Vom Erbe der Apartheid

Die Apartheid in Südafrika bedeutete rassische Hierarchie und Afrikaaner-Vorherrschaft; ersteres war auch vor der Alleinregierung der Nationalen Partei schon, weniger formell, gegeben. Apartheid beinhaltete auch den Versuch, die Asiaten und Mischlinge gegen die schwarze Bevölkerungsmehrheit auszuspielen. In den anglosächsisch dominierten Ländern USA, Kanada, Australien, Neuseeland war bezüglich der Abtrennung und Schlechterstellung der “Farbigen” lange ähnliches gegeben wie in Südafrika und seinen Nachbarländern Südwestafrika (Namibia; das vom 1. Weltkrieg an bis zur Unabhängigkeit von Südafrika verwaltet wurde) und Rhodesien (Zimbabwe). Brachte die Apartheid abseits aller falscher Apologetik auch gutes für das Land oder wenigstens einzelne Gruppen? Nun, was die Afrikaaner/Buren betrifft, in den 1950er-Jahren (als die Apartheid noch ziemlich jung war) war noch die Mehrheit von ihnen auf Farmen beschäftigt oder arbeitete in minderqualifizierten Tätigkeiten als Industriearbeiter. Mitte der 1970er hatten ungefähr 70% den Aufstieg zu einer neuen Mittelschicht vollzogen. Diese musste aufgrund ihres höheren Bildungsstandes keine Konkurrenz von Schwarzen um Arbeitsplätze mehr fürchten; diesen wurde nun fast jede Bildung vorenthalten.

Die Haltung vieler Staaten des Westens zum Apartheid-Regime war beschämend, viele haben erst in den 1980ern ihre enge wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit mit dem Regime eingestellt; als Rechtfertigung wird gerne die Frontstellung des Kalten Krieges genannt. Dass die Sowjetunion Befreiungsbewegungen des südlichen Afrikas unterstützte, sagt aber eher etwas positives über deren Aussenpolitik aus, als dass sie westliche entschuldigt. Kein Staat ausserhalb der “Dritten Welt” hat mehr gegen die Apartheid getan als die Sowjetunion, auf verschiedenen Ebenen. Nelson Mandela und der ANC (African National Congress) begannen Anfang der 1960er den bewaffneten Kampf gegen die Apartheid (der sich mit jenem in den südafrikanischen Nachbarländern verband), setzten sich dann Anfang der 1990er mit der NP-Regierung an den Verhandlungstisch und leiteten nach der freien Wahl von 1994 den Übergang zur Demokratie.

Zu Apartheid-Zeiten betrieb Südafrika mit auswärtiger Hilfe ein Atomwaffenprogramm; 1988 hat das Regime in Angola einen Einsatz erwogen, kurz bevor der Konflikt dort und in den anderen Ländern des südlichen Afrika, nicht zuletzt wegen der Entschärfung des Kalten Kriegs, einem Ende zusteuerte. Die Atomwaffen (die erst nach ihrer “Entschärfung” offiziell bekannt gegeben wurden) wurden praktisch parallel mit der Apartheid aufgegeben; die Opposition zum Aufgeben des militärischen Atomprogramms war gleichzeitig eine zur Beendigung der Apartheid, etwa beim 2008 verstorbenen Atomwissenschafter “Wally” Grant.

Parteitag der Nationalen Partei 1985, am Rednerpult der damalige Staatspräsident Pieter W. Botha
Parteitag der Nationalen Partei 1985, am Rednerpult der damalige Staatspräsident Pieter W. Botha; “1915” bezog sich übrigens auf das Gründungsjahr der Partei

Renfrew Leslie Christie, ein weisser Südafrikaner, fand sich mit 17 Jahren in der Armee des Apartheid-Regimes wieder, das war Ende der 1960er. “Manche in meiner Familie hatten im 2. Weltkrieg [an dem Südafrika durch seine damals noch enge Bindung an Grossbritannien an der Seite der Alliierten teilnahm] Hitler und den Faschismus bekämpft. Mit 17 war mir schon klar dass die Apartheid bekämpft werden musste und ein bewaffneter Kampf das Mittel dazu war.” Als er in der Militärbasis in Lenz bei Johannesburg ein Munitionslager bewachen musste, bemerkte er etwas, dass ihn auf den Verdacht brachte, dass die Apartheid-Regierung etwas mit Nuklearwaffen zu tun hatte. An diesem Punkt begann seine Jagd nach den Apartheid-Atombomben. Aus stiller Ablehnung der Apartheid wurde bei Renfrew Christie ein aktives Engagement. “Ich habe dieser Regierung nicht getraut und wollte nicht, dass sie über Atomwaffen verfügt. Daher habe ich später Informationen an den ANC weitergegeben. Auch als ich dann im Gefängnis war, habe ich mein Verhalten nicht bereut”, sagt er. Anfang der 1970er, als er in Kapstadt studierte, wurde er Vizepräsident der Studentenvereinigung NUSAS. Als sein Armee-Regiment 1975 nach Angola geschickt wurde, kurz nach dessen Unabhängigkeit, hatte er gerade ein Stipendium an der Universität Oxford (GB) gewonnen und durfte daher Südafrika anderwärtig verlassen.

Christie schrieb dort seine Geschichts-Dissertation über die Elektrifizierung Südafrikas; dies gab ihm einen Vorwand, beim Elekrizitätsversorger Eskom zu forschen, auch die Pläne bezüglich Uran-Anreicherung und Plutonium-Erzeugung für das geplante Atomkraftwerk Koeberg bei Kapstadt einzusehen. Aus den Mengenangaben liess sich berechnen, wieviel spaltbares Material für Atomwaffen abgezweigt werden konnte. Bei seinen Heimatbesuchen aus Oxford machte Christie auch Filmaufnahmen über die Realität der Apartheid, etwa in Soweto, wo sich 1976 der Aufstand ereignete. Christie begann, Unterlagen über das damals international nur vermutete Atomwaffenprogramm des Apartheid-Regimes an den ANC (dessen Führung im Exil residierte) weiterzugeben; etwa den Bericht von einer Untersuchung des südafrikanischen Atomic Energy Board über mögliche Orte für nukleare Tests in Südafrika, die sich anscheinend darauf beschränkte, die (Folgen von) Explosionen in „schwarzen“ Wohngegenden zu untersuchen und den radioaktiven Niederschlag in „weissen“.

Christie könnte auch eine vorbereitende Rolle bei Anschlägen der ANC-Miliz Umkhonto we Sizwe auf Kraftwerke in Südafrika gespielt haben – die keine Menschenleben kosteten oder gefährdeten. Die von Abdul Minty geleitete World Campaign against Military and Nuclear Collaboration with South Africa thematisierte das Atomprogramm des südafrikanischen Regimes immer wieder. Minty, ein indischer Südafrikaner, nahm nach dem Ende der Apartheid eine wichtige Rolle im Aussenministerium des Landes ein und kandidierte 2009 für den Posten des Generaldirektors der IAEO in Wien.

1979 kehrte Christie nach Südafrika zurück und wurde bald verhaftet. Er war von dem Apartheid-Agenten Williamson (s.u.), der die internationale Anti-Apartheid-Bewegung infiltriert hatte, aufgedeckt worden. Bei den polizeilichen Einvernahmen in Johannesburg wurde er auch gefoltert. Als es 1980 zum Prozess kam (er sass sieben Monate in Einzelhaft), drohte ihm sogar die Todesstrafe. Dennoch nutzte er die Gelegenheit, noch Empfehlungen an den ANC auszusprechen; er verpackte diese in einem “Geständnis”, das der Richter laut vorlas und damit weiterverbreitete… Er wurde unter dem Terrorismus-Gesetz verurteilt, unter dem er auch verhaftet worden war, zu zehn Jahren Gefängnis. Diese hatte er im Zentralgefängnis von Pretoria zu verbüßen.

Dort wurde er Ohrenzeuge von über 300 Todesstrafen-Vollstreckungen durch Hängen, an politischen Aktivisten wie gewöhnlichen Kriminellen. Die Nähe der Zelle zum Galgen war Teil der Strafe, die man für ihn grausam gestalten wollte. Er erinnert sich daran, dass das Gefängnis zwei bis drei Tage vor einer Exekution mit Gesang erfüllt gewesen war, um den Verurteilten den Abschied von dieser Welt etwas erträglicher zu machen. Am Tag der Hinrichtung gab es dann den Klang der Falltüre und das Hämmern von Nägeln, nachdem der Tote in einen Sarg gelegt worden war. Christie traf im Gefängnis in Pretoria auch Dimitri Tsafendas, der 1966 den “Apostel der Apartheid”, Premierminister Hendrik Verwoerd, ermordet hatte.

Tsafendas, griechisch-mosambikanischer Herkunft, war damals Parlamentsdiener gewesen. Zum einen war er unglücklich mit seiner Stellung im Apartheidsystem gewesen, die auch etwas von einem Kastensystem hatte, zum anderen sind psychische Probleme als Motivation für seine Tat anzuführen (er sagte aus, dass ein Bandwurm in ihm Anweisungen gäbe) – wobei diese zwei Faktoren wohl auch miteinander korrelierten. Wie Brian Bunting in “The Rise of the South African Reich” schrieb, war die Tat von Tsafendas, wie auch der Mordversuch an Verwoerd durch einen Weissen, David Pratt, sechs Jahre zuvor, weniger die Aktion individueller Gewalttäter mit psychischen Problemen, als Symptom einer gestörten und unterdrückten Gesellschaft, in der sich Spannungen so entluden.

Christie machte in Haft einen weiteren Studienabschluss, in Wirtschaft. Während seiner Zeit im Gefängnis bekam er auch mit, dass seine Freundin aus der Zeit an der Witwatersrand-Universität, Jeanette Schoon, in Angola von einer Paketbombe getötet worden war (s.u.). Zu den politischen Gefangenen des schwarzen Widerstands war er durch die konsequente Rassentrennung auch in Haft getrennt; Nelson Mandela und die meisten anderen von ANC, PAC, z.T auch von der namibischen SWAPO, saßen auf Robben Island vor Kapstadt, mehr als 1500 km entfernt von den weissen “politischen” in Pretoria. 1986 wurde Christie vorzeitig freigelassen, nach 7 Jahren in Haft. Nachdem Anfang der 1990er die Weichen für eine Demokratisierung Südafrikas gestellt waren, widmete er sich wieder Forschung und Lehre; wobei er vorher aufgrund seiner politischen Tätigkeit auch an keiner Universität eine Chance hatte.

Er ist heute an der Westkap-Universität in Kapstadt  (UWC), scheint sich auch weiter mit dem südafrikanischen Nuklearprogramm beschäftigt zu haben. Seine Oxford-Dissertation “The Electrification of South Africa, 1905-1975” (1979) dürfte abseits der “Hintergedanken”, die er bei der Wahl des Themas hatte, eine wichtige und lesenswerte Arbeit sein. Die Elektrifizierung Südafrikas wurde, nebenbei, erst nach dem Ende der Apartheid für alle vollendet. Das 1984 erschienene Buch von ihm, “Electricity, Industry, and Class in South Africa” scheint ein “Abspann” bzw. eine Verarbeitung seiner Doktorarbeit zu sein. Christie arbeitet auch in einem Beratungsgremium für das Verteidigungsministerium sowie in einer Bezirksgruppe des ANC in Kapstadt mit. Nelson Mandela hat er nicht gut gekannt, dessen langjährige Ehefrau Winnie schon. Über das heutige Südafrika sagt er: “Es hätte auch so kommen können, dass wir weitere 20 Jahre aufeinander schiessen, wir müssen froh sein, wie es ausgegangen ist. Wir haben eine gewisse Stabilität, politisch und wirtschaftlich, erreicht. Ja, manchmal wird bei uns eine dumme Politik gemacht, aber das gibt es überall auf der Welt.”

Das Atomforschungszentrum in Pelindaba, heute Teil der zivilen nuklearen Infrastruktur Südafrikas. Die erste Atombombe Südafrikas war hier produziert worden
Das Atomforschungszentrum Pelindaba, heute Teil der zivilen nuklearen Infrastruktur Südafrikas. Die erste Atombombe Südafrikas war hier produziert worden

Der von Christie an den ANC weitergegebene Untersuchungsbericht wurde von diesem 1979 auf einem UN-Seminar in London über „Nukleare Zusammenarbeit mit Südafrika“ präsentiert. Teilnehmer an dem Seminar war der “Apartheid-Meisterspion” Craig Williamson, als Vize-Direktor der „Internationalen Universitäts Austausch-Stiftung“ (IUEF). Williamson arbeitete für eine Spezialeinheit der südafrikanischen Polizei und den Militär-Geheimdienst. Er tarnte sich mit einer falschen Identität als Apartheid-Gegner, seit er ein Studium an der “Wits” (Witwatersrand-Universität) begonnen hatte und Funktionär der Studentenvereinigung NUSAS wurde, und infiltrierte im Auftrag des Regimes die internationale Anti-Apartheid-Bewegung („Operation Daisy“). Er setzte dies 1976 zunächst im Exil in Botswana fort, machte dort Bekanntschaft mit Lars-Gunnar Eriksson, Leiter der IUEF, die Stipendien für afrikanische Studenten vergab, in der Schweiz ihren Sitz hatte und von der schwedischen Regierung unter Olof Palme unterstützt wurde, die überhaupt ein Förderer der Anti-Apartheid-Bewegung war.

