Antisemitismus (III) – Israel in seiner Region und in der Welt

Israel wäre nie ohne die helfende Hand des britischen Imperialismus entstanden, seine Entstehung stand im Kontext der westlichen (europäischen) Unterwerfung der Welt. Und, heute stützt es die westlichen Hegemonie ab, bekommt (dafür) grosse westliche Unterstützung, hauptsächlich natürlich von der USA. Israel und seine Anhänger gefallen sich in ihrer „Die ganze Welt ist gegen uns“-Attitüde, zelebrieren sie, biegen die Realität dahin gehend um. Der Zionismus grenzte sich immer ab von der Region, in der der Judenstaat entstehen sollte, war bezüglich der “Eingeborenen” nicht an Gleichwertigkeit und Austausch interessiert, was seinen kolonialen Charakter unterstreicht. Und, er war auf Vertreibungen der ansässigen Palästinenser ausgerichtet. Diese begannen mit dem UN-Teilungsvorschlag vom November 47 in grossem Maß (missachteten diese Teilungspläne…) und gingen bis zum Waffenstillstand Mitte 49. 1967 wurde der Rest Palästinas erobert. Sich heute von der Siedlungspolitik in den 67 eroberten Gebieten abzugrenzen1, ist gleichzeitig eine Entschuldigung für die Nakba und die Diskriminierung der Palästinenser in den Gebieten die schon vor den Eroberungen 67 von “Israel” beherrscht wurden.

Zionismus, das ist im Grunde die Ideologie und Praxis der Siedlerbewegung…2 Bei Widerstand im Westjordanland lässt Netanyahu tausende Siedlerwohnungen in diesem Palästinensergebiet „legalisieren“. Israel basiert auf der Vertreibung und Unterwerfung der Palästinenser, der wiederum die Verachtung für diese zu Grunde liegt.3 Der jüdische Nationalfonds JNF/KKL begann im frühen 20. Jh damit, Palästina zu kolonisieren (und tut das noch immer). Der JNF hat nach der Nakba “gesäuberte” palästinensische Dörfer aufgeforstet, um im wahrsten Sinne des Wortes Gras (und Anderes) über die Vorbewohner bzw das Geschehene wachsen zu lassen, und um dem Land eine europäischere Vegetation zu geben… Er versucht seit einigen Jahren, sein Image aufzubessern, hauptsächlich mit einer “Umweltschutz”-Rhetorik. Vor einigen Jahren eine KKL-Veranstaltung in Wien, mit Muzicant, dem israelischen Botschafter,… Dazu ein Jubelbericht von Sylvia M. Steinitz im „Kurier“.

Noch hat Israel von den 1967 besetzten Gebieten “nur” den syrischen Golan/Jawlan sowie Ost-Jerusalem annektiert, aber es wird andauernd von Annexionen von Teilen des Westjordanlandes (oder des ganzen) geredet. Die “Zusiedlung” des Westjordanlandes zeigt klar, dass man den Palästinensern nicht viel lassen will; selbst wenn man ihnen eines Tages eine Art Unabhängigkeit zugestehen sollte. Und in den Gebieten, die Israel “ganz” einkassiert, werden Palästinenser einen Status haben, ähnlich dem den sie jetzt schon haben. Ihre Bürger- und Freiheitsrechte sind “Sicherheits”-Interessen Israels untergeordnet; wobei hier der Willkür ein weites Spielfeld geöffnet ist. Egal ob es um die Konfiszierung von Boden für neue israelisch-jüdische Siedlungen geht oder um Verhaftungen und Internierungen. Die alarmistischen “Antisemitismus”-Befunde Europa betreffend haben ja auch den Zweck, von solchen Zuständen abzulenken, sie zu relativieren, ihre Thematisierung zu diffamieren.

Was im Zionismus immer schon zentral war, ist Geschichstpolitik. Wenn Netanyahu über die neuesten Enteignungen und Vertreibungen von Palästinensern in Jerusalem/Quds redet, dann sagt er zB “Jews built Jerusalem 3000 years ago and jews build it now“…Wenn er über seine Weigerung redet, gegen Siedlungen (in den palästinensischen Restgebieten im Westjordanland) vorzugehen, die selbst für israelische Massstäbe illegal sind, redet er davon, dass “die Tage an denen Juden entwurzelt wurden, hinter uns liegen, nicht vor uns”…Und natürlich: die “Sicherheit Israels”, bei der man “keine Kompromisse” machen würde, auch so ein scheinbar unschlagbares “Argument”, aus dem heraus man so ziemlich Alles argumentieren kann (nicht zuletzt schwerste Menschenrechts-Verletzungen, bezüglich Nicht-Juden). Diese Geschichtspolitik beginnt natürlich mit religiösen Mythen, die mit geschichtlichen Fakten vermischt werden. Bei der “Rückkehr” in’s “Land” im 19. Jh4 wartete dann eine menschenleere Wüste darauf, besiedelt zu werden.

Die Palästinenser wurden oft genug als Teil der harten Landesnatur dar gestellt bzw aufgefasst, die es zu bezwingen galt. Es erinnert an deutsche Kolonialrevisionisten, die in der Zwischenkriegszeit um eine Rückgewinnung der verlorenen deutschen Schutzgebiete bemüht waren, zB Bernhard Voigt. Der stellte in einer Kolonialapologetik das Land auf dem Windhuk (Windhoek) entstand, als herrenlos dar, das erst durch das von Deutschen Geschaffene Eingeborene (v.a. Herero) angezogen hätte (diese stellte er als habgierig, neidig, in jeder Hinsicht inkompetent dar). Auch dort der Pioniermythos… Die Gegenwehr der Palästinenser gegen ihre Verdrängung ab den 1920ern wird als Ausdruck von Fanatismus und Antisemitismus dargestellt, während die jüdischen Einwanderer ja nur friedlich aufbauen wollten. Auch hinsichtlich der strategischen Interessen, der Kräfteverhältnisse und der Begleitumstände des israelisch-arabischen Kriegs und der palästinensischen Vertreibung und Flucht 1948, wird die Geschichte verfälscht. Und natürlich blieben die Palästinenser blutrünstige Terroristen, gegen die sich die Israelis verteidigen mussten und müssen. Die Schaffung eines universellen Feindbildes kann Staaten/Gesellschaften als politisches Bindemittel dienen.

Da ja von Kolonialrhetorik bzw -mentalität schon die Rede war: Beim Artikel über Guam und damit in Zhg Stehendes stiess Tiara auf Schilderungen zu den dortigen Chamorros, in denen Vieles an die zionistische Rhetorik und Behandlung der Palästinenser erinnert: “Upon entering these spheres of influence Chamorros would find a place already waiting for them, an identity, a place in the world that defined them through racist assumptions…..lessons, declarations made by the naval government and its representatives, and that Chamorros were dirty, backwards, primitive, unable to take care of themselves, and needed America to save them…..They did not have representatives in the US Congress or any votes for president. They did not have the right to jury trials or to any judicial appeals process…..Older historical writings glorify this period as one of incredible advancement and progress, with America benevolently teaching Chamorros…..this sort of rhetoric is customary in the cases of all modern colonizers…..The taking over of another’s land, and the re-directing and dictating of their future are acts that require some justification in order to disguise what might otherwise be racist or violent interventions of control as necessary or benevolent acts…..This typical civilizing rhetoric in colonialism, whitewashes the crass and sometimes cruel interests of the colonizer, and makes it appear as if the colonized are the ones who need and who will truly benefit from the colonization of their lands. So, in the case of Guam, the purpose of the US in being there has nothing to do with controlling the island by turning it into a key military outpost. The colonizing rhetoric masks the underlying racist, militaristic and imperial intentions…..’Civilizing’ the natives…..Chamorros (were) trapped between the promises of American democracy and liberty and the incessant demands of American military and national security interests…..Chamorros who chose assimilation accepted the new colonial order. They embraced the rhetoric of the Chamorro denigration and thus saw the purpose of the Chamorro during this era was to do whatever the US asked of them and to find whatever ways they could follow America’s example5…..Despite the haphazard efforts of the US Navy, Chamorros did not truly accept the rhetoric that they were dependent upon the US or that they merely existed to give up everything and follow America6…..not just proselytized about America’s greatness, but also instructed in Chamorro inferiority, dependence, or even non-existence as a people…..This order implicitly and explicitly argued that Chamorros were nothing, other than an obstruction, an obstacle that stubbornly prevented the progress that America was working to bring to the island. Therefore, as the navy positioned itself as a civilizing teacher to Chamorros, it crammed its spheres of influences with ‘lessons’ on American greatness and Chamorro inferiority…..”

Und, in einer (Germanistik-?)Dissertation an der Universität Stuttgart aus 2003, “Die postkoloniale deutsche Literatur in Namibia (1920 – 2000)”, von Thomas Keil, fand sich auch einiges hierfür Relevante: “Während der Nationalsozialismus den von ihm geforderten Lebensraum durch gezielte Ausrottung der Eingeborenen gewinnen wollte, beharrte der Kolonialismus auf der Führungsrolle der Weißen gegenüber der Eingeborenenbevölkerung, so daß ein Zusammenleben, wenn auch unter rassistischen Vorzeichen, vorgezogen wurde…kulturalistische und rassistische Unterscheidungsmerkmale, die einzig und allein zur Legitimation der Kolonisation gedient hätten…die wissenschaftliche Erforschung des Landes primär der wirtschaftlichen Nutzbarmachung diente und selten aus rein wissenschaftlichem Selbstzweck erfolgte. Ferner ist noch bemerkenswert, daß die Eingeborenen und ihre Kultur von der Wissenschaft als Teil des südwestafrikanischen Naturraums betrachtet wurden, so daß sich auch einige der Naturforscher dazu berufen fühlten, ethnologische und kulturwissenschaftliche Studien im Rahmen ihrer naturkundlichen Forschungen zu betreiben…Die Kriegshandlungen der Herero gelten als Vernichtungskampf gegen die moderne Zivilisation. Damit werden sie als ein Beweis für die angebliche Primitivität und Zivilisationsfeindlichkeit der Eingeborenen angeführt…’Über ein Jahr dauerte die Verhetzung der Kaffern; dann kamen die Eingeborenen wieder zur Vernunft. Sie vermißten die gewissenhafte Fürsorge der deutschen Regierung und erkannten nun, in welch üble Lage sie die englischen Lügen gebracht hatten.’…Die ‘Eingeborenen’, über die man anfangs ebenso wenig wusste wie über das Territorium, wurden als ‘Eigentümer’ ihres Landes bestenfalls gering geschätzt. Die Behauptung, dass sie aus den ihnen anvertrauten Räumen und Ressourcen nichts machten, was auch nur entfernt an die produktive Arbeit und Wertschöpfung der Europäer erinnerte, schien Grund genug, sie zu enteignen. Gegen die meist unfairen und oft gewaltsamen Methoden der Kolonisatoren, sie zurückzudrängen und ihrer Lebensgrundlagen zu berauben, hatten die Afrikaner allen Grund, Widerstand zu leisten. Er war jedoch gegenüber den sehr ‘ehrpussligen’ Deutschen meist zwecklos, denn er wurde mit ungleichen Waffen geführt…”

Keil über die Kolonialrevisionisten (die hauptsächlich in der Weimarer Republik aktiv waren): “Die kolonialen Gewaltverhältnisse thematisierten sie nicht, und die Opferzahlen der Kolonisierten relativierten sie in Vergleichen mit anderen europäischen Kolonialmächten. Die KolonialrevisionistInnen versuchten, dem von den Siegermächten erhobenen Vorwurf der verfehlten Kolonialpolitik, den sie selbst als ‘koloniale Schuldlüge’ betitelten, damit zu begegnen, dass sie die vermeintlichen kulturellen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Leistungen des deutschen Kolonialismus betonten. Die Kolonisierten stellten sie als ihre Hilfe benötigende ‘treue Eingeborene’ dar.”7 Seine Einschätzung über Hans-Otto Meissner (der sich nach dem 2. WK mit Südwestafrika/Namibia befasste) erinnert an Israel-Apologeten: “Es wird zwar der Eindruck erweckt, daß Meissner beiden Seiten Gehör verschaffe und die Standpunkte gegeneinander abwägen würde, tatsächlich bezieht er sich aber lediglich auf den Standpunkt der Weißen. So zum Beispiel, wenn er auf die Erfahrung der Buren im Umgang mit den Farbigen verweist. Diese diskriminierende Einschätzung entspricht ganz dem reaktionären Weltbild des Autors, der sich auf die angeblich natürliche Überlegenheit der weißen Rasse begründet. Im Hintergrund steht dann der koloniale Erziehungsgedanke, der den Schwarzen die Selbstbestimmung verwehrt. Sie werden auch weiterhin bevormundet, indem man ihnen politische Unreife und Unmündigkeit unterstellt. Doch die Reservate, die den Schwarzen zugewiesen wurden, sind keineswegs Gebiete der Selbstbestimmung. Es sind weitgehend unterentwickelte Gebiete, während sich die Weißen die wertvollen Gebiete selbst gesichert haben. Trotz der unübersehbaren Entrechtung der farbigen Bevölkerungsmehrheit stellt Meissner die Praxis der Apartheid so dar, daß der Eindruck entstehen muß, Südafrika betreibe eine fürsorgliche Politik. Verdeckt wird allerdings der Tatbestand, daß einer schwarzen Bevölkerungsmehrheit die politische Mitbestimmung und soziale Gleichstellung verweigert wird. Wenn die südafrikanische Regierung für die Schwarzen Siedlungen errichten läßt, geschieht das keineswegs aus fürsorglichen Motiven heraus, sondern um die politische Kontrolle auszuüben…Er beruft sich auf die Verantwortung der Weißen für den Frieden und schreckt mit der Aussicht auf einen permanenten Bürgerkrieg, der durch den bestehenden Tribalismus ausgelöst würde…Konflikte und Brüche innerhalb der weißen Bevölkerungsgruppe verschweigt er…Alle Regeln des täglichen Lebens werden von den Weißen gemacht. Schwarze erscheinen dagegen als politischer Gegenstand, nicht aber als selbstbestimmte Menschen, die über ihr Schicksal frei entscheiden können. Meissner übergeht dieses politische Defizit, indem er behauptet, den Schwarzen gehe es relativ gut.”8

Die “Eingeborenen” (Landesbewohner) werden von den Kolonialisten als “feindselig” gesehen, als Leute, die „miserabel wirtschaften”, sich nicht fügen; man kann nicht nachvollziehen, dass diese über einen anderen kollektiven Erfahrungshorizont verfügen als man selbst (die Zivilisierten). Es gibt in der Unterwerferrhetorik das Gerede vom „Befreien“9, vom „Segen“ den ihre Herrschaft darstelle. Den Unterworfenen wird nicht nur Zivilisiertheit und Reife abgesprochen, sondern auch ihre Geschichte… Sie werden als “Barbaren” (entspricht den “Untermenschen”) gesehen bzw gezeichnet, als unberechenbare, triebgesteuerte Wilde. Zum Beispiel die Palästinenser bzw Araber im zionistischen politischen Diskurs, im Privaten, in künstlerischen Darstellungen. Nach dem Motto “Wir säen, sie entwurzeln, wie bauen, sie zerstören,…”; und zu dieser Barbarei gehört natürlich ein “Antisemitismus” ab ovo (bzw mit der Muttermilch bzw der Babynahrung…).10

Das Dogma bzw der Bluff von Israel als der einzigen Demokratie in “seiner” Region… 100% des historischen Palästinas stehen de facto unter zionistischer Kontrolle, unter verschiedenen Formen der Herrschaft, werden Palästinenser gemäß dieser Verschiedenheiten unterschiedlich behandelt, aber überall krass benachteiligt. Der Gaza-Streifen wird belagert, Ost-Jerusalem wird als Teil des Israels behandelt, wie es 1948 bis 1967 bestand, die Palästinenser in diesem völkerrechtlich überwiegend anerkannten Israel gelten als “israelische Araber”, jene im Westjordanland leben zT unter einer sehr schwachen Autonomieverwaltung, die vom israelischen Militär in eigentlich allen Bereichen “aufgehoben” werden kann. Das israelische Militär (ZHL/IDF) tut das auf Anordnung der israelischen Politiker, die diese Palästinenser nicht wählen dürfen. An die 5 Millionen Palästinenser leben unter israelischer Militärverwaltung, direkt (Westjordanland) oder indirekt (Gaza). Jene politischen Kräfte im zionistischen Spektrum (also unter Jenen, die aktives und passives Wahlrecht in der Besatzungsmacht haben), die diesen Zustand von Grund auf in Frage stellen (und nicht bloss zum Zugeständnis von Erleichterungen bereit sind), sind eine kleine Minderheit, ragen geringfügig über das Bevölkerungssegment der israelischen Palästinenser hinaus.

Während es auch im jüdischen Bevölkerungssegment hierarchische Abstufungen gibt (und einige Gegenschwimmer), steht die nicht-jüdische Bevölkerung von Israel/Palästina (also überwiegendst Palästinenser, verschiedener Subgruppen) klar unterhalb der Juden. Israel ist bezüglich Juden demokratisch, bezüglich der Nicht-Juden nicht (auch wenn die Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft etwas partizipieren dürfen). Wir sind wieder bei den Juden als Ethnie, um die sich im zionistisch-israelischen Zusammenhang alles dreht, wie in Teil I erwähnt. Und wir sind bei den Parallelen zum Apartheid-System in Südafrika; die Palästinenser haben nichts davon, dass Israel ein “bürgerlich-liberaler” Staat ist. Ihre Perspektive fehlt in der Regel bei den Einschätzungen zum System Israels, ihre Behandlung bzw ihr Status macht Israel zu einem der repressivsten Staaten der Region.11 Im Westjordanland (der Westbank) hat das israelische Militär die oberste Exekutivgewalt – für Palästinenser; für die jüdischen/israelischen Siedler dort gelten die Regeln/Gesetze der israelischen Demokratie. “Israel” ist also klar ein ethnisch abgestuftes System, eine Art Apartheid bzw Ethnokratie.

Eine “getrennte Entwicklung”, bei Erhaltung der Vormachtstellung der einen Ethnie. Mit dem Unterschied, dass Weisse in Südafrika immer eine Minderheit waren, Juden in Israel/Palästina durch gross angelegte Bevölkerungstransfers bzw auf “künstlichem” Weg zu einer knappen Mehrheit geworden sind.12 Wie einst in Südafrika wird das System mit “Sicherheits”-Überlegungen gerechtfertigt, wobei die “Sicherheits”-Lage erst durch dieses System (Unterdrückung grosser Bevölkerungsteile) zu Stande kam, und diesem wiederum eine rassistisch-kulturalistische Verachtung zu Grunde liegt, die auch hin und wieder an die Oberfläche kommt. Die Siedlungs-Politik wird gerne dargestellt als eine Art natürliche Ausbreitung “jüdischer Wohngegenden”, ist aber auf Verdrängung (der Palästinenser) angelegt, ist Teil des Besatzungs- und Apartheid-Regimes. Man kann es auch darauf herunterbrechen: Israel behandelt die Palästinenser, als ob Bürgerkrieg wäre, jegliche Gegenwehr wird aber wie gewöhnliche Kriminalität gg Zivilisten behandelt.

Die palästinensische Anwältin und Abgeordnete (zum Palästinensischen Legislativrat) Khalida Jarrar war 2015 gerade mit Vorarbeiten dazu beschäftigt, die palästinensische Sache zum Internationalen Strafgerichtshof zu bringen, als israelische Soldaten ihr Haus stürmten und sie mitnahmen. Unter Anderem um diese Vorgangsweisen ging/geht es in ihrer Eingabe – jemanden (palästinensischen) einfach so abführen und einsperren (noch dazu ein/e Abgeordnete/n), beliebig lange, in ihrem Fall war das ein Jahr, nur um bald darauf wieder eingesperrt zu werden. In der Nacht aufgeweckt und verhaftet werden, das gab es nicht nur unter Saddam im Irak, für Palästinenser unter Israel ist das alltäglich. “Administrativhaft” – ohne konkreten Grund, beliebig lange. In der deutschösterreichischen journalistischen Weichzeichnerei wird das ja ein wenig “verzerrt”. Zum Beispiel als “Reaktion” ausgelegt. Palästinenser leben natürlich mit dem Bewusstsein, beim “nächsten Mal” selbst Opfer der Repression zu werden. Und haben die Impertinenz, nicht zu kapitulieren.

Israels Bildungsminister Rafael Peretz (Habeit hayahud), ein Rabbiner13 vor einigen Monaten: “Ich will, dass die israelische Souveränität auf ganz ‘Judäa und Samaria’ (Westjordanland) ausgeweitet wird.“ Man wolle sich auch um die palästinensischen Einwohner kümmern, „aber sie werden keine politische Entscheidungsfähigkeit haben“, sollen kein Wahlrecht erhalten. Wäre keine so grosse Änderung bzw Verschlechterung mehr, Israel herrscht so seit über 50 Jahren über diese Palästinenser. Dieser Peretz sprach sich auch für “Konversionstherapien” für Homosexuelle aus. Der offen schwule Justizminister Amir Ohana (Likud)14 verurteilte diese Äusserungen. Netanyahu distanzierte sich von den Äusserungen des Bildungsministers in dieser Frage. Die israelische Rechte hat also auch inzwischen offen Homosexuelle, ist das Eine was man daraus folgern kann (wie die CDU), und Netanyahu sind schwule Juden immer noch lieber als heterosexuelle Palästinenser, das Andere. Oder auch, er ist so auf West-Anerkennung aus… Er hat übrigens vor Kurzem seine Pläne zur Annektierung israelischer Siedlungsgebiete im Westjordanland vorgestellt. „Ich werde nicht eine einzige Siedlung räumen. Und ich werde natürlich dafür sorgen, dass wir das Gebiet westlich des Jordans kontrollieren“

Amir Ohana, “Likud Pride”

Samuel Laster, ein im deutschen Sprachraum aktiver israelischer Lobbyist (mailt zB Beschwerden an unliebsame Medien), zu der (aufgebrachten) Gaza-Hilfsflotte: In Israel könne man für Alles demonstrieren, in Gaza nicht. Das stimmt nicht. Wenn Fischer vor Gaza in eine Zone hinausfahren, die ihnen eigentlich zusteht (um zu fischen), werden sie von der israelischen Marine beschossen, selbes passiert palästinensischen Bauern dort durch die israelische Armee wenn sie ihre Felder betreten wollen, die diese als Pufferzone oder Sperrgebiet deklariert hat. Man hat bei den Protesten der Palästinenser an der Grenze des Gaza-Streifens 2018/19 gesehen, wie schnell es bei Demonstrationen dort Tote gibt…durch Beschuss des israelischen Militärs (ZHL). Und bei Demonstrationen von “israelischen Arabern” wird schnell mit scharfer Munition geschossen von israelischen Staatsorganen. In Israel/Palästina können nur Juden für alles demonstrieren… Und immer wieder marschiert der rechte Pöbel durch palästinensische Wohngebiete (zB in Jerusalem), mit Fahnen und Sprechchören wie “Mavet le Aravim!” (“Tod den Arabern”).

Übrigens, der Zorn dieses Pöbels, wenn israelische(s) Militär/Polizei ihnen einmal Grenzen setzt, richtet sich in der Regel ebenfalls gegen die Palästinenser. Nachdem israelische Soldaten ein von israelischen Siedlern besetztes Haus in Hebron geräumt hatten, war es zu schweren Racheangriffen auf Palästinenser in der Stadt gekommen (30 Verletzte, fünf durch Schüsse). Aufmärsche oder Feiern der Siedler bedeuten für die Palästinenser in betreffenden Gegenden sehr oft Ausgangssperren; und selbst wenn es diese nicht gibt, bleiben Palästinenser dann lieber weg (bei solchen Nur-für-Juden-Paraden), aufgrund der Übergriffe der israelischen Siedler auf sie – gegen die die Soldaten wenig bis keinen Schutz bieten (bei Gegenwehr aber…). Jene, die im “Kastensystem” oben stehen und aufgrund ihrer (daraus resultierenden) ökonomischen Privilegien in wohlhabenden, geschlossenen Wohnanlagen leben, können es “sich leisten”, eine moralische Fassade “anzunehmen”, und ihre Verachtung ohne “blatanten” Rassismus oder “extremen” Nationalismus zu zeigen, beim Ausschluss der “Anderen” (also der Palästinenser). Das gilt auch für Jene in der “Diaspora”, zB in Österreich.

Zum Einen wird immer wieder vorgegeben, dass alle „emanzipativen“ Bestrebungen in dieser Region im Sinne Israels seien, eine Region die man aufklären müsse… zum Anderen heisst es dann, Saudi-Arabien (der rückständigste Staat der Region) und sein Wohl sei im Sinne Israels, und wenn sich die Ägypter für Demokratie erheben sei das eine Bedrohung. Israel hat in „seiner“ Region nie Demokratie gefördert, im Gegenteil, genau so wenig wie die USA (bzw der Westen) weltweit. Israel-Fans sehen echt emanzipative Bewegungen/Entwicklungen in “der Region” (Nordafrika bis Zentralasien) in der Regel mit Unbehagen/Missgunst. Israel (Netanyahu) protzt damit, dass es “sogar” verletzte Kämpfer des syrischen Bürgerkriegs “verarztet”; nun, Kämpfer der islamistischen Al-Nusra (Anti-Iran, aus dem al Qaida-Milieu) behandelt Israel besser als normale Palästinenser…15

2016 in Hebron die Exekution eines angeschossenen kampfunfähigen Palästinensers (der Soldaten mit einem Messer attackiert hatte) durch einen israelischen Sanitätssoldaten. Es folgten im IT und anderswo Anprangerungen und Bedrohungen des Zeugen, der vor Gericht gegen den Täter Elor Azaria aussagte, gegen den palästinensischen Schuster der die Sache filmte, auch gegen die Richter (wurden unter Anderem mit Hitler-Bärtchen dargestellt), Dann Einmischungen der Politik zugunsten einer Begnadigung des Mörders, von Netanyahu abwärts (mit gewohnter Rhetorik). Am Ende war Azaria etwa gleichlang im Gefängnis wie das Mädchen Ahed Tamimi, sie für einen “Schlag” gegen einen Besatzungssoldaten…gegen sie hetz(t)en israelische Politiker auch. Azaria ist für die meisten Israelis ein Held.16 Noam Shalit, der Vater des von Hamas-Kräften entführten Gilad, sagte in einem Fernsehinterview, er würde auch einen israelischen Soldaten entführen, wäre er ein Palästinenser. “Wir haben ja auch britische Soldaten entführt, als wir für unsere Freiheit kämpften”. Alles was Zionisten heute, bzw seit 48, bekämpfen, von illegaler Einwanderung bis Terrorismus, haben sie früher selbst praktiziert, zT auch danach.

Jene, die für Haganah, IZL oder LEHI nach dem 1. WK Anschläge verübten, wurden israelische Staats- oder Ministerpräsidenten oder anderwärtig Helden. Der niederländische Jude Jacob de Haan, ein Autor, war für ein gleichberechtigtes Zusammenleben von Juden und Arabern (daneben wahrscheinlich homosexuell), wurde deshalb 1924 von der Haganah (bzw ihrer Spezialeinsatzgruppe Palmach) ermordet17; der Mörder Tehomi/Zilberg wurde als “Held” verehrt. Er war einer jener, die die Gründung des (noch viel gewalttätigeren) IZL aus Haganah-Teilen initiierten, nach dem palästinensischen Aufstand 1929, mit dem Zwischenschritt Haganah Bet. Oder Meir Har-Zion (Horowitz)… Er war in den 1950ern in Scharons „Einheit 101“ aktiv, die viele Massaker verübte. 1954 (nach anderen Angaben 1955) waren seine Schwester und deren Partner im Gebiet des Toten Meeres auf jordanischem Territorium unterwegs, wurden dort von Beduinen getötet. Har-Zion und einige Kollegen aus seiner ZHL-Einheit nahmen Rache, an Angehörigen des (vermuteten) Stammes der Mörder, wiederum in Jordanien; entführten sechs, verhörten sie, töteten fünf und liessen den sechsten zurückkehren damit er erzählt was passiert ist.

Die Getöteten hatten wahrscheinlich nichts mit dem “ursprünglichen” Mord zu tun, nur dem selben Stammesverband angehört. Scharon sagte, dies sei die Art von Rache, die Beduinen genau verstünden. Wieder einmal die (einzige) Sprache die Araber verstehen, ein Sentiment das bis heute unter (Philo-) Zionisten gang und gäbe ist… Har-Zions Beschützer im politisch-militärischen Establishment Israels, von Ben Gurion abwärts, sorgten dafür dass er (und die anderen Beteiligten) sich schnell wieder ihrer Einheit anschliessen konnten. Har-Zion wurde auch anlässlich seines Todes 2014 von israelischen Politikern und Medien als Held verehrt.18 In den 1980ern war die rechtsextreme zionistische Terrororganisation “Jüdischer Untergrund” aktiv, mit Verbindungen zu Siedlerorganisationen wie “Gush Emunim” (Mosche Levinger,…) und Rabbinern, die Bomben-Anschläge u.a. auf Bürgermeister palästinensischer Städte unternahmen, wie gegen Bassam Shakaa (Nablus; beide Beine verloren), und den Felsendom zerstören wollten. Anführer/Haupttäter Mordechai Zar, ein Freund von Scharon, war im Endeffekt nur ein paar Monate im Gefängnis, die Strafe der Anderen (Nir, Etzion, Sharbaf, Livni,…) wurde drei Mal von Präsident Hertzog heruntergesetzt (auf Betreiben von Premier Shamir); die Terroristen seien von “israelischen Patriotismus” getragen worden… Sie kamen nach wenigen Jahren frei, wurden Helden für Viele.

Siedler-Führer Levinger erschoss 1988 einen Palästinenser und bekam 3 Monate dafür. Soldat Ami Popper erschoss 1990 in Rishon le Zion einfach so 7 Palästinenser19; Shamir nannte ihn “verwirrt”. Popper bekam zunächst lebenslang, wurde religiös im Gefängnis, eine kanadische Jüdin aus einer Kach-Familie durfte ihn heiraten und besuchen, die Strafe wurde reduziert, kam (als 7-fach-Mörder) in ein Minimum-Sicherheits-Gefängnis in Ramla. In diesem Gefängnis war er im selben Block wie Ex-Präsident Kazav (der für Vergewaltigung, von Jüdinnen, 5 Jahre im Gefängnis sass).20. Rechte Politiker setzten sich für seine Freilassung und die anderer Israelis ein die “nur” Palästinenser getötet hatten. Er bekam Gefängnisurlaube, bei einem solchen kam bei einem Autounfall ein Teil seiner Familie ums Leben, er heiratete weitere 2 Male, seine Familie bekommt Spenden von recht(sextrem)en Zionisten…. Wie zB auch Rabin-Mörder Yigal Amir.

Har-zion ist für mehr Zionisten ein Held als Baruch Goldstein (der ebenfalls in Hebron Palästinenser ermordete), der wird “nur” von Rechtsextremen verehrt, Harzion auch vom Staat. Sheizaf im in der Fussnote verlinkten Artikel: “Let’s remember that the next time Israelis condemn the PA for idolizing their killers.” Bei Elon Azaria ist man auch an Günther Kümel erinnert, der 1965 bei einer Borodaikewycz-Demonstration in Wien Ernst Kirchweger niederstiess und ihn damit tötete, auch er redete von „Notwehr“, auch er hatte Fans, und er kam für 5 Monate ins Gefängnis. Wenn ein Shalom Eisner einem dänischen Friedensaktivisten mit seinem Gewehr die Nase bricht, wird er auch ein Held (für viele Zionisten)…der südafrikanische Jurist Richard Goldstone dagegen wurde unter Juden eine Unperson. Weil schlimm war ja nicht das israelische Vorgehen gegen den Gaza-Streifen 08/09, sondern der Bericht darüber. Oder die Thematisierung der Besatzungssituation (für die Palästinenser) in Hebron. Der gefeierte Mörder…Charles Manson oder “Jack” Unterweger für gewisse Frauen, Ratko Mladic bei gewissen Serben, islamistische Attentäter in gewissen Milieus.

Gaza ist ein Ort, an dem israelische Politiker und Militärs „ihre Muskeln“ (bzw Waffensysteme) spielen lassen können. Und einer, der nach dem Abzug 05 weiter unter scharfer Kontrolle (bzw als Freiluftgefängnis) gehalten wird. Es gibt, auch von bundesdeutschen Israelfreunden, das Postulat wonach Geschosse aus Gaza das Leiden der Gaza-Palästinenser widerlegen würden…und sie die Ursache der israelischen Politik ggü dem Gebiet wären. Als ob die Tragödie dieser Gegend um die Stadt Gaza nicht schon durch die Nakba begonnen hätte. Schliesslich stammt ein sehr grosser Teil der Bevölkerung des Gaza-Streifens aus Familien, die damals aus Gegenden des südlichen Palästinas flüchten mussten bzw vertrieben wurden – in dieses Gebiet, das vom ägyptischen Militär gehalten werden konnte. Das letzte grosse israelische “Rasenmähen” in Gaza, 2014, hatte (wie auch die vorherigen) wenig zu tun mit der Hamas. 2018/19 die Grenzproteste, wiederum mit vielen getöteten Palästinensern. Einige Minister, wie Naftali Bennett, die den Israel-Katar-Hamas-“Deal” Ende 18 stark kritisiert hatten, waren froh, dort wieder eine Eskalation zu sehen.

Vor der ersten israelischen Wahl ’19 (April) flogen angeblich „Raketen” aus Gaza auf den Raum Tel Aviv („erstes Mal seit 14“), wurden „abgefangen“. Jedenfalls bekam Netanyahu die Gelegenheit von „Gegenschlägen“ gg Gaza, zu einer Demonstration nach Innen und Aussen, konnte sagen, es gab einen „Raketenangriff auf Tel Aviv“, “ich verteidige euch” (bzw, “ich muss israel verteidigen”),… Wenn die Leute in Gaza Stadt oder Khan Younis echte Raketen bekommen, die auch nicht abgefangen werden können, ist das kaum eine Meldung wert und wird immer als Gegenreaktion dargestellt. Trump leistete Netanyahu vor dieser Wahl auch Hilfe (beide angeklagt in ihren Ländern21), kündigte die Akzeptanz der israelischen Annexion von Golan/Jawlan durch die USA an. Und Netanyahu liess vor der Wahl weiter die Muskeln spielen, auch wieder Syrien angreifen. Ende 19, inmitten des Patts nach der zweiten Wahl und seinen Korruptions-Schwierigkeiten, Eskalation zwischen Israel und der im Gaza-Streifen aktiven Miliz Islamischer (D)jihad, die begann als die Zionisten einen von deren Kommandanten töteten, auch Hamas-Ziele wurden angegriffen; es wurden mittlerweile über 25 Palästinenser getötet. Um sich zu retten, versucht Netanyahu einen Krieg mit den Gaza-Palästinensern zu provozieren; würde dann sagen, er habe nur Terror bekämpft.22

Es ist fraglich, ob die israelischen Avodah-Regierungen bei den Friedensverhandlungen (?) im ausgehenden 20. Jh ernsthaft die Möglichkeit einer Zwei-Staaten-Lösung erwogen. Nun ist der Friedensprozess jedenfalls (klinisch) tot. 100% des historischen Palästinas23 stehen unter Kontrolle “Israels”, manche Gebiete im engeren Sinn, andere (wie der “Gaza-Streifen”) nur unter einer Art “Oberaufsicht”. “Friedensverhandlungen”, wie es sie seit ca. 1993 gibt, laufen darauf hinaus, diesen jetzigen Zustand aufrecht zu erhalten, einzufrieren, die Verhältnisse sogar weiter zuungunsten der Palästinenser zu verschlechtern (v.a. durch weitere Siedlungstätigkeiten im Westjordanland, also Landenteignungen und Ähnliches); und den Palästinensern Almosen zu überlassen. Nur keine Auseinandersetzung mit den Wurzeln des Konflikts. Daher auch keinen echten Siedlungsstopp oder echte Verhandlungen oder echte Zugeständnisse. Nicht “Land” aufgeben wollen, bedeutet, nicht die Vorherrschaft aufgeben wollen, nicht auf einer Ebene mit Palästinensern leben zu wollen (statt eine über ihnen).

Netanyahu hat die Likud-Linie (v.a. von Shamir vorgegeben) fort gesetzt, Verhandlungen nur aufzunehmen, wenn man von der USA(-Regierung) stark dazu gedrängt wird, dann aus der Position des Herrschers über Palästina auf Zeit zu spielen, möglichst wenige Zugeständnisse (an die Palästinenser) zu machen, und sich diese auch neuer teuer “abkaufen” zu lassen und ihre Implementierung hinaus zu zögern…und während dessen mit dem Landraub in der “Westbank” weiter zu machen. Likud-Führer stellen den “Nahostkonflikt” gerne als einen von “arabischen Aggressoren” und “jüdischen Verteidigern” (bzw “Opfern”) dar (ob sie ihn wirklich so sehen, sei dahin gestellt). Netanyahu sprach vom Oslo/Washington-Abkommen (und die Folgeabkommen) als „Appeasement“, tat ihn seiner ersten Periode als Premierminister alles, um den Friedens-/Verhandlungsprozess zu zerstören (was von Sharon dann fort gesetzt bzw vollendet wurde), fühlte sich nicht an diese von Vorgängerregierungen abgeschlossenen internationalen Verträge gebunden, liess Vieles neu verhandeln (während die Palästinenser auf Berücksichtigung früherer Verhandlungen bzw von deren Ergebnissen bestanden), und das wenige was er dann umsetzen liess, tat er ungern, schleppend und immer mit begleitenden Gegenmaßnahmen.

Da geht es auch immer um Netanyahus Koalitionspartner, die in der Regel Parteien noch rechts vom Likud sind und schon zu gar keinen Zugeständnissen bereit sind. Aber, aus israelischer Position kann man endlos “verhandeln”, hauptsache es ändert sich nichts Substantielles und alle “Beobachter”/Mediatoren/… bleiben ruhig. Und, man redet dann von “Existenz, Sicherheit, Iran, Priorität,…”. Netanyahus “Siedlungsstop” vor ca 10 Jahren: genehmigte wurden fertig gebaut (noch rasch viele Baugenehmigungen), beim Ausbau bestehender Siedlungen wurde auch kein Stop gemacht, Ost-Jerusalem war schon mal gar nicht betroffen,…24 2009 sagte Netanyahu: “I told President Obama in Washington, if we get a guarantee of demilitarization, and if the Palestinians recognize Israel as the Jewish state, we are ready to agree to a real peace agreement, a demilitarized Palestinian state side by side with the Jewish state.”

Seit damals hat er sich vom “Konzept” einer Schein-Unabhängigkeit bzw Pseudo-“Zwei-Staaten”-Lösung für die Palästinenser weg bewegt. Offiziell unterstützt er im Konflikt mit den Palästinensern anscheinend weiter eine Zweistaatenlösung -während er ungehindert die Ausweitung der jüdischen Siedlungen im (seit nunmehr über 50 Jahren von Israel besetzten) Westjordanland voran treibt. Mit Trump hat er seit ’17 endlich den gewünschten Partner in Washington, und die Aufbrüche des Arabischen Frühlings zum Beginn seiner zweiten Amtszeit sind längst gewichen, stattdessen das Wüten von IS/Daesh gegen Moslems und gegen “Westler”. Trump hat die Israel/Palästina-Sache Kushner in die Hände gelegt hat, der an einem “Friedensplan” arbeiten soll. Er hat im Wahlkampf klar gesagt, als Präsident würde er im “Nahost-Friedensprozess” lediglich auf Zeit spielen, und (wie in Teil II angeführt25) er ist Netanyahu in vielerlei Hinsicht entgegen gekommen – und das ist natürlich eine Politik die von einer Friedens/Verhandlungslösung weit weg führt.26

Ein Kommentar Netanyahus zur Legalisierung jüdischer/israelischer Siedlungen in den palästinensischen Restgebieten: Israel sei “keine militärische Besatzungsmacht“, es gehe darum, dass die “in den betroffenen Gebieten lebenden Juden wie alle anderen Israelis normal leben“ könnten. Aber jedenfalls nicht die Palästinenser. Die Rechte und Privilegien der Juden im Land auf diese auszudehnen, kommt nicht in Frage. Das Zentralkomitee von Israels Regierungspartei Likud hat Ende 17 eine formale Annexion des besetzten Westjordanlandes verlangt. In einer nicht bindenden Resolution rief das Gremium die Likud-Abgeordneten in der Knesset auf, die „Souveränität Israels auf Judäa und Samaria” (Westjordanland) auszuweiten. Parteichef Netanjahu, der natürlich Mitglied des Zentralkomitees ist, war bei der Abstimmung nicht anwesend… Fraglich ist, inwiefern sich die Standpunkte der Parteien aus der “blau-weissen Allianz” hierzu unterscheiden; bei der Rolle der (jüdischen) Religion im Staat gibt es da gravierende Unterschiede, aber ggü den Palästinensern, der Region,… Und wie gesagt gibt es noch Parteien rechts vom Likud. Netanyahus Regierungspartner Naftali Bennett (damals Habeit hayahud), hat mit dem Austritt aus der Regierung gedroht, sollte diese mit den Palästinensern Verhandlungen auf Grundlage der Grenzen von 1967 aufnehmen, wie das der damalige US-Aussenminister John Kerry vorgeschlagen hatte.

Zusiedlung und Annexion der “Westbank” ist in Israel eine Mainstream-Position, kann man sagen. Gleichwohl gibt es immer wieder die Rhetorik mit der “Existenz” Israels, die die Palästinenser nicht anerkennen würden, die Vorbedingung für einen Frieden sei,… Von den Palästinensern wird immer erwartet, sich zur “Existenz” von “Israel” zu äussern, diese “anzuerkennen”, ohne dass eine reziproke Anerkennung “Palästinas” damit verbunden wäre, oder wenigstens eine Abgrenzung “Israels”… Als ob es die Palästinenser wären, die die Existenz von Israel verhinderten, und nicht umgekehrt. Israelische Politiker, Militärs und Geistliche erklären andauernd, dass es niemals einen palästinensischen Staat geben soll, dass das ganze Land ihnen gehört,… Frieden/ Anerkennung liege an den Palästinensern, heisst es, die unter einer Besatzung leben. Während immer wieder geäussert wird, die Palästinenser existierten gar nicht (zumindest nicht als “Volk”27) und man ihre Existenzgrundlagen “abgräbt”, wird davon gefaselt, dass Israel „in seiner Existenz gefährdet“ sei, sein „Existenzrecht“ anerkannt werden müsse, dies die Grundlage des “Konfliktes” sei.28 Die Hamas-Charter und jene von Likud (oder Habeit hayahud,…)… Und Lieberman: “Palästinenser? Hamas, der Islamische Dschihad und die Hisbollah sind bloß Marionetten von Teheran”.

Die Ausführungen über die “Anerkennung des Existenzrechts” und die diesbezügliche Reziprozität finden sich in diesem Text nicht umsonst nach jenen über “Verhandlungen”. Über die Anerkennung (Rest-) Palästinas als UN-Beobachterstaat 2012 bzw die zionistischen Reaktionen darauf könnte man einen eigenen Artikel schreiben. Diese Reaktionen bewegten sich zwischen „bedeutungslos“, „lebenswichtige israelische Sicherheitsinteressen gefährdet“, Drohungen (auch ggü int. Gemeinschaft bzgl „Friedensprozess“), Aktionen (Einbehaltung Steuern, Ausbau Siedlungen), Lamentieren über „internationalen Druck“, “Schleimen” ggü den Regierungen die mit “Nein” stimmten,… Rechts von Likud/Netanyahu kam auch zu diesem Anlass das offen, was er verklausuliert sagt: „Wir werden niemals einen palästinensischen Staat neben IL akzeptieren“. Netanyahu “drohte”, Israel werde “nun” (!!!) ebenfalls ohne Abstimmung Maßnahmen ergreifen, als man das nicht seit gut 100 Jahren täte… In bzw aus Österreich gab es zum palästinensischen Antrag auf Vollmitgliedschaft und seiner Bearbeitung 2011/12 sowie zur Souveränitätserklärung 2013 die zu erwartenden Reaktionen, jene von Ariel Muzicant im Teil II, über jene von Isabelle Daniel hier.

Wenn von Landkonfiszierungen (zum Siedlungsbau,…) in den palästinensischen Restgebieten die Rede ist, wird die Sache auch damit zu apologetisieren versucht, dass man “anzweifelt”, dass dies “arabisches” oder “palästinensisches” Land sei, als ob es darum ginge… Und nicht darum, dass den Palästinensern auch von den etwas mehr als 20% des Landes, die ihnen 1948 geblieben sind (unter ausländischer Verwaltung, bis 1967), täglich etwas weg genommen wird, sie davon verdrängt werden, mit den verschiedensten Begründungen. “Es war nie euer (bzw: ihr) Land”, wegen Tanach und so. Den Palästinensern gehe es ohnehin gut, heisst es dann, in anderen Worten: das was sie bekommen von uns, reicht für sie. Das Recht auf ein Zusammenleben mit Juden auf Augenhöhe haben sie jedenfalls nicht. Zionistisches Standard-Repertoire (zB auch bei Muzicant) ist das Um/Verdrehen dieser Verhältnisse.

Da kommen also die Behauptungen, Israel-Kritikern bzw Anti-Zionisten (palästinensischen und anderen) gehe es generell um bzw gegen einen jüdischen Staat, nicht um diesen konkreten (und was er für Nicht-Juden in bzw aus diesem Land bedeutet); somit handle es sich um Antisemitismus. Hier müssen Differenzierungen vorgenommen werden (wie auch bei den “Raketen”, von denen im Zhg mit dem Gaza-Streifen immer die Rede ist): “Staat” kann ja sowohl “(Heimat-) Land” als auch die Herrschaftgewalt eines Staates bezeichnen. Und, in dem Zhg heisst es dann gerne, dass Widerstand gegen bzw Gegnerschaft zu IL nicht aus Verletzung elementarster Interessen der Palästinenser resultiere, sondern aus Islamismus, Antisemitismus, Fanatismus; und dass das die Alternative zu IL-Apologetik/Schönfärberei sei.29 Ein Gedicht des Palästinensers Mahmoud Darwish wurde 1988 im israelischen Parlament (Knesset) vom damaligen Premier Shamir angeführt. Darwishs darin enthaltene Aufforderungen, das Land zu verlassen, wurden (auch bei anderen Gelegenheiten) als Beleg für die Wurzel des Konfliktes, die Haltung der Palästinenser,… genommen.

In diesem Zusammenhang kommen dann auch Beschwörungen, man müsse sich verteidigen gegen die Vernichtung, und oft ist der frühere palästinensische Mufti auch nicht weit. Der Autor Ammiel Alcalay, ein sephardischer Jude in der USA, schrieb, die hysterische Überreaktion auf das Gedicht zeige viel von der israelischen Psyche, über die (Versuche der) Umdrehung der Realität der Besatzung. Dass sich “Israel” seit über 50 Jahren de facto über das ganze historische Palästina erstreckt30, ist in diesem Diskurs immer wieder ein nebensächliches Detail. Rechte der Palästinenser werden als abzuwehrendes Unrecht dargestellt, von diesen eine totale Kapitulation erwartet. Widerstand wie auch kleineres Entgegenkommen wird gerne als potentielle “Zerstörung Israels”, “Zerstörung Israels als Staat der Juden”, “Appeasement”,… dargestellt. In diesem Ausdruck aggressiver Paranoia werden Unterdrückung und Gegenwehr, Angriff auf Staat, Regime und Ethnie mit einander verquickt. Aus der Bekämpfung eines bestimmten Systems wird ein (genozidärer) Angriff auf eine Ethnie gemacht, und aus der Verteidigung dieses Systems (das Anderen Rechte vorenthält!) ein heldenhafter Abwehrkampf.

Beim Apartheid-Regime Südafrikas kamen zum Widerstand (gegen die Unterwerfung von Millionen Menschen) auch immer wieder „Vernichtungs“-Unterstellungen (bzgl der Afrikaaner/Buren bzw generell der Weissen dort) sowie Unterstellungen, es ginge um (gegen) die Selbstbestimmung der Afrikaaner/Weissen. Oder im nationalsozialistischen Deutschen Reich, die Rhetorik vom „Kampf ums Überleben“ und den “Feinden”, aus Widerstand gg Hitlerismus (von Alliierten und Widerstandskämpfern und “Untermenschen”) wurden Angriffe auf Deutsche gemacht; und durch die Angriffskriege wurden daraus selbsterfüllende Prophezeiungen, die (wie das Nemmersdorf-Massaker) propagandistisch ausgeschlachtet wurden. Tja, und der „Warthegau“ ging am Ende auch unter. In den Südstaaten der USA31, die sich 1861 als Confederate States of America (CSA) unabhängig machten, sah man Opposition zur Aufrechterhaltung der Sklaverei als “heuchlerisch”, sich als “Verteidiger der Zivilisation”, und die “ganze Welt gg uns” eingestellt… Auch im kommunistischen Ostblock gab es ein Selbstbild bzw Propaganda-Motto, in dem Gegnerschaft bzw Widerstand zum System mit Aggression gegen das Land bzw seine Menschen durcheinander gebracht wurde.

Wobei es so etwas dort auch gab, auch über das Ende der kommunistischen Systeme hinaus. Die Debatte um das AKW Temelin (Tschechien) brachte in Österreich Atomkraftskepsis (berechtigte Sorge/Gegenwehr) und Anti-Osteuropa-Reflexe zusammen, zB bei der FPÖ. So wie Islamismus-Kritik zur Diffamierung palästinensischer Anliegen (Hamas!) missbraucht wird. Peter Handke ist pro-serbisch und (war) pro Milosevic, was aber nicht notwenigerweise eins ist, eben so wenig wie bei der Haltung zu Iran und Khomeini oder Khamenei. A propos: Im Westen gibt es diese unterschiedlichen Betrachtungsweisen von Erhebungen (und ihnen zu Grunde liegenden Unterdrückungen) in Hongkong, Palästina, Venezuela,… Zurück zum (PR-) Diskurs über “Vernichtung” und “Existenz”: Israel als Apartheidsystem hätte, zB bei einer Kriegsniederlage, wirklich viel zu verlieren.

In israelischen Wahlkämpfen und sonstigen “offiziellen” Diskursen braucht es keinen (in Codewörtern) versteckten Rassismus wie in der USA (seit der Niederlage von Goldwater 1964), es läuft in der Regel über das „Wir Juden“ und „die Region“, „Sie wollen uns vernichten“, „Wir müssen uns wehren“, “Wir sind die Zivilisierten”,… Wobei das natürlich auch Codes bzw verschlüsselte Ressentiments sind. Für “Wir müssen uns gegen Umvolkung wehren”, “wollen nicht mit ihnen gleichberechtigt zusammenleben”, etc. Den offeneren Rassismus (“gefährlich schmutzig, primitiv,…”) gibt es auf/in anderen Ebenen/Diskursen. In Sprechchören eines Mobs der durch palästinensische Wohngegenden zieht, auf Graffitis oder wenn man israelische Siedler reden hört32. Wie den israelischen Abgeordneten Bezalel Smotrich, einem Siedler und Politiker der Habeit hayahud. Im April 2018 erklärte Smotrich über Twitter, die 16-jährige Palästinenserin Ahed Tamimi, die wegen Ohrfeigens eines israelischen Soldaten zu einer achtmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt worden war, habe „eine Kugel verdient – mindestens in die Kniescheibe“.33

Israelische Pogromrhetorik gegen Palästinenser (bzw Panikmache vor ihnen) kommt in verschiedenen Formen daher. Der bereits in Teil II erwähnte Avi Dichter, Politiker und ehemaliger Geheimdienst-Chef: “Die israelische Armee hat genug Kugeln für jeden Palästinenser.” Er kommentierte die Proteste von Palästinensern im Gaza-Streifen bzw an dessen Grenze zu Israel.34 Offensives ggü Palästinensern oder Anderen in der Region kommt gerne so daher wie von Netanyahu, wenn er die Ausweitung bzw Legalisierung der israelischen Siedlungen in den palästinensischen Restgebieten begründet/ankündigt: “Die Tage, an denen Planierraupen Juden entwurzelten, liegen hinter uns, nicht vor uns“.35 Zur Zeit “warnt” Netanyahu vor einer “blau-weissen” Minderheitsregierung seines Rivalen Gantz mit Unterstützung der palästinensisch-israelischen Parteien, die er als “Terrorsympathisanten” abstempelt, während er über den “Schwenk” der Trump-Regierung bzgl israelischer Siedlungspolitik frohlockt.

Wenn Netanyahu dabei verachtungsvoll-spöttisch über die “Aravim” (Araber) redet, kennt sich jeder aus. Im Wahlkampf 2015 hat er sich auch einer solchen Rhetorik bedient, zog über die israelischen Palästinenser her, die von ihrem Wahlrecht (als Bürger 3. Klasse) Gebrauch machten, und stellte die “Linke” als im Bunde mit ihnen dar… In seiner “Entschuldigung” nach der Wahl bediente er sich des anderen zionistischen Chauvinimus (> nächstes Kapitel), Israel sei ein Land in dem diese Minderheit so gut behandelt werde, im Gegensatz zu anderen Staaten der Region, usw. Das andere Herrengefühl ggü den „primitiven Einheimischen”. Benjamin Netanyahus Sohn Jair hat vor Kurzem in einem Facebook-Post “alle Muslime” zum Verlassen “Israels” aufgefordert. Es gebe nur zwei Optionen für Frieden in Israel, “entweder alle Juden verlassen Israel, oder alle Muslime gehen. Ich ziehe die zweite Option vor.“ Fragt sich, wo für ihn “Israel” endet – wohl kaum an der “grünen Linie” (Grenzen Israels nach der Nakba 1949 bis zu den Besetzungen 1967)…und “Muslime” wird für so jemanden ein Synonym für Palästinenser sein (also auch christliche oder jene Drusen, die sich Israel verweigern). Es heisst, der Junge wird von seinem Vater zum Nachfolger (politischen Erben) aufgebaut.

Facebook löschte den Kommentar und blockierte die Seite von Netanyahu junior für 24 Stunden, wie dieser über Twitter mitteilte; der warf Facebook dabei auch vor, eine „Gedankendiktatur“ zu errichten. orf.at berichtete darüber unter „Leute“…: “…wegen antimuslimischer Äußerungen Probleme mit Facebook bekommen.” Es auf die Religion (den Islam) herunterbrechen wieder mal… Die Betroffenen (die er loswerden möchte) sind aber alles Palästinenser und mit „Israel“ meint er wohl auch die palästinensischen Restgebiete. Aber einen Anti-Palästinensismus oder so gibt es ja nicht und „antiislamisch“ ist schlechtestenfalls Gegenwehr zum Islamismus, oder?36 Der Sohn des Herrschers über das ganze historische Palästina meint anscheinend ernsthaft, man solle die Palästinenser ganz aus diesem Land vertreiben, es von ihnen “säubern”… Natürlich mit dem opferhysterischen „Sonst bringen sie uns um“, bzw “wir müssen uns gegen die Umvolkung verteidigen“. So wie beim Gerede vom “white genocide”, dieses sich als Ziel einer Bedrohung darstellen, um seiner Aggression den Charakter von “Gegen-” bzw “Verteidigungsmaßnahmen” zu verleihen.

Die Dämonisierung des Anderen indem man ihm unterstellt, er wolle einen vernichten…so kommt der zionistisch-jüdische Chauvinismus meist daher. Umgekehrt, wenn Abbas’ Sohn oder ein anderer Palästinenser über die Ausweisung von Juden (aller!) aus Palästina schreiben würde, wer würde da nicht aller alarmiert sein bzw tun, von ADL bis Seb. Kurz. Und die knieweiche “Strafmaßnahme” von Facebook ist also „Gedankendiktatur”. Es gibt aktive israelische Politiker, die Sachen dieser Art gesagt haben. Bennett etwa: „Ich habe in meinem Leben schon viele Araber getötet, das ist gar kein Problem“ oder dass “Juden schon eine Hochkultur hatten, als Araber noch auf Bäumen lebten”.37 Oder Yishai über Israel als dem “Land des weissen Mannes” (ob das wirklich schlechter ist als das Gerede das andauernd kommt, nämlich jenes vom Land das den Juden gehöre), Ben-Ari der ggü den israelischen Palästinensern zu Gewalt aufrief (mit der Unterstellung, dass diese eine “fünfte Kolonne” seien), Moshe Ya’alon aus dem “blau-weissen Bündnis”, ein Militär, der die “palästinensische Bedrohung” als “etwas wie Krebs” bezeichnet. “Es gibt verschiedene Möglichkeiten Krebsgeschwüre zu behandeln. Im Moment versuch’ ich’s grade mit Chemotherapie”, so Yaalon vor einigen Jahren. Und Lieberman, Shaked, Feiglin,…

Das Thema Rassismus im Zionismus… Jüdischer Rassismus bleibt unbeachtet, ist ein Anathema. Auch Rassismus im Namen von Philo-Judaismus und -Zionismus. Verachtung gegenüber Palästinensern und der Region ist die Eintrittskarte in die zionistische Gesellschaft (>Einwanderer aus der SU, Mizrahis,…). Zum Thema Rassismus in IL ist auch dieser Artikel relevant. Der Sänger Alexander Rosenbaum, russischer Jude (evtl Doppelstaatsbürger), er ist auch Abgeordneter der Putin-Partei Единая Россия, ist Unterstützer der rassistischen, rechtsextremen, faschistoiden Yisrael Beitenu, dennnoch wird einer wie er höchstens als potentielles Opfer von russischem Antisemitismus dargestellt, seine Haltungen nicht kritisch unter die Lupe genommen. 2010 schrieb die (jüdische) Journalistin Andrea Nagel in der südafrikanischen “Times” in einer Auto-Kritik (Lexus IS250C), der Motor sei so ruhig wie ein “moslemischer Schädling (“Rodent”) in einer Synagoge”. So kommt diese Art von Hassrede eben daher, indem dem Betreffenden ein Hass unterstellt/umgehängt wird (und man sich selbst jenseits von Hass/Vorurteilen verortet), aber nicht nur so.

Es gibt zwei zionistische Chauvinismen, bei den Wahlen heuer fielen die ziemlich mit den Lagern von Netanyahu bzw Gantz zusammen. Der Widerspruch/ Gegensatz zwischen Bennett über das Araber-töten (s.o.) und Muzicant “Wir Juden bedauern jeden Toten”, zwischen der “engstirnigen” Realität und einem universalistischen “Anspruch”, zwei Arten von Protzen. Chaim Noll oder Dieter Graumann zu Sarrazins erstem Buch (siehe Teil II). Oskar Deutsch der sagt, dass Israel „Licht unter den Völkern” sei, weil es eine pluralistische Demokratie sei und es auch Moslems dort so gut gehe (siehe), und die andere Variante: weil wir sie bekämpfen, ihnen Zunder geben…38 Die zionistische Haltung zum Orient ist ein Kapitel für sich, oszilliert zwischen Verächtlichmachung, Geprotze, Bekämpfung, Dazugehörenwollen, Geklage,… 2 Sätze im ersten Buch des ehemaligen Mossad-Mannes Victor Ostrovsky sagen alles über diese Haltung, über die beiden Chauvinismen39: Einerseits, so Ostrovsky, sieht man Araber dort als als “Gehirnlose”, andererseits ist man traurig, dass man zu ihnen, zur Region um “Israel”, keinen “Zugang”, keinen “Draht” hat.

Einmal: Israel habe nichts mit der umgebenden Region zu tun, hebe sich in jeder Hinsicht positiv davon ab, zeichne sich durch “westliche Werte” aus; ein anderes Mal: Es ist antisemitisch zu behaupten, Israel sei ein fremdes Implantat in seiner Region, wir würden so gerne von den Nachbarn akzeptiert werden. Mal sagen sie’s selber, mal prangern sie an wenns wer anderer sagt. Ganz ähnlich war es mit Apartheid-Südafrika. Auf die Region “scheissen” und dann klagen, dort nicht geschätzt zu werden, nicht dazugehören wollen, und dann doch… Der Zionismus als Gegenthese zur Region und der Juden-Staat als Verbündeter des Westens gegen diese (> Herzl) oder aber der Versuch einer Neu-Definition des Zionismus, u.a. indem man die Palästinenser zu Nachfahren der arabischen Eroberer des 7. Jh (und damit zu “Gebietsfremden”) macht. Lieber gemeinsamen Grund mit den Weissen Südafrikas suchen (wie das über Jahrzehnte hinweg auf verschiedenen Ebenen geschah) oder aber mit den Zulus oder Xhosas (wie das gelegentlich probiert wird). Weisse Siedler sein oder farbige Einheimische.

Das entspricht der Dichothomie “Wir wollen Frieden (aber sie nicht)” – “Wir wollen die Unterwerfung der Palästinenser”. Die Einen stellen lieber ihren Hass auf Moslems in den Vordergrund, die Anderen deren Hass (mit sich als Opfer). Wir haben nichts gegen sie schon. Den eigenen Rassismus leugnen oder aber selber promoten. Das vulgäre Verspotten bzw Dämonisieren von “Gegnern” (zB “camel riders”/ “Kameltreiber”) oder aber das Plärren über deren tatsächliche/vermeintliche Ressentiments (“antisemitisch”). Es gibt jene (Israelis), die mit Hassparolen gg Palästinenser marschieren (bevorzugt durch deren Wohngebiete) und Muzicant (> Teil II), der sagt “…dass es auch hierzulande 5 000 bis 10 000 Moslems gibt, die mit Hasstiraden gegen Israel herum marschieren”. Muzicant oder auch “Hagalil”-Gall äusserten den “Wunsch” (bzw die Erwartung) nach Moslems als Verbündeten gg Rechte hier; es gibt aber auch (zB) Daniel Pipes oder David Bukay, die sich lieber mit Rechten gegen Moslems “& Co”40 verbünden… Scharon einst über Moslems in Europa (wie selbstverständlich rein als Feind betrachtet) oder über “moslemische” Atomwaffen (“zu kompliziert”). Der Gegensatz zu Zweiterem ist die Darstellung des iranischen Atomprogramms als existenzielle Bedrohung für das Judentum.

Wenn Netanyahu damit protzt, dass er diplomatische Beziehungen Israels zum Tschad (“a huge muslim country that borders Libya”) hergestellt hat, lässt er offen wie das zu beurteilen ist. Im vierten und letzten Teil wird es auch um die Instrumentalisierung von “Orientalen” im Sinne von Zionismus und Islamophobie gehen.41 Das läuft gerne über das “Das ist eine(r) von denen, der/die nicht verhetzt ist” (bzw “der erweckt wurde”); aber es gibt ja auch (zB) das Spotten über die “goatfucker”/”Ziegenficker” und dergleichen, die pauschale Hetze (nicht nur) des Kahanismus,… Damit die Sache nicht so abstrakt ist: Ein Video auf Youtube, “an Israeli motorist runs down a Palestinian boy in East Jerusalem”, unter den Kommentaren: “See, they can fly without carpets.” „They all need to have their skulls crushed. Dumb Palestine s as always.“ (graysonkatz, > Foto), „NUKE paleSWINE! Israel 4 eva!“,… Unter einem Video, in dem israelische Soldaten in den palästinensischen Restgebieten eine Frau mit ihren Schusswaffen bedrohen, zB “The girl obviously wants to have sex with the soldier haha LOL – it’s her way of getting attention!”. Immer wieder Witze über Ziegen in Zhg mit Moslems. Und immer mehr: Rechte Deutsche, Amerikaner,… die sich die israelische Sache zu eigen machen, teilweise auch “die jüdische” an sich. (> Artikel II).

Ein Beispiel für die andere Richtung ist (auf yt) “muhammadqathem”, mit seiner pseudoliberalen Islamophobie, dort stellt man sich (Israel und den Westen) in einen Gegensatz zu Faschismus und Rassismus, erzählt von moslemischer Sklaverei, Hitler und den Palästinensern, streut die Hamas-Charter ein, ereifert sich über Fanatismus,…42 – das meiste davon wird in der anderen Richtung positiv affirmiert! Tötungen von Palästinensern durch israelische Soldaten werden von den Einen gefeiert, den Anderen heruntergespielt (und die Thematisierung als „antisemitisch“ deklariert). Entweder das “dann wäre endlich Frieden” (wenn “sie uns” nicht mehr bekämpfen) oder aber “we will always kick their asses”. Muzikant behauptet(e), 80 bis 90 Prozent der Israelis seien für “Frieden mit den Palästinensern” (wie immer ein solcher definiert ist), bzw er hätte davon gehört, und “Ähnliches höre ich aber nicht von der palästinensischen Seite”. Das ist der eine Chauvinismus (wir sind friedenswillig, sie sind die Bösen). Im anderen heisst es da zB “Fuck your goat Mohamed and may piss be upon him and his bride aisha the whore child”.43

Das offene oder das “getarnte” Bekenntnis zur Verachtung für diese Region. Muzicant behauptet in seinem pseudo-liberalen Zionismus ein Bild von Israel als der selbstverteidigenden Unschuld, das sich verzweifelt um Frieden bemüht. Zeichnet die Palästinenser und die anderen Völker (aus) der nordafrikanisch-westasiatischen Region gleichzeitig mit paternalistischer Verachtung: “Normalerweise führen Demokratien zu weniger Kriegen, aber bei dem, was wir jetzt sehen, sind wir von Demokratie noch Lichtjahre entfernt“ (zum Arabischen Frühling), “Sensibel kann man vorgehen, wenn man in Mitteleuropa lebt. Im Nahen Osten wird ein sensibles Vorgehen als Schwäche ausgelegt”, “Die Türken in Österreich sind weniger aufgehetzt als die Araber durch Al-Jazeera und ähnliches”, “wenn nach der Anerkennung (Rest-Palästinas) real nichts passiert, wird es unter den Palästinensern zu massivem Frust kommen. Und Frust hat sich dort noch immer in Gewalt entladen”, “Man hat das Gefühl, die Palästinenser müssten ehrenhalber einmal einen Krieg gewinnen, damit sie Frieden machen können. Nur das Risiko können die Israelis nicht eingehen…”.

