“Langsame”

Gefunden und kopiert in einem IT-Forum:

“FUCK BENZOS

Yo, HIGH, kann sein das ich ein paar Rechtschreibfehler mache, da ich gerade eben nen Sud aus Ipomea tricolor Seeds getrunken hab. Was ich eigentlich sagen will, ich nehm Benzodiazepine seit sechs Jahren zeitgleich wie ich mit Morph anfangen habe.

ich hatte bis vor zwei Monaten einen Supr Arzt der mir immer 3!!!! Rezepte vollschrieb und manchmal noch ein SG-Rezept mit Morph. noch dazu- war geil also ich kann nur sagen : das ich schon sooooo viel scheisse auf Benzos gemacht habe, weil sie mich enthemmen, euphorisieren, Selbstbewusster werden lassen – usw. eingfach geil.

leider ist der Arzt von den Krankenkassen in den Arsch gefickt worden, sozusagen -und ich krieg nix mehr ausser mein M vom Substi.programm 360mg/Tag >
Hör grad im Fernsehn dass sich ein 18 jähriger auf Engelstrompete den Schwanz abgenschintten hatt!!!

Is ja argh fett, oder was meint ihr – X-Trem Heftig.
Gartenschere, o manno -, kommt mir jetzt argh-puh, zurück zu Benzos- ich bin “jetzt” auf direkten ,unerwünschten Valium-entzug, hauptsächlich auch andere Benzos wie zb. Tetrazepam, usw.

ich kasnn nur sagen das beste dagegen, gegens psychische, ist ein Trip, wie ich gerade Trichtrewinden-LSA x-Tract , zu dem Zeitpunkt merk ich vom Benzokracher fast gar nix.

gegenteil mir gehtz Vollgeil, Acidlike – nur, und das is wichtig, wenn man urlang die pilln gfressn hat sollt man sich langsam runtersetzten denn normaler weise gehtz mir saubeschissen.

Paranoia, Angst-Panikattacken, man geht kam raus weil man sich so anscheisst vor den Leuten, und ausserdem Herzbeschw.- das volle Programm.

ich sags euch, ich hab jeden Tag morgens bevor ich in die Apo geh mein M holen einen Affen, aber der ist n scheiss gegen Benzoentzug, so scheisse jetzt kann icg fast die tasten nimma sehn, LSA is siuper- alsw9o ,Lasst die Benzos lieber bleibem einmal ja, aber bei dem bleibtz nicht ,entscheidetz euch –
sucht oder leben, ich geh jetzt trippen….”

 

“Langsame” oder “Downer” bezeichnen im Szenejargon beruhigende und einschläfernde Pharmaka, Mittel mit müde-machender, entspannender und angstlösender Wirkung. Die Sammelbezeichnung auf Englisch ist “depressant”. Sie sind das Gegenteil zu “Uppern” oder Stimulantien oder Speed-Mitteln. Auch hier ist die Doppelbedeutung/ bzw -verwendung als Medizin und Droge gegeben, ist eine saubere Abgrenzung schwierig. Ist die “Rauschverwendung” von Downern immer Missbrauch bzw ist sie wirklich so anders als die medizinisch verordneten? Der grösste Teil auch der “illegal” verwendeten Langsamen wird legal hergestellt, die Ausnahme sind (heute) Methaqualon-Präparate.

Auch das trägt zur Akzeptanz der Mittel bei. Der Herr dessen Bericht oben steht, nimmt die “Benzos” (Benzodiazepine) anscheinend neben bzw anstatt Opiaten. Die meist in Tablettenform hergestellten bzw konsumierten Downer haben ein grosses Suchtpotential, sind im Westen nach Alkohol die Suchtdroge Nr 2. Eingeteilt werden können sie in synthetische Sedativa/Beruhigungsmittel, synthetische Hypnotika/Schlafmittel, pflanzliche Mittel wie Baldrian oder Mulungu1; teilweise werden auch Ethanol/Alkohol, bestimmte Analgetika/Schmerzmittel (insbesondere Opiate), und Halluzinogene wie Cannabis dazu gezählt.

Kulturgeschichte

Hier ist nur von pharmazeutischen Beruhigungs- und Schlafmitteln die Rede, nicht von den pflanzlichen Downern, Alkohol und Opiaten. Diese hier nicht behandelten waren früher (bis ins 19. und 20. Jh hinein) vielerorts die Beruhigungs- und Schlafmittel (auch Narkosemittel!), stellen heute eine Alternative zu den pharmazeutischen dar. Das erste synthetisch hergestellte Schlafmittel war Chloralhydrat, 1832 von Justus von Liebig in Giessen (damals Deutscher Bund), der auch Chloroform entdeckt hat. Es wurde 1869 von Oscar Liebreich in der Behandlung von Schlafstörungen eingeführt. Die Weiterentwicklung waren Barbiturate. Barbiturate sind die Salze der Barbitursäure.

Barbitursäure wurde erstmals 1864 von Adolf von Baeyer hergestellt, also auch in Deutschland. Joseph von Mering und Emil Fischer entwickelten Ende des 19., Anfang des 20. Jh das erste Barbiturat mit schlafanstossender Wirkung, Barbital. Von Mering probierte den Wirkstoff auf einer Zug-Reise nach Italien aus, wachte in Verona auf. So brachte Merck 1903 Barbital unter dem Markennamen “Veronal” auf den Markt – das erste Barbiturat bzw das erste Schlafmittel auf Barbitursäure-Basis. Barbitursäure-Derivate waren für viele Jahrzehnte die Schlafmittel schlechthin. Sie wurden auch als Beruhigungsmittel (bzw zur Behandlung von Angstgefühlen), zur Behandlung von Epilepsie sowie als Anästhetikum eingesetzt. Wie die anderen synthetischen Downer wirken Barbiturate auf’s zentrale Nervensystem.

Barbiturate wurden ein Ausweichmittel für Morphinisten, da sie zu einer Zeit als für Morphium und andere Opiate Einschränkungen kamen (im Deutschen Reich etwa um 1930), frei erhältlich waren. Schlafmittel und andere Pharmaka kamen im internationalen Drogenregime zu den akzeptierten Drogen. Manche bevorzugten auch damals schon diese Art des Rausches bzw der Konfliktlösung, nahmen Barbiturate nicht als Ersatz sondern um ihrer selbst willen. So oder so gab es in den frühen Jahrzehnten des 20. Jh die ersten Fälle von Schlafmittelsüchtigen. Und in Heil- und Pflegeanstalten “züchtete” man weitere heran, Patienten die durch Barbiturate ruhig gestellt wurden.

Grünenthal 2 durfte 1957 in der BRD das Beruhigungs- und Schlafmittel “Contergan” auf den Markt bringen, Wirkstoff war Thaliodomid. Das rezeptfrei erhältliche Mittel bewirkte missgebildete Kinder von Schwangeren, kam man 1960/61 drauf, worauf es natürlich vom Markt genommen wurde. Etwa 5000 in der BRD und nochmal soviele Kinder im Ausland kamen unter dem Einfluss dieses Medikaments auf die Welt. Viele davon haben Beachtliches erreicht, wie Thomas Quasthoff. Der Prozess gegen Grünenthal fand 68-70 statt.

Leo Sternbach, ein jüdischer Auswanderer aus Europa, der in der USA für den Schweizer Pharmaka-Konzern Hoffmann–La Roche forschte, entdeckte 1957 (durch Zufall) die beruhigende Wirkung von Chlordiazepoxid. Dieses erste Benzodiazepin wurde ab 1960 von dem Konzern als “Librium” vermarktet. 1963 brachte Hoffmann–La Roche ein anderes Benzodiazepin, Diazepam (“Valium”), heraus. “Benzos” waren/ sind in den meisten Ländern verschreibungspflichtig. Sie lösten noch in den 1960ern im Westen die Barbiturate (u.a. “Veronal”) ab, als dominierendes Schlafmittel, wurden wichtigste Gruppe der Tranquilizer.

Dies weist auch darauf hin, dass Schlafstörungen meist Folge psychosozialer Unstimmigkeiten sind. Besonders “Valium” erfreute sich grosser Beliebtheit. Gegen Ende der 70er waren Benzodiazepine die weltweit am meisten verschriebene Medikamentengruppe. Barbiturate wurden wegen ihrem Abhängigkeitspotential und ihrer Toxizität bald nicht mehr als Schlafmittel verwendet, nur noch als Injektionsnarkotika und Antiepileptika.

Systematik und Wirkungen

Schlafmittel (Hypnotika) fördern den Schlafvorgang, durch Verminderung der Aktivität des Wach-Systems im Gehirn. Je nachdem, ob die Schlaflosigkeit (Insomnie) eher beim Einschlafen oder in der Durchschlafphase auftritt, kommen entweder Mittel mit kurzer oder aber solche mit längerer Wirkdauer zum Einsatz. Beruhigungsmittel (Sedativa) dämpfen die Funktionen des zentralen Nervensystems. Es gibt fliessende Übergänge von Beruhigungsmitteln zu Schlafmitteln und Betäubungsmitteln (Narkotika). In höherer Dosierung und intravenös werden kurz wirksame Schlafmittel verwendet, um einen Patienten bei einer unangenehmen Untersuchung (beispielsweise Magen- oder Darmspiegelung) ruhigzustellen (zu sedieren). In der Anästhesie dienen diese zur Einleitung einer Narkose.

Es sind folgende Arten synthetischer Schlaf- und Beruhigungsmittel zu unterscheiden:

* Benzodiazepine (im Englischen oft zu BZD, oder BZs abgekürzt) sind Verbindungen auf Basis eines bicyclischen Grundkörpers, in dem ein Benzol- mit einem Diazepinring verbunden ist. Sie wirken am GABAA-Rezeptor im Gehirn. Sie sind bei Schlaflosigkeit, Angstzuständen, Panikattacken, gewissen Entzugserscheinungen und Anfällen angezeigt. Es gibt viele verschiedene “Benzos”, Diazepam/ “Valium” (& Generica), Chlordiazepoxid/ “Librium”, Lorazepam/ “Tavor”, Alprazolam/ “Xanor” (oder “Xanax“), Triazolam/ “Halcion”, Nitrazepam/ “Mogadan”, Flunitrazepam/ “Rohypnol” (oder “Somnubene”), Oxazepam/ “Adumbran” (oder “Praxiten”),  Bromazepam/ “Lexotanil”, Clobazam/ “Frisium”, Flurazepam /”Dalmadorm”, Midazolam/ “Dormicum”,… Manche der Mittel werden in Krankenhäusern oder von Notärzten bei Bedarf als Injektionslösung verabreicht, ansonsten in der Regel gegen ärztliche Verschreibung in Apotheken als Tabletten.

Zum Mildern bzw Abbrechen bei halluzinogenen Horrortrips (v.a. auf LSD) angezeigt sind Diazepam oder Lorazepam. Es heisst, dass Einbrecher “Xanor” u. ä. Mittel nehmen, um bei ihrer Arbeit schön ruhig zu bleiben. Auch Drogenschmuggler nehmen sie gelegentlich, um bei Kontrollpunkten ruhig bleiben zu können. Andere schätzen die Wirkung der Mittel um ihrer selbst willen (vielleicht, um von der Welt abzuschalten). Ende der 1970er waren Benzodiazepine die weltweit am meist verschriebenen Medikamente. “Valium” wurde (für viele Jahre) das meistverkaufte Medikament der Welt. Ein guter Teil davon war (ist) wohl missbräuchliche Verwendung. Anscheinend hat man erst in den 1980ern das Suchtrisiko dieser Stoffgruppe voll erkannt. “Benzos” gehören zur Familie der Tranquilizer, jenen Psychopharmaka, die angstlösend und entspannend wirken.

* Barbiturate sind Derivate (Abkömmlinge) der Barbitursäure. Es gibt sie als Barbital/ “Veronal”, Phenobarbital/ “Luminal”, Secobarbital/ “Seconal”, Heptabarbital/ “Medomin”, Thiopental, Hexobarbital/ “Citopan”, oder Pentobarbital, u.a. als “Nembutal” vermarktet. Barbiturate machen rasch süchtig und die Gefahr einer Überdosis ist gross. Sie werden heutzutage zur (intravenösen) Einleitung und Aufrechterhaltung einer Narkose verwendet, hauptsächlich Thiopental. Bei Überdosierungen mit Speed sind auch Barbiturate angesagt.

Pentobarbital wurde wie die anderen Barbiturate früher als Schlafmittel (in der Humanmedizin) verwendet. In der Tiermedizin wird es zum Einschläfern eingesetzt. Von Sterbehilfeorganisationen wird Pentobarbital verwendet, um Menschen “einzuschläfern”. Und, in der USA wird es zur Einleitung bei Exekutionen mit der “Giftspritze” eingesetzt. Die erste Injektion ist dabei ein Barbiturat, Pentobarbital oder Thiopental, zur Herbeiführung von Bewusstlosigkeit (in einer Dosis, die aber für sich allein tödlich sein kann); die zweite (Pancuronium) lähmt die Muskeln, die dritte (Kaliumchlorid) bringt das Herz zum Stillstand.

* Methaqualon: Wurde auf der Suche nach einem Medikament gegen Malaria in den 1950ern in Indien entdeckt. Gefunden wurde ein Chinazolin-Derivat, das sich als Schlafmittel eignet. Der Stoff wirkt auf das zentrale Nervensystem und sedativ, ist auch ein Muskel-Relaxant. Methaqualon-Präparate wurden als Schlaf-/Beruhigungsmittel auf den Markt gebracht, sollten nicht die Nebenwirkungen bisheriger solcher Mittel haben. In der USA wurde Methaqualon in den 1960ern als “Quaalude” von der Pharmafirma Rorer eingeführt.3 In Grossbritannien oder Südafrika wurde der Stoff zusammen mit dem Antihistaminikum Diphenhydramin als “Mandrax” raus gebracht, von Roussel. Im deutschen Raum wurde es als “Mozambin”, “Normi-Nox” oder “Dormutil” (DDR) hergestellt. Es gab noch weitere Marken-Namen, etwa “Cateudil”, “Optimil”, “Malsedin”, “Renoval”, “Parest”, “Nibrole”.

Methaqualon führte aber entgegen der Versprechen der Hersteller zu physischer und psychischer Abhängigkeit, ähnlich wie Barbiturate. Dennoch wurden die als Sedativa verschriebenen Tabletten in den 1960ern und 1970ern im Westen beliebt, aufgrund ihrer euphorisierenden und aphrodisierenden Wirkung (Manche schätzten auch hauptsächlich die sedative). Die Mittel wurden illegal auf der Strasse gehandelt und als Rauschmittel benutzt. In der USA bekamen Methaqualon-Tabletten die Szenenamen “Ludes” (von “Quaaludes”), „Gorilla Biscuits“ (wegen der Grösse) und “Lemmon 714” (vom Aufdruck auf der “Quaalude”-Tablette). Süchtige brauchten bald an die 2000 mg von dem Stoff täglich, um noch etwas zu spüren. In den 70ern wurden die Vorschriften für Methaqualon-Präparate in vielen Ländern verschärft. Und Rorer Inc. verkaufte die Rechte für “Quaalude” 1978 an die Lemmon Company in Pennsylvania.4

In der USA wurde Methaqualon 1984 als “Schedule I”-Mittel eingestuft, womit die Produktion (1985) eingestellt werden musste. “Normi-Nox” und “Mozambin” mussten in Deutschland und Österreich Anfang der 1990er eingestellt werden; in der Schweiz war das Mittel als “Toquilone” länger erhältlich. Seit den 1980ern, 1990ern wird Methaqualon illegal hergestellt und verkauft (und konsumiert), oft sehr “unsauber” zubereitet, teilweise unter dem Namen “Mandrax”. Gerade in Südafrika spielt es eine wichtige Rolle. Das heute in Deutschland von Actavis hergestellte “Nachfolgepräparat” “Dormutil N” enthält den (verwandten) Wirkstoff Diphenhydraminhydrochlorid.

* Eine weitere Kategorie von Sedativa/Hypnotika sind Nicht-Benzodiazepin-Agonisten, die sich wie diese an GABA-Rezeptoren binden und ein ähnliches Wirkprofil aufweisen. Sie werden auch Z-Medikamente genannt, weil die Namen ihrer Vertreter, Zopiclon, Zaleplon und Zolpidem, mit Z beginnen.

* Reine Schlafmittel sind: Piperidine wie Doriden, Barbituraten ähnlich, Thaliodomid verwandt; Sulfone wie Sulfonal; Chinazolione wie Biosedon; Carbamide/bromierte Harnstoffe wie Sedormid (starke Nebenwirkungen); Alkohole wie Amylenhydrat (selten); Aledhyde: Chloralhydrat wird auch nimmer verwendet

* Viele Antihistaminika der ersten Generation weisen neben ihrer antiallergischen auch eine sedierende Wirkung auf. Diphenhydramin oder Promethazin werden daher auch als Schlafmittel verwendet.

* Äther (eigentlich Diethylether) war ein als Rauschmittel verwendetes Narkotikum/Anästhetikum. Merck brachte 1928 “SEE” bzw “Scophedal” heraus, aus Oxycodon, Ephedrin, Scopolamin. Es wurde zur Herbeiführung eines Dämmerschlafs (sonst damals mit Morphin und Scopolamin erzeugt), bei der Entbindung oder als Narkosevorbereitung, eingesetzt. Propofol (“Diprivan”,…) findet u.a. bei der Einleitung von Narkosen Anwendung, aber auch bei der Sedierung für gewisse Untersuchungen wie Koloskopie.5

Gemeinsam haben diese Mittel neben dem Suchtpotential den Kater/ das Hangover, das auf ihre Einnahme folgt, und die Möglichkeit von paradoxen Wirkungen.

Rauschgebrauch, Sucht

Sich mit “Langsamen” dicht machen, so dass man nichts mehr mit bekommt, ist für Viele verlockend. Äther war diesbezüglich im 19. Jh beliebt. Benzodiazepine gehören zu den “erfolgreichsten” Medikamenten, werden auch missbraucht. Zum Beispiel indem man sich ein Rezept “erschleicht”. Designer-Drogen bzw illegale “Medikamente” sind meist Upper (Speed), an Downern gibt es eigentlich nur Methaqualon, das (heute) nicht aus legaler Produktion stammt.

Es gibt den “zweckentfremdeten” Gebrauch von Downern als Ersatz für Anderes, und ihren Gebrauch als “Primärdroge”. Sie werden alleine wie auch in Kombinationen ein-genommen. Oft werden “Langsame” “komplementär” zu Speed-Mitteln genommen, bzw umgekehrt. Um von den Uppern wieder „herunter zu kommen“, werden gerne Downer eingesetzt. Elvis Presley tat das etwa. Dieser Mischkonsum bewirkt aber nur neue Teufelskreise. “Wiener Mischung” wird ein nicht ungefährlicher “Cocktail” aus Alkohol und Benzodiazepinen genannt, meist “Rohypnol” (in dieser Stadt liebevoll „Roiperl” genannt). Die Mittel verstärken sich gegenseitig.

Medikamentenmissbrauch/ -sucht soll eher weiblich sein. Sie erfolgt überwiegendst durch orale Zufuhr. Nur bei Midazolam soll es Sinn machen, die Tabletten zu zerreiben und zu sniefen, die Stoffe taugen dafür nicht, aufgrund ihrer chemischen Beschaffenheit. In Wien war früher der Karlsplatz der Umschlagplatz für Medikamente dieser und anderer Art. Heute ist das u.a. bei der U6-Station Josefstädter Strasse (in der Nähe des Brunnenmarkts). Auch der Konsum erfolgt dort teilweise.

Die Tablettenszene schaut herunter auf den benachbarten Schwarzmarkt für Cannabis und Anderes, der zT in afrikanischer Hand ist. Manchmal wird sogar eine österreichische Flagge aufgehängt… Die Afrikaner würden “auch alte Frauen und Kinder belästigen”, rümpfen die Tabletten-Junkies ihre Nasen, sie schauen auch gerne auf Heroin-Junkies runter. Für diese ist “Rohypnol” (oder ein Genericum) Ersatzdroge wie Zusatzdroge. Die Fixer, die das nehmen, sind an der schlaffen Körperhaltung, den Zeitlupen-Bewegungen, und blauen Lippen und Zähnen zu erkennen.

Manche Benzo-Abhängige begehen ziemlich absurde Straftaten unter dem Einfluss ihrer Mittel. Die Geiselnahme von Gladbeck ’88 geschah nicht unter diesem Einfluss; aber wie man liest, haben die beiden Geiselnehmer (und Mörder) unterwegs „Vesparax“-Tabletten (Secobarbital und Anderes) und Bier genommen, paradoxerweise, keine Amphetamine oder Ähnliches, zum Aufputschen. In Gefängnissen sind Drogen global ziemlich verbreitet, eigentlich sind “Langsame” und Opiate am Geeignetsten angesichts der Möglichkeiten, die man dort (nicht) hat.

Manche kommen auch ins Gefängnis, weil sie Schlaf-/Beruhigungsmittel gegen andere Menschen eingesetzt haben, zB als Mordwaffe. Der Film “Ich liebe Dich zu Tode” (“I Love You to Death”) aus 1990 (mit Kevin Kline) dramatisiert eine wahre Begebenheit. Der Pizzabäcker “Tony” Toto überlebte 1983 in Pennsylvania Mordversuche seiner Frau Frances. Aufgrund seiner Untreue mischte ihm die Frau zunächst ein Schlafmittel in das Nudel-Sugo; nachdem ihn das nicht tötete, schoss ein von ihr Angeheuerter auf ihn. Es heisst, er ist nicht verblutet, da das Blut durch die Schlafmittel-Wirkung so langsam zirkulierte. Frances Toto musste 4 Jahre ins Gefängnis, 1988 setzte das Paar seine Ehe fort.

David Williams, Erbe der US-amerikanischen Elektrizitäts-Firma Williams Companies in Oklahoma, lernte 2007 im Skiort Lech am Arlberg (Österreich) eine  jüngere Frau kennen, die Tochter eines Klinikarztes. Williams verliebte sich in die junge Frau und folgte ihr nach Innsbruck, zog in die Villa der Arztfamilie ein. Williams war phasenweise ein schwerer Trinker und nahm Benzodiazepine. Diesen Umstand begann die Arzt-Familie offenbar auszunutzen, um die Geldquelle am Sprudeln zu halten. Man hat Williams seine Medikamente verordnet und Alkohol verabreicht. Nach einem handgreiflichen Streit zwischen der Arzttochter und dem Amerikaner 2013 endete die Beziehung, und klagte Williams seine ehemalige Partnerin.

Die Gewerkschaftsaktivistin Karen Silkwood spielte eine wichtige Rolle bei der Aufdeckung eines Skandals in einer Nuklearanlage in der USA in den 1970ern. Sie arbeitete in einer Plutonium-Aufbereitungsanlage in Oklahoma, die vom Konzern Kerr-McGee betrieben wurde. Sie beobachtete, dass der Betreiber die gesetzlichen Sicherheitsbestimmungen verletzte und seine Angestellten schweren gesundheitlichen Risiken aussetzte. Silkwood dokumentierte diverse Vergehen und nahm Kontakt zu Verantwortlichen ihrer Gewerkschaft, der Oil, Chemical and Atomic Workers Union sowie zu Medien auf. Auf dem Weg zu einem Treffen in Oklahoma City 1974, bei dem sie die belastenden Unterlagen übergeben wollte, kam sie bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Die Polizei stellte fest, dass sie unter dem Einfluss von “Quaaludes” eingeschlafen war. Es halten sich jedoch Spekulationen über eine Verabreichung dieser von Seiten des Konzerns.

