Brasilien einst und jetzt

Wenn man an Brasilien denkt, kommen zum Einen Bilder der Verklärung (Samba, Carneval, Copa Cabana, schöner Fussball, Rassenmix, exotische Tiere und Landschaften,…) und zum Anderen solche des Unheils (Naturzerstörung, rassische Gegensätze, Kriminalität, Armut, Korruption, 3. Welt, Diktatur,…). Die Absetzung von Präsidentin Dilma Rousseff im letzten Jahr hat die Stabilität, die in dem Land mit zunehmendem Abstand zur Militärdikatur eingezogen ist, ins Wanken gebracht. Vielleicht hat ihr „Sturz“ aber eher offensichtlich gemacht, welche Instabilität im politisch-gesellschaftlicht-wirtschaftlichen System Brasiliens steckt. Es besteht die Gefahr einer Eskalation, Brasilien steht an einem Scheideweg. Der weitere Weg Brasilien ist für Südamerika wichtig und für die neu-auftstrebenden Mittelmächte des Südens.

Die aktuelle politische Krise Brasiliens ist der Anlass bzw der Hintergrund des Artikels, es wird versucht, die jetzige Situation des Landes aus seiner Geschichte heraus zu erklären. Eine Geschichte, die schwer zu fassen ist. Das Land als solches, der Raum, ist durch den portugiesischen Kolonialismus zu Stande gekommen. Es ist bekanntlich ein weites Land, sehr heterogen, von der Natur wie den Menschen, die Interessen sind divergierend, die Realität(en) komplex. Brasilien nimmt in Südamerika eine Sonderstellung ein, aufgrund der Sprache bzw Kolonialgeschichte, der Grösse, der Art der Unabhängigkeit, der Staatsform nach der Unabhängigkeit. Von der portugiesischen Kolonialherrschaft über die sklavenhaltende Monarchie zur Militärdiktatur und darüber hinaus gibt es Konstanten, nicht zuletzt eine hierarchische und autoritäre Grundstruktur.

Die Zeit, als im späteren Brasilien „nur“ diverse „Indianer“-Völker lebten (Tupi, Guarani, Arawak,…), wird als „Vorgeschichte“ des Landes angesehen. Brasiliens Geschichte beginnt mit der Ankunft der Portugiesen 1500 (P. Cabral). Sie brachten Afrikaner als Arbeitssklaven für Plantagen in ihre Kolonie. Sklaverei-basierte Plantagenwirtschaft dominierte lange die Wirtschaft Brasiliens, bis in die Zeit der Unabhängigkeit hinein. Zu nennen sind Zuckerrohr, Kaffee, Baumwolle; ausserdem spielten Holz, Gold, Viehwirtschaft eine Rolle; etwas später dann auch Kautschuk1. Der Karneval von Rio de Janeiro entstand im 17. Jh, als schwarzen Sklaven einige Tage die Möglichkeit zum Feiern gegeben wurde.

Die Küste war immer Schwerpunkt Brasiliens, der Osten, der Atlantikstreifen; in diesem Portugal „gegenüber“ liegenden Landesteil entstanden die wichtigen Städte. Die Nordküste ist der Karibik zugeneigt, bekam einen etwas anderen Charakter. Das Landesinnere: der Regenwald, Indianer, entlaufene Sklaven, wilde Tiere,… Und irgendwo dahinter die Grenzen zum spanischen Vizekönigreich Peru. Diese Grenzen wurden bereits vor der Ankunft der Portugiesen in Südamerika im Tordesillas-Vertrag abgesteckt. Die tatsächliche Ausdehnung der portugiesischen Kolonie Brasilien dorthin war aber ein langer Prozess, v.a. im Nordwesten. Die Ausdehnung bedeutete eine Erschliessung des Naturraums, eine Expansion des Lebensraums, des politischen und wirtschaftlichen Machtraums. Bedeutete die Zurückdrängung der Indianer und des Regenwalds, hält bis heute an.

Mit der Invasion Portugals durch französische Truppen unter Napoleon B(u)onaparte 1807 wurde ein Prozess in Gang gesetzt, der zur Unabhängigkeit Brasiliens von Portugal 1822 führte. Der Unterschied zu den spanischen Kolonien in Südamerika war, dass es das in Portugal (und damit auch über Brasilien) regierende Königshaus war, das die Unabhängigkeit der Kolonie ausrief. Und zwar der damalige portugiesische Kronprinz Pedro. 1815, nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft über grosse Teile Europas, war Brasilien zu einem eigenen Königreich erhoben worden, mit Portugal in Personalunion verbunden. 1822 wollte das portugiesische Parlament (liberal, aber “kolonialistisch”) Brasilien wieder zur Kolonie machen; in dieser Situation rief Pedro 1822 die Unabhängigkeit Brasiliens mit sich als Kaiser aus. Brasilien blieb dem Haus Braganza (Bragança) erhalten und wurde dem Einfluss des portugiesischen Parlaments entzogen; es liegt nahe, dass Pedro/Peter den Schritt mit seinem Vater Joao/Johann (dem portugiesischen König) absprach. Starke Bindungen an Portugal blieben, Pedro wurde später zunächst in Personalunion auch portugiesischer König, ging selbst wieder zurück nach Portugal, überliess Brasilien seinem Sohn Pedro (II.).

Es hatte in der Provinz Minas Gerais eine Unabhängigkeitsbewegung der dortigen portugiesischen Siedler gegeben (Inconfidência Mineira, Minas-Verschwörung), nach dem Vorbild vieler (ehemaliger) amerikanischer Kolonien (spanischer, britischer, französischer,…). Diese zielte darauf ab, diese Provinz in die Unabhängigkeit von Portugal zu führen, nicht ganz Brasilien. Hintergrund waren der Rückgang von Gold-Vorkommen, Steuern ans Mutterland. Dass Brasilien nicht wie die spanischen Vizekönigreiche in mehrere Staaten zerfiel, und als Ganzes zusammen blieb, ist auch mit der Unabhängigkeit von oben zu erklären.

Es gab über die Jahrhunderte aber einige Abspaltungen und Rebellionen, gegenüber der Kolonialmacht Portugal wie dann dem brasilianischen Staat, aus allen Bevölkerungsgruppen. Immer wieder kleine Bürgerkriege und Separatismen, statt einem Unabhängigkeitskampf mit folgender Aufspaltung. Hier dürfte eine vollständige Übersicht sein. Und, erst nach der Unabhängigkeit kamen jene, die diesen Staat „machten“, an seine Grenzen bzw entlegenen Gebiete, im Amazonas-Regenwald-Gebiet im Nordwesten. Wichtigster Grenz-/Nachbarschaftskonflikte war der im Süden: das nachmalige Uruguay, schon zu Kolonialzeiten von Portugal beansprucht, wurde von Brasilien annektiert, erkämpfte sich in den 1820ern seine Unabhängigkeit.

Eine Volkszählung zur Zeit des Kaiserreichs brachte als Ergebnis etwas über 10 Millionen Einwohner Brasiliens, darunter ca. 50% Schwarze/Sklaven. Wie anderswo in Nord- und Lateinamerika ging die Macht nach der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht zur weissen Oberschicht über, den in der Kolonie heimisch gewordenen Siedlern aus dieser Kolonialmacht. Brasilien war im 19. Jahrhundert wirtschaftlich hauptsächlich eine export-orientierte Agrarökonomie, die die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte übernahm. In dieser Hinsicht wurde es in die Weltwirtschaft eingebunden, war wichtig für diese. Grossgrund-/Plantagenbesitzer waren die Mächtigen des Landes. Erste politische Lager entstanden aufgrund unterschiedlicher Haltungen zur Sklaverei; die Frage der Sklaverei war auch eine der Gleichberechtigung der Rassen. Die meisten Sklaven kamen nach ihrer Deportation zunächst nach Bahia im Nordosten, von wo sie anders wohin ins Land geschickt wurden oder in die dortigen Zuckerrohr-Plantagen.2

Unter dem ziemlich fähigen Kaiser Pedro II. gab es diverse Zwischenstufen vor der Abschaffung der Sklaverei; so wurde 1850 der Sklavenhandel (bzw -import) verboten – und noch rasch 400 000 neue ins Land gebracht, aus Afrika über die Karbik. Der Unterschied zu den anderen Staaten Lateinamerikas (den ehemaligen spanischen Kolonien) in dieser Hinsicht war, dass dort mit der Unabhängigkeit die Sklaverei abgeschafft wurde.3 Der Antagonismus zwischen Weissen und Farbigen bzw zwischen Gegnern und Befürwortern von Emanzipation war dadurch ein anderer als in den anderen Staaten der Region. Ansonsten gab es in Brasilien die selben Grundkonflikte wie in den anderen Staaten Lateinamerikas nach der Unabhängigkeit: Zwischen Liberalen und Konservativen (hinsichtlich Verteilung der Macht), zwischen Befürwortern von Zentralismus und Föderalismus. Hinzu kam aber, dass es hier auch eine republikanische Bewegung gegen die Monarchie gab, geführt etwa vom Offizier und Denker Benjamin Constant. Die katholische Kirche und das Heer übten auch hier Einfluss aus; viele Provinz-Gouverneure waren Offiziere. Pedro ist auch für eine gewisse Modernisierung Brasiliens verantwortlich (Aufbau Eisenbahn,…).

Als sich Pedro II. (der selbst ein Gegner der Sklaverei war) 1888 zur medizinischen Behandlung in Europa aufhielt, wurde auf Initiative der Regierung die Sklaverei abgeschafft. Das Gesetz wurde vom Parlament bestätigt, von der Tochter des Kaisers, Regentin für ihren abwesenden Vater, unterzeichnet. Einen Kronprinz hatte dem Kaiser seine Teresa Cristina (di Borbone-Due Sicilie) nicht zu schenken vermocht. Isabel de Braganca hatte einen Orléans geheiratet, wäre nächste Kaiserin geworden, war auch abolitionistisch eingestellt. Die Abschaffung betraf etwa 500 000 Menschen. Viele dieser Afro-Brasilianer arbeiteten dann weiter auf Plantagen, unter ähnlichen Bedingungen wie vorher, auch wenn eigentlich die Lohnarbeit in der Landwirtschaft eingeführt wurde. Die Emanzipation war eine langsame, es gab zunächst keine grossen sozialen Veränderungen durch das Ende der Sklaverei.

Aber, die Grossgrundbesitzer wurden von der Monarchie entfremdet. Das Kaiserreich, unter der Braganca-Nebenlinie, hatte für die Oberschicht keinen Nutzen mehr. 1889 kam es daher, in zeitlicher und inhaltlicher Nähe zur Abschaffung der Sklaverei, zur Abschaffung der Monarchie, durch einen Putsch des Militärs unter Marschall Manuel D. da Fonseca. Der Kaiser hielt sich gerade in seiner Sommerresidenz in Petropolis (die Stadt war nach ihm benannt worden) auf, nicht in der Hauptstadt Rio de Janeiro. Er wurde mit seiner Familie ins Exil geschickt, ging nach Europa.4 Da Fonseca, der das Motto „Ordem e Progresso“ (Ordnung und Fortschritt) in die Nationalflagge Brasiliens aufnehmen liess, wurde erster Staatspräsident des Landes, begründete die Erste Republik (1889-1930). Die erste Zeit dieser Republik war von Machtkämpfen gekennzeichnet. Ausserdem konnte Brasilien damals sein Gebiet auf Kosten diverser Nachbarn vergrössern, bekam strittige Grenzgebiete von Argentinien (Misiones-Gebiet, durch USA-Entscheid), Französisch-Guyana, Bolivien, Peru.

Auch die Republik war lange eine weisse Oligarchie, auch durch das sehr restriktive Wahlrecht: anfangs waren nur vermögende alphabetisierte Männer über 21 Jahren wahlberechtigt – das waren 1,4% der Bevölkerung. Die herrschende Klasse sicherte die ungerechte Verteilung durch ein Patronage-System ab. Investitionen in Infrastruktur und Bildung für die Allgemeinheit erfolgten nur sehr zaghaft, man war an einer Aufrechterhaltung der alten Ordnung interessiert. Viele freigelassene Sklaven strömten in die Städte, wo die Favelas (Slums, Elendsviertel) entstanden. In Bahia, was ein Umschlagplatz für als Sklaven deportierte Afrikaner gewesen war, entstand aber so etwas wie ein Zentrum, ein Siedlungs-Schwerpunkt der Afro-Brasilianer – was es bis heute ist. Mit der Unabhängigkeit waren die Kapitanate Provinzen des Kaiserreichs geworden. Mit der Umwandlung in die Republik wurden diese zu Bundesstaaten, Bahia einer davon.

Die Bundesstaaten werden zu 5 Grossregionen zusammen gefasst. Der Norden ist karibisch geprägt und allgemein ein Schwerpunkt der Schwarzen (Afro-Brasilianer). Im Südosten sind die grossen Städte und der Schwerpunkt des Landes, der Nordosten mit dem Regenwald wurde ein Rückzugsraum für die Indianer, der Süden mit seinem gemäßigten Klima zog viele nicht-portugiesische europäische Einwanderer an, der Mittelwesten (wo dann Brasilia entstand) wurde Zentrum der Viehzucht. Regionale Aufstände gegen den Staat (bzw Abspaltungen von ihm) setzten sich auch in der Republik fort; niedergeschlagen wurde etwa jener (sozialrevolutionäre) in Canudos im Bundesstaat Bahia 1896/97. Durch die Bedeutung von Kautschuk Ende des 19., Anfang des 20. Jh wurden die Indianer-Rückzugsgebiete im Osten wirtschaftlich interessant; Zurückdrängung der Indigenen und Ausbeutung der Natur wurde dort eines.

Die Republik bekam eine Verfassung, ein politisches System, nach dem Vorbild der USA, wie viele lateinamerikanische Staaten: Eine Präsidentialrepublik, in der Präsident und Parlament unabhängig voneinander gewählt werden.5 Einwanderer kamen im 19. und 20. Jh aus diversen Teilen Europas sowie aus dem östlichen (Japaner,…) und westlichen (Libanesen,…) Asien – und gingen hauptsächlich in den Südosten und Süden. Rio de Janeiro und Sao Paulo wuchsen um die Jahrhundertwende zu Millionenstädten. Wie für Portugal war auch für Brasilien Grossbritannien lange ein aussenpolitischer “Bezugspunkt” (nicht zuletzt über den Handel), im 20. Jh geriet das Land dann unter einen gewissen Einfluss der USA.

Einen wichtigen Einschnitt bedeutete die Machtübernahme von Getulio Vargas 1930. Der Sohn einer Landbesitzer-Familie wurde Offizier, studierte Rechtswissenschaften, wurde Politiker. Vargas verlor die Präsidenten-Wahl 1930 gegen Júlio Prestes. Die Politik war damals stark von den Interessen der (Eliten der) Bundesstaaten geprägt, die wichtigsten Parteien repräsentierten diese Bundesstaaten-Interessen. Prestes war wie Noch-Amtsinhaber Washington Luis von der Republikanischen Partei von São Paulo (PRP); Vargas wurde von Parteien aufgestellt, die die Dominanz von São Paulo heraus forderten. Ein Teil des Militärs setzte Vargas nach der Niederlage als Präsident ein.

Mit ihm ging die “alte”, Erste Republik (República Velha) zu Ende, die Republik, die von Grundbesitzern und ihren landwirtschaftlichen Unternehmungen dominiert war. Die Republik von “Café com leite” (Kaffee mit Milch), wie sie auch bezeichnet wurde/wird, in Anspielung auf die Kaffee-Herstellung in São Paulo und die Molkerei-Produktion in Minas Gerais. Ein äusseres Zeichen dafür war vielleicht, dass die heute berühmte Christus-Erlöser-Statue in der damaligen Hauptstadt Rio 1931 fertig gestellt wurde; der Bau war 1922 begonnen worden, zum 100-Jahr-Jubiläum der Unabhängigkeit. Vargas förderte als Präsident die Industrialisierung Brasiliens und eine Machtverschiebung von den ländlichen Grossgrundbesitzern zur städtischen Mittelschicht. Brasilien wurde allmählich nicht mehr von den Fazendas regiert.

Auch verlagerte sich unter Vargas die Macht von den Bundesstaaten zur Zentralregierung. Und eine kulturelle Diversität, die im weissen Sektor der Bevölkerung durch (spätere) Einwanderer-Gemeinschaften bestand, wurde eingeschränkt, die portugiesische Sprache wurde auf Kosten anderer gestärkt. Vargas liess 1933 eine verfassungsgebende Versammlung wählen und sich von dieser nach Ausarbeitung einer neuen Verfassung 1934 wieder wählen. In der ersten Republik waren Wahlen oft geschoben und aufgrund der Einschränkung des Elektorats wenig repräsentativ. So gesehen bedeutete Vargas erste Herrschaftsperiode (1930-37, die Zweite Republik) nicht wirklich eine Verschlechterung, auch wenn er undemokratisch an die Macht gekommen war.

Landesweit organisiert waren damals nur die Kommunisten (PCB), die “Befreier-Partei” (PL), und die faschistische AIB. Vargas baute einen Sozialstaat auf und war populistisch; aber auch anti-kommunistisch. 1935 liess er die kommunistische Partei PCB und verbündete kleinere Links-Parteien (zur ANL zusammengefasst) verbieten, ihre Büros wurden gestürmt, ihre Funktionäre wurden festgenommen, verurteilt, gefoltert, darunter auch PCB-Chef Luis C. Prestes. Dann erst begann die (verbliebene) Linke einen Aufstand gegen den Staat.

Präsident Vargas sagte 1937 die für 1938 angesetzten Wahlen unter einem Vorwand ab, schaltete die Demokratie und die Verfassung von 1934 aus. Stattdessen rief er einen Estado Novo nach portugiesischem Vorbild aus (der dort seit 1933 existierte), eine korporatistische Diktatur. Alle Parteien wurden aufgelöst, neue gegründet. Vargas ist ideologisch schwer einzuordnen.6 Er hatte auch Sympathien für Mussolini und Hitler, liess die faschistischen “Integralisten” Brasiliens (AIB) unter Plinio Salgado aber 1937/38 auflösen. Und, er setzte die engen Beziehungen zur USA fort und liess Einheiten des brasilianischen Militärs im 2. Weltkrieg auf der Seite der Alliierten teil nehmen, in Italien.7 Der brasilianische Estado Novo bestand von 1937 bis 1945, wird gleichzeitig als Dritte Republik gesehen. 1945 liberalisierte Vargas, den weltpolitischen Ereignissen folgend, den “neuen Staat”, so wurden politische Gefangene wie KP-Chef Prestes frei gelassen. Dies bedeutete aber den Untergang dieses Systems; Vargas trat zurück und mit der Präsidenten-Wahl im Dezember 1945 kehrte Brasilien zur Demokratie zurück.

