Codein

Codein soll das meist-benutzte Opiat der Welt sein. Es wurde bald nach dem Morphin erstmals isoliert, in Frankreich, und in der Folge als Schmerzmittel oder Hustenmittel verwendet, als Rauschdroge missbraucht. Ob es sich bei dieser Verwendung wirklich um einen Missbrauch handelt, darum geht es hier auch. Ansonsten um chemische Grundlagen, Geschichte und Aktuelles zu dieser Substanz. Auch dem Codein ähnliche Opioide wie Oxycodon sind hier mit berücksichtigt.

Codein/Kodein ist ein Alkaloid des Opiums/Mohnsafts, wurde 1832 erstmals aus diesem isoliert. Die Mohn-Milch enthält etwa 40 opioide Alkaloide: Morphin, das zwischen 3 und 23 Prozent des Opiums ausmacht, Noscapin mit durchschnittlich 2 bis 10 Prozent, Codein mit 0,2 bis 3,5 Prozent, Papaverin mit 0,5 bis 3 Prozent Thebain mit 0,2 bis 1 Prozent, und weitere. Chemiker versuchten ab dem 19. Jahrhundert, die Wirkstoffe des Naturstoffextraktes Opium zu isolieren bzw synthetische Äquivalente dazu zu finden, um sie zur medizinischen Anwendung besser dosieren zu können. Die Herstellung der Mittel sollte jedenfalls ohne grösseren Aufwand möglich sein. Die Isolierung des Morphins durch Sertürner 1804 bedeutete u.a. für die Pflanzen-Chemie und die Pharmazie einen enormen Aufschwung.

Der französische Chemiker/Pharmazeut Jean-Pierre Robiquet (1780–1840) war einer jener Wissenschaftler, die dadurch angespornt wurden, sich der Erforschung und Isolierung anderer Alkaloide aus Arzneipflanzen zu widmen. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, gehörte zu der Generation, der die Französische Revolution ab 1789 die Möglichkeit auf Studium und Aufstieg brachte. Auch Friedrich Sertürners Wirken am Morphin war von diesen politischen Veränderungen im Grunde stark beeinflusst! Robiquet hat schon während seines Studiums aus dem Spargel (Asparagus) die Aminosäure (L-)Asparagin extrahiert – als er dabei war, einen raffinierteren Prozess der Morphin-Extraktion zu suchen. Nach dem Studium betrieb Robiquet eine Apotheke und forschte dort auch weiter. Dort entdeckte er Alizarin, das dann als roter Farbstoff genutzt wurde. Robiquet hat auch das Opium-Alkaloid Noscapin isoliert (das er zunächst “Narcotine” nannte).

1832 gelang es Robiquet und seinem Gehilfen J. B. Berthemot, aus (Roh-) Opium mit Hilfe verschiedener Lösungsmittel ein Doppelsalz aus Morphin und Codein herauszulösen und aus diesem die reinen Codeinkristalle abzutrennen. “Wir wissen, dass Morphin, von welchem wir so lange glaubten, es sei das einzige aktive Prinzip des Opiums, nicht für alle seine Wirkungen verantwortlich ist … Codein scheint diese Lücke zu füllen”, kommentierte Robiquet seinen Forschungsschritt. Der Name “Codein” für dieses Alkaloid des Opiums stammt auch von Robiquet, er taufte die von ihm isolierte Substanz nach dem griechischen Wort für die Mohn-Kapsel (Mohn-Kopf), Kodeia. Der chemische Namen für Codein/Kodein ist Methylmorphin. Die Summenformel ist C18H21NO3.

Codein ist ein Prodrug, es entfaltet seine Wirkung über die Wirkung des aktiven Metaboliten Morphin, der durch Demethylierung unter Beteiligung des Enzyms CYP2D6 in der Leber entsteht. Die Stoffwechselendprodukte werden über die Nieren ausgeschieden. So ist im Endeffekt die Wirkung des Codeins dem Morphin ähnlich, es ist auch das Monoethyläther des Morphins, hat aber auf den Organismus eine harmlosere Wirkung. Menschen mit einer bestimmten genetischen Ausprägung (sogenannte “Ultra-schnell-Metabolisierer”) wandeln Codein schnell zu Morphin um, was zu einer Opioidvergiftung führen kann.

Nachdem mit Codein ein weiterer wichtiger Bestandteil des Opiums gefunden wurde, wurden seine Eigenschaften erprobt. Zunächst in Tierversuchen, dann an Menschen. Codein/Methylmorphin erwies sich als antitussiv (narkotisiert das Hustenzentrum), obstipierend, analgetisch, sedierend. Mit der Isolierung des Codeins war nun die Herstellung neuer, wirksamerer, sicherer Heilmittel-Zubereitungen möglich. Gegen Schmerzen, (trockenen) Husten, Durchfall, als Sedativum, Hypnotikum, Anästhetikum. Die Rezeptur Robiquets für den von ihm in Frankreich auf den Markt gebrachten “Sirop de Codeine” war: 0,3 Gramm Codein auf 30,0 Gramm Sirup. Er und Mediziner warnten damals bereits vor der Anwendung des Codeins bei Kindern. Hauptsächlich wurde es gegen Husten und Schmerzen angewandt. Als Analgetikum wurden (und werden) höhere Dosen an Codein gegeben denn als Antitussivum.

Als Nebenwirkungen wurden die typischen Opiat-Nebenwirkungen fest gestellt. Verstopfung und andere Verdauungs-Probleme sowie Juckreiz etwa. Die obstipierende Wirkung von Codein und anderer Opiate ist aber manchmal erwünscht! Wichtigstes pharmazeutisches Antidiarrhoicum ist auch Loperamid (“Immodium”) geworden, ein Morphin-Abkömmling. Und, weitere „Nebenwirkungen“ zur Schmerz-/Hustenstillung sind, ebenfalls opiat-typisch, Euphorie, Wachträume,… Der Opiat-Rausch eben. Nebenwirkung ist das nur für Jene, die Codein nicht gezielt dehalb benutzen. Jedenfalls liegt hier das Suchtpotential des Codeins. Egal, wie man die antidepressive und angstlösende Wirkung kennen lernt, wenn man den Wohlfühlnebel einmal kennt, will man ihn gerne wieder haben. Noscapin wird auch als Antitussivum verwendet, es gilt als besser verträglich als Codein; es soll auch dazu verwendet werden, die Wirkung anderer Opiate zu steigern.

Codein kann aus natürlichen Ausgangsstoffen (Rohopium, Mohnstroh) hergestellt werden, semi-synthetisch aus Morphin, oder voll-synthetisch. Die Substanz kann direkt dem Saft der Mohnpflanze entnommen werden. Dieser enthält ungefähr 1-3% Codein. Die kontinuierliche Doppelextraktion, die Chemiker der Schweizer Arzneimittel-Firma Roche um 1900 entwickelten, um Morphin und Codein verlustfrei aus Rohopium zu gewinnen, dürfte eine Methode hierzu (gewesen) sein. Doch dieser Vorgang ist wenig effizient: In der Pflanze wird Codein in Morphin/Morphium umgewandelt, deshalb kommt dieses dort in sehr grossen Mengen vor, Codein in sehr kleinen. Daher wird heutzutage das meiste Codein durch eine Teilsynthese aus Morphin gewonnen, durch einen Prozess namens O-Methylierung. Ein grosser Teil des zu pharmazeutischen Zwecken produzierten Morphiuns wird zu Codein weiterverarbeitet.

Dieser Prozess zur Überführung von Morphin in Codein wurde 1886 von Albert Knoll entwickelt. Er hat ihn, im Deutschen Reich, zum Patent angemeldet, dieses wurde 1887 erteilt. Dies war so etwas wie der Grundstein zur Chemischen Fabrik Knoll, der späteren Knoll AG, heute (bei) Abbott Laboratories. Durch das Verfahren wurden codein-haltige Medikamente breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich. Dieser Codein-Gewinnungs-Prozess aus Morphin scheint im späten 20. Jh durch Robert Corcoran und Junning Ma verbessert worden zu sein.

Der Anbau von Schlafmohn für Pharmaka wird von UNODC und INCB überwacht. Kontrollierte Anbauflächen gibt es in Grossbritannien, Australien, Spanien, Frankreich, Indien und Türkei. Weltweit beträgt die von den UN-Behörden kontrollierte Anbaufläche etwa 750 km2, was etwa der Fläche des Bodensees entspricht. Für die pharmazeutische Verwendung werden nach der Blüte die Kapseln des Schlafmohns maschinell geerntet, getrocknet und zu Pellets (Mohnstroh) verpresst. Aus den Pellets wird “Roh”morphin herausgelöst, und an die Pharmafirmen geliefert. Aus dem Morphin wird Codein gewonnen. Daneben wird auch der Orientalische Mohn bzw Persische Mohn zur Gewinnung von Codein heran gezogen.

Ob es sich beim Orientalischen Mohn/ Papaver orientale/ Türkenmohn und dem Persischen Mohn/ Papaver bracteatum/ Armenischen Mohn/ Arzneimohn um zwei verschiedene Arten handelt, ist umstritten. Es gibt zahlreiche Sorten und Kreuzungen. Beide wachsen jedenfalls im Gebiet Iran/Kaukasus/Kleinasien, haben grosse, rote Blüten. In klimatisch gemäßigten Gebieten wurden/werden sie zu Zierpflanzen gezüchtet. Diese Mohnart(en) enthält(en) weder Morphin noch Codein, die beiden in erster Linie für die berauschende Wirkung des Schlafmohns verantwortlichen Alkaloide, aber Thebain. Und, die Gewinnung von Codein und anderer Schmerzmittel daraus ist möglich. Dies ist aber ein aufwändiger chemischer Prozess; dieser Mohn ist nicht so leicht in konsumierbare Formen umzuwandeln.

USA-Präsident Richard Nixon begann um 1970 mit dem “Krieg gegen Drogen”, dabei war die Eliminierung des türkischen Mohnanbaus ein Schwerpunkt. Seine Berater empfahlen den Anbau von Papaver bracteatum in der USA, als Ausgleich dazu, für die im Lande für Pharmaka benötigten Opiate. Im Gegensatz zu Schlafmohn enthält der Orientalische Mohn eben kein Morphin, aus dem Heroin, herzustellen ist. Beim illegalen Anbau von Mohn (bzw illegale Ernte, Verarbeitung, Handel), heute vorwiegend in Afghanistan, Birma, Mexiko, wird das geerntete Rohopium meistens zu Heroin (für den Export in den Westen) verarbeitet; die Verarbeitung zu und der Konsum von Rauchopium geschieht quasi nebenbei und ist nah am Anbau.

Der “Krieg gegen Drogen” verursachte aber solche Engpässe an Mohn, dass diese auch den Anbau des Orientalischen Mohns in der USA nicht ausgeglichen werden konnten. Nachdem die meisten Vorräte des US National Stockpile of Strategic & Critical Materials an Morphin und Entsprechendem aufgebraucht waren, wurden 1973 Forscher des United States’ National Institutes of Health von der Regierung beauftragt, einen Weg zur synthetischen Herstellung von Codein und seiner Derivate zu finden. Und so er-fand man dort die Herstellung von Codein aus Kohle und Erdöl, ganz ohne Mohn.

Erst in den 1880ern begann die grossflächige Herstellung von codein-haltigen Medikamenten (und damit ihre Anwendung), u.a. von Merck in Deutschland. Codein gibt es in Form mehrerer chemischer Verbindungen, als Base (die stärkste Form), als Phosphat, als Phosphat-Hemihydrat,… Daraus ergeben sich die Applikationsformen, nämlich Tropfen, Saft (diese flüssigen Formen werden meist bei Husten eingesetzt), Tablette/Kapsel, Zäpfchen. Die orale Bioverfügbarkeit liegt bei etwa 50%. Codein hat eine Plasmahalbwertszeit von circa 2 bis 4 Stunden, eine verlängerte Wirkdauer bieten Retardarzneimittel. Merck bildete 1906 zusammen mit Boehringer Mannheim, Knoll, Gehe und Riedel eine Interessengemeinschaft.

Die IG sollte ein Gegengewicht zu den Teerfarbenfabriken bilden, die sich bereits 1904 zu dem “Dreibund” (Bayer, BASF und Agfa) beziehungsweise dem “Dreiverband” (Hoechst, Cassella und Kalle) zusammengeschlossen hatten.1 Innerhalb der IG wurden die Geschäftsfelder aufgeteilt und – damals erlaubte – Preisabsprachen getätigt. Durch die Bündelung der Kapazitäten konnte die IG die Einkaufspreise für Rohstoffe reduzieren. Merck gab beispielsweise die Produktion von Codein zugunsten von Knoll auf, begann dafür aber mit der Produktion von Atropin oder Scopolamin, für die anderen Unternehmen der IG.

Die Konvention von Genf 1931 (Convention for Limiting the Manufacture and Regulating the Distribution of Narcotic Drugs bzw Narcotic Limitation Convention), 1933 in Kraft, eines der ersten internationalen Drogen-Abkommen, klassifizierte 2 Gruppen von Drogen, eine erste mit Morphium, Heroin, Kokain und anderen, eine zweite u.a. mit Codein. Erstere sollten strikter konrolliert/begrenzt werden, ihr medizinischer Gebrauch stark eingeschränkt werden. Im Deutschen Reich zB wurde der Inhalt des Abkommens 1934 ins Opiumgesetz eingearbeitet. Das Sucht- und Missbrauchspotential des Codeins war damals schon bekannt. In den meisten Ländern ist Codein heute legal, aber verschreibungspflichtig. Bis in die 1980er hinein waren (zB) Hustenmittel mit Codein in vielen Ländern rezeptfrei zu bekommen. Hochkonzentrierte Präparate fallen nun sogar unter Betäubungsmittelgesetze. Gleichwohl ist Codein auf der WHO-Liste der unverzichtbaren Arzneimittel.

Dihydrocodein (DHC) ist eigentlich keine Form des Codeins, sondern ein eigenes Opioid. Wenn man so will, eine „Weiterentwicklung“ des (Mono-) Codeins, in Phosphat-Form, aus dem frühen 20. Jh in Deutschland, auf der Suche nach einer Medizin gegen Tuberkulose. Dihydrocodein (C18H23NO3) ist mit dem Codein nur verwandt, ist ein (halbsynthetisches) Derivat von ihm. Es ist auch ein Prodrug, wird erst durch den aktiven Metaboliten Dihydromorphin im Körper des Konsumenten zu Morphin umgewandelt – dies in stärkerem Ausmaß als Codein. Dihydrocodein gibt es, ähnlich wie Codein, in mehreren chemischen Verbindungen. Dihydrocodein-Base (> Saft) ist die stärkste Form, dann kommt das Tartrat (> Tabletten), dann Thiocyanat (> Tropfen). Es wird jedenfalls oral verabreicht. DHC hat etwas andere Wirkungen und Nebenwirkungen als Codein, hat aber die selben Einsatzgebiete wie dieses, soll wirksamer sein als dieses (bzgl Schmerzstillung, Hustenstillung, Euphorisierung). Als Schmerzmittel (Analgetikum) gibt es DHC auch als Kombi-Präparat, ausserdem als Hustenmittel (Antitussivum) und Durchfallmittel (Antidiarrhoikum).

Das Hustenmittel „Paracodin“, früher von Knoll hergestellt, als Tropfen und Tabletten erhältlich, ist in Mitteleuropa das bekannteste DHC-Präparat. Hustenmittel mit Codein sind zB “Codipront” oder “Codipertussin”. Ein Kombinationspräparat mit Guaifenesin ist “Resyl”. Codein ist das wahrscheinlich wichtigste Antitussivum, sowie eines der weltweit am häufigsten verwendeten Schmerzmittel. Codein wie Dihydrocodein sind mittelstarke Schmerzmittel, eher niederpotente opioide Schmerzmittel, in Form von Zäpfchen und oralen Präparaten. Codein gibt es als Schmerzmittel in Tablettenform in Kombination mit Paracetamol/Acetaminophen (manche Sorten von “Tylenol”), Acetylsalicylsäure oder Diclofenac (zB “Voltaren Plus”); “Dolomo TN”, bzw die blaue Nacht-Tablette davon, hat Paracetamol und Acetylsalicylsäure.

