation of Afghanistan’s Cultural Heritage), die “Louis and Nancy Hatch Dupree Foundation”, und das “Afghanistan Centre” an der Universität Kabul. Sie berät das afghanische Informations- und Kulturministerium. Und, sie sagt, es gäbe viel Gemeinsamkeiten zwischen dem Beginn der “Goldenen Phase” des Landes ab den 1930ern und jetzt. Von Louis Dupree kam u.a. 1973 “Afghanistan” heraus; Nancy Hatch-Dupree verfasste zuvorderst „An Historical Guide to Afghanistan“ (1977 2. Ausgabe).

Conrad Schetter: Kleine Geschichte Afghanistans (1. Auflage 2004)

Shaista Wahab: A Brief History of Afghanistan (2010)

Martin Ewans: Afghanistan – A New History (2002)

M. M. S. Farhang: Afghanistan in den letzten fünf Jahrhunderten (1992)

Antonio Giustozzi: Empires of Mud. Wars and Warlords in Afghanistan (2012)

Steve Coll: Ghost Wars. The Secret History of the CIA, Afghanistan, and Bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001 (2004)

Angelo Rasanayagam: Afghanistan. A modern history (2005)

Der Afghane Khaled Hosseini schreibt u.a. zeithistorische Romane (z.T. mit autobiografischem Charakter), etwa “Drachenläufer” (2003)

Ghulam Mohammad Ghobar: Afghanistan in the Course of History (1967/68)

Paul Fitzgerald und Elizabeth Gould: Invisible History. Afghanistan’s Untold Story (2009)

Olivier Roy: Islam and resistance in Afghanistan (1992)

Roger Willemsen: Afghanische Reise (2006)

Christine Noelle-Karimi and Conrad Schetter: Afghanistan – A Country without a State? (2002)

Mahmood Ahmed: Stinger Saga (2012)

Ahmed Rashid and Harald Riemann: Taliban: Afghanistans Gotteskämpfer und der neue Krieg am Hindukusch (2010)

Thomas Barfield: Afghanistan: A Cultural and Political History (2012)

Cheryl Benard: Veiled Courage. Inside the Afghan Women’s Resistance (2002)

Beverly Male: Revolutionary Afghanistan. A Reappraisal (1982)

Rajiv Chandrasekaran: Little America: The War Within the War for Afghanistan (2012)

Ahmad Shayeq Qassem: Afghanistan’s Political Stability. A Dream Unrealised (2013)

Siba Shakib: Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum weinen. Die Geschichte der Shirin-Gol (2003)

Meredith L. Runion: The history of Afghanistan (2007)

Jeffery J. Roberts: The Origins of Conflict in Afghanistan (2003)

Christian Eichhorn: Afghanistan. Die Bedingungen für den sowjetischen Einmarsch, seine Gründe, Auswirkungen und Folgen sowie der Widerstand der Mudjaheddin bis zum Sturz des Präsidenten Nadjibullah (1993)

Chahryar Adle, Irfan Habib, Karl M. Baipakov (Hg.): History of Civilizations of Central Asia. Volume V – Development in contrast: from the sixteenth to the mid-nineteenth century (2003)

Ali Banuazizi, Myron Weiner (Hg.): State, Religion, and Ethnic Politics: Afghanistan, Iran, and Pakistan (1988)

Vartan Gregorian: The Emergence of Modern Afghanistan. Politics of Reform and Modernization (1969)

Rodric Braithwaite: Afgantsy. The Russians in Afghanistan, 1979–1989 (2007)

Links:

Englischsprachiges Online-Nachrichtenmagazin zu Afghanistan

Text & Bilder zu Afghanistans goldener Zeit

Adenauer-Stiftung über die Entwicklung politischer Parteien in Afghanistan (Englisch)

Emran Firoz

https://www.afghanistan-analysts.org/ (Afghanistan Analysts Network)

Die Rapperin Soosan Firooz lebt in Kabul, war in den 90ern als Flüchtling in Iran & Pakistan, singt auf Dari, trotzt Bedrohungen. Das dürfte ihre Facebook-Seite sein

http://peopleus.blogspot.co.at/2012/07/afghanistan-in-1950s-60s-and-70s.html

Artikel im South Asia Multidisciplinary Academic Journal (SAMAJ)

Die in Afghanistan getötete deutsche Fotografin Anja Niedringhaus

http://edwardzellem.blogspot.com/2015/02/dr-farid-younos-afghan-american-tv.html

http://www.marxists.de/middleast/neale/taliban.htm

http://afghanistanonmymind.blogspot.com

http://lysis.blogsport.de/2006/05/27/islamophobie-als-spielform-des-kulturalistischen-rassismus/

Von der im Exil lebende Frauenrechtlerin, Anthropologin, Dichterin Zieba Shorish-Shamley

http://gratianedemoustier.com/stories/afghanistan-in-transition/

Aus diesem Artikel: “…exaggerating the horrors of this country has been good business since Marco Polo.”

Auch Fotos aus Afghanistans vergangener Moderne

Revolutionary Association of the Women of Afghanistan (RAWA; Persisch: جمعیت انقلابی زنان افغانستان , Jamiyat-e Enqelābi-ye Zanān-e Afghānestān). RAWA engagiert sich für Frauenrechte und eine säkulare Demokratie, für gewaltlose Strategien. Die Organisation war gegen Kommunisten, Mujahedin, Taliban und auch die jetzige USA-gestützte Islamische Republik. RAWA befürwortet den Abzug ausländischer Truppen aus Afghanistan.

www.afghanland.com

Facebook-Seite eines in Österreich lebenden hesorischen Afghanen, der dort auf Persisch zu Afghanistan schreibt

Auch Fotos von Afghanistans “goldener Zeit”, die selben wie auf der beim Bild angegebenen Facebook-Seite

www.foundationforafghanistan.org

Über die Durand-Grenze zu Pakistan

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rumäniens Ex-König

Der ehemalige rumänische König Mihai (Michael) aus dem Haus Hohenzollern-Sigmaringen ist das letzte lebende Staatsoberhaupt der Zwischenkriegszeit und eines von drei lebenden Staatsoberhäuptern aus der Zeit des 2. Weltkriegs; die anderen sind Bulgariens damaliger König Simeon Sakskoburggotski und Tibets Dalai Lama Tenzin Gyatso (ein Staat, der 1951 seine Unabhängigkeit verlor). Der letzte der rumänischen Hohenzollern-Könige war nach dem Krieg der letzte Monarch hinter dem „eisernem Vorhang“. Von Bedeutung ist der heute 93-jährige wegen seiner Rolle unter faschistischer und dann kommunistischer Diktatur, beim Übergang von der einen zur anderen, dem mißglückten Absprung von der Achse. Eine Phase, die Rumäniens Schicksal für mehrere Jahrzehnte entschied. Eine Beurteilung von ihm, die hier versucht wird, muss auf die Schwierigkeiten rumänischer Geopolitik eingehen, besonders, wie sie sich um den 2. Weltkrieg darstellten.

Wurzeln und Hintergrund

1866 suchten rumänische Adelige und Politiker (u.a. Premierminister Ion Bratianu von der PNL, aus einer mehrere Generationen umspannenden Politiker-Familie) einen westlichen Prinzen als neuen Fürsten, statt des von ihnen abgesetzten Cuza, unter dem sich die unter osmanischer Hoheit stehenden Fürstentümer Walachei und Moldau vereinigt hatten, der aber zunehmend autoritär geworden war. Frankreichs Kaiser Napoléon III. wollte einen stärkeren „Pufferstaat“ gegenüber Russland, empfahl Prinz Karl Eitel Friedrich von Hohenzollern-Sigmaringen, aus der katholisch und süddeutsch gebliebenen Nebenlinie jener Hohenzollern, die Preussen errichteten, eine Adelsfamilie mit der er über seinen Onkel verwandt war. Dieser Karl war der zweite Sohn des Fürsten Karl Anton, des letzten in Hohenzollern-Sigmaringen regierenden (das Fürstentum ging 1849 in Preussen auf). Der Tag von Karls Ankunft in Bukarest nach abenteuerliche Anreise, der 10. Mai, war lange Nationalfeiertag in Rumänien. Er wurde als Carol I. zum Fürsten gekrönt, sprach den Eid auf Französisch. Eine bald nach seiner Krönung beschlossene neue Verfassung brachte erst den Namen “Rumänien”, anstatt “Vereinigte Fürstentümer” (der Walachei und Moldau). Hohenzollern-Sigmaringen sollte Rumänien im europäischen Machtsystem verankern, innere Stabilität und Fortschritt bringen.

Nach dem Russisch-Türkischen Krieg gab das Osmanische Reich die Ansprüche auf Rumänien auf, das 1878 seine Unabhängigkeit gewann. 1881 durfte es zum Königreich aufgewertet werden. Carol hat in der Tat das Fundament für den modernen rumänischen Staat gelegt, dabei osteuropäisch-orthodoxe und orientalische Einflüsse im Land zurückgedrängt. Die soziale Frage (Landbesitz etc) blieb ungelöst. Carol blieb bis 1914 Herrscher, 48 Jahre, mehr als die anderen rumänischen Könige. Er hatte mit seiner Frau eine Tochter, die früh starb. So wurde sein Neffe Ferdinand Nachfolger; der damalige Chef des Hauses Hohenzollern-Sigmaringen, Wilhelm, und sein erster Sohn Leopold hatten zwar kein Fürstentum mehr, überliessen Rumänien aber dennoch dem Zweitgeborenen. Ab Ferdinand kamen die Ehefrauen der rumänischen Könige aus dem europäischem Hochadel. Er kam also zu Beginn des 1. Weltkriegs auf den Thron, Carol wollte da noch den Kriegseintritt auf Seiten der Mittelmächte, Ferdinand setzte ein Bündnis mit der am Ende siegreichen Entente durch. Dadurch gelang die Verdoppelung von Territorium und Einwohnerzahl, u.a. durch den Friedensvertrag von Trianon, die Realisierung des rumänischen “Irredentismus”. Die Diskrepanz zwischen dem Rumänien diesseits und jenseits der Karpaten (bzw zwischen Regat und Transsylvanien) spielt aber bis heute eine Rolle; und Minderheiten (Ungarn, Deutsche, Ukrainer, Juden, Bulgaren, Sinti, Serben,…) machten nun etwa ein Drittel der Bevölkerung aus.

Unter den Hohenzollern-Königen machte Rumänien entscheidende Modernisierungs-Schritte durch, etwa die Industrialisierung, die in der Zwischenkriegszeit “auf Touren” kam, v.a. rund um das Erdöl, wodurch auch eine Arbeiterklasse entstand. Abwehr der Revisionsansprüche der Nachbarn war Rumäniens aussenpolitisches Hauptaugenmerk in der Zwischenkriegszeit; dabei wurden wechselnde Allianzen eingegangen. Ferdinands Sohn Carol war der erste der rumänischen Hohenzollern, der in Rumänien geboren wurde, und der orthodox aufwuchs. Ebenso wichtig, er setzte einen männlichen Nachfolger in die Welt. Mihai wurde 1921 in Schloss Peles (unter seinem Grossonkel Carol I. gebaut) in Sinaia in den Karpaten geboren. Doch nur die zweite von Carols drei Ehen, mit einer griechischen Prinzessin, Helena Slesvig, Mihais Mutter, war standesgemäß. Die erste Ehe, mit der Rumänin Lambrino, brachte einen Sohn hervor, wurde annulliert. Die zweite Ehe zerbrach wegen Carols Affäre mit Elena “Magda” Lupescu, die seine dritte Frau wurde. 1925 verzichtete Carol wegen Lupescu auf den Thron, sein Sohn Mihai wurde damit Thronanwärter.

(Touristische) Karte Rumäniens aus der Zwischenkriegszeit (1938)
(Touristische) Karte Rumäniens aus der Zwischenkriegszeit (1938)

Als König

1927 wurde Mihai daher nach dem Tod seines Grossvaters Ferdinand mit 6 Jahren das erste Mal König (Tutenchamun war immerhin 9 oder 10 gewesen), unter Regentschaft von Carols Bruder Nicolae (der keine Kinder hatte), des orthodoxen Patriarchen Miron Christea und des Oberrichters des Landes, Gheorghe Buzdugan. Mihai I. war der erste orthodoxe König Rumäniens, wahrscheinlich auch der erste von ihnen, der „zu Hause“ (in den Palästen) Rumänisch sprach. Dass die relativ starke Stellung des Königs nun von Anderen eingenommen wurde, trug zur Instabilität bei, die von wegen Parteienegoismus kurzlebigen Regierungen, korrupter Verwaltung, wirtschaftlichen Problemen ausging. Sie nahm zu, als Ion Bratianu (PNL-Chef, vielfacher Premier) starb. 1930 wurde Mihais Vater Carol von Politikern (v.a. Premier Maniu von der PNT) und Offizieren zurückgeholt, amtierte bis 1940 als König Carol II.

In die Zeit von Carols Herrschaft, die 1930er, fällt der Aufstieg der faschistischen Bewegung Rumäniens, die (übersetzt) als “Legion des Erzengels Michael” gegründet wurde (ihre Mitglieder daher auch “Legionäre” genannt), eine Miliz namens “Eiserne Garde” hatte (die Organisation an sich wurde daher auch so bzw einfach “Garde” genannt) und sich 1935 in “Totul pentru Ţară” (Alles für das Land) umbenannte. Legion-Führer Codreanu kam aus der National-Christlichen Verteidigungsliga, einer anderen rechtsextremen Partei. Die zeitweise verbotene faschistische Organisation wurde eine ernste Herausforderung für die rumänische Demokratie, war bis zum Ende des 2. Weltkriegs viel grösser als die kommunistische Partei und, je schwieriger die Zeiten wurde, desto mehr Zulauf bekam sie. Carol machte u.a. Nicolae Iorga zum Premier, den Historiker, der viel über Rumäniens Stellung in der Geopolitik (etwa zwischen dem orthodoxen Osteuropa und dem “lateinischen” Westeuropa) nachdachte und später von den Faschisten ermordet wurde.

Mihai wurde wieder Kronprinz, ging wieder zur Schule, wurde Oberhaupt der rumänischen Pfadfinder-Organisation. Im Alter von 16 soll er mit seinem Auto einen Radfahrer niedergestossen haben, wodurch dieser tödliche Verletzungen erlitt, ein Vorfall, der damals zensuriert wurde. 1939/40 war er Senator. Von 1930 bis 1940 durfte er den Titel “Grossherzog von Karlsburg” (Mare Duce de Alba Iulia) tragen, eine Referenz an Michael den Tapferen (Mihai Viteazul), der Ende des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts die Walachei, Moldau und Transylvanien für einige wenige Jahre unter seiner Herrschaft vereinigte. Seine exilierte Mutter durfte er auf Anweisung seines Vaters nur einmal im Jahr sehen.

1937 fand die letzte faire bzw reguläre Wahl bis 1990 (!) statt, sie brachte einen Sieg der liberalen PNL unter Constantin “Dinu” Brătianu vor der Bauernpartei PNT von Maniu (von der kommunistischen PCR unterstützt, die nicht selber antrat), der faschistischen TPT (knapp unter 16%), der PNC und anderen. Vor dem Hintergrund der von der TPT ausgehenden Gewalt und ihrem nicht unbeträchtlichen Rückhalt löste König Carol II. das Parlament auf, verbot Parteien, und errichtete eine autoritär-korporatistische Königs-Diktatur (Bildung der Monopolpartei FNR), zunächst mit Patriarch Christea als Premier. So glaubte er, entschieden gegen die Faschisten vorgehen zu können. Die TPT wurde verboten und ihre Führer verhaftet (Codreanu bald darauf bei einem angeblichen Fluchtversuch getötet), aber das Problem war damit nicht gelöst.

Als der 2. Weltkrieg (bzw “Europäische Krieg”) vom Zaun gebrochen wurde, versuchte Rumänien zunächst, neutral zu bleiben; das war aber nicht lange aufrecht zu halten. Frankreich, der wichtigste Partner, wurde 1940 vom “nationalsozialistischen” Deutschen Reich besetzt, britische Unterstützung war äusserst fraglich; vor der Sowjetunion hatte man in Rumänien mindestens so viel Angst wie vor Nazi-Deutschland. Die innere Politik und jene nach aussen verband sich, die Pole des Totalitarismus hatten ihre Vertreter bzw Anhänger im Land: die kommunistische PCR war der SU verbunden (wohin einige ihrer Führer ins Exil gegangen waren), die Faschisten waren natürlich pro-Achse. So glücklich im 1. Weltkrieg Rumäniens Wahl seiner Verbündeten ausging, so schwierig war sie nun.

1940 besetzte die Sowjetunion Bessarabien und die Nord-Bukowina, aufgrund des Hitler-Stalin-Pakts. General Ion Antonescu, im 1. WK schon hoher Offizier, in der ZKZ Generalstabschef, dann Verteidigungsminister, schrieb König Carol eine Protestnote, gegen die Hinnahme dieser territoralen Amputationen. (Wenn sich das sowjetische “Engagement” rund um den Krieg in Rumänien auf diese beiden beschränkt hätte, wäre das tatsächlich vergleichsweise gnädig gewesen). Daraufhin wurde Antonescu im Kloster von Bistriţa/Bistritz interniert. Auf deutschen Druck musste Rumänien dann auch Nord-Transylvanien an Ungarn und die Süd-Dobrudscha an Bulgarien abtreten. Vielleicht hat das Antonescu in den Augen des Königs rehabilitiert, er war jedenfalls eine wichtige Figur im innenpolitischen Poker geworden, auch aufgrund seiner Popularität. Im September 1940 wurde Antonescu von Carol zum Premier ernannt und der König transferierte einen Grossteil seiner diktatorischen Vollmachten an ihn. Als nächstes zwang Premierminister Antonescu aber den König zum Rücktritt. Mihai, inzwischen 19, wurde in dieser Situation zum zweiten Mal König (von Patriarch Nikodim gekrönt), aber wieder ein machtloser – genau das wollte Antonescu. Sein Vater ging ins Exil, landete schliesslich in Portugal. Was auch immer damals vorging, Mihai weigerte sich danach, seinen Vater jemals wieder zu sehen.

Am Titelblatt des “Life”, mit seinem Vater, 1940

Antonescus Machtbefugnisse wurden noch erweitert, und er bildete mit der faschistischen TPT (“Garde”, “Legion”), die eben noch verboten war, eine neue Regierung, eine faschistische Militärdiktatur, den Statul Național Legionar, mit ihm als Conducator (“Führer”, den Titel benutzte später Ceausescu) und Codreanu-Nachfolger Sima als Vize-Premier. Unter dieser Regierung band sich Rumänien an die Achse. 1941 wurden die Faschisten nach dem Versuch alleiniger Machtübernahme mit dem Segen Hitlers zerschlagen, das Antonescu-Alleinregime war nun eine rechte Militärdiktatur. Es wurde die rumänische Teilnahme an deutschen Feldzug gegen die SU beschlossen. „Wenn es gegen die Slawen geht, kann man immer auf die Rumänen zählen“, sagte Antonescu. Das benachbarte Bulgarien gehörte zwar auch Hitlers Achse an, befanden sich aber nur nur in theoretischem Kriegszustand mit den Alliierten. Und, eine Teilnahme am “Russlandfeldzug” lehnten die Bulgaren trotz Hitlers Drängen ab. Zar Boris III.: “Das bulgarische Volk wird niemals gegen Russland kämpfen, dem es seine Befreiung vom türkischen Joch verdankt.” Die primäre Motivation für Rumänien waren die an die SU verlorenen Gebiete, dabei ausblendend dass die Deutschen für andere Gebietsabtrennungen verantwortlich waren. Die Wehrmacht kam ins Land, griff die Sowjetunion auch von dort an, mit rumänischen Truppen. Die Rumänien-Deutschen, damals eine grosse und mächtige Gruppe (bzw verschiedene Gruppen), wurden auch eingespannt, bei Wehrmacht und SS. Ab dem Ende des Jahres 1941 nahmen die Spannungen zwischen König Hohenzollern und Militärdiktator Antonescu zu.

Hohenzollern (König) & Antonescu (Premierminister) 1941 am Pruth, beim Feldzug gegen die Sowjetunion
Der König und Antonescu 1941 am Pruth, beim Feldzug gegen die Sowjetunion

Bessarabien und die Nord-Bukowina wurden bald zurück gewonnen, rumänische Truppen besetzten dabei gleich noch ein Stück ukrainischer Schwarzmeerküste. Rumänische Einheiten zogen mit den Deutschen weiter, waren bei der Schlacht um Stalingrad 1942/43 beteiligt, danach am Rückzug über die Ukraine. Die schweren Verluste, die vielen in sowjetische Gefangenschaft geratenen Soldaten, die Bedrohung des Kernlandes durch die vorrückende Rote Armee, die alliierten Bomben und dass Rumänien von Deutschen in vielerlei Hinsicht ausgebeutet wurden, machten Kriegsteilnahme, Diktatur und Bündnis unter Rumänen zunehmend unpopulär. Deutsche Nazis verschiedener Ebenen sahen auch ihre engsten ausländischen Verbündeten (wie Mussolini) zumindest verdeckt als rassisch und kulturell minderwertig.