Zur Entlastung von Vargas ist auch zu sagen, dass seine Politik für die etwa zur Hälfte nicht-weisse Bevölkerung Brasiliens nicht wirklich Verschlechterungen brachte. Die Führungsrolle der Weissen und die Ungleichheit setzte sich gleichwohl fort. Die stark zurück gedrängten Indianer wurden durch den “Indianerschutzdienst” SPI weiter drangsaliert. In den ersten Jahrzehnten nach seiner Gründung 1910 war der SPI, unter Candido Rondon, noch für die hauptsächlich im Amazonas lebenden Indigenen engagiert.8 Am unteren Ende der Bevölkerungs-Hierarchie standen auch die (zahlreicheren) Afro-Brasilianer, die hauptsächlich im Nordosten sowie in den Favelas der Grossstädte leb(t)en. Der Schriftsteller Jorge Amado war nicht nur Weisser, sondern auch Sohn eines Kakao-Plantagen-Besitzers, im Bundesstaat Bahia im Nordosten, aber kommunistisch orientiert (in der PCB aktiv). Er behandelte in seinen Romanen stark die afrobrasilianische Kultur des Nordostens, etwa in “Jubiaba” (1935). “Mischlingen” und den „Turcos“ genannten Arabern (v.a. Syrer, Libanesen, Palästinenser) gelang bisweilen schon der Aufstieg; Rondon etwa stammte von Portugiesen und diversen Indianer-Völkern ab.

Auf den Estado Novo folgte die Vierte Republik (1945 – 1964). Die Wiederzulassung der Demokratie ermöglichte auch Getulio Vargas wieder, an die Macht zu kommen. 1950 wurde er zum Präsidenten gewählt, nun als Kandidat seiner Arbeiterpartei PTB, und nach seinem Sieg war er 1951 bis ’54 wieder Staatspräsident. 1954 befahl er dem Chef der Wache des Präsidentenpalastes, den Führer der konservativen UDN, Oppositionschef Carlos Lacerda, aus dem Weg zu räumen. Dieser tötete jedoch “nur” dessen Begleiter, einen Luftwaffen-Offizier, und verletzte Lacerda nur leicht. Damit hatte Vargas die Luftwaffe gegen sich aufgebracht, ausserdem hatte er den politischen Gegner gestärkt und der Bevölkerung seine Methoden offenbart. Er verübte in dieser Sitaution Selbstmord.

Die Idee einer zentraleren Hauptstadt für Brasilien gab es schon unter Kaiser Pedro I., nun, in der 4. Republik wurde sie umgesetzt. Unter Präsident Kubitschek (1956-61, PSD9) gab es die Initiative für “Brasilia” im Mittelwesten, die Planung unter Oscar Niemeyer, den Baubeginn, die Fertigstellung 1960 und die Einweihung bzw den Umzug. Brasilia löste Rio de Janeiro nach fast 200 Jahren (1763-1960) ab. Ende der 1950er entstand auch eine neue Musikrichtung, der Bossa Nova Musik, auf Grundlage des Samba, der aus afrikanischen Ursprüngen kommt. Und, in den 50ern wurde Fussball gross in Brasilien und Brasilien gross im Fussball.

Der Sport, der Ende des 19. Jh durch Engländer nach Brasilien gekommen war, erwies sich auf lange Sicht als Aufstiegsmöglichkeit für Farbige und “Unterschichtler” (was mehr oder weniger eins war) bzw als integrativ für das Land. Durch die Grösse des Landes bzw die beschränkte Verkehrs-Infrastruktur spielten die Klubs lange nur Meisterschaften der Bundesstaaten aus. Deren Sieger liess man dann irgendwann einen nationalen Meister untereinander ausspielen. 1959 erst wurde ein regulärer nationaler Bewerb geschaffen; und erst 1971 eine landesweite Liga. Das brasilianische Fussball-Nationalteam, die Seleção, zeigte bei der Weltmeisterschaft 1938 erstmals auf, mit dem dritten Platz. 1950 veranstaltete Brasilien erstmals eine WM (das einzige Mal vor 2014), mit dem dafür gebauten Maracana-Stadion in Rio de Janeiro, und das Heim-Team wurde 2. Und 1958 wurde die Seleçao erstmals Weltmeister, mit dem 17-jährigen “Pelé” (Edson A. do Nascimento). Vier Jahre später konnte wieder ein brasilianisches Team das Turnier gewinnen, Pelé verletzte sich im zweiten Spiel und war ab da Zuseher; „Garrincha“ und „Vava“ waren die Schlüsselspieler.

Charles de Gaulle soll 1963 gesagt haben, “Brasilien ist kein ernsthaftes Land”10. Das deckt sich mit anderen Einstufungen dieses Landes (bzw Sichtweisen darauf), wonach es insgesamt nicht nur unterentwickelt und zurück geblieben sei, sondern auch “unreif”. Ein Land, in dem nur der Fussball (und vielleicht das Feiern) ernsthaft betrieben wird und das nur darin Weltklasse ist. Und auch der brasilianische Fussball wird/wurde manchmal als exemplarisch für den (“mangelnden”) Entwicklungsstand des Landes gesehen, als zu verspielt, zu wenig zielstrebig, als zu wenig geformtes Potential.

Die kommunistische PCB wurde in den 50ern wieder illegal, auf Druck der USA. Die faschistische Bewegung konnte sich als PRP, unter Salgado, in der 4. Republik dagegen neu formieren. Die dominierenden Parteien dieser Zeit waren die getulistischen Parteien PSD und PTB, daneben die rechte UDN. Diese war die Partei, die die Oligarchie erhalten wollte und pro USA ausgerichtet war. Sie konnte weder Präsidenten- noch Parlaments-Wahlen gewinnen. Dass (das Oberhaupt der) Exekutive und die Legislative unabhängig voneinander gewählt wurden, das führte in Brasilia zunehmend zu Konflikten und Stillstand. Darüber hinaus wurden in der 4. Republik auch noch Präsident und Vizepräsident getrennt gewählt. Ein Präsident hatte so unter Umständen nicht nur keine Mehrheit im Parlament zur Umsetzung seiner Vorhaben, sondern auch noch die Opposition in seiner Regierung.11

1960 gewann Janio Quadros von der PTN die Präsidenten-Wahl (mit Unterstützung u.a. der UDN), João Goulart von der PTB wurde zum Vizepräsidenten gewählt (aufgestellt/unterstützt auch von PSB,…). Goulart war “Running Mate” von Quadros’ Gegenkandidaten Teixeira gewesen, einem Offizier, der gegen eine Intervention des Militärs in die Politik war. Quadros war ’53 Bürgermeister von Sao Paulo geworden, ’55 Gouverneur des Bundesstaates Sao Paulo. Als Präsident wandte er sich von seinen bislang rechten Positionen ab, weshalb er im Parlament keine Mehrheiten bekam. Als Konsequenz trat er im August 1961 nach 8 Monaten im Amt zurück. Goulart rückte von der Position des Vizepräsidenten an die Staats- und Regierungsspitze auf. Er stammte aus der Oberschicht, war Minister unter Vargas gewesen, dann unter Kubitschek (mit dem er gemeinsam aufgestellt wurde) 56 bis 61 erstmals Vizepräsident.

Das Parlament, in dem ein grosser Teil der Abgeordneten keine Freude mit einem Präsidenten Goulart hatte, schränkte dessen Macht ein, indem es das Amt des Premierminister wieder einführte, das zuletzt unter dem Kaiser existiert hatte. Die Funktion des Vizepräsidenten blieb nach Goularts Aufstieg vakant. Tancredo Neves von der PSD wurde 61 erster Premier unter Goulart, nach ihm amtierten noch zwei weitere. Das System mit einem Premier wurde 63 nach einem Referendum wieder abgeschafft. 1962 die letzte (freie) Parlamentswahl für lange, die PSD gewann vor der PTB und der UDN.

Was Goulart als Präsident plante und nur zum Teil umsetzte, war eigentlich nichts Revolutionäres: Eine Landreform, durch die brachliegendes Land verstaatlicht und neu verteilt werden sollte. Eine Bildungsreform zur Bekämpfung des Analphabetismus. Eine Erweiterung des Wahlrechts. Eine Steuerreform, mit der die Gewinne ausländischer Konzerne im Land kontrolliert werden sollten. Doch, wie andere progressive Politiker im Kalten Krieg wurde auch “Jango” Goulart in Teilen des Westens als “Kommunist” verdächtigt. Und, die rechte Opposition im Land tat sich mit diesen Kräften bei der Absetzung dieses Politikers und der Ausschaltung der Demokratie im Land zusammen, so wie oft v.a. in der Phase von den 50ern bis zu den 70ern geschehen (Mossadegh, Lumumba, Qasim, Arbenz,…). Und wie in diesen anderen Ländern warf der Staatsstreich auch in Brasilien die Entwicklung weit zurück, muss das Land noch heute mit den Folgen fertig werden.

1964 wurden Korruptionswürfe gegenüber Goularts Regierung erhoben, Angehörige der oberen Mittelschicht (Geschäftsleute, Grossgrundbesitzer,…) demonstrierten, die Medien des Globo-Konzerns (der ein Oligopol inne hatte und zT noch immer hat, mit dem TV-Netzwerk “Rede Globo” oder der Zeitung “O Globo”) machten Stimmung für einen Militärputsch, auch die oppositionelle UDN unterstützte diesen, in Koalition mit Teilen der Kirche. Die USA-Botschaft in Brasilien unter Lincoln Gordon (mit Militärattachée Vernon Walters) enttäuschte nicht die in sie gesetzten Hoffnungen. In Absprache mit der Johnson-Regierung wurde ein Militärputsch organisiert, der im April 1964 statt fand. Humberto Branco, der im 2. Weltkrieg in Italien gekämpft hatte, war 1963 von Goulart zum Armeechef ernannt worden.12 Der Putsch wurde von der USA unter Anderem mit Lieferungen von Waffen und Erdöl sowie CIA-Aktionen unterstützt.

Es gab kurz vor/während des Putsches noch ein Ultimatum eines führenden Militärs an Goulart, in dem u.a. die Forderung nach Auflösung des Gewerkschafts-Dachverbandes CGT erhoben wurde. Als Militär-Einheiten dabei waren, die Kontrolle im Land zu übernehmen, erklärte Senats-Präsident Auro Andrade (der mehrmals die Partei gewechselt hatte13) seine Unterstützung des Putsches, erklärte Goulart für abgesetzt und (zusammen mit dem Oberrichter) Unterhaus-Präsident Mazzilli zum neuen Staatschef. Zu diesem Zeitpunkt war Goulart, der vom Militär und dem Kongress nur wenig Unterstützung hatte, dabei, das Land zu verlassen, mit einem Flugzeug der Luftwaffe, zunächst nach Uruguay.14 Nach wenigen Tagen wurde General Branco zum Präsidenten ausgerufen.

Die erste Phase von richtiger Demokratie im fünftgrössten Land der Welt ging also mit dem Sturz des Getulisten Goulart, des letzten linken Präsidenten Brasiliens vor „Lula“, 1964 zu Ende. Es folgten über 20 Jahre rechte Militär-Diktatur, bis 1985, die auch als Fünfte Republik eingestuft werden. Dieses dritte Eingreifen des Militärs nach 1889 und 1930 war wieder einschneidend; diesmal war es klar auf der Seite des Rückschritts, die ersten beide Male war es das eher nicht. US-Botschafter Gordon blieb bis 1966 in Brasilien, konnte noch die Früchte seiner Arbeit, das Militärregime, geniessen. Und Brasilien musste erfahren, dass die westlichen Bekenntnisse zu Demokratie hohl sind, wenn irgend welche wirtschaftlichen oder strategischen Vorherrschafts-Interessen durch demokratische Prozesse als “gefährdet” gesehen werden. Goulart oder Allende wurden gestürzt, Duvalier oder Pinochet gestützt.

Bürgerrechte und Freiheiten der Brasilianer wurden unter der Militärdiktatur suspendiert. 1965 wurden alle Parteien verboten, zwei neue wurden gegründet: Die Regimepartei ARENA (Aliança Renovadora Nacional), in der die UDN auf ging. Und die „Oppositionspartei“ MDB (Movimento Democrático Brasileiro). 1966 wurde eine Schein-Wahl abgehalten, mit ARENA und MDB. 70, 74, 78 wurden eben solche “Wahlen” veranstaltet. 64, 69, 74, 78 gab es zudem Präsidenten-Wahlen, bei denen das Parlament aus 2 bis 3 Militärs den neuen Diktator auswählen konnte.15 Die Wirtschaft wurde wie in Chile unter Pinochet im Sinne des Weltmarktes bzw seiner Nutzniesser reformiert. Branco, der erste Diktator, liess 1967 eine neue, autoritäre Verfassung verabschieden. Noch im selben Jahr trat er zurück, der vormalige Kriegsminister Artur da Costa e Silva wurde sein Nachfolger; Branco starb bald darauf  bei einem Flugzeugunfall.

’69 wurde General Emilio Medici Nachfolger des erkrankten Silva, unter ihm fand noch einmal eine Verschärfung der Militärdiktatur statt (etwa hinsichtlich der Medienzensur). Die Herrschaft von Medici, der Militärattaché an der brasilianischen Botschaft in der USA gewesen war, war wohl die repressivste in der Geschichte Brasiliens. Liberal war in dieser Zeit nur die Anwendung der Folter.16 Widerstand gegen die Diktatur fand auf verschiedene Arten statt. Etwa nach der Art von Helder Camara, dem katholischen Bischof und Befreiungstheologen, hauptsächlich mit Worten. Es bildeten sich aber auch zwei linke Guerilla-Gruppen: Die ALN unter Carlos Marighella und das MR8 (Bewegung 8. Oktober) unter Carlos Lamarca, in der die spätere Präsidentin Rousseff aktiv war. 1969 wurde der USA-Botschafter Elbrick durch diese 2 Gruppen entführt, politische Gefangene damit frei gepresst und nach Mexiko ausgeflogen (69/70; im Gegenzug kam Elbrick frei). Sowohl Marighella als auch Lamarca wurden in diesen Jahren von bewaffneten Einheiten des Regimes getötet.

Für den brasilianischen Fussball begann mit Pelé ein “goldenes Zeitalter”. Bei den 4 Weltmeisterschaften bei denen er dabei war, 1958 bis 1970, gewann das brasilianische Team 3 Mal. Nur 1966 schnitt die Seleção schlecht ab.17 Die Krönung dieser Phase folgte bei der WM 1970 in Mexiko, als das brasilianische Team mit Pelé zum dritten Mal Weltmeister wurde – im Schatten der härtesten Zeit der Diktatur zu Hause. Diese WM war die erste, die in Brasilien live im TV übertragen wurde (von “Rede Globo”), sie sollte auch ablenken von dem eigentlich Wichtigeren. Brot und Spiele.

Über diesen Schnittpunkt von Politik und Fussball um die WM ’70 machte der  Brasilianer “Cao” Hamburger 2006 den Film “Das Jahr, als meine Eltern im Urlaub waren” (O ano em que meus pais saíram de férias). Ein Junge wird während des Turniers von seinen Eltern verlassen, da diese untertauchen müssen, um Verhaftungen als Dissidenten zu entgehen. An diesem Schnittpunkt gibt es nicht nur die Instrumentalisierung des Spiels durch die Diktatur (die in Argentinien 1978 ähnlich war); Fussball wirkte in dieser Phase auch integrativ für die brasilianische Gesellschaft. Er wurde Teil der nationalen Identität und er verband diverse Schichten der Gesellschaft, die nicht zuletzt durch “Rasse” getrennt waren.

Die Emanzipation der Schwarzen in Brasilien kam Mitte des 20. Jh voran und der Fussball und Pele spielten dabei eine wichtige Rolle. Durch ihn bekamen Afro-Brasilianer Akzeptanz und Aufstiegsmöglichkeiten – im Fussball und darüber hinaus. Pelé war aber auch ein Pionier für Schwarze im Weltfussball; manch andere Schritte der Modernisierung des internationalen Fussballs fanden in seiner “Ära” statt, ohne dass er aktiv daran beteiligt war. Die meisten der besten Fussballer Brasiliens waren spätestens ab den 70ern Farbige. 1974 wurde der weisse Brasilianer “João” de Havelange FIFA-Chef, als erster (und bislang einziger) Nicht-Europäer, blieb es bis 98. Nach der WM 1970 hatte der brasilianische Fussball eine Durststrecke durch zu machen, bis 1994.18

Die Emanzipation der Schwarzen und Farbigen Brasiliens fiel in eine Zeit der globalen farbigen Emanzipation. In Brasilien (und anderen Ländern) stellte sich die Frage der Einbeziehung der Nicht-Weissen ins Nationskonzept. Rassische Gesetzgebung hatte es in Brasilien nach dem Ende der Sklaverei nicht gegeben, aber eine rassistische Praxis, wie auch in der USA. Die Distanz zwischen “Weissen” und “Farbigen” war/ist in Brasilien und Lateinamerika generell aber nicht so ausgeprägt wie in der USA. Und, Brasilien, ist weltweit der Staat mit der zweit grössten “schwarzen” Bevölkerung nach Nigeria (in absoluten Zahlen). Neben Sport (und da besonders Fussball) waren Musik und Tanz Bereiche, wo Verschmelzung der rassischen Identitäten bzw Kulturen zumindest ansatzweise gelungen ist, und wo Nicht-Weisse Akzeptanz erringen konnten.19

„Rasse“ spielt in Amerika, Nord und Süd, dem gemischtesten Kontinent, noch immer eine wichtige Rolle, in der einen oder anderen Form, offen oder verdeckt. Zu dieser Thematik schrieb der “Guardian” einmal: „Even politicians and historians on the left have preferred to discuss class rather than race.“ Mit dem Thema “Rasse” hat sich der brasilianische Anthropologe, Soziologe, Historiker, Politiker Gilberto de Mello Freyre beschäftigt. 1900 in eine weisse Plantagenbesitzerfamilie geboren, wurde er zT in der USA ausgebildet (Politik- u. Sozialwissenschaft, u.a. bei Franz Boas), schrieb seine Dissertation über das soziale Leben in Brasilien Mitte des 19. Jh. Er arbeitete u. a. als Journalist und im Kabinett des Gouverneurs von Pernambuco, ging dann wegen G. Vargas ins Exil. Er war in Portugal und USA wissenschaftlich tätig, nach seiner Rückkehr auch in Brasilien.