Sowohl Codein als auch Dihydrocodein (DHC) sind nicht nur Medizin (bzw, werden nicht nur als solche genutzt), sondern auch Ersatzdroge und Droge. Zunächst zur Verwendung als Substitut. In Deutschland wurden Codein und DHC von Ende der 1970er bis 1999 offiziell von Ärzten als Substitutionsmittel für Opiatabhängige (v.a. von Heroin) verschrieben, etwa in Form von “Remedacen”-Kapseln, einem Hustenmittel mit DHC. Sowohl für jene Heroin-Süchtige, die ausschleichen woll(t)en, als auch für jene, die “überbrücken” woll(t)en, hat(te) Codein (und DHC) Vorteile. Er muss(te) nicht in die Szene, um sich den Stoff zu beschaffen, es gab keine Beschaffungskriminalität, die Qualität des “Stoffs” ist ausser Zweifel,…

Für Patienten und Ärzte war die Einleitung der Substitution einfach, im Gegensatz zu jener mit Methadon. Andererseits fixiert diese Substitution die Sucht, bzw schafft eine neue. Und, nicht alle Abhängige können selbstverantwortlich mit dem Ersatzstoff umgehen, ohne strikte Kontrolle. Sowohl zu Zeiten der legalen Codein-Substitution als auch danach gibt es Jene, die sich bei mehreren Ärzten mit dem Ersatzstoff versorgen und so ihre Dosis steigern oder den “Überschuss” auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Codein und andere medizinische Opiate, wie “Tramadol”, sind nach wie vor bei Heroin-Süchtigen als Substitutions-Mittel beliebt. DHC soll auch als Substitut für Alkoholiker in Verwendung sein (offiziell/inoffiziell?), sowie früher als Entzugsmittel für Morphinisten und Kokainisten.

Und, Codein und Dihydrocodein sind auch “eigene” Drogen, Opiate erster Wahl für Manche, nicht nur Ersatz für andere. Benutzt von jenen, die es aus körperlichen Gründen (Schmerzen,..) verschrieben bekommen und die seelische Wirkung entdecken; von jenen, die von härteren Drogen umsteigen; oder von jenen, die einen Tip bezüglich der Wirkung und ihrer Nutzung bekommen. Bei Opiaten ist der Schritt vom medizinischen Gebrauch zu jenem des Wohlfühlkicks wegen immer ein kleiner, ist die Versuchung immer nahe, wie von der Freikörperkultur (dem Nudismus) zur Sexualität. Codein und DHC sind etwas harmloser als Heroin oder Morphium, was auch daran liegt, dass sie von der Pharmaindustrie hergestellt werden und nicht in Untergrund-Labors. Der halb-legale Rausch ist die typische Opiat-Wirkung. Die süsse Gleichgültigkeit gegenüber der Umwelt, wenn man so will. Nicht wie auf Cannabis mit sich selbst beschäftigt.

Man kann darüber diskutieren, ob das Zeug alltagstauglich ist. Bis zu einer gewissen Dosis schon. Die Halbwachzustände und Wachträume, auch als “nodding” bezeichnet… 1 Fläschchen “Paracodin” reicht für 2x “schweben”, heisst es. Zuerst der eklige bittere Geschmack, dann das Anfluten. Nach 30-60 Minuten entfaltet sich die Wirkung, hält 3-4 Stunden an. DHC soll weniger sedieren als Codein, dafür mehr Wachträume auslösen, euphorisierender sein, keine Ceiling-Dosis haben. Die prominenten Nutzer hier waren/sind einerseits Nazi-Bonze Hermann Göring, andererseits Südstaaten-Rapper…

Es folgt ein Kater, physisch und psychisch. Es folgt auf ein Probieren oft das Entstehen einer Gewohnheit, dann die Erhöhung der Frequenz und der Dosis. Irgendwann sind Glücksgefühle nur mehr mit dem Mittel möglich. Und dann ist “Normalität” nur mehr mit hohen Dosen davon möglich. Darin besteht die Sucht. Jene, die Codein-Mittel als Schmerzmittel nehmen, und davon süchtig werden, vertreiben den Grund der Schmerzen damit nicht und bekommen ein Problem dazu. Es lenkt nur vom Grund der Schmerzen ab.

Es gibt Typen, die es gar nicht mögen, innerlich ohne Grund und übertrieben glücklich zu sein. Und eher Speed-Mittel bevorzugen, die sie einer Tätigkeit nachgehen lassen, der sie dann das Glück zuschreiben können. Opiaten wird vorgeworfen, sie täuschten Glück und Zufriedenheit vor. Aber wie ist das eigentlich mit Geld, Sex, Macht? Gibt es da wirklich reale, konkrete Anlässe, Grundlagen für Glück? Und, jene die lieber in einen Krieg ziehen, zB in jenen gegen Drogen, bekommen bei Verwundungen Schmerzstiller verabreicht, Opiate, und Missbrauch ist auch hier nahe.

Codein (und DHC) wird eigentlich nur für Arzneimittel gewonnen bzw synthetisiert sowie verarbeitet. Für den Drogenmarkt wird eher das stärkere Morphin gewonnen, und zu Heroin verarbeitet. Es gibt kaum illegale Herstellung von Codein, die Produktion ist bei der Pharmaindustrie. Das Illegale beginnt hier erst bei der Beschaffung, zum Zweck des Missbrauchs der Medikamente. Eine Entnahme aus der Hausapotheke steht oft am Beginn. Dann kommt das Vorgeben bzw Vortäuschen eines Reizhustens oder furchtbarer Zahnschmerzen, mit dem Ziel, ein Rezept für “Paracodin” oder “Dolomo Nacht” zu bekommen, das man in einer Apotheke einlöst. Wenn man aber eine Sucht entwickelt, muss man schon oft den Arzt wechseln. Abhängige betreiben oft Doktor-Hopping, um an Rezepte zu gelangen, setzen auch Familienmitglieder oder Freunde ein.

Aufwändig ist auch eine Reise in die Schweiz oder Frankreich, wo viele Codein-Präparate (wie “Neo-Codion”) rezeptfrei zu bekommen sind. Manchmal waren Ärzte oder medizinisches Personal Komplizen der Interessenten, oder auch Selbstversorger. Andere bestellen bei einer Online-Apotheke im Internet. Und dann gibt es noch den Schwarzmarkt, den illegalen Handel mit legal oder illegal Erworbenem. Codeinpräparate wie “Paracodin” gab es zB in Wien früher am Karlsplatz, vor und in der U-Bahn-Station, neben diversen anderen Pharmaka (“Antapentan”, “Mozambin”, “Rohypnol”,…) sowie Cannabis und Härterem (H, K). Daneben in bestimmten Lokalen, wie dem “Cafe Krugerhof” in der Inneren Stadt. Auf Instagram ist in der USA ein virtueller Drogen-Flohmarkt entstanden, wie früher auf “Silk Road”.

Jene, die Codein als Droge nehmen, nehmen es oft gemeinsam mit Alkohol-Getränken. Manche nehmen Codein um die Wirkung des Alkohols zu verstärken, Andere Alkohol, um die Wirkung des Codeins zu verstärken. Jedenfalls macht Alkohol die Atmung noch flacher, als sie durch Codein schon wird, was lebensgefährlich werden kann. Mischkonsum gibts auch mit Cannabis (meist geraucht), die Wechselwirkung von DHC und THC wird von manchen Menschen als zueinander komplementär gesehen. Kratom hat grundsätzlich eine sehr ähnliche Wirkung wie Codein bzw DHC, nur um einiges schwächer, hat auch eine Kreuztoleranz damit. SSRI- bzw SRI-Antidepressiva (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) sollen die die Aktivierung von Codein hemmen, heisst es. In den 1960ern wurden in manchen westlichen Ländern Codein-Tabletten zusammen mit “Doriden” (Glutethimid, ein Beruhigungsmittel) eingenommen, die Mischung war u.a. als “Loads, Dors & Fours” bekannt. Später wurde Glutethimid zusammen mit einem anderen Opiat, Pentazocin (“Talwin”, auch “Ts & Blues” genannt) genommen.

Aufgrund eines genetischen Polymorphismus kann die Metabolisierung von Codein bei Menschen (und damit die Codein-Wirkung) unterschiedlich stark ausfallen. Bei Schnell-Metabolisierern kann es zu einer Morphin-Überdosis kommen, zu einer tödlich verlaufenden Atemdepression. Dies kann auch Kinder betreffen. Bei Einnahme von mehr als 400 mg Codein ist jedenfalls das Maximum der Metabolisierbarkeit erreicht (Ceiling-Effekt), da die entsprechende Enzymkapazität von CYP2D6 erschöpft ist. Die Gene im Schlafmohn, die für die Produktion eines speziellen Enzyms verantwortlich sind, das die Umwandlung von Codein in Morphin vorantreibt, wurden kürzlich von den Wissenschaftern Peter Facchini und Jilian Hagel in Canada entdeckt. O-Demethylase (ODM) heisst dieses Enzym, und das Wissen darum soll genutzt werden, Mohn-Pflanzen zu züchten, die Codein für die Produktion von Schmerzmitteln “hergeben”, bei dem die Rausch- und damit die Suchtwirkung nicht so ausgeprägt ist.

Was die Gefahr einer Atemdepression betrifft, eine solche kann jedenfalls durch eine Überdosis geschehen; bzw, eine Überdosis würde sich durch eine Atemdepression äussern.2 Mit Alkohol erhöht sich wie gesagt das diesbezügliche Risiko. Das “Gegengift” (Antidote/Antagonist) ist hier Naloxon. Es blockiert die Wirkung von Opiaten, besonders bei Überdosen. Manchen medizinischen opioiden Präparaten ist es beigemengt, um den Missbrauch (bzw die diesbezüglich gewünschte Wirkung) zu unterbinden. Weiters gibt es natürlich auch die Gefahr des Erstickens an Erbrochenem, bei Bewusstlosigkeit.

Die Einnahme von Codein nach einer Gallenblasen-Entnahme (Cholezysektomie) kann gefährlich sein. Codein (bzw seine Abbauprodukte aus der Leber?) verursacht die Zusammenziehung des Schliessmuskels des Gallenganges an der Mündung in den Zwölffingerdarm (Sphinker Oddi). Die fehlende Gallenblase verschlimmert einen so entstehenden Spasmus (Krampf) am Gallengang. So kann es zu Kolik-artigen Schmerzen kommen. Ausserdem verstärkt Codein die Spannung (den Tonus) der (glatten) Darmmuskulatur, was zu Bauchschmerzen führen kann. Daneben ist eine Sekretstauung des Pankreas und in der Folge eine Pankreatitis möglich. Ärzte sollten Patienten nach einer Gallenblasenoperation Codein daher nur zurückhaltend verordnen. Diese möglichen Beschwerden betreffen auch die Einnahme von DHC. Auch hier ist im Notfall die Gabe des Opioid-Antagonisten Naloxon indiziert. Medizinische Dosen werden Einem, wenn der Bauch seit der Op Ruhe gab, aber eher nichts anhaben können.

Eine Codein-Drogenkultur gibt es am ehesten in einer bestimmten Rap-Szene. Dort ist ein Mischgetränk verbreitet, für das es (Slang-) Bezeichnungen wie Purple Drank, Lean, Sizzurp, Syrup, Texas teaOil, Mud, Dirty Sprite, DrankLean Drank gibt. Es gibt verschiedene Varianten dieses “Sirups”, normalerweise wird er aus einem Hustensaft, der Codein und Promethazin enthält, süsser kohlensäurehaltiger Limonade, und zerkrümelten Bonbons zubereitet. Bevorzugt ist, in der USA, dem Zentrum dieser Kultur, der Hustensaft der Marke “Actavis”, mit Codein und Promethazin, daneben auch “Hi-Tech”, “Phenergan” und “Qualitest”. Die Codein-Dosis ist bei diesen Marken höher als bei europäischen Hustensäften. Promethazin ist ein (verschreibungspflichtiges) Antihistaminikum, das eigentlich gegen Übelkeit, Migräne, allergische Reaktionen oder als Sedativ eingesetzt wird. Es potenziert die Opiatwirkung, mehr noch als andere Antihistaminika, wie Diphenhydramin (“Benadryl”) oder Loratadin.

Das verwendete Brause-Getränk ist meistens “Sprite”. Eben so wie die pulverisierten Zuckerln dient es der besseren Bekömmlichkeit, dem besseren Geschmack.3 Manche schütten noch Wodka oder anderen Alkohol in den weissen Styropor-Becher, der meist in einem zweiten steckt. Dies unter Anderem deshalb, um die Eiswürfel (ja, die gehören auch noch rein) von der Körperwärme zu schützen.4 Der Doublecup mit dem lila-farbenen sirupartigen Getränk ist dem Südstaaten-Rap der USA eigen. In dieser Szene wurde Lean Teil der Subkultur. Diese Zubereitung dürfte eine der am stärksten verbreiteten Rausch-Verwendungen von Codein sein.

Der Südstaaten-Rap und -Hip-Hop ist in Houston (Texas) entstanden, und noch immer hauptsächlich dort zu Hause. Er ist durch langsame monotone Musik gekennzeichnet, den Rhythmus den das Codein vorgibt. Auf den Purple Drank wird in den Texten auch oft (direkt/indirekt) Bezug genommen. Die Musiker sehen das Mittel als kreative Hilfe, wie andere zB Gras.5 Lean-ähnliche Drinks soll es schon in den 1930ern gegeben haben, aus Codein-Medikamenten zubereitet. Damals wurde es angeblich von Jazz-Musikern und -Fans zubereitet und konsumiert. Das eigentliche Lean ist in den 1960ern in Houston “entwickelt” worden, also vor der Entstehung der heute dazu gehörenden Musik.

Ende der 1990er popularisierte der aus Houston stammende Discjockey “DJ Screw” den langsamen, narkoseähnlichen Rap/Hip-Hop-Stil, passend zur Wirkung von Purple drank/Lean; diese Musikrichtung wird auch Screw Music genannt. DJ Screw rappte zu den sehr langsamen Beats („Screw-Rhythmen“), auch über den dazu gehörenden Drink. Es folgte “Big Moe”, der zwei seiner CDs “City of Syrup” und “Purple World” nannte. Auch die Gruppe “Three 6 Mafia” machte den Musikstil und die Droge populär, durch Songs wie „Sippin on Some Syrup“. DJ Screw (Robert Davis) starb 2000 im Alter von 29 an einer Überdosis des Codein-basierten Gemischs. “Pimp C” (von den “Underground Kingz”/UGK) und Big Moe starben 2007. Pimp C an einer Schlaf-Apnoe, in einem Hotel in Los Angeles.

“Lil Wayne” bekannte sich zum Konsum von purple drank, thematisierte auch Sucht und Entzugserscheinungen („starke Magenkrämpfe mit höllischen Schmerzen“) öffentlich. Lil Wayne hat mit Justin Bieber zusammen gearbeitet, und, wie man so liest, hat auch das saubere Tennie-Idol von dem Getränk “gekostet”. Auch “Macklemore”, “Big Hawk”, “Gucci Mane”, “Soulja Boy”, “Chief Keef”, “2 Chainz”, “Schoolboy Q”, “Ty Dolla $ign” oder “Danny Brown” machen diese Musik und konsumieren diese Droge dazu. Das eine ohne das andere ist anscheinend schwer vorstellbar. Der eine oder andere davon versucht, von zweiterem los zu kommen. Gucci Mane etwa wurde vor einigen Jahren in ein Krankenhaus eingeliefert und twitterte von dort über seine Sucht (“Das Scheisszeug ist nicht witzig“).

In Rap/Hip Hop geht es sonst ja meist um Cannabis. In der deutschen Rap-Szene ist die Screw-Richtung mit dem dazugehörigen “Syrup” anscheinend kaum übernommen worden. Hat vielleicht auch damit zu tun, dass “Paracodin” und dergleichen weniger Codein enthalten als “Actavis” & Co und schon gar kein Promethazin (und dieses hier schwer erhältlich ist). Und der Screw-Rap ist ja gewissermaßen der Soundtrack zur Wirkung des Purple drank. Es gibt aber einen Österreicher, der diesbezüglich etwas aufgebaut hat. Sebastian Meisinger hat 2008 ein Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien abgeschlossen, mit einer Magisterarbeit über “Gangsta-Rap in Deutschland. Die Rezeption aggressiver und sexistischer Songtexte und deren Effekte auf jugendliche Hörer” (bei Peter Vitouch6).

Danach ist er selbst (“Gangsta”-) Rapper geworden. 2012 veröffentlichte er, als “Money Boy”, das Mixtape “Pancakes And Sizzurp”, mit dem Track „Codein in meinem Eistee“. In Interviews steht er auch zu seinem Konsum einer bestimmten Sorte Hustensaft. Einmal empfahl er auch, auf Heroin zu feiern. Auch Money Boy‘s Schützlinge “Hustensaft Jüngling”7 und “Medikamenten Manfred” rappen vom und zum Codein-haltigen Mix. Über diese Szene weiss ich zu wenig als dass ich sagen könnte, ob auch die Fans Codein-hältige Hustensäfte bzw (österreichisches) Lean als „Partydroge“ konsumieren.