Im Sommer 44, als die Rote Armee an Dnister/Nistru stand (Nord- bzw Ostgrenze Bessarabiens) fanden Geheimverhandlungen politischer und militärischer Kreise Rumäniens (u.a. König Mihai), mit Alliierten statt (u.a. in Ägypten), wohl mit Wissen/der Billigung Antonescus. Die Karpatengrenze spielte wieder eine Rolle, für Deutsche sowie Teil der Rumänen als Grenze, die die Rote Armee aufhalten würde. Der 20. August 1944 war der Beginn des Angriffs der Roten Armee auf Rumänien, das für sie auch Tor zum Balkan und Teilen Mitteleuropas war und die Erdölfelder und -raffinerien um Ploiești in der Walachei hatte. In wenigen Tagen kam die Rote Armee von Dnister an Prut(h).

Am 23. 8. 1944, als die Russen den Pruth überschritten, der Krieg verloren schien und elf sowjetische Armeen die Vorkriegs- bzw Vorfeldzugsgrenzen Rumäniens erreicht hatten, führte Mihai de Hohenzollern-Sigmaringen (mit dem Wissen von einigen Offizieren sowie den Spitzen der Parteien) seinen “Staatsstreich” durch: Um das Ruder herumzureissen musste er zuerst den “Kapitän” Antonescu loswerden, lud ihn zu Unterredung in den Bukarester Königs-Palast (bzw in die “Casa Noua”, eine weisse Stuckvilla auf dessen Gelände), zu einer Erörterung der bedrohlichen Kriegslage. Während der König im Empfangszimmer mit Antonescu und dessen Namensvetter und Vertrauten, Aussenminister Michael Antonescu, redete, warteten draussen Offiziere und Palastwache. Der “Conducator” lehnte Waffenstillstand und Rücktritt ab (“Denken Sie, ich würde das Land in Ihre Hände legen – die eines Kindes?”), wurde auf ein Zeichen Mihais von den Bewaffneten verhaftet, und zunächst in einen Raum im Oberstock eingesperrt. Danach kam der deutsche Botschafter in Bukarest, Manfred von Killinger (ehemaliger SA-Führer, Säufer,…), in den Palast, Mihai teilte ihm die neue Lage mit und bot den freien Abzug der Wehrmacht an bzw verlangte diesen. Am Abend verkündete Mihai in einer etwa 20-minütigen Radiorede die Absetzung Antonescus und den Seitenwechsel (begründete diesen unter anderem mit dem Ziel, das 1940 verloren gegangene Nordtransylvanien wiederzugewinnen) sowie die Rückkehr zur Demokratie.

Parteien wurden wieder legalisiert, einige Politiker kamen aus dem Exil, dem Untergrund oder Gefängnissen zurück (v.a. Kommunisten), das Parlament wurde wieder eingesetzt. Eine Konzentrationsregierung unter General Constatin Sanatescu (ein königstreuer Kavallerieoffizier) wurde gebildet; der frisch aus politischer Haft befreite General Nicolae Radescu wurde Generalstabschef. Der König selbst hatte (wieder) eine mächtige Rolle. Der 23. August wurde in kommunistischer Zeit Nationalfeiertag Rumäniens. Die PCR versuchte dann, ihre sehr marginale Rolle beim Umsturz (allein das Werk des Königs mit bürgerlichen Politikern und Generälen) aufzuwerten. Der Seiten- und Regimewechsel ähnelt jenem in Italien im Jahr davor, mit der selben Rolle des Königs, die Rolle von Radescu und Sanatescu nahm dort Badoglio ein.

Nachdem die rumänischen Soldaten von der Front abzogen bzw das Kämpfen einstellten, brach diese zusammen, die deutsche Heeresgruppe “Südukraine” wurde von der Roten Armee zerschlagen. Wehrmachts-Einheiten versuchten, Bukarest unter ihre Kontrolle zu bringen, was von der rumänischen Armee und Freiwilligen-Milizen verhindert wurde. So wurde die Stadt von deutschen Kampfflugzeugen bombardiert, anscheinend auch der Königspalast. Damit wurde der Seitenwechsel des Königs aber nur in den Augen vieler weiterer Rumänen gerechtfertigt. Für diesen war es der Anlass, Deutschland den Krieg zu erklären. Die Wehrmacht in Rumänien hatte von Hitler auch den Befehl bekommen, König Mihai gefangen zu nehmen. Sie musste aber vor der Roten Armee flüchten, auch den restlichen Balkan (Jugoslawien, Griechenland,…) räumen, lieferte sich in Transylvanien Rückzugsgefechte mit rumänischen und sowjetischen Truppen. Teile der Rumänien-Deutschen gingen mit der Wehrmacht; manche Gruppen, wie die Bessarabien- oder Bukowina-Deutschen, waren aber schon von den Nazis ausgesiedelt worden. Der seit 1941 in Deutschland gefangene Faschisten-Führer Sima wurde in dieser Situation wieder hervorgekramt, durfte eine “Exilregierung” bilden.

Mihai und die demokratischen Politiker und Offiziere hofften, die sowjetische Armee bald loszuwerden, wie eben die nazideutsche. Doch die Rechnung ging nicht auf. Zunächst verschonte die Rote Armee Rumänien beim Einmarsch nicht wegen des Seitenwechsels, nahm Kriegsgefangene, beging Plünderungen, nutzte Rumänien zwar wie Deutschland als Durchgangsstation, betrachtete es aber auch als zu seiner Einflussphäre gehörig. Zu den harten Waffenstillstandsbedingungen vom 12. 9. gehörte (neben der freien Hand, die die SU in Rumänien bekam), dass das rumänische MiIitär mit der Roten Armee in Mittel- und Westeuropa weiterkämpfen musste. Diese bekam so eine halbe Million Soldaten dazu, beim Einmarsch in Ungarn, der Tschechoslowakei und Österreich. Beim Sturm auf Hitlers Reich war die rumänische Armee, die vorher mit der Wehrmacht bis Stalingrad marschiert war, nach Sowjets, US-Amerikanern und Briten die viertgrösste Streitmacht. Obzwar von den Russen (wie zuvor von den Deutschen) als feige und unzuverlässig verspottet, verlor sie dabei 169 000 Mann an Toten und Verwundeten.

Ende Oktober war ganz Rumänien unter SU-Kontrolle, der deutsche Botschafter von Killinger erschoss seine Sekretärin und Geliebte und sich selbst nach dem Einzug der Russen in Bukarest. Die Westalliierten überliessen Rumänien der SU-Sphäre. Dies begann mit der Teheraner Vereinbarung der Westalliierten, keine eigene Balkanfront zu eröffnen; dann Churchills Vereinbarung mit Stalin, Rumänien den Sowjets zu überlassen, im Gegenzug dass Griechenland britische “Operationszone” wurde. Für die Anglomächte war Rumänien, wie für Nazideutschland, hauptsächlich aus Ölinteressen von Bedeutung, daneben aus strategisch-ideologischen Gründen. Eine Alliierte Kontrollkommission für Rumänien, die nichts zu sagen hatte, wurde eingerichtet; neben den Sowjetrussen, die nun das Sagen über Rumänien bekamen, waren darin britische und amerikanische Vertreter.

Die Rückkehr zur Demokratie war nur von kurzer Dauer. Der sowjetische Aussenminister Molotow beteuerte zwar, dass die Sowjet-Union “nicht das Ziel verfolgt, sich irgendeinen Teil rumänischen Territoriums anzueignen oder die bestehende Gesellschaftsordnung Rumäniens zu ändern”. Und für einige Wochen begnügten sie sich bezüglich der neuen rumänischen Regierung mit einem einzigen kommunistischen Kabinettsmitglied, Lucretiu Patrascanu (später in Ungnade gefallen und exekutiert). Die SU verhalf dann aber wie in anderen osteuropäischen Staaten der kommunistischen Partei zur alleinigen Macht. Andrej Wyschinski (auch Vâşinski und andere Schreibweisen), ehemaliger Hauptankläger in Stalins Schauprozessen, nun Vizevolkskommissar für Auswärtiges, also stellvertretender Aussenminister, hatte sich schon 1940 beim Anschluss Lettlands an die UdSSR bewährt, wirkte nun in Rumänien. Die Sowjets im Lande hatten etwa die Möglichkeit, die Medien zu zensurieren. Wyschinski trat in die Fussstapfen des deutschen Botschafters von Killinger, bezüglich seiner dauernden Interventionen in die rumänische Politik. Bei dieser “Gleichstellung” muss aber festgehalten werden, dass die Rote Armee den Holocaust in Rumänien beendete und so manches andere.

Die Bestrafung von tatsächlichen Kriegsverbrechern und Faschisten verband sich mit jener von vermeintlichen sowie politischen Säuberungen. Die PCR organisierte nach dem Einmarsch der SU und dem Kriegsende im Land Milizen, die angebliche Faschisten verfolgten, Besitz beschlagnahmten und Unruhen provozierten. Die Haltung zur Sowjetunion war in der PCR umstritten, auch dort spielten die antirussischen Traditionen in Rumänien eine Rolle, aber in dieser Zeit kaum. Überproportional viele Angehörige von ethnischen Minderheiten waren in der PCR vertreten, auch in Führungspositionen; bis Gheorghiu-Dej (ab 1944) waren bis auf einen alle PCR-Führer Angehörige diverser Minderheiten. Der Gewerkschafter Gheorghiu-Dej, der im August 1944 aus dem Gefängnis entlassen wurde, war in der Nachkriegszeit auch der einzige “echte” Rumäne in der KP-Führung. Die Partei, vor dem Krieg nicht besonders stark, verlor im Volk weiter Kredit, da sie den Helfershelfer der marodierenden Besatzungsmacht machte.

Moskau und die rumänischen Kommunisten forderten bereits im Oktober 1944 den Rücktritt der Regierung Sanatescu. Der Premier hatte am Feldzug gegen die Sowjetunion teilgenommen, er halte das Waffenstillstandsabkommen nicht ein, die Regierung sabotiere Reparationslieferungen an die Russen. Zunächst nahm Sanatescu unter dem Druck noch zwei Kommunisten in seine Regierung auf: Gheorghiu-Dej wurde Verkehrsminister und bekam damit die wichtigen Eisenbahnen in die Hand; Petru Groza wurde Vizepremier. Dieser gehörte der mit den Kommunisten verbündeten “Pflüger-Front” (Frontul Plugarilor) an, war ein Grossgrundbesitzer und Unternehmer aus Transylvanien. Da die Faschisten kein Faktor mehr waren (und manche von ihnen zur PCR gingen), erklärten Kommunisten die traditionellen, bürgerlichen Parteien PNT und PNL zu “Faschisten”. Im Dezember tauschten Radescu und Sanatescu ihre Posten, zweiterer wurde Premier, ersterer Generalstabschef. Sanatescu gab nach Druck der SU und gewalttätigen Strassendemonstrationen der Kommunisten auf. Radescu war unter der Herrschaft von Antonescu und den Deutschen im Lager für politische Gefangene in Târgu Jiu (Walachei) eingesperrt gewesen, mit vielen Kommunisten, wie Nicolae Ceausescu. Die Kommunisten wollten aber auch ihn nicht als Premier. Die PCR schloss sich mit kleinen linken Parteien zur FND zusammen, unter Pflügler-Frontmann Groza. Die Kommunisten wurden in der Allparteienregierung immer dominanter.

Als nächstes forderte Wyschinski von Hohenzollern die Ablöse Radescus und die Ernennung Grozas. Die Westalliierten bzw die “Anglos” wollten/konnten nicht helfen, so trat Radescu unter dem Druck Anfang März 1945 zurück und flüchtete in die britische Mission; er gelang später ausser Landes. An dem Punkt dachte Mihai über einen Rücktritt nach, aber “das wäre zwar eine eindrucksvolle Geste gewesen wäre, hätte das Volk aber allein gelassen”. Ihm blieb nichts anderes übrig, als Groza und seine Regierung zu akzeptieren. 14 von 18 Ministern gehörten der FND an, zu den wenigen Nicht-Kommunisten gehörte Aussenminister Tatarescu, der die PNL mit einer Abspaltung verlasen hatte. Die Würfel waren damit gefallen, die kurze demokratische Phase war zu Ende. Den König wähnten die Kommunisten mit der Einsetzung der Groza-Regierung neutralisiert. Stalin belohnte die Rumänen mit der Rückgabe Nord-Transylvaniens noch am Tag der Ernennung der Regierung. Die Festlegung der Grenzen Rumäniens hauptsächlich durch die Sowjets war relativ maßvoll, die Bukowina wurde geteilt, Bessarabien behielt sich die SU ein. Ein Verstaatlichungsgesetz war eine der ersten Maßnahmen der Regierung.

Die Demonstration für Mihai vor dem Königspalast im November 1945
Die Demonstration für Mihai vor dem Königspalast im November 1945

Mihai, der von Truman schon den “Legion of Merit”-Orden bekommen hatte, erhielt im Juli 45 auch von der SU einen Orden, den Sowjetischen Siegesorden, die höchste sowjetische Auszeichnung, von Staatschef Kalinin, für den Seitenwechsel 44. Als Zugabe soll der Hobbypilot zwei Sportflugzeuge bekommen haben. Eine Zeit lang lieferte Mihai der kommunistischen Regierung noch einen Machtkampf, verweigerte jeden Kontakt mit der Regierung sowie die Unterzeichnung der Gesetze – worauf Groza entschied, die Gesetze auch ohne königliche Unterschrift in Kraft zu setzen. In diesem Zusammenhang kam es am 8. November 1945, Mihai’s Namenstag, zu einer antikommunistischen Demonstration vor dem Königspalast in Bukarest, das Volk zeigte ihm seine Sympathie. Bei der gewaltsamen Auflösung der Demonstration gab es viele Verhaftungen, Verletzte und Tote.

Nach einer Intervention der Westalliierten wurden zwei Minister der “traditionellen Parteien” in die Groza-Regierung aufgenommen (zwei unbekannte Politiker, als Minister ohne Ressort) und wurde ausgemacht, bald “freie” Wahlen abzuhalten. Im Gegenzug anerkannten die West-Alliierten die Groza-Regierung (Februar 1946). PNT-Chef Maniu nannte den Handel einen “schlechten Witz”, aber ein resignierter König Michael beendete seinen “Streik” bzw Boykott der Regierung. Die Parlaments-Wahl im November 1946 wurde geschoben, brachte einen “Sieg” der FND (PCR, PSD, Pflügler,…) mit angeblich 89%; der wahre Sieger dürfte die PNT gewesen sein, vor den Liberalen, die beiden dominierenden Parteien der Zwischenkriegszeit. Die meisten Arbeiter dürften für die PNT und nicht für die Kommunisten gestimmt haben. Die folgenden Wahlen waren dann nur noch solche mit einer Partei.

Mihai schwankte zwischen Widerstand gegen die Kommunisten und Resignation, hatte keine Macht mehr, wurde vom Regime im Bukarester Königspalast isoliert. Ende 1947 durfte er zur Heirat der künftigen britischen Königin Elizabeth Windsor mit Philipp Mountbatten (zwei Verwandte von ihm) nach London reisen. Er lernte dort seine künftige Frau Anne von (Ana de) Bourbon-Parma kennen, eine Cousine zweiten Grades. Sie ist die Enkelin des letzten Herzogs von Parma, ihr Vater René war Bruder von Javier, Siuxtus und Zita. Er kam als Verlobter zurück; sowohl das Regime als auch der Hochadel hatte ihm geraten, nicht nach Rumänien zurückzukehren. Ein Referendum über die Monarchie um ihn loszuwerden, wollten die Kommunisten nicht riskieren, trotz Schiebung hätte es gefährlich für sie werden können, Mihai war zu populär. Zum Jahreswechsel bzw den Weihnachtsfeiertagen 1947/48 zog er sich von Bukarest nach Schloss Peles in Sinaia zurück.

Für den 30. 12. wurde Mihai von Premier Groza nach Bukarest bestellt, fand dort seinen Palast (nach einigen Angaben war das Treffen im Königspalast, nach anderen im Elisabeta-Palast) von Truppen loyal zur kommunistischen Regierung umstellt (der Division “Tudor Vladimirescu”). Mihai kam mit seiner Mutter Helena, Groza hatte Minister und PCR-Chef Gheorghiu-Dej an seiner Seite. Er wurde von ihnen aufgefordert, eine Abdankungserklärung zu unterschreiben, und das Land zu verlassen. Dies geschah möglicherweise mit vorgehaltener Waffe; eine Handfeuerwaffe dürfte Groza jedenfalls gezogen haben, möglicherweise aber auch mit den Worten “Ich wollte kein Risiko eingehen. Sie sollten keine Gelegenheit haben, das gleiche mit mir zu tun, was Sie mit dem Marschall Antonescu getan haben.” Den Druck könnten die beiden Kommunisten auch anders aufgebaut haben, etwa mit Drohungen gegenüber der rumänischen Bevölkerung. Eine andere Darstellung der Ereignisse ist, dass Abdankung und Exil mit den Kommunisten ausgehandelt wurde. Jedenfalls, am selben Tag noch trat das Parlament zusammen um die Volksrepublik auszurufen; dies und die Abdankung wurde von der Regierung am Abend über Rundfunk bekanntgegeben. Der Kommunist Parhon wurde Staatspräsident und Mihais Nachfolger als Staatsoberhaupt.

Die kommunistische Machtergreifung war damit weitgehendst abgeschlossen, nun konnte die Umgestaltung des Landes beginnen. Feudale Zustände gab es damals in Rumänien und diese waren entsprechend „umstritten“, aber wenige wollten eine kommunistische Diktatur. Umverteilungen und Verstaatlichungen, Vorgehen gegen Minderheiten, Abrechnungen mit Faschisten und politische Säuberungen “verbanden” sich im Rumänien der Nachkriegszeit, trafen Rumänien-Deutsche besonders. Mihai war der letzte König hinter dem Eisernen Vorhang (nach dem jugoslawischen und dem bulgarischen), der abdankte. Wenige Tage danach wurde Hohenzollern, nun Privatmann, gezwungen, das Land zu verlassen. Mihai reiste (es war Jänner 1948) von Sinaia mit dem Zug nach Westeuropa, nahm einige seiner Autos mit. Mit ihm ging u.a. Jacques M. Vergotti, ein Offizier (evtl westeuropäischer Herkunft), Vertrauter von Mihai in seinen Jahren als König. Einige Wochen später folgten seine Tanten Elisabeth und Ileana, die mit den Besatzern und Kommunisten zusammengearbeitet haben sollen. Die neue Verfassung Rumäniens, nun eine Volksrepublik, trat am 23. April 1948 in Kraft; im Frühling 1948 wurde die demokratische Opposition vollends zerschlagen, mit Massenverhaftungen und dem Verbot der beiden grossen traditionellen Parteien PNL und PNT. Ihre Führer Bratianu und Maniu starben im Gefängnis

Für Mihai hätte es auch anders kommen können, wie die Ereignisse in Bulgarien zeigten. Simeon Sakskoburggotski (die bulgarisierte Version von Sachsen-Coburg-Gotha, ebenfalls ein deutsches Haus) war als Minderjähriger 1943 bis 1946, als Simeon II., nach dem plötzlichen Tod seines Vaters Boris König/Zar, unter Regentschaft von Onkel Kyrill. Auch hier der Frontwechsel, als die Russen vor der Türe standen, 1944, auch hier der Einmarsch der Roten Armee. Die politischen Kräfte des Landes bemühten sich hier ebenso wie die Rumänen, mit den Alliierten zu einer Abmachung zu gelangen, die es ihnen erlaubte, sich vom Kriegsverlierer Deutschland abzusetzen, ohne SU-Satellit zu werden. Simeons Onkel Kyrill und die anderen Regenten wurden verhaftet und 1945 nach einem Schauprozess vom neuen Regime getötet, zusammen mit anderen ehemaligen Herrschenden. 1946 fand hier eine Volksabstimmung gegen die Monarchie statt, Simeon konnte ins Exil nach Spanien gehen.

Beurteilung

Mihais Zeit als König zerfällt in zwei Abschnitte, 40-44 und 44-47/48, der 23. August 1944 (Mihai damals 23 Jahre alt) als “Wasserscheide” (seine ersten Königs-Jahre, als Kind, jetzt nicht berücksichtigt). In der ersten Phase war er unter faschistischer Herrschaft machtlos, in der zweiten stemmte er sich gegen die kommunistische. Wie im 1. Weltkrieg stellte sich Rumänien unter seinem König während des Krieges auf die Seite der Sieger, dieses Mal ging es aber nicht gut aus. Die beiden Schutzmächte von Faschismus und Kommunismus waren nacheinander mit Rumänien verbündet, hatten im Land ihre „Parteigänger“ und diese waren dort (hintereinander) an der Macht. Die Frage ist, ob Grossdeutsches Reich und dann Sowjetunion nicht soundso nach (bzw über) Rumänien gekommen wären, egal bei welcher Politik; die Westmächte waren nicht “greifbar”, die rumänische Armee alleine zu schwach, die Nachbarn keine Verbündeten. Für/Mit Deutschland in den Krieg einzutreten, als dieses Teile des Landes der SU, Bulgarien und Ungarn zugesprochen hatte, war keine gute Entscheidung, geht aber nicht auf Mihai zurück. Zu den Alliierten zu wechseln, als diese Rumänien schon dem SU-Machtbereich zugesprochen hatten, war Mihais Entscheidung, die Absprache unter den Alliierten war aber damals nicht bekannt. So bekam man, kaum dass man Killinger losgeworden war, Wyschinski.