Williamson wurde Vize-Direktor der Stiftung, nutzte die Position zum Ausspionieren von Anti-Apartheid-Aktivisten und zur Zweckentfremdung von IUEF-Geldern für das Apartheid-Regime. Die Tätigkeit brachte ihn auch in Kontakt mit Bernt Carlsson, Olof Palmes Wegbegleiter und Generalsekretär der Sozialistischen Internationale (SI) – und späteres Opfer des Fluges, der aufgrund eines Anschlags über dem schottischen Lockerbie abstürzte (s.u.). 1980 wurde Williamson enttarnt, durch einen Überläufer des südafrikanischen State Security Council den einen Angaben zufolge, durch die britische Zeitung “The Guardian” nach anderen. Ihm gelang die Rückkehr nach Südafrika; er zog von dort aus in den folgenden Jahren bei vielen Gewalttaten des Apartheid-Regimes die Fäden.

Etwa bei den Briefbomben an Ruth First und die Schoons, weissen Regimegegnern im Exil. Bei anderen wird er der Urheberschaft verdächtigt, so beim Mord an Olof Palme, an der ANC-Repräsentantin in Paris, Dulcie September, oder beim Flugzeugabsturz von Samora Machel, dem Präsidenten Mocambiques (dessen Witwe später Nelson Mandelas dritte Ehefrau wurde). 1987 versuchte Williamson, für die regierende Nasionale Party den Parlamentssitz in einem liberal geprägten Wahlkreis im Norden Johannesburgs zu erlangen, verlor aber gegen den Kandidaten der Progressive Federal Party (eine Vorgänger-Partei der heutigen Democratic Alliance). Er wurde im selben Jahr Mitglied des Präsidialrates und blieb es bis 1991. Williamson rekrutierte auch eine Spionin, die wie er eine gewisse Bekanntheit erlangte, Olivia Forsyth. Sie lief irgendwann zum ANC über, was aber möglicherweise Teil ihres Spiels bzw. ihres Auftrags war. Ein anderer Günstling Williamsons war Joseph Klue, der auch mit etlichen Gewaltakten in Verbindung gebracht wird.

Das Apartheid-Regime unterstützte auch, über Williamson, die 1986 gegründete International Freedom Foundation (IFF), eine antikommunistische Stiftung in USA, die v.a. Propaganda gegen Gegner der Apartheid lancierte. An ihrer Spitze stand der verurteilte Lobbyist Jack Abramoff. Die IFF unterhielt enge Beziehungen zum Western Goals Institute (in GB), das wiederum enge Beziehungen mit der südafrikanischen Konservativen Partei (die die ersten freien Wahlen 1994 boykottierte) oder der World Anti-Communist League (WACL) unterhielt. In diesen antikommunistischen Netzwerken des (späten) Kalten Kriegs waren auch Milizen und Parteien aus der 3. Welt (UNITA, ARENA, afghanische Mujahedin,…), Exilregierungen von Ostblock-Ländern und Rechts-Konservative im Westen eingebunden.

Williamson war für die IFF in Südafrika verantwortlich. 1988 produzierte Abramoff mit seiner Hilfe im damaligen Südwestafrika den US-amerikanischen Spielfilm “Red Scorpion”. Der Schwede Dolph Lundgren spielte darin wieder mal den bösen Russen (“Leutnant Nikolai Rachenko”, was eigentlich ein ukrainischer Name ist, aber die waren damals noch nicht die Guten), sein Gegenspieler ist ein antikommunistischer Guerilla-Führer, der an den Führer der angolanischen Terrorgruppe UNITA, Jonas Savimbi (von Washington and Pretoria unterstützt), angelehnt ist.

In den 1990ern arbeitete Williamson als Diamantenhändler in Angola, möglicherweise bei der südafrikanischen Söldnerfirma “Executive Outcomes”. Er ersuchte 1995 die Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC), die Verbrechen der Apartheid wie auch im Kampf gegen sie juristisch aufarbeitete, für die Morde an First und den Schoons sowie den Anschlag auf das ANC-Büro in London 1982 um Amnestie. Der hinterbliebene Marius Schoon sagte vor der Kommission aus, er sei nicht bereit, Williamson den Mord an seiner Frau und seiner Tochter zu verzeihen. Für den Anschlag in London erhielten Williamson und sieben andere Mitglieder der Spezialpolizei, darunter der Vlakplaas-Chef Eugene de Kock (einer der wenigen Apartheid-Funktionäre, die dann vor der Kommission nicht ungeschoren davonkamen), 1999 Amnestie. Für die anderen Verbrechen wurde Williamson nach langen Erhebungen im Juni 2000 ebenfalls Amnestie gewährt, da sie nach Ansicht der Kommission politisch motiviert waren (was meist schon ausreichte). Nach der Verkündung des Urteils kam es zu Protesten. In seinen “inoffiziellen” Stellungnahmen zu seiner Vergangenheit kam keine Reue, nur Apologetik.

Marius Schoon war der wichtigste/prominenteste Afrikaaner im Anti-Apartheid-Kampf nach “Bram” Fischer, einem Enkel eines Präsidenten des Oranje-Freistaats, der sich der SACP anschloss und im Gefängnis starb. 1977 heiratete Schoon Jeanette Curtis, die wie er gegen die Apartheid eingestellt war, auf der Universität und in der Gewerkschaft diesbezüglich aktiv war. Das Paar entschied sich, Südafrika zu verlassen, und die Apartheid von aussen zu bekämpfen anstatt im Land verhaftet zu werden. Sie gingen, mit ihren Kindern Kathryn and Fritz, zuerst nach Botswana, dann nach Angola, agierten im Umfeld des ANC. Craig Williamson war Kommilitone von Marius Schoon gewesen, erschlich sich das Vertrauen der exilierten Familie. 1984 organisierte er einen Brief-/Paketbombenanschlag auf sie – er galt primär Marius, tötete aber Jeanette und die 6-jährige Tochter Kathryn. Ausgeführt wurde der Anschlag vom selben Polizei-Agenten wie der Briefbombenanschlag auf Ruth First in Mocambique zwei Jahre zuvor, Roger Raven.

Ruth First und ihr Mann Joe Slovo waren jüdische Südafrikaner, Kommunisten, in der Führung der SACP, auch lange im Exil in Afrika und Europa. Slovo wurde nach dem Ende der Apartheid unter Nelson Mandela Minister. Für solche Mordanschläge machte das Apartheid-Regime damals interne ANC-Machtkämpfe verantwortlich… Marius kehrte Anfang der 1990er, als De Klerk den Übergang von der Apartheid zur Demokratie einleitete, nach Südafrika zurück, heiratete noch einmal und kämpfte vor seinem Krebstod 1999 vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission gegen Amnestie für die Mörder seiner Familie; neben Williamson und Raven war das ein Willem Schoon, alle bekamen aber am Ende Amnestie. Marius’ Sohn Fritz und Ruth Firsts Töchter, darunter die Autorin Gillian Slovo, brachten 2002, 2 Jahre nach der Amnestie-Entscheidung, einen Antrag auf Überprüfung dieses Urteils ein. Vertreten wurden sie dabei von George Bizos, der auch schon Nelson Mandela verteidigt hatte. Williamson wurde dann zur Zahlung einer Kompensationssumme verurteilt, die einer Stipendiats-Stiftung zugute kommen sollte – womit sich bei ihm beinahe ein Kreis schliessen würde. Nachdem er dem nicht nachkam, fand 08 eine Pfändung bei ihm statt.

Dieter Gerhardt, 1953 aus der BRD nach Südafrika eingewandert, dort in der Marine Karriere gemacht, ging den umgekehrten Weg wie Williamson. Er wurde 1983 mit seiner Frau Ruth wegen Spionage für die Sowjetunion verurteilt. Gerhardt war zur Zeit eines wahrscheinlichen südafrikanisch-israelischen Atomtests vor den zu Südafrika gehörenden Prince-Edward-Inseln 1979 Kommandant der Marine-Basis Simonstown. Nach seiner vorzeitigen Freilassung im Februar 1994 (er ging dann in die Schweiz) sagte er gegenüber Medien dazu, seines Wissens nach habe der Atomtest stattgefunden. Er arbeitet heute in der englischen Wikipedia mit, am Artikel über ihn, unter seinem Klarnamen.

Nach dem gleichnamigen Buch des Franzosen Caryl Ferey kam 2014 der Polit-Thriller„Zulu“ ins Kino. Orlando Bloom und Forest Whitaker kämpfen darin als Polizisten in Südafrika gegen einen Arzt, der früher für das Apartheidregime Gift gegen die schwarze Bevölkerung hergestellt hatte und später synthetische Drogen. Fereys Roman (eher ein Krimi als ein politischer Roman) basiert auf der Geschichte von Wouter Basson und Project Coast. Die Atombomben waren nicht die einzigen Massenvernichtungswaffen, die das Apartheid-Regime produzierte, im Rahmen von Project Coast wurden biologische und chemische Waffen hergestellt. Das Programm hatte seine Wurzel in der Zusammenarbeit Südafrikas mit den Briten im 2. Weltkrieg sowie mit Rhodesiern und Portugiesen, die B- und C-Waffen gegen schwarze Befreiungsbewegungen verwendeten.

Anfang der 1980er begann das südafrikanische Militär mit der Forschung an und systematischen Herstellung von biologischen und chemischen Waffen zur Bekämpfung innerer und äusserer Feinde, unter Verletzung eingegangener internationaler Verträge, dem Genfer Protokoll von 1925 (dem Südafrika 1963 beigetreten war) und der Biowaffenkonvention (die es 1972 unterzeichnet und 1975 ratifiziert hatte). Das Programm wurde bald zu Vorfeldfirmen „ausgelagert”, der junge Militärarzt Wouter Basson wurde Verantwortlicher. Eine dieser Firmen war “Delta G Scientific”, die sich auf chemische Waffen konzentrierte und von Philip Mijburgh, einem Neffen von Verteidigungsminister Magnus Malan, geführt wurde. Coast umfasste die Verbreitung von Anthrax, Mittel zur Unfruchtbarkeitmachung von schwarzen Frauen, Kontaktgifte (damit wurde etwa 1989 ein Anschlag auf den politisch engagierten Pfingstler-Geistlichen Frank Chikane verübt), Drogen (wurden nur in schwarze Gemeinschaften eingeführt, um sie „ruhigzustellen“).

Nachdem F. W. De Klerk 1989 Präsident geworden war, wurde er, wie in das Atomwaffenprogramm, auch in das B- und C-Waffen-Programm eingeweiht, 1990, durch den Leiter der medizinischen Abteilung des Militärs (SAMS), Daniel „Niels” Knobel. De Klerk liess dann nur den defensiven Teil, den Schutz gegen Angriffe mit B- und C-Waffen, wie Arbeit an Gasmasken, weiterlaufen. Die Vorfeldfirmen wurden, nachdem staatliche Geldflüsse versiegten, von Verteidigungsminister Malan (keiner, der De Klerks Umgestaltung unterstützte) privatisiert. Basson kontrollierte diese Firmen zum Teil und verlegte sich auf die Produktion von und den Handel mit Drogen. Konkret ging es um Methaqualon(e), als “Mandrax”, “Quaalude” oder “Mozambin” lange zugelassenes Arzneimittel in vielen Ländern. De Klerk wurde erst durch spätere Untersuchungen (v. a. den „Steyn-Report“) mit der wahren Natur von „Coast“ vetraut, in deren Folge er 1993 das Abdrehen des Programms anordnete.

Noch 1992 waren im Rahmen des Programms hergestellte Stoffe, eingesetzt worden, in Mocambique. Bestände der B- und C-Waffen wurden vernichtet, Dokumente darüber auf CD-ROM’s gebrannt. Basson nahm Kopien davon sowie Drogen mit, wie sich herausstellen sollte. Er unternahm damit mehrere Reisen nach Libyen und gab dort möglicherweise Know how über das Programm weiter. Die USA erfuhren Anfang der 1990er vom Programm und übten Druck aus, die Waffen und die Aufzeichnungen zu zerstören, da sie Vorurteile bezüglich der Kontrolle einer ANC-Regierung darüber hatten; ausserdem verlangten sie, Basson unter “Kontrolle” zu bringen. Der ANC war einmütig für das Abdrehen von „Coast“, nur nicht-tödliche Stoffe wie Tränengas sollten behalten werden. Mandela selbst wusste wenig über die Programme des Regimes für Massenvernichtungswaffen, da sie erst nach seiner Inhaftierung und Verurteilung angelaufen waren. Im August 1994 wurde die neue Regierung unter Mandela, die zuvor nur skizzenhaft Bescheid wusste, davon unterrichtet. Südafrika trat unter ihr 1995 der Chemiewaffenkonvention bei. Project Coast wurde von der Wahrheits- und Versöhnungskommission untersucht, da es hier Geschädigte gab. Basson wurde unabhängig davon in einem eigenen Prozess angeklagt und 2002 freigesprochen. Er wurde auf internationalen Druck wieder vom Militär eingestellt (um ihn daran zu hindern, sein Wissen an andere Interessenten weiterzugeben), führte später eine Klinik.

1995 erschien das Buch „The Mini-Nuke Conspiracy. Mandela’s Nuclear Nightmare“ der britischen Journalisten Peter Hounam und Steve McQuillan. Ihre Red Mercury-Hypothese besagt, dass in Apartheid-Zeiten neben den (nach ihrer Entschärfung) deklarierten Atombomben “Mini-Nukes” auf Basis einer Substanz namens “Red Mercury” (Rotes Quecksilber, dessen Existenz ist umstritten) produziert worden seien. Die Waffen seien seit den letzten Tagen der Apartheid in den Händen weisser (afrikaanischer) Rechtsextremisten. Einige ungeklärte Morde in Südafrika und Europa in den 1980ern und 1990ern stünden in Zusammenhang mit Red Mercury. Einer der Ermordeten, Alan Kidger, ein in Südafrika lebender Brite, Vertreter des Chemiekonzerns „Thor SA“, soll damit zu tun gehabt haben, und mit Project Coast bzw. seinen Vorfeldfirmen in Zusammenhang gestanden sein. Delta G hat von “Thor Chemicals” Quecksilber für unbekannte Zwecke gekauft, kurz danach wurde Kidger ermordet. Peter Hounam hatte sich als seriöser Journalist einen Namen gemacht, er war es, dem der abtrünnige Mitarbeiter des israelischen Atomprogramms, Mordechai Vanunu, 1986 in London seine Informationen anvertraute, für die “Sunday Times”. Hounam wurde in Zusammenhang mit dieser Geschichte 2004 in Israel kurzzeitig festgenommen, als er den gerade aus dem Gefängnis entlassenen Vanunu interviewen wollte.

