Antisemitismus (II) – Israel und die Rechte

“Für Europa würden wir dort [in Palästina] ein Stück des Walles gegen Asien bilden. Wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen. Wir würden als neutraler Staat im Zusammenhange bleiben mit ganz Europa, das unsere Existenz garantieren müßte” (Herzl). Europäer die Wilde unterwerfen, den wilden Orient beherrschen, das war und ist das vorherrschende Selbstbild des Zionismus… Israel als Mitglied der “1. Welt”, der Weissen, das sich gegen die unterentwickelten Orientalen behauptet (und nicht gegen die Holocaust-Urheber). Das bringt Sympathien und Bewunderung von westlichen Rechten. Und dann noch ein ethnischer Nationalismus, wie es ihn in Europa schon lange nicht mehr gibt. Und die Mythen von Bibel/Tanach. Und dann noch das scheinbar unschlagbare Argument der Solidarität mit den Juden nach dem Holocaust. Die “Araber” können mit ihren Ländern „nichts anfangen“, hat Erich/Arik Brauer gesagt, so sehen auch FPÖ & Co die Orientalen, deshalb bewundern Rechte Israel weil dort die einzigen vernünftigen, fleissigen,… Menschen weit und breit sind. „Konkret“ vor einigen Jahren: “Israel ist eine Agentur neuzeitlicher Aufklärung in einer Region weltgeschichtlichen Mittelalters“.1 So sahen es auch Mildenstein, Strauss, sieht es Trump,…!

Die Palästinenser als Teil einer grossen islam(ist)ischen Plage, die Muslime in Europa quasi die hiesige “Variante” davon. Und der Westen muss zusammenstehen dagegen. So ungefähr sehen das Deutsch-Nationale wie “Anti”deutsche, Nazis wie Zionisten, FPÖ wie JDL. Wobei “Islam” ein Platzhalter ist. So wie früher der “Kommunismus”. Jedenfalls, Rass(ist)isches, Kulturelles, Politisches vermischt sich stillschweigend. Man selbst ist natürlich aufgeklärt, Rückständigkeit ist Merkmal der Orientalen; man glaubt nur an hohe demokratische Standards bei Israel, in einer rückständigen Region. Und an israelische(s) “Sicherheits”-Lösungen/Know How. Und bewundert den israelischen Militarismus. Vielleicht auch das Kleinhalten Anderer damit. Europa ist jedenfalls so gleichgültig, apathisch, zu tolerant, steht nicht zu seinen Wurzeln. Und mit “Islamkritik” und Pro-Israel lässt sich sogar ein Deutsch-Nationalismus ausleben, ohne Ewiggestrige(r) zu sein. Die Sympathien westlicher Rechter für Israel wird erwidert2, aber die diesbezügliche neue Affinität ist nicht auf die Rechten hier und dort beschränkt.3 Der jüdische FPÖ-Politiker Lasar, der “Heimat hier wie dort schützen will”, ist da nur eine schwache Brücke, da gibt es ganz andere Verbindungen.4

Antisemitismus ist geächtet, hat als politischer Faktor ausgedient im säkularen, ethnisch durchmischten, postmodernen Westeuropa. Und Israel-Sympathie breitet sich im Westen weiter aus, und was sich hinter dieser versteckt, das wäre viele Analysen wert. Der Weg der bedingungslosen Solidarität mit Israel führt ebenso bedingungslos nach Rechts. An dieser Stelle sei Eines schon klar gesagt: islamistische Anschläge wie jene in Frankreich sind tatsächlich besorgniserregend; jene im Irak aber auch (muslimisch geprägte Länder leiden am heftigsten unter islamistischem Terror). Besorgniserregend ist es auch, wenn sich Moslems über Christchurch (den Anschlag) empören bzw Empörung erwarten, aber zu Colombo ruhig bleiben; jene Moslems die für sich Toleranz reklamieren, selbst aber keine haben/üben. Und: Eigentlich ist es schlimmer, wenn Leute rein wegen biologischen Merkmalen oder der Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe angegriffen oder diskriminiert werden (wie Palästinenser von Israel) als für ein Kopftuch oder andere religiöse Bräuche.

Netanyahu, Lieberman, Bennett, Hovotely, Shaked,… sind im Grunde viel fragwürdigere Kreaturen als Strache oder Kneissl, Vilimsky. Der Rassismus des Netanyahu stellt jenen Straches (oder Berlusconis) locker in den Schatten, die von ihm ausgehende Gewalt ohnehin.5 Esther Shapira hat mal bei einer „Woche der Brüderlichkeit“-Veranstaltung gesagt, Palästinenser seien verantwortlich dafür, wen sie wählen (deutete an, sie seien zu messen daran).6 Eldad Beck sagte auch, die Hamas sei Stimme der Palästinenser, da von diesen gewählt. Israelis sind aber nicht verantwortlich dafür, wen sie wählen? Nein, sondern die die unter einer Besatzung leben, eine Besatzung die von gewählten Politikern angeordnet wird. Von Avigdor Lieberman zB, früher Evet Lvovich Liberman, aus Sowjet-Moldawien. Dass er sagt, Israel solle die “Westbank” annektieren, ist noch das wenigste; auch, weil israel de facto ohnehin über sie bestimmt, Palästinenser verdrängt. Er sprach auch davon, den Assuan-Staudamm zu bombardieren, Teheran mit Raketen anzugreifen.

Haupt-Zielscheibe seines Chauvinismus’ sind aber die Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft (die in den israelischen Grenzen 1948-67). Ihnen sollte bei “Illoyalität” die Staatsbürgerschaft aberkannt werden. Jene, die “Kollaborateure” seien, sollten hingerichtet werden. Palästinensische Politiker in Israel (“arabische Israelis”) beschimpft und bedroht er regelmäßig, nennt sie “Terroristen” oder “Kriegsverbrecher”, die “uns von Innen zerstören”…7 Zusammen mit Netanyahu versuchte er zunächst, mit einer  Erhöhung der Sperrklausel deren Parteien zu drangsalieren (die palästinensischen Parteien schlossen sich darauf hin zu einer Gemeinsamen Liste zusammen), dann erliessen sie ein Gesetz, das es der (jüdischen) Dreiviertelmehrheit im Parlament ermöglicht, einen (palästinensischen) Abgeordneten auszuschliessen, wenn ihr seine Ansichten nicht gefallen. Aber, die Zauberformel zur “Beschwichtigung” für all das: “Wir kämpfen um unser Überleben.” Sein Nachsatz “Aber nicht nur Israel, als Nächstes wird Europa an der Reihe sein.” Lieberman hat Kontakte u.a. mit Geert Wilders.8

Politiker wie Wilders können rassistisch sein, wie sie wollen, solange sie nicht israel-kritisch sind; bei Orban zeigt sich dass man auch in gewisser Hinsicht anti-jüdisch sein kann, nur eben nicht israel-kritisch (auf Israel gleiche Maßstäbe anlegen wie auf Andere)… Israel-Kritiker sind „Antisemiten“, Israelfreunde im Umkehrschluss Freunde der Juden. Rechtsextremismus, NS-Erbe, Zionismus, und das „Koscher“-Zertifikat. Das betraf früher auch Johannes Vorster oder Franz J. Strauss, heute auch Berlusconi, Trump oder Bolsonaro. Es gab und gibt da nicht nur eine “Honorierung” pro-israelischer Standpunkte, sondern durchaus auch Schnittmengen mit israelischen Politikern und Intellektuellen. Auch die AfD hetzt heute meist politisch korrekt, es gibt aber eine innere Auseinandersetzung diesbezüglich…und eine unter Juden sowie Israel-Freunden, dazu noch mehr. Gelegentlich kommt man ins Dilemma, da Antisemiten nur Israel-Gegner sein können. Auch bei Trump oder der FPÖ muss “man” gelegentlich Einiges in Kauf nehmen… Der von Israel praktizierte ethnische Nationalismus wird von jüdischen Interessensvertretern selbstverständlich verteidigt, überall woanders aber eigentlich abgelehnt; bezüglich Israel so rechts wie möglich, bzgl Diaspora-Juden so links wie möglich. Das korrespondiert mit der (vorgegebenen) Doppelnatur moderner Juden: Teil des Westens oder aber Opfer des Westens; Europa verlassen um Europäer zu werden.

Wie gesagt war/ist der Zionismus nicht die Antithese zum Faschismus, dennoch wird dies gerne behauptet, ja die Akzeptanz dessen eingefordert… Und wer Israel nicht unkritisch sieht, müsse aus dieser Ecke kommen, die Alternative zu (Philo-) Zionismus sei AS in irgendeiner Form, islamistischer oder klassisch-westlicher. Das Holokaust-Gedenken, seine Aufarbeitung, wird benutzt, IL sakrosankt zu machen und die AS-Definition auszudehnen, sich (auch) im Kontext des Zionismus) in die Opferrolle zu begeben. Der zionistisch konnotierte Pseudo-Antifaschismus, wie ihn etwa die “Anti”deutschen “beschwören”: Versuche einer Geschichtspolitik, hohle Gesten, Umdeklarierung des eigenen Rassismus..

Leopold von Mildenstein war SS-Offizier im SD, wurde dort “Judenreferent” (34-36), war Vorgänger Eichmanns (den er für sein Referat anwarb)…und pro-zionistisch. Sein Wirken stellt einen Aspekt der Nazi-Judenpolitik dar, der lange gut verborgen war, und bei dessen Thematisierung sich Manche nur dadurch zu helfen wissen, wild um sich zu schlagen. Er begrüsste den Zionismus aus einer Blut-und-Boden-Ideologie, wollte die “Judenfrage” mit deren Auswanderung nach Palästina lösen, traf sich hier mit deutschen Zionisten (damals eine Minderheit unter deutschen Juden), knüpfte positive Kontakte mit deren Vertretern. Und, im Herbst 1933 eine mehrmonatige Reise Mildensteins ins britisch kontrollierte Palästina, von deutschen Zionisten unterstützt, zusammen mit dem führendem deutschen Zionisten Kurt Tuchler (1. WK-Teilnehmer, jüd. Burschenschafter, Freund von W. Benjamin, L. Freud) samt Gattinnen. 1934 eine Serie darüber in der Nazi-Zeitung “Angriff”: “Ein Nazi in Palästina”, voller Bewunderung für zionistische Siedler, deutsche Zionisten und der Nazi sahen beide den Wilden Orient in dem man mit einem grossen Besen durchkehren müsste, eine passende Lösung der Judenfrage, Blut-und-Boden-Lösung. Die Nazis liessen sogar eine Medaillie prägen, die Hakenkreuz und Davidstern auf den 2 Seiten zeigte…

35 war Mildenstein in seiner Funktion Beobachter beim Zionistischen Kongress in der Schweiz, die Tuchlers auch dort, dort wurde ein Boykott von Nazi-Deutschland beantragt, v.a. die deutschen Delegierten waren dagegen, v.a. weil sie noch mit Unterstützung durch den NS rechneten. Von Mildenstein holte als Referent für seine Abteilung auch Adolf Eichmann aus einer anderen SD-Abteilung, der dann nach weiteren Stationen das Judenreferat im Reichssicherheitshauptamt aufbaute. Mildenstein wird nach 45 eine Zusammenarbeit mit der ägyptischen Regierung angedichtet, eine mit der CIA ist wahrscheinlicher, er arbeitete jedenfalls für Coca Cola in (West-) Deutschland… 1980 brachte die renommierte britische „History Today“ einen sachlichen, eher zionismus-freundlichen Artikel über diese Reise und die Umstände und löste damit wütende Proteste, Drohungen und Sabotageversuche aus. Es sind Charakterzüge des Zionismus (siehe dazu auch den Teil über den revisionistischen Zionismus unten), die man heute liebend gerne verbergen würde. Noch dazu, wo es hier um einen Zusammenhang mit Nationalsozialismus und Holocaust geht.

Ein Robert Schediwy hat im de.wiki-Artikel kommentiert: “Mildensteins Reise von 1933 und die danach geprägte Medaille werden ebenso wie das Ha’avara-Abkommen gelegentlich von rechtsgerichteten und israelfeindlichen Autoren als Beleg für ein konspiratives Zusammenarbeiten von Nationalsozialismus und Zionismus missverstanden.” So unenzyklopädisch diese Bearbeitung auch ist, so lange hatte sie auch Bestand. Hier bereits der Versuch der Umdrehung der nazi-zionistischen Zusammenarbeit (Diffamierung jener die sie thematisieren). So sehr man versucht, palästinensische Anliegen durch den NS-Versuch der Aufwiegelung von arabischen Völkern gegen Grossbritannien sowie moslemische Kollaborationen zu diffamieren, so sehr will man zB die Anerkennung des Zionismus in Deutschland durch den Nazi-Funktionär Mildenstein zum Anathema machen (bzw sein lassen). Das gilt auch für den aktuellen Kontext, Unterstützung für israel von ganz rechts, oder aber vermeintliche Querfronten gegen Israel. Der Westen (und auch Israel) hat NS-Sympathisanten unterstützt, wenn es ihm in den Kram passte.

Kaum irgendwo waren Post-Nationalsozialismus und Zionismus so nahe bei einander wie bei der Unterstützung der Apartheid in Südafrika, darüber ausführlich im entsprechenden Artikel. Im Teil über Trump und die Republican Party unten finden sich aber auch diesbezügliche Querverbindungen. Und wie ist das bei der FPÖ, der AfD,…? In der unmittelbaren Nachkriegs-/ Nachfaschismuszeit warfen Deutsche Palästinensern bereits vor, das Land über die Jahrhunderte “verfallen gelassen zu haben”, auch andere Ressentiments tauchten schon damals auf. Etwas was man (zuhauf) auch ggü Afrikanern und anderen “braunen Völkern” findet… Israel, eine Insel des Lichts in einer Region der Dunkelheit, in mehrerer Hinsicht, aus Sicht seiner Anhänger; Juden als Teil des Westens, das gegen den unterentwickelten Orient gewinnt; und wir Österreicher/Deutsche stehen diesmal auf der richtigen Seite.9 Jemandes Nazi-Vergangenheit wird bei Israel-Lob normalerweise nicht bemüht.

Nun zum revisionistischen Zionismus bzw der zionistischen Rechten. Ihr Mit-Gründer Vladimir Z. Jabotynski hat einst mit Petljura verhandelt, so wie Herzl mit Plehve, Tuchler mit Mildenstein, Rabin (und Andere) mit Vorster,… Ein wichtiger Wegbegleiter/Mitarbeiter von Jabotynski war Benzion Mileikowsky (nahm den Namen “Netanyahu” an) aus Polen, der Vater des jetzigen israelischen Führers. Christopher Hitchens (Islamkritiker aber nicht unbedingt Israelanhänger) hat einmal in einem Artikel aufgezeigt, wie Benzion Netanyahu (Mileikowsky), vom selbsterklärten Faschisten Ahimeir/Geisinovich beeinflusst wurde, und letztendlich auch Benjamin Netanyahu.10 Der “Revisionismus” war für die militärische Eroberung von ganz Palästina und Ausweisung/Unterwerfung seiner Einwohner, ausserdem die Inbesitznahme der Gebiete östliche des Jordans/Urduns (die nach dem 1. WK auch von osmanischer in britische Herrschaft übergingen und dann (Trans-)Jordanien wurden). Zu Benzion Mileikowsky/Netanyahu ist auch dieser “Haaretz”-Artikel informativ.

Wichtigste Organisation der Revisionisten war die Terrorgruppe/Miliz IZL, die sich 1931 von der (“sozialdemokratisch” dominierten) Haganah abspaltete, mit dem späteren israelischen Premier Biegun/Begin als Führer. Die Irgun Zwai Leumi war zeitweise mit den Briten verbündet, im Gegensatz zu LEHI anscheinend nie mit den Achsenmächten verbunden. 1948 ging der politische Arm der IZL in die Partei Herut über, der militärische in die israelischen Streitkräfte (ZHL). Die IZL verübte Terroranschläge auf britische und palästinensische Ziele, selten auf militärische Ziele. Wenn es um (gegen) Briten ging, hat sie auch gelegentlich vorher Warnungen geschickt. 1946 der Anschlag auf das “King David”-Hotel in Jerusalem/Quds, das auch britisches Hauptquartier war, wahrscheinlich war auch die Haganah beteiligt. Es ging um Rache für das britische Vorgehen gegen zionistische Milizen/Terrorgruppen. Der Vater der israelischen Politikerin Tzipora “Tzipi” Livni, Eitan Benozovich (ebenfalls aus Polen), ein führender “Aktivist” der IZL, war etwa 3 Monate zuvor festgenommen worden. Drei Monate nach seiner Festnahme legten Irgun-Mitglieder im Jerusalemer King-David-Hotel eine Bombe, die 91 Menschen tötete.

Nur 16 waren britische Soldaten oder Polizisten, der Grossteil war Hotelangestellte und Palästinenser. Die Täter dürften als “Araber” verkleidet im Hotel die Bombe gelegt haben; es ist bis heute der tödlichste Terroranschlag im ganzen Palästina-Konflikt und einer der tödlichsten im 20. Jh weltweit. Auf Repressalien der Briten danach reagierten Zionisten mit Hinrichtungen von gefangenen britischen Soldaten. Die telefonischen Warnungen im Vorhinein sind in Details umstritten. Die IZL übernahm die Verantwortung, schob sie wegen der Nicht-Evakuierung aber gleich an die Briten weiter und beklagte jüdische Opfer (angeblich 17).  Der zionistische “Hauptstrom” distanzierte sich teilweise vom Attentat, begrüsste es teilweise heimlich. Begin behauptete in seinen Memoiren sogar, dass die Briten das Gebäude absichtlich (deshalb) nicht räumten und Zivilisten drinnen liessen um “jüdische militante Gruppen zu verteufeln”… Netanyahu junior redete anlässlich eines Jubiläums des Anschlags von einem “legitimen militärischen Ziel” und hob die Sache mit der Warnung heran, um chauvinistisch einen “Unterschied” zu heutigen Anschlägen gegen Israel/den Zionismus hervor zu heben. Beschönigungen prägen den zionistischen Umgang mit dem Attentat bis heute, dies und die “zwiespältige” Haltung ggü den Briten drückt sich im Text auf der Erinnerungstafel zum 60-Jahr-Jubiläum aus, der in Hebräisch anders ausieht als auf Englisch.11

Die LEHI oder “Stern-Gruppe” war eine noch radikalere Abspaltung von der IZL. Die LEHI trug sich den Nazis an und anderen europäischen Faschisten, 1940/41, trotz deren Antijudaismus und damaligen Massentötungen von Juden in Europa (v.a. seinem Osten), gegen die Briten. Beide Kräfte waren gg die jüdische Diaspora, das Religiöse, das Orientalische,… Manche haben mit der faschistischen Terrorgruppe kein grösseres Problem, dass sie “abwertend” Stern-Bande genannt wird. Andere sehen schon Thematisierung ihres Charakters als “Antisemitismus”. LEHI-Leute töteten 1944 Walter Guinness (den Lord Moyne), damals britischer Resident in der Region.12 1948, im Palästina-Krieg, ermordete LEHI wie erwähnt UN-Vermittler Folke Bernadotte. Aus der Herut ging der Likud (und im Endeffekt alle zionistischen Rechtsparteien) hervor. In der Tradition von Jabotynski, dem Revisionismus und IZL stehen auch die Gruppen, die auf Meir Kahane zurückgehen, einen US-amerikanischen Rabbiner, also JDL, Kach,… Das offene Eintreten für ein Gross-Israel (grösser als mit Westjordanland und so) und für Ausweisungen der Palästinenser findet sich dort, dazu kommt das Bekenntnis zu einem theokratischen Staat.13

Auch heute knüpft der revisionistische Zionismus, also Likud, Kontakte zu Rechtsaussen-Parteien in Europa, mit “dem Islam” als gemeinsamen Feind. Das bringt diesen Rechtsparteien, wie FPÖ in Österreich, die Anerkennung (und das Selbstverständnis) “keine Antisemiten” mehr zu sein. Und der israelischen Rechten mehr Unterstützung aus dem Westen für ihre Vertreibungen von und Gewalt gegen Palästinenser. Dass sich Rassismus beider Seiten nicht nur gegen Moslems richtet, versteht sich von selbst. Gegen Christen wie Azmi Bishara oder Zoroastrier wie Trita Parsi wird ebenso gehetzt, wenn es politisch passt, Orientale sind eben “Ziegenficker“. Gerade aus der Likud-Ecke wurde immer gegen Barack Obama gehetzt, auch ein “Anti-Semit” sei er; da verbindet sich Israel-Lobbyismus, Rassismus, Islamophobie,… Und der FPÖ/ÖVP-Mensch aus Österreich kann jetzt auch kommen und den “Neger” den er ablehnt, politisch korrekt als “Antisemiten” aburteilen. Leider ist das inzwischen typisch für die Behandlung des “Antisemitismus”-Themas. Pirincci, Grass, Hamsun, Strache, Bernadotte, Pinochet, Obama,… – und die Einteilung in “Gut” und “Böse”.

Im israelischen/zionistischen politischen Spektrum ist Netanyahu bzw der Likud in der Mitte, was aber einiges über dieses Spektrum aussagt. Die Grundlagen für diesen Staat wurden von Politikern und Militärs (und Wissenschaftern) der Arbeiterpartei/Avodah (in der Mapai-Tradition) geschaffen. Die Sicht auf die Palästinenser und die Region als auf einer niedrigeren Stufe gibt es dort erst Recht. Ben Gurion (Grün) Führer des zionistischen Projekts in Palästina von den 1920ern bis in die 1960er, war, was Nicht-Juden/Palästinenser betrifft, kaum zu überbieten an Feindseligkeit. Oder Theodor “Teddy” Kollek, ebenfalls von der Avodah, der langjährige Bürgermeister von Jerusalem, nach der Eingliederung auch vom Osten der Stadt. Kollek war zuvor Haganah-Fädenzieher, dann Gurion-Handlanger. Der ebenfalls österreichisch geprägte Journalist Ari Rath über ihn: “Er hat mit seiner Toleranz und Menschlichkeit die Reibungen etwas ausgeglichen. Aber man soll sich nicht irren, was Jerusalem betrifft, war Teddy Kollek ein ganz starker, strenger, israelischer Patriot. Er hat den Bau der Siedlungen um Jerusalem unterstützt. Er hat auch immer gesagt, Jerusalem kann nie geteilt werden. Es soll palästinensische Bezirke mit Selbstverwaltung geben, aber Jerusalem sollte als ganzes israelisches Territorium bleiben.” Er war auch ein Freund des “Kronen Zeitung”-Herausgebers Hans Dichand, der auch einen jüdischen Preis bekam.14

Es ist leicht, Kahane als “Extremist” zu verurteilen, aber seine Anhänger hätten nicht die palästinensischen Restgebiete samt Einwohner als “Spielwiese” für ihren Chauvinismus, wenn nicht die von der Avodah/Arbeiterpartei dominierten Regierungen mit dem israelischen Militärapparat nach den Eroberungen 67 dort das Siedlungsprojekt begonnen hätten. Und Netanyahu bekommt im Westen erschreckend viel Akzeptanz… Die Führer des jetzigen (“blau-weissen”) Gegenbündnisses, Benjamin Gantz und Yair Lapid, sind aber bezüglich der Palästinenser kaum “besser”. Der nationale chauvinistische Konsens. Die rechten Zionisten (und rechte Anhänger vom Zionismus) heucheln nicht vor, dass Israel antirassistisch-universalistisch agieren bzw sein soll. Rechter und “linker” Zionismus, der Unterschied zeigt sich zB bei den Erklärungen von Rafael Eitan und Shimon Peres zur Kooperation mit Apartheid-Südafrika, die sie im Nachhinein dazu abgaben. Eitan stand dazu, auch zur damaligen Sicht wonach Israel und die Weissen in Südafrika viel gemeinsam hätten, nicht zu ihrer Region gehörten, diese bekämpfen müssten, etc; Peres & Co lamentieren, dass sie keine andere Wahl gehabt hätten, dass es “antisemitisch” sei, Israel diesbezüglich “herauszuheben”,…

Der Krieg Israels gegen die Nachbarländer 1967 markiert in mehrerer Hinsicht einen Wendepunkt – auch was die Haltung westlicher Rechter ggü Israel betrifft. Der “Spiegel” damals: “Ausgerechnet Juden, die deutsche Nazis für feig, faul und verkommen hielten, gewannen im Gegensatz zu deutschen Herrenmenschen schon zum drittenmal einen [von ihnen begonnenen] Krieg gegen eine erdrückende Übermacht.” Israel wurde für Rechte ein positives Gegenstück zum eigenen satten, friedlichen, toleranten Land, in dem das Militärische weitgehend auf den Wehrdienst begrenzt war (und „Wachdienste“ für die USA), und zum (Diaspora-) Judentum, wie man es “gewohnt” war (darauf hat es der Zionismus auch angelegt). Ulrike Meinhof damals in “konkret”: “Nicht die Erkenntnis der Menschlichkeit der Juden, sondern die Härte ihrer Kriegsführungnicht die Anerkennung ihrer Rechte als Mitbürger, nicht die Einsicht in die eigenen Verbrechen, sondern der israelische Blitzkrieg, die Solidarisierung mit der Brutalität, die Vertreibung, die Eroberung, führte zu Solidarität…Erfolg und Härte des israelischen Vormarsches lösten einen Blutrausch aus, Blitzkriegtheorien schossen ins Kraut, BILD gewann in Sinai endlich, nach 25 Jahren, doch noch die Schlacht von Stalingrad…der Einmarsch in Jerusalem wurde als Vorwegnahme einer Parade durchs Brandenburger Tor begrüßt. Hätte man die Juden, statt sie zu vergasen, mit an den Ural genommen, der zweite Weltkrieg wäre anders ausgegangen, die Fehler der Vergangenheit wurden als solche erkannt, der Antisemitismus bereut, die Läuterung fand statt, der neue deutsche Faschismus hat aus dem alten gelernt, nicht gegen – mit den Juden führt der Antikommunismus zum Sieg.“ Das Meiste davon ist nach wie vor aktuell… Bei einer Minderheit war der alte Antisemitismus doch stärker war als die neue Begeisterung für die militärisch überlegenen Israelis.

Mit der Islamkrise ab etwa 2001 kam nicht nur die rechte Israel-Begeisterung zu neuen Höhen, auch die Linken im Westen wurden wieder pro-israelisch. Die Projektion eigener nationaler Wünsche auf Israel spielt beim “Philo-Zionismus” sehr oft eine entscheidende Rolle…nicht zuletzt bei Deutschen und Österreichern. Was Rechten an IL gefällt und wie rechts IL ist, zeigt sich zB am Nationalstaatsgesetz, das 2018 erlassen wurde und Teil der De-facto-Verfassung des Staates wurde. Die Definition Israels als jüdischer Staat, die de jure und de facto immer da war, wird darin „bekräftigt“. Es definiert Israel als „Nationalstaat des jüdischen Volkes“, in dem allein Juden das “Recht auf Selbstbestimmung” haben. Es richtet sich v.a. gg die „israelischen Araber“, die aber ohnehin immer Bürger dritter Klasse waren. Hebräisch wurde alleinige Nationalsprache, Arabisch herabgestuft. Israel war ohnehin immer nur der Staat der Juden, hier wurde die Schein-„Gleichberechtigung“ der „israelischen Araber“ auch offiziell eingeschränkt. Und das geschieht mit der Umdrehung der Opferrolle, der Vernichtungsrhetorik des Zionismus. Es sei Ziel der Palästinenser, „den Nationalstaat der Juden zu vernichten“, das Gesetz solle sicherstellen, dass Juden „ein freies Volk in unserem Land“ sein können…, sagte der Likud-Abgeordnete “Avi” Dichter, ein ehemaliger Geheimdienst-Chef. Netanyahu postete auf Instagram, dass Israel nur seinen jüdischen Bürgern gehöre.

Wenn so etwas irgendwo anders (und mit Juden als Minderheit) verabschiedet werden würde… Im Westen haben Juden gleiche Rechte, Nicht-Juden unter israelischer Herrschaft nicht. Israel steht dafür, dass es keine Gleichberechtigung von Juden und Nichtjuden gibt. Israel ist als Ethnokratie attraktiv für Rechte im Westen, praktiziert einen Ethnonationalismus, sodass nicht jeder eingewanderte Chinese oder Afrikaner gleichrangiger Bürger werden kann, herrscht über “Niederrangige”. Israel ist auch/gerade in den offen rassistischen Kreisen hoch angesehen, mit seinem völkischen Nationalismus, mit seiner Privilegierung einer Bevölkerungsschicht, die Manche hier auch gerne hätten.15 Juden dort werden nicht mehr als gefährdete oder aber “schädliche” Minderheit wahrgenommen, sondern als Herrscher des Landes, das sie zudem “aufblühen” liessen. Rechte westliche Israel-Fans sind eigentlich Jene, die den Zionismus ganz richtig verstehen, nicht die (pseudo-) linken Israel-Fans.16 Wenn es um eine Neudefinition von Nation(alem) geht, spielt Israel (als Ethno-Staat, der über Andere herrscht, sich nicht um Gleichheit schert) gerne eine Vorbildrolle. Vor Allem für jene, die Hass auf „Multikulti“ und “Ethno-Pluralismus” empfinden.

Schnitt, in das Lettland der Zwischenkriegszeit. Karlis Ulmanis war im unabhängigen Lettland vor dem Einmarsch der Roten Armee und dann der Wehrmacht Minister-, dann Staatspräsident einem autoritären System. Es war eine von mehreren Halbdiktaturen in Europa damals. Ulmanis propagierte “Lettland den Letten”, führte Diskriminierungen der Minderheiten ein, das waren damals hauptsächlich Deutsche, Juden, Polen. Diese wurden toleriert, den ethnischen Letten aber klar untergeordnet. Ein solcher Nationalismus ist Normalität in Israel… Was das undemokratische Gebahren anbelangt, Ulmanis liess das privilegierte Volk, die ethnischen Letten, nicht mehr wählen und liess Protagonisten verschiedener politischer Richtungen inhaftieren, ein Unterschied. Von Israel werden “Protagonisten” des beherrschten Volkes (das in einer Besatzungssituation lebt) inhaftiert.

Zur rechten Freude über Israel trägt auch bei, dass sich die jüdische Härte nicht gg Verantwortliche des Holocausts sondern gg „unterentwickelte Völker“ richtet. Rechte, die Israel in Schutz nehmen, sich mit ihm identifizieren, es liebkosen, um mit ihrem Rassismus durchzukommen, um Progressivität, Aufgeklärtheit vorzuheucheln… Und da geht es nicht nur um “Islam” und “Moslems”, da vermischt sich Einiges, Hass ggü Obama, seiner Politik und seiner Herkunft, Nelson Mandela sei sehr wohl ein Terrorist gewesen17, Rigoberta Menchu eine Lügnerin18, man propagiert ein “weisses und islamfreies” Europa, Rassismus (im Westen) an sich wird verharmlost (von Leuten die das nicht einschätzen können)19, die Antikriegsbewegung mit Nazis gleichgesetzt,… Trump, Netanyahu, Strache, al Saud…und der „Schutz“ von Grenzen vor „Eindringlingen“. Zum “Ausgleich” sagt man dann, dass die “Weisen-Protokolle” in arabischen Ländern und Iran die grösste Auflage hätten, rümpft die Nase, man ist aufgeklärt, die sind es nicht. Frischzellenkur für Rechte…nicht um verräterische Ethnizität geht es, sondern “Kultur”. Manches aus diesem “Konglomerat” gab es früher im Zeichen des “Antikommunismus”.

Und natürlich das israelische Militär… Für den französischen Autor, Offizier, Militärtheoretiker Jean “Lartéguy” (Osty) waren die Israelis die Soldaten, die seinen Idealen und seiner Vorstellung von Effektivität am nächsten kamen. “Guerre d’Algérie” wurden in Hebräisch übersetzt und im israelischen Militär anscheinend zu Ausbildungszwecken verwendet, die Anerkennung war also gegenseitig. In den 1970ern warf er Israel gleichwohl vor, sich zu sehr von amerikanischer Waffentechnologie abhängig gemacht zu haben, dadurch “ihre frühere Qualität” verloren zu haben. Vor einiger Zeit eine ATV-Doku über “Selbstverteidigung” (in Österreich), gleich zwei Rechts-Machos mit Schusswaffen traten auf, mit IL-Sympathie/-Bewunderung/-Connection. Mit so etwas haben die “liberalen Zionisten” (Regenbogenfahne, Homosexuellenrechte…), wie es sie auch in Wien gibt, gleichwohl nie ein Problem. Ein Broder oder Finkielkraut wiederum können mit solchen Zionisten nicht viel anfangen.

Für Apartheid-Premier Vorster wurde in Jerusalem der rote Teppich ausgerollt, später kam Strache mit Burschenschafter-Kappe nach Yad Vashem…Norman Finkelstein aber zB wurde die Einreise in Israel verwehrt, Günter Grass bekam ein Einreiseverbot, von den Palästinensern, die von dort stammen, ganz zu schweigen. Ein Netanyahu stellt einen Strache mit seiner Politik und Rhetorik locker in den Schatten, mit seinen rassistischen Herabsetzungen von Menschen in der Region, in der “Israel” gegründet wurde. Auch den Holokaust würde er am liebsten den Palästinensern zuschieben (siehe Teil I), (echt) liberale Juden wie Soros gibt er für antisemitische Angriffe frei (s.u.). Über Israel-Solidarität wird eine Anschlussfähigkeit zu rassistischen Diskursen hergestellt; globalpolitician, vdare oder frontpagemagazine sind so Treffpunkte für Chauvinisten von hier und dort, was den englischsprachigen Raum betrifft. Alte europäische/westliche Rechtsextremisten wie auch rechtsextreme Zionisten sind besorgt, ihr Image zu modernisieren, und in Zeiten von Islamismus und Islamophobie geht das auch ziemlich leicht. Aber es gibt Zustrom und Akzeptanz aus der Mitte für die entsprechenden Diskurse.

Im deutschsprachigen Raum gibt es nicht nur Broder, der für so gut wie alle rechten Inhalte seinen Segen gibt, Blanko-Schecks verteilt. Ralph Giordano: “Was, Germania, ist hier falsch gelaufen? Damit komme ich auf jene professionellen Multikulti-Illusionisten, xenophile Anwälte aus der linksliberalen Ecke, wie Hans Christian Ströbele und Claudia Roth, gnadenlose Verneiner berechtigter Eigeninteressen der Mehrheitsgesellschaft und Großverhinderer jeglicher realistischen Lagebeurteilung des Immigrantenproblems – sie sind im Auge zu behalten.“ Fragt sich auch, was zu diesen berechtigten Eigeninteressen der “Mehrheitsgesellschaft” zählt und wie sie abgegrenzt ist… Es gibt mehr Buddhisten als Juden in der BRD (ca. 270 000 zu 200 000), und was folgern wir daraus? Mossab H. Yousef oder Ahmad Mansour kann man als “gnadenlose Verweigerer von berechtigten Interessen der (palästinensischen) Mehrheitsgesellschaft” sehen. Walter Zeev Laqueur, jüdischer Brite und Amerikaner deutscher Herkunft, ein Gelehrter, der u.a. als “Terrorexperte” gilt, schrieb das Buch „Die letzten Tage von Europa“; es gäbe hier eine “Entvölkerung” (niedrige Geburtenrate), Masseneinwanderung (> Moslems), „Appeasement“, Europa sei ängstlich, apathisch,… (> BHL, Broder,…).

Rechte Politik mit Pro IL verkaufen (zB Philipp Missfelder, Helmut Markwort) oder aber durch rechte Einstellungen auf Pro IL kommen (zB Christian Ortner, José Aznar), da gibt es einige feine Unterschiede. Jedenfalls muss man damit nicht auf seinen Rassismus verzichten. Der Kampf gegen Anti-Rassismus ist denn auch etwas, dass zionistische und westliche Rechte eint; was man auch an der Hysterie über die Antirassismus-Konferenzen unter UN-Auspizien (2001, 2009, 2011) sieht, die nach dem Tagungsort der ersten Konferenz in Südafrika “Durban-Konferenzen” genannt werden.20 Und, dieser Rassismus im Fahrwasser der Israel-Solidarität ist etwas, vor dem normalerweise die Augen verschlossen werden… Dass und wie Antijudaismus über den „Umweg“ „Israel-Solidarität“ in Moslemophobie übergeht (übergegangen ist), kann man zB bei Gudrun Eussner anschauen > Es müsse nur jeder seine Erfahrungen mit Moslems abgleichen mit dem was (von Leuten wie ihr) über diese geschrieben wird.

Der Rechtsextreme Patrick Brinkmann hat “erkannt”: „Nicht Juden sondern Moslems sind das Problem“. Ja, in der “westlichen” Rassenhierarchie sind die Moslems/Orientalen eigentlich unter den Juden. Moslems sind keine Rasse und wie erwähnt, Nicht-Moslems aus “diesem” Kulturrraum wie Bishara oder Parsi werden da immer mit eingeschlossen. Manche sehen sich gezwungen, Anti-Regime-Iraner oder Kurden “auszuzunehmen, bzw welche heraus zu picken, versuchen zu vereinnahmen. Und, es geht hier oft im gleichen Maß gegen “Farbige” generell wie gegen „Moslems“. Mit dem “Antisemitismus”-Vorwurf stellt man sich in eine scheinbar hehre moralische Position, über “AS”-Hysterie werden rassistische Bedeutungsinhalte transportiert, Feinbilder konstruiert…Eigenen Rassismus und Ressentiments als “Kampf gg Antisemitismus” (und “für Frauenrechte”, “gegen Schwulendiskriminierung”,…) deklarieren, kommt nicht selten vor. Diese Ressentiments ausleben und gleichzeitig reinwaschen, auf scheinheilig.

Als Lega (Nord) – Chef Matteo Salvini wieder einmal nach Israel reiste, schrieb der jüdische italienische Künstler Stefano Levi Della Torre eine Art offenen Brief, an die Juden Italiens gerichtet; es sei alarmierend dass Netanyahu Salvini mit einer Pro-Israel-Lizenz ausstatte, die diesen von “Antisemitismus” freispreche während er mit seiner xenophoben, rassistischen Kampagne fortfährt, die auch Bündnisse mit antisemitischen Kräften in Italien und Europa inkludiere. Salvini sagte anlässlich dieses Besuchs brav, der “wachsende Antisemitismus” ginge Hand in Hand mit islamischen Extremismus, und (Alarmismus) niemand beachte das. Und zu Levis Brief, “Ich brauche mich nicht jedes Mal rechtfertigen, wenn ich nach Israel fliege”. Meinungsverschiedenheiten wie diese unter den italienischen Juden gibt es vielerorts, nicht nur in Europa. In Österreich hat zB der Künstler Arik Brauer Strache den “Segen” erteilt, während Andere in den jüdischen Gemeinden bemängelten, dass ein anderer FPÖ-Mensch (Vilimsky) während einer der letzten Gaza-“Kriege” Israel kritisierte… Gelegentlich wird auch thematisiert, dass eine Abkehr vom Antisemitismus nur zur Stärkung eines anderen Rassismus’ eigentlich widersprüchlich und heuchlerisch ist.21

Was dabei in der Regel unter den Tisch fällt: Wenn europäische Rechtsaussen Israel besuchen und die dort Regierenden wie Netanyahu, Bennett, Lieberman oder Yishai treffen, stellt sich die Frage, auf welcher Seite eigentlich die “unappetitlicheren” Rechtsaussen sind! Über den “Antisemitismus” von Salvini, Strache oder Le Pen wird gesprochen und geschrieben, und Islamismus und Terror und den Westen, aber nicht über die gemeinsamen Feindbilder der Rechtspolitiker beider Seiten… In den Pro-Israel-Kreisen wird auch unterschiedlich mit der Kollaboration israelischer und jüdischer Funktionäre mit westlichen Rechtspolitikern umgegangen, das geht von der Affirmation der Rechten als “antiantisemitische und antiislamistische Kräfte” (Maul, AfD, >) über Lippenbekenntnisse zur Abgrenzung bis zu Versuchen der Umdrehung (Rechte seien in Wirklichkeit mit Moslems/Islamisten gegen Juden/Zionisten verbündet, in Querfront mit Linken/Antiimperialisten; der Zionismus sei erhaben über Verbindungen dieser Art).

“AS”-Anklagen von Rechten dienen meist der eigenen Reinwaschung/Profilierung, der Formulierung eines neuen Fremdenhasses sowie Abrechnungen mit Linken. Der der sich zum Inquisitor macht, braucht sich nicht mit seinen eigenen Sünden auseinander zu setzen, will ablenken was für ein Drecksschwein er selber ist (und nicht Saubermann). Man entsorgt quasi die Nazi-Vergangenheit über die Moslems, und packt Leute wie Grass zu Ersteren dazu. Mit der “AS”-Beschuldigung erscheinen Rowdies zivilisiert, obwohl es sich dabei oft um böse, rassistische Attacken und Verleumdungen handelt. Palästinensern, Arabern, Moslems, Orientalen werden die eigenen, verdrängten, Ressentiments umgehängt, ein Fremdenhass mit „Antisemitismus“-Chauvinismus wird formuliert. Österreicher die Krieg wollen wie der Opa und auch andere Kulturen verachten, sind dann „AS“-Bekämpfer, können damit ihren Rassismus behalten. Nein, ich kann kein Rassist sein, Antisemit auch nicht, ich bin ja proisrael. “Antifaschismus” über “Israel”, ohne wirkliche Läuterung. Auch für im Grunde antijüdische Rechte ist das Schwingen der AS-Keule, v.a. im Nahost-Kontext, eine Option, gg Linke und “Orientale”.

Die „Aufarbeitung“ von NS/Holocaust sowie der „Kampf gg Antisemitismus“ findet in Deutschland/Österreich zunehmend über andere Rassismen statt. Den Islam zum NS machen, um aus seinem Rassismus etwas „Antifaschistisches“ machen zu können, wie bei Nicolaus Fest… Israelliebe als Ersatz für eine Abwendung von bzw Auseinandersetzung mit Rassismus usw. > M. Stürmer. Andere finden in Israel-Identifikation nicht nur ihr ersatzvölkisches Betätigungsfeld und die Lizenz zum Rassismus, sie schlüpfen durch die Annahme einer jüdischen Identität selbst in eine Opferrolle… Wer für Israel ist, kann nicht antisemitisch sein, kann nicht rechtsextrem, rassistisch, nicht deutsch-national, undemokratisch, fanatisch sein, hat eine Exkulpation. Kann seinen Ausländerhass legitimieren, linke Anliegen delegitimieren. “AS”-Jäger sind auch oft die grössten Rassismus-Relativierer (Broder, Osten-Sacken,…). Wobei der Rassismus von Israelis und Juden in der Regel ausgeblendet wird.

Es ist leichter, sich in „Holocaust-Wiedergutmachung“ zu üben und in dem Zhg einen anderen Nationalismus (den Zionismus) zu unterstützen, als sich mit den Strukturen des Rassismus in Österreich auseinander zu setzen, jenem ggü Gastarbeitern (früher), jener aus dem heraus Harry Belafonte noch in den 1980ern der Zutritt zu einem Lokal in Linz verwehrt wurde… # Strache, Kurz22. Die israelische Soziologin Irit Dekel sprach von der „Manipulation von Holokaust-Gedenken für ihre politischen Zwecke bei europäischen Rechtspopulisten” (Holokaust-Verurteilungen von Strache, Orban, Salvini,…)23, von “Lippenbekenntnissen statt Sinneswandel”, denn deren Politik sei das Gegenteil von der Lehre aus NS/Holokaust > Hetze und Ausschluss von Bevölkerungs-Gruppen, Diskriminierungen. Netanyahu, so Dekel, gibt Diesen Anerkennung. Strache & Co lieben Juden, so Dekel, um ihre rassistische Ideologie zu legitimieren (aber sie bekommen ja Anerkennung, nicht nur von Netanyahu). Bolsonaro hat nach einem Besuch von Yad Vashem24 gesagt, der NS sei eine linke Bewegung gewesen. Die Auslagerung von Holokaust-Gedenken an Linke sowie Moslems ist gang und gäbe.

Der homophobe, antisemitische, frauenfeindliche, demokratieunfähige Moslem auf der einen Seite, auf der anderen Seite der aufgeklärte Deutsche, als Teil eines “freien, überlegenen Westens”, der an der Seite der Juden steht… Ein “linker Nationalismus” (man ist aufgeklärt und Intoleranz ist Merkmal der Anderen) hat bei Rechten Einzug gehalten und verbindet gegen „Islam“ und für „Israel“, unterstellt Anderen Verbindungen zum Bösen; nicht mehr die Ablehnung des “Liberalen” sondern dessen Übernahme/Vereinnahmung. Das “Unfreie”, “Intolerante” und “Gewalttätige” wird den Orientalen und Südländern umgehängt, der alte Fremdenhass ist heutzutage aufgepeppt mit Frauenrettertum, Philosemitismus,…  Auch rechte Profilierung gg Linke funktioniert so, also zB „Antisemitismus wurde durch linke Toleranz für Zuwanderung importiert, nur wir haben den Mut, dies Anzusprechen..”. Sind der weisse Ritter, der die Fahne des Guten hochhält. Auch Homophobie wird nun so bevorzugt „vergeben“, wie tatsächlicher/ vermeintlicher „AS“, Sklaverei, Holocaust,…

Ein neuer Westen wird definiert, der an der Seite der Juden steht, der Verfolgten,…, der die Antithese zum Faschismus ist, gleichbdeutend mit dem jüdisch-christlichen Abendland ist. Auf diese Weise kann auch das Dilemma zwischen Holocaustaufarbeitung und “white guilt” (“weisser Selbsthass”) gelöst werden, man wälzt ihn bzw die zugrunde liegende Haltung gewissermaßen ab. Broders Geschreibe von „Degenerierten im Westen“ (je 1/3 der Männer sei schwul, impotent, unwillig) und Ähnliches lässt sich vereinbaren mit dem Diskurs vom homophoben Moslem… Der Homosexuellen-Toleranzchauvinismus richtet sich üblicherweise nicht gegen Nicolaus Fest oder Kardinäle, sondern gg. Nicht-Europäer; und wird bei Bedarf ausgesetzt, bei Saudi-Arabien muss man nachsichtig sein (> Missfelder,…), wie bei Israel und seinen Homophoben. Wenn Broder in einem Kommentar über den Anschlagsversuch eines Somaliers auf den Mohammed-Zeichner die “Dritte Welt” und den “Westen” bemüht, geht es natürlich (auch) darum, Anliegen der “3. Welt” und des “Anti-Rassismus” zu diffamieren (bzw Rassismus zu verharmlosen), über den Islamismus, und einen “Westismus” zu formulieren. Ähnlich wird es in diesen Kreisen mit dem Klimawandel versucht (s.u.). Wer Israel kritisiert, ist ohnehin Antisemit, auch wer den Kapitalismus analysiert, die USA-Kritik (z Zt Bush, Trump),… Immer wieder kommt der “Nachweis” einer „verkürzten Kapitalismuskritik“, bzw die “Enttarnung” der Anti-Globalisierungsbewegung als “antisemitisch” (oder: von “Judenhass als Verlängerung antikapitalistischen Denkens”). Dreisätze werden da konstruiert, Umkehrschlüsse behauptet, Lehren propagiert (hauptsache, den Kapitalismus wie er ist25 annehmen), agitiert.

Die v.a. in der USA starken Evangelikalen waren früher antijüdisch, haben sich gewissermaßen über Israel-Begeisterung davon abgewendet, wie bei Rechten üblich. Eine “Rückkehr” der Juden in “ihr” Land werde die “Endzeit” schneller herbei führen, glaubt man dort. Juden werden nur über dem Zionismus gesehen und dieser “vereinnahmt” für eigene Ziele, auch unterstützt. Die Evangelikalen waren in der USA unter Bush junior besonders mächtig; es verbindet sich da Einiges, Pro-Israel-Politik aus religiös-ideologischen Gründen, und aus den Interessen Öl und Einfluss in der Region.26 US-amerikanische Evangelikale, zusammengeschlossen in der Christian Coalition of America, sind mit der Republican Party verbunden (und auch mit offen rassistischen Gruppen) und auch mit Rechten in Europa. Marion Gordon “Pat” Robertson ist einer der Führer der Evangelikalen, trat 1988 für die RP bei den Vorwahlen für die Präsidentschaftsnominierung an.

Der Televangelist, der von der Southern Baptist Convention kommt, engagierte sich für die “Contras” in Nicaragua, das Apartheid-System in Südafrika, Mobutu in “Zaire”, rief zur Ermordung von Hugo Chavez auf. Und, er kommentierte Ariel Sharons Schlaganfall 06 sei eine Strafe Gottes für die “Aufgabe” des Gaza-Streifens gewesen. Dies wurde ihm auch von zionistischer Seite verübelt, ansonsten hatte man dort kein Problem mit ihm (im Gegenteil), auch nicht dass er den Hinduismus als “dämonisch” bezeichnete, den Buddhismus als “Krankheit”27, die Bürgerrechtsorganisation ACLU mitverantwortlich für die Anschläge in der USA 2001 machte, das Erdbeben in Haiti ’10 als historische Strafe für die Haitianer sah,… Während man bei Pat(rick) Buchanan zB schnell das Etikett “Antisemit” bei der Hand hat(te). Natürlich ist Robertson gg die Teilung Jerusalems, alles gehöre Israel… Erwähnenswert hier ist auch Richard Kemp, britischer Offizier, christlicher Zionist, selbst an der britischen Besatzung von Nordirland oder Irak beteiligt.28

Er gilt als “Terrorismus-Experte”, hat ein Institut, ist wahrscheinlich auch (dick) im Waffenhandel. Und natürlich ist er ein groooosser Israel-Anhänger. Schrieb etwas über das Gaza-Massaker 08/09 (natürlich ein “Freispruch” für die israelische Seite, ohne Infos zu haben) für das JCPA (Jerusalem Center for Public Affairs), stellte dies als Expertise dar.29 Gegen Kritiker kommt er mit “Antisemitismus”-Vorwürfen; angeblich hat er eine Todesdrohung von al Qaida bekommen. Kemp sprach zb am CUFI (Evangelikale)-Gipfel in der USA, rührte einem Teilnehmer zufolge Leute zu Tränen. Er ist führend in der britischen Israel-Lobby, gut vernetzt in der bzw im internationalen Islamophobie/Philozionismus. Aus seinen Vorlieben ergibt sich seine Saudi-Arabien-Apologetik fast von selbst, “Wir schätzen ihr System nicht aber sie haben Öl und helfen uns gegen Feinde”. Kemp wird zB vom einschlägigen Rebel News (> Sun News) promotet, das das auch mit David Horowitz, Pamela Geller, Daniel Pipes, Robert Spencer, Brigitte Gabriel macht.30

Auf Twitter zeigte sich Kemp ergriffen am Grab von Orde Wingate, jenem evangelikalen britischen Offizier, der 1936 bis 1941 in Palästina “diente”, dabei die zionistischen Milizen ausbildete und unterstützte, auch in Terror-Taktiken. Die Schirrmachers, führende Evangelikale in Deutschland (Deutsche Evangelische Allianz, Lausanner Bewegung,…), begnügen sich mit “Analysen” im “wissenschaftlichen” Gewand. Das organisierte Judentum arbeitet oft mit Evangelikalen zusammen, v.a. in der USA. Dennis Prager ist einer der Ansprechpartner der Evangelikalen unter zionistischen Juden in der USA, er veranstaltet für diese Touren in Israel (Genesis Tours). Zionistische Rechte und christliche Evangelikale haben viele Gemeinsamkeiten, von der Verurteilung der Abtreibung über die Ablehnung Linker bis zur Dämonisierung von Moslems. Auf Youtube ist dieser Prager mit Propaganda-Videos als „prager university“ unterwegs, betreibt auch dort Brückenbau zu Evangelikalen und anderen Rechten im Westen; zB mit dem Video „The suicide of europe“ (> Moslems, Einwanderung, “Appeasement”, “Werte”, Israel,…). Die religiöse Rechte unterstützt Trump, obwohl er zum 3. Mal verheiratet ist und alle 3 Ehefrauen betrogen hat sowie weitere sexuell belästigt.

Zur “Hohmann-Grenze” kommen wir bald, und auch zur Rechten in Osteuropa, dem Nazi-Erbe der Rechtspopulisten in Europa, und Anderem was hier relevant ist. Evangelikale jedenfalls kennen sich mit religiösem Fanatismus aus, wie Islamisten maßen sie sich an, zu wissen, was “Gott” will. Der Hurrikan “Katrina” wurde zB in diesen Kreisen häufig als “Strafe Gottes” dargestellt, auch die Anschläge in der USA 2001. Mit ihrer proisraelischen und antimoslemischen Ausrichtung sind sie über AS “erhaben”, auch wenn sie diesen früher “hochhielten”. Evangelikale sind (wie Islamisten) gg Homosexualität, halten diese in der Regel für “sündig” und “krank”. Dennoch treffen sich diese rechten (Philo)Zionisten mit den (pseudo)linken Zionisten (wie den “A”D), solche Querfronten gab es zB bei Demonstrationen auf denen israelische Aktionen gegen Gaza begrüsst wurden, immer wieder, etwa wenn sich bei einer Demo Leute der PBC (Partei Bibeltreuer Christen) und dem BAK Shalom der Linken fanden.

Es gibt aber Stolpersteine in der Zusammenarbeit von Evangelikalen und Zionisten. Hier kommen wir nochmal zum “alten Antisemitismus”. Karfreitag, das Gedenken an die Kreuzigung Jesu’, war in früheren Jahrhunderten für Juden oft gefährlich. Die Kreuzzüge nahmen sich zuerst Juden vor, zB zu Beginn des ersten im Rheinland; sahen diese als nahe bei den Moslems. Und End-Ziel der Evangelikalen ist die Mission bzw Konversion der Juden. Mit Christen unter arabischen Völkern haben die Evangelikalen ein kleines Problem – das sie zu lösen trachten in dem sie diese gegen ihre moslemischen Landsleute aususpielen versuchen. Wobei die grössten christlichen Konfessionen unter den Palästinensern Orthodoxe, Melkiten und Katholiken sind und diese für die meist baptistisch, methodistisch, presbyterianisch, calvinistisch geprägten Evangelikalen ohnehin kaum als “echte” bzw “gleichrangige” Christen wahrgenommen werden.

Broder traf sich bei einem seiner Wien-Besuche in den letzten Jahren mit dem ehemaligen Salzburger Weihbischof Andreas Laun. Bezüglich “Islam” waren sich die Herren einig, Laun sagt(e) dazu, Christen sollten alles tun, die Moslems “mit Jesus Christus bekannt zu machen”, und der Staat solle “die schützen, die Christen werden wollten”. Und man solle “christliche Einwanderer ins Land zu holen”, weil sonst “die Moslems aus Europa ein durch und durch islamisches Land machen” werden. Christliche Schwarzafrikaner zB? Da werden Laun und seine “Schäfchen”, die schon mit Osteuropäern “überfordert” sind, eine Freude haben.31 Oder palästinensische Christen wie Edward Said und Azmi Bishara. Die Rolle des „Christentums“ im „Nahost-Konflikt“ und „Konflikt der Kulturen“… Der ehemalige südafrikanische anglikanische Bischof Desmond Tutu war entschiedener Anti-Apartheid-Kämpfer und auch Kritiker israelischer Politik ggü den Palästinensern. Der von Zionisten oft angefeindete Tutu beklagte auch die Intoleranz bzgl solcher Kritik: “The Israeli government is placed on a pedestal [in the US] and to criticise it is to be immediately dubbed anti-Semitic“. Dudu Masango-Mahlangu vom South African Council of Churches zu Israels kürzlichen Attacken auf den Gaza-Streifen.

A propos, dass Laun gesagt hat, Homosexuelle seien „irgendwie gestörte Männer und Frauen, die anatomisch eine kleine Missbildung haben oder eine sexuelle Anziehung zum eigenen Geschlecht verspüren“, hat Broder natürlich nicht gestört. Und jene, mit denen Broder bei Stopthebomb dropthebomb auftreten, die Diskriminierungen von Homosexuellen in Iran in ihrer Pro-Israel-Rhetorik verwenden…? Ja, Christentum kann unterschiedlich konnotiert sein, von den brennenden Kreuzen des KKK bis zur Befreiungstheologie. Und, israelische Rechtspolitiker treten zwar gerne mit Evangelikalen auf, manchmal zerreissen sie aber auch die Bibel. Und die FPÖ beschwört zwar auch das “christlich(-jüdisch)e Abendland”, der Tiroler FPÖ-Abgeordnete Werner Königshofer hat in einem offenen Brief an den Wiener Erzbischof Christoph Schönborn (nach dessen Kritik an FPÖ-Präsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz32) gemeint, Schönborn solle sich besser um “‘warme Brüder, Klosterschwuchteln und Kinderschänder” kümmern.33

Das „Experiment Bundesrepublik“ ist gelungen, nicht trotz der alten Nazis, sondern wegen ihnen, die (in unterschiedlichen Läuterungsstufen) nahtlos in ein neues Mitläufertum über gingen. Westdeutsche “NS-Aufarbeitung” fand in Form von Unterstützung der (und Orientierung zu) USA und Israel statt. Besonders “Russland-Experten” aus SS, Wehrmacht, Gestapo,… wurden in bundesrepublikanischen Staatsorgane übernommen, der “Feind Nr. 1” war ja der gleiche geblieben. Hinter “Antikommunismus” und Israel-Begeisterung konnten sich so manche Kontinuitäten behaupten. Es war wahrscheinlich Micha Brumlik, der gesagt hat, “Israel bedurfte der BRD für Geld und Waffen, und die BRD bedurfte Israels und der Juden, um zu zeigen, dass sie mit der nationalsozialistischen Vergangenheit gebrochen hatten.” Gehlens BND (bzw die Vorläuferorganisation) arbeitete mit dem Mossad zusammen, Verteidigungsminister Strauss begann die militärische Zusammenarbeit der BRD mit Israel,… Israel wurde auch Projektionsfläche für Deutsche, auch für eigene national-politische Sehnsüchte. Die Springer-Medien entdeckten es für eine Art deutschen Ersatz-Nationalismus.

Mit Beginn der Berliner Republik sowie der Islamkrise wurde das noch massiv verstärkt, dann kamen noch Wirtschaftskrise und Flüchtlingsansturm. Der israelisch-deutsche Historiker Moshe Zuckermann schrieb in “Der allgegenwärtige Antisemit” (2018 erschienen): „So wird Israel von solchen Pseudo-Philosemiten nicht in seiner Wirklichkeit wahrgenommen, sondern vor allem als Projektionsfläche ideologisch verformter deutscher [rechter wie linker] und auch jüdisch-zionistischer Befindlichkeit. Sollte sich etwa die abstrakte Solidarität mit einem völkerrechtlich verkommenen und verbrecherischen Israel als eine psycho-ideologisch motivierte Entlastung der historischen Schuld der Deutschen erweisen?“ Philozionismus besorgt gleichzeitig eine vermeintliche Holocaust-Wiedergutmachung, das Finden eines neuen Deutsch-Nationalismus, hilft bei einer politisch korrekten Xenophobie (Ablehnung wird gerne über “Rückständigkeit” zB der Palästinenser begründet, welche sich etwa in deren “Antisemitismus” zeige), das Finden eines neuen Platzes an der Sonne,…

Gunnar Heinsohn, der „Völkermord-Forscher“, schreibt passenderweise auf Broders “Achse des Guten” und für “Junge Freiheit”, sichert sich ab mit Teilnahme an der Holocaust- und Antisemitimus-“Forschung”, durch Anlehnung an die Anglo-Westmächte; ähnlich wie bei Sarrazin sind bei ihm nicht nur Moslems, auch so ziemlich alle anderen Nicht-Weissen/ Nicht-Europiden die “Unnützen”, Juden werden positiv beurteilt. Die (deutsche) Pro-Israel-Querfront, von Pseudo-Links zu Offen-Rechts… Der Philo-Zionismus ist eine Art Ersatz für Deutsch-Nationalismus bzw eine Form davon geworden. Von rechts bis links, wobei die “Anti”deutschen ohnehin früher oder später bei “Springer” landen (und Springer-Leute gelegentlich bei AfD, manche “Anti”deutsche auch direkt zur AfD). Siehe Osten-Sacken, Fest, Maul. Bei Ersterem sind Bestrebungen zur Umgestaltung “der Region” (welche wohl) und deutsches Mitmischen dabei schon ziemlich offen…der Übergang von negativer Deutschtümelei zu positiver.

Der deutsche Landser konnte nach seiner Abrüstung ein Bewunderer der israelischen Armee werden und pro-amerikanisch und ein Teil des freien Westens, ohne Läuterung; und seine Kinder und Enkel „Antisemitismus-Experten“; für die Palästinenser gab es seit den 1920ern eine „handfeste“ Konfrontation mit „dem Judentum“, mit den „Meilensteinen“ 1948 und 1967, auch für Ägypter und Nachbarn Palästinas seit 1948. Der israelischen Armee (oder alternativ den US Armed Forces) gilt die militärische Begeisterung der Deutschen heutzutage, und ihrem Aufräumen mit den Feinden der freien Welt. “Claudio Casula” vulgo Rolf Behrens macht “spiritofentebbe”, schreibt auch bei “hagalil”, “achgut”, “diejüdische”, “honestlyconcerned”,… Ja, Entebbe und die Heldentaten der israelischen Soldateska. Und dann erst die bei der Partisanen-Bekämpfung. Zu Einheit 101 oder Sayeret Matkal kann man eben noch aufschauen. “101”-Held Davidi (aus Bessarabien) war der Erfinder von Sar-El, wo auch “Feliks” aus Bayern (> Teil I) Wehrsportübungen machte.

Der “Kampf gg Antisemitismus“ findet in “Gross-Deutschland” gewöhnlich über andere Rassismen statt. Und, es hat sich längst eine Absolution etabliert, zwischen deutschen (seltener auch österreichischen) Stellen und zionistischen (können auch Journalisten/Publizisten in Deutschland sein…), es wird Einem Holocaust-Aufarbeitung/Wiedergutmachung bescheinigt (Sünden erlassen), wenn man Zugeständnisse an Israel macht, zB dort nicht universelle Standards (v.a. bei der Behandlung der Palästinenser) anzulegen. Man kann sich dabei über Moslemophobie treffen, die sind ja quasi in beiden “Ländern” die Ärgermacher. Die politisch korrekte “Xenophobie”. Von Teilen der jüdischen Gemeinde Berlin wurde mal die “Wiedervereinigung Jerusalems und Berlins” gefeiert… deutscher und jüdischer bzw zionistischer Chauvinismus in Eintracht. In den Fällen beider Städte ist die Antwort auf die Frage, warum sie geteilt wurden (1945 bzw 1948), ergiebig. Ja, natürlich wegen den bösen Russen und bösen Arabern. Besonders unter Merkel bzw Netanyahu wurde die “Zusammenarbeit” der Staaten in neue Höhen katapultiert…gemeinsame Kabinettssitzungen, Waffenlieferungen sowieso, geheimdienstliche “Kooperationen”, im Technologiebereich,… Deutschland verspricht, sich für Israel (gg Palästinenser) auf allen Ebenen einzusetzen, falls es einen einen Sitz im UN-Sicherheitsrat bekommt…deutsche Botschaften sollen auch für Israelis da sein,… Und immer wieder “Staatsräson”, „immerwährende Verantwortung”,…

Hegemoniale Teile aller deutschen Parteien sind pro-zionistisch ausgerichtet, das ganze Spektrum von Gauland bis Kipping. Ausländerfeindlichkeit hat sich vielfach mit Pro-Israel/Anti-Islam verbunden. Merkel wurde ja Feindbild der ganz neuen Rechten, wegen der Politik während der Flüchtlingskrise, über sie finden sich im IT Kommentare wie „Danke! Merkel. Gern würde ich lesen, dass Merkel Opfer einer Massenvergewaltigung wurde! Dann würde ich mich ebenfalls sehr gern bedanken!“. Wobei bezüglich Fremdenfeindlichkeit mal Integration und Vermischung das Bedrohliche war (und zT noch immer ist), auch wenn der Diskurs heute so läuft, dass die sich nur integrieren müssten, keine Parallelgesellschaften bilden. Man tut so, das Problem bestünde darin, dass Türken in ihre eigenen Lokale gehen anstatt in deutsche, obwohl es für Manche (noch immer) darin besteht, dass (wenn) Türken in deutsche Lokale gehen. Das schön-im-eigenen-Milieu-bleiben war einmal ein Imperatif. Fremdheit bzw Anfremdung trotz völliger Anpassung musste Joma Mangold erfahren, deutsch-nigerianischer Journalist. Die Sündenbock-Rolle ist von den Juden weg gewandert;34 der “Antisemitismus” der in Deutschland ausgemacht wird, ist meistens eine Kritik an israelischer Politik, die zu diffamieren versucht wird.

Antisemitisch bzw antijüdisch war zB die Schändung der kurz zuvor wieder eröffneten Synagoge in Köln zu Weihnachten 1959, durch zwei Mitglieder der Deutschen Reichspartei (DRP). Sie beschmierten die Synagoge Köln mit Hakenkreuzen und der Aufschrift „Deutsche fordern: Juden raus“. Es folgte eine Welle ähnlicher Schmierereien in der ganzen BRD, 59/60. Die Stasi soll in Wirklichkeit dafür verantwortlich sein, wird behauptet. Es handelt sich jedenfalls in der BRD um keinen “Antisemitismus ohne Juden” mehr, den gab es in der alten BRD, bevor Einwanderung aus der Ex-SU, Israel, Polen,… einsetzte. Jesse schrieb, Juden seien in der BRD vielfach privilegiert, in “Philosemitismus, Antisemitismus und Anti-Antisemitismus” (1990)35, zB durch die Befreiung vom Wehrdienst. In Thilo Sarrazins 2010 erschienenem „Deutschland schafft sich ab“ werden Juden zu den Guten eingeteilt, den schlechten Moslems gegenüber gestellt – womit er in Deutschland “freie Fahrt” hatte.

Der scheinbar mit Zahlen und Daten unterfütterte Text thematisiert ja nicht nur Zuwanderer nach Deutschland, er qualifiziert zB auch die Aufstände des Arabischen Frühlings ab, über die Akademiker-Quote von Einwanderern dieser Länder in Deutschland.36 Und, er thematisiert Rasse, Gene,… Von ZdJ (unter Graumann) gab es deshalb ein bisschen Protest, wohingegen Broder oder NPD Sarrazin lobten. Chaim Noll und andere Israelis verteidigten auch Sarrazin. Noll: “Die verschreckte Reaktion der deutschen Zentralrats-Funktionäre auf das Wort ,Gen’ findet in Israel wenig Verständnis. Ein Tabu, jüdische Identität mit Genetik in Zusammenhang zu bringen, besteht hierzulande nicht. An den israelischen Universitäten wird auf diesem Gebiet intensive fachwissenschaftliche Forschung betrieben, in zunehmendem Ausmaß.” PI wie auch deutsche Philozionisten feierten Nolls Aussagen, mit denen er sogar Recht hat…bezüglich Israel ist man so ethnonationalistisch wie möglich und wenn es um die Diaspora-Juden geht… In der “Diaspora” ist es ein Tabu, über jüdische Gene bzw Juden als Ethnie zu reden, in bzw bzgl Israel dreht sich alles um Juden als Ethnie! Diese 2 Naturen werden uns noch begegnen, in diesem Text.

Sarrazins nächstes Buch: gegen den Euro, gegen Hilfe für “Schwache” in der EU (hauptsächlich Griechenland), diese sei aus dem schlechten Gewissen wegen dem Holocaust motiviert. Bei Sarrazin sieht man, wie (pseudo-progressiv argumentierte) Islamophobie mit Anderem gepaart ist, und dass Israel-Fantum gerne das Feigenblatt oder die Legitimation für sehr Rechtes ist, nicht zuletzt in Deutschland… Im Windschatten von Sarrazin kamen Kristina Schröder (Köhler) die seine Behauptung von moslemischer Deutschenfeindlichkeit aufgriff, Seehofer mit einer Forderung nach Zuwanderungsstop für Türken und Araber, Merkel die “Multikulti” für gescheitert erklärte und sagte „moslemische Gewalt darf kein Tabu sein“. Kristina Köhler (die unter Angela Merkel zur Bundes-Ministerin wurde) ist eine jener, die einen neuen Deutsch-Nationalismus ausleben wollen ohne Ewiggestrige zu sein (bzw diesen weisswaschen, relaunchen), über Anti-Islam und Pro-Israel, Instrumentalisierung von “Antisemitimus“. Tenor wurde: Man muss ES sagen dürfen, die Faschismuskeule sei gemein, es gäbe einen „Tabu-Katalog der politisch korrekten Meinungsdiktatur“,…

Wenn es um Saudi-Arabien geht, befürwortete zB Philipp Missfelder (auch ein proisraelischer CDU-Rechtsaussen) dann doch Tabus; weil: Saudi-Arabien sei für Israel wichtig; und als Abnehmer für die deutsche Rüstungsindustrie, deren Lobbyist Missfelder war. Also nicht zu streng sein mit deren “Innenpolitik”, und auch nicht mit ihrer Aussenpolitik (ansonsten spielte er ein bisschen den “Menschenrechtler”). Gegenüber der Linken versuchte er sich mit „Antisemitismus“-Inquisitionsheuchelei zu profilieren (“Israel-Kritik” betreffend). Den Pöbel verachtend (Kommentar über Hartz-IV-Bezieher), einen Krieg gegen Iran befürwortend, hat sich Missfelder auch ggü Putin als jemand gezeigt, der ggf pragmatisch über Manches hinweg sieht (obwohl er im Ukraine-Konflikt natürlich gegen Russland Stellung bezog).37 Hans-Georg Maassen, BfV-Chef (12-18), nun im BMfI, ebf CDU-Rechtsaussen (mit Berührungspunkten zur AfD), nannte Edward Snowden einen „Verräter“ und möglichen russischen Agenten, pries die USA (welche???) bzw die Freundschaft zu ihr. „Likte“ einen “NZZ”-Artikel in dem moniert wird, dass es in manchen deutschen Städten nur noch eine relative Mehrheit von „echten Deutschen“ gegenüber Leuten mit Migrations-Hintergrund gibt. Broder muss über ihn ja ganz entzückt sein.38

Als es 2018 in Chemnitz im Rahmen von Protesten (bei denen öfter der Hitlergruss gezeigt wurde) Ausschreitungen von Rechtsextremen ggü Ausländern kam, verharmloste er diese, wie auch Gauland und Seehofer. Knapp zwei Wochen danach griffen „mutmaßlich“ Neonazis ein jüdisches Restaurant in Chemnitz an. Innenminister Horst Seehofer hat ’18 die Migration als „Mutter aller Probleme“ bezeichnet (> Engländer Nordamerika, Juden Palästina,…). Die CSU (AfD light) sieht den Kampf gegen den politischen Islam als „grösste Herausforderung unserer Zeit“ an (Leitantrag für den Parteitag ’16). So wie früher der gegen den Kommunismus, bei dessen Bekämpfung man sich auch mit Islamisten zusammengetan hat, auch mit Unterstützung der CSU, Politikern wie Otto (von) Habsburg. Die CSU-Gründer (Franz J. Strauss,…) mussten einst ihre Bekämpfung der SU (in Uniformen der Wehrmacht) nur um-deklarieren, nun in Anzügen als Politiker der BRD durchführen. An der Seite eines “freien Westens”, von der „Hauptstadt der Bewegung“ aus (wo Hitler seinen Aufstieg begann), im NS-Kernland. Die unzerstörte „Alpenfestung“ wurde von den Amerikanern „befreit“, bzw hat eleganter als Berlin die Seiten gewechselt. Schön, dass dann Hamed Abdel-Samad in einem Vortrag vor Vertretern der Jungen Union Bayerns darüber redet, dass „die arabische Welt verseucht ist mit Antisemitismus“, da kann man seine Nase rümpfen und sich auf der “richtigen Seite” wähnen.

Wenn wir zum Schulterschluss von alten Konservativen mit der neuen Rechten kommen, ist Martin Hohmann nicht weit. Hohmann sagt, als CDU-Abgeordneter, 1999, in einer Ablehnung des Holokaust-Denkmals, “Kein Land hat Verbrechen in seiner Geschichte aufgearbeitet und bereut, Entschädigung und Wiedergutmachung geleistet wie wir….”. Ein ander’ Mal stellte er die Frage, ob es nicht sinnvoll sei, die Zahlungen an die EU sowie die Entschädigungszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter während des NS-Regimes und an die jüdischen Opfer des Holocaust angesichts der schlechten Wirtschaftslage zu verringern. Dann seine Rede zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2003, die “antisemitisch” bewertet wurde (“Hohmann-Affäre”), und zu seinem Parteiausschluss 2004 führte. Es ging dabei hauptsächlich um die Rolle von Juden im Kommunismus in Osteuropa, dabei hat er auch Henry Ford angeführt. 2016 wurde Hohmann als Parteiloser über die Liste der AfD in den Kreistag seiner Heimatstadt Fulda (Hessen) gewählt und trat der Partei anschliessend bei. Nach der Bundestagswahl 2017 zog er als AfD-Abgeordneter wieder in den Bundestag ein.

Die Hohmann-Grenze, ihr Überschreiten, die deutsche Rechte (zB Werte Union der CDU) und die AfD… Auch für die AfD ist der Komplex aus Holocaust-Wiedergutmachung/Aufarbeitung/Reue, deutscher Schuld, Kommunismus und Rolle der Juden darin ein zentraler und einer wo man sich “leicht die Finger verbrennt” (genau so wie ein deutscher Ethno-Nationalismus), wo es zu Spaltungen innerhalb der Partei kommt, Abspaltungen von ihr, wo das selbst auferlegte “Tabu brechen” auf Grenzen stösst. Broders Westismus ist selbstverständlich auch anti-kommunistisch affirmiert, aber hier kommt auch seine Förderung/Toleranz für Rechte an ihre Grenzen. Vera Lengsfeld, in der DDR sozialisiert, ist heute so rechts dass sie Autorin der AfD-nahen Internetzeitung „Die Freie Welt“ ist, Verteidigerin von Martin Hohmann, auf Broders “Achse des Guten”. War Initiatorin der gegen die deutsche Einwanderungspolitik gerichteten „Gemeinsamen Erklärung 2018“ (Erstunterzeichner Broder, Sarrazin, Matussek, Herman, Tellkamp, Flaig,…). In Deutschland gebe es einen „Gesinnungskorridor zwischen gewünschter und geduldeter Meinung“. Es unterschrieben auch    andere “Achgut”-Leute wie Wendt, Leute aus dem Umfeld von IfS/„Junge Freiheit“/Antaios/… wie Karlheinz Weissmann oder Thorsten Hinz (riet in der “JF” von einer „Holocaust-Religion“ ab, den Terminus stufte Clemens Heni als „antisemitisch“ ein…), Leute aus dem Umfeld der AfD wie Max Otto (ein “Transatlantiker”) oder Michael Klonovsky (schrieb, „Anton Maegerle“ vulgo Gernot Modery arbeite für linksextremistische Periodika), aus dem Umfeld der Springer-Presse wie Heimo Schwilk39, der Politikwissenschaftler Bassam Tibi (wurde ja auch Objekt von Leuten wie Wolfgang Sobotka), Martin Semlitsch von den österreichischen Identitären, der Autor Frank Böckelmann („globaler Siegeszug eines dunkelhaarigen und kaffeebraunen Standardmenschen in einer einheitlichen Weltkultur”), der Historiker Jörg Friedrich („kontroverse neue Sicht“ auf Kriegsschuld, Kriegszweck und Kriegsausgang, zunächst mal bzgl 1. WK), der Autor Jörg Bernig (die Bundesregierung plane aus antideutschen Motiven einen Bevölkerungsaustausch mit anderen Ethnien und Religionen),…

Der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland begrüßte die Erklärung; ebenso tat dies Götz Kubitschek. Der Schauspieler Uwe Steimle liess sich streichen, er ist zwar PEGIDA/AfD-nahe, übt aber Kritik an USA und Israel > es stellt sich die Frage ob Steimle eine Belastung für die Erklärung ist oder das Unterzeichnen dieser etwas Peinliches über Steimle aussagt. Frank Böckelmann ist zwar ein Niemand, aber in diesem Zhg verdient seine Haltung Beachtung. Er vertritt einen antiuniversalistischen Standpunkt. Er spricht den “Dunkelhaarigen” und “Kaffeebraunen” das Recht und die Fähigkeit ab, mit “Postulaten der europäischen Aufklärung die Verständigung der Weltteile untereinander zu regeln”. Ist einer jener, bei denen man sich fragen muss, ob sie aus Abneigung ggü Islam/ismus eine neue Rechte mitbauen, oder ob Islam/ismus die alte Rechte zu einer neuen „aufpeppt“. Und ein Anderer der Genannten: die Bundesregierung plane aus antideutschen Motiven einen “Bevölkerungsaustausch mit anderen Ethnien und Religionen”. Die sich so nennenden “Anti”deutschen behaupten ja, dass sie die “westliche Aufklärung” den “Kaffeebraunen” bringen wollen. Und was “Transatlantiker” in dem Zhg mit diesem Milieu (und überhaupt im deutschen Konzext) bedeutet, dazu unten noch mehr.

In der AfD gibt es einen “gemäßigten” und einen “rechtsaussen” Flügel. Also jene, die Frauen- oder Schwulenrechte politisch korrekt gegen Moslems in Stellung bringen und jene die sich lieber der Hohmann-Grenze annähern. Wobei Alice Weidel ja auch Sinti/ Roma als „kulturfremde Völker“ bezeichnet, von denen „wir überschwemmt werden“. In der selben Email hat sie die deutsche Regierung als “Marionetten der Siegermächte des 2. WK” bezeichnet, mit der „Aufgabe, das deutsche Volk klein zu halten“. Im EP-Wahlkampf 19 äusserte sich dann lobend über Trump, seinen Wahlkampf zum Präsidenten einer dieser Siegermächte. Bezüglich der Klimakrise verleugnet sie die Realität. Als Broder in der AfD-Fraktion zu Gast war, hat er die Äusserungen über die Siegermächte ihr ggü nicht angesprochen, davon darf man ausgehen, auch dass ihn das Andere von Weidel nicht stört. Sie trifft sich mit Broder und der Süd-Tiroler Freiheit, man darf sich fragen wer weiter rechts ist.40

Kein Spitzenmann der AfD steht so weit rechts wie Björn Höcke, heisst es. Er lehnt den derzeitigen Umgang mit dem Holocaust und manches Andere in der BRD ab, kritisierte (17) das Berliner Holocaust-Mahmmal und deutsche Schuld-Kultur. Die Politikwissenschaftler Marc Grimm und Bodo Kahmann (Grigat-Speichellecker) nannten Höcke einen „weltanschaulich gefestigten Antisemiten“ und „attestieren“ seinen Äußerungen eine „antisemitische Feindbildkonstruktion“, die seiner „völkischen Agitation inhärent“ sei. So habe Höcke Christentum und Judentum als „Antagonismen“ bezeichnet und eine „überschwänglich formulierte Leseempfehlung“ für ein 2015 erschienenes „antisemitisches Pamphlet“ von Wolfgang Gedeon abgegeben, auch über Höckes „Antiamerikanismus“ würden „antisemitische Bedeutungsinhalte transportiert”. Der „Nahostexperte und gefragte Publizist“ (Wiener Akademikerbund) hat ein Buch über AfD & FPÖ herausgebracht, über “Antisemitismus”, “völkischen Nationalismus” und “Geschlechterbilder” in ihr, also eine Pseudokritik, die über Verschiedenes hinweg täuschen soll…hauptsächlich, wo es dann gemeinsame Schnittmengen gibt, bezüglich Feindbildern,… Es ist die selbe Pseudoabgrenzung und Verdrehung, die Küntzel einst ggü Breivik vornahm (gewissermaßen in Broders Namen). Broder (Dropthebomb-Teilnehmer natürlich) war Anfang 19 bei der AfD im Bundestag, auf deren Einladung, Kritik daran machte ihn wieder zum “Opfer” (wie nach dem Breivik-Lob für ihn). Um das „miteinander reden…“ sei es gegangen, und gegen die angebliche „Political Correctness“, auch um die Klimawandel-Leugnung (> unten).

AfD-Spitzenmann Gauland verlangte ’17 bei einem Treffen der AfD-Strömung “Flügel” (Höcke, Meuthen,…) eine Neubewertung der Taten deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen,  einen Schlussstrich unter die Nazi-Vergangenheit. Gauland 18 bei einer Tagung der AfD-Nachwuchsorganisation in Thüringen: „Hitler und die Nationalsozialisten sind nur ein Vogelschiss in 1 000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“. In einem Text für die “FAZ” hat Gauland, der PEGIDA als „natürliche Verbündete“ seiner AfD sieht, eine “Heimatlosigkeit der Eliten” angeprangert, eine “globalistische Klasse” gebe “kulturell und politisch den Takt vor”, ihre Mitglieder fühlten sich als Weltbürger in einer “abgehobenen Parallelgesellschaft”,…41 Wolfgang Gedeon gehört ebenfalls zum rechten Flügel der AfD, äusserte sich zu den “Protokollen der Weisen von Zion”, zum Holocaust, äusserte auch IL-Kritik. Sachsen-Anhalt-LT-Abg. Marcus Spiegelberg (AfD) wurde aus einer Gedenkveranstaltung an die Pogromnacht 38 in Weissenfels geworfen; er sei auch deshalb so fassungslos, sagt Spiegelberg, weil der Rauswurf ihm indirekt Antisemitismus unterstelle, dabei fühle er sich “dem jüdischen Volk als Christ sehr verbunden, und das jüdisch-christliche Abendland ist für mich keine Phrase”. Er bekomme seither pausenlos Solidaritätsbekundungen.

Der Politiker Heinrich Fiechtner, ein Evangelikaler, tritt für die „klassische Ehe mit Familie“ ein, verglich den Koran mit „Mein Kampf“, sieht Antisemitismus als “faule Wurzel” der Partei, ist sehr proisraelisch, gg IL-Kritik (schlug vor, sich in der Präambel der Fraktionssatzung zum „Existenzrecht Israels“ zu bekennen), hat auch die Fahnen von Israel und Deutschland überkreuzt am Revers. Der Abgeordnete zum Landtag von Baden-Württemberg trat ’17 hauptsächlich wegen Gedeon aus der AfD aus. Er würde gerne Einiges als “antisemitisch” deklarieren und einen Deutschnationalismus über “Israel-Solidarität” fördern. Nach dem Anschlag kürzlich in Halle42 schrieb der sächsische AfD-Landtagsabgeordnete Roland Ulbrich auf Facebook: “Was ist schlimmer, eine beschädigte Synagogentür oder zwei getötete Deutsche?”. Michel Friedman zu Halle: „Judenhass und Menschennhass haben bei der AfD eine neue Heimat gefunden”. AfD-Abgeordneter Brandner tweetete über Friedman („Koksnase“), re-tweetete ausserdem über die Opfer und Politikergedenken vor Moscheen und Synagogen (in die selbe Richtung wie Ulbrich), rief scharfe Reaktionen hervor.

Dieses Jahr wurde die Bundes-Vereinigung “Juden in der AfD” (JAfD) gegründet. Voraussetzung für eine Aufnahme in die Vereinigung sei neben der AfD-Mitgliedschaft eine ethnische oder eine religiöse Zugehörigkeit zum Judentum, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Wolfgang Fuhl. Fuhl hat sein Mitwirken in der AfD mit dem “Fallout” des israelischen Gaza-“Feldzugs” 2014 begründet, Demos in Deutschland, die seiner Auffassung nach “antijüdischen” Charakter gehabt hätten. Hier stellt sich die Frage, ob wirklich Juden (wie Fuhl) für das israelische Vorgehen “verantwortlich” gemacht wurden (zum “Handkuss” kamen) oder ob Juden wie er die Gegnerschaft zu diesem Vorgehen als gegen Juden bzw sich gerichtet auffassten, aus Solidarität mit Israel… Wer stellt(e) die Verbindung Israel-Juden her, darum ging es auch schon im 1. Teil. Die 2 000 getöteten Palästinenser waren auf keinen Fall Opfer, soviel ist mal klar… Und der/die überbordende(r) Rassismus und Hetze von israelischer und proisraelischer Seite während dieses “Kriegs” ist schon gar kein Thema. JAfD-Vorsitzende Vera Kosova sagte, die AfD distanziere sich von Antisemitismus in jeglicher Form. Mit dabei von der Partie ist auch Michael Kühntopf, wie der im 1. Teil dieser AS-Behandlung genannte Grünewald zionistisch-chauvinistisch auf der deutschen Wikipedia unterwegs ist und ein Konvertit.

Auf der wikipedia wurde er oftmals gesperrt, wegen Regelverletzungen, hat sich unter neuen Pseudonymen immer wieder registriert (“Ba Tofelet gavohot”,… ), zur Zeit dürfte er dort als “shlomohamelekh” (König Salomon…) unterwegs sein. Es gibt nun auch einen Artikel auf dieser Wiki über ihn, als ob er eine bedeutende Persönlichkeit wäre, und vermutlich ist es ein unkritischer. Der in der Schweiz lebende deutsche Theologe macht Jewiki, rief (natürlich) zu Wahl der AfD auf. Über seine Facebook-Seite teilt Kühntopf Slogans und Verschwörungstheorien von rechten Wutbürgern und Rechtsextremen; er ist einer jener Deutschen, für den Islam das Böse und Israel das Gute ist.43 Ja, was (wer) sind wohl die Feindbilder von den AfD-Juden? Prominente Vertreter der jüdischen Öffentlichkeit in Deutschland wie Charlotte Knobloch und Michel Friedman bekundeten über die JAfD-Gründung Befremden, taten so als ob “da” Welten dazwischen wären.

Mosche Zuckermann: “…ein humanistisches, antirassistisches, demokratisch-tolerantes Bild der Juden wird da gerade von jenen heraufbeschworen, deren menschenfreundliche Emphase merklich verblasst, wenn es um die Verurteilung der über 50 Jahre andauernden Knechtung der Palästinenser durch den israelischen Staat geht. Im Gegenteil, sobald sich jüdische (und andere) Kritiker zu Wort melden, die die israelischen Verbrechen in den besetzten Gebieten, die brutale fortwährende Verletzung von Menschenrechten und dem Völkerrecht, verurteilen, werden sie von diesen Vertretern der jüdischen Verbände in Deutschland des Antisemitismus geziehen und als ‘sich selbst hassende Juden’ verleumdet.” Man liest über die Skepsis aus dem ZdJ ggü der AfD das, was man auch von IKG über die FPÖ-Annäherung liest, es sei (“noch immer”) viel “Antisemitisches” in der Partei, auch dass Juden dort als “Feigenblatt” benötigt werden, seltener wird die Skepsis mit der antimoslemischen und rassistischen Hetze der AfD begründet; und etwas Kritisches darüber, wie der Israel-Diskurs bei dieser Partei läuft, kommt nur von Aussenseitern wie Zuckermann.

Während Israel-“Kritik” ausgewälzt wird, zerlegt, diffamiert, mit Antisemitismus und Nationalsozialismus in Zusammenhang gebracht…bleiben diese Botschaften äusserst blass. Michael Wolffssohn hat die Gründung der JAfD gar als „Akt der Verzweiflung“ erklärt, als „Notwehr“,  weil die Gesellschaft allzu passiv sei gegenüber „moslemischen Antisemitismus“. Dass Juden auch aus puren Ressentiments, aus Chauvinismus und Rassismus zB gegenüber Arabern oder Türken, handeln könnten, will er nicht wahrhaben bzw verzerren. Der deutsch-israelische Historiker Wolffsohn, der sich gedanklich auch für Folter erwärmen kann, schwimmt meistens mit dem zionistischen Strom, zB schwang er zur Zeit des Gaza-Massakers 14 die “AS”-Keule. Er “anerkennt” manche Anliegen deutscher Rechter, zB die Anerkennung der deutschen Vertriebenen als Opfer – ob Wolffsohn auch ein Fall für die JAfD ist? Für die “Die Welt” schrieb er einen Nachruf auf Scharon, der “allen aus der Mode gekommenen Militaristen und Chauvinisten vor strahlendem Patriotismus das Wasser in die Augen treiben musste” (transatlantikblog.de). Tja, und Rafael “Rafi” Eitan, ehemaliger Mossad-Mann, nicht der Militär gleichen Namens, später wie dieser auch in der Politik, hat lobende Grussworte an die AfD gerichtet (muss kurz vor seinem Tod gewesen sein).

Da ist wieder die Graumann-Noll-Dichothomie (s.o.)… Bezüglich vieler israelischer Parteien44 ist die AfD (mit oder ohne Juden) ja wirklich beinahe linksliberal. Zuckermann: “An Rassismus, Xenophobie, Araberhass und rabiater Volksverhetzung kann es Israels politische Kultur allemal mit der AfD aufnehmen, und zwar nicht nur ‘auf der Straße’, sondern auch – und gerade – in der Sphäre der hohen Politik. Von der zunehmenden Faschisierung der israelischen Politstrukturen sei hier geschwiegen.” Abraham Melzer: “Ganz abwegig wäre ‘Juden in der AfD’ oder ‘Juden in der NPD’ nicht, wenn man sich die Skala des Rechtsextremismus bzw. des National-Zionismus ansieht. Da gibt es in diesen politischen Anschauungen schon Übereinstimmungen. Denken wir an Minister wie Bennet, Shaked, Lieberman, .. so wären dies ‘Juden’, die selbst die AfD nicht nehmen würde; aber bei der NPD hätten solche rechtsradikale Minister allerdings gute Chancen.” Es gibt aber die Propaganda (bzw “Denkschule”), der zufolge die AfD eigentlich auch “antisemitisch” ist, Juden also auch ihr “Opfer”.

Samuel Salzborn behauptet “Die AfD hat ein rein instrumentelles Verhältnis zu Juden, man will den massiven Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus in der Partei mit der Gründung dieser Minigruppierung ‘Juden in der AfD’ kaschieren”. Tja, Kühntopf & Co sehen das anders, und Salzborn ist nicht nur in vielen Fragen mit Kühntopf einer Meinung, die beiden arbeiten auch zusammen… So wie Grigat (s.o.)45 mit Broder (der der AfD “indirekt” den “Koscher”-Stempel gibt, den sie will). Und, ein anderer “Anti”deutscher, Thomas Maul, sieht die AfD als einzige Kraft gegen “Antisemitismus” und “Abendlandzersetzung”. In Deutschland (nicht nur dort) kann man rechtsextrem und proisraelisch sein, wie sich zB auch an Wikipedia-Bearbeitern wie „PrussianZionist“ zeigt. Pro-israelisch ist die AfD allemal. Parteichef Alexander Gauland: “Die AfD hat sich immer an die Seite Israels, aber auch der Juden in Deutschland gestellt”. Meuthen sagte, die AfD sei durch und durch projüdisch.

Und einer der grössten Israel-Freunde und “Antisemitismus-Feinde”, Nicolaus Fest, ist einer der grössten xenophoben Chauvinisten… Melzer: “…nonchalant aus Überzeugung werden die Protagonisten um von Storch selbstredend pathetische Reden halten, wie natürlich die Nähe von Judentum und deutschem Rechtskonservatismus sei.”46 Wie auch die Missfelders. Die AfD hat eine echte Bewunderung für Israel (wie Rechte gewöhnlich), bezüglich Juden in Deutschland ist sie taktisch-pragmatisch wie “Anti”deutsche ggü gewissen Exil-Iranern (oder Kurden) und Israel bzgl der Drusen…Oder wie die USA ggü Saudi-Arabien? Wenn es sich um eine primär antisemitische Organisation handeln würde, hätte man nicht nur bewertet, inwiefern das Werben um die Teilnahme von Moslems Resonanz zeigt und welche Interaktionen es gibt (zwischen AfD und IL),…sondern auch die Tatsache einer “blossen” positiven Bezugnahme (wie jene der AfD auf Israel). Man kann sich gut vorstellen, was gewisse Kreise daraus machen würden.47 Hier sagen dann die Einen, sie sind gar nicht wirklich pro-israelisch und eigentlich auch anti-semitisch. Und die Anderen sagen, “alles Antisemiten ausser die AfD”.

Wenn es rein um Israel geht, gibt es bei der AfD (und bei Rechten generell) keine Probleme mit Juden; aber: Schächten und Beschneiden (fremde Sitten), Holocaust-Aufarbeitung (eigene Schuld,…)48, ZdJ-Interventionismus in deutscher Politik,… Bezüglich USA gibt es mit Trump jemanden, auf den sich AfD und Hauptstrom der Juden in Deutschland “einigen” können; grundsätzlich ist es aber so, dass sich der neue Deutsch-Nationalismus ggü den Siegermächten des 2. WK nicht mehr unterordnen will. Und Thematisierung von NS und Holocaust wird dort als eine Vorstufe zu „White Guilt“/”Selbsthass” ausgelegt. Wenn man NS und AS den Moslems unterschieben kann, ist das natürlich was anderes. Was “Ehe für Alle” und Frauenrechte betrifft, gibt es auf beiden “Seiten” solche und solche Ansichten. Jüdische Organisationen sind auf oberen Ebenen bzw offiziell noch gegen die Rechtspopulisten. Es gibt die Haltung, bezüglich Israel so rechts und ausschliessend (ggü Nicht-Juden) wie möglich zu sein, bezüglich der “Diaspora” so liberal wie es geht (also zB das Recht auf Schächten als Minderheiten-Recht einzufordern, aber auch den Ethno-Nationalismus den Israel praktiziert, abzulehnen).

Der bayerische Publizist Rainer Meyer („Don Alphonso“ im FAZ-Blog, nun „Welt“), ein Neo-Rechter, versucht, der AfD den Anstrich von Glaubwürdigkeit zu verleihen bezüglich “progressiver Inhalte”, “universeller Rechte”, “Diversity und Minderheiten”, konkret der homosexuellen Weidel, sie afrikanischen und moslemischen politischen Organisationen positiv gegenüber zu stellen. Auch hier stehen Salzborn und die “Anti”deutschen (und andere, die auf “links” machen) auf der Gegenseite. Manche versuchen, Juden zum “Opfer” der AfD machen; gegen wen sie hauptsächlich hetzt, ist hier egal (bzw wird begrüsst). Dass jüdische Unterstützung für die AfD als “Notwehr gg moslemischen Antisemitismus” deklariert wird, zeugt von einer gewissen Schieflage… Zumal Palästinensern etwas derartiges nie zugebilligt wird, immer als Ausdruck ihres “eigentlichen Charakters” ausgelegt wird, quasi als Grundlage für den Konflikt dort. Übrigens: Auch PEGIDA schwankt zwischen offen rechts (zB auch Ablehnung christlicher Flüchtlinge aus Afrika oder “Nahost”, Bekenntnis zu eigenem Radikalismus) und politisch korrekt rechts (für “christlich-jüdische Kultur”, gegen Radikalismus der Anderen). Beim PI-Pöbel gibt es auch etwas in dieser Art.

Zum Politischen Aschermittwoch der AfD am 1. März 17 im bayerischen Osterhofen trat als Ehrengast und Redner auch FPÖ-Chef Strache auf. > “Die Völkerwanderung ist gelebter Irrsinn“, es gelte der Grundsatz „Willst Du eine soziale Wohnung haben, musst Du ein Kopftuch tragen“. Die FPÖ kam unter Strache voll auf die Linie mit den anderen alten (FN, VB, ..) und neuen (PVV, Fidesz,…) europäischen Rechtsparteien, mit Anti-Islam und als Beschützer der Juden, Verteidigern des Abendlandes, infolge Verschiebungen nach 11/9/01. Zur Veranstaltung von Strache mit Broder heuer zu “moslemischen Antisemitismus” etwas im vierten Teil. Die FPÖ, in der sich nach der Nazi-Zeit die meisten Nazis Österreichs sammelten (und sich mit ihr mehr oder weniger in die Zweite Republik integrierten), die die meiste Zeit ihres Bestehens eine Rechtsaussen-Linie fuhr, versucht einen Relaunch vor dem Hintergrund globaler Umwälzungen. Der Saubermann Heinz-Christian Strache musste kürzlich zurücktreten (er hatte es zum Vizekanzler gebracht…), nachdem er vermeintlichen russischen Oligarchen in Ibiza Staatsaufträge gegen illegale Spenden angeboten hatte, dort auch verriet dass er das Mediensystem in Österreich nach dem Vorbild von Orban-Ungarn umgestalten will; zur selben Zeit kamen auch Hinweise auf Verbindungen der FPÖ zu Rechtsextremen (die Wurzeln von Strache), mit Gottfried Küssel, den Identitären,…49 PEGIDA hält Strache für eine “seriöse Bürgerrechtsbewegung”. bei der zweiten Wiener PEGIDA-Kundgebung Festnahmen wegen Zeigens des Hitlergrußes (bei vier habe es sich um Proponenten einer Spaßpartei gehandelt, bei den anderen zwei um PEGIDA-Anhänger).

Strache (links), Journalistin Isabelle Daniel (rechts), ORF-Pressestunde März 17

Jörg Haider, einer von Straches Vorgängern als FPÖ-Bundesparteiobmann, sagte 2001 über den amerikanischen “Spin doctor” Stanley Greenberg, einen Juden, der gerade für die SPÖ Wahlkampf in Wien machte50: „Der Häupl hat einen Wahlkampfstrategen, der heißt Greenberg … den hat er sich von der Ostküste einfliegen lassen! Liebe Freunde, ihr habt die Wahl, zwischen Spin-Doctor Greenberg von der Ostküste oder dem Wienerherz zu entscheiden … wir brauchen keine Zurufe von der Ostküste. Jetzt ist einmal genug“. Im selben Jahr, ein paar Monate später, war die Rede Haiders im Bierzelt in Ried, als er über IKG-Chef Muzicant herzog. Robert Spencer (USA; hp’s wie jihadwatch, dhimmiwatch,…), ein Breivik-Vorbild, ist einer aus der Islamophobie-Industrie, der sich positiv auf Haider bezog, ihm Tribut zollte. Greenberg leistete in Israel für die Avodah-Partei zur Zeit von Ehud Barak Wahlkampfhilfe; wahrscheinlich war das was von Likud-Seite dazu (zu Greenberg) kam, gar nicht so weit weg von dem was Haider sagte. Als die FPÖ 2000 mit der ÖVP die österreichische Regierung bildete (Haider blieb damals in Kärnten als Landeshauptmann), zog Israel seinen Botschafter aus Wien ab.51

Das FPÖ-Programm ’97 war ein wichtiger Schritt von (deutsch)nationalen, klassisch-rechten Zielen zur “Sorge” um Europa, den Westen,… Vollends kam dieser neue rechte Charakter aber erst unter H.-C. Strache zum Durchbruch, der 05 Parteichef wurde, nachdem Haider mit Teilen der Partei von dieser wegbrach und das BZÖ gründete.52 Juden wurden nun als gut für den Westen gesehen, Westen positiv affirmiert, Moslems wurden das Andere,… Wobei natürlich auch hier nicht-weisse Christen wie Schwarzafrikaner zu den “Anderen” gezählt werden53, das Ganze hat (vornehm ausgedrückt) eine rassi(ist)sche “Komponente”, und eine kulturalistische. Auch Frauen- oder Schwulenrechte wurden bei den europäischen “Rechtspopulisten” gegenüber “dem Islam” in Stellung gebracht, bei der FPÖ eigentlich nur Erstere. Man versucht, sich mit Pro-Zionismus und “Antisemitismus”-Anklagen ggü Linke zu profilieren. “Die bösen Zuwanderer sind antisemitisch und frauenfeindlich, deshalb sind wir (die Fortschrittlichen) gegen sie…”. Strache: „Islamismus ist der Faschismus des 21. Jh, totalitär, eine Kriegserklärung an das aufgelärte Europa, frauenfeindlich, Moscheen sind Herrschaftssymbole, es wird dem ggü Appeasement betrieben…” Wie von Grigat.

Haider hatte einst zB gesagt: „Wozu haben wir die Türkenkriege geführt, wenn die heute alle da sind?“; es wird aber versucht, dies im Nachhinein entsprechend zu verdrehen. Es stellt sich die Frage, wohin sich die FPÖ unter Strache genau gedreht hat, was bzw wem eigentlich (sich) die Bahn gebrochen hat/wurde. Strache auch: „Nach allem was Juden im Exil angetan wurde, tragen wir Verantwortung für eine sichere Zukunft des jüdischen Volkes“; das war schon deutlich auf Israel gemünzt. Bevor Strache 06 aus dem Wiener Gemeinderat/Landtag in den Nationalrat wechselte, versuchte er im Rathaus noch eine Verurteilung des Völkermords an den Armeniern zu erreichen. Oder sagen wir so, er versuchte sich auch über dieses Thema zu profilieren, nahm sich dem an, um anti-türkische Ressentiments zu schüren.54 2010 dann die Solidaritäts-Reise Straches mit einer FPÖ-Delegation (David Lasar, Andreas Mölzer55, Hilmar Kabas, Elisabeth Sabaditsch-Wolf,…) nach Israel, wo er mit anderen Führern von europäischen Rechtsparteien (Geert Wilders, Filip De Winter,…) die “Jerusalemer Erklärung” abgab. Un an einer “Konferenz über islamischen Terror” teilnahm. Die FPÖ-Leute wurden dort u.a. vom israelischen Vizeminister Ayoub Kara (einem Drusen…) empfangen.

Dieser Kara hat der FPÖ anscheinend auch eine Art Gegenbesuch in Wien abgestattet; 2014 nahm der israelische Siedler-Führer Gershon Mesika (Chef der Regionalverwaltung von “Samaria”/Schomron im Westjordanland56) an einer “Konferenz” mit FPÖ und anderen westlichen Rechten teil. Zwischen Leuten vom Likud und rechts davon stehenden Parteien ist es in den letzten jahren immer wieder zu Kontakten gekommen. Von Seiten der FPÖ wird lieber darüber geredet (sehen das als gut für ihren Ruf), von Seiten der Israelis lieber vertuscht (fürchten um den Ruf) – obwohl Kontakte der revisionistischen Zionisten zu europäischen Rechten bis in die 1920er zurückgehen (siehe oben; es wird darüber mal einen Artikel geben…). Strache verwies gerne auf jüdische Mitglieder in der FPÖ. Der wichtigste davon war David Lasar, langjähriger Wiener Gemeinderat, dann Nationalrat. Lasar lag mit der Israelitischen Kultusgemeinde im Clinch, war aber Zionist; er organisierte die Reisen der FPÖler nach Israel. Und daher wurde er, im Gegensatz zu Israel-Kritikern in der IKG, in ihr nicht geschnitten. Lasar, der sagte, es gäbe keinen Antisemitismus in der FPÖ, legte ’19 seine Tätigkeiten für/in die/der Partei nieder (stehe ihr nicht mehr „als Symbol zur Verfügung”), begründete das mit Partei-Rechtsaussen Martin Graf. Aus der Partei will er jedoch nicht austreten, mit der Regierungsarbeit (besonders mit Innenminister Herbert Kickl) sei er “mehr als zufrieden” gewesen.