Hohenzollern, Brătianu, Maniu oder Radescu bekamen nach dem Seitenwechsel nicht die West-Alliierten, sondern die Sowjetunion – welche Rumänien keine eigene Entwicklung zubilligte (nicht nur, weil zwischen den beiden Staaten territoriale Fragen offen waren). Für das Land, das nun auf Seite der Kriegs-Alliierten stand, kam die Bedrohung nun paradoxerweise (weiter) durch einen von ihnen, die Sowjetunion. Der Seitenwechsel beschleunigte den Vormarsch der Roten Armee ins Land, die an seiner Schwelle stand, und dieser brachte neben Kriegsgefangenschaft vieler rumänischer Soldaten und Übergriffen an der Bevölkerung die Verpflichtung zum Weiterkämpfen mit den Russen in Mittel- und Osteuropa und letztlich die Aufzwingung einer kommunistischen Diktatur. Rumänien wurde wie andere osteuropäische Staaten um den 2. WK zwischen Hitler & Stalin “zerquetscht”. Das ganze Dilemma seiner Geopolitik, mit der sich Nicolae Iorga intensiv auseinandergesetzt hatte, zeigte sich damals für Rumänien. Serbien und das Schwarze Meer seien die einzigen Nachbarn Rumäniens ohne Probleme in der Beziehung, so Iorga; was Serbien betrifft, gilt das auch nur bedingt, angesichts der territorialen Ansprüche von Ultranationalisten beider Seiten auf Grenzgebiete (v.a. auf den jeweils anderen Teil des Banats).

Rumänien und seine deutsche Volksgruppe gingen um den 2. WK gemeinsam unter. Deutsche waren in der Zwischenkriegszeit die zweitgrösste Minderheit in „Gross-Rumänien“ nach den Ungarn, machten ca 5% aus, waren in allen Landesteilen vertreten, hatten wie andere Volksgruppen eine eigene Partei. Sie gerieten in den 1930ern unter den Einfluss des deutschen NS, was sie sie spaltete und von anderen Rumänen entfremdete. Es war das Bündnis der rumänischen Rechtsdiktatur mit (NS-)Deutschland, das Rumäniendeutsche endgültig auf Gedeih und Verderb an das nationalsozialistische Deutschland kettete. Teile wurden von den Nazis ausgesiedelt, Teile waren verstrickt in NS-Verbrechen, viele gingen am Kriegsende mit der Wehrmacht, manche blieben im kommunistischen Rumänien. Die Nazis haben auch in Rumänien bezüglich der deutschen Minderheit vieles zerstört. Im Gefangenenlager Târgu Jiu, wo unter Antonescu hauptsächlich Kommunisten saßen, wurden unter den Kommunisten Rumäniendeutsche interniert (darunter viele, die keine Schuld auf sich geladen hatten), nicht wenige wurden zur Zwangsarbeit in die SU deportiert, viele enteignet. Die Beziehung zwischen dem (deutschstämmigen) rumänischen Königshaus und den (grossteils ausgesiedelten) Rumäniendeutschen war und ist nicht die beste. Das hat weniger damit zu tun, dass Mihai (wahrscheinlich) gar nicht Deutsch spricht, der Seitenwechsel hat für die meisten von ihnen eine negative Bedeutung.

Die meisten Juden und Sinti in Rumänien überlebten den 2. Weltkrieg, viele Opfer gab es in Bessarabien und der Nord-Bukowina, die damals zwischen der Sowjetunion und Rumänien umkämpft waren. Mihai war unter Antonescu von Mitbestimmung ausgeschlossen. Hohenzollerns Mutter Helena soll in gutem Einvernehmen mit Rumäniens Oberrabbiner Shafran gestanden sein, und bei Antonescu für die Juden interveniert haben.

In Rumänen ist der Ex-König heute bei Links- wie Rechtsextremen unbeliebt, für seine Absetzung Antonescus bzw seine Ablehnung des Kommunismus. Ihn als jemanden darzustellen, der Faschismus und Stalinismus trotzte, ist etwas übertrieben; ihm Mitschuld daran zu geben, dass diese Systeme über Rumänien kamen, trifft die Wahrheit auch nicht. Dass er in vieler Hinsicht privilegiert war, ist klar, aber es scheint dass er mehr als einfach ein König war, der seinen Status und ein etwas feudales System erhalten wollte. Ein auf Youtube gefundener Kommentar unter einem Video in dem es um ihn ging: “Clearly he is not a true leader to inspire. is totally passive. Where was when Ratiu protesta against Ceausescu when visiting London? A true king would fight abroad against Ceausescu as did Ratiu. [Ion Ratiu: PNL-Politiker, Botschafter, Exil-Oppositioneller] so-called king was walking at 18 with a Formula 1 car in Bucharest while others went with carts at work, feeded an alligator with 500 kg meat from slaughterhouses while other Romanians were starving and sold country for two cars and a few paintings. after the revolution had the nerve to come and claim the palaces of Vlad Tepes and Hunyadi…”

Im Exil

Mihai de Hohenţollern-Sigmaringen verliess also mit Familie und “Schätzen” Rumänien, etwa mit wertvollen Gemälden von El Greco, einiges hat er möglicherweise schon 1947 (Hochzeit London) ausser Land gebracht. Er feilschte anscheinend mit der kommunistischen Regierung um zurückgelassenen Besitz, evtl. wurde ihm auch etwas nachgeschickt. Sein Vermögen in Form von Grundbesitz und Schlössern in Rumänien (teilweise samt Kunstsammlungen) blieb natürlich zurück, sie wurden 1948 vom Regime beschlagnahmt und verstaatlicht. Auch wurde Mihais Staatsbürgerschaft aberkannt. Er liess sich in der Schweiz nieder (1956 endgültig, zwischendurch lebte er auch in Grossbritannien), in der Nähe von Genf. In Griechenland heiratete er die Bourbon-Parma, in einer orthodoxen Zeremonie im königlichen Palast in Athen, auch mit den Schleswigs ist er über seine Mutter eng verwandt; die Eltern der Braut fehlten, wollten das Festhalten ihrer Tochter am Katholizismus. Mihai bekam Unterstützung vom europäischen Hochadel; er ist mit den meisten europäischen Herrscherhäusern verwandt, als Urenkel der britischen Königin Victoria (über beide Eltern) ist er ein Cousin dritten Grades der britischen Königin Elizabeth, des spanischen Königs Juan Carlos, des schwedischen Königs Carl Gustav, von der dänischen Königin Margrethe, des norwegischen Königs Harald. Dafür hat er keine ethnischen Rumänen als Vorfahren.

Dennoch, und obwohl er einen Teil seiner Gemälde verkaufte, er verdiente selbst, als Pilot von Transportmaschinen. Er wurde Vater von 5 Töchtern. Mihai nahm die Abdankung im Exil zurück. Er diskutierte im Exil mit seinem Onkel Nicolae (Nikolaus) und dem Chef der Hohenzollern-Sigmaringen-Hauptlinie in Deutschland, Friedrich, die Nachfolge der rumänischen Linie. Mihais Vater Carol, der in Portugal lebte, und den er ja mied, hat in einem Interview mit dem französischen “Figaro” Friedrich als Prätendent für Rumänien favorisiert. Mihai kam nicht einmal zum Begräbnis seines Vaters 1953. Während ihrer Studienzeit in Schottland hatte seine älteste Tochter Margarita (1949 in der Schweiz geboren) eine Beziehung mit dem späteren britischen Premierminister Gordon Brown, heiratete schliesslich einen Rumänen. Mihai hat neben der Schweizer Staatsbürgerschaft auch die britische (sein Pass ist auf den Namen “Michael de Roumanié” ausgestellt) sowie einen dänischen Diplomatenpass, seine Frau einen französischen.

In den früheren Jahren der kommunistischen Diktatur gab es (wie auch in anderen osteuropäischen Staaten) bewaffneten Widerstand, der vom CIA und anderen Organen westlicher Mächte unterstützt wurde, von der rumänischen Exil-Opposition wahrscheinlich organisiert wurde. Kein Volksaufstand, eher Guerillaaktionen, von aussen gelenkt, auch ethnische Minderheiten und ehemalige Faschisten/Gardisten/Legionäre waren unter den Kämpfern. Mihai stand mit der Exil-Opposition in engem Kontakt, v.a. mit Radescu, der in USA eine Art Exil-Regierung bildete, das Comitetul Național Român (Rumänisches Nationalkomitee, CNR), dann die Liga Românilor Liberi. Über Radio Free Europe/Liberty sprach Hohenzollern gelegentlich zu den Rumänen.

Nach Stalins Tod begann das rumänische Regime, sich von der sowjetischen Vorherrschaft zu lösen. Gheorghiu-Dej kam mit der Ent-Stalinisierung an die Macht, wurde Premier, dann Präsident. 1958 zogen die sowjetischen Truppen aus Rumänien ab. Schlimmstes Unterdrückungsinstrument des Regimes war die Geheimpolizei “Securitate”. Es wurde unter dem Kommunismus eindeutig eine minderheitenfeindlichere Politik als unter der Monarchie betrieben, ein neuer Nationalismus propagiert. Nicolae Ceausescu wurde 65 KP-Chef, 67 Staatschef, war ursprünglich ein Liberalisierer, verschärfte den antisowjetischen Kurs (zB keine Teilnahme CSSR-Intervention 1968, kein Olympia-Boykott in USA 1984). Trotz der “Moskau-Ferne” war das rumänische Regime wahrscheinlich die repressivste der kommunistischen Diktaturen Osteuropas.!

Rückkehr Ostern 1992
Rückkehr Ostern 1992

Seit der Wende

Ende 1989 die blutige und späte Wende in Rumänien, der Sturz Ceausescus im Dezember, die neue Führung unter den Reformkommunisten unter Iliescu, die Neugründung von Parteien. Im Mai 1990 Wahlen, Sieg der reformkommunistischen PSD, die Errichtung einer semi-präsidentiellen Republik (nach französischem Vorbild). Im Dezember 1990 kehrte Mihai nach 43 Jahren nach Rumänien zurück, mit einigen Familienmitgliedern. Am Weg vom Bukarester Flughafen nach Curtea de Arges wurde die Reisegruppe aufgehalten und wieder zurückgeschickt; Iliescu scheint es sich anders überlegt zu haben. Dass man, wie in Spanien, nach der Diktatur eine konstituonelle Monarchie aufrichtet, war für “einige” Rumänen damals die beste Option.

Ostern 1992 war die erste richtige Rückkehr (Foto), in Bukarest kamen eine Million Menschen um ihn zu sehen. Unter Präsident Emil Constantinescu durfte Mihai 1997 wieder kommen und bekam auch seine rumänische Staatsbürgerschaft zurück. 2001, inzwischen war wieder Iliescu an der Macht, wurde er von diesem eingeladen, es kam eine gewisse Normalisierung der Beziehungen zwischen den Postkommunisten und der ehemaligen Königsfamilie zu Stande. 2011 wurde Hohenzollern, als ehemaliges Staatsoberhaupt, vom rumänischen Staat anlässlich seines 90. Geburtstages eingeladen, um im Parlament zu reden und geehrt zu werden. Präsident Basescu, Premier Boc (aus dem Lager der PD-L) und einige Minister und Abgeordnete fehlten dabei. Mihai seinerseits ignorierte Ex-Präsident Iliescu (http://www.youtube.com/watch?v=slnxyQ-Sbpw).

2003 beantragte der Ex-König die Restitution von Immobilien (Schloss Peles, Elisabeth-Palast,…) und Mobilien (v.a. Kunstsammlungen). Es wurde eigentlich sehr grosszügig zu seinen Gunsten entschieden, er bekam das meiste was er wollte. 2008 zog er wieder in Peles ein. Der Elisabeta-Palast wird heute staatlich verwaltet, dem Königshaus aber zur gelegentlichen Nutzung überlassen. Seit der Rückgabe der Immobilien pendeln Hohenzollern und seine Ehefrau zwischen Rumänien und der Schweiz.

Michael hat keine Söhne und es gibt auch keine “unumstrittenen” männliche Nachkommen früherer rumänischer Könige. Sein 06 verstorbener Halbbruder Carol Lambrino entstammt der ersten Ehe seines Vaters, welche in Rumänien damals annulliert wurde; daher kommen dessen Söhne und Enkel nicht in Frage als Nachfolger Mihais als Chef des Hauses und Thronanwärter. Aber wodurch ist diese Nachfolge-Frage (bei der es natürlich auch um das materielle Erbe geht) eigentlich geregelt? Zu Zeiten der Monarchie in der Verfassung Rumäniens, in jenen von 1866, 1884 und 1923 (die letzte demokratische des Königreichs). Darin wurde die Thronfolge “salisch” geregelt, also über den kompletten Ausschluss von Frauen. Durch die Abschaffung der Monarchie hat diese Regelung keine offizielle Bedeutung, aber eine der Tradition. In diesen früheren staatlichen rumänischen Regelungen ging die Nachfolge (die damals eine Thronfolge war) bei “Nicht-Verfügbarkeit” von männlichen Nachkommen auf die deutsche Hohenzollern-Sigamaringen-Hauptlinie zurück – wie nach dem Tod von Carol I. geschehen. Als sich für Mihai die Nachfolge-Frage stellte, wurde auch der Sohn seiner zweiten Tochter, Nicolae, in Betracht gezogen, was natürlich ein Bruch mit der Tradition bzw den damals akuellen Hausregeln gewesen wäre, da die Folge über eine weibliche Person auf diesen überging. Es soll auf den Einfluss seiner Frau zurückgehen, dass Mihai 1997 seine älteste Tochter Margarita als Nachfolgerin designierte.

2007 änderte er die Hausgesetze so ab, dass diese “Nachfolge” möglich wurde; weibliche Nachfolge wurde darin ermöglicht und Ausländer (also das deutsche Stammhaus) ausgeschlossen. Die “Fundamentalen Regeln des Rumänischen Königlichen Hauses” von 2007 beschränken die Nachfolge auf die rumänischen Hohenzollern, bei Bevorzugung des männlichen Geschlechts. Unzufriedenheit mit dieser Regelung gibt es von verschiedenen Seiten, u.a. von rumänischen Monarchisten. Bemerkenswererweise ist Margaritas rumänischer Ehemann bei ihnen unbeliebt. In den früheren Verfassungen war die Heirat eines Thronfolge-Kandidaten mit “Rumänen oder nicht-standesgemäßen Personen” ein Ausschlussgrund… Die Regeländerung führte zum Bruch mit dem deutschen Stammhaus (http://www.adz.ro/artikel/artikel/entscheidung-zum-neunzigsten/ ). Infolgedessen änderte der Ex-König 2011 den Namen seiner Dynastie von „Hohenzollern-Sigmaringen“ auf „Rumänien“. Fraglich ist, ob sein “bürgerlicher” Name (und jener von Angehörigen) in seinen diversen Pässen auch aufgrund dessen geändert wurde.

Zu monarchistischen Kreisen hat Mihai ein „loses“ Verhältnis. Das zum rumänischen Staat (der demokratisch aber korrupt ist) ist heute ein relativ gutes. Er hat auf den Thron nicht verzichtet, erhebt aber auch keine Ansprüche. Bei der Präsidenten-Wahl letztes Jahr hat Premier Ponta (Kandidat der ex-kommunistischen PSD) neben einer Vereinigung mit Moldawien die Wiedereinführung der Monarchie ins Spiel gebracht; Gegenkandidat Johannis (PNL) ist Mihai “sehr verbunden” und ebenfalls “offen” bezüglich Moldawien. 2014 wurden Mihai und Anna auch auf einer rumänischen Briefmarke abgebildet. Johannis residiert heute als Staatspräsident im Cotroceni-Palast, in dem früher auch die rumänischen Hohenzollern lebten. Im benachbarten Bulgarien hat Simeon nach seiner Rückkehr eine Partei gegründet und mit ihr die Wahl 2001 gewonnen, wurde Premier; er ist einer von nur zwei ehemaligen Monarchen, die durch demokratische Wahlen an die Staats- oder Regierungsspitze kamen (Norodom Sihanouk in Kambodscha der andere). So etwas kam für Hohenzollern nie in Frage; wenn schon, dann wieder König.

Es ist unklar, wieviele es sind, aber es gibt sie, die Rumänen, die der Meinung sind, dass dies keine schlechte Möglichkeit wäre. Zu Moldawien, dem ehemaligen Bessarabien, 1991 mit dem Auseinanderfall der Sowjetunion unabhängig, erklärte Mihai 2001: „Wir haben keine Gebietsansprüche unseren Nachbarn gegenüber. Aber wir können Versuche, unsere Geschichte umzuschreiben, indem man erklärt, dass Rumänen, die außerhalb unseres Landes leben, einer anderen Nation angehören oder eine andere Sprache sprechen würden, nicht tolerieren.“ 2011 hat ihn der damalige Präsident Traian Basescu in einer TV-Sendung scharf attackiert, ihn als Verräter an die Russen (anscheinend meinte er damit die Abdankung 1947) und mitschuldig am Holocaust in Rumänien bezeichnet. Der Ex-König sagte dazu der BBC, es sei nicht wert, darauf zu reagieren.

Mihais Halbbruder (er hat sonst keine Geschwister) hatte einen Sohn, Paul-Philippe Hohenzollern (auch Paul Lambrino genannt). Dieser behauptet, das eigentlich legitime Oberhaupt der ehemaligen königlichen rumänischen Familie zu sein; die Ehe Carols mit “Zizi” Lambrino sei von der orthodoxen Kirche nicht annulliert worden, daher seien Carols folgende Ehen ungültig gewesen. Dies versuchte er, in Rumänien auch gerichtlich einzuklagen. 2000 kandidierte er bei der rumänischen Präsidentschaftswahl (jene, bei der Iliescu an die Macht zurückkehrte) als unabhängiger Kandidat. Er hat seinen Onkel auch attackiert, dass dieser für die unter Antonescu begangenen Verbrechen mit-verantwortlich sei und rief zu seiner Hinrichtung auf. Die sterblichen Überreste Carols wurden 2003 aus Portugal nach Rumänien (Curtea de Argeș) überführt. Ein Deutscher namens Dieter Stanzeleit behauptet, Mihais Sohn zu sein. Margaritas Ehemann Radu Duda wiederum soll ein ehemaliger Securitate-Agent sein.

Mihai, der Hitler, Mussolini, Stalin and Churchill kennengelernt hat, ist ein häufiger Gast bei hochadeligen Hochzeiten in Westeuropa, etwa bei jener des britischen Prinzen William.

Mit Klaus Johannis, zwischen desser Wahl und Angelobung
Mit Klaus Johannis, zwischen dessen Wahl und Angelobung 2014

 

Ivor Porter: Michael of Romania. The King and the Country (2005)

Michael Kroner: Die Hohenzollern als Könige von Rumänien. Lebensbilder von vier Monarchen 1866-2004 (2004)

Arthur G. Lee: Crown Against Sickle. The Story of King Michael of Rumania (1949)

Edda Binder-Iijima, Heinz-Dietrich Löwe, Gerald Volkmer (Hg.): Die Hohenzollern in Rumänien 1866-1947. Eine monarchische Herrschaftsordnung im europäischen Kontext (=Studia Transylvanica Bd. 41; 2010)

Ioan Scurtu: Monarhia în România: 1866-1947 (1991)

Andreas Hillgruber: Hitler, König Carol und Marschall Antonescu. Die deutsch-rumänischen Beziehungen 1938–1944 (1954)

Nicolette Franck: O înfrângere în victorie (1944 – 1947) (1992)

Diana Mandache: Regele Mihai. Album istoric (2013)

Peter Gosztony: Endkampf an der Donau 1944/45 (1978)

Homepage der Familie des Ex-Königs

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Überblick zur Geschichte und Gegenwart Armeniens

Armenien, auf Armenisch Հայաստան (Hayastan), das Land zwischen Europa und Asien, liegt in einem seismischen wie politischen Bebengebiet. Auch der Völkermord mit ihnen steht damit in Zusammenhang, dieser jährt sich heuer zum 100. Mal (1915-2015). Nach dieser Katastrophe wurde das russisch beherrschte Ost-Armenien unabhängig, der erste armenische Staat nach Jahrhunderten. Am Ende dieser Phase war aber fast alles verloren. Das Ende der Sowjetunion war die nächste grosse Zäsur. Zur Zeit gibt es quasi zwei armenische Staaten, da Karabach diesen Status der Unabhängigkeit beansprucht, sich nicht an die Republik Armenien angeschlossen hat. Und die Diaspora (armenisch “Spjurk”).

Historischer Überblick bis zum Ersten Weltkrieg

In das 6. Jh. vC fällt der Übergang vom Urartu-Reich (von dem sich der Name Ararat ableitet, der auf armenisch Masis heisst) zu Hayassa (aus dem Hayastan wurde) bzw. Harminuya (> Arminya), das meist persisch beherrscht war. Armenien/Hayastan gewann seine Unabhängigkeit in der Spät-Antike, unter König Tigran entstand ein Grossreich, das schon damals in einer schwierigen geopolitischen Lage war, zwischen Rom und Persien. Nach Tigran kam Armenien auch unter römische Oberherrschaft. Im 4. Jh erfolgte seine Christianisierung. Ende des 4. Jh wurde es zwischen Byzanz und Persien geteilt, womit die Spaltung in Ost- und West-Armenien eingeleitet wurde. Auch die Begriffe Gross- und Kleinarmenien werden dafür benutzt, da Persien mit dem Osten etwa vier Fünftel Armeniens bekam; allerdings werden Gross- und Kleinarmenien auch zur Bezeichnung des “eigentlichen” Armenien bzw Kilikiens (wo im Hoch-Mittelalter ein armenischer “Filialstaat” entstand) verwendet. In dieser Zeit der ersten Teilung wirkte Mesrop Mashtoz, der Entwickler des armenischen Alphabets, der zwischen den Sphären pendelte. Auch die Behauptung der Eigenständigkeit der armenischen Kirche und ihr Festhalten am (gemäßigten) Monophysitismus ist in Spät-Antike/Früh-Mittelalter anzusetzen.

