Eishockey-Exoten

Die Weltmeisterschaften sind vorbei, das NHL-Finale ebenso, während der Sommer beginnt. Was sich, durch die “A”-WM, verfestigt hat, ist dass die Slowakei1 nicht mehr zu den Grossen gehört (die damit 6 sind), und dass Deutschland und die Schweiz Anwärter darauf sind, zu diesem Kreis vorzudringen. Die Slowakei ist in der Hierarchie der Eishockey-Nationen in einem Niemandsland, wie Lettland, Norwegen, Dänemark, Teams die normalerweise nichts mit dem Viertelfinale zu tun haben und nichts mit dem Abstieg. Dann kommen die Mannschaften von Frankreich, Österreich, Italien, Grossbritannien, Weissrussland, Slowenien, Kasachstan, Ukraine, Ungarn, Südkorea, die gegenwärtig das Potential haben, sich für die oberste WM zu qualifizieren. Österreich pendelt in den letzten 15 Jahren fast ständig zwischen der Top-WM und der “B”-WM (Division I, Gruppe A), während das Team der Ukraine schon über 10 Jahre darum kämpft, wieder ganz oben zu spielen. Von diesen potentiellen A-Nationen haben GB und Süd-Korea lange und bis vor nicht allzu langer Zeit als “Exoten” (im EH) gegolten.

Die Teams aus diesen Ländern haben das Potential, sich für die “A” zu qualifizieren, aber ich schreibe bewusst nicht, dort mitzuspielen. Im Sinne von einigermaßen ebenbürtig sein. Es ist nicht illegitim, zu fragen, was Österreich und Italien bei einer solchen WM machen, wenn’s ohnehin nur auf ein Spiel (das gegen einander) ankommt, und sie bis dahin “abgeschlachtet” werden, besonders das italienische Team. In der anderen Vorrunden-Gruppe war es ähnlich, mit Frankreich und Grossbritannien; und auch dort setzte sich das bis dahin schwächere Team durch (bezüglich direktes Duell und dem daraus resultierenden Klassenerhalt), hauptsächlich aus Überheblichkeit des anderen. 2019 gab es 7 WM-Turniere für erwachsene Männer: die WM, die Divsion I Gruppe A sowie Gruppe B, Divsion II A & B, Divison III, und das Qualifikationsturnier für die Divsion III – WM nächstes Jahr, mit insgesamt 52 teilnehmenden Nationalteams2. Wo fangen also die Exoten an?

Litauen, gerade wieder aus der “B” abgestiegen? Hatte einen Spieler in der NHL und ist in einer Region mit vielen “Eishockey-Nationen”. Rumänien spielt nächstes Jahr in der “B-WM”, war auch mal in der A und bei Olympia (s.u.). Polen, Japan, Niederlande sind zur Zeit in der dritten Stufe (Div. I B), waren aber schon in der obersten Klasse und lange in der zweithöchsten. Wenn man noch eine Stufe hinunter geht (Div. IIA), findet man Länder bzw Teams mit langen EH-Traditionen, wie China, Spanien, Serbien. Darunter (IIB) kommen dann die ersten Länder, die im Eishockey zweifellos Exoten sind, wie Israel und Mexico.3 Unter dieser Division gibt es noch zwei weitere, mit Teilnehmerländern von Südafrika bis Kuwait. Dann existieren weitere IIHF-Mitgliedsverbände, die zumindest nicht jährlich Teams zu Weltmeisterschaften schicken, teilweise nur zu Nachwuchs- oder regionalen Bewerben. Und IIHF-Mitgliedsstaaten (insgesamt gibt es 56 volle), die kein aktives Nationalteam und schon gar keine Liga haben, aber doch irgend welche Eishockey-Aktivitäten.

Kuwait etwa kann sich eine Eishalle und etwas EH-“Entwicklungshilfe” leisten, sein Eishockey-Verband trat 1985 dem Weltverband IIHF bei, wurde 1992 von diesem wegen mangelnder EH-Aktivitäten ausgeschlossen; 2009 wurde er wieder aufgenommen. Meist sind die nationalen Eishockey-Verbände auch für Inline-Hockey zuständig, manchmal auch für weitere Winter-Sport-Arten. Die natürliche Voraussetzung zum Eishockey-Spielen, Eisflächen, ist in nicht all zu vielen Ländern gegeben, ausserdem braucht man dazu mehr an Ausrüstung als etwa zum Fussball, eine “ausgefeiltere” Grundtechnik (das Eislaufen, statt nur Laufen). Kuwait ist eines jener Länder, in denen es keine natürlichen Eisflächen (zugefrorene Gewässer) gibt, sich aber ein “artifizielles” Eishockey entwickelte. Vor allem Afrika und Lateinamerika sind weisse Flecken in der EH-Weltkarte.

Es gibt europäische Vorläufer des Eishockey-Spiels, am Rasen gespielte (Hurling, Shinty, Knattleik, Feld-Hockey4, Golf,…) und am Eis gespielte (manche Arten der zuvor genannten, im Winter, ausserdem IJscolf/Eisgolf, Bandy,…). Bei diesen zweiteren wurden die Schienen der Schlittschuhe jahrhundertelang aus Tier-Knochen hergestellt, später (Anfänge im Spät-Mittelalter) aus Metallen, v.a. Eisen. Die Mi’kmaq/Micmac im Osten des späteren Canadas spielten mit Schlägern und Bällen am Eis. Durch die französische Kolonisation Nordamerikas ab dem 16. Jahrhundert vermischten sich europäische und amerikanische (“indianische”) Spiele zum bis heute praktizierten Lacrosse. Mit der englischen/britischen Kolonisation verhielt es sich ähnlich, hauptsächlich wurden Shinney/Shinty und das Eisspiel der Indianer kombiniert. So entstand Eishockey in Canada, und der erste Verbreitungsschritt war der in den Nordosten der USA, dann (“zurück”) nach Grossbritannien, dann vermutlich nach Skandinavien.

Mikmak fertigten für die Briten Schläger für deren Spiel an

Sandy McCarthy ist einer der wenigen Mikmak, die es in die NHL geschafft haben. Canada ist das Mutterland des Eishockeys, dieser ist dort enorm wichtig und populär, und es gehört zur Weltklasse in diesem Sport. Diese Dreifaltigkeit gibt es selten; bei Brasilien und Fussball fehlt zB der Parameter “Entstehung”. Eishockey ist in einigen Ländern Sport Nr. 1 oder sehr knapp dran, ausser in Canada in Russland, Lettland, Schweden, Finnland, Tschechien, Slowakei, Weissrussland,… Im Fussball ist Canada ein “Exot” bzw Zwerg, wobei dieser Sport dort inzwischen auch mehr als eine Randsportart ist, aufgrund mancher später eingewanderter Bevölkerungsgruppen. Aus all diesen Einwanderer-“Gruppen” sind Leute in Canada aber auch zum Eishockey gegangen, auch aus totalen “Nicht-Eishockey-Nationen”, wie Nord-Makedonien (> Jovanovski), Portugal (> Tavares), Nigeria (> Iginla)… Und, wie in einem anderen Artikel erwähnt, nicht wenige kanadische EH-Spieler die nicht zu den ganz guten zähl(t)en, haben anderswo in der Welt angeheuert, wurden dort zT auch für das jeweilige Nationalteam eingebürgert, von USA bis Korea. Bei Italien sind das in der Regel Kanadier (und Amerikaner) mit italienischen Wurzeln.

Bei Russland waren es ja Tschechoslowaken und Letten, die in der Nachkriegszeit Eishockey-Entwicklungshilfe leisten mussten. Bis dahin war nur Bandy einigermaßen verbreitet. Unter Anatoli Tarasov begann so das Eishockey-Programm in der Sowjetunion, wo damals eben nur in den annektierten baltischen Staaten (Lettland hauptsächlich) ein nennenswertes existierte. Bei der WM 1991 trat die SU das letzte Mal bei einem Grossereignis im EH als solche an, mit einem Team, das ohnehin praktisch nur aus Russen bestand. In den gut dreieinhalb Jahrzehnten des Bestehens des SU-EH-Nationalteams schafften es überhaupt wenige Nicht-Russen hinein. Arturs Irbe war so einer, bei den WMen 1989 und 1990 war er für die Sbornaja dabei. Bei Olympia ’92 trat ein gemeinsames Team der GUS-Staaten an, bei der WM 92 erstmals ein eigenes russisches Team. Russische Teams enthalten aber auch Angehörige von Minderheiten (wie den Tataren Khafizullin) sowie Nachfahren von Einwanderern aus sowjetischen oder zaristischen Zeiten (wie Gelashvili oder Grigorenko).

Auswahl-Teams der USA gehören im Eishockey normalerweise nur dann zur Weltspitze, wenn sie auf ihre besten Spieler zurückgreifen können, wie bei Olympia und beim Canada Cup/World Cup. In den letzten paar Jahren wurden aber (entgegen dieser “Norm”) einige Medaillien bei Weltmeisterschaften gewonnen. US-Teams haben von 1962 bis 2012 drei WM-Medaillien gewonnen, eben so viele wie von 2013 – 2018, in diesen (letzten) Jahren kam noch ein 4. Platz (sowie ein 4. bei Olympia 14) dazu. In der USA sind auch alle Ethnien im Hockey vertreten, manche mehr, manche weniger. Afro-Amerikaner und Latinos, die zusammen fast ein Drittel der Bevölkerung der USA ausmachen, sind hier unter-repräsentiert, aber es gibt sie, wie zB Donald Brashear oder Scott Gomez. Die NHL hat längst auch in Regionen bzw Bundesstaaten expandiert (im Süden), wo Eishockey nicht “natürlich” entstanden ist, sondern durch eine “Retorten-Befruchtung” in Form der Franchise-Vergabe für ein NHL-Team dort. Auch Texas ist mittlerweile kein Niemandsland im EH mehr (> Dallas Stars).

Die Slowakei, die 2004 ihre letzte Medaille im Eishockey gewann, darf wahrscheinlich nicht mehr zur absoluten Weltspitze in dieser Sportart gezählt werden. 1992 trat letztmals ein Team der Tschechoslowakei an (bei WM und Olympia), 1993 nur eines Tschechiens. Die Slowakei begann 1994 ihren Weg von ganz unten nach oben, den auch andere Nachfolgestaaten damals zerbrochener Staaten (SU, YU) im EH gehen mussten. 94 qualifizierte sich das slowakische Team für Olympia und für die C-WM in diesem Jahr. Gewann bei der C-WM dann 20:0 gegen Bulgarien (mit Konstantin Mihailov), siegte vor Weissrussland, Ukraine, Kasachstan, Slowenien, lauter Teams die in einer ähnlichen Situation waren, und in den folgenden Jahren dann nach oben kamen. Ukraine und Kasachstan gewannen sogar jeweils 31:0 gegen die Bulgaren. Der spätere NHL-Spieler (und Stanley-Cup-Sieger) Miroslav Satan begann damals seine Nationalteam-Karriere, war beim Heim-Turnier 1994 dabei und hat einige der 43 slowakischen Turnier-Tore geschossen. Bei der B-WM 1995, wiederum in der Slowakei5, war ein 11:0 gegen das Team Rumäniens höchster Sieg des slowakischen Teams, das sich gegen Lettland knapp durchsetzte beim Turniersieg/Aufstieg. Peter Stastny hatte in den 1970ern für die Tschechoslowakei gespielt, setzte sich dann nach Canada ab; bei Olympia 94 und der B-WM lief er am Karriereende nochmals für die Slowakei auf. Seit 96 (Wien) spielt die Slowakei also in der A-WM, machte 2000 die erste Medaillie.

Lettland begann seinen Aufstieg im WM-System der IIHF 1993, qualifizierte sich für die C-WM, die in Slowenien statt fand (mit 2 gleichrangigen Gruppen, Semifinale und Finale), gewann das Turnier und sicherte den Aufstieg für das nächste Jahr. In den Gruppenspielen gab es ein 32:0 gegen Israel, Kasachstan gewann in der anderen Gruppe mit dem gleichen Resultat gegen das Team von Südafrika. Bei der B-WM 94 mussten die Letten der Schweiz den Vortritt lassen, 95 der Slowakei (Lettland gewann 18:1 gegen das Team Rumäniens). 1996 klappte es dann mit dem Aufstieg in die A, obwohl die Schweiz im Vorjahr wieder abgestiegen war, gegen Gastgeber Niederlande gewann man 15:3 (Kasachstan gewann bei diesem Turnier 12:0 gegen Kroatien); seit 97 ist Lettland im Eishockey “oben”. Fünf mal war es im Viertelfinale oder dem “Äquivalent” dazu, 3 x in der Abstiegsrunde, meistens aber im „Niemandsland“ dazwischen.

Zu den nicht mehr bestehenden Nationalteams gehört auch jene der DDR, auch hier löste sich der Staat im Zuge der Umwälzungen am Ende des Kalten Kriegs bzw des Ostblocks auf. Zu Olympia 1956 und 1960 fuhr (auch) im Eishockey ein vereintes deutsches Team (BRD & DDR). Die DDR-Nationalmannschaft pendelte zwischen A- und B- WM. 1969 der Leistungssportbeschluss des SED-Politbüros, demnach verloren gewisse Sportarten die Förderungswürdigkeit, andere wurden verstärkt gefördert, im Hinblick auf Olympische Spiele und das Prestige im Kalten Krieg. Vor allem nicht-olympische Sportarten wurden “degradiert” (wie Tennis, Motorsport, Tischtennis), aber auch olympische, darunter Eishockey (neben Alpinem Skisport, Basketball, Hockey, Moderner Fünfkampf, Wasserball).

Im Eishockey bedeutete das ja, dass die Oberliga ab 1970 nur aus zwei Vereinen ausgespielt wurde, SC Dynamo Berlin und SG Dynamo Weisswasser (Lausitz, Sachsen) – und das auch nur, weil sich der Minister für Staatssicherheit und Vorsitzender der SV Dynamo, Erich Mielke, dafür einsetzte. Dies blieb bis zum Ende der DDR 1990 so. Bei der WM 1990 der letzte Auftritt des DDR-EH-Nationalteams, so wie in den 3 Jahren davor in der B-Gruppe. Von den Spielern, die damals dabei waren, war im Jahr darauf, beim ersten Antreten des gesamtdeutschen Teams, nur M. Naster und J. Schertz dabei; in den folgenden Jahren kamen Einige hinzu. Die Auswahl der vergrösserten BRD wurde 1991 Letzter, entging aber dem Abstieg durch die Aufstockung der “A” von 8 auf 12 Mannschaften. Diese erfolgte möglicherweise, um Deutschland oben zu halten, aus wirtschaftlichen Gründen, wie auch jene auf 16 Teams dann 1997/98.

Österreich oder Italien sind für die Grossen im Eishockey auch Exoten/Zwerge. In Österreich dominierten im EH seit “jeher” Kärntner und Vorarlberger, Innsbruck, Wien, Graz, Salzburg mischen mit, Linz war lange ein weisser Fleck. Niederösterreich und Burgenland sind das immer noch weitgehend6. Das italienische Eishockey-Nationalteam ist ein Gemisch aus Südtirolern, anderen Norditalienern sowie Italo-Kanadiern und -Amerikanern. In Kasachstan ist das Eishockey von der russischen Bevölkerungs-Minderheit dominiert. In Jugoslawien waren die Slowenen Träger des Eishockeys. Die beiden Klubs Olimpija Ljubljana und Acroni Jesenice machten sich die Meisterschaften untereinander aus, das Nationalteam bestand zu gut 90% aus ihren Spielern. Ansonsten hatten hauptsächlich die Sportklubs in Zagreb und Belgrad Eishockey-Sektionen, die dort aber nicht sehr wichtig waren. Das jugoslawische Nationalteam pendelte zwischen B- und C-Weltmeisterschaften, qualifizierte sich gelegentlich für Olympia-Turniere. 1984 in Sarajevo war es als “Gastgeber” automatisch qualifiziert.

Rudolf Hiti, der inzwischen 37-jährige Routinier im Team, natürlich ein Slowene, verletzte sich vor diesem Turnier, fiel aus.7 Damit wurde sein jüngerer Bruder Gorazd (der zu seiner dritten Olympia-Teilnahme kam) noch stärker ein Führungsspieler dieses Teams – zusammen mit Mustafa Besic, der aus Bosnien-Herzegowina ist, aber mit seiner Familie als Kind nach Jesenice übersiedelt war, dann lange in der italienischen Liga spielte.8 Ein Erfolg des jugoslawischen Teams bei diesem Turnier war noch abwegiger wie einer des Gastgeber-Teams 4 Jahre zuvor, des US-amerikanischen Amateur- bzw Nachwuchsteams in Lake Placid. Er kam auch nicht zu Stande, aber EH bekam in YU etwas Aufwind und slowenische Spieler wechselten zu Klubs ausserhalb ihrer Teilrepublik. Für Olympia 88 qualifizierte sich das Nationalteam aber nicht, und bald darauf brach Jugoslawien ja auseinander. Wobei der Krieg in Slowenien im Sommer 1991 den Anfang machte. Wenige Monate zuvor trat ein gesamt-jugoslawisches Team noch bei der Heim-B-WM (in Slowenien) an, wurde Letzter.9

Das slowenische Team war ab 1992 aktiv, begann 1993 den Weg von ganz unten (siehe Lettland), spielte 1998 erstmals in der B, 2002 erstmals in der A, pendelt seither. Rest-Jugoslawien (Serbien mit Kosovo, Montenegro) erbte zunächst den Platz von Gesamt-YU im WM-System, entging durch die Aufstockung der A 92 dem Abstieg aus der B. Bei dieser B-WM in Kärnten wurde dieses Team aber Letzter, dann wurde auch das Sport-Embargo wegen der Kriege in Ex-YU schlagend. Bei der C-WM 95 trafen die Teams von Slowenien und Jugoslawien aufeinander, die Slowenen setzten sich klar durch, gewannen ausserdem dort gegen Bulgarien 14:1. Slowenien ist stolz darauf, im Eishockey global so weit oben zu stehen mit nur 7 Eishallen und einem Profi-Klub im Land.10 Kroatien hat mit Medveščak Zagreb zwar einen Klub, der einige Jahre in der KHL mitspielen durfte, spielt im WM-System aber in der Regel in der dritthöchsten Klasse mit (von 2001 bis 2011 war die Division I, also die 2. Klasse, breiter als seither, in dieser Zeit war Kroatien schon zweitklassig). Dieses Jahr musste es sogar in der Div. IIA (4. Klasse) antreten, in Serbien11, verlor dort gegen den Gastgeber das entscheidende Spiel um den Aufstieg.

Als Grossbritannien 1936 Olympiasieger wurde, hatte das Team einige Spieler mit Canada-Verbindung (wie James Chapell), Carl Erhardt dagegen hatte EH in Schweiz und Deutschland gelernt. Trainer des Teams rund um ’36, das auch einige WM-Medaillien gewann, war John Ahearne, später Präsident des britischen Eishockey-Verbandes sowie der Internationalen Eishockey-Föderation (IIHF); er arbeitete auch für ein Reisebüro. In der Neuzeit des Eishockeys, also ab Mitte der 1950er, war GB von Medaillien weit entfernt. Während (Teil-)Kanadier im britischen Team bis heute eine Rolle spielen. Es kamen Abstiege hinunter in die C-Weltmeisterschaften, unregelmäßige Teilnahmen; zwischen 1981 und 1989 nahmen britische Teams nicht an WMs teil. 89 musste man in der D-WM beginnen, schaffte bis 1994 den Aufstieg in die A-Gruppe. 2 Jahre in der D, 2 Jahre in der C, 1 Jahr in der B. 89 gabs bei der D-WM in Belgien ein 26:0 gegen Neuseeland, das Match wurde aber wegen Dopings 0:0 gewertet; Rumänien gewann bei diesem Turnier 52:1 gegen NZL. 91 bei der C gabs ein 11:0 gg. Belgien, 92 (ebenfalls C) zu Hause ein 15:0 gg Südkorea. Bei der B 93 ein 14:0 gg China. Dafür verlor man bei der A-WM 94 alle 5 Gruppenspiele, darunter gg Österreich 0:10, und stieg gleich wieder ab. Es folgte ein Pendeln zwischen zweiter und dritter Klasse.

In der britischen EH-Liga gibt es vermutlich nicht viele Profis, die meisten Spieler dort dürften (andere) Berufe haben. In die NHL hat es noch kein britischer Spieler geschafft. In der deutschen Liga unterzukommen, ist für Briten schon eine Auszeichnung. Es gibt natürlich Kanadier mit britischen Wurzeln, die NHL-Spieler wurden, darunter mit Kenneth Hodge auch einen, der in GB geboren ist; auch der Australier Walker ist in GB geboren. Und der Stifter des Stanley-Cups, Frederick Stanley, Generalgouverneur für Canada 1888 bis 1893, war Brite! Drei Briten sind von NHL-Klubs gedraftet worden, aber schliesslich nicht verpflichtet. Das waren Anthony Hand, Colin Shields und Liam Kirk. Erstere beide sind Schotten und waren, im Gegensatz zu Kirk, langjährige britische Nationalspieler. Shields war auch heuer noch dabei, als GB nach 25 Jahren wieder bei einer “A”-WM aufkreuzen durfte, und auch den Klassenerhalt schaffte. 1994 war Vater O’Connor dabei, 2019 sein Sohn. Im EH kann GB/UK nicht mit 4 Teams antreten,  wie in jenen Sportarten die dort erfunden worden sind. Schottland hat ein inoffizielles EH-Nationalteam, das gelegentlich Freundschaftsspiele bestreitet, so wie die spanischen Regionalauswahlen (Katalonien,…) im Fussball. Eine Unabhängigkeit Schottlands wird in den nächsten Jahrzehnten ein Thema bleiben, eine solche Abspaltung würde Rest-GB auch im Hockey schwächen.

Ansonsten gibt es kaum realistische Zerfalls/Vereinigungs-Szenarien von Staaten, die Eishockey wirklich betreffen würden. Ein vereintes Korea oder ein unabhängiges Katalonien würden kein Erdbeben im Welt-EH bewirken, so eines wie Anfang der 1990er durch die Geschehnisse in Osteuropa. Ein unabhängiges Grönland wird wohl kommen, aber auf der “Insel”, die zu 80% vereist ist, gibt es noch fast kein Eishockey. Eine Unabhängigkeit Grönlands würde jedenfalls das Eishockey Dänemarks nicht schwächen. Noch weniger Ansätze zu dem Sport gibt es in Tibet, dort ist eine Unabhängigkeit ausserdem unwahrscheinlicher. Russland könnte auf mittlere Sicht Gebiete verlieren, aber kaum die “eishockey-relevanten” im westlichen Teil. Eine andere Frage ist eine “Eishockey-Unabhängigkeit”, wie sie im Fussball zB Schottland schon oder Färöer geniesst. Käme eine solche zB für das kanadische Territorium Nunavut in Frage? Immerhin wurde Eishockey von den kanadischen Ureinwohnern mit-erfunden, wenn auch nicht von jenen im Norden sondern denen im Südosten (s.o.).

1994/95, 2004/05 und 2012/13 fiel die NHL teilweise aus, weil sich Teambesitzer und Spielergewerkschaft nicht auf einen neuen Tarifvertrag einigen konnten. Die meisten NHL-Spieler gingen in diesen Pausen, in der Regel für die halbe Saison, nach Europa. Spieler aus der Ex-SU gingen vorzugsweise in die KHL (oder ihre Vorgänger-Ligen Superliga und Internationale Hockey-Liga), Schweden in die schwedische Liga (Eliteserien bzw SHL), Tschechen nach Tschechien, Deutsche in die DEL,… Aber auch Kanadier und US-Amerikaner gingen zu einem grossen Teil in europäische Ligen, wenn nicht in Minor Leagues in Nordamerika. 2004/05 gingen einige nach Grossbritannien, das kulturell für Nordamerikaner zwar recht nahe ist, eishockey-mäßig aber doch eine Art Entwicklungsland. Der Kanadier Steve McKenna, kein ganz Grosser, spielte bei den Nottingham Panthers, und einige Monate in Australien (bei Adelaide Avalanche), noch um einiges exotischer in dieser Hinsicht. Scott Hartnell und einige Weitere gingen in die norwegische Liga. Zu jenen die nach Italien gingen, gehörte Matt Cullen. Robert Niedermayer und Jason Strudwick gingen sogar nach Ungarn, zu Ferencváros Budapest! Reinhard Divis, der erste Österreicher der in der NHL gespielt hat, damals bei St. Louis Blues, ging zum Villacher SV, eben so wie der Kanadier Jason Krog, der in seiner Karriere mehr in der AHL als in der NHL gespielt hat. Während des Lockouts 2012/13 gingen die damaligen 3 NHL-Österreicher in die österreichische Liga mit internationaler Beteiligung, die EBEL: Thomas Vanek zu Graz, Michael Grabner zu Villach (jene Klubs bei denen die Beiden EH spielen lernten), Andreas Nödl ging nicht nach Wien sondern nach Innsbruck. Der Slowene Mursak, ein Marburger, wich zu Olimpija Ljubljana aus, das ebenfalls in der EBEL spielte.

Die längste Zeitspanne zwischen den Teilnahmen einer nationalen Auswahl in der Top-Division der EH-WM war 70 Jahre. So lange musste Ungarn “warten”, von 1939 bis 2009.12 08 in Sapporo in der Div. IA der entscheidende Sieg über die Ukraine, der dies ermöglichte. Seither ist die ungarische Eishockey-Auswahl einer der Kandidaten für den Aufstieg in die Top-WM, schaffte diesen ein weiteres Mal. Ein ungarischer Spieler hat den Sprung in die NHL geschafft, Tormann Levente Szuper, er kam 02/03 bei den Calgary Flames aber nicht zum Einsatz. Zwei weitere wurden gedraftet. Die nächst längsten Pausen zwischen Teilnahmen in der Top-WM waren: Jene von Lettland, 1939-1997 (58 Jahre), das “zwischendurch” seine Unabhängigkeit verlor. Bei Dänemark von 1949 (damals 0:47 gg Canada) und 2003 (54 Jahre; seither nie abgestiegen). Von Österreich 1957-1993 (46 J; der Aufstieg war damals durch die erste Aufstockung begünstigt). Frankreich 1950-1992 (42 J.), Japan 1957-1998 (41 J), Grossbritannien 1962-1994 (32), Niederlande 1950-1981 (31),…

Litauen spielte 1938 bei der EH-WM (gab damals nur eine Gruppe), 2019 spielte es immerhin in der zweithöchsten WM. Dazwischen lag natürlich auch der Verlust der Unabhängigkeit durch die Annexion an die SU. In dem Land, das unter dem Musiker Vytautas Landsbergis 1990/91 die Unabhängigkeit zurück gewann, ist Basketball wichtiger als Eishockey, Fussball möglicherweise auch. Es stellte sich bald heraus, dass Litauen, genau so wenig wie Estland (der dritte baltische Staat), im EH bei weitem nicht an Lettland heran kommt, meist zwischen Stufe 3 und 4 pendelt. 06 wurde das litauische Team 2. in der einen Gruppe der Div. I und stieg fast in die „A“ auf, das war das beste Resultat. 2018, als GB überraschend die „B“ gewann, siegte das litauische Team mit einem „Dream Team“ bei der Heim-WM der Division IB (“C”)13, schaffte den Aufstieg in die “B”. Nach den „Pflichtsiegen“ gegen die „Kleineren“, Kroatien und Rumänien, folgten jene gegen die grossen Konkurrenten Japan (mit Ex-NHLer Fukufuji im Tor) und Ukraine; es gab ein Endspiel in der Jalgiris-Arena in Vilnius gegen Estland, das überraschend noch mit im Rennen um den Aufstieg war. Nach einer Führung für die Esten zog Litauen auf 3:1 davon, ehe ca 2 Minuten vor Ende ein Litauer ins leere Tore des estnischen Teams zum Endstand traf.