Die Eltern von Madelaine McCann werden verdächtigt, den Tod ihrer Tochter verschuldet zu haben, durch eine versehentliche Überdosierung mit “Calpol night”, einem Paracetamol-Kinderpräparat, das auch ein Antihistaminikum enthält. Beim teilweise erzwungenen Massenselbstmord des Peoples Temple in Guyana 1978 spielten auch “Valium” und andere Sedativa eine Rolle, neben dem Zyankali. Uwe Barschel war starker Konsument von diversen „Langsamen“, starb durch eine Kombination davon, entweder selbst verabreicht oder … „Marilyn Monroe“ starb an einer Überdosis von Barbituraten, es wird von einem Selbstmord ausgegangen, aber auch eine versehentliche Überdosierung und Mord sind im Bereich des Möglichen. Bei Dorothy Kilgallen verhält es sich ähnlich.

Die Grenze zwischen Selbstmord(versuch) und nicht beabsichtigten Überdosierungen sind bei akuten Vergiftungen oft nicht so klar und eindeutig zu ziehen. Seit der Naturwissenschaftler John Tyndall 1893 in GB an den Folgen einer unbeabsichtigten Überdosis von Chloralhydrat starb, gab es viele Todesopfer durch Schlaf- oder Beruhigungsmittel. Bei Whitney Houston handelte es sich wahrscheinlich um eine nicht beabsichtigte tödliche Kombination von Alprazolam und anderen Mitteln, bei Jimi Hendrix war es ein Downer mit Alkohol. Gertrude Bell starb evtl durch eine versehentliche Überdosierung, eher aber an Selbstmord. Auch bei “Judy Garland”, die an einer Überdosis Secobarbital/”Seconal” starb (1969), ist die Frage der Absicht nicht so eindeutig zu beantworten.

Viele weitere Menschen, bekannt oder nicht, starben durch Schlafmittel. Von einer Absicht dabei ausgehen kann man zB bei der Churchill-Tochter Diana, Jean Seberg (zusammen mit Alkohol), Klaus Mann, Stefan Zweig, „Dalida“, Arthur Koestler, „Abbie“ Hoffman, Rainer W. Fassbinder (ebenfalls eine Mischung), Gustav Gründgens, Jeanne-Paule Deckers (Sœur Sourire), Brian Epstein, Kurt Tucholsky, Charles Boyer, Margaux Hemingway, „Anna Nicole Smith“, Leila Pahlevi, Inger Stevens, Robert Soblen, Walter Hasenclever, Edith Sedgwick, Wes Berggren, „Jean Amery“. Bei Heath Ledger war es die wahrscheinlich unbeabsichtigt tödliche Kombination verschiedener Mittel. Michael Jackson begann nach dem Feuerunfall bei Dreharbeiten für einen Pepsi-Cola-Werbespot 1984 mit Schmerzmitteln, hauptsächlich “Darvocet”/Dextropropoxyphen, das strukturelle Ähnlichkeiten mit Methadon hat, in der USA vom Markt genommen wurde. Dann Pethidin, Benzos, Propofol…

Methaqualon wurde im “Westen” hauptsächlich in den 70ern als Droge missbraucht, und aktuell noch in Afrika. Entgegen der Erwartung ggü einem Schlafmittel wirkt es in kleinen Mengen (unterdosiert) aktivierend und stimmungsaufhellend. Durch Alkohol wird das durch Methaqualon ausgelöste Gefühl einer starken Euphorie und des übersteigerten “Egos” noch verstärkt. Es senkt ausserdem unter Umständen die Hemmschwelle und steigert das sexuelle Empfinden und den Sexualtrieb. Anfang der 1970er war das sogenannte „Luding out“, die Einnahme von 300 bis 450 mg Methaqualon zusammen mit Wein, unter Studenten weit verbreitet.

Joan Baez hat “Quaalude” ungefähr von 75 bis 85 genommen, gegen Lampenfieber, für die Liebe, hörte damit auf als es sie nimmer gab. Der Missbrauch von Methaqualon in der BRD ging von dort stationierten USA-Soldaten aus. André Heller wurde in den 70ern abhängig von “Mozambin”, das er auf seinen Konzert-Tourneen brauchte. “Durch Zufall hatte ich herausgefunden, dass dieses Medikament nach dem Übertauchen der beruhigenden Phase für schamloseste Euphorien sorgt. Meine Hemmungen und Ängste verwandelten sich in das Gefühl: Niemand auf der Welt ist besser als ich! Ich bin unbesiegbar! Bei meinen Ekstasen verausgabte ich mich so total, dass ich nach dem Konzert regelmäßig ins Krankenhaus musste, wo ich durch Infusionen wieder restauriert wurde. Anschließend besah ich mir dann im Hotel meine Groupies und nahm um sechs oder sieben Uhr in der Früh ein weiteres Mozambin, um schlafen zu können. Die traurige Wahrheit ist: Ohne Drogen wäre mir wahrscheinlich niemals eine derartige Konzertkarriere geglückt, denn ab der dritten Stadt hätte ich die totale Ödnis des allabendlichen Reproduzierens nicht länger ertragen.”

Roman Polanski buchte 1977 (damals 43 Jahre alt) die damals 13 Jahre alte Samantha Gailey in L.A. als Model. Beim zweiten Treffen machte er die Aufnahmen von ihr (für ein Magazin), in Jack Nicholson’s Villa6 am Mulholland Drive; zuerst wurde Jacqueline Bissets Villa erwogen. Er machte sie mit Champagner und “Quaalude” gefügig, vergewaltigte sie oral, vaginal, anal, im Whirlpool und evtl im Bett, gegen ihre Proteste. Ihre Eltern zeigten ihn an, Polanski der sich verteidigte, dass der Sex im gegenseitigen Einverständnis geschehen sei, kam vorübergehend ins Gefängnis.

Seine Anwalt und jener des Mädchens einigten sich eigentlich auf eine “Herunterstufung” des Deliktes auf Sex mit Minderjährigen. Doch als Polanski erfuhr, dass sich der Richter nicht daran halten wollte, nahm er einen Flug nach London und dann nach Paris (er durfte aus beruflichen Gründen ins Ausland), wo er bereits gelebt hatte. Er ist seither nicht in die USA zurück gekehrt. Es gab Wiederaufnahmen, Auslieferungsansuchen, 09 wurde Polanski in der Schweiz deshalb festgenommen. Gailey (nach ihrer Heirat Geimer) hat ihm teilweise verziehen. Auch “Bill” Cosby hat anscheinend Frauen mithilfe “Quaaludes” sexuell gefügig gemacht.

Die Geschichte von Methaqualon in Südafrika ist etwas undurchschaubar. Zweifellos erfreut es sich dort einiger Beliebtheit, auch bzw gerade nach der Einstellung der pharmazeutischen Herstellung; die Tabletten werden dort oft zusammen mit Cannabis konsumiert (geraucht). Ausser Zweifel steht aber auch, dass späte Apartheid-Regierungen unter Pieter W. Botha im Rahmen von “Project Coast”, dem Programm für biologische und chemische Waffen, auch Methaqualon (“Mandrax”) und andere Drogen in schwarze Gemeinschaften des Landes einführten – um sie von der Politik abzulenken, sie zu kontrollieren, aus ihnen widerspruchslose Schafen zu machen. Als 1989 der neue Präsident De Klerk kam und damit begann, die Apartheid “abzubauen”, haben anscheinend Teile des Militärs das “Drogenprogramm” ausgelagert bzw privatisiert.

Wouter Basson, ursprünglich Militärarzt und mit “Project Coast” betraut, kümmerte sich um diesen internationalen Drogenhandel. Methaqualon ist auch heute noch in Südafrika und Nachbarstaaten des südlichen Afrika als Rauschmittel beliebt, lange nachdem die unter dem Apartheid-Regime produzierten Vorräte aufgebraucht sind. Es wird illegal hergestellt, in einigen lateinamerikanischen Staaten wie Mexico, auch in Nordamerika, im Libanon, Syrien, Nord-Korea. Manchmal wird auch der chemische Verwandte Mecloqualon hergestellt, oder Mittel, die so ähnlich wirken wie Methaqualon, manchmal auch nur solche, die so ähnlich ausschauen.

Künstlerische Referenzen

Die Dokumentar-Filmerin Barbara Gordon arbeitete ihre “Valium”-Sucht in dem Buch “I’m Dancing as Fast as I Can” (“Ich tanze so schnell wie ich kann”, 1980) auf. Es wurde 1982 mit Jill Clayburgh verfilmt. In “The Hangover” (2009) spielt “Rohypnol” eine wichtige Rolle. In “The Wolf of Wall Street” (2013) geht es um einen Börsenmakler in den 70ern, der “Quaalude” nimmt. “Das Tal der Puppen”/ “Valley of the Dolls” (1967), eine Romanverfilmung, bringt Secobarbital und andere Barbiturate, daneben auch Amphetamine und Opiate. Secobarbital hat(te) Beinamen wie “Dolls”. In “Jubilee” (1978) kommt auch Methaqualon vor. In “Girl, Interrupted” (1999) spielt auch Diazepam/ “Valium” eine Rolle.

In “Trainspotting” nimmt die Hauptfigur Renton Heroin, seine Mutter “Valium”. Aber Renton verwendet bzw begehrt es auch, bei seinen Entzugsversuchen.7 In “Das Appartment” dient ein nicht näher beschriebene Schlafmittel als eben solches sowie (in einer höheren Dosierung) als Mittel für einen Selbstmord-Versuch. Der “American Psycho” (2000) nahm neben Kokain, Ecstasy und Cannabis auch “Halcion” und “Xanax”. In “The Departed”/ “Unter Feinden” (2006) lässt sich der Untergrund-Polizist Lorazepam verschreiben. Die Rocksängerin in “The Rose” (1979) nimmt neben Heroin auch Barbiturate.

“Fräulein Else” in A. Schnitzler Monolog-Novelle nutzt “Veronal” um in eine andere Welt zu gleiten. Methaqualon-Tabletten werden in Ryu Murakamis Kurzgeschichte “Blaue Linien auf transparenter Haut” sowie in David F. Wallaces “Unendlicher Spass” behandelt. Im “Eissturm” versucht ein Jugendlicher, mit “Langsamen” einen Konkurrenten ausser Spiel zu setzen, tut das dann aber auch mit dem Objekt seiner Begierde. In Pitigrillis Roman “Kokain” wird auch die Berauschung mit Äther beschrieben.

Um “Valium” geht es in den Songs “Mothers little helper” und, nebensächlich, in “Walk on the wild side”. Methaqualon wird von Shel Silverstein in “Quaaludes Again” besungen. Ausserdem wird es in dem Lied “Time” von David Bowie erwähnt. Von Falco wurde es als “Mozambin” in “Ganz Wien” besungen. Frank Zappa erwähnt “Quaalude” in “Pygmy Twylyte” und “Mandies” (“Mandrax”) in “Flakes”. Die Band “Gorilla Biscuits” hat ihren Namen von dem Beinamen für “Quaalude”.

 

E. A. Richter: Heiliges Mozambin (1981)

Methaqualone in popular culture

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Pflanzliche “Downer” sind auch Hopfen, Passionsblume, Skopolamin oder Kava
  2. Das erste Unternehmen, das Penicillin auf dem deutschen Markt einführte
  3. Der Name wurde von “quiet interlude” (ruhiges Zwischenspiel) abgeleitet und war auch eine Referenz an ein anderes Mittel der Firma, “Maalox”
  4. Rorer-Vorsitzender Eckman sagte, “Quaalude accounted for less than 2% of our sales but created 98% of our headaches.” Das Mittel hatte schon einen schlechten Ruf. Lemmon sah Methaqualon als nach wie vor exzellentes Schlafmittel und stellte einen Teil unter einem anderen Markennamen, “Mequin”, her, um negative Assoziationen zu vermeiden
  5. Ein im Zug mit gehörtes Gespräch: Der Schaffner erzählt einer Fahrgästin von seiner Koloskopie, und der “Wurschtigkeitsspritze”, die er davor bekommen hat. Die Wirkung sei so angenehm gewesen, dass er sich danach danach erkundigt habe. Das war ja die Michael-Jackson-Droge, kam er drauf. “Ich nehme keine Drogen”, versicherte er, aber er habe gefragt, wo es das Mittel gibt
  6. Star in seinem “Chinatown” 3 Jahre zuvor
  7. “…One bottle of Valium, which I’ve already procured from my mother who is, in her own domestic and socially acceptable way, also a drug addict.”

Heil und Unheil des Alkohols

Alkohol ist die verbreitetste Droge der Welt, auch die am meisten verharmloseste. Das gilt hauptsächlich für den Westen. Er ist schädlicher als viele verbotene Drogen. Gleichzeitig sind alkoholische Getränke aber auch Genussmittel und Nahrung. Und Kulturgut, wie alle Drogen. Alle Drogen bedürfen einer gewissen Bearbeitung des “Naturzustands” um konsumierbar zu werden (etwa der Schritt vom Roh- zum Rauchopium). Alkohol, das hebt ihn hervor, entsteht erst durch einen Verarbeitungs- bzw Veränderungsschritt natürlicher Stoffe.

Dieser Schritt ist aber auch natürlich, er geschieht auch ohne menschlichen Eingriff in der Natur. Es heisst, Affen und andere Tiere sammeln in freier Wildbahn vergorene Früchte ein, um sich zu berauschen. Im Vergleich zu synthetischen Drogen ist Alkohol in seiner Herstellung einfach; manchmal gelingt Strafgefangenen die alkoholische Gärung aus (dort erhältlichen) Zutaten wie Früchten und Brot.1

Der Artikel gehört zur Reihe über Drogen2; die Gliederung sieht so aus: Kulturgeschichte des Alkohols, Systematik von Alkoholika, Trinkkulturen, Wirkungen und Sucht, Verbotsgeschichte, berühmte Konsumenten und Opfer, Verarbeitung/Referenzen in der Kunst, Links und Literatur

Kulturgeschichte

Menschen entdeckten, dass im Gärungsprozess überreifer (Feld-)Früchte Alkohol entstand (spontane Gärung). Entdeckten, dass kohlehydrathaltige Flüssigkeiten durch einen Gärungsprozess in berauschende Getränke verwandelt werden können. Hefe spaltet dabei Zucker in Alkohol und Kohlendioxid. Praktiziert wurde die alkoholische Gärung erstmals in Mesopotamien, von den Sumerern. Dies geschah im Rahmen des Übergangs zu Sesshaftigkeit, Ackerbau, Züchtung von Pflanzen. Die Herstellung alkoholischer Getränke basiert(e) auf Erfolgen der Landwirtschaft.

Für Bier braucht man grössere Mengen Getreide, musste es also anbauen. Aus dessen Körnern gewinnt man durch Keimung und Trocknung Malz (Stärke wird also in Zucker umgewandelt). Malz und Wasser vergären dann zu (noch ungehopftem) Bier. Auch bei der Herstellung von Weinen (aus Weintrauben wie aus anderem Obst) wurden landwirtschaftliche Vorgänge, Zwischenschritte, Kenntnisse notwendig. Der Saft der meisten Wildfrüchte enthält für eine natürliche Gärung nicht genug Zucker. Es mussten süsse Früchte gezüchtet werden, Obstkulturen angelegt werden. Die Wilde Weinrebe wurde domestiziert.

Chemisch gesehen ist Alkohol ein Produkt des Stoffwechsels, der bei der Gärung von Biomasse entsteht, wenn Hefe-Pilze Zucker (Glucose) abbauen bzw in Alkohol umwandeln. Ist ein bestimmter Alkoholgrad erreicht, vergiftet der Alkohol jene Hefepilze, denen er seine Existenz verdankt. Das bei der Gärung entstehende Ethanol (Äthylalkohol, auch Äthanol genannt, Trivialname Alkohol, Trinkalkohol, “Weingeist”) ist ein aliphatischer, einwertiger Alkohol mit der Summenformel C2H6O und der Halbstrukturformel C2H5OH. Alkohole bilden eine ganze chemische Stoffklasse.

Auch in anderen antiken Hochkulturen, v.a. Ägypten, wurden dann Malz-Sud (zu Bier), Traubensaft/-maische (zu Wein), Obstsaft (zu Obstwein), Honigwasser (zu Honigwein) vergoren. Auch in Ostasien und im “vorkolonialen” Amerika lernte man, alkoholische Getränke herzustellen; aus Hirse, Reis, Honig, Maniok, Mais, Palmensaft. Der Rausch, den (auch) die alkoholischen Getränke hervorrufen, bekam in manchen Kulturen eine kultische Bedeutung. Diese Getränke konnten aber auch Nahrung oder Medizin sein. Und man lernte auch die unangenehmen “Nebenwirkungen” kennen.

Ägyptische, mesopotamische, persische, kanaanitische und andere Einflüsse aus der südwestasiatisch-nordostafrikanischen Region haben den Tanach und damit die Bibel stark mit geprägt. Alkohol kommt in Bibel/Tanach vor; im Judentum erfährt Trauben-Wein religiöse Verwendung (und ist sein profaner Gebrauch durch religiöse Vorschriften geregelt), im Christentum wurde aus dem Pessach-Seder das Sakrament des Abendmahls. Die antiken Griechen tranken Wein, der meist mit Wasser vermischt wurde, widmeten die Gottheit Dionysos dem Wein und der Ekstase. Dies kam im Dionysus(-Mysterien)-Kult und in den Dionysien zum Ausdruck. Auch in eigentlich “profanen” Trinkgelagen (Symposien genannt) spielte Dionysos eine Rolle.

Römisches Äquivalent zu Dionysus war ja Bacchus. Germanen, Slawen und Kelten kannten Bier und Met (Honigwein), lernten Wein durch die Römer kennen. Missionare gingen im Rahmen der Christianisierung Europas im Früh-Mittelalter gegen die dort ältere Trinkkultur vor, letztlich vergeblich.3 Das Bier-Brauen scheint erst mit dem “Übergang” des Braubetriebs auf Klöster-Brauereien geregelt worden zu sein. Bis dahin wurde Bier mit unterschiedlichen Zugaben gebraut, einer “Grut” (Kräutermischung), die oft auch psychotrope Pflanzen wie Bilsenkraut oder Stechapfel enthielt!4 Es blieb dann nur noch Hopfen übrig5; dessen Zugabe bringt die charakteristischen Bitterstoffe wie auch eine Verstärkung der beruhigenden Wirkung ein. Verwendet wurde obergärige Hefe.

Während sich in Europa das Christentum festsetzte und sich Reiche bildeten, entstand in West-Asien und Nord-Afrika ein grosses islamisches Reich (das ab dem Hoch-Mittelalter zerfiel). Alkoholische Getränke waren im Milieu des Propheten Mohammed verbreitet gewesen, Dattel- und Traubenwein. Im Koran gibt es (früher entstandene) Stellen, die Wein (arabisch “Khamr”) preisen, und spätere, die ihn verurteilen – es wurde Konsens, dass die negativen die positiven aufheben. Mohammed soll wegen eines Onkels, der Trinker war, seine Meinung geändert haben. Die Kalifen, unter denen das arabisch-islamische Reich entstand, haben das Alkoholverbot im Grossen und Ganzen anscheinend nicht streng ausgelegt, das betrifft die raschidischen ebenso wie die omayadischen und abbasidischen6. In islamisierten Ländern wie Persien und Ägypten kam es also nicht zu einem abrupten Bruch mit Alkohol. Was Ägypten betrifft, scheint es dann unter den (schiitischen) Fatimiden strenger geworden zu sein.

Die Destillation dürfte im früheren Mittelalter im islamischen Raum entwickelt worden sein, auch wenn es einigen Angaben zufolge in Europa etwa zur selben Zeit die selbe Entwicklung gab. Das bedeutet, das die Destillation zu höher konzentriertem Alkohol im selben Raum entwickelt wurde, in dem das Alkohol-Verbot galt. Man entdeckte, dass der berauschende Stoff im Wein destilliert und dadurch konzentriert werden konnte. Und benannte den Stoff “al Kuhl”, was das Feinste von etwas bezeichnet, bzw ein Pulver. Die Bezeichnung “Alkohol”, die von Arabern stammt, könnte sich aber auch von “Alkul” ableiten. Oder sie könnte vom babylonischen oder akkadischen Wort “Guhlu” kommen.7 Die Destillation wurde im 9. Jahrhundert von zwei persischen Alchemisten8, Geber und Razi, weiter verbessert; etwa haben sie den Destillierhelm weiter entwickelt.

Hochprozentiger oder gar reiner Alkohol kann nur durch zusätzliche Destillation gewonnen werden, da bei der Gärung  wie erwähnt Hefezellen bei höheren Alkoholkonzentrationen absterben. Bei der (ein-/mehrmaligen) Destillation wird der Alkohol teilweise vom Wasser getrennt, durch Verdampfen und anschließendes Kondensieren, unter Ausnutzung der unterschiedlichen Siedepunkte, der Alkoholgehalt dadurch erhöht. Branntwein wird als Oberbegriff für diese Produkte verwendet, wie auch Destillate, Spirituosen, Schnäpse.9 Das bei “unsauberer” Destillation oft entstehende Methanol (Methylalkohol; CH3OH) ist ein gefährlicher Verwandter des Ethanols. Unter seinen Metaboliten (Abbauprodukte) ist zB Formaldehyd, und Konsum kann Blindheit und Tod verursachen.10

Im Laufe der Jahrhunderte wurde in den meisten Kulturen Alkohol auch für medizinische Zwecke eingesetzt. In Europa wurden Branntweine im Spät-Mittelalter, in der Zeit der Pest-Epidemien, als Arzneimittel verwendet. Die Pest und andere Seuchen führten zu einem Aufschwung der Destillate, obwohl diese als Gegenmedizin völlig wirkungslos waren. Die Menschen klammerten sich an die hochprozentigen Alkoholika, die Verdrängung und Betäubung bewirkten. Desinfizierend ist Alkohol nur in ziemlich reiner Form, als eine ca. 90% alkoholische Flüssigkeit, was alkoholische Getränke nicht sind. Das betrifft die äusserliche Anwendung, eine innerliche von so reinem Alkohol würde eher neue Probleme schaffen.11 Alkohol fand auch Verwendung als Schmerzmittel12, bevor man Opiate verwendete, als Narkotikum für chirurgische Eingriffe, bevor man Äther hatte. Und als Angstlöser; oft wurde/wird zB zum Tode Verurteilten vor der Hinrichtung der Konsum eines alkoholischen Getränks gestattet.13

Im islamischen Bereich wurde Wein das wichtigste alkoholische Getränk. Weinbau und -handel kam oft in die Hände von nicht-moslemischen Minderheiten, v.a. Armeniern (Christen), blieb es zT bis heute. Viele Dichter haben den Wein gepriesen (zB Abu Nawas, Omar Chayyam), es gibt eine richtige Weinliteratur im islamischen Raum (Khamriyat). Nach Gelpke ist in den Dichtungen, besonders den persischen, mit “Wein” aber oft Opium gemeint. Viele moslemische Sufis, Derwische, Mystizisten verwendeten Alkohol in ihren Zeremonien, nicht zuletzt der Bektaschi-Orden. Insgesamt dürfte der nicht-europäische Alkohol-Konsum “gemäßigter” gewesen sein als der europäisch-westliche; und das dürfte sich gehalten haben.