Er schrieb 1933 „Casa-Grande & Senzala“ (Herrenhaus und Sklavenhütte), eine Untersuchung über die Einflüsse von Indianern, Portugiesen, Afrikanern auf die brasilianische Gesellschaft. Darin beschreibt er Brasilien als ein Land des Ausgleichs der Rassen. Brasilien hätte den Rassismus gewissermaßen überwunden und (Rassen- und Kultur-) Vermischung würden die brasilianische Kultur ausmachen. In dem Zusammenhang wurde der Begriff der „rassischen Demokratie“ geprägt. Später schrieb Freyre über „Lusotropikalismus“: Die Portugiesen seien die besseren Kolonisatoren, u. a. weil sie weniger „Distanz“ zu den Kolonialvölkern hielten.

Da ist schon etwas Wahres dran, nur, das portugiesische Kolonialreich war damals, als Freyre das schrieb (frühe 60er), dabei unter zu gehen. 1964 – 74 hatten Portugal und Brasilien ähnliche (repressive) Systeme. Portugals 1970 verstorbener Diktator (offiziell Premierminister) Antonio Salazar griff Freyres Lusotropikalismus auf bzw deutete ihn um, dahin gehend dass Portugal bezüglich seiner Selbstständigkeit auf die Kolonien angewiesen war.20 Salazar hatte Freyre 1951/52 auch eine Reise in die portugiesischen Kolonien gesponsert, daraus entstand das Buch „Ventura e Rotina“.

Freyre war auch Mitglied des brasilianischen Parlaments, von 1946 bis zum Militärputsch 1964……für die UDN. Ist daraus abzuleiten, dass in Brasilien auch die Rechte nicht wirklich rassistisch ist? Was eine Bestätigung seiner Theorien wäre. Ob in Brasilien wirklich Rassenmischung/Mestizisierung selbstverständlich bzw Normalität geworden ist und Rassismus überwunden ist, darüber kann man lange diskutieren (siehe auch das Buch von Winddance-Twine). Man kann immer das halb volle oder das halb leere Glas sehen. Freyre war auch wissenschaftliches Mitglied in diversen internationalen Kommissionen, darunter in einer der UN, die das “Rassenproblem” in Südafrika analysieren sollte.

Anfang 74 wurde der deutsch-stämmige Ernesto Geisel aus dem Bundesstaat Rio Grande do Sul Junta-Chef. Einige Monate später wurde die Diktatur in Portugal durch die Nelken-Revolution gestürzt; ihre letzten Führer, Caetano und Tomas, gingen nach Brasilien ins Exil. Brasilien war insbesondere im 20. Jh Exil-Land für Europäer, die aus verschiedensten Gründen Zuflucht suchten; für jene, die dem NS entflohen (wie Stefan Zweig) eben so wie für jene, die ihn umgesetzt hatten (wie Josef Mengele), für Kriminelle wie Ronald Biggs (der 1970 kam) oder Viktor Runa, wie auch für Dilma Rousseffs Vater Petar, der in den 1920ern aus Bulgarien kam, weil er dort als Kommunist verfolgt wurde.

1979 wurde General Figueiredo Staatschef; unter ihm wurde die Diktatur liberalisiert, begann die Rückkehr zur Demokratie (Transição). Verschiedene Parteien wurden zugelassen. Darunter mit der Partido dos Trabalhadores (Arbeiterpartei, PT) auch eine Linkspartei. Die Regimepartei ARENA wurde aufgelöst (Geisel war ihr letzter Führer), ging in die PDS über. Aus der “Oppositionspartei” MDB wurde die PMDB. Es gab 79 eine Generalamnestie für politische Gefangene, aber auch gleich (vorsorglich) für Verantwortliche der Diktatur. Die Gouverneure des Bundesstaaten wurden Anfang der 80er halbfrei gewählt, das passive Wahlrecht war eingeschränkt. 1982 gab es eine halbfreie Parlaments-Wahl.

1983/84 hielt die Diretas Já-Bewegung (Direkte [Wahlen] jetzt) Demonstrationen ab. Unter jenen, die baldige direkte Präsidenten-Wahlen forderten, waren vorwiegend “moderate” Diktatur-Gegner, wie PMDB-Chef Tancredo Neves und Leonel Brizola. Brizola war schon zu Goularts Zeiten politisch aktiv gewesen, auch in dessen PTB, u.a. als Gouverneur von Rio Grande do Sul. Ab 1979 war er für die PDT aktiv, wurde 1982 zum Gouverneur von Rio de Janeiro gewählt. Neves war in der DMB aktiv gewesen. Das nun von Figueiredo geführte Regime setzte für 1985 Präsidenten-Wahlen an, sie würden aber noch einmal indirekte, durch ein Wahlkollegium, sein.

Die PDS, die gewissermaßen das Erbe der Diktatur in die Demokratie überführen sollte, wie die NP bzw dann NNP in Südafrika oder die MSZP in Ungarn, war in der Frage direkte/indirekte Wahl gespalten. Der Teil um Paulo Maluf der für eine indirekte Wahl war, setzte sich durch. Jener um José Sarney de Araújo Costa verliess darauf hin die PDS, gründete die PLF, die sich mit der PMDB verbündete. “Sarney” Costa war in der UDN gewesen, folgte ihr zur ARENA, wurde unter der Diktatur Gouverneur von Maranhão. Dann kam er in den Kongress und wurde ARENA-Präsident. Ein Zivilist, aber ein Oligarch, v.a. mit Medien-Unternehmungen. Neves und Sarney von der PMDB traten als Kandidaten für das Präsidenten- und Vizepräsidenten-Amt in der Wahl 85 an, wollten eine baldige neue Verfassung. Auf der anderen Seite Maluf (auch ein Zivilist) und Marcilio von der PDS, die das Erbe der Diktatur verteidigten. Es gab bei der Wahl wenigstend keinen Zwang mehr für die Wahlleute und diese waren teilweise demokratisch gewählt worden.

Neves/Sarney siegten klar. Neves erkrankte kurz vor der Amtsübergabe; Sarney wurde als sein Vizepräsident angelobt; dann starb Neves; Sarney rückte in die Position des Staatspräsidenten auf. Dies war nicht ganz unumstritten. Eine Meinung war, dass Sarney Vizepräsident nur zusammen mit Neves hätte werden können. Und nachdem das nicht möglich war, hätte Unterhaus (Kammer)-Sprecher Guimarães amtierender Präsident werden müssen. Das Unbehagen kam auch, weil Neves in dem Kandidatenpaar der Anti-Regime-Kandidat gewesen war. Und nun erbte mit Sarney einer den Wahlsieg, der die längste Zeit ein Mann der Diktatur gewesen war und erst kurz vor der Wahl die Seiten gewechselt hatte. Aber er legte der Demokratisierung keine Steine in den Weg und die Amtsübernahme des ersten Zivilisten an der Staatsspitze nach Jahrzehnten wird als Ende der Diktatur angesehen.

Die Demokratisierung fand mehr unter Sarney statt als durch ihn, ab 85. Der Beginn der Sechsten Republik wird hier angesetzt. Etwa in der selben Zeit demokratisierten sich auch Argentinien (unter Alfonsin ab 83; auch hier gab es massive Wirtschaftsprobleme) und Chile ab 88 (gegen Pinochet). Noch 85 wurde der Weg zu freien Wahlen frei gemacht, durch eine Verfassungs-Änderung durch das Parlament. 1986 fand eine freie Parlamentswahl statt (die erste seit 62), brachte einen Sieg der PMDB, die PSD kam auf unter 8%. Das Parlament begann mit der Ausarbeitung einer neuen Verfassung, 1988 stand diese fest und trat in Kraft. 1989 wurde der Präsident (erstmals seit 60) frei und direkt gewählt, Mitte-Rechts-Kandidat Fernando Collor de Mello von der PRN gewann u.a. gegen den Gewerkschafter Luiz Inacio „Lula“ da Silva von der PT bei dessem ersten Antreten.21 Mit De Mellos Amtsantritt 1990 kann der Übergang (bzw die Rückkehr) zur Demokratie als abgeschlossen betrachtet werden.

Collor, der hauptsächlich mit der Wirtschaft beschäftigt war, berief den Deutsch-Brasilianer José Lutzenberger als Umweltminister in seine Regierung. Dieser war bei BASF und für den Vertrieb von DDT tätig gewesen. Als er erfuhr, wie dieses Gift nicht nur Schädlinge, sondern auch die restliche Natur angreift, wurde er um 1970 zum Umweltaktivisten. Ein Gebiet seines Engagements wurde der Regenwald im Amazonas, seine Zurückdrängung durch Abholzung, die ja auch die dortigen “Indianer” (u.a. die Yanomami) betrifft. 1992 wurde er als Minister entlassen, da sein Umwelt-Engagement zu wenig diplomatisch bzw zurückhaltend war. Das war noch vor dem UN-Umweltgipfel in diesem Jahr in Rio. Das Problem der Zurückdrängung des brasilianischen Regenwalds, durch Viehzucht und Holzindustrie, war in den 1980ern international ein Thema geworden. Auch durch das Engagement von „Chico“ Mendes, einem Kautschukzapfer im Amazonas, der auch gegen die Militärdiktatur aktiv gewesen war. Er trat für die Erhaltung der Wälder ein, die Lebensgrundlage u.a. für die Seringueiros (Kautschukzapfer) und indianischen Ureinwohner sind. 1988 wurde er von Grossgrundbesitzern ermordet.22

Unter Collor erst wurde das militärische Atomprogramm Brasiliens beendet und bekannt gegeben. Die Anfänge der Atomprogramme liegen in den 1950ern, als Argentinien unter Präsident Juan Peron damit begann. Goulart bemühte sich um die Sicherung Lateinamerikas als nuklear-freie Zone. Auch diese Initiative fiel dem Putsch zum Opfer, Mexiko übernahm dann die Initiative und brachte den Tlatelolco-Vertrag zu Stande – dem Brasilien unter der Militärdiktatur nicht beitrat, wie auch dem Atomwaffensperrvertrag nicht. In den 1970ern begannen die zivilen wie militärischen Atomprogramme Brasiliens erst richtig. Dass Brasilien mit US-amerikanischer Hilfe damals in Angra bei Rio ein AKW errichtete, war kein Geheimnis. Dieses nahm 1985 den Betrieb auf. 1975 schloss die Atombehörde Nuclebrás ein Abkommen mit der BRD ab, zum Transfer von Nuklear-Technologie, der zu einem zweiten Atomkraftwerk führen sollte. Angra 2 nahm dann 2000 den Betrieb auf.

Der Erwerb des westdeutschen Trenndüsenverfahrens zur Urananreicherung unter Geisel für das ziviles Programm verringerte die Distanz Brasiliens zu einem militärischen Atomprogramm. Und die regierenden Militärs sahen ein solches Ende der 1970er als lockende Herausforderung. Es war Präsident Figueiredo, der dieses initiierte. Den Bau bzw Besitz einer Atombombe anzustreben, hat immer mehrere Gründe, im Fall Brasiliens war es neben den üblichen Prestige-Gründen die Konkurrenz mit Argentinien. Argentinien soll während des Malvinas-Kriegs vorgehabt haben, Rio Grande do Sul zu invadieren um alte Gebietsansprüche umzusetzen. Im Grunde hätte Brasilien höchstens gegenüber der USA eine Atombombe gebraucht, da nur diese in seine innere Angelegenheiten intervenierte, wie auch in anderen Ländern der Region; die von der USA abhängige Militärdiktatur sah das natürlich anders.

Interessant, dass in Brasilien der Übergang zur Demokratie auch die Aufgabe des militärischen Atomprogramms bedeutete.23 Als 1985 über die Festschreibung von Nuklearwaffen-Verzicht in die neue Verfassung diskutiert wurde, nahm Generalstabschef Oliveira dagegen Stellung. Die Arbeit an einer Atombombe bzw an atomwaffenfähigem Uran war nach wie vor unter Ägide des Militärs. Der zivile Präsident Sarney hat als Präsident die Ausmaße der durch BRD-Hilfe entstehenden zivilen Nuklear-Infrastruktur reduziert. Er söhnte das Land mit Argentinien unter Alfonsin aus. Und, in seiner Amtszeit 85-90 verlor das Militär allmählich an Macht. Sarney wollte oder konnte ihm aber nicht die Kontrolle über das Atomwaffen-Programm entziehen. Der Atomwaffen-Verzicht, die Beschränkung nuklearer Aktivitäten auf friedliche Zwecke, kam aber in die Verfassung von ’88 hinein.

Es war Collor, unter dem das Programm öffentlicht gemacht und eingestellt wurde – zusammen mit der vollen Wiederherstellung der Demokratie und der Kontrolle der Politik über das Militär. Dies geschah 1990, als der Präsident auf der Luftwaffen-Basis Cachimbo im Norden in eine für Nukleartests vorgesehene unterirdische Einrichtung einige Schaufeln mit Zement warf (Foto hier), das Atomwaffenprogramm symbolisch begrub, den Abbau der Einrichtung einleitete. Fotografen wurden dazu eingeladen, das Land und die Welt sollten es erfahren. Mit dabei waren Umweltminister Lutzenberger und Wissenschaftsminister José Goldemberg, zwei ausgesprochene Atomwaffen-Gegner. Die drei Chefs der militärischen Waffengattungen waren auch anwesend, sollen wenig glücklich geschaut haben. Collor war es gelungen, dem Militär die Aufsicht über das Programm zu entziehen. In den folgenden Jahren wurde auch das Weltraumprogramm auf friedliche Zwecke beschränkt und dazu dem Militär entzogen. Und Brasilien trat dem Tlalteloco-Vertrag, dem Atomwaffensperrvertrag und dem Kernwaffenteststopp-Vertrag bei.

Collor war auch an der Aushandlung bzw Schaffung des Mercosul/Mercosur beteiligt, der u.a. einen gemeinsamen Markt für Südamerika bringen soll. 1992 wurde er wegen Korruption des Amtes enthoben; sein Vizepräsident Franco (PMDB, davor PRN) wurde Nachfolger als Präsident, bis zur regulären nächsten Wahl 1994. 1993 fand eine Volksabstimmung über die Staatsform statt, gemäß der 88er-Verfassung; abgestimmt wurde über Beibehaltung der Republik oder Rückkehr zur Monarchie24 sowie, bei Beibehaltung der Republik, über Fortsetzung des Präsidialsystems oder Änderung zu einem System mit einem Premier der vom Parlament gewählt wird. Immerhin, mehr als 13% der Brasilianer stimmten für die Wiedereinführung der Monarchie (im Staat Sao Paulo am meisten, dort wahrscheinlich die Reichen in den ländlichen Gegenden); die Republik und darin ein Präsidialsystem bekamen aber klare Mehrheiten. Luiz G. de Orléans e Bragança, Ururenkel des letzten Kaisers (die Familie durfte nach dem 2. WK nach Brasilien zurück kehren), seit 81 Chef des Hauses, beteiligte sich eben so an der Restaurations-Kampagne vor dem Referendum wie der Gegen-Prätendent Pedro G.25

1994 wurde der pseudolinke Fernando Cardoso von der PSDB zum neuen Staatspräsidenten gewählt, amtierte 95 bis 03. Fast alle Präsidenten Brasiliens waren weiss; nicht Cardoso sowie sein Nachfolger “Lula”, die beide neben weissen auch einige afrikanische Vorfahren haben. “Pelé” do Nascimento, der konservativ ist, aber kein Befürworter der Diktatur war, wurde unter Cardoso Sportminister. 2000 die 500-Jahr-Feiern Brasiliens, das Jubiläum der Ankunft der Portugiesen, für Viele ein Anlass, über die Identität des Landes nach zu denken. Im Fussball wurde die Seleção 1994 ja wieder Weltmeister, vier Jahre scheiterte das Team um Ronaldo da Lima im Finale, 2002 gewann es das Turnier wieder (zum bislang letzten Mal). Die besten brasilianischen (aber auch anderen südamerikanischen) Fussballer gehen seit den 90ern nach Europa.

Bei der Präsidenten-Wahl 2002 war „Lula“ beim 4. Versuch erfolgreich, besiegte Serra von der PSDB in der Stichwahl, trat Anfang ’03 sein Amt an. Beide Kandidaten sowie die anderen wurden von einer Reihe von Parteien unterstützt. Die PT bekam auch im gleichzeitig gewählten Congresso 26 eine Mehrheit, aber eine sehr relative, unter 20%. Neben der PT und der PL von José Alencar, der als Vizepräsident mit Da Silva gewählt wurde, wurden 6 weitere Parteien in der Regierung beteiligt (PPS, PSB, PDT, PV, PCdoB, PTB). Dennoch hatte dieses Parteienbündniss weder in Kammer noch im Senat eine Mehrheit, sah einem von PSDB, PMDB und PFL geführten Oppositionsblock gegenüber, aus dem sie einzelne Parteien oder Abgeordnete bei der Umsetzung der Vorhaben gewinnen bzw überzeugen musste, am ehesten mit inhaltlichem Entegenkommen. Das bedeutete, dass Lula und die PT viele ihrer Vorhaben verwässern mussten…

Hinzu kam noch die Abhängigkeit von der Weltwirtschaft und auch die Tatsache, dass Lula und seine Leute ihre Reformen in grossem Konsens in der brasilianischen Gesellschaft durchführen wollten. Schon während der Wahl waren die Börsen in Aufregung, aus Angst vor einer Umverteilung. Ähnlich war es in Südafrika 1994, als die Apartheid abgewählt wurde. Auch der dann folgende wirtschaftspolitische Spagat zwischen Armen und Investoren, zu dem Lulas Regierung gezwungen war, ähnelt dem von Mandela. Diese beiden Länder haben einiges gemeinsam, von der Rassenhierarchie bis zur Zugehörigkeit zur 2. Welt, unter Lula und Mbeki begannen sie auch, zusammen zu arbeiten.

