Die letzten Griechen von Istanbul und die Geschichte(n) dazu

In Ost-Thrakien und Antolien (also in der heutigen Türkei) waren in antiker und byzantinischer Zeit, teilweise auch noch in osmanischer, Zentren oder zumindest Stätten griechischer Kultur > Konstantinopel, Adrianopel, Smyrna, Trapesunt, Caesarea, Antiochia, Angora, Marmaris, Adalia, Milet, Ephesus, Pergamon, Troja, Gordion, Halikarnassos,… Die griechische Bevölkerung in der jetzigen Türkei ist winzig, umfasst etwa 2000 Personen (nach manchen Angaben bis zu 5000), wurde immer kleiner seit dem Untergang des Osmanischen Reichs und der Entstehung der Republik Türkei nach dem 1. Weltkrieg. Den grössten Abgang gab es durch den Bevölkerungsaustausch mit Griechenland 1923; aus Smyrna/Izmir aber etwa gingen die meisten Griechen schon davor weg, am Ende des Griechisch-Türkischen Kriegs 1922. Aufgrund von Diskriminierungen und Übergriffen gegen sie (wie dem Pogrom in Istanbul 1955), die viel mit dem Verhältnis der Türkei zu Griechenland zu tun hatten (und dieses wurde ab den 1950ern wiederum für lange Zeit durch den Zypern-Konflikt geprägt), gab es immer neue Auswanderunsgwellen (hauptsächlich natürlich ins benachbarte Griechenland/Hellas).

Die verbliebenen Türkei-Griechen leben in Istanbul/Konstantinopel und zwei Ägäis-Inseln nicht so weit von dieser Stadt. Ihr prominentester Angehöriger ist der Patriarch von Konstantinopel, globales Oberhaupt der orthodoxen Christen, z Zt ist das Bartholomäus I. Von der Republik Türkei wird der Patriarch nur als Oberhaupt der Orthodoxen in der Türkei anerkannt. Es ist fraglich, ob die griechische Minderheit in der Türkei (und mit ihr dieses Patriarchat) bestehen kann, in dieser Form überleben. Die verbliebenen Griechen in Istanbul sind gewissermaßen der letzte Rest des Byzantinischen Reichs, das sich über Kleinasien/Anatolien, den Balkan und zeitweise Gebiete Vorderasiens und Nordafrikas erstreckte – bevor es gegen die türkischen Osmanen unterging, am Ausgang des Mittelalters. Byzanz, das “zweite Griechenland”, hatte seinen Schwerpunkt in Kleinasien (Hauptstadt Konstantinopolis), also im Osten des Landes. Das antike Griechenland, ein Haufen zerstrittener Stadtstaaten, hatte sein Zentrum klar im Westen, das moderne Griechenland besteht nur aus diesem.1

Der Übergang vom Osmanischen Reich zur Republik Türkei verlief unter Ausschluss/ auf dem Rücken der christlichen Völker Kleinasiens, wobei “umstritten” ist, von wem die Feindseligkeit ausging. Hätte es ohne griechischen Kriegszug aus dem Gebiet um Smyrna heraus gegen die kemalistischen Truppen einen türkischen Angriff auf die Stadt gegeben, der zur Massenflucht der Griechen dort und Übergriffen auf die Verbliebenen führte? Oder hat dieser türkische Gegenangriff bestätigt, dass es für die Griechen von Smyrna/Izmir nicht nur eine Zugehörigkeit ihres Gebietes zu Griechenland bedurfte, sondern auch einer “Ausschaltung” der kemalistischen Truppen in Anatolien, die dieses gefährdeten? Die Einen sagen, sie haben bewiesen dass wir ihnen nicht vertrauen konnten/können, sie illoyal sind, die Anderen sagen, sie haben bewiesen dass wir ihnen nicht vertrauen konnten, wir nicht loyal sein konnten. Das moderne Griechenland entstand ab den 1820er-Jahren aus Gebieten, die auch (jahrhunderte lang) zum Osmanischen Reich gehörten.

Im Kern geht es hier um die Istanbuler Griechen, aber man muss etwas ausholen, die Sache ist eingebettet in die türkisch-griechische Geschichte… Der Artikel folgt den Spuren der Griechen unter türkischer Herrschaft, mit besonderer Berücksichtigung des orthodoxen Patriarchats in Istanbul/Konstantinopel, behandelt auch die griechisch-türkischen Beziehungen, insbesondere jene der letzten etwa 100 Jahren (seit den Umbrüchen nach bzw infolge des 1. WK), das Auf und Ab seit dem Lausanne-Vertrag 1923 – ein Verhältnis, das einige Überraschungen birgt. Auf die türkische Minderheit in Griechenland wird auch eingegangen. Und auf das “Dreiecks-Verhältnis” zwischen dem Westen, Griechenland und Türken (sowie der islamischen Welt), ansatzweise. Die wichtigen Umbrüche in der griechisch-türkischen Geschichte waren in den Jahren 1453 (Untergang Byzanz gegen das Osmanische Reich), 1821 (Beginn der Sezession westgriechischer Gebiete vom Osmanischen Reich), um 1920 (Versuch des Abschlusses der Enosis bzw Megali Idea, der in einer Katastrophe endete); für die verbliebenen Istanbuler bzw türkischen Griechen (aber damit auch für diese Beziehungen) tat sich 1930, 1942, 1955, 1964, 1971, 1974, vielleicht 1980, und seit 2002 (Beginn der Regierungszeit der AKP) Entscheidendes.

Es geht los mit den Grundlagen, Byzanz; dann weiter mit der osmanischen Herrschaft über Griechenland; der darauf folgende Teil behandelt Entstehung und Wachsen Neu-Griechenlands; dann der (katastrophale statt krönende) Abschluss der Enosis beim Untergang des Osmanischen Reichs; der “Hauptteil”: Griechen in der Republik Türkei; Details bezüglich der gegenwärtigen Situation; Betrachtungen

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Byzanz und sein Untergang

Die Stadt Istanbul/Konstantinopolis/Byzanz geht auf das antike Griechenland zurück, als Kleinasien kolonialisiert wurde. Byzantion (Βυζάντιον, latinisiert dann Byzantium) wurde um 660 vC von Dorern gegründet, am westlichen (also europäischen) Ufer des Bosporus, am Ende Thrakiens, bzw an seinem Übergang nach Kleinasien. Die Zentren des antiken Griechenlands (bzw sein Schwerpunkt) war(en) aber ja im Westen > Athen, Sparta, Theben, Korinth,… Eine Einigung dieser Stadtstaaten kam am ehesten unter den von der Argeaden-Dynastie (hauptsächlich natürlich Ἀλέξανδρος/ Alexandros/ Alexander) geführten Makedoniern zu Stande. Nachdem Griechenland/ Hellas infolge der Römisch-Makedonischen Kriege im 2. Jh vC römisch geworden war, blieb Byzantium/ Byzantion zunächst eine mäßig wichtige Stadt, in der (römischen) Provinz Thracia. Unter den Römern, die viel von der griechischen Kultur übernommen haben, wurde der griechische Kulturraum christianisiert, jene Religion vermittelt, die von ihnen selbst übernommen wurde.

Byzantium/Byzantion wurde ein Bischofs-Sitz, der Apostel Andreas (Bruder von Petrus) wird als erster Bischof von Byzantium und damit als erster Patriarch von Konstantinopel gesehen, da das Patriarchat aus diesem Bistum hervor ging. Sein erster Nachfolger war 54 nC Stachys, der ebenfalls ein Jünger Jesu’ gewesen sein soll. Wann der erste Grieche Bischof von Byzantion wurde (bzw, wer das war), ist mir nicht bekannt. 330 machte der römische Kaiser Konstantin die Stadt zu seiner Hauptresidenz (damit zu einer Art Hauptstadt), nannte sie in “Nova Roma” (Νέα ̔Ρώμη/Nea Rhome) um, liess sie ausbauen. Bald wurde sie aber nach ihm benannt, Constantinopolis/Κωνσταντινούπολις/Konstantinopolis. Der Kaiser/Caesar war auf der Suche nach einer neuen Residenz, mehr in der Mitte seines Reichs, die Ost und West verband, kam auf die Stadt, in der sich Europa und Asien berührten. Unter Konstantin begann auch der Aufstieg des Christentums im Römischen Reich. 330 wurde aus dem Bistum in der Stadt auch ein Erzbistum, und begann auf dem späteren Ort der Hagia Sophia eine Kirche zu entstehen. 360 wurde diese Megale Ekklesia/ Magna Ecclesia Bischofssitz, anstatt der Kirche Hagia Irene. Als Ende des 4. Jh im Römischen Reich das Christentum Staatsreligion wurde und das Reich dann geteilt wurde, war ein Nectarius Erzbischof von/in Konstantinopolis. 451 die Aufwertung des Erzbistums zum Patriarchat.

Hagia Irene in Konstantinopel ~1900

Der Schwerpunkt des Oströmischen Reichs war anfangs im europäischen/westlichen Reichsteil (Balkan), verschob sich aber bald in den asiatischen/östlichen (Levante), am Übergang von Spätantike zu Frühmittelalter2; also ungefähr zu der Zeit als das Weströmische Reich gegen die Germanen unterging. In den 530ern wurde die Hagia Sophia (Sofia) in Konstantinopolis/ Konstantinopel gebaut (auf dem Ort der Megale Ekklesia) und eröffnet, wurde Patriarchensitz. Die Säulen der Hagia Sophia („Heilige Weisheit“) stammen u.a. aus dem Artemis-Tempel in Ephesus. Manche sagen, diese Überlieferung sei schön aber falsch, sollte den Sieg des Christentums über die “heidnischen” griechischen Kulte untermauern. Wenn sie stimmt, steckt in der Hagia Sophia heute komprimiert die gesamte griechische Geschichte: die antike, vorchristliche Hochkultur, durch die Säulen aus einem Artemis-Tempel; das mittelalterliche/ byzantinische Griechenland natürlich, da war die Kirche Sitz des Patriarchen von Konstantinopel3; die Zeit der osmanischen Fremdherrschaft, als sie Moschee wurde; die Zeit der Republik Türkei, in der das Gebäude Museum wurde, nachdem der Griff (des neu erstandenen) Griechenlands nach der Stadt und anderer Gebiete misslungen war.4

Tempel in Ephesus

Im frühen 7. Jh, unter Kaiser Herakleios, der Übergang vom Oströmischen zum Byzantinischen Reich, die Hellenisierung des Reichs. Das Reich wurde nach dem ursprünglichen, griechischen Namen seiner Hauptstadt um-benannt, diese Stadt behielt aber ihren nunmehrigen Namen (der eigentlich halb römisch, halb griechisch ist). Da die Griechen in Ostrom in mehrerer Hinsicht dominierend waren, war dieser Schritt “folgerichtig”. Persien, nun unter den Sassaniden, wurde wie auch für das antike Hellas Nachbar und grosser Gegner5; unter Herakleios wurden auch diese entscheidend zurückgeschlagen. Sehr bald darauf dann der Vorstoss der islamischen Araber aus ihrer Halbinsel, Siege sowohl über Persien als auch Byzanz, das grosse Gebiete verlor, Vorderasien und Ägypten, also nicht griechisches (bzw byzantinisches) Kerngebiet.6 Im Gegensatz zum langjährigen Rivalen, Persien, konnte das Byzantinische Reich immerhin eine vollständige islamische Eroberung bzw seinen Untergang verhindern. Byzanz behauptete sich, auch wenn es dann auch am Balkan (wo es weiterhin über Nicht-Griechen herrschte) Machtverluste/Abfälle/Unabhängigkeitsaktionen gab. Und auch wenn es sich von da an immer wieder gegen Angriffe von moslemischen Reichen und Armeen in seinem Süden und Osten (jeweils Kleinasien/Anatolien) verteidigen musste. Patriarch z Zt der Kriege gegen Persien und Araber war Sergius.

Die orthodoxe Kirche, die sich in Byzanz herausbildete, wurde im Hoch-Mittelalter nach Russland oder Bulgarien verbreitet.7 Dann folgte bald der (endgültige) Bruch mit der Katholischen Kirche (das Schisma). Als Jorge Bergoglio 2013 nach dem Rücktritt Ratzingers Papst wurde, als “Franziskus (Franciscus) I.”, wurde er dies als erster Nicht-Europäer seit ca. 1300 Jahren, seit dem Syrer „Gregorius III.“ im 8. Jh. Syrien war damals bereits arabisch, nicht mehr byzantinisch, Ost- und West-Kirche aber noch nicht gespalten, nur kulturell. Das Pontifikat von Gregorius III. war, wie das seines Vorgängers, vom byzantinischen Ikonoklasmus/Bilderstreit (8., 9. Jh) geprägt (bzw gestört). Im Streit um die Verwendung von Heiligenbildern waren die byzantinischen Kaiser8 die Ikonengegner/ Ikonoklasten, die byzantinischen Patriarchen die Ikonenverteidiger/ Ikonodulen. Der Streit vertiefte den Antagonismus zwischen Westeuropa (fränkische Kaiser, katholische Päpste) und Osteuropa (byzantinische Kaiser, orthodoxe Patriarchen). Die anderen orthodoxen Patriarchate, jene in Alexandria, Antiochia, Jerusalem, befanden sich ab dem 7. Jh in moslemischen Reichen (zunächst im Kalifat). Während es in Ägypten nie eine grössere Zahl von Orthodoxen gab9, halten sich in Gross-Syrien und Palästina bis in die Gegenwart stattliche Minderheitengruppen, in moslemischen arabisierten Gesellschaften. Sitz des Antiochia-Patriarchats ist seit dem Spät-Mittelalter in Damaskus, wegen der osmanischen Invasion (die bald aber auch in diesen Teil Syriens kam).

Nach dem Ende der Herrschaft der Makedonischen Dynastie ereignete sich bald der erste Vorstoss von Türken nach Anatolien/Kleinasien, jener der Seldschuken im 11. Jh über Persien, der nach der Schlacht von Mantzikert/Malazgirt 1071 den Anfang vom Ende des Byzantinischen Reichs einleitete. In der späten Antike hatte in Kappadokien eine Besiedlung der dortigen Tufflandschaft begonnen, mit Menschen die sich für das Einsiedlertum entschieden hatten und dort Höhlen (aus-) bauten, klösterliche Gemeinschaften bildeten. Mit dem Einfällen der Perser und dann der Araber im frühen Mittelalter in Kleinasien begann der Ausbau der Höhlenanlagen, nun unter Sicherheits-Aspekten. Mit dem Vordringen der Seldschuken unter Sultan Alp Arslan im 11. Jh begann die allmähliche Abwanderung der und Aufgabe der Höhlen durch christliche Byzantiner. Die Höhlen sind heute eine Touristen-Attraktion der Türkei. Was Byzanz in der Phase der seldschukischen Angriffe und Eroberungen entscheidend schwächte, war natürlich der 4. Kreuzzug aus Westeuropa 1204 (hauptsächlich von der Republik Venedig betrieben), der nach Konstantinopolis/ Konstantinopel um-dirigiert wurde, zur Plünderung, Besetzung und Teilung des Reichs führte.10

Es wurden venezianische und genuesische Kreuzfahrer-Staaten gegründet, von denen das Lateinische Kaiserreich (Imperium Romaniae) das wichtigste war, und drei byzantinische Rumpfstaaten entstanden. Teilweise bestanden diese Kreuzfahrer-Staaten einige Jahrzehnte, einige Aneignungen griechischer Gebiete durch die italienischen Stadtstaaten blieben aber über Jahrhunderte bestehen. Kreta/Kriti etwa, war gut 450 Jahre venezianisch, bis es im späteren 17. Jh von den Osmanen erobert wurde. Zypern/ Kipros war bereits auf dem 3. Kreuzzug im 12. Jh besetzt worden, von einer multinationalen Streitmacht, wurde ein Kreuzfahrerstaat, im 15. Jh fiel die Insel an die Venezianer(, und im 16. Jh an das Osmanische Reich). Die Ionischen Inseln fielen im 13./14. Jh an Venedig, blieben das bis zu den Napoleonischen Kriegen.11

Venezianer und Genuesen hatten in Konstantinopel schon vor dem Kreuzzug Handels-Niederlassungen, eine gewisse Präsenz von Händlern aus diesen Staaten blieb auch nach dem Ende der Besetzung von Byzanz. Patriarch zur Zeit der Invasion war Johannes/Ioannes; das Patriarchat ging für einige Jahrzehnte ins Exil nach Nicäa/Nikaia/Iznik. Diese Besetzung durch Westeuropäer, die Frankokratia, brachte eine dauerhafte Schwächung von Byzanz, eine Vertiefung der Spaltung zwischen katholischer und orthodoxer Kultur. Die Kaiser aus der Palaiologos-Dynastie, die das Byzantinische Reich danach “übernahmen”, hatten keine leichte Aufgabe angesichts des Seldschuken-Sultanats, das sich bis zur Marmara-Region erstreckte.12 Wenn man auf en.wikipedia “occupation of Constantinople” eingibt, kommt übrigens der Artikel „The occupation of Constantinople … November 13, 1918 – October 4, 1923“, (über) jene der Siegermächte des 1. WK im osmanischen Konstantinopel/Istanbul (vor der Ausrufung der Türkei), nicht die venezianische des byzantinischen Konstantinopels, und auch nicht die von Islamophoben als solche propagierte türkische Herrschaft über die Stadt seit 1453.13 Mit der Seldschuken-Invasion im 11. Jh begann eine Türkifizierung Kleinasiens, die sich in der osmanischen Zeit fortsetzte, durch Einwanderung, Konversionen, Mischehen, kulturelle Umstellung,…

So dass es zum Zeitpunkt, als Konstantinopel erobert wurde und Hauptstadt des Osmanischen Reichs wurde, dort nur noch einige “Inseln” von Griechen und anderen Völkern inmitten einer türkischen Mehrheit gab. Wobei sich die Türken auf ihrem Weg von Zentralasien über Persien nach Kleinasien ihrerseits mit Anderen (biologisch und kulturell) vermischt hatten, und Griechen selbst Hethiter u.a. “aufgesogen” hatten. Durch den Einfall der Mongolen in der Region um die Mitte des 13. Jh zerfiel das Seldschukenreich in kleine türkische Fürstentümer. Das nordwestanatolische Beylik/Fürstentum des Osman Bey (nach dem die Dynastie der Osmanen/Osmanli benannt wurde) setzte sich im 14. Jh durch, gegen die anderen Fürsten(tümer), v.a. das Beylik von Karaman um Konya/Ikonion, durch. Der Sohn von Dynastiegründer Osman soll eine byzantinische Prinzessin geheiratet haben.14 Und verkleinerten das Byzantinische Reich weiter, das nur noch das unmittelbare Hinterland von Konstantinopel sowie westgriechische und balkanische Gebiete umfasste, zur Regionalmacht abstieg, schliesslich zum Kleinstaat, Stadtstaat. 1353 die erste Türken-Eroberung  in Europa (Kallipolis/ Gallipoli/ Gelibulo), bald war die (gut befestigte) Stadt umzingelt, die Osmanen führten Eroberungen am Balkan durch (etwa Kosovo polje/ Fusha e Kosoves/ Amselfeld).

Anfang des 15. Jh fielen die Mongolen unter den Timuriden nochmal in Kleinasien ein, brachten dem Osmanischen Reich grössere Verluste bei, diese waren aber nicht von Dauer. Dann am Ausklang des Mittelalters der Untergang von Byzanz – mittlerweile waren die Stadt Konstantinopel (die manchmal so genannt wird) und das Reich ja wirklich (fast) ident – gegen die osmanischen Türken. Etwa 100 Jahre lang war die Stadt der umzingelte Rest des Reichs, neben einigen Splittern im Osten und Westen. Der Fall von Konstantinopel (Ἅλωσις τῆς Κωνσταντινουπόλεως) ereignete sich am Pfingstsonntag 1453, dem 29. Mai dieses Jahres, nach einer 53-tägigen Belagerung. Die osmanischen Angreifer wurden von ihrem Sultan, dem 21-jährigen Mehmet II., angeführt, die Verteidiger von ihrem Kaiser (Basileos) Konstantin(os) XI., aus der Palaiologos-Dynastie.15 Konstantinopel/Istanbul wurde neue Hauptstadt des Osmanischen Reichs. Die Patriarchen-Kathedrale Hagia Sophia wurde in eine Moschee umgewandelt. Das Ende von Byzanz markiert auch das endgültige Ende des Römischen Reichs.

Ikone Konstantin Palaiologos

Konstantinos Palaiologos, der letzte byzantinische Kaiser, starb beim Untergang Konstantinopels gegen die Osmanen. Sein Leichnam wurde nicht gefunden bzw nicht identifiziert. Er wurde in der griechisch-orthodoxen Kirche ein Märtyrer und inoffizieller Heiliger. Und er wurde ein nationales griechisches “Symbol” (s.u.) bzw ein Mythos, wie Sebastiao Aviz, David, Yazdgerd III., James Stuart,… in ihren Ländern.16 Der wichtigste der byzantinischen Rumpfstaaten war das kleine Kaiserreich Trapezunt/Trebizond am Schwarzen Meer, es wurde 1461 von den Osmanen erobert und ihrem Reich eingegliedert. Ausserhalb Kleinasiens gab es auch einige griechische/byzantinische Gebiete, die nach dem Fall Konstantinopels osmanisch erobert wurden. Athen wurde erst 1458 eingenommen, das Despotat Morea 1460, Epirus 1479,… Danach blieben noch einige griechische Inseln ausserhalb des osmanischen Machtbereichs, die aber schon lange nicht mehr byzantinisch waren, (ehemalige) Kreuzfahrer-Staaten. Rhodos, das von den Johannitern regiert wurde, wurde 1522 von den Osmanen erobert, die unter venezianischer Herrschaft stehenden Zypern und Kreta 1571 bzw 1669. Nur die Ionischen Inseln (Korfu,…), der westlichste Teil Griechenlands, blieben (immer) ausserhalb des Osmanischen Reichs, blieben bei der Republik Venedig (die Osmanen unternahmen einige Eroberungs-Versuche). Dorthin gab es auch immer wieder Flucht- und Auswanderungsaktionen von Griechen aus dem osmanischen Bereich.

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Die osmanische Herrschaft über Griechenland

Diese türkische Herrschaft (griechisch Τουρκοκρατία, latinisiert Tourkokratia) nach dem Untergang des zweiten Griechenlands erstreckte sich, je nach Region, über 4 – 500 Jahre, einige Regionen blieben es darüber hinaus. Es ist nicht ganz klar, wer der letzte Patriarch der orthodoxen Kirche zu byzantinischer Zeit bzw der jenige zur Zeit der osmanischen Eroberung war. Ein Athanasius könnte von 1450 bis 1453 Patriarch gewesen, und beim Fall der Stadt getötet worden sein. Gesichert ist Gregorius III. (Mammas) als 157. Patriarch. Dieser versuchte eine (Wieder-) Vereinigung mit der Römisch-Katholischen Kirche zu erreichen, was zu seinem Rücktritt als Patriarch geführt haben dürfte und sicher zu seinem Exil in Rom (Kirchenstaat). Manche Kirchenhistoriker sagen, dass er die Kirche vom Exil aus weiter führte. Jedenfalls hat Sultan Mehmet (Mehmed, Mohammed) 1454 den Mönch Gennadios (eigentlich Georgios) Scholarios zum neuen Patriarchen eingesetzt, der zuvor sein Gefangener war. Im Westen Europas sah man Gregorius nach wie vor als legitimen Patriarchen, bis zu dessen Tod 1459. Gennadios II. legte 1456 sein Amt nieder, zog sich in ein Kloster in Makedonien zurück.

Gennadius II. & Mehmed II., Foto eines Mosaiks aus 20. Jh.

Da die Hagia Sophia ja inzwischen eine Moschee war, etablierte sich Gennadius in der Kirche der Heiligen Aposteln. Diese war seit dem 4. Kreuzzug in einem schlechten Zustand, wurde 1456 von Gennadius aufgegeben, Patriarchats-Sitz wurde die Pammakaristos-Kirche, bis 1587. Die Apostel-Kirche wurde von den Osmanen abgerissen, auf ihrem Platz die Fatih-Moschee errichtet. Das Ökumenische Patriarchat, wie es offiziell heisst, übernahm unter osmanischer Herrschaft Aufgaben weltlicher Natur für die Griechen und auch die anderen Orthodoxen in diesem Reich, nachdem der byzantinische Kaiserhof nicht mehr existierte. Die Patriarchen wurden Führer (griechisch Ethnarchos, türkisch Milletbashi) der Griechen und Orthodoxen im Reich, und das sowohl aus Sicht der osmanischen Obrigkeit als auch der Griechen selbst. Und, vor den Erweiterungen des Osmanischen Reichs hauptsächlich unter den Sultanen Selim II. und Suleiman I. im 16. Jh (um bereits islamisierte Gebiete) machten Griechen in dem Reich einen gewichtigen Bevölkerungsanteil, wahrscheinlich die Mehrheit, aus!

In den Jahren vor der Eroberung Konstantinopels haben die byzantinische Seite (Kaiser, Patriarchen) und die “fränkische” (Kaiser, Päpste) über eine Kirchenunion verhandelt, für militärische Hilfe von westeuropäischer Seite gegen die Osmanen. Auf dem Konzil von Florenz (1431-1445) kam eine Union zu Stande, wie die im 13. und 14. Jh erreichten war sie aber nur von kurzer Dauer und innerhalb der orthodoxen Kirche schwer umstritten; die Militärhilfe blieb auch aus. Die orthodoxe Kirche in Russland erklärte 1448, also wenige Jahre vor dem Untergang Byzanz’, ihre Unabhängigkeit, aus Protest gegen die beschlossene Kirchenunion. Unter dem Moskauer Grossfürsten Iwan III., einem Rurikiden, gewann Russland in den Jahrzehnten danach seine Unabhängigkeit von der mongolischen Goldenen Horde wieder. Mit dem Untergang Byzanz’ begann die griechische Diaspora (Zerstreuung in der Welt), nicht wenige Griechen wanderten nach Russland aus, das damals hauptsächlich aus dem Grossfürstentum Moskau bestand. Sofia (Zoe) Palaiologos, die Nichte des letzten byzantinischen Kaisers Konstantin XI., heiratete 1472 Iwan III. Dies verstärkte die Vorstellung von Russland als dem Erben von Byzanz und dem “Dritten Rom” (nach dem eigentlichen Römischen Reich und dem Byzantinischen/ Oströmischen), dem Hüter des orthodoxen Christentums. Grossfürst Iwan nahm auch den Titel “Zar” an, der wie der deutsche “Kaiser” vom römischen „Caesar“ abgeleitet ist.17

Hagia Sofia: Rundschilde preisen die Namen von Allah, von Mohammed und Kalifen (Foto ca. 1890)

Nach dem Übergang vom Byzantinischen zum Osmanischen Reich wurden viele Kirchen in Moscheen “umgewandelt” (wie die Hagia Sophia auch etwa die Hagios Demetrios in Thessaloniki), manche zerstört (wie die Apostelkirche in Konstantinopel) oder für andere Zwecke verwendet, wie die Hagia Irene in Konstantinopel, die eine Waffenkammer wurde. Für den Neubau von Kirchen18 wurden spezielle Bestimmungen bzw Einschränkungen erlassen; ein Kirchturm sollte zB nicht höher sein als das Minarett/Manara von nahen Moscheen. Die Pammakaristos-Kirche, in früh-osmanischer Zeit Patriarchensitz, war eine jener byzantinischen Kirchen in Konstantinopel, die sich zunächst “behaupteten”. Unter Patriarch Matthaios II. übersiedelte das Patriarchat Ende des 16. Jh (es werden hauptsächlich die Jahre 1586 und 1587 genannt) in die Kirche des Heiligen Georg19 im Phanar im westlichen Teil Konstantinopels, ein früheres Kloster.20 Diese Kirche, eine relativ bescheidene, ist bis heute Patriarchatskirche.

Für die Griechen unter osmanischer Herrschaft21 wurde also die orthodoxe Kirche einigendes Band, nationale Klammer,… Es gab und gibt so Fälle von einer Quasi-Einheit von Volk und Religion, wie die katholische Kirche im russisch beherrschten Polen, und es gibt ethnoreligiöse Gemeinschaften wie Juden.22 Die Herrscher des Osmanischen Reichs teilten ihre Untertanen nach Religionszugehörigkeit ein, die (1454 geschaffene) griechische/ griechisch-orthodoxe Nation (Millet-i Rum) umfasste also auch die meisten Bulgaren, Walachen/ Rumänen, Serben, Russen, Ukrainer, Georgier sowie Teile der Albaner, Syrer, Palästinenser,…23 Die Grenzen zwischen diesen Nationen/Nationalitäten blieben aber grösstenteils gewahrt, wenn auch nicht in den Augen der osmanischen Obrigkeit. Orthodoxe waren die längste Zeit die zweit-grösste Religions-Gemeinschaft im Osmanischen Reich, hinter Moslems (bei denen Sunniten ganz klar überwogen).24

Es gab aber “Einschmelzungen” zu Griechen, in antiker, byzantinischer (mittelalterlicher) und osmanischer (neuzeitlicher) Zeit. Die “alten” Makedonier etwa sind unter den Griechen/Hellenen aufgegangen, brachten auch griechische Kultur in verschiedene Teile Asiens, die sich dort mischte. In Nord-Griechenland (neben Teilen Makedoniens beinhaltet das auch Thrakien und Epirus) sind auch in byzantinischer Zeit Andere zu Griechen geworden, Walachen, Slawen, Albaner,… Im osmanisch beherrschten Griechenland sind hauptsächlich andere Orthodoxe unter Griechen aufgegangen, begünstigt durch die osmanische Haltung dazu. Andererseits wurden auch Griechen zu Türken, hauptsächlich in Kleinasien (s. o.), daneben auch in Konstantinopel, Teilen Thrakiens,… Griechen in Kleinasien/ Asia Minor und anderen Regionen traten zB zum Islam über, um zusätzlichen Steuerverpflichtungen und anderen Diskriminierungen zu entgehen. Und damit war fast automatisch ein Verlust der nationalen (griechischen) Identität verbunden, eine Türkisierung. Die Griechen in Kappadokien wurden kulturell türkisiert, bewahrten sich aber grossteils ihre Religion25 (> Karamanlides/ Karaman-Griechen); ein kleiner Teil von ihnen trat aber zum Islam über, ging damit unter Türken auf. Im Zentralbereich des Osmanischen Reichs (Kleinasien, Konstantinopel, Thrakien,…) wirkten sich auch die Knabenlese (> Janitscharen) oder Einwanderungen aus dem Balkan oder Kaukasus aus, die mit Formen der Akkulturation und Assimilation verbunden waren.

Nach der Eroberung Konstantinopels 1453 zog die Oberschicht der griechischen Bevölkerung in das Stadt-Viertel Phanar (türkisch Fener). Um 1600 zog auch der orthodoxe Patriarch in dieses Viertel (Georgskirche, s.o.). Irgendwann wurde Phanar, wo der Patriarchatssitz war, ein Synonym für das Patriarchat.26 Diese neue griechische Oberschicht im Osmanischen Reich entstammte oft byzantinischen Adelsfamilien, wurde/wird Phanarioten bzw Fanarioten genannt. Die Phanarioten waren oft im Handel tätig (und erfolgreich)27 , oft auch in führenden Rollen in der Verwaltung des Osmanischen Reichs tätig, (auch) ausserhalb griechischer Gebiete, etwa als Gouverneure in der Walachei und Moldawien im 18. und 19. Jh. Trotz ihrer hohen Stellungen im Sultanat und ihres Kosmopolitanismus kümmerten sich viele von ihnen um Angelegenheiten der griechischen Bevölkerung und Kultur, stifteten etwa Schulen. Während der Kriege des Osmanischen Reichs mit der Republik Venedig, dem Russischen Reich oder Österreich halfen manche Griechen, auch Phanarioten, den Gegnern der Osmanen. Einige Phanarioten, etwa Alexandros Mavrocordatos, hatten im 19. Jh Anteil an den griechischen Freiheitskämpfen sowie an der Gestaltung des entstehenden neuen Griechenlands.

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Entstehung und Wachsen des neuen Griechenlands

Bekanntlich expandierte das Osmanische Reich, in Osteuropa, bis es vor den Toren Mitteleuropas scheiterte, dann begann allmählich der Niedergang. Rigas Velestinlis (“Pheraios”), 1757-1798, stammte wahrscheinlich aus einer walachischen (aromunischen) Familie in Thessalien, die sich an die Griechen assimilierte. Der Schriftsteller wurde von der Französischen Revolution beeinflusst, dachte sowohl eine Umgestaltung des Osmanischen Reichs in eines auf Grundlagen der Aufklärung an (das bedeutete etwa die Gleichheit aller Religionen), als auch die Unabhängigkeit der orthodoxen Balkan-Länder vom Osmanischen Reich. Velestinlis wirkte als Sekretär des Phanarioten Alexandros Ypsilanti, der zu dieser Zeit als Dolmetscher unter Sultan Abdülhamid I. diente. Er wurde bei einem Aufenthalt in Wien von den österreichischen Behörden (die das Osmanische Reich erhalten wollten) festgenommen, an die Osmanen ausgeliefert, die ihn töteten. Der gleichnamige Enkel dieses Ypsilanti war einer der griechischen Führer beim Aufstand (Epanastasi) 1821, der u.a. in der (ebenfalls osmanischen) Walachei stattfand.

Im 19. Jh wurde das Osmanische Reich, eines der letzten nicht europäisch unterworfenen Gebiete der Welt28, zunehmend zum Einflussgebiet europäischer Gebiete (inklusive Russlands). Das betraf das Kerngebiet des Reichs (Kleinasien, Konstantinopel,…), aber auch “periphäre” Gebiete wie Ägypten und Syrien. Verschiedene Völker begannen um ihre Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu kämpfen29, und auch unter den Türken (bzw Türkisierten) des Reichs begann es zu “gären”. Weithmann (s.u.) schrieb, die Griechen waren bis Anfang des 19. Jh im Osmanischen Reich so stark geworden, bei gleichzeitiger Schwächung der Zentralgewalt, dass sogar eine griechische Übernahme des Reichs im Raum stand…

Als sich die Griechen 1821 erhoben, war die Schwäche des Osmanischen Reichs noch nicht so dramatisch. Der Aufstand und die Kämpfe konzentrierten sich klar auf westgriechische Gebiete (Balkan-30 und Ägäis-Raum), Kleinasien war hier nicht involviert. Unter den militärisch-politischen Führer der Griechen waren aber Fanarioten (Phanarioten) wie Mavrokordatos oder Ypsilanti prominent vertreten, daneben etwa auch der Ionier/Korfioter Ioannis Capodistrias; die Ionischen Inseln waren mit den Napoleonischen Kriegen unter britsche Herrschaft gekommen. Im Griechischen Unabhängigkeits-Krieg (1821 bis 1829 bzw 1830) nahmen westeuropäische Philhellenen auf griechischer Seite Teil. Ihr prominentester, George Byron, projezierte die Thermopylen-„Thematik“ (Europa gegen Asien) dort hinein; sein Aufenthalt in Missolonghi verlief (in jeder Hinsicht) anders als von ihm erwartet.

Der Ausbruch des griechischen Aufstands bzw Kriegs 1821 führte zu Massakern, Kirchenzerstörungen und anderen Übergriffen gegen Griechen in verschiedenen Teilen des Osmanischen Reichs, von Seiten der osmanischen Behörden. Besonders gravierend war das Massaker von Konstantinopel, in dessem Verlauf der orthodoxe Patriarch Gregorius V. am Ostersonntag abgesetzt und in einem Tor des Patriarchats aufgehängt wurde – obwohl er die Aufständischen exkommuniziert hatte. Sein Nachfolger Eugenius war anfangs Gefangener des Sultans. Konstantinos Mourouzis, Chefdolmetscher/Gross-Dragomane am Sultanshof, wurde geköpft. Die Nachricht vom Mord an dem Patriarchen löste in Teilen Europas Empörung und eine Verstärkung des Drängens nach (staatlicher) Unterstützung der griechischen “Rebellion” aus. Fürchterlich war auch das Massaker von Chios 1822: Die vor Smyrna/ Izmir in Kleinasien gelegene Insel war stark im Handel involviert und die dortigen Griechen zögerten mit einer Unterstützung des griechischen Aufstands bzw der griechischen Seite im Krieg – weil sie um ihren Wohlstand fürchteten, aber auch weil sie nahe beim Festland waren und damit Vergeltungsaktionen der Türken ziemlich ausgeliefert. Dazu ist zu sagen, dass nicht unwesentliche Teile der griechischen Bevölkerung des Osmanischen Reichs31 beim Aufstand bzw Krieg abseits standen, aus verschiedenen Gründen.

Zurück zu Chios: 1822 landeten einige Hundert griechische Rebellen von der Nachbarinsel Samos dort, griffen das dortige osmanische Heer an; ein Teil der Inselbewohner schloss sich nun der Rebellion an. Nachdem Verstärkung für die Osmanen gekommen war, das Massaker an der Bevölkerung von Chios mit etwa 20 000 Toten. Weitere Zehntausende wurden versklavt!32 Alexios Alexandris, auf dessen Arbeit (s.u.) ich das Kapitel über die Entwicklungen rund um den Griechisch-Türkischen Krieg (also der nächste Abschnitt) zu einem grossen Teil und jenes über Griechen in der Republik Türkei maßgeblich aufbaute, merkte dazu an (und das spricht mit für die Qualität bzw Objektivität seines Buchs): “Greeks were no less cruel. The Fall of Tripolitsa in 1822 resulted in the massacre of 30,000 Turks and Jews.”

In Griechenland vergingen vom Tod von Konstantinos XI. Palaiologos in der Schlacht um Konstantinopel 1453 bis zur Proklamation eines griechischen Staates 1822, mit Alexandros Mavrocordatos als Oberhaupt, 369 Jahre. Wobei dieses Byzanz am Schluss praktisch nur noch aus der Stadt bestanden hatte; und dem Griechenland das (ab) 1822 entstand, fehlten auch noch die meisten griechischen Gebiete. Die Wiedererringung der griechischen Unabhängigkeit ab 1821/22 musste ausserdem noch mühsam erkämpft bzw abgesichert werden. Nachdem der Aufstand der Griechen und Philhellenen 1826 zusammengebrochen war, griffen die Westmächte in den Krieg ein, retteten so das Unterfangen. Das Hellas das am Kriegsende 1829 “freigekämpft” worden war, bestand aus Peloponnes/Morea, Attika, Mittel- und Westgriechenland, mit Athen/Athinai als Hauptstadt. Natürlich wurde die Vereinigung (Enosis, Ένωσις) mit den anderen griechischen Gebieten das Ziel; der dritte Premierminister des neuen Griechenlands, Ioannis Kolettis, soll den Ausdruck Megali Idea (Μεγάλη Ιδέα; “Grosse Idee”) geprägt haben, für das irredentistische Konzept der schrittweisen Freikämpfung und Vereinigung griechischer Gebiete. Es gab unterschiedliche Vorstellungen davon, in der “extremsten” Form der Megali Idea33 wurde die Vereinigung mit Konstantinopel und kleinasiatischen Gebieten anvisiert, gewissermaßen eine Wiederbelebung des Byzantinischen Reichs, natürlich mit Konstantinopel als Hauptstadt und der griechisch-orthodoxen Kirche als Staatskirche.34

Die Westmächte sicherten sich Einfluss im neuen Griechenland (nicht zuletzt gegen Russland), Grossbritannien wurde wichtigste “Schutzmacht”.35 Die Westmächte und Russland (inzwischen Hauptgegner des Osmanischen Reichs) hatten ihre Parteigänger in Griechenland.36 Russland schürte am Balkan dann Freiheitsbestrebungen der v.a. slawischen orthodoxen Völker. Nach der Unabhängigkeitsproklamation 1822 war Griechenland eine Republik, wurde 1832 ein Königreich, blieb ein solches bis 1973, mit der Unterbrechung 1924-35 (2. Republik), mit ausländischen Königshäuser (Wittelsbach, Slesvig). 1863, nach dem Sturz des Bayern Otto, wurde der dänische Prinz Georg (Haus Slesvig-Holsten-Sønderborg-Glücksborg) von den Westmächten und griechischen Notabeln zum griechischen König bestimmt.37

Möglicherweise hat diese dänisch-deutsche Familie sogar byzantinische Vorfahren, und zwar aufgrund von Heiratsverbindungen mit den russischen Romanovs, die wiederum mit den Rurikiden verschwägert waren, in die ja die Palaiologen hineingeheiratet haben. 1833 erklärte die Griechisch-Orthodoxe Kirche Griechenlands ihre Eigenständigkeit/ Autokephalie gegenüber dem Patriarchat in Konstantinopel (dem sie aber natürlich weiter unterstellt war), was dieses 1850 anerkannte. Die Kirche auf Zypern war bereits im 5. Jh autokephal geworden. 1448 hatte sich die orthodoxe Kirche in Russland autokephal erklärt, was 1589 von Konstantinopel anerkannt wurde; seither gibt es eine Russisch-Orthodoxe Kirche mit einem Patriarchen, der aber jenem in Konstantinopel untergeordnet war. Die Russisch-Orthodoxe Kirche wurde die grösste orthodoxe Landeskirche.38 Die erste Enosis Griechenlands mit anderen griechischen Territorien vollzog sich 1864; GB übergab die von ihm beherrschten Ionischen Inseln (das einzige griechische Gebiet, das nie osmanisch geworden war). Die Frankokratia dort bewirkte eine leichte Enosis im 19. Jh.

Griechenland wurde bald auch vom Osmanischen Reich als unabhängiger Staat anerkannt. Erster osmanischer Botschafter in Griechenland wurde der Phanariote Konstantinos Mousouros. Es bürgerte sich im Türkischen39 die Bezeichnung “Yunanli” für Griechen in Griechenland und “Rum” für Griechen im (dezimierten) Osmanischen Reich ein. Es tat sich eine interessante Beziehung zwischen diesem Griechenland, dem Osmanischen Reich und den “unerlösten” Griechen dort auf, mit dem orthodoxen Patriarchen in der Reichs-Hauptstadt Konstantinopel als “Drehscheibe”. Konstantinopel, zumindest in manchen Megali-Idea-Vorstellungen die Krönung… Nach einigen Jahrzehnten kamen die Griechen im Osmanischen Reich, besonders die Konstantinopoler, wieder in jene führende Positionen, in denen sie vor der griechischen (Teil-) Unabhängigkeit gewesen waren. Im diplomatischen Dienst, oder in der Verwaltung verschiedener Regionen. Wie Stefan Vogoridis40, ein hellenisierter Bulgare, der die Walachei oder Samos für die Osmanen verwaltete und unter Sultan Abdulmajid (Abdülmecid) I. eine hohe Stellung einnahm.

Am Balkan erkämpften sich die Völker allmählich die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich, Nordafrika wurde von europäischen Kolonialmächten angeeignet, unter den arabischen Völkern Vorderasiens gärte es auch. Europäische Mächte nahmen zunehmenden wirtschaftlichen Einfluss auf das Sultanat (Kapitulationen). Das Janitscharen-Korps, das zeitweise mehr Macht hatte als die Sultane, wurde 1826 aufgelöst. Umgestaltungsbemühungen in der Tanzimat-Periode führten zu einer Verfassung (قانون اساسی, Ḳānūn-i Esāsi) bzw Machtbeschränkung des Sultans (1876), die aber nach 2 Jahren wieder “aufgehoben” wurde.41 Als die Verfassung kam, die Gleichheit für Nicht-Moslems festschrieb, waren die meisten Nicht-Türken innerlich schon von diesem Reich abgefallen. Alexandris weist darauf hin, dass die Griechen in Konstantinopel vor den 1910ern kaum Türkisch lernten, diese also auch sprachlich von der Mehrheitsbevölkerung und dem Reich an sich getrennt waren.

Gemälde von H. Sattler von Konstantinopel/Istanbul aus 1851

Nach Alexandris waren die meisten osmanischen Griechen um 1850 noch für eine Beibehaltung der osmanischen Herrschaft, um 1910 nicht mehr. Auch die Griechisch-Orthodoxe Kirche im Osmanischen Reich, mit dem Patriarchat an der Spitze, wandte sich allmählich dem griechischen Nationalismus (bzw Irredentismus) zu. Was wiederum mit dazu führte, dass sich die orthodoxe Kirche in diversen Balkan-Ländern, die im 19. Jh die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich gewannen, um Autokephalie bemühten, mehr dazu weiter unten. Diese Kirche war über osmanische Reformbemühungen in Richtung Gleichheit (auch “Osmanismus” genannt”) nicht begeistert, diese würden die klerikale Authorität über das (griechische) Millet schmälern. Wobei die griechisch-orthodoxe Kirche unter osmanischer Herrschaft schon davon profitierte, dass die osmanischen Behörden, aus Reformbemühungen oder aus Schwäche heraus, im späteren 19. und frühen 20. Jh die Bestimmungen für den Kirchenbau tolerant hand habten; so dass es in dieser Zeit zu einem Bauboom von orthodoxen Kirchen in Konstantinopel/Istanbul kam.

Kloster Arkadi bei Rethymno auf Kreta, wo sich 1866 fast 1000 Griechen vor einem belagernden osmanischen Heer in die Luft sprengten

Gegen Ende des 19. Jh verlor das Osmanische Reich weitere griechische Gebiete. Zypern nahmen sich 1878 die Briten. Thessalien wurde, der nächste Schritt der Enosis, 1881 mit Griechenland vereinigt. Dann begann der Unabhängigkeitskampf auf Kreta (erneut), eines jener griechischen Gebiete in denen der Aufstand 1821ff niedergeschlagen wurde. Neue Aufstände und ein osmanisch-griechischer Krieg führten 1898 mit westlicher Hilfe zur Autonomie Kretas im Osmanischen Reich. 1908 de facto, 1913 de jure der Anschluss an Griechenland bzw die Annexion durch dieses. Eine grosse türkische Volksgruppe lebte v.a. im Zentrum der Insel(, wurde 1923 ausgesiedelt). Kreta wurde und blieb der südlichste Teil Griechenlands (und seine grösste Insel). Die Yunanlar wurden allmählich mehr, die Rumlar immer weniger.42 Rumlar, also osmanische Griechen (oder griechische Osmanen), gab es nun hauptsächlich noch im Norden des europäischen Griechenland (von Epirus über Makedonien bis Thrakien), auf den Ägäis-Inseln, in Konstantinopel, in Smyrna und Umgebung, an der Südostküste des Schwarzen Meeres (die Pontus/Pontos-Griechen), in Kappadokien in Zentral-Anatolien. In all diesen Gebieten dürften Griechen die relative Mehrheit der Bevölkerung ausgemacht haben. Es gab auch eine, nicht allzu starke, Auswanderung von Griechen aus dem Osmanischen Reich nach Griechenland.43

Die Enosis

Das Osmanische Reich zerfiel allmählich, und für Angehörige seines “Staatsvolkes”, also Türken, stellte sich die Frage, was eigentlich “gerettet” werden sollte, wohin man sich orientieren sollte, wie man den Staat gestalten sollte. Es gibt da Parallelen zu Österreich-Ungarn an seinem Ende. Der Osmanismus zielte auf eine Modernisierung des Reichs bei Gleichheit aller Bürger ab, der Islamismus stellte natürlich das Islamische (sunnitische) in den Vordegrund, der Türkismus oder türkische Nationalismus sah in erster Linie die Türken im Reich (und jene die dazu geworden waren) und ausserhalb (in Persien, in Russland,…). Eine Identitätssuche bzw ein Kampf darum, was vom sinkenden Schiff gerettet werden sollte, und welches rettende Ufer es ansteuern sollte, solange es noch möglich war. Man kann sagen, dass sich diese Konfliktlinien in die Republik Türkei hinein fortsetzten, zT bis heute. Das osmanische Territorium nach ethnischen Gesichtspunkten gerecht aufzuteilen wäre unmöglich gewesen, und dies nicht zuletzt aufgrund der konkurrierenden Ansprüche nicht-türkischer Nationalitäten.44

Als Makedonien (mit Saloniki) noch osmanisch war (ein multiethnisches Gebiet), brach (von) dort 1908 die Jungtürkische Revolution aus, die man auch als Putsch bezeichnen könnte. Die Revolution (?) führte zu einer Absetzung des despotischen Sultans Abdülhamit (mütterlicherseits Tscherkesse), zur Einsetzung  von dessen Halbbruder Mehmet45 als Sultan46, wobei die Regierungen (mit dem Gross-Wesir an der Spitze) nur am Ende dieser Phase (1917/18) von Jungtürken geführt wurde47, die Macht aber bei diesen lag. Das jungtürkische “Komitee für Einheit und Fortschritt” hatte mehrere Flügel (bzw mehrere Ansätze), wenn man so will, einen emanzipativen und einen nationalistischen. Wobei sich der erstere durchsetzte, der von Offizieren geführt wurde, von grossen Teilen der türkischen politisch bewussten Klasse unterstützt wurde, der das Osmanische Reich mit türkischer Vorherrschaft weiterführen wollte, mit Zentralisierungs- und Modernisierungsschritten. Der liberale Teil der Jungtürken spaltete sich 1911 als “Partei für Freiheit und Verständigung” (حريت و ائتلاف فرقه سی , Hürriyet ve İtilaf Fırkası) ab.

Für die christlichen Völker im Zentralbereich des Osmanischen Reichs (hauptsächlich Griechen, Armenier, Assyrer48) gab es Gründe, über die jungtürkische Machtübernahme erfreut zu sein. Es wurde die Verfassung und das Parlament wieder-belebt und noch 1908 Wahlen dazu ausgerufen, in denen auch Griechen wie alle Anderen aktiv und passiv teilnehmen konnten.49 Die Irredentisten unter den osmanischen Griechen (Anhänger von Enosis bzw Megali Idea), und das war inzwischen die Mehrheit, haben nach der Erfahrung mit Kreta auch auf eine “gradualistische” Lösung statt auf eine konfrontative gesetzt. Zumal bezüglich Makedonien und Thrakien die grossen Entscheidungen noch bevor standen, und dort auch Bulgarien und die Anhänger eines südslawischen Staates Ansprüche hatten.

Orthodoxe Metropolien Kleinasien um 1900

Und die Politik der (regierenden, rechten) Jungtürken war anfangs nicht minderheitenfeindlich. Der (osmanische) Grieche Alexander Mavroyenis wurde beispielsweise zum osmanischen Botschafter in Österreich-Ungarn ernannt. Und vor der Wahl 1908 verhandelte das jungtürkische Komitee mit den Konstantinopoler Griechen über eine Unterstützung der Jungtürken durch die Griechen. Jedenfalls wurden 1908 einige Griechen als Kandidaten des Jungtürken-Komitees ins osmanische Parlament gewählt, darunter Aristidis Georgantzoglou (Pascha; ein Karaman-Grieche) und Pavlos Karolidis (Effendi; vertrat Smyrna). Karolidis erklärte, die nationale Idee der Griechen bestehe aus Beiträgen zur “Zivilisation des Ostens” und dem Schutz und Kultivierung dieser. Eigentlich war er auch ein Karamanli (ein Grieche aus Kappadokien), wurde in Konstantinopel und Deutschland ausgebildet, wirkte als Professor für Geschichte an der Universität Athen, bei Konstantinos Paparrigopoulos50. Seine Vorstellungen von griechisch-türkischer Freundschaft machten ihn unter Griechen eher zum Aussenseiter.

Als seine Zeit als Abgeordneter (bzw die Parlaments-Periode) 1912 zu Ende ging, wurde er vom Jungtürken-Komitee eingeladen, wieder für es zu kandidieren. Dann brach aber der (erste) Balkan-Krieg aus, in dem sich Griechenland und das Osmanische Reich wieder gegenüber standen, und Karolidis zog sich nach Griechenland zurück. Im nationalen Schisma Griechenlands stellte er sich auf die monarchistische Seite, bis zur Niederlage im Griechisch-Türkischen Krieg. Er starb 1930 in Athen. Sein Leben ist eigentlich exemplarisch für die Chancen griechisch-türkischer Verständigung und für die diesbezügliche Tragödie. Die Wahlen im Februar 1912 wurden vom Jungtürken-Komitee durch Gewalt und Korruption zum gewünschten Resultat geschoben. 1912/13 wurde der andere Jungtürken-Flügel, die Partei für Freiheit und Verständigung, ausgeschaltet.51 Das Aufräumen der regierenden Jungtürken mit Vorrechten des Klerus der Religionsgemeinschaften und der Konfessionalisierung an sich brachte ausserdem ein Ende der weitgehenden Autonomie im Bildungsbereich, den die Religionsgemeinschaften im osmanischen Millet-System genossen. Bei der Neuwahl zum osmanischen Parlament 1914 wurden natürlich wieder Griechen gewählt, darunter Emmanuel Emmanuelidis aus Smyrna (der schon zuvor dem Parlament angehörte).52

In Griechenland wurde Eleftherios Venizelos 1910 erstmals Premierminister, nach einer Art Putsch bzw Aufbegehren von Teilen des Militärs, der/das von der Kaserne in Goudi bei Athen ausging, unter Nikolaos Zorbas, aber im Endeffekt mehr Demokratie brachte. Venizelos’ Vorfahren stammten vom Peloponnes, er wuchs aber in Kreta auf, hatte die osmanische Herrschaft dort noch erlebt, wurde politisch geprägt im Kampf um die Ablösung Kretas vom Osmanischen Reich und in weiterer Folge bei jenem anderer griechischer Gebiete. Mit Venizelos kam erstmals eine Herausforderung für die Oligarchie unter der Königsherrschaft, er lieferte dem König und dessen Anhängern einen Machtkampf. Dieses nationale Schisma führte zeitweise bis zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, dauerte etwa von 1910 bis 1922. Die Partei von Venizelos und der Venizelisten war die Liberale Partei (KF), eine “starke” Monarchie unterstützte die Volkspartei (LK). Venizelos war von 1910-33 mit Unterbrechungen 7x Premier. Er wollte eine grosse/finale Enosis, die Wiedererrichtung Griechenlands in (beinahe) byzantinischen Dimensionen. Nicht gesichert ist, ob er als Premier vor dem 1. WK mit Vertretern des Osmanischen Reichs über einen Bevölkerungs-Austausch von Türken/Moslems in Nord-Griechenland und Griechen/Christen aus Smyrna verhandelt hat (dies wird behauptet).

Vor dem Weltkrieg verlor das Osmanische Reich noch weitere Gebiete in Afrika und Europa. Die Italiener entrissen 1911/12 den Türken Libyen und Dodekanes (mit Rhodos). Nach den Balkankriegen 1912/13 bekam Hellas den für sich relevanten Teil Makedoniens (Süd-, mit Thessaloniki), den Süd-Epirus und einen Grossteil der Ägäischen Inseln; ausserdem Kreta endgültig. Durch die Gebiete im Norden gab es nun mehr Minderheiten in Griechenland (Juden, Türken, Albaner, Slawen, Aromunen, Roma/Sinti,…) sowie Grenzstreitigkeiten mit anderen Mächten als den Osmanen.

***

Untergang des Osmanischen Reichs, katastrophaler Abschluss der Enosis, Entstehung der Türkei

Das (jungtürkisch regierte) Osmanische Reich war im 1. WK, als Teil der Mittelmächte, an mehreren Fronten engagiert, gegen Truppen der Entente bzw der Alliierten: In seinem Nordosten, an der Kaukasusfront, gegen die Russen. Hier spielten die Armenier eine wichtige Rolle, nach den Deportationen und Massakern an diesen im osmanischen Bereich konnte die russische Armee weit vorrücken. Am Ende des Kriegs konnte eine osmanische Armee unter Enver Pascha dieses Gebiet in Nordost-Anatolien zurückerobern, Teile von ihr drangen nach Persien und Zentralasien ein; im Südosten, in Mesopotamien/Irak, gegen die Briten (und deren Hilfstruppen); im Nordwesten bei den Dardanellen, vor Istanbul, wo Truppen der Entente 1915/16 scheiterten; im Südwesten gegen die Briten, die aus Ägypten (bzw Sinai), das sie kurz vor dem Krieg annektierten, nach Palästina (Gaza) vordrangen, eine entscheidende Niederlage des osmanischen Militärs im September 1918.

In Griechenland führte der Gegensatz zwischen deutschfreundlichem König (Konstantinos I.) und Premier Venizelos im Ersten Weltkrieg zu einem kleinen Bürgerkrieg. Die Republikaner setzten sich diesbezüglich durch, und das Land trat unter Venizelos 1917 auf Seiten der Entente-Mächte in den Krieg ein, während der König zugunsten seines Sohnes Alexandros abtrat. Im Vergleich zum östlichen Nachbarn war Griechenland in diesem Krieg wenig involviert (etwas am Balkan, gegen Bulgarien), und die wirkliche “Bewährungsprobe” kam erst danach. Der griechische Kriegseintritt auf der Gegenseite gegen Ende des Kriegs, noch dazu unter dem Irredentisten Venizelos, verschlechterte das griechisch-türkische Verhältnis auf allen Ebenen wieder, das bekamen nicht zuletzt die Griechen in Konstantinopel und anderswo im Osmanischen Reich zu spüren. Eine osmanische Nation aus den verschiedenen Nationalitäten zu formen, dieses Unterfangen der Jungtürken erwies sich in diesem Krieg als aussichtslos, schlug in die “Gegenrichtung” um.

Dort, wo Nordwest-Anatolien in Armenien und Georgien übergeht, also an der Kaukasusfront, war die russische Armee im Krieg ja (s.o.) weit vorgestossen, hielt 1916/17 diese Frontlinie; nach den Revolutionen in Russland zogen die Russen ab. Diese Frontlinie in Kleinasien wurde so 1917/18 von Ost-Armeniern gehalten, zusammen mit Georgiern, Assyrern und Schwarzmeer-Griechen. Die Schwarzmeer/Pontus-Griechen riefen 1917 dort, südlich vom Schwarzen Meer, eine “Republik Pontus” (griechisch Dimokratía tou Póntou) um Trapesunt/Trabzon aus. Nach der osmanischen Rückeroberung 1918, aber auch schon vor dem Vorrücken der Russen kam es zu Massakern und Deportationen moslemischer osmanischer Verbände (auch) an den dortigen Griechen. Besonders hervor tat sich dabei Nuredin Pascha. Bei der Pariser Vorort-Nachkriegskonferenz das Osmanische Reich betreffend, in Sevres, plädierte die griechische Venizelos-Regierung dafür, das Pontus-Gebiet in Gross-Armenien (seinem westlichen Teil) zu inkorporieren53. Was dort auch geschah. Auch andere osmanische Griechen wurden in den Kriegsjahren und danach in Mitleidenschaft gezogen, mehr dazu weiter unten.

Im Oktober 1918 der Waffenstillstand von Mudros, dann die Besetzung (auch des Kernbereichs) des Osmanischen Reichs durch Truppen der Entente-Mächte Grossbritannien, Frankreich, Italien und Griechenland54. Konstantinopel/ Istanbul und die Region darum herum (Marmara-Region) wurde durch die vier Mächte gemeinsam besetzt55, die alle auch ihre Besatzungs-Zonen sonstwo im Reich hatten. Der machtlose Sultan und die Regierung wurden abgesetzt, ein neuer Sultan und neue Regierungen kamen. Nun kam auch der liberale Flügel der Jungtürken zum Zug, etwa mit Damat F. Pascha (bosniakischer Herkunft), der 1919/20 zwei Mal Grosswesir/Premierminister war. Sultan und Regierung wirkten aber unter dem Regime der Besatzungstruppen, also mit beschränkten Möglichkeiten. Britische Truppen waren “tonangebend” in der Marmara-Region, hielten ausserdem Ägypten, Mesopotamien, Palästina, Transjordanien, die arabische Halbinsel (und einige Jahrzehnte bereits Zypern). Die Franzosen hielten Kilikien sowie Syrien (inklusive Antiochia-Gebiet und Libanon). Truppen aus Griechenland und Italien kamen 1919, zum Einen wie gesagt in den Raum um Istanbul. Zum Anderen: Die Italiener in eine Zone in Südwest-Anatolien; die Griechen (1919) nach Smyrna und (1920) nach Ost-Thrakien.

Griechische Soldaten in Konstantinopel, nach dem 1. WK… nach beinahe 500 Jahren wieder. Wobei: die Beteiligung von Soldaten aus Griechenland an der Besetzung der Stadt war marginal56 und die Griechen hatten in den Jahrhunderten davor, als Teil der Oberschicht, über die Stadt wohl mit-geherrscht. Das Osmanische Reich lag am Boden, war besetzt, die Auflösung der osmanischen Streitkräfte wurde in die Wege geleitet, und die Äusserungen von Führern der Entente-Staaten bestätigten, dass es zu gravierenden territorialen Änderungen kommen werde, das Osmanische Reich stark verkleinert werde. Und die Griechen waren in einer noch günstigeren Position als die Armenier oder Kurden, schliesslich hatte Griechenland einen kleinen Beitrag zu den Kriegsbemühungen der Entente geleistet. Würde es also zur finalen Enosis kommen? Thrakien und das Gebiet um Smyrna (Ionien) wurde von Truppen Griechenlands kontrolliert, die auch in Konstantinopel waren. In diesen Gebieten sowie im Pontus und in Kappadokien gab es grosse und tief verwurzelte griechische Bevölkerungsggruppen. In Konstantinopel und Smyrna gab es damals eine grössere griechische Bevölkerung als in jeder Stadt Griechenlands inkl. Athen.

Orthodoxer Patriarch zur Zeit des Kriegs war “Germanus V.” (Georgios Kavakopoulos), genauer von 1913 bis 1918. Auch unter osmanischen Griechen gab es die Polarisierung zwischen Venizelisten und Royalisten, besonders unter jenen in Konstantinopel. Und mit dem Mudros-Waffenstillstand und dem was darauf folgte, waren die politischen Rahmenbedingungen für die osmanischen Griechen ganz neu. Patriarch Germanos wurde in dieser Situation von seinen Leuten zum Rücktritt gedrängt, im Oktober 1918. Die pro-venizelistische grecophone Istanbuler Presse hatte sich auf Germanos eingeschossen, dem man vorwarf, zu wenig politisch und energetisch zu sein, mit den Jungtürken Kompromisse geschlossen zu haben. In der Georgskirche im Phanar wurde vereinbart, die Wahl eines neuen Patriarchen bis zu einer dauerhaften Friedensregelung aufzuschieben. Einstweilen wurde der Erzbischof von Brussa/Bursa, Dorotheos Mammelis zum amtierenden, provisorischen Patriarchen bestellt. Diese(s) Interregnum/ Vakanz dauerte immerhin bis 1921. Der locum tenens Mammelis stattete nach seiner Wahl dem ebenfalls ziemlich neuen Sultan, Mehmet VI. (es sollte der letzte sein), einen Besuch ab. Der Sultan begrüsste ihn freundlich und versprach, alle osmanischen Bürger ungeachtet der Religion gleich zu behandeln. Viel Gelegenheit dazu hatte er aber nicht, vielleicht schade… Dorotheos war der letzte Patriarch (falls er als solcher zu sehen ist), der die Anerkennung eines Sultans bekam, aber der erste seit 1453, der auch ohne diese Anerkennung amtieren hätte können! Seine Nachfolger waren wieder auf die Akzeptanz türkischer Behörden angewiesen, jene der Republik dann.

Damals glaubten die meisten Griechen in Griechenland und im (noch bestehenden) Osmanischen Reich daran, dass die Megali Idea nun bald Realität werden würde. An eine Koexistenz mit Türken (auf Grundlage einer echten Gleichberechtigung) glaubten nur wenige Griechen. Dem Patriarchat kam bei den von den meisten Griechen erhofften Entwicklungen eine historische Rolle zu. Die politische Führungsrolle für die Volksgruppe, die es unter osmanischer Herrschaft bekommen hatte, kam nun (in der Phase zwischen den Waffenstillständen von Mudros ’18 und Mudanya ’2257) wahrscheinlich noch stärker zu Tragen. Unter Griechen war und ist kein Nationalismus unter Ausblendung der orthodoxen Kirche möglich. Und nach dem 1. WK waren auch die Beziehungen zwischen Athen (also griechischer Regierung) und Phanar (Patriarchat) ausgezeichnet. Und der amtierende Patriarch, Dorotheos, äusserte seine Überzeugung, die einzige Lösung für den Hellenismus (das Griechentum) in der “Türkei” liege in der “byzantinischen Lösung”.

Die Stimmung der Griechen Konstantinopels/Istanbuls kam beim begeisterten Empfang der Flotte der Entente/Alliierten im November 1918 gut zum Ausdruck. Zum ersten Mal seit 1453 war die Stadt nicht mehr in türkischen Händen.58 Das Millet-System, das den Beginn der Abtrennung griechischer Gebiete vom Osmanischen Reich gut ein Jahrhundert überlebt hatte, kam nun zu einem Ende, davon waren die Meisten damals überzeugt. Griechische Truppen waren wie erwähnt an der Besetzung Istanbul (18-23) beteiligt. Die Ankunft des Panzerkreuzers “Georgios Averoff” 1919 wurde wiederum von der griechischen (und armenischen) Bevölkerung der Stadt enthusiastisch begrüsst.59 Erster griechischer Hochkommissar in Istanbul/Konstantinopel wurde Efthymios Kanellopoulos (1919-21). Griechische Marine-Soldaten patrouillierten durch Teile der Stadt, das Patriarchat wurde durch ein kretisches Regiment beschützt. Eine griechische Flagge wurde über dem Patriarchat gehisst, ein grosses Bild von Venizelos am Taksim-Platz im Viertel Pera/Beyoglu aufgestellt.60

Griechische Soldaten/Polizisten aus Kreta im Patriarchat

Auch Ost-Thrakien und Ionien waren von Truppen des „alten Hellas“ besetzt. Das Sagen hatten aber die führenden Entente-Mächte Grossbritannien und Frankreich, und die Zukunft der Region war noch in der Schwebe. 1918/19 gab es Konsens darüber, dass Istanbul und die Region mit den Meerengen auf Dauer internationalisiert (also unter Kontrolle dieser Mächte gestellt) werden sollte, was den meisten Griechen wahrscheinlich nicht Unrecht war. In dieser Phase vollzog sich eine innere Ablösung der Griechen Konstantinopels (in Smyrna war es vermutlich ähnlich) von der Zugehörigkeit zu einem türkischen Staat. Das Patriarchat liess den Unterricht von Türkisch in griechischen Schulen Konstantinopels im Jänner 19 abschaffen. Im März 19 wurde in den orthodoxen Kirchen der Stadt eine Resolution für die Vereinigung mit Griechenland verkündet. Die Autonomie ihre eigenen Angelegenheiten betreffend, die ihnen unter osmanischer Herrschaft gewährt worden war, war in der Zeit 1918-22 für die Griechen Konstantinopels grösser geworden. Es bestimmte das Patriarchat, unter Einbeziehung der Notabeln der Gemeinschaft (es bildete sich ein “Nationales Komitee”).

Die ziemlich machtlose Sultans-Regierung von Ahmet Tevfik Pascha (1918-19, 1920-22) versuchte gute Beziehungen zu den Griechen des untergehenden Reichs aufrecht zu erhalten, sie einzubinden. Tevfik bot dem griechischen Abgeordneten im osmanischen Parlament, Kostaki Vayianis (früherer Gouverneur von Samos) einen Ministerposten (jenen für Handel) an, was der annahm. Er ernannte andere osmanische Griechen in Positionen der Verwaltungsbehörden. Doch, im Jänner 1919 verlangte das Patriarchat von osmanischen Griechen in der Politik (Minister, Abgeordnete,…) und Verwaltung (Beamte), ihre Ämter niederzulegen. Vayianis, der Grieche in der wahrscheinlich höchsten Position, trat hier, nach wenigen Monaten im Minister-Amt, zurück. Aristidis Georgantzoglou lehnte das Angebot ab, sein Nachfolger zu werden. Was weniger ein Affront war: die griechischen Abgeordneten um Emmanuelidis forderten vor ihrem Abgang aus dem Parlament die Strafverfolgung der Jungtürken-Führer, unter denen die Armenier mehr als alle Anderen gelitten haben – dies wurde damals unter den Briten auch in die Wege geleitet. Von März 19 an verweigerte das Patriarchat unter Mammelis Kontakte mit dem Sultan oder der osmanischen Regierung, und forderte die Griechen auf, auch nicht an Wahlen teilzunehmen (1919 die letzte Wahl zum osmanischen Parlament).

1919 warnte sogar der griechische Hochkommissar Kanellopoulos die Konstantinopoler Griechen davor, die Gunst der Stunde nicht zu strapazieren, das Schicksal nicht herauszufordern, von provokativen Akten abzusehen. Genau das dürfte aber vor sich gegangen sein… Für die Türken und anderen Moslems Konstantinopels und des Reichs bedeutete diese Zeit (die etwa mit der Jungtürken-Revolution begann und mindestens bis in die 1930er ging, mit dem was die Gründung der Republik nach sich zog) auch eine der enormen Umwälzungen und Verunsicherungen. Gerade in der Hauptstadt wurde die Atmosphäre zwischen den Bevölkerungsteilen (Christen-Moslems, grob geteilt) zunehmend polarisiert. Aus der Sicht der betreffenden Griechen (und Armenier,…) ging es aber darum, nun endlich den Status als Bürger zweiter Klasse abzulegen. Mit Hilfe der eingefallenen Westmächte, gegen die moslemischen Landsleute, vereinfacht gesagt, und auf eine Abtrennung ihrer Gebiete vom Osmanischen Reich (oder einem Nachfolgestaat) abzielend. Aber es gab damals auch ausgestreckte Hände von türkischer Seite, Bemühungen um eine tiefgreifende Reform, nicht gegen die Minderheiten, wie sie dann unter Atatürk kam.61

Währenddessen begannen die Entente-Mächte in Paris, die Zukunft des Osmanischen Reichs (und der anderen Mittelmächte des 1. WK) zu debattieren (1919/20). Neben einer Delegation aus Griechenland unter Venizelos war auch eine Delegation von Griechen aus Istanbul dort. Griechenlands Regierungschef Venizelos war fest entschlossen, jetzt ein Gross-Griechenland zu realisieren, nie war die Gelegenheit so günstig, nie würde sie wieder so sein. Was Konstantinopel/Istanbul betraf, Venizelos hat in dieser Zeit nach dem 1. WK keine Ansprüche auf diese Stadt gestellt, weder in Paris noch in anderem Kontext. Wobei, wenn das thrakische Hinterland erst einmal Teil Griechenlands war (zu diesem Zeitpunkt war das weder der westliche noch der östliche Teil), und wenn die Stadt unter internationaler/westlicher Herrschaft blieb, würde die grosse griechische Bevölkerungsgruppe in Konstantinopel ohnehin die Stadt dominieren, so erwartete man.62 Griechenland (unter Venizelos) beanspruchte Smyrna und sein Umland, ganz Thrakien, die Ägäis und ihre Inseln und Nord-Epirus.

Im Endeeffekt hat Griechenland all das dann zugesprochen bekommen, ausser Nord-Epirus. In „Extremvarianten“ der Megali Idea waren nicht nur die in Sevres zugesprochenen Gebiete Teil Griechenlands, sondern auch Istanbul, Zypern (damals britisch), der Dodekanes-Archipel (italienisch) und (weitere) Teile des westlichen Anatoliens. Und dann wären noch immer die Kappadokien- und die Pontus-Griechen draussen geblieben. Alexandris schreibt dass die venizelistische Politik davon ausging, dass die neuen griechischen Territorien relativ homogen griechisch bevölkert sein würden, aufgrund freiwilliger Inter-Migrationen, also von Moslems aus Nord-Griechenland (oder auch Kreta) in das Rest-Sultanat, Griechen aus abgelegenen Gebieten in Anatolien nach Gross-Griechenland… Bei Allem, und das war die Crux an diesen Plänen und Wünschen, war Griechenland auf das Wohlwollen und die Unterstützung der grösseren Entente-Mächte (GB und Frankreich) angewiesen; sein eigenes Militär war zu schwach.

Im Mai 1919 die Landung, das Einrücken griechischer Truppen in Smyrna, gemäß der Absprache mit GB/Frankreich. Der Kreter Aristeidis Stergiadis wurde von Premier Venizelos zum Zivilverwalter ernannt, blieb das bis zum Ende 1922. Smyrna war im 11. Jh von den Seldschuken erobert worden, hier kam also nach etwa 900 Jahren wieder eine griechische Herrschaft. Man kann vermutlich viel über den Charakter der griechischen Herrschaft in Ost-Thrakien und Smyrna mit Hinterland (Ionien) schreiben, was sie für Nicht-Griechen bzw Nicht-Christen bedeutete. Die Landung der Griechen in Smyrna (wo Griechen wahrscheinlich in der Mehrheit waren) wird jedenfalls zT (von Türken) als Beginn des (Griechisch-Türkischen) Krieges gesehen, soll hauptverantwortlich für die Entstehung “türkischen National-Bewegung” unter Mustafa Kemal Atatürk gewesen sein. Im November ’19 wurde im Friedensvertrag der Entente-Mächte mit Bulgarien in Neuilly Griechenland West-Thrakien zugesprochen.

Smyrna 1919

Nun erst gab es eine Land-Verbindung griechischen Territoriums bis zur osmanischen Grenze. Die Maritsa/ Mariza trennt West- von Ost-Thrakien, war 1913 nach dem bulgarischen Gewinn West-Thrakiens Grenzfluss des Osmanischen Reichs geworden. Ein kleiner (und freiwilliger) Bevölkerungsaustausch folgte dem Gebietstransfer 1919 (Bulgaren aus dem nun griechischen West-Thrakien nach Bulgarien, Griechen nach Griechenland). 1920 der Einmarsch der Griechen in Ost-Thrakien, die Region mit dem Zentrum Adrianopel/Edirne wurde ihnen nach dem Weltkrieg von den führenden Entente-Mächten zugesprochen. Blieb wie Ionien bis 1922 unter griechischer Herrschaft. Wobei: Der gesamte östliche Teil Ost-Thrakiens war und blieb Teil der Entente-Besatzungszone um Istanbul (die entmilitarisiertes osmanisches Gebiet werden sollte). Diese Zone beinhaltete die Halbinsel Gallipoli/Gelibolu/Kallipolis (ist ein Teil Ost-Thrakiens) und das westliche Hinterland von Konstantinopel; die griechische Zone ging bis Catalca/Kataldja an der Stadtgrenze Istanbuls.

Nationalpakt 1920

Eigentlich war es angesichts der Entwicklungen in und um das Osmanische Reich, seinem semi-kolonialen Status, nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem grösseren Aufbegehren von Türken kam. Der dann “Atatürk” Genannte stammte aus (einer türkischen Familie in) (Thes)saloniki/ Selanik, sprach gut Griechisch. Die Geschichte ist bekannt, wie er sich 1919 der Auflösung des osmanischen Militärs, mit der er betraut wurde, widersetzte, zusammen mit anderen Offizieren, im Inneren Anatoliens neue militärische Einheiten formte. Das letzte osmanische Parlament wurde im Dezember 19 gewählt, was auf eine Einigung der Atatürk-Bewegung (in der unbesetzten Zone, in Ankara/Angora) und dem Sultan und seiner Regierung in Konstantinopel zurückging. Die Wahl brachte einen überwältigenden Sieg der Atatürk-nahen “Anadolu ve Rumeli Müdafaa-i Hukuk Cemiyeti”. Das Parlament trat im Jänner 1920 erstmals zusammen, hatte keine nicht-moslemischen Mitglieder – ein Fingerzeig. Es wurde im Frühling von den Entente-Mächten aufgelöst, kurz nachdem es den Nationalpakt angenommen hatte, mit dem die Nationalisten ihre territorialen Ziele absteckten. Die umfassten um Einiges mehr, als dann die Republik Türkei ausmacht(e): Neben Antiochia/Hatay weitere Teile Syriens (mit Aleppo/Halap), West-Thrakien, Batumi (SU/Georgien), das Mossul-Gebiet (Irakisches Kurdistan/ Mesopotamien) und Zypern.63

Atatürk organisierte darauf hin ein neues Parlament und eine Gegenregierung, in Ankara; und er gewann allmählich an Boden, gegenüber dem Sultan und “dessen” Regierung in Istanbul/Konstantinopel. Im Sommer 1920 ordnete Venizelos als griechischer Regierungschef eine Offensive von der Smyrna-Zone aus an, die Griechenland ja (international akzeptiert) kontrollierte, auch bevor sie ihm zugespochen wurde. Der griechische Vorstoss ins Innere Anatoliens sollte den Kemalisten/ türkischen Nationalisten “begegnen”, die sich in Ankara sammelten, die Smyrna-Zone absichern und wennmöglich langfristigen Schutz für Griechen in Anatolien (Pontus, Kappadokien, westliches Anatolien) bringen. Der Vorstoss führte östlich von der Smyrna-Zone heraus, nördlich der italienischen Zone (um Antalya/Adalia) vorbei, südlich der gemeinsam von Entente-Mächten besetzten Marmara-Zone. Es war anfangs ein Durchmarsch. Atatürk organisierte den Widerstand. Der Krieg begann unter König Alexandros Slesvig und Premier Eleftherios Venizelos.

Dann, im August 1920, wurde der Vertrag von Sèvres unterzeichnet; die Siegermächte des Ersten Weltkriegs beschlossen die “Zerlegung” des Osmanischen Reichs, bis auf einen anatolischen Rumpfstaat. Istanbul/ Konstantinopel blieb demnach beim Sultanat (und Hauptstadt), aber mit Vorbehaltsrechten der Entente. Griechenland bekam die von ihm gehaltenen Gebiete Ostthrakien (nicht ganz bis Istanbul, ohne einen Teil der Küste), Ionien (Smyrna und Hinterland), die Ägäis-Inseln Imbros und Tenedos, zugesprochen. Das Smyrna-Hinterland blieb gemäß Sevres-Vertrag zwar griechisch kontrolliert, de jure aber dem Sultan unterstellt, ein Referendum sollte hier über die Zugehörigkeit entscheiden. In Anatolien bekamen Frankreich und Italien Interessengebiete/Einflusszonen zugestanden, jene Gebiete die gerade von ihnen kontrolliert wurden. Das damals unabhängige (Ost-) Armenien bekam die west-armenischen Gebiete zugesprochen. Den Kurden wurde ein Staat unabhängig vom Osmanischen Reich in Aussicht gestellt, in Südost-Anatolien. Die Aufteilungen entsprachen also weitgehendst den damals aktuellen “Besatzungszonen”, nur bzgl Armenien nicht. Und, die französische Zone in Anatolien/Kleinasien schloss an das französische Syrien an, die italienische an den Dodekanes, die Griechenland zugesprochenen Gebiete an das bestehende Griechenland (über Land oder Wasser).

Die Aufteilung des Osmanischen Reichs gemäß dem Sevres-Abkommen

Der Vertrag wurde von den Repräsentanten des Osmanischen Reich unterzeichnet, aber dann nicht ratifiziert, schliesslich gab es kein osmanisches Parlament mehr; und das nicht anerkannte kemalistische war mit der Bekämpfung der Verhältnisse, die sich im Sevres-Vertrag wiederspiegelten, beschäftigt. Im Endeffekt wurden von den im Pariser Vorort beschlossenen Bestimmungen nur die Abtrennungen der arabischen Gebiete an GB und Frankreich, die Türken also nicht sehr betrafen, dauerhaft umgesetzt.64 Wobei es auch hier beim französischen Mandatsgebiet Syrien Änderungen zugunsten der späteren Türkei gab. Für Griechenland bedeutete Sevres nicht die Erfüllung aller Wünsche (Konstantinopel…), aber die Bestätigung der damaligen Verhältnisse, und das war nicht wenig. In der osmanischen Hauptstadt hätten Griechen auch eine wichtige Rolle gespielt.

Im Herbst ’20 dramatische Umwälzungen in Griechenland: der Tod von König Alexandros und die Wahlniederlage von Venizelos’ Liberaler Partei. Konstantinos kehrte, abgesegnet durch ein Referendum, auf den Thron zurück. Gounaris von der Volkspartei wurde Premier, er und König Konstantin(os) liessen den Feldzug in Anatolien fortsetzen. Die meisten osmanischen Griechen und jene in den neu zu Griechenland gekommenen Gebieten betrachteten Venizelos weiter als den “Führer” Griechenlands, konnten dem Umschwung an den Wahlurnen in Griechenland nicht folgen. Es gab einige Freiwillige aus griechischen Gemeinschaften des untergehenden Osmanischen Reichs an dem Kriegszug65, andere „spendeten nur“ Geld. Eingedenk des byzantinischen Erbes, das nun wiederbelebt werden sollte, wurde der letzte Kaiser von Byzanz, Konstantin(os) XI. Palaiologos, in diesem Krieg beschworen, “angerufen”. Der aktuelle griechische König, auch ein Konstantin, ersetzte venizelistische Offiziere durch monarchistische, Anastasios Papoulas wurde neuer Leiter des Feldzugs. Eine britische Unterstützung (unter Verteidigungsminister Churchill, ’19 – Feb ’21, unter Premier Lloyd-George) war nicht unwahrscheinlich, wurde evtl. angedeutet, wäre notwendig gewesen.66

Verwundete Griechen Sangarios

Anfang 1921 die Schlachten bei Inönü, unentschieden, erstmals kein griechischer Durchmarsch, grösserer türkischer Widerstand. Der spätere Ismet Inönü (väterlicherseits kurdischer Herkunft…) nahm seinen Nachnamen von dem Ort wo die Schlacht stattfand, an der er beteiligt war. Im Sommer 21 eine weitere Schlacht bei Ekisehir/Dorylaion, türkischer Rückzug an den Sakarya/Sangarios-Fluss bei Gordion; kein Durchkommen der Griechen, die sich etwas zurückzogen. August/September die Schlacht am Sakarya (griechische Entscheidung für den Angriff auf die letzte Verteidigungslinie vor Ankara), 21 Tage, 100 km vor Angora (Kanonendonner war dort zu hören), Türken auf den Anhöhen, Unentschieden, kein Durchbruch, kleiner Rückzug. Dann fast 1 Jahr Stillstand bis August 1922, hier war jedoch der Wendepunkt des Krieges, das Ende der Offensive. Die Entente leisteten den Griechen nicht nur keine Hilfe, sie waren, aus verschiedenen Gründen, bereits für eine Revision des Sevres-Vertrags. Papoulas trat ab, Kemal und Ismet konnten neu aufrüsten, wollten jetzt nicht mehr verhandeln; zwischendurch gab es griechische Pläne für einen Angriff auf Konstantinopel. Man kann vermutlich lange darüber diskutieren, ob die Türken die Griechen zügig weit vorstossen liessen, schneller als diese Nachschub organisieren konnten…und sie dann hart abbremsten. Oder ist der griechische Vormarsch zusammengebrochen aufgrund der Unfähigkeit der griechischen Militärführung und die Türken eigentlich nach vielen Niederlagen vor einer weiteren vor Ankara standen.

Der Ort, an dem der griechische Vorstoss 1922 zum Stillstand kam, der sich als Wendepunkt in dem Krieg erwies, hatte natürlich einen Bezug zur antiken griechischen Geschichte: Gordion… Wobei man hier sorgsam zwischen Geschichte und Legende unterscheiden muss. Es war beim Vorstoss des Makedoniers Alexander (“der Grosse”) nach Asien, durch das damals persische Kleinasien, als er 333 vC bei Gordion am Sangarios auf die Phryg(i)er stiess. Der Jahrhunderte früher “angesetzte” Phryger-König Gordios (der die Stadt Gordion gegründet haben soll) ist wahrscheinlich legendär. Und, die Legende sagt, Gordios weihte seinen Wagen mit einem unauflösbaren Knoten im Zeustempel und prophezeite, dass derjenige, der den Knoten (Gordischer Knoten) lösen könnte, die Herrschaft über Kleinasien erlangen würde; in anderen Varianten ging es um die Herrschaft über ganz Asien. Alexandros soll den Knoten mit seinem Schwert entzwei geschlagen haben; jedenfalls eroberte er Kleinasien67 und in Folge auch weitere grosse Teile Asiens, hauptsächlich Kern-Persien. Für die Griechen ging es über 2000 Jahre später um die Herrschaft von Teilen Kleinasiens. Und, vereinfacht gesagt wurden die Griechen infolge dieser Schlacht bei Gordion aus Asien hinaus getrieben.