Die Entwicklung in Europa war ein Siegeszug für den Alkohol. Anbau, Gebrauch, Handel, Verarbeitung kamen v.a. hier auf Touren. Mit der europäischen Ausbreitung ab der frühen Neuzeit kam er zu neuer Verbreitung. Im Westen wird Be-Rausch-ung nur mit Alkohol als legitim erachtet, er wurde zur einzigen integrierten/akzeptierten Droge. Wirtschaftlich wurde Alkohol vielerorts ein Faktor (Brauer, Winzer, Brenner, Wirte, Kutscher, Kellner,…) und so sichert und vernichtet das Lebergift gleichzeitig Existenzen. Dass Wein und Bier in Europa Alltagsgetränke wurden, lässt sich auch mit der schlechten Wasserqualität vielerorts erklären und damit, dass sie als Lebensmittel galten.14 Schnaps erlebte vom 17. bis zum 19. Jh im Norden und Osten Europas einen Aufschwung auf Kosten der einfachen Gärungsprodukte Bier und Wein. Unter Anderem wegen der leichteren Schnaps-Herstellung durch die Einführung der Kartoffeln.

Im 17. Jahrhundert kam auch der Kaffee nach Europa. Zunächst blieb sein Konsum auf den Adel beschränkt, im Laufe des 18. Jh begann er sich vom Luxus- zum Alltagsartikel zu wandeln. Dies verdrängte wiederum alkoholische Getränke etwas; wurde zuvor etwa zum Frühstück gern eine Biersuppe gegessen, verbreitete sich nun die Kaffeesuppe. Dieser Wandel passte zur Aufklärung, die sich damals vollzog, der Wachmacher und Ernüchterer Kaffee statt dem berauschenden und dämpfenden Alkohol.

In den Napoleonischen Kriegen tranken viele Soldaten verschiedener Armeen Schnäpse, sowohl als “Motivation”, als auch als Nahrungsersatz. Und, diese Kriege in Folge der Französischen Revolution führten zu einem Ende des bisherigen Staats- und Wirtschaftsgefüges, mancherorts früher, andernorts später. Das kapitalistisch-bürgerliche System entstand. Und bald begann dann die Industrialisierung. Alkoholika wurden billiger. Einerseits weitete sich der Alkoholkonsum (in vielen Teilen des Westens) dadurch aus, andererseits wurde er immer weniger kompatibel mit der neuen, schnellen Welt… Alkoholkonsum war mit/in vielen Berufen nicht mehr kompatibel. Und Berauschung wurde weitgehend aus der Öffentlichkeit verdrängt.

Infolge von Industrialisierung und Kapitalisierung entstand im 19. Jh ein Alkoholproblem der Arbeiterschaft. Von “Branntwein-Epidemie” oder „Gin Epidemie“ (bezüglich GB) war/ist da die Rede. Alkohol als Betäubung, als Flucht vor den Arbeits- und Lebensbedingungen, Sucht als soziales Phänomen. Diverse Anführer oder Theoretiker der Arbeiterbewegung nahmen sich des Themas an. Etwa Friedrich Engels, der im Alkohol-Konsum (nicht nur des Proletariats anscheinend) ein Symptom des Industriekapitalismus sah. Oder in Österreich Victor Adler, Sozialdemokrat und Arzt („Der trinkende Arbeiter denkt nicht, der denkende Arbeiter trinkt nicht!“).

Im frühen 19. Jh wurde Ethanol erstmals synthetisch hergestellt. Der Prozess wurde verfeinert, man kam auf die Hydratisierung von Ethylen (Reaktion von Ethen mit Wasser unter Benutzung eines geeigneten Katalysators; industrielle Ethanolsynthese). Der so hergestellte Industriealkohol oder technische Alkohol wird für andere Verwendungen des Alkohols als Rauschgetränk hergenommen15: Als medizinisches Desinfektionsmittel etwa. Dazu werden meist sekundäre Alkohole wie Propanol, vermischt mit Wasser, verwendet. Nur dank des Wassers kann der Alkohol die Zellwände eindringen, was reiner Alkohol nicht schafft. Für die Herstellung mancher Arzneimittel wird Alkohol verwendet, somit kommt dieser auch (noch immer) zu einer innerlichen medizinischen Anwendung.

Die chemischen Industrien verwenden Alkohol auch für die Herstellung von Konservierungsmitteln, Brenn-Spiritus, Kosmetika, Parfüms, Reinigungsmittel, Lösungsmittel und Lacke, Farben,… Da wo Industriealkohol mehr oder weniger rein verkauft wird, wie beim Spiritus, wird er durch Zusetzung von Chemikalien vergällt, um den Trinkkonsum auszuschließen. Dafür ist keine Branntweinsteuer zu entrichten. Wenn unvergällter Alk für die Forschung gekauft wird, ist diese Steuer fällig. Die Versuchung, daraus richtigen Schnaps herzustellen (etwa Gin, mit Wacholderauszügen), ist gegeben, und früher soll das in Labors auch gang und gäbe gewesen sein.

Systematik/Klassifizierung(en) alkoholhaltiger Getränke

Die grundlegende Unterscheidung ist jene nach Herstellungsart bzw Alkoholgehalt (Stärke):

– Einfache Gärungsprodukte (Bier, Wein, Sekt): Getränke, deren Alkohol lediglich durch alkoholische Gärung entstanden ist

– Destillate/Gebranntes/Spirituosen: Getränke, deren Alkoholgehalt auf die Destillation von Gärungs-Getränken oder vergorenen Maischen zurückgeht. Liköre oder Ansatzgetränke gehören auch hier zu, werden aber manchmal gesondert klassifiziert

Eine andere Einteilung wäre die nach Herkunft/Kulturraum oder nach Aroma/Geschmacksrichtung,..

Bier hat ca 5% Alkohol, Starkbier mehr, es gibt auch alkoholfreies Bier; zum Unterschied ober-/untergäriges hier einiges; dunkles Bier entsteht durch die Verwendung von dunklem Malz

Wein: Weisswein wird aus Traubensaft hergestellt, Rotwein aus Traubenmaische, dem Gemisch aus Saft, Schalen und Kernen; Bei der Gärung kommt es dann auf den Winzer an, welche Geschmacksrichtung/Stärke er dem Wein geben will. Je länger der Wein gärt, desto mehr Zucker wird in Alkohol umgewandelt und desto “trockener“ wird der Wein. Die Länge des Gärprozesses lässt sich etwa durch Schwefelung stoppen. Es gibt also eine Korrelation von Restzuckermenge und Alkoholgehalt, von Geschmack und Stärke. Der Geschmack wird auch vom Tannin-Gehalt bestimmt, der primär von der Trauben-Sorte (Rebsorte) abhängig ist. 16,5 Volumenprozent ist die Grenze beim Alkoholgehalt, wegen der Natur der Gärung

Als Sturm wird noch in Gärung befindlicher neuer Wein bezeichnet (wenig Alkohol). Durch Nachgärung eines weissen Weins (meist durch Zusatz von Zuckersirup hervorgerufen) entsteht Sekt, mit Kohlensäure. Beim Schaumwein wird Kohlensäure dagegen einfach hinzugesetzt. Champagner ist ein Sekt aus der Champagne-Gegend in Frankreich (in der Region Champagne-Ardennes). In der frühen Neuzeit haben Mönche in Südwest-Frankreich zufällig dieses Getränk “entdeckt”, das durch die Weitergärung nach der Abfüllung in Flaschen entstand, durch den Hefesatz darin. Wie auch im Bier beschleunigt Kohlensäure auch hier den Übertritt von Alkohol ins Blut. Die sogenannten Dessertweine werden durch Zugabe von Branntwein zum gärenden Wein erzeugt. Dadurch wird die Gärung abgebrochen, es entstehen süsse Weine. Ursprünglich geschah dies zur “Stabilisierung” des Weines für einen wochenlangen Schiffstransport.

Andere vergorene Fruchtsäfte sind gewissermaßen auch Weine (Obstweine): Apfelwein/Most, Cider (mit Kohlensäure),… Most kann auch unvergorener Fruchtsaft sein, Traubenmost = Traubensaft, Wein vor der Gärung. Aus Palmensaft hergestellter Palmwein, Dattelwein, Met, Kräuterweine sind schon ziemlich ausgefallen. Reiswein und die aus anderen Süssgräsern hergestellten alkoholischen Getränke (Maiswein,…) werden teilweise als Bier angesehen, weil sie aus verzuckerter Stärke hergestellt werden.

Spirituosen enthalten ca 40% Alkohol, Rum aber zB deutlich mehr. Es gibt Weindestillate (Cognac u. a. Weinbrände, Ouzo/Arak/Raki/Pernod, die mit Anis aromatisiert werden), Getreidedestillate (Whiskey,…), Obstdestillate (/-brände, Schnäpse), Destillate aus sonstigen Pflanzen (Wodka wenn aus Kartoffeln, ansonsten aus Getreide; Gin ist ebf aus Kartoffelmaische oder Getreidesud, mit Wacholderbeeren aromatisiert; Rum aus Zuckerrohr/Melasse; Tequila aus Agave; Absinth aus Wermuth und anderen Kräutern;…).

Liköre sind Destillate mit viel Zucker und Aromen (Zusätzen); Inländerrum ist “Ethanol unbekannter Abstammung mit Zusatzstoffen unbekannter Abstammung. Nur zum Kochen, für Alkoholiker im letzten Stadium und für Deutsche verwendbar.”16 “Alkopops” oder “Hyperdrinks” sind Spirituosen gemischt mit süssen Limonaden, die Jugendliche ansprechen (sollen). Der Alkoholgeschmack wird durch die Süße überdeckt, worin eine gewisse Gefahr liegt. Bei Ansatzgetränken wird Ethanol/Weingeist oder ein definierter Brand mit Kräutern, Gewürzen, Zuckersirup, Karamel, Fruchtsirup, Früchten oder Eiern angesetzt.

In alkoholhaltigen Pralinen sind meist Liköre enthalten, oder auch Cognac oder Obstbrände. Cocktails, alkoholische Mischgetränke, sind ab der späten Neuzeit entstanden, enthalten in der Regel mindestens eine Spirituose.

Trinkkulturen

Alkohol ist die Droge des Westens, da die meistbenutzte, meist kultivierteste. Der Alkoholkonsum ist seit jeher fest in der Kultur des Abendlandes verankert, auch das übermäßige Rauschtrinken; vor allem bei festlichen Anlässen. Wenn Slavoj Zizek für das Recht auf Rausch eintritt, meint er da auch andere Mittel ausser Alkohol? Weinbau, -lese, etc wird als normale landwirtschaftliche Tätigkeit gesehen, bei Mohn, Kratom, Hanf,… (die hier aber meist eh nicht wachsen bzw potent werden) ist das anders. Trinken steht einerseits für Geselligkeit, Wohlstand, Belohnung, positive Stimulation, Umgang mit einem Kulturgut; andererseits dafür, ein Laster der unteren Bevölkerungsschichten zu sein, etwas das Elend schafft,…

Fast überall auf der Welt ist Alkoholkonsum mit Feiern verbunden, dient der Festigung (oder aber Knüpfung) sozialer Kontakte, ist oft Teil von Ritualen des Brauchtums. Von Frauen wird oft erwartet, dass sie weniger Alkohol trinken als Männer und einen Rausch nicht in der Öffentlichkeit ausleben17 Einschränkende Regeln zum Alkoholkonsum von Kindern bzw. Jugendlichen sind schon eher gesundheitlich zu argumentieren und sind meist offiziell. Von Frauen bevorzugte Getränke enthalten zT tatsächlich weniger Alkohol.

Bezüglich der westlichen Trinkkulturen wird unterschieden18:

  • Eine germanisch-slawische, nord-östliche Trinkkultur: gekennzeichnet durch sporadische (zB an Wochenenden) exzessive Berauschung, oft zur Schau gestellt (v.a. von Jugend), Trinken von Mahlzeiten abgekoppelt, geringer nutritiver Gebrauch, Alkohol reines Genuss- und Rauschmittel. Oktoberfest, Trinkspiele, Aufnahme mit der Bierrutsche oder über den Tampon (über die Haut), saufende Burschenschafter, das findet man hier.

Es werden hier noch unterschieden: alkoholexzessive Kulturen, in denen Alkoholkonsum und der Rauschzustand als eine Art Norm gilt und überwiegend hochprozentige Alkoholika konsumiert werden, v.a. osteuropäische Länder; Alkoholdeterminierte Kulturen, in denen Alkoholkonsum und Trunkenheit zu gewissen Anlässen, in einem gewissen Rahmen, gebilligt wird, hauptsächlich mitteleuropäische Staaten, hier überwiegt Bier; auch Abstinenzkulturen kommen aus dieser Trinkkultur, v.a. dem protestantischen Bereich (Skandinavien, Grossbritannien,..)

  • Die mediterran-romanische-südliche alkoholpermissive Trinkkultur: hauptsächlich in den Mittelmeerländern Italien, Griechenland, Spanien und Frankreich; Trinken ist Bestandteil des Alltags, ist integriert, auch ohne besonderen Anlass wird Alkohol serviert, er ist in die Mahlzeiten integriert, wird täglich konsumiert, jedoch in kleineren Mengen, ist Alltagsgetränk, Wein wird bevorzugt, es gibt wenig Abstinente, auch weniger Alkoholiker, es gab hier nie bedeutende Abstinenzbewegungen

Es gibt Mischtypen und Übergangszonen, in Frankreich entlang des Nord-Süd-Gefälles; im Süden der USA gibt es vielleicht auch so einen Übergang von einer Trinkkultur in eine andere19. Die Alkohol-“Dichtung” gehört eher zum Norden, wo Alkohol weniger integriert ist und man mehr auf den Rausch hin trinkt. Trink-Lokale wie Bars, Kneipen, Pub, Shebeens, Heurige,… sind auch Bestandteile dieser Trinkkultur; in südlicheren Gegenden trinkt man mit dem Essen zusammen. In den italienischen “Wein-Bars” (Enoteca, Taverna) ist das Essen genau so wichtig wie das Trinken. Und, restriktive Maßnahmen/Verbote werden eigentlich immer im Norden ergriffen, abgesehen von der nicht-europäischen Welt, v.a. der islamischen (aus anderen Gründen). Die Übergänge in der Trinkkultur gibt es auch im deutschsprachigen Raum; in mehrheitlich evangelischen Gebieten in Deutschland und in der Schweiz gibt es viele Gruppen der Anonymen Alkoholiker, kaum aber in deren katholischen Gegenden und in Österreich.20

Guinness-Bier steht nicht umsonst für Irland, Whiskey für Schottland (und Irland), Ouzo und Wein für Griechenland, Wodka für Russland (und Polen,…), Wein für Frankreich, Italien, Spanien (in Frankreich ist ausserdem Pernod, im Süden, und Bier, im Norden, verbreitet), Bier für Deutschland, Tequila für Mexiko, Sake/Reiswein für Japan,… Wenn man genauer hinschaut, ergibt sich teilweise ein anderes Bild: In Polen gilt Wein als Getränk der Mittelschicht, während Wodka und (einheimisches) Bier die Getränke der unteren Schichten sind. Champagner und Sekt gelten fast überall als Getränk für besondere, feierliche Anlässe. Importierte Getränke haben oft einen höheren Status als einheimische.

Was nicht-europäischen Umgang mit Alkohol betrifft: Mancherorts in der nichtweissen Welt kam Alkohol spät und schnell, mit der europäischen Unterwerfung.21. Die Trinkkultur in Lateinamerika steht der südeuropäisch-mediterranen nahe; in Afrika gibt es wohl eine “Spaltung” zwischen moslemischen und christlichen Gebieten, aber auch nach anderen Faktoren.

Was den islamischen Kernraum betrifft, die Länder in West-Asien und Nord-Afrika, im Abschnitt über die Verbotsgeschichte folgt noch einiges dazu. Die Bezeichnung für den Alkohol stammt aus dem Arabischen und die Destillation wurde (wahrscheinlich) dort entwickelt – und Alkohol ist heute in der islamischen Welt vielfach verboten. Es gibt alkoholprohibitive Länder mit Verboten, wie Saudi-Arabien oder Iran seit der letzten Revolution, und alkoholexeptionelle, wo Alkohol grundsätzlich erlaubt ist, aber (in der Regel) nur bei definierten, seltenen Anlässen in begrenzten Mengen getrunken wird, wie Ägypten oder Syrien. Die Türkei ist teilweise der mediterranen Kultur zuzurechnen, auch so ein Übergang… Auch die islamische Diaspora ist diesbezüglich gespalten.

Süd- und Ostasien ist weitgehend alkohol-exeptionell; dabei soll ein genetischer Zusammenhang von Bedeutung sein: Einem Teil der Asiaten (sowie den aus Nordost-Asien stammenden “Indianern” Amerikas) fehlt ein bestimmtes Enzym für den vollständigen Abbau von Alkohol; den Betreffenden wird schon nach dem Konsum kleinerer Mengen schlecht, weil ein giftiges Zwischenprodukt (Aldehyd) nicht umgesetzt werden kann.

Rausch und Sucht

Wenn der Alkohol ins Blut übertritt, beginnt die Wirkung, der Rausch, der Genuss. Was Menschen seit der Entdeckung der Gärung vor Jahrtausenden am Alkoholkonsum schätzen, ist die bald einsetzende Veränderung des Gemütszustands, v.a. die euphorisierende Wirkung, einhergehend mit körperlichen Veränderungen. Für bestimmte Sorten Trinker ist die Wieder-Aufnahme des Alkohols wie der “Flash” bei Heroinsüchtigen nach der Spritze, eine “Umarmung eines Bären in einer kalten Nacht”, die alles von schlecht auf gut ändert. Und Probleme verdrängt.22. Genau auf diese quasi-opioide Wirkung sind viele Trinker aus. Manche sind eher auf andere Wirkungen aus, die enthemmende (etwa beim Feiern), die entspannende (nach Feierabend, als Abstresshilfe), die (körperlich) betäubende, die bewusstseinstrübende.

Ein leichter Schwips steht am Anfang der Rausch-Skala, irgendwann kommt ein Vollrausch mit folgenden Kater, dann eine leichte Alkoholvergiftung, bei rund 5 Promille Alkohol im Blut tritt der Tod ein. Erbrechen ist ein Wehrmechanismus des Körpers auf zu viel Alkohol. Wirkungen wie herabgesetzte Konzentrationsfähigkeit, Tunnelblick, langsamere Reaktionszeit sind verantwortlich für Verkehrsunfällen unter Alkoholkonsum. Aggression gegen Andere (etwa Gewalttaten in der Familie) oder gegen sich23 sind häufig. An Kombinationen/Mischkonsum sind v.a. jene mit Opiaten sowie Sedativa (Beruhigungsmittel, “Downer”) gefährlich.

Mit dem Konsum grösseren Mengen stellt sich bekanntlich Toleranz ein, beginnt der Übergang vom risikoarmen zum schädlichen Alkoholkonsum – chronischer Konsum, Alkoholabhängigkeit/Alkoholismus. Wie bei anderen Drogen ist es auch beim Alkohol so, dass man ihn zuerst wegen der Wirkung nimmt und dann nehmen muss. Die Grenze zwischen normalem/sozialem Trinken und Alkoholismus (Sucht) wird von Betroffenen gerne verwischt, verschleiert. Zu den bestehenden Problemen kommen weitere hinzu: Diverse körperliche und seelische Langzeitwirkungen und Schäden. Besonders Leber, Pankreas, andere Verdauungsorgane, und Blutgefässe (> Schnapsnase,…) werden betroffen. Auch nehmen Alkoholiker einen Teil ihrer Nahrung durch die Kalorien ihrer Drinks auf, dadurch können sie leicht einen Vitaminmangelzustand bekommen; andererseits ist auch Gewichtzunahme oft Folge von starkem Trinken. Wenn Alkohol schlechter Qualität konsumiert wird, sind noch schlimmere gesundheitliche Folgen zu erwarten.

Etwa 1 von 5 Alkoholikern kommt von der Sucht los, heisst es. Früher gab es bei schweren Trinkern mehr Verwahrung als Heilung/Begleitung. Im 18./19. Jh wurde übermäßiger Alkoholkonsum erstmals als Krankheit gesehen (auch als Ursache für gesellschaftliche Fehlentwicklungen), es gab die ersten Bücher, Untersuchungen darüber. Elvin Jellinek machte 5 Typen von Trinkern aus, zB den  Spiegeltrinker. Die Anonymen Alkoholiker wurden 1935 in der USA gegründet, 1982 eröffnete die Betty Ford-Entzugs-Klinik in Kalifornien. Das Anton-Proksch-Institut in Wien (Kalksburg) gibts seit den 1950ern.

Nicht allen Alkoholikern geht es so
Nicht allen Alkoholikern geht es so

Zu den Medikamenten, die in der Entzugs-Therapie eingesetzt werden, gehören: Disulfiram (Markenname “Antabus”), das gleich nach dem Alkoholkonsum unangenehme Symptome wie Übelkeit hervor ruft, diesen verleiden soll; Baclofen soll den Drang zum Alkoholkonsum unterdrücken (siehe Link unten); Naltrexon (“Revia” u.a.), zur Reduktion des Rückfallrisikos, Unterstützung der Abstinenz und Minderung des Verlangens nach Alkohol (Craving); Ibogain ist ein natürliches Mittel beim Alkoholentzug, auch zur Kontrolle des Suchtverhaltens; gegen leichtere Entzugserscheinungen werden Chlordiazepoxid (“Librium”) oder Oxazepam (“Praxiten”) gegeben; Clomethiazol (“Distraneurin”) gegen die schwere Entzugserscheinung Delirium Tremens.

Der ehemalige Drogenbeauftragte der britischen Regierung, David Nutt, hat den Alkohol unter allen Suchtmitteln, was die Gefährlichkeit für die Gesellschaft angeht, an erste Stelle gereiht. Aufgrund der Legalität und Akzeptanz des Alkohols in den meisten Ländern gibt es viel mehr Alkoholiker als Junkies anderer Drogen. Nutt wurde 2009 gefeuert, nachdem er in einer Studie die Meinung vertreten hatte, dass Drogen wie Cannabis, Ecstasy und LSD weniger gefährlich seien als die legalen Suchtmittel Alkohol und Tabak. Nur Heroin, Kokain, Barbiturate und Methadon sind laut ihm gefährlicher für Individuen als Alkohol. Nutt arbeitet zur Zeit an einem Alkohol-Substitut auf Benzodiazepin-Basis.