Wenn man so will, waren die moslemischen Araber der lachende Dritte im “Duell” zwischen Persien und Byzanz, auch Armenien geriet Anfang des 7. Jh unter ihre Herrschaft, war aber autonom. Im 9. Jh wurde es wieder unabhängig, unter der Bagratiden-Dynastie. Es kam immer wieder zu Auseinandersetzungen mit Byzanz, das sich damit selber schwächte, da Armenien einen Pufferstaat zu den Seldschuken darstellte. Im 11. Jh nahmen diese zuerst Armenien ein und eroberten dann den Grossteil der kleinasiatischen Gebiete des Byzantinischen Reichs. Armenien verlor damit für sehr lange Zeit seine Unabhängigkeit, wurde Spielball anderer Mächte. Auch die Entstehung der armenischen Diaspora wird auf die Seldschuken-Invasion zurückgeführt; diese bewirkte eine Massenflucht nach Kilikien und über den Kaukasus und Russland nach Europa. Byzantinische Herrscher haben aber schon Jahrhunderte zuvor Armenier auf den Balkan umsiedeln lassen. In Kilikien entstand im 11./12. Jh “Kleinarmenien”, das mit den südlich angrenzenden Kreuzfahrer-Staaten zusammenarbeitete. “Grossarmenien” wurde von Seldschuken beherrscht, erlebte im 13. und 14. Mongolen-Invasionen.

Kleinarmenien/Kilikien wurde 1375 von den Mameluken unterworfen, im eigentlichen Armenien herrschten nach den Mongolen u.a. Turkmenen. Es wurde im 16. Jh zwischen dem safawidischen Perserreich und dem osmanischen Türkenreich geteilt, eine Weichenstellung für die Neuzeit, die einige Jahrhunderte Bestand hatte, auch wenn die Grenzziehung jahrhundertelang umstritten war. Die Teilung Armeniens in einen Ost- und Westteil durch verschiedene Staaten war eine Konstante in seiner Geschichte, hat sich auch in der Sprache und der Kirche ausgewirkt. Das nun osmanische West-Armenien war auf diverse Eyalets, später Vilayets, aufgeteilt, bis in das späte 19. Jh hinein als “Ermenistan” anerkannt. Daneben gab es natürlich eine armenische “Binnen-Diaspora” im Osmanischen Reich, ob in Kilikien, Syrien, Palästina (an der Spitze ihrer Präsenz in Jerusalem stand der dortige Patriarch) oder Konstantinopel/Istanbul. Der armenische Patriarch in Istanbul, der theologisch dem Katholikos von Etschmiadsin in Ost-Armenien untergeordnet war, wurde vom osmanischen Staat als Oberhaupt der armenischen Nation (Millet) in diesem Staat gesehen. In Sis gab es, quasi als Relikt des armenischen Reichs in Kilikien, ein Katholikat, das in Konkurrenz zu jenem in Etschmiadsin bestand und sich erst im 17. Jh unterordnete. Auf der Achtamar-Insel im Van-See bestand seit dem 12. Jh ebenfalls ein Gegenkatholikat, das aus Protest gegen die Ausrufung eines Minderjährigen zum Katholikos von Etschmiadsin entstand und später ein regionales Katholikat wurde (statt einem konkurrierenden). Unmittelbare Nachbarn und Mitbewohner der Armenier im westlichen Teil ihres Stammlandes waren Kurden, mit denen sie eine lange, konfliktreiche Geschichte verbindet.

Im persischen Ost-Armenien befand sich das Etschmiadsin-Katholikat (die Führung der armenisch-gregorianischen/apostolischen Kirche, bis heute), das “albanische” Katholikat, wie auch der für Armenier heilige Berg Ararat (Masis). Unter Schah Abbas wurden Armenier weiter in den Süden Persiens umgesiedelt, v.a. nach Isfahan. In ihrem eigentlichen Siedlungsgebiet im Nordwesten des Persischen Reichs waren hauptsächlich Aserbeidschaner (Aseris) ihre Nachbarn. Auch in Karabach/Arzach, das unter diversen Herrschern Autonomie behauptete (auch unter den Persern). Der Rest Ost-Armeniens wurde unter den Persern auf die Khanate Jerewan und Nachitschewan aufgeteilt. 1827/28 eroberte das Russische Reich Ost-Armenien und weitere Gebiete im Süd-Kaukasus von den Persern; Russen waren die Hauptfeinde der nun angrenzenden Osmanen. Die Verwaltungsgliederung wie auch die Behandlung allgemein wechselte unter Russen, verschlechterte sich, anfangs gab es ein “Armenisches Gebiet” (Oblast) mit Autonomie. Das Gebiet (und spätere Einheiten) umfasste die vormaligen persischen Khanate Jerewan und Nachitschewan, nicht aber Karabach. Ostarmenien war unter den Russen als Teil des Kaukasus neben Sibirien Verbannungsort für Gegner des Zaren-Regimes (Narodniki, Raskolniki,…).

Ende des 19. Jh verschlechterte sich das Verhältnis der Armenier zu den Türken wie zu den Aseris. Was das osmanische West-Armenien betraf, so kam mit dem Niedergang des Reichs das Ende relativer osmanisch-moslemischer Toleranz. Der Versuch der Modernisierung und Umorganisierung des Reichs, die Tanzimat-Periode, endete mit Sultan Abdulhamid (Abdülhamit) 1876. Armenier, die eine wichtige Rolle im Handel einnahmen, lebten v.a. in den sechs Vilayets, die W-Armenien ausmachten, aber auch in vielen anderen Gebieten des Sultanats. Das Osmanische Reich war im 19. Jh unter starken Einfluss europäischer Staaten geraten, die hier unterschiedliche Ziele verfolgten. Es gärte unter Türken wie unter Arabern oder Armeniern. Die Griechen gewannen Stück für Stück ihre Unabhängigkeit, der Balkan ging sukzessive verloren. Nordkaukasische moslemische Völker aus dem russischem Bereich (oft pauschal als “Tscherkessen” bezeichnet) wurden auch in W-Armenien angesiedelt, wodurch Armenier dort zusehends in die “Defensive” gerieten. Im osmanisch-russischen Krieg 1877/78 kämpften Armenier auf beiden Seiten; im Friedensvertrag von Berlin musste ein Teil W-Armeniens, das Gebiet um Kars, an Russland abgetreten werden, daneben wurde Autonomie für Armenier unter osmanischer Herrschaft beschlossen. Da diese nicht gewährt wurde, gab es armenische Proteste, daraufhin kam es zu Massaker an Armeniern, Mitte der 1890er, die erstes grossen unter osmanischer Herrschaft, unter Abdülhamit, durch die von ihm geschaffenen Hamdiyeh-Einheiten (die hauptsächlich aus Kurden bestanden), mit zehntausenden Todes-Opfern.

Ende des 19. Jh entstand auch unter Armeniern eine Nationalbewegung, nicht zuletzt in Konkurrenz zu religiösen Führern. Russland wurde darin manchmal als Verbündeter gesehen, manchmal als einer von zwei Mächten die über Armenien herrschten. Autonomie in diesen Reichen war ein Ziel von Teilen dieser Bewegung, Unabhängigkeit das von anderen. Wichtigste Organisation wurde die 1890 im russischen Bereich gegründete “Föderation Armenischer Revolutionäre” (Hay Heghapokhakanneri Dashnaktsutyun), meist “Dashnaktsutiun” oder “Daschnak” genannt, die sich mit Arabern gegen Osmanen verbündete, mit Sozialisten gegen den Zaren. Daneben entstand die ebenfalls linksnationalistische “Hntschak” (in der westlichen Diaspora) und die “Armenak”/”Ramgavar”. Die Daschnak führte 1896 einen Banküberfall in Istanbul durch und 1905 ein Attentat auf den Sultan. Zur westlichen Diaspora gehörte auch die Führung der mit “Rom” unierten armenisch-katholischen Kirche.

Der Völkermord

Die Jungtürken-Bewegung hatte ursprünglich neben nationalistischen auch liberale Ziele, wie die Wiedereinsetzung von Verfassung und Parlament im Osmanischen Reich, Beschneidung der Macht des Sultans, Abänderung einer rein islamischen Rechtsdefinition. Sie arbeitete vor ihrer Machtübernahme dabei auch mit armenischen Organisationen zusammen. Nach ihrer Machtübernahme 1908/09 wurden vorrangig jene Tanzimat-Maßnahmen wieder eingeführt, die unter Abdulhamit rückgängig gemacht worden waren, darunter auch die formale Gleichstellung aller Bürger und Wehrpflicht für alle (was im Balkankrieg zum Tragen kam). Im Sinne von Minderheiten (damit sind in erster Linie Nicht-Moslems gemeint) war (auch) die Amnestie für Angehörige von Bürgerwehren wie den armenischen. Islam war auch angesichts der Unabhängigkeits-Bestrebungen der arabischen Völker keine “Reichsklammer” mehr. 1909 wurde von Anhängern der alten Ordnung an Armeniern in Kilikien (v.a. Adana) ein neues Massaker verübt; Armenier waren zu einem gutem Teil anfänglich für die Jungtürken. Der liberale Teil der jungtürkischen Bewegung spaltete sich von ihrer Organisation “Komitee für Einheit und Fortschritt” ab; Streitpunkt war zB die Frage Zentralismus-Föderalismus. 1913 stürzte das Komitee diese nun gerade herrschenden “Freiheits- und Einigkeitspartei”. Die “drei Paschas” Talat, Enver und Djemal wurde dominierende Kräfte in der Regierung (Talat am Ende als Grosswesir), führten das Reich an der Seite der Mittelmächte in den grossen Krieg. Die Jungtürken (das Komitee) regierten bis zur Niederlage im 1. WK, dem Sultan eher übergeordnet, wie Mussolini dem König in Italien später.

Dort wo Kleinasien und Kaukasus aufeinandertreffen, grenzten Russisches und Osmanisches Reich aneinander, lebten auf beiden Seiten Armenier. Dort kam es 1914 zum Krieg. Vorrangiges türkisches Ziel war die Rückeroberung der 1878 verlorenen Gebiete, im Hintergrund lockte die Aussicht auf eine “Vereinigung” mit Turkvölkern im Kaukasus und Zentralasien. Für die Russen waren die Armenier Vehikel für ihre gleichfalls expansionistische Politik. Istanbuler Patriarchat und Daschnak riefen die osmanischen Armenier zu osmanischem Kriegsdienst auf. 1914/15 erfolgte ein russischer Vorstoss nach Kleinasien, die Eroberung Westarmeniens und Nord-Kurdistans. Manche West-Armenier halfen der vorrückenden russischen Armee – so wie etwa Araber damals den Briten im Irak gegen die Osmanen halfen oder Nordkaukasier im russischen Bereich den Osmanen gegen die Russen. Daneben kämpften natürlich Ost-Armenier in der russischen Armee. 1915 gelang es der osmanischen Armee, die Russen zurückzuschlagen. In der Phase darauf ereignete sich der Völkermord (armenisch Aghet, Katastrophe).

Armenier wurden von der jungtürkischen Regierung des Osmanischen Sultanats nach der ersten Niederlage gegen die Russen 1914 als deren fünfte Kolonne gesehen; hier fiel der Beschluss zu den folgenden Maßnahmen. Es begann 1915 mit Entlassungen von Armeniern aus osmanischem Staats- und Kriegsdienst, dann folgten Verhaftungen ihrer Notabeln, im April in Istanbul. Diran Kelekian, Gründer und erster Chefredakteur der Tageszeitung “Sabah”, als Professor an der Universität Istanbul/Konstantinopel akademischer Lehrer zahlreicher Führer der jungtürkischen Bewegung, war unter jenen führenden Persönlichkeiten der armenischen Gemeinde Istanbuls, die Opfer der Verhaftungswelle vom 24. und 25. April 1915 wurden. Diese Armenier aus dem Westen sowie jene aus allen Teilen Anatoliens (v.a. aus W-Armenien) wurden zunächst nach Zentralanatolien deportiert; von dort weiter in die syrische Wüste weiter getrieben; ein Endpunkt war Dar es Zur. Die Deportationen waren begleitet von Übergriffen aller Art, Massakern, Plünderungen, Vergewaltigungen, Misshandlungen, Verschleppungen. Eine maßgebliche Rolle spielten wieder die Kurden, auch beim Eindringen osmanischer Truppen nach Persien, wo die Zentralgewalt damals sehr schwach war, und der dortigen Verfolgung von Armeniern und Assyrern.

Widerstand leisteten Armenier u.a. in Van, das von ihnen mit Unterbrechungen bis 1918 gehalten werden konnte und am Musa Dag (Musa Ler) im Antiochia-Gebiet 1915 (von Franz Werfel verarbeitet), wo dann ausländische Hilfe kam, in Form eines französischen Schiffes. Hunderttausende Armenier wurden in diesen Monaten getötet, manche überlebten, versteckt in Anatolien (auch mit Hilfe von Türken oder Kurden) oder in Syrien (wo vielen von Arabern geholfen wurde) oder ins russische O-Armenien geflüchtet. Betroffen waren auch Assyrer, Pontus-Griechen und Georgier in Ost-Anatolien, denen ebenfalls Kollaboration mit dem Feind bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen unterstellt wurden. Armenische Kinder, die als Waisen den Völkermord in Syrien oder anderswo überlebten, wurden in der Regel türkisiert, eine besonders unrühmliche Rolle spielte dabei Halide Edip, osmanische Schulinspektorin in diesem Gebiet, in Zusammenarbeit mit Djemal Pascha.

Hauptverantwortlicher für den Völkermord war Talat Pascha, z. T. bulgarisch-pomakischer Herkunft, Innenminister und dann Grosswesir. Er fand nach dem Krieg in Deutschland Zuflucht und wurde dort 1921 von einem Armenier ermordet. Enver Pascha hatte Wurzeln am Balkan, ein Elternteil war Albaner, nach Kriegsniederlage und Sturz flüchtete er in die SU und versuchte sich dort in pan-turkistischen Aktivitäten. Er wurde 1922 in Tadschikistan (einem nicht-türkischen Gebiet Zentralasiens) von russischen Truppen (anscheinend unter einem Armenier) getötet. Djemal Pascha hatte evtl. griechische Wurzeln, war Marine-Minister, wurde 1922 in Georgien (damals SU) für seine Verantwortung am Genozid (die eine geringe gewesen sein soll) von Armeniern ermordet.

Armenische Geschichte nach dem Völkermord

1916 gelang der russischen Armee die Wiedereroberung Ost-Anatoliens, womit die Deportationen und Massaker von Christen in diesem Gebiet zu einem Ende kamen. Mit den Russen kämpften armenische Milizen wie jene unter “Dro” Kanayan (ein ost-armenischer Daschnake). Die Russen drangen diesmal weiter vor, die Frontlinie umfasste dann in etwa die Grenzen West-Armeniens (ausgehend von Gerasunt/Giresun am Schwarzen Meer, dann südlich von Erzingan und Van verlaufend, bis zur persischen Grenze), das nun von Armeniern weitgehend leer war. 1916/17 war dieses Gebiet also unter russischer Verwaltung; es gab keine Autonomie für verbliebene oder aus O-Armenien zurückkehrende Armenier, dagegen eine Ansiedlung von Russen. Wegen der russischen Revolutionen 1917 zog sich die russische Armee von der “Kaukasus-Front” zurück; jene der Osmanen war auch an der Dardanellen-Front um Istanbul und diversen arabischen Fronten beschäftigt.

Die Frontlinie in Kleinasien wurde so 1917/18 von Armeniern gehalten, zusammen mit Georgiern und anderen christlichen Völkern. Da im Zuge der Umwälzungen im Russischen Reich O-Armenien (wie auch andere Gebiete) de facto unabhängig war, war damals ganz Armenien mehr oder weniger unter armenischer Kontrolle – aber ein grosser Teil der Bevölkerung war getötet oder verschleppt worden und die Zukunft war unsicher. In dieser Phase, der armenischen Kontrolle über W-Armenien/NO-Anatolien, soll es Gräuel gegen Türken und Kurden in dieser Region gegeben haben, ob zur Sicherung der Herrschaft oder als Vergeltung, was in einer polyperspektivischen Betrachtung auch nicht unterschlagen werden sollte. Ein Denkmal für durch armenische Unabhängigkeitskämpfer ermordete Türken gibt es dort auch längst, eines für Armenier nicht.

1918 stieg die kommunistische Regierung Russlands ganz aus dem Krieg aus, vereinbarte im März im Brest-Litowsk-Vertrag die Rückgabe des Kars- und Batumi-Gebiets an das Osmanische Reich; keiner der Beiden kontrollierte zu dem Zeitpunkt aber das betreffende Gebiet. Am Ende des Kriegs eroberte die osmanische Armee unter Enver Pascha aber W-Armenien zurück, es gab neue Massaker und Vertreibungen, die Enver-Armee drang auch nach O-Armenien ein, wurde in der Sardarapat-Schlacht abgewehrt. In dieser Zeit (Mai ’18) rief O-Armenien (wie auch die anderen beiden südkaukasischen Staaten) offiziell seine Unabhängigkeit aus. Während W-Armenien wieder osmanisch war, wurde O-Armenien unabhängig. Im Oktober des Jahres kapitulierte das Osmanische Reich (Mudros-Waffenstillstand). Türkische und kurdische Kämpfer mussten sich aus den westlichen Gebieten des unabhängigen Armeniens, wie Kars, zurückziehen. Die drei Jungtürken-Führer flüchteten mit deutscher Hilfe ins Ausland, wo sie von Armeniern getötet wurden (s.o). Der liberale Flügel der Jungtürken kam unter westeuropäischer Besatzung im Osmanischen Reich wieder ans Ruder; etwa Damad Farid Pascha, der 1919 und 1920 Grosswesir war, ein Türke montenegrinischer Herkunft – bei den Jungtürken-Führern gab es auffallend viele Eingetürkte. Die Besetzung durch die Entente betraf das türkische Kernland, nicht aber Ost-Anatolien. Unter der Besatzung fanden 1919-21 auch Prozesse gegen Jungtürken-Führer der zweiten Reihe und andere Verantwortliche des Genozids statt.

Die Demokratische Republik Armenien bestand 1918-20, im davor und danach russischen Ost-Armenien, war überfüllt mit Flüchtlingen aus West-Armenien. Das Kars-Gebiet, Nachitschewan und der Ararat waren Teil dieses Staats; Karabach war mit Aserbeidschan, Javakheti mit Georgien, umstritten. Bei der Parlaments-Wahl 1919 wurde die Daschnak die stärkste Partei. Aseris waren die grösste Minderheit, im Kars-Gebiet gabs auch viele Kurden. Die im 1. WK siegreiche Entente unterstütze im Russischen Bürgerkrieg die Weisse Armee, die die Wiederherstellung alter Grenzen wollte, somit kein unabhängiges Armenien.

Die Nachkriegsverhandlungen in den Pariser Vororten führten bezüglich des Osmanischen Reichs 1920 zum Vertrag von Sevres; zwischen den „verbliebenen“ Alliierten des Kriegs (Russland war nicht mehr dabei) und dem Osmanischen Reich. Der Vertrag bestätigte die Abtrennung der arabischen Gebiete (an Grossbritannien und Frankreich). Griechenland und Armenien bekamen ihren Anteil am Osmanischen Reich zugesprochen; im Fall der Griechen waren das die teilweise griechisch besiedelten Gebiete Ost-Thrakien und das Gebiet um Smyrna/Izmir. Das damals unabhängige O-Armenien sollte W-Armenien bekommen; unter USA-Präsident Wilson wurde den Armeniern ein Gebiet zugestanden, das 2 Jahre zuvor in Reichweite gewesen war, das sich im Wesentlichen mit der Frontlinie 1916-18 deckte, das noch heute in der Regel die Maximalforderung von, je nach Standpunkt, nationalistischen oder geschichtsbewussten Armeniern darstellt, ein Gebiet über das die Armenier zuletzt vor 900 Jahren geherrscht hatten. Darüber hinaus wurde fast das ganze Kleinasien/Anatolien europäischen Mächten als “Einflusszone” zugesprochen.

Türkischer Widerstand gegen Sevres formierte sich unter einer neuen Nationalbewegung, geführt von mittleren Offizieren wie Mustafa Kemal Pascha (später “Atatürk”) aus Saloniki, und führte zum “Türkischen Unabhängigkeitskrieg” an drei Fronten (1919-23). Armenier waren auch von der türkischen Einnahme Smyrnas (von Griechenland) und Kilikiens (von Frankreich) betroffen, vor allem aber natürlich vom Vorstoss unter Karabekir auf Ost-Armenien (“Türkisch-Armenischer Krieg”). Keiner der Alliierten/Entente-Mächte hatte den Schutz für das in Sevres geschaffene Gross-Armenien übernommen. Armenien verlor so nicht nur den Westteil, der Hauptschauplatz des Völkermords gewesen war, bevor es ihn in Besitz genommen hatte, sondern auch das Kars-Gebiet; das Friedensdiktat von Alexandropol bestätigte die Brest-Litowsk-Grenze. Der Rest Armeniens unterstellte sich der Sowjetunion, um Schlimmeres zu verhindern, die Unabhängigkeit endete somit nach zwei Jahren.