„In der FPÖ ist kein Platz für Antisemitismus“, so dieser Kickl. Nein, antisemitisch ist man nicht mehr, dies ist ja Merkmal der Orientalen, ausserdem ist Israel ja Retter des Westens usw. Zu Peter Sichrovsky, ebenfalls ein Jude in der FPÖ, kommt hier noch etwas. An dieser Stelle: Man kann sich vorstellen, wie aus dem Umfeld der IKG kommentiert worden wäre, wenn sich FPÖ-Leute mit Moslems getroffen und dann auch noch über Juden/Israel geredet hätten et cetera. Strache: “Ich halte …den Herrn Al-Rawi, der anti-israelische Demos anführt, für skandalös.” So könnte auch der “linksalternative” Florian Klenk über den irak-stämmigen SPÖ-Politiker geurteilt haben. Strache am Burschenschafter/WKR-Ball in Wien am Tag der Auschwitz-Befreiung angesichts der Proteste dagegen: „Wir sind die neuen Juden”.57 Strache redet(e) auch über “neuen Antisemitismus”, etwa in einem Interview mit der rechten israelischen “Jerusalem Post”, wo er gegen SPÖ-Politiker Darabos nach dessen Kritik an Avigdor Lieberman austeilte.58 

Nach dem guten Abschneiden der FPÖ bei der Nationalratswahl 17 analysiert die israelische Zeitung „Haaretz“ die Rolle der jüdischen Gemeinschaft in Österreich, aber auch anderen europäischen Staaten. Sie werde zunehmend von rechtspopulistischen Parteien als Instrument benutzt, um Muslime und andere Minderheiten zu dämonisieren, schreibt „Haaretz“ in einem Kommentar über den neuen „Philosemitismus“. „Noch vor fast drei Jahrzehnten wurde Heinz-Christian Strache bei einem Fackelmarsch einer Gruppe, die sich selbst die Hitlerjugend zum Vorbild nahm, festgenommen. In diesen Tagen klingt der 48-jährige Chef der politisch weit rechts stehenden Freiheitlichen Partei – die nach der Wahl am Sonntag sehr wahrscheinlich Teil der neuen österreichischen Regierung sein wird – so, als wolle er Israels bester Freund sein.“ Wie gesagt, Teile des jüdischen Hauptstroms sind bezüglich Israel so rechts (und ethnonationalistisch) wie möglich (und da kann es auch zu Kooperationen mit Rechten im Westen kommen, zumal unter den Vorzeichen von Westismus und Islamophobie), bezüglich der Diaspora für so viel Liberalismus und Minderheitenrechte wie möglich (und da werden die selben Rechten dann ggf als Gefahr gesehen).59

2017-19 dann die ÖVP/FPÖ-Regierung mit Kurz und Strache. Internationale und österreichische jüdische Organisationen lobten Kurz über den grünen Klee, äusserten glz “Besorgnis” über Strache/FPÖ. Was ziemlich heuchlerisch war, angesichts der Kontakte zwischen FPÖ und Juden auf verschiedenen Ebenen, der proisraelischen (und antimoslemischen) Haltung der FPÖ, dem Charakter der Rechten in Israel…und angesichts ihrer Sympathien für Sebastian Kurz. Die meisten Vertreter jüdischer Organisationen halten es so, sich mit FPÖ-Politikern nicht zu treffen. Davon betroffen war auch Aussenministerin Karin Kneissl, parteilos aber von der FPÖ nominiert bzw ihr nahe stehend. Kneissl, die u.a. in Arabistik ausgebildet ist und auch an der Hebräischen Universität in Jerusalem studiert hat, versuchte, mit Schönreden von Israel-Politik und sich Anbiedern über “Antisemitismus”-Verurteilung aus dem rechten Eck zu kommen. Etwa anlässlich ihrer Teilnahme an einer “Konferenz zur Bekämpfung von Antisemitismus” der OSZE in der Slowakei. Gegenüber der „Times of Israel“ sagte Kneissl, die EU lege besonders strenge Maßstäbe an Israel an, sie sei für eine Intensivierung der Beziehungen der EU mit Israel, hob ein Engagement der ÖVP-FPÖ-Regierung für die jüdische Gemeinschaft und den Staat Israel hervor und verwies diesbezüglich auch auf die EU-“Konferenz gegen Antisemitismus und Antizionismus” in Wien. Vizekanzler Strache attestierte sie, „grosses Interesse an Israel, seiner Geschichte und Kultur“ zu haben. Das stimmt sogar, und grosse Sympathien.

„Ich bin absolut überzeugt, dass weder er noch ein anderes Mitglied dieser Regierung antisemitisch ist oder Antisemitismus toleriert“, schleimte Kneissl weiter. Am Rande der „Nahost-Konferenz“ in Warschau 19 hatte sie die Ehre, Netanjahu zu treffen, „Er ist sehr sympathisch auf mich zugekommen und wir haben uns unterhalten unter anderem über meine Zeit in Israel“. Was bei jemandem, der immer wieder die “westliche Welt” beschwört und den Holocaust den Palästinensern in die Schuhe schieben möchte, nicht verwundern darf. Wenn Kneissl Netanyahu trifft oder Kurz Lieberman, läge es eigentlich an den Österreichern, sich von Rechtsextremisten fernzuhalten… Österreich werde bald Holocaust-Überlebenden und ihren Nachkommen die Doppelstaatsbürgerschaft ermöglichen, so Kneissl.60 In die Bemühungen der FPÖ um eine Verbesserung der Beziehung zu Israel fällt auch ein Brief von ihrem Generalsekretär Christian Hafenecker an die Botschafterin in Österreich, Talya Lador-Fresher. Darin hiess es, rechtsextreme Gesten bei FPÖ-Veranstaltungen sei „Agitation politischer Gegner“, Linke seien wahre Extremisten, man distanziere sich vom NS, versuchte man über eine „Neudefinition“ rechter Inhalte („…Begriffe wie ‚Heimat’, ‚Tradition‘ und ‚Patriotismus‘ von manchen politischen Kreisen als rechtsextrem dargestellt“) Brücken zu den Zionisten herzustellen.

Eine Anbiederung die IL gleichzeitig zu einer Anti-Rechtsextremismus-Institution macht und (das trifft seinen Charakter schon eher) als nationalistischen Ethnostaat anerkennt. Im Rahmen der Bemühungen um eine Verbesserung der Beziehungen zu Juden hat die FPÖ auch eine parteiinterne Kommisson (Mölzer, Hafenecker, Wilhelm Brauneder, Thomas Grischany,…) eingesetzt, die die Geschichte und „braune Flecken“ der von früheren Nationalsozialisten begründeten Partei beleuchten soll. Die NS-Liederbuch-Affäre war hier der Auslöser. Ursprünglich wollte die FPÖ einen israelischen Historiker finden, um den “Untersuchungsbericht” absegnen zu lassen. Die FPÖ verweist in ihrem Bericht auf ihr Pro-Israel um den Bruch mit Antisemitismus zu belegen. Kritik kam u.a. von Oliver Rathkolb, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Uni Wien und Leiter des wissenschaftlichen Beirats des „Hauses der Geschichte“. Woran genau? Für die Broders und Netanyahus zählt ja (auch) genau das. Und ihre Islamophobie (für Kritiker des Berichts ein Thema?) gefällt dort auch, verbindet.

Unsauberen Umgang mit der eigenen Vergangenheit bzw dem Nationalsozialismus mit Pro-Israel und Philosemitismus zu “übertünchen”, hat sich etabliert. Mangelnde Distanz zu NS-Gedankengut wird dabei immer wieder offensichtlich. Strache hat zB als Vizekanzler in einem Interview mit der „Kronen Zeitung“ den von den rechtsextremen Identitären verwendeten Begriff des „Bevölkerungsaustauschs“ gebraucht.61 Auf den Einwand, dass „Bevölkerungsaustausch“ ein Begriff der rechtsextremen Szene sei, entgegnet der FPÖ-Obmann in einer späteren Ausgabe der selben Zeitung:„…Wir wollen nicht zur Minderheit in der eigenen Heimat werden. Das ist legitim, und redlich und zutiefst demokratisch…“. Mit solchen Kategorien operiert der Zionismus seit seiner Begründung, und daher eignet er sich auch nicht zur Läuterung von Rechten, im Gegenteil… Auf Englisch und Französisch heisst “Bevölkerungsaustausch” Replacement, siehe dazu die Teile über die Rechte in der USA und in Frankreich sowie dem Neuseeland-Attentäter. Strache blieb bei seinen Aussagen, Kritik sei „Diskussionsverweigerung“, er werde sich „nicht den Mund verbieten lassen“ (> Rhetorik von Broder & Co).

Bezeichnend war auch, wie Strache vor einigen Jahren (noch als Oppositionspolitiker) Beobachtungen von Journalisten dementierte, wonach bei einer FPÖ-Wahlkampfveranstaltung in Wien Anhänger lautstark „Türken raus” gerufen hätten. Er und die ebenfalls anwesende Ursula Stenzel hätten “nur vor einem neuen Antisemitismus durch Zuwanderung gewarnt”.62 Darüber schon hier. Der “Antisemitismus”-Vorwurf zur eigenen Profilierung und Reinwaschung. Die Wiener FPÖ-Politikerin Ursula Stenzel ist im September 19 bei einem Aufmarsch der rechtsextremen Identitären-Bewegung in Wien („Befreiung Wiens 1683“) mitmarschiert, hielt eine Rede bei Abschlusskundgebung („Liebe Freunde…“). Stenzel, die gerne auf ihre jüdischen Wurzeln verweist, ist immer weiter nach rechts gerückt, ist jetzt anscheinend dort, wo sie hin gehört. Faselte davon, etwas zu verteidigen „wofür unsere Vorfahren gekämpft haben”63, attackierte den türkischen Präsidenten Erdogan (der die EU in der Flüchtlingsfrage „unter Druck setzt“), die “Bedenkenlosigkeit vieler europäischer Regierungen“,…

Stenzel unter Identitären

Später sagte sie, sie sei mit Anderen mitgegangen, habe nicht gewusst worum es eigentlich ging… Wie Parteikollegin Susanne Winter einst, die sagte ihre Zustimmung zum als “antisemitisch” inkriminierten Facebook-Posting sei durch Hudelei zu Stande gekommen. Oder Stephan Grigat (dessen “Stopthebomb” Stenzel unterstützt), nachdem sein Auftritt im Akademikerbund bekannt wurde, auch er hat sich da als Opfer inszeniert. In seinem Klagelied über „Leute die ihm am Zeug flicken wollten” hiess es, er hätte nichts über den Akadmikerbund gewusst, sein Israel-Engagement hätte ihn mit jemanden von dort “zusammengeführt”; und: der Abend sei “eskaliert” als bekannt (gegeben) wurde dass seine Begleitern Simone Hartmann Jüdin sei und nicht Iranerin… Das ist bezeichnend für Grigat, aber auch den „Antisemitismus“-Diskurs! Will insinuieren, die im Akademikerbund (und Rechte überhaupt) hätten nichts gegen Iraner (obwohl sie sich genau darüber mit diesen pseudolinken Israellobbyisten getroffen haben), wohl aber gegen Juden > man hängt sich den gelben Stern um, um vom Wesentlichen abzulenken, um das mit der Ausgrenzung umzudrehen… Die Israel-Begeisterung (auch) in der (extremen) Rechten, die grosse Schnittmenge zwischen diesem pseudolinken Lager und der Rechten (Anti-Islam, ProIsrael), der Brückenbau zwischen ihnen – das “muss” man natürlich verdrehen.64

Im Präsidium dieses Wiener Akademikerbundes (aus der ÖVP ausgeschlossen nach der Forderung u.a. nach Aufhebung des Nazi-Verbotsgesetzes) ist auch Elisabeth Sabaditsch-Wolf, die ja mit Strache in Israel war; Breivik hat positiv auf sie Bezug genommen. Was FPÖ-Politiker und ihre Anhänger in sozialen Medien von sich geben, ist ja auch aufschlussreich. Wenn Christian Höbart etwa in einem Facebook-Posting Asylwerber als „Erd- und Höhlenmenschen“ beschimpft.65 Strache stilisiert sich ja auch immer wieder als Opfer, wenn seine Postings und die Reaktionen seiner Fans thematisiert werden. “Die Praxis, die Freiheitlichen und ihren Obmann mittlerweile tagtäglich medial anzupatzen, nimmt unerträgliche Formen an“. Eine richtige Campaign. Plakate des RFJ Steiermark 19 wurden nicht nur von IGGiÖ-Vural, sondern auch IKG-Deutsch als „rassistisch“ kritsiert; die Broders unter den Juden und die Pirinccis bei den Moslems (auf der selben „Achse“ wie diese Broders…) werden kein Problem damit haben, im Gegenteil. Strache hat den damaligen Bundeskanzler Werner Faymann vor einigen Jahren in einer Neujahrs-Rede „Staatsfeind“, „Bürgerfeind“ und „Österreich-Feind“ genannt.

Die Suche der FPÖ nach Partnern in Europa ist eine ewige, hat man den Eindruck, die Rechten Europas lassen sich schwer zusammenfassen, organisieren. Gründe dafür wurden in diesem Artikel dargelegt. Das lässt sich auch an den Änderungen der rechten Fraktionsgemeinschaft im EP (zur Zeit hauptsächlich die “Identität und Demokratie”)66 ablesen. Jedenfalls, die neue Rechte versucht sich über Anti-Islam, Pro-Judentum und anderen Toleranzchauvinismus-Versatzstücken neu zu definieren. Alle Mitgliedsparteien der “Identität und Demokratie” (VB, RN, Lega, AfD, PVV,…) haben Kontakte ins rechtsextreme Lager in ihren Ländern. Die FPÖ arbeitet(e) auch mit der ungarischen Jobbik zusammen – welche aber einen Teil des Burgenlands beansprucht, und deren “antisemitische” Linie sich mit jener der FPÖ beisst. In Österreich hat die FPÖ nicht nur die Identitären als Partner, sondern auch die Kurz-ÖVP und Teile der SPÖ stehen dafür bereit. Der jetzige burgenländische Landeshauptmann Hans P. Doskozil ist einer solchen Koalition zugeneigt; Doskozil hat als Innenminister mit Israel im „Sicherheits“-Bereich zusammengearbeitet.

Die FPÖ ist nicht appetitlicher geworden mit ihrer Hinwendung zu Islamophobie und Israelbegeisterung, ganz und gar nicht. Wenn Strache zu Orban fuhr und dann vom gemeinsamen Kampf gg Einwanderung und jenem gg Menschenhandel sprach, sandte er Signale in 2 Richtungen… Das Rechte wird ja jetzt bei der FPÖ (und Ähnlichen) als “Abgrenzung von den Barbaren” affirmiert. Mit islamophoben und anderen rassistischen Ausfällen kommt man durch, mit antisemitischen nicht. Bei Susanne Winter war das so, über „Neger“ und „Gene“ konnte sie sagen was sie wollte, bezüglich Moslems versuchte sie (wie Viele) die Grenze zwischen Islamkritik, Islamismuskritik, Moslemophobie und allgemeiner Fremdenfeindlichkeit zu verwischen. Wenn sie sagt, der “Islam gehöre zurück hinters Mittelmeer”, meint sie natürlich (auch) die Einwanderer (die Menschen) die aus diesem “Kulturkreis” kommen, und ihre Aussagen über Afrikaner unterstreichen das – da geht es um Rasse (und Kultur), nicht Religion. Sie bekam parteiintern und ausserhalb erst massiven Gegenwind, als ihr etwas Antijüdisches vorgeworfen werden konnte.67 Und, als die FPÖ in einem Inserat Israel neben der Türkei als nicht in der EU erwünscht darstellte, gab es nur wegen Ersterem Aufregung und Kritik.68 Ähnlich sind die Anforderungen an die AfD.

Zu den Widersprüchen und Gemeinsamkeiten zwischen den Israelfreunden der FPÖ und jenen aus der Cafe critique-Ecke später. Die von Broder oder den Littmans (David und Gisele alias “Bat Yeor”) oder Caroline Glick formulierte Islamophobie spricht und lädt natürlich (auch) Leute aus dem alt-rechten Milieu ein, dient zur Entlastung ohne Läuterung.69 Im Stab von Andreas Herzog als Trainer des israelischen Fussball-Nationalteams70 ist auch der ehemalige FPÖ-Mann Klaus Lindenberger, was natürlich auch für Niemanden ein Problem ist. Dagegen, die linke Kleinpartei SLP wurde etwa von Zionisten in Wien auf Plakaten als „Israelhasser“ und „Nazischweine“ beschimpft (beschmiert); rassistisch darf man sein, aber nicht “israelkritisch”… Da schlägt der „Antisemitismus-Detektor“ an, oder eher: er wird hochgefahren.

Der Schriftsteller Michael Köhlmeier warf der FPÖ beim NS-Opfergedenken des Parlaments im Mai 18 Heuchelei im Umgang mit den Juden vor. Der Künstler und Holocaust-Überlebende Arik Brauer ist einer jener, die finden dass die Strache-FPÖ eine “faire und richtige Einstellung zum Judentum” hat. Da kamen Straches Relaunch und Brauers Rechtsruck71 zusammen. Juden wie Brauer respektieren Strache wegen seiner Israel-Solidarität, nehmen ihm diese ab (und segnen sie ihm ab) und damit auch vieles Andere. Und für die Haltung zu Moslems ist natürlich auch Israel entscheidend. Das zeichnete sich schon ein paar Jahre zuvor ab, als “Der Standard” Brauer und Strache zu einer Diskussion bat (als vermeintliche Gegenpole). Brauer spielte etwas Abgrenzung vor, in der Zustimmung versteckt war72 Dabei kam das was die beiden verbindet, der blühende Staat der auf den österreichischen Burschenschafter Herzl zurückgeht (wie es Strache ausdrückte), gar nicht zur Sprache – wahrscheinlich weil Straches Pro-Israel Brauer peinlich gewesen wäre.73

Brauer hat immer hervorgestrichen, dass er sich für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern engagiert hätte, von der Gegenseite würde aber nur Hass und Gewalt kommen, die im Endeffekt antisemitisch motiviert sei. Das ist weit verbreitet unter „liberalen Zionisten“; “Wir sind eigtl zu gut zu den Palästinensern, zu naiv, wir werden ausgenutzt, sie sind die Bösen, verstehen eigtl nur eine Sprache,…” Er versteht den Konflikt nicht. Hat eine Villa in Wien und eine im “israelischen Künstlerdorf” En Hod. Dieses war ein palästinensisches Dorf (Ein Howd), dessen Bewohner im Zuge der israelischen Staatsgründung bzw Nakba 1948 vertrieben wurden. Die meisten der vertriebenen/geflohenen Dorfbewohner (zwischen 500 und 1000) ließen sich in Jenin nieder, einige siedelten sich in der Nähe ihres ehemaligen Dorfes an und gründeten dort das neue Ein Howd – das erst 1992 vom israelischen Staat als Gemeinde anerkannt wurde. Wie hat sich Brauer, der mit das Künstlerdorf macht(e), für “Frieden” engagiert? Indem er in Tel Aviv mit “Shalom Achshav”-Leuten demonstriert hat und dergleichen. Hat er sich für die in der Nähe “seines” Dorfes lebenden Palästinenser (nun Nachfahren der Vertriebenen) irgendwie gekümmert, oder um jene die es nach Jenin verschlagen hatte?

Einsatz für “Menschenrechte” und “Frieden” sieht anders aus, wenn man in seiner Umgebung damit beginnt, wenn das Einsatzfeld konkret und nahe und nicht abstrakt und entfernt ist. Seine Stellung bzw Behandlung als Jude in diesem Staat bedenkt er nicht mit, bzw was an Geben (Zugeständnissen) für einen Frieden notwendig wäre. Der inner-zionistische Dialog läuft so, “Gebts ihnen (den Palästinensern) Almosen” – “Gebts ihnen keine”. Bemerkenswert war auch sein “ZiB”-Auftritt mit dem palästinensischen Künstler Marwan Abado, wo er die selben Lieder sang wie in den letzten ca. 20 Jahren. “Wenn ich weiss, dass du mich nicht umbringst, kannst du alles haben.-Ich bin jetzt Israel und du Palästina”. Was ist eigentlich Palästina? Wird es von Israel anerkannt (oder eher das was noch übrig ist, zugesiedelt), und welche Grenzen hat es? Es ist auch bezeichnend, dem Anderen wird eine Vernichtungsabsicht unterstellt, die Grund des Konflikts sei, man macht sich zu seinem Opfer. Bzw, der Andere wird zur Behandlung seiner aggressiven Paranoia aufgefordert. Womit wir wieder bei Awraham Burg sind (Teil I).74

Brauers Vater ist aus dem Russischen Reich nach Österreich ausgewandert, im „Grossdeutschen Reich“ wurde ihnen abgesprochen, Österreicher zu sein bzw sogar, Menschen zu sein, der Vater getötet. Eigentlich ist es sehr verständlich, dass er sich, nachdem das vorbei war, gefragt hat, wo er eigentlich hingehört, wo es für ihn Sicherheit gibt. Und längere Zeit hat er auch einen liberalen Zionismus vertreten. Vermutlich leidet er, wie Broder, darunter dass er es nicht schaffte, sich in Israel eine dauerhafte Existenz aufzubauen, es gibt da einige Parallelen zwischen den beiden.75 In seiner Autobiografie schrieb er ausser vom „Friedensengagement in Israel“ auch davon „mit Fahrrad durch Afrika gefahren“ zu sein, „dort einen Sklaven befreit“,…

Der Christchurch-Attentäter Tarrant unterstützte die Identitären in Österreich, die österreichische Regierung mit FPÖ-Innenminister Kickl kündigte an, diese nun verbieten zu wollen. Dazu muss(te) die FPÖ erst ihre Kontakte in diese Ecke „entsorgen“. Der erste Konflikt in der Koalition, kurz bevor sie auseinander brach, anlässlich des Ibiza-Videos. Kurz und Strache, zwei solche Saubermänner… Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP): Es gebe „keine Toleranz für gefährliche Ideologien, ganz gleich, aus welcher Ecke sie kommen“. Egal welche Art von Extremismus, „so was darf keinen Platz in unserem Land und in unserer Gesellschaft haben“, und so etwas dürfe „niemals toleriert werden“. Auch Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) kündigte eine schonungslose Aufklärung an. Kurz zeigte sich mit der „Abgrenzung“ der FPÖ von den Identitären zufrieden. Absolution für die FPÖ durch Kurz, der selbst auf Absolutionen aus ist. Als die ÖVP/FPÖ-Regierung 17 zustande kam, hiess es die „blaue Regierungsbeteiligung belastet das Verhältnis Österreichs zu Israel“.

Was wieder insinuiert, dass Israel eine Art antifaschistische moralische Instanz sei… Von Ariel Muzicants Sohn Georg, dessen Nachfolger im Immobilienunternehmen, kam vor der Wahl 17 eine Spende an Kurz. Natürlich könnten dabei auch wirtschaftspolitische Überlegungen eine Rolle gespielt haben… Kurz war als Aussenminister (13-17) doch der, als der er als Integrations-StS zu befürchten war (und als Kanzler erst recht). Unter Kurz ist ÖVP so rechts geworden (trotz Gesellschafts-Liberalismus), damit auch pro-israelisch… Was sich zB bei seinen Stellungnahmen zur Gewalt in und um Gaza 14 zeigte oder bei Kurz’ Israel-Reise 16 (die von mitgereisten journalistischen Groupies begeistert behandelt wurde). Und die Sache der Koalition mit der FPÖ wollte Kurz nochmal extra abgelten. Von Netanyahu abwärts gab es auch Lob für Kurz, für dessen „klares Bekenntnis zum Kampf gegen Antisemitismus“ (Kritik an Israel), und für seinen Willen, sich in der EU stärker für Israels „Sicherheits“-Interessen (Maßnahmen gegen Palästinenser und gegen die Region als solche hinnehmen) einsetzen zu wollen.

Foto oben: Demo in Wien gegen die türkis-blaue Regierung, mit israelischer Flagge (links)… “Linke” Israelfreunde demonstrieren gegen rechte Israelfreunde, versuchen zu suggerieren, dass Israel ein Gegenpol zu dieser rechten Regierung sei. Es gab wahrscheinlich noch nie eine solch proisrealische Regierung wie die von Kurz & Strache, und jene von Netanyahu steht nochmal klar rechts von ihr

In seiner Zeit als Aussenminister sei ihm bewusst geworden, dass Antisemitismus und Antizionismus „heute Hand in Hand gehen und oft zwei Seiten einer Medaille sind“, so Kurz. Da ist ihm klar geworden, dass man sich mit “Eintreten für die Sicherheit Israels” international profilieren kann, sich selbst inszenieren, rechte Inhalte legitimieren. Bei Stenzel ist das “Engagement gegen Antisemitismus” auch in einen konservativen Kreuzzug eingebettet ist > ÖVP zu links weil für eingetragene Partnerschaft für Homosexuelle und ein moslemischer Kandidat76, Auftritt bei Demo gg “Genderwahn”,… An der erwähnten „Antisemitismuskonferenz“ war die IKG anwesend, „weil daran kein FPÖ-Politiker teilnehmen werde“. Es kamen u.a. Ronald Lauder (WJC), Moshe Kantor (EJC), EU-Justizkommissarin Vera Jourova, EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn sowie EU-Parlamentspräsident und EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber77; Netanyahu musste ja absagen. Es wurde, “als konkreter Schritt” ein “Handbuch gegen Antisemitismus” präsentiert, das von “Experten” im Auftrag des EJC erarbeitet wurde. Zur selben Zeit hatte Innenminister Kickl zu einer EU-Konferenz geladen, bei der der Antisemitismus ebenfalls Thema war. Der Kampf gegen den politischen Islam und den Antisemitismus „müssen sichtbarer auf der EU-Agenda stehen“, so Kickl.

Kurz versuchte bei der Konferenz dann, die EU-Staaten mit einer gemeinsamen Erklärung zu einer einheitlichen Definition des „Antisemitismus“ bringen (die auf “Israel-Kritik” abzielt). Er hoffe sehr, dass das während der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft gelingt; Kurz bezeichnete es als „unglaublich“, dass Antisemitismus auch knapp 100 Jahre nach der Schoah noch existiert. Zum immer schon vorhandenen Antisemitismus sei auch ein „neu importierter“ gekommen, sagte er in Anspielung auf Migranten und Migrantinnen aus islamischen Staaten. Kurz forderte auch die Staaten der EU dazu auf, ihr Stimmverhalten bei UNO-Abstimmungen “über Israel” zu überdenken. Er behauptete, es gäbe ein in den letzten Jahren und Jahrzehnten entstandenes, „immer stärker konzertiertes Vorgehen gegen Israel, in einem Ausmaß, das sicher nicht als ganz korrekt bezeichnet werden kann“, stimmte Kurz der zuvor vom Chef des AJC, David Harris, geäusserten Kritik an den UNO-Staaten zu. Österreich und Israel waren sich auch einig bei der Ablehnung (Nicht-Unterzeichnung) des UN-Migrationspakts.78

Dann, Irans Präsident Hassan Rouhani ’18 in Österreich; Kurz telefonierte vor dem Treffen mit Netanyahu, um die „israelische Sichtweise“ zu hören”…und sprach rund um das Treffen andauernd von „österreichischer Verantwortung“, „Sicherheit Israels“,… Ro(u)hani differenzierte, auf häufige „Nachfrage“ der Österreicher, zwischen Juden und Zionisten (Israel) – was ihm aber zum Vorwurf gemacht wurde („hetzt gg Israel/Juden“,..), in den Entrüstungs-Chor von Drop, IKG, SWC,… stimmte dann auch Kurz mit ein. Wiederum sprach er von einem „konzertierten Vorgehen gegen Israel“ im Rahmen der UN. Kurz’ Kotau vor Netanyahu (dessen Hetzreden nie ein Thema sind) rund um den Rouhani-Besuch samt UN-Kritik sind ja eingebettet in ein entsprechendes ideologisches Umfeld. Was sich auch beim EU-Afrika-Forum in Wien anlässlich des österreichischem EU-Ratsvorsitzes im Dezember 18 zeigte. Ratsvorsitzender/Kanzler Kurz sagte dort, dass „Afrika nicht den Chinesen überlassen werden“ dürfe. Der Kommissionsvorsitzende der Afrikanischen Union (AU), Moussa Faki-Mahamat (Tschad) antwortete, man dürfe Afrika nicht „infantilisieren“, Afrika sei „kein Spielplatz, bei dem jeder hergehen kann und sagen, was er will“, es sei kein „leeres Terrain, auf dem sich Amerikaner, Chinesen und Europäer miteinander schlagen“ und „um Ressourcen streiten, auch wenn das in der Vergangenheit so war“. Afrika gehöre den Afrikanern.

Man ist an den “Wettlauf um Afrika” (Scramble for Africa) erinnert, das Rennen um die totale Aufteilung dieses Kontinents unter europäischen Mächten und der USA, etwa von 1881 bis 1914. Begonnen hatte diese Inbesitznahme etwa 500 Jahre früher. Noch nach dem 2. WK hiess es, Afrika sei ein “Ergänzungskontinent” für Europa…und es wurde auch so behandelt, über die Entkolonialisierung hinaus. China sieht Afrika als Möglichkeit, Europa sieht Afrika als Problem“; welchen Grund sollte Afrika haben, Europa „zugeneigt“ (ausgeliefert) zu bleiben. Dass Afrika eigenständig für sich entscheidet, das geht ja schon mal gar nicht. Man ist an den Kolonialrevisionismus im Deutschen Reich der Weimarer Republik erinnert, als in vielen Reden und Texten versucht wurde, die verbliebenen europäischen Kolonialmächte in Afrika zu diskreditieren und Deutschland als “Beschützer der Kolonisierten” und “wahren Treuhänder” darzustellen. Anlässlich Israels Offensive gegen den Gaza-Streifen um den Jahreswechsel 08/09, kritisierte Südafrikas damaliger Präsident Kgalema Motlanthe (ANC) die United Nations Organisation bzw ihr System, mit dem Sicherheitsrat bzw den Vetomächten.

Die UN und ihr Sicherheitsrat müssten repräsentativer für die Weltbevölkerung werden, die lobbyistische Politik von Vetomächten wie der USA sei gegen die Idee der Vereinten Nationen. Aber wenn sich in der UN die globalen Mehrheitsverhältnisse wiederspiegeln und dort eine “Politik” abseits von westlicher Vorherrschaft ausgeübt wird, kommen Organisationen wie UNwatch von Hillel Neuer79 und prangern das an. UN Watch ist ein Organ des American Jewish Congress (AJC), wird von manchen Medien nicht als Lobbyorganisation behandelt, sondern als von “wissenschaftlichen” oder “menschenrechtlichen” Bedenken motiviert (ähnlich wie MEMRI). Motlanthe hat damals gesagt, Israelis und Palästinenser hätten das Recht, nebeneinander zu existieren; aber man kann davon ausgehen, dass Neuer daraus eine “Befangenheit ggü Israel” gemacht hat, so wie Kurz. Was bezeichnend ist für den Diskurs, bei Obama war es ja auch so, dass man ihm “Anti-Israel” unterstellt hat, weil er die Israel-Unterstützung der USA in manchen Teilen hinterfragt hat. Eric Louw, ein Aussenminister Südafrikas zu dessen Apartheid-Zeiten (damals war Israel eng mit Südafrika verbündet) nannte die Aufnahme unabhängiger afrikanischer Staaten in die UN eine “Ermunterung für die Kräfte der Barbarei”…

Apartheid-Südafrika hat auch immer über die UN gejammert und was sich die Nicht-Weissen erlauben. Nun ja, “Spurenelemente” dieser Haltung zeigen sich bei Israel-Unterstützern wie Sebastian Kurz. Nachdem über ein Verbot des Schächtens durch die ÖVP/FPÖ-Regierung (bzw ihre parlamentarische Mehrheit) diskutiert wurde, beruhigte Kanzleramtsminister Blümel (Kurz’ “rechte Hand” bzw Schnösel-Kollege), redete von „jüdisch-christlichen Wurzeln”, “jüdischen Mitbürgern”, “verteidigen“,… Engagiert in dieser Thematik ist aus der ÖVP auch Wolfgang Sobotka, Nationalratspräsident und zuvor Innenminister, ein fremdenfeindlicher Rechtspopulist. Bei einer Gedenkfeier im Parlament 2018 für die Novemberpogrome 1938 bedankte er sich bei Kanzler Kurz dafür, dass man sich zu „null Toleranz gegenüber Antisemitismus“ bekannt habe. Dieser damals: „Unsere historische Verantwortung endet weder an der österreichischen noch an der europäischen Grenze“, denn Österreich habe eine Verantwortung, nicht nur für jüdisches Leben hierzulande und in Europa, sondern auch gegenüber den Juden in Israel. Sobotka präsentierte vor einiger Zeit80 eine von ihm in Auftrag gegebene Studie über “Antisemitismus in Österreich”, von IFES (Eva Zeglovits) und Braintrust (Thomas Stern). Es sei erfreulich dass es die stärkste Zustimmung bei Befragten nicht zu antisemitisch gefärbten Inhalten gab, sondern zu der Aussage, dass Österreich wegen der Verfolgung im Zweiten Weltkrieg die moralische Pflicht hätte, Juden beizustehen.

Also eine Pro-Israel-Politik fahren, wie Kurz… Damit kann man ja die Juden-Verfolgungen der Vergangenheit auslagern gewissermaßen. Sobotka versucht das ja auch, mit solchen Initiativen, seine Fremdenfeindlichkeit kann er so als “Kampf gegen zugewanderten AS“ deklarieren, mit „keine Toleranz ggü Intoleranten“ suggerieren, dass er eine solche hätte,… Ja, es ist ein Vorteil, wenn man Hassrede definieren kann, zB über solche Studien und die Kommentare dazu. Wer selbst so integer und sittsam agiert (wie Sobotka, Kurz, Strache), dem steht es zu, Andere zu ermahnen und zu rügen. Als Kronzeuge (für “moslemischen Antisemitismus”) führte Sobotka Bassam Tibi an, der sich lange Zeit eigentlich seriös mit dem Islam und Themen die mit ihm im Zusammenhang stehen, beschäftigte. Bassam Tibi ist bekömmlicher als Ahmed Tibi, der “israelische Araber”; und Hanan Zoabi ist schwerer zu verdauen als Sarah Zoabi.

17 ein Bericht des „Falters“ über „antisemitische Witze“, “Frauenhass” und “Spott über Behinderte” in Chatgruppen („Jus Männerkollektiv“) von Funktionären der ÖVP-nahen AktionsGemeinschaft (AG) am Juridicum der Universität Wien kurz vor ÖH-Wahl. Ausschluss der Funktionäre; Empörung von JVP-Chef Sebastian Kurz, „Falter“-Chefredakteur Florian Klenk, VSStÖ, GRAS, orf.at, Mauthausen Komitees Österreich, Jüdische österreichische HochschülerInnen (JöH),… Das ist auch in Ordnung. Aber: Als die israelische Justizministerin Ayelet Shaked einige Wochen davor im Juridicum auftrat, kam von den Selben kein Protest. Im Gegenteil, man kann davon ausgehen, dass der eine oder andere Genannte den Auftritt beworben hat….und bei Auseinandersetzungen mit dieser Shaked und ihrer Politik die AS-Keule geschwungen haben. IKG-Chef Deutsch über die Chatgruppe: „Die Empörung ist schnell artikuliert. Jetzt müssen wir das Problem benennen, Ursachen analysieren und bekämpfen: Antisemitismus im akademischen Betrieb“.81

Das Verhältnis der ÖVP (und Österreichs!) zu Juden und Israel war eine Zeit lang von Bundespräsident Waldheim geprägt, aufgrund dessen Wehrmachts-Vergangenheit bzw dem Umgang damit.82 Waldheim-Schwiegersohn ist seit vielen Jahren EP-Abgeordneter (für die ÖVP). Mit Kurz kam das österreichisch-israelische Verhältnis in neue Höhen – nicht weil er der antifaschistischste Kanzler/ ÖVP-Chef ist, sondern weil er die Verstrickung Österreichs in NS-Verbrechen mit Israel-Unterstützung “wieder gut zu machen” versucht, an statt die dieser Verstrickung zu Grunde liegende Geisteshaltung zu behandeln; und weil er mit Netanyahu den passenden Partner dafür hat. Im Inneren war das bislang Strache bzw die FPÖ. Sein Appeasement ggü Trump bei seinem Besuch im Weissen Haus ’19 und seine Vorstösse in der Flüchtlingspolitik zeigen ja auch, wessen Geistes Kind Kurz ist. „Ein Land, das versucht, Journalisten und Oppositionsführer einzusperren, hat in der Europäischen Union keinen Platz“, sagte er über die Türkei.

Bezüglich Menschenrechten ist er aber “flexibel”; bei Saudi-Arabien wird so etwas wie “Journalisten einsperren” nicht so streng gesehen (und so etwas wie Opposition gibt es dort gar nicht erst), und bei Israel schon gar nicht. Und während er die Ausschaltung des Parlaments in Venezuela (seit der Wahl ’15 vom Oppositionsbündnis MUD dominiert) unter Nicolas Maduro ’17 thematisiert (und den selbsternannten Übergangspräsidenten Guaido unterstützt), bleibt er ruhig zum “stillen Coup” in Brasilien, wo das Parlament ’16 die Präsidentin (Rousseff) ausschaltete, und zur Ausschaltung „Lulas“ durch die Justiz von der Wahl ’18. Zurück zur Türkei und Flüchtlingen: Zu Drohungen aus der Türkei, den Flüchtlingspakt mit der EU zu kündigen, wenn es nicht zu der verabredeten Visa-Freiheit für ihre Bürger kommen sollte, sagte Kurz, in diesem Fall müsse die EU ihre Aussengrenzen selbst schützen – „nach dem Vorbild Australiens“. Bootsflüchtlinge, so Kurz, sollten nach dem Vorbild Australiens im Mittelmeer abgefangen, sofort zurückgeschickt oder auf Inseln interniert werden. Nun, allzu weit weg ist er auch nicht entfernt von John Howard. Kurz und Strache spielen das Zuwandererthema, um vom Sozialen, von Umweltthemen (wie der Klimakrise) und vom eigenen Chauvinismus abzulenken. Sein Vorgänger als ÖVP-Chef und Vizekanzler, Reinhold Mitterlehner, geizte nicht mit Kritik an Kurz, bezeichnete diesen als “Rechtspopulisten“.

Ein Blick auf die Schweiz: Die “Weltwoche”, die 1933 Sympathie für den Faschismus und ihre Schweizer Ableger (hauptsächlich die Nationale Front) zum Ausdruck gebracht hat, unterstützt heute ziemlich offen die Schweizerische Volkspartei (SVP). Roger Köppel, Ziehsohn von Christoph Blocher, ist Chefredakteur der “Weltwoche”, nun auch SVP-Politiker (Nationalrats-Abgeordneter); zwischendurch war er auch passenderweise bei “Die Welt” in leitender Funktion. „Weltwoche“ wie SVP sind weit rechts und pro Israel; erstere hat zB auch “PI” anklagend verteidigt („unabhängige und populäre Gegenstimme“). Selbst für Weltwoche/SVP-Massstäbe auffallend rechts ist Philipp Gut. Warum bevorzugt Rechtskonservative wie SVP-Mann Ulrich “Ueli” Maurer Israel-Lobbyisten sind, wird von zionistischer Seite meist damit “erklärt”, dass die Linke eben so “antisemitisch” sei… Im März 2013 ein Artikel in der „Basler Zeitung“: „Die sieben geläufigsten Propaganda-Märchen. Israel ist böse, Palästinenser sind Opfer: Seit Jahren nimmt das Gros der westlichen Medien diese Perspektive ein. Das sind die sieben perfidesten Märchen.“ Autor: der Deutsche David Harnasch, war Bush-Fan, dürfte auch Trump-Fan sein, ein Hardcore-Zionist (“Entebbe”-Leibchen,…). „Basler Zeitung“: Miteigentümer ist SVP-Patron Christoph Blocher.

Laut Richard Spencer ist Donald Trump zwar kein Vertreter der “Alt-Right”, sein Wahlsieg 16 sei aber ein erster Schritt in Richtung einer “schlüssigeren” Politik, Trumps Populismus sei tief in der “identitären Politik” verwurzelt. Spencer, Bonzensöhnchen, US-amerikanischer White-Supremacy-Aktivist, prägte die Bezeichnung “Alt-Right”. Es gehe darum, die USA von „Nichtweissen“ zu „säubern“, zu verhindern dass die weissen US-Amerikaner in “ihrem eigenen Land” künftig eine Minderheit sein werden. Die Nazi-Diktion und -“Versatzstücke” stehen dem nicht entgegen, dass sich dieser Spencer als “weisser Zionist” bezeichnet, er wolle ein “sicheres Heimatland” für “seine Leute” wie es Israel für Juden sei, einer der wenigen Ethnostaaten. Er ist auch gg Juden in der USA (bzw sieht sie nicht als “Weisse”), ist nichtsdestotrotz ein Israel-Anhänger, klassisch… Über Trumps Wahl (und Obamas Abtritt) gab es Frohlocken in diesen Kreisen, eben so wie bei Zionisten (Naftali Bennett strahlte schon, dass mit Trump eine Zweistaatenlösung bzw ein Staat Palästina „vom Tisch“ sei), Saudis und Leuten wie Robert Spencer. Am Ende einer Veranstaltung seines National Policy Institute im November 2016 in Washington D.C., auf der Trumps Sieg gefeiert wurde, rief er den Anwesenden unter anderem zu: „Hail Trump, hail our people, hail victory!“ Teile des Publikums zeigten daraufhin den Hitlergruss.

USA-Präsident Donald Trump hat im Sommer 19 zunächst mit einem Tweet wieder gezeigt, wie primitiv (und) rassistisch er ist. Er schimpfte über einige weibliche Kongress-Abgeordnete der DP, die aus „Ländern mit korrupten und katastrophalen Regierungen“ kämen, und sich erdreisteten der Bevölkerung der USA („the greatest and most powerful Nation on earth“) zu sagen wie Politik zu funktionieren habe, „Why don’t they go back…“ und richten ihre Herkunftsländer her („the totally broken and crime infested places“). „Then come back and show us how it is done“. Dazu noch ein Seitenhieb auf Pelosi. Seine Äusserungen über „progressive demokratische Kongressabgeordnete“ waren unschwer erkennbar auf die jungen Alexandria Ocasio-Cortez (aus einer puertoricanischen Familie in New York), Ilhan Omar (aus Somalia), Rashida Tlaib (in USA in eine palästinensische Familie geboren) und Ayanna Pressley (Afro-Amerikanerin) gemünzt, 3 davon also von Geburt US-Amerikanerinnen. In einer gemeinsamen Pressekonferenz warfen die vier Abgeordneten Trump offenen Rassismus vor. Bei einer Wahlkampfveranstaltung Trumps in North Carolina, als er erneut begann, Ilhan Omar zu attackieren, skandierte das Publikum „Schickt sie zurück“. Trump ließ die Menge gewähren, was er später leugnete. Dann tweetete er noch „Ich glaube nicht, dass die vier Kongressabgeordneten in der Lage sind, unser Land zu lieben“

Da findet sich Einges: Menschen mit dem Elend “ihrer” Länder „assoziieren“; ihnen zu sagen dass sie eigentlich zu anderen Ländern gehören, nicht zur USA, sich nicht “einzumischen” haben, sich anderswo um Probleme kümmern sollten,… Die “Anti”deutschen, die sich gerne so frauenfreundlich und progressiv geben (und pro-amerikanisch!), blieben hier natürlich ruhig. Omar geriet ausserdem in Kritik für “Israel-Kritik”. Glenn Greenwald verteidigte sie dafür bzw kritisierte die Zensurversuche gegen sie; als Kommentar dazu tweetete Omar: “It’s all about the Benjamins baby” > Israel-Unterstützung in der USA käme aus finanziellen Zuwendungen und Ähnlichem. Abagond kommentierte zutreffenderweise: “It’s not all about the Benjamins, despite what Ilhan Omar might think. As powerful and monied as is AIPAC (American Israel Public Affairs Committee), way more people belong to CUFI (Christians United for Israel). And yet more simply read their Bibles and see God as promising the land of Palestine to the Jews. And they mostly vote Republican, which is why Republicans are so blindly loyal to Israel even though few Jewish Americans vote for them. In the US most Zionists are not Jewish but Christian, in particular White Evangelical Protestants.”

Als eine der ersten moslemischen und afrikanisch-stämmigen Frauen, die in den Congress gewählt wurden, war Omar ohnehin von Anfang an Zielscheibe entsprechender Kreise gewesen, nach dem “Benjamins”-Kommentar (> Franklins Konterfei, auf Banknoten) kam nun auch die Allzweckwaffe “Antisemitismus” hervor. Etwa beim rassistischen Babyface Ben Shapiro (“The Ugly Truth About Antisemitism in the Democrat Party 2018 midterm will bring many new faces to Washington, but few will find as much adoration as Ilhan Omar…“) oder von den Murdoch-Medien (Fox, “New York Post”,…). Natürlich wurde sie auch in die Islamisten-Ecke gestellt, auch von Trump. Es gibt von diesen Praktiken schon Parallelen zum klassischen Antisemitismus, auch wie er sich in Nazi-Deutschland äusserte… Dann erliess Israel ein Einreiseverbot für die US-Abgeordneten Rashida Tlaib und Ilhan Omar, Ministerin Hovotely begründete das mit dem „Absprechen des Existenzrechts“. (Der Amerikanerin) Tlaib wurde dann doch ein „humanitärer Besuch” bei ihrer 90-jährigen Grossmutter im besetzten Westjordanland genehmigt. israel bestimmt natürlich auch dort über Ein- und Ausreise (und so ziemlich alles Andere)…und anerkennt nicht das Existenzrecht eines Palästinas.83

Trump beschimpfte dann auch den afroamerikanischen Kongress-Abgeordneten Elijah Cummings (DP) übel, als „brutalen Tyrannen“ und die mehrheitlich von Schwarzen bewohnte Stadt Baltimore, die teilweise zu Cummings Wahlkreis gehört, als “schlimmste der USA”. „Cumming (sic) Wahlkreis ist ein widerliches, von Ratten und Nagern befallenes Drecksloch.” Kein Mensch würde dort leben wollen“, fuhr Trump in seiner Twitter-Tirade fort. Der Präsident stellte die Frage, was aus staatlichen Fördermitteln für den Distrikt geworden sei. „Wo ist das Geld hin? Wie viel wurde gestohlen?“ Damit zielte er offenkundig auf die Kritik des Demokraten Cummings an seiner verschärften Asyl-Politik an der Grenze zu Mexiko. Cummings habe sich über die „großartigen Männer und Frauen des Grenzschutzes“ und die Lage an der Südgrenze der USA ausgelassen, während „sein Baltimore-Wahlkreis weitaus schlimmer und gefährlicher“ sei. Es zeigt sich anhand dieser Fälle, wie Rassismus gegen Afro-Amerikaner, Schwarzafrikaner und Moslems/Orientale miteiander verbunden ist. Das war auch bei Keith Ellison aus Minnesota so, der erste Moslem im USA-Congress. Er hatte 17 mit seiner Kandidatur für den Vorsitz der Democratic Party keinen Erfolge, nach einer Schmutzkübelkampagne über seinen Glauben, seine Verbindungen mit der Nation of Islam (“Black Muslims”) in seiner Jugend und seiner Unterstützung für Rechte der Palästinenser an der Seite Israels. Seine Rasse wurde dabei nur “indirekt” thematisiert.

Der schwarze Professor Tommy Curry wurde auch rassistisch angegriffen, u.a. von der Alt-Right-Bewegung, Evangelikalen und anderen christlichen Zionisten. Nach Kommentaren über Waffengebrauch in der USA, gegen “Farbige” und von diesen; Curry thematisierte in diesem Zusammenhang Hetze gegen liberale und antirassistische Professoren in der USA. Angela Davis setzt sich für Schwarze in der USA und Palästinenser unter Israel ein, unterstützt BDS. Sie weist darauf hin, dass Israel US-Polizeikräfte trainiert (die gewaltsam gegen Schwarze vorgehen); das militärische Erscheinungsbild (und das entsprechende Vorgehen) der Polizei zB in Ferguson (Missouri) ähnelt nicht nur den israelischen “Sicherheitskräften”, die so gegen Palästinenser (“Terroristen”) vorgehen, es kommt auch von diesen. Deshalb haben Palästinenser den Protestierenden in Ferguson auch Ratschläge getweetet. Davis meint, dass die Unterdrückten über die Grenzen hinweg zusammenarbeiten sollen. Bei einem Besuch in den bestzten palästinensischen Gebieten (2011) stellte sie fest, dass es dort weit schlimmer ist als ihrer Kindheit und Jugend in Birmingham (Alabama) der 1950er und frühen 1960er… Palästinenser haben ein Recht auf Widerstand, so Davis. Sie merkte auch an, dass manche Progressive in der USA progressiv bei Allem sind, ausser bei Israel-Palästina. Die Bestätigung kam dann, als das Birmingham Civil Rights Institute (BCRI) heuer (19) ihren Menschenrechtspreis, der Davis zugesprochen worden war, wieder “zurücknahm”.84

’17 in Charlottesville (Virginia) Aufmarsch vom KKK (inkl. David Duke), Neonazis,… gegen die Entfernung einer Statue von CSA-General Robert Lee, Gegendemo, ein Alex Fields fuhr sein Auto in diese rein, 1 Tote und 35 Verletzte. Von Trump eine verhaltene Reaktion mit allgemeiner Gewalt-Verurteilung und indirekter Verteidigung der Alt Right, unter den Marschierern (nicht den Gegendemonstranten!) in Charlottesville seien “very fine people” gewesen. David Duke, ein früherer KKK-Anführer, gratulierte Trump für seinen „Mut, die Wahrheit zu sagen”, und die „Charlottesville Rally” sei “Part of Effort to Take Country Back“ gewesen. Duke lobte auch Trumps Eintreten für einen Mauerbau an der Grenze zu Mexico.85 Die Israel-Unterstützer in der USA und die Rechtsextremisten dort unterstützen beide Trump und es gibt eine Überschneidung von diesen Gruppen. Die meisten Israel-Freunde dort sind schliesslich nicht Juden, sondern evangelikale Christen – die teilweise im Lager des “weissen Nationalismus” stehen.86 Diese Unterstützung wird von zionistischer Seite sehr gerne genommen (s.o. Evangelikale), auch wenn antijüdische Ressentiments von dort teilweise nicht so weit entfernt sind. (> Synagoge Pittsburgh).

Es gibt die Israel-Unterstützung aber eben auch in rechtsextremen Kreisen. Trump und Netanyahu lassen beide Mauern bauen, zu den “bösen und gefährlichen Nachbarn”, teilweise mit der selben Rhetorik. Unter jenen Neonazi-Rassisten, die 17 in Minnesota einen Bombenanschlag auf eine Moschee verübten, waren auch welche die sich freiwillig für Mithilfe am Bau von Trumps Mauer zu Mexico angeboten haben. Ja, und Trump bemüht sich eifrig, die Stimmen der Nazis zu bekommen, mit seinen rassistischen Bemerkungen. Zur Zeit von Bush hiess es, „Nein, wir führen doch keine Kriege für Öl“ (bzw, seine Unterstützer sagten das über ihn), unter Trump heisst es offen „Lasst uns (weitere) Kriege für Öl führen“.87 Bush heuchelte ggü Afro-Amerikanern Gleichheit vor; er hat auch ein Gesetz erlassen, das eine weltweite Überwachung „antisemitischer Tendenzen“ durch das US-Aussenministerium in Washington vorsieht. “Wir werden dafür sorgen, dass der alte Impuls des Antisemitismus in der modernen Welt niemals einen Platz finden wird.” Er redete auch von „Islamo-Faschismus“. Von Bush junior waren in Deutschland v.a. gewisse Alt-Rechte und Ex-Linke entzückt. Auch, weil sie die Necons als eine Art globalen Gegenpol zum Islamismus sahen. Dass sein Grossvater Prescott Bush Geschäfte mit den Nazis machte, und auch viele Rechtsextreme für ihn Sympathien hatten, war da völlig bedeutungslos.

Das ideologische Umfeld, in das die Israel-Unterstützung (nicht nur) von Trump eingebettet ist: Verkleinerung von Naturschutzgebieten (betrifft auch Indianer), Austritt aus dem Klimaschutzvertrag, Rassismus im Inneren und Äusseren, schamloser Imperialismus, Frauenverachtung,… Das meiste davon trifft zB auch auf Bolsonaro zu. Dass das wiederum die pseudolinken Deutsch/Österreicher nicht stört, die immer von “Antiamerikanismus” faseln (und das was sie als solchen sehen, zum Gradmesser für politische “Neigungen” machen!), versteht sich eigentlich von selbst. In der USA sind diese Ansichten grossteils auch hauptströmig. Der republikanische Senator Lindsey Graham hat heuer von Trumps damaligen Sicherheitsberater John Bolton einen “überwältigenden” Militärangriff auf den Iran gefordert. Bei Graham, einem baptistischen Südstaatler (South Carolina), Ex-Militär, Bilderberger, korresondiert seine Haltung zu Israel bzw Iran klarerweise mit seinen Positionen zu Waffenfreigabe, Krankenversicherung, Bürgerrechte, Klimawandel, Todesstrafe, Einwanderung,… Das ist auch bei Nicht-Politikern wie “Chuck” Norris so.

Eröffnung der neuen US-Botschaft für Israel ’18, mit Graham und weiterer israelisch-amerikanischer Prominenz

Trump liess die USA-Botschaft für Israel 17/18 von Tel Aviv nach Jerusalem/Quds verlegen, anerkannte Jerusalem als Hauptstadt Israels.88 Ohne Erwähnung der Besatzung u.a. vom Ost-Teil der Stadt (seit 1967) und ohne Gegen-Konzession von Israel. Trumps “Nahostberater” Kushner spielte bei dem Schritt eine wichtige Rolle, der mit Saudi-Arabien abgesprochen wurde. Triumphgeheul von Netanyahu abwärts, verbunden mit Delektieren an Aufregung in der islamischen Welt. Trump, ein rassistischer Wahnsinniger, geistig schwach und im Hass auf innere und äussere “Feinde” fanatisch89, steht für den Niedergang der USA.90 Er hat Medienberichten zufolge die Aufnahme von Migranten aus Haiti und afrikanischen Staaten in Zweifel gezogen und diese als „Drecksloch-Länder“ bezeichnet. In derselben Beratungsrunde mit Senatoren und Kongressabgeordneten im Weissen Haus hat er anscheinend vorgeschlagen, stattdessen mehr Einwanderer aus Ländern wie Norwegen aufzunehmen. Oder Schweden? > Greta Thunberg… Israel ist für ihn kein “shithole country”, ganz im Gegenteil, Trump kommt Israel mehr entgegen als alle früheren USA-Präsidenten (trotz oder wegen Ankündigungen einer Politik aus ureigenen US-Interessen)…auch hier kein Anschein von Unparteilichkeit mehr.

Die USA ist unter ihm auch aus der UNESCO ausgetreten, wegen derer „israelfeindlicher Haltung“; bzw aus der Feindlichkeit von Trump und seinem Klüngel ggü der „3. Welt“, dem globalen Süden. Die USA stellte auch, 2018, die Zahlungen an das UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) ein. Insbesondere Trumps Schwiegersohn und Nahostberater Jared Kushner hat sich vehement für die Kürzung ausgesprochen. Die Democratic Party (DP) nannte Trump “juden- und israelfeindlich“, auch: „Democrats hate the USA“ (> ,,Volksfeinde/-verräter”). Trump akzeptiert Juden irgendwie als Teil der weissen Bevölkerung der USA (die für ihn zählt). Sein jüdischer Schwiegersohn (Jared Kushner), die Ernennung weiterer Juden in wichtige Positionen (wie David Friedman), seine ungezügelte Unterstützung für Israel und seine Unterstützung durch Juden, das hängt wohl alles miteinander zusammen. Und die Haltung ggü Israel ist ohnehin das was zählt (> Broder, Netanyahu, Brauer,…). Juden wurden im Gegensatz zu Mexikanern oder Moslems von Trumps Xenophobie ausgespart. Aber es gibt bei ihm und in seinem Umfeld und Anhängern auch die klassische Haltung von Rechten, Israel zu bewundern, mehr als Juden an sich (> Richard Spencer). Trump selbst verachtet hauptsächlich linke, liberale, kosmopolitische Juden, wie George Soros.

Eine Woche nach Abfangen der Briefbomben des Trump-Fans Cesar Altieri an Trump-Kritiker im Oktober 18 das Schuss-Attentat auf die Synagoge in Pittsburgh (11 Tote), durch einen Robert Bowers, dem Trump zu wenig nationalistisch und zu sehr jüdischem Einfluss „ausgesetzt“ ist. Und der Juden (Organisationen wie HIAS) für nicht genehme Einwanderung verantwortlich macht. Sechs Monate später heuer dann ein ähnlicher Anschlag auf eine Synagoge in California, der Attentäter (auch ein weisser rechter Amerikaner) bezog sich dabei auch auf den Attentäter von Christchurch. In beiden Fällen handelte es sich um Weiss-Rassisten, die Juden nicht aussparten in ihrem Hass. Manche, die bei der Gewalt in Charlottesville oder Christchurch oder zu Trumps weissen Nationalismus mit den Achseln zuckten, waren nun (erst) entsetzt (über rechte Gewalt)91. Jüdische Vertreter aus Pittsburgh warfen Trump in einem offenen Brief vor, eine Mitverantwortung für den Anschlag zu tragen. „In den vergangenen drei Jahren haben Ihre Worte und Ihre Politik eine wachsende weisse nationalistische Bewegung ermutigt“. Trump wies die Vorwürfe vehement zurück und bezichtigte wiederholt die kritisch über ihn berichtenden Medien, Hassgefühle zu schüren. Die israelische Regierung und die grossen jüdischen Organisationen verteidigten Trump, dieser habe nichts mit dieser Gewalt zu tun.

Auf Trumps Vorgänger Barack Obama gab es bekanntlich viele rassistische Angriffe, nicht zuletzt auch von Israel-Freunden. Gegen ihn haben Zionisten und Weiss-Rassisten gehetzt, jeder für sich, manchmal zusammen, beide aus Unbehagen über einen Afro-Amerikaner als Präsident der USA. McCain warf Obama vor, die “Rassismus-Karte” auszuspielen. Das “birther movement”, das behauptet(e), dass Obama nicht in der USA geboren sei, stellt rassis(tis)che Feindseligkeiten als Motivation zT in Abrede, steht zT dazu. Birther leader Orly Taitz ist eine Jüdin aus Sowjet-Moldawien mit Israel-Verbindung.92 Daniel Pipes verbreitet(e) Verschwörungstheorien mit, dass Obama insgeheim Muslim sei. Auch Donald Trump gehört zu den „Skeptikern“.93 Obamas Gegenkandidat von 08, John McCain, hat Obama, als “Hamas-Favoriten” bezeichnet. Er dagegen wäre als Präsident der “schlimmste Alptraum” der islamistischen Palästinenserbewegung Hamas. In Wahrheit ist es umgekehrt…was die radikalen Kräfte im Islam benötigen ist ein Feindbild und als solches wäre McCain als “würdiger” Nachfolger Bushs natürlich weitaus passender als Obama. Die unsinnigen Aussagen und Ziele McCains (“Bomb, bomb, bomb Iran”) waren genau das, was im “Nahen Osten” hilft, gegen den Westen zu polarisieren, was den Islamismus verstärkt. Beim Tod McCains 18 würdigte Netanyahu ihn als „grossen amerikanischen Patrioten und grossen Unterstützer Israels“. Quelle seiner “anhaltenden Unterstützung für den jüdischen Staat” seien McCains „Glaube an Demokratie und Freiheit“ gewesen…

Glenn Beck, rechter Kommentator, warf Obama “anti-weissen Rassismus” vor, unterstützte dessen Gegner (zB die „Tea Party“-Bewegung). Der christliche Zionist (trat vom Katholizismus zum Mormonentum über, und von CNN zu Fox) dichtet eine Verbindung von Islam und Kommunismus zu einer „neuen Weltordnung“. Die Vorzugsbehandlung Israels durch die USA wurde unter Obama etwas gelockert, alles in allem hat bei ihm gegenüber Israel dann doch das Appeasement dominiert. Aber, und auch trotz Obamas “taktvollerem” Auftreten in Yad Vashem (verglichen mit Trump94), hält sich die überwiegende zionistische Feindseligkeit ggü Obama (und die positive Einstellung ggü Trump). US-amerikanische Werte waren nie universalistische, Teile der Bevölkerung der USA wurden oft als “unamerikanische Elemente” (für den KKK wie für den Mainstream) gesehen (ob “Neger”, “Indianer” oder Kommunisten, lange auch Katholiken oder Juden). “Der Weltpolizist und globale Richter verstösst im eigenen Land immer noch gegen jene menschenrechtlichen Prinzipien, in deren Namen er seine Interessen weltweit so brutal durchsetzt.”95 Die WASP-Vorherrschaft in der USA wurde spät herausgefordert, ist nun im Schwinden (Einwanderung und Aufstieg Anderer), wenngleich noch vorhanden (grosse Teil der Eliten,…). “WASP” schliesst („alteingesessene“) nicht-britische Nordwest-Europäer, Iren oder auch Juden manchmal mit ein. Für Samuel Huntington war WASP-Hegemonie das, was die USA ausmacht. Er hat Südamerika und Osteuropa klar von seiner Definition des “westlichen Kulturkreises” ausgeschlossen, auch Israel und Japan, sogar bei den katholischen Ländern Europas tat er sich schon schwer.

Juden werden im amerikanischen Mainstream heute überwiegend als “Weisse” gesehen, sie selbst sehen sich dort auch teilweise so. Wobei gut 80% der etwa 8 Millionen amerikanischer Juden Aschkenasen sind. Der amerikanische Rabbiner und Aktivist Michael Lerner (relativ liberal): “Jews can only be deemed white if there is massive amnesia on the part of non-Jews about the monumental history of anti-Semitism”. Und: “In America, to be ‘white’ means to be the beneficiary of the past 500 years of European exploration and exploitation of the rest of the world”. Der afro-amerikanische Aktivist Cornel West: “I think that antisemitism has proven itself to be a powerful force in nearly every post of Western civilization where Christianity has a presence.” Der „racial realist“ Samuel J. Taylor (Journal „American Renaissance”) und sein Kreis sind sich über Juden (und ihren Nutzen fur weisse nordische Rasse) noch nicht einig/schlüssig. Lawrence Auster (blog “view from the right”), Cousin von Autor Paul, vom Judentum zum Christentum übergetreten, wettert gg Einwanderung in die USA und arbeitet bei der Kampagne für eine weisse USA mit allen Möglichen zusammen, attackiert andererseits jene Rechte die ihm nicht antiislamisch genug sind oder aber wo ihm „Antisemitismus“ auffällt. Wurde für seinen Rassismus sogar vom frontpagemag(azine) rausgeworfen.

IT-Troll Carl Benjamin alias “Sargon of Akkad” macht auf Youtube für seine Hunderttausenden Zuseher rassistische, sexistische Hetze. Der Engländer deklariert sich als “klassischer Liberaler”, aber nur um weissrassistische Inhalte weiss zu waschen. Der “Alt-Right-Bewegung” steht er eigentlich nahe, ist aber anscheinend auf persönlicher Ebene mit Richard Spencer verfeindet, verbreitet die Verschwörungstheorie wonach dieser “kontrollierte Opposition” sei.96 Carl of akkad ist ein Rechtsextremer, bei dem Israel und Juden weder Freund noch Feind sind; er wird auf Aynrand promotet. Auch bei seinen Kollegen Pat Condell oder Stefan Molyneux97 ist Westen etwas Weisses, ist auch der Feminismus ein Gegner, wird Trump unterstützt, über “Zensur” und die “herrschende Geisteshaltung” gejammert. Ben Shapiro (“truth revolt”,…) versucht, Anliegen der Juden und Zionismus mit diesen (anderen) rechten Anliegen zusammenzuführen (nicht unähnlich Broder).

Die Wahl von Trump ins White House 2016 löste bei vielen zionistischen Lobbyisten in der USA und anderswo und rechten Israelis Euphorie aus, die weitgehend bis heute angehalten hat. Trotz Trumps Isolationismus-Ansätzen und trotz anderen Trump-Fans wie jenen die im November 16 in Washington den Wahlsieg mit „Hail Trump” und Hitler-Gruss (s.o.) begrüssten. In der Trump-Regierung gibt es mehrere Richtungen/Einflüsse, Widersprüche gibt es v.a. zwischen den früher von Steven Bannon angeführten Nationalisten und den von Jared Kushner geführten “Zentristen”. Trumps jüdischer Schwiegersohn Kushner (seine Eltern wanderten aus der SU in die USA ein) ist sein Berater, hauptsächlich für “Nahost”.98 Bei Kushner laufen, wenn man so will, die Fäden zwischen Trump, Netanyahu, al Saud zusammen, ihm gelang es, die “Nahost”-Politik Trumps in die gewünschte Richtung zu lenken.

Auf die Frage, ob die Palästinenser völlige Freiheit von Israels Regierung und Militär erwarten könnten, antwortete Kushner mit Zweifeln an deren diesbezüglichen Fähigkeiten – nicht mit Zweifel an Israels Willen, so etwas zuzulassen. Kushner, der an einem „Nahost-Friedensplan“ arbeitet, stellte sein “Team” sorgfältig zusammen, hauptsächlich Jason Greenblatt als Sondergesandter (inzwischen zurückgetreten) und David Friedman als USA-Botschafter für Israel.99 David Friedman ist ein rechtsgerichteter Hardliner, steht mit seinen Positionen zum “Nahost-Konflikt” (Besatzung und Widerstand) der israelischen/zionistischen Rechten nahe, ist Siedlungs/Besatzungsbefürworter100, verglich liberale Juden mit den Kapos aus den Nazi-“Konzentrationslagern”; seine Tochter ist nach Israel eingewandert (Wie gesagt, Israel betrachtet Juden weltweit als Israelis im Wartestand). Netanyahu erfreut: „Ein Freund Israels“. Das passt zu seiner Rhetorik (und jener im Diskurs), sachliche Kritiker sind „Feinde Israels“, „Israelhasser“,… Und, wer hier Identitäten, Lobbyismus, Loyalitäten,… thematisiert, ist ein „Antisemit“.

Etwas gänzlich Neues ist das ja nicht. Netanyahu hat jedenfalls Kushner als Bestimmer US-amerikanischer Politik bezüglich Israel/Palästina, der kann einen “Friedens-Prozess” beaufsichtigen, unter dem Israel seine Kolonialisierung von Rest-Palästina vollenden kann. Es gab Trumps Entscheidung zu Hauptstadt bzw Botschaft, Ausstieg aus der UNESCO wegen Israel (s.o.), den Ausstieg aus dem Iran-Atomdeal, neue Sanktionen gegen Iran, Drohungen, verbunden mit einer Verstärkung der Unterstützung von Saudi-Arabien,…101 Trump hat auch angekündigt, die USA sollten die Souveränität Israels über die Golan/Jawlan-Höhen anerkennen, die auch seit 1967 besetzt gehalten werden. Offiziell ist Trump für eine Zweistaatenlösung in “Nahost”, arbeitet sein Kushner an einem “Friedensplan”. Israels rechtsextreme Justizministerin Ajelet Schaked hat den von Trump angekündigten “Friedensplan” als „Zeitverschwendung“ bezeichnet. Netanyahu ist da diplomatischer, geniesst und schweigt.

Tony Judt: „Zu sagen, dass Israel und seine Lobbyisten einen übermächtigen und verhängnisvollen Einfluss auf die Politik der Supermacht haben, ist eine faktische Aussage. Doch wenn man sagt, dass ‚die Juden‘ Amerika kontrollieren, um ihre Ziele zu erreichen, begibt man sich auf das Feld des Antisemitismus“. 2003 ein differenzierter Artikel aus der indischen Teitung “The Hindu” über die jüdische Israel-Lobby in der USA…”AIPAC and the AJC are powerful, but they do not determine U.S. foreign policy. They are powerful not just because of their money, but because their views converge with those of the neo-conservative elements who dominate the ruling coalition in Washington.” Israel ist 1967 für die USA wichtig geworden, und eher aus aussen- als innenpolitischen Gründen, weil es als strategischer Verbündeter gesehen wird. AIPAC rennt mit Vielem in Washington offene Türen ein. Eine wichtige Rolle in diesem Lobbying spielt Sheldon Adelson. Der 80-jährige US-amerikanische Glücksspiel-Tycoon Adelson, ein Netanyahu-Freund, hat bei den letzten 2 USA-Präsidenten-Wahlen tief in seine “Taschen gegriffen” um den für Israel günstigsten Kandidaten zum Sieg zu verhelfen, 12 Romney bzw Gingrich, 16 Trump.102 2012 hat er erfolglos über 90 Millionen US-Dollar”verzockt”, in dem er zweimal auf die falschen Pferde setzte; zuerst war es Newt(on) Gingrich, dann Mitt Romney. Gingrich sprach in den Vorwahlen der Republikaner auch von den Palästinensern als „erfundenem Volk“ (# Hassrede).

Der einzige Kandidat in den RP-Vorwahlen 12, der kein Klon von Romney war, ihm in entscheidenden Punkten kontra gab, war Ron(ald) Paul. Ron Paul wird gelegentlich versucht, “Antisemitismus” anzuhängen, während etwa Gingrich für seine Aussage(n) eher gefeiert wird. Das ist eine Schieflage, um die es in diesem Text geht. Für die US-Wahl ’16 stellten sich “Jeb” Bush, Chris(topher) Christie, John Kasich und Scott Walker bei Adelson in Las Vegas anlässlich einer Tagung der Republican Jewish Coalition vor, wurden dort von Adelson und Konsorten im Hinblick auf ihre Israel-Gesinnung auf Herz und Nieren geprüft. Adelson setzte dann ja auf Trump. Der Präsident der Zionist Organization of America (ZOA), Morton Klein, unterhält enge Verbindungen zu Adelson und Netanyahu, und hat Einfluss auf die Trump-Regierung. Es heisst, Klein war beteiligt an der Ernennung von John Bolton (auch schon unter Bush tätig und ein grosser Israel-Freund) als Trumps Sicherheitsberater bzw an der Entlassung von dessen Vorgänger McMaster (wegen “antiisraelischer” Haltung…).

In Israel hilft Adelson Netanyahu zB durch die kostenlose Hetz-Zeitung “Israel HaYom” und natürlich beim Bau weiterer Siedlungen in Ost-Jerusalem, Westjordanland und Golan/Jawlan. Im Endeffekt geht es dabei um ethnische Säuberungen, aber schaut schön aus, wenn zB in der Siedlung “Ariel” (die ab 1978 entstand, auf enteignetem landwirtschaftlichen Land der Palästinenser aus umliegenden Dörfern wie Salfit) der Grundstein für eine medizinische Universität gelegt wird, mit Geld von Adelson und im Beisein von Netanyahu103. Adelson und Andere zahlen zwar Milliarden Dollar für Pro-IL-Lobbying (also gegen Palästinenser-Menschenrechte, Frieden in der Region), kaufen Macht und Einfluss, die meisten (jüdischen und anderen) “Beteiligten” (zB bei CAMERA, MEMRI) arbeiten aber nicht wegen Geld mit sondern aus Fanatismus bzw Ideologie (Zionisten, Evangelikale,…), und das Geld fliesst eigentlich in die Gegenrichtung (Unterstützung IL durch USA).

Die Neokonservativen wurden unter Bush junior bzw nach den Anschlägen in der USA 2001 mächtig. Paul Wolfowitz, Richard Perle, Douglas Feith, William & Irving Kristol, Eliot Abrams, Charles Krauthammer, Norman Podhoretz,… sind hier zu nennen. Die Genannten sind Juden, Intellektuelle, kamen in den Umkreis der Macht bzw zu Einfluss, sind miteinander befreundet, versuch(t)en, die Politik der USA zu beeinflussen, im Sinne des Krieges gegen Irak 03, für einen gegen Iran, für eine Rolle der USA als Weltpolizist (mit ungleichen Regeln),… Eliot Abrams zu Bush: “Sie haben die enorme Verantwortung, einen neuen Holocaust zu verhindern. Sie sind der Einzige, der den Mumm hat, das zu tun”. In der zionistischen Rhetorik geht es normalerweise um “Sicherheit”, um das “Verhindern einer Vernichtung”, et cetera. Wenn es um die Absicherung der Eroberungen und Annexionen Israels von 1967 geht.

Krauthammer, der mit für den Irak-Krieg trommelte, wollte später kein Neokonservativer (Neocon) mehr sein, dieses label(ing) sei „antisemitisch“ (geworden); er attackierte Obamas Aussenpolitik als eine „des Rückzugs“, dieser sei feindselig ggü Israel und Netanyahu. 2012 bestritt “Daily Beast”-Blogger Ali Gharib eine Konflation von Neokonservativismus und Jüdischkeit; Neokonservativismus sei eine amerikanische (“imperialistische”), nicht eine jüdische Bewegung/Ideologie, auch wenn eine Handvoll Juden dabei seien; nannte wichtige nicht-jüdische Konservative wie Daniel Moynihan und Jeane Kirkpatrick, sowie Juden die die Dinge anders sehen, wie Dov Zakheim. Die Juden unter den Neocons würden aber gerne von jenen hervor gehoben, die Kritik an diesen als “antisemitisch” diffamieren würden. Die “Feinde der USA” und “Israels” bzw deren Interessen stimmen in den Augen der Neocons über ein.

Die Neokonservativen der ersten Generation waren ehemalige Linke, die in den 1960ern und 1970ern nach rechts drifteten; einige waren für das AJC-Organ “Commentary” tätig, wie Norman Podhoretz. Die “Sorge” für Israel spielte eine Rolle (auch) bei diesem Rechtsruck. Es heisst, die Neocons (auch Bolton kann als solcher gesehen werden) lesen gerne Machiavelli, bewundern Churchill, lesen die Geschichte anhand des “Scheiterns” der 1930er (Appeasement, Hitler) und des “Erfolgs” der 1980er (“Fall” der Berliner Mauer, Implosion Ostblock)…Gedanke dazu: gleich 2x Deutschland, und die meisten Deutschen die Hitler einst dienten (nicht nur jene wie Franz J. Strauss, die in der BRD mächtig wurden) mussten sich gar nicht viel verbiegen, um gleich darauf wieder gegen „den Russen“ zu sein, gegen „die Teilung“, gegen die Mauer, usw. Der frühere Neocon (oder Neocon-Unterstützer) Francis Fukuyama kritisierte Krauthammer 2004 scharf, in einem Essay mit dem Titel “The Neoconservative Moment”, der sich hauptsächlich um den Irak-Krieg drehte, das Nicht-Auffinden von Massenvernichtungswaffen nach der Invasion dort. Krauthammer zog es dann vor, seine eigenen Behauptungen über MVW im Irak “unter den Teppich zu kehren”; Fukuyama nannte er einen “Antisemiten”

Einschub: Der „Antiamerikanismus“-Vorwurf in Europa, hauptsächlich im deutschsprachigen Raum. Andrei Markovits, der auch ein Buch darüber geschrieben hat, schrieb von einem „Tandem von Antisemitismus und Antiamerikanismus“. Nun, zumindest ist der “Antiamerikanismus”-Vorwurf eng verbunden mit jenem des “Antisemitismus”. Es geht Markovits, Broder, Joffe,… aber um eine bestimmte USA; sie haben zB nie bei (sehr oft rassistischen) Angriffen aus Deutschland auf den US-amerikanischen Politiker Barack H. Obama (Staatspräsident 2009-17) das Wort erhoben, im Gegenteil. Es war in den Bush-Jahren (01-09), als Unterstellungen des  „Antiamerikanismus“-Unterstellungen besonders wucherten. Und als eine “Westlichkeit” erfunden wurde, die Faschismus, Kommunismus wie Islamismus trotze. Die „Transatlantiker“ in Deutschland wurden quasi die Anti-Antisemiten, egal welches Erbe (politisch, familiär) sie in Wirklichkeit vertreten. “Schiedel“/Peham: „Die Positionierung zu den Alliierten zeigt bis heute Nähe oder Distanz zum NS“.104

Für Deutschland spielt(e) es keine Rolle, dass Schwarze (Afro-Amerikaner) in den US-Südstaaten auch nach der Befreiung Europas von Hitler in den Bussen hinten sitzen und sich ihr Wahlrecht erkämpfen mussten. Und, die USA konnte nach diesem Krieg auf NS-Errungenschaften wie Gehlens Unterlagen zur Sowjetunion oder von Brauns Raketenarbeit bauten. Im Agana-Artikel wurde auch thematisiert, dass es vorkam, dass (nazi)deutsche Kriegsgefangene von US-Amerikanern besser behandelt wurden als Afro-Amerikaner, auch solche die in Europa gegen Hitlers Heer kämpften. Felix Steiner, aus Ost-Preussen, kämpfte im 1. und 2. WK, war Mitglied von NSDAP, SA, SS (baute letztere mit auf), war an der Besetzung der Tschechoslowakei beteiligt; er wurde bekannt dass im März 45 Hitler und andere Nazi-Führer falsche Hoffnungen auf ihn setzten, Berlin und das Reich bzw das Regime noch zu retten (er wurde am 27. 4. seines Kommandos enthoben, paar Tage nach dem Hitler das Ende eingesehen hatte). Er kam im Mai in US-Kriegsgefangenschaft Mai, blieb dort bis 48; und arbeitete dann für die CIA. Die Abgrenzung, die er zu NS-Verbrechen vornahm, sollten dazu dienen, Wehrmacht und Waffen-SS zu rehabilitieren.

Henry Ford, Charles Lindbergh oder George Patton waren nicht nur antikommunistisch, sondern auch antijüdisch und, bis zu einem gewissen Grad „nazifreundlich“. Um welche USA geht es also? Samuel Huntington oder Ann Coulter sind geachtete Referenzfiguren der Islamophobie; Huntington hat aber Israel von seiner Definition des Westens ausgenommen, Coulter gilt als antijüdisch. Der ehemalige texanische Gouverneur Richard Perry ist einer der RP-Politiker, die nicht an Klimawandel und an die Evolutionstheorie glauben, die Homosexualität scharf ablehnen, den Evangelikalen nahestehen, liberal nur beim Waffenrecht sind,… Es ist anzunehmen, dass Perry auch Pro-Israel ist, man könnte es recherchieren, Leute aus diesem Milieu sind es für gewöhnlich. Was solche Amerikaner ggü nicht-weissen Amerikanern für Einstellungen haben, ist Typen wie Marco Schreuder (“Regenbogen-Zionisten”) egal, aber das andere Illiberale an ihnen anscheinend auch. USA-Politik zu kritisieren, fällt (oft) unter “Antiamerikanismus” (und damit glz unter „AS“), aber nicht jene, die tatsächlich oft rassistisch motiviert ist, an Obama oder Jesse Jackson…

Netanyahu hat einmal gesagt, die Clinton-Regierung sei extrem pro-palästinensisch gewesen; was viel über seine Massstäbe aussagt, unter Clinton und zT auch noch Bush hat die USA bezüglich Israel/Palästina eine unparteiische Rolle eingenommen bzw vorgemacht. Bernard-Henri Levy brachte damals mit Michel Friedman ein Buch heraus, mit der Aussage “USA-Kritik=Antiamerikanismus=Antisemitismus=Rechstextremismus”. Und die “Anti”deutschen damals… Robert Kurz: “Die antideutschen Kriegshetzer und ihre nützlichen Idioten … wollen die Kritik an der US-Militärmaschine … mit dem Odium des rechten, völkischen Antiamerikanismus versehen, und dazu paßt, daß sie die Linke und die Antikriegsbewegung in den USA ebenso maßlos denunzieren wie die Bewegungen in Europa. Sie stellen nur das seitenverkehrte Spiegelbild des völkischen Antiamerikanismus dar, indem sie die unmittelbare positive Identifikation mit dem Gewaltapparat der letzten Weltmacht verlangen und der US-Gesellschaft, deren Internierungsquote von sozialer Delinquenz mittels Knast und Straflagern heute höher ist als diejenige der Sowjetunion zu Stalins Zeiten, einen ‘zivilisatorischen Vorsprung’ bescheinigen. Auch die Amerikaner ‘dürfen’ nicht antikapitalistisch, sondern sollen bloß ‘antideutsch’ sein.”

Als Obama ins Weisse Haus kam, konnte (und wollte) man nicht mehr Kritik an US-amerikanischer Politik (im aktuellen wie historischen Kontext) als „anti-amerikanisch“ klassifizieren und von dort elegant die „Verbindung“ zum „Antisemitismus“ herstellen. Norbert Hofer von der FPÖ105 sagte anlässlich der Kopenhagener Klimakonferenz 09: “Das [“Scheitern” der Konferenz] verdanken wir einem ehemaligen Hoffnungsträger der Politik, dem Herrn Barack Hussein Obama, der beschlossen hat mit asiatischen Freunden, den gesamten Klimagipfel scheitern zu lassen – eine grosse Enttäuschung”. Sein zweiter Vorname “Hussein” wurde von seinen Gegnern besonders gerne betont. In einer TV-Doku über israelische Siedler-Rowdys sah man Leute über den “Antisemit Hussein Obama” reden, und über “Druck aus Washington” (bzgl der Siedlungen) klagen…ui, antiamerikanisch. Schmutzkübel auf Obama kamen/kommen gerne mit einem Mix aus Bezügen auf seine afrikanisch-moslemische Herkunft und Verdächtigungen seiner innen- und aussenpolitischen Politik, die sich daraus ergäbe > bereits in Vorwahlen von seiner parteiinternen Konkurrentin Hillary; manchmal auch ganz vulgär oder mit Verschwörungstheorien über seinen Geburtsort, usw.

USA-Kritik zu Bushs Zeiten, zu Obamas Zeiten… John Kerry (teilweise jüdischer Herkunft) war Bushs Gegenkandidat 04, dann Obamas Aussenminister (Nachfolger von Hillary Clinton). orf.at schrieb zu einem Kerry-Kommentar zur Siedlungs-/Besatzunsgpolitik Israels: “Kerry geiselt Israel”. Hm, wer ist jetzt Anti-USA? Und wie war das mit den “Antiamerikanismus”/”Antisemitismus”-Behauptungen, zu Bush-Zeiten? Ein Osten-Sacken schwärmte damals von Sarah Palin von der Tea Party. Und dann kam Trump… Bekennende Rechte waren/sind für ihn, Solchen gefällt zB wie er nach Aussen mit Mexico umspringt und im Inneren mit “Latinos”. FPÖ-Chef Strache war samt Delegation Anfang 17 bei Trumps Amtseinführung in Washington; Mölzer ist pro Trump wegen dessen „Einwanderungspolitik“. Es wird versucht, USA-Kritik über den „völkischen Antiamerikanismus“ zu diffamieren, aber Mölzer oder Strache sind eh pro Trump. Die FPÖ hat Huntington dezidiert Recht gegeben bzw Bezug genommen auf ihn, in einem Programm 08.

Der damalige CSU-Chef Horst Seehofer schwärmte, Trump setze „mit Konsequenz und Geschwindigkeit“ seine Wahlversprechen Punkt für Punkt um. „In Deutschland würden wir da erst mal einen Arbeitskreis einsetzen, dann eine Prüfgruppe und dann noch eine Umsetzungsgruppe“. Marine Le Pen machte sich nach Trumps Wahl fast in die Hosen vor Freude, tweetete dass die Amerikaner nun (wieder) “frei” seien. Von rassischer Gleichheit? Geert Wilders gratulierte den Amerikanern dafür, ihr Land zurückgewonnen zu haben… Viktor Orban schrieb, dass Trumps Sieg zeige dass die Demokratie “noch am Leben” sei. Auch die AfD verteidigte Trump, es werde von ihm ein “einseitiges Bild in Medien gezeichnet”…Hier wäre auch interessant, was macht er denn gut (in ihren Augen)? “Weltwoche”-Chefredakteur Roger Köppel ereiferte sich in einem Gastkommentar für “Die Welt”: “Gab es das schon mal? Noch nie seit Journalistengedenken wurde ein demokratisch gewählter Regierungschef derart angefeindet, geradezu kriminalisiert von seinen Gegnern”. Auch Salvini, Bolsonaro, Sarrazin, Broder,… waren/sind unter den Trump-Verstehern. Merkel kam ggü Trump, wie man es von ihr gewohnt ist, mit Appeasement; ähnlich Sebastian Kurz (s.o.). Kritik am US-Präsidenten wurden ab nun wieder als “antiamerikanisch” verteufelt. Es gibt jene, die erst dann ein Problem mit Trump haben, als der ankündigt, die Rechte von Transsexuellen einzuschränken…

Über Steve King oben bereits etwas; King wurde von der FPÖ-Plattform Unzensuriert.at interviewt. Er stimmte mit dem Interviewer überein, dass im “Great Replacement” involviert ist, das zur Vertreibung weisser Europäer führen soll. John Schmitz war ebenfalls ein republikanischer Abgeordneter im Repräsentanten-Haus, nicht nur in der antikommunistischen John Birch Society aktiv, sondern auch für das Institute for Historical Review, das den Holocaust leugnet. Jene Deutschen/Österreicher, die sonst bei USA-Kritik die “Nazi”- oder “AS”-Keule schwingen, bleiben bei solchen Fällen ruhig. Und wenn King ein evangelikaler Israel-Freund wäre, wären seine anderen Positionen auch kein Problem. Der Grieche Konstantinos Plevris, ein rechtsextremer Intellektueller, war in verschiedenen Parteien aktiv (die er zT selber gründete), die auch judenkritisch/antijüdisch waren/sind…und arbeitete mit der CIA zusammen; also ist er OK? Auch hier zeigt sich, dass die Realitäten bzw Fronten “etwas” komplexer sind: www.heise.de/ix/artikel/Suendenfall-794636.html , Zum Tod des Hackers Karl Koch.> unter den Kommentaren: „Clifford Stoll ist zu bewundern. an Robin Hood Märchen glaube ich nicht. Karl Koch war ein Junkie und Vaterlandsverräter.“ Ein “Vaterlandsverräter” wie Stauffenberg.

Gerade Dixie-Rednecks106 unter US-Amerikanern, also die Stammklientel der Republikanischen Partei, wettern über die “Ostküste” (also den Nordosten der USA), die so liberal und so mächtig sei. Manche Speichellecker dieser Republikaner in Europa sehen trotzdem einen Gegensatz zwischen diesen Rednecks und den hiesigen Lamentierern über die Ostküste… Trump hatte im Wahlkampf 16 harte Attacken gegen “das System“ geritten, womit er die Verquickung von Politik- und Finanzelite meinte. Der Westismus broderscher Art hat ja eine starke antikommunistische Komponente. Wobei es auch hier innere Widersprüche gibt. Kardinal Jozsef Mindszenty etwa, der sich nach der ungarischen “Revolution” 1956 in die USA-Botschaft in Budapest flüchtete, und 1971 ausreisen konnte, war sehr pro-amerikanisch…und wurde beschuldigt, antisemitisch bzw ein Nazi-Kollaborateur (gewesen) zu sein.107 Lustig wird das mit der “Antisemitimus”-Opfer-Keule auch in der Rosenberg-Sache, weil es hier ja gegen die USA geht und weil der Kommunismus nicht entlastet werden darf; ausserdem war der Staatsanwalt im Prozess der McCarthy-Mitarbeiter Roy Cohn (wahrscheinlich homosexuell, und in späteren Jahren Trump-Anwalt), also Jude, wie auch der Richter. Der rechts-esoterische Kopp Verlag (Ulfkotze, Eva Herman, Elsässer,…) rechnet gerne mit Linken ab, zB über Islamisierungs-Behauptungen, ist aber auch gg USA-Dominanz.

Für den Rechtsextremismus und Faschismus in Grossbritannien war früher das Verhältnis zu Juden und Deutschen “entscheidend”, heute zu Moslems und anderen Zuwanderern, was sich zT überschneidet, da die meisten Moslems in GB aus dem südasiatischen (“indischen”) Raum kommen, was neben der Karibik des Haupt-Herkunftsgebiet der Einwanderer ist. Es gibt/gab Entwicklungen die jenen andernorts ähneln. Vorurteile/Abneigungen gegen Juden oder Schwarze wurden zunehmend inakzeptabel, Moslems wurden “das Andere” bzw Ausgrenzungen (wie “Paki-bashing”) wurden eher aus religiösen Gründen statt aus rassischen argumentiert. Wobei hier parallelgesellschaftliche Strukturen und Anschläge wie jener in London 05 natürlich auch eine Rolle spielten… Die National Front (NF) fordert “Keep Britain white”, womit sie  in doppelter Hinsicht am Zionismus andockt: Zum Einen die bösen Antisemiten dort draussen lassen, ausserdem eine Parallele zu “Keep Israel jewish” (was etwa 90% der jüdischen Israelis unterschreiben würden). Die British National Party (BNP) ging aus der NF hervor, war früher stark antijüdisch (“antisemitisch”), jetzt antimoslemisch; akzeptiert Weisse nicht-britischer Herkunft als gleichrangig wenn sie in einer der britischen Ethnien assimiliert sind, glaubt an rassische Unterschiede, arbeitet zB mit antimoslemischen Sikh-Gruppen zusammen.

Die English Defence League (EDL) entstand 09 aus dem Milieu/Umfeld der BNP und NF, umfasst auch protestantisch-britische Terroristen aus Nord-Irland sowie Fussball-Hooligans, hat auch den Focus auf Antiislam. Der eine Führer ist Paul Ray (Breiviks „Vordenker“, „selbsternannter Wiederbeleber des Kreuzrittertums), der andere “Tommy Robinson” (Stephen Yaxley-Lennon). Die EDL ist “trotz” ihres Neonazicharakters (den sie trotz ihres seriösen Anstrichs hat) zionistisch, projüdisch und hat viele jüdische Verbündete und Witwirkende, wie Pamela Geller (die  die Verbindung zur Tea Party ist), Rabbi Shifren (aus USA, ein Kahanist), Roberta Moore aus Brasilien. Anti-Islam-Aufmärsche mit Hitlergruß und israelischen Flaggen… Die EDL unterhält auch Kontakte zu den “Anti”deutschen. Im 2. WK war die British Union of Fascists (BUF) von Oswald Mosley aktiv, auf der Seite Hitler-Deutschlands. Vidal Sassoon, britischer Jude, Friseur-Unternehmer, gehörte damals zu einer militanten antifaschistischen Organisation, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg gegen die BUF engagierte; und nahm auf zionistischer Seite (Haganah) am Ersten Arabisch-Israelischen Krieg (1948) bzw der Nakba teil. In späteren Jahren engagierte er sich als Gründer u. a. des Vidal Sassoon International Centre for the Study of Antisemitism an der Hebräischen Universität Jerusalem (Wistrich, Küntzel…), das den AS-Diskurs im zionistischen Sinne zu lenken versucht.

Australiens Premier John Howard sprach gerne vom “jüdisch-christlichen Erbe”; gegenüber den Aborigines hat er zB die 1967 errungene Bundes-Vollmacht für Aborigines-Angelegenheiten gegen sie ausgelegt, bei Bauvorhaben. Auch seine Flüchtlings- und Einwanderungspolitik war im Sinne des weissen Australiens. Dass die Aborigines weitgehend christianisiert und anglisiert sind, hilft ihnen da nicht. 2006 hat die israelische Botschafterin in Australien, Naftali Tamir, gesagt dass Israel und Australien wie Geschwister seien, beide lägen in Asien und ihre Einwohner hätten nicht die asiatischen Charakteristiken von “gelber Haut und Schlitzaugen”, sondern gehörten der “weissen Rasse” an. Das ist der ewige innere Widerstreit des Zionismus, sich als “Kolonialisten” oder doch als “Eingeborene” verstehen, lieber Weisser oder Aborigine, Westler oder Orientale, Landser oder Partisane, und das korrespondiert mit den Haltungen von Graumann und Noll zu Sarrazin. In Canada ist ebf. die Rechte (CPC, besonders Harper) proisraelisch, mit ähnlicher Rhetorik/Motiven. Rechtsextreme, also rechts von den Konservativen, versuchen auch dort, mit Pro-Israel (zum Anti-Islam dazu) Mainstream-Akzeptanz zu bekommen; Yves Engler dazu.

Niederlande: Geert Wilders verliess 06 die rechtsliberale VVD, um die rechtspopulistische PVV zu gründen, eigentlich primär eine Partei für Gutverdiener, die möglichst wenig Steuern zahlen wollen. Das Fremdenfeindliche macht sie bei breiteren Bevölkerungsschichten populär, das Philosemitische dient der (nicht zuletzt internationalen) Akzeptanz. Wilders würde nicht offen zu Rasssimus gegen Schwarze stehen, lieber Ablehnung in „Anti-Jihad“ kleiden oder argumentieren, man lehne Frauen- oder Schwulenfeinde ab. Er will ein Verbot des Islams, weil dieser gefährlicher als der Nationalsozialismus sei. Die PVV ist eine der westlichen rechten Gruppen, die nun projüdisch sind bzw im Bündnis mit (gewissen) Juden. Jordanien sei eigentlich Palästina, soll heissen die Palästinenser haben in dem Land in dem sie seit den 1920ern kontinuierlich zurückgedrängt werden, schon gar keine Rechte, höchstens auf Gnade und Almosen.108 Wilders will “Israel” in die EU.

Aber es gibt auch klassisch Rechtes an der PVV, wovon auch die Achse mit der FPÖ zeugt; oder die Forderung nach einem Schächtverbot… Die PVV hat scheinbar kein Nazierbe, doch sie steht in einer Traditionslinie der Rechtsaussen in der NL, die Beachtung wert ist (gerade weil ein Schreuder sich damit lieber nicht auseinander setzen will). Es gibt eine Linie von den Faschisten/ Nazi-Kollaborateuren (hauptsächlich war das die NSB109) über die “Kolonialisten” in Indonesien, Kalten Krieger, bis zu den Rechtspopulisten von LN, LPF (sowie LVF), PVV. Der Reihe nach: Die Frage der Unabhängigkeit Indonesiens (Niederländisch-Indiens), der wichtigsten Kolonie, war rund um den 2. WK ein wichtiges Thema für die Niederlande.110 1958 wurde die Oud-Strijders Legioen (OSL) gegründet, als Abspaltung von der VLN, eine Organisation von Veteranen aus Indonesien sowie Korea; und zwar nachdem die VLN 1956 in Ungarn militärisch aktiv werden wollte.

Die OSL, lange von Prosper Ego geführt, war anti-kommunistisch und pro USA; in den 1980ern organisierte sie Gegenproteste zu jenen gegen die Stationierung von Nuklearwaffen in der NL (einer ihrer Slogans war damals „Liever een raket in de tuin dan een Rus in de keuken“). Und, sie unterstützte die Apartheid-Regime (mit teilweise Kolonial-Charakter) von Südafrika und Israel. Gut, auch wenn man Israel und Südafrika 1948-1994 nicht als Apartheidsysteme sieht, die OSL hat die beiden jedenfalls unterstützt; sie hat auch ein Emblem kreiert aus dem südafrikanischen Springbock, dem Davidstern und dem niederländischen Löwen. Sie gab ein Magazin heraus, “Sta-Vast”, in den 1990ern war Mathieu “Mat” Herben ihr Herausgeber. Herben spielte dann in der Lijst Pim Fortuyn (LPF) eine führende Rolle. Wilhelmus “Pim” Fortuyn war zunächst in der (eigentlich liberalen) Leefbar Nederland (LN) aktiv, nach einem Wahlerfolg in Rotterdam 2002 gründete er eine eigene Partei, die LPF eben. Thematisierte (eigentlich nicht zu Unrecht) islam(ist)ische Hetze gegen Homosexuelle in der NL, formte daraus eine neue Xenophobie bzw Rechtspopulismus, der Zeit entsprechend. Ein Rechtspopulismus, der scheinbar mit den bisherigen Inhalten der Rechten nichts zu tun hatte.111

Kurz vor der Neuwahl 02 wurde Fortuyn ja von einem Tierschützer ermordet. Die LPF bekam auch ohne ihn grossen Zuspruch, wurde zweitstärkste Partei; formte mit der christdemokratischen CDA und der VVD eine Koalition. Mat Herben kristallisierte sich als neuer Frontmann der LPF heraus, wurde aber nicht Teil der Regierung Balkenende I (sondern parlamentarischer Führer der LPF). Interne Konflikte in der LPF liessen die Regierung bald zusammenbrechen und bei der Neuwahl 03 fiel ihre Zustimmung von 17% auf 5,7 (ging in die Opposition). Die LPF (mit Herben als Führer) war nicht leefbar ohne ihren eponymen Gründer, daran änderte auch eine Namensänderung (in LVF) nichts. Sie wurde 08 aufgelöst, die LN bereits. Reste von LVF und LN gingen hauptsächlich in der PVV auf, bzw die Wähler wechselten zu dieser.

Die Fortschrittspartei (FrP) in Dänemark hat sich anfangs auch über wirtschaftliberalen Populismus und Antikommunismus definiert, dann kam Ausländerfeindlichkeit hinzu. Von ihr hat sich 1995 die DF unter Pia Kjaersgaard abgespalten, der Nationalismus wurde mehr, der Libertarismus weniger, infolge des 11. 9. 01 konnte man auch politisch korrekt hetzen (und bekam Auftrieb). Die norwegische FrP (Fremskrittspartiet) unter Siv Jensen und Carl Hagen ist noch etwas prosiraelischer als die DF (die dänische FrP ist in die Bedeutungslosigkeit abgestürzt). Die proisraelischste Partei ist auch in Norwegen die rechteste. Siv Jensen hat Israel zB im Sommer 08 besucht, auch Sderot, und dort wurde sie, traut man en.wikipedia (bzw den Autoren des Artikels über Jensen) Zeugin (und “Opfer”) eines Hamas-“Raketen”-Angriffs aus dem Gaza-Streifen. Jensen verteidigt “Israels Recht auf Selbstverteidigung”112, will die Verlegung der norwegischen Botschaft für Israel von Tel Aviv nach Jerusalem. Sie ist natürlich auch nur gegen den radikalen Islam113. Jedenfalls hat die Partei, die immer eine Anti-Einwanderungs-Partei war)114, nun auch die Möglichkeit, Fremdenfeindlichkeit politisch korrekt zu vertreten, sich auch noch als Kämpfer für etwas Gutes zu präsentieren.

Die Klimawandel-Skeptikerin Jensen hat Verbindungen zur Henry Jackson Society, ist blond, sauber, “arisch”, und aus einem Land das für Trump das Gegenteil eines Shithole country ist; gut möglich dass Netanyahu, dessen Sohn eine norwegische Freundin hat, das so ähnlich sieht (obwohl das von ihm bekämpfte Abkommen mit den Palästinensern dort ausgehandelt wurde). Während des “Gaza-Kriegs” 08/09 demonstrierte die rechte FrP zusammen mit der christdemokratischen KrF für die israelischen Angriffe Verteidigung. Es gab in Oslo auch Proteste gegen den Krieg sowie gegen die grosse Pro-Israel-Kundgebung im Jänner 09 (mit Jensen). Es gibt einen Artikel auf en.wiki, „2008–09 Oslo riots“, eine Spielwiese für einschlägige Aktivisten auf Wikipedia; natürlich waren die “riots” “antisemitisch”, von Moslems und Linken durchgeführt,…115 > Homosexuellen-Feinde unter norwegischen oder israelischen Rechten… Angesichts des Doppelterroranschlags in Norwegen ’11 mit 77 Toten  bereute Jensen „einzelne Ausdrücke“ die sie zwei Jahre zuvor im Wahlkampf gemacht hatte, etwa von einer „schleichenden Islamisierung“ Norwegens. Unter den Opfern der Anschläge war auch eine Jensen bekannte Person. Die Chefin der dänischen DF, Kjaersgaard, nannte Jensens “Reue” „schrecklich“ und eine „ganz, ganz falsche Entscheidung“.

Anders B. Breivik hat die “Creme” der Islamophobie (Glick, Broder, Pipes, Spencer,…) ganz richtig erkannt. Alles aus seinen Texten findet sich im islamophoben Sumpf, der sich seit 01 breit gemacht hat („neue Türkenbelagerung, neuer Kreuzzug nötig, um Abendland zu retten, (kein) Kotau/Kapitulieren vor Moslems, Einsatz der NATO gg serbische Brüder war inakzeptabel, feiges Verhalten der Regierung bei Mohammed-Karikaturenkrise, multikulturelle Gesellschaft schlecht, Eurabien im Entstehen, Koran sollte verboten werden, Geld an Israel statt an Palästinenser, Moslems aus Europa deportieren,…”). Viele redeten wie “Krone”-Jeannee vom “unpolitischen, wirren Einzeltäter116; solche wie Breivik sind “unpolitisch” aber solche wie Amri “politisch”? Eine Zionistin auf youtube schreibt von einem „muslim false flag inside job“, ähnliches deutet auch FPÖ-Königshofer an (“Ciu [sic] bono”), er relativierte auch die Anschläge angesichts einer islamistischen Gefahr. Christian Zeitz (Akademikerbund): „Breivik ist kein Christ“ (aber Jihadisten sind Repräsentanten des Islam…). Andere aus dem rechtspopulistisch-zionistisch-islamophoben Bereich rechtfertigen sich mit „Kann sich Anhänger nicht aussuchen“, „Opfer werden nun für Agenda ausgeschlachtet“ oder „war auch gg uns gerichtet“; Broders selbstgerechte Rechtfertigung in „Die Welt“: Wiederholung seiner Ideen, Breivik hätte seine Taten rational zu begründen versucht, das habe er bei Islamisten gelernt. Aber Küntzel und Andere sind Broder auch beigesprungen, halfen ihm, sich abzuputzen.

Kurz, Jeannee, C. Dichand ’18

Robert Misik in der “taz”: “Ein einzelner Wirrer sei das in Norwegen gewesen, trommeln jetzt die Sprecher rechtspopulistischer Parteien und die Poster in der gut vernetzten islamophoben Bloggosphäre, sinnlos sei es, über so jemandes ‘Motive’ zu sprechen. Klar: Denn ‘die Motive’ der Taten, so wissen wir derweil, das sind genau jene Ideologieversatzstücke, die die österreichischen Freiheitlichen, Rechtspopulisten wie Geert Wilders, ‘Pro Köln’, die norwegische ‘Fortschrittspartei’ und die ‘Schwedendemokraten’ oder Blogs wie ‘Politically Incorrect’ und andere Tag für Tag in die Welt hinausposaunen. Kein Wunder, dass sie jetzt nicht über ‘die Motive’ ihres Gesinnungsfreundes reden wollen.”117 Über Rechte in Schweden (SD, K. Ekeroth,…), Finnland,… liesse sich diesbezüglich auch Einiges schreiben, aber hier gibt’s nur eine Auswahl. Avigdor Lieberman hat vor einigen Jahren als Aussenminister zuerst Schweden, dann Norwegen angegriffen, mit Antisemitismusvorwürfen. Schweden wegen eines Artikels in einer Zeitung über israelische Soldaten in den besetzten Palästinenser-Gebieten, die Organe toter Palästinenser entnommen hätten; die schwedische Regierung lehnte es unter Hinweis auf die Meinungsfreiheit ab, den Artikel zu verurteilen. Norwegen angesichts der 150-Jahr-Feiern für seinen Schriftsteller Knut Hamsun, wegen dessen Haltung zu Nazi-Deutschland.