Grosser Sprung nun, zu prominenten Konsumenten von Codein (als Droge) in der Geschichte. In erster Linie ist da Hermann Göring zu nennen. Das Luftwaffen-Ass des 1. WK wurde beim Nazi-Putschversuch 1923 verletzt, wurde in Innsbruck mit Morphium behandelt, was den Beginn seiner Opiat-Sucht markiert. Er hat sich dann Morphium gespritzt. Mit den (Dihydro-) Codein-Tabletten soll er erst in den frühen 1930ern begonnen haben8, auch ursprünglich aus therapeutischen Gründen, aufgrund von Zahnschmerzen. Wahrscheinlich hat er DHC-Tabletten der Marke “Paracodin” genommen. Bis zu 100 Tabletten bzw 3 g pro Tag. Sein Opiat-Konsum wurde wahrscheinlich durch “Eukodal” (s.u.) abgerundet.

Ab 1942 nahm er seine diversen Funktionen im NS-Regime nur noch sporadisch wahr, nicht zuletzt wegen seiner Opiat-Sucht. Göring flüchtete nach dem Bruch mit Hitler kurz vor dessen Selbstmord und dem Untergang des Reichs nach Österreich, den Truppen der USA entgegen. Im Land Salzburg wurde er von ihnen gefunden, mit 2 Koffern mit Dihydrocodein-Tabletten. Anders als bei Gehlen, von Braun oder Speidel sahen die Amerikaner für ihn keine Weiterverwendung in einem künftigen Deutschland vor. In Nürnberg wurde er dann wie ein gewöhnlicher Gefangener behandelt (1945/46), und sein Opiat-Entzug dort dürfte ein kalter gewesen sein.

William Burroughs hat ja alle Opiate in allen Formen probiert, und das nicht zu knapp. Er beschrieb DHC als doppelt so stark wie Codein und “fast so gut wie Heroin”. Der Geschäftemacher Howard Hughes ist der wahrscheinlich Prominenteste, der direkt an Codein starb. Das geschah 1976, durch Leber-Versagen infolge der Einnahme einer immens hohen Codein-Dosis. Elvis Presley nahm neben andere Opiaten (wie “Demerol”/Pethidin) sowie Uppern und Downern auch Codein-Präparate, und starb wahrscheinlich an einer Mischung bzw den Langzeitfolgen davon. Und auch beim “Kannibalismus”-Mord in Rotenburg 2001 spielte Codein eine Rolle.

Meiwes wollte jemanden besitzen, Brandes suchte jemanden in dem er aufgehen konnte, Teil werden. In einem entsprechenden IT-Forum fand man sich, und nachdem man sich einig geworden war, kam Brandes zu Meiwes, der ihn am Bahnhof abholte. Brandes liess sich von Meiwes in dessen Heim seinen Penis abtrennen und ihn diesen (teilweise) essen, und sich dann von ihm töten. Eigentlich ging es dabei bei Beiden um die Stillung seelischer Schmerzen. Zur Stillung der körperlichen Schmerzen bei der Amputation, bevor er mit einem Stich in den Hals getötet wurde, nahm Brandes eine halbe Flasche Schnaps, Schlaftabletten und Codein-Hustensaft.

Der slowakische Eishockey-Spieler Marek Svatos starb 2016 an einer Mischung aus Codein und anderen Substanzen. Prominenter als die Screw-Raper ist Justin Bieber, und der ist ja aufgrund seiner Freundschaft mit einem von ihnen selbst in eine Codein-Abhängigkeit gekommen. Der American Football-Spieler JaMarcus Russell wurde des Konsums (bzw des Besitzes) von Codein bzw Lean überführt.

Codein war nicht nur Ausgangsmaterial für DHC, sondern auch von anderen medizinischen Opiaten. So wie Oxycodon (1916 Deutschland synthetisiert) und Hydrocodon (1920 in Deutschland synthetisiert). Nicocodein (1956 in Österreich erstmals hergestellt) ist ein Derivat von Codein, wird auch für Hustenmittel verwendet. Nahe beim Codein ist auch Dextromethorphan (DXM), ein synthetisches Opiat, Codein-Ersatz, gegen Husten eingesetzt, früher als „Romilar“, heute in einem „Wick“-Präparat oder im französischen „Tussidane“; es wirkt in hohen Dosen halluzinogen, Ketamin-ähnlich. Die meisten dieser codein-ähnlichen Stoffe werden aus dem Persischen bzw Orientalischen Mohn bzw dessen Inhaltsstoff Thebain hergestellt; und nicht mehr aus dem Codein synthetisiert. Im Begriff “Morphinismus” war auch die Sucht nach Codein, Oxycodon, etc mit ein geschlossen.

Oxycodon (bzw Di[hydro]hydroxycodeinon) ist ein semi-synthetisches Opioid. Es wird aus Thebain synthetisiert, das erste Mal gelang dies 1916/17 in Deutschland, an der Universität Frankfurt, im Bestreben, eine bessere Alternative zu den existierenden Opioide zu finden. Etwas, das die analgetischen Effekte von Codein, Morphium und Heroin hat, nicht aber deren Suchtpotential. Oxycodon wurde als medizinisches Präparat von der Firma Merck 1919 unter dem Namen “Eukodal” zur Schmerzlinderung und Hustendämpfung auf den Markt gebracht. 1939 kam es in der USA heraus. “Eukodal”/Oxycodon wurde aber auch als Rauschdroge genutzt bzw missbraucht. Und „Eukodalsucht“ bzw „Eukodalismus“ wurde ein Thema im Deutschen Reich der Weimarer Republik sowie der NS-Diktatur. Schliesslich wurde die Substanz dem Opiumgesetz unterstellt. Merck brachte 1928 “SEE” bzw “Scophedal” heraus, aus Oxycodon, Ephedrin, Scopolamin. Zur Herbeiführung eines Dämmerschlafs (sonst damals mit Morphin und Scopolamin erzeugt), bei der Entbindung oder als Narkosevorbereitung.

Der prominenteste und gefährlichste Eukodalist war Adolf Hitler. Dieser bekam laut Ohler von seinem Leibarzt Theodor Morell zunächst “Dolantin”/Pethidin, dann ab 1943 „Eukodal“. Auch am 20. Juli 1944, als es tatsächliche Schmerzen zu stillen galt. Morell soll Hitler auch Cocktails aus diversen Mitteln injiziert haben (Hormone, Steroide, Vitamine,…), Kokain zur lokalen Betäubung u.a. im Ohrraum, verbreicht haben, am Kriegsende auch „Pervitin“. Ein Abstinenzler war Hitler also vielleicht bezüglich Sexualität und Fleischverzehr, aber nicht bei Drogen. Und, diese dürften bei seinem Realitätsverlust eine wichtige Rolle gespielt haben, bei seinem Unterfangen, Europa in den Untergang zu reissen.

Das Regime stufte “Eukodal” und “Scophedal” bei Merck als kriegswichtige Produkte ein, neben Glucose- und Kohletabletten, Vitaminpräparaten (insbesondere Ascorbinsäure), Wasserstoffperoxid, Schädlingsbekämpfungsmittel wie Calciumarsenat (“Esturmit”) und dem Entlausungsmittel “Cuprex”. Die schwere Arbeit übernahmen damals unfreiwillig Zwangsarbeiter, Deutsche waren ja an der Front (auch oft unfreiwillig). Das Merck-Werk in Darmstadt wurde im Dezember 1944 durch einen alliierten Luftangriff weitgehend zerstört.

Auch die Mittel für Hitler wurden dann knapp, der sich ab Jänner 1945 in den “Führerbunker” zurückzog. Die Nr. 1 und Nr. 2 dieses Regimes befanden sich jahrelang in einer Opiat-induzierten Schlafwandler-Euphorie, waren eingehüllt in eine dumpfe Wolke synthetischen Wohlgefühls. Im Untergang war ihr finales Gift Zyankali, wie auch bei der Nr. 3 (Goebbels) und 4 (Himmler). Und die Wehrmacht ist auf “Pervitin” gewesen. Die Rolle von Codein in der Geschichte? Hier zu finden. Codein an sich hat nur Göring genommen. “Eukodal” wurde auch von den NS-Gegnern Klaus Mann („Schwesterchen Euka“) und Walter Benjamin genommen.

1996 brachte die amerikanische Purdue Pharma “OxyContin” heraus, ein Oxycodon-Präparat, das seine Wirkung verzögert entfaltet. Es wurde dennoch eine Art „Hinterwäldler-Heroin“ in der USA. Ein Otto Snow hat 2001 ein Buch namens „Oxy“ heraus gebracht, in dem er angeblich den chemischen Weg von in gemäßigtem Klima gewachsenem Mohn zu Oxycodon vorzeichnet. Es wird aber meistens das von der Pharma-Industrie hergestelltes und von Ärzten verschriebenes “Oxy” verwendet.

Die deutsche Grünenthal GmbH hat 1977 das opioide Schmerzmittel Tramadol unter dem Namen “Tramal” auf den Markt gebracht. Es gibt es als Tabletten und als Injektionslösung. Mit dem Auslaufen des Patents begann die auf Generika spezialisierte Pharmaindustrie in Indien Mitte der 2000er, billigere Tramadol-Generika herzustellen und zu exportieren, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländer. Dort, in vielen Ländern Lateinamerikas, Afrikas, Asiens, ist es oft das für Schmerzpatienten einzige erhältliche Medikament. Daher akzeptieren der Internationale Suchtstoffkontrollrat (INCB), die Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder Ärzte ohne Grenzen Tramadol in diesen Ländern. Doch auch Missbrauch und Abhängigkeit von Tramadol verbreiten sich dort. Um denselben Effekt zu erzielen, muss die Dosis dann sukzessive erhöht werden. Im Profi-Radsport soll es auch Verbreitung gefunden habe, um die Strapazen von langen Rennen wie etwa der Tour de France auszuhalten

Eine besondere Rolle spielt Tramadol anscheinend in Westafrika. Es ist auch unter Kämpfern der nigerianischen islamistischen Terrorgruppe Boko Haram beliebt. Und, es heisst, in Kamerun wird selbst Rindern das Mittel verabreicht, damit diese die landwirtschaftliche Arbeit in der Hitze besser ertragen. Gerade im Norden Kameruns wird es so stark konsumiert, dass es über menschliche und tierische Ausscheidungen wieder in Grundwasser und Boden landet und so von den Pflanzen aufgenommen wird. 2013 fanden Wissenschaftler in der Wurzelrinde einer dort beheimateten Heilpflanze eine Substanz, die dem Wirkstoff Tramadol glich. Dann zeigten andere Untersuchungen, dass es sich dabei nicht um natürliche Stoffe handelte, sondern dass die Pflanzen tatsächlich das chemisch hergestellte Opioid aufgenommen hatten! Zum Umschlagplatz in Afrika für die aus Indien kommende Ware wurde Benin.

In der USA sind Tramadol, Oxycodon und Codein die Drogen von Millionen geworden. Auch von Menschen, die “in der Mitte der Gesellschaft” stehen. Die wachsende Abhängigkeit von Schmerzmitteln in der Bevölkerung, opioid epidemic oder opioid crisis genannt, kam durch Verschreibungen von Ärzten zustande. Die Grenze zwischen übertriebenem Gebrauch und Missbrauch sind fliessend. Das betrifft auch Hydrocodon („Dicodid“,…)9 oder Kombi-Präparate aus Hydrocodon und Paracetamol („Vicodin“, die Droge von “Dr. House”, oder „Lortab“). Die Lobby der Pharmaindustrie versucht Änderungen in der Politik zu vehindern.

Manche wurden auch süchtig nach Opioiden, die eigentlich nur bei stärksten Schmerzen eingenommen werden sollten. Etwa nach Fentanyl, das ein synthetisches Opiat ist, das 50-mal stärker als Heroin wirkt. Oder Tilidin/”Valoron”, Laudanon, Trivalin,… Diese Mittel sind vom chemischen Aufbau her eng mit Heroin verwandt, wirken ähnlich und machen sehr schnell abhängig. Oft werden sie im Untergrund hergestellt, auch im Ausland (China oder Mexiko), und illegal erworben. Zu den prominentesten Opfern gehörte, 2016, der Popstar Prince (Nelson), der an einer Überdosis Fentanyl starb. Manche US-Amerikaner greifen dann sogar zu einem Mittel, mit dem sonst Elefanten betäubt werden: Carfentanil, noch 100-mal stärker als Fentanyl. Für andere sind die opioiden Schmerzmittel die Einstiegsdroge für Heroin.

Um auf Codein zurück zu kommen, dieses kann mit Pyridin auch demethyliert werden, um daraus Morphin herzustellen, daraus wiederum kann durch Azetylase Heroin werden – das dann oft durch das sehr gesundheitsschädliche Pyridin verunreinigt ist. Und, Codein wird auch für die Untergrund-Herstellung von Desomorphin (Dihydrodesoxymorphin) verwendet. Diese Substanz wurde erstmals 1932 in der USA synthetisiert, kam als „Permonid“ auf den Markt, wurde bis vor einigen Jahrzehnten von Roche hergestellt, als Schmerzmittel. Es heisst, die Herstellung wurde eingestellt, nachdem eine Person in der Schweiz, die es wegen einer seltenen Krankheit noch gebraucht hatte, 1981 starb.

Die illegale Herstellung verläuft über Codein, Iod und roten Phosphor, in einem ähnlichen Prozess wie zur Herstellung von Methamphetamin, auf Basis von Pseudoephedrin. Das Endprodukt ist unrein und reich an stark toxischen Nebenprodukten. Es findet als „Droge des armen Menschen“ eine weite Verbreitung in Russland. Aufgrund einer seiner Nebenwirkungen, der Bildung einer harten Haut an der Stelle wo es injiziert wurde, wird es in der entsprechenden Szene auch „Krokodil“ oder „Krok“ genannt.

Ein kurzer Blick auf die Verarbeitung des Rauschmittels Codein in der Kunst. Es gibt einige Pop/Rock-Songs darüber, auch ausserhalb des Screw-Raps: “Cod’ine” von Buffy Sainte-Marie, einer kanadischen Indianerin, “Cough Syrup” von den Butthole Surfers, “Codéine” von The Charlatans, „Codein Coda“ von Daevid Allen. Falco sang in “Ganz Wien” von Codein, Heroin, Mozambin, Kokain. Es gab eine Band (Indie Rock) namens Codeine, die von 1989 bis 1994 aktiv war. Und den Codeine Velvet Club in Schottland, mit “Jon Fratelli”.

Mir ist kein nennenswerter Film bekannt, in dem Codein eine Hauptrolle spielt, in “Trainspotting” steht es klar im Schatten von H. In „Casino“ spielt ein nicht näher spezifiziertes Schmerzmittel eine gewisse Rolle, das eines der hier genannten sein könnte. In Tao Lin’s Roman „Taipei“ kommt Codein neben vielen anderen Drogen vor. Es gibt die “Shinebox” des Künstlers Ron Ulicny, eine Installation, Referenz an “Goodfellas”, sie enthält neben Waffen, Zigaretten, Flachmann, Spielwürfeln “Vicodin”-Tabletten, einen Joint, Kokain, “Acid” (LSD).