Dem Buch „The Mini-Nuke Conspiracy” zufolge soll auch die Mission der „Coventry Four“ in Zusammenhang mit Red Mercury gestanden sein. Die „Coventry Four“ waren vier Südafrikaner, die trotz des Waffenembargos gegen das Apartheid-Regime 1984 in Grossbritannien für dieses Waffen und militärisches Zubehör besorgen wollten. An dieser Stelle kommt Patrick Haseldine ins Spiel; der britische Diplomat (nicht zu verwechseln mit Michael Heseltine, Verteidigungsminister unter Thatcher) wurde 1989 entlassen, weil er den sanften Umgang der britischen Regierung mit dem Apartheid-Regime kritisierte, wozu er auch die Genehmigung zur Ausreise der vier in Coventry Verhafteten zählt. Konkret hatte er dies in einem Brief an den „Guardian“ kritisiert und Premier Margaret Thatcher der Komplizenschaft mit diesem Regime beschuldigt. Auch Haseldine ist in der englischen Wikipedia in Artikeln ihn und “seine” Themen betreffend, mehr oder weniger offen, aktiv, als „Phase 4“ und unter anderen Benutzernamen.

Den Nicknamen erklärte er dort als die unerklärte vierte Phase des südafrikanischen Atomwaffenprogrammes. Die bekanntgegebene 3-Phasen-Strategie oder „mehrstufige Abschreckungsstrategie“ des Programms sah in der ersten Phase Ambiguität die nuklearen Möglichkeiten des Regimes betreffend vor. Bei einer ernsthaften Bedrohung würde Phase 2 in Kraft treten, in der Hinweise über die Atombomben an die Führer westlicher Staaten, besonders der USA, zugespielt werden sollten, um Hilfe zu erpressen. Falls das nicht funktionierte, würde in Phase 3 ein offener Test oder die Bekanntgabe des nuklearen Potentials stattfinden. Nach der offiziellen Darstellung waren die Waffen somit nur zur Abschreckung bzw. als Einflußmöglichkeit des Apartheid-Regimes und nicht zum Gebrauch gedacht. Man sei nie über Phase 1 hinausgekommen, hiess es in den offiziellen Bekanntmachungen zum Programm. Gerüchte über eine vierte Phase, den in Erwägung gezogenen Einsatz der Bomben (mit denen Mittelstreckenraketen ausgestattet werden sollten) bzw. die Drohung damit, existier(t)en auch abseits von Haseldine.

Auch namhafte west-deutsche Politiker unterstützten lange das Apartheid-Regime. Noch 1988 war der damalige CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauss Ehrengast von Präsident P. W. Botha. Die Abschaffung der Apartheid sei “unverantwortlich” und die Gleichstellung der schwarzen Mehrheit “nicht wünschenswert”, sagte Strauss damals. Treffen mit ANC-Vertretern lehnte er ab. Bei einem öffentlichen Auftritt rief er: “Nie in meinem 40-jährigen politischen Leben habe ich eine so ungerechte und unfaire Behandlung eines Landes erlebt, wie sie Südafrika widerfährt.”

Patrick Haseldine gehört zu jenen, die glauben, dass das Apartheid-Regime auch für den Lockerbie-Anschlag 1988 verantwortlich war. Ein PanAm-Flugzeug, das am 21. Dezember dieses Jahres am Weg von London nach New York war, explodierte über der schottischen Stadt Lockerbie, alle 259 Insassen wurden getötet, elf Dorfbewohner wurden von Flugzeugtrümmern erschlagen. Am Tag darauf wurde in New York ein Abkommen zwischen Südafrika, Kuba und Angola unterzeichnet, das die Unabhängigkeit Namibias, den Abzug der kubanischen Truppen aus Angola und das Ende der Unterstützung der UNITA und der mosambikanischen RENAMO durch Südafrika sowie des ANC durch Angola vorsah. In dem Flieger, der durch den Anschlag abstürzte, kam, auf dem Weg zur Unterzeichnung, auch Bernt Carlsson, nunmehr UN-Kommissar für Namibia, ums Leben, der das Abkommen auch mit ausgehandelt hatte. Südafrikas Außenminister “Pik” Botha sollte ursprünglich auch diesen Flug nehmen, buchte aber noch um. Zwei hochrangige Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes wurden als Attentäter beschuldigt. Sie sollen einen Koffer mit einer Bombe von Malta aus auf die Reise geschickt haben. Drei Jahre nach dem Anschlag erliessen die USA und Grossbritannien Haftbefehl gegen die Agenten.

Um ihre Auslieferung zu erzwingen, verhängten die Vereinten Nationen 1992 Sanktionen gegen Libyen. Tripolis lieferte die Verdächtigen schließlich aus, machte zur Voraussetzung, dass die UN regelmäßig ihre Haftbedingungen überprüft. Im Jänner 2001 wurde der Libyer Abdelbaset al-Megrahi von einem Sondergericht nach schottischem Recht in den Niederlanden zu lebenslanger Haft verurteilt. Der zweite Angeklagte wurde damals freigesprochen, der Schuldspruch gegen Megrahi hingegen in einer Berufungsverhandlung 2002 bestätigt. Der bis dahin in den Niederlanden inhaftierte Megrahi wurde zur Verbüßung seiner Strafe nach Schottland gebracht, ehe er 2009 wegen einer Krebserkrankung vorzeitig freikam, er starb 2012. Er beteuerte bis zu seinem Tod seine Unschuld. Libyens Machthaber Ghadaffi übernahm 2003 die Verantwortung für den Anschlag. Im Zuge der Bemühungen zur Beendigung ihrer internationalen Isolation sagte die Ghadaffi-Regierung zu, den Familien der Opfer insgesamt 2,7 Milliarden Dollar (zwei Mrd. Euro) Entschädigung zu zahlen.

Ein libyscher Anschlag auf den Flieger in dem sich 190 US-Bürger befanden, hätte durch den Hintergrund der militärischen Konfrontation zwischen Libyen und den USA, die 1986 zur Bombardierung von Tripolis geführt hatte, motiviert sein können. Megrahi veröffentlichte nach seiner Freilassung auf seiner Website Dokumente, aus denen hervorgehen soll, dass einer der Hauptbelastungszeugen offenbar mit Einwilligung der US-Regierung bis zu zwei Millionen Dollar für seine Aussage erhalten hatte. Der Malteser Gaudi hatte im Prozess ausgesagt, dass Megrahi Kleider in seinem Geschäft gekauft habe, welche später in dem Koffer mit der Bombe gewesen sein sollen. Nach dem Sturz Gaddafis im Jahr 2011 reisten britische und amerikanische Ermittler nach Libyen, um nach Hintermännern des Anschlags zu suchen und die Archive zu durchforsten. Die schottische Parlamentsabgeordnete Christine Grahame verwies in einem Gastartikel für den „Independent“ darauf, dass fünf Monate vor Lockerbie ein US-Kriegsschiff eine iranische Verkehrsmaschine mit 290 Menschen an Bord – angeblich versehentlich – abgeschossen habe; ein Racheakt des Iran sei naheliegend gewesen. Grahame wies auch darauf hin, dass einige Angehörige wie auch zahlreiche Experten Megrahi für ein Bauernopfer hielten.

Es gibt noch einen Flugzeug-Absturz, der Fragen aufwirft und mit Apartheid-Südafrika eine Verbindung aufweist (die hier viel enger ist). Die “Helderberg”, eine Boeing 747 Combi der South African Airways, war im November 1987 auf dem Flug von Taiwan nach Südafrika vor Mauritius abgestürzt, alle 159 Insaßen wurden getötet. Einigkeit herrscht darin, dass ein Feuer oder eine Explosion an Bord den Absturz verursacht hat, die Ursache dafür ist auch nach zwei Untersuchungen (eine durch die TRC) unklar. Sie dürfte mit der Fracht des Flugzeugs zusammenhängen, über die es auch verschiedene Angaben gibt, neben Fahrrädern und konventionellen Waffen(komponenten) war in diesem Zusammenhang auch von Red Mercury die Rede.

In der Regierungszeit von Olof Palme war Schweden der einzige westliche Staat, der der Anti-Apartheid-Bewegung, speziell dem ANC, grosszügige Unterstützung zukommen liess. Von daher würde die Ermordung Palmes durch das Regime aus deren Sicht Sinn machen. Eine der brisantesten Aussagen in Vernehmungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission war jene von Eugene De Kock (s.o.), wonach das Apartheid-Regime (er nannte hier Craig Williamson) hinter dem Mord an Palme steckte, wegen dessen Einsatzes gegen die Apartheid. De Kock wiederholte die Aussage in seinem Prozess, sein früherer Vorgesetzter Johan Coetzee bestätigte sie. Ein Team schwedischer Ermittler reiste daraufhin nach Südafrika um den Spuren des ungeklärten Attentats nachzugehen, kam aber anscheinend nicht weiter. In der schwedischen Polizei gab es jedenfalls Elemente, die über die International Police Association (IPA) mit Apartheid-Behörden in Verbindung standen, ausserdem mit der WACL, dem Gladio-Netzwerk, auch mit Neonazi-Gruppen; diese könnten in den Mord bzw. seine Verschleierung involviert gewesen sein.

Manche zeigen auf Bertil Wedin, der Offizier in der schwedischen Armee war, dann im Geheimdienst seines Landes, Söldner im Kongo, Kontakte zum türkischen und südafrikanischen Geheimdienst hatte, mit Craig Williamson zusammenarbeitete – als den Mann, der Palme erschossen hat. 2007 veröffentlichte der südafrikanische investigative Journalist De Wet Potgieter das Buch „Total Onslaught, Exposing Apartheid‘s Dirty Tricks“, in welchem er aufgrund von Indizien den Südafrikaner Roy Daryl Allen als Mörder ausmacht. Dieser lebt mittlerweile in Australien und streitet natürlich ab. Da das Apartheid-Regime Gegner seiner Politik, besonders jene, die im Ausland agierten und sich seiner Kontrolle entzogen, häufig ermordete, wäre der Verdacht beim Palme-Mord nicht so abwegig. Anders sieht es bei Uwe Barschel aus, dieser war kein Apartheid-Gegner; aber ein Geschäft mit dem Regime könnte ihm zum Verhängnis geworden sein. Der (dann getötete) südafrikanische Agent Stoffberg, der Aussagen zum rätselhaften Tod Barschels machte, wird auch als sein Mörder genannt.

Eeben Barlow wanderte von Sambia nach Südafrika ein, diente dessen Apartheidtruppen in Angola, dann Spezialeinheiten der Polizei. Er gründete 1989 die Söldner-Firma “Executive Outcomes”, war dadurch vor und nach der Apartheid Teil von Todesschwadronen. Executive Outcomes hat z. B. in Sierra Leone geholfen, den gestürzten Präsidenten Kabbah wieder einzusetzen, für westliche Firmen (Bodenschätze). Die britische Regierung unter Blair und eine britische Söldner-Firma waren daran ebenfalls beteiligt. Auch in Äquatorial-Guinea oder in Papua-Neu Guinea, wo die Regierung eine Rebellengruppe auf der Insel Bougainville bekämpft, die gegen die Umweltzerstörung durch eine grosse Kupfer- und Goldmine im Besitz der britischen Firma “Rio Tinto” kämpft(e), waren Barlows Kämpfer im Einsatz. 1998/99 wurde die Firma wegen einem neuem Gesetz in Südafrika aufgelöst. Lafras Luitingh, auch ehemaliges Mitglied einer staatlichen südafrikanischen Todesschwadron und dann bei Executive Outcomes, soll verantwortlich gewesen sein für die Ermordung zweier Anti-Apartheid-Aktivisten 1989, des Wissenschaftlers David Webster (wie Barlow ein aus Sambia bzw. dem damaligen Nord-Rhodesien stammender Weisser), ein Anthropologe, der angeblich viel über geheime Waffenprojekte wusste, in Johannesburg und des Rechtsanwalts Anton Lubowski in Windhoek (Namibia, damals noch SWA).

Union Buildings, Pretoria, 10. Mai 1994: Amtseinführung von Nelson Mandela (begleitet von seiner Tochter Zindziswa) als Präsident sowie seiner Stellvertreter Mbeki und De Klerk
Union Buildings, Pretoria, 10. Mai 1994: Angelobungsfeier von Nelson Mandela (begleitet von seiner Tochter Zindziswa) als Präsident sowie seiner Stellvertreter Mbeki und De Klerk; in der Reihe dahinter u.a. die Führung des Militärs unter Generalstabschef Meiring

Im November 1989 ordnete der frisch ins Amt gewählte De Klerk (dem nicht der Ruf eines Reformers vorauseilte) ein Moratorium für Vollstreckungen von Todesurteilen an, eines seiner ersten Reformschritte. Im Februar 1990 leitete er mit einem Paukenschlag die Beendigung der Apartheid ein, zu den im Parlament angekündigten Schritten gehörte die Freilassung Mandelas und die Aufhebung des Verbots des ANC. Der Weg bis zur Wahl 1994 und der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit war ein steiler. Die Hauptverhandlungspartner NP-Regierung und ANC fanden spät einen gemeinsamen Nenner; Kräfte an verschiedenen Rändern des politischen Spektrums versuchten den Übergang von der Apartheid zur Demokratie zu stören, am hartnäckigsten die weisse Rechte und die Herrscher der (schwarzen) Homelands, die aufgelöst werden sollten. Die Gefahr der Eskalation war am grössten, nachdem der ANC-Politiker Chris Hani (der als Mandela-Nachfolger gehandelt wurde) 1993 durch Rechtsextremisten ermordet wurde. Nelson Mandelas Fernsehansprache in dieser Situation, in der er, in staatsmännischer Art, die Bevölkerung zur Ruhe aufrief, bewirkte eine Machtverschiebung im Transformationsprozess.