Mit bzw ab Lula kam die Linke in Brasilien erstmals richtig zum Zug, erstmals in der Geschichte dieses Landes wirkte nicht eine auf Absicherung der Oligarchie bzw Ausbeutung ausgerichtete Regierung nachhaltig. Doch, aus den genannten Gründen waren die Reformen sehr zahm. Schon in seinem ersten Wahlkampf 1989 hatte „Lula“ viele Kompromisse gemacht. Für Viele herrschte Lula zu neoliberal, für Rechte bzw Reiche war er noch immer zu links. Die extremen sozialen Gegensätze Brasiliens27 wurden unter ihm etwas gemindert, die Armut etwas abgebaut. Die Emigration aus Brasilien ging zurück. Und, trotz dieser Politik gab es zeitweise ein Wirtschaftswachstum. Auch kam mehr rassische Durchlässigkeit. Nicht nur weil der Musiker Gilberto Gil von der Grünen Partei (PV) Kulturminister unter Da Silva wurde, als erst zweiter Schwarzer in einer brasilianischen Regierung.

Brasilien ist seit “Lula” dabei, die Kluft im Inneren zu schliessen und nach aussen als Mittel-/Regionalmacht aufzutreten. Unter Lula, der Bush wie Ahmadinejad seinen „Freund“ nannte, kam auch eine neue Aussenpolitik. Hauptsächlich in Form von Partnerschaften mit anderen Ländern des Südens und Lateinamerika, in Besinnung auf das eigene Potential. Im Rahmen von IBSA (India-Brazil-South Africa Dialogue Forum) oder den BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika)28. Eine Zusammenarbeit, um der westlichen Hegemonie (v.a. durch Dominanz in IMF und Weltbank) zu begegnen. Diese Länder haben die Erfahrung gemacht, dass sie vom Westen ohnehin nicht als gleichberechtigte Partner behandelt werden. Vielleicht weil sie nicht weiss genug sind.29 Diese Achse von (Schwellen-)Ländern hat auch einen gewissen Einfluss auf die Weltpolitik.

Paradoxerweise war die USA noch nie so isoliert in Lateinamerika wie in der “Ära” Obama bzw Anfang des 21. Jh. Paradox ist das, weil Obama auch gegenüber Lateinamerika mit mehr Respekt aufgetreten ist als die meisten seiner Vorgänger. Davon zeugt etwa die Rede des USA-Präsidenten während seines Chile-Besuchs 2011, in der er eine “neue Partnerschaft” seines Landes mit den Staaten Lateinamerikas vorschlug – in den Bereichen Wirtschaft, Armutsbekämpfung und Demokratiestärkung. Wenn die USA wirtschaftlich mit den Staaten Lateinamerikas zusammenarbeitet und diese nicht ausbeutet, wäre das in der Tat ein grosser Schritt. Die Isolation kommt eher davon, dass sich wie Brasilien fast alle Staaten der Region Ende des alten Jahrtausends demokratisierten und daher Regime, die gegen das eigene Volk regieren und in der Regel USA-freundlich sind, weg vom Fenster sind. Andererseits, das gespannteste Verhältnis, das die USA zu einem lateinamerikanischen Staat hatte, jenes zu Kuba30, hat sich unter Obama entspannt.

06 wurde Lula wieder gewählt, wieder mit Alencar, in der Stichwahl gegen Alckmin von der PSDB. Die PT kam bei der Parlamentswahl auf etwa 16%. Bezüglich der Einbeziehung anderer Parteien in die Regierung und der Mehrheitsverhältnisse im Parlament war die Lage 07 bis 11 ähnlich wie in Lulas erster Amtszeit. Der Theologe Leonardo Boff war Lulas Berater, wandte sich ab von ihm: „Er ist sich seiner historischen Mission nicht bewusst, führt keine strukturellen Reformen durch, die konservativen Institutionen der Welt sind zufrieden mit ihm”. Der österreichisch-stämmige Bischof von Xingu (Para), Erwin Kräutler, Gewinner des “alternativen Nobelpreises”, kritisierte Lula dafür, dass er die Indios im Namen des Fortschritts links liegen liess, zollte ihm aber Anerkennung für seine Armutsbekämpfung.

Der Ex-Fussballer “Socrates”, der sich mit der “Democracia Corinthiana” bei seinem Klub Corinthians Sao Paulo Anfang der 80er gegen die Militärdikatur engagierte, sagte, Lula würde eine 7 aus 10 für seine Regierungsarbeit verdienen. Der österreichische Brasilien-Kenner Georg Grünberg (ein Ethnologe): „Lula ist der erste Herrscher Brasiliens, der aus dem Volk ist, nicht von oben herab regiert, sondern im Interesse des Volkes“. Und: „Endlich wird aus dem Land der Zukunft31 ein Land der Gegenwart, nützt es sein Potential aus.”

Lulas Kabinettschef José Dirceu musste 05 zurück treten infolge des Mensalão-Skandals, bei dem es um Korruption zur Mehrheitsbeschaffung im Parlament ging, Gelder an Abgeordnete diverser Parteien um Parlaments-Mehrheiten zu sichern. Dirceu war wichtigster Angeklagter in einem grossen Korruptions-Prozess am Obersten Gerichtshof 2012, wurde zu 7 Jahren Gefängnis verurteilt. Dass die Regierung (bzw der Präsident und sein Vize) und das Parlament unabhängig voneinander gewählt werden, erweist sich immer mehr als problematisch. Damit die Regierung ihre Politik umsetzen kann, muss sie breite Allianzen eingehen, diesen Partnern inhaltliche Zugeständnisse machen und wenn das noch immer nicht reicht, ist die Verlockung da, Abgeordnete/Parteien aus dem Oppositions-Block finanzielle “Zugeständnisse” zu machen.

2010 fand die erste Präsidenten-Wahl ohne Lula seit 1985 statt; daneben wurden auch beide Kammern des Parlaments und die Bundestaaten (Gouverneure, Parlamente) gewählt. PT-Kandidatin Rousseff (05-10 Lulas Kabinettschefin) und Temer (PMDB) setzten sich gegen Serra (PSDB)/Da Costa (PSD) in der Stichwahl durch. Die in der ersten Runde überraschend gute Grüne Marina Silva, Ex-Lula-Ministerin, gab in der Stichwahl keine Empfehlung ab. Am 1. 1. 11 war die Amtsübergabe, endete Lulas Ära, bekam Brasilien seine erste weibliche Präsidentin. Auch Rousseff arbeitete daran, sich von einer nach Rasse und Einkommen gespaltenen Gesellschaft zu verabschieden, etwa durch die Sozialpolitik. Teilweise machte die PT aber auch eine Politik um der eigenen Macht willen, wie der ANC in Südafrika gelegentlich.32

Unter Rousseff wurde auch eine Wahrheitskommission (Comissão Nacional da Verdade) gegründet, um Menschenrechtsverbrechen während der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 zu untersuchen. Sie war von 2011 bis 14 aktiv. Als die Kommission ihre Arbeit aufnahm, war in Brasilien die Welt noch in Ordnung: Während fast die ganze Welt unter der Wirtschaftskrise stöhnte, hatte das Land blendende Wachstumsraten. Und der Ausblick auf die Fußball-WM 2014 (inkl. Confederations-Cup im Jahr davor) und die Olympischen Sommerspiele 2016 (mit Paralympics danach) war viel-versprechend. Doch dann begann auch in Brasilien die Wirtschaft zu kriseln (der Real stürzte auf ein historisches Tief ab), Korruptionsaffären erschütter(te)n das Land, und beim Konföderationen-Pokal 2013 begannen die Proteste der Bevölkerung gegen die  Regierung.

Ausgerechnet an Brasiliens „Nationalheiligtum“ Fussball entzündeten sich die Proteste; daran dass viel Geld in die Stadien für WM und Olympia gesteckt wurde, zu viel im Verhältnis zum Bildungs-, Gesundheits-, Verkehrssektor, dass für die Welt aber nicht für die Brasilianer investiert werde. Auch die Strom- und Wasserversorgung ist vielerorts verbesserungsbedürftig. Ursprünglich ging es bei den Protestaktionen um gestiegene Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr und andere Lebenskosten. Die Proteste zeigten eine Entfremdung der PT-geführten Regierung vom Volk. Vieles daran erinnerte wieder an Südafrika. Es gab auch da wie dort Umsiedelungen für Stadionbauten. Es hat Aufschwung und Ausgleich gegeben, aber manche Probleme blieben und wurden nun von der Bevölkerung „thematisiert“. Es handelte sich um Sozialproteste, es ging aber auch um schlecht arbeitende Verwaltungen und Anderes. Die neu gewonnene Stabilität im Land ging ausgerechnet vor bzw anlässlich der Ausrichtung von WM und Olympia verloren.

Die Proteste knüpften an frühere gegen Herrschende in Brasilien an. Das Odebrecht-Konglomerat hat viele Aufträge durch die WM erhalten, war zB am Umbau des Maracana-Stadion in Rio beteiligt. In den 1960ern und 1970ern expandierte Odebrecht genau zu jener Zeit, als die brasilianische Militärjunta durch Investitionen in den Ausbau der Infrastruktur das Wirtschaftswachstum anstoßen wollte. Und, der Konzern hat weiter gute Verbindungen in die Politik. Erwin Kräutler zu der Krise: Es gäbe in Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Transport und Sicherheit keine FIFA-Standards. Es seien in Brasilien wirtschaftliche Fortschritte passiert, die aber viel zu wenig an der Lebensqualität der Massen änderten. Die Proteste warfen Schatten auf die kommenden Sport-Grossereignisse im Land.

Und wie es oft bei solchen Auflehnungen geschieht, Polizeigewalt gegen die Demonstrierenden heizte deren Protest noch weiter an.33 Trotz einiger politischer Zugeständnisse gingen weiter Million Menschen auf die Straße. Rousseff kündigte für den Fall eines Wahlsiegs 14 Investitionen in Infrastruktur, öffentliche Dienstleistungen und den Bildungssektor an. Die Heim-WM klappte organisatorisch; das 1:7 des brasilianischen Teams im Semifinale gegen den späteren Sieger Deutschland in Belo Horizonte symbolisierte aber die Krise, in der sich das Land politisch-gesellschaftlich befindet.

Der ehemalige Fussballer Romario Faria arbeitet seit 2011 für die PSB im brasilianischen Parlament

Im Oktober 14 dann die grosse Wahl. Bei der Präsidenten-Wahl war Aecio Neves von der PSDB (Enkel von Tancredo) wichtigster Rousseff-Gegenkandidat, kam in die Stichwahl mit ihr. Die sozialistische PSB, bislang Bündnispartner von Rousseffs PT, hatte ein eigenes Kandidaten-Paar in die Wahl geschickt, mit der Ex-Grünen Marina Silva. Sie kam immerhin auf 21% im ersten Wahlgang. Für die Stichwahl gaben Silva und ihre PSB eine Unterstützungserklärung für Neves ab. Auch die grüne Partei PV sowie weitere eher links stehende Parteien taten dies. Marina Silva ist eine widersprüchliche Figur. Davon zeugen nicht nur ihre recht häufigen Parteiwechsel34; sie trat wie nicht wenige Brasilianer von der noch immer dominierenden katholischen Kirche zu einer evangelikalen protestantischen über, wurde eine Pfingstlerin. Und, sie die die PT immer dafür kritisiert, nicht links genug zu sein, änderte ihre gesellschaftspolitischen Ansichten (bzgl Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehe,…) auf Druck ihrer Kirche auf konservativ. Und unterstützte den liberalkonservativen Kandidaten.

Rousseff gewann die Stichwahl sehr knapp, mit 52 zu 48%. Mit Ex-Gouverneur Neves verlor seit 2002 zum vierten Mal in Folge ein Kandidat der PSDB die Präsidentschaftswahl – noch nie jedoch so knapp wie damals. Die PSDB steht für liberale bis rechtskonservative Ansichten. Wurde wieder die wichtigste Oppositionspartei, wichtigste Partei ausserhalb des mit der PT in Parlament und Regierung verbündeten Blocks (der PMDB, PP, PSD, PR, PDT, PROS, PCdoB umfasst). Diese PT-geführte Allianz (Coligação Com a Força do Povo) erreichte in beiden Kammern Mehrheiten; die PT allein kam auf 14% (lag damit 2,5% vor der PSDB), verlor Einiges. Durch diese Umstände wurde die PMDB (u.a. mit Temer als Vizepräsident in der Regierung vertreten) noch wichtiger für den Linksblock, musste ihr die PT noch mehr Zugeständnisse machen. Sie könnte auch die Seite wechseln.

2015 wurden gegen Rousseff und ihr Umfeld diverse Vorwürfe erhoben, von Tricksereien zur Schönung des Budgets über die Bezahlung ihres Wahlkampfes 2014 durch Industrielle bis zu Unregelmäßigkeiten um den halbstaatlichen Ölkonzern Petrobras, dessen Aufsichtsratsvorsitzende sie gewesen ist. Rousseff sagte, dass sie zwar Fehler gemacht habe, aber keine kriminellen Handlungen begangen. Eine neue Protestwelle ging durch das Land. Ende ’15 entschied das Parlament für die Eröffnung eines Amtsenthebungsverfahrens gegen Rousseff; ein Ausschuss der Abgeordnetenkammer untersuchte darauf hin die Vorwürfe. Im März 16 kündigte der wichtigste Koalitionspartner der PT, die PMDB, das Bündnis auf, jene Partei die seit 03 Partnerin der Arbeiterpartei gewesen war. Vizepräsident Michel Temer blieb aber in der Regierung, dies verstärkte nur die tiefe Regierungskrise.

Auch Ex-Präsident “Lula” soll in den Petrobras-Skandal (in den jedenfalls nicht nur die PT involviert ist) verwickelt sein, wurde dazu einvernommen. Roussef war Lulas Kabinettschef, Anfang 16 wollte sie ihn zu ihrem machen. Dass Ex-Präsidenten politisch tätig werden, ist in Brasilien nicht ungewöhnlich.35 Ein Oberrichter blockierte die Ernennung aufgrund der Ermittlungen gegen ihn.

Die Abwendung der PMDB machte die Amtsenthebung von Rousseff wahrscheinlicher. Im April 16 stimmte die nötige Mehrheit von zwei Dritteln der Abgeordneten in der unteren Kammer dafür, das Amtsenthebungsverfahren an die nächste Ebene, den Senat, weiterzuleiten. Nun untersuchte ein Ausschuss des Senats die Sache. Als der Senat das im Mai die Vorwürfe als ernsthaft genung bestätigte, wurde Rousseff vorläufig als Präsidentin suspendiert, bis zum Abschluss des dann laufenden Absetzungsverfahrens unter dem Vorsitz des Präsidenten des Obergerichts. Rousseff musste aus dem Planalto-Palast (dem Arbeitsplatz des brasilianischen Präsidenten) und dem Alvorada-Palast (der Residenz) ausziehen, Temer (14 mit Rousseff als VP gewählt) rückte nach.

Rousseff sprach von einem Putsch. Und das Aussenministerium verschickte vor der Absetzung angeblich ein Rundschreiben an alle Botschaften im Ausland (ohne Mitwirkung vom damaligen Aussenminister Vieira), in dem vor einem Putsch im Land gewarnt worden ist, der von bestimmten Medienkonzerne und einflussreichen Unternehmen voran getrieben werde. Temer, Sohn libanesischer Einwanderer, nahm gleich eine Regierungs-Umbildung vor. Und setzte damit ein Zeichen. An Fortschritte während der letzten fünfzehn Jahre bezüglich Farbigen (die ca 50% Brasiliens ausmachen) und Frauen in der Spitzenpolitik wurden durch Temers weisses Männerkabinett nicht angeknüpft. Temer soll extrem neoliberal sein, steht im Verdacht, Macht an die USA und die Weltbank abtreten zu werden. Wohin seine Politik führt, wird sich zeigen. Abgeordnetenkammer-Präsident Eduardo Cunha, wie Temer von der PMDB, der das Verahren gegen Rousseff voran getrieben hatte, erwies sich als selbst korrupt, musste im Juli 16 gehen.

Olympia in Rio im August 16 lief ohne organisatorische Pannen oder Terroranschlag ab. Die rasante Ausbreitung des von Stechmücken übertragenen Zika-Virus in Brasilien zu der Zeit machte Sorgen. Die Buchten in Rio erwiesen sich als stark verschmutzt. Das brasilianische Publikum wurde für sein Verhalten bei manchen Bewerben kritisiert. Was die befürchtete Kriminalität betrifft, es gab einen Zwischenfall, um den US-Schwimmsportler Ryan Lochte. Er und drei seiner Mannschaftskameraden behaupteten, mit einer Waffe bedroht und ausgeraubt worden zu sein; die Täter hätten Polizeiuniformen getragen. Ermittlungen ergaben jedoch, dass Lochte und seine Kollegen betrunken an einer Tankstelle randaliert und dabei Sachschaden verursacht hatten. Um das zu vertuschen, täuschten sie einen Raubüberfall vor.36

Rousseff ist dann am 31. August 16 des Amtes enthoben worden, nachdem der Senat mit einer Zweidrittelmehrheit dafür votierte. Nach wie vor scheint unklar, ob Rousseff sich tatsächlich strafbar machte oder als Teil einer Intrige gestürzt wurde. Die Regierungen von Venezuela, Ecuador und Bolivien stuften die Absetzung als „Putsch“ ein und beorderten ihre Botschafter aus Brasilien zurück. Auch Kuba und Nicaragua protestierten. Brasiliens neuer Aussenminister Jose Serra (PSDB) hat die Kritik von Regierungen in Süd- und Mittelamerika an der Absetzung von Rousseff mit scharfen Worten zurückgewiesen. Die jüngste Entwicklung sei in Einklang mit der Verfassung erfolgt. Einige Wochen nach der Rousseff-Enthebung fanden Lokalwahlen statt, Sieg für die PMDB, Verluste für die PT.