Arik Brauer nimmt einerseits gegen die Besatzung der palästinensischen Restgebiete Stellung, stellt sie aber so dar, dass die Palästinenser quasi daran selbst Schuld seien (> Teil II, “Diskussion” mit Abado). Danny Ayalon von der israelischen (offenen) Rechten dagegen: “Wir besetzen gar nichts”. Dort heisst es, das Land gehört uns, wir sind den Palästinensern überlegen, sind der Boss über sie,…und manchmal auch, das Land gehöre dem “weissen Mann” (= Juden). Die Einen monieren “Palästinensische Kinder rennen herum und rufen: ‘Tod allen Juden!'”, die Anderen marschieren herum und skandieren „Tod den Arabern!“. Im einen Chauvinismus lobt man sich, wie gut man zu den Palästinensern sei (anderes zu behaupten sei antisemitisch), im anderen, wie hart man zu ihnen ist (diesen Antisemiten). Das „politisch-inkorrekte“ Stehen zu Rassismus oder aber sich “rassischer” Gleichheit und Toleranz rühmen (die es auf „Gegenseite“ nicht gäbe). Der Zionismus sieht sich als die radikalste Antwort auf Antisemitismus, aber nicht unbedingt als die Gegenthese… Auch das Eintreten für Israel wird ja nicht unbedingt aus einem Antifaschismus heraus motiviert.

Was Feiglin oder Ben Ari als “jüdische Werte” definieren, wird von Anderen als “antisemitische Unterstellung” verworfen werden. Die beiden zionistischen Chauvinismen zeigen sich auch beim Umgang mit den Kriegen Israels: “Wir/Sie wurden 6 mal angegriffen”44 oder aber “Wir/Sie haben 6 mal gewonnen, gegen euch/sie”. Zwischen Häme und Pathos. Verbindend ist (in der Regel) die Verdrehung, dass “die Araber” diese Kriege begonnen hätten, und dass sich Änderungen von Grenzen bzw Herrschaftsverhältnissen aus diesen gewonnenen/verlorenen Kriegen ergäben. Die Gross-Israel-Idee: Ist seine Thematisierung antisemitisch oder seine „Vorenthaltung“? Und der Anspruch darauf ist entweder „natürliches Recht“ oder (nicht-existente) „antisemitische Unterstellung“. Wie sich auch am de.wiki-Artikel über dieses Lemma ablesen lässt. Einerseits sei es eine Ausgeburt “islamischer Verschwörungstheorien” und andererseits gäbe es eine “Unteilbarkeit von Eretz Israel”.

Hegemonial ist die “linke” Variante des zionistischen Chauvinismus’, so wird Israel vorwiegend im Westen dargestellt und auch wahr genommen. Und gerne als Konsens unter Juden dargestellt. Also die Affirmation Israels als “progressiv” und “aufgeklärt”. Die Realität Israels mit rassistischer Diskriminierung und militärischer Besatzung wird unter den Tisch gekehrt, eine „permanente Bedrohungssituation“ angeführt, Ressentiments gegen Palästinenser (und andere Völker der Region) werden zum Ausdruck gebracht wie von Golda Meir (“Erst wenn die Araber ihre Kinder mehr lieben als sie uns hassen, wird es Frieden geben”)45. Ein Kommentator bei Lysis dazu: “Im Meir-Zitat steckt nicht nur eine fette Lüge drin (dass es ums Verzeihen gehen würde z.B., oder dass Kriegsherren die getöteten feindlichen Söhne am Herzen lägen), die bloße Existenz der Palästinenser ist bereits als Grund für ‘Abschreckung’ unterstellt, also sind sie doppelt Schuld: an eigenen Opfern und an den Krokodilstränen, die man wegen ihrer erfolgreichen ‘Beseitigung’ vergießen muss. Mit dieser Tour lassen sich sogar die Opfer, die man selbst produziert, als infame Schweinerei des Feindes ins Unrecht rücken.”

Und im anderen Lager während eines anderen Rasenmähens in Gaza, im Sommer 2014, abendliche Sprechchöre in Tel Aviv: „Morgen fällt in Gaza die Schule aus, denn dort gibt es keine Kinder mehr.“46 Der eine zionistische Chauvinismus (zB Livni, siehe FN 45): “Der Hass gehört den Anderen”47, in der anderen Variante steht man zu seinem Hass. Giordano (in seinen späten Jahren) war einer jener, die bzgl des „Immigrantenproblems“ in Deutschland/Europa Ressentiments über den Populismus “aufgeklärtes Abendland – rückständiges Morgenland” zum Ausdruck brachten; also “wir sind gegen die Einwanderer weil sie homophob, antisemitisch, patriarchalisch, undemokratisch,… sind”. Der israelische Spitzenpolitiker Yishai begründet seine Ablehnung der afrikanischen Einwanderung nach Israel dagegen damit, dass “das Land uns, dem weissen Mann gehört”. Netanyahu tönte: „Wir werden nicht zulassen, dass Israel von einer Welle illegaler Migranten und Terroristen überschwemmt wird“.48

Entweder: Sich über das „super-ineffektive” BDS mokieren („Tourismus nach IL boomt“) oder dessen Delegitimierung promoten (“Angriff auf Existenz, Nachfolger der Nazis“); die Palästinenser und Araber sind entweder zurückgebliebene Kameltreiber, den Zionisten hoffnungslos unterlegen, oder … Dieser “Gegensätzlichkeit” entspricht: das Protzen „Alle Kopten/ Inder/ Westler/… auf unserer Seite“ oder aber das Greinen „Alle gegen uns“. Geklage dass „alle“ so „islamfreundlich“ seien oder Frohlocken über Islamfeindlichkeit. Ebenso: Mit Erfolg, Einfluss, Macht prahlen oder aber (zB wenn dies jemand Anderer herausstellt) als offensiv deklarieren. Oder, der Umgang mit den „seltsamen“ Bettgenossen, wie Apartheid-Südafrika, der Umgang von Peres damit oder aber jener von Eitan. Den rassistischen israelischen Normalzustand schönreden/bestätigen. Die Programmatik der ADL oder der JDL, AJC oder aber ZOA49, Avodah oder Likud,…50 Die eine Seite die sagt “Wenn…(uns die Palästinenser/Araber) genau so lieben würden wie wir sie)…dann wäre endlich Frieden”, und die andere Seite, von wo es anders tönt.

Es gibt auch Mischformen dieser Chauvinismen, eine “Übergangszone” dazwischen, und Gemeinsamkeiten. Eine Form von Protzen ist jedenfalls dabei, man ist siegreicher/toleranter als die Gegenseite, der Einsatz von Gewalt wird von den Einen bedauert (und als “notwendig” dargestellt), von den Anderen bejubelt. Wobei: Die eigene Gewalt hat mit der bestialischen Gewalt der Anderen, der Gegenseite, natürlich nichts zu tun, ist darüber erhaben… Das “Identitätsproblem” Israels zeigte sich auch bei der Freilassung des Soldaten Shalit, der vor dem Empfang von Netanyahu noch in eine Militäruniform gesteckt wurde; andererseits wollte man ihn ja nicht als Rädchen des israelischen Militärs darstellen, ihn als eine Art neue Anne Frank “verkaufen”. Es stimmt ja nicht, dass Israel, je mehr Gewalt es einsetzt, es desto mehr die von ihm angestrebte Legitimität zerstört. Es gibt jene Israel-Fans, die genau davon “angezogen” werden… Jeder kann da was ableiten für sich, einen Impuls für neue Religiosität oder für Atheismus (im Westen), die Einen sehen einen starken (Ethno-) Nationalismus und ein durchschlagskräftiges Militär, Andere ein linkes Paradies.

Den 2 zionistischen Chauvinismen entsprechen schliesslich westlichen, also in Deutschland die Richtung “Junge Freiheit” und die Richtung „Jungle World“. Der Rechtsextreme Claus Nordbruch (Weiss-Rassist, Holocaust-Leugner,….) oder aber Götz Nordbruch aus dem „Jungle World“-Milieu (einschlägige Dissertation); es gibt Punkte bei denen sie sich einig werden. Möglicherweise auch bezüglich Südafrika, wohin es den einen Nordbruch gezogen hat (in das dortige Apartheid-Nostalgiker-Milieu). Es ja dort auch jene, die einfach möglichst wenig Apartheid-Aufarbeitung (in der einen oder anderen Hinsicht) wollen, Andere (eine Minderheit) verteidigen sie offensiv, rassistisch. Caroline Glick, israelisch-amerikanische Politikerin und Propagandistin, verachtet (wie in Teil II angeschnitten) offen das Liberale. Sie soll aus einem liberalen „Umfeld“ kommen, in Chicago, studierte dort Politikwissenschaft. Wie sie selber schrieb, entzog sie sich dem “Liberalen” durch Emigration nach Israel und Hinwendung zum Zionismus. Diente in der israelischen Besatzungsarmee, in diversen Funktionen, dann u.a. Netanyahu (der voll auf ihrer Linie liegt), der “Jerusalem Post”,…

Die zionistische Psychopathin ist in die rechtsextreme israelische Partei Hayamin hehadash (“Neue Rechte”) eingetreten (bzw hat sie mitgegründet; nachdem sie zuvor in anderen aktiv war), eine Abspaltung von Habeit hayahud, zusammen mit Bennett, Shaked… Sie will einen israelischen Nationalismus unter grösserem Einschluss der Religiösen, unter Ausschluss von fast allem Liberalen. Bei der ersten Wahl 19 ist die Partei nicht ins Parlament gewählt worden, bei der zweiten zusammen mit zwei anderen schon; Glick hat anscheinend keinen Sitz bekommen. Das Bündnis steht im Netanyahu-Lager. Die Siedlerin ist auch eine der Verantwortlichen von “Latma”, zumindest bei “We Con the World”, wo (bildlich) auf den Getöteten der “Mavi Marmara” getanzt wurde.51 Sie hat auch ein Video mit einem israelischen Schauspieler produziert, der einen USA-Präsidenten darstellen soll, auf Barack Obama “anspielt” (bzw diesen verhöhnt); der “Präsident” singt davon, wie sehr er Juden hasst.52

Glick war eine von Breiviks Lieblingsjuden, und sie äusserte Verständnis für seinen “Anschlag”, in der “Jpost” (siehe); sie ist auch eine von Wilders’ Verbündeten. Nicht alleine steht sie auch da mit ihren Versuchen, den “Nahostkonflikt” als Kampf “Israels” gegen den “Djihad” (statt als Territorialkonflikt) zu definieren. Also einer der Bemühungen, aus der Islamkrise Nutzen zu ziehen. Natürlich (muss man eigentlich sagen) ist sie für die israelische Annexion der “Westbank”, für einen (jüdischen) Staat im historischen Palästina. Dies (mit den Palästinensern als Untertanen) ist ohnehin schon so gut wie Realität. Was da für die Palästinenser wohl vorgesehen ist? Dieses “das ganze Land gehört uns, von Mittelmeer bis Jordan und ganz Jerusalem sowieso” wird bei ihr ergänzt, indem sie das Wort “Palestine” immer in Anführungszeichen schreibt. „It has never existed as a political entity, just a geographical one.” > Israel vor 1948, Italien bis 1861, Irak bis 1932, Ukraine bis 1991, Tschechoslowakei vor 1918, das Kurdistan, um das sich manche Zionisten jetzt bemühen,… Die palästinensische Erfahrung mit dem Zionismus seit den 1920ern (also seit gut 100 Jahren) zeigt wohl, dass eine Staatsgründung überfällig ist, und seit 2012/13 gibt es einen Staat Palästina, in den Post-Nakba-Grenzen und unter einer Besatzungssituation.53 Glick ist bei weitem nicht die Einzige, die davon ausgeht, dass dieses Land immer “Eretz Israel” war, und die Palästinenser daher “Eindringlinge” seien54, diesen (daher) keine Rechte zustünden…

Blut und Boden vom Feinsten, und dann noch auf Grundlage von Geschichtsfälschungen. Hier werden auch die doppelten Standards im Diskurs wieder deutlich – die Skandalisierung, wenn Palästinenser Juden als Eindringlinge sehen, das ganze Land beanspruchen (Israel nicht anerkennen),… Dort wird das dann zur Wurzel des Konflikts gemacht. In ihrer Verachtung für Europa (die sie mit Netanyahu teilt) steckt vieles Weitere drinnen: “I think that the root of Europe’s refusal to support Israel is Europe’s refusal to accept the true lessons of the Holocaust. The lesson that Europe took from the Holocaust is that nationalism is bad. This of course, is absurd. Nationalism is neutral. Its relative badness or goodness is a direct function of how any specific nation behaves. The true lesson of the Holocaust is that nations and individuals have a responsibility to distinguish between good and evil and to support good and fight evil. Israel’s struggle against its neighbors, who refuse to accept it as a sovereign state just as Europeans refused to accept Jews as individuals in the 20th century, constitutes a moral challenge to Europe. And since Europe has refused to discard its moral relativism for moral choice, Europeans project their own moral blindness and weakness on Israel.”

Zunächst einmal: “refuse to accept it as a sovereign state” > das was Israel den Palästinensern vorenthält (eine gewisse Souveränität, Akzeptanz,…), erwartet (nicht nur) sie von den Staaten in der Umgebung.55 Dass das “liberale Europa” (und seine “globalen Aussenposten”) den Anspruch auf universale Standards auch für die Palästinenser nicht ganz aufgegeben hat, macht sie auch zum Vorwurf. Ja, ein Europa dass Israel so unterstützt wie die Trump-USA oder noch mehr…die Palästinenser ganz “aufgeben”… Die Dichothomie von “good” und “evil” (und mit Zweiteren kann man machen was man will)56 ist keine Lehre aus dem NS, sondern eine Reminiszenz. “freedom versus the forces of slavery and jihad” ist auch so eine Mischung aus faschistischer Rhetorik und jener des Kalten Kriegs; die Palästinenser sind also böse, u.a weil sie den “Kräften der Sklaverei angehören”, und daher kann man sie auch ohne Skrupel versklaven. Auch zum Zusammenhang von Nationalsozialismus und Nationalismus (in Deutschland und allgemein) und Anderem könnte man Viel sagen, aber eigentlich sollte sich so etwas wie das von Glick von selbst disqualifizieren.

Beim Hetz-Film „Obsession“ wirkte Glick auch mit; dort redet sie auch über islamistischen Terrorismus: “Every single country is dealing with this on one level or another… And of course, you see it in the Middle East, whether it is in Iraq, Iran, Syria, Lebanon, Egypt, and of course, Israel and Saudi Arabia. All of these areas that we refer to as separate wars, the Palestinian war in Israel, the Iraq war—they see all of these not as specific wars but as fronts in a global jihad.“ Israel und Saudi-Arabien…und: “Palestinian war in Israel” – Hebron und das ganze Westjordanland ist ja auch “Israel” und das Recht, sich irgendwie gegen Besatzung zu wehren, haben die Palästinenser ja nicht. Dies in den Kontext des “Djihadismus” von IS oder al Kaida zu stellen, daran hat es in den letzten Jahren nicht gemangelt. Gesteht sie (ihresgleichen) Irakern oder Iranern zu, Opfer von Islamismus und seinem Terror zu sein, oder sind diese Länder an sich Parteien in diesem Krieg Gut gg Böse? Palästinensern gesteht sie so eine Existenz abseits von jener als „Jihadisten“, „Terroristen“ und „Problemmachern“ jedenfalls nicht zu! Und schon gar nicht einen Nationalismus (Gott bewahre), den sie an sich verteidigt. Aber KSA ist da die Antithese zum Islamismus…

Ihre Gegenüberstellung von “eigene Kultur” und “fremder Barbarei” erinnert an jene von IS oder Nazis. Zur “National Review” sagte Glick: “The shackled warrior is Israel. Between the Israeli peace movement, the local and international media, the U.N., Europe and the U.S., Israel is both forced to fight the war being waged against it with both hands tied behind its back and to believe that it bears responsibility for the genocidal anti-Semitism that has taken over the Islamic world.” Sie sagt noch viel mehr kranke Sachen, aber Alles muss man wirklich nicht kommentieren. Jemand mit so genozidären Ansichten (an deren Umsetzung sie arbeitet) greint über “genozidären Antisemitismus”… Noch einmal: Sie ist keine Aussenseiterin (war Beraterin von Netanyahu, im israelischen Militär, bei der “JPost”,…). Und David Horowitz, Daniel Pipes, die Littmans, Pamela Geller, Efraim Karsh, Ilana Mercer, Mordechai Kedar, Benny Morris, David Bukay57, Barry Rubin, Richard Landes, Phyllis Chesler können ihr das Wasser reichen. Charles Krauthammer kritisierte Trump wenigstens für seine mangelnde Abgrenzung von Weiss-Suprematisten, die ihn unterstützen und manches Andere (auch wenn er die wichtigsten Punkte seiner Politik doch unterstützte), er wollte „Nahost“-„Friedensverhandlungen“ nicht ganz verurteilen (auch wenn er Israels Riesen-Startvorteil noch grösser machen wollte und Alle verdammte die das anders sehen), differenzierte zumindest zwischen IS und Iran; er sah die Saudi-Achse auch als Verbündete des „Westens“.

Der Israel-Fetischist posaunte, über Antisemitismus: „…Ressentiments gegen Zivilisation und Individualität, gegen Intellektualität und Liberalität, gegen Ausschweifung und Freizügigkeit, gegen Bürgerlichkeit im ursprünglichen Sinne und gegen Kommunismus im einzig emanzipativen Sinne, nämlich der Herstellung der Möglichkeit individuellen Glücks als absoluter Gegensatz zum völkischen Identitätswahn…”. Leute wie er tun so, als ob es diese Affirmation des Illiberalen (samt völkischen Identitätswahn,…) im Sinne des Zionismus bzw der Israel-Solidarität einfach nicht geben würde. Muzicant singt im Grunde ein ähnliches Lied. Wie gesagt, diese Polarität gibt es auch im Westen-Islam-Diskurs. Tja, es gibt jene, die den Feminismus bzw Frauenrechte gegen “den Islam” in Stellung zu bringen versuchen (so wie Schirmbeck), und dann gibt es Milo Yiannopoulos, zB mit einem Video (auf Yt) “Yiannopoulos Tells Feminist She’s Ugly” (2,9 Mio. Aufrufe). Oder: die Thematisierung des islamischen Sklavenhandels, um vom westlichen abzulenken, während Andere sagen, der westliche Sklavenhandel war schon OK.58 In der Nazi-Apologetik gibt es ja auch das “Sie haben das gar nicht gemacht was man ihnen ankreidet” und das “War schon OK, was sie gemacht haben”.

Das was manche Zionisten als „antisemitische Unterstellung“ anprangern, propagieren andere Zionisten lautstark (oder prahlen damit)… > Behandlung Palästinenser, Meinung über Region, Beeinflussung des Westens,… Für die Grausamkeit im Zionismus gibt es (zynische) Unterstützung oder aber ein Auge-zudrücken (oder ein Mittelding). Hegemonial ist die Unterdrückung der Thematisierung. Zionisten geht es dabei um die Aufrechterhaltung einer Ordnung deren Exponenten und Nutzniesser sie sind. Israels “war against incitement” (und der seiner Helfer) soll nicht nur dazu dienen, von der eigenen Politik (hauptsächlich der ggü Palästinensern) abzulenken, er ist auch selbst eine Form von Hetze. Und eine “Verlängerung” der israelischen Zensur. In (bzw unter) Israel gibt es nur für eine Seite Demokratie, nur für eine Seite Medienfreiheit. Dort entscheidet der Militär-Zensor, was israelische und palästinensische Medien berichten, und was dort tätige ausländische Journalisten an Informationen bekommen. Trotz dieser Zustände: “Gott sei Dank gibt es die israelische Presse, wie ich immer sage. Denn wo sonst wird heutzutage noch die grausame, brutale Behandlung verurteilt, die Israel den Palästinensern angedeihen läßt? … Denn in der westlichen Welt ist derzeit fast überall eine extrem bösartige Verleumdungskampagne im Gange. Jeder Journalist, jeder Aktivist fällt ihr zum Opfer, der oder die es wagen sollte, die israelische Politik u. die sie gestalten zu kritisieren. Immer wahlloser wird dabei die Allzweck-Verleumdungswaffe des ‘Antisemitismus’ zum Einsatz gebracht, selbst gegenüber Leuten, die die Skrupellosigkeit palästinensischer Selbstmordanschläge um kein Haar weniger verurteilen als die Grausamkeit Israels, das auch immer wieder Kinder tötet. Man versucht die Leute einfach mundtot zu machen.”

Schrieb der britische Journalist Robert Fisk, gegen den auch gerne die “Antisemitismus”-Keule geschwungen wird. Deutsche Journalisten (wie Sabine Scholt vom WDR) kriechen vor Militärsprecher Shalicar, reden dann von „AS“. Israel (sein Militär, auf Anweisung seiner regierenden Politiker) schliesst immer wieder Radio-Sender im Westjordanland (weil sie “Hetze verbreiten”), verhaftet dort Journalisten oder tut Schlimmeres; Palästinenser werden auch für Facebook-Postings verhaftet… Im israelischen Kerngebiet wird (mit Polizei, Justiz, Politik) auch gegen Medien der israelischen Palästinenser vorgegangen. Von staatlicher israelischer Seite wird auch gg Menschenrechtsgruppen, Anti-Besatzungs-Initiativen u.ä. vorgegangen, zumindest solange diese in Israel und Rest-Palästina agieren. Während dessen gibt Netanyahu israelischen Medien und IT-Seiten freie Hand, die gegen Palästinenser hetzen. Ein “war on incitement” wie in Netanyahu & Co führen wollen, wird nichts am palästinensischen Leiden ändern – es soll vor den Augen der Welt verborgen werden. 2015 reiste Israels Vize-Aussenministerin “Tzipi” Hotovely in die USA, in’s Silicon Valley in California, zu den Bossen von Google, um über dessen Tochtergesellschaft Youtube zu reden, bzw über Zensur – was Videos von israelischen Brutalitäten an Palästinensern betrifft.

Netanyahu behauptet(e), solche Videos hetzten Palästinenser auf59, um “des Friedens Willen” müssten sie daher zensiert werden. Als ob nicht die Besatzung und die Unterdrückung, sondern Zeugnisse davon das Problem wären… Sehr viele Palästinenser haben selbst solche Erfahrungen gemacht; und in vielen Fällen werden Videos von israelischen oder anderen Juden gepostet bzw der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – so wie das von der Hinrichtung eines Messerstechers in Hebron ’16 (s.o.) durch einen Soldaten, der zum Held wurde. Und zwar durch das Narrativ, “sie sind auf unsere blosse Existenz aus60, wollen diese vernichten (und er wollte uns beschützen)”, das (nicht nur hier) die Realität verzerren/verdrehen soll, jene der Besatzung, für die Palästinenser, in Hebron und anderswo. Die Hetze und Verhetzung, die von Netanyahu und anderen israelischen Politikern und Militärs kommt, spielt in diesem Konflikt auch eine Rolle…61 Und, jene die die Situation der Palästinenser thematisieren oder dabei Abhilfe/Erleichterungen schaffen wollen, werden auch drangsaliert. Die Arbeit von NGOs in der TR und in IL, und der Diskurs darüber… Die viel beschworene Medien-/Pressfreiheit, wenn sie in Staaten62 die mit dem Westen verbündet sind, verletzt wird, steckt man die Köpfe in den Sand.

A propos Türkei und Israel: die westlichen Kommentare zu den Gezi-Protesten 2013…„Vorgehen Türkei gegen Demonstranten“, „Gewalt gegen die türkische Opposition“, „umstrittenes Vorgehen gegen regierungskritische Demonstranten“, “Die türkische Regierung droht den Demonstranten im Land mit dem Einsatz der Armee.”,… > Proteste der Palästinenser an den Grenzen des Gaza-Ghettos gg die Besatzer, in irgendeiner Stadt im Westjordanland gg israelisches Militär oder in Galiläa/Jalil/Galil oder Negev/Nagab von israelischen Palästinensern…und da geht es nicht um ein Bauprojekt oder eine bestimmte Regierung, sondern ein jahrzehntelanges Schicksal unter diesem Staat. Ja, Polizeigewalt (zB gg Demonstranten) in Russland oder Türkei, und solche in USA oder Israel-Palästina (dort normalerweise Militär). Oder politische Gefangene hier und dort, Widerstand als politischer (manchmal physischer) Selbstmord, doppelte Standards… Die Skandalisierung des türkischen (oder russischen) Eingreifens in Syrien, die Tabuisierung des israelischen.63 Weiter mit dem Diskurs über den “Nahostkonflikt”:

„Provokationen“ im Kontext mit Islam und Erdogan (hier Einiges darüber) und im zionistischen Kontext: 2008 Aufruhr in Akka/Akko, aus orf.at dazu (Hervorhebung von Tiara): “Nach tagelangen Ausschreitungen zwischen Juden und Arabern in der nordisraelischen Stadt Akko hat die Polizei jetzt den VERURSACHER festgenommen. Gestern Abend nahmen israelische Polizeibeamte den arabischen Autofahrer in Gewahrsam, der in der Vorwoche mit seiner Fahrt während des höchsten JÜDISCHEN FEIERTAGES Jom Kippur (‘Versöhnungstag’) in ein überwiegend von Juden bewohntes Viertel die Unruhen in der Küstenstadt AUSGELÖST hatte. An diesem Feiertag ruht in Israel gewöhnlich der Verkehr, daher sahen die jüdischen Bewohner die Fahrt als PROVOKATION. Danach kam es in der Stadt an mehreren Tagen wiederholt zu ZUSAMMENSTÖSSEN zwischen Arabern und Juden, in deren Verlauf mindestens 20 Menschen verletzt und 54 RANDALIERER festgenommen wurden.” Gil Yaron in den “Salzburger Nachrichten” gibt auch den israelischen Palästinensern die Schuld für das Anfachen des “Konflikts”, das er mit Hilfe von israelisch-palästinensischen Bewohnern Haifas für den vom Pöbel belagerten Autofahrer ansetzt.64 Das ist eigentlich auch relevant bzgl Bigotterie(-Vorwürfen), der „es werde licht“-Sendung,…

Zustände die man in Iran oder Türkei bemängelt (bzw instrumentalisiert), verteidigt man bzgl Israel, auch was Überwachung betrifft. Im Falle Israels ist meist schon eine solche Thematisierung “Antisemitismus”. Menschenrechtsverletzungen, die niemanden aufregen oder nicht thematisiert werden dürfen… Kritik an israelischer Politik ist wohl deshalb so “schockierend”, weil man nicht wahrhaben will, Unterdrücker zu sein (bzw auf ihrer Seite zu stehen), unfähig ist, sich selbst nicht als das eigentliche Opfer zu empfinden. Das hysterische Gebell der proisraelischen Lobbyisten und Publizisten soll über Israels völkerrechtswidrige Politik hinweg täuschen. Was ja gar nicht in Frage kommt, ist, sich inhaltlich damit auseinander zu setzen bzw eine Glasglocke über „Israel“ weg zu nehmen. Nicht der Apartheid-Staat ist das Problem, sondern die Kritik daran…65 Man versucht, Widerstand gegen Israel (bzw Kritik an ihm) in Nationalsozialismus und Islamismus einzubetten, die Überbringer der Diagnose anzugreifen, die Situation von Juden im Exil mit jener in Israel/Palästina durcheinander zu bringen,…

Zionisten flüchten sich vor aktuellen “Konflikten” in die Doktrin eines „ewigen Antisemitismus“, versuchen damit von (pro-) israelischer Politik und Rhetorik (> C. Glick) abzulenken; eigentlich ein Fall von Täter-Opfer-Umkehr. Die alltäglichen Schikanen, Verhaftungen, Beschiessungen, Konfiskationen etc der Palästinenser werden als Selbstverteidigung oder aber Propagandalüge dargestellt, man versucht, die Rolle eines heldenhaften Opfers einzunehmen, redet von „anti-israel people“, „attacking israel“, „Antisemiten“, „Terror-Unterstützer“… Es ist für Zionisten entscheidend, Israel-Kritik in einen Zusammenhang mit „Antisemitismus“ zu stellen bzw so zu diffamieren. Bei Pro-Palästina-Demos gibt es Fotografen und andere „Beobachter“, die nach „gewissen“ Spruchbändern oder Rufen Ausschau halten, und glücklich sind, wenn sie etwas Entsprechendes gefunden haben, das selbe bezüglich Texten… Es soll eine einigermaßen kritische Auseinandersetzung mit Netanyahu und seiner Politik (v.a. ggü Palästinensern) sowie jahrzehntelangen Konstanten israelischer Politik unterbleiben. Israel darf nur als potentielles Opfer das sich wehrt, und Objekt der Beschönigung sowie der eigenen Profilierung vorkommen.

Man hängt sich (bildlich) einen gelben Stern um, um zu insinuieren, es ginge um (gegen) Juden (als Rasse bzw Ethnie), nicht um eine bestimmte Politik oder den Charakter des zionistischen Projekts. Beobachtungen des “Israel/Palästina-Konflikts” oder des Diskurses darüber ziehen unweigerlich “Antisemitismus”-Beschuldigungen und Verschwörungstheorien66 nach sich. Engagement für Palästinenser (Gesicht zeigen, zB bei Demonstrationen im Westen67) ohnehin; es werden Belege dafür gesucht, dass “Israelkritik” und „Antizionismus“ nicht von „Antisemitismus“ zu trennnen seien. “Avi” Shlaim zeigt in “The Iron Wall” auf, wie Israel die Politik des Jabotinsky-Ethos der “Eisernen Mauer” bis in die Gegenwart verfolgt und gleichzeitig die Mär vom Bedrohten und ewig Verfolgten pflegt.

Die Palästinenser werden gerne nur als Konfliktpartei dargestellt, die Israeler als menschliche Individuen (und Kinder des Holocaust,…) und potentielle Opfer. Auf zionistischer Seite ist Alles “Verteidigung”, bei Palästinensern Alles “Angriff” bzw “Aggression”. Bei jüdischen Opfern wird ihre Jüdischkeit in den Vordergrund gestellt, bei palästinensischen Opfern ergibt sich aus ihrem Palästinensisch-Sein gewissermaßen die Notwendigkeit zum Vorgehen gegen sie… Israelfreunde auf Youtube zu einem Video von Verhaftungen von Palästinensern: “War sicher kein Heiliger, gab sicher Grund dafür..”. Sie sind einfach Verdächtige, Terroristen, ihnen ist kein Widerstand gestattet. Typischer dummdeutscher Kommentar: „so als ob israelische Soldaten mutwillig Kinder abschießen würden. Davon kann keine Rede sein, auch wenn dieser konkrete Fall zweifellos scheußlich ist. Hingegen bringen die palästinensischen Extremisten ganz gezielt Zivilisten um. Dass es in letzter Zeit kaum noch Selbstmordattentate gab, ist einzig die Folge des unseligen Sperrzauns, den es aber nun einmal braucht, solange es massenhaft palästinensische Judenkiller gibt.” Alle israelischen Tötungen sind Notwendigkeiten oder Irrtümer, Palästinenser/Araber töten immer aus Freude bzw weil es um Juden geht, nicht weil es gegen eine Besatzung geht. Sich Scheuklappen anzulegen, ändert nichts an den Apartheid-Zuständen.

Es kommt eben darauf an, auf welcher Seite der Apartheid man sich wiederfindet… Und Israel-Verteidiger in Deutschland wie Michel Friedman haben kein grösseres Problem, als dass man von „jüdischen“ und nicht „israelischen“ Siedlungen spricht, hier sei AS gegeben; als ob Nicht-Juden in diesen Siedlungen leben dürften (und nicht für diese vertrieben werden würden). Andere versuchen, die Apartheid-Realität umzudrehen, es gehe bei der Verdrängung der Palästinenser nur darum, dass diese Gebiete nicht “judenrein“ sind. Oder um “natürliches Wachstum jüdischer Wohngebiete”. “Manchmal” aber auch darum, dass Gott dieses Land den Juden zugesprochen hätte. “Nett”, wenn im Rahmen der Siedlungstätigkeit auch Kindergärten oder Schulen gebaut werden; Palästinenser sind aber in jeder Hinsicht Israel unterworfen, auch bei Bautätigkeiten, erst Recht in Städten wie Hebron. Wo einige hundert israelische/jüdische Siedler inmitten von rund 200 000 Palästinensern leben „umfassend von der israelischen Armee geschützt werden“ (orf.at). Oder terrorisiert. Die „Beziehungen beider Seiten gelten als äußerst angespannt“.

Solche Verdrehungen in den Formulierungen der Medien kommen oft aus Ahnungslosigkeit, geschehen aber auch bewusst. Auch so etwas: „Sarah Palin gilt als starke Befürworterin des Existenzrechts Israels“. Ganz so defensiv wie das klingt, ist ihre diesbezügliche Haltung aber nicht; sie unterstützt die israelische Siedlungspolitik (Verdrängungspolitik); trägt auch eine Kette mit “Davidstern” um den Hals. Oder, über jemand Anderen: “supported the right of Israel to defend itself against rocket attacks from Hamas”. Aber, die Medien die angeblich so propalästinensisch und antiisraelisch berichten, das ist ein immer wiederkehrendes Motiv, auch so eine Realitäts-Umdrehung. Die Zeichnung des harmlosen bedrohten Israel, mit den starken bösen Regionalmächten, der Westen der passiv und beschwichtigend agiere (und echte Helden wie Bush und Trump verkenne)… Und natürlich das mit den doppelten Standards (dazu noch mehr)… ZB: 3000 tote syrische Demonstranten lösten keine Proteste aus, somit sei Thematisierung der usraelischen Militäraktionen “antisemitisch”…sagen Jene, die solche Massaker an Palästinensern als “Schutz vor Terroristen” unterstützen/begrüssen – die selbe Rhetorik wendet das syrische Regime an bei seinem Vorgehen gg Aufständische (“Schutz vor Terroristen”).

Greg Shupak diuskutiert in “The Wrong Story: Palestine, Israel and the media”, wie Mainstream-Medien die Kolonisation Palästinas trivialisieren: die Rhetorik von “zwei Seiten” (als ob es keine Besatzungssituation gäbe), die Darstellung des Konflikts als einen “zwischen Extremisten und Moderaten” und das Gerede von “Israels Recht sich zu verteidigen“. Gerne hervorgebrachte “Argumente” sind auch: eine Bevölkerung, die es auch in den prekärsten Situationen verstanden hat, demokratische Werte hochzuhalten [für sich]; den Palästinensern geht es auch (oder: gerade) unter Israel so gut. Der Terror gegen die Palästinenser wird ausgeblendet bzw als selbst verständlich (hin) genommen; dass es das ist was die Palästinenser zur Hamas treibt (diese gross werden liess), deren Aktionen nur die zionistische/israelische Politik wiederspiegelt, den Konflikt ankurbelt, will man nicht wahr haben. Diese Form von Nationalismus wird von Israel-Freunden über die viel beschworene(n) Menschenrechte, regionale und globale Stabilität gestellt.

Am 15. Mai 2016 nahm Michael Ben-Ari mit Anhängern der rechtsextremen Organisation Im Tirtzu an einer Demonstration gegen “israelische Araber”, die an diesem Tag der Nakba gedenken68, teil. Verkündete dazu höhnisch: „Wir sind hierhergekommen, um ihnen ein frohes Nakbafest zu wünschen. Sie heulen, weil sie es nicht geschafft haben, uns zu vernichten.” Wieder dieser Chauvinismus in Form von Unterstellungen von Vernichtungswünschen (oder schon mit Drohungen, dies zu “verhindern”). Gerade in den Kreisen von Ben-Ari und Im Tirtzu kommen Spott und Hohn ggü Palästinensern aber auch ganz ohne Vernichtungs-Unterstellungen. Bei Ariel Muzicant (> Teil II) dagegen Hymnen auf die himmelhoch überlegene Moral der Israelis, die Verachtung in Form von “Wir wollen mit ihnen in Frieden leben, sie sind aber aufgehetzt, demokratieunfähig, Israel verteidigt sich nur,…“69. Und dann das mit den Gewächshäusern in Gaza70, nein wie grosszügig… Auf Youtube ein Zionist, der anders formuliert: “The population in Gaza should be instructed to take out the dicks from the cunts of the Fatmas before ejaculating, then there will be no problem of density…And instruct the gazans not to cut the tip of the condoms before putting them on the dick…”

Wenn Muzicant über das Verhältnis zu Moslems in Österreich redet (oder Andere aus seinem Milieu), kommen Lamentos über jene, denen die Palästinenser ein Anliegen sind (die werden als hasserfüllt und feindselig ggü Juden dargestellt) und das Rühmen, dass man sie gegen Rechte (FPÖ,…) verteidige. So etwas was zB Hackl (Erich/Christian?) vor einigen Jahren im “Standard” geschildert hat, wird weit von sich gewiesen. Er schrieb über eine österreichische Studentin in Israel/Palästina, die als propalästinensische/israelfeindliche Aktivistin ausgewiesen wurde. “Die junge Frau der Einwanderungsbehörde nennt sie ‘Araber-Freundin’ und beginnt über Muslime in Europa und deren Gefahrenpotenzial zu reden.”71 Ja, die Einen loben Netanyahu für seine (n Willen zu) Scheinverhandlungen, die Anderen bejubeln seine Ankündigungen, das Westjordanland (oder Teile davon) annektieren zu wollen. Gerne wird eine Ritterlichkeit der israelischen Seite behauptet, eine unsittlich-barbarische Kriegsführung der anderen. Die Realität über das israelische Militär ist weniger heroisch. Es macht den Palästinensern in den kleinen Gebieten die ihnen noch geblieben sind, das Leben täglich schwer.72 Und genau dafür wird es auch von Vielen (jüdischen und nicht-jüdischen Zionisten) geschätzt.

Was “Sanktionen” im weiteren Sinn für seine Besatzungspolitik betrifft, ist Israel (und seine Fürsprecher) sehr sensibel, wie etwa die Reaktionen auf Boykott-Aufrufe oder die Kennzeichnung von Waren aus den Siedlungen (die nicht einmal Israel an sich bestrafen!) zeigen. Bei der Mauer und den Siedlungen heisst es, diese töteten niemanden, so schlimm seien diese also nicht.73 Wenn es nun aber um ökonomische Strafmaßnahmen  geht… Israels Ministerium für strategische Angelegenheiten verlangte von der EU, Finanzhilfen für NGOs davon abhängig zu machen, dass sich diese gegen einen Boykott Israels bekennen… Aus diesem Ministerium wird gegen die “Feinde Israels” ordentlich ausgeteilt.74 Natürlich gibt es diese Art von Propaganda nicht nur von staatlicher/offizieller Seite. Newsdesk Israel etwa firmierte nach den islamistischen Anschlägen/Massakern in Paris 2015 ein Video von Palästinensern, die nach der Gewährung des Beobachterstatus bei der UN 2012 jubelten, um, als Footage von Palästinensern die über die Anschläge in Paris jubelten.75

Doron Rabinoviczi, österreichisch-israelischer Autor, erzählte von einer Diskussion im Wiener Veranstaltungszentrum WUK zu “Nahost”, von pro-palästinensischen Österreichern, denen er verblümt “Antisemitismus” unterstellt (der Palästinenser Abado sei ausgewogen gewesen); “Warum ist das für die ein so grosses Thema” – fragt er sich das auch bei den österreichischen IL-Fans (wie man sie zB in IT-Diskussionsforen erleben kann und die oft “etwas Gehässiges” haben)?? In Österreich und Europa generell werde vielfach “nicht verstanden, warum für Israel das Regime in Teheran eine unmittelbare Lebensbedrohung sei” – und es daher eine dauerhafte Präsenz des Iran in Syrien unbedingt verhindern will, auch mit militärischen Mitteln, wie im Frühling 18 geschehen. Dass die FPÖ und andere Rechtsparteien Israel nun als „Bündnispartner“ gegen Djihadisten sehen, das an der „äussersten Front“ im Kampf gegen Islamismus stehe, liegt für Rabinovici in einem „Missverständnis“ begründet. Denn die Rechte übersehe, dass Israel „nicht gegen das Kopftuch kämpft und auch keinen Kulturkampf führt, sondern einen nationalen Kampf“. Djihadisten gehe es nicht darum, dass es keine österreichische Stadt auf diesem Boden geben soll – sehr wohl sei das aber mit Tel Aviv, Netanja und jeder anderen israelischen Stadt der Fall. Europa müsse nicht ein Land verteidigen, sondern die freie Gesellschaft. Mit jeder Verschärfung in Richtung „kulturalistischer Konflikt, in dem alle Musliminnen, die Kopftücher tragen, zu unseren Feinden werden“, gehe man auf das Konzept der Islamisten ein.

Da singt auch er das Lied von Israel als der sich nur selbst verteidigenden (und unverstandenen) Unschuld… Vermischt den “Kampf” von Salafisten (wie al Nusra in Syrien) mit dem Widerstand in Palästina (welcher ist den Palästinensern denn gestattet?). “Lebensbedrohung, “nationaler Kampf”, “Überlebenskampf”,…siehe Abschnitt “Existenz”. Den nationalen Kampf Israels sehen ja viele Zionisten (ob israelische oder nicht, auch nicht-jüdische, ob Politiker oder nicht) darin, den Palästinensern (dies- und jenseits der grünen Linie) das Leben schwer zu machen (weil das Land “uns” gehört und mit anderen Begründungen), ihre Existenz bedrohen, zB in Hebron; und während die Gebiete der Palästinenser immer kleiner werden, verlangt Israel (und seine Befürworter für es) von der Gegenseite “Anerkennungen”, als “jüdischer Staat” und so weiter. Israels Politik bezüglich Syrien76 verdient auch nähere Betrachtung, darunter sein (unausgesprochenes) Bündnis mit Saudi-Arabien auch dort (das für Andere eine Bedrohung darstellt…), siehe unten. Dass Israel und Djihadisten immer verfeindet wären, stimmt ja nicht. Es stimmt auch nicht, dass es ein „Missverständnis“ von Seiten der westlichen Rechten wäre, Israel als Bündnispartner gegen Islam/Islamisten zu sehen.

Da ist nicht nur Netanyahu der vor der Wahl 15 der israelischen “Linken” eine “Kapitulationsmentalität” ggü “Islamismus” unterstellte und dabei die Grenzen zwischen IS und palästinensischem Widerstand zu verwischen trachtete, und Lieberman der den “Überlebenskampf Israels” in den Kontext eines grösseren solchen “Kampfes” zwischen dem Westen und Islam/Islamismus (da wird nicht so genau unterschieden77) stellt, und Kontakte zu europäischen Rechtspopulisten unterhält, Bennett, und so weiter; nebenbei: das sind die Regierenden Israels. Da hat Rabinoviczi den Diskurs der letzten fast 20 Jahre verschlafen oder er tut so als kenne er ihn nicht. Diesen “gemeinsamen Grund” bzw “Kampf” zu sehen, ist im Westen wie unter Zionisten Mainstream (geworden); wenn man FPÖ, AfD, FN,… weg-tut, bleiben immer noch die (Kurz-) ÖVP, CDU/CSU, Republican Party,… Es gibt diese klaren Abgrenzungen von israelischer Seite nicht, im Gegenteil78, darum ging es ja (nicht zuletzt) in Teil II. Und wie sich zB bezüglich Südafrika oder USA (früher wie heute) zeigt, geht es nicht nur um Moslems bzw Orientale, auch um andere Nicht-Weisse…

Genau so wenig, wie Ressentiments und Rassismus von FPÖ nur an “Kopftüchern” und Islamismus fest zu machen wären, wenn es nur so wäre… Rabinoviczi wäre glaubwürdiger, wenn er Israel nicht als Monolith darstellen würde (“Israel führt keinen Kampf gegen das Kopftuch, auch keinen Kulturkampf…”), sondern dessen Diversität berücksichtigen würde. Es gibt ja jüdische, israelische Gruppen die anderen in grundlegenden gesellschaftlichen Fragen diametral gegenüber stehen, bei den letzten beiden Wahlen waren das in etwa die “blau-weisse” Allianz und das Netanyahu-Lager (mit den religiösen Parteien und den religiös-nationalen). Einen Kulturkampf gibt es (auch) dort; das was er als “freie Gesellschaft” bezeichnet, ist das Yair-Lapid-Konzept, das ist kein Konsens dort… Und ist das hier Konsens? Derartige Kritik bringt er immer wieder. Selbiges gilt für den Sprayer in Wien der sich über “österreichische Nahostexperten” echauffiert, zB an diesem WUK, aber mit österreichischer Israel-Solidarität kein Problem hat.79

Pro-Israel Kundgebung Wien (Lugeck) ’14 während des israelischen Bombardements des “Gaza-Streifens”

Kanzler Sebastian Kurz hat seit Ausbruch der Koalitionskrise 19 infolge des Ibiza-Videos mehrmals betont, dass der israelische PR-Berater Tal Silberstein hinter dem Video steckt. Auch hier ortet Rabinovici ein “Spiel mit antisemitischen Stereotypen”; bereits im Wahlkampffinale 2017 habe Kurz die Wahl als „Volksabstimmung darüber, ob wir die Silbersteins in Österreich wollen“, bezeichnet. Silberstein arbeitete damals für die SPÖ unter Kanzler Kern und startete eine “Dirty-Campaigning-“Kampagne gegen FPÖ und ÖVP. Kurz sei damals von ÖVP-nahen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Wiens auf die “antisemitische Tendenz” angesprochen worden, habe entgegnet, es sei “so” nicht gemeint gewesen. Was hier wiederum auffällt: Rabinoviczi findet an dieser ÖVP/FPÖ-Regierung etwas Antisemitisches, hat aber anscheinend nichts auszusetzen an ihrer Behandlung, ihrem Diskurs von „Antisemitismus“ (die Aktionen von Sobotka, Strache,…) oder an ihrer pro-israelischen Ausrichtung (ÖVP wie FPÖ; siehe Teil II). Es stört ihn nicht die Stossrichtung, die schwarz-blaue Koalition ist ihm nur nicht “anti-antisemitisch” genug. Aber, solange Kurz auf seinem hardcore-pro-israelischen Kurs bleibt…wird Kritik an ihm aus der IKG klein bleiben. Rabinoviczi bemängelt “Verständnis” für Israel in Österreich; Maxim Biller beklagt „Hassausbrüche gg Israel in Deutschland“, den proisraelischen Rassismus (zB von der AfD) übergeht er (wobei sein „Befund“ schon nahe an der einen Spielart davon ist) ebenso wie Rassismus und Chauvinismus aus/in Israel.

Hans Rauscher schreibt von aus dem Nahost-Konflikt heraus argumentierten “Urteilen” über Juden…aber die aus diesem “Konflikt” und aus einem “Westismus” herausargumentierten rassistischen Urteile über Orientale, der Philosemitismus, der Charakter der Israel-Solidarität… Wolfgang Sobotka nahm das Gedenken an die „Reichskristallnacht“ in Wien 1938 zum Anlass, um vor “neuem Antisemitismus” zu warnen, häufig diene dabei der Staat Israel als Projektionsfläche…Leuten wie ihm aber auch, in anderer Hinsicht. Wenn sich Leute im Westen gegen Unterdrückung der Palästinenser engagieren, wird ihnen gerne vorgehalten, sie könnten sich doch auch für Zypern oder Afrika („wo es Leuten schlechter geht“) engagieren, sollten sich lieber mit Nazi-Vergangenheit befassen, ihre „Israel-Kritik“ käme aus dieser heraus, sie verstünden nichts von dem Konflikt, sollten sich lieber mit Moslems/Islamisten (“gefährlicher”) befassen, Israel/Juden sei(en) das eigentliche Opfer. Dazu lässt sich natürlich Viel sagen… Zum Beispiel: Menschen verhungern, werden bombardiert und massakriert, doch manche Organisationen und Personen halten es für wichtiger, in Europa und anderswo nach Antisemiten zu suchen. Oder, welche Rolle Nazi-Vergangenheit bei Israel-Solidarität spielt.

In einer IT-Diskussion in der es (ursprünglich) um die Waldbrände in Haifa 2016 ging (für die israelische Palästinenser verantwortlich gemacht wurden)80, fand Tiara auch so jemanden (irgendwo aus den englisch geprägten Ländern), der in seiner Israel-Begeisterung und seinem Philosemitismus Rassimus und Menschenverachtung an den Tag legt, während er sich über Antijüdisches in den Diskussionen empört. Der auf Disqus registrierte “Titanium” gibt sich als liberal und aufgeklärt; Hervorhebungen & Kommentare von tiara.

Even Russians don’t use this retarded Khazarian empire propaganda, they invented. Too dumb. Palestinian people have been created by KGB strategists too after a shameful disaster of 1967 but you are too dumb to know that. It’s time to upgrade your Nazi propaganda ante, learn something fresh, something more hip, in line with the Millenials’ thinking?…” – „Nicht einmal Russen“…die Russen sind auch mindestens eine Stufe unterhalb in der „Rassenhierarchie“. Unterhalb von wem eigentlich? Juden und Anglos? Oder gewissen von denen. Und jenen Teutschösterreichern die sich unter sie zu schummeln verstehen… Über das Geld das von der USA an Israel fliesst: “Have you also bothered to check WHY! and how this money is spent? First, there is a financial reciprocity in this ‘special relationship’ quite unlike any other that the USA has. Much, and in many years most, of the money that the USA gives Israel has been used by Israel to purchase goods and services, both military and civilian, from the USA, so that American aid money is recycled back into the American economy. Nearly 90% of US aid to Israel is military, and Israel spends about 75% of that buying U.S. goods. This aid has been described as an indirect American subsidy to U.S. arms manufacturers. But, second, there is more to this issue than merely Israel’s using American money to help the US economy. Israel is a very powerful military ally as well. The security cooperation between Israel and the United States is vast, and Israel has consistently been a major security asset to the United States, an asset upon which America can rely, far more so than have been other state recipients of American largesse. In the field of military intelligence Israel is arguably the world’s leading expert in collecting intelligence on terrorist groups and in counter-terrorism. It provides intelligence and know-how to the U.S. According to Maj. Gen. George J. Keegan Jr., former head of U.S. Air Force intelligence, America’s military defense capability ‘owes more to the Israeli intelligence input than it does to any single source of intelligence,’ the worth of which input, he estimated, exceeds ‘five CIAs.’ He further stated that between 1974 and 1990, Israel received $18.3 billion in U.S. military grants. During the same period Israel provided the U.S. with $50-$80 billion in intelligen­ce, research and developmen­t savings, and Soviet weapons systems captured and transferre­d to the U.S. Israeli and American intelligence agencies continuously exchange information, analyses, and operational experience in counterterrorism and counter-proliferation. The U.S. Department of Homeland Security and its Israeli counterpart share technical know-how in defending against terrorist attacks, countering unconventional weapons and cyber-threats, and combating the drug trade. On the battlefield, Israeli armaments protect Bradley and Stryker units from rocket-propelled grenades, while Israeli-made drones and reconnaissance devices allow for safe surveillance of hostile territory. U.S. fighter aircraft and helicopters incorporate Israeli concepts and components, as do modern-class U.S. warships. The IDF has furnished U.S. forces with its expertise in the detection and neutralization of improvised explosive devices (IEDs), the largest cause of American casualties in Iraq and Afghanistan. Former Supreme Commander of NATO and U.S. Secretary of State Gen. Alexander Haig (deceased) described Israel as ‘the largest US aircraft carrier, which does not require even one US soldier, cannot be sunk, is the most cost-effective and battle-tested, located in a region which is critical to vital US interests. If there would not be an Israel, the US would have to deploy real aircraft carriers, along with tens of thousands of US soldiers, which would cost tens of billions of dollars annually, dragging the US unnecessarily into local, regional and global conflicts’. In short, support for Israel has been a very profitable investment for the USA. Israel is an ideal ally for America in the Middle East. Haifa is one of the safest and most hospitable ports for the 6th Fleet, a dependable base for pre-positioning emergency military stores for deployment in neighboring countries, and a base for close-by sophisticated medical services. For a 3 bil a year – INCREDIBLE BARGAIN! What do American taxpayers get from bankrolling nasty murderous parasites, fake Pali people?” – Um den letzten Satz ganz zu “verstehen”, “musste” die ganze Litanei gebracht werden, keine Zusammenfassung. Damit der Charakter von Israel-Solidarität (das ist kein Ausreisser) noch einmal veranschaulicht wird, die von jemandem der an anderer Stelle greint: “…It’s been a shocking surprise to see such a tsunami of Jew hatred on this site.”, oder “Your comments just show how ignorant, uneducated and narrow minded you are, yet your hatred has no limits.”

Weiteres zu diesem “titanium”: “…Do you know that the Russian Tzar, Alexander II, the Liberator (he liberated Russian Serfs, yes, millions of white slaves no one talks about) was assasinated by the Russian terrorists/nihilists.” – Spätestens hier merkt man, dass man es mit einem sehr Rechten zu tun hat, der ausserdem Geschichte verbiegen will. Alexander II. für seine Aufhebung der Leibeigenschaft 1861 (!) zu rühmen, ist ungefähr wie das Lob für Israel, dass es sich aus dem Gaza-Streifen oder vom Sinai zurückgezogen hat, seine eigene Besatzung dort beendet hat… “Brits were fighting Arab terrorists in Palestine way before Israel was founded in 1948. This is when the practice of wrapping bodies of dead terrorists in pig skins had stopped the wave of terror. We are too politically correct pussies to do it now, though we should.” – eine Allianz bzw Waffenbrüderschaft der Briten mit den Zionisten 1918-1948? Nicht wirklich… “So here we have a prime example of a psychopathic, post-rejection Jew hatred, and an ideal material for a Hitler wannabe. He might be even a self-hating Jew himself, like Soros. Those are the most vicious.” Nicht er, aber ein Gleichgesinnter: “God bless Israel. And please have mercy on these stupid racist hate filled dimwits who have been totally brainwashed by Muslim propaganda.”, und über Leute mit “poop colour skin” und “monobrows”… – So etwas ist bei IL-Solidarität nie weit; da sieht man auch was von Schwarzen oder Latinos im US-Militär gehalten wird, von Drusen im israelischen, von kurdischen “Verbündeten”,… So etwas kommt von den selben, die dann bei einem vermeintlichen Giftgasangriff im Syrischen Bürgerkrieg unverschämt Anteilnahme für Syrer vorheucheln, wenn es um eine massive Intervention der USA und anderer führender Westmächte in Syrien geht.81

„titanium“ hat auf seiner Profilseite seine Beiträge verborgen, das Muster bzw der Charakter würde noch deutlicher werden; nicht nur hat er die ärgsten Hasspostings positiv bewertet, er schreibt auch selbst solche. Kein Wunder, dass Pro-Israel-Aktivisten die Veranstaltung „Israels rechte Freunde in Europa und in den USA“ in Bonn verhindern wollten.82 Das hört man nicht so gerne, darüber wird kaum geredet: Rassismus von Juden, individueller und der im Zionismus angelegte, und was unter Philozionismus bzw Israel-Begeisterung so alles blüht. Israels Geschichte wird lieber als ein einziger heroischer Kampf gegen das Böse verstanden, gegen Faschisten, Islamisten,… Wer das realistischer sieht, für den wartet auch das “Antisemit”-Etikett. Die Sache mit den Bündnissen, die von Israel eingegangen wurden und werden (von den Evangelikalen über lateinamerikanische Diktaturen bis zu den Saudis), und mit der Bewunderung, die es bekommt, ist ein “empfindlicher Punkt” für Zionisten, weil dies dem Topos von Reinheit und Unschuld entgegen steht.

Relevant dazu ist auch der Teil mit Fidel Castro im II. Teil. Ein zionistischer Kampfposter im Forum von “Der Standard”, der mit der “Antisemitismus”-Keule Kritik an Israel abzuwürgen versucht: „immer wieder schön wie sich die Antisemiten aufregen müssen und einander dann erklären, was Israel alles darf/muss/soll…kaum vorzustellen, was dieser Mob anfangen würde, wenn Juden keinen Staat hätten oder doch, eigentlich muss man sich nur die Taten der Grossväter der hier postenden ‘Experten’ ansehen…”. Bei Lob oder Zustimmung für Israel aus Österreich/Deutschland (von Osten-Sacken bis Strache) sind dann deren Grossväter GAR NICHT so wichtig, befindet man sich plötzlich in einer “westlichen Wertegemeinschaft” oder “jüdisch-christlichen Zivilisation”; der eigene Rassismus und Verachtung ggü Palästinensern ist ohnehin tabu. Das Leid der Palästinenser braucht diese Österreicher/Deutschen/… nicht zu kümmern, warum auch. Und gewisse “Antifaschisten” nehmen Israel-Unterstützung83 auch von ganz rechts, während sie Palästina-Solidarität zu diffamieren trachten (als “antisemitisch”).

Das Verzerren des Konfliktes in/um Palästina/Israel zu einer Folge religiöser Intoleranz…die Ethnisierung und Konfessionalisierung des „Nahostkonflikts“, die (pro)israelischen Versuche, ihn auf die religiöse Ebene zu legen bzw durch diese Brille zu sehen..84 Der “eine jüdische Staat und 20 arabische und dutzende moslemische” > als ob die Zahl der Länder die arabisiert oder islamisiert wurden, etwas bezüglich der Behandlung der Palästinenser entlasten würde, etwas an Menschenrechtsverletzungen ändern. Deutsch wie Muzicant (Führer Jüdische Gemeinde Wien) zB bringen gerne die Ebenen Religion-Nation (die im zionistischen Konzept verschmelzen!) durcheinander, zB wenn sie behaupten, dass es “auch Moslems” in Israel so gut gehe (oder “unter”?). Der alawitische Syrer Esber/Adonis hob dagegen Israel mit seinem ethnonationalistischen Charakter negativ ggü der Region hervor. Wie schon mehrmals betont, sind Juden eigentlich eine ethno-religiöse Gemeinschaft, und im Zionismus dreht sich auch alles um den ethnischen Charakter des Judentums (bzw die Juden als Volk). Da hat der „Antisemitismusforscher” Clemens Heni ausnahmsweise recht.

Wahrscheinlich ist es verlockend, einen Konflikt Juden-Moslems um Palästina/Israel zu sehen, einen Religionskonflikt. orf.at: „Als Reaktion auf anhaltenden Raketenbeschuss Israels aus den Palästinensergebieten griff Israel (2014) für einige Wochen Gebiete in Gaza an. Der Krieg empörte vor allem Muslime und heizte die religiösen Konflikte weltweit – aber auch in Frankreich an.“ Nichts über das Töten und Zerstören in Gaza, nichts über die Unterstützung Israels, nichts über die Vorgeschichte dieses „Raketenbeschusses“, es ging quasi um verletzte religiöse Gefühle…; siehe auch den Abschnitt über Haifa und die religiöse Empörung dort. Max Blumenthal, ein progressiver jüdisch-amerikanischer Aktivist, hat den #JSIL-hashtag auf Twitter eingeführt, der zum Ausdruck bringen soll, dass Israel (“JSIL”) beansprucht, das Judentum zu repräsentieren, so wie IS(IL) den Islam. Islamophobe und Islamisten treffen sich darin, dass sie Individuen am liebsten über ihre (angebliche) Zugehörigkeit zu einer Religion klassifizieren; bei Antisemiten und Zionisten ist es wahrscheinlich ähnlich.

Islam (“Angst” vor Fundamentalismus, Terror) wird auch im Judenstaat oft vorgeschoben wird, zur Rechtfertigung für Xenophobie (daneben auch für Besatzung und Minderheitenfeindlichkeit). Netanyahu ein Mal, die israelische Vorherrschaft bzgl aller Ausgrabungen in Israel/Palästina “begründend”: „Wir haben ja schon gesehen, was mit den heiligen Stätten im Nahen Osten passiert – was in Palmyra, im Irak und in Syrien und an anderen Orten passiert ist. Radikale Muslime zerstören gegenseitig ihre Moscheen, gar nicht zu reden von christlichen und jüdischen Stätten.“  > Fleischhacker über Raubkunst aus Afrika in Europa, im Brasilien II – Artikel. Relevant in diesem Kontext sind auch die Bekundungen aus Israel, 09 auf einen Sieg Ahmadinejads bei der iranischen Präsidentenwahl zu hoffen (siehe). Oder gewisse Haltungen zum Arabischen Frühling. Eine Art von Ethnisierung ist es natürlich auch, die Verurteilung der zionistischen Verbrechen in Palästina als “rass(ist)ischen Antisemitismus” zu diffamieren.

“How BDS is trying to blow up the Jewish state” – Bildschirmfoto eines Videos von Rabbiner Jonathan Sacks

Sind die Interessen von Israel und jene der westlichen Welt wirklich eins, wie das etwa von Netanyahu gelegentlich insinuiert wird? Oder sollten sie das eigentlich sein und wäre das die moralisch richtige Seite? Oder ist es schon eine Anmaßung, dass der Staat Israel und die Juden weltweit die selben Interessen hätten? Und, die jüdische Bevölkerung Israels, ist die wirklich eins, zB hinsichtlich der Haltung zur Religion?85 Wenn es heisst, Juden und Christen hätten einen silbernen Weg gefunden (aber mit Moslems sei das anders), teilten gemeinsame Werte, ist da wieder das Pressen von Menschen in konfessionelle Schubladen; es werden Gemeinschaften/Kollektive vorausgesetzt, die so nicht existieren, und dort die “inneren Gräben” übergangen. Und es werden die Nicht-Weissen aus der “christlichen Welt” ausgeblendet, sie zählen nicht wirklich…werden als “Dritte Welt” ausgelagert.86 Aber auch aus der weissen/westlichen Welt werden Leute ggf heraus-definiert.

Im Zionismus dominierte seit den Anfängen in der zweiten Hälfte des 19. Jh (und bei der Linken noch mehr) die Überzeugung, man müsse sich an den Westen klammern, um sich in der Region behaupten zu können. Im Zeitalter der Islamkrise liess sich auch für Israel der Glaube an die zivilisatorische Überlegenheit des “Westens” und an die Zugehörigkeit zu ihm neu affirmieren und argumentieren. Israel-Fürsprecher im Westen wiederum (linke wie rechte) sehen den Staat gerne als liberalen, westlichen Aussenposten in einer barbarischen Region (ähnlich wie es Herzl einst formulierte), und das verstärkt in den letzten fast 20 Jahren. Die Einstellung mit der “asiatischen Barbarei” und der Überlegenheit westlicher Kultur hat sich gehalten, wurde integraler Teil des zionistischen Chauvinismus’. Wobei auch die (vermeintliche/tatsächliche) Kultur von anderen Juden als “primitiv” gesehen wird, die Mizrahis sehen sich daher oft genötigt, sich von anderen “Orientalen” (Palästinensern,…) abzugrenzen, sich abzuheben. Ehud Barak, der Militär, der für die Mifleget HaAvodah/ Arbeiterpartei 99-01 Ministerpräsident war, beschrieb Israel als “Villa im Dschungel”… In der Kampagne für die Wahl 2001 (die er gegen Scharon verlor) rief er “Wollt ihr nach Europa oder in den Kosovo?”.

Es gibt auch eine massive Auswanderung von jüngeren Israeleren nach West-Europa (auch Nord-Amerika,…), nicht zuletzt nach Deutschland (Berlin!). Entgegen den Phrasen von ach so gefährdeten und verschwindenen Juden dort („Kann man hier noch leben“)… Es heisst, (Zweit-) Pässe (west-) europäischer Staaten sind unter Israelis eine Art Statussymbol, Prestigeobjekt. Der israelische Politiker und Diplomat Daniel “Danny” Ayalon ist einer jener, die davon reden, “sie bedrohen unsere Existenz”, “aber auch die restliche westliche Zivilisation” (also so ungefähr wie Lieberman,…oder Broder). Womit israelische Politik und Militäraktionen einmal mehr als (heldenhafte) “Verteidigung” deklariert werden, die Feindseligkeit ggü der Region umgedreht wird (hier die westliche Zivilisation, dort das Böse)…in diesem Geist stehen ja auch Netanyahus Bemühungen, auch den Holocaust den Palästinensern umzuhängen. Relevant in diesem Zusammenhang sind auch Rabinovicizi (“Missverständnis”,…) und “titanium” sowie sein Kollege (über die Leute mit “kackbrauner Haut”). In den Clarion-Filmen/Webseiten/… heisst es auch „…mission is to educate people about the threat of radical islam“, „our way of life“, „western civilization“,…

Der britische Oberrabbiner Jonathan Sacks (auch Parlaments-Mitglied87) sprach vor einigen Jahren auf der anglikanischen Synode von einer “weltweiten Schicksalsgemeinschaft von Christen und Juden”, die Beziehung der beiden Religionen/Religionsgemeinschaften sei noch nie so gut gewesen. Also was nun? Ein noch nie gesehenes Antisemitismus-Level im Westen oder aber die grosse Übereinstimmung zwischen Juden & Christen?88 Eine Einheit des Westens (minus die Antisemiten in ihm) unter Einschluss der Juden gegen …äh, seine Feinde halt, oder aber „Eurabien“ oder so etwas. Rechtsextreme Zionisten (also zB Bennett, Lieberman, noch rechts von Netanyahu oder Broder) sind auch nicht unbedingt einverstanden mit der westlich-säkularen Staatsdoktrin, nehmen teilweise eine negative Haltung zum Westen ein, wegen dessen vorgeblicher Liberalität (Menschenrechte, „Multikulti“,…). Da zählt nur, dass Israel ein jüdischer Staat ist (wobei Lapid zB “jüdisch” ganz anders definiert), Menschenrechte für Nicht-Juden sind da irrelevant. Der israelische Rechtsextremist Naftali Bennett sagte über die Siedlungs-/Besetzungs-/Verdrängungspolitik: “Der Westen wird es akzeptieren”. Auf den Orient (bzw die Region) und den globalen Süden wird ohnehin ges….sen, auch auf die “gemeinsamen Werte” und deren “Universalität”. Bennett auch: “Die Türkei führt die EU wie einen Tanzbären vor”. Ausgerechnet er…

Aber auch sie sind ja in den Augen der Westisten Teil des “freien Westens”. Aber sobald es in diesem leichten Widerspruch ggü Israel gibt (zB durch Pochen auf Universalität der vorgegebenen Werte), setzt die Antisemitismusdiffamierung ein, wird aus der “Wertegemeinschaft” (zB) das “antisemitische Europa” und sein “Opfer”, bzw, es werden entsprechende Gruppen aus diesem guten Westen herausdefiniert (zB Linke). Wohlgemerkt, bei Israel-Kritik, nicht bei echtem AS, oder auch sobald die Hegemonie, der Konsens gefühlt auf der “Gegenseite” ist. Zionisten stellen das westliche System gerne in Frage, wenn dieses tatsächlich universalistisch ist… Leute werden zu Unpersonen, obwohl (oder gerade weil) sie nichts als die Prinzipien des humanitären Völkerrechts, die vielgerühmten zivilisatorischen Standards des „Freien Westens“, verteidigen. Andreas Koller posaunt mal, man dürfe sich die “bürgerlichen Freiheiten nicht wegbomben oder wegadministrieren lassen” > die bürgerlichen Freiheiten der Palästinenser…oder jene die sich für diese Freiheiten einsetzen. Wieso dann eine “Einheitszivilisation” im Sinne der westlichen propagieren, wenn man den “Braunhäutigen” Selbstbestimmung usw. dann ohnehin nicht zugesteht, sie ggf als “zurückgeblieben” darstellt, eingesteht dass diese “Werte” keine universalistischen sind.