In dem 1991 veröffentlichten (politischen bzw. alternativgeschichtlichen) Roman „Vortex“ des Amerikaners Larry Bond wird der reformorientierte weisse Präsident Südafrikas vom ANC ermordet. Der Innenminister, ein Reformgegner, wusste von den Attentatsplänen und liess es gewähren. Er wird, nachdem sein politischer Gegner tot ist, Präsident. In Namibia kommt es zur Konfrontation mit aus Angola vorgerückten kubanischen Truppen, Massenvernichtungswaffen kommen zum Einsatz, die Grossmächte intervenieren. Der Roman wurde in den 1980ern geschrieben, noch im Kalten Krieg, und gibt die Befürchtungen und Horrorszenarien wieder, die damals allgemein bezüglich Südafrika geteilt wurden.

Die Democratic Party (DP; heute Democratic Alliance) wurde zwischen den Wahlen 1994 und 1999 die Partei der Weissen und 99 offizielle Opposition (was in den angelsächsisch geprägten Staaten die stärkste nicht an der Regierung beteiligte Partei bezeichnet), gewinnt von Wahl zu Wahl ein paar Prozente dazu. 1994 wählten die meisten Weisse und viele Asiaten und Mischlinge NP, (seit) 99 die DP. Auch die meisten Afrikaaner, trotz ihrer englisch-sprachigen und liberalen Tradition. Wahrscheinlich, weil die DP nun “rassischer” ausgerichtet war als die NNP (wie die ehemalige NP nun hiess), sich mehr als Interessensvertretung der Weissen verstand. Unter Anthony Leon rückte die DP/DA nach rechts. Wobei das Paradigma von den liberalen Englischsprachigen und den konservativen Afrikaanern vielleicht hinterfragt gehört; bei diesen “Konservativen” ist oft mehr Nähe zu Afrika und den Afrikanern da als bei den Anderen, wie auch der (Eigen-)Name schon aussagt.

Die DA steht vor dem Dilemma, einerseits Anliegen der weissen Kernklientel vertreten zu wollen, andererseits, um in das grosse schwarze Wählersegment vorzudringen, “ganzheitlichere” Anliegen bzw. die noch immer vorherrschende Ungleichheit zuungunsten der Schwarzen, behandeln zu müssen. Lehnt sie sich zu weit auf die eine Seite, droht der Verlust der Kernwähler, etwa zur Freiheitsfront Plus (Vryheidsfront +), die 1994 als Partei rechts von der NP gegründet worden war und den Wahlboykott der weissen Rechten durchbrach; ihre Auffassung von Afrikaaner-Interessen ist weniger materialistisch als kulturell. Bleibt sie zu sehr auf der anderen Seite, wird sie nie eine Konkurrenz für den ANC. Gerne versucht sie sich darüber weg zu schwindeln, indem sie freie Marktwirtschaft sowie harte Mittel von Polizei und Justiz als Heilmittel für die Probleme des Landes anpreist, ohne auf die zugrunde liegenden Ursachen einzugehen. Sie verweist auf ihre Regierung in der Provinz Westkap sowie in Kapstadt, wobei diese eigentlich von ihrem Bemühen zeugt, möglichst viele Privilegien der Weissen (wenn man so will, Produkte der Apartheid) zu erhalten. Die DA möchte zwar Stimmen aus der schwarzen Bevölkerung, sich aber möglichst wenig von ihren Anliegen zu eigen machen.

Ronald Suresh Roberts, ein in Südafrika lebender Autor aus Trinidad-Tobago, schrieb über den südafrikanischen Diskurs über Zimbabwe unter Mugabe seit 2000 (Beginn der Farmbesetzungen,…), darin gehe es von weisser Seite in der Regel weniger über Zimbabwe als um das Frönen einer Dystopie, die mit südafrikanischen Realitäten nichts zu tun habe. Er verweist auf die Wahlkampagne der Democratic Alliance (DA) 04 unter Tony Leon, in der der damalige Präsident und ANC-Spitzenkandidat Mbeki nicht nur in die Nähe von Mugabe gerückt wurde, sondern propagandistisch mit diesem verschmolz. Das Ablenken vom Rassismus sowie Attacken auf das Post-Apartheid-Südafrika gleiteten oft über in Apartheid-Apologetik. Helen Suzman, so Roberts 07 über die 09 verstorbene “Ahnfrau” der DA, sei gegen Mugabe leidenschaftlicher aufgetreten als gegen die Apartheid, Landbesetzungen/-enteignungen die sie in Palästina in Ordnung finde, finde sie in Zimbabwe skandalös.

Das Thema Zimbabwe spielte auch eine Rolle in der Krise zwischen der Abwahl von Staatspräsident Mbeki als ANC-Chef 07 und dem Amtsantritt von Zuma als Präsident 09 (zwischendrinnen lag auch der Mbeki-Rücktritt als Präsident): die politische Unsicherheit dieser Zeit bestand vor allem in Ängsten vor Zuma, bei dem es sich um einen im Grunde ungebildeten, sowie populistischen, polygamen, für Korruption anfälligen, Machtpolitiker handelte, der lange martialische Lieder sang. Dennoch ähnelten die Ängste jenen, die es auch vor Mandela und Mbeki gegeben hatte, obwohl nichts von dem auf sie zugetroffen hatte. Begleitet wurde die Unsicherheit Ende der 00er-Jahre neben Südafrikas Kernproblemen AIDS, Kriminalität, Armut vom Aufstieg Julius Malemas, nach dessen Wahl zum Chef der Jugendliga des ANC (er goss viel rhetorisches Öl ins “Feuer”), einer Energiekrise und Ausschreitungen in Städten gegen Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern – was mit der Zimbabwe-Krise zusammenhing, da von dort die meisten Einwanderer stammen.

Der Mbeki-Regierung wurde bezüglich Zimbabwe Fehlverhalten vorgeworfen, „Komplizenschaft“ bzw. ein „Kuschelkurs“, Beschwichtigung, Zurückhaltung gegenüber Mugabe. Die Vermittlung des Kompromisses nach der Wahl 08 dort, die Machtteilung zwischen ZANU-PF (Mugabe) und MDC (Tsvangirai), war Mbekis letzer Erfolg, er könnte dennoch das Image des Mugabe-Verstehers behalten. Unter Mbekis Verteidigungsminister Lekota spaltete sich in dieser Zeit ein Teil vom ANC ab, der sich als COPE konstituierte. Die Unsicherheit zeigte sich etwa in verstärkter weisser Auswanderung und in Schwarzmalen bezüglich der Austrichtung der Fussball-Weltmeisterschaft 2010. Ex-Präsident De Klerk, der letzte im Apartheid-System gewählte (er nützte seine Amtszeit dafür, mitzuhelfen, dieses System abzuschaffen), äusserte sich (auch) in dieser Zeit optimistisch zur Zukunft Südafrikas. “Wir haben damals, Anfang der 1990er, eine friedliche Lösung gefunden, als alle Krieg und Gewalt erwarteten. Wir haben auch jetzt das Vermögen, die grossen Probleme des Landes zu bewältigen. Es ist eine wachsende verfassungsstaatliche Reife zu beobachten.” De Klerk hat kürzlich den Status, letzter weisser Präsident in Afrika gewesen zu sein, verloren, als Guy Scott übergangsmäßig Präsident in Sambia wurde. Dazwischen war noch Paul Bérenger Premier in Mauritius.

Nachdem Zuma 08/09 im Korruptions-Prozess freigesprochen wurde, war sein Weg zur Präsidentschaft frei; der (weisse) Richter sprach in seiner Urteils-Begründung davon, dass Zumas Rivale Mbeki als Präsident das Verfahren vorangetrieben habe. Die Machtübergabe nach der Wahl 09 und die WM im Jahr darauf verliefen aber glatt. Zumas Populismus richtete sich zur Freude gerade der Wohlhabenderen nicht zuletzt gegen Kriminalität, sein Zulu-Stolz liess Zuma auch die anderen Völker Südafrikas, nicht zuletzt die (weissen) Afrikaaner, positiv sehen, Malema der sein Anhänger gewesen war, wurde unter ihm in die Schranken gewiesen, die VF+ wurde von ihm in Regierungsarbeit eingebunden. Es gab keine Wahlmanipulation, keine Nach-Wahl-Gewalt, keine Rücknahme von Freiheiten, die in Südafrika erst in Post-Apartheid-Zeiten eingeführt worden waren, keine skandalösen Verfassungsänderungen, keine Säuberungen oder Enteignungen. Er begann spätestens im Wahlkampf, das AIDS-Thema vernünftig zu behandeln. Was die Vorwürfe wegen der Korruptionssache betrifft, von der er freigesprochen worden war, schrieb ein britischer Kommentator im “Guardian”: “Before we announce the moral contamination of President Zuma, perhaps we should address the source of the contamination especially as it appears to eminate from our own door step and once again is not limited to ‘corrupt and chaotic South Africa’. Perhaps we should question more closely the morality and power of our biggest industrial exporter, the arms industry, with special attention being given to BAE Systems [die britische Waffen-Firma, von der Geld an Zuma geflossen sein soll, als er Vizepräsident war].”

Die rassischen Bruchlinien sind nach wie vor die wichtigsten in Südafrika, die Bewältigung des Erbes der Apartheid-Jahrzehnte ist ein langsamer, schmerzhafter Prozess. Viele Weisse interpretieren die hohe Kriminalität als rassisch (gegen sie) motiviert, obwohl inzwischen feststeht, dass die meisten Kriminalitätsopfer Schwarze sind (wie der Fussballspieler Meyiwa vor wenigen Tagen). Attacken auf die Politik der ANC-Regierungen bzw. Post-Apartheid-Südafrika kommen aber auch wegen ihrer liberalen Politik bezüglich gleichgeschlechtlicher Ehe oder Abtreibung. Wenige Kommentatoren sind offen rassistisch wie Dan Roodt. Der ANC spielt aber auch gerne die Rassenkarte, wenn dies nicht angebracht ist, benutzt sie mitunter als Schild gegen Kritik; beim Fall von Caster Semenya (vor dem Pistorius-Prozess Südafrikas Aufreger Nr. 1 aus dem Leichtathletik-Bereich) reagierten ANC-Politiker etwa auf den Ausschluss nach dem Geschlechtstest mit Rassismus-Vorwürfen gegenüber dem internationalen Verband.

Der Krimiautor Mike Nicol aus Kapstadt hat über dieses Genre in Südafrika gesagt, zu Apartheid-Zeiten war Polizei-Arbeit zu „politisch“ als das es für Verarbeitung in Kriminalromanen getaugt hätte. In Schweden gäbe es wahrscheinlich mehr Krimis als Verbrechen, in Syrien zuviel Gewalt als das jemand Interesse an Krimis haben könnte. So gesehen, so Nicol, stünde Südafrika ganz gut bzw. stabil da, mit seiner Krimi-Szene, die zu Post-Apartheid-Zeiten mit Deon Meyer begann, trotz der hohen Kriminalität. Die veränderten Rahmenbedingungen wirken sich auch in anderen Bereichen aus. Die Karriere von Charlize Theron, dem grössten südafrikanischen Hollywood-Star, lief parallel zur Befreiung Südafrikas von der Apartheid, ohne den “Zola-Budd-Runterzieh-Faktor”, wie R. S. Roberts schrieb.

Kritik am Post-Apartheid-Südafrika ist dann rassistisch, wenn sich Kritik an der Politik der ANC-geführten Regierungen seit Beginn der Demokratie die Einführung dieser Demokratie in Frage stellt (bzw das Mitbestimmen der Schwarzen). Diese Aussage kommt nämlich nicht selten, dass schwarze Regierungen bzw Politiker “strukturell” inkompetent seien. Manche Kritiker des neuen (demokratischen) Südafrika kritisieren an ihm auch Zustände, die sie zu Apartheid-Zeiten (als diese viel schlimmer waren) hinnahmen – etwa Eingriffe der Politik in die Medien bzw Einsfluss darauf, Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Oder Zustände, die auch im Westen noch aktuell sind. Es gibt auch die Apartheid- bzw. Rassismus-Apologetik, die ANC-Regierungspolitik bzw die Post-Apartheid-Zeit mit jener der NP bzw der Apartheid unsachlich vergleicht. Eine seriösere bzw glaubwürdigere Kritik ist gegeben, wenn sie (auch) Probleme von Schwarzen darin thematisiert, nicht Weisse als Opfer der Schwarzen darstellt. Der Karikaturist “Zapiro” dürfte einer sein, der eine solche Kritik formuliert. Die Probleme des Landes (AIDS, Armut, Kriminalität) betreffen Schwarze eigentlich noch mehr als Weisse.

Über den Palme-Mord und die südafrikanische Verbindung

Ebenfalls

Die schwedische Unterstützung des Anti-Apartheid-Kampfes: Tor Sellström: Sweden and National Liberation in Southern Africa. Vol. II: Solidarity and assistance

Zur Rolle Kubas beim Sieg über die Apartheid

Zum südafrikanischen Atomwaffenprogramm

Portal zum südlichen Afrika

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Todesstrafe und Justizopfer in Frankreich

Bekannt ist, dass in Frankreich die längste Zeit die Guillotine die Hinrichtungsart für zum Tode Verurteilte war, weniger bekannt dürfte sein, dass dort erst unter Mitterrand die Todesstrafe abgeschafft wurde und bis in die 1970er hinein Todesurteile vollstreckt wurden. Eine der letzten Exekutionen war ein sehr umstrittener Fall, jener von Christian Ranucci; abgesehen von der Angemessenheit der Todesstrafe steht hier die Schuld des Verurteilten in Frage.