“Counterjihad-Konferenz” Brüssel 07; F. Dewinter, A. Eldad/Scheib, D. Littmann; Foto P. Geller; der Vater dieses Eldad war einer der Mörder von F. Bernadotte

In Frankreich gibt es auch die Versuche, das Rechte nicht nur “appetitlich” zu machen, sondern auch das “Unappetitliche” den Anderen umzuhängen… Algerien wurde im 19. Jh wichtigste französische Kolonie; in den 1940ern gab es im französischen Diskurs über Algerien diesen Übergang von der Verbindung aus Nationalismus und Katholizismus zum “freien Westen” (nach dem Krieg, auch wenn es um Kolonialismus ging) – mit der “Zwischenstation” der Vichy-Verwaltung, für die nicht wenige Colons Sympathien hatten. Mit eingeschlossen in diesem Übergang ist jener vom tapferen Nazi-Opfer zum Unterdrücker ausserhalb Europas (bzw: zur 4. Republik); 1954 der Übergang vom Indochina- zum Algerien-Krieg. In der 4. Republik gab es eine recht starke Zusammenarbeit mit dem Zionismus bzw Israel. In dieser Zeit legte auch die Action française ihren Antijudaismus ab.

Alain Finkielkraut (polnisch-jüdischer Herkunft) beklagt u.a. den „widerlichen Diskurs der Selbstkritik bezüglich Sklaverei und Kolonialismus“, den “Verfall westlicher Traditionen” (durch “Multikulturalismus” und “Relativismus”); er verteidigt den Kolonialismus und hat auch ein Problem mit den (christlichen) Schwarzen118 im “Hauptland”-Frankreich bzw in seinem Fussball-Nationalteam. Jean-François Copé, jüdischer Politiker (RPR, UMP, LR) stösst grossteils in selbe Horn, will eine stolze und von Komplexen befreite französische Rechte (verkörpern); was ihn auch zum entschiedenen Gegner der Einführung der Homosexuellenehe macht. Es gibt weitere Intellektuelle und Prominente in Frankreich, die auf dieser Welle unterwegs sind, darunter der bereits genannte BHL und Ex-Linke wie Pascal Bruckner (der den Westen vor Moslems und selbsthassenden “Westlern” retten möchte).

Die Front national (FN), seit 2018 Rassemblement national (RN), hat um 2010 die Wendung vollzogen, zu proisraelisch, philojüdisch, antimoslemisch119, Nationalismus neu definieren, Homosexuelle oder Juden ggü Moslems in Schutz nehmen,… Das war in der Endzeit von Jean-Marie Le Pens Führerschaft und am Beginn der seiner Tochter. Bezüglich der deutschen Besatzung von Frankreich (1940-44) wusste die FN ja lange Zeit nicht, wie sie sich positionieren sollte, wegen État français, Kollaboration und so. Jean-M. Le Pen verglich nun Moslems in Frankreich mit der deutschen Besatzung. Übrigens: Daniel Schwammenthal hat 03 darüber gejammert, dass Frankreich unter Jacques Chirac nicht am Irak-Krieg teilnahm, höhnte dass Chirac statt Bush oder Sharon normalerweise korrupte afrikanische Diktatoren empfinge. Wenn Frankreich seinen Einfluss in Afrika aufgäbe, wäre das zum Vorteil dieser Länder, man muss nur an den Sturz von Laurent Gbagbo in der Côte d’Ivoire 2011 denken.

Silvio Berlusconi, Herrscher über das Mediaset-Imperium und die Forza Italia (und damit gut 10 Jahre mit Unterbrechungen Ministerpräsident Italiens) sprach einst von von “antisemitischen Einstellungen in Teilen der italienischen Linken”. Natürlich ging es um Israel120, und um jene Linken, die noch nicht voll Pro-Israel geworden waren. Unter Anderem dafür bekam Berlusconi eine Preis von der ADL, trotz Lobes für Mussolini. Bei einer Berlusconi-Kundgebung in Rom war eine israelische Fahne zu sehen… Jemand der so sauber ist (tut), der muss Dreck am Stecken haben; er der auf den Trümmern der I. Republik zur Macht kam, hat sich als korrupter erwiesen als deren Protagonisten. Und natürlich, ab etwa 2000 konnte er seine rechte Israel-Begeisterung als Antithese zu Antisemitismus deklarieren, sich damit als Quasi-Antifaschist positionieren…

2004 eine „Antisemitismus-Konferenz“ in Italien (Villa Madama in Rom), veranstaltet von der ADL und der konservativen Zeitung “Il Foglio”; Teilnehmer waren unter anderem ein Richter des obersten israelischen Gerichtshofs, der oberste Rabbi in Rom und der US-amerikanische Botschafter in Italien. Im Mittelpunkt standen die Rolle der Medien und mögliche Maßnahmen von Regierungen. Natürlich ging es “auch” um Israel-Weisswaschung. Eröffnet wurde die Tagung vom damaligen Aussenminister Gianfranco Fini, auch Chef der Alleanza Nazionale (AN), Nachfolgepartei der neofaschistischen MSI. Diese Partei entstand einst im Milieu von Funktionären der Repubblica Sociale Italiana (1943-45, Nord-Italien), einem Marionettenstaat von Nazi-Deutschland, entstanden nach dem Sturz von Mussolini. Finis Vater wie auch der langjährige MSI-Chef Almirante waren solche Funktionäre gewesen. Inzwischen war er ein (auch international) salonfähiger Politiker, der sich und seine Partei von ihrer faschistischen Vergangenheit weisswaschen wollte. Ja, Fini hat 08 gesagt, das Verbrennen einer israelischen Fahne sei schlimmer als der Mord an einem (italienischen) Mann in Verona durch Skinheads damals.

08/09 das Gaza-Massaker (unter Olmert, wie das 06), die letzten Tage von Bush als USA-Präsident, während Netanyahu in Israel vor einer Rückkehr an die Macht stand. Zu jenen, die Israel damals verbal unterstützten, gehörte auch Roms Bürgermeister Gi(ov)anni Alemanno (damals AN) – nach dem Aufruf einer linksradikalen Gewerkschaft zum Boykott von Israel. Auch ein Ex-Faschist, mit möglichen Mafia-Verbindungen. Dem israelischen Soldaten Gilad Shalit trug er die Ehren-Staatsbürgerschaft an. Wichtigste Rechtspartei Italiens ist inzwischen die Lega (Nord), und ihr Chef Salvini ist auch ein grosser Israel-Freund; nicht immer zum Behagen der Juden Italiens – das ist eine Parallele zu Österreich, Deutschland,…die unterschiedlichen Ansprüche von Israel und der Diaspora. Vor einigen Jahren gab es in Mailand ein “Gipfeltreffen” europäischer Rechtsparteien; Schwerpunkte waren laut Lega Nord unter anderem Themen wie Migration, Banken, Handel und der Schutz der lokalen Produktion.

Spanien: Die franquistische Staatspartei war die FET y de las JONS (“Movimiento Nacional”), die 1977 aufgelöst wurde. Ihr Erbe ging in die Unión de Centro Democrático (UCD; A. Suarez), die Alianza Popular (AP; M. Fraga) sowie die Fuerza Nueva (FN; B. Pinar) über. “Im Schatten” von drei UCD-Wahlsiegen (und -Alleinregierungen) fristeten AP und die FN (die einzige der Drei, die man wirklich als rechtsextrem bezeichnen kann) ein Dasein als parlamentarische bzw ausserparlamentarische Opposition. Zu Zeiten der PSOE-Regierungen (F. Gonzalez) ging ein grosser Teil der UCD in der AP auf, die 1989 zur Partido Popular (PP) wurde. Diese deckte auch den Bedarf im rechten Spektrum so weit ab, dass die FN oder eine andere pro-franquistische, rechtsextreme Partei keine Chance hat(te). José M. Aznar (Jahrgang 1953) war in einer falangistischen/franquistischen Studentenorganisation aktiv gewesen, dann in der AP; sein Vater und Grossvater waren franquistische Journalisten bzw Staatsfunktionäre gewesen. Der ehemalige Steuerinspektor wurde PP-Chef, war 90-96 Oppositions-Chef, dann 96-04 Premierminister. Das Erbe des Franquismus ist über die AP teilweise in die PP eingegangen, nicht zuletzt durch José Aznar.

Die PP hat kaum einen Bruch mit dem Franquismus bzw dem Estado Español vollzogen. Aznar verlieh als Premier zB dem hochrangigen Funktionär der franquistischen politischen Polizei Brigada Político-Social, Gestapo-Zuarbeiter und Folterer von “Terrorverdächtigen” (v.a. Basken), M. Manzanas, posthum einen Orden. Demokratiepolitisch bedenklich bzw dazu passend war auch dass Aznar 02 den (versuchten) Sturz des venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez (bzw die Proklamation von P. Carmona als sein Nachfolger) gleich anerkannte. Damals bekam er in Südamerika den Beinamen “perrito yanqui” (Yankee-Pudel) oder “George Bushs Pudel”.121 Zwischen hispanischer und angelsächsischer Rechter wird es aber nicht so leicht eine Einigung geben, einiges dazu im Brasilien II – Artikel. Aznar gründete ’10 mit John Bolton und Anderen die neorechte Friends of Israel Initiative, ist ausserdem aktiv für MEMRI oder News Corporation (Murdoch). 2010 ein Gastartikel von ihm in “The Times” nach dem “Mavi Marmara”-Massaker – die Welt bzw der Westen müsse Israel unterstützen, denn wenn es “untergehe”, gingen “wir alle” unter.

Auch hier also wieder wilde Projektionen auf Israel… Aber das ist noch nicht Alles. Walther Bernecker: “…zahlreiche Veröffentlichungen neofranquistischer Apologeten trugen zur Perpetuierung vieler franquistischer Mythen bei, z.B. Franco habe bewußt und geschickt einen Eintritt Spaniens in den Zweiten Weltkrieg verhindert, er habe viele Juden vor nationalsozialistischer Verfolgung gerettet, er habe von Anfang an eine bewußte Modernisierungspolitik betrieben.” Dass Francisco Franco Juden “beschützt” hätte (vor dem Holocaust), wird gerne vorgebracht, um ihn zu rehabilititieren… Dass er sich nicht ganz mit Hitler eingelassen hat, wird zur Bezeugung seiner historischen Unschuld vorgebracht. Franco selbst hat ja von einem „gemeinsamen Kampf mit dem Westen gegen den Zerstörer der christlich-abendländischen Zivilisation, den Kommunismus“  geredet. Und, “der Westen” hat ihn ja nach dem 2. WK, im Kalten Krieg, tatsächlich als Verbündeten behandelt.

Erst in den letzten Jahren ist eine Partei rechts von der PP aufgetaucht, die sich behaupten konnte, Vox. Vox (gesellschaftlich sehr konservativ) ist nicht unbedingt für Juden, sondern für Zionisten. Sie ist hauptsächlich für Zentralismus, gg Regionalismen, profitiert von den katalonischen Abspaltungsbemühungen. “Anti-Sezessionisten” wie Vox können sich auf Israel anscheinend ebenso gut beziehen wie Sezessionisten (wie die Liga Veneta von Rocchetta in Italien). Sie ist auch stark gegen Islam, Einwanderung, “Multikulti”; rief die Partei im Regional-Wahlkampf in Andalusien zur „Reconquista“ auf, womit u.a. die Abschiebung von schwarz- und nordafrikanischen Einwanderern gemeint war.122 Islamisten-Anschläge wie jener in Barcelona ’17 bringen ihr Aufwind.

Brasiliens neuer Präsident (ein dreiviertel Jahr) Jair Bolsonaro ist ein grosser Freund von Israel und Netanyahu; die Freundschaft steht auf solidem Grund, wie die Beziehung Israels zu den Apartheid-Regierungen Südafrikas. Bolsonaro sieht Netanyahu sogar als eine Art Vorbild… Die Verlegung der brasilianischen Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem kommt ja nun doch nicht zu Stande. Nach einer Israel-Reise traf sich Bolsonaro mit evangelikalen Priestern in Rio de Janeiro, redete auch über seinen Besuch in der Holocaust-Gedenstätte Yad Vashem in Jerusalem. Die Erinnerung an den Holocaust sei wichtig, „Wir können vergeben, aber wir können nicht vergessen“, sagte er dazu. Der Hinweis auf Vergebung rief bei Israel heftigen, zornigen Widerspruch hervor. Netanyhu blieb ruhig, er der sonst keine Gelegenheit auslässt, den Holocaust zu instrumentalisieren Der selbe Opportunismus wie zB sein Nicht-Erscheinen im Likud-Vorstand, wenn dieser für die Annexion von Teilen der palästinensischen Restgebiete stimmt. Bolsonaros Lob für die Militärdiktatur Brasiliens, für andere Diktaturen (wie jene Pinochets), sein Rassismus, Sexismus, Verachtung für politische Gegner, für die Natur,… waren alles kein Problem für Israel. Und auch dass Bolsonaro Hitler einen “grossen Strategen” nannte, störte nicht in den Beziehungen.

„thetimesofisrael“ empört sich: „Brazil’s Workers’ Party likens pro-Israel presidential front-runner to Hitler“ Das macht der schon selber. Ausgerechnet bei einem Treffen mit Evangelikalen (mit die grössten Israel-Fanatiker) sagte er etwas, dass Israel verärgerte. Aber, auch Trump vergab man ja seinen Umgang mit dem Holocaust (s.o.). Rechtsdiktaturen in Lateinamerika hatten in der Vergangenheit oft Nazi-Verbindungen ( > Aufnahme ehemaliger) bzw -Sympathien. Und dennoch auch eine Israel-Verbindung (Militärberater, Waffenkäufe,…).123 Zum Beispiel das Regime von Argentinien 1976-83. Was ja auch Einiges über so manche gängige AS- oder NS-Analyse aussagt. Bolsonaro will auch Brasilien wieder eng an die USA binden, nicht trotz sondern gerade weil diese einst die Militärdiktatur 1964-85 unter-stützte, und weil dort jetzt Trump an der Macht ist. Er sprach die Möglichkeit einer US-Militärbasis in Brasilien an, wird wohl die Reichtümer des Landes zur Plünderung freigeben. Bolsonaro bedeutet für die innere und äussere Emanzipation Lateinamerikas einen gewaltigen Rückschlag. Bolsonaros Herrschaft bedroht auch die “Indianer” und den “Regenwald”, deren Schicksal in Brasilien eng miteinander zusammenhängen und ohnehin schon angegriffen sind; ausserdem die Stellung der Nicht-Weissen, der Frauen, Homosexuelle, Behinderte, den Säkularismus…und die Demokratie.

Nicht nur dass er die Militärdiktatur und ihre Methoden lobte, sein Vizepräsident ein neuerliches Eingreifen des Militärs in die Politik androhte, ein Verbündeter (Rio-Gouverneur Witzel) sprach sich für ein Gefangenenlager in Brasilien nach dem Vorbild des US-Lagers Guantanamo auf Cuba aus, für “Terroristen” (oder politische Gegner?). Bei Bolsonaro wird die ideologische Einbettung von ISrael-Freundschaft wieder deutlich.124 Trump, Netanyahu, Bolsonaro, Saud, Salvini,… So wie er die brasilianische Politik bezüglich des Regenwalds reversiert hat, hat er sie ggü Palästina/Israel. Seinen Rassismus oder seine undemokratische Haltung lassen ihm manche durchgehen, weil er ist ja pro Israel und pro USA… Für den Westen ist die Herrschaft nach Innen meist egal, wird nur ein Thema wenn die Politik nach Aussen „problematisch“ ist; was sich zB bei Mubarak zeigte.

Israel hat auch mit dem Pinochet-Regime in Chile gute Verbindungen unterhalten125, Einiges darüber hier. Victor Farias, ein chilenischer Historiker der lange im Exil in Deutschland war (FU Berlin), versucht(e) Salvador Allende, der ja von Pinochet als Präsident gestürzt wurde, antisemitische, homophobe, rassistische Ansichten sowie die Befürwortung von Euthanasie unterzujubeln. Tat das in “Salvador Allende. Antisemitismus und Euthanasie” (2003), hauptsächlich anhand Allendes Medizin-Dissertation aus 1933. Farias’ Motivation ist unklar, zumal er kein Pinochet-Anhänger zu sein scheint. Übrigens hat er auch Martin Heidegger sowie der Sozialistische Partei Chiles (PS, Allendes Partei) der Nazisympathisantenschaft beschuldigt. Natürlich war man auf gewissen Seiten überglücklich über Farias’ Buch über Allende; mittlerweile ist aber ziemlich klar, dass Farias’ Vorwürfe auf (Ver)fälschungen und Verdrehungen basieren. Allendes  “Antisemitismus” steht ausserdem seine eigene teil-jüdische Herkunft entgegen, sowie die Tatsache, dass seine politische Gegner diese gegen ihn instrumentalisierten.126

Naziverbrecher Walter Rauff, Erfinder der Gaslastwagen zur Ermordung von Juden, war nach dem Krieg in Chile untergetaucht. Als er dort aufgespürt wurde, stellte die deutsche Bundesregierung ein Auslieferungsersuchen, das jedoch 1963 vom Obersten Gerichtshof Chile mit der Begründung einer Verjährung abgelehnt wurde. “Nazi-Jäger” Simon Wiesenthal wartete darauf hin, bis in Chile eine andere Regierung kam, 1972 wandte er sich an Allende. Allende antwortete, dass aufgrund der Gewaltenteilung ausschliesslich die Gerichte über solche Anliegen eine Auslieferung Rauffs. Dann (bevor Wiesenthal oder BRD ein neues Gesuch stellten) der Staatsstreich, es kam das Pinochet-Regime – das Rauff schützte. Farias behauptete dagegen, Allende habe Rauff vor dem Zugriff der internationalen Justiz geschützt und die Bitte um Auslieferung durch Wiesenthal schroff zurückgewiesen.

Die Rechtsextremen wurden auch in Osteuropa Pro-Israel und Anti-Islam, was sie ggü Juden in ein Dilemma bringt und die jüdischen Organisationen sowie Israel ebenfalls. Der russische Rechtsextremist Vladimir Shirinovki (LDPR) wird auch als “Antisemit” gesehen, wobei sein Vater aber polnisch-ukrainischer Jude war, mit dem Namen Edelstein (in dieser Familie gab es einige Holokaust-Opfer). Dieser verliess die russische Mutter Shirinovskis, ging nach Israel, unterstützte Herut/Likud. Shirinovski, der also Verwandte in Israel hat und nach dem Ende der SU politisch aktiv wurde, ist für Buchanan, für Trump; äusserte sich israel-kritisch (auch über Einfluss Zionisten in USA), aber auch gegenteilig („Russland wird nie Gewalt gg Israel zulassen“). Die Netanyahu-Regierung kommt gut mit den Regierungen in Ungarn, Polen und Litauen aus. Ungarn wird nun besonders ausführlich behandelt.

Viktor Orbán (Fidesz), ungarischer Ministerpräsident 98-02 und seit 10, beschrieb in einer Rede 14 seine Zukunftsvision von Ungarn als einer “illiberalen Demokratie” (mit Wladimir Putin als Vorbild). Es gibt ja auch jene (“Westisten”), die damit protzen liberale Demokrat(i)en zu sein was sie von (nichtwestlichen) Barbaren unterscheide, während Andere Frontstellung gg Barbaren im Gegenteil „verwirklicht“ sehen, im Bekenntnis zum Illiberalen. Orban sagt zB, dass er mit seiner Flüchtlingspolitik das „Christentum in Europa verteidigen“ will. Und Ungarn befindet sich unter Orban, letztes Jahr wiedergewählt, bereits auf dem Weg in ein autoritäres System. Es gibt jene, die das bei Ungarn hinnehmen oder begrüssen, bei Erdogan (Türkei) oder Maduro (Venezuela) aber geisseln.127 Fidesz befindet sich international z Zt am Rande der EVP; Orban: „Konservative sind zu liberal geworden“. Er unterhält mit Putins “Geeintes Russland” gute Beziehungen sowie mit den meisten europäischen Rechtsaussen-Parteien, wie der FPÖ. Und liebäugelt mit einer neuen rechten europäischen Allianz, in der Parteien wie PVV, CSU, Lega einen Platz hätten.128

Den ungarischstämmigen Juden George Soros hat sich die Orban-Regierung als ein Feindbild ausgesucht. “Dessen” Central European University wurde etwa gezwungen, ihre Kurse für Flüchtlinge zu beenden. Auch auf Wahlplakaten wurde gegen Soros Stimmung gemacht – dabei ging es aber nicht gegen Juden sondern gegen Migranten. Dagegen wurde die Milton Friedman University staatlich unterstützt, die von dem ungarischen jüdischen Verband EMIH betrieben wird, der eine Chabad-Einrichtung ist. EMIH wird von Orban überhaupt unterstützt, und EMIH-Chef Shlomo Köves verteidigt Orban bzw die Fidesz-Regierung gegen Kritik, etwa bezüglich ihrer Flüchtlingspolitik. Der jüdische Dachverband in Ungarn, MAZSIHISZ, ist da weniger nahe bei Orban.129 Orban rühmt sich auch gerne seiner Unterstützungen der Juden in Ungarn. Er hält sich von antijüdischen Aussagen/Maßnahmen fern, hat solche verurteilt, soll Netanyahu bei seinem Besuch 17 gesagt haben, dass er null Toleranz dafür habe. Auch wenn er wahrscheinlich gerne die Rolle von Juden im kommunistischen System thematisieren würde.

Er positioniert sich auch als Beschützer der ungarischen Juden, vor heimischem Antisemitismus wie vor “importiertem”/”zugewandertem”. Hinzu kommt sein Pro-Israel, das er als von islamischen Horden und Barbaren umzingelt130 sieht. Es gibt aber auch jene ungarischen Juden, die Orbans Flüchtlingspolitik als einfach anti-humanitär sehen und sich lieber an der Seite anderer Minderheiten wie der Sinti sehen. Orbán pries den Reichsverweser 1920-44, Miklos Horthy131, der Ungarn mit Nazi-Deutschland verbündete und sich antisemitisch äusserte. Seine Regierung machte eine Leugnung des jüdischen Holocausts 2010 illegal. Orban und die Seinen sehen den Holocaust in Ungarn aber als etwas, das die deutschen Invasoren begangen.132 Da ist er in einer Reihe mit den meisten osteuropäischen Staaten, auch Österreich (und in gewisser Hinsicht die DDR) handhabte das so in seinem “offiziellen” Narrativ. Orban hat auch dem “antisemitischen” Dichter Döbrentei einen Preis verliehen, oder dem Archäologen Bakay, der Juden unterstellen soll, im Mittelalter den Sklavenhandel organisiert zu haben.

Und Orban hat einen guten Draht zu Netanyahu. Hat ihn besucht (mit obligatorischem Yad Vashem-Besuch), dieser war auch in Ungarn. Man fand sich in der Abneigung gegen “Soros” (liberale Juden) und Moslems, gegen Linke, im Nationalismus. Und, die  Orbans und Netanyahus sehen ungarische Juden eher als Juden, denn als Ungarn. “Zionism … harmonizes with Orbán’s ethno-culturalist nationalism. It marks Jews as members of the Jewish nation — as Jewish rather than Hungarian. A Zionist, pro-Israel politics maintains and even strengthens, the distinction between who is truly Hungarian and who is not.”133 Orban braucht ebenso internationale Akzeptanz für seine rechte Politik (in seinem Fall das autoritäre Gehabe, gegenüber der eigenen Bevölkerung) wie Netanyahu (seine Politik ggü Palästinensern in erster Linie). Aber es gibt ein gewisses Grund-Misstrauen gegen einander, eine echte Allianz ist schwierig, beide Seiten müssten etwas aufgeben.

Netanyahu sieht in Orban den unzivilisierten osteuropäischen Antisemiten; 2013 hat er in der UN-Generalversammlung bei Drohungen gg Iran über seinen Grossvater Nathan und dessen Bruder Juda (Mileikowsky) geredet, am Westrand des Russischen Reichs im 19. Jh (“im Herzen Europas”), der Opa wurde von “antisemitischen Strolchen” geschlagen, als er im Schlamm lag, schwor er sich, diese Verhältnisse zu ändern. Max Blumenthal zeigte auf, dass Netanyahu die selbe Geschichte 2 Jahre zuvor vor Wirtschaftstreibenden in Tel Aviv erzählte, als es um die Massensabschiebung von Afrikanern ging – die “jüdische demographische Mehrheit ist in Gefahr” – und um die Weigerung von einem Siedlungsstopp. In NY gelang es dem Bruder des Opas zu fliehen, in TA ging die Geschichte so, dass er vom Opa gerettet wurde. Orban wiederum sieht in dem Juden zwar ein Renommierobjekt aber auch die politische Korrektheit die es da einzuhalten gibt, das Kommunistische, Unnationale, Ausbeuterische,… Israel ist, über die Jahrzehnte eigtl viel ethno-nationalistischer als Fidesz oder AfD, bezüglich der “Diaspora” hat es aber andere Ansprüche.

Netanyahu hat zugegeben, dass er mit Orban über einen akzeptablen Kompromiss verhandelt bezüglich des Narrativs über Ungarn und den Holocaust. Es gibt einen erlaubten und einen nicht erlaubten Antisemitismus, und erster ist eigentlich ein solcher im Gegensatz zu zweiterem. Rechts von Fidesz gibt es noch Jobbik, wo es (grossteils noch) keine Israel-Connection gibt. Feldmajer von ungarischen Juden-Verband MAZSIHISZ: “Orban muss gg Jobbik auftreten. Die EU muss Jobbik die Grenzen der Meinungsfreiheit aufzeigen”. Warum aber nicht auch Fidesz, wenn aus der Hetze kommt (gegen Andere als Juden)? Krisztina Morvai von Jobbik ist auch noch propalästinensisch (obwohl ihr Mann angeblich jüdischer Herkunft ist), um sie herum wird eine hysterische Aufregung gemacht (von “Jungle world”, diversen Wikipedia-usern,…). Der Schritt von FIDESZ zu Jobbik, von Trump zu Duke, innerhalb der AfD von Weidel zu Höcke, in der FPÖ von Lasar zu Graf,…  Jobbik-Abgeordneter Marton Gyöngyösi hat vor einigen Jahren im ungarischen Parlament in einer Rede verlangt, eine Liste aufzustellen, wie viele Juden im Parlament und in der Regierung in Ungarn sitzen; sie stellten ein „nationales Sicherheitsrisiko“ dar.

Wenn in Israel so etwas vorkäme, im Hinblick auf die “israelischen Araber”, wäre das niemandem eine Meldung wert; weil “Israels Sicherheit” gewöhnlich auf alles Mögliche “ausgedehnt” wird und das wird international akzeptiert. Es kommt aber nicht vor, da “israelische Araber” (Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft) ohnehin überall so ausgegrenzt sind. Gyöngyösi stellte die Forderung im Zusammenhang mit der Debatte um die „Gewalteskalation“ zwischen Israel und den Gaza-Palästinensern und fragte, wann sich das ungarische Außenministerium „endlich auch für die leidenden Palästinenser einsetzen wird“. Es sei vor allem Israel, das den „Weltfrieden bedroht“. Die Regierung von  Orban distanziert sich einen Tag später von den Äusserungen des Jobbik-Abgeordneten. International und in Ungarn Aufregung um „offenen Antisemitismus“. Die oppositionellen Sozialdemokraten (MSZP) machten die Politik Orbans und seiner Partei dafür verantwortlich, dass „die öffentliche politische Rede in Ungarn so weit sinken konnte“. Der stellvertretende Parlamentspräsident Istvan Ujhelyi (MSZP) eröffnete am Folgetag die Sitzung des Parlaments mit einem gelben Stern, wollte nach eigener Aussage damit seine Solidarität mit all jenen zum Ausdruck bringen, die durch Gyöngyösi „beleidigt wurden“. Dieser bat dann seine „jüdischen Landsleute“ um Verzeihung.

Es ist aber nicht so, dass Jobbik, seine Politik und seine Vertreter, generell abgelehnt werden, es lohnt sich, anzusehen wer in Israel nicht Einreiseverbote sondern Einladungen bekommt. Zum Beispiel Sebastian Gorka, britisch-ungarisch-amerikanischer “Sicherheitsanalyst”, war Berater von Orban, dann von Trump, Anhänger der Alt Right, und für die Magyar Garda aktiv, die de facto Jobbiks Miliz war, dann aufgelost wurde. Der islamophobe Fox-Kommentator war Teilnehmer/Redner bei einer “Anti-Terrorismus-Konferenz” in Herzliya134. Die “Jerusalem Post”, Michael Rubin, Trent Frank und andere Zionisten preisen ihn als Freund Israels und als “nicht antijüdisch“; es wurde sogar das jüdisch-amerikanische Magazin “Forward” angegriffen, weil es ihn als “Antisemiten” sieht. Im “umgekehrten Fall”, wenn Gorka zB bei einer “Palästinenser-Veranstaltung” aufgetreten wäre…oder sich so wie Parteifreund Gyöngyösi geäussert hätte…135 Ja, Pro-Israel (und Anti-Islam) macht vieles wett.

Viktor Orbán hat sich auch mit Aung San Suu Kyi getroffen, De-Facto-Regierungschefin von Birma, anscheinend um sich über “Gefahren wachsender moslemischer Bevölkerungsgruppen” zu unterhalten. In Birma gibt es gerade die Vertreibungen der moslemischen Rohingya, für Orban sind Moslems “das Andere”.136 Gerade Juden im Westen mit Osteuropa-Hintergrund, wie Broder (1957 aus Polen nach Westdeutschland) oder Pa(u)l Lendvai (1957 aus Ungarn nach Österreich), sehen Osteuropas Rechtspopulisten eher kritisch-ablehnend, auch wenn diese pro-zionistisch sind.   Lendvai hat in seinem Buch „Mein verspieltes Land“ (2010) die Politik Orbans kritisiert. Bei manchen Lesungen daraus mit Lendvai war es zu Störversuchen gekommen, andere wurden aus Angst davor abgesagt. Die regierungsnahe ungarische Wochenzeitung „Heti Valasz“ bezichtigte den Lendvai, ein „freiwilliger Informant“ des kommunistischen Regimes gewesen zu sein.137

Netanyahu hatte 2017 an einem Treffen der Visegrad-Gruppe (Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn) teilgenommen und die Länder dann für 2019 nach Israel eingeladen. Polen hat seine Teilnahme abgesagt, Hintergrund ist ein Streit zwischen beiden Ländern, inwiefern Polen während des Zweiten Weltkrieges mit den deutschen Besatzern kollaboriert haben. Israels Aussenminister Yisrael Katz (Likud), Sohn von Holocaust-Überlebenden aus Lettland bzw Rumänien, hatte (im israelischen Fernsehen) gesagt: „Es gab viele Polen, die mit den Nazis kollaboriert haben.“ Katz zitierte ausserdem zustimmend Ex-Premier und Ex-Terrorist Yizhak Schamir (als Y. Jezerniecki/Jezernitski im damals russischen Ost-Polen geboren), der gesagt hatte: „Die Polen haben Antisemitismus mit der Muttermilch aufgesogen.“ Polens Premier Morawiecki (PiS) bezeichnete die Worte von Katz als „rassistisch“.138 Zuvor gab es (2018) das “Holocaust-Gesetz” in Polen, das es in Polen strafbar macht, Nazi-Verbrechen Polen “in die Schuhe zu schieben”; eigentlich handelt es sich um die Novelle eines Gesetzes aus 1998.

Es gab ein Delektieren an diesem Gesetz (und der vermeintlich zu Grunde liegenden Geisteshaltung) fast wie bei Erdogan. Andererseits: Gesetze oder Maßnahmen gegen das was als „antiisraelisch“ oder “antisemitisch“ deklariert wird, aus Israel oder anderswo. Hier also (noch) keine Einigung zwischen der rechtskonservativen Regierung (PiS) und Israel (bzw internationalen jüdischen Organisationen) wie bei Ungarn. Obwohl die PiS auch die anti-islamische Karte spielt, nicht die antijüdische. Wie auch der nationalistischer Prediger Jacek Miedlar; der warf etwa einer liberalen Abgeordneten vor, die sich gegen eine Verschärfung des ohnehin strengen Abtreibungsrechts aussprach, vor, Anhängerin des Mordens und der Islamisierung zu sein, rief indirekt zu ihrem Mord auf, über Twitter. Wie in anderen osteuropäischen Ländern wurde/wird auch in Polen Juden gelegentlich unterstellt, das kommunistische System mit errichtet und getragen zu haben (ungefähr in die Richtung ging ja Hohmann); dies darf aber nicht auf den Wahrheitsgehalt überprüft werden, wird in der Regel vielmehr umgedreht zu einer Anklage gegen jene, die das thematisieren.139

Kroatien war zur Zeit des Hitler-Stalin-Kriegs wie Ungarn (und anders als Polen) verbündet mit Hitler-Deutschland; das heisst, seine Unabhängigkeit von Jugoslawien kam eigentlich nur durch die Besetzung Jugoslawiens durch die Achsenmächte (und Kollaboration eines Teils der Kroaten) zu Stande. Sehr viele Kroaten bekämpften aber das Ustascha-Regime, im Rahmen der Partisanen-Armee. Einer davon war Franjo Tudjman (Tuđman). Dieser wendete sich dann gegen das kommunistische Jugoslawien, wurde Dissident, gründete 1989 die HDZ, die im Jahr darauf in Kroatien (damals noch eine YU-Republik) an die Macht kam. Im Jahr der Gründung seiner Partei brachte er auch ein Buch über den 2. WK heraus (beides war vorher nicht möglich gewesen), “Bespuća povijesne zbiljnosti” (etwa: “Die Sinnlosigkeit der historischen Realität”; auf Deutsch und Englisch dann anders übersetzt). Darin stimmt er dem britischen Kunsthistoriker Gerald Reitlinger zu, dass die Gesamt-Zahl der damals getöteten Juden bei etwa 4 Millionen lag. Daneben enthält das Buch Ansichten Tudjmans über die Rolle der Juden in der Geschichte, die dann ebenfalls (hauptsächlich ausserhalb Kroatiens) Anstoss erregten.140

Anlässlich der Aufnahme diplomatischer Beziehungen Kroatiens mit Israel 1998 distanzierte sich Tudjman vom Ustascha-Regime und seiner Juden-Verfolgung. Dennoch kamen immer wieder “AS”-Angriffe auf ihn. Es kommt eben darauf an, bei Vorster (Südafrika) störte seine Nazi-Vergangenheit nicht, bei Videla nicht der Antijudaismus… Bei Kroatien (zb) wird eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und den eigenen Mythen verlangt, Juden die das tun (wie Ilan Pappe) sind „Selbsthasser“ oder “Verräter”, werden ausgegrenzt. Umstritten ist (auch) der kroatische Kardinal Alojzije Stepinac (1898 – 1960), der nach der kommunistischen Machtübernahme (die im Zuge der Befreiung Jugoslawiens kam), 1946, zu 16 Jahren Haft verurteilt, weil er mit den Faschisten kollaboriert haben soll. Papst Johannes Paul II. hatte Stepinac 1998 seliggesprochen. Und 2016 hat ein kroatisches Gericht den Schuldspruch aufgehoben. Das Wiesenthal-Zentrum (SWC) hat empört auf die Rehabilitierung des katholischen Geistlichen reagiert.

Rumänien: Der inzwischen verstorbene C. Vadim Tudor gründete nach dem Ende des kommunistischen Regimes (an dem er gewissermaßen mitgewirkt hatte) die rechtsextreme PRM (Partidul România Mare). Er kam wegen Antisemitismus unter Kritik. Sah dann aber Juden als das Volk der Bibel und holte sich (in den 00ern) israelische Berater, womit sein Rechtsextremismus und Hetze gegen Andere (ob Ungarn oder Afrikaner) nicht mehr so schlimm war. Der eine Berater war Eyal Arad (zuvor beriet dieser Sharon), der andere „Nati“ Meir (eigentlich ein Doppelstaatbürger). In beiden Fällen kam es zu einer Trennung und wurden nach dieser “AS”-Vorwürfe erhoben; bei Meir gab es jedenfalls (auch) Korruptionsdelikte, diesbezügliche Gerichtsverfahren. 2012 sagte er, „In Rumänien gab es keinen Holocaust“, möglicherweise im Kontext dass Rumänien diesen nicht ausführten, sondern die Besatzer (> Polen). Die rumänischen Faschisten und Nazi-Kollaborateure waren in der Organisation, die die Namen “Legiunea Arhanghelului Mihail“, “Garda de fier” (eigentlich die Miliz der Org.), “Totul pentru Ţară” trug. Führer waren nach einander Corneliu Codreanu und    Horia Sima. Sima fand nach dem Krieg Exil in Franco-Spanien (> oben).141

Ελληνική Λύση/Elliniki Lysi/”Griechische Lösung“ (EL) ist eine der griechischen Rechtsparteien, wird von Kyriakos Velopoulos geführt, errang Achtungserfolge bei Wahlen 19. Auf seinem Teleshoppingkanal verkauft Velopoulos diverse Wundermittel oder „exklusive Kopien von handgeschriebenen Briefen Jesu Christi“. Der Putin-Fan und EU-Gegner will ein „christliches Europa ohne Islamisten“, der Zustrom von „illegalen Migranten“ nach Griechenland sollte durch Minenfelder und eine Mauer entlang der nordöstlichen Grenze zur Türkei eingedämmt werde. Ist ein Freund von Verschwörungstheorien, behauptete, dass die tödlichen Waldbrände nahe Athen im vergangenen Sommer Teil einer zionistischen Verschwörung gewesen seien, um den Import chinesischer Waren nach Westeuropa anzukurbeln. Für Menschenhändler, Drogendealer und Pädophile schwebt Velopoulos die Todesstrafe vor. Wenn er sich als Freund Israels gegeben hätte, zB im Rahmen der Verteidigung des Abendlandes (> Aznar,…), hätte er den Segen Vieler bekommen. So aber wird die Partei angeführt als Beleg für einen “besorgnis erregenden Antisemitismus” unter den Rechtsextremen Europas, die “Sündenbock-Rolle Israels”, die “Pflicht dagegen aufzustehen”, die “Rückständigkeit Osteuropas”,…

Simon Petljura hat nach dem 1. WK die Ukraine zeit- und teilweise in die Unabhängigkeit geführt. In dieser gab es Pogrome gegen Juden. 1921 hat Jabotynski (auch: Jabotinsky), Führer des revisionistischen Zionismus (der aus der Ukraine stammte), mit Petljura (kurz vor dessen Sturz) ein Abkommen abgeschlossen. Jabotynski, der sich zu dieser Zeit den Briten antrug, setzte sich dann auch für den exilierten Petljura ein. Bereits einige Jahr vor Petljura war der ukrainische Dichter Ivan Franko aktiv, dem man heute Antisemitismus vorwirft. Es gab in der Sowjet-Ukraine einige jüdische Politiker (wie Lazar Kaganovich und Serafima Hopner) und in der unabhängigen einige mit jüdischen Wurzeln (wie Yulia Timoschenko oder Vitali Klitschko). Und es gibt im prowestlichen Lager der Ukraine (das seit 2014 an der Macht ist) zwei rechtsextreme, antirussische Parteien, mit Sympathien für Israel. Svoboda, eigentlich (1995) als eine Art Neo-Nazi-Partei gegründet, wurde von SWC einmal in ihre Top-Antisemiten-Liste aufgenommen, ihre Führer preisen aber Israel (zB als “einen der nationalischsten Staaten der Welt”), treffen sich mit dessen Botschafter in der Ukraine. Wieder so eine Art “Noll/Graumann-Paradoxon”. Prawy Sektor entstand währen der Euromaidan-Proteste 2013/14, sieht sich in einer Traditionslinie mit der OUN (die mit den Nazis kollaborierte)142. Bei der ukrainischen Parlamentswahl 2019 traten Svoboda und Prawy Sektor zusammen mit anderen rechtsextremistischen Gruppen an, errangen kein Mandat.

Auch über Prawy Sektor gab es einst Aufregung internationaler jüdischer Organisationen und Israels. Wenn man sich ihre Standpunkt ansieht (zB: “An ideology of defense, preservation, and state assertion of the Ukrainian nation”), muss man feststellen, dass diese Partei im israelischen Spektrum in der Mitte stehen würde. Und, die Ukraine herrscht nicht über eine grosse Zahl von “Unterworfenen” in einer Art Militärherrschaft, Unterworfene die in dieser Nation nicht mitbestimmen, ihr nicht angehören, ihr aber ausgeliefert sind.143 Prawy Sektor ist zwar prowestlich, aber antiliberal eingestellt, also gegen Werte, die Parteien wie FPÖ inzwischen positiv affirmieren. An dieser Stelle: der Westen vertritt in der “Ukraine-Krise” (Besetzung Ost-Ukraine, Abtrennung Krim infolge Euromaidan-Umsturz) seine eigenen (geopolitischen) Interessen, unter dem Mantel von “Demokratisierung” oder “Beschützung der Ukrainer”, gegen Russland gerichtet, nicht zum ersten Mal in der Geschichte.

Es gäbe noch viele Länder diesbzüglich (Islamophobie, Pro-Zionismus, eigener Nationalismus, Allianzen und Widersprüche) “abzuklappern”… Zum Beispiel Indien und die “Hindu-Nationalisten” (wie der regierenden BJP). Bei Hindu-Nationalisten oder der libanesischen (maronitischen) Kataib (Phalange) sind auch Nähe sowohl zum Zionismus (eher aktuell) als auch zum NS & AS (eher historisch) gegeben. Und, kein Küntzel, kein Peham/Schiedel, kein Cüppers und kein Netanyahu persönlich mit Geschichtspolitik. Der wachsenden Allianz Israels mit Indien (hauptsächlich unter BJP-Regierungen) steht eigentlich auch die traditionelle Verachtung des Zionismus für Asien (siehe Theodor Herzl, siehe Naftali Tamir) entgegen. Beziehungsweise, auch das Paradigma von Israel als Teil des Westens, von der Deckung westlicher und zionistischer Interessen, Interessen die noch dazu immer im Sinne von Fortschritt, Aufklärung,… wären. Übergriffe auf Frauen in Indien oder das Vorgehen der Hindu-Zentristen auch gegen Christen (nicht nur gegen Moslems144)…werden aber gegebenenfalls “geschluckt”.

Die Sikh sind seit der Spät-Zeit der Mogul-Herrschaft in der Regel mit Hindus gegen Moslems verbündet, so auch bei der Unabhängigkeit und Teilung Indiens 1947, spielen zB auch in der Diaspora (GB) eine Rolle in der Islamophobie (> BNP). Und da stösst man dann auf sowas: Bhagat Singh, ein Sikh aus dem Punjab, kämpfte mit seiner Hindustan Socialist Republican Association gegen die Briten, wurde von diesen 1931 hingerichtet. Sein Tod löste Krawalle im Punjab aus, und er gilt in Nordindien als Märtyrer (Shahid)… Relevant hier ist auch, was “Pat” Robertson über den Hinduismus sagt, zumal der ja auch ein grosser Israelfreund ist. Aber irgendwie geht das, hindu-zentrische Inder, Kurden (darüber auführlich im 4. Teil), weisse Südafrikaner, evangelikale Amerikaner, iranische Nationalisten, weisse Suprematisten wie Breivik, kemalistische Türken,.. als Verbündete.

Nochmal zum ideologischen Umfeld von Philozionismus und “Rechtspopulismus”: auch Klimawandel-Leugnung gehört hier dazu, Angriffe auf Greta Thunberg inbegriffen. Die von Thunberg mit angestossenen “Klimaproteste” werden von jenen, die den Klimawandel nicht wahrhaben wollen, zu diffamieren versucht, im Westen hauptsächlich aus rechten Kreisen. Von dort schlägt Thunberg viel Hass entgegen, der bis hin zu Morddrohungen reicht. Ja, wir haben ja auch eine zweite Welt im Keller145. Die deutsche AfD ist hier zu nennen, hat Greta Thunberg in ihrer Ver-Leugnung der drohenden Klimakatastrophe immer wieder angegriffen. AfD-Fraktionschefin Weidel glaubt nicht an einen menschengemachten Klimawandel, AfD-Politiker verunglimpfen Thunberg als „armes Kind, das einen Psychotherapeuten braucht“; im Umfeld der Identitären (ausgerechnet!!!) zieht man Nazi-Vergleiche. Als Broder heuer bei der AfD im BT auftrat, kam auch eine verpackte Attacke auf Greta Thunberg. Jan Rübel, der ja nicht ganz verloren ist, kritisierte diesen Auftritt etwas, verharmloste ihn aber eigentlich. Ein bisschen was Richtiges kam diesbezüglich von ihm:

“Eine 16-Jährige ist nicht wirklich ein Kind, und ‘Kindesmissbrauch’ ist ein Sexualstraftatbestand und hat nichts mit politischer Instrumentalisierung zu tun – was Broder womöglich meint. Entweder formuliert er hier unfähig ungenau oder hat komische Phantasien oder denkt einfach mit untersten Schubladen hantieren zu können. Allein, dass er das Alter dieser ‘Klimaretterin’ zur Herabwürdigung heranzieht, erzählt von einer gewissen Hemdsärmeligkeit. Ich stiege auf ein ähnlich niedriges Niveau herab, würde ich Broder entgegnen, er wäre ein alter Greis, der nicht mehr wisse, was er sagt.” Nun, wenn Broder in Berlin einen kalten Cafe serviert bekäme, wäre das für ihn Antisemitismus, Kritik an ihm jeder Art ohnhin, also muss Rübel da aufpassen, denn beim Einstecken ist Broder nicht so grossherzig. Die Erderwärmung ist eine für Broder unbequeme Wahrheit… Rübel weiter: “Bei Thunberg sind es auch nicht ihre Worte, auf die Kritiker direkt eingehen. Stattdessen wird vermerkt, sie sei ob ihres Alters manipuliert oder instrumentalisiert, jedenfalls nicht voll zu nehmen. Ich kann mir nur vorstellen, solche Kritiker erinnern sich nicht mehr, was sie als 16-Jährige umgetrieben hat. Hätte man ihnen damals zugerufen, sie seien nicht wirklich ernst zu nehmen, hätten sie gelangweilt die Nase gerümpft. Hinzu kommt, dass Thunbergs Leben mit Asperger, einer Spielart des Autismus, selbst instrumentalisiert wird, nach dem Motto: eine Behinderte, was soll die schon wissen?  Interessant, wie sich Frauenhass, Jugendhass und Ableismus hier vereinigen. Argumente? Fehlanzeige”

AfD-Meuthen erklärte, dass er es akzeptiere, dass der Mensch einen Anteil am Klimawandel habe – allerdings lediglich als “Hypothese”. Als Kernproblem mache er das “Bevölkerungswachstum” und die damit einhergehende “Emissionsintensität” aus – schuld sind also eigentlich die “Massen” der “3. Welt” und nicht die westlichen Industriestaaten. Der Israeler Shaviv, ein führender Klimawandel-Leugner, trat für die AfD ebenfalls im Bundestag auf – schön, gleich in zweifacher Hinsicht ein Alibi. Thomas Schmid (war deutscher 68er, Grüner, dann zu Springer, war Herausgeber von “Die Welt“, konservativer Sack), attackiert Thunberg in Form von einer “Wegnahme des Heiligenscheins”. Natürlich kommen auch von Donald Trump brutale Beleidigungen von ihr; Michael Knowles (Fox) nannte Thunberg in einer Sendung zum UN-Klimagipfel in der USA ein „psychisch krankes schwedisches Kind“, „In der Klima-Hysterie-Bewegung geht es nicht um Wissenschaft“. Bolsonaro ist natürlich auch in der Reihe der Klimawandel-Skeptiker…dem entsprechend sieht seine Politik zum Regenwald Brasiliens aus.

Michael Niavarani über Thunberg und die Wut die diese von gewissen Milieus auf sich zieht: „…Wenn jemand eine schlimme Diagnose bekommt, dann fängt er an zu verleugnen…Wahrheit tut weh.“ Daher: wegsehen, und jene (persönlich) angreifen, die die die Umwelt (die Lebendgrundlagen) erhalten wollen. Sie können auf einer Sachebene nicht gewinnen. Klimawandelleugner versuchen wie gewisse Israelfreunde, vom eigentlichen Thema abzulenken. Hier sieht man auch, welcher Anti-Aufklärungs-Geist in diesen Milieus herrscht, entgegen ihrem Selbstverständnis. es geht da auch um ein Frauenbild der Rechtspopulisten und Rechtsextremisten. In mancher Hinsicht hat Greta Thunberg viel mit George Soros gemeinsam (bzw die Angriffe auf sie), um ihn wird es im IV. Teil nochmal gehen.

Nochmal zur Zusammenarbeit zwischen zionistischen und westlichen Nationalisten; es gibt darin gewisser Stolpersteine, sie spiegeln vielleicht das jüdisch-christliche Verhältnis wieder. Zwischen Orban und Netanyahu (s.o.) zeigt sich das ganz gut. Wie erwähnt richteten sich die Kreuzzüge auch gegen die Juden, nicht nur gg “den Islam”; Juden in Europa und im “Orient” (1096 wurden die verbliebenen Juden in Palästina im Zuge des Ersten Kreuzzuges nahezu ausgerottet). Aber es gibt eine Art westlich-zionistische Konvergenz in den letzten Jahren, nicht nur zwischen den Rechtsaussen beider Seiten. Die Rechtsaussen Israels sind in einer ganz anderen Situation als jene in Europa und Nordamerika; es geht dort auch um eine Art Kolonialsituation, um Militärherrschaft über Andere, Besatzung, Vertreibungen,… Eva “Herman” (Bischoff) nahm zwar gg die moslemische Einwanderung nach Deutschland Stellung (auch ihr Frauenbild war noch nicht das Problem), fand am NS aber auch gute Seiten. Die genannten Stolpersteine zeigen sich auch anhand der Mitwirkung bzw Nicht-Mitwirkung von Juden in Deutschland an der “Erinnerungsarbeit” der Vertriebenen. Auch ein Broder, dem es sonst nicht rechts genug sein kann, hält sich da eher zurück. Die Schwierigkeiten beginnen natürlich damit, dass diese Vertreibungen von Deutschen aus Osteuropa (grossteils aus Gebieten die Teil des Deutschen Reichs waren) am Ende des 2. WK oder in der NKZ das Resultat nationalsozialistischer Politik waren. Und, weil die Vertriebenen eine ethnonationalistische Definition von Deutschtum aufwerfen, die Juden (in der Diaspora) Unbehagen bereitet.

Julius H. Schoeps, ein gut vernetzter “Antisemitismus-Forscher”, hat das geplante BdV-Projekt “Zentrum gegen Vertreibungen” zunächst unterstützt, dann kam die Kehrtwende. Die doch sehr reaktionäre GfbV übernahm ein Interview aus dem noch (deutsch-)reaktionäreren “konkret” mit Ralph Giordano (…), in dem dieser das Zentrum gg Vertreibungen gg die “Anti”deutschen verteidigte; auch dieser hat später seine Haltung diesbezüglich geändert. Die Vertreibungen von Palästinensern wären aber ohnehin kaum thematisiert worden. Aber auch das Wirken von Geert Wilders ist in diesem Kontext relevant. Er ist in Tel Aviv aufgetreten, wird von Broder und Caroline Glick unterstützt, tritt auch146 mit Strache auf, trat/tritt für ein Schächtverbot ein (das SWC war empört darüber), und das Sarrazin-Buch über das “Abschaffen Deutschlands” war nach ihm ein Anzeichen dafür, dass Deutschland mit sich ins Reine kommt, den “Schuldkomplex” überwunden habe. Der verstorbene Islamophobe Ulfkotte sprach auch von der „Grausamkeit des Schächtens“ (ausserdem von „christlich-jüdische Traditionen“, „freiheitlich-demokratischer Grundordnung“,  “Bedrohung europäischer Kultur“, “römisch-christliche Wurzeln“,…).147 Ann Coulter (USA) stösst zwar ins anti-moslemische “Horn” und faselt vom “Genozid an Weissen”, ist aber auch “juden-kritisch”.

“An anti-Semite used to mean a man who hated Jews. Now it means a man who is hated by Jews.”, sagte Joseph Sobran, ein rechter katholischer amerikanischer Autor, 2010 gestorben; er wurde von Podhoretz angeprangert, von Coulter verteidigt. Ja, manchmal sind “Antisemitismus” und Rassismus auch zusammen… Und, wie gesagt, die Zusammenarbeit bzw die Ansprüche von Rechten aus verschiedenen Nationen gestaltet sich in der Regel schwierig. Klischees über Italiener in der Schweiz (“faul, stinkend, lüstern,…”) können Leute von der Lega natürlich nur irritieren, auch wenn sie von der dortigen Rechten kommen.148 Und die evangelikalen US-Amerikaner grenzen gerne die Lateinamerikaner aus, auch jene die rechts und prozionistisch sind, auch jene die protestantisch und evangelikal (und weiss) sind.

Nun zu Querfronten und Widersprüchen zwischen rechten und linken Israel-Fans im Westen. Bis zum Krieg 67 war die (neue) Linke grossteils pro-Israel, dann drehte sich das und die Israel-Begeisterung ging zur Rechten über. Mit dem “Ausbruch” der Islamkrise (Islamismus & Islamophobie) etwa 2001 wurde auch die Linke grossteils wieder prozionistisch, manche Teile ganz radikal, verbunden natürlich mit einer Islamophobie – von dort, den „Anti“deutschen (über sie extra in Teil IV), schliesst sich auch schnell ein Kreis mit der Rechten. Begeisterung für den Zionismus ist bei den Pseudo-Linken und der Neo-Rechten (in der USA Neocons/Tea Party/Evangelikale/…) am grössten; jene die den Zionismus “links” etikettieren wollen, sind meist aus dem deutsch-österreichischen Raum… Zwischen “AS”-Wahn, Westchauvinismus und Moslemophobie in linker und rechter Spielart, also zB von Marco Schreuder und Ursula Stenzel, gibt es Widersprüche, Parallelen und Berührungspunkte.

In dem Spektrum, das sich in progressiver oder linker Tradition wähnt – oder eine solche vorgaukelt – wird Philozionismus toleranzchauvinistisch (“Schwulenrechte”…) begründet /affirmiert (verlogen/naiv), die israelische Flagge mit der des Regenbogens kombiniert149, hier verschmilzt der israelische Staat und die israelische Friedensbewegung (die Shalom-Achshav-Richtung), während eigentlich eine Likud-Linie unterstützt wird. Die Anderen kombinieren die israelische Flagge mit ihrer Nationalflagge oder Kreuzen (wie Evangelikale). Um die Heldenhaftigkeit der israelischen Armee herauszustreichen, wird sie als eine Art “Partisanenarmee” porträtiert oder aber dafür glorifiziert, dass sie “Partisanen” bekämpft.150 Beide sehen Israel “vernichtungswilligen” Palästinensern gegenüber stehen, als Vorhut der Unzivilisierten der Region – deren Unzivilisiertheit wird aber unterschiedlich begründet. Beide Seiten sind bereit, Israel-Kritik mit AS gleichzusetzen und diesen den Moslems/Orientalen umzuhängen (oder aber der jeweils anderen “Seite”!), zur Weisswaschung des Westens.

Broder ist irgendwie am Schnittpunkt, so zwischen Altrechten (die sich neu affirmieren) und “Anti”deutschen, die Brücke zwischen rechter und pseudolinker Islamophobie/Israelunterstützung, auch Ostensack ist so eine Schnittstelle. Es gibt gemeinsame Inhalte, Querfronten sind auch gelegentlich zu beobachten. Auf einer Veranstaltung zum “Tag der Patrioten“ vor einigen Jahren von/mit Merkle (“Mannheimer”) (PI) gab es NPD- und Israel-Fahnen… Mitglieder des BAK Shalom (Linke) mit Klaus Lederer demonstrierten Anfang 2009 zusammen mit der Partei Bibeltreuer Christen (PBC) und anderen offen Rechten für die Bombardierung des Gaza-Streifens durch Israel. Auf PI werden auch die Mantras der Grigats und Küntzels (oder ihre Veranstaltungen) beworben. „Fred Alan Medforth“, aus evangelikalem/PBC-Umfeld kommend, ist vernetzt mit dem ganzen „anti“deutschen Rudel, verlinkt auf seiner Homepage zustimmend den Auftritt des “antideutschen” ”Politologen” Grigat im ORF zu dropthebomb, bewirbt einen Simone-Hartmann-Auftritt auf einem „Antifacamp“, spielt die serbisch-nationale Karte (deshalb gegen NATO),…

Die ÖVP-FPÖ-Regierung (Kurz/Strache, 17-19) hat eine “Initiative gegen den politischen Islam” angekündigt. Kurz sah sich gefordert, „unsere freie Gesellschaft vor dem politischen Islam und seinen Auswüchsen wie dem Antisemitismus zu schützen“ und kündigt die Schaffung einer Dokumentationsstelle für politischen Islam nach dem Vorbild des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) an. Die Ergebnisse der jüngsten Antisemitismusstudie hätten gezeigt, dass Handlungsbedarf bestehe. Begleitet werden soll die Arbeit von einem “wissenschaftlichen Beirat”, durch “wissenschaftliche Studien” und der Herausgabe eines “Jahresberichts”. „Wir dürfen nicht wegsehen, wenn unsere Grundwerte, wie Demokratie oder die Gleichstellung von Mann und Frau, offen abgelehnt werden …“, erklärte Kurz das Vorhaben seiner Regierung. Vizekanzler Heinz-Christian Strache bezeichnete den „Islamismus“ als die „größte Bedrohung unserer freien Gesellschaft“. „Die Einrichtung einer Beobachtungsstelle gegen den politischen Islam ist der richtige Schritt zur richtigen Zeit. Man muss den Anfängen wehren.“

Ein Profilierungsprojekt der österreichischen Rechten also, alles Rückständige (bzw das was diese Rechten JETZT als rückständig definieren) soll an Moslems/Orientale delegiert werden, eine Deutungshoheit über „Antisemitismus“ versucht. Wobei: Saudi-Arabien wird aus weltpolitisch-wirtschaftlichen Gründen samt seines Islams verschont werden, so wie Japaner beim Apartheid-Regime Südafrikas aus wirtschaftlichen Gründen als “Weisse” durchgingen. Und, das DÖW ist längst auf der Linie von Strache/Kurz, formuliert anders. Peham/”Schiedel”, von Medien auf das Vorhaben angesprochen, hat nichts dagegen einzuwenden, hat nichts zu sagen über Rassismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus, Heuchelei, Weisswaschung von FPÖ und ÖVP…kein Widerspruch, im Gegenteil. Die österreichische Volksgemeinschaft…151

Offen rechts (zB auch Ablehnung christlicher Flüchtlinge aus Afrika oder “Nahost”, Bekenntnis zu Radikalismus) oder aber politisch korrekt rechts (für “christlich-jüdische Kultur”, gegen Radikalismus). Der “Islam” ist auch im Endeffekt hauptsächlich Platzhalter für Anderes. Die Einen sagen, der Westen ist stärker durch Diversität, Homosexuellen-Rechte,… die Anderen “durch weisse Vorherrschaft”. Für die einen Zionisten (zB die Evangelikalen) ist Homosexualität das Barbarische, für die Anderen Intoleranz ggü Homosexuellen. Ablehnung der Homosexualität oder aber die aggressive Affirmation ihrer Rechte.   Linkswestisten (Islamophobe/Zionisten) täuschen eine gemeinsame Front von Juden, Schwulen, Frauen (gg Islam/ismus) vor, als ob es nicht grosse Vorbehalte ggü Homosexualität in grossen Teilen des Judentums geben würde, grosse Israel-Solidarität bei der Rechten, als ob Frauen als der moslemischen Welt ihre Schutzbefohlenen wären, als ob es keine Rassenvorurteile ggü moslemischen Frauen gäbe, keine Feindschaft von hiesigen Rechten ggü Homosexuellen. Frauen aus/in der moslemischen Welt oder die offene Gesellschaft ins Spiel bringen, um die eigene Fremdenfeindlichkeit zu beschönigen…

Die Geschlechter- und Gesellschaftsbilder der Wähler von Schas, Yahadut HaTora HaMeuhedet,… und anderer Rechtsparteien (keine Aussenseiter, immer wieder an Regierungen beteiligt). Moslems/Orientale sind böse weil keine Toleranz für Homosexuelle, weil Antisemiten, frauenfeindlich et cetera oder aber weil sie so dumm und und stinkend und inferior sind, Kameltreiber, Ziegenficker. Im beiden Fällen zersetzen sie gewissermaßen westliche Nationen/Kultur. „Annoying liberals“ oder aber „Liberalismus hochhalten“ gg Illiberale, beide im Sinne des Zionismus, einer „freien Gesellschaft“. Hegemonial im zionistisch-islamophoben Diskurs ist das Linkschauvinistische, also wir sind tolerant zu Schwulen im Gegensatz zu ihnen, daher besser.152 Es gibt immer wieder die Diskussionen, in was sich Immigranten zu integrieren hätten, an was zu assimilieren. Soll man ihnen Toleranz für küssende Männer abverlangen oder doch nicht? Wenn sie dann aus dem Integrationskurs rausgehen und in die nächste Kneipe rein, könnten sie diesbezüglich einer anderen Realität der hiesigen Gesellschaft begegnen. “Frauenhass, Homophobie und Antisemitismus” beklagen oder die diesbezügliche politische Korrektheit.153

Es gibt jene Islamophobe die zu Homophobie und Antifeminismus stehen, wie Matthias Matussek oder Eric Zemmour154, jene die es etwas kaschieren wie Henryk Broder, jene die es ganz kaschieren (Springer-Leute,…), und jene die Toleranzchauvinismus auf ihrer Flagge haben (wie Schreuder). Die rechtsextreme Zionistin Caroline Glick (über sie im III. Teil) auf ihrer Website über ihr Aufwachsen in der USA: “I grew up in Chicago’s ultra-liberal, anti-American, and anti-Israel stronghold of Hyde Park. Hyde Park’s newest famous resident is Barack Obama. He fits right into a neighborhood I couldn’t wait to leave. I made aliyah to Israel in 1991, two weeks after receiving my BA in Political Science from Beir Zeit on the Hudson—otherwise known as Columbia University. I joined the Israel Defense Forces that summer and served as an officer for five and a half years.“ > Die Links-Islamophoben und (Pseudo-) Links-Zionisten würden sich hüten, Bir Zeit als „liberal“ zu etikettieren, im Gegenteil, in diesen Kreisen ist alles Palästinensische, Orientalische „illiberal“ und daher verdammenswert, für „Reeducation“ überfällig, das Westliche das „Liberale“; sie aber verachtet v.a. liberale Juden und Westler, fast so sehr wie Palästinenser und Andere aus dieser Region.

Mal wird behauptet, dass „Illiberalität die innere Struktur des Antisemitismus kennzeichnet“, dann wieder, dass die Liberalen dafür verantwortlich sind. Friedrich Meinecke kam 1946 in “Die deutsche Katastrophe”, gedruckt mit Erlaubnis der US-Besatzer, zu dem Ergebnis: “Zu denen, die den Becher der ihnen zugefallenen Macht gar zu rasch und gierig an den Mund führten, gehörten auch viele Juden. – Die Juden, die dazu neigen, eine ihnen einmal lächelnde Gunst der Konjunktur unbedacht zu genießen, hatten mancherlei Anstoß erregt seit ihrer vollen Emanzipation. Sie haben viel beigetragen zu jener allmählichen Entwertung und Diskreditierung der liberalen Gedankenwelt, die seit dem Ausgange des 19. Jahrhhunderts eingetreten ist”. Jedenfalls, bei Trump oder Bolsonaro wollen wir bezüglich ihrer Politik und Einstellungen mal nicht so streng sein, schliesslich sind die pro Israel. Und auch “Saudi-Arabien ist wichtig für Israel”, daher…

Manchmal erfindet man das eigene Kollektiv als “liberal”, das dem “Bösen”, “Illiberalen” gegenüber steht. Die (proisraelischen) Evangelikalen in der USA aber empören sich über Waffenkontrolle/-verbote, Homsexualität, die Gleichheit der Rassen,… Der rechtskonservative Grazer Bürgermeister Nagl verteidigte einst Schwarzenegger und seine Todesstrafen-Entscheidung als Gouverneur von California; Andere sehen die Todesstrafe (zB im Iran) als Beleg für Barbarismus, welcher “dem Islam” innewohne (obwohl dort fast alle Hingerichteten auch Moslems sind). Erdogan ein „autoritärer, rückständiger, populistischer Führer”, aber Orban…und die “verweichlichten, selbsthassenden, liberalen Gutmenschen”. 2018 Verleihung des “Echo”-Preises an Farid „Bang“ El Abdellaoui (marokkanischer Herkunft) & “Kollegah”, dem “Antisemistismus” in Texten vorgeworfen wird, grosse Protestwelle (u.a. Rückgabe seines Preises von “Campino”). Über 6000 Mal wurde das Posting eines Lehrers geteilt, der von “Fremden- und schwulenfeindlicher, frauenverachtender und antisemitischer Scheiß” schrieb. Für Andere ist er einfach ein “Kanake”, wahrscheinlich auch für den neurechte Deutsch-Rapper „Koljah” (kolerikah), der gg „Kanaken” und “Neger“ sowie “Islamversteher” hetzt. Eine Dokumentation wirft der deutschen Rapszene “massiven Antisemitismus” vor; aber “Koljah” muss ja in Ordnung sein, da zionistisch.

Attacken bzw Aussagen mit klarem “Rassismus”, also die abwertende “Thematisierung” von “Rasse” und dergleichen, ist selten geworden. Man kann ja auch einfach jemand zB als “Antisemiten” oder so ablehnen. Manchmal kommt so etwas aber doch hervor, zB die Beschimpfung der italienisch-kongolesischen Ärztin und Politikerin Kyenge als “Affe” durch die Lega. Oder, wenn der “Westen” als “weiss” definiert wird, so wie von Steve King. Die fliessende Grenze zwischen „Islamkritik“ und Rassismus… Etwa bei den Kommentaren unter einem Youtube-Video über das Fussball-WM-Spiel 1990, zwischen den Teams von Niederlande und Deutschland (in Mailand): „damals spielten auch noch keine Türken und Afrikaner für uns ;)”, „1990 und 1996 die letzten Deutschen Helden. Die heutige Migrantentruppe kann man sich ja nicht anschauen. Muss man sich ja schämen, dass sowas einen Adler trägt. Aber so verfault Europa allgemein zur Multikulti Mischmasch ohne Identität.”, „Scheiß Holland!”,…155 Den Sack schlagen, den Esel meinen; sagt man, wenn jemand stellvertretend für Andere, die eigentlich gemeint sind, kritisiert wird.

“Islamische und afrikanische Invasion”

Als Dhoruba al-Mujahid bin Wahad aus der USA, ehemaliger Black-Panther-Aktivist und Mitbegründer der Black Liberation Army, 2018 in Wien reden sollte, über seinen politischen Werdegang und seine Erfahrungen als militanter Kämpfer und langjähriger Gefangener, im Rahmen einer Vortragsreihe zum Themenkomplex Kolonialismus, Rassismus und Black Power, forderte die Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH) vom veranstaltenden Institut für Afrikawissenschaften die Absage der Veranstaltung, weil der Verein “Dar Al-Janub” (israelkritisch) Mitveranstalter war. Es kam zur Ausladung, Mujahid durfte nicht reden… Veranstaltungen im Zhg mit dem “Dar Al-Janub” werden immer wieder Zielscheibe der zionistischen Szene Wiens. Eine Stellungnahme von dem Verein. Es gab in den Diskussionen in der ÖH auch eine Verwischung rassischer und anderer Ressentiments mit „Antisemitismus“-Inquisition, es ging auch um (bzw gegen) den Vortragenden und die Thematik… So wie bei den Attacken von Trump und seinen Anhängern gegen Alexandria Ocasio-Cortez und Ilhan Omar; Ocasio hat gar nichts moslemisches, hat nichts über die “jüdische Lobby” gesagt, wird dennoch auch angefeindet.

Ein dünn verhüllter Rassismus kam auch gegenüber Bilal Hassani zum Vorschein. Er hat Frankreich heuer beim Sing Contest (in Israel) vertreten. Ist marokkanischer Herkunft und eine Art Drag Queen. Mit seiner Nominierung in Frankreich begann es, er wurde von homophoben Trolls beleidigt, aber auch jenen, die ihn als nicht würdigen Vertreter Frankreichs sahen wegen seiner Herkunft. Bei Erdogan-Kritik “rutscht” auch gerne Antitürkisches und Fremdenfeindliches in Kommentare “hinein”, wird versucht diese Feindlichkeit über den Anteilnahme-Umweg zu relativieren (es ginge einem um Demokratie und Menschenrechte).156 Auf Youtube gibt es den Benutzernamen “brennendemoschee”157; ob es ihm nicht um brennende Menschen geht… “frenchlegioner” ist ein Nazianhänger, von Breivik, aber auch von Walid Shoebat. “amerasu0“ ist ein PI-aktivist, unterstützt(e) auch proNRW, pro Israel, postet von Grigat u.a. ein Video bei dessen “Kritischer Islamkonferenz”. Das was man auf Englisch “political punditry” nennt (politische Analytik), ist auf YouTube übrigens auch von Rechten dominiert, von Pat(rick) Condell bis “Carl von Akkad”.158

Beim Schuss-Attentat auf 2 Moscheen in Christchurch, NZL, heuer (~50 Tote) war der Täter ja ein Weiss-Suprematist/ Neonazi/Rechtsextremist aus Australien. Dieser Brenton Tarrant postete (auf 8chan) sein Manifest, mit dem Titel “The Great Replacement”. Bezog sich dabei vor allem auf Renaud Camus, der 2010 ein Buch mit diesem Titel herausbrachte (bei Antaios), behauptend dass ein “Bevölkerungsaustausch” im Gange sei, Frankreich von Nordafrikanern und Westasiaten “überrannt” werde. 2012 hat er Marine Le Pen in der französischen Präsidentenwahl unterstützt. Das “Konzept” des „grand remplacement“ ist mehr oder weniger dasselbe wie das der „white genocide conspiracy“, dass das weisse christliche Europa werde von Schwarz- und Nordafrikanern sowie Westasiaten (hauptsächlich Moslems) übernommen, kulturell und physisch. Es geht auf „Bat Yeor“ (Giselle Littman) sowie Jean Raspail zurück. Wurde von vielen rechten Parteien und Initiativen in Europa (hauptsächlich im westlichem) aufgegriffen oder ähnlich formuliert.

David und Giselle Littman mit Enkelin, 2009

R. Camus schrieb in seinem “La campagne de France” (2000 erschienen, in Englisch “Diary of 1994”), dass in einer Literatursendung eines französischen Radio-Senders die meisten Kritiker Juden seien und jüdische Autoren bevorzugt behandelten. Dieser Camus ist gleichzeitig ein grosser Israel-Untersützer und Alain Finkielkraut war einer jener Prominenter, die ihn (deshalb) gegen den “Antisemitismus”-Vorwurf verteidigten…159 Ein Dilemma für Manche. Jedenfalls: Es gibt diese Nähe, diese Nachbarschaft von „westliche Kultur in Gefahr“ (und diese wird in diesem Dikurs gewöhnlich als “liberal” affirmiert), „Multikulti ist Kulturrelativismus“, “weisses, christliches Europa in Gefahr“ oder „Diversität/Multikulti ist ein Codewort für weissen Genozid“. Die Querverbindungen von KKK-Leuten die vom „Genozid an Weissen“ faseln, über 1,2 Zwischenstationen zu Gisele Littman und ihrem “Eurabien“, oder zur „Gefährdung westlicher Werte“. Man sieht an diesem Camus auch wieder mal die “Einbettung” von Israel-Solidarität. Die unscharfe Abgrenzung zwischen „die antisemitischen und homophoben Muselmanen“ zu „die dunkelhäutigen Bedroher unserer Kultur und Rasse“.

Die Morde des Australiers waren rass(ist)isch motiviert, keine “Religionskritik”, und das gilt generell für Islamophobie. Also den Leuten aus moslemischen Kulturen/Ländern eine Andersartigkeit zusprechen, sie diffamieren über die (zT vermeintliche) Zugehörigkeit zu einer Religion/Ideologie, zB indem man aus ihrem Islam einen Islamismus macht. Trump sagte, “weisse Vorherrschaft” bzw das Bestreben danach sei „kein grosses Problem“; nun, er ist ein Teil dieses Problems, kein Schiedsrichter oder Analytiker. Und, es gibt Deutsche, die in gleichem Maß projüdisch sind wie gegen “Farbige”. Bei den Rechten, zB jenen in der Ukraine (s.o.) oder in Deutschland nach dem NS, zeigt sich ein scharfer Bruch in der Sicht auf die Juden; Israel lässt sich in das nationalistische Narrativ integrieren, Juden als Herrscher Israels ist das eine. Anders sieht es mit den “Diaspora”-Juden (zB jenen in der Ukraine) aus, da bleibt die Sicht auf eine “schädliche Minderheit” zT bestehen (ähnlich wie in Israel auf die “israelischen Araber”).160 Israel wiederum sieht Juden ausserhalb als gefährdete Minderheit.

Zu den “linken” Israelfreunden/Islamophoben. Die “Abgrenzung” der Grigats von den Straches geschieht, indem behauptet wird, die Rechte seien gar nicht proisraelisch (was insofern stimmt, als sie damit gewisse Ziele voran treiben wollen, aber sie haben den Charakter Israels erkannt) und gar nicht anti-moslemisch (was insofern stimmt, als Moslems bzw Islamismus oft politisch korrekter Platzhalter/Sündenbock sind für “allgemeinen” Rassismus), Juden seien viel gefährdeter/verhasster. Grigat faselt von „taktischer IL-Solidarität“ auf dieser Seite > die wahre kommt von ihm und seinesgleichen. Rechte IL-Fans bemängeln wiederum auch die „IL-Solidarität“ der (Pseudo-) Linken, beanspruchen ebenfalls Deutungshoheit darüber. Auch wird gerne behauptet, die Distanz zwischen den Rechten und Moslems/Islamismus sei nicht so gross. Und dass Weidel und Osten-Sacken unterschiedliche Feindbilder hätten.

März 17: Thomas Rammerstorfer, oberösterreichischer Grüner, der sich als „Antifaschist“ sieht, und als „Rechtsextremismus-Experte“ (von orf.at und “Falter” diesbezüglich promotet wird), hielt einen Vortrag über Extremismen und “demokratiefeindliche Bewegungen” an einem Linzer Gymnasium (BORG). Unter den Schülern war ein Sohn von FPÖ-Nationalratsabgeordneten Roman Haider, der informierte seinen Vater, der intervenierte, auch als gewählter Elternvertreter der Schule (darüber dass Rammerstorfer erwähnt hatte, dass bei der FPÖ Vertreter rechtsextremer Burschenschaften dabei seien). Es sei eine Frechheit, eine Nationalratspartei wie die FPÖ mit Extremismus in Zusammenhang zu bringen. Als der Vortragende zur Diskussion kommen wollte, wurde diese auf Weisung des Direktors abgebrochen. Aufregung über den Abbruch (v.a. bei Grünen und SPÖ OÖ). Landesschulrat-Präsident Enzenhofer sagte, wenn die FPÖ tatsächlich in Zusammenhang mit mörderischen Extremisten vom Schlage eines IS erwähnt worden sei, dann sei das nicht ausgewogen, und der Direktor habe zu Recht abgebrochen. Roman Haider sprach von einem „linksextremen Vortrag“. Ein anderer Sohn von ihm von ihm ist “übrigens” vom Bundesheer bestraft worden, weil er bei einer Veranstaltung im Parlament (Preisverleihung der FPÖ-nahen Dinghofer-Gesellschaft) in Bundesheeruniform und einer Burschenschafter-Schleife erschienen war.

Scheinheiligkeit auf beiden Seiten, die beiden, Rammerstorfer und Haider, haben einander verdient. Das kann man auch bezüglich Norbert Bolz und “Falter”-Klenk sagen. Bolz, deutscher Medienwissenschafter, wurde von Mitte-Rechts (CDU) zu rechts-aussen (nahe AfD), radikalisierte sich ab ca. 2013 über twitter, gegen „politische Korrektheit“, „rot-grünen Grundkonsens“,… Auch mit Rhetorik über „Antisemitismus“ (> Linke, Zuwanderer). Kam natürlich auf Broders “Achse des Guten”, wird von „Cicero“ gebracht. Auf Servus TV eine Diskussion über den ORF, mit Klenk als Gegenredner, Bolz mit Schaum in den Mundwinkeln; beide borniert, gefallen sich in ihren Rollen. In Teil III wird es wieder um Rechts-Links-Widersprüche gehen, bei Zionisten; ein Bild von Israel verbergen (und in Abrede stellen) oder aber stolz zeigen. Ein kleiner Vorgeschmack: www.youtube.com/watch?v=yCkFgmK1-dY&t=1s : Israel setzt gegen Palästinenser die sich gegen neue Siedlungen bzw ihre Enteignungen und Vertreibungen wehren, einmal nicht scharfe Munition ein, sondern u.a. Tränengas und eine speziell für Palästinenser entwickelte übelst riechende Flüssigkeit…

Die Kommentare (auf Englisch) darunter sind dominiert von Häme und Hass: „Scheisse zu Scheisse“, „Araber zurück nach Arabien“, „Lang lebe Israel“, „Europa sollte das gegen illegale Immigranten einsetzen“, oder: „Good job Israel. They already stink, so I’m not sure what the problem is.“. Kritisiert wird höchstens der Kommentar im Video bezüglich „excessive force“ (> „RT you pripaganda bastards”). Viele Bildschirm-Seiten nach unten ziehen sich solche Kommentare, von jüdischen und nicht-jüdischen Zionisten. Das ist die eine Spielart des Zionismus: Kommentare wie „skunk/sewer spray is to make these animals smell better“. Und die andere ist eben, Berichte über solche Einsätze als „antisemtische Diffamierung“ zurück zu weisen, die Thematisierung des Einsatzes und solcher Kommentare als „antisemitisch“, die Siedlungs (Verdrängungs-) Politik gegen die Palästinenser herunter zu spielen (nicht mehr: „Palästinenser raus“ oder „Es gibt keine Palästinenser“), sich in der Opferrolle zu verorten und Regenbogen-Flagge mit der israelischen zu kombinieren, von Homo-Rechten zu schwafeln, von „Antisemitismus“, usw. In dieser „linken“ Spielart des Zionismus werden Berichte über solches Vorgehen gegen Palästinenser auch angezweifelt (und RT als „antiisraelisch“,“antisemitisch“ deklariert), das Vorgehen das in der anderen Spielart bejubelt wird „Antisemitismus-Untersuchungen“ stürzen sich gewöhnlich auf Kommentare zu solchen Berichten/Videos und picken die „antisemitischen“ heraus und ignorieren den Kontext bzw die Grundlage dafür rundwegs, ebenso die proisraelischen.

Nun soll der Scheinwerfer der Analyse auf diese Entwicklungen zwischen den Rechten und Zionisten (auch nicht-jüdische) gerichtet werden (die auch nicht-zionistische Juden betreffen). Juden waren für Rechte das Andere (nicht zugehörig zu ihrer Nation und diese “zersetzend”), aber nun wegen Israel auch Träger eines bewundernswerten, superstarken Ethno-Nationalismus; und Verbündete gg Moslems. Es ist die Politik Israels, die antijüdische Gefühle in Europa und anderswo umgekehrt hat, hauptsächlich bei Rechten, ob aus religiösen oder politischen Überzeugungen. Mit Pro-Israel ist für Rechte auch ein Relaunch ihrer Identität möglich. Und, wenn Strache Israel/Palästina besucht, darf er überall hin reisen, im Gegensatz zu den Palästinensern.

„Rechtsextremes Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft angekommen“ > gut oder schlecht für Zionisten? Denn das bedeutet in der Regel Islamophobie, Nationalismus, gg Multikulti, Pro-Israel, Bündnisse mit der israelischen Rechten161,… Ramzy Baroud: “Israel is unabashedly exploiting the unmitigated rise of global neo-fascism and populism. Worse, the once perceived to be anti-Semitic trends are now wholly embraced by the ‘Jewish State’, which is seeking to broaden its political influence but also its weapons market. Politically, far-right parties understand that in order for Israel to help them whitewash their past and present sins, they would have to submit completely to Israel’s agenda in the Middle East. And that is precisely what is taking place from Washington, to Rome to Budapest to Vienna … And, as of late, Brasilia.”

Daniel Pipes freut sich, dass Europa “sich auf seine Wurzeln besinnt”, FPÖ, BNP, VB, FN, PVV,… sollen Moslems Einhalt gebieten, schreibt von “Indigenous Europeans”.162 Kampf gegen Rechts? Broder lacht darüber. Nur wenn eine dieser Gruppierungen dann noch nicht ganz auf Pro-Israel-Linie ist163 oder doch wieder etwas antijüdisches/judenkritisches sagen…- die Hohmann-Grenze. Oder wenn einer doch “Kontakte zu Moslems” hat. In der Logik in der “kruden Allianzen” (im aktuellen wie im historischen Kontext) “geortet” werden, geht es ja nach dem Motto “Zeig mir deine Freunde und ich sage dir, wer du bist”. Aber bei Strache zB wird die Sache ja so hin gedreht, er sei geläutert, hätte seine Partei gesäubert, würde nun gg AS vorgehen, hätte einen Schritt in die richtige Richtung gemacht…bekommt Respekt und Anerkennung dafür, das Pro-Israel, Pro-Juden sage etwas GUTES über ihn aus, nicht etwas SCHLECHTES über Israel und den Diskurs der ihm nutzt.

Ja, Israel-Begeisterung der Rechten (und rechter Pseudoantifaschismus) wird als Läuterung bzw notwendige Schutzgewährung vor den Bösen dargestellt/aufgefasst… Als ein “positives Signal” wertete IKG-Chef Deutsch die „positiven Bekenntnisse zu Israel“ im Regierungsprogramm von FPÖ-ÖVP. „Israel kann es sich nicht leisten, einen Krieg zu verlieren“, wiederholte Deutsch die zionistischen Propaganda-Mantras. Israel brauche daher internationale Unterstützung. Für seine Besatzung? Dennoch sei der rechtsextreme Antisemitismus nicht ausgestorben. „Frage, ob man der neuen Seite der FPÖ trauen könne“, redet von NS-Erbe, Antisemitismus bei FPÖ, 2 Gesichtern, Straches Glaubwürdigkeit, „Er versucht nämlich, mit einem Hintern auf zwei Hochzeiten zu tanzen“. Über die Moslemophobie oder den anderen Rassismus der FPÖ (> Aussagen zu David Alaba, Cesar Sampson,…) gar nichts164, die FPÖ wird stattdessen verdächtigt, nicht philosemitisch und proisraelisch genug geworden zu sein, mit den Moslems (weiter) unter einer Decke zu stecken.

“Mit einem Hintern auf zwei Hochzeiten tanzen“ – kann man auch über die IKG sagen, nicht nur wegen Lasar und so…bzgl Israel und Minderheiten wird etwas Anderes verteidigt/gefordert/unterstützt als für sich in der Diaspora. Es werden gelegentlich Stellungnahmen gegen die FPÖ abgegeben, aber es wird ihr nicht in die Parade gefahren wenn sie sich zB mit einer Veranstaltung zum “moslemischen Antisemitismus” (Teil IV) profilieren möchte, im Gegenteil. Kritisierst du mein Israel nicht, vergebe ich dir deine Nazi-Vergangenheit und bist du kein Rechtsextremist mehr, diese Absolution wird immer wieder erteilt. Und der “altmodische” europäische Rechtspöbel ist fein raus. Auf anderen Ebenen ist es ähnlich: Die iranischen Mujahedin-e Kalq (MEK) waren früher nicht nur gg die USA, auch gg IL, gg den Schah, für Saddam, nun… Jene die sich das Pro-Israel gross auf die Fahne heften, geben in der Regel auch vor, sich mit dem NS und dem Holokaust auseinandergesetzt zu haben, Lehren aus ihm gezogen zu haben, dieser Ideologie entgegen zu treten…das Gegenteil ist aber der Fall. „Pro-Israel“ dient zur Rechtfertigung bzw Garnierung rechter Politik/Haltungen.165 Und, die Avancen der Rechtspopulisten in West- und Osteuropa werden von zionistischer Seite sehr wohl “erwidert”, man muss nur an die israelischen Berater von Vadim Tudor (s.o.) denken.

Die Zeitschrift „Datum“ brachte mal einen Artikel über Funktionäre des FPÖ-Jugendverbandes RFJ, denen Kritik an israelischen Militäraktionen schwer angekreidet wird, viel mehr als verhetzende Aussagen über Immigranten; ein ander’ Mal über die Geschäfte, die Österreicher, die mit dem bösen Iran machen. „Malmö“ schreibt über „Antisemitismus“ bei den mexikanischen Zapatisten, aber über Trump und seinen überbordenden Rassismus… “Danny” Leder, “Kurier”-Korrespondent in Frankreich, läuft immer zu grosser Form auf, wenn er über Juden als Opfer der Moslems in Frankreich schreibt. „Wenn Juden und Muslime für die FN stimmen, sind vielfach die selben Gründe wie für die restliche Bevölkerung ausschlaggebend, also etwa die aktuelle Jobkrise oder die Angst vor Kriminalität. Aber ein Teil der jüdischen Wähler sehen in der FN auch eine Antwort auf die oben beschriebene Bedrohung durch radikalisierte junge Muslime. Während auf Seiten der muslimischen Wähler ein Teil, nicht zuletzt aus Aversion gegen Israel, die Judenfeindschaft von Jean-Marie Le Pen attraktiv finden.“ Die Juden Frankreichs seien ggü Vereinnahmungsversuchen der FN standhaft geblieben, Rassismus unter ihnen sei ein Anathema. Dieudonne Mbala Mbala wird dagegen als im Bunde mit FN, Nazis, Islamisten gg Juden dargestellt.

Ex-IKG-Chef Ariel Muzicant (heute EJC) über die neue FPÖ: „Dessen kann man sich leider nicht erwehren. Die sind einfach draufgekommen, dass es nicht mehr fesch ist, Antisemit zu sein, und versuchen jetzt, diesen braunen Fleck auf der weißen Weste loszuwerden. Gott soll mich behüten vor solchen Freunden“. Fast genau so hat Strache formuliert, als er von der Unterstützung von Seiten Neonazis wie Honsik angesprochen wurde… er könne sich gegen eine solche Unterstützung nicht wehren (und das selbst als klare Abgrenzung von Honsik gewertet). Und weiter: “Eine Partei, die rechts vom Zulässigen steht, die fließende Verbindungen zum Rechtsextremismus und Nationalsozialismus und gleichzeitig mit dem Iran Verbindungen hat und ein Naheverhältnis zu einem Herrn Friedmann166, hat, der regelmäßig in den Iran fährt, vom Iran bezahlt und ausgehalten wird.” Es gibt genug Verbindung von westlichen (auch österreichischen) Rechten zu Israel/ dem Zionismus, anstatt dies zu thematisieren, wird verlangt dass die Rechten noch zionistischer werden… “Auf der einen Seite schimpft man gegen die Moslems in Wien, auf der anderen Seite versucht man mit irgendwelchen Mullahs Geschäfte zu machen.”. Da ist sogar etwas dran, Rechte/Rechtssextreme reden manchmal im heimischen Zhg von „Kanaken“ und dergleichen, sehen die Dinge bzgl deren Herkunftsländern anders.

In diesem Zusammenhang müssten aber auch jene Rechten (wie Orban) thematisiert werden, die Israel unterstützen (teilweise glorifizieren), auf Juden in ihren Ländern (der “Diaspora”) aber eine ganz andere Sicht haben. Und, jene islamophoben Israel-Freunde, die bei Saudi-Arabien plötzlich ganz “still” werden… Anlässlich einer der erwähnten Antisemitismus-Konferenzen schlug Muzicant alarmistische Töne an167, streute der Kurz-Strache-Regierung Blumen (In Sachen “Antisemitismus” sei die österreichische Situation „Gott sei Dank eine der besten in Europa“)168, nannte als Quelle des AS in Österreich Flüchtlinge, Israel-Feindlichkeit sowie (“einen immer stärker werdenden”) Rechtsextremismus. Die Rechtsextremen von Ungarn bis Schweden sind aber alle pro-Israel, das kehrte er unter den Tisch, und das ist ja, was zählt (nur nicht die alarmierende Situation der Palästinenser zB im Jordantal oder Hebron thematisieren); mit dem Verweis auf Flüchtlinge (vielleicht hat er auch Immigranten generell erwähnt) sandte der EJC-Vizepräsident wieder Signale an die FPÖ > Sucht euch andere Feindbilder, so lange ihr die habt, ist es OK.169

Mit Kurz und Strache gemeinsam Anti-Rassismus desavouieren… Muzicant war vor 00/01 ziemlich moderat, schlug dann (einem Trend folgend) einen rechtszionistischen Kurs ein, einen sehr chauvinistischen. Juden stellt er, entgegen den Realitäten, als ganz schlimm bedroht dar, über Strache in Jerusalem und dergleichen schweigt er sich aus, ebenso wie meistens über die Feindbilder der FPÖ (und Vieler in  ÖVP,…) kritische (realistische) Thematisierung von Israel/Palästina gestattet er keine. Der FC-Israel-Fanklub-Chef in Österreich wird Kritik an Israel nicht aussprechen selbst wenn er dort etwas Kritisches sehen würde. Aber Journalisten fragen ja immer wieder nach Einschätzungen zum “Nahost-Konflikt”…und Musikant sitzt in DÖW, Wiesenthal-Institut, Mauthausen-Komitee. 2006 Muzicant im Interview mit Chili TV, z Zt des “Libanon-Kriegs”: “Die Türken (in Österreich) sind weniger aufgehetzt (als die Araber) durch Al-Jazeera und ähnliches, während die hauptsächlich aus Nordafrika stammenden Araber aus Frankreich durch die Beeinflussung der arabischen Medien aufgehetzt werden. In Frankreich leben sie in Vororten, wo sie wie in Ghettos gehalten werden, weder sozialisiert noch integriert sind und einer sehr großen jüdischen Bevölkerung gegenüber stehen”…Allein über den ersten Satz (und seine Konnotationen) müsste man eigentlich ausführlich reden.

Weiter: “Zu den Moslems in Österreich haben wir eine hervorragende Beziehung. Wenn es Probleme beim Schächten gab oder wenn  die FPÖ ihre üblichen Hasstiraden losgelassen hat, dann waren wir es, die aufgestanden sind, um diese Attacken gegen Moslems zu bekämpfen. Unabhängig davon, dass es auch hierzulande 5.000 bis 10.000 Moslems gibt, die mit Hasstiraden gegen Israel herum marschieren”…Die IKG unter Muzikant hat etwa Veranstaltungen von “stopthebomb” mitveranstaltet und unterstützt. Den Hass sieht er, bzgl Österreich und generell, nur auf der einen Seite…hängt den Hass und die Vorurteile immer der Gegenseite um, man selbst sei so gutwillig und tolerant und friedenswillig170…”Ich bin überzeugt davon, dass irgendwann der Tag kommt, an dem es den Müttern wichtiger ist, dass ihre Kinder leben und eine Zukunft haben. In Israel ist das so. In den arabischen Ländern und vor allem unter den Palästinensern ist scheinbar „das sich Umbringen“ und möglichst viele junge Frauen mit in den Tod zu reißen eine ganz tolle Tat.”…Zu der solchen Aussagen zu Grunde liegenden Denkweisen im nächsten Teil einiges. Es ist sein Chauvinismus, seine Aufgehetztheit; es gibt aber auch Juden/Zionisten, die zu ihrer Verachtung stehen (siehe die Kommentare zum “Sprühattacken”-Video).

“Die Israelis sind aus dem Gazastreifen abgezogen und haben den Palästinensern die ganzen Gewächshäuser überlassen. In der Hoffnung, dass sie dort Jobs schaffen. Sie haben von dort Raketen geschossen und jetzt ist alles kaputt. Wenn sie schießen, schießen wir zurück. Man hat das Gefühl, die Palästinenser müssten ehrenhalber einmal einen Krieg gewinnen, damit sie Frieden machen können. Nur das Risiko können die Israelis nicht eingehen…”…Einen Abzug nach 38 Jahren Besatzung als grosszügig darzustellen…das Elend Gazas begann mit der Nakba, als Palästinenser aus vielen Teilen des südlichen Palästinas dorthin flüchteten, und es hörte mit dem Abzug der Siedler und Soldaten nicht auf… “…werden die Israelis solange hinhauen, bis die Bombardierung Nordisraels aufhört und die Menschen in Haifa nicht in ständiger Terrorangst leben müssen. Sensibel kann man vorgehen, wenn man in Mitteleuropa lebt. Im Nahen Osten wird ein sensibles Vorgehen als Schwäche ausgelegt“…Darüber könnte man auch lange analysieren, momentan nur soviel: es ist Muzicants Art zu zeigen, dass er von dieser Region, diesem Konflikt nichts versteht (oder absichtlich verdreht), und seine Art, Verachtung zu zeigen.171

“Wenn die säkularen und geistlichen Führer der Muslime nicht gegen die Sympathisanten des Terrorismus vorgehen, werden wir uns in einigen Jahren in einem furchtbaren Kulturkrieg befinden, der sich auch auf den Straßen abspielen wird. Die europäischen Bevölkerungsteile werden es nämlich nicht akzeptieren, dass immer wieder Terroristen aus den Reihen der islamischen Glaubensgemeinschaft Terrorakte verüben”…die Führer der Muslime, die europäischen Bevölkerungsteile…”Zunächst wirkt der Underdog-Effekt – die Palästinenser werden als die armen Schwachen wahrgenommen und die Israelis als die bösen Starken…”…>jene die sich auf Seite Israels stellen weil diese als SIEGER (über Araber/Orientale) wahrgenommen werden, und die sie als underdog ggü Arabern/Moslems wahrnehmen (man muss nur einmal die Kommentare auf “DerStandard” lesen, oder nachlesen wie man in Apartheid-Südafrika Israel gesehen hat (bzw seine Nostalgiker heute noch)…”Ich bin Österreicher und Jude und kann die israelische Politik nicht bestimmen”…”Eine Anerkennung bringt den Palästinensern gar nichts – außer dass ein paar Extremisten auf der israelischen Seite Gegenmaßnahmen verlangen werden. Und wenn nach der Anerkennung real nichts passiert, wird es unter den Palästinensern zu massivem Frust kommen. Und Frust hat sich dort noch immer in Gewalt entladen”…darin steckt auch so viel Verdrehung, dass man kaum glauben kann, dass er das wirklich glaubt. Wiegesagt, der Fanklub-Chef wird immer versuchen, seinen Verein in ein günstiges Licht zu stellen…(über Friedenswillen) “Wie ich höre, sind 80 bis 90 Prozent der Israelis dieser Meinung. Ähnliches höre ich aber nicht von der palästinensischen Seite“…wo er Sachen hört Israel/Palästina betreffend…und was er daraus macht. Der Besatzer, der kann leicht sagen, ich bin für den Frieden, fürs Verhandeln, wenn man diese endlos hinaus zieht, ohne substantielle Zugeständnisse. Israelis oder andere Juden können (zB) in Tel Aviv demonstrieren, auch für Frieden mit den Palästinensern, wenn Palästinenser (zB) in Hebron auf die Strasse gehen, müssen sie damit rechnen, niedergeschossen zu werden.

“…die Zivilbevölkerung in Gaza kriegt keine Bomben auf den Kopf; Das war die Antwort auf Tausende Raketen, die auf Israel abgefeuert wurden. Das war eine Reaktion, keine Aktion”…Nur eines dazu: Eine Rakete (italienisch rocchetta) ist ein Flugkörper mit Rückstossantrieb (Raketenantrieb). Raketen werden als militärische Waffe, in der Raumfahrt oder als Feuerwerkskörper eingesetzt. Das was von palästinensischen Milizen aus dem Gaza-Streifen nach Israel hineingeschossen wird, sind keine Raketen…”Es waren 23 000 Israelis in den vergangenen 60 Jahren. Es gab sicher mehr Araber unter den Opfern, aber keiner der Kriege wurde von den Israelis begonnen.”…das stimmt natürlich auch nicht…”Palästinensische Kinder rennen herum und rufen: ‘Tod allen Juden!'”… Anhänger von Liebermans Partei YB (und vieler anderer Parteien) skandieren in Wahlkämpfen Slogans wie „Tod den Arabern!“. Davor verschliesst Muzikant natürlich auch die Augen. Bei ihm ist ein komplettes Ausblenden des Rassismus’ und der Hetze der (pro)zionistischen Seite festzustellen, ein komplettes Ausblenden dessen was die israelische Politik für Palästinenser bedeutet, dafür jede Menge Verharmlosung dazu.172 Aber, sein feuriger Zionismus kommt immer auf zivilisiert-friedlich daher.

Ein “Profil”-Interview 2010/11, wiederum seeehr viele Kommentare zu “Israel” und “seiner Region”, die viel über ihn aussagen, in denen er wieder ein grosses Repertoire von Ressentiments ausspie: Muzikant sieht den Arabischen Frühling (die Bemühungen der Menschen in den arabischen Ländern) „mit Sorge“, wie Zionisten generell. „Der ägyptische Präsident Mubarak war zwar kein Freund, aber ein vertragstreuer Partner Israels. Die Frage ist, ob diese Vertragstreue jetzt auch weiterhin eingehalten wird“. Normalerweise führten Demokratien zu weniger Kriegen, „aber bei dem, was wir jetzt sehen, sind wir von Demokratie noch Lichtjahre entfernt“. Und es hat laut Muzicant im Nahen Osten immer die Strategie gegeben: „Wenn es mir schlecht geht, führe ich Krieg gegen Israel, um von meinen eigenen Problemen abzulenken.“ Diese Möglichkeit sei auch jetzt „so unwahrscheinlich nicht“. Zu den Revolutionen in mehreren arabischen Ländern, die entgegen allgemeinen Erwartungen nicht unter der Fahne der Islamisten stattfanden, meinte Muzicant: „Warten Sie bis zu den ersten Wahlen. Dann haben Sie überall 35 Prozent Islamisten in den Regierungen.“ Zugleich bekräftigte Muzicant seine Kritik an der Unterstützung eines Palästinenserstaates durch SPÖ, Grüne, FPÖ und BZÖ. Er werfe ihnen vor, „dass sie gar nicht wissen, wofür sie hier eigentlich eintreten.“ Viele österreichische Politiker seien ahnungslos, was das betrifft. „Sie brauchen nur einmal schauen, was die radikal-islamische Hamas im Gazastreifen anrichtet: fast keine Pressefreiheit mehr, Menschenrechtsverletzungen, die niemanden aufregen. Wenn Sie von einem palästinensischen Staat reden, dann kann mir niemand garantieren, dass das nicht genauso in der Westbank passiert“, unkte Musikant. “Die Araber haben drei Kriege begonnen – 1948, 1967 und 1973 – und alle drei verloren. Die Konsequenz verlorener Kriege sind Grenzverschiebungen, das ist nun einmal so..Ich bin dagegen, dass es am Ende heißt, es dürfen etwa in Hebron, von wo 1929 viele Juden blutig vertrieben wurden, keine Juden leben. Es kann auch nicht sein, dass die Waffenstandslinien von 1967 die Grundlage des palästinensischen Staats wären und keine Juden in Ostjerusalem leben dürfen.” “Selbst die Theorie ist schon schlecht, aber selbst wenn sie gut wäre, wird in der Praxis etwas ganz anderes geschehen.”

Gerade war das Problem mit dem Palästinenser-Staat noch gewesen dass dieser ungünstig für die jüdischen Siedler sein würde, nun geht es um dortige Demokratie, macht er sich darüber “Sorgen”…Was Mubarak für die Ägypter war, spielt keine Rolle, nur, was sein Sturz möglicherweise für Israel bedeuten könnte. Diese Haltung zum Arabischen Frühling (der gescheitert ist, aber gezeigt hat, dass die Bevölkerungen dieser Länder bereit sind, für ihre Demokratisierungen zu kämpfen) gibt Aufschluss über die zionistische “Unterstützung” der iranischen Demokratie-Bewegung (bzw Vereinnahmung, so wie im Film “Iranium”)… “Die Konsequenz verlorener Kriege sind Grenzverschiebungen, das ist nun einmal so.” – Ja, als Nazi-Deutschland Polen überfiel (auch, weil es dort Deutsche gab), verleibte es sich einen grossen Teil dessen Territoriums ein, die SU unter Stalin die baltischen Staaten, Rest-Jugoslawien unter Milosevic versuchte das mit Teilen Kroatiens und Bosniens, Putin hat die Krim Russland einverleibt, Irak unter S. Hussein wollte Kuwait kassieren,… Etwas zu besetzen und annektieren ist eine Sache, glücklicherweise hat das in der Geschichte nicht immer Bestand.

Komisch, dass jene die die irakische Invasion von Kuwait unbedingt mit einer amerikanischen Militärintervention “abgegolten” haben wollten (nicht weil es ihnen um Kuwait und die Kuwaiter ging…), die Resultate des israelischen Angriffskriegs auf Jordanien, Ägypten, Syrien mit der selben Vehemenz einfrieren möchten. Ja, Kuwait hat diesen Krieg im Sommer 1990 verloren und Saddam Hussein wurde auch deshalb dann zu einem “neuen Hitler” gemacht… In dem Satz mit den “verlorenen Kriegen” steckt ja auch ein gewisser Hohn, ein gewisses Feixen…das werden wir uns auch im nächsten Teil genauer ansehen. Und dann die Aussagen über die besetzten Gebiete… Er verdreht das Problem mit der Besatzung, mit den Siedlungen, mit der ethnischen “Säuberungen”. Bewusst oder aus Ahnungslosigkeit (man kann davon ausgehen, dass seine “Quellen” nicht die objektivsten sind). Es ist dies so geläufig, dass man sich fragen muss, ob da Einer vom Anderen nachbetet/abschreibt. Netanyahu-Sprecher Gendelman: „Are Jewish communities in judea&Samaria the obstale[sic] to peace or is it the PA’s demand for ethnic cleansing[!]?“. Avigdor Lieberman: “Die Siedlungen ein Problem? Palästina darf nicht judenrein werden”. Eldad Beck, ein Israeler in Berlin, verteidigt ebenfalls die Siedlungen, mit dieser Rhetorik. Diese seien nicht das Hauptproblem von Nahost, erzählt das Märchen vom Siedlungsstop unter Friedensfürst Netanyahu (sei schwierige Situation wg Regierungspartner YB), IL habe unglaubliche Kompromisse gemacht, habe mit Gaza und Sinai schon 2x gezeigt “dass Siedlungen nicht das Problem seien”,…

Das ist so, wie ein mehrfacher Entführer damit protzt, dass er schon 2x seine Opfer wieder freigelassen hat…anstatt sich damit auseinander zu setzen, dass er diese Entführungen 173 begangen hat. Wir werden im nächsten Teil noch eingehender zu Israel kommen, hier nur soviel: Israel vertreibt Palästinenser, um neue Siedlungen zu schaffen oder bestehende auszubauen. Palästinenser dürfen dort nicht leben, höchstens untergeordnete Arbeiten verrichten. Israel kontrolliert de facto 100% des historischen Palästinas, auch den Gaza-Streifen. Juden sind überall in einer privilegierten Position ggü Nicht-Juden. Es ist Israel, das kein Zusammenleben mit Palästinensern auf gleicher Ebene will, da nutzen auch keine Nebelgranaten. Die Siedlungen sind nur für Juden, sind auf Kosten der Palästinenser, und dann kommt das Gezeter mit “judenrein“, die Umdrehung der Apartheid-Realität in IL/Palästina,… Das ist das, was Awraham Burg thematisiert hat (am Ende des Teil I darüber). Der Siedler Baruch Goldstein, der 1994 30 Palästinenser mit seinem “Galil”-Sturmgewehr tötet, liess sich auch mit einem Nazi-Judenstern ablichten. Er sorgte ja nur dafür, dass Hebron nicht judenrein wird.