Die kemalistischen Türken waren Ende 1920 mit ihrem Kriegszug gegen Armenien fertig und Ende 1921 mit jenem gegen die Franzosen im Grenzbereich zu Syrien (wo dann die Grenze festgelegt wurde). Und die Italiener gaben ihre Zone in Südwestanatolien 1921 auf; es heisst Italien hatte sich von Sevres auch die Smyrna-Zone erwartet und hat aus Unmut über die Festlegung dort vor dem Abzug noch kemalistische Truppen in Anatolien ausgerüstet und ausgebildet. Das heisst, Ende 21, also etwa zur Halbzeit der Pause des Kriegs mit griechischen Truppen, hatte die kemalistische Nationalbewegung nur noch die Griechen als Gegner; ja, die von Entente-Mächten gemeinsam verwaltete Zone um Istanbul gab es auch noch als Ziel. 1921/22 fuhren griechische Kriegsschiffe über die Meerengen bei Istanbul in das Schwarze Meer und bombardierten einige Städte, wie Trabzon/Trapesunt oder Samsun. Und was tat sich in der griechischen Gemeinschaft in Konstantinopel während des Krieges in Anatolien?

In der Hauptstadt des untergehenden Reichs verstärkten sich die Spannungen zwischen Christen und Moslems (hauptsächlich waren das Griechen und Türken); im Herbst 1921 kam es dort zu Erhebungen der Türken, gegen die Besetzung der Stadt und Anderes, etwa 30 000 Griechen verliessen in dieser Zeit die Stadt. Der amtierende orthodoxe Patriarch Dorotheos kommunizierte 1920/21 mit dem Oberhaupt der Anglikanischen Kirche, dem Erzbischof von Canterbury, Randall Davidson, über die Vertreibung von Türken aus Konstantinopel und die Wiederherstellung der Hagia Sophia als Kirche, was er beides befürwortete. Im März 21 starb der Übergangs-Patriarch Dorotheos in London. Anlässlich seines Tods bzw zwischen seinem Tod und der Wahl eines neuen Patriarchen wurde unter den Griechen Konstantinopels heftig über seine strikt nationalistische (soll man sagen: “separatistische”) Linie diskutiert. Es war eine Zeit der Ungewissheit bezüglich der politischen Zukunft dieser südlichen eurasischen Region und ihrer Bevölkerung. Zwar nach Sevres, aber inmitten des Kriegs den Griechenland vom Zaun gebrochen hatte, um seine Gebietserweiterungen abzusichern. Und Konstantinopel sollte ohnehin beim Osmanischen Reich verbleiben. Die Truppen der Entente/Alliierten könnten sich rasch zurückziehen, so wie die französischen und die italienischen aus Kleinasien… Deshalb war Dorotheos Mammelis’ Kurs unter den Griechen der Stadt umstritten. Zwar dürfte eine deutliche Mehrheit für diesen venizelistischen Kurs gewesen sein, aber ein auch nicht geringer Teil war für eine neutralere Politik des Patriarchats, ein weniger überheblicheres Auftreten der Griechen in der Stadt und anderswo gegenüber den Türken.

Proponenten dieses “vorsichtigeren” Lagers der Istanbuler Griechen aus der Umbruchs-Zeit nach dem 1. WK waren etwa Aristidis Georgantzoglou, die Mavrokordatos-Familie (einer der prominentesten Phanarioten-Familien), der Bischof von Chalcedon/ Kadiköy, Gregorius Zervoudakis, der ehemalige Abgeordnete im osmanischen Parlament Basil Orphanidis. Die Wahl des neuen Patriarchen im Dezember 1921 wurde ein Machtkampf der beiden Lager der Griechen der Stadt, die sich in etwa mit jenen der Venizelisten und Royalisten deckten. Gewählt wurde Emmanuel Metaxakis, ein Kreter, der auf Zypern und als Erzbischof von Athen gewirkt hatte; er nahm den Namen “Meletius IV.” an. Meletius/ Meletios war ein gemäßigter (griechischer) Nationalist/Venizelist; die griechische Regierung unter Dimitrios Gounaris versuchte seine Wahl ungültig erklären zu lassen. Und auch die osmanischen Behörden sowie (erst recht) die kemalistischen Nationalisten hatten ein Problem mit ihm. Seine Wahl verstiess gegen osmanische Gesetze aus 1454 und 1856, wonach Kandidaten Griechen aus dem Osmanischen Reich sein und von der “Hohen Pforte”68 genehmigt werden mussten.

Meletius war aber ein “Griechenland-Grieche” (ein Yunanli), und das Patriarchat überging die entsprechenden Regeln nicht nur, es erklärte vor der Wahl auch, dass diese von den “moslemischen Eroberern” aufgezwungen worden waren und nun bedeutunsglos seien. Das zeugt schön von der Sicherheit, in der “man” sich damals wog, von einer gewissen Überheblichkeit. Aber auch von der Zwickmühle, in der sich die osmanischen Griechen (besonders jene in Konstaninopel) befanden. Wenn man den Sultan um eine Bewilligung gefragt hätte, hätte das gegenüber den Kemalisten (die ja bald die Machthaber wurden) gar nichts genützt, eher den Sultan bei den Kemalisten weiter in Misskredit gebracht. Meletius war jedenfalls der letzte aus einem grösseren Kreis gewählte Patriarch… Eine Neuerung von ihm, die Bestand hatte, hatte mit dem Konflikt mit Türken nichts zu tun, er gründete 1922 die orthodoxe Erzdiözese von Amerika (Nord- und Süd-).

Im August 1922 nahmen die kemalistischen Türken nach etwa 1 Jahr Stillstand/Patt den Krieg in Anatolien wieder auf, überrannten bei Dumlupinar die griechischen Stellungen. Nikolaos Trikoupis69 und weitere hochrangige griechische Offiziere wurde dabei gefangen genommen; Trikoupis wurde Mustafa Kemal Atatürk (er konnte Griechisch, wir erinnern uns) vorgeführt, der ihn darüber informierte dass er zum Kommandant  der griechischen Truppen auf diesem Feldzug ernannt worden war, statt General Hatzianestis… Trikoupis, Digenis und andere hochrangige Kriegsgefangene kamen in ein Lager in Kirsehir/Mocissus, wurden nach dem Krieg 1923 gegen türkische Gefangene ausgetauscht. Nach dem Durchbruch von Dumlupinar war rasch klar, dass es nun um den Erhalt von Smyrna ging, der Stadt, der Zone herum, die vom griechischen Militär gehalten wurde, der Existenz der Griechen dort, aber auch jener anderswo.

Kriegsgefangene griechische Generäle

Ein Grossteil der dortigen griechischen Bevölkerung zog sich zusammen mit den Truppen aus Griechenland mit Schiffen über die Ägäis nach Griechenland zurück (Samos war eine der nächst gelegenen Inseln). Und mit ihnen die meisten Armenier aus der Gegend; Griechen und Armenier waren in diesen Jahren oft im selben Boot, bei der Evakuierung Smyrnas im wahrsten Sinn des Wortes. Am 8. September, als sich die letzten griechischen Truppen zurückzogen, kamen die ersten Elemente der kemalistischen Armee in die Stadt. Am Tag darauf begann die Disziplin unter den türkischen Truppen zusammenzubrechen… Jene Christen, die geblieben waren, hofften dass die Präsenz der britischen und französischen Flotte vor der Küste das Schlimmste verhindern würde. Darunter war Chrysosthomos (Kalafatis), der orthodoxe Erzbischof. Kalafatis stammte aus der Nähe von Konstantinopel war 1914 von den osmanischen Behörden abgesetzt worden; 1919 wurde er wieder eingesetzt. Er hatte auch mit Hochkommissar/ Gouverneur Stergiadis Schwierigkeiten, aufgrund seiner anti-türkischen Haltung, die er auch in Predigten an den Tag legte – das soll hier auch nicht unterschlagen werden.70 Am 10. September holten ihn türkische Offiziere aus “seiner” Kathedrale und lieferten ihn an Nuredin Pascha, welcher ihn von einem Mob lynchen liess. Am 13. September suchte ein Feuer die Stadt heim, gelegt von flüchtenden Griechen oder erobernden Türken, das ist nach wie vor unklar bzw umstritten.

Smyrna/Izmir 1922

Die Atatürk-Bewegung/Regierung hatte während des Kriegs zunehmend Anerkennung der Entente-Mächte gewonnen, und Sowjetrussland unterstützte ihn, auch weil GB und Frankreich die Gegenseite im Russischen Bürgerkrieg unterstützten. Griechenland wiederum war auf sich allein gestellt. Diesmal gab es kein hilfreiches Eingreifen der Westmächte wie gut 100 Jahre zuvor, im Unabhängigkeitskrieg, der am Beginn eines Prozesses stand, der nun zum Abschluss kam. Die Russische Revolution hat sich für die Türken in dieser Phase mehrmals als “Glücksfall” erwiesen. Die Griechen wurden 1922 bei Smyrna (wo Homer sein “Illias” geschrieben hatte) ins Meer getrieben. In Griechenland wurden Premier Gounaris, General Hatzianestis und Andere abgeurteilt und hingerichtet. König Konstantin dankte zugunsten seines Sohnes Georg(ios) ab. Venizelos wurde wieder Premier, 1924 gelang ihm die Errichtung der Republik (der zweiten des modernen Griechenlands). König Konstatin(os) I. hätte es wie Konstantinos Palaiologos gehen können, mehrmals; im Krieg von 1897 wurde er (in Thessalien) fast von den Türken gefangen genommen (als Kronprinz), 1921 (als König) beim Sakarya entging er einer Gefangennahme auch relativ knapp, und 1922 vor Smyrna wieder.71

Die Kemalisten kontrollierten im September 22, am Ende ihrer Kriege, den grössten Teil Anatoliens. Atatürk, seine Krieger und seine Anhänger konnten von niemandem mehr übergangen werden. Nach der Einnahme Smyrnas rückten die türkischen Truppen mit breiter Brust auf Konstantinopel bzw zunächst auf die südliche Marmara-Region (die ebenfalls unter internationaler Kontrolle war) vor.  Französische und italienische Truppen dürften bereits zuvor abgezogen sein, britische und griechische Truppen noch übrig geblieben sein. Es kam fast zu einem Krieg, doch die Briten und die Türken verhandelten dann miteinander. Im Abkommen von Mudanja/Mudanya im Oktober wurde ein Waffenstillstand vereinbart, der Abzug der britischen Truppen, die Revision des Sevres-Vertrags, die Anerkennung der Ankara-Regierung…und die griechischen Truppen wurden weggeschickt, auch aus Ost-Thrakien nun. Mit dem Mudanya-Abkommen hatten die Kemalisten auf ganzer Linie gesiegt. Sie schickten Refet Pascha (später Refet Bele) nach Konstantinopel, wo er ihr Repräsentant wurde, ihre Machtübernahme vorbereitete und die Übernahme Ost-Thrakiens von Griechenland leiten sollte. Er teilte Mehmet VI., dem letzten Sultan, und Ahmet Tevfik Pascha, dem letzten Grosswesir, mit dass sie auf Beschluss der Gegenregierung und des Gegenparlaments in Ankara zurücktreten mussten. Das war im November 22.

Mehmet Osmanoglu musste Konstantinopel verlassen (tat das auf einem britischen Schiff, lebte dann in Italien); ein Cousin von ihm wurde noch als neuer Kalif (mit rein religiösem Charakter) eingesetzt, bis 1924. Die Kemalisten in Ankara erklärten auch das Osmanische Reich für aufgelöst.72 Sie hatten in Istanbul einen Fuss in der Türe, noch nicht das Sagen. Die Exzesse in Smyrna/Izmir wenige Wochen zuvor hatten zwar in Abwesenheit von europäischen Truppen und nach einer 4-jährigen griechischen Herrschaft über die Stadt und die Region stattgefunden, was bei Konstantinopel/Istanbul nicht der Fall war, aber es gab grosse Befürchtungen unter Angehörigen der christlichen Völker in Istanbul. Es gab schliesslich unter den Armeniern und Assyrern der Stadt auch solche, die die Vertreibungen und Massaker in Ost-Anatolien erlebt/überlebt hatten, Griechen aus verschiedenen Teilen des Osmanischen Reichs, die im 1. WK und danach Übergriffe von Türken oder Kurden erlebt hatten.

Bei nationalistischen Türken hatte sich in den vergangenen Jahren einiges aufgestaut, manche wollten in dieser Phase die Vertreibung der christlichen Bevölkerung der Stadt. Die Übergabe der Macht von den Briten an die Kemalisten war eigentlich nur eine Frage der Zeit. So gab es in der Zeit vom September bis Dezember 1922 die erste grössere Ausreise-/Fluchtwelle von Griechen (von denen viele Staatsbürger Griechenlands waren) und Armeniern aus Istanbul. Es war wirklich ein wenig wie 1453 – als es zu Fluchtwellen aus der Stadt kam, und in den Jahrzehnten davor von Griechen (und Hellenisierten) aus Kleinasien in die Stadt. Aus dem byzantinischen Traum wurde ein Albtraum. Bis zum Abzug der Briten sollte es noch gut ein Jahr dauern. Die Niederlage in Anatolien und die Vertreibung/Flucht aus Smyrna/Izmir (“Kleinasiatische Katastrophe”, Μικρασιατική Καταστροφή) und der Verlust des zugesprochenen Ost-Thrakiens waren jedenfalls nicht Alles was die Griechen in diesen jahren einstecken mussten. Es gab in den Jahren 1914-1922 Massaker an der griechischen Zivilbevölkerung in Anatolien, v.a. im Pontus-Gebiet, das fernab der griechischen Staatlichkeit und europäischer Interventionen lag, aber zeitweise zusammen mit den Armeniern verwaltet wurde; weniger in Kappadokien,…

Matthaios Kofidis, ein früheres Mitglied des osmanischen Parlamants, wurde etwa 1921 (während des Griechisch-Türkischen Kriegs) in Amasya gehängt, neben anderen griechischen Notabeln der Gegend. Treibende und ausführende Kräfte waren die bis Kriegsende regierenden Jungtürken und dann die kemalistische Nationalbewegung. Gemäß den weit divergierenden Quellen wurden mehrere hunderttausend osmanische Griechen in dieser Zeit getötet. Hinzu kommt die Zerstörung von Kirchen und anderen Immobilien, Diebstahl von Eigentum. Es wird auch von einem “Griechischen Genozid” für diese Phase gesprochen. Es gab aber Massaker von beiden Seiten, und immer war es eine “Antwort”, eine “Reaktion” auf etwas. Aus dem Pontus/Schwarzmeer-Gebiet flüchteten nicht wenige Griechen in den russischen Bereich (wo damals die SU entstand).73 Die Aussiedlung der meisten Griechen aus der Türkei 1923, aufgrund eines internationalen Abkommens, wird teilweise als Teil dieses Genozids gesehen.

Jungfrauen-Kirche in Nicäa/Iznik, 1920/22 zerstört

Einige Zahlen: Vor dem 1. WK gab es circa 300 000 Griechen in Istanbul/Konstantinopel, das war etwa ein Drittel der Bevölkerung der Stadt. Sie lebten v.a. im europäischen Teil (Phanar, Pera), waren in manchen Bereichen dominant. Zu dieser Zeit hatte Istanbul 1 Million und nicht 15 Millionen Einwohner. Während der Präsenz westlicher Truppen, des Krieges in Anatolien und der Übergriffe v.a. im Pontus-Gebiet, also nach dem “Weltkrieg”, wuchs die griechische Bevölkerung auf 400 000 an. Die christliche Bevölkerung der Stadt wurde ergänzt durch Armenier, Assyrer (v.a. Syrisch-Orthodoxe), Westler (konfessionell Katholiken, Protestanten) und kleinere Gruppen östlicher Christen (wie Maroniten). Christen gab es vor dem Krieg etwa 500 000 in der osmanischen Hauptstadt, sie machten etwa die Hälfte der Bevölkerung aus. Moslems (hauptsächlich natürlich Türken und Türkisierte) demnach auch etwa 50%. Hinzu kamen noch die Juden. Es gibt einige Unsicherheiten und Abweichungen bezüglich dieser Zahlen, was u.a. mit “Meinungsverschiedenheiten” bezüglich den Grenzen der Stadt zu tun hatte. Der Anteil der Griechen an der Gesamtbevölkerung des Reich lag bei irgendwas zwischen 5 und 10 % (1,8 Millionen in absoluten Zahlen), auf dem Gebiet der späteren Türkei (O-Thrakien & Anatolien) bei etwa 15%.

Es gab in Zentral-Anatolien eine griechische Gemeinschaft, die zur Zeit der Aussiedlung aufgrund des Lausanne-Vertrags 100-150 000 Menschen zählte: Die Karamanli-Griechen (auch Karamanlides, Karamanlis) oder Kappadokien-Griechen im Raum um Caesarea/Kayseri. Möglicherweise sind das streng genommen zwei verschiedene Gemeinschaften. Kappadokien/Kappadokia und Kara(h)man/ Caramania bezeichnen in etwa das selbe Gebiet. Unter der türkischen Karamaniden-Herrscherdynastie entstand im späteren Mittelalter in Kleinasien ein Fürstentum (Beylik), das dann dem Osmanischen Reich eingemeindet wurde. In diesem gab es dann die Provinz (Eyalet) Karaman, die 1864 zur Provinz Konya wurde. Diese osmanische Provinz umfasst 5 heutige türkische Provinzen. Das Besondere an diesen Griechen (für die der orthodoxe Bischof von Kayseri zuständig war) war ihre Isolation von anderen Griechen und dass sie türkisch-sprachig (turkophon) waren. Sogar ihre Gottesdienste wurden in der Regel in (osmanischem) Türkisch abgehalten, und sie haben Türkisch in griechischen Buchstaben geschrieben. Sprachliche und genetische/ethnische Entwicklung korrelieren nicht zwangsweise miteinander…74

Aufgrund dessen hatten sie eine niedrige Stellung unter Griechen inne. Ein Teil der Karamanli-Griechen ist sogar zum Islam übergetreten – und damit zu Türken geworden. Es gab im 19. und 20. Jh auch eine Binnenmigraton von ihnen, hauptsächlich nach Istanbul. In dieser Zeit wurden diese Griechen auch “Objekt einer Rivalität” zwischen griechischen und türkischen Nationalismen sowie Historiographien; siehe dazu den Text von G. Göktürk. Die einen sahen sie als (in osmanischer Zeit) türkisierte Griechen, die anderen als (in byzantinischer Zeit) christianisierte Türken. Bezüglich ihrer Herkunft gibt es diverse Theorien. Ihr Siedlungsgebiet war etwas südöstlich von dort, wo die griechische Armee 1920-22 hin kam. Der grösste Teil wurde 1923 ausgesiedelt. Ein kleiner, pro-türkischer Teil der Kappadokien/Karaman-Griechen blieb aber in der Republik Türkei. Und gründete eine neue Kirche. Treibende Kraft dabei war Efthymios Karahissaridis, ein Karamanli-Grieche, der 1915 griechisch-orthodoxer Priester wurde. Als sich in den “Besatzungsjahren” das Verhältnis zwischen Griechen und Türken dramatisch verschlechterte, nahme er gegen den griechischen Irredentismus (die Megali Idea) und auch direkt gegen das Patriarchat in Konstantinopel (die diesen unterstützte) Stellung.

Er begann die Kemalisten zu unterstützen und versuchte unter den Karamanlides für diese Sache zu “missionieren”. Papa (Vater, Priester) Eftim(ios) änderte seinen Namen, zunächst auf “Hisaroglu”, nachdem er das noch immer zu griechisch fand, nannte er sich “Zeki Erenerol”. Im September 1922, am Ende des griechischen Feldzugs, gründete er in Kayseri die “Türkisch-Orthodoxe Kirche”, mit sich als Patriarchen (“Eftim I.”). Die wenigen Anhänger, die Karahisaridis/Erenerol unter den Karamanli/ Kappadokien-Griechen gewannen, verlor er grossteil durch den griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch von 1923. Auch der “Patriarch” hätte eigentlich nach Griechenland aussiedeln müssen, aufgrund seiner protürkischen Haltung bekamen er, Verwandte und Unterstützer Genehmigungen zu bleiben (es soll sich um etwa 60 Leute gehandelt haben). Sie zogen aber 1923 aus Kayseri nach Istanbul um, agitierten dort gegen Patriarch Meletios. “Eftim” war ein Aussenseiter unter den Karamanlides, mit seinem radikalen Bekenntnis zum Türkentum, bei Verbleib im orthodoxen Glauben; und doch hat er wahrscheinlich einen gewissen Zug ihrer Mentalität zum Ausdruck gebracht.

Ende November 1922 begannen dann die Verhandlungen in Lausanne zwischen dem Königreich Griechenland und der nationaltürkischen Führung, unter Vermittlung/Leitung von Vertretern der Entente/Alllierten, hauptsächlich GB. Nach langen Monaten des Tauziehens wurde im Juli 1923 der Vertrag unterzeichnet. Hauptverhandler waren Eleftherios Venizelos and Ismet Inönü75, für die Briten Aussenminister George Curzon, der auch schon anderswo über Grenzen und Bevölkerungen entschieden hatte. Ein Bevölkerungsaustausch zur Lösung bestehender Konflikte und Verhütung kommender war bereits vor Beginn der Konferenz in der Schweiz ein Thema; der Norweger Fridtjof Nansen hatte, als Beauftragter des Völkerbundes, so etwas nach der Smyrna-Katastrophe im September 1922 vorgeschlagen. Und auch von türkischer Seite war so etwas gefordert worden, bezüglich der Griechen von Konstantinopel. Bei der Konferenz kam dies dann als Forderung der türkischen Delegation, erweitert um die Entfernung des orthodoxen Patriarchats aus der Stadt (ein Transfer auf den Berg Athos wurde  vorgeschlagen). Für die griechische Seite kam so etwas nicht in Frage; die Aufgabe von Ionien, Ostthrakien, den Ägäis-Inseln Imbros und Tenedos76 stand schon vor den Verhandlungen gewissermaßen fest, weitere Konzessionen wollte man vermeiden.

Ausserdem glaubte man, dass eine Ausweisung des Patriarchen bzw Abschaffung des Patriarchats eine Massenauswanderung der Griechen der Stadt zur Folge hätte. Griechenland hatte damals bereits etwa 1 Million griechischer Flüchtlinge (aus Smyrna, O-Thrakien,…) zu betreuen, zu integrieren. Griechenland brachte als Priorität das Bleiben der Griechen und des Patriarchats in Istanbul ein, war dafür bereit, die Aussiedlung aller anderen Griechen zu akzeptieren. Die Türken wären bereit gewesen, die Kappadokien-Griechen zu “behalten”, um sie an die Türkisch-Orthodoxe Kirche zu binden; hier zog Hellas die Aufnahme/Aussiedlung vor. Die Gespräche standen einige Male am Rande des Abbruchs…und damit die Region am Rande eines neuen Kriegs. Schliesslich kam der Handel zustande, den (etwa 300 000) Istanbuler Griechen das Bleiben zu ermöglichen (samt des Patriarchen), und im Gegenzug das der Türken in West-Thrakien. Alle anderen Griechen und Türken sollten ausgesiedelt werden aus dem jeweils anderen Staat. Gefeilscht wurde zB über die Frage der Wehrpflicht für verbliebene Türken/Moslems in Griechenland und Griechen/Christen in der künftigen Türkei. Dabei wurde über die diesbezüglich in den Jahrzehnten davor praktizierte Toleranz gestritten.77 Schliesslich wurde beschlossen, dass die Wehrpflicht für beide Minderheiten-Gruppen (weiterhin) gelten sollte.

Der Vertrag von Lausanne wurde im Monat nach seiner Unterzeichnung auch vom Ankara-Parlament ratifiziert. Er brachte die Anerkennung der Resultate der kemalistischen Kriegszüge, die Aufhebung des Sevres-Vertrags, die Wiederherstellung der vollen Souveränität der Türken, in einem verkleinerten und nun republikanischen Staat, der weiterhin stark militarisiert und autoritär war, im Endeffekt minderheitenfeindlicher als das Osmanische Reich. Was die Überwachung der Lausanne-Beschlüsse bezüglich Minderheitenschutz betraf: Es wurde zwar eine Gemischte Kommission mit Vertretern der 3 Vertragsparteien eingerichtet, für Nachverhandlungen und Ähnliches, aber die Türkei verbat sich effektive Schutzmaßnahmen diesbezüglich, als “Einmischung”. Die nicht-moslemischen Minderheiten müssten sich nur an die Gesetze der Republik halten, hiess es. Wobei es hier tatsächlich eine Umstellung geben musste, von Megali Idea – Ambitionen, die eben noch aktuell waren. Und die starke Mitwirkung der Griechen in Konstantinopel (die bleiben würden) daran hatten die Türken nicht vergessen.

Das Lausanne-Abkommen brachte die Gründung der Republik Türkei, den Abzug der letzten Besatzer, die türkische Wieder-Aneignung Konstantinopels, den Bevölkerungsaustausch. Die Proklamation der Republik Ende Oktober ’23 war nur die Offizialisierung der bestehenden Machtverhältnisse. Im selben Monat zogen die Briten78 als letzte Besatzungsmacht aus Konstantinopel/Istanbul ab; einige Griechen und Armenier gingen mit, bzw verliessen das Land anlässlich dieses Abzugs. Und, am 6. 10. der Einzug des kemalistischen/nationaltürkischen Militärs in der Stadt, das von der moslemischen Bevölkerungshälfte der Stadt enthusiastisch begrüsst wurde. Es gab kleinere Übergriffe und Zusammenstösse, nichts Gröberes.79 Die türkische Presse schrieb (mit Genugtuung) von der zweiten Eroberung Istanbuls (470 Jahre nach der durch die Osmanen), was gar nicht so daneben war – schliesslich sah die christliche Bevölkerungshälfte das auch so ähnlich. Die Schlachten hatten aber nicht in Istanbul und Umgebung stattgefunden, sondern in Anatolien (Gordion, Dumlupinar,…).

Im Rahmen des Bevölkerungsaustausches wurden etwa 1,5 Mio. Griechen aus dem Gebiet das die Türkei wurde (aus Ost-Thrakien, Ionien, Pontus, Kappadokien, Marmara-Gebiet, Kilikien) nach Griechenland ausgesiedelt, und 500 000 Türken aus Kreta, Süd-Epirus, Makedonien in die Gegenrichtung. Bleiben durften die Griechen in Istanbul, Imbros, Tenedos sowie die Türken in West-Thrakien. Wobei in diesen Jahren ja auch Griechen aus der ehemaligen osmanischen Haupstadt gingen, hauptsächlich Wohlhabende. Und wie wurde “Griechen”, “Türken”, “in Istanbul”, “in Westthrakien” definiert? Griechen die vor dem Oktober 1918 (Mudros-Waffenstillstand, Kriegsende) in Istanbul/Konstantinopel (innerhalb der 1912 definierten Stadtgrenzen) niedergelassen/ “etabliert” waren, sollten also nicht ausgesiedelt werden. Und auch nicht Moslems wohnhaft in Westthrakien, wie es im Vertrag von Bukarest 1913 (der den 2. Balkankrieg beendete) definiert war.80 Es wurde also jene Gruppen definiert, die bleiben durften, nicht jene die gehen mussten.

Und es wurde teilweise über Religion, teilweise über Ethnizität definiert. Es mussten die Karamanlides/Karamanlılar/Karamanlis gehen, obwohl sie Türkisch-sprachig waren. Es mussten die Hayhurum (nach Griechenland) gehen, griechisch-orthodoxe Armenier aus Anatolien, deren Wurzeln bzw Ethnizität ebenso unklar/umstritten sind/ist.81 Es waren auch orthodoxe Georgier oder Syrer unter den Ausgesiedelten. Und: Die Moslems aus Griechenland die in die Türkei mussten, schlossen auch Albaner, Pomaken, Sinti, Aromunen oder die griechisch-sprachigen Vallahades mit ein. Aber auch unter Griechen und Türken die damals nicht zwangs-umgesiedelt wurden, gab es solche Assimilationen, ein solches Aufgehen, über viele Jahrhunderte hinweg…82 Die Pontus-Griechen waren zT schon vor dem Austausch gegangen (bzw geflüchtet), und nach Sowjetrussland. Dort und in Kappadokien (weniger in Ionien,…) gab es aber auch Leute griechischer Herkunft, die der Aussiedlung entgingen, da ihre Vorfahren bereits zum Islam konvertiert waren. Es entgingen dem zwangsweisen Bevölkerungsaustausch auch die Türken auf Rhodos (da der Dodekanes damals noch italienisch war), und die orthodoxen Syrer im Antiochia-Gebiet (das damals noch französisch war).83

Es gab eine Dichotomie bei den Aussiedlern wie auch bei den Dableibern. Was die Griechen/Orthodoxen zurückliessen, hatte einen weit grösserern Wert als der Besitz den die Türken/Moslems in Griechenland lassen mussten, und nicht nur weil erstere Gruppe gut 3x grösser war als die zweitere. Und, die Griechen in der Türkei, das war nun das Bürgertum von Istanbul (nicht mehr die Hauptstadt, aber weiterhin die Metropole), die Türken in Griechenland waren Bauern im abgelegenen Westthrakien. Gut, Imbros und Tenedos, lange von Griechen dominiert (die ja auch bleiben durften), sind auch agrarisch dominiert. Es kam auch zu direktem Aufeinandertreffen zwischen Ausgesiedelten und Bleibenden. Die Griechen aus Ost-Thrakien verliessen die Türkei über den Maritsa-Grenzfluss, ins griechische West-Thrakien (auch schon vor dem Aussiedlungsabkommen) – wo sie auf die dortige türkische Minderheit trafen. Türken aus Kreta wiederum wurden bevorzugt an von Griechen verlassene Dörfer an der Ägäis-Küste angesiedelt.

Es sind bei diesen Aussiedlungen (besonders jener der Griechen) Parallelen zu anderen solchen festzustellen, etwa jenen von Deutschen aus Osteuropa (zB aus Polen) nach dem 2. WK: Die Initiatoren wollten damit künftige Konflikte aber auch künftige Ansprüche und Illoyalitäten verhindern, auch bestrafen. Und diese Wechselwirkung von “Nicht als gleich akzeptiert werden” und “Illoyal sein”. Die gebliebenen Minderheiten wurden von den jeweiligen Staatsvölkern als (potentielles) “Trojanisches Pferd” gesehen, auch das ist “klassisch”. Auch bei jenen Deutschen in osteuropäischen Staaten, die nach 1945 blieben, musste nach einer der Phase der Entfremdung wieder Vertrauen aufgebaut werden. Dann wurden die Ausgesiedelten nicht immer und überall wirklich willkommen geheissen in der neuen Heimat, wo ihnen doch eigentlich Solidarität (als Landsleute, die Opfer eines Feindes geworden waren) entgegen strömen sollte. Aber zum Einen wurden sie auch als Konkurrenten gesehen (um Wohn-, Arbeitsplätze,…), zum Anderen genau mit diesem Feind assoziiert, Ähnlichkeiten mit diesem ausgemacht. “Volksdeutsche” die aus Ostgebieten nach Ost- und Mitteldeutschland strömten, wurden dort teilweise als “Polacken” gesehen… Und so haben manche Griechen oder Türken an den Einwanderern “bemerkt” dass diese etwas “Türkisches” bzw “Griechisches” hätten.84 Und in vielen Fällen haben die “Aussiedler” retrospektiv auch Gemeinsamkeiten mit ihren früheren “Nachbarn” entdeckt.85

Jener Aspekt des “Mübadele” (türkische Bezeichnung für den Bevölkerungsaustausch) wo es zu Streitigkeiten kam, war die Frage der in Istanbul ansässigen Griechen. Es ging um Jene, die sich nach dem (Stichtag) 30. Oktober 1918 dort niedergelassen hatten und um jene, die nicht bei den osmanischen Behörden als dort wohnhaft gemeldet waren. Dieser Streit wird als jener um die “Etablis” bezeichnet, aufgrund der Bezeichnung “etablis” im französischen Originalversion des Lausanne-Vertrags für “niedergelassen”. Natürlich wollte die türkische Seite die Zahl der Dableiber möglichst klein halten und die griechische sie möglichst gross. Und dementsprechend wurden um Definitionen gerungen, sofern diese nicht im Vertrag festgelegt waren. Der Streit um die Definition von „etablis“ bzw die “Etablis” (wer ein legitimer griechischer Istanbuler war, dort ansässig) ging zunächst bis 1930, spielte dann 1964 wieder eine Rolle. Daneben wurde auch um griechische Istanbuler gestritten, die nach 1918 die Stadt verlassen hatten, und nun zurückkehren wollten.

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Griechen in der Republik Türkei und die Beziehungen Griechenland-Türkei

Die neu gegründete Republik Türkei verstand (versteht) sich als türkischer Nationalstaat, westlich, säkular, souverän, homogen, von Mustafa K. Atatürk (“Vater der Türken”, wie er sich seit 1934 nannte) erkämpft, gegründet, geführt, mit der CHP als Staatspartei, starker Stellung des Militärs. Die totale Orientierung am Westen, ohne Ausgleich mit seinen Nachbarn im Westen (Griechenland, Bulgarien). Die Antithese zum Osmanischen Reich in manchen Aspekten, in anderen seine Fortsetzung. Die Staatsideologie von Ziya “Gökalp” (auch ein Künstlername), der eigentlich Kurde war. Die aus Anatolien und Ost-Thrakien bestehende Türkei war/ist eigentlich von einem Völkergemisch bewohnt. Wahrscheinlich wurde gerade deshalb ein ethno-linguistischer Nationalismus erfunden (angenommen), bei dem die Religion (Moslems-Andere) nach wie vor eine definierende Rolle spielte. Präsident Atatürk selbst sprach in manchen Reden von der “türkischen Rasse”, ihrer “Einzigartigkeit”, “türkischem Blut”. In den 1930ern begann man, eine Geschichtsauffassung zu propagieren86, die “Türkische Geschichtsthese”, in der es um eine frühe Ankunft von Türken in Kleinasien geht, eine Abstammung von den Hethitern, und Anderes.

Kemalistische Türken brachten ab Lausanne 1922/23 vor, dass man einen säkularen westlichen Staat habe, Religion und Staat getrennt seien (bzw Religionen dem Staat untergeordnet), Religionsgemeinschaften keine administrativen Vollmachten/Aufgaben haben sollten,… Es gibt aber weiterhin eine privilegierte Stellung des Islams bzw Moslems und Diskriminierung von Anderen.87 Man muss sich fragen, ob Religion durch kemalistische Politik “ent-politisiert” wurde oder ob nicht das Gegenteil der Fall war… Der Islam blieb in der kemalistischen Republik nationaler, identitätsstiftender (bzw ausschliessender!) Faktor. Als Moslem (egal wie wenig religiös man war/ist) spielt(e) auch eine nicht-türkische Herkunft keine so grosse Rolle, wenn man in die Politik geht, in den öffentlichen Dienst,… Als Nicht-Moslem gilt man (allerdings oft auch im Eigenbild) nicht als “echter Türke”. Auch im Osmanischen Reich fielen religiöse und nationale Identität zusammen, bzw Nationalität wurde über die Religionszugehörigkeit definiert. In der Türkei wie im Osmanischen Reich werden/wurden auch nur religiöse Minderheiten anerkannt/geduldet, keine ethnischen. Und Nicht-Moslems oft als nicht vertrauenswürdige Subjekte gesehen.

1912 gab es 80% Moslems auf dem Territorium der 1923er-Grenzen, 1923 dann 98%, was in der Folge auch noch leicht hinauf ging. Entgegen dem was man dem Kemalismus und dem Übergang vom Sultanat zur Republik zuschreibt, gab es für Nicht-Moslems hier eine Abwärtsentwicklung, in praktisch jeder Hinsicht. Im Fall der Armenier fand das “Verschwinden” gerade in diesem Übergang (oder währenddessen) statt… Es gab/gibt auch keinen Schutz, keine Anerkennung für Minderheiten in Form von regionaler Autonomie oder festen Minderheitensitzen im Parlament. Übrigens auch nicht für moslemische ethnische Minderheiten wie Araber oder Tscherkessen; den Kurden (der grössten dieser Gruppen) wurde um 2010 unter Erdogan Schulunterricht sowie ein TV-Kanal in den Varianten ihrer Sprache eingeräumt. Atatürk hielt sich von Äusserungen oder Maßnahmen ggü Minderheiten als Staatspräsident fern, Inönü als Ministerpräsident in späteren Jahren auch grossteils.88 Manche Maßnahmen der Republik verärgerten sowohl konservative Moslems als auch Angehörige nicht-moslemischer Minderheiten. Die neue bürgerliche Gesetzgebung etwa ermöglichte zivile Eheschliessungen, auch unter Angehörigen unterschiedlicher Religionen. Der Staat war aber nicht der über den Volksgruppen stehende Unparteiische, wie er hier erscheint.

Nach dem Debakel von Smyrna89 war der Niedergang der Griechen in Kleinasien, Konstantinopel, Ost-Thrakien eine “gemähte Wiese”. Und auf den orthodoxen Patriarchen, noch immer Meletius, focussierte(n) sich anti-griechische(s) Ressentiment und Maßnahmen in der frühen Türkei. Refet Bele griff ihn bald nach seiner Ankunft in der Stadt in einer Rede scharf an, die türkische Presse folgte. Meletius, während der Besetzung Istanbuls gewählt, zweifelte selbst an der Vereinbarkeit des Patriarchats mit dem neuen türkischen Staat, trat für einen Transfer nach Thessaloniki oder Athos ein. Anders herum, von türkischer Seite wurde auch vorgebracht, dass eine Aussiedlung auch der Istanbuler Griechen und thrakischen Türken/Moslems den Existenzgrund des Patriarchats beseitigen würde. Meletius war vielleicht der “umstrittenste” Patriarch in dieser langen Reihe; er war auch vom Königreich Griechenland und den Istanbul-Griechen aufgrund seiner Haltung zu Venizelos nicht geliebt.

Papa Eftim setzte nach seiner Übersiedlung aus Kayseri nach Istanbul und der Gründung der Türkei seine Kampagne gegen das griechisch-orthodoxe Patriarchat fort. Zunächst versuchten er und seine wenigen Anhänger, Kontakte zu den Karamanli in dieser Stadt zu knüpfen, sie zu missionieren. Sein wichtigster Mitarbeiter wurde ein Damianos Damianidis, ebenfalls aus Zentralanatolien und pro-türkisch. Es besteht kaum Zweifel, dass die Türkisch-Orthodoxe Kirche Unterstützung von kemalistischer/republikanischer Seite bekam, auch bei ihrer Aktion am 1. Juni 1923. Etwa 100 Demonstranten, angeführt von Damianidis, versammelten sich vor dem Patriarchat, verlangten den Rücktritt von Patriarch Meletius, der dort gerade einer pan-orthodoxen Konferenz vorstand. Die Demonstranten drangen in den Hof des Patriarchats ein, Meletius und die Bischöfe wurden von britischen Soldaten/Polizisten gerettet, die ja noch in Istanbul waren.90 Die türkische Polizei (die keinem Sultan mehr unterstand und noch keinem Präsidenten) liess es geschehen. Damianidis und andere Anführer wurden vom Patriarchen exkommuniziert. Eftim(ios) bekam auch Unterstützung der türkischen Presse (die bis 1928/29 noch in arabischer Schrift gedruckt wurde91), in manchen Zeitungen wurde sogar seine Erhebung zum neuen (griechisch-orthodoxen) Patriarchen gefordert.

Es ging Meletius aber nicht so wie Gregorius V., dessen Exekutionsstätte ein (heute zugeschweisstes) Eingangstor zum Patriarchat ist. Im September 1923 verliess Patriarch Meletius Istanbul/Konstantinopel, ging nach Griechenland (Athos), erklärte anscheinend von dort seinen Rücktritt. Der letzte “osmanische” Patriarch wurde dann 1926 Patriarch von Alexandria, ebenfalls unter dem Episkopal-Namen “Meletius”.92 Zum Nachfolger wurde im Dezember 23 Gregorius (Zervoudakis) gewählt, der Bischof von Chalcedon/Kadiköy war. Mit Gregorius VII. hatte die Republik Türkei kein so grosses Problem, da er von “antitürkischen” Aussagen und Aktionen in den Jahren 18-22 abgesehen hatte. Er bemühte sich auch nach seiner Inthronisation als Patriarch um gute Beziehungen zur Republik, ja um eine Aussöhnung von Griechen und Türken. Aber (auch) er musste sich gegen die Türkisch-Orthodoxe Kirche und türkische Verdächtigungen durchsetzen. Im Oktober ’23, zwischen dem Abtritt Meletius und der Wahl Gregorius, drang Eftim selbst ins Patriarchat in der Georgskirche ein, mit Anhängern, rief sich zum „allgemeinen Repräsentanten aller orthodoxen Gemeinschaften”93 aus, besetzte die Heilige Synode, ernannte eine eigene Synode,… Er unterstützte dann die Wahl von Kyrillos, dem Erzbischof von Rodopolis. Nach Gregorius’ Wahl im Dezember dann das dritte Eindringen in die Patriarchatskirche durch die “Türkisch-Orthodoxen”.

Im März 1924 wurde der letzte (osmanische) Kalif abgesetzt, Abdulmajid II. Osmanoglu, 2 Jahre nachdem dies dem letzten Sultan (ein Cousin von ihm) widerfahren war. Beamte der türkischen Republik kamen in den Dolmabahce-Palast, brachten ihn zu einem Bahnhof, von wo er ins Exil fuhr war.94 Anlass für Atatürk zur Abschaffung des Kalifats soll gewesen sein, dass die indische Kalifats-Bewegung die Türkei zur Erhaltung des Kalifats aufrief. Im selben Jahr wurde das Diyanet Isleri Baskanligi gegründet, das “Religionsamt”, welches Kalif und Schaich al-Islām ersetzen sollte. Und, im Zuge der Absetzung und Ausweisung Abdulmajids verlangte die Presse („Vatan“,…) nach selbigem für den orthodoxen Patriarchen, im Zuge der “Säkularisierung”. Im November 24 starb Gregorius, an einem Herzinfarkt. Nachfolger wurde Konstantinos Arabaglou, aus dem südlichen Marmara-Gebiet, als Konstantin(os) VI.

Auch der hatte grosse Probleme mit den Behörden: Im Oktober ’23 begannen diese, alle Bischöfe im Patriarchat zu registrieren. Verkündeten dann, drei davon müssten ausgewiesen werden, da sie keine Istanbuler waren, und daher unter den Bevölkerungsaustausch fielen. Darunter war auch Konstantinos Arabaglou, der bereits als Nachfolgekandidat für Gregorius galt. Zunächst begnügte man sich mit der Warnung, einen Bischof zum Patriarchen zu wählen, der eigentlich gar nicht (mehr) in der Türkei sein dürfte. Konstantin wurde dennoch gewählt. In der Georgskirche sah man die Dinge so, dass die Angehörigen des Patriarchats (die nach 1918 in die Stadt gekommen waren) vom Austausch ausgenommen wären. Die Türkei anerkannte den neuen Patriarchen nicht nur nicht, sie wandten sich auch an die Gemischte Kommission bezüglich seiner Ausweisung. Daneben hatte Konstantin als Patriarch auch Ärger mit der Türkisch-Orthodoxen Kirche: Eftim setzte seinen Versuch der Spaltung der griechischen Gemeinde fort, teilweise mit Unterstützung der türkischen Behörden. Er besetzte 1924 einige griechisch-orthodoxe Kirchen in Istanbul, eignete sich diese an, darunter die Kaphatiani-Kirche im Stadtteil Galata.

Und im Jänner 1925 wurde Patriarch Konstantin ausgewiesen, weil er nicht aus Istanbul stammte. Die türkische Polizei kam eines Morgens auf das Gelände der Patriarchatskirche, verhaftete ihn und brachte ihn zum Bahnhof Sirkeci95. Es wurde “überstürzt” vorgegangen, nicht die Entscheidung der Gemischten Kommission dazu abgewartet, der Patriarch nicht auf seine Ausweisung vorbereitet. Dies sorgte nicht nur in Griechenland für Empörung. Dort wurde Araboglu von Tausenden in Saloniki empfangen. Im griechischen Militär rumorte es, wurden Stimmen laut, die Türkei anzugreifen, wie 192096 eine “Entscheidung” zu suchen. General Theodoros Pangalos warnte mit Verweis auf die Exekution von 6 Ministern 1922, dass so etwas wieder passieren würde, wenn die griechische Regierung “nationale Interessen verräte”. Die griechische Regierung unter Michalakopoulos (Liberale Partei) entschied sich aber gegen eine grosse Internationalisierung der Sache, für das Verhandeln mit der Türkei. Dafür zog diese das Verlangen nach der Ausweisung anderer (nicht aus Istanbul stammender) Bischöfe zurück. Wenn rasch ein neuer Patriarch gewählt werde. Also reichte Araboglu aus Griechenland seinen Rücktritt ein, und im Juli wurde Vasilios Georgiadis, früherer Erzbischof von Nicäa, gewählt, wurde Patriarch Basileios III., 25-29.

Die Türkei mischte sich aber nicht nur in die Auswahl der Patriarchen ein, sie spielte auch den internationalen Charakter des Patriarchats (seine Stellung für die Orthodoxen weltweit, in der christlichen Ökumene) konstant hinunter97, der Patriarch wurde und wird nur als Oberhaupt der Griechisch-Orthodoxen in der Türkei anerkannt. Das Patriarchat in Istanbul verlor mit dem Lausanne-Abkommen alle nicht-religiösen Vollmachten, wurde von türkischer Seite aber gleichwohl als hochpolitische Institution behandelt. Das Patriarchat in der Kirche des Hagios Georgios (Hl. Georg) im Phanar machte (ab) 1923 eine Zäsur durch wie das Papsttum durch das Ende des Kirchenstaats 1870 durch das Aufgehen in Italien. Wobei sich kein Patriarch eine “Boykott-Haltung” gegenüber der Türkei leisten konnte wie jene von Papst Pius IX. gegenüber Italien. Das Patriarchat stellte gewissermaßen eine Antithese zur Politik der Türkifizierung und Ausweitung der staatlichen Herrschaft über alle Bereiche dar.

Auch die anderen drei alten orthodoxen Patriarchate (die jenem in Istanbul unterstanden) waren politischen Umwälzungen ausgesetzt. Wie Konstantinopel/Istanbul waren sie bis zum 1. WK im Osmanischen Reich gelegen. Zu jenem in Alexandria, siehe die Fussnote zum Abgang von Meletius. Das von Antiochia/Syrien war in der Zwischenkriegszeit im französischen Syrien, jenes von Jerusalem im nun britischen Palästina, wo zwischen Palästinensern und Zionisten Auseinandersetzungen begannen. Die meisten Orthodoxen waren/sind ja aber in Osteuropa. Aus der jungen Türkei (bei Mardin) wurden die beiden Patriarchate der westsysrischen/aramäischen Kirchen weg verlegt. Das syrisch-orthodoxe98 nach Homs, das der Unierten/Katholiken nach Beirut (ebenfalls im französischen Libanon). Das armenische Patriarchat blieb in Istanbul, war aber anders als das griechische nicht für die Armenier weltweit zuständig. Zu den Umwälzungen im orthodoxen Christentum nach dem (oder: infolge des) 1. WK gehörte auch die Entstehung der Sowjetunion aus dem Zarenreich, und der Antiklerikalismus in diesem Staat, der derjenige mit den meisten Orthodoxen wurde bzw blieb. Die drei ostslawischen Völker plus die Georgier, die Rumänen in Moldawien,… machten die SU zum Staat mit den meisten Orthodoxen, was auch das Russische Reich schon war.99

Eleftherios Venizelos sagte nach Lausanne, als Oppositionsführer im griechischen Parlament, die Behandlung der Griechen in der Türkei sei “direkt analog” zum Zustand der griechisch-türkischen Beziehungen. Keine Frage, Griechenland und Türkei waren (sind) die Schutzmächte der Minderheiten im jeweils anderen Land (Istanbuler Griechen, Westthrakische Türken), mehr eigentlich, die “Mutterstaaten”. Zumal beide gerne Teile des Territoriums des anderen gehabt hätten bzw beanspruch(t)en. Das Griechenland, das in Lausanne fast seine heutigen Grenzen bekommen hat, war nicht das mächtige, komplette, neue Griechenland, wie es anvisiert wurde. Sondern eines ganz ohne (klein-) asiatische Gebiete, ohne Ionien und Ost-Thrakien, die schon unter griechischer Kontrolle waren und durch den Sevres-Vertrag zugesprochen wurden, dann durch Krieg bzw Lausanne verloren gingen. Und ohne Konstantinopel. Auch wenn die Megali Idea nach dem Lausanne-Vertrag ein Anachronismus geworden war, einige potentielle und realistische Gebietserweiterungen gab es noch: Zypern, Dodekanes.

1,5 Millionen Griechen aus der nunmehrigen Türkei (aus Ionien, Pontus, O-Thrakien, Kappadokien, Marmara-Region) mussten in Griechenland (mit seinen damals nur 4,5 Millionen Einwohnern) integriert werden. Hinzu kam noch ein kleinerer Bevölkerungsaustausch mit Bulgarien. Durch die Aussiedlung von Türken, die Einwanderung von Griechen (die kulturell aber sehr diversifiziert waren) und den Verlust von “gemischten” Gebieten wie Ost-Thrakien gewann Griechenland etwas an (ethnisch-sprachlicher) Homogenität. Die Aussiedler wurden v.a. in Makedonien (Thessaloniki) und Attika (Athen) angesiedelt. Sie organisierten sich in Vereinen und Organisationen, wie dann auch die Italiener aus dem nunmehrigen Jugoslawien und die Deutschen aus den Ostgebieten nach dem 2. WK. So entstand etwa 1924 in Athen/Athinai AEK (Athlitikί Énosis Konstantinoupόleos), als Sportklub geflüchteter Konstantinopoler, hauptsächlich aus Pera. Erster Präsident war Konstantinos Spanoudis, selbst Konstantinopoler. Auch die Rembetiko-Musik (in der sich griechische mit osmanisch-türkischer Musik mischte) wurde durch Aussiedler aus Kleinasien und Konstantinopel importiert.

Zu den Umwälzungen kam ja noch, dass Griechenland kurz vor und nach dem 1. WK im Norden Gebiete zugesprochen wurden, die auch erst integriert werden mussten! Im Griechenland nach dem 1. WK und dem Folgekrieg, nach den scheiterndern Abschluss der Enosis, setzte sich auch die innere Polarisierung zwischen Monarchisten (Volkspartei) und Venizelisten (Liberale Partei) fort, hatte Teile des Militärs den Anspruch, politisch mitzugestalten. 1924 wurde König Georg(ios) II. abgesetzt und die Zweite Republik ausgerufen; 1925/26 regierte General Pangalos, nach einem unblutigen Putsch. 1935 die Restauration der Monarchie, dann die Regierung von Ioannis Metaxas (Offizier, 36-41 Premier, autoritär), dann schon die Besetzung des Landes im Rahmen des 2. WK. In dieser konfliktgeladenen Gesellschaft lebten auch die gebliebenen Türken in West-Thrakien. Im „neuen“ Nordgriechenland fanden sich also, in Nachbarschaft zum türkischen Ost-Thrakien, Westthrakien mit den gebliebenen Türken, viele der Flüchtlinge/Aussiedler/Vertriebenen, die in Makedonien angesiedelt wurden, und (nicht-moslemische) Volksgruppen wie Albaner, Aromunen, Juden, Slawen, (christliche) Sinti.

Türken aus Makedonien (Saloniki,… von wo Kemal stammte) waren genau so ausgesiedelt wie Griechen von dort, deren Vorfahren in osmanischer Zeit zum Islam übergetreten waren (aber kulturell Griechen blieben)100, wie die Vallahades in West-Makedonien. Flächenmäßig ist Westthrakien natürlich viel grösser als Istanbul, die dortige gebliebene(n) moslemische(n) Gruppe(n) machten damals aber etwa 85 000 Leute aus, also um einiges weniger als die Istanbul-Griechen. Auch die Lage der Westthrakien-Türken war den griechisch-türkischen Beziehungen unterworfen und prägte diese mit. Die Türken/Moslems in WT waren/sind oft Tabak-Bauern, eine agrarische rurale Gesellschaft, konservativ-religiös, scheuten die säkular-nationalistischen Umwälzungen in der damaligen Türkei unter Atatürk; wobei ihr Festhalten am arabischen Alphabet nach der türkischen Schriftreform auch mit der Abgeschnittenheit des griechischen Thrakiens von der Türkei kam. Der vorletzte Shaikh-al-Islam/Scheichülislam101 (1919, 1920) des Osmanischen Reichs, Mustafa Sabri, wanderte nach Komotini in Westthrakien aus, wegen der Machtergreifung der Kemalisten, und mit ihm eine Reihe weiterer antikemalistischer Türken. Sabri wurde von den Westthrakien-Türken gut aufgenommen, ihr religiöser Führer, verstärkte den Traditionalismus dieser Gemeinschaft. Die Auswanderung dürfte nach Ende des Griechisch-Türkischen (bzw Anatolischen) Kriegs 1922 stattgefunden haben, als der Weg für die Kemalisten/Nationalisten frei war. Diese Machtergreifung trieb ethnisch-religiöse Minderheiten sowie Anhänger und Repräsentanten des osmanischen Systems ausser Lande, kein Zufall.

Sabri könnte jener Shaikh-al-Islam/Scheichülislam gewesen sein, der 1920 eine Fatwa (Takfir) bzgl Atatürk (damals M. Kemal P.) ausstellte, die diesen zum Ungläubigen/Nicht-Moslem erklärte, evtl zum Tode verdammte. Im Lausanne-Vertrag war von einer „moslemischen Minderheit“ in Griechenland Westthrakien die Rede (die Bleiben durften). Eigentlich handelt(e) es sich dabei um drei unterschiedliche ethnische Gruppen, die aber gerne als “Türken” zusammengefasst werden: Tatsächlich Türken die ab dem 14. Jh (frühosmanische Zeit) in die Region einwanderten – aber auch bei ihnen könnte eine türkische Herkunft konstruiert worden sein, sie tatsächlich andersstämmige Muslime gewesen sein, die kulturell türkisiert wurden…; Pomaken, also islamisierte Südslawen/Bulgaren; und moslemische Sinti/Roma (wahrscheinlich wurden sie wie die Pomaken in osmanischer Zeit islamisiert).

Die bisher selbstbewussten und stolzen Griechen in Istanbul/Konstatinopel mussten sich ab 1922/23 gründlich umstellen – was sich ja auch bei den Patriarchen (s.o.) zeigte. Politische Ansprüche mussten ohnehin aufgegeben werden, das Ausleben eigener Kultur musste diskreter geschehen, das Halten des wirtschaftlichen Status wurde schwierig.102 Das Osmanische Reich war nicht “ihr” Staat gewesen, aber so heterogen, dass sie ihren Platz einnehmen konnten, und es war ein prominenter. In der Republik Türkei waren/sind die Istanbul-Griechen Untertanen in einem fremden Staat, eine isolierte und ungeliebte Minderheit, nicht nur weil alle anderen Griechen aus dem Land ausgesiedelt waren. Was aber nicht heisst, dass es auf persönlicher Ebene im Alltag nicht auch freundschaftliches Miteinander zwischen Griechen und Türken in Istanbul gab (und gibt)… Die Istanbul-Griechen waren natürlich weiter sozial diversifiziert, man rückte aber enger zusammen. Sondergruppen waren Jene, die nicht Griechisch (als Erstsprache) sprachen, hauptsächlich Karamanlides und orthodoxe Albaner, die als “Griechen” galten. Die Karamanlides in Istanbul waren hauptsächlich im 19. Jh aus Anatolien gekommen, sie wurden dort zT hellenisiert. Die Griechisch-Katholischen waren eine noch kleinere Gruppe103; dann gab es auch Griechen mit anderer Staatsbürgerschaft als der türkischen. Hauptsächlich natürlich Griechen; Teile der Rallis-Familie waren aber zB italienische Staatsbürger geworden, andere hatten britische oder französische Pässe.104

Es mussten ja 1923 jene Griechen gehen, die sich nach 1918 in Istanbul niedergelassen hatten. Es mussten damals jene Griechen gehen, die in Vororten oder der Umgebung der Stadt lebten. Jene, die vor dem Bevölkerungsaustausch geflohen waren, durften (grossteils) nicht zurückkehren. Und dann gab es Jene, die mit den neuen Zuständen in der Republik nicht klar kamen, und ab etwa 1924 auswanderten. Es gingen hauptsächlich Angehörige der Mittelschicht. Die griechische Volksgruppe in der Türkei schrumpfte so in den 1920ern beträchtlich. Zur Zeit der Gründung der Republik gab es in Istanbul etwa 1 Million Einwohner, wovon sich Moslems und Andere noch immer etwa die Waage hielten. Die “Anderen” waren: 300 000 Griechen (davon ca. 10% Ausländer), 70 000 Armenier, 55 000 Juden, weitere autochthone (v.a. Syrisch-Orthodoxe) und westliche Christen (diese grösstenteils Ausländer). 1927 gab es nur noch 100 000 Griechen in Istanbul; in 3 (frühen) Jahren der Türkei gingen also fast 2 Drittel weg! Auf den Inseln Imbros (Gökçeada) und Tenedos (Bozcaada) lebten etwas über 8000 Griechen.105 In Phanar/Fener, dem Viertel der Griechen in Istanbul/Konstantinopel, war die demographische Transformation (Auswanderung von Griechen, Einwanderung von Moslems) besonders deutlich. In einem anderen griechisch dominierten Viertel, Tatavla, trug noch ein Grossfeuer 1929 zum Wandel bei.

Die ehemalige Hauptstadt und der als Republik Türkei konstituierte Rumpf des Osmanischen Reichs machten in den 1920ern und 1930ern einen tiefgreifenden Wandel durch. Die Griechen als grösste nicht-moslemische Minderheit, dem Nachbarn und wichtigsten Gegner verbunden, “Überbleibsel” der vor-türkischen Geschichte des Landes, stellten in den Augen vieler Türken ein Hindernis in der gewünschten Entwicklung des Landes dar, das beseitigt werden musste. Zu den Einschränkungen und Schikanierungen gehörte, dass Griechen auch in Stadtteilen in denen sie in der Mehrheit waren (wie auf den zu Istanbul gehörenden Prinzen-Inseln (Prinkipos/Büyükada, Chalki/Heybeliada,… im Marmara-Meer) ethnische Türken als Administratoren vorgesetzt bekamen. 1925 wurde für Griechen die Bewegungsfreiheit ausserhalb des Distrikts Istanbul eingeschränkt. Schulen und Kirchen wurde (wird) den Griechen gestattet, aber schon die Gründung von Vereinen war/ist sehr schwierig. Der offizielle Name der Stadt war zu osmanischen Zeiten anscheinend Ḳusṭanṭīniyye (قسطنطينيه) und Istanbul ein Alternativname; beides Abwandlungen des griechischen Namens Konstantinopolis (Κωνσταντινούπολις). Die Republik Türkei änderte den Namen offiziell auf Istanbul. International wurde sie deutlich darüber hinaus Konstantinopel genannt. Um 1930 begann die Türkei, diesen Alternativnamen zu boykottieren. Die “Bürger sprich Türkisch” – Kampagne fand auch in dieser Zeit statt; nun, in Istanbul tat das gut ein Drittel der Bevölkerung zumindest in Kontakten in der eigenen Volksgruppe nicht.

“Die Griechen leben in Palästen, die Türken in Hütten”, hiess es damals. “Türkisierung” (die hauptsächlich Istanbul betraf) sollte von daher auch eine wirtschaftliche “Umgestaltung” bedeuten.106 Industrie und Handel war in der frühen Türkei noch immer grossteils in den Händen von Minderheiten (Christen, Juden107) und Ausländern (die in der Regel Christen waren). Die Griechen in Istanbul waren (auch) nach 1923 besonders stark in der Gastronomie, der Herstellung und Vertrieb von Genussmittel, Lebensmittel,… Die türkischen Maßnahmen begannen mit der Übernahme der Geschäfte ausgewanderter Griechen und Armenier. 1926 wurde ein staatliches Alkohol-Monopol beschlossen, was griechische Unternehmen sehr traf.

Andere, wie der Tabak-Händler Nikolaos Sepheroglou, wurden diverser Vergehen angeklagt. Ausländische Firmen in der Stadt wurden gedrängt, moslemische Türken einzustellen. Die Istanbul-Griechen blieben aber in der Wirtschaft der Türkei vorerst wichtig. Für sehr viele von ihnen, wie auch andere Minderheiten-Angehörige, wurde aber klar, dass der Schritt vom Sultanat zur Republik für sie kein Fortschritt war, im Gegenteil… Von türkischer Seite wurden Zurschaustellungen diesbezüglicher Nostalgien auch gerne als Missgunst gegenüber einer starken und unabhängigen Türkei ausgelegt.108 Einige wenige Griechen gab es, die im Osmanischen Reich relativ wichtige öffentliche Funktionen inne hatte und diese in der Republik Türkei behielten; wie der Archäologe Theodor Makridi(s) im Archäologischen Museum in Istanbul. Er hatte in osmanischen Zeiten auch an den österreichischen Ausgrabungen in Ephesus teil genommen, den deutschen in Baalbek, Sidon und Boğazköy/Hattuša.109 Griechen in Istanbul, die ihre Koffer packten und nach Griechenland gingen, gab es jedenfalls auch weiterhin.

Grösste Minderheit in der Türkei wurden die Kurden, mit mehreren Millionen, hauptsächlich in ihrer angestammten Heimat im Südosten von Anatolien, um Diyarbakir/Amed, anschliessend an die kurdischen Gebiete in den Nachbarstaaten. Man kann sagen, sie waren einen langen gemeinsamen Weg mit den Türken gegangen (nahmen teil an den Verfolgungen christlicher Völker um den 1. WK), sind zT sogar in ihnen aufgegegangen (oder tun das weiterhin). Nach der Ausrufung der Republik dann die Kurden-Aufstände, bis in die 1930er, meist um Dersim, vom türkischen Militär niedergeschlagen. Die meisten Kurden waren weit davon entfernt, im nationalistischen Sinne ein kurdisches Bewusstsein zu haben. Viele der Aufständischen hatten sogar in den osmanischen Hamidiye-Einheiten gedient, es ging hauptsächlich um (gegen) die kemalistische Säkularisierung. Auch wenn es auch Alewiten und Yaziden gibt, die meisten (türkischen) Kurden sind Sunniten; und das war und ist das, was mit den ethnischen Türken (bzw Türkisierten) verbindet. Die anderen moslemischen Ethnien in der Türkei (Tscherkessen, Tschetschenen, Albaner, Lasen,…) sind Nachkommen von Einwanderern bzw Umgesiedelten, aus dem Balkan, Kaukasus,… Auch sie haben ihre ethnische Identität zugunsten einer türkischen zT (einem grossen Teil) weitgehend aufgegeben (zwangsläufug).

Die türkischen Sondergruppen (die schiitischen Aseris, die ostasiatischen Uiguren, Usbeken, die christlichen Gagausen,…) wurden ebenfalls nach Anatolien bzw seine europäischen Ausläufer transferiert.110 Ein Sonderfall sind die (moslemischen) Sinti, da sie schon lange im Land sind. Die Juden (zu einem grossen Teil Sepharden) sind auch seit Langem in Istanbul konzentriert. Zu ihnen konnten die Türken leicht(er) grosszügig sein als zu den dort autochthonen Ethnien wie den Griechen. Hinzu kommen die kryptojüdischen Dönmeh, deren Vorfahren ihrem Führer Zwi bei der Konversion zum Islam folgten. Sie sind nominell (sunnitische) moslemische Türken, die gewisse jüdische Praktiken aufrecht erhalten haben. Auch die krypto-armenischen Hemshinli haben insgeheim zT ihre armenische Identität (oder Teile davon) beibehalten. Für die Baha’i-Religion spielte die heutige Türkei bei der Entstehung (Wanderung der Gründer) eine Rolle (Istanbul, Edirne), sie ist in der Türkei nicht anerkannt.111 Zu den anderen christlichen Gruppen sowie den moslemischen Sondergruppen unten.

Es soll an dieser Stelle gesagt werden, dass die Behandlung von Minderheiten in der Türkei der Zwischenkriegszeit gar nicht abfällt von jenen in den meisten europäischen Ländern, und auch nicht den unabhängig gewordenen europäischen Übersee-Kolonien wie USA oder Australien. Und am Westen und seinem Nationalismus war die Türkei ausgerichtet. Es gab Unterhöhlungen der Lausanne-Verpflichtungen bzgl Minderheitenschutz, aber das Problem war dieses Abkommen an sich, und die darin enthaltenen Grundannahmen, Kategorien,…

Der Tscherkesse A. Fethi Okyar war 1924/25 Premierminister (vor und nach ihm Inönü), galt als Liberaler bzw Abweichler in der CHP112, “musste” sich deshalb mit Maßnahmen gegen Ausländer und Minderheiten profilieren. In seiner Amtszeit war die Ausweisung des grieschisch-orthodoxen Patriarchen Konstantin(os)…und der Beginn der kurdischen Revolten. Zu dieser Zeit “feilschte” die Türkei noch um ihre Grenzen, wollte das Mossul-Gebiet von den Briten (das zum Irak kam) und das Antiochia/Alexandretta/Hatay-Gebiet von Frankreich (das über Syrien herrschte). Als Inönü wieder am Ruder war, wurden diplomatische Beziehungen zwischen der Türkei und Griechenland aufgenommen; jene zwischen Griechenland und dem Osmanischen Reich waren während der Balkan-Kriege 1912/13 abgebrochen worden. Es kam eine griechische Botschaft nach Ankara und ein Konsulat in Istanbul; eine türkische Botschaft in Athen, Konsulate in Komotini oder Saloniki. Man verhandelte über offene Fragen. Dann, 1925/26 in Griechenland die Militärdiktatur unter Pangalos, der Eroberungszüge nach Ost-Thrakien und Istanbul/Konstantinopel in den Raum stellte (dazu wollte er ein Bündnis mit GB und Italien erreichen). Atatürk schickte Einheiten der türkischen Streitkräfte ins Grenzgebiet. Zu dieser Zeit der verschlechterten bilateralen Beziehungen kamen in der Türkei wieder minderheitenfeindliche Maßnahmen113, wie die Konfiszierung des Eigentums von Griechen, die sich ausser Landes befanden. Auch wurden im Syllogos-Gebäude der griechischen Literaturgesellschaft Bücher konfisziert, weggebracht, u.a. zur TTK.

Nach dem Sturz Pangalos’ begannen wieder Gespräche zwischen Vertretern der beiden Staaten, “obwohl” es Venizelos war, der, nach dem Wahlsieg seiner Liberalen Partei, als Premier zurückkehrte (bis ’33). Und 1929 starb Patriarch Basileios III. Zum Nachfolger wurde Dimitrios Maniatis gewählt, von Prinkipos/Büyükada, also ein Istanbuler (wichtig!), zuletzt Erzbischof von Derkos/Derkoi (in Istanbul); er wurde Photios II. In der Republik Türkei bzw in der Post-Lausanne-Zeit gab es für das Patriarchat Verschiedenes zu beachten, das im Osmanischen Reich keine Rolle spielte. Nicht nur die Türken, auch Griechenland hat diese (religiöse, supranationale) Institution politisiert, hauptsächlich beim Drängen auf Venizelisten als Nachfolger. Die Türkei betrachtet(e) das Patriarchat als eine rein türkische Institution, sah sich als berechtigt an, bei Nachfolgefragen mit zu bestimmen. Das Patriarchat muss(te) Alles vermeiden, was irgendwie als “anti-türkisch” ausgelegt werden könnte. Viele Türken sahen/sehen es als unwilkommenen Überrest der griechischen Vergangenheit der Stadt und des Landes. Und bis etwa 1964 wurde es (bzw die Behandlung von ihm) von dieser Seite immer wieder als Instrument/Druckmittel gegenüber Griechenland benutzt.

Das Patriarchat hatte auch seine Ländereien in Anatolien, Thrakien und Makedonien verloren, damit seine wichtigsten Einkommensquellen. Hinzu kam noch, dass das Patriarchat durch die Aussiedlung der Griechen aus Ost-Thrakien und Anatolien seine meisten “Rekrutierungsfelder” verlor. Es wurde über die Jahrzehnte immer schwieriger, Geistliche mit dem gefragten Kaliber zu finden, heute ist die Lage schon prekär. Das waren alles Gründe, für Griechen in Griechenland und der Türkei, die Verlegung des Patriarchats zu favorisieren – was auch vielen Türken gepasst hätte. In die Diskussion gebracht wurden dabei (das damals britische) Zypern und natürlich Griechenland. Der abgesetzte Patriarch Meletius war einer Jener, die für einen Transfer nach Athos eintraten. Befürworter eines Transfers wiesen darauf hin, dass das Patriarchat im 13. Jh (temporär) nach Nicäa verlegt worden war, und auf das päpstliche Exil in Avignon im 14. Jh. Unter Photios II. verbesserten sich die Beziehungen zwischen der Georgs-Kirche und der Republik. Der Patriarch schickte an Atatürk zum siebenten Jahresjubiläum der Republik-Gründung 1930 ein Glückwunsch-Telegramm. In seiner Antwort adressierte (anerkannte) der Präsident ihn als “Patriarchen”, damit begann die offizielle türkische Akzeptanz des Titels bzw des grundsätzlichen Charakters der Institution.

Venizelos war nun für einen Ausgleich mit der Türkei114, initiierte diesen mit einem Brief an Inönü. Der griechische Premier kam 1930 zu einem Besuch in die Türkei, wo ein wichtiges Abkommen abgeschlossen wurde. Darin wurden Fragen geklärt, die sich aus dem Lausanne-Vertrag ergeben hatten. Das war in erster Linie jene der “Etablis”: Die Türkei kam den Griechen ein Stück entgegen, anerkannte alle in Istanbul ansässigen Griechisch-Orthodoxen als türkische Bürger, egal wann sie in die Stadt gekommen waren. Dies betraf auch einige Bischöfe im Patriarchat. Dafür mussten jene Istanbul-Griechen, die zwischen 1918 und 1923 aus der Stadt geflohen waren (Viele taten das im Herbst 1922, nach den Ereignissen in Smyrna), auf ein Rückkehrrecht verzichten.115 Dann die Frage der griechischen Istanbuler, die griechische Staatsbürger waren: Von den damals etwa 100 000 Griechen in der Türkei waren 15 000 bis 30 000 griechische Bürger.116 Sie wurden den Istanbul-Griechen mit türkischer Staatsbürgerschaft mit dem Abkommen beinahe gleichgestellt.

Venizelos & Atatürk in Ankara 1930

Weiter nahm Griechenland alle Ansprüche auf Territorium das nun zur Türkei gehörte, zurück. Es wurden auch Regelungen über Entschädigungen für den Besitz ausgesiedelter Bürger im jeweils anderen Staat getroffen. Venizelos besuchte bei seinem Türkei-Staatsbesuch 1930 (der sich ja hauptsächlich in Ankara abspielte) auch Patriarch Photios in Istanbul. Der griechische Premier schlug bei diesem Besuch den türkischen Präsidenten Mustafa Kemal (Atatürk) für den Friedensnobelpreis vor, hat ihn anscheinend 1934 offiziell beim Komitee vorgeschlagen. Das unterstreicht den bizarren Charakter der griechisch-türkischen Beziehung; der grösste Verfechter der Megali Idea (Vergrösserung Griechenlands auf Kosten der Türken) streut demjenigen Rosen der den entscheidenden Teil (Abschluss) dieses Projekts verhindert hat. Und: Venizelos ist ja im noch osmanischen Kreta aufgewachsen, Kemal in Thessaloniki; die beiden konnten auch die Sprache des Anderen.

Von August bis November bestand eine “Oppositionspartei” zur CHP in der Türkei, deren weggebrochener liberalerer Flügel, als SCF konstituiert, geführt von Fethi Okyar. Die SCF agierte “im Geist” der türkisch-griechischen Annäherung (1931 Besuch von Premier Inönü in Hellas), fuhr eine Politik, die zumindest für die bürgerlichen Teile der religiösen Minderheiten attraktiv war (zB weniger staatlich gelenkte Wirtschaft), umwarb diese bei der Istanbuler Lokalwahl 1930. Dies wurde von der CHP scharf kritisiert, die daran “erinnerte”, dass Griechen und Armenier wenige Jahre zuvor “Todfeinde der Türkei” gewesen seien. Die SCF musste wieder aufgelöst werden, die Türkei wurde wieder ein Einparteienstaat, Okyar kehrte zur CHP zurück.

Die griechisch-türkische Entspannung von 1930 führte auch dazu, die jeweilige Minderheit nicht mehr so gegen ihren Mutterstaat aufzubringen bzw diesem erlauben, “ihre” Volksgruppe im anderen Staat an die Kandare zu nehmen. Venizelos kam dem türkischen Drängen nach einer Nationalisierung/Türkisierung der moslemischen Volksgruppen in Westthrakien nach. Die nur zum Teil türkischen und grösstenteils konservativ-religiösen Moslems durften im Sinne der aktuellen türkischen Nationsdefinition “umgemodelt” werden. Zentral dabei war die Ausweisung von Mufti Mustafa Sabri, dem ehemaligen osmanischen Scheich-al-Islam, der 1931 das Land verlassen musste. Er ging nach Ägypten, wurde an der Al Azhar (Moschee, Universität) in Kairo ein führender Gelehrter, blieb ein scharfer Kritiker der kemalistischen Türkei. Griechenland wies auf türkisches Verlangen auch andere wichtige Persönlichkeiten der osmanischen Endzeit aus, die ins griechische Thrakien ausgewandert waren, einige Mitglieder der Yüzellilikler. Nach der Deportation der führenden antikemalistischen Konservativen konnten dort auch (“verspätet”) Maßnahmen wie die Einführung der lateinischen Schrift anstatt der arabischen durchgesetzt werden, nicht zuletzt durch aus der Türkei geschickte Lehrer. Im Gegenzug lockerte die Türkei ihre Unterstützung von Eftymios und seiner Kirche(?), er wurde aber nicht ganz fallen gelassen oder gar ausgewiesen.

Entgegen der Versöhnung117 und dem Abkommen von 1930 erliess das türkische Parlament 1932 ein Gesetz, das Ausländern in der Türkei die Ausübung einer Reihe von Berufen verbot. Und das traf natürlich jene Istanbul-Griechen die nicht türkische Staatsbürger waren. Diese waren die grösste Ausländer-Gruppe im Land, und in den Berufen die im Gesetz genannt waren (diverse akademische, Händler-Berufe, aber auch zB Cabaret-Sänger), stark vertreten. Als das Gesetz 1934 in Kraft trat, mussten viele dieser Griechen den Beruf wechseln, ein grösserer Teil (Tausende) ging nach Griechenland. Dennoch, auch unter Metaxas118 als Lenker griechischer Politik hielt die Politik der Annäherung zwischen den beiden Ländern. Ein anderes türkisches Gesetz wurde von griechischer Seite eigentlich negativer aufgenommen: Das Verbot des Tragens religiöser Kleidung, 1934/35, eigentlich gegen moslemische Geistliche gerichtet, betraf auch orthodoxe Priester, war Teil der Bemühungen, eine “uniforme” äusserlich westliche Gesellschaft zu schaffen. Alexandris schrieb, die Verbitterung darüber von griechischer Seite war so gross, dass die einige Jahre zuvor gegründete Griechisch-Türkische (Freundschafts-) Gesellschaft in Athen an den Rand der Auflösung kam.

Von Patriarch Photios wurde damals der Transfer des Patriarchats nach Griechenland (Athos) andiskutiert. Es tat sich wieder mal eine Schicksalsgemeinschaft von Gegnern bzw Opfern des Kemalismus zu formen: Moslemisch-Konservativen sowie Nicht-Moslems. Es gab aber auch Türkei-Griechen und griechische Politiker (darunter der abgetretene Venizelos), die die Empörung nicht teilten, sie sahen hier konservative religiöse Befindlichkeiten gestört, die sie nicht teilten. Die türkische Regierung lenkte dann insofern ein, als sie den orthodoxen Patriarchen und sieben weitere religiöse Würdenträger von dem Verbot ausnahm: Mesrup Naroyian, armenisch-gregorianischer Patriarch in Istanbul, Vahan Kocarian (armenisch-katholische Kirche), Vaton Mighirdich (Oberhaupt einer armenischen protestantischen Kirche in Istanbul), Dionysios Varougas (griechisch-katholische Kirche), Eftimios Karahissaridis/ Zeki Erenerol (Türkisch-Orthodoxe), Ishaq Shaki (jüdischer Hahambaschi); der siebente dürfte Mehmet Rifat Börekci gewesen sein, der erste Chef des islamischen Religionsamtes Diyanet.119

Einige Monate später wurde die Hagia Sophia von einer Moschee in ein Museum umgewandelt, wiederum im Zuge des Aufbaus der Republik Türkei. Die ehemalige Kirche der Heiligen Sophia war in ihrer Existenz als Moschee das sichtbarste Symbol des osmanischen Siegs über Byzanz gewesen, daher dürfte diese Maßnahme auf griechischer Seite nicht so gestört haben.120 1935 kam auch ein Gesetz, das den Besitz der Religionsgemeinschaften (der islamischen und der anderen), ihre Immobilien oder Stiftungen, quasi verstaatlichte – was sich auf die christlichen Gemeinschaften wiederum negativ auswirkte. Und dann kam 1934/35 auch das Nachnamen-Gesetz, das zunächst alle türkischen Staatsbürger verpflichtete, Nachnamen anzunehmen. Jene Minderheiten-Angehörigen, die bereits welche hatten, wurden gedrängt, türkische(re) anzunehmen. Jene ethnischen Nicht-Türken oder Türken ausländischer Herkunft, die noch keine hatten, durften keine “ausländischen” annehmen, mit Endungen auf “ian” bzw “yan” (armenisch), “poulos” oder “is” (griechisch), “shvili” (georgisch), “zadeh” (iranisch121), “of” oder “vic” (slawisch),…, mussten das türkische “-oglu” nehmen. Dass diese Griechen, Armenier,… nicht am Namen zu erkennen waren (sind), erschwert(e) aber auch ihre Diskriminierung…

1930 noch wurde Istamat Zihni Ozdamar (Özdamar), eigentlich Stamati(o)s Pulloglou, ein enger Verbündeter von “Patriarch” Eftim, wie dieser ein Karamanli, von den türkischen Behörden als Verwalter des griechischen Balikli-Krankenhauses in Istanbul eingesetzt. Danach verlor die Organisation der “Türkisch-Orthodoxen” ja einen Grossteil der Unterstützung der Türkei. 1935 war sie führend an der Gründung einer “Bewegung” namens “Vereinigung von laizistischen christlichen Türken” beteiligt, wo einige Griechen, Armenier und wahrscheinlich auch Assyrer/Aramäer zusammenwirkten, um Assimilation an die türkische Mehrheitsgesellschaft zu verstärken (bzw zu vollenden) und damit Diskriminierung zu beenden. Die christliche Minderheit in der Türkei besteht ja eigentlich aus ethnischen Minderheiten. Die Organisation bekam Unterstützung durch den CHP-Staat, verschwand aber bald. 1935 wurden die ersten Nicht-Moslems in das Parlament der Türkei berufen. Darunter war der türkisch-orthodoxe bzw eftimitische Özdamar, ein Anwalt, der der Versammlung bis 1946 angehörte.

Zusammen mit ihm wurde Nikola(s) Taptas nominiert, ein Arzt aus Istanbul, parteilos wie die anderen Minderheiten-Abgeordneten, der damit der erste echte griechische Abgeordnete im Parlament der Republik wurde (bis 1943).122 Die anderen waren der armenische Bankier Berç „Türker“ Keresteciyan und der Jude Abravaya Marmarali, beides ebenfalls Istanbuler. Keresteciyan soll Kemal das Leben gerettet haben (oder zumindest die politisch-militärische Laufbahn), als dieser Konstantinopel/Istanbul 1919 auf das Schwarze Meer verliess, um den Widerstand gegen die Besetzung zu organisieren. Sein Schiff sollte vom britischen Militär versenkt werden, und Keresteciyan hat davon Wind bekommen und dem osmanischen Offizier eine Warnung zukommen lassen, heisst es. Im Sevres-Vertrag waren den Minderheitsvölkern im Parlament eine Art Festmandate zugesprochen worden; die Gebiets-Abtrennungen und diese Vorschreibungen waren “zuviel des Guten”, so kam beides nicht zustande. Griechen waren ja in der frühen Türkei die grösste nicht-moslemische Minderheit vor Armeniern und Juden. Grösste insgesamt waren und sind die Kurden.

Religiös müsste man Bevölkerung der Türkei eigentlich so aufschlüsseln: Moslems (Sunniten, ca 90% der Bevölkerung, ob religiös oder nicht123; kleine Minderheit von 12er-Schiiten); Angehörige von aus dem Islam hervor gegangenen Religionsgruppen (Alewiten, Yaziden, Alawiten, Baha’i)124; Christen (Monophysiten wie die armenisch-gregorianische Kirche, Orthodoxe125, mit dem Vatikan Unierte, Diophysiten, Katholiken,…). Die kemalistische Ideologie zieht wahrscheinlich eine noch schärfere Trennlinie zwischen Moslems und Nicht-Moslems als die osmanische. Die Armenier, im Osmanischen Reich mit dem Siedlungsschwerpunkt in Nordost-Anatolien, waren oft bzw lange an der Seite der Griechen, besonders vom späten 19. Jh bis in die zweite Hälfte des 20. Jh hinein, auch zB in Zypern dann. Sie waren vom bzw im 1. WK (> Krieg mit Russland) noch stärker betroffen als die Griechen. Es blieben einige Zehntausend in Istanbul, wo sie auch ein Patriarchat haben126, Resten im Nordosten zu Armenien (91 von der SU unabhängig) hin, das Land mit dem Ararat/Masis. Dort, im Gebiet um Erzurum, leben auch die Hems(c)hinli, Leute armenischer, griechischer, georgischer Herkunft, die sich äusserlich den Türken anpassten, wie u.a. die Dönmeh schon zuvor, bei einer teilweisen Beibehaltung der Kultur/Identität der Vorfahren.127

Patriarch Photios II. starb im Dezember 1935; er scheint mit seiner mäßigenden Art auch den Respekt der türkischen Behörden gewonnen zu haben, der Gouverneur/ Vali von Istanbul kam zu seinem Begräbnis. Einen Nachfolger zu finden, der sowohl der Türkei als auch Griechenland passte, war wieder eine schwierige Aufgabe. Ankara favorisierte Jacob Papapaisiou (Bischof von Imbros/ Tenedos), Athen (wo 35 Venizelos abgetreten war, der König zurückgekehrt und unter ihm eine Diktatur des royalistischen Militärs Metaxas errichtet wurde) dagegen Maximos Vaportzis (Bf. von Chalcedon, aus der Schwarzmeer-Region). Als Kompromiss wurde, im Jänner 1936, Benjamin Christodoulou gewählt, aus Edremit/Adramyttion, Erzbischof/Metropolit von Heraclea/Eregli. Zu diesem Zeitpunkt, so Alexandris, waren Teile der herrschenden Klasse der Türkei schon der Meinung, dass ein gestärktes orthodoxes (“ökumenisches”) Patriarchat mit türkischen Interessen kompatibel sei. In sein Pontifikat, bis 1946, fiel etwa die Anerkennung der Autokephalie der orthodoxen Kirchen Albaniens (1937) und Bulgariens (1945)128 sowie der Empfang eines päpstlichen Vertreters, der erste solche Besuch seit dem 16. Jh; es war der spätere Papst Giuseppe Roncalli, der Benjamin I. 1941 besuchte. Im selben Jahr zerstörte ein Feuer Teile der Georgs-Kirche/Kathedrale, was erst Jahrzehnte später wieder gut gemacht wurde.