Nach 13 Jahren Regierung unter Führung der Arbeiterpartei kam es zu einem Kurswechsel. Das System bzw die demokratische Entwicklung Brasiliens steht am Prüfstand. Die schlechte Wirtschaftslage sorgt zusätzlich für Unzufriedenheit. Die gesellschaftlichen und politischen Spannungen sind gross. Droht die Gefahr eines Rückfalls in Zeiten wie Anfang der 1960er, als dann das Militär die Macht übernahm und eine Dikatur errichtete? In Zeiten von Oligarchie und Fremdsteuerung? Der Rechtsextremist Jair Bolsonaro von der PSC (vorher in vielen anderen Parteien), ein ehemaliger Offizier, verteidigt die Militär-Dikatur, ist für eine neue. Dass er auch für die Wiedereinführung der Todesstrafe ist, ähnliche Aussprüche wie Philippinens Präsident Duterte macht, gäbe weiteren Grund zur Sorge.37 Noch ist die PSC aber eine der kleinsten Parteien im Parlament. Im November 16 stürmten etwa 40 rechtsgerichtete Demonstranten das brasilianische Parlament (überwanden den Wachschutz im Kongress und zertrümmerten eine Glastür) und forderten mit Sprechchören einen Militärputsch. Ein Sprecher von Präsident Temer bezeichnete den Vorfall als „Affront“.

Rousseff ist wegen „Beugung“ der Demokratie in Schwierigkeiten; davor wurde bei Widerstand bzw Schwierigkeiten, die eigenen Vorstellungen angesichts der Mehrheitsverhältnisse um zu setzen, einfach ein Militärputsch veranstaltet und eine Diktatur errichtet – und im Lager der politischen Gegner stehen Viele, die die einstige Ausschaltung der Demokratie nach wie vor begrüssen. Anstelle einer Reform des politischen Systems wird versucht, eine politische Richtung zu entmachten. Jene die der PT die Korruption vorwerfen (bzw dies instrumentalisieren), sind oft viel weniger Demokraten.38 Dass die PT die Korruption erfunden hätte und die Anderen sauber wären, das hat sich auch bald nach Rousseffs Absetzung als falsch erwiesen. Temer verlor in wenigen Monaten bereits sechs Minister, die wegen Skandalen zurück treten mussten. Ende 16 wurde auch Senatspräsident Renan Calheiros (PMDB), ein Vertrauter Temers, der Korruption beschuldigt. Calheiros wird unter anderem verdächtigt, 2005 Geld aus Senatskassen genutzt zu haben, um damit über einen Strohmann bei einer Autofirma Unterhalt für eine uneheliche Tochter zu zahlen. Das Direktorium des Senats stellte sich gegen die Entscheidung eines Richters des Obersten Gerichtshofs und erklärte, Calheiros bleibe im Amt. Die schwere politische Krise hat sich dadurch noch verstärkt.

Das US-amerikanische System mit unabhängig voneinander gewählter (Präsidial-) Regierung und Parlament hat seine Schwächen. Zumal es in USA nur zwei Parteien von Belang gibt, in Brasilien aber ca. 2 Dutzend. Parteien in Brasilien haben meist ein unklares politisches Profil, gehen für Wahlen Allianzen ein. Die Suche nach parlamentarischen Mehrheiten ist viel schwieriger als zB in Südafrika, wo das Parlament direkt gewählt wird und dieses dann den Präsidenten wählt. Dort hat die Regierung automatisch eine Mehrheit im Parlament.39 Die Einführung einer Sperrklausel für Parlaments-Wahlen und die Erschwerung von Parteienwechsel wären ein Reform-Ansatz für Brasilien.

Es stellt sich die Frage, wo die “lateinamerikanische Krankheit” steckt: Dort wo Herrschende Macht missbrauchen, öffentliches Geld zweckentfremden und politische Zustimmung kaufen wollen. Oder wenn versucht wird, mit dem politischen Gegner über Korruption abzurechnen, Schwächen des Systems für sich zu nutzen, das Land zu destabilisieren, um alte Verhältnisse wieder her zu stellen. Ist Rousseffs Absetzung mit jener von Zelaya in Honduras 09 zu vergleichen, die ohne Militär geschah, mit Beugung von Recht und Druck von Aussen? 2018 werden Präsident, Parlament sowie Bundesstaaten das nächste Mal gewählt. Es besteht schon Grund zur Annahme, dass Lateinamerika inzwischen genug Reife und Stärke hat, nicht in Zeiten von Putschen und Interventionen zurück zu fallen. Unter Trump wird sich die Isolation der USA in Lateinamerika noch verstärken. Die Lateinamerikaner nimmt er nicht für voll. Gerade das könnte ihn verleiten…

Der Baukonzern Odebrecht, der in Brasilien auch in den Rousseff-Skandal verwickelt ist, soll auch in anderen lateinamerikanischen Ländern Schmiergelder an Politiker gezahlt haben, um an Aufträge zu kommen. Ausser Panama und Kolumbien zumindest auch in Peru. Der peruanische Ex-Präsident Alejandro Toledo wird deshalb mittlerweile per internationalen Haftbefehl gesucht. Toledo hat anscheinend kürzlich versucht, über die USA nach Israel zu gelangen, wohin seine Ehefrau enge Verbindungen hat. Die Odebrecht-Zahlungen in Brasilien stehen mit dem Petrobras-Skandal in Zusammenhang, der im Rahmen der Operação Lava Jato aufgeklärt werden soll. Jener Oberrichter, der juristisch dafür verantwortlich war, Teori Zavascki, starb im Jänner 17 bei einem Flugzeug-Absturz.

Die Regenwald-Rodung betrifft wie erwähnt die Natur, Indios (wie Yanomami), und jene Kleinbauern, die ohne Abholzung wirtschaften. Wahrscheinlich kann Brasilien nur Frieden finden, wenn es den Regenwald und die dort lebenden Menschen respektiert, nicht hauptsächlich auf Wirtschaftswachstum und Bedürnisse der Weltwirtschaft achtet. Die (traditionell lebenden) “Indianer” sind wahrscheinlich jene Bevölkerungsgruppe, am wenigsten Teil Brasiliens ist, waren immer Unterworfene, Brasilien kam zu ihnen. Die Abholzung geschieht um des Holzes willen aber auch, um Anbau- und Weideflächen zu schaffen. Die Agrarindustrie ist nach wie vor enorm wichtig in Brasilien, ob mit Kühen, Orangen oder Soja. Ohne Ausbeutung der Natur und mit Wahrung von Menschenrechten zu wirtschaften, und dabei den Anliegen und Bedürfnissen aller Bevölkerungsgruppen gerecht zu werden, ist natürlich leichter gesagt als getan.

Nach zähem Ringen stimmte das Parlament ’12 einer Novelle des „Codigo Florestal“ (Waldgesetz) zu. Das Waldgesetz stammt aus 1934 und wurde 1965 grundlegend novelliert. Es schreibt Schutzgebiete für den Regenwald vor und weist landwirtschaftliche Nutzung in die Schranken. Die Aufweichung brachte u.a. eine Vergrösserung der Flächen, die abgeholzt werden dürfen und die Befreiung  kleinerer Landwirtschaftsbetriebe von der Wiederaufforstungspflicht illegal abgeholzter Waldflächen. Der Haupt-Autor der Novelle war Aldo Rebelo von der neuen Kommunistischen Partei Brasiliens (PCdoB), Frontmann der Agrarlobby im Parlament. Rebelo war auch Parlamentspräsident und Minister unter Rousseff (für Verteidigung, Wissenschaft,…). Präsidentin Rousseff, für die Klimaschutz ein Thema ist, legte ihr Veto gegen einige Teile der Novelle ein und verhinderte diese damit.

Die weisse Oligarchie hat rudimentär weiter Bestand, Brasilien ist noch immer nicht ein Land für Alle. Und in der Politik ist zuletzt die Dominanz reicher weisser Männer um die 50 zurück gekehrt.40 Viele Partner für eine reaktionäre Politik hat Temer in Lateinamerika nicht. Santos in Kolumbien natürlich, die argentinische Regierung unter Macri vermutlich, vielleicht Varela in Panama, Pinera nimmer; und Trump ist dabei, eine Mauer zu Lateinamerika zu errichten – was weniger schlimm ist als eine US-amerikanische Regierung, die in lateinamerikanischen Staaten eine Politik an deren gewählten Regierungen vorbei verfolgt. Allerdings, die u.a. durch Korruptions-Aufdeckungen/-Beschuldigungen ausgelöste politische Krise in Brasilien hilft dem Rechtspopulisten Bolsonaro, der sich als Saubermann präsentiert. Er soll für die Präsidenten-Wahl nächstes Jahr relle Chancen haben… Und er ist ein begeisterter Anhänger von Trump (was einiges über seine Haltung zu Lateinamerika aussagt). Auch der aktuelle Prätendent des ehemaligen Kaiserhauses, Bertrand de Orleans e Braganca, hofft darauf, aus der Krise Nutzen zu ziehen, auf eine Rückkehr zur Monarchie.

Literatur und Links

Bilder zur Brasilidade (Brasilianisch-Heit, Brasilianismus)

Andreas Novy: Brasilien: Die Unordnung der Peripherie: Von der Sklavenhaltergesellschaft zur Diktatur des Geldes (Habilitationsschrift, 2001)

Gilberto de Mello Freyre: Order and Progress: Brazil from monarchy to Republic (1986; Englisch)

Paulo Fontes, Bernardo Buarque de Hollanda (Hg.): The Country of Football: Politics, Popular Culture, and the Beautiful Game in Brazil (2014; Englisch)

Lateinamerika Anders, Jg. 41 3/2016, Titelgeschichten von Andreas Novy, T. Bauer, Kreuzroither,…

José Maria Bello: A History of Modern Brazil, 1889-1964 (1966; Englisch)

Erich Follath: Die neuen Großmächte. Wie Brasilien, China und Indien die Welt erobern (2013)

Portugal’s Complex Colonial Past: Lusotropicalism to Pluricontinentalism

Alex Bellos: Futebol: The Brazilian Way of Life (2002; Englisch)

France Winddance Twine: Racism in Racial Democracy. The Maintenance of White Supremacy in Brazil (1998; Englisch)

David R. Mares, Harold A. Trinkunas: Aspirational Power: Brazil on the Long Road to Global Influence (2016; Englisch)

Der in Brasilien lebende Glenn Greenwald zu Emran Feroz über die aktuelle Situation Brasiliens

Thomas E. Skidmore: Brazil: Five Centuries of Change (2. Auflage 2010; Englisch)

Roberto Achilles: Die Entwicklung des Bossa Nova in Brasilien und sein Einfluss auf die nichtbrasilianische populäre Musik (Bachelorarbeit, 2011)

Riordan Roett: Brazil: Politics in a Patrimonial Society (1972; Englisch)

Mário Filho: O negro no futebol brasileiro (1947; Portugiesisch). „Der Schwarze im brasilianischen Fußball“. Darin wird der Aufstieg der ersten schwarzen Fussball-Stars wie Arthur Friedenreich, Leônidas da Silva, Domingos da Guia, “Zizinho” geschildert

Zeichnung von Carlos Latuff zur aktuellen Situation

Regine Allgayer-Kaufmann: Brasilien 1956 bis 1961: Antônio Carlos Jobim und die Ära des Präsidenten Juscelino Kubitschek

Gilberto de Mello Freyre: The Portuguese and the tropics: suggestions inspired by the Portuguese methods of integrating autocthonous peoples and cultures differing from the European in a new, or Luso-tropical, complex of civilisation (1961, Englisch)

José de Alencar: O Guarani (1857; Portugiesisch). Alencar war Angehöriger der weissen Oberschicht Brasiliens, wurde 1877 unter Kaiser Pedro II. sogar für kurze Zeit Minister. In seinen Werken beschäftigte er sich hauptsächlich mit der indigenen Bevölkerung Brasiliens, die er als identitätsstiftend für das Land sah.

Das brasilianische Weltraumprogramm

Anatol Rosenfeld: Negro, Macumba e Futebol (1993; Portugiesisch); Rosenfeld war ein deutsch-jüdischer Theaterkritiker, der nach Brasilien auswanderte

Ruedi Leuthold: Brasilien – Der Traum vom Aufstieg (2013)

Joseph Smith: Brazil and the United States: Convergence and Divergence (2010; The United States and the Americas Series; Englisch)

Manoel Luiz Lima Salgado Guimarāes: Geschichtsschreibung und Nation in Brasilien: 1838 – 1857 (Dissertation Freie Universität Berlin, 1987)

Ronald M. Schneider: Latin American political history: patterns and personalities (2007)

Kersten Knipp: Das ewige Versprechen: Eine Kulturgeschichte Brasiliens (2013)

Denise Rollemberg and Timothy Thompson: The Brazilian Exile Experience: Remaking Identities. In: Latin American Perspectives 34/4 (Exile and the Politics of Exclusion in Latin America, Juli 2007)

Miguel Vale de Almeida: Portugal’s Colonial Complex: From Colonial Lusotropicalism to Postcolonial Lusophony

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Zu Fordlandia (1927-1945) hier etwas: http://tiara013.wordpress.com/2015/03/11/verlassene-orte/
  2. Dort in Bahia hatte es etwas Widerstand gegen die Unabhängigkeits-Erklärung von Portugal gegeben, und dadurch bewaffnete Auseinandersetzungen. Was in den andern (von Spanien) unabhängig werdenden südamerikanischen Ländern gang und gäbe war, gab es in Brasilien nur dort und in kleinem Ausmaß
  3. Eine Sonderrolle nehmen die drei Guyana-Staaten sowie Belize ein, die von britischer, französischer, niederländischer Kolonialherrschaft geprägt wurden
  4. Dom Pedro de Bragança, der zweite und letzte Kaiser, starb 1891 in Frankreich. Seine Tochter Isabel de Orléans e Bragança wurde Oberhaupt des Hauses bzw der Familie. In Portugal wurde die Monarchie (unter der Braganca-Hauptlinie) 1910 gestürzt
  5. Mit den erwähnten Einschränkungen des Wahlrechts
  6. Er hat Einiges mit Peron gemeinsam
  7. Auch im 1. WK hatte Brasilien auf Seiten der Alliierten in Europa interveniert
  8. 1967 wurde der der SPI in die FUNAI umgewandelt
  9. Auch diese Partei geht auf Vargas zurück
  10. “Brazil, ce n’est pas un pays sérieux”
  11. Der Vizepräsident war wie im System der USA auch Präsident des Senats
  12. Wie Pinochet in Chile 10 Jahre später von Allende…
  13. Als Senats-Präsident war er Nachfolger Goularts geworden
  14. Er starb 1976 in Argentinien, einige Monate nach dem dort eine ähnliche Diktatur wie in Brasilien installiert worden war, angeblich eines natürlichen Todes
  15. Ab der Verfassung von 67 wurde der Präsident dann von einem Wahlkollegium aus dem Parlament/Kongress sowie Abgeordneten der Bundesstaaten-Parlamente gewählt
  16. Hauptsächlich durch den Innen-Geheimdienst DOI-CODI
  17. Pelé, damals schon ein Superstar des internationalen Fussballs, schoss im Auftaktspiel gegen Bulgarien ein Tor, wurde aber auch schwer gefoult und verletzt. Daher kein Einsatz im 2. Match gegen Ungarn, das verloren ging. Im Spiel gegen Portugal wurde Pele von den Gegenspielern regelrecht gejagt und attackiert, der englische Schiedsrichter schloss aber keinen von ihnen aus. Verletzt humpelte er sich durch den Rest des Spiels (Auswechslungen waren noch nicht gestattet damals) und konnte die 1:3-Niederlage nicht verhindern – die zum sensationellen Ausscheiden Brasiliens bereits nach der Vorrunde führte
  18. 74, 78, 82, 86, 90 schied die Selecao immer irgendwie unglücklich vor dem Finale aus. Das beste Resultat in dieser Zeit war der dritte Platz 78, in Erinnerung geblieben ist aber v.a. das Team von 82 um “Zico”, Falcao, “Socrates”; zum brasilianischen Ausscheiden bei der WM 78 siehe http://tiara013.at/2016/03/05/moeglicherweise-geschobene-fussball-spiele/
  19. Davon zeugt auch, dass viele Bossa Nova-Musiker, etwa Astrud Gilberto, während der Militärdiktatur in die USA emigrierten (dessen Regierung diese Diktatur möglich gemacht hatte…). Dort beeinflussten einander Bossa Nova und Jazz
  20. Jedenfalls waren Portugal seine Kolonien sehr wichtig, und der Estado Novo ging mit den Niederlagen in den Kolonialkriegen in Afrika unter
  21. Tage vor der Stichwahl wurde ein Geschäftsmann entführt, der Vater des späteren Autorennfahrers Pedro Diniz, und es deutet einiges darauf hin, dass die PT damit in Zusammenhang gebracht werden sollte, um Da Silvas Wahl-Chancen zu schmälern
  22. Der portugiesische Schriftsteller José Maria Ferreira de Castro und Journalist, der einen Teil seiner Jugend in Brasilien verbrachte, schrieb 1930 den Roman “Die Kautschukzapfer” (“A Selva”), zu denen er selbst gehört hat
  23. Ähnlich verhielt es sich in Südafrika und in mancher Hinsicht auch in Argentinien
  24. Diese war ja etwas mehr als 100 Jahre zuvor abgeschafft worden. Dass diese Option in die Verfassung und damit ins Referendum kam, geht auf den Abgeordneten Bueno von der PSD (nicht zu verwechseln mit der PDS) zurück, einen Monarchisten, der dann auch die Werbetrommel für das Referendum rührte. Jene Politiker, die für ein parlamentarisches System waren, unterstützten die Einbeziehung der Restaurations-Option, da sie von den Monarchisten Stimmen für ihr eigentliches Vorhaben erwarteten
  25. Sein Vater Pedro war ein Sohn Isabels gewesen. Wegen einer “nicht standesgemäßen” Heirat (Braut nicht aus europäischem Hochadel) verzichtete er mehr oder weniger freiwillig auf Ansprüche – die auf seinen Bruder Luiz übergingen, den Grossvater seines Konkurrenten Luiz Gastão. Der Sohn dieses Pedro erhob aber für sich und seine Nachfahren Ansprüche, und aus dieser Linie stammt dieser Pedro Gastão
  26. Parlament und Präsident werden seit 94 simultan gewählt
  27. “Arme sterben vor Hunger, Reiche vor Angst“
  28. Die Zusammensetzung ist fast identisch mit der der O5-Staaten, zu denen auch Mexiko anstatt Russland gezählt wird. Manchmal ist bei BRICS auch eine andere Zusammensetzung und ein ähnlicher Namen gegeben
  29. Der von der USA ermöglichte Militärputsch in Brasilien etwa kam zu einer Zeit, als der eine Teil Deutschlands, keine 20 Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur, längst Teil des Westens war, und die USA die Souveränität und die Grenzen Westdeutschlands mit allen Mitteln zu verteidigen bereit war
  30. Und im Gegensatz zu den meisten anderen Karibik-Staaten ist Kuba zu Lateinamerika zu zählen
  31. >Zweig
  32. Bei der Fussball-WM in Südafrika ’10 schied das brasilianische Team im Viertelfinale aus; ein paar Tage danach aber auch das Team des Nachbarn Argentinien. In Brasilien zündeten Manche nach diesem 0:4 gegen Deutschland Böller und Raketen
  33. Nicht nur bei Demonstrationen gab es Einsätze von Sicherheitskräften. Wenige Monate vor der WM 14 gab es eine Offensive von Militär- und Polizei-Einheiten in einem der berüchtigtsten Armenviertel von Rio des Janeiro, dem Favela-Komplex Mare. Die Gegend, mit 130 000 Einwohnern, galt schon sehr lange als Brennpunk der Kriminalität, auch fanden dort auch Drogenbanden aus schon „befriedeten“ Favelas Zuflucht. Der Mare-Komplex liegt in der Nähe des Flughafens von Rio, wahrscheinlich ging es bei der Aktion darum
  34. Diese kommen in Brasilien oft vor. Fernando Gabeira war bei der Elbrick-Entführung der MR8 69 dabei, war dann im Exil u.a. in Schweden, kehrte im Rahmen der Generalamnestie 79 zurück. Das Buch von ihm über die Entführung wurde von Bruno Barreto verfilmt (“4 Tage im September”). Er ist nicht mehr Anti-USA, hat dort aber Einreiseverbot. Er war 86 Mitbegründer der Grünen in Brasilien, ging dann zur PT, dann wieder zu den Grünen, weil ihm die PT zu wenig links ist
  35. Quadros wurde nach der Diktatur wieder Bürgermeister von Sao Paulo, Franco und Collor Senatoren, Sarney, der Oligarch aus Maranhão, sogar Senats-Präsident
  36. orf.at wusste über diese Olympischen Spiele zu berichten: „Teilweise leere Stadien, Transportprobleme, Kritik an den Sportstätten und Ärger über die Zustände im olympischen Dorf zeigten, dass Brasilien mit diesem Großevent doch überfordert war.“
  37. Wirtschaftlich ist er einer, der links blinkt und rechts abbiegt, wie Rechtsextremisten meist
  38. Türkei mit Erdogan und seinen Gegnern lässt grüssen
  39. Es gibt in Südafrika zur Zeit einen ähnlichen Skandal, um Staatspräsident und ANC-Chef Jacob Zuma, v.a. wegen Zweckentfremdung von Steuergeld für private Zwecke. Auch hier kommt Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Situation im Land dazu. In Südafrika haben aber jene, die ein Zurück zu alten Verhältnissen wollen, einen schwereren Stand. Beide Länder haben die Folgen des europäischen Kolonialismus noch zu überwinden
  40. Wobei Präsident Temer wie gesagt libanesischer Herkunft ist; die levantinischen Araber gelten aber in Lateinamerika als Weisse, nicht als Asiaten