1921 schlossen die kemalistische Regierung des sterbenden Osmanischen Reichs und die der jungen Sowjetunion den Vertrag von Kars über ihre Grenze, die hauptsächlich die Armenier betraf. Der neue Vertrag folgte dem von Alexandropol weitgehend, zusätzlich zur Kars-Ardahan-Region wurde nun auch noch die Surmalu/Igdir-Region mit dem Ararat/Masis den Türken zugesprochen; nachdem in West-Armenien fast keine Armenier mehr lebten, waren die Armenier nun erstmals von “ihrem” Berg getrennt! Nach dem 2. WK stellte die SU den Kars-Vertrag und die darin festgelegte Grenzziehung in Frage. Inner-Sowjetische Grenzziehungen wirkten sich auch ungünstig für die Armenier aus: 1922 wurden Karabach, Nachitschewan und Javakheti abgetrennt bzw. den Nachbarn Aserbeidschan und Georgien zugeschlagen. Die heutigen Grenzen Armeniens sind auf die Ereignisse der Jahre 1920-22 zurückzuführen. Durch den Völkermord und Kriege 1914 bis 1922 haben Armenier etwa neun Zehntel ihres Landes (neben W-Armenien auch den Ararat und andere ostarmenische Gebiete) und zwei Drittel ihrer Bevölkerung verloren.

Die Gründung der Republik Türkei 1923 war “Schlusspunkt” dieser Phase, die Weichen für die nächsten Jahrzehnte waren gestellt. Die Prozesse gegen die Völkermord-Verantwortlichen waren bereits 1921 eingestellt worden. Der türkische Nationalstaat sollte eine türkische Nationalkultur haben, weshalb unter dem unumschränkten Herrscher Atatürk neben diversen Verwestlichungsschritten (wie der Einführung der lateinischen statt der arabischen Schrift) auch kulturelle Nationalisierungs-Maßnahmen durchgeführt wurden, wie die “Reinigung” der Sprache von Wörtern ausländischer Herkunft. So “gemischt” die Türken von ihrer Ethnogenese sind, so widersprüchlich ist dieses Unterfangen auch. Ziya Gökalp, der mit das theoretische Fundament für den türkischen Nationalismus legte, war eigentlich Kurde. Kurden, nicht durch die Religion von der türkischen Mehrheitsgesellschaft getrennt, haben lange bei allem mitgemacht, sind in grosser Zahl in ihnen aufgegangen (grosse Teile der türkischen Gesellschaft bis hin zu Staatspräsidenten wie Turgut Özal haben/hatten kurdische Wurzeln, früher osmanische Sultane). Widerstand nicht-assimilierter Kurden begann nach der Gründung der Türkei. Die Niederschlagung des immer wieder aufflackernden Aufbegehrens in Südost-Anatolien war in Dersim 1937/38 abgeschlossen; wenn man so will, begann es in den 1980ern wieder mit der PKK.

Der armenische Rest in der Türkei lebt(e) v.a. in Istanbul, wo sich auch ihr Patriarchat befindet; daneben existieren diverse “Krypto-Armenier” über das Land verstreut, s. u. 1939 gaben die Franzosen das Antiochia-Gebiet an die Türkei ab (statt an Syrien), Armenier hatten wieder die Wahl zwischen Exodus und Massaker. 1955 gab es in Istanbul ein Pogrom gegen christliche Gruppen, v.a. Griechen, die damals noch zahlreicher waren, nachdem bekannt wurde dass in Saloniki ein Anschlag auf das Geburtshaus Atatürks stattgefunden hatte, wahrscheinlich eine Aktion unter falscher Flagge. Unter den wenigen Nicht-Moslems, die seit der Gründung der Türkei ins Parlament gewählt wurden, waren auch einige Istanbul-Armenier, zuletzt der Bauunternehmer Migirdic Sellefyan Ende der 1950er, für die DP.

In Sowjet-Armenien gabs in der Anfangszeit von der Daschnak (die dann verboten wurde) etwas Widerstand, der bald unter Kontrolle gebracht war. Alexander Mjasnikjan (“Mjasnikov”) war in der Anfangszeit Chef der KP in Armenien und Ministerpräsident der Teilrepublik. 1922-36 wurden die drei südkaukasischen Republiken Armenien, Georgien, Aserbeidschan zur “Transkaukasischen Republik” zusammengeschlossen, dann wieder getrennt. Nachitschewan und ein Teil Karabachs wurden autonome Gebiete Aserbeidschans, in dessem Gebiet Armenier auch sonst verstreut lebten, vielfach in der Ölindustrie arbeiteten. Die Tötungen, Zwangskollektivierungen und Deportationen unter Stalin betrafen natürlich auch Armenier. Katholikos Choren I. wurde damals ermordet, aber auch (führende) Kommunisten wie Khanijan, der (aus Van stammende) Parteichef der Republik. Mit Anastas Mikoyan war sogar ein Armenier Staatsoberhaupt der Sowjetunion, 1964/65, in der Ära Breschnew, als Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets.

Das Agrarland (Ost-) Armenien wurde industrialisiert. Kulturelle Autonomie, vor allem die Pflege der eigenen Sprache war weitgehend gewährleistet. Es gab sogar eine Einwanderung von Diaspora-Armeniern nach Sowjet-Armenien, die Familie des späteren Präsidenten Lewon Ter-Petrossian kam etwa 1946 aus Syrien. Im 2. WK kam die deutsche Wehrmacht nicht bis Armenien; Sowjet-Armenier kämpften aber für die Rote Armee an diversen Fronten, Marschall Ivan Bagramyan führte sie im Baltikum. Ein anderer berühmter Sowjet-Armenier war der Komponist Aram Khatchatourian. Durch den Kalten Krieg war Armenien wieder im Spannungsfeld der Weltpolitik, an der sowjetisch-türkischen Grenze stiessen die beiden Blöcke aneinander, die SU-Republik Armenien war auf der einen Seite, das von Armeniern entvölkerte türkische West-Armenien auf der anderen. Die “religiöse Entsprechung” zur Tatsache, dass ein Teil der Armenier zum Ostblock gehörte und ein anderer zum Westblock, war die doppelköpfige Führung ihrer Kirche durch die Katholikate von Etschmiadsin und Beirut, wobei ersteres den Vorrang hatte.

Eine armenische Diaspora in Westasien gibts hautsächlich im Iran, Syrien und Libanon. In diesen Staaten haben Armenier nach ihrem Völkermord auch Zuflucht gefunden. Die multiethnische/-religiöse Gesellschaft des Libanon, der in den 1940ern von Frankreich unabhängig wurde, kam Armeniern entgegen. Neben dem unierten Patriarchat übersiedelte in den 1920ern auch das kilikische Katholikat aus der Türkei in dieses Land. Die ungünstige Entwicklung im “Nahen Osten” (Bürgerkrieg Libanon ab 1975, Revolution Iran 1979,…) traf auch die dort lebenden Armenier. Die Diaspora im Westen wird seit dem 1. WK immer grösser, hier sind v.a. Frankreich und USA zu nennen. Herausragende Vertreter sind hier der Künstler Charles Azanavour oder der Politiker George Deukmejian (war Gouverneur von Kalifornien). In der Diaspora müssen Armenier oft eine Dreifach-Identität bewältigen; ein in Deutschland lebender armenischer Iraner etwa wird (was rein die Sprache betrifft) versuchen, Deutsch, Armenisch und Persisch zu beherrschen. 1973 erschoss der Diaspora-Armenier Yanikian, der den Völkermord erlebt hatte, in der USA türkische Diplomaten; danach bildeten sich Gruppen wie ASALA (Armenian Secret Army for the Liberation of Armenia), die bis Ende der 1980er Gewalt gegen türkische Staatsrepräsentanten und Zivilisten ausübte (vom Libanon aus), den Kreislauf des Hasses kräftig ankurbelte.

1988 brachte für Sowjet-Armenien zum einen ein verheerendes Erdbeben (~25 000 Todesopfer, grosse Zerstörungen), zum anderen den Beginn des Konfliktes mit der benachbarten Sowjet-Republik Aserbeidschan um Berg-Karabach/Arzach. Wie auch in Jugoslawien brachte die Lockerung des kommunistischen Systems in der Sowjetunion eingefrorene nationale Konflikte zum Auftauen. Die grossteils armenische Bevölkerung Karabachs, das autonomes Gebiet innerhalb Aserbeidschans war, wollte den Anschluss an Armenien. Die Unruhen, die sich zunächst etwa in Vertreibungen niederschlugen, brachten auch neue armenisch-türkische Spannungen. Die Türkei betrachtet sich als eine Art Schutzmacht für sie sprach- und religionsverwandten Aserbeidschaner/Aseris. Aseris wurden aus Karabach und Armenien vertrieben, Armenier aus Aserbeidschan und dessem exterritoralen Gebiet Nachitschewan. Dieser “Bevölkerungsaustausch” war mit Massakern verbunden, wie jenes in Baku 1988 an dort lebenden Armeniern.

Die anti-kommunistische Unabhängigkeitsbewegung sammelte sich in der “Pan-Nationalen Armenischen Bewegung” (Hayots Hamazgain Sharzhum/Հայոց Համազգային Շարժում/HHSch), deren Kandidaten bei der ersten halbwegs freien Wahl zum Parlament SU-Armeniens (“Oberster Rat”) als Unabhängige antraten und viele Sitze errangen; die KP gewann die Wahl. Der HHSch-Spitzenmann Lewon Ter-Petrossian wurde zunächst Parlamentspräsident. Die SU-Republik Armenien erklärte im August 1990 ihre “Souveränität”. Nach dem gescheiterten Putsch von Altkommunisten gegen SU-Präsident Gorbatschow im August 1991 erklärte sie sich für unabhängig, was von der Bevölkerung in einem Referendum bestätigt wurde. Dies fiel zeitlich ziemlich mit der Wahl Ter-Petrossians zum Präsidenten Armeniens zusammen, der im November 1991 sein Amt antrat.

Mit der Unabhängigkeit begann der (Berg-)Karabach-Krieg mit Aserbeidschan. Das mehrheitlich von Armeniern bewohnte autonome Gebiet erklärte sich unabhängig, Aserbeidschan hob seine Autonomie auf. Armenier leisteten gegen den Versuch der Eingliederung Widerstand, eroberten 1992 das Latschin-Gebiet, einen Verbindungskorridor zwischen Karabach/Arzach und der Republik Armenien; dieses Gebiet war 1922 wie andere Teile Karabachs nicht zu dem autonomen Gebiet dazugenommen worden. Armenien behauptete in dem bis 1994 laufenden Krieg diese Gebiete. Nach etwa 30 000 Toten auf beiden Seiten wurde ein Waffenstillstand geschlossen. Karabach wurde nicht als Teil Armeniens proklamiert, es ist je nach Sichtweise unabhängig oder ein abtrünniger/besetzter Teil Aserbeidschans, de facto ist es aber ein Teil Armeniens. Der Krieg hat das vom Erdbeben schon schwer getroffene Land weiter wirtschaftlich geschwächt, nicht zuletzt, da Aserbeidschan, schon zu Sowjet-Zeiten, eine Blockade der Luft- und Schienenwege nach Armenien verfügte. Die Grenze zur Türkei war nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion kurz geöffnet, wurde dann aufgrund des Krieges von der Türkei geschlossen. 1993 drohte Türkeis Präsident Özal Armenien. Aserbeidschan profitiert von Öl- und Gasvorkommen im Kaspischen Meer, Armenien bleibt arm.

Vor diesem Hintergrund vollzogen sich die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen von der SU-Republik zum unabhängigen Staat. Wie auch in den anderen ehemaligen SU-Republiken kamen irgendwann die Privatisierungen der Staatsbetriebe, wodurch eine Klasse der Oligarchen entstand, die eng mit der Politik verbunden ist. Von den drei Kaukasus-Republiken hat sich Georgien inzwischen am stärksten von Russland ab- und dem Westen zugewandt, Aserbeidschan (das auch noch die Türkei hat) hat noch relativ starke Bande, Armenien ist von diesen Staaten am stärksten an Russland “orientiert”. Ob das den Handel betrifft (wo es aber auch neue Partner gab) oder die Militärbasis in Gyumri, die Russland in Armenien unterhalten darf, oder die russische Minderheit im Land (oder auch die in Russland lebenden Armenier). Zu den Nachbarn Georgien und Iran hat Armenien vielfältige Beziehungen. 1993 wurde eine eigene Währung eingeführt, davor gab es eine Währungsunion innerhalb der GUS. Auf religiösem Gebiet gab es 1995 eine Art Versöhnung, Neshan Sarkissian, als Garegin II. Katholikos von Kilikien im Libanon, wurde als Karekin I. (ost-armenische Schreibweise) Katholikos von Etschmiadsin, somit Oberhaupt der armenisch-gregorianischen Kirche, der die meisten Armenier, in der Republik und in der Diaspora, angehören.

Die innenpolitischen Probleme begannen mit dem Auseinanderfall der HHSch, dessen Rest 1995 noch die Wahl gewann. Armenien hat ein semi-präsidentielles System, ist de facto aber eine Präsidialrepublik, was schon unter Ter-Petrossian zu Spannungen mit Regierung und Parlament führte – anders herum kann man auch sagen, dass er autoritäre Züge an den Tag legte. Er liess etwa die Daschnak-Partei (HHD), damals neben der KP die stärkste Oppositionspartei, vorübergehend verbieten. Seine Wiederwahl 1996 war die erste Wahl mit Schiebungsvorwürfen in Armenien. 1998 trat er wegen Unstimmigkeiten mit der Regierung unter Robert Khotscharian, der zu seinem Nachfolger gewählt wurde, zurück. Die Republikanische Partei (HHK), 1990 gegründet, wurde bei der Parlamentswahl 1999 Grosspartei, siegte vor der KP-Nachfolgepartei HKK, stellte mit Wasgen Sargsyan den Ministerpräsidenten. Seither hat sie bei allen Wahlen gewonnen, wahrscheinlich aber nicht ganz “sauber”, und übt ein Machtmonopol aus. Im Oktober 1999 ereignete sich ein Terrorangriff auf das Parlament, eine Gruppe unter einem Ex-Daschnak-Aktivisten tötete den Ministerpräsidenten, Parlamentspräsident K. Demirtschian (KP-Chef der Republik 74-88, nun bei der HZK) sowie mehrere Minister und Abgeordnete. Der damalige Sicherheitsminister Sersch Sargsian wurde von Ex-Präsident Ter-Petrossian der Komplizenschaft mit den Terroristen beschuldigt, auch Präsident Khotscharian (parteilos) wurde dessen beschuldigt. Sersch Sargsian von der HHK wurde 2007 Ministerpräsident, 2008 Staatspräsident.

Der Ararat von Jerewan aus gesehen
Der Ararat von Jerewan aus gesehen

Der Umgang mit dem Völkermord, seine Aufarbeitung

Eng verbunden mit der Beurteilung des Völkermordes ist die Frage, inwiefern Unabhängigkeits- bzw. Irredentismusbestrebungen der Armenier berechtigt waren; abgesehen davon, dass nur ein Teil der West-Armenier diesen Bestrebungen nachgingen. Es gab gerade im 1. Weltkrieg einige vergleichbare Situationen. Österreich-Ungarn und das Russische Reich waren wie das Osmanische Sultanat Vielvölkerreiche und gingen auch in diesem Krieg unter. In der Ukraine standen sie sich auch gegenüber, und beide verdächtigten die Ukrainer der Kollaboration mit dem Anderen und erliessen auch harte Repressalien in Fällen, wo sie diesen Verdacht bestätigt sahen; diese waren aber weit weg von kollektiven Zwangsumsiedlungen aus dem Kriegsgebiet. Ähnlich verhielt es sich an der österreichisch-italienischen Front, wo viele Italiener unter österreichisch-ungarischer Herrschaft (Trient, Triest) vor “Loyalitätskonflikten” standen, wo es Exekutionen gab wie jene Cesare Battistis.

Natürlich gab/gibt es vielerorts Wechselwirkungen zwischen Diskriminierungen vor dem Krieg, harten Maßnahmen währenddessen und dem Bestreben nach Grenzveränderungen. Während des 1. Weltkriegs gab es einige Volksgruppen im Osmanischen Reich, die ein ähnliches Schicksal wie die Armenier erleiden hätten können, nicht zuletzt diverse arabische Völker, aufgrund ihrer Sezessionsbestrebungen. Die osmanischen Kriegsherren wie Djemal Pascha sollen potentiell illoyalen Gemeinschaften explizit gedroht haben, sie wie die Armenier zu behandeln. Die Sezessionsbestrebungen der Araber versuchten die Jungtürken auch niederzuwerfen (Djemal Pascha hier auch verantwortlich), waren aber nicht so grausam und auch nicht erfolgreich wie bei den Armeniern. Weil die Araber viel zahlreicher waren und das fragliche Gebiet grösser, weil die Türken Anatolien im Gegensatz zu Irak oder Palästina als ihr Kernland betrachteten oder weil sich Westmächte um die arabischen Länder kümmerten?

Durch den Prozess gegen Soghomon Tehlirjan, den Talat-Attentäter, im Deutschen Reich wurde vieles über den Völkermord erstmals bekannt, zumal der Theologe Johannes Lepsius, der Helfer und Zeuge dabei gewesen war, dort aussagte. Deutsche waren im Krieg Verbündete der Osmanen gewesen, bei den Aktionen gegen Armenier in mehrerer Hinsicht Mittäter bzw. Kollaborateure; auch einer dieser Beteiligten sagte damals in Berlin aus, General Liman von Sanders. Lepsius hat nach dem Ersten Weltkrieg auch Akten des deutschen Aussenministeriums zu den Deportationen veröffentlicht, diese so genannten Lepsius-Dokumente galten bis in die 1960er als die wichtigste Quelle für den Völkermord an den Armeniern.

Franz Werfels 1933 erschienener Tatsachenroman “Die vierzig Tage des Musa Dag” war eine der frühen Thematisierungen des Völkermordes, und ist bis heute eine der eindrucksvollsten. 1929 war er mit Alma Mahler über Kairo nach Jerusalem und weiter nach Damaskus gereist, alles Länder die in der Zwischenkriegszeit unter europäischer, nicht mehr osmanischer, Herrschaft standen. In Damaskus im französisch beherrschten Syrien wurden sie auch in die grösste Teppichweberei der Stadt geführt. Bei der Führung bemerkten sie ausgehungerte Kinder, die Hilfsarbeiten verrichteten. Der Fabrikbesitzer erklärte dazu, es seien die Kinder der von den Türken erschlagenen Armenier, denen er Brot und Unterkunft für die Arbeit gäbe. Dies war Werfels erste Begegnung mit dem Unglück der Armenier, das ihn so bewegte, dass er noch auf der Reise die Idee eines Romans skizzierte. Um die historischen Details zu erfahren, suchte er u.a. das armenische Kloster der Mechitaristen in Wien auf (eine armenisch-katholische Kongregation übrigens), wo er in der Bibliothek recherchieren durfte. Werfel, im 1. WK selbst Soldat in der österreichisch-ungarischen Armee, fand die Augenzeugenberichte eines protestantischen Priesters namens Dikran Andreasian über die Ereignisse von 1915 in der Antiochia-Region, wo auf diesem Berg Widerstand geleistet wurde. 36 Tage, nicht 40, einer der Punkte, in denen der Roman von der Realität abweicht. Viele der von Franzosen geretteten Musa-Dag-Überlebenden wurden einige Jahre später von diesen bei der Besetzung der Region eingesetzt. Als die Franzosen das Gebiet 1939 an die Türkei abtraten (die es dann “Hatay” nannte), zogen auch die meisten Armenier ab, viele liessen sich in der Bekaa-Ebene im Libanon nieder.

Die sogenannten Andonian-Papiere sind in der Forschung über den Völkermord deshalb so wichtig, weil sie (im Fall ihrer Echtheit) die Vernichtungsabsicht bei den Umsiedlungsaktionen beweisen, oder aber (im Fall ihrer Falschheit) diese Absicht widerlegen sollen, ein Hinweis auf die ungerechtfertigte Unterstellung dieser wären. Die Diskussionen bei den Wikipedia-Artikeln über sie sind ein ganz guter Indikator für ihre Umstrittenheit. “The Memoirs of Naim Bey: Turkish Official Documents Relating to the Deportation and the Massacres of Armenians” wurden 1920 von Aram Andonian, einem der Überlebenden der am 24. April 1915 aus Istanbul nach Anatolien deportierten Armenier, als Buchpublikation herausgebracht. Im selben Jahr erschien eine französische Ausgabe, im Jahr darauf in USA eine armenische. Sie zeigen, teils als Faksimile, teils als Übersetzung, Telegramme der jungtürkischen Führung an Regierungsstellen in der damaligen osmanischen Provinz, welche als Anordnung zur Vernichtung der deportierten Armenier verstanden werden müssen. Ein osmanischer Beamter in Aleppo, eben dieser Naim Bey, soll sie gesammelt und dann verkauft haben. Die Zweifel beziehen sich vor allem auf Unstimmigkeiten bei Datumsangaben in den Telegrammen. Zur Bewertung dieser und anderer Dokumente zum Genozid sind Kenntnisse des osmanischen Rumi-Kalenders, der osmanischen Sprache (die in vielen Punkten vom heutigen Türkisch abweicht) und des Chiffriersystems der osmanischen Behörden notwendig, Kenntnisse, die rar geworden sind, wie der deutsche Wikipedia-Artikel anmerkt!