1939 kam das Antiochia-Gebiet (“Hatay”) an die Türkei, womit ihre heutigen Grenzen feststanden. Der nach Syrien hinein ragende (und aus ihm herausgelöste) Südzipfel der Türkei schliesst südlich an Kilikien/Kilikia (Adana,…) an. Türken waren damals dort eine Minderheit, die Region war/ist von Syrern (sehr ungenau als “Araber” bezeichnet) diverser Religionen bevölkert: sunnitische Moslems, Nusairer/Alawiten, orthodoxe, jakobitische, maronitische, katholische Christen129,… Die allmählich schrumpfende griechische “Gemeinde” in Istanbul bekam so etwas Verstärkung durch die Gebietserweiterung der Türkei um ein Gebiet mit einer (teils) orthodoxen Bevölkerung, etwa 20 000. Die syrisch-arabischen Orthodoxen in der Hatay-Provinz (zu der die Region in der Türkei wurde) unterstehen dem Patriarch von Antiochia (der in Damaskus/ Dimasq sitzt, wir erinnern uns), und dessen Erzdiözese Aleppo-Alexandrette. Und dem Patriarchen von Konstantinopel nur insofern, als dieser Ehrenoberhaupt der orthodoxen Christenheit ist.

Es gab aber auch eine Migration von Antiochia-Orthodoxen nach Istanbul. Diese Arabisch-sprechenden Griechisch-Orthodoxen können als die neuen Karamanlis gesehen werden: von den Griechen sprachlich getrennt, religiös mit ihnen verbunden. Liturgiesprache ist übrigens Griechisch. Von griechischer Seite werden sie als (arabisierte) Griechen gesehen, auch hier also das “Gerangel” um die Ethnizität. Jene in Istanbul sind auch weitgehend unter den Griechen aufgegangen! Durch den seit 2011 laufenden syrischen Bürgerkrieg gab es ja einen Influx von geflüchteten Syrern verschiedener Religionen in die Türkei130, hauptsächlich nach Hatay, wodurch die Orthodoxen auch wieder etwas “Verstärkung” bekamen. Während eigene Schulen für Griechen und Armenier Bestand haben, haben die (mehrheitlich moslemischen!) Antiochia-Syrer in der Republik Türkei keine solchen, keinen arabischen Schulunterricht bekommen.

Im 2. Weltkrieg war die Türkei, inzwischen mit Ismet Inönü als obersten Machthaber, im Gegensatz zu Griechenland (von den Achsenmächten besetzt, dann von GB) nicht involviert. Die Türkei fühlte sich von der Sowjetunion bedroht (schloss Freundschaftsvertrag mit dem nationalsozialistischen Deutschland), dann von Nazi-Deutschland (Anlehnung an GB). Es kam zu einer Teil-Mobilisiserung des türkischen Militärs, wobei es schon zu einer Trennung nicht-moslemischer Wehrpflichtiger von den anderen kam. Und, es kamen Erinnerungen an den 1. WK auf, als der Völkermord an den Armeniern mit der Entlassung von deren Wehrpflichtigen begann, mit den Vorwürfen der (möglichen) Kollaboration mit den Russen begründet wurde. Es wurde 1942 eine Sondersteuer für Wohlhabendere eingeführt131, die Varlık Vergisi, mit der ein eventueller Kriegs-Eintritt finanziert werden sollte, wirtschaftliche Engpässe behoben und der Schwarzhandel eingeschränkt. Die Steuer, 42-44 eingehoben, zielte auch, vielleicht sogar in der Hauptsache, auf eine weitere Türkisierung der Wirtschaft, eine Einschränkung der wirtschaftlichen Stärke von Nicht-Moslems.

Ein grosser Teil der Bevölkerung in dem Land, in dem noch drei Viertel Bauern waren, unterstützt von den Zeitungen, war in der damaligen Wirtschaftskrise für eine Abschröpfung der Christen und Juden (vielleicht 2% der Bevölkerung), die hauptsächlich in Istanbul lebten, zT ausländische Bürger waren.132 So hatte diese Vermögenssteuer auch von Anfang an einen gewissen “Charakter”. In der Praxis hatten die “Einschätzungs-Komitees” freie Hand, die Höhe der Abgabe für die Bürger festzulegen; und obwohl die Höhe eigentlich in Relation zum Reichtum stehen sollte, wurden Nicht-Moslems viel höher besteuert. Es heisst, intern wurde die Bevölkerung nach ihrer Staatsbürgerschaft und Religionszugehörigkeit kategorisiert und Bürger erhielten demzufolge in den Unterlagen einen Buchstaben zugewiesen: “M” für Müslüman/ Moslem, “G” für Gayrimüslim/ Nicht-Moslem, “D” für Dönmeh (quasi ein unechter Moslem), “E” für Ecnebi/Ausländer. Griechen wurden am schlimmsten betroffen, und in Beyoglu/Pera, einem der wenigen noch kosmopolitischen Viertel Istanbuls, wurde besonders viel eingehoben.

Wenn in dem vorgeschriebenen Monat nicht gezahlt werden konnte oder wollte, durfte der Besitz konfisziert und öffentlich versteigert werden. Wenn das die “Steuerschuld” nicht deckte, wurden die Geschäftsinhaber (solche waren in der Regel betroffen) zur Zwangsarbeit eingezogen. Die Angst und Unruhe in Istanbuler (nichtmoslemischen) Kreisen verstärkte sich, als bekannt wurde, dass in diesem Fall ein Arbeitslager in Anatolien wartete, quasi das “türkische Sibirien”. Im Jänner wurden die ersten 32 verhaftet, zunächst in den asiatischen Teil Istanbuls gebracht, dann zur Zwangsarbeit nach Askale bei Erzurum geschickt. Wieder Christen (darunter Armenier!) unter türkischer Herrschaft in Lagern in Ost-Anatolien im Schatten eines Kriegs… In jener Gegend, aus der 1915/16 die mörderischen Deportationen wegführten. Die Arbeits- und Lebensbedingungen in dem Lager sind umstritten, es gab aber sicher Tote (von 21 liest man). Das Ende der Varlik-Steuer und damit der Arbeitsbataillone kam mit der Erkenntnis, dass Hitler-Deutschland den Krieg verloren hatte, 1944.133

Was blieb, waren zerstörte Existenzen, Enteignungen, Übergaben von Geschäften (die in nicht-moslemischen oder ausländischem Besitz waren), Umschichtung von Reichtum, schliesslich waren wohlhabende Angehörige der Minderheiten betroffen. Es heisst, viele Grossbauern aus der Adana-Gegend (historisches Kilikien) waren unter den Nutzniessern dieser Umschichtung; und Vehbi Koc, der mit Weinstöcken begonnen hatte, die Armenier zurück lassen mussten in Anatolien, wurde nicht nur von hohen Abgaben verschont, auch er begann sich damals in Istanbul zu etablieren und reich zu werden. Die “neue Jizya”134 führte zu etwas Auswanderung, aber keiner grossen, da Griechenland (und viele andere Länder) damals besetzt war und beraubt wurde. Auch (oder: gerade) wenn die damaligen Diskriminiereungen zuungunsten von Nicht-Moslems retrospektiv herunter gespielt werden, die Varlik-Steuer (bzw ihre Handhabung) war bezeichnend für die kemalistische Praxis der benachteiligenden Diskriminierung von Nicht-Moslems bei theoretischer/formaler Gleich-Behandlung… Für die Realität der “Trennung Staat-Religion” in der Republik Türkei, für die Handhabung des “laizistischen Prinzips”.

Ja, islamische Geistliche (sunnitische Scheichs) hatten keinen Anteil an der Sache, der Koran wurde nicht herangezogen zur Rechtfertigung, es war der Staat unter Präsident Inönü, der dies veranlasste und ausübte. Aber/Und die Zugehörigkeit zur moslemischen Bevölkerunsgmehrheit machte das Kriterium aus, wie man behandelt wurde, ob man Bürger erster Klasse war; die Wirtschaft “türkisieren” – die Nation über die Religion definieren. Und heraus kommt ein Konzept, das intoleranter und repressiver ist, als es zuvor (zu osmanischen Zeiten) bei Nicht-Weg-Leugnung des Islams war135, als Nicht-Moslems so etwas wie “geschützte Freiräume” hatten. Kurden waren von dieser Reichensteuer natürlich nicht betroffen, weil es kaum Reichtum unter ihnen gab/gibt, und weil sie dem Islam oder “moslemischen Sondergemeinschaften” (wie den Alewiten) angehören. Die Sache 1942-44 unterminierte das Vertrauen in den türkischen Staat, dass die Griechen und die anderen Minderheiten in den 1930ern ansatzweise entwickelt hatten.

Die Welt und Griechenland hatten damals aber andere Probleme, und an dieser Stelle sei auch die “SS Kurtuluş” erwähnt, ein türkisches Schiff, das humanitäre Hilfe in das deutschbesetzte notgeplagte Griechenland brachte (und 1942 sank, am fünften Weg von Istanbul nach Piräus). Nazi-Deutschland raubte aus Griechenland nicht zuletzt Lebensmittel, weshalb es zu Hungersnöten kam, v.a. im Winter 1941/42. Der Rembetiko-Musiker Kostas Skarvelis, der aus Istanbul/Konstantinopel stammte (anscheinend vor 1923 auswanderte), starb dadurch ’42 in Athen. Die Varlik-Steuer war im Geist von Hitler und Stalin, aber der selbstgerechte deutsch-österreichische Fingerzeig auf die Türkei sollte sich eigentlich “relativieren” durch die deutsch-österreichische Vergangenheit und aktuelle antigriechische Ressentiments und Geschichtsklitterungen von dort à la Sven Kellerhoff.136

Die “Wahlen” 1923 bis 1943 in der Türkei waren Scheinwahlen, nur mit der CHP, einige wenige “unabhängige” Kandidaten wurden gewählt, nicht-moslemische Abgeordnete von Atatürk oder Inönü ernannt. 1946 fand die erste echte (Mehrparteien-) Wahl statt, mit der im selben Jahr gegründeten Demokrat Parti (DP)137, die aus ehemaligen CHP-Politikern bestand. Die CHP siegte vor der DP, 1950 war es umgekehrt.138 Die CHP wurde erstmals „entmachtet“, Menderes wurde Ministerpräsident, Bayar Staatspräsident, Inönü Oppositionsführer; die DP wurde bei den Wahlen 54 und 57 wieder gewählt, regierte 10 Jahre. In dieser Zeit, den 1950ern, gab es eine leichte Reislamisierung139, eine leichte Entflechtung Staat-Partei (CHP), fand die Anbindung der Türkei an den Westen statt (NATO-Mitgliedschaft, EWG-Assoziierung), das Pogrom von Istanbul 1955 (staatlich unterstützt), der Beginn der Zypern-Spannungen, Beginn der Landflucht aus Anatolien nach Istanbul, mit der Mechanisierung der Landwirtschaft.

Minderheiten-Abgeordnete wurden nun von Parteien aufgestellt und gewählt. Im Zuge der Wahl 1943 war noch der Jurist Mihal Kayaoglu, ein Istanbul-Grieche, ernannt worden. 1946 wurde Vasil Konos gewählt, ein Psychiater, auf der DP-Liste, er nahm sein Mandat dann wegen einer Erkrankung nicht an. Für die CHP wurde damals ein anderer griechischer Mediziner aus Istanbul gewählt, Nikola(s) Fakacelli(s), blieb bis zum Ende der Legislatur-Periode 1950 im Parlament. Christos Mavrophrydis, der u.a. am Chalki-Seminar unterrichtete, kandidierte ebenfalls für die CHP, wurde nicht gewählt. Mit der DP kam 1950 wieder ein (Istanbul-) Grieche in die “Grosse Nationalversammlung” in Ankara, Achilleas/Ahilya Moschos, ein Anwalt.

Als Patriarch Benjamin I. 1946 starb, zeigten die türkischen Behörden ihren guten Willen ggü dem Patriarchat und damit auch ggü der griechischen Minderheit sowie Griechenland. Wieder nahm der Vali von Istanbul Anteil am Begräbnis, und, diesmal wurden vor der Wahl des Nachfolgers keine Namen mit unerwünschten Kandidaten an die Georgskirche übermittelt. So wurde Maximos Vaportzis gewählt, der 1936 Benjamins unterlegener Gegenkandidat und Favorit der griechischen Regierung gewesen war, gewählt, folgte Benjamin als Maximos V. Er war pro SU eingestellt, wobei es in dieser seit 1943 (spätere Stalin-Zeit) wieder einen Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche gab, der wurde für Beziehungen des Staates zu Orthodoxen in Osteuropa und Westasien eingesetzt. Die SU war für die Neuaufstellung des Konstantinopoler Patriarchats: der Patriarch sollte von und aus allen orthodoxen Kirchen gewählt werden, in Istanbul bleiben, dort aber eine vatikan-artige souveräne Zone bekommen; eine Unterordnug der Griechisch-Orthodoxen Kirche unter die Russisch-Orthodoxe (die vom Regime gegängelt wurde) wurde ausserdem anvisiert. Aus Griechenland kam der Gegenvorschlag eines Pan-Orthodoxen Rates. Zur Zeit des Patriarchats von Maximos wurde die Türkisch-Orthodoxe Kirche vom Staat wieder etwas „zurecht gestutzt“.

In Griechenland folgte auf Besetzung Bürgerkrieg und Blockbindung…und eine starke Annäherung an die Türkei. Der Athener Erzbischof Damaskinos (Papandreou) wurde 1945 auch Ministerpräsident, seine Aus-Wahl wie Absetzung waren Teil der inneren Auseinandersetzung bzw hingen mit dem kommunistischen Aufstand (der 1949 zusammenbrach) zusammen. Griechenland bekam drei kommunistische Nachbarstaaten neben der Türkei. Italien musste 1947 die Dodekanes-Inseln an Griechenland abtreten, womit seine heutigen Grenzen feststanden.140 Griechenland und die Türkei rückten nach dem 2. WK enger zusammen, da sie im beginnenden Kalten Krieg auf der selben Seite waren141 und sich von einer kommunistisch-slawischen „Achse“ bedroht sahen.142 Im Korea-Krieg 1950-53 kämpften Truppen beider Staaten auf der westlichen bzw internationalen Seite. Beide wurden 1952 NATO-Mitglieder (und 2 Jahre später des Balkan-Paktes).

Allein im Jahr 1952 gab es 4 Staatsbesuche; der Besuch von König Pavlos/ Paul und seiner Frau in der Türkei bedeutete den ersten Aufenthalt eines griechischen Staatsoberhaupts in Kleinasien seit den Tagen des Byzantinischen Reichs. Sie besuchten auch Istanbul und den Patriarchen dort. Im Gegenzug besuchten Präsident Bayar und Premier Menderes, durch die ansatzweise Demokratisierung der Türkei an die Macht gekommen waren, Athen und West-Thrakien. Im selben Jahr wurde die Visa-Pflicht für Besuche im jeweils anderen Land abgeschafft, was vor allem viele Griechen nach Istanbul brachte. Es war eine wirkliche Aussöhnung in Reichweite. Bis die Spannungen wegen dem damals britischen Zypern stiegen. Der griechische Premier 1950 und 1951/52, General Nikolaos Plastiras143 schlug eine Vereinigung von Griechenland und der Türkei vor! Der Ökonom Athanasios Sbarounis plädierte für eine Wirtschafts- und Zollunion zwischen den beiden Ländern.

1948 trat Patriarch Maximos zurück, Aristocles M. Spyrou wurde zum Nachfolger gewählt. Er stammte aus dem Süd-Epirus, ist im Osmanischen Reich aufgewachsen; wurde auf Chalki ausgebildet, wirkte dann in der USA. Mit seiner antikommunistischen Einstellung/Prägung passte er auch der Türkei und zu der damaligen griechisch-türkischen Annäherung. So sehr, dass aus Ankara keine Einwände kamen, obwohl Spyrou nicht Istanbuler oder türkischer Staatsbürger war. Er wurde 268. Patriarch, als Athenagoras I. Der US-amerikanische Präsident Harry Truman stellte ihm für die Reise nach Istanbul nach der Wahl ein Flugzeug zur Verfügung. Alle wichtigen orthodoxen Landeskirchen waren nun hinter dem “Eisernen Vorhang”, von Athenagoras wurde bezüglich der Orthodoxen dort ein gewisser “korrigierender Einfluss” erwartet. Er gab seine USA-Staatsbürgerschaft auf, nahm die türkische an. Und machte von Anfang an klar, dass er ein Freund bzw loyaler Bürger der Türkei war, und das Patriarchat zu einem Drehpunkt für eine Griechisch-Türkische Koexistenz, Freundschaft, ja Symbiose machen wollte. Natürlich spielte der Kalte Krieg dabei auch eine Rolle. Die Istanbul-Griechen, so Athenagoras, sollten sich voll in die türkische Gesellschaft integrieren.

Das Patriarchat, die Georgskirche, liess er wie türkische offizielle Gebäude sonntags mit einer türkischen Flagge “dekorieren”. Er besuchte viele historische, kulturelle, religiöse Stätten in der Türkei, betete auch in Moscheen. Knüpfte Kontakte zu vielen prominenten Türken, wie dem Dichter und Politiker (CHP, DP, HP) Hamdullah S. Tanriöver. Zu den Führern der ab 1950 regierenden DP hatte er eigentlich ein gutes Verhältnis, Premier Menderes besuchte 1952 das Patriarchat, als erster Spitzen-Repräsentant der Türkei. War populär unter Türken, viele blieben bei Begegnungen mit ihm auf der Strasse stehen und küssten seine Hand, sprachen ihn als “Patrik Baba” (Patriarch-Vater) an. Das Patriarchat bekam unter ihm einige Zugeständnisse, so wurde der Theologischen Hochschule auf Chalki erlaubt, Studenten aus Griechenland und anderen Ländern aufzunehmen. 1953 wurde 500 Jahre osmanische Herrschaft über Konstantinopel gedacht, die Türkei machte das bezeichnenderweise mit Atatürk-Kult, der Umbettung der Überreste des Führers in ein neues Mausoleum. Patriarch Athenagoras wurde zu der Prozession in Ankara eingeladen.

Für die jeweiligen Minderheiten in Istanbul bzw West-Thrakien gab es in der Zeit der griechisch-türkischen Zusammenarbeit nach dem 2. WK auch Erleichterungen. Die Griechen Istanbuls profitierten von der Wirtschaftspolitik der DP-geführten Regierungen, wurden (zusammen mit Armeniern und Juden) wieder stark im Aussenhandel, der Lebensmittelindustrie, der Gerberei,… 1954 wurde Alexandros/Alexander Chatzopoulos (Hacopoulos), Direktor einer griechischen Schule (Zappeion), für die DP in’s türkische Parlament gewählt.144 Chatzopoulos wurde dort in einen Ausschuss gewählt, wie auch schon Moschos vor ihm (auch in den 1950ern)145. 1957 wurde der Anwalt Christos Ioannidis (Hristaki Yoannidis) für die DP ins Parlament gewählt. In dieser Zeit gab es, bezeichnenderweise, auch einen griechischen Türken, der im Fussball von sich reden machte, der als Lefteris Andonyadis getaufte Lefter Kücükandonyadis146 aus Prinkipos/Büyükada, Spieler bei Fenerbahce Istanbul und im Ausland (auch bei AEK Athen). (Kücük)andonyadis war Sohn eines Fischers, der im Gegensatz zum Rest der Familie nicht nach Griechenland ging, er spielte für das türkische Nationalteam, bei Olympia 1948 und der WM 1954.

Die Wolken, die sich über diesen “Honeymoon” zusammenbrauten, kamen von Zypern. Es zeichnete sich Mitte der 1950er ab, dass Grossbritannien die Insel trotz ihres strategischen Wertes aufgeben würde, im Zuge seiner Entkolonialisierung. 1950 wurde Michael Mouskos als “Makarios III.” griechisch-orthodoxer Erzbischof von Zypern und damit auch in gewisser Hinsicht Ethnarch, politischer Führer der griechischen Bevölkerungsmehrheit des Landes (der Insel). Er setzte sich für die Enosis, Vereinigung Zyperns mit Griechenland, ein. Die griechische Regierung übernahm 1954/55, teilweise auf Betreiben Makarios’, diese Forderung. In dieser Zeit begann der Kampf der Guerilla-Organisation EOKA für Enosis.147 Zypern-Türken und Türkei waren natürlich gegen die Vereinigung mit Griechenland, aber auch gegen die Unabhängigkeit Zyperns. Von türkischer Seite wurde die Forderung nach Taksim (Teilung) erhoben, wobei der türkische Teil der Insel entweder britisch bleiben sollte oder mit der Türkei vereinigt. Mitte der 1950er wurde der Konflikt in bzw um Zypern ernst und begann sich auf die türkisch-griechischen Beziehungen und die Minderheiten auszuwirken.

Wobei es der zypriotische Erzbischof Makarios auf eine solche Verknüpfung anlegte. In der Türkei wurde die Kibris Türktür Derneği (“Zypern ist türkisch” – Gesellschaft) aktiv. Patriarch Athenagoras versuchte eine neutrale Rolle einzunehmen und nicht abzurücken von seinem Vorhaben, loyaler türkischer Bürger zu sein. Dies wurde ihm von beiden Seiten nicht gedankt. Von türkischer Seite wurde anscheinend erwartet, dass er Makarios verbal entgegentrat. Es kamen wieder Unterstellungen, Verdächtigungen ggü dem Patriarchen und den Istanbul-Griechen, türkische Medien (u.a. „Hürriyet“, „Cumhüriyet“) und Politiker agitierten gegen sie; auch in Griechenland kam wieder eine anti-türkische Stimmung auf. Die Menderes-Regierung hielt sich selbst zurück, dürfte die “Kampagne” aber diskret unterstützt haben, aufgrund der Annahme dass etwas Druck auf das Patriarchat Athen nachgiebiger in Bezug auf Zypern machen würde.

Alexandris verheimlicht nicht, dass dies in der Türkei nicht unumstritten war, dass es Stimmen gab, die Politik ggü Zypern von den in Lausanne geregelten Fragen zu trennen. Für die Istanbuler Griechen stellte sich die Frage, saßen sie mit den zypriotischen in einem Boot oder sollten sie sich von deren Anliegen/Ansinnen distanzieren? Der Abgeordnete Alexandros Chatzopoulos versuchte zu beschwichtigen, die Istanbuler Griechen aus der “Schusslinie” zu bringen. Phaidon Skouros, ebenfalls ein DP-Politiker, Stadtrat in Istanbul, erklärte öffentlich, dass Zypern der Türkei “gegeben” werden sollte. Dies hätte auch eine grössere griechische Volksgruppe in die Türkei gebracht. Unter Premierminister Konstantinos Karamanlis änderte Griechenland Ende der 1950er seine Politik bzgl Zypern, trat nun für Unabhängigkeit statt Anschluss an Griechenland ein.

Doch, in diesem politischen Klima fand am 6. und 7. September das Pogrom in Istanbul (Σεπτεμβριανά; 6–7 Eylül Olayları) statt, das hauptsächlich gegen die Griechen der Stadt gerichtet war. Es waren damals gerade die Gespräche zwischen GB, TR, GR in London über Zypern im Gange, als türkische Medien Nachrichten über einen Anschlag auf Atatürks Geburtshaus in Thessaloniki, nun Teil des türkischen Konsulats dort, verbreiteten. Einige Fenster waren zerbrochen, und es ist längst erwiesen, dass es ein Anschlag unter falscher Flagge war.148 Zu den falschen Nachrichten über einen griechischen und zerstörerischen Anschlag in Saloniki kamen solche über einen geplanten Angriff griechischer Zyprioten auf türkische. Premier Menderes verlieh diesem Gerücht anscheinend Glaubwürdigkeit und die Zeitung “Hürriyet” zeigte auf die Istanbul-Griechen als potentielle Ziele für “Vergeltung”. Im Zuge der falschen und hetzerischen Nachrichten kam es in Istanbul und anderen Städten der Türkei zu Demonstrationen, die man als “anti-griechisch” zusammenfassen kann (anti-EOKA,…). Wobei jene in Istanbul bald in schlimme Krawalle ausartete(n), die sich gegen die Griechen der Stadt richteten – wie es sie zuletzt 1821 gegeben hatte.

Und zu einem Pogrom wurde, bei dem hauptsächlich Eigentum zerstört und geplündert wurde, auch Menschen angegriffen. Die staatlichen Ordnungskräfte verhielten sich tatenlos bis anstachelnd-unterstützend. Die Randalierer nahmen sich hauptsächlich griechische Geschäfte vor, weniger armenische, jüdische und ausländische; auch einige türkisch-moslemische Geschäfte wurden angegriffen. Die Einkaufsstrasse Istiklal Caddesi in Beyoglu/Pera etwa war übersät mit zerbrochenen Fensterscheiben, liegen gelassenen Waren, zerstörten Möbeln,… Bei den Ereignissen, die sich hauptsächlich in der Nacht vom 6. auf den 7. September abspielten, wurden zwischen 10-30 Menschen getötet (anscheinend alles Istanbul-Griechen), Dutzende wurden verletzt, zwischen 50 und 200 Frauen wurden vergewaltigt, 73 griechische Kirchen zerstört/beschädigt, weiters 1 Synagoge, 2 Klöster, über 4000 Geschäfte, über 20 Fabriken und Labore, über 100 Restaurants und Hotels, etwa 25 Schulen, 5 Sportklubs, die beiden wichtigen griechischen Friedhöfe und viele Wohnhäuser. Obwohl die Behörden keine genauen Angaben veröffentlichten, kann man sagen: Die relativ wenigen Todesopfer und die grössten Zerstörungen gab es in den Aussenvierteln und Vorstädten, am Bosporus und an der Marmara-Küste. Etwa den alten Priester im Baloukli-Kloster, Chrysanthos Mantas, der verbrannt wurde.

Im NATO-Stützpunkt in Izmir wurden damals griechische Offiziere in ihren Wohnhäusern angegriffen, was den anti-griechischen Charakter der Krawalle nochmal evident machte. Die türkische Regierung reagierte auf die Gewaltakte mit Ausrufung des Ausnahmezustandes über Istanbul, Ankara und Izmir. In Istanbul brachte erst das Eingreifen des Militärs (Panzer auf den Strassen) die Gewalttätigkeiten unter Kontrolle. Es wurden an dem Pogrom Beteiligte verhaftet, allein in Istanbul über 5 000 Personen. Die meisten davon gehörten der  “Zypern ist türkisch – Gesellschaft” oder anderen Organisationen an, nicht unbedingt nationalistischen, auch Gewerkschaften. Es kam (1956) zu Prozessen und Verurteilungen. Die Menderes-Regierung verurteilte die Übergriffe149, lehnte jegliche Verantwortung für die Gewalttätigkeiten ab und beschuldigte Kommunisten, dahinter zu stecken… Es folgte auch eine Repressionswelle gegen tatsächliche/ vermeintliche Kommunisten im Land, Kritiker der Regierung aus dem linken Spektrum (TKP,…), ganz dem Kalten Krieg entsprechend. Die Regierung versprach auch Entschädigungen, zusammenfassend kann man sagen, dass dies dann aber ungenügend geschah.

Von dem was heute bekannt ist (etwa durch den Yassiada-Prozess, s.u.), ergibt sich folgendes Bild: Die DP-Regierung schürte Demonstrationen, als Druckmittel im Zypern-Streit. Dies geschah über die Seferberlik Taktik Kurulu (Tactical Mobilisation Group), einer Spezialeinheit des türkischen Militärs im Rahmen ihrer Mitwirkung an NATO und Gladio, sowie des Geheimdienstes MAH. Die Demos gerieten aber bald ausser Rand und Band. Organisationen wie “Zypern ist türkisch” spielten eine untergeordnete Rolle bei der Organisierung der Demos, aber bei den Übergriffen eine grosse. Es gab aber auch eine starke „Sozialneid“-Komponente dabei, arme Ländler (aus dem Umland und den Vorstädten) gegen “reiche” Städter, dass diese oft Nicht-Moslems/-Türken waren, kam noch dazu. Diese Leute mussten nicht nationalistisch oder anderwärtig motiviert werden.150 Der damalige Vize-Premier Fuat Köprülü, der sich vor dem Putsch ’60 von der DP und Menderes abwandte), sagte im Yassiada-Prozess 1960/61, die Idee, das Pogrom als “kommunistischen Plot” abzutun, kam von CIA-Chef Allen Dulles, der sich damals in Istanbul zu einem Kongress der Interpol aufhielt.151

Ruine der Panagia-Kirche oder Agia Anna, Istanbul, Patriarch Athenagoras, 1955

Als die Nachrichten von den Ereignissen in Istanbul die Zypern-Konferenz in London erreichten, zog sich die griechische Delegation sofort zurück. Die griechisch-türkischen Beziehungen kamen an einen neuen Tiefpunkt. Damals gab es etwa 67 000 Griechen in Istanbul und den 2 Ägäis-Inseln152. Nachdem sie sich von der Varlik-Steuer-Sache materiell und psychisch einigermaßen erholt hatten, wurde neben Besitz nun auch viel Sicherheit zerstört. In der Folge kam es zu Auswanderungsströmen nach Griechenland und Übersee. Zumal der Zypern-Konflikt noch lange nicht zu einem Höhepunkt gekommen war. 1957 ging auch der Ex-Abgeordnete Nikolas Fakacellis (Fakatsellis). 1958 wurde der Foto-Journalist Dimitrios Kaloumenos ausgewiesen. Der Istanbul-Grieche dokumentierte 1955 die Zerstörungen, darunter Kirchenkunst aus byzantinischer Zeit. 1966 brachte er die Fotos in Griechenland in einem Buch heraus, das später übersetzt und neu aufgelegt wurde (s.u.); die begleitenden Texte sind zweifellos in einer äusserst gefühlsgeladenen Sprache. Die Familie des Schauspielers Tcheky Karyo (als Baruh Djaki Karyo 1953 in Istanbul geboren) muss auch in diesen Jahren gegangen sein, nach Frankreich. Sein Vater war ein (sephardischer) Jude, die Mutter eine (Istanbul-) Griechin.153 Die Zahl der Istanbul-Griechen ging zwischen 1955 und 1960 auf etwa 50 000 zurück.

Alexandris: “It is beyond doubt that the Constantinopolitan Greeks, on the whole, enjoyed a high standard of living though their grievances were not economic, but social and political. They complained about their insecure status in Turkey.” Die Istanbul-Griechen und das orthodoxe Patriarchat waren allen Spannungen zwischen Athen und Ankara (damals hauptsächlich wegen Zypern) voll ausgeliefert; Resignation (= Auswanderung)154 war ein möglicher Umgang damit, kämpferische Selbstbehauptung war aufgrund der numerischen Verhältnisse äusserst schwierig, echte Verständigung zu suchen aber auch. Patriarch Athenagoras setzte seine Linie fort, die man als Versuch der Verständigung sehen kann, aber auch als Appeasement, im Sinn einer Hinnehmung von etwas eigentlich Un-Akzeptablem. Es gibt ein Foto von ihm aus den Tagen nach dem Pogrom 1955, wahrscheinlich von Kaloumenos, er knieend betend in einer zerstörten Kirche.

Der Abgeordnete Alexander Chatzopoulos (DP!) hielt am 12. September im Parlament eine emotionale Rede, machte das Verhalten der Polizei zum Mittelpunkt seiner Kritik – nicht das Schüren des politischen Klimas, die Mitverantwortung der Regierung, griechische Rechte auf/in Zypern,… Die Polizei, so Chatzopoulos, habe 200-300 Marodeuren nach Mitternacht erlaubt, mit 5 Booten nach Prinkipo/Büyükada zu fahren, um die dortigen Griechen zu drangsalieren. Anstatt einzugreifen, habe sie fraternisiert. Ähnlich sei es in Beyoglu gewesen, wo die Zappeion-Schule verwüstet wurde. Dann beschrieb Chatzopoulos den Angriff auf sein eigenes Haus – gleich daneben war eine Polizeiwache, dennoch griff niemand ein. Dann sprach er auch davon, dass die Sache sorgfältig geplant/vorbereitet worden sein muss; wie sonst käme es, dass von 74 in der Stadt (inklusive Prinzeninseln) verteilten griechischen Kirchen 74 angegriffen worden sind. Er hatte sein Vertrauen in die Türkei nicht verloren, äusserte die Hoffnung auf eine Bestrafung der Verantwortlichen. Oppositionschef Inönü verurteilte in einer Parlamentsrede ebenfalls die Ausschreitungen, machte die Menderes-Regierung dafür verantwortlich, dass ihnen nicht Einhalt geboten wurde. Chatzopoulos wurde 1957 wiedergewählt, im Wahlkampf hob er hervor, dass der Staat (DP-Regierung) Entschädigung geleistet hat und Wiederaufbauten in die Wege geleitet – während die CHP niemanden für die Varlik-Sache entschädigte.

Nach Istanbul 55 war klar, dass eine Vereinigung Zyperns mit Griechenland Blutvergiessen zur Folge haben würde. Die Spannungen zwischen den Nachbarländern schaukelten sich weiter auf. Nach einem Besuch von Makarios in Athen 1957 hiess es von Seiten der Menderes-Regierung sogar, die Türkei könne sich vom Lausanne-Abkommen zurückziehen und Griechen aus Istanbul ausweisen. Auch wurde mit einer Aberkennung des Abkommens von 1930 über die greichischen Staatsbürger in der Türkei gedroht. Griechenlands Aussenminister Averoff-Tositsas sprach von der Möglichkeit eines Austauschs der türkischen Zyprioten gegen die Istanbuler Griechen. Was aber am Interesse Ankaras an Zypern aufgrund seiner strategischen Lage vorbei ging. Ein Austausch von westthrakischen Türken und Istanbuler Griechen (samt Patriarch) wäre realistischer gewesen. Am Ende der 1950er wurden zweitere wieder Zielscheibe nationalistischer Agitation, etwa in Form von schriftlichen “Ermahnungen”, Türkisch zu sprechen. Auch Papa Eftim wurde wieder entdeckt als Instrument gegen das Patriarchat im Phanar/Fener. 1958 wurde die “Hellenische Union der Konstantinopolitaner” aufgelöst.155

1959 die Einigung auf die Unabhängigkeit Zyperns, die griechisch-türkischen Beziehungen entspannten sich wieder etwas. 1960 wurde Zypern unter Markarios, der die Präsidentenwahl gewonnen hatte, unabhängig von GB. Die griechische Seite rückte von der Vereinigung (mit Hellas) ab, die türkische von der Teilung. Etwa 3 Monate vor der Unabhängigkeit Zyperns, im Mai ’60, putschte sich das Militär in der Türkei an die Macht, setzte die DP-Regierung ab. Stellte die alte Ordnung wieder her, bald (1961) war die CHP wieder an der Macht (nach einer Wahl unter Ausschluss echter Opposition wie vor 1946), Inönü wieder Premier. Junta-Chef Gürsel ernannte ausserdem eine Verfassungs-Versammlung156, darunter auch einige Minderheiten-Vertreter, darunter Kaloudis Laskaridis (Kaludi Laskari), ein griechischer Anwalt aus Istanbul, der im 1. WK an der Dardanellen-Front im osmanischen Heer gekämpft und einen Arm verloren hatte. Laskari ist bis heute der letzte Istanbul-Grieche, der in ein türkisches Parlament (Legislative oder Konstituante) gewählt oder ernannt wurde. Der erwähnte Ioannidis verlor durch den Putsch 60 seinen Sitz, war der letzte gewählte und der letzte im eigentlichen Parlament. Überhaupt: nach diesem Putsch gab es noch die Verfassungsversammlung, dann den Armenier Turan im damaligen Senat, bis 1964. Und dann jahrzehnte lang keine Nicht-Moslems im Parlament.

Der Wille der Militärregierung, das antigriechische Pogrom von 1955 im Prozess gegen die gestürzten DP-Politiker vorzubringen (als Anklagepunkt), wurde von Athen als eine Garantie für das Wohl der Istanbul-Griechen gesehen, und von diesen selbst auch. Dieser Prozess fand 1960/61 auf der Prinzen-Insel Yassiada (Plati) statt; es stellt sich die Frage was die Militärs damit genau bezwecken wollten und inwiefern er rechtsstaatlich war. Menderes und die anderen Angeklagten wurde hauptsächlich vorgeworfen, kemalistische Prinzipien verletzt zu haben. Dies betraf Menderes’ Haltung zum Islam: Er erlaubte etwa den Gebetsruf von den Moscheen (Adhan) wieder auf Arabisch (statt auf Türkisch), wandte sich also ein Stück von der Nationalisierung der Religion von Atatürk und seiner Party ab. Aber aussenpolitisch: Seine Regierung unterstützte etwa Frankreich während des Algerien-Kriegs in verschiedener Weise, war im Kalten Krieg fest auf der westlichen Seite. Weiters zählte Korruption zu den Anklage-Punkten; und die Fabrikation des Anschlags in Saloniki 1955 sowie die Involvierung in das folgende Pogrom.

Den Militärs ging es dabei offenbar in hauptsächlich darum, ihren Putsch zu legitimieren und mit der gestürzten Regierung und der DP abzurechnen, und nicht darum, Klarheit in die Sache des Pogroms zu bringen und juristisch aufzuarbeiten. Der Militärrichter erklärte die Angeklagten zu Hauptverantwortlichen (Organisatoren), liess darüber hinausgehende Verbindungen aber “unangetastet” – sie führten zu Militär und Geheimdienst. Es erhärtete sich: Menderes dürfte die Demonstration organisiert haben, die ihn „Krawallen“ ausgeartet ist, das Nicht-Einschreiten der Polizei dürfte von der Regierung abgesegnet/angeordnet worden sein. Patriarch Athenagoras sagte auf Yassiada als Zeuge aus, die Ausschreitungen 55 seien offenbar organisiert gewesen.157 Der Ex-Ministerpräsident und zwei Regierungsmitglieder wurden diesbezüglich zu Haftstrafen von 6 bzw. 4,5 Jahren verurteilt. Menderes, Zorlu und Polatkan wurden aber wegen der anderen Anklagepunkte zum Tode verurteilt und auf der Insel hingerichtet (gehängt).

Athenagoras Yassiada

1962 ein Besuch von Papandreou dem Mittleren in der Türkei, dann wieder Spannungen wegen Zypern. Zypern hat in seinen frühen Jahren als unabhängiger Staat so funktioniert, wie Frederik W. De Klerk zu Beginn der Verhandlungen über das Ende der Apartheid (Anfang 1990er) das künftige Südafrika gestalten wollte, mit einer Art ethnischem Proporz, Konzentrationsregierung, Vetorecht der kleineren Volksgruppe (in Zypern der Türken). Als Präsident Makarios/Mouskos158 dies (bzw die Verfassung) 1963/64 ändern wollte, gab es Aufruhr. Die demographischen Verhältnisse (78% Griechen, 18% Türken, 4% Andere) hätten sich bei einer Auflockerung der bestehenden Spielregeln vorteilhaft für die Griechen auswirken können – aber auch mehr Gemeinsames bringen können.

Die Schutzmächte (die Truppen auf der Insel halten durften) wurden angesichts der Spannungen aktiv, Enosis und Taksim bekamen wieder Zuspruch, wurden wieder Themen. Viele türkische Zyprioten verliessen ethnisch gemischte Gebiete in überwiegend türkische, und die zypriotische Nationalgarde begann diese Enklaven zu blockieren. Gewalt zwischen den Volksgruppen lebte wieder auf. Die Einheitsregierung kollabierte. Wie, das ist eben so umstritten wie der Grund für die Wanderungen der türkischen Zyprioten in dieser Zeit. Den einen Angaben zufolge zogen sich türkische Zyprioten von Vizepräsident Kücük abwärts aus öffentlichen Posten zurück, den andern nach wurden sie dazu gezwungen. Im August 1964 dann ein Angriff der türkischen Luftwaffe auf griechisch-zypriotische Stellungen in Kokkina.

An diesem Punkt, zur Zeit von Berichten von griechischen Übergriffen auf Türken in Zypern und der Aufregung über Makarios’ Bestrebung zur Verfassungsänderung (von Griechenland unterstützt), nahm sich Ankara einmal mehr die Istanbuler Griechen vor. Die Türkei, unter Premier Inönü159, kündigte einseitig das Abkommen von 1930, in dem das Aufenthaltsrecht der griechischen Staatsbürger in Istanbul (die vor Oktober 1918 dort wohnhaft waren, also als Etablis galten) geregelt wurde. Der Grossteil der griechischen Staatsbürger unter den damaligen Istanbul-Griechen wurde 1964/65 ausgewiesen, mit Begründungen wie “Spionage” gegen die Türkei. Die Abschiebungen fanden unter schlimmen Bedingungen statt: Die Betroffenen durften nicht mehr als 200 türkische Lira (etwa 20 €) mitnehmen sowie einen Koffer, der nur Kleidung und persönliche Gegenstände beinhalten durfte. Man gab ihnen maximal 10 Tage Zeit zum Verlassen des Landes, in manchen Fällen 48 Stunden. Wenn Immobilien und Geschäfte in dieser Zeit nicht verkauft wurden, konfiszierte sie der Staat. Die meisten der Deportierten hatten immer in der Türkei gelebt und hatten in Griechenland keine Existenz (im Sinne von Wohnraum, Beruf,…). Etwa ein Drittel der Istanbul-Griechen (“Konstantinopolitaner”) waren Pass-Griechen und fast alle davon wurden damals ausgewiesen. Das müssen etwa 10 bis 15 000 Menschen gewesen sein.

Doch: Es betraf viel mehr Konstantinopolitaner, da diese familiär eng miteinander verflochten waren und daher in der Regel weitere Teile der Familie mit Ausgewiesen mit gingen. Das waren wahrscheinlich noch einmal an die 15 000, insgesamt also etwa 30 000 Griechen die damals die Türkei verliessen.160 Und nicht genug damit: Dass die Istanbul-Griechen neuerlich durch einen aussenpolitischen, Griechenland betreffenden, Konflikt massiv in Mitleidenschaft gezogen wurden, verbreitete eine tiefe Verunsicherung, sodass auch damals “Unbeteiligte” in den folgenden Jahren auswanderten. Der finale Exodus der Griechen aus der Türkei setzte 1964 ein, es kam endgültig ein Domino-Effekt in Gang: die Auswanderer schwächen die Dortbleiber, wie in solchen Konstellationen üblich. Allmählich brach das ganze soziale Gefüge zusammen. Es fehlen dann zB die Schüler für die eigenen Schulen, irgendwann aber auch die Lehrer,… 1974, das neuerliche Aufkochen des Zypern-Konflikts, war noch eine “Draufgabe”. 1964 kamen noch weitere Gängelungen hinzu, hauptsächlich Druck auf die Schulen der Griechen in Istanbul, in Form von häufigen Inspektionen, die Ernennung von Türken als Vize-Direktoren,…

Ausweisung Griechen 1964

Hier ein Einzelbeispiel aus 1964: Stathis Arvanitis von der Insel Büyükada/Prinkipos erlebte als Kind 1955, als Randaleure mit der Fähre aus Istanbul kamen. Danach lebte man in Angst, so Arvanitis. Sein Vater, ein Schuster, war griechischer Staatsbürger, der Rest der Familie nicht. 1964 wurde der Vater ausgewiesen, natürlich gingen die Anderen mit (nach Griechenland). Bei der Grenzkontrolle wurde dem Vater noch eine Ikone abgenommen, mit der Begründung, es handle sich um eine Ausfuhr von Antiquitäten. Aus Istanbul gehen musste zB der Papierfabrikant Constantinos Vasileiadis. Der Journalist Andreas Lambikis, ebenfalls ein Istanbul-Grieche, wurde 1965 von den Behörden ausgewiesen, weil er in Artikeln in Istanbuler griechischen Zeitungen die Diskriminierungen thematisiert hatte. Fotos von alten oder behinderten Griechen, die in Istanbul zu Flugzeugen geführt wurden, gingen um die Welt. Der Westen blieb aber ruhig, ausser einzelnen Diplomaten oder Schreiberlingen, man war schliesslich im Kalten Krieg.

Nach dem Putsch 1960 gab es eine gelenkte Demokratie in der Türkei, für Jahrzehnte eigentlich, mit Militärs als Staatspräsidenten bis 1989 und dem Nationalen Sicherheitsrat, der eine Rolle spielte wie der Wächerrat in der IR Iran. Militärs die über Politiker wachten. Bestimmte Parteien wurden neben der CHP zugelassen, die DP gewissermaßen als AP (Gerechtigkeits-Partei) wiedergegründet. Mit der Wahl 1965 begann diese gelenkte Demokratie, Suleyman Demirels AP besiegte die CHP, Inönü wurde abgelöst, Demirel das erste Mal Ministerpräsident. Er war zwischen 1965 und 1993 6x Premier, dann Präsident; aus der AP wurde dann die DYP. Es heisst, die Istanbuler Christen und Juden bevorzugten die AP gegenüber der CHP. Eine minderheitenfreundliche Politik betrieb Demirel aber sicher nicht, nicht nur weil er kaum Minderheitenvertreter (keine Griechen) ins Parlament brachte. Und ja, “Minderheit” im türkischen Kontext bedeutet eigentlich “Nicht-Moslem”. Aber: Der politische Islam ist deshalb nicht notwendigerweise die “Antithese”, die Nemesis zu diesen Minderheiten – darauf werde ich noch eingehen. Für die AP spielte der Islam jedenfalls keine grössere Rolle, obwohl sie eher die Partei für Ärmere und Anatolier war.

1967 in Griechenland ein Militärputsch und in der Folge bis 1974 eine Diktatur; mit USA-Unterstützung, bis dahin haben in der Regel die Briten in Griechenland interveniert. Das Militärregime unter Georgios Papadopoulos (bis 1973), obwohl rechts, betrieb keine türkenfeindliche Politik (ausser dann auf Zypern). Ende der 60er, Anfang der 70er arbeiteten die Regime der beiden Länder etwas zusammen, bezüglich Austausch von Lehrern und Lehrmaterial für die Minderheiten im anderen Land. Der letzte griechische König Konstantin(os), der 1964 Nachfolger seines Vaters Paul/Pavlos geworden war, dürfte eine Rolle beim Zustandekommen der Militärdiktatur gehabt haben, im Vorfeld, als Drehscheibe zwischen USA-Vertretern, Offizieren, Politikern; er arrangierte sich zunächst mit der Junta, ging dann noch 67 ins Exil nachdem er versucht hatte in dieser Situation die Macht zu erringen (nicht, die Demokratie zurück zu bringen). 1973 wurde der Exilierte abgesetzt, die Monarchie abgeschafft, nachdem er wieder „hineingefunkt“ hatte (wiederum nicht im Sinne einer Demokratisierung); durch Referenden wurde dies abgesegnet. Die Glücksburg-Könige mussten immer wieder in’s Exil. Konstantin durfte lange nach der Demokratisierung nach Griechenland zurückkehren, 2003. Die Nachfahren der letzten osmanischen Sultane/Kalifen durften in den 1990ern in die Türkei zurück.

Im März 1971 erzwang das türkische Militär den Rücktritt der AP-Regierung von Demirel. Im Sommer ’71 wurde die orthodoxe Theologische Schule auf Chalki (Θεολογική Σχολή Χάλκης) geschlossen, nachdem der Oberste Gerichtshof private (nicht-staatliche) Hochschulen verbat. Seit Mitte des 19. Jh waren dort orthodoxe Kleriker ausgebildet worden. 1844 hat Patriarch Germanos IV. das Kloster aus dem 11. Jh in ein theologisches Seminar umgewandelt. Fast alle Gebäude wurden beim Istanbul-Erdbeben 1894 zerstört, bis 1896 wieder aufgebaut. In den 127 Jahren seines Bestehens graduierten 930 Kleriker vom Seminar, viele spätere Bischöfe, 12 orthodoxe Patriarchen. Der Niedergang des Konstantinopoler Griechentums spiegelt sich auch in der Entwicklung dieser Hochschule wieder; in Jahren zuvor war bereits die Teilnahme von nicht-türkischen Staatsbürgern als Lehrende161 und Lernende verboten worden. Nun wurde auch die Ausbildung künftiger Priester, Bischöfe, Patriarchen abgewürgt!

Hinzu kam das Schwinden der griechischen Bevölkerung Istanbuls. Bei 100 000 (also die Zahl aus der Zwischenkriegszeit) war es schon schwierig, qualifiziertes Personal zu finden.162 Um 1971 gab es vielleicht noch 10 000 Griechen in der Türkei. In dieser Zeit müssen die Antiochia-Orthodoxen (~20 000), die zT nach Istanbul zogen (und sich zT an die Griechen assimilierten) die Griechen zahlenmäßig überholt haben. Hinter der Existenz des orthoxen Patriarchats in Istanbul und der Griechen in der Stadt steht ein immer grösser werdendes Fragezeichen. Athenagoras musste das in den letzten Jahren seines Patriarchats und seines Lebens erleben.

1972 starb er, nach 24-jährigem Pontifikat (das längste seit Jahrhunderten); er hatte vieles bewegt und versucht. Für die Wahl eines Nachfolgers gab es neue Regeln seitens des türkischen Staats, die Anwesenheit eines Notars. Dies verstiess gegen das diesbezügliche kanonische Kirchengesetz. Weiters wurde dem Patriarchat mitgeteilt, dass Meliton Chatzis und zwei weitere Mitglieder der Heiligen Synode für die Türkei als neue Patriarchen nicht in Frage kämen. Chatzis bekleidete diverse Bischofs-Posten, jene die es nach Lausanne noch gab in und um Istanbul, zuletzt jenen von Chalcedon. Anfang der 1970er vertrat er 2 x Athenagoras als Patriarch, als dieser gesundheitlich “bedient” war. Im Juli 1972 wählte die Synode schliesslich Dimitrios Papadopoulos, den Erzbischof von Imbros und Tenedos, der als Patriarch “Dimitrios I.” wurde.

Makarios versuchte als Präsident des einigermaßen geeinten Zyperns nach 1964 eine bezüglich der türkischen Minderheit gemäßigte Linie zu “fahren”, bekam dabei Gegenwind aus Athen und den eigenen Reihen.163 1974 stürzte die neue EOKA, unterstützt von Teilen der Nationalgarde sowie dem Regime in Athen, den zypriotischen Präsidenten. Der EOKA-B-Mann Nikos Sampson/Nikolaos Georgiades wurde zum Präsidenten ausgerufen. Sampson hatte die Absicht, eine Vereinigung/Enosis Zyperns mit Griechenland vorzunehmen, seine ersten Schritte als Machthaber waren aber Verfolgungen von Makarios-Anhängern und Linken unter den griechischen Zyprioten! Nach Haralambos Athanasopulos wurden mindestens 500 unter Sampson getötete griechische Zyprioten auf die Liste der infolge der türkischen Inavsion Getöteten gesetzt, und ihr Tod den Türken untergeschoben… Ein Mythos bzw Geschichtsklitterung ist es aber auch, dass türkische Zyprioten nach dem Putsch in Nikosia gelitten hätten, verfolgt worden seien. Denktas, seit 1973 Vizepräsident, sprach damals zunächst sogar davon dass es sich dabei um eine interne griechische Angelegenheit handle. Dennoch164, 5 Tage nach Makarios’ Sturz, intervenierte das türkische Militär auf der Insel.165

Mehr als ein Drittel des Ostens (oder Nordens) der Insel wurde besetzt, die griechische Bevölkerung daraus vertrieben, im Gegenzug auch Türken aus dem Westen/Süden. Hier gab es dann Übergriffe, Massaker. 1974 dürften Griechenland und Türkei einem Krieg gegen einander (wie zuletzt 1920-22) sehr nahe gekommen sein. Mit den Rücktritten von Sampson & Co in Nikosia und von Ioannides166 & Co in Athen wurde das abgewendet. Makarios kehrte wieder in sein Amt als Präsident Zyperns zurück, in Griechenland ernannte die Junta Konstantinos Karamanlis zum Ministerpräsidenten, die Metapolitefsi begann.167 Das Land ist seither wieder stärker an den Westen gebunden. Zypern ist seither bekanntlich geteilt.168 Wenn man die Enosis-Absichten von Sampson/Georgiades und seinen Hintermännern in Athen als Anlass für die türkische Invasion sieht169, kann man sagen, der “Griff nach Zypern” brachte für Griechen Verteibungen und Verluste, wie schon jener nach Ost-Thrakien, Istanbul, Ionien ca. 50 Jahre zuvor. Zypern wurde in den 1950ern wichtig für das griechisch-türkische Verhältnis, was sich 1964 und 1974 natürlich intensiviert hat. Die Leute dort müssen einen eigenen Weg zu einander finden, die Zukunft ihrer Insel steht aber im Zusammenhang mit ihren “Schutzmächten” und ihrem Verhältnis zu einander.

Die türkische Invasion auf Zypern, der “Höhepunkt” der Konfrontation auf der bzw um die Insel, verstärkte die Auswanderung der Istanbul-Griechen, ohne dass sie damals Erlebnisse wie 1955 oder 1964 gehabt hätten. Sie waren oft genug daran erinnert worden, dass sich Verschlechterungen im griechisch-türkischen Verhältnis für sie schlimm auswirken konnte. Und 1974 kam diese Beziehung ja an einen neuen Tiefpunkt. Die Auswanderung ging die ganzen 1970er weiter. 1978 veröffentlichte Charalambos Rombopoulos in seiner Istanbuler griechischen Wochenzeitung “HΧΩ” (Echo) Zahlen über die Griechen in der Stadt (demnach gab es damals etwas unter 8 000) und Umfragen unter ihnen. Ein sehr grosser Teil äusserte die Absicht, die Türkei bald zu verlassen. Keine Frage, die Ereignisse in Zypern 1974 haben zum fast kompletten Verschwinden der Istanbul-Griechen einen entscheidenden Teil beigetragen.

Als türkische Behörden im September 1974 drei byzantinische ehemalige Kirchen und Klöster im Raum Istanbul in Moscheen umwandelte, gab es dort längst zu wenige Griechen, als dass diese Aufregung/Widerstand generieren konnten, so wie es die Moslems Indiens 1992 taten, bei der Zerstörung der Babri-Moschee in Ayodhya zum Zweck der Errichtung eines hinduistischen Tempels. 1980 wieder ein direktes Eingreifen des Militärs der Türkei in die Politik. Erst Ende der 1980er wurde die Macht dann an Politiker (wie Süleyman Demirel und Turgut Özal) abgetreten, wobei Einschränkungen für die Demokratie (Parteienverbote,…) darüber hinaus blieben. 1955 hatte das Eingreifen des Militärs spät die antigriechischen Randale gestoppt, 1964 waren unter dem Einfluss des Militärs Griechen des Landes verwiesen worden. In den 80ern tat sich diesbezüglich nichts Markantes. Dafür begann damals ein neuer Aufstand von Teilen der Kurden, in Südost-Anatolien.

Ein Blick auf die türkische Volksgruppe in Griechenland: Die “Türken” in Westthrakien sind ja eigentlich ein Amalgam aus moslemischen Türken, Pomaken und Roma/Sinti. Und Westthrakien gibt es als Verwaltungseinheit nicht (mehr). Die Westthrakien-Moslems sind vom griechischen Staat auch als moslemische Minderheit anerkannt, als religiöse nicht als ethnische Minderheit; was von türkischer Seite kritisiert wird. Hier hat sich gewissermaßen das osmanische Millet-System fortgesetzt, die Verschmelzung von ethnischer und religiöser Identität. Differenzen gibt es hauptsächlich zwischen den eigentlichen Türken und den Pomaken; zweitere sind griechischer, was wohl auch damit zu tun hat, dass sie keine “Schutzmacht” ausserhalb haben, die noch dazu mit Griechenland verfeindet ist. Jedenfalls wurden für diese moslemische Minderheit im Lausanne-Vertrag gewisse Rechte festgeschrieben. Sie ist die einzige staatlich anerkannte Minderheiten-Volksgruppe in Griechenland. Die Albaner gelten als ausgesiedelt (als “Türken”)170, die Aromunen als assimiliert171, den Dodekanes-Türken (s.u.) will man gewisse Rechte nicht zugestehen,…

1986/87 wurde im Zuge einer Verwaltungsreform auch die Region (Περιφέρεια, Periféria) Ostmakedonien-Thrakien geschaffen, mit der Hauptstadt Komotini. Sie besteht aus 6 Regionalbezirken, wovon Rodopi jener ist mit den meisten Westthrakientürken/muslimischen Griechen (ca 50% d. Bevölkerung), auch die Regionalshauptstadt Komotini liegt dort. In Komotini gibt es ein türkisches Konsulat, viele türkische Schulen,… Man kann die Türken im historischen Westthrakien (zumindest die tatsächlichen Türken unter ihnen) in den Kontext mit den (anderen) Balkantürken stellen, das sind hauptsächlich jene in Bulgarien, im früher jugoslawischen Makedonien, Rumänien (dort v.a. in Dobrudscha). Das ist Diaspora aus türkischer Sicht, wohin gegen WT an die Türkei grenzt. Jedenfalls sind die Türken/Moslems im jetzigen Ostmakedonien-Thrakien eine grosse Minderheit geblieben (an die 100 000), während die Istanbuler Griechen zusammengeschrumpft sind. Es gab aber auch von hier eine starke Auswanderung, v.a. natürlich in die Türkei. Es gibt dann noch eine kleinere Zahl von Türken auf den Dodekanes-Inseln (v.a. auf Rhodos, in Kos weniger), die ja erst spät von Italien übergeben wurden, womit diese Menschen dem Bevölkerungsaustausch von 1923 entgingen. Es sind kleinere Gruppen, ohne Minderheitenschutz, sie müssen sich anpassen.

Nicht bekannt ist mir, inwiefern es vom Dodekanes oder Ostmakedonien-Thrakien172 eine Binnenwanderung von Türken in Hellas gibt, also zB nach Athen. Zur Frage der Moschee in Athen, s.u. In den letzten Jahren und Jahrzehnten gab es natürlich auch neue moslemische Einwanderer, Flüchtlinge,… in Griechenland. Zeitweise werden diese, die moslemische Minderheit in Westthrakien, die Türkei sowie die moslemischen (türkischen, albanischen,…) Bevölkerungsgruppen in Nachbarstaaten wie Bulgarien und Nordmakedonien als quasi unter einer Decke steckend und Bedrohung für Griechenland empfunden/dargestellt. Das Verhältnis der Griechen zu Arabern und Persern ist entspannter als zu Türken und Albanern (die eigentlich nur zT moslemisch sind). Aber auch mit orthodoxen Völkern gab/gibt es ja Spannungen, dazu auch noch mehr.

In Griechenland werden Kandidaten der moslemisch-türkischen Minderheit(en) aus Thrakien in der Regel auf Listen linker Parteien (wie PASOK) oder als Unabhängige ins Parlament gewählt. Sadik Ahmet wurde 1989 als Unabhängiger gewählt. Später gründete er eine Partei, namens “Freundschaft Gleichheit Frieden” (türkische Abkürzung DEB, griechische KIEF), die eine Partei der Minderheit ist, aber nicht sein darf (so wie die bulgarische ДПС oder die Kurden-Parteien in der Türkei), und ausserdem nicht über die (3%-) Sperrhürde kommt. 1990 wurde Ahmet kurzfristig verhaftet, worauf hin es in Komotini zu Unruhen kam. Sadik Ahmets Auto-Unfall-Tod 1995 wurde von vielen Westthrakien-Türken dem griechischen Staat angelastet. Hetzer und Chauvinisten gibt es natürlich schon auch in Griechenland und die dortige türkische Minderheit hat auch gelegentlich die Sündenbock-Funktion. Auch sie sind nur pro forma gleichberechtigte Bürger. Es gibt auch eine Parallele zum orthodoxen Patriarchen von Istanbul; 1991 begann der griechische Staat, den Mufti (also das religiöse Oberhaupt der Moslems in Thrakien) zu ernennen. Dieser wird von den Betroffenen nicht anerkannt. Parallelen gibt es hier auch zum Pantschen Lama in Tibet.

In der Türkei war eine regionale Autonomie, wie in Südtirol, für die nach 1923 verbliebenen Griechen kein Thema, da diese in der wichtigsten Stadt des Landes leben – inzwischen sind es längst zu wenige. Die Türken/Moslems in Griechenland leben in einer abgelegenen Gegend und machen im Bezirk Rodopi wie erwähnt die Hälfte der Bevölkerung aus. Aber: Zum Einen wird auch dort streng auf eine “Einbindung” der Minderheit in den Staat geachtet. Zum Anderen: Das mit der “Abgelegenheit” ist relativ. Die Westthrakien-Türken bzw moslemischen Griechen leben am (für Manche) sensitivsten Punkt Griechenlands, im Grenzgebiet zur Türkei. Östlich vom Bezirk Rodopi (Siedlungs-Schwerpunkt dieser Türken/Moslems) liegt noch der Bezirk Evros (mit der Stadt Alexandropoulis), ebenfalls ein Teil des historischen Westthrakiens, wo auch Türken leben, nicht so viele. Auf der anderen Seite des Evros/Maritsa/Meric liegt das türkische Ost-Thrakien (mit Edirne/Adrianopel). 1986 gab es eine Schiesserei an der Grenze (West-Ost-Thrakien) zwischen griechischen und türkischen Soldaten.

Ansonsten grenzen die beiden Länder in der Ägäis aneinander, von der Insel Samos zur kleinasiatischen Küste etwa ist es nur 1,6 km. Lange gab es Sorge in Griechenland, die Türkei könnte in West-Thrakien “zum Schutz” der dortigen türkischen Minderheit militärisch intervenieren, wie in Zypern. In der Ägäis gab und gibt es auch Grenzkonflikte zwischen den beiden Staaten, speziell ab den 1970ern. 1987 (griechische Ölbohrungen bei Thasos, türkische Antwort) und 1995/96 (Imia/Kardak) hat auch nicht viel zu einem vollen militärischen Konflikt gefehlt. Es geht immer um Seegrenzen, Souveränität, Meeresbodenbergbau, militärisches Geprotze,… Nach dem Konflikt 1987 kam es 1988 beim Weltwirtschaftsforum in Davos (Graubünden, Schweiz) zu einem Übereinkommen zwischen den Regierungschefs Özal und A. Papandreou, mit dem sich die Staaten erstmals seit 1974 wieder einander annäherten. Auch wurden damals Rückkehr-Besuche von 1923 oder später (1964,…) Vertriebenen erleichtert.

Patriarch Demetrios/Dimitrios, in dessen Zeit Zypern-Invasion, Militärputsch und konstante Auswanderung seiner Gemeinde gefallen waren, wurde am Ende seines Lebens/seines Pontifikats auch mit türkischem Unmut über die Behandlung der türkischen Minderheit in Griechenland konfrontiert (Ahmet-Verhaftung, Mufti-Ernennung). 1990 und besonders 1991 wurde der Patriarchenpalast bzw die Georgskirche von nationalistischen Demonstranten mehrmals belagert, die Dimitrios zu einer Verurteilung der diesbezüglichen griechischen Politik zwingen wollten. Die Blockaden, etwa jene im August 91, wurde von den türkischen Behörden zumindest geduldet. Das Patriarchat ist, überspitzt gesagt, seit Jahrhunderten in einem Belagerungszustand, und mit dem Übergang vom Osmanischen Reich zur Republik ist das definitiv schlimmer geworden. Es dürfte aber einen Zusammenhang zwischen diesen Aktionen und seinem Ende gegeben haben, diese ihm gesundheitlich zugesetzt haben. Im Oktober 1991 starb er. Zum Nachfolger wurde sein Mitarbeiter, der damals 51 Jahre alte Metropolit Demetrios Archontonis, gewählt. Der 270. Nachfolger des Apostels Andreas nahm den Patriarchen-Namen Bartolomaios (Bartholomäus) I. an. Archontonis/Bartolomaios ist 1940 auf Imbros geboren, besuchte eine griechische Schule in Istanbul, studierte auf (C)halki Theologie ab ’61, wurde ’69 Priester, leistete zwischendurch seinen türkischen Militärdienst ab, war dann zur postgraduellen Ausbildung sowie als Geistlicher im Ausland, u.a. in der USA.

Mit dem Ende der kommunistischen Systeme/Staaten in Osteuropa (Warschauer Pakt, YU, Albanien) Anfang der 1990er kam Bewegung ins Verhältnis zwischen Griechenland und seinen nördlichen Nachbarn. Während Grenzen geöffnet wurden, wurden Grenzfragen, Irredenta-Ansprüche und Ähnliches wieder etwas aktuell, u.a. um das historische Makedonien, das zwischen Griechenland (3 Regionen), Bulgarien und dem ehemals jugoslawischen Makedonien/Mazedonien geteilt ist. Die Türkei verlor die Privilegierung, die sie vom Westen im Kalten Krieg als “Frontstaat” genoss, konnte aber Kontakte zu türkisch-sprachigen nun unabhängigen Staaten der Ex-SU knüpfen sowie zu türkischen Volksgruppen am Balkan. Restrospektiv begann das Ende der kemalistischen Republik.

Zwischen der Türkei und Griechenland verbesserte sich in den letzten Jahren des 20. Jh das Verhältnis etwas. Das war, als George Papandreou in Griechenland Aussenminister war, und in der Türkei Ismail Cem (İpekçi). Cem war 97-02 Aussenminister, unter Yilmaz und Ecevit, Papandreou 99-04, unter Simitis (PASOK; später wurde er Ministerpräsident). Den beiden gelang es, etwas Bewegung in die festgefahrenen Beziehungen zu bringen. Es war/ist nicht nur Zypern…als Papandreou und Cem Abkommen in Athen unterschreiben sollten, hatte man das Problem dass es im Aussenministerium und anderen Gebäuden kaum Räume ohne Gemälde von Kämpfen mit Türken gab, vom Untergang Byzanz’, vom Unabhängigkeitskampf gegen die Osmanen,… Dieser Antagonismus hat die griechische Geschichte der letzten (mehr als) 500 Jahre geprägt. Und 1999 (im Februar) war noch die Verhaftung von PKK-Chef Abdullah Öcalan in Kenya, durch türkische Agenten mit israelischer Hilfe. Der Chef der kurdischen Miliz hatte von griechischer Seite Hilfe nach seiner Ausweisung aus Syrien 98 bekommen.173 Drei griechische Minister traten deshalb zurück, darunter Aussenminister Pangalos, dem Papandreou nachfolgte. Die linksextreme DHKP-C (Dev Sol) agierte auch zeitweise von Griechenland aus. Im selben Jahr die “Erdbeben-Diplomatie”, nach Erdbeben sowohl in Türkei als auch in Griechenland, gegenseitige Hilfe und Anteilnahme.174 Und im Dezember 99 zog Griechenland sein Veto gegen EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei zurück.

Man redete über die Grenzkonflikte in der Agäis. Anfang 2000 ein Staatsbesuch Papandreous mit Kranzniederlegung am Atatürk-Mausoleum in Ankara. Bald darauf der Gegenbesuch von Cem in Athen. Damals dürfte das Problem mit den fehlenden Prunkräumen ohne Gemälde von Gewalt mit Türken aktuell gewesen sein175, jedenfalls wurden damals und in den folgenden Monaten einige Abkommen unterzeichnet, betreffend wirtschaftliche, wissenschaftliche, kulturelle Zusammenarbeit, Verkehr (auch Schiffs-),… Cem, der aus einer Dönmeh-Familie kam, bekam den Ipekci-Preis für türkisch-griechische Freundschaft, gestiftet 1981 zu Ehren von Abdi Ipekci, einem Journalisten („Milliyet“) und Menschenrechtsaktivisten, der 1979 von Grauen Wölfen (darunter Mehmet A. Agca176) ermordet wurde.177 Ismail Cem war sein Cousin, ein Kemalist, aber ein liberaler (vielleicht sogar linksliberal) und engagiert für die Aussönung mit Griechenland, für Minderheitenrechte. Cem wechselte von der CHP zur SHP, dann zur DSP (Ecevit), gründete 02 die YTP. Nachdem diese bei Wahlen nicht gut abschnitt, brachte er sie in die CHP ein, in der Hoffnung, deren liberalen Flügel zu stärken. Das war kurz vor seinem Tod 2004, infolge einer Krebserkrankung.

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Die gegenwärtige Situation

Heute dürfte es etwa 2000 Griechen geben in der Türkei, in Istanbul (inklusive den Prinzeninseln) sowie auf Imbros und Tenedos, mit dem Patriarchen als Quasi-Führer/ Ethnarchen178, den Sondergruppen der Karamanlides-stämmigen, der Griechisch-Katholischen, der Zuwanderern aus Antiochia/Antakya unter ihnen. Auch ganz wenige griechische Staatsbürger dürfte es darunter noch geben in Istanbul. Und natürlich die Eftimisten/Türkisch-Orthodoxen, die den Weg der Anpassung an die türkische Gesellschaft gegangen sind. Es gibt aber auch jene (Türken), bei denen nicht die Zugehörigkeit zu einer christlichen (oder pseudochristlichen?) Gruppe an die “Wurzeln” erinnert (und auch nicht Name oder Sprache), Griechisch-Stämmige (oder ihre Nachfahren) die zu verschiedenen Zeiten den Weg der Assimilation beschritten haben und das eine oder andere Griechische behalten haben; auch ausserhalb Istanbuls.179 Und natürlich ist die kleine griechische Gemeinschaft auch sozial (nach Berufen), kulturell und politisch diversifiziert. Es wird sich zeigen, ob sie als solche bestehen kann.

Patriarch Bartholomäus ist inzwischen seit 28 Jahren Patriarch, hat damit Athenagoras überholt. In seine Zeit fiel bislang eine Zeit relativer Stabilität in den Beziehungen Griechenland-Türkei. Und der Übergang von der kemalistischen Republik zu einer islamischeren sowie die globale Islamkrise. Wobei: Es war die nationalistische Ergenekon-Organisation, die einen Anschlag auch auf Bartholomäus/Archontonis plante und die kemalistische Justiz, vor der sich der Patriarch 2007 verantworten musste – weil er an seinem traditionellen Titel als “Ökumenischer Patriarch” festhält. Und es waren die AKP-Regierungen, unter denen die Griechisch-Orthodoxe Kirche Immobilien zurückerstattet bekam. Archontonis hat sich markant zur Reziprozität von Moslems in Europa und Christen in der Türkei geäussert, im Zusammenhang mit dem geschlossenen Priesterseminar, dazu noch mehr. Für diese so kleine Gemeinschaft wird es jedenfalls immer schwieriger, einen würdigen Patriarchen in seiner Mitte zu finden.

Der Niedergang der Griechen in Istanbul/Konstantinopel wirkte sich auch auf ihre Presse aus. „Echo“ (Rombopoulos Vater und Sohn) und viele andere Zeitungen/Zeitschriften mussten eingestellt werden. Heute ist “Apogevmatini” (Απογευματινή) die letzte, sie erscheint täglich, seit beinahe 100 Jahren, wurde aber immer dünner und stand mehrmals vor der Einstellung. “Apogevmatini” wird wie zu ihren Anfängen von der Vasiliadis-Familie herausgegeben. Andere wichtige kontemporäre Personen der Istanbuler Griechen sind etwa Metropolit Apostolos Danilidis, einer der Mitarbeiter des Patriarchen in der Georgskirche. Bin mir aber nicht sicher, ob er der aktuellen Synode angehört. Dann soll es einen Universitäts-Professor namens Stepanopoulo(s) geben, der so etwas wie säkularer Führer dieser Gemeinschaft sein soll. Der Sänger Fedon Kalyoncu ist Sohn eines Griechen und einer Armenierin aus Istanbul. Die Philosphin Kucuradi ist auch eine jener, deren griechische Abstammung man nicht am Namen erkennt. Das gilt auch für den Fleischer Lazari Kosmaoglu, der in diversen Dokus über die Istanbul-Griechen vorgestellt wurde.

02 gewann in der Türkei also die Adalet ve Kalkinma Partisi (AKP) die Wahl, durfte die Regierung bilden, ist seither an der Macht, mit Recep T. Erdogan als starkem Mann (Minister-, nun Staatspräsident). Dieser Machtwechsel dürfte zum Ende der CHP/Militär-Republik führen bzw geführt haben. In vielen Bereichen (v.a. Streitkräfte, Justiz) blieb die kemalistische Hegemonie weit über 02 hinaus erhalten, änderte sich erst in den 2010er-Jahren etwas. Letzter Ministerpräsident/ Premierminister der CHP war übrigens Bülent Ecevit, 1978/79. Dieser war 99-02 auch letzter vor dem Machtwechsel zur AKP, diesmal als Politiker der DSP. Parteien wie DSP oder ANAP sind natürlich auch kemalistisch orientierte Parteien. Der Ausgleich mit Griechenland vollzog sich also vor und während dieses Wandels, wurde fortgeführt. Die Darstellung bzw Wahrnehmung der AKP und ihrer Politik im Westen ist in der Regel verzerrt. Vor allem ist es lächerlich bzw wahnwitzig, dem Kemalismus zu bescheinigen, er habe die Türkei als rechtsstaatlich-liberalen Staat aufgebaut, den diese “Islamisten” jetzt sabotierten. Das passt natürlich zum Geist der Zeit. An kemalistischen Parteien sind nur (noch) die CHP und die MHP von Belang. Die MHP wurde ja von A. Türkes gegründet nachdem er die CHP dafür kritisierte, vom nationalistischen Erbe Atatürks zu weit abgewichen zu sein. Sieht sich gewissermaßen als die wahren Kemalisten.

Die CHP hat neben dem nationalistischen auch einen liberalen Flügel, der nicht nur Leute wie Ismail Cem ansprach, sondern auch Angehörige christlicher Minderheiten. Wenn man so will, ist das Liberale dort ein Nationalismus des Territoriums bzw des Demos (der also alle türkischen Staatsbürger mit einschliesst), hegemonial ist aber der Ethno-Nationalismus, der “echte Türken” gegen solche mit Sub-Identitäten in Stellung bringt. Die AKP fordert(e) die CHP-Politik der Anlehnung an den Westen (zugunsten einer Hinwendung zur Region) wie auch jene der Vorherrschaft der West-Türkei über Anatolien heraus. Die MHP ist noch dezidierter gegen Minderheiten unter Türken (Kurden, Christen), “spielt” ausserdem mit einem Turanismus/Pantürkismus, bezüglich des Machtkampfes Anatolien gegen Westküste, Islam(ismus) gegen Nation(alismus), Orient gegen Europa, neue Eliten gegen alte, steht die MHP gewissermaßen in der Mitte. 2013 die Proteste gegen ein Bauprojekt im Gezi-Park beim Takism-Platz in Beyoglu/Pera, das mit der westlichste Teil Istanbuls ist (nicht geografisch) – und ein Viertel der Istanbuler Griechen war.180 Bei den (erfolgreichen) Protesten schlossen sich verschiedene Gegner der AKP-Politik zusammen.181

1964 bis 1996 gab es keine Minderheiten- (nichtmoslemischen) Abgeordneten im türkischen Parlament, dann kam der Jude Cefi Kamhi (DYP, bis ’99); 2011 wurde der syrisch-orthodoxe Erol Dora für die HDP gewählt. Mit der ersten Wahl 2015 kamen weitere hinzu und seither hat(te) das Parlament in jeder Legislaturperiode einige Minderheiten-Abgeordnete. Für die AKP, die CHP, die HDP (seit 2012 die aktuelle “Ausgabe” der Kurdenpartei). Das im Juni ’15 gewählte Parlament war wohl das ethnisch-religiös bunteste in der bisherigen Geschichte der Türkei, mit Armeniern, Kurden, Assyrern/Syrisch-Orthodoxen, Yeziden, Sinti, Mhallami,…und Alewiten, wie CHP-Chef Kilicdaroglu. Mit ihm hat der liberale Flügel in der CHP Oberhand, aber er steht unter Druck. Die Alewiten sind so ziemlich die einzige (nicht-sunnitische) Gruppe, die auch die MHP zu unterstützen bereit ist. Was sich auch geändert hat: Die meisten Minderheiten-Abgeordneten in früheren Zeiten waren männliche Istanbuler “Notabeln”. Inzwischen gibt es auch welche aus Anatolien, Frauen,…

Türkei-Griechen gab es keine im Parlament in den letzten Jahren; Ioannides (gewählt, 57-60 bzw) Laskari (ernannt, 61, Verfassungsversammlung) waren die letzten Griechen in parlamentarischen Versammlungen der Türkei. Es gab auch keine Kandidaten, auf den Listen der Parteien, so weit ich feststellen konnte. Weil sie inzwischen so eine kleine Minderheit sind, oder weil sie weiter diskriminiert werden? Ich glaube eher, ersteres, vielleicht auch, weil sie den Kopf weiter “tief halten” wollen. Die kleine griechische Minderheit ist kein Faktor mehr in der türkischen Politik, 2000 Angehörige, ein x-beliebiges Dorf in Anatolien hat mehr Einwohner… Nun ja, wenn es um das Chalki-Priesterseminar oder um den Patriarchen geht, bekommen sie doch Aufmerksamkeit. Jedenfalls: Dass Minderheiten wieder stärker im Parlament vertreten sind, hat mit viel der AKP-Politik zu tun, die entgegen dem über sie vorherrschenden Bild toleranter ggü Minderheiten ist als die kemalistischen Kräfte. Manche wurden auch auf ihren Listen gewählt. Auch der Konflikt mit der Kurden-Miliz PKK ruhte, 2013-15, ist aber wieder aufgeflammt.182

2008 absolvierte Konstantinos Karamanlis junior (Premier, ND) einen Staatsbesuch in der Türkei, besuchte Patriarch Bartholomäus in Istanbul und die türkische Staatsführung in Ankara. Die griechische Rechtspartei LAOS kritisierte den Besuch am Atatürk-Mausoleum in Ankara, dies sei so wie wenn ein israelischer Politiker ein Grab Hitlers besuche. Die LAOS (Λαϊκός Ορθόδοξος Συναγερμός, Laikós Orthódoxos Synagermós, Orthodoxe Volksversammlung) wurde 2000 vom Journalisten Georgios Karatzaferis gegründet, der zuvor in der ND aktiv war. 09 errang sie ihr bestes Wahlergebnis, 11/12 war LAOS in der Regierung von Papademos (PASOK), seit 12 nimmer im Parlament, von anderen Rechtsparteien überflügelt, im Zuge der Wirtschaftskrise. Im Grossen und Ganzen hat sich das griechisch-türkische Verhältnis aber in den letzten 20, 25 Jahren verbessert.

Erdogans, Papandreous, Theodorakis 2010 in Athen; Michael Theodorakis ist für griechisch-türkische Verständigung: https://www.tovima.gr/2019/08/13/international/famed-composer-mikis-theodorakis-issues-impassioned-plea-for-greek-turkish-understanding/

Einige Vertriebene sind auch in der neuen Heimat politisch aktiv geworden. Neoklis Sarris, ein Istanbul-Grieche, war Berater von Patriarch Athenagoras, nach seiner Auswanderung/Vertreibung war er in der griechischen Politik aktiv (Partei EDIK), blieb der griechisch-türkischen „Sache“ verbunden, u.a. bei Verhandlungen zwischen den beiden Ländern oder in einer akademischen Zusammenarbeit mit Ahmet Davutoglu, der dann türkischer Premierminister wurde. Bülent Arinç wiederum stammt von Türken, die aus Kreta ins Osmanische Reich gingen, um die Jahrhundertwende, und Griechisch sprachen, eine Sprache, die er selbst auch kann (von den Eltern lernte). 2009-15 war der AKP-Politiker Vizepremier. Der parteilose Dimitris Mardas (stammt aus Istanbul) kam unter Tsipras in die griechische Regierung.

Die Türkei, seit 1963 mit der EU-Vorgänger-Organisation assoziiert, wurde 1999 Beitrittskandidat, 2005 wurden Beitrittsverhandlungen aufgenommen. Einige Verbesserungen für die kleine griechische Minderheit sind im Zuge dessen zu Stande gekommen. So wurde etwa die türkische Verstaatlichung von Immobilien der Griechisch-Orthodoxen Kirche rückgängig gemacht. Nach einem Urteil des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs (EGMR) musste die Türkei 2012 das 1964 geschlossene und später enteignete Waisenhaus auf Prinkipos/Büyükada an das Patriarchat zurückgeben. Die Angabe der Religionszugehörigkeit in türkischen Personalausweisen wurde im Zuge des Beitritssprozesses geändert, scheint auf neueren Ausweisen nicht mehr auf (bleibt aber auf dem Chip gespeichert). Dies ist vermutlich im Sinne der meisten Nicht-Moslems; in der Türkei ist Religionszugehörigkeit (zB Rüm Ortodoks) noch immer mehr oder weniger gleichbedeutend mit der ethnischen Zugehörigkeit. Wenn dies auch nicht so gravierende Auswirkungen hat wie in Israel.

Unter Erdogan hat die Türkei aber auch, in den 2010ern, Besitz (Grundstücke oder Gebäude, also Immobilien) an religiöse Minderheiten bzw ihre Stiftungen zurückgegeben, ohne von europäischen Behörden dazu verurteilt worden zu sein. Gegen den Willen der CHP, den der MHP sowieso. Etwa Land auf der Insel Chalki an die Griechisch-Orthodoxe Kirche, benachbart zum geschlossenen Priesterseminar (zu dem auch ein Kloster gehört, das in „Betrieb“ ist). Auch wurde die armenische Achtamar-Kirche auf der Insel im Van-See renoviert. Anfang 2015 hat eine türkische Regierung erstmals seit der Gründung der Republik 1923 den Bau einer neuen Kirche genehmigt. Eine syrisch-orthodoxe Kirche soll im Istanbuler Stadtteil Yesilköy errichtet werden, der Bau begann erst kürzlich, nach langem Gerangel u.a. über die Finanzierung. Bisher sind in der Türkei Kirchen nur saniert oder wieder geöffnet worden.

In der Frage der Wiedereröffnung des Seminars auf Chalki hat sich unter der AKP auch etwas bewegt. Möglicherweise hat Erdogan, in Gesprächen mit griechischen Regierungsvertretern, die Sache mit der Eröffnung einer Moschee in Athen verknüpft. Moscheen in Athen (und anderswo in Hellas) wurden zur Zeit der griechischen Unabhängigkeit zerstört oder umgewidmet, heute gibt es nur im Gebiet der Westthrakien-Türken echte Moscheen in Griechenland. Und unechte bzw improvisierte, zB in Wohnhäusern, in Athen. Für die etwa 300 000 Moslems im Gross-Raum Athen, die Einwanderer sind; wahrscheinlich sind auch einige türkische Griechen aus Westthrakien und dem Dodekanes darunter, die in die Hauptstadt gezogen sind. Die Moscheen sind eben alle im Zuge der osmanischen Eroberung vom Byzantinischen Reich bzw dieser Herrschaft entstanden. Es gab zB die Reste der Fethiye-Moschee im zentralen Athen, die lange zweckentfremdet genutzt wurde; sie wurde renoviert, aber nicht um wieder Moschee zu sein, sie wird für kulturelle Ausstellungen genutzt.

Ein Bild der Moschee aus der Zeit knapp vor der Umwidmung

Im Athener Stadtteil Votanikos wurde aber eine neue Moschee errichtet, die bald “in Betrieb” gehen soll.183 Widerstand gegen den Bau kamen von Teilen der Kirche und rechtsgerichteten Organisationen, mit Unterstützung westlicher Islamophober. Die Frage der Reziprozität der Behandlung von Moslems hier und Christen dort ist im Grunde eine wichtige, und eine komplexe – entgegen den Befunden der Scharfmacher beider Seiten, etwa Douglas Murray. Einstweilen ist Athen noch die einzige Hauptstadt eines EU-Staats ohne Moschee – und Griechenland eines jener Länder der EU, die unter osmanischer Herrschaft standen, wie Bulgarien, Rumänien,… A propos Reziprozität: Im April 18 sagte Patriarch Bartholomäus/ Bartolomaios nach einem Treffen mit Präsident Erdogan und Premier Tsipras, dass das Seminar auf Chalki bald geöffnet werden würde.