Westler sollen ruhig sein zur Unterdrückung der Palästinenser weil * sie Antisemiten, Nazierben oder auch Terrorfreunde sind; * ihr Abendland von den Zionisten gegen die Wilden heldenhaft verteidigt wird, sie das nicht zu schätzen wissen, naiv sind. Auch die EU und die USA, die wichtigsten Partner Israels (wirtschaftlich, strategisch, kulturell,…) bekommen das ab; siehe zB Glick zu Europa. Obama hat nichts zu sagen bezüglich “Israel”, heisst es, weil Staat der Juden; aber USA-Solidarität für den Judenstaat wird schon eingefordert, aber wie.       Aus diversen europäischen und anderen westlichen Staaten ist immer wieder von „Verantwortung für Israel“ die Rede; Unangenehmes wird als „Einmischung“ brüsk zurückgewiesen. Netanyahu sagt gerne, der Westen müsse dieses und jenes tun89, wenn es aber um Israel geht… Übrigens, bei Venezuela, wo Maduro sagt, er werde sich „dem Druck Europas nicht beugen“, wird diese Haltung als (weiterer) Beleg dafür genommen, dass er gestürzt werden muss; wer behauptet, dass es den Putschisten inner- und ausserhalb Venezuela um die Kontrolle der weltweit grössten Erdölvorkommen geht, leidet unter Verschwörungsphantasien. Ergebenheitsadressen an Israel à la Kurz/Merkel und fanatische Solidarität von Neokonservativen, Rechtspopulisten, Evangelikalen vorzugsweise aus der USA, das wird natürlich akzeptiert.

Als Ägyptens Diktator Sisi in Wien war, sagte Sebastian Kurz: „Wir sind in gute Gespräche eingetreten, wie man die Zusammenarbeit intensivieren kann“, der Bundeskanzler lobte Ägypten einmal mehr für die „Eindämmung der illegalen Migration“. Sisi, Mursi, Mubarak, Demokratie, der Westen und der Rest, Berlusconi, Trump, Netanyahu, al Saud, Erdogan, Orban, Putin, Bolsonaro, Rouhani, Pinochet,… Achselzuckend schwere Menschenrechtsverletzungen hinnehmen (aus politischer Korrektheit oder aus Zustimmung?) einerseits, andererseits Erhebungen unterstützen, sich als Verteidiger der Demokratie profilieren (> Iran, Hongkong/China,…). Was im Fall Palästina der Krawall von unbelehrbaren, aufgehetzten Antisemiten ist, ist anderswo das mutige, unterstützenswerte Streben nach Demokratie, gegen Besatzung und Unterdrückung. Eine Doppelmoral, die nach Interessenlage bestimmt, wer die “Guten“ sind und wer Terrorist, Geschäftspartner oder Schuft. Die Fassaden der liberalen Demokratie.

Japans Tenno Hirohito sollte 1945 eigentlich angeklagt werden, die USA verzichtete aus politischen Gründen darauf (wegen der Entwicklung, die Japan nehmen sollte). Bei Manchen aus der NS-Maschinerie war es ja auch so, wegen der Richtung die der BRD zugedacht war. Guido Preparata: “Und was die Dämonisierung des besiegten Feindes anging, hätten die Deutschen Angloamerika kein glorreicheres Geschenk machen können: Es ist, als ob sie sich unentgeltlich und folgenschwer als der Antichrist darstellten. Umgekehrt bedeutete dies, dass die angloamerikanischen Truppen und Kommandeure die Legionen Gottes sein mussten…Im mythologischen Namen führen sie bis heute ungestraft Kriege in aller Welt. Für Menschenrechte, Demokratie und Friedenssicherung, wie ‘sie’ sagen.” Deutschland war mit der BRD endlich im Westen angekommen; nicht mehr imperialer Eigenweg sondern Teilnahme an West-Imperialismus, der ja in Ordnung ist.

Aber, das vorgegebene Bild des Westens wird ja gelegentlich konterkariert, von Leuten aus diesem Westen! 2008 verfasste Handke einen Kommentar für die französischen Zeitung „Le Figaro“, in dem er an die Geschichte Jugoslawiens und dessen Sieg über den Nationalsozialismus erinnerte und die westlichen Staaten (im Hinblick auf ihr Eingreifen gegen Rest-YU in den 1990ern) als „Gaunerstaaten“ bezeichnete. Strache, Handke, die „Anti“deutschen und die Serben (…und der “Held” George W. Bush und sein triumphaler Empfang in Albanien mit anschliessender Anerkennung der Unabhängigkeit von Kosovo/Kosova)90. Über das Ende der Nachahmung des Westens in Osteuropa (Verlierer im Kalten Krieg) erschien kürzlich (von Ivan Krastev und Stephen Holmes) “Das Licht, das erlosch: Eine Abrechnung mit der Wende”. Die Autoren sehen die erzwungene Abtrennung der Krim von der Ukraine an Russland als Parodie/Nachahmung der USA-Aussenpolitik (bzgl der Abtrennung Kosovos von Rest-Jugoslawien bzw Serbien91) durch Putin. Aber auch Orban ist in diesem Kontext zu nennen…und Trump (der zum nationalen Egoismus steht, nicht von “westlichen Werten” schwadroniert und innerhalb der USA relativ still und heimlich einen weissen Ethno-/Partikular-Nationalismus fördert).

Besteht der Westen aus vorbildlichen Demokratien? Gehörte Apartheid-Südafrika dazu? Dort ist der Widerspruch bzw die Heuchelei etwas klarer als bei USA, Australien, Canada,… In Aussenposten Europas bzw der westlichen Welt gab es ggü „Eingeborenen“/“Farbigen“ ähnliche Einschränkungen wie in Südafrika, ab der Ankunft des weissen Mannes dort, nach der Emanzipation der dortigen Siedler vom europäischen Mutterland (Unabhängigkeit). Diese Rassendiskriminierungen wurden gar nicht so viel früher als in Südafrika (1990-94) geändert! Die Jim-Crow-Gesetze in der USA waren bis in die 1960er wirksam, die die Aborigines diskriminierenden Gesetze in Australien in den 1970ern,… In RZA sind Schwarze/Nicht-Weisse in der Mehrheit, das ist ein Unterschied. Im Apartheid-System war hin und wieder (zB auf Tafeln die die Petty Apartheid regelten) dezidiert von “Europäern” die Rede, wenn Weisse gemeint waren. Apartheid-Südafrika, in vieler Hinsicht ein enger Verbündeter Israels…

Die „Neue Kronen Zeitung“ titelte heuer: “Raketenhagel gegen Song Contest“, weil Geschosse aus dem Gaza-Streifen nach Israel gefeuert wurden. Die Probleme der Ersten Welt gegen jene der Dritten… Mehrere Dutzend Kulturschaffende in Grossbritannien haben den Sender BBC zum Boykott des Eurovision Song Contest in Israel aufgerufen. Israel sei wegen systematischer Verletzungen der Menschenrechte von Palästinensern nicht als Austragungsort des Wettbewerbs geeignet, hiess es in einem in der Zeitung “The Guardian” veröffentlichten Brief.  Die rund 50 Unterzeichner (darunter die Musiker Roger Waters und Peter Gabriel und die Modedesignerin Vivienne Westwood) forderten die BBC auf, sich für eine Verlegung der Veranstaltung in ein anderes Land einzusetzen. “Die BBC sollte sich an ihre Prinzipien halten und sich für eine Verlegung in ein Land stark machen, in dem es keine Verletzungen dieser Freiheit gibt.” Andere sehen Israel als Mitglied der 1. Welt, der Weissen, das sich gegen die unterentwickelten Orientalen behauptet (und nicht gegen die Holocaust-Urheber). Regierungen92 die “mit dem Säbel rasseln”, um die gravierenden Probleme im Land zu überspielen, gibt es auch in Israel…nicht zuletzt ggü Gaza, siehe oben.

Und, Rechte von Palästinensern werden gerne mit Auswüchsen islamischer Kultur anderswo zu desavouieren versucht. Als ob irgendein Islamismus israelische Besatzung und Apartheid rechtfertigen würden…bzw die Vorenthaltung grundlegender Rechte ggü normalen Palästinensern. Das Muster des israelischen Teils einer Zusammenarbeit mit Westlern bzw der Darstellung dieses Parts ist oft das des leidgeprüften, wissenden, vernünftigen, versierten, kundigen Mahners, Informanten und natürlich auch Opfers, das allzu oft auf taube, antisemitische, naive Ohren stösst und das Wohl eigentlich der ganzen Welt im Auge hat. Und, oft die Auffassung im Westen ggü Israel, dass diesem vollste Unterstützung zustehe, weil Vorposten des zivilisierten Westens in einer unzivilisierten Region, und dass sich eine solche Haltung aus dem Stehen zu “westlichen Werten” ergeben würde (korrelliert mit gewissen israelischen Selbstbildern). Westliche(s) Werte und Bewusstsein, nicht angekränkelt, keine Selbstkasteiung,… So wie das zB Alain Finkielkraut fordert. Bei diesen Westisten gleichzeitig Preisungen des Westens und Attacken, weil so “dekadent”.

Finkielkraut auch: Die europäischen Kolonisierung (zB jene Afrikas) hätte nur Gutes bedeutet bzw gebracht, die “Zivilisation” zu den “Wilden”, “westliche Traditionen” verfielen durch “Multikulturalismus” und “Relativismus”, und “Israel-Kritik” ist da für ihn irgendwie mittendrin. Im Westen hat sich gottlob eine kolonialkritische Haltung durchgesetzt, nicht unumschränkt, aber unter Intellektuellen bzw im wissenschaftlichen Diskurs schon. Die kolonialapologetische Position wird heute nur noch von einer Minderheit vertreten (dafür hat sich eine andere Art von “Westismus” etabliert). Broder bei Straches Veranstaltung im Kursalon Hübner (siehe Teil IV): “Deutschland ist zum Irrenhaus verkommen, das sich nicht mehr seinen fundamentalen Problemen stelle und seine Grundwerte verteidige, sondern lieber über ‘genderneutrale Toiletten’ diskutiere.”

Was bedeutet es konkret, dass der Westen zu seine Werten stehen soll, seine Grundwerte verteidigen? Wieder Anderl von Rinn-Verehrung? Soll man wieder auch die erste und zweite Strophe des Deutschlandlieds singen, was ja nach dem Zweiten Weltkrieg bzw der Nazi-Diktatur abgeschafft wurde? Die Deutschen wieder, auch die Österreicher, und die Migranten zur Integration? Oder eine illiberale Politik à la Orban? Strache lobte dessen Flüchtlingspolitk (“Mitstreiter und einsamer Verfechter eines christlichen Europas”) und wollte ja auch die Medienlandschaft Österreichs nach dem ungarischen Vorbild umgestalten… Aber, wie gesagt, militantes „West-Verständnis” kann unterschiedlich ausschauen, zB pro Russland (gerade wegen Putin) oder aber russophob (alten Traditionen folgend).

Aufstellung von auch slowenisch-sprachigen Ortstafeln in Kärnten 1972, deren Stürmungen, mit Hilfe der Polizei, eine Art neuer “Abwehrkampf”; Kundgebung in Klagenfurt dazu, wo es hiess “An klanen Adolf bräuchat ma”.93 Was sind die Werte? Sind Love Parade oder Pizza deutsche Kultur? Oder schlimmes Multikulti? Gibt eine deutsche Infrastruktur mit Würstchenbuden uÄ in Mallorca…auch mit Döner-Buden. Mina Ahadi, Onkel Tom der Islamophobie-Szene in Deutschland, eine ehemalige Kommunistin aus dem aserbeidschanischen Teil Irans, singt das Lied vom “Scheitern von Multikulti” nach; aber was genau ist darunter eigentlich zu verstehen? So etwas wie Penis-Beschneidung, also fremde Sitten? Dass es weniger chinesische Restaurants geben soll? Dem Westen folgen, von ihm lernen? Bedeutet was? Der Philozionismus von Grigat bzw “Der Standard” oder der von Strache/”Neue Kronen Zeitung“? Das jeweils andere Lager nimmt die Entscheidung jedenfalls übel… Es gibt ja auch jene, die moslemische Sklaverei thematisieren, um von der westlichen/europäischen abzulenken, und jene, die diese europäische Sklaverei positiv affirmieren, verteidigen. Ähnlich verhält es sich mit anderen Grossverbrechen des Westens; das Selbstverständnis heutiger „Westisten“ ist gewissermaßen multikulturell.

Europa, der Westen, verkauft seine vielbeschworenen Werte an den Teufel bzw für die Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien, für wirtschaftliche und strategische Interessen. „Saudi-Arabien ist wichtig für Stabilität in Region“, und für das grosse Geschäft. Und da ist auch egal, was das saudische Regime in der Region so treibt und wie es im Lande herrscht. Saudi-Arabien ist der wichtigste Verbündete von USA, Israel, EU,… in der Region (“Naher”/”Mittlerer Osten”), trotz seines Regimes (bzw Charakters), und was es für die eigene Bevölkerung bedeutet (härteste Repression im eigenen Land), seiner Förderung des salafistischen Islamismus’ weltweit, Beanspruchung bzw Durchsetzung einer Hegemonie in der Region. Die Achse gab es im Kalten, Krieg, gibt es weiterhin. Waffengschäfte mit Mörderstaaten wie Saudi-Arabien…”Hoch lebe die westliche Doppelmoral und auch ein demokratischer Bauchschuss tut anders weh … oder tötet, sind ja deutsche saubere Qualitätswaffen!”94

Man klagt (eigentlich zu Recht) über arabische/islamische Diktaturen, fordert seit Bush II eine Demokratisierung “der Region” (eigentlich zu Recht) – und arbeitet mit der repressivsten dieser Diktaturen zusammen, weil es eigenen (egoistischen) Zielen dient. Der westliche „Kampf gegen Islamismus“ ist allgegenwärtig, aber der schlimmste (der saudische) wird gefördert…früher die Mujahedin in Afghanistan, aus denen die Taliban hervorgingen. Man redet und schreibt vom islamischen Faschismus, den wirklichen hätschelt man.95 Die wahren Islam(ismus)-Verharmloser (und “Kulturrelativisten”!) sind Saudi-Freunde und -Unterstützer wie Trump, Missfelder,… (gewesen). Gegenüber dem Iran (zB) werden Menschenrechte, Demokratie, Säkularismus angeführt, bezüglich KSA aber… Und, Saudi-Arabien ist ein wichtiger Verbündeter Israels geworden. In seiner Peripherie-Strategie hat Israel seit den 1950ern Verbündete am Rande “der Region” bzw der “islamischen Welt” gesucht (darunter Iran unter dem letzten Schah) – nun ist der wichtigste Verbündete in der Region die arabische Führungsmacht bzw das Zentrum der “arabischen Welt”. Siehe auch Glicks Ausführungen dazu. Aber Israel hat ja immer keine andere Wahl, als sich mit Vorster, Videla, Evren, Alijev, Bolsonaro oder eben Saud ins Bett zu legen (oder mit Skorzeny zusammen zu arbeiten).

Im Zionismus stellt man sich ja so gerne als Gegenpol zum Islamismus dar, versteht sich als Bastion der Aufklärung in einer dunklen Region,… Im Impressum von “Stop the bomb” dropthebomb wird zB eine „Liga für Aufklärung und Freiheit im Nahen und Mittleren Osten“ angegeben. Oh, und Homosexuellen-Rechte die bei dropthebomb so gross angeführt werden…auch da bekommt KSA eine Art Wild card. KSA, bzw sein Führer, Kronprinz Mohammed bin Salman al Saud (MBS), hat ja 2018 einen seiner Bürger (Jamal Khashoggi, der ein Dissident wurde) in seinem Konsulat in Istanbul töten lassen… Israel bzw seine NSO Group hat Saudi-Arabien mit der “Pegasus”-spyware ausgestattet, und zwei der Beamten, die MBS für den Mord pro forma “degradierte”, waren involviert in proisraelische Öffentlichkeitsarbeit in KSA. Nicht lange vor dem Mord an Khashoggi hat MBS bei einem Treffen mit jüdischen Organisationen in der USA schwadroniert, die Palästinenser müssten Trumps “Deal of the Century” azeptieren, zurück an den Verhandlungstisch kommen oder aber den Mund halten und aufhören “sich zu beklagen”…

Netanyahu war dann auch schnell zur Stelle mit Beschwichtigung zum Khashoggi-Mord, brachte ein Wort, das die ganze Doppelmoral herüber bringt: “Stabilität”, für die Region, nein für die Welt, darum gehe es (ihm), und das rechtfertigt ja nun alles, rückt den Tod eines Journalisten ins “richtige” Lot. Saudi-Arabien müsse stabil bleiben, die recht geheime, entstehende Allianz seines Landes, gegen den gemeinsamen Feind Iran, mit diesem darf nicht erschüttert werden.96 Kronprinz Mohammed bin Salman al Saud hat Irans Rahbar/Staatschef Ali Chamenei in die Nähe von Adolf Hitler gerückt („Hitler versuchte, Europa zu erobern, Chamenei dagegen versucht, die Welt zu erobern.“); das könnte auch von Netanyahu gewesen sein. Zum Auftakt der umstrittenen „Nahost-Konferenz“ in Warschau 19 sprach Netanyahu in einem (von seinem Büro verbreiteten) Video davon, dass er mit den arabischen Teilnehmern „unser gemeinsames Anliegen eines Krieges mit dem Iran“ voranbringen wolle.97 Es war wie bei seiner Äusserung über die Verwantwortlichkeit Husseinis für den Holocaust oder jener über die „israelischen Araber“ die wählen gehen…

Bezüglich des iranisch-saudischen Stellvertreter-Kriegs in Jemen sagte Netanyahu, der Iran plane Angriffe vom Jemen aus auf Israel. Israels Generalstabschef Gad(i) Eisenkot sagte in einem Interview mit der saudi-arabischen Zeitung “Elaph”, der Iran sei “die grösste Bedrohung für die Region”98 und Israel sei (diesbezüglich) bereit, Geheimdienst-Informationen mit “moderaten arabischen Staaten” zu teilen. Wenn von “moderaten arabischen Staaten” die Rede ist, dann sind immer Staaten wie Saudi-Arabien und einige seiner Nachbarn in der “Golfregion” gemeint… 99 Die saudische ultrakonservative Auslegung des Islam und seine Bemühungen, diese Moslems weltweit aufzuoktroyieren (von Bosnien bis Indonesien), zeugt ja auch von dieser moderaten Ausrichtung. Die Ankündigung des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu im Wahlkampffinale 19, im Falle eines Sieges das (mittlerweile von Palästinensern grossteils “gesäuberte”) Jordantal im besetzten Westjordanland zu annektieren, hat international Kritik ausgelöst, auch von KSA. Es ist nicht so leicht, beides unter einen Hut zu bringen, die Politik gegen die Region und die Bündnispolitik mit anderen reaktionären Mächten dort. Relevant dazu ist auch Fussnote 15.

Die Trump-Regierung lobt die Mini-Reform-Schritte von MBS in KSA, lässt die vielen “Rückschritte” unter ihm un-kommentiert. Jene, die die Sauds dafür loben, ein paar Kinos zugelassen zu haben, die Geschlechtertrennung in Restaurants aufgehoben, oder für ihren „Beitrag zur Stabilität“ (!!!), oder die türkischen Kemalisten für Fortschritte,… immer implizierend dass man ihnen (dafür) ihre “Undemokratie” durchgehen lässt, erinnern zumindest an jene, die Hitler für den Bau von Autobahnen loben. Im Iran gibt es zumindest zivilgesellschaftliche Strukturen (nicht wegen sondern trotz des islamistischen Regimes), eine Demokratie-Bewegung, gibt es wenigstens Wahlen in einem sehr engen Rahmen (unter Kandidaten, die sich zur Islamischen Republik bekennen und von dieser anerkannt werden), das Verbot für Frauen, Auto zu fahren oder zu studieren, hat es auch unter dem Mullah-Regime nicht gegeben,… Die meisten Iraner sind gegen „ihr“ Regime – im Fall der Saudi-Araber wird so etwas (vom Westen) gar nicht erwartet, würde auch nicht unterstützt werden, obwohl dieses Regime eigentlich noch viel reaktionärer ist… Jürgen Todenhöfer: Wäre Syrien ein USA-Verbündeter, könnte es sich noch eine viel brutalere Diktatur leisten.

Einerseits heisst es, es “gibt schon genug arabische Staaten” (mit denen sie nichts anfangen könnten…) – aber dann unterstützt man Separatisten der arabischen Minderheit im Iran (Provinz Khusistan), wie die Gruppe al-Ahwasieh, die einen weiteren gründen wollen. Verschiedene westliche Mächte unterstützen (teilweise zusammen mit Saudi-Arabien) Gruppen von Belutschen, Kurden, Aseris,… im Iran, die eine Abspaltung von Territorien anstreben. Der US-amerikanische republikanische Abgeordnete Dana Rohrabacher will Minderheiten im Iran aufhetzen (lassen), daneben die Volksmujahedin und Saudi-Arabien (dem man Menschenrechtsverletzungen nachsehen solle) unterstützen – aus “nationalen Interessen” der USA. Mehr dazu hier. Aus nationalen Interessen hat die USA (und weitere westliche Mächte) zB auch Pakistans Militärdiktator Muhammad Zia-ul-Haq unterstützt, der dem ultrakonservativen saudischen Islam in “seinem” Land Tür und Tor öffnete, zumal es damals um den Kampf gegen die Kommunisten in Afghanistan ging. Aus nationalen/strategischen Interessen haben die Anglo-Mächte Premier Mossadegh im Iran gestürzt, bei dem der Islam keine (politische) Rolle spielte. Der bereits erwähnte „Adonis“ kritisierte/thematisierte die westliche Unterstützung von Saudi-Arabien („Europa verbeugt sch vor Staaten die nicht einmal eine Verfassung haben wie KSA“), nennt sie als Mitgrund von Islamismus und Terrorismus.100

Peres bei Aserbeidschans Staatschef Alijew; zum Verhältnis Israel-Aserbeidschan hier mehr: http://tiara013.at/2017/11/06/das-iranische-atomprogramm-teil-4-geo-strategisches-weltpolitisches-regionales/

Die Regionen Zentralasien, Westasien, Nordafrika (gerne zu “Naher” oder “Mittlerer Osten” zusammengefasst) sind (ungefähr seit dem 1. WK) sehr konflikt-geplagte geworden, und das hat nicht nur innere (Islam bzw Umgang damit) oder nur äussere (Öl bzw Gier danach) Gründe, beides. Fast jede dritte weltweit gehandelte Waffe ging in den vergangenen fünf Jahren in den “Nahen Osten”, zeigte eine Studie des Friedensforschungsinstituts SIPRI. Und, westliche Staaten sind Hauptexporteure in dieser Region (bzw diesen Regionen) geblieben. Saudi-Arabien steht an dritter Stelle der Abnehmer deutscher Rüstungsexporte, es braucht diese ja, um sich zu verteidigen (Jemen,…).101 Deutschland profitiert indirekt vom Jemen-Krieg, seine Rüstungsindustrie; Israel ist natürlich auch einer ihrer Abnehmer. Nach dem israelischen “Rasenmähen” in Gaza ’14, das Deutschland politisch und publizistisch unterstützte, wurden (von Merkel/ Von der Leyen) weitere Kooperationen zwischen Bundeswehr und Zahal beschlossen (u.a. Lektionen in „asymmetrischer“ Kriegsführung).

Israel selbst ist zu einem der grössten Waffenexporteure der Welt aufgestiegen; nach Angaben des israelischen Verteidigungsministeriums zeitweilig zur Nummer Drei, nach der USA und Russland. Es verkauft seine Militärgüter in westliche Länder und jene der “Dritten Welt” (v.a. Südostasien und Südamerika). Rüstungsgüter-Herstellung, -Verwendung und -Verkauf sind bei Israel eng mit einander verbunden, das Verkaufsargument der israelischen Rüstungsindustrie ist die Tatsache, dass ihre Waffen- und Kampfsysteme in der Praxis getestet wurden, gegenüber den Palästinensern, bei Operationen im Westjordanland und im Gaza-Streifen. Zunehmend auch in bzw gegenüber Syrien. Der Syrien-Krieg wurde/wird als Beleg für Urteile über die “arabische Welt” wie jene von Muzicant (> Teil II) angeführt.102 Als 2013 das syrische Regime (Assad) angeblich Giftgas gegen Aufständische einsetzte, trommelten die selben, die das 03 für den Krieg im Irak taten, für einen (eine westliche Militärintervention) in Syrien, begründeten das (wie 03) mit dem Willen, den Menschen dort (für die sie Verachtung haben) zu helfen, sie zu befreien…103 2017 wieder angeblicher Einsatz von Giftgas bzw chemischen Waffen, in bzw auf in Khan Shaykhun, eine Stadt (bei Idlib), die seit 2014 unter der Kontrolle von Israels Verbündetem, der al Nusra-Front/ Jabhat al-Nusra stand.

Die Trump-Regierung liess darauf hin Marschflugkörper auf den behaupteten Ausgangspunkt des Gasangriffs (?), eine Luftwaffenbasis, abfeuern. Trump-Sprecher Sean Spicer sagte, Assad sei schlimmer als Hitler, wegen der Chemiewaffen. Man kann das so deuten, dass er Hitler dafür pries, keine Chemiewaffen eingesetzt zu haben.104 Israels Minister Katz verlangte und bekam dafür eine Entschuldigung. Nun, bei Vielen von Trumps Anhängern (siehe Teil II) wird ein Hitler-Vergleich eher eine Auszeichnung für Assad sein… Und, Katz’ Chef Netanyahu ist ja einer, der den Hitlerismus am liebsten den Arabern/Moslems umhängt, ähnlich wie es Spicer getan hat. Nach Berichten über den Einsatz eines Gefängniskrematoriums in Syrien ebenfalls 2017 hat ein anderer israelischer Minister, Bauminister Joav Galant, die Tötung des syrischen Präsidenten Assad gefordert, bei einer „Sicherheitskonferenz“ in Latrun. „In Syrien werden Leute hingerichtet, gezielt mit Chemiewaffen angegriffen, und jetzt werden auch noch ihre Leichen verbrannt – etwas, was wir seit 70 Jahren nicht mehr erlebt haben.“ Wenn Netanyahu oder Andere über die “Aravim” herziehen, dann trotz der Tatsache dass es für diese noch die Verwendung als argumentatives Kanonenfutter sowie als “Verbündete” (gegen Iran) gibt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Es ist aber in Mode gekommen, diese zu apologetisieren, siehe Abschnitt über Muzicant in II
  2. Wenn zB in Jerusalem/Quds Palästinenser enteignet werden, gibt es auf Youtube ein Video dazu mit dem Titel „Court Orders Arab Squatters Off Jerusalem Property“
  3. So eine Art illegale Immigration, die ständig (unter dem Schutz der Besatzung) in die palästinensischen Restgebiete herein strömt…
  4. Die Begründung des Zionismus war und ist zum Einen “Schutz vor Verfolgung”, zum Anderen “historisches Recht”
  5. > “Israelische Araber” (israelische Palästinenser)
  6. >Mizrahis
  7. Bernhard Voigt argumentierte seinen Kolonialrevisionismus in der ZKZ auch damit, dass die Rechte von “Eingeborenen” in britischen Kolonien mehr mit den Füssen getreten wurden als in den deutschen…
  8. Dazu ist auch hilfreich: Bartholomäus Grill: Wir Herrenmenschen (2019), über Denkmuster des Kolonialismus
  9. Zum Beispiel auch von IS/Daesh
  10. Während der Arbeit an diesen Artikeln eine ORF-Pressestunde mit IKG-Chef O. Deutsch, passenderweise mit A. Koller. Sang alte Lieder (von orf.at zu einer Topmeldung gemacht): Geklage über Anstieg AS, Lob f. Kurz (>IL), Kritik an FPÖ; neben rechten und linken Gruppen seien auch oft Flüchtlinge, „die bereits mit der Babynahrung in den arabischen Ländern Antisemitismus eingetrichtert bekommen haben“, beteiligt. Auch manche türkischstämmigen Personen, die stark vom türkischen Präsidenten Erdogan beeinflusst seien, zählt er zu den (potentiellen) Antisemiten. In seiner Gemeinde gibt es jedenfalls keinerlei Vorurteile und Ressentiments, keine Beeinflussung durch Netanyahu oder Lieberman. Von der Staats- und Regierungsspitze über Medien, Kulturschaffende und Kirchen bis zur Zivilbevölkerung müssten alle „dieses Krebsgeschwür bekämpfen“ und sagen, „Antisemitismus ist ein No-Go“ (bzw, Verschiedenes soll als “AS” definiert werden). “Möglich” sei eine Antisemitismus-Beobachtungsstelle mit einem halbjährlichen Bericht. Deutsch sprach sich überdies für härtere Strafen aus. Bei Muzicant wie Deutsch die selben selbstgerechten Anklagen, die einseitigen Einschätzungen, der Lobbyismus, die (Ver-) Ortung der Verhetzung auf der Gegenseite, der Übergang von „AS“-Anklagen zu Behauptungen über „Nahost“…
  11. Wenn Nicht-Juden in bzw unter IL Rechte hätten wie Nicht-Schiiten/Nicht-Moslems in der IR Iran, wäre das ein sehr grosser Fortschritt
  12. Wenn man das völkerrechtlich anerkannte Israel und die von ihm besetzten Gebiete zusammen nimmt, wohlgemerkt; im “eigentlichen” Israel machen Juden eine ganz klare Mehrheit aus (ca. 80%)
  13. War Oberrabbiner des israelischen Militärs
  14. Marokkanischer Herkunft und ein ehemaliger Shin Bet-Offizieller
  15. Gegen Iran arbeitet Israel auch mit Islamisten zusammen. Ex-Mossad-Chef Ephraim Halevy: Israel hilft al Nusra (zumindest) medizinisch, Iran ist keine existenzielle Bedrohung f. IL, al Qaida hat israel nicht angegriffen, soviel er weiss (www.youtube.com/watch?v=vweHtxqnh-Y&list=PLR5DYFMi3_5Q5SjILBz1VJ28ZKWB5YlaH). Israel leistet medizinische Hilfe für Kämpfer des Syrischen Kriegs, darüber gibt es zB das Yt-Propaganda-Video „Israeli Hospitals Treat Wounded Syrians“ (viele ähnliche). Die meisten dieser Kämpfer, die über den Golan/Jawlan kommen, gehören der islamistischen al Nusra (nun Tahrir al-Sham) an. Nach offiziellen israelischen Angaben gehe es dabei um humanitäre Hilfe für Syrer “quer durch die Bank”. Der ehemalige Chef des israelischen Militär-Gemeindienstes Aman, Amos Yadlin, erklärte, sunnitische Islamisten (wie Nusra/Tahrir al-Sham) seien das kleinere Übel ggü schiitischen (die mit dem Iran verbündet sind). Der ehemalige Generalstabschef Eisenkot soll eingestanden haben, dass Israel Gruppen wie Tahrir al-Sham auch militärisch unterstützt, es gibt dafür auch einige Hinweise
  16. Und die zionistische Rhetorik von „Zivilisten“ (Siedler), „Terroristen“ (Palästinenser), „schützen“ (Soldaten)
  17. Auf en.wikipedia: “…for his anti-Zionist political activities and contacts with Arab leaders”
  18. Dazu Noam Sheizaf in 972.magazin
  19. Wie Viele sind eigentlich 1972 in München getötet worden? 11 (israelische Sportler & Betreuer; + 1 dt. Polizist, 5 vom “Schwarzen September”)
  20. Popper drangsalierte diesen dort, da der ihn als Präsident nicht begnadigt hatte, worauf hin er in anderes Gefängnis kam
  21. Und nicht für das, was ihre Politik eigentlich abscheulich macht; so “selbstreinigend” sind die politischen Systeme dieser Länder doch nicht
  22. Erinnert an die FPÖ, die eine Auflösung der IGGiÖ fordert inmitten ihrer Skandale (Casino, Ibiza,…)
  23. So definiert durch das britische Mandatsgebiet, das nach dem 1. WK durch Abtrennung vom Osmanischen Reich zu Stande kam, vorher hauptsächlich das Mutesarriflik/Mutasarrifat Jerusalem/Kudus bildete. Palästina wurde seit römischen Zeiten in der Regel mit anderen, benachbarten Gebieten verwaltet, daher gibt es keine eindeutige Abgrenzung. Nach der arabischen Eroberung gab es (unter Omayaden, Abbasiden und Fatimiden) den Militärbezirk Palästina (جند فلسطين, Jund Filasṭīn), der nur den nördlichen Teil des heutigen Israel/Palästina umfasste, aber auch kleinere Gebiete östlich des Jordans/Urduns
  24. Aus Verärgerung über den zehnmonatigen „Siedlungsstop“ sind israelische Siedler damals gewaltsam gegen staatliche Bauinspektoren vorgegangen, wurden vorüber gehend festgenommen. Wenn sie Palästinenser gewesen wären…
  25. Während der Arbeit an diesem Text dann USA-Aussenminister Pompeo und seine Meldung, wonach die israelische Siedlungs-/Besatzungspolitik doch nicht gegen internationales Recht verstosse
  26. Die Beiden haben so Manches gemeinsam…etwa ihr Umgang mit den Anklagen in ihren Staaten. Netanyahu hat dazu zB gesagt, “die Linke und die Medien haben den Generalstaatsanwalt unter Druck gesetzt, mich um jeden Preis anzuklagen”. Nach der Entscheidung, ihn anzuklagen, jammerte er über eine “Hexenjagd” auf ihn. Das könnte Alles auch von Trump sein. Die Linke, die Medien, die Araber, die Europäer,… Netanyahus Demagogie kommt auch bei seinen Bemühungen um eine grosse Kolaition mit dem Gantz-Lager heraus: „…Jene denen IL am Herzen liegt…“
  27. „Palästinenser existieren nicht“ > als Volk/ als Menschen
  28. Die politisch korrekte Mär
  29. Zum Beispiel Grigat „Das kann man an dem Fakt festmachen, dass Antizionismus ja erst mal nicht mehr meint, als das Juden und Jüdinnen kein Recht auf eine eigene nationalstaatliche Existenz haben. Bekanntlich gesteht man das den meisten anderen Ländern dieser Welt zu. Warum also den Juden nicht?“. Irgendwo hat er auch dekretiert, dass der Kern bzw die Wurzel des “Nahostkonflikts” der “Antisemitismus” (von “arabischer” Seite) sei
  30. Und einen kleinen Teil Syriens
  31. Bzw Südost-Staaten
  32. Ist, wie einem Skinhead zuzuhören, wenn man ein paar Variablen ändert
  33. Twitter sperrte ihn darauf für die Dauer von zwölf Stunden. Smotrich ist orthodoxer Jude, verheiratet, hat sechs Kinder und wohnt mit seiner Familie in der israelischen Siedlung “Kedumim” im Westjordanland
  34. Erinnert an jene Kärntner, die sagen, es gibt nicht 15 000 Kärntner Slowenen zu viel, sondern 15 000 Maschinengewehre zu wenig…oder Ähnliches
  35. In Wahlkämpfen rühmt er sich damit, Siedlungen ausgeweitet zu haben (auf Kosten der Palästinenser, versteht sich), ggü westlichen Politikern und Diplomaten stellt er die Sache anders dar
  36. Siehe auch das Kapitel über Konfessionalisierung
  37. Sein Kommentar, wonach sich westliche Politiker ggü Iran wie leichtgläubige Touristen in einem persischen Bazar verhielten, wirkt dagegen harmlos; er sagt aber auch viel über sein Weltbild aus
  38. Jüdische Gemeinden (in der “Diaspora”) nehmen generell den verbal “gemäßigteren” Part im jüdisch-zionistischen Spektrum ein. Für das “Exil” (Mikroperspektive) gibt es andere Ansprüche als für Israel (Makroperspektive), da soll es so minderheitenfreundlich und liberal wie möglich zugehen, und dort… Übrigens, Graumann, ehemaliger ZdJ-Chef, ist auch israelischer Staatsbürger, Muzicant u.a. wohl auch
  39. Selbst wenn Ostrovsky gar nicht beim Mossad gewesen ist, wie Manche behaupten, wäre das so
  40. Wie schon im letzten Teil erwähnt: Es gibt Christen (wie Azmi Bishara), Zoroastrier, Drusen,… die “immer” mit in diesen Topf geworfen werden
  41. Die Exil-Iranerin Maryam Namazie nimmt gegen “Islamofaschismus” Stellung, grenzt sich aber schon von gewissen Heuchlern und Hetzern im “Islamophobie”-Milieu ab
  42. In Videos, Kommentaren, sonstigen Kanal-Inhalten
  43. Muss einer von den 10-20% (Friedensunwilligen) sein
  44. Manche zählen auch die “Raketen” aus Gaza dazu
  45. Muzicant: “Ich bin überzeugt davon, dass irgendwann der Tag kommt, an dem es den Müttern wichtiger ist, dass ihre Kinder leben und eine Zukunft haben. In Israel ist das so. In den arabischen Ländern und vor allem unter den Palästinensern ist scheinbar ‘das sich Umbringen’ und möglichst viele junge Frauen mit in den Tod zu reißen eine ganz tolle Tat”. “Tzipi” Livni, die Tochter eines führenden IZL-Terroristen (Eitan Benozovich) beim Gaza-Massaker um die Jahreswende 2008/09, als israelische Aussenministerin: „Die Palästinenser lehren ihren Kindern uns zu hassen, wir dagegen lehren, deinen Nächsten zu lieben.“ Und so weiter
  46. So etwas zu erwähnen könnte schon als “antisemitisch” gewertet werden
  47. Abgesehen von der Heuchelei bzw dem Zynismus der Aussage gerade zu diesem Zeitpunkt
  48. So ungefähr begründet er auch seine Politik ggü den Palästinensern, indem er ihnen derartiges umhängt
  49. AJC = American Jewish Comittee, ZOA = Zionist Organization of America. AJC gibt sich als “liberal”, ZOA steht der Republican Party nahe
  50. Passt hier auch einigermaßen hin: die “JPost” lästert/triumphiert über die (angebl.) Zahl der Alkoholiker im Iran > die Islamophoben und der Alkohol bei den Moslems… > andere Möglichkeit ist Verbote und Abstinenz anzuprangern
  51. Und: “Hamas is Mother Theresa” hiess es da; Solidarität mit und Hilfe für den/die Gaza-Palästinensern soll mit dieser Vermischung bzw Konflation diffamiert werden… Und natürlich zielt das “Lied” in erster Linie auf “Westler” ab, die diesbezüglich (Gaza-Palästinenser) nicht gleichgültig oder unterstützend sind
  52. Dazu ist zu sagen, dass dieser “Präsident” nicht mit “Mohren”-Gesicht oder so dargestellt wurde – sie wollte(n) die Botschaft rüber bringen ohne dass sich die Leute mit (ihrem) Rassismus beschäftigen. Und bezüglich des “Hassens”: Es ist da ein Muster erkennbar: Auch Muzicant redet zB von Arabern oder Türken als (mehr oder weniger) “aufgehetzt”, wenn er seine Abneigung zum Ausdruck bringt. So ist das (auch) im “Antisemitismus”-Diskurs
  53. Er wird z Zt von 137 Staaten anerkannt, “Israel” von 161
  54. Und nicht die Juden, die fast ausschliesslich Einwanderer des 19. und 20. Jh sind oder von solchen abstammen
  55. Von denen Israel zur Zeit noch die syrischen Golan/Jawlan-Höhen besetzt hält (nach manchen Meinungen auch das libanesische Shebaa-Gebiet), früher auch den ägyptischen Sinai
  56. Wie sich Israel ggü den Palästinensern verhält (“behave”), ist natürlich kein Faktor, weil die sind ja “böse”
  57. „jerusalemsummit“,…; Es heisst, dass er sogar von SWC und JDL kritisiert wird
  58. Niall Ferguson oder Alain Finkielkraut sagen zwar nicht gerade das, kommen dem aber schon sehr nahe
  59. > Muzicant!
  60. “Als Juden”
  61. Plus jene von staatlichen, halboffiziellen, privaten zionistischen Organisationen und Initiativen in und ausserhalb Israels, vom Memri bis Gatestone Institute
  62. Beziehungsweise in Gebieten die unter der Herrschaft solcher Staaten stehen
  63. orf.at auch: „Israel weist Erdogans Drohung wegen Jerusalem zurück” (Es ging um Siedlungen, besetzte Gebiete,…
  64. Gil Yaron ist „Nahost“-Korrespondent diverser deutschsprachiger Medien, betreibt eine relativ moderate zionistische “Aufklärungsarbeit” (nutzt zB Anschläge zur Apologetik für israelische Besatzungspolitik); in seinem Youtube-Kanal: Song “Jerusalem is mine”, Video von einer schwarzen amerikanischen Studentin die pro Israel ist und sich gg BDS ausspricht (auf dem Kanal dieses Hochladers wiederum viel amerikanisches Rechtes…), syrianinterpreter,…  Ein Journalismus, der sich einem Narrativ fügt, ist ein Widerspruch in sich selbst
  65. Siehe die Rücknahme eines “Menschenrechtspreises” an Angela Davis durch das BCRI auf zionistischen Druck, weil sie auch Palästina-Israel bzw die Verbindungen zu rassistischen Strukturen der USA thematisiert)
  66. Man habe ein Problem mit lebenden Juden, stehe in der Tradition des NS, wolle die Existenz Israels auslöschen,…
  67. Manche Zionisten hätten gerne die Auflösung solcher Demos durch das isr. Militär…andere verlangen (zT erfolgreich) Verbote/Auflösungen von israelkritischen Veranstaltungen in Deu/Öst
  68. Israel feiert um diese Zeit seine Proklamation 1948, um die herum die Nakba statt fand
  69. Einige Aussagen von ihm aus drei im letzten Teil detailliert angeführten Medien-Interviews zusammengefasst; in dem sie „ehrenhalber einen Krieg gewinnen lassen“ kommt seine Herablassung ja auch gut herüber
  70. “Die Israelis sind aus dem Gazastreifen abgezogen und haben den Palästinensern die ganzen Gewächshäuser überlassen. In der Hoffnung, dass sie dort Jobs schaffen. Sie haben von dort Raketen geschossen und jetzt ist alles kaputt. Wenn sie schießen, schießen wir zurück.”
  71. Die meisten Frauen, die mit ihr abgeschoben wurden, seien moldawische und russische Arbeiterinnen gewesen, die Jahrelang illegal als Pflegekräfte in Israel gearbeitet hatten
  72. Und legt damit den Grundstein zur Feindseligkeit ggü Israel, den Nahostkonflikt,… das Gegenteil von Sicherheit
  73. Sie stellen aber für Viele einen Terror dar
  74. Es unterhält eine Anti-BDS-task-force, geleitet von der früheren Militärzensur-Chefin Sima Vaknin-Gil und Minister Gilad Erdan. Israelfreunde in der Republikanischen Partei der USA woll(t)en ein Anti-BDS-Gesetz auf die Beine bringen
  75. Über die Anschläge in der USA 2001 zirkulieren auch solche “Jubelvideos” von Palästinensern
  76. Wie gegenüber den Palästinensern mit seiner hochgerüsteten Militärmaschinerie; und, man hat ja gesehen welche Reaktionen ggü Grass kamen, der deutsche Rüstungs-Lieferungen an Israel kritisierte, aus einer Verpflichtung wg. dem Holocaust heraus
  77. Lieberman auch: “‘Palästinenser’? Hamas, der Islamische Dschihad und die Hisbollah sind bloß Marionetten von Teheran”
  78. Die Bündnisse und Verbindungen gibt es nicht erst seit Kurzem und nicht nur bei der Rechten Israels. Zu Zeiten der intensiven Zusammenarbeit Israels mit Frankreich war Shimon Peres, Ben Gurions rechte Hand, eng mit dem französischen Rechtsaussen Jacques Soustelle befreundet. Oder: die Arbeiterpartei-Regierungen und die Apartheid-Regierungen Südafrikas…
  79. Oder mit deutscher, zB wenn “Die Welt” oder “Jungle World” das israelische “Rasenmähen” in Gaza regelmäßig begrüssen
  80. Naftali Bennett damals: „Nur die, denen das Land nicht gehört, sind fähig, es in Brand zu stecken.“ Übrigens, 2012 sind sind im chilenischen Nationalpark Torres del Paine binnen weniger Tage 13 000 Hektar Land abgebrannt. Ausgelöst wurde der Brand angeblich durch einen Touristen, der benutztes Klopapier verbrannte. Der Israeli wurde verhaftet, sieht sich selbst aber als Opfer der Behörden
  81. Nochmals zu Youtube, und was dort an Videos hochgeladen bzw kommentiert wird: Die selben Leute, die dort über „Antisemitismus” lamentieren, schreiben/reden dort gerne über „Israels wachsenden Krebs“ (natürlich die Palästinenser), es gibt kein Palästina, keine Palästinenser,… Teilweise geht das eine in das andere über. Oder auch: “nakba in europe please” > es gab doch keine
  82. Siehe auch: linkezeitung.de/2019/02/17/israelkritik-unerwuenscht-meinungsfreiheit-in-deutschland-in-gefahr
  83. Und Hetze im Rahmen von Pro-Israel
  84. Siehe auch den Mufti, Kunstreich & Naber und die Hunde,…
  85. Israel als Teil der westlichen Welt > Braucht der Westen noch einen weiteren Schotterhaufen, Herr Brauer? Hat schon die halbe Welt kolonialisiert und Nordamerika zB auf Dauer
  86. Daher zählt Gewalt in Uganda oder Kolumbien auch nicht als “christliche Gewalt”
  87. Und hat einen Youtube-Kanal
  88. Jedenfalls wieder das Pressen von Realitäten in konfessionelle Schablonen
  89. ZB: „Seit Jahren habe ich gefordert, Sanktionen wieder vollständig gegen das mörderische Terrorregime Irans zu verhängen, das die ganze Welt bedroht“, anlässlich der von Trump veranlassten neuen USA-Sanktionen gegen Iran
  90. Im serbischen Nationalismus/Faschismus sind USA/NATO Feindbilder…
  91. Die sie also als etwas westliches/amerikanisches, gegen Osteuropa gerichtetes interpretieren
  92. Bzw militärisch-politische Komplexe
  93. Oder: im IT-Forum der “Krone”, nach der Attacke auf einen Bezirkspolitiker in Wien (Täter waren “Ösis”): “annababy” meinte am 25. 4. 2008 18:22 “den beiden gehört die todesstrafe,wie kommen andere personen dazu das sie jetzt im komma liegen,es gehört wieder ein hitler her.” 10 Leser waren auch dieser Meinung. > Leserbriefe, IT-Kommentare und Jeannee sind am Unappetitlichsten an der “Krone”. Und sein Ableger „heute“
  94. Schrieb ein Kommentator im “Freitag”
  95. Leute wie Kurz denken eher an Erdogan oder die Moslembrüder, wenn sie über Islamismus-bekämpfen nachdenken…
  96. Dazu ist auch zu sagen, dass Israel 1982 den Mord an einem seiner Diplomaten zum Anlass nahm für einen Kriegszug gegen den Libanon
  97. Sein Büro löschte das Video aber anschliessend und schwächte die Aussage ab (> offen über Krieg reden, iranischen Demokraten vormachen dass man sie unterstützt, der Welt vormachen, dass man Islamismus bekämpft,…).. In der geänderten englischen Übersetzung des Büros des israelischen Ministerpräsidenten wurde das Wort „Krieg“ durch „Bekämpfung“ ersetzt. In dem gelöschten Video hatte Netanjahu allerdings das hebräische Wort für „Krieg“ (מלחמה) verwendet
  98. Natürlich geht es einem darum, um die(se) Region, ihr Wohl
  99. Bei der Mittelmeerkonferenz MED 2019 in Rom sagte Israel Katz (Likud), Aussenminister des sich in (nach dem Wahl-Patt) einer Staatskrise befindlichen Israel, es sei für die westlichen und die arabischen Länder „höchste Zeit“, eine Koalition zu bilden, die den Iran bedrohe und ihm sage, sein Atomprogramm zu stoppen. Am Rande der Konferenz kritisierte Katz die Europäer dafür, den engstirnigen und kurzsichtigen Kurs von USA-Präsident Donald Trump gegen den Iran nicht mit zu tragen. In diesem Interview mit der „Corriere della Sera“ gab er auch Bescheid „Wir werden dem Iran nicht erlauben, Atomwaffen zu produzieren oder zu erhalten.“ Eine Bombardierung des Iran käme „erst dann“ in Frage, wenn alle anderen Wege ausgeschöpft seien
  100. Solche wie er werden aber marginalisiert und angefeindet, auch Leute mit “Islamauffassungen” wie Bahman Nirumand oder Fatima Hajaig; man hält sich die Ahmad Mansours und Rushdies, quasi als Gegengewicht zur Saudi-Unterstützung
  101. Wenn ein Tobias Huch (FDP,…) über diese Region schreibt (zB über das Wirken eines “Journalisten” in Krisengebieten), dann sind deutsche Waffenlieferungen dorthin natürlich kein Thema
  102. Was den Arabischen Frühling betrifft, so war der Zionismus bzw die Islamophobie von Anfang an alles Andere als begeistert darüber – genau so wenig wie Saudi-Arabien. Und wenn man etwas Positives fand, verortete man das entsprechend. Etwa Thomas von der Osten-Sacken in der “Jungle world”, wonach Kriegsverbrechen à la Irak-Krieg den Weg zum Volksaufstand in Ägypten geebnet hätten
  103. Broder 13 in der “Welt”: “…wenn ich mir heute die Aktionen der Friedensbewegung anschaue, die dem Massaker in Syrien ungerührt zuschaut, aber nicht müde wird, gegen den Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan zu demonstrieren, dann weiß ich, dass Pazifismus und Kretinismus nahe Verwandte sind.” Für 11 Bootsflüchtlinge aus Afrika, die damals im Mittelmeer ertranken, reichte das “Mitgefühl” dieser Leute nicht
  104. Der Soldat Hitler bekam im 1. WK welche ab

Der Sieg des Faschismus in Brasilien

Bolsonaros Präsidentschaft      

Kurz nach dem Wahlsieg von Jair M. Bolsonaro bei der brasilianischen Präsidentschaftswahl im Oktober letzten Jahres gratulierte ihm USA-Präsident Donald Trump telefonisch, es war danach von einem „sehr freundschaftlichen Gespräch“ die Rede. Manche Medien kommentierten, bei Trump heisst es „Amerika zuerst“, Bolsonaro setze auf „Brasilien zuerst“. Eben nicht! Bolsonaro ordnet sich bzw Brasilien ja der USA unter! Wenn es bei ihm bzw seinesgleichen doch nur um „Brasilien zuerst“ gehen würde! Es geht aber um gewisse Brasilianer über andere und die USA über Brasilien. Natürlich geht es auch um eine bestimmte USA. Ja, Trump und Bolsonaro sind natürlich(e) Verbündete. Und Bolsonaro wird sich in Vielem am Kurs seines erklärten Vorbilds Trump orientieren. Wie Brian Mier geschrieben hat: “International capital and the US government now have exactly what they want in Brazil. All natural resources will be opened to exploitation from foreign capital. The US military will be able to use the Alcantara rocket launching base as a take off point for forays into Venezuela. Brazil’s participation in the BRICS is dead in the water and US Petroleum companies will be swimming in Brazilian oil.” Was auch immer Brasilien davon haben wird, es wird nur einer kleinen Elite zu Gute kommen. Auf Kosten der Umwelt, der Arbeiter, von Nicht-Weissen, Armen,… Demokraten schauen mit Angst in die Zukunft, aber auch grosse Teile der Mittelschicht, die Indianer im Regenwald. Rückblicke (wie Brasilien aus der Bahn geriet), Aussichten.

Bolsonaro trat am 1. Jänner 2019 die Nachfolge von Michel Temer als Präsident Brasiliens an, der selbst tief in Korruptionsskandale verwickelt ist und die Absetzung von Rousseff und die Verurteilung von “Lula” mitbetrieb. Der 63-Jährige legte im Kongress in Brasilia seinen Amtseid ab. Zuvor war er gemeinsam mit seiner Ehefrau Michelle in einem offenen Rolls Royce durch die Hauptstadt gefahren. Seine Anhänger skandierten Bolsonaros Wahlkampfslogan: „Brasilien über alles, Gott über allen.“ Der neue Präsident winkte seinen Fans zu und formte u. a. mit Daumen und Zeigefinger eine Pistole und imitierte damit Schüsse in die Luft. Sprach von „radikalem Neubeginn, Säuberung, Entbürokratisierung, Ende von Korruption, Kriminalität, wirtschaftlicher Verantwortungslosigkeit, ideologischer Unterwerfung”. Zur Amtseinführung von Bolsonaro und dessen Stellvertreter Hamilton Mourao waren als ausländische Gäste unter Anderen Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Chiles Präsident Sebastian Pinera angereist. Trump ließ sich von seinem Aussenminister Michael Pompeo vertreten, war dann einer der ersten, der Bolsonaro zum Amtsantritt gratulierte, lobte via Twitter die „grossartige“ Antrittsrede seines neuen brasilianischen Amtskollegen. Die linke Arbeiterpartei (PT) boykottierte die (pompöse) Vereidigungszeremonie.

Ja, wir sind beide Demokraten

Vizepräsident wurde also der Reservegeneral Antonio Hamilton Mourão, im Gespann mit Bolsonaro gewählt. Einer, der die Demokratie noch mehr verachtet als Bolsonaro selbst. Mourao ist ein “reinblütiger” Indianer, aus Porto Alegre (nicht aus dem Amazonas), sein Vater war schon General. Er soll 2017 in einer Freimaurer-Loge gesagt haben, dass die Streitkräfte Brasiliens u.U. in die Politik eingreifen müssten. Wurde dann mit diversen rechten Kräften in Verbindung gebracht, schloss sich schliesslich der PRTB an, wurde VP-Kandidat von Bolsonaro. Bolsonaros Regierung wurde aus dessen PSL, Mouraos PRTB, sowie den Parteien DEM, PATRI, MDB, NOVO gebildet. Parteilos sind u.a. Aussenminister Araujo (ein Diplomat), Verteidigungsminister Azevedo (ein Offizier), Justizminister Moro (ein Richter). Dass Bolsonaro jenen Richter (Sergio Moro), der Ex-Präsident „Lula“ verurteilt hat, zum Justizminister machte, macht Bolsonaro und/oder Moro nicht zum „Korruptionsjäger“, sondern bestätigt, dass die Verurteilung von Lula (und die Handhabung der Korruptionsaffäre generell) politisch war bzw im Sinne Bolsonaros. Es dominieren im Kabinett klar weisse Männer1, einige weitere Minister sind Militärs – wenn auch nicht so viele wie von Bolsonaro angekündigt.2

Die Aussenpolitik der neuen brasilianischen Regierung entspricht ihrer inneren Ausrichtung, ist auf ihre internationalen Verbündeten ausgerichtet. Im Wahlkampf 2018 hat Bolsonaro das auch angekündigt, das Aussenministerium “müsse jenen Werten dienen die immer mit dem brasilianischen Volk assoziiert waren”, man müsse “aufhören, Diktaturen zu preisen” und “Demokratien zu attackieren”, nannte hier USA, Israel, Italien. Die Achse mit Trump, Netanyahu, Salvini hat sich bereits eingespielt. Und Saudi-Arabien liegt auch irgendwo auf dieser “westlichen” Achse. Die Trump-USA erklärte Bolsonaro zu Brasiliens „Freund“: In Brasilien sei es Tradition gewesen, „Präsidenten zu wählen, die aus irgendeinem Grund Feinde (der USA) waren. Das ist nun vorbei.“ Pompeo erwiderte das Eier-Schaukeln, er sehe gute Chancen für “eine Neugestaltung der bilateralen Beziehungen” und Trump sei sehr zufrieden über “die Richtung, in die sich das Verhältnis zwischen den beiden Ländern” entwickle. Und, mit Viktor Orbán in Ungarn wird man auch schon Kontakte geknüpft haben.

Die Aussenpolitik Brasiliens wird an jene der Trump-USA “angelehnt” sein, Brasilien sich zu einem geopolitischen Niemand bzw Vasall verwandeln, die Entwicklung die Michel Temer eingeschlagen hat (auch hier) fortsetzend. BRICS, die Vereinigung von fünf “2.Welt”-Staaten, Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika, wird links liegen gelassen werden. Der offene Rassismus Bolsonaros und seiner Wegbegleiter wird auch jede andere Zusammenarbeit Brasiliens ausserhalb des “Westens” minimieren. Und in Südamerika? Für Bolsonaro ist regionale Zusammenarbeit und Soldidarität kein Faktor, nur eine mit gleichgesinnten Regierungen. Dass er ein begeisterter Anhänger von Trump ist (der Lateinamerika nicht für voll nimmt), sagt ja Einiges über seine Haltung zu Süd-/Lateinamerika aus. State Department, SOUTHCOM, DEA, CIA, das sind Bolsonaros wichtigste Partner für die Region.

“Trump ist dabei, eine Mauer zu Lateinamerika zu errichten – was weniger schlimm ist als eine US-amerikanische Regierung, die in lateinamerikanischen Staaten eine Politik an deren gewählten Regierungen vorbei verfolgt”, habe ich geschrieben. Aber möglicherweise gibt es ja Beides, bzw findet Trump seine Partner in Lateinamerika… Partner für eine reaktionäre Politik in Lateinamerika hat Bolsonaro-Brasilien in Kolumbiens Präsident Duque, Pinera in Chile, Macri in Argentinien, Juan Varela in Panama nicht mehr lange. Auf Initiative von Sebastian Pinera wurde vor einigen Wochen der “Staatenbund” PROSUR gegründet, als rechte Alternative zum linken UNASUR, 2008 auf Initiative des damaligen brasilianischen Präsidenten Luiz da Silva “Lula” und seines venezolanischen Kollegen Hugo Chávez gegründet worden. Zu Venezuela im letzten Abschnitt mehr. Der Konflikt dort hat zuletzt in Südamerika am meisten polarisiert; und die Top-Leute der neuen brasilianischen Regierung haben sich (wie Donald Trump in Washington) öfters angemaßt, eine militärische Intervention in dem Nachbarland anzudrohen (!). Mourao hat in der Übergangszeit zwischen Wahl und Amtsübergabe erklärt, dass Brasilien sich vorbereiten sollte, Truppen als “Friedenskräfte” nach Venezuela zu schicken – wenn Präsident Maduro erst einmal gestürzt sein würde.

Pompeo äusserte ja die “Hoffnung auf eine bessere wirtschaftliche und sicherheitspolitische Zusammenarbeit” mit Brasilien. In einem Fernsehinterview bald nach der Angelobung sagte Bolsonaro, er könne sich eine Militärbasis der USA in Brasilien durchaus vorstellen, es gebe Verhandlungen mit dem Pentagon daüber… Seine Annäherung an die USA beruhe auf der Wirtschaft, sie könne sich aber auch aus militärischen Gründen ergeben. Brasiliens Regierungen „in den vergangenen 20 oder 25 Jahren“ hätten die Streitkräfte aus politischen Gründen vernachlässigt, denn sie seien das „letzte Hindernis auf dem Weg zum Sozialismus“ gewesen.3 Es heisst, Bolsonaro will den Amerikanern die Raketenabschussbasis in Alcanatara (Bundesstaat Maranhão) übergeben oder nutzen lassen. Alles im Land privatisieren sowieso. Von Brasilien aus sind militärische Interventionen der USA in Venezuela keine so “grosse Sache” mehr. Und “einen Fuss in die Türe zu Lateinamerika” zu bekommen, wäre für die USA angesichts ihrer Ambitionen ohnehin wichtig, in einer Region über die man seit jeher eine Hegemonie beansprucht. Mehr auch dazu im Schlussabschnitt.

Man hat in den wenigen Monaten der Bolsonaro-Präsidentschaft schon gesehen, was in den kommenden Jahren in der Aussenpolitik dieser Regierung kommen wird. Eine Unterstützung der Kräfte des Neokolonialismus und West-Imperialismus statt ein Mitwirken in BRICS. Dass Bolsonaro den italienischen ehemaligen Linksterroristen Cesare Battisti an dessen Heimatland ausliefern liess, ist da nicht so das Problem. Eher die Art und Weise wie es geschah, Bolsonaros Tweet „Brasilien ist nicht mehr das Land von Banditen. Matteo Salvini, das ‚kleine Geschenk‘ ist unterwegs“. Währenddessen hat sich ein Verbündeter Bolsonaros für ein Gefangenenlager in Brasilien nach dem Vorbild des US-amerikanischen Lagers Guantanamo auf Cuba ausgesprochen, der Gouverneur des Bundesstaats Rio de Janeiro, Wilson Witzel (PSC, deutscher Herkunft). Witzel sagte in einer Rede vor Polizisten: „Wir brauchen unser eigenes Guantanamo, ‘Terroristen’ müssten an Orte gebracht werden, wo die Gesellschaft völlig frei von ihnen ist“. Es geht um die Definition von “Terrorist”, das Lob für Leute, die Verbrechen unter der Militärdiktatur begingen, das Drohen mit einer neuen, das Paktieren mit Trump und Netanyahu,…

Bezüglich Israel war Bolsonaro auch schon im Wahlkampf mit einschlägigen Bekundungen und Kontakten aktiv. Er kündigte die Verlegung der brasilianischen Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem an, wie sein Vorbild Trump und die Schliessung der Gesandtschaft in den palästinensischen Rest-Gebieten. Seine Parteinahme für Israel4 ist Teil der scharfen Rechtswendung, die er mit dem Land machen will, Teil seiner internationalen Ausrichtung; im Inneren auf die Evangelikalen ausgerichtet, die zahlreicher sind als die Juden des Landes.5 Bei seiner Amtseinführung im Jänner begrüsste Bolsonaro wie erwähnt Netanyahu – es soll der erste derartige Staatsbesuch gewesen sein – , kündigte diesem gegenüber abermals die baldige Übersiedlung der brasilianischen Botschaft an, die Beiden schmeichelten einander an diesem Tag (der vielleicht in die Geschichte eingehen wird als Beginn einer neuen Diktatur, jedenfalls als schwere Gefährdung für Demokratie und Menschenrechte) als “Brüder”.

Eduardo und Carlos Bolsonaro

Ende Jänner 19 dann der Dammbruch bei einer Eisenerzmine in Brumadinho (Mina Gerais), das Überströmen einer (noch dazu giftigen) Schlammlawine, viele Menschen wurden verschüttet, um die 200 getötet… Bolsonaro fragte bei seinem Bruder um Hilfe an, der schickte ein Kontingent seines Militärs, das (sonst) hauptsächlich mit der Unterdrückung der Palästinenser, der Besetzung ihrer Gebiete, beschäftigt ist. Der brasilianische politische Zeichner Carlos Latuff (christlich-libanesischer Herkunft) wies darauf hin, dass Brasilien selbst genug dafür geschultes Personal (zB in seinen Streitkräften) hat, Bolsonaro auch in näher gelegenen Ländern wie Chile oder Mexico um Hilfe anfragen hätte können. Für Bolsonaro und Netanyahu eine exzellente PR-Gelegenheit, für den rechtsextremen Präsidenten und Ministerpräsidenten: zweiterer kann seine Armee als humanitären Helfer präsentieren (und von ihren Menschenrechtsverletzungen ablenken), ersterer hat einstweilen so getan, als würde er den betroffenen Arbeitern und Bewohnern gegen den Bergbau-Konzern (Vale) beistehen.

Tja, und dann ist Bolsonaro bei Jerusalem zurück gerudert… Vor seinem Besuch bei seinem Bruder Netanyahu gab er bekannt, dass die brasilianische Botschaft doch nicht dort hin verlegt wird. Es heisst, ausschlaggebend dafür waren die Aussichten, dass islamische Staaten Halal-Fleisch nicht mehr in Brasilien kaufen würden. Nun ja: Bolsonaros Opportunismus kann sich eben auch so äussern, und für die Agrar-Industrie des Landes macht er ja Politik, dies setzte sich hier durch… Die Ideologie von Brasiliens neuem Staatschef wird als „Bala, Boi e Biblia“ (Kugel, Vieh und Bibel) beschrieben.6 Rechte Militärs (die keine äusseren Feinde zu bekämpfen haben), Grossbauern und Betreiber industrieller Landwirtschaft7 sowie evangelikale Christen unterstützten seinen Wahlkampf, er ihre Anliegen. Man kann es eben nicht Allen Recht machen, muss Prioritäten setzen. Manchmal sind Geschäfte wichtiger als Ideologie. An Bolsonaros pro-israelischer Ausrichtung hat sich ja nichts geändert, an seiner Parteinahme gegen die Interessen der westasiatisch-nordafrikanischen Region. Eine Woche vor dessen Parlamentswahl besuchte Brasiliens Präsident Netanyahu dann demonstrativ, trat mit ihm an der Klagemauer auf. Zu den Themen, bei denen sich die beiden einig sind, gehört auch die Ablehnung des UN-Migrationspaktes.

Was Bolsonaro wirtschaftspolitisch vorhat? Brasilien wird ausverkauft werden, das Erdöl vor seiner Küste, andere Natur-Resourcen, an ausländische Konzerne. Bolsonaros Wirtschafts- und Finanzminister ist Paulo Guedes, er soll den wirtschaftlichen Rechtsruck managen. Gegen Guedes, der Bolsonaro von der US-amerkanischen “Denkfabrik”8 Council of the Americas / Americas Society nahe gelegt wurde, wird wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder ermittelt. Er würde am liebsten alle Staatsbetriebe sofort privatisieren, darunter auch den Ölkonzern Petrobras. Guedes ist einer der lateinamerikanischen Absolventen, die in den 1970ern oder 1980ern am Wirtschafts-Institut der Universität Chicago studierten, bei Milton Friedman, ein Chicago Boy. Die meisten davon, wie Hernan Büchi, waren Chilenen, stellten sich danach in Dienst der rechtsextremen Militärdiktaur von Augusto Pinochet in ihrem Land; auch Friedman selbst beriet dieses Regime. Paulo Guedes selbst wirkte in den 1980ern in Chile, wirkte im Umfeld von Pinochets Regime und F. M. Selume. Der indische Wirtschaftswissenschafter Amartya Sen kritisierte, dass die Chicago Boys in Lateinamerika ein Wirtschaften im Sinne US-amerikanischer Konzerne und auf Kosten der dortigen Bevölkerung(en) einführten. Aber so will Guedes wirtschaften. Es wird diesbezüglich aber zu Konflikten innerhalb des Regimes kommen, hauptsächlich mit Vertretern des Militärs.

