Rasse, Sport und Politik in Südafrika

Allgemein

In der Republik Südafrika ist Politik nach wie vor rassisch, Sport nach wie vor politisch. Alles dreht sich in Südafrika am Ende um Rassenbeziehungen. Fast alle Probleme des Landes sind in gewisser Hinsicht Rassenprobleme bzw Apartheiderbe. Vom Rassendiskurs kommt man schnell zum Afrikadiskurs und zum Kolonialismus-/ West-/Imperialismus-Diskurs. Das eigentliche Apartheid-System herrschte in Südafrika von 1948 bis 1994; aber es sind 100 bis 150 Jahre, die Weisse dort über Schwarze geherrscht haben, teilweise mehr. In der Sportgeschichte steckt alles über das Land (Apartheid und Überwindung, Rassenbeziehungen, …) drinnen.

Verallgemeinert kann man sagen, dass Fussball in Südafrika der Sport der Schwarzen ist (sowohl was Aktive betrifft, als auch Zuseher), Rugby jener der Weissen. Dahinter ist v.a. Kricket noch zu nennen, wo auch die Inder Südafrikas eine Rolle spielen. Die Mischlinge (Coloureds, “Farbige”, im Westkap die grösste Volksgruppe) sind in allen Sportarten vertreten, nirgendwo dominierend. Im Rugby und Kricket gehört Südafrika zur Weltklasse, im Fussball gelang dieser Sprung nicht. Gebracht haben so gut wie alle Sportarten die Briten nach Südafrika, Ende des 19. Jahrhunderts.

Eine Rassentrennung gab es in Südafrika schon vor dem Beginn der Apartheid 1948 (burische Parteien alleine an der Macht), vor der (de facto-) Unabhängigkeit von Grossbritannien 1931 (Westminster-Statut) und vor der Entstehung Südafrikas als Einheitsstaat 1910 (Vereinigung von vier britischen Kolonien). Aus Kolonialpolitik wurde eine Praxis (der weissen Siedler), und diese wurde erst unter der Apartheid in Gesetzen festgeschrieben, im Sport in den 1950ern von Innenminister T. E. Dönges.1 1908 nahmen die damaligen britischen Kolonien Südafrikas, die Vereinigung von 1910 vorwegnehmend, erstmals bei Olympischen Spielen an, gemeinsam.2 Von diesem Anfang an bis zum Ausschluss in den 1960ern durften nur Weisse teilnehmen, die Anfang des 20. Jh 20 bis 25% der Bevölkerung ausmachten.3 Unter Premier Verwoerd (1958 bis 1966) wurde die Apartheid in verschiedener Hinsicht noch verschärft, auch im Sport.

Es gab verschiedene Sportvereine für die verschiedenen Rassen und getrennte Dachverbände, und nur die weissen waren in der South African Olympic and Empire [später Commonwealth] Games Association (SAOEGA, später SAOCGA) vertreten. Sogar die Uni, die als liberaler Campus schwarze Studierende zuliess, hatte zwei Teams. Diese Vorgabe galt auch für Gast-Mannschaften.4 Die British Empire – Spiele (Vorläufer der Commonwealth-Spiele) 1934, zuerst an Johannesburg vergeben, wurden nach London verlegt, da die südafrikanische Regierung eine Teilnahme farbiger Teilnehmer ablehnte. Es gab einige “farbige” Sportler, die durch Emigration diesem Ausschluss entgingen, wie der Gewichtheber Ronald Eland, der dann für Grossbritannien antrat; die Möglichkeit der Emigration hatten aber nur Wenige.

Ab Ende der 1940er beschwerten sich schwarze Athleten und Verbände Südafrikas beim IOC über ihren Ausschluss – ihnen wurde beschieden, die Sache mit “ihrem” nationalen olympischen Komitee SAOCGA auszumachen. Auch als 1952 ein neuer IOC-Präsident kam, der US-Amerikaner Avery Brundage (bis 1972), wurde dies als eine interne südafrikanische Angelegenheit gesehen, wurden keine Maßnahmen unternommen. Das IOC war eben eine Gruppe von Personen hauptsächlich aus dem Westen, welcher sich ausgebreitet hatte und damals noch über viele Kolonien herrschte, auch wenn er dabei war, einen Teil davon zu verlieren. Nachdem die olympische Bewegung 1936 in Hitlers Berlin und Garmisch gastiert hat, war die Apartheid auch kein Ausschlussgrund.

Es war der von der Sowjetunion geführte kommunistische Ostblock, der in den 1950ern zuerst die Haltung des IOC zu Apartheid-Südafrika in Frage stellte. Auch Indien und manche Blockfreie begannen sich in der Frage zu engagieren. Mit der Entkolonialisierung in Afrika, Asien, Amerika (Karibik) und Ozeanien entstand auch im IOC Opposition zur Apartheid. Ähnlich ging es in anderen internationalen Organisationen, wie der UN, und so kam es Ende der 1950er, Anfang der 1960er zur Isolation Apartheid-Südafrikas. Für Olympia 1960 ging es sich aber nochmal aus: Als IOC-Delegierte 1959 darauf hinwiesen, dass die Praxis der SAOCGA gegen die in der Olympischen Charta festgeschriebene Ächtung von Diskriminierung möglicherweise verstosse, behauptete der südafrikanische Delegierte, dass sich nicht-weisse Athleten aus rein sportlichen Gründen nicht qualifiziert hatten… Und Brundage war der Meinung, dass diese Nicht-Diskriminierungs-Regel nur für Olympia selbst und nicht für nationale “Vorausscheidungen” gelte. So war ein südafrikanisches Team 1960 in Rom dabei und auch erstmals eines bei den Winterspielen.

1955 wurde in Südafrika ein Committee for International Recognition gegründet, das 1958 in die South African Sports Association (SASA) überging und 1963 in das South African Non-Racial Olympic Committee (SAN-ROC). Der Organisation ging es um den Kampf gegen Rassentrennung im südafrikanischen Sport, die Anerkennung der alternativen Sportverbände und den Ausschluss eines rein weissen Südafrikas von Olympia. Geleitet wurde sie von Dennis Brutus (Generalsekretär der SASA und Präsident von SAN-ROC), der afrikanische, europäische und asiatische Vorfahren hatte, wie viele der Mischlinge Südafrikas. Dennis Brutus bekam keinen Reisepass und wurde gebannt, was eine Beschränkung u.a. seiner Bewegungsfreiheit und seiner Möglichkeit, Andere zu treffen, bedeutete. 1960 wurde er wegen Verstössen gegen diesen Bann verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Danach gelang ihm die Flucht ins portugiesische Mozambique, von wo ihn die Kolonialbehörden aber nach Südafrika zurückschickten. Bei einem Fluchtversuch wurde er dort angeschossen; er wurde ins Gefängnis auf Robben Island gebracht, für etwa eineinhalb Jahre, in eine Zelle neben jener Nelson Mandelas. Auch John Harris, Vorsitzender des SANROC, wurde gebannt und eingesperrt. Er schloss sich einer militanten weissen Gruppe an und wurde 1965 hingerichtet.5

Anfang der 1960er intensivierte sich der Widerstand gegen die Apartheid in Südafrika und verband sich der Konflikt mit anderen im südlichen Afrika. Südafrika wurde eine Republik und trat aus dem Commonwealth aus, die Teilnahme an Commonwealth-Spielen wurde dadurch hinfällig. Die SAOCGA wurde in SAONGA (South African Olympic and National Games Association) umbenannt, später in SANOC (South Africa National Olympic Committee). Unabhängige afrikanische Staaten thematisierten die Rassendiskriminierung Südafrikas in internationalen Gremien, auch im IOC. Das Apartheid-Regime wurde von einem geachteten Mitglied der Staatengemeinschaft zu einem Aussenseiter; es behielt aber Freunde und gewann neue hinzu.

1963 gewann Sewsunker “Papwa” Sewgolum, ein indischer Südafrikaner, als Caddie tätig, die Golf-Meisterschaft von Natal. Er wurde zur Preisverleihung nicht in das Klubhaus gelassen, das Foto von ihm, wie er draussen in strömendem Regen die Trophäe erhielt, ging um die Welt, schadete dem Ansehen des Rassentrennungs-Systems und half jenen, die dagegen kämpften.

Das IOC verlegte seine Konferenz 1963 von Nairobi nach Baden-Baden, nachdem die kenianische Regierung der südafrikanischen Delegation die Einreise nicht gestatten wollte. SAN-ROC wurde daran gehindert, Vertreter zu der Konferenz zu schicken, aber die an Bedeutung gewinnende Anti-Apartheid-Bewegung im Exil schickte Appelle an nationale olympische Komitees, den Apartheid-Sport zu ächten. Abdul Samad Minty, Exil-Südafrikaner, in der britischen Anti-Apartheid-Bewegung aktiv, Leiter des UN-Zentrums gegen Apartheid, setzte sich in Baden-Baden bei Delegierten und IOC-Funktionären im Namen von SAN-ROC ein, präsentierte Material über Rassismus im südafrikanischen Sport. Besonders Indien nahm sich der Sache an (teilweise deshalb, weil die Apartheid auch die indische Volksgruppe in Südafrika betraf), beantragte Südafrikas Ausschluss von Olympia.

Das IOC nahm auf dieser Konferenz die Einladung an das SANOC zu den Olympischen Spielen 1964 zurück und stellte eine Teilnahme (nur) für den Fall in Aussicht, das sich das NOK von Südafrika gegen die Regierung(spolitik) dieses Landes stellte. Das tat SANOC nicht und zusätzlich kündigte Innenminister Jan de Klerk (Vater des zukünftigen Präsidenten Frederik W.) an, dass das Team für 1964 nicht “rassisch gemischt” sein würde. So blieb es beim Ausschluss. Dennis Brutus, der darauf hingearbeitet hatte, war gerade im Gefängnis, als diese Nachricht kam. Mit der Suspendierung Südafrikas von Olympia (ab) 1964 waren die Weichen für den Sportboykott gegen die Apartheid überhaupt gestellt.

Als Südafrika von Olympia ausgeschlossen wurde (und bei Commonwealth-Spielen nicht mehr antrat), begann, ab 1964, die Teilnahme an den Paralympics (Sommer und Winter) und im selben Jahr die Ausrichtung der South African Games (manchmal South African Open Games genannt). Diese waren eine direkte Antwort auf den Olympia-Ausschluss, fanden 64, 69, 73, 81, 86 statt, unter Teilnahme einiger ausländischer (weisser) Sportler. An den Behinderten-Spielen Paralympics durften südafrikanische Sportler 1976 letztmals antreten; ’80 wurden sie vom Veranstalter Niederlande ausgeschlossen, wegen der Rassentrennung Südafrikas bei Sportlern und Zuschauern.

1966 gründete die Organisation für afrikanische Einheit (OAU) das Supreme Council for Sport in Africa (SCSA), das sich vornahm, Apartheid-Südafrika von Olympia auszuschliessen und Spiele zu boykottieren, sofern Südafrika teilnahm. SAN-ROC war nach den Verhaftungen Mitte der 1960er zerschlagen, wurde in London 1966 wiederbelebt. Die Vereinigung nationaler olympischer Komitees Afrikas (ANOCA) gewährte SAN-ROC die Mitgliedschaft, anstelle des SANOC. Auf der IOC-Konferenz in Teheran 1967 sagte SANOC zu, ein Team aus allen Bevölkerungsgruppen zur Sommer-Olympia 1968 zu schicken. Um das eigene Verbot gemischtrassiger Wettbewerbe zu umgehen, sollten Vorausscheidungen ausserhalb Südafrikas stattfinden (obwohl die einzelnen Bewerbe rassisch getrennt sein sollten)… Dieses kleine Einlenken unter Premier Vorster war und ist für Hardcore-Apartheid-Anhänger auch Mit-Grund, ihn zu den “Verrätern” an dieser Ideologie zu erklären.

Im Februar 1968 entschied das IOC, SANOC zu den Spielen 1968 in Mexiko einzuladen, mit der Bedingung, das verbleibende Diskriminierung bis zu den Spielen 1972 beendet wird. Das SCSA drohte darauf hin, dass afrikanische Staaten Olympia 1968 boykottieren würden; auch der Ostblock deutete diese Möglichkeit an. Daraufhin intervenierte das mexikanische Organisationskomitee beim IOC, die Entscheidung zur Wiederzulassung zu überdenken, da seine Veranstaltung so zu einem Fiasko werden könnte. Im April schloss das Exekutiv-Komitee des IOC Südafrika “aufgrund des internationalen Klimas” aus. 1968 rief auch die UN-Generalversammlung zum Boykott von Sportveranstaltungen mit Südafrika auf.

1970 wurde SANOC vom IOC ausgeschlossen; auf der Konferenz in Amsterdam wurden Fälle von Diskriminierung im Sport vorgetragen sowie die Verwendung der olympischen Ringe bei den South African Games. Ungefähr zur selben Zeit wurde eine Tour des südafrikanischen Kricket-Teams in England abgesagt und das Land im Tennis-Davis-Cup ausgeschlossen. Ein Team aus der BR Deutschland zog die Teilnahme von den SA Games 1969 zurück, nachdem die SCSA im Namen afrikanischer Staaten androhte, Olympia in München 72 zu boykottieren. 1969 gab es auch den Versuch, Black Games in Soweto zu veranstalten.

1973 wurde ein South African Council on Sports (SACOS) gegründet, als Nachfolger der SASPO, als nicht-rassischer Sportverband, als Partner des SAN-ROC, auch bei Bemühungen zum vollständigen internationalen Boykott des Apartheid-Sports. Während dieses inzwischen vom Londoner Exil aus agierte, war SACOS in Südafrika tätig. SACOS-Generalsekretär M. N. Pather wurde etwa an der Ausreise gehindert, als ihn die UN zu Konsultationen nach New York einlud. Der Präsident der South African Amateur Swimming Federation (mit dem SACOS affilliert), Morgan Naidoo, wurde gebannt, nachdem der Apartheid-Schwimmverband 1973 von der International Swimming Federation ausgeschlossen wurde.

Eine wichtige Rolle im südafrikanischen Sport spielt(e) Sam Ramsamy, auch ein indischer Südafrikaner, aus Durban. Er schaffte es, zum Studium ins Ausland (nach Europa) zu gehen und arbeitete dann als Sportlehrer in London. Bereits während des Studiums gegen die Apartheid im Sport aktiv, war er ein Gründungsmitglied von SACOS. Er gab seinen Job auf, um hauptamtlich für SAN-ROC in London zu arbeiten, wurde 1976 dessen Vorsitzender. Er knüpfte Kontakte mit Sportverbänden, v.a. in der “3. Welt”, zum ANC und ausländischen Anti-Apartheid-Solidaritäts-Gruppen, mit Sportjournalisten, erreichte die Anerkennung für SACOS beim Supreme Council for Sport in Africa, verband Widerstand in Südafrika und im Exil, SACOS und SAN-ROC, arbeitete für die UN, arbeitete an einer Ausweitung des Sport-Boykotts.

Südafrika bzw die Apartheid war der indirekte Grund für den Olympia-Boykott 1976 (die nächsten Turniere wurden dann immer von irgendwem boykottiert, im Zeichen des Kalten Krieges). Das neuseeländische Rugby-Team gastierte in diesem Jahr, nach dem Soweto-Massaker, in Südafrika, mit dem Segen des neuen neuseeländischen Premiers Robert Muldoon (National Party).6 Afrikanische Länder verlangten den Ausschluss Neuseelands. Das IOC wies darauf hin, dass Rugby kein olympischer Sport war und der neuseeländische Rugby-Verband nicht Mitglied des NOK’s des Landes. 26 von 28 afrikanischen NOK’s boykottierten daraufhin die Spiele in Montreal, jene von Guyana und Irak schlossen sich ihnen dabei an. Im folgenden Jahr haben Regierende von Commonwealth-Staaten bei einem Treffen in Gleneagles, Schottland, beschlossen, von Sportkontakten mit Südafrika Abstand zu nehmen. 1978 hat auch die EG eine ähnliche Erklärung verabschiedet.

Der (in die USA ausgewanderte) Inder Enuga Sreenivasulu Reddy hat an der UN das Special Committee against Apartheid (dessen Sekretär er 1963–1965 war) und dessen Centre against Apartheid (dessen Direktor er 1976–1983 war) ins Leben gerufen. 1977 hat die UN eine Erklärung gegen Apartheid im Sport verbaschiedet. Das Spezialkomitee hat 1980 ein “Register of Sports Contacts with South Africa” begonnen, das alle Sportspersonen auflistete, die in Südafrika auftraten. Manche Regierungen verweigerten diesen Personen die Einreise

1985 hat die UN die Internationale Konvention gegen Apartheid im Sport verabschiedet, die zuvor u.a. wieder unter der Mitwirkung Sam Ramsamys ausgearbeitet worden war. Sie sah Sanktionen auch gegen jene vor, die Sportkontakte mit solchen hatten, die Sanktionen gebrochen hatten. Beim Entwurf gab es einigen Streit und vom Beginn des Unterzeichnungsprozesses 1986 bis zum Inkrafttreten (für die Unterzeichnerstaaten) wurde sie von keinen westlichen Staaten unterzeichnet, und nur von 20 von 52 afrikanischen. Die Sache mit dem bindenden Boykott von “Drittparteien” erwies sich als nicht konsensfähig. Die Sowjetunion etwa hatte Angst vor den Auswirkungen auf Olympia in Moskau 1980. Mit der Konvention wurde auch eine Commission against Apartheid in Sport (CAAS) ins Leben gerufen.

Das IOC verabschiedete 1988 eine “Erklärung gegen Apartheid im Sport”. In den 1980ern war der Apartheid-Sport weitgehend isoliert; im Sport haben die Gegner der Apartheid am meisten bezüglich der Isolation dieses Regimes erreicht – im Vergleich zum Handel mit Bodenschätzen, Waffen (auch nuklearen) oder Technologie war das aber ein “weicher” Bereich. Oder doch nicht? Gerade die Isolation im Rugby schmerzte viele Afrikaaner enorm. Mit Hilfe mancher westlicher Freunde blieb Apartheid-Südafrika von vollständiger Isolation im Sport bewahrt. Gastauftritte von Sportteams in Südafrika (etwa im Rugby, s. u.) konnten von der Boykott-Bewegung nur schwer verhindert werden. Dennis Brutus war nach seiner Haft-Entlassung zuerst nach GB, dann in die USA ausgewandert (wurde nach einem langen Kampf als politischer Flüchtling anerkannt). Er arbeitete dann als Englisch-Lehrer und musste seine Arbeit für SAN-ROC vernachlässigen.

In den 1980ern mussten sogar Israel sowie die konservativen Regierungen von USA, GB und BRD Maßnahmen gegen das Apartheid-Regime ergreifen, v.a. den Handel betreffend. Die Apartheid hatte aber bis zum Schluss ihre Apologeten und Kollaborateure. Jene, die keine Gelegenheit ausliessen, Menschenrechtsverletzungen und Totalitarismus in den kommunistischen Staaten anzuprangern, sich dabei als “Menschenrechtler” aufspielten, waren in der Regel jene, die bei der Apartheid in Südafrika oder der Diktatur in Chile nicht nur ein oder zwei Auge(n) zudrückten, sondern eher davon angetan waren. SANOCs langjähriger Präsident in den “kalten Jahren”, Rudolf Opperman, verfasste ein Buch mit, in dem es um die olympische Bewegung in Südafrika ging, Titel war “Afrikas erste Olympioniken”.

Anhänger des rassischen Fanatismus beschuldigten Leute die dagegen ankämpften des Fanatismus. Jene, die davon redeten, Sport und Politik getrennt zu halten, unterstützten ein System, das Politik (in Form von Rassismus) in den Sport brachte, oder Teil dieses Systems waren. Jene, die Verachtung für die Mehrheit der Südafrikaner hatten, machten jenen Vorwürfe, die das Rassische aus dem südafrikanischen Sport (und überhaupt aus der Gesellschaft) wegbringen wollten. Deon Geldenhuys’ “Isolated States: A Comparative Analysis” (1990/91) ist noch ein relativ moderates Lamento gegen den Sportboykott. Er hat nicht ganz Unrecht, wenn er schreibt, dass die Voraussetzungen für Wiederzulassung und Aufhebung nicht in den Händen der Sportverbände lagen sondern bei der Regierung – nur gab es da ein hohes Maß an Gemeinsamkeiten, v.a. bei der ideologischen Ausrichtung.

Während früher manche Schwarze (wie Eland) vor der Diskriminierung ins Ausland auswiechen, taten dies später (von Anfang der 1960er bis Anfang der 90er) Weisse, wegen des Boykotts. Mit dem Wechsel der Nationalität (Staatsbürgerschaft) wurde dieses Problem gelöst. Der bekannteste Fall war jener der Läuferin Zola Budd, die für Grossbritannien startete. Der jüdische Südafrikaner Mark Handelsman, auch ein Läufer, nahm die israelische Staatsbürgerschaft an, trat so 1984 bei Olympia an. Der Fussballer Roy Wegerle ging in die USA, spielte für das dortige Nationalteam. Der Tennisspieler Kevin Curren trat auch für die USA an. Beim Rugby-Spieler Andrew Mehrtens waren es nicht sportpolitische Gründe, dass er von seinen Eltern als Kind nach Neuseeland gebracht wurde. Der Kricketer Allan Lamb ging während der Isolation Südafrikas nach England und spielte für dessen Nationalteam.

Dass der Boykott nicht nur den Sport von Apartheid-Südafrikas betraf, wurde etwa bei der Amtseinführung von F. W. De Klerk 1989 ersichtlich, wo es kaum internationale Gäste gab. De Klerk startete 1990 mit Reformen bzw der schrittweisen Abschaffung der Apartheid. Im Gegenzug wurden die Sanktionen nach und nach aufgehoben, jene im Sport zuerst, jene Waffen betreffend zuletzt7 Verhandlungen begannen, hauptsächlich zwischen der aus der NP gebildeten Regierung (unter De Klerk) und dem eben noch verbotenen ANC (unter Nelson Mandela) – auch über eine Abschaffung der Apartheid im Sport.

Die United Democratic Front (UDF), ein Zusammenschluss noch nicht verbotener Anti-Apartheid-Organisationen der 1980er, gründete 1989 der National Sports Congress (NSC), das stärker als SAN-ROC oder SACOS im Land verwurzelt war, auch in den “schwarzen” Townships. Während SACOS zum ANC oder der Gewerkschaft COSATU Abstand hielt, war das NSC eindeutig mit den wesentlichen politischen Anti-Apartheid-Kräften verbunden. So repräsentierte SACOS hauptsächlich die dünne schwarze Mittelklasse und wurde als “Sport-Flügel” der Befreiungsbewegung vom NSC in den Hintergrund gedrängt. Aus dem NSC wurde 1990 NOSC, der National Olympic and Sports Congress.

1988 hatte das IOC unter Juan A. Samaranch eine Apartheid and Olympism Commission (AOC) gegründet, mit Sportdiplomaten und Repräsentanten der im Kampf gegen Apartheid im Sport engagierten südafrikanischen Verbände. Die AOC beschäftigte sich ab 1990 (dem Beginn der Reformen unter De Klerk) hauptsächlich mit dem Ende der Apartheid im Sport. Auch das kaltgestellte olympische Komitee des Apartheid-Regimes (SANOC), ab 1989 unter Johan du Plessis, wurde an den Verhandlungen beteiligt. Das Ringen um die Wiederzulassung begann. Klar war, dass das Südafrika, welches wieder am internationalen Sport teilnehmen würde, ein anderes als bislang sein würde. Auch wenn IOC-Präsident Samaranch, ein früherer Funktionär des Franco-Regimes in Spanien, für eine baldige Rückkehr Südafrikas war, am liebsten bei Sommer-Olympia in Barcelona 1992. Sam Ramsamy vom SAN-ROC konnte Anfang der 1990er nach Südafrika zurückkehren, so wie auch andere Dissidenten; politische Häftlinge, wie Nelson Mandela vom ANC, wurden in dieser Zeit aus Gefängnissen entlassen.

SAN-ROC ging von Boykott zu Zusammenarbeit zur Erreichung einer nicht-rassischen Vereinigung des Sports über. Im November 1990 wurde bei einem Treffen in Harare (Zimbabwe) unter Leitung von Jean-Claude Ganga aus Kongo (AOC, ANOCA) mit weissen und schwarzen Sportfunktionären aus Südafrika die Aufhebung der Apartheid im Sport und die Aufhebung der Sanktionen im Gegenzug diskutiert. Wichtig war nun ein repräsentatives NOK für Südafrika. Als Vorstufe wurde ein Komitee der Acht (dann Zehn), Vertreter diverser Sportverbände des Landes, gegründet, mit Sam Ramsamy, einem der führenden Anti-Apartheid-Aktivisten in Bezug auf Sport, als Vorsitzender. Das Komitee setzte sich zusammen aus Vertretern von SANOC, SAN-ROC, SACOS, COSAS8 und NOSC. Es nannte sich dann South African Coordinating Committee, und Ramsamy wurde Präsident.

Im März 1991 wurde daraus (durch eine gewisse internationale Anerkennung) das Interim National Olympic Committee of South Africa (INOCSA).9 Nach dem Besuch einer IOC-Kommission in Südafrika (unter Keba Mbaye; AOC, Senegal) im selben Monat, die u.a. De Klerk, Mandela und den “Zulu-Führer” Buthelezi traf, wurde das INOCSA auch von der IOC zunächst vorläufig anerkannt. Im Juni 1991 hob das (weisse) Parlament auf De Klerks Initiative den Population Registration Act und den Group Areas Act von 1950 auf, zwei Grundpfeiler der Apartheid.

Nun hatten auch die politischen und sportpolitischen Anti-Apartheid-Bewegungen sowie die Apartheid and Olympism Commission (AOC) keine Einwände mehr gegen eine Wiederzulassung Südafrikas im Sport. Im folgenden Monat, Juli ’91, anerkannte das IOC die INOCSA endgültig, das damit das offizielle NOK Südafrikas wurde, unter dem Kürzel NOCSA, das “Interim” wurde aus dem Namen gestrichen. Südafrika war damit wieder Mitglied des IOC. Ramsamy blieb/wurde Präsident des NOCSA. Damit war die Voraussetzung für eine Teilnahme an Olympischen Spielen geschaffen; Südafrika wurde wenige Wochen später eingeladen, in Barcelona 92 (Sommer-Spiele der 25. Olympiade) teilzunehmen. SANOC und SAN-ROC, das bisherige offizielle und das alternative NOK, gingen beide in NOCSA auf. NOCSA-Präsident Ramsamy durfte die Annahme der Einladung verkünden.

Die Einigung im Sport, die Abschaffung der Rassentrennung dort und die internationale Anerkennung dafür nahm einiges von den grossen politischen Verhandlungen vorweg, die damals im vollen Lauf waren. Aber wie dort gab es auch im Sport noch einiges an Ärger und Hindernissen. Es standen ja noch die Vereinigungen der diversen (verschieden-rassigen) Fachverbände an, die Beitritte dieser neuen nationalen Verbände zum NOCSA und zu den internationalen Dachverbänden (und damit verbunden, die Wiederzulassung zu internationalen Wettbewerben). Und die Schaffung gemeinsamer nationaler Meisterschaftsbewerbe für Klubmannschaften der verschiedenen Sparten. Die Aufhebung der Rassenschranken auf der untersten Ebene, in Schulen und Vereinen. Das Zusammenwirken der Leute aus den verschiedenen “Lagern” in den neuen Nationalmannschaften und in deren Verbänden musste sich erst bewähren. Die Entwicklung in den wichtigsten Sportarten, Fussball, Rugby und Kricket (wo es international am schnellsten wieder los ging), werden noch genauer ausgeführt.

Südafrikas Teilnahme an Olympia Barcelona war die erste seit Rom 1960 und die erste überhaupt nicht mit einem rein weissen Team; auch an den Paralympics nahmen ab 92 wieder südafrikanische Teams teil. Dass man politisch noch keine Einigung gefunden hatte, zeigte sich auch darin, dass die offiziellen Staatssymbole damals alles andere als eine verbindende Wirkung hatten, (von Vielen) als Symbole der Apartheid gesehen wurden. NOCSA entschied daher, dass das südafrikanische Team in Barcelona unter einer “neutralen” Flagge (dem Symbol von NOCSA auf weissem Grund) antreten werde und dass bei Siegesfeiern gegebenenfalls Beethovens Ode an die Freude, die olympische Hymne, gespielt wird. Auch werde das Springbock-Zeichen nicht auf der Sportkleidung aufscheinen. Ramsamy gab das schon bei der Annahme der IOC-Einladung für 92 bekannt.

Die Entscheidung wurde in weiten Teilen des weissen Südafrikas mit Empörung und Ärger aufgenommen. Präsident De Klerk sagte, es handle sich um nationale Symbole, die nichts mit Apartheid zu tun hätten. Louis Pienaar, der auch für Sport zuständige Minister, kommentierte die Sache als “Schlag in das Gesicht aller Südafrikaner” und drohte, NOCSA Geld vorzuenthalten. Manche bemühten sich darauf hinzuweisen, dass der Springbock bereits viele Jahre vor der Apartheid als Sport-Symbol verwendet wurde. “The Citizen”, so ziemlich die einzige Englisch-sprachige Zeitung, die die Apartheid (bzw die Nationale Partei) unterstützte, schrieb, die Sport-Administratoren hätten vor dem ANC kapituliert.10 Als Konzession wurde die grün-gelbe Farbgebung der weissen Sportteams für das “gemischtrassige” bei Olympia übernommen.

Der nächste Streitpunkt war die Auswahl der teilnehmenden Athleten. Es gab einige umstrittene Entscheidungen, wie die Nominierung der (schwarzen) Tischtennis-Spielerin Cheryl Roberts (weniger wegen ihrem Engagement gegen die Apartheid als wegen einer positiven Dopingprobe) und die Auslassung des Weltklasse-Speerwerfers Tom Petranoff. Dieser war 1988 nach einem Antreten in Apartheid-Südafrika vom US-amerikanischen Leichtathletik-Verband gesperrt worden. Er wanderte nach Südafrika aus, wurde dessen Staatsbürger. Es gab einen Streit der (bisher) konkurrierenden LA-Verbände Südafrikas um seine Nominierung, die schon allein aufgrund seiner Haltung zur Apartheid einen politischen Charakter hatte. Roberts ist heute publizistisch tätig, s.u. Schliesslich wurde ein Team aus 93 Sportlern aus 17 Disziplinen nominiert, darunter beachtliche ca 90% Weisse. Stars waren der Tennisspieler Wayne Ferreira, die Schwimmerin Penelope Heyns11 und die zurückgekehrte Läuferin Zola Budd-Pieterse.

1992, als Winter- und Sommer-Olympia letztmals im selben Jahr stattfanden, gab es nicht nur die Rückkehr Südafrikas; Tschechoslowakei nahm letztmals teil, die GUS einmalig, die DDR erstmals nicht mehr (wie auch schon in Albertville), ebenso Jugoslawien12, Namibia erstmals, auch Jemen als geeinte Nation, Ungarn und einige anderen Staaten waren erstmals seit Jahrzehnten nicht mehr kommunistisch. Erstmals seit Jahrzehnten gab es keinen Boykott und keinen Ausschluss mehr.

Der schwarze Marathon-Läufer Jan Tau wurde Südafrikas erster nicht-weisser Flaggenträger bei der Eröffnungsfeier. Im Juli/August 92 gab es für Südafrika in Barca bei der Olympia-Rückkehr zwei Silber-Medaillien, durch das Tennis-Doppel Ferreira/Norval und die Läuferin Elana Meyer. Bei Meyer zeigt sich die Relativität der Apartheid-Einteilung als “Weisse”.

Mandela, der selbst Amateur-Boxer gewesen war13, war 1992 bei einem Kricket -Länderspiel dabei, einem der ersten Südafrikas nach der Wiederzulassung bzw “Rassenintegration”; dies wurde als Beleg für seine Präsidentschafts-Ambitionen gedeutet. Eines der letzen wichtigen Apartheid-Gesetze, die De Klerk abschaffen liess, war 1993 die getrennte Bildung, die im Bantu Education Act festgeschrieben war.

Zum Zeitpunkt des Verhandlungsabschlusses 1993 und dem endgültigen Ende der Apartheid durch die ersten freien Wahlen 1994 war im Sport der Abbau der “äusseren” Rassenschranken schon erledigt (s.o.); im Sport wie in der Politik, der Gesellschaft allgemein,… folgte auf den Abbau der äusseren Schranken jener der inneren, bzw der Versuch dazu, von Teilen der Gesellschaft. Bisherige Feinde sollten nun zusammenwirken, in den verschiedensten Bereichen. Die 1994 eingeführte neue Fahne war auch ein Kompromiss, wie die Verhandlungslösung. Nelson Mandela sagte im Mai 1994 bei der Rede zu seiner Angelobung als Präsident, 40 Millionen Südafrikaner sollten in Zukunft mit erhobenem Haupt auftreten können.

Manche meinen, dass der ANC und Mandela 1993/94 einen faustischen Pakt eingegangen seien, weisse Privilegien vielfach belassen haben, nur die Inkorporation relativ weniger Schwarzer in die Eliten erreicht haben, den Neoliberalismus angenommen haben. Die wenige Umverteilung ist vielen weissen Südafrikanern (und ausländischen Beobachtern) schon zu viel, manche wollen mit minimalen Zugeständnissen einer echten Umverteilung aus dem Weg gehen. Kritiker des neuen Südafrika wollen weder Umverteilung noch die Folgen dieser Unterlassung (Kriminalität und Armut hängen natürlich stark zusammen).