Der kurze Krieg im Süd-Atlantik 1982 und seine Implikationen

1982: Im Mai eroberten iranische Truppen den vom Irak besetzten Teil ihrer Provinz Khusestan zurück, womit der Krieg zu Ende hätte sein können, nun begann aber das islamistische Regime einen Gegenangriff auf den Irak. Im Juni nahm Israel einen palästinensischen Anschlag in London zum Vorwand für eine neue Intervention im Libanon, die einer Invasion gleichkam, um im dortigen Bürgerkrieg auch seine Ansprüche durchzusetzen, und das war die Vertreibung der PLO aus Beirut. Im November folgte Andropow in der Sowjetunion dem verstorbenen Brejschnew als Sekretär der KP (De facto-Staatschef), einen Monat nachdem in der BRD Kohl Schmidt als Kanzler “gestürzt” hatte. Der Roman “La casa de los espíritus” (Das Geisterhaus; eine Art historischer Roman über Chile anhand einer Familie) von der Exil-Chilenin Isabel Allende kam heraus, zunächst in Spanien; “E.T.” von Steven Spielberg kam in die Kinos. Und im März und April nahmen argentinische Truppen zwei von ihnen beanspruchte, britisch verwaltete Inselgruppen ein, was einen Krieg zur Folge hatte. Die Royal Navy stellte die alte Ordnung im Südatlantik wieder her, die britische Herrschaft wurde von April bis Juni 1982 nur unterbrochen. In diesem Krieg, einer der ersten, die ich bewusst miterlebte, steckte auch viel Weltpolitik und -geschichte.

Diese Malvinas/Falklands sind mit 12 000 km² grösser als man meinen möchte, grösser als Korsika oder Kreta (auch wenn sie nur 2500 bis 3000 Einwohner haben)! Sie bestehen aus zwei grösseren und mehreren kleinen Inseln, sind also eigentlich ein Archipel. Die Yaghan/Fueguinos aus Feuerland sind wohl zu den Inseln gefahren. Im Zuge der europäischen Erforschung Amerikas wurden sie neu entdeckt, es ist umstritten von wem zuerst. Das danach entstandene spanische Vizekönigreich des Rio de la Plata umfasste in etwa Argentinien, Uruguay, Bolivien, Paraguay; der von Mapuche/Araukanern besiedelte Süden war de facto ausserhalb spanischer Kontrolle. Die Malvinas liegen etwa 500 km vor der Küste dieses Südens. 1690 landeten Engländer auf den Inseln, zeichneten sie unter ihrem heutigen offiziellen Namen in Karten ein und begründeten einen Anspruch auf sie. Im 18. Jh kamen Franzosen, brachten Siedler und einen anderen Namen, “Iles Malouines”, nach der Stadt St. Malo. Das spanische Rio de la Plata beanspruchte dann auch die Inseln und Frankreich gab sie auf. Zur selben Zeit, um 1765,  gründeten Briten auf der westlichen der beiden Inseln eine Station. Es folgte eine spanisch-britische Auseinandersetzung, 1774 gaben die Briten die Inseln auf, obwohl sie aufgrund ihrer Nähe zur Kap Hoorn-Route strategisch wichtig waren.

Es war ein britischer Invasionsversuch am Río de la Plata zu Beginn des 19. Jh, der von Siedlern abgewehrt wurde, was ihrer Unabhängigkeitsbewegung Auftrieb gab. Von der Auflösung bzw Umwandlung des Vizekönigreichs zur Entstehung der Nachfolgestaaten war es hier ein langer Weg. Spanien zog von den Malwinen ab (1811), es blieben einige Siedler. Buenos Aires erlaubte dann dem deutsch-stämmigen Händler L(o)uis Vernet landwirtschaftliche Aktivitäten; er brachte neue Siedler, wurde von der Regierung der Vereinigten Provinzen des Rio de la Plata (ein Vorgängerstaat Argentiniens wie auch Uruguays, der den grössten Teil des Territoriums des Vizekönigreichs übernommen hatte) zu einem Gouverneur über den Archipel ernannte. Dann die Ereignisse der Jahre 1831 bis 1833: Wal- und Robbenfänger-Schiffe diverser Nationen kamen damals in die Gewässer um die Inseln, es entwickelten sich Konflikte um Fischerei- und Jagdrechte, innerhalb derer auch amerikanische Schiffe auf den Inseln von den Argentiniern festgehalten wurden. Der Kapitän eines dieser Schiffe wurde nach Buenos Aires vor ein Gericht gebracht, Vernet begleitete diesen Transport. Vor diesem Hintergrund überfiel das US-amerikanische Schiff “Lexington” die Inseln und nahm Gefangene. Ein Mestivier als neuer Gouverneur sollte dann für Argentinien eine Strafkolonie aufbauen, er wurde durch eine Meuterei seiner Leute getötet. Das Schiff “Sarandi” unter Oberstleutnant Pinedo wurde zu deren Niederschlagung geschickt, er wurde Chef über die Inseln. Der amerikanische Überfall war eine Ermutigung für die Briten, die 1833 mit aus Brasilien kommenden Schiffen die Inseln einnahmen. Es gibt Ähnlichkeiten zu 1982, zB dass aufgrund der numerischen Unterlegenheit der Herren der Insel kaum ein Kampf stattfand, oder der britisch-amerikanische “Doppelpass” gegen die Argentinier. Der Union Jack wurde gehisst, argentinische Siedler und Soldaten vertrieben. Auf en.wikipedia ist dazu zu lesen: “On January 1833 a British task force re-established British rule on the Falkland Islands, ending the influence of Buenos Aires over them.”

Die Argentinische Konföderation, geführt vom Gouverneur von Buenos Aires, Juan Manuel de Rosas, protestierte gegen die Annexion (die in den Jahren danach formal vollzogen wurde), argentinische Regierungen halten seither den Anspruch auf den Archipel aufrecht, haben ihn im besagten Krieg dann für etwa 2 Monate durchgesetzt. Argentinien war damals erst dabei, seine Grenzen gegenüber den Nachbarstaaten zu finden, im Süden wurde Patagonien und Feuerland (genau wie bei Chile) erst im Laufe des 19. Jh von den Mapuche erobert. Patagonien und Feuerland sind ja durch den Beagle-Kanal getrennt, der seinen Namen von einem britischen Schiff hat, das in den Jahren vor der britischen Eroberung der Malvinas/Falklands Vermessungsfahrten an der Küste Südamerikas durchführte. Bei der zweiten Fahrt der “Beagle” wenige Jahre später (auch an den Inseln vorbei, um die es hier geht) war auch der englische Naturforscher Charles Darwin an Bord, schwärmte vom Anblick der Gletscher im südlichen Südamerika, gewann die Erkenntnisse, aus denen er seine Evolutionstheorie entwickelte (bedeutend dafür war der Besuch auf den Galapagosinseln 1835). Die von den Briten nun auf den Malwinen/Falklands angesiedelten Einwanderer stammten hauptsächlich aus Schottland und Wales, daneben aus England, Irland, Gibraltar, Skandinavien. Es entstanden Port Stanley u. a. Siedlungen, Schafzucht wurde eingeführt (das Land war lange auf eine kleine Zahl Grossgrundbesitzer aufgeteilt), daneben Schiffswerkstätten.

Von 1843 bis 1985 wurden die Falkland-Inseln im Rahmen der Falkland Islands Dependencies verwaltet, wozu auch die Süd-Sandwich- und Süd-Georgien-Inseln und dann der britische Antarktis-Sektor (bis 1962) gehörten. In der Umsetzung des britischen Anspruchs auf einen Teil der Antarktis spielten diese subantarktischen Besitzungen eine wichtige Rolle; in der Antarktis gibt es mit den Südlichen Orkney-Inseln noch eine zwischen GB und Argentinien umstrittene Inselgruppe. Mit der Errichtung des Panama-Kanals verlor der Schiffsweg um Südamerika herum Anfang des 20. Jh enorm an Bedeutung, damit auch die Malvinas. Die Inseln spielten in beiden Weltkriegen eine kleine Rolle, im ersten wehrte die britische Marine einen deutschen Angriff ab, im zweiten wurde eine japanische Invasion befürchtet und auch ein Marine-Kommando hingeschickt. Trotz der strategisch relativ wichtigen Lage im Süd-Atlantik war eine Aufrechterhaltung britischer Herrschaft über die Inseln nach diesem Krieg ungewiss, die Siedler (“Kelpers”) mussten mit Schiffen versorgt werden, Schafwolle warf nicht allzu viel ab. Zudem verstärkte Argentinien seine Ansprüche.

Auch Juan Perón erhob sie im Rahmen seiner ersten Präsidentschaft (1946-1955). Argentinische Historiker rollten die britischen Einflussnahmen im Argentinien des 19. Jh auf, die Invasion während der Napoleonischen Kriege, die Rolle bei der Abspaltung von Uruguay, die Besetzung der Malvinas. Briten hatten aber auch die Eisenbahn, Fussball und Tennis nach Argentinien gebracht; ein kleiner Teil der Einwanderer nach Argentinien kam aus GB, wobei hier auch teilweise Iren dazu gezählt werden. Argentinien ging mit seinen Ansprüchen auf die Inseln 1964 zum UN-Komitee für Ent-Kolonialisierung. Es begründete sie mit seinem Status als Nachfolgestaat Spaniens in der Gegend, der Nähe der Inseln zu sich, und ihrer kolonialen Situation. Grossbritannien brachte seine ununterbrochene Verwaltung seit 1833 vor (die es auch als Wiederherstellung von Kontrolle bzw Ansprüchen darstellt) und den Willen der von ihm dorthin gebrachten Siedler. Die UN-Generalversammlung verabschiedete eine Resolution, die beide Staaten zu Verhandlungen über eine friedliche Lösung einlud. Die Verhandlungen gingen von 1965 fast bis zur argentinischen Inbesitznahme 1982, nicht mehr historische Besitzansprüche spielten dabei eine Rolle, sondern Zusammenarbeit und Kompromisse. Die “Kelpers” waren/sind gegen jede Änderung zugunsten Argentiniens, hatten eine Lobby unter konservativen Abgeordneten des britischen Parlaments. Ein gewichtiger Faktor zugunsten einer solchen Änderung waren die Kosten, die die Inseln Grossbritannien verursachten. Nachdem im September 1966 eine peronistische Gruppe ein Flugzeug kaperte und nach Port Stanley entführte, wo sie zwei britische Beamte gefangen nahmen, um eine sofortige Übergabe der Inseln an Argentinien zu erzwingen, wurden die Gespräche zeitweilig abgebrochen. Es wurde daraufhin ein kleines Kontingent der Marineinfanterie in Stanley stationiert.

Besonders die britisch-nordirischen Labour-Regierungen waren zu Zugeständnissen an Argentinien bereit, pochten aber auf Autonomierechte für die “Falkländer”. Durch Streichung von Subventionen für die wöchentliche Schiffsverbindung nach Montevideo, die daraufhin eingestellt werden musste, erreichte die britische Regierung 1971 schliesslich, dass die Falkländer einem Luftfahrtsabkommen mit Argentinien zustimmten. So übernahm die staatliche argentinische Luftfahrtgesellschaft LADE die Verbindung mit dem Festland, betrachtete den Flug aber als Inlandsflug und zwang die Reisenden dazu, eine argentinische Identitätskarte zu akzeptieren, was zumindest für einen grösseren Teil der Falkländer ein grosses Ärgernis war. Die Argentinier erbauten 1972 auch den Flughafen von Stanley, übernahmen andere Infrastruktur-Projekte, ebenfalls mit dem Einverständnis Londons! Argentinische Rechte bei der Versorgung der Inseln wurden erweitert. Die britisch-argentinische Zusammenarbeit ging in den 1970ern überraschend weit, für Argentinien war das zu wenig, für die Kelpers zu viel. In Bezug auf eine Änderung des Status bzw der Besitzverhältnisse kam man nicht voran. Eine Rolle in den dadurch entstandenen Spannungen spielte Derick Ashe, der britische Botschafter in Argentinien zur Zeit der Präsidentschaft von “Isabel” Perón, die Vizepräsidentin ihres Manns in dessen zweiter Amtszeit war und dann seine Nachfolgerin. 1975 wurde eine Autobombe vor der britischen Botschaft gelegt, die einen Wachmann tötete. Mit dem Beitritt GBs zur EG 1973 wurden auch seine Übersee-Territorien, wie die “Falkland Islands Dependencies”, Mitglied.

1976 wieder Militärputsch und -diktatur in Argentinien, die letzte und schlimmste. Isabel Peron (erste Präsidentin des Kontinents Amerika) hatte den neuen Machthaber Videla im Jahr davor zum Generalstabschef ernannt. Die britische Regierung unter Callaghan (Labour Party) scheint ziemlich entschieden für eine Übertragung der Souveränitätsrechte der umstrittenen Inseln an Argentinien gewesen zu sein, wollte/konnte das aber nicht gegen den Willen seiner Einwohner durchziehen. Sie entsandte Edward Shackleton, den Sohn des irisch-britischen Entdeckers Ernest Shackleton (Antarktis), nach Argentinien und zu den Inseln. Einer der Fehler, die argentinische Regierungen in dieser Phase machten, war, auf diese Gesprächsbereitschaft nicht mehr einzugehen. Argentinien wollte keine Übergabe der Souveränität an die Insulaner, was eine Kompromiss-Möglichkeit gewesen wäre. Die Natur des Militär-Regimes in Argentinien, seine Grausamkeiten gegenüber der eigenen Bevölkerung, veränderte die Haltung vieler Politiker der Labour und der Liberal Party in Bezug auf eine Rückgabe dieses Aussengebiets. Die Regierungen von Israel oder USA (unter Reagan) hatten mit der Junta und ihren Chefs Videla oder Viola keine Probleme. Auch in den frühen Thatcher-Jahren (ab 1979) wurden die Verhandlungen über den Falkland- und den Sandwich-Archipel weitergeführt, wurde eine Aufgabe erwogen! Eine interessante Untersuchung wären die Beziehungen, die die Thatcher-Regierung bis 1982 mit dem argentinischen Regime hatte.

Zu Südgeorgien und den Südlichen Sandwichinseln (South Georgia and the South Sandwich Islands/ Islas Georgias del Sur y Sandwich del Sur): sie liegen weiter östlich (1 300 Kilometer von Falkland), mehr in atlantischen und antarktischen als (süd-)amerikanischen Gewässern, waren sicher nicht vor den europäischen Entdeckungsfahrten bewohnt und bekannt, nur bei Walen und Robben, diese wurden nach den englischen Expeditionen im 17. und 18. Jh (Cook, Benennung nach dem Earl of Sandwich, Erster Lord der Admiralität bzw Marineminister, wie auch die zwei Brotscheiben mit Belegung dazwischen, die er gern beim Kartenspielen ass, Inbesitznahme) auch fast bis zur Ausrottung gejagt. Hier gab es keine argentinische Vorgeschichte, aber auch Ansprüche, ab 1925. Keine Bewohner, nur Forscher, Walfänger, Soldaten,… 1977 (nach anderen Quellen 1976) etablierte Argentinien auf der South Sandwich-Insel Southern Thule die Forschungsstation “Corbeta Uruguay”. Grossbritannien sah das damals als Auftakt einer argentinischen Militäraktion (auch auf den Falklands/Malvinas), die aber nicht kam, evtl. deshalb, weil die britische Marine dies mit Vorkehrungen im Rahmen von “Operation Journeyman” verhinderte. Die Argentinier blieben bis 1982 auf den südlichen Sandwichinseln.