Landwirtschaftsministerin wurde Tereza C. Dias, eine Agrar-Unternehmerin, und man gab ihr noch die Agenden für den Naturschutz und die Indianer/ Indigenen –  zuvor war die “Indianerschutz-Behörde” FUNAI zuständig gewesen. Man machte eine Unternehmerin in der landwirtschaftlichen Industrie zur Landwirtschaftsministerin (wie auch einen Offizier zum Verteidigungsminister oder einen gegen die Opposition eingestellten Richter zum Justizminister). Die geplante “Lockerung” des Schutzes des (“schrumpfenden”) Amazonas-Regenwalds und der (inzwischen weniger als 1 Million) dortigen Indianer hängen eng miteinander zusammen. Bolsonaro hat angekündigt, die Ureinwohner in Brasilien „integrieren“ zu wollen, dazu solle das Gebiet am Amazonas durch neue Strassen und Schienen erschlossen und Flächen für die Landwirtschaft gerodet werden. Seine Landwirtschaftsministerin, selbst aus der Agrarindustrie, darf nun über die Schutzgebiete der Indigenen entscheiden, ihre Rechte beschneiden, ihre Gebiete roden lassen um sie von Agrarkonzernen (für den Export) bewirtschaften zu lassen.9 Auch auf diesem Gebiet werden hart erkämpfte Fortschritte und Rechte mit einem “Federstrich” zu Nichte gemacht. Bolsonaro hat ausserden angekündigt, dass er wie sein Vorbild Trump das Pariser Klimaabkommen aufkündigen will.

Proteste der Indianer Brasiliens

In ihren ersten 100 Tagen konnte diese Regierung jedenfalls zwei Dinge auf den Weg bringen: die Liberalisierung des Waffenrechts und die Lockerung des Schutzes des Amazonas-Regenwalds.10 Seinen Sieg verdankt Bolsonaro ja zum Teil dem Überdruss in der Bevölkerung über Kriminalität, v.a. jene in Zusammenhang mit Drogenhandel, Banden, Gewalt,… Das brasilianische Militär ist ohnehin bereits Einsatz in Städten gegen Drogenbanden aktiv, war das auch unter PT-Regierungen. Bolsonaro will es aber stärker in Polizeiarbeit einbinden. Und, eines seiner Wahlkampfversprechen war, das (in Brasilien ohnehin liberale) Waffenrecht zu liberalisieren, “um es guten Bürgern zu ermöglichen, sich gegen Kriminelle zur Wehr zu setzen”. Ob mehr Waffen ein geeignetes Mittel zur Eindämmung der Gewalt sind… Ausserdem will Bolsonaro die Todesstrafe in Brasilien wieder einführen.11

Kurz nach seiner Wahl hat Jair Bolsonaro eine harte Linie gegen die kritische Presse angekündigt, drohte ihm gegenüber kritischen Medien wie der Zeitung „Folha de S.Paulo“. Er will auch die „Gender-Ideologie bekämpfen“ und die Lehrpläne von Schulen und Universitäten von „marxistischem Müll“ befreien. Er ist gegen Homosexuellenehe und Abtreibung; hat bereits den Schutz für Homo- und Transsexuelle aus der Zuständigkeit des Ministeriums für Frauen, Familie und Menschenrechte gestrichen. Zu seinem Sexismus im nächsten Abschnitt. Bolsonaro, der bei seinem Amtsantritt martialisch erklärte, “wieder für Ordnung im Land“ sorgen zu werden, hat eine lange Geschichte als Hassprediger, darunter Verteidigung von Vergewaltigung und Folter, und viele Rowdys unter seinen Anhängern. Bereits nach wenigen Monaten als Präsident ist aber auch für einen Teil dieser sein Heiligenschein etwas verrutscht. Zu einem sind dubiose Geldflüsse an einen seiner Söhne und seine Frau bekannt geworden; in einem Video gab Bolsonaro auf Facebook zu, dass die staatliche Behörde zur Bekämpfung von Finanzkriminalität (COAF) diese Zahlungen prüfe.

Die Söhne, hauptsächlich Flavio Bolsonaro, sind aber auch für sich in dubiose Aktionen und Transaktionen verwickelt. Wobei für Manche Korruption dann kein Problem ist, wenn die Rechte daran beteiligt ist. Und, ein Jahr nach dem Mord an der PSOL-Stadträtin von Rio de Janeiro und Aktivistin Marielle Franco (eigentlich Marielle Francisco)12, tauchen in den Ermittlungen immer mehr Verbindungen zwischen vier Verdächtigen sowie Jair und Flavio Bolsonaro auf. Zwei davon sind ehemalige Militärpolizisten, die sich einer kriminellen paramilitärischen Gruppe (Miliz) angeschlossen haben. „Bekämpfung von Kriminalität“. Einer davon, “Ronnie” Lessa, überlebte vor einigen Monaten selbst ein Attentat auf ihn, das möglicherweise dazu bestimmt war, ihn in diesem Fall zum Schweigen zu bringen. Den Wettbewerb der Sambaschulen beim diesjährigen Karneval in Rio gewann die Schule Mangueira, die bei ihrer Parade Marielle Franco würdigte und an ihren unaufgeklärten Tod erinnerte. Wohl aus diesem Grund feuerte Bolsonaro etliche Breitseiten gegen den Karneval ab, u.a. ein obszönes Video davon auf seinem Twitter-Konto.

Bolsonaros Umfragewerte sind, nach weniger als einem halben Jahr im Amt, beruhigend. Es stellt sich die Frage, wie gefährlich er ist, wie ernst er Dinge meint, die er sagt. Zumindest “erzieht” er seine Anhänger damit in eine bestimmte Richtung und untergräbt die Demokratie in Brasilien. Bolsonaros Sozial-Liberale Partei (PSL) ist zwar von einer Kleinstpartei zur zweitstärksten Kräft im Kongress in Brasilia aufgestiegen, aber sie bekam gerade etwas über 11% der Stimmen (und Sitze)… In beiden Kammern musste die PSL (wie die Arbeiterpartei/PT in ihren Regierungsjahren) Bündnisse mit ungefähr 10 Parteien eingehen (PP13, PSD, PR, MDB, PSDB, PRB, PSDB, DEM, PSC,…), die alle zufrieden gestellt werden wollen. Was wird Bolsonaro machen, wenn er keine Mehrheit zusammen bekommt für ein Gesetzes-Vorhaben? Wenn sich ihm doch der Oberste Gerichtshof in den Weg stellen sollte? Wird er dann bei den demokratischen Spielregeln bleiben? Oder kommen dann Drohungen, ein autoritärer Staat, Einsatz von Polizei und Militär gegen Demonstranten,…? Es droht jedenfalls eine enorme Polarisierung in Brasilien, die Auswanderung von Brasilianern. Als ob der Ausverkauf der Resourcen des Landes, die Zerstörung von Lebensgrundlagen, nicht schon schlimm genug wäre. Die Gefahr einer (auf das Militär gestützten) Diktatur und Faschismus, sowie einem Krieg (gegen Venezuela) besteht aber auch.

Es werden innerhalb Bolsonaros Regierung sicher Konflikte ausbrechen, nicht nur zwischen den Parteien. Gerade im Wirtschaftssektor: Wirtschaftsminister Paulo Guedes würde am liebsten alle Staatsbetriebe privatisieren, die Militärs hingegen setzen auf eine staatlich gelenkte Wirtschaft. Ja, es gibt innerhalb der rechten Allianz verschiedene Ansprüche…wie im Franquismus oder im Nationalsozialismus. Das Militär wird jedenfalls wirtschaftlich mitmischen, unter dem früheren Offizier Bolsonaro, mehr dazu im nächsten Abschnitt. Und wird Bolsonaro eine Wahlniederlage 2022 akzeptieren, werden diese Kräfte freiwillig die Macht abgeben? 2022, zum Jubiläum von 200 Jahre Brasilien, wird wahrscheinlich Bolsonaro an der Macht und “Lula” politischer Gefangener sein… Die PT, stärkste Partei im Parlament geblieben, bildet mit anderen Linksparteien (PSB, PDT, PSOL, PCdoB, PPS,…) den Oppositionsblock.14 Das sind nicht ganz die frühere Regierungs-/Oppositionsfronten umgedreht, da ja Kräfte wie das MDB (Temer) das Lager gewechselt haben. Man muss sich fragen, wo ist die gemäßigte Rechte, wo sind die bürgerlichen Demokraten? Alle im Bolsonaro-Lager.

Jair Bolsonaro

gelang es, sich in der politischen Krise in Brasilien als Saubermann zu positionieren, als radikale Alternative zur PT. Die Krise wurde hauptsächlich durch Korruptions-Aufdeckungen/-Beschuldigungen ausgelöst; dazu kam eine Wirtschaftsflaute. Er wurde einer der Favoriten für die Präsidentenwahl 2018. In Umfragen lag er zunächst auf Platz drei, hinter Ex-Präsident Lula und der Grünen-Politikerin Marina Silva. Amtsinhaber Temer durfte wegen Unregelmäßigkeiten bei früheren Kampagnen nicht antreten, die gestürzte Rousseff auch nicht. Bolsonaro mischt zwar schon lange im Politikbetrieb mit, präsentierte sich aber als Anti-System-Kandidat.

Jair Bolsonaro, ein weisser Brasilianer, hat italienische und deutsche Vorfahren. Er ging mit 18 Jahren zum Militär (1973), war zu jung um in der Militär-Diktatur führend/gestaltend mit zu wirken, allenfalls stützend. Er war Fallschirmjäger, erreichte den Rang eines Kapitäns, rüstete 1988 ab. War in der Stadtpolitik von Rio de Janeiro aktiv, dann im Kongress. In seinen 27 Jahren dort als Abgeordneter war er eine marginale Figur, die gelegentlich mit extremen Ansichten zur Militärdiktatur, Frauen, Nicht-Weissen auffiel. Die Liste der Parteien, denen er (nacheinander) angehörte, ist lang: PDC, PP, PPR, PPB, PTB, PFL, PP, PSC (2016), PSL. Im Jänner 2018 wechselte er von der Christlich-Sozialen Partei (PSC) zur Sozial-Liberalen (PSL). Die prompt einen Rechtsruck machte, und auch eine Namensänderung diskutierte. Bolsonaro kündigte 2016, noch als PSC-Abgeordneter, an, bei der Präsidentenwahl 2018 anzutreten. Der zum 3. Mal Verheiratete hat neben 4 zT politisch ebenfalls aktiven Söhnen auch eine Tochter. Er ist katholisch geblieben, unterhält aber enge Beziehungen zu Evangelikalen.

Der Rechtsextremist verteidigt bzw lobt die Militär-Diktatur 1964-1985, nahm auch Stellung für eine neue. 2016, bei der Debatte bzw Abstimmung über die Amtsenthebung von Präsidentin Rousseff, verband er sein Ja mit einem Lob für Carlos A. Brilhante Ustra, einem Offizier, der für die Folterung von Rousseff, damals Widerstandskämpferin, verantwortlich war. Nach der Absetzung Rousseffs sagte er: „Sie haben 1964 verloren, sie haben 2016 wieder verloren.“… In einem Radiointerview 2016 sagte er, Fehler der Diktatur sei es gewesen, „zu foltern, aber nicht zu töten“. Als Präsident wollte er dann heuer am 31. März eine Feier zum 55 Jahrestag des Militärputsches veranstalten! Als eine Richterin die Feiern innerhalb der Streitkräfte verbieten lassen wollte, wurde dies von einem Bundesgericht aufgehoben.

Am Tag des Putsches gegen den damaligen Präsidenten Joao Goulart 1964, der eine 21 Jahre dauernde Diktatur einleitete, gab es dann diese “Gedenkveranstaltungen”, und einen Tagesbefehl des Verteidigungsministeriums: „Die Streitkräfte beteiligen sich an der Geschichte unseres Volkes, immer im Einklang mit dessen legitimen Wünschen“, heißt es in dem Text. „Der 31. März 1964 fand während des Kalten Krieges statt. Die Streitkräfte erhörten den Ruf der großen Mehrheit des Volkes und nahmen sich der Stabilisierung der Lage an.“ Die Verbrechen der Militärdiktatur wurden nicht erwähnt, die Hunderten unter dieser Herrschaft getöteten und verschleppten Menschen. In den Grossstädten gab es Demonstrationen gegen die staatliche Apologetik der Militärdiktatur. Unter Bolsonaro wird der Einfluss des Militärs nicht auf einige Ex-Offiziere in der Regierung beschränkt sein. Es wird in der inneren Sicherheit stärker mitmischen, es wird in militärisch relevanten Bereichen mitreden, aber auch wirtschaftspolitisch, es wird, als Institution, einfach in die Politik zurück kehren. Und dann wird die Frage sein, wie die Machthaber “innere Sicherheit” definieren, über den Kampf gegen Drogenbanden hinaus…

„Pinochet hätte mehr Menschen töten müssen”, hat Bolsonaro gesagt. Diese totale Unverfrorenheit ist es, was ihn auszeichnet. Nicht einmal Pinochet selbst, seine damaligen Funktionäre, oder jetzigen Apologeten stellen das Wirken des chilenischen Diktators so dar. Pinochet versuchte immer, zivilisiert zu wirken, “Das war nie eine Diktatur, es ist eine Dictablanda!” Auch mit den “Veteranen” und Nostalgikern der brasilianischen Diktatur verhält es sich so. Sie verteidig(t)en nie so offen Diktatur, Folter, Mord, wie Bolsonaro und seine Anhänger. Leute wurden damals nicht entführt, sie “verschwanden”, sie wurden nicht gefoltert, sie wurden “Verhören unterzogen”, sie wurden nicht getötet, sondern “verübten Selbstmord”, wie der Journalist Vlademir Herzog. Und das unterscheident Bolsonaro eben von Pinera, Macri, Duque,… Sebastian Piñera hat zur Pinochet-Diktatur zwar keinen sauberen Schlussstrich gezogen15, aber jedenfalls nicht diese Diktatur an sich zu rehabilitieren versucht und die Demokratie zu desavouieren. Bolsonaro und seine Anhänger über diese Diktaturen, das ist wie Trump, der sagt “Wir sollen in ihre Länder einfallen und uns ihr Öl holen” (nicht wie die Bushs, die von “Befreiung” oder “Demokratisierung” dieser Länder sprachen). Ganz ohne Scham und Heuchelei.

Wenig überraschend ist Bolsonaro auch Rassist, trat indirekt für eine Erneuerung der weissen Vorherrschaft in Brasilien ein. Machte immer wieder abfällige Bemerkungen über Mischlinge, Schwarze und Indianer, zB eine Tirade über Quilombolas, wie man entlaufene Sklaven früher nannte. Natürlich kommt der gute Draht zu Trump auch dadurch zu Stande. In den Südstaaten der USA (1865) und Brasilien (1888) wurde die Sklaverei auch spät abgeschafft. Am “weissesten” ist Brasilien übrigens in seinem Süden, hauptsächlich im Bundesstaat Rio Grande do Sul. Dort gibt es eine Initiative, die für den Süden-Brasiliens, nämlich die Bundesstaaten Rio Grande do Sul, Paraná und Santa Catarina, die Unabhängkeit anstrebt. O Sul é o Meu País (“Der Süden ist mein Land”), so der Name der Initiative, will ja etwas Anderes als Bolsonaro, der will die Vorherrschaft der Weissen in ganz Brasilien. Interessant wäre es ja einerseits schon, zu sehen wie ein nationalistischer, autoritärer Präsident in einer Konfrontation mit einer mehr oder weniger rassistischen Sezessionsbewegung agiert.16

03 sagte Bolsonaro zur Abgeordneten Maria do Rosario (PT), sie habe es nicht verdient, vergewaltigt zu werden, „weil sie sehr hässlich ist“. Ein anderes Mal: Er ziehe es vor, seinen Sohn bei einem Verkehrsunfall zu verlieren, als einen homosexuellen Sohn zu haben. Der „Donald Trump Brasiliens“ also auch in dieser Hinsicht, aber auch Gemeinsamkeiten mit Silvio Berlusconi17, Rodrigo Duterte (Präsident der Philippinen), Horst Seehofer,… und Richard Lugner, von seiner Vulgarität18 Mit einigen der Genannten auch die Verachtung für Gegner und die Demokratie, den Rassismus bzw die Xenophobie, das Sündenbock-machen, den Machtmissbrauch,… Duterte hat zB in seinem Wahlkampf 2016 offen gesagt, dass er auch gerne “eine schöne australische Missionarin” (Jacqueline Hamill) vergewaltigt hätte, die 1989 bei einem Aufstand in einem Gefängnis in Davao sexuell missbraucht und ermordet worden war. Tja, Duterte hat sich zur Zeit der Präsidentschaft Obamas gegen die USA gestellt, für einen philippinischen Präsidenten ungeheuerlich, und das Land stärker an China angelehnt.

Natürlich ist Bolsonaro auch gegen Säkularismus. Er ist wie sein Vizepräsident Mourao katholisch, dennoch hatten Evangelikale noch nie so einen Einfluss in einer brasilianischen Regierung. Anlässlich der Präsidentschaftswahl 2018 fuhr Jair Bolsonaro nach Israel/Palästina, um sich in den Gewässern des Jordan/Urdun neu taufen zu lassen. Was ihm weiter Sympathien der Evangelikalen – die mittlerweile um die 20% der Bevölkerung Brasiliens ausmachen – einbrachte. Familienministerin (und für Menschenrechte,…) wurde die parteilose evangelikale Pastorin Damares Alves. Evangelikale sind sozial bzw sexuell konservativer als Katholiken, wirtschaftlich ebenso, obwohl das Fussvolk aus unteren Klassen kommt, vertreten einen christlichen Zionismus… Bolsonaros PSL ist eine Partei mit grossem evangelikalen Einfluss; wie die FCN in Guatemala, deren Frontmann James Morales als Präsident (wie es auch Bolsonaro wollte) die Botschaft seines Landes zur Genugtuung Netanyahus nach Jerusalem/Quds verlegen liess – und damit den israelischen Anspruch auf die ganze Stadt, das ganze Land unterstützt. Viele brasilianische Fussballer sind Mitglieder evangelikaler Pfingstkirchen; Katholiken sind in der Seleçao wahrscheinlich in der Minderheit!

Oft zeigten National-Spieler Stirnbänder oder Unterhemden mit religiösen Botschaften, nach dem letzten WM-Final-Sieg 2002 veranstalteten einige Spieler ein Gebet am Rasen des Stadions von Yokohama. Ronaldinho, Rivaldo, Cafu, Kaka, Neymar (alles Künstlernamen) sind die bekanntesten Fussballer, die Bolsonaro ’18 unterstützten – wenn man heraussucht welche davon Evangelikale (geworden) sind, wird man, wette ich, eine grosse Übereinstimmung finden. Juninho Pernambucano (Antonio Reis) war darüber entsetzt.19 Auch der ehemalige Autorennfahrer Emerson Fittipaldi und seine Familie traten für den Rechtsextremisten ein. Hier war das nicht so unerwartet. Autorennsport ist eine Sache der Wohlhabenderen, der meist weissen Oberschicht20; die möglichst Privilegien behalten will. Aber Fussball, Nationalsport Nr. 1 (und wie alle “Nationalsporte” mit einem religionsähnlichen Status), eine Sache der Unterschicht, der Farbigen, was die meisten Aktiven betrifft. Aber die Genannten haben es durch ihre Fussballer-Karriere eben zu viel Geld und Ansehen gebracht.

Das ehemalige Kaiserhaus Brasiliens (Orléans-Bragança) ist seit 1940 gespalten, in die Vassouras-Linie und die Petropolis-Linie (nach den Wohnorten der Familienzweige). Zumindest der Vassouras-Zweig (der anerkanntere) ist politisch aktiv, und auch für Bolsonaro. Vom aktuellen Prätendenten Luiz war diesbezüglich zwar nichts zu vernehmen, aber von seinem Bruder und Erben Bertrand sowie seinem Neffen Luiz Philippe. Bertrand M. de Orleans e Braganca e Wittelsbach ist in Frankreich geboren, die Familie ging bald wieder nach Brasilien. Er lebt in Sao Paulo, ist mit ländlichen Konservativen in Kontakt, alt, sehr rechts. Er hofft darauf, aus der Krise Nutzen zu ziehen, auf eine Rückkehr zur Monarchie. Luiz P. de Orléans e Bragança, ebenfalls Monarchist, wirkt dagegen in der Republik mit, wurde 2018 für die PSL in Sao Paulo ins brasilianische Parlament gewählt. Eigentlich wollte er aber Bolsonaros Vizepräsidentschafts-Kandidat werden. Dem hochwohlgeborenen Geschäftsmann mit USA-Verbindungen wurde aber ja der “farbige” Militär (aus “bescheidenen” Verhältnissen) vorgezogen – ein kleines Bild der “Kluften” die es in diesem Lager gibt.

Zur Absetzung von Dilma Rousseff im nächsten Abschnitt mehr. Ihr Vorgänger als Präsident (03-10), „Lula“ (Luiz I. da Silva), gab 2017 sein Interesse an einer neuen Präsidentschaft bekannt. 2018 meldete er seine Kandidatur beim Obersten Wahlgericht (TSE) offiziell an – worauf hin jene Kräfte (in Politik, Justiz, Medien,…), die die Absetzung von Rousseff (s.u.) betrieben hatten, wieder aktiv wurden. Generalstaatsanwältin Raquel Dodge reichte weniger als 24 Stunden nach der Registrierung ihre Anfechtung ein, unterstützt von Jair Bolsonaro oder der Gruppe “Movimento Brasil Livre”. Das 2014 gegründete rechte MBL (Kataguiri, Hasselmann,…) ist stark an der USA orientiert, unterhält dorthin gute Beziehungen. Es wurde bei den Demonstrationen gegen Rousseff aktiv, hängte sich an diese ran. Es ist gesellschaftlich konservativ, liberal nur ggü Wirtschaftsbossen und deren Nutzniessern. Der Artikel darüber auf der deutschen Wikipedia21, begonnen von „einer IP“ aus Brasilien, enthält noch immer, unangefochten, von diesem Benutzer verfasste Beschreibungen wie „Die Bewegung sieht Wettbewerb und freie Marktwirtschaft als Lösungen für die Probleme der Wirtschaft. Ihre fünf Ziele sind die Verwirklichung der Pressefreiheit, der Wirtschaftsfreiheit, Gewaltenteilung, freie und gerechte Wahlen und ein Ende der direkten und indirekten Finanzierung von Diktaturen.“ Diktaturen wie jene von 1964 bis 1985 in Brasilien? Freie und gerechte Wahlen wie sie von 1962 bis 1986 in diesem Land nicht zugelassen wurden? Gewaltenteilung, solange man damit eine Justiz hat, mit der man die Demokratie teilweise ausschalten kann, die aber nicht die Diktatur aufarbeitet? Pressefreiheit als Aufrechterhaltung des bestehenden Oligopols?

MBL-Führer im brasilianischen Parlament

Gegen Ex-Präsident “Lula” Da Silva wurde seit 2014 wegen Korruptionsvorwürfen ermittelt. 2016 ernannte ihn Nachfolgerin Rousseff zu ihrem Kabinettschef, wohl um vor Strafverfolgung zu schützen; dies wurde vom Obersten Gerichtshof annulliert. 2017 wurde er von Richter Moro (inzwischen Bolsonaros Justizminister, wir erinnern uns) zu einer Gefängnisstrafe von neuneinhalb Jahren verurteilt, für die Annahme von Korruptionszahlungen von Konzernen gegen Staats-Aufträge – was Da Silva immer abstritt. Ein Berufungsgericht erhöhte Anfang 2018 die Strafe auf 12 Jahre. Zwei Monate später wurde das Berufungsverfahren vom Obersten Gericht endgültig abgelehnt, etwas später wurde ein Gesuch auf Haftauschub abgelehnt, womit Da Silva die Gefängnisstrafe antreten musste (April 18). Für sein Antreten bei der Präsidentenwahl hatte das zunächst keine Konsequenzen. Die Umfrageergebnisse sprachen für ihn, er lag klar vorne; Bolsonaro dahinter auf Platz 2. Im August entschied das Oberste Wahlgericht, dass „Lula“ bei der anstehenden Präsidentschaftswahl nicht kandidieren darf. Im September änderte die Partido dos Trabalhadores (PT) den von ihr eingebrachten Wahlvorschlag, stellte den als Vizepräsidenten-Kandidat vorgesehenen Fernando Haddad22 als “Frontmann” auf, der Bildungsminister unter Da Silva und Rouseff gewesen war. Zu Haddads “Vize” wurde die Abgeordnete Manuela D´Ávila von der Kommunistischen Partei (PCdoB) benannt.

Viele Brasilianer glauben, dass Lula verurteilt, eingesperrt und von der Wahl ausgeschlossen wurde, dies eine abgekartete politische Sache war.23 Die Arbeiterpartei liess seine Kandidatur spät fallen, positionierte Haddad spät, konzentrierte sich lange auf eine Politisierung von Verurteilung, Inhaftierung und Wahlausschluss Lulas. Mehr zur Absetzung von Rousseff und Ausschluss von Da Silva im nächsten Abschnitt. Die Lula/PT-Sympathisanten gingen nicht alle zu Haddad, wählten zT andere Links-Parteien (so etwas wie Mitte-Parteien scheint es in Brasilien gegenwärtig nicht zu geben) bzw deren Kandidaten, wie die Lula-Minister Ciro Gomes (PDT) und Marina Silva (nun REDE, in einem Kandidatenpaar mit einem Politiker der Grünen/PV). Der faschistischer Ex-Militär Jair Bolsonaro setzte sich nach dem Ausschluss Lulas an die Spitze der Umfragen. Und kündigte an, nur einen Sieg bei der Wahl zu akzeptieren.

Bolsonaro-Anhänger in London 18

Etwa einen Monat vor der Wahl (September 18) verwüstete ein Grossbrand das Nationalmuseum in Rio de Janeiro (früher Residenz portugiesischer, dann brasilianischer Monarchen, 1892 Museum). Die “Süddeutsche Zeitung” dazu: “Das Nationalmuseum gehörte in besseren Zeiten zu den wenigen demokratischen Orten von Rio. Es war ein begehbares Schulbuch. Hier erfuhren Kinder aller Schichten, arm und reich, schwarz, weiß und indigen, wie vielfältig die brasilianische Kultur ist, wie alt die Neue Welt, wie einzigartig die Natur. Der Rechtsextremist Bolsonaro steht für die Negierung all dessen: für die Vorherrschaft des weißen Mannes, für Ausgrenzung und Rassismus, für die Verherrlichung der Diktatur, für die wirtschaftliche Ausbeutung des größten Regenwaldes der Erde.” Einige Tage später wurde Bolsonaro bei einer Wahlkampfveranstaltung in Minas Gerais im Süden des Landes bei einem Messerangriff verletzt, anscheinend durch einen unpolitischen geistig Verwirrten24. Er konnte leider weitermachen; machte aber keine Auftritte mehr, nur noch Interviews für “befreundete” Medien.

Im Oktober die Wahl, auch Teile des Kongresses sowie Bundesstaaten wurden neu gewählt, mit elektronischen Wahlurnen. Bolsonaro bekam im ersten Wahlgang deutlich mehr Stimmen (46,2 Prozent) als Fernando Haddad (28,9); dahinter der linke Ciro Gomes (12,5), der rechte Geraldo Alckmin (PSDB, “Ticket” mit PP; 4,78 %). Die Stimmenanteile der rechten Kandidatenpaare zusammengerechnet kam man auf beinahe 56,7 %, was für die Stichwahl schon ein recht klarer Fingerzeig war. Bolsonaro sagte, dass er den Sieg (absolute Mehrheit) schon in der ersten Runde davongetragen hätte, wenn es “keine Probleme” mit den elektronischen Wahlmaschinen gegeben hätte; auch im Vorfeld hatte es viel Gezeter seines Lagers bezüglich der Wahlmethode und möglicher Manipulationen gegeben. Haddad warnte, dass die Demokratie in Brasilien in Gefahr sei, und rief zur Einigkeit vor der Stichwahl auf; er wolle den Faschismus in Brasilien verhindern. Bolsonaros Pläne würden „wirklich Angst” machen.

Im Wahlkampf-Finale der Mord an dem populären Musiker und Capoeira-Meister Moa do Katendê. Er wurde in einer Bar in Salvador von einem Bolsonaro-Anhänger mit zwölf Messerstichen getötet, weil er sich für die Wahl des Gegenkandidaten Haddad ausgesprochen hatte. Bolsonaro sagte dazu: “Ein Typ, der ein T-Shirt von mir trägt, begeht einen Exzess, was habe ich damit zu tun?”. Mit 55:45 gewann Bolsonaro die Stichwahl Ende Oktober. Wahlanalysen zeigten: Die Küste (mit den Grossstädten) wählte Haddad, das Landesinnere (ländliche Regionen, agrarisch geprägt) Bolsonaro. Haddad kündigte an, er wolle die Freiheiten von Bolsonaros Gegnerinnen und Gegnern verteidigen. Bolsonaro kündigte einen radikalen Politikwechsel an: „Ich werde das Schicksal des Landes verändern. Jetzt wird nicht weiter mit dem Sozialismus, dem Kommunismus, dem Populismus und dem Linksextremismus geflirtet.“ Sprach auch von einem „Brasilien der unterschiedlichen Meinungen, Farben und Orientierungen“; „Unsere Regierung wird verfassungstreu und demokratisch sein“. Die PT bliebt im Kongress/Parlament wie erwähnt stärkste Partei, vor der PSL und weiteren Rechtsparteien.

Warum hat Brasilien also einen Neo-Faschisten gewählt? Als Erklärungen werden meist Gewalt und Korruption im Land genannt. Jedenfalls müssen grosse Teile jener (sich zum Teil überschneidenden) Bevölkerungsgruppen, die Bolsonaro “benachteiligt” (Frauen, Farbige, Arme, Linke), ihn gewählt haben. Es scheint ihm tatsächlich gelungen zu sein, sich als (hart durchgreifender) Saubermann zu profilieren… Die argentinisch-deutsche Politikwissenschaftlerin Mariana Llanos in der „Süddeutschen Zeitung“ vor der Stichwahl auf die Frage warum viele jener, die Bolsonaro beschimpft und bedroht, ihn trotzdem wählen: „Zuschreibungen wie ‚Afrobrasilianer‘ helfen hier nicht weiter. Bei der Wahlentscheidung geht es darum, welche Konflikte die Menschen am meisten interessieren. Stellen Sie sich vor, Sie sind schwarz und leben in einer Favela in Rio. Ihre Nachbarn sind Drogendealer und Sie halten es für möglich, dass die jederzeit ihren 14-jährigen Sohn zum Dealen zwingen oder ihn sogar erschießen. Dann wollen Sie unbedingt das Leben Ihres Sohnes retten. Dann scheint vielleicht Bolsonaros Lösung, auf Gewalt mit Gewalt zu reagieren, die überzeugendste zu sein und Sie wählen ihn. Bei Frauen ist es das gleiche: Angehörige der oberen Mittelschicht etwa fühlen sich von linken Ideen bedroht. Sie verachten Ex-Präsident Lula da Silva und dessen Arbeiterpartei, weil er ihnen seinerzeit viele Privilegien genommen hat. Sie stimmen für seinen Gegner, komme, was wolle.“

Im oben verlinkten Brasilwire-Artikel wird anders argumentiert: Zwar sei die Gewalt angestiegen, seit dem Beginn der Sparpolitik unter Rousseff und dann besonders unter Temer. Doch die “Gewalt-Landkarte” korrespondiere nicht mit der Wahl-Landkarte: Die Bundesstaaten mit der meisten Gewaltkriminalität, so Mier, seien im Nordosten25, wo Haddad gewonnen hat. Bolsonaro habe seine besten Ergebnisse dagegen in Regionen mit “normalen westlichen” Verbrechensraten eingefahren. Der Autor schliesst daraus, dass das Elektorat entweder diesbezüglich “manipuliert” sei (Propaganda-Opfer geworden), oder andere Themen entscheidend gewesen sei. “Like all countries that have to deal with the legacy of slavery and the fact that one segment of the population considers another segment to be sub-human, Brazil has always been a violent place. The image of Brazil as a land of violence has been burned into the minds of the Anglo public through films like ‘Pixote’, ‘City of God’ and ‘Elite Squad’. Only 6% of Brazilians live in favelas, and many favelas have more middle class residents than poor, but in the minds of many casual northern observers, most Brazilians live in desolate slums full of child soldiers. Could fears of violence have been the deciding factor in electing a military man to the presidency? Brazil certainly sounds scary to many Americans.”

Der andere normalerweise angeführte Grund für Bolsonaros Erfolg ist Korruption

Die Krise

PT-geführte Regierungen wirkten von 2003 bis 2016, darüber auch Einiges im ersten Brasilien-Artikel. …erstmals in der Geschichte dieses Landes wirkte eine Regierung…, die nicht auf … Ausbeutung ausgerichtet war. Nach aussen begann Brasilien seit “Lula”, als Mittel-/Regionalmacht aufzutreten. Wenn man so will, entspricht der sozialen Ungleichheit im Inneren die Kluft zwischen Erster Welt (Westen) und Lateinamerika/ 3. Welt global. Dilma Rousseff, die 2000 von der PDT zur PT übertrat, war 2003-05 Da Silvas Energie- und Bergbauministerin, dann bis 2010 seine Kabinettschefin, wurde 2011 seine Nachfolgerin als Präsidentin. Die Arbeiterpartei/PT war immer auf breite Koalitionen im Parlament angewiesen, solche die auch Rechtsparteien mit ein schlossen. Michel Temer (PMDB) war ja Vizepräsident in Rousseffs Regierungen.26 Die PT musste daher viele Kompromisse eingehen, wie auch der ANC in Südafrika in seinen frühen Regierungsjahren.27 Wichtigste Oppositionspartei in diesen Jahren war die Partido da Social Democracia Brasileira (PSDB), wie die portugiesische Sozialdemokratische Partei PSD (die früher entstand) eine Mitte-Rechts-Partei.28

Maracana-Stadion Rio de Janeiro

Rousseff hatte mit einer Wirtschaftskrise zu kämpfen, beim Fussball-Confederations-Cup 2013, ein Jahr vor der WM, gab es Proteste gegen die Regierung, von Rechts wie Links. Die Wiederwahl der Präsidentin im Oktober 2014 war ziemlich knapp. Die Linke, die PT und ihre Koalitionspartner, hat dem “National-Spektakel” der Fussball-WM Priorität gegenüber weiterhin brennenden sozialen Problemen des Landes eingeräumt, musste viele Kompromisse mit Rechten und Neoliberalen machen. Damit verlor sie Rückhalt bei den Armen (es gab grosse Proteste von links), ohne bei den Bürgerlichen und Rechten wirklich “Terrain” zu gewinnen. Was von 2015-18 vor sich ging, war für die Einen die Aufdeckung von Korruptionsskandalen (und das Aufräumen damit), für die Anderen eine Art Putsch, teilweise Ausschaltung der Demokratie. Sicher ist, dass Brasilien im Inneren instabil wurde, mit der Absetzung von Rousseff 2016 ein tiefgreifender Machtwechsel stattfand. Die alte Elite kam wieder zurück ans Ruder. Grossgrundbesitzer, Industrielle, Oligarchen, rechte Militärs, die Agrarlobby; mit Unterstützung von Kreisen in der Justiz und von Medien (der Globo-Konzern29). Unter Obama war die USA wohl kaum daran beteiligt, unter Trump (also ab 2017) schon.

Der Rechts“putsch“ das ’15 eröffnete Amtsenthebungs-Verfahren gegen Präsidentin Rousseff kam ’16 zu einem Abschluss, nicht zuletzt durch den Seitenwechsel der PMDB. Sie soll vor den Wahlen ’14 mit Tricks den Steuerhaushalt geschönt haben. War jedenfalls nicht in persönliche Bereicherung involviert. Es spricht Einiges dafür, dass die Sache mit der “Budget-Beschönigung” ein Vorwand war, eine Falle – zumal sich die maßgeblichen Politiker des Polit-Justiz-Putsches gegen die PT sich längst als selbst korrupt entpuppt haben… So wie der Brand des Nationalmuseums zur Machtübernahme Bolsonaros “passte”, passte die Zika-Virus Epidemie in Amerika 2015/16 (die Brasilien besonders traf) irgendwie zum Übergang von Rousseff zu Temer in dieser Zeit. Von Temer zu Bolsonaro war es kein so grosser Schritt mehr!

Carlos Latuff: “Golpes”

Der libanesisch-stämmige Temer (ein Maronit) ist einer der brasilianischen Politiker/Oligarchen mit engen USA-Verbindungen, machte Fortschritte in Brasilien bezüglich der Emanzipation von Farbigen, Frauen, Armen sowie einer eigenständigen Wirtschafts- und Aussenpolitik rückgängig. Michel Temers tiefe Verstrickung in die Korruption wurde immer offensichtlicher, er stand im Frühling 17 schon an der Kippe, wurde als erstes amtierendes Staatsoberhaupt Brasilien wegen Korruption angeklagt, zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels (Frühling 19) wurde er verhaftet. Einer der Drahtzieher des „Putsches“ gegen Dilma Rousseff, der damalige Präsident des Abgeordnetenhauses, Eduardo Cunha (PMDB), ein unternehmerfreundlicher Evangelikaler, wurde bald nach Rousseff abgesetzt, verhaftet und wegen Korruption verurteilt30. Landwirtschaftsminister war unter Temer Blairo Maggi, Chef der Amaggi-Gruppe, einer der grössten Soja-Anbauer der Welt. Maggi ist ein Verfechter von Glyphosat-Anbau, das heisst also, der Besprühung von Feldern mit diesem Herbizid (der US-amerikanischen Firma Monsanto), das alles abtötet, nur das genetisch veränderte Soja (oder den Mais) von Monsanto gedeihen lässt.

Bei der Aufklärung der Korruptionsskandale wurde mit zweierlei Maß gemessen und hauptsächlich Politiker der PT verfolgt. Auch in den Medien (in Brasilien und international) wurden die Dinge gerne so dargestellt, dass nur die Arbeiterpartei da drin hängen würde. Bolsonaro war der Nutzniesser dieser Korruptionskrise, er der 25 Jahre bei/mit der Partido Progressista (PP) verbrachte, die als korrupteste Partei Brasiliens gesehen wird, auch in die Sache mit Petrobras/ Operação Lava Jato massiv involviert war, deren Führungsfigur Paulo Maluf (früher bei ARENA, PPS, PPR, PPB) auf der Interpol-Fahndungsliste steht. Der Politiker wie Paulo Guedes und Onyx Lorenzoni in seine Regierung einlud…sowie Sergio Moro, der als Einer präsentiert wird, der mit der Korruption in der brasilianischen Politik aufräumt, aber einer zu sein scheint, der mit der Korruption in Brasilien Politik macht. Mit Bolsonaros antidemokratischen Ankündigungen hat(te) er kein Problem, anscheinend auch kein Anderer in der Judikative des Landes. Denjenigen, der Bolsonaros Anschlag auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit31 aufhalten hätte können, “Lula”, hat Moro ausgeschalten.

Dass Da Silva 12 Jahre Haft bekommen hat32, “sein” Richter Bolsonaros Justizminister wurde, er fragwürdigerweise durch das Wahlgericht vom Antreten 2018 ausgeschlossen wurde, Bolsonaro während des Wahlkampfes erklärt hat, er hoffe, Lula werde „im Gefängnis verrotten“, auch Rousseffs Absetzung höchst zweifelhaft war33, wirft die Frage auf, wo in Brasilien (schlimmere) Korruption am Werk war. General Eduardo Villas Boas, Armee-Stabschef 15-19, ist in der Spätphase der Militärdiktatur noch in deren “Apparat” gekommen, genauer in die Escola de Aperfeiçoamento de Oficiais. Kurz vor der Entscheidung des Obersten Gerichts bezüglich der Inhaftierung von Luiz da Silva (s.o.), als sich vielerorts in Brasilien Menschen für und gegen “Lula” versammelten, schrieb er etwas auf Twitter, was das oben Geschriebene abrundet. Es war eine indirekte Botschaft, wenn nicht kryptisch; die Armee respektiere die Verfassung, wie alle guten Bürger, lehne “Straflosigkeit” ab, und “man” solle sich fragen wer in der jetzigen Situation nur an seine persönlichen Interessen denke und wer an das Wohl des Landes.34

Beinahe die gesamte politische Klasse Brasiliens ist mittlerweile in Korruptionsskandale verwickelt. Das Land ist in einer tiefen Krise, was die Wirtschaftslage, die politische Kultur, die Stabilität betrifft. Und der einen Seite ist es gelungen, mit der anderen über “Korruption” abzurechnen. Eine Reform des politischen System des Landes (etwa die Einführung der Wahl der Regierung durch das Parlament, Sperrklausel für Parteien bei Parlamentswahlen) wird anscheinend nicht diskutiert. Im “lateinamerikanischen” politischen System (es ist fast überall dort in Kraft, wurde von der USA “abgeschaut”) muss die Regierung in der Regel breite Allianzen eingehen, zT darüber hinaus Mehrheiten im Parlament suchen, mit inhaltlichem Entgegenkommen, oft unklar abgegrenzt von finanziellen “Zugeständnisse”. In Grossbritannien hat die jetzige CUP-Minderheitsregierung unter May die nordirische DUP als Mehrheitsbeschaffer, auch dort gibt es diesen Graubereich aus finanziellen und inhaltlichen Zuwendungen. Für Westmächte (und Lateinamerika hat es nicht wirklich geschafft, Teil dieses “Westens” zu werden), voran die USA, war/ist Korruption in Ländern wie Brasilien ein Umstand den sie gewöhnlich für sich zu nützen wissen. Änderungen sind in einem so grossen Land wie Brasilien schwierig; die Auflösung in die so unterschiedlichen Landesteile, ist sie ein Thema, eine Option?

Rückblick: Putsch, Diktatur, Übergang

Joao Goulart (PTB) hatte als Präsident (1961-64) auch mit einer Wirtschaftskrise zu kämpfen. Die er nicht auf Kosten der armen Masse der Bevölkerung lösen wollte. Goularts Politik wird gelegentlich als “nationalistisch” beschrieben; jedenfalls bedeutet „Nationalismus“ im „3. Welt“-Kontext etwas Anderes als im “Westen”. Nehru, Mossadegh, Lumumba,… vertraten die Antithese zu einem Nationalismus, der auf die Vorherrschaft einer Elite ausgerichtet ist, faschistoid ist, auf Ausbeutung und Entmündigung des Landes durch die USA und den Westen, zum Nationalismus von Bolsonaro und anderen Rechten in Lateinamerika. In Brasilien war in den 1960ern die UDN jene Partei, die das vertrat, und nicht nur in Opposition zur Regierung von Goulart und seiner Premierminister stand35, sondern auch, wie die Globo-Medien, einen von der USA unterstützten Militärputsch favorisierten. 1964 wurden auch Korruptionswürfe erhoben, gegenüber Goularts Regierung…

Brasilia 1964

Das brasilianische Militär unter Humberto Branco, das im April 1964 putschte und die Demokratie ausschaltete (mit Unterstützung Johnsons), musste das Land “vor einer kommunistischen Machtübernahme schützen”. Auf den Sturz des letzten linken Präsidenten Brasiliens vor „Lula“ folgten über 20 Jahre rechte Militär-Diktatur, mit einer Regimepartei (ARENA, in der die UDN aufging), einer „Oppositionspartei“ und Scheinwahlen. Die Generäle wechselten sich an der Spitze des Regimes ab, brüsteten sich mit Stabilität, konnten sich der Unterstützung durch die USA gewiss sein (ausser unter Carter). Eine Medienzensur war Teil der Diktatur. Folterungen von Regimegegnern wurden hauptsächlich durch die Geheimdienste vorgenommen. Der Serviço Nacional de Informações (SNI) wurde 1964 unter General Branco gegründet. Er bestand aus den drei Einzel-Diensten für die drei militärischen Teilformationen Centro de Informações do Exército (CIE), Centro de Informações da Aeronáutica (CISA), Centro de Informações de Marinha (CENIMAR). Dann gab es das Departamento de Operações Internas-Centro de Operações de Defesa Interna (DOI-CODI), war ebenfalls ein Militär-Geheimdienst, bestand 1969-71, ging aus dem OBAN hervor. Das DOI-CODI hatte in São Paulo ein Folterzentrum, ein grosses Gebäude in der Tutóia-Strasse, daher auch “Tutóia Hilton” genannt. Weiters bestand, seit 1924, das Departamento de Ordem Política e Social (DOPS).

Die Geheimdienste taten sich beim Foltern auch zusammen. Auf der Ilha das Flores im Staat Sergipe36 etwa, Leute von CENIMAR und DOPS. Kommandant der Insel war Clemente J. Monteiro Filho, ein Absolvent der School of the Americas, damals noch in der Panama-Kanal-Zone, ein Folterer/Befrager war Alfredo Poeck, Marine-Offizier und Absolvent eines Kurses in der John F. Kennedy Special Warfare Center and School im Fort Bragg (North Carolina) 1961. Gefolterte Gefangene erzählten später, wie man sie mit Geräten wie “Drachenstuhl” oder “Papageienschaukel” quälte, während junge Soldaten gewissermaßen zu Ausbildungszwecken zuschauten. Es gab elektrische Schocks an den Genitalien, Schläge mit der Palmatoria über Stunden hinweg, der Aufenthalt in einer Art Eis-Kabine (“Geladeira“), das Beschallen mit ohrenbetäubendem Lärm,… Das war ungefähr das, was auch die Gestapo machte, und das ist das was Bolsonaro lobt und wieder haben möchte.

Die Wirtschaft wurde wie in Chile unter Pinochet im Sinne des Weltmarktes bzw seiner Nutzniesser reformiert. Als der (deutschstämmige) Junta-Chef Ernesto Geisel 1978 zum Staatsbesuch in die BR Deutschland kam, titelte die „Welt“ begeistert: “Geisel kam mit Super-Aufträgen”. Die west-deutsche Wirtschaft machte glänzende Geschäfte. Der Volkswagen-Konzern war immerhin (im Nachhinein) so selbstkritisch genug, 2016 einen Historiker (Christopher Kopper von der Universität Bielefeld) mit einer unabhängigen Studie zum Gebahren von VW in Brasilien in der Zeit der Militärdiktatur zu beauftragen. Kopper präsentierte seine Untersuchung 2017 in Brasilien37, wo ja seit 2016 wieder reaktionäre Kräfte an der Macht sind. Die Studie wirft dem VW-Konzern Repressalien gegen Oppositionelle in seinen brasilianischen Fabriken vor, demnach kooperierten Mitarbeiter des VW-Werkschutzes mit der Militärdiktatur, duldeten Verhaftungen, Überwachung und Misshandlungen durch die Militärpolizei, nicht nur auf Werksgelände, und beteiligte sich aktiv daran. „Die Korrespondenz mit dem Vorstand in Wolfsburg zeigt bis 1979 eine uneingeschränkte Billigung der Militärregierung“, so Kopper. “Die staatliche Kontrolle der Lohnentwicklung und der Gewerkschaften hielten die Löhne auf einem niedrigeren Niveau als in einer pluralistischen Demokratie.“ Überschattet wurde die Vorstellung im VW-Standort Sao Bernardo do Campo (Sao Paulo) von einem Boykott durch die damaligen Opfer um den Arbeiter Lucio Bellentani, der dem Konzern ein unzureichendes Zugehen auf die Diktaturopfer vorwirft.38

Die Transição, der Übergang bzw die Rückkehr zur Demokratie, wird in der Regel für die Phase 1979 bis 1985 angesetzt. Eine Transition, in der mit der Diktatur und ihren Verantwortlichen keineswegs “aufgeräumt” wurde, man liess sie vielmehr auslaufen. Und Präsident Sarney, in dessen Amtszeit der grösste Teil der Demokratisierung stattfand, hat selbst wenig dazu beigetragen. Die Apologetik bzw Rhetorik der Militärs (und ihrer Unterstützer) bewegt(e) sich zwischen „Nichts Schlimmes getan“ und „Mussten Schlimmes tun, um Freiheit zu retten“ und Ähnlichem. Die Phase 85-03 war auch eine Art Übergang, also vom Ende der Diktatur bis zu dem Punkt als die PT, die wichtige Linkspartei, erstmals (auf Bundesebene) gestalten konnte. Dass die Militär-Diktatur nicht aufgearbeitet wurde, rächt sich jetzt. Wo die Kräfte von damals zurück an die Macht drängen. Die unter Rousseff eingesetzte Wahrheitskommission (Comissão Nacional da Verdade), 2011-14 aktiv, war ein zaghafter Versuch dazu. Der zu untersuchende Zeitraum wurde von 1964-85 auf 1946-1988 ausgedehnt.

Nach 13 Jahren Regierung unter Führung der Arbeiterpartei kam es 2016 zu einem “Kurswechsel”, den Manche schon als eine Art Putsch sehen, der jedenfalls nicht demokratisch legitimiert war. Und der “Schritt” von Temer zu Bolsonaro 2018/19 zeigte doch, dass in der brasilianischen Rechten keine klare Abgrenzung zur Diktatur gegeben ist. Dass dieses Aufbäumen tatsächlich antidemokratisch ist, eines des Rückschritts. Und wie die Entwicklung weitergeht…die Ausgangslage vor dem Putsch 1964 war der heutigen ähnlich. Das Land war in den Jahren davor wie jetzt extrem polarisiert zwischen links und rechts, die gesellschaftlichen Spannungen gross. Teile der brasilianischen Ober- und Mittelschicht reden nun wie damals davon, dass eine “Subversion der Demokratie” nötig sei, um “die Demokratie zu retten”. Der Präsident und sein Vizepräsident schliessen ein Eingreifen des Militärs nicht aus, haben exzellente Verbindungen zur Führung des Militärs. In Politik, Militär und Bevölkerung reden Manche davon, das Militär müsse “die Ordnung wiederherstellen”, verweisen dann auf die Kriminalität, meinen aber (auch) die Ausschaltung gewisser politischer Kräfte. Der Globo-Medien-Konzern agiert wie damals. Und in der USA hätten Bolsonaro & Co einen Partner für ein derartiges Vorhaben.

Einiges Grundsätzliche über Demokratie, Ausgleich und Selbstbestimmung    

Ein “Kippen” (was für ein passiver Begriff…) Brasiliens zurück in eine Diktatur hätte Folgen für Lateinamerika, die Welt,… Befürworter einer Rückkehr der Militärdiktatur sind aber zurück an der Macht. Ob die Krise auch eine Chance für eine Weiterentwicklung Brasiliens birgt? Ob Widerstand gegen eine neue Militärdiktatur als gerechtfertigt gesehen würde!? Also zB von Kurz und Merkel in Europa und ihren publizistischen Unterstützern.39 Mit der Diktatur in Brasilien 1964-1985 hat die BRD ja wunderbar zusammen gearbeitet, wie auch mit Chile unter Pinochet, Argentinien unter Videla, Paraguay unter Stroessner,… Auf de.wikipedia wehren sich Einige dagegen, dass Bolsonaro als rechtsextrem eingestuft wird, Leute die sich sonst zB um den Gauland-Artikel kümmern. Wie werden Westeuropa und die Anglo-Staaten mit Bolsonaro umgehen, welche Allianzen werden sich da auftun, über jene mit Salvini oder Trump hinaus? Wird man wegschauen vom Zustand der Demokratie in Brasilien, jene angreifen die ihn thematisieren? Man kann davon ausgehen, dass es zumindest eine grössere Schnittmenge zwischen Bolsonaro-Verteidigern/Verharmlosern im deutsch-sprachigen Raum mit den Trump-Verstehern dort geben wird: Sarrazin, Seehofer, Strache, Roger Köppel, Jan Fleischhauer40, Andreas Mölzer, Nigel Farage,…

Wie schon erwähnt, es gibt eine Kluft zwischen Reich und Arm in Brasilien, die jener zwischen Erster und Dritter Welt entspricht (wie zB auch in Südafrika)41. Und eigentlich haben nur die PT-geführten Regierungen 03-16 daran gearbeitet, diese Kluft im Inneren zu schliessen (zu verkleinern); und dabei hat sich Brasilien auch international als Brückenbauer zwischen dem globalen Süden und dem Norden bzw Westen engagiert. Ansonsten war/ist Brasilien in gewisser Hinsicht eine Oligarchie, die am Westen orientiert ist (ohne ihm anzugehören) und die die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes durch den Westen ermöglicht. Eine solche “innere” und “äussere” Emanzipation wie in Brasilien war in Südamerika generell im Gange – nun sieht es nach einem Scheitern der Linken dort ab, für’s Erste. Wobei, in Argentinien oder Chile dürfte es sich um einen “normalen” demokratischen Machtwechsel von links nach rechts handeln, der nicht mit einer Form der Rehabilitierung der einstigen Rechtsdiktatur oder der Möglichkeit einer neuen verbunden ist. In Brasilien und Venezuela ist die Sache anders.42

Diese Emanzipation wurde/wird auch als rosa Welle bezeichnet. Von jenen, die ein Problem damit haben, kommen die Charakterisierungen dieser “Welle” als “populistisch”, “anti-amerikanisch”, “autoritär ausgerichtet”. Im en.wikipedia-Artikel wird dies an prominenter Stelle vermerkt, mit vielen Belegen. Sieht man sich diese an, stösst man auf südamerikanische Politologen wie José de Arimatéia da Cruz. Da Cruz lehrt in der USA, u.a. am U.S. Army War College in Carlisle (Pennsylvania) und am Council on Hemispheric Affairs in Washington… Der brasilianische Politologe schrieb u.a. “Strategic Insights: The Strategic Relevance of Latin America in the U.S. National Security Strategy”. Er sieht ganz danach aus, dass Wissenschafter wie er Teil der konservativen, “blauen” Welle in (bzw für) Südamerika sind, die Mitte der 2010er aufkam, in Reaktion auf die rosa, linke. Wie im Diskurs über israelische Politik und Reaktionen darauf, wo es Zuschreibungen wie “antisemitisch” gibt, gibt es auch hier solche, die mit dem Gegenstand eigentlich nichts zu tun haben, ja ablenken sollen von ihm. Zum Beispiel vom Charakter von Bolsonaros Politik.

Natürlich sind “rosa” und “blaue” Welle in Süd-/Lateinamerika verbunden mit globalen Entwicklungen – für die gegenwärtigen gibt es anscheinend noch keinen zusammenfassenden Begriff. Ende Ostblock und Kalter Krieg, Islamismus und die Reaktionen, die erste Welle und die zweite (dazwischen Obama und der Arabische Frühling), Kriege, Flüchtlingskrise, eine Weltwirtschaftskrise, die rechte Welle in Europa43, Populismus vielerorts, Umwälzungen (wie in der Türkei unter Erdogan und Russland unter Putin), Trump, Länder die drohen vom demokratischen Kurs abzukommen wie Philippinen unter Duterte (oder eben Brasilien unter Bolsonaro), Klimawandel, globale Umbrüche, auch eine Krise des Westens, der USA.44

Brasilien hat ja unter der Diktatur auch ein militärisches Atomprogramm verfolgt, das im Zuge der Demokratisierung aufgegeben wurde. Aber, und ich habe das schon im ersten Brasilien-Artikel geschrieben, mangels Expansionsgelüsten und Feinden in der Region, gegen wen hätte das Land Atomwaffen gebraucht; wer ausser der USA hat sich offensiv in innere Angelegenheiten eingemischt? Natürlich hat das die damals herrschende Militär-Junta anders gesehen, sie war ja dank der USA an der Macht… Die USA beansprucht eine Vorherrschaft über Lateinamerika, lässt dort ungern Selbstbestimmung zu, interveniert(e) immer wieder, aus wirtschaftlichen und strategischen Interessen heraus. Die Einflussnahme 1964 passte genau in ein Muster von Interventionen – die mit der Aneignung von etwa der Hälfte des Territoriums Mexicos von 1835 bis 1853 begannen.45 Mit dem Krieg gegen die spanischen Kolonien in der Karibik und im Pazifik 1898 begannen die später so genannten “Bananen-Kriege”, Militär-Interventionen (meistens von “Marines” durchgeführt) im mittelamerikanisch-karibischen Raum, bis in die 1930er, den die USA immer wieder als ihren „Hinterhof“ betrachteten und behandelten. Eher indirekt war das Eingreifen in Kolumbien Anfang des 20. Jh zum Zweck der Abtrennung Panamas, wo man den Kanal bauen lassen wollte. Obwohl die USA auch davor und danach immer wieder dort intervenierten, wurde Kolumbien wichtigster USA-Partner in Süd-/Lateinamerika.

Im Kalten Krieg gab es kaum ein direktes militärisches Eingreifen der USA in Lateinamerika/Karibik, zu den wenigen zählten Grenada 1983 und Panama 1989. Aber den Sturz demokratischer Regierungen, wie in Guatemala 1953, Brasilien 1964 und Chile 1973, durch Wirtschaftsdruck, CIA-Aktionen, Verbündete im Land; Unterstützung für die dort folgenden Diktaturen dort oder in Argentinien 1976-198346, das Training und die Aufrüstung von Milizen gegen revolutionäre Regierungen, wie in Cuba (Schweinebucht) und Nicaragua (Contras), den “Krieg gegen Drogen”, die Tätigkeit der School of Americas die lateinamerikanische Offiziere ausbildete von denen sehr viele dann in ihren Ländern in Diktaturen mitwirkten47; und Wissenschafter wie David Stoll, Journalisten wie Charles Krauthammer, Stiftungen wie die National Endowment for Democracy.

Die Demokratisierungen in Brasilien, Argentinien, Chile,… in den 1980ern und frühen 1990ern wurden wahrscheinlich vor dem Hintergrund der Entschärfung und Beendigung des Kalten Kriegs zugelassen. Lateinamerika wurde stabiler und selbstbewusster. USA-Interventionen wurden seltener, indirekter. Lateinamerika (und Karibik) war/ist das USA-Imperialismus Opfer Nr. 1. Welches Land, welcher Staat südlich der USA ist Invasionen, Wahlmanipulationen, wirtschaftlichem Druck,… entgangen? Mexico war und ist am nähesten dran, seinem dreimaligen Präsidenten Porfirio Díaz wird der Ausspruch „Armes Mexico, so weit von Gott entfernt, so nahe an der USA“ zugeschrieben.48 Und die Rhetorik, die immer damit verbunden ist… „Cuba von barbarischer Herrschaft befreien“ hiess es 1898 vor dem Krieg gegen Spanien zB.49 Danach wurde Cuba nur zögerlich in die Unabhängigkeit entlassen, bzw in keine echte. Die Revolution dort 1958/59 war ein wichtiger Akt des Widerstands gegen US-amerikanische Hegemonie über Lateinamerika/Karibik – und gegen eine mit der USA kollaborierende Oligarchie.

Mit den Demokratisierungen der 80er und 90er setzten sich in Südamerika vorwiegend Linke durch, demokratisierten sich die Rechten zT. Die Rechte in Lateinamerika ist in der Regel pro USA, und entgegen des Mantras Bolsonaros gegen echte nationale Selbstbestimmung und erst recht gegen Gleichheit in ihrem Land. Was in linken Regimen in lateinamerikanischen Ländern nicht funktioniert(e), wie unter Castro oder Chavez, wird von Unterstützern und Apologeten rechter Militärdiktaturen herangezogen, als “Alternative” dargestellt. Rechte versuchen, mit der gegenwärtigen Situation in Venezuela die früheren rechten Diktaturen in Lateinamerika „aufzuwiegen“, und linke oder Mitte-Links- Demokraten wie Bachelet, Kirchner, Rousseff damit anzugreifen. Barack Obama hat auch bezüglich des Verhältnisses der USA zu Lateinamerika versucht, etwas zum Guten verändern. Nach einer Obama-Rede in Chile sagte der (chilenische) Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), Jose Insulza: „Er hat Absichten angekündigt, mal sehen, was nun kommt“. All zu viele Gelegenheiten hatte er nicht. Und dann kam Trump… Bolsonaro ist im März in die USA gereist (nach Washington), eine weitere Reise im Mai, nach New York, sagte er ab, nachdem u.a. vom New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio (DP) Widerstand gekommen war.

Sucht man nach Informationen über militärische Stützpunkte der USA in Lateinamerika und der Karibik, so ergibt sich kein klares Bild. In Brasilien hatte das Militär der USA mal einen Stützpunkt, im Hafen von São Paulo. Er soll 2017 geschlossen worden sein, also zur Zeit der Präsidentschaft von Michel Temer. Auf Puerto Rico gibt es sicher eine US-Basis, auch auf Cuba (Bucht von Guantánamo; wie Puerto Rico eine Hinterlassenschaft des Krieges gegen Spanien am Ende des 19. Jh). Über Militärbasen darüber hinaus gibt es widersprüchliche Angaben. Es gab hier sicher einen Rückgang, exemplarisch dafür: Das United States Southern Command (SOUTHCOM) hatte sein Hauptquartier in der Panamakanal-Zone; 1999 wurde es nach Miami (Florida) verlegt, so wie es 1977 in den “Torrijos-Carter-Verträgen” vereinbart worden war. Aber es gibt im südlicheren Amerika Militäreinrichtungen, die die US-Streitkräfte nutzen können, Quasi-Basen, zT unter dem Deckmantel der Drogenbekämpfung, Spionage- und Horchposten,… Es ist zwar eine Erosion von USA-Hegemonie in der Region zu konstatieren, aber man ist weit von einem Ende der militärischen Präsenz der USA dort entfernt, auch wenn sie heute stärker getarnt wird.

In Honduras gibt es seit den 1980ern eine USA-Präsenz auf der Soto Cano/Palmerola – Luftwaffenbasis, früher u.a. für die Unterstützung der “Contras” in Nicaragua genutzt. Dort zeigte sich dass Regimewechsel-Versuche in der Region inzwischen nicht mehr so leicht sind, sie aber vorkommen, und es dabei “Zusammenhänge” mit der amerikanischen Militärpräsenz im Land gibt. Honduras’ Präsident (2006-09) Manuel Zelaya rückte von rechts nach links, rief 08 die USA dazu auf, Drogen zu legalisieren, um damit die Gewalt in seinem Land zu reduzieren, die grossteils darauf zurückgeht, dass Honduras auch auf der Transit-Route der Kokain-Schmuggler (durch Mittelamerika) liegt. Er plante, Soto Cano in einen zivilen Flughafen umzuwandeln. Arbeitete mit Venezuelas Präsident Chavez zusammen. 09 entstand im Land eine Verfassungskrise aufgrund Zelayas Plan, ein Referendum über eine neue Verfassung abzuhalten, grosse Teile der Judikative und der Legislative waren dagegen. In dieser Situation wurde Zelaya gestürzt, stürmten Soldaten seine Präsidenten-Residenz in Tegucigalpa und liessen ihn ausser Landes bringen. Es wird viel spekuliert, inwiefern die USA hinter der Entmachtung stand, und ob eine mögliche Involvierung über die Soto Cano – Basis lief.

Neben der physischen Entfernung Zelayas von der Macht lief ein politisch-juristischer Prozess zu seiner Entmachtung, der durchaus mit jener von Rousseff 16 zu vergleichen ist. In Kolumbien, wie erwähnt der “stabilste” Verbündete der USA in der Region, hat sich Einflussnahme der USA mit (vorgeblicher) Bekämpfung von Drogen-Produktion und -Handel verquickt. Eine Drehscheibe für das Zusammenspiel von SOUTHCOM, DEA, CIA, lokalen Verbündeten,… Beim Versuch, 2002 in Venezuela Hugo Chavez zu stürzen, dürfte die Bush-Regierung involviert gewesen sein. Chávez hatte u.a. durch Verstaatlichung nationaler Ressourcen den Zorn der USA auf sich gezogen. Der von venezolanischen Soldaten internierte Chavez wurde vom Geschäftsmann Pedro Carmona ersetzt bzw dieser als neuer Präsident proklamiert. Was Bush und die spanische Regierung unter Aznar sofort anerkannten. Carmona hielt sich nicht einmal 2 Tage, flüchtete dann nach Kolumbien. Bei der Präsidenten-Wahl in Nicaragua einige Jahre später drohte Bush mit Wirtschaftssanktionen bei einem Sieg von Daniel Ortega. Boliviens Präsident Evo Morales wurde für seine selbstbewusste Politik bestraft, indem man ihm “Versäumnisse im Kampf gegen den Drogenhandel” vorwarf, damit diesbezügliche Zuschüsse kürzte.

Chavez’ Nachfolger Nicolas Maduro liess das Parlament Venezuelas, das seit der Wahl ’15 vom Oppositionsbündnis MUD dominiert ist, ’17 entmachten, wegen “Missachtung der Verfassung”, liess eine “Verfassungsgebende Versammlung” wählen. Maduro regiert am gewählten Parlament vorbei, richtete ein zweites “Parlament” ein, hat den Pfad der Demokratie verlassen, man muss das so klar sehen. Mit Recht gäbe es Aufregung, wenn Bolsonaro in Brasilien so etwas täte. Salvador Allende oder Jacobo Arbenz wurden gestürzt ohne dass sie demokratische Spielregeln verletzt hätten, im Gegenteil, ihr Sturz war das Undemokratische. Ein Skandal ist aber auch, dass Juan Guaido (von der VP von Leopoldo Lopez) der Anfang ’19 zum Parlamentspräsidenten gewählt wurde, und sich dann zum “Interims-Präsidenten” ausrufen liess, die Anerkennung so vieler Staaten geniesst. Wohlgemerkt, nicht als Oppositioneller oder Parlamentspräsident, sondern als Staatspräsident. Neben Trump, Bolsonaro, Merkel,… war/ist hier natürlich auch Sebastian Kurz mit von der Partie.50 Maduro darf sich in seinem Verdacht bestätigt fühlen, die USA und Andere im Westen hätten es auf den Ölreichtum Venezuelas abgesehen. Was nicht so abwegig ist, man sollte schon die Interessen der Staaten analysieren, die Guaidos Griff zur Macht unterstützen.

Guaidó gehört einer Partei an, die Teil eines Bündnisses von 16 Oppositionsparteien ist. Er ist nicht der Vorsitzende der Voluntad Popular und diese ist nicht grösste Partei des Bündnisses MUD. Manche dieser Parteien stellen Gouverneure von Bundesstaaten. Ob das Vorgehen Guaidós in der MUD voll unterstützt wird? Zu den gegenwärtigen Lebensumständen in Venezuela: “Freilich wissen wir nicht genau, ob gerade die Zuspitzungen der jüngsten Zeit, wie die Totalstromausfälle, nicht zu einer von außen lancierten Strategie gehören, die passend einhergeht mit dem Aufkommen einer ‘Lichtgestalt’.”51 “Unsere Unterstützung für Juan Guaidó hat sich in keiner Weise geändert,” sagt Deutschlands Außenminister Maas nach einem Treffen mit seinem brasilianischen Amtskollegen Araujo, nachdem Guaido im Machtkampf die Entscheidung in einer Art Putsch suchte.