Bei einer Anti-Rassismus-Konferenz 1999 haben viele Redner die Linie widergegeben, die viele Weisse nach dem Ende der Apartheid “eingeschlagen haben”, “Ich war eigentlich immer gegen die Apartheid, aber diese und jene Zustände im heutigen, Post-Apartheid-Südafrika…”. Der ANC-Politiker Pallo Jordan antwortete ihnen damals: “Anscheinend waren damals ALLE gegen die Apartheid. Schade dass man sich damals nicht gekannt hat, als WIR gegen die Apartheid kämpften”. Es gibt wenig Anerkennung dafür, dass Wenige um Demokratie gekämpft haben, in der Regel unter Einsatz ihres Lebens. Suzman und die anderen von den DA-Vorgängerparteien waren nicht jene, die aus ihrer privilegierten Position als Weisse heraus unter Einsatz ihres Lebens gegen die Apartheid gekämpft haben; Kasrils oder Schoon oder Slovo taten das.

Brutus konnte 1990 aus der USA nach Südafrika heimkehren. 2007 sollte er in die südafrikanische Sports Hall of Fame aufgenommen werden. Bei der Zeremonie lehnte er seine Aufnahme öffentlich ab, mit der Begründung, man könne nicht jene, die für Rassismus im Sport verantwortlich waren, mit ihren Opfern in eine Reihe stellen.

COSAS und NSC vereinigten sich zum National Sports Council of SA (NSC). NOCSA vereinigte sich 2004 mit anderen Organisationen zur South African Sports Confederation and Olympic Committee (SASCOC), der nationalen Sportbehörde, die dem Sport-Ministerium untersteht. Ramsamy ist inzwischen beim IOC.

So trennend Nationalismus auch sein, ein südafrikanischer Nationalismus (also kein burischer oder schwarzafrikanischer) ist einend – und erst seit ca. 1994 im Entstehen. Die Ausrichtung der Rugby-WM 1995 und der Sieg dabei (s.u.) war für Südafrika eine triumphale Rückkehr in die internationale Sport-Szene nach der Apartheid. Im Streit um Rassenquoten für nationale Auswahlmannschaften wie die Springboks (s.u.) steckt der ganze Post-Apartheid-Richtungsstreit drin.

Die weisse Auswanderung nach der Apartheid betraf auch Sportler. Der Kricket-Spieler Kevin Pietersen, Sohn eines Afrikaaners und einer englischen Südafrikanerin, ging 2000 ins Land der Vorfahren seiner Mutter, nachdem er sein Missfallen über Rassenquoten im südafrikanischen Kricket (s.u.) geäussert hatte. Dem Fussballer Sean Dundee gelang der Sprung ins deutsche Team nicht ganz. Der Rugbyspieler Pierre de Villiers ging 1994 nach Frankreich, von wo ein Teil seiner Vorfahren stammen (Hugenotten), spielte ab 1999 für dessen Nationalteam.

Die Oscar Pistorius-Mord-Sache (ab) 2013) enthält u.a. die Faktoren Rasse und Gewalt, welche in Südafrika sehr heikel sind. Pistorius’ Vater Henke sagte zu britischen Medien, dass sein Sohn Waffen zur Verteidigung brauchte, da es den ANC-Regierungen nicht gelänge, die Weissen zu beschützen. Die Richterin, die das erste, milde Urteil aussprach, hatte in ihrer Laufbahn noch die ganzen rassistischen Hindernisse des Apartheid-Staates für Schwarze zu spüren bekommen. Reiche Weisse könnten es „sich richten“, ist zu hören. Der Wiener Wirtschaftshistoriker und Südafrika-Spezialist Walter Sauer schrieb in “Indaba”, weisse Feministinnen und schwarze Law-and-Order-Fanatiker demonstrierten gegen das Urteil. Im südafrikanischen “Mail &Guardian” auch noch etwas dazu.

Fussball

Fussball ist in Südafrika wiegesagt der “Sport der Schwarzen” und da es in dem Land viel mehr Schwarze als Weisse gibt, ist Fussball der Sport Nr. 1.14 “Schwarze” Menschen, v.a. in den Townships der Städte, haben um die Wende vom 19. zum 20. Jh den englischen Import Fussball angenommen. Der Fussball war in Südafrika von Anfang an rassisch getrennt. Es bildeten sich um die Jahrhundertwende die Fussballverbände SAFA bzw dann FASA (Weisse), SABFA und SAAFA (Schwarze), SACFA (Mischlinge), SAIFA (Asiaten). Die Klubs dieser Verbände spielten zunächst in regionalen (Amateur-)Ligen. Die Umwandlung von SAFA zu FASA war verbunden mit einer Löschung der Statuten wonach nur weisse Fussballer in ihren Ligen und dem Auswahlteam willkommen waren – dies wurde aber natürlich als Praxis beibehalten. Der weisse Verband FASA wurde in den 1950ern Mitglied der afrikanischen Konföderation CAF (Gründungsmitglied) und des Weltverbandes FIFA.

Aus den Klubs dieses Verbandes wurde ein südafrikanisches Fussball-Nationalteam geformt, das 1924 sowie von 1947 bis 1955 und 1963 aktiv war, freundschaftliche Länderspiele absolvierte, anscheinend nur gegen Australien, Neuseeland, Portugal, Israel. SAAFA, SABFA und SACFA schlossen sich zum Anti-Apartheid-Fussballverband SASF zusammen, beantragten Mitgliedschaft bei der FIFA. Weder FASA noch SASF repräsentierten den ganzen Fussball des Landes; bei der FIFA scheint man auf das Argument von FASA-Chef Fell gehört zu haben, wonach Rassentrennung zur “Kultur des Landes” gehöre. Die CAF reagierte schneller: Vom ersten Afrika-Cup 1957, für den das südafrikanische Team schon eingeplant war, wurde dieses noch kurzfristig ausgeschlossen, weil es eben nur für Weisse offen war, so wie vieles im Apartheid-Südafrika. Bald danach wurde Südafrika bzw die FASA auch von der CAF ausgeschlossen.

Von der FIFA wurde die FASA zunächst 1961 bis 1963 suspendiert, dann aber wieder zugelassen, auf Drängen des britischen FIFA-Präsidenten Stanley Rous. Das Ringen dieser Jahre, Mitte 1950er bis Mitte 1970er, um die Anerkennung oder aber Ächtung des rein weissen Fussballs Südafrikas als jenen des Landes sagt viel über die Vorgänge im Weltfussball, in der FIFA und überhaupt in globalen Beziehungen aus! 1964 die neuerliche Suspendierung Apartheid-Südafrikas vom Weltfussball. Auch als der weisse Brasilianer Joao Havelange 1974 Rous-Nachfolger als FIFA-Chef wurde, ging dieses Ringen noch weiter. Havelange soll schliesslich im Hinblick auf die afrikanischen und asiatischen Verbände 1976 für den Ausschluss der FASA entschieden haben. Dazu ist anzumerken, dass im brasilianischen Fussball bis Pelé (ab Ende 1950er) Schwarze bzw Farbige noch die Ausnahme waren, im Nationalteam krass unterrepräsentiert waren.

Als die Fussball-Sanktionen wegen der Rassentrennung begannen, ging es auch mit den landesweiten Profi-Ligen in Südafrika los. Einigen schwarzen Spielern gelang davor unter schwierigen Umständen der Sprung von Amateurklubs nach Europa, wie Johanesson (nach England) und Dhlomo (der auch Boxer und politisch engagiert war, in die Niederlande). 1959 startete die weisse NFL, wo zB Durban City spielte, ein Klub bei dem Gordon Igesund seine Karriere begann, der spätere Österreich-Legionär und Bafana-Teamchef. In dieser Liga spielten auch vereinzelt Schwarze, wie Vincent Julius. Der farbige Verband SASF startete Anfang der 60er mit der SASL. Diese Liga hatte mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen, u.a. mit einem Mangel an Spielplätzen/Stadien (Infrastruktur jeder Art für Nicht-Weisse wurde ja vernachlässigt). Nach einigen Jahren Unterbrechung wurde der “schwarze” Spielbetrieb 1971 mit der NPSL fortgesetzt. Diese, mit Klubs wie Kaizer Chiefs und Orlando Pirates (beide aus dem Raum Johannesburg), hatte ein gutes Niveau, von hier wurden Fussballer wie “Jomo” Sono in die amerikanische NASL engagiert. Ein Teil der Inder und Mischlinge spielt ab 1969 in der FPL.

Unter den Weissen sind Englischsprachige im Fussball eher zu finden als Afrikaaner. Auch einige Europäer kamen in die weisse Liga Südafrikas, die NFL. Auch einige der Beteiligten am deutschen Bundesligaskandal um Spielmanipulationen 1971, wie Bernd Patzke und Arno Steffenhagen, gingen während ihrer Sperre dorthin, da sich diese ausserhalb der FIFA befand und die Sperre daher dort nicht galt. Auch viele der politischen Gefangenen auf Robben Island, wie Nelson Mandela, versuchten, dort Fussballspiele zu organisieren; darüber, über den Makana FC auf Robben Island, gibt es die Film-Doku “More than just a game”.

Bei den Südafrika-Spielen (South African Games) 1973 gab es im Fussball keine ausländischen Teilnehmer, die Organisatoren veranstalteten daher ein Fussball-Turnier mit vier Mannschaften aus den vier Rassen, in die alle Südafrikaner eingeteilt waren. Die Weissen siegten im Finale über die Schwarzen 4:0, Dritter wurden die Farbigen, vor den Indern.

Sono und Kaizer Motaung haben beide nach ihrer Rückkehr aus der USA eigene Klubs in Südafrika gegründet, Jomo Cosmos und Kaizer Chiefs, im Raum Johannesburg. Keith Broad schloss sich in den 1970ern den Orlando Pirates in der NPSL an und wurde der erste weisse Spieler dort. 1978 vereinigten sich die schwarze NPSL und die weisse NFL zur neuen NPSL. Die Einrichtung einer gemischten Liga spiegelte die leichte Liberalisierung der Apartheid unter Premier P. W. Botha wieder. Ein Teil der schwarzen Klubs machte ab 1985 in einer neu gegründeten NSL weiter.

Viele schwarze, braune und weisse Fussball-Talente Südafrikas gingen in den Jahrzehnten vor 1992 “verloren”, von Sono bis Igesund, von Ntsoelengoe bis Smethurst. Sie konnten sich zwar teilweise in starken Ligen wie der englischen präsentieren, aber nicht als Nationalteam. Eine Auslegung des Sportboykotts traf auch den “Prinzen” des südafrikanischen Fussballs, (den Schwarzen) Jomo Sono, der von Zimbabwe 1988 daran gehindert wurde, an einem Wohltätigkeitsmatch von Pelé’s Weltelf in Harare teilzunehmen; Sono hatte mit dem Brasilianer in USA bei Cosmos New York zusammen gespielt. Ja, manchmal wurden auch schwarze Südafrikaner Opfer des Sportboykotts – der eigentlich wegen ihrer Diskriminierung angestrengt wurde.

1991, unter den Vorzeichen der Beendigung der Apartheid, vereinigten sich die vier rassisch definierten Fussball-Verbände des Landes zu einem, der SAFA. 1992 wurde dieser in die FIFA und die CAF aufgenommen, und ein erstmals “gemischtrassiges” südafrikanisches Nationalteam begann mit dem Spielbetrieb. Im Juli 92 trat es in Durban gegen Kamerun mit Roger Milla an; danach in Jo’burg und Kapstadt. Die Spieler dieses Teams wurden aus der gemischten NPSL und der schwarzen NSL zusammengetrommelt; die farbige FPL hatte 1990 ihren Betrieb eingestellt. Am 10. Mai 1994, dem Tag der Angelobung Nelson Mandelas als Staatspräsident, kurz nach den ersten freien Wahlen, spielte die “Bafana Bafana” (isiZulu für “die Burschen”, wurde Beiname des südafrikanischen Fussball-Nationalteams) in Johannesburg freundschaftlich gegen Zambia – in Anwesenheit des neuen Präsidenten. NPSL und NSL stellten Ende 1995 den Spielbetrieb ein und wurden zur Premier Soccer League (PSL) vereinigt, gleichzeitig wurde von Kalenderjahr auf Saison umgestellt, 1996/97 war die erste Saison der PSL. 1995 haben die Orlando Pirates die afrikanische Champions League gewonnen, was sonst noch keinem südafrikanischen Klub gelungen ist.

Das Ende der Apartheid bewirkte auch einen Abbau der Distanz zum restlichen Afrika, auch im Fussball, führte zu einem Messen mit anderen afrikanischen Teams. 1996 durfte Südafrika den Afrika-Cup ausrichten, kam bis ins Finale, gewann dieses gegen Tunesien. Eine überwiegend schwarze Mannschaft mit einigen Farbigen und Weissen (darunter der Kapitän Neil Tovey) feierte wie 95 das Rugby-Team einen Heimsieg. Präsident Mandela (im Trikot der Bafana) und sein Stellvertreter De Klerk waren bei der Preisverleihung im FNB-Stadion in Johannesburg anwesend, es hätte die Entsprechung zum weissen Rugby-Triumph im Jahr davor sein können. Vielleicht lag es an der mangelnden Anteilnahme von Weissen, besonders der Afrikaaner, dass dem nicht ganz so war.

Die Stars dieser Zeit waren neben Tovey Lucas Radebe (der auch lange in England spielte), Phil Masinga, “Doc” Khumalo, Mark Fish, und die aus dem Ausland “zurückgeholten” südafrikanischstämmigen Hans Vonk und Pierre Issa. Das Team, zeitweise von Europäern trainiert, qualifizierte sich für die WM 1998, spielte 98 und 2000 weitere gute Afrika-Cups, war bei Olympia ’00 und beim Confederations Cup 97 dabei. Die WM 02, hier waren auch “Benni” McCarthy und Steven Pienaar schon dabei, war seltsamerweise der Wendepunkt. Nach einem starken Auftritt und einem knappen Ausscheiden in der 1. Runde begann ein Abwärtstrend für das Team

Und das ausgerechnet in der Phase als dem Land die WM 2010 zugesprochen wurde. 01/02 wurde von der FIFA festgelegt, dass die Fussball-WM 2010 nach Afrika kommt; ’04 setzte sich Südafrika gegen Marokko und Ägypten durch. Für die Ausrichtung 06 war das Land schon knapp gescheitert. Es begannen die Vorbereitungen im Land (v.a. Um- oder Neubauten von Stadien), und das Land geriet stärker in den Focus der Weltöffentlichkeit. Ende 07 in Durban die Auslosung der Qualifikation für die WM, der österreichische Ex-Fussballer Peter Burgstaller, Agentur-Manager, privat dort, wurde damals am Golfplatz seines Hotels in Durban ermordet und ausgeraubt. Diskussionen über die WM-Austragung in Südafrika und die Kriminalität dort kamen auf Touren und gingen oft nahtlos über in Verdammungen des neuen (Post-Apartheid) Südafrikas. Als ob so etwas in Europa nicht vorkommen würde. Die Mörder an Burgstaller wurden übrigens gefasst und verurteilt.

Und die Krise der Bafana: bei den Afrika-Cups 04, 06, 08 schied sie immer in der 1. Runde aus, für die WM 06 konnte sie sich nicht qualifizieren. Langsam musste man sich von der Vorstellung verabschieden, dass Südafrika ein schlafender Riese des Weltfussballs ist. Sogar der Anschluss an die afrikanische Spitze ging verloren. Bald nach dem Afrika-Cup 08 ging der brasilianische Bafana-Trainer Carlos A. Parreira („familiäre Gründe“), Nachfolger wurde sein Landsmann Santana. Die Bafana schaffte dann auch die Quali für den Afrika Cup 2010 nicht! Ein Lichtblick war der Confederations-Cup 2009, die WM-Generalprobe, sowohl vom organisatorischen (ein Test ohne Pannen) als auch vom Auftreten des Heimteams – dies besonders im kleinen Finale gegen Spanien.15 In Erinnerung blieben v.a. die Vuvuzelas und der dortige Winter. Santana wurde nach Niederlagen nach dem Confedcup gefeuert, Parreira wieder eingestellt.

Innerhalb Südafrikas, v.a. von Weissen, kam Kritik an der SAFA und der Politik (bzw den ANC-Regierungen), die sich laufend in Rugby-Angelegenheiten einmische, nicht aber in den Fussball. Die Misserfolge der Bafana werden (zB im Kommentarbereich von Online-Zeitungen) auch gern den Erfolgen der (hauptsächlich von Weissen gelenkten und “betriebenen”) Rugby-Auswahl gegenüber gestellt und dies als Beispiel schwarzer Misswirtschaft bzw Folge weissen Wirkens dargestellt. Rugby wird aber weltweit vielleicht in 1 Dutzend Staaten intensiv betrieben, im Fussball sind es ungefähr so viele, wo das nicht der Fall ist.

Nach dem ANC-Parteitag in Polokwane 07 (Abwahl Mbekis als Parteichef) und dem Rücktritt Mbekis als Präsident 08 begann eine paranoide Stimmungsmache im Hinblick auf die Wahl 09 (bei denen die Wahl Zumas zum Präsidenten zu erwarten war) und die WM 10. Die Zweifel an der ersten WM auf afrikanischem Boden erhielten neue Nahrung, nachdem im Sommer 08 gemeldet wurde, dass der Stadionneubau in Port Elizabeth nicht rechtzeitig zum Confederations Cup 09 fertiggestellt werden könne. FIFA-Präsident Joseph Blatter erklärte, dass drei Länder als Ersatz bereit stünden, falls Südafrika es nicht schaffen sollte, die Weltmeisterschaft auszurichten. Er relativiert dann aber: nur bei einer Naturkatastrophe würde Südafrika die WM verlieren. Im Mai 09, kurz vor dem Confederations-Cup, lief eine ARD-Doku: „Schafft Südafrika die WM 2010?“.

Der CSU-nahe kriminelle Unternehmer Ulrich Hoeness (2014 dreieinhalb Jahre Haft wegen Steuerhinterziehung) sagte nach dem Terror im Vorfeld des Afrika-Cups 10 in Angola (Angriff gegen das anreisende togolesische Team, durch eine Abspaltung der Separatistenbewegung der Exklave Cabinda, FLEC, 3 Tote), die Vergabe der WM 2010 nach Südafrika sei “eine der grössten Fehlentscheidungen” von FIFA-Präsident Blatter gewesen (in Wirklichkeit dessen grösste Leistung). “Ich war nie ein großer Freund von einer WM in Südafrika oder überhaupt in Afrika, solange Sicherheitsaspekte nicht zu 100 Prozent geklärt sind”. Angebliche Korruption und Schiebung bei der Vergabe an Südafrika kam auch zur Sprache – inzwischen wird diesbezüglich aber auch über die Vergabe der WM 06 an Deutschland gesprochen.

Auch der Mord an dem Rechtsextremisten Terre Blanche auf seiner Farm 2 Monate vor WM-Beginn wurde instrumentalisiert, etwa von DA-Führerin Zille, gegen den ANC; sie stellte einen Zusammenhang mit dem damaligen ANC-Jugendchef Malema und dem von ihm gerne gesungenen Kampflied “Ayesaba amagwala” her. Die VF+ reagierte (auch) hier insgesamt gemäßigter/seriöser. Westliche Medien schrieben von “ethnischen Spannungen” im Land, die sich entladen könnten, verwiesen auf Farmenteignungen und Diktatur unter Mugabe in Zimbabwe. Misshandlungen von Farmarbeitern (die die Mörder waren) durch den Neonazi und einiges andere wurde dagegen selten thematisiert. Auch dass meistens Schwarze Opfer von Kriminalität in diesem Land sind. Dann auch noch Sozialproteste wenige Wochen vor WM-Beginn (wie in Brasilien vier Jahre später); eine Form von Umverteilung wollten jene, die das gegen Südafrika und die WM dort anführten, aber schon gar nicht.

Nelson Mandela, schon sehr gebrechlich, erlebte die Fussball-Weltmeisterschaft noch, deren Ausrichtung von einem stabilen Südafrika zeugte, zu dem niemand stärker hingeführt hatte als er. Seine Familie machte ihm Sorgen, seine Partei und das Land auch in mancher Hinsicht. Kurz vor der Eröffnungsfeier kam eines von Mandelas Urenkeln (13 Jahre alt) bei einem Autounfall ums Leben. Madiba trat bei der Feier kurz auf, die vor dem Eröffnungsspiel der Bafana gegen die mexikanische Auswahl stattfand. Auch an der Abschlussfeier vor dem Finale nahm er teil.

Matthew Booth (mit einer Schwarzen verheiratet) war der einzige Weisse im Kader der Bafana, einige Mischlinge wie Pienaar waren dabei, sonst Schwarze, nicht aber Benni McCarthy. Viele weisse Südafrikaner, besonders Afrikaaner, hielten Distanz zur Fussball-WM, weil sie mit diesem Sport wenig anfangen können, manche auch weil sie sie als Projekt der ANC-Regierung, der Schwarzen, sahen. Der Rechtsextremist Dan Roodt rief Afrikaaner dazu auf, bei der WM das niederländische Team zu unterstützen; bei der Rugby-WM 95 haben Schwarze entsprechendes erwogen (die Gegner der Springboks zu unterstützen), Mandelas Einsatz verhinderte dies damals. Im niederländischen Fussball-Nationalteam sind seit der Gullit-Generation in den 1980ern immer Schwarze bzw Farbige dabei und wichtig. Sie stammen aus den Ex-Kolonien Surinam (wie Gullits Vater oder Aron Winter) oder (seltener) Indonesien (Taument oder van Bronckhorst) oder von den niederländischen Antillen (wie Kluivert zT); seit einiger Zeit sind auch marokkanisch-stämmige dabei. Gullit hat seinen Preis als Fussballer des Jahres 1987 dem damals noch inhaftierten Nelson Mandela gewidmet. Auch der letzte Präsident der Apartheid-Ära, FW De Klerk, brachte vor dem Finale (also als das südafrikanische Team schon lange nimmer dabei war) seine teilweise holländische Herkunft mit seiner Unterstützung für die Oranjes in Verbindung. “Ich hatte aber einen der besten Urlaube meines Lebens in Spanien, daher wäre ich auch über einen Sieg von ihnen glücklich.”

Die Bafanas schieden nach der Vorrunde aus, das 0:3 gegen Uruguay im zweiten Match war entscheidend. Schuldzuweisungen begannen sogleich wieder. Das Team aus Ghana, das fast ins Semifinale kam, rettet das afrikanische Abschneiden insgesamt einigermaßen. Die WM 2010 in Südafrika sollte endlich den Durchbruch für den afrikanischen Fussball bringen, der sich seit Anfang der 1990er ankündigte. Auch aus sportlicher Sicht liess der WM-Slogan “Ke Nako – Afrikas Zeit ist gekommen” an den Erwarungen keinen Zweifel. Bei afrikanischen Nationalteams scheint es immer wieder ähnliche Probleme zu geben: die Stars reden den (oft ausländischen) Trainern oft drein, die Politik und der Verband mischen sich ein, es gibt Streits um Prämien, zu wenig Team-Qualität,…

Die WM ging mit der Umarmung zwischen Iker Casillas und Sara Carbonero nach dem Finale (mit dem spanischen Sieg) in der Soccer City (bzw FNB-Stadion) in Jo’burg zu Ende. Es gab allgemein Lob für die Organisation des Turniers. In der Vorbereitung zur WM sind Infrastruktur-Probleme (v.a. im öffentlichen Nah-Verkehr) ersichtlich geworden und zT behoben worden. Die Sicherheit war „Fragezeichen“ vor dem Turnier gewesen, islamistischer Terror war möglich gewesen, auch Anschläge von weissen Rechtsextremisten aus Südafrika. Für das Land brachte die WM einen Tourismus-Aufschwung, mehr Ansehen. Es hat zwar noch enorme Probleme, aber es ist wie mit dem Glas, das je nach Sichtweise, halb voll oder halb lehr ist. Mehr Einheit zwischen Schwarz und Weiss im Land hat die Fussball-WM nicht gebracht, sie sind kaum näher zusammengerückt.

Zu den Schattenseiten des Turniers gehörte neben Nationalismus und Kommerz die Verdrängung (im wahrsten Sinn) von Problemen in Südafrika (etwas ähnlich wurde auch über Brasilien 14 gesagt). In Kapstadt wurde etwa 07 das Green Point Stadion im Hinblick auf die WM abgerissen; ein Teil blieb als Leichtathletik-Stadion erhalten. 07-09 wurde dafür das Kapstadt-Stadion gebaut (von Murray & Roberts Construction). Arme und Obdachlose aus der Gegend (Green Point) wurden dafür umgesiedelt, auch aus anderen Teilen Kapstadts (zB Woodstock) vor der WM, an den Stadtrand (Blikkiesdorp). Nachrichten davon bringen aber ein schlechteres Image als der Anblick von Elendssiedlungen für WM-Besucher und andere Touristen. Die Nachnutzung vieler Stadien ist fraglich; in jenem von Kapstadt spielt seit der WM Ajax Cape Town (Partner von Ajax Amsterdam) und finden u.a. Konzerte statt.

Die Bafana vor der WM 02
Die Bafana vor der WM 02

Rugby

Wie überall ist auch in Südafrika Rugby Union wichtiger als Rugby League, das sich u.a. durch die Zahl der Spieler (nicht 15 pro Team, sondern 13) unterschiedet. England/GB ist auch das Mutterland vom Rugby, kam wie Fussball Ende des 19. Jh nach Südafrika – und verbreitete sich hauptsächlich unter den Afrikaanern/Buren. Dass ein Sport englischen Ursprungs als Zelebration afrikaansen Lebensstils gilt, ist einer der Widersprüche dieser Nationalität. V. a. im heutigen Ostkap wurde und wird Rugby auch von Schwarzen (hier v.a. Xhosa) gespielt16, im Westkap von Mischlingen. Auch Rugby war in Südafrika von Anfang an rassisch getrennt.

Wie im Fussball gab es ein – sich veränderndes – Nebeneinander rassisch getrennter Verbände mit dem Primat der Weissen. Das waren hauptsächlich der South African Rugby Board (SARB) von/für Weisse(n) (1889 bis 1992), der South African Coloured Rugby Football Board (SACRFB) und seine Abspaltung, die South African Rugby Federation (SARF) für Mischlinge, sowie die South African Rugby Association (SARA; zuvor South African African Rugby Board) für Schwarze. Die Verbände hatten jeweils eigene Ligen, im Fall des weissen SARB war dies der Currie Cup, der Teams aus den vier Kolonien umfasste, die 1910 zu Südafrika vereinigt wurden.

Auch eine Art weisses, südafrikanisches Rugby-Nationalteam gab es schon vor der Entstehung Südafrikas, eine Auswahl  aus den Teams des Currie Cups. Das Team hatte einen Springbock als Emblem und grüne Leibchen. Damals ging es darum (nicht nur im Rugby!), eine Einheit zwischen den beiden grossen weissen Gruppen, der Afrikaans- und der Englisch-sprachigen, zu erreichen. Die Rassentrennung gab es schon vor der Apartheid, der Wahl 1948, und in Südafrika gastierende Rugby-Mannschaften haben auch davor schon nicht-weisse Spieler zu Hause gelassen. Das neuseeländische Nationalteam “All Blacks” kam etwa 1928 ohne seine Maoris, wie George Nepia.

Auch die Verbände der Mischlinge und Schwarzen hatten zeitweise sowas wie Nationalteams. Der SACRB stellte etwa 1939 eine Auswahl von “Farbigen” für eine Tour zusammen. Auch dieses Team wurde “Springboks” genannt und trug die grün-gelben Farben. Später war auch eine andere “Mischlings”-Auswahl aktiv, von einem anderen Verband organisiert, von der South African Rugby Football Federation (SARFF). Dieses Team wurde “Proteas” genannt. Eine nationale schwarze Auswahl waren etwa die “Leopards”, zur SARA gehörig.

Im Rugby war Südafrika länger international dabei als in den meisten anderen Sportarten. Der Weltverband gehörte nicht zum IOC und ausserhalb einiger Commonwealth-Staaten (vor allem der weissen) ist Rugby vielleicht noch in Frankreich ernsthaft verbreitet.17 Und in vielen Commonwealth-Staaten war man mit dem Apartheid-System nicht so streng (auch wenn dieses im Zuge der von den herrschenden Afrikaanern durchgesetzten “Abnabelung” von Grossbritannien 1961 aus dem Commonwealth austrat). Rugby war der wichtigste Sport für die in der Apartheid herrschenden Afrikaaner, und hier nicht isoliert zu sein, liess sie vieles andere verschmerzen. Aber auch hier braute sich etwas zusammen. Eine Tour der Springboks durch Grossbritannien und Irland 1969 wurde von intensiven Protestaktionen gegen die Apartheid begleitet. Auftritte von Rugby-Teams in Südafrika oder des südafrikanischen Teams anderswo wurden registriert, führten zu internationalen Protesten und teilweise vor Ort.

Für 1970 waren die neuseeländischen “All Blacks” zu einer Tour in Südafrika angesagt; Premier Balthazar J. Vorster erlaubte die Präsenz von Maoris unter den neusseländischen Spielern und mitreisenden Zuschauern. Aus Protest gegen diese “Grosszügigkeit” spaltete sich 1969 eine Gruppe um Albert Hertzog (Sohn eines früheren Premiers) von der Nationalen Partei ab und gründete die Herstigte Nasionale Party (HNP), rechts von der NP. Die HNP war für eine noch stärkere Stellung der calvinistischen, niederländisch-reformierten Kirchen und der Afrikaans-Sprache in Südafrika (auch für Andere!), für noch mehr Rassentrennung.18

Ebenfalls 1969 wurde in Neuseeland, an der Universität Auckland, die Initiative Halt All Racist Tours (HART) gegründet, die gegen Sport-Kontakte mit Apartheid-Südafrika (mit besonderem Augenmerk auf dem Rugby) protestierte.19 Trevor Richards, einer der Mitbegründer, war auch lange ihr Vorsitzender und dann internationaler Sekretär. Der in Afrika aufgewachsene britische Labour-Politiker Peter Hain (Minister unter Blair und Brown) war auch bei HART aktiv. Eine australische Initiative war der South Africa Defence and Aid Fund (SADAF), von den aus Südafrika geflüchteten Weissen John und Meg Brink gegründet. Aus der Gruppe tat sich besonders der Anarchist Peter McGregor hervor, der sich auch Lebensbedingungen der Aborigines bei sich in Australien beschäftigte.

1970 kamen also die All Blacks nach Südafrika und die Maoris unter ihnen und den mitgereisten Zuschauern wurden als “Ehren-Weisse” behandelt.20 Im Jahr darauf kamen die Springboks nach Australien. Die Reise war begleitet von massiven Demonstrationen und Protest-Aktionen. Das südafrikanische Team wurde von der australischen Luftwaffen transportiert, da sich Gewerkschaften weigerten, Flugzeuge oder Züge für sie abzufertigen. Im Jahr darauf wurde in Australien die konservative Regierung abgewählt und die Labour-Regierung unter Gough Whitlam verhängte einen Boykott gegenüber dem Apartheid-Sport.

Eine geplante Tour der Springboks nach Neuseeland 1973 kam nicht zustande, wegen Boykott-Drohungen von Indien und afrikanischen Staaten für die nächsten Commonwealth-Spiele (in NZL), wegen der öffentlichen Meinung sowie Bedenken bezüglich der öffentlichen Sicherheit – in den 1970ern waren Sportkontakte jeder Art mit Südafrika schon stark politisiert (so wie die Apartheid-Regierung und ihre Anhänger den Sport Südafrikas politisiert hatten). 1974 kam das englische Rugby-Nationalteam, die “Lions”, nach Südafrika (sowie nach Südwestafrika und Rhodesien, wie diese Nachbarstaaten damals hiessen). Das Match gegen die Springboks in Port Elizabeth soll eines der brutalsten Rugby-Matches überhaupt gewesen sein, aber das hatte mit der Apartheid nichts zu tun. 1975 durften erstmals Mischlinge und Schwarze offiziell mit Weissen in einer nationalen südafrikanischen Auswahl (eine South African Invitation XV, nicht die Springboks) gegen einen ausländischen Gegner, in diesem fall das französische Nationalteam, spielen. Einer der vier vom langjährigen SARB-Präsidenten Daniel Craven ausgewählten “Farbigen” war John Noble.

Zur neuseeländischen Tour in Südafrika und den Folgen 1976, siehe oben. In einem südafrikanischen Provinzteam, das damals gegen die All Blacks spielte, war auch Daniel “Cheeky” Watson. Berühmt wurde er einige Monate später, als er mit seinem Bruder im heimatlichen Port Elizabeth (bzw einem schwarzen Township von ihm) verbotenerweise mit Schwarzen Rugby spielte, im Dan-Qeqe-Stadion, benannt nach einem schwarzen Spieler in der östlichen Kapprovinz in den 50ern. Das sorgte damals für einen landesweiten Skandal. Watson ist bis heute gegen Rassismus im südafrikanischen Rugby engagiert.

Infolge des wachsenden internationalen Drucks kam es 1977 zu einer formalen Vereinigung des weissen SARB mit der “farbigen” SARF und der schwarzen SARA. Die 1966 aus dem SACRFB hervorgegangene South African Rugby Union (SARU), ein nicht-rassischer Rugby-Verband, blieb abseits. SARU war Gründungsmitglied von SACOS und ihr Vorsitzender Abdul Abbas verlangte als Vorbedingung einer Vereinigung eine Integration auf Vereinsebene und die Abschaffung verschiedener Gesetze.

Spätestens ab Ende der 1970er hatten auch im Rugby Alle, die mit Südafrika Kontakte eingingen, zumindest mit Nachwirkungen zu rechnen. Eine geplante Springbok-Tour durch Frankreich 1979 wurde von der französischen Regierung verhindert. Die “South African Barbarians”, ein invitational club (also ein gelegentlich aus Spielern anderer Teams zusammengestellter Klub) tourte 1979 durch Grossbritannien, sensationellerweise mit weissen, schwarzen und “braunen” Spielern.