Das Dream Team bestand aus den Spielern vom lettischen KHL-Klub Dinamo Riga, Armalis und Alisauskas (ersterer ist kurz in der NHL gewesen), Kapitän Kieras an seinem Karriereende, und natürlich den früheren langjährigen NHL-Spielern Kasparaitis (Verteidiger) und Zubrus (Stürmer). Danius Zubrus war letztes Jahr 39 Jahre alt, hatte 2016 in der NHL und überhaupt aufgehört (gehabt). Litauen ist neben Australien die kleinste EH-Nation, aus der ein Spieler in die NHL kam. Gut, es gab Wojtek Wolski in der NHL, der stammt aus Polen, kam aber mit der Familie als Kleinkind nach Canada, spielte nie in oder für Polen Eishockey. Und Polen muss man aufgrund seiner doch häufigen Teilnahmen in der Top-WM im EH eigentlich über Litauen stellen. Das gilt auch für Ungarn, von wo noch Keiner in der NHL gespielt hat, aber einer (s.o.) engagiert war, bei einem Klub. Der Japaner Yutaka Fukufuji brachte es auf 4 NHL-Spiele (für die LA Kings). Jene Italiener, die in der NHL spielten, wie Robert Manno oder James Corsi, waren eigentlich Kanadier, die aber für das italienische Nationalteam spielten (und dafür eingebürgert wurden, im Land ihrer Vorfahren). Und Zubrus’ WM-Teilnahmen für das litauische Team 05 und 14 (jeweils Div. IB) sind die “tiefsten” eines NHL-Spielers. Zubrus’ Entsprechung im Fussball ist vielleicht George Weah, bei dem auch das Nationalteam (Liberia) zu dem Spieler gewaltig abfiel.14

Noch etwas älter als Zubrus ist Darius Kasparaitis, auch er wurde für die “C”-WM 18 reaktiviert. Kasparaitis war 1986 als Jugendlicher aus Litauen nach Moskau gegangen, wurde in bzw von der SU (an ihrem Ende) sozialisiert – anders als Zubrus -, hatte russische Freundinnen. Spielte für Sowjetunion und GUS (Olympiasieger 92) und danach für Russland, ab 93, als er auch seine erste NHL-Saison spielte – in diesem Jahr versuchte sich ein litauisches Auswahl-Team erstmals seit 1938 bei einer EH-WM, schaffte nicht die Qualifikation für die C-Gruppe. Gegen Ende seiner Karriere Mitte der 00er ging er in die KHL, machte gegen Ende der 10er ein Comeback in der litauischen Liga. Und stellte einen Antrag auf einen Wechsel des Nationalteams, dem die IIHF stattgab. In einem freundschaftlichen Länderspiel Ende 17 gab er sein Debut für Litauen mit 45 Jahren, nach der WM 18 zu Hause beendete Kasparaitis dann endgültig seine Karriere. Anders als Zubrus, der bei der WM Div. IA heuer auch dabei war (nach wie vor ohne Klub und mittlerweile 40), den Wiederabstieg aber nicht verhindern konnte. Nun, Jaromir Jagr will seine Karriere auch nicht beenden, hat in der abgelaufenen Saison bei Kladno (wo seine Karriere begonnen hat) in der zweiten tschechischen Liga gespielt, ist 47.15

Die wichtigsten EH-Nationen, die noch keinen NHL-Spieler hervor brachten, sind Grossbritannien, Südkorea, Rumänien, Estland, Niederlande. Die Niederländer lehnten sich von 1566/68 bis 1648 gegen die spanische Herrschaft (zu Stande gekommen durch Erbteilung von Karl V.) auf, unter den Nassau-Oranje (die calvinistisch wurden), mit Kampfmethoden wie Heranfahren und Flüchten auf Schlittschuhen und Überflutungen. Eislaufen auf zugefrorenen Grachten wurde ein Volkssport in dem Land, aus dem sich das Talent und die Begeisterung für Eisschnellaufen entwickelte. Auch Land-Hockey ist populär in der Niederlande und deren Nationalteam darin Weltklasse. Eisschnellauf und Hockey, wenn man so will ist Eishockey die Kombination daraus… Auch ist das Land natürlich industrialisiert genug für die Errichtung und das Betreiben von Eishallen. Eishockey ist aber ein Nischensport in Niederlande/ Holland. Haben die Holländer Potential im Eishockey, sind sie da ein schlafender Riese?

Wenn ich tippen müsste, in welchen Ländern es auf mittlere Sicht Potential für eine starke Weiterentwicklung im EH geben könnte, würde ich am ehesten die NL nennen, neben China, Island, vielleicht Kasachstan, Grossbritannien, Litauen,… Wo hat China eigentlich nicht das Potential für eine starke Weiterentwicklung? Seit 2016 nimmt Red Star Kunlun aus Peking in der KHL teil, dort sind aber kaum Chinesen dabei. In der EH-“Welthierarchie” kommt nicht schnell etwas durcheinander, aber es gibt schon Entwicklungen. Die Slowakei gehört nicht mehr zu den Grossen, Polen zur Zeit nicht zu den Kandidaten für die “A-WM”, Norwegen und Dänemark haben sich dagegen in den letzten 15 Jahren fest in der Top-WM etabliert. Das gibt es ja auch in anderen Sportarten, dass Nationen aus einem “Zwergen-Dasein” dort heraustreten, USA im Fussball, Kroatien im Skisport, oder Argentinien im Rugby.

Canada-Niederlande 10:1 Olympia 1980

Das niederländische EH-Team hatte ein Allzeit-Hoch mit eingebürgerten Kanadiern und Amerikanern (grossteils niederländischer Herkunft)16, wie Larry van Wieren und David Livingston. 1978 gewann man die C-WM, im Jahr darauf die B-WM, 1980 nahm das NL-Team an Olympia teil, ’81 an der A-WM (erstmals seit den 1950ern). Ab 82 (wieder B) ging es dann wieder abwärts. Ab der WM 81 war auch Antonius “Tony” Collard dabei, kein Eingebürgerter, er spielte auch in Österreich und der Schweiz. 92 (da war Collard auch noch dabei) und 93 waren die Niederländer relativ knapp am Aufstieg in die A-WM dran, nach deren Aufstockung, vor der vollen Auswirkung der politischen Umwälzungen in Osteuropa im EH. Dann sind aber viele neue EH-Nationen an ihnen vorbeigezogen, seither dümpeln sie so vor sich hin, in den letzten Jahren meist zwischen 3. und 4. Klasse, auch die zweite ist zur Zeit unerreichbar. Auch keines ihrer Nachwuchs-Auswahlteams macht von sich reden.

A propos Eishockey bei Olympia 1980: Darüber gibt es ja den Film „Miracle“, der 2004 in die Kinos kam. Mit einer Szene, in der ein Reporter den Trainer des USA-Teams, “Herb” Brooks, fragt “Herb, now that Norway is behind you, what do you look for out of Romania?”. Das waren zwei der Vorrundengegner; in der Medaillienrunde gabs dann den sensationellen Sieg über die SU-Auswahl, der, zusammen mit dem folgenden über das finnische Team, den Turniersieg bedeutete.17 Beinahe unvorstellbar heute, ein Olympia-EH-Turnier mit Niederlande und Rumänien; gut, Polen und Japan, die damals dabei waren, sind inzwischen auch ziemlich weit von der erweiterten Weltspitze weg. Doch das rumänische Eishockey hatte in dieser Zeit auch ein Hoch, und das ganz ohne Einbürgerungen. Das Nationalteam qualifizierte sich auch für Olympia 1976 und für die A-WM 1977, zweiteres nach 47 Jahren Abwesenheit (diese beiden Turniere fanden übrigens in Österreich statt).

Ein dominierender Spieler dieser Generation war Doru Tureanu, der bei Dinamo Bukarest wie auch im Nationalteam mit Marian Costea und Dumitru Axinte im Angriff zusammenspielte. Von 1971 bis 1987 nahm Tureanu an 4 C-Weltmeisterschaften teil, 10 B-WMs, der A 1977, sowie den Olympiaturnieren 76 und 80.18 Später war er auch Trainer der rumänischen Eishockeynationalmannschaft, 2011 wurde er in die IIHF Hall of Fame aufgenommen; 2014 starb Tureanu frühzeitig. Mit dem Abstieg aus der B-WM 1983 begann noch zu seiner aktiven Zeit eine Abwärtsentwicklung, die sich auch zur Zeit der Demokratisierung des Landes fortsetzte. Dieses Jahr aber gewann Rumänien die “C-WM”, wird kommendes Jahr nach 25 Jahren “Pause” wieder in der zweithöchsten Klasse spielen.

Bei Olympia 1960 durfte das australische Team teilnehmen. Es ist mir nicht gelungen, heraus zu finden, warum eigentlich. Eher nicht aus einer regionalen Qualifikation heraus (so eine, mit der das japanische Team bei WM’s lange “oben” gehalten wurden, aus wirtschaftlichen Gründen19) sondern weil manche EH-Nationen bei diesem Turnier nicht teilnahmen. Australien beim Olympia-EH 60 war eigentlich viel bizarrer als Niederlande und Rumänien 1980, denn diese Teams standen damals in der Welt-Hockey-Hierarchie tatsächlich so weit oben. Aber es war nicht ganz so wie die Antreten des jamaikanischen Bob-Teams und des Briten Michael “Eddie the Eagle” Edwards in Calgary 1988, die beide verfilmt wurden.20 Denn das Welt-Eishockey war 1960 noch nicht so professionalisiert, nirgendwo, vielleicht in Nordamerika, aber die NHL war ja bei Olympia nicht dabei. Die Australier verloren ihre 6 Spiele, wenig überraschend, am höchsten gegen die Tschechoslowakei, 1:18. Überraschungssieger des Turniers war das Amateur-Team der USA, wie 20 Jahre später.

Erst 1962 spielte ein Team aus Australien das erste Mal bei einer Eishockey-WM, wieder bei einem verkleinerten Teilnehmerfeld, der B-WM in der USA, wurde 5., damit 13. insgesamt (die Teams der A-WM mit gerechnet), auch das ist bis heute unerreicht… In einem Land mit praktisch keinem natürlichen Eis ist das Betreiben von Eishockey aufwändig und ist es schwierig, dafür Interesse zu generieren (zum zuschauen/mitspielen), zumal in einem Land mit einer so ausgeprägten Sport-Kultur wie Australien (also viel Konkurrenz). Dort fällt natürlich das Abschneiden bei Olympischen Winter-Spielen dramatisch ab gegenüber jenem bei Sommer-Spielen, und dabei sind einige der wichtigsten Sportarten in dem Land, wie Rugby oder Kricket, (noch) gar nicht olympisch. Die Eishallen, die es gibt, muss sich EH mit Eisschnelllaufen oder Curling teilen. Zentrum des Eishockeys in Australien ist Victoria, mit der Metropole Melbourne. Kanadier, Osteuropäer, Skandinavier kommen auch nach Australien zur Verstärkung des dortigen Eishockeys, in die Liga (AIHL), werden “gelegentlich” eingebürgert fürs Nationalteam.

Erst seit 1992 nimmt die australische Nationalmannschaft regelmäßig an den WM-Turnieren teil, pendelt in der Regel zwischen 4. und 5. Klasse (Division II Gruppe A oder B). Bei der D-WM 1987 zu Hause gab es ein 58:0 gegen das Team von Neuseeland, wo Eishockey noch ein Stück mehr am Rand steht. Dies übertraf den WM-Rekord von 1949 (noch keine mehrstufige WM damals), wo Canada 47 Tore gegen Dänemark schoss.21 1993 verlor das australische Team 1:23 gegen jenes von Kasachstan, das damals auf dem Weg nach oben war. Bei der Weltmeisterschaft der Division II B 2008, bei der Australien wieder Gastgeber war, konnten sich die Mighty Roos gegen die Konkurrenz durchsetzen und sicherten sich einen Platz für die WM der Div. I A 2009, wo sie dann nach 47 Jahren (1962!) wieder in der zweiten Klasse spielten. Aber in allen Spielen eine auf “den Deckel” bekamen und wieder abstiegen. Nathan Walker war damals noch nicht im A-Team seines Landes dabei. Er hat es dann in die NHL geschafft, als erster und einziger Australier; geboren ist er in Wales (GB). Es heisst, Walker wurde zum EH inspiriert von den “Mighty Ducks”-Filmen (s.u.) und dem Film “Mystery, Alaska”, über ein fiktives Hockeyteam aus Alaska.

Der Flame Pieter Bruegel d. Ä. erlebte 1564/65 einen extrem kalten Winter, malte 1565 „Jäger im Schnee“ und „Winterlandschaft mit Eisläufern und Vogelfalle“ (beide im Kunsthistorischen Museum in Wien). Darauf sind jeweils auch Menschen die auf einem zugefrorenen Teich bzw Fluss eine Form von Eishockey zu spielen scheinen. Es dürfte aber Colf dargestellt sein, auch Schneegolf oder IJscolf (Eisgolf) genannt, ein dem Golf ähnliches Spiel auf Schnee oder Eis, sowie Klootschieten (vergleichbar mit Eisstockschiessen). Colf wurde mit einem hölzernen oder ledernen Ball sowie hölzernen Schlägern gespielt, war im Spät-Mittelalter und der Früh-Neuzeit in den “Niederen Ländern” beliebt; ähnliche Spiele wurden auch anderswo gespielt, wahrscheinlich in Nordamerika und Skandinavien. Belgien entstand ja 1830, und Eishockey ist nicht wirklich gross geworden dort, und auch nicht Belgien im Eishockey.22

Bruegel: “Jäger im Schnee”, KHM

Die belgische Nationalmannschaft war in der “Neuzeit” meist in der C-WM, in den 1990ern durch die Entstehung neuer Staaten/Teams dann in der D, seit 2000 fallweise sogar noch tiefer unten, steht zwischen Klasse 4 und 5 – mit dem Ausreisser 2004, als man in der (damals grösseren) Div. I spielte. Herausragend war Mike Pellegrims, ein Flame, der in Niederlande, Frankreich, Deutschland spielte, in seiner Zeit in der DEL auch die deutsche Staatsbürgerschaft annahm, 3x im DEL All Star Game spielte, am Ende seiner Karriere auch in Österreich spielte (Klagenfurter AC). Sein Neffe Maxime (konnte sich nicht in Deutschland halten) ist ebenfalls “Eishackler”, er inzwischen Trainer. Im Eishockey-Film “Sudden Death” (1995) spielt der Belgier Jean-Claude “van Damme” (van Varenberg) die Hauptrolle, spielt aber einen Kanadier und eigentlich keinen Eishockey-Spieler. Sondern einen Feuerwehr-Mann der anlässlich des Stanley-Cup-Finales ein Blutbad verhindert; wie bei Bruegel kommt Belgien auch hier nicht wirklich mit EH zusammen. Echte NHL-Spieler wie Mario Lemieux spielten in dem Film mit, bzw sich selbst, aber eben im Hintergrund.

In Island wurde überraschend spät begonnen, Eishockey ernsthaft zu betrieben. Der isländische Verband wurde 1992 IIHF-Mitglied, 1999 das erste Länderspiel der isländischen Nationalmannschaft. WM-Teilnahme dieses Jahr in der D-Gruppe, in Südafrika, wo man sogar gegen Israel verlor, 0:1, Letzter wurde. 2002 gab es ein 0:20 gegen das Team Litauens in der Division II Gruppe B, 2004 bei der Heim-WM eine Klasse tiefer (also in der 6. “Klasse”) ein 30:0 gegen Armenien. Einige Jährchen hat das isländische Team in der 4thöchsten Klasse (Division IIA) gespielt, aktuell in der 5. Rekord-Nationalspieler ist Ingvar Jönsson, der viele WM-Teilnahmen (an die 20) absolviert hat. Der Tormann, Dennis Hedström, kam als Legionär aus Schweden nach Island, für 1 Jahr, wurde dort eingebürgert und Nationalspieler, spielt(e) meist in Schweden, z Zt in der 5t höchsten Liga.

1994, als in Island ein Eishockey entstand, kam der Film “D2: The Mighty Ducks” in die Kinos, aus der Disney-Trilogie über die “The Mighty Ducks”, ein Eishockey-Team aus Minneapolis-St.Paul. Mehr oder weniger im Zuge des Erfolgs der Filme entstand in den 1990ern der NHL-Klub Mighty Ducks of Anaheim (nun Anaheim Ducks). In dem zweiten Film aus der Serie geht es um eine Nachwuchsauswahl der USA, die bei einem Turnier u.a. auf das (Jugend-) Nationalteam von Island trifft, das dort ein Eishockey-Riese ist (und die USA der “Underdog”)… Auch Trinidad-Tobago ist dort mit einem Team vertreten. Eine erfolgreiche isländische Nachwuchs-Nationalmannschaft hat es bislang nicht gegeben, das Eishockey macht auf der Insel nur kleine Fortschritte. Im Handball gehört Island zur erweiterten Weltklasse, im Fussball qualifizierte man sich für die EM ’16, behauptete sich dort. Aber Island sollte Potential im EH haben, man wird sehen ob es eines Tages einen Boom geben wird, der an den Film aus 1994 erinnern wird.

Konstantin Mihailov war langjähriger Tormann des bulgarischen Nationalteams, spielte rekordträchtige 28 Weltmeisterschaften (in unteren Klassen), ausserdem (zuvor) einige Nachwuchs-WMs sowie (daneben) drei Olympia-Qualifikations-Turniere. Die meiste Zeit seiner Karriere spielte er in seiner Heimatstadt Sofia bei Levski, sein Zwillingsbruder spielte ebenfalls dort. Er war wohl einer von ganz wenigen Bulgaren, die sich “Eishockey-Profi” nennen durften, spielte dann in der zweiten französischen Liga sowie in der Türkei (auch ein Land, das jährlich eine Eishockey-Auswahl zu WMs schickt). Seine erste WM war 1985 in Megeve, seine letzte 2014 mit fast 50 Jahren. 2009 wollte Mihailov eigentlich schon aufhören, aber sein Nachfolger im Tor des bulgarischen Teams, Kiril Vajarov, starb unerwartet. Bulgarien war früher meist in der C-WM, kam dann Anfang der 90er kurz rauf (erste Aufstockung, Ende der DDR, neue Nationen mussten unten beginnen)23, dann runter. Spielt seither zwischen vierter und sechster Klasse, in den letzten Jahren zweiteres (Div. III). Um die Mitte der 1990er waren die Zusammentreffen des bulgarischen Teams in den unteren Divisionen mit den neuen Teams und die entsprechenden Niederlagen. So wie bei der C 1994 jeweils 0:31 gegen Kasachstan und Ukraine, mit Mihailov im Tor.

Höhepunkte seiner Karriere waren die C-WM 1990 und die Division II A 2006 (in Bulgarien), wo er jeweils zum besten Tormann gekürt wurde. Er ist überraschenderweise nicht Rekord-Nationalspieler Bulgariens, das ist Atanasov, der im bulgarischen Team war, das an Olympia 76 teilnehmen durfte (alle Spiele verlor, Letzter wurde). Mihailov ist aber WM-Rekord-Teilnehmer, mit 28. Dahinter folgen die Ungarn Szelig und Palkovics (21 bzw 19), der Norweger Jakobsen (19) und der Italiener Helfer (ebf. 19). Wie die Liste genau weiter geht, war nicht zu eruieren. Sehr viele WM-Teilnahmen haben jedenfalls auch Tokaji (ebf. Ungarn), die Dänen Green und Damgaard, der Pole Laszkiewicz, die Österreicher Unterluggauer und Ulrich, der Isländer Jönsson, die Esten Makrov und Lahesalu, der Slowene Hiti, der Ostdeutsche Peters,… Nun ja, bei den (alpinen) Ski-Weltmeisterschaften ist der für Mexico startende Hubertus von Hohenlohe Rekord-Teilnehmer. Wenn man nur die A-WM-Teilnahmen heran zieht, führt der Schweizer Mathias Seger (16 Turniere, 106 Spiele), vor dem Finnen Nummelin (15), dem Letten Masalskis, Green, dem Franzosen Huet, dem grossen Tretjak,…

Die IIHF hat 2014 einen neuen Ehrenpreis kreiert, der nach dem legendären Schweizer Stürmer Riccardo “Bibi” Torriani benannt ist. Der Bibi Torriani-Preis wird seither jährlich an einen Spieler kleiner Eishockey-Nationen vergeben. Bisherige Preisträger waren der Italiener Lucio Topatigh, der verstorbene Ungar Gabor Ocskay, der Brite Anthony Hand, der Däne Jesper Damgaard und natürlich Mihailov. Der Graubündener Torriani war vor und nach dem 2. Weltkrieg aktiv, mit den Cattinis, gewann mit dem Schweizer Team in dieser Zeit Medaillien, die letzten vor 2013, und er war auch Bob-Sportler. Da ist eine Querverbindung zu Mihailov gegeben, der auch Inline-Hockey betrieb, ebenfalls eine andere Sportart, wenngleich eine dem Eishockey sehr verwandte. Viele Eishackler mach(t)en das, mehr oder weniger intensiv. Es gab aber auch EH-Spieler in ganz anderen Sportarten. Der Tscheche Vlastimil Bubnik war auch Fussballer, EM-Teilnehmer 1960. Sein Landsmann Jaroslav Drobny spielte auch Tennis, vor und nach dem 2. WK, setzte sich ’49 in den Westen ab, spielte dann nur mehr Tennis, wechselte auch das Land, spielte für Ägypten und GB.24 Der Österreicher Gerhard “Gerdi” Springer war FB- & EH-Spieler und -Coach, war dabei als ein österreichisches EH-Team das letzte Mal eine Medaillie gewann, bei der WM 1947.25

Ungefähr auf einem Level wie Bulgarien, in den letzten Jahren etwas darüber, steht Spanien im Eishockey; nördliche Regionen wie Katalonien und Baskenland sind klarerweise die “Zentren” dort. Der FC Barcelona hat auch eine Eishockey-Abteilung. Und eine für Roller-Hockey (Rollhockey). In Ermangelung von natürlichem Eis lässt sich das in Spanien leichter spielen, und dieser Sport hat in dem Land eine gewisse Tradition. Rollhockey ist zu unterscheiden von Inline-Skaterhockey (mit Ball gespielt, wie Rollhockey) und Inlinehockey (mit Puck), die mit Inline-Skates gespielt werden (Rollhockey dagegen mit traditionellen Rollschuhen) und körperbetonter gespielt werden. Niemand geringerer als Juan A. Samaranch hat Rollhockey in Spanien gespielt und gefördert. Aus einer grossbürgerlichen Familie in Barcelona stammend, war dieser Anhänger der Franco-Diktatur.26 Er betrieb Eiskunstlauf, vor allem aber Rollhockey, worin er zunächst für Espan(y)ol Barcelona spielte und, in den 1950ern, für die spanische Nationalmannschaft, als Tormann; später war er deren Trainer. Er kümmerte sich um die Ausrichtung (und Finanzierung) der 1951 und 1954 in Barcelona stattfindenden Weltmeisterschaften im Rollhockey. Damit trug er zum Durchbrechen der Isolation Franco-Spaniens (nach der engen Verbindung zu Hitler-Deutschland und aufgrund ihres diktatorischen Charakters) bei. Damit legte er auch den Grundstein zu seinem Aufstieg im spanischen Sport-Management, der ihn ins Comité Olímpico Español führte, dann ins IOC.

In Israel wird Eishockey überwiegendst von Einwanderern aus “Eishockey-Ländern” betrieben, und das ist hauptsächlich die Ex-SU. Der aus Russland (der Russischen SSR) stammende Jewgeni Gussin war in der alten Heimat EH-Tormann, wanderte als Jude nach Israel aus, spielte für dessen Auswahl, wurde Präsident des Eishockey-Verbands. Erst durch diese Einwanderer kam Anfang der 1990er in dem Land ein Eishockey etwas auf Touren. In diesen frühen Jahren bekamen auch sie es mit den neuen EH-Nationalteams auf ihrem Weg nach oben zu tun (siehe Resultat gegen Lettland oben). In den 00er-Jahren war dieses Team in der breiten Division II, gewann 05 seine Gruppe und spielte daher 06 in der (eben so breiten) Division I – wo es u.a. ein 2:11 gegen das Team Deutschlands gab. Danach war das israelische Team einmal in der sechsthöchsten Gruppe, ansonsten in der vierten oder fünften. Klimatisch und kulturell etwas passender ist Eishockey in Nordkorea, dessen Nationalteam ist zur Zeit etwas hinter (bzw unter) jenem Israels zu finden. Ungefähr auf diesem Level ist auch Mexico im EH, wo auch immer wieder unterklassige Weltmeisterschaften ausgerichtet werden. In Mexico ist es halt die Nähe zur USA27, auch American Football hat sich ein wenig verbreitet. Angeblich sind die meisten mexikanischen Nationalspieler in der USA oder Canada lebende und spielende Mexikaner.

Ebenfalls keine natürlichen Eisflächen, aber etwas Eishockey aufgrund äusserer Einflüsse, in diesem Fall europäischer, gibt es in Südafrika. Jetzt sind wir bei den vollen EH-Exoten. EH ist dort nicht eine Randsportart (das ist dort vielleicht Handball), sondern eine Randrandsportart. Aber, es ist ein urbanisiertes und industrialisiertes Land, und einige Eishallen gibt es. Canada hat 637 000 bei EH-Klubs registrierte Spieler, das sind 1,709% der Bevölkerung. In Südafrika sind es 766 Spieler, 0,001%. 1961 nahm eine südafrikanische Nationalmannschaft erstmals an einer WM teil, jene der 3. Klasse, 1966 wieder. Dann traten, im Rahmen der Lockerung der Vorrangstellung der weissen Welt über den Rest, bald Sanktionen gegen Südafrika aufgrund seiner Apartheid-Politik in Kraft, auch im Sport, und Südafrika war vom internationalen Spielbetrieb grossteils ausgeschlossen. Mit der Aufhebung der Apartheid-Gesetze Anfang der 1990er wurden auch die Sanktionen aufgehoben, und 1992 durfte Südafrika die C2-WM ausrichten, in Johannesburg, und das RZA-Team dort antreten. Zu Apartheid-Zeiten28 spielten natürlich nur Weisse für Südafrika, im Eishockey hat sich das danach nicht so dramatisch geändert. Das südafrikanische Team spielt in der Division III, all zu viele Teams hat es nicht hinter sich.

Seit 2010 dabei im A-Nationalteam seines landes ist Uthman Samaai, ein Kap-Farbiger/-Malaie, davor spielte er in diversen Nachwuchs-Auswahlen. Samaai lebt in der USA, spielt an einem College Eishockey, möglicherweise studiert er auch etwas. Und betreibt auch diverse andere Sportarten. Das weiss ich, weil es über ihn einen Artikel auf de.wikipedia gibt, angelegt von einem “Tomyiy”, der einen EH-Schwerpunkt hat, nicht nur bzgl Exoten. Samaai hat einen youtube-Kanal. Er ist noch nicht Rekord-Nationalspieler seines Landes, das ist Alan Verwey, der auch in Post-Apartheid-Zeiten spielte, aber früher. Im IT werden von EH-Fans auch von diesem getragene Trikots gehandelt/getauscht. Auf EH-Fan-Seiten finden sich auch Diskussionen (zB diese), wer denn der beste südafrikanische Eishockeyspieler war/ist. Die verlinkte Diskussion ist aus 2007, Samaai war damals noch nicht aktuell; Verwey wurde genannt, Olaf Kölzig, der in Südafrika geboren ist, aber Deutscher ist (und in Canada lebt), und Josh(ua) Reinecke. Der ist Südafrikaner, aber in Canada aufgewachsen. Inzwischen ist seine Karriere zu Ende und sie ist leider nicht die grosse geworden. Anscheinend haben auch immer wieder Ausländer in Südafrika Eishockey gespielt und trainiert, sowohl zu Apartheid-Zeiten als auch danach. In jüngeren Jahren war das etwa der Kroate Igor Zajec.

Die niederste WM die heuer statt fand, war die Qualifikation für die Division III im nächsten Jahr. Das Team der Vereinigten Arabischen Emirate (UAE) gewann auf Heim-Eis in Abu Dhabi, gegen die Konkurrenten aus Bosnien-Herzegowina, Kirgisistan, Kuwait, Thailand, Hongkong. Höchster Sieg war ein 13:1 von UAE über Kuwait. Auf der IIHF-Webseite über dieses Turnier, mit Bildern. Bosnien-Herzegowina (BiH) muss also weiter gewissermaßen um den Anschluss an die Eishockey-Welt kämpfen. Das Land, das als Teil Jugoslawiens die Olympischen Winterspiele 1984 in seiner Hauptstadt Sarajevo ausrichtete. Für das Eishockey- Turnier damals wurde die Zetra-Halle gebaut, dort setzte sich die sowjetische Sbornaja mit Wjatscheslaw Fetisow etc durch, vor der CSSR und Schweden. Und dort gewannen die Briten Torvill und Dean Gold im Eiskunstlauf-Paarlaufen.

Nach Olympia fand dort nicht viel Eishockey statt, die Halle wurde v.a. für Konzerte genutzt. Überhaupt gab es nicht viel EH in BiH zu YU-Zeiten. Im Juli 1991, als der mit viel Gewalt verbundene Auseinanderfall Jugoslawiens schon begonnen hatte (in Slowenien und Kroatien, noch nicht in Bosnien), fand in der Zetra-Halle ein Friedenskonzert bekannter Musiker Jugoslawiens statt, veranstaltet vom TV-Sender Yutel. Die Halle wurde im Bosnien-Krieg (1992-95) komplett zerstört, Getötete wurden daneben begraben,… Auch die Skisprungschanzen, die Bobbahn und andere Sportstätten von 1984 wurden beschädigt, zerstört, verfielen. Die Halle wurde wieder aufgebaut, trägt den Namen des früheren IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch, wegen dessen Einsatzes für den Wiederaufbau.