Heuer im Februar hat Tsipras Chalki (und die geschlossene Hochschule) besucht, auch er sprach von der Wieder-Öffnung. Es gibt aber längst Engpässe bei Priestern unter den Griechen der Türkei, das Seminar ist ja seit bald 50 Jahren geschlossen… Geistliche aus Griechenland müssen bzw dürfen aushelfen. Da inzwischen auch die Zahl der 12 Bischöfe wackelt, die eines Tages einen neuen Patriarchen wählen müssen aus ihren Reihen, gibt es das türkische Angebot für Staatsbürgerschaft für ausländische (griechische) Bischöfe, um ihnen Wahlberechtigung zu ermöglichen (soll auch schon geschehen sein). Die Frage der Zukunft des Patriarchats ist eng mit der des Überlebens der Griechen in der Türkei verbunden, und beide mit der Wiederöffnung des Priesterseminars. In diesem Zusammenhang ist es lohnenswert, sich die Haltungen der CHP oder der (kemalistisch dominierten) Justiz zu dieser Frage anzusehen, die im Westen in der Regel als positive, “moderne” Alternative zu den “rückständigen Islamisten” der AKP gezeichnet werden.

Erdoğan sagte 2009, damals war er noch Premier, dass Angehörige von Minderheits-Völkern im Zuge ungerechter Maßnahmen vertrieben worden seien, und dies sei nicht zum Vorteil der Türkei gewesen. Ob er damit die im Zuge des Bevölkerungsaustausches ausgesiedelten Griechen meinte? Oder die zB im Zuge der Ereignisse von 1955 Emigrierten oder die 1964 Ausgewiesenen? Sein Verteidigungsminister Mehmet Gönul wiederum sagte vor einigen Jahren, die “Vertreibung von Griechen und Armeniern war ein wichtiger Beitrag zur Nationalstaatsbildung”. Ein türkischer Politologe entgegnete ihm, diese habe die Industrialisierung um mindestens 50 Jahre zurückgeschmissen. 2016 kritisierte Erdogan (nun Präsident) den Lausanne-Vertrag, weil damit die Zugehörigkeit fast alle Ägäis-Inseln zu Griechenland bestätigt worden war (auch jene direkt vor der kleinasiatischen Küste). Dies war zur Zeit von Streitigkeiten mit Griechenland um Seegrenzen; teilweise ergaben sich durch diese Inseln für die Türkei ungünstigere Grenzen als jene die das Seerecht für Gewässer vor der Küste eines Staates eigentlich vorsieht. 2014 tauchte ein weiterer Konflikt auf (GR-TR, aber auch TR-EU,…), nach dem Fund von Gasvorkommen vor Zypern. 2016 äusserte Recep Erdogan auch eine “Zuständigkeit” der Türkei für seine “Verwandten” in Westthrakien, Zypern, Krim (Tataren) und anderswo. Dies wurde in Griechenland auch negativ aufgenommen, wobei das Beachtenswerte hier eigentlich die Nennung der Krim-Tataren war, was die Ukraine oder aber Russland betrifft.

Unter Erdogan wurden aber auch topographische Türkisierungen, die von (v.a. spät-) osmanischer Zeit bis in die 1980er/1990er liefen, gestoppt und teilweise rückgängig gemacht. Alle Bezeichnungen, die auf einen nicht-türkischen Charakter von Land und Leuten hinwiese, sollten ausgelöscht werden. Erdogan, der der Istanbuler Unterschicht entstammt, von Eltern die vom Schwarzen Meer (Nordost-Anatolien) eingewandert waren, und die georgischer Herkunft sind, verwendete bei einer Rede die griechische Originalbezeichnung für den Herkunftsort der Eltern (Potamia). Sein langjähriger Weggefährte Abdullah Gül (Präsident 07-14) stammt aus Zentralanatolien, verwendete bei einer Rede in einem kurdischen Ort dessen ursprünglichen Namen. 2016 feierte die Türkei den 563. Jahrestag der osmanischen Eroberung von Konstantinopel, v.a. in der Stadt (Istanbul) selbst, mit Feuerwerk und Militärflugshow. Anschläge von PKK oder IS wurden befürchtet, gab es aber nicht. Die AKP bezieht das Osmanische Reich in ihre Geschichtspolitik mit ein; was Kemalisten ablehnen, dazu war dieses Reich zu multiethnisch, multikulturell, feudal,… Die MHP steht (auch) hier dazwischen. Die rechtsextreme griechische Partei Goldene Morgenröte erinnerte 2013 mit einem Fackelzug an die Eroberung und den damit verbundenen Untergang des zweiten Griechenlands, 560 Jahre zuvor.

Als sich das Scheitern des Putschversuchs in der Türkei im Juli 2016 abzeichnete, kaperten 8 Putsch-Offiziere einen Militär-Hubschrauber und flogen über die griechische Grenze nach Alexandroupolis (Ostmakedonien-Thrakien). Sie suchten dort um politisches Asyl an, was nach einigem Hin und Her bewilligt wurde. Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras lehnte einen “Tauschhandel” mit der Türkei zur Freilassung von zwei griechischen Soldaten ab (die beiden waren bei schlechtem Wetter in unübersichtlichem Gelände auf die andere Seite der Grenze geraten). Zugleich warf er dem Nachbarstaat heute vor, er entferne sich immer weiter von Europa. Neben diesen Offizieren sollen viele weitere Türken nach dem Putschversuch um Asyl in Hellas angesucht haben (unter anderen Umständen). Ob die Putschoffiziere ggü Griechenland eine so positive Einstellung hatten/haben…? Wenn man so will, tut sich da eine Querfront auf. 1920 setzten sich, nach dem Machtwechsel in Griechenland, einige venizelistisch gesinnte griechische Offiziere (General E. Zimbrakakis,…) nach Istanbul ab; wo es aber eine grosse griechische Volksgruppe und griechische Truppen gab, und das Osmanische Reich “entmündigt” worden war.

Auch war/ist in der westlichen Berichterstattung zum Putschversuch nicht selten eine Darstellung der Putschisten als “Opfer” festzustellen, der Niederschlagung als “illegitim”,… Die Militärputsche 1960 und 1980, die Absetzungen der Regierung durch das Militär 1971 und 1997184 sowie die Versuche dazu hauptsächlich in den 00er-Jahren (Ergenekon185, Balyoz harekati186,…) wurden (wie auch der Versuch ’16) von Offizieren ausgeheckt/durchgeführt, die sich als “Hüter der Republik” fühl(t)en und sich über demokratisch gewählte Politiker stellten. Bei diesen militärischen Eingreifen in die Politik wurden Nicht-CHP-Regierungen abgesetzt (oder sollten das werden), und die kemalistische Elite unterstützte diese Aktionen auch grossteils. Die Verfassungsreform nach der Volksabstimmung 2010 ermöglichte die Verfolgung der Verantwortlichen des Putsches von 1980 und die Aufarbeitung dieser Phase; der Prozess gegen Putschistenführer Evren (12-14) markiert das Ende jener Ära, in der die türkische Armee nach Belieben schalten und walten konnte und sich vor Niemandem verantworten musste. Als der Staatssekretär im deutschen Aussenministerium, Michael Roth, der „Welt“ sagte, Deutschland würde “Regierungskritikern” und “kritischen Geister” aus der Türkei Asyl gewähren, hat er keine Abgrenzung zu Putschanhängern und -beteiligten gezogen, und auch nicht jene Deutschen bedacht, die Türken par tout nicht wollen.

Griechischer Friedhof Sisli (Istanbul)

Von der Ergenekon-Verschwörung gab es auch eine Verbindung zur Türkisch-Orthodoxen Kirche. Ihr Gründer, Pavlos Karahisaridis/ Zeki Erenerol starb 1962. Von der Griechisch-Orthodoxen Kirche exkommuniziert, verweigerte ihm diese ein Begräbnis auf ihrem Friedhof im Stadtteil Sisli. Von Militär-Präsident Sunay abwärts setzten sich türkische Offizielle aber dafür ein, zwangen Patriarch Athenagoras quasi zu einer Einwilligung. Beim Begräbnis waren dann auch viele Abgeordnete und andere Repräsentanten des türkischen Staates anwesend. Sein Sohn Turgut Erenerol/ Yiorgos Karahisaridis setzte sein Werk fort, als “Patriarch Eftim II.”. Nach dessen Tod 1991 kam Selçuk Erenerol als Patriarch an die Reihe (Eftim III.), der zweite Sohn von Eftim I. und Bruder des II. Er trat 2002 aufgrund der Annäherung Türkei-Griechenland zurück, starb wenige Wochen danach. Es folgte ihm sein Sohn, nun Papa Eftim IV. (Ümit Erenerol). Dessen Schwester, Sevgi Erenerol, stand/steht der rechtsextremen MHP nahe, wurde für ihre Beteiligung an den Ergenekon-Plänen zu einer Gefängnis-Strafe verurteilt. Die Zahl der Anhänger der Türkisch-Orthodoxen Kirche liegt vermutlich im zweistelligen Bereich und dürfte nicht weit über die Familie Erenerol hinausgehen, sich vielleicht noch auf weitere freiwillig türkisierte Karamanli-Griechen erstrecken. Dem Patriarchat unterstehen in Istanbul drei Kirchen, in denen jedoch seit Jahren schon kein Gottesdienst mehr stattfindet.

Im Dezember 2017 wurde Erdogan der erste türkische Präsident seit 1952 der Griechenland besuchte. Dabei stellte er erneut den Lausanne-Vertrag in Frage, mit Verweis auf die türkische Minderheit in Griechenland, der Frage der Auswahl ihrer Muftis und ihrer Anerkennung nur als religiöse (nicht ethnische) Minderheit. Dabei verstieg sich Erdogan zur Behauptung, es gäbe keinerlei Diskriminierungen gegenüber Türken griechischer Herkunft. Auch die Seegrenzen in der Ägäis, ebenfalls in Lausanne geregelt, waren wieder ein Thema. CHP-Chef Kemal Kılıçdaroğlu aber kritisierte Erdoğan dann im Parlament über sein “Versäumnis”, die Angelegenheit von “18 besetzten Inseln” vorzubringen…seine Partei brachte die türkischen Namen von 156 Ägäis-Inseln und reklamierte sie als “türkisch”. Bezeichnend, die (zB bei der Bürgermeisterwahl in Istanbul kürzlich) im Westen so gelobten Kemalisten fahren eigentlich die nationalistischere Linie; nicht nur hier, auch gegenüber Kurden etwa.

Als Istanbul 2010 zur Kulturhauptstadt Europas ernannt wurde, wurden in der Hagia Sophia die islamische Übertünchung der Seraphen-Mosaiks rückgängig gemacht. Während des Ramadans 2017 organisierte das Religionsamt Diyanet zur Lailat al-Qadr in der ehemaligen byzantinischen Kirche ein islamisches Gebet, das im Staats-TV TRT übertragen wurde. Von der griechischen Regierung kam umgehend eine Stellungnahme, dass die Hagia Sophia ein Museum und UNESCO-Weltkulturerbe sei und diese Veranstaltung daher unpassend. Vor den Kommunalwahlen ’19 dann Meldungen, Erdogan wolle die Hagia Sophia in eine Moschee zurückverwandeln lassen. Bülent Arinc ist unter jenen AKP-Politikern, die dies unterstützen.

Istanbuler und kleinasiatische Griechen in der Diaspora gibt es natürlich hauptsächlich in Griechenland. Etwa 98% dieser Griechen (inklusive Nachkommen) sind heute in der Diaspora. Bei ihnen sind viele Charakteristika von Umgesiedelten zu beobachten, wie das Hochhalten spezifischer Bräuche in “geschützten” Bereichen. Und darunter sind auch Bräuche, die in der Ursprungsheimat eigentlich jene der “Anderen” waren. Es gab/gibt Entsprechendes auch zB bei den Deutschen aus Schlesien in der BRD oder Juden aus Marokko in Israel. In Gegenden Athens mit hohem Anteil an Konstantinopolern, wie Palaio Phaliron und Kalamaki, hört man auch Junge gelegentlich mit einander auf Türkisch reden.

In Athen gibt es die (2006 gegründete) Ökumenische Föderation von Konstantinopolern187, Vorsitzender ist ein Nikolaos Ouzounoglou. Sie ist auch für die ausserhalb Griechenlands Lebenden “zuständig”. Erzbischof von Amerika waren mehrmals Griechen aus Istanbul oder Kleinasien, so wie auch der jetzige. Petros Markaris ist Sohn eines Armeniers und einer Griechin aus Istanbul, wurde als Bedros Markarian geboren. Besuchte die österreichische Schule in dieser Stadt, studierte Volkswirtschaft in Wien und Stuttgart. Ein Teil der Familie übersiedelte 1954 nach Athen, Markaris/Markarian erst 1964. Er gehörte aufgrund seines Vaters eigentlich zu den Armeniern Istanbuls, war wohl türkischer Staatsbürger, wurde in Griechenland griechischer. Dort begann er mit dem Schreiben.188

Noch ein wenig zum Patriarchat und zur orthodoxen Kirche. Dem Patriarchen untersteht direkt die orthodoxe Kirche in Istanbul und Teilen Griechenlands (darunter der Berg Athos) sowie (umstritten) in der “Diaspora” (Länder die keine autokephale orthodoxe Kirche haben). Er hat Ehrenvorrang über die anderen alten orientalischen Patriarchate, also jene von Alexandria, Antiochia, Jerusalem.  Dem Patriarchat von Antiochia unterstehen die Orthodoxen im Hatay, dem von Jerusalem die orthodoxen Palästinenser. In Palästina/Israel gibt es Konflikte zwischen dem Patriarchen (z. Zt. “Theophilos III.”, Illias Giannopoulos) und den palästinensischen Gläubigen. Dabei ging es v.a. um Land-Verkäufe an Israelis. Dies ging so weit, dass die orthodoxen Palästinenser ihrem Patriarchen die Anerkennung entzogen. Vor der Autokephalie der orthodoxen Landeskirchen (in Osteuropa) wurden auch diese von griechischen Klerikern (Metropoliten,…) geleitet, nicht von Einheimischen.

Ein viel ge-wichtigerer Streit innerhalb der orthodoxen Kirche ist jener zwischen dem Patriarchat von Konstantinopel und der Russisch-Orthodoxen Kirche, der sich an der Frage der Autokephalie der Kirche in der Ukraine entzündete. Zwischen Istanbul und Moskau kam es in der Post-SU-Zeit mehrmals zu Streits. Als das „Ökumenische Patriarchat“ aber 2018 der Loslösung einer Ukrainisch-Orthodoxen Kirche189 von der Russisch-Orthodoxen zustimmte (als Zwischenschritt zur Autokephalie die dann 2019 kam), brach die Russisch-Orthodoxe Kirche mit Konstantinopel. Die zwei wichtigsten orthodoxen Kirchen, die griechische und die russische, sind also miteinander zerstritten. Einen ähnlichen Zwist wie in der Ukraine gibt es in Belarus/ Weissrussland, auch dort spiegelt dieser den politischen wieder, zwischen den Kräften die Anlehnung oder aber Abgrenzung von Russland wollen.190

Was Nordmakedonien/Nordmazedonien betrifft, wie die Ex-YU-Teilrepublik seit 2018 heisst, dort gab es keinen Kirchenstreit (den führt die orthodoxe Kirche des Landes mit der serbischen) mit Griechenland, aber einen politischen – der sich hauptsächlich eben um den Staatsnamen drehte. Während das Verhältnis Griechenlands zu Serbien gut ist (zumindest wird das immer wieder demonstriert), gibt es zu den slawischen, orthodoxen Nachbarländern Bulgarien und Nordmakedonien Probleme. Ende des 19., Anfang des 20. Jh kämpften Griechen, Bulgaren (zusammen mit den Slawo-Makedoniern) und Serben um Teile des noch osmanischen Makedoniens. Auch um Teile Thrakiens waren Griechen und Bulgaren ja Konkurrenten. Der Metropolit von Kastoria, Germanos Karavangelis, hat in Makedonien damals (im Namen der Griechen) mit Türken gegen Bulgaren und Slawo-Makedonier zusammen gearbeitet. Er ist eine Hassfigur für bulgarische und nordmakedonische und albanische Nationalisten. In Nord-Makedonien gibt es auch eine griechische Minderheit; sie soll sich hauptsächlich aus den Nachfahren Jener zusammensetzen, die im Griechischen Bürgerkrieg als Flüchtlinge kamen, sowie aus Aromunen/Walachen die als Griechen deklariert wurden.

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Betrachtungen

Das Oströmische Reich wurde, unter Herakleios, zum Byzantinischen Reich, einem griechischen, das zweite Griechenland, geprägt durch das orthodoxe Christentum und die Stadt (Konstantinopolis). Das Römische Reich hatte natürlich auch Einiges vom alten Hellas übernommen bzw gelernt, genau so wie die Makedonier zuvor. Vielleicht hätte das Osmanische Reich auch in ein griechisches umgewandelt werden können, vor dem Beginn der Unabhängigkeit griechischer Gebiete Anfang des 19. Jh. (siehe Weithmann, oben). „Plethon“ (Georgius Gemistus), ein Philosoph im späten Byzanz (er starb 1452, im westlichen Griechenland) erlebte die osmanischen Eroberungen von Teilen des Reichs und damit dessen Untergang mit (er war auch Berater von Kaisern und Despoten). Plethon sah den Zusammenbruch des Byzantinischen Reichs als Bestätigung der Überlegenheit des antiken Griechenlands mit seinen Kulten und Philosophien (besonders der Platonismus hatte es ihm angetan) über das christliche Byzanz. Griechenland solle an seine Kultur der Antike mit einem Polytheismus anknüpfen, ausserdem Elemente des persischen Zoroastrismus inkorporieren.

Die orthodoxe Kirche (mit dem Patriarchen von Konstantinopel an der Spitze) blieb aber als Erbe von Byzanz, wurde unter türkisch-osmanischer Herrschaft noch wichtiger für die Griechen. In der neugriechischen Identität nimmt das byzantinische Erbe einen wichtigeren Platz ein als das antike, “heidnische” Griechenland (in der westlichen Sicht auf Griechenland ist es umgekehrt). Jene Griechen, für die Religion wichtig ist, sind meist kulturell eher in Ost-Europa zu Hause, orientieren sich oft an Russland, sind gerne anti-westlich und anti-orientalisch/-islamisch. Und nicht selten sind solche Neu-Orthodoxe auch Linke. Im Byzantinischen Reich haben Griechen jedenfalls über Andere (Nicht-Griechen) geherrscht, wie es Türken (und zu Türken gewordene) im Osmanischen Reich taten. Und, nicht-orthodoxe Christen wurden in Byzanz unterdrückt, v.a. die monophysitischen Kirchen (Kopten, Syrisch-Orthodoxe, Armenisch-Gregorianische,…) – diese waren die grösste religiöse Minderheit.

Ob es (zB) in Istanbul/Konstantinopel unter osmanischer Herrschaft eine moslemisch-christliche Koexistenz (nicht ganz gleichbedeutend mit türkisch-griechisch) oder sogar Symbiose gab, darüber kann man vermutlich lange diskutieren. Der Übergang zur Republik Türkei machte für Minderheiten Manches besser und Vieles schlechter. Das letzte Jahrhundert des Osmanischen Reichs war diesbezüglich eigentlich ein besonders Schlimmes, und leider gelang die Reform des Osmanischen Reichs oder die Gründung der Türkei auf Grundlage der liberalen jungtürkischen Ideologie nicht. Nach Gebietsabtretungen an die Nachbarn Griechenland und Armenien und der Besetzung durch Westmächte (1918 – 1923) setzte sich ein resoluter, intoleranter Nationalismus durch, und eine starke Stellung des Militärs im Staat, das als Löser innerer und äusserer Probleme herangezogen wird oder die Initiative ergreift. Der Islam blieb in der Türkei wichtig, aber nicht als Weg zur spirituellen Erlösung, sondern als nationales/ethnisches Definitionsmerkmal. Auch in der Region Südbalkan-Ägäis-Kleinasien-Levante haben Nationalismen im 19. und v.a. 20. Jh Menschen und Länder getrennt – auch wenn viele Probleme dort schon früher begannen. Im 20. Jh wurden Thrakien, Banat, Tirol, Schlesien, Bukowina,… auseinander gerissen, verbunden mit Vertreibungen.191

Als die Griechen zu Beginn des 19. Jh begannen, ihre Gebiete vom Osmanischen Reich unabhängig zu kämpfen, gab es kein klares definiertes “Endziel”. In vielen Vorstellungen und Wünschen schwirrte die Eingliederung von Konstantinopel sowie gewisser kleinasiatischer Gebiete (wie Smyrna und Umgebung) herum, als synchrone Verwirklichung der Megali Idea und Auflösung des Osmanischen Reichs. Es gab aber auch ein Miteinander von Griechen und Türken und jene, die das erhalten wollten. Nach dem Beginn 1821-1830 wuchs Griechenland langsam, um die Jahrhundertwende nahm es dann allmählich Formen an. Kurz vor und nach dem 1. WK tat sich noch etwas zum Vorteil Griechenlands, in Europa. Dann aber der Griff nach Konstantinopel/Istanbul und kleinasiatischen Gebieten, während das Osmanische Reich unterging. Griechenland kam (1922/23) an seine Grenzen an statt zum krönenden Abschluss seines Wachsens. Und die Griechen Kleinasiens kamen nicht nur nicht (dauerhaft) unter griechische Herrschaft, sie mussten auch ihr Land verlassen.

Der Krieg den Griechenland 1920 in Anatolien/Kleinasien begann, war wahrscheinlich ein Fehler (im doppelten Sinn, auch weil er nach hinten los ging), aber aus türkischer Sicht begann die Aggression bereits 1919, als griechische Truppen in (osmanische) Gebiete einrückte, die dem Land international (zunächst als Besatzungsgebiete) zugesprochen wurden. War dann auch die Inbesitznahme des in Neuilly 1919 zugesprochenen West-Thrakien (das einige Jahre bulgarisch gewesen war) falsch? Es war die Politik Griechenlands und der Griechen im besetzten Osmanischen Reich in diesen Jahren, die (u.a.) auf die in der Türkei gebliebenen Griechen (jene in Istanbul) dann zurückfiel. Die Entstehung der Türkei ist auch nicht zu trennen von dem Krieg gegen Griechenland, der die wichtigste Front des Türkischen Unabhängigkeitskriegs war; aus türkischer Sicht gab es damals einen nationalen Überlebenskampf. Smyrna/Izmir 1922 ist hier nur der Abschluss einer Verteidigungsaktion. Der türkische Nationalismus (in seiner kemalistischen Ausprägung und in “extremeren”) war/ist die Reaktion auf die spätosmanischen Entwicklungen, mit den “Unabhängigkeitskriegen” als Angelpunkt. Alles im Land unter eigene Kontrolle bringen war/ist dabei ein zentrales Anliegen – nicht zuletzt das kosmopolitische Istanbul/Konstantinopel.

Die Megali Idea nach 1923? Die griechischen Unabhängigkeits-/Enosiskriege gingen von 1821 bis 1922, mit dem Lausanne-Vertrag war das Anliegen eigentlich “gestorben”. Im 2. WK besetzte Griechenland den Nord-Epirus, der rasch wieder verloren ging. Der Dodekanes kam wie erwähnt 1947 zu Griechenland, die letzte Grenzänderung. In den 1950ern wurde Zypern aktuell, ist es bis heute. In der Ägäis gibt es einige Grenzstreitigkeiten mit der Türkei, hauptsächlich um unbewohnte Inselchen sowie um mit Nutzungsrechten verbundenen Seegrenzen. Der Streit mit dem nunmehrigen Nord-Makedonien (die Ex-YU-Republik) war einer um den Staatsnamen und damit möglicherweise verbundene Ansprüche (der Slawo-Makedonier), aber in Griechenland werden/wurden keine Ansprüche auf das Nachbarland (in dem es auch nur eine sehr kleine griechische Minderheit gibt) erhoben. Die rechtsextremistische Goldene Morgenröte (Chrysi Avgi, CA) bekennt sich aber zur Megali Idea, mit Berufung auf das antike und mittelalterliche Erbe Griechenlands. Die anderen Rechtsparteien, LAOS und EL (Elliniki Lisi), scheinen hier näher an der Realität zu sein.192

Die jetzt türkischen Gebiete Ost-Thrakien, Ionien, Pontus, Kappadokien, sowie südlich und östlich des Marmara-Meeres sind historisch griechisch und heute Griechen-frei. Ostthrakien oder Izmir haben für Griechen eine Bedeutung wie Schlesien oder Westpreussen für Deutsche, besonders natürlich für jene, deren Vorfahren von dort stammen. Und Istanbul mit seinen restlichen Griechen ist nicht nur ein Diaspora-Gebiet von Griechen (so wie es zB auch Israel/Palästina welche gibt), es ist für manche Griechen auch ein Irredenta/Enosis-Gebiet (wie zB Zypern). Auch in Istanbul/Konstantinopel gibt es natürlich auch Spuren griechischen Lebens ohne griechische Anwesenheit, verfallene Häuser, Friedhöfe, Kirchen,… aus vielen Jahrhunderten.193 Und es gibt Türken mit griechischen Wurzeln, seit dem Beginn der Kontakte, dem späten Mittelalter, sind Griechen unter Türken aufgegangen, Manche haben etwas bewahrt; Cem Özdemirs Vater etwa ist Tscherkesse, aus der ländlichen Gegend um Ankara, die Mutter aber Halb-Griechin aus Istanbul (hat das Pogrom 55 erlebt).

Zwei der Nachbarn Griechenlands, Türkei und Albanien, “haben” also historisch griechische Gebiete, die anderen zwei, Nordmakedonien und Bulgarien, kleinere griechische (autochthone) Minderheiten. Mit Zypern hat Griechenland keine gemeinsame Grenze, aber dort gibt es eine griechische Bevölkerungsmehrheit, auch wenn man nicht nur das von der Republik kontrollierte Gebiet zählt, sondern die ganze Insel, also auch den türkischen besetzten Teil. Zypern: ein zweiter griechischer Staat (Stammland) oder griechische Diaspora? Manches erinnert an Deutschland und Österreich, auch der eigene Charakter den Zypern hat. Zur griechischen Diaspora gehören zum Teil (an die Italiener) assimilierte Griechisch-Stämmige in Süd-Italien (u.a. Grecia salentina), Griechen in der Levante (hauptsächlich nördliches Ägypten, Libanon, Israel/Palästina), in Russland und früher russisch beherrschten Gebieten (Ukraine, Armenien, Moldawien, Georgien,…), am Balkan (v.a. Rumänien), im Westen (USA, Deutschland, Canada, Frankreich, Australien, GB,…). Heute leben etwa 12 Millionen Griechen in Griechenland und auf Zypern, und etwa 7 Mio. Griechen der Diaspora (inklusive ehemals griechische Gebiete).

In einer Stadt wie Wien gibt es heute mehr Griechen als in Istanbul, dem ehemaligen Konstantinopel, aber nichtsdestotrotz war Istanbul Zentrum des zweiten Griechenlands, wurde von Griechen gegründet und geprägt, sie haben dort eine (andere) Verwurzelung. Griechen waren im Osmanischen Reich schon die “Erben” des eroberten Byzanz, in der Türkei gibt es an Roumoi/Rumlar nur noch die “Konstantinopolitaner” (Istanbul-Griechen) die immer weniger wurden, sowie die Imbrioten und Tenedioten. Es ist nicht nur die Millet-“Mentalität”, die auch in der Türkei die Beziehungen zwischen Moslems und “Anderen” bestimmt, die hier schlagend ist, es sind ja auch “Angehörige des Feindes”, was Griechenland eigentlich in dieser Zeit nach dem 1. WK wurde. Hat etwas von den Russen in Lettland (die aber ein Drittel der Bevölkerung ausmachen), den Palästinensern unter direkter israelischer Herrschaft (den “israelischen Arabern”), den Franzosen die in Algerien nach dessen Unabhängigkeit blieben (wobei: Frankreich war dort Kolonialmacht, die Franzosen eben Siedler, die Griechen in der Türkei sind dagegen eine autochthone Volksgruppe), Juden in arabischen Ländern nach 1948 (v.a. jene in Ägypten), die Kosova-Serben seit 2008, Indianer in der USA, Afrikaaner in Südafrika nach der Apartheid194, Deutsche in Osteuropa nach 1945, Südtiroler in Italien zeitweise, die Grönland-Dänen, Serben in Kroatien nach 1995, die Azteken in Neuspanien, oder Hindus in Pakistan.

Moslems 1947 von Indien nach Pakistan

Nach der Unabhängigkeit und Teilung Britisch Indiens gab es einen ungeregelten Bevölkerungs-Transfer (oder -Austausch), Hindus und Sikh zogen aus Pakistan nach Indien, Moslems von dort nach Pakistan (Mohajiren genannt), jeweils etwa 5 Millionen. Diese Wanderungen bieten sich als Analogie für den Griechisch-Türkischen Bevölkerungsaustausch statt, ausserdem die Aussiedlung der “Volksdeutschen” aus Osteuropa nach dem 2. WK (wo der “Verkehr” aber praktisch nur in eine Richtung ging), die Vertreibung der Palästinenser durch die Nakba 1947-49 im Zuge der Gründung “Israels” (wird manchmal aufgerechnet gegen die Mizrahis, die ebenfalls durch den Zionismus entwurzelt wurden). Man kann darüber dikutieren, wem der türkisch-griechische “Austausch” mehr nutzte, und auf welcher Seite mehr Grosszügigkeit (in der Behandlung der Gebliebenen) war. Es wurde ja auch mehrmals ein Austausch bzw eine Ausweisung der verbliebenen Griechen in der Türkei (inklusive des Patriarchen) und der Türken in Griechenland angedacht. Eine Auslöschung der Einen droht auch ohne dem; durch den demografischen Niedergang der Griechen in der Türkei. Der natürlich eine Folge der geschilderten Behandlung ist. Es spielte eine grosse Rolle, dass sie in der wichtigsten Stadt des Landes leben, die Türken in Griechenland aber in der Peripherie.

Die Istanbul-Griechen sind vom Aussterben bedroht – an diesem Ort. Nicht die Griechen an sich oder diese 2000 als Menschen, es geht um die Istanbul-Griechen der Zukunft, ob es sie geben wird. Wie die Palästinenser im Jordan-Tal oder die Banater Schwaben oder die Juden in Ägypten – durch Auswanderung und Assimilation könnten sie schon überleben, in anderer “Form”, an anderem Ort. Wie es oft in der Geschichte vorkam – die Awaren oder Illyrer zB wurden ja nicht ausgerottet, sie sind in Südslawen, Ungarn,… aufgegangen. Die Babylonier sind arabisiert worden, viele Karelier russifiziert,… Sudetendeutsche gibt es im betreffenden Land (heutiges Tschechien) kaum noch welche, aber in Bayern, et cetera. Buddhisten gibt es keine mehr in Afghanistan, sie sind einst zum Islam übergetreten. Sollte Kiribati durch den weltweiten Anstieg des Meeresspiegels infolge des Klimawandels195 wirklich “untergehen”, würde es zu grossen Evakuierungsaktionen kommen – wobei Klimaflüchtlinge von dort schon an die “Türen” anderer Staaten klopfen.

Bei den Khoisan im südlichen Afrika wiederum ist ihre Kultur/Lebensart vom Aussterben bedroht. Griechen in Istanbul oder Kleinasien oder Ostthrakien…wie Löwen in Persien/Iran oder Nordafrika, um in die Tierwelt zu gehen. Es gibt natürlich eine Wechselwirkung zwischen der Lage der letzten Griechen Istanbuls und ihrem Prominentesten, dem Patriarchen. Beide waren den Wechselfällen des Verhältnisses der Türkei mit Griechenland ausgesetzt; in Zeiten eines guten Einvernehmens der beiden Länder (wie die 1930er, die frühen 1950er,…) war der türkische Staat ihnen ggü tolerant, während zu Zeiten der Spannungen (1920er, 1955, 1964,…) Repressalien meist nicht lange auf sich warten liessen, die Sicherheit dieser Griechen weg war und Auswanderungsströme entstanden.

Man kann das (türkische) Argument lesen/hören, in der Türkei gäbe es 50 Minderheiten, all die Interessen seien eben nicht leicht zu vereinen,… Aber wieviele davon sind autochthone? Nicht-moslemische? In der Türkei gibt es auch eine Indifferenz gegenüber der Diversität des Islams im Land: Innerhalb des türkischen Islams ist natürlich der sunnitische hegemonial, und darin die hanafitische Schule; die sunnitischen Kurden folgen mehrheitlich der schafiitischen. Daneben gibt es eben noch 12er-Schiiten, Alewiten,… Die Alewiten können als ethnoreligiöse Gruppe (es gibt Theorien über sie, etwa als Nachfahren der Hethiter), als Religion (hauptsächlich von Kurden), als Sondergruppe innerhalb des Islams oder als unterdrücktes Proletariat gesehen werden. Der alewitische Bektaschi-Orden wurde unter Atatürk ebenso verboten wie sunnitische Orden wie jener der Mevlevi. Mustafa Kemal Atatürk wird aber auch im Westen meist unkritisch als “progressiver und säkularer Vater der modernen Türkei” und ähnlich gesehen… Fikret Adanir schrieb über den Untergang des Osmanischen Reichs, dieses hatte wahrscheinlich (bzw bestand aus) zu viel Staat und zu wenig Gesellschaft; für die Türkei gilt das vermutlich auch. Und, was Föderalismus betrifft, hatte das OR wahrscheinlich noch mehr als die TR!

Es gibt zwischen Türken und Griechen natürlich auch Begegnungen und Interaktionen in ihren Diasporen, ob in der Ex-SU, am Balkan, im Westen oder in der Levante. Was letztere betrifft: Türken sind zT in (den ebenfalls sunnitischen) Arabern (bzw Arabisierten) aufgegangen, zT haben sie ihre Identität bewahrt. So etwas hat es zwischen orthodoxen Griechen und Arabern auch gegeben… Chrysosthomos Kalafatis, der orthodoxe Erzbischof von Smyrna/Izmir, das prominenteste griechische Opfer der türkischen Einnahme der Stadt und ihres Umlandes, wurde von seinen Neffen überlebt, von denen einer, Yannis Elefteriades, der Hinrichtung seines Onkels beiwohnte. Der ging in den damals französischen Libanon, wo seine Nachfahren heute noch leben, darunter der Künstler Michel Elefteriades. Mit dem Ende der griechischen Herrschaft über Smyrna wurden die Griechen aus Kleinasien herausgedrängt, die Anderen erst danach, durch den Bevölkerungsaustausch. Was diese Familie betrifft, war der “Hinausschmiss” der Griechen aus Asien bzw der Levante nicht gelungen.

In Deutschland arbeitete Günter Wallraff (der sich auch gegen die Militärdiktatur in Griechenland sowie für die türkischen Kurden engagiert hat) 1983-85 als türkischer Gastarbeiter „Ali Levent Sinirlioğlu“ bei verschiedenen Unternehmen, unter anderem bei McDonald’s und Thyssen, was er in dem Buch “Ganz unten” (85 erschienen) beschrieb. Besonders im Thyssen-Stahlwerk traf er auf viele (echte) Türken – denen er vormachte, er sei Türke aus Griechenland, der nur Griechisch konnte.196 In Fatih Akins “Gegen die Wand” gibt es die Tötungsszene infolge einer Provokation mit “Eine Türkin griechisch ficken”, in “Soul Kitchen” (wo es viele Anspielungen auf “Gegen die Wand” gibt) stellt er ein von Griechen betriebenes Restaurant (wiederum in Hamburg) in den Mittelpunkt, arbeitete dabei mit Adam Bousdoukos zusammen. Der Migrationsforscher und Autor Mark Terkessidis setzt sich gegen Rassismus gegen Einwanderer ein, und die Anfeindungen gegen ihn beweisen, dass er dabei etwas richtig macht.

Nach Canada ging (über die Zwischenstation Frankreich) Dimitri Kitsikis, ein griechischer Wissenschafter, der über Turkologe und Sinologe forscht und lehrt, sich mit Geopolitik beschäftigt. Er hat den Hellenotürkismus wieder belebt, im Sinne der Idee eines gemeinsamen Staates von Türken und Griechen, als Reinkarnation des Byantinischen/Osmanischen Reichs. Hellenotürkismus bezeichnet eigentlich zwei Konzepte: das einer Zusammenarbeit und gegenseitigen Abhängigkeit von Griechen und Türken seit dem Auftauchen der Türken in Anatolien im 11. Jh197; und die Bestrebung einer Art Zusammenschluss von Griechenland und Türkei. Byzanz am Anfang und das Osmanische Reich ca 1000 Jahre später hatten fast die idente Ausdehnung. Kitsikis (sein Sohn wurde Hindu) lehrte auch in Istanbul (lernte dabei den späteren türkischen Premier Davutoglu kennen), war auch ein Freund und Berater des türkischen Präsidenten Özal!

Kitsikis sieht die alewitische Religion als eine Art Symbiose aus (oder Verbindung zwischen) orthodoxem Christentum und Islam. Dies wurde auch schon im Spätmittelalter von einem byzantinisch-griechischen Philosophen, Georgios Trapezuntios, so gesehen. Dieser hat die osmanische Eroberung von Rest-Byzanz (am Ende war Byzanz das was es am Anfang war, die Stadt198) erlebt, schickte dem osmanischen Sultan Mehmet eine Huldigungsbotschaft. Und: Die im Spät-Mittelalter in Kleinasien entstandene Religion ist tatsächlich ein Synkretismus aus dem sunnitischen Islam der Seldschuken und Osmanen sowie anderen Konfessionen und Religionen der Region, vom schiitischen Islam über orthodoxen Christentum bis zum Zoroastrismus. Den Ausgang des türkische Verfassungsreferendum 2017 bejubelte Kitsikis, pries Erdogan. Vor diesem Hintergrund ist es noch verwirrender, dass (wie bekannt wurde) er bei der griechischen Wahl 2015 die rechtsextreme Goldene Morgenröte/ Chrysi Avgi unterstützte…

Die Anhänger einer griechisch-türkischen Zusammengehörigkeit lösen die türkische Zivilisation aus islamischen und zentralasiatischen Kontexten, die griechische aus osteuropäischen und orthodoxen. Die Idee einer Symbiose, Allianz, Kon-Föderation oder sogar eines gemeinsamen Staates dieser Völker (bzw ihrer Staaten) gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder, etwa in den frühen 1950ern. Der damalige orthodoxe Patriarch „Athenagoras“ sah auch eine gemeinsame Bestimmung von Griechen und Türken über Jahrhunderte hinweg, obwohl sie harte und destruktive Kriege gegen einander führten. Dabei hat er, zB 1955, immer wieder das Gegenteil eines brüderlichen Nebeneinanders erlebt. Istanbul war in Athenagoras’ früheren Patriarchen-Jahren noch der Ort der Überschneidung von Türkentum und Griechentum.

Kulturelle Gemeinsamkeiten der beiden Völker gibt es nicht zuletzt beim Essen. Tassos Boulmetis hat das im Film „Zimt und Koriander“ (2003) mit thematisiert. Der griechische originale Filmtitel ist “ΠΟΛΙΤΙΚΗ κουζίνα”, in lateinischen Buchstaben “POLITIKI kouzína”, was durch unterschiedliche Betonungen (bzw ein diakritisches Zeichen) sowohl “Küche Konstantinopels” als auch „politische Kocherei“ bedeuten kann. Es geht um eine grossbürgerliche Familie in Athen, die aus Istanbul stammt, wo noch der Grossvater der Hauptfigur lebt, die Vergangenheit, das griechisch-türkische Verhältnis,… und das Kochen. Erinnerungsarbeit ohne Revanchismus. Bei der Geschichte des Verhältnisses von Türken und Griechen stösst man auf den Rashomon-Effekt, eine Sache sieht aus der einen oder anderen Perspektive ganz anders aus. Des Einen Sieg war in dieser Geschichte meist des Anderen Katastrophe. Bezüglich Zypern und des Verhältnisses Griechen-Türken dort gibt es den Film “Our Wall”.

„Alexis Sorbas“ in dem 1964 verfilmten Roman von Nikos Kazantzakis:

„I have done things for my country, that would make your hair stand. I have killed, burned villages, raped women. And why? Because they were Turks or Bulgarians! That’s the rotten damn fool I was. Now I look at a man, any man, and I say he is good, he is bad. What do I care if he’s Greek or Turk? As I get older, I swear by the bread I eat, I even stop asking that. Good or bad? What is the difference? We all end up the same way: food for worms.“

Nun noch zum Westen und Griechenland/Türkei. Bundespräsident Christian Wulff hatte 2010 kurz nach dem Erscheinen von Thilo Sarrazins “Deutschland schafft sich ab” in einer Rede anlässlich 20 Jahre deutsche Einheit das Thema Islam, Zuwanderer aufgegriffen. Sprach dabei über das Verständnis von Deutschland, über die “christlich-jüdische Geschichte”, sagte am Ende “Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“, womit er Springer und viele Andere gegen sich hatte. Wenig später besuchte Wulff (mit Bettina) die Türkei, sprach im Parlament in Ankara, über Integration in Deutschland und Religionsfreiheit in der Türkei („das Christentum gehört zur Türkei“).

Dann ein ökumenischer Gottesdienst in der Paulus-Kirche (die normalerweise ein Museum ist) in Tarsus bei Mersin (Kilikien). Es gibt dort keine christliche Gemeinde mehr, es reisten der syrisch-orthodoxe Bischof Gregorius M. Ürek aus Adiyaman an, der armenisch-gregorianische Patriarch Aram Atesyan aus Istanbul, Holger Nollmann von der deutschen lutherischen Kirche in Istanbul, Vertreter der griechisch-orthodoxen Kirche,… Diese Geistlichen zelebrierten den Gottesdienst zusammen, Ürek rezitierte das Vaterunser auf Aramäisch, der Sprache des Urchristentums – in Anatolien, von wo aus sich das Christentum verbreitete. In Medien-Statements nahm Wulff (der danach noch Patriarch Bartholomäus in Istanbul traf) auch für die Wiederöffnung des Priesterseminars auf Chalki Stellung, zollte der Erdogan-Regierung Respekt für ihre Reformen.

Zur Frage der Reziprozität (Christen dort; Moslems hier) am Ende noch etwas. Zu Zeiten des Kalten Kriegs jedenfalls hätte ein westdeutscher Politiker diese Thematik nie angesprochen, die Türkei für ihre Rolle an der Südost-Flanke der NATO gerühmt und den Kemalismus gepriesen. Ablehnung für Wulffs Aussagen/Politik kam in Deutschland zB von Matthias Matussek im “Spiegel”. Bei Wulffs Rede in der Türkei hätte es Ablehnung gegeben, gibt Innenminister Friedrich recht (der anscheinend die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland bestritt), der Islam sei kein Teil der historisch-religiösen DNA Deutschlands, die weiterhin christlich sei. Als ob Wulff oder ein türkischer Politiker das bestritten hätte; wenn so etwas jemand bestreitet, dann (vorgeblich) linksliberale Deutsche wie die Leute der Giordano-Stiftung, mit ihrer neoliberalen Religionskritik.

Matussek stellte positive europäische „Spiegelungen“ von islamischer Kultur, darunter Goethes Bezugnahme auf Hafez, moslemischen Subkulturen im heutigen Deutschland (wie er sie „wahrnimmt“), Geschlechterunterdrückung, Bomben gegenüber, brachte den osmanischen Angriff auf Österreich 1683 höhnisch-demagogisch als “Beginn der christlich-moslemischen Freundschaft”. Der inzwischen “identitär” gewordene Matussek wollte sich nicht mit als “progressiv” verstandenen Inhalten/Einstellungen anlegen (zB Homsexuellen-Ehe, die er sicher ablehnt), er wollte ja die ganze Rückständigkeit “dem Islam” umhängen, dem der Westen in seiner ganzen Pracht ggü stünde. Matussek, der in einem Nebensatz Sarrazin verharmloste bzw in Schutz nahm, vermischt(e), im Zuge seiner Rechtswendung, Religion und Rasse, Geschichte und Gegenwart, es ist von jemandem wie ihm nicht zu erwarten, nicht-weisse Christen als ebenbürtig zu betrachten.

Der Westen hat die CHP-Republik jahrzehntelang unterstützt, und wie, und man sieht den Kemalismus noch immer als fortschrittlich und besten Weg für dieses Land. Es werden auch gerne unkritisch Vorwürfe von Kemalisten übernommen, etwa wenn diese der AKP die Bezugnahme auf die osmanische Geschichte vorwerfen – ohne zu fragen, was eigentlich die Alternative dazu ist. Und wofür die Kemalisten sonst noch stehen. Leute im Westen, die sagen dass sie an der Lösung von gewissen Problemen die Türkei betreffend interssiert sind, tun sich zusammen mit jenen, die Urheber dieser Probleme sind und Gegner ihrer Lösung, gegen den bösen Erdogan. Beispiel: das griechisch-orthodoxe Priesterseminar auf Chalki, 1971 nach der Militärintervention in die türkische Politik durch die (bis heute kemalistisch dominierte) Judikative geschlossen. Unter Kilicdaroglu ist der (rezessive) liberale Flügel der CHP etwas zur Geltung gekommen, aber man kann getrost davon ausgehen, dass in dieser Partei die Gegnerschaft zur Wiedereröffnung des Seminars stark hegemonial ist…199 In der AKP sieht das anders aus, und es hat sich auch etwas bewegt diesbezüglich (s.o.). Ja, und das Militär ist ja das “Rückgrat der türkischen Demokratie” – sagte Shimon Peres, der ja auch zB Johannes Vorster oder Ilham Alijev hofierte.

Oder: Ömer Ş. Asan, ein türkischer Volkskundler, Fotograf und Autor aus Trabzon/Trapesunt, hat ein Buch veröffentlicht, “Pontos Kültürü” (Die Kultur des Pontus), eine Studie über die Sprache und Kultur der griechischsprachigen Moslems (Hemshinli) der Schwarzmeerregion, von der er stammt. Nach Protesten nationalistischer türkischer Kreise gegen das Buch verfügte das Staatssicherheitsgericht200 in Istanbul 2002 ein (Verkaufs)verbot der Neuauflage. Asan und sein Verleger Ragıp Zarakolu wurden ausserdem nach dem “Anti-Terror-Gesetz” angeklagt. Durch die Abschaffung des betreffenden Artikels (“separatistische Propaganda”) wurden sie freigesprochen. Oder: Seit 1933 müssen Schüler in den Schulen morgens einen Eid sprechen, auch die Minderheiten-Schulen in Istanbul. 1972 wurde das besonders nationalistische und ausschliessende “Ne mutlu Türküm diyene” in den Eid aufgenommen. Dieser wurde 2013, von einer AKP-Regierung abgeschafft,  als Teil eines Demokratie-Pakets. Die kemalistische Judikative (der Staatsrat) ordnete 2018 die Wiedereinfühtung an. Das ist der “Säkularismus”, “Laizismus”, den der Kemalismus so hoch hält.

xxx.eurasiareview.com/27072018-turkey-turns-on-its-christians-analysis, über die Lage von Christen in Kleinasien, Konstantinopel,… und was sich beim Übergang vom Osmanischen Reich zur Türkei und nach dem Ende (?) der kemalistischen Türkei für sie veränderte. „The end of World War I saw the expulsion of more than a million Greeks, and the position of the dwindling Christian community only somewhat improved in Mustafa Kemal Atatürk’s secularist republic. Yet while Kemalist Turkey paid lip service to the equality of its non-Muslim minorities, the AKP unabashedly excludes these groups from Turkey’s increasingly Islamist national ethos.“ Dass es für Griechen, Armenier, Aramäer,… in der Republik besser ging als im Osmanischen Reich und unter Erdogan wieder ganz schlecht, dieser “Befund” passt dazu, dass sie auf die Umstände der Ausweisung (nach 1. WK) gar nicht eingeht. Und: Die Autorin zitiert Pipes, Hirsi, Voice of America, missbraucht Akcam, Shafak,… Der Artikel stammt aus dem “Middle East Quarterly” (meforum.org) des Likud-Historikers Efraim Karsh. Nuff said, eigtl. Wenn man ihren Namen (Anne-Christine Hoff) googelt, stellt man fest, dass sie auch bei counterislamist.org oder ruthfullyyours.com (was nahe beim Gatestone Institute ist) schreibt.

Wenn man über das Pogrom 1955 im IT Informationen sucht, stösst man auf viele Texte/Seiten (seleducatedamerican.com, wnd.com, factsoffaith.org,…) eines US-Amerikaners namens Bill Federer, möglicherweise ein Evangelikaler, jedenfalls ein Islamophober, der die Ereignisse 1955 ausschlachten will. In Deutschland werden auch generelle Ressentiments gegen Türken in Engagement für Minderheiten oder Erdogan-Kritik gekleidet. Für die Springer-Medien war Deniz Yücel sogar ein „deutscher Journalist“.201 Verkehrsminister A. Scheuer, der langjährige Assistent (GS) von Seehofer, griff Erdogan wegen “übelster Hetze gegen Israel” an. Die Israel-Verteidigung ist ein probates Mittel für Rechte zur eigenen “Reinwaschung”. Das sind die, die dann für Saudi-Arabien eine Lanze brechen… Für C. Schüller, ORF-TR-Korrespondent (von Russland versteht er mehr) scheint auch Israel-Kritik Erdogans schlimmste Sünde zu sein; in seiner TV-Doku über die “letzten Christen der Türkei” stellte er deren Situation auch falsch dar.

Oder die Hysterie, als Erdogan in Wien auftrat (im Rahmen einer UETD-Veranstaltung), etwa von Putin-Freund Strache („Wien darf nicht Istanbul werden“), S. Kurz („kein Respekt vor dem Gastland“), orf.at („gibt sich gemäßigt“). Die in einer Zeitung vorgestellte kemalistische türkische Demonstrantin gegen ihn („Bin für eine moderne Türkei“) hätte gefragt werden sollen, was sie genau unter “modern” versteht – ? mehr Nationalismus, die Vorherrschaft einer Elite über Anatolien, Orientierung am Westen, Parteienverbote durch das Verfassungsgericht, Putsche durch das Militär, die Anklage von Menschen wegen “Beleidigung des Türkentums” oder “separatistischer Tendenzen”, die Gängelung von Minderheitenschulen,… Aus einem Artikel der Antiimperialistischen Koordination (AIK, Wien): “Seit Jahren macht man Erdoğan nun von westlicher Seite seinen Autoritarismus zum Vorwurf. Dieser Vorwurf ist inhaltlich schon richtig. Aber trotzdem ist er von Seiten des Westens die pure Heuchelei…Dass die türkische Demokratie, soweit sie existiert, ausschließlich der AKP-Regierung zu verdanken war, dass die Kemalisten in Wahlen nie eine Mehrheit errangen, fällt unter den Tisch…Die Menschenrechtspolitik der Türkei spielte keine Rolle”

Ein türkischer Kritiker von AKP/Erdogan ist ein „Stratos202 Moraitis“, der schreibt dass er Sohn eines “heimlichen” Griechen und einer Tscherkessin ist, in Izmir (dem früheren Smyrna) lebt. Er machte türkiye.blog, turkishdiaries, theglobetimes.com, stratosmoraitis.blogspot, ist nun anderswo als IT-Journalist und -Übersetzer aktiv. Auf theglobetimes hat er einmal angerissen, wie die griechische Herrschaft über Smyrna/Izmir 1919-22 aussehen hätte sollen/können, gerechter gegenüber den Nicht-Christen. Dies hätte vermutlich auch eine(n) andere(n) Rückstoss/Reaktion gebracht. Was sich im Kontext der neueren türkisch-griechischen Geschichte sonst lohnen würde, alternativgeschichtlich angerissen zu werden? Zum Beispiel, wenn der Sevres-Vertrag realisiert worden wäre. Voraussetzung dafür wäre ein anderer Verlauf der Kriege Anfang der 1920er. Etwa der zwischen den kemalistischen und griechischen Truppen (20-22) > Gordion 21. Dazu wurde auch hier spekuliert. Im türkischen Kontext wird das so ähnlich gesehen wie Matussek über 1683 schrieb, als die Türken vor Wien standen und “Europa zitterte” was nun passieren würde.203 Oder 1974, als es einen Krieg zwischen den beiden Staaten hätte geben können.

Der deutsche Historiker Stefan Ihrig, der an der Universität Haifa ist, beschäftigt sich u.a. mit “Atatürk als Hitlers Vorbild“, hat sich auch des Armenier-Völkermords angenommen. Ob er sich auch mit der deutschen Mitwirkung beim osmanischen Genozid an den Armeniern auseinander setzt, oder mit der nazideutschen Herrschaft über Griechenland? Ob ihm Nihal Atsiz etwas sagt? Dieser türkische Ultra-Nationalist war einer jener Rechten/Nationalisten (die es gerade im deutsch-österreichischen Raum auch zuhauf gibt), die Juden verachten und Israel bewundern. Der Autor Cevat R. Atilhan war ein türkischer Antisemit, Kemalist und Turanist, nicht Islamist. Relevant in diesem Zusammenhang ist auch Moise Cohen (später Munis Tekinalp), ein osmanischer/türkischer Jude (eigentlich vom Balkan), er unterhielt Kontakte zu den Jungtürken-Führern, legte mit die Basis für die Zusammenarbeit Türkei-Israel. Er wandte sich Kemalismus und pan-türkischen Nationalismus zu, überzeugte damit auch Ziya Gökalp, der ein Zaza-Kurde war.

Die Namensänderung war Ausdruck dessen, er trat für die “Türkisierung” der türkischen Juden ein; war während des 2. WK auch von der Vermögenssteuer betroffen, starb in Frankreich. Corry Guttstadt schreibt über türkische Juden, Türkei und Holocaust,… Tja, was bedeutet(e) es konkret, zB in diesem Kontext, für den “Orient”, dem Westen zu folgen? Wen gab es denn in den 1920ern, den sich ein Atatürk als Vorbild nehmen sollte aus dem Westen? Etwa USA-Präsident Woodrow Wilson, der gegenüber der afroamerikanischen Minderheit eine rassistische Politik betrieb, Rassentrennung aufrecht erhielt? Von daher ist es nicht so verwunderlich und absurd, dass Kemal/Atatürk Teile des faschistischen italienischen Rechtssystems für die Türkei übernahm. Es ist ja etwas, was auch heute erwartet wird, dass sich die Türkei am Westen orientiert… Erinnert an das Umweltbewusstsein, das man diesen Völkern ausgetrieben hat im Zuge von Verwestlichungen, dann abverlangt(e).

Was die Deportationen und Massaker an den Armeniern im 1. WK in Anatolien betrifft, es gab dort schon einen Realkonflikt (wenn man so will, ein Aspekt des Kriegszustandes des Osmanischen Reichs mit dem Russischen an der Kaukasusfront), und das ist ein Unterschied zu den Massentötungen an Juden im 2. WK. Aus türkischer Sicht (und Türken agierten damals symbiotisch mit den Kurden) gab es einen Kampf um die Existenz. Israel und seine Helfer (v.a. in der USA) haben der Türkei viele Jahrzehnte geholfen, dass der Genozid nicht als solcher anerkannt wird; das war Teil des Bündnisses TR-IL. Als sich, unter Erdogan, dieses Bündnis auflöste, änderte sich auch die diesbezügliche zionistische Politik…204 Im Rahmen der türkisch-israelischen Zusammenarbeit half Israel der Türkei auch bei der Bekämpfung der PKK, wurde auch PKK-Chef Öcallan verhaftet. Schliesslich sah man die Kurden irgendwie als “Palästinenser der Türken”.205 Heute ist ein “Bündnis” zwischen Zionisten und Kurden gerade en vogue, gegen alle möglichen “Feinde”. Zum “Entsetzen” von vielen “Kemalisten”, unter denen es ganz grosse Israel-Fans gibt. Die jüdische amerikanische Anti-Defamation League (ADL) hat auch, aus Verbundenheit mit Israel, deren Haltung zum Armenier-Genozid mitgetragen, dann geändert. Ihr langjähriger Chef Abraham Foxman, der Silvio Berlusconi 2003 mit einem Preis auszeichnete (als Freund Israels), hat den griechischen Patriarchen Bartholomaios in Istanbul getroffen; irgendwann im frühen 21. Jh, unter den nunmehrigen Vorzeichen.

Noch eine Verbindung gibt es hier: Der Verfall des kosmopolitischen Charakters von Jerusalem/Quds seit 1967, und von Istanbul/Konstantinopolis seit 1923. Das griechisch-orthodoxe Patriarchat in Jerusalem/Quds mit Sitz in der Grabeskirche liegt in der Altstadt im Osten der Stadt der 1967 zu Israel kam. Damals kamen sowohl dieses Patriarchat als auch die restlichen Teile Palästinas unter israelische Herrschaft. Das Patriarchat soll für orthodoxe Palästinenser da sein, muss andererseits mit dem zionistischem Staat auskommen. Die Patriarchen sind wie erwähnt in der Regel Griechen, 1957 bis 1980 war dies der in Bursa/Brussa als Vasileios Papadopoulos geborene Benedikt(os) I. Der ökumenische Patriarch Athenagoras besuchte Jerusalem 1964, traf dort Papst Paul VI.; damals wurden die gegenseitigen Ex-Kommunikationen vom Schisma 1054 zurückgenommen. Dieser Papst besuchte den Patriarchen (Athenagoras) dann im Juli 1967, als erstes Oberhaupt der katholischen Kirche seit mehr als 1250 Jahren.

Über das Verhältnis zwischen Griechenland und dem Westen, insbesondere Deutschland, ausführlich in diesem Artikel. Die Wahrnehmung Griechenlands als Retter oder aber Zerstörer des Abendlands… Einiges darüber soll aber hier dargelegt werden. Griechenland wurde (retrospektiv!) für “Westisten” ein Schutzwall für Europa gegenüber “asiatischen Horden”. Durch seine Kriege mit Persien und den Türken/Osmanen. Griechen-Perser-Kriege gab es eigentlich in 3 Auflagen: die von den Achämeniden im frühen 5. Jh vC unternommenen Versuche, von (“ihrem”) Kleinasien206 aus das (damals auf Europa beschränkte) Griechenland der Stadtstaaten zu erobern, was misslang. Diese Schlachten von Marathon, Thermopylai, Salamis, Plataiai,… sind eigentlich “die Perserkriege”. In Delphi wurden später kostbare Weihegeschenke zum Angedenken an den Sieg geweiht, wie eine Schlangensäule, die später nach Konstantinopel gebracht wurde, am römischen Hippodrom aufgestellt wurde;

Etwa 150 Jahre später, im Zeitalter des Hellenismus, der erfolgreiche Angriff der makedonischen Griechen unter Alexander auf Persien, das damals in Kleinasien begann, die Achämeniden wurden nun entmachtet. Die griechische Herrschaft setzte sich unter den Seleukiden fort, bis die parthischen Arsakiden Persien frei kämpften – die parthisch-seleukidischen Kriege (hauptsächlich in und um das “eigentliche” Persien) sind eventuell als eigene Kategorie von Griechen-Perser-Kriegen zu sehen; Auf die Parther folgten in Persien die Sassaniden, Griechenland wurde römisch und aus Ostrom wurde ja Byzanz. Sassanidisches Persien und Byzantinisches Reich bekämpften einander im frühen Mittelalter (s. o.). In Kleinasien/Anatolien, wo sich Byzantiner und Osmanen dann meist gegenüberstanden, bekämpften Griechen und Perser einander also auch gelegentlich.

Ach ja, und als Persien von den moslemischen Arabern erobert wurde, war Byzanz auch Retter des Abendlands, zB in den Augen von Berthold Seewald von “Die Welt” 2010: xxxx://www.welt.de/kultur/article6618004/Die-Supermacht-die-Europa-vor-den-Arabern-rettete.html. “Hätte Byzanz sich als Großmacht nicht behauptet, würden wir heute vielleicht Arabisch sprechen.”, so der Springer-Journalist. Byzanz wurde aber von den “Franken” entscheidend geschwächt (4. Kreuzzug), und bald nach dem endgültigen Fall von Byzanz ging(en) Europas Blick und Verkehrswege nach Amerika. Europa bzw der Westen stand nie geschlossen bzw engagiert hinter Griechenland, nicht als dieses unter osmanischer Herrschaft stand und auch nicht, als es um seine Unabhängigkeit kämpfte. Mit dem Staatskonkurs um 2010 waren die Griechen für Koutofrangoi wieder die faulen Südländer statt die Retter des Abendlands.

Auch in der österreichischen “Die Presse” wurden arrogant und zeitgeistig Kontinuitäten hergestellt: xxxx://diepresse.com/home/zeitgeschichte/4779914/Koenig-Ottos-Erben_Die-Pleitengeschichte-der-Hellenen. Der Flüchtlingsansturm nach West-/Mittel-/Nordeuropa aus Afrika, Asien ab Mitte der 10er lief zu einem grossen Teil über Türkei und Griechenland. Berthold Seewald schreib 2015 den Artikel „Geschichte vor Tsipras: Griechenland zerstörte schon einmal Europas Ordnung“: Griechenland habe schon im 19. Jahrhundert die nach dem Wiener Kongress geschaffene europäische „Friedensordnung“ zerstört, dies wiederhole sich nun. Ein Grund dafür sei, dass die Griechen in Wirklichkeit gar keine Griechen seien. Seewald deckte auf: „Die Vorstellung, dass es sich bei den Griechen der Neuzeit um Nachfahren eines Perikles oder Sokrates handeln würde und nicht um eine türkisch überformte Mischung aus Slawen, Byzantinern und Albanern, wurde für das gebildete Europa zu einem Glaubenssatz. Dem konnten sich auch die Architekten der EU nicht entziehen. In seinem Sinne holten sie das schon 1980 klamme Griechenland ins europäische Boot. Die Folgen sind täglich zu bestaunen.”207

Übrigens, Thilo Sarrazin nimmt ja in seinem Deutschland-Abschaff-Buch “Balkanesen” zu den Muselmanen dazu; Juden hebt er positiv hervor. Da ich das Buch nicht gelesen habe (und dies auch nicht tun werde), weiss ich nicht, inwiefern er Griechen darin erwähnt hat. Aber der Schritt scheint ein kleiner zu sein… Auch Griechen werden gelegentlich mit Ziegen “in Zusammenhang gebracht”, waren immer wieder eine Art Vorhut des “schrecklichen Orients”. Das neue Griechenland war von Anfang an Westeuropa orientiert/gebunden (in Folge  der Entstehung durch Herauslösung vom Osmanischen Reich) – obwohl der Nationalcharakter eigentlich “breiter” ist.

Türken, Griechen…und Ziege

Im Kalten Krieg waren Griechenland und Türkei in den Westen eingebunden. Und während der Westen den nationalistischen türkischen Kemalismus unterstützte, wurde einem Türken wie Nazim Hikmet (Ran) keine Chance gegeben. Hikmet, im frühe 20. Jh im damals osmanischen Saloniki geboren, mütterlicherseits europäischer Herkunft, war Kommunist (ging dann in den Ostblock); als in den 1950ern auf Zypern Spannungen zwischen Griechen und Türken immer grösser wurden, rief Hikmet die türkische Minderheit auf, den Kampf der griechischen Zyprioten um die Unabhängigkeit der Insel von GB zu unterstützen, glaubte daran, dass die beiden Volksgruppen zusammen leben konnten. Aber im Kalten Krieg hat der Westen ja auch Islamisten unterstützt, und was Saudi-Arabien betrifft, gilt das noch immer, auch in der Post-9/11-Welt.

Im Kampf der Kulturen verlor Hellas mit seiner Wirtschaftskrise Ansehen und “Kredit”… In Österreich etwa waren/sind Strache/FPÖ (die Serben/Orthodoxe umwerben, akzeptieren, als positiven Gegenpol zu Islam/Moslems) gegen Türkei in der EU ebenso kantig wie gg. Griechenlandhilfe. Manche mussten den Widerspruch zwischen dem vorgeblichen Geschichtsbewusstein und dem eigennützigen, engstirnigen Vorgehen in ihrem Neo-Westismus begründen. 2015 in der “Welt” Tadel von Seewald für die unfolgsamen Griechen, „Griechenlands mittelalterlicher Systemfehler. Das Fehlen von Renaissance, Reformation, Aufklärung oder Säkularisation gehört zu den Traditionen der orthodoxen Welt. Das fördert Vorbehalte gegen den Westen und drängt Griechenland zu Russland.“ Man vergleiche mit Matussek oben… Nach dem Untergang von Byzanz entkamen aber viele griechische Gelehrte nach Westeuropa, mit Büchern, die auf Latein übersetzt wurden, was die Renaissance mit bewirkte! Manche Griechen (und Neo-Philhellenen) schieben alles Schlechte (Korruption,…) in Griechenland auf die osmanische Herrschaft, lagern dieses als “orientalisch” aus. Die Vorgängerstaaten des Osmanischen Reichs waren hauptsächlich Byzanz sowie diverse moslemische Reiche (die davor grossteils auch byzantinisch gewesen waren), Traditionen wurden hier übernommen.

Als im März 18 bei einem Spiel in der griechischen Fussball-Liga zwischen PAOK Saloniki und AEK Athen PAOK-Präsident Iwan Savvidis (ein aus Georgien stammender Grieche) nach einem nicht gegebenen Tor für “sein” Team bewaffnet das Spielfeld stürmte, kamen von Westisten Fingerzeige auf unzivilisierte Orientale/Südländer oder aber auf „Verweichlichte“/“Gutmenschen“ in den eigenen Reihen bei Bewunderung für „unverdorbene Wehrhaftigkeit“ und Ähnlichem… Henryk Broder steht ja eigentlich für die zweite Schule, solche wie Savvidis sind doch noch undegenerierte, un-verweiblichte Männer, die zu ihren Werten und ihrer Kultur stehen, wie es sie im Westen nur noch selten gibt, oder? Auch in den anglokeltisch dominierten Ländern USA, Australien, Canada,… werden (dorthin ausgewanderte) Griechen nicht immer als Weisse/Westler genommen, eher als Südländer/Orientale. Wie sich zB am Präsidenten-Wahlkampf in der USA 1988 zeigte, als der griechisch-stämmige Michael Dukakis gegen George Bush senior antrat. Oder bei den anti-griechischen Krawallen in Toronto 1918.

Zurück zu den letzten Griechen von Istanbul. Es ist leicht, Diskriminierungen von Minderheiten anderswo zu thematisieren, und das geschieht auch oft, um Andere als zurückgeblieben und unzivilisiert hinzustellen und von Anderem abzulenken. Und ja, es gibt jene, die die Türkei jetzt auf dem “Weg in eine Diktatur“ sehen, aber Verachtung für Türken an sich haben. Ethnisch-sprachlich-religiöse Minderheiten haben in der Regel Assimilationsdruck, das Militär (der Wehrdienst) ist fast immer ein Ort der Diskriminierung, der Zugang zum öffentlichen Dienst ist für Minderheiten schwieriger, es wird ihnen die Loyalität zu einem Staat abverlangt, mit dem sie u. U. schlechte Erfahrungen gemacht haben,… Die schwierige Rolle der Griechen in der Türkei ergab sich aus ihrer Vergangenheit als Staatsvolk im Vorvorgängerstaat, ihrer prominenten Stellung im Vorgängerstaat, dem Streben Griechenlands nach Vereinigung mit griechischen Gebieten, die schliesslich auch einige umfassten, die die Türken als unabdingbar für sie auffassen.

Am Ende des Artikels schliesst sich ein Kreis, wir kommen zurück zum römischen Kaiser Konstantin. „Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Konstantin zwar dafür berühmt ist, als Kaiser den Grundstein für die Christianisierung Europas gelegt zu haben, aber nie darauf hingewiesen wird, dass seine Begeisterung für die neue Konfession einen Preis hatte: Sie beeinträchtigte die Zukunft des Christentums im Osten erheblich. Es stellte sich die Frage, ob die Lehren Jesu Christi, die bereits tief in Asien Fuss gefasst hatten, imstande waren, eine entschlossene Herausforderung zu überstehen.“ Schreibt Peter Frankopan in “Licht aus dem Osten”. Die staatliche römische Übernahme des Christentums die Konstantin I. einleitete, behinderte seine Ausdehnung im Osten, das war hauptsächlich (das sassanidische, zoroastrische) Persien, da es nun mit dem Römischen Reich assoziiert wurde. Das hat in mehrerer Hinsicht mit Griechen und Türken zu tun, auch weil es einen Staat gibt der so etwas wie Schutzmacht der Griechen in der Türkei ist. Oder weil Konstantin das spätere Byzantinische Reich mit prägte. Oder, weil das Christentum in Rom im Zuge dieser Entwicklung mehr und mehr zu einer nationalen Klammer wurde anstelle von etwas Spirituellem – wie der Islam in der Republik Türkei! Und, das Christentum ist eigentlich asiatisch, theologische Basis waren west- und zentralasiatische Religionen (auch der Zoroastrismus); und es wurde von/in Rom zunächst verfolgt.

Georgskirche (Patriarchat) Istanbul

Zum Abschluss noch Mal zur Reziprozität Christen Orient – Moslems Westen. Patriarch Bartolomaios hatte Recht, als er, im Zusammenhang mit dem geschlossenen Priesterseminar sagte (klagte), in Europa gibt es 40 bis 50 Millionen Moslems und die 2000 Griechen in der Türkei dürfen nicht einmal Leute aus ihrer Mitte zu Priestern ausbilden. Mit dieser Frage der Wechselseitigkeit habe ich mich im Frankreich-Algerien-Artikel befasst, wo doch heraus kommt, dass die Sache etwas komplexer ist, als es zunächst erscheint. Auch weil die Moslems im Westen in der Regel Einwanderer sind, Christen im Orient aber meist Einheimische, und weil Europäer in ihrer Kolonialgeschichte nicht-weisse Christen eigentlich nie als gleichrangig gesehen und behandelt haben. Auch nicht jene Christen von anderswo, die als Einwanderer nach Europa kamen/kommen. Bartolomaios ist mittlerweile länger als Athenagoras Patriarch, man wird sehen was nach ihm kommt.

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Literatur & Links

Alexis Alexandris: The Greek Minority of Istanbul and Greek-Turkish Relations 1918-1974 (1992)

Steven Runciman: The Great Church in captivity: a study of the Patriarchate of Constantinople from the eve of the Turkish conquest to the Greek War of Independence (1985)

Vally Lytra (Hg.): When Greeks and Turks Meet: Interdisciplinary Perspectives on the Relationship Since 1923 (2014)

Dimitri Kitsikis: De la Grèce byzantine à la Grèce contemporaine (1970)

Ioannis Grigoriadis: Instilling Religion in Greek and Turkish Nationalism: A “Sacred Synthesis” (2013)

Georgios Theotokis, Aysel Yildiz (Hg.): War and Conflict in the Mediterranean (2018)

Huw Halstead: Greeks without Greece: Homelands, Belonging, and Memory amongst the Expatriated Greeks of Turkey (2018)

Dimitri Gondicas, Charles Issawi: Ottoman Greeks in the age of nationalism: politics, economy and society in the nineteenth century (1999)

Umut Özkirimli, Spyros Sofos: Tormented by history: nationalism in Greece and Turkey (2008)

Ioannis Zelepos: Die Ethnisierung griechischer Identität 1870–1912. Staat und private Akteure vor dem Hintergrund der „Megali idea“ (= Südosteuropäische Arbeiten. Band 113, 2002) Zugleich: Dissertation Freie Universität Berlin, 2000

Bruce Clark: Twice a stranger: How mass expulsion forged modern Greece and Turkey (2006)

Benjamin C. Fortna, Stefanos Katsikas, Dimitris Kamouzis, Paraskevas Konortas (Herausgeber): State-Nationalisms in the Ottoman Empire, Greece and Turkey: Orthodox and Muslims, 1830-1945 (2012)

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Gülen Göktürk: Clash of Identity Myths. In the Hybrid Presence of the Karamanlis (2009). Masterarbeit Central European University Budapest, 2009

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Evangelia Balta: Karamanlı Yazınsal Mirasının Ocaklarında Madencilik (2019)

Maria Eliades: Leaving Istanbul. In: The Puritan, Fall 2017. Essay einer griechischen Amerikanerin, die einige Jahre in Istanbul lebte (wo die Hälfte ihrer Vorfahren her stammt), auch an der Bogazici-Universität lehrte; sie arbeitet an einem historischen Roman über Griechen im Istanbul der 1950er

Yüzde 100 yerli: Karamanlılar ve Hay-ho(u)ro(u)mlar. Über die Hayhurum und die Karamanlides, auf Türkisch

Ömer Asan: Pontos Kültürü (1996)

Dimitri Kitsikis: Türk-Yunan İmparatorluğu. Arabölge gerçeği ışığında Osmanlı Tarihine bakış (1996)

Ariana Ferentinou: How will Mitsotakis handle relations with Turkey? (Hürriyet)

Nihal Esen: Kurucu Meclis Çalismalarinda Çanakkale Gazisi Bir Rum: Kaludi Laskari. In: Rahmi Doğanay, Ahmet Çelik, Fatih Özçelik (Hg.): Rifat Özdemir’e Armağan (2018)

Lucian N. Leustean (Hg.): Eastern Christianity and Politics in the Twenty-First Century (2014)

Servet Mutlu: Late Ottoman Population and it’s Ethnic Distribution

Ηλίας Βενέζης: Το Νούμερο 31328 (1924/1931). Elias Venezis (Mellos) stammte aus dem Umland von Smyrna (Ionien), die Familie floh im 1. WK nach Lesbos, kehrte mit dem Einzug der griechischen Armee 1919 nach Ionien zurück. Nach der Einnahme der Gegen durch die kemalistischen Truppen kam Mellos in eine Arbeitsbrigade, was er in diesem autobiografischen Buch (verfilmt 1978) schilderte. Während der deutschen Besetzung Griechenlands wurde er wieder gefangen genommen

Yannis Hamilakis: Indigenous Hellenisms/Indigenous Modernities: Classical Antiquity, Materiality, and Modern Greek Society. In: George Boy-Stones, Barbara Graziosi, Phiroze Vasunia (Hg.): The Oxford Handbook of Hellenic Studies (2009)

Ernest Hemingway: In our time (1925). Hemingway war als Kriegs-Berichterstatter für eine kanadische Zeitung im Osmanischen Reich in dessen letzten Zügen unterwegs, seine Beobachtungen flossen in diese Kurzgeschichten-Sammlung ein (dt. „In unserer Zeit“, 1932)

Über das Pogrom von Istanbul 1955

Özgür Kaymak: İstanbul’da Az(ınlık) Olmak: Gündelik Hayatta Rumlar, Yahudiler, Ermeniler (2017)

Samim Akgönül: Türkiye Rumları: Ulus-Devlet Çağından Küreselleşme Çağına Bir Azınlığın Yok Oluş Süreci (2007)

Yakup Kadri Karaosmanoglu: Yaban (1932). In dem Roman (dt. “Der Fremdling”) geht es um die Zeit des Umbruchs nach dem 1. WK

Judith Herrin: Byzanz. Die erstaunliche Geschichte eines mittelalterlichen Imperiums (2013)

Sevan Nisanyan: Die falsche Republik (1994)

Jeffrey Eugenides: The Burning of Smyrna (Kurzgeschichte, 1998)

Lois Whitman: Denying Human Rights and Ethnic Identity: The Greeks of Turkey (1992, Human Rights Watch)

Sean McMeekin: The Ottoman Endgame: War, Revolution and the Making of the Modern Middle East, 1908-1923 (2016)

Rifat Bali: Model Citizens of the State: The Jews of Turkey during the Multi-Party Period (2012)

Andrew Mango: Remembering the Minorities. In: Middle Eastern Studies
Vol. 21, No. 4, Politics and the Academy: Arnold Toynbee and the Koraes Chair (Oct., 1985)

John Joseph: Muslim-Christian Relations and Inter-Christian Rivalries in the Middle East: The Case of the Jacobites in an Age of Transition (1984)

Aylin de Tapia: Orthodox Christians and Muslims in Nineteenth-Century Cappadocian Villages. Everyday Life, Languages, Culture and Socio-economic Relations

Marlene von Kalnein: “Halbungläubige und mit Joghurt Getaufte”. Diplomarbeit, Universität Wien, 2013

Maurizio Isabella, Konstantina Zanou: Mediterranean Diasporas: Politics and Ideas in the Long 19th Century (2015)

Kerem Öktem: The Nation’s Imprint: Demographic Engineering and the Change of Toponymes in Republican Turkey. In: European Journal of Turkish Studies 7/2008 (Online-Journal)

Homepage des Patriarchats

Gábor Ágoston and Bruce Alan Masters (Hg): Encyclopedia of the Ottoman Empire (2008)

Sylvia Kedourie: Turkey Before and After Ataturk: Internal and External Affairs (2012)

Louis de Bernières: Birds without wings (2004)

Centre for Asia Minor Studies, Athen

Adem Can: Der Türkische Nationalismus. Diplomarbeit Universität Wien, 2013

Das verlassene Dorf Livisi/ Kayaköy

John Alexandropoulos über Griechenland und die Zeit der Balkankriege (Griechisch)

http://turkishgreekfriendship.info/

Von einem Boghard ist einmal ein Uni-Abschlussarbeit (?Dissertation) zur Meghali Idea erschienen, die ich im IT aber nicht mehr finde; wäre dankbar für Hinweise