Einer der Nicht-Weissen bei den Barbarians 1979 war Errol Tobias, ein Kap-Mischling. Tobias spielte in den 1970ern für die Proteas, das damalige Mischlings-Nationalteam. 1980 wurde er für die weissen Springboks ausgewählt, für inoffizielle Testspiele in Südamerika gegen nationale Auswahlen (in Argentinien wurde ihnen die Einreise verweigert). 1981 war er der erste Nicht-Weisse in einem offiziellen Länderspiel (“Test”) der Springboks, zu Hause gegen Irland – Ausdruck der leichten Liberalisierung der Apartheid unter Botha. Bis 1984 war er immer wieder bei Länderspielen dabei (viele gab es nicht, da Gegner fehlten).21

Tobias war auch bei der Springbok-Tour nach Neuseeland 1981 mit dabei. Neuseeland setzte sich mit der Einladung dafür über das Gleneagles-Abkommen hinweg. Auch die Erinnerung an den Besuch der Südafrikaner 1976 und die Folgen spielten eine Rolle und in den 1980ern hatte die Apartheid auch im Westen die meiste Akzeptanz verloren. So wurde die Reise der Springboks von Massen-Protesten begleitet. Auch Maoris beteiligten sich an daran. Viele von deren Aktivisten stellten das Bekenntnis weisser Neuseeländer (Pākehā) zu rassischer Gleichheit in Frage und warfen die Frage auf, ob das Focussieren auf Rassismus anderswo nicht eine Verdrängung des eigenen ist.22 Das südafrikanische Team verlor die Testspiel-Serie 1:2, aber das spielte überhaupt keine Rolle. Dem Nicht-Weissen Tobias wurde vorgeworfen, sich als Alibi-Farbiger zur Verfügung zu stellen. Über seine Behandlung innerhalb des Teams gibt es verschiedene Angaben.

Nach dieser Neuseeland-Tour wurde Südafrika vom International Rugby Board (IRB) von weiteren internationalen Auftritten ausgeschlossen. Erst 1992, als sich das Ende der Apartheid abzeichnete, änderten sich die Bedingungen. Das “Rugby-Embargo” war v.a. für den afrikaansen Teil der Weissen eine der härtesten Sanktionen. So verpassten die Springboks v.a. die ersten beiden Weltmeisterschaften, 1987 und 1991.23 Der Boykott war aber nicht vollständig. 1984 kam das englische Team, wobei ein ausgewählter Spieler, Ralph Knibbs, es aus politischen Gründen ablehnte, gegen Südafrika zu spielen. Eine geplante Reise der All Blacks 1986 wurde gerichtlich untersagt, dafür kam eine Art Ersatz-Nationalteam, New Zealand Cavaliers genannt. Im selben Jahr spielten Südafrikaner zum 100-Jahr-Jubiläum des IRB in All-Star-Games in Grossbritannien. 1989 kam eine Weltauswahl (World XV) zu Gastspielen nach Südafrika, zum 100-Jahr-Jubiläum des SARB diesmal.

1992, vor dem Hintergrund der Verhandlungen zur Beendigung der Apartheid, vereinigten sich der weisse SARB und die farbige SARU zur SARFU (South African Rugby Football Union), der bisherige SARB-Präsident Craven leitete auch den neuen Verband. Die Vereinigung der Ligen bzw die Öffnung des Currie Cups für nicht-weisse Spieler und Teams wurde in die Wege geleitet. Dies und die politischen Schritte zum Abbau der Apartheid führten auch im Rugby zu einer Rückkehr Südafrikas auf die internationale Bühne. Der damalige Präsident De Klerk ist ein grosser Rugby-Fan. Sichtbares Zeichen, dass sich etwas geändert hatte, war etwa die Auflösung der neuseeländischen Initiative Halt All Racist Tours (HART) 1992.

Die Springboks kehrten 1992 mit einem Testspiel gegen die neuseeländischen All Blacks im Johannesburger Ellis-Park-Stadion zurück. Unter den Springbok-Spielern waren zwei dabei, die schon bei der turbulenten NZL-Tour 1981 mit von der Partie waren, “Naas” Botha und “Danie” Gerber. Der ANC, damals so etwas wie die ausserparlamentarische Opposition, hatte sein Einverständnis gegeben, dass internationale Sportsanktionen gegen Südafrika im Zuge der Beendigung der Apartheid aufgehoben werden. Vor dem Neuseeland-Match war vor diesem Hintergrund ausgemacht worden, dass die damals noch (alleine) gültige Nationalhymne, “Die Stem van Suid-Afrika”, nicht gespielt wird, um den Sport von der Apartheid zu trennen. Diese und andere Abmachungen wurden nicht eingehalten von der SARFU, die viel mehr SARB war als SARU.

So schnell änderten sich die Dinge nicht. Aber allmählich. Auf einer Tour durch GB bald darauf hat eine Gruppe von afrikaansen Fans vor dem Match gegen Schottland vor dem Stadion “Nkosi Sikelel’ Afrika” gesungen, so etwas wie die Hymne des schwarzen Südafrika. Es war diese Tour, nach der eine Erneuerung bei den Springboks stattfand. Francois Pienaar wurde danach statt Naas Botha Kapitän, ein neuer Trainer kam,… Das Ende der Apartheid im Rugby 1992 hat natürlich eine Öffnung der Springboks für Nicht-Weisse gebracht, theoretisch. In den ersten Jahren nach der Rückkehr spielten gelegentlich ein oder zwei Farbige, ab 93 etwa Chester Williams, dessen Onkel Avril Williams in den 80ern in der Zeit von Errol Tobias bei den Springboks gespielt hatte.

Natürlich hatte sich das Niveau des weissen Rugbys auf einem anderen Niveau bewegt als das “farbige” und ist ein Nationalteam eine Auswahl der Besten. Aber manchmal scheint es darum zu gehen, genau diesen aus der Apartheid resultierenden Rückstand einzuzementieren. Zu wenig Begeisterung und Talent fürs Rugby bei den Schwarzen oder rassistische Strukturen, Henne oder Ei, darum drehen sich die Diskussionen in Südafrika, noch immer. Louis Luyt, ein Unternehmer (u.a. Manager des Ellis Parks), später Politiker (Gründer der Federal Alliance), wurde 1994 Präsident der SARFU.24 Er wiedersetzte sich der “Aufnahme” Schwarzer bei den Springboks.

Die “Springböcke”, das Rugby-Nationalteam Südafrikas, waren Repräsentanten der Apartheid gewesen, der Afrikaaner-Vorherrschaft, sowohl für die Profiteure dieses Systems als auch für dessen Leidtragende. Das Durchbrechen von Sanktionen durch Andere auf diesem Gebiet hat das nur verstärkt. Premier Vorster sagte 1971, die Springboks seien nicht repräsentativ für ganz Südafrika, sondern nur für seine Weissen (eigentlich, für seinesgleichen, auch nur für den einen Teil der weissen Bevölkerung; aber die Englischsprachigen auszuschliessen konnten sich die Afrikaaner nicht leisten).25

Mandela wirkte dieser Konnotation des Rugbys in Südafrika entgegen. Bei einem Springbok-Länderspiel gegen England war ihm aufgefallen, dass Schwarze im Stadium die Gastmannschaft unterstützten; er sagte später dazu, dass er das im Gefängnis ebenso gehalten hatte. Die Heimmannschaft repräsentierte schon von ihrer ethnischen Zusammensetzung Apartheid bzw weisse Vorherrschaft. Im Hinblick auf die Rugby-WM in Südafrika 1995 begann er damit, auf verschiedenen Ebenen schwarze Unterstützung für den “weissen” Sport zu organisieren und gleichzeitig dessen Protagonisten für ein “gemischtrassiges” Südafrika zu öffnen – ein Spiegelbild seines Wirkens überhaupt! Er traf sich etwa mit Springboks-Kapitän François Pienaar, und machte ihn mit einem englischen Gedicht bekannt, “Invictus”, das ihn in seiner Zeit im Gefängnis inspiriert hatte.

Mluleki George stammt vom Ostkap, spielte selbst Rugby, engagierte sich gegen die Apartheid, beim ANC, war dafür auf Robben Island interniert, war beim NSC aktiv, nach der Apartheid bei NOCSA, wurde Vizepräsident von SARFU, Funktionär beim internationalen Rugby-Verband IRB, dann Vize-Verteidigungsminister, bevor er zu COPE wechselte. Er sagte, “In der Vergangenheit haben Schwarze immer die Gegner der Springboks angefeuert. Ich selbst habe das bei der Tour der Engländer 1974 getan. Um das Ende der Apartheid herum gab es das unter Schwarzen noch immer, und auf der anderen Seite das Gefühl bei vielen Weissen, dass Rugby ihnen gehört.”

Dass die Springboks bei der WM im Mai und Juni 1995 mit nur einem Farbigen spielten, war keine Überraschung. Das würde sich bald ändern, hofften Viele. Während des Turniers sah man in den Stadien bei den Spielen der “Boks” immer wieder die alte südafrikanische Flagge (die mit der Apartheid 1994 abgeschafft wurde). Und andererseits jene schwarzen Südafrikaner, die die Gegner der Springboks unterstützten. Diese kamen etwas überraschend ins Finale.

63 000 sahen dieses live im Ellis Park, fast ausschliesslich Weisse, v.a. Afrikaaner. Gegner war das neuseeländische Team mit dem kürzlich verstorbenen Maori Jonah Lomu, und es begann daher mit einem Haka. Mandela saß als Präsident des Landes (in Springbok-Kleidung) in der Ehrenloge, mit SARFU-Präsident Luyt, dem neuseeländischen Premier Bolger oder “Tokyo” Sexwale, dem Premier der Provinz Gauteng. In dem Spiel gab es nur Penalties, keine Tries. Die in den schwarzen Dressen glichen in der 2. Hälfte aus, 2 Penalties von Stransky in der Verlängerung nach der Führung durch Mehrtens (der aus Südafrika stammt!) sorgten für den 15:12-Sieg.

Dass zum ersten Mal ganz Südafrika hinter den Springboks stand, war Produkt von Mandelas Vorarbeit. Pienaar wurde Sekunden nach dem Schlusspfiff des englischen Schiedsrichters von einem TV-Reporter gefragt, wie das Gefühl der Unterstützung durch 63 000 Fans sei. “Heute hatten wir die Unterstützung von 42 Millionen”, so die Antwort. Dann die Übergabe des Webb-Ellis-Pokals. Nelson Mandela tat dies, mit den Worten “Danke dafür, was Sie für Südafrika getan haben”. Pienaar, der an diesem Tag auch nichts falsch machte, antwortete: “Danke dafür, was Sie für Südafrika getan haben” Das Ende der Apartheid, das Treten aus der Isolation, auch im Rugby, dann die triumphale Rückkehr mit dem Sieg bei der Heim-WM, und das Ganze dann auch noch im Zeichen der nationalen Versöhnung. Beinahe märchenhaft, ein Stück Sportgeschichte.

Der Triumph der Südafrikaner war aber auch von Misstönen überschattet.26 Louis Luyt sagte beim Abschlussdinner, “There were no true world champions in the 1987 and 1991 World Cups because South Africa were not there.” Die Neuseeländer (Sieger 1987) verließen daraufhin erbost den Saal. Die Jahre der Isolation haben das Gefühl der heimlichen Überlegenheit (auch was das Rugby betrifft) noch gestärkt.27

Und, fast alle neuseeländischen Spieler lagen zwei Tage vor dem Endspiel nach einem Restaurantbesuch (anscheinend in einem “Pizza Hut”) mit einer Lebensmittelvergiftung flach. Das Gerücht, das Team sei von einer Kellnerin namens „Suzie“ vergiftet worden, hält sich noch heute. Während des Finales sah man neuseeländische Spieler sich am Spielfeldrand übergeben. Weiters war/ist die Rede von Abhöreinrichtungen und Störungen des Schlafs der Neuseeländer.

Die Rugby-WM 1995 war ein Höhepunkt von Mandelas Versöhnungspolitik. Der britische Autor John Carlin schrieb darüber ein Buch, “Playing the Enemy: Nelson Mandela and the Game That Changed a Nation” (2008). 2009 wurde ein Hollywood-Film daraus, “Invictus”, von Clint Eastwood (!), mit Morgan Freeman als Mandela and Matt Damon als Pienaar. Einige Rugby-Profis waren als Spieler dabei. Es gab und gibt Vorwürfe, dass Mandela mehr zur Beschwichtigung der Weissen machte als zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Schwarzen; und das Weisse das Entgegenkommen nicht erwidert hätten. Aus einer Diskussion in der Kommentarsektion der Online-Ausgabe einer südafrikanischen Zeitung: “I wish that one day someone would critically assess the whole ‘Madiba Magic’ legacy. And really tell us -who was the beneficiary of this phase of our history? As time has ticked I have come to deride that picture of Madiba wearing the Francious Pienaar number 6. But are we allowed to honestly critic this?
I saw images of the 46664 concert and of the images that I saw, over 95 percent of people at that concert were white. Am I reading too much or has our greatest light be stolen from us? just as our land and heritage was.”

Die Frage der Rassenbeziehungen ist eine sehr empfindliche im neuen Südafrika. Was das Rugby betrifft, es ist in dem Land bis heute vorwiegend weiss (und von Afrikaanern dominiert) geblieben. So wie Mandelas Bemühen um 1995 die Versöhnung unter ihm wiederspiegelt, so spiegelt für Viele die mangelnde Transformation des Rugbys des Landes die fehlenden Bemühungen von Weissen zur “Veräusserung” ihrer Privilegien wieder. Der erste Schwarze, der für die Springboks spielte, war Kaya Malotana, aus dem Ostkap, 1999. Der Verband wurde in SARU (South African Rugby Union) umbenannt, hatte farbige Präsidenten. Aber unter den Spielern (Klubs, Nationalteam) dominieren weiterhin Weisse, die etwa 10% der Bevölkerung Südafrikas ausmachen. Die eine Sichtweise darauf ist, dass in dieser Bevölkerungsgruppe eben mehr Leidenschaft und schliesslich Klasse fürs Rugby da ist.

Die andere ist, dass die Klasse durch gezielte Förderung, bzw Diskriminierung gegenüber Anderen, zu Stande komme. So hat der Verband ein Quotensystem eingeführt, wonach Schwarze/Farbige auf verschiedenen Ebenen einen bestimmten Anteil von Teams ausmachen mussten; analog zum “Black Empowerment” in der Wirtschaft. Solcherarts geförderte Spieler werden hinter vorgehaltener Hand gerne “Quotenspieler” genannt, welche talentierteren Weissen den Weg verbauten.

Die Nationalhymne illustriert gut das “Patchwork” des politischen Kompromisses Südafrikas. Seit 1997 ist Südafrikas Nationalhymne eine Kombination aus Extrakten des schwarzen Befreiungslieds “Nkosi Sikelel’ iAfrika” und der alten weissen Hymne “Die Stem van Suid-Afrika”/”The Call of South Africa”. In den Jahren vom Ende der Apartheid bis 97 (u. a. bei der Rugby-WM 95 und Olympia 96) waren beide Hymnen nebeneinander in Kraft (wurden meist hintereinander gespielt). Die Kombination enthält Teile in den wichtigsten Sprachen des Landes, Englisch, isiZulu, Afrikaans, isiXhosa, Sesotho. Der Zeitungs-Herausgeber Mondli Makhanya wies darauf hin, dass bei ihrem Abspielen vor Rugby-Länderspielen die Menge beim ersten, “schwarzen”, Teil meistens ziemlich ruhig bleibt und beim “weissen” in Fahrt komme. “It tells you a lot. Rugby is the one thing Afrikaners want to hang on to as their own culturally.”

Hier geht es auch um die Frage, ob die 10% Weissen Südafrikas, eine (weiterhin) privilegierte Elite oder eine (nun) bedrängte Minderheit sind. Und wiegesagt, im Rugby sind besonders die Afrikaaner unter ihnen der “Platzhirsch”. Es gibt auch andere Länder, wo verschiedene Ethnien verschiedene Sport-Vorlieben haben und eine Minderheit einen Sport dominiert, zB Kasachstan: Kasachen mögen v.a. Ringen, Russen Eishockey. Das kasachische Eishockey-Nationalteam besteht zu mindestens 80% aus ethnischen Russen. Also hat das mit Diskriminierung und Privilegien nichts zu tun?28 Soll eine nationale Sportauswahl demographische Verhältnisse wiederspiegeln oder die besten verfügbaren Sportler bringen? Aber, jene die über 7 Maghrebiner/Schwarzafrikaner/Karibianer im französischen Fussball-Nationalteam maulen, das als Zeichen von Überfremdung sehen, sehen dann gerne 12 Weisse im südafrikanischen Rugby-Team als Selbstverständlichkeit.

In ethnisch gemischten Sport-Nationalteams spielt die Diversität teilweise eine Rolle, teilweise nicht, im brasilianischen Fussball-Nationalteam die Unterschiede zwischen Weissen, Schwarzen und Mischlingen schon lange nicht mehr. Im nordirischen Fussball-Nationalteam, wo Iren (“Katholiken”) und britische Siedler (“Protestanten”) zusammenspielen, spielen die Grenzen sehr wohl noch eine Rolle – wie auch ausserhalb des Fussballs dort. Und, teilweise spiegelt die Verteilung die Gesamtbevölkerung anteilsmäßig wieder, teilweise ist sie nicht proportional.

Auch bei den WMs 1999 und 2003 war das südafrikanische Team hauptsächlich weiss. 2004 wurde Jake White (eigentlich Jacob Westerduin…) als Springbok-Coach ernannt, nach dem schwachen Abschneiden von 2003, der Aufregung über Trainingsmethoden im Kamp Staaldraad und internen Konflikten in der SARU. Vor der WM 2007 in Frankreich kochte die “Rassendebatte” über.

Der Kader bestand aus 21 Afrikaanern (+ der Trainer), 5 englischsprachigen Weissen (darunter einer aus Zimbabwe), 5 Mischlingen (darunter die Leistungsträger Habana und Pietersen), 1 Schwarzen; 12 Jahre zuvor waren es 21 Afrikaaner, 6 Englischsprachige (darunter ein Jude; + der Trainer), 1 Mischling (Chester Williams) gewesen.29 Wenig Fortschritt also. Und, es stellte sich heraus, dass das Springbok-Team die gleiche Anzahl an Nicht-Weissen hatte wie das englische. Und die paar Nicht-Weissen waren grösstenteils auf Quoten-Vorgaben zurückzuführen.

Der Vorsitzende des parlamentarischen Sport-Ausschusses, Butana Khompela (ANC), regte in einem Interview an, dass den Spielern die Reisepässe weggenommen werden (und an der Reise zur WM gehindert werden sollten), wenn das Team nicht “repräsentativ” genug sei. Sport-Minister Makhinese Stofile (früher selbst Rugby-Spieler im Ost-Kap, wo der Sport unter Schwarzen ja eine gewisse Beliebtheit hat, ein Sport-Boykott-Kampaigner) sagte im Parlament, dass seit dem Ende der Apartheid im Rugby zu wenig passiert sei beim Abbau der Rassenschranken und dass ein Element des Zwangs notwendig sei.

Dann gabs auch eine Kontroverse über den “Springbok”, das Abzeichen, den Namen. Dass er teilweise als Symbol der Apartheid gesehen wird, war wieder aktuell. SARU-Präsident Hoskins war für die Beibehaltung, Sportminister Stofile neutral, Teile des ANC setzten sich für die Abschaffung ein; es solle ein einheitliches Symbol für alle Sportteams geben. Dann sagte Vize-Innenminister Malusi Gigaba vor dem Finale der WM (für das sich die Springboks qualifiziert hatten) im Parlament, nur weil das Team erfolgreich sei, werde das Verlangen nach einer repräsentativeren Zusammenstellung nicht nachlassen.

Präsident Mbeki versuchte entgegenzulenken, auch sein Vorgänger Mandela. Mandela sagte, er werde sich das Finale gegen England im Fernsehen anschauen und schickte dem Team Glückwünsche in verschiedenen Sprachen, darunter Afrikaans. Mbeki schrieb in seinem wöchentlichen “Blog” auf der ANC-Website, „Go Bokke, go!“. Die Regierung sei zuversichtlich, dass die Springboks das im Ellis Park 1995 Erreichte wiederholen und als Rugby-Weltmeister nach Hause kommen.

Nach dem 15:6 in Paris gegen England war Mbeki auch bei der Preisverleihung anwesend, wurde von Sarkozy eingeladen, den Pokal zu überreichen. Der Unterschied zwischen Mandela und Mbeki kommt in den Auftritten bei der Preiszeremonie bei den gewonnenen Rugby-Weltmeisterschaften heraus, 1995 und 2007. Mandela hatte eben mehr Selbstbewusstsein gegenüber Weissen; aber Mbeki hatte allgemein die Mühen der Ebene zu bewältigen, und wie die Post-Apartheid-Führer vor und nach ihm hat er die Negativ-Prophezeiungen Mancher nicht erfüllt. Nach der Heimkehr Empfang für die Springboks in den Union Buildings in Pretoria beim Präsidenten, Fahrt im offenen Bus durch Soweto, Besuch bei Mandela.

Der Chef der afrikaansen Partei Freiheitsfront Plus (VF+) Pieter Mulder, sagte, der Sieg 2007 sei sogar bedeutender als der 1995, weil das Team diesmal auch politischen Druck und Einmischung zu bewältigen gehabt hatte. Er argumentierte für ein Nationalteam das nach Leistung zusammengestellt werde, nicht nach Rasse bzw Ethnizität. Dieses Team, mit Bryan Habana als “Held”, habe mehr für “nation-building” und gute (Rassen-)Beziehungen getan als Quoten und politischer Druck.

1995 stand im Zeichen von Versöhnung und Neubeginn zwischen den Rassen, 07 im Zeichen von neuen Spannungen. Online-Benutzerkommentare von damals: “Victories such as the Rugby World Cup is superfluous and although the victory is wonderful, I cannot see how it can unite a nation of people who by instinct distrust one another. Sport is just that, sport.” Aber auch: “Amusing comments! Im a SA of Greek decent. Made choice to stay & have no regrets. It’s a Pandora’s Box!! Just open it and be amazed at what will spring out at you. I love it and truely believe it to be one of the most dynamic worldwide. I agree that ignorance of its youth, beauty,dynamics, progressiveness and determination to succeed, results in generalized, false media-hysterical induced, sensationalized stayed opinions being voiced! I love it and am proud to be South African!!”

Dass das Team auch 07 hauptsächlich aus Weissen bestand, einfach ein Zeichen dass Schwarze lieber Fussball mögen oder eine apartheidbedingte Struktursache? Die Auswahl nach Können zusammenstellen oder auch das “rassische Ungleichgewicht” etwas zurechtrücken? Das Argument der “Farbenblindheit” wirkt in einem Land, in dem die schwarze Mehrheit viele Jahrzehnte aufgrund rassischer Vorurteile unterdrückt wurde, etwas seltsam. Wirkt manchmal wie ein Bemühen um die Behauptung von Besitzständen. Der Rugby-Quotenstreit spiegelt die allgemeine Umverteilungsproblematik Südafrikas wieder. Muss man nicht etwas zurechtrücken, DAMIT es eines Tages keine Rassenschranken mehr gibt? Die Frage gibt es auch an Universitäten oder in Firmen.

Entscheidende Weichenstellungen sind wahrscheinlich nicht im Profi- (Elite-) Rugby zu finden, sondern am Weg dorthin, in Klubs und Gymnasien, teilweise auch in den Lebensbedingungen (siehe den Guardian-Artikel unten), teilweise in den Köpfen. Wie im Fussball vielerorts ist der Sprung von der U 21 zum “Senioren”- (bzw A-) Level der schwierigste, die Entwicklung im Alter von 19 bis 21.

Peter de Villiers, ein Kap-Mischling, wurde 2008 Nachfolger von Jake White als Teamchef von Rugby-Weltmeister Südafrika. Der vormalige Trainer der U21-Mannschaft war der erste nicht-weisse Headcoach der Springboks. „Gegenkandidat“ war Heyneke Meyer, früher u.a Coach der “Blue Bulls” Pretoria. Die VF+ und viele aus dem “weissen Südafrika” kritisierten die Wahl. Bei der WM 2011 kamen die Boks unter De Villiers ins Viertelfinale. Der Exil-Afrikaaner in GB, Wessel van Rensburg, schrieb dazu auf seinem Blog mhambi.com: “If any of you were reading Mhambi four years ago during the Rugby World Cup, you would have noticed how negative I was about South Africa. We won the tournament, but it did not lift my mood. No not at all.
Four years later and we don’t have a half bad team. In fact, in some respects its even better. But four years ago the agressive racial and purposefully unreflective debate – that the team were too white – even included threats of withholding visas by the minister of sport. Depressing stuff.”

Nach dem Turnier kam Meyer ans Ruder, bis zur WM 15. Peter de Villiers kritisierte seinen Nachfolger einmal, den farbigen Cornal Hendricks zugunsten des weissen Jesse Kriel aus dem Team genommen zu haben. Die Diskussion geht weiter.

Kricket

Auch Kricket wurde in Südafrika von seinen frühesten Tagen an nach rassischen Linien organisiert. Auch hier war Südafrika zu Zeiten der Rassentrennung Weltklasse und dann vom internationalen Betrieb ausgeschlossen. Auch hier wurden spät Weltmeisterschaften eingeführt (und gab es davor andere Turniere) und Südafrika hat die ersten paar wegen den Sanktionen verpasst. Auch hier kehrte man im Laufe der Beendigung der Apartheid zurück, ist an die (erweiterte) Weltspitze zurückgekehrt und gibt es Streitereien und Diskussionen über Rassismus bzw politische Eingriffe bezüglich der ethnischen Zusammensetzung von National- und Klubteams sowie der Strukturen. Wie Rugby wird auch Kricket in relativ wenigen Staaten ernsthaft betrieben.

Andre Odendaal (früher selbst Cricketer) hat in seinem Buch “The Story of an African Game” herausgearbeitet, dass Kricket seit Mitte des 19. Jh von Schwarzen im südlichen Afrika gespielt wurde und nicht (nur) ein Spiel privilegierter Weisser war. Auch indische Südafrikaner beteiligten sich natürlich am Kricket. Die 1890 gegründete weisse South African Cricket Association (SACA) spielte den Currie Cup aus, dessen Trophäe wie jene der Rugby-Meisterschaft vom britischen Reeder Donald Currie gestiftet wurde. Der Bewerb wurde während des Südafrikanischen Krieges 1899-1902 ausgesetzt, und dann auch während des 1. Weltkriegs.

Für Nicht-Weisse gabs den SA Coloured Cricket Board (SACCB), der die Barnato Memorial Trophy ausspielte. Dieser Verband spaltete sich in den folgenden Jahrzehnten (vor der Apartheid) in den schwarzen SA Bantu Cricket Board (SABCB; >NRC-Trophy), den farbigen SAICCB (> David Harris Trophy), die indische SAICU (>Christopher Floating Trophy), auf. 1947 vereinten sie sich wieder zum SA Cricket Board of Control (SACBOC) und zur Meisterschaft um die Dadabhay Trophy. In 1960ern spaltete sich der schwarze SAACB ab, die SACBOC blieb für Asiaten und Mischlinge. Als Folge der Rassentrennung bzw der weissen Vorherrschaft mussten jene, die gegen diese kämpften, die (Selbst-)Definition über die Rasse mitmachen.

Es gab, wie im Rugby, neben der weissen Nationalmannschaft “farbige”. Die weisse, “eigentliche” Kricket-Nationalmannschaft Südafrikas hatte als Test-Gegner nur Australien, England und Neuseeland; “farbige” Gegner wie Indien oder die Westindies kamen nicht in Frage und andere (weisse) Teams hatten nicht das Niveau. Auch im Kricket betrieben “farbige” Commonwealth-Staaten wie Indien den Ausschluss Apartheid-Südafrikas.

Später als im Fussball und früher als im Rugby kam es im Kricket zur Isolierung Südafrikas, infolge der D’Oliveira-Affäre. Basil D’Oliveira wurde in Kapstadt mit indischen und portugiesischen Wurzeln geboren, was ihn im Apartheid-System zum Mischling bzw (Cape) Coloured machte. Er spielte für Südafrikas farbiges Kricket-Nationalteam; viele Türen blieben ihm verschlossen. 1960 gelang ihm die Emigration nach Grossbritannien, ab 1966 spielte er für das englische Nationalteam. Für den Jahreswechsel 1968/69 war eine Tour(nee) des englischen Teams in Südafrika geplant, und D’Oliveira war eigentlich dafür vorgesehen.

Der Marylebone Cricket Club (MCC), der für das englische Team zuständig war, verzichtete auf seine Nominierung, wohl aus Appeasement gegenüber dem Apartheid-Regime; begründet wurde die Auslassung des farbigen Spielers gleichwohl mit Leistungsgründen. Nach der Verletzung eines anderen Spielers rückte er dann doch nach. Apartheid-Premierminister Vorster kündigte an, D’Oliveiras “Auftritt” in Südafrika nicht zuzulassen. Schliesslich wurde das Gastspiel der Engländer abgesagt.

Dies hatte entscheidenden Einfluss auf die Entscheidung des Weltverbandes ICC 1970, Südafrika vom internationalen Kricket auszuschliessen. Der Boykott wurde auch hier nicht von allen eingehalten, es kam zu sogenannten “rebel tours”. Könner wie Graeme Pollock waren aber weitgehend vom internationalen Kricket ausgeschlossen. 1975 liess das ICC  erstmals eine Weltmeisterschaft ausspielen.

Die weisse South African Cricket Association (SACA), inzwischen aus der SACU hervorgegangen, versuchte gegenzusteuern, indem die rassisch definierten Verbände unter ein gemeinsames Dach gestellt werden. SACA und SAACB schlossen sich 1972 zum Cricket Council of South Africa zusammen, eine Vorstufe dazu. SACBOC zierte sich lange dagegen. 1976 machte er mit bei der “Vereinigung” mit den anderen beiden zur SA Cricket Union (SACU) mit, Teile von ihm blieben aber abseits, glaubten an keine echte Lösung, gründeten den South African Cricket Board (SACB), der sich mit SACOS verband. SACA-Funktionäre hatten mit dem Versprechen, die Rassenschranken im südafrikanischen Kricket niederzureissen, zur Vereinigung gelockt, auch im Currie Cup. Es kam natürlich nicht zu einer echten Gleichberechtigung, man konnte sich auf die Vorgaben der Regierung ausreden, und das südafrikanische Kricket kam nicht aus seiner internationalen Isolation heraus.

Die weiss dominierte SACU beteiligte sich an Bemühungen des Regimes, die Leute in den Townships zu gewinnen, indem sie ihnen Kricket-Ausrüstung wie Bälle, Schläger, Wickets zur Verfügung stellte. Spielfelder wurden allerdings keine geschaffen. Und, die Leute dort haben wichtigere Bedürfnisse, wie bessere Wohnmöglichkeiten, Wasser, Elektrizität, Bildung, medizinische Versorgung.

Als De Klerk 1990 mit seinen Reformen begann, war im Kricket gerade ein Streit zwischen der SACU und den Anti-Apartheid-Sportorganisationen NSC und SACOS im Gange, in dem es um eine kommende englische rebel cricket tour und Proteste dagegen ging. Schliesslich fand man im neuen Geist einen Kompromiss und auch im Kricket ging es mit Versöhnung los.

Unter Vermittlung des ANC-Sportsprechers Steve Tshwete vereinigten sich SACU und SACB im Juni 1991 zum United Cricket Board of South Africa (UCBSA)  – Kricket war erste Sport, in dem Einheit erreicht wurde. Es folgte die Aufhebung der Rassentrennung im Kricket, nicht-weisse Spieler und Klubs wurden in die Meisterschaft integriert. Im selben Jahr hob das ICC die Einschränkungen gegen Südafrika auf. Es war (das vehement gegen die Apartheid engagierte) Indien, das das südafrikanische Nationalteam in dem Jahr zur Rückkehr auf die Weltbühne einlud, das sein erstes offizielles Match seit 1970 spielte, in Kolkata. Das Nationalteam wurde (theoretisch) geöffnet für Nicht-Weisse, auch hier blieb aber weisse Dominanz.

Mandela and Tshwete setzten sich beim ICC dafür ein, dass der UCBSA zur WM 1992 eingeladen wird; was dann auch geschah. Südafrika wurde beim WM-Debut Dritter. Früher auch Springboks genannt, bekam das Kricket-Nationalteam nun die Bezeichnung “Proteas”, nach den Zuckerbüschen, die so etwas wie Südafrikas Nationalpflanze sind. Clive Rice’s Karriere war mit der internationalen Isolation weitgehend zusammengefallen. Er war 42, als er 1991 wieder international spielen konnte. Aber für die WM 1992 wurde er als zu alt eingeschätzt und nicht mitgenommen. Er starb letztes Jahr an einem Tumor.

Es folgten weitere WM-Teilnahmen, mit gemischtem Erfolg; 03 hat Südafrika die Kricket-WM ausgerichtet, schied in der Vorrunde aus. Aus dem UCBSA wurde Cricket South Africa (CSA). Currie Cup war der Name der Meisterschaft bis 1990/91, dann bis 1996/97 Castle Cup und anschließend Supersport Series; seit der Saison 2012/13 heisst der Wettbewerb Sunfoil Series. Bis zur Saison 2004/05 nahmen Provinzteams teil, seither sechs Franchises.