Zetra-Halle & Umgebung am Kriegsende 95

Zum armenischen Eishockey ein link zu einem Artikel darüber. Der in einer Fussnote erwähnte 82:0-Sieg eines slowakischen Frauenteams über ein bulgarisches ist ein Rekordsieg, auf Jugend-Level gab es im internationalen EH einen noch höheren. Eine südkoreanische Auswahl gewann gegen eine thailandische 1998 bei einem U18-Turnier 92:0. Es findet sich dazu eine Diskussion, wie so ein Resultat überhaupt zu Stande kommen kann… Einige andere kleine EH-Nationen, wie Luxemburg, Irland oder Indien werden in diesem Artikel nicht behandelt. Nicht volle IIHF-Mitglieder sind die Verbände von Chile (nur Rollschuh-Aktivitäten), Andorra, Jamaica, Portugal,… Namibia ist nicht mehr IIHF-Mitglied. Es gibt auch im Iran, dessen Eislauf-Verband nicht der IIHF angehört, Eishockey-Aktivität.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Gastgeber der wichtigsten WM (die beste seit langem) und dort nicht gerade vom Glück begünstigt
  2. Von 1951 bis 2000 gab es das mehrklassige WM-System mit den Bezeichnungen A, B, C, gelegentlich fanden auch D-Weltmeisterschaften statt. Seit 2001 gibt es unterhalb der obersten, “eigentlichen” WM die Divsion I, dann die Division II, in manchen Jahren auch eine dritte. Diese Divsionen wiederum sind gegliedert in 2 Gruppen. Von 2001 bis 2011 waren die Gruppen A und B der Div. I-Weltmeisterschaften gleichrangig, die beiden Sieger stiegen für das nächste Jahr auf, die Letzten ab. Eben so verhielt es sich mit der Division II. Seit 2012 steht die WM der Div. I A über der Div. IIB – WM, der Letzte der IA steigt in die IB ab, und darunter in der Hierarchie ist die IIA, dann die IIB,…
  3. Im alpinen Skisport gibt’s auch noch einmal einen “Schritt” von Francisco Fernandez Ochoa, Simon Wi Rutene oder Malgorzata Tlalka(-Mogore) zu Hubertus von Hohenlohe, Lamine Guey oder Hossein Kalhor
  4. Das in England ab dem 17. Jh entstand
  5. In der IIHF hatte man wahrscheinlich ein schlechtes Gewissen, dass man die Slowakei verdonnert hatte, ganz unten, bei den Exoten zu beginnen, als unabhängige Nation im EH; auch die Teilnahme am Qualifikationsturnier für Olympia 94 war so eine Art Geschenk
  6. Und das obwohl der grösste See Österreichs der Neusiedler See ist und dieser auch regelmäßig zufriert – im Gegensatz zum grössten Kärntner See, dem Wörtherse
  7. Hiti stand Anfang der 1970er knapp vor einem Engagement in der NHL, er wurde später in die IIHF Hall of Fame aufgenommen
  8. Man kann darüber diskutieren, ob Besic Slowene oder Bosnier ist… Genau wie beim (verunglückten) Skirennfahrer Rok Petrovic, der im jugoslawischen Slowenien als Kind von Kroaten geboren und aufgewachsen ist. Noch verworrener ist die Situation bei Sänger Branimir “Johnny” Stulic…oder Josip Broz “Tito”
  9. Zum Auseinanderfall Jugoslawiens im Fussball und allgemein in diesem Artikel
  10. Für Olympia 14 qualifizierte sich das österreichische Team überraschend, konnte dort auch seine NHL-Spieler (Vanek, Grabner, Raffl) aufbieten (plus zwei ehemalige, Pöck und Nödl). Vor dem Entscheidungsspiel um den Viertelfinal-Einzug, gegen Slowenien (also einen bezwingbaren Gegner), gingen ausgerechnet die NHL-Profis auf “Zechtour”. Slowenien kam ins Viertelfinale, war unter den Top 8 der Welt, so weit oben wie sonst nie
  11. Rest-Jugoslawien hiess Bundesrepublik Jugoslawien, dann Serbien-Montenegro, nach der Abspaltung Montenegros 2006 blieb die Republik Serbien übrig
  12. Im Fussball musste Ungarn auch lange auf die Qualifikation für ein Grossereignis (WM/EM) warten, 30 Jahre, von 1986 bis 2016, von EM-Teilnahme bis zur nächsten waren das sogar 44 Jahre
  13. 1918 war Litauen/Lietuva vom Russischen Reich unabhängig geworden, wie auch die anderen beiden baltischen Länder, 1940 wurden sie von der Sowjet-Union besetzt (nachdem dies mit Nazi-Deutschland ausgemacht worden war) und verloren für 50 oder 51 Jahre wieder die Unabhängigkeit. Dennoch wurde 2018 “100 Jahre Unabhängigkeit” gefeiert
  14. Weah nahm mit dem liberianischen Team an zwei Afrika-Cups teil. 03 beendete er seine Karriere, ist 05 bei der Präsidentenwahl in Liberia angetreten, verlor eben so wie 11 als er als Vizepräsident zur Wahl stand, jeweils gegen Ellen Johnson-Sirleaf. 14 wurde er ins Parlament gewählt, Ende 17 schliesslich zum Präsidenten, Anfang 18 trat er die Nachfolge von Johnson-Sirleaf an. Als Präsident gab er ein Comeback im Fussball-Nationalteam seines Landes, im September 18 in einem Freundschaftsmatch gegen Nigeria. Anders als bei Zubrus und Kasparaitis wurde von ihm, im Alter von 52, aber keine sportliche Verstärkung erwartet. Weah führte seine Mannschaft als Kapitän aufs Feld, wurde etwa 10 Minuten vor Schluss ausgewechselt. Dies war 16 Jahre nach seinem bis dahin letzten Einsatz in der “Nati” seines Landes. Rekord-verdächtig (bzw, höchstwahrscheinlich eine Premiere) ist diese Pause, das Alter des Nationalspielers, und dass er das als amtierender Präsident tat
  15. Gleich alt ist der Japaner Noriaki Kasai, der noch immer mit den Skiern springt
  16. Beim NHL-Lockout 04/05 kam der niederländische Kanadier Karl Dykhuis in die niederländische Liga
  17. Im SU-Team auch der Lette Helmuts Balderis (wenn auch nicht in der ersten Linie), der gegen Ende seiner Karriere, als der Kalte Krieg schon entschärft war, in die NHL “hineinschnuppern” durfte. Mehr als hineinschnuppern durften dann die Spieler der damaligen ersten Linie, Fetisow, Kasatonow, Krutow, Makarow, Larionow. Der Tschechoslowake Stastny konnte das bereits vorher, er setzte sich bald nach diesem Turnier nach Canada ab. Viele der US-amerikanischen Olympiasieger schafften es auch in die NHL und sich durchzusetzen, etwa Neal Broten
  18. Was de.wikipedia hierzu sagt, stimmt leider nicht
  19. Als Anfang der 90er osteuropäische Teams nach oben “strömten”, Nachfolgestaaten der drei aufgelösten SU, CS, YU, wurde auch eine solche regionale Qualifikation angedacht, eigentlich auch aus wirtschaftlichen Gründen
  20. In Calgary 88 trat die SU das letzte Mal im EH an und gewann wieder
  21. Im Frauen-EH wurde das übertroffen, 2008, als das slowakische Team 82:0 gegen Bulgarien gewann
  22. Gibt es das, dass “ein Land” in einem Sport gross ist ohne dass dieser im Land gross ist? Vermutlich schon, Österreich im Faustball zB
  23. Bei der B-WM 92 gabs ein 0:18 gg Österreich
  24. Er wurde 1954 Wimbledon-Sieger, als erster Afrikaner (als ägyptischer Staatsbürger war er das gewissermaßen), vor Roger Federer, dessen Mutter eine (burische) Südafrikanerin ist und der auch die südafrikanische Staatsbürgerschaft hat
  25. In 2 Sportarten aktiv waren in jüngeren Jahren bzw sind zB Michael Jordan (Basketball, Baseball), Daniela Iraschko-Stolz (Skispringen, Fussball), Ester Ledecka (Skifahren, Snowboard)
  26. Verheiratet war er mit einer Freundin von Francos Tochter Carmen
  27. So wie bei Georgien, ebf ein EH-“Entwicklungsland”, jene zu Russland
  28. Und diese waren 1994 zu Ende

Tragische Unfälle im Spitzensport

Es geht hier um (damals) aktive Leistungs-Sportler in Ausübung ihres Sports (Wettkampf oder Training). Nicht um Unfälle ausserhalb ihres Sports, wie die Flugzeugabstürze mit Sportlern an Bord (wie der SLM-Absturz ’89 oder jener des Old Christian’s Rugby Club aus Montevideo 72), Verkehrsunfälle (wie der von Drazen Petrovic 93 oder von Hermann Maier 01 oder Amy van Dyken 14), private Tragödien (wie jene von Corinne Rey-Bellet oder Gary Speed), Unfälle und Ähnliches nach der Karriere (wie beim Ringer David Schultz, der beim Training ermordet wurde, aber inzwischen Trainer war, oder die Ex-Snowboarderin Karine Ruby, die nach dem Karriereende 09 am Mont Blanc in eine Gletscherspalte stürzte), nicht um Freizeitsportler (wie Jene die zB beim Marathon in New York starben, oder Christopher Reeve), nicht um die Unfälle im Umfeld von Heinz Kinigadner, den Ausraster von Eric Cantona gegen einen Zuschauer, Stadionkatastrophen wie jene in Brüssel 1985. Motorsport ist zwar eigentlich kein Sport, ist hier aber dabei; Bergsteigen dagegen nicht (eher ein “Kampf” mit der Natur?).

Todesfälle sind natürlich die tragischsten Unfälle. Beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans im Juni 1955 führte ein riskantes Manöver des Briten Mike Hawthorn (Jaguar) zu einem Überschlag des Mercedes des Franzosen Pierre Bouillin (der unter dem Namen Pierre Levegh antrat) mit folgender Explosion dessen Automobils. “Levegh” fiel dabei aus dem Wagen und wurde getötet. Durch den Aufprall und durch die Explosion wurden Wrackteile auf die Zuschauertribüne geschleudert und töteten dort 83 weitere Menschen, fast 180 wurden verletzt.1 Das Rennen wurde trotz des Unfalles fortgesetzt. Mike Hawthorn, der (als) Verursacher der Katastrophe (gilt), gewann das Rennen zusammen mit seinem Team-Kameraden Ivor Bueb, wurde später sogar Formel-1-Weltmeister. Juan-Manuel Fangio fuhr nach dem Unfall mit den vielen Zuschauer-Toten nie mehr in Le Mans. Mercedes-Benz zog sich aus dem Rennsport zurück, bis 1989. Einige Staaten in Europa verfügten ein Motorsport-Verbot; die meisten davon nahmen dieses nach einer Verbesserung von Sicherheitsstandards wieder zurück, nicht so die Schweiz.

Le Mans 1955

Der SU-Fechter Vladimir Smirnov (Olympiasieger, Weltmeister) starb 1982 bei der WM in Italien nach dem Kampf gegen den Deutschen Behr. Dessen Klinge brach und bohrte sich durch Smirnovs Maske über dessen Auge in den Kopf des Russen/Ukrainers. Er starb einige Tage später in einem Krankenhaus in Rom. Es wurden darauf hin neue Sicherheitsmaßnahmen beim Fechten erlassen.

Der Sturz von Ulrike Maier bei der Abfahrt in Garmisch-Partenkirchen im Jänner 1994 selbst war eigentlich unspektakulär. Tragisch wurde er, weil sie dabei gegen einen Holzpflock geschleudert wurde, der die Zwischenzeitnehmung auslöste, und sich dabei das Genick brach. Zwischen ihren beiden grössten Erfolgen, den WM-Siegen im Super-G 89 und 91, war sie Mutter geworden.

Der Brite Tom Simpson kam bei der Tour de France 1967 ums Leben, durch Flüssigkeitsverlust; das Amphetamin das er genommen hatte, schaltete Warnsignale seines Körpers aus. Ähnlich war es dem Dänen Knud Jensen bei Olympia 1960 in Rom gegangen.

Der Brasilianer Ayrton Senna da Silva beim Grossen Preis in Imola 1994. Nach dem Unfall von Paletti 1982 (s.u.) war die Formel 1 12 Jahre ohne Todesopfer in Rennen und Trainings geblieben2, bis zum Unfall von Roland Ratzenberger am Imola-Wochenende (an dem noch so Einiges passierte, vom Trainings-Unfall Barrichellos bis zu einem Rad-Verlust Alboretos in der Boxenstrasse, der einige Mechaniker verletzte). Der 3-fache Weltmeister Senna kam im Rennen mit seinem Williams in der Tamburello-Kurve von der Fahrbahn ab und schoss über den Seitenstreifen in eine Streckenbegrenzungsmauer. Er erlitt schwere Kopfverletzungen und wurde mit dem Rettungshubschrauber in eine Unfall-Klinik in Bologna geflogen, dort einige Stunden später für tot erklärt. Wahrscheinlich riss beim Aufprall ein Vorderrad ab, wobei sich eine Strebe der Radaufhängung durch Sennas Helm bohrte.3 Senna hatte eine österreichische Fahne in seinem Rennauto, die er nach dem Rennen im Gedenken an Ratzenberger schwingen wollte… FIA-Chef Max Mosley kam zu Ratzenbergers Begräbnis und nicht zu jenem Sennas. Im nächsten Rennen in Monaco hatte Karl Wendlinger einen schweren Unfall4. Das brasilianische Fussball-Team entrollte nach seinem Sieg bei der WM in der USA in diesem Jahr ein Transparent für Senna.

Senna und Dr. Watkins in Imola nach Ratzenbergers Tod im Training

Der Messer-Angriff auf Monica Seles in Hamburg ’93. Die Vojvodina-Ungarin hatten ihren Durchbruch im internationalen Tennis Anfang der 1990er, parallel zum Auseinanderfall Jugoslawiens, wurde Konkurrentin von “Steffi” Graf. Beim Viertelfinale in Hamburg spielte Seles gegen die Bulgarin Maleewa, als ein Graf-Fan in einer Pause auf den Platz stürmte und ihr ein Messer in den Rücken rammte. Die seelische Verletzung verheilte langsamer als die körperliche. Seles nahm sich 2 Jahre Pause; sie trat danach für die USA an, nicht mehr für (Rest-) Jugoslawien.

Gernot Reinstadler flog im Qualifikations-Training5 in Wengen ’91 im Zielhang nach einem Fahrfehler in das Sicherheits-Netz, blieb mit einem Ski hängen, die Fliehkraft riss ihm ein Bein beinahe ab, ehe die Bindungen aufgingen, riss die rechte Oberschenkelaterie auseinander. Eine Blutspur im Schnee hinter sich herziehend, rutschte er weit hinunter, war nach seinem Stillstand kurz bei Bewusstsein. Er starb in der folgenden Nacht im Krankenhaus in Interlaken. Böse Ironie, bis in die 80er hinein gab es bei Weltcup-Rennen Holzzäune (!) als Pisten-Begrenzungen, da passierten solche Unfälle nicht. Reinstadler war (noch) kein Grosser gewesen, seine Mutter (die vor Einführung des Weltcups fuhr) hatte Einiges erreicht. Die Wengen-Abfahrt wurde abgesagt, die Ski-WM in Saalbach einige Wochen später war von Reinstadlers Tod (und dem Irak-Krieg) überschattet.

Marc-Vivien Foe klappte im Semifinale des Confederation-Cups 03, im Stadion seines Klubs in Lyon, zusammen und starb an einer “Herzattacke”. Das Team von Kamerun (mit Foe) spielte gegen jenes von Kolumbien. Eine angeborene Herzschwäche war die Ursache; eigentlich eine Krankheit, kein Unfall oder Verletzung. Das kamerunische Team gewann Anfang der 00er 2 Mal den Afrika-Pokal, wurde Olympiasieger, hatte den jungen Eto’o und einiges mehr. Aber der wichtigste Auftritt in dieser Zeit misslang, jener bei der WM 02, wo man in der Vorrunde ausschied. Das unterbrochene CC-Semifinale gewann Kamerun, das Finale 3 Tage später gegen Frankreich wurde auf Wunsch der Teamkollegen Foes gespielt, Thierry Henry widmete sein Siegestor in der Verlängerung dem Verstorbenen.6

William Masterton krachte nach einem Zusammenstoss in einem NHL-Spiel -Unglück seiner Minnesota North Stars gegen die Oakland Seals 1968 mit dem Kopf auf’s Eis, verstarb im KH an den Verletzungen. Helme, die damals nur vereinzelt von Eishockey-Spielern getragen wurde, wurden danach häufiger.

Der deutsch-österreichische Rennfahrer Jochen Rindt raste im Training in Monza 1970 (wahrscheinlich aufgrund einer gebrochenen Bremswelle) mit seinem Lotus in die Leitplanken…starb an den Verletzungen seines Brustkorbs. Den WM-Sieg in diesem Jahr konnte ihm dennoch keiner mehr nehmen.

Silvano Beltrametti war Anfang der 00er dabei, sich in den “Speed-Disziplinen” des alpinen Skisports in der Weltspitze zu etablieren. Am 7. Dezember 2001 wurde er in Val-d’Isère Dritter im Super-G (hinter Eberharter und Cuche). Es waren die frühen “Tage” der Carving-Ski, die in Kurven eher beschleunigen als abbremsen. Am folgenden Tag, in der Abfahrt, “verpasste” er eine Kurve, flog mit den Skiern voran durch die Sicherheitsplane (von diesen zerschnitten), landete in einem Geröllfeld… Der Unfall war Anlass für die Einführung der blauen Linien in den Speeddisziplinen, die den Läufern die Richtung anzeigen und erstmals in der darauf folgenden Abfahrt von Gröden angewendet wurden. Beltrametti sagte dann, er sei dankbar für die Erfahrung der Querschnittlähmung, die ihm für Vieles die Augen geöffnet habe. Heute ist er zusammen mit seiner Ehefrau in der Geschäftsführung eines Hotels tätig sowie für die CVP in der Politik seiner Gemeinde.

Enzo Ferrari mit seinen Piloten Pironi und Villeneuve 82

Die Formel 1-Saison 1982: In Imola schnappte Didier Pironi (der Franzose mit italienischen Wurzeln) seinem Ferrari-Teamkollegen Gilles Villeneuve (dem Franko-Kanadier) den Sieg in der letzten Runde weg. Im nächsten Rennen, in Zolder (Belgien), wurde Villeneuve im Training nach einem Zusammenstoss aus dem Auto katapultiert, mit dem Sitz, brach sich das Genick. In Montreal verunglückte Riccardo Paletti am Start, Pironi war beteiligt. Nach Hockenheim kam Pironi als WM-Führender, holte sich dort die Pole-Position. Dennoch fuhr er bei Regen nochmal Trainingsrunden (ohne Kamera), fuhr dort auf den Renault von Alain Prost auf, überschlug sich mit dem Auto, das auf der “Schnauze” landete. Dabei wurden Pironis Beine schwerstens verletzt. Die “Geschichte”, wonach F1-Arzt Sidney Watkins sofortige Amputation empfahl, als er an der Unfallstelle ankam, dürfte nicht stimmen. Patrick Tambay ersetzte bei der Scuderia Ferrari im Laufe des Jahres Villeneuve, Mario Andretti Pironi. Die WM gewann Rosberg senior. Pironi machte ’86 Comeback-Tests (für AGS), machte aber (auch) deshalb nicht ernst, weil er dann Versicherungsgeld verloren hätte. Er fuhr stattdessen mit Rennbooten, verunglückte damit 87 vor Grossbritannien (aufgrund einer Welle, die von einem Öltanker ausgelöst worden war).

Der Handballer Joachim Deckarm und seine Verletzung 1979 in einem EC-Spiel seines VfL Gummersbach in Tatabánya (Ungarn), im Jahr nachdem er mit dem deutschen Team Weltmeister geworden war. Nach einem Zusammenstoss mit dem Ungarn Pánovics fiel er auf den nur mit einer dünnen PVC-Schicht überzogenen Betonboden und zog sich schwere Kopfverletzungen zu. Fiel ins Koma, erholte sich auch dem Erwachen nicht wieder körperlich.

Fabio Casartelli, der Rad-Olympiasieger von 1992, war bei der Tour der France 1995 in einen Massensturz am Berg verwickelt, starb an seinen Kopf-Verletzungen

Der südkoreanische Leichtgewichts-Boxer Kim Duk-Koo erlitt beim WBA-Kampf gegen den Amerikaner Mancini in Las Vegas ’82 ein Hämatom im Kopf, fiel ins Koma, starb. Der Ringrichter und seine Mutter verübten in den folgenden Monaten Selbstmord

Das Sportgerät des finnischen Speerwerfers Tero Pitkämäki flog bei einem IAAF-Bewerb in Rom 07 zu weit nach links, bohrte sich in die rechte Körperseite des französischen Weitspringers Salim Sdiri. Dieser wurde glücklicherweise nur leicht verletzt. In Düsseldorf wurde mal ein Kampfrichter von einem Speer getroffen. 1977 traf wiederum ein geworfener Hammer bei eienm Leichtathletik-Bewerb den Franzosen Alexandre Allegrini, der gerade zum Speerwurf anlaufen wollte, erschlug ihn

Der serbische Basketballer Boban Jankovic spielte Anfang der 90er in Griechenland, bei einem Heimspiel seines Klubs Panionios Athen im April 1993 gegen Panathinaikos aberkannte der Schiedsrichter einen Korb von Jankovic und entschied auf Offensivfoul – das auch das Spielende für diesen bedeutete (er hatte ausgefoult). Janković rammte darauf hin seinen Kopf gegen den Betonpfeiler, an dem der Korb befestigt war… Er war danach auf einen Rollstuhl angewiesen, starb 06 an einem Herzinfarkt beim Urlaub in Griechenland

Raymond Chapman wurde 1920 bei einem Spiel in der Major League Baseball (MLB), von einem Hit by Pitch am Kopf getroffen und getötet. Wie bei Masterton führte auch hier das Unglück zum häufigeren Tragen von Helmen durch Schlagmänner und später zur Helmpflicht

Matthias Lanzinger hatte einen Podestplatz im Weltcup (05) zu Buche stehen, als er beim Super-G in Kvitfjell Anfang 08 schwer stürzte und danach seine Karriere beenden musste. Er raste in ein Tor, stürzte, die Ski gingen nicht auf, der linke Ski verfing sich immer wieder in der Piste und drehte sich um seine Achse, und das Bein ging dorthin wo der Ski hin ging… Vermutlich war er beim Aufprall bewusstlos geworden und das Drama bestand darin, dass er deshalb mit den Füssen keinen Widerstand ausüben konnte. Er sagte später, der Sturz und das Danach sind bei ihm (“Gott sei Dank”) nicht abgespeichert. Er erlitt einen mehrfachen offenen Unterschenkelbruch, wurde mit dem Akja ins Tal, dann mit dem Hubschrauber ins KH gebracht (zuerst Lillehammer, dann Oslo). Aufgrund von Gefässverletzungen in dem Bein musste dieses amputiert werden. Er wurde dann im Behindertensport aktiv

Der georgische Rodler Nodar Kumaritashvili verunglückte bei Olympia 10 in Vancouver im Training

Peter Biaksangzuala vom FC Bethlehem Vengthlang in der Mizoram Premier League (die dritthöchste Fussball-Liga in Indien) starb 2014 nach einem Torjubel mit Salto an Genickbruch; ohne Foul, wie auch Foe

Während des Trainings zur US-amerikanischen Eiskunstlauf-Meisterschaft in Detroit im Jänner 1994 verletzte ein Attentäter Nancy Kerrigan mit einer Eisenstange am Knie. Es stellte sich heraus, dass Kerrigans Konkurrentin Tonya Harding, bzw deren Ehemann, dahinter stand(en). Harding gewann die Meisterschaft (und die Qualifikation zu Olympia im Februar 94 in Lillehammer), der Titel wurde ihr jedoch wieder aberkannt. Sie bekam eine Bewährungsstrafe. Kerrigan konnte in Lillehammer antreten, gewann die Silbermedaille hinter der Ukrainerin Oksana Bajul. Danach lief sie bei Eisrevues

Die Stabhochspringerin Kira Grünberg beim Training in Innsbruck ’15: Sie platzierte den Stab zwar (richtig) im Einstichkasten, bekam ihn aber nicht gerade nach oben, fiel vor der Matte herunter. Dadurch zog sie sich ein Halswirbel-Verletzung zu… 17 wurde sie Nationalrats-Abgeordnete

Im Vorrunden-Spiel der Rugby-WM 95 zwischen den Teams von Côte d’Ivoire und Tonga wurde der Ivorianer Max Brito nach einem Raumgewinn zu Boden gerissen und von Mit- wie Gegenspielern “bedeckt”, zog sich Wirbelsäulenverletzungen zu, die einer Lähmung führten

Bengt Ronald „Ronnie“ Peterson fuhr 1978 um den WM-Sieg. Im September der Grand Prix in Monza, ein Fehler des Rennleiters beim Start, eine Kettenreaktionen, eine Massenkarambolage, Petersons Lotus krachte in eine Leitplanke und fing Feuer. Nachdem er von Kollegen aus dem brennenden Auto gerettet worden war, glaubte man dass das Schlimmste abgewendet sei. Die Sorge galt eher dem bewusstlosen Brambilla. Petersons Beine waren mehrmals gebrochen (3/7 Mal), er war bei Bewusstsein. Sid Watkins kam, ein Rettungswagen, mit dem Helikopter wurde er in ein KH in Mailand geflogen. Er bekam anscheinend nach der Erstversorgung und auf dem/ für den Transport keine Schmerzmittel (wie Videos und Berichte zeigen), trotz schwerer/schmerzhafter Verletzungen, und das war die Formel 1. Anscheinend war das damals noch nicht Standard. Im Spital wurden Petersons Beine operiert. Durch eine Fettembolie starb er am nächsten Tag

Tatjana Lebedeva sprang in einem Trainingslauf zur Abfahrt der Ski-WM 1996 in der Sierra Nevada (Spanien) in den Coach des US-Skiverbandes Harald Schönhaar, der sich nicht auf der Strecke hätte aufhalten dürfen. Beide wurden schwerer verletzt. In den Weltcup kehrte sie nicht mehr zurück

Anton Innauer hat 1976 als 17-Jähriger den Olympiasieg im Skispringen knapp verpasst (sah die Silbermedaillie als Niederlage), “holte” die Goldmedaillie 1980 “nach”. In der Saison darauf war seine Karriere auch schon wieder so gut wie zu Ende. Bei einem Trainingsspringen (daher ohne Kameras) in St. Moritz im Dezember 1980 verletzte er sich schwer. In seinem Buch “Der kritische Punkt” (1992) beschreibt Innauer den Unfall: Sein Sprung bekam einen Rechtsdrall, die Ski blieben im unberührten Raureif hängen, die Beine wurden wie in einem Fuchseisen zurück gehalten… Der linke Fuss wurde um 180 Grad umgedreht, im Unterschenkel und Knöchel war einiges zerstört. Der verletzte Innauer wurde von seinem Freund Alois Lipburger7 vom Unfallbereich weg getragen und im Rettungswagen nach Vorarlberg gebracht, dort operiert. Springer-Trainer Baldur Preiml, so Innauer, hätte ihnen eingeschärft, kein Schmerzmittel zu nehmen, daher war die Fahrt schlimm. Innauer versuchte noch einmal ein Comeback, bei der Nordischen Skiweltmeisterschaft in Oslo 1982, wofür er sich als Titelverteidiger nicht qualifizieren musste. Dann beendete er im zarten Alter von 23 Jahren (in dem es für Viele noch gar nicht richtig losgegangen ist) seine Sportler-Karriere. Er begann sein Studium, Philosophie/Psychologie und Sport, das er 1987 abschloss. War dann beim ÖSV aktiv, zwischendurch als TV-Co-Kommentator

Thomas Pryce starb während des Formel 1-Rennens in Kyalami bei Johannesburg in Südafrika 1977. Zwei junge Streckenposten überquerten die Piste, um den stehengebliebenen und kurzzeitig in Flammen stehenden Shadow von Pryce’ Teamkollegen Renzo Zorzi zu löschen. Da dessen Unfallstelle direkt hinter einer Bergkuppe mit leichtem Rechtsknick lag, waren die Streckenposten für die Piloten eines herannahenden Wagenpulks nicht zu sehen (bzw umgekehrt). Der Deutsche Hans-Joachim Stuck konnte noch ausweichen. Tom Pryce erfasste einen der Streckenposten, den 18-jährigen Frederik J. van Vuuren. Dessen Feuerlöscher traf Pryce am Kopf und brach ihm das Genick. Beide waren sofort tot. Pryces Rennwagen raste ungesteuert weiter, bis er mit dem Ligier von Jacques Laffite kollidierte. Das Rennen wurde trotz des Unfalls fortgesetzt, Nikolaus Lauda im Ferrari gewann

Der Kanadier Brian Stemmle erlitt bei der Hahnenkamm-Abfahrt in Kitzbühel 1989 einen Unfall, der dem Reinstadlers 2 Jahre später ähnelte. Bei der Steilhang-Ausfahrt verfing sich (bei hoher Geschwindigkeit) ein Ski in den Sicherheitsnetzen… Stemmle hatte Glück, dass es bei inneren Verletzungen blieb, die aber schwer genug waren