Verbotsgeschichte

Alkohol wurde im aussereuropäischen Raum und in Ländern der nördlichen Trinkkultur immer wieder verboten. Natürlich betrifft ein Alk-Verbot auch den mäßigen Konsums, wird das Kind mit dem Bad ausgeschüttet. Aber Gesundheit ist oft gar nicht so entscheidend dabei. Verteufelung des Alkohols geht oft mit einer Verteufelung des Rausches (bzw des Lustprinzips) an sich einher; im islamischen Raum oft mit einer Verteufelung des westlichen. Oft geht es beim Umgang mit einer Droge nicht um ihre tatsächlichen Eigenschaften, sondern ihr zugeschriebene. Verbote von Drogen wie Alkohol haben auch viel mit sozialer Kontrolle zu tun. Die Besteuerung ist ein staatlicher Versuch der Einschränkung des Konsums aber auch des Mitschneidens.

Das Osmanische Reich war das wichtigste/grösste islamische Reich der Neuzeit. Trotz des islamischen Alkoholverbots wurde Alkohol auch in der herrschenden Klasse dieses Reichs konsumiert24, in Teilen der Bevölkerung ohnehin (von Christen wie Moslems), vorwiegend Wein. Im 17. Jh wurde eine Art Alkohol-Steuer im Osmanischen Reich eingeführt, die Müskirat resmi. Diese betraf Nicht-Moslems, also hauptsächlich Christen; für Moslems war Alkohol ja “eigentlich” tabu.

Osmanische Behörden gingen gelegentlich hart gegen Handel und Ausschank vor. Das, obwohl Soldaten, v.a. Janitscharen, in den Tavernen stark vertreten waren. Da ging es hauptsächlich um die Demonstration von Frömmigkeit. Unter Sultan Murad IV. (1623-1640) ging es um die Wiederherstellung von Kontrolle in einer turbulenten Zeit, im Zuge dessen verbot er Alkohol, Tabak, Kaffee – obwohl er selbst ein Trinker war. Auch unter Sultan Abdul-Hamid II. (1876-1909) war Vorgehen gegen Alkohol Teil einer grösseren politischen Kampagne zur Aufrechterhaltung der Macht; hier gings auch um den (sunnitischen) Islam als Klammer, um diverse Bevölkerungsteile zusammen zu halten.

Persien/Iran, das in der frühen Neuzeit unter der Safawiden-Dynastie wieder neu “erstand” (als unabhängiges Reich), hat eine lange Weintradition, die Anbaugebiete waren v.a. in Fars (Südwesten; Schiraz-Rebe) und Aserbeidschan (Nordwesten). Unter den Safawiden gabs nur unter Schah Sultan Hossein (17./18. Jh) ein richtiges Verbot des Alkohols, ansonsten höchstens eine “Verdrängung” ins Private. Unter den Kadscharen war es ähnlich; unter den Pahlevis gewann Alkohol an Akzeptanz (s.u.), im Rahmen einer allgemeinen Verwestlichung, auf Kosten von Opium.

Was Europa und seine Ableger betrifft, Luther war schon kritisch gegenüber dem Alkohol. Im 19. Jh entstanden (meist “christlich” motivierte) Abstinenz-/Prohibitionsbewegungen im Westen, etwa in Skandinavien. Im frühen 20. Jh kamen dort diverse Verbote und Beschränkungen, etwa in Finnland, für einige Jahre. Dieses wurde mit Schmuggel aus Estland (das in der Zwischenkriegszeit unabhängig war) zu umgehen versucht.25 Beschränkungen und hohe Steuern für Alkohol blieben in den skandinavischen Staaten, am wenigsten noch in Dänemark. In Island war 1915 ein Alkohol-Verbot erlassen worden, nach einigen Jahren wurden aber aus verschiedenen Gründen Wein und Spirituosen davon ausgenommen, so dass nur Bier (mit mehr als 2,25% Alkohol) verboten blieb, was so begründet wurde dass es billiger sei und zu mehr Trinkerei verführe. Am “Bier-Tag” 1989 wurde Bier nach 74 Jahren wieder zugelassen.

Absinth wurde Anfang des 20. Jh in vielen Ländern verboten, nach einem Mord in der Schweiz 1905 (eines Alkoholikers, der meistens Wein trank). Der im 18. Jh in der Schweiz entstandene Kräuterschnaps galt als Heilmittel u. a. für Verdauungsbeschwerden, war im 19. Jh ein Getränk der französischen Soldaten in Algerien, wurde von Heimkehrern in Frankreich populär gemacht, war das Getränk von Künstlern wie Henri de Toulouse-Lautrec. Seine Gegner, darunter Emile Zola, glaubten an spezifische Schäden durch Absinth (am ehesten durch Thujone hervor gerufen), taten sich mit Weinproduzenten zusammen…26

In Australien und Canada ab es Ende des 19./Anfang des 20. Jh zeitweise regionale Verbote, Neuseeland war knapp an einem landesweiten Verbot dran. In Russland/Sowjetunion galt 1914-25 eine Beschränkung. In Nord-Amerika gab es (in der kolonialen Phase und der frühen der Unabhängigkeit von USA und Canada) Ausschankverbote für afrikanische Sklaven und Indianer, wobei v.a. zweitere gleichzeitig mit Alkohol überschwemmt wurden (sie sollten ihn nur nicht in “weissen” Lokalen konsumieren). In der USA, einem der grössten Trinker-Länder, entstand im bzw aus dem puritanisch-pietistischen Protestantismus auch eine Alkohol-Verbots-Bewegung, organisiert in der Anti-Saloon League, der Prohibition Party oder der Woman’s Christian Temperance Union.

Die Prohibitions-Bewegung war im Süden und im ruralen Norden am stärksten. In der Diskussion kamen viele ethnische Vorbehalte auf, gegen diverse Einwanderer, und ihre (vermeintliche) Trinkkultur. Die Bewegung kam zu ihren Triumphen. Nachdem in einigen Bundesstaaten ein Alkohol-Verbot erlassen wurde, kam während des 1. Weltkriegs ein landesweites für den Kriegszustand. 1919 wurde dies auf Friedenszeiten ausgeweitet (mit dem “Volstead Act”), 1920 in die Verfassung aufgenommen, durch den 18. Zusatz. Die Alkoholindustrie stellte sich durch die Prohibition zwar (zwangsläufig) um; Budweiser etwa begann mit der Herstellung nicht-alkoholischer Getränke. Aber, das Verbot wurde in grossem Maß umgangen, auf verschiedenen Wegen.

Messwein und technischer Alkohol durften bleiben, wurden zT zweckentfremdet, das stillte aber nur einen kleinen Teil der Nachfrage. Fruchtsäfte haben einen geringen Alkohol-Gehalt, bei der Eigenherstellung wurden sie nun gern “etwas” der Gärung überlassen. Vor allem aber gab es Schwarzbrennerei (illegale Destillerien, moonshine distilleries) sowie Schmuggel (bootlegging) aus Kanada und Mexiko. Dieser Schwarzmarkt, der auch den Verkauf und Ausschank in illegalen Kneipen (Speakeasies) mit einschloss, wurde durch Syndikate organisiert; hauptsächlich italienische (Mafia,…), aber auch jüdische (“Kosher Nostra”) oder irische.

Zur Überwachung des Verbots war das “Bureau of Prohibition” geschaffen worden, das dem Finanzministerium, später dem Justizministerium, unterstand. Die Agenten des Bureau waren sehr oft korrupt, viele sollen auch konfiszierten Alkohol selbst getrunken haben. Unbeliebt in der Bevölkerung waren sie weniger deshalb, sondern wegen ihrem “Daseinszweck” (dem Vorgehen gegen Alkohol) und den Rechten, die sie dabei hatten. In Chicago leitete Elliot Ness 1927-33 das Prohibition Bureau, suchte unbestechliche Mitarbeiter aus, war hinter “Al” Capone her, der von der anderen Seite wegen Steuerhinterziehung vom IRS “gejagt” wurde, nur deshalb schliesslich verurteilt wurde. Zu einer gewissen Bekanntheit schaffte es auch ein Einstein vom Prohibitionsbüro in New York. Im Süden der USA soll der Ku Klux Klan der Einhaltung der Prohibition geholfen haben.

Das “Experiment” des Alkoholverbots verlor Jahr für Jahr an Unterstützung. Sogar Staatspräsident Hoover soll die Prohibition von Alkohol umgangen haben, gerne Gin getrunken haben. Eine der Folgen der Prohibition war, dass harte Getränke (Spirituosen) an Boden gewannen, da diese den Schwarzmarkt beherrschten, dabei sollte das Verbot gerade sie treffen. Dann gab es viele Tote und Kranke durch Methanolvergiftungen, durch Destillationen die Fuselöle enthielten, ein Nebenprodukt, das eigentlich verworfen gehört. Und, während es Konfiszierungen gab, Verhaftungen und Verurteilungen von Konsumenten, Händlern, Wirten, blühte eine viel schlimmere Kriminalität, erwirtschaftete die Mafia hohe Gewinne, gab es v.a. bei Schiessereien von Verbrechersyndikaten untereinander viele Tote.27

Der Verlust von Steuereinnahmen, der während der Weltwirtschaftskrise ab 1929 besonders schwer wog, kam auch hinzu. 1933 wurde die Prohibition beendet28 hob der Kongress den 18. Verfassungs-Zusatz wieder auf, durch den 21. Zusatz. Als Präsident Franklin Roosevelt das Gesetz unterzeichnete, sagte er “I think this would be a good time for a beer.” Die Alk-Gesetzgebung wurde wieder an Bundesstaaten übertragen, diese ratifizierten die Rücknahme dann.29 Das Bureau of Prohibition wurde zunächst ins FBI absorbiert, als dessen “Alcohol Beverage Unit”. Da aber die einzigen Bundesgesetze Alkohol betreffend die über seine Besteuerung waren, gingen die Reste des Bureaus ans Finanzministerium, als “Alcohol Tax Unit”. Schliesslich wurde daraus das “Bureau of Alcohol, Tobacco, and Firearms” (ATF).

Die Prohibitions-Bewegung machte weiter, ist heute im “American Council on Alcohol Problems” organisiert. In manchen Bundesstaaten gibt es “trockene” Counties, in denen Herstellung, Verkauf, Bewerbung, Konsum von Alkohol eingeschränkt sind.

In der NS-Zeit gab es das “Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, das neben “Erbkranken” auch “schwere Alkoholiker” betraf, die unfruchtbar gemacht wurden.30 In der Sowjetunion gab es ab 1958, 1972 und 1985 Anti-Alkohol-Kampagnen. Die dritte, unter Gorbachov, 1985–87, umfasste Preis-Erhöhungen für Bier, Wein, Wodka und Einschränkungen beim Verkauf. Ausserdem wurden Leute, die betrunken in der Arbeit oder in der Öffentlichkeit erwischt wurden, angeklagt. Auch hier wanderten Alkohol-Einnahmen vom Staat an den Schwarzmarkt.

Alkoholverbote sind heute v.a. im islamischen Raum in Kraft. In Saudi-Arabien sehr strikt und durchgehend, allgemein im Raum des Golfs bzw der Halbinsel, dem eigentlichen Arabien. Zum Iran unten. Die islamischen Länder in denen kein Alkohol-Verbot herrscht (zB Ägypten, Syrien, Marokko, Oman, Irak, Algerien, Indonesien, Algerien, Jordanien, Aserbeidschan,..), sind aber in der Mehrheit.

Erst nachdem aus den Resten des Osmanischen Reichs die Türkei geworden war, wurde Moslems dort offiziell das Alkohol-Trinken erlaubt, 1926. Es wurde Teil des Verständnisses von Modernität – wie im Iran in dieser Zeit. Besonders Raki wurde Teil türkischer Kultur. In Teilen des Landes wurde diese Modernität nicht mit-getragen, jene (religiösen) Teile die jahrzehntelang “abseits standen”, abseits von der Macht. Mustafa K. Atatürk war selbst ein starker Trinker (Raki), starb auch an einer Leberzirrhose. Unter AKP-Regierungen wurden in den letzten Jahren Einschränkungen der Werbung für Alkohol-Getränke erlassen, ausserdem die Steuer dafür erhöht.

Im Iran war unter dem letztem Schah die Freiheit der Wahl gegeben; oft waren Armenier in Herstellung und Handel von Alkohol involviert. Dann die Revolution von 1979 und ihre Übernahme durch Islamisten. Philipp W. Fabry schildert in „Zwischen Schah und Ayatollah. Ein Deutscher im Spannungsfeld der Iranischen Revolution“ (1983) einiges aus diesem Übergang, auch bezüglich Alkohol: Im Hilton- und im Intercontinental-Hotel wurden Alkoholvorräte von “Komitees” vernichtet (zusammengeschossen, zerschlagen). Auch Spirituosengeschäfte und Brauereien waren Zerstörungswut ausgesetzt. Alkoholiker saßen oft plötzlich am Trockenen, hatten die Wahl zwischen Rosskuren oder Draufgehen. “Manch einer versuchte, seine Entzugserscheinungen durch schwarz gebrannten Wodka zu lindern, doch der Methylalkohol liess ihn erblinden, andere bezahlten den ‘Genuss’ dieses Fusels gar mit dem Leben.”

In anderen islamischen Staaten gab es nicht so einen abrupten Bruch (einer, der auch den gesamt-gesellschaftlichen widerspiegelte), sondern lange Traditionen entweder der Tolerierung oder des Verbots. Unter dem Ajatollah kehrten im Iran Manche oft zunächst “zurück” zum Opium. Auf dem Schwarzmarkt ist Alkohol auch in der Islamischen Republik erhältlich und jene Beamten, die das Alkohol-Verbot kontrollieren, sind oft bestechlich.31 Bei privaten Parties wird oft exzessiv getrunken. Alkohol wurde durch das Verbot teurer, es gibt teilweise Dosierungsrisiken, Lebensmittelunsicherheit – Umstände, die Drogenverbote mit sich bringen. Die Shirazi-Reben werden heute vorwiegend in Australien angebaut. Auch hier zeigt sich, dass der Islam in vielen Ländern dieser Region über ältere Kulturen “gelegt” wurde.

In Pakistan war Alkohol von der Staatsgründung 1947 bis 1977 legal, als Premier Z. A. Bhutto kurz vor seinem Sturz das änderte; seither ist er nur für Nicht-Moslems, in bestimmten Mengen, von einer heimischen Brauerei, legal. Gandhi war gegen Alkohol eingestellt. In Indien ist Prohibition den Bundesstaaten freigestellt, manche mach(t)en davon Gebrauch. Etwa Morarji Desai (Janata Party, früher INC) als Chefminister im damaligen Bombay State in den 1950ern; als er 1977 Premier wurde, wollte er ein landesweites Verbot durchsetzen, was ihm aber nicht gelang. In einigen Ländern, zB Thailand, ist Alkoholverkauf/-konsum an religiösen Feiertagen und/oder Wahltagen illegal.

Berühmte Konsumenten & Opfer

Boris Jelzin war so etwas wie der typische russische Trinker (Wodka), er hat viele betrunkene Auftritte als Präsident zu Buche stehen (http://www.youtube.com/watch?v=v9YnDirqwT4), ist auch in Folge seines Alkohol-Konsums gestorben, sein Herzleiden wurde dadurch zumindest verschlimmert.

“Jimi” Hendrix starb indirekt an einer Kombination aus Wein und Schlaftabletten, erstickte an seinem Erbrochenen. John Bonham von der britischen Rockgruppe Led Zeppelin war einer Jener, die im Alkoholrauschschlaf an ihrem Erbrochenen erstickten

Der schwedische Eishockey-Tormann „Pelle“ Lindbergh starb, 1985, durch einen Autounfall infolge Alkoholkonsums, wie zB auch der amerikanische Stuntman/Schauspieler Ryan Dunn

Der Schauspieler Cory Monteith war einer Jener, denen die Kombination Alkohol und Heroin zum Verhängnis wurde

Amy Winehouse trank sich zu Tode, starb letztlich an einer Alkoholvergiftung; bei Gerhard Höllerich war die Alkoholvergiftung vielleicht eine Art Selbstmord, wegen seiner Herzkrankheit

“Billie Holliday” (Elenora Fagan) nahm zwar hauptsächlich Heroin, starb aber an einer Leberzirrhose

Stephen Marriott von den “Small Faces” starb 1991 durch einen selbstverschuldeten Schwelbrand in seinem Haus in GB; er war aus der USA rüber geflogen, hatte dafür Valium genommen, während und nach dem Flug auch einiges getrunken; und schlief mit einer brennenden Zigarette ein.

Gerry Rafferty’s Alkoholismus führte zu seinem Tod durch Leber- und Nierenversagen

Der amerikanische Senator Joseph McCarthy dürfte an einer Trinker-Krankheit gestorben sein, 1957, im Alter von 49, er soll auch Morphinist gewesen sein, um vom Heroin loszukommen; McCarthy hatte ein Naheverhältnis zum Drogenjäger Harry Anslinger

Gestorben am Alkohol sind auch: Larry Hagman (das Trinken hatte er mit seiner wichtigsten Figur J. R. Ewing gemein, ansonsten unterschied er sich grundlegend von diesem, er unterstützte die Peace and Freedom Party und rauchte auch Marijuana)32, Vladimir Vysotskij (sowjet-russischer Künstler, nahm neben Alkohol auch Amphetamine uA), George Best, Henri de Toulouse-Lautrec, Richard Burton, Jack Kerouac, John Cassavetes, “Garrincha”, Christopher Hitchens, Modest Mussorgsgy, Harald Juhnke, Patrick Swayze (war Trinker und Raucher), Truman Capote, Dylan Thomas, “Hank” Williams, Branko Zebec, Errol Flynn, Mickey Mantle, Chögyam Trungpa (tibetischer buddhistischer Geistlicher), „Rio Reiser“, Frank Giering Werner Schwab,…

Winston Churchill („I have taken more out of alcohol than alcohol has taken out of me“), Vincent van Gogh (Absinth), “Lemmy” Kilmister (nahm reichlich Whiskey, gemischt mit Cola, zu sich, neben “Speed” und Anderem), Franz Josef Strauss (angeblich Champagner), James Joyce, “Romy Schneider” (Alkohol und Tabletten), Ernest Hemingway, Elizabeth Taylor, Robin Williams, Leopold Gratz, Orson Welles, Jeffrey Dahmer, Edgar Degas waren auch Sklave der Flasche bzw des Mittels, sind aber nicht daran gestorben

Den “Kampf” mit dem Alkohol bestreiten z Zt (oder haben gewonnen) Paul Gascoigne, Gerard Depardieu, David Hasselhoff, Brigitte Nielsen, George W. Bush, “Ozzy” Osbourne, Mel Gibson, Helmut (Stein)berger, „Johnny“ Depp, Wolfgang Ambros (u.a. Tequila), Matti Nykänen, Kurt Krenn, Walter Mayer, Udo Lindenberg, Katrin Sass, Stephen King, Hermann Nitsch, John Daly, Klaus Eberhartinger33, Sara Netanyahu,…

Künstlerische Referenzen 

“Leaving Las Vegas” (1995) ist wohl der ultimative Alkoholiker-Film.

“Ich weiss nicht, ob ich zu trinken begann, weil mich meine Frau verliess oder ob mich meine Frau verliess weil ich zu trinken begann”

, sagt der Protagonist irgendwann. Nachdem er seinen Job, wegen Alkohol, verloren hat, fährt er nach Las Vegas, um sich zu Tode zu trinken, wobei ihm eine Prostituierte Gesellschaft leistet. Manche Alkoholiker bekommen Probleme erst durchs Trinken, andere trinken weil sie schon Probleme haben; der Teufelskreis von Problemen und Trinken.34 Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von John O’Brien, der durch einen “echten” Selbstmord endete (er erschoss sich), der Roman war eine Art Abschiedsbrief.

Eine wichtige Rolle spielt der Alkohol(ismus) auch in diesen Filmen: “The Lost Weekend” (“Das verlorene Wochenende”, 1945, Ray Milland), “The Days of Wine and Roses” (1962, Jack Lemmon und Lee Remick), “The Morning After”, “The Rum Diary” (nach Hunter Thompson) “Wer hat Angst vor Virginia Woolf?” (verfilmtes Theaterstück, wie “Tage des Weins und der Rosen”), “Crazy Heart” (Jeff Bridges als Country-Musiker), “Cocktail” (Tom Cruise, nur die positive Seite des Alkohols gezeigt darin), “Bright Lights, Big City” (1988, Kokain und Alkohol), “Shining”, “Bad Santa”, “Afonya”, “Under the Volcano”, “Oldboy” (2013),… und natürlich die James Bond-Filme mit den Martinis; In der TV-Serie “Falcon Crest” gings um eine Winzer-Familie in Kalifornien; Mitte der 1960er verschob sich der Focus der im Film behandelten Drogen von Alkohol zu Drogen-Gebrauch und -Handel; In “Platoon” sagt der von “Tom Berenger” dargestellte Charakter, aus einer Whiskey-Flasche trinkend, zu den Opium und Haschisch rauchenden Kollegen: “Ihr müsst der Wirklichkeit entfliehen, ich bin die Wirklichkeit”

Die eigene Alkohol-Sucht literarisch verarbeitet haben “Jack London” (“König Alkohol”, 1913), Capote, Norman Mailer, Hemingway, Tennessee Williams, William Faulkner, Eugene O’Neill (zB in “Long Day’s Journey Into Night”, wurde auch verfilmt), Charles Bukowski (schrieb auch das quasi-autobiografische Drehbuch für den Film “Barfly”), die zT auch anderes nahmen. Der rebellische Südtiroler Dichter Norbert Kaser (wurde Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens, PCI, und trat aus der katholischen Kirche aus) arbeitete zeitweise als Lehrer, war besonders in den letzten Jahren seines Lebens (ab Anfang/Mitte 1970er) schwer alkoholsüchtig, hatte diverse Heilaufenthalte. Im August 1978 starb er im Krankenhaus von Bruneck an den Folgen einer Leberzirrhose. Sein letztes Gedicht “ich krieg ein kind” beschreibt den Verfall seines Körpers kurz vor dem Tod (Ascites). In “Fledermausmann” von Jo Nesbo gehts auch um Alkohol.

Ozzy Osbourne nahm 1980 (solo) den Song “Suicide Solution” auf, in dem es um Alkoholmissbrauch geht; 1984 brachte sich ein Amerikaner dazu um, seine Eltern klagten den Musiker. Commander Cody and His Lost Planet Airmen brachten 1971 “Lost in the Ozone” (“One drink of wine, two drinks of gin…And I’m lost in the ozone again…”) heraus. Auch der “Alabama Song” (Doors), “Bloody Mary Morning” (Willie Nelson), “Eisgekühlter Bommerlunder” (Tote Hosen), “Red Red Wine” (u.a. UB40), “Sippin’ on Bacardi Rum” (Groove Connection), “Whiskey in the Jar” (irisches Volkslied, ua von “Dubliners” aufgenommen), “Tequila Sunrise” (Eagles), “Drunken Sailor” (Seefahrer-Lied wahrscheinlich irischer Herkunft), “Schiffn” (und andere von Alkbottle) und “Alkohol” von H. Grönemeyer handeln vom Trinken.