Der Streit um nicht-weisse Spieler in der Nationalmannschaft und den Klubs der Liga begann schon anlässlich der WM 92. Der 40-jährige Farbige Omar Henry war schliesslich der Einzige unter den 14 Nominierten. Mainstream-Medien schrieben dass die Nominierung rein nach Qualitätskriterien erfolgen sollte (merit selection) und wenn es eben keine schwarzen Klasse-Spieler gäbe… Künftige Streits im Rugby wurden hier vorweg genommen. Auch hier ist die Frage, ob es jenen, die merit selection das Wort reden, wirklich um Qualität geht, oder um die Aufrechterhaltung des Status quo. “Auswahl rein nach Leistung” baut automatisch auf den in der Apartheid geschaffenen Ungleichheiten auf. Auch hier also eine Entsprechung zur allgemeinen politischen Diskussion, Affirmative action und dergleichen betreffend.

Wenn man die Elite-Cricketers Südfrika (nach der Apartheid) ethnisch aufschlüsselt, dominieren Weisse (Afrikaaner und Englischsprachige), vor Indern (moslemischen und hinduistischen), dann Farbigen und zuletzt die Schwarzen. Makhaya Ntini war 1998 der erste schwarze Südafrikaner, der für die Proteas spielte. Seither ist nur ein gutes Dutzend dazu gekommen, wie Ashwell Prince und Tsolekile.

Von daher ist es nicht so abwegig, dass 2004 von der Politik in der obersten Liga “Rassen-“Quoten vorgegeben wurden, die eine gewisse Anzahl Nicht-Weisser im Team vorschreiben. Die Quoten wurden über die Jahre angehoben und Nachwuchs-Nationalteams repräsentieren bereits eher die demographischen Verhältnisse des Landes. Es zirkulieren Horrorgeschichten über Quoten, etwa dass verletzte schwarze Spieler anstatt fitten weissen in WM-Kader “hineingepresst” wurden. Und natürlich der Hinweis auf Zimbabwe, wo ein Quotensystem im Kricket zu einem Qualitätsverfall in diesem Sport geführt hat.

Andere Sportarten

Allgemein war es so, dass Südafrika in den meisten Sportarten spätestens in den 1980ern ausgeschlossen war vom internationalen Betrieb, und Anfang der 1990er vor dem Hintergrund der Apartheid Rassenschranken im Sport fielen und im Gegenzug Sanktionen aufgehoben wurden. Nur im Golf und Motorsport (auch zwei sehr “exklusive” Sportarten) waren Südafrikaner relativ unangestastet. Jody Scheckter war 1979 der letzte Formel 1-Weltmeister auf Ferrari bis Michael Schumacher 2000; der Grand Prix in Kyalami wurde 1985/93 aus dem FI-Kalender gestrichen, soll wieder rein. Sewgolum (s.o.) wurde 1963 von grossen Golf-Turnieren in Südafrika ausgeschlossen. Währenddessen haben weisse Golfer wie Gary Player internationale Karriere gemacht. Diese zwei Sportarten sind auch nach Ende der Apartheid vorwiegend weiss geblieben.

Der South African Table Tennis Board (SATTB), der in Opposition zum weissen Verband gegründet wurde, wurde 1956 von der International Table Tennis Federation anstelle von diesem anerkannt bzw aufgenommen. Bei der WM 1957 in Schweden durften Sportler des SATTB auch teilnehmen, allerdings wurde ihnen die Ausreise verweigert. Kein Schwarzer könne Südafrika international vertreten, hiess es vom Regime, höchstens über weisse Sport-Organe. In den 1970ern gab es erfolglose Vereinigungsgespräche der beiden Tischtennis-Verbände. Dazu kam es erst in den 1990ern.

Das südafrikanische Davis Cup-Team wurde 1970 ausgeschlossen, teilweise aufgrund der Bemühungen von Arthur Ashe. 1973 wurde es wieder zugelassen und kam im Jahr darauf (mit “Bob” Hewitt, einem Australier, der durch Heirat Südafrikaner wurde) bis ins Finale. Indien (mit den den Amitraj-Brüdern) weigerte sich dort, gegen Südafrika anzutreten, und so bekam dieses kampflos den Sieg. Dann wurden Südafrikaner wieder von diesem Team-Bewerb ausgeschlossen; auf der ATP-Tour waren sie weiter unterwegs. Johan Kriek und Kevin Curren, die Grand Slam-Finale erreichten, waren aber zuvor USA-Staatsbürger geworden. Einer der als Südafrikaner auftrat und erfolgreich, war Christo van Rensburg  (80er, 90er). Er hat sich dezidiert gegen die Apartheid ausgesprochen. Der südafrikanische Tennisverband SATU war anscheinend etwas liberaler als andere Sport-Behörden, aber damalige Gesetze verhinderten echte Integration. Schwarze Tennis-Spieler wie Mark Mathabane hatten keine Chance.

Im Zuge der Transformation Südafrikas vereinigten sich SATU und die farbigen bzw multirassischen Verbände, zu Tennis South Africa (TSA), und traten der International Tennis Federation (ITF) bei. Ab 1992 waren Südafrikaner wieder bei Davis Cup, Fed Cup, Olympia dabei; van Rensburg, Ferreira oder Coetzer konnten von da an auch bei diesen Bewerben antreten.

Im Leichtathletik wurde Südafrika bzw die SAAAU 1976 von der IAAF ausgeschlossen. Zola Budd brach 1984 mit 17 Jahren den Weltrekord über 5000m, der aber nicht anerkannt wurde, da er ausserhalb der Auspizien der IAAF erbracht wurde. Sie trat dann wie erwähnt für Grossbritannien an. Matthews Batswadi, ein schwarzer Langstreckenläufer, hatte seine beste Zeit in den Jahren nach dem Ausschluss, als die SAAAU die Rassenschranken lockerte.

1991 die Vereinigung der SAAAU mit SAAAB (mit SACOS verbunden) und SAAAC (mit NOSC verbunden) zur SAAAA. IAAF-Präsident Nebiolo gewährte dieser gleich die Aufnahme. Er lud den südafrikanischen Verband zur LA-WM im August/September 91 in Tokio ein. In der SAAAA gab es aber interne Differenzen ob die Transformation schon weit genug fortgeschritten war, oder die Teilnahme einer Anerkennung von Apartheid-Strukturen gleichkäme; sie entschied sich daher dagegen. 28 südafrikanische Leichtathleten stellten darauf hin den Antrag, “unabhängig” an der WM teilnehmen zu können, was nicht möglich war. Die Vereinigung der LA-Verbände wurde rückgängig gemacht und neu verhandelt, im Februar 1992 entstand schliesslich Athletics South Africa (ASA), anstelle von der SAAAA. ASA wurde von der IAAF anerkannt, Stunden nachdem Nebiolo in das IOC aufgenommen worden war; darum war es ihm hier nicht zuletzt gegangen.

Von Bedeutung sind darüber hinaus noch Schwimmen, Boxen, Segeln, Rad. Kapstadt hat sich für Sommer-Olympia ’04 beworben; irgendwann in den nächsten Jahrzehnten wird Südafrika Olympische Spiele ausrichten.

Material

John Nauright: Sport, Cultures, and Identities in South Africa (1998); neue Ausgabe 2010: Long Run to Freedom. Sport, Cultures and Identities in South Africa

Douglas Booth: The Race Game. Sport and Politics in South Africa (1998)

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David R. Black, John Nauright: Rugby and the South African Nation. Sport, Cultures, Politics, and Power in the old and new South Africas (1998)

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  1. 1957 verbot die SAOCGA aufgrund dessen gemischtrassige Bewerbe unter den Fittichen seiner Mitgliedsverbände – die gab es aber auch davor so gut wie nicht
  2. Das britische NOK hatte im Vorfeld beim IOC erreicht, dass ein südafrikanisches Team teilnehmen konnte, statt vier
  3.  Besonders unter den Afrikaanern (hauptsächlich Männern) gab es in früheren Jahrhunderten Individuen, die Partnerschaften mit Angehörigen anderer “Rassen” eingingen. Deren Nachkommen gingen oft unter den Afrikaanern auf. Zu Apartheid-Zeiten wurde die Bevölkerung in vier Rassen klassifiziert und waren sexuelle Beziehungen zwischen Angehörigen verschiedener verboten. Und die Abgrenzung zwischen “Weissen” und “Farbigen” war oft nicht so eindeutig
  4. Übrigens, und aus solchen Implikationen geht klar hervor, dass es sich nicht um eine Trennung in gleichberechtigte Kollektive handelte, die Schwarzen oder Asiaten Südafrikas hatten nicht die Möglichkeit, sich mit ausländischen Sportlern ihrer “Rasse” zu messen
  5. Frederick John Harris wurde Mitglied des African Resistance Movement (ARM), das Anfang der 1960er als National Committee of Liberation (NCL) gegründet worden war, von Mitgliedern der hauptsächlich weissen südafrikanischen Liberalen Partei. Bei einer Polizei-Razzia 1964 wurde bei einem ihrer Anführer, Adrian Leftwich, in Kapstadt viel Material über die Aktivitäten und die Mitglieder des NLC/ARM gefunden. Dies und Aussagen von Leftwich ermöglichten den Apartheid-Kräften die Verhaftungen und dann Verurteilungen der meisten Aktivisten (zu Gefängnis-Strafen). Der nicht gefasste Harris platzierte einen Brandsatz im Johannesburger Hauptbahnhof, in einem Wartesaal für Weisse und gab eine Warnung an die Polizei durch, die nicht reagierte. Der Anschlag tötete eine Person und verletzte mehrere. Durch die Aussage eines anderen Mitkämpfers aufgeflogen, wurde Harris 1965 gehängt, als einzige weisse Person im Kampf gegen Apartheid
  6. Geduldet wurden von Südafrika fünf Maoris und ein Samoa-stämmiger im neuseeländischen Team
  7. Ende Mai 1994 wurde das Waffenembargo von 1977 durch die UN aufgehoben
  8. COSAS = Confederation of South African Sport, eine “weisse Organisation, die aus der South African Sports Federation (SASF) hervorgegangen war und sich um nicht-olympische Sportarten kümmerte
  9. Mit Gründung des INOCSA wurde aus NOSC wieder NSC
  10. Die Zeitung war 1976 von Louis Luyt gegründet worden, der auch als Rugby-Funktionär in Erscheinung trat. Während der Muldergate-Affäre (Informationsskandal) 1978 wurde bekannt, dass das Regime (auch) die Zeitung von der Gründung weg finanziell “unterstützt” hatte, um eine günstige Presse zu bekommen
  11. Bei Olympia 1996 und 2000 sorgte sie mit ihren Medaillien und ihren Tätowierungen für Aufsehen. In Atlanta war das ein Springbok (der als politisches Statement interpretiert wurde) und in Sydney ein kanadisches Ahornblatt
  12. Rest-Jugoslawien wurde aufgrund seiner Rolle in den Kriegen in Kroatien und Bosnien ausgeschlossen, individuelle Athleten durften aber als “Nations-Unabhängige” teilnehmen; Makedonien war aufgrund des Namensstreits mit Griechenland noch nicht teilnahmeberechtigt, auch von dort nahmen einige Unabhängige teil; Kroatien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina nahmen erstmals als unabhängige Staaten teil
  13. Bei seinen Mitstreitern Patrick M. “Terror” Lekota und Gabriel M. “Tokyo” Sexwale stecken die sportlichen Leidenschaften in ihren Spitznamen: bei Lekota die Art, Fussball zu spielen, bei Sexwale der ostasiatische Kampfsport
  14. Das Ellis Park-Stadion in Johannesburg etwa wurde ursprünglich für Rugby gebaut, ist aber meistens nur bei Fussball-Spielen ausverkauft
  15. Bafanas beste Spiele immer gegen Spanien: 2002 (WM), 2009 (Confederations Cup), 2013 (Freundschaftsspiel)
  16. Der Anti-Apartheid-Kämpfer Stephen Biko spielte es dort etwa auch
  17. Das Leistungsgefälle im Rugby führt dazu, dass sich die Teilnehmerliste der Weltmeisterschaften fast nie verändert
  18. Die Partei hatte ihre Basis unter den ruralen und ärmeren Afrikaanern; sie gewann nie Sitze bei Wahlen (evtl. einen bei einer Nachwahl). Die noch rechtere bzw militantere Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB) spaltete sich von ihr ab. Die später ebenfalls von der NP abgespaltene Konservative Partei war erfolgreicher als die HNP, wurde in den letzten Jahren der Apartheid eine Konkurrenz für die NP. Die HNP boykottiert das Post-Apartheid-Südafrika seit 1994
  19. Für Neuseeland gilt im Rugby, was im Fussball für Brasilien gilt: Nicht das Mutterland, aber der Lehrmeister
  20. So ging es in Apartheid-Südafrika auch öfters Geschäftsleuten aus Japan oder Israelis, die nicht hell genug waren
  21. Tobias wurde später Bürgermeister seiner Heimatstadt Caledon im Westkap und TV-Ko-Kommentator für Rugby-Spiele
  22. Zumindest ein Teil der neuseeländischen Anti-Apartheid-Aktivisten nahm die Sache zum Anlass, sich auch Themen die neuseeländischen Maoris betreffend zu widmen, etwa dem Vertrag von Waitangi und seinen unterschiedlichen Auslegungen
  23. Bis dahin gab es “nur” Turniere wie das der „Five Nations“-Turnier – heute zwischen „Six Nations“ gespielt
  24. Der ehemalige SARU-Präsident Patel war ab 92 Cravens “Co-Präsident” gewesen, nach dessen Tod 93 dann Präsident der SARFU
  25. Auch mit Katholiken bzw Südeuropäern hatte das Apartheid-System ein Problem, sah diese nicht als ebenbürtig. Aber auch diesen, nach der Unabhängigkeit der portugiesischen Kolonien im südlichen Afrika einströmenden, Weissen konnte man sich nicht verweigern
  26. Und nicht nur dieser. Im Vorrunden-Spiel zwischen Côte d’Ivoire und Tonga wurde der Ivorianer Max Brito zwischen mehreren Spielern “eingequetscht”, er blieb vom Hals abwärts gelähmt. Nur eine Fussnote
  27. Bei der WM 1991 waren in England auch zwei Südafrika-Fans aufs Spielfeld gelaufen, mit einem Banner, auf dem ihr Team als “Unofficial World Champions” proklamiert wurde
  28. Im rumänischen Eishockey-Nationalteam gibt es aber Konflikte aufgrund des hohen Anteils von ungarischen Rumänen
  29. Ein Springbok-Spieler (“Os” du Randt) war bei beiden WM-Siegen 1995 & 2007, dabei, aber sowohl 95 (Pienaar, van der Westhuizen, Stransky) als auch 07 (Smit, Montgomery, Habana) waren andere die Stars (du Randt 95 nicht mal Ersatz)

Die spanische Transición

Spanien musste nach dem Tod Francisco Francos 1975 40 Jahre Diktatur (“Estado Español”) und Krieg (der ihr vorausging) überwinden. Wichtigster Akteur war dabei der vom Diktator eingesetzte König Juan Carlos, der von den drei Optionen “Kontinutät”, “Bruch” und “Reform” letztere wählte. Hier geht es um diese Demokratisierung, auch im Vergleich mit anderen, etwa jener im benachbarten Portugal (die andere Diktatur in Westeuropa nach dem 2. Weltkrieg), aber auch mit der in Südafrika nach der Apartheid, ca. 20 Jahre später.

Unter Vicente Tarancon, der 1971 Erzbischof von Madrid wurde, rückte die katholische Kirche Spaniens etwas vom Franco-Regime ab. Durch den schlechten Gesundheitszustand des “Caudillos” geriet sein Regime in seinen letzten Jahren, ab Ende der 1960er, in eine Krise. Ein Machtvakuum entstand, lange bestehende interne Streitigkeiten und Richtungskämpfe wurden grösser. Etwa zwischen Wirtschaftsdirigismus und Kapitalismus, zwischen Konservativen und Moderaten. Mit der Bindung an die USA nach dem 2. Weltkrieg hatte sich eigentlich die Marktwirtschaft durchgesetzt. Der Schwenk von Hitler zu Eisenhower brachte für das Regime auch ein Ende der Isolation und schloss die Möglichkeit eines militärischen Konfliktes mit einem anderen Staat  praktisch aus.

Die “kommunistische Bedrohung” war für Franco ein “Platzhalter”, wie für das Apartheid-Regime in Südafrika. Wie sehr Franco-Spanien die meiste Zeit der USA verbunden waren, kommt auch darin zum Ausdruck, dass Blas Piñar, damals Chef des Spanischen Kulturinstitutes, nach Kritik an amerikanischer Aussenpolitik nach einer Reise in frühere spanische Kolonien in Lateinamerika und die Philippinen entlassen wurde. Er blieb dem Regime aber treu, über dessen Ende hinaus. Dass Spanien unter Franco Rückzugsgebiet für Diktatoren und Faschisten (Peron, Pavelic, Degrelle, Remer, Skorzeny,…) war, spielte bei seiner Unterstützung durch die USA natürlich auch keine Rolle.

Die Frage der Nachfolge Francos als Staatsoberhaupt (nicht aber das künftige politische System) war seit 1969 entschieden, als sich das Regime auf Juan Carlos de Borbón y Borbón(-Dos Sicilias) festlegte. Sein Grossvater, König Alfonso XIII., musste 1931, mit Beginn der Zweiten Republik, abtreten und in das Exil. Von dort unterstützte er den Aufstand gegen die Republik bzw die nationalistische Seite im Bürgerkrieg, wie die meisten Monarchisten. 1941 wurde, kurz vor Alfonsos Tod, sein Sohn Juan de Borbon sein Nachfolger als Chef des Familienhauses und Anwärter auf den spanischen Thron. Franco hatte noch während des Krieges erklärt, dass er keine Restauration der Monarchie unter Alfonso anstrebe. Das lag zum Teil daran, dass die Karlisten, die die Ansprüche eines anderen Zweigs der spanischen Bourbonen unterstützten, fester Bestandteil der von ihm geführten rechten Koalition waren.

Der Karlismus geht auf einen Thronfolgestreit im 19. Jahrhundert zurück, als König Ferdinand (Fernando) VII. die Regelung (bezüglich weiblicher Thronfolge) so abänderte, dass ihm seine Tochter Isabella (Isabel) und nicht sein Bruder Karl (Carlos) auf den Thron folgen würde. Bei den Karlisten-Kriegen stand die Thronfolge im Vordergrund, eigentlich ging es aber um das System; Carlos und seine Anhänger waren für absolute Königs-Herrschaft. Sie unterlagen. Der Karlismus wurde dann eine friedliche konservative politische Bewegung, Carlos de Borbon begründete die Linie der karlistischen Thronanwärter, die in “Opposition” zur regierenden spanischen Bourbonen-Hauptlinie standen/stehen. Zur Zeit der 2. Republik söhnte sich der karlistische Prätendent Alfonso Carlos de Borbon mit dem gestürzten König Alfonso (XIII.) aus. Deshalb und weil Alfonso Carlos ohne Nachkommen starb, erlosch für einen Teil der Karlisten der Anspruch und die Bewegung, der andere Teil (der grössere) erhob den Chef des Hauses Bourbon-Parma, Xavier/Javier, auf ihr Schild. Javier, Sohn des letzten Herrschers von Parma vor dem italienischen Risorgimento, war über seine Mutter, eine Borbone-Due Sicilie, nahe mit Alfonso Carlos verwandt, über den Vater weitschichtig.

Im Bürgerkrieg 1936-39 stellten die Karlisten eine “Requetes” genannte Miliz auf, danach wurde ihre Organisation mit der Falange vereinigt; jener Partei die bei der Wahl 1936 0,7% der Stimmen und keinen Sitz im Parlament erhielt und sich dann dem Staatsstreich der Truppen aus Spanisch Marokko anschloss. Sie waren im Franco-Regime und im “Movimiento Nacional” eine Fraktion, der Karlist Bilbao war etwa lange Parlamentspräsident. Für Franco waren sie als Druckmittel gegenüber der spanische Bourbonen-Hauptlinie wichtig. Nachdem dieser nach Kriegsende die Hoffnungen auf eine Restauration der Monarchie enttäuschte, erklärte “Don” Juan de Borbon, der Vater von Juan Carlos, gegenüber dem General, dieser solle nicht einen totalitären Staat konzipieren sondern zur konstitutionellen Monarchie zurückkehren.

Nach einem Referendum 1947 wurde Spanien zur Monarchie erklärt, für die Zeit nach Franco, mit wem, wurde offen gelassen. Der Caudillo würde den einsetzen, der seine Prinzipien am ehesten fortführen würde. Trotz ihrer gravierenden Meinungsverschiedenheiten brachen die exilierten Borbons und Franco nicht miteinander; im Jahr dieser Nachfolge-Weichenstellung kamen sie überein, Juan Carlos in Spanien ausbilden zu lassen. Als die Nachfolge-Frage für Franco allmählich ernst wurde, hatte er zur Auswahl: Juan, Juan Carlos, den Karlisten Xavier/Javier de Bourbon-Parma, den Chef des Hauses Habsburg (die ja vor den Bourbonen in Spanien geherrscht hatten), Otto, sowie eine (de facto republikanische) Fortführung seines Regimes mit einer Person daraus, wie dem etwas jüngeren Luis Carrero Blanco.

Gemäßigte Monarchisten und Konservative entfernten sich zusehends vom Regime (offen/verdeckt), Juan de Borbon unterhielt zu diesem Teil der Opposition Kontakte, galt als Demokrat, wurde deshalb übergangen. Juan Carlos, der ein unbeschriebenes Blatt war bzw als noch formbar galt, musste nach seiner Ernennung 1969 auch einen Eid auf die franquistischen Prinzipien leisten. Von da an bis Francos Tod trat er öffentlich an dessen Seite auf (Foto), vertrat ihn 1974 und 1975 bei einigen Gelegenheiten interimsmäßig als Staatsoberhaupt während Verschlechterungen von dessen Gesundheit.

Der möglicherweise wichtigste Unterschied zwischen den Diktaturen in Portugal (“Estado Novo”) und Spanien war die Bedeutung der Kolonien. Für Portugal spielten sie eine integrale Rolle, nicht nur für das Regime, das Land bezog seine Bedeutung aus ihnen, ohne sie war es ein unbedeutender Randstaat Europas. Für Spanien spielten die Kolonien nach der Niederlage gegen die USA Ende des 19. Jh. und dem damit verbundenen zweiten Entkolonialisierungsschub eine nebensächliche Rolle; es waren noch einige in Afrika geblieben. Die Entkolonialisierung Portugals in den 1960ern und 1970ern lief blutiger als jene Spaniens ab, die Kriege schwächten das Regime, brachten es mit zu Fall; sie kam infolge des Umsturzes zum Abschluss. Spaniens Ent-Kolonialisierung begann 1956, als mit der Unabhängigkeit des französischen Marokko auch das spanische unabhängig wurde (nicht aber die Enklaven im Norden und Süden). Sie war kurz vor dem Tod des Diktators (der zum Ende der Diktatur führte) vollbracht.

Der schon erwähnte Carrero Blanco war die Nr. 2 im Regime, redete auch bei der Nachfolgefrage, der Entscheidung zugunsten Juan Carlos, mit. Mitte 1973 trennte Franco die Ämter des Staatsoberhaupt und des Regierungschefs, die er bislang beide ausgefüllt hatte, und machte Carrero zum Premierminister; eine Vorkehrung für die Zeit nach ihm. Wenige Monate danach wurde Carrero von der ETA getötet. Die Organisation war 1959 gegründet worden, ein Aufbegehren gegen die Unterbindung jeder Auslebung von baskischer Kultur. 1968 begann sie mit Anschlägen auf Repräsentanten der franquistischen Dikatur. Für internationales Aufsehen sorgte der Prozess von Burgos 1970 gegen ETA-Mitglieder, der mit Todesurteilen endeten (die später umgewandelt wurden).

Bei dem Attentat an Carrereo in Madrid gruben ETA-Aktivisten einen Tunnel aus einer Wohnung, die sie als “Bildhauer” gemietet hatten. So erregten die Bohrarbeiten keinen Argwohn oder Aufsehen. Unter einem Kanaldeckel brachten sie eine Sprengladung an, die unter Carreros Auto gezündet wurde, als dieser von seinem täglichen Kirchenbesuch kam. Das Auto wurde 20 m in die Luft geschleudert, dann über ein Haus in den Innenhof eines Klosters. Ein Flüsterwitz unter Oppositionellen damals war, Carrero sei Spaniens erster Astronaut. Eine ernste (wenngleich hypothetische) Frage ist, ob Carrero als Premier, den Juan Carlos übernehmen musste, den Übergang zur Demokratie, die Transición, verhindern hätte können.

Der Beginn dieses Übergangs wird manchmal schon mit Carreros Tod angesetzt. Sein Nachfolger Arias Navarro war wie er schon im Bürgerkrieg beteiligt gewesen, als Ankläger in politischen Prozessen nach der Einnahme Malagas, die zu sehr vielen Todesurteilen (17 000) führten. Später war er lange Bürgermeister von Madrid gewesen. Mit Carreros Tod wuchsen die Spannungen im Regime weiter, u.a. zwischen “Bunker” (Arias,…) und Reformern (Fraga,…). Manche hielten einen evolutionären Übergang Spaniens zu einer Demokratie noch unter Franco für möglich. Manuel Fraga hatte als Informations- und Tourismusminister in den 1960ern die Filmzensur gelockert, wurde dann Botschafter. Unter Arias fanden die letzten Exekutionen statt, im September 1975, an 5 Mitgliedern der ETA und der linksextremen FRAP, durch Erschiessen; im Jahr davor gab es die letzten Garottierungen, an dem Anarchisten Puig und einem zivilen Mörder.

Dass das System in Portugal weniger totalitär war, zeigt sich auch darin, dass es die dort früh abgeschaffte Todesstrafe nicht wieder einführte. Die dortige Diktatur, in den letzten Jahren v.a. von Premier Caetano getragen, wurde dort gestürzt (Nelkenrevolution), eineinhalb Jahre vor Francos Tod. Drei Monate später (Juli 1974) übergab die griechische Junta die Macht an Karamanlis, der Premier wurde. Einige Protagonisten des Estado Novo setzten sich während/nach dem Umsturz nach Spanien ab. Arias, beunruhigt über die Ereignisse im Nachbarland, erwog damals eine Invasion in Portugal.

F. Franco & J. C. d. Borbon 1973
F. Franco & J. C. d. Borbon 1973

Franco soll am Lebensende keine Gewissensbisse gehabt haben und auch gewusst haben, dass der Franquismus mit ihm zu Ende geht, trotz aller Vorkehrungen. Im Krankenhaus De la Paz in Madrid wurden am 20. November 1975 die lebenserhaltenden Geräte abgeschalten, ca. 1 Monat nach seinem letztem Auftritt. Danach gab Premier Arias seinen Tod im Rundfunk bekannt. Bezüglich dieses Tages hatte es, verstärkt in den Wochen davor, Befürchtungen wie Hoffnungen gegeben. 2 Tage später wurde Juan Carlos de Borbón y Borbón in den Cortes als König Juan Carlos I. vereidigt, wurde die Monarchie nach 44 Jahren wieder hergestellt – der Beginn der Transicion. Juan Carlos war in einer Art Zwickmühle. Die Linken waren traditionell gegen die Monarchie, die Franquisten misstrauten ihm, manche Monarchisten wollten seinen Vater oder einen Karlisten, viele Demokraten sahen in ihm eine Marionette Francos.

De Borbon musste schon in letzten Jahren Francos eine Gratwanderung vollziehen, die sich nach dem Tod des Caudillos fortsetzte: die Franquisten nicht gegen sich aufbringen, gleichzeitig die Demokraten nicht vor den Kopf zu stossen. Dem Chef der kommunistischen Partei (PCE), Santiago Carrillo, soll er später gesagt haben, er habe sich bei Treffen mit Franco dumm gestellt. Seine Rede vor den Cortes nach seiner Vereidigung markiert den Beginn seines Balanceaktes, sie war voll mit vorsichtigen Andeutungen und Zweideutigem. Am 27. 11., nach dem Begräbnis des Diktators im “Valle de los Caídos”, fand die Krönungsmesse statt, zelebriert von Kardinal Tarancona, mit internationalen Staatsgästen wie USA-Vizepräsident Nelson Rockefeller, dem britischen Königingemahl Philip of Mountbatten-Windsor, BRD-Präsident Scheel, dem französischen Präsidenten Giscard d’Estaing. Danach Militärparade und Bankett. Der König trat wie bei seiner Vereidigung in seiner militärischen Uniform auf, und mit Gattin und den drei Kindern.

1 Woche nach seinem Amtsantritt gewährte er Amnestie für einen kleinen Teil der politischen Gefangenen, wie dem linken Gewerkschafter Marcelino Camacho, der 14 Jahre im Gefängnis war. Dies umfasste auch die Umwandlungen der Strafe von zu Tode Verurteilten. Hier bekannte er erstmals Farbe. Seine erste wichtige Personalentscheidung war die Ernennung von Torcuato Fernandez-Miranda zum Parlamentspräsidenten (Sprecher der Cortes) und Präsidenten des Thronrates (Consejo del Reino), der im franquistischen Regelwerk, das ja noch immer galt, eine ziemlich wichtige Institution war. Ein Veteran des Bürgerkriegs, war der Jurist ein Erzieher des Königs gewesen, dann Generalsekretär der Staatspartei im Ministerrang, 1973 ein Kandidat für die Nachfolge Carreros (was er interimsmäßg wurde, bis zur Ernennung Arias’).

Borbon schlug den Weg ein, den er fortsetzen sollte, einen behutsamen Umbau, anstatt einen Bruch zu riskieren, die Einbeziehung jener Franquisten, die für einen gewissen Wandel aufgeschlossen waren, und die Beschwichtigung jener, die das nicht waren. In einer vergleichbaren Zwickmühle war Nelson Mandela, als er 1994 Präsident Südafrikas wurde; eigentlich auch schon in den Jahren davor, nach seiner Freilassung. Anthony Sampson in seiner Biografie: “Von Anfang an stand Mandela vor dem Balanceakt, die weisse Elite zu beruhigen, ohne die schwarzen Massen vor den Kopf zu stossen.” Beide leiteten die Demokratisierung vorsichtig, auf Konsens und Versöhnung ausgerichtet.

In den Wochen nach Francos Tod gab es Demonstrationen und Streiks für Lohnerhöhungen, obwohl diese noch immer verboten waren, politische Forderungen kamen hinzu, teilweise wurden sie mit Gewalt niedergeschlagen. Im Dezember beauftragte Borbon Arias damit, als Premier (vorläufig) weiterzumachen. Arias war der konservativste der vom Thronrat vorgeschlagenen Kandidaten, die anderen beiden, Fraga und Areilza, waren reformorientierte Franquisten. Arias durfte/musste seine Regierung neu bilden, hier sprach der König nun ein Wort mit; sie enthielt Hardliner wie Vizepremier De Santiago (ein Militär) und Reformer wie Innenminister Fraga (der auch Vize-Premier wurde) und Areilza, der Aussenminister wurde. Adolfo Suárez González, ein langjähriger Funktionär der franquistischen Staatspartei F.E.T. y de las JONS (“Movimiento Nacional”), gehörte der Regierung als deren neuer Generalsekretär ebenfalls an.

Ende 1975, Anfang 1976 kamen die meiste Parteien aus dem Untergrund bzw Exil, hielten Kongresse und Veranstaltungen ab, vor ihrer Legalisierung. Im März 1976 schlossen sich die beiden Dachorganisationen der Demokraten, Junta Democrática und Plataforma de Convergència Democràtica zur Platajunta zusammen. Die sozialistische PSOE hatte 1974 auf ihrem Kongress in einem Pariser Vorort Felipe González zum Generalsekretär gewählt (eine wichtigere Funktion als Parteipräsident), was einen Sieg des jungen Reformflügels bedeutete. Im Dezember 1976 hielt die PSOE in Madrid einen Parteikongress ab (den 27., Motto “Socialismo es libertad”), den ersten in Spanien seit dem 13. (1932), als Francisco Largo Caballero noch Parteiführer war.

Der südafrikanische ANC musste nach seinem Verbot durch das Apartheid-Regime 1960 ähnlich lange warten, bis er wieder eine Konferenz im Lande abhalten konnte, von 1959 bis 1991. Blas Pinar, von Franco in die Cortes und den Nationalrat des Movimiento berufen, gründete 1976 die rechtsextreme Fuerza Nueva (FN). Teil des Zerfalls des Movimiento war auch die Gründung der Alianza Popular (AP) durch Manuel Fraga Iribarne (der damals als Innenminister kleine Reformschritte unternahm) und andere gemäßigtere Franquisten, solche, die grundsätzlich für eine Demokratisierung waren.

Das Militär war eine Stütze des Systems gewesen, mit wenig Schlagkraft nach aussen, darauf ausgerichtet, das Regime gegenüber inneren Feinden zu verteidigen. Offiziell war Franco-Spanien im 2. Weltkrieg neutral geblieben, deswegen und weil der Kalte Krieg schon begann, wurde er von den West-Alliierten an der Macht belassen. Das Regime hatte nach der Niederlage des Faschismus in Europa eine Invasion befürchtet; es wurde aber bald von diesen Mächten, v.a. der USA, aufgepeppelt. Die Bindung an die USA brachte eine gewisse Modernisierung für das spanische Militär. Wichtiger, mit diesem Rückhalt gab es praktisch keine äussere Bedrohung mehr. Das Militär wurde ein reines Unterdrückungsinstrument gegenüber der eigenen Bevölkerung, Spanien “ein Militärstaat, der mit Teilen seines Volkes im Kriegszustand lebte”, wie es der Historiker Salvador de Madariaga ausdrückte.