Daher ist der Authentizitäts-Streit auch ziemlich auf die Experten-Ebene beschränkt. Natürlich ist auch der Kontext der Entstehung zu betrachten; zum Zeitpunkt der Entstehung und Veröffentlichung des Buches war das Schicksal Armeniens noch in der Schwebe, in Sevres wurde verhandelt, die englische Ausgabe enthält einen offenen Brief des deutschen Völkermord-Augenzeugen Armin Wegner an den dort maßgeblichen USA-Präsidenten Wilson. Falls die Dokumente gefälscht wurden, muss dies nicht unbedingt auf Andonian zurückgehen, es könnte auch jemand versucht haben, damit ein Geschäft zu machen. Die Tatsache, dass auch nicht-revisionistische Forscher zu diesem Genozid wie Yves Ternon und Christopher Walker nicht (ganz) von der Echtheit der verwendeten Telegramme überzeugt sind, ist Grund genug, die Zweifel zu akzeptieren. Dazu sei gesagt, dass die Vernichtungabsicht und damit der Genozid-Charakter der Aktionen nicht von dem Buch abhängen. Die Originale der Naim-Bey-Telegramme sind verschollen.

Die Aufarbeitung dieses Völkermordes war in der Geschichtsforschung wie in der Politik lange ein Aussenseiter-Thema (ausser für Armenier). Sowohl die Anzweiflung als auch die Anerkennung des Völkermord-Charakters der osmanischen Aktionen gegen die Armenier im 1. Weltkrieg folgt in der Regel weniger sachlichen Begutachtungen und Kriterien als politischen Erwägungen! Die zentralen Streitfragen der Diskussion darüber, insofern sie einigermaßen seriös geführt wird, sind die Frage der Vernichtungsabsicht, die Opferzahlen, die “Rechtmäßigkeit” bzw. der Anlass der Deportationen. Inzwischen hat sich in Historiographie und Politik grossteils durchgesetzt, dass es sich um einen der grossen Völkermorde des 20. Jh. handelt, neben dem an Juden und dem Stalins an verschiedenen Gruppen; der “Völkermord”-Begriff ist nach dem 2. Weltkrieg entstanden.

Es gibt gewisse Parallelen zum Völkermord an den Juden, dem/der Holocaust/Schoah, etwa dass beide im Schatten des Krieges stattfanden. Gerade diese Gemeinsamkeiten werden aber oft in Frage gestellt. Guenter Lewy (aus Deutschland nach USA) etwa lässt den Völkermord an den Zigeunern/Sinti wie auch den an den Armeniern nicht als solchen gelten, zum Entzücken v. a. von türkischen Nationalisten. Er trifft sich mit Eberhard Jäckel, einem deutschen Historiker, der das Lied von der Einzigartigkeit des jüdischen Holokausts singt, von “Legenden­bildungen bezüglich der Zigeuner die sich sehr geschickt den verfolgten Juden gleichstellen möchten” schreibt; Sündenstolz? Bernard Lewis, ein anderer Leugner, verteidigt wie Vertreter des türkischen Staates die These des “Bürgerkriegs” zwischen Türken und Armeniern. Auch Daniel Goldhagen oder Steven T. Katz verfechten eine “abgehobene, metahistorisierende Einzigartigkeit der Shoa” (Kieser). Justin McCarthy, in diesem Zusammenhang (Leugnung/Relativierung des Armenier-Genozids) berüchtigt, dürfte “eingekauft” worden sein. Ein kleiner Indikator, welcher Unterschied international in der Akzeptanz des jüdischen und des armenischen Völkermordes besteht: Bei der Eishockey-WM 2006 musste das armenische Team (in der Division III) am armenischen Völkermord-Gedenktag (24. April) gegen das türkische spielen; am 25. April hätte das israelische Team in der Division II am jüdischen Völkermord-Gedenktag gegen das deutsche antreten sollen – aufgrund der Bedeutung des Tages wurde das Spiel verschoben. Der türkische Historiker Fikret Adanir schrieb, bei manchen armenischen Historikern gäbe es vor diesem Hintergrund eine Art “Obsession”, die zum metahistorischen Mass alles Bösen erhobenen Nationalsozialisten und die Jungtürken gleichzusetzen, um so mehr Anteil an internationaler Beachtung und Anerkennung zu erlangen.

Die Entstehung eines neuen armenischen Nationalbewusstseins in den 1960ern, verstreut auf westliches Exil, “Orient” (Westasien) und “Ostblock” (v.a. SU), vollzog sich v.a. im Gedenken an den Völkermord; die armenischen Bezeichnungen dafür sind neben “Aghet” (Katastrophe) “Medz Yeghern” (grosses Verbrechen) oder “Hayots Tseghaspanutyun” (armenischer Völkermord). Dazu gehörte die Einführung eines Gedenktages und die Errichtung des Gedenkmals Jerern bei Jerewan 1967. Auch die Aktionen militanter Gruppen wie ASALA kamen aus Frustration von Armeniern, deren Tragödie in der Endphase des Osmanischen Reichs meist verdrängt blieb. Für die Armenier war, wie erwähnt, die Vernichtung von einem grossen Teil des Volkes mit dem Verlust von einem grossen Teil des Territoriums verbunden.

Auf dem Territorium der Republik Türkei ging ein Auslöschungsprozess gegenüber allem armenischen (bzw. generell nicht-türkischen) auch lange nach dem 1. Weltkrieg (und dem Völkermord), dem “Unabhängigkeitskrieg” und der Gründung der Republik weiter – einer der Unterschiede zum deutschen Völkermord an den Juden im 2. Weltkrieg. Dazu gehörte die staatliche Beschlagnahmung aller sogenannten “verlassenen Güter”, Kirchen-Zerstörungen, Umbenennungen von Ortschaften und die lancierte Geschichtspolitik zum Ende des Osmanischen Reichs. Der Westen kam der Türkei dabei weit entgegen, vor dem Hintergrund ihrer Bedeutung im Kalten Krieg, die sie aus westlicher Sicht schon in der Zwischenkriegszeit gegenüber der Sowjetunion bekam, und in den 1990ern als Verbündeter in der Region behielt. Für Armenier war/ist es schmerzlich, dass eine Frage wie jene nach der materiellen Restitution ihrer geraubten oder zerstörten Güter nur als utopisch anzusehen ist. Jene Türken, die den Völkermord oder zumindest grosses Leid der Armenier anerkennen, sind Aussenseiter ihres Milieus, ob in der Politik, der Geschichtswissenschaft, der Publizistik oder anderen Bereichen. Entgegen landläufiger Vorstellungen ist die seit 2002 regierende AKP hier die positive Ausnahme, kein anderer türkischer Staats- oder Ministerpräsident ist hier so grosse Schritte gegangen wie Recep Tayyip Erdogan (s. u.).

Es gibt auch eine recht unmittelbare Verbindung zwischen den Völkermorden in den beiden Weltkriegen: Max Erwin von Scheubner-Richter, deutscher Offizier und Diplomat, war während des 1. Weltkriegs (Vize-?) Konsul des Deutschen Reichs in Erzurum, also im “Zentrum der Ereignisse”, und somit Augenzeuge der Deportationen und Übergriffe. Dass er osmanischen Behörden dabei entgegen getreten sein soll, erscheint zweifelhaft, Deutschland war ja Verbündeter und unterstützte es in mehrerer Hinsicht bei den Gräueln an Armeniern, z. B. bei der Belagerung des Musa Dag, in Form von Militärberatern. Es waren auch die deutschen Bündnispartner, die die Türken zur Instrumentalisierung des Islam zum heiligen Krieg/Jihad in diesem Krieg drängten… Scheubners Biograph Paul Leverkuehn (im 1. WK in dessen Delegation, im 2. WK für die deutsche Abwehr in der Türkei, in der BRD u. a. CDU-Politiker) schrieb 1938 über die “wölfische Wildheit der losgelassenen Kurden” (dass Kurden maßgeblich an dem Genozid beteiligt waren, ist zutreffend) und von einer “Auseinandersetzung eines Volkes Asiens mit einem anderen fernab europäischer Zivilisation”. Scheubner wurde bald nach dem 1. WK einer der engsten Mitarbeiter Hitlers bei dessen frühen politischen Aktivitäten, er soll Hitler vom Völkermord an den Armeniern (den er damals auch als “asiatisch” und “grauenvoll” einstufte) unterrichtet und ihn “inspiriert” haben. Hier kommt Ernst Nolte ins Spiel, der den deutschen Historikerstreit in den 1980ern u.a. damit auslöste indem er schrieb, die Sowjetunion (unter Stalin) habe “asiatische Methoden” der Nationalsozialisten vorweg genommen (beschreibt eine Folter mit Rattenkäfig vor dem Gesicht) und damit den Holokaust (den er nicht leugnet) u.ä. quasi provoziert. Scheubner-Richter wurde beim Putschversuch Hitlers 1923 in München erschossen.

Die Armenier erfuhren für die erlittenen Gräuel nicht nur keinerlei Wiedergutmachung der Türkei, im Gegenteil, die Türkei hat nie Verantwortung dafür übernommen. Der türkische Umgang mit dem Leid der Armenier schwankt zwischen Leugnung von Grausamkeiten, Rechtfertigungen dieser, Opfer-Notwehr-Behauptungen als Begründung für das Vorgehen, Totschweigen, Aufarbeitung. Türken sehen sich, was die Zeit um den 1. Weltkrieg betrifft, in der Regel in einer Position der Schwäche bzw. als Opfer. Die Armenier werden dabei meist als einer jenen “inneren und äusseren Feinde” gesehen, gegen die man sich letztlich erfolgreich gewehrt hat. Das Vorgehen der Jungtürken, v.a. aber der Kemalisten, wird gerne auch antiimperialistisch interpretiert. Manchmal wird von einem “Bürgerkrieg” in Kleinasien gesprochen, der für Türken ein Überlebenskampf gewesen sei, in dessen Zuge die todbringenden Umsiedlungen geschahen. “Geschah ihnen Recht” kommt von türkischer Seite eben so wie “Gabs nie”. Die seriöseren Argumente sind: Umsiedlungen geschahen wegen dem Krieg bzw. der Illoyalität, es gab keine geplanten Vernichtungen, Massaker waren die Ausnahme. Dann werden meist Opfer-Zahlen bestritten, höchstens 300 000 seien ums Leben gekommen, nicht 1,5 Millionen. Der gemäßigtere türkische Standpunkt ist, dass es Gewalt von beiden Seiten gab, Türken auch Opfer gewesen seien. Die Geschehnisse rund um den 1. WK sind Hauptgegenstand staatlicher türkischer Propaganda und Lobbyings, die Türk Tarih Kurumu (TTK; Türkische Historische Gesellschaft) hat etliche pseudohistorische Arbeiten dazu angefertigt. Laut “Washington Post” gaben türkische Regierungen mehr als 300 000 $ monatlich für Lobbying gegen Resolutionen zum Völkermord im US-Kongress aus. Akademische Diskussionen über den Völkermord zwischen türkischen und armenischen Wissenschaftlern sind selten; 2000 fand etwa in Frankreich eine statt. Man muss dazu bedenken, dass türkische Historiker, die diesbezüglich von ihrer “nationalen Norm” abweichen, viel zu verlieren haben. Kieser weist darauf hin, dass sich auch die internationale Turkologie seit den 1930ern stark im Schlepptau türkischer Nationalgeschichtsschreibung bewegt.

Jungtürken wie Kemalisten waren bzw. sind stark für Säkularismus bzw. Laizismus in der Türkei, konkret bedeutet das die Verbannung des Islam aus dem öffentlichen Leben, die Entmachtung religiöser Funktionäre – und einen aggressiven Nationalismus als Ersatz-Religion, der im Zuge einer oberflächlichen Verwestlichung entstand. Türkentum wird darin aber (unausgesprochen) über den Islam definiert und die Einschmelzung bzw. Konversion zum Türken geschieht über diesen. Hier sind türkische Kemalisten oder Nationalisten intoleranter als Religiöse bzw. Traditionelle, früher wie heute (Dissenz kommt auch von Linken). Die christlichen Völker im Osmanischen Reich bzw. der Türkei sind die Leidtragenden dieser Entwicklung; durch ihre Ermordung, Ausweisung, Marginalisierung wurde die Türkei ethnisch homogen. Inwiefern die europäische “Interventionspolitik” im späten Osmanischen Reich dabei eine Rolle spielte, wäre eine interessante Frage. Es gibt Mutige in der türkischen Gesellschaft und Diaspora mit dem Willen zur Auseinandersetzung mit den Gründungsmythen der türkischen Nation (wozu auch der Völkermord gehört), wie Ragib Zaraoglu, Elif Shafak, Taner Akcam, Orhan Pamuk oder Cem Özdemir. Anlass zur Hoffnung gibt etwa, dass ein Enkel von einem der Jungtürken-Führer, Djemal Pascha, Hasan Cemal, für Aussöhnung eintritt, vor einigen Jahren auch am Völkermord-Denkmal in Armenien Blumen niederlegte.

Die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern begann in den 1980ern, geschieht hauptsächlich im Westen. In den letzten 10-15 Jahren ist dabei aber eine Instrumentalisierung durch anti-islamische Kulturkämpfer oder aus politischem Kalkül zu beobachten. Der Völkermord als Verhandlungschip und Druckmittel, genau wie bei seiner Leugnung, je nachdem, wen man als Verbündeten braucht. Jede Solidarität hat ihre Falle, jede Geschichte hat ihre andere Seite; und manchmal sind Feigheit und Berechnung der Antrieb. Als etwa FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache aus dem Wiener Gemeinderat/Landtag ausschied um in den Nationalrat zu wechseln (vor etwa 10 Jahren), war sein letzter Antrag im Rathaus, die Verbrechen an den Armeniern als Völkermord zu verurteilen. Zu dem Zeitpunkt war bei dem westeuropäischen Rechtspopulisten bereits die Verschiebung zum “Islam” als Feindbild vollzogen. Nicht über den Inhalt, aber über die Art und Weise, wie und womit Politik gemacht wird, gab es zu Recht eine heftige Debatte. SPÖ, ÖVP und Grüne warfen der FPÖ vor, lediglich anti-türkische Ressentiments schüren zu wollen und auch einen unsauberen Umgang mit der eigenen Vergangenheit und dem Nationalsozialismus. Somit blieb Strache mit seiner Fraktion allein, den Völkermord 1915 zu verurteilen bzw. zu benutzen. Die aus Griechenland stammende damalige Klubchefin der Wiener Grünen, Maria Vassilakou, fand dazu klare Worte an Strache. Dieser hat ja bei einem anderen Anlass gesagt, dass er “westlich orientierte” Türken akzeptiert; nun, diese (Wähler der CHP, die jahrzehntelang regierte und hauptverantwortlich für die türkische Geschichtspolitik ist) werden ihm bei seiner Behandlung türkischer Geschichte entschieden widersprechen, um es vorsichtig zu sagen. Dabei übertreffen werden sie nur Funktionäre und Klientel der rechtsnationalistischen MHP, die so etwas wie das Äquivalent der FPÖ in der Türkei ist… Internationalismus war immer problematisch für Rechte, aber das ist eine andere Geschichte. Ein ähnliches Beispiel ist der Versuch der bulgarischen Rechtsextremisten (Ataka) vor einigen Jahren, im Parlament eine Armenier-Völkermord-Verurteilung durchzubringen; genau so undurchdacht und nationalistisch waren auch die Abwehrreflexe der Partei der türkischen Minderheit in Bulgarien, DPS, gegen die sich die Aktion richtete.

Als Sarkozy in Frankreich ein Völkermord-Gesetz, das den von Türken an Armeniern miteinschliesst, durchbringen wollte, kam aus der Türkei die “Drohung”, die französische Kolonialgeschichte, besonders jene in Algerien, zu thematisieren und die Unterstellung des Schielens nach Stimmen von armenischen Franzosen; auch Befürworter einer Annäherung an Armenien in der Türkei sollen sich gegen dieses Gesetz ausgesprochen haben. Als das schwedische Parlament eine Erklärung verabschiedete, in der die Tötung von Armeniern im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs als Völkermord bezeichnet wurde, regierte die Türkei mit der Abberufung ihres Botschafters. Aussenminister Carl Bildt distanzierte sich von der Erklärung und schrieb in seinem Blog: “Die Geschichte durch Abstimmungen im Reichstag zu politisieren ist alles andere als konstruktiv.” Es beunruhige ihn vor allem, dass das von Reformgegnern in der Türkei ausgenutzt und der Versöhnungsprozess zwischen Türken und Armeniern gestoppt werden könne.

Die Frage, ob Parlamente Geschichte schreiben sollen, rückwirkend, ist tatsächlich berechtigt. Meist kommen die Einwände aber aus politischem Kalkül. Die Türkei ist/war als NATO-Mitglied und als Transitland für Energiequellen Asiens ein wichtiger Verbündeter der USA und des restlichen Westens in seiner Region. Aus diesem Grund stossen Initiativen zur Anerkennung des Armenier-Völkermordes im USA-Kongress immer auf harte Widerstände und ist diese noch immer nicht durch. Spätestens unter Präsident “Bill” Clinton (93-01) begann das Spiel mit dem Versuch und der Verhinderung. Unter Bush jun. forderten Verteidigungsminister Gates und Aussenministerin Rice den Aussen-Ausschuss des Repräsentantenhauses 07 auf, gegen die Verurteilung bzw. Anerkennung des Völkermordes zu stimmen. “Als Akademikerin sind mir Tatsachen bekannt, aber als Aussenministerin…”, hauchte Condoleeza Rice. Der Ausschuss hat dann unter Obama, der sich weniger entschieden dagegen wehrte, die Verfolgung von Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord bezeichnet. Eine Annahme durch die ganze Kammer steht noch aus. Die türkische Regierung hat daraufhin ihren Botschafter aus USA abberufen, der sagte, die Beschuldigung eines Völkermordes sei die schwerste vorstellbare. Aussenministerin Hillary Clinton kündigte an, “sehr hart dafür zu arbeiten”, dass die Resolution nicht im Plenum des Repräsentantenhauses in Washington zur Abstimmung gestellt wird. Türkeis Ministerpräsident Erdogan und Staatspräsident Gül haben damals in ihren Reaktionen die Auswirkungen auf die Beziehungen zur USA in den Mittelpunkt gestellt.

Jungtürken und Zionisten haben in der osmanischen Spätzeit verschiedentlich zusammengearbeitet; manche sagen dass hier die Grundlage für die spätere Zusammenarbeit zwischen Israel und den Kemalisten (die in den 1950ern begann) gelegt wurde. Der israelische Wissenschaftler Yair Auron hat in seinem Buch “The Banality of Indifference” das auf die eigenen Interessen und das eigene Überleben ausgerichtete Verhalten der zionistischen Führer und der jüdischen Siedlerschaft in Palästina angesichts der spätosmanischen Armenierverfolgungen behandelt. Er geht etwa auf die “Realpolitik” ab Theodor Herzl ein, der um die Jahrhundertwende den osmanischen Sultan Abdulhamid hofierte, ungeachtet der Pogrome an Armeniern unter diesem. Diese Hofierung hat der französische Jude Bernard Lazare, ein früher Weggefährte Herzls, heftig kritisiert. Der Yishuv in Palästina, so Auron, war im 1. WK geschützt durch seine ostentative Loyalität mit dem Osmanischen Reich sowie das Eintreten der Deutschen (eines seiner Verbündeten) und die Protektion der Briten (die Palästina dann eroberten) für sie. Franz Werfel hat wohl Verknüpfungspunkte zwischen der armenischen Tragödie und den Juden gesehen, vor deren grösster Tragödie. Die “40 Tage” sollen in den jüdischen Ghettos während des Zweiten Weltkrieges “Leiblektüre” gewesen sein. Jüdische Nationalisten machten ihm den Vorwurf, sich mit dem Leiden eines fremden Volkes zu beschäftigen anstatt des eigenen.

Die Zusammenarbeit zwischen Israel und der Türkei bedeutete für die Armenier grosse Sorge, zumal auch Aserbeidschan auf dieser Achse lag/liegt. Vor dem Hintergrund der türkisch-israelischen Partnerschaft (sowie der Türkei als Partner des Westens und den Juden in der Türkei) sind auch die (entscheidenden) Bemühungen israelischer Stellen und jüdischer Organisationen zu sehen, den Völkermord an den Armeniern nicht als solchen anerkennen zu lassen. Auch ein Singularitäts-Anspruch für die “Schoah” spielt(e) dabei eine Rolle. 1982 wurden Armenier bei einer Völkermord-Konferenz in Israel auf türkischen Druck ausgeladen. Shimon Peres sagte im April 2001 bei einem Besuch in der Türkei: “Die Armenier haben eine Tragödie erlitten, aber keinen Genozid.” Die “Anti-Defamation League” hat noch 07 den Chef ihrer New England-Regional-Organisation, Andrew Tarsy, wegen seiner Anerkennung des Genozids abgesetzt. Pro-israelische Lobbies haben in Washington mit türkischen gegen armenische Interessen agitiert. Auch Cefi Kamhi, Istanbuler Jude, in den 1990ern Abgeordneter der DYP, hat sich daran beteiligt. Die Vereinigung türkischer Juden in Israel hat erklärt, es habe einen Bürgerkrieg gegeben, keinen Genozid. Vertreter der israelischen Diplomatie und jüdischer Organisationen in den USA haben zur Genugtuung türkischer Stellen den ursprünglich vorgesehenen Einbezug des armenischen Genozids im Holocaust Memorial Museum in Washington (eingeweiht 1993) vereitelt.