Weiterlesen

Über den Alkohol-Stoffwechsel im Körper

Geschichte des Alkohols von der Antike bis fast in die Gegenwart

C. Rätsch über das frühe Bier der Germanen/Deutschen

Geschichte des Alkohols

Liste alkoholischer Getränke (Englisch)

Rund um das Bier

Über Baclofen

Anthroposophische Sicht

Über Absinth

Rod Phillips: Alcohol: A History (2014)

Jack S. Blocker, David M. Fahey, Ian R. Tyrrell: Alcohol and Temperance in Modern History: An International Encyclopedia (2003)

Scott C. Martin: The SAGE Encyclopedia of Alcohol: Social, Cultural, and Historical Perspectives (2015)

Bert Fragner, Ralph Kauz, Florian Schwarz (Hg.): Wine Culture in Iran and Beyond (Osterreichische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse, Veröffentlichungen zur Iranistik Nr.75)

“Bacchante”, Kathleen Ryan, Theseustempel Wien 2017. Die Skulptur soll Trauben darstellen und an Bacchus/Dionysos “erinnern”

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Solche Gesöffe werden zB “Pruno” genannt. Beim Hineinschmuggeln in Gefängnisse sind alkoholische Getränke wiederum im Nachteil gegenüber den meisten anderen Drogen. Eine Anleitung zur Herstellung von Gefängniswein: https://www.youtube.com/watch?v=OWo25-_oEw8
  2. Bereits erschienen: Opium, Heroin, Kratom, Kokain, Morphium, fiktive
  3. Schon damals bildeten sich die Trinkkulturen heraus, südlich der Alpen wurde lieber Wein getrunken, nördlich davon Bier
  4. Das Bier der alten Ägypter, Sumerer oder Inka enthielt auch gelegentlich Cannabis, Opium oder Coca
  5. Das bekannteste der Reinheitsgebote im deutschen Raum, jenes in Bayern, kam erst am Übergang von Mittelalter zur Neuzeit
  6. Die Abbasiden noch am ehesten, aber unter ihnen dürfte es starke Trinker gegeben haben
  7. Der Alchemist und Mediziner “Paracelsus” hat die Bezeichnung “Alkohol” im deutschen Raum mit eingeführt, davor war meist von “Weingeist” die Rede. Paracelsus dürfte selbst ein Alkohol-Problem gehabt haben
  8. Persien/Iran hatte fast 1000 Jahre lang, zwischen Sasaniden und Safawiden, keine Unabhängigkeit
  9. Weinbrand entsteht durch Destillation von Wein, ist eine bestimmte Form von Branntwein
  10. Die Destillation zu hochprozentigem Alkohol (die allerdings vom Orient ausgegangen sein dürfte) stand am Anfang einer Entwicklung der Drogen im Westen, die eine globale wurde, und die die allgemeine Entwicklung widerspiegelte: Entwicklung stärkerer und konzentrierterer Mittel, durch chemische und technische Fortschritte; später Säkularisierung (Berauschung nicht mehr in Rituale eingebettet) und Kommerzialisierung (die auch Verbote harmloserer Mittel aus wirtschaftlichen Gründen und die Verbreitung gefährlicherer umfasste)
  11. In Tarantinos Film “Deathproof” wird der von Kurt Russell dargestellte Psychopath am Ende von den Frauen die er drangsalierte, angeschossen, verwandelt sich in ein Weinbaby, und greift zu einer Flasche Whiskey (Uisce) im Handschuhfach, versucht seine Schmerzen damit zu stillen (mit oraler Anwendung), schüttet ihn auch auf seine Wunde am Oberarm, zur Desinfizierung, was bei den ca 40% Alkohol, die ein Whiskey enthält, sinnlos ist. http://www.youtube.com/watch?v=hkR8oeIBAz4
  12. Als solches ist Alkohol schlecht geeignet, da schlecht steuerbar, u.a. weil die Toxizität rascher eintreten kann als die Analgesie
  13. Siehe etwa http://www.youtube.com/watch?v=M1vc3Ut5mvs
  14. Die antiseptische Wirkung des Alkohols in Kombination mit der Säure von Bier und Wein tötet Mikroben in verschmutztem Wasser ab. In weiten Teilen Ostasiens dagegen gab es die Tradition, das Wasser zum Trinken abzukochen, gewöhnlich um Tee zu bereiten
  15. Agraralkohol (etwa Wein oder Apfelmost) wird in der Nahrungsmittel-Industrie etwa für die Herstellung von Essig verwendet
  16. http://www.chemryb.at/chemie2/sauerstoffv/alk_getraenke.htm
  17. Man denke etwa an den Song “Ich lieb dich überhaupt nicht mehr”, den Unterschied in der Version von Udo Lindenberg und der von Nena (die Zeile “Wenn ich manchmal nachts nicht schlafen kann, geh’ ich in die Kneipe und sauf’ mir einen an” singt sie “geh’ ich in die Kneipe von nebenan
  18. Etwa bei Thomas Hengartner: Genussmittel. Eine Kulturgeschichte (2001)
  19. Und nachdem sie ein Einwanderungsland ist, auch in nördlichen Gebieten südliche Trinkkultur, man denke an die Italo-Amerikaner
  20. Dort trinkt man anders oder geht anders damit um
  21. Was die “Indianer” Nord-Amerikas betrifft, sie kannten anscheinend im Gegensatz zu jenen in Mittel- und Südamerika die Gärung nicht. Ob sie die Bezeichnung “Feuerwasser” für Alkohol tatsächlich benutzten, ist umstritten. Alkoholismus wurde ein grosses Problem für sie, nicht zuletzt in den Reservaten
  22. Wilhelm Busch in „Fromme Helene“: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“
  23. Die Zerstörung der eigenen Gesundheit ist auch ein Akt der Autoaggression, ein zT bewusster
  24. Wie in vielen islamischen Reichen durch die Jahrhunderte
  25. Nachdem Estland mit dem Ende der Sowjetunion wieder unabhängig wurde, wurde diese Option wieder aktuell. Aus Schweden fährt man vorzugsweise nach Dänemark
  26. Über die Verbote des Absinth, sein “Leben” im Untergrund, und die Wiederzulassungen, könnte man einen eigenen, feinen, kleinen Artikel schreiben; oder über den Uhudler
  27. Eine andere Folge der Prohibition war, dass neue Cocktails kreiert wurden, um den Geschmack von schlechtem Alkohol zu “überdecken”
  28. Bald danach ging auch die Weltwirtschaftskrise zu Ende
  29. Roosevelts Unterzeichnung war zwischen der Verabschiedung durch den Kongress und der Ratifizierung der Parlamente der Bundesstaaten, die Aufhebung hätte also noch scheitern können
  30. Siehe http://www.alk-info.com/index.php/reportagen-hm/367-alkoholiker-im-dritten-reich-alkohol-und-nazis-euthanasie-kz-konzentrationslager . Wenn man an die Hinterräume kleiner Bierlokale in München denkt, in denen die NSDAP und ihre Vorgängerpartei ihre ersten Anhänger fanden, oder die Biotope von Neo-Nazis… Der Nationalsozialismus und Drogen, das ist ein Kapitel für sich. Soldaten wurden Aufputschmittel gegeben für den “Blitzkrieg”, auch einige NS-Führer nahmen “Speed”; darum wird es hier ein ander Mal gehen
  31. Wie jene, die die Prohibition in der USA kontrollierten
  32. Marion Morrison (“John Wayne”) etwa war dagegen ein Typ wie die Charaktere, die er darstellte
  33. In seiner Autobiografie brüstet er sich seines Alkoholkonsums u.a. als Skilehrer und beim Autofahren (“Auge zuhalten half gegen doppelt sehen”, “Wir haben gesoffen wie die Bären”), beschuldigt gleichzeitig seine Ex-Partnerin, getrunken zu haben, daher habe er sie verlassen
  34. Nach Homer Simpson ist C2H5OH die Lösung aller Lebens-Probleme, wie auch die Ursache aller Probleme

Morphium

Entwicklung

Es geht hier um eine Droge, die nicht mehr aktuell ist, das zu Anfang des 19. Jahrhunderts erstmals hergestellte Morphium bzw Morphin. Das Alkaloid wurde wurde von seinem “Entdecker” “Morphium” genannt und bald wurden Präparate damit unter diesem Namen industriell hergestellt und vertrieben; als wissenschaftliche Bezeichnung hat sich aber “Morphin” durchgesetzt. Für den Gebrauch als Droge wird weiter vorwiegend “Morphium” verwendet. Die englische (und französische) Bezeichnung ist “Morphine”. Morphium war Grundlage für das fast 100 Jahre später ebenfalls in Deutschland entwickelte “Heroin” (Diacetylmorphin). Die Injektionsspritze und Kriege verhalfen dem Morphium zur Ausbreitung. Es hatte eine kurze Hoch-Zeit, Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jh, vorwiegend in der westlichen Welt. Am höchsten war die Welle des Morphium-Gebrauchs in der Zeit des Fin de siècle, danach wurde es hauptsächlich vom Heroin verdrängt. Viele literarische oder Film-Figuren aus dieser Zeit waren Morphinisten, und auch reale Personen. Dies ist also die Kulturgeschichte des Morphiums.

Die Suche nach den Wirkstoffen im Opium war seit dem 17. Jahrhundert im Gang. Im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert versuchten Apotheker und Chemiker in Europa durch Extraktion, Ausfällen, Dekantieren und Filtrieren die Inhaltsstoffe von Arzneipflanzen und deren chemische Zusammenhänge zu ergründen, und überhaupt pflanzliche Inhaltsstoffe zu isolieren.

1803 wurde in Frankreich Morphin, wichtigstes Alkaloid des Morphiums, erstmals isoliert, von Armand-Jean-François Séguin und seinem Assistenten Bernard Courtois. Seguin hielt darüber 1804 einen Vortrag (vor der Academie des Sciences), der allerdings erst 1814 veröffentlicht wurde. Zu weiteren Untersuchungen kam Seguin aufgrund einer von durch Napoleon veranlassten Anklage gegen ihn nicht mehr. Auch Louis-Charles Derosne befasste sich (unabhängig von Seguin) mit der Analyse der Bestandteile des Opiums, isolierte ebenfalls 1803 ein “Opiumsalz”, das nach heutiger Ansicht ein Gemisch aus Morphin und Narkotin (Narcotin) war. Antoine Baumé hatte Narkotin bereits 1762 aus Opium isoliert.

Der Apothekergehilfe Friedrich Wilhelm Sertürner, der eben erst seine Lehrzeit beendet hatte, wandte sich 1803 in der Cramer’sche Hofapotheke in Paderborn dem Problem der unterschiedlichen Wirksamkeit von Opium (das bei der Schmerzbekämpfung eingesetzt wurde) zu. Er begann bei seiner Analyse von Roh-Opium mit einem wässrigen Auszug durch Auskochen. Diesen neutralisierte er mit Ammoniak. Er gab den Niederschlag einem Hund zu testen, liess es Mäuse probieren. Da sich dieser sich nicht in Wasser, wohl aber in Essigsäure löste, vermutete er richtig, dass es sich um einen alkalischen (basischen) Stoff handle. Damals wurde angenommen, dass pflanzliche Wirkstoffe nur als Säuren vorliegen würden.

Sertürners Isolierung von Morphin aus Opium und die Erkenntnis darüber fiel ins Jahr 1804. Er nannte dieses erste isolierte Alkaloid1 “Morphium”, nach Morpheus, dem griechischen Gott der Träume.2 Sertürner publizierte seine Erkenntnisse 1806, im “Journal der Pharmacie” von Trommsdorff, im Artikel “Darstellung der reinen Mohnsäure (Opiumsäure) nebst einer chemischen Untersuchung des Opiums”. Zum ersten Mal lag die chemisch reine Form eines pflanzlichen Arzneistoffs vor, was die exakte Dosierung des Stoffes ermöglichte.

Sertürner in seinem Bericht 1806:

„Wird es ferner erwiesen, daß der schlafmachende Stoff an und für sich dieselben (wo nicht bessere) Wirkungen als das Opium in der thierischen Oekonomie hervorbringt, so sind alle diese Schwierigkeiten gehoben; der Arzt hat nicht mehr mit der Ungewißheit und dem Ungefähre, worüber oft geklagt wird, zu kämpfen, er wird sich immer mit gleichem Erfolg dieses Mittels …, statt der nicht immer gleichen jetzt gebräuchlichen Opiumpräparate bedienen können.“

Sertürner begann 1805 als Mitarbeiter einer Rats-Apotheke in Einbeck nördlich von Paderborn. Nachdem unter Napoleon die Gewerbefreiheit im Königreich Westphalen eingeführt worden war und er 1809 in Kassel sein Apothekerexamen bestanden, erwarb Sertürner ein Patent zur Errichtung einer zweiten Apotheke in Einbeck. Mit der Niederlage von Napoleon und seiner Armee bei Leipzig 1813 wurden in Deutschland die “meisten Uhren zurück gedreht”, fiel auch die gesetzliche Berechtigung für seine Apotheke weg (bzw, überhaupt das Königreich Westphalen). Das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg (auch Kurfürstentum Hannover genannt), zu dem Einbeck gehörte, wurde zunächst restauriert, dann, durch den Wiener Kongress, 1814 zum Königreich Hannover. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit musste Sertürner 1817 die Apotheke aufgeben. In dieser Zeit überprüfte er die Untersuchungen zum Opium, kam zum gleichen Ergebnis wie ein Jahrzehnt zuvor.

Sertürner publizierte 1817 erneut über die Isolierung des Morphins, dies führte zur Wiederentdeckung seiner vergessenen (untergegangenen) Entdeckung.3 Auf diese Publikation wurde der französische Chemiker Louis-Joseph Gay-Lussac aufmerksam, der auch Herausgeber der Zeitschrift “Annales de chimie et de physique” war. Er veranlasste eine Übersetzung, die nun eine Fülle von Aktivitäten auf diesem Gebiet auslöste. Dazu gehört auch ein Prioritätsstreit um die Entdeckung des Morphin. Über Frankreich fand Sertürner nun auch in Deutschland Anerkennung, wurde (ebenfalls 1817) in die „Societät für die gesammte Mineralogie zu Jena” aufgenommen, deren Präsident zu jener Zeit Goethe war. An der philosophischen Fakultät der Universität Jena reichte er seine Arbeit über das Morphin ein, promovierte damit.

Verbreitung

1821 erwarb Sertürner die Rats-Apotheke in Hameln (ebf. Königreich Hannover), als Nachfolger des ebenfalls bedeutenden J. F. Westrumb. Hier arbeitete er bis zu seinem Tod 1841, blieb daneben wissenschaftlich aktiv, publizierte zu Lehre und Forschung. Die französische Académie des sciences entschied im Prioritätsstreit um die Entdeckung des Morphins um 1830 für Sertürner und gegen Seguin. Der “Erfinder” des Morphins/Morphiums war möglicherweise sein erster Abhängiger. Selbstversuche führte er schon bei der Isolierung durch. Später empfahl er das Mittel anscheinend Kunden seiner Apotheke und Leuten seines Bekanntenkreises, als Linderung für alle möglichen Beschwerden. Morphium wurde zunächst in Sertürners Apotheke vertrieben, als Schmerzmittel sowie für die Behandlung von Opium- und Alkoholsucht.

Der Schritt von lokal, individuell in Apotheken hergestellten und vertriebenen Arzneien zur industriellen Herstellung und zum grossflächigen Vertrieb hängt eng mit dem Morphium zusammen. Auch wegen der kaum zu befriedigenden Nachfrage begann die Loslösung der Arzneiherstellung vom Apothekenlabor. Zur selben Zeit veränderte sich die die Pharmazie von einem reinen Lehr- zum akademischen Beruf. Und, gemäßigte, lokale Herstellung (und Konsum) pflanzlicher Drogen ging über in die industrielle chemische Herstellung konzentrierter Mittel und den Vertrieb dieser Mittel, der Länder und Kontinente umfasste. Diese Entwicklungsschritte, in der späten Neuzeit, gingen nicht zuletzt von Deutschland aus. Diese wissenschaftlich-wirtschaftlichen Umwälzungen (mit gesellschaftlichen Auswirkungen) fanden vor dem Hintergrund politischer Umbrüche statt, dem Ende des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, den Napoleonischen Kriegen und Staatsgründungen und der Restauration der deutschen Staaten (die nur mit einer schwachen Klammer verbunden waren).

Der französische Mediziner François Magendie publizierte 1818 über die medizinische Wirkung des Morphiums, insbesondere die schmerzlindernde (analgetische). Man hatte ein Schmerzmittel, das konzentrierter und dosierbarer als Opium war. Morphium/Morphin stand lange im Zentrum der Schmerztherapie. Und, vom Schmerzstillenden zum Euphorisierenden ist es eben nur ein kleiner Schritt, das wusste man schon vom Opium. Was mit “hypnotischen” Eigenschaften beschrieben wurde, war nicht nur das Einschläfernde, sondern auch das Rauscherzeugende.4 Verschiedene Apotheker und Chemiker versuchten damals nicht nur erfolgreich, aus Opium weitere Alkaloide zu isolieren, wie Kodein; es gelang auch die Isolierung von Nikotin, Koffein oder Chinin. Dass im menschlichen Körper ein selbst produziertes Opioid existiert, Endorphin (das eigentlich „endogenes Morphin“ bedeutet), wurde erst in den 1970ern erforscht/entdeckt.

Um 1820 begann die (Herstellung und) Verwendung des Morphiums in Deutschland und Frankreich, als Arznei und insbesondere als Schmerzmittel. Wegen des bitteren Geschmacks und ausgelösten Brechreizes war die orale Gabe nicht optimal, suchte man eine Methode, den Verdauungsweg zu umgehen. Als eine Möglichkeit fand man die künstliche Zerstörung der Hautoberfläche (Aufritzen der Haut) und eine Aufnahme über die verletzte Stelle (Morphinanreibung). Daneben wurde vor dem Injizieren auch die Aufnahme über Schleimhäute (Mund, Nase) und durch das Rauchen5 praktiziert.

Die Apothekenlabors waren nicht dafür geeignet und ausgestattet, Arzneistoffe in grossem Ausmaß herzustellen. Manche Apotheker sahen darin ihre Chance, erweiterten ihre Labors oder schufen neue Produktionsstätten. Etwa Emanuel Merck, Besitzer der der in Familienbesitz befindlichen “Engel-Apotheke” in Darmstadt, der sich auch zum Ziel setzte, Arzneistoffe in immer gleich bleibender Qualität zu liefern6. Merck begann 1827 mit der industriellen Produktion von Morphium, als Erster. Er befasste sich mit möglichen Verbesserungen in der Herstellungstechnologie (Extraktion) von Morphium, kam darauf, dass die damals gängigen Verfahren nicht reines Morphin, sondern eine Mischung mit Narcotin darstellten. Innerhalb weniger Jahre wuchs sein Betrieb in einem kaum geahnten Ausmaß, die Morphium-Verkäufe hatten daran einen entscheidenden Anteil. Wie er verlegten sich einige Apotheker darauf, Arzneistoffe und Präparate herzustellen und an andere Apotheken zu liefern. Auch Beiersdorf oder Trommsdorff waren ursprünglich Apotheker, die dann die Herstellung pharmazeutischer Produkte aus der Mutterapotheke lösten bzw Herstellung und Verkauf an den Verbraucher trennten, zweiteres aufgaben.

So entstand im Laufe des 19. Jahrhunderts die pharmazeutische Industrie, im Zuge einer allgemeinen Industrialisierung, auch ausserhalb Deutschlands. Das Morphium steht am Anfang der Entstehung der pharmazeutischen Industrie; auch einige andere ihrer frühen Mittel kamen aus der Isolierung und dann Verarbeitung pflanzlicher Wirkstoffe, die auch als Rauschmittel benutzt und später als solche verboten wurden (v.a. Kokain und Heroin). Der Pharma-Konzern Merck erwähnt auf seiner Homepage Morphium und Kokain nicht (etwa im Rahmen seiner Firmengeschichte), trotz (oder wegen) des entscheidenden Beitrags dieser Mittel dazu, die Firma gross zu machen; er beantwortet auch Anfragen dazu abschlägig. (Hier ein bisschen was dazu.)

Morphium wurde als Medizin verstanden. 1822 vergiftete der französische Arzt Edme Castaing damit einen Patienten, um in den Besitz seines Vermögens zu kommen. Er wurde überführt und 1823 in Paris enthauptet. Wahrscheinlich der erste Einsatz des Mittels als Gift. Viel öfters wurde es aber als Rausch-Droge zweck-entfremdet. Morphium bringt die typischen Opiateffekte und -probleme. Von Verstopfung über die Gefahr einer Atemdepression bis zur Sucht, dem Schritt vom “sich gut fühlen damit” zum “erträglich fühlen nur noch damit”. Auch nach einer Schmerzbehandlung war/ist Morphium nicht so leicht abzusetzen. Im Westen löste Morphium Laudanum ab, in Teilen des Orients Rauchopium.

Ende der 1820er stellte Merck aus Pflanzenextrakten Produkte wie Morphium/Morphin, Narcotin, Chinin, Emetin oder Salicin (Vorläufer der Salicyl- und Acetylsalicylsäure) zum Weiterverkauf und Versand her. Nach wiederholten innerstädtischen Verlegungen seiner Produktionsstätten erwarb Merck 1840 ein am Stadtrand von Darmstadt (seit 1806 beim Grossherzogtum Hessen) gelegenes Grundstück zur Gründung einer chemisch-pharmazeutischen Fabrik. Georg Merck, Spross des Familienunternehmens, entdeckte 1848 (im Laboratorium des angesehenen Giessener Chemie-Professors Justus von Liebig) Papaverin, ein weiteres Alkaloid des Opiums. Es wirkt erschlaffend auf die glatte Muskulatur, wodurch ein Einsatz bei Krankheitsbildern wie Asthma oder Darmkoliken sinnvoll wurde. Daneben wurde es bei “erregten Kranken” eingesetzt.

Die Entwicklung der Injektionsspritze wurde durch den Wunsch vorangetrieben, Lösungen damals neu entdeckter, stark wirkender Arzneistoffe, nicht zuletzt des Morphiums, zu verabreichen. Erst die Entwicklung der Spritze durch Charles Gabriel Pravaz (auch hier gab es „Vorarbeiten“ durch andere, die zT Jahrhunderte zurückgehen, und Weiterentwicklungen) in den 1850ern ermöglichte eine einfachere und schmerzlose Applikation; ein grösserer Erfolg des Morphiums als Schmerzmittel erfolgte erst dadurch. Der schottische Arzt A. Wood verabreichte 1853 als einer der Ersten Morphium (genauer: Morphin-Sulfat) mit einer solchen Spritze, führte das ein, was mit den Kriegen in Nord-Amerika und West-Europa bald zu grosser Verbreitung kommen sollte. Woods Frau soll von solchen Injektionen süchtig geworden sein davon. Überdosierungen wirken sich als Injektion „unmittelbarer“ aus.

Kriege haben dem Morphium zu grösserer Verbreitung geholfen, vor allem der US-amerikanische Bürgerkrieg. Möglicherweise war Morphium schon im Krim-Krieg (1853-1856) und im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg (1846-1848) im Einsatz. Aber erst im USA-Bürgerkrieg (1861-1865) gab es auch die Möglichkeit der Injektion. Morphinsulfat wurde Kriegsverletzten als Schmerzmittel gespritzt und als Anästhesiemittel bei Operationen eingesetzt7. Daneben wurde es auch bei Durchfall, Malaria und Ruhr verabreicht. Das in beiden beteiligten Armeen. Auch Atropin wurde so verabreicht.

