Im Schatten der Mauer

Bei der Gedenkveranstaltung zum Jubiläum von 25 Jahre Mauerfall in Berlin gedachte die Kanzlerin der Opfer des „Unrechtsstaats DDR” und zog, wie auch schon bei einer Vertriebenen-Veranstaltung kurz davor Parallelen zu aktuellen Konflikten in Syrien, dem Irak und der Ukraine. Zu Palästina, dem kürzlichen Massaker, und der Apartheid-Mauer nicht. Deswegen sind die Broders ja ihre Fans, wenn nicht Verbündeten. Die teilenden Mauern in Korea und Zypern hätten sich auch eher als Parallele angeboten. Auch auf den Grund der Vertreibungen der Deutschen, der deutschen Teilung, der sowjetischen Besatzung eines Teils Deutschlands, ging sie nicht ein. Hatte auch etwas mit der Ukraine zu tun. Nun ja, vor Deutschland als Grossmacht muss man irgendwie mehr Angst haben als vor Russland.

Max Blumenthal und David Sheen, die von linken Linken in den Bundestag geladen wurden (wo Biermann kurz davor angesichts des Jubiläums die Linke attackierte), um u. a. über das Gaza-Massaker zu reden, wurden Opfer einer im Vorhinein angelaufenen Verhinderungs-Kampagne von Weinthal in der “Jerusalem Post”, die erfolgreich war, weil Gysi (der während der Wende zunächst SED-Chef geworden war) und Pau von der Parteiführung einknickten. Sie sprachen daher anders(wo) als geplant. Wollten Gysi mit dessen Vorwürfen konfrontieren, daraus wurde endgültig ein Pseudo-Skandal mit bundesdeutschem Entrüstungssturm, wie bei Grass’ Gedicht.. Der wahre war die Verhinderung, die Hetze, die Diffamierung, in Medien, von Politikern.

Zu den 41 Jahren DDR, das letzte mit Wende und Maueröffnung, ist zu sagen, dass mehrere Wahrheiten nebeneinander bestehen können. Der jetzige deutsche Bundespräsident Joachim Gauck sagte einst, erst mit dem Mauerbau entstand so etwas wie eine DDR-Identität, bis dann war „gehen“ möglich. Genscher ging zB ’52 von der DDR in die BRD. Die Flucht aus der DDR in die BRD fand v.a. in Berlin statt, war dort am leichtesten. Vor allem während der Berlin-Krisen gingen Viele aus der SBZ bzw DDR nach West-Berlin. An der eigentlichen innerdeutschen Grenze gab es schon in den 1950ern Trennvorrichtungen, auf DDR-Seite aufwändigere. Diese wurden in den 1960ern auch ausgebaut. 1961 wurde von der DDR-Regierung quer durch Berlin, entlang der Grenze zu den westlichen Sektoren, eine Mauer sowie weitere Sperranlagen errichtet. An die 900 Menschen kamen bei Versuchen der Überwindung der Grenzanlagen, vor und nach dem Mauerbau, ums Leben.

Der Fall des berühmtesten Mauer-Toten, Peter Fechter (1962), sagt einiges über diesen Konflikt aus, nicht nur weil er zeitlich und räumlich in seinem Brennpunkt stattfand. Der von DDR-Grenzschützern angeschossene Fechter verblutete bekanntlich, weil er gut 1 Stunde im “Todesstreifen” liegen blieb. Der Zugführer der DDR-Grenzsoldaten gab an, nicht eingeschritten zu sein, da er befürchtete, die auf der Westseite versammelten Polizisten würden auf die Soldaten schießen. In der Tat war nur drei Tage zuvor der DDR-Grenzsoldat Rudi Arnstadt an der innerdeutschen Grenze von einem westdeutschen Grenzbeamten erschossen worden. Der Tod des durch einen Westberliner Fluchthelfer erschossenen DDR-Grenzers Reinhold Huhn lag erst zwei Monate zurück und auch der Tod des von Westberliner Polizisten am 23. Mai 1962 beim Verhindern eines Grenzdurchbruchs erschossenen Gefreiten Peter Göring war noch gegenwärtig.

(Als es 40 Jahre später in diesem Fall zu einem Prozeß kam, saßen jedoch einmal mehr nicht diese Todesschützen auf der Anklagebank, sondern wiederum DDR-Grenzsoldaten). Ein toter Peter Fechter war den BRD-Beamten und BRD-Medien aus propagandistischen Gründen wahrscheinlich willkommener als ein lebender. Dass Fechter so wie viele andere aus der DDR, aus dem Ostblock raus wollte und mit Gewalt daran gehindert werden musste, spricht aber auch eine klare Sprache… Die DDR existierte im Grossen und Ganzen gegen das Volk, ein Unterschied zur BRD.

Das 1945 von den Alliierten aufgelöste Preussen wurde unter Erich Honecker rehabilitiert, als es darum ging, die DDR als Nation zu etablieren. Der preussische Geist hat auch in militärischen Traditionen der DDR weitergelebt. „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ war ein DDR-Fernseh-Mehrteiler in den 1980ern über Sachsen und Preussen in den Jahren 1697–1763, Teil der DDR-Geschichtspolitik. Preussen erlebte auch nach der Wiedervereinigung eine Art Rehabilitierung. Aus der Sicht der Rechten war die DDR natürlich „schlecht“, aber man schätzt dass es keine Einwanderung gab und preussische Traditionen hoch gehalten wurden.

Die Ereignisse am 9. November 1989, der “Fall” der Berliner Mauer, laden ein zum kontrafaktischen Spekulieren darüber, wie es anders hätte kommen können. Hier scheinen durch minimale Änderungen der tatsächlichen Geschehnisse sehr abweichende Szenarien möglich. Wenn der frisch ernannte Quasi-Regierungssprecher der DDR, Günter Schabowski, nicht zu spät zur ZK-Sitzung gekommen wäre, über die geplante Gesetzesänderung Westreisen betreffend voll im Bild gewesen wäre, auf der Pressekonferenz später an diesem Tag keine Angaben dazu (oder richtige) gemacht hätte, DDR-Bürger deshalb nicht im Anschluss daran die Grenzübergänge in Berlin gestürmt hätten, die Mauer also nicht an dem Tag “gefallen” wäre – wie wäre die Geschichte der DDR, Gesamt-Deutschlands, des Ostblocks, und darüber hinaus anders gelaufen?

Gorbatschows Perestroika-Politik in der Sowjetunion hatte dazu geführt, dass alle osteuropäische “Brüderstaaten” ihre eigene Politik verfolgen konnten, sogar die Abkehr vom Kommunismus, wie das Ungarn im Frühling 1989 vollzogen hat! Die dadurch möglich gewordene Flucht von DDR-Bürgern über Ungarn in den Westen im Sommer des Jahres hat das System weiter destabilisiert. Im April 1989 hatte die DDR, nach dem letzten Mauertoten, die Aufhebung des Schiessbefehls an der Grenze verfügt. Im Herbst stellten sich massive Demonstrationen gegen das System ein, nicht zuletzt anlässlich der 40-Jahr-Feiern dieses Staates im Oktober (an denen auch Gorbatschow teilnahm). Egon Krenz wurde dann Honeckers Nachfolger als Staats- und Parteichef. Es war also Wendezeit, vieles war möglich.

Schabowskis unabsichtlich falsche Angaben zur Grenzöffnung haben diese ermöglicht bzw. beschleunigt. Wenn die Regelung in dieser Form (also das Recht auf Westreisen und Rückkehr) auch durch den Ministerrat gekommen wäre und wie vorgesehen erst am Folgetag veröffentlicht worden und in Kraft getreten wäre, wäre der Ansturm und damit die Quasi-Grenzöffnung wahrscheinlich ähnlich gewesen – die Genehmigungen wären ja an den Grenzübergängen unmittelbar zu erteilen gewesen. Die Grenzposten wären aber vorbereitet gewesen, die Erteilung von Reisegenehmigungen hätten diese Ausreisen ein wenig kanalisiert. Abgesehen davon wurden die Westgrenzen der übrigen Staaten des damaligen Ostblocks damals schrittweise geöffnet; bei Abkapselung von/zu diesen Staaten wäre die DDR erst recht verloren gewesen. Die Erlaubnis zum Kommen und Gehen hätte im Fall ihrer geplanten Umsetzung eher den gewünschten Effekt haben können, nämlich das Gehen zu drosseln. Die Kontrolle über die Situation wäre beim Regime geblieben.

Hans Modrow wäre wohl auch so bald nach dem “Mauerfall” neuer Ministerpräsident geworden. Er hätte, aus einer Position der relativen Stärke heraus, eine Reformpolitik durchführen können, eine DDR-Perestroika, die auch die Oppositionsgruppen wie das Neue Forum einigermaßen zufrieden hätte stellen können, etwa mit einer Generalamnestie für politische Gefangene (die so im Dezember kam). Vergleichbar mit jener von Miklos Nemeth in Ungarn oder Ion Iliescu in Rumänien in dieser Zeit. Eine Reformpolitik, die aber nur schwerlich dazu hätte führen können, die DDR als Einparteienstaat zu erhalten.

Auch wenn sich die DDR und die SED in Ruhe reformiert hätten, wäre der Staat wahrscheinlich nicht zu retten gewesen. Freie Wahlen im Frühling 1990 wären auch mit einem anders verlaufenen 9. November 1989 realistisch gewesen, mit einem ähnlichen Ergebnis wie bei den tatsächlichen. Und somit wäre die Entwicklung der DDR wohl auch so auf die Vereinigung mit der BRD hinausgelaufen; zumal das Einverständnis der Sowjetunion unter Gorbatschow dazu unabhängig von der Grenzöffnung gegeben gewesen wäre. Die DDR war wahrscheinlich nicht reformierbar. Sie wäre wohl etwas anders in die Vereinigung reingegangen.

Nach dem Mauerbau wurde West-Berlin noch stärker eine „Insel” (im Kommunismus). Die grosse Einwanderung aus der BRD kam erst danach. Es entstand eine linke Szene, die für die Bundesrepublik maßgeblich war. Die Frage, ob W-Berlin hinter den westdeutschen Städten zurück oder ihnen voraus war, ist nicht so leicht zu beantworten. Zerfallene Häuser einerseits, künstlerische Freiheit andererseits. So wie „Herrn Lehmann“ aus Sven Regeners gleichnamigem Roman erkannten Viele nach dem Mauerfall, dass es mit der “Alternativwelt” nun vorbei sein würde. Und Berlin-Mitte fortan auch ein homogenisiertes Stück Düsseldorf sein werde. In der Wende-Zeit träumte man in der DDR vom Paradies und wachte dann in Nordrhein-Westfalen auf. Die Wiedervereinigung veränderte dann aber auch alte BRD, aus der ungefähr 1999 die “Berliner Republik” wurde.