Im Dezember 1981 ein Coup innerhalb des argentinischen Regimes, Leopoldo Galtieri (Eltern aus Süd-Italien eingewandert) stürzte Viola, wurde neuer Staatschef. Er war einige Monate zuvor von Reagan in Washington warm empfangen worden, als Vertreter (Generalstabschef) der Diktatur, die auf der “richtigen” Seite im Kalten Krieg stand; dabei wurde die argentinische Unterstützung der Terrorgruppe “Contras”, welche Nicaragua destabilisieren sollte, eingefädelt. An einer Verhandlungs- bzw Kompromisslösung bezüglich der mit GB umstrittenen Gebiete hatte dieses Regime schon gar kein Interesse; 1981 plante es die Invasion, Marinechef Anaya war dabei federführend. Die Invasion wurde auch als Möglichkeit gesehen, das Regime zu retten, das den Rückhalt den es gehabt  hatte, verloren hatte, auch wegen wirtschaftlichen Problemen.

Der argentinische Schrotthändler Constantino Davidoff hatte 1979 eine stillgelegte norwegische Walfangstation in Leith (Harbour) auf Südgeorgien gekauft. Nach einer längeren Suche nach einer preisgünstigen Transportmöglichkeit für den Altmetall bot sich ihm die argentinische Kriegsmarine an, ein Flottentransportschiff zu vermieten. Das Schiff fuhr Mitte März 1982 von seinem Stützpunkt auf Feuerland nach Südgeorgien, wo es 40 Arbeiter an Land setzte, daneben auch Soldaten unter dem Kommando von Alfredo Astiz. Diese hissten die argentinische Flagge. Es ist nicht ganz geklärt, inwiefern Davidoff vom argentinischen Staat eingespannt wurde bzw eingeweiht war. Da der Winter auf der Südhalbkugel gegenüber der Nordhalbkugel um ein halbes Jahr versetzt ist, findet er auch im Süd-Atlantik von Mai bis November statt, er brach also während des Kriegs ein, zu einem für den Angreifer ungünstigen Zeitpunkt; von daher ist eher zu vermuten, dass das argentinische Regime den Schrotttransport spontan als Möglichkeit zum Losschlagen ergriff, ihn nicht selber plante bzw initiierte. Am 19. 3. also die “zivile Einnahme” Süd-Georgiens, dabei erste Kämpfe und Tote (der Kriegsbeginn wird dennoch später angesetzt). Die Briten hatten im Süd-Atlantik nur das Patrouillenschiff “HMS Endurance” sowie eine kleine Einheit von Soldaten auf den Malwinen. Die Endurance sollte im August 1982 ausser Dienst gestellt werden, aus Einsparungsgründen. Nun wurde sie von den Malwinen nach Südgeorgien geschickt, mit Soldaten. Die Argentinier hatten aber inzwischen ein weiteres Schiff mit Soldaten geschickt.

Die Landung der Argentinier, Tausender Soldaten, auf den Malvinas/Falklands am 2. 4. (Operación Rosario), wird als Kriegsbeginn gesehen. Das kleine Kontingent der britischen Marines leistete etwas Widerstand. Am Abend dieses Tages wurden Gouverneur Rex Hunt und die Soldaten nach Montevideo ausgeflogen. Am folgenden Tag nahmen die Argentinier auch Georgien & Sandwich militärisch ein und  –  Thatcher kündigte die Verschickung der Marine in den Süd-Atlantik an. Ihr Aussenminister Carrington (später NATO-Generalsekretär) trat zurück, auch Verteidigungsminister Nott bot ihn an; sie wollten die politische Verantwortung für die Besetzung dieser Ausengebiete übernehmen. In Argentinien wurde der Schritt vom Grossteil der Bevölkerung begrüsst; wo Tage zuvor Gewerkschaften gegen das Regime demonstriert hatten, gab es Freudens- und Solidaritätskundgebungen; das war für das Regime ebenso wichtig wie diese territoriale Frage an sich.

Argentinien hatte (bis 1995) die Wehrpflicht, die überwiegende Mehrheit der eingesetzten Landtruppen (Armee) waren Wehrpflichtige, sowie viele in der Marine. Die meisten der 1982 Eingezogenen waren Jahrgang 1963 und hatten gerade einmal drei Monate militärische Grundausbildung hinter sich, als sie zu den Inseln in den Krieg geschickt wurden. Etwa 10 000 Soldaten kamen auf die Inseln, unter General Mario Menendez. Unter den (direkt oder indirekt beteiligten) Offizieren des argentinischen Militärs befanden sich viele in Grausamkeiten der Diktatur gegen Argentinier verwickelte, zB Alfredo Astiz. Und auch der Anführer von zwei militärischen Erhebungen gegen die Post-Diktatur-Präsidenten Alfonsin und Menem, Mohamed Alí Seineldín, der drusischer libanesischer Herkunft war, kämpfte auf den Malwinen. In Grossbritannien wiederum war die Militärpflicht zuletzt von 1939 bis 1960 in Kraft, die letzten Wehrpflichtigen haben das britische Militär 1963 verlassen. Daher wurden auch nur Berufssoldaten in den Süd-Atlantik geschickt. Ende April schwamm, von Portsmouth, eine ganze Flotte den Atlantik hinunter, hauptsächlich also Marine: 36 Kriegsschiffe, darunter zwei Flugzeugträger, U-Boote,… Die Insel Ascension war dabei als Zwischen-Station wichtig. Generalstabschef (Chief of Defence Staff) war damals Terence Lewin. Oberkommandierender von “Operation Corporate” war Admiral John Fieldhouse, sein Stellvertreter war der für die Landstreitkräfte zuständige Generalmajor Jeremy Moore. Teile des Parachute-Regiments, für Massaker in Nord-Irland verantwortlich (u.a. den Bloody Sunday in Derry 1972), stellten den wesentlichen Bodenkampfverband, wurden teilweise aus Nordirland abgezogen. Die nepalesischen Gurkhas nahmen auch hier an englischer Seite teil, machten gegen Geld alles, was man von ihnen wünschte.

Die ersten Begegnungen von Schiffen und Flugzeugen der beiden Seiten gab es, als der diplomatische Prozess um eine Kriegsverhinderung unter UN-Vermittlung noch im Gange war, weshalb es vorerst keine Gefechte gab. Die USA unter Reagan verhandelte etwas zum Schein bevor sie sich auf die britische Seite stellte. Die massive britische Truppen-Verschickung war nur durch eine amerikanische Spende von ca. 55 000 Tonnen Flugtreibstoff möglich. Die USA-Regierung lieferte auch Waffen um 60 Millionen Dollar. Irland erklärte sich gegen die EG-Linie neutral. Die meisten Unterstützer der argentinischen Militär-Diktatur fielen um, als es um diesen Territorialkonflikt mit einem westeuropäischen Staat ging… Israel scheint wenigstens hier konsequent gewesen zu sein; die Kampfjets der Argentinier stammten zT von den Israel Aerospace Industries. Das chilenische Regime unter Pinochet, auch eine rechte Militärdiktatur, unterstützte die Briten, der Beagle-Kanal-Grenzkonflikt war eine Wurzel der Spannungen mit Argentinien. Wegen der Gefahr eines Zweifrontenkriegs behielt Argentinien einige seiner besten Einheiten an der südlichen Grenze mit Chile. Einige lateinamerikanische Staaten, wie Peru, unterstützten Argentinien. Brasilien erklärte sich neutral, hat Argentinien dann angeblich logistisch unterstützt. Der Spion für die Sowjetunion in der südafrikanischen Marine, Dieter Gerhardt, hat damals angeblich Informationen über Schiffe der britischen Marine im Süd-Atlantik weitergegeben, die bei den Argentiniern gelandet sein könnten; bei der rabiat anti-kommunistischen Diktatur…

Noch bevor es auf den Falklands/Malvinas losging, eroberten die Briten Südgeorgien zurück. Am 1. Mai begannen britische Luft- und Seeangriffe auf die Falklands – der eigentliche Kriegsbeginn. Der Angriff auf den Flugplatz von Puerto Argentino/Port Stanley hat Argentinien wenig geschadet, denn er war kein geeigneter Flughafen für Kampfjets; Argentinier mussten auch nach der Einnahme der Inseln vom Festland oder von Kriegsschiffen starten. Und, Argentinien wurde durch die britischen U-Boote bald von der See-Versorgung zu den Inseln abgeschnitten. GB hatte nach der argentinischen Landung auf den Malvinas eine Kriegs-Ausschluss-Zone um die Inseln verhängt, vergrösserte sie am 30. April auf 370 km Radius. Das argentinische Kriegsschiff “ARA General Belgrano”, früher ein USS, das den Pearl Harbor-Angriff überstanden hatte, war ausserhalb der Zone, als es am 2. Mai von einem U-Boot versenkt wurde (“Gotcha” triumphierte die “Sun”). Danach blieben Argentinier mit ihren Schiffen von den Inseln weg, abgesehen von ihrem einen U-Boot. Argentinische Kampfjets konnten mit (französischen) “Exocet”-Raketen die “Sheffield” versenken, das erste Schiff der britischen Marine seit dem 2. Weltkrieg, das versenkt wurde.

"Grüsse an den kleinen Prinzen" auf einem Geschoss. Andrew Windsor, zweiter Sohn der britischen Königin, leistete seinen Militärdienst in der Marine, flog Kampfhubschrauber von Flugzeugträgern, wurde nach einem kleinen politischen Konflikt (Regierung dagegen, Königshaus dafür) in den Krieg geschickt, auf der "Invincible", soll auch Einsätze geflogen sein; der Prinz urlaubte danach in einem anderen Teil des amerikanischen Kontinents, auf der Karibik-Insel Mustique (St. Vincent und Grenadien)
“Grüsse an den kleinen Prinzen” auf einem Geschoss. Andrew Windsor, zweiter Sohn der britischen Königin, leistete seinen Militärdienst in der Marine, flog Kampfhubschrauber von Flugzeugträgern, wurde nach einem kleinen politischen Konflikt (Regierung dagegen, Königshaus dafür) in den Krieg geschickt, auf der “Invincible”, soll auch Einsätze geflogen sein; der Prinz urlaubte danach in einem anderen Teil des amerikanischen Kontinents, auf der Karibik-Insel Mustique (St. Vincent und Grenadien)

Ein entscheidender Schritt war die Landung der Briten auf den Inseln Ende Mai, in der San Carlos-Bucht, im Norden von Ost-Falkland/Isla Soledad. Davor hatten sie schon Pebble überfallen, eine der kleinen Inseln des Archipels. Danach wurde es ein Landkrieg, begleitet von See- und Luftkämpfen, ein Vorrücken der Briten. Die Argentinier konnten die “Ardent” und andere Kriegsschiffe vernichten. Die Goose Greene-Schlacht bedeutete einen entscheidenden Durchbruch der Briten. Um die Schlacht von Mount Longdon (teilweise Mann gegen Mann, mit Bajonetten) drehen sich besonders viele britische Heldengeschichten. Am 11. Juni begann der Angriff auf Port Stanley/Puerto Argentino, am 14. Juni einigte man sich auf einen Waffenstillstand. Die etwa 10 000 argentinischen Soldaten auf den Inseln unter General Menendez kamen in Gefangenschaft, 1 800 davon waren bereits vor dem Fall von Stanley gefangen genommen worden, die meisten bei den Eroberungen von Darwin und Goose Green. Auf umfangreiches Kriegsmaterial der Argentinier fiel den Briten im Laufe des Kriegs in die Hände. Am 20. Juni besetzten die Briten auch die South Sandwich Islands, womit der Guerra del Atlántico Sur endgültig zu Ende war

Rund um den Krieg gab es einige Operationen von Geheimdienst- oder Spezialeinheiten, etwa Operation Algeciras: ein Versuch des argentinischen Militärs, während des Kriegs von Spanien aus ein britisches Kriegsschiff in Gibraltar (ein anderes britisch besetztes Gebiet) durch Haftminen zu sabotieren. Admiral Anaya, einer der Initiatoren der Aktion auf den Inseln vor der argentinischen Küste, stand auch hier dahinter. Dafür wurden sogar zwei (frühere) Montonero-Kämpfer (jene Guerilla, die gegen die Diktatur kämpfte) mit Unterwasser-Erfahrung rekrutiert! Die Aktion wurde durch einen britischen Geheimdienst verhindert, die spanischen Behörden wurden auf die Argentinier angesetzt, Premier Calvo Sotelo nahm sich der Sache an, die drei involvierten Argentinier wurden zurückgeflogen. Auf britischer Seite wurden Kämpfer des Special Air Service (SAS) von der “Invincible” mit einem Hubschrauber nach Süd-Chile gebracht, von wo sie ins argentinische Feuerland eindringen sollten, Luftwaffenbasen aufsuchen und Kampf-Flugzeuge zerstören. Auch sie mussten ihre Aktion abbrechen, da tausende argentinische Soldaten auf der Suche nach ihnen waren. Dann gab es den Horchposten in Fauske in Norwegen, wo Informationen von sowjetischen Satelliten über dem Süd-Atlantik abgefangen und an die Briten weiter gegeben wurde, Infos über die Lage argentinischer Schiffe. Die BBC hat, teilweise über ihr World Service, in zumindest 2 Fällen die Argentinier ungewollt, trotz Militärzensur, vorgewarnt bzw aufmerksam gemacht, etwa über den geplanten Angriff auf Goose Green.

Die 2 ½ Monate Krieg (eigtentlich 1 ½) forderten ca. 1000 Tote (700 Arg./300 GB). Sowohl auf britischer als auch auf argentinischer Seite waren die meisten Gefallenen sowie Verwundeten Opfer von Luftangriffen auf Schiffe; auf argentinischer Seite starben alleine 323 auf der “Belgrano”. Die meisten getöteten argentinischen Soldaten gehörten der Armee an (waren aber wohl zu einem grossen Teil auf Schiffen), getötete Briten v.a. der Marine (die meisten Opfer gab es unter der Besatzung der “Ardent”). Zivilangestellte des Militärs auf beiden Seiten wurden getötet, an “echten” Zivilisten starben drei Falkländer durch “freundliches Feuer” der Briten bei der Bombardierung Stanleys. Nur ein Brite, ein “Harrier”-Pilot, kam in Kriegs-Gefangenschaft, die Tausenden Argentinier wurden mit einem Schiff auf ihr Festland “entlassen”, nur einige Offiziere blieben etwas länger in britischer Gefangenschaft. Die zurückgekehrten Soldaten wurden in Argentinien mehrere Tage in einer Kaserne bei Buenos Aires eingesperrt und zum Schweigen verpflichtet – das muss ungefähr in jenen Tagen gewesen sein, als in Plymouth eine Siegesparade stattfand. Bevor die Kämpfe losgingen einigten sich beide Seiten auf eine Stelle auf hoher See (“Red Cross Box” genannt), wo Lazarettschiffe stationiert wurden. Verletzte Argentinier wurden auch in Comodoro Rivadavia in Patagonien behandelt, auf einer der wichtigsten Luftwaffenbasen.

So wie der Schriftsteller Ernesto Sabato waren viele argentinische Regimegegner für den Krieg bzw die (Rück-) Eroberung. Sein Kollege Jorge Luis Borges, der auch britische Vorfahren hatte, ein Gegner Perons, unterstützte dagegen die Militärdikatur bis zum Krieg um die Malouines, den er mit einem Kampf zweier alter Männer um einen Kamm verglich. UCR-Chef Alfonsin, damals so etwas wie ein Oppositionsführer zur argentinischen Dikatur, war ebenfalls gegen die zum Krieg führende Besetzung gewesen. Grossbritanniens Oppositionschef Neil Kinnock (Labour Party) attackierte Premierministerin Thatchers zum Krieg führende Politik; auch hier gegen die Bevölkerungs-Mehrheit, die wiederum die meisten Regierungsgegner umfasste. Im konservativen “Daily Mirror” wurde gegen den Krieg geschrieben. Während der Krieg in Argentinien half, die Diktatur zu stürzen, bewirkte er in GB einen Beliebtheits-Aufschwung für die konservative Regierung unter Thatcher (Wahlen 1979-1983). In den Tagen nach dem Fall von Stanley wurde Galtieri von Teilen des Militärs zum Rücktritt gedrängt, General Bignone rückte nach, setzte Wahlen an, bereitete das Ende der Diktatur vor (Amnestiegesetze, Vernichtung von Material,…). Im Oktober 1983 die Wahl von Präsident und Parlament (die erste seit 1973), Sieg von Raul Alfonsin und der UCR, über die peronistische PJ. Alfonsin leitete als Präsident die Demokratisierung.