Literatur & Links

Brigid M. Kane, D. J. Triggle: Codeine (2007). Englisch

Norman Ohler: Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich (2015)

Otto Snow: Oxy (2001). Englisch

Louis Lewin: Phantastica – Die betäubenden und erregenden Genußmittel – Für Ärzte und Nichtärzte (2005)

“Zeit”-Artikel, über Eukodal-Missbrauch in der BRD der 1950er, zur Steigerung von Arbeitserfolgen eingesetzt

Über die Opioid-Epidemie in der USA (Englisch)

Video über Lean

Über Codein im Opioidforum

Chemisches und Praktisches dazu (Englisch)

Erfahrungsberichte (Englisch)

DHC-Erfahrungsbericht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der Zusammenschluss von Dreibund und Dreierverband 1916 war der Vorläufer der IG Farben, nicht diese IG
  2. “Da macht einfach die Lunge schlapp und zack, das war’s. Davon könnte auch Sizzurp-Vater DJ Screw ein Lied singen, wenn er nicht eh schon an einer solchen Codein-Überdosis gestorben wäre.” (noisey.vice.com/alps/article/codein-deutsche-rapszene-432)
  3. “Sprite” enthält heute übrigens keinen Zitronensaft mehr, die Coca-Cola Company verwendet dazu Wasser, Zucker, Kohlensäure, Zitronensäure, Aroma und Natriumcitrat
  4. Oder doch aus anderen Gründen? https://genius.com/discussions/75507-Why-do-rappers-use-2-styrofoam-cups-to-drink-lean
  5. Das sich hier wahrscheinlich ganz gut als Ergänzung eignet
  6. Vitouchs Frau hat Meisinger wahrscheinlich noch in seiner Kindheit als “Am Dam Des”-Moderatorin erlebt
  7. Rappte zusammen mit Money Boy zB „Ich hab Codein im Doublecup, doch ich bin nicht abgefuckt. Der Hustensaft und Sprite sind der Grund, warum ich high bin“
  8. Also da, als die NSDAP an die Macht kam
  9. Die Schauspielerin Brittany Murphy (Bertolotti) hatte nach einem Autounfall chronische Schmerzen, nahm ein Hydrocodon-Präparat dagegen (> Michael Jackson, H. Göring,… begannen auch nach Verletzungen mit Mitteln, die sie dann immer begleiten sollten), dann aber auch diverse Downer sowie Beta-Blocker wegen dem Bluthochdruck. Ausserdem wird ihr zeitweiser Kokain-Konsum nachgesagt. Ihr Tod mit 32 J. (09) erfolgte wahrscheinlich infolge Medikamentenmissbrauchs

Speed

Überblick

In der USA sind manche Zubereitungen aus der Amphetamin-Familie, v. a. „Meth“, Geisel der Nation, andere (wie „Ritalin“) werden an Kinder verabreicht. Das was heute illegal hergestellt und gehandelt wird als “Crystal Meth”, wurde hier unter den Nazis als “Pervitin” Soldaten verabreicht. Amphetamin wurde früher von Pharma-Unternehmen hergestellt, heute wird es das in Untergrund-Laboren. Diverse Speed-Mittel werden immer wieder von Sportlern eingesetzt. Die heutige Clubbing-Droge Ecstasy/MDMA wurde von der CIA getestet und in der Psychotherapie eingesetzt.

Es gibt mehrere Überbegriffe für die Aufputschmittel (auf Amphetamin-Basis), um die es hier geht: “Speed”, “Uppers”, “Schnelle”, etwas wissenschaftlicher “Weckamine” (Amine mit „aufweckender“ Wirkung); früher wurde auch der Markenname “Benzedrin(e)” als Sammelbegriff für Stimulantien dieser Art verwendet (nicht zu verwechseln mit Benzodiazepinen). Im Englischen gibt es den Begriff “ATS” (amphetamin-type stimulants; amphetamin-artige Stimulantien). “Speed” bezeichnet eigentlich Amphetamin(-Präparate), wird aber auch für Methylamphetamine und Ähnliches verwendet. Phenylethylamin ist der Mutterstoff von Amphetaminen1; zu den davon abgeleiteten Phenylethylaminen gehören u.a. Katecholamine (wie Adrenalin), Amphetamine (mit der Grundsubstanz Amphetamin, N-Methylamphetamin, Ephedrin,…), Cathione, Methylendioxyamphetamine (MMDA,…).

Nootropika bezeichnen allgemein Arzneimittel oder Nahrungsergänzungsmittel, denen eine vorteilhafte Wirkung auf das zentrale Nervensystem zugesprochen wird; diese Klassifizierung ist für die Substanzen, um die es hier geht, viel zu un-spezifisch. Die Mittel, deren Geschichte hier nachgezeichnet wird, können auch als indirekte Sympathomimetika klassifiziert werden. Die wichtigsten Arten, Amphetamin, Methamphetamin (Crystal Meth), MDMA (bzw die Ecstasygruppe) werden gesondert behandelt, zuvor auch das natürlich vorkommende Ephedrin. Es geht weniger um das Medizinische und Pharmakologische, mehr um den Weg von den Labors der Pharmaunternehmen auf die Strasse, so wie hier in der “Serie” über Drogen grundsätzlich.

Zahlreiche Phenylethylamine besitzen eine Verbreitung in der Natur (z. B. Dopamin), während Amphetamin oder Methamphetamin künstlichen Ursprungs sind. Naürliches Vorbild und Ausgangsstoff für Amphetamine ist Ephedra/Meerträubchen. Die Pflanze ist in der nördlichen Hemisphäre weit verbreitet und wurde/wird seit Jahrtausenden als Medizin verwendet. Der Meerträubchen-Strauch enthält als Wirkstoffe Ephedrin, Pseudoephedrin, Norephedrin (Phenylpropanolamin) and Norpseudoephedrin (Cathin). Ephedrin und die verwandten Alkaloide sind alte Anregungsdrogen (sie wirken wie mildes Amphetamin) und wirken als Anti-Asthmatikum. In China, wo sie Ma-Huang genannt wird, ist Ephedra seit 5000 Jahren in Gebrauch. Der Meerträubchen-Strauch2 bzw sein wichtigster Wirkstoff Ephedrin könnte auch das gewesen sein, was in den indischen Veden und der persischen Avesta als “Soma” bzw “Haoma” bezeichnet wird und dessen Konsum auch kultische Bedeutung hatte.

Aufguss-Getränke aus den Stängeln des Strauches Ephedra nevadensis (meist mit Zitronensaft versetzt) sind anscheinend auch erstmals in China zubereitet worden. Und irgendwann auch von den nordamerikanischen “Indianern”. Die mormonischen US-amerikanischen Siedler übernahmen/lernten das von ihnen. In dieser Religion/Konfession/Sekte ist Kaffee, Schwarzer Tee und, ich glaube, auch Kakao untersagt (Alkohol auch). Und irgend etwas braucht der Mensch, um munter zu werden. Daher wird dieser Meerträubel-Aufguss auch “Mormon tea” (Mormonentee) oder “Indian tea” genannt, auch “Herbal Dynamite” (Kräuer-Dynamit).

In Meerträubchen enthaltene Stoffe werden weiter in Medikamenten verwendet. Ephedrin wurde Ende des 19. Jh erstmals aus der Pflanze isoliert, vom japanischen Chemiker Nagai (> Methamphetamin-Abschnitt). Es wurde für die Behandlung von Asthma benötigt, wird in Asthma-Präparaten verwendet. Mitte der 1920er Jahre wurde erstmals synthetisches Ephedrin auf den Markt gebracht, als Racemat, von Merck, unter dem Markennamen “Ephetonin”, als Antiasthmatikum. Pseudo-Ephedrin führt ein Abschwellen der Schleimhäute herbei, was bei Heuschnupfen erwünscht ist. Auch die aufputschende Wirkung dieser Alkaloide wird verschiedentlich genutzt, bei Indikationen wie Narkolepsie, Schichtarbeiter-Syndrom. Ephedrin (künstliches oder natürliches) ist auch in vielen Mitteln gegen Kreislaufstörungen, Husten oder Arthritis enthalten (meist als Hydrochlorid). Es wurde auch von Sportlern als Doping-Mittel eingesetzt.

Meerträubchen kann man zumindest in unseren Gefilden im IT bestellen, früher wurden damit natürliche Schlankheitstropfen (bzw Appetitzügler) zubereitet – die auch “speedig” wirkten. Auch die Blätter des Qat-Strauchs, der in Südwest-Arabien und Nordost-Afrika wächst, ist eine Art natürliches Amphetamin (Wirkstoff ist v.a. Cathin), sie werden v.a. im Jemen gekaut.3 Vor einigen Jahren haben Forscher der Universität Texas behauptet, dass Amphetamin und Methamphetamin in zwei dort heimischen Akazien-Arten natürlich vorkommen. Die Forschungs-Resultate liessen sich aber nicht bestätigen oder erhärten.

Methamphetamin wird aus Ephedrin synthetisiert (es gibt noch einen anderen Weg dahin), die Synthetisierung von Amphetamin geschieht wahrscheinlich über Norephedrin oder Norpseudoephedrin, also auch Alkaloide der Ephedra. Als in den 1920ern Methamphetamin synthetisiert wurde, begann die medizinisch-pharmazeutische Nutzung der Amphetamine, für diverse Leiden. Amphetamin und seine Derivate wirken in Gaben von wenigen Tausendstel Gramm, kamen und kommen in diesen Dosen in den (legalen und illegalen) Handel. Auch diese Drogen begannen also als Medizin. Auch hier wurde das natürliche Mittel durch konzentrierte, synthetische abgelöst.4 Die Pharma-Industrie begann mit Substanzen die später als Drogen verboten wurden, ihre Entstehung kam mit der Isolierung und dann Verfeinerung und Verarbeitung pflanzlicher Wirkstoffe, sie wurde damit gross. Die “Entdeckungen” waren Isolierungen. Die Natur wurde ins Labor eingesperrt und verhört. Drogen-Konsum bzw Rausch wurde vom Kult, vom Religiösen, getrennt.

Aus der Selbstversorgung wurde ein Kommerz, dominiert von Konzernen des Westens. Fast alle synthetischen Drogen wurden in Deutschland entwickelt, waren ursprünglich Medikamente: Kokain, Heroin, Morphium, Amphetamin,… Vieles von dem, was heute in illegalen Drogenlabors hergestellt wird, stammt von deutschen Pharma-Konzernen und Chemikern und wurde von der “medizinischen Gemeinschaft” im Westen als Medizin empfohlen. Die Pharmaindustrie, Apotheker, Ärzte und Gesundheitsbehörden haben Speed in all seinen Formen eingeführt, nicht die “Hells Angels” oder mexikanische Kartelle oder Hippies. Der Grad zwischen medizinischem Gebrauch und Miss-Brauch ist hier ein sehr schmaler. Chemische Aufputschmittel wurden/werden gegen Depressionen, Hypertonie, Müdigkeit, Narkolepsie, Schmerzen, Asthma, Kreislaufschwäche, für Konzentration, Ausdauer, Laune,… produziert und eingesetzt.

Im Zweiten Weltkrieg wurden Methamphetamin- und Amphetamin-Präparate in den Armeen Deutschlands („Pervitin“), Japans (“Philopon”), der USA („Benzedrin“) und Grossbritanniens eingesetzt, um Soldaten wach, motiviert und aggressiv zu halten. Die Achse also auf Meth, die Alliierten auf (eigentlichem) Speed. Der 1. Weltkrieg wurde grossteils auf “Koks” geführt, der zweite auf “Speed”. In Armeen werden Speed-Präparate auch nach diesem Krieg benutzt. Kriegsverbrechen und Fehler sind in vielen Fällen auf diese Drogen zurück zu führen. Der Krieg half auch der Verbreitung “speediger” Medikamente in der westlichen Welt enorm, in der Zivilgesellschaft, brachte den Durchbruch für Amphetamin und Methamphetamin, nicht nur durch süchtiges Militär-Personal. Nach dem 2. WK begann, unter der Führung der USA, auch ein strengeres Drogenregime. Aber, bis Amphetamin, Methamphetmin oder MDMA illegal wurden, dauerte es ohnehin noch.

Bei den Wirkungen der Speed-Mittel sind starke Gemeinsamkeiten auszumachen, nur MDMA/Ecstasy wirkt etwas anders.5 Amphetamine wirken (hauptsächlich) auf das Zentralnervensystem, fördern die Freisetzung von Adrenalin, ähneln diesem körpereigenen Stoff. Sie sind stark stimulierend und Antrieb steigernd, verbessern das Durchhaltevermögen. Die “Leistungssteigerung” ist relativ und gefährlich. Körperliche Reserven werden bis zum Zusammenbruch ausgeschöpft; Amphetamine und Ecstasy verleihen nicht etwa Energie, sie nehmen sie im Endeffekt weg. Die Mittel erlauben Dauerleistungen, fördern das Draufgängertum; aber bringen keine echte Mehrleistung in der Qualität (bzw der Konzentration), eher Schlampigkeit/Schlendrian. Studenten können darauf länger lernen aber nicht wirklich besser verstehen/merken. Diese Mittel bewirken ein erhöhtes Selbstgefühl, eine letztlich trügerische Selbstsicherheit; man wird unkritisch ggü sich, grundlos optimistisch. Sie fördern einen gewissen Egoismus und Aggression.

Hemmungen werden abgebaut, Aggressivität wird gefördert durch Upper, eine gewisse Verantwortungslosigkeit im Handeln ist die Folge. Dies wie auch die Euphorie kann als Nebenwirkung wie auch als Teil der “eigentlichen” Wirkung gesehen werden… Die aufputschende wie auch die euphorisierende Wirkung liegt der Nutzung dieser Mittel aus “Hedonismus” zu Grunde. Speed-Mittel wirken ausserdem leicht schmerzstillend, fördern den Rededrang sowie die sexuelle Lust. Besonders bei hohen Dosen und langem Gebrauch stellen sich Wahnvorstellungen, Verfolgungswahn, Halluzinationen, Schlafprobleme ein, als Neben-Wirkungen bzw Schattenseiten des Wirkungsspektrums. Einer Up-Phase (Hoch) folgt die Down-Phase (ein Tief). Speed hat grosses Sucht-Potential und ruft auf Dauer schwere Gesundheitsschäden hervor, auch im psychischen Bereich (z. B. gesteigerte Aggressivität, geistige Verwirrung, Wahnvorstellungen, Depressionen).

In der Arbeitswelt, im Leistungssport, in der Freizeit, für das Feiern wurden & werden Speed-Mittel eingesetzt, von LKW-Fahrern, Studenten, Soldaten, Sportlern, Künstlern, Medizinern, wo es um Konkurrenz bzw Druck geht eben so wie für das Vergnügen, sie wurden verabreicht zur Schaffung von Arbeitstieren oder Kampfmaschinen, werden von Schülern für Videospiele genommen und von Hausfrauen als Aphrodisiakum, Bedarf gibt es vielerorts, für den Abbau von Hemmungen oder die Unterdrückung von Müdigkeit.

Wenn vom “Missbrauchspotential” dieser Medikamente (und alle hier behandelten Mittel waren das einmal, einige nach wie vor) die Rede ist, wäre die Frage nach ihrem berechtigtem Einsatz zu klären. Die Grenzen zwischen intendiertem Gebrauch, „zweck-orientiertem Missbrauch“ wie von Sportlern und Soldaten sowie der Verwendung als “Rauschmittel” sind nicht so klar zu ziehen… Die Wehrmachts-Soldaten, die mit Methamphetamin ihre Ausdauer und ihr Draufgängertum steigerten (bzw die Generäle und “Politiker” für sie), schätzten schliesslich die selbe Wirkung wie „Kids“ der Party-/Technoszene die länger tanzen und feiern wollen oder Rüdiger Nehberg, der bei Extrem-Touren “Captagon” verwendete (erwähnt/empfiehlt es in seinem Buch „Survival“).

Wann hört der on-label-Gebrauch auf und beginnt der off-label-Gebrauch? Ist Töten und das Ausschalten von psychischen und physischen Hemmungen wirklich anständiger als das Feiern bzw das subjektive Gefühl von Wohlsein?! Der vorgesehene Gebrauch von Amphetamin und Ähnlichen war eben das Aufputschen bzw das Ausschalten von Vorsichts-Signalen. Und: Nicht umsonst wurde Amphetamin früher auch als Anti-Depressivum eingesetzt. Der Missbrauch war selten so klar wie bei Jenen, die Amphetamin-Asthma-Inhalatoren öffneten um die Wirkstoffe “anders” zu konsumieren (siehe unten).

Was man wahrscheinlich sagen kann, ist, dass “nicht-medizinischer” Gebrauch von Speed-Mitteln in Vergangenheit und Gegenwart meist von höheren Dosen gekennzeichnet ist. Und Dosissteigerungen erhöhen auch das Suchtpotential dieser Mittel. Oft ist hier auch ein Mischkonsum gegeben, zB mit Alkohol als “Verstärker”, oder mit “Downern” als “Gegenmittel”; beide Kombinationen haben ihre Gefahren. Die Erkenntnisse über ihre Gefahren (“Missbrauch” und “Nebenwirkungen”) kamen spät. Pharmazeutische Firmen investieren mehr in Marketing als in Forschung. Aber sie kamen; und Amphetamin, Meth, MDMA & Co machten eine Wandlung von Medikament zur Droge durch, von der Medizin zur Krankheit. Die körperliche Entwöhnung soll leichter sein als von Opiaten und Kokain.

Ist Speed eine rechte Droge? Nicht nur seine Verwendung im Weltkrieg auf der Seite der Achsenmächte wäre dafür ein Anhaltpunkt. Man kann es auch als (von der Natur wegführende) Chemie-Droge und als Stütze der Leistungsgesellschaft sehen. Und besonders in den 1960ern und 70ern wurde es auch vielerorts so gesehen. Speed-Mittel sind eine Art Antithese zu den Opiaten und zu den Halluzinogenen – die eher eine Auseinandersetzung mit sich selbst fördern, die die Gesellschaft friedlicher machen sollen, die (zT) Naturdrogen sind. Lediglich MDMA war in den linken Strömungen gut angeschrieben.