Ingo Schulze hat auf etwas Interessantes hingewiesen: Die Ost-CDU (bis Dezember 1989 CDUD) spielte bei der Wende keinerlei Rolle, war diskreditiert als Teil des Regimes, hängte sich dann an die Wende dran; während das Neue Forum alles initiierte. Bei der Volkskammer-Wahl im Frühling 1990 kam Bündnis 90 (in dem der grösste Teil des Neuen Forums aufgegangen war) aber dann auf 2,9% und den 6. Platz, die CDU (leicht erneuert und mit Kohl-Hilfe) auf über 40% und den 1. Platz. Die CDUD-„Blockflöten“ stimmten in kommunistischen Zeiten nur in Bereichen wie Abtreibung anders (konservativer) als die SED; das Recht auf Abtreibung – in der DDR eine Selbstverständlichkeit – wurde in der BRD erst durch die Wiedervereinigung möglich.

Erinnert an die jetzige Situation, in der der Linken-Politiker Ramelow in Thüringen am Sprung zum ersten Ministerpräsidenten aus der Partei steht, wobei er eigentlich ein Gewerkschafter aus dem Westen ist und seine Vorgängerin und kommende Oppositionsführerin Lieberknecht (CDU) eine ehemalige Blockflöte. Dennoch sind von Gauck (der ja für Bündnis 90 in die letzte Volkskammer eingezogen war) abwärts viele über Ramelow „aufgeregt“, nicht über sie. Volker Pispers hat in Richtung Gauck gesagt, der Lebensstandard in der DDR wäre für einen sehr grossen Teil der Bürger der (heutigen) USA ein grosser Fortschritt.

Durch die Währungsunion mit 1:1-Kurs im Einigungsvertrag zwischen BRD und DDR 1990 wurde die Produktion im Osten unerschwinglich. Die Treuhandanstalt hat dann auch intakte ostdeutsche Firmen stillgelegt oder privatisiert (an den Westen verscherbelt). Die Anti-Regime-Bewegung der DDR von links bis rechts wollte eigentlich, dass die Bürger etwas von dem von ihnen Erarbeiteten in ihren Besitz bekamen, durch das THA-Wirken ging das aber zu westdeutschen Firmen über. Es fand eine in der Phase um die Vereinigung eine De-Industrialisierung in Ost-Deutschland statt, die Massenentlassungen und Abwanderung mit sich brachte; kleine Unternehmer wurden bald von “Multis” verdrängt. Die wirtschaftliche Entmündigung war Teil einer generellen, so wurden ja auch nur vier Diplomaten der DDR übernommen; ähnlich war es etwa auch im Fussball (Liga, Nationalteam). Im Osten wirkende Politiker, Professoren, Beamte, usw. kamen aus dem Westen. Seither lebt der Osten von Zuwendungen aus dem Westen; das Muster ähnelt der Politik des Westens gegenüber der 3. Welt (ruinieren/ausbeuten, dann Entwicklungshilfe).

Die DDR hätte ’89 die Bürgerbewegung niederschlagen können, wie China in diesem Jahr, evtl mithilfe der Roten Armee im Land (mit Honecker ist das vorstellbar, mit Gorbi nicht), ein Massaker in Leipzig… Gregor Gysi schrieb 1993 einen Essay, in dem die DDR mit Perestroika ab ’85 überlebt. Zu „Die Mauer steht am Rhein“ steht hier etwas. Bei Jörg Mehrwald überlebt die DDR (“Bloß gut dass es uns noch gibt”, Satire). In der Mockumentary “Öl – die Wahrheit über den Untergang der DDR” (2015) wird Öl in der Ostsee gefunden. Der Kalte Krieg als Ganzer hätte in seiner Endphase am ehesten im Sommer 91 eine andere Wendung bekommen können, wenn der Putschversuch gegen Gorbatschow in der Sowjetunion anders ausgegangen wäre, wenn die Putschisten um Janajew Erfolg gehabt hätten; sie scheiterten hauptsächlich, weil der Grossteil des Heeres und der Bevölkerung gegen diesen Umsturz war.

Die Reden der beiden USA-Präsidenten an der Berliner Mauer sagen ja viel über den “Westen” und die Diskrepanz zwischen seinem Anspruch und der Realität. Kennedy war 1963 ein “Berliner”, als die Stadt schon etwa 15 Jahre lang Vorposten westlicher Freiheit war; ein Status, den das westliche Deutschland und Berlin bekommen hatten, indem NS-Funktionäre wie Gehlen (der auch über JFKs Tod hinaus noch einige Jahre BND-Chef war) die Seite wechselten. Kennedy hatte sich beim Bau der Mauer „zurück gehalten“, der Auftritt in ihrer Nähe dann hatte grosse Propagandawirkung; er war ein “Berliner” aber etwa kein Bagdader. Reagan forderte 87, die Mauer niederzureissen, als er in Zentralamerika Tod und Unterdrückung vorantrieb, Saddam Hussein gegen den Iran von ihm unterstützt wurde, und im von seiner Regierung (und Saudi-Arabien) gesponserten islamistischen Widerstand gegen den Kommunismus in Afghanistan u.a. Osama Bin Laden kämpfte.

Die “Internationale Gesellschaft für Menschenrechte” (IGFM; International Society for Human Rights) sieht sich als “Menschenrechtsorganisation”, mit internationalem Anspruch, wechselte den Fokus von Marx zu Mohammed. Früher war ihr Fokus ausschließlich auf Menschenrechtsverletzungen in kommunistischen Regimen, während beispielsweise das südafrikanische Apartheid-Regime nicht kritisiert wurde. Die IGFM war in der DDR auch Thema einiger Diplomarbeiten der Rechtswissenschaften. “Imperialistische Menschenrechtsaktivitäten im Rahmen der ideologischen Diversion insbesondere gegen die DDR – dargestellt vor allem am Beispiel der Feindorganisation “Internationale Gesellschaft für Menschenrechte e.V.”, Frankfurt/Main” war das Thema einer Arbeit aus dem Jahr 1984. Sie dürfte auch heute eine gewisse Aktualität haben.

 

Mauerbau Berlin 1961
Mauerbau Berlin 1961

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Aborigines Australiens

Die Vorfahren der Aborigines in Australien wie auch anderer Australoide haben Genanalysen zufolge Afrika früher verlassen als die aller anderen heute lebenden Menschen. Die “Aboriginals” oder “Aborigines”, wie sie von den Briten getauft wurden, haben als Selbstbezeichnungen die Namen ihrer Untergruppen, etwa der Anangu, Koori, Noongar, Yorta Yorta. Sie werden zu den Melanesiern gerechnet, was aber eigentlich ebenfalls ein europäisches Konzept ist. Auf der australischen Inselgruppe gibt es neben ihnen an “Urvölkern” noch die Torres Strait Islanders, auf der Inselgruppe von der sich ihr Name ableitet, im Nordosten (zu Queensland), sie sind Polynesier, wie die Maoris Neuseelands. Auf die europäischen Entdeckungen in der Region im 17. und 18. Jahrhundert (Niederländer, Briten) folgte die Landnahme im 18. und 19. Jahrhundert.

Das Muster der britischen Landnahme dort entspricht jenem des europäischen Siedlerkolonialismus’ anderswo: Ausbreitung der Siedler, Besitzergreifung des Landes (im Fall Australiens entstanden anfangs hauptsächlich Straflager)1, Unterwerfung und Zurückdrängung der “Farbigen”/”Eingeborenen”, „Kampf“ um Nahrungsquellen und Wasser mit ihnen (auch das Foltern von Aborigines, damit sie Wasserquellen verraten), Unterwerfung dieser. Auch das, was Australien genannt wurde, wurde als terra nullius (Land, das niemandem gehört) bestimmt und ohne irgend eine Anerkennung der Rechte des Existenz der Einwohner kolonisiert. An der Küste gründeten die Briten Gross-Städte, dahinter (landeinwärts) findet die landwirtschaftliche Nutzung statt (Farmen), dahinter ist das Outback, das heisse und trockene Landesinnere. Dorthin wurden die Aborigines verdrängt; der Schwerpunkt des weissen Australien ist der Südosten (gemäßigtes Klima). Westliche Pracht und Reichtum hat sich immer auf Kosten Anderer entfaltet. Aborigines galten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nicht als Menschen, schon gar nicht als ebenbürtige.

1789 sollen die Briten mit ihrer ersten Flotte, die eine Niederlassung auf Australien (nahe dem späteren Sydney) errichtete, absichtlich Pocken gegen die Aborigines verbreitet haben, die Widerstand gegen ihre Verdrängung leisteten. Eine Pocken-Epidemie (evtl. auch Windpocken) hat in dem Jahr Tausende Aborigines getötet. Die britischen Soldaten von der Flotte hatten die nach Australien deportierten Sträflinge zu bewachen sowie die Siedlung gegen Aborigines, gegen die sie sich schwer taten. Waren die durch Krankheiten Getöteten also (teilweise) Opfer biologischer Kriegsführung? Ende des 18. Jahrhunderts, zur selben Zeit als die Briten den Südosten besiedelten, haben Seefahrer aus Makassa auf Sulawesi (unter niederländischer Kontrolle) an Australiens Nordküste vorübergehende Niederlassungen errichtet, sie werden auch der Einschleppung der Pocken verdächtigt; dann hätten sie sich aber quer über die Insel verbreiten müssen, wogegen einiges spricht.2

Pocken waren auch in Amerika jene Krankheit, die Indianer (die ebenfalls keine Resistenz dagegen hatten) am meisten dezimierten, Millionen von Toten brachte. Auch hier ist die Frage der Absicht (also des Einsatzes als biologische Waffe) gegeben. Briten könnten diese Kampfmethode auch schon in Nordamerika angewandt haben, etwa bei Fort Pitt im Grossen Seen-Gebiet. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde bereits festgehalten dass die Geschichte der Verbreitung der Krankheit in Liedern der Aborigines erzählt wurde. Henry Reynolds hat sich in “An Indelible Stain?” mit der Pocken-Epidemie um Sydney befasst.