Guaido bei einem Interview für “Voice of America”

Guaido ist für eine Militär-Intervention der USA, die Trumps Aussenminister Pompeo und Trump selbst nicht ausschlossen. Bolsonaro und Duque wäre da mit von der Partie. Als ob die USA in Lateinamerika nicht genug Schlimmes angerichtet hätte, rechte Militärs zur Macht verholfen hätte… Man glaubte schon, diese Zeit sei endlich vorbei. Trump verkündete, die USA sei nur noch für sich selbst da. Eben. Also sich die Reichtümer anderer Länder unter die Nägel reissen. So ähnlich hat er das ja auch argumentiert. Bisher war es meist so, wenn davon gesprochen wurde, dass man ein Volk von einem barbarischen Schurken befreien will, um der Humanität willen, dann stand eine Militärintervention bevor. Russland und China würden protestieren, aber wohl nicht wagen, im “Hinterhof der USA” den Platzhirsch militärisch heraus zu fordern. Schön zu sehen, dass die USA kaum gegen alle jene Länder militärisch “vorgehen” kann, die dafür in Frage kommen (Iran, Venezuela, Syrien, Nord-Korea,…).

Die Armee die Trump befehligt, besteht zu gut 40% aus Nicht-Weissen, in der Regel Leute die mangels Job-Alternativen diesen Weg gegangen sind. Der Kontinent Amerika ist geprägt durch das Erbe von Kolonialunternehmungen aus Europa, Bevölkerungstransfers, Sklaverei, der Expansion des Lebensraums der Einen auf Kosten von jenem Anderer. Beim Diskurs über Hugo Chavez, der (wie viele Lateinamerikaner) afrikanische und indianische Wurzeln hatte, zeigt(e) sich auch diese Verbindung von Rasse, Rassismus und Politik. Brasilien war einmal eine weisse Oligarchie, portugiesische „Konquistadoren“ haben die Fackel (oder den Staffelstab oder die Macht) weiter gegeben, an brasilianische Kautschukbarone oder Grossgrundbesitzer. Den Zusammenhang zwischen Rasse und Klasse zeigt sich zB in Besitzverhältnissen, im Kampf von Kleinbauern und Indigenen um ihre Landtitel gegen Grossgrundbesitzer, und in der Einordnung solcher Auseinandersetzungen in das politische Rechts- /Links-Schema. In Brasilien machen Nicht-Weisse/ Farbige ca. 50% der Bevölkerung aus, sie sind dort (und in Lateinamerika generell) stärker in die Gesellschaft und in das Nationskonzept integriert als in Nordamerika, was aber auch nicht immer so war. In Brasilien, wie auch in Argentinien, gab es keine indianische Hochkultur (wie in Peru oder Mexico) vor der europäischen Kolonialisierung, die unvermischten und meist traditionell lebenden “Indianer” leben im immer weiter schrumpfenden Amazonas-Regenwald. Also in der Peripherie und weit weg vom Zentrum (das in Brasilien die Küste ist). Dafür ist in dem Land der Anteil von Menschen mit afrikanischen Wurzeln hoch, Nachfahren der Versklavten.

Angehörige der meist weissen Oberschichten in lateinamerikanischen Ländern “korrespondieren” in der Regel mit der USA, dominieren das rechtskonservative Lager im Land. Es erinnert an “Krieg und Frieden” von Lew Tolstoi (1805), wo die russische Oberschicht im Zarenreich des frühen 19. Jh porträtiert wird – die westlich ausgerichtet war (nach Westeuropa), aber Privilegien hatte, die dem eigentlich widersprachen, was inzwischen den “westlichen Geist“ ausmachte… Das wirklich Liberale am Westen, an der USA, ist auch für brasilianische Rechte kein Bezugspunkt, im Gegenteil. Nur wenige westlich Ausgerichtete in solchen Ländern nehmen das als westlich Propagierte konsequent an. Was jetzt den Westen ausmacht, ist das eher Imelda Marcos oder doch Corazon Aquino? Zur Zeit des USA-Bürgerkriegs (oder Krieges USA gegen CSA) waren Liberale in Europa mehrheitlich gegen die Sklaverei, aber oft auch für das nationale Anliegen der Confederate States of America. Es war ja so, dass zu Zeiten von Bush und Trump Leute in Europa, die “das Amerikanische” (im Sinn von Multikulturalität, die zB den Jazz ausmacht) eigentlich verachten, Kritiker der Politik dieser Regierungen für „Antiamerikanismus“ geisel(te)n, weil sie sich auf eine bestimmte USA beziehen und diese nun “repräsentiert” sahen. Marine Le Pen tweetete zu Trumps Wahl (bzw zum Abgang Obamas), dass die Amerikaner “nun frei” seien.

Lateinamerika hat es nicht geschafft, Teil des “Westens” zu werden, trotz seines überwiegendst christlichen Charakters, genau so wenig wie das christliche Schwarzafrika.52 Im Westen wird heute viel vom “jüdisch-christlichen Erbe” gesprochen. Und dann wieder über Rasse definiert und ausgegrenzt. Es wird (gelegentlich) vorgemacht, dass es dem Westen daran läge/gelegen sei, seine Privilegien zu teilen, sein System auszubreiten. Und dann sind die Emanzipationsversuch der 2. und 3. Welt zu beobachten und wie damit umgegangen wird. Die Linke in Lateinamerika ist kritischer ggü weissem Herrschaftsanspruch, gegen Einflussnhame von Aussen,… Die Mitwirkung Brasiliens in der BRICS-Vereinigung (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) wurde von den PT-Regierungen vorangetrieben. Russland und China sind keine Demokratien53; in Indien gibt es neben dem “sozialen Gefälle” den Antagonismus zwischen Hindus und Moslems und deren Extremisten; in Brasilien gibt es jetzt Bolsonaro; in Südafrika gibt es sowohl Julius Malema, den linkspopulistischen Führer einer Partei die man als Abspaltung des ANC sehen kann – als auch Politiker wie Diane Kohler-Barnard von der DA, die ’15 auf Facebook einen Beitrag teilte, in dem nahegelegt wurde, dass das Leben unter der Apartheid besser war als danach.54 Präsident Jacob Zuma bekam zur selben Zeit Probleme mit Korruptions-Vorwürfen, wie Dilma Rousseff, trat schliesslich 2 Jahre nach ihrer Absetzung zurück. Brasilien und Südafrika haben so Manches mit einander gemeinsam, hauptsächlich dass sie rassisch diversifizierte Schwellenstaaten sind, die eine Diktatur zu überwinden hatten/haben.

A propos Südafrika: Dort war die Ausgrenzung von Bevölkerungsteilen vom demokratischen Prozess besonders explizit mit rassischen Kriterien begründet bzw definiert. Und die Haltung des Westens zu einer Diktatur ausserhalb des Ostblocks besonders heuchlerisch. „Kante zeigen statt Diplomatie“ heisst es öfters, wenn demokratische, „westliche“ Werte als in Gefahr gesehen werden. Aber doch nicht bei Bolsonaro. Eine korrupte, politische Justiz sehen die meisten deutschen Medien in Venezuela, aber nicht in Brasilien. Die Herrschaft nach innen ist egal, nur ein Thema wenn die Politik nach aussen „problematisch“ ist (> Saudi-Arabien, Aserbeidschan,…). Bei Mubarak gab es keinen Alarmismus, im Gegensatz zu Mursi, obwohl es Ersterer war, der jegliche Opposition brutal unterdrückte. Saudi-Arabien ist bis jetzt ein enger Verbündeter des Westens, egal wie rückständig das Regime das Land hält, egal welchen Islamismus es weltweit fördert. In den 1980ern haben westliche Mächte zusammen mit Saudi-Arabien und Pakistan die Islamisten in Afghanistan gegen die kommunistische Regierung und die SU-Intervention ohne Ende unterstützt. Dieser Übergang… 91 Ende der SU (und des Kalten Kriegs endgültig), 92 Sieg der Islamisten in Afghanistan, 93 der WTC-Anschlag, 96 Machtübernahme der Taliban (von Saudi-Arabien und  Pakistan wurde ihr Regime anerkannt), 01 die Anschläge in der USA unter Bush, Beginn eines neuen Zeitalters.

Manche Länder/Völker haben die Erfahrung gemacht, dass sie vom Westen ohnehin nicht als gleichberechtigte Partner behandelt werden. John Locke (17./18. Jh, ein Vordenker der Aufklärung) war für die Sklaverei, der sozialkritische (ebenfalls englische) Autor Charles Dickens unterstützte die Niederschlagung der Revolte auf Jamaica 1865. Der Graf von Saint-Simon 1803, über den Aufstand unter Toussaint L’Ouverture in Haiti: „Die Revolutionäre wandten das Prinzip der Gleichheit auch auf Neger an. Hätten sie die Physiologien konsultiert, dann hätten sie erfahren, dass der Neger in einer Situation in der ihm dieselbe Bildung wird, organisch nicht in der Lage ist auf das gleiche Maß an Intelligenz erzogen zu werden wie der Europäer“. Ho Chi Minh hat 1919 in Versailles gemäß Wilsons Prinzipien ein unabhängiges geeintes demokratisches Vietnam vorgeschlagen…

Die so genannten “Fünf Zivilisierten Stämme”, die Cherokee, Chickasaw, Choctaw, Muskogee und Seminolen, richteten im frühen 19. Jh ein Regierungs- und Gesellschaftssystem nach dem Vorbild der USA ein, in der “Indian Reserve”. Sogar der Besitz schwarzer Sklaven kam vor (dem Westen folgen, bzw Verwestlichung, bedeutet was?)55. Das bewahrte sie nicht vor dem Indian Removal Act von 1830 und seiner Umsetzung, der Vertreibung über den Mississippi, und später weiteren. Oder, der “freie Markt” in Nicaragua unter den von der USA gestützten Somozas (1936-79): Die Somoza-Familie kontrollierte ungefähr 10% des kultivierbaren Lands, die Luftlinie, den Fernsehsender, eine Zeitung, grosse Teile der Industrie.

Das mit Hilfe (auf Initiative?) der USA vorgenommene Ende von Demokratie und Reform in Guatemala unter dem Diktator Carlos Castillo Armas: Verbot politischer Parteien, Reduzierung des Elektorats, Einführung der Todesstrafe für Streikende. Despotie ist für den „Westen“ meist nur dann ein Problem wenn diese seine Interessen bedroht. Trump faselt wenigstens nicht von universalen Werten, als ob die “Braunen” im Süden grundsätzlich als ebenbürtig gesehen würden, er sieht nicht einmal die anderen westlichen Länder als ebenbürtig, bekennt sich zu Vorherrschaft und Egoismus. Bryan Pitts: “And of course there is the rank hypocrisy of a country that propped up corrupt dictators like Fulgencio Batista and Papa Doc Duvalier lecturing anyone about corruption. Not to mention the utter absurdity of a country that allows unlimited corporate campaign contributions and incarcerates more of its citizens than any other country claiming to have anything useful to teach about democracy.”

1976

Der 08-Präsidentschaftskandidat der US-Republikaner, John McCain, hat damals seinen Gegenkandidaten Barack Obama als “Hamas-Favoriten” bezeichnet. Und, “ähnliche Präferenzen” hätten vermutlich “linksgerichtete lateinamerikanische Führer” wie Daniel Ortega in Nicaragua, so McCain. Da zeigt sich, was sich mit einander verbunden hat… Der für “Anti”deutsche relevante Hans Mayer (“Jean Amery”) pries ’67 USA-Präsident Johnson wegen dessen Unterstützung Israels; dass dieser Johnson auch die Militärdiktatur in Brasilien ermöglicht hat, war/ist Seinesgleichen egal. Israel war auch seit den 1950ern in Lateinamerika meist an Seite der USA dabei, wenn es galt, reaktionäre Kräfte zu unterstützen, ob Pinochet, Videla oder Somoza. Und Rechte in Lateinamerika sind in der Regel nicht nur pro USA, auch pro IL, auch schon vor dem Aufkommen der Evangelikalen dort, wie in Guatemala oder Brasilien. Israel exportiert seine Waffen in diese Länder, seine Vorgehensweisen (politisch, militärisch,…), die Grundhaltungen, was „Sicherheit“ betrifft. Auch in westliche Länder natürlich. 2016 ernannte der Finanzminister der Temer-Regierung, Henrique Meirelles (damals PSD), den Israel-Brasilianer Ilan Goldfajn zum Direktor der Zentralbank. Als Meirelles dann den Vorsitz des Vorbereitungsausschusses für die Olympischen Spiele innehatte, rief er auch das israelische Militär zur Zusammenarbeit für das brasilianische “zu Hilfe”.

John McCain einträchtig mit Rassentrennungsbefürworter Barry Goldwater, ~1986

Es heisst, als Donald Trump davon erfuhr, dass Gwen Stefani für ihren Juroren-Posten bei der Castingshow „The Voice“ mehr Gehalt einstrich als er für seine Sendung „The Apprentice“, die ebenfalls auf NBC lief, inszenierte er seine Ansprache im Trump Tower 2015. Darin brachte er sich jedenfalls als Präsidentschaftskandidat in Stellung, unter Anderem indem er Mexico beschuldigte, Vergewaltiger über die Grenze in die USA zu schicken, bzw Mexikaner indirekt pauschal “Vergewaltiger” nannte. Er verlor zwar seine Show, wurde aber im Jahr darauf zum Präsidenten der USA gewählt. Michael Moore: „Er hat schon seit 1988 darüber gesprochen, für die Präsidentschaft zu kandidieren, wollte aber nie wirklich Präsident werden. Es gibt kein Penthouse im Weißen Haus. Und er will nicht in einer Stadt voller Schwarzer leben…“. (Auch) als Präsident hat er einige Verfahren gegen sich laufen, einen bezüglich Betrugsvorwürfen ermittelnden Richter griff er wegen dessen mexikanischer Herkunft an; Gonzalo Curiel könne seinen Job nicht machen wegen seiner Rasse, hätte einen inherenten Interessenskonflikt, “He’s a Mexican. We’re building a wall between here and Mexico.” Die Grenze zwischen der USA und Mexico, die so seit 1853 besteht, ist nicht nur für Trump eine zwischen Gut und Böse, Sauber und Schmutzig, zwischen Westen und Lateinamerika. Gegen die Flüchtlingskarawane aus Mittelamerika schickte er Soldaten, drohte mit Gewalt, beschimpfte die Beteiligten als „Kriminelle“ und “Invasoren”.

Den schwarzen Gouverneurskandidaten der DP in Florida 2018, Andrew Gillum, bezeichnete Trump als „Sozialisten“, der aus Florida “das nächste Venezuela machen“ werde. Auch da verband sich Rassismus, Ignoranz und Verachtung gegenüber Lateinamerika. Latinos, Schwarze, Orientale, Indianer,… das “unveränderlich Andere” für Menschen wie Trump und Bolton. Sicher, Trump reitet auf einer rechten Welle, die sich über grössere Teile der Welt verbreitet, aber die Ansprüche/Haltungen der Rechten/Nationalisten aus verschiedenen Ländern sind normalerweise nicht zu vereinen, unter einen Hut zu bringen, beissen sich gegenseitig…. Auch wenn sich die derzeitigen Führer Brasiliens, Argentiniens, Guatemalas oder der Möchtegern-Präsident von Venezuela Trump (und seinen Spiessgesellen in anderen Teilen des Westens) andienen – sie werden ohnehin nicht als gleichrangig akzeptiert werden. Die Grenze die Trump, mit Unterstützung vieler Amerikaner, zu Mexico bauen lassen will, ist die Mauer zu Lateinamerika, zu den “Vergewaltigern”, den “Banditos”, wie Mexikaner in Hollywood-Filmen zumindest früher dargestellt wurden – aber eigentlich “Latinos” generell, auch in “unverdächtigen” Filmen wie “Falling Down”. Sein Äusseres ist vernachlässigt, er greift schnell zu Gewalt als Mittel zur Lösung von Konflikten, spricht Englisch mit einem dicken spanischen Akzent, der gleich seine kulturelle Inkompatibilität signalisiert.

Alfonso Bedoya

Für einen mexikanischen Nationalismus werden Klassen- und Rassenfragen zu beantworten sein, jedenfalls werden die an die USA verlorenen mexikanischen Gebiete für ihn eine Rolle spielen und die uralte Verachtung der USA für Mexico. Make America Mexico again. Aber auch jene Lateinamerikaner, die sich der USA andienen, Appeasement üben, entkommen nicht ihrem “Urteil”. Samuel Huntington etwa hat Lateinamerika in toto abgegrenzt vom westlichen Kulturkreis. Und bezüglich der “Latino”-Einwanderer in der USA bekamen nicht nur die armen mexikanischen Einwanderer im Südosten, mit starkem indianischen Einschlag, ihr Fett ab, sondern auch das weisse Bürgertum von Havanna das sich in Miami nieder gelassen hat und rechts wählt.56 WASP-Hegemonie ist laut Huntington das was die USA ausmacht, und zumindest die kulturelle WASP-Hegemonie sei unter Beschuss gekommen durch Multikulturalität, hauptsächlich durch Latino-Einwanderer. Der kubanische Amerikaner Alberto Fernandez, ein ehemaliger Diplomat (für die USA), jetzt stark im neokonservativ-zionistischen MEMRI engagiert, oder Rafael “Ted” Cruz, einer der Latinos in der RP, werden von manchen “Trumpisten” nicht anders gesehen als jene armen Mittelamerikaner, die auf der Suche nach dem “amerikanischen Traum” zur Südgrenze der USA gezogen sind. Und Bolsonaro, wird er für Brasilien irgend eine Form der Anerkennung, eine Aufnahme in den West-Klub, erreichen, indem er es ausverkauft?57

Argentiniens Präsident Mauricio Macri (PRO) ist, wie gesagt, kein Bolsonaro, aber ein rechter lateinamerikanischer Politiker. 2016 hat er, am Jahrestag des Beginns des Argentinisch-Britischen Kriegs von 1982 um die Falkland Islands / Islas Malvinas, den Anspruch Argentiniens auf die umstrittene Inselgruppe im Südatlantik unterstrichen. orf.at: “Nach der Wahl des liberalen Macri hoffte man in London eigentlich auf eine moderatere Falkland-Politik in Argentinien.”58 Nach der Wahl eines Rechten in Argentinien hat man auf eine Form von Appeasement ggü dem britischen Anspruch auf die Inseln bzw ggü Westismus erwartet… Argentinien wurde im Krieg 82 vom Westen nicht als gleichberechtigt/gleichrangig gesehen, auch nicht von jenen, die die damalige Militärdiktatur über Argentinien unterstützten. Der Anglo-Imperialismus wird normalerweise nicht hinterfragt, oder warum jene britischen Politiker, die ggü Falklands/Malvinas eine liberalere Haltung einnehmen, Aussenseiter sind, wie George Galloway. Es fragt sich, ob durch diese Konstellation mehr die Rechte Argentiniens im Dilemma ist, oder jene Paternalisten, die auf die “blaue Welle” in Lateinamerika setzen, um gewisse Dinge wieder ins Lot zu bringen.

Die (relativ) neue spanische Rechtsartei Vox ist für ein zentralistisches Spanien, will eine Mauer in den spanischen Nordafrika-Exklaven Ceuta und Melilla, nach Vorbild der von Trump gewünschten Mauer von der USA zu Mexico, ist schön pro-israelisch ausgerichtet, anti-islamisch, ihre Protagonisten reden von „Reconquista“ (im Zusammenhang mit der Abschiebung von „illegalen Schwarzen“ einstweilen), sieht kulturell-historische Verbindungen Spaniens mit Lateinamerika,… und ist für die Wiedergewinnung Gibraltars von GB; anderswo, wirtschaftlich, ist Thatcher für sie ein Vorbild. Eine derartige “Konstellation” gab es schon zwischen der Franco-Diktatur und ihrer Schutzmacht, der USA. Blas Piñar war Anfang der 1960er Verantwortlicher des Instituts für Hispanische Kultur, unternahm 1962 eine Reise durch ehemalige spanische Kolonien, in Südamerika und auf die Philippinen. Schrieb danach einen Artikel in der Zeitung “ABC”, mit dem Titel “Hipócritas” (Heuchler), eine Kritik an der USA, ihrer Aussenpolitik,…59 In Versform und eigentlich wirr. Der spanische Aussenminister Castiella sah sich veranlasst, ggü dem USA-Botschafter viele Erklärungen dazu abzugeben und Pinar dann zu entlassen. Der blieb dem Franquismus dennoch treu, über das Regimeende hinaus (Fuerza Nueva u.a. Versuche). An dieser Sache ist ja auch bemerkenswert, dass die USA (damals von John Kennedy geführt) ihren Einfluss bzw die aktuelle Bußfertigkeit des Franco-Regimes nicht nutzte, um zB die Freilassung politischer Gefangener zu erreichen. Ein Regime, das vom Bündnis mit Hitler-Deutschland zu einem mit der USA übergegangen war.60

“Neue Kronen Zeitung”-Journalist Michael Jeannee “weiss“, wer in Südamerika gut (rechts) und böse (Anti-USA) ist; während der Fussball-WM ’14 in Brasilien, nach dem Sieg des deutschen Teams über das des Gastgebers, schrieb er ein Hohelied an den deutschen Fussball, mit Nazi-“Anspielungen”. Jeannee hat einige Zeit in Argentinien gelebt, dort bei einer deutschsprachigen Zeitung als Journalist begonnen. Er liess dann irgendwann verlautbaren, eigentlich identifiziere er sich eher mit dem „feurigen argentinischen Gaucho“ als mit dem „biederen deutschen Michel“. Vor dem Finale der WM 14 schrieb er dann etwas über die Männlichkeit der Gauchos, deren Stolz, streute sogar ein paar spanische Wörter ein. Das sind jene Rechten, denen “der Westen” schon zu degeneriert ist, mit seiner Toleranz (für Homosexuelle,…). Jene die im Finale der WM 18 Kroatien gegen Frankreich unterstützten, das Team bzw das Land wo es “noch echte Europäer” gäbe. Und denen Brasilien zu farbig ist, genau so wie zB Cuba. Nahe bei Broder, der auch “Degenerationserscheinungen” im Westen bemängelt, aber die “südländische Kaffeehausmentalität” an sich ablehnt. Und mit dem neokonservativen Snobismus nahe bei Christian Ortner. Da gibt es nicht das Geprotze anderer Weltverbesserer, à la Andreas Koller oder Marco Schreuder61 mit der “Toleranz” und “liberalen Werten”, die den Westen auszeichne, diesen anderen West-Chauvinismus. Jeannee schätzt auch heute noch die südamerikanischen Militärdiktatoren Alfredo Stroessner, Jorge Videla, Augusto Pinochet. “Ich bete die[se] südamerikanischen Generäle nicht an, aber ich kann ihre Leistungen besser einschätzen als andere, weil ich die Länder kenne. Dass in diesen Regimes furchtbare Dinge passiert sind, ist keine Frage.“”

Weiter mit Österreich und Lateinamerika (und USA). 04 ein Promotion-“Interview” von Michael Sivich mit Judith Götz für “Der Standard”.62 Man frau war sich einig beim Lob für die Bushpolizei und der Verurteilung von “plumpem Antiamerikanismus“. Die jetzige Universitäts-Assistentin zu ihrer Freundin, der “Journalistin”: „Ich muss gestehen, dass mich organisatorische Arbeit wie Spenden-Sammeln nie interessiert hat. Und die Organisationen hierzulande haben mich nicht überzeugt: auf Grund des meistens sehr exotistisch geprägten Zugangs ihrer MitarbeiterInnen und des ewigen Schwarz-Weiß-Malens zwischen bösem Nord- und gutem Süd-Amerika. Mich interessiert eine kritische Auseinandersetzung, mit den Linken vor Ort, den indigenen Gruppen und auch mit den Solidaritäts-Bewegungen.“ Kürzlich eine Nachrichtenmeldung auf Yahoo63, in der USA werde die beschlossene Änderung des 20-Dollar-Scheins noch dauern. Durch die unter Barack Obama veranlasste Umgestaltung soll die die Sklavin und Widerstandskämpferin gegen die Sklaverei, Harriet Tubman, auf der Note zu sehen sein, und nicht mehr Andrew Jackson, Präsident und Sklavenhalter. Trumps Finanzminister Steven Mnuchin begründete die Verschiebung der Herausgabe der neuen Scheine mit der Arbeit an fälschungssicheren Sicherheitsmerkmalen.

Viele Republikaner hatten die Entscheidung für die Änderung damals, 2016, kritisiert, Trump sah eine Handlung aus “politischer Korrektheit”, pries Jackson. Unter dem Artikel in den Benutzerkommentaren: “Typische dummdreiste linksmedien propaganda.. die Tutze sollte jemand ersetzten der das Territorium der USA um 40% vergroessert hat.. Die kann man mit einem Giganten wie Jackson gar nicht vergleichen…..Natuerlich hoffen BRD medien auf die Ignoranz der Leser um weiter ideologische Volksverdummung zu betreiben.”64 Der nächste dann, dass „Neger“ von Affen abstammten, nur die „Neger“. Jackson kaufte eine Plantage in Tennessee, auf der hauptsächlich Baumwolle angebaut wurde – von Afrikanern, die nach Amerika deportiert und versklavt wurden. Jackson, dessen Eltern aus Nord-Irland nach Pennsylvania auswanderten, wenn man so will von einer britischen Kolonie in eine andere, war als Offizier wie auch als Präsident (1829 bis 1837) der USA gegen die “Indianer” Nordamerikas aktiv, in seine Amtszeit fällt die gewaltsame Vertreibung der so genannten „fünf zivilisierten Indianernationen“. Unter diesem ersten USA-Präsidenten, der nicht aus der Elite des Unabhängigkeitskrieges stammte, fand übrigens keine Territorialexpansion statt.65

Literatur & Links

Bürgerrechte in Gefahr in Russland, Türkei und Brasilien

Die Allianz aus Putschisten und Putschwilligen

The financial press can’t hide it’s glee over a fascist Brazil

Oliver Della Costa Stuenkel: Post-Western World. How Emerging Powers Are Remaking Global Order (2016)66

Mauro Porto: Media Power and Democratization in Brazil: TV Globo and the Dilemmas of Political Accountability (2012)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. “Farbig” ist “Kontrollminister” Wagner Rosario, weiblich ist zB Landwirtschaftsministerin Tereza C. Dias
  2. Technologieminister Pontes ist zB ein ehemaliger Luftwaffen-Offizier (und Astronaut); ihn könnte man auch noch als “farbig” bezeichnen
  3. Mit der Militärdiktatur Brasiliens hatte die USA eine vorzügliche Zusammenarbeit, ganz dem Muster ihrer Interventionen in Lateinamerika/Karibik entsprechend
  4. Der Osten von Jerusalem/Quds wurde von Israel 1967 besetzt und der Status der Stadt soll Teil einer Friedenslösung sein. Israel beansprucht die ganze Stadt als seine Hauptstadt, verdrängt die Palästinenser in den ihnen gebliebenen Stadtteilen, baut einen (natürlich ethnisch exklusiven) Siedlungsring zur Abgrenzung vom (noch einigermaßen palästinensischen) Westjordanland,…
  5. Dieses auf Israel ausgerichtete Dreieck gibt es auch in der USA, ein rechter Präsident, der überwiegende Teil der jüdischen Gemeinschaft sowie die Evangelikalen
  6. Es gibt eine parteiübergreifende Parlamentariergruppe der Evangelikalen, die sich nach den Wahlen ’14 (die einen kleinen Rechtsruck im Parlament brachten) mit anderen solchen Gruppen zusammentat, um Mehrheiten für konservative Gesetzesvorlagen zu erreichen: Der „Null-Toleranz-Fraktion“ (vor allem aus ehemaligen Polizisten und Soldaten bestehend) und der Agrar-Unternehmer-Lobby. Boi, Bíblia e Bala ist eigentlich ein inoffizieller Beiname dieser Abgeordneten-Allianz
  7. Neben Anderen aus der neoliberalen Wirtschaftselite
  8. Lobby-Agentur
  9. Für Sojaanbau zB, oder zur Kuhhaltung, die auch der Produktion von “Halal-Fleisch” dient
  10. Und, Angestellte in Ministerien, die mit der neuen Regierung ideologisch nicht auf einer Linie liegen, werden entlassen
  11. Abgeschafft wurde die Todesstrafe (für nicht-militärische Vergehen) 1988. Aber, zuletzt wurde sie 1876 angewandt; an einem Sklaven, also einem Schwarzen, namens Francisco. 1861 wurde letztmals ein Freier gehängt. Die letzte Frau die an der die Todesstrafe exekutiert wurde, war eine Sklavin, 1858
  12. Der Ehemann des US-amerikanischen Journalisten Glen Greenwald, David Miranda, war ein Kollege und Freund von “Franco”
  13. Eigentlich die Nachfolgepartei der Pro-Diktatur-Partei UDN
  14. Es gibt daneben noch einige unabhängige/blockfreie Parteien/Abgeordnete
  15. Das zeigt sich schon durch einige Minister-Ernennungen, wie die von Andrés Chadwick oder Cristian Larroulet
  16. Bei Trump und der gleichfalls (noch) kleinen Initiative zur Abspaltung von Kalifornien ist die Sache etwas anders, Yes California ist ihm ideologisch entgegen gesetzt
  17. “Lieber Frauenheld als schwul”
  18. Oder Roland Schill, der ja nach Brasilien gezogen ist. Der muss doch eine Freude mit Bolsonaro haben, der koksende Gesetzes- und Ordnungswächter, der in Hamburg “aufgeräumt” hat
  19. “Wie könnt ihr nur, Brüder?”
  20. Aber, er ist, vom passiven Interesse (nicht von der aktiven Ausübung…) möglicherweise Sport Nr. 2 in Brasilien
  21. xxxx://de.wikipedia.org/wiki/Movimento_Brasil_Livre
  22. Griechisch-orthodoxer libanesischer Herkunft
  23. Noch im April 18 wurde ein Besuch von brasilianischen Abgeordneten, dem ehemaligen Präsidenten Uruguays, José Mujica, sowie des argentinischen Friedens-Nobelpreisträgers Adolfo Perez Esquivel bei Lula im Gefängnis, zur Abschätzung seiner menschenrechtlichen Situation, nicht gestattet
  24. Wobei, das ist relativ
  25. Wo Crack zirkuliert
  26. Der Seitenwechsel den Temer 2016 vollzog, erinnert an jenen von Genscher 1982
  27. Dort war die eigentliche Opposition, die NP, von 1994-96 in der selben Regierung
  28. Da Silvas Vorgänger Cardoso ist von der PSDB, die (wichtigsten) Verlierer in den Präsidentenwahlen von 2002 bis 2014 waren jeweils von dieser Partei, und bei den Parlamentswahlen dieser Jahre lag meist auch die PT vor der PSDB
  29. Zur Zeit der Militärdiktatur gross geworden
  30. Von Richter Moro, im Zusammenhang mit Petrobras, was auch “Lula” vorgeworfen wird
  31. Und Eigenständigkeit, in wirtschaftlicher und aussenpolitischer Hinsicht
  32. Es gibt noch weitere Anklagen gegen ihn
  33. Nicht nur inhaltlich, auch formal: Es gibt Meldungen, wonach Abgeordnete im Absetzungsverfahren bestochen wurden
  34. Reuters-Meldung: www.reuters.com/article/us-brazil-politics-lula/brazil-army-commander-repudiates-impunity-on-eve-of-lula-ruling-idUSKCN1HB09J
  35. Es scheint sogar ein UDN-Politiker, Virgilio Tavora, einem dieser Kabinette angehört haben, die ansonsten aus PTB, PSD, und PDC gebildet wurden
  36. www.youtube.com/watch?v=8NSFunW2YHo
  37. VW do Brasil in der brasilianischen Militärdiktatur 1964–1985. Eine historische Studie. 2017
  38. Der Werkzeugmacher Bellentani wurde 1972 als Mitglied der kommunistischen Partei PCB verhaftet, auf dem Werksgelände in Sao Bernardo do Campo, fast 1 Jahr ohne Prozess gefangen gehalten, von DOI-CODI und DOPS gefoltert, und nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis von VW entlassen. Er hat auch vor der Nationalen Wahrheitskommission ausgesagt, die von Präsidentin Rousseff 2011 zur Aufarbeitung der Diktatur eingerichtet wurde
  39. Auf den Sklavenaufstand auf der spanischen “Amistad” 1839 folgte ein Prozess in der USA, auch ein Sklavenhalterstaat, ein Rechtsstreit durch alle Instanzen, in dem es darum ging, ob die Afrikaner tatsächlich unrechtmäßig versklavte Menschen waren, die sich legal mit allen Mitteln gegen ihre Versklavung wehren durften
  40. “Umgang mit China: Wo Trump Recht hat”. Fleischhauer 2019: “Warum afrikanische Kunst in Europa am besten aufgehoben ist.” Der originale, vom “Spiegel” entfernte Titel des Textes hieß: “Die gute Seite des Kolonialismus”. “Wenn es um das koloniale Erbe geht, plagt gerade Menschen in der Kulturszene, die mehrheitlich eher links stehen, ein furchtbar schlechtes Gewissen. Der Kolonialismus gilt als ein besonders abscheuliches Kapitel der Geschichte des Westens. Die Rückgabe afrikanischer oder asiatischer Kulturgüter erscheint als eine Wiedergutmachung für das Unrecht, wie überhaupt auffällt, wie stark die Diskussion von Begriffen wie Schuld und Sühne geprägt ist…Schreiben Sie es meiner Borniertheit zu, aber ich persönlich habe gewisse Zweifel, ob noch viel übrig wäre, was man bestaunen könnte, wenn es nicht in europäischen Museen verwahrt würde.” Yasmin M’Barek: „Im Klartext: Wären die überhaupt nicht zivilisierten Afrikaner überhaupt in der Lage gewesen, ihre Kultur aufzubewahren?“
  41. In Israel/Palästina gibt es diese Kluft zwischen Besatzern und Besetzten
  42. Dass Ecuador Julian Assange, den australischen Gründer von Wikileaks fallen gelassen hat (nach 6 Jahren), unter einer linken Regierung, ist wieder eine andere Sache
  43. Dass die Front National in Frankreich bei einer Wahl 34% bekommt, wie Marine Le Pen, bei der Präsidentenwahl 2017, wäre ein paar Jahre zuvor noch undenkbar gewesen, oder dass die “Nachfolgepartei” Rassemblement national bei der EP-Wahl 19 Stärkster wird. Man muss solche Phänomene aber wohl im Zusammenhang mit anderen, wie dem islamistischen Terroranschlag in Paris 2015 (mit 130 Toten), sehen
  44. Brasilien hat in Süd- wie Lateinamerika eine Sonderstellung, aufgrund seiner Grösse und seines portugiesischen Charakters. Die Sprache trennt, wobei ein “grundlegendes” Verständnis der jeweils anderen Sprache ohne sie wirklich gelernt zu haben möglich ist. Und zur Verständigung zwischen Spanisch- und Portugiesisch-Sprachigen gibt es Portunhol/ Portuñol, ein nicht “geregelter”, simplifizierter Mix aus Português und Español, eine Art Pidgin, das im Grenzgebiet gesprochen wird, das mehr oder weniger immer wieder aufs Neue spontan entsteht
  45. Die Abtretung Floridas erfolgte noch durch Spanien
  46. Die rechten Militärdiktaturen Südamerikas der 1960er bis 1980er arbeiteten zB in der Operation “Condor” zusammen, bei der man geflüchtete Oppositionelle einander auslieferte
  47. Zu den Absolventen gehört Manuel Noriega, der dann, je nach Sichtweise, in Ungnade fiel oder sich abwandte
  48. “¡Pobre México! ¡Tan lejos de Dios y tan cerca de los Estados Unidos!”; er dürfte das zu einem spanischen Journalisten gesagt haben
  49. So wie jene, die für eine Krieg gegen Syrien oder Iran trommeln, diese Länder/Völker in der Regel zutiefst verachten
  50. Vor seinem Besuch im Weissen Haus ’19 hat Kurz Donald Trump für “eine teils sehr aktive und auch sehr erfolgreiche Aussenpolitik“ gelobt: „Trumps Engagement für eine friedliche Lösung auf der koreanischen Halbinsel oder auch seine klare Unterstützung für Israel sehe ich sehr positiv“
  51. www.freitag.de/autoren/lutz-herden/erneut-verkalkuliert . Ein anderer link dazu: www.hintergrund.de/hintergrund/manipulation-mit-staatsvertrag/
  52. Das “mexikanische 1968”, Proteste gegen die Regierung während Olympia, wird zB normalerweise nicht zur 68er-Bewegung gerechnet, eher etwas, womit die westlichen 68er Solidarität übten oder auch nicht. Es ist ähnlich wie mit den Vorgängen in der CSSR in diesem Jahr
  53. Aber als Gegenpol/Korrektiv zum Westen schon wichtig
  54. Wenn man zur “richtigen Rasse” gehörte, wie sie, wahrscheinlich schon
  55. Besteht das Wesen des Westens (heute) aus den Ideen/Idealen des freiheitlichen Beginns der Französischen Revolution? Auch wenn: die vielen damals (von Frankreich oder anderen europäischen Mächten) unterworfenen Nicht-Weissen waren für diese Revolutionäre nicht ebenbürtig, nicht Menschen für die diese Ideale (der Gleichheit usw.) galten. Und es ist fraglich, ob sich diese Haltung/Sicht (des Westens auf das Andere) bis heute grundlegend geändert hat…
  56. Z. B. in “Foreign Policy” ’04, “The Hispanic Challenge”
  57. Eine Anerkennung wie Kroatien oder Rumänien von Nazi-Deutschland, indem sie sich diesem andienten?
  58. Hervorhebungen von mir
  59. hemeroteca.abc.es/nav/Navigate.exe/hemeroteca/madrid/abc/1962/01/19/003.htm
  60. Das Erbe des Franquismus ist teilweise über die Alianza Popular in die Partido Popular eingegangen, nicht zuletzt durch José M. Aznar (heute aktiv u.a. in MEMRI, News Corporation, FAES, Friends of Israel Initiative)
  61. Sorry, dass ich am Ende lauter Leute bringe, die nur in Österreich irgendwie relevant sind, aber es geht ja darum, etwas aufzuzeigen
  62. xxxx://derstandard.at/1649007/Lieber-40-und-Marxistin-als-20-und-Konformistin . Beide gehören zur “anti”deutschen Szene in Wien, versuchen sich als unabhängig und sachkundig zu präsentieren. Sivich lieferte in dem “Interview” die plumpen Vorlagen, wie “Also weg von der reflexhaften Verteufelung der USA und ihrer Politik?”, den Bush-Krieg im Irak versuchte sie heraus zu putzen mit dem Hinweis auf die “Vertreibung” der irakischen Juden, Giftgasangriffe auf kurdische Iraker und Morden an Kommunisten im Irak… Wann die Not der Kommunisten oder der Kurden im Irak losging, dazu reichen die Kenntnisse nicht, besonders für Erstere hat sich die USA ja immer hilfreich eingemischt. Götz wird inzwischen als “Rechtsextremismus–Expertin” deklariert, war kürzlich dazu im ORF, als Gegenpol zu Andreas Mölzer präsentiert/aufgetreten…Mit ihm hätte sie doch darüber reden können, was er an Trump toll findet, über Trump und Rechtsextremismus, über Straches Kontakte zur Tea Party, und über “Anti-Amerikanismus”
  63. Mit einem Yahoo-Email-Konto stolpert man hin und wieder zwangsläufig auch über Tobias-Huch-Aufsätze. Der Deutsche hat sich das Krisengebiet “Orient” (Westasien und Nordafrika) als Betätigungsfeld und Projektionsfläche seines Chauvinismus ausgesucht, nicht zB Lateinamerika, das, bevor es losging mit jenen Entwicklungen, um die es in diesem Artikel geht, inzwischen schon zu selbstbewusst und gefestigt war
  64. Dieser jammerte in anderen Kommentaren über Frauen, die Verwendung der englischen Sprache, die “linken volksfeinde”
  65. Die “Indian Reserve”, aus der die “zivilisierten Indianer” vertrieben wurden, bekam Grossbritannien 1763 nach dem Kolonialkrieg gegen Frankreich zugesprochen
  66. Stünkel unterhält die Website www.postwesternworld.com

Agana 1944 und was damit zusammen hängt

Die Sache 

Agana (heute Hagatna) ist die Hauptstadt der Insel Guam1. Dort ereigneten sich zu Weihnachten 1944 “Unruhen” innerhalb US-amerikanischer Truppen, die die Insel einige Monate zuvor von den Japanern zurückerobert hatten, im Pazifikkrieg; die Agana race riot.

Dazu ist zu sagen, dass es in den Streitkräften der USA damals noch immer getrennte Einheiten für Weisse und Schwarze gab. Im 2. WK gab es erstmals Schwarze in Kampfeinheiten, eigenen. Spannungen zwischen weissen und schwarzen Marines begannen im August ’44. Die dort praktizierte Rassentrennung war natürlich eine hierarchische, die Schwarzen standen deutlich unter den Weissen, in vieler Hinsicht. Ein schwarzer Marine verglich die Zustände in den militärischen Lagern auf der Insel mit einer Stadt “tief im Süden” (der USA). Ein Streitpunkt war(en) (bzw ergab sich aus) die einheimischen Frauen Guams bzw seiner Hauptstadt Agana (Agaña), die die US-amerikanischen Soldaten gelegentlich “aufsuchten”, ob gegen Bezahlung oder nicht. Nachdem bereits mehrmals weisse Soldaten (hauptsächlich der 3. Marines Division) versucht hatten, ihre schwarzen Kollegen (von der Marine 25th Depot Company) davon abzuhalten, die Stadt und ihre Frauen zu besuchen2, eskalierte zu Weihnachten 44 der Konflikt.

In einem Streit um eine Guamer Frau erschoss ein weisser Marine einen schwarzen in Agana. Anscheinend war das am 24. Dezember. Am nächsten Tag beschossen weisse Marines schwarze in der Stadt. Dies führte fast zu einem grösseren internen Kampf, nachdem die zum Militärlager zurückgekehrten Afro-Amerikaner LKWs entwendeten und in die Stadt fuhren. Die Militärpolizei, die nun einschritt, hielt sie davon ab, durch Strassensperren. Aber im Lager brachen nun Feuergefechte aus, zwischen Weissen und Schwarzen. Es gibt wenige Informationen über die rassischen “Unruhen” im US-Militär auf Guam 44; und darüber, wieviele Todes-Opfer es an diesem 25. Dezember gab. Es folgten jedenfalls Militärgerichts-Verfahren (anscheinend fast nur gegen Schwarze), Verurteilungen, 1946 Begnadigungen.

Jener in Agana war beileibe nicht der einzige Konflikt dieser Art in den Streitkräften der USA, auch nicht in diesem Krieg.

Am Militärstützpunkt Fort Lawton (Bundesstaat Washington) lebten 1944 US-amerikanische Soldaten (schwarze und weisse), deutsche und italienische Kriegsgefangene “zusammen”. Es kam zu einem Streit zwischen Afro-Amerikanern und Italienern, einem Kampf (1 toter Italiener), die (weisse) Militärpolizei griff ein, ein Militärgericht (mit weissen Offizieren) verurteilte Afro-Amerikaner… Camp Claiborne lag ausserhalb Alexandria (Louisiana). Auch dort US-amerikanische Soldaten und deutsche Kriegsgefangene. Und blatante Bernachteiligung der nicht-weissen Amerikaner, strikte Rassentrennung (auch in der baptistischen Kirche). Und Gegenwehr der Betroffenen, in Form einer Art Meuterei, die 1944 begann, wieder “Gegenreaktionen” nach sich zog,… Darüber hier; zu Beobachtungen zur Behandlung von Kriegsgefangenen aus Nazi-Deutschland oder aber Afro-Amerikanern etwa in Huntsville unten im Rassismus-Abschnitt mehr.

In einer Marine-Basis in Port Chicago (California) kam es im Juli 1944 in einem Munitionsdepot während des Beladen eines Schiffes für den Pazifikkrieg zu einer Explosion, die 320 Soldaten sowie Zivilisten tötete und Hunderte weitere verletzte. Die meisten davon waren wiederum Afro-Amerikaner, warum auch immer… Einen Monat später führten unsichere Arbeitsbedingungen beim Laden von Munition zu einer Meuterei von Marine-Soldaten in Port Chicago. 50 “Meuterer” wurden dafür (von einem Kriegsgericht) zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt; sie waren dann etwa eineinhalb Jahre inhaftiert. Infolge der Sache wurde die Rassentrennung in den Streitkräften etwas diskutiert. “Trennung” bedeutete (auch) hier kein gleichberechtigtes Nebeneinander, sondern zB die Delegation schwieriger und gefährlicher Aufgaben an jene, die in der Hierarchie unten standen. Verantwortliche für die Munitionsexplosion bzw die Arbeitsbedingungen wurden keine zur Verantwortung gezogen.

Abseits des Kriegsgeschehens, aber in Zusammenhang mit ihm, gab es 1943 in Detroit rassische Unruhen, die etwa 3 Tage dauerten. Auslöser waren soziale Spannungen durch die Umwidmung der Automobilindustrie der Stadt für Rüstungsprojekte, sowie der Zustrom Hunderttausender in die Stadt in den Jahren davor (Weisse und Schwarze). Die Nationalgarde von Michigan schlug die Unruhen nieder.

Während das Militär der USA die faschistischen Achsenmächte bekämpfte, gab es nicht nur “zu Hause” (in der USA) einen nicht zu übersehenden Rassismus (der hauptsächlich Afro-Amerikaner betraf), sondern auch in diesen Streitkräften. Der Sänger Harry Belafonte (Harold Bellanfanti), einer der Afro-Amerikaner, die im 2. Weltkrieg, in eigenen Einheiten, teilnahmen (er in der Marine): “Es ging für uns Schwarze nicht nur um Hitler und Europa, sondern auch um die USA”. Dort gab es auch nach diesem Krieg vielerorts noch Rassentrennung. Und Lynchjustiz. Der (1915 neu geründete) Ku Klux Klan wollte unter den Grand Wizards James Colescott und Samuel Green mit Nazi-Deutschland zusammenarbeiten – bis Pearl Harbor. Zu dieser Zeit wurde auch der pro-nazi German American Bund aufgelöst, mit dem der KKK zusammenarbeitete. Der “Klan” war damals nicht nur in den Südstaaten der USA (womit eigentlich der Südosten gemeint ist) aktiv, sondern zB auch in Detroit, bei den Unruhen von 1943. Der Urenkel vom wichtigsten Führer des ersten, originalen Klans, Nathan B. Forrest III (aus Tennessee), war General im USA-Militär in diesem Krieg, wurde ’43 über Kiel abgeschossen. Sein Kriegseinsatz sagt nichts über seine Haltung zu Nicht-Weissen aus (sein Vater war jedenfalls noch ein hohes KKK-Tier), nur dass er bereit war, für die globalen Machtinteressen der (weissen) USA zu kämpfen.3

Auch bei (bzw in) anderen Mächten diesen Kriegs gab es interne Konflikte, im Land und in der Armee. Auch in Nazi-Deutschland, man denke etwa an den militärischen Widerstand. Und, bei einem derart rassistisch ausgerichteten Regime gestalteten sich auch die Beziehungen zu Verbündeten “schwierig”, auch zu den engsten, Italien und Japan. In der Sowjetunion gab es Teile mehrerer Völker, die versuchten im Zuge des Krieges von der stalinistischen Herrschaft loszukommen, nicht zuletzt bei den Ukrainern. Bei den Briten waren es hauptsächlich verschiedene Kolonialvölker, die “ausscherten”. Ein Teil der Inder etwa. Oder die Srilanker, die auf Cocos Island meuterten. Dieser Konflikt weist eigentlich Ähnlichkeiten mit dem auf Guam auf: Hilfstruppen, die als rassisch minderwertig gesehen und erniederigend behandelt wurden, die sich wehrten, am Ende wurde aber die alte Ordnung wieder hergestellt. Die Afro-Amerikaner auf Guam stellten aber nicht ihre “Mission” dort, den Kampf für ihre Herren dort gegen die Japaner, in Frage. Die Kokos-Inseln liegen wie Guam “zwischen” Asien und Ozeanien, auch auf Neuguinea4 oder Timor trifft das zu.

Die Sache in Agana war eigentlich weder Meuterei noch Desertion noch Befehlsverweigerung, auch die erwähnten Ereignisse in Fort Lawton, Long Binh und Houston gehören in eine andere Kategorie, bei Camp Clairborne und Port Chicago handelte es sich um Meutereien.

1948 wurde die Rassentrennung (Segregation) in den US-Streitkräften von Präsident Harry Truman aufgehoben. Im Korea-Krieg gab es erstmals gemischte weiss-schwarze Einheiten im USA-Militär, theoretische Gleichberechtigung gab’s ab dem Vietnam-Krieg.

Die Gewalt unter US-Truppen auf Guam 1944 führt in den folgenden Kapiteln zur Geschichte Guams, zum 2. Weltkrieg bzw dazu relevanten Aspekten (Pazifik-Krieg, Kriegsende,…), zur Geschichte von Unruhen bzw gewaltsamen Auseinandersetzungen in der USA, schliesslich zum Thema Rasse und Rassismus in der USA.

Guam

Guam und die anderen Marianen-Inseln gehören zu Mikronesien, dem nördlichen Teil Ozeaniens. Der Begriff hat eine geografische wie eine ethnisch-linguistische Bedeutung.5 Guam und die nördlich “anschliessenden” Inseln Rota, Saipan, Tinian,… liegen nach Ost-Asien hin “offen”. Sie wurden vom portugiesischen Seefahrer in (damals) spanischem Dienst, Fernão de Magalhães/ Ferdinand Magellan 1521 entdeckt und besucht; zusammen mit jenem Archipel, der dann Filipinas benannt wurde. Es folgte die spanische Inbesitznahme, die Inselgruppe wurde Marianas (Marianen) genannt, nach der Königsgattin Maria Anna (Mariana) von Habsburg.6 Ab dem 17. Jh wurden die Marianas/Marianen von Spanien besiedelt (Kirchenleute, Händler, Soldaten,…), auch mit Leuten von den Filipinas/Philippinen.

Spanische Karte von Guam aus dem 18. Jh

Die Bevölkerung Guams und der anderen Marianen-Inseln wurde durch etwas (biologische) Vermischung mit Filipinos/Philippinos und kultureller Prägung durch die Spanier zu Chamorros7. “Häuptling” Matå’pang war einer der Anführer der Chamorros, die bis ins 17. Jh Widerstand leisteten, um die Beibehaltung der althergebrachten Kultur kämpften. Ein Kampf, der verloren ging.8 In der Rassen-Hierarchie der Spanier auf den Marianen standen Peninsulares ganz oben, das waren in Spanien geborene Spanier; es folgten Criollos, auf den Marianen geborene Spanier; dann Mestizos (Personen die von Partnerschaften9 von Chamorros und Spaniern abstammten), Filipinos, und ganz unten Chamorros, die “Urbevölkerung” der Inseln. Eingeschleppte Pocken töteten viele von diesen. Die Chamorros durften ihre Gobernadorcillos (Bürgermeister) wählen, ihre eigenen Angelegenheiten (im engsten Sinn) selbst verwalten. Die Marianen wurden zusammen mit den Philippinen verwaltet. Spanische Schiffe kamen aus Amerika (in der Regel aus Acapulco, Mexico, Neu-Spanien) in die pazifische Region, hielten am Weg zu den grösseren und wichtigeren Philippinen (Manila) auf den Marianen, wurden Manila-Galeonen genannt. Die Spanier bauten auf Guam Festungsanlagen, die zT heute noch stehen, wie das Fort Nuestra Señora de la Soledad in Umatac.

Indias orientales españolas (Spanisch Ost-Indien) war der Überbegriff für die spanischen Kolonien im ostasiatisch-pazifischen Raum. Neben Philippinen und Marianen schlossen diese Indias orientales auch die südlich an die Marianen angrenzenden Carolinas/ Karolinen (Yap, Palau/Palaos,…) mit ein. Diese wurden auch im 16. Jh von Spanien entdeckt und in Besitz genommen, wurden zeitweise Nuevas Filipinas genannt. Zeitweise, in der frühen Neuzeit, wurden auch die Molukken/Moluccas/Maluku, Sulawesi/ Celebes und Formosa/ Taiwan bzw Teile davon von Spanien beherrscht und in sein Ostindien inkludiert. Dieses Kolonialreich hatte etwa 350 Jahre bestand, von Mitte des 16. Jh bis Ende des 19. Es stand an Bedeutung für Spanien klar im Schatten von jenem in Amerika, war wahrscheinlich etwas wichtiger als die Kolonien in Afrika. Die Gebiete von Spanisch Ost-Indien wurden als Teil des Vizekönigreichs Nueva España/ Neu-Spanien (mit dem Zentrum Mexico Stadt) verwaltet, waren (seit 1565) im Generalkapitanat Philippinen (Capitanía General de las Filipinas) zusammengefasst. Anfang des 19. Jh verlor Spanien ja infolge der Napoleonischen Kriege in Europa10 den allergrössten Teil dieses Vizekönigreichs, seine Amerika-Kolonien, behielt nur Puerto Rico und Cuba, auf der Atlantik-Seite bzw in der Karibik.11

Der Verlust von Mexico veranlasste Manche in der spanischen Regierung, die Aufgabe von Guam, der anderen Marianen, sowie der Karolinen zu erwägen. Diese Gebiete waren einst, wie die Philippinen, von ihnen von Mexico (Mexiko) aus erobert, dann verwaltet und bewirtschaftet worden. Die Kolonien in Mikronesien wurden dann aber (noch) stärker mit den Philippinen verbunden, verwaltungsmäßig, wirtschaftlich,… Vor “Einführung” des Flug-Verkehrs, nach der Fertigstellung des Suez-Kanals und vor jener des Panama-Kanals, also im späteren 19. Jh, war dieses spanische Ostindien vom “Mutterland” lange Schiffsreisen entfernt. Guam wurde im 19. Jh als Walfänger-Station wichtig. Cuba (Kuba) und Puerto Rico waren näher bei Spanien und auch abgesehen davon die wichtigeren Kolonien. Die Sklaverei hat Spanien dort erst 1873 (Puerto Rico) bzw 1886 (Cuba) abgeschafft. Bis in die 1860er wurden Afrikaner dort hin verschleppt, zur Zwangsarbeit hauptsächlich auf Zuckerrohr-Plantagen.12 Seine anderen Amerika-Kolonien hatte Spanien Anfang des Jahrhunderts verloren, bevor eine Sklaverei-Abschaffung auf “den Tisch kam”. Darüber hinaus wurde die Peonage betrieben, eine der Sklaverei sehr nahe kommende Form der unfreien Arbeit. Auf Guam wurde das auch nicht für Chamorro praktiziert, da die Spanier dort kaum Plantagenwirtschaft betrieben. Was auch damit zu tun hatte, dass die Region immer wieder von Taifunen heimgesucht wird.

Mitte des 19. Jh waren waren die Indianer-Völker in der Osthälfte des Landes unterworfen, wurde die kontinentale Ausbreitung der USA komplettiert durch Aneignungen mexikanischen Territoriums.13 Wahrscheinlich ist der Beginn des Imperialismus der USA mit der Eroberung grosser Teile Nord-Mexicos anzusetzen. Der Westen der USA war ein “wilder”, in dem die Indianer noch unterworfen werden mussten. Was in der zweiten Hälfte des 19. Jh geschah, mit dem Wounded Knee-Massaker weitgehend zum Abschluss kam. Am Weg vom Gadsen-Kauf (eines weiteren Teil Mexicos) zu Wounded Knee (1890) war der Kauf Alaskas von Russland (1867) gewissermaßen eine Zwischenstation. Und auch durch den Guano Islands Act von 1856 wurde das US-amerikanische Staatsgebiet vergrössert.14 Hinzu kam die “Öffnung” Japans, die Beteiligung an der “Öffnung” Chinas,… In dieser Phase, dem späteren 19. Jh, kamen aus/in der USA, als Unterpfand dieses Imperialismus, Manifestationen eines Auserwähltheitsanspruchs, der sich nur auf bestimmte Bevölkerungsteile als “Träger” dieses Staates bezogen, die herrschenden Anglosachsen (und an sie Assimilierte).

Beim Historiker John Fiske gab es das Konzept einer “angelsächsischen (rassischen) Überlegenheit”, beim protestantischen Geistlichen Josiah Strong die Verbindung dieses Anglo-Saxonism mit pseudo-christlichen Ideen, ein US-amerikanischer Imperialismus sei eine Missionierung, bedeute eine Zivilisierung für die Welt. Beim Politiker Theodore Roosevelt (zum Teil niederländischer Herkunft, aber das waren/sind zB die genannten “Assimilierten”/Aufgenommenen) gab es auch diesen rassi(sti)schen Imperialismus, und er war entscheidend an seiner Umsetzung beteiligt. Der Politiker der Republican Party und Militär hat mit seiner Meinung über Nicht-Weisse nicht hinter dem Berg gehalten. Die Sklaverei (von Afrikanern) sei deshalb ein Verbrechen, weil sie Afrikaner nach Amerika brachte. 1886 in einer Rede in New York über “Indianer”, die verbliebenen in der USA: “I don’t go so far as to think that the only good Indians are dead Indians, but I believe nine out of ten are, and I shouldn’t like to inquire too closely into the case of the tenth. The most vicious cowboy has more moral principle than the average Indian.” Das war vier Jahre vor dem Wounded Knee-Massaker, als es fast keinen Widerstand mehr von den Indianern gegen die USA gab, diese schon unterworfen waren.15

Als Vize-Marineminister war er entscheidend an der Vorbereitung des Kriegs gegen Spanien um dessen Kolonialgebiete in der Karibik und im Pazifik beteiligt, dann auch als Offizier in diesem Krieg. Das Ende des 19. Jh war in der USA gekennzeichnet vom Beginn der “Progressiven Ära”, die auf das Gilded Age folgte, eine Ära die von aussenpolitisch-militärischen Erfolgen, Wirtschaftswachstum, Technisierung, wissenschaftlichen Innovationen, Einwanderung gekennzeichnet war. Der Spanisch-Amerikanische Krieg 1898 war so etwas wie die Einleitung zur letzten Phase der Expansion der USA, gleichbedeutend mit ihrem Aufstieg zur Weltmacht/Weltpolizist. Es war der erste grössere Krieg der USA nach Abschluss der Festland-Expansion und nach dem Bürgerkrieg (oder: Sezessionskrieg), er war relativ kurz und leicht.

Der Krieg USA-Spanien 1898 in und um Cuba, Puerto Rico, Guam, Philippinen dauerte 10 Wochen. Präsident William McKinley startete ihn nach dem Sinken des Kriegsschiffes „USS Maine“ im Hafen von Havanna, das den Spaniern in die Schuhe geschoben wurde.16 Die “Maine” war ab 1897 in den Gewässern der damals spanischen Kolonie Cuba eingesetzt worden, im Jänner 1898 ging sie vor Havanna vor Anker, um durch ihre Anwesenheit Druck auf die Spanier auszuüben. Die Hearst- und Pullitzer-Presse hatten lange für diesen Krieg getrommelt, wie auch viele Politiker, brachte “Mitgefühl” für die Untertanen der Spanier zum Ausdruck, die wirtschaftlichen und strategischen Gründe oft hinter dem Berg haltend. Es ist diese Rhetorik, die US-amerikanische Militäraktionen praktisch immer begleitet, ob Panama 1989 oder Irak 2003…es geht um Hilfe für die Menschen dort.

Von den verbliebenen spanischen Kolonien war Cuba am wichtigsten, dann kam Puerto Rico, die Marianen und die anderen Pazifikgebiete, dann die Afrika-Kolonien; sowohl für Spanien als auch für die USA, die es darauf abgesehen hatten. Das Generalkapitanat Philippinen, also die eigentlichen Philippinen, die Marianen, und die Carolinen, wurde ab 1821 (Ende Neuspanien) direkt von Madrid aus verwaltet. Diese Gebiete wurden von Spanien im 19. Jh “vernachlässigt”. Auf den Philippinen gab es eine Unabhängigkeits-Bewegung (wie auf Cuba), gelegentliche Aufstände17, und eine starke spanische Präsenz nur auf der “Hauptinsel” Luzon. Die Marianen (mit ihrer Hauptinsel Guam) hatten die letzte Botschaft aus Spanien im April 1898 erhalten, einen Monat bevor die USA den Krieg erklärten. “Teddy” Roosevelt verliess seinen Vizeminister-Posten, um als Colonel/Oberst in den Krieg auf Cuba zu ziehen; die Schlacht bei den Hügeln von San Juan im Sommer 1898, mit seinen “Rough Riders”, war eine entscheidende am dortigen Kriegsschauplatz Cuba. In der USA erfreute man sich daran, dass “Nordstaatler und Südstaatler”, “Weisse und Schwarze” in diesem Krieg zusammen kämpften. Einige Konföderierten-Generäle, wie Joseph Wheeler, hatten diesen Rang nun in der “Bundesarmee” inne. Afro-Amerikaner kämpften in eigenen Einheiten; Führer der Afro-Amerikaner wie Booker Washington waren grossteils überzeugt, dass sie die richtige Seite unterstützten mit dem Krieg (nicht zuletzt die Schwarzen auf Cuba gegen weisse Spanier)18.

Roosevelt mit seinen Rough Riders in Cuba 1898

In den Kriegsschauplatz Pazifik (Philippinen, Guam) stach die USA-Flotte von Kalifornien aus, fuhr über Hawaii (das von der USA noch nicht ganz in Besitz genommen war). Auf den Philippinen begannen im Mai 1898 die Kämpfe mit den Spaniern (unter den am Ende rasch wechselnden Generalgouverneuren, wie Basilio Augustin) und ihren philippinischen Hilfstruppen, gingen bis August. Am 20. Juni kam der Kreuzer “USS Charleston” unter Kapitän Henry Glass mit einigen Begleitschiffen vor Guam an, fuhr den Hafen Apra an. Die “Charleston” feuerte eine Runde auf das Fort Santa Cruz, ohne eine “Antwort” zu bekommen. Es heisst, es erschienen dann zwei einheimische Offizielle, nicht wissend dass ein Krieg erklärt worden war, im Glauben, das “Feuer” sei ein Salut gewesen. Am nächsten Tag schickte Glass Soldaten auf die Insel, um die spanischen Infanteristen (54 sollen es gewesen sein) und den spanischen Statthalter gefangen zu nehmen. Sie wurden von der “Charleston” als Kriegsgefangene auf die Philippinen gebracht (wo die Eroberung alles andere als unblutig verlief). Keine Soldaten wurden zurück gelassen, bis die “USS Bennington”, ein anderes Kriegschiff erschien. Und das war erst Anfang 1899.19 Die Einnahme der Insel war deshalb so gewaltlos, weil sie für Spanien ziemlich unwichtig war. Im Dezember 1898 wurde Guam von der USA (Präsident McKinley) bereits der Kontrolle seiner Marine unterstellt.

Die “USS Charleston” bei der Anfahrt auf Agana

Im Dezember 1898 wurde in Paris ein Vertrag zwischen der USA und Spanien abgeschlossen, darin musste Spanien Cuba, Puerto Rico, Philippinen und Guam (ohne die restlichen Marianen) an die USA abtreten. Der Vertrag trat Anfang 1899 in Kraft, nach den Ratifikationen durch die beiden Parlamente. Er beinhaltete eine Entschädigungszahlung der USA. Die Kriegsniederlage und der Verlust seiner Kolonien in der Karibik und im Pazifik, nach fast 400 Jahren, verursachte ein nationales Trauma für Spanien, das sich nun endgültig von der Vorstellung, noch eine Grossmacht zu sein, verabschieden musste. Wie erwähnt war Cuba (Kuba) für Spanien die bei weitem wichtigste dieser Kolonien gewesen. Die restlichen Marianen sowie die Karolinen blieben vorerst spanisch. Daneben “besaß” Spanien nun “nur” noch einige Gebiete in Afrika: Rio Muni, Bioko (Fernando Pó) und Annobon in Zentral-/Westafrika (die Spanien Ende des 18. Jh von Portugal übernommen hatte), wurden im 20. Jh zu Spanisch-Guinea vereinigt; Gebiete im Norden (Ceuta, Melilla,…) und Süden (Ifni, Juby) von Marokko (Spanisch-Marokko); die West-Sahara (kurz vor dem Spanisch-Amerikanischen Krieg erobert; Spanisch-Sahara); und die vor Afrika liegenden Kanaren.20

Es war die Zeit von König Alfons(o) XIII., Sohn einer Habsburgerin, der eine Mountbatten geheiratet hatte. Dieser letzte spanische König (1886-1931) vor Juan Carlos (dessen Grossvater er war) hielt Spanien dann im 1. WK neutral, unterstützte die De Rivera-Diktatur, versuchte mit aller Gewalt, wenigstens die spanische Herrschaft im Norden Marokkos zu behaupten, im Rif-Krieg (1920–1926), weshalb er auch “Alfonso el Africano” genannt wurde.21 Dieser Rifkrieg prägte Francisco Franco; der rechte Putschversuch gegen die Zweite Republik unter ihm 1936 (aus dem sich der Bürgerkrieg entwickelte) wurde dann auch von Marokko aus begonnen.

Der Spanier Julio Cervera, der in Puerto Rico gekämpft hatte, veröffentlichte danach ein Pamphlet, in dem er die auf Puerto Rico Einheimischen für die dortige Niederlage gegen die USA verantwortlich machte.22 Nach den Verlusten im Krieg gegen die USA machte die “Beibehaltung” der restlichen Pazifik-Kolonien (nördliche Marianen, Carolinen mit Palau) für Spanien keinen Sinn mehr. Das Königreich verkaufte sie daher 1899 an das Deutsche Reich.23 Das sie seinem Schutzgebiet Deutsch-Neuguinea angliederte. Im 1. WK besetzte Japan die deutschen Gebiete in Ostasien und Ozeanien, bekam die ozeanischen Gebiete in Versailles zT als Mandatsgebiet zugesprochen24. Im Zweiten Weltkrieg eroberten USA-Truppen diese Inseln, bekamen sie danach zugesprochen. Das betraf also die Nord-Marianen, Karolinen (mit Palau), Marshall-Inseln. Die nördlichen Marianen sind, genau wie die südlichste Insel des Marianen-Archipels, Guam, noch immer amerikanisch, als Aussengebiete (Unincorporated United States possessions). Die Carolinen wurden getrennt, in Vereinigte Staaten von Mikronesien und Palau, beide sind nun unabhängig, assoziiert mit der USA. Die USA wurde und ist dominierende Macht in der Region Mikronesien25, so dass sie zB auf dem Bikini-Atoll (Marshall-Inseln) nach dem 2. WK in Ruhe Atomwaffenversuche durchführen konnte. So wie auch andere Westmächte in dieser Zeit im Pazifik Atomwaffenversuche machten.