Marie-Dolores Rambla, 8 Jahre alt, Tochter spanischer Einwanderer, wurde im Sommer 1974 in Marseille beobachtet wie sie in ein Auto gelockt wurde. Ranucci, ein 20-jähriger Vertreter aus Nizza, verschuldete etwas später in der Nähe von Marseille einen Unfall mit Blechschaden und beging Fahrerflucht. Ein Ehepaar das beim Unfallort vorbeikam, die Auberts, nicht das Unfallopfer, verfolgte ihn, notierte seine Autonummer, sah ihn noch bei einem Champignonzuchtbetrieb stehenbleiben, aussteigen, und etwas aus dem Auto herausheben. Zwei Tage später wurde das Mädchen in der Nähe der Pilzgrotte erstochen aufgefunden. Nachdem sie die Nachricht vom Auffinden der toten Marie-Dolores vernahmen, meldeten die Auberts ihre Beobachtung bei der Polizei, die Ranucci aufgrund der Autonummer fand und verhaftete. Dieser legte nach einem nachtlangen Verhör bei der Polizei (das Foto unten dürfte davor entstanden sein) ein Geständnis des Mordes ab, das er vor der Untersuchungsrichterin Di Marino, die später auch den Lokalaugenschein leitete, wiederholte. Später nahm er das Geständnis zurück und äusserte Misshandlungsvorwürfe gegenüber der Polizei. Im Verhör gab er an, wo das Tatmesser zu finden sei; ein Messer (ob es die Tatwaffe war, wurde nicht geklärt) wurde nach einer langen Suche auf einer kleinen Fläche mit einem Metalldetektor gefunden, in der Nähe des angegebenen Ortes (und des Leichenfundorts).

Die Auberts haben Ranucci bei einer Gegenüberstellung mit Anderen nicht wiedererkannt, wollten laut einer späteren Aussage gesehen haben, dass er ein Kind aus dem Auto gehoben hat. Ranuccis Unfallbeteiligung und die Anwesenheit beim Champignon-Zuchtbetrieb in zeitlicher Nähe zur Tat wurden aber auch von anderen Zeugen angegeben und von ihm auch nicht geleugnet, wenn ich die Angaben richtig verstanden habe. Ein wichtiges Indiz war eine blutverschmierte Hose, die in seinem Auto gefunden wurde (die einzige mögliche Spur des Mädchens dort). Er gab an, dass es sich um sein eigenes Blut handelte; der Polizeiarzt will keine frischen Verletzungen bei ihm gefunden haben, die Blutgruppe wäre auf Ranucci und Rambla zugetroffen, die Möglichkeit einer DNA-Analyse gab es noch nicht. Beschreibungen des Entführers (in einem roten Pullover) und dessen Auto durch Zeugen der Entführung, den Bruder des Mädchens und den KFZ-Mechaniker Spinelli, trafen nicht ganz auf Ranucci zu. In der Nähe der Leiche wurde ein roter Pullover gefunden, zu gross für ihn, angeblich mochte er auch die Farbe nicht. Weiters wurden bei Ranucci Kratzer an den Unterarmen festgestellt, wie von der Pflanze, unter der das Mädchen gefunden worden war.

Im Gefängnis soll Ranucci beim Haareschneiden “versehentlich” ins Ohr geschnitten worden sein, um ihn als „Triebtäter“ bzw. Kindermörder erkenntlich zu machen. Der Geschworenen-Prozess im Frühling 1976 in Aix-en-Provence dauerte, trotz nicht eindeutig feststehender Schuld und der drohenden Todesstrafe, nur 2 Tage (!). Der heutige Front National-Politiker Gilbert Collard vertrat als Nebenkläger den Vater des Opfers. Eine späte Entlastungszeugin tauchte auf, dennoch wurde Ranucci für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Ein Berufungsantrag wurde bald darauf abgelehnt. Somit blieb Ranuccis Anwaltsteam um Le Forsonnay nur noch ein Gnadengesuch bei Staatspräsident Giscard d’Estaing. Während sich Innenminister Michel Poniatowski (entstammt dem polnischen Adelsgeschlecht dessen französischer Zweig unter Napoleon geadelt wurde) im Fernsehen für die Exekution Ranuccis aussprach, verbreitete sich eine Falschmeldung über seine Begnadigung, anscheinend, über Gefängniswärter, bis zum Betroffenen hin. Die Agence France-Presse hatte zwei Meldungen vorbereitet, und noch bevor Giscard d’Estaing seine Entscheidung bekanntgab, irrtümlich jene über das Stattgeben des Gnadengesuchs rausgeschickt. Giscard begnadigte Ranucci nicht, eine Entscheidung, die er nach seinen Aussagen bis heute nicht bedauert (siehe hier). Er stand der Todesstrafe eher ablehnend gegenüber und machte bei vier Todesurteilen in seiner Amtszeit von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch (die damit in lebenslange Haftstrafen umgewandelt wurden), bei drei nicht, die als extreme Fälle galten, siehe unten. Bereits wenige Stunden nach der Ablehnung wurde Christian Ranucci im Gefängnis Les Baumettes in Marseille vom Henker André Obrecht auf der Guillotine exekutiert, die letze Hinrichtung für diesen.

Erst nach einer Ablehnung der Begnadigung wurde die Guillotine in das betreffende Gefängnis gebracht, dann ging es aber schnell. Der Verurteilte wurde in den Morgenstunden informiert, etwa 20 Minuten vor seiner Hinrichtung. Nachdem er aus seiner Zelle gebracht wurde, durfte er noch etwas alkoholisches trinken, rauchen, etwas schreiben. Er hatte auch das Recht auf geistlichen Beistand. Hamida Djandoubi (s.u.) wollte einen Imam und Rum zum Abschied…  Nachdem der Verurteilte gefesselt war, wurde sein Hemdkragen und gegebenenfalls auch seine Haare abgeschnitten, und er so zur Guillotine getragen, die gern im Gefängnishof aufgestellt wurde. Widersprüchliche Aussagen gibt es über Ranuccis letzte Worte („Réhabilitez-moi“, zu seinem Anwalt?). Manchmal wird diese Hinrichtung fälschlicherweise für die letzte in Frankreich gehalten, vielleicht weil es um diesen Fall noch einmal Trubel gab, wegen dem Mord an einem Kind und den Zweifeln an der Schuld des Verurteilten.

Ranucci

Wenige Wochen vor Prozessbeginn war ein anderer Kindesmord in Frankreich bekannt geworden; der in diesem Fall eindeutig als Mörder feststehende Patrick Henry wurde im Prozess 1977 von seinem Anwalt Robert Badinter vor der Todesstrafe gerettet und zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, die er nicht ganz absitzen musste. Badinter führte vor Gericht keinen Kampf um die Unschuld seines Mandanten, sondern einen gegen die Todesstrafe; er spielte dann eine wichtige Rolle bei ihrer Abschaffung in Frankreich. 2006 tauchten Meldungen auf, dass der (spätere) Serienmörder Fourniret beim Prozess gegen Ranucci 1976 als Zuschauer anwesend gewesen sei und lösten Spekulationen über eine mögliche Täterschaft Fournirets im Fall Rambla aus. 2008 wurde der Bruder des 1974 ermordeten Mädchens wegen Mordes an seiner Vorgesetzten zu einer Freiheitsstrafe von 18 Jahren verurteilt die er in dem Gefängnis absitzt, in dem Ranucci hingerichtet wurde.

Gilles Perrault nahm sich noch in den 1970ern des Falls Ranuccis an, der Anwalt und Autor schrieb darüber “Der rote Pullover”, eine Darstellung des Falls, die auch Vorlage für eine von zwei Verfilmungen des Falls wurde. Er hält Ranucci für unschuldig, streicht die Ungereimtheiten in dessen Verurteilung heraus, hat mehrere Revisionsanträge gestellt, die abgelehnt wurden, und wurde für verschiedene Aussagen von der Polizei geklagt. Eine Revision wird auch von einer Initiative von vier Politologen (www.associationranucci.org) angestrebt. Der Polizist Bouladou hält Ranucci für schuldig, schrieb ein Buch über den Fall, unterhält eine Website, hat auf Youtube Videos hochgeladen die seine Sicht der Dinge präsentieren. An Büchern erschienen dazu u.a. auch der Briefwechsel von Ranuccis Mutter Héloïse Mathon mit ihrem inhaftierten Sohn, ein Comic (siehe das Umschlag-Bild unten), Veröffentlichungen von seinem damaligen Anwalt Jean-François Le Forsonnay, dem damals beteiligten Polizisten Fratacci (der auf dem Foto links), Marie-Dolores Ramblas Vater und einer Karin Osswald. Hingewiesen sei auch auf diese links und ein Video (http://www.youtube.com/watch?v=u6_vh0YkVbU) dazu (jeweils auf Französisch).

Gérard Berthelot/Julien Moca/Vincent Koch: L'Affaire Ranucci (Editions De Borée)
Gérard Berthelot/Julien Moca/Vincent Koch: L’Affaire Ranucci (Editions De Borée)

Wie kam es eigentlich zur Einführung der Guillotine als Hinrichtungsinstrument in Frankreich? Die Geschichte ihrer Einführung, Verwendung und Abschaffung spiegelt auch die Geschichte Frankreichs seit der Revolution wieder. Unter dem alten Regime gab es, wie im übrigen Europa, verschiedene, grausame, Hinrichtungsarten, je nach Delikt, Stand und Geschlecht, das Köpfen mit dem Beil, das zu Tode Rädern, das Verbrennen auf dem Scheiterhaufen, das Hängen,… Die Stürmung der Bastille am 14. Juli 1789, mit der der Beginn der Revolution angesetzt wird, brachte die Befreiung von dort untergebrachten Gefangenen (keine bedeutenden und keine Justizopfer), die Erbeutung der dortigen Kanonen, und einen symbolischen Sieg über eine Befestigung des Despotismus und des Regimes. Auf dem anschliessenden Weg zum Rathaus wurden der Bastille-Kommandant De Launay wegen seines Schiessbefehls gegen die Demonstranten sowie ein Adeliger, der ihm zur Hilfe kommen wollte, von einem anwesenden Metzger geköpft.

Etwa einen Monat später verabschiedete die Nationalversammlung die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, darin betrafen insbesondere die Artikel 7 bis 9 das Verhältnis Staat-Justiz-Einzelner, es wurde keine Absage an die Todesstrafe erteilt; in Frankreich hatte erstmals der Aufklärer Voltaire gegen diese Strafe Stellung bezogen. Ende 1789 machte ein Mitglied der Nationalversammlung, der Arzt Joseph-Ignace Guillotin, mit Berufung auf die Menschenrechtserklärung und der dort festgeschriebenen Gleichheit der Bürger, Vorschläge zur Reform des Strafgesetzes: Delikte sollten unbesehen von Stand oder Geschlecht einheitlich bestraft werden, es sollte eine einheitliche (und weniger grausame) Hinrichtungsform geben, das Köpfen durch einen einfachen Mechanismus, daneben forderte er auch die Abschaffung der Sippenhaftung und anderes. Während sich die Beratungen zu einem neuen Strafgesetz in der Nationalversammlung zogen, wurden einige von Guillotins Punkten provisorisch angenommen – mit Einverständnis von König Ludwig XVI., inzwischen gab es ja eine konstitutionelle Monarchie. Der König liess auch das besonders grausame Rädern abschaffen. Die Beratungen brachten die erste grosse Debatte über die Todesstrafe, einige führende Abgeordnete wie Mirabeau oder Robespierre (!) traten darin für ihre Abschaffung ein. 1791 beschloss die Nationalversammlung das neue Strafgesetz, das weitgehend Guillotins Vorschlag folgte, die Todesstrafe sollte nunmehr Leben beenden, nicht mehr Schmerzen verursachen, die Folter wurde abgeschafft. Die Entwicklung eines Fallbeils wurde dem Leibarzt von König Ludwig, Antoine Louis, übertragen (von Guillotin war nur der Anstoss gekommen). Louis konnte sich dabei auf ältere Modelle stützen, vor allem aus England und Schottland, die er weiterentwickelte, mit Unterstützung u.a. des Pariser Henkers Charles-Henri Sanson aus der Scharfrichter-Familie Sanson. Diese waltete in Paris von 1688 bis 1847; der Bandit “Cartouche” wurde etwa 1721 vom Grossvater dieses Sanson gerädert.

Der fertige Entwurf wurde im Frühling 1792 vor der Nationalversammlung und dem König im Tuilerienpalast präsentiert und angenommen. Gebaut wurde die erste “Guillotine” (das Gerät hiess nach dem Entwickler anfangs “Louisette”; später kam auch die Bezeichnung “Veuve” auf) von einem deutschen Klavierbauer in Paris namens Schmidt und dem aus Lothringen stammenden Graf Roederer; sie wurde dann an Schafen und menschlichen Leichnamen getestet. Die Tötung durch Durchtrennung der Halswirbelsäule galt lange als schnell und weitgehend schmerzfrei, was nicht mehr ganz unumstritten ist; darüber, wie lange das Gehirn in dem körperlosen Kopf noch weiterarbeitet oder der Körper ohne den Kopf arbeiten kann, gibt es keine eindeutigen Angaben.