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Wobei: Wenn man sagt, das historische West-Griechenland ist das zum Balkan gehörige Festland, und der historische Osten der levantinische Seeraum und Kleinasien: der grösste Teil der Ägäis(-Inseln) gehört zu Griechenland, und damit auch ein Teil dieses Ostens
  2. Athen wurde bedeutungslos
  3. Auch wenn im Oströmischen Reich anfangs Römer dominierend waren und dieses erst nach einigen Jahrhunderten griechisch und ein Byzantinisches wurde
  4. Und nun ist unter Erdogan/AKP die Rückwidmung in eine Moschee angedacht
  5. Die Augen Roms waren auf Asien gerichtet, weiter als nach Syrien kam man aber nicht, östlich vom Euphrat begann in der Regel der persische Machtbereich. Nach der Reichsteilung und Hellenisierung Ostroms wurden diese Konfrontationen fortgesetzt
  6. Die Schlacht am Yarmuk in Syrien 636 war der Schlüssel dazu
  7. Hauptsächlich durch Method(ius)/Mefodii und seinen Bruder Kyril(los), im 9. Jh
  8. Die damals ebenfalls Syrer waren, aus der syrischen Dynastie
  9. Aber andere (autochthone) Christen, die Kopten; die unter byzantinischer Herrschaft, mit der orthodoxen Kirche als Staatskirche, unterdrückt wurden. Gleichwohl wurde Ägypten immer wieder von Griechen geprägt, zu Zeiten der Makedonier/Ptolemäer, der Byzantiner, und auch in osmanischer Zeit, von neuen Einwanderern
  10. Die Quadriga auf der Basilika San Marco in Venedig stammt etwa aus Konstantinopel. Ursprünglich war die Republik Venedig dem Byzantinischen Reich unterstellt, in der Praxis handelte Venedig seit dem 9. Jahrhundert als eigenständiger Staat
  11. Als der Archipel an die Briten fiel und sich die Serenissima Repubblica auflöste
  12. Zusätzlich gingen auch immer wieder nicht-griechische Völker am Balkan “Eigenwege”
  13. Die 1918-1923 unterbrochen wurde
  14. So wie eine Tochter des letzten sassanidischen Königs Persiens Yazdgerd III., Shahrbanu, den arabischen schiitischen Imam Hussein geheiratet haben soll; in beiden Fällen wurde ein Herrschaftswechsel, ein Übergang damit abgesegnet, quasi komplettiert. Im Fall Alt-Persiens fand die (angebliche) Verbindung zwischen Angehörigen der alten und neuen Herrscherfamilien nach dem endgültigen Aus des alten Systems statt, in jenem Mittel-Griechenlands etwa 150 Jahre davor
  15. Mehmet Osmanoglu hat Konstantinos Palaiologos vor dem Beginn der Belagerung eine Nachricht überbringen lassen, derzufolge er ihm bei einer Kapitulation sein Leben lassen werde und als Regionalherrscher in Morea/Peloponnes/Peloponnisos einsetzen würde
  16. Die Palaiologos waren vom 13. bis zum 15. Jh die Herrscherdynastie in Byzanz, die letzte. Konstantin XI. hatte keine Kinder, aber zB sein Bruder, Herrscher in einem der byzantinischen Rumpfstaaten. Der Franzose Maurice Paléologue (1859 – 1944), Diplomat und Historiker, war einer Jener aus jüngerer Zeit, die eine Abstammung von den Palaiologen behaupteten. Er stammte väterlicherseits aus Rumänien bzw der Walachei
  17. Obwohl das Grossfürstentum erst 1547 zum “Zarenreich Russland” erhoben wurde. Iwan III. und seine Nachkommen führten auch den Titel „Bewahrer des byzantinischen Throns“
  18. Aber auch für Renovierungen
  19. Καθεδρικός ναός του Αγίου Γεωργίου (Kathedrikós naós tou Agíou Geōrgíou; türkisch Aya Yorgi Kilisesi)
  20. Die Pammakaristos-Kirche wurde 1591 in die Fethiye-Moschee (Fethiye Camii) konvertiert, ist heute grossteils ein Museum, das Parekklesion
  21. Und das waren fast alle Griechen, nur nicht die auf den (venezianischen) Ionischen Inseln sowie in der Diaspora (Russland, Heiliges Römisches Reich,…)
  22. Und es gibt Nationen, die sich nur in gewissen Vorstellungen oder Aspekten durch eine Konfession definieren, wie Iraner und schiitischer Islam, Österreicher und Katholizismus, Indien und Hinduismus
  23. Die 3 antiken orientalischen Patriarchate (in Syrien, Palästina, Ägypten) kamen (mitsamt ihrer “Schäfchen”) durch die genannten osmanischen Expansionen im 16. Jh ebenfalls unter osmanische Herrschaft
  24. Abzugrenzen von den diophysitischen orthodoxen Kirchen die den Patriarch von Konstantinopel als Oberhaupt anerkennen, sind monophysitische Kirchen wie die “Syrisch-Orthodoxen” oder “Armenisch-Orthodoxen”, die eigene Patriarchen haben, inhaltlich, historisch und organisatorisch von den eigentlichen Orthodoxen getrennt waren und sind, nur im “unscharfen” Sprachgebrauch als “Orthodoxe” bezeichnet werden. Auch die Koptische Kirche gehört zu diesen monophysitischen Kirchen (göttliche und menschliche Natur hätten sich in Jesus vereint), deren Angehörige im Osmanischen Reich die drittgrösste Glaubensgruppe waren, wenn auch eine sehr diversifizierte. Im osmanischen Millet-System wurden Menschen/Untertanen ihrer Konfession nach eingeteilt (nicht nach Sprache,…), den Führern ihrer Religionsgemeinschaften unterstellt, die Ethnarchen waren, also auch weltliche Führer bzw Vertreter. Die Angehörige monophysitischer Kirchen wurden dem Patriarchen der Armenisch-Apostolischen Kirche (= Armenisch-Gregorianische Kirche) zugeordnet, dem Oberhaupt der wichtigsten dieser Kirchen im Osmanischen Reich. Und richtigerweise nicht dem griechisch-orthodoxen Patriarchen. Die Patriarchen der Syrisch-Orthodoxen oder Kopten unterstanden dem armenischen Patriarchen. Daneben gab es in allen diesen Kirchen auch Zweige die sich mit der Römisch-Katholischen Kirche vereinten (unierten)
  25. Und waren daher vom Bevölkerungsaustausch 1923 betroffen
  26. Manchmal ist zu lesen „Im Phanar wurde über das Geschlecht der Engeln gestritten, als die Türken Konstantinopel einnahmen“ >  soll wohl Irrationalität, Ineffizienz, Faulheit, Verdorbenheit der byzantinischen Kultur zum Ausdruck bringen – kann aber so nicht stimmen. Die Patriarchenkathedrale Hagia Sophia wie auch der Blachernon-Palast (die Kaiser-Residenz) waren beide ausserhalb des Phanar-Stadtteils. Welche Entscheidungsträger sollen dort also über Engeln philosophiert haben? Der Kaiser nahm ja an der Verteidigung der Stadt teil, kam dabei ums Leben
  27. Der erste griechische Millionär in der osmanischen Ära soll Michael Kantakouzenos-Shaytanoglu gewesen sein, im 16. Jh, der im Pelzhandel mit Russland tätig war. Er übte immer wieder Einfluss auf die Besetzung des Patriarchats aus, stand Gross-Wesir Mehmet Sokolowitsch (Sokolu Mehmet Pascha), der aus einer serbischen Familie in Bosnien stammte, nahe. Als dieser beim Sultan in Ungnade fiel, ging es auch Kantakouzenos an den Kragen
  28. Andererseits aber selbst Herrscher über Andere
  29. In Ägypten kam alles zusammen: Napoleons Ägypten-Feldzug war überhaupt so etwas wie der Auftakt zur westlichen Einflussnahme im Osmanischen Reich; danach begann der Aufstieg des Albaners (ursprünglich in osmanischen Diensten) Mohammed Ali zum Herrscher Ägyptens (mit Erbrecht für seine Nachkommen) – er hat übrigens mit seinen Truppen auf osmanischer Seite am Unabhängigkeitskrieg der Griechen teil genommen; es entstand eine ägyptische Nationalbewegung; und Grossbritannien wurde gegen Ende des 19. Jh Mit-Herrscher im Land
  30. Hauptsächlich der Peloponnes, der als südlichster Teil des Balkans gesehen werden kann
  31. Und bis auf die Ionischen Inseln waren alle griechischen Gebiete osmanisch
  32. Georgios Stravelakis überlebte das Massaker als Kind, wurde in die Sklaverei verkauft, kam nach Tunesien, auch Teil des Osmanischen Reichs. Er wurde dort unter dem Namen Mustafa Khaznadar Premierminister des Beyliks
  33. Extrem für die Einen, der logische bzw krönende Abschluss für die Anderen
  34. Wobei es auch hier verschiedene Varianten gab, also inwiefern es ein multinationales Reich (wie es Byzanz war) werden sollte, mit griechischer Vorherrschaft über andere Völker, eine Monarchie oder Republik (und damit verbunden war auch das Verhältnis zum Westen),…
  35. Das moderne Griechenland war von Anfang an an den Westen gebunden, seine politische Kultur stand dem aber entgegen; innere politische Auseinandersetzungen entluden sich immer wieder in bürgerkriegsähnlichen Zuständen (das erste Mal 1824/25, also während des Unabhängigkeitskriegs!). Wobei: Wie war das in Frankreich im 19. Jh, wie viele Revolutionen, Umstürze, innere Gewalt gab es da, auch noch in der Dritten Republik?! Also, stand die politische Kultur Neu-Griechenlands wirklich dem Westen “entgegen”? Im Gegensatz zu GB oder Frankreich hat Griechenland jedenfalls keine Kolonien in Afrika, Amerika, Asien oder Ozeanien gehalten
  36. Die “Englische Partei” unter Mavrokordatos hielt das Partizipativ-Prowestlich-Merkantilistische hoch, aus ihr wurde die Modernistische Partei unter Trikoupis (nun wirklich eine Partei), dann die Liberale Partei (1910-61, unter Venizelos, republikanisch), dann die EK (Papandreou), schliesslich die PASOK. Die “Russische Partei” (der sich dann die Französische anschloss) war paternalistisch-prorussisch-orthodox ausgerichtet, aus ihr ging 1865 die Nationalistische Partei hervor, 1920 die Volkspartei (royalistisch), 1958 die ERE von Karamanlis, schliesslich die Nea Dimokratia (ND)
  37. Griechische Monarchie-Gegner verwendeten gerne den Namen “Glücksburg” für das Königshaus, um ihren nicht-griechischen Charakter heraus zu streichen; zu diesem Haus Einiges im Grönland-Artikel
  38. Hatte aber jahrhundertelang (1721-1917) keinen Patriarch, nur Metropoliten/Erzbischöfe von Moskau, nachdem Zar Pjotr/Peter “der Grosse” Stefan/Simeon Yavorsky hinabstufte
  39. Beziehungsweise in seiner damaligen osmanischen Ausprägung
  40. Auch: Bogoridi, Vogoride, Stefanaki Bey, Stojko Z. Stojkow
  41. Vom 1876 “eingesetzten” Sultan Abdülhamit II.
  42. Manchmal wird zwischen “Hellenen” und “Griechen” auch in diesem Sinn unterschieden; in diesem Text werden die Begriffe als Synonyme verwendet
  43. Manche der Griechen aus dem untergehenden Osmanischen Reich gingen auch schnell ins Ausland weiter, verliessen das arme Griechenland. Aristoteles Onassis aus der Umgebung von Smyrna siedelte 1922 nach Griechenland aus, ging ’23 nach Argentinien, wurde Tabakhändler und Reeder. Der Vater von Michael Dukakis (Präsidentschaftskandidat in der USA 1988), Panos, stammt auch von der von kleinasiatischen Küste (Edremit), wanderte zunächst auf die Insel Lesbos aus (ebf. vor dem Austausch), dann in die USA; Dukakis’ Mutter war aromunische Griechin. Elia Kazan(zoglou) wurde 1909 in Istanbul geboren, in eine griechische Familie aus Kappadokien, immigrierte während des 1. WK in die USA. Leonidas Daskalidès (Kestekides) war ebenfalls ein Kappadokien-Grieche; er ging Ende des 19. Jh über Konstantinopel und Griechenland nach Belgien, gründete die Leonidas-Firma für Schokolade-Pralinen
  44. Etwa auf das nördliche Mesopotamien, wo sich die Ansprüche der Kurden und Assyrer “bissen”, und es immer noch tun
  45. Ihr Vater, Sultan Abdülmecid, hatte 44 Kinder (von denen 4 Sultane wurden) von 19 Frauen
  46. Und seit dem 14. Jh waren die osmanischen Sultane immer auch Kalifen
  47. Grosswesir 1909/19 war Hüseyn Hilmi Pascha, dessen griechische Vorfahren zum Islam konvertiert waren, kein Jungtürke
  48. Inwiefern die Angehörigen der ostsyrischen Kirchen (Nestorianer, Chaldäer) und der westsyrischen (Jakobiten/Syrisch-Orthodoxe, Syrisch-Katholische) ethnisch zusammen gehörig sind, und sie von den antiken Assyrern oder Aramäern abstammen, ist nicht ganz gesichert. Es gibt jedenfalls verschiedene Auffassungen darüber, und Bezeichnungen für sie. Im türkischen Kontext werden sie “Süryani” genannt, und das sind hauptsächlich Syrisch-Orthodoxe und -Katholische
  49. Die Jungtürken liessen in Palästina auch Abbas Effendi Nuri (“Abdul’baha”) und andere Führer der Baha’i frei, 1908, sie waren in Akka bei Haifa inhaftiert gewesen
  50. Paparrigopoulos, 1815 – 1891, wird als Begründer der modernen griechischen Historiographie gesehen; das Konzept der Dreiteilung der griechischen Geschichte in Antike, Mittelalter (Byzanz), Moderne (dazu gehörten anscheinend die osmanische Zeit und der Beginn von Unabhängigkeit und Enosis) dürfte auf ihn zurückgehen
  51. Man kann die beiden Flügel der Jungtürken, den nationalistischen und den liberalen, als Vorläufer der Flügel der CHP sehen
  52. Emmanuelidis (bzw Emmanouilidis) stammte eigentlich aus Kayseri, studierte Recht in Konstantinopel und Athen und lebte dann in Smyrna. Sein autobiografisch-zeithistorisches Buch “Die letzten Jahre des Osmanischen Reichs” kam 1924 heraus, nach seiner Aussiedlung nach Hellas
  53. Anderen Angaben zu Folge wurde dort ein unabhängiger Staat vorgeschlagen
  54. Für Manche war es keine Besetzung, sondern Befreiung
  55. Ausserdem waren, 1918-20, Truppen der USA in Istanbul stationiert
  56. Weniger als 800 Soldaten, GB als grösste Besatzungsmacht hatte über 27 000 stationiert
  57. Also in etwa die Zeit des Übergangs vom Osmanischen Reich zur Republik Türkei
  58. Es wurde/wird gerne geschrieben, dass Louis Franchet d’Espèrey als neuer französischer Hochkommissar im Jänner ’19 wie der osmanische Eroberer Mehmet II. über 4 Jahrhunderte davor auf einem weissen Pferd in die Stadt einzog. Auch bei Alexandris findet sich das, bei ihm ist das Pferd das Geschenk eines Istanbuler Griechen. Die Geschichte dürfte aber nicht stimmen: www.academia.edu/13541781/De_quelle_couleur_%C3%A9tait_le_cheval_blanc_de_Franchet_d_Esp%C3%A8rey_Petite_enqu%C3%AAte_sur_la_v%C3%A9rit%C3%A9_historique
  59. Im Griechisch-Türkischen Krieg dann war dieses Schiff an Truppenlandungen in Ost-Thrakien beteiligt, an Operationen im Schwarzen Meer und der Evakuierung der griechischen Bevölkerung nach der Niederlage
  60. Die griechischen Truppen in Konstantinopel dürften nicht dem Hochkommissar (nach Kanellopoulos gab es noch Triantafyllakos und Simopoulos), einem Zivilisten, unterstanden haben, sondern Admiral Georgios Kakoulidis
  61. Wobei die Griechen in ihren Haupt-Siedlungs-Gebieten im Osmanischen Reich wahrscheinlich jeweils die relative Mehrheit bildeten – einer der Gründe warum man diese Gebiete nicht unbedingt in einem Staat belassen wollte in dem man insgesamt jedenfalls eine Minderheit war
  62. Venizelos soll König Alexander/Alexandros 1919 gesagt haben, er setze darauf dass Konstantinopel von Innen griechisch erobert werde
  63. In weiteren Zielen schwirrten auch Teile Bugariens und Armeniens herum, die Ägäis und Makedonien,… Wenn man so will, sind die Grenzen, die dann kamen, ein Kompromiss zwischen der “Gross-Türkei” und “Gross-Griechenland”; auch andere Nachbarn der Türkei hätten Irredenta-Konzepte, die der Türkei (und sich gegenseitig) “in die Quere kommen” würde
  64. Abgesehen von einigen “Absegnungen” territorialer Administrationsverhältnisse die vor dem 1. WK zu Stande gekommen waren
  65. Es gab ein Rekrutierungsbüro bei der griechischen Militärmission in Konstantinopel
  66. Die Türken kämpften ausserdem im Nordosten Anatoliens gegen Armenien (Sep. bis Dez. ’20) und im Süden (Kilikien) gegen die Franzosen (Dez. 18 bis Okt. 21) – der “Türkische Unabhängigkeitskrieg” (1919-23, oder 1920-22)
  67. Die indoeuropäischen Phyrger sind ein untergegangenes Volk…wie die Awaren oder die Goten. Eines der Völker die dann unter den Griechen aufgegangen sind. Infolge Alexanders Sieg damals wurde Kleinasien für griechische Besiedlungen und Staatengründungen geöffnet
  68. باب عالی
  69. Er gewann 1896 bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit in Athen eine Medaillie im Schiess-Bewerb
  70. Chrysosthomos war 1921 einer der Gründer der “Verteidigungsorganisation von Kleinasien” (Οργάνωση Μικρασιατικής Άμυνας, Organosi Mikrasiatikis Amynas, oft zu “Amyna” abgekürzt)
  71. Napoleon III. war (1870 in Sedan) einer der letzten bedeutenden Herrscher, der bei einer Schlacht in die Hände des Gegners fiel; sonst gibt es das bei Putschen und Revolutionen noch recht häufig
  72. Es ist nicht ganz klar, aber zwischen der Abschaffung des Sultanats und der Ausrufung der Republik 1923 dürften die Kemalisten einen “Türkischen Staat” proklamiert haben, natürlich mit Atatürk als Oberhaupt
  73. Der Schriftsteller und Beamte Nikos Kazantzakis, ein Kreter, organisierte 1922 im Auftrag der griechischen Regierung den Transfer von 150 000 Pontus-Griechen aus dem sowjetischen Kaukasus nach Griechenland. Dabei begleitete ihn wieder Georgios Sorbas
  74. In Kreta waren die allermeisten Türken Griechisch-sprachig; siehe dazu auch die “Indianer” in Südamerika
  75. Teil der griechischen Delegation waren auch 2 Konstantinopel-Griechen, Michail Theotokas und Angelos Ioannidis
  76. Sie waren 1919 von Griechen eingenommen worden, ihnen 1920 zugesprochen, mussten 1922 aufgegeben werden
  77. Im späten Osmanischen Reich gab es ein Ende der diesbezüglichen Freistellung gegen die Sondersteuer, dies wurde aber teilweise weiter praktiziert; in Griechenland scheint es eine ähnliche Praxis gegeben zu haben, mit den moslemischen Gruppen v.a. in Makedonien und Thrakien
  78. Die gelegentlich beschossen worden waren
  79. Oder doch? Es heisst, die Türken gingen 1923 gegen Istanbul-Griechen vor, die dem griechischen Militär oder anderen Entente-Mächten geholfen hatten (oder denen man das vorwarf); aber darüber fand ich nichts Genaueres
  80. Damals wurde das Gebiet Bulgarien zugesprochen
  81. Andere Armenier konnten bleiben, auch ausserhalb Istanbuls, insofern sie den Völkermord überlebt hatten
  82. Und auch unter Jenen in Iran oder Zentralasien, die als Türken gelten, liegt oft eigentlich eine andere Ethnizität vor
  83. A propos: Nicht von der Aussiedlung betroffen waren natürlich auch die (nicht allzu zahlreichen) Griechen in den arabischen Gebieten des untergegangenen Osmanischen Reichs. Diese Länder bekamen in den 1930ern, 1940ern ihre Unabhängigkeit
  84. In “Zimt und Koriander” gibt es die Szene, wo ein griechischer Beamter an den aus der Türkei ausgesiedelten Griechen bemängelt, dass diese Griechisch mit türkischem Akzent sprechen
  85. In “Verkaufte Heimat”, wo es um die teilweise vollzogene Aussiedlung der Südtiroler geht, sagt ein Aussiedlungs-Kandidat angesichts der NS-Pläne bezüglich der Neuansiedlung: “Bevor ich nach Galizien gehen, gehe ich lieber nach Sizilien”
  86. Hauptsächlich durch die 1931 unter Atatürk gegründete TTK (Türkische Historische Gesellschaft), die als Symbol einen byzantinischen doppelköpfigen Adler hat
  87. In der Verfassung von 1924 hiess es noch, “die Staatsreligion ist der Islam”, dies wurde in jener von 1928 abgeschafft
  88. Inönü hat etwa ganz am Beginn der republikanischen Ära gesagt, Christen hätten moslemische Toleranz damit gelohnt, sich mit den Feinden der türkischen Nation verbündet zu haben
  89. Das seinen Ursprung wo hatte? Vor dem Durchbruch bei Dumlupinar war das Patt von Gordion, und da ist man bei diesem Kriegszug… die Frage darf aber gestellt werden, ob die “nationaltürkische Bewegung” unter dem späteren Atatürk eine griechische Exklave in Anatolien geduldet hätte
  90. Bin mir nicht sicher, ob es notwendig ist, das an dieser Stelle zu erwähnen, aber die Iren (zB) machten mit den bewaffneten Einheiten aus GB nicht unbedingt gute Erfahrungen, zB in ihrem Unabhängigkeitskrieg 1919-21
  91. Bei dieser Sprachreform spielte neben dem Armenier Martayan auch der Grieche Theologos Anthomelidis, ein Turkologe, eine wichtige Rolle
  92. Auch Ägypten war damals im Übergang von osmanischer über britische Herrschaft zur Unabhängigkeit. Dem orthodoxen Alexandria-Patriarchat unterstehen zwar alle orthodoxen Bischöfe Afrikas, aber (da Griechenland seit byzantinischen Zeiten) nicht (mehr) in Afrika kolonialisierte, gibt es auf diesem Kontinent kaum Griechen oder andere Orthodoxe. Am ehesten noch Auswanderer in Südafrika. In Ägypten sind Christen eine wichtige Minderheit, aber die sind überwiegendst Kopten. Bedeutende orthodoxe Stätte in Ägypten ist das Katharinen-Kloster am Sinai, und das untersteht dem Jerusalem-Patriarchat… Es gab allerdings, bis Nasser, in Ägypten eine grössere griechische Gemeinschaft, hauptsächlich in Alexandria
  93. Bütün Ortodoks Ceemaatleri Vekil Umumisi
  94. Abdulmajid war 1922 als Kronprinz nach Absetzung des Sultans vom Parlament in Ankara zum Kalifen gewählt worden, amtierte etwa eineinhalb Jahre; er dürfte noch einen Harem gehabt haben, jedenfalls malte er gern
  95. Kalif Abdulmajid wurde nach Catalca gebracht
  96. Wobei aus türkischer Sicht bereits das Einrücken in Smyrna 1919 eine Aggression, eine Invasion, war
  97. Alexandris: “Extremely sensitive on the activities of the Patriarchate, Turkish public opinion labelled as treacherous any dealings of the Phanar with foreign Orthodox religious heads.”
  98. Das seinen Sitz im Kloster Dar es Zafaran/ ܕܝܪܐ ܕܡܪܝ ܚܢܢܝܐ (Dayro d-Mor Hananyo)/ Dêra Zehferanê hatte
  99. 1924 (Stalin) bis 1943 war der Patriarchensitz wieder vakant
  100. Solche gab es ausser in Makedonien auch in Kreta und Epirus
  101. Ein sunnitischer Religionsgelehrter, der Mufti der Hauptstadt war und gleichzeitig die oberste religionsrechtliche Autorität des Staates; natürlich dem Sultan/Kalifen untergeordnet. Medeni Mehmet Nuri Efendi war 1920 bis 1922 letzter Scheich-ul Islam des Osmanischen Reiches
  102. Die Umstellung zeigte sich etwa bei den griechischen Zeitungen der Stadt, die nun um Zurückhaltung bemüht waren
  103. Die Griechische Griechisch-Katholische Kirche entstand 1859/60
  104. Das gab es auch bei Armeniern und Juden
  105. Die Zahlen liessen sich aus den Unterlagen des Patriarchats ermitteln, sowie aus staatlichen türkischen
  106. Es erinnert etwas an Südafrika und die Situation nach der Apartheid; dort woll(t)en Schwarze mit dem Ende der politischen Entrechtung auch ihre (damit verbundene) wirtschaftliche Benachteiligung wettmachen. Eine solche hat es für Türken im Osmanischen Reich natürlich nicht gegeben
  107. Der Chef der Handelskammer Millî Türk Ticaret Birliği war Ibrahim Pashazadeh, ein Dönmeh, er konnte sich anscheinend halten
  108. Hier ist ein wichtiger Punkt: Eigentlich ist Intoleranz ggü Minderheiten alles Andere als ein Zeichen von Stärke
  109. Nach seiner Pensionierung 1930 übersiedelte er nach Athen und war von 1931 bis 1940 Gründungsdirektor des dortigen Benaki Museums. Er starb 1940 in Istanbul
  110. Jene Tscherkessen, Albaner, Uiguren, Pomaken,… deren Vorfahren irgendwann in die heutige Türkei gebracht wurden, als “Moslems”, “Türken”,…, sind wie die Mizrahi-Juden in Israel; sie wurden im Rahmen einer “Heimholungsaktion” transferiert, ihrem Umfeld entfremdet und sich zu einem grossen Teil besonders starke Nationalisten (in der neuen Heimat) geworden
  111. Anhänger dort sind Konvertiten sowie Zuwanderer
  112. Später war er auch in der kurzlebigen SCF aktiv
  113. Diese Verschlechterungen und derartige Maßnahmen hingen eben miteinander zusammen; schwer zu sagen was die Henne und was das Ei war
  114. Dabei ging es auch um eine Angst vor einer türkisch-bulgarischen Allianz gegen Griechenland
  115. Möglicherweise betraf das nur jene, die unter Umgehung der damaligen osmanischen Behörden die Stadt verlassen hatten
  116. Alexandris: “Many had never even been to Greece. They held the Hellenic nationality because their ancestors had come from the provinces of the Ottoman empire that were incorporated in the Greek kingdom in 1830 and later.” Bin mir nicht sicher, ob das bedeutet, dass diese Vorfahren aus nun griechischen Gebieten in die Stadt kamen, oder ob sie griechische Bürger wurden, weil ihre Herkunftsgebiete Teile Griechenlands geworden waren
  117. Die sogar militärische Zusammenarbeit einschloss
  118. Ein Gegner der Megali Idea gewesen
  119. Alexandris erwähnt einen Rifat Bey
  120. Die vormaligen Sultans-Paläste Topkapi und Dolmabahce, beide zu osmanischen Zeiten gebaut, wurden ebenfalls zu Museen
  121. Solche gab es bei Aseris wie auch bei Kurden
  122. Offiziell vertrat er Ankara im Parlament, eine Stadt ohne griechische Bevölkerung
  123. Die Dönmeh sind eigentlich hier dazu zu rechnen
  124. Diese sind eigentlich Religionen für sich, das islamische Religionsamt Diyanet, das sich hauptsächlich um den sunnitischen Islam kümmert, ist aber auch für sie zuständig
  125. Die Türkisch-Orthodoxen sind hier eigentlich nicht dazu zu rechnen, da sie den Patriarchen in der Georgskirche nicht anerkennen
  126. Armenier oder Aramäer/Assyrer (, auch Kurden) sind in Istanbul eigentlich in der Diaspora, Griechen nicht
  127. Es gibt immer wieder Morde an zum Christentum übergetretenen Türken oder ausländischen Missionaren in der Türkei. Angehörige christlicher Minderheiten (Armenier, Assyrer/Aramäer, Griechen,…) werden in der Türkei vereinzelt Opfer von (eigentlich politisch-nationalistisch motivierter) Gewalt, wie Hrant Dink 07
  128. Nach der Unabhängigkeit Griechenlands hatten in der zweiten Hälfte des im 19. Jh weitere Länder am Balkan ihre Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich gewonnen, und begannen die dortigen orthodoxen Kirchen ihre Bemühungen um ein eigenes Haupt (autos, kephale) bzw Selbstständigkeit. Das Patriarchat in Konstantinopel gab mit “etwas” Verzögerung seinen Segen und blieb diesen Nationalkirchen ehrenhalber übergeordnet. Bezüglich Bulgarien gab es schon zu byzantinischen Zeiten Streit zwischen dem Patriarchat in Konstantinopel und der Kirche im Land um Eigenständigkeit, der sich zu osmanischen Zeiten fortsetzte. 1870 wurde die Bulgarisch-Orthodoxe Kirche vom Sultan als unabhängig (Exarchat) anerkannt; zu diesem Zeitpunkt hatte sie griechische Geistliche schon weitgehend durch eigene ersetzt. Die Vorherrschaft des Konstantinopoler Patriarchen über die Orthodoxen setzte sich aus byzantinischen Zeiten (Reichskirche) in osmanischen durch das Millet-System fort. Nach der Unabhängigkeit Bulgariens 1878 kämpfte das Land zeitweise mit Griechenland um seine Grenzen, was sich auf den Streit um Autokephalie auch auswirkte. 1945 anerkannte/gewährte Patriarch Benjamin Autokephalie, 1953 wurde Metropolit/Exarch “Kyril” (Konstantin Markov-Konstantinov) zum Patriarchen aufgewertet. In Serbien und Rumänien erklärten die Kirchen ungefähr zur selben Zeit wie die bulgarische ihre Autokephalie, was “vom Phanar” viel früher anerkannt wurde. Die Albanisch-Orthodoxe Kirche erklärte 1922 ihre Autokephalie, was 1937 anerkannt wurde, ebenfalls unter Benjamin. Längere Zeit gab es dort einen Streit zwischen einheimischem und griechischem Klerus und deren Kulturen
  129. Antiochia/Antakya war ein Zentrum des frühen Christentums, in römischer Zeit
  130. Auch die syrische Gegenregierung zu Assad “sass” zeitweise in Türkei
  131. Taptas war unter jenen Abgeordneten die dagegen stimmten
  132. Wie gesagt, griechische Bürger waren die grösste ausländische Gruppe in der Türkei
  133. Genau genommen erfolgte die Abschaffung in Schritten und war erst unter Menderes abgeschlossen
  134. Sondersteuer für Nicht-Moslems in islamischen Reichen
  135. Und unter der AKP wieder wird?
  136. Ein kleiner rechter Balg wie Tobias Huch will auch seinen Deutsch-Chavinismus ggü Türkei ausleben, mit Instrumentalisierung der Kurden. Natürlich ist für ihn auch Israel Projektionsfläche
  137. Die dritte Oppositionspartei in der Republik, nach SCF und MKP, die erste echte, sie durfte länger bestehen und mitgestalten
  138. 1946 und 1950 dürften die meisten Türkei/Istanbul-Griechen CHP gewählt haben (aufgrund einiger Entegegnkommen zur Zeit von Benjamin und Maximos, während die anderen (nicht-moslemischen) Minderheiten zur DP “gingen”
  139. Angeblich schon in den letzten Jahren der CHP-Herrschaft
  140. Rhodos wurde östlichster Teil Griechenlands, brachte auch eine türkische Minderheit ein
  141. Wobei es in beiden Staaten relativ starke linke Gruppen gab – und diese hätten vielleicht einen Ausgleich, eine Annäherung eher herbeiführen können…
  142. Die SU wollte nun von der TR das (westarmenische) Kars-Gebiet „zurück“; Jugoslawien, Bulgarien, Albanien hätten alle gerne Grenzgebiete von GR gehabt
  143. Er folgte jeweils auf Sophokles Venizelos, wie der Vater in der Liberalen Partei
  144. Zur Zeit der Absetzung von Germanos und Kür von Dorotheos war ein Chatzopoulos unter den Laien-Mitgliedern des Patriarchalen Rates, es dürfte sich dabei um seinen Vater gehandelt haben
  145. Der in einen zur “Untersuchung anti-kemalistischer Propaganda in der Türkei”
  146. Kücük = klein
  147. Makarios/Mouskos kannte ihren Führer Georgios Grivas und teilte ihre Ziele, aber das Ausmaß seiner Involvierung ist unklar und umstritten. Jedenfalls wurde der Erzbischof 1956 von den Briten auf den Seychellen/Sesel exiliert
  148. Wahrscheinlich durch den damaligen türkischen Geheimdienst MAH; ein westthrakischer Türke wurde von den griechischen Behörden verhaftet, dann im Auto eines türkischen Konsuls in die Türkei gebracht
  149. Dies, das späte Stoppen des Wüten, die Aburteilungen, Entschädigungen,… zeugen doch davon, dass der türkische Staat nicht genozidär gegen die Griechen und anderen Minderheiten vorging, bei aller Mitverntwortung
  150. Kam öfter vor in der Geschichte. Beim Beschuss Dubrovniks durch Einheiten Rest-Jugoslawiens im Kroatien-Krieg 1991 etwa sollen sich Montenegriner aus einer ähnlichen Motivation heraus beteiligt haben
  151. An diesem Kongress nahm jedenfalls auch der britische Autor und Offizier Ian Fleming teil. Er wurde Augenzeuge der Geschehnisse, berichtete für “The Times” darüber. Und, gewisse Istanbul-Eindrücke liess er in seinen Agentenroman “From Russia, with Love” (1957) einfliessen. 1955 hatte er bereits 2 “James Bond”-Romane veröffentlicht
  152. Davon weiterhin etwa ein Drittel griechische Staatsbürger; hinzu kamen die Antiochia-Orthodoxen, die zT in Istanbul lebten
  153. Bekannt wurde er durch “Nikita” (1990, das Original). Griechen und die anderen nichtmoslemischen Minderheiten rückten klarerweise etwas zusammen; Petros Markaris ist ja auch halb Armenier. Abgeändert gibt es das in der USA etwa beim Zusammenrücken/Paaren von Iren und Italienern, die der Katholizismus dort verbindet
  154. Es gab noch eine Art von Resignation, die Selbstaufgabe, in diesem Zhg wäre darunter eine Aufgabe der ethnisch-religiös-kulturellen Identität zu verstehen, ähnlich wie bei jenen, die die türkisch-orthodoxe Kirche mach(t)en. Im Film “Zimt und Koriander” wird angedeutet, dass es so etwas auch gab. Über diese späteren Begründungen von Krypto-Griechentum habe ich keine Informationen gefunden; ist auch eine “delikate” Angelegenheit
  155. In dieser Zeit spielte sich auch die Sache mit dem in der Türkei grabenden britischen Archäologen James Mellaart ab, mit Bezug zu türkischen Griechen (griechischen Türken?). Mellaart behauptete 1958, von einem griechisch-stämmigen Mädchen (im Zug kennengelernt) in Izmir einen Schatz aus Dorak aus antiker Zeit (Yortan-Kultur) gezeigt bekommen zu haben. Das Mädchen existierte unter dem angegebenen Namen (Anna Papastrati) und der Adresse nicht. Mellaart wurde ausgewiesen, wegen Verdachts auf Unterschlagung von Antiquitäten. Dann kam er wieder, zu Ausgrabungen in Catalhüyük im südlichen zentralen Anatolien, wo eine Siedlung aus der Steinzeit gefunden wurde; er wurde wieder ausgewiesen
  156. Die einige Monate amtierte
  157. Er selbst soll von der Polizei „gewarnt“ worden sein bzw beruhigt im Vorhinein, dass nichts “passieren” werde
  158. Von den Anglo-Mächten nicht geliebt weil nicht fanatisch antikommunistisch-westistisch
  159. Der unter Präsident General Gürsel herrschte
  160. In manchen Quellen ist auch von 50 000 die Rede, wobei das “Plus” dabei auf das Konto der Griechen mit türkischer Staatsbürgerschaft geht
  161. Wodurch die Hochschule ihren Status als Forschungs-Institution verlor
  162. Leute die männlich waren, willens und fähig, diese Laufbahn einzuschlagen, was, beim Weg zum Bischof, auch zölibateres Leben bedeutete
  163. Christopher Hitchens zufolge verdächtigten die CIA und das griechische Regime Makarios, dem Kommunismus nahe zu stehen, begannen ab Anfang der 1970er gegen ihn zu arbeiten
  164. Quasi, um Verfolgungen von Türken auf der Insel vorzubeugen
  165. Premier Ecevit sagte, die Aktion sei durch den Garantievertrag von 1960 gedeckt
  166. Er soll davor noch einen Angriff auf die Türkei erwogen haben
  167. Karamanlis war in der Rolle von Adolfo Suarez, aber Konstantin nicht in jener von Juan Carlos
  168. Die Abwässer werden gemeinsam von Landesteilen verwaltet…
  169. Was wahrscheinlich zum Teil stimmt
  170. Ein anderer Teil dürfte nach dem 2. WK nach Albanien gegangen sein, aber es gab/gibt auch darüber hinaus welche
  171. Die meisten Minderheits-Völker waren im Norden Griechenlands, ein grosser Teil davon ist tatsächlich “unter den Griechen aufgegangen”, was Fallmerayer zu seiner These verarbeitet hat
  172. Auch im östlichen Makedonien (v.a. Regionalbezirk Drama, auch Teil OMT) gibt es noch oder wieder einige Türken
  173. Er hatte anscheinend einen griechischen und zypriotischen Pass bekommen, hatte in Nairobi die griechische Botschaft aufgesucht
  174. Zwischen Türkei und Armenien begann am Rande des Fussballs eine Annäherung, bei Qualifikations-Spielen zur WM 2010. Zwischen Türkei und Griechenland gab es einige diesbezügliche Begegnungen, etwa in den 00ern. 02 wurde das türkische Team WM-Dritter, 04 das griechische Europameister; in der Quali für 06 gab es nach dem Match der Schweizer in Istanbul ein Gerangel (hauptsächlich zwischen Spielern), am Eingang zum Kabinentrakt und in ihm. In der Quali zur EM 08 musste die Türkei daher Heimspiele zT auswärts ohne Zuseher austragen. Und sie waren in eine Gruppe mit Griechenland gelost; das türkische Team gewann 4:1 in Athen, das griechische dafür in Istanbul, beide qualifizierten sich, die TR spielte ein gutes Turnier, GR als Titelverteidiger nicht
  175. Und Cem legte einen Kranz an das Grab des unbekannten Soldaten in Athen
  176. Dieser floh mit Hilfe von Offizieren…auch die CIA soll geholfen haben
  177. Ein anderer Träger des alle 2 Jahre vergebenen Preises war etwa der Fotograf Nikos Economopoulos
  178. Und (daher) dem Phanar/Fener nach wie vor als Zentrum
  179. Fethiye Cetin ging vor einigen Jahren mit ihrem Familiengeheimnis an die Öffentlichkeit ging, dass ihre Grossmutter eine Armenierin war, die den Übergang vom Osmanischen Reich zur Türkei durch die Annahme einer türkisch-moslemischen Identität sowie die Trennung von ihrer Familie überlebte. Armenische Kultur, schrieb sie, habe bei solchen Krypto-Armeniern etwa in Form eines Pseudo-Oster-Festes überlebt, zur entsprechenden Zeit im Frühling haben Frauen bestimmte Kuchen gebacken und sich dann mit den anderen Familien dazu getroffen
  180. Dort befindet sich noch immer etwa das Zoğrafyon-Gymnasium (Ζωγράφειον Λύκειον, Özel Zoğrafyon Rum Lisesi), eine griechischsprachige Schule
  181. Es gibt verschiedenste Gründe, dass die Griechen Istanbuls keinen Guerillakrieg gegen den türkischen Staat begannen wie die PKK; dass das griechische Bürgertum dafür “schlechte” soziokulturelle Voraussetzungen mitbrachte, war einer davon
  182. Geblieben ist aber der von AKP-Regierungen eingeführte TV-Kanal TRT Kurdi sowie Schulunterricht in Kurmanci und Zaza
  183. 1938/39 wurden in Griechenland Bestimmungen erlassen, wonach eine Moschee-Bau-Bewilligung vom orthodoxen Metropoliten abhängt; dies wurde ’96 vom EGMR für unzulässig erklärt und ein neues Gesetz kam
  184. Premier Erbakan wurde ein Menderes-Schicksal angedroht
  185. Mit Patriarch Bartholomäus als einem Anschlagsziel
  186. Dt. „Vorschlaghammer“; die Verschwörung soll unter anderem Pläne beinhaltet haben, historische Moscheen in Istanbul zu sprengen und einen Konflikt mit Griechenland heraufzubeschwören, um durch das so herbeigeführte Chaos den Weg für eine Machtübernahme durch das Militär zu ebnen
  187. Von ihrer Homepage
  188. Gemeinsam mit der türkischen Regisseurin Yeşim Ustaoğlu arbeitete er am Drehbuch für ihren 2004 erschienenen Film „Waiting for the Clouds“, über Krypto-Pontus-Griechen
  189. Die zwei Ukrainisch-Orthodoxen Kirchen die es gab vereinigten sich in diesem Jahr; abseits blieben jene Geistlichen und Gläubigen die sich dem Moskauer Patriarchat unterstellt sehen
  190. Die Russisch-Orthodoxe Kirche hat an manchen Ecken und Enden Problemchen, die politische Zwistigkeiten Russlands mit anderen Völkern wiederspiegeln. Neben dem Konflikt mit der Ukraine ist da jener mit Georgien – ebenfalls ein orthodoxes Land. 2019 gab es Aufruhr in Georgien, nachdem bei einem Treffen von Abgeordneten aus orthodoxen Ländern ein russischer Abgeordneter im georgischen Parlament auf Russisch sprach, va von Seiten der georgischen Opposition. In der russischen Republik Jakutien/Sacha gibt es ein Wiederaufleben der alten schamanistischen Religion, verbunden mit einer “Ablegung” des orthodoxen Christentums, das den Jakuten vor 300 Jahren aufgezwungen wurde
  191. Der Vollständigkeit halber: Vor der Vertreibung der Deutschen aus Schlesien gab es dort Terror von Deutschen gegen Polen (und auch Vertreibungen von ihnen). Und: In manchen dieser Gebiete hat man inzwischen annehmbare Lösungen gefunden
  192. Auch sie betonen das orthodoxe Christentum als Teil griechischer Identität und sind gegenüber dem Westen kritisch
  193. Der türkische Armenier Sevan Nişanyan veröffentlichte 2010 “Index Anatolicus”, ein Verzeichnis von (etwa 16 000) topographischen Bezeichnungen, die zur Zeit der Republik Türkei geändert wurden, griechische, armenische, kurdische, arabische, aramäische, georgische,… Nisanyan hat sich auch um Sirince gekümmert, einen der seit dem Bevölkerungsaustausch leeren Orte
  194. Es war hauptsächlich Nelson Mandela, der durchsetzte dass diese “integriert” wurden und auch viele Privilegien behalten konnten
  195. Konkret: Abschmelzen von Gletschern und Eisschilden, Ausdehnung des Wassers durch Erwärmung der Ozeane
  196. Ein Türkisch-Crashkurs habe nichts genutzt und zur Demonstration seines Griechisch zitierte er etwas Altgriechisches aus der Schule
  197. Der Beginn der Kontakte zwischen Griechen und Türken. Kitsikis geht aber davon aus, dass die Region vom Südbalkan über die Agäis bis Kleinasien auch davor schon zusammen gehörte, auch wenn Römer oder Perser “zwischendurch” dort herrschten
  198. Konstantinopel/Istanbul wird auf Griechisch meist als „η Πόλη“ = „die Stadt“ bezeichnet
  199. 2017 Gespräch mit dem kemalistischen Kurden aus Türkei in Berlin-Kreuzberg, der sagte “Priesterseminar ist geschlossen weil es in Istanbul keine/kaum Griechen gibt”; auf meine Frage “Warum eigentlich?”: “Warum gibt es in Selanik (Saloniki) keine Türken mehr?”
  200. Diese Gerichte wurden 2004 abgeschafft…
  201. Zur Tötung von Ohnesorg schrieb “Bild” früher, „er wurde nicht getötet“, dann „wurde von der Stasi getötet“
  202. Efstratios?
  203. Wenn man damals die Griechen nicht besiegt hätte, wäre das und das alles untergegangen/ nie zustande gekommen,…
  204. Am Tag nach dem israelischen Massaker auf der zT türkischen Hilfsflotte für Gaza 2010 gab es zB vor der türkischen Botschaft in Tel Aviv eine (spontane?) Demonstration mit Spruchbändern wie “Who has committed the genocide on the Armenians?” – hauptsächlich für die internationale Presse
  205. Und, auch die kemalistische Türkei ging dort vor mit willkürlichen Verhaftungen, monate- und jahrelanger Haft ohne Prozess, militärischen Maßnahmen gegen Zivilisten – worüber Manche gerne hinweg gingen
  206. Wo Persien Griechen unterworfen hatte
  207. Er bezieht sich dabei auf die These von Jakob Fallmerayer aus dem 19. Jh, auf die ich auch im Deutschland-Griechenland-Artikel einging
  208. “I was born and grew up in Istanbul, Turkey. I spent 12 years in the United States. I live in Greece since October 2004”
  209. “Von dem Rum-Millet zur griechischen Nation”

Meutereien, Desertionen, Befehlsverweigerungen in der Geschichte

Einleitung

Auseinander zu halten sind Fahnenflucht/Desertion/Kriegsdienstverweigerung, Gehorsamsverweigerung/Befehlsverweigerung, Meuterei, (Hoch)verrat, Überlaufen, Putsch.

Fahnenflucht/Desertion/Kriegsdienstverweigerung ist das Fernbleiben eines Soldaten von militärischen Verpflichtungen in Kriegs- oder Friedenszeiten. Der Schlesier Walter Gröger wurde am Ende des 2. WK in Norwegen dessen angeklagt und auf Initiative von Marinerichter Hans Filbinger dafür zu Tode verurteilt. Er hatte sich von der Wehrmacht entfernt, zu einer Frau, wegen ihr oder aus politischen Gründen ist nicht so ganz klar.1 Edward Slovik war der einzige Amerikaner der in diesem Krieg für Meuterei exekutiert wurde, der erste seit dem Bürgerkrieg, der letzte bislang. Der Amerikaner polnischer Herkunft war Kleinkrimineller, wurde 1943 in das USA-Militär einberufen, bekam eine Grundausbildung in Texas, wurde 1944 nach Frankreich verschifft, sollte an der europäischen Westfront kämpfen. Er verweigerte Befehle, lief auch weg, aus Angst; kam in ein Militärgefängnis, wurde im Jänner ’45 erschossen. Die Sache wurde verfilmt mit Martin Sheen, Enzensberger schrieb ein Buch darüber. Während des Vietnam-Kriegs “drückten sich” ungefähr 50 000 einberufene US-Amerikaner, nicht wenige davon emigrierten nach Canada. Als die Rote Armee im Afghanischen Bürgerkrieg intervenierte, desertierten nicht wenige SU-Bürger, durch Flucht vor dem Krieg an sich, manche liefen aber auch zum “Feind” über.

Einberufungsbescheid/ Draft card USA für Vietnam

Gehorsamsverweigerung/Befehlsverweigerung/Insubordination: die Weigerung, den Befehl eines Vorgesetzten auszuführen. Es gibt Überschneidungen zur Desertion, zum Desertieren, Befehlsverweigerer können auch versuchen, sich von der Front zu entfernen und in die Heimat durchzuschlagen. Am 22. April 1945 befahl Hitler dem SS-Obergruppenführer Felix Steiner den Entsatzangriff seiner Armeegruppe in der Schlacht um Berlin. Steiner verweigerte diesen Führerbefehl als undurchführbar. Hitler erlitt einen Nervenzusammenbruch, als er dies erfuhr. Oder Douglas MacArthur im Korea-Krieg ggü Präsident Truman. Der General hatte im 2. WK gemeinsam mit Admiral Chester W. Nimitz den Oberbefehl über die US-Truppen am pazifischen Kriegsschauplatz inne und nach Kriegsende das Kommando über die Besatzungstruppen in Japan. Im Koreakrieg ab 1950 befehligte er die UN-Truppen.

Bevor Differenzen zwischen Mao und Stalin voll ausbrachen (später dann auch u.a. zwischen der SU und Tito-Jugoslawien), schien es eine zusammenhängende kommunistische Landmasse von Korea bis Berlin zu geben. MacArthur wollte Krieg gegen dieses “Reich”, auch wegen der Unterstützung der Sowjetunion und der VR China für Nordkorea (Einsatz chinesischer Soldaten, Waffenlieferungen,..). Er setzte sich vehement für den Einsatz von Atomwaffen und die Ausweitung des Konfliktes auf die Volksrepublik China ein, USA-Präsident Harry Truman u. A. wollten nur eine Eindämmung der kommunistischen Machtsphäre. Auf Grund dieses Konflikts entliess Truman MacArthur 1951. In der USA nahmen sowohl manche Politiker als auch Manche von “der Strasse” Partei für MacArthur. Der englische (eigentlich lateinische) Begriff Insubordination passt besser zu dem Verhalten MacArthurs als der deutsche Befehlsverweigerung.2

Meuterei ist eine kollektive Gehorsamsverweigerung oder ein Aufstand (eine Revolte/Rebellion; gegen Vorgesetzte), nicht nur im militärischen Kontext, auch in der Schifffahrt, im Strafvollzug.

(Militär-) Putsche haben meist etwas von Meuterei und Überlaufen. In der Regel stellen sich Offiziere dabei gegen die politische Führung. Etwa 1799 General Napoleon Bonaparte, erfolgreich, als er das Direktorium sürzte, die Macht an sich riss, sein “Konsulat” begann.3. Oder Stauffenberg & Co vom militärischen Widerstand gegen das NS-Regime, 1944, erfolglos; eigentlich handelte es sich da um einen Putschversuch (nicht nur um ein Attentat). Der von der USA organisierte Putsch/Staatsstreich unter Oberstleutnant C. Castillo Armas 1954 in Guatemala gegen J. Arbenz Guzman konnte wahrscheinlich deshalb gelingen, weil ein grosser Teil der guatemaltekischen Armee nicht motiviert genug war, die Demokratie zu verteidigen.

Überlaufen kann als Sonderform von Desertion wie auch von Gehorsamsverweigerung gesehen werden, auch von Meuterei (bei einer Gruppe).   Fahnenflüchtige/Deserteure verlassen ihre Truppen, Überläufer schliessen sich anderen an, Meuterer begründen mitunter eine “Gegenseite”. Allgemeiner bzw nicht-militärisch gibt ein Überläufer/Defektor die Loyalität bzw Gefolgschaft für eine Seite (die meistens ein Staat ist, oder aber auch ein politisches Lager innerhalb eines Staats) auf, “im Tausch” für eine neue. Li Zongren war Warlord im Chinesischen Bürgerkrieg gewesen, dann Politiker in der Republik China (u.a. Vizepräsident!), lief dann in die Volksrepublik über (nachdem er sich mit Chiang zerkracht hatte), nachdem er einige Jahre in der USA verbracht hatte. Zwischen verfeindeten Staaten/Blöcken ist nicht nur das Überlaufen von Politikern, Militärs oder Agenten eine wichtige Sache, sondern auch von Wissenschaftern oder Sportlern. Abtrünnige einer Religion wurden/werden Apostaten oder Renegaten genannt.4

Ein Deserteur, Meuterer, Überläufer oder Kollaborateur wird von der entsprechenden Seite natürlich als “Verräter” gesehen (von der “anderen” gerne als Held). Hochverrat und Heldentum (bzw die Zuschreibung dessen) kann nahe beieinander sein.

Nach diesen Klarstellungen geht es nun um einige historisch relevante Meutereien und Überläufe

 

Meutereien die Staaten/Reiche begründeten oder beendeten

Der Germane Odoaker diente in der Leibwache des weströmischen Kaisers Anthemius. Nachdem der Heermeister Orestes 475 einen von dessen Nachfolgern, Julius Nepos, gestürzt hatte, erhob Orestes seinen Sohn Romulus zum neuen Kaiser Westroms. Der etwa 15-jährige Romulus wurde gelegentlich als „Augustulus“ (Kaiserlein) verspottet; sein Vater war der eigentliche Machthaber. Die “barbarischen” Hilfstruppen meuterten unter ihm gegen ihre Diskriminierung gegenüber den römischen Soldaten des weströmischen Heers. Odoaker wurde Anführer der Meuterer – die den regulären weströmischen Truppen zahlenmäßig weit überlegen waren. Aus der Meuterei wurde 476, wenn man so will, ein Putsch, in der Entscheidungsschlacht setzten sich die Aufständischen gegen die Machthaber durch, Odoaker hat Orestes möglicherweise persönlich getötet. Odo(w)aker marschierte dann mit seinen Truppen in Ravenna ein, setzte Romulus ab, verbannte ihn auf ein Landgut bei Neapel (Castellum Lucullanum) und übersandte dem oströmischen Kaiser eine Botschaft. Das Ende Westroms wird normalerweise mit diesem Sturz von Romulus angesetzt.5 Odoaker blieb Herrscher über Italien bis zum Ostgoten-Einfall.

Der dann Atatürk6 Genannte war osmanischer Offizier, im 1. WK. Nach dem Waffenstillstand von Mudros 1918 und der alliierten Besatzungs- bzw Aufteilungspolitik begann er, demobilisierte Truppen, im Inneren Anatoliens zu Guerillaverbänden zu formieren. Seine Aktionen waren gegen die Politik des Sultans (Mehmet VI.) und dessen Regierung, das ist hier das Entscheidende. Im Frühling 1919 wurde er mit Demobilisierungs-Aufgaben in Anatolien betraut, nutzte dies zur Organisation seiner politisch-militärischen Rebellion. Im Juli trat er aus der osmanischen Armee aus bzw wurde aus ihr entlassen7, wurde bald von den osmanischen Behörden gesucht. Zusätzlich zur Besetzung bislang osmanischer Gebiete durch britische, französische, italienische und griechische Truppen gab es regionale Machtübernahmen durch kurdische, armenische und arabische Kräfte – und einen griechischen Vorstoss ins Innere Anatoliens, aus der Griechenland zugesprochenen Zone um Smyrna/Izmir heraus. “Atatürk” organisierte Widerstand gegen diese Kräfte, in jenen Gebieten, die als türkisches Kernland gesehen wurden, das war hauptsächlich Anatolien/Kleinasien. Es entwickelte sich der “Türkische Unabhängigkeitskrieg” (1919-23), an drei Fronten.

Nachdem er 1920 (in Ankara) auch eine Gegenregierung zu jener des Sultans in Istanbul/Konstantinopel organisierte, wurde er vom Shaikh-al-Islam/Scheichülislam mit einer Todes-Fatwa belegt, ausserdem vom Istanbuler Militärgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Bald darauf wurde im Pariser Vorort Sevres das Osmanische Reich durch die Sieger des Ersten Weltkriegs auf den Kern Anatoliens reduziert, wurden die damals besetzten (oder befreiten) Gebiete abgetrennt.8 Die Resultate des von Atatürk geführten Kriegs, die “Revision von Sevres”, wurden im Vertrag von Lausanne 1923 international anerkannt. Die Republik Türkei wurde eigentlich erst danach ausgerufen, der Sultan war aber bereits 1922 gestürzt worden9 und die Republiks-Proklamation war nur die Offizialisierung der bestehenden Machtverhältnisse. Entstand mit dem Übergang vom Sultanat zur Republik ein neuer Staat oder handelte es sich um einen Systemwechsel, mit Grenzänderungen (die es beim Osmanischen Reich andauernd gegeben hatte)? Ähnlich war es bei Österreich(-Ungarn) in dieser Zeit. Das Osmanische Reich verlor im Krieg gegen westliche Mächte, ging als solches durch einen inneren Umsturz unter, und der Nachfolgestaat orientierte sich am “Erfolgsmodell” der Sieger. Atatürk hat sich gegen die politischen Führer gestellt und einen Systemwechsel bewirkt, aber zur Revolution fehlten den Ereignissen 1918 bis 1923 das zivilgesellschaftliche Element

Die Meuterei der indischen Hilfssoldaten (Sepoys) der British East India Company (BEIC) 1857/58. Zu dieser Zeit gab es neben der BEIC (die v.a. im Nordosten Indiens “saß”, aber auch in den Nachbarländern) noch andere europäische Kolonialmächte sowie diverse Regionalreiche (das der Moguln10, der Rajputen,…). Anlass für den Aufstand waren mit Tierfett behandelte Papier-Patronen, deren Enden für das Enfield-Gewehr abgebissen werden musste. Dies verletzte religiöse Vorschriften der Hindus (Fett könnte von Kühen sein), Moslems (> Schweine), Sikh, Jainas,.. Der Aufstand breitete sich weit über die Reihen der Sepoys hinaus aus. Der letzte Mogul-Padschah Bahadur (Regionalherrscher von Delhi) wurde von den Aufständischen zum Anführer gemacht; er nahm aber eigentlich keine aktive Rolle darin ein, Manche an seinem Hof waren eher auf Seiten der Briten, und viele Aufständische wollten auch ein Ende der (noch symbolischen) moslemischen Vorherrschaft über Indien.

Die “ausgeuferte” Meuterei wurde von den Briten niedergeschlagen. Der letzte Mogul-Herrscher Bahadur wurde 1857 abgesetzt. Die BEIC wurde 1858 verstaatlicht, der britischen Krone unterstellt. An Stelle der moslemischen Vorherrschaft trat die britische, wenn man so will erreichten die Aufständischen das Gegenteil dessen was sie wollten – die Briten wurden so bald Herren über Indien. Im unabhängigen Indien wird die Rebellion als “Erster Unabhängigkeitskrieg” bezeichnet. Dies trägt jedenfalls dem Umstand Rechnung, dass es mehr war als eine Meuterei, auch wenn es so anfing.11

Auf Schiffen der Marine des Deutschen Reichs kam es am Ende der Kaiserzeit, also im 1. Weltkrieg, zu mehreren Meutereien durch Matrosen. 1917 auf der “SMS Prinzregent Luitpold” und der “SMS Friedrich der Große”, nicht wirklich aus politischen bzw pazifistischen Gründen, sondern gegen die “Arbeitsbedingungen”. Ende 1918 meuterten Teile der Besatzung der vor Wilhelmshaven ankernden “SMS Helgoland” und “SMS Thüringen”, gegen das bevorstehende Auslaufen. Hier ging es um (bzw gegen) den Einsatz in einem bereits verlorenen Krieg, gegen die britische Flotte. Die Schiffe des betreffenden Geschwaders wurden (zurück) nach Kiel beordert, wo sich der Aufstand aber ausbreitete, auch ausserhalb der Kaiserlichen Marine. Dieser Kieler Matrosenaufstand im November ’18 war Ausgangspunkt der Novemberrevolution.

Zunächst gab es eine Protestaktion gegen die Verhaftungen von bei der Wilhelmshaven-Meuterei Beteiligten; Arbeiter in Kiel schlossen sich der Aktion an. Innerhalb weniger Tage standen alle grösseren Städte des Reichs unter der Kontrolle revolutionärer Arbeiter- und Soldatenräte. In dieser Situation verkündete Reichskanzler Max von Baden, aus Sorge vor einem radikalen politischen Umsturz, die Abdankung des Kaisers sowie den Thronverzicht des Kronprinzen, übertrug die Kanzlerschaft auf den SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert. Der Beginn der Weimarer Republik. Hier gingen kollektive Befehlsverweigerungen über in einen Aufstand ausserhalb des militärischen Bereichs, der zu einem politischen Umsturz führte. Was auch die Grundlage für die Dolchstosslegende war, wonach Deutschland im Feld unbesiegt geblieben sei, und durch “Verrat” den Feinden “ausgeliefert” worden sei.

 

Einige Meutereien ohne dramatische Folgen

In Kronstadt (Кронштадт) bei St. Petersburg gab es einige Meutereien, die nicht direkt Wandel brachten, Systemwechsel hätten bringen sollen (Reform/ graduellen/ radikalen). Zur Zeit der Revolution von 1905 (eigentlich 1904-07) gab es dort einige Matrosenaufstände (v.a. 1904), gegen die Zustände in der Kaiserlich Russischen Marine. Wo anders, nämlich im Schwarzen Meer, hielt sich die “Knjas Potjomkin Tawritscheski” auf, auf der sich 1905 an einem Stück madigen Fleisches, das der Schiffsarzt für geniessbar erklärt hatte, eine Meuterei entzündete; eine Sache die durch den Film “Panzerkreuzer Potemkin” aus 1925 bekannt wurde, ein sowjetischer Propagandafilm. 1917 meuterten die Kronstädter Matrosen ebenfalls gegen ihre Offiziere, in welchem Monat, darüber gibt es abweichende Angaben, jedenfalls zwischen den beiden Revolutionen/Umstürzen in diesem Jahr. Es war dies jedenfalls eine pro-bolschewikische Meuterei, gegen die Lvov-Regierung gerichtet. 1919, während des Russischen Bürgerkriegs (1917-1922) versenkten britische Schnellboote bei einem Angriff auf den Hafen Kronstadts eine Panzerfregatte12 der russischen Marine.

Februar/März 1921 kam es zu einer Rebellion von Kronstädter Matrosen gegen die bolschewistische Herrschaft. Die Matrosen der Kriegsmarine der Russischen Sowjetrepublik (aus der die Sowjetunion wurde) in Kronstadt meuterten gegen die diktatorische Macht der bolschewikischen Kommunistischen Partei Russlands, für Machtübertragung auf Räte sowie eine Demokratisierung des Landes. Diese “Kronstädter antisowjetische Meuterei” sollte sich auf das Festland und weite Teile Sowjetrusslands ausbreiten, was aber nicht gelang. Das Regime liess den Aufstand von der Roten Armee niederschlagen, was im zweiten Anlauf gelang. Die Meuterer wurden getötet oder in Gefangenenlager verschleppt; manche konnten nach Finnland flüchten. Die 3 Kronstädter Meutereien zeigen die wichtigsten “Stationen” der Geschichte Russlands dieser Jahre auf… 1975 gab es auf der Fregatte “Storoschewoi” der sowjetischen Marine noch eine Meuterei, unter Führung eines Politoffiziers, der nach Vorführung des Films “Panzerkreuzer Potemkin” das Abweichen der Sowjetunion von den Idealen Lenins anprangerte. Der Politoffizier, Valeri Sablin, der sich in Leningrad an die Öffentlichkeit wenden wollte, war bereits von Teilen der Mannschaft überwältigt, als das Schiff von Kommandos der SU-Marine geentert wurde. Er wurde 1976 hingerichtet; die Geschehnisse waren Grundlage für das Buch und den Film “Jagd auf Roter Oktober”.

Auf den damals britischen Cocos-Inseln meuterten im 2. WK (1942) vergeblich ceylonesische Hilfssoldaten für die Briten unter Gratien Fernando, unter der Devise „Asien den Asiaten“, stellten sich auf die Seite der Japaner. Die Cocos- oder Keeling-Inseln im Indischen Ozean sind u.a. von Malaien bewohnt, die als Arbeitskräfte (> Kokosöl) von den Briten geholt wurden. Im 1. WK gab es dort eine deutsche Landung. Und im 2. WK eben die Meuterei von ceylonesischen Soldaten im Dienste der Briten, die auf den Inseln gegen die Japaner kämpfen sollten. Ceylon, das spätere Sri Lanka, war damals auch unter britischer Kontrolle, war das seit den Napoleonischen Kriegen in Europa, als GB die niederländischen Kolonien übernahm. Wirtschaftlich wurde Ceylon von GB hauptsächlich bezüglich der Tee-Planatagen genutzt. Die Volksgruppen (Singhalesen, Tamilen, Burgher, Moslems, Wedda) wurden gegen einander ausgespielt. Und keinesfalls als gleichrangig gesehen. Sogar die Burgher, die teilweise europäischer Herkunft sind, wurden diskriminiert. Oliver E. Goonetilleke, ein Singhalese, war einer jener Ceylonesen, die in die Verwaltung Ceylons eingebunden wurden (ab den 1930ern), wurde beim Ausbruch des 2. WK von den Briten zu einer Art Zivilschutzminister gemacht. Ceylon/Sri Lanka wurde vom Krieg direkt “nur” durch japanische Luftangriffe 1942 betroffen. Goonetilleke beschwerte sich, dass der britische Befehlshaber auf (bzw: von) Ceylon, Admiral Geoffrey Layton, ihn einen “schwarzen Bastard” nannte.13

Um die Jahrhundertwende entstand auf Ceylon eine Unabhängigkeits-Bewegung, nicht zuletzt wegen des Rassismus der europäischen Kolonialherren gegen die Bevölkerung. Während des 2. WK engagierte sich u.a. die linke Lanka Sama Samaja Party (LSSP; ලංකා සම සමාජ පක්ෂය) dagegen, dass Ceylonesen/Srilanker sich am Krieg der Briten beteiligten. Dennoch wurden viele eingezogen, Viele meldeten sich auch freiwillig, wurden an verschiedene Orte geschickt. Jene, die “den Faschismus” bekämpfen sollten, fanden sich in diesem Kampf mit Rassismus konfrontiert, der von Faschisten nicht grösser sein könnte. Rassismus von Briten ggü den Srilankern als Vorbedingung für den Aufstand wurde übrigens aus dem en.wiki-Artikel darüber herausgelöscht. Manche Srilanker schlossen sich auch der Indischen Nationalarmee von Subhas C. Bose an, bildeten dort ein eigenes Regiment. In der frühen Phase des Pazifikkriegs gab es für Japan einige Siege, gegen die USA und auch GB, so in Hong Kong, Malaya, Singapur und Birma. Diese Niederlagen ihrer Kolonialherren gegen eine asiatische Macht brachte auch manche Srilanker zum Nachdenken.14 Die japanische Armee besetzte 1942 die damals australisch (und niederländisch) verwaltete Insel Neuguinea, Australien setzte sich bis 1945 aber dort durch – andernfalls hätten die Japaner auf das benachbarte Australien übergesetzt.

Wathumullage Gratien Fernando, damals 27 Jahre alt, war ein ursprünglich buddhistischer Singhalese, der zum katholischen Christentum übergetreten war. Er stand der LSSP nahe, strebte also die Unabhängigkeit seines Landes von GB an.15 Während er in der Ceylon Defence Force diente, die dem britischen Gouverneur unterstand. Er ergriff 1942 auf den Kokos-Inseln die Gelegenheit, eine Front gegen den britischen Kolonialismus zu eröffnen. „Asien den Asiaten“. 30 von 56 Soldaten aus seiner Einheit überzeugte er zur Teilnahme an der Meuterei, die er anführte, in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai. Die herablassende Behandlung der britischen Offiziere hatte die Grundlage dazu gelegt; angeblich hatten die Japaner auch anti-britische Propaganda in Umlauf gebracht. Der Plan war, die Kontrolle über die Artillerie-Stellung auf der Insel zu erlangen, den britischen Kommandanten George Gardiner gefangen zu nehmen, die den Briten ggü loyalen Soldaten zu entwaffnen und den Japanern zu signalisieren, dass sie die Insel unter ihrer Kontrolle hatten. Es wurde ein ceylonesischer Soldat, der nicht mitmachte, getötet. Die Meuterei brach aber nach wenigen Stunden in sich zusammen.

Sieben Meuterer, die als Anführer “identifiziert” wurden, kamen innerhalb einer Woche vor ein britisches Kriegsgericht und wurden zum Tod verurteilt. 4 Urteile wurden umgewandelt, aber 3 Soldaten tatsächlich vom britischen Militär getötet. Fernando wurde am 5. August 1942 im Gefängnis in Welikada nahe Colombo erschossen, zwei weitere Aufständische kurz danach. Seine letzten Worte waren, “Loyalität zu einem Land unter dem Joch des weissen Mannes ist Illoyalität“. Die Meuterei war nicht kriegsverlaufändernd aber dennoch irgendwie historisch wichtig… Die Cocos-Island-Meuterei wurde von der LSSP in ihre Unabhängigkeits-Agitation übernommen. Und sie wirkte sich auch auf die Stimmung in der Bevölkerung (Ceylons) auf. 1948, ein Jahr nach Indien, wurde Ceylon von GB als Dominion in die Unabhängigkeit entlassen. An den Rändern der Insel, wenn man so will, die Siedlungsgebiete der tamilischen Minderheit (die Hindus sind). 1972 wurde aus Ceylon Sri Lanka, aus dem Dominion eine Republik, aus dem letzten Generalgouverneur ein Staatspräsident. Zwischen Singhalesen und Tamilen kam es zu Spannungen, die 1983 in einen Bürgerkrieg (zwischen dem Staat und der LTTE) mündeten, der bis 2009 ging. Im Welikada-Gefängnis, in dem Fernando getötet wurde, ereignete sich 1983 ein Massaker an tamilischen Separatisten. 2012 dort eine Meuterei, anscheinend aus unpolitischen Gründen. Die Cocos-Inseln (bzw die Eigentümerschaft über sie) wurden 1955 von GB zu Australien transferiert.

Unpolitisch16 war eine andere Meuterei im britischen Kriegsapparat, in Salerno 1943 (Campania), in der britischen Marine, nach dem Übersetzen der Alliierten von Nordafrika nach Italien. Es ging den Meuterern um (bzw gegen) Versetzungen zu neuen Einheiten/Einsatzgebieten.

Anfang Mai 1945, am Ende des grossen westlichen Kriegs, meuterte die Besatzung eines Minensuchboots der (nazi-)deutschen Kriegsmarine (der “M 612”), als das Boot (entgegen den Bestimmungen der Wehrmacht-Teilkapitulation in Nordeuropa) Order erhielt, von Dänemark nach Kurland (Lettland, SU) zu laufen, um deutsche Soldaten und Zivilisten von dort zu evakuieren. Anführer war Heinrich Glasmacher, Maschinenmaat aus Neuss; die Offiziere wurden von der Mannschaft in Schach gehalten. Das Minensuchboot wurde (auf der Fahrt nach Flensburg) von Schnellbooten abgefangen, die Meuterei so aufgelöst. Noch am selben Tag wurde ein Standgericht abgehalten; 11 der 20 Meuterer wurden zu Tode verurteilt, gleich erschossen, und im Meer “bestattet”. Die “M-612” fuhr dann aber nicht nach Kurland, sondern nach Flensburg. Einige der Militärjustizopfer wurden nach Kriegsende vor Sønderborg angeschwemmt.

Während des Vietnam-Kriegs ereigneten sich in den Streitkräften der USA so manche Auflehnungen, und erst recht in der Bevölkerung des Landes ausserhalb des Militärs. 1968 kam es im Militärgefängnis in der Militärbasis Presidio in San Francisco zu einer Meuterei, nachdem ein seelisch kranker Gefangener zu Tode gekommen war. Für die Beteiligten gab es harte Strafen, die innerhalb des Militärs die Beteiligung am Vietnam-Krieg weiter unpopulär machten. 1970 ereignete sich auf der “SS Columbia Eagle”, einem privaten Schiff das u.a. 4500 Tonnen Napalm für USA-Truppen nach Vietnam bringen sollte, eine Entführung bzw Hijacking von 2 Kriegsgegnern, die eine Landung in Kambodscha erzwangen, wo bald darauf ein anti-kommunistischer Umsturz stattfand. Clyde McKay and Alvin Glatkowski wurden in Kambodscha festgehalten, äusserten sich dort Berichten zufolge unterstützend ggü der “Manson Family” und einem gewaltsamen Umsturz der Regierung der USA. Glatkowski wurde an diese ausgeliefert und dort abgeurteilt. McKay entkam der Gefangenschaft im Kambodscha, zusammen, mit einem echten Deserteur der US-Armee in Vietnam, Larry Humphrey, die Beiden sollen sich den Roten Khmer angeschlossen haben.

Als die indische Regierung 1984 die Operation “Blue Star” gegen Sikh-Extremisten in Amritsar (Punjab) durchführen liess, meuterten oder verweigerten viele Sikh-Soldaten des indischen Heeres.17 Und, zwei Sikh aus der Leibwache von Premierministerin Indira Gandhi töteten diese im Garten ihrer Residenz in Delhi.

 

Überlaufen, mit einschneidenden Folgen oder auch nicht

Dschingis Khan soll Überläufer zu seinem Heer, zur Abschreckung der eigenen Soldaten, exekutieren lassen haben

John Erskine, ein schottischer Adeliger (Earl von Mar) und Offizier, war im unabhängigen Königreich Schottland18 eine Art Minister gewesen. 1707 entstand durch die Vereinigung von England (das Irland und Wales unter seiner Kontrolle hatte) und Schottland Grossbritannien. Erskine war danach Abgeordneter im britischen Parlament, 1713 wurde er sogar Minister. Nachdem die letzte Stuart-Königin Anne 1714 starb, kam mit George der erste Hannoveraner auf den britischen Thron. Dieser setzte u.a. Erskine als Minister ab – worauf der sich den Jakobiten (Jacobites) anschloss, die für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Schottlands, unter der Stuart-Dynastie, kämpften. Erskine war militärischer Führer des Aufstands von 1715, musste dann ins Exil. Er war eigentlich ein politischer Überläufer, kein militärischer, und auch kein Meuterer. Er war Diener des britischen Staats (oder: Krone) gewesen, kämpfte dann gegen ihn.

George Washington war Colonel/Oberst in der britischen Kolonialarmee in Nordamerika, hatte seinen Einsatz im Kolonialkrieg gegen Frankreich Mitte des 18. Jh. Dann wurde er militärisch-politischer Führer der Siedler der 13 britischen Nordamerika-Kolonien, die sich 1776 als “United States of America” unabhängig erklärten, diese Unabhängigkeit dann bis 1783 von Grossbritannien erkämpften. Ist Washington übergelaufen, war er ein Putschist, ein Meuterer? Nun, er war kein aktiver Offizier mehr in der britischen Kolonialarmee gewesen. Die Continental Army der USA bzw die Unabhängigkeitsbewegung hat er selbst mit begründet. Und, es ging grundsätzlich um eine politische Auflehnung, nicht eine militärische. Ein prominenter Deserteur bzw eigentlich Überläufer der Continental Army in diesem Krieg war Benedict Arnold‚ der von der amerikanischen zur britischen Armee wechselte, der er bereits im Krieg gegen die Franzosen gedient hatte.

In Frankreich gab es 1789 bis 1871 etliche Brüche (Systemwechsel), zT in Zusammenhang mit Kriegen. Beim Sturm auf das Bastille-Gefängnis, nach dem Zusammentritt der Generalstände, später zum Ursprungsmythos der Revolution „verklärt“, waren, beim zweitem Angriff, übergelaufene Soldaten dabei. Danach wurde einer Nationalgarde aufgestellt, als Truppen die der Nationalversammlung und nicht dem König ergeben waren. Beim zweiten Sturm auf den Tuilerien-Palast 1792 (> Gefangennahme und Absetzung des Königs, Sturz der inzwischen konstitutionellen Monarchie, Radikalisierung der Revolution) war die Nationalgarde von der Nationalversammlung mit dem Schutz des Königs und des Palastes beauftragt worden (zusätzlich zur Schweizer Garde); ein Teil der Garde schloss sich aber den Aufständischen beim Sturm an. Mit der Ausrufung der Republik begannen auch die Kriege von Koalitionen europäischer Staaten gegen das revolutionäre Frankreich (nun unter Herrschaft des Nationalkonvents).

Monarchisten, also Anhänger der alten Ordnung und Gegner der Revolution, lehnten sich gegen das revolutionäre Frankreich, die Republik, auf. Diese war 1793/94 durch die Terrorherrschaft der Jakobiner im Wohlfahrtsausschuss des Nationalkonvents geprägt, 1795-1799 durch das Direktorium. 1799 riss Napoleone Buonaparte (Napoleon Bonaparte) die Macht an sich, durch einen Militär-Putsch, machte sich zum Ersten Konsul. B(u)onaparte, geboren im Jahr der Übernahme Corsicas (Korsikas) durch Frankreich, wurde noch im Militär des Ancien Régime Frankreichs ausgebildet. Er begrüsste die revolutionäre Entwicklung ab Sommer 1789, schwor der neuen Ordnung mit seinem Regiment die Treue. Allerdings sah er die Revolution zunächst als Chance für eine Neugestaltung Korsikas. Pendelte 1789-93 zwischen Frankreich-Festland und Korsika, zwischen revolutionärer Armee und Regional-Politik. Der Unabhängigkeitskämpfer Pasquale Paoli war zeitweise sein Verbündeter, die Ziele der Beiden unterschieden sich aber grundlegend.

Es gab auf Corsica korsische Nationalisten (unter Paoli), Anhänger der französischen alten Ordnung, sowie Anhänger der französischen Revolution (hauptsächlich Jakobiner). Die dritte Richtung unterstützte Napoleone B., wurde ihr Führer auf der Insel. Aus Sicht der korsischen Nationalisten war die Familie Buonaparte zu den Franzosen übergegangen… 1793 war Buonaparte beteiligt am Versuch der Französischen Republik, (von Korsika aus) auf Sardinien zu landen, um Piemont-Sardinien zu schwächen, das das revolutionäre Frankreich bekämpfte. Das Unternehmen scheiterte nach Gefechten bei der La Maddalena-Inselgruppe vor dem Nordosten Sardiniens, gegen Ende gab es auch eine Meuterei unter den Franzosen. Danach vollzog sich Buonapartes militärischer Aufstieg unter dem Direktorium…das er dann 1799 beseitigte. 1804 krönte er sich ja zum Kaiser. Nach seinem erzwungenen Abtritt 1814 die Gefangennahme durch die Kriegsgegner und Exilierung auf Elba. 1815 die “Flucht” auf’s Festland, der Zug nach Paris und zurück zur Macht; auf diesem Weg schlossen sich ihm Regimenter an, die von König Louis (Ludwig) XVIII. beauftragt waren, ihn aufzuhalten. Wieder ein Überlaufen, innerhalb des Landes.

Infolge des Kriegs den Napoleon dann vom Zaun brach, kam es in Frankreich zu einem weiteren Systemwechsel, einer neuerlichen Restauration des alten Regimes. Weitere gab es 1830 und 1848 (durch Volkserhebungen), 1851/52 (durch einen Staatsstreich), 1870/71 (durch einen Krieg). Staatsdiener wie Soldaten machten diese teilweise mit, lehnten sich zT dagegen auf, initiierten sie zum Teil.

Im Amerikanisch-Mexikanischen Krieg 1846-48 gab es einige Hundert Überläufer in (bzw aus) der Armee der USA. Es handelte sich hauptsächlich um irische Amerikaner (zT Amerikaner in erster Generation, also Einwanderer), auch andere Einwanderer(-Kinder) aus verschiedenen Teilen Europas waren dabei, hauptsächlich Katholiken (Italiener, Polen, Deutsche, Franzosen,…). Aber auch entlaufene versklavte Afro-Amerikaner aus dem Süden der USA. Was die Deserteure und Überläufer gemeinsam hatten, waren schwache Bindungen an die USA – bzw die Diskriminierung durch diese. Die meisten der Überläufer19 wurden im Batallón de San PatricioSaint Patrick’s Battalion zusammengefasst, organisiert von John Riley. Die “San Patricios” sollen die beste Artillerie-Einheit der mexikanischen Armee gewesen sein. Sie konnten die Niederlage Mexicos (die zu grossen Gebietsverlusten führte) aber nicht verhindern.

Nach der Schlacht von Churubusco nahe Mexico Stadt 1847 wurden viele der San Patricios gefangen genommen – und von der USA-Armee durch Aufhängen getötet. Es dürfte welche gegeben haben, die es schafften, sich in (dem verkleinerten) Mexico nieder zu lassen. In der US-amerikanischen Propaganda und Historiographie hiess/heisst es, dass die irischen und anderen Amerikaner die überliefen, von mexikanischer Propaganda gelockt worden waren, auf diese reinfielen, gezwungen wurden,… John (O’)Riley bzw Seán Ó Raghailligh aus der Nähe von Galway/Gaillimhe hatte zunächste in der Armee Grossbritanniens (Herrscher über Irland/Eire) gedient, war dann Mitte des 19. Jh nach Canada, schliesslich USA ausgewandert. Er hatte die US-Armee verlassen, bevor diese Mexico den Krieg erklärte, daher wurde er in Churubusco nicht aufgehängt. Er bekam ein “D” für “Deserter” auf seine Wange gebrandmarkt – und konnte für Mexico weiterkämpfen. Wann und wo er starb, ist nicht geklärt; jedenfalls überlebte er den Krieg.

In der siegreichen Armee der USA in diesem Krieg kämpfte Robert Lee aus (einer Sklavenhalterfamilie in) Virginia. Danach war er Direktor der Militärakademie in West Point, befehligte eine Kavallerie an der nunmehrigen Grenze der USA zu Mexico (“zum Schutz der Siedler vor Indianern”),… 1859 liess er den weissen Sklavereigegner John Brown jagen und gefangen nehmen, der eine Waffenfabrik des US-Heeres in Virginia überfallen hatte (Brown wurde hingerichtet). Danach wurde er zurück beordert zu seinem Regiment im Bundesstaat Texas – der sich 1861 von der USA lossagte, neben 10 weiteren Bundesstaaten (rund um den Amtsantritt von Abraham Lincoln als USA-Präsident). Lee bekam ein Kommando in der Hauptstadt Washington, als mit dem Angriff der Armee der Confederate States of America (CSA; zu den sich die abtrünnigen Bundesstaaten zusammengeschlossen hatten) auf das von “Bundestruppen” gehaltene Fort Sumter in South Carolina der Amerikanische Bürgerkrieg begann.

Es heisst, Lee wurde in diesen Tagen im Auftrag Lincolns das Kommando über die Bundestruppen, also das Militär der USA, angeboten. Bei Lee überwog jedenfalls die Verbundenheit mit seinem Heimatstaat Virginia, der inzwischen auch aus der Union ausgetreten war. Er gab sein Offizierspatent zurück, verabschiedete sich von Freunden in Washington, kehrte nach Virginia zurück, wurde dort zum Befehlshaber des bundesstaatlichen Heeres ernannt, das Teil der Confederate States Army wurde. CSA-Präsident Davis beförderte Lee, den Colonel der US-Streitkräfte, zum General. Lee war also eine Art Überläufer (defector), und wenn man so will, beteiligt an einer grossen Meuterei. Wie die meisten anderen Offiziere und Soldaten in dieser Armee. Übrigens hatten beide Seiten in diesem Krieg ein Desertions-Problem. Lee, der Verlierer von Gettysburg, wurde am Ende des Kriegs zu einem General in Chief der CSA-Armee ernannt. Durch eine Art Amnestie von Lincolns Nachfolger Johnson blieb ihm nach der Niederlage und dem Untergang der CSA eine Anklage erspart.

Erster Weltkrieg (Erster grosser Krieg der westlichen Mächte gegeneinander im 20. Jahrhundert): Das Deutsche Reich versuchte, Mexico zu einem Bündnis mit ihm gegen die USA zu gewinnen, versprach dafür Hilfe bei Wiedergewinnung der um 1848 (Tejas-Annexion 1845, Guadeloupe-Vertrag nach Krieg 1848, Gadsen-Kauf 1853) an die USA verlorenen Gebiete (Zimmermann-Telegramm). Dann gab es Pläne und Versuche Roger Casements (ein politischer Überläufer), deutsche Unterstützung für den irischen Osteraufstand 1916 gegen Grossbritannien einzufädeln sowie aus irischen Kriegsgefangenen mit republikanischer Gesinnung mit deutscher Hilfe eine sogenannte Irische Legion zu formen, für den Partisanenkampf gegen die Briten in Irland. Weiters gab es in diesem Krieg deutsche Versuche/Pläne, die Afghanen gegen seinen Kriegsgegner GB „aufzustacheln“ (Expedition 1915/16 nach Afghanistan unter Hentig), indische Nationalisten zum Aufstand gegen Briten zu bewegen und zu unterstützen, zur Unterstützung des Osmanischen Reichs durch Aufstachelung von dessen Untertanen zum Djihad, wiederum gg. GB. Max von Oppenheims Gegenspieler Thomas Lawrence20 war glücklicher, gewann die Araber gegen die Türken. Die arabischen Völker im “Mashriq” erhoben sich gg die Osmanen, britischen Versprechungen und Aufstachelungen folgend.

Armenien war geteilt zwischen Osmanischem und Russischen Reich, die “türkischen” Armenier stellten sich zT auf die Seite von Kriegsgegner Russland, kämpften teilweise unabhängig davon um Unabhängigkeit; die Reaktion waren mörderische Deportationen, durch die jungtürkische Regierung des Osmanischen Reichs. Die Ukrainer bzw ihr Land waren in dieser Zeit auch auf-geteilt, auf Österreich-Ungarn und Russland, auch hier gab es “Loyalitätskonflikte”; die Russen verfolgten in den Kriegsjahren in ihrem ukrainischen Herrschaftsgebiet der Nationalbewegung Verdächtige, Österreicher erliessen harte Repressalien gegenüber Ukrainern, die sie der Unterstützung Russlands verdächtigten. Im Russischen (Kaiser-) Reich gab es ausserdem eine Erhebung zentralasiatischer Völker („Basmatschi“), über den Krieg hinaus.

Österreich-Ungarn hat in diesem Krieg Bürger von Staaten, die mit ihm Krieg führten, sowie „unverlässliche“ Bürger der Donaumonarchie (hauptsächlich Angehörige verschiedener Nationalitäten, die der Kollaboration mit Kriegsgegnern bzw Abspaltungsbemühungen verdächtigt wurden), in Gefangenenlager gebracht. Das betraf hauptsächlich Italiener (> Isonzo-Krieg) und Ukrainer (> Galizien, Krieg mit Russland). Manche „kollaborierten“ auch tatsächlich im irredentistischen Sinn oder liefen über. Es folgten Exekutionen wie jene Cesare Battistis. Gegen Ende des Krieges desertierten Tschechen und Angehörige anderer nach Unabhängigkeit strebender Völker (liefen etwa in Italien zum Gegner über, kämpften auch für diesen; die Unabhängigkeit ihrer Länder fiel ihnen dann quasi in den Schoß). Österreich-Ungarn und das Russische Reich waren wie das Osmanische Sultanat Vielvölkerreiche und gingen auch in diesem Krieg unter.

Ausserdem gab es in dem Krieg eine Rebellion von Afrikaanern in der südafrikanischen Armee, unter Salomon Maritz und Anderen, im Zusammenhang mit der Einnahme Deutsch-Südwestafrikas für Grossbritannien. Die Meuterer waren gewissermaßen Überläufer, stellten sich (erfolglos) auf die Seite der deutschen Schutztruppe. Die britisch-südafrikanische Militärverwaltung über Südwestafrika führte dann Internierungen von Deutschen dort durch, wie dann auch im “2. Weltkrieg”. Überall: Wechselwirkungen zwischen Diskriminierungen vor dem Krieg, Verdächtigungen und Unterstellungen, tatsächlichen Illoyalitäten, Unabhängigkeits- und Irredentabestrebungen, harten Maßnahmen dagegen. Die Staaten der Entente hatten Kolonialtruppen auf ihrer Seite, die Mittelmächte auch etwas. Waren Inder, die für Grossbritannien kämpften, Verräter bzw Überläufer, oder jene die sich mit dem Gegner ihrer Kolonialmacht zusammen taten? Selbiges kann man zu Iren fragen.

Im “2. WK” kämpften (nach dem “1. WK”) ethnisch “bereinigtere” Staaten gegen einander, gab es nicht mehr diese Vielvölkerreiche und diese riesigen Bevölkerungsteile, die (in der einen oder andern Hinsicht) in Opposition zum eigenen Staat standen. Aber zB die “Volksdeutschen”, die durch die Grenzziehungen nach dem ersten grossen Krieg in Nachbarstaaten Deutschlands21 lebten, und bei (und nach) den Kriegszügen Nazi-Deutschlands zu Kollaborateuren gemacht wurden oder es freiwillig wurden. Und nach der Kriegsniederlage der Achsenmächte schweren Repressalien ausgesetzt waren.22 US-Präsident Franklin Roosevelt liess (ab) 1942 US-Bürger mit deutscher, japanischer und italienischer Herkunft sowie Bürger aus diesen Herkunftsländern internieren. Betroffen waren vor allem Menschen mit japanischer Herkunft an der Westküste sowie im Pazifik-Raum. Ein Teil der Afrikaaner in Südafrika stellte sich wie im 1. WK auf die Seite Deutschlands, aber keine aktiven Soldaten. Ein Teil der Ukrainer stellte sich in diesem Krieg wieder gegen “Russland”, bzw die Sowjetunion. 4983 irische Soldaten desertierten im Zweiten Weltkrieg aus der Armee ihres nun souveränen  Staats, der neutral blieb, um an der Seite britischer Truppen gegen Hitlerdeutschland in den Kampf zu ziehen.

Offiziere wie General Hans Speidel, die in der Wehrmacht wirkten, dann die Bundeswehr aufbauten, hatten keine Mitwirkung am Systemwechsel an sich (im Gegensatz zu George Washington oder Napoleon Bonaparte!), machten nach der Kriegsniederlage im neuen Staat bzw in der neuen Armee weiter, waren Diener 2er Systeme. Dieser neue Staat war (ist) ja mit dem vormaligen Kriegsgegner verbündet, wurde gegen den Verbündeten dieses Gegners in diesem zu Ende gegangenen Krieg in Stellung gebracht. Wenn man so will, gab es in Westdeutschland ein kollektives Überlaufen, nach der Niederlage. Franz J. Strauss kam als Oberleutnant der Wehrmacht und nationalsozialistischer Führungsoffizier in USA-Kriegsgefangenschaft, wurde aufgrund seiner Englisch-Grundkenntnisse zur Unterstützung bei Übersetzungen herangezogen – und von dieser Besatzungsmacht noch 1945 zum stellvertretenden Landrat des Landkreises Schongau bestellt. Er wurde bekanntlich ein grosser Spieler in der alten Bundesrepublik.

Rudolf Diels, der erste Chef der Gestapo, arbeitete nach Kriegsende für die amerikanische Militärregierung in Deutschland. Carl Diem war ein wichtiger Sportfunktionär in Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazi-Zeit und Bundesrepublik.23 Jene (ehemaligen) Nazis, die für sie einen Wert darstellten, verwendeten die Amerikaner bei sich selbst weiter, wie Wernher von Braun. Nach dem Ende der DDR bzw der deutschen Wiedervereinigung gab es so etwas Ähnliches wie beim Entstehen der BRD. Wobei die meisten Politiker, NVA-Offiziere,… die dann in der (vergrösserten) BRD aktiv waren, in der DDR erst im Zuge der “Wende” wichtig geworden waren. Ex-Wehrmacht-Leute waren auch einst zur NVA gewechselt, Offiziere die in SU-Kriegsgefangenschaft gekommen waren, wie Vincenz Müller.