Das britische Aussenministerium hat Ende April, noch bevor der Krieg richtig losging, in Argentinien lebende Briten zum Verlassen des Landes aufgefordert. Der argentinische Fussballer Osvaldo Ardiles, Weltmeister 1978, zur Zeit des Kriegs bei Tottenham in London engagiert, hatte einen Cousin der im Krieg fiel. Er verliess den Klub am Saisonende zu Paris St. Germain, kam aber wieder. Davor war die WM 1982, das argentinische Team spielte trotz Maradona ein schlechtes Turnier. England kam ebenfalls in die Zwischenrunde, direktes Aufeinandertreffen gab es keins, das gab es beim nächsten Turnier

Der Konflikt beinhaltet die umfangreichsten Luft-See-Kämpfe seit dem 2. Weltkrieg. Als solcher wurde er auch militäranalytisch und -historisch gründlich untersucht. Die Verwundbarkeit von Schiffen, gegenüber U-Booten und Raketen, mussten beide Seiten erfahren. Argentinien hatte vor allem an Schiffen viel weniger als Briten. Ausserdem erwiesen sich seine beiden “Start-Vorteile” nicht als solche: Die numerische Überlegenheit war die einer Armee von schlecht ausgebildeten Wehrpflichtigen, die oft aus subtropischen Gefilden im Norden des Landes stammten und in den subantarktischen Winter geschickt wurden, zudem oft ohne angemessene Kleidung, Verpflegung oder Waffen von ihren Offizieren “verheizt” wurden, gegen einen gut ausgerüsteten und ausgebildeten Feind, der das Klima und die Vegetation von zu Hause zumindest annähernd kannte. Zum anderen, der geografische Vorteil der Argentinier durch die Nähe: Da auf den Inseln kein geeigneter Flughafen war, mussten die Kampfjets vom Festland oder Kriegsschiffen starten und mit seiner U-Boot-Überlegenheit hielt GB zweitere vom Kampfschauplatz fern. Die argentinische Luftwaffe erfüllte ihre Aufgabe im Krieg gut, ansonsten gab es viel militärische Inkompetenz im Militärregime, zB nach der britischen Landung auf den Inseln stundenlanges Zu-Warten mit einer Antwort, das es dem Gegner erlaubte, in San Carlos einen Brückenkopf zu errichten.

Was das Politische betrifft, in der argentinischen Junta hatte man zwei entscheidende Dinge fälschlicherweise angenommen: GB würde wahrscheinlich nicht militärisch reagieren; und die USA würde sich nicht auf deren Seite stellen. Die argentinische wie die britische Regierung stand innenpolitisch unter Druck, beide nutzten die Kriegstreiberei als Ventil bzw Instrument. Es hat sich bestätigt, dass mächtige Verbündete genau so wichtig sind wie militärisches Material, und Argentinien wurde vom Westen nicht als gleichberechtigt gesehen. Argentinien, so etwas wie das weisseste Land Lateinamerikas, ist durch den Krieg ein Stück näher an Lateinamerika herangerückt. Viele Argentinier diskutieren noch heute, warum es eigentlich kein romanisches/lateinisches Staaten- oder Verteidigungsbündnis gibt, wo auch Spanien oder Italien mitmachen. Freunde der argentinischen antikommunistischen Militärdiktatur, ob die US-amerikanischen Regierung oder die rechten bundesdeutschen Medien, waren im Krieg mit Grossbritannien plötzlich auf der Gegenseite. Nun ja, islamophobe Kulturkrieger, die sich gerne auf die spanische „Reconquista“ beziehen in Bezug auf Europa und Moslems, werden auch sehr ruhig, wenn “Rückeroberung” von anderer Seite im Hinblick auf den Südwesten der USA, Mexikaner und Einwanderung bemüht wird. Die Sowjetunion hat einmal mehr im Nord-Süd-Konflikt dem Süden geholfen, wenn hier auch nur sehr, sehr leicht (s.o.).

Ein weltpolitischer (bzw zeitgeschichtlicher) Aspekt sind hier auch Europas letzte Kolonien. Jene, deren Status die Entkolonialisierung nach dem 2. WK bislang überstanden hat. Es gibt noch einige „Aussenposten“, v.a. von EU-Staaten, v.a. von Grossbritannien und Frankreich, in der Karibik oder im Südpazifik oder vor Afrika. Nicht immer ist dieser Status eindeutig, siehe Kanaren oder Sibirien. Der Entkolonialisierungsprozess ist auch die letzten Jahrzehnte weitergelaufen, Ost-Timor oder Hongkong wurden vor nicht allzu langer Zeit unabhängig oder zurückgegeben. Die ehemaligen Niederländischen Antillen sind Kandidaten für baldige Unabhängigkeit. Unabhängigkeits- bzw Irredenta-Bestrebungen und die daraus resultierenden Spannungen wie in Neu-Kaledonien/Kanaky sind hier (noch) die Ausnahme; es gibt auch einige von Europa abhängige Gebiete, deren Bewohner die Bindungen an Europa überwiegend wollen, wie Pitcairn (auch wenn sie nicht, wie auf den Falklands/Malvinas, von der Kolonialmacht einst dort angesiedelt wurden). In französischen Gebieten gibts da mehr Konflikt-Potential, bei denen ist auch die bisherige/frühere Entkolonialisierung mit viel mehr Gewalt verlaufen (Indochina, Algerien,…). Grossbritannien hat sich eigentlich nur wenig gegen die Entkolonialisierung von ihm gehaltener Gebiete gewehrt, etwa in Indien, Kenia oder Ägypten (eines der Gebiete, wo es versuchte, über die Unabhängigkeit hinaus Einfluss zu behalten); die Unabhängigkeit der nordamerikanischen Kolonien als USA von Grossbritannien im 18. Jh ist mit Malvinas/Falklands vergleichbar, insofern als die dabei handelnde Bevölkerung (bzw ihre Vorfahren) als Siedler der Kolonialmacht dorthin gebracht wurden. Die dort einheimischen Völker (“Indianer”) wie auch die als Zwangsarbeitskräfte dorthin deportierten Afrikaner wurden zwar eingespannt, waren aber keine Handelnden. Malvinas/Falklands ist auch mit anderen Gebieten mit (früheren) irredentistischen Bestrebungen zu vergleichen, wie Hongkong (> China) oder der Panama-Kanal-Zone (> Panama), mit der Besonderheit, dass hier ja 1833 die argentinische Bevölkerung von den Inseln vertrieben wurde, der Irredentismus daher nicht von der Bevölkerung des betreffenden Gebiets ausgeht sondern von Argentinien.

Ein weiterer Aspekts dieses Kriegs sind Nuklearwaffen; Grossbritannien hat(te) welche, hat sie nicht eingesetzt, Argentinien hat damals daran gearbeitet. Unter der Militär-Diktatur wurden ab 1978 eine Plutonium-Wiederaufbereitungsanlage in Ezeiza und eine Uran-Anreicherungsanlage in Pilcaniyeu gebaut, die auch dem Bau von Atomwaffen hätten dienen können; sowie an der Condor-Rakete, einem potentiellen Träger für Nuklearwaffen. Mit der Demokratisierung, unter Alfonsin, kam das Programm unter eine zivile Kontrolle, und wurde militärische Nutzung ausgeschlossen. Ein Teil der britischen Schiffe, die sich auf den Weg in den Südatlantik machten, kamen direkt von ihren Patrouillenfahrten im Nordatlantik, wo sie mit ballistischen Interkontinentalraketen ausgerüstete Unterwasserschiffe der sowjetischen Marine zu überwachen hatten. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass ein Teil der vor den Falklands/Malvinas positionierten Schiffe Nuklearwaffen an Bord hatte. 2003 musste das britische Verteidigungsministerium dies gegenüber “The Guardian” nach einem langen Rechtsstreit bestätigen. Ein Einsatz der Waffen sei jedoch von Anfang an ausgeschlossen worden. Zudem seien diese Schiffe nicht in die Nähe der Inseln gekommen. Der schottische Labour-Abgeordnete Tam Dalyell verfocht querulatorische Thesen zum Krieg, dass die Versenkung der “General Belgrano” ebenso vermeidbar gewesen sei wie der ganze Krieg (Thatcher habe die “Belgrano” nur versenken lassen, um einen Friedensplan platzen zu lassen, den der peruanische Präsident Belaunde Terry kurz zuvor mit dem US-Aussenminister Haig entworfen hatte) und dass die britische Regierung einen nuklearen Angriff auf eine argentinische Stadt, zumindest aber die Drohung damit, erwogen habe. Für Argentinien wäre eine Schiffbau- und Waffenindustrie (oder aber zuverlässige Lieferanten) wichtiger als eine atomare Militärkapazität gewesen.

An dieser Stelle seien einige kontrafaktische/alternativgeschichtliche Szenarien angerissen, Stoff für Gedankenspiele oder Romane. Durchwegs keine wünschenswerten Szenarien! Brasilien greift die britische Flotte unterwegs an, verwegen schon allein wegen der damaligen Spannungen der beiden (ähnlichen) Regime. GB setzt Atomwaffen gegen Argentinien ein. Die Sowjetunion bzw der Ostblock nutzt die Schwächung der NATO-Nordflanke durch britische Truppenbewegungen. Ein argentinischer Sieg, welche Folgen hätte er gehabt. Welchen Teil des Kriegsverlaufs müsste man abändern um einen argentinischen Sieg zu ermöglichen?

Die engen Beziehungen der Inseln zum argentinischen Festland sind durch den Krieg Geschichte. Nicht nur, weil Grossbritannien eine Verbotszone für Schiffe und Flugzeuge um die Inseln unter Androhung militärischer Gewalt aufrecht hält. Es hat auch seine militärische Präsenz auf den Inseln enorm ausgeweitet, für jährliche Kosten von etwa 200 Millionen Pfund. Es wurde mit dem “RAF Mount Pleasant” ein Militär-Flughafen gebaut, wo vier hypermoderne Kampfjets vom Typ “Typhoon” stationiert sind, die regelmäßig zu Patrouillenflügen aufsteigen; und der auch zivile Langstreckenflüge ermöglicht. Dazu kommen eine Fregatte und eine mit allen technischen Schikanen ausgestattete Radarüberwachung. Möglicherweise auch Atomwaffen. Die Garnison wurde auf 1300 Soldaten aufgestockt. Die Inselbewohner bekamen 1983 die “vollwertige” britische Staatsbürgerschft. Süd-Sandwich & Süd-Georgien wurden 1985 verwaltungstechnisch von den Malvinas/Falklands abgetrennt; mit der selben Gesetzes-Änderung wurde die Selbstverwaltung der Inselbewohner gestärkt. Das Strassennetz wurde ausgebaut. Die Minen, die in manchen Gegenden vom Krieg noch lagerten, wurden spät geräumt. Einwanderung aus GB, Saint Helena und Chile steht einer Auswanderung nach GB (v.a. Southampton) gegenüber. Heute leben ungefähr gleichviele Soldaten wie Zivilisten auf diesen Inseln. Fast 80 Prozent der Insulaner leben in Stanley. Wenn eines der riesigen Kreuzfahrtschiffe anlegt, das geschieht bis zu zehnmal im Jahr, kommen auf einen Schlag mehr Touristen in den Ort, als es dort Einwohner gibt.

Das Malwinen-Becken um die Inseln enthält erdölhaltige Schichten, die Erkundung hat schon begonnen, dies und die Ausweitung der Fischerei sorgen für aktuelle Spannungen mit Argentinien. Die argentinische Präsidentin Cristina Kirchner hat Grossbritannien zudem vorgeworfen, die Inseln zu einem der am stärksten militarisierten Gebiete der Welt gemacht zu haben. Die Beziehungen zwischen den beiden Staaten wurden 1989/1990 wieder hergestellt. Argentinien hält seine Ansprüche aufrecht. Buenos Aires hat es geschafft, Lateinamerika in der Malvinas-Frage hinter sich zu vereinen; der Konflikt belastet Grossbritanniens Beziehungen zu allen Ländern der Region. GB würde die Inseln gegen den Willen der Siedler nicht aufgeben (Referendum 2013 für Verbleib), nach dem Krieg schon gar nicht, und mit Öl sowieso nicht. Die Reise von Argentinien zu den Inseln, die auch manche Kriegs-Veteranen antreten, ist teuer und umständlich, der einzige Flug geht über Chile.

Das demokratische Argentinien tut sich schwer im Umgang mit dem Krieg, auch wenn “Las Malvinas son Argentinas” schnell daherkommt. Die damalige Diktatur ist damit verbunden, eine Niederlage, und die Frage, inwiefern die Malwinen ein tatsächliches Anliegen sind; Argentiniens Platz in der Welt. Der Veteranenverband CECIM (Centro de Ex-Combatientes Islas Malvinas) behandelt auch Misshandlungen von Soldaten durch Vorgesetzte während des Krieges, versucht, diese vor Gericht zu bringen. Manche Offiziere deckten sich in den Pubs der Insel mit Whisky ein, heisst es, haben sich verdrückt, als es ernst wurde, viele hatten der Diktatur als Stützen gedient, auch als Folterknechte gegen Oppositionelle, behandelten die eigenen Rekruten gewissermaßen als Feind. Bis 1991 erhielten die Veteranen keine Pension, dann sprach ihnen der damalige Präsident Carlos Menem (PJ; Alfonsins Nachfolger) eine Kriegspension in Höhe eines halben Mindestlohns zu. Heute erhalten sie 1200 Pesos monatlich, rund 300 Euro. Die Pensionen sind so begehrt, dass sich manche die Unterstützung erschwindeln. Viele sind verstümmelt. Schätzungsweise 350–500 argentinische Kriegsveteranen haben Selbstmord begangen, und 250-300 britische.

Von einem Eduardo Quiroga kam 1986 “On Foreign Ground” heraus, Ravensburger brachte es 1988 unter dem Titel “Auf fremder Erde”. Es handelt sich um einen Brief- und Tatsachenroman, dessen Fiktionalität nicht gleich erkennbar ist. Der Argentinier “Enrique Molina”, die Engländerin Sarah, der Krieg; es geht aber auch um das Land, die Diktatur, Sekundär-Charaktere wie “Monkey”. “Eduardo Quiroga” soll Pseudonym eines (damals) in Paris lebenden Argentiniers sein. Auf Spanisch wurde der Roman gar nicht veröffentlicht; von diesem Autor kam zumindest unter diesem Namen sonst nichts raus. In dem Roman wird der Krieg als sinnlose Militäraktion der argentinischen Junta dargestellt, dabei aber die britische Aneignung von Territorien rund um die Welt ebenso unkommentiert gelassen wie die Unterstützung dieser Junta durch die westlichen Staaten. “Pures Gold” sind die Einblicke, die der Roman in die Geschichte Argentiniens ermöglicht, etwa in der Beschreibung der Rückkehr Perons aus Spanien 1973, wie auch Szenen aus dem Krieg wie jene, als dieser “Molina” und andere Soldaten in ein verlassenes Haus eines Siedlers auf den Inseln eindringen und an den Wänden Bilder seiner mutmaßlichen Heimat, den schottischen Shetland-Inseln, erblicken; Molina denkt sich, dieser Mensch ist um die halbe Welt aus-gewandert, um auf einer Insel zu landen, die genau so aussieht wie jene von der er kommt. Authentisch sein dürfte das aus den Briefen des im Krieg gefallenen britischen Offiziers David Tinker an seine Familie zusammengestellte “Kriegstagebuch”, von seinem Vater Hugh 1983 herausgegeben: “A Message from the Falklands” bzw “Das kurze Leben des Leutnants zur See David Tinker (1957-1982)”.

Der Krieg wurde auch in weiteren Büchern, Filmen, Liedern, Computer-Spielen verarbeitet. “Elvis Costello”, Brite irischer Herkunft, brachte 1983 den Song “Shipbuilding” heraus, in dem es darum geht dass Jobs in Städten mit Schiffbauindustrie nur auf Kosten von im Krieg verlorenen Leben kamen. Im Film “Whoops Apocalypse” (“Die Bombe fliegt”; 1986; zu Grunde lag eine TV-“Sitcom”) geht es um den Konflikt ähnlich dem Falkland-Krieg, zwischen GB und einem fiktiven karibischen Inselstaat über eine gleichfalls fiktive Insel namens “Santa Maya”. Jorge Luis Borges schrieb 1985 ein kurzes Gedicht, “Juan López y John Ward”, über je einen dort gefallenen Soldaten beider Seiten. Aus der Sicht argentinischer Rekruten behandelt der Spielfilm “Iluminados por el fuego” (Vom Feuer erleuchtet) den Krieg.

Insbesondere britische Autoren haben den Krieg (militär-) historisch aufgearbeitet, aus ihrer Sicht. Von Lawrence Freedman stammt die offizielle Darstellung, Hastings und Jenkins haben auch ein maßgebliches Buch verfasst. Auf Spanisch wie auf Deutsch existieren nur wenige Publikationen zu diesem Krieg; jene von Ruben Moro gibt es auf Spanisch und Englisch. Der deutsche Wiki-Artikel hat teilweise einen Hang zum britischen Standpunkt, was v.a. auf den Benutzer “HeidoHeim” zurück geht, der Abschnitt über die Belgrano-Versenkung, evtl auch jener über die Verhandlungen in den 1970ern. Überhaupt, Militaristen sind hier lieber auf der britischen Seite, siehe dazu auch diese Darstellung eines österreichischen Militär-Historikers, wo auch das “Heroische” am Sieg herausgestrichen wird. Auf Youtube eine halbwegs objektive Doku zu finden, ist auch schwer.

  • Über mögliche britische Kriegsverbrechen
  • Der Krieg aus sozialistischer Sicht (Englisch)
  • Hier geht es um Iren auf den Falklands/Malvinas, auch jene (Auswanderer), die 1982 entweder in der britischen oder der argentinischen Armee (gegeneinander) kämpften! Einigermaßen ausgewogen, Geschichten vom Krieg. Iren kämpften auf beiden Seiten, im britischen Heer waren das (Nachkommen von) Auswanderer(n) sowie Nord-Iren, im argentinischen Nachkommen von Auswanderern. Irische Argentinier, die gut Englisch konnten, wurden für Übersetzungs-Arbeiten eingesetzt, sei es für abgefangene britische Kommunikation, oder im Umgang mit den Insel-Bewohnern (manche Quellen wissen hier von Misshandlungen zu berichten). Iren bzw Irisch-stämmige hatten auch schon beim Osteraufstand gegen die britische Herrschaft in Irland gegen Iren auf der anderen Seite gekämpft, im USA-Bürgerkrieg, oder im Südafrikanischen Krieg (Anglo-Buren-Krieg)
  • Fotos (Beschreibungen auf Spanisch)
  • http://www.theguardian.com/uk-news/2014/nov/27/british-falklands-veteran-meet-family-argentinian-soldier-killed
  • Ach ja, und Carol Thatcher, die Tochter der damaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher, drehte einen “Dokumentarfilm” über “Mummy’s war” – “Mamas Krieg”

 

Punkte, zu denen ich keine Informationen fand, sind:

  • Die Position des südafrikanischen Apartheid-Regimes damals
  • Wie war die Schmerzbehandlung von Verletzten auf beiden Seiten mit Opiaten?
  • Gab es eine argentinische Militär-/Geheimdienstaktion auf Ascension?

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