Die Verwendung “judenrein” in diesem Kontext kam auch von Netanyahu… Muzicant reagierte 2012 erbost auf die Haltung der österreichischen Parlamentsparteien, die – mit Ausnahme der ÖVP… – den palästinensischen Anspruch auf Anerkennung als Staat und UNO-Mitgliedschaft befürwortet haben 2012. Darüber im Israel-Apartheid-Artikel schon etwas. John Bunzl, Nahost-Experte am Österreichischen Institut für Internationale Politik, hat die Muzicants Kommentar kommentiert. Dessen Wortwahl erinnere ihn an die Diktion und Demagogie der israelischen Rechten; die Anerkennung eines palästinensischen Staates durch die politischen Parteien sei “tagespolitisch legitim und aus diplomatischer Sicht richtig”. Dass die Palästinenser einen Antrag auf Mitgliedschaft in der UN gestellt hätten, entspreche einem “Schritt der Verzweiflung” und habe keine “antisemitischen” Motive, wie sie in der Stellungnahme der Israelitischen Kultusgemeinde Wien unterstellt werden. Auch Doron Rabinoviczi kritisiert, im “Standard”, die Muzicant-Tirade, wies auf jene Israelis hin, die für eine 2-Staaten-Lösung bzw die Anerkennung einer palästinensischen Unabhängigkeit sind, wie Yehuda Bauer, Amos Oz.174

Im Zusammenhang damit sei auch darauf hingewiesen: Wer stellt die Verbindung Juden-Israel her? Die “Antisemiten” oder die IKG, wie mit dieser Stellungnahme ihres Chefs zur österreichischen Aussenpolitik… wenn es um Anerkennung von Rest-Palästina als Staat geht,… Als Muzicant, der ja nun als EJC-Vizechef gg IL-Kritik wirkt, vor einigen Jahren als IKG-Chef abtrat, gab es in den österreichischen Medien nur Hagiographien, im “Standard” ein Interview, mit eigentlich nur einer kritischen Frage, nach seinen “Attacken” auf die FPÖ. Zu fragen wäre nach den Anlässen gewesen, bei denen er der FPÖ nicht entgegentrat und seiner eigenen Hetze, wie in den genannten Interviews. In der österreichischen Öffentlichkeit kommen zu ihm nur entweder vulgäre mehr oder weniger direkt antijüdische Attacken wie jene von Haider 01, einen “Spass” mit seinem Namen, als ob es nichts Anderes an ihm auszusetzen gäbe; oder eben einen Glassturz über ihn, und gerade noch höflich nach der “Meinung”/”Expertise” zu “Nahost” gefragt, die unwidersprochen hingenommen werden. Muzicant ist dort zu kritisieren, wo es angebracht ist, also bei seinen chauvinistischen Verdrehungen im Kontext mit Israel/Palästina und seinem diesbezüglichen Lobbyismus.

Es gab ja nicht nur Lasar in der FPÖ, ein anderer prominenter Jude war Peter Sichrovsky, linker” “Standard”-Ressortleiter, dann FPÖ-Generalsekretär und -Abgeordneter. Beim Fussballmatch der Auswahlen Österreichs und Israels 2001 (als ORF-Reporter Huber u.a. mit Steinen beworfen wurde) war er neben Vizekanzlerin Riess-Passer auf der Ehrentribüne, jubelte bei Andreas Herzogs spätem Ausgleichstor frenetisch. 2005 verkündete er, jahrelang für den Mossad spioniert zu haben; als dies (den Gesetzen entsprechend) für ihn Konsequenzen zu haben drohte, widerrief er diese Aussagen wieder. Heute ist er bei den Kommenaren unter den Artikeln des “Standard” unter seinem Klarnamen zionistisch-chauvinistisch unterwegs. Als er zur FPÖ ging, wurde er von Muzicant kritisiert; das war zur Zeit der ÖVP-FPÖ-Regierung unter Schüssel, als die Annäherungen zwischen den Rechten und Israel noch nicht so weit gediehen waren. Sichrovsky nannte Muzicant einen “Berufsjuden“, der seinen toten Verwandte ausnütze, um im TV zu erscheinen, “unendlich geldgierig” und “unendlich reich” sei.

Eine Jillian Becker beschrieb die RAF als “Hitler’s Children” (> Täterenkel, -erben), es gibt weitere ähnliche Einstufungen. Diese Becker ist eine Jüdin aus Südafrika, die nach GB, dann USA ging, als “anti-kommunistisch“ eingestuft wird, was eine Art Black Box war, in der alles Mögliche versteckt werden konnte, bei ihr ist es eine Form des „Westismus“, der mit dem Ende des Kalten Kriegs etwas umdeklariert wurde. Sie attackierte nicht nur die Baader-Meinhof-Gruppe, sondern auch weisse Apartheid-Gegner wie Nadine Gordimer (die ebenfalls Jüdin war), ein Zustand in ihrem Herkunfts-Land der sie kalt liess. Und ist dem rechten Zionismus verbunden; war angeblich mit der israelischen Armee 82 bei der Invasion im Libanon dabei, schrieb dann ein Buch gg die PLO (das Apologie-Buch zum Krieg), erschienen bei Weidenfeld & Nicolson. Und sie gibt sich als „Terrorismus-Expertin“ aus, war 1984 bei einer “Terrorismus-Konferenz” von/mit Netanyahu (“Jonathan Institute”), B. Lewis, G. Schultz, C. Krauthammer,…; gründete das “Institute for the Study of Terrorism” (IST). Ist in der britischen konservativen “Freedom Association” aktiv.

Aber wie verläuft die Kontinuitätslinie wirklich? Die NS-Vergangenheit Kiesingers, Schleyers,… und die Verdrängung, gegen die sich 68er-Bewegung engagierte… Aus ehemaligen Nazis wurden grosse USA-Freunde, ob von Braun, Gehlen oder Franz J. Strauss, der es in der Wehrmacht nur bis zum Oberleutnant gebracht hatte. Jene, die der damaligen radikalen Linken ihren Antizionismus vorwerfen, wollen darüber hinweg täuschen dass es auf der Gegenseite die Kontinuitätslinie vom NS in die an die USA angelehnte BRD, zur Israel-Begeisterung, zum Westismus gab.175 Franz J. Strauss 1969: „Ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen erbracht hat, hat ein Recht darauf, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen!“. Der Mitbegründer und langjährige Vorsitzende der CSU wollte eine deutsche Atombombe.176 Im BT-Wahlkampf 1980 (als er Spitzenkandidat von CDU/CSU war) rück-beschimpfte er linke Demonstranten/Gegner als „Nazis“ bzw versuchte, sie zu belehren wer das wirklich sei. Seine Unterstützung von Apartheid-Südafrika und Israel war nur logisch angesichts seiner Weltanschauung.

Die juristische Aufarbeitung von NS-Verbrechen in Österreich und der BRD wurde dadirch behindert, dass die Justiz und die Politik in diesen Staaten von ehemaligen „NS-Juristen“ infiltriert war. In der BRD waren das zB Globke, Filbinger, Rehse, Fränkel, in Österreich Hermann Hiltscher: Nazi der ersten Stunde, Ermittlungsrichter am NS-Volksgerichtshof, 45 zwangspensioniert, dann mit Hilfe von ÖVP und Katholischer Kirche ans Oberlandesgericht Wien gebracht, wo er bis 1968 wirkte. Anscheinend war da doch ein „kleines Durchlüften“ notwendig. Der Autor und Literaturwissenschafter Hans E. Holthusen publizierte 1966 im „Merkur“ seinen Erinnerungsbericht „Freiwillig zur SS“177; er trat 1983 aus der Berliner Akademie der Künste aus, nachdem die Akademiemitglieder Günter Grass und Heinrich Böll sich seiner Meinung nach zu stark politisch engagiert hatten, etwa durch ihre Kritik am NATO-Doppelbeschluss… Die antikommunistische Guerilla, die es in der Nachkriegszeit überall in Osteuropa gab, besonders die in Rumänien und Bulgarien, war stark mit ehemaligen Faschisten und NS-Kollaborateuren durchsetzt.

Zu Daniel Cohn-Bendit, der ein Softcore-Zionist wurde, kamen 1968 bei seiner Ausweisung aus Frankreich nach Westdeutschland Rufe wie „Cohn-Bendit nach Dachau“. Ulrike Meinhof, eine radikale Kritikerin an der BRD, stellte zB Nachforschungen über NS-Täter Karl Wolff (der in der BRD „aufgegangen“ war) oder das Verhalten von Bundespräsident Lübke in der NS-Zeit an. Nach dem Sieg Israels in seinem Angriffs-/Eroberungskrieg 1967 (den Medien der BRD als Blitzkrieg feierten) bekräftigte Meinhof noch ihre Solidarität mit Israel, verband dies mit Kritik an der neorechten IL-Soli, war anscheinend für einen Rückzug Israels auf die Vorkriegsgrenzen178; Klaus R. Röhl von dem sie sich in diesem Jahr trennte, sah die Gründung Israels als Besetzung eines fremden Landes. Das Olympia-Attentat 72 lobte sie vom Gefängnis aus, auch seine Austragung in der BRD, nannte dabei Dayan den „Himmler Israels“, kritisierte den Befreiungsversuch, die „Instrumentalisierung“ der Sportler durch Israel > dafür bekommt sie, bis heute, besonders viel Kritik.

Nach ihrer Festnahme 72 wurde sie zur Untersuchung in ein Krankenhaus gebracht, dort wurde von Anwesenden Bedauern geäussert, „keinen Hitler mehr zu haben“ (Quelle: Diewald-Kerkmann). Derartige Kommentare von Stuttgartern wurden auch von TV-Kameras aufgezeichnet, anlässlich des Selbstmordes on Baader & Co 77. Hermann Witter war bei der NSDAP und deren Berufsverbänden, durfte dann auch Schäden von NS-Opfern begutachten (> das war genau jene BRD, die Meinhof & Co bekämpften), sollte auch Meinhof begutachten, einweisen, untersuchen, behandeln… SS-Untersturmführer Hanns M. Schleyer war einer wenigen Ex-Nazis unter den Opfern der RAF; Stefan Wisniewski: „Er musste nie für die Nazizeit bezahlen oder Rechenschaft ablegen“. Nun, er machte als Wirtschafts-Manager weiter. Anne Ameri-Siemens beschäftigt(e) sich nicht mit den Untaten von Schleyer in Tschechien, sondern mit jenen der RAF (Film „Wer gab euch das Recht zu morden?“). Tja, und Alex. Strassner, Jg 74, bayerischer Politologe, bei Oberreuter gelernt179, ist auch so ein „Experte für Terrorismus“, wird in vielen de.wiki-Artikeln rund um die RAF promotet.

Der ehemalige RAF-Mann Dellwo (in der „Taz“) war 2009 einer jener, die sich empörten dass Antiimperialisten in Hamburg die von „Anti“deutschen organisierte Vorführung des Films „Warum Israel“ von Lanzmann störten (um an die tägliche Schikanierung der Palästinenser durch dieses Israel zu erinnern sowie ihre von deutschen IL-Fans unter Beschuss genommenen Räumlichkeiten zu verteidigen). Dellwo war dabei in Gesellschaft mit Broder („Judenboykott“), Lanzmann selbst, „Die Welt“, BAK Schalom,… Lars C. Ehlers alias Lars Quadfasel, ein „Anti“deutschen-Führer, zeigte einen Antifaschisten180 an, weil ihn dieser bei einem Gerangel vor dem Kino geschlagen und bedroht habe; die Justiz liess ein Verfahren wegen „gefährlicher Körperverletzung“ zu, aufgrund des öffentlichen Drucks. Nicht nur Dellwo hat sich gedreht (angepasst), bei „Jungle World“ und „konkret“ schreiben dieselben Leute (z.B. Oliver Tolmein), die einst dem Antiimperialismus der RAF noch ein ziviles Sprachrohr boten, heute gegen „Antiamerikanismus“.

Der israelische Gesandte in der BRD, Meroz, warf in seinen Memoiren den Grünen „Antisemitismus“ vor, was darauf zurück zu führen ist, dass diese damals aus dem kultur-(und menschenrechts-) relativistischen BRD-Konsens bezüglich Israel-Palästina etwas ausscherten. Was sich behauptet hat, ist die von Strauss oder Gehlen begründete Zusammenarbeit dieser Staaten, bzw, diese „Denkrichtung“ hat sich in der BRD durchgesetzt. Beate Klarsfeld ging gegen alte Nazis vor, ohrfeigte Kiesinger, doch an diesem Konsens und rechten Israel-Fans in Deutschland hat sie nichts auszusetzen – so wie anscheinend an Pinochet nur wegen dessen Schutz für Altnazis, nicht wegen dieser Diktatur an sich.

Zum Abschluss nochmals Südafrika. Apartheid-Premier Hendrik Verwoerd sorgte 1960 dafür, dass südafrikanische Medien den Beginn der Krise im Congo nach dessen Unabhängigkeit von Belgien auch grosszügig ausschlachten, dahingehend dass es in Südafrika ähnlich laufen würde bei einem Ende der Apartheid – was er auf die damalige Kritik an der Apartheid (auch aus dem Westen, auch aus GB) „hin-lenkte“. Das ist die Rhetorik, die von/in Israel ggü der Möglichkeit von Entgegenkommen ggü den Palästinensern dominiert (allen voran bei Netanyahu), von Israelfreunden bzgl des Arabischen Frühlings,… Donald Trump zeigt seine ganze Bösartigkeit und Dummheit mit einem Tweet Ende Aug. 18 nach dem auf „seinem“ Fox News ein Bericht über angebliche Enteignungen von weissen Landwirten in Südafrika gelaufen war, in dem die Regierung Südafrikas als „rassistisch“ bezeichnet wurde. Er habe Aussenminister Pompeo angewiesen, „Enteignungen von Bauern“ sowie die „grossangelegte Tötung von Farmern“ in Südafrika genau zu beobachten.

Ein Blick in Youtube: Benutzer „israelmuse“: Neben dem Üblichen über “Terror” und “Antisemitismus” auf diesem Hass-Propaganda-Kanal (gleichnamige Website,…) auch Verehrung des Meir Kahane, der „zutreffenderweise“ eine „Anti-Israel“-Politik des ANC voraus gesagt habe… Israel hat das rassistische Apartheid-Regime Südafrikas unterstützt, man selbst gehört zu den offenen Faschisten des Kahanismus…aber Israel ist im Endeffekt das „Opfer“. Dann gibt es dort noch ein Video über einen „israelische Elitesoldaten“ der weisse Farmer in Südafrika trainiere. Stolz – es gibt auch jene Zionisten, die so etwas als „antisemitisch“ in Abrede stellen…181 „Christo Joubert”, Youtuber aus RZA: “They are a lot of White South Africans that and will support the Jews. Israel. They stood up for us and they still do. We will gladly fight along with them…“ > Apartheid & Apartheid. Und jene die sonst unter solchen Videos unterwegs sind mit „AS“-Moralisierungen, sind da still… diese Unterstützung von Rechts wird vom Zionismus immer stillschweigend GENOMMEN. „truthreconciliation1“ könnte aus dem (link) Walusz-Umfeld sein (polnisch-osteuropäische Bezüge), verherrlicht den Mord an Chris Hani, propagiert die „Unabhängigkeit des Kaps von Südafrika”182, hetzt gegen das demokratische Südafrika, verherrlicht Israel (keine Analysen von Schwarz-Friesel & Konsorten darüber, keine Politiker-Worte von Sobotka), hetzt gg Richter Goldstone,… Lange könnte man diesbezügliche Benutzerkanäle und Videos analysieren.

Dieter Gerhardt, über den hier schon die Rede war, ist als Kind aus Deutschland nach Südafrika eingewandert, sein Vater war ein Nazi-Sympathisant und daher183 interniert, in einem Lager in Koffiefontein (heute Provinz Free State), das während des 2. WK für solche Sympathisanten eröffnet wurde, südafrikanische (v.a. burische) und aus Europa zugewanderte (v.a. Deutsche), hinzu kamen etwa 2 000 italienische Kriegsgefangene184, einige deutsche. Unter den etwa 800 Südafrikanern die interniert waren, war auch der spätere Premierminister (in der Apartheid-Zeit) Johannes „John“ Vorster. Bald nach diesem Krieg, durch den Wahlsieg der Nationalen Partei 1948, kam diese politische Richtung unter den Buren/Afrikaanern ja an die Macht in Südafrika, begründete die Apartheid-Politik (mit engen Beziehungen zu Israel). Dieter Gerhardts Vater war am Aufbau der „Sicherheits“ (Unterdrückungs) – Strukturen dieses Apartheid-Staates involviert.

Gerhardt selbst ging zur Marine, stieg dort ab den späten 1950ern auf; und, aus innerer Opposition zu diesem Regime spionierte er (wahrscheinlich ab Anfang der 1960er185 für den Ostblock. Der Kontext war die Verbindung der kommunistischen Partei Südafrikas (CPSA bzw dann SACP) mit dem ANC bzw mit dem Anti-Apartheid-Kampf, im Inneren; die Allianzen des Regimes im Äusseren bzw die Frontstellung ggü den Unabhängigkeitsbewegungen in den Nachbarstaaten, die überwiegend kommunistisch ausgerichtet waren. Gerhardt protestierte damit gegen seinen Vater und das Apartheid-Regime – jeweils Kontinuitäten aus dem Nazi-Reich! Er gab Informationen über das südafrikanische Militär (die SADF), sein Atomprogramm (auch über die diesbezügliche Kollaboration mit Israel) und weitere westliche Helfer/Verbündete an die SU (die ja auch im südlichen Afrika indirekt engagiert war), zT auch an die Öffentlichkeit.

1983 wurde er enttarnt, in der USA mit seiner Frau verhaftet, an Südafrika ausgeliefert. Die Verhöre führte hauptsächlich der (ebenfalls deutschstämmige) Polizei-Offizier Lothar Neethling durch, das Gerichts-Verfahren fand hinter verschlossenen Türen statt (hauptsächlich um ausländische Helfer der Apartheid nicht zu blamieren…); Richter Munnik verurteilte ihn (83) zu lebenslänglicher Haft (Ruth Gerhardt zu 10 J), wollte eigentlich die Todesstrafe für ihn. Als Frederik W. de Klerk 1989 Präsident Südafrikas wurde, begann der bald mit Reformen, liess Anfang 1990 politische Gefangene (darunter Nelson Mandela) frei, begann den Verhandlungsprozess. Gerhardt wurde vom ANC, nicht aber von dem Regime als politischer Gefangener gesehen; seine Freilassung zog sich bis Februar 1994, also fast bis zu den ersten freien Wahlen.186

Politischer Gefanener/ Kalter-Krieg-Spion/ Verräter sind nicht nur (pseudo-) moralische, sondern auch juristische Kategorien. Manche (zB auf en.wiki, Artikel über Gerhardt) wollen sein Wirken so darstellen, als ob er etwas getan hätte, das immer und überall ein Verbrechen darstellt (so wie ein ziviler Mord), als ob die Apartheid-Politik der südafrikanischen Regierungen von 1948 bis etwa 1994 hierfür belanglos seien… „Verrat“ war aber der übliche Vorwand für dieses Regime (und nicht nur dieses!), Leute zu verurteilen und einzusperren die gegen die Apartheid kämpften. Der Kontext einer Verurteilung ist entscheidend, so wie bei Stephen Biko oder Sophie Scholl, denen man ebenfalls „Verrat“ vorwarf. Andere versuchen herauszustreichen, dass er Geheimnisse andere Staaten betreffend auch weiter gegeben hat, wie sei dies mit Opposition zur Apartheid zu erklären. Was man hier auch schön sieht: der Zionismus hat sich mit den in Koffiefontein Internierten verbündet, nicht ihren Gegnern…und die Allianzen und Sympathien gehen bis heute weiter.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Passenderweise war in dieser Ausgabe etwas von Grigat über „Antisemitismus“ (Israel-Kritik) in der KPÖ…
  2. Ein Ausschnitt davon hier
  3. “Symbiose” (von altgriechisch σύν sýn, deutsch ‚zusammen‘ sowie altgriechisch βίος bíos, deutsch ‚Leben‘) bezeichnet die Vergesellschaftung von Individuen zweier unterschiedlicher Arten, die für beide Partner vorteilhaft ist
  4. Ob diejenigen, die das betrifft, sich bei dieser Feststellung angegriffen oder geschmeichelt fühlen?
  5. An dieser Stelle: der Rassismus und die Hetze der „Anti“deutschen stellte jenen der klassischen Rechten in den Schatten, zB an Unis (Studierende und Lehrende) in Österreich jenen von RFS
  6. Sagte auch, sie seien so gut ausgebildet; die Besetzung ist kein Faktor, nein, nicht die von Gaza oder des Westjordanlands; stattdessen kehrt sie ihre Bildung hervor, es hat gerade noch gefehlt, dass sie Israel dafür verantwortlich macht
  7. Eine Wahlwerbung seiner Partei Yisrael Beitenu: www.youtube.com/watch?v=o32cws8IcWY
  8. Ende ’18 Eskalation der Scharmützel zwischen dem belagertem Gaza-Streifen und dem Belagerer Israel, in typischer Ungleichheit der Waffen, die intensivsten Angriffe seit dem „Krieg“ 2014. Israels Militärminister Lieberman trat aufgrund der Waffenruhe mit der Hamas-Regierung in Gaza, zurück, das sei eine „Kapitulation vor dem Terror“. Netanyahu hat seinen geplanten Wien-Besuch bei der EU-Konferenz „gegen Antisemitismus“ wegen der innenpolitischen Turbulenzen abgesagt
  9. In diesem Zusammenhang: “Schwarze”/”Braune” wurden und werden gar nicht als ebenbürtige Opposition zu Hitler angesehen, niemand (Deu,..) findet was am Rassismus im Film “Casablanca”
  10. Auf en.wikipedia wird “Ahimeir” in “seinem Artikel weissgewaschen, u.a. wird am Ende ein Interview von dessen Sohn mit der „Jerusalem Post“ angeführt, “Hitchens is a known anti-Israel writer who takes my father’s writing completely out of context. Fascism in 1928 can’t be viewed in the context of the 1930s. Of course he would not be a fascist in view of how it developed.” Gut, die Ahimeirs wollen keine Faschisten mehr sein; abgesehen davon, dass sich der Faschismus in Europa nicht zuletzt gg Juden in Europa entwickelte/richtete, was stört(e) sie daran?
  11. Ein “Terror-Experte” von der Rand Corporation namens Bruce Hoffmann schrieb eine Weisswaschung der Irgun/IZL, die auch im en.Wikipedia-Artikel über den Anschlag eingearbeitet wurde. Dass dieser Hoffmann jüdisch ist, darf dort nicht erwähnt werden, man will ihn als “Experten” präsentieren
  12. Die beiden Terroristen, wahrscheinlich ägyptische Juden die dazu angestiftet wurden, wurden im Jahr darauf in Ägypten hingerichtet. 1975 wurden ihre Überreste nach Israel überführt, wo sie ein Heldenbegräbnis bekamen, auf Briefmarken geehrt wurden (als “Märtyrer”)
  13. Kahanistische Gruppen sind auch Lehava oder Otzma Yehudit. Solche Gruppen waren zeitweise verboten von Israel, weil sie mit ihrem offenen Rassismus ein schlechtes Image schufen. Dass der Kahanismus in den Siedlungen überproportional präsent ist, davon zeugt auch der Hebron-Massenmörder von 1994, Baruch Goldstein. Das Konzept bzw der Name einer Defense League von der JDL haben viele westliche Gruppen und Initiativen übernommen, von der EDL bis zum Youtube-Kanal “Anonymous Defence League – STOP George Soros”
  14. Jeannee und die Leserbriefe sind in der “Krone” am unappetitlichsten
  15. Wobei es bzgl Israel ein “Nativismus” der Einwanderer über die “Eingeborenen” ist, also eigtl das Gegenteil von dem was diese wollen
  16. Grigat über „AS“: „Ebensowenig, wie der heutige Antisemitismus auch nur irgendetwas mit dem tatsächlichen Verhalten von Juden und Jüdinnen zu tun hat, hat der Antizionismus als Platzhalter und Ausdruck dieses Antisemitismus unmittelbar etwas mit dem Verhalten der jeweiligen israelischen Politik zu tun. Der Antisemitismus wie der Antizionismus speisen sich aus dumpfen Ressentiments – Ressentiments gegen Zivilisation und Individualität, gegen Intellektualität und Liberalität, gegen Ausschweifung und Freizügigkeit, gegen Bürgerlichkeit im ursprünglichen Sinne und gegen Kommunismus im einzig emanzipativen Sinne, nämlich der Herstellung der Möglichkeit individuellen Glücks als absoluter Gegensatz zum völkischen Identitätswahn
  17. Bzw, die Apartheid in Südafrika war gar nicht so schlimm bzw sie war eigentlich richtig
  18. Da geht es um westliche wie männliche Vorherrschaft
  19. Und gleichzeitig ausgeübt
  20. Die “Neue Zürcher Zeitung” schrieb 09 unhysterisch und ausgewogen zur damaligen Antirassismuskonferenz; u.a., dass arabische Staaten gg die Ahmadinejad-Tiraden seien, weil diese die westliche Israel-Solidarität stärkten; 2 jüdische und 1 iranische NGO wurden damals wegen Rassismus ausgeschlossen
  21. Es also nicht wirklich eine Läuterung gegeben hat, eher ein Gehen mit der Zeit
  22. Und wenn man noch eine Stellungnahme von Belafonte für die Palästinenser findet, kann der Rassist diesem auch “AS” unterstellen #Täter-Opfer-Umkehr
  23. Israel nimmt eine solche Manipulation aber auch vor
  24. Wo es eine Aussicht auf das frühere Dorf Deir Yassin gibt…
  25. Der Ausschluss der “Braunen” usw ist schon OK
  26. “Israel is a prized ally as a heavily militarized ‘white’ outpost near much of the world’s oil”
  27. Von seinen Aussagen über den Islam zu schweigen
  28. Verteidigte auf seiner Homepage den Irak-Krieg 03 gg den Chilcot-Bericht, wiederum ausblendend wer Saddam früher stützte usw
  29. Leuten wie er müssen bei Kommentaren zu israelischen Aktionen gegen Gaza aufpassen, dass sie nicht in Begeisterung dahin schwelgen
  30. Zwischen Pro-Israel und Anti-Islam findet sich bei Rebel Media auch Hetze gegen Obama oder Umweltschützer…
  31. Als nun eine Halb-Inderin zum “Nürnberger Christkind” gekürt wurde, kommentierte etwa der AfD Kreisverband München-Land “Nürnberg hat ein neues Christkind. Eines Tages wird es uns wie den Indianern gehen”. Nicht Religion verbindet, sondern Hautfarbe/Rasse trennt hier… Nicht Integration anerkannt, sondern eine Bedrohung gesehen
  32. Die Kandidaten Rosenkranz und Gehring nahmen im österreichischen BP-Wahlkampf ’10 gg die “Islamisierung Österreichs” Stellung; viele die gegen Rosenkranz demonstrierten bzw Stellung bezogen, haben die selben Feindbilder wie sie
  33. Der rechte Historiker Lothar Höbelt war führender Exponent in einem Unterstützungskomitee für Rosenkranz bei der Wahl; er redet(e) auch im Akademikerbund, man kann davon ausgehen, dass er liberaler ist als Grigat und Konsorten…
  34. In der Türkei sind Andere die “Sündeböcke”
  35. In: Uwe Backes, Eckhard Jesse, Rainer Zitelmann (Hg.): Die Schatten der Vergangenheit
  36. Heinsohn hat im “Zeit”-Artikel „Finis Germaniae“ (05) eigentlich mindestens genau so rassistisch-westistisch argumentiert
  37. Jörg Grünewald (siehe Teil 1) hat da in dem einen oder anderen Punkt ähnliche Ansichten, obwohl bei einer anderen Partei; zu einem watteweichen Warnschuss bzgl seines Wirkens auf de.wikipedia kommentierte er zB: “Ich hab dafür kein Verständnis aus Gründen, die ich ggf. morgen benennen werde (anders als diverse Trolle habe ich einfach aushnamsweise mal als Vollererwerbstätiger keine Zeit für so einen Scheiß, und wenn ihr mich sperrt, prima, toll, alle Macht dem Präkariat (sic), das 24/7 vor dem Bildschirm sitzt. Laila tov”
  38. Es stellt sich die Frage, wie Maassen die Schlechten bei den „echten Deutschen“ definiert (die Linken?), und wie die Echtheit bei Deutschen > Juden aus Osteuropa wie Broder? christliche Schwarzafrikaner? Solche wie Mbarek, die halb halb sind? CDU-Politikerin aus Chemnitz Veronika Bellmann sagte, auch säkulare Muslime hätten in der Partei nichts verloren
  39. Ernst Elitz verteidigte im „Cicero“ die Erklärung teilweise
  40. Broderismus (über)trifft des öfteren auch den Stammtisch
  41. Der Antisemitismus- und NS-Forscher Wolfgang Benz sagte dem “Tagesspiegel”, Gauland habe ähnlich argumentiert wie Adolf Hitler in einer Rede von 1933. Aber Benz wird von zionistischen Kreisen auch angegriffen
  42. Oktober 19, ein dt. Nazi, beschoss auch einen Dönerladen, hauptsächlich aber eine Synagoge, zum jüdischen Feiertag Yom Kippur, einige Gemeinsamkeiten mit Christchurch, erschoss vor der Synagoge eine Passantin und wenig später den Gast eines Dönerimbisses, Opfer 2 „Bio-Deutsche“, offenbar überlegte er eine Moschee oder eine linke Einrichtung anzugreifen, entschied sich dann aber für die Synagoge. Juden hier als Gegensatz/Bedrohung zu „Weissen“ und „Westen“ gesehen. n-tv auf seiner hp: “Antisemitismus-Forscher Matthias Becker von der Technischen Universität Berlin sagte uns jedoch, es sei zu kurz gegriffen, in der Gamer-Szene die Hauptursache für solche Gewalttaten auszumachen.”, bringt dazu Foto v. Demo mit israelischer Flagge, „Wie Antisemitismus durch Bildung bekämpft werden kann und wie verbreitet Judenfeindlichkeit in Deutschland aktuell ist, hören Sie im Podcast.“
  43. “rosenkohl” ist ein typischer Vertreter der “Gegenrichtung” der zionistischen Deutsch-Wikipedianer, der heuchlerischen Pseudo-Antifaschisten
  44. Wahrscheinlich aller mit Likud verbündeten
  45. Es gehe bei AfD oder FPÖ hauptsächlich gegen Juden, USA, Frauen, nicht um Islamophobie/Moslemophobie…
  46. der-semit.de/juden-in-der-afd-eine-veralberung-des-waehlers/
  47. Jene, die dabei sind, Querfronten zu sehen bzw zu konstruieren
  48. Eine Partei, die Neonazis den Weg in die Mitte der Gesellschaft ebnet
  49. Martin Sellner von den österreichischen Identitären hat einst die Synagoge in Baden bei Wien beschmiert mit Hakenkreuz/Swastika, ist „nicht mehr antisemitisch“, aber „weiterhin patriotisch“. Vor 2 oder 3 Jahren gab es eine gemeinsame Veranstaltung von “Institut für Staatspolitik”, dem Antaios-Verlag, AfD, Identitären, mit Sellner; der ist eines der Verbindungsglieder zwischen FPÖ und Neonazis
  50. Greenberg ist mit dem Israeli Tal Silberstein verbunden, der dem Ex-Bundekanzler Kern (SPÖ) nahe steht
  51. Für Haider gab es ein Einreiseverbot nach Israel; ungefähr selbe Zeit spielte FC Kärnten, dessen Präsident er war, im Fussball-Europacup gegen einen israelischen Klub (Maccabi oder Hapoel Tel Aviv oder Haifa). Dessen Präsident, ein reicher Unternehmer, lud Haider als “seinen persönlichen Gast” nach Israel ein. Gut möglich dass dieser rechts von Haider stand
  52. Zwischen 00 und 05 war Haider nicht mehr FPÖ-Chef gewesen, aber dennoch der “heimliche” Führer
  53. Auf der Website des Freiheitlichen Akademikerverbandes Salzburg stand zB etwas über „Neger“ und ihrem „Hass auf uns Weisse“; der Sänger Cesar Sampson (Wurzeln in der Karibik) der Österreich mal beim Song Contest vertrat, wurde in der Zeitschrift „Aula“ als „Quotenmohr“ bezeichnet;…
  54. Leider wird mit den osmanischen Deportationen und Massakern an Armeniern und anderen Christen im 1. WK gerne so umgegangen; je nach aktuellem politischen Bedarf, so von Israel oder USA
  55. Der ist auch nach Japan zum Yazukuni-Schrein gereist
  56. Eine israelische staatliche Behörde!
  57. “Islamkritiker” und Philozionisten suchen mit Juden auch gerne eine Opfergemeinschaft
  58. Auch der damalige ÖVP-Chef Spindelegger kritisierte damals Darabos
  59. Muzicant soll Netanyahu nach Karas Treffen mit Strache in einem offenen Brief aufgefordert haben, Kara zu „feuern“
  60. Dies wurde auch umgesetzt, es gibt das Angebot der Doppelstaatsbürgerschaft für Nachfahren jener Menschen, die vor den Nazis flüchten mussten
  61. Die FPÖ gehe „den Weg für unser Heimatland Österreich, den Kampf gegen den Bevölkerungsaustausch, konsequent weiter, wie es die Menschen von uns auch erwarten“
  62. „Stenzel und ich haben vor einer gefährlichen Entwicklung, wo Menschen aus Regionen kommen, die antisemitische Gedanken mitnehmen und oftmals auch den Staat Israel vernichten wollen, gewarnt, wo wir Angst haben müssen, dass ein neuer Antisemitismus entsteht. Wir haben eine besondere Verantwortung, dass nie wieder Juden aber auch andere Menschen hier in Wien aufgrund ihrer Religion Angst haben müssen und attackiert werden.“
  63. Dazu in diesem Artikel Einiges
  64. Siehe auch Grigats Buch über AfD & FPÖ. Und dass es in seinem Vortrag auch darum ging, dass sich “religiöse und ideologisch bedingte Lebensentwürfe auch gegen den Willen der Mehrheitskultur und -bevölkerung durchsetzen”, davon gilt es auch abzulenken
  65. Auf Puls 4 war Höbart in einer Diskussion mit dem Grünen Marco Schreuder, fragt sich wer schlimmer ist
  66. Daneben sind Rechtsparteien aber auch in der ECR zu finden (PiS, SD, Vox, FdI,…), EFD, EPP/EVP (Fidesz suspendiert) sowie Fraktionslose (wie Jobbik)
  67. Manche, die Winters Islamophobie bejubelten (“Meinungsfreiheit”), jaulten nun auf
  68. Dieter Egger hängt der „Exiljuden”-Sager auch bis heute nach, über Türken konnte er sagen, was er wollte
  69. Anne-Catherine Simon zB war Mitarbeiterin vom FPÖ-EP-Abgeordneten Kronberger, als Journalistin der Wiener „Presse“ seiert sie, dass „Kritik“ am Islam abgewürgt werde, preist dabei David Littman,…
  70. Seine Bestellung ist Ausdruck des “bilateralen” Verhältnisses unter Kurz und Netanyahu
  71. Einen solchen gab es infolge 2. Intifada ab 2000 und Anschläge in USA 2001 bei grossen Teilen des Judentums, das sich als liberal verstand. Zum Beispiel auch beim Internet-Portal “Hagalil”, eines der Leitorgane der deutschsprachigen Zionisten
  72. Z. B.: “Die FPÖ hat zu Recht erkannt, dass es ein Integrationsproblem bei Muslimen gibt. Imame sollen auf Deutsch predigen, wer Hass verbreitet, muss rausfliegen oder in den Häf’n – einverstanden. Wir müssen die Radikalen und den Rest auseinanderdividieren. Doch indem Strache verallgemeinert, tut er genau das Falsche. Wir haben kein Ausländerproblem, der Islam hat ein Islamproblem.”
  73. Brauer sagte auch “Berührungsängste habe auch ich keine. Ich hätte mich selbst mit Osama Bin Laden an einen Tisch gesetzt.” Auch so eine Andeutung
  74. In dem “kannst alles haben” steckt ja auch die Verfügungsgewalt über die Palästinenser und ihr Land. Sein Auftritt damals war auf seine Wirkung auf österreichische Zuseher abgestimmt, er begann ja auch mit “Ich hör die Zuschauer schon schnarchen”
  75. Holokaust-Überlebende aus bzw mit Wurzeln in Osteuropa, in Öst/Deu verblieben bzw sogar hin gegangen, Israel-Verbindung aber nicht Lebensmittelpunkt dorthin, wurden bezüglich “Israel” und “Islam” in gewisser Hinsicht blindwütig, und “Antisemitismus” wird bei ihnen rein über die Haltung zu Israel definiert (bzw es wird eine positive Affirmation davon verlangt)
  76. Die Mossab Yousefs und Hamed Abdelsamads und auch die Basssam Tibis sollen in ihrer Ecke bleiben
  77. CSU; Der Schutz Israels sei „nicht nur eine deutsche Verantwortung, sondern eine europäische Verantwortung“; zugleich sprach er sich mit Blick auf die israelische Politik im Nahost-Konflikt dafür aus, Meinungsverschiedenheiten „innerhalb Israels“ zu berücksichtigen
  78. Netanyahu: „Wir sind entschlossen, unsere Grenzen gegen illegale Einwanderer zu schützen. Das haben wir getan und das werden wir auch weiterhin tun.“ Es geht hier aber um die Legalisierung einer Einwanderung im bescheidenen Maß
  79. Anne Bayefski ist ebenfalls eine Anti-UN-Zionistin
  80. Von der “Kronen Zeitung” gefeatured
  81. Übrigens, die ÖVP-FPÖ-Regierung hat neue Regeln gegen Hass im IT angekündigt. Am selben Tag veröffentlichte die FPÖ auf Facebook und anderen Kanälen einen Werbespot, in dem eine stereotyp gezeichneten und finster lachenden Comicfigur namens “Ali” plant, die Krankenkasse(n) über das Ohr zu hauen…in der Werbung ging es um Fotos auf E-Cards (“Ali” will sich in dem Film mit der E-Card seines Cousins “Mustafa” die Zähne auf richten lassen”)
  82. Israel zeigte an den Diskussionen über Waldheims Vergangenheit zunächst wenig Interesse, es war damals mit der Niederschlagung des Aufstands der Palästinenser gegen die Besatzung beschäftigt, mit Partisanen-Bekämpfung gewissermaßen
  83. Wie selektiv die Aufregung über Omar bzw ihre Andeutung dass Pro-Israel-Positionen gekauft werden, ist, zeigt sich an Steve King, Congress-Abgeordneter (RP) aus Iowa. King ist nicht nur Gegner von Einwanderung und “Multikulturalismus”, er ist einer der offen die Interessen von “Weissen” in der USA (und anderswo!!) von jenen “Anderer” trennt (sieht Juden als Teil der Anderen), dabei auch mit europäischen Rechtsextremisten zusammenarbeitet. Dieser hatte heuer in einem Interview mit der „New York Times“ die Vorherrschaft von Weissen verteidigt und gefragt, seit wann Begriffe wie „weisser Nationalist“ oder „westliche Zivilisation“ in den USA “beleidigend” seien. Dass er “Westen” und “Weisse” in eine Beziehung zu einander setzt (tut er immer wieder), ist dabei ja auch bedeutend (also nicht “Werte” und so…). Trump, der sich über Omar empörte und sie zum Rücktritt aufforderte, reagierte gar nicht auf diese Aussagen von King, auf Nachfrage sagte er, er hätte davon nichts mitbekommen… King zeigt auch geren die Konföderierten-Flagge, obwohl Iowa Teil des Nordens bzw der Union war. Zu Obamas Wahl fragte er, wie denn dessen Äusseres auf den Rest der Welt wirke. Etwas Ähnliches hat die rechtsextreme israelische Politikerin Anastasia Michaeli-Samuelson (eine blonde Konvertitin zum Judentum) zur Sängerin Liel Kolet (aus einer Familie indischer Juden) bzw deren möglicher Teilnahme am Song Contest für Israel gesagt… Vergleiche dazu auch den Hitler-Spruch über Weisse, Kultur, Zivilisation, Überlegenheit
  84. Sie würde doch nicht alle Kriterien erfüllen…
  85. Duke ist im Gegensatz zu anderen Rechten kein Israelfreund/Zionist, auch nicht ausgeprägt islamophob; jene die sich ereifern dass Kenneth O’Keefe in Dukes Radio-Show auftrat, haben kein Problem mit dem (vergleichbaren) Rassismus von Geert Wilders oder David Littman
  86. Kein USA-Nationalismus…
  87. In einem Werbefilm von Bush jun. im Präsidenten-Wahlkampf 04 wurde die Olympia-Teilnahme in diesem Jahr von Afghanistan und Irak thematisiert (die er “befreit” hatte), das war auch Linie seiner Verteidiger: die USA im Allgemeinen, Bush im Besonderen, seien eigentlich Freunde dieser Länder,…
  88. UN-Abstimmung zur Anerkennung von Jerusalem/Quds/Jebus als HS Israels: Netanyahu attackiert im Vorhinein die UN, Trump droht mit Entzug von Finanzhilfen an Länder die dagegenn stimmen, 128 der 193 Länder stimmten für eine Resolution, die die USA aufforderte, die Entscheidung zurückzunehmen. Der Kommentar von Yahoo-Huchs zeigt deutlich die Verlogenheit des Deutsch-Zionismus („Resolution von Diktaturen initiiert, amerikanisch-israelische Freundschaft, Antisemitismus,…”). Es folgten weitere rechte Regierungen mit einem Schritt wie Trump, und jene die Länder wie Guatemala als “Shithole” sehen (s.o.), streuten diesen nun Rosen
  89. Er habe die Absicht, “den radikalislamischen Terrorismus vom Erdboden auszulöschen“ – und unterstützt Saudi-Arabien fanatisch, schwächt die Moderaten unter den Herrschenden im Iran, schert Moslems immer wieder über einen Kamm
  90. Macron warnt vor Zuständen wie in den 1930ern, nennt Orban oder die PiS in Polen, aber nicht Trump (dem ggü er Appeasement übt) oder Bolsonaro, Netanyahu, Saud…
  91. Fanden aber weiterhin nichts an den fast 200 Getöteten an der Grenze vom Gaza-Streifen zu Israel zur selben Zeit, bei den Grenzprotesten 18/19
  92. Andererseits waren Juden auch “führend” unter Obamas Unterstützern, wie Sarah Silverman. Sie pries Obama unter Juden als Unterstützer Israels an
  93. Diese Verschwörungstheorie korrespondiert mit jener wonach Heather Heyer in Charlottesville nicht getötet wurde, sondern an einem Herzanfall starb
  94. Schrieb dort ins Gästebuch: „Es ist eine Ehre, mit all meinen Freunden hier zu sein…So großartig + werde nie vergessen“
  95. www.trend.infopartisan.net/trd0716/t460717.html
  96. Auch Greg Johnson von Counter Currents publishing, antijüdisch und weiss-rassistisch (> Konzept weisser Ethnostaat) ist mit diesem Spencer verfeindet
  97. Molyneux: “Believing in ‘Universal Human Rights’ Makes Christians Vulnerable to Migrants”
  98. Er ist wie sein Schwiegervater Immobilienmogul und betreibt zusätzlich eine Zeitung. Seine Bestellung wurde in Frage gestellt aufgrund eines Anti-Nepotismus-Gesetzes aus 1967 und Unvereinbarkeitsregeln
  99. Passend dazu hat Israel-Lobbyist Joseph Lieberman bei der Absegnung der Ernennung im Congress eine Rolle gespielt
  100. Hat zB der „New York Times“ gesagt: „Ich denke, dass Israel unter gewissen Umständen das Recht hat, einen Teil, aber wahrscheinlich nicht alles, vom Westjordanland zu behalten.“
  101. Das sind jene Entscheidungen zugunsten Israels, die S. Kurz an Trump gelobt hat…
  102. McCain 08 oder Bush 04 wurden noch von Anderen aus der Israel-Lobby führend unterstützt
  103. Das Foto unten stammt von dieser Gelegenheit
  104. “Anti”deutsche missbrauchen seit einigen Jahren das Gedenken an das Ende des 2.WK bzw die Befreiung Österreichs am 8. Mai, zu anti-palästinensischen, usa-imperialistischen und pseudo-antifaschistischen „Feiern“
  105. Nachfolger Straches als FPÖ-Chef, anders als dieser bezweifelt er nicht, dass die Erderwärmung menschengemacht ist
  106. Konservative Südstaatler
  107. Was jedenfalls der jüdische Reporter George Seldes meinte. Mehr über diesen Themenkreis im Abschnitt mit Jillian Becker
  108. Die Propagandalüge „Jordan is Palestine“ wird häufig von Zionisten vorgebracht, zB auf Youtube vom evangelikalen Kanal “Last Days Now!”. Es gibt aber auch jene (Philo-)Zionisten die auch Jordanien als eigtl zu Israel gehörig sehen…
  109. Die Nationaal-Socialistische Beweging, Anton Mussert
  110. Die diesbezüglichen Details würden den Rahmen dieses Artikel sprengen. 2 Anmerkungen dazu: Die Katholieke Nationale Partij (KNP) war eine der Parteien, die sich gegen die Unabhängigkeit engagierten; nach der Unabhängigkeit Indonesiens engagierte sie sich für Minderheiten unter Indonesiern wie Molukken und Papua. Zu Raymond Westerling etwas bei Christopher Othen
  111. Äusserlich war das auch so, Antijudaismus, Homophobie, Frauenfeindlichkeit wurden in ihr “Gegenteil” umgedreht
  112. Es wird ja immer nur zurückgeschossen…
  113. Gerede über “Kameltreiber” (wie immer das auf Norwegisch heisst) und so kommt im Umkreis der FrP nur “inoffiziell” vor
  114. Und inzwischen auch Regierungs-Beteiligung hatte
  115. “Three windows of the hair salon of a well-known homosexual was smashed, with circumstances suggesting a hate crime”
  116. Von Broders Anti-Südländer-Tirade im Griechenland-Kontext (die nicht isoliert da steht) zu Jeannees Hohelied 2014 an den deutschen Fussball bzw dt. Tugenden, mit Nazi-Anspielungen (wurde entschärft) ist es eigentlich nicht so weit. Broder und Jeannee sind auch in vielen anderen Punkten auf Linie: Gewalt und Hass in Sprache (“Pöbel-Journalisten”; bei Jeannee zB “Wer alt genug zum Einbrechen ist, ist auch alt genug zum Sterben”), Pro-USA-Ausrichtung (J. attackierte zB den Schuh-Werfer auf Bush, im Lateinamerika-Kontext sind jene die Guten die pro USA sind; schliesst natürlich nichts Progressives an der USA mit ein, im Gegenteil), ob Jeannee proisraelisch ist, wie Richard Nimmerrichter (“Staberl“)?, frauenfeindliche Note, Stolz auf seinen “Mut“, zu schreiben, was Andere nur zu denken wagen würden; Jeannee blies ORF-Wehrschütz verbal einen weil dieser bekennender und unterdrückter FPÖ-ler sei, er kritisiert die FPÖ auch gelegentlich, wenn sie dem Grossbürger zu “unterschichtig” ist
  117. Und weiter: “Es sind Politiker, Blogger, Publizisten, die das Klima angeheizt haben, in dem einer wie Anders Behring Breivik erst auf die Idee kommen konnte, dass der ‘bloße’ politische oder publizistische Kampf gegen die als elementar bedrohlich imaginierte Moslemgefahr nicht mehr ausreicht. Es ist wie eine groteske Spiegelung: Was sie immer den normalen Muslimen angedichtet haben, dass diese ‘irgendwie verantwortlich’ seien für die Gewaltakte islamistischer Terror-Sekten, das haben sie jetzt selbst geschaffen: Spinner, die bereit sind, der Flausen wegen, die sie ihnen in den Kopf gesetzt haben, Dutzende von Menschen zu ermorden. Wenn der Begriff vom ‘geistigen Mittäter’ je einmal Sinn gemacht hat, dann hier. Wird das in diesem Milieu wenigstens Nachdenkprozesse auslösen? Henryk M. Broder, der antiislamische Autor, von dem einige Textstellen in Behring Breiviks Manifest affirmativ zitiert werden, wehrt auf unfassbar kaltschnäuzige Weise in der Welt jede Mitverantwortung seines Milieus ab. Breivik habe sich im Gegenteil die Dschihadisten zum Vorbild genommen, so die wirre Logik. Was will uns Broder, den manche gute Bürger selbst heute noch für einen preiswürdigen Schriftsteller halten, damit sagen? Dass der islamfeindliche Terrorist gewissermaßen ein verkappter Moslem war? Wenigstens auf ‘Politically Incorrect’, dem Quasi-Zentralorgan der Moslemhasser, gab man sich im ersten Schrecken nachdenklicher: ‘Was er schreibt, sind großenteils Dinge, die auch in diesem Forum stehen könnten.’ Und dann wird spekuliert, ob der Mann, der doch aus ihrer Sicht ganz vernünftiges Zeug geschrieben habe, ‘an einer psychischen Krankheit leidet, die seither schlimmer geworden ist?'”
  118. Ob aus der Karibik oder Schwarzafrika
  119. Wobei Maghrebiner schon zuvor in der “Zielscheibe” der FN waren
  120. Konkret um die Ramallah-Lynchungen 2000, Filmmaterial, Brief eines RAI-Journalisten an die Zeitung der palästinensischen Autonomiebhörde
  121. Siehe es.dreamstime.com/im%C3%A1genes-de-archivo-libres-de-regal%C3%ADas-perrito-del-doodle-del-yanqui-image14561859
  122. Aber auch die Wiedereingliederung Gibraltars
  123. Genau so wie Apartheid-Südafrika
  124. Was die Grigats gerne verschleiern würden; Andere stehen stolz dazu
  125. Während manche Juden im Widerstand gegen Pinochet eine herausragende Rolle spielten, genau so wie im Apartheid-Regime Südafrikas
  126. So wie zB bei der Kommunalwahl in London im Mai 16. Im Kampf um die Nachfolge von Boris Johnson als Bürgermeister der Hauptstadt traten (u.a.) der Jude Zac(harias) Goldsmith (CUP) und der Moslem Sadiq Khan (NLP) an. Goldsmith & Co versuchen, Khan in die islamistische Ecke zu drängen
  127. Anders herum aber auch
  128. Wie schon erwähnt, internationale Zusammenarbeit und Zusammenschlüsse der europäischen Rechten ist eine komplizierte Sache, ist dauernd im Wandel begriffen. Stephen Bannon hat das “Movement” gegründet, eine solche Vereinigung; daneben will er eine inter-kontinentale Vereinigung, mit Trump, Netanyahu, Bolsonaro,… Salvini will eine „Allianz der europäischen Völker“. 2016 haben rechtsextreme Gruppen die Initiative „Festung Europa“ gegründet (Pegida,…). Salvini (Lega), Orban (FIDESZ), Le Pen (RN) waren Sieger der EP-Wahl 19 in ihren Ländern
  129. Als Orban nach Israel reiste, war Köves an seiner Seite, aber niemand von MAZSIHISZ
  130. Das klassische Israel-Bild
  131. Ein Admiral ohne Flotte regierte ein Land ohne Küste als Königreich ohne König
  132. Unter Horthy war Ungarn 41-44 an Seite der Achsenmächte, steuerte Truppen an diverse Fronten bei; in dieser Zeit gab es die ersten Deportationen von Juden. 1944/45 die nazideutsche Invasion, Kollaborationsregierung der Pfeilkreuzler unter Szalasi, massive Judendeportationen. Dann die Rote Armee
  133. 972mag.com/tapping-the-hidden-spring-of-anti-semitism-in-orbans-hungary/138149/
  134. Über solche “Konferenzen” könnte man zB einen eingehenden Artikel schreiben
  135. Dann wäre das als Beleg für “antisemitische Querfronten” ausgewälzt worden
  136. An dieser Stelle: Die genannten “Doppelstandards” gibt es auch bei Moslems, etwa wenn sich über die Rohingya-“Sache” in Birma gross empört wird, aber den Diskriminierungen von Nicht-Moslems in Pakistan (zB) eher beigepflichtet wird als die Augen davor verschlossen
  137. Lendvai spricht (bzw schreibt) immerhin von “arroganter Siedlungspolitik” Israels, schätzt diese (bzw ihre Folgen) aber im Endeffekt nicht richtig ein
  138. Der polnische Jude Adam Michnik (Dissident in kommunistischer Zeit, dann Zeitungs-Herausgeber) kritisierte die “hartnäckige Kategorisierung Polens als ‘antisemitische Nation’, die einst auch ein Alibi für den Betrug des Westens an Polen in Jalta war”
  139. Es gab die Bermans, 2 Brüder, einer (Jakub) wurde nach dem 2. WK Funktionär (Minister) im kommunistischen System, der andere (Adolf) war Zionist und ging nach Palästina, wurde dort Abgeordneter für Mapam und andere Linksparteien
  140. Diese Ansichten gehen grossteils auf Ante Ciliga zurück, wie Tudjman ein Kroate der sich vom Kommunismus abwandte. Ciliga stammte aus dem damals österreichischen Istrien, war einer der frühen Führer der SKJ (kommunistische Partei Jugoslawiens), obwohl er nach dem 1. WK eigentlich Italiener war (als Istrier), lebte dann in der SU, wo er sich vom Kommunismus abwandte; bei einer Einreise nach Ustascha-Kroatien wurde er (dennoch) gefangen genommen und in das Lager Jasenovac gebracht. Er lernte dort Juden kennen. Dann ging er ins westliche Exil, war ein Gegner des kommunistischen YU, Anhänger des kroatischen Nationalismus, kritisierte aber Ustascha-Führer Pavelic für die Bindung an die Achse
  141. Zu Raed Arafat und Ilan Laufer im 4. Teil des AS-Artikels
  142. Der „Erfolg“ der von deutscher Seite gewünschten, ja geforderten Deportation jüdischer Menschen aus den verschiedenen Ländern in Hitlers Machtbereich hing wesentlich vom Antisemitismus vor Ort ab
  143. Aber, da gibt es ja dann den heroischen “Gegenwehr”-Mythos, man verteidigt sich nur
  144. An dieser Stelle sei aber auch gesagt dass islamistische Anschläge wie der in Mumbai/Bombay 2011 das “ihrige” zum Erstarken von Islamophobie und Hindu-Nationalismus unter Indern beitrugen…
  145. © Culcha Candela
  146. Ein “aber” ist hier eigentlich nicht angebracht
  147. Im Endeffekt war er weniger scheinheilig und hetzerisch als Viele aus diesem “Milieu” und hat ein paar scharfe Analysen gemacht
  148. Entspricht den Rechts-Zionisten, die die OUN und Bandera nicht wirklich gut finden können
  149. Die während Irak-Kriegs 03, von diesen deutschnationalen “Anti”deutschen frenetisch begrüsst, unter Beschuss kam, weil auch von Kriegsgegnern verwendet
  150. Jene, die jugoslawische Partisanen des 2. WK als Freiheitskämpfer sehen, können sich genau so positiv auf “Israel” beziehen wie jene die diese in Täterrolle verorten und Israel für seine Partisanen-Bekämpfung bewundern
  151. Das DÖW hat mal eine Anzeige gg “Zur Zeit” gemacht, wg einem “antisemitschen” Artikel, ist zur anti-islamischen Linie der FPÖ sehr zurückhaltend
  152. Sowohl Broders/achgut als auch cafe critique titulieren sich als „liberal“
  153. Auf Youtube schreibt einer zum Film “Breakfast Club”: “If The Breakfast Club was made today, there would be a gay student, a trans, an atheist, a Black and a Hispanic… and maybe, just maybe… one white student.” Übrigens waren die Schauspieler in dem Film, nicht die Charaktere, durchwegs Juden
  154. Der ist auch für die Todesstrafe, bringt Apologetiken der Sklaverei (die Andere auch abwälzen möchten)
  155. Übrigens, bei Ashkan Dejagah gab es auch diese fliessende Grenze, bei den Reaktionen um eine Absage eines Länderspiels mit der deutschen U-21-Nationalmannschaft in Israel. Der Doppelstaatsbürger fürchtete bei einem Antreten negative Konsequenzen für sich und seine Familie, aufgrund des Verhältnisses zwischen Iran und Israel. Es gab Aufregung, von ZdJ-Chefin Knobloch („privaten Judenboykott”, “soll aus deutschem Team entfernt werden”) abwärts, und in IT-Foren gab es eben auch die Kommentare, es gäbe ohnehin zu viele “Kanaken” im deutschen Team, er solle deshalb entfernt werden… Dejagah hat sich mit der Absage wenigstens die rassistischen Sprechhöre der israelischen Fans erspart > Teil IV, Abschnitt “Antisemitismus und Fussball”. Auch bei Forderungen, das iranische Team von der WM 06 in Deutschland auszuschliessen (“wegen Ahmadinejad”) gab es diesen “Fluss”, diese Doppelbödigkeit und Heichelei
  156. Siehe zB Andreas Becker und seinen Leserbrief  an “11 Freunde”
  157. Mit einer Zahl am Ende
  158. Hinzu kommen reine Propaganda-Kanäle wie “speedy” oder “prager university”
  159. In Frankreich gibt es einige antiislamische Intellektuelle, die gleichzeitig der Rechten und Zionisten nahestehen, wie Alexandre Del Valle
  160. Weshalb sich manche Juden in verschiedenen Ländern eine Israel-Verbindung “andichten”, aber nicht nur aus diesem Grund
  161. Die rechts von Likud haben da in der Regel wenig “Genierer”
  162. Der “Anti-Amerikanismus” (bzw die Haltung zur USA) der von den Grigats dann zur Relativierung/Verdrehung aufgebracht wird, spielt hier gar keine Rolle
  163. Die IKG hob bzgl der FPÖ hervor, dass Vilimsky gegen eines der “Rasenmähen” in Gaza “protestiert” hatte…
  164. Oder zum Rassismus im Zuge von Pro-Israel, zB in Österreich…fehlende Distanz zum rechtsextremistischen Pöbel aus der prozionistischen Ecke
  165. Abgesehen davon, der Zionismus ist keineswegs die Gegenthese zu Nationalsozialismus und Holokaust (> I)…
  166. Muzicant liess die Kinder des antizionistischen Rabbiners (?) M. Arye Friedmann aus einer jüdischen Schule ausschliessen – während er Lasar oder Sichrovsky “unangetastet” liess. Es wird im nächsten oder übernächsten Teil nochmal darum gehen, wie er jüdische Anhänger eines echten Ausgleichs mit Palästinensern (v.a. in “seiner” Gemeinde) ausgrenzt und abkanzelt
  167. “Antisemitische Vorfälle…Die Situation der Juden in Europa ist schlimm…60 bis 70 Prozent der Juden überlegten, Europa zu verlassen…Es ist höchste Zeit zum Handeln…es geht so nicht weiter“…
  168. Behielt sich gewissermaßen Vorbehalte gegen die FPÖ vor, “Distanzierung vom Antisemitismus noch nicht glaubwürdig genug, nicht komplett“, bei Strache anscheinend schon
  169. NR-Wahl 08: Muzicant: „Sage überall im Ausland dass rechte (FPÖ-) Wähler keine Nazis sind”
  170. Wie man liest, leugnet Rabbiner Schlomo Hofmeister (IKG) nicht nur die Existenz der Besatzungs- und Siedlergewalt gegen die Palästinenser, sondern die Existenz der Palästinenser an sich
  171. An einer anderen Stelle: “Sie und andere Träumer gehen immer davon aus, dass man mitteleuropäische Konzepte auf den Nahen Osten übertragen kann”…so wie den Zionismus
  172. Auch Brauer (s.o.) hat so etwas wie “Tod den Juden” vorwurfsvoll gesagt, sogar auf Arabisch. Dafür und für Wörter wie “Sharmouta” reichen dann sogar die Arabisch-Kenntnisse, so weit lässt man sich mit den Palästinensern ein
  173. > Besetzungen
  174. Es geht schon auch um die Umstände einer Unabhängigkeit Palästinas. Barak hat 2000 ein Angebot gemacht, das als “grosszügig” dargestellt wurde, aber alles andere als das war, Netanyahu hat mal eine Art “Angebot” dieser Art gemacht, war zu keinem echten Siedlungsstopp bereit, wäre bereit für endlose “Verhandlungen”, aus der Position des Besatzers heraus, kaum zu Zugeständnissen (eher zu Almosen), während seine Partner, wie Bennett und Lieberman, nicht mal dazu bereit sind
  175. Ein Detail dazu: Die Bereitschaftspolizei W-Berlins hatte bis 1970 auch paramilitärische Aufgaben, als Reserve der Alliierten, das Personal war zu einem grossen Teil früher in der Wehrmacht, Einsatzkonzepte stammten aus der Weimarer Republik, sie wurden für den Kalten Krieg umgemodelt; beim Besuch des iranischen Schahs 1967 gab es Gewalt wie in den 1930ern
  176. Ulrike Meinhof schrieb 1961 in „Konkret“ dazu den Artikel „Hitler in Euch“
  177. Worauf ihm der unter dem NS verfolgte Hans Mayer („Jean Améry“) antwortete
  178. > Muzicant, Träumer
  179. Die CSU-Inzucht in Bayern: Oberreuter darf im BR Wahlen kommentieren, einem Sender der natürlich auch dieser Partei nahe steht
  180. Dieser sagte: „Dem Richter hat es schlicht und ergreifend an Mut für eine politisch nicht opportune Entscheidung gefehlt. Deutschland steht im sogenannten Krieg gegen den Terror fest an der Seite der USA und Israels und weltweit auf Platz drei der Rüstungsexporteure. Wer wagt sich heutzutage noch in die Schusslinie, wenn aberwitzige Antisemitismus-Vorwürfe als Munition benutzt werden, um Kriegsgegner mundtot zu machen?“
  181. ZB anlässlich Netanyahus offensiver Politik in Schwarzafrika…
  182. Die westliche Kap-Region ist vermutlich noch die weisseste Gegend Südafrikas, wird von der Democratic Alliance auch so behandelt
  183. Unter der probritischen südafrikanischen Regierung
  184. Südafrika stand GB bzw den Alliierten in diesem Krieg militärisch bei
  185. Als die Situation im südlichen Afrika eskalierte, u.a. mit dem Beginn der Entkolonialisierung der Region; Gerhardt: “Die finale wekroep vir my was die doodslag van talle swart mense….“
  186. Anscheinend hat auch Boris Jelzin für ihn interveniert

Agana 1944 und was damit zusammen hängt

Die Sache 

Agana (heute Hagatna) ist die Hauptstadt der Insel Guam1. Dort ereigneten sich zu Weihnachten 1944 “Unruhen” innerhalb US-amerikanischer Truppen, die die Insel einige Monate zuvor von den Japanern zurückerobert hatten, im Pazifikkrieg; die Agana race riot.

Dazu ist zu sagen, dass es in den Streitkräften der USA damals noch immer getrennte Einheiten für Weisse und Schwarze gab. Im 2. WK gab es erstmals Schwarze in Kampfeinheiten, eigenen. Spannungen zwischen weissen und schwarzen Marines begannen im August ’44. Die dort praktizierte Rassentrennung war natürlich eine hierarchische, die Schwarzen standen deutlich unter den Weissen, in vieler Hinsicht. Ein schwarzer Marine verglich die Zustände in den militärischen Lagern auf der Insel mit einer Stadt “tief im Süden” (der USA). Ein Streitpunkt war(en) (bzw ergab sich aus) die einheimischen Frauen Guams bzw seiner Hauptstadt Agana (Agaña), die die US-amerikanischen Soldaten gelegentlich “aufsuchten”, ob gegen Bezahlung oder nicht. Nachdem bereits mehrmals weisse Soldaten (hauptsächlich der 3. Marines Division) versucht hatten, ihre schwarzen Kollegen (von der Marine 25th Depot Company) davon abzuhalten, die Stadt und ihre Frauen zu besuchen2, eskalierte zu Weihnachten 44 der Konflikt.

In einem Streit um eine Guamer Frau erschoss ein weisser Marine einen schwarzen in Agana. Anscheinend war das am 24. Dezember. Am nächsten Tag beschossen weisse Marines schwarze in der Stadt. Dies führte fast zu einem grösseren internen Kampf, nachdem die zum Militärlager zurückgekehrten Afro-Amerikaner LKWs entwendeten und in die Stadt fuhren. Die Militärpolizei, die nun einschritt, hielt sie davon ab, durch Strassensperren. Aber im Lager brachen nun Feuergefechte aus, zwischen Weissen und Schwarzen. Es gibt wenige Informationen über die rassischen “Unruhen” im US-Militär auf Guam 44; und darüber, wieviele Todes-Opfer es an diesem 25. Dezember gab. Es folgten jedenfalls Militärgerichts-Verfahren (anscheinend fast nur gegen Schwarze), Verurteilungen, 1946 Begnadigungen.

Jener in Agana war beileibe nicht der einzige Konflikt dieser Art in den Streitkräften der USA, auch nicht in diesem Krieg.

Am Militärstützpunkt Fort Lawton (Bundesstaat Washington) lebten 1944 US-amerikanische Soldaten (schwarze und weisse), deutsche und italienische Kriegsgefangene “zusammen”. Es kam zu einem Streit zwischen Afro-Amerikanern und Italienern, einem Kampf (1 toter Italiener), die (weisse) Militärpolizei griff ein, ein Militärgericht (mit weissen Offizieren) verurteilte Afro-Amerikaner… Camp Claiborne lag ausserhalb Alexandria (Louisiana). Auch dort US-amerikanische Soldaten und deutsche Kriegsgefangene. Und blatante Bernachteiligung der nicht-weissen Amerikaner, strikte Rassentrennung (auch in der baptistischen Kirche). Und Gegenwehr der Betroffenen, in Form einer Art Meuterei, die 1944 begann, wieder “Gegenreaktionen” nach sich zog,… Darüber hier; zu Beobachtungen zur Behandlung von Kriegsgefangenen aus Nazi-Deutschland oder aber Afro-Amerikanern etwa in Huntsville unten im Rassismus-Abschnitt mehr.

In einer Marine-Basis in Port Chicago (California) kam es im Juli 1944 in einem Munitionsdepot während des Beladen eines Schiffes für den Pazifikkrieg zu einer Explosion, die 320 Soldaten sowie Zivilisten tötete und Hunderte weitere verletzte. Die meisten davon waren wiederum Afro-Amerikaner, warum auch immer… Einen Monat später führten unsichere Arbeitsbedingungen beim Laden von Munition zu einer Meuterei von Marine-Soldaten in Port Chicago. 50 “Meuterer” wurden dafür (von einem Kriegsgericht) zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt; sie waren dann etwa eineinhalb Jahre inhaftiert. Infolge der Sache wurde die Rassentrennung in den Streitkräften etwas diskutiert. “Trennung” bedeutete (auch) hier kein gleichberechtigtes Nebeneinander, sondern zB die Delegation schwieriger und gefährlicher Aufgaben an jene, die in der Hierarchie unten standen. Verantwortliche für die Munitionsexplosion bzw die Arbeitsbedingungen wurden keine zur Verantwortung gezogen.

Abseits des Kriegsgeschehens, aber in Zusammenhang mit ihm, gab es 1943 in Detroit rassische Unruhen, die etwa 3 Tage dauerten. Auslöser waren soziale Spannungen durch die Umwidmung der Automobilindustrie der Stadt für Rüstungsprojekte, sowie der Zustrom Hunderttausender in die Stadt in den Jahren davor (Weisse und Schwarze). Die Nationalgarde von Michigan schlug die Unruhen nieder.

Während das Militär der USA die faschistischen Achsenmächte bekämpfte, gab es nicht nur “zu Hause” (in der USA) einen nicht zu übersehenden Rassismus (der hauptsächlich Afro-Amerikaner betraf), sondern auch in diesen Streitkräften. Der Sänger Harry Belafonte (Harold Bellanfanti), einer der Afro-Amerikaner, die im 2. Weltkrieg, in eigenen Einheiten, teilnahmen (er in der Marine): “Es ging für uns Schwarze nicht nur um Hitler und Europa, sondern auch um die USA”. Dort gab es auch nach diesem Krieg vielerorts noch Rassentrennung. Und Lynchjustiz. Der (1915 neu geründete) Ku Klux Klan wollte unter den Grand Wizards James Colescott und Samuel Green mit Nazi-Deutschland zusammenarbeiten – bis Pearl Harbor. Zu dieser Zeit wurde auch der pro-nazi German American Bund aufgelöst, mit dem der KKK zusammenarbeitete. Der “Klan” war damals nicht nur in den Südstaaten der USA (womit eigentlich der Südosten gemeint ist) aktiv, sondern zB auch in Detroit, bei den Unruhen von 1943. Der Urenkel vom wichtigsten Führer des ersten, originalen Klans, Nathan B. Forrest III (aus Tennessee), war General im USA-Militär in diesem Krieg, wurde ’43 über Kiel abgeschossen. Sein Kriegseinsatz sagt nichts über seine Haltung zu Nicht-Weissen aus (sein Vater war jedenfalls noch ein hohes KKK-Tier), nur dass er bereit war, für die globalen Machtinteressen der (weissen) USA zu kämpfen.3

Auch bei (bzw in) anderen Mächten diesen Kriegs gab es interne Konflikte, im Land und in der Armee. Auch in Nazi-Deutschland, man denke etwa an den militärischen Widerstand. Und, bei einem derart rassistisch ausgerichteten Regime gestalteten sich auch die Beziehungen zu Verbündeten “schwierig”, auch zu den engsten, Italien und Japan. In der Sowjetunion gab es Teile mehrerer Völker, die versuchten im Zuge des Krieges von der stalinistischen Herrschaft loszukommen, nicht zuletzt bei den Ukrainern. Bei den Briten waren es hauptsächlich verschiedene Kolonialvölker, die “ausscherten”. Ein Teil der Inder etwa. Oder die Srilanker, die auf Cocos Island meuterten. Dieser Konflikt weist eigentlich Ähnlichkeiten mit dem auf Guam auf: Hilfstruppen, die als rassisch minderwertig gesehen und erniederigend behandelt wurden, die sich wehrten, am Ende wurde aber die alte Ordnung wieder hergestellt. Die Afro-Amerikaner auf Guam stellten aber nicht ihre “Mission” dort, den Kampf für ihre Herren dort gegen die Japaner, in Frage. Die Kokos-Inseln liegen wie Guam “zwischen” Asien und Ozeanien, auch auf Neuguinea4 oder Timor trifft das zu.

Die Sache in Agana war eigentlich weder Meuterei noch Desertion noch Befehlsverweigerung, auch die erwähnten Ereignisse in Fort Lawton, Long Binh und Houston gehören in eine andere Kategorie, bei Camp Clairborne und Port Chicago handelte es sich um Meutereien.

1948 wurde die Rassentrennung (Segregation) in den US-Streitkräften von Präsident Harry Truman aufgehoben. Im Korea-Krieg gab es erstmals gemischte weiss-schwarze Einheiten im USA-Militär, theoretische Gleichberechtigung gab’s ab dem Vietnam-Krieg.

Die Gewalt unter US-Truppen auf Guam 1944 führt in den folgenden Kapiteln zur Geschichte Guams, zum 2. Weltkrieg bzw dazu relevanten Aspekten (Pazifik-Krieg, Kriegsende,…), zur Geschichte von Unruhen bzw gewaltsamen Auseinandersetzungen in der USA, schliesslich zum Thema Rasse und Rassismus in der USA.

Guam

Guam und die anderen Marianen-Inseln gehören zu Mikronesien, dem nördlichen Teil Ozeaniens. Der Begriff hat eine geografische wie eine ethnisch-linguistische Bedeutung.5 Guam und die nördlich “anschliessenden” Inseln Rota, Saipan, Tinian,… liegen nach Ost-Asien hin “offen”. Sie wurden vom portugiesischen Seefahrer in (damals) spanischem Dienst, Fernão de Magalhães/ Ferdinand Magellan 1521 entdeckt und besucht; zusammen mit jenem Archipel, der dann Filipinas benannt wurde. Es folgte die spanische Inbesitznahme, die Inselgruppe wurde Marianas (Marianen) genannt, nach der Königsgattin Maria Anna (Mariana) von Habsburg.6 Ab dem 17. Jh wurden die Marianas/Marianen von Spanien besiedelt (Kirchenleute, Händler, Soldaten,…), auch mit Leuten von den Filipinas/Philippinen.

Spanische Karte von Guam aus dem 18. Jh

Die Bevölkerung Guams und der anderen Marianen-Inseln wurde durch etwas (biologische) Vermischung mit Filipinos/Philippinos und kultureller Prägung durch die Spanier zu Chamorros7. “Häuptling” Matå’pang war einer der Anführer der Chamorros, die bis ins 17. Jh Widerstand leisteten, um die Beibehaltung der althergebrachten Kultur kämpften. Ein Kampf, der verloren ging.8 In der Rassen-Hierarchie der Spanier auf den Marianen standen Peninsulares ganz oben, das waren in Spanien geborene Spanier; es folgten Criollos, auf den Marianen geborene Spanier; dann Mestizos (Personen die von Partnerschaften9 von Chamorros und Spaniern abstammten), Filipinos, und ganz unten Chamorros, die “Urbevölkerung” der Inseln. Eingeschleppte Pocken töteten viele von diesen. Die Chamorros durften ihre Gobernadorcillos (Bürgermeister) wählen, ihre eigenen Angelegenheiten (im engsten Sinn) selbst verwalten. Die Marianen wurden zusammen mit den Philippinen verwaltet. Spanische Schiffe kamen aus Amerika (in der Regel aus Acapulco, Mexico, Neu-Spanien) in die pazifische Region, hielten am Weg zu den grösseren und wichtigeren Philippinen (Manila) auf den Marianen, wurden Manila-Galeonen genannt. Die Spanier bauten auf Guam Festungsanlagen, die zT heute noch stehen, wie das Fort Nuestra Señora de la Soledad in Umatac.

Indias orientales españolas (Spanisch Ost-Indien) war der Überbegriff für die spanischen Kolonien im ostasiatisch-pazifischen Raum. Neben Philippinen und Marianen schlossen diese Indias orientales auch die südlich an die Marianen angrenzenden Carolinas/ Karolinen (Yap, Palau/Palaos,…) mit ein. Diese wurden auch im 16. Jh von Spanien entdeckt und in Besitz genommen, wurden zeitweise Nuevas Filipinas genannt. Zeitweise, in der frühen Neuzeit, wurden auch die Molukken/Moluccas/Maluku, Sulawesi/ Celebes und Formosa/ Taiwan bzw Teile davon von Spanien beherrscht und in sein Ostindien inkludiert. Dieses Kolonialreich hatte etwa 350 Jahre bestand, von Mitte des 16. Jh bis Ende des 19. Es stand an Bedeutung für Spanien klar im Schatten von jenem in Amerika, war wahrscheinlich etwas wichtiger als die Kolonien in Afrika. Die Gebiete von Spanisch Ost-Indien wurden als Teil des Vizekönigreichs Nueva España/ Neu-Spanien (mit dem Zentrum Mexico Stadt) verwaltet, waren (seit 1565) im Generalkapitanat Philippinen (Capitanía General de las Filipinas) zusammengefasst. Anfang des 19. Jh verlor Spanien ja infolge der Napoleonischen Kriege in Europa10 den allergrössten Teil dieses Vizekönigreichs, seine Amerika-Kolonien, behielt nur Puerto Rico und Cuba, auf der Atlantik-Seite bzw in der Karibik.11

Der Verlust von Mexico veranlasste Manche in der spanischen Regierung, die Aufgabe von Guam, der anderen Marianen, sowie der Karolinen zu erwägen. Diese Gebiete waren einst, wie die Philippinen, von ihnen von Mexico (Mexiko) aus erobert, dann verwaltet und bewirtschaftet worden. Die Kolonien in Mikronesien wurden dann aber (noch) stärker mit den Philippinen verbunden, verwaltungsmäßig, wirtschaftlich,… Vor “Einführung” des Flug-Verkehrs, nach der Fertigstellung des Suez-Kanals und vor jener des Panama-Kanals, also im späteren 19. Jh, war dieses spanische Ostindien vom “Mutterland” lange Schiffsreisen entfernt. Guam wurde im 19. Jh als Walfänger-Station wichtig. Cuba (Kuba) und Puerto Rico waren näher bei Spanien und auch abgesehen davon die wichtigeren Kolonien. Die Sklaverei hat Spanien dort erst 1873 (Puerto Rico) bzw 1886 (Cuba) abgeschafft. Bis in die 1860er wurden Afrikaner dort hin verschleppt, zur Zwangsarbeit hauptsächlich auf Zuckerrohr-Plantagen.12 Seine anderen Amerika-Kolonien hatte Spanien Anfang des Jahrhunderts verloren, bevor eine Sklaverei-Abschaffung auf “den Tisch kam”. Darüber hinaus wurde die Peonage betrieben, eine der Sklaverei sehr nahe kommende Form der unfreien Arbeit. Auf Guam wurde das auch nicht für Chamorro praktiziert, da die Spanier dort kaum Plantagenwirtschaft betrieben. Was auch damit zu tun hatte, dass die Region immer wieder von Taifunen heimgesucht wird.

Mitte des 19. Jh waren waren die Indianer-Völker in der Osthälfte des Landes unterworfen, wurde die kontinentale Ausbreitung der USA komplettiert durch Aneignungen mexikanischen Territoriums.13 Wahrscheinlich ist der Beginn des Imperialismus der USA mit der Eroberung grosser Teile Nord-Mexicos anzusetzen. Der Westen der USA war ein “wilder”, in dem die Indianer noch unterworfen werden mussten. Was in der zweiten Hälfte des 19. Jh geschah, mit dem Wounded Knee-Massaker weitgehend zum Abschluss kam. Am Weg vom Gadsen-Kauf (eines weiteren Teil Mexicos) zu Wounded Knee (1890) war der Kauf Alaskas von Russland (1867) gewissermaßen eine Zwischenstation. Und auch durch den Guano Islands Act von 1856 wurde das US-amerikanische Staatsgebiet vergrössert.14 Hinzu kam die “Öffnung” Japans, die Beteiligung an der “Öffnung” Chinas,… In dieser Phase, dem späteren 19. Jh, kamen aus/in der USA, als Unterpfand dieses Imperialismus, Manifestationen eines Auserwähltheitsanspruchs, der sich nur auf bestimmte Bevölkerungsteile als “Träger” dieses Staates bezogen, die herrschenden Anglosachsen (und an sie Assimilierte).

Beim Historiker John Fiske gab es das Konzept einer “angelsächsischen (rassischen) Überlegenheit”, beim protestantischen Geistlichen Josiah Strong die Verbindung dieses Anglo-Saxonism mit pseudo-christlichen Ideen, ein US-amerikanischer Imperialismus sei eine Missionierung, bedeute eine Zivilisierung für die Welt. Beim Politiker Theodore Roosevelt (zum Teil niederländischer Herkunft, aber das waren/sind zB die genannten “Assimilierten”/Aufgenommenen) gab es auch diesen rassi(sti)schen Imperialismus, und er war entscheidend an seiner Umsetzung beteiligt. Der Politiker der Republican Party und Militär hat mit seiner Meinung über Nicht-Weisse nicht hinter dem Berg gehalten. Die Sklaverei (von Afrikanern) sei deshalb ein Verbrechen, weil sie Afrikaner nach Amerika brachte. 1886 in einer Rede in New York über “Indianer”, die verbliebenen in der USA: “I don’t go so far as to think that the only good Indians are dead Indians, but I believe nine out of ten are, and I shouldn’t like to inquire too closely into the case of the tenth. The most vicious cowboy has more moral principle than the average Indian.” Das war vier Jahre vor dem Wounded Knee-Massaker, als es fast keinen Widerstand mehr von den Indianern gegen die USA gab, diese schon unterworfen waren.15

Als Vize-Marineminister war er entscheidend an der Vorbereitung des Kriegs gegen Spanien um dessen Kolonialgebiete in der Karibik und im Pazifik beteiligt, dann auch als Offizier in diesem Krieg. Das Ende des 19. Jh war in der USA gekennzeichnet vom Beginn der “Progressiven Ära”, die auf das Gilded Age folgte, eine Ära die von aussenpolitisch-militärischen Erfolgen, Wirtschaftswachstum, Technisierung, wissenschaftlichen Innovationen, Einwanderung gekennzeichnet war. Der Spanisch-Amerikanische Krieg 1898 war so etwas wie die Einleitung zur letzten Phase der Expansion der USA, gleichbedeutend mit ihrem Aufstieg zur Weltmacht/Weltpolizist. Es war der erste grössere Krieg der USA nach Abschluss der Festland-Expansion und nach dem Bürgerkrieg (oder: Sezessionskrieg), er war relativ kurz und leicht.

Der Krieg USA-Spanien 1898 in und um Cuba, Puerto Rico, Guam, Philippinen dauerte 10 Wochen. Präsident William McKinley startete ihn nach dem Sinken des Kriegsschiffes „USS Maine“ im Hafen von Havanna, das den Spaniern in die Schuhe geschoben wurde.16 Die “Maine” war ab 1897 in den Gewässern der damals spanischen Kolonie Cuba eingesetzt worden, im Jänner 1898 ging sie vor Havanna vor Anker, um durch ihre Anwesenheit Druck auf die Spanier auszuüben. Die Hearst- und Pullitzer-Presse hatten lange für diesen Krieg getrommelt, wie auch viele Politiker, brachte “Mitgefühl” für die Untertanen der Spanier zum Ausdruck, die wirtschaftlichen und strategischen Gründe oft hinter dem Berg haltend. Es ist diese Rhetorik, die US-amerikanische Militäraktionen praktisch immer begleitet, ob Panama 1989 oder Irak 2003…es geht um Hilfe für die Menschen dort.

Von den verbliebenen spanischen Kolonien war Cuba am wichtigsten, dann kam Puerto Rico, die Marianen und die anderen Pazifikgebiete, dann die Afrika-Kolonien; sowohl für Spanien als auch für die USA, die es darauf abgesehen hatten. Das Generalkapitanat Philippinen, also die eigentlichen Philippinen, die Marianen, und die Carolinen, wurde ab 1821 (Ende Neuspanien) direkt von Madrid aus verwaltet. Diese Gebiete wurden von Spanien im 19. Jh “vernachlässigt”. Auf den Philippinen gab es eine Unabhängigkeits-Bewegung (wie auf Cuba), gelegentliche Aufstände17, und eine starke spanische Präsenz nur auf der “Hauptinsel” Luzon. Die Marianen (mit ihrer Hauptinsel Guam) hatten die letzte Botschaft aus Spanien im April 1898 erhalten, einen Monat bevor die USA den Krieg erklärten. “Teddy” Roosevelt verliess seinen Vizeminister-Posten, um als Colonel/Oberst in den Krieg auf Cuba zu ziehen; die Schlacht bei den Hügeln von San Juan im Sommer 1898, mit seinen “Rough Riders”, war eine entscheidende am dortigen Kriegsschauplatz Cuba. In der USA erfreute man sich daran, dass “Nordstaatler und Südstaatler”, “Weisse und Schwarze” in diesem Krieg zusammen kämpften. Einige Konföderierten-Generäle, wie Joseph Wheeler, hatten diesen Rang nun in der “Bundesarmee” inne. Afro-Amerikaner kämpften in eigenen Einheiten; Führer der Afro-Amerikaner wie Booker Washington waren grossteils überzeugt, dass sie die richtige Seite unterstützten mit dem Krieg (nicht zuletzt die Schwarzen auf Cuba gegen weisse Spanier)18.

Roosevelt mit seinen Rough Riders in Cuba 1898

In den Kriegsschauplatz Pazifik (Philippinen, Guam) stach die USA-Flotte von Kalifornien aus, fuhr über Hawaii (das von der USA noch nicht ganz in Besitz genommen war). Auf den Philippinen begannen im Mai 1898 die Kämpfe mit den Spaniern (unter den am Ende rasch wechselnden Generalgouverneuren, wie Basilio Augustin) und ihren philippinischen Hilfstruppen, gingen bis August. Am 20. Juni kam der Kreuzer “USS Charleston” unter Kapitän Henry Glass mit einigen Begleitschiffen vor Guam an, fuhr den Hafen Apra an. Die “Charleston” feuerte eine Runde auf das Fort Santa Cruz, ohne eine “Antwort” zu bekommen. Es heisst, es erschienen dann zwei einheimische Offizielle, nicht wissend dass ein Krieg erklärt worden war, im Glauben, das “Feuer” sei ein Salut gewesen. Am nächsten Tag schickte Glass Soldaten auf die Insel, um die spanischen Infanteristen (54 sollen es gewesen sein) und den spanischen Statthalter gefangen zu nehmen. Sie wurden von der “Charleston” als Kriegsgefangene auf die Philippinen gebracht (wo die Eroberung alles andere als unblutig verlief). Keine Soldaten wurden zurück gelassen, bis die “USS Bennington”, ein anderes Kriegschiff erschien. Und das war erst Anfang 1899.19 Die Einnahme der Insel war deshalb so gewaltlos, weil sie für Spanien ziemlich unwichtig war. Im Dezember 1898 wurde Guam von der USA (Präsident McKinley) bereits der Kontrolle seiner Marine unterstellt.

Die “USS Charleston” bei der Anfahrt auf Agana

Im Dezember 1898 wurde in Paris ein Vertrag zwischen der USA und Spanien abgeschlossen, darin musste Spanien Cuba, Puerto Rico, Philippinen und Guam (ohne die restlichen Marianen) an die USA abtreten. Der Vertrag trat Anfang 1899 in Kraft, nach den Ratifikationen durch die beiden Parlamente. Er beinhaltete eine Entschädigungszahlung der USA. Die Kriegsniederlage und der Verlust seiner Kolonien in der Karibik und im Pazifik, nach fast 400 Jahren, verursachte ein nationales Trauma für Spanien, das sich nun endgültig von der Vorstellung, noch eine Grossmacht zu sein, verabschieden musste. Wie erwähnt war Cuba (Kuba) für Spanien die bei weitem wichtigste dieser Kolonien gewesen. Die restlichen Marianen sowie die Karolinen blieben vorerst spanisch. Daneben “besaß” Spanien nun “nur” noch einige Gebiete in Afrika: Rio Muni, Bioko (Fernando Pó) und Annobon in Zentral-/Westafrika (die Spanien Ende des 18. Jh von Portugal übernommen hatte), wurden im 20. Jh zu Spanisch-Guinea vereinigt; Gebiete im Norden (Ceuta, Melilla,…) und Süden (Ifni, Juby) von Marokko (Spanisch-Marokko); die West-Sahara (kurz vor dem Spanisch-Amerikanischen Krieg erobert; Spanisch-Sahara); und die vor Afrika liegenden Kanaren.20

Es war die Zeit von König Alfons(o) XIII., Sohn einer Habsburgerin, der eine Mountbatten geheiratet hatte. Dieser letzte spanische König (1886-1931) vor Juan Carlos (dessen Grossvater er war) hielt Spanien dann im 1. WK neutral, unterstützte die De Rivera-Diktatur, versuchte mit aller Gewalt, wenigstens die spanische Herrschaft im Norden Marokkos zu behaupten, im Rif-Krieg (1920–1926), weshalb er auch “Alfonso el Africano” genannt wurde.21 Dieser Rifkrieg prägte Francisco Franco; der rechte Putschversuch gegen die Zweite Republik unter ihm 1936 (aus dem sich der Bürgerkrieg entwickelte) wurde dann auch von Marokko aus begonnen.

Der Spanier Julio Cervera, der in Puerto Rico gekämpft hatte, veröffentlichte danach ein Pamphlet, in dem er die auf Puerto Rico Einheimischen für die dortige Niederlage gegen die USA verantwortlich machte.22 Nach den Verlusten im Krieg gegen die USA machte die “Beibehaltung” der restlichen Pazifik-Kolonien (nördliche Marianen, Carolinen mit Palau) für Spanien keinen Sinn mehr. Das Königreich verkaufte sie daher 1899 an das Deutsche Reich.23 Das sie seinem Schutzgebiet Deutsch-Neuguinea angliederte. Im 1. WK besetzte Japan die deutschen Gebiete in Ostasien und Ozeanien, bekam die ozeanischen Gebiete in Versailles zT als Mandatsgebiet zugesprochen24. Im Zweiten Weltkrieg eroberten USA-Truppen diese Inseln, bekamen sie danach zugesprochen. Das betraf also die Nord-Marianen, Karolinen (mit Palau), Marshall-Inseln. Die nördlichen Marianen sind, genau wie die südlichste Insel des Marianen-Archipels, Guam, noch immer amerikanisch, als Aussengebiete (Unincorporated United States possessions). Die Carolinen wurden getrennt, in Vereinigte Staaten von Mikronesien und Palau, beide sind nun unabhängig, assoziiert mit der USA. Die USA wurde und ist dominierende Macht in der Region Mikronesien25, so dass sie zB auf dem Bikini-Atoll (Marshall-Inseln) nach dem 2. WK in Ruhe Atomwaffenversuche durchführen konnte. So wie auch andere Westmächte in dieser Zeit im Pazifik Atomwaffenversuche machten.

Guam ist also seit 1898 getrennt von den anderen Marianen-Inseln (mit denen es unabhängig von den Spaniern viel gemeinsam hat), blieb das auch nachdem die Nord-Marianen im 2. WK auch US-amerikanisch wurden. Guam wurde eine grosse Marinebasis für die USA. Apra blieb der wichtigste Hafen (auch für zivile Schiffe), wurde ausgebaut. Da Schiffe nicht genug Kohle für die Fahrt von Hawaii auf die Philippinen mitnehmen konnten, wurde Apra hier Zwischenstation. In Piti entstand bald eine Marine-Schiffs-Werft, in Sumay eine Kaserne,… Wie schon unter den Spaniern war/ist Guam eine wichtige Zwischenstation für Schiffe auf dem Weg von und zu den Philippinen/Pilipinas. Kokosnüsse wurden unter der USA auf Guam verstärkt angebaut.

Begleitet wurde die Inbesitznahme von einer Rhetorik, die schon vor dem Krieg gegen Spanien ertönte, nun zB vom ersten Militär- (Marine-) Gouverneur der USA für Guam, Richard Leary, kam: Die Kolonisierung Guams erfolge zum Schutz der (dort) Bedürftigen, mit Hilfe für die Bedürftigen,… Die “New York Times” jubelte 1900: “No more Slavery in Guam. Capt. Leary Ordered Its Abolition on Washington’s Birthday”.26 Es ist die protzende Rhetorik, die Eroberungen und Machtübernahmen generell begleitet. Nicht viel anders, wenn Daesh/IS irgend ein Gebiet übernimmt. Das Diktat über das Leben Anderer wird als Barmherzigkeit und Grosszügigkeit dargestellt.

Die Aufteilung des USA-Festlandes in Bundesstaaten war zum Zeitpunkt der amerikanischen Eroberung Guams noch nicht komplett, das war sie erst 1912, als Arizona 48. Bundesstaat wurde. Von den später angeeigneten und ausserhalb des geschlossenen Staatsgebiets gelegenen Gebieten wurden nur Alaska und Hawaii Bundesstaaten, 1959. Für Guam kam das damals schon gar nicht in Frage, als weit entfernte Insel, von Nicht-Weissen bewohnt, die nicht Englisch-sprachig und katholisch waren. Bei Cuba und Philippinen war die Sache ähnlich. Der Krieg gegen Spanien war der erste der USA, dessen Beute weder damals noch später zu Bundesstaaten “aufgewertet” wurde. Der US Supreme Court musste sich 1901 bis 1904 immer wieder mit dem Status der neuen Gebiete befassen (die “Insular Cases”), nannte sie schliesslich “unincorporated territories”, in denen die Verfassung der USA nicht vollständig galt, die nicht für Bundesstaatlichkeit vorgesehen waren, deren Bewohner (vorerst) nicht USA-Staatsbürger werden sollten.

Strategisch wichtig waren diese Gebiete aber, wirtschaftlich auch zum Teil. Die Bevölkerung Guams, die Chamorros, bekamen keine Selbstregierung. Ab 1917 durfte zeitweise ein Kongress von Notabeln Guams zusammentreten, der den amerikanischen Militärgouverneur beraten durfte. Militärgouverneur Willis Bradley liess ab 1931 eine Art Inselparlament (Guam Congress) wählen, daneben auch Bürgermeister.27 Es kamen viele Einschränkungen für die Guamesen: ihrer Sprache und Bräuche etwa. Und, es sollen auch Partnerschaften mit Amerikanern, die nun auf die Insel kamen, verboten worden sein… Manche Guamesen bzw Chamorros von dort wanderten auf die nördlichen, japanischen Marianas aus, da sich diese wirtschaftlich anders entwickelten.

Etwas ganz Anderes: die tiefste Meeres-Stelle überhaupt ist ja der Marianen-Graben. Dieser liegt östlich der Marianen-Inseln, wurde nach der Inselgruppe benannt. Ab Ende des 19. Jh wurde der Meeresgraben von Schiffen ausgelotet; 1875, also noch in spanischer Zeit, von der Besatzung der britischen “HMS Challenger”, die eine Stelle mit über 8000 Meter Tiefe maß. 1899 wurde von dem US-amerikanischen Schiff „Nero“ per Drahtlotung eine Meerestiefe von 9 660 Meter ermittelt. 1960 tauchte der Schweizer Jacques Piccard mit seinem Tauchboot auf über 10 000 m, fast die Maximaltiefe.

Auf Cuba hat es im 19. Jh Unabhängigkeits-Bestrebungen ggü Spanien gegeben. Von 1868 bis 1878 gab es einen grösseren Aufstand, der als „10-Jahres-Krieg“ bezeichnet wird. Es standen sich gegenüber: Tabak-Pflanzer aus dem Osten der Insel, die für Unabhängigkeit und Sklavenbefreiung kämpften, und die Zuckerpflanzer aus dem Westen, die die spanischen Truppen unterstützten (und die Sklaverei beibehalten wollten). Die weisse/spanische Bevölkerung im Westen war dominiert von „Criollos“ (auf Cuba Geborene/Eingewurzelte), jene im Osten von „Peninsulares“ (Einwanderern aus Spanien). Es gab aber auch Zucker-Pflanzer, die gegen Sklaverei und für Unabhängigkeit waren (wie Carlos M. de Céspedes) und Unabhängigkeits-Befürworter, die die Sklaverei beibehalten wollten. Es folgten weitere Aufstände, 1879-80, und jener der 1895 begann und bis zur amerikanischen Eroberung 1898 lief, unter Jose Martí.28

Marti (1853-95), ein Weisser, hatte zur USA eine äusserst ambivalente Haltung – die vielleicht das Verhältnis zwischen Cuba und USA antizipierte. Unter US-amerikanischer Herrschaft ab 1898 wurden (bzw blieben!) die früher versklavten Afro-Cubaner zu Lohnarbeitern, ohne dass sich dadurch ihre soziale Lage entscheidend besserte. Und, es wurden Formen von Peonage betrieben. 1902 wurde Cuba von der USA in die Unabhängigkeit entlassen29, doch der Inselstaat war, wie die gesamte mittelamerikanisch-karibische Region, dem “grossen Bruder” ausgeliefert. Die Bucht von Guantanamo behielt sich die USA; und zwischen 1902 und 1959 ankerten immer wieder US-Kriegsschiffe im Hafen von Havanna, um nicht genehme Regierungen abzusetzen oder wirtschaftspolitische Entscheidungen zugunsten der USA zu erzwingen. In der Guanatanmo-Bucht wurde ein amerikanischer Militärstützpunkt errichtet, 2002 dort die Einrichtung des berüchtigten Gefangenenlagers.

Keinem der vier von den Spaniern eroberten Gebiete wurde eine echte Unabhängigkeit gewährt. Und keines dieser Gebiete, mit nicht-weisser und nicht-englischsprachiger Bevölkerung, bekam einen Status als Bundesstaat der USA; Einwanderer von dort in das Festland der USA wurden und werden auch nicht als Binnenwanderer gesehen. Auf den Philippinen gab es bald einen Aufstand gegen die USA-Herrschaft. Der Aufstand gegen die Spanier hatte ja 1896 begonnen, war (wie die Unabhängigkeitsbestrebungen in Cuba und Puerto Rico) von der USA paternalistisch “unterstützt” und zur Rechtfertigung ihres Eroberungskriegs heran gezogen worden… Nach der Niederlage der Spanier in der Bucht von Manila riefen die Unabhängigkeits-Aktivisten, die die Amerikaner bei ihrer Eroberung zT unterstützt hatten, nun, 1898, die Unabhängigkeit der Philippinen (als Republik) aus. Dies waren die Militärherrscher der USA nicht zu akzeptieren bereit, und die Unterdrückung der Unabhängigkeit führte 1899 zu einem neuen Aufstand, der von den Amerikanern bis 1902 niedergeschlagen wurde. Nach diesem Krieg wurden die “Rebellen”-Führer wie Emilio Aguinaldo und Apolinario Mabini von der USA auf Guam exiliert. Die amerikanische Herrschaft 1898-1946 wurde von der japanischen (1941-45) unterbrochen. Die kommunistische Hukbalahap-Miliz unter Luis Taruc kämpfte gegen die Japaner, dann (46-54) gegen den (mit der USA verbündeten) philippinischen Staat.30

Der Krieg 1898 verstärkte das Selbstbild der USA enorm, als “Verteidiger der Demokratie”, als “Gerechte im Dienst des gerechten Anliegens”31 – trotz imperialistischer eigennütziger Expansion, Jim-Crow-Gesetzen im Süden bzw Südosten der USA,… Der Marine-Offizier und Historiker Alfred T. Mahan begründete mit seinem 1890 veröffentlichten Buch “The Influence of Sea Power upon History” die moderne USA-Marine-Doktrin der Seeüberlegenheit. Der Sieg über Spanien war so etwas wie der Eintritt der USA in die Weltpolitik, der endgültige Aufstieg zur Grossmacht. Präsident McKinley annektierte noch 1898 Hawaii, wo es schon einige Jahrzehnte mitmischte, angestachelt von dem Nationalismus, der im Zuge des Krieges aufkam. Und Theodore Roosevelt kehrte als Kriegsheld aus Cuba in die Politik zurück, wurde 1899 Gouverneur von New York. Der britische Autor Rudyard Kipling war während eines USA-Aufenthalts mit “Teddy” Roosevelt persönlich bekannt geworden, schrieb nach dem Krieg das “Gedicht” “The White Man’s Burden” (Des weissen Mannes Bürde bzw Last). Um die Jahrhundertwende, zum Höhepunkt der westlichen/ europäischen Weltherrschaft. Der Literatur-Nobelpreisträger von 1907 wollte den damaligen Gouverneur zu einer weiteren imperialen Ausdehnung der USA motivieren, diese einmahnen. Die Kolonialisierung Nicht-Weisser sei ein humanitärer Akt, eine Wohltat für die Welt.32

Ob „Teddy“ Roosevelt diese Ermunterung nötig hatte? Zu Beginn des 20. Jh erklärte er, “It is manifest destiny for a nation to own the islands which border its shores.” Diese „offensichtliche Bestimmung“ gestand er natürlich nicht allen Nationen zu, im Gegenteil… 1901 wurde Roosevelt Vizepräsident unter McKinley, nach dessen Wiederwahl; nach etwa einem halben Jahr nach dem Mordanschlag (durch einen polnischen Anarchisten) auf diesen rückte er zum Staatspräsidenten auf, herrschte bis 1909. Die Republikanische Partei wurde in dieser Zeit allmählich die rechte Partei der USA, die Demokraten wurden “links”, aber das auszuführen, würde jetzt zu weit (weg) führen. 1904 verkündete Roosevelt seine “Corollary” (Zusatz) zur Doktrin eines seiner Amtsvorgänger, James Monroe, von 1823, die beanspruchte, den amerikanischen “Doppelkontinent” gegenüber europäischer “Einmischung” frei zu halten. De facto beanspruchte die USA damit eine Hegemonie über Lateinamerika und Karibik. Dies formulierte Roosevelt in seiner Ergänzung auch offen so, und er setzte diese Auffassung von “Schiedsrichterfunktion” und “Interventionsrecht” der USA im südlicheren Amerika auch um. Eine Politik des Isolationismus hat die USA eigentlich nie betrieben, es änderten sich aber immer wieder die Auffassungen von “eigenen Angelegenheiten”.

Diese Verkündigung Roosevelts kam nach der “Venezuela-Krise” von 1902/03.33 Venezuelas Präsident Cipriano Castro weigerte sich, Auslandsschulden des Landes zu bezahlen; darauf hin verhängten Grossbritannien, Deutsches Reich und Italien eine Seeblockade gegen das Land. Castro nahm an, dass die USA aufgrund der Monroe-Doktrin eine solche Intervention europäischer Mächte in Amerika nicht hinnehmen würde. Doch Teddy Roosevelt hatte, welche Überraschung, kein Problem damit. Nur gegen eine Inbesitznahme von Territorium auf dem amerikanischen Kontinent sei man, hiess es damals von der US-amerikanischen Regierung. In Roosevelts “corollary” hiess es dann auch, die USA würden Ansprüche europäischer Staaten gegenüber südamerikanischen helfen durchzusetzen, quasi in deren Namen. Und, Roosevelt dehnte den Hegemonienaspruch der USA 1904 auf die ganze “westliche Hemissphäre” aus. Natürlich nur zum Wohle Aller.

Roosevelt beanspruchte eine Führungsrolle für die USA in der Welt34, erklärte dazu, dass er “sanft sprechen und einen grossen Stock” tragen würde. Dieser Stock war die Marine der USA. 1907 schickte er die “Great White Fleet” auf eine Weltumfahrt, als Machtdemonstration, einen Verband von Marineschiffen, der 1909 zurück kam. “Teddy” Roosevelt sagte, er lehne “Imperialismus” ab, wolle sich stattdessen “Expansionismus” zu eigen machen. Er begann dann mit den „Bananen-Kriegen“ (Banana Wars), militärischen Interventionen im zirkum-karibischen Raum, meist durch das Marine Corps, teilweise in Form von Kanonenbootpolitik. Teilweise wird der Spanisch-Amerikanische Krieg auch schon dazu gerechnet, der den Karibik-Raum geopolitisch veränderte.