Die Philippinen waren von 1898 bis 1946 unter Herrschaft der USA, unterbrochen von den Jahren japanischer Herrschaft 1941-45. In diesen Jahren gab es Widerstand gegen das japanische MIlitär von intakt gebliebenen philippinischen Militär-Einheiten, von US-amerikanischen Einheiten, und der kommunistischen Hukbalahap-Miliz („Huks“) unter Luis Taruc, v.a. auf Luzon. 1944/45 gelang den USA-Streitkräften die Wiederherstellung ihrer Herrschaft; auf ihre Veranlassung gingen philippinische Behörden nun gegen die „Huks“ vor, statt ihnen Anerkennung für ihren Widerstandskampf zu zollen. Die Huks gründeten die Partei PKM, gingen eine Allianz mit der PKP zur DA ein, für die Wahl ’46.24 Diese Wahl brachte einen Sieg des Liberalen Roxas für die Präsidentschaft und einen der Nationalisten im Parlament; Taruc und andere gewählten Kandidaten der linken DA wurden ausgebootet, konnten ihre Sitze im Parlament nicht einnehmen. Bald darauf in diesem Jahr entliess die USA die Philippinen in die Unabhängigkeit. Die Huks begannen einen Aufstand bzw Guerilla-Krieg gegen diesen Staat, der von 46 bis 54 ging.

William J. Pomeroy (1916 – 2009) kam mit dem USA-Militär im 2. WK in den Pazifik, auf die Philippinen, kämpfte dort gegen die Japaner; wahrscheinlich liess der Kommunist den Huks schon in dieser Phase Hilfe zukommen. Jedenfalls untersützte er sie ab 1946, nahm selbst an ihrem Kampf teil. Er heiratete eine Philippinerin, wurde 52 oder 54 gefasst (wie auch Taruc dann), musste einige Jahre im Gefängnis verbringen, reiste dann nach GB aus. War er ein Überläufer? Er leistete Hilfe für die Huks als diese noch nicht Gegner der USA waren (aber auch nicht ihre Verbündeten), hauptsächlich aber dann, nachdem seine Armee den Kampf eingestellt und sich zurückgezogen hatte (auf Stützpunkte auf den Philippinen). Mir ist nicht bekannt, ob er 1946 im aktiven Dienst für das Militär der USA war, als er sich den Huks anschloss. Jedenfalls war seine Unterstützung für die Huks in beiden Phasen gegen die Politik der USA, gegen die Anordnungen seines Militärs. Anders als die “San Patricios” wechselte er aber nicht auf die Seite des bisherigen Kriegsgegners. Ein eigener Fall, ein Soldat der “mitdenkt”, wie Wilm Hosenfeld im nazideutsch besetzten Polen. Ich hoffe, dass Christopher Othen einen Artikel über William Pomeroy schreiben wird.

Was weit öfter vorkommt (als dass ein Angehöriger einer Kolonial-/Besatzungsmacht für ein Anliegen von dort Einheimischen kämpft), ist dass Beherrschte für die Beherrscher arbeiten. Es gibt Fälle, in denen eine politische Richtung die Besatzung zum Anlass nimmt, ihre Vorstellungen umzusetzen, wie die kroatische Ustaša die Besetzung und Aufteilung Jugoslawiens durch Achsenmächte im 2. WK. In anderen Fällen wiederum ergibt sich die Kollaboration eher aus Opportunismus, wie bei den algerischen “Harkis” (Hilfssoldaten), die für Frankreich kämpften. Wut und Racheaktionen im Unabhängigkeitskampf der Algerier und danach richteten sich gegen jene, die für Frankreich gegen Algerier gekämpft hatten (also Harkis), und nicht gegen jene, die im 1. oder 2. WK für Frankreich anderswo gekämpft hatten. FLN-Führer Ahmed Ben Bella selbst diente in der Exilarmee des Freien Frankreichs, war der Kolonialmacht bis zum Massaker in Setif 1945 treu. Im 2. WK gab es vielerorts Kollaborationen von Zivilisten, aber auch Staatsdienern, mit dem Feind/Besatzer, aus politischen wie aus opportunistischen Gründen. Im 1. WK (s.o.) gab es dafür in der Regel eine nationalistische/politische Motivation.

Drusische Palästinenser liefen während der Nakba 1948 zu den Zionisten/Israelis über, was nicht entscheidend für das Gelingen von deren Unternehmen war. Ob sich diese drusischen Soldaten auf der falschen Seite wähnten, wie die irisch-stämmigen “San Patricios”, oder der Anweisung ihrer Gemeinschaftsführer (v.a. Amin Tarif) folgten, sei dahingestellt. Diese Drusen-Führer fädelten jedenfalls auch die Mitarbeit “ihrer” Gemeinschaft in dem neuen Staat ein, machten diese zu “israelischen Drusen”. Mittlerweile gibt es Drusen, die den Militärdienst für Israel verweigern, was wahrscheinlich einer Desertion gleichkommt.

Überlaufen zum (nominellen) Feind stand am Anfang und am Ende von Jugoslawien, bei der Entstehung des ersten, königlichen Jugoslawiens nach dem 1. WK, und beim Auseinanderfall des zweiten, sozialistischen Anfang der 1990er. Jeweils folgte die militärische Entwicklung der politisch-nationalen. Nicht nur Soldaten liefen über, auch Politiker; an Slowenen zB 1918 Anton Korosec und Rudolf Maister (von Österreich-Ungarn), 1991/92 Janez Drnovsek oder Iztok Podbregar (zum unabhängigen Slowenien). Man kann darüber streiten ob beim Auseinanderfall des ersten Jugoslawiens im 2. WK auch ein solches politisch-militärisches Überlaufen (zu den Invasoren) entscheidend war.

1918 kam aus dem bisherigem Königreich Serbien (mit Montenegro, Makedonien, Kosovo) sowie den bislang österreichisch-ungarischen Gebieten Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina das SHS-Königreich (Kraljevina oder Kraljevstvo Srba, Hrvata i Slovenaca, Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen) zu Stande, das 1929 mit dem Beginn der Königsdiktatur in “Königreich Jugoslawien” umbenannt wurde. Als Zwischenstufe zu der Vereinigung von 1918 bildeten die slowenischen, kroatischen und bosnischen Gebiete des bisherigen Österreich-Ungarns im Oktober 1918 den Staat der Slowenen, Kroaten, Serben (SHS-Staat, bestand Okt-Dez 18), der auch eine Armee bildete, aus Anteilen dieser Länder an der gemeinsamen Armee Österreich-Ungarns und an den Landwehren der beiden Reichshälften (die kroatische Domobranstvo zB gehörte zur ungarischen Landwehr/Honved). Serbien war im 1. WK ein Hauptkriegsgegner von Österreich-Ungarn, Südslawen aus der “Donaumonarchie” liefen dorthin über, besonders am Kriegsende.

Rudolf Maister stammte aus einer deutschsprachigen Familie im Kronland Krain, dem Hauptgebiet der Slowenen in Österreich-Ungarn. Als junger Erwachsener wandte er sich dem slowenischen Nationalismus zu. Eine Offizierslaufbahn in der österreich-ungarischen Armee, die er machte, stand damals nicht unbedingt im Widerspruch dazu. Während des 1. WK wurde er zunächst als Verdächtiger in Graz konfiniert, dann nach Intervention des Reichsrat-Abgeordneten Anton Korosec als Major des Landsturms in Marburg/Maribor stationiert… Korosec führte Slowenien ins SHS-Reich/YU, war dort Führer der Slowenen, 1928/29 letzter Premier vor der Königsdiktatur. Am Kriegsende, als Öst-Ung auseinander fiel, trug Maister seinen Anteil zu diesem Prozess bei, versuchte jene (slowenischen) Gebiete abzustecken, die er in einen Südslawen-Staat “mitnehmen” wollte. Nach Gründung des SHS-Staates (noch nicht des Reiches) stellte er eine slowenische Miliz auf, übernahm damit die Kontrolle über Marburg und Teile der Untersteiermark. Die meisten der Milizionäre hatten in den Streitkräften Österreich-Ungarns gedient, aber dieser Staat war spätestens mit der Ausrufung der Republik Deutschösterreich im November ’18 Geschichte.

Maister, der Major der k. u. k. Armee, wurde von slowenischen Gremien zum General ernannt. Schon vor Gründung des SHS-Königreichs und dem Friedensvertrag für Restösterreich gab es also Grenzstreitigkeiten zwischen den künftigen Nachbarn. Einheiten des SHS-Staats stiessen im November 1918 auch erstmals nach Kärnten vor, aus dem Widerstand entwickelte sich der “Kärntner Abwehrkampf” bzw der “Boj za severno mejo“, der “Kampf um die Nordgrenze”. Am 1. 12. ’18 die Vereinigung des SHS-Staats (also des südslawischen Anteils der Donaumonarchie) mit Serbien, zum SHS-Königreich, dann die Bildung einer gemeinsamen Armee aus diesen zwei Teilen. In Zagreb gab es am 5. 12. eine Feier dazu, Teile der Domobranstvo protestierten dagegen (am Jelacic-Platz), beim Vorgehen der Polizei dagegen gab es 15 Tote. Die Grenzen des SHS-Königreichs waren umstritten zu Österreich (Steiermark, Kärnten) und Italien (Istrien, Friaul), dabei ging es jeweils hauptsächlich um Slowenen. Rudolf Maister leitete 1919 militärische Aktionen in der Steiermark und Kärnten, nun im Namen des SHS-Königreichs und mit Teilen von dessen Armee.25

In der Armee des SHS-Königreichs machte Maister keine grosse Karriere, die serbische Dominanz in diesem Staat war in seiner Armee besonders ausgeprägt, Serben hatten etwa drei Viertel der Offiziersstellen inne. Und nachdem die Grenzfragen 1920 erst mal geklärt waren (mit Slowenen in Süd-Österreich und Österreichern im slowenischen Teil des SHS-Reichs) war dieses Militär auch eher ein innenpolitisches Instrument. Bei der Besetzung und Aufteilung des nunmehrigen Königreich Jugoslawiens 1941 hatten die Achsenmächte Kollaborateure unter allen Völkern dieses Staates, am stärksten im dann entstandenen “Unabhängigen Staat Kroatien”.26 Slavko Kvaternik, Chef der Armee dieses Ustascha-Staats, hatte im 1. WK in der österreichisch-ungarischen Armee gedient (als Adjutant von Svetozar Boroevic an der Isonzo-Front27), dann in jener des SHS-Königreichs. Diese neue Domobranstvo, die des Ustascha-Staats, litt unter Überlaufen zu den Partisanen.

Die sich ja durchsetzten; und das neue Jugoslawien gründeten. 1990 wurde in den Teilrepubliken frei gewählt, aber nicht das Bundesparlament. Es kam zu keiner Reform Jugoslawiens, sondern zum Auseinanderfall. 1990 versuchte das jugoslawische Militär, die JNA, die Waffen der Territorialverteidigung (TO) in den Republiken zu konfiszieren. Die TO war nicht Teil der JNA aber Teil der Streitkräfte von YU, war dezentral organisiert und war dann tatsächlich wichtig beim Auseinanderfall, war in den Teilrepubliken so etwas wie Kern einer eigenen Armee. 1991 die Unabhängigkeits-Erklärungen von Slowenien und Kroatien, der Krieg in Slowenien, das sich behauptete. Viele slowenischen Soldaten und Offiziere liefen während des Krieges von der JNA zur slowenischen TO über; Präsident Milan Kucan rief Slowenen in der JNA auch dazu auf. Daneben desertierten viele Kosovo-Albaner, die mit Jugoslawien eine geringe Identifikation hatten. Dieser Krieg machte die Auflösung Jugoslawiens unumkehrbar, und was von der JNA noch blieb, wurde ein Instrument für Rest-YU bzw Gross-Serbien, das bis 1995 in Kroatien und Bosnien “aktiv” war.

In Kroatien übernahm im Mai 1990 die HDZ die Regierungsverantwortung, nahm Kurs auf die Unabhängigkeit. Die serbische Minderheit, damals in der Verwaltung und der Polizei der Teilrepublik überrepräsentiert, begann Mitte 1990 mit ihrer Auflehnung gegen die Tudjman-Regierung. Und der JNA gelang es, einen Grossteil der Waffen der TO in dieser Republik zu beschlagnahmen. Franjo Tudjmans Verteidigungsminister Martin Spegelj, zuvor ein hochrangiger General in der JNA, versuchte (ab) Ende 1990, neue Waffen für die TO zu beschaffen. Dies flog auf und verschärfte die Spannungen in Jugoslawien. Tudjman entliess Spegelj zur Entspannung der Situation, der ging für einige Monate nach Österreich. Mit der kroatischen TO als Kern wurde ab Frühling ’91 eine Nationalgarde aufgebaut, während (relativ unberührt von der Unabhängigkeitserklärung Kroatiens im Sommer 91) der Aufstand der Serben in Kroatien mit Unterstützung Rest-Jugoslawiens (Serbien unter Slobodan Milošević, Montenegro) in einen Krieg überging. In diesem wurde die Nationalgarde ergänzt mit Menschen und Material aus der JNA sowie Freiwilligen (auch zurückgekehrten Exil-Kroaten wie Ante Gotovina). Anton Tus, der Chef der JNA-Luftwaffe gewesen war, übernahm das Kommando über die Nationalgarde und leitete ihre Transformation in die Armee Kroatiens.

Rudolf Perešin war einer der kroatischen Überläufer aus der JNA. Er war Kampf-Pilot in der JNA, musste im “Kroatischen Unabhängigkeitskrieg”28 “gegen Kroatien fliegen”. Man misstraute in der JNA Kroaten wie ihm, liess ihn aber Aufklärungsflüge machen. Bei einem solchen, im Oktober 91 von der Basis in Željava (nahe Plitvice, das Gebiet das die Serben als “Krajina” von Kroatien abspalten wollten), desertierte er mit seiner MIG, in dem er in den österreichischen Luftraum flog, am Flughafen Klagenfurt landete, nach extremem Tiefflug über die Karawanken (damit für die Luftraumüberwachung überraschend). Er händigte dort seine Handfeuerwaffen aus und erklärte, dass er ein Deserteur sei. Vier Tage später durfte er nach Kroatien ausreisen, wo er sich am Aufbau einer eigenen Luftwaffen beteiligte, Einsätze im Krieg flog. Er wurde 1995 über Slawonien abgeschossen, einige Monate vor Kriegsende und Rückeroberung der serbisch besetzten Gebiete.29

Auch Politiker liefen am Ende Jugoslawiens 1991/92 zu den Nachfolgestaaten über. Mit der Verfassung 1974 war ein Staatspräsidium geschaffen worden, dessen Mitglieder von den Parlamenten der Teil-Republiken gewählt wurden; solange Tito lebte, war er Staatspräsident. Der Makedonier Kolosevski wurde nach dessen Tod 1980 sein erster Nachfolger als Staatsoberhaupt Jugoslawiens, als Vorsitzender des Staatspräsidiums. 1989 die letzte Wahl des Staatspräsidiums, in Slowenien und Bosnien-Herzegowina wurden die Vertreter direkt gewählt, in den anderen Republiken von den jeweiligen Parlamenten. Es bildete sich in dem Präsidium ein Antagonismus zwischen einem serbischen Block unter Milosevic und dem Rest. Janez Drnovsek wurde ’89 für Slowenien gewählt, noch als Angehöriger der slowenischen KP (ZKS), ging ’90 zur neu gegründeten LDS über. Von Mai 89 bis Mai 90 war er Vorsitzender des Staatspräsidiums. Die Wahl des Vorsitzenden war eigentlich eine Formalität, ging nach einem Rotations-Prinzip.

Doch der serbische Block blockierte, zur Zeit der Unabhängigkeits-Erklärungen von Slowenien und Kroatien, einige Wochen die Wahl des Kroaten “Stipe” Mesic (HDZ) im Mai 91.30 Zwischen Drnovsek und Mesic war der Serbe Jovic Staatspräsidiums-Vorsitzender, dann interimistisch der Kosovo-Serbe Bajramovic. Dieser ersetzte 1991 auf Initiative Milosevics Sapunxhiu als Kosovo-Vertreter im Präsidium. Mesic wurde am 30. Juni zum Vorsitzenden, damit Staatsoberhaupt Jugoslawiens, gewählt. Er und Drnovsek kamen aber bald nicht mehr zu Sitzungen des Präsidiums, dann auch die Vertreter Bosniens und Makedoniens, Bogicevic und Tupurkovski, nicht mehr. Rest-Jugoslawien und seine Institutionen wurden im Frühling/Sommer reformiert. Drnovsek war 1992 bis 2000 zweiter Ministerpräsident Sloweniens, 2002 bis 2007 zweiter Staatspräsident. Auch Stipe Mesic war Staatsoberhaupt von zwei Staaten, wurde 2000 Präsident Kroatiens.

Der Unabhängigkeitskrieg von Bangla Desh (bis dahin Ost-Pakistan) 1971 hat Einiges gemeinsam mit den “Auflösungskriegen” Jugoslawiens 1991-1995. Die Charakteristika, wenn sich ein Teilgebiet eines Staats unabhängig machen will. Wobei im Fall YU der “Rumpfstaat” dazu überging, selbst “sektiererisch” zu agieren. Sicher, bei Pakistan drehte sich der Konflikt eigentlich um die Vormacht West-Pakistans (bzw der Punjabi und Sindhi dort), aber West-Pakistan (= Rest-Pakistan) agierte nach der Sezession Ost-Pakistans weniger “ethno-nationalistisch” als Rest-Jugoslawien. Mohammed Osmani, der Chef der im Krieg entstandenen Armee von Bangla Desh (und die gesamte Gründergeneration), hatte(n) im Militär Pakistans gedient wie die Begründer der Streitkräfte Kroatiens, Bosniens,… in jenem Jugoslawiens. Matiur Rahman war ein Kampfpilot aus Ost-Pakistan/Bangla Desh, Teilnehmer des Krieges gegen Indien 1965, war in Karachi (W-Pakistan) stationiert. Er unterstützte die Sezession. Als ein west-pakistanischer Pilot, Rashid Minhas, einen Trainingsflug machen wollte, wollte Rahman die Gelegenheit nützen, nach Indien überzulaufen (über-zu-fliegen) und sich von dort nach Bangla Desh aufzumachen. Es war August 1971 und der Krieg dort war schon fast ein halbes Jahr im Gang. In der Luft kam es zu einem Kampf zwischen dem Ost-Pakistani und dem West-Pakistani, zweiterer wollte ersteren an seinem Vorhaben hindern. Das Resultat war ein Absturz (über pakistanischem Gebiet), der Beide tötete.

Zu Beginn des libanesischen Bürgerkriegs 1975 löste sich die Armee (wie andere staatliche Institutionen) auf, die Soldaten liefen zu “ihren” Milizen über. Wie etwa bei der Auflösung Jugoslawiens folgte auch hier diese Entwicklung der politischen. Der Bürgerkrieg brach nicht wegen dieses Überlaufens aus, sondern das Überlaufen war eines der letzten Glieder in einer Entwicklungskette hin zum Krieg. Vielleicht kann man sogar sagen, das Überlaufen der libanesischen Soldaten zu Milizen kam infolge des Kriegsausbruchs. Es blieb übrigens immer ein Kern des libanesischen Militärs erhalten, es löste sich nicht ganz auf. Der jetzige libanesische Präsident Michel Aoun etwa blieb ihm all die Kriegsjahre über treu.

Die Revolution im Iran: Die Auflehnung gegen den letzten Schah begann 1978, der verliess im Januar ’79 das Land (vorübergehend sollte das sein), ein paar Tage nach der Bildung der Bachtiar-Regierung, die so etwas wie der Beginn der Demokratisierung des Landes hätte sein können. Bald darauf kehrte Khomeini in den Iran zurück – was Bachtiar gestattete, zur Entspannung der Situation. Doch der Ajatollah erklärte sich zum “Revolutionsführer”, begann gegen die Demokratisierungsbemühungen zu arbeiten. Liess eine Gegenregierung unter Bazargan zu, aus jenen politischen Kräften, die er später auch alle aus dem Weg räumte. Bis dahin war bei jenen Soldaten und anderen Staatsdienern, die dem Schah die Gefolgschaft verweigerten, von einem Abfallen zu reden, nun von einem Überlaufen. Am 9. Februar ’79 eine Meuterei auf der Farahabad-Luftwaffenbasis in Teheran: Ein Doku-Film im TV über Khomeini lief, ein Streit zwischen Piloten und Technikern brach aus, die einen pro Schah, die anderen pro Ajatollah; eine Schiesserei. Eine Niederschlagung von Aussen misslang, die Aufruhr breitete sich aus, und Waffen. Strassenkämpfe, bürgerkriegsähnliche Zustände für kurze Zeit, weiteres Überlaufen zu den Aufständischen, Khomeini-Bilder auf Militärfahrzeugen von Überläufern, manchmal auch Mullahs auf diesen:

In dieser zugespitzten Situation hatte das Reform- und Versöhnungswerk von Premier Bachtiar keine Chance; die Alternative zu Khomeini wäre eine Art Militärputsch gewesen, und eine kompromisslose Niederschlagung jedes Aufbegehrens gegen das “alte Regime”. Viele Militärs waren dafür, und angeblich auch der Sicherheitsberater von USA-Präsident Carter, Brzeziński. Wobei damals Wenige gewusst/geahnt haben, was eine “Islamische Republik” unter Khomeini wirklich bedeuten würde. Auch Bani Sadr, der 1980 Präsident wurde, glaubte, es könne neben diesem ein zweites Machtzentrum im Land geben bzw dieser würde etwas Anderes als Klerikalfaschismus unter ihm zulassen. Zurück zum Februar 79.  Am 11. 2. gab Generalstabschef Karabaghi eine “Neutralitätserklärung” für das Militär ab, in anderen Worten, dieses würde nicht weiter den Schah und sein “Regime” verteidigen. Abtritt Bachtiar, und dass damit die Möglichkeit einer Demokratisierung gestorben war und der Weg für einen neuen (schlimmeren) Totalitarismus frei war, danach sah es damals nicht aus. Der Umsturz war gelungen, und gleichzeitig misslungen, da nun etwas Schlimmeres kam. Die militärische Führung der Islamischen Republik bestand bis weit in die 90er hinein überwiegendst aus Offizieren, die im Heer des Schah zumindest eine gewisse Rolle gespielt hatten.31

Revolutionen enthalten eigentlich immer viel an Meutereien, Seitenwechseln, Desertionen, aber in der Regel begleitend zu einem Systemwechsel, nicht als Kern. Offiziere, die Politikern bzw Machthabern die Gefolgschaft verweigern, Soldaten die sich gegen ihre Offiziere stellen,… Im Jahr nach dem Machtwechsel im Iran (der nicht gleich eine islamistische Diktatur brachte), nach der USA-Botschafts-Gefangennahme, vor dem Kriegsbeginn, zur Zeit von Bani Sadrs Präsidentschaft, im Juli 80, gab es einen Putschversuch, von Militärs die zwar die “Säuberungen” unter Khomeini überstanden hatten, aber ihm gegenüber nicht loyal geworden sind. Von der Nojeh-Luftwaffenbasis bei Hamadan sollten Angriffe auf Tehran geflogen werden, dort die Macht übernommen werden. Luftwaffen-General Ayat Mohagheghi und die anderen Beteiligten flogen auf, wurden hingerichtet; die Revolutionsgarden wurden gestärkt dadurch.

Als Iran und Irak im Krieg mit einander waren (1980 bis 1988), gab es von beiden Seiten Erwartungen an Volksgruppen im jeweils anderen Land, die eigene Sache zu unterstützen. Das Mullah-Regime Irans erwartete von den Schiiten Iraks ein Überlaufen zu seinen Truppen, das Baath-Regime Iraks rechnete damit, von der arabischen Bevölkerung der iranischen Provinz Khusestan als Befreier empfangen zu werden. In beiden Fällen blieb das tatsächliche Überlaufen weit hinter den Erwartungen zurück, sicher auch aus Angst vor Repressalien nach einer Kriegswende. In beiden Ländern unterstützten auch Bevölkerungsteile (auch exilierte), die gegen die jeweilige Diktatur eingestellt waren, grösstenteils ihr Land; nicht nur die genannten religiösen/ethnischen Gruppen32, auch politische Dissidenten.

Wie auch in anderen Ländern, waren Umstürze/Eroberungen/… im Irak/Mesoptamien begleitet von/ verbunden mit Seitenwechseln von Soldaten. Als die Briten im 1. WK das Land gegen Osmanen eroberten, halfen ihnen viele Iraker – die eigentlich in der osmanischen Armee dienten bzw gedient hatten. Darunter Nuri as (al) Said. Die Militärputsche 1958, 1963, 1968, die in die Alleinherrschaft der Baath-Partei “mündeten”, beinhalteten nicht nur Merkmale von Meutereien (wie bei Putschen üblicherweise), sondern auch, währenddessen und vor allem nach dem Gelingen, das Überwechseln von Offizieren und Soldaten (aber auch anderen Staatsdienern). Nicht unbedingt aus Überzeugung, auch aus Opportunismus; und oft auch nur zum Schein und mit innerer Opposition.33 Nach dem Sturz Saddam Husseins (den man zuvor unterstützt hatte) durch den Krieg 03, wurde das irakische Militär durch die Besatzungsmacht aufgelöst und ein neues gebildet. Musste man zuvor Sunnit und Baathist sein, um es im Militär zu etwas zu bringen, so wurden nun Angehörige der schiitischen Bevölkerungsmehrheit bevorzugt. Das neue Militär wurde dann von US-Besatzern und irakischen Regierungen gegen Aufständische im eigenen Land eingesetzt. Etwa 2004 in Falluja (Falludscha), gegen ein Bündnis aus (Ex-) Baathisten und (sunnitischen) Islamisten – eine Operation, bei der relativ viele irakische Soldaten desertierten oder überliefen.

Unter jenen Irakern, die vom (reaktionären, aber säkularen) Baath-Regime zum (salafistischen) Daesh/IS (bzw seinen Vorläufer-Organisationen) übergingen, war zB Jamal Mashadani, der 2018 von irakischen Behörden festgenommen wurde. Daesh wurde 2013/14 gross (und so genannt), durch die Eroberung von Teilen der Provinz Anbar und dann der Stadt Mossul. Der Fall Mossuls ’14: unter den dort stationierten irakischen Soldaten befanden sich überwiegend sunnitische Araber, und viele davon sahen beim Kampf gegen die Terrormiliz nun eine Gelegenheit, der Maliki-Regierung “ein’s auszuwischen” (die Sunniten ausgrenzte, nachdem zuvor jahrzehnte lang Schiiten ausgegrenzt wurden) oder aber keinen Sinn darin, ihre Leben für diesen Staat, diese Regierung zu riskieren. Das irakische Militär in Mossul fiel damals auseinander, manche Soldaten liefen auch über, viele flüchteten, liessen militärisches Material wie Uniformen34 zurück, was alles den Islamisten in die Hände fiel.

General Manaf Tlass, der in Bashar Assads engerem Kreis gewesen war ging 2012, in den frühen Tagen des Syrischen Bürgerkriegs, in Opposition zu Assad, und ins Exil, und mit ihm die ganze Familie. Der Vater war Verteidigungsminister unter Hafez Assad gewesen. Bereits davor lief Oberst Riad al-Asaad über, bzw, er begründete die militärische Opposition zu Assad mit, war einer der Gründer der Freien Syrischen Armee.

Conrad Schumann aus Sachsen diente 1960/61 bei den Volkspolizei-Bereitschaften, lief während des Baus der Mauer um West-Berlin herum im August 1961 wörtlich über. Indem er über eine Stacheldraht-Streifen sprang, dabei die umgehängte Maschinenpistole abstreifte, in ein W-Berliner Polizeifahrzeug einstieg. Es gibt mehrere Fotos davon, einen Film – im Kalten Krieg, der sich damals seinem Höhepunkt näherte, brachten sie einen wichtigen Punkt für den Westen im dazu gehörenden Propagandakrieg. Schumann war einer der ersten innerdeutschen Grenzflüchtlinge im Berliner Gebiet. Während des Mauerbaus (August 61) desertierten von den dazu eingesetzten Sicherungskräften 85 Mann nach West-Berlin, ausserdem gingen noch über 200 Zivilisten, darunter jene, die sich an Bettlaken aus Häusern in der Bernauer Strasse abseilten. Schumann wurde in die BRD gebracht, liess sich “inkognito” in Bayern nieder. Es war eigentlich eher ein Desertieren bei ihm, zumal er in der BRD nicht als Polizist oder Soldat arbeitete. Aber vom Propagandaeffekt war es schon ein Überlaufen, er hat den Feind auf diese Weise gestärkt. Schumann verübte 1998 Selbstmord in Bayern.

Einzelne Soldaten liefen immer wieder in Kriegen über, auf die Gegenseite.   Der US-Amerikaner Clarence Adams im Korea-Krieg, ging dann nach China, Gerald Eckert, Offizier im Militär des südafrikanischen Apartheid-Regimes in den 1980ern nach Mocambique, der Deutsche Erwin Borchers aus der französischen Fremdenlegion in Indochina zum Viet Minh etwa.35 Dies sind 3 Beispiele von Westblock-Überläufern im Kalten Krieg. Der Kalte Krieg war ja vielerorts bzw zu vielen Zeiten nicht kalt. Mocambique und Südafrika waren streng genommen nicht im Krieg miteinander, Mocambique war aber einer jener Frontstaaten, die Anti-Apartheid-Kräften halfen, und dafür immer wieder, auf verschiedene Weise, angegriffen wurden. Der Konflikt im südlichen Afrika ab den 1960ern war einer zwischen Stellvertretern der Supermächte im Kalten Krieg. Der Korea-Krieg kam einer direkten Konfrontation zwischen USA und SU schon ziemlich nahe. In kalten Friedenszeiten liefen manche Geheimnisträger verdeckt über. Robert Thompson etwa, aus der USA-Luftwaffe, in BRD/W-Berlin stationiert, betrieb Spionage für die SU; ist aufgeflogen, wurde dann ausgetauscht.36 Von den US-Truppen in Süd-Korea liefen im Laufe der Jahrzehnte immer wieder Soldaten über, nach Nord-Korea, über die demilitarisierte Zone bzw innerkoreanische Grenze. Larry A. Abshier war 1962 der erste. Einem nicht verfeindeten Land diente sich zB David Marcus (United States Armed Forces > Haganah/ZHL) an.

Ausserhalb des militärischen bzw sicherheitsrelevanten Bereichs gibt es ja auch so etwas wie Überläufer. Der russische Tänzer Mikhail Baryshnikov nutzte eine Tour mit dem Kirow-Ballett in Canada, um sich abzusetzen, kehrte nicht in die SU zurück, ging in die USA. Nadia Comăneci, die rumänische Turnerin, setzte sich wenige Wochen vor dem Umsturz in ihrem Land 1989 in die USA ab. Das war 5 Jahre nach ihrem Rücktritt vom Spitzensport, somit trat sie nicht für ein anderes Land an. Das gab es aber natürlich auch, und so etwas wurde in betreffenden Ländern auch oft als eine Art Verrat bzw Heldentat gesehen; abgesehen davon war/ist ein solches Überlaufen auch öfters mit Politischem verbunden.37 Und Dissidenten (im weiteren Sinn) sind ja auch gewissermaßen Überläufer. Und, jene die Mossab H. Yousef als “Helden” und “Wahrheitsüberbringer” feiern, verteufeln Uri Avineri als “Verräter” und “Selbsthasser” (und umgekehrt).

 

Bedeutende Schiffsmeutereien

…sind im Bounty-Artikel eigentlich schon erwähnt. Jene, die für diesen Artikel relevant sind, wie jene auf der “Potemkin”, wurden hier extra nochmal beleuchtet. Die Relevanz ergab sich hauptsächlich durch einen militärischen Charakter der Meuterei. Den hatte jene auf der „Bounty“ 1789 nicht; bei den Meuterern ging es aber nicht nur um eine Auflehnung, sondern auch um ein Desertieren, aus der britischen Kolonialpolitik, in die sie eingespannt waren. 1931 gab es in der chilenischen Marine und in der britischen Meuterei-artige Arbeitskämpfe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Rolf Hochhuth machte die Sache publik, als Filbinger Ministerpräsident von Baden-Württemberg war
  2. Ein Art Befehlsverweigerung lag auch beim Weihnachtsfrieden (Christmas truce) an der Westfront 1914 vor
  3. Das Ende der Französischen Revolution wird hier angesetzt
  4. Auch solche, die zu einer anderen Religion wechsel(te)n, konvertier(t)en
  5. Manche Forscher sehen das Ende des Weströmischen Reiches mit der Vertreibung des letzten vom oströmischen Kaiser/Augustus Zeno anerkannten weströmischen Kaisers Julius Nepos. Die anderen möglichen Endpunkte des eigentlichen Römischen Reichs sind: der Mord an dem nach Dalmatien geflohenen gestürzten Julius Nepos 480; die Abschaffung des weströmischen Hofes durch den oströmischen Kaiser Justinian 554
  6. Er hatte viele andere Namen und Beinamen
  7. So klar ist das nicht
  8. Grossbritannien und Frankreich bekamen die arabischen Gebiete zugesprochen, ausserdem Einflusszonen im verbleibenden Osmanischen Reich; Italien bekam auch eine solche Einflusszone in Anatolien; die stark von Griechen bewohnten Gebiete Ost-Thrakien und Ionien (um Smyrna) wurden Griechenland zugesprochen; das stark von Armeniern bewohnte Nordost-Anatolien wurde (dem damals von Russland unabhängig gewordenen) Armenien zugesprochen; das stark von Kurden bewohnte Südost-Anatolien sollte autonom werden (mit Schutz für die “Assyrer”, die dort hauptsächlich Syrisch-Orthodoxe sind), später u. U. unabhängig (zusammen mit dem südlich daran anschliessenden, nun britischen Nord-Mesopotamien, wo ebenfalls Kurden und Assyrer leben)
  9. Mehmet VI., der letzte Sultan des Osmanischen Reichs, wurde 1922 durch die Nationalversammlung in Ankara abgesetzt und des Landes verwiesen (lebte dann in Italien); ein Cousin von ihm wurde noch als neuer Kalif eingesetzt, bis 1924
  10. Mehr als das war es damals nicht mehr
  11. 1946 gab es übrigens in der indischen Marine eine Meuterei gegen die britischen Herren (gegen den Willen von Gandhi und dem INC). Und in beiden Weltkriegen gab es Inder, die sich auf die Seite der Feinde von GB stellten, statt für sie zu kämpfen
  12. Die “Pamjat Asowa”, auf der es 1906 auch eine Meuterei gegeben hatte
  13. Er wurde im unabhäbgigen Ceylon 1954 Governor-General, also Stellvertreter der britischen Königin als Staatsoberhaupt
  14. Wobei, in der bzw ab der Ära von Tenno Meiji (1867-1912) Japan danach strebte, Asien “zu verlassen” und zum Westen “anzuschliessen”…ähnlich wie die Türkei seit ihrer Gründung
  15. Sein portugiesischer Nachname stammt aus einer Kolonialphase die der niederländischen vorausging
  16. Aber das ist Auslegungssache
  17. Eine solche Konstellation gibt es immer wieder. So wie im 1. Weltkrieg in verschiedenen Reichen
  18. 1603 bis 1707 mit England durch Personalunion ihres Monarchen verbunden
  19. Es dürften auch Einige dabei gewesen sein, die nicht in der USA-Armee dienten, sich aber freiwillig für die mexikanische Seite meldeten
  20. Der irische, schottische und walisische Wurzeln hatte…
  21. Es betraf nicht nur Nachbarstaaten und Gebiete die bis zum 1. WK zum Deutschen Reich gehört hatten; die Gebiete der Rumänien-Deutschen etwa hatten nie zum Reich gehört, und (ausser jene in der Bukowina) innerhalb Österreich-Ungarns zur ungarischen Reichshälfte, ein Teil war in jenem Teil Rumäniens ausserhalb des Karpaten-Bogens, der sich vom Osmanischen Reich unabhängig gemacht hatte, nie österreichisch gewesen ist
  22. Dies betraf auch Leute aus bzw auf deutschen Reichsgebiet, hauptsächlich in den östlichen Provinzen Preussens
  23. Der Österreicher Maximilian Ronge, letzter Geheimdienstchef der k. u. k. Armee, war Geheimagent bzw Geheimdienst-Funktionär in 4 Systemen
  24. Seit den 1930ern hatten die Philippinen innere Selbstverwaltung
  25. > Marburger Blutsonntag, Kärntner Abwehrkampf
  26. Was aber nichts daran ändert, dass Kroatien einen der grössten Beiträge zum Widerstand gegen Hitler und Mussolini in diesem Krieg leistete…
  27. Boroevic wurde nach diesem Krieg nicht willkommen im SHS-Staat bzw SHS-Kgr
  28. In dem es eigentlich darum ging, wieviel seines Territoriums Kroatien mit in die Unabhängigkeit nehmen konnte
  29. Der Kampfjet, mit dem er sein Überlaufen begann, befindet sich nach wie vor in Österreich
  30. Mesic löste 1990 nach einem Votum des kroatischen Parlaments den bisherigen kroatischen Vertreter im Staatspräsidium, Suvar, ab, der ’89 gewählt worden war, noch vom Ein-Parteien-Parlament. Dieser blieb kommunistisch und pro-jugoslawisch, auch über die Umwandlung der kroatischen KP zu einer sozialdemokratischen Partei hinaus
  31. Hassan Firouzabadi, der 1989 Generalstabschef wurde, ist da als “Quereinsteiger” gewissermaßen eine Ausnahme. Was Adenauer zur Aufbau der Bundeswehr unter ehemaligen Wehrmacht-Generälen gesagt hat, “Ich glaube nicht, dass mir die NATO 18-jährige Generale abnehmen wird”, gilt (umgesetzt auf die Landesverhältnisse) natürlich allgemein
  32. Wobei die Schiiten im Irak einen sehr grossen Teil der Bevölkerung ausmachen (~60%), die Araber Irans einen sehr kleinen (~2%)
  33. Wie Mohagheghi und die anderen iranischen Offiziere, die sich nach dem Umsturz Khomeini unterstellten, dann aber eine Gelegenheit suchten, ihn zu beseitigen
  34. Dies, um nicht unterwegs als Soldat erkenntlich zu sein. Mit den Uniformen konnten IS-Leute später bei und in militärischen Einrichtungen Sprengstoffattentate durchführen, für die sie ihren eigenen Tod in Kauf nahmen
  35. Das Söldnertum, wie bei Borchers, bedeutet vielleicht an sich eine Art Desertieren oder Überlaufen
  36. Man muss aufpassen. Ein Spion/Spitzel für eine Gegenseite ist nicht automatisch ein Überläufer. Er kann auch aus unpolitischen Gründen agieren, wie für Geld. Aber, auch dann ist “bemerkenswert”, dass Einer in diesem Kontext opportunistisch agiert, bzw dies eine politische Aussage
  37. Etwa im Fall des bulgarischen Gewichthebers Suleymanov, der in den 1980ern in die Türkei überlief, und sich dann Suleymanoglu nannte. Suleymanov/-oglu war Angehöriger der türkischen Volksgruppe in Bulgarien; da kam das Nationale und das (System-) Politische zusammen, zu Zeiten der kommunistischen Einparteienherrschaft in Bulgarien

Die Türkei zwischen Orient und Okzident

Bezüglich der aktuellen Entwicklungen in der Türkei gibt es im Westen wenig realistische Analysen, vieles von dem Geratter darüber hat mit den tatsächlichen Problemen dieses Landes wenig zu tun. Besonders im Hinblick auf die Regierung von Erdogan und der AKP (und ihren inner-türkischen Gegnern!) sind viel Unverständnis und Verdrehungen fest zu stellen. Es hat unter ihm auch viele Fortschritte gegeben, aber gerade im letzten Jahr grosse Rückschritte. In diesem Artikel wird eine historische Kontextualisierung der gegenwärtigen Situation vorgenommen, der “Zerreissprobe” zwischen Fahne und Kopftuch, Istanbul und Anatolien, dem “Anschluss” an den Westen oder die Region, beginnend mit dem Übergang vom späten Osmanischen Reich zur Republik Türkei. Der Übergang von der Herrschaft der Kemalisten und des Militärs zu jener der AKP (und zu mehr Demokratie) 80 Jahre später ist wahrscheinlich ein eben so bedeutender Umbruch.

Vom Osmanischen Reich zur Türkei

Das späte Osmanische Reich (19. Jh, frühes 20.) war geprägt von Krisen und Umbrüchen, ging schliesslich im 1. Weltkrieg unter. In Kleinasien/Anatolien, dem Kernland dieses Reichs, erhob “man” sich danach gegen westliche Mächte und Nachbarn, erfolgreich, und begründete die Türkei. Besonders die Zeit von 1908 (Machtergreifung der Jungtürken) bis 1938 (Tod “Atatürks”) waren für die Bewohner Kleinasiens//Anatoliens und umliegender Regionen (wie Ost-Thrakien und Antiochia) die dann die Türkei bildeten, eine von radikalen Umwälzungen, die für sie oft tödlich ausgingen.

Grosse Teile der autochthonen christlichen Völker der Länder (hauptsächlich Armenier, Griechen, Assyrer) die dann die Türkei ausmachten, versuchten den Auseinanderfall des Osmanischen Reichs im 1. Weltkrieg für irredentistische oder “separatistische” Ziele zu nutzen, wie auch die (grossteils moslemischen) arabischen Völker in anderen Teilen dieses Reichs damals. Und auch die Macher des zionistischen Projekts für Palästina, das ja nicht eines der Juden im Osmanischen Reich war. Mit den zionistischen Siedlern in Palästina hatten die Jungtürken bis zu einem gewissen Grad zusammengearbeitet, was die spätere türkisch-zionistische Kooperation begründete.

Die nicht an Türken assimilierten Gruppen in Anatolien waren hauptsächlich diese christlichen Völker; die nicht-türkischen moslemischen Ethnien wie Kurden oder Tscherkessen trugen das Vorgehen gegen diese um den 1. Weltkrieg herum grösstenteils mit, bzw das türkisch-nationale Projekt. Wenige Kurden unterstützten die Truppen der Entente nach dem 1. WK, die meisten kämpften für Kemal, ähnlich war es bei Tscherkessen. Die Kurden als letzte grosse nicht-türkische bzw nicht-assimilierte Ethnie in der Türkei dann gerieten bald in einen Gegensatz zu dieser und in den frühen Jahren der Republik lehnten sie sich gegen diese auf. Nun ging dessen Militär gegen deren Kämpfer vor, oder, um es auf’s Ethnische herunter zu brechen, Türken und Türkisierte gegen Kurden.

Der Welt-Krieg hatte für das Osmanische Reich mit einer Niederlage geendet, mit der Aufteilung des Territoriums. Die “Flamme” des türkischen Nationalismus und seiner militärischen Umsetzung ging von Jungtürken auf Kemalisten über1. Der areligiöse Atatürk sprach während der “Unabhängigkeits”- oder “Befreiungs”-Kriege” gegen Westmächte und Regionalmächte vom “Jihad”, von einem “Kreuzzug” den es abzuwehren galt. Diese Kriege (1919 bis 1922) führten zur Gründung der Republik Türkei. Der Neubeginn stand im Zeichen von Verwestlichung, nachdem das alte Reich gegen westliche Mächte untergegangen war. Der Islam wurde ganz in den Hintergrund gedrängt, blieb aber ein wichtiger Faktor, vor allem als Definitionsmerkmal für “Türken”. Hülle statt Inhalt. Diese Türkei war eine Militärbürokratie, mit Atatürk als Führer, mit der CHP als einziger Partei. Auch nach Atatürks Tod und zeitweiliger Demokratisierung blieb sie das bis 2002.

Kayaköy/Livissi an der südlichen Westküste der Türkei, ein verlassenes Dorf. Es wurde schon schon vor dem Bevölkerungs-Austausch 1923 von seiner griechischen Bevölkerung grossteils verlassen, während Verfolgungen im 1. WK. Möglicherweise ist ein Teil geblieben/zurückgekehrt. Am Ende des griechisch-türkischen Krieges, 1922, flüchteten die Verbliebenen /Zurückgekehrten. Seither ist es eine Art Museumsdorf bzw Kulturdenkmal. Griechen blieben ab 1923 nur in Istanbul und den 2 türkischen Ägäis-Inseln

Die aus Anatolien2 und Ost-Thrakien bestehende Türkei musste als Nation neu “erfunden” werden. Woher die Identität beziehen, wohin sich orientieren. Die ursprünglichen Türken waren im Hoch-Mittelalter von Ostasien über Zentralasien und Persien ins damals byzantinische Kleinasien eingedrungen, eroberten dieses schrittweise. Aber auch auf der “Route” dorthin liessen sich Türken nieder, hauptsächlich in Zentralasien. Und, sie vermischten sich überall mit der dort länger ansässigen Bevölkerung3. In Kleinasien mit Griechen, Armeniern, Kurden, Assyrern, Georgiern, Arabern,…, also auch mit früheren und späteren Feinden. Ein Teil der Karamanli-Griechen im anatolischen Kappadokien ist zB zum Islam übergetreten und damit zu Türken geworden. Es gab alles von “gemischten” Partnerschaften (freiwillig oder nicht) bis zu kultureller Assimilation. Die Knabenlese (hauptsächlich bei Balkan-Völkern) in osmanischen Zeiten trug auch zum türkischen Völkermix bzw zur Einschmelzung Anderer als “Türken” bei.

Diese Einschmelzung erfolgte über den sunnitischen Islam; wer im osmanischen Machtbereich im türkischen Siedlungsbgebiet (also nicht in den arabischen Ländern) lebte und Moslem war, war (mehr oder weniger) Türke (> türkisch-moslemische Synthese). Im Osmanischen Reich gab es bereits Gross-Wesire ausländischer (nicht-türkischer) Herkunft (etwa Mehmet Sokolowitsch), auch Sultane (über die mütterliche Linie), und die meisten Führer der Jungtürken (die quasi am Anfang eines türkischen Nationalismus stehen) hatten Wurzeln in Südost-Europa. Und auch in der Türkei gab und gibt es von Präsidenten bis Rechtspolitikern Leute mit nicht-türkischem Einschlag. Gerade wegen dieses diffusen Bildes, mit Wanderungen und Vermischungen, Kulturtransfers, hielt man es in der Führungsschicht der Türkei für nötig, Geschichtstheorien aufzustellen, die Homogenität und Kontinuität behaupteten, geschichtsrevisionistische Geheimgeschichten (etwa über eine “Sonnensprache”).

Die Kurden im osmanisch-türkischen Machtbereich machten die Kriege und Massaker um den 1. WK weitgehendst mit, dann wurden ihre Hoffnungen (und Versprechungen) bzgl ihrer Stellung in der Türkei nicht erfüllt. Kurden, im Westen früher in erster Linie als Unterdrücker orientalischer christlicher Völker (Armenier, Assyrer) gesehen (nicht ganz zu Unrecht), hatten eine entscheidende Beteiligung am Völkermord an diesen. In den 1920ern und 30ern erhoben sich Kurden gegen die Republik Türkei, aus nationalen wie aus “kulturellen” Gründen (die Zurückdrängung des Islam in der Republik). Die (niedergeworfenen) Kurdenaufstände waren zT religiös motiviert, jener 1925 unter Scheich Said Piran etwa, einem Naqshbandi-Geistlichen. Es gab in der Republik Türkei auch weitere Assimilierungen von Kurden an Türken.

Bei Nicht-Türken in der Türkei wurden, in Fortführung der osmanischen Tradition, nur religiöse Identitäten anerkannt. Kurden als (überwiegend) Moslems bekamen so lange keinerlei Anerkennung ihrer ethnischen Besonderheit. Und bei Nicht-Moslems wird ihre religiöse Identität anerkannt,  ihre ethnische nur sehr eingeschränkt (etwa in Form der griechischen und armenischen Schulen in Istanbul). Schon gar nicht war/ist es geduldet, politische Forderungen aufgrund dieser ethnischen Identität zu stellen.

Atatürk konnte durch die militärischen Erfolge unter seiner Führung die Türkei nach seinen Wünschen gestalten. Die Atatürk-Republik wurde von ihrer Gründung 1923 bis zum Tod des Führers 1938 geschaffen, ganz von oben, von einer im Westen des Landes beheimateten Führungsschicht, gestützt auf das Militär. Die Religion (der sunnitische Islam) wurde dem Staat unterstellt (dem Religionsamt Diyanet), zT von diesem in Dienst genommen, und durch einen obsessiven Nationalismus ersetzt.4 Der Islam wurde von den Herrschern der frühen Türkei als un-westlich und un-türkisch gesehen, aber auch im kemalistischen Säkularismus blieb der sunnitische Islam die “Norm”. Bezüglich der Orientierung sagte Atatürk: “Es gibt nur eine Zivilisation, die europäische”. Er und seine Mitstreiter hatten aber eine sehr einseitige Vorstellung von Fortschritt und Westen, setzten diese um.

Die Wahlen 1923 bis ’43 fanden nur mit der CHP statt (also auch noch unter Atatürks Nachfolger Inönü); es gab zeitweise vom Regime gesteuerte “Oppositionsparteien”, aber auch diese durften nicht antreten. Dass die Säkularen in der Türkei nicht unbedingt Demokraten waren und sind, einen oligarchischen, auf das Militär gestützten Einparteienstaat schufen, mit einem aufgeblasenen, intoleranten Nationalismus, der Teile der eigenen Bevölkerung ausschloss, stört Manche im Westen auch heute noch nicht. Besonders im Osten des Landes, wo die Säkularisierung besonders wenig Rückhalt hatte, bildeten sich parallelgesellschaftliche Strukturen, zB geheime Koranschulen. Hinzu kam dort das Kurdisch-Nationale.

Die Türkei nach Atatürk

Die Türkei unter M. Kemal “Atatürk” war alles andere als eine Demokratie, Anfänge davon gab es 8 Jahre nach seinem Tod. 1946 wurden weitere Parteien zugelassen; die DP kam bei der Wahl in diesem Jahr (die erste mit mehreren Parteien) hinter der CHP ins Parlament. 1950 siegte sie, Menderes wurde Ministerpräsident, Bayar Staatspräsident. Die CHP-Herrschaft endete, aber das Militär hielt den Kemalismus aufrecht. Die westliche Ausrichtung der Türkei wurde unter DP-Regierungen in den 1950ern durch Aufnahme in die NATO und die EWG-Assoziierung5 “formalisiert”. Die Türkei wurde eine Art westlicher Brückenkopf, im Kalter Krieg, das war weniger gegen den Islam als den Kommunismus gerichtet. Auch die Zusammenarbeit mit Israel begann unter Menderes.6 Die DP war wirtschaftlich für weniger Staatsinterventionen; in ihrer Regierungszeit gab es auch mehrere Urbanisierungswellen (v.a. die Landflucht aus dem Osten nach Istanbul) und die Mechanisierung der Landwirtschaft.

Bis 1950 stammten die meisten Herrscher der Türkei (Kemalisten) vom Balkan, die in letzten Jahren des Osmanischen Reichs nach Anatolien gekommen waren, auch Atatürk; auch die zuvor herrschenden Jungtürken-Führer. Die DP war anatolischer als die CHP, es gab unter ihr auch mehr Kurden und Alewiten in Parlament und Regierung. Die DP war religiös liberaler, damit wuchs aber Einfluss der religiösen Sunniten, was sich wiederum gegen Alewiten richtete.7 Hatten die CHP-Regierungen die Kurden militärisch bekämpfte, setzte die DP auf Assimilation durch Bildung und Investitionen.8 Im Diskurs war, wie auch später, von den “östlichen Provinzen” die Rede. DP-Regierungen taten mehr, um deren Rückstand wett zu machen. Einen neuen Diskurs über Nation(alismus) und Ethnizität haben sie aber nicht eingeleitet.

Der von Jungtürken und Kemalisten propagierte Nationalismus der Türkei war immer ein Ethno-Nationalismus, kein Territorialnationalismus oder einer des Demos (also auf die Bevölkerung im Staatsgebiet bezogen, egal welcher Ethnie). Ein Ethno-Nationalismus, der (“echte”) “Türken” in der Regel über die Zugehörigkeit zum Islam definiert – Zugehörigkeit, nicht Ausübung. Und nicht über Abstammung; in Fortführung osmanischer Traditionen war der Weg zur Assimilation für so gut wie Alle offen (wenn sie ihre bisherige Kultur und Identität aufgaben). Hemshinli oder Dönmeh haben insgeheim ihre armenische oder jüdische Identität beibehalten9, während Andere jene ihrer Vorfahren unwiderbringlich verloren haben. Man konnte Staatspräsident (wie Özal mit kurdischen Wurzeln) und Ministerpräsident (wie Mesut Yilmaz mit seinen lasisch-georgischen) werden, so lange man der türkisch-sunnitisch-kemalistischen Norm entsprach bzw sich an sie assimilierte.

Christliche und jüdische Türken (Türken im Sinne von Staatsbürgern) bewahren ihre nicht-türkische (im Sinne von Ethnos) Identität; Angehörige diverser moslemischer Ethnien nur zum Teil: Kurden, Araber (im bzw aus dem Antiochia-Gebiet), Tscherkessen, Lasen, Sinti, Albaner,… Echte(re) Türken heben sich (kurioserweise) auch meist von Türkei-Türken ab. Es gab ab der Gründung der Türkei diverse Umsiedlungsaktionen von Türken die anderswo (am Balkan, in Vorderasien, am Kaukasus,…) lebten, zu osmanischen Zeiten ausgewanderten (oder an diese assimilierte) osmanische Türken oder Angehörige von diversen Turkvölkern. 1952 gab es etwa ein türkisch-chinesisches Umsiedlungsabkommen, Uiguren aus Sinkiang betreffend10. Einwanderer aus Aserbeidschan, dessen Bevölkerung auch als Turkvolk gilt, zeichnen sich dadurch aus, dass sie dem schiitischen Islam anhängen.

1923 wurden ja auf westliche Initiative hin Türken aus Griechenland (definiert durch Islam) und Griechen aus der Türkei (definiert durch das orthodoxe Christentum) in das jeweils andere Land umgesiedelt. Ausgenommen waren davon Griechen in und um Istanbul (wo auch der orthodoxe Patriarch seinen Sitz hat) und Türken in West-Thrakien.11 Angehörige christlicher Minderheiten in der Türkei gelten seit dem 1. WK dort gerne als “Verräter”, nicht als Opfer. Diskriminierung von Minderheiten betrifft vor allem sie. 1955 gab es einen Falsche Flagge-Angriff auf das türkische Konsulat in Saloniki (durch den türkischen Geheimdienst, wahrscheinlich auf Anordnung von Menderes), danach ein staatlich gelenktes Pogrom in Istanbul gegen die in der Stadt verbliebenen Griechen sowie andere Christen.12

Der Militär-Putsch 1960, der erste der Türkei, war nicht zuletzt durch die Haltung der DP zum Islam motiviert. Menderes wurde bei seinem Verhör nach Absetzung und Festnahme (vor der Exekution) auch zu seiner Kurdenpolitik befragt. Das Militär wurde in Teilen des Westens als “Wächter von Demokratie und Laizismus” gefeiert, nicht als innenpolitische Kraft eingeschätzt, die eine säkulare Oligarchie erhalten wollte. Die Parteienlandschaft wurde infolge des Putsches “neu geordnet”, also die DP und andere verboten, neue genehmigt. Die Religion (der Islam) wurde wieder ausgeblendet. Die CHP unter Inönü kehrte 1961 an die Macht zurück, nach der Parlaments-Wahl unter Militärherrscher Gürsel. 1965 wurde Demirel von der AP Premier, Generäle besetzten die Position des Staatspräsidenten, bis Özal 1989.13

1971 fand eigentlich kein richtiger Putsch statt, das Militärs verlangte nach einer neuen Regierung und einem neuem Kurs; Premier Demirel musste zurück treten. Hintergrund war damals v.a. die Angst vor der Linken; das war damals die TIP, die auch als erste Partei einen anderen Zugang zur “Kurdenfrage” suchte. Es ging (ihr) aber auch um Arbeiterrechte, Bauernbesitz. Sie wurde ’71 dann (erstmals) verboten. Im Hintergrund hatte die USA-Regierung Druck ausgeübt.

Herausforderungen für die CHP-Republik (die zumindest autoritär war, Züge einer Diktatur hatte) waren v.a. der kurdische Nationalismus und der sunnitische Islamismus; daneben die Linken und der ethnische Partikularismus kleinerer Gruppen – von den Armeniern auch in Form der ASALA, die aber vorwiegendst aus nicht-türkischen Armeniern bestand. Die Rolle des Islam im bzw für den Staat stand ab der Spätphase des Osmanischen Sultanats zur Diskussion, wie auch das Nationsverständnis und das Verhältnis zum Westen und seiner Kultur. Der Islam blieb in den “kemalistischen” Jahrzehnten eine gesellschaftliche Kraft sowieso, aber auch ein Bestandteil des Nationalismus, der staatlich definierten Identität.

Was immer wieder zu beobachten ist, ist dass Laizisten/Säkulare, ob kemalistische “Westisten” oder Nationalisten, ggü Nicht-Moslems (das sind v.a. Angehörige christlicher Völker) und auch zu nicht-türkischen Moslems (v.a. Kurden) intoleranter sind als die Religiösen bzw moderaten Islamisten der aus der Mili Görus-Bewegung von Erbakan hervor gegangenen Parteien – die erste war die MNP, die 1971 verboten wurde. Die westliche Sicht ist oft, dass die westlich ausgerichteten Kemalisten am demokratischsten und minderheitenfreundlichsten sind. Mit der Herrschaft der CHP, dem Kemalismus, hat sich aber die osmanische Tradition der Herrschaft von oben fortgesetzt, auch die starke Stellung des Militärs. Und der Islam wurde durch einen Nationalismus ersetzt, der viel intoleranter ist, der einen Teil der Bevölkerung ausgrenzt bzw zur totalen Assimilation zwingt, der die anatolischen Massen wie auch die Minderheiten degradierte.

Die Vorgänger-Partei der jetzigen Nationalisten-Partei MHP ist die CKMP, die 1958 bis 1969 existierte. Alparslan Türkeş, ein Militär, der zT in der USA ausgebildet wurde und für das türkische “Gladio” aktiv war, hatte schon in der CKMP eine Führungsrolle inne, begründete die MHP 69 (oder benannte die Partei um). Grossen Einfluss auf Türkes hatte der Schreiber Nihal Atsiz. Dieser, in den früheren Jahren der Türkei aktiv, war gegen die (ohnehin nur theoretisch gegebene) Gleichberechtigung “nicht-türkischer Türken” in der Türkei, für einen Ethno-Nationalismus. Der Islam war für ihn kein Bezugspunkt (er versuchte “Rückgriffe” auf vor-islamisches, vermeintlich türkisches), auch nicht für die Definition von “echten Türken”. Atsiz, eine Bezugsfigur für türkische Armenier-Hasser, propagierte pan-türkische, “turanistische” Ideale, hauptsächlich Turkvölker in der damaligen Sowjetunion betreffend; während sich der kemalistische Nationalismus, normalerweise streng auf die Türkei beschränkt.

Dem ermordeten armenischen Türken (oder türkischen Armenier?) Hrant Dink zufolge war MHP-Führer Türkeş, der türkische Ultra-Nationalist, armenischer Herkunft; ein Waise (durch den Völkermord) aus Sivas, der dann von einem türkischen Ehepaar aus Zypern adoptiert wurde. Sicher ist, dass auch bei den Türken viele “un-echte” Angehörige dieser Nation (deren Vorfahren eingetürkt wurden) besonders eifrige Nationalisten sind. Türkes bzw die MHP (der die Grauen Wölfe nahe stehen) versöhnten den Türkismus mit Islam, den Atsiz als “arabische Religion” verachtete. Die MHP gewann bei den Wahlen 1973 und 1977 so viele Sitze, dass sie als Junior-Partner in Rechtsregierungen von Demirels “Gerechtigkeits-Partei” (AP) eintrat. Ihr Chauvinismus richtet sich gegen Minderheiten, Nachbarvölker, Linke.

Infolge der dritten Militär-Intervention in die türkische Politik, 1980, gab es (wieder) Verhaftungen von Politikern, Ausflösungen von Parteien; die Rolle des Militärs wurde auf Dauer weiter gestärkt. Putschisten-Führer Kenan Evren hatte die Unterstützung der USA und anderer westlicher Mächte. Der luxemburgische Aussenminister Jean Asselborn hat kürzlich die aktuellen Entwicklungen in der Türkei mit jenen in der Nazi-Zeit verglichen. Wie sind dann aber die Zustände in der Türkei in den 1980ern einzustufen? Diese waren eine extrem restriktive Zeit durch die Militärherrschaft, besonders für Linke, Islamisten (der Mili Görüs-Richtung) und Minderheiten. Die Freiräume die es in den 1970er noch gegeben hatte, waren weg. Der Istanbuler armenische Geistliche Yerkatian, der damals verhaftet, gefoltert und eingesperrt wurde14, beschrieb später, im Exil, anerkennend dass Linke, die mit ihm im Gefängnis waren, ihm beim Essen halfen, was ein Problem war, da man ihm bei Verhören die meisten Zähne ausgeschlagen hatte.

Das Parteiensystem entstand allmählich neu und Ende der 80er zogen sich die Generäle wieder in den Hintergrund zurück. 1984 begann ein neuer Aufstand der Kurden in der Südost-Türkei, jener der PKK, vom Militär bekämpft. Das Regime favorisierte die neoliberale ANAP von Turgut Özal. Nachfolgepartei von DP und AP wurde die DYP. CHP und MHP kämpften sich wieder zurück. Dass “Westismus”, Religiosität, Nationalismus die politischen Hauptrichtungen der Türkei sind, kristallisierte sich erst allmählich heraus.15 Erbakans Refah Partisi (Wohlfahrts-Partei) wurde bei der Wahl 1995 stärkste Partei. 1996/97 regierte die RP einige Monate zusammen mit der DYP16, ehe Erbakan vom Militär bzw dem herrschenden System zum Rücktritt gezwungen wurde. Abdullah Gül, damals RP, war „Staatsminister“ in dieser Regierung. Erdogan war damals Bürgermeister von Istanbul.

1999 bis 2002 war Bülent Ecevit von der CHP-Abspaltung DSP zum 4. Mal Premier. In seiner ersten Amtszeit 1974 hat er einen Teil Zyperns besetzen lassen, in dieser letzen wurde unter ihm PKK-Chef Öcallan entführt (vor der Wahl ‘99; mit israelischer Hilfe, in Kenia). Wie die kurdische Partei(en) wurde auch die islamistische Partei immer wieder verboten, dann unter neuem Namen wieder gegründet. Die islamistische war um die Jahrtausendwende die Fazilet Partisi, FP, bei der Necmettin Erbakan gezwungener maßen im Hintergrund stand. Sie kam bei der Wahl 1999 ins Parlament, wurde 01 vom Verfassungsgericht verboten. Bald darauf gründete der reformistische bzw gemäßigte Teil des islamistischen Lagers (das kein salafistisches ist) die AKP, der konservativere, mit Erbakan, die Saadet Partisi (SP), die nach wie vor besteht, aber nie ins Parlament kam.

Das Ende der kemalistischen Türkei (?)

Der Roman „Schnee“ von Orhan Pamuk (Literatur-Nobelpreis 06) kam 02 im türkischen Original als „Kar“ heraus, wurde wohl in den Jahren davor geschrieben und spielt anscheinend auch in diesen letzten Jahren der kemalistischen Herrschaft in der Türkei. Im Buch sind die (Erbakan-)Islamisten die Herausforderung für das System im Hintergrund: „Schnee“ spielt entweder zur Zeit der Fazilet Partisi (die 98 bis 01 bestand) oder der Refah Partisi zuvor, 83-98. Der Staat war damals kemalistisch, säkular, westlich, materialistisch, nationalistisch. Damals hörte der Geheimdienst (MIT) die RP (oder die FP) ab (aber auch Linke, Demokraten, Autonomisten,…), heute kontrolliert deren Nachfolgepartei AKP (auch) den Geheimdienst. Damals hatten Religiöse allenfalls in Teilen der Provinz (“abgelegenen” ruralen Gebieten) Rückzugs- bzw Machtgebiete, aufgrund des fehlenden Föderalismus aber nicht “offiziell” (nicht durch Machtausübung über eine Regionalregierung).

Der Protagonist “K“ war nach (West-)Deutschland gegangen weil er unter der Militärdiktatur verfolgt wurde. Die meisten Türken in Deutschland fanden ihn zu intellektuell. Unter Anderem wegen der Liebe treibt es ihn nach Kars im äussersten Osten der Türkei, Grenzstadt, zur SU, heute zu Armenien. Kars, eigentlich ein Teil West-Armeniens, war 1878-1919 russisch beherrscht und armenisch geprägt. Heute ist Kars ist eine von 2 Provinzen der Türkei, die an (Ost-) Armenien grenzen (die andere ist Igdir), es gibt die Reste einer Brücke über den Aras. Es gibt in dem Roman viele Einschübe von nicht-fiktiver Landeskunde, vielleicht ist aber auch die Handlung eine Art Landeskunde. Bezüglich der Selbstmorde von Frauen in der Region stellt sich die Frage, ob eine patriarchal-religiöse Gesellschaft dafür verantwortlich ist oder eine Unterdrückung der Religion (das damalige Kopftuch-Verbot in staatlichen Gebäuden wie Universitäten).

Bei der Wahl 2002 kam keine der Regierungsparteien DSP, ANAP, MHP über die 10%-Hürde17 und ins Parlament (und auch nicht die DYP der Ex-Ministerpräsidentin Csiller). Die AKP gewann erstmals und die CHP wurde einzige parlamentarische Opposition. Da AKP-Chef Erdogan aufgrund der Verurteilung wegen eines Gedichts (98) noch nicht für’s Parlament kandidieren konnte, wurde Abdullah Gül nach dem Wahlsieg als sein „Platzhalter“ Premierminister. Nachdem Erdogan durch eine Nachwahl 03 ins Parlament nachrückte, wurde er anstatt Gül Regierungschef. Der Machtwechsel leitete tiefgreifende Veränderungen ein, nicht nur eine Re-Islamisierung und “Einschränkung von Freiheiten”, wie das manchmal verzerrt dargestellt wird. Und einen Machtkampf im Land, eine Polarisierung, zwischen AKP und CHP, zwischen Anatolien und der Westküste, zwischen Masse und Elite, zwischen (gemäßigten) Islamisten und (westistischen) Nationalisten.

In das Jahr der AKP-Regierungsübernahme fiel der grösste Erfolg des türkischen Fussballs, der 3. Platz des Nationalteams bei der WM in Ostasien 18. Der Star dieser Mannschaft, Hakan Sükür, wurde später Parlaments-Abgeordneter für die AKP, unterstützte dann aber im Richtungsstreit zwischen Recep Erdogan und Fethullah Gülen zweiteren und musste wie dieser in die USA emigrieren. Der von der Nurcu-Bewegung beeinflusste Gülen ist stärker türkisch-national und westistisch als Erdogan; er flüchtete 1999 vor der kemalistischen Justiz.

Im Laufe der Jahre tasteten die AKP-Regierungen auch die “CHP-Bereiche” Justiz, Militär, Medien, Unis an. Die kemalistische Elite hat Anatolien absichtlich wirtschaftlich-infrastrukturiell vernachlässigt19
, um die ländlichen, religösen Massen klein zu halten, ist auch (mit)verantwortlich dass viele von diesen nach Westeuropa gehen “mussten”. Beim Fähnchenschwingen und Bekenntnissen zum Säkularismus ging und geht es auch um die Beibehaltung der Vorherrschaft der alten kemalistischen Elite, die hauptsächlich von den Städten der Westküste (v.a. Istanbul) ausging. An die AKP klammer(te)n sich u.a. jene, denen das Entstehen einer islamisch geprägten Mittelklasse ein Anliegen war/ist. In der West-Türkei beheimatete und westlich ausgerichtete Oberschicht, am Kemalismus orientiert, einerseits, anatolische, religiöse, rurale, stärker der Region (Vorderer Orient) zugehörige Klassen andererseits. Ein Aufeinandertreffen“ der beiden „Welten“ im Roman “Schnee” ist nicht zuletzt das Gespräch eines religiösen „Hinterwäldlers“ mit einem Professor, der Teil des säkulares Establishments ist, in einem Lokal; nach einer Diskussion über Religion und Säkularismus und das Kopftuch-Verbot an Hochschulen erschiesst ersterer den zweiteren. Ein Grundkonflikt der Türkei, dieser Antagonismus bestimmt das Land und den Roman. Pamuk stellt beide Seiten schon differenziert dar.

W. G. Lerch schrieb in der FAZ, schon ziemlich am Anfang der “Ära Erdogan”, dass bei Jenen, die um „den säkularen Charakter der Türkei fürchten“, freilich auch ein gerüttelt Maß an Enttäuschung über den Machtverlust der alten Elite im Spiel ist. Die Politik der seit ’02 oppositionellen Kemalisten (CHP)20 zeugt(e) auch davon, besonders in den Jahren des Vorsitzes von Deniz Baykal (2000-2010). Auch beim türkischen Militär (und seinen Apologeten) finden sich heuchlerische Bekundungen des Missfallens bezüglich der AKP. Alles mögliche, nur nicht das Bekenntnis zum Anspruch, weiter aktiv an der Tagespolitik mitzumischen.

Die moderaten Islamisten (AKP) haben eine andere Nations-Auffassung als die Kemalisten und Nationalisten. Paradoxerweise hat die AKP bezüglich der “muslimisch-nationalen” Identität der Türkei etwas zum Positiven verändert. Beispiel: Das griechisch-orthodoxe Priesterseminar auf der Prinzeninsel Chalki/Heybeliada bei Istanbul. Dieses hat seit seiner Gründung 1844 12 orthodoxe Patriarchen hervor gebracht, Patriarchen von Kontantinopel, die einen Ehrenvorrang vor den anderen orthodoxen Patriarchen haben. Die Gründung der Theologischen Schule kam bald nach der griechischen Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich, überlebte die Erweiterung Griechenlands auf osmanische Kosten, den Griechisch-Türkischen Krieg nach dem 1. Weltkrieg,… Für die immer kleiner gewordene griechische Minderheit in der Türkei aber auch für die christlich-orthodoxe Welt hat das Patriarchat grosse Bedeutung. Und, zur Ausbildung dieser Patriarchen ist dieses Seminar notwendig, bzw für Geistliche, die dann in der Hierarchie nach oben aufsteigen können. Es ist ohnehin schwierig genug, aus einem Kreis von vielleicht 1000 Menschen einen geeigneten Kandidaten dafür zu finden; etwa 2000 Personen umfasst die griechische Gemeinde in der Türkei (Istanbul, Imbros, Tenedos), davon fallen weibliche Personen als Kandidaten weg.

Nach der Militärintervention 1971 wurde das Priestereminar geschlossen; das entsprechende Gesetz war nicht speziell dafür erlassen worden, es verbot allgemein nicht-staatliche höhere Bildungs-Institutionen. Es ging damals um (gegen) die Universitäten als “Brutstätten” der “Subversion” und gegen politischen Islamismus. Es gibt verschiedene Angaben, welche Institution eigentlich für das Gesetz bzw die Schliessung verantwortlich war, das Verfassungsgericht, das Parlament, das Militär,… Jedenfalls war die Schliessung kemalistische Politik. Seit einigen Jahren wird über die Wiedereröffnung diskutiert, ungefähr seit die AKP an die Regierung kam. Unter AKP-Regierungen wurden auch Immobilien an Kirchen zurück gegeben oder ein anderer Zugang zum Völkermord an den Armeniern gesucht. Die CHP ist, aus säkularen Gründen, gegen Wiedereröffnung, die MHP aus nationalistischen. Es gab Kompromissvorschläge, die den Weg zur Wiederöffnung ebnen sollten, etwa, das Seminar an die Universität Istanbul anzugliedern, diese wurden aber von Patriarch Bartholomäus abgelehnt. 2004 hat Bildungsminister Hüseyin Çelik (der arabischer und kurdischer Herkunft ist) in Beisein seines griechischen Kollegen Petros Efthimiou anlässlich des Jubiläums einer griechischen Schule in Istanbul gesagt, er sehe keinen Grund, warum das Seminar nicht geöffnet werden sollte. Er sagte, wenn eine islamisch-religiöse Fakultät im Zentrum Rotterdams eröffnet wird, warum nicht auch dieses Seminar wieder…

Es ist eben der positivere Zugang zur Religion allgemein (und die Einstellung dass der Staat nicht unbedingt über ihr zu stehen hat), der AKP-Politiker hier für einen anderen Zugang offen macht. Als USA-Präsident Obama 09 im türkischen Parlament sprach, nahm er sich des Themas Chalki-Seminar an, anerkannte Reformen der vergangenen Jahre und forderte weitere, auch die Wiederöffnung. Es ist bis jetzt noch nicht dazu gekommen. Möglicherweise fürchten die AKP-Regierungen, dass CHP und MHP dieses “Entgegenkommen” verwenden würden, um einen nationalistischen Wahlkampf gegen sie zu führen. Eventuell hat Erdogan die Frage auch verknüpft mit jener des Baus einer Moschee in Athen. Dieser wurde beschlossen, verzögert sich aber wegen des Widerstands rechter Griechen, die von westlichen Islamophoben unterstützt werden

Taner Akcam, der einst vor der Militärdikatur der Türkei nach Deutschland flüchtete und sich “offensiv” des Themas Armenier-Völkermord annimmt (ihn nicht leugnet), sagte in einem “Standard”-Interview 2015: “Die AKP tat sich leichter, über die Verbrechen der Vergangenheit zu sprechen, weil sie damit ihre Feinde treffen konnte – das Militär und die Bürokratie. Erdogan und seine Partei begannen mit Dersim, was am einfachsten war.[Die Entschuldigung, s.u.] Sie konnten auf diese Weise ihre politischen Gegner angreifen, die Sozialdemokraten[?] der CHP, die damals, in den 1930er-Jahren, im Ein-Parteien-Staat herrschten. Beim Völkermord an den Armeniern weiß die AKP, dass hier etwas Fürchterliches passierte; aber sie weiß nicht, wie weit sie gehen soll. Der Grund ist die Rolle des Islam, der muslimischen Bevölkerung am Mord an der christlichen Minderheit. … die AKP-Regierung bedient sich zumindest nicht der Hassrhetorik der Nationalisten. Der Wechsel der Elite erklärt jedoch nur zum Teil die Öffnung in der Türkei. Aus meiner Sicht war es die Ermordung von Hrant Dink 2007, die die moralische Haltung der türkischen Gesellschaft gegenüber der Vergangenheit verändert hat. Bis zu Hrants Ermordung wurden wir, Historiker und Intellektuelle, von einem Gericht zum nächsten gezerrt; Hasskampagnen wurden gegen uns organisiert. Doch als Hrant Dink umgebracht wurde und Hunderttausende von Menschen auf die Straßen gingen, begannen wir psychologisch die Oberhand zu gewinnen. Heutzutage kann uns niemand angreifen. Die Leugner des Völkermords sind in der Defensive, wie sich an den Debatten zeigt. Das mag sich wieder ändern, wenn Nationalisten an die Macht kommen – daran habe ich keinen Zweifel. Aber die Zivilgesellschaft in der Türkei ist gleichzeitig in den vergangenen Jahren gewachsen, die kurdische Bewegung ist stärker geworden. Die Kurden haben sich mittlerweile mehrfach für ihre Rolle im Völkermord entschuldigt. Je näher wir einer Lösung der Kurdenfrage kommen, desto näher gelangen wir an den Punkt, an dem wir das Thema des armenischen Völkermords öffnen können.”

Es sah bei Erdogan nach einem historischen Kompromiss zwischen den historisch einzementierten Fronten zwischen Religiösen, Westisten, Nationalisten, Kurden, aus.21 Die Familie des in Istanbul geborenen Erdogan stammt aus Rize am Schwarzen Meer, im Nordosten, und hat georgische Wurzeln. Was die Kurden-Parteien betrifft, die DEHAP scheiterte 02 noch an der grotesk hohen Sperrhürde von 10%. Ihre Kandidaten (inzwischen war sie als DTP neu gegründet worden) traten bei der nächsten Wahl 07 als Unabhängige an, die gewählten Abgeordneten schlossen sich im Parlament zur Fraktion der DTP zusammen. Bei der ersten Wahl ’15 kam mit der HDP erstmals eine Kurden-Partei über die Hürde.

Jene, die ein Verbot der AKP durch das Verfassungsgericht begrüsst hätten, sollten bedenken, dass dieses Gericht auch immer wieder kurdische Parteien verboten hat. Kurden-Parteien wie Islamisten-Parteien haben eine lange Reihenfolge von Neugründungen unter anderem Namen aufgrund von Verboten. Das Militär war nicht die einzige kemalistische Institution, die gerne einmal ihre Macht über die Politik exerziert hat. Gegen die AKP gab es anscheinend 2 Verbotsversuche, 02 und 08. Der zweite scheiterte nur sehr knapp; der Verbotsantrag kam gleichzeitig mit jenem gegen die DTP (der durchging, 09), und wurde damit begründet dass Erdogan gesagt hatte, Türken, Kurden, Lasen, etc seien alle gleich…

Friedensverhandlungen mit der PKK waren von Erdogan angestoßen worden. Und, zeitweise gelang die Versöhnung zwischen den “historischen Feinden”, mit dem Waffenstillstand 2013. Und, die islamisch-konservative Regierung brachte auch eine Lockerung der antikurdischen Gesetze bzw ein Ende der Ignoranz der Kurden als Nationalität. So wurde 2009 der TV-Kanal TRT 6 geschaffen, der in kurdischen Sprachen (Kurmanci, Zazaki, Sorani) sendet, heute TRT Kurdi heisst. Auch die Rechte anderer Minderheiten wurden gestärkt. Obama bei seinem Besuch 09: “In the last several years, you’ve abolished state security courts, you’ve expanded the right to counsel. You’ve reformed the penal code and strengthened laws that govern the freedom of the press and assembly. You’ve lifted bans on teaching and broadcasting Kurdish, and the world noted with respect the important signal sent through a new state Kurdish television station.”

Über den Widerstand in der CHP gegen das Gesetzespaket für Kurden wurde hierzulande wenig berichtet. Die MHP ist immerhin nicht grundsätzlich gegen Minderheiten-Rechte bzw kulturelle Diversität (sie befürwortet staatliche Unterstützung und Anerkennung für die Alewiten), aber gegen Aussöhnung mit der PKK, für ihre Bekämpfung. In der MHP gibt es mehrere Strömungen, die Partei unterstützt(e) unter Bahceli die AKP mitunter, etwa beim den Umbau der Türkei zur Präsidialrepublik.22 Als Voraussetzung für eine Koalition mit der AKP nach der ersten Wahl ’15 forderte die MHP das Ende des Versöhnungsprozesses mit der PKK. Es kam zwischen den beiden Wahlen 2015 dann eine parteien-übergreifende Übergangsregierung aus Politikern von AKP, MHP, HDP und Parteilosen zustande; bemerkenswert daran war, dass 2 Minister einer kurdischen Partei in einer türkischen Regierung waren und dass die türkische Nationalisten-Partei ihr Partner war.

2011 bekam die AKP die absolute Mehrheit der Mandate, im Juni 2015 verlor sie diese; da danach keine Regierung zu Stande kam, wurde im November 15 wieder gewählt (und wurde dazwischen die Übergangsregierung gebildet), da bekam die AKP wieder die Absolute. Die politische Landkarte der Wahlen sieht seit Anfang des neuen Jahrtausend immer ähnlich aus. Die AKP in der Mitte, die Anderen an den Rändern. Der Westen (die Küste, die Städte, der Schwerpunkt des Landes) ist kemalistisch dominiert (CHP, rot); der Südosten von der Kurdenpartei (DTP/BDP/HDP, zT als Unabhängige gewählt; violett); dunkelrote Einsprengsel für die MHP gibt es v.a. in ländlichen Gebieten der Südküste (Region Adana bzw Kilikien). Die AKP (Parteifarbe Gelb) dominiert im grossen Rest des Landes(inneren). Ausser diesen 4 Parteien sind seit 02 nur bei der Wahl 07 Kandidaten anderer Parteien ins Parlament eingezogen: der rechtsliberalen Anavatan, der islamisch-nationalistischen BBP, der linken ÖDP, sowie der DYP/SHP. Die Erbakan-Partei SP kam sonst meist den 4 Grossen bzw dem Einzug noch am nächsten.

Die Spärlichkeit an nicht-moslemischen Abgeordneten im türkischen Parlament23 sagt auch Viel über die un-ausgesprochene aber nichtsdestotrotz wichtige Rolle des Islam im Staats- und Nationsverständnis in den säkularen, kemalistischen Jahrzehnten aus. Der erste Nicht-Moslem im Parlament der Republik Türkei war der Armenier Berc Keresteciyan, der 1935 anscheinend zusammen mit anderen Angehörigen von Minderheiten von Atatürk (dem er während der türkischen Unabhängigkeitskriege geholfen hat) ernannt wurde. In der (CHP-)Einparteienära gehörten ausserdem einige Griechen und Juden (ebenfalls aus Istanbul) dem Parlament an. 1946 wurden weitere Angehörige von religiös-ethnischen Minderheiten ins Parlament gewählt, für CHP und DP. Zwischen 1950 und ’60 gab es einige Armenier, Griechen, Juden von der DP im Parlament. Einer verfassungsgebenden Versammlung, die nach dem Militärputsch von 60 ernannt wurde, gehörten Erol Dilek, Kaludi Laskari and Hermine A. Kalustyan als Vertreter der Juden, Griechen und Armenier an. Kalustyan war die erste weibliche Minderheiten-Abgeordnete.

Nachdem der Armenier Berc S. Turan 1964 aus dem (inzwischen abgeschafften) Senat ausgeschieden war, vergingen 31 Jahre ohne nicht-moslemische Abgeordnete im türkischen Parlament.24 1995 wurde der Jude Cefi Kamhi für Csillers DYP gewählt. Kamhi war in den 47 Jahren von 1964 bis 2011 der Einzige. Von 1999 bis 2011 gab es wieder keine Nicht-Moslems im Parlament, ehe Erol Dora für die Kurdenpartei HDP gewählt wurde, als erster Assyrer (bzw. Syrisch-Orthodoxer, Jakobit) und möglicherweise als erster Minderheiten-Abgeordneter aus dem Osten des Landes.25

Bei der Juni-Wahl ’15 kamen weitere dazu. Es wurden drei Armenier als Abgeordnete gewählt; sie repräsentieren gewissermaßen drei Richtungen der türkischen Armenier: Garo Paylan aus Ost-Anatolien wurde von der HDP aufgestellt; er ist einer der wenigen Armenier die noch in deren eigentlichen Kerngebiet im türkischen Bereich leben, und er sieht Gemeinsamkeiten mit den Kurden und ihren Anliegen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft bzw dem Staat. Markar Esayan trat für die AKP an, mit den Erneuerern der Grundstruktur des Landes, Gegnern des ausschliessenden Nationalismus. Selina O. Dogan wurde für die CHP gewählt, die Istanbuler Anwältin geht mit der westlichen, säkularen, elitären Türkei. Es heisst, in ihrem Wahlbezirk wäre ein Göksel Gulbey die Alternative als Spitzenkandidat gewesen, und der ist Chef einer “Vereinigung zum Kampf gegen falsche armenische Behauptungen”, die also die Leugnung des Völkermords als Hauptanliegen hat.26 Dogan selbst sagte auf eine Journalisten-Frage, die Demokratisierung der Türkei sei ihre oberste Priorität, nicht die Thematisierung der Deportationen und Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich um den 1. Weltkrieg. In der CHP ist die Leugnung des Völkermordes sicher hegemonial; dass sich Parteichef Kemal Kilicdaroglu hier für die Armenierin entschied, ist ein (weiterer) Hinweis, dass er eher für die Reformer in dieser Partei steht, nicht für die Nationalisten.