Der Anteil der Minister im Regime, die Militärs waren, erreichte 1945 mit 50% einen Höchststand. Anfang der 1970er waren es 11%. Opposition gegen die Ausrichtung der Institution gab es in deren oberen Rängen kaum, auch wenn der “Bunker” 1974 die Entlassung des Generalstabschefs erzwang, den er verdächtigte, ein spanischer Spínola werden zu können, Manuel Diez Alégria. Juan Carlos, der militärisch ausgebildet worden war, wurde als Francos Nachfolger auch Oberbefehlshaber der Fuerzas Armadas Españolas. Der Übergang der Loyalität zu ihm funktionierte. Das Heer musste sich auf eine ganz neue Rolle einstellen: keine Mitbestimmung der Politik mehr, sondern eine Bestimmung der Politik über sie, noch dazu einer, die viele seiner Angehörigen ablehnten; ähnlich wie beim türkischen Militär unter Erdogan.

Mit der Wahl von 1977 verschwanden die Offiziere aus dem Parlament. Der Unterschied zu Südafrika ergab sich hier zum einen daraus, dass De Klerk als Präsident 1989 bis 1994 bereits einen Teil der Demokratisierung leitete, auch in den Streitkräften Umstrukturierungen vornahm (u.a. personelle). Zum anderen wurden diese nach der freien Wahl 1994 mit den bisherigen Feinden aus dem Land vereinigt; in Spanien wäre das undenkbar gewesen, allerdings auch deshalb weil es kaum eine Anti-Regime-Guerilla gegeben hatte. Die nunmehrige SANDF behielt die bisherige Führung, bekam eine neue politische Aufsicht, mit Nelson Mandela an der Spitze, spielte entgegen manchen Befürchtungen keine destruktive Rolle, trug den Wandel des Landes mit bzw wurde Teil davon.

Mitte 1976 wurde Arias vom König und Demonstranten zum Rücktritt gedrängt. Nach dem Vorschlag des Thronrats unter Fernandez ernannte Borbon Adolfo Suarez zum Nachfolger als Premierminister. Suárez war zum Movimiento gegangen, als das für politisch ambitionierte junge Männer der einzige Weg gewesen war (ausser vielleicht eine linksradikale Splittergruppe im Untergrund), kam ins Parlament, führte die Rundfunkanstalt, war 75/76 nach Francos Tod Generalsekretär des Movimento (im Ministerrang; der vorletzte). Arias ging zu Fragas Alianza Popular. Suarez wurde der wichtigste Verbündete des Königs bei der Demokratisierung, als ein Mann, dem die Stützen des bisherigen Systems vertrauten, konnte er den entscheidenden Schritt wagen. Dieser war das “Gesetz für politische Reform”, ein Fahrplan bzw die Vorbereitung für/auf eine freie Wahl und die Ausarbeitung einer neuen Verfassung.

Es beinhaltete neben der Zulassung von Parteien und Gewerkschaften (noch nicht die kommunistische PCE) auch Amnestie für politische Gefangene und ein Ende der Zensur. Die franquistisch ernannten Cortes und der Nationalrat (Consejo Nacional) des “Movimento Nacional”, der quasi als Oberhaus fungierte, mussten damals alle Schritte genehmigen, auch diesen, der auf ihre Entmachtung hinauslief. Durch das geschickte Zusammenspiel von Borbon, Suarez und Fernandez gelang das. Nachdem das Reformgesetz auch vom Volk in einem Referendum angenommen wurde, trat es Anfang 1977 in Kraft. Dann konnte Suarez auch das “Movimento” auflösen und eine Mitte-Rechts-Partei gründen bzw zusammenschliessen, die UCD, aus diversen neu entstandenen kleineren Parteien. Teile des Movimiento gingen zur UCD, andere zu AP oder FN. Die karlistische CT entstand neu, auch andere am rechten Rand.

Der Transitions-Prozess wurde begleitet (und gefährdet) von Gewalt von rechts und links. Neben der ETA war da die kommunistische GRAPO, die es auf Protagonisten des alten Regimes abgesehen hatte, etwa 1980 General Armengol umbrachte. Der Rechtsterror wollte wahrscheinlich auch eine Störung des demokratischen Prozesses erreichen, eine Intervention der Armee provozieren. 1976 gab es einen Anschlag auf eine Veranstaltung des linken “Flügels” der Karlisten. Carlos Hugo, Sohn von Prätendent Javier, war in den 1960ern von seinem Vater sowie Franco abgerückt, wurde 1975 Nachfolger seines Vaters; sein linker Kurs mündete in die Gründung der Karlistischen Partei (Partido Carlista, PC), die v.a. in Navarra stark war, wo sich der Anschlag auch ereignete. Beim rechten Anschlag auf den Atocha-Bahnhof 1977 war auch die “Gladio”-Organisation beteiligt. Die Befürchtungen gingen bis zu einem Wiederaufleben des Bürgerkriegs, dessen Fronten noch immer bzw wieder aktuell waren.

Um “Der letzte Tango von Paris” zu sehen (1973), fuhren zehntausende Spanier noch nach Perpignan in Frankreich, mit dem Reformgesetz wurde auch das anders. Filme von Luis Bunuel kamen endlich auch in Spanien ins Kino. Und, das “Playboy”-Magazin wurde in Spanien erhältlich. Franquisten zogen solche Folgen der Demokratisierung auch heran, um auf die “Verdorbenheit” des Westens hinzuweisen und ihre Ideologie anzupreisen. Jesús Fueyo, Mitglied des Movimiento-Nationalrats, schrieb in einem Rechtsblatt, dass Spanien (“unter dessen Sonne sich Millionen dieser Porno-Europäer bräunen”) wieder einmal allein auf sich gestellt sei, alle “wahren Werte der zivilisierten Welt” zu verteidigen, das “korrupte und sodomistische Europa” vor der “imperialistischen euro-asiatischen Revolution Moskaus” zu verteidigen. Pinar sprach von einer “schurkischen Freiheit”. Die Anwürfe der Franquisten ähneln Tiraden von heutigen Islamisten und rechten Islamophoben. Der Umgang mit diesen Anwürfen erinnert wiederum an islamophobe Muster; wenn etwa “Der Spiegel” (41/1975) vom “spanischen Machismo” oder “Rückständigkeit” schreibt. Kardinal Tarancon dürfte zur Demokratisierung gestanden sein, die Kirche als Ganzes war gespalten.

Die Frage der Wieder-Zulassung der PCE war eine sehr bristante (wie in Südafrika 1990 jene der SACP!). Ihr Vorsitzender Carrillo war seit November 1976 wieder im Land, traf sich mit Suarez. Knapp vor der Wahl 1977 wurde sie schliesslich zugelassen. Der Schritt wurde zu Ostern vorgenommen, in der Semana Santa (Karwoche), weil da die Kasernen leer waren! Der Marineminister, Admiral Veiga, trat darauf hin zurück, auch Parlamentspräsident Fernandez. Im Juni 1977 wurde in Spanien das Mal seit 1936 frei gewählt, verfassungsgebende Cortes Generales. Die UCD unter Suarez bekam am meisten Stimmen (ca. 35%), vor der PSOE (Gonzalez, Guerra) mit 29%, der PCE unter Carrillo mit 9, der AP (Fraga) mit 8 (Arias nicht ins Parlament gewählt), dem katalanischen Parteienbündnis PDPC (u.a. aus der CDC von Pujol bestehend) und anderen Regionalisten, sowie der Sozialistischen Volkspartei PSP (Tierno). Die FN (Pinar) trat gemeinsam mit der karlistischen CT und anderen rechtsextremen Parteien an, errang keine Sitze.

Es war ein Sieg für die Parteien der Mitte, eine Niederlage für Links- und Rechtsaussen. Ein Zeichen, das mit dieser Wahl eine wichtige Hürde am Weg zur Überwindung des Franquismus gemeistert war, war die Anerkennung des Ergebnisses durch die seit 1939 existierende Exil-Regierung und die Selbstauflösung dieser. Die baskische Politikerin Isidora Dolores Ibárruri, 1921 Gründungsmitglied der PCE, während des Bürgerkriegs eine der Führer der Republikaner, berühmt für die Parole “¡No Pasarán!” (“Kein Durchkommen”) während der Schlacht von Madrid, im Exil lange Generalsekretärin der PCE, wurde für Asturien in die Cortes gewählt – wie schon 1936, zur Zeit der Zweiten Republik.

Eine UCD-Minderheitsregierung wurde gebildet, wieder unter Suarez. Ein Verteidigungsministerium ersetzte nun die drei bisherige Ministerien für die Waffengattungen. Minister wurde General Manuel Gutiérrez Mellado, welcher während des Bürgerkriegs auf der franquistischen Seite den Geheimdienst geleitet hatte, nun aber als liberaler Miliär galt. In der ersten Suarez-Regierung (1976/77) hatte er nach einigen Monaten De Santiago als Minister ohne Ressort (aber für Verteidigung zuständig) und Vizepremier (eine Art Proto-Verteidigungsminister) ersetzt. Er blieb weiter Vizepremier. Die PSOE rückte weiter in die Mitte (Parteitag 1979), die PCE in Richtung Eurokommunismus.

Die Suarez-Regierung schloss im Oktober 1977, nach der Wahl, mit der Opposition den “Pakt von Moncloa” (nach dem Sitz des Premiers benannt), v.a. wirtschaftliche Umstrukturierungen betreffend. Bezüglich der zu Ende gehenden Diktatur wurde ein ungeschriebener “Pakt des Vergessens” (Pacto de Olvido) unter der politischen Elite aus den verschiedenen Lagern Teil des Übergangs. Möglicherweise war das ein Preis den die Demokraten zahlen mussten, für Stabilität und Konsens. Im Oktober 1977 wurde der Pakt in ein Amnestiegesetz “gegossen”, dem zufolge keine Politiker oder Militärs des Regimes vor Gericht zur Rechenschaft gezogen werden können. Auch spätere Versuche, v.a. von Richter Garzon, scheiterten daran.

Eine positive Interpretation des Paktes ist, dass das Regime, das über den Tod seines Führers hinaus bestehen wollte, dem Vergessen anheim gestellt wird. In Südafrika gab es nach dem Ende der Apartheid die Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) zur Aufarbeitung, die, wie auch im Namen zum Ausdruck kommt, hauptsächlich Klarheit schaffen sollte (etwa über das Schicksal “Verschwundener”) sowie Taten, Opfer und Täter benennen und (u.a.) damit die Grundlage für eine Versöhnung herstellen. Die Gesellschaft nicht zu spalten und Wunden nicht aufzureissen, war auch hier oberste Prämisse – und auch hier umstritten.

Die neue Verfassung wurde hauptsächlich von einem Ausschuss der Cortes augearbeitet. Der fertige Entwurf wurde 1978 von der Cortes angenommen, von einem Teil der Alianza Popular und radikalen Basken abgelehnt. In Südafrika waren es auch entgegengesetzte Pole des politischen Spektrums, wie die weisse rechte Konservative Partei und der schwarze linke PAC, die den Wandel ablehnten. Nachdem die neue Verfassung auch in einem Referendum bestätigt wurde, trat sie in Kraft. Damit war der formale Teil der Transition erledigt, endete die älteste Diktatur Europas. Die Todesstrafe wurde abgeschafft (vor Frankreich!). Regionen (Autonome Gemeinschaften, Comunidades Autónomas) wurden aufgewertet.

Anfang des 18. Jahrhunderts waren unter den ersten Bourbonen am spanischen Thron die nach der Entstehung Spaniens 1469 fortbestandenen Eigenständigkeiten der Einzelreiche abgeschafft und das Land unter Zugrundelegung des kastilischen Rechtssystems als Zentralstaat organisiert worden. 1822 und 1833 wurden durch Verwaltungsreformen Provinzen geschaffen sowie “historische Regionen”, die aber keine Selbstverwaltung bekamen. Während der Zweiten Republik (1931–1939) traten Autonomiestatute für Katalonien (1932) und das Baskenland (1936) in Kraft, diese Regionen bekamen zu wählende Parlamente und darauf zu bildende Regierungen. Das Autonomiestatut für Galizien trat wegen des Ausbruchs des Bürgerkriegs nicht mehr in Kraft. Unter Franco wurden neben den Provinzen (und historischen Regionen in der Ebene darüber) 11 Militärregionen unter Generalkapitänen geschaffen, um regionalen Aufständen vorzubeugen; die beiden Militärregionen der Archipeln Balearen und Kanaren hatten eine Sonderstellung gegenüber den 9 anderen. In Katalonien und Baskenland war die Diktatur besonders schlimm.

Durch die Verfassung von 1978 bekamen die Regionen nun, teilweise erstmals, föderale Institutionen und Rechte. Manche früher (Katalonien, Baskenland, wo bei den nationalen Wahlen 1977 und 1979 Regionalparteien ca. 1/3 Stimmen bekamen), die anderen später. In Katalonien und dem Baskenland wurden vor den ersten Regionalwahlen 1980 Regierungen eingesetzt. In Katalonien wurde sie von ERC-Mitbegründer Tarradellas geleitet, der während des Bürgerkriegs bzw den letzten Jahren der Republik schon in der katalanischen Regierung gewirkt hatte, und dann an der Spitze der katalanischen Exilregierung gewesen war. Die Regionalsprachen wurden wiederbelebt. Der Themenkomplex Föderalismus-Nationalitäten-Regionalismus-Separatismus war eine Herausforderung für die junge Demokratie, zumal die ETA weiter Attentate verübte (die Polizei-Aktionen hervorriefen) und für die Unabhängigkeit des Baskenlands kämpfte. Die kanarische Unabhängigkeits-Bewegung der Guanchen flaute dagegen mit dem Ende der zentralistischen Diktatur und Gewährung der Autonomie ab; jene der Katalanen war erst im Entstehen. Spanier in den verschiedenen Regionen haben eben verschiedene historische Erfahrungen gemacht. Die Basken blieben ein Stachel im Fleisch Spaniens, oder umgekehrt. Der rechte Flügel der UCD war gegen (zuviel) Föderalismus, die Bildung der Regionen war ein Streitpunkt in der Transicion.

1979 wurde das Parlament auf Grundlage der neuen Verfassung neu gewählt, es gab ein ähnliches Ergebnis wie 2 Jahre zuvor. Die sozialistische PSP hatte sich der PSOE angeschlossen, die etwas zulegte. Blas Piñars Fuerza Nueva trat wieder mit den Karlisten der Comunión Tradicionalista und anderen Rechten (als Union Nacional) an, gewann diesmal einen Sitz, den Pinar selbst einnahm. Die UCD regierte bis 1982 weiter. Suarez liess nach seiner Wiederwahl im Parlament keine Diskussion seiner Regierungserklärung zu, entgegen seinen demokratischen Verdiensten. Rodríguez Sahagún wurde der erste Zivilist als Verteidigungsminister, führte einige Reformen durch, zB wurde die Militär-Gerichtsbarkeit strikt für Fälle aus dem Umfeld des Militärs eingeschränkt (was bald zur Anwendung kommen sollte). In dem Jahr fanden auch die ersten Kommunalwahlen nach Franco statt, die UCD bekam auch in den Gemeinderäten die meisten Sitze, in Madrid siegte Tierno Galvan von der PSOE.

Die Franquisten, die dabei waren, ihre Macht zu verlieren, bäumten sich noch ein letztes Mal auf, am 23. Februar 1981 (“23-F”). Premier Suarez war zurückgetreten, hauptsächlich aufgrund von Streit in seiner Partei. Leopoldo Calvo Sotelo, der schon Suarez’ Nachfolger als UCD-Chef geworden war, erhielt im ersten Anlauf zur Wahl des neuen Premiers im Unterhaus am 20. Februar nicht die Mehrheit. Am 23. Februar war der zweite Wahlgang im Gange, als 200 mit Bussen angereiste Mitglieder der paramilitärischen Polizeitruppe Guardia Civil (lackbehütete Männer, denen der Dichter Federico Garcia Lorca schon vor der Diktatur auch “Seelen aus Lack” zuschrieb) unter Antonio Tejero den Abgeordnetenkongress im Palacio de las Cortes stürmten. Für etwa 18 Stunden waren sie in der Gewalt der Bewaffneten: die 350 Abgeordneten (darunter der spätere Premierminister Felipe Gonzalez, der spätere NATO-Generalsekretär Javier Solana und der spätere EU-Kommissar Joaquin Almunia in den Reihen der Sozialisten, Kommunisten-Chef Carrillo, Fraga von der AP, der Chef der Baskenpartei PNV Arzalluz sowie der Rechtsextremist Pinar – möglicherweise der Einzige im Saal der mit den Putschisten sympathisierte), die Minister (u.a. der zurückgetretene Premier Suarez, der künftige Calvo), Parlamentspräsident Lavilla und das Personal.

Als der Ex-General und -Verteidigungsminister Gutierrez (1979-81 wieder Vize-Premier ohne Ressort) Widerstand leisten wollte (Suarez kam ihm dabei zu Hilfe), schoss Tejero mit seiner Maschinenpistole in die Luft. Die Ereignisse wurden live im Radio übertragen sowie für das TV aufgezeichnet (nachher gesendet). Ein Teil der Polizisten hielt draussen Wache. Einige Abgeordnete wurden weggebracht und getrennt gefangen gehalten. Tejero hatte schon 1978 einen Putschplan ausgeheckt, nach dem Lokal in dem sich die Verschwörer getroffen hatten, “Galaxia” genannt, dafür wurde er 1980 verurteilt, zu ein paar Monaten Gefängnis. Der Putschversuch 81 kam zu Zeitpunkt eines drohenden Zerfalls der UCD, Regierungsumbildungen, Kampf der und gegen die ETA, Arbeitskämpfen. Der Chef der Militärregion um Valencia, Del Bosch, unterstützte die Sache, liess Panzer auffahren, demonstrierte Macht, auch der Generalstabs-Offizier Armada. Sieben der restlichen 10 Regionalkommandanten stellten sich weder hinter noch gegen die Putschisten, warteten ab oder sympathisierten insgeheim.

Das imperiale Selbstverständnis von Teilen von Militär und Polizei, die während des Übergangs bis dahin so gut wie nie interveniert hatten, kam nun doch zum Vorschein. Die Sache war nicht gegen den König gerichtet, sondern gegen die Demokratie, bezüglich Juan Carlos hatten manche noch immer die Erwartung, dass er den autoritären Staat Francos fortführen würde. Viele der nicht im Parlament anwesende Politiker und Funktionsträger tauchten unter; der König stand in engem Kontakt mit den Staatssekretären der Ministerien (v. a. Innen-Staatssekretär Laina war wichtig) und dem Generalstab des Militärs. Der Guardia Civil-Chef kam zum Parlament und versuchte erfolglos, den Abzug zu erreichen. Tausende Spanier fuhren, das Schlimmste (einen Militärputsch oder einen Bürgerkrieg) fürchtend, Richtung Frankreich oder Portugal. Entscheidend war die nächtliche Rede des Königs über das Fernsehen, in seiner Generalkapitäns-Uniform, in der er klar gegen den Putsch Stellung nahm. Am 24. Februar gab zunächst Del Bosch auf, die Tejero-Gruppe liess dann nach Verhandlungen zuerst die weiblichen, dann die männliche Politiker frei, zog zu Mittag ab, wurde kurz danach verhaftet.

Drei Tage später wurde die Wahl Calvo Sotelos nachgeholt. 1982 wurden 30 von 300 Beteiligten von einem Militärgericht verurteilt, die oberen Ränge von Militär und Polizei; Dienstgrade vom Leutnant abwärts wurden nicht zur Verantwortung gezogen, da man davon ausging dass sie nur Befehle ausgeführt hatten, keine Eigeninitiative entwickelt. Der einzige verurteilte/beteiligte Zivilist war der franquistische Gewerkschafter Carres. Die Abwendung dieses Militärputsches oder der Machtwechsel 1982 nach dem PSOE-Wahlsieg markieren am ehesten den Abschluss der Transicion. Wie symbolhaft: Suarez ist dabei abzutreten, die (Post-) Franquisten versuchen die Herausforderung der Demokratie, scheitern. König Juan Carlos spielte am kritischsten Punkt der Transicion wieder eine Schlüsselrolle, konnte sich bei Vielen erst hier ganz von von seinem Image bzw Ursprung als Franco-Zögling emanzipieren.

Es gibt einige Alternativtheorien und einige unklare Punkte zu 23-F. Und, die Sache hätte unter Umständen auch anders ausgehen können. Der Grossteil von Militär, Polizei und Geheimdienst agierte tatsächlich als “Sicherheitskräfte”, aber es gab wohl einen Anteil an heimlichen Sympathisanten des Staatsstreichs sowie an Unentschiedenen bzw Indifferenten. Wenn Parteien und Gewerkschaften am Vormittag des 24. Februar Massendemonstrationen veranstaltet hätten, hätten diese einen Vorwand für ein Eingreifen haben können. Am brisantesten wäre ein Eingreifen der División Brunete vor den Toren Madrids gewesen, dieses hätte alles ändern können. Der ehemalige Kommandant dieser Division, General Torres, inzwischen anderswo tätig, versuchte damals, sie zum Einmarsch nach Madrid zu bewegen, wo sie strategische Punkte wie die Rundfunkanstalt unter Kontrolle bringen sollte. Dies wurde von ihrem aktuellen Chef Juste sowie dem Regionalkommandant von Madrid verhindert. Torres hatte aber Sympathisanten in der Division, in verschiedenen Rängen. So fuhr “nur” ein Teil der Militärpolizei der Division zum Kongresspalast und schloss sich den Geiselnehmern an. Soldaten einer anderen Einheit haben daneben die Sendezentrale des Staatsrundfunks RTVE am Abend des 23. kurz unter ihre Kontrolle gebracht. Nachdem diese abgezogen waren, begaben sich zwei Aufnahmeteams des Fernsehens zum Zarzuela-Palast, um dort die Erklärung des Königs aufzuzeichnen – der Wendepunkt bei dem Putschversuch.

Und, im Juli 1936, war die Armee (das Offizierskorps und die Soldaten der Einheiten, die sie befehligten) und dann die Bevölkerung in zwei Lager zerfallen, nachdem sich einige Generäle erhoben hatten. Aus einem geplanten Militärputsch wurde damals ein Bürgerkrieg. Einer der Auslöser für den “Aufstand” war damals übrigens der Mord an dem Monarchisten-Führer José Calvo Sotelo, Onkel von Leopoldo, der aber 1981 auf der Seite der Demokraten war. Ein absurdes (?) Szenario: Eine Fussball-WM 1982 in einem Spanien unter der Herrschaft des Militärs, was mit Havelange, Samaranch, Reagan, Neuberger durchaus vorstellbar wäre, siehe Argentinien vier Jahre zuvor; mit diesem König allerdings schwer. In Südafrika war der Mord an Chris Hani 1993 jenes Ereignis, das die Demokratisierung am stärksten gefährdete.

Die vorgezogenen Neuwahlen mit der absoluten Mehrheit der PSOE 1982 brachten den Regierungswechsel zu Felipe Gonzalez, welcher auch oft als Abschluss der Transición gesehen wird. Wenn jene, die während der Diktatur von jeder Mitgestaltung ausgeschlossen waren, die Möglichkeit dazu bekommen, hat sich wirklich etwas verändert. Und, König Juan Carlos musste danach nicht mehr in die Politik eingreifen, konnte sein Amt wie das eines repräsentativen Staatsoberhaupts führen. Das spanische Heer bekam mit dem NATO-Beitritt in diesem Jahr einen anderen “Rahmen”. Der neue Verteidigungsminister Serra, ein katalanischer Zivilist, begann ausserdem mit Reformen der Institution: Die militärische “Vormundschaft” über zivile Aktivitäten wie die Zivilluftfahrt und -schifffahrt wurde beendet. Die Zahl der Militärregionen wurde verkleinert. Zivilisten kamen verstärkt in hohe Positionen des Verteidigungsministeriums. Der EG-Beitritt 1986 (zehn Jahre davor von Suarez beantragt) ist wohl der späteste Zeitpunkt, an dem man den Abschluss des Übergangs zur Demokratie in Spanien nach Franco ansetzen kann – der früheste mögliche ist die neue Verfassung 1978. Der Terrorismus der ETA (die auch mehrmals versuchte, den König zu ermorden) blieb eine Bedrohung für die Demokratie, zumal im Zuge seiner Bekämpfung undemokratische Praktiken gefördert bzw möglich wurden.

Im Schatten von drei weiteren PSOE-Wahlsiegen ging ein grosser Teil der UCD in der AP auf, die dann zur Partido Popular wurde. Diese deckte auch den Bedarf im rechten Spektrum so weit ab, dass die Fuerza Nueva oder eine andere pro-franquistische, rechtsextreme Partei keine Chance hat(te). José Maria Aznar, der 1996 Nachfolger von Gonzalez als Premier wurde, war in einer falangistischen Studentenorganisation aktiv gewesen, dann in der AP. Der ehemalige Steuerinspektor verlieh als Premier dem hochrangigen Funktionär der franquistischen politischen Polizei Brigada Político-Social, Gestapo-Zuarbeiter und Folterer von “Terrorverdächtigen” (v.a. Basken), Manzanas, posthum einen Orden.

Es gibt, unabhängig von der Tatsache, dass sein Vater und Grossvater franquistische Journalisten und Staatsfunktionäre waren, weitere “Revisionismen” dieser Art von Aznar. Viele Inhalte seiner Politik zeigen, was “rechts” heute eigentlich bedeutet, nicht nur im spanischen Zusammenhang. 2005 wurden unter der PSOE-Regierung unter Zapatero zwei verbliebene Franco-Statuen in Madrid und Guadalajara entfernt. Manche Strassen und Plätze tragen noch immer den Namen des Diktators. Das Amnestiegesetz von 1977 verhindert eine juristische Aufarbeitung der Franco-Diktatur, es gab keine Verurteilungen von franquistischen Führern oder Aus-Führern (Angehörigen von Unterdrückungskräften). Aber auch eine politisch-gesellschaftliche Aufarbeitung hat auch 40 Jahre nach ihrem Ende wenig stattgefunden.

Viele Franquisten wurden Demokraten, halfen bei Übergang mit, angefangen mit Adolfo Suarez. In der Spät-Zeit des Franquismus hatte sich eine Tácitos genannte Gruppe von Intellektuellen gebildet, die innerhalb des Rahmens des Systems agierten und für einen Übergang zur Demokratie eintraten, dazu gehörten Calvo, Cabanillas oder Lavilla, die auch während der Transicion aktiv waren. Leopoldo Calvo hatte mit anderen Reformern eine “Firma” gegründet, da politische Vereinigungen neben der Staatspartei verboten waren. Jener Politiker aus der Zeit des Spät-Franquismus, der am längsten in der Demokratie politisch aktiv war, war Fraga, der lange Regierungschef in Galizien war. Jene Franquisten, die keine Demokratie wollten, sammelten sich hauptsächlich rechts von Fragas AP (die dann in der Partido Popular aufging), von wo aber seit Anfang der 1980er keiner Gruppierung mehr der Sprung ins Parlament gelang.

Die Auflösung der UCD 1983 korrespondiert mit der Umwandlung der Nationalen Partei Südafrikas nach der “Pretoriastroika” 1996 zur NNP. Während diese in der Bedeutungslosigkeit verschwand, wanderte der grösste Teil der Funktionäre und Wähler zur Democratic Party. Einige Wenige, die schon in der Spätzeit der Apartheid von Bedeutung waren, waren auch dort noch aktiv, etwa “Kraai” van Niekerk. Borbon und Mandela hatten beide eine wichtige, “symbolische” Rolle bei der Demokratisierung, agierten mehr über Worte und Gesten als Taten bzw mit realer Macht. Der Übergang an sich fand in Südafrika eigentlich unter De Klerk als Präsident statt (1989-94), wenn er auch in dieser Phase die Kontrolle über den Transformationsprozess an Mandela verlor. De Klerk ist in gewisser Hinsicht die Entsprechung zu Suarez, als beide aus dem alten Regime kamen und die “technische” Arbeit des Übergangs vollbrachten. In Spanien gab es kein Äquivalent zur Rugby-WM 95, die der Präsident Südafrikas zur Versöhnung nutzte; fand diese in Spanien eher im Verborgenen als im Öffentlichen statt?

Die Entstehung, der Charakter und das Ende der Diktatur in Portugal war ähnlich und doch anders: Sie entstand früher, die Monarchie war schon länger zuvor abgeschafft, sie war weniger repressiv. Der Estado Novo war, nicht zuletzt aufgrund seiner traditionellen Allianz mit GB, noch näher an den Alliierten (und weiter von den Achsenmächten entfernt, nicht nur geografisch). Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Salazar-Regime ein wichtiger Verbündeter des Franco-Regimes. Teile des Militärs brachten das Regime zu Fall. Die Kolonien waren wie erwähnt wichtiger als für Spanien, wurden brutaler zu halten versucht. Aber das portugiesische Regime war weniger rassistisch (das ist ein generelles portugiesisches Charakteristikum), die Leute in bzw aus den Kolonien integrierter. Dass ein Schlüsselspieler des Fussball-Nationalteams ein “Farbiger” aus den Kolonien in Afrika war, wie Eusebio (Ferreira) aus Mocambique in den 1960ern in Portugal, war in Spanien undenkbar.

Mit Eduardo Nascimento vertrat 1967 in Wien auch ein Einwanderer aus Angola Portugal beim Song Contest, einer der ersten “Schwarzen” bei diesem Bewerb überhaupt. Infolge des Umsturzes kam es 1975 zur Entkolonialisierung, der Grossteil der Siedler kehrte ins Mutterland zurück. Auch hier wurde das Ausser-Europäische aufgegeben und das Land wurde wieder europäischer. Im selben Jahr gab es eine freie Wahl und den Beginn der Ausarbeitung der neuen Verfassung. Als Spanien 1976 mit der Demokratisierung begann (Ablöse Arias’), war sie in Portugal schon praktisch abgeschlossen. Der Linke Soares nahm hier am ehesten die Rolle von Suarez ein, dessen UCD entsprach aber die PDS.

Material:

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Javier Tusell: Radiografía de un golpe de Estado (1987, span.)

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http://www.rtve.es/noticias/23f/ (Über den Putschversuch, auf Spanisch)

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http://lareplica.es/juicio-y-mito-de-la-transicion/ (Artikel, auf Spanisch)

www.youtube.com/watch?v=1RRwRSGI79M Proklamation von Juan Carlos zum König und seine Rede in den Cortes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vom Erbe der Apartheid

Die Apartheid in Südafrika bedeutete rassische Hierarchie und Afrikaaner-Vorherrschaft; ersteres war auch vor der Alleinregierung der Nationalen Partei schon, weniger formell, gegeben. Apartheid beinhaltete auch den Versuch, die Asiaten und Mischlinge gegen die schwarze Bevölkerungsmehrheit auszuspielen. In den anglosächsisch dominierten Ländern USA, Kanada, Australien, Neuseeland war bezüglich der Abtrennung und Schlechterstellung der “Farbigen” lange ähnliches gegeben wie in Südafrika und seinen Nachbarländern Südwestafrika (Namibia; das vom 1. Weltkrieg an bis zur Unabhängigkeit von Südafrika verwaltet wurde) und Rhodesien (Zimbabwe). Brachte die Apartheid abseits aller falscher Apologetik auch gutes für das Land oder wenigstens einzelne Gruppen? Nun, was die Afrikaaner/Buren betrifft, in den 1950er-Jahren (als die Apartheid noch ziemlich jung war) war noch die Mehrheit von ihnen auf Farmen beschäftigt oder arbeitete in minderqualifizierten Tätigkeiten als Industriearbeiter. Mitte der 1970er hatten ungefähr 70% den Aufstieg zu einer neuen Mittelschicht vollzogen. Diese musste aufgrund ihres höheren Bildungsstandes keine Konkurrenz von Schwarzen um Arbeitsplätze mehr fürchten; diesen wurde nun fast jede Bildung vorenthalten.

Die Haltung vieler Staaten des Westens zum Apartheid-Regime war beschämend, viele haben erst in den 1980ern ihre enge wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit mit dem Regime eingestellt; als Rechtfertigung wird gerne die Frontstellung des Kalten Krieges genannt. Dass die Sowjetunion Befreiungsbewegungen des südlichen Afrikas unterstützte, sagt aber eher etwas positives über deren Aussenpolitik aus, als dass sie westliche entschuldigt. Kein Staat ausserhalb der “Dritten Welt” hat mehr gegen die Apartheid getan als die Sowjetunion, auf verschiedenen Ebenen. Nelson Mandela und der ANC (African National Congress) begannen Anfang der 1960er den bewaffneten Kampf gegen die Apartheid (der sich mit jenem in den südafrikanischen Nachbarländern verband), setzten sich dann Anfang der 1990er mit der NP-Regierung an den Verhandlungstisch und leiteten nach der freien Wahl von 1994 den Übergang zur Demokratie.

Zu Apartheid-Zeiten betrieb Südafrika mit auswärtiger Hilfe ein Atomwaffenprogramm; 1988 hat das Regime in Angola einen Einsatz erwogen, kurz bevor der Konflikt dort und in den anderen Ländern des südlichen Afrika, nicht zuletzt wegen der Entschärfung des Kalten Kriegs, einem Ende zusteuerte. Die Atomwaffen (die erst nach ihrer “Entschärfung” offiziell bekannt gegeben wurden) wurden praktisch parallel mit der Apartheid aufgegeben; die Opposition zum Aufgeben des militärischen Atomprogramms war gleichzeitig eine zur Beendigung der Apartheid, etwa beim 2008 verstorbenen Atomwissenschafter “Wally” Grant.