Amphetamine machten die Wandlung von der Verherrlichung (als Wundermittel; bzw Verharmlosung) zur Verteufelung durch. Einschränkungen und Verbote, die ab den 1970ern kamen, bewirkten Verschiebungen in den Untergrund. Seit den 1990ern sind in den meisten Ländern die meisten Speed-Präparate verboten. Für den Schwarzmarkt bedeutete das eine Belebung. Amphetamine sind mittlerweile die häufigste Grundsubstanz für neu entwickelte Drogen. Würde man Valium oder Ritalin verbieten, würde es auch wie Heroin oder Methamphetamin illegal hergestellt und verkauft werden.

Sport-Doping war lange von Speed-Mitteln dominiert, hauptsächlich von Amphetamin und seinen Derivaten, auch Methamphetamin spielte eine Rolle. Doping mit Amphetaminen verbreitete sich ab den 1930er-Jahren, also ziemlich am Anfang des modernen Sports, und blieb zumindest in die 1980er hinein dominant. Das Amphetamin-Mittel “Benzedrine” war das Dopingmittel bei Olympia 1936, als entsprechende Kontrollen noch in weiter Ferne waren. Klarerweise spielt Doping in Ausdauer- und Kraft-Sportarten die grösste Rolle. Und Radsport ist dabei an erster Stelle zu nennen. Auch bei Bergsteigern machen Amphetamine in gewisser Hinsicht Sinn. Hermann Buhl, österreichischer Erstbesteiger des Nanga Parbat (in Pakistan) 1953 etwa nahm Amphetamin oder Methamphetamin, zu Zeiten als beide Mittel noch ziemlich leicht zu bekommen waren.

Der dänische Radrennfahrer Jensen starb bei Olympia in Rom 1960; aufgrund eines Hitzschlags fiel er beim Mannschaftszeitfahren vom Rad und brach sich den Schädel. Ausser mit Nicotinylalkohol soll er auch mit Amphetamin(en) gedopt gewesen sein. Der Brite Simpson kam bei der Tour de France 1967 ums Leben, durch Flüssigkeitsverlust; das Amphetamin das er genommen hatte (neben Alkohol), schaltete Warnsignale seines Körpers aus. Jacques Anquetil war zur selben Zeit wie Simpson aktiv, dopte sich wie dieser mit Amphetamin, war wie dieser ziemlich offen darüber (was damals keine Konsequenzen hatte); seine tödliche Krebs-Erkrankung soll durch das jahrelange Aufputschen bewirkt worden sein.

Laurent Fignon wurde in den 1980ern mehrmals des Dopings mit Amphetaminen überführt, was damals schon Konsequenzen hatte. In den 1990ern kamen bessere Methoden, Hormon- und Blut-Dopings. Fignon hörte ziemlich genau da auf, als das anfing. Seine Krebserkrankung soll keinen Zusammenhang mit seinem früheren Dopen gehabt haben. Jan Ullrich wurde noch in den 00ern des Amphetamin-Dopings überführt.

Erst in den 1960ern begannen Sportfunktionäre verstärkt über Verbote und Kontrollen von Dopingkontrollen nach zu denken. Jensens Tod war ein wichtiger Auslöser dafür. Auch der Tod des deutschen Boxers “Jupp” Elze 1968 im Ring infolge von Doping mit “Pervitin” (Methamphetamin) soll dabei eine Rolle gespielt haben. Bei den Olympischen Spielen 1968 (Mexiko Stadt / Grenoble) war es so weit. Diverse Sportarten bzw -verbände folgten. Die Mittel entwickelten sich  weiter und mit ihnen die Kontrollen. Wie die Verbote bzw Einschränkungen von Speed-Mitteln in den allgemeinen Gesetzen kamen auch jene im Sport in den 1970ern auf Touren.

Fussball-Tormann Harald Schumacher schrieb in “Anpfiff” (87) u.a. vom Doping mit “Captagon” in der Bundesliga. Das dürfte in den 70ern und 80ern im (west-) europäischen Fussball üblich gewesen sein dürfte, auch der Österreicher Kriess schrieb darüber (“vor wichtigen Spielen, meist von Spielern selbst organisiert”). Auch andere Amphetamin-artige Mittel sowie Ephedrin-haltige Hustensäfte wurden dafür verwendet. Als strenge Kontrollen kamen, war damit Schluss. Maradona wurde bei der WM 94 mit Ephedrin erwischt. Dann kam Doping mit Anabolika (zB Nandrolon) oder Kokain (wie bei Caniggia). Der Nutzen des Aufputschens ist beim Fussball fraglich, im Gegensatz zu Radsport oder Leichtathletik kommt es da ja nicht nicht überwiegend auf die körperlichen Kräfte bzw die Ausdauer an. Andre Agassi dopte sich mit Meth.

Die 1980er waren das Jahrzehnt, in dem USA-Präsident Reagan die Weltpolitik dominierte6 und sich der Kalte Krieg dem Ende zuneigte. Der Unterschied zu den liberalen 1970ern kommt gut zum Ausdruck, wenn man die Teile 1 und 2 vom Film “Rocky” mit den Teilen 3 und 4 vergleicht… Speed-Mittel wurden (und das betrifft die westliche Welt) zu einem guten Teil von Kokain abgelöst; auch weil für diese Mittel inzwischen überall starke Einschränkungen galten. Dem Westen ging es gut, das war die Hauptsache. Angesagt waren Individualismus, Technologie, Leistung, Geschwindigkeit, Schlankheit. Jede Drogenwelle drückt Zeitgeist aus, für die 80er steht das Koks.

Drogen und Politik… Dazu gehört das Aufputschen von Soldaten durch Politiker wie deren eigener Drogenkonsum, auch der Handel mit Drogen. Konservative geiseln Liberale wegen ihrer “Toleranz” ggü Drogen; sie nehmen selbst welche. Dan Carlin hat einen Podcast über den Einfluss von Drogen (inklusive Alkohol) auf geschichtliche Ereignisse und Personen gemacht, redete auch über Personen, die er “nachträglich” einem Drogentest unterziehen würde.

Was Speed betrifft, die meisten Mittel sind vom (legalen) Markt verschwunden, “Ritalin” ist eines der wenigen da noch verfügbaren; die anderen, besonders “Meth” und “Ecstasy”, sind den Weg in den Untergrund gegangen.

Amphetamin

Amphetamin ist die Stammverbindung der Substanzklasse Amphetamine, der etliche weitere psychotrope Substanzen angehören, unter anderem Methamphetamin und das in der Natur vorkommende Ephedrin. Amphetamin wurde erstmals 1887 in Deutschland synthetisch gewonnen, vom rumänisch-jüdischen Chemiker Lazăr Edeleanu. Edeleanu synthestisierte es an der Humboldt-Universität in Berlin, aus Meerträubchen. Er nannte den Stoff “Phenylisopropylamin”. Das später “Amphetamin” Genannte ist dem Ephedrin (das im selben Jahr von Nagayoshi Nagai isoliert wurde) chemisch-pharmazeutisch verwandt. Edeleanu stammt aus der Moldau, wurde in jenem Jahr geboren, als erstmals ein “Rumänien” entstand, 1861. Schule in Bukarest, Studium im Deutschen Reich. Die Amphetamin-Erstsynthese war Teil der Grundlagenforschung für seine Promotion. Er wandte sich dann dem lukrativeren Erdöl zu.

Edeleanu interessierte sich nicht für die pharmakologischen und psychoaktiven Eigenschaften des von ihm entwickelten Stoffes; seine diversen Wirkungen wurden erst Jahrzehnte später erforscht und genutzt. Die Synthese des Amphetamin ist auch in Internet-Zeiten relativ geheim. Ausgangssubstanz ist jedenfalls in der Regel Phenylaceton, auch Phenyl-2-propanon, P2P, Benzylmethylketon genannt. Die Synthese erfolgt dann nach dem so genannten Leuckart-Verfahren. Ein anderer Weg ist der durch die Reduktion der Ephedra-Alkaloide Norephedrin oder Norpseudoephedrin.

Die englischen Physiologen Barger und Dale entdeckten 1910, dass Amphetamin bzw Phenylisopropylamin dem Hormon Adrenalin chemisch ähnlich ist. Für Amphetamin gab es aber weiter keine pharmazeutische Verwendung. Der US-amerikanische Chemiker Gordon Alles änderte das ab 1927, als er zunächst das Amphetamin neu synthetisierte (er wusste nichts von Edeleanus Entwicklung) und es Beta-Phenyl-Isopropylamin nannte. Alles forschte in Kalifornien an einer Verbesserung, dann an einem Ersatz für Ephedrin (aus Meerträubel/Ephedra gewonnen) als Mittel bei Asthma (sowie Allergien,…). Es sollte ein günstigeres und einfacher zu synthetisierendes Mittel als Ephedrin sein. Dieses wurde in USA vom Pharma-Konzern Eli Lilly produziert und vertrieben.

Alles testete das Amphetamin an sich selbst, wie das in den früheren Tagen der Medikamenten-Forschung so üblich war, liess es sich zB von einem Kollegen injizieren. Dann erprobte er es an Patienten (auch oral), hauptsächlich an solchen, die an Asthma litten. Auch Tiere sollen zum Einsatz gekommen sein. Gordon Alles gab dem Amphetamin seinen Namen und erforschte (an der Universität Kalifornien, mit Anderen) seine physiologischen Wirkungen; die psychoaktiven Eigenschaften nur annähernd. Er stellte vor allem die bronchienerweiternde fest. Zu den frühen Indikationen zählten neben Asthma Heufieber und Verkühlungen. Nachdem Alles seine Forschungsresultate 1929 veröffentlicht hatte, liess er sich 1932 Amphetamin (als Sulfat und Hydrochlorid) als seine Erfindung patentieren. Zumindest hatte er es als Medikament entdeckt.

Von Gordon Alles stammt auch der Name “Amphetamin”, der sich aus der heute veralteten chemischen Bezeichnung alpha-Methylphenethylamin ableitet. Auch “(Beta-)Phenyl-Isopropylamin” ist lange nicht mehr aktuell. Der offizielle IUPAC-Name ist 1-Phenylpropan-2-amin (bzw d-1-1-Phenyl-2-aminopropan, Summenformel: C9H13N). Es existieren zwei Isomere des Amphetamin: Das Dextroisomer (d-isomer, Dexamphetamin, D-Amphetamin), das vor allem für die Hauptwirkungen wie Stimulation, Appetithemmung oder erhöhtes Selbstgefühl verantwortlich ist. Und das Levoisomer (l- isomer, Levoamphetamin, L-Amphetamin), das die körperlichen, peripheren Wirkungen wie erweiterte Pupillen, Mundtrockenheit und vermehrte Schweissbildung hervorruft.7 „Amphetamin“ bezeichnet eigentlich die 1:1-Mischung (Racemat) aus L-Amphetamin und D-Amphetamin (D,L-Amphetamin). Da “Benzedrine” die erste Vermarktung von Amphetamin war, wurde dieser Markenname ein Synonym für die Substanz.

Smith, Kline & French (SKF)8 brachte irgend wann zwischen 1928 und 1935 (darüber variieren die Quellen) Amphetamin als Inhalator/Bronchodilatator (Bronchospasmolytikum) unter dem Marken-Namen “Benzedrine” in USA auf den Markt. Es war ein Mittel zur Erweiterung der Bronchien, das bei Asthma oder Atemwegserkrankungen zum Einsatz kam. Amphetamin (racemisches α-Methylphenethylamin) war darin als flüssige freie Base enthalten. Es sollte das als aus Meerträubel/Ephedra gewonnene Ephedrin (wie es von Lilly vertrieben wurde) als Asthmamittel ablösen, ein billigerer synthetischer Ersatz dafür sein. “Benzedrine” kam später auch in Deutschland auf den Markt, dort als “Benzedrin”.

Die erste Vermarktung von Amphetamin kam zur Zeit als Alles dazu noch weiter forschte. Es ist unklar, inwiefern sich SKF ursprünglich auf dessen Arbeit stützte. Jedenfalls gab es bald nach der Markteinführung von “Benzedrine” eine Einigung zwischen Smith, Kline and French und Alles. SKF patentierte seinen Inhalator bzw das basische Amphetamin kurz nach Alles’ Patent, 1933. 1934 bekam Alles bei SKF in Philadelphia Forschungsmöglichkeiten und Geld, dafür transferierte er seine Rechte bzw sein Patent an die Firma.

Nun stellte sich für die Firma die Frage, wofür Amphetmin noch zu verwenden sei. SKF forschte dazu, nicht zuletzt Gordon Alles. Und es fanden sich Nutzungsmöglichkeiten. Die stimulierende Wirkung empfahl Amphetamin als Medizin für Narkolepsie. Auch das Zittern von Parkinson-Patienten liess sich damit behandeln. Dann wurde auch die Psychoaktivität des Stoffes erkannt; dass es das auslöst, was Alles “Wohlbefinden” nannte. Amphetamin ist stimulierend nicht nur in körperlicher, auch in seelischer Hinsicht. Amphetamin heilt(e) nicht wirklich etwas, es liess Einen sich aber besser fühlen. Damit war es auch als Psychotonikum geeignet.

In der USA funktionierte es mit der Zulassung von Medikamenten damals so, dass es eigentlich nur eine Hürde zu überwinden galt: Um Ärzte zu erreichen, musste man in medizinischen Fachzeitschriften inserieren, und dafür brauchte es eine Genehmigung der American Medical Association (AMA). Und um die zu bekommen, waren Versuche, Studien, Erprobungen vorgeschrieben. 1937 wurde “Benzedrine” in Tabletten-Form (also als Sulfat) von der AMA für Narkolepsie (Schlafkrankheit), Parkinson und Depression zugelassen. Die “Benzedrine”-Tabletten wurden ein Verkaufserfolg, auch weil SKF sie gegenüber Ärzten in der USA bewarb mit: “…the main field for Benzedrine Sulfate will be its use in improving mood.”

Amphetamin in Tabletten-Form von SKF wurde in den 1930ern das erste psychoaktive (chemische) Medikament (Psycho-Pharmakum), das erste synthetische Anti-Depressivum, zunächst in der USA. Man entdeckte weitere Wirkungen und es kamen weitere Anwendungsgebiete dazu. Ärzte verschrieben es lethargischen Patienten zur Einnahme vor dem Frühstück. Zur Leistungssteigerung, bei Stress, Erkältungen, Allergien, als Appetithemmer/ zur Gewichtskontrolle, bei Schwangerschaftserbrechen, Kater (Alkoholintoxikation), als Heuschnupfenmittel, bei Impotenz, Ozaena. Der “Benzedrine”-Inhalator war in der USA lange ohne ärztliche Konsultation in Apotheken erhältlich. Die Erhältlichkeit der Amphetamin-Pillen dieser Marke wurde früher eingeschränkt, ab 1939 brauchte man daür die Verschreibung eines Arztes, eine solche war aber leicht zu bekommen.

Eine der ersten wirklichen Studien zu Amphetamin(en) wurde 1935 in Los Angeles von einem Arzt namens M. H. Nathanson durch geführt. Er verabreichte  “Benzedrine” an Mitarbeiter des Krankenhauses in dem er arbeitete. Hauptsächlich wurden die physisch und psychisch stimulierenden Effekte behandelt. 1937 vergab der Psychiater Charles Bradley, ebenfalls in der USA, in einer Studie “Benzedrine” an “verhaltensauffällige” Kinder (ADHS war damals kein anerkanntes Krankheitsbild), deren Störungen sich daraufhin besserten. Er wiederholte die Studie im Jahr 1941. Bradleys Studien gelten als grundlegend für die Psychopharmakotherapie von Kindern.

Studenten benutzen “Bennies” (Einzahl “Benny”, Benzedrine-Tabletten) ab den 1930ern zum Durchlernen von Nächten. Bei Olympia 1936 in Nazi-Deutschland wurden sie als Dopingmittel miss-braucht. Im “Benzedrine”-Inhalator gegen Asthma waren mit Amphetamin imprägnierte Papierstreifen. Auch hier entdeckten Benutzer “Neben-Wirkungen” (das Stimulierende), und bald gab es Menschen, die das Präparat ihretwegen nahmen. Was beim Inhalator schwieriger war. Andererseits war der Inhalator billiger und lange in Apotheken problemlos zu bekommen. Der Inhalator war für diesen Missbrauch zu öffnen. Dort fand man ein unangenehm riechendes orangenes Papier, auf dem zu lesen war (in USA): “WARNING: AMPHETAMINE 250 mg. DO NOT TAKE INTERNALLY”

Werbung für den “Benzedrine”-Inhalator

Die Papier-Streifen wurden raus genommen und gekaut, zu Bällchen gerollt und geschluckt, oder in Alkohol oder Kaffee aufgelöst. Die “Benzedrine”-Papiere wurden auch in Gefängnisse geschmuggelt. Auch wurden die Papierstreifen in Wasser gelöst und injiziert. Als Reaktion auf Berichte darüber wurden die mit Amphetamin getränkten “Benzedrine”-Inhalatoren mit anderen Chemikalien versetzt.