In der australischen Geschichtsschreibung hat sich für die Gewalt bei der Ausbreitung der Briten in Australien der Begriff “Grenzkriege” (frontier wars) durchgesetzt. Auseinandersetzungen gab es z.B. im frühen 19. Jahrhundert mit dem Noongar-Stamm im Westen unter ihrem “Häuptling” Yagan (er wurde dabei getötet, sein Kopf dann in London ausgestellt), 1824 in Bathurst in New South Wales (Südosten) mit den Wiradjuri, oder in Gippsland in Victoria (ebenfalls SO) 1840-1850. Die Grenzen zwischen Kämpfen und reinen Massakern (wie jenem vom Jänner 1838 an den Kamilaroi im SO) sind fliessend. Mindestens 20 000 Aborigines wurden allein bei dadurch getötet. Auch die aus Aborigines rekrutierte Native Police war daran beteiligt. Viele verloren auch durch eingeschleppte Krankheiten (v.a. Pocken) ihr Leben.

Oder durch Zerstörung von Lebensgrundlagen; Nutztiere wie Hasen wurden eingeschleppt (die sich aufgrund mangelnder natürlicher Feinde rasant vermehrten), während der Beutelwolf auf Tasmanien ausgerottet wurde. Auf Tasmanien sind auch die Aborigines ausgerottet, zumindest das ursprünglich dort lebende Volk, die Palawa. Wie auch die amerikanischen Indianer war die Unterwerfung der Aborigines Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts abgeschlossen, zu einer Zeit, als der westliche/weisse Imperialismus global am Höhepunkt stand; dazu gehörte auch die Errichtung von Reservaten (Protektoraten) und die Missionierung zum Christentum. Diese Unterwerfung bedeutete den Tod für ihre traditionelle Lebensweise (nomadisches Jägertum), die nur in Resten weiterlebt(e) und leitete eine Assimilation ein.

Gewalt und Widerstand liefen auf kleiner Flamme bis in die 1930er weiter. 1928 noch verübte die australische Polizei in Coniston im Northern Territory ungestraft ein Massaker an Anmatyerr Aborigines, das zwischen 30 und 100 Tote forderte, nachdem 2 Weisse in der Gegend angegriffen worden waren. Ein Überlebender des Massakers, Billy Stockman Tjapaltjarri, wurde später Teil der ersten Generation der Maler in Papunya.3 Die Massaker des späten 19. und des 20. Jahrhunderts fanden alle im Norden statt, wohin Weisse spät kamen, und der das letzte “Hoheitsgebiet” der Aborigines war.4 Eine Parallele zu Nord-Amerika, wo sich nach dem Wounded Knee-Massaker von 1890 fast alle Gewalt im Südwesten zutrug, in Gebieten die zu Mexiko gehört hatten. Die Caledon Bay-Krise von 1932 bis 1934 im Arnhem Land (der Nord-Zipfel des Northern Territory) stellt einen Wendepunkt dar; nach gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Aborigines auf der einen Seite und japanischen Fischern und weissen Siedlern auf der anderen wurde eine geplante Strafexpedition abgeblasen und die Sache auf eine gerichtliche Ebene verlegt (die natürlich auch eine schiefe war).

Aborigines wurden auch im Outback und in Reservaten bedrängt, durch Erschliessung von Bodenschätzen, britische und australische Atomwaffentests, Deportationen/ Umsiedlungen, Formen von Zwangsarbeit, und Entführungen. Diese liefen bis Ende der 1960er, die Opfer, die gestohlenen Generationen, wurden in weissen Familien erzogen. Auch die “Protector of Aborigines“, die im 19./20. Jh. in den Teilstaaten existierten, offiziell zu ihrem Schutz spielten dabei eine unrühmliche Rolle (wie in Brasilien der “Indianerschutzdienst” SPI). Das grossteils wüstenhafte Northern Territory wurde eine Art Rückzugsgebiet für die Aborigines, ist es bis heute. Mit der Assimilierung einer “Elite” begann eine neue Phase des Widerstands gegen Diskriminierung und Entrechtung, mit den Worten und Mitteln der weissen Kultur. Anfang des 20. Jahrhundert wurden erste überregionale Aborigines-Organisationen gegründet.

Ein Aktivist war etwa der Schrifststeller David Unaipon vom Ngarrindjeri-Stamm, dessen Vater schon verwestlicht gewesen war (der Name anglisiert, der Presbyterianischen Kirche beigetreten). Die Infos über die gesetzlichen Grundlagen der Diskriminierung sind so versteckt wie diese selbst. Nicht auf Bundesebene (die mit der Vereinigung der britischen Kolonien in Australien 1901 geschaffen wurde), aber in den Teilstaaten existierten bis in die 1970er Apartheid-ähnliche Gesetze (Beschränkungen, Sondergesetze), die die Bürgerrechte der Aborigines einschränkten, wie den Erhalt der Staatsbürgerschaft (theoretisch waren sie mit der Einführung einer eigenen australischen 1949 dazu berechtigt), das Wahlrecht (das föderal geregelt war, die Diskriminierungen waren daher dort festgeschrieben), die Wahl des Wohnortes, die Wahl des Partners (in drei Teilstaaten bestanden zu verschiedenen Zeiten Beschränkungen von “Vermischungen” mit Weissen). Vor allem in jenen Staaten/Territorien, in denen Aborigines noch relativ zahlreich waren, blieben diskriminierende Gesetze gegen sie aufrecht, etwa in Queensland bis 1965 das Wahlverbot.

Ein Wendepunkt war das australische Referendum von 1967, das mit grosser Zustimmung angenommen wurde; in dessen Folge bekamen die Aborigines erst die vollen Bürgerrechte bzw. die formale Gleichstellung. Formal handelte es sich um zwei Verfassungsänderungen in Bezug auf die Aborigines: das Verbot der Spezialgesetzgebung in Teilstaaten bei Ermöglichung dieser auf Bundesebene sowie die Inklusion von Aborigines bei Volkszählungen (von denen sie bis dahin ausgeschlossen waren). Während der zweite Punkt v.a. gesonderte Werte über die Aborigines in Gesundheits- oder Bildungsstatistiken brachte, bewirkte der erste eine Verschiebung der Aborigines-Materie auf die Bundesebene. Bundesgesetze auf Grundlage dieser Verfassungsänderung, welche die Lage der Ureinwohner verbesserten, wurden aber erst Mitte/Anfang der 1970er, unter der Labor-Regierung von Premier Gough Whitlam erlassen.

Whitlam setzte sich auch für die Abschaffung der Todesstrafe, die Schliessung der USA-Militärbasen im Land, ein loseres Verhältnis zu Grossbritannien, ein und beendete die “White Australia Policy”, die aus einer Reihe von Gesetzen bestand, die sich gegen nicht-weisse Einwanderung, v.a. gegen Ost-Asiaten, richtete. 1975, nach einer Kampagne der Murdoch-Presse und des CIA (“Der Falke und der Schneemann”…), wurde er aus Anlass eines Streits um Geld mit dem Senat durch den Generalgouverneur abgesetzt. Er engagiert sich heute für die Umwandlung Australiens in eine Republik. Die unter Whitlams Regierung erlassenen Gesetze betrafen etwa die Abschaffung der in einigen Staaten für Aborigines bestehenden Verpflichtung, bei Bedarf ohne Bezahlung zu arbeiten, die Verschleppungen, Landrechte.

Jetzt erst konnten die Aborigines aus ihrer Untermenschen-Rolle heraus treten, wenngleich die Anwendung diskriminierender Praktiken (Bevormundung, Kontrolle, Benachteiligung) natürlich weit darüber hinaus läuft. Das Referendum kam in einer Zeit zunehmenden Selbstbewusstseins der Aborigines und der Solidarität eines Teils der australischen Gesellschaft. 1971 wurde mit Neville Bonner ein erster Aborigine Parlaments-Abgeordneter; 1971 wurde auch die Aborigines-Flagge von Harold Thomas geschaffen. Der Whitlam-Nachfolger Fraser änderte das wichtigste der neuen Gesetze zur Verbesserung der Lage der Aborigines, die Landrechte betreffende Aboriginal Land (Northern Territory) Bill, zu ihrem Nachteil ab. Unter Premier Howard (der auch gerne vom “jüdisch-christlichen Erbe” sprach) wurde 1996 die 1967 errungene Bundes-Vollmacht für Aborigines-Angelegenheiten gegen sie ausgelegt, bei einem Bauvorhaben.

In der weissen Mehrheitsgesellschaft Australiens begann Ende der 1960er mit der Kritik des Anthropologen Stanner an der Ausblendung der Urbevölkerung in der Geschichtsschreibung eine Aufarbeitung. Es entstand ein Historikerstreit (History wars) um die Frage, inwiefern in der europäische Besiedlung Australiens Massaker und andere Scheußlichkeiten gegen die Aboriginals die Ausnahme waren oder die Regel. Dass ein Völkermord vorliegt, wird von den meisten in Abrede gestellt. “Neue Historiker”, u.a. Harry Reynolds, korrigierten aber in der Folge Auslassungen und Umschreibungen. Konservative Historiker, v.a. Keith Windschuttle (ein Ex-Linker, es gibt keine grösseren Reaktionäre als diese) in „The Fabrication of Aboriginal History“ und im Magazin „Quadrant“, attackierten diese Aufarbeitung. Windschuttle zweifelt Opferzahlen unter Aboriginals an, fordert “Beweise” für Gewalttaten gegen sie ein, führt Massaker auf „Attacken von Aboriginals“ zurück (z.B. in Tasmanien) oder auch auf interne Streitigkeiten, Todesfälle auf Krankheiten, stellt Rassismus unter Weissen in Abrede, unterstellt ihnen (Für-)Sorge um Aborigines.

Andrew Bolt schreibt von “obszönen Behauptungen” der neuen Historiker, behauptet, Entführte z.B. waren vernachlässigt worden. Geoff. Blainey kanzelte die Arbeit der neuen Historiker als Geschichtsschreibung mit „schwarzem Armband“ ab. Ken. Minogue konzentriert sich auf Deutung des Historikerstreits als Auseinandersetzung innerhalb der weissen australischen Gesellschaft. Der rechte australische Journalist Andrew Bolt hat oft mit dem Historiker Robert Manne über die gestohlenen Generationen gestritten, die er relativiert, aus “rein rassistischen Gründen” habe es keine Entführungen bzw. Umsiedlungen in grösserem Maß gegeben. Aborigines nahmen an der Debatte nicht Teil weil ihre Wortführer ihre gegenwärtigen Probleme/Anliegen vom historischen Hintergrund trennen wollen. Windschuttle beschuldigt die Revisionisten der australischen Historiographie, eben diese Anliegen mit der Revision zu verfolgen. Die akademische löste eine politische Debatte aus.