Der kanadische Eishockey-Tormann Clint Malarchuk wurde im selben Winter im NHL-Spiel seiner Buffalo Sabres gegen die St. Louis Blues vom Schlittschuh eines Gegenspielers, der in sein Tor rutschte, am Hals getroffen. Eine Vene wurde ausfgeschnitten, er blutete stark. Bis sich medizinisches Personal um ihn kümmerte, stillte ein Betreuer des amerikanischen Klubs, angeblich ein Vietnam-Kriegs-Veteran, mit einem Finger die Blutung. Der Unfall veranlasste viele Tormänner wiederum, einen Halsschutz zu tragen. Der Slowake Richard Zedník erlitt 08 eine ähnliche Verletzung, als sein Florida Panthers-Teamkollege Olli Jokinen die Balance verlor und vor ihm kopfvoran auf’s Eis fiel. Jokines Schuh traf Zedniks Hals seitlich, traf eine Arterie. Auch hier musste viel Blut vom Eis gewischt werden

Der deutsche Radsportler Marcel Wüst, ein Sprint-Spezialist, war bei der TdF 2000 gut unterwegs, als er in Issoire mit dem Franzosen Thilloy zusammenstiess, und mit dem Kopf auf den “Fuss” einer Zuschauerbegrenzung stürzte. Ein Auge wurde dabei irreparabel geschädigt, er musste mit dem Spitzensport aufhören

Der österreichische Rennfahrer Helmuth Koinigg schoss beim F1-GP der USA 1974 in die Leitplanken, wurde geköpft

Hermann Maier erlitt bei einem Motorradunfall 01 eine schwere Bein-Verletzung, legendär war der Sturz in der Olympia-Abfahrt in Nagano 98, den er fast unverletzt überstand

Ditmar Jakobs Fussballer-Karriere endete 1989 abrupt durch einen “abgefahrenen” Unfall. Beim HSV-Heimspiel gegen Werder Bremen rutschte er bei einer Abwehraktion ins Tor und verfing sich an einem Toraufhängungshaken. Zuerst wollte man den Haken mit einer Flex vom Torrahmen absägen, bedachte dann aber, dass sprühende Funken das Trikot Jakobs’ in Brand setzten könnten. So schnitt der Hamburger Mannschaftsarzt mit einem Skalpell den Karabinerhaken aus seinem Rücken heraus. Jakobs erlitt dabei Rückenverletzungen, an denen bis heute er leidet

Michael Tyson biss seinem Gegner Evander Holyfield beim WBA-Kampf 1997 in Las Vegas in das Ohr

Ende 1977 spielten die Los Angeles Lakers in der NBA gegen die Houston Rockets. Nach einem Foul gerieten die Lakers Karim Abdul-Jabbar und Kermit Washington sowie die Rockets Rudolph Tomjanovich und Kevin Kunnert  aneinander. Washington schlug Tomjanovich dabei nieder. Der erlitt Gesichts- und Hirnverletzungen; Washington bekam eine Sperre und eine Geldstrafe. Wichtigste Konsequenz war aber, dass die NBA die Diziplinar-Strafen für  “unsportliche Fouls” drastisch änderte, also das Reglement änderte, und damit eine Änderung des Spielstils bewirkt wurde

Franz Klammer hatte in der Saison nach seinem Olympiasieg in Innsbruck einen schweren “Schlag” zu verkraften. Sein Bruder Klaus, Nachwuchsläufer (Kaderkollege von Helmut Höflehner und Erwin Resch), stürzte bei der FIS-Abfahrt in Lienz im Februar 77 schwer. ÖSV-Männer-Cheftrainer Karl Kahr war dort, Lokalgrösse Werner Grissmann war als Vorläufer gestartet, der Weltcup-Fahrer Bartl Gensbichler lag in Führung. Klaus Klammer hatte Startnummer 13, von den 12 vor ihm Gestarteten waren auf der sehr schnellen Piste 10 gestürzt, daher war auch der Rettungshubschrauber gerade weg. Er hatte auch Pech, dass ihm die Bindung nicht auf ging, nachdem es ihm die Ski verschlug. Und eben mit dem Abtransport: Mit dem Akja ins Tal, mit der Rettung ins KH Lienz, mit dem Hubschrauber nach Klagenfurt, wo er operiert wurde.8 Das Rennen wurde abgebrochen. Sein Wirbelbruch führte zu einer Querschnittlähmung. Er hat trotzdem etwas aus seinem Leben gemacht, wurde Steuerberater

DDR-Skispringer Ulf Findeisen stürzte bei der Skiflug-WM in Bad Mitterndorf 1986, aus grosser Höhe, verletzte sich dem entsprechend

Boxkämpfe gingen noch Ende des 19. Jh so lange, bis einer zu Boden ging. Als “Frankie Campbell” vulgo Francisco Camilli 1930 in San Francisco seinen letzten Kampf bestritt, gab es bereits strikte Regeln für’s Boxen. Camilli/Campbell erlitt durch die Schläge von Max Baer ein Schädel-Hirn-Trauma, ging bewusstlos zu Boden, starb im KH

Der österreichische Gewichtheber Vinzenz Hörtnagl erlitt bei einem von Kameras aufgezeichneten Wettkampf 1981 (?) einen Kreuzbandriss

Peter Perner nahm mit seinem Partner Otto Breg an der Bob-WM 1974 in St. Moritz teil. Im ersten Trainingslauf wurde der Schlitten durch einen Steuerfehler aus der Bahn katapultiert und Perner aus dem Bob. Dieser fiel auf ein Bein von ihm und trennte den Unterschenkel ab

Alessandro Zanardi wechselte mehrmals zwischen Formel 1 und anderen Rennserien (v.a. CART) hin und her. 01 sein Unfall am Lausitzring; nach einem Boxenstopp schleuderte er auf die Rennstrecke, wo er vom Auto eines anderen Italieners “abgeschossen” wurde. Es gelang, ihn wiederzubeleben, seine Beine verlor er. Er hat mehrfach den Schwank erzählt, dass man ihm eigentlich die deutsche Staatsbürgerschaft verleihen müsste angesichts der vielen Infusionen (mit “deutschem” Blut), die er bekommen hat

Der australische Kricket-Spieler Phil. Hughes starb 2014, nachdem er vom Ball am Kopf getroffen wurde

Bekannt wurden die Forschungen des nigerianischen Arztes Omalu bezüglich Kopfverletzungen von American Football-Spielern. Anquan Boldin erlitt in der NFL zB Kopfverletzungen, nach einem Helm-auf-Helm-Zusammenstoss 08; Justin Strzelczyk starb nach seiner Karriere an solchen Verletzungen

In der österreichischen EH-Liga checkte 97/98 KAC-Verteidiger Christian Sintschnig den scheibenführenden Kapfenberg-Stürmer Sascha Benes derart heftig, dass dieser bewegungsunfähig auf dem Eis liegen bleibt. Benes ist seit diesem Abend vom Bizeps an abwärts gelähmt. Bei Travis Roy in einer nordamerikanischen Minor League war es so, dass er jemanden checken wollte, dabei aber gegen die Bande krachte

Ewald Lienen und sein aufgeschlitzter Oberschenkel 1981, die freiliegenden Muskelfasern, die Beschuldigungen gegen Otto Rehhagel, der Siegmann aufgehetzt haben soll. Der wurde Buddhist

“Howie” Morenz brach sich sein Bein 1937 in der NHL mehrfach, als ein anderer Spieler in ihn krachte als er am Eis lag

Der französische Turner Samir Ait Said erlitt bei Olympia 16 bei einer Landung einen Unterschenkelbruch

“Niki” Laudas berühmter Unfall 76, gefilmt von einem Zuschauer am Nürburgring, das Feuer das sein Gesicht und seine Lungen angriff, die Rettung durch Kollegen, die Heilung und Rückkehr

Kopfverletzungen bei Fussballern: Petr Cech 06 (seither immer mit Rugby-Helm), P. Battiston 82 (> Schumacher), Antognoni 81, Lawaree 05,…

Der US-amerikanische Wasserspringer Gregory Louganis (Kind einer schwedischen Mutter und eines samoanischen Vaters, von einer griechischstämmigen amerikanischen Familie adoptiert) schlug bei Olympia 88 mit dem Hinterkopf am Brett auf, gewann dennoch die Goldmedaillie

Häufig: Beinbrüche bei Fussballern durch Fouls oder Zweikämpfe, wie bei Diego Maradona 1983 (Andoni Goikoetxea…), Henrik Andersen bei der EM ’92 (nach Zweikampf mit Van Basten), Jibril Cisse 06, Eduardo 08, A. Simonsen 84, H. Larsson 99, Stering 78,…

Ronaldo de Lima hatte vom WM-Finale 98 bis zur WM 02 eine Serie von Verletzungen und Erkrankungen, am schlimmsten war der Kreuzbandriss ohne Foul, bei einem Dribbling, 2000. Völler wurde 85/86 durch Augenthaler an den Bändern bedient, Bernd Schuster 81 von Goikoetxea, Ballack 10 von KP. Boateng, Neymar im WM-SF 14,…

Der Brasilianer “Branco” bekam bei der WM 90 im Achtelfinale von argentinischen Betreuern eine Wasserflasche verabreicht, in die ein Sedativum gemischt war

Roberto Boninsegna wurde 1971 in einem EC-Spiel von Inter Mailand gegen Borussia Mönchengladbach von einer Getränkedose aus dem Publikum getroffen. Ähnliches gab es bei Oliver Kahn, Otto Konrad,…

Fouls im Fussball die keine (wirkliche) Verletzung nach sich zogen, dennoch irgendwie Aufsehen erregten. Wie der gestreckte Fuss von De Jong gegen “Xabi” im WM-Finale 10, Roy Keanes Einsteigen 01 gegen Haland, Zokora 12 gegen Emre B. (nach rassistischen Beschimpfungen),… Oder der grosse Pelé bei der WM 66. Brasilien hatte die vorangegangenen 2 Turniere gewonnen, Pele begann in England mit einem Freistosstor gegen Bulgarien, womit er als erster Spieler bei 3 WM-Turnieren getroffen hatte. Damit hatte es sich aber mit der Freude für Brasilien und Pele bei diesem Turnier. Die bulgarischen Spieler konzentrierten sich den Rest des Spiels darauf, Pele zu foulen, womit dieser nicht fit bzw einsatzfähig für das zweite Gruppenspiel, gegen die Auswahl Ungarns, war. Die Selecao verlor dieses Match, womit sie gegen Portugal einen Sieg brauchte. Die Portugiesen wussten auch um die Bedeutung Peles für das brasilianische Team, gingen ihn überhart an. Der englische Schiedrichter McCabe (Linienrichter im Match Bra-Bul) zeigte keinem Portugiesen die rote Karte, auch nicht João Morais. Pele humpelte irgendwann nur noch über den Rasen, Auswechselungen wurden erst 2 Jahre später eingeführt. Portugal gewann 3:1, Brasilien war draussen. Hierzu gehören auch gewisse Tätlichkeiten im Fussball, wie das Beissen von Luis Suarez (etwa gegen Chiellini bei der WM 14), Zidanes Kopfstoss gegen Materazzi 06,…

Die für Grossbritannien startende Südafrikanerin Zola Budd (-Pieterse) forderte bei Olympia 84 die Amerikanerin Mary Decker (-Slaney) im 3000-Meter-Lauf heraus. Während des Rennens kollidierten die beiden jedoch, so dass Decker stürzte und sich leicht an der Hüfte verletzte. Von verschiedenen Seiten wurde Budd (die nur 7. wurde) dabei Absicht unterstellt

Zu den Motorsportlern, die tödich verunglückten, gehören u.a. auch Attilio Bettega (85), Stefano Casiraghi (90), Josef Gartner (86), Jeffrey Krosnoff (96), Stefan Bellof (85), Caleb Moore (13), “Jim” Clark (68),…  Wayne Rainey (93), “Clay” Regazzoni (80) oder Martin Donnelly (90) kamen etwas glimpflicher davon

Cavaugnod, Milne, Poisson, Zoricic sind andere Skisportler, die tödlich verunglückten. “Bill” Johnson aus der USA war Abfahrts-Olympiasieger 84 am Bjelasnica in Sarajevo. Eigentlich war das seine einzige wirklich gute Saison (83/84, auch im Weltcup 3 Siege, 3. Platz im Abfahrts-Weltcup). Seine Karriere war eigentlich 1986 (3 Jahre nach seinem Einstieg bei den “Grossen”) zu Ende. Danach tauchte er mal nachts in einer Jogging-Hose vor dem Haus von Atomic-Chef-Rohrmoser im Land Salzburg auf. Vor dem Hintergrund vieler persönlicher Probleme versuchte er 2001 ein Comeback, mit 40 Jahren, stürzte bei den USA-Meisterschaften (was gar nicht so schlimm aussah), war danach gesundheitlich schlimm bedient, starb 16 an den Spätfolgen des Sturzes.

“Uli” Spiess sprang ja 1980 als Erster mit einem Satz über die drei “Kamelbuckel” der Saslong-Abfahrt in Wolkenstein im Grödner Tal, im Training und dann im Rennen, wurde 2. und 5. in der Doppelabfahrt. Viele machten es ihm nach, zu jenen die sich dabei verletzten, gehört Anton Steiner, gleich in diesem Training. Spiess kam als Führender im Abfahrts-WC (er hatte das erste Saison-Rennen in Val d’Isere gewonnen) nach St. Moritz, stürzte dort dann schwer (zur selben Zeit etwa wie Innauer dort, s.o.). Und lag dann im KH in Innsbruck mit Steiner in einem Zimmer…9

Kamelbuckel Gröden

Armin Assinger hatte 88/89 in Gröden aufgetrumpft (mit seinem zweiten Podestplatz), “rutschte” danach in die 1. Gruppe. Startete in Wengen im 1. Training mit der Nr. 1. Beim Russi-Sprung oben flog er zu weit, landete im Flachen, kam verdreht auf, beim folgenden Überschlag wurde auch noch das andere Knie ruiniert. “Ober- und Unterschenkel wurden eigentlich nur noch durch Haut und Nerven zusammengehalten”10, „Ehe mit mir was geworden ists schon wieder aus?“. In der langen Verletzungs-Pause (eineinhalb Jahre) eröffnete sich ihm dann aber sein späteres Leben. Er versuchte sich als Co-Kommentator beim ORF (kam gut an), kam mit seiner späteren Frau zusammen…11 Und es gelang ihm ein Comeback. Zu den schwersten Stürzen in Kitzbühel zählt sicher jener von Patrick Ortlieb 1999 (Oberschenkelbruch), zumal der danach nicht wieder zurück kam. Am Ende des Jahres war Ortlieb einer der Spitzenkandidaten der FPÖ für die Nationalratswahl

Michael Mair kam bei der WM-Abfahrt 87 von der Piste ab, ohne zu stürzen, fuhr dann weiter, war im unteren Teil wie im oberen (vor dem Missgeschick) einer der Schnellsten, wurde noch 21. Claus Tuchscherer, der Skispringer (und Nordische Kombinierer) der aus der DDR nach Österreich ging, verlor beim Springen bei der WM in Lathi 78 einen Ski, stürzte aber erst nach der Landung. Christian Morgenstern beendete nach seinem Sturz 2014, der mit einer Verletzung verbunden war, seine Karriere

Der Langstrecken-Surfer Arnaud de Rosnay verschwand 84 am Weg von China nach Taiwan, ist wahrscheinlich gekentert/ertrunken

Beim Wrestling ist auch die Frage des sportlichen Wertes gegeben. Der Mexikaner Perro Aguayo starb jedenfalls ’15 infolge eines Kampfes. Sein Gegner beförderte ihn per Sprungtritt mit dem Halsbereich voran in die Stahlseile. Er erlitt einen Herzstillstand infolge eines Wirbelsäulentraumas

Marcel Hirscher entging Ende 15 im Slalom von Madonna di Campiglio dem Absurz einer Kamera-Drohne (10 kg), die bei seinem Lauf im 2. Durchgang (aus 20 m) knapp hinter ihm aufschlug

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Die Karosserie, eine Magnesium-Legierung, brannte mit weisser Flamme, Helfer versuchten das Feuer mit Wasser zu löschen, feuerten den Brand dadurch aber noch mehr an
  2. Bei Testfahrten war Elio de Angelis verunglückt
  3. Übrigens: ORF-Reporter Heinz Prüller erzählte während Sennas Unfall gerade alte Geschichten, vom tödlichen Unfall von Wolfgang Berghe von Trips 1961 in Monza. Prüller erlitt durch die Vorfälle in Imola und Monaco nach Aussagen seiner Frau Nora Frey einen schweren Schock
  4. Ein Jahr nachdem seinem Jugendfreund Christian Perthaler bei der Eishockey-A-WM in Italien während eines Matches ein Blutgefäss im Kopf platzte
  5. So etwas gab es davor und danach nie wieder. Die besten 30 des Abschluss-Trainings, und nur sie, sollten im Rennen starten
  6. Zu den anderen namhaften Fussballern, die so ein Schicksal ereilte, gehört der Ungar Feher, im Jahr darauf in einem Spiel der portugiesischen Liga
  7. Der 2001 als Cheftrainer der ÖSV-Skispringer bei einem Strassenverkehrs-Unfall tödlich verunglückte
  8. Franz Klammer schrieb in seiner Biografie, der Heli sei über den elterlichen Hof in Mooswald geflogen, die Mutter hätte ihn bemerkt, noch nicht wissend, dass ihr Sohn darin lag. Franz war an dem Tag in Wien
  9. Den Abfahrts-WC 80/81 gewann Weirather, der eines der Gröden-Rennen gewonnen hatte
  10. Nicht unähnlich war die Verletzung des Franzosen Giraud-Moine 17 in Garmisch, bei dem beide Knie luxiert waren
  11. Marc Girardelli machte während einer schweren Verletzung den “Heli”-Flugschein

Rasse, Sport und Politik in Südafrika

Allgemein

In der Republik Südafrika ist Politik nach wie vor rassisch, Sport nach wie vor politisch. Alles dreht sich in Südafrika am Ende um Rassenbeziehungen. Fast alle Probleme des Landes sind in gewisser Hinsicht Rassenprobleme bzw Apartheiderbe. Vom Rassendiskurs kommt man schnell zum Afrikadiskurs und zum Kolonialismus-/ West-/Imperialismus-Diskurs. Das eigentliche Apartheid-System herrschte in Südafrika von 1948 bis 1994; aber es sind 100 bis 150 Jahre, die Weisse dort über Schwarze geherrscht haben, teilweise mehr. In der Sportgeschichte steckt alles über das Land (Apartheid und Überwindung, Rassenbeziehungen, …) drinnen.

Verallgemeinert kann man sagen, dass Fussball in Südafrika der Sport der Schwarzen ist (sowohl was Aktive betrifft, als auch Zuseher), Rugby jener der Weissen. Dahinter ist v.a. Kricket noch zu nennen, wo auch die Inder Südafrikas eine Rolle spielen. Die Mischlinge (Coloureds, “Farbige”, im Westkap die grösste Volksgruppe) sind in allen Sportarten vertreten, nirgendwo dominierend. Im Rugby und Kricket gehört Südafrika zur Weltklasse, im Fussball gelang dieser Sprung nicht. Gebracht haben so gut wie alle Sportarten die Briten nach Südafrika, Ende des 19. Jahrhunderts.

Eine Rassentrennung gab es in Südafrika schon vor dem Beginn der Apartheid 1948 (burische Parteien alleine an der Macht), vor der (de facto-) Unabhängigkeit von Grossbritannien 1931 (Westminster-Statut) und vor der Entstehung Südafrikas als Einheitsstaat 1910 (Vereinigung von vier britischen Kolonien). Aus Kolonialpolitik wurde eine Praxis (der weissen Siedler), und diese wurde erst unter der Apartheid in Gesetzen festgeschrieben, im Sport in den 1950ern von Innenminister T. E. Dönges.1 1908 nahmen die damaligen britischen Kolonien Südafrikas, die Vereinigung von 1910 vorwegnehmend, erstmals bei Olympischen Spielen an, gemeinsam.2 Von diesem Anfang an bis zum Ausschluss in den 1960ern durften nur Weisse teilnehmen, die Anfang des 20. Jh 20 bis 25% der Bevölkerung ausmachten.3 Unter Premier Verwoerd (1958 bis 1966) wurde die Apartheid in verschiedener Hinsicht noch verschärft, auch im Sport.

Es gab verschiedene Sportvereine für die verschiedenen Rassen und getrennte Dachverbände, und nur die weissen waren in der South African Olympic and Empire [später Commonwealth] Games Association (SAOEGA, später SAOCGA) vertreten. Sogar die Uni, die als liberaler Campus schwarze Studierende zuliess, hatte zwei Teams. Diese Vorgabe galt auch für Gast-Mannschaften.4 Die British Empire – Spiele (Vorläufer der Commonwealth-Spiele) 1934, zuerst an Johannesburg vergeben, wurden nach London verlegt, da die südafrikanische Regierung eine Teilnahme farbiger Teilnehmer ablehnte. Es gab einige “farbige” Sportler, die durch Emigration diesem Ausschluss entgingen, wie der Gewichtheber Ronald Eland, der dann für Grossbritannien antrat; die Möglichkeit der Emigration hatten aber nur Wenige.

Ab Ende der 1940er beschwerten sich schwarze Athleten und Verbände Südafrikas beim IOC über ihren Ausschluss – ihnen wurde beschieden, die Sache mit “ihrem” nationalen olympischen Komitee SAOCGA auszumachen. Auch als 1952 ein neuer IOC-Präsident kam, der US-Amerikaner Avery Brundage (bis 1972), wurde dies als eine interne südafrikanische Angelegenheit gesehen, wurden keine Maßnahmen unternommen. Das IOC war eben eine Gruppe von Personen hauptsächlich aus dem Westen, welcher sich ausgebreitet hatte und damals noch über viele Kolonien herrschte, auch wenn er dabei war, einen Teil davon zu verlieren. Nachdem die olympische Bewegung 1936 in Hitlers Berlin und Garmisch gastiert hat, war die Apartheid auch kein Ausschlussgrund.

Es war der von der Sowjetunion geführte kommunistische Ostblock, der in den 1950ern zuerst die Haltung des IOC zu Apartheid-Südafrika in Frage stellte. Auch Indien und manche Blockfreie begannen sich in der Frage zu engagieren. Mit der Entkolonialisierung in Afrika, Asien, Amerika (Karibik) und Ozeanien entstand auch im IOC Opposition zur Apartheid. Ähnlich ging es in anderen internationalen Organisationen, wie der UN, und so kam es Ende der 1950er, Anfang der 1960er zur Isolation Apartheid-Südafrikas. Für Olympia 1960 ging es sich aber nochmal aus: Als IOC-Delegierte 1959 darauf hinwiesen, dass die Praxis der SAOCGA gegen die in der Olympischen Charta festgeschriebene Ächtung von Diskriminierung möglicherweise verstosse, behauptete der südafrikanische Delegierte, dass sich nicht-weisse Athleten aus rein sportlichen Gründen nicht qualifiziert hatten… Und Brundage war der Meinung, dass diese Nicht-Diskriminierungs-Regel nur für Olympia selbst und nicht für nationale “Vorausscheidungen” gelte. So war ein südafrikanisches Team 1960 in Rom dabei und auch erstmals eines bei den Winterspielen.

1955 wurde in Südafrika ein Committee for International Recognition gegründet, das 1958 in die South African Sports Association (SASA) überging und 1963 in das South African Non-Racial Olympic Committee (SAN-ROC). Der Organisation ging es um den Kampf gegen Rassentrennung im südafrikanischen Sport, die Anerkennung der alternativen Sportverbände und den Ausschluss eines rein weissen Südafrikas von Olympia. Geleitet wurde sie von Dennis Brutus (Generalsekretär der SASA und Präsident von SAN-ROC), der afrikanische, europäische und asiatische Vorfahren hatte, wie viele der Mischlinge Südafrikas. Dennis Brutus bekam keinen Reisepass und wurde gebannt, was eine Beschränkung u.a. seiner Bewegungsfreiheit und seiner Möglichkeit, Andere zu treffen, bedeutete. 1960 wurde er wegen Verstössen gegen diesen Bann verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Danach gelang ihm die Flucht ins portugiesische Mozambique, von wo ihn die Kolonialbehörden aber nach Südafrika zurückschickten. Bei einem Fluchtversuch wurde er dort angeschossen; er wurde ins Gefängnis auf Robben Island gebracht, für etwa eineinhalb Jahre, in eine Zelle neben jener Nelson Mandelas. Auch John Harris, Vorsitzender des SANROC, wurde gebannt und eingesperrt. Er schloss sich einer militanten weissen Gruppe an und wurde 1965 hingerichtet.5

Anfang der 1960er intensivierte sich der Widerstand gegen die Apartheid in Südafrika und verband sich der Konflikt mit anderen im südlichen Afrika. Südafrika wurde eine Republik und trat aus dem Commonwealth aus, die Teilnahme an Commonwealth-Spielen wurde dadurch hinfällig. Die SAOCGA wurde in SAONGA (South African Olympic and National Games Association) umbenannt, später in SANOC (South Africa National Olympic Committee). Unabhängige afrikanische Staaten thematisierten die Rassendiskriminierung Südafrikas in internationalen Gremien, auch im IOC. Das Apartheid-Regime wurde von einem geachteten Mitglied der Staatengemeinschaft zu einem Aussenseiter; es behielt aber Freunde und gewann neue hinzu.

1963 gewann Sewsunker “Papwa” Sewgolum, ein indischer Südafrikaner, als Caddie tätig, die Golf-Meisterschaft von Natal. Er wurde zur Preisverleihung nicht in das Klubhaus gelassen, das Foto von ihm, wie er draussen in strömendem Regen die Trophäe erhielt, ging um die Welt, schadete dem Ansehen des Rassentrennungs-Systems und half jenen, die dagegen kämpften.

Das IOC verlegte seine Konferenz 1963 von Nairobi nach Baden-Baden, nachdem die kenianische Regierung der südafrikanischen Delegation die Einreise nicht gestatten wollte. SAN-ROC wurde daran gehindert, Vertreter zu der Konferenz zu schicken, aber die an Bedeutung gewinnende Anti-Apartheid-Bewegung im Exil schickte Appelle an nationale olympische Komitees, den Apartheid-Sport zu ächten. Abdul Samad Minty, Exil-Südafrikaner, in der britischen Anti-Apartheid-Bewegung aktiv, Leiter des UN-Zentrums gegen Apartheid, setzte sich in Baden-Baden bei Delegierten und IOC-Funktionären im Namen von SAN-ROC ein, präsentierte Material über Rassismus im südafrikanischen Sport. Besonders Indien nahm sich der Sache an (teilweise deshalb, weil die Apartheid auch die indische Volksgruppe in Südafrika betraf), beantragte Südafrikas Ausschluss von Olympia.

Das IOC nahm auf dieser Konferenz die Einladung an das SANOC zu den Olympischen Spielen 1964 zurück und stellte eine Teilnahme (nur) für den Fall in Aussicht, das sich das NOK von Südafrika gegen die Regierung(spolitik) dieses Landes stellte. Das tat SANOC nicht und zusätzlich kündigte Innenminister Jan de Klerk (Vater des zukünftigen Präsidenten Frederik W.) an, dass das Team für 1964 nicht “rassisch gemischt” sein würde. So blieb es beim Ausschluss. Dennis Brutus, der darauf hingearbeitet hatte, war gerade im Gefängnis, als diese Nachricht kam. Mit der Suspendierung Südafrikas von Olympia (ab) 1964 waren die Weichen für den Sportboykott gegen die Apartheid überhaupt gestellt.

Als Südafrika von Olympia ausgeschlossen wurde (und bei Commonwealth-Spielen nicht mehr antrat), begann, ab 1964, die Teilnahme an den Paralympics (Sommer und Winter) und im selben Jahr die Ausrichtung der South African Games (manchmal South African Open Games genannt). Diese waren eine direkte Antwort auf den Olympia-Ausschluss, fanden 64, 69, 73, 81, 86 statt, unter Teilnahme einiger ausländischer (weisser) Sportler. An den Behinderten-Spielen Paralympics durften südafrikanische Sportler 1976 letztmals antreten; ’80 wurden sie vom Veranstalter Niederlande ausgeschlossen, wegen der Rassentrennung Südafrikas bei Sportlern und Zuschauern.