Parteitag der Nationalen Partei 1985, am Rednerpult der damalige Staatspräsident Pieter W. Botha
Parteitag der Nationalen Partei 1985, am Rednerpult der damalige Staatspräsident Pieter W. Botha; “1915” bezog sich übrigens auf das Gründungsjahr der Partei

Renfrew Leslie Christie, ein weisser Südafrikaner, fand sich mit 17 Jahren in der Armee des Apartheid-Regimes wieder, das war Ende der 1960er. “Manche in meiner Familie hatten im 2. Weltkrieg [an dem Südafrika durch seine damals noch enge Bindung an Grossbritannien an der Seite der Alliierten teilnahm] Hitler und den Faschismus bekämpft. Mit 17 war mir schon klar dass die Apartheid bekämpft werden musste und ein bewaffneter Kampf das Mittel dazu war.” Als er in der Militärbasis in Lenz bei Johannesburg ein Munitionslager bewachen musste, bemerkte er etwas, dass ihn auf den Verdacht brachte, dass die Apartheid-Regierung etwas mit Nuklearwaffen zu tun hatte. An diesem Punkt begann seine Jagd nach den Apartheid-Atombomben. Aus stiller Ablehnung der Apartheid wurde bei Renfrew Christie ein aktives Engagement. “Ich habe dieser Regierung nicht getraut und wollte nicht, dass sie über Atomwaffen verfügt. Daher habe ich später Informationen an den ANC weitergegeben. Auch als ich dann im Gefängnis war, habe ich mein Verhalten nicht bereut”, sagt er. Anfang der 1970er, als er in Kapstadt studierte, wurde er Vizepräsident der Studentenvereinigung NUSAS. Als sein Armee-Regiment 1975 nach Angola geschickt wurde, kurz nach dessen Unabhängigkeit, hatte er gerade ein Stipendium an der Universität Oxford (GB) gewonnen und durfte daher Südafrika anderwärtig verlassen.

Christie schrieb dort seine Geschichts-Dissertation über die Elektrifizierung Südafrikas; dies gab ihm einen Vorwand, beim Elekrizitätsversorger Eskom zu forschen, auch die Pläne bezüglich Uran-Anreicherung und Plutonium-Erzeugung für das geplante Atomkraftwerk Koeberg bei Kapstadt einzusehen. Aus den Mengenangaben liess sich berechnen, wieviel spaltbares Material für Atomwaffen abgezweigt werden konnte. Bei seinen Heimatbesuchen aus Oxford machte Christie auch Filmaufnahmen über die Realität der Apartheid, etwa in Soweto, wo sich 1976 der Aufstand ereignete. Christie begann, Unterlagen über das damals international nur vermutete Atomwaffenprogramm des Apartheid-Regimes an den ANC (dessen Führung im Exil residierte) weiterzugeben; etwa den Bericht von einer Untersuchung des südafrikanischen Atomic Energy Board über mögliche Orte für nukleare Tests in Südafrika, die sich anscheinend darauf beschränkte, die (Folgen von) Explosionen in „schwarzen“ Wohngegenden zu untersuchen und den radioaktiven Niederschlag in „weissen“.

Christie könnte auch eine vorbereitende Rolle bei Anschlägen der ANC-Miliz Umkhonto we Sizwe auf Kraftwerke in Südafrika gespielt haben – die keine Menschenleben kosteten oder gefährdeten. Die von Abdul Minty geleitete World Campaign against Military and Nuclear Collaboration with South Africa thematisierte das Atomprogramm des südafrikanischen Regimes immer wieder. Minty, ein indischer Südafrikaner, nahm nach dem Ende der Apartheid eine wichtige Rolle im Aussenministerium des Landes ein und kandidierte 2009 für den Posten des Generaldirektors der IAEO in Wien.

1979 kehrte Christie nach Südafrika zurück und wurde bald verhaftet. Er war von dem Apartheid-Agenten Williamson (s.u.), der die internationale Anti-Apartheid-Bewegung infiltriert hatte, aufgedeckt worden. Bei den polizeilichen Einvernahmen in Johannesburg wurde er auch gefoltert. Als es 1980 zum Prozess kam (er sass sieben Monate in Einzelhaft), drohte ihm sogar die Todesstrafe. Dennoch nutzte er die Gelegenheit, noch Empfehlungen an den ANC auszusprechen; er verpackte diese in einem “Geständnis”, das der Richter laut vorlas und damit weiterverbreitete… Er wurde unter dem Terrorismus-Gesetz verurteilt, unter dem er auch verhaftet worden war, zu zehn Jahren Gefängnis. Diese hatte er im Zentralgefängnis von Pretoria zu verbüßen.

Dort wurde er Ohrenzeuge von über 300 Todesstrafen-Vollstreckungen durch Hängen, an politischen Aktivisten wie gewöhnlichen Kriminellen. Die Nähe der Zelle zum Galgen war Teil der Strafe, die man für ihn grausam gestalten wollte. Er erinnert sich daran, dass das Gefängnis zwei bis drei Tage vor einer Exekution mit Gesang erfüllt gewesen war, um den Verurteilten den Abschied von dieser Welt etwas erträglicher zu machen. Am Tag der Hinrichtung gab es dann den Klang der Falltüre und das Hämmern von Nägeln, nachdem der Tote in einen Sarg gelegt worden war. Christie traf im Gefängnis in Pretoria auch Dimitri Tsafendas, der 1966 den “Apostel der Apartheid”, Premierminister Hendrik Verwoerd, ermordet hatte.

Tsafendas, griechisch-mosambikanischer Herkunft, war damals Parlamentsdiener gewesen. Zum einen war er unglücklich mit seiner Stellung im Apartheidsystem gewesen, die auch etwas von einem Kastensystem hatte, zum anderen sind psychische Probleme als Motivation für seine Tat anzuführen (er sagte aus, dass ein Bandwurm in ihm Anweisungen gäbe) – wobei diese zwei Faktoren wohl auch miteinander korrelierten. Wie Brian Bunting in “The Rise of the South African Reich” schrieb, war die Tat von Tsafendas, wie auch der Mordversuch an Verwoerd durch einen Weissen, David Pratt, sechs Jahre zuvor, weniger die Aktion individueller Gewalttäter mit psychischen Problemen, als Symptom einer gestörten und unterdrückten Gesellschaft, in der sich Spannungen so entluden.

Christie machte in Haft einen weiteren Studienabschluss, in Wirtschaft. Während seiner Zeit im Gefängnis bekam er auch mit, dass seine Freundin aus der Zeit an der Witwatersrand-Universität, Jeanette Schoon, in Angola von einer Paketbombe getötet worden war (s.u.). Zu den politischen Gefangenen des schwarzen Widerstands war er durch die konsequente Rassentrennung auch in Haft getrennt; Nelson Mandela und die meisten anderen von ANC, PAC, z.T auch von der namibischen SWAPO, saßen auf Robben Island vor Kapstadt, mehr als 1500 km entfernt von den weissen “politischen” in Pretoria. 1986 wurde Christie vorzeitig freigelassen, nach 7 Jahren in Haft. Nachdem Anfang der 1990er die Weichen für eine Demokratisierung Südafrikas gestellt waren, widmete er sich wieder Forschung und Lehre; wobei er vorher aufgrund seiner politischen Tätigkeit auch an keiner Universität eine Chance hatte.

Er ist heute an der Westkap-Universität in Kapstadt  (UWC), scheint sich auch weiter mit dem südafrikanischen Nuklearprogramm beschäftigt zu haben. Seine Oxford-Dissertation “The Electrification of South Africa, 1905-1975” (1979) dürfte abseits der “Hintergedanken”, die er bei der Wahl des Themas hatte, eine wichtige und lesenswerte Arbeit sein. Die Elektrifizierung Südafrikas wurde, nebenbei, erst nach dem Ende der Apartheid für alle vollendet. Das 1984 erschienene Buch von ihm, “Electricity, Industry, and Class in South Africa” scheint ein “Abspann” bzw. eine Verarbeitung seiner Doktorarbeit zu sein. Christie arbeitet auch in einem Beratungsgremium für das Verteidigungsministerium sowie in einer Bezirksgruppe des ANC in Kapstadt mit. Nelson Mandela hat er nicht gut gekannt, dessen langjährige Ehefrau Winnie schon. Über das heutige Südafrika sagt er: “Es hätte auch so kommen können, dass wir weitere 20 Jahre aufeinander schiessen, wir müssen froh sein, wie es ausgegangen ist. Wir haben eine gewisse Stabilität, politisch und wirtschaftlich, erreicht. Ja, manchmal wird bei uns eine dumme Politik gemacht, aber das gibt es überall auf der Welt.”

Das Atomforschungszentrum in Pelindaba, heute Teil der zivilen nuklearen Infrastruktur Südafrikas. Die erste Atombombe Südafrikas war hier produziert worden
Das Atomforschungszentrum Pelindaba, heute Teil der zivilen nuklearen Infrastruktur Südafrikas. Die erste Atombombe Südafrikas war hier produziert worden

Der von Christie an den ANC weitergegebene Untersuchungsbericht wurde von diesem 1979 auf einem UN-Seminar in London über „Nukleare Zusammenarbeit mit Südafrika“ präsentiert. Teilnehmer an dem Seminar war der “Apartheid-Meisterspion” Craig Williamson, als Vize-Direktor der „Internationalen Universitäts Austausch-Stiftung“ (IUEF). Williamson arbeitete für eine Spezialeinheit der südafrikanischen Polizei und den Militär-Geheimdienst. Er tarnte sich mit einer falschen Identität als Apartheid-Gegner, seit er ein Studium an der “Wits” (Witwatersrand-Universität) begonnen hatte und Funktionär der Studentenvereinigung NUSAS wurde, und infiltrierte im Auftrag des Regimes die internationale Anti-Apartheid-Bewegung („Operation Daisy“). Er setzte dies 1976 zunächst im Exil in Botswana fort, machte dort Bekanntschaft mit Lars-Gunnar Eriksson, Leiter der IUEF, die Stipendien für afrikanische Studenten vergab, in der Schweiz ihren Sitz hatte und von der schwedischen Regierung unter Olof Palme unterstützt wurde, die überhaupt ein Förderer der Anti-Apartheid-Bewegung war.

Williamson wurde Vize-Direktor der Stiftung, nutzte die Position zum Ausspionieren von Anti-Apartheid-Aktivisten und zur Zweckentfremdung von IUEF-Geldern für das Apartheid-Regime. Die Tätigkeit brachte ihn auch in Kontakt mit Bernt Carlsson, Olof Palmes Wegbegleiter und Generalsekretär der Sozialistischen Internationale (SI) – und späteres Opfer des Fluges, der aufgrund eines Anschlags über dem schottischen Lockerbie abstürzte (s.u.). 1980 wurde Williamson enttarnt, durch einen Überläufer des südafrikanischen State Security Council den einen Angaben zufolge, durch die britische Zeitung “The Guardian” nach anderen. Ihm gelang die Rückkehr nach Südafrika; er zog von dort aus in den folgenden Jahren bei vielen Gewalttaten des Apartheid-Regimes die Fäden.

Etwa bei den Briefbomben an Ruth First und die Schoons, weissen Regimegegnern im Exil. Bei anderen wird er der Urheberschaft verdächtigt, so beim Mord an Olof Palme, an der ANC-Repräsentantin in Paris, Dulcie September, oder beim Flugzeugabsturz von Samora Machel, dem Präsidenten Mocambiques (dessen Witwe später Nelson Mandelas dritte Ehefrau wurde). 1987 versuchte Williamson, für die regierende Nasionale Party den Parlamentssitz in einem liberal geprägten Wahlkreis im Norden Johannesburgs zu erlangen, verlor aber gegen den Kandidaten der Progressive Federal Party (eine Vorgänger-Partei der heutigen Democratic Alliance). Er wurde im selben Jahr Mitglied des Präsidialrates und blieb es bis 1991. Williamson rekrutierte auch eine Spionin, die wie er eine gewisse Bekanntheit erlangte, Olivia Forsyth. Sie lief irgendwann zum ANC über, was aber möglicherweise Teil ihres Spiels bzw. ihres Auftrags war. Ein anderer Günstling Williamsons war Joseph Klue, der auch mit etlichen Gewaltakten in Verbindung gebracht wird.

Das Apartheid-Regime unterstützte auch, über Williamson, die 1986 gegründete International Freedom Foundation (IFF), eine antikommunistische Stiftung in USA, die v.a. Propaganda gegen Gegner der Apartheid lancierte. An ihrer Spitze stand der verurteilte Lobbyist Jack Abramoff. Die IFF unterhielt enge Beziehungen zum Western Goals Institute (in GB), das wiederum enge Beziehungen mit der südafrikanischen Konservativen Partei (die die ersten freien Wahlen 1994 boykottierte) oder der World Anti-Communist League (WACL) unterhielt. In diesen antikommunistischen Netzwerken des (späten) Kalten Kriegs waren auch Milizen und Parteien aus der 3. Welt (UNITA, ARENA, afghanische Mujahedin,…), Exilregierungen von Ostblock-Ländern und Rechts-Konservative im Westen eingebunden.

Williamson war für die IFF in Südafrika verantwortlich. 1988 produzierte Abramoff mit seiner Hilfe im damaligen Südwestafrika den US-amerikanischen Spielfilm “Red Scorpion”. Der Schwede Dolph Lundgren spielte darin wieder mal den bösen Russen (“Leutnant Nikolai Rachenko”, was eigentlich ein ukrainischer Name ist, aber die waren damals noch nicht die Guten), sein Gegenspieler ist ein antikommunistischer Guerilla-Führer, der an den Führer der angolanischen Terrorgruppe UNITA, Jonas Savimbi (von Washington and Pretoria unterstützt), angelehnt ist.

In den 1990ern arbeitete Williamson als Diamantenhändler in Angola, möglicherweise bei der südafrikanischen Söldnerfirma “Executive Outcomes”. Er ersuchte 1995 die Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC), die Verbrechen der Apartheid wie auch im Kampf gegen sie juristisch aufarbeitete, für die Morde an First und den Schoons sowie den Anschlag auf das ANC-Büro in London 1982 um Amnestie. Der hinterbliebene Marius Schoon sagte vor der Kommission aus, er sei nicht bereit, Williamson den Mord an seiner Frau und seiner Tochter zu verzeihen. Für den Anschlag in London erhielten Williamson und sieben andere Mitglieder der Spezialpolizei, darunter der Vlakplaas-Chef Eugene de Kock (einer der wenigen Apartheid-Funktionäre, die dann vor der Kommission nicht ungeschoren davonkamen), 1999 Amnestie. Für die anderen Verbrechen wurde Williamson nach langen Erhebungen im Juni 2000 ebenfalls Amnestie gewährt, da sie nach Ansicht der Kommission politisch motiviert waren (was meist schon ausreichte). Nach der Verkündung des Urteils kam es zu Protesten. In seinen “inoffiziellen” Stellungnahmen zu seiner Vergangenheit kam keine Reue, nur Apologetik.

Marius Schoon war der wichtigste/prominenteste Afrikaaner im Anti-Apartheid-Kampf nach “Bram” Fischer, einem Enkel eines Präsidenten des Oranje-Freistaats, der sich der SACP anschloss und im Gefängnis starb. 1977 heiratete Schoon Jeanette Curtis, die wie er gegen die Apartheid eingestellt war, auf der Universität und in der Gewerkschaft diesbezüglich aktiv war. Das Paar entschied sich, Südafrika zu verlassen, und die Apartheid von aussen zu bekämpfen anstatt im Land verhaftet zu werden. Sie gingen, mit ihren Kindern Kathryn and Fritz, zuerst nach Botswana, dann nach Angola, agierten im Umfeld des ANC. Craig Williamson war Kommilitone von Marius Schoon gewesen, erschlich sich das Vertrauen der exilierten Familie. 1984 organisierte er einen Brief-/Paketbombenanschlag auf sie – er galt primär Marius, tötete aber Jeanette und die 6-jährige Tochter Kathryn. Ausgeführt wurde der Anschlag vom selben Polizei-Agenten wie der Briefbombenanschlag auf Ruth First in Mocambique zwei Jahre zuvor, Roger Raven.

Ruth First und ihr Mann Joe Slovo waren jüdische Südafrikaner, Kommunisten, in der Führung der SACP, auch lange im Exil in Afrika und Europa. Slovo wurde nach dem Ende der Apartheid unter Nelson Mandela Minister. Für solche Mordanschläge machte das Apartheid-Regime damals interne ANC-Machtkämpfe verantwortlich… Marius kehrte Anfang der 1990er, als De Klerk den Übergang von der Apartheid zur Demokratie einleitete, nach Südafrika zurück, heiratete noch einmal und kämpfte vor seinem Krebstod 1999 vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission gegen Amnestie für die Mörder seiner Familie; neben Williamson und Raven war das ein Willem Schoon, alle bekamen aber am Ende Amnestie. Marius’ Sohn Fritz und Ruth Firsts Töchter, darunter die Autorin Gillian Slovo, brachten 2002, 2 Jahre nach der Amnestie-Entscheidung, einen Antrag auf Überprüfung dieses Urteils ein. Vertreten wurden sie dabei von George Bizos, der auch schon Nelson Mandela verteidigt hatte. Williamson wurde dann zur Zahlung einer Kompensationssumme verurteilt, die einer Stipendiats-Stiftung zugute kommen sollte – womit sich bei ihm beinahe ein Kreis schliessen würde. Nachdem er dem nicht nachkam, fand 08 eine Pfändung bei ihm statt.

Dieter Gerhardt, 1953 aus der BRD nach Südafrika eingewandert, dort in der Marine Karriere gemacht, ging den umgekehrten Weg wie Williamson. Er wurde 1983 mit seiner Frau Ruth wegen Spionage für die Sowjetunion verurteilt. Gerhardt war zur Zeit eines wahrscheinlichen südafrikanisch-israelischen Atomtests vor den zu Südafrika gehörenden Prince-Edward-Inseln 1979 Kommandant der Marine-Basis Simonstown. Nach seiner vorzeitigen Freilassung im Februar 1994 (er ging dann in die Schweiz) sagte er gegenüber Medien dazu, seines Wissens nach habe der Atomtest stattgefunden. Er arbeitet heute in der englischen Wikipedia mit, am Artikel über ihn, unter seinem Klarnamen.

Nach dem gleichnamigen Buch des Franzosen Caryl Ferey kam 2014 der Polit-Thriller„Zulu“ ins Kino. Orlando Bloom und Forest Whitaker kämpfen darin als Polizisten in Südafrika gegen einen Arzt, der früher für das Apartheidregime Gift gegen die schwarze Bevölkerung hergestellt hatte und später synthetische Drogen. Fereys Roman (eher ein Krimi als ein politischer Roman) basiert auf der Geschichte von Wouter Basson und Project Coast. Die Atombomben waren nicht die einzigen Massenvernichtungswaffen, die das Apartheid-Regime produzierte, im Rahmen von Project Coast wurden biologische und chemische Waffen hergestellt. Das Programm hatte seine Wurzel in der Zusammenarbeit Südafrikas mit den Briten im 2. Weltkrieg sowie mit Rhodesiern und Portugiesen, die B- und C-Waffen gegen schwarze Befreiungsbewegungen verwendeten.

Anfang der 1980er begann das südafrikanische Militär mit der Forschung an und systematischen Herstellung von biologischen und chemischen Waffen zur Bekämpfung innerer und äusserer Feinde, unter Verletzung eingegangener internationaler Verträge, dem Genfer Protokoll von 1925 (dem Südafrika 1963 beigetreten war) und der Biowaffenkonvention (die es 1972 unterzeichnet und 1975 ratifiziert hatte). Das Programm wurde bald zu Vorfeldfirmen „ausgelagert”, der junge Militärarzt Wouter Basson wurde Verantwortlicher. Eine dieser Firmen war “Delta G Scientific”, die sich auf chemische Waffen konzentrierte und von Philip Mijburgh, einem Neffen von Verteidigungsminister Magnus Malan, geführt wurde. Coast umfasste die Verbreitung von Anthrax, Mittel zur Unfruchtbarkeitmachung von schwarzen Frauen, Kontaktgifte (damit wurde etwa 1989 ein Anschlag auf den politisch engagierten Pfingstler-Geistlichen Frank Chikane verübt), Drogen (wurden nur in schwarze Gemeinschaften eingeführt, um sie „ruhigzustellen“).

Nachdem F. W. De Klerk 1989 Präsident geworden war, wurde er, wie in das Atomwaffenprogramm, auch in das B- und C-Waffen-Programm eingeweiht, 1990, durch den Leiter der medizinischen Abteilung des Militärs (SAMS), Daniel „Niels” Knobel. De Klerk liess dann nur den defensiven Teil, den Schutz gegen Angriffe mit B- und C-Waffen, wie Arbeit an Gasmasken, weiterlaufen. Die Vorfeldfirmen wurden, nachdem staatliche Geldflüsse versiegten, von Verteidigungsminister Malan (keiner, der De Klerks Umgestaltung unterstützte) privatisiert. Basson kontrollierte diese Firmen zum Teil und verlegte sich auf die Produktion von und den Handel mit Drogen. Konkret ging es um Methaqualon(e), als “Mandrax”, “Quaalude” oder “Mozambin” lange zugelassenes Arzneimittel in vielen Ländern. De Klerk wurde erst durch spätere Untersuchungen (v. a. den „Steyn-Report“) mit der wahren Natur von „Coast“ vetraut, in deren Folge er 1993 das Abdrehen des Programms anordnete.

Noch 1992 waren im Rahmen des Programms hergestellte Stoffe, eingesetzt worden, in Mocambique. Bestände der B- und C-Waffen wurden vernichtet, Dokumente darüber auf CD-ROM’s gebrannt. Basson nahm Kopien davon sowie Drogen mit, wie sich herausstellen sollte. Er unternahm damit mehrere Reisen nach Libyen und gab dort möglicherweise Know how über das Programm weiter. Die USA erfuhren Anfang der 1990er vom Programm und übten Druck aus, die Waffen und die Aufzeichnungen zu zerstören, da sie Vorurteile bezüglich der Kontrolle einer ANC-Regierung darüber hatten; ausserdem verlangten sie, Basson unter “Kontrolle” zu bringen. Der ANC war einmütig für das Abdrehen von „Coast“, nur nicht-tödliche Stoffe wie Tränengas sollten behalten werden. Mandela selbst wusste wenig über die Programme des Regimes für Massenvernichtungswaffen, da sie erst nach seiner Inhaftierung und Verurteilung angelaufen waren. Im August 1994 wurde die neue Regierung unter Mandela, die zuvor nur skizzenhaft Bescheid wusste, davon unterrichtet. Südafrika trat unter ihr 1995 der Chemiewaffenkonvention bei. Project Coast wurde von der Wahrheits- und Versöhnungskommission untersucht, da es hier Geschädigte gab. Basson wurde unabhängig davon in einem eigenen Prozess angeklagt und 2002 freigesprochen. Er wurde auf internationalen Druck wieder vom Militär eingestellt (um ihn daran zu hindern, sein Wissen an andere Interessenten weiterzugeben), führte später eine Klinik.

1995 erschien das Buch „The Mini-Nuke Conspiracy. Mandela’s Nuclear Nightmare“ der britischen Journalisten Peter Hounam und Steve McQuillan. Ihre Red Mercury-Hypothese besagt, dass in Apartheid-Zeiten neben den (nach ihrer Entschärfung) deklarierten Atombomben “Mini-Nukes” auf Basis einer Substanz namens “Red Mercury” (Rotes Quecksilber, dessen Existenz ist umstritten) produziert worden seien. Die Waffen seien seit den letzten Tagen der Apartheid in den Händen weisser (afrikaanischer) Rechtsextremisten. Einige ungeklärte Morde in Südafrika und Europa in den 1980ern und 1990ern stünden in Zusammenhang mit Red Mercury. Einer der Ermordeten, Alan Kidger, ein in Südafrika lebender Brite, Vertreter des Chemiekonzerns „Thor SA“, soll damit zu tun gehabt haben, und mit Project Coast bzw. seinen Vorfeldfirmen in Zusammenhang gestanden sein. Delta G hat von “Thor Chemicals” Quecksilber für unbekannte Zwecke gekauft, kurz danach wurde Kidger ermordet. Peter Hounam hatte sich als seriöser Journalist einen Namen gemacht, er war es, dem der abtrünnige Mitarbeiter des israelischen Atomprogramms, Mordechai Vanunu, 1986 in London seine Informationen anvertraute, für die “Sunday Times”. Hounam wurde in Zusammenhang mit dieser Geschichte 2004 in Israel kurzzeitig festgenommen, als er den gerade aus dem Gefängnis entlassenen Vanunu interviewen wollte.

Dem Buch „The Mini-Nuke Conspiracy” zufolge soll auch die Mission der „Coventry Four“ in Zusammenhang mit Red Mercury gestanden sein. Die „Coventry Four“ waren vier Südafrikaner, die trotz des Waffenembargos gegen das Apartheid-Regime 1984 in Grossbritannien für dieses Waffen und militärisches Zubehör besorgen wollten. An dieser Stelle kommt Patrick Haseldine ins Spiel; der britische Diplomat (nicht zu verwechseln mit Michael Heseltine, Verteidigungsminister unter Thatcher) wurde 1989 entlassen, weil er den sanften Umgang der britischen Regierung mit dem Apartheid-Regime kritisierte, wozu er auch die Genehmigung zur Ausreise der vier in Coventry Verhafteten zählt. Konkret hatte er dies in einem Brief an den „Guardian“ kritisiert und Premier Margaret Thatcher der Komplizenschaft mit diesem Regime beschuldigt. Auch Haseldine ist in der englischen Wikipedia in Artikeln ihn und “seine” Themen betreffend, mehr oder weniger offen, aktiv, als „Phase 4“ und unter anderen Benutzernamen.

Den Nicknamen erklärte er dort als die unerklärte vierte Phase des südafrikanischen Atomwaffenprogrammes. Die bekanntgegebene 3-Phasen-Strategie oder „mehrstufige Abschreckungsstrategie“ des Programms sah in der ersten Phase Ambiguität die nuklearen Möglichkeiten des Regimes betreffend vor. Bei einer ernsthaften Bedrohung würde Phase 2 in Kraft treten, in der Hinweise über die Atombomben an die Führer westlicher Staaten, besonders der USA, zugespielt werden sollten, um Hilfe zu erpressen. Falls das nicht funktionierte, würde in Phase 3 ein offener Test oder die Bekanntgabe des nuklearen Potentials stattfinden. Nach der offiziellen Darstellung waren die Waffen somit nur zur Abschreckung bzw. als Einflußmöglichkeit des Apartheid-Regimes und nicht zum Gebrauch gedacht. Man sei nie über Phase 1 hinausgekommen, hiess es in den offiziellen Bekanntmachungen zum Programm. Gerüchte über eine vierte Phase, den in Erwägung gezogenen Einsatz der Bomben (mit denen Mittelstreckenraketen ausgestattet werden sollten) bzw. die Drohung damit, existier(t)en auch abseits von Haseldine.

Auch namhafte west-deutsche Politiker unterstützten lange das Apartheid-Regime. Noch 1988 war der damalige CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauss Ehrengast von Präsident P. W. Botha. Die Abschaffung der Apartheid sei “unverantwortlich” und die Gleichstellung der schwarzen Mehrheit “nicht wünschenswert”, sagte Strauss damals. Treffen mit ANC-Vertretern lehnte er ab. Bei einem öffentlichen Auftritt rief er: “Nie in meinem 40-jährigen politischen Leben habe ich eine so ungerechte und unfaire Behandlung eines Landes erlebt, wie sie Südafrika widerfährt.”

Patrick Haseldine gehört zu jenen, die glauben, dass das Apartheid-Regime auch für den Lockerbie-Anschlag 1988 verantwortlich war. Ein PanAm-Flugzeug, das am 21. Dezember dieses Jahres am Weg von London nach New York war, explodierte über der schottischen Stadt Lockerbie, alle 259 Insassen wurden getötet, elf Dorfbewohner wurden von Flugzeugtrümmern erschlagen. Am Tag darauf wurde in New York ein Abkommen zwischen Südafrika, Kuba und Angola unterzeichnet, das die Unabhängigkeit Namibias, den Abzug der kubanischen Truppen aus Angola und das Ende der Unterstützung der UNITA und der mosambikanischen RENAMO durch Südafrika sowie des ANC durch Angola vorsah. In dem Flieger, der durch den Anschlag abstürzte, kam, auf dem Weg zur Unterzeichnung, auch Bernt Carlsson, nunmehr UN-Kommissar für Namibia, ums Leben, der das Abkommen auch mit ausgehandelt hatte. Südafrikas Außenminister “Pik” Botha sollte ursprünglich auch diesen Flug nehmen, buchte aber noch um. Zwei hochrangige Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes wurden als Attentäter beschuldigt. Sie sollen einen Koffer mit einer Bombe von Malta aus auf die Reise geschickt haben. Drei Jahre nach dem Anschlag erliessen die USA und Grossbritannien Haftbefehl gegen die Agenten.

Um ihre Auslieferung zu erzwingen, verhängten die Vereinten Nationen 1992 Sanktionen gegen Libyen. Tripolis lieferte die Verdächtigen schließlich aus, machte zur Voraussetzung, dass die UN regelmäßig ihre Haftbedingungen überprüft. Im Jänner 2001 wurde der Libyer Abdelbaset al-Megrahi von einem Sondergericht nach schottischem Recht in den Niederlanden zu lebenslanger Haft verurteilt. Der zweite Angeklagte wurde damals freigesprochen, der Schuldspruch gegen Megrahi hingegen in einer Berufungsverhandlung 2002 bestätigt. Der bis dahin in den Niederlanden inhaftierte Megrahi wurde zur Verbüßung seiner Strafe nach Schottland gebracht, ehe er 2009 wegen einer Krebserkrankung vorzeitig freikam, er starb 2012. Er beteuerte bis zu seinem Tod seine Unschuld. Libyens Machthaber Ghadaffi übernahm 2003 die Verantwortung für den Anschlag. Im Zuge der Bemühungen zur Beendigung ihrer internationalen Isolation sagte die Ghadaffi-Regierung zu, den Familien der Opfer insgesamt 2,7 Milliarden Dollar (zwei Mrd. Euro) Entschädigung zu zahlen.

Ein libyscher Anschlag auf den Flieger in dem sich 190 US-Bürger befanden, hätte durch den Hintergrund der militärischen Konfrontation zwischen Libyen und den USA, die 1986 zur Bombardierung von Tripolis geführt hatte, motiviert sein können. Megrahi veröffentlichte nach seiner Freilassung auf seiner Website Dokumente, aus denen hervorgehen soll, dass einer der Hauptbelastungszeugen offenbar mit Einwilligung der US-Regierung bis zu zwei Millionen Dollar für seine Aussage erhalten hatte. Der Malteser Gaudi hatte im Prozess ausgesagt, dass Megrahi Kleider in seinem Geschäft gekauft habe, welche später in dem Koffer mit der Bombe gewesen sein sollen. Nach dem Sturz Gaddafis im Jahr 2011 reisten britische und amerikanische Ermittler nach Libyen, um nach Hintermännern des Anschlags zu suchen und die Archive zu durchforsten. Die schottische Parlamentsabgeordnete Christine Grahame verwies in einem Gastartikel für den „Independent“ darauf, dass fünf Monate vor Lockerbie ein US-Kriegsschiff eine iranische Verkehrsmaschine mit 290 Menschen an Bord – angeblich versehentlich – abgeschossen habe; ein Racheakt des Iran sei naheliegend gewesen. Grahame wies auch darauf hin, dass einige Angehörige wie auch zahlreiche Experten Megrahi für ein Bauernopfer hielten.

Es gibt noch einen Flugzeug-Absturz, der Fragen aufwirft und mit Apartheid-Südafrika eine Verbindung aufweist (die hier viel enger ist). Die “Helderberg”, eine Boeing 747 Combi der South African Airways, war im November 1987 auf dem Flug von Taiwan nach Südafrika vor Mauritius abgestürzt, alle 159 Insaßen wurden getötet. Einigkeit herrscht darin, dass ein Feuer oder eine Explosion an Bord den Absturz verursacht hat, die Ursache dafür ist auch nach zwei Untersuchungen (eine durch die TRC) unklar. Sie dürfte mit der Fracht des Flugzeugs zusammenhängen, über die es auch verschiedene Angaben gibt, neben Fahrrädern und konventionellen Waffen(komponenten) war in diesem Zusammenhang auch von Red Mercury die Rede.

In der Regierungszeit von Olof Palme war Schweden der einzige westliche Staat, der der Anti-Apartheid-Bewegung, speziell dem ANC, grosszügige Unterstützung zukommen liess. Von daher würde die Ermordung Palmes durch das Regime aus deren Sicht Sinn machen. Eine der brisantesten Aussagen in Vernehmungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission war jene von Eugene De Kock (s.o.), wonach das Apartheid-Regime (er nannte hier Craig Williamson) hinter dem Mord an Palme steckte, wegen dessen Einsatzes gegen die Apartheid. De Kock wiederholte die Aussage in seinem Prozess, sein früherer Vorgesetzter Johan Coetzee bestätigte sie. Ein Team schwedischer Ermittler reiste daraufhin nach Südafrika um den Spuren des ungeklärten Attentats nachzugehen, kam aber anscheinend nicht weiter. In der schwedischen Polizei gab es jedenfalls Elemente, die über die International Police Association (IPA) mit Apartheid-Behörden in Verbindung standen, ausserdem mit der WACL, dem Gladio-Netzwerk, auch mit Neonazi-Gruppen; diese könnten in den Mord bzw. seine Verschleierung involviert gewesen sein.