Mehrwegspritzen (aus Glas) gab es viel zu wenige in dem Krieg, auch in der besser ausgerüsteten Nordstaaten- (bzw Bundes-) Armee. Daneben wurden auch Opium-Pillen verabreicht, vor allem dann, wenn Spritzen nicht verfügbar waren. In die Armee der Südstaaten/Konföderierten kamen Morphium und Opium trotz der Seeblockade seiner Häfen, durch Schmuggel und Erbeutung von Vorräten im Norden. Die hygienischen Zustände in den Lazaretten waren erbärmlich, so dass ein potentes Schmerzmittel erst recht vonnöten war. Die Behandlung von Verletzungs-Schmerz mit Opiaten und Injektionen bedeutete einen Durchbruch für die Militärmedizin – und den endgültigen für das Morphium als Schmerzmittel.

Jeder Krieg hat seine Droge und jene des Amerikanischen Bürgerkriegs (in dem schon einiges stark in die Moderne zeigte) war das gespritzte Morphium. Es soll auch für die eine oder andere Aktion von Kriegsteilnehmern “verantwortlich” gewesen sein, etwa den Angriff von CSA-General Richard S. Ewell (der nur mehr ein Bein hatte) auf Gettysburg 1863. Drogengebrauch war in der Militärkultur nichts neues, auch wenn diesbezügliche Überlieferungen über die Assassinen nicht zutreffend sein sollten. Die Frauen in der Familie von Jefferson Davis, dem Präsidenten der Konföderierten Staaten (CSA), sollen stark süchtig gewesen sein, von Morphium oder Laudanum, unabhängig vom Krieg.8 Die Anwendung in Kriegen und danach brachte den Doppelcharakter des Morphiums (eigentlich aller Opiate) gut zum Vorschein, den des Schmerzlinderers und des Freudenbringers. Das Mittel, das einen Schmerzen (bzw Verletzungen, Krankheiten) nicht spüren lässt, darüber hinweg tröstet, wird eben auch zur Abschirmung von negativen Gefühlen verschiedener (anderer) Art geschätzt. Von der Anwendung für die Schmerzlinderung zur Anwendung aus hedonistischen Motiven heraus ist es eigentlich kein so grosser Schritt.

Soldaten bekamen in diesem Krieg grosse Mengen an Opiaten verabreicht. Die eine Wirkung haben, an die man sich schnell gewöhnt. Und, viele trugen vom Krieg bleibende Schäden davon, chronische Schmerzen, Behinderungen, seelische Traumata. Und Morphium war auch nach dem Krieg frei verfügbar. Im Zusammenhang mit der der daraus resultierenden Suchtwelle wird auch von einer “Soldatenkrankheit” (Soldier’s disease) gesprochen. Es ist aber umstritten, wie gross diese Suchtwelle wirklich war und wie viel sie mit dem Krieg zu tun hatte. Siehe dazu einen Link unten zu einem Artikel. Der behinderte/traumatisierte Kriegsveteran, der sich selbst Morphium injizierte und dessen Sucht für Andere offensichtlich war, gab es ihn gegen Ende des 19. Jh tatsächlich in allen US-amerikanischen Städten? Manche Historiker meinen, dass hier übertrieben wurde, um repressive Drogengesetze zu rechtfertigen. Die Zahl der Morphium-Süchtigen in der USA nach dem Krieg muss irgendwas zwischen 40 000 und 400 000 betragen haben.

Das Suchtpotential von Morphium wurde nach diesem Krieg jedenfalls klar. Und, infolge des USA-Bürgerkriegs wurde Morphium als Schmerz- und Rauschmittel dort hegemonial, zT durch Umsteiger vom Laudanum (Opium und Alkohol) und (Rauch-)Opium. Es wurde aber aus Morphium und Alkohol eine Art neues Laudanum gemischt. „Morphinismus“ meinte ursprünglich nur die Abhängigkeit von Morphium, wird auch für andere Opiat-Süchte und sogar andere Drogen verwendet.9 Sie waren eine bemerkenswerte gesellschaftliche Mischung, die Morphinisten der USA des späten 19. Jh.: Bürgerkriegs-Veteranen, chinesische Einwanderer und weisse Mittelstands-Frauen. Manchen Angaben zufolge machten Letztere die Mehrheit davon aus, Damen der sogenannten besseren Gesellschaft, die Morphium gegen Schmerzen und Unwohlsein aller Art nahmen, zu “Injektionskränzchen” zusammen kamen. Alexandre Dumas d. J. nannte Morphium den Absinth der Frauen. Auch Mary Chesnut, durch ihr Tagebuch eine wichtige Zeitzeugin des Bürgerkriegs, nahm es.

In Europa war der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 die “Entsprechung” zum amerikanischen Bürgerkrieg, bedeutete die Einführung des (gespritzten) Morphiums in der Militärmedizin (v.a. für Schmerzbehandlung, aber nicht nur), markiert den Beginn der breiten “zivilen” medizinischen Verwendung und seine Durchsetzung in der Gesellschaft zur Selbst-Medikation, nicht zuletzt durch im Krieg süchtig gewordene Soldaten.10 Auch in den anderen Reicheinigungskriegen kam es zur Anwendung. Auch hier wurde man bald auf das im Morphin schlummernde Suchtpotential aufmerksam.

Wieder so eine Koinzidenz, dass der Durchbruch für Morphium in Deutschland und Europa mit der Gründung des Deutschen Reichs zusammenfiel. Es war mir nicht möglich, zweifelsfrei heraus zu finden, ob Merck ein Patent auf Morphium hatte. Jedenfalls hatte es am Weltmarkt eine Hegemonie inne bis zum Ersten Weltkrieg. Krankenhäuser, Ärzte, Apotheken kamen in den meisten Teilen der westlichen Welt nicht mehr ohne Morphium aus. Seit 1880 wurde es auch massiv nach China importiert, wo man (der Westen) um des Geschäfts willen zuerst das Opium-Rauchen aufrecht erhalten wollte, dann durch seine eigenen Mitteln ersetzen wollte.

Allmähliche Verdrängung

Der Deutsch-Französische Krieg, mit Morphium-Einsatz, führte ja zur deutschen Eroberung von Elsass und Lothringen. Dort, am Pharmakologischen Institut der Universität Strassburg11 arbeitete in den 1880ern der Mediziner Heinrich Dreser (aus Darmstadt). Einige Jahre später war Dreser bei Bayer in Elberfeld tätig, Leiter des dortigen Pharmakologischen Laboratoriums, in dem Ende des 19. Jh Diacetylmorphin (Heroin) und Acetylsalicylsäure (“Aspirin”) entwickelt wurden. Es heisst, dass Heroin aus patentrechlichen Gründen entwickelt wurde, man etwas ähnliches wie Morphium suchte, da Merck das Patent dafür hatte. Ja, und Heroin sollte eine weniger süchtig machende Alternative zu Morphium als Schmerzmittel sein und ein Mittel zur Entwöhnung vom Morphinismus. Auch Kokain wurde als Entzugsmittel für Morphinisten gesehen und verwendet (etwa bei Freuds Freund Fleischl und CocaCola-Gründer Pemberton).

Es gibt Schwestern, die geben dem Patienten Morphium, damit dieser Ruhe habe – und es gibt Schwestern, die geben dem Patienten Morphium, damit sie Ruhe haben.

Carl Ludwig Schleich (1859 - 1922), deutscher Arzt (Erfinder der Infiltrations-Anästhesie) und Schriftsteller

Bayers Aspirin war das gesuchte leichte Schmerzmittel, für Fälle in denen Morphium viel zu stark war und wo man sonst nur alkoholische Getränke oder Naturheilmittel hatte.12 Morphium bekam als Schmerz- wie als Rauschmittel Konkurrenz vom noch potenteren Heroin. Codein (Kodein), bereits in den 1830ern in Frankreich isoliert, aber erst ab den 1880ern grossflächig hergestellt (u.a. von Merck!) und angewendet, wurde Ende des 19., Anfang des 20. Jh ebenfalls eine Alternative bzw ein Konkurrent.13

Bayer mit Aspirin und Heroin und Hoechst mit nichtopioiden Schmerzmittel aus der Klasse der Pyrazolone überholten Merck (u.a. Morphium, Kokain, Codein) in dieser Zeit. Bis zum 1. Weltkrieg dominierten pharmazeutische Firmen aus dem Deutschen Reich jedenfalls den globalen Handel mit synthetischen Drogen, die meist auch dort entwickelt worden waren. In diesem Krieg bekam Merck viele Aufträge vom Deutschem Heer, für die Schmerzmittel Morphium und Codein, für Kokain (Aufputschmittel), Narkoseäther, Desinfektionsmittel, Impfstoffe, Veterinärarzneimittel (Pferde spielten in dem Krieg noch eine wichtige Rolle). Zu diesen Mitteln, die die Firma auch sonst herstellte, kam gegen Ende des Kriegs die Produktion von Phosphorgeschossen. Für den Konzern war der Krieg dennoch desaströs, ein grosser Teil der Belegschaft wurde ins Heer eingezogen, Tochtergesellschaften im Ausland gingen ebenso verloren wie wichtige Exportmärkte; durch den Versailles-Friedensvertrag gingen Patente verloren.

Morphium war auch im 1. Weltkrieg das Schmerzmittel in eigentlich allen Armeen. Das Gedicht “In Flanders Fields” (Auf Flanderns Feldern) entstand in diesem europäischen Krieg, 1915, durch den kanadischen Offizier John McCrae14, dessen Freund gerade bei einem Granatenangriff in der Zweiten Flandernschlacht bei Ypern gefallen war. McCrae schrieb über die Felder in Flandern, wo der rot blühende Klatschmohn an das vergossene Blut der Gefallenen erinnert und an die narkotisierenden Wirkungen des Schlafmohns, aus dem Morphium gewonnen wird, das als starkes Schmerzmittel für die schwer verwundeten, auch sterbenden, Soldaten eingesetzt wurde. Der Schmerz, die Linderung, der Rausch, der Schlaf, der Tod.

Morphium wurde in dem Krieg grösstenteils von Militärärzten gespritzt. Im US-amerikanischen Militär war daneben eine frühe Form der Morphium-Fertigspritze (Syrette; Ampullen mit integrierter Nadel) im Einsatz, die im Notfall auch von ungeschultem Personal oder verwundeten Soldaten selbst zu verwenden war, am Schlachtfeld subkutan zu injizieren war. Und, Hoffmann-La Roche stellte ab 1909 unter dem Namen “Pantopon” einen gereinigten und injizierbaren Opium-Extrakt (als Hydrochlorid) her, der die Alkaloide des Opiums in natürlicher Zusammensetzung enthielt. Es wurde meist von Leuten, die gegenüber Morphium allergisch waren, toleriert, und war ähnlich potent wie dieses. Ab 1915 wurde auch Pantopon für den Krieg in sterilen Ampullen mit fest verbundener Injektionsnadel (“Tubunic”) hergestellt. Boehringer machte das Präparat der Schweizer Firma ab 1912 als “Laudanon” nach. Hoffmann-La Roche stellte die Opium-Spritzampullen während des Kriegs für diverse Armeen her und Boehringer ebenfalls.

Da sich in Österreich-Ungarn keine nennenswerte eigene chemisch-pharmazeutische Industrie etabliert hatte, waren seine Streitkräfte bis auf wenige Ausnahmen wie Chloroform und Quecksilber vom Deutschen Reich abhängig, dürften zumindest diese auch mit Boehringers “Laudanon”-Fertigspritzen beliefert worden sein. Die in Basel konzentrierte Fabrikation von Hoffmann-La Roche konnte die Nachfrage während des Kriegs auch durch kontinuierlichen Schichtbetrieb nicht decken. Der Krieg als Riesen-Geschäft. Ironie: Die Einmalspritzen mit Schmerzmittel erinner(t)en in ihrer Form an Patronen. In den Armeen der Mittelmächte dürfte aber auch von Ärzten gespritztes Morphium gegenüber dieser Selbst-Anwendung überwogen haben. Gut möglich, dass das Opium für diese und andere Opiat-Zuberereitungen aus dem Osmanischen Reich kam.

Morphium wirkt stärker als Opium, schwächer als Heroin15, steht auch entwicklungsgeschichtlich zwischen diesen Beiden. Medizinischer Gebrauch und “hedonistischer” war beim Morphium, ist bei anderen Opiaten, nicht so klar und deutlich abzugrenzen, wie Manche meinen möchten. In den 1920ern gab es, u. a. in Deutschland, eine neue Morphium-Welle, die nun nicht mehr nur gehobene Kreise betraf. Legale Einschränkungen kamen, aufgrund der Verwendung als Rauschmittel, dies und die Konkurrenz durch (das semi-synthetische) Heroin drängten Morphium als Rauschmittel in der Zwischenkriegszeit zurück. Anfang des 20. Jh wurde von dem ins Deutsche Reich importierten Opium noch 55% zu Morphium, 45% zu Heroin verarbeitet. Das verschob sich bald.

Auch als Schmerzmittel wurde Morphium nach dem 1. Weltkrieg allmählich verdrängt. Heroin sollte Morphium als Schmerzmittel ablösen, was nicht ganz geschah, es wurde als Analgetikum nie hegemonial, das blieb Morphium im Westen bis in die 1920er/30er, als bessere Mittel entwickelt wurden, wieder v.a. in Deutschland. Auf der Suche nach Nachfolgern /Alternativen von/zu Heroin und Morphium als Schmerzmittel wurden neue Opiate entwickelt, die spätestens nach dem 2. Weltkrieg vorherrschend wurden, Morphium ablösten. Das waren Oxycodon (in 1910ern in Deutschland entwickelt, 1920er zunächst von Merck als „Eukodal“ auf den Markt, dann auch teilweise als Kombinationspräparat), Hydromorphon (bzw Dihydromorphinon, ein Morphin-Derivat, von Knoll ab 1926 als „Dilaudid“ vermarktet, dann auch als “Palladone” u.a.), Tramadol (1920er, ebenfalls ein opioides Analgetikum, mittelstark, Markenname u.a. “Tramal”), Codein-Derivate wie Hydrocodon oder Dihydrocodeine oder Ethylmorphin (Dionine). 1937 brachte Hoechst (damals ein Teil von IG Farben) das erste vollsynthetische Opiat heraus, Pethidin, als „Dolantin“. Die meisten der Genannten gibt es bis heute

Was die Verbote betrifft, das internationale Drogenregime kam ab der Opiumkonferenz 1911/12 in Den Haag langsam in Gang. Infolge dieser Konferenz kam das Haager Abkommen 1912 (International Opium Convention) zu Stande, darüber auch im Kokain-Artikel Einiges. Das Abkommen verpflichtete Unterzeichner-Staaten, eigene Gesetze zu erlassen, was das u.a. das Deutsche Reich nicht tat, wegen seiner Pharma-Industrie. Aber wie gesagt, das Regime kam allmählich zustande, Opium wurde schnell illegal, Heroin (vorerst) nicht… In der USA legte der Harrison Narcotics Act von 1914 den Grundstein für Drogenverbote. Ähnlich wie das 2. deutsche Opiumgesetz schränkte er u.a. Morphium auf den anerkannten therapeutischen Bereich ein. 1920 kam das erste deutsche „Opiumgesetz“. Erst das zweite 1929/30 regelte den Gebrauch der auch medizinisch noch angewendeten Stoffe, von Morphium bis Kokain, dann strenger, schränkte ihn auf diese medizinischen Zwecke ein – für Cannabis und Opium gab es ein Totalverbot. 1931 gab es nach einer internationalen Konferenz die Genf-Übereinkunft (Convention for Limiting the Manufacture and Regulating the Distribution of Narcotic Drugs), die Morphium ebenso wie Heroin und Kokain auf den medizinischen Gebrauch beschränkte und diesen strenger definierte.

Morphin-Tartrat zum Selbst-Spritzen (Syrette, Ampulle mit integrierter Nadel)
Fertigspritzen mit Morphin-Tatrat für verletzte Soldaten, offensichtlich zwei verwendete Exemplare

In der USA wurde in der Zwischenkriegszeit die Morphium-Fertigspritze weiter entwickelt, vom Pharmazie-Unternehmen Squibb in New York. Squibb reichte seine Monoject/ Syrette/ Hypodermic Unit/ Tubunic (nebenan abgebildet) 1939 zum Patent ein, was 1940 genehmigt wurde. Bald darauf nahm das US-Militär das Modell an, liess damit seine Sanitäter ausstatten, rechtzeitig zu seinem Eintritt in den 2. Weltkrieg.

Die Syrette wurde in Kartons ausgegeben; im Falle einer schweren Verletzung konnten Sanitäter/Ärzte, Kameraden oder der Betroffene selbst eine Morphium-Injektion verabreichen. Das Plastik über der Nadel wurde abgezogen, dann wurde die Nadel eingeführt und die Tube zusammengedrückt. Die behandelte Person musste gekennzeichnet werden, mit der leeren Spritze am Kragen, um eine Überdosis zu vermeiden! Im Film “Soldat James Ryan”, der in diesem Krieg spielt, gibt es eine Szene, in der einem schwer Angeschossenen, mehr zur Sterbeerleichterung als zur Schmerzlinderung, zwei solcher Injektionen verabreicht werden. Es ist allerdings fraglich, ob einem Sterbenden mehr als ein Schuss gestattet worden wäre, angesichts der Tatsache dass Sanitäter einen begrenzten Vorrat davon hatten. Ausserdem wurde die Spritze tatsächlich in einem flachen Winkel in die Haut eingeführt, nicht so eingestochen wie darin dargestellt.

Auch Atropin konnte so verabreicht werden. In den Lazaretten wurde Morphium dann üblicherweise mit richtigen Spritzen und von Ärzten verabreicht. Auch andere Heere hatten in dem Krieg die Morphium-Fertigspritzen zur Anwendung ohne grosse Fachkenntnisse, jene für das britische wurden von Burroughs Welcome hergestellt; diese waren mit kleinen Karton-Schildern ausgestattet, die nach der Injektionen an dem (oft bewusstlosen) Verletzten angebracht wurden, um eine (zu frühe) neuerliche Verabreichung zu verhindern (Bild). Neben Morphium waren im 2. WK auch die neuen Schmerzmittel wie Pethidin oder Oxycodon (v.a. als Injektionslösungen) im Einsatz.

1925 gelang es Robert Robinson, die Strukturformel der Morphins zu ermitteln, was eine wichtige Grundlage für weitere Synthesen bildete. 1952 gelang Marshall Gates und Gilg Tschudi in USA die Totalsynthese von Morphin, aus Ausgangsmaterialien wie Kohlenteer und Erdöl-Destillaten. Ähnliche Methoden wurden in den Jahren danach entwickelt und auch patentiert. Dennoch wird Morphin/Morphium seither selten synthetisch produziert, im Gegensatz zu Codein oder Thebain, anderen Opiumalkaloiden. Morphium wird meist nach wie vor aus Rohopium oder Mohnstroh gewonnen. Der ungarische Chemiker János Kabay hat die wichtigste Methode für Mohnstroh in der Zwischenkriegszeit entwickelt. Es gibt weiters die in der Regel bei der illegalen Herstellung angewandte Möglichkeit, Morphin aus opioiden Medikamenten zu gewinnen, etwa durch Demethylierung. Auch wird Morphium mitunter missbraucht, (krudes) Heroin daraus zu gewinnen, durch Azetylierung, das Produkt wird “home-bake” oder “blaues Heroin” genannt.

Die in der Zwischenkriegszeit erlassenen internationalen und nationalen Verbote und Gebote wurden nach dem 2. WK in verschiedener Hinsicht verschärft, bezüglich Morphium änderte sich nichts entscheidendes mehr, es bleibt so gut wie überall auf den medizinischen Bereich (Schmerztherapie) eingeschränkt. Und, nach dem Krieg wurde Morphium vom Heroin endgültig als wichtigtes illegales Opiat verdrängt.

US-Soldaten bekamen auch für die Kriege in Korea und Vietnam “Monojects” mit Morphium bei Verwundungen. Im Film “Dead Presidents”, der teilweise im Vietnam-Krieg spielt, gibt es eine Quasi-Euthanasie mit einer Überdosis durch diese Fertigspritzen, durch einen Kollegen, nach schweren Kampfverletzungen, auf Bitte des Betroffenen. Möglicherweise wurden die Fertigspritzen in diesem Krieg den Soldaten selbst ausgehändigt, zum Selbst-Spritzen, nicht (nur) den Sanitätern. In vielen Armeen dürften solche Präparate bzw Weiterentwicklungen heute noch in Verwendung sein. Das britische Militär hat Syretten mit Papaveretum/”Omnopon” (“Opium-Konzentrat”, enthält die meisten Alkaloide des Opiums, auch Morphin, als Hydrochlorid). Zu den Fentanyl-Lutschern für amerikanische “Marines”, siehe den “Telegraph”-Link unten.

Berühmte Konsumenten

William S. Burroughs wurde nach Pearl Harbor, nach einigem Hin und Her, nicht ins amerikanische Militär aufgenommen. Stattdessen fand und stahl er im Hafen von New York Morphium-Fertigspritzen für das Militär. So entdeckte er Opiate, von denen er Zeit seines Lebens nicht mehr loskam. Auch er stieg nach dem Krieg von Morphium auf Heroin um. Literarisch thematisierte er seine Drogenerfahrungen etwa in seinem ersten Roman “Junkie”.

Hans Fallada (Rudolf Ditzen) entging dem Ersten Weltkrieg. Auch er stieg “quer” ein zum Schreiben, hatte davor diverse Jobs. Er war Morphinist und Alkoholiker (wie auch seine Partnerinnen), schrieb darüber u.a. in “Sachlicher Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein”. Mit Morphium begann er angeblich, wie nicht wenige Andere, nachdem er es infolge eines Unfalls als Schmerzmittel kennen gelernt hatte. Sein Morphinismus fiel hauptsächlich in die Zwischenkriegszeit. Er starb an seinem Drogenkonsum

Auch ein anderer prominenter Morphinist, der Country-Musiker “Hank” Williams (1923-1953), war süchtig von Alkohol und begann, nach einer Verletzung, in seinen letzten Jahren (frühe 1950er) mit Morphium. Im Süden der USA ansäßig, kaufte er es in Spelunken für Afroamerikaner, holte sich dort auch musikalische Einflüsse (Blues). Er starb an einer Mischung von beiden Drogen, die sich gegenseitig verstärken (was bei den körperlichen Wirkungen des Opiats leicht gefährlich werden kann).

Bela “Lugosi” stammte aus dem damals österreichisch-ungarischen Banat, nahm am 1. WK teil, bekam nach einer Verwundung Morphium… Ein Schauspieler schon vor seiner Auswanderung in die USA, wurde er dort ein Stumm-Film-Star. Er wechselte irgendwann zu Methadon, da dieses damals rezeptfrei zu bekommen war. Er starb an den Folgen seines Konsums.

Frida Kahlo begann wahrscheinlich auch nach ihrem Unfall mit Morphium. Wenige Tage vor ihrem Tod im Sommer 1954 nahm sie an einer Demonstration gegen den CIA-inszenierten Sturz von Präsident Jacobo Arbenz Guzman in Guatemala statt. Ironie: Arbenz’ Vater war Apotheker gewesen, der morphium-süchtig wurde – weshalb Jacobo Arbenz die Offizierslaufbahn wählte, ein Studium war durch die Sucht des Vaters materiell unmöglich geworden.