Bei der Neuwahl im November 15 wurden alle 4 im Juni 15 gewählten christlichen Abgeordneten wieder gewählt (die 3 Armenier sowie Dora, der wiedergewählt worden war). Und auch die Yazidin Uca (die auch in Deutschland als Politikerin gewirkt hatte), der Sinti Purcu, der Mhallami Aslan (diese Beiden sind vom Religösen her Sunniten) und einige Alewiten wie Dogan-Türkmen. Alewiten sind in der obigen Auflistung nicht berücksichtigt; es gab viele im Parlament, sie gelten im türkischen Kontext als (schiitische) Moslems und sind deshalb auch meist nicht gesondert aufgeführt. Manche sehen sie aber auch ausserhalb des Islams, oder als eine ethnische (ethno-religiöse) Gemeinschaft (wie etwa die Juden). Manche sehen sie als “Gâvur” (Ungläubige) und verdächtigen sie einer Taqiya-artigen Verstellung.

Die Auslegung des Lausanne-Vertrages 1923 durch türkische Regierungen sah (bislang) nur Armenier (armenisch-gregorianische und armenisch-katholische Christen), Juden, Griechisch-Orthodoxe (bzw die von ihr abgespaltene “Türkisch-Orthodoxe Kirche”) als anerkannte Minderheiten, nicht die Syrisch-Orthodoxen und andere Assyrer, Maroniten, Georgisch-Orthodoxen, Yaziden, Baha’i, römische Katholiken, Alawiten,… Vertreter der immer kleiner werdenden griechischen Minderheit in Istanbul im Parlament hat es seit Laskari vor 55 Jahren keine mehr gegeben. Zu den Griechisch-Orthodoxen zählen auch die orthodoxen Araber aus der Antiochia-Region (Antakya, Hatay), die lange von Syrien beansprucht wurde. Vertreter von ihnen sind auch noch nie ins türkische Parlament gekommen. Dafür könnte es unter nominellen Moslems Krypto-Christen oder Krypto-Juden gegeben haben.

Die Machtverschiebung vom Militär zur Politik, unter den AKP-Regierungen vollzogen, ist grundsätzlich zu begrüssen. Dass im Militär Viele den Anspruch, die Politik weiter zu bestimmen, noch immer nicht aufgegeben haben, hat sich ja kürzlich gezeigt. Als Erdogan 07 für die Staatspräsidenten-Wahl kandidieren wollte, drohte das Militär (mit dem Sturz der AKP-Regierung und dem Ende des demokratischen Prozesses); Erdogan sagte dazu: “Das Militär untersteht der Regierung, nicht umgekehrt”. Vor dem Hintergrund des Machtkampfes zwischen Militär und Politik gab es die kemalistischen “Republik-Demos” (oder Republik-Proteste), wo mit Sprüchen wie „Das Militär an seine Arbeit“ auch ein neuer Putsch gefordert wurde. Präsident wurde dann Gül. Das Verfassungsgericht und das Militär, beide haben es mehrmals versucht. Der Einfluss des Militärs wurde nicht zuletzt mit der Verfassungsreform 2010 zurückgedrängt (bzw zivile Kontrolle darüber gestärkt). Bis dahin war Vieles noch immer durch Verfügungen nach dem letzten Militärputsch 1980 geregelt. Der Kemalismus ist überragend in der Verfassung geblieben (als Staatsideologie, mit semi-religiösen Formulierungen), darüber hat sich die AKP nicht getraut.

Auch wurde eine Strafverfolgung der Anführer des letzten Militärputsches ermöglicht. 2012 wurden Evren und Şahinkaya, zum Zeitpunkt des Putsches Generalstabschef bzw Luftwaffenchef, angeklagt, die letzten Überlebenden der Putschisten. Verbände von Opfern des Putsches und die türkische Regierung waren Nebenkläger. 2014 wurden die beiden Militärs zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt – die Evren wegen seines hohen Alters jedoch nicht mehr antreten musste. Teile des Militärs haben bereits vor dem jungen, offenen Versuch probiert, die Macht wieder an sich zu reissen. 2012 ging der Prozess um Putschpläne einer Gruppe hochrangiger aktiver und pensionierter Spitzenmilitärs zu Ende, denen vorgeworfen wurde, mit der Operation „Vorschlaghammer“ (Balyoz Harekâtı; die Pläne gingen bis 03 zurück) den Sturz der Regierung Erdogan geplant zu haben. Unter Anderen wurde Marinechef Örnek zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Und, ab 08 flog die “Ergenekon“-Verschwörung auf; der Name der Geheimorganisation wurde von ihren Mitgliedern nach einer Sage aus dem Göktürken-Reich gewählt. Sie plante Morde an Minderheiten-Angehörigen (kurdischen oder griechischen Türken), diese und Anderes unter falscher Flagge, um dem Militär den Vorwand für einen Staatsstreich gegen die Erdogan-Regierung zu liefern. Neben Politikern der CHP und Journalisten waren auch Militärs wie Generalstabschef Ilker Basbug dabei.

Basbugs Eltern waren Albaner aus dem heutigen Makedonien, die wahrscheinlich in der Endphase des Osmanischen Reichs nach Anatolien gingen. Als der Kaukasus im 18./19. Jh russisch erobert wurde, strömten von dort auch viele Tscherkessen oder Aserbeidschaner ins Osmanische Reich, die dann unter den Türken aufgingen. Die (Nachkommen dieser) Aseris (Aserbeidschaner) heben sich noch meist dadurch hervor, dass sie 12er-Schiiten sind (“Caferis”, nach der Jafari-Rechtsschule). Auch an Basbug kann man auch studieren, dass “von Aussen kommende” (stammende) oft die grössten Nationalisten werden.27 Zu den Büchern, die Basbug schrieb, zT in Haft, gehören “Das Ende der terroristischen Organisationen” (dürfte sich um Kurden drehen), “Der grösste Führer des 20. Jahrhunderts: Mustafa Kemal” (natürlich), “Armenische Behauptungen und die Wahrheit” (worüber wohl), “Welche Art von Türkei” (tja, welche), “Vergessene Insel Zypern”.

Jene im Westen, die auch die Ergenekon-Verschwörer als Opfer des bösen Erdogan darstellen und womöglich noch als Kämpfer für eine bessere Türkei, sollten sich das (also zB die Publikationen des Generals Basbug und die zu Grunde liegende Geisteshaltung) mal genau ansehen. Basbug wurde 2012 verhaftet, im Jahr darauf zu lebenslanger Haft verurteilt. CHP oder “Cumhuriyet” missbrauchten die Verfahren zur Anschuldigung des politischen Gegners. 2014 hob das Verfassungsgericht das Urteil auf und ordnete seine Freilassung an… Auch die meisten anderen Verurteilten kamen nach ein paar Jahren frei. In der englischen Wikipedia wird die Sache ganz umgekehrt, die Ergenekon-Leute als Opfer einer politischen Hexenjagd gezeichnet. Ein einzelner Benutzer kann einen relativ wichtigen Artikel dort ganz nach seinen Wünschen gestalten, mit atemberaubender Schamlosigkeit.

Mit dabei in der Ergenekon-Verschwörung waren auch Leiter der “Türkisch-Orthodoxen Kirche”. Diese Kirche (?) geht auf Pavlos Karahisarithis zurück, einen Kappadokien-Griechen, der zu Beginn des 20. Jh, noch zu osmanischen Zeiten, griechisch-orthodoxer Priester wurde. Um 1920, also da wo Kemal “Atatürk” den Kampf um Anatolien aufnahm, gründete er besagte Kirche, als Abspaltung von der Griechisch-Orthodoxen, mit sich als Oberhaupt bzw Patriarch. Er hat Atatürk persönlich kennen gelernt, unterstützte Kemalismus und türkischen Nationalismus, wollte sich von den Griechen distanzieren, aber der orthodoxen Kirche irgendwie treu bleiben. Er nahm dann den Namen “Zeki Erenerol” an, seine Nachfahren leiten die winzige Kirche bis heute.28 Zumindest die Schwester des jetzigen Patriarchen “Eftim IV.”, eine grosse türkische Nationalistin, war in die Ergenekon-Sache involviert, wahrscheinlich aber mehr. Um das wett zu machen, was sie von der Mehrheitsgesellschaft unterscheidet, wollen sie eine Extraportion von deren Nationalismus an den Tag legen – man ist hier auch an den israelischen Drusen Ayub Kara erinnert, einen Likud-Politiker.

A propos: Im türkisch-zionistischen Verhältnis gab und gibt es
diverse Interessenslagen. Der erwähnte türkische Ultra-Nationalist Atsiz schrieb 1934, dass “der Jude” unter den “inneren Feinden” der Türkei sei; 1947, als das zionistische Projekt in Palästina schon weit gediehen war, pries er dieses als Beispiel eines starken Nationalismus und unterstützte die zionistische Geschichtspolitik (“Land nach 2000 Jahren zurück”,…). Das gibt es oft bei Rechten, grosse Bewunderung für den Zionismus und grosses Misstrauen gegenüber Juden in anderem Kontext, nicht zuletzt den religiösen. Aber auch innerhalb des Judentums gibt es die verächtliche Sicht auf die “Diaspora” (die historische wie die aktuelle) bei Glorifizierung des Zionismus. Auf en.wiki gibt’s die Kategorie “Middle Eastern collaborators with Nazi Germany”, in die “man” Atsiz getan hat. Was so nicht stimmt; und: dann war er ein Nazi, der den Zionismus bewunderte.

Mit “ihren” Juden tat sich die Türkei ziemlich leicht, ihre Vorfahren waren einst als Einwanderer ins Osmanische Reich gekommen, anders als Kurden oder Griechen konnten Juden keinen Teil der Türkei als ihr historisches Territorium von ihnen beanspruchen. Und sie hatten/haben auch relativ bescheidene Ansprüche bezüglich ihrer Minderheiten-Rechte. Dazu kam, dass Israel für die kemalistischen Herrscher ein wichtiger positiver Bezugspunkt war. Die enge Zusammenarbeit begann, wie erwähnt, als die Kemalisten erstmals die Macht verloren hatten, unter Menderes. Es waren aber die Korrelationen der Kemalisten mit den Zionisten, die dieses Verhältnis trugen. Bei Kemalisten (und anderen türkischen Nationalisten) wie bei Zionisten war die Religion in den Hintergrund gedrängt, durch einen ausschliessenden, aggressiven, westlichen Nationalismus ersetzt worden. Die Zusammenarbeit schloss auch Hilfe bei Verhinderung der Armenozid-Thematisierung mit ein.

Unter Erdogan begann die Türkei mehr mit Nachbarn zusammen zu arbeiten, mehr Partei für die Palästinenser zu nehmen, die israelisch-türkische Zusammenarbeit wurde Anfang der 00er weniger intensiv. Als Erdogan Peres 09 in Davos aufgebracht Kontra gab, war von einer Partnerschaft schon wenig übrig. 2010 dann das “Mavi Marmara”-Massaker und die israelische Aufregung über “Tal der Wölfe”. 2016 wurde die Wiederaufnahme der Beziehungen beschlossen, zusammen mit einer Lockerung der Blockade von Gaza.

Viele westliche Staaten haben aus aussenpolitischer “Rücksichtnahme”, auf die kemalistische, mit dem Westen verbündete Türkei, lange eine Verschleierung und Verharmlosung des Völkermords an den Armeniern betrieben. Die aktuelle “Anteilnahme” in solchen Ländern entspringt ebenso hauptsächlich politischem Kalkül. Was die Verabschiedung einer Resolution im deutschen Bundestag 2016, in der die Massaker an Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord bezeichnet und verurteilt werden, betrifft, trifft das mit Einschränkungen auch zu. Zwar gehörte der türkisch-stämmige Grüne Cem Özdemir29 zu den Initiatoren der Resolution, dem die Sache seit Langem ein Anliegen ist, und auch die Aufarbeitung eines Stücks deutscher Geschichte war hier ein Thema (das Deutsche Reich war damals ein Kriegs-Verbündeter des Osmanischen und half diesem in vieler Hinsicht). Aber es ging auch um (bzw gegen) Erdogan. Und das, obwohl dieser, etwa zum 100-Jahr-Gedenken des Auftakts des Völkermordes 2015, klarere Worte der Verurteilung und des Bedauerns dazu gefunden hat, als jeder andere türkische Spitzenpolitiker. Er lehnt aber die Einstufung als Völkermord vehement ab.

Die Türkei berief den Botschafter aus Deutschland infolge der Resolution vorübergehend zurück. “Erdogan droht Deutschland”, hiess es in Medien. Der Präsident kritisierte die türkischstämmigen Abgeordneten im Bundestag. „Dort soll es elf Türken geben. Von wegen. Sie haben nichts mit Türkentum gemein. Ihr Blut ist schließlich verdorben” – so wurde er zitiert. Dazu wäre eine zuverlässige Quelle und eine zuverlässige Übersetzung aufschlussreich. Und, gerade Özdemir hat man immer wieder vorgeworfen, eigentlich türkische Interessen zu vertreten. Er nannte Erdogan einen „Besserwisser“.

Die Gezi-Proteste 13: Aus Protesten gegen ein Bauprojekt am Taksim-Platz mit dem benachbarten Gezi-Park im westlichen Istanbul wurde ein allgemeiner politischer Protest, gegen die AKP-Politik, nicht zuletzt durch den kompromisslosen Polizeieinsatz. Die grösste Protestwelle gegen die AKP während ihrer bald 15-jährigen Regierungsszeit machte klar, dass die türkische Gesellschaft sehr stark polarisiert ist. Ausgerechnet die CHP hat die Regierung zu Deeskalation und zum Abzug der Polizei vom Taksim-Platz aufgefordert, unterstützte die Proteste – und das, obwohl die Partei in den Stadtgremien die Abholzung des Parks mit beschlossen hatte. Die meisten Demonstranten wehrten sich gegen eine politische Vereinnahmung.

Die AKP hat den alten, (auch) in Wirtschaftsfragen intervenierenden Staat demontiert, daher war auch die antikapitalistische Linke unter den Protestierenden; auch Vertreter der “Anti-Capitalist Muslims”, die an der AKP die neoliberale Stossrichtung kritisieren. Teile der Protestbewegung haben ganzseitige Anzeige in der „New York Times“ geschaltet. In den zehn Jahren der Regierungszeit von Ministerpräsident Erdogan seien die bürgerlichen Rechte und Freiheiten der Türken kontinuierlich beschnitten worden, hiess es darin. Zahlreiche Journalisten, Künstler und gewählte Beamte (die Putschgeneräle?) seien festgenommen worden. Zudem gebe es Einschränkungen bei der Meinungsfreiheit (so wie „Verunglimpfung des Türkentums“?) sowie bei den Rechten von Frauen und Minderheiten (wirklich?). Ein Staatsbediensteter, der entlassen und festgenommen wurde, war 2015 der damalige Leiter des Polizeigeheimdienstes, ein Akyürek. Er hatte über die Verschwörung zur Ermordung Hrant Dinks gewusst, aber nichts zu dessen Schutz unternommen. Auch diese Festnahme wurde von hiesigen Medien als Teil einer Kampagne der AKP-Regierung gegen “Andersdenkende” dargestellt.

Im Westen instrumentalisierten Manche dankbar die Proteste. Auf einmal sind für den Westen authoritärer Staat und Polizeigewalt in der Türkei ein Problem; in den Jahrzehnten davor war das kaum der Fall. Etwa, als am 1. Mai 1977 bei der Mai-Kundgebung an diesem Taksim-Platz 34 Menschen von der Polizei getötet wurden; die Regierung wurde damals von Demirel von der kemalistischen AP geführt. Oder bei Polizeigewalt in der USA gegen Schwarze… „Solidarität“ mit demonstrierenden Türken und Menschenrechtsbedenken gab es in Deutschland ausgerechnet von jenen, die sich sonst gar nicht genug von Türken abgrenzen konnten und sich gegen einen Import von deren Politik verwahren. Tja, und Antikapitalismus, Globalisierungskritik, Widerstand gegen neoliberale Wirtschaftspolitik, was die Proteste dort mit ausmacht – ist das nicht ganz böse und mindestens “antisemitisch”? „Bewahrer des Islam von gestern trifft auf moderne Protestjugend von heute“, schwärmten hiesige Medien. Genau so heuchlerisch, wie „Frauenrechte“ in islamischen Ländern oft als Kanonenfutter bzw Vorwand verwendet werden, geschah das hier mit den Anliegen vieler Türken.

Die Protestbewegung war also sehr heterogen, auffallend war ein hoher Anteil von Alewiten. Angeblich waren die meisten der bei den Protesten Getöteten Alewiten. Die im Spät-Mittelalter in Kleinasien entstandene Religion ist ein Synkretismus aus dem sunnitischen Islam der Seldschuken und Osmanen sowie anderen Konfessionen und Religionen der Region, vom schiitischen Islam bis zum Zoroastrismus. Im Osmanischen Reich wurde der Alevitismus v.a. in der frühen Zeit als unzulässige Abweichung vom sunnitischen Islam gesehen, unter Sultan Selim I. (“Yavuz”) verfolgt, wie auch andere schiitische Richtungen.

Viele Alewiten beteiligten sich im 1. WK an den Massakern und Deportationen von Talat und den anderen Jungtürken-Führern, in den “Befreiungskriegen” danach kämpften die meisten für Kemal. Infolge der Kurdenaufstände und ihrer Niederschlagung in der Republik wurde auch der “Honeymoon” zwischen den Kemalisten und den Alewiten zerstört. Und, Diskriminierungen (gegen nicht-sunnitische Bürger der Türkei) und “Säkularismus” (totale Unterordnung aller Religionen unter den Staat) richtete sich auch gegen sie, ihre Orden wurden etwa verboten. Alewiten haben viele Parlaments-Abgeordnete gehabt, aber viel zu wenig um ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung (10-15%) zu repräsentieren. Auch einige ihrer Führer waren in den frühen Jahren der Türkei im Parlament, etwa A. Cemalettin Celebi.

Der Militärherrscher Gürsel soll Alewit gewesen sein, und deren Anerkennung/Aufwertung gewollt haben. Die TBP war eine alewitische Partei, bestand 66-80; auch die Linkspartei TIP war kurden- und alewitenfreundlich. Noch 1993 gab es in Sivas ein Pogrom an Alewiten. Alewiten stehen noch immer/wieder grossteils im kemalistischen Lager (jenem der CHP); ein anderer Teil unterstützt die kurdischen Belange. Jedenfalls sind sie in der Regel gegen die AKP. Auch der jetzige CHP-Chef Kılıçdaroğlu ist Alewit. Noch immer aktuell ist die Frage der Anerkennung von Cemevis, ihrer Gotteshäuser, sowie jene der Wiederzulassung ihrer Orden.

Machtkampf, innere Konflikte, Verwicklungen in der Region

Bald nach der Wahl im Juli 15: in Sürüc nahe der Grenze zu Syrien ein Anschlag auf eine Demonstration kurdischer Aktivisten. Die türkische Regierung schrieb ihn der Terrormiliz IS/Daesch zu, die sich aber angeblich nie dazu bekannte. Jedenfalls, nach dem Anschlag eskalierte der Konflikt zwischen der PKK und dem Staat wieder, beide warfen sich gegenseitig vor, den mehr als zwei Jahre gehaltenen Waffenstillstand gebrochen zu haben. Seither verübt die PKK wieder Anschläge (hauptsächlich auf Soldaten und Polizisten), das Militär bekämpft die Miliz u.a. mit Luftangriffen gegen deren Stellungen in der SO-Türkei und im Nord-Irak. Der Friedensprozess ist seit dem Suruc-Anschlag beendet… Der “Kurdenkonflikt” stärkt die reaktionären Kräfte des Landes (Militär,..), erneuert/verstärkt die Instabilität der Region.

Kurden sind ein westliches “Steckenpferd” in ihrer Region geworden, nicht erst im Zusammenhang mit dem neuen Zerwürfnis zwischen der Türkei und der PKK, auch schon vor dem Flüchtlingsansturm, dem Syrien-Krieg, dem Arabischen Frühling oder dem Wüten von IS; dies begann Anfang der 00er, im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg bzw der damaligen Welle von Islamkrise und Islamophobie. Dies führt auch dazu, dass PKK-Anschläge nebensächlich sind in Medien-Darstellungen des Konflikts. Die PKK wird vom Westen eventuell bald nicht mehr als Terrororganisation gesehen. Partisanen, Guerillas, Terroristen, Freiheitskämpfer, Terroristen-Bekämpfer,… Das ist alles im Fluss, alles relativ. Die Mutter-Organisation der Taliban, die afghanischen Mujahedin, waren aufgrund ihres Antikommunismus’ in den späten Jahren des Kalten Kriegs Liebkinder des Westens. Die Hamas wurde von Israel gegen die PLO unterstützt. Die iranischen Mujahedin oder die Jundullah könnten gegen den Iran in Stellung gebracht werden.

Was man gerne “vergisst”: Erdoğan war der erste türkische Spitzenpolitiker, der eine Entschuldigung für die Massaker in Dersim 1937/38 an (hauptsächlich alewitischen) Zaza-Kurden im Namen des Staates aussprach, 2011, für die tausenden Getöteten. Die Rebellionen, die dem voran gegangen waren (meist mit Dersim als Zentrum), waren nach der Niederschlagung des Scheich-Said-Aufstands der letzte grosse Kurdenaufstand in der Türkei, vor den PKK-Aktionen. Erdogan war zunächst zu den Kurden relativ grosszügig, wie auch zu anderen “Minderheiten”, machte dann einen Rückzieher, bzw eine Wendung hin zum Nationalismus. Aus Machtkalkül?

In der Türkei verüben kurdische Extremisten als auch islamistische Terroristen Anschläge; in der Vergangenheit auch linksgerichtete Gruppen. In den letzten Jahren wurde das Land in den inneren Krieg in jenem Land verwickelt, mit dem es die längste Grenze hat. Erdoğans Regierung hat sich nach einigen Vermittlungsversuchen gegen das Baath-Regime von Assad gestellt, unterstützt Teile der Aufständischen. Sein Brechen mit Assad wird Erdogan ebenso zum Vorwurf gemacht wie Hilfe für irakische Kurden gegen IS. Auch wenn das türkische Militär den “IS” in Syrien angreift, wird das skandalisiert, mehr als Akte des IS.30 Es gibt auch einen de.wiki-Artikel über die “Türkische Militäroffensive in Nordsyrien”. Wenn es gegen Russland geht, wird aber sogar die Türkei wieder ein Verbündeter des Westens. Das erinnert an den Krim-Krieg, als Grossbritannien, Frankreich, Deutschland dem Osmanischen Reich gegen Russland zu Hilfe kamen; auch beim Kampf der Griechen um ihre Unabhängigkeit war das Hauptanliegen der Westmächte, dass Russland nicht zu mächtig wird

Die fanatischen Islamisten von IS und derem salafistischen Umfeld führen auch Anschläge in der bzw gegen die Türkei durch, etwa im Juni 16 auf den Flughafen in Istanbul.31 Die meisten Opfer des islamistischen Terrors sind Moslems, in Syrien, Afghanistan, Irak,… Erdogan sagte über den IS, dieser habe keine Verbindung zum Islam, aber zur Hölle. Dennoch wird der Türkei unter Erdogan immer wieder vorgeworfen, IS in Syrien punktuell zu unterstützen, gegen Assad und Kurden. Auch der Autor Gerhard Schweizer, der sachkundig und ausgewogen ist, sagt Erdogan hat zeitweise IS unterstützt.32 Erdogan wirft dem Westen seinerseits die Unterstützung des IS vor, wie in einer Rede im pakistanischen Parlament. Dass die Türkei Drehkreuz/ Transitstrecke des salafistischen Terrors in West-Europa sei, wird auch behauptet. Nach dem Brüssel-Anschlag wurde aber bekannt, die Türkei habe den marokkanischen Belgier Ibrahim El Bakraoui 15 als „ausländischen Terrorkämpfer“ festgenommen und die belgischen Behörden bezüglich ihm gewarnt. Diese scheinen das aber ignoriert zu haben.

Die Rolle Saudi-Arabiens in Syrien und Irak (und anderswo) ist höchst dubios, könnte die Unterstützung von IS mit einschliessen, jedenfalls aber jene des salafistischen Islamismus. Und, das saudische Regime ist ein Verbündeter des Westens. Der Westen braucht saudisches Öl. Für die deutsche Rüstungsindustrie ist Saudi-Arabien ein wichtiger Kunde. Der Hegemonialstreit der Saudis mit dem Iran ist eine weitere Motivation. Die undemokratische saudische Politik (inklusive der Nicht-Aufnahme von Flüchtlingen und Förderungen von Islamismus überall) wird einfach hingenommen. Man ignoriert die Menschenrechtsverletzungen dort. Nach der Massenhinrichtung von 47 Menschen vor einigen Monaten waren Manche etwas betreten. Oder nach der Bestrafung des Bloggers Raif Badawi.

Vor Saudi-Arabien kapitulieren alle Islamophoben und vermeintlichen Islamismus-Bekämpfer, von Missfelder bis Bush, von Dropthebomb bis zum Herzliya Inter-Disciplinary Center. Erdogan wird dämonisiert (auch vom IS, als “Teufel”), die al Sauds bleiben unangetastet. Da wird weg geschaut. Grossbritanniens Premierministerin May hat erst kürzlich ihren Aussenminister Johnson zurück gepfiffen, bezüglich Saudi-Arabien, und dessen König Salman selbst ihre Aufwartung gemacht. Und, Saudi-Arabien ist seit dem Iran-Atom-Abkommen auf den Westen ohnehin nicht sonderlich gut zu sprechen. Also nicht weiter verärgern. Westliche Konservative und saudische Salafisten sind sich in so Manchem einig, den Arabischen Frühling gegen Diktaturen sahen sie zB mit Skepsis, Ängstlichkeit, Missgunst, Vorurteilen.

Der Putschversuch in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli (15-16 Temmuz). Einer aus der zweiten und dritten Reihe des Militärs. Widerstand vom grösseren Teil des Militärs, von der Polizei und Zivilisten. Auch die Verletzung “säkularer Prinzipien” (nationalistische Ersatzreligion, Vorherrschaft der Westküste) wurde als Grund für den Putsch angeführt. Mit militärischem Vorgehen gegen Kurden und der Wieder-Annäherung an Israel hatte sich die Regierung vor dem Putsch der traditionellen kemalistischen Linie wieder etwas angenähert. Bemerkenswert, dass es in Zeiten von Sozialen Netzwerken und Medienpluralismus nicht wie früher reicht, einen Fernsehsender unter Kontrolle zu bringen. Anders als früher war nicht die ganze Armee, sondern nur Teile davon am Putsch beteiligt. Es kam aber zu keinem Bürgerkrieg. Es wäre der 4. Putsch gewesen, der 5., wenn man den erzwungenen Rücktritt von Erbakan mitzählt.33 Und ein weiterer Versuch des Militärs gegen Erdogan. Hoffentlich war es das letze und vergebliche Aufbäumen alter Kräfte, wie Spanien ’81.34

Teile der türkischen Bevölkerung haben in den 15 Jahren AKP-Regierungen immer wieder einen Militärputsch herbei gesehnt und Teile des Militärs haben, wie erwähnt, einen solchen wie im Juli 16 mehrmals versucht. Zu diesem letzten sind viele Fragen offen. Präsident Erdogan hat die Gülen-Bewegung beschuldigt, hinter dem Putsch zu stehen. Wenn, dann hat es wohl ein gewisses Bündnis mit kemalistischen Kräften gegeben. Von westlichen Regierungen kamen in den Stunden, als der Ausgang offen war, vorwiegend Aufrufe zum Gewaltverzicht, kaum Verurteilungen des Versuches, Demokratie durch einen Militärputsch zu beseitigen… Auch die Darstellungen in vielen Medien zeugen von haarsträubender Heuchelei, zumal man AKP-Regierungen jedes (tatsächliche/behauptete) Demokratie-Manko ankreidet.

Aus Putschgegnern wurden da zB “Erdogan-Anhänger”. Aus Putschisten wurden Opfer. orf.at “wusste”, dass es im Zuge der Demonstrationen für Demokratie zu “teils extrem brutalen Übergriffen auf mutmaßliche Putschisten” gekommen sei, beklagte eine „beispiellose Verhaftungswelle“ (weil etwa 30 Generäle in Haft genommen wurden). Yahoo-Nachrichten: “Erdogan siegessicher”. Erdogan wird auch unterstellt, den Putsch inszeniert zu haben, unter falscher Flagge. Jedenfalls wird ihm vorgeworfen, ihn zu nützen. Um Gegner in Militär, Justiz, Universitäten, Beamtenapparat, Medien zu beseitigen. Ein angeblicher Ausspruch Erdogans vom Putschversuch als “Geschenk Gottes”, das die „Säuberung des Militärs” beschleunige, wird angeführt.

Nicht der Versuch des Militärputsches ist das Problem, sondern die Entlassungen und Festnahmen der Putschisten im Militär und ihrer Unterstützer in der Justiz,… FPÖ-Strache (ausgerechnet) und FDP-Chef Lindner verglichen das Vorgehen der AKP nach dem misslungenen Coup mit Hitlers Machtübernahme, wurde gemeldet. Nicht den Putschversuch oder die früheren gelungenen Putsche. Dann wird der Ausnahmezustand skandalisiert. Und wie ist das in Frankreich, wo es nicht mal einen Putschversuch gegeben hat, sondern “nur” Terroranschläge? Diese zum Teil aus dem selben Eck wie in der Türkei. Die Demokratie hatte in der Türkei immer autoritäre Züge, sie bekam diese nicht erst unter Erdogan. Die Absetzung von der HDP angehörigen (also kurdischen) Bürgermeistern im Südosten und die Verhaftung der HDP-Führer ist aber tatsächlich inakzeptabel, machte sehr vieles der Fortschritte der letzten Jahre zunichte.

Es gibt mehrere Gründe, gegenüber Fethullah Gülen misstrauisch zu sein, unabhängig davon, ob er wirklich hinter der versuchten Machtergreifung des Militärs stand. Nicht zuletzt, weil er den Putsch 1980 und die darauf folgende Militärdiktatur, die härteste der türkischen Geschichte, voll unterstützte. Und, dass seine Anhänger Militär und andere Institutionen unterwandert haben, ist im Bereich des Möglichen. Er und Erdogan sind jedenfalls längere Zeit gemeinsame Wege gegangen, bevor es zum Zwist kam, über die Richtung.

Beobachtungen in Wien: Eine Demonstration gegen den Putsch noch in der Nacht, am folgenden Sonntag erneut eine. Der Präsident der AKP-nahen Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), Cem Aslan, bestritt gegenüber dem „Kurier“, die Demonstrationen organisiert zu haben. Die erste habe sich spontan entwickelt. Zur zweiten habe die Neue Linkswende über Facebook aufgerufen. An der Zweiten sollen auch Anhänger rechtsextremer türkischer Gruppen dabei gewesen sein. Zudem hätten Demonstranten ein kurdisches Lokal in der Mariahilfer Strasse angegriffen.

Das Plenum der Offensive gegen Rechts (OgR) stimmte für einen Ausschluss der (Neuen) Linkswende, wegen der Demonstration nach dem Putschversuch. Eine Erklärung der Linkswende dazu. Unter der OGR-Erklärung auf ihrer Facebook-Seite dazu Kommentare und auch Bilder mit teilweise gar nicht so unterschwelligem Rassismus. Wie vielerorts in diesen Tagen. Hasspostings gegen UETD und Erdogan verbanden sich mit Abrechnungen mit Türken in Österreich, gingen über in Türkenkriege-Referenzen35 und Vereinnahmungen der Kurden. Ein Frank Mackimmie schrieb dort, auf der fb-Seite der OGR : “Dämliche Sektierer! Habt ihr euch eigentlich mal gefragt, warum es gerade prekarisierte und von antimuslimischen Rassismus betroffene Menschen sind, die der AKP nahestehen? Statt diese für eine linke Alternative zu gewinnen, bedient sich auch die OgR des allgemeinen Türken-Bashings und biedert sich der eigenen herrschenden Klasse dabei an, ‘oh EU-Imperialismus rette uns vor dem ‘Erdowahn”. Seid ihr so naiv oder habt ihr nicht verstanden, dass es in Zeiten, wo die FPÖ und andere türkischstämmige Menschen das Demonstrationsrecht einschränken wollen, es die größtmögliche Einheit braucht um einen Wahlsieg, einen blauen Präsidenten und eine künftige blaue Regierung zu verhindern? Wenn ihr das nicht begreift, dann benennt euch gefälligst in Defensive gegen Rechts um, diejenigen die vor den Blauen lieber kuschen, wenn es politisch ungenehm wird.”

Spitzenpolitiker aller österreichischer Parlaments-Parteien empörten sich über die Anti-Putsch-Demonstrationen von Türken in Österreich, versuchten dabei innenpolitische Profilierung. Aussen- und Integrationsminister Kurz (ÖVP) bemängelte “Respekt vor dem Gastland”, er erwarte von Menschen, die “bei uns leben, dass sie ihrem neuen Heimatland gegenüber loyal sind”, dass Zuwanderer nicht “politische Konflikte nach Österreich importieren”, wer sich “in der türkischen Innenpolitik engagieren” wolle, dem “stünde es frei, unser Land zu verlassen”, fürchtet dass die Türkei “immer autoritärere Züge annimmt”, hat den türkischen Botschafter einbestellt. FPÖ-Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer teilte Hofer auf Facebook mit, er mache sich „Sorgen“. „Österreich ist nicht der Ort, um türkische Politik auf den Straßen – noch dazu nicht frei von Gewalt – auszutragen“. Um gleich auf „völlig falsche Zuwanderungspolitik“ zu kommen, und dann auf österreichische Staatsbürger, die für IS kämpfen.

Sein Gegner Van der Bellen übte ebenfalls über Facebook scharfe Kritik an den Protesten. Den Demonstrierenden richtete er aus, dass die von ihnen in Anspruch genommenen Freiheitsrechte „in der Türkei von Präsident Erdogan verwehrt werden“. Auch sonst klang die Stellungnahme ziemlich nach Hofer. NEOS-Vizechefin Beate Meinl-Reisinger bezeichnete die Demonstrationen als „gelinde gesagt frech“. „Hier demonstrieren Menschen für ein Regime, das die Demonstrationsfreiheit mit Füßen tritt“, schrieb sie in ihrem Blog. Es sei ein „gutes Recht für Erdogan und seine Schergen und für eine fundamentalistische, nationalistische und islamische Türkei auf die Straße zu gehen“ – das sollen die Demonstranten allerdings in der Türkei machen.

Was bei allen hier ausgewählten Kommentaren (und vielen anderen) dabei ist, ist die Forderung, nicht die politischen Konflikte eines anderen Landes nach Österreich zu tragen (wegen der Loyalität und dem hiesigen Frieden). Und, dass in dem betreffenden Land Freiheitsrechte bedroht seien. Zum zweiten: Wer davon ausgeht, dass es in der Türkei vor Erdogan mehr Demokratie und Freiheit gab, der hat entweder keine Ahnung oder verdreht absichtlich. Und: Der Militärputsch, gegen den demonstriert wurde, war sicher nicht dazu angetan, mehr Demokratie und Freiheit zu bringen; dazu genügt ein Blick auf frühere (zT nicht so weit zurück liegende) Militärherrschaften dort.

Jenen, die gegen die Auschaltung der Demokratie in ihrer Heimat demonstrieren, wird Gewalt unterstellt, der Import politischer Konflikte, Illoyalität,… Die Schergen und den Nationalismus von dem Meinl schrieb, das hätte es unter einer Militärherrschaft gegeben. Aber das hängen wir auch denen um, die dagegen demonstrierten. Bemerkenswert, dass keiner der genannten oder anderer österreichischer Spitzenpolitiker Sorgen oder Kritik zu dem Putschversuch äusserte. Es wurden auch nicht Aspekte der Demonstrationen kritisiert, sondern diese an sich.

Und wenn Türken im Exil nicht gegen einen Militärputsch in ihrem Land (also gegen die Ausschaltung der Demokratie) demonstriert hätten, wäre das nicht bedenklich gewesen?! Und, die Betitelung “Pro-Erdogan-Demonstrationen”: Das ist eine widerliche Vereinfachung. Dass aus dem Lager der CHP-Anhänger wenig bis keine Teilnehmer zu den Demos kamen, eigentlich sagt DAS etwas sehr Bedenkliches über diese aus. Demokratie bedeutet eben auch, das Mandat zur Regierungsausübung der Gegenseite zu akzeptieren, wenn dieses von den Wählern erteilt wurde. Dass manche Kemalisten, in der Türkei oder im Ausland, stillschweigend auf einen Machtwechsel durch einen Coup hofften, das zeugt von einem total verdrehten Demokratie-Verständnis… Es wäre in der Tat bedenklich gewesen, wenn etwa AKP-Anhänger nach bzw gegen einen CHP-Wahlsieg demonstriert hätten. Auf Militärputsche (oder die Herrschaft des Militärs) gestützte Regierungen in der Türkei haben nie solche Verurteilungen oder Kritik ausgelöst.

Wer bringt eigentlich türkische Politik nach Österreich? Wenn man orf.at aufmacht, schaut man fast jeden Tag auf Erdogan. Bei “heute”, “Krone”, “Presse” ist es ähnlich. „Welt“-Redakteur Christian Meier kritisierte, dass ARD und ZDF bei “einem solch dramatischen Ereignis wie dem Putschversuch in der Türkei” einfach mit ihrem lange geplanten Programm weitermachen. Übrigens: Nach der Unabhängigkeit von Kosovo/Kosova 08 gab es eine riesige Demonstration der serbischen „Community“ in Wien, die alles andere als friedlich ablief. FPÖ-Chef Strache übermittelte damals eine Grussbotschaft.36 Die Strache-FPÖ pflegt auch gute Beziehungen zu Putin-Russland.37 Wenn es um “Sorge um eine Demokratie” anderwo ginge, dann… Niedlich auch, dass Hofer die rechtsextremen Grüsse bzw Handzeichen, die es auf den Demos gab (wahrscheinlich von MHP-Anhängern) zur Kritik heranzog. Dass Kurden zur Instrumentalisierung von rechts bis links taugen, ist nichts Neues.38

Die Türkei wurde unter Erdogan asiatischer, wandte sich ihrer Region etwas zu. Der Westen, die EU, sind nicht mehr die einzige Orientierung. Das hat mit der Ablehnung türkischer Europa-Ambitionen zu tun, ist aber wohl auch in der Natur der AKP begründet. Recep Erdogan hat auch ein Referendum über den EU-Beitrittsprozess ins Spiel gebracht, bei dem das türkische Volk über den Abbruch der Beitrittsverhandlungen entscheiden solle. Ob mit der kultur- und aussenpolitischen Westbindung auch die Zugehörigkeit zur NATO auf der Kippe steht? Die Türkei stand bis Erdogan mit dem Rücken zur Region, mit dem Gesicht nach (West-)Europa.

Ein grosser Teil des eigenen Erbes wurde verdrängt – und das betrifft nicht nur Islam. In “Schnee” gibt es das Gespräch von „Lapislazuli“ mit „K“, ersterer redet darüber dass die Geschichte von Rostam und Afrasiab aus dem persischen Schahnameh, von Iran und Turan, dem Kampf Vater-Sohn gegeneinander, die bei Türken in osmanischen Zeiten verbreitet und beliebt war (wie auch in anderen Teilen der islamischen Welt, obwohl es ein prä-islamischer Stoff ist), in der Zeit der türkischen Republik ins Abseits befördert wurde, wie Vieles. Vielleicht ist die Türkei ein globaler Swing State. AKP-Regierungen betreiben das Projekt der Rückkehr des Landes in die Region, das der Regionalmacht.

Eine stärker auf den islamischen Raum zugeschnittene Aussenpolitik statt alleiniger westlicher Orientierung wird als “Grossmachtstreben” und illegitime Abwendung analysiert. “Die Türkei hat unter Erdogan kaum mehr Freunde“, heisst es dann. Ist das so? Sie wurde zumindest ansatzweise Drehscheibe zwischen Balkan, Vorderasien, Kaukasus, Zentralasien, dem Mittelmeerraum (was auch durch das Ende der Sowjetunion und des Ostblocks ermöglicht wurde), ist jetzt erst Brücke zwischen West und Ost geworden, wie jene über den Bosporus in Istanbul. Denn zum Merkmal einer Brücke gehört, dass sie mit beiden Ufern, mit beiden Seiten verbunden ist.

Vielmehr war die CHP-Türkei mit allen Nachbarn irgendwie verfeindet, alle Grenzen waren lange tot, sie war abgeschnitten von der Region, bzw den benachbarten Regionen. Das war entweder aus ideologisch-weltpolitisch begründet (Kalter Krieg, Kommunismus) oder national-historisch oder durch beides, wie bei Sowjet-Armenien. Mit Iran und Irak gab es noch am wenigsten Feindschaften, aber auch Spannungen (trotz gemeinsamer Religion) und wenig Beziehungen. Erdogan spricht eben auch mit Putin und Rohani, anstatt nur Anweisungen von Merkel und Obama entgegen zu nehmen.39

Bezüglich des EU-Beitrittsprozesses überschlagen sich in den letzten Jahren die Erklärungen west-europäischer Politiker, dass man diesen überprüfen/abbrechen/überdenken/einfrieren/… solle/werde, aufgrund der “Inkompatibilität der Werte” usw. Dann tauchen aber wieder Sorgen um die europäische Einflusssphäre auf… Grundsätzlich ist es legitim, dass jener “Klub”, in den ein Neuer aufgenommen werden will, die Bedingungen dafür fest legt. Und geografisch-historisch-kulturell gehört die Türkei auch nur teilweise zu Europa. Aber dann dieses Aufjaulen und Zetern, wenn sich das Land Asien zuwendet – genau so widersprüchlich/heuchlerisch wie der Vorwurf mit dem Import innenpolitischer Konflikte. Die Türkei gehört nicht zu Europa, dem Westen, aber wenn sie sich anderswohin orientiert (was man ihr sonst nahe legt!), wird daraus ein Vorwurf gemacht. Wieso machen Deutsche inner-türkische und inner-asiatische Angelegenheiten zu den ihren? Türkei hat quasi Vassall des Westens zu sein.40

Auch in der neuen Russophobie wird eine Neigung der Russen nach Asien als illegitim und dieses als minderwertig dargestellt. Wenn sich Russland Richtung Asien neigen will anstatt zu Europa, warum nicht? Muss es dafür im Westen um Erlaubnis fragen? Auch die Darstellung des historischen “Eurasismus” (in seiner ursprünglichen Form, nicht jene Elemente derer sich heute Dugin bedient) ist hier meist tendenziös. Auch wird in diesem Zusammenhang meist unter den Tisch gekehrt, welche Interessen der Westen in der Ukraine-Krise vertritt. Das ist hier keine Putin-Apologetik, Russland hat wohl etwas besseres verdient als ihn, bzw Russen sind die ersten Leidtragenden von ihm.

Orhan Pamuk hat, als Plädoyer für einen EU-Beitritt der Türkei, gesagt: „Heute verdient ein Türke durchschnittlich vier Tausend Euro im Jahr, ein Europäer aber neunmal mehr. Diese Erniedrigung muss behoben werden, dann lösen sich die Folgeerscheinungen wie Nationalismus und Fanatismus von alleine.“ Mag sein, aber: Was er mit „Europäer“ bezeichnet, betrifft nur West-Europäer, eigentlich Nordwest-Europäer. Wieso eigentlich die Türkei mit diesen Ländern vergleichen, und nicht mit Nachbarländern, in Südost-Europa oder dem Orient? Warum sind Deutschland oder Frankreich der Bezugspunkt und nicht Bulgarien oder Iran? Und gerade in Bulgarien gibt es Ernüchterung nach dem EU-Beitrtitt, den Sieg eines pro-russischen Kandidaten bei der Präsidentschaftswahl.

Vor einigen Tagen das Neujahrs-Massaker in Istanbul auf einen Nachtklub, durch Salafisten. Es soll sich um Vergeltung für den Syrien-Kurs der türkischen Regierung handeln – was irgendwie nicht zu den Behauptungen passt, diese stecke mit IS ohnehin unter einer Decke. Erdogan wird auch für solche Anschläge verantwortlich gemacht; das Vorgehen gegen diese Gruppen wird ihm ebenfalls angekreidet. Und: “Wir” (der Westen,…) sind auch dann Opfer, wenn Dutzende Türken erschossen werden. Dazu werden dann auch dort getötete Austro-Türken zu echten Österreichern. Bei einem der früheren IS-Anschläge in der Türkei stellte die Boulevard-Zeitung “Österreich” gross heraus, dass einer der Attentäter, ein Tschetschene, Asylant in Österreich gewesen sei. Nicht Türken oder Türkei sind das eigentliche Opfer. Bei den getöteten Gezi-Demonstranten erfolgte die Ausschlachtung in die andere Richtung…

Der Diskurs über die Türkei

In einer Folge von “titel, thesen, temperamente” (ARD): “Seit über 13 Jahren entfernt Erdogan die Türkei immer mehr von den demokratischen, säkularen Prinzipien des Staatsgründers Atatürk”. Bezeichnend, diese Ahnungslosigkeit (oder Heuchelei?). Einerseits ist man so unkritisch zu Atatürk und dessen Verherrlichung in der Türkei, der aber das Minderheitenfeindliche und Undemokratische mit-begründet hat, das dem entgegen steht, was man andererseits als Anliegen angibt (vorgibt?). An statt sich mit dem Kemalismus kritisch auseinander zu setzen, hängt man dessen Übel auch Erdogan, der AKP, dem Islam(ismus) um. Erdogan ist die Antwort auf Atatürk. Nicht nur, weil der Eine vom Balkan stammt und die Familie des Anderen aus Ost-Anatolien. Aus dem “Weg aus Asien” des Einen wurde ein “Zurück in die Region” des Anderen.

Deutschland knüpft die Fortsetzung der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei an die “Wahrung der Menschenrechte” in dem Kandidatenland, heisst es. Die „europäischen Werte“ wie Demonstrationsfreiheit, Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit seien „nicht verhandelbar für uns“, so Kanzlerin Merkel. Diese “europäischen” Werte sind eben schon verhandelbar, gerade für Deutschland. Im Bezug auf die Türkei hat die BRD jahrzehntelang bei Verstössen gegen Demonstrationsfreiheit, Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit weggeschaut, hat dem Staat (gegen viele von dessen Bürger) so gut wie alles durchgehen lassen. Die dem zugrunde liegende Berechnung und Ahnungslosigkeit findet sich zum Beispiel in einem Leserbrief an den “Spiegel” wieder: “Zuverlässige Wacht an der Flanke der NATO,…, Laizismus belohnen,…”

Wer über Erdogans “Griff nach der Alleinherrschaft” schreibt, müsste auch über jene von Kemalisten (CHP und nahe stehende wie DSP; im Verein mit dem Militär) über weite Phasen in den Jahrzehnten davor schreiben. Wenn man über die politischen Gängelungen der Justiz in der Türkei thematisiert, muss man auch darüber sprechen, dass es diese Justiz war, die zB den Völkermord-Forscher Taner Akcam 1977 wegen seiner Ansichten ins Gefängnis steckte (dem er sich durch Flucht in die BRD entzog), natürlich Hand in Hand mit den damals Regierenden – und dass die Thematisierung des Völkermords an den Armeniern heute dort leichter möglich ist, es Entschuldigungsformeln des Staats für Leid der Armenier und Kurden gab.

Realistischer ist die Einschätzung von Serdar Günes, wonach die AKP früher mangelnden Pluralismus im Kemalismus (politisch, ethnisch, religiös) kritisierte, inzwischen aber selbst so geworden sei. Wohin die Herrschaft der Religiösen führt, muss sich noch zeigen; einen Gottesstaat salafistischer oder moslembrüderlicher Prägung streben sie nicht an. Können Sie die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie unter Beweis stellen? Es ist berechtigt, die Fazil Say-Verurteilung („Beleidigung Islam“) zu kritisisieren, aber man darf nicht ausblenden, dass die Gegenseite dauernd Leute wegen “Beleidigung des Türkentums” klagte.

Die Türkei war vor Erdogan alles Andere als eine “Musterdemokratie”, trotz oder wegen der westlichen Ausrichtung. Der Westen hat Diktatoren überall unterstützt, auch die Generäle und Politiker der Türkei, nach der politisch-gesellschaftlichen Kursänderung dort kommt man mit “Menschenrechten”. Auch in der islamischen Welt konnte man diverseste Undemokraten akzeptieren, auch Islamisten41; mit Islamkrise/Islamophobie kam die Behauptung, dass man dort immer Demokratie und Aufklärung gefördert und gefordert habe.

Die Unterordnung des Militärs unter die Politik wird in Analysen und Kommentaren kaum als anstrebens/lobenswert gesehen, das Kemalistisch-Nationalistisch-Säkulare meist unkritisch. Dazu passt auch die aktuelle Verharmlosung der Putschisten. Die Kommentare zur früheren Festnahme wegen Basbug oder zur Entlassung von Polizei-Generälen wegen (Verwicklung in) Putschpläne(n) zeigte auch die verzerrte Wahrnehmung. Dass gewisse Kulturkrieger bei ihren kurzsichtigen Verteufelungen Erdogans den türkischen Nationalismus unterstützen und Militärputschisten verharmlosen, ist nichts Neues, nun sind sie aber auch ein Stück gezwungen, sich auf die Seite des islami(sti)schen Predigers Gülen zu stellen – der ist ja auch “regierungskritisch”.

Sowohl Premier Yildirim als auch Präsident Erdogan brachten nach dem Putschversuch die Wiedereinführung der 2004 abgeschafften Todesstrafe (Bedingung für EU-Beitritt) ins Gespräch. Für Linkschauvinisten ist die Todesstrafe Ausdruck islamischer Barbarei, für Rechte ihre Abschaffung Ausdruck von linker Degeneration – entsprechend verhält es sich mit Homosexuellen-Rechten und Anderem. Als Schwarzenegger als Gouverneur Kaliforniens einer umstrittenen Hinrichtung nichts in den Weg legte (was in seiner Macht gestanden wäre) und (auch) in Österreich in Kritik geriet, sprang ihm zB der Grazer Bürgermeister Nagl (der zur zweiten Kategorie gehört) bei – müssten solche Konservativen nicht eigentlich entzückt sein über solche Pläne? Und Jene, die den Patriot Act glühend verteidigen, was haben die konkret an (vermeintlichen/tatsächlichen) Einschränkungen von Bürgerrechten unter Erdogan auszusetzen?

Erdogan soll am Atatürk-Todestag davon gesprochen haben, das Osmanische Reich quasi wieder auferstehen zu lassen. Auch von dieser Rede wäre eine zuverlässige Übersetzung interessant. Es zirkulieren viele Horrorgeschichten über ihn und die AKP, er ist ein Sündenbock des Westens. Eine Auswahl an Medien-Schlagzeilen diesbezüglich:

“EU von Erdogan-Drohung ungerührt”, “Exklusive Enthüllungen über seinen Sultanspalast”, „gibt sich gemäßigt“, “So lebt Erdogan. Sein Palast, seine Macho-Welt und sein dunkles Familiengeheimnis…”, „islamistisches Regime“, „Fürchterlicher Freund. Sein Feldzug gegen Freiheit und Demokratie“, “Erdogan provoziert mit eiskalter Drohung”, “Erdogan im Machtrausch”,… Das Anzweifeln von “ihm Flüchtlinge anvertrauen” habe ich hier schon kommentiert.

Bei der Einschätzung der Kemalisten zeigt sich die ganze verdrehte Wahrnehmung, sie werden noch stärker die “einzig Guten” dort. orf.at über die CHP: “Die säkulare Oppositionspartei”. Vielleicht ist es auch logisch, wenn sich die pseudo-fortschrittlichen Kräfte hier positiv auf jene dort beziehen. “Westisten” übernehmen auch Vorwürfe der “Türkisten” gegen die AKP ohne zu fragen was die Alternative dazu ist… und wofür “Türkisten” noch stehen. Auch werden kemalistische Übel (in erster Linie Intoleranz und Chauvinismus ggü Minderheiten) der AKP/Erdogan untergeschoben. Türkische Gewährsleute gegen Erdogan (und zB gegen seine „pro-orientalische“ Politik) werden heran gezogen, und seien es die grössten Nationalisten und Anti-Demokraten.

Mesut Yilmaz wird zB von deutschen/österreichischen Medien zum Putschversuch befragt; es wird nicht ganz klar ob er dessen Scheitern begrüsst oder bedauert; sie sollten Yilmaz zu Kurden fragen (oder Äusserungen und Taten diesbezüglich von ihm aus seiner Tat als Premier ausgraben) – wenn sie sich schon so für Kurden begeistern… Deutsche hofieren auch (wieder) türkischen Nationalisten wie Kolat. Auch Leute aus der Ergenekon-Gruppe (gegen die AKP-Regierung, liberale Intellektuelle wie Pamuk sowie Minderheiten) werden als Opfer Erdogans dar gestellt.

Die elf türkisch-stämmigen deutschen Parlaments-Abgeordneten stünden infolge von Morddrohungen und Beleidigungen nach der Völkermord-Resolution unter verstärktem Schutz der Polizei, heisst es. Man sollte sich ansehen, von wem genau diese Drohungen kommen. In einem Bericht eines deutschen TV-Senders nach dem Putschversuch werden „Erdogan-Gegner“ (in der BRD) „in Angst“ usw dargestellt. Man hätte sie nach ihrer Haltung zum Putsch oder einer Herrschaft des Militärs fragen sollen. Anstatt sich mit dem “wir sind demokratisch, wir sind modern” unkritisch auf Kemalisten zu stützen.

Der säkulare Charakter des Staats sei in Gefahr, heisst es. Die Säkularsten sind aber oft die Nationalistischsten, haben im Nationalismus eine Ersatz-Religion bzw -Ideologie. Ausdruck der jahrzehnte-langen säkularen/laizistischen Politik war/ist auch die Schliessung des Priesterseminars auf Chalki (siehe oben). Und, Fortschritte für christliche Kirchen in der Türkei unter der AKP hat es kleine gegeben, aber es hat sie gegeben. Kemalistisch-säkulare Politik war die Sondersteuer Varlık Vergisi, während des 2. Weltkriegs. In der Praxis wurden damit die ethnisch-religiösen Minderheiten (Griechen, Armenier, Juden) getroffen und das war auch beabsichtigt – ihre wirtschaftlichen Vormachtstellung sollte getroffen werden.42

Nach dem Militärputsch 1960 wurden hunderte kurdische Führer und Intellektuelle inhaftiert, in einem Lager in Sivas. Das war Politik der “modernen” Kemalisten und Nationalisten. Wenn man über den Machtkampf der AKP-Regierungen mit der türkischen Justiz redet, muss man auch darüber reden, dass es diese Justiz war, aus der zB die Verurteilung Orhan Pamuks („Beleidigung Türkentum“) kam. Angestrengt hatte das Verfahren gegen Pamuk der Rechtsanwalt Kemal Kerinçsiz, einer der Ergenekon-Führer.43 Eigentlich steht der Kemalismus, zumindest einige seiner Ausrichtungen, dem Faschismus näher, als es Einige gerne hätten…

Putin-Freund Strache: „Wien darf nicht Istanbul werden“. Für die Kemalisten Istanbuls ist das Schreckgespenst Anatolien, Istanbul darf für sie nicht Anatolien werden. Im „Standard“ nahm Strache christliche Orientalen und westlich-laizistische Türken zu den guten Ausländern. Diese beiden Gruppen schliessen sich aber in ihren Ansprüchen weitgehend aus. “Ich bin für eine moderne Türkei“, heisst meistens: eine nationalistischere, sowie für die Vorherrschaft einer Elite über Anatolien, die Orientierung am Westen.44 Möchtegern-Abendland-Retter wie Strache und kemalistische Türken treffen sich gegen Erdogan, ihren Ansprüche sind aber eigentlich unvereinbar. Wenn von westlicher Seite Anliegen von Christen in der Türkei (zB Armenier) vorgebracht werden, und dann Anwürfe türkischer Kemalisten oder (anderer) Nationalisten auf Erdogan zustimmend gebracht werden…zeigt sich die ganze Ahnungslosigkeit/ Verlogenheit.

Jene, die im Erdogan-Lager uralte Feindbilder erkennen, stellen diesem gerne „gute Türken“ gegenüber. Auf wie wackeligen Beinen das steht, zeigt sich auch bei der Sache einer türkisch-stämmigen ÖVP-Abgeordneten zum Wiener Landtag/Gemeinderat (Sirvan Ekici). Obwohl sie eigentlich die gute Türkin ist, bekam sie (nicht zuletzt in ihrer eigenen Partei) alle jenen Ressentiments gegenüber Türken ab, die eigentlich für die “schlechten” vorbehalten sind. Ähnliches gilt für Öger oder Özil in Deutschland. Ein Bekenntnis zur “Moderne” (was immer das ist), zum Westen, zu Deutschland/Österreich/… bringt einen Türken nicht notwendigerweise Anerkennung.45 Islamophobe machen auch mit der MHP gemeinsame Sache, geben sich aber hysterisch vor den “Grauen Wölfen” bzw dem türkischen Nationalismus, als ob dies nicht zu ihnen gehören würde.

Unkritisch ggü Kemalisten ist man auch bezüglich deren Medien. Es gab in der letzten Zeit Verhaftungen und Verurteilungen von Journalisten, v.a. von “Cumhüriyet”. Deren Chefredakteur Can Dündar wurde wegen Veröffentlichung geheimer Dokumente, in einem Bericht über angebliche Waffenlieferungen der Türkei an Extremisten in Syrien, zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Beim Prozess gegen ihn (und Andere) wurde zudem von Unbekannten ein Attentat auf ihn verübt worden, das daneben ging. In Berichten im Zuge der internationalen Empörung darüber waren Fotos der Redaktion der “Cumhüriyet” zu sehen, mit riesigen Atatürk-Bildern.

Die türkischen Zeitungen haben meist ihren Sitz in Istanbul und sind kemalistisch. Im Artikel der englischen Wikipedia über die “Cumhüriyet” ist zu lesen: “In the past closely affiliated with the Kemalist Republican People’s Party (CHP), the center-left newspaper turned to a more independent course over time, while still advocating democracy, social liberal values and free markets.” Nun, es kann ja jeder auf Wiki editieren und organisierte Teams haben Vorteile. Was mit dem Eintreten für Demokratie genau gemeint ist? Der CHP-Politiker Balbay ist dort Kolumnist, er war einer der Ergenekon-Vertschwörer, wurde zu 4 Jahren Gefängnis verurteilt. Wiki: “Since the AKP’s rise to power, Cumhuriyet has been particularly renowned for its impartial, occasionally courageous journalism.”

Auch hier wird dieses Bild hoch gehalten. Die „regierungskritische, streng laizistische Cumhuriyet“. Sie sollten Dündar oder einen der Putschoffiziere fragen, welche Ansichten er zu Kurdenrechten oder dem Armeniergenozid hat. Oder nachforschen, was „regierungskritische” Zeitungen wie “Cumhüriyet” darüber schreiben. Und wieso sich nicht mit “kritischen Journalisten” (palästinensischen) in israelischen Gefängnissen beschäftigen? Oder der Strafe für einen Whistleblower wie Vanunu? Wenn Laizismus ein so hohes Gut ist, wieso unterstützt man dann Fatah und andere linke Organisationen in der PLO nicht mehr? Und, wer die Verhaftungen der HDP-Führer Demirtas und Yüksedag und die Absetzungen kurdischer Bürgermeister thematisiert, sollte auch bei den Verhaftungen palästinensischer Politiker wie Marwan Barghouti (Fatah) oder Ahmet Saadat (PFLP) nicht weg schauen; diese Beiden sind noch nicht mal von der Hamas; deren Funktionäre werden ohnehin eingesperrt.

Als Erdogan vor einiger Zeit wieder in Deutschland auftrat, demonstrierten dortige kurdische und kemalistische Türken gegen ihn, sowie manche kulturkämpferische Deutsche. Wenn sich die Anhänger von CHP und HDP zusammen-tun, und sei es gegen die AKP(-Regierung), kann das auch was Gutes bringen… Wenn Erdogans Politik dazu beiträgt, dass sich Kemalisten und Kurden annähern – “Annähern” nicht im Sinne einer Unterwerfung der Kurden unter die Kemalisten. Die Fronten sind vergleichbar mit DA und EFF in Südafrika, die sich dort (mancherorts auf lokaler Ebene) gegen den ANC verbünden. Die Economic Freedom Fighters sehen die Democratic Alliance ansonsten als die Partei des weissen Kapitals; mit der Zusammenarbeit müssen sie etwas von ihrem Links-Populismus aufgeben, und die DA muss etwas von ihrem hohen Ross herunter.

Man wirft ihm sowohl den Umgang mit den Kurden im Land vor als auch die Haltung zu Israel/Palästina46; abgesehen vom Inhalt dieser Vorwürfe: Wie war das vorher, unter den kemalistischen Parteien? Enge Zusammenarbeit mit Israel, so eng dass der Mossad half, den PKK-Chef Öcallan für die Türkei gefangen zu nehmen, und dass militärische Hard- und Software weiter gegeben wurde, von Tel Aviv an Ankara – für den Kampf gegen die Kurden.

Die Türkei ist als Nation so gebaut, dass Staatsangehörigkeit, Nationalität und Ethnizität eins ist, es möglichst viel Assimilation bzw Homogenisierung gibt. Kurden sind hierbei der grösste Herausforderer, gleichzeitig sind aber wahrscheinlich von keiner anderen Ethnie so viele Angehörige unter den Türken “aufgegangen”; das übersieht man gerne. Der assimilatorische Nationalismus der Kemalisten hatte seine Wurzeln unter den Osmanen und läuft auf die Leugnung sub-nationaler Identitäten hinaus. Dass es in der Türkei keinen Föderalismus gibt, stärkt das noch. Die kemalistische Säkularisierung liess den Vorrang des Islams nicht nur unangetastet, sie setzte anderen Religionen auch engere Grenzen. Das von den Kemalisten aufgestellte Ethnizitäts-Regime liess keine ethnische und sprachliche, und kaum religiöse Diversität zu. In den 1950ern kam es zu einer gewissen Liberalisierung. Unter der Herrschaft der AKP/Erdogan kam es nicht nur zu einer Aufweichung der Herrschaft der Westküste des Landes und der Anlehnung an den Westen, sondern auch zu mehr Toleranz für Minderheiten – das wird angesichts des neu aufgeflammten Kurden-Konflikts übersehen.

Eine Entwicklung hin zu Türkentum als supranationaler staatlicher Identität statt einer (verpflichtend) national-ethnischen ist aber noch eine lange. Dass man also als (vollwertiger) Bürger der Türkei nicht automatisch dem türkischen Volk angehören muss. Das Multi-Ethnische, nicht Türkisch-Sunnitisch-Kemalistische ist noch immer eine Art Tabu in der Türkei. Die ethnische und kulturelle Vielfalt des Landes kommt etwa durch der Istanbuler Musik-Gruppe “Kardas Türküler” und im Ebru-Project von Attila Durak herüber. Ebru, eigentlich eine Marmarier-Technik, ist bei ihm Metapher für die Abbildung dieser Vielfalt.

 

Links & Literatur:

Türkei und Ägypten – und die Dummheit

#occupygezi – die andere Seite der Medaille

Der Westen und der Militärputsch

Why is Turkey’s Erdogan being demonised in the West? (and by the so-called “alternative” media)

Freche Türken

Türkeiputsch: mögliche Hintergründe?

Whistleblower Discloses Saudi Deputy Crown Prince’s Major Role in Turkey Coup (and Gulen’s)

http://www.tuerkengedaechtnis.oeaw.ac.at/

Antires auf Facebook

 

Şener Aktürk: Regimes of Ethnicity and Nationhood in Germany, Russia, and Turkey (2012)

Gerhard Schweizer: Türkei verstehen (2016)

Sevan Nişanyan: Kelimebaz 1 (2009). Türkisch; in dieser Sammlung von Essays von Nisanyan geht es um die multi-ethnischen Wurzeln türkischer Kultur

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Viele Jungtürken gingen auch zu den Kemalisten (der CHP)
  2. Mit grossen Teilen des nördlichen Mesopotamiens
  3. Vergleiche etwa die Landnahme der (Süd-)Slawen am Balkan und die “Überlagerung” der Illyrer, Awaren,…
  4. 1935 etwa Umwandlung der Hagia Sophia in Istanbul von der Moschee zum Museum
  5. Es vergingen dann ca 50 Jahre von der Erteilung des Kandidatenstatus bis zur Aufnahme von Beitrittsverhandlungen
  6. Zwei nichtarabische, westlich ausgerichtete Staaten der Region, auf das Militär gestützt, mit Zügen einer Oligarchie; die Anatolier entsprachen den Mizrahis, Kurden den Palästinensern
  7. Es heisst, die Kluft zwischen Alewiten und Sunniten ist grösser als zwischen Kurden und Türken; u.a. heiraten Alewiten nur unter ihresgleichen. Die meisten Alewiten sind zudem Kurden
  8. Siehe das unten angegebene Buch von Aktürk
  9. Teile der Pontus- und Kappadokien-Griechen, die dem Transfer 1923 entgingen, konnte auch ihre Identität bewahren, indem sie versteckte wurde/wird
  10. Als Uiguren werden aber auch viele Menschen definiert, die auch oder vorwiegend iranische Wurzeln haben; ähnliches gilt in Zentralasien, wo sich Türken und Iraner “wie Milch und Honig” vermischt haben
  11. Ausserdem auf Rhodos, da der Dodekanes damals italienisch war!
  12. Der Film “Zimt und Koriander” (03) erzählt von den Griechen in bzw aus Istanbul/Konstantinopel in der Türkei sowie (den Ausgewanderten in) Griechenland
  13. Mit den Ausnahmen Atasagun und Çağlayangil, die nur übergangsmäßig Präsidenten waren
  14. Ihm wurde u.a. zum Vorwurf gemacht, seinen Hund “Atatürk” genannt zu haben
  15. Die Linke und der kurdische Nationalismus bzw Regionalismus jetzt einmal auf der Seite
  16. Das erste Mal, dass eine islamistische Partei an Regierung kam, war als die MSP (MNP-Nachfolgepartei) 74 eine Koalition mit Ecevits CHP einging
  17. Die als Hürde für die kurdische Parteien eingeführt worden war…
  18. Wie im benachbarten Iran ist Fussball der Sport Nr. 1, Ringen aber der traditionellere
  19. Und man muss in diesem Zusammenhang auch über eine lange bestehende Art Sklaverei in östlichen Provinzen des Landes, Quasi-Leibeigene von Grossgrundbesitzern, reden
  20. Die CHP ist seit 02 bei allen Wahlen Zweite hinter der AKP geworden. Andere kemalistische Parteien wie die DSP, die DP (aus der DYP hervor gegangen) oder die ANAVATAN (ANAP) spielen seit 02 keine Rolle mehr
  21. Die Linke ist im türkischen Parlament seit 1971 nicht mehr vertreten, als die TIP vom Militär verboten wurde; SHP, DSP oder CGP waren keine wirklichen Links-Parteien und die ÖDP war eine Periode lang mit genau 1 Abgeordneten vertreten
  22. Erdogan wechselte 2014 von der Position des Minister- auf jene des Staatspräsidenten, der damals erstmals direkt gewählt wurde. Nun geht es um die Definition der Macht des Präsidenten
  23. Eine Gesamt-Übersicht dazu findet sich auf der türkischen Wikipedia: https://tr.wikipedia.org/wiki/T%C3%BCrkiye%27de_az%C4%B1nl%C4%B1k_milletvekilleri . Der grosse Kasten sollte auch ohne entsprechende Sprachkenntnisse verständlich sein
  24. In den 41 Jahren bis dahin waren es 22
  25. Was auch bemerkenswert ist, als das Verhältnis zwischen Kurden und Assyrern alles Andere als “einfach” ist, im Vier-Länder-Eck Türkei, Syrien, Irak, Iran “teilen” sich diese beiden Ethnien das Land, mit Anderen
  26. Man muss ja sagen, dass diese “Richtung” noch weniger schlimm ist als jene, die den Völkermord nicht abstreitet, dazu steht und für Drohungen benutzt
  27. Stalin, Hitler, Verwoerd, Napoleon sind solche “Zugeraste”, die Superpatrioten bzw nationale Führer wurden
  28. Man bemüht(e) sich um die Gagausen, ein christlich-orthodoxes Turvolk in Moldawien, denen man unterstellt(e), orthodox sein zu wollen ohne mit den Griechen “verbunden” zu sein
  29. Mit tscherkessischem und griechischem Einschlag
  30. Etwa von der rechtspopulistischen Gratis-Boulevardzeitung “Österreich” (Wolfgang Fellner, Verlagsgruppe News): “Erdogan marschiert in Syrien ein”, in der Unterschlagzeile müssen sie dazu schreiben, dass sich das gegen IS richtet (“und Kurden”). Oder, auch Isabelle Daniel dort: “Türkei provoziert Terror-Krieg”, zu türkischen Angriffen auf IS in Syrien. orf.at berichtet nur wenig seriöser, zB „Türkei fliegt Angriffe auf syrische Dörfer“
  31. Kurz nach einem der PKK-Splittergruppe TAK dort
  32. Auch Ludwig Watzal oder Alexander von Paleske, deren Analysen und Kommentare zur islamischen Region Kenntnisse und nicht Ressentiments bzw Kampagnen zu Grunde liegen, sind Erdogan-kritisch und halten eine Unterstützung des IS durch ihn für möglich. Paleske: “Der Nachschub an Menschen aus westlichen Ländern in den IS ‘Gottesstaat’ über die Türkei wurde nicht wirksam unterbunden. Die türkische Regierung hat in den vergangenen Jahren diese Terrorbanden auf seinem Staatsgebiet als Transithelfer gewähren lassen, solange sie gegen die syrische Regierung unter Assad kämpften, frei nach dem Motto: Meines Feindes Feinde sind meine Freunde. Stattdessen konzentrierte sich Präsident Erdogan darauf, die kurdische Minderheit anzugreifen, den Waffenstillstand aufzukündigen, und die Opposition im eigenen Lande zu verfolgen: sie entweder einzusperren oder ins Exil zu treiben. Und nach dem fehlgeschlagenen Putsch die Massenverhaftungen – welche Gelegenheit könnte günstiger sein.”
  33. Wenn nicht, darf man den ’71 eigentlich auch nicht zählen
  34. Wieviel war an dem Putschversuch von Aussen manipuliert? Der Wiederausbruch der Gewalt mit Kurden durch Sürüc ist nun erst recht in diesem Licht zu sehen
  35. > Staatliche Türkenbefreiungsfeier 1933; von der FPÖ werden die “Türken-Kriege” auch noch im 21. Jh instrumentalisiert, siehe link unten
  36. Man kann auch Beispiele anderer Importe von inner- oder zwischenstaatlichen Konflikten nennen, vielleicht werde ich die auch noch nachschieben
  37. Übrigens, Ungarn-Premier Orban bezieht sich auf den russischen Präsidenten als Vorbild für sein Modell der „illiberalen Demokratie“. Und Orban war auch “Stargast” der CSU, als es um den Flüchtlingsansturm ging
  38. Dabei sei auf Sürüc(ü) verwiesen. Sürüc wo die Friedensphase des türkischen Staats mit den Kurden-Organisationen beendet wurde. Und Hatun Sürücü, die von ihren (kurdischen) Familien-Angehörigen in Berlin ermordet wurde, wegen der “Ehre” und so. Bezüglich der Kurden haben deutsch-österreichische “Orient-Experten” immer so romantische Vorstellungen, dass diese all das was (sie) an den Türken stört, nicht hätten
  39. Und, überhaupt: Obama, ist das nicht ein verkappter Moslem, der ausserdem gar nicht in der USA geboren ist?
  40. Zum Beispiel: Eine ATV-Diskussionsrunde “Ist die Türkei noch unserer Partner?” > War sie das jemals in den Augen Vieler die jetzt ihre “Abwendung” bemängeln? Und: Dass sie UNSER Partner ist und nicht der von jemand anderem, das ist ja quasi Pflicht, oder?
  41. Und Politiker wie Mossadegh nicht…
  42. Es ist fraglich, ob eine solche damals, in den 1940ern, noch wirklich bestand
  43. Pamuk bekam Probleme mit der kemalistisch dominierten Jusiz, 05/06, wegen Äusserungen über den Völkermord an den Armeniern
  44. Jene, die im zionistischen Kontext als “progressiv” oder so bezeichnet werden, lassen grüssen
  45. Jene, die mit einer gewissen Aggresivität in “diesen Diskurs” eintreten, wie Necla Kelek und Akif Pirincci, bekommen Anerkennung von gewissen Seiten. Aber auch ihnen kann es wie Ekici gehen
  46. Zum Beispiel: Der be-scheuerte CSU-Generalsekretär warf Erdogan vor, “auf übelste Weise gegen Israel zu hetzen”

Baltimore & Gezi

Ankaras Bürgermeister Melih Gökcek, AKP, hat über Twitter von der US-Aussenministeriumssprecherin Marie Harf (früher CIA, aus Ohio, Obama-Unterstützerin) kritisierte Polizei-Einsätze in der Türkei der Polizei-Gewalt in USA wie in Baltimore gegenübergestellt.

Auf orf.at dazu, wie eigentlich zu erwarten, eine verzerrte, wenn nicht verhetzende, Darstellung (vermutlich nicht nur dort). Es wird versucht, den eigentlichen Inhalt der Äusserungen des Türken, die Gegenüberstellung der Polizeieinsätze bzw die doppelte Moral im Umgang damit, zu überdecken indem das Untergriffige darin, die Erwähnung der Blondheit der Amerikanerin, exzessiv herausgestrichen wird. Und das mit fragwürdigen Übersetzungen, die von “Memri” sein könnten. Die Berichterstattung bei orf.at über die Unruhen beim Gezi-Taksim-Platz in Istanbul und jene über Gewalt in amerikanischen Städten bestätigt die Wichtigkeit dieser Gegenüberstellung. Dann wird die “humorvolle Antwort” des USA-Botschafters in Türkei angepriesen, die ebenfalls auf den Inhalt, die Substanz des Gesagten nicht eingeht und von ihm abzulenken versucht.

Was die Diskrepanz zwischen der US-amerikanischen Rolle als Weltpolizist und so manchen Zuständen in diesem Land selber betrifft, so ist an Muhammed Ali zu erinnern, der bezüglich seiner Einberufung zum Vietnam-Krieg gesagt hat: “Der Vietcong hat mich nicht “Nigger” genannt… Ihr seid meine Feinde,… Ihr seid meine Gegner bezüglich Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit. Ihr wollt dass ich irgendwo hin gehe und für euch kämpfe? Ihr setzt euch nicht einmal für meine Rechte hier ein.”

Was orf.at betrifft, passt auch die Berichterstattung zu den Todesurteilen gegen wegen Drogenschmuggels Verurteilten in Indonesien hierzu. …”Bei ihnen habe es sich um den 34-jährigen australischen Staatsbürger Myuran Sukumaran, dessen 31-jährigen Landsmann Andrew Chan, drei Nigerianer, einen brasilianischen Staatsbürger und einen Ghanaer gehandelt,…” Ja, die beiden Australier werden beim Namen genannt…; aber man kann ja auch das Positive sehen, sie werden “trotz” ihrer asiatischen Namen als Australier wahrgenommen. Die australische Regierung hat auch in ihrem Einsatz für die beiden Hingerichteten so getan, als würde es sich um politische Gefangene handeln und mit diplomatischen Konsequenzen gedroht, aber auch damit dass es sich die Australier künftig gut überlegen würden, ob sie noch auf Bali Urlaub machen wollten. Wenn die australische Regierung einen Kampf gegen die Todesstrafe führen wollte (was lobenswert wäre), müsste sie sich ja nicht zuletzt mit der USA anlegen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Überblick zur Geschichte und Gegenwart Armeniens

Armenien, auf Armenisch Հայաստան (Hayastan), das Land zwischen Europa und Asien, liegt in einem seismischen wie politischen Bebengebiet. Auch der Völkermord mit ihnen steht damit in Zusammenhang, dieser jährt sich heuer zum 100. Mal (1915-2015). Nach dieser Katastrophe wurde das russisch beherrschte Ost-Armenien unabhängig, der erste armenische Staat nach Jahrhunderten. Am Ende dieser Phase war aber fast alles verloren. Das Ende der Sowjetunion war die nächste grosse Zäsur. Zur Zeit gibt es quasi zwei armenische Staaten, da Karabach diesen Status der Unabhängigkeit beansprucht, sich nicht an die Republik Armenien angeschlossen hat. Und die Diaspora (armenisch “Spjurk”).

Historischer Überblick bis zum Ersten Weltkrieg

In das 6. Jh. vC fällt der Übergang vom Urartu-Reich (von dem sich der Name Ararat ableitet, der auf armenisch Masis heisst) zu Hayassa (aus dem Hayastan wurde) bzw. Harminuya (> Arminya), das meist persisch beherrscht war. Armenien/Hayastan gewann seine Unabhängigkeit in der Spät-Antike, unter König Tigran entstand ein Grossreich, das schon damals in einer schwierigen geopolitischen Lage war, zwischen Rom und Persien. Nach Tigran kam Armenien auch unter römische Oberherrschaft. Im 4. Jh erfolgte seine Christianisierung. Ende des 4. Jh wurde es zwischen Byzanz und Persien geteilt, womit die Spaltung in Ost- und West-Armenien eingeleitet wurde. Auch die Begriffe Gross- und Kleinarmenien werden dafür benutzt, da Persien mit dem Osten etwa vier Fünftel Armeniens bekam; allerdings werden Gross- und Kleinarmenien auch zur Bezeichnung des “eigentlichen” Armenien bzw Kilikiens (wo im Hoch-Mittelalter ein armenischer “Filialstaat” entstand) verwendet. In dieser Zeit der ersten Teilung wirkte Mesrop Mashtoz, der Entwickler des armenischen Alphabets, der zwischen den Sphären pendelte. Auch die Behauptung der Eigenständigkeit der armenischen Kirche und ihr Festhalten am (gemäßigten) Monophysitismus ist in Spät-Antike/Früh-Mittelalter anzusetzen.

Wenn man so will, waren die moslemischen Araber der lachende Dritte im “Duell” zwischen Persien und Byzanz, auch Armenien geriet Anfang des 7. Jh unter ihre Herrschaft, war aber autonom. Im 9. Jh wurde es wieder unabhängig, unter der Bagratiden-Dynastie. Es kam immer wieder zu Auseinandersetzungen mit Byzanz, das sich damit selber schwächte, da Armenien einen Pufferstaat zu den Seldschuken darstellte. Im 11. Jh nahmen diese zuerst Armenien ein und eroberten dann den Grossteil der kleinasiatischen Gebiete des Byzantinischen Reichs. Armenien verlor damit für sehr lange Zeit seine Unabhängigkeit, wurde Spielball anderer Mächte. Auch die Entstehung der armenischen Diaspora wird auf die Seldschuken-Invasion zurückgeführt; diese bewirkte eine Massenflucht nach Kilikien und über den Kaukasus und Russland nach Europa. Byzantinische Herrscher haben aber schon Jahrhunderte zuvor Armenier auf den Balkan umsiedeln lassen. In Kilikien entstand im 11./12. Jh “Kleinarmenien”, das mit den südlich angrenzenden Kreuzfahrer-Staaten zusammenarbeitete. “Grossarmenien” wurde von Seldschuken beherrscht, erlebte im 13. und 14. Mongolen-Invasionen.

Kleinarmenien/Kilikien wurde 1375 von den Mameluken unterworfen, im eigentlichen Armenien herrschten nach den Mongolen u.a. Turkmenen. Es wurde im 16. Jh zwischen dem safawidischen Perserreich und dem osmanischen Türkenreich geteilt, eine Weichenstellung für die Neuzeit, die einige Jahrhunderte Bestand hatte, auch wenn die Grenzziehung jahrhundertelang umstritten war. Die Teilung Armeniens in einen Ost- und Westteil durch verschiedene Staaten war eine Konstante in seiner Geschichte, hat sich auch in der Sprache und der Kirche ausgewirkt. Das nun osmanische West-Armenien war auf diverse Eyalets, später Vilayets, aufgeteilt, bis in das späte 19. Jh hinein als “Ermenistan” anerkannt. Daneben gab es natürlich eine armenische “Binnen-Diaspora” im Osmanischen Reich, ob in Kilikien, Syrien, Palästina (an der Spitze ihrer Präsenz in Jerusalem stand der dortige Patriarch) oder Konstantinopel/Istanbul. Der armenische Patriarch in Istanbul, der theologisch dem Katholikos von Etschmiadsin in Ost-Armenien untergeordnet war, wurde vom osmanischen Staat als Oberhaupt der armenischen Nation (Millet) in diesem Staat gesehen. In Sis gab es, quasi als Relikt des armenischen Reichs in Kilikien, ein Katholikat, das in Konkurrenz zu jenem in Etschmiadsin bestand und sich erst im 17. Jh unterordnete. Auf der Achtamar-Insel im Van-See bestand seit dem 12. Jh ebenfalls ein Gegenkatholikat, das aus Protest gegen die Ausrufung eines Minderjährigen zum Katholikos von Etschmiadsin entstand und später ein regionales Katholikat wurde (statt einem konkurrierenden). Unmittelbare Nachbarn und Mitbewohner der Armenier im westlichen Teil ihres Stammlandes waren Kurden, mit denen sie eine lange, konfliktreiche Geschichte verbindet.

Im persischen Ost-Armenien befand sich das Etschmiadsin-Katholikat (die Führung der armenisch-gregorianischen/apostolischen Kirche, bis heute), das “albanische” Katholikat, wie auch der für Armenier heilige Berg Ararat (Masis). Unter Schah Abbas wurden Armenier weiter in den Süden Persiens umgesiedelt, v.a. nach Isfahan. In ihrem eigentlichen Siedlungsgebiet im Nordwesten des Persischen Reichs waren hauptsächlich Aserbeidschaner (Aseris) ihre Nachbarn. Auch in Karabach/Arzach, das unter diversen Herrschern Autonomie behauptete (auch unter den Persern). Der Rest Ost-Armeniens wurde unter den Persern auf die Khanate Jerewan und Nachitschewan aufgeteilt. 1827/28 eroberte das Russische Reich Ost-Armenien und weitere Gebiete im Süd-Kaukasus von den Persern; Russen waren die Hauptfeinde der nun angrenzenden Osmanen. Die Verwaltungsgliederung wie auch die Behandlung allgemein wechselte unter Russen, verschlechterte sich, anfangs gab es ein “Armenisches Gebiet” (Oblast) mit Autonomie. Das Gebiet (und spätere Einheiten) umfasste die vormaligen persischen Khanate Jerewan und Nachitschewan, nicht aber Karabach. Ostarmenien war unter den Russen als Teil des Kaukasus neben Sibirien Verbannungsort für Gegner des Zaren-Regimes (Narodniki, Raskolniki,…).

Ende des 19. Jh verschlechterte sich das Verhältnis der Armenier zu den Türken wie zu den Aseris. Was das osmanische West-Armenien betraf, so kam mit dem Niedergang des Reichs das Ende relativer osmanisch-moslemischer Toleranz. Der Versuch der Modernisierung und Umorganisierung des Reichs, die Tanzimat-Periode, endete mit Sultan Abdulhamid (Abdülhamit) 1876. Armenier, die eine wichtige Rolle im Handel einnahmen, lebten v.a. in den sechs Vilayets, die W-Armenien ausmachten, aber auch in vielen anderen Gebieten des Sultanats. Das Osmanische Reich war im 19. Jh unter starken Einfluss europäischer Staaten geraten, die hier unterschiedliche Ziele verfolgten. Es gärte unter Türken wie unter Arabern oder Armeniern. Die Griechen gewannen Stück für Stück ihre Unabhängigkeit, der Balkan ging sukzessive verloren. Nordkaukasische moslemische Völker aus dem russischem Bereich (oft pauschal als “Tscherkessen” bezeichnet) wurden auch in W-Armenien angesiedelt, wodurch Armenier dort zusehends in die “Defensive” gerieten. Im osmanisch-russischen Krieg 1877/78 kämpften Armenier auf beiden Seiten; im Friedensvertrag von Berlin musste ein Teil W-Armeniens, das Gebiet um Kars, an Russland abgetreten werden, daneben wurde Autonomie für Armenier unter osmanischer Herrschaft beschlossen. Da diese nicht gewährt wurde, gab es armenische Proteste, daraufhin kam es zu Massaker an Armeniern, Mitte der 1890er, die erstes grossen unter osmanischer Herrschaft, unter Abdülhamit, durch die von ihm geschaffenen Hamdiyeh-Einheiten (die hauptsächlich aus Kurden bestanden), mit zehntausenden Todes-Opfern.