1966 gründete die Organisation für afrikanische Einheit (OAU) das Supreme Council for Sport in Africa (SCSA), das sich vornahm, Apartheid-Südafrika von Olympia auszuschliessen und Spiele zu boykottieren, sofern Südafrika teilnahm. SAN-ROC war nach den Verhaftungen Mitte der 1960er zerschlagen, wurde in London 1966 wiederbelebt. Die Vereinigung nationaler olympischer Komitees Afrikas (ANOCA) gewährte SAN-ROC die Mitgliedschaft, anstelle des SANOC. Auf der IOC-Konferenz in Teheran 1967 sagte SANOC zu, ein Team aus allen Bevölkerungsgruppen zur Sommer-Olympia 1968 zu schicken. Um das eigene Verbot gemischtrassiger Wettbewerbe zu umgehen, sollten Vorausscheidungen ausserhalb Südafrikas stattfinden (obwohl die einzelnen Bewerbe rassisch getrennt sein sollten)… Dieses kleine Einlenken unter Premier Vorster war und ist für Hardcore-Apartheid-Anhänger auch Mit-Grund, ihn zu den “Verrätern” an dieser Ideologie zu erklären.

Im Februar 1968 entschied das IOC, SANOC zu den Spielen 1968 in Mexiko einzuladen, mit der Bedingung, das verbleibende Diskriminierung bis zu den Spielen 1972 beendet wird. Das SCSA drohte darauf hin, dass afrikanische Staaten Olympia 1968 boykottieren würden; auch der Ostblock deutete diese Möglichkeit an. Daraufhin intervenierte das mexikanische Organisationskomitee beim IOC, die Entscheidung zur Wiederzulassung zu überdenken, da seine Veranstaltung so zu einem Fiasko werden könnte. Im April schloss das Exekutiv-Komitee des IOC Südafrika “aufgrund des internationalen Klimas” aus. 1968 rief auch die UN-Generalversammlung zum Boykott von Sportveranstaltungen mit Südafrika auf.

1970 wurde SANOC vom IOC ausgeschlossen; auf der Konferenz in Amsterdam wurden Fälle von Diskriminierung im Sport vorgetragen sowie die Verwendung der olympischen Ringe bei den South African Games. Ungefähr zur selben Zeit wurde eine Tour des südafrikanischen Kricket-Teams in England abgesagt und das Land im Tennis-Davis-Cup ausgeschlossen. Ein Team aus der BR Deutschland zog die Teilnahme von den SA Games 1969 zurück, nachdem die SCSA im Namen afrikanischer Staaten androhte, Olympia in München 72 zu boykottieren. 1969 gab es auch den Versuch, Black Games in Soweto zu veranstalten.

1973 wurde ein South African Council on Sports (SACOS) gegründet, als Nachfolger der SASPO, als nicht-rassischer Sportverband, als Partner des SAN-ROC, auch bei Bemühungen zum vollständigen internationalen Boykott des Apartheid-Sports. Während dieses inzwischen vom Londoner Exil aus agierte, war SACOS in Südafrika tätig. SACOS-Generalsekretär M. N. Pather wurde etwa an der Ausreise gehindert, als ihn die UN zu Konsultationen nach New York einlud. Der Präsident der South African Amateur Swimming Federation (mit dem SACOS affilliert), Morgan Naidoo, wurde gebannt, nachdem der Apartheid-Schwimmverband 1973 von der International Swimming Federation ausgeschlossen wurde.

Eine wichtige Rolle im südafrikanischen Sport spielt(e) Sam Ramsamy, auch ein indischer Südafrikaner, aus Durban. Er schaffte es, zum Studium ins Ausland (nach Europa) zu gehen und arbeitete dann als Sportlehrer in London. Bereits während des Studiums gegen die Apartheid im Sport aktiv, war er ein Gründungsmitglied von SACOS. Er gab seinen Job auf, um hauptamtlich für SAN-ROC in London zu arbeiten, wurde 1976 dessen Vorsitzender. Er knüpfte Kontakte mit Sportverbänden, v.a. in der “3. Welt”, zum ANC und ausländischen Anti-Apartheid-Solidaritäts-Gruppen, mit Sportjournalisten, erreichte die Anerkennung für SACOS beim Supreme Council for Sport in Africa, verband Widerstand in Südafrika und im Exil, SACOS und SAN-ROC, arbeitete für die UN, arbeitete an einer Ausweitung des Sport-Boykotts.

Südafrika bzw die Apartheid war der indirekte Grund für den Olympia-Boykott 1976 (die nächsten Turniere wurden dann immer von irgendwem boykottiert, im Zeichen des Kalten Krieges). Das neuseeländische Rugby-Team gastierte in diesem Jahr, nach dem Soweto-Massaker, in Südafrika, mit dem Segen des neuen neuseeländischen Premiers Robert Muldoon (National Party).6 Afrikanische Länder verlangten den Ausschluss Neuseelands. Das IOC wies darauf hin, dass Rugby kein olympischer Sport war und der neuseeländische Rugby-Verband nicht Mitglied des NOK’s des Landes. 26 von 28 afrikanischen NOK’s boykottierten daraufhin die Spiele in Montreal, jene von Guyana und Irak schlossen sich ihnen dabei an. Im folgenden Jahr haben Regierende von Commonwealth-Staaten bei einem Treffen in Gleneagles, Schottland, beschlossen, von Sportkontakten mit Südafrika Abstand zu nehmen. 1978 hat auch die EG eine ähnliche Erklärung verabschiedet.

Der (in die USA ausgewanderte) Inder Enuga Sreenivasulu Reddy hat an der UN das Special Committee against Apartheid (dessen Sekretär er 1963–1965 war) und dessen Centre against Apartheid (dessen Direktor er 1976–1983 war) ins Leben gerufen. 1977 hat die UN eine Erklärung gegen Apartheid im Sport verbaschiedet. Das Spezialkomitee hat 1980 ein “Register of Sports Contacts with South Africa” begonnen, das alle Sportspersonen auflistete, die in Südafrika auftraten. Manche Regierungen verweigerten diesen Personen die Einreise

1985 hat die UN die Internationale Konvention gegen Apartheid im Sport verabschiedet, die zuvor u.a. wieder unter der Mitwirkung Sam Ramsamys ausgearbeitet worden war. Sie sah Sanktionen auch gegen jene vor, die Sportkontakte mit solchen hatten, die Sanktionen gebrochen hatten. Beim Entwurf gab es einigen Streit und vom Beginn des Unterzeichnungsprozesses 1986 bis zum Inkrafttreten (für die Unterzeichnerstaaten) wurde sie von keinen westlichen Staaten unterzeichnet, und nur von 20 von 52 afrikanischen. Die Sache mit dem bindenden Boykott von “Drittparteien” erwies sich als nicht konsensfähig. Die Sowjetunion etwa hatte Angst vor den Auswirkungen auf Olympia in Moskau 1980. Mit der Konvention wurde auch eine Commission against Apartheid in Sport (CAAS) ins Leben gerufen.

Das IOC verabschiedete 1988 eine “Erklärung gegen Apartheid im Sport”. In den 1980ern war der Apartheid-Sport weitgehend isoliert; im Sport haben die Gegner der Apartheid am meisten bezüglich der Isolation dieses Regimes erreicht – im Vergleich zum Handel mit Bodenschätzen, Waffen (auch nuklearen) oder Technologie war das aber ein “weicher” Bereich. Oder doch nicht? Gerade die Isolation im Rugby schmerzte viele Afrikaaner enorm. Mit Hilfe mancher westlicher Freunde blieb Apartheid-Südafrika von vollständiger Isolation im Sport bewahrt. Gastauftritte von Sportteams in Südafrika (etwa im Rugby, s. u.) konnten von der Boykott-Bewegung nur schwer verhindert werden. Dennis Brutus war nach seiner Haft-Entlassung zuerst nach GB, dann in die USA ausgewandert (wurde nach einem langen Kampf als politischer Flüchtling anerkannt). Er arbeitete dann als Englisch-Lehrer und musste seine Arbeit für SAN-ROC vernachlässigen.

In den 1980ern mussten sogar Israel sowie die konservativen Regierungen von USA, GB und BRD Maßnahmen gegen das Apartheid-Regime ergreifen, v.a. den Handel betreffend. Die Apartheid hatte aber bis zum Schluss ihre Apologeten und Kollaborateure. Jene, die keine Gelegenheit ausliessen, Menschenrechtsverletzungen und Totalitarismus in den kommunistischen Staaten anzuprangern, sich dabei als “Menschenrechtler” aufspielten, waren in der Regel jene, die bei der Apartheid in Südafrika oder der Diktatur in Chile nicht nur ein oder zwei Auge(n) zudrückten, sondern eher davon angetan waren. SANOCs langjähriger Präsident in den “kalten Jahren”, Rudolf Opperman, verfasste ein Buch mit, in dem es um die olympische Bewegung in Südafrika ging, Titel war “Afrikas erste Olympioniken”.

Anhänger des rassischen Fanatismus beschuldigten Leute die dagegen ankämpften des Fanatismus. Jene, die davon redeten, Sport und Politik getrennt zu halten, unterstützten ein System, das Politik (in Form von Rassismus) in den Sport brachte, oder Teil dieses Systems waren. Jene, die Verachtung für die Mehrheit der Südafrikaner hatten, machten jenen Vorwürfe, die das Rassische aus dem südafrikanischen Sport (und überhaupt aus der Gesellschaft) wegbringen wollten. Deon Geldenhuys’ “Isolated States: A Comparative Analysis” (1990/91) ist noch ein relativ moderates Lamento gegen den Sportboykott. Er hat nicht ganz Unrecht, wenn er schreibt, dass die Voraussetzungen für Wiederzulassung und Aufhebung nicht in den Händen der Sportverbände lagen sondern bei der Regierung – nur gab es da ein hohes Maß an Gemeinsamkeiten, v.a. bei der ideologischen Ausrichtung.

Während früher manche Schwarze (wie Eland) vor der Diskriminierung ins Ausland auswiechen, taten dies später (von Anfang der 1960er bis Anfang der 90er) Weisse, wegen des Boykotts. Mit dem Wechsel der Nationalität (Staatsbürgerschaft) wurde dieses Problem gelöst. Der bekannteste Fall war jener der Läuferin Zola Budd, die für Grossbritannien startete. Der jüdische Südafrikaner Mark Handelsman, auch ein Läufer, nahm die israelische Staatsbürgerschaft an, trat so 1984 bei Olympia an. Der Fussballer Roy Wegerle ging in die USA, spielte für das dortige Nationalteam. Der Tennisspieler Kevin Curren trat auch für die USA an. Beim Rugby-Spieler Andrew Mehrtens waren es nicht sportpolitische Gründe, dass er von seinen Eltern als Kind nach Neuseeland gebracht wurde. Der Kricketer Allan Lamb ging während der Isolation Südafrikas nach England und spielte für dessen Nationalteam.

Dass der Boykott nicht nur den Sport von Apartheid-Südafrikas betraf, wurde etwa bei der Amtseinführung von F. W. De Klerk 1989 ersichtlich, wo es kaum internationale Gäste gab. De Klerk startete 1990 mit Reformen bzw der schrittweisen Abschaffung der Apartheid. Im Gegenzug wurden die Sanktionen nach und nach aufgehoben, jene im Sport zuerst, jene Waffen betreffend zuletzt7 Verhandlungen begannen, hauptsächlich zwischen der aus der NP gebildeten Regierung (unter De Klerk) und dem eben noch verbotenen ANC (unter Nelson Mandela) – auch über eine Abschaffung der Apartheid im Sport.

Die United Democratic Front (UDF), ein Zusammenschluss noch nicht verbotener Anti-Apartheid-Organisationen der 1980er, gründete 1989 der National Sports Congress (NSC), das stärker als SAN-ROC oder SACOS im Land verwurzelt war, auch in den “schwarzen” Townships. Während SACOS zum ANC oder der Gewerkschaft COSATU Abstand hielt, war das NSC eindeutig mit den wesentlichen politischen Anti-Apartheid-Kräften verbunden. So repräsentierte SACOS hauptsächlich die dünne schwarze Mittelklasse und wurde als “Sport-Flügel” der Befreiungsbewegung vom NSC in den Hintergrund gedrängt. Aus dem NSC wurde 1990 NOSC, der National Olympic and Sports Congress.

1988 hatte das IOC unter Juan A. Samaranch eine Apartheid and Olympism Commission (AOC) gegründet, mit Sportdiplomaten und Repräsentanten der im Kampf gegen Apartheid im Sport engagierten südafrikanischen Verbände. Die AOC beschäftigte sich ab 1990 (dem Beginn der Reformen unter De Klerk) hauptsächlich mit dem Ende der Apartheid im Sport. Auch das kaltgestellte olympische Komitee des Apartheid-Regimes (SANOC), ab 1989 unter Johan du Plessis, wurde an den Verhandlungen beteiligt. Das Ringen um die Wiederzulassung begann. Klar war, dass das Südafrika, welches wieder am internationalen Sport teilnehmen würde, ein anderes als bislang sein würde. Auch wenn IOC-Präsident Samaranch, ein früherer Funktionär des Franco-Regimes in Spanien, für eine baldige Rückkehr Südafrikas war, am liebsten bei Sommer-Olympia in Barcelona 1992. Sam Ramsamy vom SAN-ROC konnte Anfang der 1990er nach Südafrika zurückkehren, so wie auch andere Dissidenten; politische Häftlinge, wie Nelson Mandela vom ANC, wurden in dieser Zeit aus Gefängnissen entlassen.

SAN-ROC ging von Boykott zu Zusammenarbeit zur Erreichung einer nicht-rassischen Vereinigung des Sports über. Im November 1990 wurde bei einem Treffen in Harare (Zimbabwe) unter Leitung von Jean-Claude Ganga aus Kongo (AOC, ANOCA) mit weissen und schwarzen Sportfunktionären aus Südafrika die Aufhebung der Apartheid im Sport und die Aufhebung der Sanktionen im Gegenzug diskutiert. Wichtig war nun ein repräsentatives NOK für Südafrika. Als Vorstufe wurde ein Komitee der Acht (dann Zehn), Vertreter diverser Sportverbände des Landes, gegründet, mit Sam Ramsamy, einem der führenden Anti-Apartheid-Aktivisten in Bezug auf Sport, als Vorsitzender. Das Komitee setzte sich zusammen aus Vertretern von SANOC, SAN-ROC, SACOS, COSAS8 und NOSC. Es nannte sich dann South African Coordinating Committee, und Ramsamy wurde Präsident.

Im März 1991 wurde daraus (durch eine gewisse internationale Anerkennung) das Interim National Olympic Committee of South Africa (INOCSA).9 Nach dem Besuch einer IOC-Kommission in Südafrika (unter Keba Mbaye; AOC, Senegal) im selben Monat, die u.a. De Klerk, Mandela und den “Zulu-Führer” Buthelezi traf, wurde das INOCSA auch von der IOC zunächst vorläufig anerkannt. Im Juni 1991 hob das (weisse) Parlament auf De Klerks Initiative den Population Registration Act und den Group Areas Act von 1950 auf, zwei Grundpfeiler der Apartheid.

Nun hatten auch die politischen und sportpolitischen Anti-Apartheid-Bewegungen sowie die Apartheid and Olympism Commission (AOC) keine Einwände mehr gegen eine Wiederzulassung Südafrikas im Sport. Im folgenden Monat, Juli ’91, anerkannte das IOC die INOCSA endgültig, das damit das offizielle NOK Südafrikas wurde, unter dem Kürzel NOCSA, das “Interim” wurde aus dem Namen gestrichen. Südafrika war damit wieder Mitglied des IOC. Ramsamy blieb/wurde Präsident des NOCSA. Damit war die Voraussetzung für eine Teilnahme an Olympischen Spielen geschaffen; Südafrika wurde wenige Wochen später eingeladen, in Barcelona 92 (Sommer-Spiele der 25. Olympiade) teilzunehmen. SANOC und SAN-ROC, das bisherige offizielle und das alternative NOK, gingen beide in NOCSA auf. NOCSA-Präsident Ramsamy durfte die Annahme der Einladung verkünden.

Die Einigung im Sport, die Abschaffung der Rassentrennung dort und die internationale Anerkennung dafür nahm einiges von den grossen politischen Verhandlungen vorweg, die damals im vollen Lauf waren. Aber wie dort gab es auch im Sport noch einiges an Ärger und Hindernissen. Es standen ja noch die Vereinigungen der diversen (verschieden-rassigen) Fachverbände an, die Beitritte dieser neuen nationalen Verbände zum NOCSA und zu den internationalen Dachverbänden (und damit verbunden, die Wiederzulassung zu internationalen Wettbewerben). Und die Schaffung gemeinsamer nationaler Meisterschaftsbewerbe für Klubmannschaften der verschiedenen Sparten. Die Aufhebung der Rassenschranken auf der untersten Ebene, in Schulen und Vereinen. Das Zusammenwirken der Leute aus den verschiedenen “Lagern” in den neuen Nationalmannschaften und in deren Verbänden musste sich erst bewähren. Die Entwicklung in den wichtigsten Sportarten, Fussball, Rugby und Kricket (wo es international am schnellsten wieder los ging), werden noch genauer ausgeführt.

Südafrikas Teilnahme an Olympia Barcelona war die erste seit Rom 1960 und die erste überhaupt nicht mit einem rein weissen Team; auch an den Paralympics nahmen ab 92 wieder südafrikanische Teams teil. Dass man politisch noch keine Einigung gefunden hatte, zeigte sich auch darin, dass die offiziellen Staatssymbole damals alles andere als eine verbindende Wirkung hatten, (von Vielen) als Symbole der Apartheid gesehen wurden. NOCSA entschied daher, dass das südafrikanische Team in Barcelona unter einer “neutralen” Flagge (dem Symbol von NOCSA auf weissem Grund) antreten werde und dass bei Siegesfeiern gegebenenfalls Beethovens “Ode an die Freude”, die olympische Hymne, gespielt wird. Auch werde das Springbock-Zeichen nicht auf der Sportkleidung aufscheinen. Ramsamy gab das schon bei der Annahme der IOC-Einladung für 92 bekannt.

Die Entscheidung wurde in weiten Teilen des weissen Südafrikas mit Empörung und Ärger aufgenommen. Präsident De Klerk sagte, es handle sich um nationale Symbole, die nichts mit Apartheid zu tun hätten. Louis Pienaar, der auch für Sport zuständige Minister, kommentierte die Sache als “Schlag in das Gesicht aller Südafrikaner” und drohte, NOCSA Geld vorzuenthalten. Manche bemühten sich darauf hinzuweisen, dass der Springbock bereits viele Jahre vor der Apartheid als Sport-Symbol verwendet wurde. “The Citizen”, so ziemlich die einzige Englisch-sprachige Zeitung, die die Apartheid (bzw die Nationale Partei) unterstützte, schrieb, die Sport-Administratoren hätten vor dem ANC kapituliert.10 Als Konzession wurde die grün-gelbe Farbgebung der weissen Sportteams für das “gemischtrassige” bei Olympia übernommen.

Der nächste Streitpunkt war die Auswahl der teilnehmenden Athleten. Es gab einige umstrittene Entscheidungen, wie die Nominierung der (schwarzen) Tischtennis-Spielerin Cheryl Roberts (weniger wegen ihrem Engagement gegen die Apartheid als wegen einer positiven Dopingprobe) und die Auslassung des Weltklasse-Speerwerfers Tom Petranoff. Dieser war 1988 nach einem Antreten in Apartheid-Südafrika vom US-amerikanischen Leichtathletik-Verband gesperrt worden. Er wanderte nach Südafrika aus, wurde dessen Staatsbürger. Es gab einen Streit der (bisher) konkurrierenden LA-Verbände Südafrikas um seine Nominierung, die schon allein aufgrund seiner Haltung zur Apartheid einen politischen Charakter hatte. Roberts ist heute publizistisch tätig, s.u. Schliesslich wurde ein Team aus 93 Sportlern aus 17 Disziplinen nominiert, darunter beachtliche ca 90% Weisse. Stars waren der Tennisspieler Wayne Ferreira, die Schwimmerin Penelope Heyns11 und die zurückgekehrte Läuferin Zola Budd-Pieterse.

1992, als Winter- und Sommer-Olympia letztmals im selben Jahr stattfanden, gab es nicht nur die Rückkehr Südafrikas; Tschechoslowakei nahm letztmals teil, die GUS einmalig, die DDR erstmals nicht mehr (wie auch schon in Albertville), ebenso Jugoslawien12, Namibia erstmals, auch Jemen als geeinte Nation, Ungarn und einige anderen Staaten waren erstmals seit Jahrzehnten nicht mehr kommunistisch. Erstmals seit Jahrzehnten gab es keinen Boykott und keinen Ausschluss mehr.

Der schwarze Marathon-Läufer Jan Tau wurde Südafrikas erster nicht-weisser Flaggenträger bei der Eröffnungsfeier. Im Juli/August 92 gab es für Südafrika in Barca bei der Olympia-Rückkehr zwei Silber-Medaillien, durch das Tennis-Doppel Ferreira/Norval und die Läuferin Elana Meyer. Bei Meyer zeigt sich die Relativität der Apartheid-Einteilung als “Weisse”.

Mandela, der selbst Amateur-Boxer gewesen war13, war 1992 bei einem Kricket -Länderspiel dabei, einem der ersten Südafrikas nach der Wiederzulassung bzw “Rassenintegration”; dies wurde als Beleg für seine Präsidentschafts-Ambitionen gedeutet. Eines der letzen wichtigen Apartheid-Gesetze, die De Klerk abschaffen liess, war 1993 die getrennte Bildung, die im Bantu Education Act festgeschrieben war.

Zum Zeitpunkt des Verhandlungsabschlusses 1993 und dem endgültigen Ende der Apartheid durch die ersten freien Wahlen 1994 war im Sport der Abbau der “äusseren” Rassenschranken schon erledigt (s.o.); im Sport wie in der Politik, der Gesellschaft allgemein,… folgte auf den Abbau der äusseren Schranken jener der inneren, bzw der Versuch dazu, von Teilen der Gesellschaft. Bisherige Feinde sollten nun zusammenwirken, in den verschiedensten Bereichen. Die 1994 eingeführte neue Fahne war auch ein Kompromiss, wie die Verhandlungslösung. Nelson Mandela sagte im Mai 1994 bei der Rede zu seiner Angelobung als Präsident, 40 Millionen Südafrikaner sollten in Zukunft mit erhobenem Haupt auftreten können.

Manche meinen, dass der ANC und Mandela 1993/94 einen faustischen Pakt eingegangen seien, weisse Privilegien vielfach belassen haben, nur die Inkorporation relativ weniger Schwarzer in die Eliten erreicht haben, den Neoliberalismus angenommen haben. Die wenige Umverteilung ist vielen weissen Südafrikanern (und ausländischen Beobachtern) schon zu viel, manche wollen mit minimalen Zugeständnissen einer echten Umverteilung aus dem Weg gehen. Kritiker des neuen Südafrika wollen weder Umverteilung noch die Folgen dieser Unterlassung (Kriminalität und Armut hängen natürlich stark zusammen).

Bei einer Anti-Rassismus-Konferenz 1999 haben viele Redner die Linie widergegeben, die viele Weisse nach dem Ende der Apartheid “eingeschlagen haben”, “Ich war eigentlich immer gegen die Apartheid, aber diese und jene Zustände im heutigen, Post-Apartheid-Südafrika…”. Der ANC-Politiker Pallo Jordan antwortete ihnen damals: “Anscheinend waren damals ALLE gegen die Apartheid. Schade dass man sich damals nicht gekannt hat, als WIR gegen die Apartheid kämpften”. Es gibt wenig Anerkennung dafür, dass Wenige um Demokratie gekämpft haben, in der Regel unter Einsatz ihres Lebens. Suzman und die anderen von den DA-Vorgängerparteien waren nicht jene, die aus ihrer privilegierten Position als Weisse heraus unter Einsatz ihres Lebens gegen die Apartheid gekämpft haben; Kasrils oder Schoon oder Slovo taten das.

Brutus konnte 1990 aus der USA nach Südafrika heimkehren. 2007 sollte er in die südafrikanische Sports Hall of Fame aufgenommen werden. Bei der Zeremonie lehnte er seine Aufnahme öffentlich ab, mit der Begründung, man könne nicht jene, die für Rassismus im Sport verantwortlich waren, mit ihren Opfern in eine Reihe stellen.

COSAS und NSC vereinigten sich zum National Sports Council of SA (NSC). NOCSA vereinigte sich 2004 mit anderen Organisationen zur South African Sports Confederation and Olympic Committee (SASCOC), der nationalen Sportbehörde, die dem Sport-Ministerium untersteht. Ramsamy ist inzwischen beim IOC.

So trennend Nationalismus auch sein, ein südafrikanischer Nationalismus (also kein burischer oder schwarzafrikanischer) ist einend – und erst seit ca. 1994 im Entstehen. Die Ausrichtung der Rugby-WM 1995 und der Sieg dabei (s.u.) war für Südafrika eine triumphale Rückkehr in die internationale Sport-Szene nach der Apartheid. Im Streit um Rassenquoten für nationale Auswahlmannschaften wie die Springboks (s.u.) steckt der ganze Post-Apartheid-Richtungsstreit drin.

Die weisse Auswanderung nach der Apartheid betraf auch Sportler. Der Kricket-Spieler Kevin Pietersen, Sohn eines Afrikaaners und einer englischen Südafrikanerin, ging 2000 ins Land der Vorfahren seiner Mutter, nachdem er sein Missfallen über Rassenquoten im südafrikanischen Kricket (s.u.) geäussert hatte. Dem Fussballer Sean Dundee gelang der Sprung ins deutsche Team nicht ganz. Der Rugbyspieler Pierre de Villiers ging 1994 nach Frankreich, von wo ein Teil seiner Vorfahren stammen (Hugenotten), spielte ab 1999 für dessen Nationalteam.

Die Oscar Pistorius-Mord-Sache (ab) 2013) enthält u.a. die Faktoren Rasse und Gewalt, welche in Südafrika sehr heikel sind. Pistorius’ Vater Henke sagte zu britischen Medien, dass sein Sohn Waffen zur Verteidigung brauchte, da es den ANC-Regierungen nicht gelänge, die Weissen zu beschützen. Die Richterin, die das erste, milde Urteil aussprach, hatte in ihrer Laufbahn noch die ganzen rassistischen Hindernisse des Apartheid-Staates für Schwarze zu spüren bekommen. Reiche Weisse könnten es „sich richten“, ist zu hören. Der Wiener Wirtschaftshistoriker und Südafrika-Spezialist Walter Sauer schrieb in “Indaba”, weisse Feministinnen und schwarze Law-and-Order-Fanatiker demonstrierten gegen das Urteil. Im südafrikanischen “Mail &Guardian” auch noch etwas dazu.

Fussball

Fussball ist in Südafrika wiegesagt der “Sport der Schwarzen” und da es in dem Land viel mehr Schwarze als Weisse gibt, ist Fussball der Sport Nr. 1.14 “Schwarze” Menschen, v.a. in den Townships der Städte, haben um die Wende vom 19. zum 20. Jh den englischen Import Fussball angenommen. Der Fussball war in Südafrika von Anfang an rassisch getrennt. Es bildeten sich um die Jahrhundertwende die Fussballverbände SAFA bzw dann FASA (Weisse), SABFA und SAAFA (Schwarze), SACFA (Mischlinge), SAIFA (Asiaten). Die Klubs dieser Verbände spielten zunächst in regionalen (Amateur-)Ligen. Die Umwandlung von SAFA zu FASA war verbunden mit einer Löschung der Statuten wonach nur weisse Fussballer in ihren Ligen und dem Auswahlteam willkommen waren – dies wurde aber natürlich als Praxis beibehalten. Der weisse Verband FASA wurde in den 1950ern Mitglied der afrikanischen Konföderation CAF (Gründungsmitglied) und des Weltverbandes FIFA.

Aus den Klubs dieses Verbandes wurde ein südafrikanisches Fussball-Nationalteam geformt, das 1924 sowie von 1947 bis 1955 und 1963 aktiv war, freundschaftliche Länderspiele absolvierte, anscheinend nur gegen Australien, Neuseeland, Portugal, Israel. SAAFA, SABFA und SACFA schlossen sich zum Anti-Apartheid-Fussballverband SASF zusammen, beantragten Mitgliedschaft bei der FIFA. Weder FASA noch SASF repräsentierten den ganzen Fussball des Landes; bei der FIFA scheint man auf das Argument von FASA-Chef Fell gehört zu haben, wonach Rassentrennung zur “Kultur des Landes” gehöre. Die CAF reagierte schneller: Vom ersten Afrika-Cup 1957, für den das südafrikanische Team schon eingeplant war, wurde dieses noch kurzfristig ausgeschlossen, weil es eben nur für Weisse offen war, so wie vieles im Apartheid-Südafrika. Bald danach wurde Südafrika bzw die FASA auch von der CAF ausgeschlossen.