Johannes Becher wurde nach einem Doppelselbstmordversuch mit seiner Partnerin (etwas Ähnliches hatte es bei Fallada gegeben) untauglich für das Militär erklärt, entging dadurch der Teilnahme am 1. WK. Sein Morphinismus, der eine Dekade anhielt, hatte möglicherweise damit zu tun.

Der amerikanische Chirurg William S. Halsted (1852-1922), Vorreiter in der Anästhesie, nahm Morphium und Kokain, zwei Mittel, die er auch zur Anästhesie benutzte (Kokain zur lokalen). Klaus Mann nahm Morphium neben Anderem, in der Zwischenkriegszeit, Rudolf von Habsburg-Lothringen nahm es (siehe auch hier), Friedrich Nietzsche nahm es, Gram Parsons (The Byrds) und Frank X. Leyendecker starben daran. George VI. Windsor (britischer König 1936-1952) und Sigmund Freud dürften es als Sterbebegleitung genommen haben.

Die heutige Situation

Die Substanz wird heute meist Morphin genannt. Es wird noch immer hergestellt, meist in Form seines Pentahydrats oder als Hydrochlorid, und arzneilich verwendet, hauptsächlich als Schmerzmittel und Heroin-Entzugsmittel. Als Darreichungsformen gibt es schnell- und langsam freisetzende Medikamente in Form von Kapseln, Tabletten, Brausetabletten, Tropfen, Granulaten, als Zäpfchen sowie Injektionslösungen (in Ampullen). Noch heute gehört Merck zu den Hauptproduzenten von Morphinpräparaten. Es stellt “Morphin Merck” mit 10 mg, 20 mg, 100 mg Morphinhydrochlorid her, als Injektions-/Infusionslösung, sowie “Morphin Merck Tropfen”, eine Lösung zum Einnehmen, ebenfalls Morphinhydrochlorid, als Schmerzmittel.

Weitere Fertigarzneimittel gegen Schmerzen mit Morphin gibt es u.a. unter Markennamen wie “Kapanol” (GlaxoSmithKline, Morphin-Sulfat-Pentahydrat), “Morphine Sulphate ER” (Mallinckrodt), “Oramorph” (diverse Firmen), “MS Contin” (Mundipharma), “Contalgin” (Pfizer), “Painbreak” (Riemser), “Morphanton”, “Capros”, “M-beta” (Betapharm), “Sevre-Long” (Mundipharma), “Vendal” (G.L. Pharma), “MST Continus”, “Sevredol”, “Morphin-ratiopharm” (Ratiopharm), “Skenan” (Bristol-Myers Squibb), “Morphine Sulfate Hospira” (Hospira), “Morphin-HCl Krewel” (Krewel), “Morphine and Atropine” (Takeda, Morphin und Atropin), “M-long” (Grünenthal), “Morfina cloridrato Molteni” (Molteni & Alitti), “Morfinklorid” (Alkaloid), “Morphine Sulphate-Fresenius” (Fresenius Kabi).

Mit der umgangssprachlichen Bezeichnung „Morphinpflaster“ sind transdermale Pflaster mit anderen Opioiden (Fentanyl, Buprenorphin) gemeint. Morphium/Morphin wird bei sehr starken Schmerzen eingesetzt. Etwa in Fällen, wo der Patient Krebs hat, und zwar in einem Stadium wo es nicht mehr wichtig ist, dass das gegebene Medikament abhängig macht. Der medizinische Einsatz von Morphium ist, wie früher, auf die reicheren Länder beschränkt. Nach einer Schätzung des International Narcotics Control Board von 2005 konsumieren 6 Staaten (Australien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Grossbritannien, USA) 79% des Welt-Morphiums. Die ärmeren Länder, die 80% der Welt-Bevölkerung ausmachen, konsumieren nur 6% davon. Jedenfalls sind sie dabei auf Importe angewiesen. Darunter auch einige Länder, die den Rohstoff für die Morphin-Herstellung (Rohopium oder Mohnstroh) liefern. Andere starke (hochpotente) Analgetika sind dem Morphin strukturverwandt (Hydromorphon) oder enthalten es. “Pantopon” (“Opium-Tinktur”) enthält es, neben allen anderen Opium-Alkaloiden, wird bei schweren Schmerzzuständen, Koliken und Spasmen angewandt, anscheinend auch bei Durchfall.

Ausser in der Schmerztherapie wird Morphium in der Substitutionsbehandlung für Heroin verwendet. In Form von einem oral wirksamen Präparaten, die den Wirkstoff verzögert abgeben, so dass eine lang anhaltende Wirkung (Retardwirkung) resultiert. Ironie, dass Heroin früher als Ersatz-/Entwöhnungsmittel für Morphium gedacht war. Diese Präparate sind v.a.  “Substitol” (Morphin-Sulfat-Pentahydrat, Mundipharma) und “Compensan” (Morphin-Hydrochlorid-Trihydrat, G.L. Pharma).

Neben retardiertem Morphin sind als Heroin-Substitutionsmittel am Markt: Methadon, Dihydrocodein und Buprenorphin. Buprenorphin wird halbsynthetisch aus dem Opium-Alkaloid Thebain gewonnen, ist ein stark wirksames Schmerzmittel, das hochdosiert seit circa Mitte der 1990er dafür verwendet wird. Die Marke heisst “Subutex”, Buprenorphin mit Naloxon wird als “Suboxone” angeboten. Diese Beiden werden vom britischen Konzern Reckitt Benckiser (produziert u.a. auch “Vanish”, “Strepsils”, “Scholl”, “Sagrotan”, “Kukident”, “Durex”, “Clearasil”, “Cilit”, “Calgon”) vertrieben. Benckiser hatte ein Quasi-Monopol auf die Buprenorphin-Präparate, inzwischen gibt es auch vier konkurrierenden Anbieter, darunter Sanofi.

In Deutschland wie in Österreich gibt es die Diskussion, ob retardierte Morphine als Heroinersatzstoffe nicht durch Buprenorphin-Präparate ersetzt werden sollen. Es heisst, dass die Morphin-Medikamente oft am Schwarzmarkt landen und dass Buprenorphine missbrauchssicherer seien. Nur, hinter diesen Bemängelungen stecken oft Lobbying-Agenturen, die für Reckitt-Benckiser arbeiten und die Entscheidungsträger zu beeinflussen versuchen. Auch Heroin-Süchtige, die loskommen wollen, sind eben für Pharma-Hersteller eine Eintrags-Quelle.

Off-Label-Use von Morphin, also die Verwendung ausserhalb des mit der Zulassung genehmigten Gebrauchs, gibt es in der symptomatischen Therapie von Atemnot, Husten und Angst. In der Akutmedizin wird es auch zur Symptomlinderung bei akutem Herzinfarkt eingesetzt, um den Circulus vitiosus aus Schmerzen, Luftnot, Angst, psychischem und körperlichem Stress mit Zunahme des Sauerstoffverbrauchs des Herzens zu unterbinden. Und dann gibt es den Grat zwischen Schmerztherapie in der Sterbephase (Sterbebegleitung, -erleichterung) und Sterbehilfe; für beides wird Morphin eingesetzt, wobei Zweiteres ungesetzlich ist, auch wenn es als Hilfe und Erleichterung gedacht ist. (http://m.aerzteblatt.de/print/81691.htm) Die Krebsärztin Mechthild B. soll  in der Region Hannover mindestens 13 Patienten mit zu hohen Schmerzmittel-Dosen umgebracht haben, wurde wegen Totschlags in diesen Fällen angeklagt. Sie nahm sich dann selbst mit einer Überdosis Morphium (per Infusion) das Leben.

Die Schauspielerin Jamie Lee Curtis begann nach eigenen Angaben nach einer kosmetischen Operation mit morphin-haltigen Schmerzmitteln und wurde davon süchtig. Das Mittel wurde zu “einer warmen Badewanne, in der man der schmerzhaften Realität entfliehen konnte”. Rausch-Gebrauch von Morphium spielt sich heute meist so ab, durch den Missbrauch morphinhaltiger Medikamente, eine illegale Herstellung (siehe oben) findet kaum statt – wenn, dann lieber gleich Heroin. Morphium-Mittel können aus legalen Verschreibungen oder Krankenhaus-Diebstählen auch in der H-Szene auftauchen.

Für Heroin-Junkies ist medizinisches Morphium ein beliebtes Ausweichmittel, auch für solche, die sich nicht einer Substitutionstherapie unterziehen wollen. Die anderen bevorzugten Mittel für den Fall, dass es keinen H-Vorrat gibt, sind die anderen Substitutionsmittel Codein (bzw Dihydrocodein) und Methadon. Dahinter kommen Buphrenorphin und andere Schmerzmittel, wie Hydromorphone oder Oxycodon, leichtere wie Tramal und dann Zubereitungen wie Mohntee. “MS Contin”- Tabletten werden im Englisch-sprachigen Raum in der “Szene” “Misties” genannt, Morphin allgemein u.a. als “Sister morphine”. Nicht-medizinischer Gebrauch von Morphin/Morphium findet i. d. R. mit höheren Dosen statt, als Mischkonsum, etwa mit Alkohol, oft auch in anderer Darreichung als vorgesehen, etwa durch das Sniefen von zerstossenen Tabletten.

Morphium in der Populärkultur

Von Arthur Schnitzler soll der Spruch stammen: „Das Morphium, dieser souveräne Schmerzstiller, ist allzu oft nur ein falscher Freund des Leidenden; es lässt sich seine Gefälligkeit allzu teuer bezahlen, es fordert mit der Zeit die Freiheit, zuweilen auch das Leben.“ …der Einiges für sich hat. In diversen Stücken und Geschichten von ihm (auch in der “Traumnovelle”) spielt Morphium zwar eine Rolle, es gibt aber keine Hinweise, dass er es selbst nahm.

Der deutsche Maler und Grafiker Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) geriet im Ersten Weltkrieg an seine seelischen Grenzen, und bald in Abhängigkeit von Medikamenten (anfangs “Veronal”, später Morphin). Er malte ein “Selbstporträt unter dem Einfluss von Morphium”.

Im 1917 erschienenen Roman “Un Istituto per Suicidi” von Gilbert Clavel (Ein Institut für Selbstmorde) beschreibt der Ich-Erzähler eine Anstalt, in der drei Mittel angeboten werden, sich selber im Zustand des Halluzinierens zu töten: Saufen, Wollust und Pantopon.

Der russische Arzt und Autor Michail Bulgakow (1891-1940) schrieb “Morphium”, das Tagebuch eines Suchtkranken, das auf eigener Erfahrung beruht. Bulgakow war zeitweilig morphiumsüchtig.

In Agatha Christies “Tod am Nil” (1937 Roman, 1978 Film) hat Miss Bowers, Miss van Schuylers Krankenschwester, Morphium mit auf der Reise und setzt es auch recht locker ein, an der aufgeregten Jacquie, die noch dazu getrunken hatte. “Morphium” ist der deutsche Titel von Christies Kriminal-Roman “Sad Cypress” (1940). Auch in diesem Gerichtsdrama ermittelt Hercule Poirot; Morphium spielte bei der Vergiftung eine Rolle. In “The Glass Cell” (Die gläserne Zelle) von Patricia Highsmith spielt das Mittel ebenfalls eine Rolle.

In Orwells „1984“ werden keine Drogen gegen die Untertanen eingesetzt, Winston Smith u. A. nehmen aber Morphium oder etwas Ähnliches, zur Erleichterung.

“Morphium” (Lebensroman des Entdeckers des Morphiums) ist der ca 1950 erschienene Biografieroman Friedrich Wilhelm Sertürners, von Otto Schumann-Ingolstadt.

Marianne Faithfull sang einst “Sister Morphine” (Here I lie in my hospital bed. Tell me, Sister Morphine, when are you coming round again? Oh, I don’t think I can wait that long. Oh, you see that I’m not that strong…); Mick Jagger und Keith Richard schrieben den Song, der 1969 auf der B-Seite von Faithfulls Single “Something Better” erschien. Zu dieser Zeit müssten eigentlich andere Opiate/Opioide im medizinischen Gebrauch gewesen sein.

Auf Pantopon beziehen sich das Gedicht “Pantopon Rose” von William Burroughs und ein Song mit dem selben Titel der nord-irischen Alternative Metal-Band “Therapy?” (1994).

“Die Sehnsucht der Veronika Voss” ist ein deutscher Spielfilm von Rainer W. Fassbinder aus 1982. Er erzählt die letzten Lebensjahre der UFA-Schauspielerin Sybille Schmitz, die sich nach Ende ihres Erfolgs mit Morphium tröstete. Sie trank auch und brachte sich mit Schlaftabletten um.

Der Schweizer Autor Friedrich Glauser thematisierte seinen Morphium-Konsum in seinen autobiografischen Texten.

In “Englischer Patient” (eine Art Tatsachen-Roman von Ondaatje, Film-Umsetzung von Minghella) nehmen (spritzen sich) der Patient Almasy und der Dieb Caravaggio Morphium, der eine (ursprünglich) wegen seinen Verletzungen, der andere aus Lust bzw evtl wegen innere Verletzungen.

Im Comic “Kleines Arschloch” ist der Opa ein Morphinist. Im Comic “The Crow” ist es Funboy.

Szczepan Twardoch schrieb “Morphin”, eine Art historischen Roman. Der Protagonist (teils Deutscher, so wie der Autor wahrscheinlich aus Schlesien) hilft sich im besetzten Warschau des 2. WK mit Alkohol und Morphium, spritzt er sich zusammen mit seiner Lieblingshure.

“Lips Like Morphine” ist ein Song aus 2006 von “Kill Hannah”. „Morphine” war eine US-amerikanische Band, die von 1989 bis zum Tod ihres Frontmannes Mark Sandman 1999 (Zigaretten, Stress, Hitze) existierte.

Das Videospiel “L.A. Noire” spielt im Los Angeles des Jahres 1947. Der Spieler übernimmt die Rolle des Polizei-Detektivs Cole Phelps. Morphium spielt in den Verbrechen, die er aufzuklären hat, meist eine wichtige Rolle. Eigentlich war M. damals schon vom Heroin “überholt”.

Hier stellt sich die uchronische Frage, nach einer Welt, in der kein Heroin erfunden wurde und Morphium bis zum heutigen Tag eine dominierende Droge ist, bietet sich die kontrafaktische Spekulation darüber an. Allzu viel wäre nicht anders, da es auch sehr stark ist und die Darreichung die selbe. Eine Kontinuität wäre gegeben

Literatur und Links

Allgemeine Informationen

Bisschen Entwicklungsgeschichte

Und noch mehr

Sertürner-Gesellschaft

Chemische Infos, aber interessant dargebracht (auf Englisch, wie die meisten Links)

Über die “Soldatenkrankheit” nach dem USA-Bürgerkrieg

Kriege, die durch Drogen “definiert” sind

Vor allem Infos über Einsatz des Morphiums in Kriegen

Morphium-Erfahrungsbericht

Eine cannabistische Beurteilung

Vergleich Dilaudid-Morphium

Auch Erfahrungsberichte

Medizinische und juristische Infos

Über Fentanyl-Lollies für Marines

Wilhelm Deutsch: Der Morphinismus. Eine Studie (2011)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der Begriff „Alkaloide“ wurde erst 1819, von Carl Friedrich Wilhelm Meißner, eingeführt
  2. Erst später bekam das Mittel den Namen “Morphin”, der fachsprachlich heute überwiegt
  3. Die korrekte Summenformel wurde 1848 von Auguste Laurent ermittelt
  4. Hypnos: altgriechischer Gott des Schlafes, Bezeichnung für den Schlaf
  5. Ähnlich wie beim Opium geschah/geschieht das durch das Erhitzen der Substanz und das Einatmen der Dämpfe
  6. Emanuel Merck wurde in der angesehenen Apotheke von Johann Bartholomäus Trommsdorff in Erfurt ausgebildet
  7. Davor gab es bei Amputationen von Gliedmaßen eine Flasche Whisky und eine Säge
  8. Abraham Lincoln wiederum, auf der Gegenseite (USA), galt als Abstinenzler – was Alkohol betraf. Einer seiner Biographen schrieb dass er gelegentlich Kokain nahm. Sein General Ulysses Grant, später selbst Präsident, dürfte ein Alkoholproblem gehabt haben
  9. Ein Lawrence veröffentlicht 1884 ein Buch mit dem Titel „Der Morphinismus der Kinder“
  10. Es begann sehr oft mit einer medizinischen Verabreichung!
  11. Durch die französische Niederlage wurde die Uni eine deutsche
  12. Auch von Aspirin gibts eine “Form”, die natürlich vorkommt: Weidenrinde wurde in den frühen Hochkulturen als Mittel gegen Fieber und Schmerzen eingesetzt. Durch Kochen von Weidenbaumrinden wurden Extrakte gewonnent, die der synthetischen Acetylsalicylsäure verwandte Substanzen enthielten!
  13. Um Codein wird es in einem der nächsten Artikel in dieser Reihe gehen
  14. Die Kanadier in allen Kriegen Laufburschen/Handlanger der Briten
  15. Diacetylmorphin kann die Blut-Gehirn-Schranke schneller überschreiten als Morphin

Heroin

Das Morphin wurde fast ein Jahrhundert vor der Entwicklung des Heroins aus dem Opium isoliert, Anfang des 19. Jh, durch Friedrich Sertürner, wurde dann als “Morphium” vermarktet, das als Medizin verstanden wurde; um das Morphium wird es hier ein ander Mal gehen. Die Isolierung von pflanzlichen Wirkstoffen war ein grosser Schritt (nicht ein ausschliesslich guter), Sertürners Morphiumentwicklung steht auch am Anfang der Entstehung der pharmazeutischen Industrie und ist ein wesentlicher Teil davon. Das durch die Firma “Merck” vertriebene Morphin/Morphium war die Voraussetzung für das spätere Diacetylmorphin/Heroin, bezüglich Forschungsgrundlage wie Forschungs- und Produktionsmöglichkeiten. Die Injektionsspritze und Kriege hatten dem Morphin zur Ausbreitung verholfen. Im Westen wurden ab Beginn des 19. Jh Drogen wie Medikamente in chemischer Form synthetisch hergestellt. Aus schwachen Pflanzenprodukten wurden bösartige chemische Konzentrate hergestellt, aus gemäßigtem, lokalen Drogenkonsum wurde ein weltumspannendes Geschäft. Dies stand im Einklang mit der damaligen allgemeinen Technisierung und „Synthetisierung“; man denke etwa an die Entwicklung und Verbreitung chemischer Fasern (zB “Nylon”, durch “Du Pont”, 1930er). Diese Entwicklungsschritte gingen nicht zuletzt von Deutschland aus, und die Voraussetzungen unter den Sertürner Morphium isolierte und jene, unter denen es Felix Hoffmann fast 100 Jahre später zu Heroin verfeinerte, bringen auch zum Ausdruck, wie sich Deutschland in dieser Zeit verändert hat.

Der Engländer Wright untersuchte bereits Mitte des 19. Jh die Verbindung bzw die Reaktion von Morphin (Morphium) und Essigsäure. Der Pharmazeut/Apotheker/Chemiker Felix Hoffmann kam Ende des 19. Jh zur Friedrich-Bayer-Fabrik in Elberfeld (heute Wuppertal), die u.a. Farben, chemische Grundstoffe und Arzneimittel herstellte und 1863 gegründet worden war. Im dortigen Haupt-/Forschungslaboratorium unter Professor Dreser stellte Hoffmann 1896 Diacethylmorphin her, aus Morphin(base) und Essigsäure. Wenige Jahre später kam er auch auf die Acetylsalicylsäure. Diacethylmorphin (bzw Diamorphin) wurde an Katzen wie auch an Werksangehörigen und ihren Kindern erprobt. Es wurde ab 1898 fabrikmäßig hergestellt und als „Heroin“ (von griechisch “Heros”, Held) auf den Markt gebracht (als Pulver, Tabletten, Tinktur, Tropfen, später auch als Injektionslösung), kurz darauf Acetylsalicylsäure-Präparate unter dem Namen “Aspirin”. Die beiden Mittel, auf die “Bayer” Patente hatte, zwei der ersten chemischen Arzneimittel der Geschichte, haben die Firma gross gemacht, nicht zuletzt durch ihren Erfolg in der USA.

Fläschchen "Heroin" von Bayer
Fläschchen “Heroin” von Bayer

Indikationen für das “phantastische” Arzneimittel Heroin waren in den Augen des Bayer-Konzerns hauptsächlich Husten und Schmerzen (es sollte nicht süchtig machen und die Blutschranke schneller überwinden – zweiteres erwies sich als richtig), aber auch zahlreiche weitere körperliche und seelische Beschwerden, von Bronchitis bis Schizophrenie, auch zur Ruhigstellung von psychisch Kranken (bzw dafür gehaltenen) wurde Heroin verwendet. Anfangs glaubte man auch, dass es bei der Entwöhnung von Morphium als Rauschmittel, eine Verwendung die oft mit einer medizinischen Verabreichung begonnen hatte, eine Rolle spielen könnte – das sprichwörtliche „Den Teufel durch den Beelzebub austreiben“. Heroin sollte Morphium als Schmerzmittel ablösen, was nicht ganz geschah, es wurde als Analgetikum nie hegemonial, das blieb Morphium bis in die 1920er/30er, als bessere Mittel entwickelt wurden, wieder v.a. in Deutschland, wie Pethidin (“Dolantin”, das erste vollsynthetische Opiat) oder Codein-Derivate, auf der Suche nach Alternativen zu Morphium und Heroin. Das semi-synthetische Heroin verdrängte Morphium als Rauschmittel, ab Beginn des 20. Jh, v.a. nach dem 1. WK, endgültig nach dem 2. WK.

Bayer begleitete Herstellung und Verkauf von einer aufwändigen internationalen Werbekampagne, versuchte auch Kritik an dem Mittel zum verstummen zu bringen; hinter der aggressiven Vermarktung und Imagepflege bezüglich des H. stand anscheinend der damalige Werks-Prokurist Carl Duisberg der später an der Entwicklung chemischer Kampfstoffe und dem Zusammenschluss deutscher Chemiekonzerne zur IG Farben beteiligt war.

Anfang des 20. Jh wurde von dem ins Deutsche Reich importierte Opium 55% zu Morphium, 45% zu Heroin verarbeitet. Bis zum 1. Weltkrieg dominierten pharmazeutische Firmen aus Deutschland den globalen Handel mit synthetisch hergestellten Opiaten (Heroin, Morphium, Codein), die meist auch dort entwickelt worden waren.

Als “Medizin” gab es neben der oralen Verabreichung die Tinktur, die über verletzte Haut aufgenommen wurde sowie die Injektion (was eine um ein Vielfaches stärkere Wirkung gab); als “Droge” wurde es zudem geschnupft. Nicht medizinisch begründeter Konsum ist nicht so eindeutig zu definieren, der erwünschte Effekt vom Nebeneffekt zu unterscheiden, zumal bei den vom Hersteller vorgegeben Indikationen. Gerade Ärzte, Apotheker, Pfleger sollen früher und auch heute immer wieder für Missbrauch von solchen Arzneimitteln anfällig sein. Man wurde bald auf das Suchtpotential von Heroin aufmerksam, doch vorerst breitete es sich weiter aus. “Konkurrenten” für Heroin im Westen waren bis zum Ende des 2. Weltkriegs (neben Alkohol) v.a. Kokain und andere Opiat-Verarbeitungen; Kodein hinkte als Schmerz- wie Rauschmittel schon Morphium hinterher, tat dies auch gegenüber dem Heroin.