Im 2. Weltkrieg wurde Amphetamin in grossen Mengen an Soldaten verabreicht, um Aufmerksamkeit und Draufgängertum (bzw Kampfmoral) bei ihnen zu fördern. Vor allem auf Seite der Alliierten, die Achsenmächte verwendeten eher Methamphetamin, wie im Abschnitt darüber zu lesen ist. 1940 begannen die Militäre von Grossbritannien und USA (vor ihrem eigentlichen Eintritt in den Krieg) mit chemisch-pharmazeutischen Forschungen Aufputschmittel betreffend. Zur Freude von SKF entschieden sich beide Staaten hauptsächlich für “Benzedrine”-Tabletten, also Amphetamin-Sulfat. Daneben setzten sie Dextro-Amphetamin-Präparate ein und machten das Methamphetamin der Deutschen nach.

Die “Wakey, wakey Pills” genannten Tabletten wurden nicht zuletzt Piloten verabreicht, die es v.a. auf langen Flügen verwendeten. Auch Notfalltaschen in Kampfflugzeugen wurden damit ausgestattet. Es gab Regeln und Grenzen für den Gebrauch des Amphetamins und Methamphetamins – aber diese wurden nicht sehr genau beachtet. Die Mittel verbesserten nicht wirklich die kognitiven Fähigkeiten der Soldaten, sie liessen sie aber wach bleiben und sich oft überschätzen. Die Konsequenzen bzw Nebenwirkungen der “verdrängten” Erschöpfung waren zB Halluzinationen und Paranoia.

Bett schrieb in seinem Artikel 1946 (s.u.), dass im Krieg etwa 150 Millionen “Benzedrine”-Tabletten in den Heeren von von USA und UK  im Umlauf waren. Dieser Krieg kurbelte den Amphetamin-Gebrauch global enorm an. Viele von jenen Soldaten und Offizieren, die es im Krieg nolens volens konsumierten, konnten danach nicht davon lassen. Aber nicht nur deshalb und weil es in vielen Armeen Teil medizinischer Vorräte wurde, breitete sich “Benzedrine” aus. Einmal in diesen Maßen in Umlauf gekommen, gab es auch von vielen Zivilisten Nachfragen danach. Das betraf in erster Linie die USA, wo in den 1940ern eine richtige Welle losging. Das Anhängigkeits-Potential von den Amphetamin-Tabletten spielte für Ärzte, Apotheker, Pharma-Manager, Politiker vor dem Krieg keine Rolle, während diesem schon gar nicht und danach dauerte es auch noch eine Weile, bis diese bekannt wurde und Konsequenzen gezogen wurden.

Für Smith, Kline & French lief das Geschäft gut. Und dann brachte der Konzern noch “Dexedrine” auf den Markt, zuerst in der USA. Es werden hierbei verschiedenen Jahre genannt, einigen Angaben zufolge gehörte das Präparat schon zu den im Krieg eingesetzten Mitteln; jedenfalls kam es in den 1940ern heraus. Der Wirkstoff der “Dexies” genannten Pillen war Dextro-Amphetamin, die potentere der zwei Amphetamin-Formen. Das Mittel wurde für eine Reihe von Leiden empfohlen, als Appetithemmer, gegen die Schlafkrankheit, zur besseren Konzentration,…

Alles’ Patent lief 1949 aus, damit verlor SKF sein Monopol darauf. Andere Firmen in der USA brachten Amphetamin-Mittel heraus. Pharmazeutische Firmen warteten nicht lange, um ebenfalls Amphetamin-Präparate auf den Markt bzw in die Apotheken zu bringen. Manche warteten nicht einmal bis zum Auslaufen des Patents, Clark & Clark etwa dürfte schon vorher Amphetamin produziert und vermarktet haben.9 Es gab in den 1950ern diverse Marken(namen), diverse Mischungen bzw Formen (anscheinend meist Dextro-Amphetamin als Tabletten), diverse Indikationen. Preise gingen hinunter und der Verbrauch stieg noch einmal dramatisch an. Auch Inhalatoren und injizierbare Formen von Speed waren dabei. Die US-Amerikaner sind die grössten Konsumenten pharmazeutischer Produkte, und das kam mit Speed ins Laufen. 1949 gestattete die AMA auch die Bewerbung von Amphetaminen als Appetithemmer.

1949 nahm SKF “Benzedrine”-Inhalatoren vom Markt, ersetzte sie durch “Benzedrex”. Der Name änderte sich und die Rezeptur. Propylhexedrin wurde der Wirkstoff. “Benzedrex”-Inhalatoren waren weniger potent, hatten aber auch Missbrauchs-Potential. Um 1950 herum wurden Amphetamin-Inhalatoren in USA  verschreibungspflichtig. Dennoch, aufgrund des ausgelaufenen Patents von SKF brachten andere Firmen neue Inhalatoren raus. Lilly brachte “Tuamine” oder “Forthane”10 raus, auch “Wyamine”, “Nasal-Ato” oder “Valo” wurden eine Konkurrenz für “Benzedrex”. “Valo”-Inhalatoren von Pfeiffer enthielten 150 mg Methamphetamin. Dieses wurde von findigen Benutzern gelegentlich extrahiert und injiziert.

SKF führte in den frühen 1950ern ein Kombinations-Präparat in den Markt ein, “Dexamyl”, das neben Dextro-Amphetamin auch ein starkes Beruhigungsmittel (das Barbiturat Amobarbital) gegen dessen Nebenwirkungen enthielten; eine Kombination, die heute als wenig sinnvoll und riskant angesehen wird. Es wurde gegen mentalen Stress nahe gelegt, als nicht schläfrig machendes Beruhigungsmittel oder als Aufputschmittel das einen nicht zu sehr aufdreht. Ausserdem als Appetithemmer bzw Schlankheitsmittel. Es wurde in den 1960ern von Sportlern zum Doping verwendet. Aufgrund ihres Erscheinungsbilds wurden die “Dexamyl”-Dragees, die auf den Schwarzmarkt gelangten, “Christmas Trees” (Weihnachtsbäume) genannt. In GB war “Drinamyl” der Markenname und die Tabletten wurden “Purple hearts” genannt. Auch andere Firmen brachten solche Kombi-Präparate heraus. Abbot etwa “Desbutal” (aus seinem “Desoxyn”/Methamphetamin und Butabarbital) oder Robin “Ambar”, aus “Meth” und Phenobarbital.

In den 1950ern wurde Amphetamin von Medizinern auch gegen Depressionen eingesetzt. Es wurde als Gegenmittel bei Barbiturat-Vergiftungen verwendet. Manche Berufs-Gruppen, wie LKW-Fahrer, Studenten, Sportler, benutzten es zur Leistungssteigerung bzw zum Bewältigen ihrer Tätigkeiten. Die Sorgen über den Gebrauch von Amphetaminen begannen in den 50ern. Die Indikationen für diese Mittel waren teilweise unscharf definiert, und damit auch der Missbrauch; etwas stimmungsaufhellendes und antreibendes konnte fast Jeder gebrauchen. Selten war der Fall so eindeutig wie bei Jenen, die Amphetamin auflösten und injizierten, es eindeutig als Rauschdroge benutzten. Es gab auch andere Formen von “Speed-Freaks”, wie Elvis Presley.

Die Verschreibungspflicht von Amphetamin begann in den meisten Ländern in den 1950ern. Und, es werden erste Fälle von illegal produziertem Amphetamin bekannt. In USA machte die Food and Drug Administration (FDA) 1959 “Benzedrine” und andere Amphetamin-Präparate verschreibungspflichtig, ausserdem wurden Amphetamine-basierte Inhalatoren verboten; als Reaktion auf die missbräuchlichen Verwendungen. Das Verbot der Inhalatoren bezog sich auf solche mit Amphetamin und Dextro-Amphetamin – nicht jene mit dem stärkeren Methamphetamin, wie “Valo”. Somit wurden in USA ab 59 verstärkt solche Inhalatoren (oder mit anderen nahen Verwandten des Amphetamins) auf den Markt geworfen. Darunter auch jener von Vicks11, “Vick’s Vapoinhaler”, der Desoxyephedrin enthielt, was ein anderer Name für Levo-Methamphetamin ist. Auch “Benzedrex” mit seinem Propylhexedrin behauptete sich, viele andere Inhalatoren damit kamen heraus.

Missbrauch und Nebenwirkungen von Amphetaminen wurde erst in den 1960ern wirklich ein Thema. Aufgrund der Verbreitung waren dies nun nicht mehr zu übersehen. Amphetamin konnte süchtig machen, nicht nur eine “Gewohnheit” bilden, wie Koffein, das wurde allmählich klar. Die Nebenwirkungen schlossen ernste körperliche und seelische Leiden wie Herzleiden und Psychosen mit ein. Und, auch wenn die Grenze nicht so klar zu ziehen war, der nicht-medizinische Gebrauch von Amphetamin-Mitteln nahm überhand.

Jene, die früher “Benzedrine”-Inhalatoren umarbeiteten und benutzten, wegen der euphorisierenden Wirkung hauptsächlich, fanden auch weiterhin Wege, auch um sich den Stoff zu injizieren, die Rezeptflicht war kein grosses Hindernis. Aber es dauerte noch, bis Politiker (durch Gesetze), Ärzte (mit Verschreibungen) und die Pharma-Industrie (mit der Produktion) darauf reagierten. Amphetamin, in verschiedenen Formen, wurde nach wie vor für verschiedene Leiden, von Übergewicht über Narkolepsie bis Depressionen eingesetzt. Während im Congress der USA die 1960er hindurch Einschränkungen bezüglich Amphetaminen diskutiert wurden (gebremst von der Pharma-Lobby), wurden diese dort in grossem Ausmaß von den Konzernen abgezweigt. Es entstand ein “Graumarkt”, legal hergestellte Amphetamin-Präparate wurden (mehr oder weniger) illegal (erworben und) verkauft.

Einschub: Berühmte Konsumenten und Opfer von Amphetamin

Der berühmteste war wohl John F. Kennedy, USA-Präsident 1961 bis 1963. Im Präsidentschafts-Wahlkampf ’60 begann es damit, dass er Injektionen von Max Jacobson erhielt, einem ’36 aus Deutschland eingewanderten Arzt. Die Injektionen enthielten Amphetamin oder Methamphetamin, daneben Vitamine und Hormone. Bei seinem Einsatz im 2. Weltkrieg an der Pazifik-Front war er verwundet worden, ein Rücken-Leiden hatte sich dadurch verschlimmert, machte ihm dann zeitlebens Probleme. Die Spritzen brauchte er anscheinend hauptsächlich dafür, sich über die diesbezüglichen Schmerzen und Beeinträchtigungen zu schwindeln. Irgendwie eine Ironie: Gegner im Pazifikkrieg war Japan, dessen Soldaten mit Meth aufgeputscht waren

Jacobson war nicht nur der persönliche Arzt von JFK, es heisst er behandelte auch dessen Frau “Jackie”, Truman Capote, Tennessee Williams, Cecil De Mille, “Mick” Jagger, oder den Politiker Claude Pepper, einen Anti-Drogen-Campaigner – mit demselben “Wundermittel”. Nicht umsonst bekam er den Beinamen “Dr Feelgood”. Eine Zeit lang haben sich diese Stars gut gefühlt mit den Spritzen. Kennedy bekam sie regelmäßig als Präsident, Jacobson begleitete ihn auch 1961 nach Wien zum Kalten-Krieg-Gipfeltreffen mit SU-Führer Chrustschow. Als in USA allmählich Einschränkungen für Amphetamine kamen, war der Präsident dieses Staates starker Konsument dieser Substanz und höchst-wahrscheinlich abhängig davon…

Elvis Presley war/ist wohl eben so prominent wie Kennedy und begann ungefähr zur selben Zeit wie dieser mit Amphetamin. Und zwar während seiner (freiwilligen) Militär-Zeit in West-Deutschland, 1958-60 in Hessen. Er lernte dort Amphetamin-Tabletten kennen, durch einen Vorgesetzten, also im militärischen Kontext! Und wurde „evangelikal“ über ihre Wirkung. In der BRD lernte Elvis ausserdem ja die wichtigste Frau seines Lebens kennen. Dass er Amphetamine in der Regel oral, in Tabletten-Form, einnahm, war der eine Unterschied zu JFK, der andere war, dass er auch andere Tabletten nahm, Sedative wie “Quaaludes”, sowie Codein-Tabletten u.ä. gegen Schmerzen. Es ist bei Amphetamin-Konsum nicht untypisch, sich in einen Teufelskreis der abwechselnden Einnahme von “Uppers” und “Downers” zu verstricken, wobei jedes Mittel jeweils die Nach- und Nebenwirkungen des anderen bekämpfen soll.12 Kurz vor seinem Militärdienst hatte Presley das Graceland-Anwesen in Memphis gekauft, wo er dann immer lebte. Ende der 1960er wurde George Nichopoulos sein Arzt, von diesem bekam er dann die Verschreibungen seiner gewünschten Medikamente. Wahrscheinlich geriet er durch sie in einen gesundheitlichen Teufelskreis.

Presley ging anscheind davon aus, dass die Medikamente die er nahm, nicht schlecht sein konnten, da sie legal waren, industriell hergestellt wurden, keine “Strassen-Drogen” waren, ihm von Ärzten verschrieben wurden. Dass er sie überwiegendst ausserhalb ihres (damals ohnehin sehr weit definierten) medizinischen Einsatzgebiets nahm, bedachte er nicht. Presleys Treffen mit Präsident Nixon im Weissen Haus 1970 ist auch Zeugnis seiner Einstellung.13 Beide hatten Angst vor den Umwälzungen, die damals vor sich gingen. Der Entertainer nahm gegenüber dem Politiker gegen den Drogengebrauch der Hippies Stellung und äusserte sich auch negativ über die Beatles14 und wofür sie stünden. Paul McCartney später einmal dazu: “The great joke was that we were taking [illegal] drugs, and look what happened to him”.

Presley wurde bei dem Treffen von Nixon wie von ihm gewünscht ehrenhalber zum Drogenbekämpfer ernannt. Der Tablettenabhängige bekam eine Dienstmarke des Bureau of Narcotics and Dangerous Drugs (BNDD)15 vom Präsidenten, der dabei war, den “Krieg gegen Drogen” zu beginnen und selber Pillen nahm. Von ihr verwendete Drogen sagen viel über eine Gesellschaft, ein Milieu aus. Auch im “Krieg gegen Drogen“, den Nixon begann, wurden Soldaten mit Speed-Mitteln aufgeputscht16, wie auch Elvis einst und wie auch die Soldaten des 2. Weltkriegs, der gewissermaßen den Durchbruch für Speed gebracht hatte. Der Tod von Presley mit 42 Jahren ist wahrscheinlich auf seinen Medikamenten-Konsum zurück zu führen. Anscheinend nahm er auch in seiner letzten Nacht wieder Schmerzmittel auf Opiat-Basis, Beruhigungs-/Schlafmittel sowie amphetamin-artige Aufputschmittel.

“On the Road” von “Jack” Kerouac entstand auf “Benzedrine”, spielt im Roman aber keine Rolle (aber in anderen Werken der Beat-Literatur). Der Beatnik, ein schwerer Alkoholiker, schrieb ihn innerhalb 3 Wochen, auf Speed. Sartre nahm Amphetamin, heisst es, und zwar ein Präparat namens “Corydrane” (Amphetamin und Aspirin). “Johnny” Cash nahm Amphetamin und Langsame. Philip K. Dick oder Graham Greene waren auch unter jenen Schreibern, die Amphetamin-Präparate zur Leistungssteigerung nahmen. Zu jenen, die das im Sport taten, war schon etwas zu lesen. Wahrscheinlich hat auch das BRD-Fussball-Team um Fritz Walter bei der WM 1954 damit gedopt. Der britische Regierungschef Anthony Eden nahm während des Suez-Kriegs “Drinamyl”.