Von der FIFA wurde die FASA zunächst 1961 bis 1963 suspendiert, dann aber wieder zugelassen, auf Drängen des britischen FIFA-Präsidenten Stanley Rous. Das Ringen dieser Jahre, Mitte 1950er bis Mitte 1970er, um die Anerkennung oder aber Ächtung des rein weissen Fussballs Südafrikas als jenen des Landes sagt viel über die Vorgänge im Weltfussball, in der FIFA und überhaupt in globalen Beziehungen aus! 1964 die neuerliche Suspendierung Apartheid-Südafrikas vom Weltfussball. Auch als der weisse Brasilianer Joao Havelange 1974 Rous-Nachfolger als FIFA-Chef wurde, ging dieses Ringen noch weiter. Havelange soll schliesslich im Hinblick auf die afrikanischen und asiatischen Verbände 1976 für den Ausschluss der FASA entschieden haben. Dazu ist anzumerken, dass im brasilianischen Fussball bis Pelé (ab Ende 1950er) Schwarze bzw Farbige noch die Ausnahme waren, im Nationalteam krass unterrepräsentiert waren.

Als die Fussball-Sanktionen wegen der Rassentrennung begannen, ging es auch mit den landesweiten Profi-Ligen in Südafrika los. Einigen schwarzen Spielern gelang davor unter schwierigen Umständen der Sprung von Amateurklubs nach Europa, wie Johanesson (nach England) und Dhlomo (der auch Boxer und politisch engagiert war, in die Niederlande). 1959 startete die weisse NFL, wo zB Durban City spielte, ein Klub bei dem Gordon Igesund seine Karriere begann, der spätere Österreich-Legionär und Bafana-Teamchef. In dieser Liga spielten auch vereinzelt Schwarze, wie Vincent Julius. Der farbige Verband SASF startete Anfang der 60er mit der SASL. Diese Liga hatte mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen, u.a. mit einem Mangel an Spielplätzen/Stadien (Infrastruktur jeder Art für Nicht-Weisse wurde ja vernachlässigt). Nach einigen Jahren Unterbrechung wurde der “schwarze” Spielbetrieb 1971 mit der NPSL fortgesetzt. Diese, mit Klubs wie Kaizer Chiefs und Orlando Pirates (beide aus dem Raum Johannesburg), hatte ein gutes Niveau, von hier wurden Fussballer wie “Jomo” Sono in die amerikanische NASL engagiert. Ein Teil der Inder und Mischlinge spielt ab 1969 in der FPL.

Unter den Weissen sind Englischsprachige im Fussball eher zu finden als Afrikaaner. Auch einige Europäer kamen in die weisse Liga Südafrikas, die NFL. Auch einige der Beteiligten am deutschen Bundesligaskandal um Spielmanipulationen 1971, wie Bernd Patzke und Arno Steffenhagen, gingen während ihrer Sperre dorthin, da sich diese ausserhalb der FIFA befand und die Sperre daher dort nicht galt. Auch viele der politischen Gefangenen auf Robben Island, wie Nelson Mandela, versuchten, dort Fussballspiele zu organisieren; darüber, über den Makana FC auf Robben Island, gibt es die Film-Doku “More than just a game”.

Bei den Südafrika-Spielen (South African Games) 1973 gab es im Fussball keine ausländischen Teilnehmer, die Organisatoren veranstalteten daher ein Fussball-Turnier mit vier Mannschaften aus den vier Rassen, in die alle Südafrikaner eingeteilt waren. Die Weissen siegten im Finale über die Schwarzen 4:0, Dritter wurden die Farbigen, vor den Indern.

Sono und Kaizer Motaung haben beide nach ihrer Rückkehr aus der USA eigene Klubs in Südafrika gegründet, Jomo Cosmos und Kaizer Chiefs, im Raum Johannesburg. Keith Broad schloss sich in den 1970ern den Orlando Pirates in der NPSL an und wurde der erste weisse Spieler dort. 1978 vereinigten sich die schwarze NPSL und die weisse NFL zur neuen NPSL. Die Einrichtung einer gemischten Liga spiegelte die leichte Liberalisierung der Apartheid unter Premier P. W. Botha wieder. Ein Teil der schwarzen Klubs machte ab 1985 in einer neu gegründeten NSL weiter.

Viele schwarze, braune und weisse Fussball-Talente Südafrikas gingen in den Jahrzehnten vor 1992 “verloren”, von Sono bis Igesund, von Ntsoelengoe bis Smethurst. Sie konnten sich zwar teilweise in starken Ligen wie der englischen präsentieren, aber nicht als Nationalteam. Eine Auslegung des Sportboykotts traf auch den “Prinzen” des südafrikanischen Fussballs, (den Schwarzen) Jomo Sono, der von Zimbabwe 1988 daran gehindert wurde, an einem Wohltätigkeitsmatch von Pelé’s Weltelf in Harare teilzunehmen; Sono hatte mit dem Brasilianer in USA bei Cosmos New York zusammen gespielt. Ja, manchmal wurden auch schwarze Südafrikaner Opfer des Sportboykotts – der eigentlich wegen ihrer Diskriminierung angestrengt wurde.

1991, unter den Vorzeichen der Beendigung der Apartheid, vereinigten sich die vier rassisch definierten Fussball-Verbände des Landes zu einem, der SAFA. 1992 wurde dieser in die FIFA und die CAF aufgenommen, und ein erstmals “gemischtrassiges” südafrikanisches Nationalteam begann mit dem Spielbetrieb. Im Juli 92 trat es in Durban gegen Kamerun mit Roger Milla an; danach in Jo’burg und Kapstadt. Die Spieler dieses Teams wurden aus der gemischten NPSL und der schwarzen NSL zusammengetrommelt; die farbige FPL hatte 1990 ihren Betrieb eingestellt. Am 10. Mai 1994, dem Tag der Angelobung Nelson Mandelas als Staatspräsident, kurz nach den ersten freien Wahlen, spielte die “Bafana Bafana” (isiZulu für “die Burschen”, wurde Beiname des südafrikanischen Fussball-Nationalteams) in Johannesburg freundschaftlich gegen Zambia – in Anwesenheit des neuen Präsidenten. NPSL und NSL stellten Ende 1995 den Spielbetrieb ein und wurden zur Premier Soccer League (PSL) vereinigt, gleichzeitig wurde von Kalenderjahr auf Saison umgestellt, 1996/97 war die erste Saison der PSL. 1995 haben die Orlando Pirates die afrikanische Champions League gewonnen, was sonst noch keinem südafrikanischen Klub gelungen ist.

Das Ende der Apartheid bewirkte auch einen Abbau der Distanz zum restlichen Afrika, auch im Fussball, führte zu einem Messen mit anderen afrikanischen Teams. 1996 durfte Südafrika den Afrika-Cup ausrichten, kam bis ins Finale, gewann dieses gegen Tunesien. Eine überwiegend schwarze Mannschaft mit einigen Farbigen und Weissen (darunter der Kapitän Neil Tovey) feierte wie 95 das Rugby-Team einen Heimsieg. Präsident Mandela (im Trikot der Bafana) und sein Stellvertreter De Klerk waren bei der Preisverleihung im FNB-Stadion in Johannesburg anwesend, es hätte die Entsprechung zum weissen Rugby-Triumph im Jahr davor sein können. Vielleicht lag es an der mangelnden Anteilnahme von Weissen, besonders der Afrikaaner, dass dem nicht ganz so war.

Die Stars dieser Zeit waren neben Tovey Lucas Radebe (der auch lange in England spielte), Phil Masinga, “Doc” Khumalo, Mark Fish, und die aus dem Ausland “zurückgeholten” südafrikanischstämmigen Hans Vonk und Pierre Issa. Das Team, zeitweise von Europäern trainiert, qualifizierte sich für die WM 1998, spielte 98 und 2000 weitere gute Afrika-Cups, war bei Olympia ’00 und beim Confederations Cup 97 dabei. Die WM 02, hier waren auch “Benni” McCarthy und Steven Pienaar schon dabei, war seltsamerweise der Wendepunkt. Nach einem starken Auftritt und einem knappen Ausscheiden in der 1. Runde begann ein Abwärtstrend für das Team

Und das ausgerechnet in der Phase als dem Land die WM 2010 zugesprochen wurde. 01/02 wurde von der FIFA festgelegt, dass die Fussball-WM 2010 nach Afrika kommt; ’04 setzte sich Südafrika gegen Marokko und Ägypten durch. Für die Ausrichtung 06 war das Land schon knapp gescheitert. Es begannen die Vorbereitungen im Land (v.a. Um- oder Neubauten von Stadien), und das Land geriet stärker in den Focus der Weltöffentlichkeit. Ende 07 in Durban die Auslosung der Qualifikation für die WM, der österreichische Ex-Fussballer Peter Burgstaller, Agentur-Manager, privat dort, wurde damals am Golfplatz seines Hotels in Durban ermordet und ausgeraubt. Diskussionen über die WM-Austragung in Südafrika und die Kriminalität dort kamen auf Touren und gingen oft nahtlos über in Verdammungen des neuen (Post-Apartheid) Südafrikas. Als ob so etwas in Europa nicht vorkommen würde. Die Mörder an Burgstaller wurden übrigens gefasst und verurteilt.

Und die Krise der Bafana: bei den Afrika-Cups 04, 06, 08 schied sie immer in der 1. Runde aus, für die WM 06 konnte sie sich nicht qualifizieren. Langsam musste man sich von der Vorstellung verabschieden, dass Südafrika ein schlafender Riese des Weltfussballs ist. Sogar der Anschluss an die afrikanische Spitze ging verloren. Bald nach dem Afrika-Cup 08 ging der brasilianische Bafana-Trainer Carlos A. Parreira („familiäre Gründe“), Nachfolger wurde sein Landsmann Santana. Die Bafana schaffte dann auch die Quali für den Afrika Cup 2010 nicht! Ein Lichtblick war der Confederations-Cup 2009, die WM-Generalprobe, sowohl vom organisatorischen (ein Test ohne Pannen) als auch vom Auftreten des Heimteams – dies besonders im kleinen Finale gegen Spanien.15 In Erinnerung blieben v.a. die Vuvuzelas und der dortige Winter. Santana wurde nach Niederlagen nach dem Confedcup gefeuert, Parreira wieder eingestellt.

Innerhalb Südafrikas, v.a. von Weissen, kam Kritik an der SAFA und der Politik (bzw den ANC-Regierungen), die sich laufend in Rugby-Angelegenheiten einmische, nicht aber in den Fussball. Die Misserfolge der Bafana werden (zB im Kommentarbereich von Online-Zeitungen) auch gern den Erfolgen der (hauptsächlich von Weissen gelenkten und “betriebenen”) Rugby-Auswahl gegenüber gestellt und dies als Beispiel schwarzer Misswirtschaft bzw Folge weissen Wirkens dargestellt. Rugby wird aber weltweit vielleicht in 1 Dutzend Staaten intensiv betrieben, im Fussball sind es ungefähr so viele, wo das nicht der Fall ist.

Nach dem ANC-Parteitag in Polokwane 07 (Abwahl Mbekis als Parteichef) und dem Rücktritt Mbekis als Präsident 08 begann eine paranoide Stimmungsmache im Hinblick auf die Wahl 09 (bei denen die Wahl Zumas zum Präsidenten zu erwarten war) und die WM 10. Die Zweifel an der ersten WM auf afrikanischem Boden erhielten neue Nahrung, nachdem im Sommer 08 gemeldet wurde, dass der Stadionneubau in Port Elizabeth nicht rechtzeitig zum Confederations Cup 09 fertiggestellt werden könne. FIFA-Präsident Joseph Blatter erklärte, dass drei Länder als Ersatz bereit stünden, falls Südafrika es nicht schaffen sollte, die Weltmeisterschaft auszurichten. Er relativiert dann aber: nur bei einer Naturkatastrophe würde Südafrika die WM verlieren. Im Mai 09, kurz vor dem Confederations-Cup, lief eine ARD-Doku: „Schafft Südafrika die WM 2010?“.

Der CSU-nahe kriminelle Unternehmer Ulrich Hoeness (2014 dreieinhalb Jahre Haft wegen Steuerhinterziehung) sagte nach dem Terror im Vorfeld des Afrika-Cups 10 in Angola (Angriff gegen das anreisende togolesische Team, durch eine Abspaltung der Separatistenbewegung der Exklave Cabinda, FLEC, 3 Tote), die Vergabe der WM 2010 nach Südafrika sei “eine der grössten Fehlentscheidungen” von FIFA-Präsident Blatter gewesen (in Wirklichkeit dessen grösste Leistung). “Ich war nie ein großer Freund von einer WM in Südafrika oder überhaupt in Afrika, solange Sicherheitsaspekte nicht zu 100 Prozent geklärt sind”. Angebliche Korruption und Schiebung bei der Vergabe an Südafrika kam auch zur Sprache – inzwischen wird diesbezüglich aber auch über die Vergabe der WM 06 an Deutschland gesprochen.

Auch der Mord an dem Rechtsextremisten Terre Blanche auf seiner Farm 2 Monate vor WM-Beginn wurde instrumentalisiert, etwa von DA-Führerin Zille, gegen den ANC; sie stellte einen Zusammenhang mit dem damaligen ANC-Jugendchef Malema und dem von ihm gerne gesungenen Kampflied “Ayesaba amagwala” her. Die VF+ reagierte (auch) hier insgesamt gemäßigter/seriöser. Westliche Medien schrieben von “ethnischen Spannungen” im Land, die sich entladen könnten, verwiesen auf Farmenteignungen und Diktatur unter Mugabe in Zimbabwe. Misshandlungen von Farmarbeitern (die die Mörder waren) durch den Neonazi und einiges andere wurde dagegen selten thematisiert. Auch dass meistens Schwarze Opfer von Kriminalität in diesem Land sind. Dann auch noch Sozialproteste wenige Wochen vor WM-Beginn (wie in Brasilien vier Jahre später); eine Form von Umverteilung wollten jene, die das gegen Südafrika und die WM dort anführten, aber schon gar nicht.

Nelson Mandela, schon sehr gebrechlich, erlebte die Fussball-Weltmeisterschaft noch, deren Ausrichtung von einem stabilen Südafrika zeugte, zu dem niemand stärker hingeführt hatte als er. Seine Familie machte ihm Sorgen, seine Partei und das Land auch in mancher Hinsicht. Kurz vor der Eröffnungsfeier kam eines von Mandelas Urenkeln (13 Jahre alt) bei einem Autounfall ums Leben. Madiba trat bei der Feier kurz auf, die vor dem Eröffnungsspiel der Bafana gegen die mexikanische Auswahl stattfand. Auch an der Abschlussfeier vor dem Finale nahm er teil.

Matthew Booth (mit einer Schwarzen verheiratet) war der einzige Weisse im Kader der Bafana, einige Mischlinge wie Pienaar waren dabei, sonst Schwarze, nicht aber Benni McCarthy. Viele weisse Südafrikaner, besonders Afrikaaner, hielten Distanz zur Fussball-WM, weil sie mit diesem Sport wenig anfangen können, manche auch weil sie sie als Projekt der ANC-Regierung, der Schwarzen, sahen. Der Rechtsextremist Dan Roodt rief Afrikaaner dazu auf, bei der WM das niederländische Team zu unterstützen; bei der Rugby-WM 95 haben Schwarze entsprechendes erwogen (die Gegner der Springboks zu unterstützen), Mandelas Einsatz verhinderte dies damals. Im niederländischen Fussball-Nationalteam sind seit der Gullit-Generation in den 1980ern immer Schwarze bzw Farbige dabei und wichtig. Sie stammen aus den Ex-Kolonien Surinam (wie Gullits Vater oder Aron Winter) oder (seltener) Indonesien (Taument oder van Bronckhorst) oder von den niederländischen Antillen (wie Kluivert zT); seit einiger Zeit sind auch marokkanisch-stämmige dabei. Gullit hat seinen Preis als Fussballer des Jahres 1987 dem damals noch inhaftierten Nelson Mandela gewidmet. Auch der letzte Präsident der Apartheid-Ära, FW De Klerk, brachte vor dem Finale (also als das südafrikanische Team schon lange nimmer dabei war) seine teilweise holländische Herkunft mit seiner Unterstützung für die Oranjes in Verbindung. “Ich hatte aber einen der besten Urlaube meines Lebens in Spanien, daher wäre ich auch über einen Sieg von ihnen glücklich.”

Die Bafanas schieden nach der Vorrunde aus, das 0:3 gegen Uruguay im zweiten Match war entscheidend. Schuldzuweisungen begannen sogleich wieder. Das Team aus Ghana, das fast ins Semifinale kam, rettet das afrikanische Abschneiden insgesamt einigermaßen. Die WM 2010 in Südafrika sollte endlich den Durchbruch für den afrikanischen Fussball bringen, der sich seit Anfang der 1990er ankündigte. Auch aus sportlicher Sicht liess der WM-Slogan “Ke Nako – Afrikas Zeit ist gekommen” an den Erwarungen keinen Zweifel. Bei afrikanischen Nationalteams scheint es immer wieder ähnliche Probleme zu geben: die Stars reden den (oft ausländischen) Trainern oft drein, die Politik und der Verband mischen sich ein, es gibt Streits um Prämien, zu wenig Team-Qualität,…

Die WM ging mit der Umarmung zwischen Iker Casillas und Sara Carbonero nach dem Finale (mit dem spanischen Sieg) in der Soccer City (bzw FNB-Stadion) in Jo’burg zu Ende. Es gab allgemein Lob für die Organisation des Turniers. In der Vorbereitung zur WM sind Infrastruktur-Probleme (v.a. im öffentlichen Nah-Verkehr) ersichtlich geworden und zT behoben worden. Die Sicherheit war „Fragezeichen“ vor dem Turnier gewesen, islamistischer Terror war möglich gewesen, auch Anschläge von weissen Rechtsextremisten aus Südafrika. Für das Land brachte die WM einen Tourismus-Aufschwung, mehr Ansehen. Es hat zwar noch enorme Probleme, aber es ist wie mit dem Glas, das je nach Sichtweise, halb voll oder halb lehr ist. Mehr Einheit zwischen Schwarz und Weiss im Land hat die Fussball-WM nicht gebracht, sie sind kaum näher zusammengerückt.

Zu den Schattenseiten des Turniers gehörte neben Nationalismus und Kommerz die Verdrängung (im wahrsten Sinn) von Problemen in Südafrika (etwas ähnlich wurde auch über Brasilien 14 gesagt). In Kapstadt wurde etwa 07 das Green Point Stadion im Hinblick auf die WM abgerissen; ein Teil blieb als Leichtathletik-Stadion erhalten. 07-09 wurde dafür das Kapstadt-Stadion gebaut (von Murray & Roberts Construction). Arme und Obdachlose aus der Gegend (Green Point) wurden dafür umgesiedelt, auch aus anderen Teilen Kapstadts (zB Woodstock) vor der WM, an den Stadtrand (Blikkiesdorp). Nachrichten davon bringen aber ein schlechteres Image als der Anblick von Elendssiedlungen für WM-Besucher und andere Touristen. Die Nachnutzung vieler Stadien ist fraglich; in jenem von Kapstadt spielt seit der WM Ajax Cape Town (Partner von Ajax Amsterdam) und finden u.a. Konzerte statt.

Die Bafana vor der WM 02
Die Bafana vor der WM 02

Rugby

Wie überall ist auch in Südafrika Rugby Union wichtiger als Rugby League, das sich u.a. durch die Zahl der Spieler (nicht 15 pro Team, sondern 13) unterschiedet. England/GB ist auch das Mutterland vom Rugby, kam wie Fussball Ende des 19. Jh nach Südafrika – und verbreitete sich hauptsächlich unter den Afrikaanern/Buren. Dass ein Sport englischen Ursprungs als Zelebration afrikaansen Lebensstils gilt, ist einer der Widersprüche dieser Nationalität. V. a. im heutigen Ostkap wurde und wird Rugby auch von Schwarzen (hier v.a. Xhosa) gespielt16, im Westkap von Mischlingen. Auch Rugby war in Südafrika von Anfang an rassisch getrennt.

Wie im Fussball gab es ein – sich veränderndes – Nebeneinander rassisch getrennter Verbände mit dem Primat der Weissen. Das waren hauptsächlich der South African Rugby Board (SARB) von/für Weisse(n) (1889 bis 1992), der South African Coloured Rugby Football Board (SACRFB) und seine Abspaltung, die South African Rugby Federation (SARF) für Mischlinge, sowie die South African Rugby Association (SARA; zuvor South African African Rugby Board) für Schwarze. Die Verbände hatten jeweils eigene Ligen, im Fall des weissen SARB war dies der Currie Cup, der Teams aus den vier Kolonien umfasste, die 1910 zu Südafrika vereinigt wurden.

Auch eine Art weisses, südafrikanisches Rugby-Nationalteam gab es schon vor der Entstehung Südafrikas, eine Auswahl  aus den Teams des Currie Cups. Das Team hatte einen Springbock als Emblem und grüne Leibchen. Damals ging es darum (nicht nur im Rugby!), eine Einheit zwischen den beiden grossen weissen Gruppen, der Afrikaans- und der Englisch-sprachigen, zu erreichen. Die Rassentrennung gab es schon vor der Apartheid, der Wahl 1948, und in Südafrika gastierende Rugby-Mannschaften haben auch davor schon nicht-weisse Spieler zu Hause gelassen. Das neuseeländische Nationalteam “All Blacks” kam etwa 1928 ohne seine Maoris, wie George Nepia.

Auch die Verbände der Mischlinge und Schwarzen hatten zeitweise sowas wie Nationalteams. Der SACRB stellte etwa 1939 eine Auswahl von “Farbigen” für eine Tour zusammen. Auch dieses Team wurde “Springboks” genannt und trug die grün-gelben Farben. Später war auch eine andere “Mischlings”-Auswahl aktiv, von einem anderen Verband organisiert, von der South African Rugby Football Federation (SARFF). Dieses Team wurde “Proteas” genannt. Eine nationale schwarze Auswahl waren etwa die “Leopards”, zur SARA gehörig.

Im Rugby war Südafrika länger international dabei als in den meisten anderen Sportarten. Der Weltverband gehörte nicht zum IOC und ausserhalb einiger Commonwealth-Staaten (vor allem der weissen) ist Rugby vielleicht noch in Frankreich ernsthaft verbreitet.17 Und in vielen Commonwealth-Staaten war man mit dem Apartheid-System nicht so streng (auch wenn dieses im Zuge der von den herrschenden Afrikaanern durchgesetzten “Abnabelung” von Grossbritannien 1961 aus dem Commonwealth austrat). Rugby war der wichtigste Sport für die in der Apartheid herrschenden Afrikaaner, und hier nicht isoliert zu sein, liess sie vieles andere verschmerzen. Aber auch hier braute sich etwas zusammen. Eine Tour der Springboks durch Grossbritannien und Irland 1969 wurde von intensiven Protestaktionen gegen die Apartheid begleitet. Auftritte von Rugby-Teams in Südafrika oder des südafrikanischen Teams anderswo wurden registriert, führten zu internationalen Protesten und teilweise vor Ort.

Für 1970 waren die neuseeländischen “All Blacks” zu einer Tour in Südafrika angesagt; Premier Balthazar J. Vorster erlaubte die Präsenz von Maoris unter den neusseländischen Spielern und mitreisenden Zuschauern. Aus Protest gegen diese “Grosszügigkeit” spaltete sich 1969 eine Gruppe um Albert Hertzog (Sohn eines früheren Premiers) von der Nationalen Partei ab und gründete die Herstigte Nasionale Party (HNP), rechts von der NP. Die HNP war für eine noch stärkere Stellung der calvinistischen, niederländisch-reformierten Kirchen und der Afrikaans-Sprache in Südafrika (auch für Andere!), für noch mehr Rassentrennung.18

Ebenfalls 1969 wurde in Neuseeland, an der Universität Auckland, die Initiative Halt All Racist Tours (HART) gegründet, die gegen Sport-Kontakte mit Apartheid-Südafrika (mit besonderem Augenmerk auf dem Rugby) protestierte.19 Trevor Richards, einer der Mitbegründer, war auch lange ihr Vorsitzender und dann internationaler Sekretär. Der in Afrika aufgewachsene britische Labour-Politiker Peter Hain (Minister unter Blair und Brown) war auch bei HART aktiv. Eine australische Initiative war der South Africa Defence and Aid Fund (SADAF), von den aus Südafrika geflüchteten Weissen John und Meg Brink gegründet. Aus der Gruppe tat sich besonders der Anarchist Peter McGregor hervor, der sich auch Lebensbedingungen der Aborigines bei sich in Australien beschäftigte.

1970 kamen also die All Blacks nach Südafrika und die Maoris unter ihnen und den mitgereisten Zuschauern wurden als “Ehren-Weisse” behandelt.20 Im Jahr darauf kamen die Springboks nach Australien. Die Reise war begleitet von massiven Demonstrationen und Protest-Aktionen. Das südafrikanische Team wurde von der australischen Luftwaffen transportiert, da sich Gewerkschaften weigerten, Flugzeuge oder Züge für sie abzufertigen. Im Jahr darauf wurde in Australien die konservative Regierung abgewählt und die Labour-Regierung unter Gough Whitlam verhängte einen Boykott gegenüber dem Apartheid-Sport.

Eine geplante Tour der Springboks nach Neuseeland 1973 kam nicht zustande, wegen Boykott-Drohungen von Indien und afrikanischen Staaten für die nächsten Commonwealth-Spiele (in NZL), wegen der öffentlichen Meinung sowie Bedenken bezüglich der öffentlichen Sicherheit – in den 1970ern waren Sportkontakte jeder Art mit Südafrika schon stark politisiert (so wie die Apartheid-Regierung und ihre Anhänger den Sport Südafrikas politisiert hatten). 1974 kam das englische Rugby-Nationalteam, die “Lions”, nach Südafrika (sowie nach Südwestafrika und Rhodesien, wie diese Nachbarstaaten damals hiessen). Das Match gegen die Springboks in Port Elizabeth soll eines der brutalsten Rugby-Matches überhaupt gewesen sein, aber das hatte mit der Apartheid nichts zu tun. 1975 durften erstmals Mischlinge und Schwarze offiziell mit Weissen in einer nationalen südafrikanischen Auswahl (eine South African Invitation XV, nicht die Springboks) gegen einen ausländischen Gegner, in diesem fall das französische Nationalteam, spielen. Einer der vier vom langjährigen SARB-Präsidenten Daniel Craven ausgewählten “Farbigen” war John Noble.

Zur neuseeländischen Tour in Südafrika und den Folgen 1976, siehe oben. In einem südafrikanischen Provinzteam, das damals gegen die All Blacks spielte, war auch Daniel “Cheeky” Watson. Berühmt wurde er einige Monate später, als er mit seinem Bruder im heimatlichen Port Elizabeth (bzw einem schwarzen Township von ihm) verbotenerweise mit Schwarzen Rugby spielte, im Dan-Qeqe-Stadion, benannt nach einem schwarzen Spieler in der östlichen Kapprovinz in den 50ern. Das sorgte damals für einen landesweiten Skandal. Watson ist bis heute gegen Rassismus im südafrikanischen Rugby engagiert.

Infolge des wachsenden internationalen Drucks kam es 1977 zu einer formalen Vereinigung des weissen SARB mit der “farbigen” SARF und der schwarzen SARA. Die 1966 aus dem SACRFB hervorgegangene South African Rugby Union (SARU), ein nicht-rassischer Rugby-Verband, blieb abseits. SARU war Gründungsmitglied von SACOS und ihr Vorsitzender Abdul Abbas verlangte als Vorbedingung einer Vereinigung eine Integration auf Vereinsebene und die Abschaffung verschiedener Gesetze.

Spätestens ab Ende der 1970er hatten auch im Rugby Alle, die mit Südafrika Kontakte eingingen, zumindest mit Nachwirkungen zu rechnen. Eine geplante Springbok-Tour durch Frankreich 1979 wurde von der französischen Regierung verhindert. Die “South African Barbarians”, ein invitational club (also ein gelegentlich aus Spielern anderer Teams zusammengestellter Klub) tourte 1979 durch Grossbritannien, sensationellerweise mit weissen, schwarzen und “braunen” Spielern.

Einer der Nicht-Weissen bei den Barbarians 1979 war Errol Tobias, ein Kap-Mischling. Tobias spielte in den 1970ern für die Proteas, das damalige Mischlings-Nationalteam. 1980 wurde er für die weissen Springboks ausgewählt, für inoffizielle Testspiele in Südamerika gegen nationale Auswahlen (in Argentinien wurde ihnen die Einreise verweigert). 1981 war er der erste Nicht-Weisse in einem offiziellen Länderspiel (“Test”) der Springboks, zu Hause gegen Irland – Ausdruck der leichten Liberalisierung der Apartheid unter Botha. Bis 1984 war er immer wieder bei Länderspielen dabei (viele gab es nicht, da Gegner fehlten).21

Tobias war auch bei der Springbok-Tour nach Neuseeland 1981 mit dabei. Neuseeland setzte sich mit der Einladung dafür über das Gleneagles-Abkommen hinweg. Auch die Erinnerung an den Besuch der Südafrikaner 1976 und die Folgen spielten eine Rolle und in den 1980ern hatte die Apartheid auch im Westen die meiste Akzeptanz verloren. So wurde die Reise der Springboks von Massen-Protesten begleitet. Auch Maoris beteiligten sich an daran. Viele von deren Aktivisten stellten das Bekenntnis weisser Neuseeländer (Pākehā) zu rassischer Gleichheit in Frage und warfen die Frage auf, ob das Focussieren auf Rassismus anderswo nicht eine Verdrängung des eigenen ist.22 Das südafrikanische Team verlor die Testspiel-Serie 1:2, aber das spielte überhaupt keine Rolle. Dem Nicht-Weissen Tobias wurde vorgeworfen, sich als Alibi-Farbiger zur Verfügung zu stellen. Über seine Behandlung innerhalb des Teams gibt es verschiedene Angaben.