Der Ausdruck stammt von einem Lester Langley aus den 1980ern. Im Krieg gegen Spanien 1898 musste die USA ein Kriegsschiff noch aus Kalifornien über Kap Hoorn in die Karibik schicken. 1903 “erzwang” die USA unter Roosevelt von Kolumbien die Abtrennung von dessen Departemento del Istmo, wo ein Kanal gebaut werden sollte. Ein Bau-Abkommen zwischen Kolumbien und USA war 1903 vom kolumbianischen Parlament abgelehnt worden. Darauf hin unterstützte man in dieser Provinz eine “Unabhängigkeits-Bewegung”, und schon erklärte “sich” diese als “Panama” unabhängig. Gegen eine Intervention Kolumbiens kreuzten amerikanische Kriegsschiffe auf… Anderswo ging es auch um Bananen, bzw die Interessen der United Fruit Company.

US Marines Nicaragua 1926 mit erbeuteter Sandinisten-Fahne

Bis in die 1930er, zu Franklin D. Roosevelts „Nachbarschaftspolitik“ gingen diese Interventionen im zirkumkaribischen Raum, dem „Hinterhof“ der USA, aus wirtschaftlichen und strategischen Interessen. Danach hat die USA dort und in Lateinamerika meist nicht mehr direkt militärisch eingegriffen, aber umso mehr über Klientelpolitik, Geheimdienstaktionen, Wirtschaftskriege,… Es handelte sich bei den “Bananen-Kriegen” nach der erzwungenen Panama-Abtrennung von Kolumbien meist um Interventionen ohne territoriale Akquisition. Es kamen aber im 20. Jh u.a. noch die Virgin Islands (damals Dansk Vestindien) zur USA, wenn auch nicht als Bundesstaaten. Anderswo wurden “nur” Militär-Stützpunkte errichtet, Marionetten-Regime eingesetzt oder wirtschaftlicher Einfluss gesichert. Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson waren beides Interventionisten, Roosevelt begründete dies machtpolitisch, Wilson (der erste Südstaatler als Präsident nach Sezession/Bürgerkrieg) pseudo-ethisch.35 Noch heute gibt es diese zwei Varianten, Trump vertritt auch die ehrliche, Bush jun. noch die verlogene. Wilson liess während der Mexikanischen Revolution bzw dem Mexikanischen Bürgerkrieg (ca. 1910-1920) auch wieder dort intervenieren. Und zwar 1914 in Veracruz an der Karibik-Küste, nach dem so genannten „Tampico-Zwischenfall“, bzw mit ihm als Vorwand.36 In den 1. WK führte Wilson die USA dann „gegen Despotismus und für Demokratie“. Es war der endgültige Aufstieg zur Weltmacht.

Agana vor dem 2. WK

1940 zog ein verheerender Taifun über Guam, die Marianen, Mikronesien,…Am 7. Dezember 1941 der Angriff des japanischen Militärs auf den US-Marinehafen Pearl Harbor auf Oahu, Hawaii. Stunden später griffen Japaner Guam, ein anderes USA-Aussengebiet, an, in der “ersten Schlacht um Guam”, nahmen die Insel in wenigen Tagen ein. Der amerikanische Militär-Gouverneur McMillin wurde gefangen genommen, der zuvor angesichts der Spannungen die meisten Amerikaner evakuieren hatte lassen. Die Guamesen/Chamorros wurden sich selbst überlassen, anscheinend auch jene, die im Militär der USA dienten…37 Die japanische Herrschaft (zweiundeinhalb Jahre) brachte für Guam eine Wiedervereinigung mit den anderen, nördlicheren Marianen-Inseln, die ja seit dem 1. WK japanisch waren. Chamorros wurden nun von dort nach Guam gebracht, u.a. um zu übersetzen. Die guamesischen Chamorros wurden als Kriegsgefangene, als Unterworfene behandelt, die nord-marianischen halfen diesen Besatzern (gewissermaßen) – dies verstärkte die Kluft zwischen den Chamorros auf der südlichsten Marianen-Insel und jenen auf den nördlicheren, ist bis heute ein Thema!

Die Schlacht von Midway (eine der “Guano-Inseln”) im Juni 1942 wird ja das “Stalingrad des Pazifikkriegs” genannt, da es dort eine Kriegswende einleitete. Im Juli/August 1944 die “zweite Schlacht um Guam”, die Amerikaner eroberten Guam zurück (u.a. mit Flächenbombardements), die japanischen Verteidiger leisteten fast drei Wochen lang erbitterten Widerstand.38 Ihr Kommandeur Hideyoshi Obata beging rituellen Selbstmord (Seppuku). Am “Liberation Day” wird bis heute dem Beginn der Kämpfe am 21. Juli gedacht. Einzelne japanische Soldaten, die sich der Gefangennahme entziehen konnten, verübten nach der Rückeroberung der Insel durch die Amerikaner noch verschiedentlich Anschläge oder versteckten sich. Die nördlichen Marianen nahmen US-Truppen schon zuvor von Japan ein. Guam wurde noch während der Kampfhandlungen, wie zuvor schon Saipan oder Tinian, mit amerikanischen Militärstützpunkten “übersät”.

Japanische Kriegsgefangene Guam

1945 kam die „USS Indianapolis“, eines der USA-Kriegsschiffe, die 1941 nicht in Pearl Harbor waren, auf die Marianen. Die „Indianapolis“ hatte im Frühling ’45 die US-amerikanische Landung auf den japanischen Inseln Iwo Jima und Okinawa unterstützt, die letzten Kriegshandlungen vor den Atombombenabwürfen. Anschliessend brachte sie Teile der Atombombe „Little Boy“ auf die Marianen-Insel Tinian, wo diese getestet wurde. Danach fuhr die „Indianapolis“ nach Guam, Militärpersonal absetzen, anderes aufnehmen; am Weg zu den Philippinen wurde sie dann noch nahe Guam versenkt, im Juli 45, von einem japanischen U-Boot; es gab 800 Tote, durch Ertrinken, Hai-Angriffe,… Es war dies die grösste Marine-Opferzahl von einem Schiff in der USA-Geschichte; Gerettete wurden nach Guam gebracht. Im August 45 startete die „Enola Gay“ von Tinian, warf die Atombombe dann über Hiroshima ab. Die Marianen, gerade von Japan erobert, hatten sich als “unsinkbarer” Flugzeugträger bewährt, gegen Japan.

Die maximale geographische Ausdehnung direkter US-amerikanischer Kontrolle war nach dem 2. WK gegeben, nach der Kapitulation des “Grossdeutschen Reichs” und dann Japans, und vor der Unabhängigkeit der Philippinen 1946. Man kann aber auch die Phase nach Ende des Kalten Kriegs, als die USA (damals von Clinton regiert) auch Russland (unter Jelzin) gewissermaßen “kontrollierte”, als Höhepunkt amerikanischer Machtausübung sehen. Seit Franklin Roosevelt sind US-Präsidenten (zumindest) so etwas wie Welt-Mit-Beherrscher. Wie erwähnt, kamen Ende des 19., Anfang des 20. Jh einige Gebiete unter Kontrolle der USA, die nicht Bundesstaaten wurden, Gebiete die zum “kontinentalen” Staatsgebiet keine Verbindung haben und eine nicht-weisse Bevölkerungsmehrheit (oder fast unbewohnt sind, wie die “Guano-Inseln”). Es gibt unterschiedliche Status und Bezeichnungen (Insular Areas, Outlying territories, Commonwealth, Incorporated territory, Unincorporated territory, dependent territory,…). Manche wurden aufgegeben über die Jahrzehnte hindurch, wie die Panamakanal-Zone, Palau, Philippinen, Mikronesien, Cuba; in der Regel verblieben dort US-Militär-Basen. Andere Eroberungen, wie Puerto Rico, Guam und (nördliche) Marianen wurden behalten.

Infolge des 2. WK kam es also zu einer Art “Wiedervereinigung” von Guam und den anderen Marianen, da beide Gebiete nun unter USA-Herrschaft standen, sie blieben aber dennoch getrennt. Auch die Nord-Marianen wurden nach diesem Krieg von der USA (weiter) militärisch intensiv genutzt. In der Bevölkerung Guams (Chamorros, Philippinos, Mischlinge, Weisse) gab es nun Verlangen nach Selbstregierung und Aufwertung des Status innerhalb der USA, auch vom Inselparlament. 1949 unterschrieb USA-Präsident Harry Truman den Organic Act, ein Gesetz39, das Guam (seinem Parlament) Autonomie für “innere Angelegenheiten” einräumte. Statt eines amerikanischen Militärgouverneurs gab es nun einen (ernannten) zivilen amerikanischen Gouverneur. Die (nicht-weissen) Guamer/Guamesen bekamen die Staatsbürgerschaft der USA; durften aber nicht an US-amerikanischen Wahlen teilnehmen. Seit 1946 steht Guam auf der UN-Liste der Hoheitsgebiete ohne Selbstregierung, die UN nahm und nimmt die Entkolonialisierungsfrage relativ ernst. Wie bei Puerto Rico gab und gibt es auf Guam die drei Optionen Verlangen nach Bundesstaatlichkeit (oder anderer Formen stärkerer “Integration” in der USA), nach Selbstständigkeit (Unabhängigkeit), Beibehaltung des jetzigen Status. Man kann die „Erhebung“ zur Bundesstaatlichkeit als Akt der Gleichberechtigung sehen oder aber als (“verbindlichere”) Annexion.

1949 wurde eine Commercial Party gegründet, als erste Guamer Partei. Vor der Wahl 1950 wurde sie in Popular Party umbenannt. Bei den folgenden Wahlen gewann sie fast alle Sitze im Parlament Guams. 1956 spaltete sich ein Teil als Territorial Party ab, was an der Dominanz der PP zunächst nichts änderte. Nachdem sie sich mit der US-amerikanischen Democratic Party verbunden hatte, wurde sie 1964 zur Democratic Party of Guam. Die Territorial Party gewann die Wahl 1964, danach kehrte die Dominanz der Democratic Party zurück. 1966 wurde sie zur Republican Party of Guam, nachdem sie sich mit den amerikanischen Republikanern zusammengeschlossen hatten. Seither gleicht das Parteiensystem auf der Insel dem US-amerikanischen. Anscheinend spielt die ethnische Zugehörigkeit keine bestimmende Rolle bei dieser Dichotomie, eher die Klassen-Zugehörigkeit. Inzwischen sind längst nicht mehr alle Guamer/Guamesen Chamorro, es sind inzwischen unter 40%. Hat mit der Einwanderung zu tun, aber auch mit der Auswanderung von chamorrischen Guamern, eine Diaspora gibt es in anderen Teilen der USA (Hawaii, California,…).

Die Einwanderung von Philippinos begann schon zur spanischen Zeit, heute stammen über 25% der Guamer von diesem Archipel in der Nachbarschaft, mit dem Vieles verbindet. Weisse, überwiegendst eingewanderte Amerikaner, machen unter 10% aus. Dann gibt es noch eingewanderte Ozeanier (v.a. von der ehemaligen Carolinen-Insel Chuuk, heute bei den Föderierten Staaten von Mikronesien) und Asiaten, sowie Mischlinge. Die Chamorros sind ähnlich wie die Philippinos zuerst hispanisiert, dann anglifiziert worden. Englisch ist die wichtigste Sprache geworden, hat Chamorro teilweise sogar im privaten Bereich verdrängt. Filipino spielt eine gewisse Rolle, Spanisch dagegen gar nicht mehr. Nur mehr Familiennamen erinnern an diese 400-jährige Kolonialherrschaft. Und die Dominanz der Katholischen Kirche. Durch die vielen US-Militär-Einrichtungen auf der Insel gibt es einen ständigen “Zufluss” und “Abfluss” von Amerikanern aller Bevölkerungsgruppen. Chamorros verpflichten sich überproportional oft zum USA-Militär, verlassen auch so ihre Insel öfters. Die Insel besitzt für die USA nach wie vor eine grosse strategische Bedeutung, blieb v.a. Marine-Stützpunkt.

In den frühen 1960ern wurde der Hafen Apra für atombetriebene U-Boote ausgebaut, die mit strategischen Mittelstreckenraketen bestückt werden. Während des Vietnam-Kriegs, in dem die USA ab 1964 (ein USA-Kriegsschiff, im Tonkin-Golf angeblich von einem nord-vietnamesischen Schiff angegriffen) massiv involviert war (bis 1973), war Guam wieder Aufmarsch- oder Zwischenstation v.a. für Kriegsschiffe. Wie auch die Philippinen, dort v.a. die Marinebasis in der Bucht von Subic auf Luzon, von den Spaniern einst gebaut. Im Juli 1969 reiste USA-Präsident Nixon, nach der Mondlandung, während des Vietnam-Kriegs40 um die halbe Welt, absolvierte Staatsbesuche in Asien, reiste dann über Europa heim. Bei einem Stop in Guam sprach er über die neue Asien-Politik der USA und die Weltpolitik, formulierte dort seine “Nixon-Doktrin”. Demnach erwarteten die Vereinigten Staaten künftig von ihren Verbündeten, ihre militärische Verteidigung – vor allem finanziell – in die eigene Hand zu nehmen. In Vietnam sollten die Süd-Vietnamesen allmählich mehr Verantwortung bei der Kriegführung übernehmen.41 1972 kam Richard Nixon wieder zu Besuch auf Guam, hielt eine Rede. Das war im Jahr seiner Wiederwahl, die er gewann, nachdem er in das Hauptquartier der Demokratischen Partei (des Democratic National Comittee) im Watergate-Gebäude in Washington einbrechen lassen hatte.42 Am Ende des Vietnam-Kriegs 1975 flüchteten Offizielle Süd-Vietnams über Guam in die USA.

Seit 1970/71 darf die Bevölkerung Guams ihre Gouverneure wählen, die also im Zusammenspiel mit Inselparlament (Legislature of Guam/ Liheslaturan Guåhan) regieren. Zum ersten Mal seit 500 Jahren, dem Auftauchen der ersten Europäer dort und der folgenden Kolonialisierung (Spanier, Amerikaner, Japaner), konnten die Guamesen zumindest über ihre eigensten Angelegenheiten wieder selbst bestimmen. Wenn auch nicht über vieles Andere und wenn auch die Chamorros weniger als die Hälfte der Inselbevölkerung ausmach(t)en. Carlos Garcia Camacho (1924 – 1979), ein Republikaner, war letzter ernannter Governor von Guam (1969-1971) und erster gewählter (1971-1975). Seit 1972 darf Guam einen nicht stimmberechtigten Delegierten in den Congress der USA wählen. Zu den Conventions der Grossparteien dürfen Mitglieder dieser Parteien auf Guam Delegierte wählen, die dort stimmberechtigt sind.

Die Nördlichen Marianen wurden ja 1898 von Guam getrennt; als diese Trennung in Versailles 1919 “bestätigt” wurde, gab es in der Marine der USA längst Ansprüche auf diese Inseln. Der Anteil der Chamorros an der Bevölkerung ist dort noch weiter geschrumpft als auf der südlichsten Marianen-Insel Guam; sie machen weniger als ein Viertel aus, Philippinos sind die grösste Ethnie, dann gibt es grosse Gruppen an Asiaten (Chinesen,…), Ozeaniern (Carolinier,…), Mischlingen, einen kleinen Anteil an Weissen. Die Nord-Marianen haben inzwischen einen ähnlichen Status und das selbe politische System wie Guam, mit gewählten Gouverneur und Parlament, nicht-stimmberechtigtem Delegierten im Congress, die Bürger sind (seit 1986) Staatsbürger der USA, dürfen aber nicht an seinen Präsidenten-Wahlen teilnehmen. 1947 bis 1994 waren die Nord-Marianas mit den Föderierten Staaten von Mikronesien, Marshall-Inseln und Palau zum (von der USA verwalteten) UN-Trust Territory of the Pacific Islands (TTPI) zusammengefasst. 1978 bekamen die N-Marianen den Status eines mit der USA assoziierten Staates (Commonwealth, wie Puerto Rico, früher Philippinen), nachdem sie jahrzehntelang von der Marine, dann vom Innenministerium der USA verwaltet wurden. Anders als Guam hat es hier auch die deutsche und japanische Kolonialphase gegeben, die geprägt haben.

Nachdem Guam und die nördlichen Marianen-Inseln infolge des 2. WK beide unter US-amerikanischer Herrschaft “vereint” waren, begann der Diskurs über eine Wiedervereinigung, der hauptsächlich von den Chamorros auf den Inseln getragen wurde. Auf den Marianen gab es ebenfalls eine Popular Party (PP) und eine Territorial Party (TP); die PP war für die Wiedervereinigung mit Guam (und ging in der DP auf), die TP für eine engere Anbindung an die USA (und ging in der RP auf). Als 1957 sowohl auf Guam als auch auf den Nord-Marianen die jeweilige Popular Party die Wahlen gewann, wurde die Wiedervereinigungs-Thematik in beiden Parlamenten ernsthaft diskutiert. Jenes von Guam nahm 1958 eine Resolution bezüglich der Wiedervereinigung mit den Nord-Marianen an, die an den USA-Congress gerichtet wurde. Es scheint, dass dieser Irredentismus aber auf den nördlichen Marianen eine wichtigere Rolle spielt(e). 1958, 1961, 1963 gab es inoffizielle Referenden, in denen die Bevölkerung ein Zusammengehen mit Guam befürwortete. Diese Resultate wurden auch dem UN Special Committee on Decolonization weitergeleitet. Die Wiedervereinigung der Marianen war sowohl für jene auf diesen Inseln anstrebenswert, die die “Aufwertung” zu einem Bundesstaat der USA anstrebten43, als auch für jene die die Unabhängigkeit befürworteten, und für jene die für die Beibehaltung eines “losen” Verhältnisses mit der USA waren.

Im November 1969 lehnte die Bevölkerung Guams aber eine Wiedervereinigung mit 3 720 zu 2 688 Stimmen ab. Nur 32% der etwa 20 000 Wahlberechtigten stimmten ab, zur Fragestellung “Should all of the islands of the Marianas be politically reintegrated within the framework of the American Territory of Guam, such as a new territory to be known as the Territory of the Marianas?”. 5 Tage später stimmte die Bevölkerung der Nord-Marianen ab. Hier gab es eine viel höhere Beteiligung, gab es mehr Wahlmöglichkeiten. Die Wiedervereinigung bekam eine klare Mehrheit, die Option “Unabhängigkeit” bekam ganze 19 Stimmen. Wie ist das Nein auf Guam zu erklären? Auf Guampedia findet sich eine Analyse dazu. Das Verhalten der Nord-Marianer im 2. WK an Seite der japanischen Besatzer wurde nicht vergessen. Anders gesagt: Man hat sich kolonialhistorisch anders entwickelt. Wie Äthiopier und Eritreer. Dann gab es kaum eine Werbung für das Referendum – daher auch die geringe Beteiligung. Weiters: Guam war und ist besser entwickelt, reicher, von daher fürchteten Viele auf der Insel, dass die Nord-Marianen mit ihrem Geld aufgebaut werden müssten. Daneben war bereits das Rennen für die erste Gouverneurs-Wahl, 1970, eröffnet, und im Wahlkampf der drei DP-Kandidaten hat das Team von Ricardo Bordallo (Gouverneur 1975-79, 83-87) indirekt gegen eine Wiedervereinigung Stellung genommen, aus wahltaktischen Gründen (um sich von den Konkurrenten abzugrenzen).

In einem Referendum 1970 haben sich die Nord-Marianer für engere Bindungen an die USA ausgesprochen, gegen die Unabhängigkeit. Auf Guam gab es 1976 und 1982 weitere Referenden über den Status, in denen die Unabhängigkeits-Option ebenfalls keine Rolle spielte. Zuspruch bekam eine engere Bindung an die USA, deutlich mehr als die Aufwertung zum Bundesstaat und die Beibehaltung des Status. Ansonsten wurde auf Guam immer wieder über die Legalität des Glücksspiels abgestimmt. Im Fussball sind Beide schon unabhängig. Sowohl Guam als auch die Nord-Marianen haben einen eigenen Fussballverband und ein Fussball-Nationalteam. Beide gehören dem asiatischen Verband (AFC), nicht dem ozeanischen (OFC), an.44 Zur Zeit ist weder für Guam noch die Nord-Marianen die Vereinigung eine Option noch die Unabhängigkeit noch die Bundesstaatlichkeit. Die demographische Situation spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Für einen Bundesstaat sind die Inseln wohl zu wenig “weiss”. Dass die Chamorro-Anliegen für die Zukunft ausschlaggebend sind, nach Jahrhunderten der Kolonial-/Fremdherrschaft, dazu ist diese Urbevölkerung wahrscheinlich schon zu weit zurückgedrängt worden.

Und solange die Inseln für die USA militärisch oder wirtschaftlich eine Bedeutung haben, werden sie an diese gebunden sein. Die Region Mikronesien45 ist ganz in der Hand der Amerikaner. Der Pazifik, heisst es, rückt zunehmend ins Zentrum des Weltgeschehens. Dort stehen sich die beiden Weltmächte USA und China gegenüber. Und Nordkorea drohte (jedenfalls 2017) mit Angriffen auf Guam, sowie das US-Festland und Hawaii. Nachdem Trump mit “Feuer und Wut” gedroht hatte, im Atom-/Raketenstreit. Und weil Angriffe der USA auf Nordkorea wohl über Guam laufen würden, “Amerikas Tor zu Asien”. Guams damaliger Gouverneur Calvo (RP) stellte sich damals gleich hinter die USA. de.wikipedia weiss: „Die Verbindungen zu den USA werden in der Bevölkerung weitgehend positiv bewertet, auch sind die Militärstützpunkte für die Wirtschaft von Guam wichtig. Unter den Einwohnern ist die US-amerikanische Kultur weit verbreitet.“ Der zweite Satz stimmt sogar irgendwie. Ein Viertel der Inselfläche gehört dem USA-Militär; wichtig sind der Hafen von Apra mit den Atom-U-Booten und die “Andersen” Luftwaffen-Basis im Norden der Insel.

Massive Konflikte zwischen diesem Militär und der Bevölkerung hat es, anders als auf dem japanischen Okinawa, noch nicht gegeben. Auch weil diese Bevölkerung in diesen Streitkräften ja zum Teil mitmacht.46 Rund um die Militäreinrichtungen (bzw für diese) gibt es Prostitutionsangebote, und es gibt auf der Insel einen diesen zugrunde liegenden “Frauenhandel”. Darüber hinaus gibt es aber auch immer wieder Berichte über andere Ausbeutung ausländischer Arbeiter auf Guam, auch durch Chamorros. Die Bedeutung des amerikanischen Militärs für Guam zeigt sich auch dadurch: Die US-Navy hat vor einigen Jahren Guam mit toten Mäusen “bombardiert”, um den bedrohten Vogelbestand der Insel vor der Braunen Nachtbaumnatter zu retten, eine Schlangenart die das Militär selbst vor Jahrzehnten (wahrscheinlich im 2. WK) eingeschleppt hatte. Die toten Mäuse dienten als Köder und wurden mit Paracetamol versehen, das für Schlangen bereits in geringen Dosen tödlich ist. Guams “anderes” wirtschaftliches Standbein ist die Tourismus-Industrie, besonders Japaner und Koreaner kommen gerne, aber auch US-Amerikaner, Philippinos,…

Ein Motto für Guam ist “Where America’s Day Begins”, was sich auf die Nähe zur globalen Datumsgrenze bezieht, darauf, dass Guam das erste US-amerikanische Gebiet auf der “asiatischen” (bzw der westlichen) Seite dieser Grenze ist. Diese Datumsgrenze ist eigentlich ein zutiefst eurozentrisches “Konzept”, ein Erbe des europäischen Kolonialismus. 1884 wurde der Nullmeridian durch den Londoner Stadtteil Greenwich gezogen, der “Gegenbogen” auf der anderen Erdseite (180. Längengrad bzw 180° Greenwich) wurde als Datumsgrenze fest gelegt. Der “Anfang” in der Hauptstadt der damaligen Weltmacht Nr. 1 (bzw durch sie)47, das “Ende” auf der anderen Seite der Welt, dort können ruhig miteinander vernetzte (Insel-) Gebiete zerteilt werden. Infolge dessen wurden auch Zeitzonen eingeführt. Bis dahin war die Datumsgrenze von den europäischen Kolonialmächten individuell (“willkürlich”) festgelegt worden, auch immer irgendwo durch den Pazifik.

So führten die Spanier die Datumsgrenze westlich der Philippinen, weil sie diese von Mexico (Mexiko) aus bewirtschafteten. Nach der Unabhängigkeit von Nueva España als Mexico 1821 verschob Spanien (in den 1840ern) die Datumsgrenze nach Osten, schloss die Philippinen gewissermaßen an Asien an, trennte sie von Amerika ab. Alaska lag, so lange es zu Russland gehörte, auf der asiatischen Seite (wie das gegenüberliegende Sibirien), also westlich der Datumsgrenze. Mit dem Verkauf an die USA gelangte es auf die amerikanische (östliche) Seite. Mikronesien (liegt südlich von Russlands Fernem Osten) liegt grösstenteils auf der asiatischen Seite der Datumslinie, diese verläuft quer durch Polynesien. Das zur mikronesischen Region gehördende Kiribati war durch die Datumsgrenze “geteilt”. 1994/95 entschied sich der Staat, komplett zur asiatisch-ozeanischen Seite zu gehören, diese bekam dadurch eine erhebliche Ausbuchtung. Man wird sehen, ob aus der “Rückseite der Welt”, dem Pazifik-Raum, nicht einmal eine Vorderseite wird.

Der zweite Weltkrieg und sein Ende 

Um zurück zu kommen auf den Aufstand in Agana 1944, und den Krieg, in dem die USA diese südlichste Marianen-Insel von Japan zurückeroberte, im Rahmen des Pazifikkriegs: An diesem Kriegsschauplatz und überhaupt ging der Krieg ja durch die amerikanischen Atombombenabwürfe auf Japan im August 1945 (die, siehe oben, zu den Marianen ja auch einen Bezug haben) und die darauf folgende japanische Kapitulation zu Ende (und bald in einen Kalten Krieg zwischen den Alliierten dieses Kriegs über). Über die Details dieses Endes lassen sich einige interessante (und hierfür relevante) Beobachtungen machen, auch über die amerikanische Einbindung in diesen Krieg.

Bis Pearl Harbor 1941 gab es grosse Debatten in der USA um den Kriegseintritt; zuvor gab es in diesem Jahr unter Franklin Roosevelt bereits Verhandlungen mit GB, die als erste alliierte Konferenzen gelten. Das US-amerikanische Heer wurde hauptsächlich in den Pazifik (gegen Japan) geschickt, dann auch nach Nord-Afrika, von wo nach Italien übergesetzt wurde, und natürlich in die französische Normandie. Japan führte in den 1930ern und 1940ern Kriegszüge in der ostasiatisch-pazifischen Region, ging ein Bündnis mit den faschistischen Mächten Europas ein. Obwohl der Angriff auf Pearl Harbor verheerend war, war es den Japanern auf Hawaii nicht gelungen, die US-amerikanischen Flugzeugträger im grossen Stil zu zerstören, was sich bei Midway 1942 für sie rächen sollte. Die USA blieben materialmäßig trotz der Verluste in Pearl Harbor im „Pazifikkrieg“ überlegen. 1940 war bereits die Wehrpflicht eingeführt worden, von daher waren die Amerikaner ohnehin von dem Krieg betroffen. Japanische Amerikaner und Andere waren wiederum von Internierungen betroffen.

Aber der 2. WK kam auch auf das Territorium der USA. Nicht nur durch den japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Aussengebiet Hawaii (das damals noch kein Bundesstaat war) und die Kämpfe mit den Japanern auf den amerikanischen “Guano”-Inseln (wie Midway, Wake,…), die erwähnte Rückeroberung der Philippinen und Guam 1944, die Eroberung der Nord-Marianen. Die deutsche Kriegsmarine tastete sich 1941/42 mit U-Booten an die US-amerikanische Ostküste heran, griff dort Schiffe an (“Unternehmen Paukenschlag”). ’42 konnte sich Saboteure von einem U-Boot an Land setzen, diese wurden in New York festgenommen. 1943 wurde auch einmal versucht, deutsche Gefangene am Festland zu befreien. In einem Fall kam es zu Kämpfen auf amerikanischem Boden während des Zweiten Weltkriegs.

Die Japaner nahmen im Juni 1942 zwei Inseln der zu Alaska (auch noch kein Bundesstaat) gehörenden Aleuten ein; 1943 wurden Attu und Kiska zurück erobert. Und dann gab es die japanischen Ballonbomben/ Brandballons/ Fu-gō heiki, Gasballons die Bomben von Japan über den Pazifik nach Amerika trugen. Etwa 9 000 solcher Ballons wurden an der Ostküste der japanischen Insel Honshū gestartet, von November 1944 (als das Bombardement Japans durch amerikanische Kampfflugzeuge begann) bis April 1945. Etwa 300 Ballons kamen an die Westküste der USA sowie Canadas, man fand sie dort vielerorts. Im Mai 1945 tötete einer in Oregon sechs Menschen, die die einzigen Kriegsopfer am Festland bzw in Bundesstaaten der USA wurden.48 Die letzte scharfe Ballonbombe wurde 1955 gefunden, eine durch Verwitterung entschärfte noch 1992, in Alaska. Entsprechendes gibt es ja, Jahrzehnte nach Kriegsende, auch in Europa.

Der blutigste bzw tödlichste Tag für das US-Militär in diesem Krieg (und überhaupt!) war aber fern von “zu Hause”, nach der Landung in der Normandie, am 6. Juni 1944, als etwa 2 500 Soldaten getötet wurden, von Wehrmachts-Angehörigen. Die Normandie-Offensive ging dann noch weitere 1 1/2 verlustreiche Monate weiter. Nach der amerikanischen Landung auf der japanischen Insel Okinawa im April ’45 tobte dort bis Juni eine Schlacht zwischen Angreifern und Verteidigern, bei der etwa 14 000 Amerikaner und um die 100 000 Japaner getötet wurden. Besonders verlustreich war auch die Maas-Argonnen-Offensive 1918 im 1. WK (eineinhalb Monate), Gegner ebenfalls Deutsches Reich.

Die Schlacht von Okinawa kam, als USA-Truppen bereits die Philippinen zurückerobert hatten (eingeleitet mit der Landung auf Leyte 1944), nach der Landung auf der japanischen Insel Iwojima (Anfang ’45, mit dem fotografierten Hissen der USA-Flagge nach der Schlacht). In dieser Endphase des Kriegs flogen (meist) Freiwillige der japanischen Luftwaffe Kamikaze-Selbstmordangriffe gegen Kriegsschiffe der USA (und ihrer Verbündeten). Im August 45 die Atombomben-Einsätze (anstatt einer Invasion auf den japanischen Hauptinseln), ausserdem der Kriegseintritt der SU an der Pazifikfront gegen Japan, die Besetzung von Süd-Sachalin und den nördlichen Kurilen sowie die Invasion in der Mandschurei. Mit der Kapitulation Japans im September war der Krieg eigentlich zu Ende. In Europa war er das schon seit Mai, mit den Kapitulationen Nazi-Deutschlands.

Letzte bedeutende Schlacht in Europa war jene um Berlin (Apr/Mai 45). Einzelne Verbände der Wehrmacht, wie die 8. Armee, kämpften noch einige Tage über die Gesamt-Kapitulationen hinaus gegen sowjetische Truppen (in Ungarn, Tschechoslowakei); dies vor allem in dem Bestreben, Militärverbände und Zivilisten noch in die Westgebiete zu transportieren. Darüber hinaus waren manche Einheiten noch selbstständig aktiv: in Norwegen, Teilen Frankreichs, auf den britischen Kanalinseln, in Lettland. Die “Werwolf”-Kampfgruppen des untergehenden NS-Regimes waren dagegen mehr Mythos bzw Propagandaphänomen als von militärischer Bedeutung (“Untergrundkampf”), gingen hauptsächlich gegen Deutsche vor, die mit Alliierten zusammenarbeiteten.

Scharmützel gab es in Europa über die Kapitulationen hinaus, Stellvertreter-Kämpfe, Rückzugsgefechte, Frontwechsel. In Poljana (Slowenien/Jugoslawien) kämpften Kollaborateure der Achsenmächte in YU (v.a. kroatische und slowenische) mit zurückweichender Wehrmacht Mitte Mai gegen die Tito-Partisanen und britische Verbände. Infolge des Sieges der alliierten Seite dort (15. Mai) kam es zu den Repatriierungen der “Kollaborateure” bei Bleiburg und Vorstössen jugoslawischer Partisanen nach Kärnten. Danach kämpften auf der niederländischen Insel Texel noch georgische Kollaborateure der Wehrmacht gegen ihre bisherigen Meister. Es gab am Kriegsende Fluchtbewegungen, hauptsächlich aus Ost- nach West-Europa, blutige Abrechnungen, Besetzungen,…

1944 gab es die “Haudegen”-Expedition der Wehrmacht, die Errichtung einer Wetterstation auf Spitzbergen im norwegischen Svalbard-Archipel, eine von mehreren im Arktis-Gebiet. Im Mai 1945 verloren die Soldaten den Funkkontakt. Am 4. September wurden sie von norwegischen Robbenjägern gefunden, zwei Tage nach der Kapitulation Japans; es war die letzte Wehrmachts-Einheit die sich ergab. Mancherorts ging ein Konflikt beinahe nahtlos in einen anderen über. Der Chinesische Bürgerkrieg, der aufgrund der japanischen Invasion pausiert hatte, ging im Juli 45 wieder los. Die polnische Widerstandsarmee Armia Krajowa löste sich offiziell im Jänner 45 auf, als die Rote Armee Polen von den Deutschen befreite. Doch viele Einheiten griffen wieder zu den Waffen, als sich abzeichnete, dass die Sowjetunion Polen keine echte Selbstbestimmung gestattete. Vorboten des Kalten Kriegs.

Im Pazifikraum (Ostasien-Ozeanien-Westküste Amerika) gab es auch Scharmützel über die japanische Kapitulation hinaus, und auch das “Übergehen”  dieses Krieges in neue Konflikte. Und das Auftauchen japanischer “Aushalter” lange nach Kriegsende. Auf den Philippinen kam es nach der Wiederherstellung amerikanischer Herrschaft 44/45 die Gewährung der Unabhängigkeit 46 und den Guerilla-Kampf der kommunistischen “Huks”. Abgesehen davon hatten sich vielerorts japanische Soldaten versteckt, die oft weiterkämpften, im Laufe der Jahre auftauchten. Shōichi Shimada war auf der Insel Lubang verblieben, führte einen einsamen Kampf; 1954 wurde er bei einem Gefecht mit philippinischen Soldaten getötet.

Andere Japaner schlossen sich nach dem grossen Krieg den nationalen Unabhängigkeitsbewegungen gegen europäische Kolonialmächte an, v.a. in Vietnam und Indonesien. Murata Susumu wurde 1953 auf der Marianen-Insel Tinian in einer Hütte festgenommen; er wusste noch nichts vom Kriegsende. Berühmt wurde der Fall des japanischen Unteroffiziers Shōichi Yokoi, der erst am 24. Januar 1972 auf Guam entdeckt wurde. Am 10. August 1944 hatten die Amerikaner die Kontrolle über Guam wieder; aber es gab noch Monate darüber hinaus Widerstand von versprengten Truppen. Die sich v.a. in Höhlen in den Hügeln der Insel versteckten. Im Dezember 45 wurden 3 Marines bei einem Angriff (wahrscheinlich dem letzten “organisierten”) getötet.

Shoichi Yokoi Guam 1972

Auch Shōichi Yokoi war Teil einer Kleingruppe, von anfangs 10. Sie überlebten durch Fischen, Jagen und gelegentlichen Diebstählen von Guamesen. Vom Kriegsende erfuhren die Männer 1952 durch ein abgeworfenes Flugblatt. Sie entschieden sich aber gegen eine Kapitulation, da sie eine solche als unehrenhaft empfanden. Dann “übersiedelten” Sieben in einen anderen Teil der Insel – vielleicht waren die 2 japanischen Holdouts, die 1960 gefunden wurden, aus dieser Gruppe. Yokois letzter Kamerad starb 1964, bei einer Flut. 8 Jahre lebte er alleine, in einer getarnten Höhle, jagte in der Nacht, lernte sich in der Situation zu helfen, wurde gewissermaßen ein Waldmensch. 1972 wurde er von zwei Fischern gefunden. Er dachte sie seien hinter ihm her, so griff er sie an, sie überwältigten ihn aber. Und übergaben ihn der Polizei. Seine Heimkehr nach Japan wurde dort im Fernsehen übertragen, war eine grosse Sache. Er selbst soll gesagt haben: “Es ist mir sehr peinlich, lebend zurückzukehren.” Er war aber nicht der letzte japanische Soldat aus dem 2. WK, der aus seinem Versteck auftauchte.

Hiroo Onoda wurde 1974 auf den Philippinen (Lubang) gefunden. Im Dezember 1944, als die US-amerikanische Rückeroberung im Gange war, wurde er auf die Insel “versetzt”, sollte dort in einer Einheit Widerstand leisten. Einige Monate später zogen sich die vier Überlebenden der Einheit in Berge zurück, kämpften einen Guerilla-Krieg. Auch hier wurden Flugblätter abgeworfen, um japanische Holdouts über das Kriegsende zu informieren. Ab 1972 war Onoda alleine. Er traf 1974 einen japanischen Weltenbummler, dem er sich anvertraute. Dieser musste Onodas früheren Kommandanten in Japan aufspüren, der dann auf die Insel kam – um ihn aus dem Dienst zu entlassen, beinahe 30 Jahre nach Kriegsende. Onodas Gruppe hatte um die 30 philippinische Soldaten getötet, über die Jahre, aber er wurde vom philippinischen Präsidenten Ferdinand Marcos begnadigt. Marcos hatte im Weltkrieg auf amerikanischer Seite gegen die Japaner gekämpft; 1972 hatte er die Demokratie suspendiert und das Kriegsrecht ausgerufen.49 Einige Monate später tauchte dann noch Teruo Nakamura in Indonesien auf, ein Angehöriger der Urbevölkerung Taiwans, das 1895 bis 1945 unter japanischer Herrschaft stand.

Waren die Gefechte bzw Angriffe der versprengten japanischen Weltkriegs-Soldaten (die also bis in die 1970er hinein gingen) noch “Nachhutgefechte” dieses Kriegs? Wäre eine mehr als gewagte Interpretation, aber andererseits: Wo ist die Grenze zu ziehen? Es gab sogar noch später Aufgetauchte… Shigeyuki Hashimoto and Kiyoaki Tanaka hatten sich nach der japanischen Kapitulation in Malaysia dem Unabhängigkeitskampf gegen GB angeschlossen, dann einem Aufstand bzw Guerilla-Kampf der kommunistischen Partei Malaysias (PKM) – der 1989 zu Ende ging. Im Jänner 1990 kehrten die Beiden nach Japan zurück. Und Ishinosuke Uwano war auf Sachalin in sowjetische Gefangenschaft geraten, war in diversen Lagern, 1958 riss der Kontakt seiner Familie zu ihm ab. 2006 tauchte er in der Ukraine auf. Das stellt locker Rudolf Hess in den Schatten, der inhaftiert wurde, als es noch keinen Kalten Krieg gab, gestorben ist, als dieser schon fast zu Ende war. Im 1. WK hatte es einen deutschen Hauptmann gegeben, Hermann Detzner, der sich zu Kriegsbeginn im Busch von (Deutsch-)Neuguinea versteckte und schlappe 4 Jahre aushielt.

Für Japan, unter Tenno Hirohito, bedeutete die Kriegsniederlage 45 natürlich einen tiefen Bruch, brachte einen Machtverlust des Tenno, einen inneren und äusseren Kurswechsel, eine Besetzung durch die USA, Gebietsverluste,… es bekam aber nach einer Änderung der Weltlage die Souveränität zurück, wurde Verbündeter bzw Teil des Westens. Die Japaner waren für Hitler Verbündete und gleichzeitig Vorhut einer “gelben Gefahr”50; so weit ist das wahrscheinlich gar nicht von ihrer nachmaligen Wahrnehmung im Westen entfernt. Shiro Ishii war ein japanischer Mediziner, der in der „Einheit 731“ seiner Armee wirkte, die im Chinesisch-Japanischen Krieg 1937-45 in der Mandschurei Lebend-Menschen-Versuche für biologischen Waffen vornahm; 1948 schloss die USA (auf Initiative des Generalmajors Charles Willoughby) mit Ishii und anderen aus der Einheit ein geheimes Abkommen, in dem sie im Gegenzug für aus den Menschenversuchen gewonnene Daten zur biologischen Kriegführung Immunität gegen Verfolgung als Kriegsverbrecher zusicherten. Parallelen also zu Deutschland.51 Der Spanische Bürgerkrieg ging wenige Monate vor Beginn des 2. WK zu Ende, brachte die Diktatur unter Francisco Franco. Der Hitler dann etwas Hilfe zukommen liess (Division Azul), so wie dieser ihm zuvor (Legion Condor). Und bald nach dem Sieg über Hitler begann die USA, Franco zu stützen; 1953 entstanden US-Militärbasen in Spanien, und solange Spanien im US-amerikanischen geopolitischen System blieb, konnte es jede Art von Hilfe gegen eine Rebellion von Innen oder Regimewechsel von Aussen erwarten.

Es gibt noch etwas, dass Guam mit diesem Krieg verbindet: Methamphetamin. Im 2. WK wurde es in den Armeen Deutschlands („Pervitin“) und Japans (“Philopon”) eingesetzt. Nicht zuletzt bei japanischen Kamikaze-Piloten, im Pazifikkrieg. In Japan gab es nach dem Krieg eine Meth-Welle, die Mitte der 50er abebbte, aufgrund von Gesetzesänderungen. Sie schwappte aber über, in andere Länder des Pazifik-Raums, kam über die Philippinen, Guam, die Marshall Islands, Hawaii in die Festland-USA, an deren West-Küste.

Unruhen und Ähnliches in der USA

Abzugrenzen von Aggressionen nach Aussen, im Rahmen von Expansion oder auch nicht. Innere Konflikte, die mit Gewalt ausgetragen wurden, so wie jener im Militär auf Guam im 2. WK nach der Rückeroberung (> 1. Abschnitt). Konflikte wo der Staat bzw seine bewaffneten Kräfte eine Konfliktpartei war, auch solche die gewissermaßen an ihm vorbei liefen. Innere Gewalt hat es nach dem Ende der Expansion und dem Bürgerkrieg immer wieder gegeben. Der erste (quasi-) militärische Angriff auf die USA seit Pearl Harbor 1941, der am 11. September 2001 (die 4 gekaperten Flugzeuge), gehört nicht in diese Kategorie, da er zwar Gewalt in der USA beinhaltet, aber eben von Aussen gekommen ist.

* Die Unterwerfung der “ur-“amerikanischen Bevölkerung, der “Indianer”, begann zu Kolonialzeiten, ging bis Ende des 19., Anfang des 20. Jh.52

* Die Sklaverei muss an sich als Aggression aufgefasst werden; inner-amerikanische Konflikte ergaben sich hier aus dem Widerstand versklavter Afro-Amerikaner. Am bekanntesten ist die Sklaven-Rebellion unter “Nat” Turner 1831 in Virginia, mit etwa 50 Toten bevor die Repressalien bzw die Niederschlagung begannen. Zu dieser Zeit begann übrigens im Norden der USA die Industrialisierung, begannen sich Norden und Süden der USA auseinander zu entwickeln.

* Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg (1846-48) endete mit dem Vertrag von Guadelupe Hidalgo im Februar 1848, mit dem Mexico fast ganz Alta California und einen Teil von (Santa Fe de) Nuevo Mexico an die USA abtreten musste.53 Doch bereits im Jänner 1848 begann der California Gold Rush, begannen US-Amerikaner also, Gold in Kalifornien zu fördern, als das Land de facto aber noch nicht de jure ihnen gehörte. Infolge des “Goldrauschs” wurde California rasch ein US-Bundesstaat (1850).54 In diesem lebten zum Zeitpunkt der “Übernahme” etwa 100 000 Mexikaner, “Weisse”, “Indianer” (der grösste Teil davon!) und “Mischlinge”.55 Diese beteiligten sich auch an der Goldsuche, viele mit Erfolg. Diese Mexikaner in Kalifornien waren damals “das Andere”. Zwischen 1848 und 1860 wurden über 150 mexikanische Kalifornier gelyncht, von weissen Amerikanern, darunter frischen Einwanderern aus Europa. Von einem der Opfer ist der Name bekannt, Josefa Segovia; sie wurde schuldig befunden, einen Amerikaner getötet zu haben, der in ihr Haus einbrach.56

* Wahltag in Louisville, Kentucky 1855, Massaker von Anhängern der American Party (“Know Nothing Party”), WASPs, an irischen und deutschen Einwanderern, Anhänger der Democratic Party, 22+ Tote. Einwanderer sind entgegen dem US-Mythos vom “Schmelztiegel der Nationalitäten” nie populär gewesen. Auch dann nicht, wenn sie dringend gebraucht wurden.

* Die Church of Jesus Christ of Latter-day Saints bzw Mormonen-Kirche hat eine Entstehungsgeschichte, die mit viel Gewalt verbunden ist.57 Die Latter-day Saints bzw Mormonen waren (ab den 1820ern) die erste in der USA entstandene Kirche. Ab 1831 wanderten Joseph Smith und seine Anhänger in den Westen Amerikas, wie viele Andere damals. Auf diesem Weg gab es viele “Auseinandersetzungen”, mit anderen Siedlern oder Behördenvertretern oder aber Indianern. 1838 in Missouri mit nicht-mormonischen Siedlern (Amerikanern). 1844 wurden Joseph Smith und sein Bruder in Illinois gelyncht. Brigham Young führte den „Exodus“ weiter; der Zug kam 1847 in das Gebiet der Ute-Indianer, noch Teil von Alta California, Mexico, aber im laufenden Krieg (1846-48) gerade dabei an die USA verloren zu werden – wie das Gebiet um Coloma, wo dann Gold gefunden wurde (s.o.). Young wurde Gouverneur des Utah-Territoriums (bestand 1850-1896). Es gab in dieser Phase und auch danach bei den Mormonen Ansätze von Separatismus gegenüber der USA, jedenfalls aber eine Sonderentwicklung, religiös begründet, ethnisch waren sie so WASP wie nur möglich.

1857 wollte USA-Präsident James Buchanan (DP) Young als Gouverneur von Utah absetzen und Kontrolle über das Territorium herstellen. In Washington befürchtete man, dass sich Utah unter Young zu einer Mormonen-Theokratie entwickelte, schickte eine Militär-“Expedition”. Daraus ergab sich dort 1857/58 eine Art Besatzungssituation. Im September 1857 entluden sich Spannungen, als Angehörige einer Mormonen-Miliz im südlichen Utah ungefähr 100 Siedler töteten, die nach Kalifornien ziehen wollten. 1858 wurde nach Verhandlungen zwischen der Regierung und der Mormonen-Führung Young als Gouverneur abgesetzt, Utah enger an die USA gebunden und die “Aufständischen” von Buchanan begnadigt, ausser die an dem Massaker Beteiligten. Utah wurde 1896 Bundesstaat. Die allerletzten Auseinandersetzungen, die als Teil der Indianerkriege (Indian wars) gelten, ereigneten sich auch in Utah, bildeten den Abschluss der “Ute-Kriege”. 1923 war das, zwischen einer Gruppe von Ute und Paiute unter einem Posey und der USA-Armee, dauerte einige Tage, bewirkte einen Massenexodus von Ute/Paiute innerhalb Utahs – dem Staat der ihnen seinen Namen verdankt.58

* Die Cortina-Kriege: Juan Cortina (1824 – 1894), ein weisser Mexikaner, lebte in Tamaulipas, war dort Gouverneur (1843, 1844/45). Tamaulipas grenzte an Coahuila y Texas, Cortina erlebte die amerikanische Inbesitznahme von Texas (1835-1845), bei der Tamaulipas auch einen Teil an das amerikanische Texas verlor. Nach dem Krieg 1848 musste dann noch ein umstrittenes Grenzgebiet von Tamaulipas an Texas abgetreten werden. Ende der 1850er stellte Cortina paramilitärische Verbände auf, drang mit ihnen in den USA-Bundesstaat Texas ein, griff ihm im Rio Grande-Tal Angloamerikaner an, die in jenem Gebiet siedelten, das Cortinas Familie gehört hatte. Es gab dort Kämpfe mit bewaffneten Gruppen (United States Army, Texas Rangers, lokale Milizen); der “Erste Cortina-Krieg” ging von 1859 bis 1860, die Mexikaner wurden zurückgeschlagen, über den Rio Grande. 1861 der zweite Versuch und der daraus folgende zweite “Krieg”. Der USA-Bürgerkrieg (oder: Krieg zwischen USA und CSA) hatte gerade begonnen, und Cortina überquerte wieder mit einer Miliz den Rio Grande, nach Texas, das sich den Konföderierten Staaten angeschlossen hatte. Die Mexikaner bekamen es so mit CSA-Truppen zu tun, diese wurden von Santos Benavides geführt, einem Tejano, also mexikanischen Texaner. Es gab dann, speziell um die Jahrhundertwende, noch viele Scharmützel an der mexikanisch-amerikanischen Grenze.

*  Den blutigsten Tag in der amerikanischen Militätgeschichte überhaupt gab es in diesem Bürgerkrieg (1861-65): die Schlacht von Antietam (Maryland) am 17. September 1862, als über 3 600 Soldaten beider Seiten getötet wurden. Es gab auch mehrere Massaker in diesem Krieg. Im Oktober 1862 eines in Gainesville (Texas), an dort lebenden Zivilisten, die verdächtigt wurden, “Unionisten” zu sein, also Sympathisanten/Unterstützer der USA bzw der Bundestruppen. 41 solche wurden gehängt, nach Aburteilungen durch ein “Bürgergericht”, 2 weitere bei Fluchtversuchen erschossen. 1863 veranstalteten CSA-Truppen in Lawrence (Kansas) ein Massaker, töteten 164 Zivilisten. Um den “roten Faden” dieses Artikel aufzunehmen: Kriegsziel der Südstaaten war ja eigentlich die Behauptung der Unabhängigkeit/Souveränität. Der Autor Edward Pollard aus Virgina aber wälzte Pläne für die USA und die CSA für den Fall eines Siegs der zweiteren. Die Industrie im Norden sollte zerschlagen werden, die CSA sollte in den Karibikraum expandieren, ein auf Sklaverei basierendes Imperium errichten (mit einer weissen englischsprachigen Herrenschicht).59

* Unfälle: Auf dem Mississippi-Dampf-Schiff „Sultana“ 1865 eine Explosion, anschliessender Untergang,  1 168 Tote, kurz nach Ende des Bürgerkriegs und der Ermordung von Präsident Lincoln; Brand im Iroquois-Theater in Chicago 1903, forderte 602 Menschenleben; Gasexplosion in New London (Texas) 1937, 295 Opfer; 1913 Grubenunglück in New Mexico durch Dynamit-Verwendung; Italian Hall in Calumet (Michigan) 1913 Massenpanik; American Airlines Flugzeug 1979 Absturz (Wartungsfehler); 1963 Zug-Busunfall Chualar (California);…

* Lynchmorde an Afro-Amerikanern, das Wirken des Ku Klux Klan. Nach einer Schätzung des Tuskegee Institute sind allein in der Zeit von 1882 bis 1968 über 4 700 Menschen in der USA gelyncht worden, hauptsächlich in den Südstaaten, ungefähr drei Viertel davon Afro-Amerikaner. Mit “Lynchen” sind natürlich Hinrichtungen/Tötungen aus Selbstjustiz/Standrecht gemeint; aber jemanden aus rassistischen Gründen ein Verbrechen zu unterstellen/umzuhängen (und ihn dafür zu töten) und jemanden aus rassistischen Gründen zu töten – das ist nicht immer so klar abzugrenzen.

Der bereits erwähnte Nathan B. Forrest war Sklavenhändler u.a. in Tennessee, CSA-General im Bürgerkrieg60, beteiligt beim Massaker 1864 in Fort Pillow (TN) an USA-Truppen (hauptsächlich Schwarzen). Nach dem Krieg Begnadigung, zurück zur Baumwollplantage, Misshandlung von Schwarzen dort, stiess 1867 zum 2 Jahre zuvor gegründeten KKK. Der Klan kämpfte gewissermaßen gegen den Ausgang des Kriegs, die Herrschaft des Nordens, drangsalierte Afro-Amerikaner, hatte im Südosten der USA viele mehr oder weniger autonome lokale Verbände. Forrest wurde Grand Wizard des Klans, bis 1869. 1871 wurde er, im Rahmen der Reconstruction, aufgelöst. Nach Forrest, der der Democratic Party angehörte, sind noch immer Plätze u.a. in der USA benannt. Das Lynchen an Afro-Amerikanern erreichte um 1900 einen Höhepunkt.

In dieser Zeit tauchten in der USA auch Berichte über Folterungen auf den Philippinen auf, von US-Soldaten an Philippinos.61 Wie erwähnt hatten sich die Philippinos gegen die Spanier aufgelehnt; nach der amerikanischen Eroberung (die auch mit diesem Aufstand gerechtfertigt wurde) und der Errichtung einer neuen Fremdherrschaft flammte der Aufstand neu auf62, richtete sich gegen die Amerikaner, wurde zu einer Art Krieg (1899-1902). Vor diesem Hintergrund wurden Philippinos gefoltert. Präsident Theodore Roosevelt hat sich in dieser Zeit zu Lynchmorden in der USA an Schwarzen und Folter auf den Philippinen geäussert. So 1902 bei einer Rede auf dem Arlington Friedhof in Virgina, verurteilte und relativierte gleichzeitig die Gräuel, rief nicht zu einem Ende des Lynchens in der USA auf, sondern zu einem Ende der Kritik am amerikanischen Militär.

24. Infanterie-Division der Armee der USA, Philippinen 1902

Der Krieg ging zu Ende, als die USA (mit dem Philippine Organic Act) den Philippinen 1902 etwas Selbstverwaltung zugestand. Einige Senatoren, weisse Demokraten aus dem Süden, blockierten das Gesetz einige Zeit, da sie Roosevelts Äusserungen über die Süd-USA und die Philippinen als ein Schuldeingeständnis sahen. 1903 tadelte er, in einem Brief, Teilnehmer von Lynchmobs etwas, und führte aus, dass der “schwarze Mann in manchen Fällen schuldig war, an grausamen Verbrechen”63. Die “schwarzen” US-Amerikaner die auf die Philippinen geschickt wurden, um den dortigen Aufstand niederzuschlagen64, waren auch dort Rassismus von ihren Landsleuten ausgesetzt, innerhalb der Armee. Nicht anders als “zu Hause”. In dieser Zeit, zwischen 1899 und 1902 wurden 381 Afro-Amerikaner in der USA gelyncht. Nun waren sie Fusssoldaten, Ausführende in einem Krieg, der auf der selben rassistischen Ideologie basierte, wie jene die sie in Amerika erfuhren. Philippinos wurden von weissen Amerikanern so charakterisiert/eingestuft, wie auch die Afro-Amerikaner: minderwertig, unbeholfen, unreif. Die selbe Konstellation gab es in Vietnam, Irak,…

KKK-Parade Washington 1926

Der Ku Klux Klan wurde ja nach einem Film 1915 neu gegründet65, nahm seine Tätigkeit wieder auf, der aber in der Zwischenzeit (seit seiner Auflösung) auch nachgegangen worden war. Einer der Führer des 2. Klans, David Stephenson (Grand Dragon in Indiana), wurde in den 1920ern wegen Mord und Vergewaltigung einer (weissen) Frau verurteilt (und dann vorzeitig freigelassen). Imperial Wizard Hiram Wesley trat 1939 zurück, nachdem er von Anti-Katholizismus (seinem und dem des KKK) abgerückt war.66 1939 kam auch das Lied “Strange Fruit” von Billie Holiday heraus, komponiert von Abel Meeropol (Jude russischer Herkunft aus New York). Gelynchte Menschen auf Bäumen im Süden der USA, sonderbare Früchte des Baums die da herunterhängen. Der 2. Klan, unter James Colescott dann, musste 1944 aufgrund von Steuerzahlungsforderungen des Staates aufgelöst werden – nicht wegen seiner Ideologie, seinen Aktivitäten. Ab den 1950ern gibt es lokale/regionale Neugründungen.

Emmett Till, 14 Jahre, wurde 1955 in Mississippi gelyncht, nachdem er eine weissen Frau im Geschäft von deren Familie “angemacht” hatte (Pfiff ausgestossen,…), nicht vom KKK, von Leuten die in der Mitte der Gesellschaft waren67, Verwandten und Freunden der Frau; sie wurden freigesprochen. 1981 wurde Michael Donald in Alabama von Mitgliedern des Ku Klux Klan gelyncht, nachdem ein Afroamerikaner des Mordes an einem (Weissen) freigesprochen wurde. Dieser Lynchmord gilt als der letzte (derartige) in der USA.

* In Opelousas (Louisiana) gab es 1868 ein Pogrom an Afro-Amerikanern (über 300 Tote), kurz nach der Aufhebung der Sklaverei also, im Zuge des Bemühens die ehemaligen Sklaven an der Ausübung der ihnen theoretisch zugestandenen politischen Rechte zu hindern.

* 1871 ein Massaker an Chinesen in Los Angeles, etwa 20 Tote

* 1887 in Thibodaux (Louisiana) ein Streik bzw Aufstand von Zuckerrohr-Arbeitern, ehemaligen Sklaven, die Niederschlagung…die Angaben über Opferzahlen reichen von 30 bis 100; die Arbeiter kehrten zu den Bedingungen ihrer Arbeitgeber wieder auf die Plantagen zurück

* Der Johnson County War in Wyoming, 1889-93, ein Konflikt um Weideland; es gab viele weitere solcher Landfehden

*  Casey’s Armee: ein Arbeitslosenmarsch 1894, Tausende Teilnehmer, geführt von Jacob Casey (einem Geschäftsmann!), „Jack London“ war dabei, sollte von Ohio nach Washington DC gehen, wurde in Montana aufgelöst von „Sicherheitskräften“, zuvor schon wurden die Führer verhaftet

* Naturkatastrophen: ein Hurrikan über Texas 1900 (ca 10 000 Tote; im Jahr davor ein ähnlich verheerender, der die Karibik betraf und auch Puerto Rico, das als Teil USA zu sehen ist oder auch nicht), Erdbeben San Francisco/Kalifornien 1906, 1899 Überflutung Pennsylvania, Hitzewelle 1980, 1918 Waldbrand in Minnesota, 1927 Mississippi-Flut, Mount St. Helens Vulkanausbruch 1980 „Katrina“ 2005,

* Gewalt gegen Einwanderer aus Griechenland in South Omaha (Nebraska) 1909

* Houston 1917: Nachdem Präsident Wilson 1917 entschieden hatte, auf Seiten der Entente in den Krieg in Europa einzutreten (> “Lusitania”, Zimmermann-Telegramm,)68, wurde die Wehrpflicht wieder eingeführt, erstmals seit dem Bürgerkrieg, für Männer zwischen 21 und 30 Jahren ein. Auch etwa 300 000 Afro-Amerikaner wurden eingezogen, ausserdem meldeten sich etwa 50 000 von ihnen freiwillig. Das 3. Battailon des 24. Infanterie-Regiments, ausschliesslich mit afro-amerikanischen Soldaten, wurde zur Grundausbildung in New Mexico versammelt, dann nach Houston, Texas, verlegt. Dort wurde Rassentrennung gelebt, und daher hatten die Einwohner Probleme mit dem Auftauchen afro-amerikanischer Soldaten (die für die USA kämpfen sollten). Zumal viele der Soldaten (jene die nicht aus dem Südosten sammten) strikte Rassentrennung nicht gewohnt war, und sich an ihrer Behandlung durch weisse Houstoner störten.

Als die Polizei von Houston eine schwarze Frau gewaltsam verhafteten, waren gerade schwarze Soldaten in der Nähe. Soldaten versuchten die Frau zu beschützen. Ein Polizist schoss auf einen der Soldaten. Ähnlich wie in Agana verbreitete sich die Nachricht von der gewaltsamen Auseinandersetzung in der Stadt zum Battailon. In dieser Situation ordneten die Kommandierenden des Battailons (alles Weisse) die Entwaffnung der Soldaten an. Stattdessen marschierte ein Grossteil der Soldaten mit ihren Waffen und weiteren, die sie im Lager fanden, in die Stadt. Dort kam es zu einer stundenlangen Schiesserei mit Polizisten… 19 Tote zählte man am Abend. Kriegsrecht wurde in der Stadt verhängt, die als “Anführer” bzw “Aufrührer” des Battailons Gebrandmarkten vor ein Kriegsgericht gestellt. 19 Soldaten wurden zum Tode verurteilt und aufgehängt, 63 bekamen lange Gefängnisstrafen. Die ersten toten Amerikaner gab es also (im eigenen Land), bevor die USA unter dem Rassentrennungsbefürworter Wilson in den Krieg in Europa eintrat, um (wie dann auch ab 1941 und viele weiter Male) das Böse in der Welt draussen zu bekämpfen.69

Diese “Houston Riot” wurde dahingehend diskutiert, welche Gefahr von schwarzen Soldaten ausgehe, nicht bezüglich des rassistischen Verhaltens von Polizisten der Stadt, der Verhältnisse im Süden/Südosten der USA, der Stellung der Afro-Amerikaner in diesem Land für das sie kämpfen sollten,… Aus Afro-Amerikanern in den Streitkräften der USA wurden für den Krieg in Europa zwei Infanterie-Divisionen gebildet, der Grossteil kam aber nicht diese Kampfeinheiten (Combat units), sondern in Arbeitseinheiten (support units), wo sie keine Waffen bekamen, aber harte Arbeit wie Entladen von Kriegsschiffen und Strassenbau leisten mussten, streng separiert von den weissen “Kameraden”. Malcolm X / Malik Shabazz hat ja nach der westlichen Intervention im Congo 1960, die mit der Gewalt an (weissen) Frauen dort begründet wurde, gesagt, wenn diese Mächte in Afrika für Weisse intervenierten, könnten afrikanische Armeen eigentlich in der USA anlässlich von Gewalt gegen Schwarze dort intervenieren. In Houston engagierten sich immerhin schwarze US-Soldaten für schwarze Zivilisten. Abgesehen davon, die Sache hätte sich eigentlich auswachsen können, bzw wie ein Lauffeuer verbreiten in der USA. Wilson erhielt 1919 den Friedensnobelpreis „für seine Verdienste um die Beendigung des Ersten Weltkriegs“.

* Nach diesem Krieg kam es in Tulsa (Oklahoma) zu Spannungen zwischen Weiss und Schwarz, die sich entluden. Dort gab es eine auf JimCrow-Gesetzen basierende Rassendiskriminierung. 1921 wurde ein schwarzer Schuhputzer beschuldigt, eine weisse Fahrstuhlführerin sexuell angefallen zu haben. Ein “weisser” Mob stürmte das Gerichtsgebäude/Gefängnis, wollte die Übergabe des Beschuldigten, um ihn zu lynchen. Eine Gruppe Afro-Amerikaner, möglicherweise Veteranen des 1. WK eilte hin, um ihn zu retten. Es folgte ein “Vorgehen” eines weissen Mobs gegen diese Afro-Amerikaner und ihre Wohngegenden, mit Unterstützung der Polizei von Tulsa, das 2 Tage ging. Die meisten der 100–300 Toten waren Afro-Amerikaner.

* Im selben Jahr auch ein ganz anderer Konflikt in der USA: Die “Schlacht am Blair Mountain”, in Logan County (West Virginia). Ein Arbeitskampf, zwischen Arbeitern von Kohle-Bergwerken in den Appalachen und den Besitzern dieser Bergwerke (von den Behörden unterstützt), der bereits Jahre zuvor begann. Der grösste Arbeiteraufstand in der Geschichte der USA, einer der schärfsten Konflikte in diesem Land seit dem Bürgerkrieg. Fünf Tage lang Ende August, Anfang September 1921 standen sich 10 000 bewaffnete Bergarbeiter und 3000 Polizisten, Soldaten, Streikbrecher, Abgehöriger privater Sicherheitsdienste,… gegenüber. Es ging um (bzw gegen) den Versuch, die Kohlearbeiter der Region gewerkschaftlich zu organisieren; Anführer der “Aufständischen” war William “Bill” Blizzard von den United Mine Workers. Ungefähr 100 Menschen wurden getötet, viele wurden verhaftet.

* “Bonus Army” wurde 1932 in der USA ein Protestmarsch von etwa 43 000 Menschen genannt (1. WK-Veteranen, ihre Familien, weitere Angehörige), die sich in der Hauptstadt Washington versammelten, um auf die Auszahlung von “Gutscheinen” (Boni in Form von Zertifikaten) zu drängen die sie für ihren Militärdienst bekommen hatten. Die von Walter Waters Geführten nannten sich “Bonus Expeditionary Force”. Sie “belagerten” das Capitol-Gebäude. Der Militärheld Smedley Butler (Spanisch-Amerikanischer Krieg, „Bananenkriege“, 1. WK) sprach den Protestierenden Solidarität zu. Als die Polizei die Demonstration auflösen wollte, kam es zu Gewalt, zwei toten Demonstranten. Nun liess Präsident Herbert Hoover Militär in die Hauptstadt kommen. Armee-Stabschef Douglas MacArthur (mit Dwight Eisenhower als Adjutant) organisierte diesen Aufmarsch (Kavallerie, Infanterie), auch eine Panzereinheit unter George Patton kam. Dieser Angriff, der die ehemaligen Soldaten aus der Stadt vertrieb, forderte 4 Tote.  Der genannte Smedley Butter war nach seiner Militärkarriere Polizeichef von Philadelphia. 1934 behauptete er, dass rechtsgerichtete Geschäftsleute und Faschisten wie KKK und American Liberty League 1933 einen Staatsstreich gegen Präsident Franklin Roosevelt und seine Regierung geplant hatten. Unzufriedene Militär-Veteranen sollten dazu benutzt werden. Und Butler hätte Führer der USA werden sollen. Butler schrieb bald danach ein kritisches Buch über die Kriege der USA, an denen er teil genommen hatte.

* Der Bezirk/County McMinn in Tennessee wurde um den 2. WK herum von der Cantrell-Familie “geführt”. Anlässlich der Vorwahl für die Sheriffswahl von McMinn County 1946 entzündeten sich lange bestehende Spannungen. Vor allem in der dort gelegenen Stadt Athens, wo es zur “Schlacht von Athens” kam. Wieder beteiligt waren zurückgekehrte Soldaten des 2. WK, die sich gegen Wähler-Einschüchterung und Ähnliches wehrten, sich mit den Polizisten ein Schussgefecht lieferten.

* Interessanterweise gibt es in den zur USA gehörenden Gebieten, die nicht Bundesstaaten sind, Bestrebungen diese zum 51. Staat zu machen, aber auch Unabhängigkeitsbestrebungen. Kandidaten für den Bundesstaat-Status und für die Sezession sind Puerto Rico, Guam, die Northern Mariana Islands, U.S. Virgin Islands70, American Samoa (Ost-Samoa); der District of Columbia nur für Ersteres, die Guano-Inseln für keine der beiden Möglichkeiten. Gebiete ausserhalb des geschlossenen Staatsgebietes, die dann Bundesstaaten wurden, sind ja Hawaii und Alaska. In beiden Staaten gibt es auch Sezessionsbewegungen, in Hawaii werden diese von der “Urbevölkerung” getragen, zielen auf eine Restauration des Königreichs Hawaii (Aupuni Mōʻī o Hawaiʻi) ab. Ansonsten hat es bei Indianer-Völkern immer wieder Unabhängigkeits-Aktivismus gegeben, zur Zeit am konkretesten bei den Lakota. Auch bei Afro-Amerikanern gab es Ansätze, Tendenzen dazu, von den Repatriierungs-Bemühungen nach Afrika bis zur Nation of Islam. Die Mormonen und Utah wurden schon erwähnt.

Kalifornien, der Westen des mexikanischen Alta California, liegt am Rand der USA, könnte als unabhängiger Staat bestehen71, und hat Ansätze einer eigenen nationalen Identität (historisch-ethnisch-kulturell-…), nicht nur da WASP’s dort nicht in der Mehrheit sind. 2015 wurde die Yes California Independence Campaign gegründet (an frühere Initiativen anknüpfend72); sie bekam durch den Sieg von Donald Trump durch die Präsidentschaftswahl im November ’16 grösseren Zulauf. Hillary Clinton war dort mehr als 4,2 Millionen Wählerstimmen vor Trump gelegen, wenn man so will 4 der 3 Millionen Stimmen die Clinton insgesamt mehr als Trump bekam. Yes California will die Abspaltung Kaliforniens von der USA, mittels eines Referendums, für dessen Abhaltung sie Unterschriften sammelte. Die Kampagne durfte Unterschriften sammeln, nachdem Kaliforniens Innenminister dafür im Jan. 17 grünes Licht gab. Im April stoppte die Kampagne diese Initiative, im Zusammenhang mit der möglichen russischen Einflussnahme in diese Präsidentenwahl und den Russland-Verbindungen von Kampagnen-Leiter Louis Marinelli, einem New Yorker (italienischer Herkunft) der in Russland lebt, ehemaliger Republikaner ist und angab, 2016 für Trump gestimmt zu haben.

Die Abhaltung eines Referendums und eine Mehrheit dabei wäre jedenfalls für einen (“geregelten”) Austritt nicht genug; der Congress müsste dazu auch einen entsprechenden Verfassungszusatz annehmen, wofür eine Zwei-Drittel-Mehrheit notwendig ist. Die Kampagne zur Abspaltung Californias vom Rest der USA wird von der California National PartyPartido Nacional de California (CNP) unterstützt, die 2014 gegründet wurde. Latinos/Hispanics/Chicanos, also Menschen lateinamerikanischer Herkunft, machen einen bedeutenden Teil der Bevölkerung Kaliforniens aus, wahrscheinlich die Mehrheit. Wobei Californios, also Nachfahren der mexikanischen Einwohner von Alta California, nur einen kleinen Teil davon ausmachen, die meisten Latinos in Kalifornien sind Einwanderer aus Mexico oder Nachfahren solcher. Und hier kommen wir zu einem anderen Punkt: Neben dem “Calexit” (kalifornischer Separatismus) gibt es noch einen Irredentismus Kalifornien betreffend. Jene Gebiete der USA, die Mitte des 19. Jh von Mexico abgetrennt wurden (Kalifornien einer der Bundesstaaten), werden von manchen Mexikanern noch immer oder wieder beansprucht. Wobei sich die Urheimat der (von den Spaniern unterworfenen) Azteken, Aztlán, im Südwesten der USA befunden haben soll, was diese Ansprüche unterstreicht.73 Bei Samoa und Virgin ist es ja so, dass die USA nur die eine Hälfte dieses Gebiets bekommen haben, bei den Marianen anfangs auch, wobei West-Samoa zwar unabhängig ist, die östlichen Virgin Islands aber britisch. In Texas gibt es seit den 1990ern auch eine Unabhängigkeits-Bewegung74, wie Kalifornien einer der grössten Bundesstaaten, dort kommt die Idee zur Trennung daraus dass man sich als konservativer als der Rest der USA sieht, konträr zum überdurchschnittlich liberalen Kalifornien!

Dort gibt es aber (noch) keine Konflikte, anders als bei Puerto Rico – nun zum eigentlichen Punkt. Dort gab es ja, wie auf Cuba und Philippinen eine Unabhängigkeitsbewegung gegen die Spanier vor der USA-Eroberung. Für die Unabhängigkeit von Puerto Rico von der USA kämpfte früher die Partido Nacionalista de Puerto Rico (PNPR), ab 1930 von Pedro Albizu Campos geführt. Bevor Puerto Rico Ende der 1940er, Anfang der 1950er Selbstverwaltung bekam (und den jetzigen Status), führte staatliches amerikanisches Vorgehen gegen die PNPR75 zu Gegenwehr dieser, zur Aufnahme eines gewaltsamen Kampfes. Dieser wurde auch in die “Kern-USA” getragen; 1950 versuchten PNPR-Aktivisten USA-Präsident Truman zu töten, 1954 gab es ein Schuss-Attentat der Organisation auf den Congress in Washington. Während die PNPR (auch nach dem Tod von Albizu) bis heute aktiv ist, übernahm in den 1970ern eine andere Guerilla-Organisationen, die FALN (Fuerzas Armadas de Liberación Nacional Puertorriqueña), die führende Rolle im Unabhängigkeits-Kampf.76 Der Unabhängigkeits-Kampf wird heute von einer Partei geführt, der PIP, die keinen grossen Zuspruch bekommt.77

* In der damals amerikanischen Panamakanal-Zone gabs 1964 Unruhen gegen die US-Herrschaft, die blutig niedergeschlagen wurden; die Unruhe entzündete sich am Hissen von Flaggen (der amerikanischen und der panamaischen), als Ausdruck der Zugehörigkeit bzw Hoheit. Dieses Gebiet ist eines jener, das die USA nach langer Herrschaft abgegeben haben, de-facto-Staatschef Torrijos handelte mit US-Präsident Carter 1977 die Rückgabe der Kanalzone aus (die als solche schon 1979 aufgelöst wurde), die 1999/2000 vollzogen wurde – im Rückgabevertrag wurde der USA ein Interventionsrecht im Falle von “Gefahr für die Neutralität” des Kanals eingeräumt.

* Die Intervention der USA im Krieg zwischen Nord- und Süd-Vietnam ging von 1964 bis 1973, ab dem Tonkin-Golf-“Zwischenfall”, zuvor waren aber schon 20 000 US-Soldaten in Süd-Vietnam… Der Truppenaufmarsch der USA (auf See) nach Vietnam lief wie erwähnt grossteils über Guam. Eine wachsende Antikriegsbewegung, Teil der dortigen 68er-Bewegung, und die Wehrpflicht machten den Vietnam-Krieg trotz der grossen Distanz sehr präsent in der USA.78 In diesem Krieg gab es ja theoretische Gleichberechtigung zwischen Weissen und Nicht-Weissen in den Streitkräften der USA, die Integration im Militär begann damals, parallel zur allgemeinen Emanzipation der Afro-Amerikaner in der USA (Bürgerrechtsgesetze wie auch Rassenunruhen in den 1960ern). Die 1940 eingeführte Wehrpflicht lief 1947 aus, wurde im beginnenden Kalten Krieg 1948 wieder eingeführt und 1973 (mit dem Abzug aus Vietnam) erneut ausgesetzt.79 Es gab auch in diesem Krieg einen überproportional hohen Anteil von Afro-Amerikanern im USA-Militär, die Todesrate war noch höher, die Offiziersrate wesentlich geringer (in allen früheren Kriegen waren diese Zahlen noch extremer)…80

Vor allem in der Freizeit gab es eine Trennung zwischen Schwarz und Weiss im USA-Militär in Vietnam. Mit zunehmender Kriegsdauer kamen dort rassische Konflikte auf. Martin L. King, der ja für ein Miteinander von “Weiss” und “Schwarz” kämpfte (und Andere), sagte(n), die USA-Intervention sei ein Rassenkrieg in der das Establishment der USA „schwarze Söldner benutze um braune Menschen zu töten”.81 Mir ist nicht bekannt, ob es wirklich Versuche des Vietcong (FNL) oder des nord-vietnamesischen Staates gab, afro-amerikanische Soldaten zum Überlaufen zu bewegen. Im Film „Dead Presidents“ (1995) wird so etwas (mittels Flugblätter) dargestellt. Der afro-amerikanische Autor und Amateurhistoriker Wallace Terry (1938 – 2003) brachte 1984 “Vietnam, Bloods: An Oral History of the Vietnam War” heraus, das Grundlage für diesen Film war.82 Auch Muhammed Ali hat es klar ausgedrückt (siehe unten), eine Verbindung zwischen Rassismus und Diskriminierung zu Hause, in jener Nation, für die diese Afro-Amerikaner kämpfen sollten, und diesem Krieg hergestellt. Die “Kongo-Krise” endete etwa da, als das USA-Mitmischen in Vietnam (und damit der Vietnam-Krieg) richtig losging. Malcolm X hat einen Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen Afro-Amerikaner in der USA und westlichem Eingreifen im Congo/Kongo hergestellt (siehe oben)83, Andere auch einen zwischen diesen inneren Zuständen und dem Wirken als Weltpolizei allgemein.

Die grosse Meuterei oder Kriegsdienstverweigerung gab es aber nicht, wie auch nicht in den Weltkriegen84, dem Spanisch-Amerikanischen Krieg, Irak,… wo ebenfalls das Potential dazu gegeben war. Und es kam auch zu keiner “Fraternisierung” (Überlaufen) zwischen Afro-Amerikanern (“Niggern”) und “Schlitzaugen” oder “Kameltreibern”. Ansätze von Meutereien gab es aber, wie wahrscheinlich nie vorher und danach in den US-Streitkräften. Und das nicht nur unter jenen, die auch nach Vietnam kamen. 43 schwarze Soldaten die in Fort Hood (Texas) stationiert waren, verweigerten rund um den Wahl-Parteitag der Democratic Party 1968 in Chicago den Einsatz gegen Anti-Kriegs-Demonstranten (denen es u.a. um bzw gegen Kriegs-Präsident Johnson ging). Natürlich übten auch Weisse im Militär Proteste aus. Flugblätter und Ähnliches gegen den Krieg zirkulierten auf fast allen Militärstützpunkten in der USA. In South Carolina verweigerte 1967 ein Militärarzt namens Howard Levy, bei den Green Berets dienende Sanitäter auszubilden, wurde dafür von einem Kriegsgericht verurteilt. Oder, zu Weihnachten 1969 gab es eine Antikriegsdemonstration von (etwa 50) US-Soldaten in Saigon.85 Die damals ausufernde Drogeneinnahme von Soldaten war vielleicht auch eine Art Protest, jedenfalls eine Flucht. Manche Soldaten wachten nach Abrüsten/Rückkehr/Verwundung auf, wie Ron(ald) Kovic, der der Organisation Vietnam Veterans Against the War angehört.

Einberufungszentrum Oakland bei San Francisco, 1967

Ja, und die innere Gewalt die in diesem Punkt hauptsächlich behandelt werden soll, ereignete sich im Militärgefängnis im US-Militär-Stützpunkt in Long Binh nahe Saigon. die Basis bestand 65-7586, das Gefängnis war das grösste amerikanische in diesem Krieg, und etwa 90% der Insaßen waren Afro-Amerikaner. Ein Gary Payton etwa verliess nach einer rassistischen Beschimpfung durch einen Vorgesetzten seinen Posten, wurde dafür (dort) eingesperrt. Und 1968 kam es in Long Binh zu einem Aufstand der Schwarzen in dem Gefängnis, die Militärpolizei hielt dagegen, am Ende zählte man einen toten weissen Gefangenen, 4 entkommene Gefangene87. Folgen waren eine “Verstärkung” des Lagers, Strafen für die Beteiligten.

Das Long Binh-Gefängnis nach der Auflehnung

* Militante Indianer-Aktionen nach Abschluss der Unterwerfung der Ureinwohner wurden einige von AIM unternommen. So wie jene 1973 in Wounded Knee.

* 1992 die rassischen Unruhen in Los Angeles (Einsatz der Nationalgarde,…), wie in den 1960ern in verschiedenen Teilen der USA

* In Waco (Texas) 1993 Belagerung und Schiesserei zwischen der Branch Davidians Sekte und staatlichen Kräften (82 Tote). 1997 in San Diego (Kalifornien) Gruppenselbstmord einer anderen Sekte, der Heaven’s Gate. Auch beim Massen-Selbst(?)-Mord 1978 in Guyana waren so ziemlich alle Beteiligten/Betroffenen US-Amerikaner. Ausserhalb der USA ereignete sich auch der Flugzeugabsturz über Lockerbie (Schottland/Grossbritannien) 1988, auch hier waren hauptsächlich Amerikaner betroffen. Beim Untergang der „Titanic“ 1912 war das teilweise der Fall. Beim Anschlag nicht geklärter Provenienz auf die Truppenunterkünfte der Multinational Force in Lebanon (MNF) am Flughafen Beirut 1983 waren die meisten Getöteten Amerikaner, beim israelischen Angriff auf die „USS Liberty” 1967 alle.

* Zu nennen wären noch diverse Gewaltakte aus dem Bereich Terror/Massaker/Amoklauf. Die Ereignisse vom 11. 9. 01 sind wie gesagt von Aussen gekommen, war keine innere Gewalt (es sei denn, die Dinge waren doch anders). Aber: 1910 der Anschlag auf das Gebäude der „Los Angeles Times“ durch einen Gewerkschaftsaktivisten, auf das Verwaltungsgebäude in Oklahoma City 1995 durch einen Rechtsextremisten, oder auf eine Disco in Orlando 2016 durch einen Islamisten waren politische “innere” Anschläge. Jene in Bath Town 1927 (Michigan, Schule, Andrew Kehoe), Austin 1966 (Turm Uni-Gelände), San Ysidro 1984 (McDonalds-Filiale), Columbine (Colorado) 1999, Las Vegas 2017,… waren unpolitische. Wobei: Wo verläuft dort die Grenze, was ist die Definition? Die Washington Sniper 2002 waren vielleicht im Graubereich dazwischen. Gewalt von Abtreibungsgegnern ist sehr politisch. Die Morde der “Manson-Familie” waren das auch, “indirekt”. Jene von “Ted” Bundy, der 1974-78 mindestens 35 Frauen tötete88 (dafür selbt vom Staat getötet wurde), eigentlich nicht. Und der Aufstand im Gefängnis von Attica 1971?

Rassismus in der USA

Die „Frontier“ war bei der Entstehung der USA, der Ausbreitung der europäischen Siedler, die Grenze zwischen „Wildnis“ und „Zivilisation“. Jenseits dieser Grenze hauptsächlich die (aus Asien stammenden) “Indianer”, aber auch hinter dieser “Front”, und die als Sklaven geholten Afrikaner. Diese Afro-Amerikaner waren schon im USA-Unabhängigkeitskrieg (gegen GB) in der ersten Armee der USA, der Continental Army, dabei, seither (in wachsender Zahl) in allen weiteren, von der “Indianer“-Unterwerfung über die „Weltkriege“ und darüber hinaus. Sie wurden benötigt, aber man fürchtete lange, dass sie die mit Militärdienst verbundene(n) Waffen und Ausbildung einsetzten, ihre Rechte zu Hause zu erkämpfen. “Buffalo Soldiers” war ursprünglich die Bezeichnung für ein afro-amerikanisches Regiment 1866, die ihr von Indianern gegeben wurde, später Synonym für afro-amerikanische Soldaten/Einheiten in USA-Streitkräften. Theoretische Gleichberechtigung gab es wie erwähnt ab dem Vietnam-Krieg. Was die Kluft zwischen Norden und Süden der USA, die sich ab den 1830ern auftat, betrifft, ich habe kürzlich “Die Kultur der Niederlage” von Wolfgang Schivelbusch gelesen, wo dies, als Hintergrund zur Niederlage von 1865, analysiert wird. Der Autor weist darauf hin, dass die Afro-Amerikaner auch in der Nord-USA lange um Bürgerrechte kämpfen mussten, es dort möglicherweise mehr Rassismus gab als im Süden.

Unter Präsident Woodrow Wilson (DP) intervenierten die USA im 1. Weltkrieg und bestimmten die Nachkriegsordnung in Europa maßgeblich mit; Basis dafür war sein im Jänner 1918 vorgestelltes 14-Punkte-Programm, das v. a. ein “Selbstbestimmungsrecht der Völker” und sowie die Schaffung eines Völkerbundes vorsah – im weissen Weltsystem. Wilson betrieb der afroamerikanischen Minderheit gegenüber wie gesagt eine rassistische Politik, verteidigte Rassentrennung generell, hielt eigene Einheiten im Militär für sie mit weissen Kommandeuren aufrecht. Als der Völkerbund 1919 eine Resolution zur Gleichheit der Rassen (von Japan eingebracht) verabschieden wollte, scheiterte dies hauptsächlich am Widerstand der USA-Regierung unter Wilson. Darüber hinaus waren/sind die auf ihn zurückgehenden Grenzziehungen in vielen Fällen fragwürdig. Aber auch unter dem fortschrittlicheren Franklin Roosevelt noch gab es in der USA einen dreisten Rassismus. Jesse Owens wurde nach seinen 4 Leichtathletik-Goldmedaillien bei Olympia in Berlin vor Hitler im Gegensatz zu weissen amerikanischen Medaillien-Gewinnern nicht von Roosevelt ins Weisse Haus eingeladen.

Aufschlussreich ist auch der Blick darauf, wie Kriegsgefangene aus Nazi-Deutschland oder aber Afro-Amerikaner im bzw. nach dem 2. Weltkrieg in der USA behandelt wurden. Etwa in Fort Hunt (Virginia) – dort wurden nach dem 2. WK auch deutsche Wissenschafter befragt, die in die USA kommen wollten. Die USA nahmen ab 1942 ihren Anteil an den Alliierten-Kriegsgefangenen der Achsenmächte auf. Kriegsgefangenen-Lager, hauptsächlich für deutsche und italienische Soldaten, entstanden in mehreren Bundesstaaten. Am Kriegsende befanden sich etwa 500 000 Gefangene in der USA, 380 000 davon Deutsche. Ab 1943 wurden die Kriegsgefangenen auch zu Arbeiten eingesetzt, hauptsächlich in der Landwirtschaft (auf Farmen). In Huntsville (Texas) gab es etwa so ein Lager. Die Journalistin Heather Tirado-Gilligan hat darüber einen empfehlenswerten Artikel geschrieben. Mit dem Arbeitseinsatz der Deutschen auf den Feldern brach das Eis zwischen den Gefangenen und den Einheimischen, schreibt sie. Die Deutschen arbeiteten dort Seite an Seite mit Afro-Amerikanern auf den Baumwoll-Feldern. Sogar “Nazi-Gefangene” waren schockiert darüber, wie Afro-Amerikaner in Texas von den Einheimischen (Weissen) und Behördenvertretern behandelt wurden, so Tirado. Dies trotz dem Rassismus der Nazi-Ideologie in deren Namen Deutschland beherrscht und der Krieg geführt wurde.

Und die vormaligen “Landser” durften in “whites-only” Cafeterias essen, im Gegensatz zu den schwarzen Amerikanern. Die im Lager die niedrigsten Tätigkeiten durchführen “durften”. Die Deutschen und die Afro-Amerikaner kamen aber mit einander aus; deutsche Soldaten hatten auch erlebt, heisst es, dass afroamerikanische Soldaten sie vor Übergriffen weisser amerikanischer Soldaten beschützt hatten. In Huntsville gab es auch ein Umerziehungsprogramm für die Deutschen. In dem die Bedeutung von “Demokratie” erklärt wurde, die Befreiung von “Konzentrationslagern” in Filmen gezeigt wurde,… Die Behandlung der Afro-Amerikaner die sie dort erlebten, war auch ein gutes Stück Erziehung, Lehre, Erfahrung. Was vielleicht nicht ganz zu Allem passte, was in Vorträgen oder Filmen kam. Zu diesem Themenkreis hat Matthias Reiss Einiges publiziert.89 In Fort Ritchie (Maryland) wurden deutschsprachige Amerikaner sowie Juden, die aus dem “Grossdeutschen Reich” fliehen mussten, dafür ausgebildet, nach der Invasion dort Befragungen durch zu führen. Ein Afro-Amerikaner war darunter, William Warfield. Trotz seiner sehr guten Deutsch-Kenntnisse kam er dann nie zum Einsatz in Deutschland.90

Umerziehungs-Material für Deutsche in Huntsville

Afro-Amerikanische Soldaten kämpften im 2. WK, je nach Sicht, gegen die Kräfte des Faschismus in Europa oder für den US-amerikanischen Imperialismus. In eigenen Einheiten wie gesagt, am meisten Renommé bekamen wohl die Tuskegee airmen. Walter Manning war ein afroamerikanischer Kampfpilot, der im Frühling 1945 südlich von Linz abstürzte. Er wurde in ein Gefängnis im Fliegerhorst Hörsching gebracht, dann von Nazi-Funktionären und dem regionalen Mob aus seiner Zelle geholt, schwer misshandelt und schliesslich erhängt wurde, mit einem Schild mit den Worten „Wir wehren uns!“ um den Hals. Wenig später rückten Bodentruppen der US-Streitkräfte ein. Hier gab es keine Suche nach den Verantwortlichen. Wehrmachts-General Anton Dostler hingegen wurde in Italien (im Dezember 45) von US-Truppen kriegsrechtlich erschossen, da er 15 amerikanische Kriegsgefangene töten hatte lassen. Bei Manning war es ja so: Nicht-Weisse in den Reihen der Armeen der Alliierten, ob Afro-Amerikaner oder asiatische Sowjetbürger oder französische Kolonialtruppen aus Afrika, wurden von Nazi-Deutschland (wie auch solche Soldaten in den Reihen der Entente-Heere im 1. WK) als Verletzung von Spielregeln gesehen, als Gefährdung des Abendlandes. Davon (und dass Nicht-Europäer in beiden grossen Kriegen des 20. Jh für westliche Mächte kämpften)91 soll auch ein gewisser heutiger Umgang mit der Materie ablenken. Und die Afro-Amerikaner und ihre überdurchschnittlich hohen Opfer im Zweiten Weltkrieg? Im April 1945 kam es auf der Luftwaffenbasis “Freeman Army Airfield” bei Seymour (Indiana) zu einem grossen Aufruhr, nachdem afroamerikanische Luftwaffen-Angehörige versuchten, den Offiziers-Club auch zu nutzen, sich zu integrieren. Am Ende wurden 162 schwarze Offiziere verhaftet, weil sie sich gegen ihre Diskriminierung gewehrt hatten, kam es zu einigen Kriegsgerichtsanklagen. Es war dieses Ereignis ein Faktor, der zur Aufhebung der Segregation in den Streitkräften der USA 1948 durch Truman führte.

Aber auch zur Entstehung der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung nach diesem Krieg, auch aufgrund entsprechender Erfahrungen in ihm.92 Die Sklaverei war nach dem Bürgerkrieg in die Segregation über gegangen, bzw in eine Art Apartheid, hauptsächlich in den Südstaaten. In den 1960ern die Bürgerrechtsgesetze unter Johnson, die die formale Gleichstellung von Afro-Amerikanern in der USA brachten.93 Eine Integration fand v.a. in der Musik und im Sport statt. Wobei es leichter war, ein schwarzes Show-Basketball-Team wie die “Harlem Globetrotters” zu fördern, als Schwarze in NBA-Teams. „Duke“ Ellington und andere Jazz-Musiker (hauptsächlich Schwarze) wurden in den 50ern und 60ern von USA-Regierungen in im Kalten Krieg „umstrittene“ Länder geschickt, um USA und Westen zu promoten, Image zu verbessern. Das zu einer Zeit, wie Andrea Böhm schrieb, als rechte Politiker im Kongress der USA Gift und Galle angesichts „Negermusik“ spuckten, Schwarze im Süden der USA noch von Wahlen ausgeschlossen waren und gelyncht wurden.94

USA-Verteidiger zu Bush- und Trump-Zeiten ziehen/zogen gerne Rassismus von (hauptsächlich europäischen) USA-Kritikern im Westen (also eine USA-Kritik, die sich am Nicht-Weissen und Liberalen dort stört) heran, um USA-Kritik an sich zu diffamieren – obwohl diese „Kritiker“ Gesinnungsfreunde dieses US-amerikanischen institutionalisierten Rassismus sind, und solche USA-Verteidiger die Thematisierung dieses Rassismus zu verhindern suchen. Als ob zwischen Duke Ellington und George Wallace nicht zu differenzieren wäre, als ob sie zu Zeiten der Obama-Präsidentschaft nicht ihre Haltung zur USA bzw ihrer Politik geändert hätten… Ich glaube, es war Wolfgang G. Lerch, der geschrieben hat (in “Halbmond, Kreuz und Davidstern”?), “Einst stand Ella Fitzgerald beim Baalbek-Festival auf der Bühne, heute ist es Schiiten-Hochburg”. Lerch gehört nicht zu dieser Sorte “USA-Freunde”, und seiner Feststellung (bzw Gegenüberstellung) liegt ja eine sehr scharfe Beobachtung zu Grunde. Ich will aber auf sie eingehen, weil es ja Leute gibt, die sie nicht richtig lesen werden. Ab 1955 wurden die Baalbe(c)k (International) Festivals abgehalten. Ella Fitzgerald, liess sich herausfinden, trat 1971 und 1972 dort auf.95 In den Jahren des Bürgerkriegs im Libanon (1975-1990) fiel das Festival klarerweise aus.

Fitzgerald war 1954 nach Australien zu einer Tournee geflogen, wobei die ersten beiden Konzerte, in Sydney, abgesagt und nachgeholt werden mussten. Der Grund war, dass Fitzgerald und 2 weitere Afro-Amerikaner aus ihrer Begleitung, die Tickets für die 1. Klasse des PanAm-Fluges (Honolulu – Sydney) hatten, des Flugzeugs verwiesen worden waren… Baalbek bzw die Bekaa-Ebene waren schon seit Jahrhunderten ein Siedlungsschwerpunkt der Schiiten im Libanon, lange bevor dort der schiitische Islamismus stark wurde (das war eigentlich während des Bürgerkriegs), hauptsächlich durch die Hisbollah (oder die Hisbollah mit ihm), mit Unterstützung des Regimes des Iran. Ja, das Festival in Baalbek steht gewissermaßen im Gegensatz zu diesem Islamismus, auch wenn es noch immer statt findet. Aber, die ganze “Geschichte” ist eben, dass Frau Fitzgerald in ihrem Land, der USA, wegen ihrer Rasse diskriminiert wurde, wie alle Afro-Amerikaner (die Sache mit dem Flug wird nicht die einzige gewesen sein). Auch wenn in den letzten Jahren verstärkt versucht wird, den Westen als so frei, lustvoll und tolerant zu definieren. Und zu insinuieren, dass alle die das anders sehen, dies aus einer Gegnerschaft zu dieser “Lust” und “Freiheit” täten.96

Im Übergang zum Kalten Krieg wurde Deutschland (bzw sein Westteil) schnell Partner der USA und der anderen Westmächte. Afro-Amerikaner wurden in dieser Partnerschaft wiederum nicht als Amerikaner wie Andere auch gesehen. Russen und andere Osteuropäer durften für viele Deutsche nun das bleiben, was sie für sie auch waren, als im von Hitler-Deutschland angezettelten Krieg rund 27 Millionen Russen getötet wurden. Von jenen Deutschen, die als Kriegsgefangene in die USA gekommen waren, kehrten nach Krieg und Freilassung bzw Rückkehr etwa 8 000 in die USA zurück bzw wanderten dort ein. In vielen Fällen gab es dabei Hilfe von jenen Farmern, für die sie als Gefangene gearbeitet hatten. Andere kamen zumindest zu häufigen Besuchen, hielten Kontakt zu “ihren” Farmern. Wernher von Braun kam über Fort Bliss und White Sands auch in ein Huntsville, eine Stadt dieses Namens in Alabama, durfte dort wieder an militärischen Raketen und solchen für die Raumfahrt arbeiten. Von Braun und sein Team (Walter Dornberger,…) wurden gleich von der 1958 gegründeten NASA übernommen; bis 1970 war Huntsville ihr Tätigkeitszentrum.

Etwas entfernt von Huntsville, aber auch in Alabama, liegt Montgomery. 1955, dem Jahr als Von Braun die Staatsbürgerschaft der USA bekam, mussten Leute wie Rosa Parks noch darum kämpfen, in Autobussen nicht hinten sitzen zu müssen. 1963, in dem Jahr in dem George Wallace das erste Mal Gouverneur von Alabama wurde, begann das FBI unter John Edgar Hoover, Martin Luther King (der ebenfalls in Montgomery wohnte), in sein COINTELPRO-Programm aufzunehmen, ihn zu bespitzeln und psychischen Druck auf ihn auszuüben. Auch nachdem er 1964 den Friedensnobelpreis bekommen hatte, wurde King in der USA noch als Staatsfeind gesehen. 1967, als Alabama durch den Obersten Gerichtshof der USA dazu gezwungen wurde, als einer der letzten Staaten der USA das Verbot von “Mischehen” aufzuheben, startete die von Von Braun entwickelte “Saturn V” zu ihrem Erstflug und wurde der Westpreusse in die National Academy of Engineering aufgenommen.

Das Verbot von rassischer Diskriminierung kam mit den Bürgerrechts-Gesetzen unter Präsident Lyndon Johnson, hauptsächlich waren das der (eigentliche) Civil Rights Act 1964 und das Wahlrechtsgesetz 1965. Mit Johnson97 wurde die Democratic Party (DP) vollends die linkere der beiden Grossparteien der USA. Von den 1860ern bis ins frühere 20. Jh war die Republican Party (RP, “GOP”) jene Partei gewesen, die die Afro-Amerikaner überwiegendst unterstützten. Die Partei des Nordens, der Sklavereigegner. Dies begann sich schon mit Theodore Roosevelt zu ändern. Die Südstaaten-Demokraten um Alabamas Gouverneur George Wallace waren die schärfsten Gegner der Politik von dem Südstaatler Johnson.98 Der (weisse) Süden wurde republikanisch und die Republikanische Partei rutschte nach Rechts. Und die Afro-Amerikaner wechselten zur DP. Es waren hauptsächlich die Präsidenten-Wahlen 1964 und 1968, die diese Transformation “finalisierten”. Auch weil die RP 64 einen der wenigen Senatoren als Präsidentschafts-Kandidat aufstellte, die gegen das Bürgerrechtsgesetz in diesem Jahr stimmten.

Aus der Zeit nach dem Bürgerkrieg

Die RP begann mit Ronald Reagan (schon in den 1970ern), die Rassenkarte getarnt zu spielen. Man stellt Drogen, Kriminalität, “Sicherheit”99 in den Vordergrund, Religion, “amerikanische Werte”. Konservative Botschaften werden gesendet, die nicht rassistisch, reaktionär, aufhetzend klingen (sollen). Die Republikanische Partei versucht manchmal auch, „ihre“ Rolle (die der damaligen RP) bei der Beendigung der Sklaverei hervor zu streichen, und dass die meisten ihrer Abgeordneten im Congress auch für die Bürgerrechtsgesetze stimmten. Normalerweise bemüht sie sich aber um die Abschaffung von jeder affirmative action. Die Republikaner leugnen die tiefgreifenden und anhaltenden Folgen von Sklaverei und “Jim Crow”, stellen auch einen Rassismus in der Gesellschaft der USA sowie von Behörden in Abrede, wenn sie diesen Rassismus nicht bestärken, stützen. Einerseits sich Gegnerschaft zur rassischen Unterdrückung auf die Fahnen heften (man ist fortschrittlich), andererseits diese apologetisieren. Ähnlich ist es bei der Democratic Alliance in Südafrika (> Apartheid). Man stellt sich in gewissen politischen Kreisen gerne “farbenblind”. Arian Schiffer-Nasserie: “Die sozialistischen Kritiker der Black Panther hatten recht, als sie der Bürgerrechtsbewegung und Martin Luther King vorwarfen, dass mit der rechtlichen Gleichstellung für die eigentumslosen Massen nichts gewonnen sei – nicht einmal ein gewaltfreies Überleben in Armut. Und jene Schwarzen-Organisationen, die Kings Gewaltlosigkeit kritisiert hatten, fühlten sich durch seine Ermordung 1968 bestätigt.”100 Opposition zu dieser USA, nicht Integration in ihr, war von Black Panthers oder Black Muslims die Devise.

1966 wurde bekannt (gegeben), dass der Boxer Muhammad Ali101 für eine Einberufung in das amerikanische Militär für Vietnam in Frage kam, entgegen früherer Musterungs-Befunde. In diesem Zusammenhang kündigte er an, zu verweigern, aus religiösen Gründen und aus politischer Gegnerschaft zum Krieg, gab die Kommentare über den Vietnam-Krieg und die USA ab, die berühmt wurden. “Kein Vietnamese hat mich jemals ‘Nigger’ genannt“, “Wenn ich jemanden bekämpfe, dann euch”, “Ihr seid meine Feinde… Ihr seid meine Gegner bezüglich Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit. Ihr wollt dass ich irgendwo hin gehe und für euch kämpfe? Ihr setzt euch nicht einmal für meine Rechte hier ein”, “Ihr könnt mich ins Gefängnis stecken, ich bin seit 400 Jahren im Gefängnis, ich kann auch für 4 oder 5 mehr bleiben“. Als er 1967 in Houston einrückte, legte er verweigerndes, boykottierendes Verhalten an den Tag. Wurde darauf hin verhaftet, angeklagt. Der Rechtsstreit zog sich bis ’71; es war sein Status als Boxlegende und die wachsende Opposition zum Krieg in der USA, die ihn rettete.

Anti-Vietnam-Krieg-Demonstration 1967, Leroy Henderson (mit Alis Spruch)

Vietnam war ja jener Krieg, in dem ansatzweise Gleichberechtigung in das Militär der USA einkehrte. Und natürlich einer, in dem die USA (unter Johnson und Nixon) eingriff, um „Demokratie zu schützen“, et cetera. Genau auf die Diskrepanz zwischen der US-amerikanischen Rolle (Anmaßung) als Weltpolizist und so manchen Zuständen in diesem Land selbst, hat Ali ja abgezielt. Ein Weltpolizist dessen Truppen zu einem Drittel aus “Schwarzen” bestehen. Auch nachdem die Wehrpflicht 1973 abgeschafft (bzw inaktiv gemacht) wurde. Aber Viele melden sich eben freiwillig, mangels anderer Jobchancen. Colin Powell, im New Yorker Stadtteil Harlem in eine Familie jamaicanischer Emigranten geboren, Vietnam-Veteran, ist bis zum Generalstabschef (Chairman of the Joint Chiefs of Staff) dieses Heeres aufgestiegen, dann noch in die Politik gegangen. Ansonsten gab es nur einen Generalstabschef, der nicht entweder anglokeltischer oder sonstiger nord-/mitteleuropäischer Herkunft war/ist, Powells Nachnachfolger John Shalikashvili. Wie sich bei den niederländisch-stämmigen Roosevelts, dem deutschstämmigen Rumsfeld, dem jüdischstämmigen Lieberman, dem schwedischstämmigen Rehnquist oder dem französischstämmigen Du Pont zeigt, aus gewissen “Ethnien” kann man zum Ehren-WASP aufsteigen – auch wenn früher sogar schon Iren schwer diskriminiert wurden.102 An Präsidentschaftskandidaten von Grossparteien gab es nur zwei, deren Vorfahren aus südlicheren Gefilden stammten, Michael Dukakis und Barack Obama. Und zur Zeit von Obamas Präsidentschaft gab es eine neue staatliche Gewaltwelle gegen Afro-Amerikaner.