Auch Orson Welles, David O. Selznick, “Judy Garland”, W. H. Auden, der Mathematiker Paul Erdös, “Ayn Rand” (Alisa Znovyevna-Rosenbaum), “Annie Sprinkle”, Dalton Trumbo waren unter den Amphetamin-Konsumenten, wahrscheinlich auch Britney Spears oder Marlon Brando. Scientology-Scharlatan Lafayette R. Hubbard empfahl die Verabreichung von “Benzedrine” bei der Anwendung der Verfahren der Sekte an neuen Opfern.17 Brittany “Murphy” (Bertolotti) starb wahrscheinlich an einer (legalen) Selbstmedikation gegen eine Krankheit, die auch Levoamphetamin inkludierte. Der mäßig bekannte englische Schauspieler “Tony” Hancock verübte 1968 Selbstmord mit Alkohol und Amphetaminen.

 

Für die Beatniks wie Kerouac war “Benzedrine” die wichtigste “Muse”, aber das Mittel war damals auch ein kleiner Helfer für Hausfrauen oder Lastauto-Fahrer, besonders in der USA. Und, wie gezeigt haben auch andere Künstler oder Wissenschafter (von den 1930ern bis zu 1950ern) auf dieses Mittel gesetzt. Auch in der britischen Mod-Subkultur der 60er war Amphetamin beliebt. Die Hippies bevorzugten psychedelische Drogen. Allen Ginsberg erklärte 1965: “Speed is anti-social, paranoid making, it’s a drag, bad for your body, bad for your mind.” Aber auch ausserhalb von Flower Power verlor Speed in den 60ern an Ansehen, bzw den Status als “unschuldige” Arznei, wiederum von der USA ausgehend. Dass es amerikanische Soldaten für ihre Einsätze in Vietnam noch relativ leichtfertig verabreicht bekamen, änderte daran nichts. Drogen nahmen allgemein in den westlichen Staaten in den 60ern “überhand”, wurden ein Thema.

Ein weiterer Grund für den Niedergang der Amphetamine in diesem Jahrzehnt war, dass da neue (“echte”) Antidepressiva aufkamen, als die Amphetamine auch genutzt wurden. Daneben hat es bis dahin nur Alkohol, Opiate oder Johanniskraut als Antidepressiva gegeben. In den späten 50ern wurden die MAO-Hemmer entwickelt, so etwas wie die erste Generation von echten Antidepressiva. In Folge fiel eine Indikation für Amphetamin weg.

1965 wurden in der USA auch Meth-Inhalatoren verschreibungspflichtig, durch die Drug Abuse Control Amendments. In diesen Zusätzen wurden auch die Herstellung und der Vertrieb von Amphetamin-Präparaten eingeschränkt. Erst 1970 kam in der USA ein stärkeres Gesetz dazu, der Comprehensive Drug Abuse Prevention and Control Act (1971 in Kraft). In dessen entscheidendem Teil, dem Controlled Substance Act, wurden Drogen in 5 Klassen (Schedules) unterteilt, wobei jene in Schedule I am gefährlichsten angesehen wurden und am stärksten eingeschränkt wurden. Allerdings: Die Pharma-Industrie hat auch ihre Lobby im Congress und so wurden nur einige selten benutzte injizierbare Methamphetamin-Mittel in die Klasse II eingestuft, wohingegen die viel genützten oralen Amphetamin-Präparate in Klasse III kamen, was u.a. bedeutete, dass es keine Einschränkungen für ihre Produktion gab und eine Verschreibung dafür fünf Mal “eingelöst” werden konnte.18

Was die Politiker nicht fertig brachten, tat die Drogenbehörde BNDD. Die Vollmachten, die sie mit dem Gesetz 1970 bekommen hatte, nutzte sie 1971, um die Amphetamine in Klasse II einzustufen. Die Mittel in dieser Klasse dürfen von der Industrie nur in bestimmten Mengen produziert werden, Herstellung, Handel, Besitz damit/davon ohne Genehmigung sind strafbar, eine Verschreibung dafür muss jedes mal auf’s neue ausgestellt werden, Ärzte und Apotheker müssen über ihre Verschreibung/Abgabe Buch führen. Die Verschreibungen bzw der Konsum der betreffenden Mittel in der USA gingen durch die Neu-Regelung stark nach unten; offenbar war der medizinische Gebrauch bzw die Indikation schwer zu rechtfertigen. Und, es fand eine Verschiebung zum Schwarzmarkt hin statt. Von der Industrie hergestellte Pillen waren bis dahin viel “auf die Strasse” gekommen, nun kam auch die “private”, illegale Herstellung allmählich auf Touren.

Auch auf internationaler Ebene und in anderen Staaten kamen spürbare Einschränkungen für Amphetamine in bzw ab den 70ern. In der BRD war Amphetamin bis Anfang der 1980er zB in Form von “Benzedrin” relativ leicht über den Arzt erhältlich. Im 1981 neu gefassten BtMG ist Amphetamin in Anlage III aufgeführt, was Handel, Besitz und Herstellung ohne Genehmigung unter Strafe stellt, es kann allerdings vom Arzt verschrieben werden. Heute ist das (kaum psychoaktive) Levoisomer (Levoamphetamin) in Anlage II als nicht verschreibungsfähig aufgeführt, das Racemat und das Dextroisomer (Dextroamphetamin) weiterhin in Anlage III. Amphetamin wurde nach etwa 40 Jahren eine der am strengsten reglementierten Arzneimittel; aber es blieb weitgehend ein solches, anders als Heroin oder Kokain. Wann “Benzedrine”-Tabletten (und andere Präparate mit racemischen Amphetamin als Sulphat) in den wichtigen Ländern wie USA verboten wurden und ihre Produktion eingestellt wurde, war nicht genau heraus zu finden. Es dürfte in den 1970ern gewesen sein.

Und so verschoben sich mit den Einschränkungen in den 1970ern Herstellung,  Vertrieb und Konsum von Amphetamin zu einem grossen Teil in den Untergrund. Diese “Designer-Amphetamine” bzw amphetamin-ähnlichen Mittel werden auch v.a. in der USA hergestellt. Seltener kam/kommt auch ihr Import (Schmuggel) aus Ländern vor, in denen ihre Herstellung nicht illegal war/ist. Es werden auch in der illegalen Produktion unterschiedliche Syntheserouten angewandt; beispielsweise durch Reduktion von Norephedrin (Phenylpropanolamin), oder durch Kondensation von Phenylaceton. Sehr oft enthält vorgebliches Speed aber auch nur wenig bis gar kein Amphetamin. Gerne werden die Präparate mit “minderwertigeren” Aufputschern wie Koffein oder Ephedrin sowie mit “neutralen” Mitteln wie Glucose oder Milchzucker gestreckt oder aber überhaupt daraus gemacht.

Illegales Amphetamin kommt meist als Pulver in den Handel; dieses wird geschnupft oder oral konsumiert. Bei zweiterem gibt es die “Bombe” (in Zigarettenpapier gewickelt), die Pillenform (Amphetaminsulfat) oder die Auflösung in Getränken.19 Ausserdem wird es als “Paste” (flüssige Amphetaminbase, gemischt mit Streckmitteln) hergestellt, die auch rauchbar ist. Am Schwarzmarkt hat(te) es neben “Speed” Namen wie “Pep”, “Purple Hearts”, “Ferientabletten”, “pep pills”, “Marschierpulver”, “Schnelles”, “Wachmacher”, “Speck” oder “Weisses”. Auch werden Pillen hergestellt, die aussehen wie legale (begehrte, eingeschränkte) Medikamente, aber mit anderen Inhaltsstoffen.

Das Missbrauchspotential von Amphetamin wurde durch den Boom am Schwarzmarkt bestätigt. Die gesundheitlichen Risiken des Amphetaminkonsums wurden durch Syntheseverunreinigungen und fehlende ärztliche Beratung und Aufsicht natürlich erhöht. Was das gesellschaftspolitische Klima im Westen betrifft, Punker waren wieder pro Speed; Rechte in der Regel aber auch. In den 1980ern lief aber Kokain im Westen dem (inzwischen hauptsächlich illegalen) Amphetamin den Rang ab.

Zu den Amphetamin-Präparaten zählte auch Fenetyllin, ein Amphetamin-Derivat, welches im Körper zu etwa 25% Amphetamin und ca. 13% Theophyllin freisetzt. Somit ist es auch ein Pro-Pharmakon des Amphetamins.20 Es war unter dem Markennamen “Captagon” im Verkehr, wurde ab 1961 von Merck hergestellt. Es wurde als Stimulans genutzt, in Armeen wie bei Leiden wie Narkolepsie, als Alternative zu Amphetamin und Methamphetamin.

In den 1980ern wurde es vom Markt genommen, wegen des Missbrauchpotentials. Heute wird es in einigen Ländern illegal hergestellt, sowie Generica davon. Der Unterschied dabei liegt in der “Qualität” der Herstellung sowie in der Verwendung. “Captagon” war anscheinend im sogenannten Nahen Osten (Nordafrika, Westasien) eine beliebte Jugend-Droge, seine Generica sollen es auch heute sein. Und, in der selben Region wird Captagon/Fenetyllin heute auch von den Terroristen des IS/Daesh (und anderen salafistischen Gruppen) genommen! Zur Erhöhung der Kampfmoral und so. Bei der Herstellung dafür werden auch andere aufputschende Stimulanzen dazu gemischt; ausser dass sie Sucht und anderen Gesundheitsfolgen bewirken, sollen diese Mittel daher die Fähigkeit zum kritischen Denken weg nehmen. Man spürt den eigenen Schmerz und den der anderen nicht – genau das, was für solche Mordmaschinen gewünscht ist. Das, was früher Schulkindern gegeben wurde, damit sie besser lernen, wird heute dafür verwendet…

In Syrien 2016 abgefangene Captagon-Tabletten, für IS bestimmt

Es wurden 2016 26 Millionen Pillen aus Fenetyllin und Anderem in Griechenland (in einem Container im Hafen von Piräus) sicher gestellt, in Indien produziert, für IS-Leute in Libyen bestimmt. Weitere Lieferungen wurden in Syrien, Türkei und Libanon abgefangen. Im Libanon war ’15 ein saudischer Prinz verhaftet worden, der mit seinen “Mitarbeitern” knapp zwei Tonnen Captagon weiter schaffen wollte; möglicherweise sowohl für politischen als auch unpolitischen Konsum in der Region. Theophyllin ist heute noch in Asthma-Mitteln enthalten.

Auch andere Amphetamin-Abkömmlinge mussten in den 80ern und 90ern in vielen Staaten vom Markt genommen werden. Dazu zählen Phendimetrazin (“Antapentan”), Phentermin (“Adipex”, “Mirapront”), Amfepramon (auch Diethylpropion; “Regenon”,…) und Fenfluramin. Alle vier Substanzen waren u.a. als Appetitzügler (Anorektikum) gedacht und wurden wegen ihrer physisch und psychisch stimulierenden Wirkung massiv missbraucht. Phentermin musste auch wegen Nebenwirkungen wie Lungenüberdruck vom Markt genommen werden.21 Bei Fenfluramin, das keine keine psychostimulierenden Begleiteffekte hat, vielmehr leicht sedierend wirkt, waren es auch gewisse gefährliche Nebenwirkungen, die den Ausschlag gaben. Aus Cathin (Norpseudoephedrin, Pseudonorephedrin, β-Hydroxyamphetamin) wurden/werden Appetitzügler her gestellt, etwa “X-112”. In den meisten europäischen Staaten sind diese verboten oder stark reglementiert.

Einige Amphetamin-Mittel sind verblieben, die (in verschiedenen Ländern) noch medizinisch genutzt werden. „Klassisches“ Amphetamin wird heute aufgrund des Suchtpotenzials sowie anderer Nebenwirkungen medizinisch nur noch zur Behandlung der Narkolepsie und der Aufmerksamkeits­defizit-/Hyperaktivitäts­störung (ADHS) eingesetzt. Bei ADHS in Mitteleuropa dann, wenn Methylphenidat und Atomoxetin zuvor keine oder unzureichende Wirkung zeigten oder aufgrund von unerwünschten Wirkungen nicht in Frage kommen. In der USA dagegen wird Amphetamin für die medikamentöse Behandlung von ADHS seit Jahren in der Regel Methylphenidat vorgezogen.

Etwa Dex(tro)amphetamin; “Dexedrine” ist davon noch immer eine der Marken (wird aber nicht mehr vom SKF-Nachfolger GSK hergestellt). Oder „Zenzedi“, “Procentra”. Weitere Mittel die bei ADHS und Anderem eingesetzt werden, sind “Actedron” (1-Phenylpropan-2-Amin, Racemisches Amphetamin), Lisdexamphetamin (“Vyvanse”,…), Amphetaminil (setzt Amphetamin frei; “Aponeuron”, “AN-1”)22, “Adzenys” und “Adderall”.

“Adderall” ist ein Cocktail aus den beiden Stereoisomeren des Amphetamins, in verschiedenen Formen. Es geht auf „Obetrol“ zurück, das als Mittel gegen Übergewicht heraus kam, und zunächst Amphetamin und Methamphetamin enthielt. Von einer anderen Firma wurde es dann mit einer anderen Rezeptur verkauft. 1996 kam es als “Adderall” in der USA heraus. Das erste Generikum davon kam 2002 auf den Markt. In der USA wird es v.a. bei ADHS verschrieben. Aber auch viele Studenten (ohne dieses Leiden) nehmen “Adderall” oder seinen “Cousin” “Ritalin”. Auch zum Durchhalten bei Computer-/Video-Spielen ist es sehr beliebt. Es heisst, der Kater nach dem Konsum ist sehr unangenehm.

Auch das Militär der USA, besonders die Luftwaffe, nutzt nach wie vor Amphetamin. 2002 beschossen amerikanische Kampfpiloten in Afghanistan kanadische Soldaten unter Einfluss dieses Mittels, versehentlich. Im Militärprozess wiesen die Anwälte der Piloten auch auf den Zusammenhang zwischen der Einnahme der Droge und dem Fehler hin. Das “Benzedrex”-Inhalat wird noch immer verkauft, in manchen Staaten. Hergestellt wird er von Ascher, nicht mehr von SKF bzw Glaxo. Bei Smith, Kline & French kam irgendwann ein Beckman dazu (und in den Firmen-Namen), dann ein Beechum, 2000 wurde daraus Glaxo Wellcome, mit Hauptsitz in Grossbritannien, schliesslich GlaxoSmithKline (GSK).

Auch die verbliebenen legalen Amphetamin-Präparate und amphetamin-ähnlichen werden “missbraucht, auch im Mischkonsum, auch in Wasser gelöst injiziert oder zerrieben geschnupft. Mit den üblichen Nebenwirkungen und Risiken. 1-Benzylpiperazin (BZP) etwa wurde ursprünglich als Antiparasitikum entwickelt. In Tierversuchen wurden dann antidepressive und amphetamin-ähnliche Wirkungen entdeckt und BZP wurde in Antidepressiva und Appetitzüglern eingesetzt. Nachdem starke Nebenwirkungen auftraten, wurden Medikamente mit dem Wirkstoff in vielen Staaten vom Markt genommen und dieser “verboten”. In vielen anderen aber nicht und aktuell wird BZP vorwiegend aus legaler Produktion “zweckentfremdet”; es hat Szene-Namen wie “A2” oder “Nemesis”.

Es heisst, bei der ADHS gibt es kein absolutes Kriterium, ob man es hat oder nicht, jeder kann sich zeitweise schlecht konzentrieren. Die medizinische Berechtigung auf die Amphetamin(-ähnlichen) Mittel ist nicht so klar und eindeutig. Manche lassen sich “Ritalin” oder “Adderall” verschreiben bzw bekommen es, um besser für die Uni lernen zu können. In einigen Ländern, wie USA, werden bei (vermeintlichem) ADHS wie auch bei Narkolepsie Präparate aus echtem Amphetamin verabreicht, in den meisten Ländern, wie auch Deutschland, werden bei diesen Indikationen struktur- und wirkungsähnliche Medikamente bevorzugt: bei ADHS das Methylphenidat, bei der Narkolepsie Modafinil. Amphetamin ist in den meisten europäischen Staaten verboten/vom Markt. In Deutschland ist es heute nur noch auf Betäubungsmittelrezept verschreibungsfähig. Es ist auch in den meisten Sportarten als Dopingmittel verboten.

Zur Behandlung von ADHS hat sich bei uns das nicht gänzlich unumstrittene Methylphenidat (“Ritalin”) durchgesetzt, ein Amphetamin-Derivat. “Ritalin” wurde 1954 von Ciba patentiert. Es war anfangs rezeptfrei, wurde auch gegen Depressionen verschrieben. Auch dieses Mittel hat sich als attraktiv für Leute erwiesen, die auf gewisse stimulierende Wirkungen aus sind – dazu wird es auch zerstossen und geschnupft oder aufgelöst und injiziert.23 “Ritalin” wird auch gegen Narkolepsie/Schlafkrankheit eingesetzt, als aufputschendes Medikamente, neben Modafinil (“Provigil”, “Modavigil”). Auch Modafinil-Präparate werden missbraucht; Johann Hari schrieb in der Einleitung zu seinem Drogen-Buch (2015) offen, dass er diesen Missbrauch betreibt, er Narkolepsie-Pillen als Stimulantien nehme.