Nach dieser Neuseeland-Tour wurde Südafrika vom International Rugby Board (IRB) von weiteren internationalen Auftritten ausgeschlossen. Erst 1992, als sich das Ende der Apartheid abzeichnete, änderten sich die Bedingungen. Das “Rugby-Embargo” war v.a. für den afrikaansen Teil der Weissen eine der härtesten Sanktionen. So verpassten die Springboks v.a. die ersten beiden Weltmeisterschaften, 1987 und 1991.23 Der Boykott war aber nicht vollständig. 1984 kam das englische Team, wobei ein ausgewählter Spieler, Ralph Knibbs, es aus politischen Gründen ablehnte, gegen Südafrika zu spielen. Eine geplante Reise der All Blacks 1986 wurde gerichtlich untersagt, dafür kam eine Art Ersatz-Nationalteam, New Zealand Cavaliers genannt. Im selben Jahr spielten Südafrikaner zum 100-Jahr-Jubiläum des IRB in All-Star-Games in Grossbritannien. 1989 kam eine Weltauswahl (World XV) zu Gastspielen nach Südafrika, zum 100-Jahr-Jubiläum des SARB diesmal.

1992, vor dem Hintergrund der Verhandlungen zur Beendigung der Apartheid, vereinigten sich der weisse SARB und die farbige SARU zur SARFU (South African Rugby Football Union), der bisherige SARB-Präsident Craven leitete auch den neuen Verband. Die Vereinigung der Ligen bzw die Öffnung des Currie Cups für nicht-weisse Spieler und Teams wurde in die Wege geleitet. Dies und die politischen Schritte zum Abbau der Apartheid führten auch im Rugby zu einer Rückkehr Südafrikas auf die internationale Bühne. Der damalige Präsident De Klerk ist ein grosser Rugby-Fan. Sichtbares Zeichen, dass sich etwas geändert hatte, war etwa die Auflösung der neuseeländischen Initiative Halt All Racist Tours (HART) 1992.

Die Springboks kehrten 1992 mit einem Testspiel gegen die neuseeländischen All Blacks im Johannesburger Ellis-Park-Stadion zurück. Unter den Springbok-Spielern waren zwei dabei, die schon bei der turbulenten NZL-Tour 1981 mit von der Partie waren, “Naas” Botha und “Danie” Gerber. Der ANC, damals so etwas wie die ausserparlamentarische Opposition, hatte sein Einverständnis gegeben, dass internationale Sportsanktionen gegen Südafrika im Zuge der Beendigung der Apartheid aufgehoben werden. Vor dem Neuseeland-Match war vor diesem Hintergrund ausgemacht worden, dass die damals noch (alleine) gültige Nationalhymne, “Die Stem van Suid-Afrika”, nicht gespielt wird, um den Sport von der Apartheid zu trennen. Diese und andere Abmachungen wurden nicht eingehalten von der SARFU, die viel mehr SARB war als SARU.

So schnell änderten sich die Dinge nicht. Aber allmählich. Auf einer Tour durch GB bald darauf hat eine Gruppe von afrikaansen Fans vor dem Match gegen Schottland vor dem Stadion “Nkosi Sikelel’ Afrika” gesungen, so etwas wie die Hymne des schwarzen Südafrika. Es war diese Tour, nach der eine Erneuerung bei den Springboks stattfand. Francois Pienaar wurde danach statt Naas Botha Kapitän, ein neuer Trainer kam,… Das Ende der Apartheid im Rugby 1992 hat natürlich eine Öffnung der Springboks für Nicht-Weisse gebracht, theoretisch. In den ersten Jahren nach der Rückkehr spielten gelegentlich ein oder zwei Farbige, ab 93 etwa Chester Williams, dessen Onkel Avril Williams in den 80ern in der Zeit von Errol Tobias bei den Springboks gespielt hatte.

Natürlich hatte sich das Niveau des weissen Rugbys auf einem anderen Niveau bewegt als das “farbige” und ist ein Nationalteam eine Auswahl der Besten. Aber manchmal scheint es darum zu gehen, genau diesen aus der Apartheid resultierenden Rückstand einzuzementieren. Zu wenig Begeisterung und Talent fürs Rugby bei den Schwarzen oder rassistische Strukturen, Henne oder Ei, darum drehen sich die Diskussionen in Südafrika, noch immer. Louis Luyt, ein Unternehmer (u.a. Manager des Ellis Parks), später Politiker (Gründer der Federal Alliance), wurde 1994 Präsident der SARFU.24 Er wiedersetzte sich der “Aufnahme” Schwarzer bei den Springboks.

Die “Springböcke”, das Rugby-Nationalteam Südafrikas, waren Repräsentanten der Apartheid gewesen, der Afrikaaner-Vorherrschaft, sowohl für die Profiteure dieses Systems als auch für dessen Leidtragende. Das Durchbrechen von Sanktionen durch Andere auf diesem Gebiet hat das nur verstärkt. Premier Vorster sagte 1971, die Springboks seien nicht repräsentativ für ganz Südafrika, sondern nur für seine Weissen (eigentlich, für seinesgleichen, auch nur für den einen Teil der weissen Bevölkerung; aber die Englischsprachigen auszuschliessen konnten sich die Afrikaaner nicht leisten).25

Mandela wirkte dieser Konnotation des Rugbys in Südafrika entgegen. Bei einem Springbok-Länderspiel gegen England war ihm aufgefallen, dass Schwarze im Stadium die Gastmannschaft unterstützten; er sagte später dazu, dass er das im Gefängnis ebenso gehalten hatte. Die Heimmannschaft repräsentierte schon von ihrer ethnischen Zusammensetzung Apartheid bzw weisse Vorherrschaft. Im Hinblick auf die Rugby-WM in Südafrika 1995 begann er damit, auf verschiedenen Ebenen schwarze Unterstützung für den “weissen” Sport zu organisieren und gleichzeitig dessen Protagonisten für ein “gemischtrassiges” Südafrika zu öffnen – ein Spiegelbild seines Wirkens überhaupt! Er traf sich etwa mit Springboks-Kapitän François Pienaar, und machte ihn mit einem englischen Gedicht bekannt, “Invictus”, das ihn in seiner Zeit im Gefängnis inspiriert hatte.

Mluleki George stammt vom Ostkap, spielte selbst Rugby, engagierte sich gegen die Apartheid, beim ANC, war dafür auf Robben Island interniert, war beim NSC aktiv, nach der Apartheid bei NOCSA, wurde Vizepräsident von SARFU, Funktionär beim internationalen Rugby-Verband IRB, dann Vize-Verteidigungsminister, bevor er zu COPE wechselte. Er sagte, “In der Vergangenheit haben Schwarze immer die Gegner der Springboks angefeuert. Ich selbst habe das bei der Tour der Engländer 1974 getan. Um das Ende der Apartheid herum gab es das unter Schwarzen noch immer, und auf der anderen Seite das Gefühl bei vielen Weissen, dass Rugby ihnen gehört.”

Dass die Springboks bei der WM im Mai und Juni 1995 mit nur einem Farbigen spielten, war keine Überraschung. Das würde sich bald ändern, hofften Viele. Während des Turniers sah man in den Stadien bei den Spielen der “Boks” immer wieder die alte südafrikanische Flagge (die mit der Apartheid 1994 abgeschafft wurde). Und andererseits jene schwarzen Südafrikaner, die die Gegner der Springboks unterstützten. Diese kamen etwas überraschend ins Finale.

63 000 sahen dieses live im Ellis Park, fast ausschliesslich Weisse, v.a. Afrikaaner. Gegner war das neuseeländische Team mit dem kürzlich verstorbenen Maori Jonah Lomu, und es begann daher mit einem Haka. Mandela saß als Präsident des Landes (in Springbok-Kleidung) in der Ehrenloge, mit SARFU-Präsident Luyt, dem neuseeländischen Premier Bolger oder “Tokyo” Sexwale, dem Premier der Provinz Gauteng. In dem Spiel gab es nur Penalties, keine Tries. Die in den schwarzen Dressen glichen in der 2. Hälfte aus, 2 Penalties von Stransky in der Verlängerung nach der Führung durch Mehrtens (der aus Südafrika stammt!) sorgten für den 15:12-Sieg.

Dass zum ersten Mal ganz Südafrika hinter den Springboks stand, war Produkt von Mandelas Vorarbeit. Pienaar wurde Sekunden nach dem Schlusspfiff des englischen Schiedsrichters von einem TV-Reporter gefragt, wie das Gefühl der Unterstützung durch 63 000 Fans sei. “Heute hatten wir die Unterstützung von 42 Millionen”, so die Antwort. Dann die Übergabe des Webb-Ellis-Pokals. Nelson Mandela tat dies, mit den Worten “Danke dafür, was Sie für Südafrika getan haben”. Pienaar, der an diesem Tag auch nichts falsch machte, antwortete: “Danke dafür, was Sie für Südafrika getan haben” Das Ende der Apartheid, das Treten aus der Isolation, auch im Rugby, dann die triumphale Rückkehr mit dem Sieg bei der Heim-WM, und das Ganze dann auch noch im Zeichen der nationalen Versöhnung. Beinahe märchenhaft, ein Stück Sportgeschichte.

Der Triumph der Südafrikaner war aber auch von Misstönen überschattet.26 Louis Luyt sagte beim Abschlussdinner, “There were no true world champions in the 1987 and 1991 World Cups because South Africa were not there.” Die Neuseeländer (Sieger 1987) verließen daraufhin erbost den Saal. Die Jahre der Isolation haben das Gefühl der heimlichen Überlegenheit (auch was das Rugby betrifft) noch gestärkt.27

Und, fast alle neuseeländischen Spieler lagen zwei Tage vor dem Endspiel nach einem Restaurantbesuch (anscheinend in einem “Pizza Hut”) mit einer Lebensmittelvergiftung flach. Das Gerücht, das Team sei von einer Kellnerin namens „Suzie“ vergiftet worden, hält sich noch heute. Während des Finales sah man neuseeländische Spieler sich am Spielfeldrand übergeben. Weiters war/ist die Rede von Abhöreinrichtungen und Störungen des Schlafs der Neuseeländer.

Die Rugby-WM 1995 war ein Höhepunkt von Mandelas Versöhnungspolitik. Der britische Autor John Carlin schrieb darüber ein Buch, “Playing the Enemy: Nelson Mandela and the Game That Changed a Nation” (2008). 2009 wurde ein Hollywood-Film daraus, “Invictus”, von Clint Eastwood (!), mit Morgan Freeman als Mandela and Matt Damon als Pienaar. Einige Rugby-Profis waren als Spieler dabei. Es gab und gibt Vorwürfe, dass Mandela mehr zur Beschwichtigung der Weissen machte als zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Schwarzen; und das Weisse das Entgegenkommen nicht erwidert hätten. Aus einer Diskussion in der Kommentarsektion der Online-Ausgabe einer südafrikanischen Zeitung: “I wish that one day someone would critically assess the whole ‘Madiba Magic’ legacy. And really tell us -who was the beneficiary of this phase of our history? As time has ticked I have come to deride that picture of Madiba wearing the Francious Pienaar number 6. But are we allowed to honestly critic this?
I saw images of the 46664 concert and of the images that I saw, over 95 percent of people at that concert were white. Am I reading too much or has our greatest light be stolen from us? just as our land and heritage was.”

Die Frage der Rassenbeziehungen ist eine sehr empfindliche im neuen Südafrika. Was das Rugby betrifft, es ist in dem Land bis heute vorwiegend weiss (und von Afrikaanern dominiert) geblieben. So wie Mandelas Bemühen um 1995 die Versöhnung unter ihm wiederspiegelt, so spiegelt für Viele die mangelnde Transformation des Rugbys des Landes die fehlenden Bemühungen von Weissen zur “Veräusserung” ihrer Privilegien wieder. Der erste Schwarze, der für die Springboks spielte, war Kaya Malotana, aus dem Ostkap, 1999. Der Verband wurde in SARU (South African Rugby Union) umbenannt, hatte farbige Präsidenten. Aber unter den Spielern (Klubs, Nationalteam) dominieren weiterhin Weisse, die etwa 10% der Bevölkerung Südafrikas ausmachen. Die eine Sichtweise darauf ist, dass in dieser Bevölkerungsgruppe eben mehr Leidenschaft und schliesslich Klasse fürs Rugby da ist.

Die andere ist, dass die Klasse durch gezielte Förderung, bzw Diskriminierung gegenüber Anderen, zu Stande komme. So hat der Verband ein Quotensystem eingeführt, wonach Schwarze/Farbige auf verschiedenen Ebenen einen bestimmten Anteil von Teams ausmachen mussten; analog zum “Black Empowerment” in der Wirtschaft. Solcherarts geförderte Spieler werden hinter vorgehaltener Hand gerne “Quotenspieler” genannt, welche talentierteren Weissen den Weg verbauten.

Die Nationalhymne illustriert gut das “Patchwork” des politischen Kompromisses Südafrikas. Seit 1997 ist Südafrikas Nationalhymne eine Kombination aus Extrakten des schwarzen Befreiungslieds “Nkosi Sikelel’ iAfrika” und der alten weissen Hymne “Die Stem van Suid-Afrika”/”The Call of South Africa”. In den Jahren vom Ende der Apartheid bis 97 (u. a. bei der Rugby-WM 95 und Olympia 96) waren beide Hymnen nebeneinander in Kraft (wurden meist hintereinander gespielt). Die Kombination enthält Teile in den wichtigsten Sprachen des Landes, Englisch, isiZulu, Afrikaans, isiXhosa, Sesotho. Der Zeitungs-Herausgeber Mondli Makhanya wies darauf hin, dass bei ihrem Abspielen vor Rugby-Länderspielen die Menge beim ersten, “schwarzen”, Teil meistens ziemlich ruhig bleibt und beim “weissen” in Fahrt komme. “It tells you a lot. Rugby is the one thing Afrikaners want to hang on to as their own culturally.”

Hier geht es auch um die Frage, ob die 10% Weissen Südafrikas, eine (weiterhin) privilegierte Elite oder eine (nun) bedrängte Minderheit sind. Und wiegesagt, im Rugby sind besonders die Afrikaaner unter ihnen der “Platzhirsch”. Es gibt auch andere Länder, wo verschiedene Ethnien verschiedene Sport-Vorlieben haben und eine Minderheit einen Sport dominiert, zB Kasachstan: Kasachen mögen v.a. Ringen, Russen Eishockey. Das kasachische Eishockey-Nationalteam besteht zu mindestens 80% aus ethnischen Russen. Also hat das mit Diskriminierung und Privilegien nichts zu tun?28 Soll eine nationale Sportauswahl demographische Verhältnisse wiederspiegeln oder die besten verfügbaren Sportler bringen? Aber, jene die über 7 Maghrebiner/Schwarzafrikaner/Karibianer im französischen Fussball-Nationalteam maulen, das als Zeichen von Überfremdung sehen, sehen dann gerne 12 Weisse im südafrikanischen Rugby-Team als Selbstverständlichkeit.

In ethnisch gemischten Sport-Nationalteams spielt die Diversität teilweise eine Rolle, teilweise nicht, im brasilianischen Fussball-Nationalteam die Unterschiede zwischen Weissen, Schwarzen und Mischlingen schon lange nicht mehr. Im nordirischen Fussball-Nationalteam, wo Iren (“Katholiken”) und britische Siedler (“Protestanten”) zusammenspielen, spielen die Grenzen sehr wohl noch eine Rolle – wie auch ausserhalb des Fussballs dort. Und, teilweise spiegelt die Verteilung die Gesamtbevölkerung anteilsmäßig wieder, teilweise ist sie nicht proportional.

Auch bei den WMs 1999 und 2003 war das südafrikanische Team hauptsächlich weiss. 2004 wurde Jake White (eigentlich Jacob Westerduin…) als Springbok-Coach ernannt, nach dem schwachen Abschneiden von 2003, der Aufregung über Trainingsmethoden im Kamp Staaldraad und internen Konflikten in der SARU. Vor der WM 2007 in Frankreich kochte die “Rassendebatte” über.

Der Kader bestand aus 21 Afrikaanern (+ der Trainer), 5 englischsprachigen Weissen (darunter einer aus Zimbabwe), 5 Mischlingen (darunter die Leistungsträger Habana und Pietersen), 1 Schwarzen; 12 Jahre zuvor waren es 21 Afrikaaner, 6 Englischsprachige (darunter ein Jude; + der Trainer), 1 Mischling (Chester Williams) gewesen.29 Wenig Fortschritt also. Und, es stellte sich heraus, dass das Springbok-Team die gleiche Anzahl an Nicht-Weissen hatte wie das englische. Und die paar Nicht-Weissen waren grösstenteils auf Quoten-Vorgaben zurückzuführen.

Der Vorsitzende des parlamentarischen Sport-Ausschusses, Butana Khompela (ANC), regte in einem Interview an, dass den Spielern die Reisepässe weggenommen werden (und an der Reise zur WM gehindert werden sollten), wenn das Team nicht “repräsentativ” genug sei. Sport-Minister Makhinese Stofile (früher selbst Rugby-Spieler im Ost-Kap, wo der Sport unter Schwarzen ja eine gewisse Beliebtheit hat, ein Sport-Boykott-Kampaigner) sagte im Parlament, dass seit dem Ende der Apartheid im Rugby zu wenig passiert sei beim Abbau der Rassenschranken und dass ein Element des Zwangs notwendig sei.

Dann gabs auch eine Kontroverse über den “Springbok”, das Abzeichen, den Namen. Dass er teilweise als Symbol der Apartheid gesehen wird, war wieder aktuell. SARU-Präsident Hoskins war für die Beibehaltung, Sportminister Stofile neutral, Teile des ANC setzten sich für die Abschaffung ein; es solle ein einheitliches Symbol für alle Sportteams geben. Dann sagte Vize-Innenminister Malusi Gigaba vor dem Finale der WM (für das sich die Springboks qualifiziert hatten) im Parlament, nur weil das Team erfolgreich sei, werde das Verlangen nach einer repräsentativeren Zusammenstellung nicht nachlassen.

Präsident Mbeki versuchte entgegenzulenken, auch sein Vorgänger Mandela. Mandela sagte, er werde sich das Finale gegen England im Fernsehen anschauen und schickte dem Team Glückwünsche in verschiedenen Sprachen, darunter Afrikaans. Mbeki schrieb in seinem wöchentlichen “Blog” auf der ANC-Website, „Go Bokke, go!“. Die Regierung sei zuversichtlich, dass die Springboks das im Ellis Park 1995 Erreichte wiederholen und als Rugby-Weltmeister nach Hause kommen.

Nach dem 15:6 in Paris gegen England war Mbeki auch bei der Preisverleihung anwesend, wurde von Sarkozy eingeladen, den Pokal zu überreichen. Der Unterschied zwischen Mandela und Mbeki kommt in den Auftritten bei der Preiszeremonie bei den gewonnenen Rugby-Weltmeisterschaften heraus, 1995 und 2007. Mandela hatte eben mehr Selbstbewusstsein gegenüber Weissen; aber Mbeki hatte allgemein die Mühen der Ebene zu bewältigen, und wie die Post-Apartheid-Führer vor und nach ihm hat er die Negativ-Prophezeiungen Mancher nicht erfüllt. Nach der Heimkehr Empfang für die Springboks in den Union Buildings in Pretoria beim Präsidenten, Fahrt im offenen Bus durch Soweto, Besuch bei Mandela.

Der Chef der afrikaansen Partei Freiheitsfront Plus (VF+) Pieter Mulder, sagte, der Sieg 2007 sei sogar bedeutender als der 1995, weil das Team diesmal auch politischen Druck und Einmischung zu bewältigen gehabt hatte. Er argumentierte für ein Nationalteam das nach Leistung zusammengestellt werde, nicht nach Rasse bzw Ethnizität. Dieses Team, mit Bryan Habana als “Held”, habe mehr für “nation-building” und gute (Rassen-)Beziehungen getan als Quoten und politischer Druck.

1995 stand im Zeichen von Versöhnung und Neubeginn zwischen den Rassen, 07 im Zeichen von neuen Spannungen. Online-Benutzerkommentare von damals: “Victories such as the Rugby World Cup is superfluous and although the victory is wonderful, I cannot see how it can unite a nation of people who by instinct distrust one another. Sport is just that, sport.” Aber auch: “Amusing comments! Im a SA of Greek decent. Made choice to stay & have no regrets. It’s a Pandora’s Box!! Just open it and be amazed at what will spring out at you. I love it and truely believe it to be one of the most dynamic worldwide. I agree that ignorance of its youth, beauty,dynamics, progressiveness and determination to succeed, results in generalized, false media-hysterical induced, sensationalized stayed opinions being voiced! I love it and am proud to be South African!!”

Dass das Team auch 07 hauptsächlich aus Weissen bestand, einfach ein Zeichen dass Schwarze lieber Fussball mögen oder eine apartheidbedingte Struktursache? Die Auswahl nach Können zusammenstellen oder auch das “rassische Ungleichgewicht” etwas zurechtrücken? Das Argument der “Farbenblindheit” wirkt in einem Land, in dem die schwarze Mehrheit viele Jahrzehnte aufgrund rassischer Vorurteile unterdrückt wurde, etwas seltsam. Wirkt manchmal wie ein Bemühen um die Behauptung von Besitzständen. Der Rugby-Quotenstreit spiegelt die allgemeine Umverteilungsproblematik Südafrikas wieder. Muss man nicht etwas zurechtrücken, DAMIT es eines Tages keine Rassenschranken mehr gibt? Die Frage gibt es auch an Universitäten oder in Firmen.

Entscheidende Weichenstellungen sind wahrscheinlich nicht im Profi- (Elite-) Rugby zu finden, sondern am Weg dorthin, in Klubs und Gymnasien, teilweise auch in den Lebensbedingungen (siehe den Guardian-Artikel unten), teilweise in den Köpfen. Wie im Fussball vielerorts ist der Sprung von der U 21 zum “Senioren”- (bzw A-) Level der schwierigste, die Entwicklung im Alter von 19 bis 21.

Peter de Villiers, ein Kap-Mischling, wurde 2008 Nachfolger von Jake White als Teamchef von Rugby-Weltmeister Südafrika. Der vormalige Trainer der U21-Mannschaft war der erste nicht-weisse Headcoach der Springboks. „Gegenkandidat“ war Heyneke Meyer, früher u.a Coach der “Blue Bulls” Pretoria. Die VF+ und viele aus dem “weissen Südafrika” kritisierten die Wahl. Bei der WM 2011 kamen die Boks unter De Villiers ins Viertelfinale. Der Exil-Afrikaaner in GB, Wessel van Rensburg, schrieb dazu auf seinem Blog mhambi.com: “If any of you were reading Mhambi four years ago during the Rugby World Cup, you would have noticed how negative I was about South Africa. We won the tournament, but it did not lift my mood. No not at all.
Four years later and we don’t have a half bad team. In fact, in some respects its even better. But four years ago the agressive racial and purposefully unreflective debate – that the team were too white – even included threats of withholding visas by the minister of sport. Depressing stuff.”

Nach dem Turnier kam Meyer ans Ruder, bis zur WM 15. Peter de Villiers kritisierte seinen Nachfolger einmal, den farbigen Cornal Hendricks zugunsten des weissen Jesse Kriel aus dem Team genommen zu haben. Die Diskussion geht weiter.

Kricket

Auch Kricket wurde in Südafrika von seinen frühesten Tagen an nach rassischen Linien organisiert. Auch hier war Südafrika zu Zeiten der Rassentrennung Weltklasse und dann vom internationalen Betrieb ausgeschlossen. Auch hier wurden spät Weltmeisterschaften eingeführt (und gab es davor andere Turniere) und Südafrika hat die ersten paar wegen den Sanktionen verpasst. Auch hier kehrte man im Laufe der Beendigung der Apartheid zurück, ist an die (erweiterte) Weltspitze zurückgekehrt und gibt es Streitereien und Diskussionen über Rassismus bzw politische Eingriffe bezüglich der ethnischen Zusammensetzung von National- und Klubteams sowie der Strukturen. Wie Rugby wird auch Kricket in relativ wenigen Staaten ernsthaft betrieben.

Andre Odendaal (früher selbst Cricketer) hat in seinem Buch “The Story of an African Game” herausgearbeitet, dass Kricket seit Mitte des 19. Jh von Schwarzen im südlichen Afrika gespielt wurde und nicht (nur) ein Spiel privilegierter Weisser war. Auch indische Südafrikaner beteiligten sich natürlich am Kricket. Die 1890 gegründete weisse South African Cricket Association (SACA) spielte den Currie Cup aus, dessen Trophäe wie jene der Rugby-Meisterschaft vom britischen Reeder Donald Currie gestiftet wurde. Der Bewerb wurde während des Südafrikanischen Krieges 1899-1902 ausgesetzt, und dann auch während des 1. Weltkriegs.

Für Nicht-Weisse gabs den SA Coloured Cricket Board (SACCB), der die Barnato Memorial Trophy ausspielte. Dieser Verband spaltete sich in den folgenden Jahrzehnten (vor der Apartheid) in den schwarzen SA Bantu Cricket Board (SABCB; >NRC-Trophy), den farbigen SAICCB (> David Harris Trophy), die indische SAICU (>Christopher Floating Trophy), auf. 1947 vereinten sie sich wieder zum SA Cricket Board of Control (SACBOC) und zur Meisterschaft um die Dadabhay Trophy. In 1960ern spaltete sich der schwarze SAACB ab, die SACBOC blieb für Asiaten und Mischlinge. Als Folge der Rassentrennung bzw der weissen Vorherrschaft mussten jene, die gegen diese kämpften, die (Selbst-)Definition über die Rasse mitmachen.

Es gab, wie im Rugby, neben der weissen Nationalmannschaft “farbige”. Die weisse, “eigentliche” Kricket-Nationalmannschaft Südafrikas hatte als Test-Gegner nur Australien, England und Neuseeland; “farbige” Gegner wie Indien oder die Westindies kamen nicht in Frage und andere (weisse) Teams hatten nicht das Niveau. Auch im Kricket betrieben “farbige” Commonwealth-Staaten wie Indien den Ausschluss Apartheid-Südafrikas.

Später als im Fussball und früher als im Rugby kam es im Kricket zur Isolierung Südafrikas, infolge der D’Oliveira-Affäre. Basil D’Oliveira wurde in Kapstadt mit indischen und portugiesischen Wurzeln geboren, was ihn im Apartheid-System zum Mischling bzw (Cape) Coloured machte. Er spielte für Südafrikas farbiges Kricket-Nationalteam; viele Türen blieben ihm verschlossen. 1960 gelang ihm die Emigration nach Grossbritannien, ab 1966 spielte er für das englische Nationalteam. Für den Jahreswechsel 1968/69 war eine Tour(nee) des englischen Teams in Südafrika geplant, und D’Oliveira war eigentlich dafür vorgesehen.

Der Marylebone Cricket Club (MCC), der für das englische Team zuständig war, verzichtete auf seine Nominierung, wohl aus Appeasement gegenüber dem Apartheid-Regime; begründet wurde die Auslassung des farbigen Spielers gleichwohl mit Leistungsgründen. Nach der Verletzung eines anderen Spielers rückte er dann doch nach. Apartheid-Premierminister Vorster kündigte an, D’Oliveiras “Auftritt” in Südafrika nicht zuzulassen. Schliesslich wurde das Gastspiel der Engländer abgesagt.

Dies hatte entscheidenden Einfluss auf die Entscheidung des Weltverbandes ICC 1970, Südafrika vom internationalen Kricket auszuschliessen. Der Boykott wurde auch hier nicht von allen eingehalten, es kam zu sogenannten “rebel tours”. Könner wie Graeme Pollock waren aber weitgehend vom internationalen Kricket ausgeschlossen. 1975 liess das ICC  erstmals eine Weltmeisterschaft ausspielen.

Die weisse South African Cricket Association (SACA), inzwischen aus der SACU hervorgegangen, versuchte gegenzusteuern, indem die rassisch definierten Verbände unter ein gemeinsames Dach gestellt werden. SACA und SAACB schlossen sich 1972 zum Cricket Council of South Africa zusammen, eine Vorstufe dazu. SACBOC zierte sich lange dagegen. 1976 machte er mit bei der “Vereinigung” mit den anderen beiden zur SA Cricket Union (SACU) mit, Teile von ihm blieben aber abseits, glaubten an keine echte Lösung, gründeten den South African Cricket Board (SACB), der sich mit SACOS verband. SACA-Funktionäre hatten mit dem Versprechen, die Rassenschranken im südafrikanischen Kricket niederzureissen, zur Vereinigung gelockt, auch im Currie Cup. Es kam natürlich nicht zu einer echten Gleichberechtigung, man konnte sich auf die Vorgaben der Regierung ausreden, und das südafrikanische Kricket kam nicht aus seiner internationalen Isolation heraus.