Der Aktivist Michael Mansell, ein Mischling, aus Tasmanien, westlich ausgebildet, initiierte in den 1980ern eine Unabhängigkeits-Bewegung von Aborigines vom australischen Staat; mit-begründete 1990 die Aborigines Provisional Government, eine Art Gegenregierung für Australien), mit Sitz in Tasmanien. Die APG stellt eigene Pässe aus, die von Libyen unter Ghadaffi anerkannt wurden.5 Früher stellte der australische Staat eigene Pässe für Aborigines aus, in Western Australia bis 1963; früher liess man sie nicht Australier sein, nun werden jene, die das nimmer sein wollen, dafür verfolgt… Die Lenkung dessen, was die australische Regierung als „Aborigines-Angelegenheiten“ sieht, geschah lange über ein eigenes Ministerium (Department of Aboriginal Affairs), dann von 1990 bis 2005 über die Aboriginal and Torres Strait Islander Commission (ATSIC), nun durch das Office of Indigenous Policy Coordination, im Ministerium für Familien, Soziales und Indigene.

Heute machen die Ureinwohner 2,5 bis 3% der australischen Bevölkerung aus, Siedlungsschwerpunkt ist der Norden, im Northern Territory (NT) stellen Aborigines etwa ein Drittel der Bevölkerung. Das NT ist nicht zufällig nur ein Territorium, das weniger Selbstverwaltung als ein Staat hat. Chefminister des Northern Territory ist seit 2013 Adam Giles, der teilweise von Aborigines abstammt, im rechten politischen Lager steht. Im NT ist auch die heilige Stätte der dortigen Anangu, der Uluru. Die traditionelle Lebensweise konnte dort im Outback noch teilweise aufrecht erhalten werden, dazu gehören auch die Sprachen der Aborigines. In absoluten Zahlen gibt es in New South Wales mehr Aborigines; in weissen, urbanen Regionen leben sie assimiliert, an den Rändern der Städte und in Kleinstädten existieren auch Mischformen.6 Australiens Premier Kevin Rudd hat 2007 eine Entschuldigung des Staates für die Behandlung der Aborigines und Torres Strait Islanders durchgesetzt (was neben der Unterzeichnung des Kyoto-Klimaschutz-Protokolls eine seiner ersten Amtshandlungen war).

Die Rechte übt sich diesbezüglich im Herunterspielen und Verdrehen, wobei die Behandlung der Ureinwohner entweder als für diese “gewinnbringend” konstruiert wird oder aber ein Gewinn für sie offen abgelehnt wird. Eine gewisse Integration hat zweifellos stattgefunden, siehe etwa die Leichtathletin Cathy Freeman (mit einem Aborigines- aber auch einem Baha’i-Hintergrund) oder der Rugby-Spieler Wendell Sailor (ein Torres-Strait-Islander) oder die Musik-Gruppe Yothu Yindi (bei Olympia 2000 Auftritt bei der Abschluss-Feier). Es stellt sich jedoch die Frage, wem diese mehr nützt, der kleinen Minderheit der Ureinwohner oder der weissen australischen Mehrheitsgesellschaft, die sich mit ihnen schmücken kann und ihre Folklore touristisch vermarkten – ohne deren Probleme wie Diskriminierung, Armut, mangelnde Achtung vor bzw Zurückdrängung ihrer Kultur, Arbeitslosigkeit, anzugehen. Das in Ozeanien stärker verwurzelte und harmlosere Kava (das aus Fidschi eingeführt wurde und sich v.a. im NT verbreitete) ist etwa stark reglementiert, im Gegensatz zum Alkohol. Wenn in der politischen Auseinandersetzung heutzutage gegen Aborigines (oder Asiaten) “polemisiert” wird, dann nur noch von der rechts aussen stehenden One Nation-Partei.

1972 wurde nahe dem Parlamentsgebäude in Canberra die Aboriginal Tent Embassy errichtet, die bis heute besteht und seit über 40 Jahren ein Symbol für den Aktivismus gegen die Ungleichbehandlung der Aborigines ist. Am Nationalfeiertag 2012 (Australien feiert da die Ankunft der ersten weissen Siedler im Jahr 1788) haben etwa 200 Aborigines-Aktivisten die damalige Ministerpräsidentin Julia Gillard sowie Oppositionsführer Tony Abbott (heute Premier) bedrängt, sodass sie aus einem Restaurant flüchten mussten. Auslöser für die Proteste war Abbots Forderung am Nationalfeiertag, das Protestzelt der Ureinwohner abreißen zu lassen. Gilliard ist übrigens, wie die Labor-Partei an sich, eine Republik-Befürworterin – diese Umwandlung Australiens wird früher oder später kommen, spätestens wohl mit dem Abgang der jetzigen britischen Königin.

Australien ist seit seiner Entstehung 1901 Laufbursche britischer Politik, ab der Teilnahme im Südafrikanischen Krieg, bis in die Gegenwart (03 Irak). Aborigines waren von Anfang an dabei, wurden für die anglo-australische Politik eingespannt; im 1. Weltkrieg wurden solche in die Armee aufgenommen, die hell „genug“ waren. Ein Teil der Linken Australiens strebt eine andere Selbstedfinition bzw Orientierung an als integraler Bestandteil einer weissen Anglo-Weltpolizei zu sein. Bei der seit 13 wieder regierenden Liberale Partei (die mit einigen kleineren Parteien verbunden ist) unter Abbott und Turnbull korrelieren die Behandlung der Aborigines mit ihrem militärischen Aufrüstungsprogramm (16 Auftrag an Frankreich zum Bau und der Betreuung einer neuen U-Boot-Flotte), der Aussenpolitik, der Umgang mit bzw die Beschränkung von Einwanderung 7 und der Umwelt- bzw Klimapolitik.

J. Olaf Kleist: Die australischen History Wars und was dazu gehört: Grenzen historischer Anerkennung und Versöhnung. In: Peripherie Nr. 109/110 (Vom Erinnern und Vergessen) 2008

www.koorimail.com

Sabine & Burkhard Koch: Aborigines gestern und heute. Gesellschaft und Kultur im Wandel der Zeiten (2013)

Long Walk Home (2002): Film über die Umerziehung der Aborigines in den 1930er Jahren in Australien, basierend auf einem authentischen Fall

Der Film "Walkabout" von Nicolas Roeg (1971) mit Jenny Agutter und David Gulpilil behandelte das Verhältnis zwischen Aborigines und weissen Australiern eher subtil
Der Film “Walkabout” von Nicolas Roeg (1971) mit Jenny Agutter und David Gulpilil behandelte das Verhältnis zwischen Aborigines und weissen Australiern eher subtil

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Zwischen 1788 und 1850 brachten die Engländer über 162 000 weisse Kriminelle bzw Verurteilte aus dem Britisch-Irischen Archipel nach Australien
  2. Händler und Fischer von den indonesischen Inseln, “Makkassan“, traten im frühen 16. Jh in Kontakt mit den “Aborigines”. Die Begegnungen, die auch biologische “Vermischung” mit einschloss, spielte sich im heutigen Arnhem Land ab
  3. Sein Onkel war Gwoya Jungarai, ein Überlebender des Coniston-Massakers. Für einen Magazin-Artikel über das Massaker viele Jahre später wurde von ihm ein Foto mit Speer gemacht, das Vorlage für sein Porträt auf einer Briefmarke sowie einer Münze wurde
  4. Und jene Weissen, die kamen, waren lange Eigenbrötler und Schatzsucher gewesen
  5. Dieser anerkannte auch Pässe, die nordamerikanische Indianer ausstell(t)en
  6. Bei Sydney gibt es einen Aborigine-Vorort
  7. Die zwangsweise Festhaltung von „illegalen Einwanderern“ dürfte unter Keating begonnen haben. 2001 schwenkte die Regierung unter Howard auf neue, hermetische Linie in der Asylpolitik ein: Das Lager bei Woomera in Süd-Australien wurde geschlossen, es wurden Flüchtlingslagern auf den Inseln Papua-Neuguineas und Naurus errichtet („Pacific Solution“). Flüchtlinge, die mit ihren Booten Australien erreichen oder auf See aufgegriffen werden, dürfen das Festland nicht betreten, sondern werden in Lagern weit draußen im Indischen Ozean interniert, während ihre Asylanträge geprüft werden. Selbst Jene, die als Flüchtlinge anerkannt werden, werden nicht ins Land gelassen, müssen sich in PNG/Nauru niederlassen

Opium, Krieg, und der Zusammenprall der Kulturen

Der Schlaf-Mohn wurde schon von den Sumerern kultiviert, verarbeitet und genutzt. Nicht geklärt ist, ob diese Pflanze durch natürliche Auslese entstanden ist oder durch menschliche Kultivierung. Der getrocknete Saft ihrer Kapseln ist Roh-Opium, das Opiate (Alkaloide wie Morphin) enthält. Opium wurde ursprünglich oral aufgenommen wurde, gegessen oder aufgelöst getrunken. In antiken vorderasiatischen und nordafrikanischen Kulturen wie dann auch in frühen europäischen wurde es als Medizin und Rauschmittel angesehen und verwendet, oft in kultische Rituale eingebettet. Für beide Zwecke wurden dieselben Effekte geschätzt, das Betäubende, Schmerzstillende, Beruhigende, Euphorisierende. Der Name “Opium” kommt von den alten Griechen (von “Opos”, Saft), die den Mohn und seine Wirkung in ihre Sagenwelt integrierten, die Göttin Demeter etwa betäubte damit ihren Kummer über den Verlust ihrer Tochter und pries die Heilkraft des Opiums. Das in der griechischen Mythologie und Literatur erwähnte Nepenthes war wahrscheinlich auch Opium. Das Soma/Haoma in den Veden bzw der Avesta könnte Opium gewesen sein, ebenso wie in den Mysterien von Eleusis. Im Deutschland des 19. Jahrhunderts wurden nach gelungener Isolierung des wichtigsten Alkaloids des Opiums die Bezeichnung “Morphium” (bzw “Morphin”) in Anlehnung an Morpheus gewählt, den griechischen Gott des Traumes, manchmal auch des Schlafes oder des Sterbens, dessen Symbol eine Mohnkapsel war. Auch Hippokrates beschäftigte sich mit der Wirkung des Produktes der Mohnpflanze, aus medizinischer Sicht. Er verwarf die magischen Attribute, anerkannte eine narkotisierende und blutstillende Wirkung.