Manche zeigen auf Bertil Wedin, der Offizier in der schwedischen Armee war, dann im Geheimdienst seines Landes, Söldner im Kongo, Kontakte zum türkischen und südafrikanischen Geheimdienst hatte, mit Craig Williamson zusammenarbeitete – als den Mann, der Palme erschossen hat. 2007 veröffentlichte der südafrikanische investigative Journalist De Wet Potgieter das Buch „Total Onslaught, Exposing Apartheid‘s Dirty Tricks“, in welchem er aufgrund von Indizien den Südafrikaner Roy Daryl Allen als Mörder ausmacht. Dieser lebt mittlerweile in Australien und streitet natürlich ab. Da das Apartheid-Regime Gegner seiner Politik, besonders jene, die im Ausland agierten und sich seiner Kontrolle entzogen, häufig ermordete, wäre der Verdacht beim Palme-Mord nicht so abwegig. Anders sieht es bei Uwe Barschel aus, dieser war kein Apartheid-Gegner; aber ein Geschäft mit dem Regime könnte ihm zum Verhängnis geworden sein. Der (dann getötete) südafrikanische Agent Stoffberg, der Aussagen zum rätselhaften Tod Barschels machte, wird auch als sein Mörder genannt.

Eeben Barlow wanderte von Sambia nach Südafrika ein, diente dessen Apartheidtruppen in Angola, dann Spezialeinheiten der Polizei. Er gründete 1989 die Söldner-Firma “Executive Outcomes”, war dadurch vor und nach der Apartheid Teil von Todesschwadronen. Executive Outcomes hat z. B. in Sierra Leone geholfen, den gestürzten Präsidenten Kabbah wieder einzusetzen, für westliche Firmen (Bodenschätze). Die britische Regierung unter Blair und eine britische Söldner-Firma waren daran ebenfalls beteiligt. Auch in Äquatorial-Guinea oder in Papua-Neu Guinea, wo die Regierung eine Rebellengruppe auf der Insel Bougainville bekämpft, die gegen die Umweltzerstörung durch eine grosse Kupfer- und Goldmine im Besitz der britischen Firma “Rio Tinto” kämpft(e), waren Barlows Kämpfer im Einsatz. 1998/99 wurde die Firma wegen einem neuem Gesetz in Südafrika aufgelöst. Lafras Luitingh, auch ehemaliges Mitglied einer staatlichen südafrikanischen Todesschwadron und dann bei Executive Outcomes, soll verantwortlich gewesen sein für die Ermordung zweier Anti-Apartheid-Aktivisten 1989, des Wissenschaftlers David Webster (wie Barlow ein aus Sambia bzw. dem damaligen Nord-Rhodesien stammender Weisser), ein Anthropologe, der angeblich viel über geheime Waffenprojekte wusste, in Johannesburg und des Rechtsanwalts Anton Lubowski in Windhoek (Namibia, damals noch SWA).

Union Buildings, Pretoria, 10. Mai 1994: Amtseinführung von Nelson Mandela (begleitet von seiner Tochter Zindziswa) als Präsident sowie seiner Stellvertreter Mbeki und De Klerk
Union Buildings, Pretoria, 10. Mai 1994: Angelobungsfeier von Nelson Mandela (begleitet von seiner Tochter Zindziswa) als Präsident sowie seiner Stellvertreter Mbeki und De Klerk; in der Reihe dahinter u.a. die Führung des Militärs unter Generalstabschef Meiring

Im November 1989 ordnete der frisch ins Amt gewählte De Klerk (dem nicht der Ruf eines Reformers vorauseilte) ein Moratorium für Vollstreckungen von Todesurteilen an, eines seiner ersten Reformschritte. Im Februar 1990 leitete er mit einem Paukenschlag die Beendigung der Apartheid ein, zu den im Parlament angekündigten Schritten gehörte die Freilassung Mandelas und die Aufhebung des Verbots des ANC. Der Weg bis zur Wahl 1994 und der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit war ein steiler. Die Hauptverhandlungspartner NP-Regierung und ANC fanden spät einen gemeinsamen Nenner; Kräfte an verschiedenen Rändern des politischen Spektrums versuchten den Übergang von der Apartheid zur Demokratie zu stören, am hartnäckigsten die weisse Rechte und die Herrscher der (schwarzen) Homelands, die aufgelöst werden sollten. Die Gefahr der Eskalation war am grössten, nachdem der ANC-Politiker Chris Hani (der als Mandela-Nachfolger gehandelt wurde) 1993 durch Rechtsextremisten ermordet wurde. Nelson Mandelas Fernsehansprache in dieser Situation, in der er, in staatsmännischer Art, die Bevölkerung zur Ruhe aufrief, bewirkte eine Machtverschiebung im Transformationsprozess.

In dem 1991 veröffentlichten (politischen bzw. alternativgeschichtlichen) Roman „Vortex“ des Amerikaners Larry Bond wird der reformorientierte weisse Präsident Südafrikas vom ANC ermordet. Der Innenminister, ein Reformgegner, wusste von den Attentatsplänen und liess es gewähren. Er wird, nachdem sein politischer Gegner tot ist, Präsident. In Namibia kommt es zur Konfrontation mit aus Angola vorgerückten kubanischen Truppen, Massenvernichtungswaffen kommen zum Einsatz, die Grossmächte intervenieren. Der Roman wurde in den 1980ern geschrieben, noch im Kalten Krieg, und gibt die Befürchtungen und Horrorszenarien wieder, die damals allgemein bezüglich Südafrika geteilt wurden.

Die Democratic Party (DP; heute Democratic Alliance) wurde zwischen den Wahlen 1994 und 1999 die Partei der Weissen und 99 offizielle Opposition (was in den angelsächsisch geprägten Staaten die stärkste nicht an der Regierung beteiligte Partei bezeichnet), gewinnt von Wahl zu Wahl ein paar Prozente dazu. 1994 wählten die meisten Weisse und viele Asiaten und Mischlinge NP, (seit) 99 die DP. Auch die meisten Afrikaaner, trotz ihrer englisch-sprachigen und liberalen Tradition. Wahrscheinlich, weil die DP nun “rassischer” ausgerichtet war als die NNP (wie die ehemalige NP nun hiess), sich mehr als Interessensvertretung der Weissen verstand. Unter Anthony Leon rückte die DP/DA nach rechts. Wobei das Paradigma von den liberalen Englischsprachigen und den konservativen Afrikaanern vielleicht hinterfragt gehört; bei diesen “Konservativen” ist oft mehr Nähe zu Afrika und den Afrikanern da als bei den Anderen, wie auch der (Eigen-)Name schon aussagt.

Die DA steht vor dem Dilemma, einerseits Anliegen der weissen Kernklientel vertreten zu wollen, andererseits, um in das grosse schwarze Wählersegment vorzudringen, “ganzheitlichere” Anliegen bzw. die noch immer vorherrschende Ungleichheit zuungunsten der Schwarzen, behandeln zu müssen. Lehnt sie sich zu weit auf die eine Seite, droht der Verlust der Kernwähler, etwa zur Freiheitsfront Plus (Vryheidsfront +), die 1994 als Partei rechts von der NP gegründet worden war und den Wahlboykott der weissen Rechten durchbrach; ihre Auffassung von Afrikaaner-Interessen ist weniger materialistisch als kulturell. Bleibt sie zu sehr auf der anderen Seite, wird sie nie eine Konkurrenz für den ANC. Gerne versucht sie sich darüber weg zu schwindeln, indem sie freie Marktwirtschaft sowie harte Mittel von Polizei und Justiz als Heilmittel für die Probleme des Landes anpreist, ohne auf die zugrunde liegenden Ursachen einzugehen. Sie verweist auf ihre Regierung in der Provinz Westkap sowie in Kapstadt, wobei diese eigentlich von ihrem Bemühen zeugt, möglichst viele Privilegien der Weissen (wenn man so will, Produkte der Apartheid) zu erhalten. Die DA möchte zwar Stimmen aus der schwarzen Bevölkerung, sich aber möglichst wenig von ihren Anliegen zu eigen machen.

Ronald Suresh Roberts, ein in Südafrika lebender Autor aus Trinidad-Tobago, schrieb über den südafrikanischen Diskurs über Zimbabwe unter Mugabe seit 2000 (Beginn der Farmbesetzungen,…), darin gehe es von weisser Seite in der Regel weniger über Zimbabwe als um das Frönen einer Dystopie, die mit südafrikanischen Realitäten nichts zu tun habe. Er verweist auf die Wahlkampagne der Democratic Alliance (DA) 04 unter Tony Leon, in der der damalige Präsident und ANC-Spitzenkandidat Mbeki nicht nur in die Nähe von Mugabe gerückt wurde, sondern propagandistisch mit diesem verschmolz. Das Ablenken vom Rassismus sowie Attacken auf das Post-Apartheid-Südafrika gleiteten oft über in Apartheid-Apologetik. Helen Suzman, so Roberts 07 über die 09 verstorbene “Ahnfrau” der DA, sei gegen Mugabe leidenschaftlicher aufgetreten als gegen die Apartheid, Landbesetzungen/-enteignungen die sie in Palästina in Ordnung finde, finde sie in Zimbabwe skandalös.

Das Thema Zimbabwe spielte auch eine Rolle in der Krise zwischen der Abwahl von Staatspräsident Mbeki als ANC-Chef 07 und dem Amtsantritt von Zuma als Präsident 09 (zwischendrinnen lag auch der Mbeki-Rücktritt als Präsident): die politische Unsicherheit dieser Zeit bestand vor allem in Ängsten vor Zuma, bei dem es sich um einen im Grunde ungebildeten, sowie populistischen, polygamen, für Korruption anfälligen, Machtpolitiker handelte, der lange martialische Lieder sang. Dennoch ähnelten die Ängste jenen, die es auch vor Mandela und Mbeki gegeben hatte, obwohl nichts von dem auf sie zugetroffen hatte. Begleitet wurde die Unsicherheit Ende der 00er-Jahre neben Südafrikas Kernproblemen AIDS, Kriminalität, Armut vom Aufstieg Julius Malemas, nach dessen Wahl zum Chef der Jugendliga des ANC (er goss viel rhetorisches Öl ins “Feuer”), einer Energiekrise und Ausschreitungen in Städten gegen Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern – was mit der Zimbabwe-Krise zusammenhing, da von dort die meisten Einwanderer stammen.

Der Mbeki-Regierung wurde bezüglich Zimbabwe Fehlverhalten vorgeworfen, „Komplizenschaft“ bzw. ein „Kuschelkurs“, Beschwichtigung, Zurückhaltung gegenüber Mugabe. Die Vermittlung des Kompromisses nach der Wahl 08 dort, die Machtteilung zwischen ZANU-PF (Mugabe) und MDC (Tsvangirai), war Mbekis letzer Erfolg, er könnte dennoch das Image des Mugabe-Verstehers behalten. Unter Mbekis Verteidigungsminister Lekota spaltete sich in dieser Zeit ein Teil vom ANC ab, der sich als COPE konstituierte. Die Unsicherheit zeigte sich etwa in verstärkter weisser Auswanderung und in Schwarzmalen bezüglich der Austrichtung der Fussball-Weltmeisterschaft 2010. Ex-Präsident De Klerk, der letzte im Apartheid-System gewählte (er nützte seine Amtszeit dafür, mitzuhelfen, dieses System abzuschaffen), äusserte sich (auch) in dieser Zeit optimistisch zur Zukunft Südafrikas. “Wir haben damals, Anfang der 1990er, eine friedliche Lösung gefunden, als alle Krieg und Gewalt erwarteten. Wir haben auch jetzt das Vermögen, die grossen Probleme des Landes zu bewältigen. Es ist eine wachsende verfassungsstaatliche Reife zu beobachten.” De Klerk hat kürzlich den Status, letzter weisser Präsident in Afrika gewesen zu sein, verloren, als Guy Scott übergangsmäßig Präsident in Sambia wurde. Dazwischen war noch Paul Bérenger Premier in Mauritius.

Nachdem Zuma 08/09 im Korruptions-Prozess freigesprochen wurde, war sein Weg zur Präsidentschaft frei; der (weisse) Richter sprach in seiner Urteils-Begründung davon, dass Zumas Rivale Mbeki als Präsident das Verfahren vorangetrieben habe. Die Machtübergabe nach der Wahl 09 und die WM im Jahr darauf verliefen aber glatt. Zumas Populismus richtete sich zur Freude gerade der Wohlhabenderen nicht zuletzt gegen Kriminalität, sein Zulu-Stolz liess Zuma auch die anderen Völker Südafrikas, nicht zuletzt die (weissen) Afrikaaner, positiv sehen, Malema der sein Anhänger gewesen war, wurde unter ihm in die Schranken gewiesen, die VF+ wurde von ihm in Regierungsarbeit eingebunden. Es gab keine Wahlmanipulation, keine Nach-Wahl-Gewalt, keine Rücknahme von Freiheiten, die in Südafrika erst in Post-Apartheid-Zeiten eingeführt worden waren, keine skandalösen Verfassungsänderungen, keine Säuberungen oder Enteignungen. Er begann spätestens im Wahlkampf, das AIDS-Thema vernünftig zu behandeln. Was die Vorwürfe wegen der Korruptionssache betrifft, von der er freigesprochen worden war, schrieb ein britischer Kommentator im “Guardian”: “Before we announce the moral contamination of President Zuma, perhaps we should address the source of the contamination especially as it appears to eminate from our own door step and once again is not limited to ‘corrupt and chaotic South Africa’. Perhaps we should question more closely the morality and power of our biggest industrial exporter, the arms industry, with special attention being given to BAE Systems [die britische Waffen-Firma, von der Geld an Zuma geflossen sein soll, als er Vizepräsident war].”

Die rassischen Bruchlinien sind nach wie vor die wichtigsten in Südafrika, die Bewältigung des Erbes der Apartheid-Jahrzehnte ist ein langsamer, schmerzhafter Prozess. Viele Weisse interpretieren die hohe Kriminalität als rassisch (gegen sie) motiviert, obwohl inzwischen feststeht, dass die meisten Kriminalitätsopfer Schwarze sind (wie der Fussballspieler Meyiwa vor wenigen Tagen). Attacken auf die Politik der ANC-Regierungen bzw. Post-Apartheid-Südafrika kommen aber auch wegen ihrer liberalen Politik bezüglich gleichgeschlechtlicher Ehe oder Abtreibung. Wenige Kommentatoren sind offen rassistisch wie Dan Roodt. Der ANC spielt aber auch gerne die Rassenkarte, wenn dies nicht angebracht ist, benutzt sie mitunter als Schild gegen Kritik; beim Fall von Caster Semenya (vor dem Pistorius-Prozess Südafrikas Aufreger Nr. 1 aus dem Leichtathletik-Bereich) reagierten ANC-Politiker etwa auf den Ausschluss nach dem Geschlechtstest mit Rassismus-Vorwürfen gegenüber dem internationalen Verband.

Der Krimiautor Mike Nicol aus Kapstadt hat über dieses Genre in Südafrika gesagt, zu Apartheid-Zeiten war Polizei-Arbeit zu „politisch“ als das es für Verarbeitung in Kriminalromanen getaugt hätte. In Schweden gäbe es wahrscheinlich mehr Krimis als Verbrechen, in Syrien zuviel Gewalt als das jemand Interesse an Krimis haben könnte. So gesehen, so Nicol, stünde Südafrika ganz gut bzw. stabil da, mit seiner Krimi-Szene, die zu Post-Apartheid-Zeiten mit Deon Meyer begann, trotz der hohen Kriminalität. Die veränderten Rahmenbedingungen wirken sich auch in anderen Bereichen aus. Die Karriere von Charlize Theron, dem grössten südafrikanischen Hollywood-Star, lief parallel zur Befreiung Südafrikas von der Apartheid, ohne den “Zola-Budd-Runterzieh-Faktor”, wie R. S. Roberts schrieb.

Kritik am Post-Apartheid-Südafrika ist dann rassistisch, wenn sich Kritik an der Politik der ANC-geführten Regierungen seit Beginn der Demokratie die Einführung dieser Demokratie in Frage stellt (bzw das Mitbestimmen der Schwarzen). Diese Aussage kommt nämlich nicht selten, dass schwarze Regierungen bzw Politiker “strukturell” inkompetent seien. Manche Kritiker des neuen (demokratischen) Südafrika kritisieren an ihm auch Zustände, die sie zu Apartheid-Zeiten (als diese viel schlimmer waren) hinnahmen – etwa Eingriffe der Politik in die Medien bzw Einsfluss darauf, Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Oder Zustände, die auch im Westen noch aktuell sind. Es gibt auch die Apartheid- bzw. Rassismus-Apologetik, die ANC-Regierungspolitik bzw die Post-Apartheid-Zeit mit jener der NP bzw der Apartheid unsachlich vergleicht. Eine seriösere bzw glaubwürdigere Kritik ist gegeben, wenn sie (auch) Probleme von Schwarzen darin thematisiert, nicht Weisse als Opfer der Schwarzen darstellt. Der Karikaturist “Zapiro” dürfte einer sein, der eine solche Kritik formuliert. Die Probleme des Landes (AIDS, Armut, Kriminalität) betreffen Schwarze eigentlich noch mehr als Weisse.

Über den Palme-Mord und die südafrikanische Verbindung

Ebenfalls

Die schwedische Unterstützung des Anti-Apartheid-Kampfes: Tor Sellström: Sweden and National Liberation in Southern Africa. Vol. II: Solidarity and assistance

Zur Rolle Kubas beim Sieg über die Apartheid

Zum südafrikanischen Atomwaffenprogramm

Portal zum südlichen Afrika

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie es glücklicherweise nicht kam

Hinsichtlich Ausmalens eines alternativen Geschichtsverlaufs ein möglicher Wendepunkt zum Negativen aus der jüngeren Geschichte Südafrikas, der die Störung des Verhandlungsprozesses zur Abschaffung der Apartheid Anfang der 1990er betrifft. Wobei ich mich auf die Wahl des Divergenzpunktes und die Erläuterung seiner Relevanz beschränke und die Folgen bzw. den weiteren Verlauf nur skizziere – man könnte wohl einen alternativgeschichtlichen Roman daraus machen, zumindest aber eine kontrafaktische Kurzgeschichte.

Den Verhandlungsprozess hat Frederik Willem de Klerk initiiert, der im Sommer 1989 Präsident Südafrikas wurde, im Apartheid-System an die Spitze kam. Zu diesem Zeitpunkt waren die militärischen Auseinandersetzungen im südlichen Afrika schon weitgehend beendet, der ursprüngliche Konflikt (zwischen dem Apartheid-Regime der Republik Südafrika und seinen Gegnern bzw. Leidtragenden) harrte aber noch einer Lösung. Die länderübergreifende Eskalation im südlichen Afrika begann und endete in Angola; noch 1987/88 erreichte der Krieg dort mit der Schlacht von Cuito Cuanavale einen “Höhepunkt”, der auch zu einem atomaren Schlag des Apartheid-Regimes hätte führen können. Südafrika, das sich im Schatten des Angola-Krieges Nuklearwaffen zugelegt hat, hat damals (als es durch das verstärkte Eingreifen der mit der angolanischen Regierung verbündeten Kubaner in die Defensive geriet) deren Einsatz erwogen, ihn zumindest aber als Drohung angedeutet.

Was hätte zu einem atomaren Schlag des südafrikanischen Regimes führen können und was wären dessen Folgen gewesen, regional und global – das wäre ein anderer Divergenzpunkt für ein alternativgeschichtliches Szenario. Eine solche Entwicklung wäre aber viel unrealistischer als die hier ausgewählte gewesen, auch weil man in Pretoria wusste, dass damit mehr zu verlieren als zu gewinnen war.

Nach der Eskalation in Angola wurden 1988 von einigen dort kriegführenden Parteien Verhandlungen aufgenommen, die zu einem Abkommen führten, das die Unabhängigkeit Namibias von Südafrika und einen vorübergehenden Frieden in Angola brachte. Im Jänner 1989 erlitt der südafrikanische Staatspräsident P.W. Botha einen Schlaganfall, sein ebenfalls als konservativ geltender Parteikollege F.W. De Klerk wurde zunächst sein Nachfolger als Chef der Nationalen Partei (NP), im August nach dem Rücktritt Bothas (der auch den Falken in seinem Kreis zu “unflexibel” war) auch als Präsident. Die NP gewann die Wahl zum “weissen” Parlament im September, aber die oppositionelle, noch reaktionärere, Konservative Partei (die sich von der NP abgespalten hatte, weil ihr die bescheidenen Reformen von Botha zu weit gegangen waren) wurde gestärkt.

De Klerk liess zunächst die Geheimverhandlungen des Regimes mit den Führern des ANC (African National Congress, die wichtigste Anti-Apartheid-Bewegung) im Gefängnis oder Exil fortsetzen und einige der Inhaftierten wie Walter Sisulu Ende des Jahres freilassen. Die Perestroika in der Sowjetunion bedeutete auch die Einstellung ihrer Unterstützung für Akteure im südlichen Afrika. Wahrscheinlich war dies ein Grund dafür, dass De Klerk Anfang 1990, in einer Parlaments-Rede, grosse Reformen einleitete. Dazu gehörten die Freilassung politischer Gefangener wie Nelson Mandela, die Wiederzulassung von Parteien wie dem ANC, und die Aufnahme von Verhandlungen über die Zukunft des Landes. Nicht bekanntgemacht wurde die ebenfalls in Angriff genommene Abrüstung der atomaren sowie der biologischen und chemischen (Project Coast) Waffen, über die das Regime verfügte.

De Klerk war in den Übergangsjahren, die seine Präsidentschaft (1989-1994) darstellte, und darüber hinaus, mit den Reformgegnern v.a. unter den Buren beschäftigt, ob im Militär (SADF) oder in der Konservativen Partei (KP). So hat er auch in seiner Regierung Verteidigungsminister Magnus Malan 1991 durch Roelf Meyer abgelöst, der später Verfassungs-Minister wurde und damit Chefverhandler der Regierung. Die Regierung um De Klerk geriet für ihren Reform- und Verhandlungskurs unter Beschuss der weissen (im Wesentlichen: afrikaanischen) Rechtsextremen. Die Konservative Partei und noch radikalere Organisationen erhielten Zulauf. Mandela, der Nachfolger des aus dem Exil zurückgekehrten aber erkrankten Oliver Tambo als ANC-Präsident wurde, musste in diesen Jahren (und darüber hinaus) in “seinen” Reihen bzw. der schwarzen Bevölkerungsmehrheit für Versöhnung, Ausgleich und Kompromisse werben, was nach den Jahrzehnten der Apartheid kein leichtes Unterfangen war.

Der ANC, bzw. seine Miliz “Umkhonto we Sizwe” (MK), stellte nach De Klerks ersten Reformschritten den bewaffneten Kampf ein; der Verhandlungs- und Umgestaltungsprozess war dennoch von Gewalt begleitet. Der unter Botha mächtig gewordene “Sicherheitsapparat” (Militär, Polizei, Geheimdienste) agierte teilweise an der Regierung vorbei (“Dritte Kraft” war v.a. der Militär-Geheimdienst), und unterstützte die Homeland-Partei Inkatha (IFP), die sich als Zulu-Nationalpartei neu definierte, gegen den ANC. 1992 scheiterten die ersten Verhandlungsrunden (CODESA I und II) an grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten der Hauptakteure zur Zukunft Südafrikas und an der von Behörden unterstützten Gewalt von Homeland-Gruppen gegen ANC-Anhänger.

Im April 1993 hatte gerade das Multiparty Negotiating Forum (MPNF), der Neustart der Verhandlungen, begonnen (nachdem sich die Regierung von der IFP und ihrem Chef Buthelezi distanziert hatte), als der Mord an Martin T. “Chris” Hani durch rechtsextreme Weisse lange aufgestaute Spannungen fast zur Entladung brachten. Hani war eine Führungsfigur im Umkhonto we Sizwe und in der kommunistischen Partei SACP, der einzigen “weissen” Partei, die von Anfang an vorbehaltlos volles Wahlrecht für Schwarze befürwortete und forderte. Die SACP war wie der ANC, mit dem sie eine Allianz einging, lange in Südafrika verboten. Hani war 1990 aus dem Exil nach Südafrika zurück gekehrt, als dies durch De Klerks Reformen möglich geworden war. 1991 wurde er Nachfolger von “Joe” Slovo als SACP-Generalsekretär, trat als MK-Stabschef ab. Er unterstützte die Einstellung des bewaffneten Kampfes zugunsten von Verhandlungen mit der Regierung (obwohl die radikaleren ANC-Anhänger auf ihn setzten) und liess sich in Boksburg in der Nähe von Johannesburg nieder.

Im April 1993 wurde er dort vor seinem Haus von einem polnischen Einwanderer erschossen. Dieser wurde bald darauf festgenommen, nachdem Hanis Nachbarin, eine weisse Südafrikanerin, die Polizei gerufen hatte. Hinter dem Mord stand zumindest eine Führungsfigur der Konservativen Partei, Clive Derby-Lewis, der sich als Bure fühlte bzw als solcher konstruierte, seine Herkunft mit schottisch und deutsch angab. Er war auch ein Führer im “Western Goals Institute” und fiel sogar im rassistischen Apartheid-System mit verachtenden Aussagen über Schwarzafrikaner auf. Angeblich fand man in der Wohnung des Mörders eine Liste mit den Namen weiterer Mord-Ziele, Hani darauf als Nr. 3 gereiht hinter Mandela und Joe Slovo von der SACP. Auf den Mord folgten einige Ausschreitungen von Schwarzen, die über den Rassismus und die Gewalt gegen sie frustriert waren, welche zu Befürchtungen über ein endgültiges Abgleiten des Landes vom Verhandlungsweg in die Gewalt führten.

Nelson Mandela, damals ANC-Präsident (Hani wurde auch als sein möglicher Nachfolger gesehen), durfte in dieser Situation im südafrikanischen Fernsehen (SABC) eine Rede halten, in der er zur Ruhe aufrief, darauf hinwies, dass der Täter ein Einwanderer war, der Gewalt und Hass ins Land bringen wollte, während Hanis weisse, südafrikanische Nachbarin die Polizei zum Täter führte, und dass der Mord genau ein Abgleiten vom Verhandlungsweg bezwecken sollte. Der Rede (mit der Mandela seine Glaubwürdigkeit unter seinen Anhängern riskierte) wird es zugeschrieben, dass das Land nicht in Gewalt versank – und dass es zu einer Machtverschiebung zuungunsten der De Klerk-Regierung kam, die sich auch in den Verhandlungen auswirkte. Roelf Meyer sagte, der Mord war für 36 Stunden der “Umkipppunkt”.

Wenn die Regierung Mandela nicht im Fernsehen sprechen hätte lassen (der Divergenzpunkt), hätte die Gewalt leicht explodieren können und eine Verhandlungslösung, ein Übergang von der Apartheid zur Demokratie, schwer zustande kommen können. Die Atomwaffen waren zu dem Zeitpunkt bereits zerlegt und entschärft, aber wie auch bei der Entwicklung in der Region (Namibia, Angola, Mosambik,..) war diese Entwicklung wahrscheinlich nicht irreversibel. Ein Militärputsch gegen De Klerk wäre bei einem Gewaltausbruch denkbar gewesen. Der ANC hätte dann seinen bewaffneten Kampf wohl wieder aufgenommen. Die NP-Regierung hatte sich über weite Strecken der Verhandlungsphase ein Eingreifen des Militärs als Option vorbehalten, die ANC-Opposition die “Leipzig-Option” der Massenproteste. Benachbarte Staaten hätten den ANC nun unterstützen können und wären damit mit hinein gezogen worden. Russland hätte die afrikanischen Staaten sicher nicht mehr unterstützt. Bei einem Flächenbrand hätte dagegen die zu alleinigen Weltherrschern gewordene USA wahrscheinlich interveniert.

Auch die ebenfalls der weissen Rechten zugehörige, gewalttätige AWB versuchte dann, die Verhandlungen zu stören, aber unmittelbarer, indem sie den Verhandlungsort, das Welthandelszentrum in Kempton Park bei Johannesburg, im Juni 1993 mit einem Panzerfahrzeug stürmte. KP und kleinere Gruppen dachten nun einen “Volkstaat” an, in dem Buren/Afrikaaner unter sich sein sollten bzw die anderen unter sich haben sollten. Gegen eine Verhandlungslösung wehrte sich neben der weissen Rechten die Homeland-Herrscher, die Inkatha, und die schwarze Linke (PAC, AZAPO), die am Beginn vom MPNF noch alle dabei gewesen waren.

Im November ’93 kamen die Verhandlungen zu einem erfolgreichen Abschluss, der den Fahrplan zur Wahl eines allgemeinen Parlaments beinhaltete, auf deren Grundlage eine Regierung der nationalen Einheit gebildet und eine neue Verfassung ausgearbeitet werden sollte. Während Mandela und De Klerk am Ende des Jahres Friedensnobelpreise erhielten, schloss sich ein Teil der Gegner der Verhandlungslösung bzw. der Wahlen zusammen. So unterschiedlich diese Gruppierungen waren, die Weigerung sich in das neue Südafrika einbinden zu lassen, verband sie. Einen Wendepunkt stellte hier die Entmachtung des Herrschers des Homelands Bophuthatswana im März 1994 dar; danach gab auch der Herrscher der Ciskei auf, der sich ebenfalls gegen eine Eingliederung in das neue Südafrika gesträubt hatte. Auch der Boykott der weissen (burischen) Rechten wurde danach durchbrochen, durch die Freiheitsfront (VF). Spät lenkten auch PAC, AZAPO und IFP ein.

Warteschlangen bei der südafrikanischen Wahl 1994, mit der die Apartheid abgeschafft wurde
Warteschlangen bei der südafrikanischen Wahl 1994, mit der die Apartheid abgeschafft wurde

Südafrika wählte vom 26. bis zum 29. April 1994, ein Macht- und Systemwechsel ging über die Bühne. Der Mörder und sein Hintermann wurden verurteilt, profitierten dann von der Abschaffung der Todesstrafe 1995 (die eine Folge der Abschaffung der Apartheid war…), womit ihre Strafen in lebenslange Haft umgewandelt wurden. Sie suchten vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) um Amnestie an, was abgelehnt wurde.

Die “Maritz-Rebellion” 1914/15 wäre ein anderer Punkt in der südafrikanischen Geschichte, wo eine interessante, brisante Divergenzentwicklung anzusetzen wäre.

Doku über den Hani-Mord: http://www.youtube.com/watch?v=X0IGS2ZD_5A

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das israelische Atom(waffen)programm

Auch wenn Israel sein Atomprogramm schon lange nicht mehr leugnet, ist es noch immer eines der delikatesten Verschlusssachen des jüdischen Staates. Israel ist nicht nur das einzige Land in seiner Region, das Atomwaffen besitzt, sondern auch das einzige dort, das nicht den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet hat und deshalb nicht von der IAEA kontrolliert wird. Sein Vernichtungspotential beläuft sich auf 200 bis 500 Atomsprengköpfe (die Atommacht Nr. 1 USA hat etwa 7500). Die Nuklearwaffen-Schwelle, sie ist für Länder mit ziviler nuklearer Infrastruktur nicht besonders hoch, ist seit Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags 1968 von diversen Staaten überschritten worden. Israel dürfte Ende der 1960er die sechste und erste “inoffizielle” Atomwaffenmacht geworden sein, vor Indien, Südafrika, Pakistan, Nordkorea.

Bereits bald nach der Gründung Israels 1948 begann das Militär mit der Suche nach Bodenschätzen in der Negev-Wüste und fand dort, südlich von Beersheva, Phosphat, das Uran enthielt. David Ben Gurion (geboren als David Grün im heutigen Polen), der das zionistische Projekt in Palästina ab Anfang der 1920er, lange bevor er Chef der Jewish Agency wurde, fast 40 Jahre lenkte, merkte ungefähr in dieser Zeit an: “Was Einstein, Oppenheimer und Teller, alle drei Juden, für die USA auf dem nuklearen Gebiet gemacht haben, könnten Wissenschafter auch für Israel, für ihre eigenen Leute, tun.” Israel bekam in den 1950ern, unter dem “Atoms for Peace”-Projekt von Eisenhower, von den USA einen Leichtwasser-Forschungsreaktor der in Nahal Sorek aufgestellt wurde. Dieser spielte beim Aufbau einer (zunächst zivilen) nuklearen Infrastruktur eine gewisse Rolle. Ernst David Bergmann aus Berlin leitete diesen Aufbau, durch seine Forschung am Weizman-Institut in Rehovot und als langjähriger Chef der israelischen Atomenergie-Kommission (1952 gegründet, zunächst im Verteidigungsministerium untergebracht, später direkt dem Ministerpräsidenten unterstellt). Unter ihm gelang die Uran-Extraktion aus dem geförderten Phosphat und möglicherweise die eigene Herstellung von Schwerwasser. Andere Wissenschafter, die eine entscheidende Rolle in Israels Nuklearforschung spielten, waren Aharon Katzir (Katchalsky), ebenfalls ein Chemiker, und die Physiker Juval Neeman und Raymond Fox, der am Lawrence Livermore National Laboratory in den USA gearbeitet hatte, 1957 immigrierte und dabei eventuell entscheidendes Know How mitbrachte. Umgekehrt wurden unter Bergmann Studenten ins Ausland, vor allem die USA, geschickt, um Nuklearphysik zu studieren. Neeman wurde übrigens Jahrzehnte später für die rechtsextreme Techija-Partei Wissenschaftsminister in einer Begin-Regierung.