Staat und Diaspora in der Gegenwart, neue und neueste Entwicklungen

Die unabhängige Republik Armenien ist trotz ihrer Armut, ihrer Kleinheit und des autoritären Systems für Armenier weltweit ein noch wichtigerer Bezugsrahmen als es die Sowjetrepublik war, auch wenn es nur einen relativ kleinen Teil des historischen Armeniens umfasst und grosse Probleme hat (politische, wirtschaftliche, ökologische). Es gibt aber zwischen Ost-Armeniern (die grossteils die Bevölkerung der Republik stellen) und West-Armeniern (die grossteils die Diaspora ausmachen) Unterschiede, nicht nur in der Aus-Sprache. Für West-Armenier spielen der Völkermord und “ihre” an die Türkei verlorenen Gebiete in der Regel eine grössere Rolle als für Ost-Armenier. Dies hat sich etwa gezeigt, als der nach der Unabhängigkeit aus der USA nach Armenien eingewanderte Raffi Hovanissian als Aussenminister beim Staatsbesuch in der Türkei 1992 diese Themen zur Sprache brachte – und daraufhin entlassen wurde. Auch die Ausrichtung an Russland ist eher nach dem Geschmack der O-Armenier; erste Alternative wäre wohl der Westen (EU, USA; wo auch ein grosser Teil der Diaspora lebt).

Seit 2008 wird das Land von Sersch Sargsian (Sarkissian) und der HHK geführt. Seine Wahl damals gegen Ter-Petrossian war umstritten, bei anschliessenden Protesten wurden zehn Menschen getötet. Die Wiederwahl Sargsians als Staatspräsident 2013 wurde von der Opposition (“Blühendes Armenien” unter Oligarch Tsarukian, “Armenischer Nationalkongress” unter Ex-Präsident Ter-Petrossian, Daschnak unter Markarian, “Erbe” unter Hovanissian) grossteils boykottiert, da sie die Fairness der Wahlen schon im vorhinein anzweifelte. Nur das “Land des Rechts” unter Baghdasarian ist mit der herrschenden Partei verbündet. Auch die letzte Parlaments-Wahl ’12 soll zu ihren Gunsten geschoben worden sein.

Nachdem die meisten Aseri in Armenien im Krieg vertrieben wurden oder geflüchtet sind (analog zu den Armeniern aus Aserbeidschan), sind Kurden die grösste Minderheit. Bei ihnen überwiegen Yaziden gegenüber Moslems. An der Akademie der Wissenschaften in Jerewan gibt es eines der wenigen Kurdologie-Institute auf der Welt. Dann sind Russen, Assyrer, Griechen, Juden, Ukrainer und weitere kleine Gruppen zu nennen. Deutsche und Polen dort sind etwa stark russifiziert, wie auch in anderen Ex-SU-Republiken.

Heute leben etwa 3,5 Millionen Armenier in der Republik und Karabach und 3,5 Millionen in der Diaspora (darunter auch in Gebieten wie Javakh). Der Waffenstillstand von 1994 um Karabach/Arzach ist brüchig, es gibt keinen Friedensvertrag, immer wieder kommt es zu Scharmützeln. Im Schatten der Karabach-Frage steht die Auffassung von Pan-Turkisten, dass nur Armenien zwischen der Türkei und Aserbeidschan sowie den zentralasiatischen Turkstaaten steht. Armeniens Schutzmacht ist Russland, jene von Aserbeidschan die Türkei, die unter der AKP eine konstruktivere Rolle einnimmt. Ansonsten haben Armenier in ihren historischen Territorien (traditionellen Siedlungsbieten) nur in Javak(eti) in Georgien “einen Fuss in der Tür”. Der südliche, armenisch besiedelte Teil der georgischen Provinz Samtskhe-Javakheti ist das armenische Javakhk (Akhalkalaki und Akhaltsikhe), das im Sevres-Vertrag Armenien zugesprochen worden war und von der Ersten Republik Armeniens umkämpft war, in Sowjetzeiten Georgien zugesprochen wurde. Da das Verhältnis Armeniens zu Georgien im Gegensatz zu den anderen beiden Staaten, mit denen Territorium/Grenzen “umstritten” sind, in Ordnung ist und die Minderheit/Bevölkerung (daneben gibts auch in Tiflis welche) dort im Grossen und Ganzen korrekt “behandelt” wird, sind Armenier hier sehr zurückhaltend mit Ansprüchen. Im exterritorialen aserbeidschanischen Gebiet Nachitschewan (zwischen Armenien und der Türkei gelegen) sowie in (dem früheren) West-Armenien (Nordost-Anatolien) leben heute fast keine Armenier mehr (zu den Hemshenli unten mehr). Die eine “Säuberung” fand im Zuge des Karabach-Krieges statt (am Ende der Sowjetunion), die andere am Ende des Osmanischen Reichs.

In der Republik Armenien erhebt nur die Daschnak-Partei (HHD), die an zwei HHK-geführten Kabinetten als Juniorpartner beteiligt war, im post-sowjetischen Armenien insgesamt aber wenig Macht ausübt(e), Ansprüche auf historische armenische Gebiete. Regierungen erheben keine Territorialforderungen, auch auf Karabach nicht offen (das von Armenien kontrolliert wird), tun sich mit der Anerkennung der einen oder anderen Grenze aber schwer. Irredenta ist eher für West-Armenier bzw. die Diaspora ein Thema, aus der Diaspora wird gegenüber armenischen Regierungen, von HHSch wie von HHK, der Vorwurf erhoben, armenische Grundinteressen nicht zu vertreten, Appeasement ggü der Türkei zu üben. Die Daschnak ist auch die einzige Partei, die in der Republik (bzw. Ost-) Armenien und in der Diaspora verankert ist, und deren Wurzeln über die spät- oder postsowjetische Zeit hinunterreichen.

Neben den genannten Nachbarn grenzt Armenien an den Iran, mit dem es eine lange gemeinsame Geschichte und viele Verbindungen hat: Zunächst gibt es im Iran ein kleines Gebiet, im Nordzipfel der Provinz West-Aserbeidschan, wo es seit undenklichen Zeiten Armenier gab; durch Massaker von Türken und Kurden 1915 und 1918 wurden die diese dort zumindest stark dezimiert. Dann gab es schon in der vorchristlichen Religion der Armenier starke persische Einflüsse. Persien herrschte dann von der frühen Neuzeit bis in die späte über Ost-Armenien; in dieser Phase wurden Armenier in das “zentralere” Persien gebracht, v.a. nach Isfahan, der Grossteil der Vorfahren jener, die heute die armenische Bevölkerung Irans ausmachen. Es gibt Gemeinsamkeiten in der Küche oder im Sport, Ringen ist z.B. bei beiden Völkern sehr beliebt. Die armenisches Namesendung “-ian” ist wahrscheinlich persischer Herkunft, ebenso das “-stan” wie im armenischen Eigennamen für Armenien, “Hayastan”. Im 19. und 20. Jh. kamen armenische Flüchtlinge nach Persien, v.a. aus dem osmanischen Bereich; manche gingen aber auch von Persien in den russischen Bereich. Heute ist der Iran zum einen ein wichtiges Diaspora-Land der Armenier (die Parskahaj, die persischen Armenier, fallen in verschiedene Gruppen, nach Herkunft bzw. Verwurzelung im Land, Konfession, Wohngebiet, soziale Klasse,…). Auch während der gewaltsamsten Phase der “Islamischen Revolution” (dem Diebstahl der Revolution durch Khomeini) blieben ihre Rechte zumindest auf einem Grundniveau geschützt. Zum anderen ist der Iran für die Republik Armenien Handelspartner, Reisen finden in beide Richtungen statt, etc.

In der Diaspora gibt es einige armenische Enklaven, von ihnen überwiegend besiedelte Gebiete. Dazu gehört z. B. Anjar in der Bekaa-Ebene im Libanon, wo sich Musa Dag-Überlebende und andere aus dem Antiochia-Gebiet niederliessen. Oder das armenischen Viertel der Altstadt von Jerusalem/Quds (Israel/Palästina). Im Westen ist das etwa Little Armenia in Los Angeles (USA).

Armenien und seine historischen Gebiete
Armenien und seine historischen Gebiete

Istanbul, die einzige Stadt der Türkei, wo es heute eine grosse armenische Gemeinde gibt (um die 50 000), war aus armenischer Sicht immer Diaspora. Armenier sind die grösste christliche wie nicht-moslemische Gruppe in der Türkei. In den letzten Jahren soll es sogar eine Einwanderung aus Armenien in die Türkei gegeben haben, anscheinend aus wirtschaftlichen Gründen. Hrant Dink war neben dem Patriarchen wohl der prominenteste (und wichtigste) Armenier Istanbuls. Als Chefredakteur der Wochenzeitung “Agos” hat er auch heisse Eisen behandelt, wie die Massaker und Deportationen im 1. Weltkrieg. Daher musste er sich auch Prozessen stellen, wegen “Beleidigung des Türkentums”. Dink war aber nicht für Aufrechnung oder Vergeltung, sondern für Aussöhnung, und für die Demokratisierung der Türkei. Versöhnung nicht ohne Aufarbeitung, Aufarbeitung nicht mit Hass und im Hinblick auf eine friedliche Lösung zwischen Türken und Armeniern. Er kämpfte darum, Armenier als Teil der Türkei zu verankern. Er wollte nicht, dass die Vergangenheit den Weg in die Zukunft versperrt. Er hat auch eine Konferenz zum Genozid in der Türkei mit-organisiert. Einmal standen die Bewohner eines ganzen Dorfes in seiner Redaktion, Nachfahren türkischer Armenier, die 1915, zur Zeit der schlimmsten Verfolgung, bei ihren alewitischen Nachbarn in der Region Dersim Schutz gefunden hatten. Jenen, die die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern als Vorbedingung für eine EU-Mitgliedschaft der Türkei fordern, hielt er vor, dass sie das Spiel der reaktionären Kräfte in der Türkei mitspielten. Er stritt für die Öffnung der Grenze zwischen der Türkei und Armenien. Und liess sich nicht auf Zahlen- und Begriffsdiskussionen bezüglich des belastendsten Kapitels in der Beziehung der beiden Völker ein. Er musste lange darum kämpfen, einen türkischen Reisepass zu bekomment; er galt als nicht “verlässlich” und sollte nicht ausser Landes reisen. Gerade weil er sich so um die konstruktive Debatte und um Aussöhnung zwischen Armeniern und Türken bemühte, wurde ihm von anderen Armeniern, v.a. aus der westlichen Diaspora, mitunter vorgeworfen, Verrat an der armenischen Sache zu begehen.

Hrant Dink wurde 2007 im Alter von 52 Jahren vor seiner Redaktion ermordet, aus den selben Gründen aus denen er verurteilt worden war. Der Mörder wurde nach seiner Verhaftung auf der Polizeiwache wie ein Held gefeiert (wie ein Video zeigte); diese Polizisten wurden aber bestraft, auch jene, die Hinweise auf Hintermänner nicht ernst nahmen. Zwischen 100 000 und 200 000 Menschen nahmen an seinem Begräbnis in Istanbul teil, riefen “Wir sind alle Armenier” oder “Schulter an Schulter gegen Faschismus”. Der türkische Staat lud Politiker (Vize-Aussenminister Arman Kirakosian war der hochrangigste) und Geistliche aus Armenien, zu dem es keine Beziehungen hat, ein. Auch einige Diaspora-Armenier kamen, wie Bischof Khazkah Parsamian aus USA. Dink brachte Türken und Armenier also auch über seinen Tod zusammen. Die Messe wurde von Patriarch Mesrob II. zelebriert.

Dass sich unter der AKP (2002 nach Wahlsieg zuerst Gül, dann Erdogan Ministerpräsident, beide dann Staatspräsidenten) in der Türkei für Armenier und andere Minderheiten etwas zum positiven verbessert hat, wird im Westen in der Regel nicht wahrgenommen. Für sie als gemäßigte Islamisten ist nicht ein intoleranter Nationalismus als Ersatz-Religion bzw. Identitätsstiftung vonnöten, wie für die kemalistischen Parteien. Eine Konferenz zur historischen Aufarbeitung der Armenier-Frage etwa konnte nur dank der ungewöhnlichen Allianz von liberalen Bürgerrechtlern und der islamisch-konservativen Regierung von Erdogan stattfinden. Westliche Beobachter ereifern sich über “Säuberungsaktionen” von AKP-Regierungen in der Justiz oder im Militär, die sich gegen türkische Ultra-Nationalisten richtet, wie die “Ergenekon”-Gruppe, die eine Rolle auch bei dem Mord an Dink und anderen Christen spielte. Auch dass unter Erdogan bezüglich der Kurden etwas weitergegangen ist (Unterricht von und Rundfunkprogramme in deren Sprachen Kurmanci und Zazaki, daneben ein Waffenstillstand mit der PKK), fällt bei seiner Beurteilung gern unter den Tisch.

Zur türkischen Parlaments-Wahl 07 wurde der armenische Patriarch in Istanbul, Mesrob II. Mutafyan, von der “Hürriyet” interviewt, er gab eine Art Unterstützungserklärung für die AKP ab, die er als toleranter gegenüber Minderheiten einschätzte. Ein wichtiges Zeichen war auch die Restaurierung der Kirche auf der Achtamar-Insel im Van-See unter Erdogan, die bis zum Genozid so etwas wie ein kulturelles Zentrum der West-Armenier gewesen war. Die Insel war Sitz der Könige von Vaspurakan, einem armenischen Staat, der sich im Hoch-Mittelalter vom Armenischen Reich der Bagratiden loslöste und die Kirche “Zum heiligen Kreuz” vom 12. Jh an Sitz eines Katholikats. Dieses war ab 1895 (Abdulhamit-Massaker) verwaist und wurde 1916 von den osmanischen Behörden aufgelöst, nachdem im Zuge des Völkermordes das Kloster zerstört wurde und Mönche ermordet wurden. Die Kirche war geplündert worden und verfiel.

Die AKP-Politik bedeutete einen Kurswechsel auch gegenüber “Nahost”, ein stärkeres Engagement für die Palästinenser statt einem Ausbau des Bündnisses mit Israel. Durch das Massaker israelischer Soldaten 2010 auf einem Schiff der Hilfsflotte für das eingeschlossene Gaza, die hauptsächlich türkisch besetzte “Mavi Marmara”, kam es zu einer entscheidenden Entfremdung. Der Quasi-Abbruch der Beziehungen der Staaten kam dann erst mit dem UN-Bericht zum Massaker. Israels Aussenminister Lieberman posaunte danach, er könnte sich mit Vertretern der PKK in Europa treffen und über eine mögliche Waffenhilfe beraten, möglich seien auch Kontakte mit der armenischen Lobby in den USA, mit dem Ziel, eine Anerkennung des Völkermords an den Armeniern im US-Kongress zu erreichen; er wurde übrigens schnell zurückgepfiffen. Als Erdogan beim Gipfeltreffen in Davos Peres wütend auf dessen Begründung für ein neues Massaker in Gaza antwortete, schrieb ein Kolumnist in der israelischen Zeitung “Haaretz” am nächsten Tag: “Perhaps the next time the Armenian genocide bill comes up in the U.S. congress, the Palestinians will help them block it.” Der Völkermord und seine Anerkennung als reiner Verhandlungsgegenstand bzw. Druckmittel, aus politischem Kalkül, je nachdem, was gerade gebraucht wird. Kritik an der Hilfsflotte und der Haltung der Erdogan-Regierung dazu kam von der „Hürriyet“ und dem islamischen Prediger Fethullah Gülen. Der Chef der kemalistischen CHP, Kilicdaroglu (der teilweise kurdischer Herkunft ist, aber nicht kurdische Interessen vertritt), äusserte verhaltene Kritik an Erdogan. Dass Israel sich (nun) um Kurden bemühen will, wird gerade jene Kemalisten die pro-zionistisch sind, vergraulen…

Vor wenigen Jahren gab es eine Erklärung einer Gruppe von rund 200 türkischen Intellektuellen, die sich für die Aktionen im 1. WK entschuldigten. In der Erklärung heißt es: “Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, dass die große Katastrophe, denen die Armenier im Osmanischen Reich 1915 ausgesetzt waren, immer noch so unsensibel behandelt und geleugnet wird. Ich weise diese Ungerechtigkeit zurück und teile die Schmerzen meiner armenischen Brüder. Ich entschuldige mich bei ihnen.” Die Initiatoren vermieden in ihrer Erklärung den Begriff “Völkermord”, sie sprachen stattdessen von einer “grossen Katastrophe”. Erdogan sagte damals, “Wenn es ein Verbrechen gab, dann können die, die es begangen haben, eine Entschuldigung anbieten”. Am 24. April 2010 gab es in der Türkei erstmals eine öffentliche Gedenkfeier für den Armenier-Völkermord, von der Menschenrechtsorganisation IHD organisiert; eine Gegendemonstration wurde von der Polizei auf Distanz gehalten. 2011 lud Erdogan Vertreter von Stiftungen von Alewiten, Christen und Juden zu einem Abendessen anlässlich des traditionellen Fastenbrechens im islamischen Fastenmonat Ramadan. An dem Treffen nahmen unter anderen der griechisch-orthodoxe Patriarch Bartholomaios I., der amtierende armenische Patriarch Aram Atesyan und der türkische Oberrabbiner Isak Haleva teil. Auch der Chef des Religionsamtes, Mehmet Görmez, sowie einige Minister aus Erdogans Kabinett waren Gäste des Treffens. In seiner Rede ging Erdogan auf den kurz zuvor veröffentlichten Erlass seiner Regierung ein, der die Rückgabe von eingezogenem Besitz nicht-muslimischer Stiftungen oder die Entschädigung für die Enteignungen vorsieht; in der Türkei gebe es unabhängig von der Religionszugehörigkeit nur „Bürger erster Klasse“. Patriarch Bartholomaios sagte damals, die Türkei sei auf dem richtigen Weg. Oberrabbiner Haleva sprach von einer „Revolution“. 2011 hat sich Erdogan im Namen des Staates auch für das Dersim-Massaker 1937/38 an Alewiten und Zaza-Kurden entschuldigt.

Die eigentliche Entspannung der Türkei mit Armeniern und Armenien begann mit einem Fussballspiel. In der Qualifikation für die WM 2010 wurden Armenien und die Türkei in die selbe (Europa-)Gruppe gelost; 08 begleitete der damalige türkische Staatspräsident Gül die türkische Mannschaft zum Match in Jerewan, traf dabei mit seinem armenischen Amtskollegen Sargsian zusammen. Dies leitete das Tauwetter in den Beziehungen der beiden Staaten ein, die sehr viel mehr ausmachen als binationale Beziehungen. Mit den Beziehungen zur Türkei (die noch keine diplomatischen sind) sind für Armenier die Anerkennung des Völkermordes, die Öffnung der gemeinsamen Grenze, die Anerkennung dieser Grenze, der Konflikt mit Aserbeidschan um Karabach und auch die armenische Minderheit in der Türkei verbunden. Die Verwundbarkeit Armeniens kommt hauptsächlich von der noch bestehenden Feindschaft mit der Türkei, die einer der mächtigsten Staaten der Region ist, v.a. militärisch, aufgrund ihrer Unterstützung durch den Westen. Dies scheint sich jetzt zu drehen.

09 wurde in der Schweiz zwischen Repräsentanten der Türkei und Armeniens das Zürich-Protokoll unterzeichnet, ein Grundsatzabkommen bzw. ein Fahrplan, welche Punkte in Verhandlungen gelöst werden müssen. Der Annäherungsprozess ist dann ins Stocken gekommen, da es auf beiden Seiten “Bremser” gibt, die jeweils meist gar nicht zum betreffenden Staat gehören und warnen, sich “zu billig” zu verkaufen. Im Fall der Türkei sind dies das verbündete Aserbeidschan und die Rechtspartei MHP, die u.a. das Resultat des Krieges als Besetzung aserbeidschanischen Territoriums ansehen. Bei Armenien sind dies ebenfalls die Rechte (Daschnak?) und Teile der Diaspora, die eine Grenzanerkennung als Gebietsverzicht verstehen und eine Anerkennung des Völkermordes zur Vorbedingung für Verhandlungen machen möchten. Armeniens Präsident Sargsian sprach irgendwann in den Jahren danach von “West-Armenien”, was Erdogan erzürnte und die Annäherung wieder zurückwarf; umgekehrt haben Aussagen armenischer Politiker zur Anerkennung der Grenzen zum Rückzug der Daschnak aus der Regierung geführt.

2014, einen Tag vor dem armenischen Völkermord-Gedenktag, also am 23. April, sprach Erdogan zum Völkermord, 99 Jahre danach: Er ordnete die Taten nicht als Völkermord ein, sprach aber den Nachfahren der Opfer im Namen der Türkei Beileid aus, äusserte sein Bedauern darüber, verurteilte die Ereignisse als unmenschlich. “Die pluralistische Sichtweise, die demokratische Kultur und die Moderne erfordern, dass in der Türkei unterschiedliche Meinungen und Gedanken zu den Ereignissen von 1915 frei geäußert werden”, hiess es in der Erklärung weiter, die auch auf Armenisch veröffentlicht wurde. „Es lässt sich nicht abstreiten, dass die letzten Jahre des Osmanischen Reiches, gleich welcher Religion oder ethnischer Herkunft sie angehörten, für Türken, Kurden, Araber, Armenier und Millionen weiterer osmanischer Bürger eine schwierige Zeit voller Schmerz waren“. So weit war noch nie ein türkischer Spitzenpolitiker diesbezüglich gegangen, noch nie hatte ein Ministerpräsident in der Frage so versöhnliche Töne angeschlagen. Kritik kam von MHP und CHP. Am Tag danach fand ein relativ grosse Gedenkfeier in Istanbul statt, durch nationalistische Sprechchöre gestört. Deutschlands Präsident Gauck war bald darauf auf Staatsbesuch in der Türkei, kritisierte Erdogans “Twitter-Verbot” statt das Bedauern über den Völkermord zu loben – exemplarisch für die westliche Wahrnehmung.