Im Mittelalter war Opium vor allem im islamischen Raum verbreitet, wo es, im Gegensatz zum Alkohol, nicht untersagt war, es wurde noch immer überwiegend oral eingenommen (gegessen oder in Wein aufgelöst getrunken). Der persische Wissenschafter Avicenna hat sich auch damit beschäftigt, er empfahl die stopfende und beruhigende Wirkung des Opiums, warnte aber auch vor seiner “den Geist und die Sinne zerstörenden” – die erste überlieferte derartige Einschätzung dieser Droge. In orientalischen, besonders persischen Dichtungen (etwa von Hafes, Omar Chayam) kann „Wein“ auch Opium meinen; auch für sexuelle Beschreibungen wurden anscheinend Metaphern benutzt, für Knabe oft „Frau“. Die Sufis suchten mithilfe des Opiums eine direkte Beziehung zwischen stofflichem und religiösem Rausch. Die früheste Anweisung gegen den Gebrauch von Drogen allgemein war eine religiöse, von Buddha, um 500 v. C., der seinen Anhängern einen klaren Kopf nahelegte. Von Persien aus wurde Opium über Indien nach China (und Südost-Asien) verbreitet, wo es im Hoch-Mittelalter ankam. Chinesen sahen dennoch Opium mitunter als eine für Buddha geschaffenen Gabe.

Ernte in Indien; Die Ernte des Schlafmohns erfolgt meist durch anritzen der Kapseln (Köpfe), das den Austritt des Milch-Safts, das den allergrössten Teil der Alkaloide der Pflanze enthält, zur Folge hat. Der getrocknete Saft ist Rohopium, das u.a. durch Fermentierung zu Rauchopium verarbeitet werden kann (die Qualität dürfte v.a. eine Frage dieser Verarbeitung sein). Beim erlaubten Schlafmohn-Anbau für die pharmazeutische Industrie werden die Alkaloide meist durch chemische Extrahierung aus den getrockneten Köpfen (Mohnstroh) gewonnen. Dieser Prozess gelang erstmals 1823 dem französischen Chemiker Tilloy. Aus Mohnstroh wird auch Morphinbase hergestellt, der Ausgangsstoff für Heroin. Die ganzen Kapseln werden auch für den Mohntee und manchmal das Laudanum verwendet. Die v.a. für kulinarische Zwecke interessanten Samen in den Kapseln werden auch aus anderen Mohnsorten gewonnen.
Ernte des Schlafmohns in Indien; Diese erfolgt meist durch anritzen der Kapseln (Köpfe), das den Austritt des Milch-Safts, das den allergrössten Teil der Alkaloide der Pflanze enthält, zur Folge hat. Der getrocknete Saft ist Rohopium, das u.a. durch Fermentierung zu Rauchopium verarbeitet werden kann (die Qualität dürfte v.a. eine Frage dieser Verarbeitung sein) – oder aber zu Morphinbase, den Ausgangsstoff für Heroin. Beim erlaubten Schlafmohn-Anbau für die pharmazeutische Industrie werden die Alkaloide meist durch chemische Extrahierung aus den getrockneten Köpfen (Mohnstroh) gewonnen. Die ganzen Kapseln werden auch für den Mohntee und manchmal das Laudanum verwendet. Die v.a. für kulinarische Zwecke interessanten Samen in den Kapseln werden auch aus anderen Mohnsorten gewonnen.

Tabak-Rauchen (in Pfeifen) wurde nach der europäischen Entdeckung Amerikas in der frühen Neuzeit weltweit verbreitet, in China und anderswo folgte das Rauchen des mit Tabak vermischten (Rauch-)Opiums dem Tabakrauchen auf den Fersen. Der Tabak (aus Amerika) und das Opium (aus Indien) wurden von Portugiesen und Niederländern über Südostasien nach Taiwan und an die Südküste Chinas eingeführt. Der Süden des Landes blieb auch der Schwerpunkt des Opium-Konsums in China, er war dort in allen sozialen Schichten verbreitet. Der grösste Teil des in China konsumierten Opiums wurde aus Mogul-Indien importiert, wo es ebenfalls eine wichtige Rolle spielte (die Herrscher nahmen es dort, Soldaten wurde es gegeben, der Fiskus verdiente daran), und seltener selber angebaut, v. a. wegen der besseren Qualität des indischen. Die nach innen gerichtete, meditative, Form des Opium-Rausches kam der chinesischen Mentalität vielleicht entgegen; zum Teil wurde aber wahrscheinlich auch einfach eine Flucht aus dem hartem Alltag gesucht, eine Form der Entspannung. Der letzte Ming-Kaiser Chongzhen verbot 1644 das Tabakrauchen in seinem Reich, er hatte wirtschaftliche (keine Einnahmen in die Staatskasse), kulturelle (wurde noch als etwas un-chinesisches gesehen) und gesundheitspolitische Gründe dafür. Danach wurde Opium in China pur geraucht. Die chinesische Bezeichnung für Rauchopium ist “Chandu” (leitet sich von einem Hindi-Wort ab), während “Madak” die Rauchmischung mit Tabak bezeichnete. Im islamischen Raum, wo sich ab der Neuzeit ebenfalls Rauchopium durchsetzte, gab es dafür die Bezeichnungen “Afyun” (arabisch und türkisch) und “Teryak” (persisch). Auch in Südost-Asien verbreitete sich das Opiumrauchen. 1729 verbot der chinesische Kaiser Yongzheng (inzwischen herrschte die mandschurische Qing-Dynastie) das Opiumrauchen und den -handel (Schmidbauer/vom Scheidt: “Interessanterweise ging man sehr modern vor, indem man die Händler bestrafte, die Konsumenten jedoch ungeschoren ließ.”), ausser zu medizinischen Zwecken.

Im Westen spielte Opium in der Antike eine Rolle und erlebte in der späten Neuzeit eine relativ kurze Blüte. Griechen wie erwähnt und dann Römer integrierten es bis zu einem gewissen Grad in ihre Kultur. “Opium heilt alles, ausser sich selbst” war ein lateinisches Sprichwort. Auch der botanische Name des Schlafmohns, Papaver somniferum (“schlafbringender Mohn”), von Carl von Linné gewählt, ist lateinisch. Somnus war der römische Gott des Schlafes. Der römische Dichter Ovid sah am Eingang von dessen Höhle den Mohn stehen, zur Gewinnung der Schlummersäfte. Im europäischen Mittelalter wurde Opium von der Inquisition zeitweise verfolgt, als etwas Böses, vom Osten kommendes. Kreuzfahrer brachten es aus Westasien, zusammen mit Seide oder Seife. Der deutsche Mediziner Paracelsus kreierte im Spät-Mittelalter/ in der frühen Neuzeit, wahrscheinlich nach Reisen nach Vorderasien, das als (Universal-)Medizin gedachte und eingesetzte Laudanum (“die Lobenswerte”), eine trinkbare Tinktur aus Opium und Alkohol, manchmal auch Bilsenkraut. Diese Verarbeitung von Opium machte nicht zuletzt wegen dessem natürlichen bitteren Geschmack Sinn. „Dosis sola venenum facit“, “Allein die Dosis macht das Gift”, verteidigte Paracelsus sein Mittel gegenüber Kollegen. Der Engländer Sydenham entwickelte etwa 100 Jahre später eine gleichnamige Tinktur, eine von mehreren Variationen des Laudanum, die sich durch die Anteile von Opium, Alkohol, möglichen sonstigen psychoaktiven Pflanzen sowie die Aromata unterschieden. Laudanum war v. a. im 18. und 19. Jahrhundert in Europa populär, wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein als Medizin angesehen (weshalb es nicht als alkoholisches Getränk versteuert werden musste und daher billiger war als solche), zuletzt von Pharmaunternehmen hergestellt. Daneben gab es “Theriak”, eine Tinktur die seit der griechische Antike als Gegengift gegen Schlangenbisse, später als Allheilmittel, zubereitet wurde, zunächst ohne Opium; sie wurde auch bis in die späte Neuzeit in Europa konsumiert. Der persische Name für Opium dürfte sich von diesem griechischen Wort ableiten.

Mitte des 18. Jahrhunderts eroberten die Briten Nordost-Indien (Bengalen und Bihar), ein Haupt-Anbaugebiet für Mohn; von dort aus (Hafen Kalkutta) wurde dann China mit Opium versorgt, auch Teile Südost-Asiens. Die British East India Company (BEIC) übernahm mit ihren Flotten nun den Handel mit Opium, der erstmals zu einem grossen Geschäft wurde. Zu diesem Zeitpunkt lag der Vorteil im Handel zwischen China und den Europäern noch bei ersteren, die vor allem Tee, Seide und Porzellan verkauften und dafür Silber bekamen; dieser in der Neuzeit begonnene Seehandel war von chinesischer Seite aus auf Kanton beschränkt. Die Briten wollten den Handel ausgleichen indem sie dort auch bengalisches Opium verkauften. Da dies in China verboten war, kamen nur die Triaden als grosse Abnehmer in Frage, mit denen der Opiumhandel, gedeckt von korrupten Beamten, bis zu den chinesischen Opiumhöhlen abgewickelt wurde. Die Briten kontrollierten die Mohn-Plantagen und Opium-Fabriken (Umwandlung von Roh- in Rauch-Opium) in Indien sowie den Export nach China.

1799/1800 wurden Anbau und Import, der ein wirtschaftlicher Faktor für das Reich geworden war, verboten. Diese Verbote setzten sich nicht durch, da der Kaiser-Hof bezüglich der Opium-Prohibition gespalten war, sie von korrupten Beamten nicht genug durchgesetzt wurden, und durch Schmuggel und geheime Opiumhöhlen (organisiert von den Triaden-Gesellschaften) umgangen wurden. Opium wurde wurde nun nicht mehr in den Hafen transportiert, sondern davor  an eine Schmugglerflotte der Triaden übergeben. Jardine-Matheson war eines der britisches Handelsunternehmen die im 19. Jh Tee und Seide aus China importierten, Opium nach China schmuggelten. Die Triaden-Gruppen “Rote Bande”, geführt von Chang Hsiao-lin, wurde Opium-Partner von Jardine-Matheson und des britischen Geheimdienstes.