Im April 1792 kam die Guillotine, auf einem Schafott, also einer erhöhten Plattform (wegen der angeblichen Abschreckungswirkung), am Place du Carroussel zu ihrem ersten echten Einsatz, als der Strassenräuber Pelletier mit ihr von Sanson geköpft wurde. Angeblich funktionierte diese erste Guillotine nicht bei allen Exekutionen einwandfrei, brauchte oft mehrere Durchgänge für das Durchtrennen des Halses, sodass sie nachjustiert werden musste. Im Jänner 1793 wurde auch der König, als Bürger Louis Capet, mit einer Guillotine exekutiert, wiederum von Charles-Henri Sanson. Der einzige guillotinierte Herrscher war jener, der das Instrument genehmigt hatte. Bald darauf begann die Terrorherrschaft der Jakobiner im “Wohlfahrtsausschuss”, unter der als konterrevolutionär verdächtigte Personen en masse (35 000 bis 40 000, darunter der Chemiker Lavoisier) hingerichtet wurden. Diese radikalste Phase der Revolution endete, als im Juli 1794 Robespierre und Saint-Just auf Beschluss des Nationalkonvents selbst guillotiniert wurden. 1795, zu Beginn der Herrschaft des Direktoriums, beschloss der Nationalkonvent die Abschaffung der Todesstrafe – aber für den Zeitpunkt eines “allgemeinen Friedens” in Frankreich. Der kam aber vorerst nicht, daher trat die Abschaffung nicht in Kraft. 1810, im neuen Strafgesetz unter Napoleon Bonaparte, wurde sie “wiedereingeführt”, für nun 39 Delikte wie Mord, Desertion, Verrat.

Marie Tussaud, geboren im Elsass als Marie Grossholtz, in der Schweiz zur Wachsbildnerin ausgebildet, heiratete in Paris den Ingenieur François Tussaud und fertigte lebensgrosse Modelle von Prominenten wie Voltaire aus Wachs. Nach Ausbruch der Revolution wurde sie gezwungen, die Totenmasken prominenter Opfer der Guillotine (von Louis de Bourbon bis Maximilien de Robespierre) für das Revolutionsmuseum anzufertigen. Daneben erbte sie die Wachsfigurensammlung ihres Meisters Curtius. Mit dem Ausbruch der Koalitionskriege blieb die Kundschaft dieses Kabinetts aus und Tussaud folgte, mit ihren beiden Söhnen, einer Einladung, ihre Wachsfiguren in England zu präsentieren…

Der “Weisse Terror” nach der Restauration 1815, an Bonapartisten und Republikanern (bzw. als solchen Verdächtigten), wie Michel Ney, wurde vorwiegend durch Erschiessen vollstreckt. Frankreich behielt aber das unter Napoleon erlassene Strafgesetz von 1810, somit auch die Todesstrafe samt den dafür “qualifizierenden” Delikte und die Art ihrer Vollstreckung, bei (auch nach den folgenden Umbrüchen im 19. Jahrhundert), und führte sie auch in seinen Kolonien ein. Daneben wurde die Guillotine in einigen anderen Staaten als Hinrichtungsform übernommen, in Deutschland infolge der Napoleonischen Kriege als eine von mehreren. Nach dem Sturz des “Bürgerkönigs” Louis-Philippe I. und der Ausrufung der 2. Republik im Februar 1848 wurde der Beschluss von 1795 umgesetzt, die Todesstrafe also erstmals abgeschafft – zusammen mit der Sklaverei. Deren Abschaffung war auch bereits in der Revolutionsphase einmal (1794) beschlossen wurden, die von 1848 hielt nun aber. Nicht aber jene der Todesstrafe; nach dem Arbeiteraufstand im Juni dieses Jahres und dessen blutiger Niederschlagung beschloss das Parlament die Wiedereinführung – die todeswürdigen Delikte wurden aber eingeschränkt, politische gestrichen.

Leon Berger entwickelte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein neues Modell der Guillotine, das in Frankreich bis zur Abschaffung der Todesstrafe in Verwendung war. Unter anderem konstruierte er eine Stoßdämpfung zum Abbremsen des Moutons, des etwa 40 kg schweren Eisenblocks mitsamt Messer, um das häufige Verziehen des Gerätes zu verhindern. 1870 schuf Crémieux als Justizminister zu Beginn der Dritten Republik das Schafott als Exekutionsort ab (es wurde aber weiter öffentlich exekutiert) und führte das Amt eines Scharfrichters (Chef-Exekutors) für ganz Frankreich (abgesehen von den Überseegebieten) ein. Dieser hatte mit seinen Assistenten durch das ganze Land zu reisen; spätestens da wurden diese Scharfrichter in Frankreich Personen des öffentlichen Lebens, im Gegensatz zu anderen Ländern, wo man ihre Identität geheim hielt. 1879 übernahm Louis Deibler dieses Amt, er exekutierte u.a. den Mörder von Präsident Carnot, einen Anarchisten. Sein Sohn Anatole war sein Assistent, wurde 1899 sein Nachfolger. Die Exekutionen im Pariser Raum wurden in seiner Ära vom Roquette-Gefängnis ins La Santé verlegt. Sie fanden auf dem Boulevard Arago direkt neben dem Gefängnis statt, solange sie öffentlich waren, dann im Innenhof des Gefängnisses.

Anfang des 20. Jahrhunderts schien sich das politische Klima in Frankreich gegen die Todesstrafe zu drehen. Auf den Todesstrafen-Skeptiker Loubet folgte Armand Fallières als Staatspräsident, der ein expliziter Befürworter ihrer Abschaffung war. Die ersten drei Jahre seiner Amtszeit, 1906 bis 1908, wandelte dieser durch sein Begnadigungsrecht alle Todesurteile in Haftstrafen um. Deibler, der dadurch keine Aufträge bekam, musste daher zeitweise als Vertreter für Champagner arbeiten; die Exekutoren hatten keinen Beamtenstatus, sondern wurden als “Freiberufler” vom Justizministerium nach Bedarf engagiert. Nachdem ein von Justizminister Aristide Briand vorgelegter Gesetzesentwurf zur Abschaffung der Todesstrafe im Parlament abgelehnt wurde (eine von mehreren Abschaffungs-Initiativen im Parlament), änderte Fallières seinen Kurs und ließ von Anfang 1909 an wieder Hinrichtungen durchführen.

Anatole Deibler war 40 Jahre als Chefexekutor von Frankreich im Amt, länger als jeder andere vor und nach ihm; er tauchte sogar in der “Fantomas”-Romanreihe auf. Unter den von ihm Hingerichteten waren der Serienmörder Landru, Mitglieder der anarchistischen Bonnot-Bande und der Mörder von Präsident Doumer, ein Russe namens Gorgulov. Dieser Mord rettete gewissermaßen einen anderen Verurteilten, Eugène Boyer, dem die Begnadigung durch Doumer verwehrt geblieben war. Am Tag seiner geplanten Exekution wurde Doumer ermordet und Albert Lebrun rückte als Senats-Präsident zunächst übergangsmäßig in die Präsidenten-Funktion auf. Boyer war von Deiblers Assistenten bereits auf die Bascule geschnallt worden, als die Begnadigung durch Lebrun, wohl eine von dessen ersten Amtshandlungen, zur La Santé-Anstalt durchdrang! Boyer wurde ins Straflager nach Französisch-Guyana geschickt, wo er auch “Papillon” Henri Charriere (s.u.) begegnete (dieser nannte ihn in seinen Memoiren in “André Baillard” um). Deibler wurde auch je einmal ins benachbarte Belgien (war dort die letzte Guillotinierung) und ins Saarland (das nach dem 1. Weltkrieg französisch verwaltet wurde) berufen um seiner Arbeit nachzugehen. Er holte seine späteren Nachfolger Jules-Henri Desfourneaux und André Obrecht, beides Verwandte, in sein Team. 1939 erlitt er auf dem Weg zu einer Hinrichtung in der Provinz einen tödlichen Herzinfarkt.

Die erste Hinrichtung von Deiblers Nachfolger als exécuteur en chef, Desfourneaux, war jene des Raubmörders André Vitel, die letzte in Frankreich hingerichtete Person unter 18 Jahren. Die Exekution des deutschen Raubmörders Eugen(e) Weidmann, er wurde 1939 vor dem Gefängnis von Versailles geköpft, war die letzte öffentliche; Grund für die Gesetzesänderung, aufgrund der Hinrichtungen nun in Gefängnissen stattfinden sollten, war der Trubel um Weidmanns Hinrichtung. Einer der Zuseher drehte davon auch heimlich einen Film, anscheinend aus einer Wohnung. Von 1941 an wurden erstmals seit 1887 wieder Frauen hingerichtet, ein Umstand der darauf zurückzuführen war dass der “Staatschef” des Vichy-Regimes, Philippe Pétain, diese nicht begnadigte. Neben Mörderinnen waren Frauen betroffen, die (damals illegale) Abtreibungen vorgenommen hatten, wie Marie-Louise Giraud, die 1943 in Paris hingerichtet wurde; ein Fall, der Grundlage für den Spielfilm “Eine Frauensache” von Claude Chabrol wurde. Ebenfalls in den Jahren des Zweiten Weltkrieges verhängten französische Gerichte, die mit den deutschen Besatzern kollaborierten bzw. dem Vichy-Regime unterstanden, Todesurteile gegen politische Gegner, vor allem Mitglieder der Résistance, wie etwa Marcel Langer. Wegen Desfourneauxs Wirken unter dem Kollaborations-Regime zogen sich Obrecht und andere Assistenten zeitweise zurück. Pétain wurde nach der Befreiung 1944 selbst zum Tod verurteilt, aber von Charles de Gaulle als Chef der Übergangsregierung begnadigt, womit die Strafe in lebenslange Haft umgewandelt wurde. Die Urteile gegen andere Vichy-Offizielle, wie etwa Pétains “Regierungschef” Laval, wurden durch Erschiessen vollstreckt. Zivile Fälle wie jener von Marcel Petiot 1946 (27 nachgewiesene Morde) wurden auch in dieser Zeit guillotiniert.

Auch in der Vierten Republik wurden, unter Vincent Auriols Präsidentschaft, Frauen geköpft, die letzte (überhaupt in Frankreich hingerichtete Frau) 1949, für die Ermordung ihres Ehemannes. 1951 wurde André Obrecht Nachfolger seines verstorbenen Onkels als oberster Scharfrichter der Französischen Republik. Ab Mitte der 1950er-Jahre wurden den Exekutierten Organe für medizinische Versuche oder Transplantationen entnommen. Unter den in der 4. Republik Hingerichteten waren auch der Raubmörder Jacques Fesch, der in der Haft zum Glauben fand und selig gesprochen werden könnte, oder der Gangsterboss Buisson, Drahtzieher von über 20 Morden.

De Gaulle war ein “gemäßigter” Befürworter der Todesstrafe, für Männer. “Ich wurde vom Vichy-Regime in Abwesenheit zum Tode verurteilt und bin Befürworter der Todesstrafe für Ausnahmefälle”, sagt er dazu. Als Präsident (der Fünften Republik) wandelte er viele Todesstrafen um. Dass die erste Phase seiner Präsidentschaft vom Algerien-Krieg dominiert war, spiegelte sich auch bei seinem Umgang mit der Todesstrafe in dieser Zeit wieder. Im französisch beherrschten Algerien wurden mit Beginn des Unabhängigkeitskampfes auch “politische” Todesurteile ausgesprochen; von den meist für “Terrorismus” Verurteilten hatten manche Blut an den Händen, manche nicht. Fernand Meyssonnier war der letzte Exekutor im Französischen Algerien (zuvor schon Gehilfe seines Vaters in dem Job), von 1947 bis 1959 tötete er mehr als 200 Menschen, seine Amtszeit fiel ziemlich mit dem Krieg zusammen. Das erste Todesurteil gegen einen Unabhängigkeitsaktivisten wurde wahrscheinlich 1956 vollstreckt, bis 1958 waren es 141. Darunter war ein Franzose, Fernand Iveton, der den Unabhängigkeitskampf der FLN aktiv unterstützte. Bis Mitte 1959 wurden in Algerien dann noch drei Köpfungen wegen “zivilen” Verbrechen ausgeführt, die nach Kriegsbeginn selten geworden waren. Zu diesem Zeitpunkt war bereits De Gaulle an der Macht. Unter den nach seinem Amtsantritt als Staatspräsident in diesem Jahr begnadigten Todeskandidaten waren auch einige Algerier. Durch ein Dekret vom Februar 1960 wurde in Algerien Macht von Zivil- an Militärgerichte übertragen, FLN-Kämpfer wurden ab da bis Kriegsende nicht mehr wie Kriminelle geköpft, sondern wie Soldaten erschossen. Das Dekret sollte eigentlich das Militär unter eine stärkere Kontrolle bringen, eigenmächtige Erschiessungen und Folter beseitigen.

Als De Gaulle 1961 Verhandlungen mit der FLN aufnehmen liess, putschten in Algerien wie 3 Jahre zuvor einige Generäle wie Salan und Jouhaud und brachten Teile der dortigen Kolonialverwaltung unter ihre Kontrolle. Die Sache brach aber schnell wieder zusammen, Salan und Jouhaud wurden 1962 gefasst und von einem Militärgericht zu lebenslang bzw. zum Tode verurteilt, was De Gaulle auf Druck hin in eine Haftstrafe umwandelte. Kurz nach den Ereignissen des Mai 1968 durften beide das Gefängnis verlassen, als Gegenleistung für die Unterstützung von gewissen Teilen des Militärs und der Rechten für De Gaulle. Die Aktion 1961 war eine der ersten der OAS, der militanten Organisation rechtsgerichteter Offiziere, die Algerien unbedingt als französische Kolonie halten wollten. Nachdem es aber im Juli 1962 in die Unabhängigkeit entlassen wurde, versuchte die OAS an De Gaulle Rache zu nehmen. Etwa einen Monat nach der Unabhängigkeit verübte sie einen Anschlag mit automatischen Waffen auf die Fahrzeugkolonne des Präsidenten, die am Weg von Paris zu seinem Landsitz in Colombey-les-Deux-Églises war; dabei wurde aber niemand verletzt. Der Anführer Jean Bastien-Thiry, ein Oberstleutnant, wurde 1963 in einem Militärprozess zu Tode verurteilt und durch ein Erschiessungskommando hingerichtet; die Strafen der anderen beteiligten wandelte De Gaulle um. Das Attentat bildete die Grundlage für Frederick Forsyths Roman “Der Schakal”, welcher zweimal verfilmt wurde. Thiry ist der letzte für ein anderes Delikt als Mord und der letzte nicht mit der Guillotine Hingerichtete in Frankreich.