Bayer verlor mit dem Versailles-Vertrag nach dem 1. WK die alleinigen Rechte für Heroin! Es wurde fortan v.a. von US-amerikanischen Firmen erzeugt; Heroin wurde auch, wie auch andere „potente“ Mittel (zB Kokain) im frühen 20. Jh, in diversen Mischpräparaten verwendet. Die USA wurde das erste Land, in dem Heroin ein gesellschaftliches Problem wurde. Infolge des USA-Bürgerkriegs war Morphium als Schmerz- & Rauschmittel dort hegemonial geworden (zT durch Umsteiger vom Opium), in der Zwischenkriegszeit erfolgte der Vormarsch des Heroins. Es entstand eine Diskussion über staatliche Maßnahmen, die bald kamen. Der Begriff “Junkie” entstand Anfang des 20. Jahrhunderts in der USA. Opiatabhängige/-konsumenten in USA waren zu einem sehr grossen Teil aus der Mittelklasse, weisse Hausfrauen zB, in der “öffentlichen Psyche” waren sie Ausländer, Arme, Aussenseiter. Künstler bilden oft die Avantgarde, beim Heroin in Nordamerika war das die New Yorker Jazzszene rund um Charlie Parker, die in der Zwischenkriegszeit zu Heroin griff. In Deutschland dürfte zu dieser Zeit noch Morphium die Drogenszene beherrscht haben, die grosse Heroin-Rausch-Welle kam um einiges später. Frühe Wellen des Rauschgebrauchs von Heroin gab es in den 1920ern im Mittelmeerraum (v.a. in Ägypten, Türkei) und in Ost-Asien, v.a. China. In Ägypten dominierten Pillen mit grossem Anteil an Streckmitteln, mit Namen wie “Zauberpferd”. In China kam der Stoff teilweise aus Japan (wie auch Morphium), wurde teilweise selbst (von Triaden) hergestellt, meist in Pillenform.

Nach einer internationalen Drogenkonferenz 1912 wurde Heroin im Deutschen Reich zunächst apothekenpflichtig, 1917 kam die Verschreibungspflicht. Auch nach der “Opium-Konferenz” 1925 haben viele Staaten Drogen eingeschränkt, in Deutschland war das das “Opiumgesetz” 1929/30, mit dem in Deutschland Drogenmissbrauch ins Strafgesetz kam bzw Drogengebrauch gesetzlich reguliert wurde. Das Gesetz beinhaltete, gemäß den internationalen Vorgaben, ein Totalverbot von Cannabis und Opium, aber nicht von Heroin, das zu “medizinischen und wissenschaftlichen Zwecken” weiter verwendet werden durfte… Bayer war inzwischen mit “Hoechst” und anderen Konzernen zur IG Farben “verbunden”, dieser Konzern (der grösste nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa!) versuchte, das Gesetz ganz zu verhindern. Nach und nach musste nun die Heroinmenge in Medikamenten eingeschränkt werden, medizinische Verordnungen dafür gab es nur noch in Ausnahmefällen; 1931 stellte Bayer die Produktion ganz ein. Waren die Verbote Folge der unverbünftigen Vertriebspraxis der Hersteller, hätte es einen anderen Weg des “Umgangs” mit Heroin gegeben? An seine Vergangenheit als Heroin-Hersteller lässt sich Bayer jedenfalls heute nicht mehr gern erinnern.

In der USA kam mit dem Harrison-Gesetz 1914 die weitgehende Illegalisierung von Opiaten u.a. Drogen, auch medizinischen, dieses (fiskalisch formulierte) Bundesgesetz beendete die föderale Regelung des Medikamenten-/Drogen-Bereichs, und auch den exzessiven, legalen Gebrauch von Mitteln wie Morphium, u.a. wegen ihrer Rauschnutzung und ihrem Suchtpotential. 1924 erfolgte in USA das Verbot der Herstellung von Heroin.

Die medizinisch-legale Verwendung des Heroin endete also weitgehend in der Zwischenkriegszeit. Es hatte als Medikament eine kürzere Einsatzzeit als Morphium, etwas länger als LSD. In Japan wurde bis Ende des 2. WK Heroin weiter für verletzte Soldaten produziert. Andere Pharma-Firmen als Bayer in verschiedenen Staaten Europas stellten ihre Heroin-Produktion, die eingeschränkt und überwacht wurde, nach und nach ein. Die BRD hat 1958 Pharmafirmen die Produktion von Heroin verboten, das bis dahin also noch gelegentlich verordnet wurde. Diverse Firmen exportierten auch über Verbote hinaus und nicht nur zu medizinischen Zwecken. Der Schweizer Konzern Hoffmann-La Roche etwa soll lange die entstehende illegale Drogenszene mit Heroin aber auch Kokain beliefert haben. Erst um 1940 entstand eine illegale Drogenindustrie, die Herstellung und Handel übernahm. Nach Ende des chinesischen Bürgerkrieges, der mit dem Sieg der Kommunisten endete, wurde das sogenannte „Goldenen Dreieck“ in Südostasien ein Zentrum der Heroin-Produktion. Dorthin ausgewichene Kuomingtang-Truppen bauten sie auf und die Triaden exportierten den Stoff über Bangkok  in alle Welt. In Europa wurde Amsterdam der wichtigste Importhafen.

Nach dem 2. WK begann sich, in allen Teilen des Westens, die illegale Drogenszene um das Heroin zu entwickeln, das Morphium endgültig “ablöste”, als illegales Rauschmittel Nr. 1. Das Schwarzmarkt-Heroin dürfte zunächst im Westen hergestellt worden sein, aus importierter Morphinbase oder dessen Ausgangsstoff Rohopium sowie Acetanhydrid (Essigsäure), das Firmen wie Merck und Hoechst verkauften. Später wurde es in den Mohn-Anbauländern (Afghanistan, Birma, Türkei, Kolumbien,…) hergestellt und in den Westen geschmuggelt. Heroin wurde/wird hier auf diversen Drogen-Schmarzmärkten gehandelt, es kam zu vielen Opfern des illegalen Konsums.

Daneben gibt es auch krudes Heroin, ein Gemisch aus Morphium oder Rohopium oder Mohntee sowie Essigsäure und Streckmitteln, “Berliner Tinke”, “Armes Heroin” oder “Gassenheroin” genannt. Der Gehalt an reinem Heroin darin ist stark schwankend, was für die Konsumenten das Dosieren zu einem beträchtlichen Risiko macht. Streckmittel, von Mehl bis Strychnin, sind aber auch meist dem “richtigen” Heroin beigesetzt, was die Konzentration auch hier zu einer Unbekannten macht. Im Ostblock (1945 bis 1990) gab es wenig an Heroin (Kokain noch weniger), aus dem Westen oder dem Orient geschmuggeltes, auch wenig selbst produziertes, überhaupt weniger Drogen als im Westblock. Am ehesten noch eine Art krudes Heroin, dort “Kompot” oder “Polnische Suppe” genannt,  oder andere Opiatprodukte aus den zentralasiatischen Sowjet-Republiken.

In der Beat(nik)-Subkultur der 1950er in der USA spielte Heroin eine Rolle. Was in den 1960ern mit einem gemeinschaftlichen Aufbruch mit psychedelischen Drogen begann, endete in den 1970ern oft mit einem Rückzug mit Heroin. Seit Ende der 60er gab es in West-Deutschland einen nennenswerten Schwarzmarkt für Heroin; Berlin war in der Zwischenkriegszeit ein “Zentrum” von Drogen-Gebrauch (zunächst mit Morphium) geworden, blieb es mit Veränderungen bis heute. In der BRD wurde Heroin erst 1971 mit dem Betäubungsmittelgesetz dezidiert verboten. Die “Heroin-Kultur” ist jene der Bahnhofsklos, der schmutzigen Spritzen, der Beschaffungskriminalität; viel seltener ist es der Konsum im bürgerlichen oder wohlhabenden Milieu, vielleicht auch durch schnupfen oder rauchen, mit Mischungen wie jener des “Speed ball”, statt als Strassendroge.

Illegaler Anbau von Mohn, also nicht unter Aufsicht von UNODC für Schmerzmittel und andere Pharmaka, findet heute hauptsächlich in Afghanistan, in einigen von dessen Nachbarländern, wie Pakistan, in Südost-Asien (Goldenes Dreieck, also Birma, Thailand, Laos) und Lateinamerika (Kolumbien, Mexiko) statt. Der grösste Teil dieser Ernten wird zu Heroin verarbeitet, ein kleiner Teil zu Rauch-Opium. Die Verarbeitung zum Heroin ist heute meist nahe am Anbau (sein Konsum weniger, im Gegensatz zu Opium). Das nordamerikanische Heroin stammt vorwiegend aus Lateinamerika, in der USA ist aber Kokain wichtiger. Im Goldenen Dreieck ist v.a. Birma wichtig, wo der Schan-Kriegsherr Khun Sa einst “Pate” des Heroin-Exports war. In der Region soll auch die CIA lange als Heroin-Händler tätig gewesen sein; zu einer Zeit als Nixon den “Krieg gegen die Drogen” ausrief. Im Vietnam-Krieg “probierten” zudem viele der dortigen US-amerikanischen Soldaten dort hergestelltes Heroin.

In Afghanistan findet der Anbau von Mohn und seine Verarbeitung v.a. im paschtunisch-belutschischen Südwesten statt, v.a. in der Provinz (Wilayet) Helmand, im Grenzgebiet zu Iran und Pakistan. Essigsäure-Anhydrid muss zur Heroin-Produktion ins Land geschmuggelt werden. Der grösste Teil des afghanischen Heroins wird exportiert (ein wachsender Teil im Land konsumiert), beim dort hergestellten Opium ist es umgekehrt. Der Export läuft hauptsächlich über den Iran, Türkei, Balkan nach Mitteleuropa. Tausende iranische Grenzschützer sind in den letzten Jahrzehnten bei “Kämpfen” mit Schmuggler-Organisationen getötet worden, die mit belutschischen islamistischen Separatisten zusammenarbeiten; ein nicht kleiner Teil des Heroins wird mittlerweile im Iran konsumiert. Die anderen Routen führen über Zentralasien nach Russland, von dort auch nach Sinkiang und andere Teile Chinas, sowie über Pakistan nach Indien.

Bauern in der Gegend um Afyun im westlichen Anatolien durften Mohn für die Verwendung von pharmazeutischen Firmen anbauen. Viele verwendeten den Überschuss zum lokalen Konsum als Rauch-Opium sowie zum Verkauf für das Heroin der „French Connection“ (die v.a. aus Korsen bestand). Der grösste Teil der Felder wurde Ende der 1960er unter westlichem Druck zerstört, ein kleiner blieb für den international erlaubten Mohn-Anbau für Schmerzmittel. Bei dieser Verwendung wird nicht das Roh-Opium aus den Kapseln geerntet, sondern aus den gemähten ganzen Pflanzen (Mohnstroh) auf chemischem Weg Morphin und andere Opiate extrahiert. Bei der illegalen Produktion sind 10 kg geerntetes Rohopium (in Asien, Südamerika) ca. 50 €  wert. Die gleiche Menge an daraus hergestelltem Heroin kostet nach Verarbeitung und Transport im Endhandel im westlichen Abnehmerland etwa 700 000 €. Das grosse Geschäft ist auf Viele verteilt, manche schneiden mehr mit, andere weniger, wie im Kapitalismus so üblich. Manche Drogenkartelle kümmern sich nur um den Handel, andere auch um die Herstellung.

Heroin holt sich alles zurück, was es gibt. Die Schmerzen die es nimmt, kommen bei Entzug als ein Vielfaches zurück, das Wohlbefinden das es gibt, ist bei Sucht kein Genuss mehr sondern ein Muss, die Problemlösung ist eine trügerische. Illegaler Heroinkonsum hat gegenüber dem früheren, medizinisch “überwachten” mehrere Nachteile, von der Reinheit des “Stoffes” bis zu den Preisen. Heroin-Konsum ist eine Art halb-bewusster /-absichtlicher Selbstmord. Politiker setzen gerne Zeichen zur Eindämmung von Drogenproblemen, und kochen oft andere Süppchen dabei, früher wie heute. Ähnlich ist es bei Religionsgemeinschaften und Sekten wie Scientology (>Narconon).

In NS-Deutschland gelang Forschern in dem zu IG Farben gehörenden Hoechst-Konzern 1940 die Herstellung des vollständig synthetischen Methadons, das u.a. als “Polamidon” vermarktet wurde, etwa an die Wehrmacht, als Schmerzmittel für verwundete Soldaten, die zur Besetzung und Unterwerfung zahlreicher Länder ausgeschickt wurden. Man war damit unabhängig von ausländischen Pflanzenrohstoffen, also Schlaf-Mohn, geworden. Seit den 1960ern wird es als Entwöhnungs-Substitut für Heroin-Süchtige verwendet, nach wie vor durch Hoechst hergestellt. Die Verabreichung erfolgt im Rahmen medizinischer und psychosozialer Maßnahmen. Methadon, das vom Heroin entwöhnen soll, ohne eine neue Sucht zu schaffen bzw die bestehende zu verlängern, wird als “Primär”-Rauschmittel sehr wenig verwendet, aber recht oft missbraucht – am Drogen-Schwarzmarkt wird es in “geschweisster” Form (also original verpackt) oder in “gespuckter” (bei Einnahme in flüssiger Form unter Aufsicht) gehandelt… Methadon gehört nicht zu den Drogen, die es zur Verarbeitung in einem Roman geschafft haben, in J. M. Simmels “Wir heissen euch hoffen” (1983) sucht der Held immerhin an einer nicht süchtig-machenden bzw sucht-erhaltenden Alternative dazu.

Auch Morphin/”Morphium” wird in der Substitutionsbehandlung für  Heroin verwendet, mit einem oral wirksamen Präparat (Handelsname “Substitol”), das den Wirkstoff verzögert abgibt, so dass eine lang anhaltende Wirkung (Retardwirkung) resultiert. Daneben wird Buprenorphin, ein starkes Schmerzmittel, halbsynthetisch aus dem Opium-Alkaloid Thebain gewonnen, Handelsname u.a. “Subutex”, als Substitutionsmittel verwendet. Auch das natürliche Ibogain wird zur Heroin-Substitution eingesetzt. Die chemisch-pharmazeutische Industrie produziert nach den Mitteln selbst und den Rohstoffen dafür auch die Entzugs-/Substitionsmittel, bleibt im Geschäft.

In wenigen Ländern wird Heroin an Süchtige kontrolliert abgegeben (im Rahmen eines Entzugs), in der Schweiz als “Diaphin” (chemisch Diamorphin-Hydrochlorid). Angesichts des Drogenelends v.a. auf dem Zürcher Platzspitz hatte sich die Schweiz 1993 für eine “pragmatische” Drogenpolitik mit ärztlich kontrollierter Heroinabgabe an “therapieresistente” Süchtige entschieden, u.a. um Beschaffungskriminalität und Gefahren durch verunreinigten oder gestreckten “Stoff” zu begegnen. 1999 hat das Schweizer Volk das “Experiment” abgesegnet. Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit (BAG) stellte das Heroin aus importierten Grundstoffen zunächst selbst her, wollte die Sache (Produktion und Verteilung) 2001 abgeben, was sich schwierig gestaltete. Die Schweizer Pharmafirmen lehnten aus wirtschaftlichen und Image-Gründen ab, auch solche, die wie “Novartis” grossflächig aus importierten Rohstoffe bzw Zwischenprodukten opiathaltige Medikamente herstellen, für den globalen Export. Die anscheinend dafür gegründete Thuner Firma “DiaMo” begann, im Auftrag des BAG aus dem aus GB (Schottland; von UNODC überwachte Anbaufelder dort) importierten “Zwischenprodukt” (anscheinend fertiges Diamorphin) das Heroin bzw “Diaphin” (in Form von Injektionslösungen und Tabletten) herzustellen. Der Transport zu den Abgabestellen wird schwer überwacht. Das Modell fand einige Nachahmer, Niederlande, Dänemark, Grossbritannien, auch in Deutschland wird die kontrollierte Abgabe von reinem, medizinischen Heroin an ausgewählte Süchtige vorsichtig wieder zugelassen. Entspricht das so abgegebene Heroin den Medikamenten, die man einem schwerstabhängigen lungenkranken Raucher auch nicht vorenthält, oder den Zigaretten für diesen Raucher?

De Ridder bedauert in seinem Buch (s.u.), dass Heroin in den allermeisten Ländern vollständig verboten ist, und nicht als potentes Schmerzmittel für Extremfälle verfügbar ist. In Grossbritannien wurde Heroin als Arzneimittel nie verboten, „medizinisches Heroin“ (dort auch hergestellt) wird dort als Schmerzmittel verwendet. Ansonsten ist das global evtl. noch in Kanada der Fall. Beim Gebrauch von reinem Heroin sind einige der Gefahren des Schwarzmarkkonsums nicht gegeben. Aber am Suchtpotential ändert sich nichts.

Ausweichmittel für Heroinsüchtige sind v.a. opiathaltige bzw -ähnliche Medikamente, von codein-haltigen Hustensäften über Schmerzmittel wie “Valoron” (Tilidin) oder Fentanyl (ein vollsynthetisches opioides Analgetikum/Anästhetikum), auch DXM. Gelegentlich taucht Morphium (s.o.), das aus legalen Verschreibungen oder Krankenhaus-Diebstählen stammt, in der H-Szene auf.

Heroin ist nach wie vor eine der stärksten und gefährlichsten Drogen, neben Crack und Crystal Meth wahrscheinlich. Wie auch die anderen wirklich gefährlichen Drogen ist es aus der chemischen Isolierung von pflanzlichen Inhaltsstoffen und ihrer Verarbeitung zu Medikamenten im 19. und 20. Jh hervorgegangen. Möglicherweise ist nicht die Vermarktung von Diamorphin/Heroin als Arzneimittel an sich ein Kandidat für die Irrtümer-Liste, sondern die Bayer einst vorgenommene. Schwächere, bekömmlichere und ursprünglich in Kulturen integrierte Mittel wie Opium und Koka sind die Verlierer einer Entwicklung, die jene der grossen Weltpolitik wiederspiegelt, und deren Widersprüchlichkeit schon ziemlich am Beginn, im Opiumkrieg gegen China, erkennbar ist.

Wahrscheinlich nicht ernst gemeint
Wahrscheinlich nicht ernst gemeint

An Heroin starben direkt, durch eine versehentliche (?) Überdosis u.a. “Jim” Morrison, Philip S. Hoffman, Janis Joplin, Timothy Buckley, J.-M. Basquiat, “Sid Vicious”, Brad Renfro, Hillel Slovak, D. D. Ramone, Peaches Geldof, “Lenny Bruce” (möglicherweise auch durch Morphium), Chris Farley (Speedball?), Hans Dujmic. Der Jazztrompeter “Chet” Baker fiel unter dem Einfluss von Heroin und Kokain vom Balkon eines Hotels; John Belushi starb an so einer “Speedball”-Mischung, er aber von der Mischung an sich, wie auch River Phoenix; Kurt Cobain nahm eine Heroin-Überdosis, erschoss sich bevor sie richtig zu wirken begann, in seiner Villa in Seattle, 1994

Überlebt haben ihren Heroin-Konsum u.a. “Coco” Chanel (nahm H neben anderen Opiaten, hat bis ins hohe Alter sauberen Stoff konsumiert, konnte sich das leisten), David Bowie (teilte sich eine Zeit lang eine Wohnung in Berlin-Schöneberg mit Iggy Pop), Ray Charles, William Burroughs (nahm von allen Opiaten), Keith Richards (bislang), Angelina Jolie, “Charlie” Parker, Billie Holiday (diese beiden starben an alkoholbedingten Krankheiten), Jimi Hendrix (starb auch an anderen Drogen), Eric Clapton, Samuel L. Jackson, Jörg Fauser, Robert Downey,… Genommen haben soll es auch Robert Kennedy; wenn, dann ist das bei ihm nie richtig “auf Touren gekommen”. Sein Sohn wurde einmal damit geschnappt.

Literarische Behandlungen der Heroin-Sucht gibt es neben der Christiane-Felscherinow-Erzählung aus dem West-Berlin der 1970er (sie lebt noch immer von den Tantiemen ihrer Drogen-Erzählungen und nimmt noch immer Methadon zur Substitution) von W. S. Burroughs in “Junkie” oder Irvine Welsh in “Trainspotting”. Von einem Rudolf Brunngraber erschien 1951/52 “Heroin. Roman der Rauschgifte”, faktisches und fiktives dazu, u.a. über die frühe Welle in Ägypten.

In Filmen wie “Candy”, “Requiem for a dream” oder “Trainspotting” werden Sucht sowie Enzug, Beschaffungskriminalität, Verfall, familiäre Konflikte von Süchtigen dargestellt. Filme in denen Heroin-Handel/-Kriminalität eine Rolle spielen und nicht der Gebrauch bzw die Sucht an sich, gibts viele mehr, zB “The French Connection” (basierend auf einem Sachbuch), den DDR-Film aus 1968 namens “Heroin” oder “The Big Easy”.

Davon handelnde oder davon inspirierte Songs, die auch die Verbindung der Kultur dieser Droge mit jener des Pops und Rocks unterstreichen und in denen meist persönliche Erfahrungen der Stars verarbeitet wurden: der nach ihr benannte von Lou Reed/Velvet Underground (1967), John Lennon 1969 über “Cold turkey”, den kalten Entzug, “Dead Flowers” & “Brown sugar” von den Rolling Stones, “Running to stand Still” (U2), “The Needle and the Damage done” (Neil Young), “The needle and the spoon” (Lynyrd Skynyrd), “Smack Jack” von Nina Hagen, “Lust for life” (Iggy Pop), “King Heroin” v. James Brown, “Beetlebum” (Blur), “H” (Böhse Onkelz),…; …und solche, die “verdächtigt” werden, davon zu handeln: “Coming Down Again” von den “Stones”, “Hotel California” (Eagles), “Bridge over troubled water” (!; Simon & Garfunkel), “Comfartably numb” (Pink Floyd), “Perfect day” (L. Reed), “Down in a hole” (Alice in the chains), “Dancing in glass” (Mötley Crüe), “Under the Bridge” (RHCP), “Golden Brown” (Stranglers), “Space Oddity” (David Bowie), “Gold Dust Woman” (Fleetwood Mac)

Material:

Michael de Ridder: Heroin. Vom Arzneimittel zur Droge (2000). De Ridder, der beruflich mit Heroinsüchtigen zu tun hat, ist es gelungen, in die Bayer-Firmenarchive vorzudringen.

Alfred W. McCoy: Die CIA und das Heroin (2003)

Präsentation zur Geschichte des Heroins

https://www.unodc.org/documents/wdr/WDR_2010/1.2_The_global_heroin_market.pdf