Der Beamte Lin Tse-Hsu wurde 1838 von Kaiser Daoguang nach Kanton geschickt um den Kampf gegen den Opiumhandel zu forcieren. Er wurde als derjenige gesehen, der die Engländer zum Krieg reizte. 1839 liess er Lager von ins Lande gebrachter Ware zerstört und in den Handel involvierte Ausländer internieren. Dabei war die Volksgesundheit wohl nur ein Motiv, die Wahrung des Handelsvorteils ein anderer, die Durchsetzung des Machtmonopols, etwa gegenüber dem Vizekönig von Kanton, der gut an Abgaben und Schmiergeld aus dem Schmuggel verdiente, ein weiterer. Für Grossbritannien (Premierminister Melbourne) war das chinesische Vorgehen von 1839 ein willkommener Anlass, das Chinesische Reich komplett zu “öffnen” indem es einen Krieg vom Zaun brach; die Chinesen wurden damals, vor dem Hintergrund von Geschäftsinteressen, erstmals als “gelbe Gefahr” aufgebaut.

Dieser erste Opiumkrieg, 1839 bis 1842, wurde von den Briten überwiegend mit dampfgetriebenen Kanonenbooten, also von der See aus, bestritten und aufgrund waffentechnischer und strategischer Überlegenheit gewonnen. Er endete mit dem Vertrag von Nanking, nach dessen Fall die Chinesen kapituliert hatten. Darin musste China Hongkong an Grossbritannien abtreten, die Opiumeinfuhr zulassen, Häfen öffnen, “Reparationszahlungen” leisten und westlichen Ausländern Sonderrechte zugestehen. Den zweiten Opiumkrieg 1856 bis 1860 führten die Briten für die Erweiterung ihres Einflusses in China und zur Niederschlagung neuer chinesischer Maßnahmen gegen den Opium-Import. Das Aufbringen eines britischen Schiffes vor China wurde dafür zum Anlass genommen. Frankreich hängte sich an, 1858 kam der Krieg nach der Einnahme Kantons zu einem vorläufigen Ende; das Chinesische Reich musste in den Tianjin-Vertrag einwilligen, der diverse Häfen für weitere westliche Mächte öffnete. 1859/60 wurde dieser Krieg wieder aufgenommen um auch westliche Botschaften in Peking und das Recht auf christliche Missionierung durchzusetzen, was nach der Einnahme Pekings inklusive Verwüstungen und Plünderungen gelang. Militärisch war die chinesische Armee in den Opiumkriegen überhaupt kein Gegner für die Briten.

Die Kriege, für China der erste Konflikt mit westlichen Nationen, leiteten seinen Niedergang ein, erschütterten seinen Sinozentrismus und den Ruf der Qing-Dynastie im Land, sind noch immer eine nationale Wunde – zumal es mit anderen westlichen Mächten (Europäer und USA, auch Japan) in Folge ähnliche ungleiche Verträge schliessen musste, in denen es sich “öffnen” musste (ihnen wirtschaftliche und politische Privilegien und Einflussnahme einräumen), z.T. auch territoriale Abtretungen hinnehmen und knapp vor einer echten Kolonialisierung stand. Zu wirtschaftlicher Bevormundung und kulturellen Umbrüchen kamen sozialer Verfall und innere Unruhen. Und China wurde endgültig das weltweit führende Opiumverbraucher-Land (nun wurde auch der Anbau im Land vorgenommen), bis zu 20 Millionen Opium-Süchtige werden für die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts geschätzt, eine Zahl die nicht allzu viel aussagt, da es verschiedene Arten von Sucht gibt. Die Briten haben dies neben Handelsvorteilen auch bezwecken wollen, die Droge und den Rausch zur Beherrschung eines Volkes eingesetzt, so wie es etwa auch mit Alkohol gegenüber den “Indianern” geschah. Rudolf Gelpke hat auf die Ambivalenz des Rausches hingewiesen: Drogen werden immer wieder in böser Absicht gegen einzelne oder Gruppen verwendet, die damit geschwächt oder lahmgelegt werden sollen, zur Beherrschung und Ausbeutung. Die britischen Opiumkriege sind dafür ein exzellentes Beispiel. Die Opiumkriege sind noch immer Gegenstand divergierender Anschauungen und wütender Debatten, von Chinesen werden sie als Versuch gesehen, ihr Land mit Gewalt und Drogen zu zerstören, um des Profits willen, manche westliche Kommentatoren spielen gern Opium und Profit als Kriegsgrund herunter, und stellen “freien Handel” und “Fortschritt” in den Vordergrund.

Shanghai und Honkong wurden wichtige Importhäfen für Opium, das formal anscheinend verboten blieb; die Triaden organisierten weiterhin den Vertrieb, blieben Haupthandelspartner der Briten. Das Kaiserreich wurde nun durch eine Importsteuer am Handel beteiligt. Ende des 19. Jh befahl der Kaiser, Opium im Land anzubauen; um die Jahrhundertwende betrug die chinesische Eigenproduktion 22 000 Tonnen, während der Importanteil aus Indien auf 3 500 Tonnen zurückging. Auch Morphium und Heroin wurden nach China importiert, zur Heilung der Opiumsucht bzw als Ersatz.

Die Revolution 1911/12, die den Sturz der Monarchie brachte, entzündete sich nicht zuletzt am ausländischen Einfluss bzw. am kolonial-ähnlichen Status Chinas. In der folgenden Republik wurden Gesetze gegen das Opium erlassen, aber ihre Durchsetzung war wegen dem politischen Durcheinander schwer behindert. Das Geschäft mit dem Opium war eine wichtige Grundlage der Finanzierung der “Warlords”. Ma Fuxiang, ein General, der der moslemischen Hui-Volksgruppe angehörte, nahm zur Zeit der Republik China im Nordwesten des Landes wichtige militärische und politische Posten ein (war ein Warlord), verbot den Opiumhandel in seinem Machtbereich, vielleicht weil viele Moslems dagegen waren, förderte ihn aber heimlich, um seine Kriegsunternehmen zu finanzieren. In Schanghai dominierte die Triaden-Organisation “Grüne Bande” unter Du Yuesheng, mit Protektion der Polizei, den Opiumhandel, dann auch den mit Heroin(pillen). Wie andere Triaden war auch die grüne Bande mit der in der Republik dominierenden Kuomintang verbündet. Chiang Kai-Shek verwandelte das Opiumverbot in ein Staatsmonopol, dessen erste Lizenzträger Paten des Handels damit, wie Du, wurden… Unter dem Druck westlicher Mächte wurde das Staatsmonopol bald wieder aufgehoben. Neue Medikamente wie Penicillin und neue Drogen wie Zigaretten drängten Opium dann doch zurück. Die KP hatte sich im Bürgerkrieg noch mit Opium-Handel finanziert. In der Volksrepublik unter Mao wurden ab 1949 wurden drakonische Maßnahmen gegen Opium erlassen, das dadurch in China in den 1950ern sehr stark zurückgedrängt war.

Verabeitung von Roh-Opium, Indien 1908
Verabeitung von Roh-Opium, Indien 1908

Möglicherweise wurde Opium im Orient erst durch das Rauchen ein „Massenphänomen“ und war die orale Einnahme (stärkere Wirkung nebenbei) eine Sache der Oberschicht gewesen (wobei das früher auch praktizierte “Inhalieren” schon eine gewisse Ähnlichkeit zum Rauchen aufwies). Das Rauchen von Opium wurde hauptsächlich mit der chinesischen Diaspora verbreitet, im 19. Jahrhundert gab es in vielen Teilen der Welt, so auch in Europa, spezielle Rauchsalons/Opiumhöhlen, die im Wesentlichen von Chinesen betrieben wurden und eine Konzession hatten. Diese etablierten sich v.a. in Hafenstädten, in Hamburg beispielsweise gab es bis in die 1930er-Jahren ein kleines Chinesenviertel und illegale Opiumhöhlen in St. Pauli. Die Ausstattung solcher Höhlen, zu der oft Diwane gehörten, spiegelte die soziale Schicht seiner Klientel wider, Reiche hatten oft einen privaten. Opium wurde dort nach einem bestimmten Ritual geraucht, in Pfeifen, später ohne Tabak.

Viele Künstler, beginnend mit Schriftstellern der Romantik, nahmen Opium in der einen oder anderen Form ein, in vielen Fällen ursprünglich als Abhilfe für eine Tuberkulose-Erkrankung. In “Novalis” Leben spielte es eine wesentliche Rolle; E.T.A. Hoffmann lässt seinen Helden Medardus die Wirkung jener “teuflischen” Elixiere erfahren, die er selbst ausprobierte, vermutlich Wein mit Mohnextrakten, also eine Art Laudanum; Charles Baudelaire fand “künstliche Paradiese” durch Cannabis, den Absinth, aber auch das Laudanum; Hesses “Steppenwolf” nahm neben anderen Drogen auch Opium; auch Samuel T. Coleridge, Thomas de Quincey oder Edgar A. Poe thematisierten ihre Erfahrungen mit Opium literarisch. Fraglich ist, wie gross der Einfluss der Droge auf ihr künstlerisches Schaffen war. De Quincey meinte, dass sie nur Wahrnehmungen verstärke, aber nichts schaffe, während Coleridge im Rausch ein ganzes Gedicht “empfangen” haben will.