Israels erster wichtiger Verbündeter war Frankreich. Nach der Machtübernahme von G. A. Nasser in Ägypten bekämpfte dieser Israel, wie er die Unabhängigkeitsbewegungen in Nordafrika gegen die Franzosen (in Marokko, Tunesien, vor allem aber Algerien) unterstützte. Die teilweise dadurch begründete Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Israel soll auch die Weitergabe von Informationen über diese Bewegungen durch Juden in diesen Ländern, über Israel an Frankreich, miteingeschlossen haben. Die Zusammenarbeit erstreckte sich auch auf die Entwicklung konventioneller Waffen(systeme), darunter das “Mirage”-Kampfflugzeug. Als Ägyptens Präsident Nasser 1956 den Suez-Kanal verstaatlichte, sahen Grossbritannien, Frankreich und indirekt auch Israel ihre macht- und wirtschaftspolitischen Interessen bedroht und initiierten eine Invasion, die sie im Pariser Vorort Sevres besiegelten. In diesem Sevres-Protokoll hat Frankreich Israel für seine Unterstützung gegen Ägypten nukleare Hilfe zugesagt. Der Suez-Krieg endete mit der Besetzung Ägyptens durch diese drei Mächte, die auf Druck der USA und der Sowjetunion aber aufgegeben werden musste. Die Entscheidung Ben Gurions für israelische Atomwaffen dürfte rund um diesen Krieg 1956 gefallen sein. Die Beschwörung von Vernichtungsphantasien und der Gebrauch der Erinnerung an den Holocaust spiel(t)en im Zionismus immer wieder eine Rolle, als Motivation oder als Rechtfertigung, beim Siedlungsbau, bei der Einschätzung militärischer Kräfteverhältnisse gegenüber den Palästinensern, auch bei der Nuklearoption. Davor hatte Israel möglicherweise versucht, unter den nuklearen Schirm der USA zu kommen.

Ein neues Abkommen zwischen Israel und Frankreich 1957 besiegelte die nukleare Zusammenarbeit, Frankreich scheint mit dem israelischen Ziel der Atombombe einverstanden gewesen zu sein und sagte neben dem Bau eines Reaktors auch den einer Plutonium-Anlage zu. Dabei soll laut Farr (siehe Quellen) auch das israelische Wissen um die Verwicklung von Politikern und anderen Entscheidungsträgern der französischen Vierten Republik in das Vichy-Regime eine Rolle gespielt haben. Frankreich konnte sich auf bahnbrechende Forschung am Gebiet der Kernphysik, nicht zuletzt jene der Curies, stützen, als es nach dem Zweiten Weltkrieg ein zunächst ziviles Atomprogramm begann. Die Entscheidung für sein militärisches fiel 1954 durch Ministerpräsident Pierre Mendès-France. 1958 begann in Dimona der Bau der israelischen Atomanlage unter der Aufsicht französischer Ingenieure und Techniker. Neu immigrierte Mizrahis (Juden aus asiatischen und afrikanischen Ländern) wurden zum Graben für den unterirdischen Raum für die Wiederaufbereitungsanlage eingesetzt. Diverse Deckgeschichten für die Anlage gab es schon in der Bauphase. Als Frankreich 1960 in der algerischen Sahara seine erste Atombombe erfolgreich testete, war Israel als Beobachter dabei. Eine entscheidende Rolle im israelischen Atomprogramm spielte, von Anfang an, Shimon Peres, zunächst als hochrangiger Funktionär im Verteidigungsministerium und rechte Hand von Gurion. Zusammen mit diesem und Bergmann führte er Israel zur Atombombe. Peres verhandelte den Sevres-Vertrag aus und unterhielt gute Beziehungen zu führenden französischen Politikern der 4. Republik. Er schuf den technischen Geheimdienst LEKEM (oder LAKAM), von Benjamin Blumberg geführt, der ursprünglich für den Schutz der Anlage in Dimona zuständig war, und  hinter den Beschaffungsaktionen für Uran (siehe unten) stand.

In Dimona wurde das “Negev Nuklear-Forschungszentrum“ (englisches Akronym NRCN, hebräisch KAMAG) Anfang der 1960er fertiggestellt. Der aus Frankreich gelieferte Reaktor “Machon-1” (unter der weithin sichtbaren Kuppel) ging 1962 in Betrieb. Der Reaktor arbeitete offiziell mit 24 Megawatt, war in Wirklichkeit aber um einiges leistungsstärker. Er war nie mit Turbinen zur Energieproduktion verbunden, war von Anfang an zur Bombenproduktion konzipiert. Die Plutonium-Wiederaufbereitungsanlage (“Machon-2”) wurde, teilweise mit französischer Hilfe (siehe unten), unterirdisch eingebaut, mit ihr wurde ab 1965 oder 1966 aus dem abgebrannten Kernbrennstoff des Reaktors waffenfähiges Plutonium von Uran getrennt. Das Uran für den Reaktor wurde aus dem eigenen Phosphat hergestellt, aus französischen Afrika-Kolonien geliefert, in Argentinien und Südafrika gekauft, hinzu kam das gestohlene (siehe unten). Der Großteil des Schwerwassers für den Reaktor wurde 1959 von Norwegen gekauft, dem eine friedliche Nutzung versichert wurde und das Recht auf Kontrollen zugesagt wurde. Davon fand jedoch nur eine statt, 1961, bevor der Reaktor in Betrieb ging. Nach den Offenbarungen des früheren Dimona-Technikers Vanunu 1986 (siehe unten) pochte Norwegen erfolglos auf sein zugesagtes Inspektionsrecht oder auf IAEO-Inspektionen. Mit dem Plutonium aus Dimona produzierte Israel Atombomben, Frankreich lieferte wahrscheinlich auch das Design dafür. Israel hatte vermutlich 1967, nach dem Krieg, seine ersten Atombomben fertig, einzelne Komponenten schon früher, vielleicht hatte es beim 6-Tage-Krieg auch schon zwei einfache Bomben. Die Bombenproduktion lief zwischen den Kriegen 1967 und 1973 auf Hochtouren, v. a. unter Ministerpräsidentin Golda Meir. Der Amerikaner Richard K. Smyth lieferte Israel in den 1970ern widerrechtlich elektronisches Nuklearzubehör (Krytrons, zur Auslösung der A-Bomben notwendig) und wahrscheinlich auch Raketen-Technologie, über den Filmproduzenten und Waffenhändler Arnon Milchan, der auch bei Israels “Deals” mit Südafrika eine Rolle spielte. Smyth entzog sich der Strafverfolgung durch Untertauchen. Die Israelis Nebenzahl und Levin haben eine Laser-Anreicherungsmethode für Uran (den AVLIS-Prozess) entwickelt, um 1973 herum, vermutlich in Zusammenarbeit mit Südafrika. Mit dieser Technik dürfte in Dimona neben der Plutonium-Herstellung auch Uranreicherung zur Bombenherstellung stattfinden. Vanunu (s.u.) gab an, in Dimona wurde radioaktiver Dampf nur abgelassen, wenn Westwind wehte, also in Richtung Jordanien. Kürzlich gab es Berichte über Klagen von ehemaligen Arbeitern der Anlage wegen gesundheitlichen Schäden als Resultat ihrer Arbeit dort.

Die USA bekamen Ende der 1950er/ Anfang der 1960er, seit eines ihrer U2-Aufklärungsflugzeuge das Gelände in Dimona (auf dem noch Bauarbeiten stattfanden) überflogen hatte, Wind von den israelischen Vorhaben. Für John F. Kennedy, Präsident 1961 bis 1963, gehörte die Eindämmung der Weiterverbreitung von Atomwaffen zu seinen aussenpolitischen Hauptzielen, ausserdem wollte er in “Nahost” durch eine Unterstützung Israels nicht noch mehr an Boden verlieren gegenüber der Sowjetunion, die in der Region einige Verbündete  gewonnen hatten, vor allem Ägypten unter Nasser. Auf eine erste Anfrage der Amerikaner dürfte Israel geantwortet haben, in Dimona entstehe eine „Textilfabrik“. Nach der amerikanischen Entdeckung machte aber auch Israels damaliger Verbündeter Frankreich Druck, eine Erklärung abzugeben, so dass Ben Gurion in der Knesset die Geschichte vom 24 MW-Reaktor erzählte, der friedlicher Forschung diene. JFK gegenüber versicherte Gurion, dass die israelischen Anliegen jene der “freien Welt” seien. Kennedy verlangte aber Inspektionen in Dimona, erst als die Spannungen zunahmen, liess Ben Gurion, 1961, eine zu. Die Amerikaner sollten kontrollieren ob dort wirklich kein waffenfähiges Plutonium hergestellt wurde. Ihnen wurde in Dimona, u. a. von Ephraim Katzir (dem Bruder des in das Atomprogramm involvierten Wissenschafters, der selbst an Israels biologischen Waffen mitarbeitete und später Staatspräsident wurde), eine Art potemkinsches Dorf gezeigt, bzw. nur die oberirdische Anlage, der Reaktor. Die US-Inspektoren ließen sich täuschen und lieferten daraufhin, 1962, die “Hawk”-Raketen an Israel, ohne auf der bisherigen Bedingung dafür, dem Rückkehrrecht für die 1948 vertriebenen Palästinenser, zu bestehen. Die Hawk wurden rings um Dimona in Stellung gebracht. Wegen Kennedys Drängen auf weiteren Inspektionen und Gurions Hinhaltetaktik kam es in weiterer Folge wieder zu Spannungen. Im Mai 1963 trat Gurion nach einem ultimativem Brief Kennedys als Ministerpräsident zurück und reichte das Problem an seinen Nachfolger Eshkol weiter. Dieser soll vom militärischen Atomprogramm weniger überzeugt als Gurion gewesen sei. Von ihm stammt die Erklärung zu dem Programm, Israel habe keine Atomwaffen und werde sie auch nicht als erstes Land des Nahen Ostens einführen, die die heute noch aktuelle israelische Mitteilungspolitik diesbezüglich begründete, eine der Zweideutigkeit aus Unschuldsbeteuerungen einerseits (in Dimona wird heute offiziell Nuklearforschung betrieben) und Abschreckungs- bzw. Drohgebährden ohne Haftung dafür andererseits. Nach der Ermordung Kennedys liess Eshkol einen amerikanischen Besuch pro Jahr zu, mit dem die Wahrheit über Dimona nicht herauszufinden war (Inspektoren wurden nie nach unten gelassen; sie wurden auch über die Leistung getäuscht mit der der Reaktor operierte).

Unter Lyndon Johnson und ab dem Nahostkrieg 1967 vertiefte sich die Zusammenarbeit zwischen den USA und Israel, nicht zuletzt die militärische, bei konventionellen Waffen, auch Kampfjets. Spätestens unter Nixon wussten die USA von Israels Atomwaffen und akzeptierten sie stillschweigend. Unter ihm wurden auch die “Inspektionen” in Dimona eingestellt. Die Intensivierung der Beziehungen zu den USA fielen mit der Abkühlung zu jenen mit Frankreich zusammen. Charles de Gaulle war ab seinem Amtsantritt 1958/59 kritisch gegenüber der nuklearen Kooperation mit Israel eingestellt, vor allem was die Plutonium-Anlage bzw. den militärischen Teil betraf. Das Bekanntwerden der Atomanlage durch die USA veranlasste De Gaulle, den Bau der Plutonium-Anlage abbrechen zu lassen. Frankreich sollte nur noch einem rein zivilen Programm assistieren. Shimon Peres gelang es aber, das Ende der französischen Unterstützung für die Plutonium-Anlage hinauszuzögern. Als es soweit war, hatte er bereits die Baupläne sowie Kontakte zu französischen Firmen, um die Anlage ohne offizielle französische Hilfe fertigzustellen. Im Krieg 1967 sah De Gaulle Israel als Aggressor und beendete die Unterstützung, endgültig auch die nukleare. Im Krieg 1967 wurde ein israelisches Kampfflugzeug über der Anlage in Dimona abgeschossen, von einer israelischen Rakete.

In zumindest zwei Fällen dürfte Israel bzw. sein Technik-Geheimdienst LEKEM für den Diebstahl von Uran verantwortlich sein. Da war zum einen die Apollo-Affäre, nach der Stadt in Pennsylvania in der die Firma NUMEC, die nukleare Brennstoffe für Atomkraftwerke produzierte, unter ihrem Präsidenten Zalman Shapiro ihren Sitz hatte. 1965 begannen die amerikanische Atomenergiekommission AEC und das FBI zu ermitteln, nachdem zwischen 200 und 500 Pfund (etwa 100 bis 250 kg) hochangereichertes (für A-Bomben zu verwendendes) Uran im Inventar fehlte. Klarer ist das Bild bei der Plumbat-Affäre 1968: Eine deutsche Chemiefirma bzw. eine israelische Strohfirma tätigte in Belgien (bei der Union Minière) einen Urankauf zur angeblichen Verarbeitung in Italien. Die EURATOM genehmigte den Verkauf und das Uran bzw. Yellowcake (verarbeitetes Uran, der Ausgangsstoff für die Herstellung von Brennelementen) verließ den Hafen Rotterdam an Bord eines Schiffes mit dem Namen „Scheersberg A“, das (noch unter anderem Namen) vom LEKEM (oder Mossad) in der Türkei gekauft worden war, in Richtung Genua. Auf offener See wurde das Yellowcake, 200 Tonnen, auf einen israelischen Frachter umgeladen und nach Israel gebracht. „Plumbat“, Blei, weil das auf den Fässern mit dem Yellowcake stand. Eine Anlage für die Umwandlung von Yellowcake in Uran-Brennelemente gehört auch zum Komplex in Dimona. Das Plutonium, das beim Betrieb des Reaktors entsteht, ist schliesslich für die Bomben zu verwenden. Die “Scheersberg” war auch 1969 beteiligt, als Israel fünf Patroullienboote in Cherbourg “entführte”, die es gekauft hatte, deren Auslieferung aber von Frankreich nach De Gaulles Beendigung der militärischen Zusammenarbeit zurückgehalten wurde.

Nasser wusste von Israels Bombenarbeit und versuchte sie zu vereiteln, Israel gelang es, wahrscheinlich relativ knapp, 1967 das nukleare Fenster zu schliessen; die ägyptische Luftwaffe soll Dimona in den 1960ern mehrmals überflogen haben. Im Yom-Kipur-Krieg 1973 spielten Israels Atombomben eine heimliche Rolle und das tun sie seither. Während des Krieges ließ Golda Meir “Jericho”-Raketen mit Nuklearsprengköpfen bestücken, etwa als Israel in der Defensive war, die Syrer dabei waren, die Golan-Höhen zurückzuerobern. Entweder weil sie in der Situation wirklich einen Einsatz erwog oder um diese Vorbereitungen und eine solche Erwägung für andere Geheimdienste zu lancieren. Für den sowjetischen, um an die arabischen Staaten eine Warnung zu senden, und den amerikanischen, um Lieferungen von Waffen und Munition zu bekommen. Israel bekam die Lieferungen. Und, die Furcht vor einem Einsatz könnte bei der arabischen Kriegsführung dann gut eine Rolle gespielt haben. Die Sowjetunion könnte wiederum nukleare Hilfestellung für Ägypten erwogen bzw. als Drohkulisse aufgebaut haben, als sich der Kriegsverlauf zugunsten Israels wendete. Die Existenz des israelischen Nukleararsenals ist seit diesem Krieg allgemein bekannt.

Israel beansprucht in “der Region” ein nukleares Monopol (Shimon Peres hat schon auf einer Atomkonferenz 1966 in Kanada eine atomwaffenfreie Zone in Nahost abgelehnt) und setzt diesen Anspruch durch. Ägypten hat unter Nasser gewisse Anstrengungen unternommen, um, mit Hilfe deutscher Wissenschafter und Techniker, in den Besitz eines Raketenprogramms, möglicherweise mit einer nuklearen Option, zu gelangen – und wurde auf Weg dorthin von Israel gestört (“Operation Damocles”). Der Irak begann unter Saddam Hussein in den 1970ern ein Atomprogramm, das auch eine militärische Komponente hatte, und wurde dabei, wie einst Israel, v.a. von Frankreich unterstützt. Israel versuchte, früh, das Programm mit Sabotage und Morden (die Ermordung Gerald Bulls, eines kanadischen Waffenkonstrukteurs, der nuklearfähige Artillerie an Israel verkaufte aber dann auch an Irak, 1990, wird auch damit in Zusammenhang gebracht) abzuwürgen (wie zur Zeit beim iranischen Programm) und liess 1981 einen Bombenangriff auf den Reaktor “Osirak” bei Bagdad fliegen (über Saudi-Arabien) – ganz der seit Ben Gurion praktizierten militärischen Doktrin folgend, potentielle Feinde durch überraschende Präventivangriffe auszuschalten zu versuchen. Der Einsatzleiter der Aktion sagte, “Wir wussten dass sie dort dasselbe machten wie wir in Dimona.” Der Irak setzte sein Atomprogramm anderswo fort, nun erst recht mit einer militärischen Stossrichtung. Beobachter wie Bob Woodward und Richard Betts haben gemeint, die Aktion habe Iraks Atomwaffenprogramm eher beschleunigt als verzögert. Für Israel war die Aktion 1981 dann Wahlkampfthema, Shimon Peres, damals  Oppositionsführer, verurteilte sie. Als der Irak 1991 Scud-Raketen auf Israel feuerte, während USA und Verbündete die Invasion in Kuwait zurückschlugen, hat Israel wie 1973 Vorbereitungen für einen nuklearen Schlag getroffen. Irak dürfte sein Nuklear(waffen)programm Mitte der 1990er aufgegeben haben, lange bevor dieses (und angebliche Verbindungen des Baath-Regimes zu Al-Quaida) als Begründung für den Krieg 2003 herhalten mussten. 2007 hat Israel eine Nuklearanlage in Syrien, in der Nähe von Dair az-Zur, bombardiert, kurz bevor diese ihren Betrieb aufnehmen sollte.

Eine vereinte arabische Militäraktion gegen Israel ist seit dem Friedensabkommen mit Ägypten unter Sadat unwahrscheinlich, hinzu kamen Konflikte wie der zwischen den Baath-Regimen in Syrien und Irak, und mit dem Ende des Kalten Krieges fiel die sowjetische Unterstützung für Staaten wie Syrien weg. Die Konfrontation hat sich zum Iran und mit ihm verbündeten Regimen und Gruppen verlagert. Israel droht dem Iran seit Jahren wegen dessen angeblich noch immer betriebenen militärischen Atomprogramms und den angeblichen Vernichtungsdrohungen Ahmadinejads. Zur unterstützenden “PR” gehört auch eine aufwändige Kampagne im deutschsprachigen Raum, die gerne die Menschenrechtsverletzungen des iranischen Regimes für ihre Zwecke benützt und ein entspanntes Verhältnis zu Atombomben und Krieg insgesamt hat.

Der wichtigste nukleare Partner Israels nach der Beendigung des diesbezüglichen Verhältnisses mit Frankreich war das Apartheid-Regime in Südafrika. Die nukleare Zusammenarbeit war der pikanteste und geheimste Aspekt in der Partnerschaft der beiden Regime. Jan C. Smuts, der langjährige (Vor-Apartheid-) Ministerpräsident Südafrikas war sehr pro-zionistisch und hat über seinen Einfluss in London die Staatsgründung Israels erleichtert. Die engen Beziehungen der beiden Staaten wurden von ihm begründet. Im Krieg 1967 half Südafrika unter Premierminister Vorster Israel mit der Lieferung von Flugzeugen und konventionellen Waffen. So richtig eng wurde die Beziehung aber nach dem Krieg 1973, als die meisten afrikanischen Staaten die Beziehungen zu Israel abbrachen, darunter auch “Zaire” unter Mobutu, wo Israel im militärischen und wirtschaftlichen Bereich stark involviert war, das jedoch die Beziehungen inoffiziell weiterlaufen ließ. Die nukleare Zusammenarbeit erstreckte sich sicher auf südafrikanische Bereitstellung von Uran (wurde nach dem Ende der französischen Lieferungen Hauptlieferant) und Testmöglichkeiten für Raketen gegen israelisches Know How für Südafrikas eigenes Atomprogramm, sowie Trägersysteme. Vielleicht auch auf mehr. Ernst D. Bergmann, die treibende wissenschaftliche Kraft des israelischen Atomprogramms, war natürlich auch in die nukleare Zusammenarbeit mit Apartheid-Südafrika miteinbezogen. 1968 pries er bei einem Besuch dort in einer Rede vor dem Südafrikanischen Institut für internationale Angelegenheiten die wissenschaftlichen Beziehungen der beiden Länder und sprach von „gemeinsamen Problemen“. Peres spielte auch in diesem Kapitel von Israels Nuklearprojekt eine wichtige Rolle, u. a. bei der Einfädelung verschiedener Abkommen. Ein sichtbarer Höhepunkt in diesem Verhältnis war der Besuch Vorsters in Israel 1976 (als sein Regime gerade dabei war, Angola zu destabilisieren) bei dem viele gemeinsame militärische und nukleare Projekte in die Wege geleitet wurden. Das Jahrbuch der südafrikanischen Regierung 1976 charakterisierte die Gemeinsamkeiten der beiden Staaten so: “Israel and South Africa have one thing above all else in common: they are both situated in a predominantly hostile world inhabited by dark peoples.”

Neben der erwähnten Aspekten der nuklearen Kooperation könnte es noch brisante weitere gegeben haben. Zu einem möglichen israelischen Nukleartest vor Südafrika, siehe unten. Der andere Punkt betrifft ein Verkaufsangebot von Israel bezüglich nuklear bestückter Jericho-Raketen, von dem erstmals Dieter Gerhardt sprach, ein südafrikanischer Marine-Offizier der in Apartheid-Zeiten für die Sowjetunion spionierte, nach dem Ende seiner Haftstrafe, die er nach seinem Auffliegen bekam. Gerhardt soll auch mithilfe des israelischen Geheimdienstes Mossad enttarnt worden sein, nicht zuletzt, weil unter den nach Moskau weitergegebenen Informationen auch Israel betreffende waren. Dokumente bestätigen das Verkaufsangebot, das demnach 1975 und auf südafrikanische Anfrage hin unterbreitet wurde; Polakow-Suransky hat das Angebot (das kein Ausweis eines verantwortungsvollen Umgangs mit Atomwaffen ist) in seinem aufsehenerregenden Buch über das Verhältnis der zwei Staaten thematisiert. Der Kauf kam ihm zufolge nicht zustande, weil die Ware dem damaligen Verteidigungsminister P. W. Botha zu teuer war und das Regime glaubte, diese Waffe selbst entwickeln zu können. Die engen Beziehungen Israels mit Südafrika gingen mit dem Ende der Apartheid unter. Zur Zeit existiert wahrscheinlich eine gewisse nukleare Zusammenarbeit Israels mit Indien.

Israel ist dem Atomwaffensperrvertrag, der die Verbreitung von Atomwaffen ausserhalb der fünf ersten Atomwaffennationen – die auch die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates sind – zu unterbinden versucht, wie erwähnt, nicht beigetreten. Aus “nationalen Sicherheitsinteressen”, wie einmal verkündet wurde. Die IAEO (IAEA) geht sehr sanft mit Israel wegen seinem Atomprogramm um. Nur der heute bedeutungslose Forschungsreaktor von Nahal Soreq darf von ihr inspiziert werden. 2009 hat die IAEO-Generalkonferenz eine Resolution angenommen, die Israel aufforderte, dem Atomwaffensperrvertrag beizutreten und sein gesamtes Nuklearprogramm unter die Kontrolle der UNO-Behörde zu stellen. Unter den 49 Staaten, die der Resolution zustimmten, waren neben den arabischen Ländern – den Urhebern der Resolution – auch viele Entwicklungs- und Schwellenländer sowie die UN-Sicherheitsratsmitglieder China und Russland. Die Gegner – unter anderem die Staaten der Europäischen Union und die USA – kamen auf 45 Stimmen. Ein Beitritt ist aber auch nicht für die Zukunft zu erwarten, da dieser nukleare Abrüstung verlangen würde und eine solches aufgeben würde, wie es bei Südafrika der Fall war, eine grundsätzliche innere Umwälzung verlangen. Israel reagiert auf die Diskussion seines Atomprogramms auf internationalen Konferenzen oder in internationalen Organisationen meist mit Anwürfen, dass dies ein Missbrauch dieser Konferenz/Organisation sei. So verhält es sich auch mit Plänen, den Nahen Osten zu einer atomwaffenfreien Zone zu machen. Zu einer entsprechenden UNO-Initiative (die auch die Bedeutung eines Beitritts Israels zu dem Atomwaffensperrvertrag betonte und den Staat aufrief, alle seine Atomanlagen für Kontrollen der IAEA zu öffnen) sagte Netanjahu zuerst, die Resolution sei “voller Fehler und heuchlerisch” und dann, er habe von US-Präsident Barack Obama eine ausdrückliche Zusage erhalten, dass Israels Nuklear-Arsenal von der Initiative für einen atomwaffenfreien Nahen Osten unberührt bliebe. In der israelischen Gesellschaft selbst gibt es keine politische oder öffentliche Debatte über die Atomwaffen. “Tauben”, welche den Rückzug aus dem Westjordanland verlangen, sollen besonders stark dafür sein, weil mit ihrem Besitz das „Sicherheits“-Argument für die Besatzung wegfalle.

Israel hat 1963 eventuell einen unterirdischen Test in der Negev/Nagab-Wüste durchgeführt, hat französische Tests in der Sahara zumindest beobachtet, hat nicht-nukleare Bombenkomponenten und Raketen getestet, bekam wohl Daten von Atomtests der USA – und hat wahrscheinlich während seiner engen Beziehung mit Südafrika zusammen mit diesem einen Atomtest durchgeführt. Es war 1979, als ein amerikanischer Vela-Satellit vor den in Antarktis-Nähe liegenden, zu Südafrika gehörenden, Prince-Edward-Inseln entsprechende Signale erfasste. Von einem südafrikanisch-israelischen Test ging u.a. die CIA 1980 aus. Auch der damalige US-Präsident Carter wagte es nicht, Israel auf nuklearem Gebiet “auf den Zahn zu fühlen”.

An Trägersystem besitzt Israel die “Jericho”, ballistische Raketen mit sehr grosser Reichweite, mit französischer Hilfe entwickelt, und ihre Weiterentwicklung, die “Shavit” (eigentlich Satellitenwerfer, für die “Ofeq”-Spionage-Satelliten), dann Kampfflugzeuge wie die den französischen “Mirage” nachempfundenen “Kfir”, sowie U-Boote vom „Dolphin“-Typ, in Deutschland und grossteils auf dessen Kosten gebaut (mit atomar bestückbaren Marschflugkörpern auszurüsten), wahrscheinlich auch nuklearfähige Artillerie. Die meisten seiner atomaren Sprengköpfe sind auf Plutoniumbasis gebaut; Israel verfügt ziemlich sicher auch über Wasserstoff- und Neutronenbomben. Zu den Massenvernichtungswaffen des Staates gehören auch biologische und chemische Waffen (Zentrum dafür in “Nes Ziona”). Die deutsche Lieferung der U-Boote kam nach dem Auffliegen der Beteiligung deutscher Firmen an Waffenprogrammen des Irak zustande, dazu wurde auch eine Auswirkung der Exporte auf die Scud-Raketen, die das irakische Regime während des „2. Golfkriegs“ 1991 auf Israel abschoss, „konstruiert“ (gab es irgendwelche?), obwohl sie sich eigentlich auf Husseins chemische Waffen bezogen; sein deutsches Giftgas hat er gegen iranische Soldaten eingesetzt. Der Schriftsteller Günter Grass hat die Lieferung der U-Boote in einem Gedicht kritisiert, auch dass „die Atommacht Israel den ohnehin brüchigen Weltfrieden gefährdet”. Er löste damit bezeichnenderweise keine Diskussion darüber aus, sondern nur hysterische Diffamierungen und Entrüstungsrituale gegen sich. Da nutzte ihm auch nicht, dass er seine Verbundenheit zum jüdischen Staat bekundete.

Wenn es so etwas wie eine inoffizielle Bestätigung für Israels Atomwaffenprogramm gab, das seit 1973 so etwas wie ein offenes Geheimnis war, dann die Ausführungen von Mordechai Vanunu. Er stammt aus einer jüdischen Familie in Marokko, die mit ihm nach Israel ging. Von Marrakesch nach Beersheva, 9 Geschwister. Er arbeitete 8 Jahre in der Atomanlage in Dimona (1977-1985), in der unterirdischen Plutonium-Aufbereitungsanlage, in den Jahren als wahrscheinlich zur Abarbeitung von Arbeitsrückstand zusätzliche Arbeiter eingestellt wurden. Mitte der 1980er wurde er entlassen und verliess Israel bald darauf, vermutlich mit der Absicht, dies für immer zu tun. Vanunu war schon vor seiner Dimona-Zeit friedensbewegt gewesen, für einen Ausgleich mit Palästinensern, Aktivist in der kommunistischen Rakah-Partei. In Australien trat er zum Christentum über. Dann kam ihm die Idee, mit seinem Wissen und den Fotos, die er in Dimona gemacht hatte, Geld zu machen, das er dringend benötigte. Es kam 1986 zu einem Interview mit der britischen “Sunday Times”. Die Zeitung wollte nach der Affäre mit den falschen Hitler-Tagebüchern in Deutschland einige Jahre zuvor die Geschichte gegenprüfen. Sie konsultierte angesehene Wissenschafter wie den britischen Physiker Frank Barnaby vom “Think Tank”  SIPRI, der auch mit Vanunu sprach – und ihn überzeugend fand. Die Sunday Times befragte auch den langjährigen Chef der französischen Atomenergiekommission CEA, Francis Perrin, der stark in die nukleare Hilfe für Israel in den 1950er- und 1960er-Jahren involviert war, er bestätigte zentrale Punkte in dem Buch von Pierre Péan (siehe unten) über diese Phase, und auch Vanunus Angaben, sofern er in der Lage war, sie zu beurteilen. Aufgrund der Aussagen und Fotos von Vanunu, der natürlich nur einen Ausschnitt des Ganzen kannte, schätzten Experten Israels Arsenal damals auf 100-200 Atomsprengköpfe, das 10-fache des bis dahin geschätzten.

Während die Sunday Times also die Angaben überprüfen liess, ging Vanunu zu einer anderen Zeitung, dem “Daily Mirror”, um schneller an Geld zu kommen. Der Daily Mirror gehörte Robert Maxwell, der sehr zionistisch eingestellt war; er besaß auch „Ma’ariv“. Vermutlich wurden die israelische Behörden auf diesem Weg auf Vanunu aufmerksam. Der Mossad setzte eine “Honigfalle” auf ihn an und lotste ihn so aus Grossbritannien nach Italien. Per Schiff wurde er von dort nach Israel entführt, kurz darauf veröffentlichte die Sunday Times die Geschichte. Vanunu hatte nur noch eine Gelegenheit, auf seine Situation aufmerksam zu machen, er zeigte Fotografen auf der Fahrt vom Gefängnis ins Gericht durch eine Autoscheibe seine Hand, auf die er geschrieben hatte, dass er entführt worden war. Die Entführung kann, wie auch die Verurteilung 1988 zu einer 18-jährigen Haftstrafe, z. T. in Isolation, als zusätzliche Bestätigung seiner Aussagen gesehen werden. Der ehemalige Mossad-Agent Ostrovsky bezeichnete in seinem Buch über den Geheimdienst von 1990 Vanunus Beschreibungen und Interpretationen bezüglich des israelischen Atomwaffenprogramms als zutreffend. Mit seinen konkreten Angaben störte Vanunu die israelische Politik des “Wir könnten welche haben”. Er wurde 2004 unter schweren Auflagen freigelassen. 2007 hat auch Olmert in Deutschland eine indirekte Bestätigung des Atomwaffenbesitzes seines Staates abgegeben, entgegen der sonst üblichen „strategische Ambivalenz“.

Quellen:

Seymour M. Hersh, Atommacht Israel. Das geheime Vernichtungspotential im Nahen Osten (1991). engl. Original The Samson Option (ebf. 1991; der englische Titel ist der Name einer möglichen nuklearen Strategie, andere mit in den Untergang zu reissen)

Warner D. Farr, The Third Temple Holy of Holies: Israel’s Nuclear Weapons, USAF Counter-proliferation Center, Air War College (1999)

Avner Cohen, Israel and the bomb (1998). Als Cohen kurz nach Veröffentlichung der englischen Ausgabe nach Israel zurückreiste, wurde er 50 (!) Stunden vom Geheimdienst verhört; die hebräische Ausgabe wurde von der israelischen Militärzensur entschärft; in seinem folgenden Buch “Israels letztes Tabu” setzte er sich wieder mit dem Thema auseinander

Leonard S. Spector, Jacqueline R. Smith, Nuclear Ambitions: The Spread of Nuclear Weapons 1989-1990 (1990)

Amos Elon, Wie Israel zur Bombe kam. In: Le Monde diplomatique (deutsche Ausgabe) 4/10. Jg. (April 2004)

James Adams, The Unnatural Alliance (1984). zur nuklearen Zusammenarbeit Israel-Südafrika, v.a. Kapitel 8, 9

Sasha Polakow-Suransky, The Unspoken Alliance. Israel’s Secret Relationship with Apartheid South Africa (2010)

William E. Burrows, Robert Windrem, Critical Mass. The dangerous Race for Superweapons in a fragmentic world (1994)

Pierre Péan, Les Deux Bombes (1982)

Avner Cohen, Benjamin Frankel, Israel’s nuclear ambiguity. In: The Bulletin of the Atomic Scientists Jg. 43, Nr. 3 (März 1987) 15-19

Frank Barnaby, The Invisible Bomb (1989)

Benjamin Beit-Hallahmi, Schmutzige Allianzen. Die geheimen Geschäfte Israels. (1988). Engl. Original The Israeli Connection (1987)

Eli Teicher und Ami Dor-On, None Will Survive Us: The Story of the Israeli A-Bomb (Veröffentlichung 1980 von der israelischen Militärzensur verboten)

http://www.atomwaffena-z.info/atomwaffen-heute/atomwaffenstaaten/israel/index.html

Das “Institute for Science and International Security” über Atomnutzung im Nahen Osten

IAEO-Dokument über Israels Atomprogramm (viel Diplomatie und Protokoll, wenig Substanz und Information)

“Richtet den Blick auf Israels Atomwaffen” heise.de anlässlich der Freilassung Mordechai Vanunus

Homepage von Vanunu, der jetzt in Ost-Jerusalem lebt und darauf wartet, ausreisen zu dürfen