Zeitschrift der Black Panther 1969

Bei/von der USA gibt es einerseits den Anspruch, universales Licht für die Völker zu sein, andererseits ihr spezifisches WASP-Mirsanmir (das unter Trump wieder stärker hervor kommt). Was “unamerikanische Elemente” in Amerika sind, und wer die “Kräfte der Barbarei und des Bösen” draussen in der Welt sind, das hat sich immer wieder geändert. Was man auch an den Spielfilmen aus der USA (die seit den 1910ern in der Regel in dem Los Angeleser Stadtteil Hollywood produziert werden) nachverfolgen kann. Was in Amerika (USA) so im Laufe der Jahrhunderte als “unamerikanisch” gesehen wurde, geht aber vor die Entstehung der Filmindustrie zurück. Und, wie man gesehen hat, Nazi-Deutschland etwa wurde zwar richtigerweise bekämpft, aber Vieles davon “stehen gelassen” oder sogar “abgeschöpft”. General Patton wollte mit den Deutschen gleich den Krieg gegen die Sowjetunion weiter führen. Und für die Afroamerikaner begann der Kampf nach diesem Krieg erst. Unablässig die „Freiheit“ im Munde führend, hat man diese nicht einmal jenen im eigenen Land zugestanden, die für diese vorgegebene Definition von “Freiheit” anderswo gekämpft haben. Auch die Monroe-Doktrin und ihre Auslegungen unterstreichen, dass amerikanische “Werte” nie universalistische waren. Rassisches wurde früher gerne als Teil eines “Kampfes gegen den Kommunismus” deklariert, heute als “Kampf gegen Islamismus” ausgegeben.

Die WASP-Vorherrschaft in der USA wurde spät herausgefordert. In Hawaii hat es eine “weisse” Mehrheit nie gegeben, es überwiegt die asiatische Bevölkerung (Japaner,…). Zusammen mit der “Urbevölkerung” (den Hawaiianern) bilden diese wahrscheinlich eine absolute Mehrheit. Der District of Columbia, kein Staat, hat eine Mehrheit von Afro-Amerikanern. Dann gibt es einige Bundesstaaten, die kaum noch eine “weisse” Mehrheit haben. New Mexico hat eine Mehrheit von Hispanics/ Chicanos/ Latinos; California, Arizona, Texas sind nicht so weit davon entfernt. Kalifornien (und wahrscheinlich einige weitere Staaten) hat nur dann eine weisse Mehrheit, wenn man die “Latinos” die “weiss” sind, als Weisse zählt. Bei den mexikanischstämmigen Latinos im Südwesten gibt es nicht so Viele überwiegend europäischer Herkunft wie unter den Exil-Cubanern in Florida. In der USA haben die “Latinos” mit mittlerweile knapp 15 Prozent die Afroamerikaner als zweitgrösste Bevölkerungsgruppe hinter Weissen abgelöst. Wobei: “Weisse” (Caucasians) und “Schwarze” (Afro-Amerikaner) sind rassische Klassifizierungen bzw Konzepte (oder ethnorassische Gruppen), die “Latinos” sind rassisch sehr diversifiziert. Es geht um die Zuwanderer aus Lateinamerika (bzw deren Nachkommen), weiters die (Nachkommen der) Californios, Tejanos, Neomexicanos, sowie die Puertoricaner. Also um eine kulturell-historische Prägung oder so.

Die drei grossen Gruppen der Latinos sind: die mexikanisch Geprägten im Südwesten, meist arm und mit starkem “Einschlag” von Azteken/Nahua, Maya,… gegen ihre weitere Einwanderung will Trump eine Mauer bauen lassen103; die Cubaner im Südosten (Florida), seit dem Umsturz 1959, oft wohlhabend und weiss; die Puertoricaner, jene auf der Insel (die kein Bundesstaat ist, aber zur USA gehört) und jene in New York. Diverse Quellen zur Demographie Puerto Ricos führen die Puertoricaner als zu etwa drei Viertel “weiss” an. Hier kann man etwas genauer hinsehen. Als USA-Präsident Donald Trump nach dem Hurrikan in der Karibik 2017, der auch diese Insel heimsuchte, die Puertoricaner als “faul” tadelte, sprang ihm Tucker Carlson von Fox News bei, dies könne nicht rassistisch sein, da die meisten Puertoricaner weiss seien. Über die “Weissheit” der Puertoricaner bzw deren Konstruktion hier etwas.104 Leute wie Benicio Del Toro, südeuropäischer Herkunft, werden für Manche nicht als “Weisse” zählen, wie die Spanier Ende des 19. Jh für die USA keine ebenbürtigen Kolonialherren waren.

Steve King, Abgeordneter (RP) aus Iowa, ist gegenwärtig Jener im Congress, der “Rasse” am offensten thematisiert. Er propagiert einen “weissen Nationalismus”, wovon die USA als Ganze ja so circa um den 2. WK abgekommen ist. Macht dabei auch mit europäischen Rechtspolitikern gemeinsame Sache (was George Wallace ja zB nicht getan hat). Natürlich sind Einwanderer in die USA (und das sind hauptsächlich Mexikaner und andere Mittelamerikaner) und “Multikulturalismus” für ihn ganz schlimm. Er hatte auf seinem Schreibtisch eine “Südstaaten”-Flagge (jene der CSA), obwohl Iowa nicht Teil der CSA war. Er hat sie entfernt, nachdem in Iowa ein Rechtsextremist mit Südstaaten-Symbolen zwei Polizisten erschoss. Das sind die, die noch rechter sind als seinesgleichen, die den Staat USA (und seine Vertreter) hassen (und bekämpfen), rechtsextreme Milizionäre, Neonazis, Skinheads, KKK-Leute, auch radikale “Christen” (Hutaree,… sektenähnliche Organisationen). Im Jänner dieses Jahres fragte er die “New York Times” in einem Interview, “White nationalist, white supremacist, Western civilization — how did that language become offensive?”.

2008 sagte er zur Wahl von Obama dass Terroristen diese feiern würden, und: “When you think about the optics of a Barack Obama potentially getting elected President of the United States – I mean, what does this look like to the rest of the world? What does it look like to the world of Islam?”. Er hat den “Westen” eher implizit rassisch (weiss) definiert; etwas dass andere “Westisten” weeiiit von sich weisen würden, da ginge es ja um “gemeinsame Werte”105, et cetera. Samuel J. Taylor ist ein US-Amerikaner (ein „racial realist“), der “Westen” explizit über “Weisse” definiert. Wobei sich auch hier Fragen stellen: Weisse Lateinamerikaner gehören für ihn wohl kaum dazu. Und Osteuropäer? Aschkenasische Juden? Vor diesen “Problemen” stand auch das Apartheid-Regime in Südafrika – und hat Japaner aus wirtschaftlichen Gründen als Ehren-Weisse gesehen, nicht weisse Juden/Israelis (Mizrahis,…) ebenfalls (aus einer Mischung aus wirtschaftlichen und ideologischen Gründen), zähneknirschend auch Portugiesen – man durfte in dieser Lage nicht so wählerisch sein. Der Rassismus von Trump ist verhüllter, jener der Clintons mehr.

Leute wie dieser King treffen sich ja mit “antiamerikanischen” Europäern, die die USA aufgrund ihrer nicht-weissen Bevölkerung (ca. 1/3) ablehnen. Wo sich Rechtskonservative hüben (Mitteleuropa) und drüben (USA, angelsächsische Welt) einigen können oder auch nicht, sind Beurteilungen der US-amerikanischen Interventionen in Europa, in den “Weltkriegen”. Aber es geht schon, wie man zB bei Franz J. Strauss oder George Patton gesehen hat. Jene rechtsextremen US-Amerikaner (KKK, Neonazis,…), die 2017 in Charlottesville (Virginia) gegen die Entfernung einer Statue von CSA-General Robert Lee demonstrierten und dabei Gegendemonstranten angriffen (einen töteten), eine Sache an der Präsident Trump die “unfaire Berichterstattung der Medien” über die Demo störte sowie Gewalt dort “allgemein”, werden auch keine Probleme haben, Gleichgesinnte in Europa zu finden. Bei einem Rechten aus Griechenland oder Spanien wird es schon fraglicher sein, ob sie in der USA zB von einem Steve King als grundsätzlich gleichrangig angesehen werden.

Anfang der 00er kam, im Zuge der Islamkrise (bzw der geschürten globalen Polarisierung), in Deutschland und Österreich ja, hauptsächlich von Ex-Linken, eine pro-amerikanische Welle (nicht trotz sondern wegen Bush junior), verbunden mit selbstgerechten Unterstellungen des „Antiamerikanismus“. Andeutend, dass es zB zwischen Martin L. King und seinem Mörder (bzw Gegnern der Gleichberechtigung von Afroamerikanern) keinen Unterschied gäbe, und dass man selbst auf der “progressiven” Seite stünde. Als ob man nicht differenzieren müsste, zwischen Ella Fitzgerald und jenen, die sie aus dem Flugzeug warfen. Ein Feminismus der “Herrinnen der Plantage” kümmert sich da lieber um Hillary Clinton und ihre politischen Ambitionen. „Hitler wurde nicht von Demonstranten besiegt“, hiess es in den Apologetiken zu Bushs-Irak-Krieg 03 andauernd; nein, unter sehr grossen Opfern der afroamerikanischen Soldaten im Militär der USA.106 Und dass Iraks Herrscher Saddam Hussein in den 1980ern von der USA (mit Bush senior als Vizepräsident), vom Westen unterstützt wurde – kein Thema.

Die Geschäftsverbindungen der Bush-Familie mit Bin Laden (über ihre Beteiligung am Carlyle-Konzern)? Darüber schweigen wir lieber. Bush war ja quasi eine Held des Antifaschismus. Er selbst spannte bei einem Besuch in Oswieczim/Auschwitz (Polen) den Bogen vom Holokaust zum islamistischen Terror („evil“…). Dass man auch den Djihad der Mujahedin in Afghanistan unterstützte, aus dem u.a. Al-Kaida hervor ging, und Saudi-Arabien bis heute – das tut hiier doch nichts zur Sache. Und dass sein Grossvater Prescott Bush Geschäfte mit Nazi-Deutschland machte (über die Bank Brown Brothers Harriman), über Pearl Harbor hinaus, soll(te) bei dieser Geschichts-Aufarbeitung auch nicht stören. Hübsch zu sehen war, dass sich am Ende der Ära Bush junior die Initiatoren des Irak-Kriegs, von Bush abwärts107, von diesem gewissermaßen distanziert haben. Und Trump hat diesen Krieg deutlich verurteilt… Und der Haufen deutsch-österreichischer Ex-68er und “Anti”deutscher, der damals am lautesten dafür “gejubelt” hat?

Ob Jens Söring ein Justizopfer ist oder ein Mörder, kann ich nicht beurteilen. Die Tendenz der Berichte in Deutschland ist für ihn, in der USA scheint es anders herum zu sein. Seine deutschen Verteidiger erwähnen beim Hinweis auf sein Leid immer wieder, dass er als Weisser/Deutscher im Gefängnis (in Virginia) ist, mit Schwarzen und Latinos. Gibt aber auch Deutsche, die hier die Justiz der USA “blind” unterstützen/verteidigen, nicht als ein deutsches Opfer sehen, seinen Verteidigern “Antiamerikanismus” unterstellen. Wenn Söring Afro-Amerikaner wäre, gäbe es von diesen wahrscheinlich nicht das “Maulen” über eine Verurteilung bei dieser Beweislage. Manche deutsche Medien und Kommentatoren stellen auch den in USA wegen Pädophilie-Porno-Konsum verurteilten Zauberer Rouven/Füchtener als Opfer der amerikanischen Justiz dar.108

 

Literatur & Links

Daniel Immerwahr: How to Hide an Empire: A Short History of the Greater United States (2019). Englisch

Stephen Kinzer: Putsch! Zur Geschichte des amerikanischen Imperialismus (2007). Englisches Original: Overthrow: America’s Century of Regime Change from Hawaii to Iraq (2007)

Thomas G. Dyer: Theodore Roosevelt and the Idea of Race (1992). Englisch

Howard Zinn: A People’s History of American Empire (2008 6. Auflage). Englisch

Sebastian E. Bitar: US Military Bases, Quasi-Bases and Domestic Politics in Latin America (2016). Englisch

Michael L. Conniff: Africans in the Americas: A History of Black Diaspora (1994). Englisch

Robert F. Rogers: Destiny’s Landfall: A History of Guam (1995). Englisch. Scheint objektiv zu sein, wohin gegen “A History of Guam” (2001) von Lawrence Cunningham und Janice Beaty einen Pro-USA-POV haben dürfte

Carl Heine: Micronesia at the Crossroads: A Reappraisal of the Micronesian Political Dilemma (1974). Englisch

James Heartfield: Unpatriotic History of the Second World War (2012). Englisch. Heartfield schreibt, dass Alliierte wie Achsenmächte um das Gleiche kämpften: Territorium, Märkte, Natur-Resourcen

José A. Cabranes: Citizenship and the American Empire: Notes on the Legislative History of the United States Citizenship of Puerto Ricans (1978). Englisch

Cecil B. Currey: Long Binh Jail: An Oral History of Vietnam’s Notorious U. S. Military Prison (2001). Englisch

Matthias Reiss: Explaining Jim Crow to German Prisoners of War: the Impact of the South on the World War Two Reeducation Program. In: M. Berg, C. van Minnen (Hg.): The U.S. South and Europe (2013). Englisch

Doloris C. Cogan: We Fought the Navy and Won: Guam’s Quest for Democracy (2008). Englisch

Roger W. Gale: The Americanization of Micronesia: A Study of the Consolidation of US Rule in the Pacific (1979). Englisch

Matthias Reiss: The Nucleus of a New German Ideology? The Re-education of German Prisoners of War in the United States during World War II. In: B. Hately-Broad, B. Moore: Prisoners of War, Prisoners of Peace: Captivity, Homecoming and Memory in World War II (2005). Englisch

Klaus Brinkbäumer: Nachruf auf Amerika: Das Ende einer Freundschaft und die Zukunft des Westens (2018)

Louis Pérez: Cuba in the American Imagination: Metaphor and the Imperial Ethos, the Spanish–American War of 1898 (2008). Englisch

Matthias Reiss: „Wir waren anstelle der Neger dort“: Deutsche Kriegsgefangene und andere Vertragsarbeiter auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt.. In D. Dahlmann, M. Schulte-Beerbühl M (Hg.) Perspektiven in der Fremde? Arbeitsmarkt und Migration von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart (2011)

Johan Galtung: Hitlerisme, stalinisme, reaganisme: Tre variasjoner over et tema av Orwell (1984). Norwegisch/Bokmal

Hamid Dabashi: Europe and Its Shadows: Coloniality After Empire (2019). Englisch

Carlos Fuentes: Contra Bush (2004). Essay, wahrscheinlich nicht auf Deutsch übersetzt. Der Mexikaner Fuentes wurde für sein unabhängiges Denken in den 1960ern in der USA mit einem Einreiseverbot belegt

Scot Ngozi-Brown: African-American Soldiers and Filipinos: Racial Imperialism, Jim Crow and Social Relations. In: The Journal of Negro History Vol. 82, No. 1 (Winter, 1997), S. 42-53

Guams seven historical eras

How the US has hidden it’s empire

Gedanken zu Datumsgrenze, Null-Meridian und Zeitzonen

Amerikanischer Kolonialismus auf Guam

Der lange Weg nach Charlottesville

“The Agana Race Riot” ist ein ein-stündiger-Dokumentarfilm, von Carla Smith (ein schwarze Historikerin auf Guam), 2018 erstmals ausgestrahlt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Sie liegt an der Küste, aber der bedeutende Hafen Apra liegt ausserhalb der Stadt
  2. Angeblich, weil sie sie für sich (alleine) wollten
  3. Sehr relevant dazu ist auch die Behandlung von nazideutschen Kriegsgefangenen in der USA, auf die im Schluss-Abschnitt eingegangen wird
  4. Die Grenze zwischen West- und Ost-Neuguinea (oft als eine Grenze zwischen Asien und Ozeanien gesehen) wurde schnurgerade entlang dem 141. Breitengrad gezogen, war damals, 1884, eine Abgrenzung des niederländischen Besitzes ggü deutschem und britischen
  5. “Austronesier” ist ein Überbegriff für den grössten Teil der Bevölkerung Südost-Asiens und Ozeaniens und ihre Sprachen; Subgruppen sind die Taiwan-Eingeborenen und Malaio-Polynesier, zu Zweiteren gehören neben Polynesiern auch Melanesier und Mikronesier
  6. Die Heirat mit ihrem Onkel, König Felipe IV., war eine der vielen Fälle von Inzucht bei den spanischen Habsburgern, diese ein Grund für ihren Untergang
  7. Wahrscheinlich wurden die Marianen einst von den Philippinen aus besiedelt, stammen die Chamorros von den Philippinos ab
  8. Auf der Marianen-Insel Agrigan/Agrihan/Aguiguan wurde besonders lange Widerstand geleistet, 1695 wurde die Bevölkerung unterworfen und deportiert, nach Saipan und Guam
  9. Oder Sexualbeziehungen
  10. Oder: Durch die Unabhängigkeitsbestrebungen seiner Siedler in diesen Kolonien, die diesen Krieg in Europa zum Anlass nahmen
  11. Die spanischen Karibik-Besitzungen, die Antillas Occidentales, waren Teil von Neuspanien. Im 17. und 18. Jh hatte Spanien einen Teil der Inseln dort bereits an andere europäische Kolonialmächte verloren
  12. 1839 der Aufstand auf dem “La Amistad“-Schiff von versklavten Afrikanern, Angehörigen des westafrikanischen Mende-Volkes, die von Havanna zu einem anderen Hafen Cubas gebracht werden sollten, zu einer Zuckerrohr-Plantage. Sie verlangten, zurück nach Afrika gebracht zu werden. Von der überlebenden Besatzung wurden sie aber bezüglich des Kurses getäuscht, die “Amistad” wurde an die USA-Küste gebracht, landete an Long Island vor New York. Dort wurden die Sklaven in Gefangenschaft genommen. Es folgte ein Prozess, ein Rechtsstreit durch alle Instanzen, in dem es darum ging, ob die Afrikaner tatsächlich unrechtmäßig versklavte Menschen waren, die sich legal mit allen Mitteln gegen ihre Gefangennahme wehren durften. 1841 sprach der Oberste Gerichtshof der USA (Supreme Court) den Afrikanern die Freiheit zu, die meisten kehrten darauf hin nach Afrika zurück, in die britische Sierra Leone Colony and Protectorate
  13. Ausgehend von dem Gebiet, das britisches Kolonialgebiet gewesen war und 1776 als USA unabhängig erklärt wurde, gab es drei grosse Expansionsschritte (und einige kleine Gebietsübernahmen): Der Westen des französischen Louisiane wurde 1803 gekauft; Mitte des 19. Jh wurde mexikanisches Gebiet in 3 Schritten angeeignet; zur selben Zeit kam das Oregon-Territorium dazu, das gemeinsam mit den Briten in Besitz genommen und dann geteilt wurde
  14. Dieses (nach wie vor gültige) Gesetz besagt, dass jeder US-Staatsbürger, der eine unbewohnte und von niemandem beanspruchte Insel entdeckt, auf der es eine bestimmte Sorte von abbauwürdigen Vogelexkrementen gibt, sie für die USA annektieren darf, selbst exklusive Abbaurechte der Guano-Vorkommen bekommt. Mehr als fünfzig Inseln im östlichen und nördlichen Pazifik, der Karibik und dem Atlantik wurden so annektiert, bekamen Namen wie Midway Atoll, Baker Island, Wake,… Viele sind inzwischen in den Besitz europäischer, lateinamerikanischer, ozeanischer, karibischer Staaten übergegangen; manche haben einen anderen Status innerhalb der USA bekommen; manche, wie Navassa Island, sind mit anderen Staaten umstritten
  15. Roosevelt sah auch eine (ethnische) Hierarchie unter den Indianern, die er auch „Aboriginals“ nannte
  16. > “Thornton Affair” 1846 (> Krieg Mexico-USA 46-48), Tampico-Zwischenfall 1914 (> Intervention in Mexico), Abschuss der „RMS Lusitania“ (> Eintritt in 1. WK), Pearl Harbor 1941, Tonkin-Zwischenfall 1964, die “irakischen Atomwaffen”; in gewisser Hinsicht sind auch der Angriff auf Fort Sumter, 11/9/01 oder Operation Northwoods hier einzuordnen
  17. 1896 brach ein grösserer aus, für mehr Selbstverwaltung
  18. Aber dann von den amerikanischen Machthabern wieder das Gerede von der gerechten Weltherrschaft der Weissen und der Anglosachsen, ihrer Überlegenheit; schon die Spanier aber wurden als minderwertig abgegrenzt, und schon gar nicht wurden Cubaner, Philippinos oder Guamesen als annähernd gleichwertig gesehen
  19. Am Weg dorthin, also im Vorbeifahren quasi, nahm die “Bennington” die “Guano-Insel” Wake in Mikronesien in Besitz. Es hatte einige Jahrzehnte zuvor eine “Verbindung” zwischen Guam und (dem unbewohnten) Wake gegeben, 1866, als das deutsche Handelsschiff “Libelle” vor Wake schiffbrüchig ging, und die Besatzung mit Beibooten nach Guam segelte
  20. Die Entkolonialisierung kam ungefähr mit dem Ende der Franco-Diktatur zum Abschluss. Die “Überreste”, wie Ceuta und die Kanaren, werden nicht als Kolonien gesehen
  21. Alfonso wurde 1936 auch Prätendent der französischen Legitimisten, nach dem Aussterben der karlistischen Linie
  22. Es gab auf Puerto Rico eine Unabhängigkeitsbewegung, die Ähnlichkeiten zu jener auf Cuba aufwies; auch hier fiel diese Bewegung grösstenteils mit dem Sklaverei-Abolitionismus zusammen, sie war aber eine weisse Bewegung
  23. In den Bürgerkrieg auf dem Samoa-Archipel in Polynesien 1898/99 griffen sowohl Deutschland als auch Amerika ein, teilten sich dann die Inseln, DR nahm sich die westlichen, USA die östlichen
  24. Nauru zB nicht
  25. Die also spanische, deutsche und japanische Kolonialvergangenheit hat
  26. Ich habe keine Hinweise gefunden, dass die Spanier tatsächlich Sklaverei auf Guam praktiziert haben
  27. Bradley wollte den Chamorros anscheinend sogar noch mehr Rechte zugestehen, scheiterte aber am Widerstand des Marineministers
  28. Der Vater von Fidel Castro, geboren 1875 in Galizien, kam im spanischen Militär (erstmals) auf Cuba, zur Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung. Er war Teilnehmer des Kriegs gegen die USA 1898, kehrte danach nach Spanien zurück. 1905/06 wanderte er nach Cuba aus, also nach dessen Unabhängigkeit. Anfangs arbeitete er für ein Subunternehmen von United Fruits, dann wurde er selbst Plantagenbesitzer (hauptsächlich Zuckerrohr). Er starb einige Jahre vor dem von seinem Sohn angeführten Umsturz (1958/59)
  29. Anders als Puerto Rico und Guam, früher als die Philippinen
  30. Auch später waren dort noch kommunistische Guerillas aktiv, ausserdem islamische
  31. Siehe “Cuba in the American Imagination”, Literaturliste
  32. Mark Twain veröffentlichte 1901 den Essay “To the Person Sitting in Darkness”, eine Art Antwort auf Kiplings Hetze. Die Kurzgeschichte “The War Prayer”, geschrieben 1905, soll sich um den Spanisch-Amerikanischen Krieg und den darauf folgenden philippinischen Aufstand drehen. Es war bei Twains Tod 1910 noch unveröffentlicht, kam erst 1923 heraus; sowohl Twain als auch seine Familie hatten Angst vor den Reaktionen. 1905 wurde die Streitschrift “King Leopold’s Soliloquy – A Defense of His Congo Rule” (“König Leopolds Selbstgespräch”) veröffentlicht. In späteren Veröffentlichungen ist der fiktive Monolog des belgischen Königs über seinen Völkermord in Congo (und die US-amerikanische Unterstützung dafür) ergänzt mit Überlegungen Twains zu anderem Weltgeschehen, wie Kritik an grausamer Vorgehensweise der USA im Philippinischen Krieg und Heldenverehrungen von Militärs wie Frederick Funston, Anklage gegen rassistische Lynchmorde in der USA, das Regime des russischen Zaren oder Antijudaismus in Europa
  33. Achtung, aktueller Bezug!
  34. Nicht nur Grossmacht sein, sondern Supermacht
  35. Roosevelt bekam für die Präsidentenwahl 08 nicht die Nominierung seiner RP, machte 09/10 eine grosse Reise, u.a. mit seinem Sohn Kermit, in die europäischen Kolonien in Afrika, wo er viele Tiere tötete. Dann nach Europa, wo er viele Herrscher traf. 12 wollte er die Nominierung der RP, bekam sie nicht, Taft setzte sich wie schon 08 durch, Roosevelt gründete eine Abspaltung der RP, die PP. Die Spaltung der RP begünstigte den Wahlsieg von DP-Kandidaten Wilson
  36. 1917/18 wollte Wilson wieder in der Region intervenieren, mit Blick v.a. auf die Ölfelder von Tampico. Präsident Venustiano Carranza kündigte die Zerstörung der Ölfelder für den Fall an, dass Marines landen würden
  37. Manche waren auch anderwo im Pazifik stationiert, auch in Pearl Harbor
  38. Vereinzelten noch darüber hinaus, s.u.
  39. 1950 in Kraft
  40. Und des Unfalls von Senator Edward Kennedy in Chappaquiddick (Massachusetts), bei dem eine Mitarbeiterin ums Leben kam
  41. Eingehend dazu hier
  42. Es war Nixon, unter dem sich die USA dann aus Vietnam zurückzogen. Dafür bekam sein Aussenminister Kissinger ’73 den Friedens-Nobelpreis. 74 musste Nixon wegen der Watergate-Affäre zurücktreten
  43. Die sahen/sehen eine bessere Chance, wenn die Fläche und die Bevölkerung des Gebietes grösser ist
  44. Die Marianen sind 09 über gewechselt. Beide Phänomene gibt es ja aich anderswo, dass politisch abhängige Gebiete fussballerisch unabhängig sind (Färoer-Inseln, Schottland, Französisch-Guyana,…), wie auch die Zugehörigkeit zu einem Kontinentalverband, die nicht der geopolitischen entspricht (Türkei, Kasachstan, Australien,…)
  45. Zu unterscheiden vom Inselstaat Föderierte Staaten von Mikronesien, der in dieser Region liegt, mehr oder weniger aus den ehemaligen Carolinen besteht
  46. Es gibt auch schon Pläne zur Verlegung von Truppen von Okinawa nach Guam
  47. Man kann darüber streiten, ob die USA GB nach dem 1. oder dem 2. WK als diese ablöste
  48. Ein Geistlicher einer evangelikalen Kirche und seine Frau waren mit 5 Kindern aus ihrer Gemeinde auf einer Wanderung, als sie den Ballon fanden. Beim Versuch, ihn aus dem Wald zu schleppen, explodierte er, tötetet die Frau und die Kinder
  49. Der korrupte autoritäre Kleptokrat konnte sich gleichwohl auf die USA verlassen
  50. Auch ggü Italienern an sich gab es gewaltige Vorbehalte im Nazi-Regime
  51. Dort hat übrigens Marine-Offizier R. Hardegen während der “Paukenschlag”-Operation ein Glückwunschtelegramm an Marinechef Karl Dönitz geschickt. Hardegen, dann in Flensburg-Mürwik für U-Boote zuständig, auch 45 im Endkampf gegen die Briten dort, im Stab von Dönitz, kam in britische Kriegsgefangenschaft. In der BRD wurde er Unternehmer, Gründer der Bremer CDU, starb 2018
  52. In Florida, das 1819 von Spanien übernommen wurde, gab es ein Zusammengehen von den dortigen Indianern, den Seminolen, und entlaufenen afroamerikanischen Sklaven
  53. Nachdem bereits zuvor nord-mexikanische Gebiete als “Texas” zur USA gekommen waren
  54. Das 1848 abgetretene Gebiet ging aber auch in Arizona, Colorado, Kansas, New Mexico, Nevada, Oklahoma, Texas, Utah und Wyoming auf bzw schuf diese Bundesstaaten
  55. Die an die Weissen assimilierten wurden “Californios” genannt, der letzte Gouverneur von Alta California, Pio Pico, der blieb, war auch einer
  56. Darüber hinaus wurden auch dort die Indianer (Ohlone, Miwok, Chumash,…) stark dezimiert, auf unterschiedliche Weisen. Auch in mexikanischer Zeit wurden sie schon drangsaliert
  57. Wenn man als “Entstehung” die Zeit von Smiths “Offenbarung” bis zur Niederlassung in Utah sieht
  58. Das vorletzte Kapitel in dieser Unterwerfung war jene der Yaqui im Südwesten (Arizona) gewesen, einem Gebiet das von Mexico übernommen wurde
  59. Die Karibik war Umschlagplatz für die aus Afrika Versklavten, ehe sie in verschiedene Teile Amerikas (Nord- und Süd-) gebracht wurden. Afro-Amerikaner sind alle über die Karibik aus Afrika gekommen. Und bis heute ist der karibische Raum demographisch stark von “Schwarzen” geprägt
  60. Den man auch als zwischenstaatlichen Krieg sehen kann
  61. Anscheinend eine Art “Waterboarding”…
  62. Eine unabhängige Philippinische Republik wurde ausgerufen
  63. Zitiert nach Erik Brooks oder Christopher Booker
  64. 4 “schwarze” Regimenter wurden geschickt, die zuvor in Cuba engagiert waren
  65. Zitate aus Woodrow Wilsons Buch “A History of the American People” wurden in dem Stummfilm als Textkarten eingeblendet, und dieser Präsident liess den Film im Weissen Haus vorführen
  66. Es spaltet immer wieder ethno-nationalistische Ideologien/Gruppen, wie weit man die “Nation” definieren soll, mit wem man Bündnisse eingehen soll, wie mit den Nicht-Zugehörigen umgegangen werden soll…
  67. Was aber auch die Leute des Ku Klux Klan zumindest zu gewissen Zeiten und in gewissen Regionen waren!
  68. Im Wahlkampf 1916 war das ein Thema, Gegenkandidat Charles Hughes (RP) war aber kein dezidierter “Interventionist” was diesen Krieg betraf
  69. Wilson hatte bereits 1915 Haiti besetzen lassen
  70. Die westlichen Jungferninseln
  71. Würde nach Meinung der Unabhängigkeitsbefürworter besser dastehen
  72. Teilungspläne für Kalifornien, also etwas Anderes, gibt es schon seit Anbeginn seiner Zugehörigkeit zur USA
  73. In diesem Zusammenhang wird auch der Ausdruck “Reconquista” (Rückeroberung) verwendet
  74. Teilweise anknüpfend an die Sezession von 1861
  75. Wie das “Knebelgesetz” 53 im Jahr 1948 (durch die PPD zu Stande gekommen), das Massaker von Ponce 1937
  76. Einer ihrer Aktivisten, Oscar López Rivera, war 36 Jahre im Gefängnis da man ihm die Beteiligung an Anschlägen und Ähnlichem vorwarf. Er sah sich und seine Anhänger ihn als anti-kolonialen Unabhängigkeitskämpfer, politischen Gefangenen. 1988 versuchte er, aus dem Leavenworth-Gefängnis auszubrechen. Unter Obama wurde er 2017 entlassen
  77. Und seit 1967 gab es 5 Referenden zum politischen Status Puerto Ricos, 67, 93, 98, 12, 17. Die Option “Unabhängigkeit” bekam jedes Mal marginalen Zuspruch, den Wahlergebnissen der PIP entsprechend, die seit Anfang der 1960er deutlich unter 10% sind
  78. Der Widerstand gegen den Krieg bzw das eigene Mitmischen darin und die Wehrpflicht bzw die eigene Betroffenheit hingen sicher auch mit einander zusammen
  79. Der Song “Eve of destruction” von Barry McGuire aus 1965 (geschrieben von Philip Sloan/Schlein) handelte eigentlich nicht von Vietnam sondern vom Krieg allgemein, und McGuire wurde später ein „wiedergeborener Christ“. Jedenfalls hiess es dort “You’re old enough to kill, but not for votin'”, was sich darauf bezieht, dass Amerikaner ab 18 Lebensjahren eingezogen wurden, während das Mindestalter für’s Wählen 21 war, bevor es 1971 gesenkt wurde
  80. John Bolton, Kriegstreiber unter Bush junior und Trump, versteckte sich während des Kriegs (den er befürwortete) in der National Guard von Maryland, Bush junior in jener von Texas, Danforth Quayle (Vizepräsident unter Bush senior) in jener von Indiana, Newt(on) Gingrich wurde als Vater und Student nicht eingezogen,…
  81. Woran erinnert das?
  82. In Vietnam-Kriegs-Filmen oder Filmen in denen der Vietnam-Krieg vorkommt (wie „Forrest Gump“) werden Diskriminierungen von Schwarzen dort und Auflehnungen dagegen normalerweise ausgeblendet. Und Marion Morrison (“John Wayne”) brüstete sich 1971 in einem “Playboy”-Interview damit, Schwarzen bei jenen 2 Filmen bei denen er Regie führte, die richtigen Rollen gegeben zu haben: “Ich hatte einen schwarzen Sklaven in ‘The Alamo’ und ich hatte eine Reihe von Schwarzen in ‘The Green Berets’”. Der zweitere Film war einer der ganz wenigen, in denen das Mitmischen der USA in Vietnam positiv dargestellt wird
  83. Die USA hat in dieser “Krise” eher im Hintergrund gewirkt, aber ihren Mann Mobutu “durchgebracht”
  84. Übrigens, das USA-Militär warf auf Vietnam mehr Bomben ab als die Alliierten im 2. WK über Deutschland
  85. Eine Film-Dokumentation namens “Sir! No Sir!” (2005) behandelt Antikriegsproteste innerhalb des amerikanischen Militärs aus dieser Zeit
  86. Also über den grossen amerikanischen Abzug hinaus, bis zur Niederlage Südvietnams bzw dem Kriegsende 1975
  87. Dauerhaft? Wohin?
  88. Bundy zum FBI zur Opferzahl von 35 oder 36: “Add one digit to that, and you’ll have it”
  89. Siehe Literatur-/Linkliste. Dem deutschen Herausgeber von “Feindaufklärung und Reeducation” (2006), der über „Antifaschismus auf US-Bajonetten“ sprach, dergleichen zu empfehlen, wäre ertraglos bzw am Problem vorbei (auch wenn er Belehrung nötig hätte), denn die innere Verfasstheit des von seinesgleichen favorisierten Weltpolizisten ist ihm ja egal
  90. Die Filmdoku “Ein Hauch von Freiheit” handelt von schwarzen USA-Soldaten in Nachkriegs-Deutschland, vor dem Hintergrund des Rassismus in ihrer Armee und ihrem Land
  91. 2 Mio. Afrikaner kämpften im 2. WK für ihre europäischen Kolonialherren, die meisten auf Seiten der Alliierten (hätten in dieser westlichen Konfrontation die Anderen gesiegt, hätten sie auch den Schwarzen Peter gehabt). Nach Kriegsende war der Einsatz bald vergessen, es gab keine Unabhängigkeit, Besserstellung/Gleichbehandlung wurde nicht gewährt, nicht mal Anerkennung
  92. „Wer für demokratische Prinzipien sterben kann, verdient auch das Recht, diese zu geniessen“, hiess es dann. Im Südafrika der Apartheid sagte General Constand Viljoen (der zwar ein rechter Afrikaaner blieb, aber dann im demokratischen Südafrika mitwirkte): “As hulle kan veg vir Suid-Afrika, kan hulle stem vir Suid-Afrika!”, bezogen auf jene Schwarzen, die in der SADF mitwirkten. In beiden Fällen ist es zweifelhaft, dass man diese Form der Kollaboration heranzieht, um für die Aufhebung der Diskriminierung einer Bevölkerungsgruppe zu argumentieren. “Demokratische Prinzipien”. In Südafrika war diese Mitwirkung aber marginal und auch nicht ausschlaggebend für die Beendigung der Apartheid
  93. Vom Ende der Sklaverei infolge des Bürgerkriegs bis zum Voting Rights Act 1965 vergingen genau 100 Jahre! 1 Jahrhundert “Jim-Crow-Gesetze” bzw Rassentrennung/-diskriminierung, Apartheid-Zustände, zumindest in grossen Teilen der USA
  94. Ellington begab sich 1963 auf eine Tour in West-und Zentralasien, u.a. in Iran und Irak. Im November 1963 trat er im Khuld-Palast in Bagdad auf. Im Februar dieses Jahres war Qasim im Irak gestürzt worden mit USA-Hilfe. In dem Palast 16 Jahre später der Baath-Kongress nach der Hussein-Machtübernahme, von dem (parteiinterne) Gegner abgeführt wurden, zT zu Hinrichtungen
  95. Andere Stars dort waren in diesen und anderen Jahren Placido Domingo, Deep Purple, Oum Khaltoum,…
  96. Es wurde ein Trend, sich Verschiedenes auf die Fahnen zu heften, Anderes auszulagern… Man braucht ein armes Opfer zur Demonstration seiner edlen Gesinnung. Wer diese Rolle einnimmt, ist auswechselbar. Afrikaner als Opfer arabischen Sklavenhandels oder in Darfur, dann doch in die selbe Schublade wie Moslems. Und, die Zulu-Nationalisten der Inkatha Freedom Party in Südafrika oder die Katanga-Sezessionisten im Congo wurden deshalb zu Freunden des Westens erkoren, weil man sie gegen diese Länder an sich ausspielen wollte, mit ihnen seine Interessen durchzusetzen erhoffte. Im Fall Katanga bzw Congo setzte sich aber Mobutu als Vertreter westlicher Interessen (gegen Tshombe) durch, und wandten sich die Katanga-Gendarmen 1977/78 gegen die Europäer
  97. Er hat etwa auch Thurgood Marshall an den Obersten Gerichtshof berufen
  98. Der aber auch den Vietnam-Krieg erst richtig “anheizte”, die demokratische Regierung Brasiliens stürzen liess, die massive Unterstützung Israels begann, gegen echte “rassische Durchlässigkeit” war
  99. Was ist mit der Sicherheit von Afro-Amerikanern, vor Polizei-Gewalt oder vor jener von rassistischer Selbstjustiz?
  100. Wer sich stets fügt, über den wird stets weiter ver-fügt (Helmut Seethaler)
  101. Sein ursprünglicher Nach-Name Clay geht auf jene zurück, die seine Vorfahren als Sklaven hielten
  102. Italiener? Nun ja, immerhin gab/gibt es da Geraldine Ferraro, die Vizepräsidentschaftskandidatin der DP (1984) war, (Unterhaus-)Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi, Gouverneur Mario Cuomo,…
  103. Es sind auch andere Mittelamerikaner dabei. Übrigens, die Mauer durch Israel/Palästina, die nicht ganz zu Unrecht als Apartheid-Mauer bezeichnet wird, wurde auch von Palästinensern gebaut, angesichts der Möglichkeiten die ihnen die Besatzungssituation (nicht) liess. Falls Trump den Bau der Mauer zu Mexico realisiert, werden dort auch Mexikaner und mexikanische US-Amerikaner arbeiten, davon ist auszugehen
  104. “…the bureaucrats and opinion formers who assign Puerto Ricans their ‘race’ are often inconsistent in their labelling practices because sometimes it is convenient to deny the population the privileges attached to whiteness, such as when distributing federal resources like hurricane relief.”
  105. Und es geht auch um nicht-weisse Soldaten im Dienste ihrer Erreichung
  106. Übrigens, auch in den Heeren der 3 anderen Alliierten gab es eine sehr starke Mitwirkung von Nicht-Europäern, in diesem Krieg der Europäer
  107. In einem ABC-Interview kurz vor dem Ausscheiden aus dem Amt
  108. In diesem Zusammenhang: Marco W., in der Türkei für den Sex mit einer Minderjährigen (Engländerin) verurteilt – die Rezeption des Falls in Deutschland hätte auch anders ausgesehen, wenn es um die Sexualität von Orientalen gegangen wäre, eine Deutsche (oder auch eine Engländerin) als (vermeintliches) Opfer, mit einer türkischen Justiz die nicht darauf reagiert. Als 2018 ein Österreicher (18) wegen angeblichem Sex mit einer Minderjährigen (15) in der USA ins Gefängnis kam, empörte sich zB die “Kronen-Zeitung”

Königtum in Frankreich: Kontinuität, Brüche und eine vergebene Chance

Henri d’Artois, der Enkel des letzten Königs Frankreichs aus der Bourbonen-Hauptlinie, hatte in den 1870ern, in der frühen Dritten Republik, die Chance darauf, König zu werden – eine Restauration der Monarchie scheiterte aber, trotz dafür günstiger Voraussetzungen. Er starb 1883 kinderlos in Österreich, was jahrzehntelang sein Exil gewesen war. Mit ihm erlosch die Bourbonen-Hauptlinie. Nach der gescheiterten Restauration geht es in dem Artikel um Monarchie und Dynastien in Frankreich, quasi die Vorgeschichte, bis zum Ende der Monarchie, dort wo die Erzählung ihren Ausgang nimmt. Danach wird der Monarchismus seit dem Untergang der letzten monarchischen Herrschaft über das Land (die der Dritten Republik vorausging, das Zweite Kaiserreich) behandelt. Darin “eingebettet” findet sich egentlich die gesamte Geschichte Frankreichs.

Artois und seine Frau

Der “Graf von Chambord”

Henri Charles d’Artois wurde 1820 als posthumer Sohn von Charles Ferdinand, der einige Monate vor seiner Geburt ermordet wurde, und einer sizilianischen Bourbonin geboren, als Grossneffe des damaligen Königs Ludwigs XVIII., als Enkel des späteren Königs Charles X. Im Tuilerien-Palast in Paris, in einem Teil davon, der heute zum Louvre gehört. Er war bei seiner Geburt ein petit-fils de France, ein “Enkel Frankreichs”; dies war die Bezeichnung bzw Einstufung der Söhne von fils de France (“Söhnen Frankreichs”), welche Söhne von Königen oder Thronfolgern (Dauphins) waren. Die in Frankreich von der Thronfolge ausgeschlossenen entsprechenden weiblichen Personen hiessen petite-fille oder fille de France.

Charles Ferdinand d’Artois wurde 1778 in Versailles als 3. Kind vom späteren Charles X., der damals Bruder des Königs war (und Graf von Artois), geboren. Seine Mutter war aus dem piemontesisch-sardischen Königshaus Savoia (Savoyen). Er bekam den Titel Duc de (Herzog von) Berry. Seine Ehefrau, Maria Carolina di Borbone (delle Due Sicilie), war Tochter von Francesco (Franz) I., König der beiden Sizilien 1825 bis 1830 und seiner habsburgischen Gattin Maria Klementine (Tochter von Kaiser Leopold II.). Nach Ausbruch der Revolution gingen Charles Ferdinand und seine Familie ebenso wie andere Bourbonen ins Exil. Henris Vater kämpfte in der französischen Emigrantenarmee unter Louis Joseph de Bourbon-Condé (s.u.), war dann in Grossbritannien. 1814 kehrte die Familie zurück; Charles Ferdinand war dann auch an der vergeblichen Verteidigung von Paris gegen Napoleons Rückkehr aus Elba beteiligt.

Bei der Ehe von Charles Ferdinand und Marie Caroline handelte es sich um eine arrangierte, wie im Hochadel (früher) so üblich, sie soll dennoch eine glückliche gewesen sein. Sie lebten meist im Élysée-Palast in Paris. Sie hatten 4 Kinder, 3 zu Lebzeiten, 2 davon überlebte die Kleinkindheit, neben Henri auch Louise. 1820 wurde Charles Ferdinand beim Verlassen der Oper in Paris von einem Bonapartisten getötet (erstochen); Henri wurde sieben Monate später geboren. Der damalige König, Ludwig XVIII., dessen Bruder und Nachfolger Charles sowie dessen anderer Sohn Louis Antoine hatten alle keine Söhne. Somit war Henri der stark erwartete künftige Thronerbe, wurde “Wunderkind” genannt.

Etwas zum Namen dieses Henri, der hier im Vordergrund steht. Auch wenn im Ancien Régime, also im vor-revolutionären Frankreich sowie in der Zeit der Restauration (1815 bis 1830), bezüglich der Nachnamen der Mitglieder der königlichen Familie nicht alles genau festgelegt war, in der Regel verhielt es sich so: Der König hatte offiziell keinen Familien-Namen (also auch nicht den Dynastie-Namen). Die Königskinder hiessen im Nachnamen “de France” (von Frankreich). Deren Abkömmlinge (Nachfahren) bekamen den Höflichkeitstitel oder Apanage-Titel1 des Vaters als Nachnamen, die weiblichen aber anscheinend nur in der ersten Generation und bis zur Heirat. Jüngere Königssöhne bekamen öfters die Grafschaft Orléans (und damit den Titel des Grafen von) zugewiesen. Daraus wurde für ihre Nachkommen öfters ein Familienname. Philippe, Bruder von Ludwig XIV., hiess als fils de France “de France”, sein Sohn als petit fils bekam “Orleans” als Nachnamen – daraus wurde ein Dynastiename, der heute noch in Verwendung ist, auch als Familienname.

“Bourbon” bzw “De Bourbon” als Nachnamen bekamen anscheinend nur uneheliche Nachfahren von Mitgliedern des Königshauses! Die Angehörigen der Bourbon-Nebenlinie Bourbon-Condé verwendeten (bzw hiessen) “de Bourbon-Condé”. Als der Enkel von Ludwig XIV., Philippe (dann Felipe), König von Spanien wurde, war sein Nachname “de France”. Da dieser für weitere Generationen nicht erblich war und Philipp bei seiner Thronbesteigung in Spanien alle französischen Titeln aufgab, bekamen seine Nachfahren (bis heute, wo wieder ein Felipe steht) einfach den Dynastienamen als Nachnamen, hispanisiert zu “de Borbón”.

Henri bekam als “petit-fils de France” den Apanage-Titel aus der väterlichen Linie als Familiennamen, und der war “d’Artois” (von Artois). Dieser geht auf Charles Philippe de France zurück, als Charles X. König, Enkel von Ludwig XV.; Charles bekam von seinem Grossvater den Titel “Graf von Artois” – mit dem keine Herrschaft über die Grafschaft Artois im Norden von Frankreich verbunden war.  Seine Kinder (petit-fils de France) hiessen “d’Artois”. Als Charles König wurde2, änderte sich das zu “de France” (sie waren nun fils). Charles’ Sohn, Henris Vater, war bereits tot, als sein Vater König wurde, blieb daher ein “d’Artois”. Charles’ Enkel Henri blieb auch ein petit-fils und behielt immer seinen Familiennamen “d’Artois” – der ihm bei seiner Geburt von Louis XVIII., dem damaligen König und Chef des Hauses, kraft der Usancen des Ancien Régimes zugewiesen worden war.

Henri d’Artois war duc de (Herzog von) Bordeaux; damit war aber auch keine tatsächliche Herrschaftsausübung in dieser Region verbunden3, es handelte sich um einen Höflichkeits-Titel. D’Artois ist besser bekannt als “Graf von Chambord”. Er bevorzugte diesen Titel bzw legte ihn sich selbst zu, nach dem Schloss Chambord, einem ab dem 10. Jahrhundert entstandenen Schloss an der Loire, im Stammland der Bourbonen in Zentral-Frankreich.4; von Napoleon an einen Günstling vergeben, wurde ihm das Schloss vom Restaurations-Regime (ab 1814/15) gewährt und er durfte es anscheinend auch im Exil ab 1830 behalten.5 Der “Comte de Chambord” wurde (spätestens) 1844 (erster) Thronanwärter der Bourbonen-Hauptlinie bzw der diese unterstützenden Legitimisten, es ist aber fraglich, ob ihm der Name “de France” (ab) hier zustand.

Die Schwerkraft der Verhältnisse bzw der Realität… Zu diesem Zeitpunkt war er in Österreich. Bei seiner Hochzeit dort verwendete er den Namen “Henri de Bourbon”, obwohl das nach den Regeln des alten Regimes (das er wieder herstellen wollte!) eigentlich signalisierte, dass er ein uneheliches Kind der Bourbonen war bzw der Nachkomme von einem solchen. “Henri de France” wollte/konnte er nicht benutzen, um nicht sein Gastland Österreich (bzw Metternich) gegen sich aufzubringen bzw die diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Frankreich unter Louis-Philippe zu stören. A propos: Ab 1830 waren in Frankreich (in der Juli-Monarchie, der Zweiten Republik, dem Zweiten Kaiserreich, der Dritten Republik) die Namensgepflogenheiten (bzw -abwandlungen) des früheren Regimes abgeschafft. Als Oberhaupt der Bourbonen und deren Thronanwärter wurde er von Legitimisten aber (als) “Henri V.” (legitimer König von Frankreich) gesehen bzw genannt. Damit verbunden ist auch die Frage, ob Henri d’Artois 1830 kurz König gewesen ist (s.u.).

Nach dem Tod seines Vaters wurde er unter Aufsicht seines Grossvaters aufgezogen, der einige Jahre nach seiner Geburt König wurde (Charles X.), und zwar so, als ob es nie eine Revolution gegeben hätte und keine neue zu erwarten war. Die Erziehung wurde von Jesuiten, Offizieren, Adeligen vorgenommen, auch im Exil dann (das durch eine solche neue Revolution bedingt wurde). Seine Mutter, die Herzogin von Berry, so liest man, war in den Tuilerienpalast gezogen und widmete sich dort hauptsächlich der Förderung von Kunst. Daneben hielt sie sich gerne in südfranzösischen Badeorten auf.

Während der Juli-Revolution 1830 dankte Charles X. zunächst zugunsten seines Sohnes Louis Antoine ab, dieser sodann zugunsten seines Neffen Henri. Auch Henris Mutter versuchte ihn in dieser Situation zum König zu machen. Schlussendlich gingen aber Alle zusammen ins Exil. Es gibt widersprüchliche Angaben darüber, inwiefern Louis-Philippe d’Orléans zu Charles (zunächst) loyal war bzw inwiefern dieser ihn vor der Exilierung mit einer Art Regentschaft betraute. Louis-Philippe d’Orléans wurde, nach Vorschlag von Adolphe Thiers, jedenfalls vom Parlament zum König gewählt. Und Henri war bis dahin möglicherweise kurz König. Egal ob er von seinem Grossvater oder von seinem Onkel eingesetzt wurde: Er wurde vom damals legitimen König (und bis Louis-Philippes Königswahl ist Charles bzw Louis Antoine wohl als solcher anzusehen) zum König ausgerufen, und bis im Zuge der Revolution ein neuer Herrscher kam,  war er de jure wahrscheinlich ein solcher.

Allerdings wird Henri d’Artois’ Königtum 1830 in der Regel nur von Legitimisten akzeptiert – und in deren Augen hört seine “de jure-Herrschaft” auch nicht mit der Proklamation von Louis Philippe auf, der in ihren Augen ein Usurpator ist. Und tatsächlich wurde Henri in diesen Tagen wohl von niemandem als König wahr genommen, war reell keiner, wird eher retrospektiv als solcher gesehen. Die Sache erinnert an Napoleon II. und Ludwig XVII., die de facto auch nie herrschten. Wenn man (den damals 10-jährigen) Henri als König für diese eine Woche sieht, dann war er einer der am kürzesten herrschenden Monarchen der Geschichte.

Die entthronte königliche Familie (Charles, Maria Carolina, Henri,…) fuhr 1830 über Cherbourg nach Grossbritannien, bezog in Schottland einen Palast, in Edinburgh, der der britischen Königsfamilie gehört und wo Charles bereits 1796 bis 1803 leben durfte. In dieser frühen Zeit des Exils wurde eine Münze bzw Medaillie für Henri geprägt, im Nennwert von 5 Francs, wahrscheinlich durch ihm nahe stehende Kreise irgendwo im Exil. Es handelte sich also um eine inoffizielle Prägung, die Münze war kein Zahlungsmittel. Auf der einen Seite befindet sich eine Abbildung des jugendlichen Kopfes von „Henri V Roi De France“, auf der anderen das Wappen der königlichen Familie Frankreichs.6 Henris Mutter (Marie) Caroline fühlte sich in Edinburgh nicht wohl und wollte sich auch mit dem Ausschluss ihres Sohnes vom französischen Thron nicht abfinden.

1831 reiste sie in ihre Heimat, das Königreich beider Sizilien. Sie heiratete dort heimlich einen italienischen Adeligen, Ettore C. Lucchesi-Palli, Duca della Grazia. 1832 fuhr sie nach Marseille, mit dem Ziel, in monarchistisch gesinnten Gegenden Frankreichs einen Aufstand gegen die Juli-Monarchie anzufachen. Sie suchte Nord-West-Frankreich auf, die Vendée und die Bretagne, wo ihr dies gelang. Dieser reichte aber bei weitem nicht aus, ihren Sohn auf den Thron zu bringen. Und, im selben Jahr (1832), gab es in Frankreich auch eine republikanische Erhebung, in Paris. Nach Niederschlagung des legitimistischen Aufstands tauchte sie in Nantes unter, wurde dann von einem Simon Deutz verraten. Und im Schloss von Blaye von den Behörden interniert. Während ihrer Gefangenschaft gebahr sie eine Tochter – infolge dessen bekamen die französischen Legitimisten erst Kunde von ihrer zweiten Ehe. Durch diese Ehe hatte sie formal ihre französische Staatsbürgerschaft verloren – womit sie auch nicht mehr als Regentin für ihren Sohn (damals 12) in Frage kam. Es heisst, aus diesem Grund wurde sie nicht mehr als Gefahr gesehen, und 1833 frei gelassen. Sie ging mit bzw zu ihrem Mann nach Süd-Italien; dann in die Steiermark. Es kamen vier Kinder vom zweiten Mann hinzu.

Die entthronte Familie (Ex-König Charles, sein Sohn Louis-Antoine de France, Henri,..) und die sie begleitenden Bediensteten wanderten 1831 von Schottland nach Böhmen weiter; mit den Habsburgern standen die Bourbonen inzwischen gut. 1833 wurde Henri d’Artois 13 und damit nach damaligen Normen volljährig; ein Teil der Legitimisten sah ihn von da an bereits als Chef des Hauses / Thronanwärter. Er wurde unter Charles’ Lenkung weiter sehr konservativ erzogen. 1836 ging die Artois-Familie ins österreichische Küstenland, genauer in seinen friulanischen Teil, nach Görz/Gorica/Gorizia. Nach wenigen Monaten dort starb Ex-König Charles an einer Cholera. Er wurde im Franziskaner-Kloster Kostanjevica/Castagnevizza bei Görz bestattet, sein Begräbnis begründete eine Familiengruft für die engeren Angehörigen. Charles’ Sohn Louis-Antoine, der Duc d’Angoulème, wurde neuer Chef des Hauses und als Louis XIX Prätendent der Legitimisten. Auch Henris Mutter war damals ja in Österreich (damals Teil des Deutschen Bunds), nicht so weit weg von Görz. Caroline war durch ihre Heirat bei Charles in Ungnade gefallen, wurde anscheinend nicht mehr als Teil der Familie gesehen.

Louis “XIX.”, 1789-1814 bereits im Exil, Duc d’Angoulême, “Comte de Marnes”, verheiratet mit einer Bourbonin, regierte 1830 auch angeblich, 20 Minuten lang, war danach wieder im Exil, wurde 1836 nach dem Tod seines Vaters also Chef des Hauses. Er hatte eine Cousine ersten Grades geheiratet, Marie Therese, die Tochter von Ludwig XVI. und Marie Antoinette… Er starb 1844 in Österreich. Spätestens hier wurde Henri d’Artois legitimistischer Prätendent (“Henri V.”), blieb es bis zu seinem Tod, also 39 Jahre lang. Und, er hat diese Ansprüche auch immer erhoben, kompromisslos. Manche Legitimisten sahen Artois bereits ab 1830 als Chef und Anwärter, manche 1836 nach dem Tod des Opas, 44 nach dem Tod des Onkels wurde er spätestens Prätendent dieses Lagers.

Artois hatte im Exil ein gewisses Vermögen, das ausser Landes (Frankreich) geschafft worden war, und er hatte gute Beziehungen zu den meisten Fürstenhäusern – und Europas Staaten wurden damals fast ausschliesslich monarchisch regiert. Durch einen Sturz vom Pferd 1841 im Waldviertel verletzte er sich so, dass er einen hinkenden Gang behielt. 1844 zogen der Bourbonen-Chef und sein kleiner gewordenes Gefolge, darunter seine Tante Marie Therese, die Witwe von Louis Antoine (die “Duchesse de Berry”, auch “Dauphine de France”, “Herzogin von Angouleme”, “Gräfin Manes”), aus dem Friaul ins Österreich unter der Enns7. Nach Lanzenkirchen südlich von Wien, in das Schloss Frohsdorf. Es war Marie Therese de France, die die Herrschaft Frohsdorf kaufte.

Schloss Frohsdorf in Lanzenkirchen

Das Schloss war Anfang des 19. Jahrhunderts im Besitz der Adelsfamilie Hoyos gewesen. Napoleons Schwester Caroline Murat (“Gräfin von Lipona”) flüchtete 18158 aus dem Königreich Neapel-Sizilien (= Kgr. beider Sizilien), wo ihr Mann nach der Restauration der dortigen Bourbonen eine Restauration seiner Herrschaft versuchte hatte und auf Anordnung von König Ferdinand IV. erschossen worden war. Sie erwarb 1817 Schloss Frohsdorf9, lebte dann aber meist in Nord-Italien. Sie erwarb Frohsdorf 8 Jahre, nachdem Soldaten ihres Bruders das Schloss in Beschlag genommen hatten, bei seinem Feldzug nach Österreich (1809; Fünfter Koalitionskrieg).

Das Schloss wechselte in den nächsten Jahrzehnten mehrmals den Besitzer, kam über adelige russische und französische Zwischenbesitzer in den 1840ern in den Besitz von Marie Therese de France (der Herzogin von Angouleme). Es soll bis dahin “Froschdorf” geheissen haben, erst im Besitz der legitimistischen Bourbonen bekam es diesen anderen Namen… Es heisst, Artois verbrachte hauptsächlich die wärmeren Jahreszeiten in Lanzenkirchen, die kälteren in seiner Besitzung in Görz. Und, französische Legitimisten aus verschiedenen Gesellschaftsschichten (hauptsächlich aus oberen) kamen nun nach Niederösterreich, liessen sich in der Umgebung nieder, wurden Teil des Gefolges von Artois. Darunter befanden sich Guillaume Isidore de Montbel, Freund von Villele, Minister von Polignac, dann Oberhofmeister von “Graf Chambord”, sowie Joachim Barrande, Haus-Lehrer von Artois (begleitete 1830 das bourbonische Königshaus ins Exil, wurde dabei in Böhmen ein bedeutender Geologe). Artois heiratete 1846 in Bruck an der Mur in Österreich eine Maria Theresia, eine Habsburg-Este, eine Cousine zweiten Grades; ihr Vater war Herzog von Modena gewesen, der vorletzte. Kinder waren Henri und Marie nicht vergönnt. Nach dem  Tod seiner Tante 1851 erst wurde Artois Besitzer von Frohsdorf.

Auch in Frankreich ging das 19. Jh turbulent weiter, 1848 wurde die “Juli-Monarchie” ja gestürzt, es folgte die 2. Republik, dann das 2. Kaiserreich. Ab 1848 waren also auch die orleanistischen Bourbonen entthront und im Exil, und bald begannen Gespräche mit dem Lager der Hauptlinie in Österreich, bezüglich einer Versöhnung und einer Koordinierung der Ansprüche bezüglich der Herrschaft in Frankreich. Die Abneigung gegen die Zweite Republik und dann das neue Kaiserreich verband Orleanisten und Legitimisten. Henri hatte viel Zeit, sich über seine Vorstellungen darüber Gedanken zu machen, in seinem Schloss in Österreich, mit Dienerschaft, wertvollen Gemälden, Weinkeller, Kapelle, Park, Tiergarten, Gartentheater, Jagdrevier,… Er schrieb auch einiges darüber, und für ihn lief es eher auf eine Herrschaft über Frankreich hinaus. Er schrieb, 1861, auch: “All diese orientalischen Völker nehmen nur den Schein der Zivilisation an; im ersten besten Augenblick findet sich der Barbar wieder”.10

Während Österreich 1867 Ungarn zum gleichberechtigten Partner in seinem Reich aufwerten musste (der Ausgleich), trat in Spanien Königin Isabel (II.) de Borbón y Borbón-Dos Sicilias, deren Thronfolge 1833 grossen Widerstand bzw innere Kriege verursacht hatte, gezwungenermaßen ab (und ging nach Frankreich). In der Frage der Nachfolge für Isabel(la) am spanischen Thron (bzw in der Herrschaft über Spanien) wurden mehrere Kandidaten ins Spiel gebracht, darunter Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen – der zwar aus der katholischen Nebenlinie der preussischen Hohenzollern war, aber eben doch ein Verwandter von ihnen. Spanien unter einem Hohenzollern wollte der französische Kaiser Napoleon III. nicht akzeptieren (die Konstellation erinnert an den Spanischen Erbfolgekrieg) und zwischen ihm und dem norddeutschen11 und preussischen Kanzler Bismarck schaukelte sich etwas auf, was im Juli 1870 zum Krieg führte. Im September der deutsche Sieg von Sedan, Napoleon III. wurde dort gefangen genommen und nach Deutschland gebracht. Das französische Parlament rief in dieser Situation die Republik aus.

Die Chance auf die Restauration

Während in Frankreich die Dritte Republik damit begann, das grosse Teile des Landes von deutschen Truppen besetzt waren (und Paris belagert), wurde im Jänner 1871 in Versailles das Deutsche Reich gegründet. Die von der provisorischen französischen Regierung für den 8. Februar 1871 angesetzte Wahl einer neuen Nationalversammlung wurde von den deutschen Truppen nicht behindert. Denn es wurde ein monarchistischer Sieg erwartet, und die bourbonischen und orléanistischen Monarchisten wollten den Krieg unter allen Umständen beenden (dazu waren sie auch zu den von deutscher Seite geforderten Gebietsabtretungen und Entschädigungszahlungen bereit), um danach mit den Republikanern „abzurechnen“ und die Monarchie wiederherzustellen.

Und der Sieg der Monarchisten bei dieser Wahl ist möglicherweise auch auf deren Vorstellungen vom Frieden mit Deutschland zurück zu führen. Die unter universalem Männer-Wahlrecht und Persönlichkeitswahlrecht gewählte Assemblée Nationale hatte eine satte monarchistische Mehrheit von fast 2/3, allerdings aufgespalten auf die drei Richtungen der Orleanisten, Legitimisten, Bonapartisten, die vor allem in “der Provinz” gewählt wurden. Auch die Republikaner waren in mehrere Lager aufgespalten; alle Pariser Abgeordneten waren Republikaner. Stärkste Fraktion waren die Orléanisten (Führer Albert de Broglie) mit 214 Abgeordneten (ca. 33 % der Stimmen), dann die Légitimisten unter Auguste-Alexandre Ducrot mit 182 Sitzen (28 %), vor den moderaten Republikanern unter Favre (112 Sitze, 17 %), den liberalen Republikanern (72; 11 %), den radikalen Republikanern (38; 5,8 %) und den bonapartistischen Monarchisten (20; 3%), deren System eben “gestürzt” worden war.

Noch im Februar fand die erste Sitzung der Nationalversammlung statt, in Bordeaux, im März zog sie nach Versailles um. Es gab eine Mehrheit für eine konservative Monarchie, die Frage der Staatsform wurde aber einstweilen offen gelassen – auch weil der “Verlustfrieden” auf das Konto der Republikaner gehen sollte. Adolphe Thiers, im 19. Jh in Frankreich immer wieder entscheidend involviert und ein Historiker, wurde bald von der Versammlung zum “Chef der Exekutive” gewählt, damit war er provisorisches Staatsoberhaupt und Regierungschef. Thiers unterzeichnete am 26. Februar 1871 den Vorfrieden von Versailles, damit wurde der Deutsch-Französische Krieg beendet. Frankreich trat den Grossteil des Elsass und einen Teil von Lothringen ab (technisch gesehen waren das mehr oder weniger grosse Teile Teile von vier französischen Departements) und verpflichtete sich zu Entschädigungszahlungen. Der Vorfrieden wurde im Mai durch den Friedensvertrag von Frankfurt weitgehend bestätigt. Napoleon III. wurde im März 1871 aus Kassel nach England entlassen bzw gebracht.

Die monarchistischen Lager verhandelten derweil darüber, ihre doch ziemlich unterschiedlichen Vorstellungen in Einklang zu bringen. Thiers rief den Monarchisten zu, zu dritt könne man den Thron nicht besteigen. Die Bonapartisten hatten ein schwaches Mandat von den Wählern bekommen, waren durch die Kriegsniederlage “kompromittiert” und ihre Vorstellungen einer Monarchie weichten von jenen der beiden bourbonischen Lager ziemlich ab. Orleanisten und Legitimisten bildeten die Union des Droites, die über 60% der Sitze in der Nationalversammlung hatte. Emissäre der drei exilierten Prätendenten pendelten hin und her, besonders jene von Henri d’Artois und Louis-Philippe Albert d’Orléans, einem Enkel des Bürgerkönigs. 1871 zeichnete sich eine Einigung ab. Der kinderlose 51-jährige Artois sollte “Frontmann” bzw erster Thronkandidat des geeinten bourbonischen Lagers werden; sollte er kinderlos sterben, was sich abzeichnete (seine Frau war 54), würde die Thronfolge bzw Anwartschaft auf die orleanistische Linie übergehen.

Ende März 1871 übernahm in der Stadt Paris eine Revolutionsregierung die Macht, die Commune de Paris, die die konservativ-republikanische Zentralregierung unter Thiers nicht anerkannte und die die Nationalgarde auf ihrer Seite hatte. Dieser Kommune-Aufstand wurde bis Mai unter den Augen der noch im Lande befindlichen deutschen Truppen blutig nieder geschlagen. Die bürgerlichen Regierungstruppen wurden von Patrice E. M. de MacMahon kommandiert, einem Marschhall irischer Herkunft, der bei der Eroberung von Algerien 1830 schon dabei war. Über 20 000 Kommunarden, nicht alle davon Angehörige ihrer Milizen, wurden getötet, darunter die Führer wie Louis C. Delescluze, im Strassenkampf, dann noch welche standrechtlich erschossen oder zum Tod auf der Guillotine verurteilt, viele auch zu Gefängnisstrafen, oder deportiert. Die Kommunarden ihrerseits hatten Geiseln genommen, darunter den Erzbischof von Paris, und ermordet.

Mitten in dieser blutigen Maiwoche der Niederschlagung des Commune-Aufstands (21.-28. Mai), in einer Bürgerkriegs-ähnlichen Situation, verlautbarte Henri d’Artois (am 24. 5.), dass er nicht die weisse Fahne seiner Vorfahren aufgeben werde um König zuwerden; die weisse Fahne der Bourbonen mit den Lilien symbolisiere Respekt vor der Religion, Schutz von allem, das Recht sei,… während die aktuelle dreifärbige Fahne Frankreichs die Fahne der Revolution sei und der ausländischen Feinde. Die Fahnenfrage tauchte auf, Zwist zwischen Legitimisten und Orleanisten. Dahinter “verbarg” sich ein konkreterer Konflikt zwischen den Lagern, unterschiedliche Vorstellungen von der Monarchie. Die Flagge mit gelben Lilien auf weissem Grund war jene der königlichen Familie, der Bourbonen, und gemäß den früheren Vorstellungen vom Staat damit jene der Nation. 1790 kam die Tricolore in Gebrauch, die eine Kombination der Pariser Stadtfarben Blau und Rot sowie des Bourbonen-Weiss ist. 1814 und 1815-30 wurde die weisse Flagge wieder offiziell, manchmal ganz weiss, manchmal mit einem Lilien-Wappen. 1830 wurde wieder die Trikolore französische Flagge, blieb es seitdem mehr oder weniger.12 Henri bestand in den 1870ern, als es um die Restauration der Monarchie, unter ihm, ging, auf der Abschaffung der Trikolore (Symbol der Revolution) und der Wiedereinführung der bourbonischen weissen Lilien-Flagge. Obwohl er in jüngeren Tagen selbst einen Kompromiss aus beiden entworfen hatte, eine Trikolore mit Bourbonen-Wappen.

Früherer Flaggenvorschlag von Henri d’Artois, der dann Symbol der Orleanisten wurde

Im Juni 1871 hob die monarchistisch dominierte Nationalversammlung die Gesetze auf, die die Landesverweisung der “Prinzen” der (ehemals) herrschenden Familien festgeschrieben hatten. Auch hier spiegelt sich die Geschichte Frankreichs im 19. Jh wieder: 1816 wurden die Bonapartes gesetzlich des Landes verwiesen. 1832 wurde der Familie des gestürzten Königs Charles, die bereits im Exil war, die Einreise nach Frankreich verboten; das Gesetz gegen die Bonapartes wurde bestätigt.13 1848 wurde Louis-Philippe nach seinem Sturz und seiner Exilierung mit einem solchen Gesetz bedacht. Louis-Napoleon (de) Bonaparte wurde 1848 ins Parlament gewählt, dann erst wurde das Gesetz von 1816 aufgehoben; und Bonaparte wurde zum Staatspräsidenten gewählt. Diese Gesetze betrafen nicht nur den Aufenthalt der Betreffenden in Frankreich, sondern auch gewisse Rechte wie passives/aktives Wahlrecht sowie die Beschlagnahme von Besitz (hauptsächlich immobilem). 1871 wurden zwei Orleans-Prinzen in die Nationalversammlung gewählt. Dann hob diese Versammlung (eben im Juni 1871) die Gesetze von 1832 und 1848 auf, womit deren Wahl erst gültig wurde.

Henri/Heinrich kehrte im Juli nach 41 Jahren im Exil für einige Tage nach Frankreich zurück, weilte auf Schloss Chambord.14 Die Bonapartes blieben in Grossbritannien. Louis Philippe Albert d’Orleans (dann “Philippe VII.”) war 1848 in die USA ins Exil gegangen, kämpfte dort im Bürgerkrieg. 1864 heiratete er eine Bourbonin, die seine Cousine war, 8 Kinder. Auch er kehrte 1871 zurück, liess sich im Gegensatz zu Artois wieder dort nieder. Als dann auch unter Napoleon III. 1852 erlassenen Konfiskationen des Besitzes aufgehoben wurden, bezog er Schlösser an der Loire, und auch in Paris eine „angemessene“ Residenz. Da die ihn unterstützenden Abgeordneten im Parlament die relative Mehrheit ausmachten, war der “Graf von Paris” in der frühen 3. Republik eine politische Schlüsselfigur. Staatschef Thiers (der Premierminister unter seinem Grossvater gewesen war, ihn aber nicht schätzte) empfing ihn in Versailles.

Es kam wie erwähnt zur Versöhnung mit der Bourbonen-Hauptlinie (der Vater des Bürgerkönigs hatte für die Hinrichtung von Louis XVI gestimmt, der Sturz von Charles geschah mit Unterstützung von Louis-Philippe,…) und der Unterstützung der Thronkandidatur von deren Oberhaupt. Henri d’Artois verschob bei seinem Aufenthalt in Frankreich im Juli 1871 aber ein Treffen mit Louis Philippe d’Orleans, seinem Cousin. Er empfing eine Delegation von monarchistischen Abgeordneten der drei monarchistischen Lager, die ihn zur Annahme der dreifärbigen Fahne überzeugen wollten; er traf aber auch Abordnungen aus seinem Lager, aus allen Klassen, die ihn vom Gegenteil überzeugen bzw darin bekräftigen wollten. Henri verliess Frankreich und verlautbarte über die legitimistische Zeitung “L’Union”, er werde “die Flagge von Henri IV, François I und Jeanne d’Arc” hoch halten, liess sich aus über das “heilige Vertrauen des alten Königs”, seines Grossvaters, in ihn, über “die Aufgaben eines Monarchen”, seine “Ehre”,…

Ein Teil der Legitimisten war für die Anerkennung der Trikolore, der Chef war aber kompromisslos. Und so verging im Juli 1871 die erste Chance auf die Restauration. Die monarchistische Mehrheit im Parlament war bereit, ihm den Königstitel anzutragen; die Orleanisten und viele Legitimisten wollten aber keine absolute Monarchie. Die Fahne stand Vordergrund, wichtiger war, was sie symbolisierte. Die weisse Bourbonen-Fahne mit den Lilien, an denen D’Artois festhielt (als Staatsflagge Frankreichs), stand für das Ancien régime, und damit genau für das, wofür er auch sonst stand. Die Trikolore repräsentiert(e) tatsächlich das Erbe der Revolution, die Stellung von Verfassung und Volkssouveränität. Der Flaggenstreit spiegelte den grundsätzlichen Konflikte wider, um den Charakter der Monarchie, die Rolle des Parlaments,… Die Chance auf die Restauration lebte aber noch voll. Im August 1871 wurde der gemäßigte Monarchist (oder konservative Republikaner) Thiers Präsident.

Manche Orleanisten, wie der Graf Falloux, wollten von Henri d’Artois eine Abdankung (von seinen Ansprüchen), um den Weg für Orleans frei zu machen. Die Republikaner machten etwa 34% der Abgeordneten in der Nationalversammlung aus – bei der nächsten Wahl könnten es schon viel mehr sein. (Louis) Philippe d’Orleans, so heisst es, war sich der Tatsache bewusst, dass der Graf von Chambord mehr Unterstützung hatte als er und ordnete daher seine Ansprüche diesem unter. Ausserdem, eine Restrauration der Monarchie unter dem kinderlosen Henri würde ihn zum Thronfolger/Dauphin machen. Er hielt aber an gewissen Ansprüchen fest; und aus dem legitimistischen Lager wird er ja  noch heute beschuldigt, dass er gegenüber Artois unnachgiebig bezüglich der Fahne bzw der Form der Monarchie sei.

Im Laufe des Jahres 1872 machte Henri in mehreren Stellungnahmen klar, dass er keine Kompromisse eingehen werde, nicht einlenken werde. “Ich werde nicht gegen das monarchische Prinzip verstossen, nachdem ich es vierzig Jahre aufrecht gehalten habe,… Ich trage keine neue Fahne, ich behalte jene von Frankreich… Niemand wird mich dazu bringen, dass ich einwillige, der König der Revolution zu werden…” hiess es da. Der Möchtegern-König liess in einem “Manifest” auch verlautbaren, dass er dagegen protestiere dass seine Abreise aus Frankreich als Abdankung ausgelegt werde (“Ich werde niemals abdanken”). In einem Zeitungs-Interview im März 1872 bestätigte Artois die Einigung mit den Orleans’, auf eine Unterstützung seiner Anwartschaft und die Einsetzung der Nebenlinie als seine Erben. Gleichzeitig tadelte er dabei die Verwandten und hielt ihnen ihre Sünden vor: “Die Prinzen von Orléans sind meine Söhne. Ich habe [aber] nichts vergessen, nicht Philippe-Egalité, nicht Louis-Philippe, nicht das Schloss von Blaye15.” Und, er nahm gegen eine Kandidatur des Orleans-Prinzen Henri-Eugène-Philippe-Emmanuel d’Orléans, Herzog von Aumale, von dem ihm politisch und persönlich einiges trennte, für das Amt des Staatspräsidenten Stellung.16

Als Präsident Thiers im Mai 1873 erklärte, die (Wiedererrichtung der) Monarchie sei unmöglich und die Republik sei vorzuziehen, entzog ihm die monarchistische Mehrheit des Parlaments das Vertrauen, drängte ihn zum Rücktritt. Der monarchistische Militär Patrice de MacMahon wurde sodann zum Nachfolger gewählt, auf Initiative des Orleanisten-Führers De Broglie, der Premierminister wurde. Von MacMahon, dem legitimistischen Monarchisten, wurde eine Restauration der Monarchie unter dem Bourbonen Henri erwartet, er selbst sah sich als eine Art Platzhalter, wie später Hindenburg oder Horthy. Der Tod von Ex-Kaiser Napoléon III. im Jänner 1873 in Grossbritannien, die Wahl MacMahons im Mai und der Abzug deutscher Truppen nach der Bezahlung der Reparationen im September bereiteten die zweite Chance für die Restauration auf. MacMahon liess als Präsident zunächst Sacre-Coeur in Paris errichten, schränkte diverse Freiheiten ein.

Im August 1873 kam eine endgültige Einigung der beiden grossen monarchistischen Lager zu Stande, durch einen Besuch von (Louis-)Philippe bei seinem Cousin Henri auf Frohsdorf. Orleans steckte seine Ansprüche zurück, wurde aber als Erbe prädestiniert. Er begrüsste bzw huldigte Artois als “Oberhaupt meiner Familie” und “einzigen Repräsentanten des monarchischen Prinzips”. Henri soll ihn darauf hin umarmt haben. Orléanisten sagten später, verschiedenen Aussagen damals seien unter inneren Vorbehalten gemacht worden. Aus den Reihen der orleanistischen Abgeordneten war nun jedenfalls kein Widerstand gegen die Ausrufung Henris als König zu erwarten. Die Bonapartisten scheinen nicht mit im Boot gewesen zu sein, waren aber auch nur eine kleine Fraktion. Wenige Tage später traf sich Orleans mit Präsident Mac Mahon, und bat ihn darum, eine ausserordentliche Sitzung des Parlaments vorzubereiten, die Henri zum König ausrufen sollte (dem dann MacMahon Platz machen würde).

MacMahon wollte aber an der Trikolore-Flagge festhalten bzw an einer Monarchie mit konstitutionellen Rechten. Es bedurfte also noch einiger Überzeugungsarbeit gegenüber Artois bevor es zur Restauration kommen könne, dachte man. Papst Pius IX., selbst ein Ultra-Konservativer der ein neues  Mittelalter wollte, schaltete sich ein (auf wessen Initiative auch immer), wies den apostolischen Nuntius in Wien an, Artois davon in Kenntnis zu setzen, dass der heilige Stuhl grossen Wert auf eine Restauration lege und man in der Frage der Farbe der Fahne eine Einigung finden müsse.

Anfang Oktober 1873 wurde der legitimistische Abgeordnete Pierre-Charles Chesnelong, der den Sturz Thiers’ maßgeblich betrieben hatte, von dem legitimistisch-orleanistischen Teil des Parlaments damit beauftragt, mit Artois eine Einigung zu finden, bezüglich der künftigen Verfassung und den Bedingungen für eine Wiedereinsetzung der Monarchie. Chesnelong begab sich nach Salzburg, um sich mit dem legitimistischen Thronanwärter zu treffen. Dieser hatte keine Einwände gegen eine Trennung der Staatsgewalten, die Mitsprache des Parlaments (das wieder eines aus zwei Kammern sein sollte), die Integration der Thronfolgeregelung in die Verfassung, die Gewährung bürgerlicher und religiöser Freiheiten – dies war von der “Union des Droites” im Parlament so ausgearbeitet worden. Bezüglich der Fahnenfrage scheint es zu einer Art Kompromiss gekommen zu sein, einem sehr schwammigen, der Henri auf nichts verpflichtete, ausser “zu einer Lösung, vereinbar mit seiner Ehre, von der er ausgehen konnte dass sie die Nationalversammlung und die Nation zufrieden stellen würde”. Anders gesagt: Artois akzeptiert provisorisch die Tricolore, bekam aber das Recht, die Fahne zu ändern, sobald er König ist.

Nach seiner Rückkehr gab Chesnelong etwas voreilig die Einigung bekannt. Ende Oktober 1873 begann man sich für die Rückkehr der Monarchie in Frankreich vorzubereiten. Die Sitzung der Nationalversammlung am 5. November sollte die notwendigen Gesetzesänderungen absegnen und wohl auch die Ausrufung vornehmen. In dem vorbereiteten Gesetzesentwurf bezüglich der Restauration hiess es im Artikel 1:

“Die nationale, erbliche und konstitutionelle Monarchie ist die Regierung Frankreichs; folglich wird Henri Charles Ferdinand Marie Dieudonné, Oberhaupt der königlichen Familie von Frankreich, auf den Thron berufen; die Prinzen dieser Familie werden in der männlichen Linie nach der Reihenfolge der Erstgeburt seine Nachfolger sein”

Mit den Prinzen waren die Orléans gemeint. In Artikel 3 war die dreifärbige Fahne erwähnt. 17

Ein Mitglied der Parlamentskommission, die Chesnelong mit der Mission betraut hatte, Charles Savary, gab in diesen Tagen Worte von Artois gegenüber Chesnelong inkorrekt wider, die hier nachgiebiger waren als in Wirklichkeit, was den Kompromiss wohl absichern sollte. Er erreichte damit aber das Gegenteil. Und zwar eine die entschiedene Erwiderung von dem Bourbonen, in einem offenen Brief an Chesnelong, der in der monarchistischen Zeitung “L’Union” am 27. Oktober veröffentlicht wurde. “Man verlangt von mir die Preisgabe meiner Grundsätze und meiner Ehre.” Er hielt fest, dass er lieber der “ungekrönte legitime König von Frankreich” im österreichischen Exil bleiben werde als der “legitime König der Revolution“, nicht “mit Schwäche herrschen” werde.18 Der Bourbonen-Chef lehnte damit die Bedingungen der Nationalversammlung (ihrer Mehrheit aus Legitimisten und Orléanisten) für die Restauration ab, hielt am Ancien Régime und seinen Symbolen fest. Somit gab es keine Abstimmung über den Gesetzesentwurf und keine Restauration.

Nichtsdestotrotz begab sich der “Graf von Chambord” Anfang November inkognito nach Frankreich, wohnte bei einem seiner adeligen Anhänger in Versailles. Er verlangte, Präsident MacMahon zu treffen. Glaubte anscheinend, unter diesen Voraussetzungen, in dieser Situation, seine Einsetzung als König herbei führen zu können, mit enthusiastischer Zustimmung des Parlaments und des Präsidenten. Doch weder MacMahon noch Premierminister Broglie wollten ihn empfangen. Das Parlament, dessen meiste Mitglieder nichts von der Anwesenheit des Bourbonen im Land wussten, verlängerte in der Situation die Amtszeit von Präsident MacMahon auf sieben Jahre, in der Hoffnung, dass dies lange genug sein würde, dass Artois noch einlenkt und eine Restauration realisiert werden konnte. Die Hoffnung lebte also noch.

Doch, obwohl MacMahon bis 1879 Staatspräsident blieb und das Parlament bis 1876 eine monarchistische Mehrheit hatte und sich das Orleans-Lager an die Abmachung der gegenseitigen Anerkennung hielt, die Kompromisslosigkeit von Henri d’Artois bzw seine Vorstellungen von der Monarchie liessen eine Restauration scheitern. Artois wollte zumindest ein semi-absoluter Monarch sein, wie sein Opa Charles die meiste Zeit oder die Hohenzollern in Preussen/Deutschland. So wie er auf einer Wiedereinführung der weissen Flagge mit Lilien statt der Trikolore als Staatsflagge bestand, wollte er eine weitgehende Restauration des Ancien Régime. Damit stiess er die Orleanisten und die Neutralen vor den Kopf, die deutliche Mehrheit der Bevölkerung. Eine Restauration dieser Form von Monarchie brachte die Aussicht auf eine sehr starke Polarisierung, auf einen Bürgerkrieg, das war den Meisten klar.

Ausserdem, das Land war nach Krieg und Aufstand teilweise zerstört, viele Familien hatten Opfer zu beklagen, die Besatzungstruppen waren gerade abgezogen, man hatte hohe Reparationen zahlen müssen und ein Teil seines Staatsgebiets abtreten, und der Graf insistierte auf Gottesgnadentum und einer bestimmten Fahne – das liess viele Bürger von der Monarchie abrücken, wie sich bei den nächsten Wahlen auch zeigte. Möglicherweise glaubte er wirklich, wenn er „mit Schwäche“ an das Herrscheramt heran gehen werde, werde man weitere Konzessionen von ihm erwarten. Möglicherweise schob er das Ultrakonservative vor um sich vor der Aufgabe zu drücken, aus irgend einem Grund. Die Republik blieb, auch wenn sie damals von einem grossen Teil der Franzosen als Provisorium gesehen wurde.

Flaggenstreits sagen oft etwas über eine grundsätzliche innenpolitische Auseinandersetzung aus. So wie im Deutschen Reich der Weimarer Republik, als eine neue Fahne, die schwarz-rot-gelbe, eingeführt wurde, die Rechte aber die alte, kaiserliche (schwarz-weiss-rot) wieder haben wollte. Sie existierten dann gewissermaßen nebeneinander. 1933 wurde neben der alten Fahne die Hakenkreuz-Fahne deutsche Nationalflagge, 1935 diese dann alleinige. In Portugal gab es nach dem Sturz der Monarchie 1910 einen Streit zwischen den Anhängern der alten blau-weissen und der neuen rot-grünen Flagge. In Weissrussland steht die Auseinandersetzung zwischen den Befürwortern der beiden Flaggendesigns für jene zwischen Befürwortern und Gegnern der Anlehnung an Russland. Im Irak wollten die Besatzer nach dem Krieg 03 eine neue Fahne; manche woll(t)en das Takbir aus der Fahne, die blieb, weg.

Die Orleanisten (auch Broglie) warteten dann auf den Tod des ultrakonservativen bourbonischen Prätendenten, nach dem Louis Philippe d’Orléans König werden sollte, unter Akzeptanz der Trikolore und der Volkssouveränität. In diesen 10 Jahren von 1873 bis 1883 zirkulierte unter orleanistischen Monarchisten ein Sprichwort, “Mon Dieu, de grâce ouvrez les yeux du comte de Chambord, ou bien fermez-les lui !”19 In diesen Jahren stabilisierte sich die Republik und 1883 war der Enthusiasmus für die Monarchie nicht mehr so gross im Volk. Der Graf starb als reicher Landadeliger in Österreich statt als König von Frankreich.

Dem Schulterschluss zwischen der Bourbonen-Hauptlinie und der Orléans-Nebenlinie (und ihren Anhängern) zum Trotz hatte sich gezeigt, dass diese Lager einander im Grunde in ihren Vorstellungen von der Monarchie zu unterschiedlich war; und der legitimistische Prätendent hatte teilweise noch konservativere Vorstellungen als seine Anhänger. Doch, Monarchismus hatte bis in das 20. Jh hinein in Frankreich nennenswerte (wenn auch nicht mehr entscheidende) Unterstützung, wie auch der Anklang zeigt, den die Action Française hatte.

Anfänge Frankreichs und seines Königtums

Die Kapetinger und ihre “Nachfolge”-Linien (Valois, Bourbon) herrschten ca. 1000 Jahre in Frankreich, wenn man die Orleans dazu zählt, dann bis 1848, unterbrochen im Wesentlichen von den Bonapartes. Acht echte Bourbonen saßen am französischen Thron. Ein Henri stand am Anfang und am Ende der Bourbonen. Der erste Bourbone am französischen Thron, Heinrich IV., Ende des 16. Jh, und eben jener Henri, der im 19. Jh gerne der fünfte französische König dieses Namens geworden wäre.

Die Gründung des Frankenreichs unter den Merowingern, die Christianisierung der Bevölkerung, steht am Beginn des Mittelalters, gewissermaßen auch am Beginn der französischen Geschichte. Die Reichsteilung unter den Karolingern 843 schuf das West-Frankenreich, in dem Karolinger und Robertinger/Kapetinger (ursprünglich regionale Herrscher) eine Zeit lang alternierend herrschten. Mit Hugo (Hugues) Capet kamen Ende des 10. Jh die Kapetinger endgültig auf den westfränkischen/französischen Thron. Franken dominierten das westliche Frankenreichs politisch, demografisch aber eigentlich nur den Norden; der Süden war stärker römisch geprägt, keltische Reste hielten sich v.a. im Nordwesten.

Charlemagne-Statue vor Notre Dame

Im West-Frankenreich/Frankreich gab es viel mehr dynastische Kontinuität als im aus dem Ost-Frankenreich hervor gegangenen Heiligen Römische Reich. Und dessen Kaiser hatten in ihrem Reich, das bis zum Ende in semi-unabhängige Fürstentümer zersplittert war, immer weniger Macht. In Frankreich gewannen die Könige allmählich an Macht über ihr Land, auf Kosten des regional herrschenden Adels. Mit König Philippe II. August (12./13. Jahrhundert) begann die Institutionalisierung der französischen Zentralmonarchie. Erst ab ihm begann die tatsächliche Machtentfaltung der französischen Könige über ganz Frankreich.20 Dieser Kapetinger war auch der erste französische König, der sich nicht mehr Rex Francorum (König der Franken), sondern Rex Franciae (König von Frankreich) nannte. Im 13. Jh ging man in Frankreich von der Wahl- zur Erbmonarchie über; Thronstreitigkeiten in der Familie kamen schon zuvor öfters vor.

Königsherrschaft hielt mittelalterliche Reiche zusammen, Reiche definierten sich durch Könige/Dynastien. Die ideologische Legitimation des Königs(hauses) war wichtig. Und die Kapetinger knüpften nicht nur an karolingische Traditionen an, um 1200 versuchten sie, eine genealogische Verbindung mit ihnen “herzustellen” (zu erfinden). Im Hoch-Mittelalter wurde die gelbe (Schwert-) Lilie unter den Kapetingern ein heraldisches Symbol bzw eine Insignie der französischen Könige.21 Drei gelbe Lilien auf blauem Grund wurde das Wappen der Könige bzw der Königsfamilie, gelbe Lilien auf weissem Grund so etwas wie die Nationalflagge. Es waren auch die Kapetinger, die Paris zur Hauptstadt Frankreichs machten, das unter Chlodwig bereits Hauptstadt des Frankenreichs war.

Die Taufe des ersten Franken-Königs Chlodwig Ende des 5. Jh durch Bischof Remigius in Reims, der Legende nach mit einem himmlischen Öl, wurde Vorbild für Krönungen westfränkischer und französischer Könige. Auch die Vorstellung von der Erwähltheit des Herrschers, dem Gottesgnadentum, bezog sich darauf. Hinzu kamen aber auch byzantinische Einflüsse. Die Königssalbung durch einen Vertreter der Kirche, erstmals am Karolinger Pippin 752 angewandt, wurde fixer Bestandteil der Krönungen, und die Kathedrale in Reims der Ort dafür (ab 816). Die Salbung wurde mit der Heiligen Ampulle vorgenommen, die auf Chlodwigs Taufe zurück gehen soll (an die die Salbung insgesamt erinnern soll).

Die Legende davon tauchte im 9. Jh auf, durch Hinkmar, den Bischof von Reims, infolge der Krönung von Karl dem Kahlen. 1131 wurde sie vom Papst anerkannt, seither wurde die Salbung bei der Krönung immer damit vorgenommen. Liturgische Krönungsinstrumente wie die Ampulle wurden in der Kathedrale von Reims aufbewahrt. 816 wurde der fränkische König Ludwig der Fromme, ein Karolinger, in Notre-Dame de Reims zum römischen Kaiser gekrönt, vom Papst. Unter den Kapetingern wurde Reims fixer Krönungsort, ab Heinrich I. 1027. Bis Karl X. wurden alle französischen Könige dort gekrönt, normalerweise vom dortigen Erzbischof, mit Ausnahme von Heinrich IV. (Chartres, 1594, da innere Konflikte damals) und Louis VI. (in Orléans) sowie Louis XVIII. (nicht gekrönt).

Die Krönungen

Im 13. Jh entstand unter Louis IX. eine feste Form für die Krönungsszeremonie. Der König kam am Vorabend mit seiner Entourage von Paris nach Reims, verbrachte die Nacht vor der Krönung allein im dortigen Kloster (Abtei von St. Remi). Die vom Bischof geleitete Krönung begann dann mit einer vom Kloster kommenden Prozession mit dem Abt an der Spitze; der König leistet einen Eid (dieser Teil kam evtl auch später); dann eine Art Ritterweihe an ihm, mit einem besonderen Schwert; dann der wichtigste Teil, die Salbung: der Reimser Erzbischof entnimmt  mit einer Nadel aus der heiligen Ampulle Salböl, benetzt diverse Körper-Stellen damit, v.a. die Stirn; die Übergabe der Insignien (Ring, Schwert); Kronaufsetzung bzw eigentliche Krönung, mit der Krone Karls des Grossen22; dann Messe mit Abendmahl/Eucharistie/Empfängnis der Kommunion unter beiderlei Gestalten (mit Brot und Wein), damit bekam der König quasi-priesterliche Funktion, bekam Heilungskräfte zugeschrieben (nur unmittelbar nach der Krönung), besonders bei Skrofeln und anderen Hautausschlägen.23 Der neue König kam als solcher zur Krönung, sein Herrschaftsantritt beginnt mit dem Tod des alten, wenn es hiess “Der König ist tot. Es leber der König”

Die Kathedrale von Reims im 19. Jh, Bild von Quaglio

Der Ort Saint-Denis nördlich von Paris ist nach dem Hl. Dionysius benannt, der aus Rom stammte, im römisch beherrschten Gallien im 3. Jh missionierte und dafür geköpfte wurde. Dionysius/Denis wurde Bischof von Paris und lange nach seinem Tod französischer National-Heiliger. An der Stelle seiner Grablegung wurde unter den Merowingern eine Abteikirche gebaut, aus der eine Basilika/Kathedrale wurde. Diese wurde Ort der Grablegung fränkischer und französischer Könige. Vom Ende des 10. Jahrhunderts an bis 1830 wurden fast alle französischen Könige und viele Königinnen in ihrer Gruft beerdigt. Ausserdem wurden in Saint-Denis viele (Titular-) Königinnen gekrönt. Und Krönungs-Insignien wie der Thron und das Zepter von Dagobert I. oder die Krone und das Schwert von Karl d. Gr. wurden in der Kathedrale aufbewahrt.

1328 starb die Hauptlinie Kapetinger in männlicher Linie aus, das Haus Valois, eine Nebenlinie, folgte nach. Philippe IV., der letzte “direkte Kapetinger”, setzte vor seinem Tod seinen Cousin Philipp von Valois ein. Dieser wurde von deiner Adeligen- und Geistlichen-Versammlung 1328 zum König Frankreichs ausgerufen und dann gekrönt. Die Valois-Könige nahmen bis 1589 am französischen Thron Platz. Sie sahen sich selbst als Weiterführung der Kapetinger bzw als „Haus Frankreich“; der Dynastie-Name, der sich auch in der Geschichtsschreibung durchsetzte, kam im Hundertjährigen Krieg auf, als herabsetzende Umschreibung der Dynastie als Nachkommen des Grafen von Valois. Denn, die Thronbesteigung der Valois als nächste Nebenlinie der Kapetinger wurde von den englischen Königen, aus dem Haus Anjou-Plantagenet, bestritten. Die mit den (aus Frankreich stammenden) Normannen verheirateten Anjou-Plantagenet waren auch eine Kapetinger-Linie, sie herrschten nicht nur über die Normandie, sie hatten auch grossen Lehensbesitz im Westen Frankreichs – und sie beanspruchten nun den französischen Thron. Daran entzündete sich der 100-jährige Krieg (1337-1453), in dem sich die Valois behaupteten.24

Die Bourbonen

Die Bourbonen sind ein anderer Zweig der Kapetinger, stammen vom jüngeren Sohn von König Ludwig IX. ab, der 1272 das Schloss Bourbon-L’Archambault durch Heirat erwarb. Sein Sohn wurde im 14. Jh Herzog von Bourbon im Zentrum Frankreichs. Das Herzogtum Bourbon bzw die Landschaft Bourbonnais (Bourbon leitet sich von Borvo ab) korrespondiert mit dem späteren Département Allier, einige Teile befinden sich in den angrenzenden Départements Puy-de-Dôme (ebenfalls Region Auvergne-Rhône-Alpes) und Cher (Centre-Val de Loire). Die Gegend bzw das Herzogtum Bourbon(nais) wurde Stammland dieser Kapetinger-Nebenlinie, die dort herrschte, es wurde ihr Dynastie-Name. Im 16. Jh starb die ältere Linie der Bourbonen aus, die ihr Stammgebiet verloren. Aneghörige der jüngeren Linie erwarben die Vendome; der Herzog von Vendome, Antoine de Bourbon erwarb Mitte des 16. Jh durch Heirat mit Jeanne d’Albret das Königreich Navarra (dessen Süden 1516 an Spanien gegangen war; der Norden war unabhängig geworden).

Die Landschaft Bourbonnais im Zentrum Frankreichs, von wo die Bourbonen stammen

Antoines Sohn Henri/Heinrich folgte seinem Vater 1572 als König von Navarra, als III. dieses Namens, sowie als Chef des Hauses Bourbon. In Navarra hatte sich der calvinistische Protestantismus durchgesetzt, Henri de Bourbon wurde bereits calvinistisch erzogen. Antoines Bruder Ludwig/Louis begründete das Haus Condé, trat ebenfalls zum Calvinismus über. Daher vertraten die Bourbonen die Sache der Hugenotten im damals laufenden Konfessionskrieg, wurden deren Führer, neben Gaspard de Coligny, einem anderen Adeligen.

1559 starb der (natürlich katholische) französische König Henri II. (de Valois). Seine drei Söhne waren dann bis 1589 unter Regentschaft seiner Witwe Katharina de Medici Könige. Um die Hugenotten-Kriege zu beenden, sollte ein Protestant eine Katholikin ehelichen, Heinrich von Bourbon heiratete 1572 Margarethe von Valois, Schwester der letzten Valois-Könige. Henri de Bourbon wurde damit als erster Bourbone durch das (sich abzeichnendes) Valois-Aussterben Anwärter auf den französischen Thron, was im laufenden Krieg aufgrund seiner calvinistischen Konfession sehr umstritten war. Und so ging die Hochzeit als Pariser Bluthochzeit oder Bartholomäusnacht in die Geschichte ein. Tausende Hugenotten, die anlässlich der Hochzeit nach Paris gekommen waren, darunter ihre Anführer wie De Coligny, wurden massakriert, auf Befehl der Regentin Katharina. Heinrich überlebte wegen des Versprechens der Konversion.

Mit dem Tod des jüngeren Bruders des letzten Valois-Königs Henri III., François, wurde der König von Navarra 1584 erster Anwärter auf die Thron-Nachfolge. Die Katholische Liga unter dem Herzog von Guise versuchte das zu verhindern, und einen katholischen Bourbonen dafür in Stellung zu bringen. Nach dem Tod von Henri III. 1589 wurde Henri de Bourbon 1589 als IV. Henri französischer König, als Calvinist (und als erster Bourbone). Nominell, denn er musste die allgemeine Anerkennung als König erst erringen. Das Parlament der Stadt Paris hielt 1593 in dem Arret Lemaistre etwa fest, dass der König katholisch sein müsse. Henri konvertierte 1593 zum Katholizismus, wurde in Folge als König anerkannt. 1594 wurde er in der Kathedrale von Chartres gekrönt; Reims war damals unter Kontrolle der Katholischen Liga. 1598 beendete Henri mit dem Toleranzedikt von Nantes für die Hugenotten den Konfessions-Krieg (bzw die Unterdrückung der Hugenotten). Nord-Navarra wurde durch den ersten Bourbonen am französischen Thron in Personalunion mit Frankreich verbunden, ging dann in Frankreich auf.25

In zweiter Ehe war Henri mit einer Medici verheiratet. Er wurde 1610 ermordet. Henris Sohn Louis XIII. wurde 1610 sein Nachfolger als König, er war mit einer Habsburgerin verheiratet. Unter ihm wurde Kardinal Armand J. du Plessis de Richelieu sehr mächtig, eine Art Premierminister. Richelieu beliess den Hugenotten zwar die Glaubensfreiheit, liess aber ihre “Parallelstrukturen” ausschalten, die sie aufgrund der Verfolgung eingerichtet hatten. Sein Nachfolger als führender Kleriker am Königshof und erster Minister wurde Kardinal Jules Mazarin (Giulio Mazzarino), der hauptsächlich unter Ludwig/Louis XIV. wirkte. Dieser legendärste der französischen Könige herrschte von 1643 bis 1715, bis 1651 unter Regentschaft. Unter Ludwig XIV. vollzog sich eine Stabilisierung der Königsherrschaft, der Aufbau einer starken Armee, die auch bei der Niederschlagung von inneren Aufständen eingesetzt wurde. Durch Colbert wurde die Steuereintreibung verbessert.

Aussenpolitisch stand unter dem Sohn einer Habsburgerin die Rivalität zum HRR im Mittelpunkt. Elsass und Lothringen wurden erobert und auch im Spanischen Erbfolgekrieg stand man auf entgegen gesetzten Seiten. Infolge dieses Kriegs kamen Bourbonen-Nebenlinien auf den spanischen Thron und jene von zwei italienischen Fürstentümern. Der Bruder des Sonnenkönigs, Philippe, wurde Herzog von Orleans, begründete jene Seitenlinie, die 4 Generationen später während der Revolution erstmals von sich reden machte. Im 17. Jh liegen auch die Anfänge des französischen Kolonialismus, am wichtigsten war Neu-Frankreich (Nouvelle France) in Nord-Amerika, das z.T. aus Louisiane bestand (nach Ludwig XIV. benannt). Und Louis XIV liess die Schloss-Anlagen in Versailles ausbauen, den Königshof dorthin übersiedeln. Durch die Förderung von Kunst und Wissenschaften wurde die französische Kultur international bedeutend. Louis XIV überlebte seinen Sohn und seinen ältesten Enkel; 1715 wurde sein Urenkel Louis XV. sein Nachfolger.

Sein Sohn Louis “le grand dauphin” (er blieb immer Thronfolger, wurde nie König), brachte zusammen mit einer Wittelsbacherin Louis “le petit dauphin” und Philippe auf die Welt. Dieser Philippe, duc d’Anjou, der jüngere Enkel Ludwigs XIV. also, begründete die spanischen Bourbonen. Karl/Carlos II., eine grenzdebile Pappnase (durch Inzucht in früheren Generationen) und kinderlos, starb 1700; er war der letzte spanische König aus dem Haus der Habsburger. Der französische Sonnenkönig proklamierte nun seinen Enkel Philipp zum König Spaniens (Philipp V.). Er wurde von einigen Herrschern Europas anerkannt, von anderen nicht. Im spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) konnte dieser Herrschaftswechsel gegen diese zweiteren behauptet werden.

Hauptgegner Frankreichs und seiner Verbündeten waren die österreichischen Habsburger, die ja auch die Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation stellten; Kaiser Leopold I. proklamierte seinen Sohn ebenfalls zum spanischen König, führte die eine Seite, die Haager Allianz. Viele europäische Konflikte waren mit dem Spanischer Erbfolgekrieg verbunden, manche Mächte wollten einfach eine Vormachtstellung von Frankreich unter dem Sonnenkönig in Europa verhindern. England rückte gegen Ende des Kriegs von der Haager Allianz ab, da nun die Aussicht auf eine österreichisch-habsburgische Übermacht in Europa bestand. Die Gliedstaaten vom HRR sowie Spanien waren geteilt zwischen den Allianzen (Katalonien auf Seiten der Habsburger, Bayern auf Seiten der Bourbonen,…).