De Quincey begann sein literarisches Wirken mit seinen “Bekenntnissen eines Opium-Essers”; mit Laudanum und Opium-Pillen hatte er als Mittel gegen Schmerzen begonnen, dann entdeckte er einen über die Befreiung von Schmerzen hinausgehenden Genuss, etwa eine „wohltätige und schützende Kraft“. “Man fühlt den göttlichen Teil seines Wesens aufsteigen”“, schrieb er in seinen Bekenntnissen. Opiumkonsum war damals in Grossbritannien legal, und in verschiedenen Gesellschaftsschichten verbreitet, in verschiedenen Zubereitungen (auch in Medikamenten, etwa gegen Tuberkulose). Auch viele Arbeiter nahmen es, da es meist billiger als alkoholische Getränke war, und den Hunger unterdrückte. De Quincey wandte sich gegen die auch damals schon übliche “betrügerische Dämonisierung” des Mittels. Coleridge hatte ihn für seine (angebliche) Wollust als Motivation beim Opium-Gebrauch, in Abgrenzung zu sich der es nur gegen Schmerzen nähme, attackiert (was wahrscheinlich nicht nur scharfrichterlich war, sondern auch scheinheilig); er antwortete in diesem Buch darauf: zum einen hatte es auch bei ihm mit der Schmerzlinderung begonnen, zum anderen stand er zur Freude an diesem Rausch: “Was der Mensch gerechterweise im Wein suchen darf, darf er gerechterweise auch im Opium finden”. Erst durch spätere unbesonnene Anwendung bzw. höhere Dosen (aufgrund von Magenschmerzen) begannen die Probleme mit Opium für ihn, so De Quincey. Das Heilmittel für seelische und körperliche Probleme versursachte dann selbst solche, etwa Sucht und Albträume. Da er mit seinen Schilderungen sein Geld verdiente, blieb ihm im Gegensatz zu anderen ein sozialer Abstieg erspart. Trotz seiner positiven Einstellung zum Opium, zum Rausch („Kritik der Nüchternheit“), seinen Problemen mit der englischen Gesellschaft und der damit verbundenen Fähigkeit zur Kritik an ihren „Dogmen“, zeigte sich De Quincey als englischer Rassist, grenzte sich verachtungsvoll zu Orientalen ab, obwohl er „deren“ Droge Opium der “westlichen” Alkohol als weit überlegen gegenüberstellt. Ungefähr zu jener Zeit als er auch Betrachtungen über mögliche Auswirkungen von Opium-Gebrauch auf die Volksgesundheit anstellte (mit positivem Fazit), führte der britische Staat um seiner Drogenprofite wegen die Opiumkriege und etwas später die westliche Welt im “Kreuzzug” gegen Drogen an. Im Orient war der Rausch integriert, daher gibt es von dort wenige Erfahrungsberichte à la Quincey (der es immer allein einnahm, ein Exzentriker, ein Bourgeois war). Gelpke mit seinen Sprachkenntnissen hat einige der wenigen übersetzt.

Der Schriftsteller Jean Cocteau, der ab 1923 Trost für den Tod seines Geliebten im Opium fand (den Stoff bezog er aus Indochina), das bald sein Leben bestimmte, fasste die Wirkung der von ihm gerauchten Droge so zusammen: “Der Tod trennt unsere schweren und leichten Körpersäfte völlig. Das Opium trennt sie ein wenig.” Er schilderte auch die Sucht und andere negative Seiten seines Konsums. In Charles Dickens letztem und unvollendeten Roman “The Mystery of Edwin Drood” spielt ein Teil der Handlung in einer Opiumhöhle. Auch Schiller oder Chopin sollen Opium genommen haben und künstlerisch davon beeinflusst worden sein.

Im Westen wurde Opium in der späten Neuzeit überwiegend eingeführt, selten selbst produziert. Insgesamt überwog hier seine Wahrnehmung und sein Stellenwert als betäubend, zur Ignoranz führend, schädlich, von der Wirklichkeit ablenkend, dekadent, “orientalisch”. Das Zitat von Marx aus 1844 über die Religion als “Opium des Volkes” spiegelt das wieder; oder das des Schriftstellers De Sade in seinem Roman “Juliette” (in dem eine Figur die Politik des Königs kritisiert indem sie deren Wirkung mit jener des Opiums vergleicht). Vielleicht hat Marx aber die “Zweischneidigkeit” dieser Droge gemeint, die oben erwähnte andere Seite, die gerne imperial eingesetzt wird. Friedrich II., der nur nach schweren Konflikten mit seinem Vater preussischer König wurde, da er eigentlich ein anderes Leben wollte, soll stets ein Döschen mit Opiumpillen um den Hals getragen haben, um sich gegebenenfalls ins Jenseits zu befördern. Auch andere sahen und verwendeten es als einfache Fahrt aus dieser Welt für sich oder andere (als Mordgift). Manche Kolonialherren nahmen im 19./20. Jahrhundert mit Einheimischen in Opiumländern “deren” Droge. In europäischen Gefilden wurde bis in die jüngste Zeit auch lokal gewachsener und selbst bearbeiteter Schlaf-oder Klatschmohn zur Beruhigung für Kinder (Mohnschnuller,..) eingesetzt oder beim Backen mit Mohnsamen “Erfahrungen” gemacht (früher trat beim Öffnen der Mohnkapseln Opiumsaft aus und verteilte sich über die Samen, heute werden die Samen u.a. gewaschen). Andere Arten aus der Familie der Mohngewächse (Papaveraceae) als der Schlafmohn enthalten jedenfalls nur geringe Mengen Opium.

In USA wurde das Opium-Rauchen in the 1850ern und 1860ern von chinesischen Arbeitern eingeführt, die zur Arbeit an Eisenbahnstrecken gekommen waren, nachdem viele Amerikaner während des Goldrausches ihre Arbeitsplätze dort verlassen hatten. Opium scheint in chinesischen Gemeinschaften eine ähnliche Rolle wie Bier als Feierabendgetränk zum Entspannen und Sozialisieren gehabt zu haben. Nach der Fertigstellung der transkontinentalen Eisenbahnstrecke 1869 zogen mehrere 10 000 arbeitssuchende Chinesen in den Grossraum San Francisco, wo sie alsbald von der einheimischen Arbeiterschaft als Konkurrenz empfunden wurden. Opiumhöhlen (opium dens) entstanden in San Francisco und anderen Städten der Westküste, der Stoff dafür wurde importiert. Ins Zentrum der antichinesischen Ressentiments rückte das Opiumrauchen. Als ab 1870 “weisse” Amerikaner diese chinesische “Sitte” übernahmen, sah man die Kultur Amerikas bedroht, und es kam sogar zu Pogromen gegen Chinesen. Dabei waren Opiate in der USA das 19. Jahrhundert hindurch beliebt und legal (in Apotheken erhältlich), als Medizin gegen Durchfall, Husten, Menstruationsschmerzen, Schlaflosigkeit, zur Alkohol-Entwöhnung, dann auch zur Opium-Entwöhnung (!), u.v.a., bei Medizinern als Narkose- und Schmerzmittel. Die Darreichungsform der Opiate reichte von klassischem Laudanum über reines Morphium bis zu diversen Kombinationspräparaten mit Kräutern oder Alkohol, z.B. als Augentropfen oder Salben. Konsumenten wussten manchmal nicht gar nicht, was ihr Medikament so wirkungsvoll machte, oft wurden nicht alle Inhaltsstoffe genannt, andere wiederum kauften bestimmte Arzneimittel gerade wegen dieses Inhaltsstoffes und waren längst davon süchtig. So unscharf die Unterscheidung zwischen “Medizin” und “Droge” auch war, vor allem wenn es um konzentriertere, stärkere, gefährlichere ging, das Opiumrauchen der Chinesen in den USA wurde verteufelt, während dessen Verbot im Herkunftsland von Grossbritannien mit Waffengewalt aufgehoben wurde, das seinen Bürgern in Indien den Opium-Gebrauch untersagte.

Im späteren 19. Jahrhundert erlassene antichinesische Gesetze und Bestimmungen umfassten u.a. Wohnsitznahme nur in bestimmten Stadtteilen San Franciscos 1865, das Verbot der traditionellen Haartracht 1873 und das 1875 in San Francisco erlassene erste Strafgesetz der westlichen Welt gegen den Opiumkonsum. Auch in den meisten anderen amerikanischen Bundesstaaten wurden bis Anfang des 20. Jahrhunderts Gesetze gegen Einfuhr und Produktion von “Chandu” (war nur mehr US-amerikanischen Staatsbürgern vorbehalten), das Opiumrauchen und das Betreiben von Opiumhöhlen erlassen. Diese Gesetze betrafen nicht als Medizin eingestufte Produkte wie Laudanum, die von vielen weissen Amerikanern genommen wurden, sie richteten sich gegen eine Minderheit, dienten der öffentlichen Bekräftigung der “weissen” Normen. Mit dem Harrison Act 1914, einem Bundesgesetz, wurde eine Lizenz für den Verkauf von Opiaten verpflichtend, Ärzte durften Opiate nur mehr aus medizinischen Gründen verschrieben, die amerikanische Rauchopiumfabrikation wurde erheblich beschränkt und schliesslich verboten. Eine bestehende Opiat-Sucht (die auf ärztliche Verschreibung hin entstanden sein konnte) galt nicht als medizinischer Verschreibungsgrund, und bald wurden gar keine Lizenzen mehr ausgestellt. In den USA wurden Verbotsgesetze von Drogen grossteils fiskalisch ausgeführt (so auch der Marijuana Tax Act von 1937), auch wenn die eigentlichen Gründe und die Handhabung eine andere waren. In Folge des Harrison-Gesetzes entstand eine illegale Opiumfabrikation und der Schmuggel nahm erheblich zu, der Verkauf ging auf kriminelle Organisationen über, ähnlich wie bei der Alkohol-Prohibition 1920-1933. Auch Kokain, das isolierte Alkaloid des Cocas, war in den USA bis zum Harrison-Gesetz frei verkäuflich und als Medizin angesehen, in seinem Fall ging dem Verbot eine Kampagne als “Negerdroge” voraus. Die letzten Opiumhöhlen der USA wurden in den 1950er-Jahren geschlossen.

Rauchopium in Pillenform
Rauchopium in Pillenform

Sertürner gelang Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland die chemische Isolierung von Morphin, das dann ab den 1820er-Jahren als “Morphium” von der Firma Merck vertrieben wurde, als Schmerzmittel, das konzentrierter und dosierbarer als Opium war. Im USA-Bürgerkrieg gab es einen massiven Einsatz von Opium in Pillenform, vor allem aber Morphium (durch die neu entwickelte Injektionsspritze verabreicht), als Schmerzmittel für Verwundete. Auch im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 wurde es verwundeten Soldaten in grossen Mengen gespritzt, was zur Folge hatte, dass viele der Überlebenden als Opiatabhänge heimkehrten. Die Wirkung des Morphiums ist um ein Vielfaches stärker als die von Opium und dementsprechend gefährlicher. Seine “Verwendung” als Droge, wie beim Laudanum auch hier oft durch Ärzte und Apotheker, war Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts sehr verbreitet und führte die beabsichtigte Trennung zwischen “Droge” und “Medizin” ad absurdum. Wie bei anderen isolierten oder synthetischen Opiaten (Heroin, Codein,…) scheiterte hier der Versuch, Rausch- und Heilmittelaspekte zu trennen, bzw. den ersteren auszuschalten. Spätestens nach dem 1. Weltkrieg wurde im Westen Morphium unter Opiaten hegemonial, nach dem Zweiten wurde es Heroin. Während der Drogenkonsum von US-Soldaten in diversen Kriegen (in Vietnam war auch Opium darunter) von staatlicher Seite bekämpft wurde, bekamen die Soldaten in diesen Kriegen zur “Leistungssteigerung” Amphetamine verabreicht.