Die weiss dominierte SACU beteiligte sich an Bemühungen des Regimes, die Leute in den Townships zu gewinnen, indem sie ihnen Kricket-Ausrüstung wie Bälle, Schläger, Wickets zur Verfügung stellte. Spielfelder wurden allerdings keine geschaffen. Und, die Leute dort haben wichtigere Bedürfnisse, wie bessere Wohnmöglichkeiten, Wasser, Elektrizität, Bildung, medizinische Versorgung.

Als De Klerk 1990 mit seinen Reformen begann, war im Kricket gerade ein Streit zwischen der SACU und den Anti-Apartheid-Sportorganisationen NSC und SACOS im Gange, in dem es um eine kommende englische rebel cricket tour und Proteste dagegen ging. Schliesslich fand man im neuen Geist einen Kompromiss und auch im Kricket ging es mit Versöhnung los.

Unter Vermittlung des ANC-Sportsprechers Steve Tshwete vereinigten sich SACU und SACB im Juni 1991 zum United Cricket Board of South Africa (UCBSA)  – Kricket war erste Sport, in dem Einheit erreicht wurde. Es folgte die Aufhebung der Rassentrennung im Kricket, nicht-weisse Spieler und Klubs wurden in die Meisterschaft integriert. Im selben Jahr hob das ICC die Einschränkungen gegen Südafrika auf. Es war (das vehement gegen die Apartheid engagierte) Indien, das das südafrikanische Nationalteam in dem Jahr zur Rückkehr auf die Weltbühne einlud, das sein erstes offizielles Match seit 1970 spielte, in Kolkata. Das Nationalteam wurde (theoretisch) geöffnet für Nicht-Weisse, auch hier blieb aber weisse Dominanz.

Mandela and Tshwete setzten sich beim ICC dafür ein, dass der UCBSA zur WM 1992 eingeladen wird; was dann auch geschah. Südafrika wurde beim WM-Debut Dritter. Früher auch Springboks genannt, bekam das Kricket-Nationalteam nun die Bezeichnung “Proteas”, nach den Zuckerbüschen, die so etwas wie Südafrikas Nationalpflanze sind. Clive Rice’s Karriere war mit der internationalen Isolation weitgehend zusammengefallen. Er war 42, als er 1991 wieder international spielen konnte. Aber für die WM 1992 wurde er als zu alt eingeschätzt und nicht mitgenommen. Er starb letztes Jahr an einem Tumor.

Es folgten weitere WM-Teilnahmen, mit gemischtem Erfolg; 03 hat Südafrika die Kricket-WM ausgerichtet, schied in der Vorrunde aus. Aus dem UCBSA wurde Cricket South Africa (CSA). Currie Cup war der Name der Meisterschaft bis 1990/91, dann bis 1996/97 Castle Cup und anschließend Supersport Series; seit der Saison 2012/13 heisst der Wettbewerb Sunfoil Series. Bis zur Saison 2004/05 nahmen Provinzteams teil, seither sechs Franchises.

Der Streit um nicht-weisse Spieler in der Nationalmannschaft und den Klubs der Liga begann schon anlässlich der WM 92. Der 40-jährige Farbige Omar Henry war schliesslich der Einzige unter den 14 Nominierten. Mainstream-Medien schrieben dass die Nominierung rein nach Qualitätskriterien erfolgen sollte (merit selection) und wenn es eben keine schwarzen Klasse-Spieler gäbe… Künftige Streits im Rugby wurden hier vorweg genommen. Auch hier ist die Frage, ob es jenen, die merit selection das Wort reden, wirklich um Qualität geht, oder um die Aufrechterhaltung des Status quo. “Auswahl rein nach Leistung” baut automatisch auf den in der Apartheid geschaffenen Ungleichheiten auf. Auch hier also eine Entsprechung zur allgemeinen politischen Diskussion, Affirmative action und dergleichen betreffend.

Wenn man die Elite-Cricketers Südfrika (nach der Apartheid) ethnisch aufschlüsselt, dominieren Weisse (Afrikaaner und Englischsprachige), vor Indern (moslemischen und hinduistischen), dann Farbigen und zuletzt die Schwarzen. Makhaya Ntini war 1998 der erste schwarze Südafrikaner, der für die Proteas spielte. Seither ist nur ein gutes Dutzend dazu gekommen, wie Ashwell Prince und Tsolekile.

Von daher ist es nicht so abwegig, dass 2004 von der Politik in der obersten Liga “Rassen-“Quoten vorgegeben wurden, die eine gewisse Anzahl Nicht-Weisser im Team vorschreiben. Die Quoten wurden über die Jahre angehoben und Nachwuchs-Nationalteams repräsentieren bereits eher die demographischen Verhältnisse des Landes. Es zirkulieren Horrorgeschichten über Quoten, etwa dass verletzte schwarze Spieler anstatt fitten weissen in WM-Kader “hineingepresst” wurden. Und natürlich der Hinweis auf Zimbabwe, wo ein Quotensystem im Kricket zu einem Qualitätsverfall in diesem Sport geführt hat.

Andere Sportarten

Allgemein war es so, dass Südafrika in den meisten Sportarten spätestens in den 1980ern ausgeschlossen war vom internationalen Betrieb, und Anfang der 1990er vor dem Hintergrund der Apartheid Rassenschranken im Sport fielen und im Gegenzug Sanktionen aufgehoben wurden. Nur im Golf und Motorsport (auch zwei sehr “exklusive” Sportarten) waren Südafrikaner relativ unangestastet. Jody Scheckter war 1979 der letzte Formel 1-Weltmeister auf Ferrari bis Michael Schumacher 2000; der Grand Prix in Kyalami wurde 1985/93 aus dem FI-Kalender gestrichen, soll wieder rein. Sewgolum (s.o.) wurde 1963 von grossen Golf-Turnieren in Südafrika ausgeschlossen. Währenddessen haben weisse Golfer wie Gary Player internationale Karriere gemacht. Diese zwei Sportarten sind auch nach Ende der Apartheid vorwiegend weiss geblieben.

Der South African Table Tennis Board (SATTB), der in Opposition zum weissen Verband gegründet wurde, wurde 1956 von der International Table Tennis Federation anstelle von diesem anerkannt bzw aufgenommen. Bei der WM 1957 in Schweden durften Sportler des SATTB auch teilnehmen, allerdings wurde ihnen die Ausreise verweigert. Kein Schwarzer könne Südafrika international vertreten, hiess es vom Regime, höchstens über weisse Sport-Organe. In den 1970ern gab es erfolglose Vereinigungsgespräche der beiden Tischtennis-Verbände. Dazu kam es erst in den 1990ern.

Das südafrikanische Davis Cup-Team wurde 1970 ausgeschlossen, teilweise aufgrund der Bemühungen von Arthur Ashe. 1973 wurde es wieder zugelassen und kam im Jahr darauf (mit “Bob” Hewitt, einem Australier, der durch Heirat Südafrikaner wurde) bis ins Finale. Indien (mit den den Amitraj-Brüdern) weigerte sich dort, gegen Südafrika anzutreten, und so bekam dieses kampflos den Sieg. Dann wurden Südafrikaner wieder von diesem Team-Bewerb ausgeschlossen; auf der ATP-Tour waren sie weiter unterwegs. Johan Kriek und Kevin Curren, die Grand Slam-Finale erreichten, waren aber zuvor USA-Staatsbürger geworden. Einer der als Südafrikaner auftrat und erfolgreich, war Christo van Rensburg  (80er, 90er). Er hat sich dezidiert gegen die Apartheid ausgesprochen. Der südafrikanische Tennisverband SATU war anscheinend etwas liberaler als andere Sport-Behörden, aber damalige Gesetze verhinderten echte Integration. Schwarze Tennis-Spieler wie Mark Mathabane hatten keine Chance.

Im Zuge der Transformation Südafrikas vereinigten sich SATU und die farbigen bzw multirassischen Verbände, zu Tennis South Africa (TSA), und traten der International Tennis Federation (ITF) bei. Ab 1992 waren Südafrikaner wieder bei Davis Cup, Fed Cup, Olympia dabei; van Rensburg, Ferreira oder Coetzer konnten von da an auch bei diesen Bewerben antreten.

Im Leichtathletik wurde Südafrika bzw die SAAAU 1976 von der IAAF ausgeschlossen. Zola Budd brach 1984 mit 17 Jahren den Weltrekord über 5000m, der aber nicht anerkannt wurde, da er ausserhalb der Auspizien der IAAF erbracht wurde. Sie trat dann wie erwähnt für Grossbritannien an. Matthews Batswadi, ein schwarzer Langstreckenläufer, hatte seine beste Zeit in den Jahren nach dem Ausschluss, als die SAAAU die Rassenschranken lockerte.

1991 die Vereinigung der SAAAU mit SAAAB (mit SACOS verbunden) und SAAAC (mit NOSC verbunden) zur SAAAA. IAAF-Präsident Nebiolo gewährte dieser gleich die Aufnahme. Er lud den südafrikanischen Verband zur LA-WM im August/September 91 in Tokio ein. In der SAAAA gab es aber interne Differenzen ob die Transformation schon weit genug fortgeschritten war, oder die Teilnahme einer Anerkennung von Apartheid-Strukturen gleichkäme; sie entschied sich daher dagegen. 28 südafrikanische Leichtathleten stellten darauf hin den Antrag, “unabhängig” an der WM teilnehmen zu können, was nicht möglich war. Die Vereinigung der LA-Verbände wurde rückgängig gemacht und neu verhandelt, im Februar 1992 entstand schliesslich Athletics South Africa (ASA), anstelle von der SAAAA. ASA wurde von der IAAF anerkannt, Stunden nachdem Nebiolo in das IOC aufgenommen worden war; darum war es ihm hier nicht zuletzt gegangen.

Von Bedeutung sind darüber hinaus noch Schwimmen, Boxen, Segeln, Rad. Kapstadt hat sich für Sommer-Olympia ’04 beworben; irgendwann in den nächsten Jahrzehnten wird Südafrika Olympische Spiele ausrichten.

Material

John Nauright: Sport, Cultures, and Identities in South Africa (1998); neue Ausgabe 2010: Long Run to Freedom. Sport, Cultures and Identities in South Africa

Douglas Booth: The Race Game. Sport and Politics in South Africa (1998)

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David R. Black, John Nauright: Rugby and the South African Nation. Sport, Cultures, Politics, and Power in the old and new South Africas (1998)

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  1. 1957 verbot die SAOCGA aufgrund dessen gemischtrassige Bewerbe unter den Fittichen seiner Mitgliedsverbände – die gab es aber auch davor so gut wie nicht
  2. Das britische NOK hatte im Vorfeld beim IOC erreicht, dass ein südafrikanisches Team teilnehmen konnte, statt vier
  3.  Besonders unter den Afrikaanern (hauptsächlich Männern) gab es in früheren Jahrhunderten Individuen, die Partnerschaften mit Angehörigen anderer “Rassen” eingingen. Deren Nachkommen gingen oft unter den Afrikaanern auf. Zu Apartheid-Zeiten wurde die Bevölkerung in vier Rassen klassifiziert und waren sexuelle Beziehungen zwischen Angehörigen verschiedener verboten. Und die Abgrenzung zwischen “Weissen” und “Farbigen” war oft nicht so eindeutig
  4. Übrigens, und aus solchen Implikationen geht klar hervor, dass es sich nicht um eine Trennung in gleichberechtigte Kollektive handelte, die Schwarzen oder Asiaten Südafrikas hatten nicht die Möglichkeit, sich mit ausländischen Sportlern ihrer “Rasse” zu messen
  5. Frederick John Harris wurde Mitglied des African Resistance Movement (ARM), das Anfang der 1960er als National Committee of Liberation (NCL) gegründet worden war, von Mitgliedern der hauptsächlich weissen südafrikanischen Liberalen Partei. Bei einer Polizei-Razzia 1964 wurde bei einem ihrer Anführer, Adrian Leftwich, in Kapstadt viel Material über die Aktivitäten und die Mitglieder des NLC/ARM gefunden. Dies und Aussagen von Leftwich ermöglichten den Apartheid-Kräften die Verhaftungen und dann Verurteilungen der meisten Aktivisten (zu Gefängnis-Strafen). Der nicht gefasste Harris platzierte einen Brandsatz im Johannesburger Hauptbahnhof, in einem Wartesaal für Weisse und gab eine Warnung an die Polizei durch, die nicht reagierte. Der Anschlag tötete eine Person und verletzte mehrere. Durch die Aussage eines anderen Mitkämpfers aufgeflogen, wurde Harris 1965 gehängt, als einzige weisse Person im Kampf gegen Apartheid
  6. Geduldet wurden von Südafrika fünf Maoris und ein Samoa-stämmiger im neuseeländischen Team
  7. Ende Mai 1994 wurde das Waffenembargo von 1977 durch die UN aufgehoben
  8. COSAS = Confederation of South African Sport, eine “weisse Organisation, die aus der South African Sports Federation (SASF) hervorgegangen war und sich um nicht-olympische Sportarten kümmerte
  9. Mit Gründung des INOCSA wurde aus NOSC wieder NSC
  10. Die Zeitung war 1976 von Louis Luyt gegründet worden, der auch als Rugby-Funktionär in Erscheinung trat. Während der Muldergate-Affäre (Informationsskandal) 1978 wurde bekannt, dass das Regime (auch) die Zeitung von der Gründung weg finanziell “unterstützt” hatte, um eine günstige Presse zu bekommen
  11. Bei Olympia 1996 und 2000 sorgte sie mit ihren Medaillien und ihren Tätowierungen für Aufsehen. In Atlanta war das ein Springbok (der als politisches Statement interpretiert wurde) und in Sydney ein kanadisches Ahornblatt
  12. Rest-Jugoslawien wurde aufgrund seiner Rolle in den Kriegen in Kroatien und Bosnien ausgeschlossen, individuelle Athleten durften aber als “Nations-Unabhängige” teilnehmen; Makedonien war aufgrund des Namensstreits mit Griechenland noch nicht teilnahmeberechtigt, auch von dort nahmen einige Unabhängige teil; Kroatien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina nahmen erstmals als unabhängige Staaten teil
  13. Bei seinen Mitstreitern Patrick M. “Terror” Lekota und Gabriel M. “Tokyo” Sexwale stecken die sportlichen Leidenschaften in ihren Spitznamen: bei Lekota die Art, Fussball zu spielen, bei Sexwale der ostasiatische Kampfsport
  14. Das Ellis Park-Stadion in Johannesburg etwa wurde ursprünglich für Rugby gebaut, ist aber meistens nur bei Fussball-Spielen ausverkauft
  15. Bafanas beste Spiele immer gegen Spanien: 2002 (WM), 2009 (Confederations Cup), 2013 (Freundschaftsspiel)
  16. Der Anti-Apartheid-Kämpfer Stephen Biko spielte es dort etwa auch
  17. Das Leistungsgefälle im Rugby führt dazu, dass sich die Teilnehmerliste der Weltmeisterschaften fast nie verändert
  18. Die Partei hatte ihre Basis unter den ruralen und ärmeren Afrikaanern; sie gewann nie Sitze bei Wahlen (evtl. einen bei einer Nachwahl). Die noch rechtere bzw militantere Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB) spaltete sich von ihr ab. Die später ebenfalls von der NP abgespaltene Konservative Partei war erfolgreicher als die HNP, wurde in den letzten Jahren der Apartheid eine Konkurrenz für die NP. Die HNP boykottiert das Post-Apartheid-Südafrika seit 1994
  19. Für Neuseeland gilt im Rugby, was im Fussball für Brasilien gilt: Nicht das Mutterland, aber der Lehrmeister
  20. So ging es in Apartheid-Südafrika auch öfters Geschäftsleuten aus Japan oder Israelis, die nicht hell genug waren
  21. Tobias wurde später Bürgermeister seiner Heimatstadt Caledon im Westkap und TV-Ko-Kommentator für Rugby-Spiele
  22. Zumindest ein Teil der neuseeländischen Anti-Apartheid-Aktivisten nahm die Sache zum Anlass, sich auch Themen die neuseeländischen Maoris betreffend zu widmen, etwa dem Vertrag von Waitangi und seinen unterschiedlichen Auslegungen
  23. Bis dahin gab es “nur” Turniere wie das der „Five Nations“-Turnier – heute zwischen „Six Nations“ gespielt
  24. Der ehemalige SARU-Präsident Patel war ab 92 Cravens “Co-Präsident” gewesen, nach dessen Tod 93 dann Präsident der SARFU
  25. Auch mit Katholiken bzw Südeuropäern hatte das Apartheid-System ein Problem, sah diese nicht als ebenbürtig. Aber auch diesen, nach der Unabhängigkeit der portugiesischen Kolonien im südlichen Afrika einströmenden, Weissen konnte man sich nicht verweigern
  26. Und nicht nur dieser. Im Vorrunden-Spiel zwischen Côte d’Ivoire und Tonga wurde der Ivorianer Max Brito zwischen mehreren Spielern “eingequetscht”, er blieb vom Hals abwärts gelähmt. Nur eine Fussnote
  27. Bei der WM 1991 waren in England auch zwei Südafrika-Fans aufs Spielfeld gelaufen, mit einem Banner, auf dem ihr Team als “Unofficial World Champions” proklamiert wurde
  28. Im rumänischen Eishockey-Nationalteam gibt es aber Konflikte aufgrund des hohen Anteils von ungarischen Rumänen
  29. Ein Springbok-Spieler (“Os” du Randt) war bei beiden WM-Siegen 1995 & 2007, dabei, aber sowohl 95 (Pienaar, van der Westhuizen, Stransky) als auch 07 (Smit, Montgomery, Habana) waren andere die Stars (du Randt 95 nicht mal Ersatz)

Eric Cantona

Cantona hat sardische (italienische) Vorfahren väterlicherseits, katalanische (spanische) mütterlicherseits, die es in die süd-französische Metropole Marseille getrieben hatte, wo er aufwuchs. Sein Bruer Joel wurde auch Fussballer, kein so grosser wie er. Eric Cantona wurde bei Auxerre, unter Guy Roux, Mitte der 80er gross. Nach seinem Militärdienst (wo er sich einmal geweigert haben soll, sich zu rasieren), wurde er zu Martigues in die 2. Liga ausgeliehen. Zurück bei Auxerre, war ein schweres Foul an Nantes-Spieler Der-Zakarian einer seiner ersten Eklats. Er wurde 1987 erstmals ins französische Nationalteam berufen, das nach der WM 1986 komplett umgebaut wurde, aufgrund der Rücktritte von Platini u.v.a.

1988 wurde er U-21-Europameister, in einem französischen Team mit Sauzée oder Angloma. Im Sommer 88 schaffte er es zu Olympique Marseille. Nachdem ihn Teamchef Henri Michel 88/89 nicht für ein Testspiel nominiert hatte, nannte er zu Beginn der kommenden Saison in einem TV-Interview einen “sac à merde” (http://www.youtube.com/watch?v=iTQf1Iz4NMM); dies kam einem Rücktritt im Nationalteam gleich, den er auch verkündete. Bald darauf wurde Henri Michel aber als französischer Teamchef durch Michel Platini ersetzt, mit dem er noch zusammen gespielt hatte, wie auch als Trainer betreut. Nachdem das französische Team unter Michel die Qualifikation zur Europameisterschaft 1988 nicht geschafft hatte, begann auch die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1990 schlecht, Michel trat nach nur zwei Spielen zurück, nach einem 1:1 gegen Zypern. Platini holte Cantona zurück und förderte ihn dort auch. Doch Frankreich schaffte die Quali für die WM 1990 auch mit Platini nicht, knapp, als Gruppen-Dritter hinter Jugoslawien und Schottland.

Dann kam sein Rauswurf bei Marseille, nachdem er Anfang 1989 in einem Freundschaftsspiel gegen Torpedo Moskau nach einer Auswechslung “ausflippte”. Er spielte ein halbes Jahr bei Bordeaux, ging Mitte 89 zu Montpellier wo er u.a. mit Laurent Blanc spielte. Im Sturm des Nationalteams harmonierte er gut mit Jean-Pierre Papin und – 1990 bekam er dort auch eine zweite Chance, durfte mit ihm auch im Klub zusammen spielen. Nach einer Verletzung war aber nicht mehr Franz Beckenbauer Trainer, sondern Raymond Goethals, der wenig von ihm hielt. So kam er auch im Europacup-Finale 1991 gegen Belgrad nicht zum Einsatz (saß nicht einmal auf der Ersatzbank).

In der folgenden Saison zu Nimes abgeschoben, drosch er dort in einem Meisterschaftsspiel (Dez. 91) aus Protest gegen eine Entscheidung den Ball auf den Schiedsrichter, beschimpfte dann die Mitglieder der Disziplinarkommission des französischen Fussballverbands bei einer Vorladung. Sperre. Rücktritt. Nationaltrainer Platini und sein Psychoanalytiker überredeten ihn, weiterzumachen. Er bekam ein Engegement bei Leeds United, nach einem halben Jahr und einem Meistertitel eines bei Manchester United.

Als England-Legionär kam er 1992 zu seinem einzigen grossen Turnier, der EM in Schweden, für die sich das französische Team unter Platini endlich wieder qualifiziert hatte. Cantona stürmte wieder zusammen mit Papin, ihm gelang aber kein Tor und nach einer Niederlage gegen Dänemark im letzten Vorrundenspiel (der Beginn von dessen Sensationslauf) war es schon wieder vorbei. Bei Manchester United, unter Alex Ferguson, konnte er sich entfalten, war ein Star der englischen Liga, spielte bei ManU noch mit Bryan Robson und schon mit Beckham.

Die Qualifikation für die WM 1994, inzwischen war Gerard Houillier Teamchef, verpasste die französische Mannschaft unglaublicherweise noch in den letzten beiden (Heim-)Spielen, aus denen sie einen Punkt brauchte. Nach einer Niederlage gegen Israel das Match gegen Bulgarien, im Pariser Prinzenpark-Stadion. Cantona hatte Frankreich in Führung gebracht. 90 Minuten beinahe vorbei, es stand inzwischen 1:1, Frankreich im Angriff, David Ginola (damals PSG, eingewechselt für Papin) flankt von rechts, der Ball fliegt aber nicht in den bulgarischen Strafraum sondern weiter, auf die gegenüberliegende Seite, zu einem Bulgaren, die bauen noch einen Angriff auf, der Ball kommt über 3 Stationen zu Kostadinov… Ginola bekam von den meisten Seiten die Schuld zugeschoben (und nicht die etwas lahme Verteidigung), ging dann auch nach England. Wenn Manchester gegen Bayern 1999 die Mutter aller Last-Minute-Entscheidungen war, war das gewissermaßen die Grossmutter. Für den französischen Fussball war das Match ein Trauma wie das WM-Semifinale in Sevilla 1982. Papin, schon grosser Abwesender bei der WM 1990, war wieder nicht dabei. Cantona war dann bei der WM 1994 in USA Co-Kommentator für das staatliche französische Fernsehen. Bekanntlich sind ja beide Qualifikations-Gruppengegner Frankreichs ins Semifinale gekommen.

Frankreich 1994 nicht dabei steht in einer Reihe mit der Nicht-Qualifikation von Spanien 1954 oder 1958, Deutschland 1968, England 1978, 1994 oder 2008, Uruguay 1982, Italien 1984 und 1992, Portugal 1998, Niederlande 2002, Ghana 94, 98, 02, Kamerun 06; Jugoslawien 1992 oder Mexiko 1990 wurden ausgeschlossen

Dramatische/wichtige Last-Minute-Tore:

  • ManU – BayernM, CL-Finale 1999, 2 Tore am Spielende, die das Match drehten, Schmeichel mit vorne beim Ausgleich
  • Grosso (Ita) gegen Deutschland, WM 06 Semifinale, dann noch ein zweites
  • Dt. Bundesliga 00/01, Titelduell zwischen Bayern & Schalke, Tor von P. Andersson
  • Kostadinov gg Fra. in WM-Quali f. 94
  • Arsenal- Liverpool, englische Liga, 88/89, letzter Spieltag, direktes Duell um Titel, spätes 2:0, Grundlage für “Fever Pitch” von Hornby
  • BRD-Esp. EM 84, Vorrunde, Tor Maceda (Spanien weiter, Deutschland raus)
  • EM-Finale 00, Ita.-Fra., Ausgleich Wiltord
  • WM-Finale 2010, Tor Iniesta, 116. Minute (kein echtes Last-Minute-Tor)
  • Niederlande – Mexiko, WM 14, Achtelfinale, Tore Snejder, Huntelaar (durch umstrittenen Elfer)
  • NL-Arg. WM ’98, VF, Tor Bergkamp
  • EC II-Fin. 95, Tor von Zaragoza gg Arsenal
  • Esp gg YU, EM 00, Tor Alfonso
  • Beckhams Tor gg. Griechenland in WM-Quali-Match 2001
  • Swe-Deu 2013, von 0:4 auf 4:4
  • CL-SF 09, Chelsea-Barca, Tor Iniesta
  • Ramos CL-Fin. 14 zw. den Madrider Klubs, Ausgleich

Aimé Jacquet wurde nun Teamchef, baute auch auf Cantona, beliess ihm die Kapitänswürde, die er von Houllier bekommen hatte. Dann der Jänner 1995, Auswärtsspiel von ManU bei Crystal Palace in London. Cantona bekam nach einer Tätlichkeit die Rote Karte, wurde beim Abgang vom Feld von einem Londoner Fan beschimpft, attackierte diesen mit einem fliegenden Kick; der Höhepunkt und gleichzeitig Schlusspunkt seiner Eklats. Der rätselhafte Seagulls-Sager bei einer Pressekonferenz danach: “When the seagulls follow the trawler, it’s because they think sardines will be thrown into the sea.” Mit den Möwen meinte er wahrscheinlich die Medien, mit dem Fischkutter sich und mit Sardinen die erwarteten Worte. Strafen auf diversen Ebenen, darunter paar Stunden Gefängnis, halbes Jahr Sperre. Ferguson überzeugte ihn zu bleiben, nach seiner Sperre bei ManU weiterzumachen.

Crystal Palace v Manchester United 25/1/95 F.A Premier League Mandatory Credit : Action Images Man Utd's Eric Cantona jumps into the crowd with his infamous Kung-Fu kick on a Palace supporter after being sent-off
Action Images

Die Aggression geht sonst meist in die andere Richtung (Flaschen, Golfbälle,…). Cantona hat aber kein verletzendes Foul begangen, keine Diktatoren unterstützt (> DFB Argentinien), kein Match geschoben, auch keine private Gewalt begangen.

Jacquet hat ihn danach nie mehr ins französische Team eingeladen, hat ungefähr zur selben Zeit auch die anderen Offensivstars Papin und Ginola aussortiert – was aber Platz frei machte für Zidane oder Djorkaeff, mit denen das französische Team bei der EM 1996 schon Dritter wurde, dann die Turniere 1998 und 2000 gewann, es war ein multikulturelleres Team. Papin war noch viel mehr als Cantona an der Weltklasse dran war, mit der Ausbootung vor 96 hat seine Karriere hat endgültig einen unglücklichen Charakter angenommen. Für die erfolgreiche Platini-Generation zu jung, für die noch erfolgreichere Zidane-Generation zu alt. Daneben hat er sich mit seinen Wechseln auf Klubebene (92 Milan, 94 Bayern, 96 Bordeaux) eine noch grössere Karriere vermasselt.

Cantona blieben 5 Meistertitel in England, im Europacup kam er in seiner letzten Saison 1996/97 am weitesten (Aus im Semifinale gegen Dortmund); den Sieg 99 mit seinen langjährigen Klubkollegen wie Schmeichel oder Giggs verpasste er.

Nach seiner Fussballer-Karriere spielte und trainierte Cantona Beachfussball, begann mit der Schauspielerei (am nennenswertesten wahrscheinlich der Film “Looking for Eric” von Ken Loach, 09 gedreht, als er selbst). Er wirkt(e) in Werbungen ebenso mit wie beim Aufruf zum Bank-Run. Von einem Philippe Auclair kam eine Biografie heraus. Bei Cosmos New York war “Director of Soccer”. Aus seiner ersten Ehe hat er 2 Kinder.

2012 hat er eine Petition zur Freilassung des palästinensischen Fussballers Mahmoud Sarsak unterzeichnet, der seit 2009 von Israel ohne Verurteilung eingesperrt wird.

Cantona ist, wie Maradona, „Socrates“, Gullit, Romario (selber in Politik), eine Ausnahme unter meist rechten Fussballern; man denke an Buffon oder  Beckenbauer, der Willy Brandt einst als «nationales Unglück» bezeichnet hat, Spezi von Stoiber war; deren künstlerische Interessen beschränken sich auch oft auf Helene Fischer.

Cantona hat keine Homepage und anscheinend nicht auf sozialen Medien, auf Twitter gibts einige falsche Cantona-Konten.