Der Algerien-Krieg war wohl auch der wichtigste Grund, dass Frankreich spät, als letztes westeuropäisches Land, die Todesstrafe abschuf, sie war vor dem Hintergrund etwa vielfach als angemessene Strafe für FLN-Kämpfer (ein grosser Teil der in der 5. Republik Hingerichteten) gesehen worden. Jede Hinrichtung im europäischen “Hauptland” brachte auch eine Diskussion über die Todesstrafe, aber rechte Mehrheiten im Parlament verunmöglichten eine Abschaffung. Nach der algerischen Unabhängigkeit gab es nur 2-3 Todesurteile abseits von Festland-Frankreich, auf Reunion, die durch Begnadigung, Berufung, Abschaffung der Todesstrafe umgewandelt wurden.

Eine Exekution in De Gaulles späterer Präsidentschaft war jene von Gunther Volz, einem deutschen Ex-Fremdenlegionär, 1967, für die Vergewaltigung und Ermordung eines 12-jährigen Mädchens. Die beiden Algerien-Veteranen Claude Buffet und Roger Bontems wurden 1972 für den Mord an zwei Geiseln exekutiert, die sie bei ihrem versuchtem Ausbruch aus dem Clairvaux-Gefängnis im Jahr davor genommen hatten, die letzten Hinrichtungen in Paris, im La Santé, die ersten nach De Gaulle. Buffet saß im Gegensatz zu Bontems schon wegen Mordes ein, und er war es auch, der (bei der Stürmung durch die Polizei) die Geiseln tötete. Die Verurteilung und Hinrichtung von Bontems, der keinen Mord begangen hatte, machte seinen Rechtsanwalt Robert Badinter zum vehementen Kämpfer gegen die Todesstrafe. Nach der Hinrichtung von Ranucci 1976 reichte Obrecht, aus Altersgründen, seinen Rücktritt ein. Von 1921 bis 1976 war er, als Chefexekutor oder Assistent, an der Vollstreckung von insgesamt 322 Todesurteilen beteiligt gewesen, darunter an einigen Frauen und politisch Verurteilten. Er veröffentlichte nach seiner Pensionierung auch Memoiren (www.spiegel.de/spiegel/print/d-13495619.html).

Sein Verwandter und langjähriger Assistent Marcel Chevalier wurde sein Nachfolger und führte die letzten zwei Exekutionen in Frankreich durch, die von Jerôme Carrein und des tunesisch-stämmigen Zuhälters Hamida Djandoubi, jeweils für Mord. Jene drei Verurteilungen, die Giscard nicht aufhob waren die Ranuccis, des ebenfalls für Kindesmord verurteilte Carrein sowie Djandoubi, der sein Mordopfer auch gefoltert hatte. Nach Djandoubis Verurteilung, er wurde der letzte in Westeuropa Hingerichtete und die letzte Guillotinierung weltweit, sprachen französische Gerichte bis zur Abschaffung der Todesstrafe noch 17 Todesurteile aus, das letzte in oberster Instanz bestätigte erging 1980 gegen den späteren Historiker Philippe Maurice. Keines dieser Urteile wurde vollstreckt. Einer dieser zu Tode Verurteilten starb im Gefängnis eines natürlichen Todes, einige Urteile wurden in oberen Instanzen abgelehnt, Maurices Urteil wurde vom neuen Präsidenten Mitterrand in eine Haftstrafe umgewandelt, die restlichen profitierten von der automatischen Umwandlung in lebenslange Freiheitsstrafen, die im Gesetz zur Abschaffung vom 9. Oktober 1981 festgeschrieben wurde.

François Mitterrand ging mit dem Vorsatz der Abschaffung der Todesstrafe in den Präsidentschafts-Wahlkampf 1981 und gewann knapp gegen Giscard d’Estaing (es ist nicht sicher, dass dieser im Fall seiner Wiederwahl die Todesstrafe beibehalten hätte). Mit ihm kam dann nach einer Neuwahl des Parlaments mit einem Sieg der Parti socialiste auch eine neue Regierung, unter Pierre Mauroy. Robert Badinter wurde in dieser Justizminister und arbeitete, mit Unterstützung Mitterrands, den Gesetzesvorschlag zur Abschaffung aus, der im September 1981 von den beiden Kammern des Parlaments angenommen wurde – auch ein kleiner Teil der Mitte-Rechts-Opposition, darunter Jacques Chirac (damals RPR-Chef), stimmte für die Abschaffung. Michel Foucault, der sich u.a. mit “Überwachen und Strafen” auseinandersetzte, ein Gegner der Todesstrafe, erlebte noch ihre Abschaffung in Frankreich. Badinter wurde später Präsident des französischen Verfassungsrates und engagierte sich auch gegen die Todesstrafe in China oder den USA. Anzumerken ist, dass der Staatspräsident bei seiner Begnadigungs-Entscheidung immer Meinungen über den betreffenden Fall einholte, u.a. beim Justizminister. Und Mitterrand hatte als solcher in den 1950ern, unter Staatspräsident Coty und Ministerpräsident Mollet, in den meisten Fällen eine Empfehlung gegen die Begnadigung abgegeben, auch bei den ersten Todesurteilen gegen FLN-Kämpfer.

Philippe Maurice ist heute einer von wenigen noch lebenden in Frankreich zu Tode verurteilten (einer dürfte auch noch im Gefängnis sitzen; einer hat sich ziemlich sicher als unschuldig herausgestellt), der Mediävist engagiert(e) sich auch gegen die Todesstrafe. Heute vertreten nur die Front National unter den Le Pens sowie einige Rechtsaussen in der UMP wie der Ex-Anti-68er Alain Madelin oder Charles Pasqua die Forderung nach ihrer Wiedereinführung. Die Guillotine ist heute nirgendwo mehr im Gebrauch. Ab dem Spätmittelalter waren in ganz Europa die Strafen immer mehr verschärft worden, der eigentlichen Exekution gingen häufig Folterungen voraus. Mit der Aufklärung wurde das Tor zu einer vernünftigeren Justiz aufgestossen. Seither ist die Geschichte der Todesstrafe letztlich eine Geschichte ihrer Abschaffung. Zur Relativierung der angeblichen Abschreckungswirkung: In London wurden Taschendiebe jahrhundertelang in Tyburn aufgehängt. Im späten 18. Jahrhundert wurden diese Hinrichtungen von der Öffentlichkeit in Gefängnisse verlegt. Einer der Gründe dafür war, dass Taschendiebe aus dem Schicksal der baumelnden Kollegen bzw. der Feiertagsstimmung Nutzen zu ziehen verstanden.

guillotine.cultureforum.net
Foto guillotine.cultureforum.net

Die letzte in Frankreich verwendete Guillotine wurde bis 1978 im Pariser Gefängnis La Santé aufbewahrt, von dort zu Exekutionen im ganzen Land transportiert. Dann wurde sie ins Gefängnis von Fresnes bei Paris gebracht, wo nunmehr alle Exekutionen stattfinden sollten. Es fanden aber keine mehr statt, obwohl die letzten zu Tode Verurteilten (siehe oben) noch nach Fresnes gebracht und ihre Hinrichtungen dort angesetzt wurden. Nach der Abschaffung der Todesstrafe wurde die Guillotine ins Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée (Mucem) in Marseille gebracht, wo sie heute ausgestellt ist (Foto rechts). Auch ihre letzte Anwendung, an Djandoubi, hatte in Marseille stattgefunden. Der letzte Exekutor Chevalier starb im selben Jahr wie Meyssonnier, der letzte Henker in Französisch-Algerien, 2008.

Ob Christian Ranucci unschuldig war, lässt sich vielleicht nur durch die oben erwähnte gerichtliche Überprüfung des Urteils feststellen. Die Fraglichkeit der Schuld ist die Regel bei Fällen, die als Justizopfer in Frage kommen, zweifelsfrei erwiesene(s) Unschuld bzw. Unrecht die Ausnahme; eine vollzogene Todesstrafe kann natürlich noch weniger als jede andere Strafe gutgemacht werden im nachhinein. In Frankreich gibt es jedenfalls eine lange Reihe (möglicher) illustrer Justizopfer, durch Irrtum oder Willkür. Möglicherweise schon Johanna von Orléans, die im Französisch-Englischen Krieg im Spät-Mittelalter eine gewisse Rolle spielte, bei der “Sprengung” der englischen Belagerung von Orleans, die die Krönung Karls VII. ermöglichte. Danach geriet sie in Gefangenschaft der Burgunder, die sie an ihre englischen Verbündeten in der Normandie weitergaben. Dort wurde sie, hauptsächlich von Franzosen, in einem Inquisitionsprozess als Hexe verurteilt und hingerichtet.

Dann der “Mann mit der eisernen Maske”, ein geheimnisvoller Staatsgefangener von/unter Ludwig XIV., der von 1669 bis zu seinem Tod 1703 inhaftiert war (die letzten Jahre in der Bastille in Paris), auch eine Art Opfer der Justiz oder eher der Allmacht und Willkür des Königs. Seine Identität und der Grund seiner Einkerkerung ist bis heute Gegenstand von Spekulationen. Voltaire scheint sich mit dem Fall beschäftigt zu haben, er versuchte bei seiner Inhaftierung in der Bastille 1717 möglichst viel über den Fall zu erfahren. Auf ihn (oder aber auf Dumas) geht die Beschreibung der Maske als “eisern” zurück, tatsächlich dürfte sie aus schwarzem Samt gewesen sein. Ein historisches Rätsel, wenn auch kein entscheidendes. Der letzte, der seine Lösung kannte, soll der Kriegsminister Chamillart gewesen sein, der sie mit ins Grab nahm. Nach Voltaire war der Mann ein älterer, illegitimer Bruder Ludwigs XIV., ein Konkurrent um den Thron der ausgeschaltet werden sollte. In Alexandre Dumas’ gleichnamigem historischen Roman (Teil der “Drei Musketiere”-Reihe) ist der Mann ein Zwillingsbruder der Königs. Auch Victor Hugo (Drama) und Alfred de Vigny (Gedicht) verarbeiteten das Thema literarisch.

Voltaire nahm sich auch der „Affäre Calas“ an und machte sie, unter anderem mit der Schrift “Traité sur la tolérance”, in ganz Europa bekannt. Der Protestant (Calvinist) Jean Calas wurde beschuldigt, seinen ältesten Sohn, der sich im Haus der Familie erhängt hatte, erwürgt zu haben, um ihn am Übertritt zum Katholizismus zu hindern. Unter Folter wurde ihm ein Geständnis abgepresst und er 1762 zu Tode gerädert. Voltaire glaubte zunächst die offizielle Version ehe ihm die Sache von einem anderen Sohn des Justizopfers geschildert wurde. Er erreichte die Wiederaufnahme des Falles und (1765) die posthume Rehabilitierung Calas’.

Joseph Lesurques, ein Geschäftsmann, wurde 1796, also bereits im Zeitalter der Revolution, Opfer einer der berühmtesten Justizirrtümer der Geschichte Frankreichs, bekannt als “Affäre des Courrier von Lyon”. Nach einem Überfall auf eine Postkutsche von Paris nach Lyon, bei dem zwei Kuriere erschossen wurden, identifizierten Zeugen die Räuber, die in Gasthäusern auf die Kutsche gewartet hatten, welche daraufhin hingerichtet wurden. Lesurques hielt sich im Gerichtsgebäude in Paris auf, als dort zwei Zeuginnen auf ihre Aussage warteten. Sie behaupteten dann plötzlich, er sei einer der Täter. Andere Zeugen schlossen sich ihnen einfach an. Sein Alibi war, so wurde später festgestellt, einwandfrei. Als er vor die Guillotine geschleppt wurde, sagte er “Lass Gott meinen grausamen Richtern vergeben.” Die Sache hatte ein langes Echo, der besondere Fall eines Justizirrtums, der aufgrund des tödlichen “Ausgangs” nicht wiedergutzumachen war, eines Justizmordes, spielte im Frankreich des 19. Jahrhunderts in vielen Debatten über die Todesstrafe eine Rolle. In der französischen Version von “Asterix”-Bänden fanden sich sogar noch Anspielungen auf diese Affäre.

Der wahrscheinlich berühmteste Fall von Justizwillkür in Frankreich war ein politischer, der von Alfred Dreyfus. Als nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 sein Heimatland Elsass an Deutschland fiel, zog er mit seiner Familie nach Paris und machte im Heer Karriere. Eine Putzfrau, die für den französischen Nachrichtendienst arbeitete, fand 1894 im Papierkorb der deutschen Botschaft in Paris einen zerrissen Brief, aus dem hervorging dass jemand aus dem französischen Generalstab den Deutschen wichtige militärische Informationen weitergegeben hatte. Für die ermittelnden Militärs fiel der Verdacht auf Dreyfus, der verhaftet wurde. In einem für Viele unfairen Geheimprozess, der von manch antijüdischen Kommentaren in der Presse begleitet war, wurde er zu Degradierung, lebenslanger Haft und Verbannung verurteilt. Dreyfus kam 1895 in das Straflager auf der Teufelsinsel (Île du Diable), eine der drei kleinen Îles du Salut neben Royale und St. Joseph vor der Küste Französisch-Guyanas. Napoleon III. hat 1852 die Zwangsarbeits-Lager (Bagne/Bagno) im französischen Guyana begründet, die auf den Îles du Salut sowie (drei) am Festland bestanden. In Frankreich setzte sich währenddessen u.a. der Schriftsteller Zola für ihn ein, zudem wurde Dreyfus durch Hinweise entlastet, dass das Deutsche Reich nach wie vor einen Kontakt im höchsten militärischen Gremium Frankreichs hatte. Ein neues Aufrollen des Falles brachte den ungarisch-stämmigen Major Walsin-Esterhazy als wahren Verräter ans Licht und Dreyfus konnte nach vier Jahren Verbannung zurückkehren – der eher seltene Fall, dass ein Fehlurteil erkannt und umgestoßen wurde.