Bourbonen-Nebenlinien in Spanien und Italien

Durch die Friedensschlüsse wurde der Bourbone Philipp am spanischen Thron (Hauptland und Kolonien) anerkannt, eine Vereinigung zwischen Spanien und Frankreich wurde für die Zukunft ausgeschlossen, die spanischen Nebenländer in Europa gingen an Österreich. Die Abtretung der Nebenländer, v.a. jener in Italien, gefiel Philipp(e)/Felipe nicht, brachte ihn in Distanz zu seinem Grossvater. Die Friedensschlüsse von 1713/14 (Rastatt/Utrecht) sprachen das Königreich Neapel Österreich zu, das Königreich Sizilien aber Viktor Amadeus von Savoyen (Piemont), der dieses 1720 mit den Habsburgern gegen Sardinien eintauschte.

Die Versuche der spanischen Bourbonen, in Italien wieder Fuss zu fassen, führten zu neuen Kriegen. Carlos de Borbon, der 5. Sohn des ersten Bourbonen am spanischen Thron, Felipe, und Elisabetta Farnese, wurde 1731 nach dem Tod seines kinderlosen Grossonkels Antonio Farnese Herzog von Parma-Piacenza, mit 15 Jahren. Der Polnische Erbfolgekrieg (1733–1738) entzündete sich um die Thronfolge Polens, entschied aber auch viele andere dynastisch-zwischenstaatliche Konflikte. Ein Wettiner/Sachse wurde polnischer König, Stanislaus Leszczynski bekam als Entschädigung Lothringen entschädigt, dessen Herzog Franz Stephan von Lothringen, der sich bereits als Schwiegersohn des Kaisers abzeichnete, mit dem Grossherzogtum Toskana abgefunden wurde, wo das Aussterben der Hauptlinie der Medici abzusehen war…

Das zu Österreich gehörige Doppelkönigreich Neapel-Sizilien eroberten die Truppen des bourbonischen Herzogs von Parma 1734 mit spanischer Unterstützung. 1735 wurde Carlo(s) in der Kathedrale von Palermo zum König von Neapel und Sizilien gekrönt, wurde Carlo VII. von Neapel und der V. König diesen Namens in Sizilien. Dies begründete eine neue Sekundogenitur der spanischen Bourbonen. Dafür verlor er (1735) die Herrschaft über Parma-Piacenza, das an Österreich ging. Carlo(s) war der erste König von Neapel und Sizilien seit über 230 Jahren, der persönlich dort lebte und regierte. Herrschaftszentrum blieb Neapel, das von den neuen Bourbonen-Königen prachtvoll ausgebaut wurde. Karl regierte “beide Sizilien” bis 1759, als er König von Spanien wurde, nach dem Tod seines Halb-Bruders Ferdinand/Fernando VI. In Süd-Italien wurde ein jüngerer Sohn, ebenfalls ein Ferdinand, sein Nachfolger. Gemäß internationaler Verträge durfte er nicht Spanien und Neapel-Sizilien in Personalunion führen.

Nach dem Österreichischen Erbfolgekrieg ging Parma-Piacenza 1748 wieder an eine Bourbonen-Nebelinie, nun an Philipps anderen Sohn Philipp. Somit entstanden im 18. Jh drei (ausserhalb Frankreichs) regierende Nebenlinien der Bourbonen: Die der spanischen Bourbonen, die sich seit 1700 mit (5) Unterbrechungen bis heute dort behaupten; der Zweig der Borbone delle Due Sicilie, der in Neapel und Sizilien ab 1735 herrschte, von der napoleonischen Invasion zwischenzeitig entthront wurde und 1816 die beiden bis dahin in Personalunion verbundenen Königreiche zu einem (Regno delle Due Sicilie)26 verbanden und bis zum italienischen Risorgimento dort herrschten; und die im Herzogtum Parma-Piacenza (ebenfalls bis zum Risorgimento und mit einer Unterbrechung) herrschenden Borbone-Parma.

Die Bourbonen konnten so, hauptsächlich durch Kriege, zwar Nebenlinien in europäischen Staaten an die Macht bringen, aber nicht Frankreich um diese vergrössern (ähnlich so, wie es etwa Österreich mit Ungarn gemacht hatte). Frankreich verlor auch im 18. Jh sein beinahe ganzes Kolonialreich, infolge des verlorenen Kolonialkriegs gegen Grossbritannien, zur Zeit von Louis XV. (König 1715-1774, ein Sohn des petit dauphins). Man verlor Nouvelle France in Amerika, seinen Teil Indiens, übrig blieben nur Teile der Karibik sowie einige “Enklaven” in/bei britischen Kolonien, wie Pondicherry und St. Pierre et Miquelon. Unter Ludwig XV. kam, 1 Jahr vor der Geburt von Napoleone di Buonaparte, Korsika von der Republik Genua durch Kauf an Frankreich.

Die Revolution

Louis XVI., 1754 geboren, mit der Habsburgerin Marie Antoinette verheiratet, 1775 gekrönt, war eigentlich ein relativ fortschrittlicher König, war von der damals aufkommenden Aufklärung zumindest “angehaucht”, was etwa die Abschaffung der Folter durch ihn zeigt. Dennoch, das (Ancien) Regime war in einer Krise, es gab viele politisch-gesellschaftliche Spannungen, die nach einer Umwälzung verlangten. Im August 1788 berief Ludwig XVI. erstmals nach 174 Jahren für 1789 die Generalstände ein. Im Mai 1789 traten sie in Versailles zusammen. Reformwillige Abgeordnete aus den oberen beiden privilegierten Ständen (Adel, Klerus) schlossen sich dem 3. Stand an, diese Versammlung erklärte sich im Juni zur Nationalversammlung. Diese war eines der ersten modernen, nicht nach Ständen gegliederte, Parlamente. Ihre Hauptaufgabe bestand in der Ausarbeitung einer Verfassung.

Im Juli 1789 der Sturm auf das Bastille-Gefängnis. Im August die Menschenrechtserklärung der Nationalversammlung. Dann ihr Umzug nach Paris (bis 1871 waren die Parlamente Frankreichs dann dort). Und ihre Umwandlung in die Nationale Verfassungs-Versammlung, dann die die Gesetzgebende Versammlung. Es bildeten sich Klubs in der Versammlung, der Monarchisten wie Lally-Tollendal (jener, die im politischen Prozess mittaten), Anhänger einer konstitutionellen Monarchie wie LaFayette (später Feuillants genannt), Demokraten/Republikaner,… Am frühen Morgen des 6. Oktober 1789 drang noch vor Tagesanbruch eine mit Spiessen und Messern bewaffnete Menschenmenge in das Schloss in Versailles ein. Gilbert de LaFayette, der dem Pöbel als Chef der Nationalgarde eher widerwillig gefolgt hatte, überredete den König, sich dem Volk, auf dem Balkon, zu zeigen. Die königliche Familie wurde dann mehr oder weniger gezwungen, nach Paris in den Palais des Tuileries umzuziehen. Versailles war ein Symbol der absoluten Monarchie des Ancien Régime.

Die Versammlung erliess im Zuge dessen eine neue Titulatur von König Louis XVI.: “Louis, par la grâce de Dieu, et la loi constitutionnelle de l’État, Roi des Français” („Ludwig, durch die Gnade Gottes und das konstitutionelle Gesetz des Staates König der Franzosen“). Nun war er also “Roi des Français”, König der Franzosen, nicht mehr „Roi de France“, König von Frankreich. Als solcher schuldete er den Franzosen Treue, nicht umgekehrt. In den ersten paar Monaten der Revolution ereignete sich also Allerlei, das ein deutlicher Bruch mit den bisherigen Prinzipien der Monarchie war. Entsprechend wurde die Revolution von anderen europäischen Herrschern sowie dem grössten Teil der bisherigen herrschenden Elite Frankreichs abgelehnt.

Der spätere König Charles X., ein Bruder von Ludwig XVI., verliess Frankreich im Juli 1789, bald nach dem Sturm auf die Bastille. Der spätere Ludwig XVIII. (Louis Stanislas de France), ebenfalls ein Bruder des Königs, floh 1791. Ihnen folgten 20 000 Aristokraten, ein Teil des Hochadels, Familien wie Condé oder Polignac. Erstes Zentrum der “Emigrés” wurde Brüssel, damals österreichische Niederlande. Da Kaiser Joseph II. das Treiben der französischen Emigranten missbilligte, wich man nach Turin aus. Der König von Piemont-Sardinien war der Schwiegervater von Charles de France, dem Grafen von Artois. 1789 formierte sich in Turin ein “Komitee der Konterrevolution”. Ludwig XVI. war bei ihnen nicht unumstritten, da er ja einige Reformen der Revolution mittrug. Innerhalb dieses Komitees gab es daher Unstimmigkeiten aufgrund der Frage der Loyalität entweder zum amtierenden König oder zu dessen Bruder. Diese Frage war zugleich eine nach pro oder kontra eines Krieges gegen das revolutionäre Frankreich. Auch London (GB) sowie im HRR Preussen und das Kurfürstentum Trier waren Exil-Zentren von Anhängern des alten Regimes.

1790 wurde zum 1. Jahrestag des Bastille-Sturms in Paris das Föderationsfest gefeiert, König Louis XVI. und Vertreter der Nationalversammlung und aller Departemente leisteten einen Treue-Eid auf die durch die Versammlung ausgearbeitete Verfassung und die Nation, eine konstitutionelle Monarchie und eine Art nationale Versöhnung wurde gefeiert; wie freiwillig auch immer, der König akzeptierte die Verfassung und seine Macht-Einschränkung. Das Turiner Komitee wollte im Dezember 1790 in Lyon einen Aufstand veranstalten, die Idee kam von Charles de France. In verschiedenen Provinzen sollten Revolten gegen die Revolution provoziert werden, eventuell mit Hilfe von Teilen der Armee. In deren Folge sollte königliche Familie “befreit” werden. Ludwig XVI. sandte, als er von dem Plan erfuhr, eine Nachricht an das Komitee, in der er den Plan wegen der daraus resultierenden Gefahren für die königliche Familie missbilligte. Der Plan eines Aufstandes in Lyon flog schliesslich auf, es folgten Massaker und Verhaftungen an Royalisten.

Die Französische Revolution wurde über weite Strecken von verschiedenen konterrevolutionären Erscheinungen begleitet, royalistischen Aufständen, oft von adeligen Emigrées geschürt. Innerhalb des revolutionär-demokratischen Prozesses für eine Erhaltung und Reformierung der Monarchie kämpften der Club des Feuillants, eigentlich Société des Amis de la Constitution, benannt nach ihrem Tagungsort, dem Kloster der Feuillants (reformierte Zisterzienser) in Paris. Der Klub entstand 1791 durch die Ab-Spaltung von den Jakobinern, welche dann für einen Sturz der Monarchie und direkte Demokratie eintraten – was der von der Verfassunggebenden Nationalversammlung ausgearbeiteten Verfassung entgegen stand.

Von der konstitutionellen Monarchie zur Republik

Im September 1791 trat die Verfassung in Kraft, der König hatte einen Eid auf sie zu leisten, nun war wirklich von einer konstitutionellen Monarchie zu sprechen.27 Er versuchte dann mit seiner Familie in die südlichen Niederlande zu flüchten, kam bis Varennes, wurde nach Paris zurück gebracht, kurzzeitig suspendiert, stand nun quasi unter Arrest. Der Fluchtversuch des Königs 1791 bewirkte eine Schwächung der konstitutionellen Monarchie und einen Aufschwung für die Republikaner. Die Girondisten wurden infolge dessen etwa mehrheitlich republikanisch. 1792 der Beginn der Revolutionskriege, die dann in die napoleonischen Kriege übergingen. In dieser Situation kam das Manifest des Herzogs von Braunschweig und Lüneburg, in dem dieser, Befehlshaber der gegnerischen preussischen Truppen, das französische Volk dazu aufrief, sich wieder ihrem König zu unterwerfen. Das Manifest erreichte das Gegenteil des Gewünschten, löste den Sturm auf den Tuilerien-Palast (einst unter Katharina de Medici gebaut) aus (August 1792).

Es folgte die Absetzung und Internierung der königlichen Familie (im “Temple”). Der neu geschaffene National-Konvent rief im September die Republik aus. Die Revolution trat in ihre radikale Phase. Im Dezember begann vor dem Nationalkonvent der Schauprozess gegen den “Bürger Louis Capet”, wie der gestürzte König nach seiner Gefangennahme angesprochen werde, bezugnehmend auf den Ahnherrn der Bourbonen. Im Jänner 1793 die Verurteilung und dann die Hinrichtung, auf der Guillotine, auf dem späterem Place de la Concorde, durch einen der Sanson-Scharfrichter. Was den Konvent und die Öffentlichkeit gegen den Ex-König mit aufgebracht hatte, war eine gefundene Schatulle von ihm, die u.a. Material über den Kontakt mit den anti-revolutionären Emigranten enthielt.

Monarchismus zur Zeit der Revolution

Diese Emigranten bildeten, unter der Ägyide der Königsbrüder und des Turiner Komitees, 1791/92 im Römisch-Deutschen Reich die “Armée des Émigrés” (oder “Armée des Princes”). Diese Einheiten von emigrierten adeligen oder “gewöhnlichen” Franzosen (erstere führten, zweitere kämpften hauptsächlich), darunter auch exilierten Teilen der französischen Armee, kämpften für einen Stop der Revolution und eine komplette Restauration des Ancien Regime. Die konter-revolutionäre Emigrantenarmee wurde jenseits des Rheins, in Koblenz, Trier und Rastatt, aufgestellt und von diversen europäischen Herrschern unterstützt, an deren Seite sie dann kämpften. Unter den Führern/Gründern waren der Marquis de Saint-Simon, Louis Joseph de Bourbon-Condé, Victor F. de Broglie. Um die französischen Royalisten von den übrigen alliierten Truppen zu unterscheiden, trugen sie eine weisse Kokarde und eine weisse Armbinde. Die weisse Fahne und die weisse Kokarde wurden Symbol der (bourbonistischen) Monarchisten.

In der Vendée im Westen Frankreichs gab es einen grossen monarchistischen Aufstand, bzw mehrere, hauptsächlich 1793 bis ’96. Durch das Vorgehen der Armee dagegen wurde eine Art Bürgerkrieg daraus. Die Armée catholique et royale unter Francois de Charette wurde von den Chouans, der Armée des Émigrés und GB unterstützt. Hier wurde schon für Louis de France (Herzog von Anjou,…) gekämpft, den die Royalisten als Louis XVIII. und Nachfolger des hingerichteten Königs ansahen. Manche Adelige waren aber grundsätzlich auf der Seite der Revolution, sogar Angehörige der erweiterten Königsfamilie. So das Haus Orléans, das in einem “Vetternverhältnis” zu den Bourbonen stand. Louis-Philippe-Joseph d’Orleans war Mitglied der Nationalversammlung und durch Freimaurerlogen mit Lafayette, Talleyrand, Mirabeau und anderen Liberalen verbunden.

Er war Gegenspieler des Königs Louis XVI., wurde 1793 dann aber selbst guillotiniert. Die Revolution frass auch ihre Kinder. Vor allem durch den Terror des Sicherheits- und Wohlfahrtsausschusses des Nationalkonvents, unter Jakobinern wie Robespierre, 1793/94. Auch die Symbolik des monarchistischen Frankreichs wurde in dieser Phase systematisch zerstört.28 Die Revolution und der mit ihr einhergehende Säkularisierungsprozess schuf eine neue Mythologie, in der vieles von christlichen Erlösungshoffnungen auf die Nation übertragen wurde.

1793 wurden auf Beschluss des Nationalkonvents die Königsgräber in Saint-Denis geplündert bzw zerstört. Das Grab Ludwigs XIV. wurde etwa im Oktober 1793 geöffnet; da der darin liegende Leichnam durch die Einbalsamierung noch sehr gut erhalten war, wurde er zusammen mit einigen anderen verstorbenen Königen z. B. Heinrich IV., für einige Zeit den Passanten vor der Kathedrale zur Schau gestellt. Die Überreste der Körper der rund 160 dort beigesetzten Mitglieder des französischen Herrscherhauses wurden entweder gestohlen oder in einem Massengrab bei der Kathedrale bestattet. Auch die Charlemagne-Krone, mit der von 1237 bis Ludwig XVI alle Könige gekrönt worden waren, wurde in St. Denis zerstört. Ausserdem hatten Könige persönliche Kronen, neben dieser Krönungskrone, auch diese wurden in St. Denis aufbewahrt und nun zerstört – bis auf jene von Louis XV., die heute im Louvre-Museum ausgestellt ist. Und: Auch die Heilige Ampulle in Reims, Symbol für das Gottesgnadentum, wurde im Zuge dieser Zerstörungen zerschlagen.

Von 1794 bis 1800 erhoben sich, wieder im Nordwesten Frankreichs (Bretagne, Normandie,…), Monarchisten gegen die Revolution bzw die Erste Republik. Der Aufstand, die Chouannerie, wurde nach dem Pseudonym des Anführers, “Jean Chouan”, genannt. Es gibt darüber eine Beschreibung von Honore de Balzac. Napoleons erste herausragende militärische Aktivität war sein Kommando bei der Bekämpfung eines anderen royalistischen Aufstands, jenem in Toulon 1793. Der Korse Napoleon Bonaparte war früh in das französische Militär eingetreten, kam so in das französische Hauptland, begrüsste die Revolution, anfangs allerdings weil er sich dadurch die Unabhängigkeit Korsikas von Frankreich erhoffte! Es dauerte einige Jahre, ehe er sich, ziemlich opportunistisch wie es scheint, zwischen der von P. Paoli geführten korsischen Sache und jener Frankreichs entschieden hatte. Einen Einsatz bei der Niederschlagung des Vendée-Aufstands lehnte er ab, 1795 leitete er einen gegen einen royalistischen Aufstand in Paris.

Ludwig XVI. hatte zwei Söhne, der ältere starb im Juni 1789 an einer Krankheit, also kurz bevor die Revolution losging. Der andere, Louis Charles, 1785 geboren, wurde dann Dauphin. 1793, nachdem sein Vater hingerichtet wurde, wurde er zu einem Schuster gebracht (als Jakobiner dann 1794 am selben Tag wie Robespierre hingerichtet), dann ins Gefängnis, dort ist er wohl 1795 gestorben. Im Nachhinein wurde er zum König proklamiert, als Nachfolger seines Vaters, als Ludwig XVII. Die deutsche Familie Naundorff behauptet, von ihm abzustammen, er hätte überlebt, sei vom Revolutions-Politiker Barras aus dem Gefängnis befreit worden, hätte diesen Namen angenommen.29 Spätestens 1795 gingen für die Monarchisten die Ansprüche bzw die Führerschaft der Bourbonen jedenfalls auf dn späteren Louis XVIII. über.

1794 entmachteten Barras und Andere die Jakobiner bzw Montagnards des Nationalkonvents, im Monat Thermidor des damaligen Revolutions-Kalenders. Unter Führung dieser “Thermidorianer” wurde 1795 das Direktorium geschaffen,  das den Nationalkonvent als Exekutive ablöste; das Corps legislatif wurde durch die neue Verfassung das neue Parlament, bestehend aus 2 Kammern. Bonaparte, inzwischen General, kam unter der Herrschaft der “Themodorianer” bzw des frühen Direktoriums, in Kontakt mit der Macht; durch die militärischen Erfolge unter seiner Führung (Italien, Ägypten) wurde er selbst ein Mächtiger.

Mit dem Fall Robespierres und dem Ende des radikal-republikanischen Terrors konnten sich auch gemäßigte Monarchisten wieder politisch artikulieren. Die lose Organisation dieser Aktivisten und Denker an der Schnittstelle von gemäßigtem Monarchismus und Republikanismus wurde “Club de Clichy” oder “Clichyens” genannt, nach ihrem Treffpunkt. Man legte sich auf eine konstitutionelle Monarchie als beste Staatsform fest –  die exilierten Bourbonen sowie ihre hauptsächlichen Verbündeten und Anhänger waren aber insgesamt eher für eine Rückkehr zur absoluten Monarchie.30 Bei der Wahl 1795 wurden Kandidaten der Clichyens zur zweitstärksten Fraktion hinter den Thermidorianern (gemäßigten Republikanern), vor den Ultra-Royalisten und den radikalen Republikanern.

Jean-Charles Pichegru, ein Held der Revolutionskriege und ein Führer der moderaten Monarchisten des Clichy-Clubs, war ein Unterstützer von Louis “XVIII.” Die Wahl 1797 gewannen die Clichyens, Pichegru wurde Präsident des Rats der 500, einer der beiden Parlamentskammern. Die regierenden Thermidorianer um Barras liessen daher die Wahl in den “entsprechenden” Departments annulieren, führten mit Unterstützung des Militärs (Bonaparte!) eine Art Staatsstreich durch. Royalisten wie Pichegru wurden infolge dieses Coups vom 18. Fructidor festgenommen, teilweise nach Französisch-Guyana deportiert. So wie Pichegru; diesem gelang dort die Flucht, über die USA gelangte er nach GB, kämpfte in den Kriegen dann gegen Frankreich, reiste 1803 inkognito ins Land um einen monarchistischen Aufstand anzufachen, flog auf, starb 1804 im Gefängnis.

Napoleon und die Restauration

1799 der Staatsstreich N. Bonapartes, Ende des Direktoriums, Beginn des seines Konsulats. Hier wird das Ende der Revolution angesetzt – dabei war Napoleon ursprünglich Republikaner, Anhänger der Jakobiner. Unter der neue Verfassung wurde das Corps legislatif weitgehend beibehalten, auch unter der nächsten, bis 1814. 1804 krönte sich der 1. Konsul ja zum Kaiser, in der Kathedrale Notre Dame, in Anwesenheit des Papstes, und rief das Kaiserreich aus. Ende der 1. Republik. Napoleon liess eine eigene Krone anfertigen, nannte sie wie das “Vorbild” Krone Karls des Grossen. In seinen Herrscher-Insignien tauchten Bienen auf; sie sollten eine Verbindung zwischen ihm und den Ursprüngen Frankreichs suggerieren. Im Grab von Chlodwigs Vater Childerich waren im 17. Jh Darstellungen von goldenen Bienen bzw Singzikaden gefunden worden. Unter Napoleon begann auch der Umbau eines Teils der Krypta in St. Denis als künftige kaiserliche Grablege, doch kam es nicht zu Bestattungen.

Eine eigene Tradition als Herrscher zu begründen aber dabei an bestehende anknüpfen, das gefiel ihm. Unter Napoleon wurde auch eine neue adelige Klasse durch Ernennungen geschaffen, wie bei seinem Offizier Jean Baptiste Bernadotte. Und, durch die Kriegszüge unter Napoleon als Konsul bzw Kaiser wurde ein sehr grosser Teil Europas französische Einflusssphäre. 1808 wurden die spanischen Bourbonen durch die Invasion seiner Truppen zur Abdankung gezwungen. In dieser Phase verlor Spanien seine meisten Kolonien. Auch Neapel-Sizilien wurde von napoleonischen Truppen heimgesucht und der König gestürzt (1799). Ferdinando wurde jedoch von der Bewegung des Kardinals Ruffo wieder an die Macht gebracht und französische Truppen kamen 1806 ein zweites Mal. Nach der dortigen bourbonischen Restauration wurde das Doppelkönigreich ein vereintes. Auch im Herzogtum Parma(-Piacenza) wurde die Herrschaft der Bourbonen-Nebenlinie durch Napoleon unterbrochen.

Der misslungene Russland-Feldzug 1812, die Leipzig-Schlacht 1813; im März 1814 waren Koalitions-Truppen in Paris und zwangen den Kaiser zur Abdankung. Zuvor hatte der Senat ihm das Misstrauen ausgesprochen und den bourbonischen Prätendenten zurück gerufen. Und, Bonaparte setzte sein einziges eheliches Kind, seinen Sohn von einer Habsburgerin, als Nachfolger ein. Er wurde nach Elba verbannt, der Wiener Kongress begann, und der “Graf der Provence” kam aus seinem britischen Exil. Im April 1814 zog dieser auf einem Pferd in Paris ein, mit der Nationalgarde31, darunter Marschall Ney. “Te Deum” in Notre Dame, Einzug in den Tuilerien. Die Frage der Art der Einsetzung als König war die erste Machtprobe: Eigenrecht der Dynastie auf Herrschaft oder Einsetzung durch das Parlament?

Restauration 1814/15

Ludwig XVIII., der er nun wirklich war, liess sich nicht in Reims salben/krönen, obwohl das in seiner Charta fest gelegt war. Die Charte constitutionelle, die Louis XVIII. 1814 mit seiner Restauration einführte, schrieb manche Errungenschaften der Revolution fest, etwas Abgabe von Königs-Macht an das Parlament. Dieses bestand aus 2 Kammern, das Oberhaus, die Chambre des Pairs, war nach britischem Vorbild aus erblichen/ernannten Mitgliedern zusammengesetzt; die Chambre des députés wurde unter einem sehr eingeschränkten Wahlrecht gewählt (etwa 100 000 Franzosen bekamen das Wahlrecht zugestanden). Und, die Regierung war im Grunde nur dem König ggü verantwortlich, nicht dem Parlament. Doch, die Charte constitutionelle von Ludwig XVIII. war bezüglich der “Machtabgabe” grosszügiger als die Herrschaft Napoleons.

Der britische Offizier Neil Campbell begleitete Bonaparte nach Elba, blieb dort, eher als Diplomat als als Aufpasser. Während einer der Besuche Campbells auf dem toskanischen Festland vollzog sich Bonapartes Flucht.32 Der General zog nach Paris und zur Macht zurück. Armee-Einheiten, die geschickt wurden, ihn auf zu halten, schlossen sich ihm an. Manche Zivilisten, die schon zu grossem Einfluss gekommen waren oder Errungenschaften der Revolution unter Napoleon besser aufgehoben sahen, unterstützten ebenfalls seine Machtergreifung. Ludwig XVIII. flüchtete aus dem Schloss in Versailles, fuhr in die Südlichen Niederlande. Mit der Abschaffung der Zensur und die Einführung der Pressefreiheit versuchte Napoleon seine Rückkehr auch im Inneren schmackhaft zu machen. Der Kongress in Wien, bei dem sich die europäischen Mächte um eine neue Ordnung stritten, bekam ein dringendes Thema auf die Tagesordnung.

Napoleon versicherte den Staaten Europas, dass er den Frieden von Paris anerkennen, die Grenzen von 1792 nicht überschreiten und zukünftig mit den Nachbarn in Frieden leben wolle. Die Alliierten waren aber keinesfalls bereit, eine neue Herrschaft Napoleons anzuerkennen. Aufmarsch in Waterloo, Schlacht. Nach 111 weiteren Tagen an der Macht wurde der selbsterklärte Kaiser auf die unter britischer Herrschaft stehende Insel St. Helena verbannt. Zweite Rückkehr, zweite Restauration von Ludwig XVIII. Der Wiener Kongress wurde weiter geführt. 1815 bis 1818 waren britische Truppen in Frankreich; infolge Waterloo verlor Frankreich die Vormachtstellung in Europa, die es seit Jahrhunderten inne hatte. Viele Republikaner und Bonapartisten wurden durch den Weissen Terror (1815, ~2000 Opfer) getötet. Die meisten der von 1789 bis 1815 wegen der Revolution und Napoleon ins Ausland (v.a. Nachbarländer) “geflüchteten” Franzosen kehrten spätestens nach Waterloo zurück.

1815 die erste Wahl seit 1798. Louis XVIII war liberaler als die danach vorherrschenden Ultraroyalisten im Parlament, stand aber doch eher im alten Regime (bis 1789) als in der konstitutionellen Monarchie (1791-1792). Das Palais Bourbon, im 18. Jh für eine legitimierte Tochter des Sonnenkönig gebaut, in der Revolution verstaatlicht, war Tagungsort des Rats der 500, ging 1815 an die Familie Bourbon-Condé, die es an die Kammer vermietete; seitdem ist es meistens der Tagungsort des Unterhauses des Parlaments. Die liberalen Royalisten waren in der Restaurations-Zeit (1814/15-1830)33 meist die wichtigste Fraktion darin, konnten aber wenig ausrichten. Frankreich unter Louis XVIII. intervenierte in Spanien, um bei der Wiederherstellung absoluter Monarchie dort zu helfen. Alte Ordnungen wurden damals vielerorts in Europa restauriert bzw wieder her gestellt. Frankreich war in der späten Neuzeit ab 1789 immer Avantgarde/Vorreiter bei Entwicklungen/Umwälzungen.

In dieser Zeit wurden die in einem Massengrab vergrabenen Gebeine früherer Könige (auch die Ludwigs XIV.) wieder in der Kathedrale von Saint Denis bestattet. Allerdings war es nicht mehr möglich, die vorhandenen Überreste zu identifizieren bzw zuzuordnen. Die Königsgräber wurden, so weit möglich, wieder errichtet, die gesammelten Gebeine aber in einem Beinhaus in einem Seitenraum der Krypta beigesetzt. Die sichtbaren Grabstätten sind somit leer, mit Ausnahme jener von vier Personen, die 1817 von anderswo überführt wurden sowie jener, in der Ludwig XVIII. dann bestattet wurde. Auch die Überreste von Ludwig XVI. wurden in St. Denis beigesetzt, 1815. Der mit einer Savoia verheiratete Louis XVIII. starb 1824, kinderlos.

Der Tod des moderaten Königs war die Chance der Ultra-Royalisten. Denn sein Nachfolger und Bruder, Charles X., war ganz auf ihrer Linie. 1824 begann die eigentliche Restauration des Ancien Régime – sie gelang aber nicht wirklich. Seinen Kurs und seine grossen Ambitionen zeigte Charles 1825 bei seiner Krönung. Eine Krönung nach altem Ritus inklusive Salbung in Reims, die zum Ausdruck brachte, wie konservativ und anachronistisch er war bzw herrschen wollte. Er sollte der letzte gekrönte König Frankreichs sein. Von Chateaubriand und Hugo gibt es kritische Beschreibungen/Einschätzungen dieser Krönung; ein Gemälde von De Gerard schildert das Ereignis schmeichelhafter. Statt königlicher Beamte wie früher waren napoleonische Marschälle dabei, die die Seiten gewechselt hatten (Mancey,…), ausserdem Abgeordnete, Geistliche, Diplomaten. Die Salbung führte der Erzbischof von Reims mit Resten des Öls an den Glassplittern der Ampulle durch. Nach der Krönung dann auch Krankenberührungen im Krankenhaus.

Das ultrakonservative Regime von Charles X. brachte viel Macht für den Klerus, plante Entschädigungen von in der Revolutionszeit enteigneten Gutsbesitzern. Die Ultraroyalisten (“Ultras”) erreichten 1815 und 1824 sehr gute Wahl-Ergebnisse bzw Mehrheiten. Ihre Führer De Villele und De Polignac wurden Premiers. Jules de Polignac wurde 1829 Premierminister; er stammt aus einer der ältesten französischen Adelsfamilien, aus der Auvergne, die in der Cognac-Produktion tätig ist, brachte auch Geistliche wie Melchior (17. Jh), Gabrielle,  Freundin von Marie Antoinette, Offiziere wie Camille (Sohn von Jules, Kolonien) oder den Vater von Rainier de Grimaldi (Pierre) hervor. Die Missachtung der Verfassung durch Polignac (seine Juli-Ordonanzen) löste im Juli 1830 eine Revolution aus.

Die zweite und dritte Revolution

1830

Diese zweite Revolution war im Gegensatz zu 1789 ff eine von wenigen Tagen in Paris, wie 1848 dann. Erleichtert wurde der Umsturz dadurch, dass Teile der Armee bei der Eroberung von Algerien von den Osmanen beschäftigt war, als der Aufstand kam. Moderate Monarchisten, Bonapartisten, Republikaner kämpften gegen ein neues Ancien Regime. Charles war genau so konservativ und halsstarrig wie sein Enkel Henri dann; so kam es zum Ende der Dynastie. Er setzte in diesen Tagen seinen Sohn als Nachfolger ein (der dann seinen Neffen, s.o.) und setzte sich ins Ausland ab. Polignac wurde verhaftet, dann begnadigt, emigrierte nach GB. Moderate Monarchisten oder konservative Republikaner wie Thiers und Lafayette sprachen sich für eine konstitutionelle Monarchie als nach innen und aussen konsens-fähigere Lösung ggü der Republik aus.

“Aus der Kiste geholt” dafür wurden die Orleans, die “Roten in der Königsfamilie”, genauer der Sohn des in der Revolution aktiven Orleans, Louis-Philippe. Er hatte auch in der Revolution mit gewirkt, war dann nach GB geflüchtet, vor den radikalen Jakobinern, war sehr reich durch Unternehmungen geworden, residierte inzwischen im Palais Royal in Paris. Er wurde von vielen Monarchisten und den meisten Republikanern akzeptiert. Adolphe Thiers sagte, der Herzog von Orléans sei den Prinzipien der Revolution verpflichtet, habe die Trikolore unter Beschuss getragen und sei deshalb ein Bürgerkönig, wie ihn das Land wünsche. Diese Ansicht wurde vom Rumpfparlament geteilt, das noch im Palais Bourbon tagte. Orleans wirkte am Sturz von Charles nicht mit, bekundete diesem gegenüber anscheinend seine Loyalität. Es waren Notabeln wie Thiers, die ihn darum baten, den Lauf der Dinge in seine Hand zu nehmen.

Louis-Philippe d’Orléans bekam auch den “Segen” der Republikaner bzw ihres “Führers” LaFayette, König zu werden.34 Und so wurde Louis-Philippe ein König ohne Krönung. Er wurde vom Parlament gewählt und angelobt, Anfang August. Die Tricolore wurde wieder Nationalflagge. Louis-Philippe nannte sich “König der Franzosen” statt “König von Frankreich”, auch um sich vom alten Regime zu distanzieren.

Die Julirevolution von 1830 (“Les Trois Glorieuses”) wird in dem bekannten Gemälde von Eugene Delacroix (“Die Freiheit führt das Volk”) dargestellt. Der Schriftsteller Honoré “de” Balzac wurde durch die Juli-Revolution politisch sozialisiert, schrieb Einiges über die folgende “Juli-Monarchie” und hatte in dieser Zeit seine ersten Erfolge. Balzac war kritisch gegenüber dem Sturz von Charles X. und der Herrschaft des Bürgerkönigs, erklärte sich zum Legitimisten, wie ab 1830 die Ultra-Royalisten genannt wurden. Zum Teil hatte das wohl mit seiner adeligen Freundin, der Marquise de Castries, zu tun. Der exzessive Kaffeetrinker und Bourgeois schrieb über die Juli-Tage der Revolution “La grande symphonie de juillet 1830”. Die Juli-Monarchie stand in seinen Augen auf keinem festen ideologischen Fundament, war schlecht organisiert und korrupt. Er wollte zunächst selbst direkt politisch aktiv werden, erwog in den frühen Jahren dieser Monarchie, für das Parlament zu kandidieren. Beschränkte sich aber dann auf das Schreiben, für eine politische Zeitschrift und seiner Prosa und Dramen, die teilweise auch politisch-zeitgeschichtlich waren.35

Unter dem “Bürgerkönig” spielte sich ein Teil der Industrialisierung Frankreichs ab, es entstand ein Proletariat, neue soziale Fragen. Das erste französische Kolonialreich war gegen GB untergegangen, gegen Ende des Ancien Regimes. Das zweite begann mitten in den Turbulenzen des 19. Jh begonnen, in Algerien. Es entstand ein zusammenhängender Block im Westen von Afrika (Schwarz- und Nordafrika; ausserdem weitere Eroberungen in Afrika wie Madagaskar), Besitzungen in Südost-Asien, Ozeanien, Karibik, ausserdem Einfluss im Osmanischen Reich. Es war kein Zufall, dass die Fremdenlegion unter dem Bürgerkönig geschaffen wurde, 1831.36 Die Legitimisten, die die Bourbonen-Hauptlinie als “legitime” Herrscher Frankreichs sehen und eine konservative Monarchie im Geist des Ancien Régime befürworteten, waren eine wichtige politische Kraft in der Juli-Monarchie. Ihre Führer in dieser Zeit waren François-René de Chateaubriand (Aussenminister 1822-24; Botschafter, Historiker, Politiker, Literat), dann Pierre-Antoine Berryer. Der wie sein Bruder mit einer Savoia verheiratete Bourbone Charles hatte eine Tochter, die früh starb, die Söhne starben 1820 und 1844; er selbst wie erwähnt 1836 in Österreich, wo dann auch seine Nachfolger als Familienoberhäupter weilten.

1848

1848 wurde Louis-Philippe gestürzt und die 2. Republik errichtet. Louis-Napoleon Bonaparte (Neffe) wurde zum 1. Präsidenten Frankreichs gewählt. Bezog den Elysée-Palast als seinen Amtssitz. 1848 wurde wieder eine unikamerale Nationalversammlung geschaffen (1852 wieder ein Parlament aus 2 Kammern). Das “Comité de la rue de Poitiers”, auch als “Parti de l’Ordre” bekannt, bildete sich als gemeinsame monarchistische Partei der Orleanisten und Legitimisten in der Zweiten Republik. Die “Partei” war die dominierende dieser Jahre. Durch die Wahl 1848 wurde sie die zweit-stärkste Gruppe im Parlament, hinter den gemäßigten Republikanern (unter De Lamartine). Führer waren Adolphe Thiers, Francois Guizot und Alexis de Toqueville. Odilon Barrot von der Parti de l’Ordre war 1848/49 auch Regierungschef. Nach der Wahl 1849 war sie stärkste Fraktion im Parlament und bildete die Regierung, unter D’Hautpoul. Auch dessen Nachfolger, L. Faucher, letzter Premier der 2. Republik, war von der monarchistischen Partei. 1850 erreichten die Monarchisten, durch das Falloux-Gesetz, dass die Katholische Kirche im sekundären Bildungsbereich wieder eine Rolle spielte.

Orleanisten und Legitimisten hatten von 1848 an über die Zweite Republik hinaus bis in die Dritte Republik hinein relativ viel Gemeinsames und Nähe zueinander. Aber die späteren Gräben waren schon sichtbar und ein “Fusion” bzw Akkordierung der Ansprüche kam nicht zu Stande. Nachfolger des 1850 im britischen Exil verstorbenen Ex-Königs Louis-Philippe als Chef des Hauses Orleans wurde sein Enkel (Louis) Philippe (Albert), später “Philippe VII.” genannt. Der 1838 in Frankreich geborene “Graf von Paris” war 1848 von seinem Grossvater noch als “Louis Philippe II.” eingesetzt worden, was ohne Anerkennung blieb. Guizot von der Parti de l’Ordre, unter dem Bürgerkönig u.a. Premier, versuchte zwischen Orleans und (dem in Österreich weilenden) Henri d’Artois eine Einigung herbei zu führen.

Zu der dann abgesagten Präsidenten-Wahl 1852 wollten die Orleanisten in der Partei der Ordnung den Sohn des gestürzten Louis Philippe kandidieren, die Legitimisten wollten aber eine Wieder-Kandidatur Bonapartes unterstützen. Nach dessen Coup im Dezember 1851 wurden die Führer der Parti de l’Ordre verhaftet. Als sich Bonaparte 1852 als “Napoleon III.” zum Kaiser ausrief, gab es keine Krönungs-Zeremonie. Für seine Frau wurde eine kleine Krone hergestellt.

Napoleon Bonapartes Nachfolgeregelung hatte verfügt, dass im Fall, dass seine eigene Linie ausstarb (was der Fall war37), die Ansprüche auf jene seines älteren Bruders Joseph übergingen, dann auf jene der jüngeren Brüder. Nur Lucien und Jerome und ihre Nachkommen wurden ausgelassen, weil sie den Kaiser kritisiert hatten oder Ehen eingegangen waren, die er missbilligte. Da Joseph ohne eheliche Söhne 1844 starb, ging die Führung des Hauses Bonaparte auf Louis über, dann auf dessen Sohn Louis-Napoleon. 1852 erliess der nunmehrige Kaiser eine neue Nachfolgeregelung.38

Unter Napoleon III., der als Präsident noch liberale Pläne wie die Erweiterung des aktiven Wahlrechts gewälzt hatte, gab es einige halb-faire Parlaments-Wahlen, in der Regierungskandidaten (Bonapartisten) auf verschiedene Weise gegenüber Monarchisten und Republikanern bevorzugt wurden. Und, von Ende 1851 bis 1870 gab es, unter ihm, keine Premiers. Nur ganz am Ende, Emile Ollivier, der zuerst Republikaner, dann liberaler Bonapartist war. Das war weniger Demokratie, als es in der Restaurations-Zeit gegeben hatte. Monarchisten-Führer unter Napoleon III. waren Berryen und Thiers. Aufgeräumt wurde mit dem Erbe des Ende Ancien Régime unter Napoleon III. auch durch die Stadterneuerung von Paris durch Georges-Eugene Haussmann39.

Karl Marx, der sich 1843-45 in Frankreich aufhielt, schrieb 1851/52 “Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte” (auch bekannt als “Der achtzehnte Brumaire des Louis Napoleon”). In dem Essay kritisierte er den Staatsstreich von 1851 und stellte ihn jenem von Napoleon Bonaparte 1799 (der nach dem französischen Revolutionskalender am 18. Brumaire VIII statt fand) gegenüber. Er kritisierte den Bonapartismus als die Machtübernahme konterrevolutionärer Offiziere aus den Händen von Revolutionären und Kooptierung des Radikalismus der Massen. Sowohl Napoleon I. als auch der III. hätten die Revolutionen in Frankreich korrumpiert.

Umwälzungen

Die beiden Bourbonen-Nebenlinien in Italien wurden im Zuge des Risorgimento entthront, ihre Fürstentümer Teile Italiens. In Parma 1859. Das Königreich beider Sizilien wurde 1860 von Truppen Giuseppe Garibaldis wie von Vittorio Emanuele di Savoia (König von Sardinien-Piemont) aufgesucht.40 König Francesco II., gerade ein Jahr im Amt, zog sich nach Gaeta zurück, das seine Truppen einige Monate verteidigen konnten. Dabei behilflich war eine französische Flotte, die Napoleon III. geschickt hatte. Im Februar 1861 die Aufgabe. Francesco wurde abgesetzt, “sein” Königreich an Sardinien-Piemont angeschlossen, aus dem bald das Königreich Italien wurde. Im ehemaligen Königreich beider Sizilien gab es in den Folgejahren bewaffneten Widerstand gegen den italienischen Staat (“Brigantaggio”). Dieser war aber nur sehr bedingt ein anti-italienischer, pro-bourbonischer Protest; eher ein sozialer. Francesco di Borbone delle Due Sicilie ging in den Kirchenstaat, bis dieser 1870 ebenfalls italienisch wurde; dann nach Frankreich, nach Bayern (von wo seine Frau stammte) und ins österreichisch-ungarischen Trentin, wo er starb. Auch das unter den Habsburg-Este stehende Herzogtum Modena(-Reggio), von wo die Gattin von Henri d’Artois stammte, ging 1860/61 im Königreich Italien auf.

Tja, und die spanischen Bourbonen: Die Karlistenkriege, Isabellas Rücktritt, die Thronkandidatur des Hohenzollern, der Deutsch-Französische Krieg – an dieser Stelle war der Artikel schon.41 Im Osten waren Frankreichs Grenzen ja über Jahrhunderte umstritten und auf lange Sicht blieben Elsass und Lothringen bei Frankreich. Und für die Monarchie in Frankreich bedeutete dieser Krieg das Ende. In der Dritten Republik waren die Monarchisten Jene, die an einen Umsturz dachten. Und der Monarchismus war in der 3. Republik wie erwähnt anfangs sehr stark, v.a. am Lande! An dieser Stelle: Falls es einen Unterschied zwischen Monarchismus und Royalismus gibt, dann dass der Monarchist ein monarchisches System anstrebt, aber nicht unbedint einen bestimmten Monarchen; der Royalist dagegen untersützt einen bestimmten Prätendenten/Monarchen bzw eine bestimmte Dynastie. In Frankreich wurde das monarchische System vor der (1.) Revolution nicht wirklich in Frage gestellt (wo auf der Welt gab es damals schon eine Alternative?); und danach entstanden bald die drei Herrscherlinien und ihre Lager. In Frankreich ist ein Monarchist fast notwendigerweise ein Royalist. Die 3 Dynastien stehen für 3 verschiedene Vorstellungen von Monarchie – die im Frankreich des 19. Jh alle für eine Zeit umgesetzt wurden.

Die dritte Republik (nochmal)

Die Monarchisten/Royalisten in Frankreich waren im 19. Jh teilweise im Untergrund, wurden teilweise unter der Herrschaft einer der anderen beiden Richtungen unterdrückt. In der Dritten Republik konnten sie sich frei politisch betätigen und artikulieren. Und sie taten das auch, haben die Republik (wie auch nicht die vorangegangene) nicht boykottiert. Was die Legitimisten betrifft, sie hatten 1871 ihr bestes Wahlergebnis, als sie zweitstärkste “Partei” insgesamt und bei den Monarchisten hinter den Orleanisten wurden; sonst schnitten sie nur 1831 einigermaßen gut ab. Legitimisten-Führer der 1870er war der erwähnte Ducrot, ein hoher Militär. Die 3. Republik hatte eine starke Legislative und eine relativ schwache Exekutive; dies war an ihrem Beginn von den Monarchisten so fest gelegt worden.42 Aber, die günstige Gelegenheit der Restauration verstrich ja durch die Unnachgiebigkeit des legitimistischen Prätendenten in der Fahnenfrage bzw in der Frage des Charakters der Monarchie43 und bald kam es zu einem Umschwung zugunsten der Republikaner. Dazu trug auch bei, dass das Nationalgefühl in Frankreich nicht zuletzt infolge der Revolution 1789 begonnen hatte, sich von der Loyalität zum König zu lösen.

Etwas Kontrafaktik: Wenn die Restauration 1873 (oder 1871) geglückt wäre, dann am ehesten indem Henri d’Artois jene Standpunkte die diese in der Realität scheitern lassen haben, verschleiert hätte.44 Dann wären die Konflikte mit den Orleanisten und den Republikanern aber später gekommen, nach seiner Krönung. Und dann hätte es gut eine neue Revolution oder einen Bürgerkrieg geben können. Bei einem früherem Tod von Henri oder einem Durchstehen dieser Phase bis 1883 wäre es aber mit einem orleanistischen König und einer konstitutionellen Monarchie weiter gegangen. Die Chancen wären wahrscheinlich nicht schlecht gewesen, damit zumindest bis ins 20. Jh zu kommen. Aber ein 1848 hätte sich auch relativ leicht wiederholen können. Jedenfalls hätten solche Alternativ-Entwicklungen Auswirkungen über Frankreich hinaus gehabt.

Der Bonapartismus war durch den durch Kriegs-Misserfolg und Abgang von Napoleon III. in der frühen Dritten Republik angeschlagen und relativ unbedeutend. Der Ex-Kaiser starb 1873 in GB. Sein Sohn Napoléon Eugène folgte ihm als Familien-Oberhaupt („Prince Imperial”, „Napoléon IV.“). Dieser Bonaparte war nach Sedan über Belgien nach England gegangen, kehrte nicht mehr nach Frankreich zurück, engagierte sich im britischen Militär und fand so sein Ende. Im bonapartistischen Lager gab es damals diverse Strömungen: Die den Legitimisten nahe stehenden Konservativ-Klerikalen unter Paul de Cassagnac; der linkspopulistische Flügel unter Jules Amigues, der eine Nähe zu den ehemaligen Communarden sah (bzw herstellen wollte); die den Orléanisten nahe Stehenden unter Émile Ollivier; die Anhänger von Eugène Rouher, die für ein neues autoritäres Kaiserreich waren; und eine weitere links-republikanische Fraktion, unter “Prince Jérôme Napoléon” (Joseph Charles Bonaparte), Sohn von Jerome, der König von Westfalen geworden war. Auch dessen Sohn (Napoleon) Victor Bonaparte mischte mit. Napoleon-Eugen stand den Richtungen von Rouher und Cassagnac am nächsten.

Das republikanische Lager der frühen Dritten Republik bestand aus den moderaten (“opportunistischen”) Republikanern, die die Gauche républicaine um Ferry und Grevy (der den Orléanisten nahestand) sowie die radikalere Union républicaine von Leon Gambetta umfasste. Die Extremen waren “angeschlagen” durch die Niederschlagung der Commune mit anschliessenden Todesurteilen, Gefängnisstrafen, Deportationen und Flucht/Exil. Bei den Republikanern war der Bezug auf die Errungenschaften der Revolution zentral – und die Phase von 1792 (als die Monarchie abgeschafft wurde) bis 1799 (als Napoleon die Macht an sich riss) hatte Einiges an unterschiedlichen Modellen zu bieten.

Die gescheiterte(n) Restaurations-Möglichkeit(en) von Henri d’Artois zeigte(n), dass sich die Monarchisten untereinander (Union des Droites, Legitimisten und Orleanisten) schon sehr uneinig waren, dass die Monarchie nicht mehr Garant nationalen Zusammenhalts war, im Gegenteil, dass die Republik am meisten vereinte. Der Republikaner Georges Clemenceau konnte Artois als den “französischen Washington” verspotten, jenen ohne den die Republik nicht gegründet werden konnte. Die Republik konsolidierte sich im Laufe der 1870er, die Republikaner erstarkten, der Monarchismus wurde schwächer. 1875 bekam die Republik eine Verfassung, die zu ihrer Stabilisierung beitrug.45 In diesem Jahr verkaufte die französische Regierung auch den grössten Teil der Kronjuwelen; die Reste der Ampulle und manches Andere sind in der Kathedrale von Reims oder in Pariser Museen aufbewahrt.

Ein Teil der Monarchisten hoffte aber noch auf die Orléans, wartete auf Henris Tod. Von Louis Philippe d’Orléans und seinen Nachkommen war mehr Flexibilität und Mäßigung zu erwarten und damit die Aussicht auf eine Einsetzung und Festigung der Monarchie. Manche Orleanisten versuchten den Grafen von Paris zu überzeugen, die Abmachungen mit den Legitimisten aufzulösen und gleich für den Thron zu kandidieren. Doch das war anscheinend gegen dessen Grundsätze. Der Orleanismus war ein Ausgleich zwischen Legitimismus und Republikanismus und hatte daher lange Zuspruch. Allerdings, das war eigentlich das, was Balzac am Orleanismus als “opportunistisch” und “prinzipienlos” kritisiert hatte. Orléanisten waren viel stärker dem Programm als dem Prätendenten verbunden, standen der Republik eigentlich näher als der konservativen Monarchie nach Vorstellung der Legitimisten. Die Führer und ein Teil der Anhänger dieser Bewegung kamen hauptsächlich aus dem städtischen Adel und dem gehobenen Bürgertum. Henris einstiger Flaggenvorschlag wurde von den Orleanisten übernommen, als Flaggenvorschlag für Frankreich und als Symbol der Bewegung.

Bei der Parlaments-Wahl 1876 verloren die Monarchisten die Mehrheit in der Kammer. Die Republikanische Linke unter Favre und die Republikanische Union von Gambetta wurden die beiden stärksten Fraktionen. Dahinter die Bonapartisten unter Rouher, zwei weitere republikanische Fraktionen, und dann erst Orleanisten und Legitmisten. Der Republikaner Jules Simon durfte die Regierung bilden. Im Mai 1877 jedoch entliess Präsident MacMahon den Premier und ernannte wieder Broglie – obwohl dieser keine parlamentarische Mehrheit hatte. Nachdem Broglies Regierung kein Vertrauen vom Parlament bekam, wurde es von MacMahon aufgelöst und Neuwahlen angesetzt, in der Hoffnung auf einen monarchistischen Sieg. Doch die Republikaner (Union, Linke) gewannen wieder, bei den Monarchisten waren wieder die Bonapartisten am stärksten. Broglie wurde in seinem eigenen Département nicht gewählt und musste abtreten. MacMahon stellte sich nochmal quer und ernannte De Rochebouët, einen Legitimisten, also von einer Fraktion der weniger als 10% der Abgeordneten angehörten. Nach einem Tag trat dieser ab, zugunsten des Republikaners Dufaure.

In dieser Verfassungskrise setzte sich das Parlament gegenüber dem Präsidenten durch. Damit wurde die Republik weiter gestärkt und der Monarchismus weiter geschwächt. Legitimisten-Führer Ducrot, der Ex-Militär, soll nach den erzwungenen Abtritten von Broglie und Rochebouët im November 1877 einen Staatsstreich vorbereitet haben. 1879 rückte auch der Senat nach links, bekam eine republikanische Mehrheit – worauf MacMahon zurück trat. Der Republikaner Grevy wurde vom Parlament zum neuen Staatspräsidenten gewählt. In diesem Jahr zogen das Parlament (die Nationalversammlung) und die anderen Institutionen aus Versailles nach Paris zurück, das wieder Hauptstadt wurde.

Napoléon Eugène Bonaparte wurde im Krieg gegen die Zulus in Südafrika mit der britischen Armee 1879 getötet. Nach ihm hatte kein Bonaparte mehr reelle Chancen auf die Macht. Nachfolger als Chef des Hauses wurde nach Napoléon Eugène auf dessen Verfügung (obwohl sie einen Zwist gehabt hatten) Napoléon Victor Bonaparte. Er war im 2. Kaiserreich Senats-Präsident und Minister gewesen, dann, für einige Monate, nach GB gegangen. Die bonapartistischen Familienoberhäupter/ Thronanwärter seit 1879 sind Nachfahren von ihm. Er wurde Abgeordneter der Bonapartisten im Parlament und hatte Konflikte mit E. Rouher. 1886 ging Napoléon Victor nach Belgien, heiratete eine belgische Prinzessin. Nach seinem Tod 1926 folgte ihm sein Sohn Louis.

Der Bonapartismus war durch die Adaption der Prinzipien der Revolution durch Napoleon (I.) für seine imperiale Herrschaft entstanden. Eine politische Strömung wurde er infolge von Napoleons erstem Sturz. Er enthält einige Widersprüche, beinhaltet verschiedene Strömungen, wird unterschiedlich definiert bzw interpretiert. 1848 kam er nochmal an die Macht; Napoleon III. positionierte den Bonapartimus zwischen Monarchisten und Republikanern. Wie sein Onkel ging er militärisch unter, der eine in Waterloo, der andere in Sedan; und auch auf seinen Sohn (der nie herrschte und im Dienst einer anderen Macht kämpfte) trifft das gewissermaßen zu. Der eine gegen Deutsche, der andere gegen Zulus.

Was die Frage des Einklangs von Napoleon bzw des Bonapartismus mit den Werten der Revolution, v.a. ihrer Gegnerschaft zum Absolutismus betrifft, so steht auf der einen Seite die recht absolute Herrschaft der beiden Kaiser. Andererseits haben sie aber die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz und die Rechte des Einzelnen zwar nicht eingeführt, aber gesfestigt. Auch eine effiziente Verwaltung wird ihnen zu Gute gehalten. Und: Klassenkampf wie auch ethnisch-religiöse Diskriminierung waren für den Bonapartismus ein Anathema. Er stand für einen (autoritär gelenkten) Ausgleich zwischen gesellschaftlichen Gruppen, war für soziale Reformen offen. Und seine Auffassung von Nationalismus war eine von einem starken Staat, nationaler Einheit bei Toleranz für Diversität. Bonapartismus steht für einen autoritären, zentralisierten, interventionistischen, plebiszitären Staat, mit einer charismatischen Führerfigur. Seine Basis hatte er unter Offizieren, Beamten, Kleinunternehmern. Austausch bzw Zusammenhalt wurde weniger durch Organisationen als durch Zeitschriften hergestellt.

Um 1880 war die Republik ziemlich gefestigt. Auch deshalb, weil sie ihren revolutionären Charakter verloren hatte, für Konservative akzeptabel geworden war. 1879 wurde die Marseillaise endgültig Nationalhymne. 1792 komponiert, in Strassburg, zu Beginn der Revolutions-Kriege, als der König noch im Amt war (gegen diesen waren die Kriegsggegner Frankreichs aber nicht, im Gegenteil), war das Lied 1795 erstmals Nationalhymne geworden; wie die Trikolore-Fahne wurde sie dann im 19. Jh dann mehrmals abgeschafft (zugunsten von anderen) und wieder eingeführt, war Hymne bei den Revolutionen/Umstürzen.46 1880 wurde der 14. Juli gefeiert, in Bezug auf Föderationsfest 1790 oder den Bastille-Sturm im Jahr zuvor, und zum Nationalfeiertag erklärt.47 Monarchisten wurden eine Minderheit; und 1883, als der Weg für Orleans frei war, waren die Republikaner längst mehrheistfähig.

Als der Graf von Chambord Mitte 1883 in Österreich erkrankte, wurde nach dem Priester und Seelsorger Giovanni “Don” Bosco, der in Turin wirkte, geschickt, der dann wirklich kam, um mit dem Grafen für seine Gesundheit zu beten.48 Henri d’Artois starb im August 1883 in Schloss Frohsdorf in Lanzenkirchen. Charles X. sollte der letzte Herrscher aus der Bourbonen-Hauptlinie bleiben. Die Prinzen von Orléans, einschließlich des Grafen von Paris, (Louis-)Philippe d’Orléans, kamen zur Kondolenz nach Österreich-Ungarn. Gegenüber der Witwe stellte der Orleans-Chef den Anspruch, beim Begräbnis in Görz im Trauerzug vor den (engeren) Hinterbliebenen des Verstorbenen gereiht zu werden. Da dies von der “Gräfin Chambord” Marie Therese in einer heftig geführten Kontroverse abgelehnt wurde, nahmen die Orléans am Leichenzug nicht teil. Die Witwe entschied, dass Vertreter der spanischen Bourbonen sowie jener von Parma den Zug anführen sollten – dies war bereits ein Signal bezüglich der Nachfolge… Henri wurde in der Bourbonen-Gruft im Kloster Kostanjevica/ Castagnavizza in Görz (Küstenland, Österreich-Ungarn) begraben.

Parte Artois

Dort wo sein Grossvater Charles beigesetzt worden war und weitere im Exil verstorbene Bourbonen. Henris Schwester, die 1864 verstorbene “Herzogin” Louise Marie Thérèse de Bourbon-Parma sorgte dafür. Kostanjevica wird auch „Klein St. Denis“ genannt. 1918, gegen Ende des 1. Weltkriegs, wurden die Bourbonen-Särge vorübergehend nach Wien gebracht, in ein Kloster, auf Anordnung von Kaiser-Gemahlin Zita. Görz/Gorizia/Gorica und das Umland kamen nach dem 1. Weltkrieg zu Italien (Compartimento Venezia Giulia). 1932 kamen die Särge zurück, ins nun italienische Gorizia. Nach dem 2. WK wurden Görz und das Friaul zwischen Italien und Jugoslawien geteilt. Gorizia gehört zur italienischen Region Friaul-Julisch Venetien, und Nova Gorica war 1991 beim Übergang Sloweniens von einer Teil-Republik Jugoslawiens zum unabhängigen Staat Kampfschauplatz (wie alle Grenzübergänge Sloweniens). Kostanjevica liegt auf der slowenischen Seite, auf einem Felsen über Nova Gorica.

Grabstein Barrande in Lanzenkirchen

Barrande, der Generalverwalter von Artois’ Gütern in Frankreich geworden war, kam nach Artois’ Tod 1883 nach Lanzenkirchen, zog sich dabei eine Lungenentzündung zu, an der er verstarb. Montbel, Barrande und weitere Leute aus der Entourage des verhinderten Königs sind auf dem Lanzenkirchner Friedhof begraben.

Je nachdem ob man die Einsetzung durch seinen Vorgänger 1830 als wirksam ansieht oder nicht, war Henri entweder einer der Thronfolger die niemals den “Thron bestiegen”, wie Rudolf oder Otto von Habsburg (Österreich), Louis de France (der grosse Dauphin), Alexei N. Romanov (der letzte Zarewitsch von Russland), Isabel d’Orleans-Braganca (Brasilien), Vittorio Emanuele (“IV.”) di Savoia, Wilhelm von Preussen, Ahmed Nihad Osmanoglu (Osmanisches Reich/Türkei), James “VIII.” Stuart (Schottland), Amha Selassie (Äthiopien), Juan de Borbon (Spanien, Vater von Juan Carlos), Mirza Jawan Bakhti Gurkani (Mogul-Reich), Ka’iulani Kalakaua (Hawaii), wahrscheinlich Reza Pahlevi (Iran), vielleicht Charles Windsor (GB); oder einer der am kürzesten herrschenden Monarchen (7 Tage)49, wie Louis XIX. (direkter Vorgänger, 20 Minuten), Giovanni Castagna (13 Tage Papst Urban VII. 1590, Kirchenstaat), Dipendra Shah Dev (Nepal, 2001 20 Minuten, ehe er selbst an den Folgen des Massakers starb, das seinen Vater tötete), Napoleon II (ebf. tatsächliche Herrschaft fraglich), Fuad von Ägypten, Louis XII.,…

Monarchismus nach Henri d’Artois

Schloss Chambord hatte Artois der Familie seiner Schwester, den Bourbon-Parma, vermacht; an deren Spitze stand Robert(o) di Borbone(-Parma), der abgesetzte letzte Herzog von Parma-Piacenza. Die Schlösser in Österreich behielt seine Witwe. Was sein Erbe als Oberhaupt der französischen Bourbonen und deren Thronanwärter betraf, so gab es Verwirung bzw Streit. Die Hauptlinie der Bourbonen war mit dem Tod des kinderlosen Henri ausgestorben, so viel war klar. Und eigentlich hatte Henri den Orleans-Chef als Nachfolger akzeptiert bzw eingesetzt. Dies wurde 1883 auch von den meisten Legitimisten akzeptiert, auch von Führern wie Athanase de Charette50 oder Pierre de Blacas d’Aulps. Immerhin hatte sich Orleans auch an die Abmachung gehalten und keine Ansprüche erhoben, solange Henri von Artois lebte. Auch der österreichisch-ungarische Kaiser Franz Joseph I. empfing D’Orleans in Wien, als “Chef des königlichen Hauses von Frankreich”, vor dessen Rückreise vom Beräbnis nach Paris. Dieser nannte sich als Chef und Prätendent der ganzen Bourbonen “Philippe VII.”, nicht Louis-Philippe II.”, wohl um die Seite, die es zu gewinnen galt, nicht dauernd an seinen Grossvater zu erinnern.

Die Nachfolge-Frage

Der “Graf von Chambord” hat seinem Vetter nicht nur nichts vererbt, er hat ihn anscheinend auch in seinem Testament als Nachfolger “enterbt”, stattdessen einen spanischen Bourbonen als solchen ernannt, Juan de Borbon, aus der karlistischen Linie. Dieser, der Graf von Montizon, war es, der den Trauerzug von Artois angeführt hatte, seinem Schwipp-Schwager (er hatte auch eine Habsburg-Este geheiratet). In der Entourage von Artois, angeführt von seiner Witwe, hatte man sich auf den Spanier als Nachfolger festgelegt. Ein Teil der französischen Legitimisten folgte dem, auch Notabeln wie Maurice d’Andigné, Joseph du Bourg, Amédée Curé, Prosper Bole, Auguste de Bruneteau.51

Dieser konservativere Teil des konservativsten Lagers der französischen Monarchisten berief sich auf auf die Thronfolgeregelungen im Königreich Frankreich im Ancien Regime sowie nach der Restauration. Diese basierten auf dem Salischen Gesetz (Lex Salica), dessen Thronfolgeregelung nicht nur Frauen komplett von der Thronfolge ausschliesst, es legt auch eine agnatische Nachfolge fest.52 Um demzufolge hätte die Orleans-Linie der Bourbonen nicht nur 1830 den Thron usurpiert, sie wäre auch 1883 nicht an die Reihe gekommen. Der “Graf von Montizón” war ein Nachfahre von Louis XIV, über dessen Enkel Philipp von Spanien. Der Anspruch würde nach Henris Tod demnach auf die spanischen Bourbonen übergehen bzw auf einen Neben-Zweig von ihnen – da näher an der Bourbonen-Hauptlinie bzw höher-stehend. Die Orleans dürften mit “Chambord” bzw der Bourbonen-Hauptlinie Louis XIII. als letzten gemeinsamen Vorfahren gehabt haben, waren also knapp dran.

Dem Recht der spanischen Bourbonen auf den französischen Thron stand der Vertrag von Utrecht 1713 entgegen, einer der Friedensverträge des Spanischen Erbfolgekriegs. Dieser schliesst die gegenseitige Thronfolge der französischen und spanischen Bourbonen aus. Orléanisten führ(t)en dies auch gegen die Ansprüche (eines Teils) der Legitimisten an. Dem wird entgegen gehalten, dass das salisch-agnatische Nachfolgerecht diese Bestimmung aus dem Utrecht-Vertrag “aussteche” (aufhebe); und man ja nicht die (regierende) Hauptlinie der spanischen Bourbonen eingesetzt hat sondern eine Nebenlinie, die auf den spanischen Thron keine Aussicht hat(te), zumal sie in Opposition zu den regierenden spanischen Bourbonen stand.53 Neben dynastischen Grundsätzen spielten bei jenen Legitimisten, die sich auf Juan/Jean “III.” festlegten, natürlich auch Abneigung gegen die Orleans-Familie eine Rolle, welche hauptsächlich aus der Haltung der Orleans während der Revolutionen 1789 ff und 1830 kam.

In Spanien hatte König Ferdinand 1830 das salische Thronfolgesetz abgeändert damit ihm seine Tochter nachfolgen konnte, nicht sein Bruder. Dieser deshalb 1833 als Thronanwärter unterlegene Bruder, Carlos, rief sich zum Gegen-König aus, sammelte Anhänger um sich, bekämpfte das herrschende Königshaus um Isabel (drei Bürgerkriege im 19. Jh), begründete eine Gegenlinie, die Karlisten. Eigentlich haben sich die beiden auf salische Grundsätze berufenden spanischen Karlisten und französischen Legitimisten erst 1887 verbunden; denn Juan de Borbon (Sohn des Karlisten-Begründers Carlos) hatte 1868 als Oberhaupt der Karlisten zugunsten seines Sohnes Carlos abgedankt. Beim Karlismus ging es vordergründig um Thronfolge, in Wirklichkeit um einen Richtungskampf, in dem die Karlisten eine absolutistisch-katholizistische Position einnahmen. 1876 war erst der dritte Karlisten-Krieg zu Ende gegangen; nach den Kriegen wurde der Karlismus Ende des 19. Jh eine konservative, aber friedliche politische Bewegung.

Nach Artois’ Tod 1883 akzeptierte also ein Teil der Legitimisten nicht den Übergang der Ansprüche auf die Orléans, rief den Juan (Jean) aus einer Nebenlinie der spanischen Bourbonen in Konkurrenz zum Orleans zum Oberhaupt der französischen Bourbonen aus. Dabei hätte der Übergang der Ansprüche auf (Louis) Philippe d’Orleans eigentlich die Wiedervereinigung der beiden französischen Bourbonen-Linien besiegeln sollen. Die meisten Legitimisten anerkannten aber Orleans. Und, bis weit in das 20. Jh hinein war das neue Schisma im Milieu der französischen Monarchisten nicht sehr präsent, waren die Orleans weitgehend als Führer und Anwärter der Legitimisten anerkannt. Das hatte auch damit zu tun, dass die karlistischen Bourbonen viel mehr mit ihren Ansprüchen auf den spanischen Thron beschäftigt waren und dem damit verbundenen Kulturkampf. Dass der konkurrierende Anspruch überhaupt am Leben blieb, hatte wohl damit zu tun, dass er von wichtigen Führern der französischen Legitimisten erhoben wurde (s.o.). Diese Ultra-Legitimisten bekamen den Beinamen “Blancs d’Espagne” (Weisse von Spanien), die andern wurden “Blancs d’Eu” genannt, nach dem Schloss Eu, der damaligen Residenz der Orleans.

Dass ein Orleans Chef des Hauses Bourbon und dessen Prätendent in den Augen der Orleanisten und vieler Legitimisten wurde, verbesserte den Zuspruch des Monarchismus in der Bevölkerung 1883 etwas; die Orleanisten bekannten sich immerhin zu diversen Errungenschaften der Revolution. Dass der Übergang zu einem neuen Prätendenten mit einem neuen Schisma verbunden war, machte einen Teil dieses Bonus wieder zunichte. Das republikanische Frankreich schien Philippe d’Orleans als eine gewisse Bedrohung gesehen zu haben. Premierminister Jules Ferry versetzte mehrere Mitglieder der Orleans-Familie in der Armee in die Reserve. Der Enkel und Nachfolger des Bürgerkönigs selbst kündigte damals an, an der kolonialen Expansion Frankreichs in Afrika teilnehmen zu wollen. Überhaupt gab er viel von dem relativ liberalen Erbe seines Grossvaters auf, legte sich Titel zu, die schon lange keiner mehr gebraucht hatte, suchte die Nähe der katholischen Kirche,… Das war natürlich, um die “Blancs d’Espagne” zu gewinnen. Ausserdem hat er einen Teil seines Vermögens aufgewendet um einen Teil der Schulden von König Ludwig II. von Bayern zu zahlen. Dies, um diesen zu einer Allianz gegen Preussen zu gewinnen.54

Republikanische Politiker55 erhoben Forderungen nach einer Exilierung der Nachfahren früherer Herrscher. “Philippe VII.”, der er für seine Anhänger war, wurde 1884 Ziel der Attacke eines Anarchisten. Bei der Wahl 1885 konnten die Monarchisten wieder zulegen; 1881 hatte es für sie einen Einbruch gegeben, nachdem man ’76 und ’77 ungefähr ein Drittel der Stimmen bekommen hatte. ’85 waren sie wieder bei dem Drittel, wobei die Legitimisten nicht gemeinsam antraten, die bisherigen Orleanisten als “Droite Royaliste” (wurden stärkste der monarchistischen Fraktionen) und die Blancs d’Espagne als “Union conservatrice”.

Die “Gräfin von Chambord” blieb weiter im Sommer auf Frohsdorf, im Winter in Görz. Henris Witwe starb 3 Jahre nach ihm, 1886. In Lanzenkirchen hat sie eine Schule finanziert, heisst es. Die Schlösser in Frohsdorf, Katzelsdorf, Pitten vererbte sie an Jaime de Borbon aus der Familie der spanischen karlistischen Bourbonen und der französischen Legitimisten, der Enkel des damaligen Oberhauptes Juan/Jean “III.” (Graf von Montizón). Juans Sohn und Nachfolger Carlos, der Vater von Jaime56, und Margharita di Borbone-Parma, die Schwester von Robert, hatten 1867 in Frohsdorf geheiratet. Der Ex-Herzog von Parma, ein Neffe der Artois-Witwe, wurde von ihr als Erbe über alle beweglichen Güter, inklusive der Geldmittel, eingesetzt. Don Jaime de Borbon (Jaime “III.”, = Jacques I. für die Legitimisten) hielt sich oft in Schloss Frohsdorf auf, besonders nachdem er seine Tätigkeit in der russischen Armee beendet hatte.57 Nach dem Tod von Artois’ Witwe kehrten die meisten Franzosen aus Lanzenkirchen in ihre Heimat zurück; manche blieben.

Jaime de Borbon (5) in Frohsdorf

Roberto di Borbone-Parma setzte 18 Kinder in die Welt, mit seinen beiden Frauen, einer Borbone-Due Sicilie und einer Braganca (dazu wahrscheinlich noch einige ausser-eheliche), Kinder die grossteils mit dem europäischen Hochadel Ehen eingingen. Der Erbe von Schloss Chambord und Anderem von Henri bekam von den Habsburgern 1889 das Schloss in Schwarzau (nahe Lanzenkirchen) zur Verfügung gestellt; der spätere österreichisch-ungarische Kaiser Karl und Robertos Tochter Zita heirateten dort.58

Die Republik behauptet sich

1886 beschloss das Parlament die Landesverweisung der Prätendenten der früher herrschenden Häuser. Diesmal betraf es alle drei Häuser, handelte es sich um eine Machtdemonstration der Republik, wenn man so will. Auslöser war die Hochzeit der Tochter von Philippe (“VII.”) d’Orleans, Amélie, im Hotel Matignon in Paris, im Mai dieses Jahres, mit Carlos de Braganca, der 1889 König Portugals wurde. Der dabei zur Schau gestellte Luxus und die überschwängliche Berichterstattung in monarchistischen Zeitungen (v.a. in “Le Figaro”, der das damals war), konsternierte viele Republikaner. Nur einen Monat später erliess das Parlament das Gesetz, das den Chefs der drei ehemaligen Herrscherfamilien sowie ihren direkten Erben (das war in allen drei Fällen der älteste Sohn) den Aufenthalt in Frankreich verbat. Weiters wurde allen Angehörigen dieser Familien der Dienst im französischen Militär verboten. Das Gesetz bekam im Senat eine Mehrheit von 141 Stimmen gegen 107 (darunter Jules Simon, ein Republikaner); in der Kammer eine von 315 gegenüber 232 (darunter Albert de Mun von der Union des droites, einer der Legitimisten, die 1883 Orleans anerkannten).

Im Gegensatz zu früheren Ausweisungen / Einreiseverboten betraf diese(s) eben nur die Prätendenten und ihre Söhne, gegebenfalls Enkel. So konnte Amélie de Braganca-Orleans, die Tochter von Philippe d’Orleans (deren Hochzeit der Auslöser für das Gesetz war!) nach dem Sturz der Monarchie in Portugal 1910 nach Frankreich zurück kehren. Als das Gesetz am 23. Juni 1886 im Amtsblatt erschien, wurde es wirksam. Der Graf von Paris, Philippe d’Orleans, musste sein Chateau d’Eu verlassen, fuhr über die Normandie nach England. Victor Bonaparte ging nach Belgien. Die als Legitimisten-Chefs eingesetzten spanischen Bourbonen konnten natürlich dort bleiben wo sie waren. Der damalige Kriegsminister Georges Boulanger entliess aufgrund des Gesetzes etwa Joachim de Murat, Enkel von Napoleons (I.) Schwester Caroline, und einige Orleans-Prinzen. Es heisst, dass er damals auch gleich mit Seilschaften in der Armee “aufräumte”, die monarchistisch gesinnt waren (solche Offiziere waren oft Adelige). Es erschien damals sogar ein Chanson, der die Ausweisung thematisierte, “L’Expulsion” von Maurice McNab.

(Louis) Philippe d’Orleans bezog 1886 sein Exil im Westen von London, wo ihm ein englischer Freund eine standesgemäße Residenz zur Verfügung stellte. Dort stellte er Überlegungen und Pläne für eine Restauration auf. Er gründete einen “Rat der Sieben”, mit monarchistischen Persönlichkeiten wie Albert de Broglie, Lambert de Sainte-Croix, Édouard de Cazenove de Pradines, Charles de La Rochefoucauld de Bisaccia. Zusammen wurde ein politisches Programm ausgearbeitet (1887), das der Entwurf für eine Verfassung im Fall der Restauration darstellte. Auch über den Weg zu einer solchen Restauration machte man sich Gedanken.

Und der Aufruhr, den General Boulanger Ende der 1880er auslöste, den sahen manche Monarchisten verschiedener Richtungen als Gelegenheit. Georges Boulanger wurde 1886 Kriegsminister, unter Premier De Freycinet, wollte einen Vergeltungsschlag gegen das Deutsche Reich, blieb unter dem nächsten Premier im Amt. 1887 wurde er unter Rouvier abgelöst. Da er als Offizier politisch aktiv blieb, wurde er 1888 als solcher entlassen. In dem Zusammenhang kam es zu einem persönlichen Konflikt mit Premier Floquet, der in einem Duell gipfelte. Hier liegt der eigentliche Beginn des Boulangismus, der in der Ligue des Patriots organisiert war und anti-parlamentarisch und autoritär war. Boulangisten errangen in diesen jahren bei Wahlen zum Parlament, den Departements und Kommunen einige Erfolge. Ligue-Führer Deroulede versuchte Boulanger 1889 zu einem Putsch gegen die Regierung zu bringen. Nach dem die Behörden gegen ihn vorgingen, flüchtetet der General ins Ausland und tötete sich dort 1891.

Der Boulangismus war eigentlich bonapartistisch59: autoritär, das Erbe der Revolution achtend, nationalistisch, sozial konservativ, wirtschaftlich protektionistisch. René Rémond hat in seinem Buch aus 1954, “Les Droites en France” die drei monarchistischen Linien/Richtungen als Grundlagen rechter Strömungen ausgemacht. Boulangismus sieht er als vom historischen Bonapartismus beeinflusst, wie den Gaullismus und den État français (Vichy, Petain). Heute wird unter Bonapartismus gerne die Ablöse einer zivilen Führung durch eine militärische in revolutionären Bewegungen oder Regierungen verstanden. International hat sich eine Reihe von “Führern” auf Napoleon bezogen, jeder auf seine Interpretation von ihm. Es kam Ende der 1880er auch zu einer Annäherung zwischen Bonapartisten (von Eugène Rouher geführt) und Boulangisten.

Aber auch andere Monarchisten wurden von Boulanger angezogen, sahen eine Chance bzw einen Verbündeten gegen die Republik, der General kam viel Unterstützung durch Adelige – und das obwohl Boulanger einst gegen Monarchisten im Militär vorgegangen war und die Ligue des Patriots republikanisch war. Eine seltsame Koalition tat sich mit den Boulangisten gegen die regierenden “opportunistischen” Republikaner zusammen, aus Monarchisten und Linksrepublikanern. gegen Auch Philippe d’Orleans unterstützte Boulanger, v.a. 1888. Seine Frau, eine sizilianische Bourbonin, gründete eine monarchistische Organisation, die die Hand gegenüber dem Militär ausstrecken sollte, die “Rose de France”. Der Kollaps des Boulangismus fiel aber so auf Orleans zurück. Das zeigte sich auch bei der Wahl 1889, als die Monarchisten (die Legitimisten, zu denen nun auch die Orleanisten gehörten) gegenüber der Wahl 1885 Stimmen verloren, zugunsten der Republikaner/Linke. Auch boulangistische Kandidaten wurden gewählt – erstmals bestand das rechte Lager nicht nur aus Monarchisten.

In dieser Phase wurden Rufe im monarchistischen Lager laut, den Sohn von Orleans als Prätendenten auszurufen. (Louis-) Philippe (dann “Philippe VIII.”), 1869 in GB geboren, ein Forscher, kinderlos, war nicht von der “Boulanger-Affäre” beschädigt. 1890 wurde er 21, was ihn zum Militärdienst in Frankreich verpflichtet hätte – wenn er nicht davon und von der Einreise nach Frankreich ausgeschlossen gewesen wäre. Monarchisten wie der Chef der konservativen Zeitung “Le Gaulois” überzeugten ihn dennoch, heimlich einzureisen und um Erlaubnis zu fragen, in der Armee zu dienen. Dem “Herzog von Orleans” gefiel der Plan und setzte ihn um, ohne seinen Vater zu konsultieren. In Paris ging er mehrmals, unter seinem Namen, zu einem Stellungsbüro. Eines Tages wurde er am Wohnsitz eines seiner Unterstützer, Charles H. d’Albert, Herzog von Luynes, verhaftet. Er wurde zu 2 Jahren Gefängnis wegen Verstosses gegen das Aufenthaltsverbot verurteilt, wurde aber bald von Staatspräsident Sadi Carnot begnadigt – und zur Grenze eskortiert.

1892 hat Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika “Au milieu des sollicitudes” zu Staat und Kirche in Frankreich Stellung genommen. Darin forderte er die französischen Katholiken auf, am republikanischen System des Landes teil zu nehmen. Und ein sehr grosser Teil der Monarchisten legte auf den Katholizismus grossen Wert, und das Wort des Papstes hatte natürlich Gewicht. Für Philippe d’Orleans und die Monarchisten bedeutete das einen grossen Rückschlag; viele wichtige monarchistisch gesinnte Familien begannen nun, die Republik zu akzeptieren. Das Lager arbeitete aber weiter an einer Restauration, und zu diesem Zeitpunkt hatte es noch gut ein Drittel der Franzosen hinter sich, wie sich bei Wahlen gezeigt hat. Philippe “VII.” starb 1894 in Grossbritannien60, nun kam sein Sohn (Louis) Philippe d’Orleans (“Philippe VIII.”) an die Reihe, als Chef des Hauses.

Die Dreyfus-Affäre (1894-1906) spaltete das Land und bedeutete eine schwere Krise für die Republik, auch hier sahen monarchistische Kreise die Chance auf eine Restauration. Beim Tod von Präsident Félix Faure 1899 erwogen sowohl (Napoleon) Victor Bonaparte in Belgien als auch (Louis) Philippe d’Orleans in Grossbritannien die Anfachung eines Aufstands gegen die Republik und den Einsatz von ihnen gegenüber treuen Milizen. Hätten sie das verwirklicht, hätten ihre Anhänger nicht nur mit den bewaffneten Kräften der Republik sondern auch miteinander zu tun gehabt, die einen für die dritte Restauration des Königreichs kämpfend, die anderen für ein drittes Kaiserreich. Doch die Republik überstand auch diese Krise. Kurz vor der Dreyfus-Sache gab es den Panama-Skandal, durch den Konkurs der Gesellschaft, die ihn bauen sollte und der Korruption von Politikern in Zusammenhang damit.

Für Weltausstellung 1889 in Paris (die vierte dort) wurde der Eiffel-Turm gebaut, ab 1887. 100 Jahre nach dem Beginn der Revolution überwog 1889 in Frankreich der positive Blick auf die Revolution und damit auf die Republik. Die Tragfähigkeit der Republik brachte ihr Akzeptanz. 1891 wurde in einem Ort irgendwo in der Bretagne für den Grafen Artois ein Denkmal errichtet. Bei der Parlaments-Wahl 1893 bekamen die Monarchisten etwas zwischen 15-20%; das war nicht wenig, aber auch nicht genug, um die Republik erzittern zu lassen. Ende des Jahrhunderts kamen andere Rechtsgruppen auf, übernahmen Einiges aus dem monarchistischen Repertoire. Eine Weiterentwicklung des politischen Systems: rechte Inhalte waren nicht mehr nur bei den Monarchisten aufgehoben und die Frage der Staatsform war allmählich nicht mehr der entscheidende Parameter.

Parteien entstanden um 1900, waren aber vorerst nur so etwas wie Wahlvereine; bis dahin gab es eigentlich nur parlamentarische Gruppen. Und in dieser Zeit erfolgte auch die Umstellung von Persönlichkeitswahlrecht auf Listenwahlrecht. Aus republikanischen und monarchistischen Lagern und Gruppierungen entstanden richtige Parteien. Die Republikaner der Demokratischen Union spalteten sich während der Boulanger-Krise: links die Association nationale républicaine (ANR) mit Ferry etc., rechts die Liberale Union unter Patinot (die “progressiven Republikaner”). Aus der Liberalen Union wurde die Union libérale républicaine (ULR). Zur Zeit der Polarisierung durch Dreyfus spaltete sich die ANR, in die Alliance républicaine démocratique (ARD)61 und die Fédération républicaine (FR). Auch die ULR ging in der FR auf. Auf der linken Seite entstand zum einen die Parti républicain, radical et radical-socialiste (PPRRS), 1901, häufig nur als Parti radical socialiste bezeichnet. Sie dominierte die zweite Hälfte der Dritten Republik, stellte zwei Staats- und etliche Ministerpräsidenten. Um zum anderen, 1905, die SFIO.

Ebenfalls in dieser Zeit, 1901, wurde die Action libérale populaire (ALP) gegründet, unter Albert de Mun und Jacques Piou. Es  handelte sich um frühere Monarchisten, die das Katholische ernst nahmen und daher auch das Wort von Papst Leo XIII. Monarchisten, die Republikaner geworden waren. 1906 und ’10 errang sie relativ gute Wahlresultate, wurde eine Konkurrenz für die Monarchisten. Der Orleanismus war Anfang des 20. Jh die stärkste monarchistische Strömung, die orleanistischen Führer seit 1883 die wichtigsten. Der die Orleans nicht anerkennende Legitimismus hatte Prätendenten, die zu Frankreich keinen Bezug hatten und eine Ausrichtung, die den meisten Franzosen zu konservativ war. Der Bonapartisten-Führer Victor Bonaparte rückte von dem Ziel eines Dritten Kaiserreichs ab und peilte eine Präsidialrepublik an – ähnlich den Republiken, die 1799-1804 (als Konsulat) und 1848-1852 bestanden hatten, bevor sich Napoleon I bzw III zum Kaiser ausriefen.

1898, während der “Dreyfus-Affaire” wurde die Action française gegründet, von Henri Vaugeois und Maurice Pujo, als Organisation sowie Zeitschrift mit rechtsextremen und katholizistischen Positionen. Einige Jahre später wurde die AF unter dem Einfluss von Charles Maurras, der ihr Chefideologe wurde, nationalistisch, monarchistisch62 und konter-revolutionär: das Erbe der Französischen Revolution und die parlamentarische Demokratie ablehnend. Das Faschistoide an der Action Francaise kam wahrscheinlich erst mit Maurras. Der Nationalismus hatte eine anti-deutsche Stossrichtung und wird als “integral” bezeichnet. Auch der Autor Leon Daudet unterstützte den Monarchismus der AF.

Dieser Monarchismus bezog sich auf das Haus Orléans, dieses sollte Frankreich vor der „Republik der Juden“ retten. Die Monarchisten waren am Weg dazu, eine Randgruppe zu werden, die AF brachte nochmal etwas Aufschwung. War aber keine Partei, trat nicht bei Wahlen an, was auch ein Boykott des bestehenden Systems war. Die AF war primär katholizistisch und anti-modernistisch. Revolutionäre in Frankreich haben Krone und Altar meist zusammen bekämpft, umgekehrt wurden sie auch gerne gemeinsam verteidigt (bzw, war diese Verbindung auch im Positiven gegeben). Das Lilien-Wappen und die weisse Fahne waren ab 1789 Symbole der Monarchisten geworden, auch die AF benutzte das Liliensymbol.

“Philippe VIII”, der “Herzog von Orleans”, war eher ein unpolitischer Mensch, der viel reiste (das Vermögen der Familie erlaubte ihm das). Die AF war rechter als die Orléans. Eigentlich hätten die “spanische Linie” besser zu der Organisation gepasst, aber die war eben zu un-französisch. René Rémond (selbst eher „christlich-sozial“) hat in seinem Buch über die französische Rechte, in dem er diese in Erben der Legitimisten, Orléanisten, und Bonapartisten einteilt, Action Française, wie auch Front National, als Erben der Legitimisten eingeteilt (ultra-kaholisch und den demokratischen Geist von 1789 ablehnend) – obwohl die AF die Orleanisten-Linie unterstützte.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs wurde der Monarchismus zum grössten Teil von der AF getragen, daneben gab es nicht mehr viel. Bei der Wahl 1914 verloren die Monarchisten stark, waren danach fast nicht mehr im Parlament vertreten. Nach dem für Frankreich siegreichen Krieg und der Wahl 1919 war das “fast” nicht mehr angebracht. Die ALP, die das Katholisch-Konservative hochhielt, ging in diesem Jahr in der Fédération républicaine auf. Die AF war eine bedeutende (ausserparlamentarische) Kraft, und dass keine Monarchisten mehr ins Parlament kamen, stützt die Vermutung, dass der Monarchismus an der AF nicht das Zentrale war, vielleicht ein Vehikel, in der Verweigerung der Moderne. Der Monarchismus hatte zu Beginn des 20. Jh an Rückhalt in der Bevölkerung verloren, und viele seiner Führer zogen sich auf ihre Land-Schlösser zurück, verliessen die politische Arena. Der Einfluss des Adels war auch zurück gegangen, die Gesellschaft entkirchlicht.

Die Zwischenkriegszeit war in Frankreich eine der innenpolitischen Krisen, der scharfen Polarisierung zwischen Rechts und Links – die Republik an sich wurde dadurch nicht de-stabilisiert. 1926 verurteilte Papst Pius XI. die Action Francaise. Gerüchte besagen, dass die “neuen” Legitimisten mit ihren spanischen Bourbonen dahinter steckten. Einige Monarchisten wandten sich nach der päpstlichen Verurteilung dem “offenen” Faschismus zu, ohne Katholizismus und so; Georges Valois gründete die “Faisceau”. Der Charakter der AF wandelte sich nach dem Ersten Weltkrieg immer mehr in Richtung Schlägertrupp / Miliz / Terrorgruppe mit faschistischer Ausrichtung. Die AF war eine der rechten Organisationen, die 1934 einen regierungs- bzw systemfeindlichen Krawall in Paris veranstaltete.

Für die nationalistische Seite im Spanischen Bürgerkrieg stellte die Organisation Freiwilligen-Einheiten in Frankreich auf.63 1936 wurde sie verboten, zusammen mit anderen rechtsextremen Ligen, aufgrund ihrer ausser-parlamentarischen Gewalt und Agitation.64 Bei den Orleans war 1926 auf den verstorbenen “Philippe VIII.” sein Schwager und Cousin Jean (“III.”, Duc de Guise) gefolgt. Dieser Jean d’Orléans brach 1937 (endgültig) zwischen seinem Haus und Maurras sowie den Resten der AF. 11 Jahre nach dem Papst distanzierte sich also auch der Thronanwärter von dem Lager – beide eigentlich ihre positiven ideologischen Bezugsfiguren.

In der Linie der spanischen Karlisten/ französischen Legitimisten folgte auf Juan und Carlos 1909 Jaime de Borbon (wie sein Vater ein “Herzog von Madrid”). Als karlistischer Anwärter bzw Titularkönig war er Jaime III., für die französischen Legitimisten Jacques I. Die Haupt-Linie der spanischen Bourbonen wird auch als Haus Bourbon-Anjou bezeichnet. Diese ist nicht zu verwechseln mit der Linie der Karlisten bzw französischen Legitimisten. Jaime de Borbon starb 1931 in Paris unverheiratet und kinderlos. Ihm folgte sein 82-jähriger Onkel Alfonso Carlos (Alphonse-Charles). Nach dem Tod des ebenfalls Kinderlosen 1936 wurde es kompliziert. Alfonso Carlos hatte sich zur Zeit der Zweiten Republik Spaniens (1931-3965) mit dem gestürztem König Alfonso XIII ausgesöhnt. Deshalb und weil mit Alfonso Carlos die karlistische Linie ausgestorben war, erlosch mit dessen Tod für einen Teil der Karlisten der Anspruch der Bewegung. Der Ex-König Alfonso de Borbon übernahm die Anwartschaft der französischen Legitimisten. Der grössere Teil der Karlisten wollte den Anspruch weiter führen; im spanischen Bürgerkrieg stellten die Karlisten auch eine Miliz auf Seiten von Franco auf (die dann mit der Falange vereinigt wurde).

Jaime de Borbon vererbte Schloss Frohsdorf an seine Schwester Beatriz (verh. Prinzessin Massimo), Pitten an seine andere Schwester Blanca (verheiratet mit Leopold Salvator von Habsburg-Lothringen-Toskana). Beatriz Massimo verkaufte Schloss Frohsdorf in der Zeit nach dem Anschluss an die Deutsche Reichspost, behielt den Gutshof (den Meierhof; in den sie auch wertvolle Bilder aus dem Schloss brachte) sowie Felder und Wälder. Seit der Zeit ihres Vaters war Frohsdorf mit Ausnahme der Kapelle für externe Besucher lange gesperrt, nun wurde auch die Kapelle für die Öffentlichkeit geschlossen. Der Meierhof wurde gegen Ende des Hitler-Stalin-Kriegs vernichtet. 1945 zog Massimo nach Italien, wo sie 1960 starb. Die Rote Armee beschlagnahmte das Schloss als deutsches Eigentum. Dann, 1955, bekam es die österreichische Post. 1961 hat die “Gräfin” Blanca Wurmbrand-Stuppach, die Erbin vom Frohsdorfschen Meierhof sowie Ländereien nach ihrer Mutter Prinzessin Massimo, den grössten Teil dieses Erbes verkauft und hat das (ehemalige) Jagdhaus behalten, das 1978 ihr Sohn Ernst Gundaccar Wurmbrand übernahm. Monarchistische Franzosen pilgern seit Jahrzehnten nach Lanzenkirchen, in das Schloss kommen sie schon lange nicht mehr rein, es gehört einer Immobilienverwaltung.

Von 1936 bis 1952 gab es keinen offiziellen Prätendenten der karlistischen Bewegung. Als “Regent” wurde das Oberhaupt des Hauses Bourbon-Parma, Francisco Javier de Borbón-Parma, Sohn des letzten Herzogs von Parma, Bruder von Zita und Sixtus, “auf den Schild gehoben”. Francisco Javier (mit einer Bourbon-Busset verheiratet) war über seine Mutter mit Alfonso Carlos bzw der (ersten) karlistischen Familie verwandt, über seinen Vater auch, weitschichtig. Die Borbón-Parma hatten sich ja wie die spanischen Bourbonen im 18. Jahrhundert vom Stammhaus getrennt. Daneben war auch Karl Pius von Habsburg-Lothringen, aus der toskanischen Linie und Sohn einer spanischen Bourbonin, ein Kandidat.

1940 die Invasion der Wehrmacht in Frankreich, deutsche Besetzung im Nordteil und Vichy-Regime im südlichen. Die inzwischen ja verbotene Action Francaise und die anderen Monarchisten waren gespalten, zwischen Kollaboration und Resistance. Die AF-Zeitung hatte sich 1939 gegen den Eintritt Frankreichs in den Zweiten Weltkrieg gestellt, sie stand nach dem Waffenstillstand 1940 auf der Seite des Vichy-Regimes unter Marschall Pétain. Charles Maurras bejubelte das Kollaborations-Regime und das Ende der Dritten Republik, als “göttliche Überraschung”; für ihn und viele seiner Anhänger war Petain wie ein lang erwarteter König. Maurras 1940: “Avec Pétain, nous sortons du tunnel de 1789”. Viele “Maurassianer” und andere Monarchisten traten in die Vichy-Verwaltung ein, sahen eine goldene Chance, ein reaktionäres Programm in Frankreich umzusetzen. Es gab eine Reihe von Monarchisten in der engeren Umgebung von Pétain, wie Alibert, Massis, Vallat, du Moulin de Labarthète.

Es gab aber auch jene Maurassianer, die aufgrund ihres Nationalismus’ keine Fremdherrschaft dulden wollten, die Deutschen als Besatzer sahen, Petain nicht als Ersatz für den von ihnen herbei gesehnten König und ihren Katholizismus in seinem Regime nicht gut vertreten sahen, und dieses als zu faschistisch. So wie Henri d’Astier de la Vigerie, der Henri “VI.” an die Macht bringen wollte, in der Resistance kämpfte. Im Dezember 1940 überführte die Kollaborations-Regierung die Überreste von Napoléon II. in den Invaliden-Dom, wo jene seines Vaters seit 1840 ruhten.66 Das war eine Geste, um die Bonapartisten zu gewinnen. Auch Aktivisten dieses Lagers, wie Pierre Costantini, engagierten sich für das Vichy-Regime. Legitimisten sollen überwiegend in Gegnerschaft zu Vichy gestanden haben. Für jene Monarchisten, die in der Resistance engagiert waren, waren die Exil-Regierung von DeGaulle und die Alliierten ein Gegner wie Vichy und die Deutschen.

Jean d’Orleans starb 1940 in Marokko, Nachfolger wurde sein Sohn Henri (“VI.”), 1908 in Frankreich geboren, 1931 mit einer Braganca verheiratet, ca. 11 Kinder. Henri d’Orléans taktierte opportunistisch zwischen Vichy und den Anglo-Alliierten, später näherte er sich an De Gaulle an. Er wurde von verschiedenen Seiten favorisiert für eine bestimmende Rolle im Vichy-Regime, im seit 1942 von Alliierten beherrschten französischen Nordafrika. Admiral Francois Darlan, ein Vichy-Führer in Nord-Afrika, wechselte ebenfalls 1942 auf die Seite der Alliierten, wurde durch einen monarchistischen (orleanistischen) Widerstandskämpfer (Bonnier de la Chapelle) ermordet (der dafür mit Erschiessung exekutiert wurde). 1944 bewegte sich D’Orleans inzwischen in der Nähe des Widerstands, hatte eine eigene Miliz; nach dem “D-Day” kehrte er mit dieser ins französische Hauptland zurück. Er wurde von Truppen der provisorischen Regierung aufgegriffen, abgeschoben.

1944 bis 46 waren in Frankreich die Dinge in Bewegung, ehe es zur Bildung der Vierten Republik kam. Die Republik wurde wieder hergestellt, unter der Führung von Charles de Gaulle, der sich sogleich zurückzog. Nach Colombey-les-deux-Eglises, wo er, die Vierte Republik über, immer 2 Zugstunden von Paris und der Macht entfernt war. Unter anderem über seine Partei RPF mischte er dort mit; und seine Rückkehr bzw direkte Machtausübung war in den Jahren der 4. Republik (46-58) immer ein Thema. Dass die Republik an sich inzwischen eine Selbstverständlichkeit war, zeigte sich in der Aufhebung des Landesverweisungsgesetzes für die Prätendenten 1950. Das Gesetz von 1886 wurde damals auf Vorschlag des Abgeordneten Paul Hutin-Desgrées von dem christdemokratischen Mouvement républicain populaire (MRP), damals mit an der Regierungskoalition beteiligt, aufgehoben. In den Jahrzehnten seither wurden weitere Gesetze aufgehoben, die Orleans und Borbons und Bonapartes könnten heute für die Präsidentschaft kandidieren.

Der Monarchismus heute

Die Borbons konnten 1950 erstmals nach Frankreich kommen. Bei den Bonapartes übernahm Louis-Jérôme Bonaparte, gerne “prince Napoléon” oder “Louis Napoléon” genannt, 1926 die Führung – die er bis zu seinem Tod 1997 inne hatte. Er verbrachte einen Grossteil seines Lebens in der Schweiz, als Geschäftsmann. Er kehrte schon vor der Gesetzesänderung 1950 heimlich nach Frankreich zurück.67 1950 kehrte der “Graf von Paris”, Henri d’Orleans, zurück. 1948 hatte er in einem Essay seine Vorstellungen eines politischen Systems skizziert, das war eine parlamentarische bzw konstitutionelle Monarchie, wie überall in Europa, wo es noch Monarchien gab/gibt. Er wollte sich nicht mit rechten Aussenseitern verbünden, die Monarchisten auch in Frankreich oft sind. Dass Henri “VI.” relativ liberal war, soll die konservativeren Legitimisten stärker gemacht haben bzw überhaupt erst bedeutend. Den Reichtum der Familie vermehrte er durch Unternehmungen. Zum Streit in seiner Familie später noch etwas.

Die 4. Republik scheiterte an der kolonialen Frage und an instabilen Regierungen. 1954 der Übergang vom Indochina- zum Algerien-Krieg. Der Krieg gegen Ägypten wegen des Suez-Kanals 1956 (zusammen mit GB und Israel) machte deutlich, dass Frankreich dabei war, seinen Status als Weltmacht zu verlieren. Die Entkolonialisierung begann in der Vierten Republik, wurde grossteils in der frühen Fünften (unter De Gaulle) durchgeführt. Es heisst, Henri d’Orleans sah zwei Mal die Chance auf eine Restauration: während Petain und nach De Gaulle. Zweiterer soll zur Zeit seiner Präsidentschaft (1959-1969) auf eine Nachfolge von ihm durch Orleans gesagt haben “Warum nicht gleich Brigitte Bardot?” Eine Restauration der Monarchie war auch damals schon eine absurde Vorstellung.68

Anhänger der Action française wurden nach Kriegsende als Kollaborateure belangt, darunter Maurras. 1947 wurde die Zeitschrift “Aspects de la France” gegründet (u.a. von Maurice Pujo), deren Schreiber und Leser Jene waren, die die AF fortführen wollten. Aus der politischen Bewegung im Umfeld des Magazins wurde 1955 die Organisation Restauration Nationale gegründet (u.a. von einem Pierre Pujo); der Name “Action française” war untersagt. In einer Neu-Ausgabe seines berühmten Buchs über die französische Rechte 1968 hat René Rémond die AF-Nachfolgeorganisation RN auch als eigentlich legitimistisch klassisfiziert, aufgrund ihrer Ablehnung des Erbes der Revolution. 1971 spaltete sich von dieser RN eine Nouvelle Action française ab, unter Bertrand Renouvin und Anderen. Das war jener Teil der AF-Erben, die sich vom Rechtsextremismus distanzieren wollten und einen “modernen Monarchismus” vertreten wollten: Das Bekenntnis zu einer konstitutionellen Monarchie unter einem Orleans. Daraus wurde später die Nouvelle Action Royaliste (NAR). Die NAR stellte zur Präsidenten-Wahl 1974 Renouvin auf, der bekam etwas über 40 000 Stimmen. Die Organisation nimmt ansonsten nicht an Wahlen teil.

Zur Präsidenten-Wahl 1981 rief die NAR zur Wahl des Sozialisten François Mitterrand auf, gegen Valéry Giscard d’Estaing oder den Neo-Gaullisten Jacques Chirac. Gaullisten hat Rémond als Erbe der Bonapartisten klassifiziert, Giscards UDF als in der orleanistischen Tradition stehend. In den 1990ern spaltete sich von der RN ein Centre royaliste d’Action française (CRAF) ab, unter P. Pujo. Der “Rest” der RN wurde von einem Rechtskatholiken namens De Cremiers geführt. Anscheinend haben sich CRAF und RN 2010 zu einer neuen Action francaise vereinigt.

Die 1953 gegründete Rechtspartei Union de défense des commerçants et artisans (UDCA) von Pierre Poujade war nicht monarchistisch. Poujade, der zuerst für Petain, dann gegen die deutsch Besatzung gewesen war, vertrat rechte Positionen des Kleinbürgertums, wie Unzufriedenheit mit dem Steuersystem und der europäischen Einigung. Bezüglich der Kolonien war er natürlich für ihre Behaltung, v.a. von Algerien. Die UDCA bekam bei der Wahl 1956 mehr als 11% der Stimmen; zu den Abgeordneten die in die Nationalversammlung einzogen, gehörte der junge Offizier Jean-Marie Le Pen. Nach Streits und Abspaltungen bekam die UDCA bei der vorgezogenen Wahl 1958 dann weniger als 1,5%.

Was die Legitimisten betraf, über den spanischen Ex-König Alfonso XIII. wurde ja eine neue Nebenlinie der spanischen Bourbonen begründet, die den französischen Legitimisten als “Thronanwärter” dient, nun nicht mehr mit den Karlisten (> Bourbon-Parma) verbunden. Auf Alfonso folgte in dieser Linie sein jüngerer Sohn Jaime (Jacques, Herzog von Segovia, 41-75), dessen älterer Bruder Juan Anwärter auf den spanischen Thron wurde und Vater des späteren Königs Juan Carlos. Jaimes Sohn Alfonso/Alphonse de Borbón heiratete eine Tochter von Spaniens Staatschef Franco, wurde von diesem als Nachfolgekandidat für sich (und als spanischer König) in Erwägung gezogen, er selbst wollte das auch. Jaime starb im März 1975, einige Monate vor dem “Caudillo”; zu diesem Zeitpunkt hatte  sich dieser längst auf Juan Carlos als König und Nachfolger festgelegt. 1975 wurde Juan Carlos spanischer König, sein Cousin Alfonso Thronanwärter der französischen Legitimisten – und 1977 Präsident des spanischen Ski-Verbandes69. 1984 bis 1987 war er Präsident des Spanischen Olympischen Komitees. Alfonso de Borbon starb bei einem Ski-Unfall am Rande der Ski-WM 1989 in Vail/Beaver Creek (USA). Ihm folgte sein Sohn Louis-Alphonse de Bourbon / Luiz Alfonso de Borbon (* 1974).