Der britische “All India Opium Act” 1878 war, in einem weissen Weltsystem, die erste internationale Regelung bezüglich Drogen, die es davor nur auf nationaler Ebene gab (im Iran etwa gabs unter den Safawiden erste Einschränkungen für Opium). 1909 wurde in Shanghai die “Internationale Opiumkommission” (USA unter Hamilton Wright treibende Kraft) gegründet, sie legte den Grundstein für die internationale Opiumkonferenz 1912, auf der Drogenverbote, v. a. von Opium, erlassen wurden. Erst in der Zeit um die Konferenz in Shanghai hörte der Westen auf, den Opiumkonsum in China zu fördern. 1925, auf der Opium-Konferenz des Völkerbundes, wurden, auf Drängen der USA, weitere internationale Verbote erlassen, die Verbote auf nationaler Ebene nach sich zogen. In Deutschland wurde 1929 ein Drogengesetz (“Opiumgesetz”) erlassen, das mehrmals ergänzt und verschärft wurde (Hanf war etwa ursprünglich nicht darin erwähnt). Auch unter dem Nationalsozialismus, in einer Zeit, als Göring seine Codein-Sucht auslebte und man Soldaten aufputschendes “Pervitin” (Methamphetamin; heute illegal hergestellt und gehandelt als “Crystal Meth”) gab. Drogenverbote basieren oft auf Ressentiments gegen den Import einer als schädlich angesehenen anderen Kultur, Drogenpolitik im weitesten Sinn kann eine Form imperialer Machtausübung sein. Spanische Eroberer verboten den Indianern in Amerika die kultische Nutzung von Peyote und anderer psychotroper Pflanzen. Rauchopium hat im Westen nicht die Akkulturation geschafft. Auch die Haltung im Islam zum Alkohol kann so gedeutet werden; manchen Auslegungen zufolge wird im Koran nur sein Missbrauch verboten. Vergleiche dazu auch die US-Intervention gegen Panama 1989, die hier in einem späteren Artikel behandelt werden wird, wo Drogen der Vorwand für eine Bestrafungs-/Machtaktion aus anderen Motiven war.

Der Anbau von Schlafmohn ist in allen Staaten und von der UNO aus reguliert, die Herstellung von Schmerzmitteln oder anderen Pharmaka daraus ist die einzige anerkannte/erlaubte Verarbeitung. Für diese medizinischen Zwecke werden spezielle Züchtungen angebaut, die etwa einen besonders hohen Thebain-Gehalt haben. Australien ist das wichtigste Anbauland für Mohn der zur legalen Weiterverarbeitung exportiert wird, neben Grossbritannien. Der Mohnanbau war dort seit Jahrzehnten auf Tasmanien beschränkt; nachdem Pharma-Konzerne wie “GlaxoSmithKline” (GSK), die Abnehmer, auf eine Ausweitung drängten, wird er auch auf dem australischen Festland erlaubt. Die globale Nachfrage nach Schmerzmitteln steigt, weil weltweit immer mehr Menschen der Mittelklasse angehören, insbesondere in Asien.

Produktion, Konsum und Export von Opium wurden in China unter dem Kommunismus, in der Türkei in den 1960er/70er-Jahren auf westlichen Druck, im Libanon nach dem Bürgerkrieg weit zurückgedrängt. Auch im Iran seit 1980ern unter den Mullahs (denen man selbst Opium-Konsum vorwirft), dort gibt es aber eine systemüberdauernde Tradition einer gewissen staatlichen Tolerierung. Die wichtigsten illegalen Anbaugebiete von Mohn sind heute Afghanistan (v.a. der paschtunische Süden des Landes), Südost-Asien (das “Goldene Dreieck”, v.a. Birma), Süd-Amerika (v.a. Mexiko). Heroin dominiert das Angebot an illegalen Opiaten seit vielen Jahrzehnten. Nur ein ganz kleiner Teil des geernteten Rohopiums wird zu Rauchopium verarbeitet, dessen Konsum heute nah an Anbau und Produktion liegt, in einem Teil der genannten Anbauländer, z.T. auch in den Diaspora-Gemeinschaften aus diesen Ländern im Westen. Orale Verarbeitungen/Anwendungen wie Laudanum und ähnliches sind heute noch seltener. Opium ist heute also auf sein Ursprungsgebiet, Teile Asiens, beschränkt, wo traditioneller, mäßiger Gebrauch, dominiert, wie auch beim Coca in Teilen Süd-Amerikas. Daneben haben sich aber auch dort härtere, konzentriertere Drogen etabliert, v.a. Heroin. In Afghanistan haben die meisten Herrscher (Schahs, Präsidenten, Kommunisten, Islamisten, Besatzer) den Drogen den Krieg erklärt, aus religiöser oder politischer Argumentation heraus, die tatsächliche Politik richtet sich aber nach Rücksichten auf regionale Machtverhältnisse, Handelsbilanz, korrupte Beamte u.v.a. Mohn ist dort nicht nur ein Wirtschaftsfaktor, sondern auch ein Machtmittel. In diesen Ländern hält aber auch eine medizinische Nutzung des Opiums an – für jene, die nicht zur Mittelklasse gehören. In Gegenden Afghanistan oder auch Indiens geben Mütter armer Familien (die nicht an andere Medikamente herankommen) ihren Kindern bei diversen Krankheiten wie Husten, Durchfall und Infektionen, aber auch bei Hunger, Opium. Gering dosiert, als Inhalat oder oral.

Opiumhöhle Hongkong ca. 1955; Beim Rauchen mit der Pfeife (persisch “Wafur”) wird das Opium nicht verbrannt sondern (meist mit Kohlen) erhitzt und der Dampf eingeatmet. Im Inneren der Pfeife setzten sich mit der Zeit Opium-Rückstände an, die (wieder-) verwendet werden konnten. Dieses “Dross” wurde auch, zu Pillen gerollt, an Arme verkauft, die es meist mit Tabak rauchten.
Opiumhöhle Hongkong ca. 1955; Beim Rauchen mit der Pfeife (persisch “Wafur”) wird das Opium nicht verbrannt sondern (meist mit Kohlen) erhitzt und der Dampf eingeatmet. Im Inneren der Pfeife setzten sich mit der Zeit Opium-Rückstände an, die (wieder-) verwendet werden konnten. Dieses “Dross” wurde auch, zu Pillen gerollt, an Arme verkauft, die es meist mit Tabak rauchten.

Literatur und Links:

* Der früh verstorbene Schweizer Ethnologe und Islamforscher Rudolf Gelpke beschäftigte sich mit persischer Literatur sowie mit Drogen, führte Selbstversuche durch, lebte zeitweise im Iran, pflegte eine Freundschaft mit Albert Hoffmann, lehrte und publizierte zu seinen beiden Forschungsbereichen, die er in “Vom Rausch in Orient und Okzident” (1966 erstmals erschienen) zusammenführte

* Wolfgang Schmidbauer, Jürgen vom Scheidt: Handbuch der Rauschdrogen

* Thomas de Quincey: Bekenntnisse eines englischen Opiumessers (1. Auflage 1822)

* Manfred Kappler: Drogen und Kolonialismus – Zur Ideologiegeschichte des Drogenkonsums

* Jean Cocteau: Opium (ein Buch aus der Zeit seines zweiten von sechs Entzugsversuchen 1929)

* Matthias Seefelder: Opium – eine Kulturgeschichte (1990)

* Herbert Grammatikopoulos: Opium als Mode- und Alltagsdroge und die literarische Avantgarde des 19. Jahrhundert (Magisterarbeit)

* Barbara Hodgson: Opium – A Portrait of the Heavenly Demon (englisch)

* Abul-Qasim Yazdi: Traktat für Opiumraucher. Erschien erstmals 1895 im damals britischen Indien, 1905 in Persien; dürfte in keine andere Sprache übersetzt worden sein und ist auch im persischen Original schwer aufzutreiben. Es enthält praktische Anweisungen wie philosophische Betrachtungen zum Opium. Yazdi beschreibt Opium als “erdend”, zur eigentlichen Realität führend (der Rausch wird gerne als Flucht aus „der Realität“ geheissen, nicht aber die Jagd nach Besitz etc)

* Alexander Kupfer: Göttliche Gifte. Kleine Kulturgeschichte des Rausches seit dem Garten Eden

* Alethea Hayter: Opium and the romantic imagination (1968; englisch)

* Werner Pieper: Die Geschichte des O. OpiumFreuden – OpiumKriege

* P. G. Kritikos, S. P. Papadaki: The history of the poppy and of opium and their expansion in antiquity in the eastern Mediterranean area (1967; Online auf der Homepage des United Nations Office on Drugs and Crime) (englisch)

* Christian Rätsch: Heilpflanzen der Antike

* Thomas Dormandy: Opium: Reality’s Dark Dream (englisch)

* Charles Baudelaire: Die künstlichen Paradiese (behandelt hauptsächlich Cannabis, der Teil, in dem es um Opium geht, ist eine Übersetzung von De Quinceys oben angeführten Text)

* Arthur Waley: The Opium War Through Chinese Eyes (1958; englisch)

* Julia Lovell über die Opiumkriege und ihre heutige Rezeption (englisch)

Virtuelles Opiummuseum (englisch). Der Amerikaner Steven Martin kam als Journalist nach Südost-Asien (wo Opiumhöhlen chinesischer Art noch existieren), sammelte O.-Pfeifen u.ä., wurde süchtig vom Opium-Rauchen (was er 20 J. lang tat, oft gemeinsam mit befreundeter US-Journalistin), machte einen Entzug (“verlorener Himmel”) im buddhist. Tham Krabok-Kloster in Thailand, schildert Himmel und Hölle des Opiums, schrieb ein Buch („Opium fiend“), will wieder zur Pfeife greifen wenn die Gesundheit eines Tages durch Alter oder Krankheit weg ist

* Artikel über Opium als Arzneimittel; streckenweise sehr lesenswert, aber mitunter wird vergessen, zwischen Opium und anderen Opiaten zu unterscheiden

Ausführlicher Artikel rund um die Opium-Kriege

Radio-Feature zum Thema

* Bevor Lin Tse-Hsu englische Opium-Händler verhaften liess, schreib er im Namen seines Kaisers einen Brief (englisch) an die britische Königin Victoria (die letzte aus dem Haus Hannover), in dem er, etwas naiv, darauf hinwies, wie unredlich es sei, Opiumgebrauch im eigenen Land zu untersagen und in anderen Ländern Geld damit zu verdienen.