Guam ist also seit 1898 getrennt von den anderen Marianen-Inseln (mit denen es unabhängig von den Spaniern viel gemeinsam hat), blieb das auch nachdem die Nord-Marianen im 2. WK auch US-amerikanisch wurden. Guam wurde eine grosse Marinebasis für die USA. Apra blieb der wichtigste Hafen (auch für zivile Schiffe), wurde ausgebaut. Da Schiffe nicht genug Kohle für die Fahrt von Hawaii auf die Philippinen mitnehmen konnten, wurde Apra hier Zwischenstation. In Piti entstand bald eine Marine-Schiffs-Werft, in Sumay eine Kaserne,… Wie schon unter den Spaniern war/ist Guam eine wichtige Zwischenstation für Schiffe auf dem Weg von und zu den Philippinen/Pilipinas. Kokosnüsse wurden unter der USA auf Guam verstärkt angebaut.

Begleitet wurde die Inbesitznahme von einer Rhetorik, die schon vor dem Krieg gegen Spanien ertönte, nun zB vom ersten Militär- (Marine-) Gouverneur der USA für Guam, Richard Leary, kam: Die Kolonisierung Guams erfolge zum Schutz der (dort) Bedürftigen, mit Hilfe für die Bedürftigen,… Die “New York Times” jubelte 1900: “No more Slavery in Guam. Capt. Leary Ordered Its Abolition on Washington’s Birthday”.26 Es ist die protzende Rhetorik, die Eroberungen und Machtübernahmen generell begleitet. Nicht viel anders, wenn Daesh/IS irgend ein Gebiet übernimmt. Das Diktat über das Leben Anderer wird als Barmherzigkeit und Grosszügigkeit dargestellt.

Die Aufteilung des USA-Festlandes in Bundesstaaten war zum Zeitpunkt der amerikanischen Eroberung Guams noch nicht komplett, das war sie erst 1912, als Arizona 48. Bundesstaat wurde. Von den später angeeigneten und ausserhalb des geschlossenen Staatsgebiets gelegenen Gebieten wurden nur Alaska und Hawaii Bundesstaaten, 1959. Für Guam kam das damals schon gar nicht in Frage, als weit entfernte Insel, von Nicht-Weissen bewohnt, die nicht Englisch-sprachig und katholisch waren. Bei Cuba und Philippinen war die Sache ähnlich. Der Krieg gegen Spanien war der erste der USA, dessen Beute weder damals noch später zu Bundesstaaten “aufgewertet” wurde. Der US Supreme Court musste sich 1901 bis 1904 immer wieder mit dem Status der neuen Gebiete befassen (die “Insular Cases”), nannte sie schliesslich “unincorporated territories”, in denen die Verfassung der USA nicht vollständig galt, die nicht für Bundesstaatlichkeit vorgesehen waren, deren Bewohner (vorerst) nicht USA-Staatsbürger werden sollten.

Strategisch wichtig waren diese Gebiete aber, wirtschaftlich auch zum Teil. Die Bevölkerung Guams, die Chamorros, bekamen keine Selbstregierung. Ab 1917 durfte zeitweise ein Kongress von Notabeln Guams zusammentreten, der den amerikanischen Militärgouverneur beraten durfte. Militärgouverneur Willis Bradley liess ab 1931 eine Art Inselparlament (Guam Congress) wählen, daneben auch Bürgermeister.27 Es kamen viele Einschränkungen für die Guamesen: ihrer Sprache und Bräuche etwa. Und, es sollen auch Partnerschaften mit Amerikanern, die nun auf die Insel kamen, verboten worden sein… Manche Guamesen bzw Chamorros von dort wanderten auf die nördlichen, japanischen Marianas aus, da sich diese wirtschaftlich anders entwickelten.

Etwas ganz Anderes: die tiefste Meeres-Stelle überhaupt ist ja der Marianen-Graben. Dieser liegt östlich der Marianen-Inseln, wurde nach der Inselgruppe benannt. Ab Ende des 19. Jh wurde der Meeresgraben von Schiffen ausgelotet; 1875, also noch in spanischer Zeit, von der Besatzung der britischen “HMS Challenger”, die eine Stelle mit über 8000 Meter Tiefe maß. 1899 wurde von dem US-amerikanischen Schiff „Nero“ per Drahtlotung eine Meerestiefe von 9 660 Meter ermittelt. 1960 tauchte der Schweizer Jacques Piccard mit seinem Tauchboot auf über 10 000 m, fast die Maximaltiefe.

Auf Cuba hat es im 19. Jh Unabhängigkeits-Bestrebungen ggü Spanien gegeben. Von 1868 bis 1878 gab es einen grösseren Aufstand, der als „10-Jahres-Krieg“ bezeichnet wird. Es standen sich gegenüber: Tabak-Pflanzer aus dem Osten der Insel, die für Unabhängigkeit und Sklavenbefreiung kämpften, und die Zuckerpflanzer aus dem Westen, die die spanischen Truppen unterstützten (und die Sklaverei beibehalten wollten). Die weisse/spanische Bevölkerung im Westen war dominiert von „Criollos“ (auf Cuba Geborene/Eingewurzelte), jene im Osten von „Peninsulares“ (Einwanderern aus Spanien). Es gab aber auch Zucker-Pflanzer, die gegen Sklaverei und für Unabhängigkeit waren (wie Carlos M. de Céspedes) und Unabhängigkeits-Befürworter, die die Sklaverei beibehalten wollten. Es folgten weitere Aufstände, 1879-80, und jener der 1895 begann und bis zur amerikanischen Eroberung 1898 lief, unter Jose Martí.28

Marti (1853-95), ein Weisser, hatte zur USA eine äusserst ambivalente Haltung – die vielleicht das Verhältnis zwischen Cuba und USA antizipierte. Unter US-amerikanischer Herrschaft ab 1898 wurden (bzw blieben!) die früher versklavten Afro-Cubaner zu Lohnarbeitern, ohne dass sich dadurch ihre soziale Lage entscheidend besserte. Und, es wurden Formen von Peonage betrieben. 1902 wurde Cuba von der USA in die Unabhängigkeit entlassen29, doch der Inselstaat war, wie die gesamte mittelamerikanisch-karibische Region, dem “grossen Bruder” ausgeliefert. Die Bucht von Guantanamo behielt sich die USA; und zwischen 1902 und 1959 ankerten immer wieder US-Kriegsschiffe im Hafen von Havanna, um nicht genehme Regierungen abzusetzen oder wirtschaftspolitische Entscheidungen zugunsten der USA zu erzwingen. In der Guanatanmo-Bucht wurde ein amerikanischer Militärstützpunkt errichtet, 2002 dort die Einrichtung des berüchtigten Gefangenenlagers.

Keinem der vier von den Spaniern eroberten Gebiete wurde eine echte Unabhängigkeit gewährt. Und keines dieser Gebiete, mit nicht-weisser und nicht-englischsprachiger Bevölkerung, bekam einen Status als Bundesstaat der USA; Einwanderer von dort in das Festland der USA wurden und werden auch nicht als Binnenwanderer gesehen. Auf den Philippinen gab es bald einen Aufstand gegen die USA-Herrschaft. Der Aufstand gegen die Spanier hatte ja 1896 begonnen, war (wie die Unabhängigkeitsbestrebungen in Cuba und Puerto Rico) von der USA paternalistisch “unterstützt” und zur Rechtfertigung ihres Eroberungskriegs heran gezogen worden… Nach der Niederlage der Spanier in der Bucht von Manila riefen die Unabhängigkeits-Aktivisten, die die Amerikaner bei ihrer Eroberung zT unterstützt hatten, nun, 1898, die Unabhängigkeit der Philippinen (als Republik) aus. Dies waren die Militärherrscher der USA nicht zu akzeptieren bereit, und die Unterdrückung der Unabhängigkeit führte 1899 zu einem neuen Aufstand, der von den Amerikanern bis 1902 niedergeschlagen wurde. Nach diesem Krieg wurden die “Rebellen”-Führer wie Emilio Aguinaldo und Apolinario Mabini von der USA auf Guam exiliert. Die amerikanische Herrschaft 1898-1946 wurde von der japanischen (1941-45) unterbrochen. Die kommunistische Hukbalahap-Miliz unter Luis Taruc kämpfte gegen die Japaner, dann (46-54) gegen den (mit der USA verbündeten) philippinischen Staat.30

Der Krieg 1898 verstärkte das Selbstbild der USA enorm, als “Verteidiger der Demokratie”, als “Gerechte im Dienst des gerechten Anliegens”31 – trotz imperialistischer eigennütziger Expansion, Jim-Crow-Gesetzen im Süden bzw Südosten der USA,… Der Marine-Offizier und Historiker Alfred T. Mahan begründete mit seinem 1890 veröffentlichten Buch “The Influence of Sea Power upon History” die moderne USA-Marine-Doktrin der Seeüberlegenheit. Der Sieg über Spanien war so etwas wie der Eintritt der USA in die Weltpolitik, der endgültige Aufstieg zur Grossmacht. Präsident McKinley annektierte noch 1898 Hawaii, wo es schon einige Jahrzehnte mitmischte, angestachelt von dem Nationalismus, der im Zuge des Krieges aufkam. Und Theodore Roosevelt kehrte als Kriegsheld aus Cuba in die Politik zurück, wurde 1899 Gouverneur von New York. Der britische Autor Rudyard Kipling war während eines USA-Aufenthalts mit “Teddy” Roosevelt persönlich bekannt geworden, schrieb nach dem Krieg das “Gedicht” “The White Man’s Burden” (Des weissen Mannes Bürde bzw Last). Um die Jahrhundertwende, zum Höhepunkt der westlichen/ europäischen Weltherrschaft. Der Literatur-Nobelpreisträger von 1907 wollte den damaligen Gouverneur zu einer weiteren imperialen Ausdehnung der USA motivieren, diese einmahnen. Die Kolonialisierung Nicht-Weisser sei ein humanitärer Akt, eine Wohltat für die Welt.32

Ob „Teddy“ Roosevelt diese Ermunterung nötig hatte? Zu Beginn des 20. Jh erklärte er, “It is manifest destiny for a nation to own the islands which border its shores.” Diese „offensichtliche Bestimmung“ gestand er natürlich nicht allen Nationen zu, im Gegenteil… 1901 wurde Roosevelt Vizepräsident unter McKinley, nach dessen Wiederwahl; nach etwa einem halben Jahr nach dem Mordanschlag (durch einen polnischen Anarchisten) auf diesen rückte er zum Staatspräsidenten auf, herrschte bis 1909. Die Republikanische Partei wurde in dieser Zeit allmählich die rechte Partei der USA, die Demokraten wurden “links”, aber das auszuführen, würde jetzt zu weit (weg) führen. 1904 verkündete Roosevelt seine “Corollary” (Zusatz) zur Doktrin eines seiner Amtsvorgänger, James Monroe, von 1823, die beanspruchte, den amerikanischen “Doppelkontinent” gegenüber europäischer “Einmischung” frei zu halten. De facto beanspruchte die USA damit eine Hegemonie über Lateinamerika und Karibik. Dies formulierte Roosevelt in seiner Ergänzung auch offen so, und er setzte diese Auffassung von “Schiedsrichterfunktion” und “Interventionsrecht” der USA im südlicheren Amerika auch um. Eine Politik des Isolationismus hat die USA eigentlich nie betrieben, es änderten sich aber immer wieder die Auffassungen von “eigenen Angelegenheiten”.

Diese Verkündigung Roosevelts kam nach der “Venezuela-Krise” von 1902/03.33 Venezuelas Präsident Cipriano Castro weigerte sich, Auslandsschulden des Landes zu bezahlen; darauf hin verhängten Grossbritannien, Deutsches Reich und Italien eine Seeblockade gegen das Land. Castro nahm an, dass die USA aufgrund der Monroe-Doktrin eine solche Intervention europäischer Mächte in Amerika nicht hinnehmen würde. Doch Teddy Roosevelt hatte, welche Überraschung, kein Problem damit. Nur gegen eine Inbesitznahme von Territorium auf dem amerikanischen Kontinent sei man, hiess es damals von der US-amerikanischen Regierung. In Roosevelts “corollary” hiess es dann auch, die USA würden Ansprüche europäischer Staaten gegenüber südamerikanischen helfen durchzusetzen, quasi in deren Namen. Und, Roosevelt dehnte den Hegemonienaspruch der USA 1904 auf die ganze “westliche Hemissphäre” aus. Natürlich nur zum Wohle Aller.

Roosevelt beanspruchte eine Führungsrolle für die USA in der Welt34, erklärte dazu, dass er “sanft sprechen und einen grossen Stock” tragen würde. Dieser Stock war die Marine der USA. 1907 schickte er die “Great White Fleet” auf eine Weltumfahrt, als Machtdemonstration, einen Verband von Marineschiffen, der 1909 zurück kam. “Teddy” Roosevelt sagte, er lehne “Imperialismus” ab, wolle sich stattdessen “Expansionismus” zu eigen machen. Er begann dann mit den „Bananen-Kriegen“ (Banana Wars), militärischen Interventionen im zirkum-karibischen Raum, meist durch das Marine Corps, teilweise in Form von Kanonenbootpolitik. Teilweise wird der Spanisch-Amerikanische Krieg auch schon dazu gerechnet, der den Karibik-Raum geopolitisch veränderte.

Der Ausdruck stammt von einem Lester Langley aus den 1980ern. Im Krieg gegen Spanien 1898 musste die USA ein Kriegsschiff noch aus Kalifornien über Kap Hoorn in die Karibik schicken. 1903 “erzwang” die USA unter Roosevelt von Kolumbien die Abtrennung von dessen Departemento del Istmo, wo ein Kanal gebaut werden sollte. Ein Bau-Abkommen zwischen Kolumbien und USA war 1903 vom kolumbianischen Parlament abgelehnt worden. Darauf hin unterstützte man in dieser Provinz eine “Unabhängigkeits-Bewegung”, und schon erklärte “sich” diese als “Panama” unabhängig. Gegen eine Intervention Kolumbiens kreuzten amerikanische Kriegsschiffe auf… Anderswo ging es auch um Bananen, bzw die Interessen der United Fruit Company.

US Marines Nicaragua 1926 mit erbeuteter Sandinisten-Fahne

Bis in die 1930er, zu Franklin D. Roosevelts „Nachbarschaftspolitik“ gingen diese Interventionen im zirkumkaribischen Raum, dem „Hinterhof“ der USA, aus wirtschaftlichen und strategischen Interessen. Danach hat die USA dort und in Lateinamerika meist nicht mehr direkt militärisch eingegriffen, aber umso mehr über Klientelpolitik, Geheimdienstaktionen, Wirtschaftskriege,… Es handelte sich bei den “Bananen-Kriegen” nach der erzwungenen Panama-Abtrennung von Kolumbien meist um Interventionen ohne territoriale Akquisition. Es kamen aber im 20. Jh u.a. noch die Virgin Islands (damals Dansk Vestindien) zur USA, wenn auch nicht als Bundesstaaten. Anderswo wurden “nur” Militär-Stützpunkte errichtet, Marionetten-Regime eingesetzt oder wirtschaftlicher Einfluss gesichert. Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson waren beides Interventionisten, Roosevelt begründete dies machtpolitisch, Wilson (der erste Südstaatler als Präsident nach Sezession/Bürgerkrieg) pseudo-ethisch.35 Noch heute gibt es diese zwei Varianten, Trump vertritt auch die ehrliche, Bush jun. noch die verlogene. Wilson liess während der Mexikanischen Revolution bzw dem Mexikanischen Bürgerkrieg (ca. 1910-1920) auch wieder dort intervenieren. Und zwar 1914 in Veracruz an der Karibik-Küste, nach dem so genannten „Tampico-Zwischenfall“, bzw mit ihm als Vorwand.36 In den 1. WK führte Wilson die USA dann „gegen Despotismus und für Demokratie“. Es war der endgültige Aufstieg zur Weltmacht.

Agana vor dem 2. WK

1940 zog ein verheerender Taifun über Guam, die Marianen, Mikronesien,…Am 7. Dezember 1941 der Angriff des japanischen Militärs auf den US-Marinehafen Pearl Harbor auf Oahu, Hawaii. Stunden später griffen Japaner Guam, ein anderes USA-Aussengebiet, an, in der “ersten Schlacht um Guam”, nahmen die Insel in wenigen Tagen ein. Der amerikanische Militär-Gouverneur McMillin wurde gefangen genommen, der zuvor angesichts der Spannungen die meisten Amerikaner evakuieren hatte lassen. Die Guamesen/Chamorros wurden sich selbst überlassen, anscheinend auch jene, die im Militär der USA dienten…37 Die japanische Herrschaft (zweiundeinhalb Jahre) brachte für Guam eine Wiedervereinigung mit den anderen, nördlicheren Marianen-Inseln, die ja seit dem 1. WK japanisch waren. Chamorros wurden nun von dort nach Guam gebracht, u.a. um zu übersetzen. Die guamesischen Chamorros wurden als Kriegsgefangene, als Unterworfene behandelt, die nord-marianischen halfen diesen Besatzern (gewissermaßen) – dies verstärkte die Kluft zwischen den Chamorros auf der südlichsten Marianen-Insel und jenen auf den nördlicheren, ist bis heute ein Thema!

Die Schlacht von Midway (eine der “Guano-Inseln”) im Juni 1942 wird ja das “Stalingrad des Pazifikkriegs” genannt, da es dort eine Kriegswende einleitete. Im Juli/August 1944 die “zweite Schlacht um Guam”, die Amerikaner eroberten Guam zurück (u.a. mit Flächenbombardements), die japanischen Verteidiger leisteten fast drei Wochen lang erbitterten Widerstand.38 Ihr Kommandeur Hideyoshi Obata beging rituellen Selbstmord (Seppuku). Am “Liberation Day” wird bis heute dem Beginn der Kämpfe am 21. Juli gedacht. Einzelne japanische Soldaten, die sich der Gefangennahme entziehen konnten, verübten nach der Rückeroberung der Insel durch die Amerikaner noch verschiedentlich Anschläge oder versteckten sich. Die nördlichen Marianen nahmen US-Truppen schon zuvor von Japan ein. Guam wurde noch während der Kampfhandlungen, wie zuvor schon Saipan oder Tinian, mit amerikanischen Militärstützpunkten “übersät”.

Japanische Kriegsgefangene Guam

1945 kam die „USS Indianapolis“, eines der USA-Kriegsschiffe, die 1941 nicht in Pearl Harbor waren, auf die Marianen. Die „Indianapolis“ hatte im Frühling ’45 die US-amerikanische Landung auf den japanischen Inseln Iwo Jima und Okinawa unterstützt, die letzten Kriegshandlungen vor den Atombombenabwürfen. Anschliessend brachte sie Teile der Atombombe „Little Boy“ auf die Marianen-Insel Tinian, wo diese getestet wurde. Danach fuhr die „Indianapolis“ nach Guam, Militärpersonal absetzen, anderes aufnehmen; am Weg zu den Philippinen wurde sie dann noch nahe Guam versenkt, im Juli 45, von einem japanischen U-Boot; es gab 800 Tote, durch Ertrinken, Hai-Angriffe,… Es war dies die grösste Marine-Opferzahl von einem Schiff in der USA-Geschichte; Gerettete wurden nach Guam gebracht. Im August 45 startete die „Enola Gay“ von Tinian, warf die Atombombe dann über Hiroshima ab. Die Marianen, gerade von Japan erobert, hatten sich als “unsinkbarer” Flugzeugträger bewährt, gegen Japan.

Die maximale geographische Ausdehnung direkter US-amerikanischer Kontrolle war nach dem 2. WK gegeben, nach der Kapitulation des “Grossdeutschen Reichs” und dann Japans, und vor der Unabhängigkeit der Philippinen 1946. Man kann aber auch die Phase nach Ende des Kalten Kriegs, als die USA (damals von Clinton regiert) auch Russland (unter Jelzin) gewissermaßen “kontrollierte”, als Höhepunkt amerikanischer Machtausübung sehen. Seit Franklin Roosevelt sind US-Präsidenten (zumindest) so etwas wie Welt-Mit-Beherrscher. Wie erwähnt, kamen Ende des 19., Anfang des 20. Jh einige Gebiete unter Kontrolle der USA, die nicht Bundesstaaten wurden, Gebiete die zum “kontinentalen” Staatsgebiet keine Verbindung haben und eine nicht-weisse Bevölkerungsmehrheit (oder fast unbewohnt sind, wie die “Guano-Inseln”). Es gibt unterschiedliche Status und Bezeichnungen (Insular Areas, Outlying territories, Commonwealth, Incorporated territory, Unincorporated territory, dependent territory,…). Manche wurden aufgegeben über die Jahrzehnte hindurch, wie die Panamakanal-Zone, Palau, Philippinen, Mikronesien, Cuba; in der Regel verblieben dort US-Militär-Basen. Andere Eroberungen, wie Puerto Rico, Guam und (nördliche) Marianen wurden behalten.

Infolge des 2. WK kam es also zu einer Art “Wiedervereinigung” von Guam und den anderen Marianen, da beide Gebiete nun unter USA-Herrschaft standen, sie blieben aber dennoch getrennt. Auch die Nord-Marianen wurden nach diesem Krieg von der USA (weiter) militärisch intensiv genutzt. In der Bevölkerung Guams (Chamorros, Philippinos, Mischlinge, Weisse) gab es nun Verlangen nach Selbstregierung und Aufwertung des Status innerhalb der USA, auch vom Inselparlament. 1949 unterschrieb USA-Präsident Harry Truman den Organic Act, ein Gesetz39, das Guam (seinem Parlament) Autonomie für “innere Angelegenheiten” einräumte. Statt eines amerikanischen Militärgouverneurs gab es nun einen (ernannten) zivilen amerikanischen Gouverneur. Die (nicht-weissen) Guamer/Guamesen bekamen die Staatsbürgerschaft der USA; durften aber nicht an US-amerikanischen Wahlen teilnehmen. Seit 1946 steht Guam auf der UN-Liste der Hoheitsgebiete ohne Selbstregierung, die UN nahm und nimmt die Entkolonialisierungsfrage relativ ernst. Wie bei Puerto Rico gab und gibt es auf Guam die drei Optionen Verlangen nach Bundesstaatlichkeit (oder anderer Formen stärkerer “Integration” in der USA), nach Selbstständigkeit (Unabhängigkeit), Beibehaltung des jetzigen Status. Man kann die „Erhebung“ zur Bundesstaatlichkeit als Akt der Gleichberechtigung sehen oder aber als (“verbindlichere”) Annexion.

1949 wurde eine Commercial Party gegründet, als erste Guamer Partei. Vor der Wahl 1950 wurde sie in Popular Party umbenannt. Bei den folgenden Wahlen gewann sie fast alle Sitze im Parlament Guams. 1956 spaltete sich ein Teil als Territorial Party ab, was an der Dominanz der PP zunächst nichts änderte. Nachdem sie sich mit der US-amerikanischen Democratic Party verbunden hatte, wurde sie 1964 zur Democratic Party of Guam. Die Territorial Party gewann die Wahl 1964, danach kehrte die Dominanz der Democratic Party zurück. 1966 wurde sie zur Republican Party of Guam, nachdem sie sich mit den amerikanischen Republikanern zusammengeschlossen hatten. Seither gleicht das Parteiensystem auf der Insel dem US-amerikanischen. Anscheinend spielt die ethnische Zugehörigkeit keine bestimmende Rolle bei dieser Dichotomie, eher die Klassen-Zugehörigkeit. Inzwischen sind längst nicht mehr alle Guamer/Guamesen Chamorro, es sind inzwischen unter 40%. Hat mit der Einwanderung zu tun, aber auch mit der Auswanderung von chamorrischen Guamern, eine Diaspora gibt es in anderen Teilen der USA (Hawaii, California,…).

Die Einwanderung von Philippinos begann schon zur spanischen Zeit, heute stammen über 25% der Guamer von diesem Archipel in der Nachbarschaft, mit dem Vieles verbindet. Weisse, überwiegendst eingewanderte Amerikaner, machen unter 10% aus. Dann gibt es noch eingewanderte Ozeanier (v.a. von der ehemaligen Carolinen-Insel Chuuk, heute bei den Föderierten Staaten von Mikronesien) und Asiaten, sowie Mischlinge. Die Chamorros sind ähnlich wie die Philippinos zuerst hispanisiert, dann anglifiziert worden. Englisch ist die wichtigste Sprache geworden, hat Chamorro teilweise sogar im privaten Bereich verdrängt. Filipino spielt eine gewisse Rolle, Spanisch dagegen gar nicht mehr. Nur mehr Familiennamen erinnern an diese 400-jährige Kolonialherrschaft. Und die Dominanz der Katholischen Kirche. Durch die vielen US-Militär-Einrichtungen auf der Insel gibt es einen ständigen “Zufluss” und “Abfluss” von Amerikanern aller Bevölkerungsgruppen. Chamorros verpflichten sich überproportional oft zum USA-Militär, verlassen auch so ihre Insel öfters. Die Insel besitzt für die USA nach wie vor eine grosse strategische Bedeutung, blieb v.a. Marine-Stützpunkt.

In den frühen 1960ern wurde der Hafen Apra für atombetriebene U-Boote ausgebaut, die mit strategischen Mittelstreckenraketen bestückt werden. Während des Vietnam-Kriegs, in dem die USA ab 1964 (ein USA-Kriegsschiff, im Tonkin-Golf angeblich von einem nord-vietnamesischen Schiff angegriffen) massiv involviert war (bis 1973), war Guam wieder Aufmarsch- oder Zwischenstation v.a. für Kriegsschiffe. Wie auch die Philippinen, dort v.a. die Marinebasis in der Bucht von Subic auf Luzon, von den Spaniern einst gebaut. Im Juli 1969 reiste USA-Präsident Nixon, nach der Mondlandung, während des Vietnam-Kriegs40 um die halbe Welt, absolvierte Staatsbesuche in Asien, reiste dann über Europa heim. Bei einem Stop in Guam sprach er über die neue Asien-Politik der USA und die Weltpolitik, formulierte dort seine “Nixon-Doktrin”. Demnach erwarteten die Vereinigten Staaten künftig von ihren Verbündeten, ihre militärische Verteidigung – vor allem finanziell – in die eigene Hand zu nehmen. In Vietnam sollten die Süd-Vietnamesen allmählich mehr Verantwortung bei der Kriegführung übernehmen.41 1972 kam Richard Nixon wieder zu Besuch auf Guam, hielt eine Rede. Das war im Jahr seiner Wiederwahl, die er gewann, nachdem er in das Hauptquartier der Demokratischen Partei (des Democratic National Comittee) im Watergate-Gebäude in Washington einbrechen lassen hatte.42 Am Ende des Vietnam-Kriegs 1975 flüchteten Offizielle Süd-Vietnams über Guam in die USA.

Seit 1970/71 darf die Bevölkerung Guams ihre Gouverneure wählen, die also im Zusammenspiel mit Inselparlament (Legislature of Guam/ Liheslaturan Guåhan) regieren. Zum ersten Mal seit 500 Jahren, dem Auftauchen der ersten Europäer dort und der folgenden Kolonialisierung (Spanier, Amerikaner, Japaner), konnten die Guamesen zumindest über ihre eigensten Angelegenheiten wieder selbst bestimmen. Wenn auch nicht über vieles Andere und wenn auch die Chamorros weniger als die Hälfte der Inselbevölkerung ausmach(t)en. Carlos Garcia Camacho (1924 – 1979), ein Republikaner, war letzter ernannter Governor von Guam (1969-1971) und erster gewählter (1971-1975). Seit 1972 darf Guam einen nicht stimmberechtigten Delegierten in den Congress der USA wählen. Zu den Conventions der Grossparteien dürfen Mitglieder dieser Parteien auf Guam Delegierte wählen, die dort stimmberechtigt sind.

Die Nördlichen Marianen wurden ja 1898 von Guam getrennt; als diese Trennung in Versailles 1919 “bestätigt” wurde, gab es in der Marine der USA längst Ansprüche auf diese Inseln. Der Anteil der Chamorros an der Bevölkerung ist dort noch weiter geschrumpft als auf der südlichsten Marianen-Insel Guam; sie machen weniger als ein Viertel aus, Philippinos sind die grösste Ethnie, dann gibt es grosse Gruppen an Asiaten (Chinesen,…), Ozeaniern (Carolinier,…), Mischlingen, einen kleinen Anteil an Weissen. Die Nord-Marianen haben inzwischen einen ähnlichen Status und das selbe politische System wie Guam, mit gewählten Gouverneur und Parlament, nicht-stimmberechtigtem Delegierten im Congress, die Bürger sind (seit 1986) Staatsbürger der USA, dürfen aber nicht an seinen Präsidenten-Wahlen teilnehmen. 1947 bis 1994 waren die Nord-Marianas mit den Föderierten Staaten von Mikronesien, Marshall-Inseln und Palau zum (von der USA verwalteten) UN-Trust Territory of the Pacific Islands (TTPI) zusammengefasst. 1978 bekamen die N-Marianen den Status eines mit der USA assoziierten Staates (Commonwealth, wie Puerto Rico, früher Philippinen), nachdem sie jahrzehntelang von der Marine, dann vom Innenministerium der USA verwaltet wurden. Anders als Guam hat es hier auch die deutsche und japanische Kolonialphase gegeben, die geprägt haben.

Nachdem Guam und die nördlichen Marianen-Inseln infolge des 2. WK beide unter US-amerikanischer Herrschaft “vereint” waren, begann der Diskurs über eine Wiedervereinigung, der hauptsächlich von den Chamorros auf den Inseln getragen wurde. Auf den Marianen gab es ebenfalls eine Popular Party (PP) und eine Territorial Party (TP); die PP war für die Wiedervereinigung mit Guam (und ging in der DP auf), die TP für eine engere Anbindung an die USA (und ging in der RP auf). Als 1957 sowohl auf Guam als auch auf den Nord-Marianen die jeweilige Popular Party die Wahlen gewann, wurde die Wiedervereinigungs-Thematik in beiden Parlamenten ernsthaft diskutiert. Jenes von Guam nahm 1958 eine Resolution bezüglich der Wiedervereinigung mit den Nord-Marianen an, die an den USA-Congress gerichtet wurde. Es scheint, dass dieser Irredentismus aber auf den nördlichen Marianen eine wichtigere Rolle spielt(e). 1958, 1961, 1963 gab es inoffizielle Referenden, in denen die Bevölkerung ein Zusammengehen mit Guam befürwortete. Diese Resultate wurden auch dem UN Special Committee on Decolonization weitergeleitet. Die Wiedervereinigung der Marianen war sowohl für jene auf diesen Inseln anstrebenswert, die die “Aufwertung” zu einem Bundesstaat der USA anstrebten43, als auch für jene die die Unabhängigkeit befürworteten, und für jene die für die Beibehaltung eines “losen” Verhältnisses mit der USA waren.

Im November 1969 lehnte die Bevölkerung Guams aber eine Wiedervereinigung mit 3 720 zu 2 688 Stimmen ab. Nur 32% der etwa 20 000 Wahlberechtigten stimmten ab, zur Fragestellung “Should all of the islands of the Marianas be politically reintegrated within the framework of the American Territory of Guam, such as a new territory to be known as the Territory of the Marianas?”. 5 Tage später stimmte die Bevölkerung der Nord-Marianen ab. Hier gab es eine viel höhere Beteiligung, gab es mehr Wahlmöglichkeiten. Die Wiedervereinigung bekam eine klare Mehrheit, die Option “Unabhängigkeit” bekam ganze 19 Stimmen. Wie ist das Nein auf Guam zu erklären? Auf Guampedia findet sich eine Analyse dazu. Das Verhalten der Nord-Marianer im 2. WK an Seite der japanischen Besatzer wurde nicht vergessen. Anders gesagt: Man hat sich kolonialhistorisch anders entwickelt. Wie Äthiopier und Eritreer. Dann gab es kaum eine Werbung für das Referendum – daher auch die geringe Beteiligung. Weiters: Guam war und ist besser entwickelt, reicher, von daher fürchteten Viele auf der Insel, dass die Nord-Marianen mit ihrem Geld aufgebaut werden müssten. Daneben war bereits das Rennen für die erste Gouverneurs-Wahl, 1970, eröffnet, und im Wahlkampf der drei DP-Kandidaten hat das Team von Ricardo Bordallo (Gouverneur 1975-79, 83-87) indirekt gegen eine Wiedervereinigung Stellung genommen, aus wahltaktischen Gründen (um sich von den Konkurrenten abzugrenzen).

In einem Referendum 1970 haben sich die Nord-Marianer für engere Bindungen an die USA ausgesprochen, gegen die Unabhängigkeit. Auf Guam gab es 1976 und 1982 weitere Referenden über den Status, in denen die Unabhängigkeits-Option ebenfalls keine Rolle spielte. Zuspruch bekam eine engere Bindung an die USA, deutlich mehr als die Aufwertung zum Bundesstaat und die Beibehaltung des Status. Ansonsten wurde auf Guam immer wieder über die Legalität des Glücksspiels abgestimmt. Im Fussball sind Beide schon unabhängig. Sowohl Guam als auch die Nord-Marianen haben einen eigenen Fussballverband und ein Fussball-Nationalteam. Beide gehören dem asiatischen Verband (AFC), nicht dem ozeanischen (OFC), an.44 Zur Zeit ist weder für Guam noch die Nord-Marianen die Vereinigung eine Option noch die Unabhängigkeit noch die Bundesstaatlichkeit. Die demographische Situation spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Für einen Bundesstaat sind die Inseln wohl zu wenig “weiss”. Dass die Chamorro-Anliegen für die Zukunft ausschlaggebend sind, nach Jahrhunderten der Kolonial-/Fremdherrschaft, dazu ist diese Urbevölkerung wahrscheinlich schon zu weit zurückgedrängt worden.

Und solange die Inseln für die USA militärisch oder wirtschaftlich eine Bedeutung haben, werden sie an diese gebunden sein. Die Region Mikronesien45 ist ganz in der Hand der Amerikaner. Der Pazifik, heisst es, rückt zunehmend ins Zentrum des Weltgeschehens. Dort stehen sich die beiden Weltmächte USA und China gegenüber. Und Nordkorea drohte (jedenfalls 2017) mit Angriffen auf Guam, sowie das US-Festland und Hawaii. Nachdem Trump mit “Feuer und Wut” gedroht hatte, im Atom-/Raketenstreit. Und weil Angriffe der USA auf Nordkorea wohl über Guam laufen würden, “Amerikas Tor zu Asien”. Guams damaliger Gouverneur Calvo (RP) stellte sich damals gleich hinter die USA. de.wikipedia weiss: „Die Verbindungen zu den USA werden in der Bevölkerung weitgehend positiv bewertet, auch sind die Militärstützpunkte für die Wirtschaft von Guam wichtig. Unter den Einwohnern ist die US-amerikanische Kultur weit verbreitet.“ Der zweite Satz stimmt sogar irgendwie. Ein Viertel der Inselfläche gehört dem USA-Militär; wichtig sind der Hafen von Apra mit den Atom-U-Booten und die “Andersen” Luftwaffen-Basis im Norden der Insel.

Massive Konflikte zwischen diesem Militär und der Bevölkerung hat es, anders als auf dem japanischen Okinawa, noch nicht gegeben. Auch weil diese Bevölkerung in diesen Streitkräften ja zum Teil mitmacht.46 Rund um die Militäreinrichtungen (bzw für diese) gibt es Prostitutionsangebote, und es gibt auf der Insel einen diesen zugrunde liegenden “Frauenhandel”. Darüber hinaus gibt es aber auch immer wieder Berichte über andere Ausbeutung ausländischer Arbeiter auf Guam, auch durch Chamorros. Die Bedeutung des amerikanischen Militärs für Guam zeigt sich auch dadurch: Die US-Navy hat vor einigen Jahren Guam mit toten Mäusen “bombardiert”, um den bedrohten Vogelbestand der Insel vor der Braunen Nachtbaumnatter zu retten, eine Schlangenart die das Militär selbst vor Jahrzehnten (wahrscheinlich im 2. WK) eingeschleppt hatte. Die toten Mäuse dienten als Köder und wurden mit Paracetamol versehen, das für Schlangen bereits in geringen Dosen tödlich ist. Guams “anderes” wirtschaftliches Standbein ist die Tourismus-Industrie, besonders Japaner und Koreaner kommen gerne, aber auch US-Amerikaner, Philippinos,…

Ein Motto für Guam ist “Where America’s Day Begins”, was sich auf die Nähe zur globalen Datumsgrenze bezieht, darauf, dass Guam das erste US-amerikanische Gebiet auf der “asiatischen” (bzw der westlichen) Seite dieser Grenze ist. Diese Datumsgrenze ist eigentlich ein zutiefst eurozentrisches “Konzept”, ein Erbe des europäischen Kolonialismus. 1884 wurde der Nullmeridian durch den Londoner Stadtteil Greenwich gezogen, der “Gegenbogen” auf der anderen Erdseite (180. Längengrad bzw 180° Greenwich) wurde als Datumsgrenze fest gelegt. Der “Anfang” in der Hauptstadt der damaligen Weltmacht Nr. 1 (bzw durch sie)47, das “Ende” auf der anderen Seite der Welt, dort können ruhig miteinander vernetzte (Insel-) Gebiete zerteilt werden. Infolge dessen wurden auch Zeitzonen eingeführt. Bis dahin war die Datumsgrenze von den europäischen Kolonialmächten individuell (“willkürlich”) festgelegt worden, auch immer irgendwo durch den Pazifik.

So führten die Spanier die Datumsgrenze westlich der Philippinen, weil sie diese von Mexico (Mexiko) aus bewirtschafteten. Nach der Unabhängigkeit von Nueva España als Mexico 1821 verschob Spanien (in den 1840ern) die Datumsgrenze nach Osten, schloss die Philippinen gewissermaßen an Asien an, trennte sie von Amerika ab. Alaska lag, so lange es zu Russland gehörte, auf der asiatischen Seite (wie das gegenüberliegende Sibirien), also westlich der Datumsgrenze. Mit dem Verkauf an die USA gelangte es auf die amerikanische (östliche) Seite. Mikronesien (liegt südlich von Russlands Fernem Osten) liegt grösstenteils auf der asiatischen Seite der Datumslinie, diese verläuft quer durch Polynesien. Das zur mikronesischen Region gehördende Kiribati war durch die Datumsgrenze “geteilt”. 1994/95 entschied sich der Staat, komplett zur asiatisch-ozeanischen Seite zu gehören, diese bekam dadurch eine erhebliche Ausbuchtung. Man wird sehen, ob aus der “Rückseite der Welt”, dem Pazifik-Raum, nicht einmal eine Vorderseite wird.

Der zweite Weltkrieg und sein Ende 

Um zurück zu kommen auf den Aufstand in Agana 1944, und den Krieg, in dem die USA diese südlichste Marianen-Insel von Japan zurückeroberte, im Rahmen des Pazifikkriegs: An diesem Kriegsschauplatz und überhaupt ging der Krieg ja durch die amerikanischen Atombombenabwürfe auf Japan im August 1945 (die, siehe oben, zu den Marianen ja auch einen Bezug haben) und die darauf folgende japanische Kapitulation zu Ende (und bald in einen Kalten Krieg zwischen den Alliierten dieses Kriegs über). Über die Details dieses Endes lassen sich einige interessante (und hierfür relevante) Beobachtungen machen, auch über die amerikanische Einbindung in diesen Krieg.

Bis Pearl Harbor 1941 gab es grosse Debatten in der USA um den Kriegseintritt; zuvor gab es in diesem Jahr unter Franklin Roosevelt bereits Verhandlungen mit GB, die als erste alliierte Konferenzen gelten. Das US-amerikanische Heer wurde hauptsächlich in den Pazifik (gegen Japan) geschickt, dann auch nach Nord-Afrika, von wo nach Italien übergesetzt wurde, und natürlich in die französische Normandie. Japan führte in den 1930ern und 1940ern Kriegszüge in der ostasiatisch-pazifischen Region, ging ein Bündnis mit den faschistischen Mächten Europas ein. Obwohl der Angriff auf Pearl Harbor verheerend war, war es den Japanern auf Hawaii nicht gelungen, die US-amerikanischen Flugzeugträger im grossen Stil zu zerstören, was sich bei Midway 1942 für sie rächen sollte. Die USA blieben materialmäßig trotz der Verluste in Pearl Harbor im „Pazifikkrieg“ überlegen. 1940 war bereits die Wehrpflicht eingeführt worden, von daher waren die Amerikaner ohnehin von dem Krieg betroffen. Japanische Amerikaner und Andere waren wiederum von Internierungen betroffen.

Aber der 2. WK kam auch auf das Territorium der USA. Nicht nur durch den japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Aussengebiet Hawaii (das damals noch kein Bundesstaat war) und die Kämpfe mit den Japanern auf den amerikanischen “Guano”-Inseln (wie Midway, Wake,…), die erwähnte Rückeroberung der Philippinen und Guam 1944, die Eroberung der Nord-Marianen. Die deutsche Kriegsmarine tastete sich 1941/42 mit U-Booten an die US-amerikanische Ostküste heran, griff dort Schiffe an (“Unternehmen Paukenschlag”). ’42 konnte sich Saboteure von einem U-Boot an Land setzen, diese wurden in New York festgenommen. 1943 wurde auch einmal versucht, deutsche Gefangene am Festland zu befreien. In einem Fall kam es zu Kämpfen auf amerikanischem Boden während des Zweiten Weltkriegs.

Die Japaner nahmen im Juni 1942 zwei Inseln der zu Alaska (auch noch kein Bundesstaat) gehörenden Aleuten ein; 1943 wurden Attu und Kiska zurück erobert. Und dann gab es die japanischen Ballonbomben/ Brandballons/ Fu-gō heiki, Gasballons die Bomben von Japan über den Pazifik nach Amerika trugen. Etwa 9 000 solcher Ballons wurden an der Ostküste der japanischen Insel Honshū gestartet, von November 1944 (als das Bombardement Japans durch amerikanische Kampfflugzeuge begann) bis April 1945. Etwa 300 Ballons kamen an die Westküste der USA sowie Canadas, man fand sie dort vielerorts. Im Mai 1945 tötete einer in Oregon sechs Menschen, die die einzigen Kriegsopfer am Festland bzw in Bundesstaaten der USA wurden.48 Die letzte scharfe Ballonbombe wurde 1955 gefunden, eine durch Verwitterung entschärfte noch 1992, in Alaska. Entsprechendes gibt es ja, Jahrzehnte nach Kriegsende, auch in Europa.

Der blutigste bzw tödlichste Tag für das US-Militär in diesem Krieg (und überhaupt!) war aber fern von “zu Hause”, nach der Landung in der Normandie, am 6. Juni 1944, als etwa 2 500 Soldaten getötet wurden, von Wehrmachts-Angehörigen. Die Normandie-Offensive ging dann noch weitere 1 1/2 verlustreiche Monate weiter. Nach der amerikanischen Landung auf der japanischen Insel Okinawa im April ’45 tobte dort bis Juni eine Schlacht zwischen Angreifern und Verteidigern, bei der etwa 14 000 Amerikaner und um die 100 000 Japaner getötet wurden. Besonders verlustreich war auch die Maas-Argonnen-Offensive 1918 im 1. WK (eineinhalb Monate), Gegner ebenfalls Deutsches Reich.

Die Schlacht von Okinawa kam, als USA-Truppen bereits die Philippinen zurückerobert hatten (eingeleitet mit der Landung auf Leyte 1944), nach der Landung auf der japanischen Insel Iwojima (Anfang ’45, mit dem fotografierten Hissen der USA-Flagge nach der Schlacht). In dieser Endphase des Kriegs flogen (meist) Freiwillige der japanischen Luftwaffe Kamikaze-Selbstmordangriffe gegen Kriegsschiffe der USA (und ihrer Verbündeten). Im August 45 die Atombomben-Einsätze (anstatt einer Invasion auf den japanischen Hauptinseln), ausserdem der Kriegseintritt der SU an der Pazifikfront gegen Japan, die Besetzung von Süd-Sachalin und den nördlichen Kurilen sowie die Invasion in der Mandschurei. Mit der Kapitulation Japans im September war der Krieg eigentlich zu Ende. In Europa war er das schon seit Mai, mit den Kapitulationen Nazi-Deutschlands.

Letzte bedeutende Schlacht in Europa war jene um Berlin (Apr/Mai 45). Einzelne Verbände der Wehrmacht, wie die 8. Armee, kämpften noch einige Tage über die Gesamt-Kapitulationen hinaus gegen sowjetische Truppen (in Ungarn, Tschechoslowakei); dies vor allem in dem Bestreben, Militärverbände und Zivilisten noch in die Westgebiete zu transportieren. Darüber hinaus waren manche Einheiten noch selbstständig aktiv: in Norwegen, Teilen Frankreichs, auf den britischen Kanalinseln, in Lettland. Die “Werwolf”-Kampfgruppen des untergehenden NS-Regimes waren dagegen mehr Mythos bzw Propagandaphänomen als von militärischer Bedeutung (“Untergrundkampf”), gingen hauptsächlich gegen Deutsche vor, die mit Alliierten zusammenarbeiteten.

Scharmützel gab es in Europa über die Kapitulationen hinaus, Stellvertreter-Kämpfe, Rückzugsgefechte, Frontwechsel. In Poljana (Slowenien/Jugoslawien) kämpften Kollaborateure der Achsenmächte in YU (v.a. kroatische und slowenische) mit zurückweichender Wehrmacht Mitte Mai gegen die Tito-Partisanen und britische Verbände. Infolge des Sieges der alliierten Seite dort (15. Mai) kam es zu den Repatriierungen der “Kollaborateure” bei Bleiburg und Vorstössen jugoslawischer Partisanen nach Kärnten. Danach kämpften auf der niederländischen Insel Texel noch georgische Kollaborateure der Wehrmacht gegen ihre bisherigen Meister. Es gab am Kriegsende Fluchtbewegungen, hauptsächlich aus Ost- nach West-Europa, blutige Abrechnungen, Besetzungen,…

1944 gab es die “Haudegen”-Expedition der Wehrmacht, die Errichtung einer Wetterstation auf Spitzbergen im norwegischen Svalbard-Archipel, eine von mehreren im Arktis-Gebiet. Im Mai 1945 verloren die Soldaten den Funkkontakt. Am 4. September wurden sie von norwegischen Robbenjägern gefunden, zwei Tage nach der Kapitulation Japans; es war die letzte Wehrmachts-Einheit die sich ergab. Mancherorts ging ein Konflikt beinahe nahtlos in einen anderen über. Der Chinesische Bürgerkrieg, der aufgrund der japanischen Invasion pausiert hatte, ging im Juli 45 wieder los. Die polnische Widerstandsarmee Armia Krajowa löste sich offiziell im Jänner 45 auf, als die Rote Armee Polen von den Deutschen befreite. Doch viele Einheiten griffen wieder zu den Waffen, als sich abzeichnete, dass die Sowjetunion Polen keine echte Selbstbestimmung gestattete. Vorboten des Kalten Kriegs.

Im Pazifikraum (Ostasien-Ozeanien-Westküste Amerika) gab es auch Scharmützel über die japanische Kapitulation hinaus, und auch das “Übergehen”  dieses Krieges in neue Konflikte. Und das Auftauchen japanischer “Aushalter” lange nach Kriegsende. Auf den Philippinen kam es nach der Wiederherstellung amerikanischer Herrschaft 44/45 die Gewährung der Unabhängigkeit 46 und den Guerilla-Kampf der kommunistischen “Huks”. Abgesehen davon hatten sich vielerorts japanische Soldaten versteckt, die oft weiterkämpften, im Laufe der Jahre auftauchten. Shōichi Shimada war auf der Insel Lubang verblieben, führte einen einsamen Kampf; 1954 wurde er bei einem Gefecht mit philippinischen Soldaten getötet.

Andere Japaner schlossen sich nach dem grossen Krieg den nationalen Unabhängigkeitsbewegungen gegen europäische Kolonialmächte an, v.a. in Vietnam und Indonesien. Murata Susumu wurde 1953 auf der Marianen-Insel Tinian in einer Hütte festgenommen; er wusste noch nichts vom Kriegsende. Berühmt wurde der Fall des japanischen Unteroffiziers Shōichi Yokoi, der erst am 24. Januar 1972 auf Guam entdeckt wurde. Am 10. August 1944 hatten die Amerikaner die Kontrolle über Guam wieder; aber es gab noch Monate darüber hinaus Widerstand von versprengten Truppen. Die sich v.a. in Höhlen in den Hügeln der Insel versteckten. Im Dezember 45 wurden 3 Marines bei einem Angriff (wahrscheinlich dem letzten “organisierten”) getötet.

Shoichi Yokoi Guam 1972

Auch Shōichi Yokoi war Teil einer Kleingruppe, von anfangs 10. Sie überlebten durch Fischen, Jagen und gelegentlichen Diebstählen von Guamesen. Vom Kriegsende erfuhren die Männer 1952 durch ein abgeworfenes Flugblatt. Sie entschieden sich aber gegen eine Kapitulation, da sie eine solche als unehrenhaft empfanden. Dann “übersiedelten” Sieben in einen anderen Teil der Insel – vielleicht waren die 2 japanischen Holdouts, die 1960 gefunden wurden, aus dieser Gruppe. Yokois letzter Kamerad starb 1964, bei einer Flut. 8 Jahre lebte er alleine, in einer getarnten Höhle, jagte in der Nacht, lernte sich in der Situation zu helfen, wurde gewissermaßen ein Waldmensch. 1972 wurde er von zwei Fischern gefunden. Er dachte sie seien hinter ihm her, so griff er sie an, sie überwältigten ihn aber. Und übergaben ihn der Polizei. Seine Heimkehr nach Japan wurde dort im Fernsehen übertragen, war eine grosse Sache. Er selbst soll gesagt haben: “Es ist mir sehr peinlich, lebend zurückzukehren.” Er war aber nicht der letzte japanische Soldat aus dem 2. WK, der aus seinem Versteck auftauchte.

Hiroo Onoda wurde 1974 auf den Philippinen (Lubang) gefunden. Im Dezember 1944, als die US-amerikanische Rückeroberung im Gange war, wurde er auf die Insel “versetzt”, sollte dort in einer Einheit Widerstand leisten. Einige Monate später zogen sich die vier Überlebenden der Einheit in Berge zurück, kämpften einen Guerilla-Krieg. Auch hier wurden Flugblätter abgeworfen, um japanische Holdouts über das Kriegsende zu informieren. Ab 1972 war Onoda alleine. Er traf 1974 einen japanischen Weltenbummler, dem er sich anvertraute. Dieser musste Onodas früheren Kommandanten in Japan aufspüren, der dann auf die Insel kam – um ihn aus dem Dienst zu entlassen, beinahe 30 Jahre nach Kriegsende. Onodas Gruppe hatte um die 30 philippinische Soldaten getötet, über die Jahre, aber er wurde vom philippinischen Präsidenten Ferdinand Marcos begnadigt. Marcos hatte im Weltkrieg auf amerikanischer Seite gegen die Japaner gekämpft; 1972 hatte er die Demokratie suspendiert und das Kriegsrecht ausgerufen.49 Einige Monate später tauchte dann noch Teruo Nakamura in Indonesien auf, ein Angehöriger der Urbevölkerung Taiwans, das 1895 bis 1945 unter japanischer Herrschaft stand.

Waren die Gefechte bzw Angriffe der versprengten japanischen Weltkriegs-Soldaten (die also bis in die 1970er hinein gingen) noch “Nachhutgefechte” dieses Kriegs? Wäre eine mehr als gewagte Interpretation, aber andererseits: Wo ist die Grenze zu ziehen? Es gab sogar noch später Aufgetauchte… Shigeyuki Hashimoto and Kiyoaki Tanaka hatten sich nach der japanischen Kapitulation in Malaysia dem Unabhängigkeitskampf gegen GB angeschlossen, dann einem Aufstand bzw Guerilla-Kampf der kommunistischen Partei Malaysias (PKM) – der 1989 zu Ende ging. Im Jänner 1990 kehrten die Beiden nach Japan zurück. Und Ishinosuke Uwano war auf Sachalin in sowjetische Gefangenschaft geraten, war in diversen Lagern, 1958 riss der Kontakt seiner Familie zu ihm ab. 2006 tauchte er in der Ukraine auf. Das stellt locker Rudolf Hess in den Schatten, der inhaftiert wurde, als es noch keinen Kalten Krieg gab, gestorben ist, als dieser schon fast zu Ende war. Im 1. WK hatte es einen deutschen Hauptmann gegeben, Hermann Detzner, der sich zu Kriegsbeginn im Busch von (Deutsch-)Neuguinea versteckte und schlappe 4 Jahre aushielt.

Für Japan, unter Tenno Hirohito, bedeutete die Kriegsniederlage 45 natürlich einen tiefen Bruch, brachte einen Machtverlust des Tenno, einen inneren und äusseren Kurswechsel, eine Besetzung durch die USA, Gebietsverluste,… es bekam aber nach einer Änderung der Weltlage die Souveränität zurück, wurde Verbündeter bzw Teil des Westens. Die Japaner waren für Hitler Verbündete und gleichzeitig Vorhut einer “gelben Gefahr”50; so weit ist das wahrscheinlich gar nicht von ihrer nachmaligen Wahrnehmung im Westen entfernt. Shiro Ishii war ein japanischer Mediziner, der in der „Einheit 731“ seiner Armee wirkte, die im Chinesisch-Japanischen Krieg 1937-45 in der Mandschurei Lebend-Menschen-Versuche für biologischen Waffen vornahm; 1948 schloss die USA (auf Initiative des Generalmajors Charles Willoughby) mit Ishii und anderen aus der Einheit ein geheimes Abkommen, in dem sie im Gegenzug für aus den Menschenversuchen gewonnene Daten zur biologischen Kriegführung Immunität gegen Verfolgung als Kriegsverbrecher zusicherten. Parallelen also zu Deutschland.51 Der Spanische Bürgerkrieg ging wenige Monate vor Beginn des 2. WK zu Ende, brachte die Diktatur unter Francisco Franco. Der Hitler dann etwas Hilfe zukommen liess (Division Azul), so wie dieser ihm zuvor (Legion Condor). Und bald nach dem Sieg über Hitler begann die USA, Franco zu stützen; 1953 entstanden US-Militärbasen in Spanien, und solange Spanien im US-amerikanischen geopolitischen System blieb, konnte es jede Art von Hilfe gegen eine Rebellion von Innen oder Regimewechsel von Aussen erwarten.

Es gibt noch etwas, dass Guam mit diesem Krieg verbindet: Methamphetamin. Im 2. WK wurde es in den Armeen Deutschlands („Pervitin“) und Japans (“Philopon”) eingesetzt. Nicht zuletzt bei japanischen Kamikaze-Piloten, im Pazifikkrieg. In Japan gab es nach dem Krieg eine Meth-Welle, die Mitte der 50er abebbte, aufgrund von Gesetzesänderungen. Sie schwappte aber über, in andere Länder des Pazifik-Raums, kam über die Philippinen, Guam, die Marshall Islands, Hawaii in die Festland-USA, an deren West-Küste.

Unruhen und Ähnliches in der USA

Abzugrenzen von Aggressionen nach Aussen, im Rahmen von Expansion oder auch nicht. Innere Konflikte, die mit Gewalt ausgetragen wurden, so wie jener im Militär auf Guam im 2. WK nach der Rückeroberung (> 1. Abschnitt). Konflikte wo der Staat bzw seine bewaffneten Kräfte eine Konfliktpartei war, auch solche die gewissermaßen an ihm vorbei liefen. Innere Gewalt hat es nach dem Ende der Expansion und dem Bürgerkrieg immer wieder gegeben. Der erste (quasi-) militärische Angriff auf die USA seit Pearl Harbor 1941, der am 11. September 2001 (die 4 gekaperten Flugzeuge), gehört nicht in diese Kategorie, da er zwar Gewalt in der USA beinhaltet, aber eben von Aussen gekommen ist.

* Die Unterwerfung der “ur-“amerikanischen Bevölkerung, der “Indianer”, begann zu Kolonialzeiten, ging bis Ende des 19., Anfang des 20. Jh.52

* Die Sklaverei muss an sich als Aggression aufgefasst werden; inner-amerikanische Konflikte ergaben sich hier aus dem Widerstand versklavter Afro-Amerikaner. Am bekanntesten ist die Sklaven-Rebellion unter “Nat” Turner 1831 in Virginia, mit etwa 50 Toten bevor die Repressalien bzw die Niederschlagung begannen. Zu dieser Zeit begann übrigens im Norden der USA die Industrialisierung, begannen sich Norden und Süden der USA auseinander zu entwickeln.

* Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg (1846-48) endete mit dem Vertrag von Guadelupe Hidalgo im Februar 1848, mit dem Mexico fast ganz Alta California und einen Teil von (Santa Fe de) Nuevo Mexico an die USA abtreten musste.53 Doch bereits im Jänner 1848 begann der California Gold Rush, begannen US-Amerikaner also, Gold in Kalifornien zu fördern, als das Land de facto aber noch nicht de jure ihnen gehörte. Infolge des “Goldrauschs” wurde California rasch ein US-Bundesstaat (1850).54 In diesem lebten zum Zeitpunkt der “Übernahme” etwa 100 000 Mexikaner, “Weisse”, “Indianer” (der grösste Teil davon!) und “Mischlinge”.55 Diese beteiligten sich auch an der Goldsuche, viele mit Erfolg. Diese Mexikaner in Kalifornien waren damals “das Andere”. Zwischen 1848 und 1860 wurden über 150 mexikanische Kalifornier gelyncht, von weissen Amerikanern, darunter frischen Einwanderern aus Europa. Von einem der Opfer ist der Name bekannt, Josefa Segovia; sie wurde schuldig befunden, einen Amerikaner getötet zu haben, der in ihr Haus einbrach.56

* Wahltag in Louisville, Kentucky 1855, Massaker von Anhängern der American Party (“Know Nothing Party”), WASPs, an irischen und deutschen Einwanderern, Anhänger der Democratic Party, 22+ Tote. Einwanderer sind entgegen dem US-Mythos vom “Schmelztiegel der Nationalitäten” nie populär gewesen. Auch dann nicht, wenn sie dringend gebraucht wurden.

* Die Church of Jesus Christ of Latter-day Saints bzw Mormonen-Kirche hat eine Entstehungsgeschichte, die mit viel Gewalt verbunden ist.57 Die Latter-day Saints bzw Mormonen waren (ab den 1820ern) die erste in der USA entstandene Kirche. Ab 1831 wanderten Joseph Smith und seine Anhänger in den Westen Amerikas, wie viele Andere damals. Auf diesem Weg gab es viele “Auseinandersetzungen”, mit anderen Siedlern oder Behördenvertretern oder aber Indianern. 1838 in Missouri mit nicht-mormonischen Siedlern (Amerikanern). 1844 wurden Joseph Smith und sein Bruder in Illinois gelyncht. Brigham Young führte den „Exodus“ weiter; der Zug kam 1847 in das Gebiet der Ute-Indianer, noch Teil von Alta California, Mexico, aber im laufenden Krieg (1846-48) gerade dabei an die USA verloren zu werden – wie das Gebiet um Coloma, wo dann Gold gefunden wurde (s.o.). Young wurde Gouverneur des Utah-Territoriums (bestand 1850-1896). Es gab in dieser Phase und auch danach bei den Mormonen Ansätze von Separatismus gegenüber der USA, jedenfalls aber eine Sonderentwicklung, religiös begründet, ethnisch waren sie so WASP wie nur möglich.

1857 wollte USA-Präsident James Buchanan (DP) Young als Gouverneur von Utah absetzen und Kontrolle über das Territorium herstellen. In Washington befürchtete man, dass sich Utah unter Young zu einer Mormonen-Theokratie entwickelte, schickte eine Militär-“Expedition”. Daraus ergab sich dort 1857/58 eine Art Besatzungssituation. Im September 1857 entluden sich Spannungen, als Angehörige einer Mormonen-Miliz im südlichen Utah ungefähr 100 Siedler töteten, die nach Kalifornien ziehen wollten. 1858 wurde nach Verhandlungen zwischen der Regierung und der Mormonen-Führung Young als Gouverneur abgesetzt, Utah enger an die USA gebunden und die “Aufständischen” von Buchanan begnadigt, ausser die an dem Massaker Beteiligten. Utah wurde 1896 Bundesstaat. Die allerletzten Auseinandersetzungen, die als Teil der Indianerkriege (Indian wars) gelten, ereigneten sich auch in Utah, bildeten den Abschluss der “Ute-Kriege”. 1923 war das, zwischen einer Gruppe von Ute und Paiute unter einem Posey und der USA-Armee, dauerte einige Tage, bewirkte einen Massenexodus von Ute/Paiute innerhalb Utahs – dem Staat der ihnen seinen Namen verdankt.58

* Die Cortina-Kriege: Juan Cortina (1824 – 1894), ein weisser Mexikaner, lebte in Tamaulipas, war dort Gouverneur (1843, 1844/45). Tamaulipas grenzte an Coahuila y Texas, Cortina erlebte die amerikanische Inbesitznahme von Texas (1835-1845), bei der Tamaulipas auch einen Teil an das amerikanische Texas verlor. Nach dem Krieg 1848 musste dann noch ein umstrittenes Grenzgebiet von Tamaulipas an Texas abgetreten werden. Ende der 1850er stellte Cortina paramilitärische Verbände auf, drang mit ihnen in den USA-Bundesstaat Texas ein, griff ihm im Rio Grande-Tal Angloamerikaner an, die in jenem Gebiet siedelten, das Cortinas Familie gehört hatte. Es gab dort Kämpfe mit bewaffneten Gruppen (United States Army, Texas Rangers, lokale Milizen); der “Erste Cortina-Krieg” ging von 1859 bis 1860, die Mexikaner wurden zurückgeschlagen, über den Rio Grande. 1861 der zweite Versuch und der daraus folgende zweite “Krieg”. Der USA-Bürgerkrieg (oder: Krieg zwischen USA und CSA) hatte gerade begonnen, und Cortina überquerte wieder mit einer Miliz den Rio Grande, nach Texas, das sich den Konföderierten Staaten angeschlossen hatte. Die Mexikaner bekamen es so mit CSA-Truppen zu tun, diese wurden von Santos Benavides geführt, einem Tejano, also mexikanischen Texaner. Es gab dann, speziell um die Jahrhundertwende, noch viele Scharmützel an der mexikanisch-amerikanischen Grenze.

*  Den blutigsten Tag in der amerikanischen Militätgeschichte überhaupt gab es in diesem Bürgerkrieg (1861-65): die Schlacht von Antietam (Maryland) am 17. September 1862, als über 3 600 Soldaten beider Seiten getötet wurden. Es gab auch mehrere Massaker in diesem Krieg. Im Oktober 1862 eines in Gainesville (Texas), an dort lebenden Zivilisten, die verdächtigt wurden, “Unionisten” zu sein, also Sympathisanten/Unterstützer der USA bzw der Bundestruppen. 41 solche wurden gehängt, nach Aburteilungen durch ein “Bürgergericht”, 2 weitere bei Fluchtversuchen erschossen. 1863 veranstalteten CSA-Truppen in Lawrence (Kansas) ein Massaker, töteten 164 Zivilisten. Um den “roten Faden” dieses Artikel aufzunehmen: Kriegsziel der Südstaaten war ja eigentlich die Behauptung der Unabhängigkeit/Souveränität. Der Autor Edward Pollard aus Virgina aber wälzte Pläne für die USA und die CSA für den Fall eines Siegs der zweiteren. Die Industrie im Norden sollte zerschlagen werden, die CSA sollte in den Karibikraum expandieren, ein auf Sklaverei basierendes Imperium errichten (mit einer weissen englischsprachigen Herrenschicht).59

* Unfälle: Auf dem Mississippi-Dampf-Schiff „Sultana“ 1865 eine Explosion, anschliessender Untergang,  1 168 Tote, kurz nach Ende des Bürgerkriegs und der Ermordung von Präsident Lincoln; Brand im Iroquois-Theater in Chicago 1903, forderte 602 Menschenleben; Gasexplosion in New London (Texas) 1937, 295 Opfer; 1913 Grubenunglück in New Mexico durch Dynamit-Verwendung; Italian Hall in Calumet (Michigan) 1913 Massenpanik; American Airlines Flugzeug 1979 Absturz (Wartungsfehler); 1963 Zug-Busunfall Chualar (California);…

* Lynchmorde an Afro-Amerikanern, das Wirken des Ku Klux Klan. Nach einer Schätzung des Tuskegee Institute sind allein in der Zeit von 1882 bis 1968 über 4 700 Menschen in der USA gelyncht worden, hauptsächlich in den Südstaaten, ungefähr drei Viertel davon Afro-Amerikaner. Mit “Lynchen” sind natürlich Hinrichtungen/Tötungen aus Selbstjustiz/Standrecht gemeint; aber jemanden aus rassistischen Gründen ein Verbrechen zu unterstellen/umzuhängen (und ihn dafür zu töten) und jemanden aus rassistischen Gründen zu töten – das ist nicht immer so klar abzugrenzen.

Der bereits erwähnte Nathan B. Forrest war Sklavenhändler u.a. in Tennessee, CSA-General im Bürgerkrieg60, beteiligt beim Massaker 1864 in Fort Pillow (TN) an USA-Truppen (hauptsächlich Schwarzen). Nach dem Krieg Begnadigung, zurück zur Baumwollplantage, Misshandlung von Schwarzen dort, stiess 1867 zum 2 Jahre zuvor gegründeten KKK. Der Klan kämpfte gewissermaßen gegen den Ausgang des Kriegs, die Herrschaft des Nordens, drangsalierte Afro-Amerikaner, hatte im Südosten der USA viele mehr oder weniger autonome lokale Verbände. Forrest wurde Grand Wizard des Klans, bis 1869. 1871 wurde er, im Rahmen der Reconstruction, aufgelöst. Nach Forrest, der der Democratic Party angehörte, sind noch immer Plätze u.a. in der USA benannt. Das Lynchen an Afro-Amerikanern erreichte um 1900 einen Höhepunkt.

In dieser Zeit tauchten in der USA auch Berichte über Folterungen auf den Philippinen auf, von US-Soldaten an Philippinos.61 Wie erwähnt hatten sich die Philippinos gegen die Spanier aufgelehnt; nach der amerikanischen Eroberung (die auch mit diesem Aufstand gerechtfertigt wurde) und der Errichtung einer neuen Fremdherrschaft flammte der Aufstand neu auf62, richtete sich gegen die Amerikaner, wurde zu einer Art Krieg (1899-1902). Vor diesem Hintergrund wurden Philippinos gefoltert. Präsident Theodore Roosevelt hat sich in dieser Zeit zu Lynchmorden in der USA an Schwarzen und Folter auf den Philippinen geäussert. So 1902 bei einer Rede auf dem Arlington Friedhof in Virgina, verurteilte und relativierte gleichzeitig die Gräuel, rief nicht zu einem Ende des Lynchens in der USA auf, sondern zu einem Ende der Kritik am amerikanischen Militär.