Bourbon-Parma übernahm 1952 endgültig die karlistische Sache, als “Übergangslösung” Francisco Javier Anspruch auf den spanischen Thron erhob und so die zweite carlistische Dynastie begründete. Franco bürgerte Francisco Javier und seinen Sohn Carlos Hugo ein, spielte sie gegen die Bourbonen-Hauptlinie aus, auch sie waren Kandidaten für seine Nachfolge, bis zum Nachfolgegesetz von 1969.70 Es gab Gegenprätendenten zu Francisco Javier, wie einige Söhne von Alfonso XIII. Der Karlismus war hauptsächlich in Navarra stark. 1976 gab es in Spanien ein Massaker von Rechten an Karlisten, die nicht mehr so rechts waren, möglicherweise war auch Carlos’ Bruder Sixto, der eine rechte Abspaltung anführt(e), beteiligt. 1977 wurde Carlos Hugo de Borbon-Parma Nachfolger seines Vaters als Chef des Hauses sowie der Karlisten

Viele aus dem legitimistischen Lager in Frankreich waren und sind in den politischen Katholizismus involviert, der auch in anderen Ländern nahe beim Monarchismus ist. In Frankreich wurde dieser Katholizismus, der das Zweite Vatikanische Konzil ablehnt, nicht zuletzt von Marcel Lefebvre und seiner Pius-Bruderschaft (1970 gegründet) hoch gehalten. Mit dem Faschismus, aber auch mit “gemäßigteren” Nationalismus hat der Legitimismus immer seine Probleme gehabt, mit dem traditionalistischen Katholizismus passt er gut zusammen. Manche Legitimisten unterstützten auch den Widerstand gegen die Ent-Kolonialisierung, und hier war Algerien am wichtigsten. Die beiden Verschwörungs-Theoretiker bzw -Urheber Pierre Plantard und Geraud de Sède waren eine zeitlang Action Francaise-Anhänger gewesen und in rechtskatholischen Kreisen unterwegs; aber nicht Legitimisten – Plantard behauptete eine Abstammung von den Merowingern und beanspruchte als solcher den Thron Frankreichs…

Henri “VI.” d’Orleans, der “Graf von Paris”, änderte mehrmals die Bestimmungen für seine Nachfolge. Seine Söhne Michel und Thibaut schloss er 1967 bzw 1973 von der “Thronfolge” aus, wegen ihrer Heiraten (ohne seine Einwilligung) mit nicht “standesgemäßen” Frauen. Da diese Nachfolge nirgendwo gesetzlich geregelt ist, in den Augen des Staates ja kein Anspruch dieser Familie auf die Herrschaft über Frankreich besteht, hat er das Recht, so zu walten. 1984 schloss er auch seinen ältesten Sohn Henri, “Graf von Clermont”, aus, wegen seiner Scheidung von Marie Thérèse von Württemberg und der zivilen zweiten Ehe mit einer ebenfalls geschiedenen Spanierin. 1987 proklamierte Henri d’Orleans seinen Enkel Jean, Henris Sohn, als Nachfolger.

In seinen letzten Jahren normalisierte sich aber das Verhältnis zwischen Henri “VI.” und Henri “VII.” und zweiterer wurde wieder als Erbe eingesetzt. 1987 verklagte Henri junior den Legitimisten-Prätendenten Alfonso wegen des Tragens des Titels “Duc d’Anjou” sowie der Verwendung der Lilien-Blumen im Wappen. Wichtige Mitglieder der anderen Bourbonen-Linien, jener von Sizilien und Parma, schlossen sich der Klage an. 1988 entschied ein Pariser Gericht, dass die Nebenlinie der spanischen Bourbonen keinen mit der Gestaltung ihres Wappens und dem Tragen dieses Titels verletzten. Titel von französischen Adeligen sind schliesslich seit 1871 Ehren-Titel. 1999 starb der ältere Henri und der 1933 in Belgien geborene jüngere folgte ihm als orleanistischer Anwärter.

Henri “VII.” war schon 1948 nach Frankreich gekommen, vor der Aufhebung des Aufenthaltsverbots. Der neue “Comte de Paris” ist wie erwähnt in zweiter Ehe verheiratet. Sein ältester Sohn Francois war eigentlich sein erster Nachfolgerkandidat, wurde aber wegen einer geistigen Behinderung übergangen. 2006 legte sich Henri auf Jean, “duc de Vendôme”, als “Dauphin” fest. Über seine Schwestern ist Henri mit Savoia oder Schönborn verwandt, über seine Kinder mit Liechtenstein oder Rohan. Henri d’Orleans versuchte, seinen Nachnamen von “Orleans” auf “Bourbon” zu ändern. Gegenüber den Behörden argummentierte er, dass dies sein wahres Patronym sei und “Orleans” von einem Titel komme, den man jüngeren Königssöhnen zugeteilt hat71. 2000 wurde auch das von einem Pariser Gericht abgewiesen; das Urteil wurde in den Jahren danach von höheren Instanzen bestätigt.

Auch Jean d’Orleans und Luis Alfonso de Borbon sehen sich anscheinend als Konkurrenten. 200 Jahre Rivalität zwischen den Häusern bzw Familien spiegeln sich in ihrem Streit wieder. Und ihre Anhänger sind nicht nur für eine Familie, sondern für ein bestimmtes politisches Programm. Die Orleans waren wie erwähnt beim Sturz der Bourbonen 1792 und 1830 beteiligt, und das Misslingen der Restauration 1873 kann man auch auf Unstimmigkeiten zwischen der Bourbonen-Hauptlinie und ihrer Orléans-Nebenlinie herunter brechen.

Bei den Bonapartes wurde Charles “Napoleon” Bonaparte 1997 Chef des Hauses, er lebt zT in Korsika. Er strebt keine Restauration des Kaiserreichs an, sieht sich nicht als Thronanwärter bzw erhebt keine diesbezüglichen Ansprüche, auch wenn er seine Familie als “imperiales Haus von Frankreich” bezeichnen lässt. Bonapartisten brauch(t)en nicht unbedingt eine Monarchie, sowohl Napoleon Bonaparte als auch sein Neffe kamen ja auch in anderen Funktionen an die Macht, innerhalb der Republik, proklamierten sich dann zum Kaiser und stürzten die Republik. Bonapartisten wollen ein autoritäres Regime, starke Stellung des Militärs, und einen inklusiven Nationalismus. Verschiedene bonapartistische Gruppen streben nichtsdestotrotz eine Monarchie an und denken dabei an den Sohn von Charles Bonaparte, “Prince” Jean-Christophe Napoleon. Zu den bestehenden bonapartistischen Organisationen gehören das Mouvement Bonapartiste und das (in Korsika aktive) Comité central bonapartiste.

Es gibt eine Reihe monarchistischer Organisationen in Frankreich. Die aller-meisten sind in der Rechten angesiedelt, wenige in der Mitte. Die meisten unterstützen eine bestimmte Familie (bzw Richtung) und geben eine Zeitschrift heraus. Die 2001 gegründete Alliance Royale (AR) is eine der ganz wenigen davon, die als Partei organisiert sind und bei Wahlen antreten. Wie viele andere der Organisationen verwendet sie das Lilien-Symbol. Ihr jetziger Chef ist Yves-Marie Adeline. Die AR strebt die Errichtung einer konstitutionellen Monarchie an. Ihre Wahlresultate sind sehr bescheiden. Patrick de Villenoisy von der AR wollte bei Präsidenten-Wahl 2012 antreten, bekam nicht die notwendigen 500 Unterstützungserklärungen zusammen…Bei Gemeinderatswahlen hat sie einige Mandate “erobert”. In der Sicht der Alliance Royale ist die Republik ein Spielzeug in den Händen korrupter, machtgeiler, prinzipienloser Politiker. Wahlen bewirkten nur Verschiebungen in diesem System. Die AR ist “Pro-Familie” (gegen Homosexuellen-Ehe, Abtreibung,…) und für eine “faire Demokratie” (für Korporatismus). Neben einer antimodernistischen Note hat sie auch eine antikapitalistische. Im Vergleich mit anderen monarchistischen Organisationen ist sie aber gemäßigt. Bezüglich des Prätendenten hält sie sich “neutral”.

Wahlplakat Alliance Royale EP-Wahl 09

Von der orleanistischen Nouvelle Action Royaliste (NAR) und der neuen Action francaise (AF; CRAF + RN) war schon die Rede. Das Institut de la Maison de Bourbon ist legitimistisch. Eben so die Union des Cercles Legitimistes de France (UCLF); viveleroy.fr steht ihr zumindest nahe. Das Rassemblement démocrate (RD) ist auch legitimistisch. Das Mouvement Bonapartiste ist eine der bonapartistischen Organisationen. Orléanisten sind u.a. die Amis de la Maison de France, Gens de France oder das Institut de la Maison Royale de France. Nennenswert sind auch Fédération des Union Royalistes de France (FURF), L’Union pour la MonarchieRenouveau françaisInstitut Louis XVIILe Lys Blanc oder Fondation Condé. Das Mouvement France et Royaute steht Legitimismus und Karlismus nahe.

Seit Anfang des 20. Jh ist in Frankreich die Frage einer Wiedereinführung einer Monarchie eigentlich vom Tisch; und zahlenmäßig sind die Monarchisten dort auch trotz ihrer Diversität klein und im Grunde unbedeutend. 1889, zur Zeit der 100-Jahr-Feier des Beginns der Revolution, waren Monarchisten schon ziemlich im Abseits; 1989 bei der 200-Jahr-Feier waren sie ein obskures Häuflein, wahrscheinlich kleiner als die Gemeinschaft der Scientologen in Frankreich. 1987 gab es ein staatliches Gedenken anlässlich der Krönung von Hugo Capet 987, zu dem u.a. eine 10-Francs-Münze herausgegeben wurde. Aber es gibt ihn, den Monarchismus in Frankreich. Julian T. Jackson schrieb 2001 (s.u.), dass es in der Vendée (Region Pays de la Loire) mit ihren Loire-Schlössern72 noch immer (land-adelige) Familien gibt, die nicht mit Leuten verkehren, deren Vorfahren während der Revolution von der Verstaatlichung der Ländereien des Klerus und Kirche (biens nationaux) profitierten.

Die Aufsplitterung auf drei Familien schwächt die monarchistische Sache insgesamt wahrscheinlich auch. Jedes Lager hat andere Präferenzen und Empfindlichkeiten. Legitimisten sehen die Revolution ab 1789 als Grundübel (Frankreich ist damals in ihren Augen auf die schiefe Bahn geraten) und jene von 1830 als gleichfalls schlecht, müssen/wollen den Absolutismus bzw das Ancien Regime verteidigen, haben eigene Erklärungen für das Scheitern der Restauration 1873. Die Orleanisten begrüssen 1789 und 1830, 1848 natürlich nicht, 1870 und 1873 sind für sie kein Problem. Bonapartisten haben mit 1814/15 und mit 1870 Probleme.

Monarchisten, besonders Legitimisten, berufen sich auf Traditionen Frankreichs, darauf dass die Könige dieses Land “gemacht” hätten. Nur: der Sturz von Königen und (selbstgekrönten) Kaisern und die Erzwingung der Mitsprache des Volkes, das hat dort eigentlich auch eine lange Tradition, eine relevantere als jene die bis zum Ende der frühen Neuzeit ging. Und das Revolutionäre, Anti-Absolutistische verbreitete sich von Frankreich (fast) überall hin, brachte ein Ende der alten Ordnungen, neue Grundlagen für die Länder und das System des “Westens”. Ab 1789 wurde die französische Politik irgendwie ein rutschiger Abhang für die Anhänger der alten Ordnung; und eine Adaption oder Aufrechterhaltung dieser in der (bzw für die) neue(n) Zeit gelang nicht, im Gegensatz zu jenen Ländern Europas in denen sich bis heute Monarchien halten. Durch Säkularisierung und Demokratisierung ging möglicherweise etwas an Glanz und an Sakralem verloren; Monarchien passen in die Moderne aber nur in abgespeckter, nüchterner, entmachteter Form, wie in GB, Niederlande, Japan,…73 So ist die Monarchie aber auch entzaubert und ein Stück von ihren “Grundlagen” entfernt; die Kirche ist in einem ähnlichen Dilemma.

Manche Monarchisten geben ihrem Anti-Modernismus mit dem Monarchismus nur eine Form, andere sehen sich gezwungen, aufgrund ihres Monarchismus einen Anti-Modernismus zu vertreten. Manchen geht es um das Nachtrauern von alten Privilegien, anderen um Nostalgie, beiden um eine “Flucht” aus der Gegenwart. Es ist aber auch ein grosser Idealismus (angesichts der Aussichtslosigkeit ihres Ziels) fest zu stellen.

Man weiss von zwei ziemlich bekannte Franzosen, dass sie sich zum Monarchismus bekennen. Zum einen der TV-Moderator und -Produzent Thierry Ardisson. Er “outete” sich als Legitimist, der aber für eine konstitutionelle Monarchie ist. Über den aktuellen legitimistischen Prätendenten Louis Alphonse de Bourbon hat er ein Buch geschrieben (s.u.), dieser ist auch Taufpate seiner Tochter. Zum anderen ist da der Schreiber Lorànt Deutsch (Laszlo Matekovics, aus einer ungarisch-jüdischen Familie). Dieser erklärt sich als Orleanist; seine Haltung spielt eine Rolle in seinen Texten.

Protestanten in Frankreich sind hauptsächlich die dort früher Hugenotten genannten Calvinisten. Eine kleine Minderheit. Unter anderem aufgrund der Allianzen der Monarchisten mit dem Rechtskatholizismus ist davon auszugehen, dass sie eher Republikaner sind. Calvinisten und Königtum in Frankreich, das ist eine wechselvolle Beziehung. Der erste Bourbone am französischen Thro war ja eigentlich selbst Calvinist! Dann Louis XIV., der das Toleranzedikt von Nantes aufgehoben hat und damit die “Hugenotten-Kriege” neu aufleben liess, und seine Dragonaden gegen die Calvinisten. Im 17. Jh schrieb der protestantische Theologe  Pierre Du Moulin sein “Traite de la monarchie francoise”, in dem er diese Institution verteidigte. Viele Calvinisten haben an der Revolution mit gewirkt – aber wie viele Katholiken haben das getan? Und der Grossteil der Calvinisten/Hugenotten war gegen die Exekution von König Ludwig XVI., er hatte ihnen mit dem Edikt von Versailles zumindest gewisse bürgerliche Rechte gebracht, wenn auch nicht die freie Ausübung der Religion oder die völlige rechtliche Gleichstellung.

Weitere Erleichterungen kamen unter Napoleon mit seinem inklusiven Nationalismus, endgültige Anerkennung bzw Gleichstellung bekamen die Protestanten (und andere Nicht-Katholiken) in Frankreich aber erst in der Dritten Republik. In der Association Sully, die nahe an der Action française war, sammelten sich protestantische rechtsextreme Monarchisten, wie der Autor Noël Vesper. Der calvinistische/reformierte Geistliche Jean-Marc Daumas de Cornilhac, 1953-2013, war auch Monarchist. Auf der anderen Seite aber die Verfolgungen unter den Königen (bei Anerkennung in der Republik!), die Allianz von Krone und katholischer Kirche, ihr Freidenkertum, der politische Katholizismus zumindest der Legitimisten.

Die (genannten) monarchistischen Organisationen spielen in der Rechten Frankreichs keine grosse Rolle. Manche Monarchisten, hauptsächlich Legitimisten, schlossen sich der 1972 gegründeten Front National (FN) von Jean-Marie Le Pen an. Nicht zuletzt Kreise aus der ehemaligen AF. Die FN nahm verschiedenste rechte Strömungen, Traditionen und Organisationen in sich auf; die meisten davon waren/sind in der französischen Gesellschaft irgendwie an den Rand gedrängt bzw fühlen das subjektiv. Es gab und gibt ehemalige Nazi-Kollaborateure bzw Vichy-Regime-Mitarbeiter; Rückkehrer aus Algerien (Siedler und Soldaten) die den Verlust der Kolonie nicht akzeptier(t)en, oft auch gegen diesen Verlust kämpften, in der Terror-Organisation OAS; Siedler sowie gegen eine Unabhängigkeit eingestellte “Einheimische” in den verbliebenen Kolonien; ausserdem traditionalistische Katholiken, Neofaschisten,…

Und Monarchisten, die die Republik und die Revolution ablehnen. Die Vorstellungen der Monarchisten decken sich teilweise mit jenen des FN-Hauptstroms bzw der Rechtsextremisten, aber in zentralen Punkten nicht. Es gibt sowohl bei der FN als auch bei den Monarchisten verschiedene Strömungen/Ansichten. Die FN insgesamt bezieht sich auch auf die vor-republikanische Geschichte, aber die Le Pens sind so etwas wie Ersatz-Könige. Die FN als Ganzes ist eine republikanische Partei; sie ist im demokratischen Betrieb, es gibt in ihr aber Elemente die Demokratie ablehnen; bzw Elemente der Demokratie, die die Partei ablehnt. Aber, gerade wegen der fortschreitenden Entfernung vo ihrem erklärten Ziel fühlen sich viele Monarchisten in der FN aufgehoben, weisen deren Anbindung an den republikanischen Parlamentarismus aber zurück.

(Auch) innerhalb der FN sind Rechtskatholiken und Monarchisten nahe beieinander, ihre Anliegen und Geschichtsbilder überlappen sich, sie können miteinander Allianzen bilden, finden in der Partei “Obdach” – auch wenn diese ihren Anliegen gegenüber bestenfalls zurückhaltend gegenüber steht. Monarchismus in der FN ist nicht zuletzt im Parteikreis „Restauration Nationale“ (orléanistisch) vertreten, der eine Zeitung unterhält; Georg-Paul Wagner (war Parlaments-Abgeordneter für die FN, kommt aus dem AF-Bereich), Pierre Pujo, Alain Sanders oder Pierre Durand gehör(t)en diesem Kreis an. Auch Patrick Esclafer de la Rode (ein adeliger Legitimist) oder Jean de Viguerie (ein Historiker) sind Monarchisten in der FN. Das FN-nahe rechtsextreme Magazin „Minute“ ist nationalistisch-monarchistisch, nahm zB Stellung gegen „un-echte” Franzosen im Fussball-Nationalteam.

Die Widersprüche innerhalb der FN sind gross. Verbindend sind ein Anti-Kommunismus (heute weniger als früher), Ablehnung der “herrschenden Ordnung”, Gegnerschaft zu Einwanderung und Erweiterung der französischen Nations-Definition.74 Teile der Partei sind pro-israelisch ausgerichtet (sehen es als eine Insel europäischer Zivilisation in einer Region der “Wilden”), andere halten den Anti-Judaismus aufrecht, manche beziehen sich nach wie vor positiv auf den Petainismus, für andere ist ihr Patriotismus ein anti-deutscher75, Skinheads in der FN wiederum weisen den sozialen Konservatismus der (oft adeligen) Monarchisten zurück.

Marine Le Pen, die die FN 2011 von ihrem Vater “übernahm”, steuerte sie etwas in die Mitte bzw definierte ihren Chauvinismus neu. Sie präsentiert die FN als republikanische Partei ohne faschistischen Charakter, die Anerkennung des “Mainstreams” verdiene. Die Geschiedene hat wenig für die Katholische Kirche über, muss aber Rücksichten nehmen. Die Front National ist durch das Mehrheitswahlrecht im französischen Parlament deutlich schwächer vertreten, als es ihre Prozentanteile ausweisen. Nicht umsonst ist M. Le Pen auch im EP aktiv. Ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen, Abgeordnete im französischen Parlament aus der Region Provence-Alpes-Cote d’azur, ist in mancher Hinsicht das Gegenstück zu ihr. Sie ist sozial viel konservativer als die Parteichefin, sie hat nach ihrer Aussage mit “republikanischen Werten die Nase voll” und erschien auf einer Veranstaltung der AF. Bei der demnächst statt findenden Präsidentschaftswahl liegt ein Sieg von Marine Le Pen im Bereich des Möglichen, nicht zuletzt aufgrund der islamistischten Anschläge in den letzten Jahren (Paris Bataclan oder Hebdo, Nizza,…).

Auch in kleineren Rechtsparteien sowie in der intellektuellen Neo-Rechten ist Monarchismus wenig bis nicht vertreten. In einigen dieser Parteien, wie in Philippe de Villiers’ MPF, hat aber der Rechtskatholizismus (und ein darauf aufgebauter Nationalismus) einen hohen Stellenwert.

Die Bourbonen haben im 19. Jh überall ihre Herrschaften verloren, ausser in Spanien, wo ihre Herrschaft mehrmals unterbrochen wurde, aber bislang noch jedesmal wieder hergestellt. Juan Carlos de Borbon hat 1956 im Exil in Portugal seinen jüngeren Bruder Alfonso (versehentlich) erschossen, angeblich mit einer von Franco geschenkten Waffe. Die Restauration der Monarchie unter ihm brachte dann ja den Übergang zur Demokratie. 2014 folgte ihm sein Sohn Felipe. Im heutigen Spanien sind separatistische Bewegungen (aktuell jene in Katalonien) wohl eine grössere Herausforderung as die republikanische Bewegung.

Juan Carlos und Luis Alfonso de Borbon

Henri d’Orleans ist noch immer aktueller Prätendent des Hauses Orleans. Beeinflusst haben nach Remond die Orleans bzw Orleanisten übrigens jene Kräfte in Frankreich, die Atlantiker sind (freundlich gegenüber USA und GB) und Wirtschaftsliberale; die sind heute v.a. in der UMP. Luis Alfonso de Borbon/Louis Alphonse de Bourbon, spanisch-französischer Doppelstaatsbürger, legitimistischer Prätendent, als solcher „Louis XX.“ genannt, lebt grossteils in Spanien. Ansonsten in Venezuela, von wo seine Frau stammt. Der Ur-Enkel von Franco (über seine Mutter) und Grosscousin von Juan Carlos (über seinen Vater) spielt in Spanien gerne Eishockey. Auch bei ihm ist die Distanz zu Frankreich (dessen Thron er beansprucht) also nicht kleiner geworden als bei seinen Vorfahren. Dafür ist hier mehr Verbindung zur spanischen Hauptlinie gegeben (als von den Orleans).

Es gibt andere Zweige der französischen Bourbon-Hauptlinie. Bourbon-Condé starb 1830 aus, bald nach dem Tod von Louis Joseph (der die Emigrantenarmee führte). Bourbon-Busset ist ein unehelicher Zweig einer Nebenlinie der Bourbonen. Die Nachfahren von Karl-Wilhelm Naundorff beanspruchen wie erwähnt, Nachkommen von Louis XVII. zu sein, der nicht 1795 im Temple gestorben sei. Ein DNA-Test konnte die Behauptungen nicht stützen, im Gegenteil.

Carlos Hugo de Borbon-Parma y Busset, ab 1977 Chef des Hauses Bo(u)rbon(e)-Parma sowie der spanischen Karlisten, schlug einen links-liberalen Kurs ein, gründete die karlistische Partei PC, heiratete eine niederländische Prinzessin. Sein Bruder Sixto Enrique wurde ab 1975 von einem Teil der Karlisten anerkannt/proklamiert; es gibt zwei weitere Gegenlinien (toskanische Habsburger, Borbonen-Hauptlinie). Carlos Hugo, der sich von seiner Frau trennte und aus seiner Partei austrat, starb 2010; es gibt diverse “Nachfolger”. Bourbon-Parma-Angehörige haben u.a. in das Fürstenhaus von Luxemburg (Nassau-Weilburg) und das lange entthronte Königshaus von Rumänien (Hohenzollern-Sigmaringen) geheiratet.

Bei den Borbone delle Due Sicilie wurde nach dem abgesetzten König Francesco dessen Bruder Alfonso Chef des Hauses und Thron-Anwärter, bis 1934. Alfonsos Sohn Carlo(s) heiratete in das spanische Königshaus, war der Grossvater von Juan Carlos. Alfonsos anderer Sohn Ferdinando wurde sein Nachfolger, lebte zT im Deutschen Reich, machte Frieden mit Italien und den Savoias, die dann auch abgesetzt wurden. Nach ihm gab es einen Nachfolgestreit und seither zwei Linien, die eine (wichtigere) von Ranieri, die andere von Alfonso begründet. Nach Ranieri kam Ferdinando, seit ’08 ist dessen Sohn Carlo di Borbone delle Due Sicilie (der eine) Chef der Familie. Carlo nahm 02 gegen die Rückkehr des Sohns des letzten Königs von Italien, Vittorio Emanuele (“IV.”) di Savoia, nach Italien Stellung. Es gibt in Süd-Italien eine organisierte neo-borbonische Bewegung (Movimento Neoborbonico), die nicht nur einen monarchistischen, sondern auch einen sezessionistischen Charakter hat76; wie stark sie aber ist?

Eine Monarchie bietet im Idealfall ein Staatsoberhaupt, dessen Familie tief in der Geschichte des Landes verwurzelt ist, das für Kontinuität steht und oberhalb des Zanks der Politiker und Parteien. “Ein König denkt an die nächste Generation, während ein Präsident an seine Wiederwahl denkt”, sagt Robert de Prévoisin von der Alliance royale.77 In Frankreich hat eine Monarchie aber keine Chance mehr. Es gibt einige Länder, wo es für eine Restauration relativ viel Unterstützung gibt, etwa Rumänien, Bulgarien, Serbien78, Libyen. In Europa gibt es seit Langem nur noch konstitutionelle Monarchien79, ausser-europäische Monarchien sind noch meist absolut (Saudi-Arabien,…). Für eine Abschaffung der Monarchie sind diverse Commonwealth-Staaten Kandidaten.

Schloss Chambord wurde im 1. WK vom französischen Staat konfisziert, anscheinend weil sich die Bourbon-Parmas teilweise in Österreich-Ungarn aufhielten und auch dynastische Verbindungen zum Herrscherhaus des Kriegsgegners hatten.80 Die Bourbon-Parmas, unter Enrico/Heinrich/Henri, klagten dagegen, wurden nach langem Rechtsstreit entschädigt. Im 2. WK wurde die “Mona Lisa”, das vielleicht bekannteste Gemälde der Welt, aus dem Louvre in Paris vor deutschen Besatzungstruppen im Schloss Chambord in Sicherheit gebracht. Ein US-amerikanisches Kampfflugzeug stürzte in diesem Krieg auf das Schloss, heisst es. Nach dem Krieg wurde es restauriert81 Heute ist es eine Touristen-Attraktion, ein Höhepunkt unter den Loire-Schlössern. Als der Dichter Gustave Flaubert im 19. Jahrhundert durch die verwaisten Räume des riesigen Schlosses schlenderte, sinnierte er über dieses82

Es ist alles gegeben worden, so als ob niemand es haben oder behalten wollte. Es sieht aus, als ob es so gut wie nie benutzt worden und immer zu groß gewesen sei. Es ist wie ein verlassenes Hotel, in dem die Reisenden nicht einmal ihre Namen an den Wänden hinterließen.

 

 

Literatur & Links

Edmund Daniek: Die Bourbonen als Emigranten in Österreich (1965)

Samuel M. Osgood: French Royalism under the Third and Fourth Republics (2015)

Marc Bloch: Die wundertätigen Könige (1998; Vorwort von Jacques Le Goff). Original: Les Rois Thaumaturges (1924)

René Rémond: Les Droites en France (1954, 1968)

Jean-Paul Bled: Les Lys en exil ou la seconde mort de l’Ancien Régime (1992)

Pierre Bordage: Ceux qui sauront (2008). Alternativgeschichtlicher Roman, in dem Philippe VII. 1882 die Restauration der Monarchie gelingt

Joachim Ehlers: Die Kapetinger (2000)

Georges Poisson: Le Comte de Chambord Henri V (2009)

Jean-François Chiappe: Le Comte de Chambord et son mystère (1999)

Marvin L. Brown: The Comte de Chambord. The Third Republic’s Uncompromising King (1967)

Jean-Paul Gautier: La Restauration nationale: Un mouvement royaliste sous la 5e République (1958-1993) (2002)

Kevin Passmore: The Right in France from the Third Republic to Vichy (2013)

Jacques Le Goff: Reims, Krönungsstadt (1997; französisches Original 1986)

Michel Leymarie, Jacques Prevotat: L’Action Française, culture, société, politique (2008)

Léo Hamon und Guy Lobrichon: L’élection du chef de l’Etat en France. De Hugues Capet à nos jours (1987)

François-Marin Fleutot: Des Royalistes dans la Résistance (2000)

Bruno Goyet: Henri d’Orléans, comte de Paris (2001)

Felix Markham: The Bonapartes (1975)

Ariane Chebel d’Appollonia: L’extrême-droite en France: De Maurras à Le Pen (1998)

Klaus Malettke: Die Bourbonen (2008, 2 Bände)

Jens Ivo Engels: Kleine Geschichte der Dritten Französischen Republik (1870-1940) (2007)

Jacques Bernot: Les princes cachés: Histoire des prétendants légitimistes 1883-1989 (2014)

Julian Swann: Exile, Imprisonment, or Death. The Politics of Disgrace in Bourbon France, 1610-1789 (2017)

Martin S. Alexander: French History since Napoleon (1999)

Albert Soboul, Kurze Geschichte der Französischen Revolution (1977; 2000)

Georges Poisson: Les Orléans, une famille en quête d’un trône (1999)

Victor Nguyen: Aux origines de l’action française: intelligence et politique vers 1900 (1991)

Volker Sellin: Die geraubte Revolution. Der Sturz Napoleons und die Restauartion in Europa (2001). Hauptsächlich zur Restauration von 1814/15

Erik Durschmied: Der Untergang grosser Dynastien. Bourbonen, Romanows, Tennos, Habsburger, Pahlewis, Hohenzollern (2000)

Gabriel de Broglie: L’Orléanisme: la ressource libérale de la France (2003). Der Autor, ein Historiker, gehört zu der Adelsfamilie, aus der viele monarchistische Aktivisten kamen

Henri de Pène: Henri de France (1884)

Thierry Ardisson: Louis XX – Contre-enquête sur la Monarchie (1986)

Charles-Philippe d’Orléans: Rois en Exil (2012)

Martin Blinkhorn: Carlism and Crisis in Spain, 1931–1939 (1975)

Frederick Brown: For the Soul of France: Culture Wars in the Age of Dreyfus (2011)

Pietro Colletta, John A. Davis: The history of the kingdom of Naples. From the accession of Charles of Bourbon to the death of Ferdinand I. (2009, 2 Bände)

Julian Jackson: France: The Dark Years, 1940-1944 (2001)

Arnaud Chaffanjon: Les rois: Les dynasties qui ont fait l’histoire (1972)

Eugen Weber: Action Française : royalism and reaction in twentieth-century France (1962)

Emmanuel de Waresquiel: Les lys et la République: Henri, comte de Chambord (1820-1883) (2015)

Daniel de Montplaisir: Le Comte de Chambord, dernier roi de France (2008)

Cédric Tartaud-Gineste: Les Protestants royalistes en France au xxe siècle (2003)

Sarah Hanley: The “Lit de Justice” of the Kings of France: Constitutional Ideology in Legend, Ritual, and Discourse (2016)

Baptiste Roger-Lacan: Du royalisme politique au royalisme culturel: Attitudes de l’historien contre-révolutionnaire face aux bouleversements politiques de la fin du XIXe siècle (1866-1914). Masterarbeit Geschichte Sorbonne 2014

Jacques d’Orléans: Les Ténébreuses Affaires du comte de Paris (1999). Jacques d’Orléans schrieb ein wenig schmeichelhaftes Buch über seinen Vater Henri “VI.”

Daniel de Montplaisir: La monarchie: idées reçues sur la monarchie (2015)

Philippe Delorme (Hg.): Journal du Comte de Chambord (1846-1883) (2009)

Unbekannter Verfasser: Le comte de Chambord ou Henry V : notice historique et étude politique / par un montagnard (1871)

Wolfgang Schmale: Geschichte Frankreichs (2000)

Hans Urbanski: Asyl im alten Österreich (1990)

Dominique Lambert „de la Douasnerie“: Le drapeau blanc en exile. Lieux de mémoire (1833-1883). D’après de nombreux documents et témoignages inédits (1998)

Thankmar von Münchhausen: 72 Tage. Die Pariser Kommune 1871 – die erste “Diktatur des Proletariats” (2015)

Honoré Balzac: Glanz und Elend der Kurtisanen (1845)

Gustave Flaubert und Maxime Du Camp: Über Felder und Strände. Eine Reise in die Bretagne (1886)

Christopher Othen: Franco’s International Brigades: Adventurers, Fascists, and Christian Crusaders in the Spanish Civil War (2013)

Elfi Bendikat: Wahlkämpfe in Europa 1884 bis 1889: Parteiensysteme und Politikstile in Deutschland, Frankreich und Großbritannien (1988)

Henri Vaugeois: Un Français chez le Duc d’Orléans (1901). Vaugeois war einer der Gründer der AF

René de La Croix, duc de Castries: Le Testament De La Monarchie (V): Le Grand Refus Du Comte De Chambord: La Legitimmite et Les Tentatives De Restauration De 1830 a 1886 (1970)

Reinhard Schneider: Das Frankenreich (2001)

Daniel de Montplaisir, Jean-Paul Clement: Charles X (2015)

Sixte de Bourbon-Parme: Le traité d’Utrecht et les lois fondamentales du royaume (Dissertation, 1914)

H. von Costa: Tod, Leichenbegängniss und Ruhestätte weiland Sr. Majestät Karl X. Königs von Frankreich und von Navarra (1837)

Andrea Cavaletto: La monarchie imaginée: sur le royalisme dans l’idéologie de l’Action Française. In: Diacronie N° 16, 4 (2013)

Robert Zaretsky: In the Name of God and History: The Association Sully and Extreme Right-Wing Protestantism in France, 1933-1945. In: Historical Reflections / Réflexions Historiques Vol. 25, No. 1 (Spring 1999)

Tagungsbericht: Ludwig XIV.: Vorbild und Feindbild. Die Inszenierung und Rezeption der Herrschaft eines barocken Monarchen. Zwischen Heroisierung, Nachahmung und Dämonisierung (Historisches Seminar Albert-Ludwigs-Universität Freiburg 2015)

Über die aussenpolitischen Präferenzen des verhinderten Königs (auf Französisch); fundiert und eingehend, aber auch sehr parteiisch zugunsten von Artois

Französische Thronfolgeregelungen durch die Jahrhunderte

Über Schloss Chambord

Über die monarchistische Szene in Frankreich

Französische Thronanwärter seit 1792

Un roi de France nommé Henri V

Jean III de Bourbon, une histoire de la légitimité sous la IIIème république

Schloss Frohsdorf (“Petit Versailles”)

Über Joachim Barrande

Institut de la Maison de Bourbon (legitimistisch)

Unterstützer-Blog für die Orleans

Und noch einer

Der Blog des Grafen von Paris persönlich

Artikel von Maurras aus 1920 über Artois zum 100. Geburtstag von diesem

Royalistischer Blog

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Apanage ist eigentlich die Abfindung der nichtregierenden Mitglieder eines Adelsgeschlechts mit Landbesitz
  2. Eigentlich schon, als er unter Ludwig XVIII. erster Thronfolgekandidat wurde
  3. Auch wenn bis zur Revolution und in der Restaurations-Zeit regionale Herrschaften durch Adelige ausgeübt wurde
  4. “Le Bourgeois gentilhomme” von Moliere wurde 1670 in diesem Schloss ur-aufgeführt
  5. Nach anderer Darstellung bekam er das Schloss, im Zentrum Frankreichs, bereits bei seiner Geburt zugewiesen und nahm den Titel ab 1830, mit Beginn seines Exils, an
  6. Es sollen weitere ähnliche solche Münzen heraus gekommen sein
  7. Der Name “Niederösterreich” war damals schon gebräuchlich, wurde aber erst 1918 offiziell
  8. Unter Mitnahme eines beträchtlichen Vermögens
  9. Burg Pitten und Schloss Katzelsdorf bekam sie dazu, da diese Bauten Teil der Herrschaft Frohsdorf waren – das bedeutete bis 1848 eine Herrschaft über die Gegend und ihre Menschen
  10. Diese Gedanken entstanden in Zusammenhang mit einer Reise in die osmanische Levante
  11. Die Entstehung des Norddeutschen Bundes und der österreichisch-ungarische Ausgleich 1867 hingen natürlich miteinander zusammen
  12. 1848 war etwa kurz eine Änderung der Anordung der Farben in Gebrauch
  13. Victor Hugo war dagegen
  14. Es war im Deutsch-Französischen Krieg als Militärspital genutzt worden
  15. Wo seine Mutter gefangen gehalten worden war, s.o.
  16. Der vierte Sohn des Bürgerkönigs Louis-Philippe und der Maria Amalia von Neapel-Sizilien (Zwei Sizilien) war General, Historiker und Kunstsammler
  17. Wie konkret schon die Restauration bzw Henris Krönung vorbereitet wurde, zeigt dieses Detail: Louis Emile “Dick” Bazin, der Stallmeister von Artois, mit ihm im Exil in Österreich, wurde schon beauftragt, das Pferd, auf dem der künftige König zu seiner Krönung einreiten wollte, nach Paris zu bringen
  18. “J’ai conservé, Monsieur, de votre visite à Salzbourg un si bon souvenir, j’ai conçu pour votre noble caractère une si profonde estime, que je n’hésite pas à m’adresser loyalement à vous, comme vous êtes venu vous-même loyalement vers moi. Vous m’avez entretenu, durant de longues heures, des destinées de notre chère et bien-aimée patrie, et je sais qu’au retour vous avez prononcé, au milieu de vos collègues, des paroles qui vous vaudront mon éternelle reconnaissance. Je vous remercie d’avoir si bien compris les angoisses de mon âme, et de n’avoir rien caché de l’inébranlable fermeté de mes résolutions. Aussi, ne me suis-je point ému quand l’opinion publique, emportée par un courant que je déplore, a prétendu que je consentais enfin à devenir le roi légitime de !a Révolution. J’avais pour garant le témoignage d’un homme de cœur, et j’étais résolu à garder le silence, tant qu’on ne me forcerait pas à faire appel à votre loyauté. Mais, puisque, malgré vos efforts, les malentendus s’accumulent, cherchant à rendre obscure ma politique à ciel ouvert, je dois toute la vérité à ce pays dont je puis être méconnu, mais qui rend hommage à ma sincérité, parce qu’il sait que je ne l’ai jamais trompé et que je ne le tromperai jamais. Ma personne n’est rien ; mon principe est tout. La France verra la fin de ses épreuves quand elle voudra le comprendre. Je suis le pilote nécessaire, le seul capable de conduire le navire au port, parce que j’ai mission et autorité pour cela. Vous pouvez beaucoup, Monsieur, pour dissiper les malentendus et arrêter les défaillances à l’heure de la lutte. Vos consolantes paroles, en quittant Salzbourg, sont sans cesse présentes à ma pensée : la France ne peut pas périr, car le Christ aime encore les Francs, et, lorsque Dieu a résolu de sauver un peuple, il veille à ce que le sceptre de la justice ne soit remis qu’en des mains assez fermes pour le porter.” http://www.france-pittoresque.com/spip.php?article3493
  19. Gott öffne die Augen des Grafen (lass ihn doch noch einlenken), oder schliesse sie
  20. Die Zurückdrängung der kulturellen Eigenständigkeit des Südens (Okzitanien) begann in Folge der Niederwerfung der Katharer/Albigenser im 13. Jh, v.a. durch den entsprechenden Kreuzzug; 1271 fiel die Grafschaft Toulouse unter die direkte Herrschaft des französischen Königs. Die Langue d’oc wurde der langue d’oil unter geordnet. Ethnisch-sprachliche Minderheiten hielten sich an den Rändern Frankreichs (so wie Bretonen, Okzitanier oder Ethnien in später hinzu gekommenen Gebieten)
  21. Sie versinnbildlicht Jungfräulichkeit, Seelenreinheit, Unschuld; wurde mit den Merowingern in Zusammenhang gebracht
  22. Auch die Reichskrone wird auf diesen Karl zurück geführt
  23. Unter Papst Gregor VII. wurde das aufgehoben, der König wieder als Laie gesehen, kehrte dann zurück
  24. Englische/britische Könige beanspruchten noch bis 1800 den französischen Thron; und Calais wurde erst 1558 von Frankreich zurück erobert
  25. Und die Co-Herrschaft über Andorra, die Henri als König von Navarra damals mit einbrachte, ging auf die französischen Könige über, später auf die Präsidenten
  26.  Sicilia ulteriore, das eigentliche Sizilien, und Sicilia citeriore, das Festland-Süd-Italien, ehem. Kgr. Neapel; in einer päpstlichen Bulle aus 1265 war von Sizilien diesseits und jenseits des Leuchtturms von Messina (lateinisch Regnum Siciliae citra et ultra Pharum) die Rede
  27. Es wurde auf Grundlage der Verfassung die Legislativ-Versammlung gewählt, die erste Wahl in der Geschichte Frankreichs
  28. Nur damit kein schiefer Eindruck entsteht: Der Nationalkonvent liess 1794 auch die Sklaverei in den Kolonien abschaffen
  29. > Robert Pachmann, Franziska Schanzkowska/Anna Anderson,… Im Fall von Louis Charles de France gab/gibt es auch viele weitere angebliche Nachfahren
  30. Ihr Führer Louis de France (XVIII.) war diesbezüglich aber recht aufgeschlossen
  31. Die Loyalität des Militärs zu ihm war ein Fragezeichen (gewesen)
  32. Campbell nahm dann an der Waterloo-Schlacht teil
  33. “Les Miserables” wie auch “Der Graf von Monte Christo” spielen grossteils in dieser Zeit
  34. D’Orleans ging, eingewickelt in einen Trikolore-Schal und mit einem vorausgehenden Trommler, zu Fuss zum Hôtel de Ville, wo er von La Fayette öffentlich umarmt wurde
  35. In “Glanz und Elend der Kurtisanen” kritisierte er die Omnipräsenz der Polizei unter Napoleon und seinem Minister Fouché
  36. Die Kreuzzüge, an denen Frankreich auch teil nahm, waren auch eine Form von Kolonialismus und Imperialismus gewesen. Die Gebiets-Erweiterungen Frankreichs am Kontinent (Elsass, Korsika,…) werden normalerweise nicht in diesem Kontext gesehen. Die napoleonischen Kriege schon eher. Ein guter Überblick hier: https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_French_possessions_and_colonies#/media/File:Anachronous_map_of_the_All_French_Empire_(1534_-1970).png
  37. Als er 1815 endgültig abtreten musste, ernannte er seinen Sohn Napoleon “II.” zu seinem Nachfolge. Dieser war in Österreich unter der Obhut der Familie seiner habsburgischen zweiten Frau, starb jung und unverheiratet
  38. Daneben hatte Napoleon Bonapartes Bruder Luciano/Lucien eine eigene, konkurrierende Linie begründet. Eine Urenkelin dieses Lucien war eine Freundin von Freud
  39. Wie Gustave Eiffel Nachkomme von Einwanderern aus Deutschland
  40. Diesen Umbruch schilderte Giuseppe Tomasi di Lampedusa in seinem historischen Roman “Der Gattopardo”
  41. König Spaniens wurde dann ein Savoia, es folgte die 1. Republik; durch den Spanisch-Amerikanischen Krieg Ende des Jahrhunderts verlor Spanien endgültig seine Grossmacht-Rolle
  42. Es gab viele instabile Regierungen und oftmalige Wechsel in der 3. Republik
  43. Zu den Bedingungen, zu denen ihm die Nationalversammlung die Krone anbot, wollte er sie nicht; und die NV nicht eine Restauration zu Henris Bedingungen
  44. Vielleicht gebührt ihm Respekt für seine Offenheit und dass er nicht auf leisen Sohlen an die Macht gekommen ist um dann seine ultrakonservativen Vorstellungen umzusetzen, sondern diese immer vor sich her getragen hat
  45. Das Parlament bestand von da an aus 2 Kammern, Senat und Abgeordneten-Kammer; und Nationalversammlung hiess nunmehr das Parlament als Ganzes bzw bei einer gemeinsamen Sitzung; das Wahlrecht wurde auf alle Männer ausgedehnt
  46. Vor der Revolution gab es den “Marche de Henri IV”, der eine Art Hymne der französischen Monarchie war
  47. Heute feiern eine Menge Staaten an ihrem Nationalfeiertag die Unabhängigkeit von Frankreich
  48. Bosco und Artois hatten sich 1878 in Görz kennen gelernt; der Monarchist Du Bourg wurde nach Turin geschickt um ihn zu holen; Bosco wurde 1929 vom Papst selig- und 1934 heiliggesprochen
  49. Dann war natürlich Henri der letzte herrschende König aus der Bourbonen-Hauptlinie, und nicht Charles
  50. Der Politiker Herve de Charette stammt aus dieser adeligen, monarchistischen Familie; er war, als UDF-Politiker, Aussenminister unter Juppé, wechselte dann zu UMP, NC, UDI
  51. Darüber hier etwas, sehr parteiisch (nicht nur legitimistisch, sondern auch das Lager des spanischen Bourbonen unterstützend) und auf Französisch: http://beaudricourt.hautetfort.com/archive/2010/10/28/archives-le-droit-monarchique.html
  52. Das salische Thronfolgerecht wurde erstmals im Frankreich des 14. Jh schlagend/angewendet, im Erbfolgestreit der eine Ursache für den 100-j. Krieg mit England war
  53. Bei den Orleans waren solche Familien-Angehörige von der Thronfolge ausgeschlossen, die in ausländische Adelshäuser geheiratet hatten, was u.a. in den Fürstenhäusern von Portugal und Brasilien (Braganca) und Belgien (Sachsen-Coburg-Gotha) der Fall war; in Albanien war 1913 auch ein Orleans im Gespräch
  54. Dazu kam es nicht, aber Ludwig konnte mit dem Geld weitere Schlösser bauen lassen
  55. Moderate und radikale Republikaner fusionierten 1885 zur Demokratischen Union
  56. Wie erwähnt, war Carlos 1868 karlistischer Chef geworden, 1887 nach dem Tod seines Vaters französischer Legitimisten-Anwärter
  57. Schloss Katzelsdorf verkaufte er, um seinen aufwendigen Lebensstil finanzieren zu können
  58. Schloss Schwarzau wurde 1951 von Elias von Bourbon-Parma an Österreich verkauft; es wurde ein Frauengefängnis
  59. Manche sagen sogar, jakobinisch
  60. Seine Überreste wurden 1958 von seinem Nachnachfolger von England nach Frankreich überbracht
  61. Die ARD benannte sich immer wieder um, u.a. in Alliance démocratique (AD); sie bezog sich auf Leon Gambetta, der 1881/82 an seinem Lebensende Ministerpräsident war; einer ihrer Sptzenleute war Raymond Poincaré
  62. Der 1908 gegründete Kampfverband der Jugendorganisation der Action française hiess Camelots du roi, Pagen des Königs
  63. Siehe dazu das Buch von Othen
  64. Ihre Zeitung bestand bis 1944 weiter
  65. Die in einen Bürgerkrieg über ging und von der Franco-Diktatur abgelöst wurde
  66. Der Invalidendom diente damals der Wehrmacht als Kaserne, gleichzeitig versteckten sich Piloten alliierter Mächte und Mitglieder der Résistance darin, in der Kuppel
  67. 1951 schickte er einen Kranz, mit dem napoleonischen “N” zum Begräbnis von Wilhelm von Preussen, Sohn des dritten Kaisers, Urenkel von jenem Wilhelm, unter dem 1870 die Bonapartes gestürzt wurden und Frankreich besetzt
  68. Übrigens, der Schauspieler „Coluche“, Michel Colucci, kündigte 1981 seine Kandidatur für die Präsidentschafts-Wahl an, zog dann zurück. In Prognosen gab man ihm immerhin 10%
  69. Zur Zeit der Erfolge von Francisco Fernandez Ochoa
  70. In dessen Vorfeld gab Jaime de Borbon, der französisch-legitimistische Anwärter, seine (ohnehin nie erhobenen) Ansprüche auf den spanischen Thron auf
  71. Ansonsten benutzt er aber die Titel, die man seinen Vorfahren zugeteilt hat…
  72. Im Krieg gegen England gebaut, als die Grenze zur damals englischen Normandie dort verlief
  73. Thailand steckt gerade mitten in dieser Entwicklung
  74. Aber auch diverse Minderheiten und Einwanderer (kamen v.a. im 19. und 20. Jh.) sind in der FN vertreten, von (den weitgehend assimilierten) Elsässern über Juden zu Maghrebinern
  75. Verbreitet ist eine Gegnerschaft zur europäischen Einigung, die von den Wurzeln her eine deutsch-französische ist
  76. Gewissermaßen die südliche Entsprechung zur Lega Nord
  77. > http://www.rtl.fr/actu/politique/qui-sont-les-royalistes-en-france-en-2016-7783121504 Artikel über Monarchisten in Frankreich heute
  78. Wo es eigentlich auch zwei regierende Königshäuser gab, die Obrenovic spielen aber schon lange keine Rolle mehr
  79. Am ehesten in Frage gestellt ist das noch in Zwergstaaten wie Monaco und Liechtenstein
  80. Dabei versuchte Sixtus von Bourbon-Parma, Sohn des Schloss-Erben, seine Schwester Zita war mit dem österreichischen Kaiser verheiratet, dann in diesem Krieg, zwischen Mittelmächten und Entente zu vermitteln bzw übermittelte das Verhandlungsangebot seines Schwagers
  81. Zu einem Zeitpunkt als eine Restauration der Monarchie in Frankreich schon ziemlich aussichtslos war
  82. In: Über Felder und Strände. Eine Reise in die Bretagne

Die spanische Transición

Spanien musste nach dem Tod Francisco Francos 1975 40 Jahre Diktatur (“Estado Español”) und Krieg (der ihr vorausging) überwinden. Wichtigster Akteur war dabei der vom Diktator eingesetzte König Juan Carlos, der von den drei Optionen “Kontinutät”, “Bruch” und “Reform” letztere wählte. Hier geht es um diese Demokratisierung, auch im Vergleich mit anderen, etwa jener im benachbarten Portugal (die andere Diktatur in Westeuropa nach dem 2. Weltkrieg), aber auch mit der in Südafrika nach der Apartheid, ca. 20 Jahre später.

Die Ausgangslage

Unter Vicente Tarancon, der 1971 Erzbischof von Madrid wurde, rückte die katholische Kirche Spaniens etwas vom Franco-Regime ab. Durch den schlechten Gesundheitszustand des “Caudillos” geriet sein Regime in seinen letzten Jahren, ab Ende der 1960er, in eine Krise. Ein Machtvakuum entstand, lange bestehende interne Streitigkeiten und Richtungskämpfe wurden grösser. Etwa zwischen Wirtschaftsdirigismus und Kapitalismus, zwischen Konservativen und Moderaten. Mit der Bindung an die USA nach dem 2. Weltkrieg hatte sich eigentlich die Marktwirtschaft durchgesetzt. Der Schwenk von Hitler zu Eisenhower brachte für das Regime auch ein Ende der Isolation und schloss die Möglichkeit eines militärischen Konfliktes mit einem anderen Staat praktisch aus.

Die “kommunistische Bedrohung” war für Franco ein “Platzhalter”, wie für das Apartheid-Regime in Südafrika. Wie sehr Franco-Spanien die meiste Zeit der USA verbunden waren, kommt auch darin zum Ausdruck, dass Blas Piñar, damals Chef des Spanischen Kulturinstitutes, nach Kritik an amerikanischer Aussenpolitik nach einer Reise in frühere spanische Kolonien in Lateinamerika und die Philippinen entlassen wurde. Er blieb dem Regime aber treu, über dessen Ende hinaus. Dass Spanien unter Franco Rückzugsgebiet für Diktatoren und Faschisten (Peron, Pavelic, Degrelle, Remer, Skorzeny,…) war, spielte bei seiner Unterstützung durch die USA natürlich auch keine Rolle.

Die Frage der Nachfolge Francos als Staatsoberhaupt (nicht aber das künftige politische System) war seit 1969 entschieden, als sich das Regime auf Juan Carlos de Borbón y Borbón(-Dos Sicilias) festlegte. Sein Grossvater, König Alfonso XIII., musste 1931, mit Beginn der Zweiten Republik, abtreten und in das Exil. Von dort unterstützte er den Aufstand gegen die Republik bzw die nationalistische Seite im Bürgerkrieg, wie die meisten Monarchisten. 1941 wurde, kurz vor Alfonsos Tod, sein Sohn Juan de Borbon sein Nachfolger als Chef des Familienhauses und Anwärter auf den spanischen Thron. Franco hatte noch während des Krieges erklärt, dass er keine Restauration der Monarchie unter Alfonso anstrebe. Das lag zum Teil daran, dass die Karlisten, die die Ansprüche eines anderen Zweigs der spanischen Bourbonen unterstützten, fester Bestandteil der von ihm geführten rechten Koalition waren.

Der Karlismus geht auf einen Thronfolgestreit im 19. Jahrhundert zurück, als König Ferdinand (Fernando) VII. die Regelung (bezüglich weiblicher Thronfolge, eine “semi-salische”) so abänderte, dass ihm seine Tochter Isabella (Isabel) und nicht sein Bruder Karl (Carlos) auf den Thron folgen würde. Bei den Karlisten-Kriegen stand die Thronfolge im Vordergrund, eigentlich ging es aber um das System; Carlos und seine Anhänger waren für absolute Königs-Herrschaft. Sie unterlagen. Der Karlismus wurde dann eine friedliche konservative politische Bewegung, Carlos de Borbon begründete die Linie der karlistischen Thronanwärter, die in “Opposition” zur regierenden spanischen Bourbonen-Hauptlinie standen/stehen. Zur Zeit der 2. Republik söhnte sich der karlistische Prätendent Alfonso Carlos de Borbon mit dem gestürzten König Alfonso (XIII.) aus. Deshalb und weil Alfonso Carlos ohne Nachkommen starb, erlosch für einen Teil der Karlisten der Anspruch und die Bewegung, der andere Teil (der grössere) erhob den Chef des Hauses Bourbon-Parma, Xavier/Javier, auf ihr Schild. Javier, Sohn des letzten Herrschers von Parma vor dem italienischen Risorgimento, war über seine Mutter, eine Borbone-Due Sicilie, nahe mit Alfonso Carlos verwandt, über den Vater weitschichtig.

Im Bürgerkrieg 1936-39 stellten die Karlisten eine “Requetes” genannte Miliz auf, danach wurde ihre Organisation mit der Falange vereinigt; jener Partei die bei der Wahl 1936 0,7% der Stimmen und keinen Sitz im Parlament erhielt und sich dann dem Staatsstreich der Truppen aus Spanisch Marokko anschloss. Sie waren im Franco-Regime und im “Movimiento Nacional” eine Fraktion, der Karlist Bilbao war etwa lange Parlamentspräsident. Für Franco waren sie als Druckmittel gegenüber der spanische Bourbonen-Hauptlinie wichtig. Nachdem dieser nach Kriegsende die Hoffnungen auf eine Restauration der Monarchie enttäuschte, erklärte “Don” Juan de Borbon, der Vater von Juan Carlos, gegenüber dem General, dieser solle nicht einen totalitären Staat konzipieren sondern zur konstitutionellen Monarchie zurückkehren.

Nach einem Referendum 1947 wurde Spanien zur Monarchie erklärt, für die Zeit nach Franco, mit wem, wurde offen gelassen. Der Caudillo würde den einsetzen, der seine Prinzipien am ehesten fortführen würde. Trotz ihrer gravierenden Meinungsverschiedenheiten brachen die exilierten Borbons und Franco nicht miteinander; im Jahr dieser Nachfolge-Weichenstellung kamen sie überein, Juan Carlos in Spanien ausbilden zu lassen. Als die Nachfolge-Frage für Franco allmählich ernst wurde, hatte er zur Auswahl: Juan, Juan Carlos, den Karlisten Xavier/Javier de Bourbon-Parma, den Chef des Hauses Habsburg (die ja vor den Bourbonen in Spanien geherrscht hatten), Otto, sowie eine (de facto republikanische) Fortführung seines Regimes mit einer Person daraus, wie dem etwas jüngeren Luis Carrero Blanco.

Gemäßigte Monarchisten und Konservative entfernten sich zusehends vom Regime (offen/verdeckt), Juan de Borbon unterhielt zu diesem Teil der Opposition Kontakte, galt als Demokrat, wurde deshalb übergangen. Juan Carlos, der ein unbeschriebenes Blatt war bzw als noch formbar galt, musste nach seiner Ernennung 1969 auch einen Eid auf die franquistischen Prinzipien leisten. Von da an bis Francos Tod trat er öffentlich an dessen Seite auf (Foto), vertrat ihn 1974 und 1975 bei einigen Gelegenheiten interimsmäßig als Staatsoberhaupt während Verschlechterungen von dessen Gesundheit.

Der möglicherweise wichtigste Unterschied zwischen den Diktaturen in Portugal (“Estado Novo”) und Spanien war die Bedeutung der Kolonien. Für Portugal spielten sie eine integrale Rolle, nicht nur für das Regime, das Land bezog seine Bedeutung aus ihnen, ohne sie war es ein unbedeutender Randstaat Europas. Für Spanien spielten die Kolonien nach der Niederlage gegen die USA Ende des 19. Jh. und dem damit verbundenen zweiten Entkolonialisierungsschub eine nebensächliche Rolle; es waren noch einige in Afrika geblieben. Die Entkolonialisierung Portugals in den 1960ern und 1970ern lief blutiger als jene Spaniens ab, die Kriege schwächten das Regime, brachten es mit zu Fall; sie kam infolge des Umsturzes zum Abschluss. Spaniens Ent-Kolonialisierung begann 1956, als mit der Unabhängigkeit des französischen Marokko auch das spanische unabhängig wurde (nicht aber die Enklaven im Norden und Süden). Sie war kurz vor dem Tod des Diktators (der zum Ende der Diktatur führte) vollbracht.

Der schon erwähnte Carrero Blanco war die Nr. 2 im Regime, redete auch bei der Nachfolgefrage, der Entscheidung zugunsten Juan Carlos, mit. Mitte 1973 trennte Franco die Ämter des Staatsoberhaupt und des Regierungschefs, die er bislang beide ausgefüllt hatte, und machte Carrero zum Premierminister; eine Vorkehrung für die Zeit nach ihm. Wenige Monate danach wurde Carrero von der ETA getötet. Die Organisation war 1959 gegründet worden, ein Aufbegehren gegen die Unterbindung jeder Auslebung von baskischer Kultur. 1968 begann sie mit Anschlägen auf Repräsentanten der franquistischen Dikatur. Für internationales Aufsehen sorgte der Prozess von Burgos 1970 gegen ETA-Mitglieder, der mit Todesurteilen endeten (die später umgewandelt wurden).

Bei dem Attentat an Carrero in Madrid gruben ETA-Aktivisten einen Tunnel aus einer Wohnung, die sie als “Bildhauer” gemietet hatten. So erregten die Bohrarbeiten keinen Argwohn oder Aufsehen. Unter einem Kanaldeckel brachten sie eine Sprengladung an, die unter Carreros Auto gezündet wurde, als dieser von seinem täglichen Kirchenbesuch kam. Das Auto wurde 20 m in die Luft geschleudert, dann über ein Haus in den Innenhof eines Klosters. Ein Flüsterwitz unter Oppositionellen damals war, Carrero sei Spaniens erster Astronaut. Eine ernste (wenngleich hypothetische) Frage ist, ob Carrero als Premier, den Juan Carlos übernehmen musste, den Übergang zur Demokratie, die Transición, verhindern hätte können.

Der Beginn dieses Übergangs wird manchmal schon mit Carreros Tod angesetzt. Sein Nachfolger Arias Navarro war wie er schon im Bürgerkrieg beteiligt gewesen, als Ankläger in politischen Prozessen nach der Einnahme Malagas, die zu sehr vielen Todesurteilen (17 000) führten. Später war er lange Bürgermeister von Madrid gewesen. Mit Carreros Tod wuchsen die Spannungen im Regime weiter, u.a. zwischen “Bunker” (Arias,…) und Reformern (Fraga,…). Manche hielten einen evolutionären Übergang Spaniens zu einer Demokratie noch unter Franco für möglich. Manuel Fraga hatte als Informations- und Tourismusminister in den 1960ern die Filmzensur gelockert, wurde dann Botschafter. Unter Arias fanden die letzten Exekutionen statt, im September 1975, an 5 Mitgliedern der ETA und der linksextremen FRAP, durch Erschiessen; im Jahr davor gab es die letzten Garottierungen, an dem Anarchisten Puig und einem zivilen Mörder.

Dass das System in Portugal weniger totalitär war, zeigt sich auch darin, dass es die dort früh abgeschaffte Todesstrafe nicht wieder einführte. Die dortige Diktatur, in den letzten Jahren v.a. von Premier Caetano getragen, wurde dort gestürzt (Nelkenrevolution), eineinhalb Jahre vor Francos Tod. Drei Monate später (Juli 1974) übergab die griechische Junta die Macht an Karamanlis, der Premier wurde. Einige Protagonisten des Estado Novo setzten sich während/nach dem Umsturz nach Spanien ab. Arias, beunruhigt über die Ereignisse im Nachbarland, erwog damals eine Invasion in Portugal.

F. Franco & J. C. d. Borbon 1973
F. Franco & J. C. d. Borbon 1973

Der Beginn

Franco soll am Lebensende keine Gewissensbisse gehabt haben und auch gewusst haben, dass der Franquismus mit ihm zu Ende geht, trotz aller Vorkehrungen. Im Krankenhaus De la Paz in Madrid wurden am 20. November 1975 die lebenserhaltenden Geräte abgeschalten, ca. 1 Monat nach seinem letztem Auftritt. Danach gab Premier Arias seinen Tod im Rundfunk bekannt. Bezüglich dieses Tages hatte es, verstärkt in den Wochen davor, Befürchtungen wie Hoffnungen gegeben. 2 Tage später wurde Juan Carlos de Borbón y Borbón in den Cortes als König Juan Carlos I. vereidigt, wurde die Monarchie nach 44 Jahren wieder hergestellt – der Beginn der Transicion. Juan Carlos war in einer Art Zwickmühle. Die Linken waren traditionell gegen die Monarchie, die Franquisten misstrauten ihm, manche Monarchisten wollten seinen Vater oder einen Karlisten, viele Demokraten sahen in ihm eine Marionette Francos.

De Borbon musste schon in letzten Jahren Francos eine Gratwanderung vollziehen, die sich nach dem Tod des Caudillos fortsetzte: die Franquisten nicht gegen sich aufbringen, gleichzeitig die Demokraten nicht vor den Kopf zu stossen. Dem Chef der kommunistischen Partei (PCE), Santiago Carrillo, soll er später gesagt haben, er habe sich bei Treffen mit Franco dumm gestellt. Seine Rede vor den Cortes nach seiner Vereidigung markiert den Beginn seines Balanceaktes, sie war voll mit vorsichtigen Andeutungen und Zweideutigem. Am 27. 11., nach dem Begräbnis des Diktators im “Valle de los Caídos”, fand die Krönungsmesse statt, zelebriert von Kardinal Tarancona, mit internationalen Staatsgästen wie USA-Vizepräsident Nelson Rockefeller, dem britischen Königingemahl Philip of Mountbatten-Windsor, BRD-Präsident Scheel, dem französischen Präsidenten Giscard d’Estaing. Danach Militärparade und Bankett. Der König trat wie bei seiner Vereidigung in seiner militärischen Uniform auf, und mit Gattin und den drei Kindern.

1 Woche nach seinem Amtsantritt gewährte er Amnestie für einen kleinen Teil der politischen Gefangenen, wie dem linken Gewerkschafter Marcelino Camacho, der 14 Jahre im Gefängnis war. Dies umfasste auch die Umwandlungen der Strafe von zu Tode Verurteilten. Hier bekannte er erstmals Farbe. Seine erste wichtige Personalentscheidung war die Ernennung von Torcuato Fernandez-Miranda zum Parlamentspräsidenten (Sprecher der Cortes) und Präsidenten des Thronrates (Consejo del Reino), der im franquistischen Regelwerk, das ja noch immer galt, eine ziemlich wichtige Institution war. Ein Veteran des Bürgerkriegs, war der Jurist ein Erzieher des Königs gewesen, dann Generalsekretär der Staatspartei im Ministerrang, 1973 ein Kandidat für die Nachfolge Carreros (was er interimsmäßg wurde, bis zur Ernennung Arias’).

Borbon schlug den Weg ein, den er fortsetzen sollte, einen behutsamen Umbau, anstatt einen Bruch zu riskieren, die Einbeziehung jener Franquisten, die für einen gewissen Wandel aufgeschlossen waren, und die Beschwichtigung jener, die das nicht waren. In einer vergleichbaren Zwickmühle war Nelson Mandela, als er 1994 Präsident Südafrikas wurde; eigentlich auch schon in den Jahren davor, nach seiner Freilassung. Anthony Sampson in seiner Biografie: “Von Anfang an stand Mandela vor dem Balanceakt, die weisse Elite zu beruhigen, ohne die schwarzen Massen vor den Kopf zu stossen.” Beide leiteten die Demokratisierung vorsichtig, auf Konsens und Versöhnung ausgerichtet.

In den Wochen nach Francos Tod gab es Demonstrationen und Streiks für Lohnerhöhungen, obwohl diese noch immer verboten waren, politische Forderungen kamen hinzu, teilweise wurden sie mit Gewalt niedergeschlagen. Im Dezember beauftragte Borbon Arias damit, als Premier (vorläufig) weiterzumachen. Arias war der konservativste der vom Thronrat vorgeschlagenen Kandidaten, die anderen beiden, Fraga und Areilza, waren reformorientierte Franquisten. Arias durfte/musste seine Regierung neu bilden, hier sprach der König nun ein Wort mit; sie enthielt Hardliner wie Vizepremier De Santiago (ein Militär) und Reformer wie Innenminister Fraga (der auch Vize-Premier wurde) und Areilza, der Aussenminister wurde. Adolfo Suárez González, ein langjähriger Funktionär der franquistischen Staatspartei F.E.T. y de las JONS (“Movimiento Nacional”), gehörte der Regierung als deren neuer Generalsekretär ebenfalls an.

Ende 1975, Anfang 1976 kamen die meiste Parteien aus dem Untergrund bzw Exil, hielten Kongresse und Veranstaltungen ab, vor ihrer Legalisierung. Im März 1976 schlossen sich die beiden Dachorganisationen der Demokraten, Junta Democrática und Plataforma de Convergència Democràtica zur Platajunta zusammen. Die sozialistische PSOE hatte 1974 auf ihrem Kongress in einem Pariser Vorort Felipe González zum Generalsekretär gewählt (eine wichtigere Funktion als Parteipräsident), was einen Sieg des jungen Reformflügels bedeutete. Im Dezember 1976 hielt die PSOE in Madrid einen Parteikongress ab (den 27., Motto “Socialismo es libertad”), den ersten in Spanien seit dem 13. (1932), als Francisco Largo Caballero noch Parteiführer war.

Der südafrikanische ANC musste nach seinem Verbot durch das Apartheid-Regime 1960 ähnlich lange warten, bis er wieder eine Konferenz im Lande abhalten konnte, von 1959 bis 1991. Blas Pinar, von Franco in die Cortes und den Nationalrat des Movimiento berufen, gründete 1976 die rechtsextreme Fuerza Nueva (FN). Teil des Zerfalls des Movimiento war auch die Gründung der Alianza Popular (AP) durch Manuel Fraga Iribarne (der damals als Innenminister kleine Reformschritte unternahm) und andere gemäßigtere Franquisten, solche, die grundsätzlich für eine Demokratisierung waren.

Das Militär war eine Stütze des Systems gewesen, mit wenig Schlagkraft nach aussen, darauf ausgerichtet, das Regime gegenüber inneren Feinden zu verteidigen. Offiziell war Franco-Spanien im 2. Weltkrieg neutral geblieben, deswegen und weil der Kalte Krieg schon begann, wurde er von den West-Alliierten an der Macht belassen. Das Regime hatte nach der Niederlage des Faschismus in Europa eine Invasion befürchtet; es wurde aber bald von diesen Mächten, v.a. der USA, aufgepeppelt. Die Bindung an die USA brachte eine gewisse Modernisierung für das spanische Militär. Wichtiger, mit diesem Rückhalt gab es praktisch keine äussere Bedrohung mehr. Das Militär wurde ein reines Unterdrückungsinstrument gegenüber der eigenen Bevölkerung, Spanien “ein Militärstaat, der mit Teilen seines Volkes im Kriegszustand lebte”, wie es der Historiker Salvador de Madariaga ausdrückte.

Der Anteil der Minister im Regime, die Militärs waren, erreichte 1945 mit 50% einen Höchststand. Anfang der 1970er waren es 11%. Opposition gegen die Ausrichtung der Institution gab es in deren oberen Rängen kaum, auch wenn der “Bunker” 1974 die Entlassung des Generalstabschefs erzwang, den er verdächtigte, ein spanischer Spínola werden zu können, Manuel Diez Alégria. Juan Carlos, der militärisch ausgebildet worden war, wurde als Francos Nachfolger auch Oberbefehlshaber der Fuerzas Armadas Españolas. Der Übergang der Loyalität zu ihm funktionierte. Das Heer musste sich auf eine ganz neue Rolle einstellen: keine Mitbestimmung der Politik mehr, sondern eine Bestimmung der Politik über sie, noch dazu einer, die viele seiner Angehörigen ablehnten; ähnlich wie beim türkischen Militär unter Erdogan.

Mit der Wahl von 1977 verschwanden die Offiziere aus dem Parlament. Der Unterschied zu Südafrika ergab sich hier zum einen daraus, dass De Klerk als Präsident 1989 bis 1994 bereits einen Teil der Demokratisierung leitete, auch in den Streitkräften Umstrukturierungen vornahm (u.a. personelle). Zum anderen wurden diese nach der freien Wahl 1994 mit den bisherigen Feinden aus dem Land vereinigt; in Spanien wäre das undenkbar gewesen, allerdings auch deshalb weil es kaum eine Anti-Regime-Guerilla gegeben hatte. Die nunmehrige SANDF behielt die bisherige Führung, bekam eine neue politische Aufsicht, mit Nelson Mandela an der Spitze, spielte entgegen manchen Befürchtungen keine destruktive Rolle, trug den Wandel des Landes mit bzw wurde Teil davon.

Mitte 1976 wurde Arias vom König und Demonstranten zum Rücktritt gedrängt. Nach dem Vorschlag des Thronrats unter Fernandez ernannte Borbon Adolfo Suarez zum Nachfolger als Premierminister. Suárez war zum Movimiento gegangen, als das für politisch ambitionierte junge Männer der einzige Weg gewesen war (ausser vielleicht eine linksradikale Splittergruppe im Untergrund), kam ins Parlament, führte die Rundfunkanstalt, war 75/76 nach Francos Tod Generalsekretär des Movimento (im Ministerrang; der vorletzte). Arias ging zu Fragas Alianza Popular. Suarez wurde der wichtigste Verbündete des Königs bei der Demokratisierung, als ein Mann, dem die Stützen des bisherigen Systems vertrauten, konnte er den entscheidenden Schritt wagen. Dieser war das “Gesetz für politische Reform”, ein Fahrplan bzw die Vorbereitung für/auf eine freie Wahl und die Ausarbeitung einer neuen Verfassung.

Entscheidende Schritte

Es beinhaltete neben der Zulassung von Parteien und Gewerkschaften (noch nicht die kommunistische PCE) auch Amnestie für politische Gefangene und ein Ende der Zensur. Die franquistisch ernannten Cortes und der Nationalrat (Consejo Nacional) des “Movimento Nacional”, der quasi als Oberhaus fungierte, mussten damals alle Schritte genehmigen, auch diesen, der auf ihre Entmachtung hinauslief. Durch das geschickte Zusammenspiel von Borbon, Suarez und Fernandez gelang das. Nachdem das Reformgesetz auch vom Volk in einem Referendum angenommen wurde, trat es Anfang 1977 in Kraft. Dann konnte Suarez auch das “Movimento” auflösen und eine Mitte-Rechts-Partei gründen bzw zusammenschliessen, die UCD, aus diversen neu entstandenen kleineren Parteien. Teile des Movimiento gingen zur UCD, andere zu AP oder FN. Die karlistische CT entstand neu, auch andere am rechten Rand.

Der Transitions-Prozess wurde begleitet (und gefährdet) von Gewalt von rechts und links. Neben der ETA war da die kommunistische GRAPO, die es auf Protagonisten des alten Regimes abgesehen hatte, etwa 1980 General Armengol umbrachte. Der Rechtsterror wollte wahrscheinlich auch eine Störung des demokratischen Prozesses erreichen, eine Intervention der Armee provozieren. 1976 gab es einen Anschlag auf eine Veranstaltung des linken “Flügels” der Karlisten. Carlos Hugo, Sohn von Prätendent Javier, war in den 1960ern von seinem Vater sowie Franco abgerückt, wurde 1975 Nachfolger seines Vaters; sein linker Kurs mündete in die Gründung der Karlistischen Partei (Partido Carlista, PC), die v.a. in Navarra stark war, wo sich der Anschlag auch ereignete. Beim rechten Anschlag auf den Atocha-Bahnhof 1977 war auch die “Gladio”-Organisation beteiligt. Die Befürchtungen gingen bis zu einem Wiederaufleben des Bürgerkriegs, dessen Fronten noch immer bzw wieder aktuell waren.

Um “Der letzte Tango von Paris” zu sehen (1973), fuhren zehntausende Spanier noch nach Perpignan in Frankreich, mit dem Reformgesetz wurde auch das anders. Filme von Luis Bunuel kamen endlich auch in Spanien ins Kino. Und, das “Playboy”-Magazin wurde in Spanien erhältlich. Franquisten zogen solche Folgen der Demokratisierung auch heran, um auf die “Verdorbenheit” des Westens hinzuweisen und ihre Ideologie anzupreisen. Jesús Fueyo, Mitglied des Movimiento-Nationalrats, schrieb in einem Rechtsblatt, dass Spanien (“unter dessen Sonne sich Millionen dieser Porno-Europäer bräunen”) wieder einmal allein auf sich gestellt sei, alle “wahren Werte der zivilisierten Welt” zu verteidigen, das “korrupte und sodomistische Europa” vor der “imperialistischen euro-asiatischen Revolution Moskaus” zu verteidigen. Pinar sprach von einer “schurkischen Freiheit”. Die Anwürfe der Franquisten ähneln Tiraden von heutigen Islamisten und rechten Islamophoben. Der Umgang mit diesen Anwürfen erinnert wiederum an islamophobe Muster; wenn etwa “Der Spiegel” (41/1975) vom “spanischen Machismo” oder “Rückständigkeit” schreibt. Kardinal Tarancon dürfte zur Demokratisierung gestanden sein, die Kirche als Ganzes war gespalten.

Die Frage der Wieder-Zulassung der PCE war eine sehr bristante (wie in Südafrika 1990 jene der SACP!). Ihr Vorsitzender Carrillo war seit November 1976 wieder im Land, traf sich mit Suarez. Knapp vor der Wahl 1977 wurde sie schliesslich zugelassen. Der Schritt wurde zu Ostern vorgenommen, in der Semana Santa (Karwoche), weil da die Kasernen leer waren! Der Marineminister, Admiral Veiga, trat darauf hin zurück, auch Parlamentspräsident Fernandez. Im Juni 1977 wurde in Spanien das Mal seit 1936 frei gewählt, verfassungsgebende Cortes Generales. Die UCD unter Suarez bekam am meisten Stimmen (ca. 35%), vor der PSOE (Gonzalez, Guerra) mit 29%, der PCE unter Carrillo mit 9, der AP (Fraga) mit 8 (Arias nicht ins Parlament gewählt), dem katalanischen Parteienbündnis PDPC (u.a. aus der CDC von Pujol bestehend) und anderen Regionalisten, sowie der Sozialistischen Volkspartei PSP (Tierno). Die FN (Pinar) trat gemeinsam mit der karlistischen CT und anderen rechtsextremen Parteien an, errang keine Sitze.

Es war ein Sieg für die Parteien der Mitte, eine Niederlage für Links- und Rechtsaussen. Ein Zeichen, das mit dieser Wahl eine wichtige Hürde am Weg zur Überwindung des Franquismus gemeistert war, war die Anerkennung des Ergebnisses durch die seit 1939 existierende Exil-Regierung und die Selbstauflösung dieser. Die baskische Politikerin Isidora Dolores Ibárruri, 1921 Gründungsmitglied der PCE, während des Bürgerkriegs eine der Führer der Republikaner, berühmt für die Parole “¡No Pasarán!” (“Kein Durchkommen”) während der Schlacht von Madrid, im Exil lange Generalsekretärin der PCE, wurde für Asturien in die Cortes gewählt – wie schon 1936, zur Zeit der Zweiten Republik.

Eine UCD-Minderheitsregierung wurde gebildet, wieder unter Suarez. Ein Verteidigungsministerium ersetzte nun die drei bisherige Ministerien für die Waffengattungen. Minister wurde General Manuel Gutiérrez Mellado, welcher während des Bürgerkriegs auf der franquistischen Seite den Geheimdienst geleitet hatte, nun aber als liberaler Militär galt. In der ersten Suarez-Regierung (1976/77) hatte er nach einigen Monaten De Santiago als Minister ohne Ressort (aber für Verteidigung zuständig) und Vizepremier (eine Art Proto-Verteidigungsminister) ersetzt. Er blieb weiter Vizepremier. Die PSOE rückte weiter in die Mitte (Parteitag 1979), die PCE in Richtung Eurokommunismus.

Die Suarez-Regierung schloss im Oktober 1977, nach der Wahl, mit der Opposition den “Pakt von Moncloa” (nach dem Sitz des Premiers benannt), v.a. wirtschaftliche Umstrukturierungen betreffend. Bezüglich der zu Ende gehenden Diktatur wurde ein ungeschriebener “Pakt des Vergessens” (Pacto de Olvido) unter der politischen Elite aus den verschiedenen Lagern Teil des Übergangs. Möglicherweise war das ein Preis den die Demokraten zahlen mussten, für Stabilität und Konsens. Im Oktober 1977 wurde der Pakt in ein Amnestiegesetz “gegossen”, dem zufolge keine Politiker oder Militärs des Regimes vor Gericht zur Rechenschaft gezogen werden können. Auch spätere Versuche, v.a. von Richter Garzon, scheiterten daran.

Eine positive Interpretation des Paktes ist, dass das Regime, das über den Tod seines Führers hinaus bestehen wollte, dem Vergessen anheim gestellt wird. In Südafrika gab es nach dem Ende der Apartheid die Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) zur Aufarbeitung, die, wie auch im Namen zum Ausdruck kommt, hauptsächlich Klarheit schaffen sollte (etwa über das Schicksal “Verschwundener”) sowie Taten, Opfer und Täter benennen und (u.a.) damit die Grundlage für eine Versöhnung herstellen. Die Gesellschaft nicht zu spalten und Wunden nicht aufzureissen, war auch hier oberste Prämisse – und auch hier umstritten.

Die neue Verfassung wurde hauptsächlich von einem Ausschuss der Cortes augearbeitet. Der fertige Entwurf wurde 1978 von der Cortes angenommen, von einem Teil der Alianza Popular und radikalen Basken abgelehnt. In Südafrika waren es auch entgegengesetzte Pole des politischen Spektrums, wie die weisse rechte Konservative Partei und der schwarze linke PAC, die den Wandel ablehnten. Nachdem die neue Verfassung auch in einem Referendum bestätigt wurde, trat sie in Kraft. Damit war der formale Teil der Transition erledigt, endete die älteste Diktatur Europas. Die Todesstrafe wurde abgeschafft (vor Frankreich!). Regionen (Autonome Gemeinschaften, Comunidades Autónomas) wurden aufgewertet.

Anfang des 18. Jahrhunderts waren unter den ersten Bourbonen am spanischen Thron die nach der Entstehung Spaniens 1469 fortbestandenen Eigenständigkeiten der Einzelreiche abgeschafft und das Land unter Zugrundelegung des kastilischen Rechtssystems als Zentralstaat organisiert worden. 1822 und 1833 wurden durch Verwaltungsreformen Provinzen geschaffen sowie “historische Regionen”, die aber keine Selbstverwaltung bekamen. Während der Zweiten Republik (1931–1939) traten Autonomiestatute für Katalonien (1932) und das Baskenland (1936) in Kraft, diese Regionen bekamen zu wählende Parlamente und darauf zu bildende Regierungen. Das Autonomiestatut für Galizien trat wegen des Ausbruchs des Bürgerkriegs nicht mehr in Kraft. Unter Franco wurden neben den Provinzen (und historischen Regionen in der Ebene darüber) 11 Militärregionen unter Generalkapitänen geschaffen, um regionalen Aufständen vorzubeugen; die beiden Militärregionen der Archipeln Balearen und Kanaren hatten eine Sonderstellung gegenüber den 9 anderen. In Katalonien und Baskenland war die Diktatur besonders schlimm.

Durch die Verfassung von 1978 bekamen die Regionen nun, teilweise erstmals, föderale Institutionen und Rechte. Manche früher (Katalonien, Baskenland, wo bei den nationalen Wahlen 1977 und 1979 Regionalparteien ca. 1/3 Stimmen bekamen), die anderen später. In Katalonien und dem Baskenland wurden vor den ersten Regionalwahlen 1980 Regierungen eingesetzt. In Katalonien wurde sie von ERC-Mitbegründer Tarradellas geleitet, der während des Bürgerkriegs bzw den letzten Jahren der Republik schon in der katalanischen Regierung gewirkt hatte, und dann an der Spitze der katalanischen Exilregierung gewesen war. Die Regionalsprachen wurden wiederbelebt. Der Themenkomplex Föderalismus-Nationalitäten-Regionalismus-Separatismus war eine Herausforderung für die junge Demokratie, zumal die ETA weiter Attentate verübte (die Polizei-Aktionen hervorriefen) und für die Unabhängigkeit des Baskenlands kämpfte. Die kanarische Unabhängigkeits-Bewegung der Guanchen flaute dagegen mit dem Ende der zentralistischen Diktatur und Gewährung der Autonomie ab; jene der Katalanen war erst im Entstehen. Spanier in den verschiedenen Regionen haben eben verschiedene historische Erfahrungen gemacht. Die Basken blieben ein Stachel im Fleisch Spaniens, oder umgekehrt. Der rechte Flügel der UCD war gegen (zuviel) Föderalismus, die Bildung der Regionen war ein Streitpunkt in der Transicion.

1979 wurde das Parlament auf Grundlage der neuen Verfassung neu gewählt, es gab ein ähnliches Ergebnis wie 2 Jahre zuvor. Die sozialistische PSP hatte sich der PSOE angeschlossen, die etwas zulegte. Blas Piñars Fuerza Nueva trat wieder mit den Karlisten der Comunión Tradicionalista und anderen Rechten (als Union Nacional) an, gewann diesmal einen Sitz, den Pinar selbst einnahm. Die UCD regierte bis 1982 weiter. Suarez liess nach seiner Wiederwahl im Parlament keine Diskussion seiner Regierungserklärung zu, entgegen seinen demokratischen Verdiensten. Rodríguez Sahagún wurde der erste Zivilist als Verteidigungsminister, führte einige Reformen durch, zB wurde die Militär-Gerichtsbarkeit strikt für Fälle aus dem Umfeld des Militärs eingeschränkt (was bald zur Anwendung kommen sollte). In dem Jahr fanden auch die ersten Kommunalwahlen nach Franco statt, die UCD bekam auch in den Gemeinderäten die meisten Sitze, in Madrid siegte Tierno Galvan von der PSOE.

Letztes Aufbäumen der Franquisten/ “23-F”

1981 trat Premier Suarez zurück, hauptsächlich aufgrund von Streit in seiner Partei. Leopoldo Calvo Sotelo, der schon Suarez’ Nachfolger als UCD-Chef geworden war, erhielt im ersten Anlauf zur Wahl des neuen Premiers im Unterhaus am 20. Februar nicht die Mehrheit. Am 23. Februar 1981 war der zweite Wahlgang im Gange, als 200 Mitglieder der paramilitärischen Polizeitruppe Guardia Civil (lackbehütete Männer, denen der Dichter Federico Garcia Lorca schon vor der Diktatur auch “Seelen aus Lack” zuschrieb) unter Antonio Tejero den Abgeordnetenkongress im Palacio de las Cortes stürmten. Für etwa 18 Stunden waren sie in der Gewalt der Bewaffneten: die 350 Abgeordneten (darunter der spätere Premierminister Felipe Gonzalez, der spätere NATO-Generalsekretär Javier Solana und der spätere EU-Kommissar Joaquin Almunia in den Reihen der Sozialisten, Kommunisten-Chef Carrillo, Fraga von der AP, der Chef der Baskenpartei PNV Arzalluz sowie der Rechtsextremist Pinar – möglicherweise der Einzige im Saal der mit den Putschisten sympathisierte), die Minister (u.a. der zurückgetretene Premier Suarez, der künftige Calvo), Parlamentspräsident Lavilla und das Personal.

Als der Ex-General und -Verteidigungsminister Gutierrez (1979-81 wieder Vize-Premier ohne Ressort) Widerstand leisten wollte (Suarez kam ihm dabei zu Hilfe), schoss Tejero mit seiner Maschinenpistole in die Luft. Die Ereignisse wurden live im Radio übertragen sowie für das TV aufgezeichnet (nachher gesendet). Ein Teil der Polizisten hielt draussen Wache. Einige Abgeordnete wurden weggebracht und getrennt gefangen gehalten. Tejero hatte schon 1978 einen Putschplan ausgeheckt, nach dem Lokal in dem sich die Verschwörer getroffen hatten, “Galaxia” genannt, dafür wurde er 1980 verurteilt, zu ein paar Monaten Gefängnis. Der Putschversuch 81 kam zu Zeitpunkt eines drohenden Zerfalls der UCD, Regierungsumbildungen, Kampf der und gegen die ETA, Arbeitskämpfen. Der Chef der Militärregion um Valencia, Del Bosch, unterstützte die Sache, liess Panzer auffahren, demonstrierte Macht, auch der Generalstabs-Offizier Armada. Sieben der restlichen 10 Regionalkommandanten stellten sich weder hinter noch gegen die Putschisten, warteten ab oder sympathisierten insgeheim.

Das imperiale Selbstverständnis von Teilen von Militär und Polizei, die während des Übergangs bis dahin so gut wie nie interveniert hatten, kam nun doch zum Vorschein. Die Sache war nicht gegen den König gerichtet, sondern gegen die Demokratie, bezüglich Juan Carlos hatten manche noch immer die Erwartung, dass er den autoritären Staat Francos fortführen würde. Viele der nicht im Parlament anwesende Politiker und Funktionsträger tauchten unter; der König stand in engem Kontakt mit den Staatssekretären der Ministerien (v. a. Innen-Staatssekretär Laina war wichtig) und dem Generalstab des Militärs. Der Guardia Civil-Chef kam zum Parlament und versuchte erfolglos, den Abzug zu erreichen. Tausende Spanier fuhren, das Schlimmste (einen Militärputsch oder einen Bürgerkrieg) fürchtend, Richtung Frankreich oder Portugal. Entscheidend war die nächtliche Rede des Königs über das Fernsehen, in seiner Generalkapitäns-Uniform, in der er klar gegen den Putsch Stellung nahm. Am 24. Februar gab zunächst Del Bosch auf, die Tejero-Gruppe liess dann nach Verhandlungen zuerst die weiblichen, dann die männliche Politiker frei, zog zu Mittag ab, wurde kurz danach verhaftet.

Drei Tage später wurde die Wahl Calvo Sotelos nachgeholt. 1982 wurden 30 von 300 Beteiligten von einem Militärgericht verurteilt, die oberen Ränge von Militär und Polizei; Dienstgrade vom Leutnant abwärts wurden nicht zur Verantwortung gezogen, da man davon ausging dass sie nur Befehle ausgeführt hatten, keine Eigeninitiative entwickelt. Der einzige verurteilte/beteiligte Zivilist war der franquistische Gewerkschafter Carres. Die Abwendung dieses Militärputsches oder der Machtwechsel 1982 nach dem PSOE-Wahlsieg markieren am ehesten den Abschluss der Transicion. Wie symbolhaft: Suarez ist dabei abzutreten, die (Post-) Franquisten versuchen die Herausforderung der Demokratie, scheitern. König Juan Carlos spielte am kritischsten Punkt der Transicion wieder eine Schlüsselrolle, konnte sich bei Vielen erst hier ganz von von seinem Image bzw Ursprung als Franco-Zögling emanzipieren.

Es gibt einige Alternativtheorien und einige unklare Punkte zu 23-F. Und, die Sache hätte unter Umständen auch anders ausgehen können. Der Grossteil von Militär, Polizei und Geheimdienst agierte tatsächlich als “Sicherheitskräfte”, aber es gab wohl einen Anteil an heimlichen Sympathisanten des Staatsstreichs sowie an Unentschiedenen bzw Indifferenten. Wenn Parteien und Gewerkschaften am Vormittag des 24. Februar Massendemonstrationen veranstaltet hätten, hätten diese einen Vorwand für ein Eingreifen haben können. Am brisantesten wäre ein Eingreifen der División Brunete vor den Toren Madrids gewesen, dieses hätte alles ändern können. Der ehemalige Kommandant dieser Division, General Torres, inzwischen anderswo tätig, versuchte damals, sie zum Einmarsch nach Madrid zu bewegen, wo sie strategische Punkte wie die Rundfunkanstalt unter Kontrolle bringen sollte. Dies wurde von ihrem aktuellen Chef Juste sowie dem Regionalkommandant von Madrid verhindert. Torres hatte aber Sympathisanten in der Division, in verschiedenen Rängen. So fuhr “nur” ein Teil der Militärpolizei der Division zum Kongresspalast und schloss sich den Geiselnehmern an. Soldaten einer anderen Einheit haben daneben die Sendezentrale des Staatsrundfunks RTVE am Abend des 23. kurz unter ihre Kontrolle gebracht. Nachdem diese abgezogen waren, begaben sich zwei Aufnahmeteams des Fernsehens zum Zarzuela-Palast, um dort die Erklärung des Königs aufzuzeichnen – der Wendepunkt bei dem Putschversuch.

Und, im Juli 1936, war die Armee (das Offizierskorps und die Soldaten der Einheiten, die sie befehligten) und dann die Bevölkerung in zwei Lager zerfallen, nachdem sich einige Generäle erhoben hatten. Aus einem geplanten Militärputsch wurde damals ein Bürgerkrieg. Einer der Auslöser für den “Aufstand” war damals übrigens der Mord an dem Monarchisten-Führer José Calvo Sotelo, Onkel von Leopoldo, der aber 1981 auf der Seite der Demokraten war. Ein absurdes (?) Szenario: Eine Fussball-WM 1982 in einem Spanien unter der Herrschaft des Militärs, was mit Havelange, Samaranch, Reagan, Neuberger durchaus vorstellbar wäre, siehe Argentinien vier Jahre zuvor; mit diesem König allerdings schwer. In Südafrika war der Mord an Chris Hani 1993 jenes Ereignis, das die Demokratisierung am stärksten gefährdete.

Die vorgezogenen Neuwahlen mit der absoluten Mehrheit der PSOE 1982 brachten den Regierungswechsel zu Felipe Gonzalez, welcher auch oft als Abschluss der Transición gesehen wird. Wenn jene, die während der Diktatur von jeder Mitgestaltung ausgeschlossen waren, die Möglichkeit dazu bekommen, hat sich wirklich etwas verändert. Und, König Juan Carlos musste danach nicht mehr in die Politik eingreifen, konnte sein Amt wie das eines repräsentativen Staatsoberhaupts führen. Das spanische Heer bekam mit dem NATO-Beitritt in diesem Jahr einen anderen “Rahmen”. Der neue Verteidigungsminister Serra, ein katalanischer Zivilist, begann ausserdem mit Reformen der Institution: Die militärische “Vormundschaft” über zivile Aktivitäten wie die Zivilluftfahrt und -schifffahrt wurde beendet. Die Zahl der Militärregionen wurde verkleinert. Zivilisten kamen verstärkt in hohe Positionen des Verteidigungsministeriums. Der EG-Beitritt 1986 (zehn Jahre davor von Suarez beantragt) ist wohl der späteste Zeitpunkt, an dem man den Abschluss des Übergangs zur Demokratie in Spanien nach Franco ansetzen kann – der früheste mögliche ist die neue Verfassung 1978. Der Terrorismus der ETA (die auch mehrmals versuchte, den König zu ermorden) blieb eine Bedrohung für die Demokratie, zumal im Zuge seiner Bekämpfung undemokratische Praktiken gefördert bzw möglich wurden.

Abschluss und Beurteilung

Im Schatten von drei weiteren PSOE-Wahlsiegen ging ein grosser Teil der UCD in der AP auf, die dann zur Partido Popular wurde. Diese deckte auch den Bedarf im rechten Spektrum so weit ab, dass die Fuerza Nueva oder eine andere pro-franquistische, rechtsextreme Partei keine Chance hat(te). José Maria Aznar, der 1996 Nachfolger von Gonzalez als Premier wurde, war in einer falangistischen Studentenorganisation aktiv gewesen, dann in der AP. Der ehemalige Steuerinspektor verlieh als Premier dem hochrangigen Funktionär der franquistischen politischen Polizei Brigada Político-Social, Gestapo-Zuarbeiter und Folterer von “Terrorverdächtigen” (v.a. Basken), Manzanas, posthum einen Orden.

Es gibt, unabhängig von der Tatsache, dass sein Vater und Grossvater franquistische Journalisten und Staatsfunktionäre waren, weitere “Revisionismen” dieser Art von Aznar. Viele Inhalte seiner Politik zeigen, was “rechts” heute eigentlich bedeutet, nicht nur im spanischen Zusammenhang. 2005 wurden unter der PSOE-Regierung unter Zapatero zwei verbliebene Franco-Statuen in Madrid und Guadalajara entfernt. Manche Strassen und Plätze tragen noch immer den Namen des Diktators. Das Amnestiegesetz von 1977 verhindert eine juristische Aufarbeitung der Franco-Diktatur, es gab keine Verurteilungen von franquistischen Führern oder Aus-Führern (Angehörigen von Unterdrückungskräften). Aber auch eine politisch-gesellschaftliche Aufarbeitung hat auch 40 Jahre nach ihrem Ende wenig stattgefunden.

Viele Franquisten wurden Demokraten, halfen bei Übergang mit, angefangen mit Adolfo Suarez. In der Spät-Zeit des Franquismus hatte sich eine Tácitos genannte Gruppe von Intellektuellen gebildet, die innerhalb des Rahmens des Systems agierten und für einen Übergang zur Demokratie eintraten, dazu gehörten Calvo, Cabanillas oder Lavilla, die auch während der Transicion aktiv waren. Leopoldo Calvo hatte mit anderen Reformern eine “Firma” gegründet, da politische Vereinigungen neben der Staatspartei verboten waren. Jener Politiker aus der Zeit des Spät-Franquismus, der am längsten in der Demokratie politisch aktiv war, war Fraga, der lange Regierungschef in Galizien war. Jene Franquisten, die keine Demokratie wollten, sammelten sich hauptsächlich rechts von Fragas AP (die dann in der Partido Popular aufging), von wo aber seit Anfang der 1980er keiner Gruppierung mehr der Sprung ins Parlament gelang.

Die Auflösung der UCD 1983 korrespondiert mit der Umwandlung der Nationalen Partei Südafrikas nach der “Pretoriastroika” 1996 zur NNP. Während diese in der Bedeutungslosigkeit verschwand, wanderte der grösste Teil der Funktionäre und Wähler zur Democratic Party. Einige Wenige, die schon in der Spätzeit der Apartheid von Bedeutung waren, waren auch dort noch aktiv, etwa “Kraai” van Niekerk. Borbon und Mandela hatten beide eine wichtige, “symbolische” Rolle bei der Demokratisierung, agierten mehr über Worte und Gesten als Taten bzw mit realer Macht. Der Übergang an sich fand in Südafrika eigentlich unter De Klerk als Präsident statt (1989-94), wenn er auch in dieser Phase die Kontrolle über den Transformationsprozess an Mandela verlor. De Klerk ist in gewisser Hinsicht die Entsprechung zu Suarez, als beide aus dem alten Regime kamen und die “technische” Arbeit des Übergangs vollbrachten. In Spanien gab es kein Äquivalent zur Rugby-WM 95, die der Präsident Südafrikas zur Versöhnung nutzte; fand diese in Spanien eher im Verborgenen als im Öffentlichen statt?

Die Entstehung, der Charakter und das Ende der Diktatur in Portugal war ähnlich und doch anders: Sie entstand früher, die Monarchie war schon länger zuvor abgeschafft, sie war weniger repressiv. Der Estado Novo war, nicht zuletzt aufgrund seiner traditionellen Allianz mit GB, noch näher an den Alliierten (und weiter von den Achsenmächten entfernt, nicht nur geografisch). Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Salazar-Regime ein wichtiger Verbündeter des Franco-Regimes. Teile des Militärs brachten das Regime zu Fall. Die Kolonien waren wie erwähnt wichtiger als für Spanien, wurden brutaler zu halten versucht. Aber das portugiesische Regime war weniger rassistisch (das ist ein generelles portugiesisches Charakteristikum), die Leute in bzw aus den Kolonien integrierter. Dass ein Schlüsselspieler des Fussball-Nationalteams ein “Farbiger” aus den Kolonien in Afrika war, wie Eusebio (Ferreira) aus Mocambique in den 1960ern in Portugal, war in Spanien undenkbar.

Mit Eduardo Nascimento vertrat 1967 in Wien auch ein Einwanderer aus Angola Portugal beim Song Contest, einer der ersten “Schwarzen” bei diesem Bewerb überhaupt. Infolge des Umsturzes kam es 1975 zur Entkolonialisierung, der Grossteil der Siedler kehrte ins Mutterland zurück. Auch hier wurde das Ausser-Europäische aufgegeben und das Land wurde wieder europäischer. Im selben Jahr gab es eine freie Wahl und den Beginn der Ausarbeitung der neuen Verfassung. Als Spanien 1976 mit der Demokratisierung begann (Ablöse Arias’), war sie in Portugal schon praktisch abgeschlossen. Der Linke Soares nahm hier am ehesten die Rolle von Suarez ein, dessen UCD entsprach aber die PDS.

Material:

Walther L. Bernecker, Carlos Collado Seidel (Hg.): Spanien nach Franco. Der Übergang von der Diktatur zur Demokratie 1975-1982 (1993)

Paul Preston: The Triumph of Democracy in Spain (1986, englisch)

Javier Tusell: Spain: From Dictatorship to Democracy. 1939 to the present (2011, engl.; spanisch Dictadura franquista y democracia, 1939–2004; 2005)

Santos Juliá, José Carlos Mainer: El aprendizaje de la libertad, la cultura de la transición (2000, spanisch)

Alvaro Soto, Javier Tusell (Hg.): Historia de la transición 1975-1986 (2007, spanisch)

Laura Desfor Edles: Symbol and Ritual in the New Spain. The Transition to Democracy After Franco (1998, englisch)

Paul Preston: Juan Carlos. A People’s King (2004, engl.)

Javier Tusell: La transición española (1995, span.)

Cristina Palomares: The Quest for Survival After Franco. Moderate Francoism and the Slow Journey to the Polls, 1964-1977 (engl.)

Joan Ramon Resina: Disremembering The Dictatorship: The Politics of Memory in the Spanish Transition to Democracy (2000, engl.)

Gregorio Morán: El precio de la transición (1991, 2015, span.)

Miquel López Crespí: No era això. Memòria política de la transició (2001, katalanisch)

Javier Tusell: Juan Carlos I. La restauración de la monarquía (1995, span.)

Walther L. Bernecker, Sören Brinkmann: Kampf der Erinnerungen. Der Spanische Bürgerkrieg in Politik und Gesellschaft 1936-2006 (3. Auflage 2006)

Vicenç Navarro: Bienestar insuficiente, democracia incompleta. Sobre lo que no se habla en nuestro paí (2002, span.)

Walther L. Bernecker: Spaniens Übergang von der Diktatur zur Demokratie. Deutungen, Revisionen, Vergangenheitsaufarbeitung. In VfZ 52 (2004; online: http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2004_4.pdf, S 693)

Javier Cercas: Anatomie eines Augenblicks. Die Nacht, in der Spaniens Demokratie gerettet wurde (2011; Im 2009 erschienenen spanischen Original Anatomia de un instante). Ein nichtfiktionales, historisches Essay über den Staatsstreich-Versuch vom 23. Februar 1981 anhand einer Beschreibung der Protagonisten der Ereignisse

Paul Preston: The Last Stalinist. The Life of Santiago Carrillo (2014, engl.)

Rafael Chirbes: Der Fall von Madrid (2000). Historischer Roman, über den Todestag Francos. Ist Teil einer Trilogie, “Der lange Marsch” spielt vor dem Hintergrund der Franco-Herrschaft, “Alte Freunde” behandelt die Zeit der Transiscion anhand von fiktiven Spaniern

Birgit Sondergeld: Spanische Erinnerungskultur: Die Assmann’sche Theorie des kulturellen Gedächtnisses und der Bürgerkrieg 1936-1939 (2010)

Javier Tusell: Radiografía de un golpe de Estado (1987, span.)

Josep Fontana: España bajo el franquismo (2000, spanisch)

Stanley G. Payne: The Franco Regime, 1936–1975 (2011, engl.)

Paul Preston: Franco. A Biography (1993, engl.)

Paul Preston: The Spanish Civil War. Reaction, Revolution, Revenge (2006, engl.)

Javier Paredes (Hg.): Historia contemporánea de España (siglo XX) (2000; spanisch)

Paloma Aguilar Fernández: Memoria y olvido de la guerra civil epañola (1996, spanisch)

Peer Schmidt (Hg.): Kleine Geschichte Spaniens (2002)

Ulrike Capdepon: Der öffentliche Umgang mit der Franco-Diktatur (BPB)

http://www.rtve.es/noticias/23f/ (Über den Putschversuch, auf Spanisch)

José García Caneiro, Eduardo Arranz Bueso: The Military Transition to Democracy in Spain: Looking for a New Democratic Soldier (englisch)

http://lareplica.es/juicio-y-mito-de-la-transicion/ (Artikel, auf Spanisch)

www.youtube.com/watch?v=1RRwRSGI79M Proklamation von Juan Carlos zum König und seine Rede in den Cortes