Den Fall eines Justizskandals oder -irrtums, in dem ein unbestrittener Täter mit einem Freispruch davonkam, gab es auch in der Dritten Republik. Joseph Caillaux, ein linksliberaler Politiker, war im frühen 20. Jahrhundert kurzzeitig Premierminister (1911/12) und mehrfach Finanzminister. 1914, als sich Caillaux um die Einführung einer progressiven Besteuerung (also eines mit ansteigendem Einkommen ansteigenden Steuersatzes) bemühte, betrieb der Herausgeber des “Figaro”, Calmette, eine Kampagne gegen ihn. Er veröffentlichte Briefe Caillauxs an seine damalige Gattin, die zum einen geschrieben worden waren, als er noch mit einer anderen verheiratet war, und zum anderen das Bekenntnis enthielten, als Finanzminister ein Steuergesetz verhindert zu haben, das er öffentlich unterstützt hatte. Caillauxs Frau Henriette, die Adressatin dieser Briefe, ging in die Redaktion und erschoss Calmette. Sie wurde vom Gericht wegen einer “akuten seelischen Notlage” freigesprochen. Ihr Anwalt plädierte, dass ihre “unkontrollierbaren” weiblichen Emotionen die Tat ausgelöst hätten. Was gut in das damalige Frauenbild passte; der damals vorherrschende Glauben an die Ungleichheit der Geschlechter wurde der beste Helfer der Angeklagten.

Oder der Fall Seznec. Wahrscheinlich ungeklärt, möglicherweise ein Justizirrtum, diskutiert bis heute, künstlerisch verarbeitet. Der Sägewerks-Besitzer Guillaume Seznec und ein Geschäftspartner, der Regional-Politiker Pierre Quéméneur, machten sich im Mai 1923 auf dem Weg von der Bretagne nach Paris, um dort einen Zwischenhändler zu treffen, über den sie amerikanische Autos, die Quéméneur gehörten, in die Sowjetunion verkaufen wollten. Da ihr Cadillac (eines dieser Autos) auf der Fahrt einige Pannen hatte, stieg Quéméneur unterwegs in den Zug um – so jedenfalls die Aussage von Seznec, der allein mit dem Cadillac zurückkehrte. Von Quéméneur tauchte fast drei Wochen später ein Lebenszeichen auf, ein unter seinem Namen abgeschicktes Telegramm aus Le Havre an seine Familie, in dem er mitteilte dass er noch einige Tage unterwegs sein würde. Eine Woche darauf wurde am Bahnhof von Le Havre der Koffer Quéméneurs gefunden. Er enthielt u.a. einen Vertrag, in dem er Seznec ein Haus in der Bretagne zu einem lächerlich geringen Preis verkaufte. Seznec sagte dazu vor der Polizei, er hätte Quéméneur bereits eine Anzahlung dazu geleistet. Jedoch tauchten Zeugen und Hinweise auf, die darauf hindeuteten dass Seznec selbst in Le Havre das Telegramm aufgab, den Vertrag verfasste und ihn im Koffer platzierte. Von Quéméneur tauchten nach seinem Verschwinden keine Spuren auf, also auch keine Leiche. Die Ermittler gingen von Mord aus und Seznec wurde angeklagt und aufgrund von Indizien 1924 für schuldig befunden. Da ihm vorsätzlicher Mord nicht nachgewiesen werden konnte, entging er der Todesstrafe, er wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit Zwangsarbeit, in Französisch-Guyana, verurteilt. Seznec kam also, wie so viele andere, auf die Îles du Salut. 1933 lehnte er eine präsidentielle Begnadigung noch ab (weil es eine Art Schuldeingeständnis gewesen war, begnadigt und nicht in einer Revision freigesprochen zu werden?), 1947 profitierte er davon, dass die Nachkriegs-Übergangsregierung unter De Gaulle aufgrund der bevorstehenden Schliessung der Straflager in Guyana den dortigen Insaßen z. T. Strafen nachliess. Dass die Zwangsarbeits-Lager  im französischen Guyana 1953 aufgelassen wurden, dazu haben auch die Reportagen von Albert Londres sowie Rene Belbenoits Buch über die dortigen Grausamkeiten beigetragen. Dass hinter Seznecs Schuld ein Fragezeichen steht, dazu tragen auch zwei weitere Details des Falls bei: Zum einem der Polizist Bonny, der in dem Fall manipulativ eingegriffen haben soll, später wegen Korruption verurteilt wurde und im Vichy-Regime führendes Mitglied der französischen Hilfskräfte der Gestapo war. Zum anderen das Lebensende von Seznec, der zurück in Freiheit in Frankreich 1953 von einem Klein-Lastwagen angefahren wurde, versehentlich, wie dessen Lenker sagte, woran er im Jahr darauf starb. Seine Nachkommen sind um eine Rehabilitation bemüht, die zuletzt 2006 abgelehnt wurde

Auch im nächsten Fall ist der Mord nicht ganz geklärt bzw. im Umkehrschluss die Schuld des Verurteilten nicht ganz erwiesen. Er trug sich am entgegengesetzten Ende Frankreichs zu als das Verschwinden von Quéméneur, im Südosten, dort wo die Provence in den Alpenraum übergeht. Dort wurden 1952, in der Nähe des Bauernhofs der Dominicis, der bedeutende britische Biochemiker und Ernährungsexperte Jack Drummond, seine Frau und seine Tochter in der Nähe ihres Autos, mit dem sie in Frankreich auf Urlaub waren, ermordet aufgefunden – von den Dominicis. Der Familien-Patriarch Gaston Dominici wurde für den Dreifach-Mord 1954 zum Tod durch die Guillotine verurteilt. Auch hier wurden Polizeiermittlungen und Gerichtsverfahren Gegenstand von Kritik, auch hier griff die Politik zugunsten des Verurteilten ein. Präsident Coty begnadigte Dominici von der Todesstrafe, sein Nachfolger De Gaulle verfügte 1959 seine Freilassung aus humanitären Gründen. Auch dieser Fall ist bis heute Gegenstand von Diskussionen, wurde verfilmt (1973 mit Jean Gabin als Gaston Dominici), auch hier bemühen sich Nachkommen um eine Rehabilitierung.

José Giovanni vulgo Joseph Damiani, korsischer Herkunft, spielte nach dem 2. Weltkrieg im Pariser Rotlichtviertel Pigalle eine Rolle, wurde wegen Verwicklung in den Mord einer kriminellen Organisation, der er angehörte, zum Tode verurteilt. Präsident Auriol wandelte das Urteil um, er wurde nach einigen Jahren Gefängnis in einem Neuverfahren rehabilitiert. Begann im Gefängnis zu schreiben und schilderte im Roman “Das Loch” (Le Trou) einen Ausbruchsversuch aus dem La Santé-Gefängnis in Paris 1947 durchs Graben eines Tunnells, an dem er beteiligt war (verfilmt 1960).

Durch die Verfilmung weltberühmt geworden ist der Fall von Henri Charrière. Er war in Paris längere Zeit als Einbrecher tätig, bis er des Mordes an einer anderen Unterweltgrösse beschuldigt wurde. Charrière (Spitzname “Papillon”, franz. “Schmetterling”, bezog sich auf eine seiner Tätowierungen) beteuerte diesbezüglich stets seine Unschuld. Er wurde aber 1932 zu lebenslanger Verbannung mit Zwangsarbeit in Französisch-Guyana verurteilt. Seine Verschiffung und die Abenteuer in den Straflagern dort, die Freundschaft mit dem Fälscher Louis Dega, dem es gelungen war, eine grosse Summe Geldes in einem im After versteckten Metallzylinder mitzunehmen, die erste Flucht im Karibik-Raum, mit den Begegnungen einer Leprakolonie und mit den indianischen Perlenfischern, die neuerliche Gefangennahme und Rückkehr ins Lager, die Isolationshaft, neue Fluchtversuche, die abschliessende Flucht mit mit Kokosnüssen gefüllten Jutesäcken über das Meer und über Britisch-Guyana nach Venezuela, all das ist durch den Film mit Steve McQueen von 1973 (das Jahr in dem Charrière, in Madrid an Kehlkopfkrebs, starb) bekannt geworden. Der Film weicht in einigen Punkten vom Buch ab und die Bücher, die ihn gegen Ende seines Lebens bekannt machten, von der Wirklichkeit; ein Teil der erzählten Erlebnisse sind ihm anscheinend von anderen Häftlingen mitgeteilt worden. In seinem anderen autobiografischen Roman beschreibt Charrière sein Leben in Freiheit in Venezuela ab 1945. So war er zwar in den Straflagern von Französisch-Guyana, aber nie auf der Teufelsinsel. Dorthin kamen zunächst Lepra-Kranke, dann politische Gefangene im weiteren Sinn, für Spionage oder Verrat Verurteilte wie Dreyfus, oder Demokraten die den Staatsstreich von Napoleon III. 1851 opponierten.

René Belbenoît, 1920 wegen Diebstahl zu 8 Jahre Zwangsarbeit in Französisch-Guyana geschickt, unternahm dort mehrere Ausbruchsversuche, etwa mit einem gestohlenen Kanu über den Maroni-Fluss nach Niederländisch-Guyana, begann zu schreiben, könnte Charrière begegnet sein, dessen Strafzeit in etwa da begann wo seine endete. Belbenoît war einer jener, die nach Verbüssung ihrer Strafzeit in den Arbeitslagern in Guyana bleiben mussten. Ein Fluchtversuch in dieser Zeit glückte, er kam über den Karibik-Raum in die USA, eines seiner Bücher über die Zeit in Guyana nannte er “Trockene Guillotine”.

2004 fand in der nordfranzösischen Gemeinde Outreau ein Gerichtsverfahren gegen mehrere Personen wegen Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern statt. Der Kronzeuge der Anklage, des Missbrauchs überführt, log über die Beteiligung anderer Verdächtiger, die in Wirklichkeit unschuldig waren, wie sich später herausstellte. Aufgrund dieser Aussagen mussten mehrere Unschuldige mehrere Jahre im Gefängnis verbringen, einer verübte Selbstmord.

Der Artikel konzentriert sich auf Frankreich, in anderen Ländern gäbe es natürlich auch illustre oder tragische Fälle, etwa den vermeintlichen Mord in den 1910ern in Cuenca, Spanien, für den zwei Männer 11 Jahre im Gefängnis saßen ehe der Vermisste wieder auftauchte, oder jenen von Sacco und Vanzetti, italo-amerikanischen Arbeitern, die 1927 für einen doppelten Raubmord hingerichtet wurden, und andere wo das Urteil zumindest umstritten ist, von Vera Brühne bis Mumia Abu Jamal, den aus politischen Gründen Gefangenen oder Hingerichteten, wie jenen im Gefängnis Plötzensee in der NS-Zeit, oder Nelson Mandela (der auch wegen des Kampfes gegen ein Unrechtssystem einsaß), Gerry Conlon und den Guilford Vier, denen ein politisch motiviertes Verbrechen zur Last gelegt wurde, Sam Sheppard, dessen Fall Vorlage für “Auf der Flucht” war, fragliche Todesurteile in Grossbritannien nach dem 2. Weltkrieg wie jenes gegen Derek Bentley, die zur Abschaffung der Todesstrafe dort beitrugen, Peter Heidegger in Österreich (“Am Anfang glaubt man noch, dass sich alles aufklären wird, wie in einem guten Columbo…”) bis aktuell Mollath (ein Opfer der Politiker oder der Justiz?). Umgekehrt starb etwa der britische Arzt John Bodkin-Adams, der noch immer als Serienmörder verdächtigt wird, ohne dafür jemals verurteilt zu werden.

Auch der fiktive Graf von Monte Christo von Dumas war ein Opfer von Justizwillkür. Victor Hugos Hauptfigur aus “Les Miserables”, Jean Valjean, ist zu Recht, aber zu hart verurteilt worden, verbrachte seine Strafe im Gefängnis von Toulon (das auch in Wirklichkeit berüchtigt war, und vor seiner Errichtung mussten Sträflinge sogar auf Galeeren rudern). 1829 publizierte Hugo den Roman “Le dernier jour d’un condamné à mort”, ein Plädoyer gegen die Todesstrafe und indirekte Regimekritik. Neben ihm hat sich in Frankreich nur Albert Camus so gegen die Todesstrafe engagiert. Hugo ging 1851, als Napoleon III. die Demokratie ausschaltete, ins Exil auf die Kanalinseln. Anlässlich des Falles Tapner 1854, einem fragwürdigen Todesurteil auf Guernesey, wo er ja lange lebte, schrieb Hugo: “Alle Schafotte tragen die Namen von Unschuldigen und Märtyrern. Nein, wir wollen keine weiteren Martern. Für uns heisst die Guillotine Lesurques, das Rad heisst Calas, der Scheiterhaufen heisst Jeanne d’Arc, die Folter heisst Tommaso Campanella, der Hackklotz heisst Thomas Morus, der Schierling heisst Sokrates, der Galgen heisst Jesus Christus!”

Literatur:

Gilles Perrault: Der rote Pullover

Jeremy Mercer: When the Guillotine Fell. The Bloody Beginning and Horrifying End to France’s River of Blood, 1791-1977

Alister Kershaw: Die Guillotine

Sylvie Thénault: Armée et justice en guerre d’Algérie. In: Vingtième Siècle. Revue d’histoire No. 57 (Jan. – Mar. 1998)