Ende des 19. Jh entstand auch unter Armeniern eine Nationalbewegung, nicht zuletzt in Konkurrenz zu religiösen Führern. Russland wurde darin manchmal als Verbündeter gesehen, manchmal als einer von zwei Mächten die über Armenien herrschten. Autonomie in diesen Reichen war ein Ziel von Teilen dieser Bewegung, Unabhängigkeit das von anderen. Wichtigste Organisation wurde die 1890 im russischen Bereich gegründete “Föderation Armenischer Revolutionäre” (Hay Heghapokhakanneri Dashnaktsutyun), meist “Dashnaktsutiun” oder “Daschnak” genannt, die sich mit Arabern gegen Osmanen verbündete, mit Sozialisten gegen den Zaren. Daneben entstand die ebenfalls linksnationalistische “Hntschak” (in der westlichen Diaspora) und die “Armenak”/”Ramgavar”. Die Daschnak führte 1896 einen Banküberfall in Istanbul durch und 1905 ein Attentat auf den Sultan. Zur westlichen Diaspora gehörte auch die Führung der mit “Rom” unierten armenisch-katholischen Kirche.

Der Völkermord

Die Jungtürken-Bewegung hatte ursprünglich neben nationalistischen auch liberale Ziele, wie die Wiedereinsetzung von Verfassung und Parlament im Osmanischen Reich, Beschneidung der Macht des Sultans, Abänderung einer rein islamischen Rechtsdefinition. Sie arbeitete vor ihrer Machtübernahme dabei auch mit armenischen Organisationen zusammen. Nach ihrer Machtübernahme 1908/09 wurden vorrangig jene Tanzimat-Maßnahmen wieder eingeführt, die unter Abdulhamit rückgängig gemacht worden waren, darunter auch die formale Gleichstellung aller Bürger und Wehrpflicht für alle (was im Balkankrieg zum Tragen kam). Im Sinne von Minderheiten (damit sind in erster Linie Nicht-Moslems gemeint) war (auch) die Amnestie für Angehörige von Bürgerwehren wie den armenischen. Islam war auch angesichts der Unabhängigkeits-Bestrebungen der arabischen Völker keine “Reichsklammer” mehr. 1909 wurde von Anhängern der alten Ordnung an Armeniern in Kilikien (v.a. Adana) ein neues Massaker verübt; Armenier waren zu einem gutem Teil anfänglich für die Jungtürken. Der liberale Teil der jungtürkischen Bewegung spaltete sich von ihrer Organisation “Komitee für Einheit und Fortschritt” ab; Streitpunkt war zB die Frage Zentralismus-Föderalismus. 1913 stürzte das Komitee diese nun gerade herrschenden “Freiheits- und Einigkeitspartei”. Die “drei Paschas” Talat, Enver und Djemal wurde dominierende Kräfte in der Regierung (Talat am Ende als Grosswesir), führten das Reich an der Seite der Mittelmächte in den grossen Krieg. Die Jungtürken (das Komitee) regierten bis zur Niederlage im 1. WK, dem Sultan eher übergeordnet, wie Mussolini dem König in Italien später.

Dort wo Kleinasien und Kaukasus aufeinandertreffen, grenzten Russisches und Osmanisches Reich aneinander, lebten auf beiden Seiten Armenier. Dort kam es 1914 zum Krieg. Vorrangiges türkisches Ziel war die Rückeroberung der 1878 verlorenen Gebiete, im Hintergrund lockte die Aussicht auf eine “Vereinigung” mit Turkvölkern im Kaukasus und Zentralasien. Für die Russen waren die Armenier Vehikel für ihre gleichfalls expansionistische Politik. Istanbuler Patriarchat und Daschnak riefen die osmanischen Armenier zu osmanischem Kriegsdienst auf. 1914/15 erfolgte ein russischer Vorstoss nach Kleinasien, die Eroberung Westarmeniens und Nord-Kurdistans. Manche West-Armenier halfen der vorrückenden russischen Armee – so wie etwa Araber damals den Briten im Irak gegen die Osmanen halfen oder Nordkaukasier im russischen Bereich den Osmanen gegen die Russen. Daneben kämpften natürlich Ost-Armenier in der russischen Armee. 1915 gelang es der osmanischen Armee, die Russen zurückzuschlagen. In der Phase darauf ereignete sich der Völkermord (armenisch Aghet, Katastrophe).

Armenier wurden von der jungtürkischen Regierung des Osmanischen Sultanats nach der ersten Niederlage gegen die Russen 1914 als deren fünfte Kolonne gesehen; hier fiel der Beschluss zu den folgenden Maßnahmen. Es begann 1915 mit Entlassungen von Armeniern aus osmanischem Staats- und Kriegsdienst, dann folgten Verhaftungen ihrer Notabeln, im April in Istanbul. Diran Kelekian, Gründer und erster Chefredakteur der Tageszeitung “Sabah”, als Professor an der Universität Istanbul/Konstantinopel akademischer Lehrer zahlreicher Führer der jungtürkischen Bewegung, war unter jenen führenden Persönlichkeiten der armenischen Gemeinde Istanbuls, die Opfer der Verhaftungswelle vom 24. und 25. April 1915 wurden. Diese Armenier aus dem Westen sowie jene aus allen Teilen Anatoliens (v.a. aus W-Armenien) wurden zunächst nach Zentralanatolien deportiert; von dort weiter in die syrische Wüste weiter getrieben; ein Endpunkt war Dar es Zur. Die Deportationen waren begleitet von Übergriffen aller Art, Massakern, Plünderungen, Vergewaltigungen, Misshandlungen, Verschleppungen. Eine maßgebliche Rolle spielten wieder die Kurden, auch beim Eindringen osmanischer Truppen nach Persien, wo die Zentralgewalt damals sehr schwach war, und der dortigen Verfolgung von Armeniern und Assyrern.

Widerstand leisteten Armenier u.a. in Van, das von ihnen mit Unterbrechungen bis 1918 gehalten werden konnte und am Musa Dag (Musa Ler) im Antiochia-Gebiet 1915 (von Franz Werfel verarbeitet), wo dann ausländische Hilfe kam, in Form eines französischen Schiffes. Hunderttausende Armenier wurden in diesen Monaten getötet, manche überlebten, versteckt in Anatolien (auch mit Hilfe von Türken oder Kurden) oder in Syrien (wo vielen von Arabern geholfen wurde) oder ins russische O-Armenien geflüchtet. Betroffen waren auch Assyrer, Pontus-Griechen und Georgier in Ost-Anatolien, denen ebenfalls Kollaboration mit dem Feind bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen unterstellt wurden. Armenische Kinder, die als Waisen den Völkermord in Syrien oder anderswo überlebten, wurden in der Regel türkisiert, eine besonders unrühmliche Rolle spielte dabei Halide Edip, osmanische Schulinspektorin in diesem Gebiet, in Zusammenarbeit mit Djemal Pascha.

Hauptverantwortlicher für den Völkermord war (Mehmet) Talat Pascha, z. T. bulgarisch-pomakischer Herkunft, Innenminister und 1917/18 Grosswesir. Er fand nach dem Krieg in Deutschland Zuflucht und wurde dort 1921 von einem Armenier ermordet. Enver Pascha (ein Offizier, 1914-18 Kriegsminister) hatte albanische und gagausische Wurzeln am Balkan, nach Kriegsniederlage und Sturz flüchtete er in die SU und versuchte sich dort in pan-turkistischen Aktivitäten. Er wurde 1922 in Tadschikistan (einem nicht-türkischen Gebiet Zentralasiens) von russischen Truppen (anscheinend unter einem Armenier) getötet. (Ahmed) Djemal Pascha, ebf. ein Offizier, hatte evtl. griechische Wurzeln, war Marine-Minister, wurde 1922 in Georgien (damals SU) für seine Verantwortung am Genozid (die eine geringe gewesen sein soll) von Armeniern ermordet.

Armenische Geschichte nach dem Völkermord

1916 gelang der russischen Armee die Wiedereroberung Ost-Anatoliens, womit die Deportationen und Massaker von Christen in diesem Gebiet zu einem Ende kamen. Mit den Russen kämpften armenische Milizen wie jene unter “Dro” Kanayan (ein ost-armenischer Daschnake). Die Russen drangen diesmal weiter vor, die Frontlinie umfasste dann in etwa die Grenzen West-Armeniens (ausgehend von Gerasunt/Giresun am Schwarzen Meer, dann südlich von Erzingan und Van verlaufend, bis zur persischen Grenze), das nun von Armeniern weitgehend leer war. 1916/17 war dieses Gebiet also unter russischer Verwaltung; es gab keine Autonomie für verbliebene oder aus O-Armenien zurückkehrende Armenier, dagegen eine Ansiedlung von Russen. Wegen der russischen Revolutionen 1917 zog sich die russische Armee von der “Kaukasus-Front” zurück; jene der Osmanen war auch an der Dardanellen-Front um Istanbul und diversen arabischen Fronten beschäftigt.

Die Frontlinie in Kleinasien wurde so 1917/18 von Armeniern gehalten, zusammen mit Georgiern und anderen christlichen Völkern. Da im Zuge der Umwälzungen im Russischen Reich O-Armenien (wie auch andere Gebiete) de facto unabhängig war, war damals ganz Armenien mehr oder weniger unter armenischer Kontrolle – aber ein grosser Teil der Bevölkerung war getötet oder verschleppt worden und die Zukunft war unsicher. In dieser Phase, der armenischen Kontrolle über W-Armenien/NO-Anatolien, soll es Gräuel gegen Türken und Kurden in dieser Region gegeben haben, ob zur Sicherung der Herrschaft oder als Vergeltung, was in einer polyperspektivischen Betrachtung auch nicht unterschlagen werden sollte. Ein Denkmal für durch armenische Unabhängigkeitskämpfer ermordete Türken gibt es dort auch längst, eines für Armenier nicht.

1918 stieg die kommunistische Regierung Russlands ganz aus dem Krieg aus, vereinbarte im März im Brest-Litowsk-Vertrag die Rückgabe des Kars- und Batumi-Gebiets an das Osmanische Reich; keiner der Beiden kontrollierte zu dem Zeitpunkt aber das betreffende Gebiet. Am Ende des Kriegs eroberte die osmanische Armee unter Enver Pascha aber W-Armenien zurück, es gab neue Massaker und Vertreibungen, die Enver-Armee drang auch nach O-Armenien ein, wurde in der Sardarapat-Schlacht abgewehrt. In dieser Zeit (Mai ’18) rief O-Armenien (wie auch die anderen beiden südkaukasischen Staaten) offiziell seine Unabhängigkeit aus. Während W-Armenien wieder osmanisch war, wurde O-Armenien unabhängig. Im Oktober des Jahres kapitulierte das Osmanische Reich (Mudros-Waffenstillstand). Türkische und kurdische Kämpfer mussten sich aus den westlichen Gebieten des unabhängigen Armeniens, wie Kars, zurückziehen. Die drei Jungtürken-Führer flüchteten mit deutscher Hilfe ins Ausland, wo sie von Armeniern getötet wurden (s.o). Der liberale Flügel der Jungtürken kam unter westeuropäischer Besatzung im Osmanischen Reich wieder ans Ruder; etwa Damad Farid Pascha, der 1919 und 1920 Grosswesir war, ein Türke montenegrinischer Herkunft – bei den Jungtürken-Führern gab es auffallend viele Eingetürkte. Die Besetzung durch die Entente betraf das türkische Kernland, nicht aber Ost-Anatolien. Unter der Besatzung fanden 1919-21 auch Prozesse gegen Jungtürken-Führer der zweiten Reihe und andere Verantwortliche des Genozids statt.

Die Demokratische Republik Armenien bestand 1918-20, im davor und danach russischen Ost-Armenien, war überfüllt mit Flüchtlingen aus West-Armenien. Das Kars-Gebiet, Nachitschewan und der Ararat waren Teil dieses Staats; Karabach war mit Aserbeidschan, Javakheti mit Georgien, umstritten. Bei der Parlaments-Wahl 1919 wurde die Daschnak die stärkste Partei. Aseris waren die grösste Minderheit, im Kars-Gebiet gabs auch viele Kurden. Die im 1. WK siegreiche Entente unterstütze im Russischen Bürgerkrieg die Weisse Armee, die die Wiederherstellung alter Grenzen wollte, somit kein unabhängiges Armenien.

Die Nachkriegsverhandlungen in den Pariser Vororten führten bezüglich des Osmanischen Reichs 1920 zum Vertrag von Sevres; zwischen den „verbliebenen“ Alliierten des Kriegs (Russland war nicht mehr dabei) und dem Osmanischen Reich. Der Vertrag bestätigte die Abtrennung der arabischen Gebiete (an Grossbritannien und Frankreich). Griechenland und Armenien bekamen ihren Anteil am Osmanischen Reich zugesprochen; im Fall der Griechen waren das die teilweise griechisch besiedelten Gebiete Ost-Thrakien und das Gebiet um Smyrna/Izmir. Das damals unabhängige O-Armenien sollte W-Armenien bekommen; unter USA-Präsident Wilson wurde den Armeniern ein Gebiet zugestanden, das 2 Jahre zuvor in Reichweite gewesen war, das sich im Wesentlichen mit der Frontlinie 1916-18 deckte, das noch heute in der Regel die Maximalforderung von, je nach Standpunkt, nationalistischen oder geschichtsbewussten Armeniern darstellt, ein Gebiet über das die Armenier zuletzt vor 900 Jahren geherrscht hatten. Darüber hinaus wurde fast das ganze Kleinasien/Anatolien europäischen Mächten als “Einflusszone” zugesprochen.

Türkischer Widerstand gegen Sevres formierte sich unter einer neuen Nationalbewegung, geführt von mittleren Offizieren wie Mustafa Kemal Pascha (später “Atatürk”) aus Saloniki, und führte zum “Türkischen Unabhängigkeitskrieg” an drei Fronten (1919-23). Armenier waren auch von der türkischen Einnahme Smyrnas (von Griechenland) und Kilikiens (von Frankreich) betroffen, vor allem aber natürlich vom Vorstoss unter Karabekir auf Ost-Armenien (“Türkisch-Armenischer Krieg”). Keiner der Alliierten/Entente-Mächte hatte den Schutz für das in Sevres geschaffene Gross-Armenien übernommen. Armenien verlor so nicht nur den Westteil, der Hauptschauplatz des Völkermords gewesen war, bevor es ihn in Besitz genommen hatte, sondern auch das Kars-Gebiet; das Friedensdiktat von Alexandropol bestätigte die Brest-Litowsk-Grenze. Der Rest Armeniens unterstellte sich der Sowjetunion, um Schlimmeres zu verhindern, die Unabhängigkeit endete somit nach zwei Jahren.

1921 schlossen die kemalistische Regierung des sterbenden Osmanischen Reichs und die der jungen Sowjetunion den Vertrag von Kars über ihre Grenze, die hauptsächlich die Armenier betraf. Der neue Vertrag folgte dem von Alexandropol weitgehend, zusätzlich zur Kars-Ardahan-Region wurde nun auch noch die Surmalu/Igdir-Region mit dem Ararat/Masis den Türken zugesprochen; nachdem in West-Armenien fast keine Armenier mehr lebten, waren die Armenier nun erstmals von “ihrem” Berg getrennt! Nach dem 2. WK stellte die SU den Kars-Vertrag und die darin festgelegte Grenzziehung in Frage. Inner-Sowjetische Grenzziehungen wirkten sich auch ungünstig für die Armenier aus: 1922 wurden Karabach, Nachitschewan und Javakheti abgetrennt bzw. den Nachbarn Aserbeidschan und Georgien zugeschlagen. Die heutigen Grenzen Armeniens sind auf die Ereignisse der Jahre 1920-22 zurückzuführen. Durch den Völkermord und Kriege 1914 bis 1922 haben Armenier etwa neun Zehntel ihres Landes (neben W-Armenien auch den Ararat und andere ostarmenische Gebiete) und zwei Drittel ihrer Bevölkerung verloren.

Die Gründung der Republik Türkei 1923 war “Schlusspunkt” dieser Phase, die Weichen für die nächsten Jahrzehnte waren gestellt. Die Prozesse gegen die Völkermord-Verantwortlichen waren bereits 1921 eingestellt worden. Der türkische Nationalstaat sollte eine türkische Nationalkultur haben, weshalb unter dem unumschränkten Herrscher Atatürk neben diversen Verwestlichungsschritten (wie der Einführung der lateinischen statt der arabischen Schrift) auch kulturelle Nationalisierungs-Maßnahmen durchgeführt wurden, wie die “Reinigung” der Sprache von Wörtern ausländischer Herkunft. So “gemischt” die Türken von ihrer Ethnogenese sind, so widersprüchlich ist dieses Unterfangen auch. Ziya Gökalp, der mit das theoretische Fundament für den türkischen Nationalismus legte, war eigentlich Kurde. Kurden, nicht durch die Religion von der türkischen Mehrheitsgesellschaft getrennt, haben lange bei allem mitgemacht, sind in grosser Zahl in ihnen aufgegangen (grosse Teile der türkischen Gesellschaft bis hin zu Staatspräsidenten wie Turgut Özal haben/hatten kurdische Wurzeln, früher osmanische Sultane). Widerstand nicht-assimilierter Kurden begann nach der Gründung der Türkei. Die Niederschlagung des immer wieder aufflackernden Aufbegehrens in Südost-Anatolien war in Dersim 1937/38 abgeschlossen; wenn man so will, begann es in den 1980ern wieder mit der PKK.

Der armenische Rest in der Türkei lebt(e) v.a. in Istanbul, wo sich auch ihr Patriarchat befindet; daneben existieren diverse “Krypto-Armenier” über das Land verstreut, s. u. 1939 gaben die Franzosen das Antiochia-Gebiet an die Türkei ab (statt an Syrien), Armenier hatten wieder die Wahl zwischen Exodus und Massaker. 1955 gab es in Istanbul ein Pogrom gegen christliche Gruppen, v.a. Griechen, die damals noch zahlreicher waren, nachdem bekannt wurde dass in Saloniki ein Anschlag auf das Geburtshaus Atatürks stattgefunden hatte, wahrscheinlich eine Aktion unter falscher Flagge. Unter den wenigen Nicht-Moslems, die seit der Gründung der Türkei ins Parlament gewählt wurden, waren auch einige Istanbul-Armenier, zuletzt der Bauunternehmer Migirdic Sellefyan Ende der 1950er, für die DP.

In Sowjet-Armenien gabs in der Anfangszeit von der Daschnak (die dann verboten wurde) etwas Widerstand, der bald unter Kontrolle gebracht war. Alexander Mjasnikjan (“Mjasnikov”) war in der Anfangszeit Chef der KP in Armenien und Ministerpräsident der Teilrepublik. 1922-36 wurden die drei südkaukasischen Republiken Armenien, Georgien, Aserbeidschan zur “Transkaukasischen Republik” zusammengeschlossen, dann wieder getrennt. Nachitschewan und ein Teil Karabachs wurden autonome Gebiete Aserbeidschans, in dessem Gebiet Armenier auch sonst verstreut lebten, vielfach in der Ölindustrie arbeiteten. Die Tötungen, Zwangskollektivierungen und Deportationen unter Stalin betrafen natürlich auch Armenier. Katholikos Choren I. wurde damals ermordet, aber auch (führende) Kommunisten wie Khanijan, der (aus Van stammende) Parteichef der Republik. Mit Anastas Mikoyan war sogar ein Armenier Staatsoberhaupt der Sowjetunion, 1964/65, in der Ära Breschnew, als Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets.

Das Agrarland (Ost-) Armenien wurde industrialisiert. Kulturelle Autonomie, vor allem die Pflege der eigenen Sprache war weitgehend gewährleistet. Es gab sogar eine Einwanderung von Diaspora-Armeniern nach Sowjet-Armenien, die Familie des späteren Präsidenten Lewon Ter-Petrossian kam etwa 1946 aus Syrien. Im 2. WK kam die deutsche Wehrmacht nicht bis Armenien; Sowjet-Armenier kämpften aber für die Rote Armee an diversen Fronten, Marschall Ivan Bagramyan führte sie im Baltikum. Ein anderer berühmter Sowjet-Armenier war der Komponist Aram Khatchatourian. Durch den Kalten Krieg war Armenien wieder im Spannungsfeld der Weltpolitik, an der sowjetisch-türkischen Grenze stiessen die beiden Blöcke aneinander, die SU-Republik Armenien war auf der einen Seite, das von Armeniern entvölkerte türkische West-Armenien auf der anderen. Die “religiöse Entsprechung” zur Tatsache, dass ein Teil der Armenier zum Ostblock gehörte und ein anderer zum Westblock, war die doppelköpfige Führung ihrer Kirche durch die Katholikate von Etschmiadsin und Beirut, wobei ersteres den Vorrang hatte.

Eine armenische Diaspora in Westasien gibts hautsächlich im Iran, Syrien und Libanon. In diesen Staaten haben Armenier nach ihrem Völkermord auch Zuflucht gefunden. Die multiethnische/-religiöse Gesellschaft des Libanon, der in den 1940ern von Frankreich unabhängig wurde, kam Armeniern entgegen. Neben dem unierten Patriarchat übersiedelte in den 1920ern auch das kilikische Katholikat aus der Türkei in dieses Land. Die ungünstige Entwicklung im “Nahen Osten” (Bürgerkrieg Libanon ab 1975, Revolution Iran 1979,…) traf auch die dort lebenden Armenier. Die Diaspora im Westen wird seit dem 1. WK immer grösser, hier sind v.a. Frankreich und USA zu nennen. Herausragende Vertreter sind hier der Künstler Charles Azanavour oder der Politiker George Deukmejian (war Gouverneur von Kalifornien). In der Diaspora müssen Armenier oft eine Dreifach-Identität bewältigen; ein in Deutschland lebender armenischer Iraner etwa wird (was rein die Sprache betrifft) versuchen, Deutsch, Armenisch und Persisch zu beherrschen. 1973 erschoss der Diaspora-Armenier Yanikian, der den Völkermord erlebt hatte, in der USA türkische Diplomaten; in Folge bildete sich die ASALA (Armenian Secret Army for the Liberation of Armenia), die bis Ende der 1980er Gewalt gegen türkische Staatsrepräsentanten und Zivilisten ausübte (vom Libanon aus), den Kreislauf des Hasses kräftig ankurbelte. Die ASALA bestand hauptsächlichst aus West-Armeniern, Nachkommen von Völkermord-Überlebenden, die in den Libanon gegangen waren

1988 brachte für Sowjet-Armenien zum einen ein verheerendes Erdbeben (~25 000 Todesopfer, grosse Zerstörungen), zum anderen den Beginn des Konfliktes mit der benachbarten Sowjet-Republik Aserbeidschan um Berg-Karabach/Arzach. Wie auch in Jugoslawien brachte die Lockerung des kommunistischen Systems in der Sowjetunion eingefrorene nationale Konflikte zum Auftauen. Die grossteils armenische Bevölkerung Karabachs, das autonomes Gebiet innerhalb Aserbeidschans war, wollte den Anschluss an Armenien. Die Unruhen, die sich zunächst etwa in Vertreibungen niederschlugen, brachten auch neue armenisch-türkische Spannungen. Die Türkei betrachtet sich als eine Art Schutzmacht für sie sprach- und religionsverwandten Aserbeidschaner/Aseris. Aseris wurden aus Karabach und Armenien vertrieben, Armenier aus Aserbeidschan und dessem exterritoralen Gebiet Nachitschewan. Dieser “Bevölkerungsaustausch” war mit Massakern verbunden, wie jenes in Baku 1988 an dort lebenden Armeniern.

Die anti-kommunistische Unabhängigkeitsbewegung sammelte sich in der “Pan-Nationalen Armenischen Bewegung” (Hayots Hamazgain Sharzhum/Հայոց Համազգային Շարժում/HHSch), deren Kandidaten bei der ersten halbwegs freien Wahl zum Parlament SU-Armeniens (“Oberster Rat”) als Unabhängige antraten und viele Sitze errangen; die KP gewann die Wahl. Der HHSch-Spitzenmann Lewon Ter-Petrossian wurde zunächst Parlamentspräsident. Die SU-Republik Armenien erklärte im August 1990 ihre “Souveränität”. Nach dem gescheiterten Putsch von Altkommunisten gegen SU-Präsident Gorbatschow im August 1991 erklärte sie sich für unabhängig, was von der Bevölkerung in einem Referendum bestätigt wurde. Dies fiel zeitlich ziemlich mit der Wahl Ter-Petrossians zum Präsidenten Armeniens zusammen, der im November 1991 sein Amt antrat.

Mit der Unabhängigkeit begann der (Berg-)Karabach-Krieg mit Aserbeidschan. Das mehrheitlich von Armeniern bewohnte autonome Gebiet erklärte sich unabhängig, Aserbeidschan hob seine Autonomie auf. Armenier leisteten gegen den Versuch der Eingliederung Widerstand, eroberten 1992 das Latschin-Gebiet, einen Verbindungskorridor zwischen Karabach/Arzach und der Republik Armenien; dieses Gebiet war 1922 wie andere Teile Karabachs nicht zu dem autonomen Gebiet dazugenommen worden. Armenien behauptete in dem bis 1994 laufenden Krieg diese Gebiete. Nach etwa 30 000 Toten auf beiden Seiten wurde ein Waffenstillstand geschlossen. Karabach wurde nicht als Teil Armeniens proklamiert, es ist je nach Sichtweise unabhängig oder ein abtrünniger/besetzter Teil Aserbeidschans, de facto ist es aber ein Teil Armeniens. Der Krieg hat das vom Erdbeben schon schwer getroffene Land weiter wirtschaftlich geschwächt, nicht zuletzt, da Aserbeidschan, schon zu Sowjet-Zeiten, eine Blockade der Luft- und Schienenwege nach Armenien verfügte. Die Grenze zur Türkei war nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion kurz geöffnet, wurde dann aufgrund des Krieges von der Türkei geschlossen. 1993 drohte Türkeis Präsident Özal Armenien. Aserbeidschan profitiert von Öl- und Gasvorkommen im Kaspischen Meer, Armenien bleibt arm.

Vor diesem Hintergrund vollzogen sich die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen von der SU-Republik zum unabhängigen Staat. Wie auch in den anderen ehemaligen SU-Republiken kamen irgendwann die Privatisierungen der Staatsbetriebe, wodurch eine Klasse der Oligarchen entstand, die eng mit der Politik verbunden ist. Von den drei Kaukasus-Republiken hat sich Georgien inzwischen am stärksten von Russland ab- und dem Westen zugewandt, Aserbeidschan (das auch noch die Türkei hat) hat noch relativ starke Bande, Armenien ist von diesen Staaten am stärksten an Russland “orientiert”. Ob das den Handel betrifft (wo es aber auch neue Partner gab) oder die Militärbasis in Gyumri, die Russland in Armenien unterhalten darf, oder die russische Minderheit im Land (oder auch die in Russland lebenden Armenier). Zu den Nachbarn Georgien und Iran hat Armenien vielfältige Beziehungen. 1993 wurde eine eigene Währung eingeführt, davor gab es eine Währungsunion innerhalb der GUS. Auf religiösem Gebiet gab es 1995 eine Art Versöhnung, Neshan Sarkissian, als Garegin II. Katholikos von Kilikien im Libanon, wurde als Karekin I. (ost-armenische Schreibweise) Katholikos von Etschmiadsin, somit Oberhaupt der armenisch-gregorianischen Kirche, der die meisten Armenier, in der Republik und in der Diaspora, angehören.

Die innenpolitischen Probleme begannen mit dem Auseinanderfall der HHSch, dessen Rest 1995 noch die Wahl gewann. Armenien hat ein semi-präsidentielles System, ist de facto aber eine Präsidialrepublik, was schon unter Ter-Petrossian zu Spannungen mit Regierung und Parlament führte – anders herum kann man auch sagen, dass er autoritäre Züge an den Tag legte. Er liess etwa die Daschnak-Partei (HHD), damals neben der KP die stärkste Oppositionspartei, vorübergehend verbieten. Seine Wiederwahl 1996 war die erste Wahl mit Schiebungsvorwürfen in Armenien. 1998 trat er wegen Unstimmigkeiten mit der Regierung unter Robert Khotscharian, der zu seinem Nachfolger gewählt wurde, zurück. Die Republikanische Partei (HHK), 1990 gegründet, wurde bei der Parlamentswahl 1999 Grosspartei, siegte vor der KP-Nachfolgepartei HKK, stellte mit Wasgen Sargsyan den Ministerpräsidenten. Seither hat sie bei allen Wahlen gewonnen, wahrscheinlich aber nicht ganz “sauber”, und übt ein Machtmonopol aus. Im Oktober 1999 ereignete sich ein Terrorangriff auf das Parlament, eine Gruppe unter einem Ex-Daschnak-Aktivisten tötete den Ministerpräsidenten, Parlamentspräsident K. Demirtschian (KP-Chef der Republik 74-88, nun bei der HZK) sowie mehrere Minister und Abgeordnete. Der damalige Sicherheitsminister Sersch Sargsian wurde von Ex-Präsident Ter-Petrossian der Komplizenschaft mit den Terroristen beschuldigt, auch Präsident Khotscharian (parteilos) wurde dessen beschuldigt. Sersch Sargsian von der HHK wurde 2007 Ministerpräsident, 2008 Staatspräsident.

Der Ararat von Jerewan aus gesehen
Der Ararat von Jerewan aus gesehen

Der Umgang mit dem Völkermord, seine Aufarbeitung

Eng verbunden mit der Beurteilung des Völkermordes ist die Frage, inwiefern Unabhängigkeits- bzw. Irredentismusbestrebungen der Armenier berechtigt waren; abgesehen davon, dass nur ein Teil der West-Armenier diesen Bestrebungen nachgingen. Es gab gerade im 1. Weltkrieg einige vergleichbare Situationen. Österreich-Ungarn und das Russische Reich waren wie das Osmanische Sultanat Vielvölkerreiche und gingen auch in diesem Krieg unter. In der Ukraine standen sie sich auch gegenüber, und beide verdächtigten die Ukrainer der Kollaboration mit dem Anderen und erliessen auch harte Repressalien in Fällen, wo sie diesen Verdacht bestätigt sahen; diese waren aber weit weg von kollektiven Zwangsumsiedlungen aus dem Kriegsgebiet. Ähnlich verhielt es sich an der österreichisch-italienischen Front, wo viele Italiener unter österreichisch-ungarischer Herrschaft (Trient, Triest) vor “Loyalitätskonflikten” standen, wo es Exekutionen gab wie jene Cesare Battistis.

Natürlich gab/gibt es vielerorts Wechselwirkungen zwischen Diskriminierungen vor dem Krieg, harten Maßnahmen währenddessen und dem Bestreben nach Grenzveränderungen. Während des 1. Weltkriegs gab es einige Volksgruppen im Osmanischen Reich, die ein ähnliches Schicksal wie die Armenier erleiden hätten können, nicht zuletzt diverse arabische Völker, aufgrund ihrer Sezessionsbestrebungen. Die osmanischen Kriegsherren wie Djemal Pascha sollen potentiell illoyalen Gemeinschaften explizit gedroht haben, sie wie die Armenier zu behandeln. Die Sezessionsbestrebungen der Araber versuchten die Jungtürken auch niederzuwerfen (Djemal Pascha hier auch verantwortlich), waren aber nicht so grausam und auch nicht erfolgreich wie bei den Armeniern. Weil die Araber viel zahlreicher waren und das fragliche Gebiet grösser, weil die Türken Anatolien im Gegensatz zu Irak oder Palästina als ihr Kernland betrachteten oder weil sich Westmächte um die arabischen Länder kümmerten?

Durch den Prozess gegen Soghomon Tehlirjan, den Talat-Attentäter, im Deutschen Reich wurde vieles über den Völkermord erstmals bekannt, zumal der Theologe Johannes Lepsius, der Helfer und Zeuge dabei gewesen war, dort aussagte. Deutsche waren im Krieg Verbündete der Osmanen gewesen, bei den Aktionen gegen Armenier in mehrerer Hinsicht Mittäter bzw. Kollaborateure; auch einer dieser Beteiligten sagte damals in Berlin aus, General Liman von Sanders. Lepsius hat nach dem Ersten Weltkrieg auch Akten des deutschen Aussenministeriums zu den Deportationen veröffentlicht, diese so genannten Lepsius-Dokumente galten bis in die 1960er als die wichtigste Quelle für den Völkermord an den Armeniern.

Franz Werfels 1933 erschienener Tatsachenroman “Die vierzig Tage des Musa Dag” war eine der frühen Thematisierungen des Völkermordes, und ist bis heute eine der eindrucksvollsten. 1929 war er mit Alma Mahler über Kairo nach Jerusalem und weiter nach Damaskus gereist, alles Länder die in der Zwischenkriegszeit unter europäischer, nicht mehr osmanischer, Herrschaft standen. In Damaskus im französisch beherrschten Syrien wurden sie auch in die grösste Teppichweberei der Stadt geführt. Bei der Führung bemerkten sie ausgehungerte Kinder, die Hilfsarbeiten verrichteten. Der Fabrikbesitzer erklärte dazu, es seien die Kinder der von den Türken erschlagenen Armenier, denen er Brot und Unterkunft für die Arbeit gäbe. Dies war Werfels erste Begegnung mit dem Unglück der Armenier, das ihn so bewegte, dass er noch auf der Reise die Idee eines Romans skizzierte. Um die historischen Details zu erfahren, suchte er u.a. das armenische Kloster der Mechitaristen in Wien auf (eine armenisch-katholische Kongregation übrigens), wo er in der Bibliothek recherchieren durfte. Werfel, im 1. WK selbst Soldat in der österreichisch-ungarischen Armee, fand die Augenzeugenberichte eines protestantischen Priesters namens Dikran Andreasian über die Ereignisse von 1915 in der Antiochia-Region, wo auf diesem Berg Widerstand geleistet wurde. 36 Tage, nicht 40, einer der Punkte, in denen der Roman von der Realität abweicht. Viele der von Franzosen geretteten Musa-Dag-Überlebenden wurden einige Jahre später von diesen bei der Besetzung der Region eingesetzt. Als die Franzosen das Gebiet 1939 an die Türkei abtraten (die es dann “Hatay” nannte), zogen auch die meisten Armenier ab, viele liessen sich in der Bekaa-Ebene im Libanon nieder.

Die sogenannten Andonian-Papiere sind in der Forschung über den Völkermord deshalb so wichtig, weil sie (im Fall ihrer Echtheit) die Vernichtungsabsicht bei den Umsiedlungsaktionen beweisen, oder aber (im Fall ihrer Falschheit) diese Absicht widerlegen sollen, ein Hinweis auf die ungerechtfertigte Unterstellung dieser wären. Die Diskussionen bei den Wikipedia-Artikeln über sie sind ein ganz guter Indikator für ihre Umstrittenheit. “The Memoirs of Naim Bey: Turkish Official Documents Relating to the Deportation and the Massacres of Armenians” wurden 1920 von Aram Andonian, einem der Überlebenden der am 24. April 1915 aus Istanbul nach Anatolien deportierten Armenier, als Buchpublikation herausgebracht. Im selben Jahr erschien eine französische Ausgabe, im Jahr darauf in USA eine armenische. Sie zeigen, teils als Faksimile, teils als Übersetzung, Telegramme der jungtürkischen Führung an Regierungsstellen in der damaligen osmanischen Provinz, welche als Anordnung zur Vernichtung der deportierten Armenier verstanden werden müssen. Ein osmanischer Beamter in Aleppo, eben dieser Naim Bey, soll sie gesammelt und dann verkauft haben. Die Zweifel beziehen sich vor allem auf Unstimmigkeiten bei Datumsangaben in den Telegrammen. Zur Bewertung dieser und anderer Dokumente zum Genozid sind Kenntnisse des osmanischen Rumi-Kalenders, der osmanischen Sprache (die in vielen Punkten vom heutigen Türkisch abweicht) und des Chiffriersystems der osmanischen Behörden notwendig, Kenntnisse, die rar geworden sind, wie der deutsche Wikipedia-Artikel anmerkt!

Daher ist der Authentizitäts-Streit auch ziemlich auf die Experten-Ebene beschränkt. Natürlich ist auch der Kontext der Entstehung zu betrachten; zum Zeitpunkt der Entstehung und Veröffentlichung des Buches war das Schicksal Armeniens noch in der Schwebe, in Sevres wurde verhandelt, die englische Ausgabe enthält einen offenen Brief des deutschen Völkermord-Augenzeugen Armin Wegner an den dort maßgeblichen USA-Präsidenten Wilson. Falls die Dokumente gefälscht wurden, muss dies nicht unbedingt auf Andonian zurückgehen, es könnte auch jemand versucht haben, damit ein Geschäft zu machen. Die Tatsache, dass auch nicht-revisionistische Forscher zu diesem Genozid wie Yves Ternon und Christopher Walker nicht (ganz) von der Echtheit der verwendeten Telegramme überzeugt sind, ist Grund genug, die Zweifel zu akzeptieren. Dazu sei gesagt, dass die Vernichtungabsicht und damit der Genozid-Charakter der Aktionen nicht von dem Buch abhängen. Die Originale der Naim-Bey-Telegramme sind verschollen.

Die Aufarbeitung dieses Völkermordes war in der Geschichtsforschung wie in der Politik lange ein Aussenseiter-Thema (ausser für Armenier). Sowohl die Anzweiflung als auch die Anerkennung des Völkermord-Charakters der osmanischen Aktionen gegen die Armenier im 1. Weltkrieg folgt in der Regel weniger sachlichen Begutachtungen und Kriterien als politischen Erwägungen! Die zentralen Streitfragen der Diskussion darüber, insofern sie einigermaßen seriös geführt wird, sind die Frage der Vernichtungsabsicht, die Opferzahlen, die “Rechtmäßigkeit” bzw. der Anlass der Deportationen. Inzwischen hat sich in Historiographie und Politik grossteils durchgesetzt, dass es sich um einen der grossen Völkermorde des 20. Jh. handelt, neben dem an Juden und dem Stalins an verschiedenen Gruppen; der “Völkermord”-Begriff ist nach dem 2. Weltkrieg entstanden.

Es gibt gewisse Parallelen zum Völkermord an den Juden, dem/der Holocaust/Schoah, etwa dass beide im Schatten des Krieges stattfanden. Gerade diese Gemeinsamkeiten werden aber oft in Frage gestellt. Guenter Lewy (aus Deutschland nach USA) etwa lässt den Völkermord an den Zigeunern/Sinti wie auch den an den Armeniern nicht als solchen gelten, zum Entzücken v. a. von türkischen Nationalisten. Er trifft sich mit Eberhard Jäckel, einem deutschen Historiker, der das Lied von der Einzigartigkeit des jüdischen Holokausts singt, von “Legenden­bildungen bezüglich der Zigeuner die sich sehr geschickt den verfolgten Juden gleichstellen möchten” schreibt; Sündenstolz? Bernard Lewis, ein anderer Leugner, verteidigt wie Vertreter des türkischen Staates die These des “Bürgerkriegs” zwischen Türken und Armeniern. Auch Daniel Goldhagen oder Steven T. Katz verfechten eine “abgehobene, metahistorisierende Einzigartigkeit der Shoa” (Kieser). Justin McCarthy, in diesem Zusammenhang (Leugnung/Relativierung des Armenier-Genozids) berüchtigt, dürfte “eingekauft” worden sein. Ein kleiner Indikator, welcher Unterschied international in der Akzeptanz des jüdischen und des armenischen Völkermordes besteht: Bei der Eishockey-WM 2006 musste das armenische Team (in der Division III) am armenischen Völkermord-Gedenktag (24. April) gegen das türkische spielen; am 25. April hätte das israelische Team in der Division II am jüdischen Völkermord-Gedenktag gegen das deutsche antreten sollen – aufgrund der Bedeutung des Tages wurde das Spiel verschoben. Der türkische Historiker Fikret Adanir schrieb, bei manchen armenischen Historikern gäbe es vor diesem Hintergrund eine Art “Obsession”, die zum metahistorischen Mass alles Bösen erhobenen Nationalsozialisten und die Jungtürken gleichzusetzen, um so mehr Anteil an internationaler Beachtung und Anerkennung zu erlangen.

Die Entstehung eines neuen armenischen Nationalbewusstseins in den 1960ern, verstreut auf westliches Exil, “Orient” (Westasien) und “Ostblock” (v.a. SU), vollzog sich v.a. im Gedenken an den Völkermord; die armenischen Bezeichnungen dafür sind neben “Aghet” (Katastrophe) “Medz Yeghern” (grosses Verbrechen) oder “Hayots Tseghaspanutyun” (armenischer Völkermord). Dazu gehörte die Einführung eines Gedenktages und die Errichtung des Gedenkmals Jerern bei Jerewan 1967. Auch die Aktionen militanter Gruppen wie ASALA kamen aus Frustration von Armeniern, deren Tragödie in der Endphase des Osmanischen Reichs meist verdrängt blieb. Für die Armenier war, wie erwähnt, die Vernichtung von einem grossen Teil des Volkes mit dem Verlust von einem grossen Teil des Territoriums verbunden.

Auf dem Territorium der Republik Türkei ging ein Auslöschungsprozess gegenüber allem armenischen (bzw. generell nicht-türkischen) auch lange nach dem 1. Weltkrieg (und dem Völkermord), dem “Unabhängigkeitskrieg” und der Gründung der Republik weiter – einer der Unterschiede zum deutschen Völkermord an den Juden im 2. Weltkrieg. Dazu gehörte die staatliche Beschlagnahmung aller sogenannten “verlassenen Güter”, Kirchen-Zerstörungen, Umbenennungen von Ortschaften und die lancierte Geschichtspolitik zum Ende des Osmanischen Reichs. Der Westen kam der Türkei dabei weit entgegen, vor dem Hintergrund ihrer Bedeutung im Kalten Krieg, die sie aus westlicher Sicht schon in der Zwischenkriegszeit gegenüber der Sowjetunion bekam, und in den 1990ern als Verbündeter in der Region behielt. Für Armenier war/ist es schmerzlich, dass eine Frage wie jene nach der materiellen Restitution ihrer geraubten oder zerstörten Güter nur als utopisch anzusehen ist. Jene Türken, die den Völkermord oder zumindest grosses Leid der Armenier anerkennen, sind Aussenseiter ihres Milieus, ob in der Politik, der Geschichtswissenschaft, der Publizistik oder anderen Bereichen. Entgegen landläufiger Vorstellungen ist die seit 2002 regierende AKP hier die positive Ausnahme, kein anderer türkischer Staats- oder Ministerpräsident ist hier so grosse Schritte gegangen wie Recep Tayyip Erdogan (s. u.).

Es gibt auch eine recht unmittelbare Verbindung zwischen den Völkermorden in den beiden Weltkriegen: Max Erwin von Scheubner-Richter, deutscher Offizier und Diplomat, war während des 1. Weltkriegs (Vize-?) Konsul des Deutschen Reichs in Erzurum, also im “Zentrum der Ereignisse”, und somit Augenzeuge der Deportationen und Übergriffe. Dass er osmanischen Behörden dabei entgegen getreten sein soll, erscheint zweifelhaft, Deutschland war ja Verbündeter und unterstützte es in mehrerer Hinsicht bei den Gräueln an Armeniern, z. B. bei der Belagerung des Musa Dag, in Form von Militärberatern. Es waren auch die deutschen Bündnispartner, die die Türken zur Instrumentalisierung des Islam zum heiligen Krieg/Jihad in diesem Krieg drängten… Scheubners Biograph Paul Leverkuehn (im 1. WK in dessen Delegation, im 2. WK für die deutsche Abwehr in der Türkei, in der BRD u. a. CDU-Politiker) schrieb 1938 über die “wölfische Wildheit der losgelassenen Kurden” (dass Kurden maßgeblich an dem Genozid beteiligt waren, ist zutreffend) und von einer “Auseinandersetzung eines Volkes Asiens mit einem anderen fernab europäischer Zivilisation”. Scheubner wurde bald nach dem 1. WK einer der engsten Mitarbeiter Hitlers bei dessen frühen politischen Aktivitäten, er soll Hitler vom Völkermord an den Armeniern (den er damals auch als “asiatisch” und “grauenvoll” einstufte) unterrichtet und ihn “inspiriert” haben. Hier kommt Ernst Nolte ins Spiel, der den deutschen Historikerstreit in den 1980ern u.a. damit auslöste indem er schrieb, die Sowjetunion (unter Stalin) habe “asiatische Methoden” der Nationalsozialisten vorweg genommen (beschreibt eine Folter mit Rattenkäfig vor dem Gesicht) und damit den Holokaust (den er nicht leugnet) u.ä. quasi provoziert. Scheubner-Richter wurde beim Putschversuch Hitlers 1923 in München erschossen.

Die Armenier erfuhren für die erlittenen Gräuel nicht nur keinerlei Wiedergutmachung der Türkei, im Gegenteil, die Türkei hat nie Verantwortung dafür übernommen. Der türkische Umgang mit dem Leid der Armenier schwankt zwischen Leugnung von Grausamkeiten, Rechtfertigungen dieser, Opfer-Notwehr-Behauptungen als Begründung für das Vorgehen, Totschweigen, Aufarbeitung. Türken sehen sich, was die Zeit um den 1. Weltkrieg betrifft, in der Regel in einer Position der Schwäche bzw. als Opfer. Die Armenier werden dabei meist als einer jenen “inneren und äusseren Feinde” gesehen, gegen die man sich letztlich erfolgreich gewehrt hat. Das Vorgehen der Jungtürken, v.a. aber der Kemalisten, wird gerne auch antiimperialistisch interpretiert. Manchmal wird von einem “Bürgerkrieg” in Kleinasien gesprochen, der für Türken ein Überlebenskampf gewesen sei, in dessen Zuge die todbringenden Umsiedlungen geschahen. “Geschah ihnen Recht” kommt von türkischer Seite eben so wie “Gabs nie”. Die seriöseren Argumente sind: Umsiedlungen geschahen wegen dem Krieg bzw. der Illoyalität, es gab keine geplanten Vernichtungen, Massaker waren die Ausnahme. Dann werden meist Opfer-Zahlen bestritten, höchstens 300 000 seien ums Leben gekommen, nicht 1,5 Millionen. Der gemäßigtere türkische Standpunkt ist, dass es Gewalt von beiden Seiten gab, Türken auch Opfer gewesen seien. Die Geschehnisse rund um den 1. WK sind Hauptgegenstand staatlicher türkischer Propaganda und Lobbyings, die Türk Tarih Kurumu (TTK; Türkische Historische Gesellschaft) hat etliche pseudohistorische Arbeiten dazu angefertigt. Laut “Washington Post” gaben türkische Regierungen mehr als 300 000 $ monatlich für Lobbying gegen Resolutionen zum Völkermord im US-Kongress aus. Akademische Diskussionen über den Völkermord zwischen türkischen und armenischen Wissenschaftlern sind selten; 2000 fand etwa in Frankreich eine statt. Man muss dazu bedenken, dass türkische Historiker, die diesbezüglich von ihrer “nationalen Norm” abweichen, viel zu verlieren haben. Kieser weist darauf hin, dass sich auch die internationale Turkologie seit den 1930ern stark im Schlepptau türkischer Nationalgeschichtsschreibung bewegt.

Jungtürken wie Kemalisten waren bzw. sind stark für Säkularismus bzw. Laizismus in der Türkei, konkret bedeutet das die Verbannung des Islam aus dem öffentlichen Leben, die Entmachtung religiöser Funktionäre – und einen aggressiven Nationalismus als Ersatz-Religion, der im Zuge einer oberflächlichen Verwestlichung entstand. Türkentum wird darin aber (unausgesprochen) über den Islam definiert und die Einschmelzung bzw. Konversion zum Türken geschieht über diesen. Hier sind türkische Kemalisten oder Nationalisten intoleranter als Religiöse bzw. Traditionelle, früher wie heute (Dissenz kommt auch von Linken). Die christlichen Völker im Osmanischen Reich bzw. der Türkei sind die Leidtragenden dieser Entwicklung; durch ihre Ermordung, Ausweisung, Marginalisierung wurde die Türkei ethnisch homogen. Inwiefern die europäische “Interventionspolitik” im späten Osmanischen Reich dabei eine Rolle spielte, wäre eine interessante Frage. Es gibt Mutige in der türkischen Gesellschaft und Diaspora mit dem Willen zur Auseinandersetzung mit den Gründungsmythen der türkischen Nation (wozu auch der Völkermord gehört), wie Ragib Zaraoglu, Elif Shafak, Taner Akcam, Orhan Pamuk oder Cem Özdemir. Anlass zur Hoffnung gibt etwa, dass ein Enkel von einem der Jungtürken-Führer, Djemal Pascha, Hasan Cemal, für Aussöhnung eintritt, vor einigen Jahren auch am Völkermord-Denkmal in Armenien Blumen niederlegte.

Die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern begann in den 1980ern, geschieht hauptsächlich im Westen. In den letzten 10-15 Jahren ist dabei aber eine Instrumentalisierung durch anti-islamische Kulturkämpfer oder aus politischem Kalkül zu beobachten. Der Völkermord als Verhandlungschip und Druckmittel, genau wie bei seiner Leugnung, je nachdem, wen man als Verbündeten braucht. Jede Solidarität hat ihre Falle, jede Geschichte hat ihre andere Seite; und manchmal sind Feigheit und Berechnung der Antrieb. Als etwa FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache aus dem Wiener Gemeinderat/Landtag ausschied um in den Nationalrat zu wechseln (vor etwa 10 Jahren), war sein letzter Antrag im Rathaus, die Verbrechen an den Armeniern als Völkermord zu verurteilen. Zu dem Zeitpunkt war bei dem westeuropäischen Rechtspopulisten bereits die Verschiebung zum “Islam” als Feindbild vollzogen. Nicht über den Inhalt, aber über die Art und Weise, wie und womit Politik gemacht wird, gab es zu Recht eine heftige Debatte. SPÖ, ÖVP und Grüne warfen der FPÖ vor, lediglich anti-türkische Ressentiments schüren zu wollen und auch einen unsauberen Umgang mit der eigenen Vergangenheit und dem Nationalsozialismus. Somit blieb Strache mit seiner Fraktion allein, den Völkermord 1915 zu verurteilen bzw. zu benutzen. Die aus Griechenland stammende damalige Klubchefin der Wiener Grünen, Maria Vassilakou, fand dazu klare Worte an Strache. Dieser hat ja bei einem anderen Anlass gesagt, dass er “westlich orientierte” Türken akzeptiert; nun, diese (Wähler der CHP, die jahrzehntelang regierte und hauptverantwortlich für die türkische Geschichtspolitik ist) werden ihm bei seiner Behandlung türkischer Geschichte entschieden widersprechen, um es vorsichtig zu sagen. Dabei übertreffen werden sie nur Funktionäre und Klientel der rechtsnationalistischen MHP, die so etwas wie das Äquivalent der FPÖ in der Türkei ist… Internationalismus war immer problematisch für Rechte, aber das ist eine andere Geschichte. Ein ähnliches Beispiel ist der Versuch der bulgarischen Rechtsextremisten (Ataka) vor einigen Jahren, im Parlament eine Armenier-Völkermord-Verurteilung durchzubringen; genau so undurchdacht und nationalistisch waren auch die Abwehrreflexe der Partei der türkischen Minderheit in Bulgarien, DPS, gegen die sich die Aktion richtete.

Als Sarkozy in Frankreich ein Völkermord-Gesetz, das den von Türken an Armeniern miteinschliesst, durchbringen wollte, kam aus der Türkei die “Drohung”, die französische Kolonialgeschichte, besonders jene in Algerien, zu thematisieren und die Unterstellung des Schielens nach Stimmen von armenischen Franzosen; auch Befürworter einer Annäherung an Armenien in der Türkei sollen sich gegen dieses Gesetz ausgesprochen haben. Als das schwedische Parlament eine Erklärung verabschiedete, in der die Tötung von Armeniern im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs als Völkermord bezeichnet wurde, regierte die Türkei mit der Abberufung ihres Botschafters. Aussenminister Carl Bildt distanzierte sich von der Erklärung und schrieb in seinem Blog: “Die Geschichte durch Abstimmungen im Reichstag zu politisieren ist alles andere als konstruktiv.” Es beunruhige ihn vor allem, dass das von Reformgegnern in der Türkei ausgenutzt und der Versöhnungsprozess zwischen Türken und Armeniern gestoppt werden könne.

Die Frage, ob Parlamente Geschichte schreiben sollen, rückwirkend, ist tatsächlich berechtigt. Meist kommen die Einwände aber aus politischem Kalkül. Die Türkei ist/war als NATO-Mitglied und als Transitland für Energiequellen Asiens ein wichtiger Verbündeter der USA und des restlichen Westens in seiner Region. Aus diesem Grund stossen Initiativen zur Anerkennung des Armenier-Völkermordes im USA-Kongress immer auf harte Widerstände und ist diese noch immer nicht durch. Spätestens unter Präsident “Bill” Clinton (93-01) begann das Spiel mit dem Versuch und der Verhinderung. Unter Bush jun. forderten Verteidigungsminister Gates und Aussenministerin Rice den Aussen-Ausschuss des Repräsentantenhauses 07 auf, gegen die Verurteilung bzw. Anerkennung des Völkermordes zu stimmen. “Als Akademikerin sind mir Tatsachen bekannt, aber als Aussenministerin…”, hauchte Condoleeza Rice. Der Ausschuss hat dann unter Obama, der sich weniger entschieden dagegen wehrte, die Verfolgung von Armeniern im Osmanischen Reich als Völkermord bezeichnet. Eine Annahme durch die ganze Kammer steht noch aus. Die türkische Regierung hat daraufhin ihren Botschafter aus USA abberufen, der sagte, die Beschuldigung eines Völkermordes sei die schwerste vorstellbare. Aussenministerin Hillary Clinton kündigte an, “sehr hart dafür zu arbeiten”, dass die Resolution nicht im Plenum des Repräsentantenhauses in Washington zur Abstimmung gestellt wird. Türkeis Ministerpräsident Erdogan und Staatspräsident Gül haben damals in ihren Reaktionen die Auswirkungen auf die Beziehungen zur USA in den Mittelpunkt gestellt.

Jungtürken und Zionisten haben in der osmanischen Spätzeit verschiedentlich zusammengearbeitet; manche sagen dass hier die Grundlage für die spätere Zusammenarbeit zwischen Israel und den Kemalisten (die in den 1950ern begann) gelegt wurde. Der israelische Wissenschaftler Yair Auron hat in seinem Buch “The Banality of Indifference” das auf die eigenen Interessen und das eigene Überleben ausgerichtete Verhalten der zionistischen Führer und der jüdischen Siedlerschaft in Palästina angesichts der spätosmanischen Armenierverfolgungen behandelt. Er geht etwa auf die “Realpolitik” ab Theodor Herzl ein, der um die Jahrhundertwende den osmanischen Sultan Abdulhamid hofierte, ungeachtet der Pogrome an Armeniern unter diesem. Diese Hofierung hat der französische Jude Bernard Lazare, ein früher Weggefährte Herzls, heftig kritisiert. Der Yishuv in Palästina, so Auron, war im 1. WK geschützt durch seine ostentative Loyalität mit dem Osmanischen Reich sowie das Eintreten der Deutschen (eines seiner Verbündeten) und die Protektion der Briten (die Palästina dann eroberten) für sie. Franz Werfel hat wohl Verknüpfungspunkte zwischen der armenischen Tragödie und den Juden gesehen, vor deren grösster Tragödie. Die “40 Tage” sollen in den jüdischen Ghettos während des Zweiten Weltkrieges “Leiblektüre” gewesen sein. Jüdische Nationalisten machten ihm den Vorwurf, sich mit dem Leiden eines fremden Volkes zu beschäftigen anstatt des eigenen.

Die Zusammenarbeit zwischen Israel und der Türkei bedeutete für die Armenier grosse Sorge, zumal auch Aserbeidschan auf dieser Achse lag/liegt. Vor dem Hintergrund der türkisch-israelischen Partnerschaft (sowie der Türkei als Partner des Westens und den Juden in der Türkei) sind auch die (entscheidenden) Bemühungen israelischer Stellen und jüdischer Organisationen zu sehen, den Völkermord an den Armeniern nicht als solchen anerkennen zu lassen. Auch ein Singularitäts-Anspruch für die “Schoah” spielt(e) dabei eine Rolle. 1982 wurden Armenier bei einer Völkermord-Konferenz in Israel auf türkischen Druck ausgeladen. Shimon Peres sagte im April 2001 bei einem Besuch in der Türkei: “Die Armenier haben eine Tragödie erlitten, aber keinen Genozid.” Die “Anti-Defamation League” hat noch 07 den Chef ihrer New England-Regional-Organisation, Andrew Tarsy, wegen seiner Anerkennung des Genozids abgesetzt. Pro-israelische Lobbies haben in Washington mit türkischen gegen armenische Interessen agitiert. Auch Cefi Kamhi, Istanbuler Jude, in den 1990ern Abgeordneter der DYP, hat sich daran beteiligt. Die Vereinigung türkischer Juden in Israel hat erklärt, es habe einen Bürgerkrieg gegeben, keinen Genozid. Vertreter der israelischen Diplomatie und jüdischer Organisationen in den USA haben zur Genugtuung türkischer Stellen den ursprünglich vorgesehenen Einbezug des armenischen Genozids im Holocaust Memorial Museum in Washington (eingeweiht 1993) vereitelt.

Staat und Diaspora in der Gegenwart, neue und neueste Entwicklungen

Die unabhängige Republik Armenien ist trotz ihrer Armut, ihrer Kleinheit und des autoritären Systems für Armenier weltweit ein noch wichtigerer Bezugsrahmen als es die Sowjetrepublik war, auch wenn es nur einen relativ kleinen Teil des historischen Armeniens umfasst und grosse Probleme hat (politische, wirtschaftliche, ökologische). Es gibt aber zwischen Ost-Armeniern (die grossteils die Bevölkerung der Republik stellen) und West-Armeniern (die grossteils die Diaspora ausmachen) Unterschiede, nicht nur in der Aus-Sprache. Für West-Armenier spielen der Völkermord und “ihre” an die Türkei verlorenen Gebiete in der Regel eine grössere Rolle als für Ost-Armenier. Dies hat sich etwa gezeigt, als der nach der Unabhängigkeit aus der USA nach Armenien eingewanderte Raffi Hovanissian als Aussenminister beim Staatsbesuch in der Türkei 1992 diese Themen zur Sprache brachte – und daraufhin entlassen wurde. Auch die Ausrichtung an Russland ist eher nach dem Geschmack der O-Armenier; erste Alternative wäre wohl der Westen (EU, USA; wo auch ein grosser Teil der Diaspora lebt).

Im Hof der Armenischen Kirche in Wien

Seit 2008 wird das Land von Sersch Sargsian (Sarkissian) und der HHK geführt. Seine Wahl damals gegen Ter-Petrossian war umstritten, bei anschliessenden Protesten wurden zehn Menschen getötet. Die Wiederwahl Sargsians als Staatspräsident 2013 wurde von der Opposition (“Blühendes Armenien” unter Oligarch Tsarukian, “Armenischer Nationalkongress” unter Ex-Präsident Ter-Petrossian, Daschnak unter Markarian, “Erbe” unter Hovanissian) grossteils boykottiert, da sie die Fairness der Wahlen schon im vorhinein anzweifelte. Nur das “Land des Rechts” unter Baghdasarian ist mit der herrschenden Partei verbündet. Auch die letzte Parlaments-Wahl ’12 soll zu ihren Gunsten geschoben worden sein.

Nachdem die meisten Aseri in Armenien im Krieg vertrieben wurden oder geflüchtet sind (analog zu den Armeniern aus Aserbeidschan), sind Kurden die grösste Minderheit. Bei ihnen überwiegen Yaziden gegenüber Moslems. An der Akademie der Wissenschaften in Jerewan gibt es eines der wenigen Kurdologie-Institute auf der Welt. Dann sind Russen, Assyrer, Griechen, Juden, Ukrainer und weitere kleine Gruppen zu nennen. Deutsche und Polen dort sind etwa stark russifiziert, wie auch in anderen Ex-SU-Republiken.

Heute leben etwa 3,5 Millionen Armenier in der Republik und Karabach und 3,5 Millionen in der Diaspora (darunter auch in Gebieten wie Javakh). Der Waffenstillstand von 1994 um Karabach/Arzach ist brüchig, es gibt keinen Friedensvertrag, immer wieder kommt es zu Scharmützeln. Im Schatten der Karabach-Frage steht die Auffassung von Pan-Turkisten, dass nur Armenien zwischen der Türkei und Aserbeidschan sowie den zentralasiatischen Turkstaaten steht. Armeniens Schutzmacht ist Russland, jene von Aserbeidschan die Türkei, die unter der AKP eine konstruktivere Rolle einnimmt. Ansonsten haben Armenier in ihren historischen Territorien (traditionellen Siedlungsbieten) nur in Javak(eti) in Georgien “einen Fuss in der Tür”. Der südliche, armenisch besiedelte Teil der georgischen Provinz Samtskhe-Javakheti ist das armenische Javakhk (Akhalkalaki und Akhaltsikhe), das im Sevres-Vertrag Armenien zugesprochen worden war und von der Ersten Republik Armeniens umkämpft war, in Sowjetzeiten Georgien zugesprochen wurde. Da das Verhältnis Armeniens zu Georgien im Gegensatz zu den anderen beiden Staaten, mit denen Territorium/Grenzen “umstritten” sind, in Ordnung ist und die Minderheit/Bevölkerung (daneben gibts auch in Tiflis welche) dort im Grossen und Ganzen korrekt “behandelt” wird, sind Armenier hier sehr zurückhaltend mit Ansprüchen. Im exterritorialen aserbeidschanischen Gebiet Nachitschewan (zwischen Armenien und der Türkei gelegen) sowie in (dem früheren) West-Armenien (Nordost-Anatolien) leben heute fast keine Armenier mehr (zu den Hemshenli unten mehr). Die eine “Säuberung” fand im Zuge des Karabach-Krieges statt (am Ende der Sowjetunion), die andere am Ende des Osmanischen Reichs.

In der Republik Armenien erhebt nur die Daschnak-Partei (HHD), die an zwei HHK-geführten Kabinetten als Juniorpartner beteiligt war, im post-sowjetischen Armenien insgesamt aber wenig Macht ausübt(e), Ansprüche auf historische armenische Gebiete. Regierungen erheben keine Territorialforderungen, auch auf Karabach nicht offen (das von Armenien kontrolliert wird), tun sich mit der Anerkennung der einen oder anderen Grenze aber schwer. Irredenta ist eher für West-Armenier bzw. die Diaspora ein Thema, aus der Diaspora wird gegenüber armenischen Regierungen, von HHSch wie von HHK, der Vorwurf erhoben, armenische Grundinteressen nicht zu vertreten, Appeasement ggü der Türkei zu üben. Die Daschnak ist auch die einzige Partei, die in der Republik (bzw. Ost-) Armenien und in der Diaspora verankert ist, und deren Wurzeln über die spät- oder postsowjetische Zeit hinunterreichen.

Neben den genannten Nachbarn grenzt Armenien an den Iran, mit dem es eine lange gemeinsame Geschichte und viele Verbindungen hat: Zunächst gibt es im Iran ein kleines Gebiet, im Nordzipfel der Provinz West-Aserbeidschan, wo es seit undenklichen Zeiten Armenier gab; durch Massaker von Türken und Kurden 1915 und 1918 wurden die diese dort zumindest stark dezimiert. Dann gab es schon in der vorchristlichen Religion der Armenier starke persische Einflüsse. Persien herrschte dann von der frühen Neuzeit bis in die späte über Ost-Armenien; in dieser Phase wurden Armenier in das “zentralere” Persien gebracht, v.a. nach Isfahan, der Grossteil der Vorfahren jener, die heute die armenische Bevölkerung Irans ausmachen. Es gibt Gemeinsamkeiten in der Küche oder im Sport, Ringen ist z.B. bei beiden Völkern sehr beliebt. Die armenisches Namesendung “-ian” ist wahrscheinlich persischer Herkunft, ebenso das “-stan” wie im armenischen Eigennamen für Armenien, “Hayastan”. Im 19. und 20. Jh. kamen armenische Flüchtlinge nach Persien, v.a. aus dem osmanischen Bereich; manche gingen aber auch von Persien in den russischen Bereich. Heute ist der Iran zum einen ein wichtiges Diaspora-Land der Armenier (die Parskahaj, die persischen Armenier, fallen in verschiedene Gruppen, nach Herkunft bzw. Verwurzelung im Land, Konfession, Wohngebiet, soziale Klasse,…). Auch während der gewaltsamsten Phase der “Islamischen Revolution” (dem Diebstahl der Revolution durch Khomeini) blieben ihre Rechte zumindest auf einem Grundniveau geschützt. Zum anderen ist der Iran für die Republik Armenien Handelspartner, Reisen finden in beide Richtungen statt, etc.

In der Diaspora gibt es einige armenische Enklaven, von ihnen überwiegend besiedelte Gebiete. Dazu gehört z. B. Anjar in der Bekaa-Ebene im Libanon, wo sich Musa Dag-Überlebende und andere aus dem Antiochia-Gebiet niederliessen. Oder das armenischen Viertel der Altstadt von Jerusalem/Quds (Israel/Palästina). Im Westen ist das etwa Little Armenia in Los Angeles (USA).

Armenien und seine historischen Gebiete
Armenien und seine historischen Gebiete

Istanbul, die einzige Stadt der Türkei, wo es heute eine grosse armenische Gemeinde gibt (um die 50 000), war aus armenischer Sicht immer Diaspora. Armenier sind die grösste christliche wie nicht-moslemische Gruppe in der Türkei. In den letzten Jahren soll es sogar eine Einwanderung aus Armenien in die Türkei gegeben haben, anscheinend aus wirtschaftlichen Gründen. Hrant Dink war neben dem Patriarchen wohl der prominenteste (und wichtigste) Armenier Istanbuls. Als Chefredakteur der Wochenzeitung “Agos” hat er auch heisse Eisen behandelt, wie die Massaker und Deportationen im 1. Weltkrieg. Daher musste er sich auch Prozessen stellen, wegen “Beleidigung des Türkentums”. Dink war aber nicht für Aufrechnung oder Vergeltung, sondern für Aussöhnung, und für die Demokratisierung der Türkei. Versöhnung nicht ohne Aufarbeitung, Aufarbeitung nicht mit Hass und im Hinblick auf eine friedliche Lösung zwischen Türken und Armeniern. Er kämpfte darum, Armenier als Teil der Türkei zu verankern. Er wollte nicht, dass die Vergangenheit den Weg in die Zukunft versperrt. Er hat auch eine Konferenz zum Genozid in der Türkei mit-organisiert. Einmal standen die Bewohner eines ganzen Dorfes in seiner Redaktion, Nachfahren türkischer Armenier, die 1915, zur Zeit der schlimmsten Verfolgung, bei ihren alewitischen Nachbarn in der Region Dersim Schutz gefunden hatten. Jenen, die die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern als Vorbedingung für eine EU-Mitgliedschaft der Türkei fordern, hielt er vor, dass sie das Spiel der reaktionären Kräfte in der Türkei mitspielten. Er stritt für die Öffnung der Grenze zwischen der Türkei und Armenien. Und liess sich nicht auf Zahlen- und Begriffsdiskussionen bezüglich des belastendsten Kapitels in der Beziehung der beiden Völker ein. Er musste lange darum kämpfen, einen türkischen Reisepass zu bekomment; er galt als nicht “verlässlich” und sollte nicht ausser Landes reisen. Gerade weil er sich so um die konstruktive Debatte und um Aussöhnung zwischen Armeniern und Türken bemühte, wurde ihm von anderen Armeniern, v.a. aus der westlichen Diaspora, mitunter vorgeworfen, Verrat an der armenischen Sache zu begehen.

Hrant Dink wurde 2007 im Alter von 52 Jahren vor seiner Redaktion ermordet, aus den selben Gründen aus denen er verurteilt worden war. Der Mörder wurde nach seiner Verhaftung auf der Polizeiwache wie ein Held gefeiert (wie ein Video zeigte); diese Polizisten wurden aber bestraft, auch jene, die Hinweise auf Hintermänner nicht ernst nahmen. Zwischen 100 000 und 200 000 Menschen nahmen an seinem Begräbnis in Istanbul teil, riefen “Wir sind alle Armenier” oder “Schulter an Schulter gegen Faschismus”. Der türkische Staat lud Politiker (Vize-Aussenminister Arman Kirakosian war der hochrangigste) und Geistliche aus Armenien, zu dem es keine Beziehungen hat, ein. Auch einige Diaspora-Armenier kamen, wie Bischof Khazkah Parsamian aus USA. Dink brachte Türken und Armenier also auch über seinen Tod zusammen. Die Messe wurde von Patriarch Mesrob II. zelebriert.

Dass sich unter der AKP (2002 nach Wahlsieg zuerst Gül, dann Erdogan Ministerpräsident, beide dann Staatspräsidenten) in der Türkei für Armenier und andere Minderheiten etwas zum positiven verbessert hat, wird im Westen in der Regel nicht wahrgenommen. Für sie als gemäßigte Islamisten ist nicht ein intoleranter Nationalismus als Ersatz-Religion bzw. Identitätsstiftung vonnöten, wie für die kemalistischen Parteien. Eine Konferenz zur historischen Aufarbeitung der Armenier-Frage etwa konnte nur dank der ungewöhnlichen Allianz von liberalen Bürgerrechtlern und der islamisch-konservativen Regierung von Erdogan stattfinden. Westliche Beobachter ereifern sich über “Säuberungsaktionen” von AKP-Regierungen in der Justiz oder im Militär, die sich gegen türkische Ultra-Nationalisten richtet, wie die “Ergenekon”-Gruppe, die eine Rolle auch bei dem Mord an Dink und anderen Christen spielte. Auch dass unter Erdogan bezüglich der Kurden etwas weitergegangen ist (Unterricht von und Rundfunkprogramme in deren Sprachen Kurmanci und Zazaki, daneben ein Waffenstillstand mit der PKK), fällt bei seiner Beurteilung gern unter den Tisch.

Zur türkischen Parlaments-Wahl 07 wurde der armenische Patriarch in Istanbul, Mesrob II. Mutafyan, von der “Hürriyet” interviewt, er gab eine Art Unterstützungserklärung für die AKP ab, die er als toleranter gegenüber Minderheiten einschätzte. Ein wichtiges Zeichen war auch die Restaurierung der Kirche auf der Achtamar-Insel im Van-See unter Erdogan, die bis zum Genozid so etwas wie ein kulturelles Zentrum der West-Armenier gewesen war. Die Insel war Sitz der Könige von Vaspurakan, einem armenischen Staat, der sich im Hoch-Mittelalter vom Armenischen Reich der Bagratiden loslöste und die Kirche “Zum heiligen Kreuz” vom 12. Jh an Sitz eines Katholikats. Dieses war ab 1895 (Abdulhamit-Massaker) verwaist und wurde 1916 von den osmanischen Behörden aufgelöst, nachdem im Zuge des Völkermordes das Kloster zerstört wurde und Mönche ermordet wurden. Die Kirche war geplündert worden und verfiel.

Die AKP-Politik bedeutete einen Kurswechsel auch gegenüber “Nahost”, ein stärkeres Engagement für die Palästinenser statt einem Ausbau des Bündnisses mit Israel. Durch das Massaker israelischer Soldaten 2010 auf einem Schiff der Hilfsflotte für das eingeschlossene Gaza, die hauptsächlich türkisch besetzte “Mavi Marmara”, kam es zu einer entscheidenden Entfremdung. Der Quasi-Abbruch der Beziehungen der Staaten kam dann erst mit dem UN-Bericht zum Massaker. Israels Aussenminister Lieberman posaunte danach, er könnte sich mit Vertretern der PKK in Europa treffen und über eine mögliche Waffenhilfe beraten, möglich seien auch Kontakte mit der armenischen Lobby in den USA, mit dem Ziel, eine Anerkennung des Völkermords an den Armeniern im US-Kongress zu erreichen; er wurde übrigens schnell zurückgepfiffen. Als Erdogan beim Gipfeltreffen in Davos Peres wütend auf dessen Begründung für ein neues Massaker in Gaza antwortete, schrieb ein Kolumnist in der israelischen Zeitung “Haaretz” am nächsten Tag: “Perhaps the next time the Armenian genocide bill comes up in the U.S. congress, the Palestinians will help them block it.” Der Völkermord und seine Anerkennung als reiner Verhandlungsgegenstand bzw. Druckmittel, aus politischem Kalkül, je nachdem, was gerade gebraucht wird. Kritik an der Hilfsflotte und der Haltung der Erdogan-Regierung dazu kam von der „Hürriyet“ und dem islamischen Prediger Fethullah Gülen. Der Chef der kemalistischen CHP, Kilicdaroglu (der teilweise kurdischer Herkunft ist, aber nicht kurdische Interessen vertritt), äusserte verhaltene Kritik an Erdogan. Dass Israel sich (nun) um Kurden bemühen will, wird gerade jene Kemalisten die pro-zionistisch sind, vergraulen…

Vor wenigen Jahren gab es eine Erklärung einer Gruppe von rund 200 türkischen Intellektuellen, die sich für die Aktionen im 1. WK entschuldigten. In der Erklärung heißt es: “Ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, dass die große Katastrophe, denen die Armenier im Osmanischen Reich 1915 ausgesetzt waren, immer noch so unsensibel behandelt und geleugnet wird. Ich weise diese Ungerechtigkeit zurück und teile die Schmerzen meiner armenischen Brüder. Ich entschuldige mich bei ihnen.” Die Initiatoren vermieden in ihrer Erklärung den Begriff “Völkermord”, sie sprachen stattdessen von einer “grossen Katastrophe”. Erdogan sagte damals, “Wenn es ein Verbrechen gab, dann können die, die es begangen haben, eine Entschuldigung anbieten”. Am 24. April 2010 gab es in der Türkei erstmals eine öffentliche Gedenkfeier für den Armenier-Völkermord, von der Menschenrechtsorganisation IHD organisiert; eine Gegendemonstration wurde von der Polizei auf Distanz gehalten. 2011 lud Erdogan Vertreter von Stiftungen von Alewiten, Christen und Juden zu einem Abendessen anlässlich des traditionellen Fastenbrechens im islamischen Fastenmonat Ramadan. An dem Treffen nahmen unter anderen der griechisch-orthodoxe Patriarch Bartholomaios I., der amtierende armenische Patriarch Aram Atesyan und der türkische Oberrabbiner Isak Haleva teil. Auch der Chef des Religionsamtes, Mehmet Görmez, sowie einige Minister aus Erdogans Kabinett waren Gäste des Treffens. In seiner Rede ging Erdogan auf den kurz zuvor veröffentlichten Erlass seiner Regierung ein, der die Rückgabe von eingezogenem Besitz nicht-muslimischer Stiftungen oder die Entschädigung für die Enteignungen vorsieht; in der Türkei gebe es unabhängig von der Religionszugehörigkeit nur „Bürger erster Klasse“. Patriarch Bartholomaios sagte damals, die Türkei sei auf dem richtigen Weg. Oberrabbiner Haleva sprach von einer „Revolution“. 2011 hat sich Erdogan im Namen des Staates auch für das Dersim-Massaker 1937/38 an Alewiten und Zaza-Kurden entschuldigt.

Die eigentliche Entspannung der Türkei mit Armeniern und Armenien begann mit einem Fussballspiel. In der Qualifikation für die WM 2010 wurden Armenien und die Türkei in die selbe (Europa-)Gruppe gelost; 08 begleitete der damalige türkische Staatspräsident Gül die türkische Mannschaft zum Match in Jerewan, traf dabei mit seinem armenischen Amtskollegen Sargsian zusammen. Dies leitete das Tauwetter in den Beziehungen der beiden Staaten ein, die sehr viel mehr ausmachen als binationale Beziehungen. Mit den Beziehungen zur Türkei (die noch keine diplomatischen sind) sind für Armenier die Anerkennung des Völkermordes, die Öffnung der gemeinsamen Grenze, die Anerkennung dieser Grenze, der Konflikt mit Aserbeidschan um Karabach und auch die armenische Minderheit in der Türkei verbunden. Die Verwundbarkeit Armeniens kommt hauptsächlich von der noch bestehenden Feindschaft mit der Türkei, die einer der mächtigsten Staaten der Region ist, v.a. militärisch, aufgrund ihrer Unterstützung durch den Westen. Dies scheint sich jetzt zu drehen.

09 wurde in der Schweiz zwischen Repräsentanten der Türkei und Armeniens das Zürich-Protokoll unterzeichnet, ein Grundsatzabkommen bzw. ein Fahrplan, welche Punkte in Verhandlungen gelöst werden müssen. Der Annäherungsprozess ist dann ins Stocken gekommen, da es auf beiden Seiten “Bremser” gibt, die jeweils meist gar nicht zum betreffenden Staat gehören und warnen, sich “zu billig” zu verkaufen. Im Fall der Türkei sind dies das verbündete Aserbeidschan und die Rechtspartei MHP, die u.a. das Resultat des Krieges als Besetzung aserbeidschanischen Territoriums ansehen. Bei Armenien sind dies ebenfalls die Rechte (Daschnak?) und Teile der Diaspora, die eine Grenzanerkennung als Gebietsverzicht verstehen und eine Anerkennung des Völkermordes zur Vorbedingung für Verhandlungen machen möchten. Armeniens Präsident Sargsian sprach irgendwann in den Jahren danach von “West-Armenien”, was Erdogan erzürnte und die Annäherung wieder zurückwarf; umgekehrt haben Aussagen armenischer Politiker zur Anerkennung der Grenzen zum Rückzug der Daschnak aus der Regierung geführt.

2014, einen Tag vor dem armenischen Völkermord-Gedenktag, also am 23. April, sprach Erdogan zum Völkermord, 99 Jahre danach: Er ordnete die Taten nicht als Völkermord ein, sprach aber den Nachfahren der Opfer im Namen der Türkei Beileid aus, äusserte sein Bedauern darüber, verurteilte die Ereignisse als unmenschlich. “Die pluralistische Sichtweise, die demokratische Kultur und die Moderne erfordern, dass in der Türkei unterschiedliche Meinungen und Gedanken zu den Ereignissen von 1915 frei geäußert werden”, hiess es in der Erklärung weiter, die auch auf Armenisch veröffentlicht wurde. „Es lässt sich nicht abstreiten, dass die letzten Jahre des Osmanischen Reiches, gleich welcher Religion oder ethnischer Herkunft sie angehörten, für Türken, Kurden, Araber, Armenier und Millionen weiterer osmanischer Bürger eine schwierige Zeit voller Schmerz waren“. So weit war noch nie ein türkischer Spitzenpolitiker diesbezüglich gegangen, noch nie hatte ein Ministerpräsident in der Frage so versöhnliche Töne angeschlagen. Kritik kam von MHP und CHP. Am Tag danach fand ein relativ grosse Gedenkfeier in Istanbul statt, durch nationalistische Sprechchöre gestört. Deutschlands Präsident Gauck war bald darauf auf Staatsbesuch in der Türkei, kritisierte Erdogans “Twitter-Verbot” statt das Bedauern über den Völkermord zu loben – exemplarisch für die westliche Wahrnehmung.

In diesem Jahr, zum 100. Jahrestag des Völkermordes, hat Erdogan, nun Staatspräsident, im Staatsfernsehen TRT seinen Vorschlag erneuert, eine unabhängige Historikerkommission einzusetzen, die die Massaker an den Armeniern untersuchen soll. Sollte sich ergeben, dass die Türkei Schuld auf sich geladen und „einen Preis zu zahlen“ habe, dann werde er entsprechend handeln. In dem Interview beklagte er auch, Armenien sei nicht bereit, sich dieser Diskussion zu stellen. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, Erdogans Nachfolger in dieser Position, hat Armenien kürzlich, anlässlich des Gedenkens an die Ermordung Hrant Dinks, einen „Neuanfang“ in den beiderseitigen Beziehungen vorgeschlagen. „Für zwei Alte ist es möglich, die nötige Reife zu haben, um sich zu verstehen und gemeinsam in die Zukunft zu schauen“, Türken und Armenier teilten sich „dieselbe Geografie und dieselbe lange Geschichte“. Sie müssten daher miteinander „über ihre Probleme sprechen können und gemeinsam Möglichkeiten finden, um sie zu lösen“, hieß es in der Erklärung Davutoglus. Die Türkei teile das „Leid der Armenier“ und bemühe sich „mit Geduld und Entschiedenheit, die Sympathie zwischen unseren beiden Völkern wiederherzustellen“.

Ein erstaunliches Kapitel armenischer Existenz in der Türkei sind Krypto-Armenier, welche ihre (teilweise) armenischen Wurzeln entweder geheim halten oder verloren haben oder nichts davon wissen. Die kompakteste und bekannteste Gruppe unter ihnen sind die Hemshenli, eine “Nationalität” in Nordost-Anatolien, im ehemaligen West-Armenien, benannt nach dem Ort Hemşin. Ob es sich bei ihnen um Moslems handelt, die die armenische Sprache übernommen haben (sie sprechen Homschezi, einen Dialekt des West-Armenischen), oder um Armenier, die den Islam angenommen haben, ist umstritten. Wegen ihrer islamischen Religion waren sie nicht vom osmanischen Völkermord betroffen.

Dann gibt es Leute wie Fethiye Cetin, eine (Menschenrechts-) Anwältin in Istanbul. Sie brachte 04 auf Türkisch ihre Familiengeschichte in Buchform heraus („Meine Grossmutter“); ihre Grossmutter hatte ihr anvertraut dass sie Armenierin war die dem Todesmarsch entkam indem sie in eine türkische Familie verschleppt wurde und dort moslemisch erzogen wurde. Sie hält sich mit Anklagen zurück, will Tabus brechen. Es soll Hunderttausende wie sie geben, manche wissen auch nichts davon, manche wollen nichts davon wissen, manche halten es geheim. Cetin sagt, in der türkischen Gesellschaft stecke viel armenisches. Manche kehren auch zu ihren Wurzeln zurück, wie Aras Özbiliz. Legendär waren die Telefonanrufe nach Hrant Dinks TV-Auftritten, in denen Türken ihre bislang verheimlichten armenischen Wurzeln offenbarten. Andere berichteten von Spuren armenischen Lebens in ihren Orten und bitteten um seine Hilfe für die Bewahrung dieses kulturellen Erbes. Auch in Syrien gibt es solche “Armenier”, deren Vorfahren von Arabern gerettet wurden.

Material

Richard G. Hovannisian: The Armenian People from Ancient to Modern Times (2004)

Hrant Dink, Günter Seufert: Von der Saat der Worte (2010)

Jasmine Dum-Tragut und Uwe Blasing (Herausgeber): Cultural, Linguistic and Ethnological Interrelations in and Around Armenia (2011)

Tessa Hofmann: Annäherung an Armenien (1997)

Taner Akcam: Armenien und der Völkermord: Die Istanbuler Prozesse und die türkische Nationalbewegung (2004)

Sibylle Thelen: Die Armenierfrage in der Türkei (2010)

Artem Ohandjanian: Armenien – der verschwiegene Völkermord (1989)

Mihran Dabag and Kristin Platt: Verlust und Vermächtnis. Überlebende des Genozids an den Armeniern erinnern sich (2015). Dabag leitet das Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Uni Bochum

Vahakn Dadrian: Autopsie du Génocide Arménien (1995)

Fatma Müge Göçek: Denial of Violence. Ottoman Past, Turkish Present, and Collective Violence against the Armenians, 1789-2009 (2014)

Yair Auron: The Banality of Indifference: Zionism and the Armenian Genocide (2002)

Marwan R. Buheiry: Theodor Herzl and the Armenian Question. In: Palestine Studies, Bd. 7, Nr. 1, 1977, S. 81-92. Buheiry übt eine ähnliche Kritik wie Lazare

Hans-Lukas Kieser: Die Armenierverfolgungen in der spätosmanischen Türkei. Neue Quellen und Literatur zu einem unbewältigten Thema

www.armenianhistory.info

Online-Ausgabe der Zeitschrift der Istanbuler Armenier, “Agos”, auf Türkisch, Armenisch, Englisch