In diesem Jahr, zum 100. Jahrestag des Völkermordes, hat Erdogan, nun Staatspräsident, im Staatsfernsehen TRT seinen Vorschlag erneuert, eine unabhängige Historikerkommission einzusetzen, die die Massaker an den Armeniern untersuchen soll. Sollte sich ergeben, dass die Türkei Schuld auf sich geladen und „einen Preis zu zahlen“ habe, dann werde er entsprechend handeln. In dem Interview beklagte er auch, Armenien sei nicht bereit, sich dieser Diskussion zu stellen. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, Erdogans Nachfolger in dieser Position, hat Armenien kürzlich, anlässlich des Gedenkens an die Ermordung Hrant Dinks, einen „Neuanfang“ in den beiderseitigen Beziehungen vorgeschlagen. „Für zwei Alte ist es möglich, die nötige Reife zu haben, um sich zu verstehen und gemeinsam in die Zukunft zu schauen“, Türken und Armenier teilten sich „dieselbe Geografie und dieselbe lange Geschichte“. Sie müssten daher miteinander „über ihre Probleme sprechen können und gemeinsam Möglichkeiten finden, um sie zu lösen“, hieß es in der Erklärung Davutoglus. Die Türkei teile das „Leid der Armenier“ und bemühe sich „mit Geduld und Entschiedenheit, die Sympathie zwischen unseren beiden Völkern wiederherzustellen“.

Ein erstaunliches Kapitel armenischer Existenz in der Türkei sind Krypto-Armenier, welche ihre (teilweise) armenischen Wurzeln entweder geheim halten oder verloren haben oder nichts davon wissen. Die kompakteste und bekannteste Gruppe unter ihnen sind die Hemshenli, eine “Nationalität” in Nordost-Anatolien, im ehemaligen West-Armenien, benannt nach dem Ort Hemşin. Ob es sich bei ihnen um Moslems handelt, die die armenische Sprache übernommen haben (sie sprechen Homschezi, einen Dialekt des West-Armenischen), oder um Armenier, die den Islam angenommen haben, ist umstritten. Wegen ihrer islamischen Religion waren sie nicht vom osmanischen Völkermord betroffen.

Dann gibt es Leute wie Fethiye Cetin, eine (Menschenrechts-) Anwältin in Istanbul. Sie brachte 04 auf Türkisch ihre Familiengeschichte in Buchform heraus („Meine Grossmutter“); ihre Grossmutter hatte ihr anvertraut dass sie Armenierin war die dem Todesmarsch entkam indem sie in eine türkische Familie verschleppt wurde und dort moslemisch erzogen wurde. Sie hält sich mit Anklagen zurück, will Tabus brechen. Es soll Hunderttausende wie sie geben, manche wissen auch nichts davon, manche wollen nichts davon wissen, manche halten es geheim. Cetin sagt, in der türkischen Gesellschaft stecke viel armenisches. Manche kehren auch zu ihren Wurzeln zurück, wie Aras Özbiliz. Legendär waren die Telefonanrufe nach Hrant Dinks TV-Auftritten, in denen Türken ihre bislang verheimlichten armenischen Wurzeln offenbarten. Andere berichteten von Spuren armenischen Lebens in ihren Orten und bitteten um seine Hilfe für die Bewahrung dieses kulturellen Erbes. Auch in Syrien gibt es solche “Armenier”, deren Vorfahren von Arabern gerettet wurden.

Material

Richard G. Hovannisian: The Armenian People from Ancient to Modern Times (2004)

Hrant Dink, Günter Seufert: Von der Saat der Worte (2010)

Jasmine Dum-Tragut und Uwe Blasing (Herausgeber): Cultural, Linguistic and Ethnological Interrelations in and Around Armenia (2011)

Tessa Hofmann: Annäherung an Armenien (1997)

Taner Akcam: Armenien und der Völkermord: Die Istanbuler Prozesse und die türkische Nationalbewegung (2004)

Sibylle Thelen: Die Armenierfrage in der Türkei (2010)

Artem Ohandjanian: Armenien – der verschwiegene Völkermord (1989)

Mihran Dabag and Kristin Platt: Verlust und Vermächtnis. Überlebende des Genozids an den Armeniern erinnern sich (2015). Dabag leitet das Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Uni Bochum

Vahakn Dadrian: Autopsie du Génocide Arménien (1995)

Marwan R. Buheiry: Theodor Herzl and the Armenian Question. In: Palestine Studies, Bd. 7, Nr. 1, 1977, S. 81-92. Buheiry übt eine ähnliche Kritik wie Lazare

Hans-Lukas Kieser: Die Armenierverfolgungen in der spätosmanischen Türkei. Neue Quellen und Literatur zu einem unbewältigten Thema

www.armenianhistory.info

Online-Ausgabe der Zeitschrift der Istanbuler Armenier, “Agos”, auf Türkisch, Armenisch, Englisch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Schatten der Mauer

Bei der Gedenkveranstaltung zum Jubiläum von 25 Jahre Mauerfall in Berlin gedachte die Kanzlerin der Opfer des „Unrechtsstaats DDR” und zog, wie auch schon bei einer Vertriebenen-Veranstaltung kurz davor Parallelen zu aktuellen Konflikten in Syrien, dem Irak und der Ukraine. Zu Palästina, dem kürzlichen Massaker, und der Apartheid-Mauer nicht. Deswegen sind die Broders ja ihre Fans, wenn nicht Verbündeten. Die teilenden Mauern in Korea und Zypern hätten sich auch eher als Parallele angeboten. Auch auf den Grund der Vertreibungen der Deutschen, der deutschen Teilung, der sowjetischen Besatzung eines Teils Deutschlands, ging sie nicht ein. Hatte auch etwas mit der Ukraine zu tun. Nun ja, vor Deutschland als Grossmacht muss man irgendwie mehr Angst haben als vor Russland.

Max Blumenthal und David Sheen, die von linken Linken in den Bundestag geladen wurden (wo Biermann kurz davor angesichts des Jubiläums die Linke attackierte), um u. a. über das Gaza-Massaker zu reden, wurden Opfer einer im Vorhinein angelaufenen Verhinderungs-Kampagne von Weinthal in der “Jerusalem Post”, die erfolgreich war, weil Gysi (der während der Wende zunächst SED-Chef geworden war) und Pau von der Parteiführung einknickten. Sie sprachen daher anders(wo) als geplant. Wollten Gysi mit dessen Vorwürfen konfrontieren, daraus wurde endgültig ein Pseudo-Skandal mit bundesdeutschem Entrüstungssturm, wie bei Grass’ Gedicht.. Der wahre war die Verhinderung, die Hetze, die Diffamierung, in Medien, von Politikern.

Zu den 41 Jahren DDR, das letzte mit Wende und Maueröffnung, ist zu sagen, dass mehrere Wahrheiten nebeneinander bestehen können. Der jetzige deutsche Bundespräsident Joachim Gauck sagte einst, erst mit dem Mauerbau entstand so etwas wie eine DDR-Identität, bis dann war „gehen“ möglich. Genscher ging zB ’52 von der DDR in die BRD. Die Flucht aus der DDR in die BRD fand v.a. in Berlin statt, war dort am leichtesten. Vor allem während der Berlin-Krisen gingen Viele aus der SBZ bzw DDR nach West-Berlin. An der eigentlichen innerdeutschen Grenze gab es schon in den 1950ern Trennvorrichtungen, auf DDR-Seite aufwändigere. Diese wurden in den 1960ern auch ausgebaut. 1961 wurde von der DDR-Regierung quer durch Berlin, entlang der Grenze zu den westlichen Sektoren, eine Mauer sowie weitere Sperranlagen errichtet. An die 900 Menschen kamen bei Versuchen der Überwindung der Grenzanlagen, vor und nach dem Mauerbau, ums Leben.

Der Fall des berühmtesten Mauer-Toten, Peter Fechter (1962), sagt einiges über diesen Konflikt aus, nicht nur weil er zeitlich und räumlich in seinem Brennpunkt stattfand. Der von DDR-Grenzschützern angeschossene Fechter verblutete bekanntlich, weil er gut 1 Stunde im “Todesstreifen” liegen blieb. Der Zugführer der DDR-Grenzsoldaten gab an, nicht eingeschritten zu sein, da er befürchtete, die auf der Westseite versammelten Polizisten würden auf die Soldaten schießen. In der Tat war nur drei Tage zuvor der DDR-Grenzsoldat Rudi Arnstadt an der innerdeutschen Grenze von einem westdeutschen Grenzbeamten erschossen worden. Der Tod des durch einen Westberliner Fluchthelfer erschossenen DDR-Grenzers Reinhold Huhn lag erst zwei Monate zurück und auch der Tod des von Westberliner Polizisten am 23. Mai 1962 beim Verhindern eines Grenzdurchbruchs erschossenen Gefreiten Peter Göring war noch gegenwärtig.

(Als es 40 Jahre später in diesem Fall zu einem Prozeß kam, saßen jedoch einmal mehr nicht diese Todesschützen auf der Anklagebank, sondern wiederum DDR-Grenzsoldaten). Ein toter Peter Fechter war den BRD-Beamten und BRD-Medien aus propagandistischen Gründen wahrscheinlich willkommener als ein lebender. Dass Fechter so wie viele andere aus der DDR, aus dem Ostblock raus wollte und mit Gewalt daran gehindert werden musste, spricht aber auch eine klare Sprache… Die DDR existierte im Grossen und Ganzen gegen das Volk, ein Unterschied zur BRD.

Das 1945 von den Alliierten aufgelöste Preussen wurde unter Erich Honecker rehabilitiert, als es darum ging, die DDR als Nation zu etablieren. Der preussische Geist hat auch in militärischen Traditionen der DDR weitergelebt. „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ war ein DDR-Fernseh-Mehrteiler in den 1980ern über Sachsen und Preussen in den Jahren 1697–1763, Teil der DDR-Geschichtspolitik. Preussen erlebte auch nach der Wiedervereinigung eine Art Rehabilitierung. Aus der Sicht der Rechten war die DDR natürlich „schlecht“, aber man schätzt dass es keine Einwanderung gab und preussische Traditionen hoch gehalten wurden.

Die Ereignisse am 9. November 1989, der “Fall” der Berliner Mauer, laden ein zum kontrafaktischen Spekulieren darüber, wie es anders hätte kommen können. Hier scheinen durch minimale Änderungen der tatsächlichen Geschehnisse sehr abweichende Szenarien möglich. Wenn der frisch ernannte Quasi-Regierungssprecher der DDR, Günter Schabowski, nicht zu spät zur ZK-Sitzung gekommen wäre, über die geplante Gesetzesänderung Westreisen betreffend voll im Bild gewesen wäre, auf der Pressekonferenz später an diesem Tag keine Angaben dazu (oder richtige) gemacht hätte, DDR-Bürger deshalb nicht im Anschluss daran die Grenzübergänge in Berlin gestürmt hätten, die Mauer also nicht an dem Tag “gefallen” wäre – wie wäre die Geschichte der DDR, Gesamt-Deutschlands, des Ostblocks, und darüber hinaus anders gelaufen?

Gorbatschows Perestroika-Politik in der Sowjetunion hatte dazu geführt, dass alle osteuropäische “Brüderstaaten” ihre eigene Politik verfolgen konnten, sogar die Abkehr vom Kommunismus, wie das Ungarn im Frühling 1989 vollzogen hat! Die dadurch möglich gewordene Flucht von DDR-Bürgern über Ungarn in den Westen im Sommer des Jahres hat das System weiter destabilisiert. Im April 1989 hatte die DDR, nach dem letzten Mauertoten, die Aufhebung des Schiessbefehls an der Grenze verfügt. Im Herbst stellten sich massive Demonstrationen gegen das System ein, nicht zuletzt anlässlich der 40-Jahr-Feiern dieses Staates im Oktober (an denen auch Gorbatschow teilnahm). Egon Krenz wurde dann Honeckers Nachfolger als Staats- und Parteichef. Es war also Wendezeit, vieles war möglich.

Schabowskis unabsichtlich falsche Angaben zur Grenzöffnung haben diese ermöglicht bzw. beschleunigt. Wenn die Regelung in dieser Form (also das Recht auf Westreisen und Rückkehr) auch durch den Ministerrat gekommen wäre und wie vorgesehen erst am Folgetag veröffentlicht worden und in Kraft getreten wäre, wäre der Ansturm und damit die Quasi-Grenzöffnung wahrscheinlich ähnlich gewesen – die Genehmigungen wären ja an den Grenzübergängen unmittelbar zu erteilen gewesen. Die Grenzposten wären aber vorbereitet gewesen, die Erteilung von Reisegenehmigungen hätten diese Ausreisen ein wenig kanalisiert. Abgesehen davon wurden die Westgrenzen der übrigen Staaten des damaligen Ostblocks damals schrittweise geöffnet; bei Abkapselung von/zu diesen Staaten wäre die DDR erst recht verloren gewesen. Die Erlaubnis zum Kommen und Gehen hätte im Fall ihrer geplanten Umsetzung eher den gewünschten Effekt haben können, nämlich das Gehen zu drosseln. Die Kontrolle über die Situation wäre beim Regime geblieben.

Hans Modrow wäre wohl auch so bald nach dem “Mauerfall” neuer Ministerpräsident geworden. Er hätte, aus einer Position der relativen Stärke heraus, eine Reformpolitik durchführen können, eine DDR-Perestroika, die auch die Oppositionsgruppen wie das Neue Forum einigermaßen zufrieden hätte stellen können, etwa mit einer Generalamnestie für politische Gefangene (die so im Dezember kam). Vergleichbar mit jener von Miklos Nemeth in Ungarn oder Ion Iliescu in Rumänien in dieser Zeit. Eine Reformpolitik, die aber nur schwerlich dazu hätte führen können, die DDR als Einparteienstaat zu erhalten.

Auch wenn sich die DDR und die SED in Ruhe reformiert hätten, wäre der Staat wahrscheinlich nicht zu retten gewesen. Freie Wahlen im Frühling 1990 wären auch mit einem anders verlaufenen 9. November 1989 realistisch gewesen, mit einem ähnlichen Ergebnis wie bei den tatsächlichen. Und somit wäre die Entwicklung der DDR wohl auch so auf die Vereinigung mit der BRD hinausgelaufen; zumal das Einverständnis der Sowjetunion unter Gorbatschow dazu unabhängig von der Grenzöffnung gegeben gewesen wäre. Die DDR war wahrscheinlich nicht reformierbar. Sie wäre wohl etwas anders in die Vereinigung reingegangen.

Nach dem Mauerbau wurde West-Berlin noch stärker eine „Insel” (im Kommunismus). Die grosse Einwanderung aus der BRD kam erst danach. Es entstand eine linke Szene, die für die Bundesrepublik maßgeblich war. Die Frage, ob W-Berlin hinter den westdeutschen Städten zurück oder ihnen voraus war, ist nicht so leicht zu beantworten. Zerfallene Häuser einerseits, künstlerische Freiheit andererseits. So wie „Herrn Lehmann“ aus Sven Regeners gleichnamigem Roman erkannten Viele nach dem Mauerfall, dass es mit der “Alternativwelt” nun vorbei sein würde. Und Berlin-Mitte fortan auch ein homogenisiertes Stück Düsseldorf sein werde. In der Wende-Zeit träumte man in der DDR vom Paradies und wachte dann in Nordrhein-Westfalen auf. Die Wiedervereinigung veränderte dann aber auch alte BRD, aus der ungefähr 1999 die “Berliner Republik” wurde.

Ingo Schulze hat auf etwas Interessantes hingewiesen: Die Ost-CDU (bis Dezember 1989 CDUD) spielte bei der Wende keinerlei Rolle, war diskreditiert als Teil des Regimes, hängte sich dann an die Wende dran; während das Neue Forum alles initiierte. Bei der Volkskammer-Wahl im Frühling 1990 kam Bündnis 90 (in dem der grösste Teil des Neuen Forums aufgegangen war) aber dann auf 2,9% und den 6. Platz, die CDU (leicht erneuert und mit Kohl-Hilfe) auf über 40% und den 1. Platz. Die CDUD-„Blockflöten“ stimmten in kommunistischen Zeiten nur in Bereichen wie Abtreibung anders (konservativer) als die SED; das Recht auf Abtreibung – in der DDR eine Selbstverständlichkeit – wurde in der BRD erst durch die Wiedervereinigung möglich.

Erinnert an die jetzige Situation, in der der Linken-Politiker Ramelow in Thüringen am Sprung zum ersten Ministerpräsidenten aus der Partei steht, wobei er eigentlich ein Gewerkschafter aus dem Westen ist und seine Vorgängerin und kommende Oppositionsführerin Lieberknecht (CDU) eine ehemalige Blockflöte. Dennoch sind von Gauck (der ja für Bündnis 90 in die letzte Volkskammer eingezogen war) abwärts viele über Ramelow „aufgeregt“, nicht über sie. Volker Pispers hat in Richtung Gauck gesagt, der Lebensstandard in der DDR wäre für einen sehr grossen Teil der Bürger der (heutigen) USA ein grosser Fortschritt.

Durch die Währungsunion mit 1:1-Kurs im Einigungsvertrag zwischen BRD und DDR 1990 wurde die Produktion im Osten unerschwinglich. Die Treuhandanstalt hat dann auch intakte ostdeutsche Firmen stillgelegt oder privatisiert (an den Westen verscherbelt). Die Anti-Regime-Bewegung der DDR von links bis rechts wollte eigentlich, dass die Bürger etwas von dem von ihnen Erarbeiteten in ihren Besitz bekamen, durch das THA-Wirken ging das aber zu westdeutschen Firmen über. Es fand eine in der Phase um die Vereinigung eine De-Industrialisierung in Ost-Deutschland statt, die Massenentlassungen und Abwanderung mit sich brachte; kleine Unternehmer wurden bald von “Multis” verdrängt. Die wirtschaftliche Entmündigung war Teil einer generellen, so wurden ja auch nur vier Diplomaten der DDR übernommen; ähnlich war es etwa auch im Fussball (Liga, Nationalteam). Im Osten wirkende Politiker, Professoren, Beamte, usw. kamen aus dem Westen. Seither lebt der Osten von Zuwendungen aus dem Westen; das Muster ähnelt der Politik des Westens gegenüber der 3. Welt (ruinieren/ausbeuten, dann Entwicklungshilfe).

Die DDR hätte ’89 die Bürgerbewegung niederschlagen können, wie China in diesem Jahr, evtl mithilfe der Roten Armee im Land (mit Honecker ist das vorstellbar, mit Gorbi nicht), ein Massaker in Leipzig… Gregor Gysi schrieb 1993 einen Essay, in dem die DDR mit Perestroika ab ’85 überlebt. Zu „Die Mauer steht am Rhein“ steht hier etwas. Bei Jörg Mehrwald überlebt die DDR (“Bloß gut dass es uns noch gibt”, Satire). In der Mockumentary “Öl – die Wahrheit über den Untergang der DDR” (2015) wird Öl in der Ostsee gefunden. Der Kalte Krieg als Ganzer hätte in seiner Endphase am ehesten im Sommer 91 eine andere Wendung bekommen können, wenn der Putschversuch gegen Gorbatschow in der Sowjetunion anders ausgegangen wäre, wenn die Putschisten um Janajew Erfolg gehabt hätten; sie scheiterten hauptsächlich, weil der Grossteil des Heeres und der Bevölkerung gegen diesen Umsturz war.

Die Reden der beiden USA-Präsidenten an der Berliner Mauer sagen ja viel über den “Westen” und die Diskrepanz zwischen seinem Anspruch und der Realität. Kennedy war 1963 ein “Berliner”, als die Stadt schon etwa 15 Jahre lang Vorposten westlicher Freiheit war; ein Status, den das westliche Deutschland und Berlin bekommen hatten, indem NS-Funktionäre wie Gehlen (der auch über JFKs Tod hinaus noch einige Jahre BND-Chef war) die Seite wechselten. Kennedy hatte sich beim Bau der Mauer „zurück gehalten“, der Auftritt in ihrer Nähe dann hatte grosse Propagandawirkung; er war ein “Berliner” aber etwa kein Bagdader. Reagan forderte 87, die Mauer niederzureissen, als er in Zentralamerika Tod und Unterdrückung vorantrieb, Saddam Hussein gegen den Iran von ihm unterstützt wurde, und im von seiner Regierung (und Saudi-Arabien) gesponserten islamistischen Widerstand gegen den Kommunismus in Afghanistan u.a. Osama Bin Laden kämpfte.

Die “Internationale Gesellschaft für Menschenrechte” (IGFM; International Society for Human Rights) sieht sich als “Menschenrechtsorganisation”, mit internationalem Anspruch, wechselte den Fokus von Marx zu Mohammed. Früher war ihr Fokus ausschließlich auf Menschenrechtsverletzungen in kommunistischen Regimen, während beispielsweise das südafrikanische Apartheid-Regime nicht kritisiert wurde. Die IGFM war in der DDR auch Thema einiger Diplomarbeiten der Rechtswissenschaften. “Imperialistische Menschenrechtsaktivitäten im Rahmen der ideologischen Diversion insbesondere gegen die DDR – dargestellt vor allem am Beispiel der Feindorganisation “Internationale Gesellschaft für Menschenrechte e.V.”, Frankfurt/Main” war das Thema einer Arbeit aus dem Jahr 1984. Sie dürfte auch heute eine gewisse Aktualität haben.

 

Mauerbau Berlin 1961
Mauerbau Berlin 1961