24. Infanterie-Division der Armee der USA, Philippinen 1902

Der Krieg ging zu Ende, als die USA (mit dem Philippine Organic Act) den Philippinen 1902 etwas Selbstverwaltung zugestand. Einige Senatoren, weisse Demokraten aus dem Süden, blockierten das Gesetz einige Zeit, da sie Roosevelts Äusserungen über die Süd-USA und die Philippinen als ein Schuldeingeständnis sahen. 1903 tadelte er, in einem Brief, Teilnehmer von Lynchmobs etwas, und führte aus, dass der “schwarze Mann in manchen Fällen schuldig war, an grausamen Verbrechen”63. Die “schwarzen” US-Amerikaner die auf die Philippinen geschickt wurden, um den dortigen Aufstand niederzuschlagen64, waren auch dort Rassismus von ihren Landsleuten ausgesetzt, innerhalb der Armee. Nicht anders als “zu Hause”. In dieser Zeit, zwischen 1899 und 1902 wurden 381 Afro-Amerikaner in der USA gelyncht. Nun waren sie Fusssoldaten, Ausführende in einem Krieg, der auf der selben rassistischen Ideologie basierte, wie jene die sie in Amerika erfuhren. Philippinos wurden von weissen Amerikanern so charakterisiert/eingestuft, wie auch die Afro-Amerikaner: minderwertig, unbeholfen, unreif. Die selbe Konstellation gab es in Vietnam, Irak,…

KKK-Parade Washington 1926

Der Ku Klux Klan wurde ja nach einem Film 1915 neu gegründet65, nahm seine Tätigkeit wieder auf, der aber in der Zwischenzeit (seit seiner Auflösung) auch nachgegangen worden war. Einer der Führer des 2. Klans, David Stephenson (Grand Dragon in Indiana), wurde in den 1920ern wegen Mord und Vergewaltigung einer (weissen) Frau verurteilt (und dann vorzeitig freigelassen). Imperial Wizard Hiram Wesley trat 1939 zurück, nachdem er von Anti-Katholizismus (seinem und dem des KKK) abgerückt war.66 1939 kam auch das Lied “Strange Fruit” von Billie Holiday heraus, komponiert von Abel Meeropol (Jude russischer Herkunft aus New York). Gelynchte Menschen auf Bäumen im Süden der USA, sonderbare Früchte des Baums die da herunterhängen. Der 2. Klan, unter James Colescott dann, musste 1944 aufgrund von Steuerzahlungsforderungen des Staates aufgelöst werden – nicht wegen seiner Ideologie, seinen Aktivitäten. Ab den 1950ern gibt es lokale/regionale Neugründungen.

Emmett Till, 14 Jahre, wurde 1955 in Mississippi gelyncht, nachdem er eine weissen Frau im Geschäft von deren Familie “angemacht” hatte (Pfiff ausgestossen,…), nicht vom KKK, von Leuten die in der Mitte der Gesellschaft waren67, Verwandten und Freunden der Frau; sie wurden freigesprochen. 1981 wurde Michael Donald in Alabama von Mitgliedern des Ku Klux Klan gelyncht, nachdem ein Afroamerikaner des Mordes an einem (Weissen) freigesprochen wurde. Dieser Lynchmord gilt als der letzte (derartige) in der USA.

* In Opelousas (Louisiana) gab es 1868 ein Pogrom an Afro-Amerikanern (über 300 Tote), kurz nach der Aufhebung der Sklaverei also, im Zuge des Bemühens die ehemaligen Sklaven an der Ausübung der ihnen theoretisch zugestandenen politischen Rechte zu hindern.

* 1871 ein Massaker an Chinesen in Los Angeles, etwa 20 Tote

* 1887 in Thibodaux (Louisiana) ein Streik bzw Aufstand von Zuckerrohr-Arbeitern, ehemaligen Sklaven, die Niederschlagung…die Angaben über Opferzahlen reichen von 30 bis 100; die Arbeiter kehrten zu den Bedingungen ihrer Arbeitgeber wieder auf die Plantagen zurück

* Der Johnson County War in Wyoming, 1889-93, ein Konflikt um Weideland; es gab viele weitere solcher Landfehden

*  Casey’s Armee: ein Arbeitslosenmarsch 1894, Tausende Teilnehmer, geführt von Jacob Casey (einem Geschäftsmann!), „Jack London“ war dabei, sollte von Ohio nach Washington DC gehen, wurde in Montana aufgelöst von „Sicherheitskräften“, zuvor schon wurden die Führer verhaftet

* Naturkatastrophen: ein Hurrikan über Texas 1900 (ca 10 000 Tote; im Jahr davor ein ähnlich verheerender, der die Karibik betraf und auch Puerto Rico, das als Teil USA zu sehen ist oder auch nicht), Erdbeben San Francisco/Kalifornien 1906, 1899 Überflutung Pennsylvania, Hitzewelle 1980, 1918 Waldbrand in Minnesota, 1927 Mississippi-Flut, Mount St. Helens Vulkanausbruch 1980 „Katrina“ 2005,

* Gewalt gegen Einwanderer aus Griechenland in South Omaha (Nebraska) 1909

* Houston 1917: Nachdem Präsident Wilson 1917 entschieden hatte, auf Seiten der Entente in den Krieg in Europa einzutreten (> “Lusitania”, Zimmermann-Telegramm,)68, wurde die Wehrpflicht wieder eingeführt, erstmals seit dem Bürgerkrieg, für Männer zwischen 21 und 30 Jahren ein. Auch etwa 300 000 Afro-Amerikaner wurden eingezogen, ausserdem meldeten sich etwa 50 000 von ihnen freiwillig. Das 3. Battailon des 24. Infanterie-Regiments, ausschliesslich mit afro-amerikanischen Soldaten, wurde zur Grundausbildung in New Mexico versammelt, dann nach Houston, Texas, verlegt. Dort wurde Rassentrennung gelebt, und daher hatten die Einwohner Probleme mit dem Auftauchen afro-amerikanischer Soldaten (die für die USA kämpfen sollten). Zumal viele der Soldaten (jene die nicht aus dem Südosten sammten) strikte Rassentrennung nicht gewohnt war, und sich an ihrer Behandlung durch weisse Houstoner störten.

Als die Polizei von Houston eine schwarze Frau gewaltsam verhafteten, waren gerade schwarze Soldaten in der Nähe. Soldaten versuchten die Frau zu beschützen. Ein Polizist schoss auf einen der Soldaten. Ähnlich wie in Agana verbreitete sich die Nachricht von der gewaltsamen Auseinandersetzung in der Stadt zum Battailon. In dieser Situation ordneten die Kommandierenden des Battailons (alles Weisse) die Entwaffnung der Soldaten an. Stattdessen marschierte ein Grossteil der Soldaten mit ihren Waffen und weiteren, die sie im Lager fanden, in die Stadt. Dort kam es zu einer stundenlangen Schiesserei mit Polizisten… 19 Tote zählte man am Abend. Kriegsrecht wurde in der Stadt verhängt, die als “Anführer” bzw “Aufrührer” des Battailons Gebrandmarkten vor ein Kriegsgericht gestellt. 19 Soldaten wurden zum Tode verurteilt und aufgehängt, 63 bekamen lange Gefängnisstrafen. Die ersten toten Amerikaner gab es also (im eigenen Land), bevor die USA unter dem Rassentrennungsbefürworter Wilson in den Krieg in Europa eintrat, um (wie dann auch ab 1941 und viele weiter Male) das Böse in der Welt draussen zu bekämpfen.69

Diese “Houston Riot” wurde dahingehend diskutiert, welche Gefahr von schwarzen Soldaten ausgehe, nicht bezüglich des rassistischen Verhaltens von Polizisten der Stadt, der Verhältnisse im Süden/Südosten der USA, der Stellung der Afro-Amerikaner in diesem Land für das sie kämpfen sollten,… Aus Afro-Amerikanern in den Streitkräften der USA wurden für den Krieg in Europa zwei Infanterie-Divisionen gebildet, der Grossteil kam aber nicht diese Kampfeinheiten (Combat units), sondern in Arbeitseinheiten (support units), wo sie keine Waffen bekamen, aber harte Arbeit wie Entladen von Kriegsschiffen und Strassenbau leisten mussten, streng separiert von den weissen “Kameraden”. Malcolm X / Malik Shabazz hat ja nach der westlichen Intervention im Congo 1960, die mit der Gewalt an (weissen) Frauen dort begründet wurde, gesagt, wenn diese Mächte in Afrika für Weisse intervenierten, könnten afrikanische Armeen eigentlich in der USA anlässlich von Gewalt gegen Schwarze dort intervenieren. In Houston engagierten sich immerhin schwarze US-Soldaten für schwarze Zivilisten. Abgesehen davon, die Sache hätte sich eigentlich auswachsen können, bzw wie ein Lauffeuer verbreiten in der USA. Wilson erhielt 1919 den Friedensnobelpreis „für seine Verdienste um die Beendigung des Ersten Weltkriegs“.

* Nach diesem Krieg kam es in Tulsa (Oklahoma) zu Spannungen zwischen Weiss und Schwarz, die sich entluden. Dort gab es eine auf JimCrow-Gesetzen basierende Rassendiskriminierung. 1921 wurde ein schwarzer Schuhputzer beschuldigt, eine weisse Fahrstuhlführerin sexuell angefallen zu haben. Ein “weisser” Mob stürmte das Gerichtsgebäude/Gefängnis, wollte die Übergabe des Beschuldigten, um ihn zu lynchen. Eine Gruppe Afro-Amerikaner, möglicherweise Veteranen des 1. WK eilte hin, um ihn zu retten. Es folgte ein “Vorgehen” eines weissen Mobs gegen diese Afro-Amerikaner und ihre Wohngegenden, mit Unterstützung der Polizei von Tulsa, das 2 Tage ging. Die meisten der 100–300 Toten waren Afro-Amerikaner.

* Im selben Jahr auch ein ganz anderer Konflikt in der USA: Die “Schlacht am Blair Mountain”, in Logan County (West Virginia). Ein Arbeitskampf, zwischen Arbeitern von Kohle-Bergwerken in den Appalachen und den Besitzern dieser Bergwerke (von den Behörden unterstützt), der bereits Jahre zuvor begann. Der grösste Arbeiteraufstand in der Geschichte der USA, einer der schärfsten Konflikte in diesem Land seit dem Bürgerkrieg. Fünf Tage lang Ende August, Anfang September 1921 standen sich 10 000 bewaffnete Bergarbeiter und 3000 Polizisten, Soldaten, Streikbrecher, Abgehöriger privater Sicherheitsdienste,… gegenüber. Es ging um (bzw gegen) den Versuch, die Kohlearbeiter der Region gewerkschaftlich zu organisieren; Anführer der “Aufständischen” war William “Bill” Blizzard von den United Mine Workers. Ungefähr 100 Menschen wurden getötet, viele wurden verhaftet.

* “Bonus Army” wurde 1932 in der USA ein Protestmarsch von etwa 43 000 Menschen genannt (1. WK-Veteranen, ihre Familien, weitere Angehörige), die sich in der Hauptstadt Washington versammelten, um auf die Auszahlung von “Gutscheinen” (Boni in Form von Zertifikaten) zu drängen die sie für ihren Militärdienst bekommen hatten. Die von Walter Waters Geführten nannten sich “Bonus Expeditionary Force”. Sie “belagerten” das Capitol-Gebäude. Der Militärheld Smedley Butler (Spanisch-Amerikanischer Krieg, „Bananenkriege“, 1. WK) sprach den Protestierenden Solidarität zu. Als die Polizei die Demonstration auflösen wollte, kam es zu Gewalt, zwei toten Demonstranten. Nun liess Präsident Herbert Hoover Militär in die Hauptstadt kommen. Armee-Stabschef Douglas MacArthur (mit Dwight Eisenhower als Adjutant) organisierte diesen Aufmarsch (Kavallerie, Infanterie), auch eine Panzereinheit unter George Patton kam. Dieser Angriff, der die ehemaligen Soldaten aus der Stadt vertrieb, forderte 4 Tote.  Der genannte Smedley Butter war nach seiner Militärkarriere Polizeichef von Philadelphia. 1934 behauptete er, dass rechtsgerichtete Geschäftsleute und Faschisten wie KKK und American Liberty League 1933 einen Staatsstreich gegen Präsident Franklin Roosevelt und seine Regierung geplant hatten. Unzufriedene Militär-Veteranen sollten dazu benutzt werden. Und Butler hätte Führer der USA werden sollen. Butler schrieb bald danach ein kritisches Buch über die Kriege der USA, an denen er teil genommen hatte.

* Der Bezirk/County McMinn in Tennessee wurde um den 2. WK herum von der Cantrell-Familie “geführt”. Anlässlich der Vorwahl für die Sheriffswahl von McMinn County 1946 entzündeten sich lange bestehende Spannungen. Vor allem in der dort gelegenen Stadt Athens, wo es zur “Schlacht von Athens” kam. Wieder beteiligt waren zurückgekehrte Soldaten des 2. WK, die sich gegen Wähler-Einschüchterung und Ähnliches wehrten, sich mit den Polizisten ein Schussgefecht lieferten.

* Interessanterweise gibt es in den zur USA gehörenden Gebieten, die nicht Bundesstaaten sind, Bestrebungen diese zum 51. Staat zu machen, aber auch Unabhängigkeitsbestrebungen. Kandidaten für den Bundesstaat-Status und für die Sezession sind Puerto Rico, Guam, die Northern Mariana Islands, U.S. Virgin Islands70, American Samoa (Ost-Samoa); der District of Columbia nur für Ersteres, die Guano-Inseln für keine der beiden Möglichkeiten. Gebiete ausserhalb des geschlossenen Staatsgebietes, die dann Bundesstaaten wurden, sind ja Hawaii und Alaska. In beiden Staaten gibt es auch Sezessionsbewegungen, in Hawaii werden diese von der “Urbevölkerung” getragen, zielen auf eine Restauration des Königreichs Hawaii (Aupuni Mōʻī o Hawaiʻi) ab. Ansonsten hat es bei Indianer-Völkern immer wieder Unabhängigkeits-Aktivismus gegeben, zur Zeit am konkretesten bei den Lakota. Auch bei Afro-Amerikanern gab es Ansätze, Tendenzen dazu, von den Repatriierungs-Bemühungen nach Afrika bis zur Nation of Islam. Die Mormonen und Utah wurden schon erwähnt.

Kalifornien, der Westen des mexikanischen Alta California, liegt am Rand der USA, könnte als unabhängiger Staat bestehen71, und hat Ansätze einer eigenen nationalen Identität (historisch-ethnisch-kulturell-…), nicht nur da WASP’s dort nicht in der Mehrheit sind. 2015 wurde die Yes California Independence Campaign gegründet (an frühere Initiativen anknüpfend72); sie bekam durch den Sieg von Donald Trump durch die Präsidentschaftswahl im November ’16 grösseren Zulauf. Hillary Clinton war dort mehr als 4,2 Millionen Wählerstimmen vor Trump gelegen, wenn man so will 4 der 3 Millionen Stimmen die Clinton insgesamt mehr als Trump bekam. Yes California will die Abspaltung Kaliforniens von der USA, mittels eines Referendums, für dessen Abhaltung sie Unterschriften sammelte. Die Kampagne durfte Unterschriften sammeln, nachdem Kaliforniens Innenminister dafür im Jan. 17 grünes Licht gab. Im April stoppte die Kampagne diese Initiative, im Zusammenhang mit der möglichen russischen Einflussnahme in diese Präsidentenwahl und den Russland-Verbindungen von Kampagnen-Leiter Louis Marinelli, einem New Yorker (italienischer Herkunft) der in Russland lebt, ehemaliger Republikaner ist und angab, 2016 für Trump gestimmt zu haben.

Die Abhaltung eines Referendums und eine Mehrheit dabei wäre jedenfalls für einen (“geregelten”) Austritt nicht genug; der Congress müsste dazu auch einen entsprechenden Verfassungszusatz annehmen, wofür eine Zwei-Drittel-Mehrheit notwendig ist. Die Kampagne zur Abspaltung Californias vom Rest der USA wird von der California National PartyPartido Nacional de California (CNP) unterstützt, die 2014 gegründet wurde. Latinos/Hispanics/Chicanos, also Menschen lateinamerikanischer Herkunft, machen einen bedeutenden Teil der Bevölkerung Kaliforniens aus, wahrscheinlich die Mehrheit. Wobei Californios, also Nachfahren der mexikanischen Einwohner von Alta California, nur einen kleinen Teil davon ausmachen, die meisten Latinos in Kalifornien sind Einwanderer aus Mexico oder Nachfahren solcher. Und hier kommen wir zu einem anderen Punkt: Neben dem “Calexit” (kalifornischer Separatismus) gibt es noch einen Irredentismus Kalifornien betreffend. Jene Gebiete der USA, die Mitte des 19. Jh von Mexico abgetrennt wurden (Kalifornien einer der Bundesstaaten), werden von manchen Mexikanern noch immer oder wieder beansprucht. Wobei sich die Urheimat der (von den Spaniern unterworfenen) Azteken, Aztlán, im Südwesten der USA befunden haben soll, was diese Ansprüche unterstreicht.73 Bei Samoa und Virgin ist es ja so, dass die USA nur die eine Hälfte dieses Gebiets bekommen haben, bei den Marianen anfangs auch, wobei West-Samoa zwar unabhängig ist, die östlichen Virgin Islands aber britisch. In Texas gibt es seit den 1990ern auch eine Unabhängigkeits-Bewegung74, wie Kalifornien einer der grössten Bundesstaaten, dort kommt die Idee zur Trennung daraus dass man sich als konservativer als der Rest der USA sieht, konträr zum überdurchschnittlich liberalen Kalifornien!

Dort gibt es aber (noch) keine Konflikte, anders als bei Puerto Rico – nun zum eigentlichen Punkt. Dort gab es ja, wie auf Cuba und Philippinen eine Unabhängigkeitsbewegung gegen die Spanier vor der USA-Eroberung. Für die Unabhängigkeit von Puerto Rico von der USA kämpfte früher die Partido Nacionalista de Puerto Rico (PNPR), ab 1930 von Pedro Albizu Campos geführt. Bevor Puerto Rico Ende der 1940er, Anfang der 1950er Selbstverwaltung bekam (und den jetzigen Status), führte staatliches amerikanisches Vorgehen gegen die PNPR75 zu Gegenwehr dieser, zur Aufnahme eines gewaltsamen Kampfes. Dieser wurde auch in die “Kern-USA” getragen; 1950 versuchten PNPR-Aktivisten USA-Präsident Truman zu töten, 1954 gab es ein Schuss-Attentat der Organisation auf den Congress in Washington. Während die PNPR (auch nach dem Tod von Albizu) bis heute aktiv ist, übernahm in den 1970ern eine andere Guerilla-Organisationen, die FALN (Fuerzas Armadas de Liberación Nacional Puertorriqueña), die führende Rolle im Unabhängigkeits-Kampf.76 Der Unabhängigkeits-Kampf wird heute von einer Partei geführt, der PIP, die keinen grossen Zuspruch bekommt.77

* In der damals amerikanischen Panamakanal-Zone gabs 1964 Unruhen gegen die US-Herrschaft, die blutig niedergeschlagen wurden; die Unruhe entzündete sich am Hissen von Flaggen (der amerikanischen und der panamaischen), als Ausdruck der Zugehörigkeit bzw Hoheit. Dieses Gebiet ist eines jener, das die USA nach langer Herrschaft abgegeben haben, de-facto-Staatschef Torrijos handelte mit US-Präsident Carter 1977 die Rückgabe der Kanalzone aus (die als solche schon 1979 aufgelöst wurde), die 1999/2000 vollzogen wurde – im Rückgabevertrag wurde der USA ein Interventionsrecht im Falle von “Gefahr für die Neutralität” des Kanals eingeräumt.

* Die Intervention der USA im Krieg zwischen Nord- und Süd-Vietnam ging von 1964 bis 1973, ab dem Tonkin-Golf-“Zwischenfall”, zuvor waren aber schon 20 000 US-Soldaten in Süd-Vietnam… Der Truppenaufmarsch der USA (auf See) nach Vietnam lief wie erwähnt grossteils über Guam. Eine wachsende Antikriegsbewegung, Teil der dortigen 68er-Bewegung, und die Wehrpflicht machten den Vietnam-Krieg trotz der grossen Distanz sehr präsent in der USA.78 In diesem Krieg gab es ja theoretische Gleichberechtigung zwischen Weissen und Nicht-Weissen in den Streitkräften der USA, die Integration im Militär begann damals, parallel zur allgemeinen Emanzipation der Afro-Amerikaner in der USA (Bürgerrechtsgesetze wie auch Rassenunruhen in den 1960ern). Die 1940 eingeführte Wehrpflicht lief 1947 aus, wurde im beginnenden Kalten Krieg 1948 wieder eingeführt und 1973 (mit dem Abzug aus Vietnam) erneut ausgesetzt.79 Es gab auch in diesem Krieg einen überproportional hohen Anteil von Afro-Amerikanern im USA-Militär, die Todesrate war noch höher, die Offiziersrate wesentlich geringer (in allen früheren Kriegen waren diese Zahlen noch extremer)…80

Vor allem in der Freizeit gab es eine Trennung zwischen Schwarz und Weiss im USA-Militär in Vietnam. Mit zunehmender Kriegsdauer kamen dort rassische Konflikte auf. Martin L. King, der ja für ein Miteinander von “Weiss” und “Schwarz” kämpfte (und Andere), sagte(n), die USA-Intervention sei ein Rassenkrieg in der das Establishment der USA „schwarze Söldner benutze um braune Menschen zu töten”.81 Mir ist nicht bekannt, ob es wirklich Versuche des Vietcong (FNL) oder des nord-vietnamesischen Staates gab, afro-amerikanische Soldaten zum Überlaufen zu bewegen. Im Film „Dead Presidents“ (1995) wird so etwas (mittels Flugblätter) dargestellt. Der afro-amerikanische Autor und Amateurhistoriker Wallace Terry (1938 – 2003) brachte 1984 “Vietnam, Bloods: An Oral History of the Vietnam War” heraus, das Grundlage für diesen Film war.82 Auch Muhammed Ali hat es klar ausgedrückt (siehe unten), eine Verbindung zwischen Rassismus und Diskriminierung zu Hause, in jener Nation, für die diese Afro-Amerikaner kämpfen sollten, und diesem Krieg hergestellt. Die “Kongo-Krise” endete etwa da, als das USA-Mitmischen in Vietnam (und damit der Vietnam-Krieg) richtig losging. Malcolm X hat einen Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen Afro-Amerikaner in der USA und westlichem Eingreifen im Congo/Kongo hergestellt (siehe oben)83, Andere auch einen zwischen diesen inneren Zuständen und dem Wirken als Weltpolizei allgemein.

Die grosse Meuterei oder Kriegsdienstverweigerung gab es aber nicht, wie auch nicht in den Weltkriegen84, dem Spanisch-Amerikanischen Krieg, Irak,… wo ebenfalls das Potential dazu gegeben war. Und es kam auch zu keiner “Fraternisierung” (Überlaufen) zwischen Afro-Amerikanern (“Niggern”) und “Schlitzaugen” oder “Kameltreibern”. Ansätze von Meutereien gab es aber, wie wahrscheinlich nie vorher und danach in den US-Streitkräften. Und das nicht nur unter jenen, die auch nach Vietnam kamen. 43 schwarze Soldaten die in Fort Hood (Texas) stationiert waren, verweigerten rund um den Wahl-Parteitag der Democratic Party 1968 in Chicago den Einsatz gegen Anti-Kriegs-Demonstranten (denen es u.a. um bzw gegen Kriegs-Präsident Johnson ging). Natürlich übten auch Weisse im Militär Proteste aus. Flugblätter und Ähnliches gegen den Krieg zirkulierten auf fast allen Militärstützpunkten in der USA. In South Carolina verweigerte 1967 ein Militärarzt namens Howard Levy, bei den Green Berets dienende Sanitäter auszubilden, wurde dafür von einem Kriegsgericht verurteilt. Oder, zu Weihnachten 1969 gab es eine Antikriegsdemonstration von (etwa 50) US-Soldaten in Saigon.85 Die damals ausufernde Drogeneinnahme von Soldaten war vielleicht auch eine Art Protest, jedenfalls eine Flucht. Manche Soldaten wachten nach Abrüsten/Rückkehr/Verwundung auf, wie Ron(ald) Kovic, der der Organisation Vietnam Veterans Against the War angehört.

Einberufungszentrum Oakland bei San Francisco, 1967

Ja, und die innere Gewalt die in diesem Punkt hauptsächlich behandelt werden soll, ereignete sich im Militärgefängnis im US-Militär-Stützpunkt in Long Binh nahe Saigon. die Basis bestand 65-7586, das Gefängnis war das grösste amerikanische in diesem Krieg, und etwa 90% der Insaßen waren Afro-Amerikaner. Ein Gary Payton etwa verliess nach einer rassistischen Beschimpfung durch einen Vorgesetzten seinen Posten, wurde dafür (dort) eingesperrt. Und 1968 kam es in Long Binh zu einem Aufstand der Schwarzen in dem Gefängnis, die Militärpolizei hielt dagegen, am Ende zählte man einen toten weissen Gefangenen, 4 entkommene Gefangene87. Folgen waren eine “Verstärkung” des Lagers, Strafen für die Beteiligten.

Das Long Binh-Gefängnis nach der Auflehnung

* Militante Indianer-Aktionen nach Abschluss der Unterwerfung der Ureinwohner wurden einige von AIM unternommen. So wie jene 1973 in Wounded Knee.

* 1992 die rassischen Unruhen in Los Angeles (Einsatz der Nationalgarde,…), wie in den 1960ern in verschiedenen Teilen der USA

* In Waco (Texas) 1993 Belagerung und Schiesserei zwischen der Branch Davidians Sekte und staatlichen Kräften (82 Tote). 1997 in San Diego (Kalifornien) Gruppenselbstmord einer anderen Sekte, der Heaven’s Gate. Auch beim Massen-Selbst(?)-Mord 1978 in Guyana waren so ziemlich alle Beteiligten/Betroffenen US-Amerikaner. Ausserhalb der USA ereignete sich auch der Flugzeugabsturz über Lockerbie (Schottland/Grossbritannien) 1988, auch hier waren hauptsächlich Amerikaner betroffen. Beim Untergang der „Titanic“ 1912 war das teilweise der Fall. Beim Anschlag nicht geklärter Provenienz auf die Truppenunterkünfte der Multinational Force in Lebanon (MNF) am Flughafen Beirut 1983 waren die meisten Getöteten Amerikaner, beim israelischen Angriff auf die „USS Liberty” 1967 alle.

* Zu nennen wären noch diverse Gewaltakte aus dem Bereich Terror/Massaker/Amoklauf. Die Ereignisse vom 11. 9. 01 sind wie gesagt von Aussen gekommen, war keine innere Gewalt (es sei denn, die Dinge waren doch anders). Aber: 1910 der Anschlag auf das Gebäude der „Los Angeles Times“ durch einen Gewerkschaftsaktivisten, auf das Verwaltungsgebäude in Oklahoma City 1995 durch einen Rechtsextremisten, oder auf eine Disco in Orlando 2016 durch einen Islamisten waren politische “innere” Anschläge. Jene in Bath Town 1927 (Michigan, Schule, Andrew Kehoe), Austin 1966 (Turm Uni-Gelände), San Ysidro 1984 (McDonalds-Filiale), Columbine (Colorado) 1999, Las Vegas 2017,… waren unpolitische. Wobei: Wo verläuft dort die Grenze, was ist die Definition? Die Washington Sniper 2002 waren vielleicht im Graubereich dazwischen. Gewalt von Abtreibungsgegnern ist sehr politisch. Die Morde der “Manson-Familie” waren das auch, “indirekt”. Jene von “Ted” Bundy, der 1974-78 mindestens 35 Frauen tötete88 (dafür selbt vom Staat getötet wurde), eigentlich nicht. Und der Aufstand im Gefängnis von Attica 1971?

Rassismus in der USA

Die „Frontier“ war bei der Entstehung der USA, der Ausbreitung der europäischen Siedler, die Grenze zwischen „Wildnis“ und „Zivilisation“. Jenseits dieser Grenze hauptsächlich die (aus Asien stammenden) “Indianer”, aber auch hinter dieser “Front”, und die als Sklaven geholten Afrikaner. Diese Afro-Amerikaner waren schon im USA-Unabhängigkeitskrieg (gegen GB) in der ersten Armee der USA, der Continental Army, dabei, seither (in wachsender Zahl) in allen weiteren, von der “Indianer“-Unterwerfung über die „Weltkriege“ und darüber hinaus. Sie wurden benötigt, aber man fürchtete lange, dass sie die mit Militärdienst verbundene(n) Waffen und Ausbildung einsetzten, ihre Rechte zu Hause zu erkämpfen. “Buffalo Soldiers” war ursprünglich die Bezeichnung für ein afro-amerikanisches Regiment 1866, die ihr von Indianern gegeben wurde, später Synonym für afro-amerikanische Soldaten/Einheiten in USA-Streitkräften. Theoretische Gleichberechtigung gab es wie erwähnt ab dem Vietnam-Krieg. Was die Kluft zwischen Norden und Süden der USA, die sich ab den 1830ern auftat, betrifft, ich habe kürzlich “Die Kultur der Niederlage” von Wolfgang Schivelbusch gelesen, wo dies, als Hintergrund zur Niederlage von 1865, analysiert wird. Der Autor weist darauf hin, dass die Afro-Amerikaner auch in der Nord-USA lange um Bürgerrechte kämpfen mussten, es dort möglicherweise mehr Rassismus gab als im Süden.

Unter Präsident Woodrow Wilson (DP) intervenierten die USA im 1. Weltkrieg und bestimmten die Nachkriegsordnung in Europa maßgeblich mit; Basis dafür war sein im Jänner 1918 vorgestelltes 14-Punkte-Programm, das v. a. ein “Selbstbestimmungsrecht der Völker” und sowie die Schaffung eines Völkerbundes vorsah – im weissen Weltsystem. Wilson betrieb der afroamerikanischen Minderheit gegenüber wie gesagt eine rassistische Politik, verteidigte Rassentrennung generell, hielt eigene Einheiten im Militär für sie mit weissen Kommandeuren aufrecht. Als der Völkerbund 1919 eine Resolution zur Gleichheit der Rassen (von Japan eingebracht) verabschieden wollte, scheiterte dies hauptsächlich am Widerstand der USA-Regierung unter Wilson. Darüber hinaus waren/sind die auf ihn zurückgehenden Grenzziehungen in vielen Fällen fragwürdig. Aber auch unter dem fortschrittlicheren Franklin Roosevelt noch gab es in der USA einen dreisten Rassismus. Jesse Owens wurde nach seinen 4 Leichtathletik-Goldmedaillien bei Olympia in Berlin vor Hitler im Gegensatz zu weissen amerikanischen Medaillien-Gewinnern nicht von Roosevelt ins Weisse Haus eingeladen.

Aufschlussreich ist auch der Blick darauf, wie Kriegsgefangene aus Nazi-Deutschland oder aber Afro-Amerikaner im bzw. nach dem 2. Weltkrieg in der USA behandelt wurden. Etwa in Fort Hunt (Virginia) – dort wurden nach dem 2. WK auch deutsche Wissenschafter befragt, die in die USA kommen wollten. Die USA nahmen ab 1942 ihren Anteil an den Alliierten-Kriegsgefangenen der Achsenmächte auf. Kriegsgefangenen-Lager, hauptsächlich für deutsche und italienische Soldaten, entstanden in mehreren Bundesstaaten. Am Kriegsende befanden sich etwa 500 000 Gefangene in der USA, 380 000 davon Deutsche. Ab 1943 wurden die Kriegsgefangenen auch zu Arbeiten eingesetzt, hauptsächlich in der Landwirtschaft (auf Farmen). In Huntsville (Texas) gab es etwa so ein Lager. Die Journalistin Heather Tirado-Gilligan hat darüber einen empfehlenswerten Artikel geschrieben. Mit dem Arbeitseinsatz der Deutschen auf den Feldern brach das Eis zwischen den Gefangenen und den Einheimischen, schreibt sie. Die Deutschen arbeiteten dort Seite an Seite mit Afro-Amerikanern auf den Baumwoll-Feldern. Sogar “Nazi-Gefangene” waren schockiert darüber, wie Afro-Amerikaner in Texas von den Einheimischen (Weissen) und Behördenvertretern behandelt wurden, so Tirado. Dies trotz dem Rassismus der Nazi-Ideologie in deren Namen Deutschland beherrscht und der Krieg geführt wurde.

Und die vormaligen “Landser” durften in “whites-only” Cafeterias essen, im Gegensatz zu den schwarzen Amerikanern. Die im Lager die niedrigsten Tätigkeiten durchführen “durften”. Die Deutschen und die Afro-Amerikaner kamen aber mit einander aus; deutsche Soldaten hatten auch erlebt, heisst es, dass afroamerikanische Soldaten sie vor Übergriffen weisser amerikanischer Soldaten beschützt hatten. In Huntsville gab es auch ein Umerziehungsprogramm für die Deutschen. In dem die Bedeutung von “Demokratie” erklärt wurde, die Befreiung von “Konzentrationslagern” in Filmen gezeigt wurde,… Die Behandlung der Afro-Amerikaner die sie dort erlebten, war auch ein gutes Stück Erziehung, Lehre, Erfahrung. Was vielleicht nicht ganz zu Allem passte, was in Vorträgen oder Filmen kam. Zu diesem Themenkreis hat Matthias Reiss Einiges publiziert.89 In Fort Ritchie (Maryland) wurden deutschsprachige Amerikaner sowie Juden, die aus dem “Grossdeutschen Reich” fliehen mussten, dafür ausgebildet, nach der Invasion dort Befragungen durch zu führen. Ein Afro-Amerikaner war darunter, William Warfield. Trotz seiner sehr guten Deutsch-Kenntnisse kam er dann nie zum Einsatz in Deutschland.90

Umerziehungs-Material für Deutsche in Huntsville

Afro-Amerikanische Soldaten kämpften im 2. WK, je nach Sicht, gegen die Kräfte des Faschismus in Europa oder für den US-amerikanischen Imperialismus. In eigenen Einheiten wie gesagt, am meisten Renommé bekamen wohl die Tuskegee airmen. Walter Manning war ein afroamerikanischer Kampfpilot, der im Frühling 1945 südlich von Linz abstürzte. Er wurde in ein Gefängnis im Fliegerhorst Hörsching gebracht, dann von Nazi-Funktionären und dem regionalen Mob aus seiner Zelle geholt, schwer misshandelt und schliesslich erhängt wurde, mit einem Schild mit den Worten „Wir wehren uns!“ um den Hals. Wenig später rückten Bodentruppen der US-Streitkräfte ein. Hier gab es keine Suche nach den Verantwortlichen. Wehrmachts-General Anton Dostler hingegen wurde in Italien (im Dezember 45) von US-Truppen kriegsrechtlich erschossen, da er 15 amerikanische Kriegsgefangene töten hatte lassen. Bei Manning war es ja so: Nicht-Weisse in den Reihen der Armeen der Alliierten, ob Afro-Amerikaner oder asiatische Sowjetbürger oder französische Kolonialtruppen aus Afrika, wurden von Nazi-Deutschland (wie auch solche Soldaten in den Reihen der Entente-Heere im 1. WK) als Verletzung von Spielregeln gesehen, als Gefährdung des Abendlandes. Davon (und dass Nicht-Europäer in beiden grossen Kriegen des 20. Jh für westliche Mächte kämpften)91 soll auch ein gewisser heutiger Umgang mit der Materie ablenken. Und die Afro-Amerikaner und ihre überdurchschnittlich hohen Opfer im Zweiten Weltkrieg? Im April 1945 kam es auf der Luftwaffenbasis “Freeman Army Airfield” bei Seymour (Indiana) zu einem grossen Aufruhr, nachdem afroamerikanische Luftwaffen-Angehörige versuchten, den Offiziers-Club auch zu nutzen, sich zu integrieren. Am Ende wurden 162 schwarze Offiziere verhaftet, weil sie sich gegen ihre Diskriminierung gewehrt hatten, kam es zu einigen Kriegsgerichtsanklagen. Es war dieses Ereignis ein Faktor, der zur Aufhebung der Segregation in den Streitkräften der USA 1948 durch Truman führte.

Aber auch zur Entstehung der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung nach diesem Krieg, auch aufgrund entsprechender Erfahrungen in ihm.92 Die Sklaverei war nach dem Bürgerkrieg in die Segregation über gegangen, bzw in eine Art Apartheid, hauptsächlich in den Südstaaten. In den 1960ern die Bürgerrechtsgesetze unter Johnson, die die formale Gleichstellung von Afro-Amerikanern in der USA brachten.93 Eine Integration fand v.a. in der Musik und im Sport statt. Wobei es leichter war, ein schwarzes Show-Basketball-Team wie die “Harlem Globetrotters” zu fördern, als Schwarze in NBA-Teams. „Duke“ Ellington und andere Jazz-Musiker (hauptsächlich Schwarze) wurden in den 50ern und 60ern von USA-Regierungen in im Kalten Krieg „umstrittene“ Länder geschickt, um USA und Westen zu promoten, Image zu verbessern. Das zu einer Zeit, wie Andrea Böhm schrieb, als rechte Politiker im Kongress der USA Gift und Galle angesichts „Negermusik“ spuckten, Schwarze im Süden der USA noch von Wahlen ausgeschlossen waren und gelyncht wurden.94

USA-Verteidiger zu Bush- und Trump-Zeiten ziehen/zogen gerne Rassismus von (hauptsächlich europäischen) USA-Kritikern im Westen (also eine USA-Kritik, die sich am Nicht-Weissen und Liberalen dort stört) heran, um USA-Kritik an sich zu diffamieren – obwohl diese „Kritiker“ Gesinnungsfreunde dieses US-amerikanischen institutionalisierten Rassismus sind, und solche USA-Verteidiger die Thematisierung dieses Rassismus zu verhindern suchen. Als ob zwischen Duke Ellington und George Wallace nicht zu differenzieren wäre, als ob sie zu Zeiten der Obama-Präsidentschaft nicht ihre Haltung zur USA bzw ihrer Politik geändert hätten… Ich glaube, es war Wolfgang G. Lerch, der geschrieben hat (in “Halbmond, Kreuz und Davidstern”?), “Einst stand Ella Fitzgerald beim Baalbek-Festival auf der Bühne, heute ist es Schiiten-Hochburg”. Lerch gehört nicht zu dieser Sorte “USA-Freunde”, und seiner Feststellung (bzw Gegenüberstellung) liegt ja eine sehr scharfe Beobachtung zu Grunde. Ich will aber auf sie eingehen, weil es ja Leute gibt, die sie nicht richtig lesen werden. Ab 1955 wurden die Baalbe(c)k (International) Festivals abgehalten. Ella Fitzgerald, liess sich herausfinden, trat 1971 und 1972 dort auf.95 In den Jahren des Bürgerkriegs im Libanon (1975-1990) fiel das Festival klarerweise aus.

Fitzgerald war 1954 nach Australien zu einer Tournee geflogen, wobei die ersten beiden Konzerte, in Sydney, abgesagt und nachgeholt werden mussten. Der Grund war, dass Fitzgerald und 2 weitere Afro-Amerikaner aus ihrer Begleitung, die Tickets für die 1. Klasse des PanAm-Fluges (Honolulu – Sydney) hatten, des Flugzeugs verwiesen worden waren… Baalbek bzw die Bekaa-Ebene waren schon seit Jahrhunderten ein Siedlungsschwerpunkt der Schiiten im Libanon, lange bevor dort der schiitische Islamismus stark wurde (das war eigentlich während des Bürgerkriegs), hauptsächlich durch die Hisbollah (oder die Hisbollah mit ihm), mit Unterstützung des Regimes des Iran. Ja, das Festival in Baalbek steht gewissermaßen im Gegensatz zu diesem Islamismus, auch wenn es noch immer statt findet. Aber, die ganze “Geschichte” ist eben, dass Frau Fitzgerald in ihrem Land, der USA, wegen ihrer Rasse diskriminiert wurde, wie alle Afro-Amerikaner (die Sache mit dem Flug wird nicht die einzige gewesen sein). Auch wenn in den letzten Jahren verstärkt versucht wird, den Westen als so frei, lustvoll und tolerant zu definieren. Und zu insinuieren, dass alle die das anders sehen, dies aus einer Gegnerschaft zu dieser “Lust” und “Freiheit” täten.96

Im Übergang zum Kalten Krieg wurde Deutschland (bzw sein Westteil) schnell Partner der USA und der anderen Westmächte. Afro-Amerikaner wurden in dieser Partnerschaft wiederum nicht als Amerikaner wie Andere auch gesehen. Russen und andere Osteuropäer durften für viele Deutsche nun das bleiben, was sie für sie auch waren, als im von Hitler-Deutschland angezettelten Krieg rund 27 Millionen Russen getötet wurden. Von jenen Deutschen, die als Kriegsgefangene in die USA gekommen waren, kehrten nach Krieg und Freilassung bzw Rückkehr etwa 8 000 in die USA zurück bzw wanderten dort ein. In vielen Fällen gab es dabei Hilfe von jenen Farmern, für die sie als Gefangene gearbeitet hatten. Andere kamen zumindest zu häufigen Besuchen, hielten Kontakt zu “ihren” Farmern. Wernher von Braun kam über Fort Bliss und White Sands auch in ein Huntsville, eine Stadt dieses Namens in Alabama, durfte dort wieder an militärischen Raketen und solchen für die Raumfahrt arbeiten. Von Braun und sein Team (Walter Dornberger,…) wurden gleich von der 1958 gegründeten NASA übernommen; bis 1970 war Huntsville ihr Tätigkeitszentrum.

Etwas entfernt von Huntsville, aber auch in Alabama, liegt Montgomery. 1955, dem Jahr als Von Braun die Staatsbürgerschaft der USA bekam, mussten Leute wie Rosa Parks noch darum kämpfen, in Autobussen nicht hinten sitzen zu müssen. 1963, in dem Jahr in dem George Wallace das erste Mal Gouverneur von Alabama wurde, begann das FBI unter John Edgar Hoover, Martin Luther King (der ebenfalls in Montgomery wohnte), in sein COINTELPRO-Programm aufzunehmen, ihn zu bespitzeln und psychischen Druck auf ihn auszuüben. Auch nachdem er 1964 den Friedensnobelpreis bekommen hatte, wurde King in der USA noch als Staatsfeind gesehen. 1967, als Alabama durch den Obersten Gerichtshof der USA dazu gezwungen wurde, als einer der letzten Staaten der USA das Verbot von “Mischehen” aufzuheben, startete die von Von Braun entwickelte “Saturn V” zu ihrem Erstflug und wurde der Westpreusse in die National Academy of Engineering aufgenommen.

Das Verbot von rassischer Diskriminierung kam mit den Bürgerrechts-Gesetzen unter Präsident Lyndon Johnson, hauptsächlich waren das der (eigentliche) Civil Rights Act 1964 und das Wahlrechtsgesetz 1965. Mit Johnson97 wurde die Democratic Party (DP) vollends die linkere der beiden Grossparteien der USA. Von den 1860ern bis ins frühere 20. Jh war die Republican Party (RP, “GOP”) jene Partei gewesen, die die Afro-Amerikaner überwiegendst unterstützten. Die Partei des Nordens, der Sklavereigegner. Dies begann sich schon mit Theodore Roosevelt zu ändern. Die Südstaaten-Demokraten um Alabamas Gouverneur George Wallace waren die schärfsten Gegner der Politik von dem Südstaatler Johnson.98 Der (weisse) Süden wurde republikanisch und die Republikanische Partei rutschte nach Rechts. Und die Afro-Amerikaner wechselten zur DP. Es waren hauptsächlich die Präsidenten-Wahlen 1964 und 1968, die diese Transformation “finalisierten”. Auch weil die RP 64 einen der wenigen Senatoren als Präsidentschafts-Kandidat aufstellte, die gegen das Bürgerrechtsgesetz in diesem Jahr stimmten.

Aus der Zeit nach dem Bürgerkrieg

Die RP begann mit Ronald Reagan (schon in den 1970ern), die Rassenkarte getarnt zu spielen. Man stellt Drogen, Kriminalität, “Sicherheit”99 in den Vordergrund, Religion, “amerikanische Werte”. Konservative Botschaften werden gesendet, die nicht rassistisch, reaktionär, aufhetzend klingen (sollen). Die Republikanische Partei versucht manchmal auch, „ihre“ Rolle (die der damaligen RP) bei der Beendigung der Sklaverei hervor zu streichen, und dass die meisten ihrer Abgeordneten im Congress auch für die Bürgerrechtsgesetze stimmten. Normalerweise bemüht sie sich aber um die Abschaffung von jeder affirmative action. Die Republikaner leugnen die tiefgreifenden und anhaltenden Folgen von Sklaverei und “Jim Crow”, stellen auch einen Rassismus in der Gesellschaft der USA sowie von Behörden in Abrede, wenn sie diesen Rassismus nicht bestärken, stützen. Einerseits sich Gegnerschaft zur rassischen Unterdrückung auf die Fahnen heften (man ist fortschrittlich), andererseits diese apologetisieren. Ähnlich ist es bei der Democratic Alliance in Südafrika (> Apartheid). Man stellt sich in gewissen politischen Kreisen gerne “farbenblind”. Arian Schiffer-Nasserie: “Die sozialistischen Kritiker der Black Panther hatten recht, als sie der Bürgerrechtsbewegung und Martin Luther King vorwarfen, dass mit der rechtlichen Gleichstellung für die eigentumslosen Massen nichts gewonnen sei – nicht einmal ein gewaltfreies Überleben in Armut. Und jene Schwarzen-Organisationen, die Kings Gewaltlosigkeit kritisiert hatten, fühlten sich durch seine Ermordung 1968 bestätigt.”100 Opposition zu dieser USA, nicht Integration in ihr, war von Black Panthers oder Black Muslims die Devise.

1966 wurde bekannt (gegeben), dass der Boxer Muhammad Ali101 für eine Einberufung in das amerikanische Militär für Vietnam in Frage kam, entgegen früherer Musterungs-Befunde. In diesem Zusammenhang kündigte er an, zu verweigern, aus religiösen Gründen und aus politischer Gegnerschaft zum Krieg, gab die Kommentare über den Vietnam-Krieg und die USA ab, die berühmt wurden. “Kein Vietnamese hat mich jemals ‘Nigger’ genannt“, “Wenn ich jemanden bekämpfe, dann euch”, “Ihr seid meine Feinde… Ihr seid meine Gegner bezüglich Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit. Ihr wollt dass ich irgendwo hin gehe und für euch kämpfe? Ihr setzt euch nicht einmal für meine Rechte hier ein”, “Ihr könnt mich ins Gefängnis stecken, ich bin seit 400 Jahren im Gefängnis, ich kann auch für 4 oder 5 mehr bleiben“. Als er 1967 in Houston einrückte, legte er verweigerndes, boykottierendes Verhalten an den Tag. Wurde darauf hin verhaftet, angeklagt. Der Rechtsstreit zog sich bis ’71; es war sein Status als Boxlegende und die wachsende Opposition zum Krieg in der USA, die ihn rettete.

Anti-Vietnam-Krieg-Demonstration 1967, Leroy Henderson (mit Alis Spruch)

Vietnam war ja jener Krieg, in dem ansatzweise Gleichberechtigung in das Militär der USA einkehrte. Und natürlich einer, in dem die USA (unter Johnson und Nixon) eingriff, um „Demokratie zu schützen“, et cetera. Genau auf die Diskrepanz zwischen der US-amerikanischen Rolle (Anmaßung) als Weltpolizist und so manchen Zuständen in diesem Land selbst, hat Ali ja abgezielt. Ein Weltpolizist dessen Truppen zu einem Drittel aus “Schwarzen” bestehen. Auch nachdem die Wehrpflicht 1973 abgeschafft (bzw inaktiv gemacht) wurde. Aber Viele melden sich eben freiwillig, mangels anderer Jobchancen. Colin Powell, im New Yorker Stadtteil Harlem in eine Familie jamaicanischer Emigranten geboren, Vietnam-Veteran, ist bis zum Generalstabschef (Chairman of the Joint Chiefs of Staff) dieses Heeres aufgestiegen, dann noch in die Politik gegangen. Ansonsten gab es nur einen Generalstabschef, der nicht entweder anglokeltischer oder sonstiger nord-/mitteleuropäischer Herkunft war/ist, Powells Nachnachfolger John Shalikashvili. Wie sich bei den niederländisch-stämmigen Roosevelts, dem deutschstämmigen Rumsfeld, dem jüdischstämmigen Lieberman, dem schwedischstämmigen Rehnquist oder dem französischstämmigen Du Pont zeigt, aus gewissen “Ethnien” kann man zum Ehren-WASP aufsteigen – auch wenn früher sogar schon Iren schwer diskriminiert wurden.102 An Präsidentschaftskandidaten von Grossparteien gab es nur zwei, deren Vorfahren aus südlicheren Gefilden stammten, Michael Dukakis und Barack Obama. Und zur Zeit von Obamas Präsidentschaft gab es eine neue staatliche Gewaltwelle gegen Afro-Amerikaner.

Zeitschrift der Black Panther 1969

Bei/von der USA gibt es einerseits den Anspruch, universales Licht für die Völker zu sein, andererseits ihr spezifisches WASP-Mirsanmir (das unter Trump wieder stärker hervor kommt). Was “unamerikanische Elemente” in Amerika sind, und wer die “Kräfte der Barbarei und des Bösen” draussen in der Welt sind, das hat sich immer wieder geändert. Was man auch an den Spielfilmen aus der USA (die seit den 1910ern in der Regel in dem Los Angeleser Stadtteil Hollywood produziert werden) nachverfolgen kann. Was in Amerika (USA) so im Laufe der Jahrhunderte als “unamerikanisch” gesehen wurde, geht aber vor die Entstehung der Filmindustrie zurück. Und, wie man gesehen hat, Nazi-Deutschland etwa wurde zwar richtigerweise bekämpft, aber Vieles davon “stehen gelassen” oder sogar “abgeschöpft”. General Patton wollte mit den Deutschen gleich den Krieg gegen die Sowjetunion weiter führen. Und für die Afroamerikaner begann der Kampf nach diesem Krieg erst. Unablässig die „Freiheit“ im Munde führend, hat man diese nicht einmal jenen im eigenen Land zugestanden, die für diese vorgegebene Definition von “Freiheit” anderswo gekämpft haben. Auch die Monroe-Doktrin und ihre Auslegungen unterstreichen, dass amerikanische “Werte” nie universalistische waren. Rassisches wurde früher gerne als Teil eines “Kampfes gegen den Kommunismus” deklariert, heute als “Kampf gegen Islamismus” ausgegeben.

Die WASP-Vorherrschaft in der USA wurde spät herausgefordert. In Hawaii hat es eine “weisse” Mehrheit nie gegeben, es überwiegt die asiatische Bevölkerung (Japaner,…). Zusammen mit der “Urbevölkerung” (den Hawaiianern) bilden diese wahrscheinlich eine absolute Mehrheit. Der District of Columbia, kein Staat, hat eine Mehrheit von Afro-Amerikanern. Dann gibt es einige Bundesstaaten, die kaum noch eine “weisse” Mehrheit haben. New Mexico hat eine Mehrheit von Hispanics/ Chicanos/ Latinos; California, Arizona, Texas sind nicht so weit davon entfernt. Kalifornien (und wahrscheinlich einige weitere Staaten) hat nur dann eine weisse Mehrheit, wenn man die “Latinos” die “weiss” sind, als Weisse zählt. Bei den mexikanischstämmigen Latinos im Südwesten gibt es nicht so Viele überwiegend europäischer Herkunft wie unter den Exil-Cubanern in Florida. In der USA haben die “Latinos” mit mittlerweile knapp 15 Prozent die Afroamerikaner als zweitgrösste Bevölkerungsgruppe hinter Weissen abgelöst. Wobei: “Weisse” (Caucasians) und “Schwarze” (Afro-Amerikaner) sind rassische Klassifizierungen bzw Konzepte (oder ethnorassische Gruppen), die “Latinos” sind rassisch sehr diversifiziert. Es geht um die Zuwanderer aus Lateinamerika (bzw deren Nachkommen), weiters die (Nachkommen der) Californios, Tejanos, Neomexicanos, sowie die Puertoricaner. Also um eine kulturell-historische Prägung oder so.

Die drei grossen Gruppen der Latinos sind: die mexikanisch Geprägten im Südwesten, meist arm und mit starkem “Einschlag” von Azteken/Nahua, Maya,… gegen ihre weitere Einwanderung will Trump eine Mauer bauen lassen103; die Cubaner im Südosten (Florida), seit dem Umsturz 1959, oft wohlhabend und weiss; die Puertoricaner, jene auf der Insel (die kein Bundesstaat ist, aber zur USA gehört) und jene in New York. Diverse Quellen zur Demographie Puerto Ricos führen die Puertoricaner als zu etwa drei Viertel “weiss” an. Hier kann man etwas genauer hinsehen. Als USA-Präsident Donald Trump nach dem Hurrikan in der Karibik 2017, der auch diese Insel heimsuchte, die Puertoricaner als “faul” tadelte, sprang ihm Tucker Carlson von Fox News bei, dies könne nicht rassistisch sein, da die meisten Puertoricaner weiss seien. Über die “Weissheit” der Puertoricaner bzw deren Konstruktion hier etwas.104 Leute wie Benicio Del Toro, südeuropäischer Herkunft, werden für Manche nicht als “Weisse” zählen, wie die Spanier Ende des 19. Jh für die USA keine ebenbürtigen Kolonialherren waren.

Steve King, Abgeordneter (RP) aus Iowa, ist gegenwärtig Jener im Congress, der “Rasse” am offensten thematisiert. Er propagiert einen “weissen Nationalismus”, wovon die USA als Ganze ja so circa um den 2. WK abgekommen ist. Macht dabei auch mit europäischen Rechtspolitikern gemeinsame Sache (was George Wallace ja zB nicht getan hat). Natürlich sind Einwanderer in die USA (und das sind hauptsächlich Mexikaner und andere Mittelamerikaner) und “Multikulturalismus” für ihn ganz schlimm. Er hatte auf seinem Schreibtisch eine “Südstaaten”-Flagge (jene der CSA), obwohl Iowa nicht Teil der CSA war. Er hat sie entfernt, nachdem in Iowa ein Rechtsextremist mit Südstaaten-Symbolen zwei Polizisten erschoss. Das sind die, die noch rechter sind als seinesgleichen, die den Staat USA (und seine Vertreter) hassen (und bekämpfen), rechtsextreme Milizionäre, Neonazis, Skinheads, KKK-Leute, auch radikale “Christen” (Hutaree,… sektenähnliche Organisationen). Im Jänner dieses Jahres fragte er die “New York Times” in einem Interview, “White nationalist, white supremacist, Western civilization — how did that language become offensive?”.

2008 sagte er zur Wahl von Obama dass Terroristen diese feiern würden, und: “When you think about the optics of a Barack Obama potentially getting elected President of the United States – I mean, what does this look like to the rest of the world? What does it look like to the world of Islam?”. Er hat den “Westen” eher implizit rassisch (weiss) definiert; etwas dass andere “Westisten” weeiiit von sich weisen würden, da ginge es ja um “gemeinsame Werte”105, et cetera. Samuel J. Taylor ist ein US-Amerikaner (ein „racial realist“), der “Westen” explizit über “Weisse” definiert. Wobei sich auch hier Fragen stellen: Weisse Lateinamerikaner gehören für ihn wohl kaum dazu. Und Osteuropäer? Aschkenasische Juden? Vor diesen “Problemen” stand auch das Apartheid-Regime in Südafrika – und hat Japaner aus wirtschaftlichen Gründen als Ehren-Weisse gesehen, nicht weisse Juden/Israelis (Mizrahis,…) ebenfalls (aus einer Mischung aus wirtschaftlichen und ideologischen Gründen), zähneknirschend auch Portugiesen – man durfte in dieser Lage nicht so wählerisch sein. Der Rassismus von Trump ist verhüllter, jener der Clintons mehr.

Leute wie dieser King treffen sich ja mit “antiamerikanischen” Europäern, die die USA aufgrund ihrer nicht-weissen Bevölkerung (ca. 1/3) ablehnen. Wo sich Rechtskonservative hüben (Mitteleuropa) und drüben (USA, angelsächsische Welt) einigen können oder auch nicht, sind Beurteilungen der US-amerikanischen Interventionen in Europa, in den “Weltkriegen”. Aber es geht schon, wie man zB bei Franz J. Strauss oder George Patton gesehen hat. Jene rechtsextremen US-Amerikaner (KKK, Neonazis,…), die 2017 in Charlottesville (Virginia) gegen die Entfernung einer Statue von CSA-General Robert Lee demonstrierten und dabei Gegendemonstranten angriffen (einen töteten), eine Sache an der Präsident Trump die “unfaire Berichterstattung der Medien” über die Demo störte sowie Gewalt dort “allgemein”, werden auch keine Probleme haben, Gleichgesinnte in Europa zu finden. Bei einem Rechten aus Griechenland oder Spanien wird es schon fraglicher sein, ob sie in der USA zB von einem Steve King als grundsätzlich gleichrangig angesehen werden.

Anfang der 00er kam, im Zuge der Islamkrise (bzw der geschürten globalen Polarisierung), in Deutschland und Österreich ja, hauptsächlich von Ex-Linken, eine pro-amerikanische Welle (nicht trotz sondern wegen Bush junior), verbunden mit selbstgerechten Unterstellungen des „Antiamerikanismus“. Andeutend, dass es zB zwischen Martin L. King und seinem Mörder (bzw Gegnern der Gleichberechtigung von Afroamerikanern) keinen Unterschied gäbe, und dass man selbst auf der “progressiven” Seite stünde. Als ob man nicht differenzieren müsste, zwischen Ella Fitzgerald und jenen, die sie aus dem Flugzeug warfen. Ein Feminismus der “Herrinnen der Plantage” kümmert sich da lieber um Hillary Clinton und ihre politischen Ambitionen. „Hitler wurde nicht von Demonstranten besiegt“, hiess es in den Apologetiken zu Bushs-Irak-Krieg 03 andauernd; nein, unter sehr grossen Opfern der afroamerikanischen Soldaten im Militär der USA.106 Und dass Iraks Herrscher Saddam Hussein in den 1980ern von der USA (mit Bush senior als Vizepräsident), vom Westen unterstützt wurde – kein Thema.

Die Geschäftsverbindungen der Bush-Familie mit Bin Laden (über ihre Beteiligung am Carlyle-Konzern)? Darüber schweigen wir lieber. Bush war ja quasi eine Held des Antifaschismus. Er selbst spannte bei einem Besuch in Oswieczim/Auschwitz (Polen) den Bogen vom Holokaust zum islamistischen Terror („evil“…). Dass man auch den Djihad der Mujahedin in Afghanistan unterstützte, aus dem u.a. Al-Kaida hervor ging, und Saudi-Arabien bis heute – das tut hiier doch nichts zur Sache. Und dass sein Grossvater Prescott Bush Geschäfte mit Nazi-Deutschland machte (über die Bank Brown Brothers Harriman), über Pearl Harbor hinaus, soll(te) bei dieser Geschichts-Aufarbeitung auch nicht stören. Hübsch zu sehen war, dass sich am Ende der Ära Bush junior die Initiatoren des Irak-Kriegs, von Bush abwärts107, von diesem gewissermaßen distanziert haben. Und Trump hat diesen Krieg deutlich verurteilt… Und der Haufen deutsch-österreichischer Ex-68er und “Anti”deutscher, der damals am lautesten dafür “gejubelt” hat?

Ob Jens Söring ein Justizopfer ist oder ein Mörder, kann ich nicht beurteilen. Die Tendenz der Berichte in Deutschland ist für ihn, in der USA scheint es anders herum zu sein. Seine deutschen Verteidiger erwähnen beim Hinweis auf sein Leid immer wieder, dass er als Weisser/Deutscher im Gefängnis (in Virginia) ist, mit Schwarzen und Latinos. Gibt aber auch Deutsche, die hier die Justiz der USA “blind” unterstützen/verteidigen, nicht als ein deutsches Opfer sehen, seinen Verteidigern “Antiamerikanismus” unterstellen. Wenn Söring Afro-Amerikaner wäre, gäbe es von diesen wahrscheinlich nicht das “Maulen” über eine Verurteilung bei dieser Beweislage. Manche deutsche Medien und Kommentatoren stellen auch den in USA wegen Pädophilie-Porno-Konsum verurteilten Zauberer Rouven/Füchtener als Opfer der amerikanischen Justiz dar.108

 

Literatur & Links

Daniel Immerwahr: How to Hide an Empire: A Short History of the Greater United States (2019). Englisch

Stephen Kinzer: Putsch! Zur Geschichte des amerikanischen Imperialismus (2007). Englisches Original: Overthrow: America’s Century of Regime Change from Hawaii to Iraq (2007)

Thomas G. Dyer: Theodore Roosevelt and the Idea of Race (1992). Englisch

Howard Zinn: A People’s History of American Empire (2008 6. Auflage). Englisch

Sebastian E. Bitar: US Military Bases, Quasi-Bases and Domestic Politics in Latin America (2016). Englisch

Michael L. Conniff: Africans in the Americas: A History of Black Diaspora (1994). Englisch

Robert F. Rogers: Destiny’s Landfall: A History of Guam (1995). Englisch. Scheint objektiv zu sein, wohin gegen “A History of Guam” (2001) von Lawrence Cunningham und Janice Beaty einen Pro-USA-POV haben dürfte

Carl Heine: Micronesia at the Crossroads: A Reappraisal of the Micronesian Political Dilemma (1974). Englisch

James Heartfield: Unpatriotic History of the Second World War (2012). Englisch. Heartfield schreibt, dass Alliierte wie Achsenmächte um das Gleiche kämpften: Territorium, Märkte, Natur-Resourcen

José A. Cabranes: Citizenship and the American Empire: Notes on the Legislative History of the United States Citizenship of Puerto Ricans (1978). Englisch

Cecil B. Currey: Long Binh Jail: An Oral History of Vietnam’s Notorious U. S. Military Prison (2001). Englisch

Matthias Reiss: Explaining Jim Crow to German Prisoners of War: the Impact of the South on the World War Two Reeducation Program. In: M. Berg, C. van Minnen (Hg.): The U.S. South and Europe (2013). Englisch

Doloris C. Cogan: We Fought the Navy and Won: Guam’s Quest for Democracy (2008). Englisch

Roger W. Gale: The Americanization of Micronesia: A Study of the Consolidation of US Rule in the Pacific (1979). Englisch

Matthias Reiss: The Nucleus of a New German Ideology? The Re-education of German Prisoners of War in the United States during World War II. In: B. Hately-Broad, B. Moore: Prisoners of War, Prisoners of Peace: Captivity, Homecoming and Memory in World War II (2005). Englisch

Klaus Brinkbäumer: Nachruf auf Amerika: Das Ende einer Freundschaft und die Zukunft des Westens (2018)

Louis Pérez: Cuba in the American Imagination: Metaphor and the Imperial Ethos, the Spanish–American War of 1898 (2008). Englisch

Matthias Reiss: „Wir waren anstelle der Neger dort“: Deutsche Kriegsgefangene und andere Vertragsarbeiter auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt.. In D. Dahlmann, M. Schulte-Beerbühl M (Hg.) Perspektiven in der Fremde? Arbeitsmarkt und Migration von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart (2011)

Johan Galtung: Hitlerisme, stalinisme, reaganisme: Tre variasjoner over et tema av Orwell (1984). Norwegisch/Bokmal

Hamid Dabashi: Europe and Its Shadows: Coloniality After Empire (2019). Englisch

Carlos Fuentes: Contra Bush (2004). Essay, wahrscheinlich nicht auf Deutsch übersetzt. Der Mexikaner Fuentes wurde für sein unabhängiges Denken in den 1960ern in der USA mit einem Einreiseverbot belegt

Scot Ngozi-Brown: African-American Soldiers and Filipinos: Racial Imperialism, Jim Crow and Social Relations. In: The Journal of Negro History Vol. 82, No. 1 (Winter, 1997), S. 42-53

Guams seven historical eras

How the US has hidden it’s empire

Gedanken zu Datumsgrenze, Null-Meridian und Zeitzonen

Amerikanischer Kolonialismus auf Guam

Der lange Weg nach Charlottesville

“The Agana Race Riot” ist ein ein-stündiger-Dokumentarfilm, von Carla Smith (ein schwarze Historikerin auf Guam), 2018 erstmals ausgestrahlt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Sie liegt an der Küste, aber der bedeutende Hafen Apra liegt ausserhalb der Stadt
  2. Angeblich, weil sie sie für sich (alleine) wollten
  3. Sehr relevant dazu ist auch die Behandlung von nazideutschen Kriegsgefangenen in der USA, auf die im Schluss-Abschnitt eingegangen wird
  4. Die Grenze zwischen West- und Ost-Neuguinea (oft als eine Grenze zwischen Asien und Ozeanien gesehen) wurde schnurgerade entlang dem 141. Breitengrad gezogen, war damals, 1884, eine Abgrenzung des niederländischen Besitzes ggü deutschem und britischen
  5. “Austronesier” ist ein Überbegriff für den grössten Teil der Bevölkerung Südost-Asiens und Ozeaniens und ihre Sprachen; Subgruppen sind die Taiwan-Eingeborenen und Malaio-Polynesier, zu Zweiteren gehören neben Polynesiern auch Melanesier und Mikronesier
  6. Die Heirat mit ihrem Onkel, König Felipe IV., war eine der vielen Fälle von Inzucht bei den spanischen Habsburgern, diese ein Grund für ihren Untergang
  7. Wahrscheinlich wurden die Marianen einst von den Philippinen aus besiedelt, stammen die Chamorros von den Philippinos ab
  8. Auf der Marianen-Insel Agrigan/Agrihan/Aguiguan wurde besonders lange Widerstand geleistet, 1695 wurde die Bevölkerung unterworfen und deportiert, nach Saipan und Guam
  9. Oder Sexualbeziehungen
  10. Oder: Durch die Unabhängigkeitsbestrebungen seiner Siedler in diesen Kolonien, die diesen Krieg in Europa zum Anlass nahmen
  11. Die spanischen Karibik-Besitzungen, die Antillas Occidentales, waren Teil von Neuspanien. Im 17. und 18. Jh hatte Spanien einen Teil der Inseln dort bereits an andere europäische Kolonialmächte verloren
  12. 1839 der Aufstand auf dem “La Amistad“-Schiff von versklavten Afrikanern, Angehörigen des westafrikanischen Mende-Volkes, die von Havanna zu einem anderen Hafen Cubas gebracht werden sollten, zu einer Zuckerrohr-Plantage. Sie verlangten, zurück nach Afrika gebracht zu werden. Von der überlebenden Besatzung wurden sie aber bezüglich des Kurses getäuscht, die “Amistad” wurde an die USA-Küste gebracht, landete an Long Island vor New York. Dort wurden die Sklaven in Gefangenschaft genommen. Es folgte ein Prozess, ein Rechtsstreit durch alle Instanzen, in dem es darum ging, ob die Afrikaner tatsächlich unrechtmäßig versklavte Menschen waren, die sich legal mit allen Mitteln gegen ihre Gefangennahme wehren durften. 1841 sprach der Oberste Gerichtshof der USA (Supreme Court) den Afrikanern die Freiheit zu, die meisten kehrten darauf hin nach Afrika zurück, in die britische Sierra Leone Colony and Protectorate
  13. Ausgehend von dem Gebiet, das britisches Kolonialgebiet gewesen war und 1776 als USA unabhängig erklärt wurde, gab es drei grosse Expansionsschritte (und einige kleine Gebietsübernahmen): Der Westen des französischen Louisiane wurde 1803 gekauft; Mitte des 19. Jh wurde mexikanisches Gebiet in 3 Schritten angeeignet; zur selben Zeit kam das Oregon-Territorium dazu, das gemeinsam mit den Briten in Besitz genommen und dann geteilt wurde
  14. Dieses (nach wie vor gültige) Gesetz besagt, dass jeder US-Staatsbürger, der eine unbewohnte und von niemandem beanspruchte Insel entdeckt, auf der es eine bestimmte Sorte von abbauwürdigen Vogelexkrementen gibt, sie für die USA annektieren darf, selbst exklusive Abbaurechte der Guano-Vorkommen bekommt. Mehr als fünfzig Inseln im östlichen und nördlichen Pazifik, der Karibik und dem Atlantik wurden so annektiert, bekamen Namen wie Midway Atoll, Baker Island, Wake,… Viele sind inzwischen in den Besitz europäischer, lateinamerikanischer, ozeanischer, karibischer Staaten übergegangen; manche haben einen anderen Status innerhalb der USA bekommen; manche, wie Navassa Island, sind mit anderen Staaten umstritten
  15. Roosevelt sah auch eine (ethnische) Hierarchie unter den Indianern, die er auch „Aboriginals“ nannte
  16. > “Thornton Affair” 1846 (> Krieg Mexico-USA 46-48), Tampico-Zwischenfall 1914 (> Intervention in Mexico), Abschuss der „RMS Lusitania“ (> Eintritt in 1. WK), Pearl Harbor 1941, Tonkin-Zwischenfall 1964, die “irakischen Atomwaffen”; in gewisser Hinsicht sind auch der Angriff auf Fort Sumter, 11/9/01 oder Operation Northwoods hier einzuordnen
  17. 1896 brach ein grösserer aus, für mehr Selbstverwaltung
  18. Aber dann von den amerikanischen Machthabern wieder das Gerede von der gerechten Weltherrschaft der Weissen und der Anglosachsen, ihrer Überlegenheit; schon die Spanier aber wurden als minderwertig abgegrenzt, und schon gar nicht wurden Cubaner, Philippinos oder Guamesen als annähernd gleichwertig gesehen
  19. Am Weg dorthin, also im Vorbeifahren quasi, nahm die “Bennington” die “Guano-Insel” Wake in Mikronesien in Besitz. Es hatte einige Jahrzehnte zuvor eine “Verbindung” zwischen Guam und (dem unbewohnten) Wake gegeben, 1866, als das deutsche Handelsschiff “Libelle” vor Wake schiffbrüchig ging, und die Besatzung mit Beibooten nach Guam segelte
  20. Die Entkolonialisierung kam ungefähr mit dem Ende der Franco-Diktatur zum Abschluss. Die “Überreste”, wie Ceuta und die Kanaren, werden nicht als Kolonien gesehen
  21. Alfonso wurde 1936 auch Prätendent der französischen Legitimisten, nach dem Aussterben der karlistischen Linie
  22. Es gab auf Puerto Rico eine Unabhängigkeitsbewegung, die Ähnlichkeiten zu jener auf Cuba aufwies; auch hier fiel diese Bewegung grösstenteils mit dem Sklaverei-Abolitionismus zusammen, sie war aber eine weisse Bewegung
  23. In den Bürgerkrieg auf dem Samoa-Archipel in Polynesien 1898/99 griffen sowohl Deutschland als auch Amerika ein, teilten sich dann die Inseln, DR nahm sich die westlichen, USA die östlichen
  24. Nauru zB nicht
  25. Die also spanische, deutsche und japanische Kolonialvergangenheit hat
  26. Ich habe keine Hinweise gefunden, dass die Spanier tatsächlich Sklaverei auf Guam praktiziert haben
  27. Bradley wollte den Chamorros anscheinend sogar noch mehr Rechte zugestehen, scheiterte aber am Widerstand des Marineministers
  28. Der Vater von Fidel Castro, geboren 1875 in Galizien, kam im spanischen Militär (erstmals) auf Cuba, zur Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung. Er war Teilnehmer des Kriegs gegen die USA 1898, kehrte danach nach Spanien zurück. 1905/06 wanderte er nach Cuba aus, also nach dessen Unabhängigkeit. Anfangs arbeitete er für ein Subunternehmen von United Fruits, dann wurde er selbst Plantagenbesitzer (hauptsächlich Zuckerrohr). Er starb einige Jahre vor dem von seinem Sohn angeführten Umsturz (1958/59)
  29. Anders als Puerto Rico und Guam, früher als die Philippinen
  30. Auch später waren dort noch kommunistische Guerillas aktiv, ausserdem islamische
  31. Siehe “Cuba in the American Imagination”, Literaturliste
  32. Mark Twain veröffentlichte 1901 den Essay “To the Person Sitting in Darkness”, eine Art Antwort auf Kiplings Hetze. Die Kurzgeschichte “The War Prayer”, geschrieben 1905, soll sich um den Spanisch-Amerikanischen Krieg und den darauf folgenden philippinischen Aufstand drehen. Es war bei Twains Tod 1910 noch unveröffentlicht, kam erst 1923 heraus; sowohl Twain als auch seine Familie hatten Angst vor den Reaktionen. 1905 wurde die Streitschrift “King Leopold’s Soliloquy – A Defense of His Congo Rule” (“König Leopolds Selbstgespräch”) veröffentlicht. In späteren Veröffentlichungen ist der fiktive Monolog des belgischen Königs über seinen Völkermord in Congo (und die US-amerikanische Unterstützung dafür) ergänzt mit Überlegungen Twains zu anderem Weltgeschehen, wie Kritik an grausamer Vorgehensweise der USA im Philippinischen Krieg und Heldenverehrungen von Militärs wie Frederick Funston, Anklage gegen rassistische Lynchmorde in der USA, das Regime des russischen Zaren oder Antijudaismus in Europa
  33. Achtung, aktueller Bezug!
  34. Nicht nur Grossmacht sein, sondern Supermacht
  35. Roosevelt bekam für die Präsidentenwahl 08 nicht die Nominierung seiner RP, machte 09/10 eine grosse Reise, u.a. mit seinem Sohn Kermit, in die europäischen Kolonien in Afrika, wo er viele Tiere tötete. Dann nach Europa, wo er viele Herrscher traf. 12 wollte er die Nominierung der RP, bekam sie nicht, Taft setzte sich wie schon 08 durch, Roosevelt gründete eine Abspaltung der RP, die PP. Die Spaltung der RP begünstigte den Wahlsieg von DP-Kandidaten Wilson
  36. 1917/18 wollte Wilson wieder in der Region intervenieren, mit Blick v.a. auf die Ölfelder von Tampico. Präsident Venustiano Carranza kündigte die Zerstörung der Ölfelder für den Fall an, dass Marines landen würden
  37. Manche waren auch anderwo im Pazifik stationiert, auch in Pearl Harbor
  38. Vereinzelten noch darüber hinaus, s.u.
  39. 1950 in Kraft
  40. Und des Unfalls von Senator Edward Kennedy in Chappaquiddick (Massachusetts), bei dem eine Mitarbeiterin ums Leben kam
  41. Eingehend dazu hier
  42. Es war Nixon, unter dem sich die USA dann aus Vietnam zurückzogen. Dafür bekam sein Aussenminister Kissinger ’73 den Friedens-Nobelpreis. 74 musste Nixon wegen der Watergate-Affäre zurücktreten
  43. Die sahen/sehen eine bessere Chance, wenn die Fläche und die Bevölkerung des Gebietes grösser ist
  44. Die Marianen sind 09 über gewechselt. Beide Phänomene gibt es ja aich anderswo, dass politisch abhängige Gebiete fussballerisch unabhängig sind (Färoer-Inseln, Schottland, Französisch-Guyana,…), wie auch die Zugehörigkeit zu einem Kontinentalverband, die nicht der geopolitischen entspricht (Türkei, Kasachstan, Australien,…)
  45. Zu unterscheiden vom Inselstaat Föderierte Staaten von Mikronesien, der in dieser Region liegt, mehr oder weniger aus den ehemaligen Carolinen besteht
  46. Es gibt auch schon Pläne zur Verlegung von Truppen von Okinawa nach Guam
  47. Man kann darüber streiten, ob die USA GB nach dem 1. oder dem 2. WK als diese ablöste
  48. Ein Geistlicher einer evangelikalen Kirche und seine Frau waren mit 5 Kindern aus ihrer Gemeinde auf einer Wanderung, als sie den Ballon fanden. Beim Versuch, ihn aus dem Wald zu schleppen, explodierte er, tötetet die Frau und die Kinder
  49. Der korrupte autoritäre Kleptokrat konnte sich gleichwohl auf die USA verlassen
  50. Auch ggü Italienern an sich gab es gewaltige Vorbehalte im Nazi-Regime
  51. Dort hat übrigens Marine-Offizier R. Hardegen während der “Paukenschlag”-Operation ein Glückwunschtelegramm an Marinechef Karl Dönitz geschickt. Hardegen, dann in Flensburg-Mürwik für U-Boote zuständig, auch 45 im Endkampf gegen die Briten dort, im Stab von Dönitz, kam in britische Kriegsgefangenschaft. In der BRD wurde er Unternehmer, Gründer der Bremer CDU, starb 2018
  52. In Florida, das 1819 von Spanien übernommen wurde, gab es ein Zusammengehen von den dortigen Indianern, den Seminolen, und entlaufenen afroamerikanischen Sklaven
  53. Nachdem bereits zuvor nord-mexikanische Gebiete als “Texas” zur USA gekommen waren
  54. Das 1848 abgetretene Gebiet ging aber auch in Arizona, Colorado, Kansas, New Mexico, Nevada, Oklahoma, Texas, Utah und Wyoming auf bzw schuf diese Bundesstaaten
  55. Die an die Weissen assimilierten wurden “Californios” genannt, der letzte Gouverneur von Alta California, Pio Pico, der blieb, war auch einer
  56. Darüber hinaus wurden auch dort die Indianer (Ohlone, Miwok, Chumash,…) stark dezimiert, auf unterschiedliche Weisen. Auch in mexikanischer Zeit wurden sie schon drangsaliert
  57. Wenn man als “Entstehung” die Zeit von Smiths “Offenbarung” bis zur Niederlassung in Utah sieht
  58. Das vorletzte Kapitel in dieser Unterwerfung war jene der Yaqui im Südwesten (Arizona) gewesen, einem Gebiet das von Mexico übernommen wurde
  59. Die Karibik war Umschlagplatz für die aus Afrika Versklavten, ehe sie in verschiedene Teile Amerikas (Nord- und Süd-) gebracht wurden. Afro-Amerikaner sind alle über die Karibik aus Afrika gekommen. Und bis heute ist der karibische Raum demographisch stark von “Schwarzen” geprägt
  60. Den man auch als zwischenstaatlichen Krieg sehen kann
  61. Anscheinend eine Art “Waterboarding”…
  62. Eine unabhängige Philippinische Republik wurde ausgerufen
  63. Zitiert nach Erik Brooks oder Christopher Booker
  64. 4 “schwarze” Regimenter wurden geschickt, die zuvor in Cuba engagiert waren
  65. Zitate aus Woodrow Wilsons Buch “A History of the American People” wurden in dem Stummfilm als Textkarten eingeblendet, und dieser Präsident liess den Film im Weissen Haus vorführen
  66. Es spaltet immer wieder ethno-nationalistische Ideologien/Gruppen, wie weit man die “Nation” definieren soll, mit wem man Bündnisse eingehen soll, wie mit den Nicht-Zugehörigen umgegangen werden soll…
  67. Was aber auch die Leute des Ku Klux Klan zumindest zu gewissen Zeiten und in gewissen Regionen waren!
  68. Im Wahlkampf 1916 war das ein Thema, Gegenkandidat Charles Hughes (RP) war aber kein dezidierter “Interventionist” was diesen Krieg betraf
  69. Wilson hatte bereits 1915 Haiti besetzen lassen
  70. Die westlichen Jungferninseln
  71. Würde nach Meinung der Unabhängigkeitsbefürworter besser dastehen
  72. Teilungspläne für Kalifornien, also etwas Anderes, gibt es schon seit Anbeginn seiner Zugehörigkeit zur USA
  73. In diesem Zusammenhang wird auch der Ausdruck “Reconquista” (Rückeroberung) verwendet
  74. Teilweise anknüpfend an die Sezession von 1861
  75. Wie das “Knebelgesetz” 53 im Jahr 1948 (durch die PPD zu Stande gekommen), das Massaker von Ponce 1937
  76. Einer ihrer Aktivisten, Oscar López Rivera, war 36 Jahre im Gefängnis da man ihm die Beteiligung an Anschlägen und Ähnlichem vorwarf. Er sah sich und seine Anhänger ihn als anti-kolonialen Unabhängigkeitskämpfer, politischen Gefangenen. 1988 versuchte er, aus dem Leavenworth-Gefängnis auszubrechen. Unter Obama wurde er 2017 entlassen
  77. Und seit 1967 gab es 5 Referenden zum politischen Status Puerto Ricos, 67, 93, 98, 12, 17. Die Option “Unabhängigkeit” bekam jedes Mal marginalen Zuspruch, den Wahlergebnissen der PIP entsprechend, die seit Anfang der 1960er deutlich unter 10% sind
  78. Der Widerstand gegen den Krieg bzw das eigene Mitmischen darin und die Wehrpflicht bzw die eigene Betroffenheit hingen sicher auch mit einander zusammen
  79. Der Song “Eve of destruction” von Barry McGuire aus 1965 (geschrieben von Philip Sloan/Schlein) handelte eigentlich nicht von Vietnam sondern vom Krieg allgemein, und McGuire wurde später ein „wiedergeborener Christ“. Jedenfalls hiess es dort “You’re old enough to kill, but not for votin'”, was sich darauf bezieht, dass Amerikaner ab 18 Lebensjahren eingezogen wurden, während das Mindestalter für’s Wählen 21 war, bevor es 1971 gesenkt wurde
  80. John Bolton, Kriegstreiber unter Bush junior und Trump, versteckte sich während des Kriegs (den er befürwortete) in der National Guard von Maryland, Bush junior in jener von Texas, Danforth Quayle (Vizepräsident unter Bush senior) in jener von Indiana, Newt(on) Gingrich wurde als Vater und Student nicht eingezogen,…
  81. Woran erinnert das?
  82. In Vietnam-Kriegs-Filmen oder Filmen in denen der Vietnam-Krieg vorkommt (wie „Forrest Gump“) werden Diskriminierungen von Schwarzen dort und Auflehnungen dagegen normalerweise ausgeblendet. Und Marion Morrison (“John Wayne”) brüstete sich 1971 in einem “Playboy”-Interview damit, Schwarzen bei jenen 2 Filmen bei denen er Regie führte, die richtigen Rollen gegeben zu haben: “Ich hatte einen schwarzen Sklaven in ‘The Alamo’ und ich hatte eine Reihe von Schwarzen in ‘The Green Berets’”. Der zweitere Film war einer der ganz wenigen, in denen das Mitmischen der USA in Vietnam positiv dargestellt wird
  83. Die USA hat in dieser “Krise” eher im Hintergrund gewirkt, aber ihren Mann Mobutu “durchgebracht”
  84. Übrigens, das USA-Militär warf auf Vietnam mehr Bomben ab als die Alliierten im 2. WK über Deutschland
  85. Eine Film-Dokumentation namens “Sir! No Sir!” (2005) behandelt Antikriegsproteste innerhalb des amerikanischen Militärs aus dieser Zeit
  86. Also über den grossen amerikanischen Abzug hinaus, bis zur Niederlage Südvietnams bzw dem Kriegsende 1975
  87. Dauerhaft? Wohin?
  88. Bundy zum FBI zur Opferzahl von 35 oder 36: “Add one digit to that, and you’ll have it”
  89. Siehe Literatur-/Linkliste. Dem deutschen Herausgeber von “Feindaufklärung und Reeducation” (2006), der über „Antifaschismus auf US-Bajonetten“ sprach, dergleichen zu empfehlen, wäre ertraglos bzw am Problem vorbei (auch wenn er Belehrung nötig hätte), denn die innere Verfasstheit des von seinesgleichen favorisierten Weltpolizisten ist ihm ja egal
  90. Die Filmdoku “Ein Hauch von Freiheit” handelt von schwarzen USA-Soldaten in Nachkriegs-Deutschland, vor dem Hintergrund des Rassismus in ihrer Armee und ihrem Land
  91. 2 Mio. Afrikaner kämpften im 2. WK für ihre europäischen Kolonialherren, die meisten auf Seiten der Alliierten (hätten in dieser westlichen Konfrontation die Anderen gesiegt, hätten sie auch den Schwarzen Peter gehabt). Nach Kriegsende war der Einsatz bald vergessen, es gab keine Unabhängigkeit, Besserstellung/Gleichbehandlung wurde nicht gewährt, nicht mal Anerkennung
  92. „Wer für demokratische Prinzipien sterben kann, verdient auch das Recht, diese zu geniessen“, hiess es dann. Im Südafrika der Apartheid sagte General Constand Viljoen (der zwar ein rechter Afrikaaner blieb, aber dann im demokratischen Südafrika mitwirkte): “As hulle kan veg vir Suid-Afrika, kan hulle stem vir Suid-Afrika!”, bezogen auf jene Schwarzen, die in der SADF mitwirkten. In beiden Fällen ist es zweifelhaft, dass man diese Form der Kollaboration heranzieht, um für die Aufhebung der Diskriminierung einer Bevölkerungsgruppe zu argumentieren. “Demokratische Prinzipien”. In Südafrika war diese Mitwirkung aber marginal und auch nicht ausschlaggebend für die Beendigung der Apartheid
  93. Vom Ende der Sklaverei infolge des Bürgerkriegs bis zum Voting Rights Act 1965 vergingen genau 100 Jahre! 1 Jahrhundert “Jim-Crow-Gesetze” bzw Rassentrennung/-diskriminierung, Apartheid-Zustände, zumindest in grossen Teilen der USA
  94. Ellington begab sich 1963 auf eine Tour in West-und Zentralasien, u.a. in Iran und Irak. Im November 1963 trat er im Khuld-Palast in Bagdad auf. Im Februar dieses Jahres war Qasim im Irak gestürzt worden mit USA-Hilfe. In dem Palast 16 Jahre später der Baath-Kongress nach der Hussein-Machtübernahme, von dem (parteiinterne) Gegner abgeführt wurden, zT zu Hinrichtungen
  95. Andere Stars dort waren in diesen und anderen Jahren Placido Domingo, Deep Purple, Oum Khaltoum,…
  96. Es wurde ein Trend, sich Verschiedenes auf die Fahnen zu heften, Anderes auszulagern… Man braucht ein armes Opfer zur Demonstration seiner edlen Gesinnung. Wer diese Rolle einnimmt, ist auswechselbar. Afrikaner als Opfer arabischen Sklavenhandels oder in Darfur, dann doch in die selbe Schublade wie Moslems. Und, die Zulu-Nationalisten der Inkatha Freedom Party in Südafrika oder die Katanga-Sezessionisten im Congo wurden deshalb zu Freunden des Westens erkoren, weil man sie gegen diese Länder an sich ausspielen wollte, mit ihnen seine Interessen durchzusetzen erhoffte. Im Fall Katanga bzw Congo setzte sich aber Mobutu als Vertreter westlicher Interessen (gegen Tshombe) durch, und wandten sich die Katanga-Gendarmen 1977/78 gegen die Europäer
  97. Er hat etwa auch Thurgood Marshall an den Obersten Gerichtshof berufen
  98. Der aber auch den Vietnam-Krieg erst richtig “anheizte”, die demokratische Regierung Brasiliens stürzen liess, die massive Unterstützung Israels begann, gegen echte “rassische Durchlässigkeit” war
  99. Was ist mit der Sicherheit von Afro-Amerikanern, vor Polizei-Gewalt oder vor jener von rassistischer Selbstjustiz?
  100. Wer sich stets fügt, über den wird stets weiter ver-fügt (Helmut Seethaler)
  101. Sein ursprünglicher Nach-Name Clay geht auf jene zurück, die seine Vorfahren als Sklaven hielten
  102. Italiener? Nun ja, immerhin gab/gibt es da Geraldine Ferraro, die Vizepräsidentschaftskandidatin der DP (1984) war, (Unterhaus-)Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi, Gouverneur Mario Cuomo,…
  103. Es sind auch andere Mittelamerikaner dabei. Übrigens, die Mauer durch Israel/Palästina, die nicht ganz zu Unrecht als Apartheid-Mauer bezeichnet wird, wurde auch von Palästinensern gebaut, angesichts der Möglichkeiten die ihnen die Besatzungssituation (nicht) liess. Falls Trump den Bau der Mauer zu Mexico realisiert, werden dort auch Mexikaner und mexikanische US-Amerikaner arbeiten, davon ist auszugehen
  104. “…the bureaucrats and opinion formers who assign Puerto Ricans their ‘race’ are often inconsistent in their labelling practices because sometimes it is convenient to deny the population the privileges attached to whiteness, such as when distributing federal resources like hurricane relief.”
  105. Und es geht auch um nicht-weisse Soldaten im Dienste ihrer Erreichung
  106. Übrigens, auch in den Heeren der 3 anderen Alliierten gab es eine sehr starke Mitwirkung von Nicht-Europäern, in diesem Krieg der Europäer
  107. In einem ABC-Interview kurz vor dem Ausscheiden aus dem Amt
  108. In diesem Zusammenhang: Marco W., in der Türkei für den Sex mit einer Minderjährigen (Engländerin) verurteilt – die Rezeption des Falls in Deutschland hätte auch anders ausgesehen, wenn es um die Sexualität von Orientalen gegangen wäre, eine Deutsche (oder auch eine Engländerin) als (vermeintliches) Opfer, mit einer türkischen Justiz die nicht darauf reagiert. Als 2018 ein Österreicher (18) wegen angeblichem Sex mit einer Minderjährigen (15) in der USA ins Gefängnis kam, empörte sich zB die “Kronen-Zeitung”

About Kratom

Although the leaves of the Kratom (also called “Ketum”) tree have been used since a long time, they hardly have a history in terms of romanticization, politicisation, research, unlike other drugs such as Cannabis or Alcohol. The psychoactive leaves were (and are) traditionally chewed (more rarely smoked or a tea brewed from it) as a mood enhancer, by workers to stave off exhaustion, as a form of traditional medicine (see below), as a substitution for Opium. By people in Thailand and especially it’s southern part (on the Malay peninsula), and neighboring countries in Southeast Asia, where it grows naturally. Kratom was first identified by Dutch botanist Pieter Willem Korthals, in the 19th century, in the then Dutch East Indies (today’s Indonesia). He created it’s botanical name, Mitragyna speciosa. He was inspired by the form of the leaf, which reminded him on a bishop’s mitre.

After Korthals, an L. Wray was one of those who investigated this plant scientifically. Beside his own accounts about the use of Kratom in it’s area of origin, he sent samples of it to the University of Edinburgh, where David Hooper isolated the main alkaloid, mitragynine, from the leaves. In 1897 English botanist Henry Ridley recommended Katom/Mitragyna speciosa as a substitute for opium and opiates in the West. Ellen J. Field discovered and named mitraversine, from the leaves of Mitragyna parvifolia, a relative of Mitragyna speciosa. I. H. Burkill examined especially Kratom’s medical use. Botanist Raymond-Hamet also carried out work on Mitragyna species. By 1940 three other Kratom alkaloids in addition to mitragynine had been identified, others followed.

Chewing karatom leaves (called biak, gra-tom, Biak-Biak or Mabog there) was embedded in the culture of South Thailand (where buddhist Thai’s and muslim Malay’s live). In 1943, the government of Thailand prohibited Kratom, made it illegal to possess, cultivate or consume it. The background was this: Field Marshal Plaek Phibunsongkhram, contemporarily known as Phibun, Luang Pibulsonggram or Pibul Songgram, Prime Minister and virtual military dictator of Thailand under King Ananda Mahidol from 1938 to 1944, lead the country into wars with France and Great Britain (in the context of the 2nd world war, in which Phibun lead Thailand at the side of Japan). The government needed money for it’s war efforts. At the time, users and shops involved in the opium trade were taxed, kratom wasn’t. Therefore (and because of the comparable effects), kratom was a cheap alternative for many users. Declining revenues from the opium trade was the last thing the government needed now, in the face of the war. So they banned kratom, the competitor of opium.

This first ban of kratom (for economic reasons, not for health) was of importance, cause Thailand is something like the home country of the plant. Other states in Southeast Asia followed, in particular Malaysia. In Thailand, kratom is used illegally since. After the War, the Kratom Act was not enforced rigorously for many years, although eradication campaigns destroy(ed) kratom trees by burning forests. Kratom users are predominantly male; women in Thailand and the region rather chew betel nut, which has also psychoactive properties. If women chew kratom, then usually as a medicine, not for recreational purposes. In 1979, the punishment for kratom was reduced in Thailand, by categorizing it under Schedule 5 (the least restrictive and punitive level) of the Narcotics Act (along with cannabis and mushrooms). In recent years, even the decriminalization of kratom was proposed in Thailand, but due to the political crises in the country since 2005, the issue faded into background.

While kratom use has been an integral part of life in some Southeast Asian regions for centuries, in the West the plant has only recently begun to gain awareness. There, the knowledge was mostly limited to (some) ethnobotanists and pharmacology researchers. Kratom leaves became part of the ethnobotanical trade in Europe and North America in the 2000s. A large proportion of these leaves are exported from Indonesia to western countries and processed there. Globally, kratom still isn’t very widespread. USA, GB and Germany are among those states in which it is legal. In the west, it is sold via ethnobotanical shops and (e)mail order selling. Because of the intermediate trade (and profiteering), kratom is quite expensive.

There’s a controversy going on whether kratom should be considered as stimulant, drug or medicine; the delimitation here is not as clear as some believe to know. Other natural substances have been outlawed for no valid reason at all, and kratom could also become a victim to propaganda, despite it’s health benefits. In western countries, there’s a trend to prohibitions of kratom, a plant that was unknown there until a few years ago. The Transnational Institute has argued that while continued research is needed, the criminalization of kratom is unfounded and is based on economic control and disinformation. The criminalization of kratom has created numerous barriers for research, it’s effects are not well-studied. Kratom use is not detected by typical drug screening tests, but it’s metabolites can be detected by more specialized testing.

Kratom-Bäume
Kratom trees

While the kratom tree has also blooms, the (green) leaves are the interesting thing on it. Fresh leaves are chewed, dried leaves are smoked, drunken as a herbal brew – or grinded (which creates a powder that can also be drunken down, brewed with hot water or eaten with yoghurt). In the west, usually the powder is the available product. Among the alkaloids of the kratom, Mitragynine is the most important, it is probably primarily responsible for the leaves’ opioid effects. It behaves as a μ-opioid receptor agonist, similar to opiates like morphine. Kratom can help against fever, diarrhea, pain, premature ejaculation, opiate and alcohol dependence. To put it poetical, it has an “empathy”

The effects depend on type, potency, dosage, setting, blend, tolerance. There is the classification as per origin and the one as per the colour of the leaf vein. So, there are for example Borneo leaves with red veins and such with green veins. There are kratom leaves with red, green and white veins. The colour of the veins tells about the composition of alkaloids in this type; but the origin and the cultivation also affect the content of alkaloids. While the leaves with green and white veins are said to have a stimulating effect, those with red veins should be sedating. Thai, Maeng Da, Green Malaysian und some white types are said to help against depression. Basically, low doses take an activating effect, high doses function sedating.

Side effects associated with kratom use include loss of appetite and weight loss, delayed ejaculation, constipation and other gut related troubles, the darkening of the skin color of the face, and nausea (so called “woobles”; powder made from leaves from Bali is said to have this effect most likely). Escalation of frequency and dose as well as not addressing underlying problems lead to tolerance and a mild physical and mental addiction. Withdrawal is generally short-lived and mild, and it may be effectively treated with Loperamide.

Mixtures with kratom like “Krypton” or “4×100”, used in South East Asia, are dangerous, because of the other ingredients. Other combinations, like with alcohol, are harmless in moderation. Kratom and opiates have the same potentiators, like tonic water with quinin.

Sources (partly used here):

S. Asnangkornchai & A. Siriwong (eds.): Kratom Plant in Thai Society: Culture, Behavior, Health, Science, Laws (2005)

Robert B. Raffa (Ed.): Kratom and Other Mitragynines: The Chemistry and Pharmacology of Opioids from a Non-Opium Source (2014)

Robert Weisman: Kratom: The Ultimate Guide to Unleash Power of Your Brain with Mytragina Speciosa (2015)

Jessica E. Adkins, Edward W. Boyer and Christopher R. Mccurdy: Mitragyna Speciosa, A Psychoactive Tree from Southeast Asia with Opioid Activity. In: Current Topics in Medicinal Chemistry 11/9 (2011)

Suwanlert M D Sangun: A study of kratom eaters in Thailand. In: Bulletin on Narcotics 27/3 (1975)

http://www.kratom.net

http://kratomfiles.blogspot.com

Critical view on allaboutheaven

http://kratomonline.org/

http://www.ilovekratom.com/

http://kratomystic.com/

http://ensobotanicals.com/kratom/

http://www.erowid.org/plants/kratom/kratom.shtml

https://kratomsources.com/

http://kratomlegend.com/

http://www.goodlookingloser.com/more/archive/entry/all-about-kratom-1

 

If you know other sources (online or printed), especially concerning cultural-historical aspects of this plant, please let me know.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rund um 1968

Die Bewegung, falls man davon sprechen kann, war eine westliche, keine globale. Sie nahm Anfang der 1960er in USA im studentischen Milieu ihren Ausgang, breitete sich nach Westeuropa aus (FU Berlin,…). Zu politischen Forderungen kamen das Ausprobieren neuer Lebensformen. 1968 war so etwas wie der Höhepunkt der Phase. Inwiefern gabs Zusammenhänge mit Vorgängen ausserhalb des Westens, wie den Reformen in der Tschechoslowakei oder den Anti-Diktatur-Protesten in Brasilien? Ein “Che” Guevara war nicht Teil, sondern Idol dieser Bewegung, Arbeiter standen auch meist abseits.

In USA legten Students for a Democratic Society (SDS), v.a. an der Universität Berkeley in Kalifornien, mit den Grundstein für die Bewegung. Neben Hochschul-Spezifika ging es ihnen v.a. um die Unterstützung der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und Gegnerschaft zum Vietnamkrieg bzw. dem amerikanischen Mitmischen dabei. In Zusammenhang mit diesen Protesten prägte der Schriftsteller Allen Ginsberg den Ausdruck “Flower Power”. San Francisco wurde Zentrum der Hippie-Kultur. Der Sommer 1967 war als “Summer of Love” (Monterey-Festival,…) für Viele ein Höhepunkt, wenn nicht Endpunkt, wo aus der Gegenkultur eine Massenbewegung wurde. Im Herbst dieses Jahres wurde Che Guevara in Bolivien mit amerikanischer Unterstützung gefangen genommen und erschossen. Im Sommer 68 fand, zwei Monate nach der Ermordung von Robert Kennedy, der Nominierungs-Parteitag der Demokratischen Partei für die Präsidentschaftswahl statt, den Linke wie “Abbie” Hoffman (Yippies) und Tom Hayden vom SDS zu Protesten gegen den Vietnamkrieg nutzten. Der abtretende Präsident Johnson stand hinter dem amerikanischen “Engagement” dort, die Partei war gespalten.

Der Republikaner Nixon gewann dann die Wahl und wurde ein noch stärkerer Antagonist der “Blumenkinder” als Johnson. Dabei hatte er Elvis Presley auf seiner Seite, wie ihm dieser u.a. bei einem Treffen 1970 versicherte. Presley hat während seiner Militärzeit in der BR Deutschland mit Amphetaminen begonnen, später kamen andere Arzneimittel dazu, die ihm sein Arzt verschrieb, und die ihn wahrscheinlich in den Tod trieben. Gegenüber Nixon hat er sich gegen die Hippie-Kultur und (illegale) Drogen geäussert. Währenddessen wurde der Psychologie-Professor Timothy Leary, der den Gebrauch von LSD propagierte, für den Besitz von Marihuana eingesperrt; mit Hilfe der linksextrem-militanten “Weathermen”, die sich 1969 vom SDS abgespalten haben, gelang ihm vorübergehend die Flucht. 1970 erschossen von Gouverneur Rhodes angeforderte Nationalgardisten an der Kent State University in Ohio bei einer Demonstration gegen den Vietnam-Krieg vier Menschen. Wenige Tage später kam es in Washington zu einem nächtlichen Treffen Nixons mit Demonstrierenden beim Lincoln-Denkmal.

“Vielleicht war Woodstock nichts anderes als eine glorifizierte Party, bei der weiße Kids aus den Vorstädten Campen im Regen und Haschrauchen entdeckten”, hat vor einigen Jahren die New York Times provokant am Rande eines Interviews mit dem Woodstock-Veteranen Arlo Guthrie gefragt. Alle fünf Jahre wird wieder an das Konzert im Bundesstaat New York (das etwa eine Woche nach den Morden an der Schauspielerin Sharon Tate und vier weiteren Personen in ihrem Haus in Kalifornien stattfand) erinnert, gelegentlich werden dort Revival-Konzerte veranstaltet. Die Bands und Interpreten kamen damals aus verschiedenen Bereichen: Folk (etwa Crosby, Stills, Nash & Young), Rock (Jimi Hendrix,…), “Ethno” (Santana), Country (Country Joe),… Einige wie Joni Mitchell schafften es nicht rechtzeitig hin, einige wie Bob Dylan (der in der Nähe wohnte) waren nicht eingeladen, die Doors, Byrds und Moody Blues lehnten die Einladung ab bzw. zogen zurück. Die Gruppen verdienten eine Menge für den Auftritt und bestanden auf pünktlicher Bezahlung. Grateful Dead sind auf den LP’s vom Konzert nicht zu hören (wie auch Incredible String Band, Ravi Shankar, CCR, Janis Joplin,..), da ihr Auftritt von schlechter Qualität war, da vom Regen nasse Instrumente den Musikern Stromschläge gaben. Es gab in den 4 Tagen Todesfälle und Geburten, es wurde ein Tripzelt eingerichtet, um jene abzuschirmen, die in einem schlechten LSD-Rausch waren, Abbie Hoffman versuchte eine politische Rede zu halten. Auch bei diesem Konzert liefen Hedonismus und politischer Anspruch „nebeneinander“. Das Rock-Konzert im kalifornischen Altamont einige Monate später war von Gewalt überschattet.

In der BRD war Anfang der 1960er die Überwindung der materiellen Kriegsfolgen „abgeschlossen“, erst dann konnte die Auseinandersetzung mit dem “Nationalsozialismus” ein Thema werden. Die Aufarbeitung blieb der BRD übrig, da die DDR diese Phase als kapitalistische Angelegenheit und Österreich sie als Anschlussschicksal auslagerten. Vor allem die Auschwitz- und anderen KZ-Prozesse in den 1960ern stiessen eine Aufarbeitung an, die von der Studentengeneration Ende des Jahrzehnts vorangetrieben wurde. Der Aufbruch begann an der FU in West-Berlin (von der USA nach dem 2. Weltkrieg gegründet), mit dem SDS (ursprünglich aus der SPD), der von der US-Studentenbewegung inspiriert war. W-Berlin war Anziehungspunkt für Jugendliche aus allen Teilen der BRD, Brennpunkt im Kalten Krieg, Ort von Staatsbesuchen (64 schon Proteste anlässlich des Besuches des kongolesischen Premiers Tschombé, einer undemokratischen Marionette v.a. der Belgier).

Es begann mit dem Engagement für fällige Hochschulreformen, setzte sich fort mit Unmut über die Politik der „verbündeten“ USA v.a. in Vietnam („Berlins Freiheit wird in Vietnam verteidigt“ hiess es damals auch. 66 grosse Anti-Vietnam-Kriegs-Demonstration), und mit Dissenz gegenüber dem Grundkonsens der BRD (nur eine Seite der Freiheit; F.J. Strauss der grosse Spieler der alten BRD, der wichtigste neue Reaktionär) und ihrer aktuellen Politik (Grosse Koalition 66-69 unter Kiesinger/Brandt, Ende der CDU-Dominanz). Die SPD gab 68 die Zustimmung zu den Notstandsgesetzen; die BRD wollte eine gegenüber Extremisten wehrhafte Demokratie sein, was das Deutsche Reich in der Phase der Weimarer Republik nicht gewesen war. Der SDS (Rudi Dutschke, Kunzelmann, Rabehl,…), durch das Verbot der KPD sowas wie der linksextreme Parteiersatz in der BRD, sah in den beschlossenen Regelungen für Krisensituationen eine Vorbereitung auf den Faschismus, jedenfalls eine Gefährdung der Demokratie.

Die “Ausserparlamentarische Opposition” weitete sich auf andere Gesellschaftsschichten und Orte aus: die Kunstszene (z.B. Heinrich Böll), Teile der Kirchen, Anwälte wie Otto Schily,… Das Institut für Sozialforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt mit seiner die Kritische Theorie vertretenden Frankfurter Schule lieferte eher den geistigen Überbau, die Referenzfiguren, auch weil es dort sympathisierende Professoren gab. Jürgen Habermas sagte damals aber, die BRD sei eine leidlich funktionierende Demokratie, und die studentische Opposition “linksfaschistisch” (dies nahm er zurück). Hinzu kam die Herausforderung des Patriarchats durch die Frauenbewegung und die Ent-Tabuisierung sexueller Themen. In Berlin existierte von 67-69 die “Kommune 1” mit  Fritz Teufel, Rainer Langhans, “Bommi” Baumann, Dieter Kunzelmann, Uschi Obermaier,… Sie befand sich zuerst in der leerstehenden Wohnung des Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger.

Die Demonstration gegen den Besuch des iranischen Schahs in West-Berlin 1967 brachte eine Eskalation bzw. erst den Beginn einer Entwicklung. Bahman Nirumand und andere von der “Konföderation Iranischer Studenten” hatten die Problematik des damaligen iranischen Regimes vermittelt, auf der anderen Seite standen die sprichwörtlichen Jubelperser. Die Erschiessung Ohnesorgs durch die Polizei bei der Demo bewirkte mehr als jede andere staatliche Gegen-Maßnahme eine Radikalisierung der deutschen Studentenbewegung bzw. der APO. 09 stellt sich heraus, dass (der noch immer zur Tat stehende) Kurras, ein Held der Rechten, MfS (Stasi)-IM und SED-Mitglied war, ausserdem schiesswütig und Alkoholiker. Bezüglich “Nahost” war die Neue Linke in West-Deutschland bis zum Krieg 67 proisraelisch. Über die Hintergründe und Brüche dazu gibts einige Untersuchungen, jene von Annette Vowinckel, “Der kurze Weg nach Entebbe oder die Verlängerung der deutschen Geschichte in den Nahen Osten”, ist einigermaßen empfehlenswert.

In der DDR übte zu dieser Zeit v.a. Robert Havemann Sytemkritik. Die 1968 in der BRD gegründete DKP wurde (wie die Zeitschrift Konkret) vom DDR-Regime unterstützt. Dieses förderte in der BRD eine Aufmüpfigkeit, die es bei sich nie zugelassen hätte. Manche in der westdeutschen Bewegung bezogen sich positiv auf die DDR; Schily sagte, DDR hatte unter 68ern keinen guten Ruf. Dutschke, der aus der DDR stammte, war für die deutsche Wiedervereinigung. Begleitet wurde diese Phase von der Hetze der Springer-Presse, auch die Diskussionen anlässlich der Joschka-Fischer-“Enthüllungen” 01 wieder; der Bild-Chefredakteur 61-71, Boenisch, war nun aber gegenüber Fischer „milde“. 1969 kam in Bonn nach der Bundestagswahl eine SPD-FDP-Koalition unter Brandt zustande. Im Jahr darauf löste sich der SDS auf. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums stand die NPD, die damals auf einem demokratischen Weg war (wobei fraglich ist inwiefern sie diesen Staat wollte/akzeptierte), in manche Landtage einzog und bei der BT-Wahl 69 nur knapp den Einzug verfehlte. Mit Horst Mahler und Bernd Rabehl landeten später immerhin zwei prominente Ex-68er bei der NPD. Rabehl deutete das deutsche 68 im Nachhinein als deutsch-national -gegen die alliierten Besatzer gerichtet- um.

Martin Walser 1968: “Was sich in Auschwitz austobte, stammt schlesslich auch aus alter Schule, ist von schlechten Eltern. Juden und Slawen, darauf waren wir gedrillt seit langem. Zur Zeit schulen wir um auf Kommunisten.”

Bommi Baumann: “Die Empörung über das Attentat an Rudi war inzwischen in ganz Deutschland so gross, und in allen Städten ist am selben Abend etwas passiert, da war so eine Stimmung voll Sympathie für Rudi, dass die Bullen gar nicht einschritten. Sie haben sich anders verhalten als sonst. Da waren Polizeioffiziere, die haben gesagt, Kinder, wir können euch doch verstehen, aber macht’s nicht zu doll, die haben ja in dem Getümmel noch richtig mit uns gesprochen.” Baumann, Mitbegründer der militanten Gruppe “2. Juni”, wurde 1973 in Ost-Berlin verhaftet, als er in Westdeutschland polizeilich gesucht wurde und von einer langen Haftstrafe bedroht war. Er wurde gezwungen, der “Stasi” Informationen über die linksmilitante Szene in Westdeutschland zu geben, den RAF-Mitgründer Andreas Baader bezeichnete er u.a. als „Spinner mit völlig infantilem Verhalten“.

Manfred Gerspach: “Erstens warne ich davor, die Jahre um 1968 zur Fama zu verklären. (Ich ertappe mich selbst manches Mal bei solch regresiven Phantasien.) Es war eine interessante, eine spannende Zeit voll siegtrunkener Ideen und mitreissendem Tatendrang. Aber das lag auch daran, dass vieles in Fluss gekommen war und wir voll auf die neuen, noch zu findenden Formen setzten. Es war auch eine Zeit voll eigener Unsicherheit, Unfertigkeit und Grössenvorstellungen. Die Ernüchterung, nachdem sich das Establishment gefangen hatte, war tief und bis zum heutigen Tag anhaltend.”

In Frankreich waren es ähnliche Voraussetzungen wie in Deutschland und anderswo, die zu Protest-Aktionen führte: Konservative Gesellschafts-Strukturen, die Erfordernis von Uni-Reformen, ein Konjunktur-Einbruch erstmals seit dem Krieg. Die Gaullisten (Präsident De Gaulle, Premier Pompidou) und ihre Verbündeten waren nicht zu Reformen bereit, die Linke auf zwei sozialistische und eine kommunistische Partei aufgespalten und in Opposition. Proteste von Studenten (UNEF), Künstlern und Arbeitern steigerten sich im Mai 68 zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen. Die PCF spielte eine systemkonforme Rolle, wollte v.a. keine Solidarisierung der streikenden Arbeiter mit den Studenten. Wie Revolutionen und Revolten meistens in Frankreich, spielten sich auch diese Ereignisse vorwiegend in Paris ab. Bei Uni-Besetzungen wie jener an der Sorbonne kam es zu Auseinandersetzungen der linken Aktivisten mit der Polizei und rechten Gruppen. De Gaulle suchte den Befehlshaber der französischen Truppen in Deutschland, General Massu, auf. Die Revolte löste sich aber auf, die Gewerkschaften und Kommunisten lenkten nach einem Abkommen zur Lohnerhöhung ein. Die Neuwahlen im Juni 1968 bestätigten die Gaullisten (UDR). Reformen wurden eingeleitet. Viele der damals Beteiligten sind heute reaktionär, Daniel Cohn-Bendit noch am wenigsten.

In Italien machten vor allem Arbeitskämpfe den “Heissen Herbst” von 1969 aus. Im selben Jahr begannen mit einem Terroranschlag in Mailand die Gladio-Aktionen, von Geheimdiensten und Faschisten ausgeübte Gewalt, die Linken in die Schuhe geschoben wurde. Anlässlich des Anschlags wurden zahlreiche Aktivisten aus dem linksradikalen Spektrum verhaftet, während eines Verhörs starb der Anarchist Giuseppe Pinelli unter ungeklärten Umständen. Infolge entstanden viele linksradikale Gruppierungen. Die Roten Brigaden gründeten sich im im Jahr darauf. Als Folge der 68er-Bewegung wurden in den 1970ern in Italien (wie auch in anderen westeuropäischen Ländern) die patriarchalischen Familiengesetze geändert.

Als Höhepunkt des österreichischen “1968”, das v.a. ein künstlerisch-kulturelles Phänomen war, wird immer wieder die von Boulevard-Zeitungen “Uni-Ferkelei” genannte Aktion im Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäudes der Universität Wien am 7. Juni 1968 gesehen. Der Sozialistische Österreichische Studentenbund hatte zu einer Veranstaltung mit dem Titel “Kunst und Revolution” geladen. Die Künstler Günter Brus, Otto Mühl, Peter Weibel und Oswald Wiener versuchten dabei durch das Brechen so vieler Tabus wie möglich zu schockieren. Brus sang die Bundeshymne, zog sich aus, entleerte seinen Darm und onanierte, Mühl peitschte einen vermummten Masochisten (von Malte Olschewski dargestellt) aus, und Wiener hielt einen unverständlichen Vortrag über Input-Output-Theorie. Mit “Valie Export” hätte eigentlich auch eine Frau dabei sein sollen. Als der Gestank für jene in den vorderen Reihen unerträglich wurde, setzte man sich nach hinten. Manche Studenten, die die damals üblichen Vorlesungen unerträglich fanden, haben die Aktion aufrichtig bewundert und waren darüber erleichtert.

Mit einem Tag Verspätung stellten sich die Reaktionen ein – die dann ebenso heftig waren wie die Aktion selbst. Zur medialen Entrüstung kamen Maßnahmen von Polizei und Justiz, wobei Heinrich Gross wie unter dem NS auch hier als Gerichtspsychiater im Einsatz war. Mühl verbrachte einige Wochen in Untersuchungshaft. Der nach eigenen Angaben damals “meistgehasste Mensch Österreichs”, Brus, wurde wegen “Verletzung der Sittlichkeit und Schamhaftigkeit” zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Nach zwei Monaten Haft und danach erwirkter Freilassung flüchtete er 1969 nach Berlin, gründete dort mit Wiener und Gerhard Rühm die “Österreichische Exilregierung” und deren “Regierungs-Zeitschrift” “Die Schastrommel”. Erst 1976 konnte Brus’ Frau beim Bundespräsidenten bewirken, dass seine Haftstrafe in eine Geldstrafe umgewandelt wurde und ermöglichte damit seine Rückkehr nach Österreich. Inzwischen hat er den Staatspreis bekommen.

Bereits 1965 war es zu Demonstrationen von Studenten gegen den ukrainisch-stämmigen Historiker Taras Borodajkewycz gekommen, der in seinen Vorlesungen offen antijüdisch auftrat, und die ein Todesopfer forderten. Der Journalist Kuno Knöbl, der die amerikanische Beteiligung am Vietnam-Krieg sehr kritisch kommentierte, berichtete auch direkt aus dem Land. “In Wien rannte ich durch die Strassen und rief ‘Sieg für den Vietcong’ und dann saß ich auf einmal im vietnamesischen Dschungel und der Vietcong kam wirklich und ich war mir nicht sicher ob er weiss, wie wohlgesonnen ich ihm bin”, schilderte er später. Auch der spätere Musikvideofilmer Rudi Dolezal erlebte Dramatisches, beim ersten Auftritt der Rolling Stones in Österreich durften Schreiber der Kronen-Zeitung, die gegen die Bewegung anschrieb, in der er die Stones verortete, ins VIP-Zelt, er aber nicht. Auch in Österreich wurde in dieser Zeit eine Mentalitätswende und ein Strukturwandel bewirkt, die in den 1970ern erst richtig eintraten. In einer Doku von Dolezals heutigem Kompagnon Rossacher zum Film “Easy Rider” und zu der Zeit sagte ein Interviewpartner, Kommunenbosse waren damals die ärgsten Machos (auch Charles Manson, der ausserdem Mörder und schlimmer Rassist).

Aussteiger und Abenteurer aus dem Westen fuhren über etwa 10 Jahre den Hippie-Trail entlang, von der Türkei bis nach Südostasien, ehe Ende der 70er die Landroute über den Iran (wegen der islamistischen Machtübernahme bzw. dem Krieg mit Irak), und Afghanistan (wegen der kommunistischen Machtübernahme bzw. der sowjetischen Intervention) undurchfahrbar wurde; inzwischen konnten sich die meisten Interessenten auch Flugreisen nach Indien (Goa), Nepal, oder Thailand leisten. Eine der Attraktionen auf den Reisen waren natürlich Drogen, die es unterwegs meist in besserer Qualität, billiger und leichter gab als in Westeuropa, Nordamerika oder Australien. In Afghanistan entstand ein eigener Friedhof für westliche Drogentote, die meist Heroin zum Opfer gefallen waren.

Wolfgang Kos: “Es scheint zwei konträre Hitparaden zu geben: die der Kopf-68er (mit Texten von Marx, Adorno und Dutschke) und die Body-&-Mind-68er (mit Stones, Dylan und Doors als Stichwortbringern). Deshalb wurde Leonard Cohen so wichtig, als Vermittler zwischen den Milieus.”

In den 70ern spaltete sich “die Bewegung” auf, neue alternative Strömungen und Bewegungen entsponnen sich, die Frauenbewegung, Schwulenrechtsbewegung, Öko-Bewegung (zT auch hier Gewalt, von beiden Seiten), Friedensbewegung, Bürgerinitiativen, 3. Welt-Projekte; manche bildeten Sponti-Cliquen (Hausbesetzungen, Strassenschlachten mit der Polizei,…), andere gingen, nach der Auflösung des SDS, zu den Jusos oder zu kommunistischen Gruppen, etwa zu den maoistisch und totalitär ausgerichteten K-Gruppen wie dem KB (Trittin in Göttingen dort aktiv, Küntzel), dem KBW (z.B. “Joscha” Schmierer) oder der KPD-ML. Viele 68er machten Laufbahnen in Unis, Redaktionen, Schulen,…, trotz dem Radikalenerlass der SPD-FDP-Regierung 72. Andere zogen sich in den „privaten“ Bereich zurück, mit Drogen, Sekten oder Esoterik. Die Sommerfestivals begannen so richtig In den 70ern (Roskilde, Isle of Wight, Newport,…).

Peter Mosler: “Noch 1975, als die Aktion der Frauen die einzige Bewegung in Westdeutschland und West-Berlin ist, die diesen Namen verdient, schreiben die Maoisten vom Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW): ‘Der Feminismus als eine Version des bürgerlichen Individualismus will den proletarischen Frauen einreden, statt am Kampf der Klasse teilzunehmen, ihn zu spalten und zunächst mal ihre Männer ≪Chauvinisten≫ usw. zu bekämpfen, bevor der Kapitalismus bekämpft wird…’ ”

Die Hausbesetzer-Szene wurde auch Rekrutierungsfeld für linke Terrorgruppen, Autonome gingen später daraus hervor. Ende der 60er, Anfang der 70er entstanden im Umfeld der radikalisierten Teile der 68er-Bewegung in West-Berlin militante Gruppen wie die „Bewegung 2. Juni“, die “Revolutionären Zellen”, und, am bedeutendsten, die Baader-Meinhof-Gruppe/RAF. Gewalt in der linksextremen Szene wurde, wie man heute weiss, vom Staat mit-initiiert, v.a. über den BfV-Agent provocateur Peter Urbach, evtl. im Zusammenhang mit Gladio, jedenfalls um die Bewegung zu diskreditieren. Die Bombe für den “Tupamaro”-Anschlag (Kunzelmann,…) in Berlin 69 auf ein jüdisches Zentrum kam etwa von Urbach. Die Kaufhaus-Brandlegung in Frankfurt 68 war noch Teil der Vorgeschichte der RAF, die Befreiung des dafür verurteilten Andreas Baader durch Ulrike Meinhof und andere 1970 so etwas wie ihre Geburtsstunde (mit dem Meinhof-Anschluss tauchte die Gruppe unter). War dieser Terror in der Bewegung, ihrer “Ideologie”, angelegt oder war er ihre Verdrehung? Gewalt ist jedenfalls auch oft genug gegen neue Linke angewendet worden, ob in USA, Deutschland oder Italien. Stefan Aust, damals Konkret-Redakteur, später Spiegel-Chef, war mit Vielen aus der Gruppe bekannt, über die er 1985 das Standardwerk herausbrachte. Die RAF blieb isoliert, in der Linken (Dutschke hat sie oft dutschke oft verurteilt, etwa in der Relativierung seiner Kampfansage bei Meins’ Begräbnis, die Aktionen der Gruppe stünden in reaktionärer deutscher Tradition; auch Marcuse), auch international weitgehend.

„Joschka“ Fischer war kein klassischer deutscher 68er: zu jung, kein Akademiker, nicht in Berlin. Aus einem konservativ-katholischen Elternhaus donauschwäbischer Herkunft, ist er so alt wie die BRD. Er hat keine berufliche oder wissenschaftliche Ausbildung absolviert (eine Lehre als Fotograf angefangen). Ging nach Frankfurt, wo er politisch sozialisiert wurde. Arbeitete als alternativer Bibliothekar, Fabriksarbeiter (politische Agitation unter Arbeitern, etwa bei Opel), Taxifahrer. Die Aufarbeitung des NS war auch bei ihm ein Antrieb. Er hatte seine rebellische Zeit in den 70ern, als Sponti (kein konstruktives Arbeiten an einer Reform des Rechtsstaates), im Frankfurter Häuserkampf gegen Abrisspläne und Bauspekulation, die von der lokalen SPD und Immobilienmaklern wie Ignaz Bubis getragen wurden. Lernte Daniel Cohn-Bendit dort kennen, der aus Frankreich infolge des Mai 68 ausgewiesen worden war. Nach der Entsagung der Gewalt in der zweiten Hälfte der 70er (er hatte mit Linksterrorismus nie was zu tun, aber Entebbe 76 war für ihn ein Punkt des Innehaltens) machte sich Leere bei ihm breit. Er bildete sich autodidaktisch weiter, arbeitete beim alternativen Magazin Pflasterstrand mit.

1982 schloss er sich zusammen mit anderen Ex-Linksextremen (die wie er vorwiegend Spontis gewesen waren) den Grünen an; bildete dort ein “Realo”-Netzwerk und wurde eine Führungspersönlichkeit. “Fundis” wie Jutta Ditfurth, Umweltaktivisten und Pazifisten, waren die andere, die „autochthonere“ Strömung, diese wollten lieber eine alternative Gegengesellschaft aufbauen anstatt über das bisherige Macht-System Einfluss zu nehmen und hatten auch andere inhaltliche Schwerpunkte. Fischer war 83 unter den ersten grünen Bundestags-Abgeordneten; damals kam ein gegenseitiges Dämonisieren mit CDU/CSU-Politikern über NS-Vergleiche häufig vor. Durch die grüne Rotation musste er wieder raus (im Film von Danquart über ihn verglich er diese mit dem Wechsel einer 1. Linie im Eishockey), ging in den hessischen Landtag und wurde dort 85 Umweltminister (Umwelt, ein Thema dass ihm nicht wirklich am Herzen liegt, das er eher als Weg zur Macht sah) in einer rot-grünen Koalition (Kulturbruch grüne Regierungsbeteiligung) und lernte Politik (Zuständigkeiten in Koalitionen aushandeln, Verwaltungsapparat leiten, mit Medien umgehen, innerparteiliche Angriffe überstehen, Wahlkampf führen), die aufgrund gegensätzlicher Standpunkte zur Atomenergie endete.

Er stieg also relativ schnell vom Staatshasser zum Staatsrepräsentanten auf. Die Trennung von seiner damaligen Ehefrau (u.a.) führte zu einer Lebenskrise, in dieser Phase entdeckte er das Laufen, das seither über seine Gewichtszu- und abnahme mitentscheidet. “Mauerfall“ und Wiedervereinigung brachten das rot-grüne Bundes-Projekt unter Lafontaine für 91 zu Fall sowie die Vereinigung mit den ostdeutschen Grünen. Fischer blieb im hessischen Landtag und wurde dort 91 wieder Umweltminister, unter Hans Eichel. Nach dem Wieder-Einzug der Grünen in den Bundestag 94 ging er wieder nach Bonn, wurde dort Co-Fraktions-Sprecher und bundespolitisches Schwergewicht, was die realpolitische Hinwendung der Partei „vollendete“.

98 nach dem Wahlsieg von Rot-Grün Bundesminister. 99 (erfolgreicher) Einsatz für die deutsche Beteiligung am Kosovo-Krieg (erster „echter“ Auslandseinsatz der Bundeswehr; Milosevic entgegenzutreten befürwortete er schon als Oppositionspolitiker), v.a. am grünen Sonder-Parteitag  (auch Ex-Grüne wie Ditfurth kamen hin, um die Polarisierung zu verstärken), mit der Farbbeutelattacke („hätte mir den gerne gegriffen“) und der entscheidenden Rede danach mit Schmerzen im Ohr, Farbe auf der Kleidung, einem Leibwächter sichtbarer bei ihm. Er “musste”, wie auch andere (zB Mandela), z.T. eine Politik machen, die dem entgegenstand, wofür er gewählt worden war. Die Last, die er seiner Aussage nach bei der Angelobung empfand, kam möglicherweise von dem Wissen darum.

2001 brach eine Debatte um seine linksradikal-militante Vergangenheit los, durch die Veröffentlichung von Fotos durch die Meinhof-Tochter Bettina Röhl (im Stern sowie auf ihrer Homepage), fortgeführt vom Spiegel, von Springer dankbar aufgegriffen. Zu Vorwürfen bezüglich Strassenkämpfen mit Gewaltanwendung in Frankfurt kamen jene der Beherbergung einer Terroristin, damit auch Falschaussage, sowie Teilnahme an einem PLO-Kongress. Als er im Prozess gegen seinen Bekannten, den OPEC-Attentäter Hans-Joachim Klein, aussagte, verteilte die JU vor dem Gericht ein Flugblatt mit Fotos von Fischer und Klein wie sie 1973 auf den Polizisten Marx einprügelten (das Foto mit der die Fischer/68er-Debatte begann) und von deutschen Fussball-Hooligans, die 98 den französischen Polizisten Nivel bei der WM halb tot schlugen. Die Sache wurde von vielen als Generalabrechnung mit 68 & co benutzt.

Als die damalige Oppositions-Chefin Merkel behauptete, in der Bundesrepublik hätte es immer eine freiheitlich-demokratische Ordnung gegeben, die quasi jeden Protest illegitim gemacht hat, hat sie wahrscheinlich nicht gewusst, dass etwa der Beisitzer des Volksgerichtshof-Vorsitzenden Freisler, H.-J. Rehse (Mitwirkung an über 200 Todesurteilen), bis in die 60er hinein weiter an deutschen Gerichten wirkte – oder es vergessen. Aber auch andere Ex-68ern oder Ex-Grüne ergriffen damals die Gelegenheit zur Abrechnung mit Leuten wie Fischer. Die Krise überstand er. Fischer prägte die Anfangszeit der Berliner Republik mit. Am 11. 9. 01 hat er „gerade im Adlon Mittag gegessen“ als er von den Ereignissen erfuhr. Er gab in Folge den Bushs kontra und liess sich von den Bin Ladens nicht vereinnahmen.

Manch einer kritisiert, dass Fischer nicht Unterlassungen des Auswärtigen Amtes etwa bezüglich der Militärdiktatur in Argentinien aufgearbeitet hat, sondern das weiter zurückliegende, eigentlich weniger brisante (NS). 05 das Koalitionsende und Fischers Abtritt als Vizekanzler und Aussenminister. Seine aktuelle Ehefrau ist kurdische Exil-Iranerin. Zur Antiglobalisierungsbewegung haben er und politisch ähnlich sozialisierte ein distanziertes Verhältnis. Nach seiner politischen Karriere hält er u.a. Vorträge für Goldmann & Sachs, ist Lobbyist für RWE, Siemens, BMW, Berater des World Jewish Congress. Fischer steht für den Wandel der deutschen Gesellschaft; und für den Erfolg (Ankommen, Durchsetzen, Reifen,..) wie das Scheitern (teilweiser Ausverkauf und Missbrauch der Ideale) der Ex-68er.

Während viele der anarchistischen Spontis in Deutschland in den 80ern zu den Grünen in die Politik gingen, schlugen viele aus den straff organisierten und dogmatischen K-Gruppen eine Beamten-Laufbahn ein, eine Minderheit begründete die “antideutsche” Strömung und man versuchte sich etwa als Wissenschafter. Auch hier stellt sich die Frage, ein Bruch mit (früheren) Ideologien oder konsequente Weiterentwicklung? Hans-Gerhart Schmierer war 1968 Mitglied im Bundesvorstand des SDS und 1973 Mitbegründer der bedeutendsten deutschen K-Gruppe, des maoistischen Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW) und bis zu dessen Selbstauflösung 1985 seine unangefochtene Führungsfigur; in dieser Zeit gab er eine Solidaritätsadresse für die Roten Khmer in Kambodscha ab.

War dann am Verkauf des KBW-HQ in Frankfurt an die Commerzbank und anderen lukrativen Veräusserungen beteiligt, brachte die Zeitschrift „Kommune“ zu den Grünen ein. Unter Fischer kam er ins Aussenministerium. Schmierer versucht(e), seine früheren Positionen aus heutiger Perspektive umzudeuten, für George W. Bushs Aussenpolitik, die eine “konsequente Weltinnenpolitik” sei, brachte er Verständnis auf. Gerade Bush und die Neocons waren für etliche Ex-68er und andere Ex-Linke Endstation, auch Hitchens ist ein Beispiel dafür. Das Pärchen vom Cover der Woodstock-LP, die Ercolines, Bauernkinder aus der Umgebung des Konzertortes, war schon zur Zeit des 20-Jahre-Jubiläum des Konzerts 1989 für Bush sen. und Pershing II -Raketen.

Mit dem Mauerfall kamen in Deutschland nicht nur einige ehemalige RAF-Mitglieder “zum Vorschein”, die in der DDR Unterschlupf gefunden hatten, sondern auch mehrere Narrative über diese Zeit zusammen. Werner Schulz, Bürgerrechtler in der späten DDR, Mitbegründer des Neuen Forums, für Bündnis 90 in der letzten Volkskammer, für die Grünen im Bundestag, heute im Europaparlament, sagte 01 in einem Spiegel-Interview (z. Zt. des Aufkochens der Debatte wegen Fischer), Westlinke träumten damals von einer Revolution und haben eine gesellschaftliche Reform bewirkt. In der BRD brannten in dieser Zeit Kaufhäuser (durch Baader), in der CSSR der Student Jan Pallach (aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings), für einige Monate war Prag, so Schulz, ein freier Ort in Osteuropa gewesen; bei dieser Niederschlagung “blieb die Solidarität der Westlinken aus, die es sonst mit allen Unterdrückten von Persien über Kuba bis Vietnam gab”. Manche 68er/neue Linke gestanden dem Ostblock eben das zu, was sie im Westen anprangerten, z.B. AKWs, Atomwaffen, auswärtige Interventionen bzw. Bevormundung. Hannah Arendt hat einst die Frage aufgeworfen, ob 1968 vergleichbar mit 1848 sei. Joni Mitchell, die in Woodstock auftreten hätte sollen, sagte, “Flower Power” war vordergründig und frauenfeindlich.

Bald nach dem Ankommen der Ex-68er begann in den 00er-Jahren eine grosse gesellschaftliche Auseinandersetzung mit ihnen. Zum 40-Jahr-Jubiläum 2008 gabs auch wieder die Debatten, die Abrechnungen und Bücher dazu. In Deutschland ist es nach der Nazi- und DDR-Aufarbeitung die dritte grosse zeitgeschichtliche. Selbstgerechtigkeit gibts auf beiden Seiten. Während Kritiker zwischen “alles ruiniert” und “nichts bewirkt” oszillieren, möchten ehemalige Mitwirkende oder spätere Anhänger die Bewegung gerne mit den Federn einer Art neuer Aufklärung schmücken. Neben der (je nach Standpunkt positiven oder negativen) Reformkraft ist eine kulturell-gesellschaftlich Hegemonie seit den 80ern zu bilanzieren.

“Joschka” Fischers Ernennung zum Aussenminister der rot-grünen Koalition, mit Kanzler Schröder und Präsident Herzog

Bücher: “Illuminatus”-Trilogie von Robert Anton Wilson (1975); Götz Aly (damaliger Befürworter und heutiger Kritiker der Bewegung): Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück (2008); Carsten Seibold: Die 68er. Das Fest der Rebellion (1991); Alan Watts: Zeit zu Leben. Erinnerungen eines ‘heiligen Barbaren’ (1984); T.C. Boyle: Drop City (2003, historischer Roman, Hippies die in 70ern von Kalifornien nach Alaska reisen); Peter Mosler: Was wir wollten (1977); Gerd Koenen: Das rote Jahrzehnt (2001); Carlos Fuentes: Los 68. Paris, Praga, Mexico (2005);

Im Film: Milou en mai/Eine Komödie im Mai (Louis Malle), Bobby (Emilio Estevez), Hair (Musical-Verfilmung),

Der 2. Juni 1967. Die Erschießung von Benno Ohnesorg in Berlin oder: Wenn Geschichte zum Ersatzteillager für Herrschaftspolitik wird

Über 68 in der Schweiz