Zwischen der Entwicklung von Amphetamin und jenen von Methamphetamin und MDMA gibt es keine Zusammenhänge, auch wenn diese Substanzen strukturell miteinander verwandt sind. Alle drei sind weitgehend in die Illegalität verdrängt, wobei “Meth” und “Ecstasy” das Amphetamin überholt haben, ihm den Rang abgelaufen. Amphetamin ist zB über das “Darknet” (IT) zu beziehen, aus illegaler Produktion oder aus jenen Ländern, in denen es legal ist. Mit geringfügigen Veränderungen der Molekülstruktur werden in Drogenlabors auch amphetamin-ähnliche Mittel geschaffen, die noch nicht verboten sind (weil nicht erfasst) und eine sehr ähnliche Wirkung haben wie die “Vorbilder”. Amphetamin-“Vorläufersubstanzen” wie Phenylaceton oder Norephedrin sind im Übereinkommens der Vereinten Nationen von 1988 zur Bekämpfung des illegalen Handels mit Suchtstoffen und psychotropen Substanzen aufgeführt. “9/11 crystal powder” ist ein Amphetamin- bzw. Kokain-Substitut, wird in Österreich hergestellt, als Badesalz gehandelt, zur Absicherung von Produzent und Wiederverkäufer.

Methamphetamin

Methamphetamin ist keine neue Droge, obwohl sie erst in den letzten 2,3 Jahrzehnten zu einer der global wichtigsten illegalen Drogen geworden ist. “Meth” ist eng verwandt mit Amphetamin, bzw eine Variante davon. Der japanische Chemiker Nagayoshi Nagai (1845-1929) arbeitete in den frühen 1880ern einige Jahre an der Humboldt-Universität in Berlin ehe er nach Tokio zurück kehrte. Er forschte viel an Meerträubchen(kraut) (japanisch Maou) und isolierte ja 1885 Ephedrin. 1893 isolierte er als Erster Methamphetamin (N-Methylamphetamin) aus Ephedrin. Es wurde zunächst “M33N” genannt, da es der 33. von Nagai entdeckte Extrakt war. Nagai dürfte bei der Einführung moderner (westlicher) Pharmazie in Japan Ende des 19. Jh eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.

Bald drängte sich die Frage der Synthetisierung auf. Diese gelang dann einem anderen japanischen Chemiker, Akira Ogata, um 1920. Er synthetisierte kristallines Methamphetamin aus Ephedrin – das war im Grunde bereits “Crystal meth”. Methylamphetamin ist stärker als Amphetamin und einfacher in der Herstellung. Ogata lizensierte seinen Herstellungsprozess an Burroughs Welcome, das Methamphetamin in USA ab 1940 als „Methedrine“ raus brachte (bis 1968). Ephedrin wurde übrigens 1929 synthetisiert, durch einen Hermann Ende.

Methamphetamin ist wie die anderen beiden hier näher behandelten Substanzen eine synthetische, gehört zur Stoffgruppe der Phenylethylamine. Alternativnamen sind Methylamphetamin, N-Methylamphetamin, Methyl-Amphetamin, Metamfetamin, N-methyl-alpha-Methylphenethylamin, 1-Phenyl-2-methyl-aminopropan, 1-Phenyl-2-Methylamino-Propan-Hydrochlorid. Manche reservieren den Namen Methamphetamin für das Dextroisomer. Früher wurde auch der Markenname “Pervitin” benutzt. Famprofazon ist ein Prodrug von Methamphetamin.

Methamphetamin wirkt ähnlich wie sein “Onkel” Amphetamin, aber weitaus stärker und länger. Es ist appetithemmend, leistungssteigernd (quantitativ), euphorisierend (mit der Tendenz, Zweifel auszuräumen), angeblich aphrodisierend; weniger angenehm sind das Tief danach, Wahnvorstellungen und Psychosen, und die Bildung von Sucht. Ausserdem steht Methylamphetamin im dringenden Verdacht, schon bei einmaligem Konsum, sicher bei Dauerkonsum, die Neurotransmitter (Serotonin/Dopamin), dort speziell die Transporter und Rezeptoren, irreversibel zu schädigen. Im Unterschied zu Amphetamin eignet es sich aufgrund seiner kristallinen Pulverform und Wasserlöslichkeit sehr gut zur Injektion.

Die Temmler Werke waren 1917 in Detmold (Westfalen) von Hermann Temmler gegründet worden; sie fusionierten 1919 mit der “Vereinigte Chemische Fabriken GmbH” in Detmold zu den “Vereinigten Chemischen Fabriken H. Temmler”. 1925 wurde der Geschäftssitz nach Berlin verlegt. Ab 1933 konzentrierte das Unternehmen seine Tätigkeit vollauf den Standort am Berliner Flugplatz Johannisthal. Temmler wurde besonders durch die Einführung des Methamphetamin-Präparates “Pervitin” bekannt. Fritz Hauschild, 37-41 Chef der Pharmakologie bei Temmler, konnte sich auf japanische Vorarbeiten sowie das Amphetamin stützen, entwickelte ein neues Synthese-Verfahren für N-Methyl-Amphetamin, aus Ephedrin, Chloroform, Salzsäuregas.

1937 wurde das Herstellungsverfahren im Deutschen Reich patentiert. 1938 brachten die Temmler-Werke Methamphetamin unter dem Markennamen „Pervitin“ auf den Markt. Und zwar als weisse Tabletten zu 3 mg Methamphetamin, verpackt zu 30 Stück in einer Dose mit Schraubverschluss und blau-rot-weissem Etikett. Und als Injektionslösung. „Pervitin“ war im (nationalsozialistischen) Deutschen Reich zunächst frei erhältlich. Es wurde bald zu einem Verkaufsschlager.

“Pervitin”-Dose

In Japan selbst geriet “M33N” in Vergessenheit, bis man damit konfrontiert wurde, dass es im Westen medizinisch verwendet wird. So wurden Methamphetamin und Amphetamin Anfang der 1940er in Japan von Dainippon auf den Markt gebracht; “Meth” unter der Marke “Philopon” (ヒロポン, “Hiropon” ausgesprochen). Auch dort wurde das Mittel sehr populär; Nachtarbeiter aller Art nahmen es und Arbeitern in der Rüstungsproduktion (man war ja jetzt im Krieg) wurde es gegeben. Und es war dieser Krieg, der Methamphetamin zum Durchbruch verhalf. Die negativen Neben- und Folgewirkungen wurden erst allmählich bekannt bzw wurden übergangen.

Neben “Methedrine”, “Pervitin” und “Philopon” kamen auch andere Meth-Präparate auf die Märkte. Abbott produzierte “Desoxyn” und die Firma Knoll “Isophan” (ein leicht modifiziertes Meth). Auch für die Behandlung von Heroin-Sucht wurden die Mittel damals eingesetzt, eine neue Sucht produzierend. Parke Davis stellte “Ephedrone” (Methcathinon) her, das nahe beim Meth war. Szenenamen im Anglo-Bereich dafür waren “cat”, “jeff” oder “catnip”. “Ephedrone” war in der Sowjetunion in den 1930ern und 1940ern beliebt, als Anti-Depressivum. Es dürfte in späteren Zeiten dort illegal hergestellt worden sein.

Wehrmacht-Oberfeldarzt Otto Ranke, Leiter des Instituts für allgemeine und Wehrphysiologie an der Militärärztlichen Akademie in Berlin, wurde Ende der 1930er auf das vermeintliche Wundermittel “Pervitin” aufmerksam. Soldaten aufzuputschen (körperlich, seelisch), das erschien Militärs verlockend. Ranke führte es 38/39 bei der Wehrmacht ein. Eventuell war das schon eine bewusste Kriegsvorbereitung. Ranke war dann später aber wegen der beobachteten Nebenwirkungen für Einschränkungen bei der Abgabe an Soldaten. Und 39 hat diese Wehrmacht auf Geheiss ihres Führers ja einen europa-weiten Krieg vom Zaun gebrochen, der durch die Involvierung Japans und der europäischen Kolonien in Afrika und Asien eine Art Weltkrieg wurde.

In diesem Krieg wurden Methamphetamin-Präparate hauptsächlich in Armeen der Achsenmächte verwendet, von jenen der Alliierten ja Amphetamin. Speed war die Droge des 2. Weltkriegs, wurde durch diesen Krieg weit verbreitet. Ähnlich war es zB Morphium durch den USA-Bürgerkrieg gegangen. Nicht zu verwechseln mit dieser militärischen Nutzung von Drogen ist jene als Kampfmittel (Einsatz zur Schwächung der Gegenseite statt zur Stärkung der eigenen). “Pervitin” galt in der Wehrmacht als probates Mittel, um aus Soldaten Kampfmaschinen zu machen, ihnen extreme Strapazen abverlangen zu können. Es wurden sowohl psychotrope wie physische Wirkungen geschätzt. Das Selbstbewusstsein wird durch Meth bis hin zur Selbstüberschätzung gesteigert (vorrangig durch Dopamin) und die Aggressionsschwelle wird stark gesenkt. Neben Angst werden auch Schmerzen verdrängt. Das Mittel vertreibt auch das Hungergefühl. Und es macht Laune, in Situationen, wo kein Grund dazu ist. Und was noch nicht ausgetestet war an der Wirkung, dazu waren die Wehrmachts-Soldaten ausgezeichnete Versuchspersonen.

Die “Pervitin”-Tabletten gingen teilweise unter der geheimen Bezeichnung “OBM” an die Sanitätsabteilungen der Wehrmacht und von dort an die Truppe. Auf der Verpackung stand “Wachhaltemittel”, die Gebrauchsanweisung empfahl – “Nur von Fall zu Fall!” – die Einnahme von ein bis zwei Tabletten. Der “persönliche Verbandmittelsatz” eines “Landsers” enthielt neben Verbandmaterial Wasserreinigungstabletten, “Aspirin” als leichtes Schmerzmittel, ein Desinfizierungsmittel sowie die “Pervitin”. Diese wurden in der Wehrmacht “Stuka-Tabletten”, “Hermann-Göring-Tabletten” (der nahm aber andere), “Panzerschokolade” oder “Fliegermarzipan” genannt.24

Insbesondere während der Blitzkriege gegen Polen und Frankreich 1939/40 fand Pervitin millionenfache Verwendung, in diversen Waffengattungen. Allein von April bis Juli 1940 wurden mehr als 35 Millionen dieser Tabletten an Heer und Luftwaffe ausgeliefert. Der Erfolg des Blitzkriegs 39-41 (im Westen und Osten Gebiete erobert) wird von Manchen auch auf den Meth-Einsatz zurück geführt. Dem im besetzten Polen stationierten Heinrich Böll war das in der Wehrmacht verteilte “Pervitin” anscheinend nicht genug, jedenfalls hat er in Briefen an seine Familie daheim um die Zusendung von weiterem gebeten.

Ohler legt sogar nahe, dass es für den Halt-Befehl von Dünkirchen/Dunkerque 1940 eine “pharmakologische Erklärung” gibt, widmet dem ein eigenes Kapitel. Den dort eingeschlossenen britischen und französischen Truppen wurde die Flucht/Evakuierung (nach GB) ermöglicht, die Möglichkeit der Einkesselung durch die dortigen Wehrmacht-Truppen unter Guderian nicht genutzt. Für Ian Kershaw war dies einer der möglichen Wendepunkte dieses Kriegs. Der Verzicht soll auf Göring zurück gehen.

Ein Perpetuum mobile gibt es aber auch in der Pharmazie nicht. Die Ausschaltung von Müdigkeit und Zweifel und Unlust geschieht darüber, dass man sie zeitweise nicht spürt bzw auf Kosten künftiger Kräfte. Die Regenerationsphasen nach Einnahme der Tabletten wurden länger und die Wirkung bei häufigem Gebrauch immer schwächer. Es gab gesundheitliche Probleme wie Schweissausbruch oder Kreislaufschwäche, Herzanfälle bei Über-40-Jährigen. Und der “Mut” den “Pervitin” verlieh, war eher Selbstüberschätzung bzw Überheblichkeit. Genau so ist Nazi-Deutschland in diesen Krieg gegangen und darin aufgetreten. Auch Halluzinationen traten auf, es gibt Geschichten von Piloten, die Menschen auf den Flügeln ihrer Maschine herum gehen “gesehen” haben.

Amphetamin-Entwickler Edeleanu ging nach der Ölsache in Rumänien wieder in das Deutsche Reich der Weimarer Republik, machte dort Geschäfte. In den 1930ern floh er aus der Nazi-Diktatur und starb 1941 in Bukarest. Dort gab es damals eine rechte Militärdiktatur unter General Antonescu, in der König Mihai ziemlich machtlos war, und die Sowjetunion hielt Teile Rumäniens besetzt. 1941 schaltete Antonescu die auch beteiligte „Garde“ unter Sima aus. Und Antonescu führt Rumänien 41 an der Seite der Achse in den Krieg. Mit Methamphetamin aufgeputschte Deutsche kamen nach Rumänien; rumänische Truppen “marschierten” mit der Wehrmacht in bzw gegen die SU, über besetzte rumänische Gebiete hinaus. Juden wurden verfolgt. 1944 zog die Wehrmacht ab und kam die Rote Armee nach Rumänien.

40 kam in der Wehrmacht ein Erlass bezüglich der Anwendungen von “Pervitin”. Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti, wie Hitler ein Anhänger der Askese-Idee, war dem Mittel gegenüber kritisch, bemühte sich, seinen Gebrauch in der Wehrmacht einzuschränken. “Pervitin” wurde am 1. Juli 1941 durch eine Gesetzesänderung rezeptpflichtig, wurde dem Reichsopiumgesetz unterstellt. Das war kurz vor dem Angriff auf die SU.25 Diese Einschränkung galt für Zivilisten in Deutschland, unter denen “Pervitin” ebenfalls beliebt war und für die es seit seiner Markteinführung ’38 ja frei erhältlich war. Bald darauf kamen auch Einschränkungen für die Front. 1941 wurden in Deutschland auch Amphetamin-Präparate aufgrund sich häufenden Missbrauchs und Suchtfällen dem Reichsopiumgesetz unterstellt, wodurch der Verkehr mit dem Stoff reglementiert wurde.

Als der Krieg zunächst in Form von Luftangriffen nach Deutschland zurück kam, wurde die “Pervitin”-Produktion von Berlin in den Südwesten verlegt. Das Mittel half Soldaten dann auch bei Rückzugsgefechten und Flucht. Es wurde auch an Volkssturm-Jungen verteilt. Und, so wie das Nazi-Regime an Wunderwaffen arbeitete, wollte es auch ein neues Wundermittel. Besonders Hellmuth Heye von der Marine (im Nachkriegs-Deutschland in Bundeswehr und CDU) wollte in der Endphase des Kriegs ein noch stärkeres (aufputschenderes) Mittel als “Pervitin”, für den Abwehrkampf. Gerhard Orzechowski, ein Marine-Pharmakologe, sollte es entwickeln.

Aus diversen Vorschlägen an Mischungen aus Aufputschmitteln und Opiaten (schmerzstillend) wurde “D IX” ausgewählt, das 1944 von Orzechowski entwickelt wurde. Es enthielt Oxycodon (“Eukodal”, ein Opiat), Methamphetamin (“Pervitin”) und synthetisches Kokain der Firma Merck. “D IX” wurde an Häftlingen des KZ Sachsenhausens ausprobiert; mit schwerem Marschgepäck beladene Menschen konnten fast 90 Kilometer durchgehend marschieren – bis zum Kollaps.26 Die Droge sollte auch in grossen Mengen an die deutschen Soldaten verteilt werden, das Kriegsende (bzw die Niederlage) kam diesen Plänen jedoch zuvor. Lediglich an einigen Besatzungsmitgliedern der Mini-U-Boote “Neger” und “Biber” wurde D-IX getestet – das wie “Pervitin” von den Temmler-Werken hergestellt wurde. Versuche fanden auch mit einem Kokain-Kaugummi (aus reinem Kokain) statt.

Ob der Nazi-Führer Hitler selbst “Pervitin” nahm, ist umstritten. Theodor Morell, Hautarzt in Berlin, für Promis, wurde unter den Nazis anfangs für einen Juden gehalten, führte dann Behandlungen von diversen hohen Nazis mit diversen Drogen durch, schliesslich auch von Hitler. Für diverse Leiden, mit diversen Injektionen. Meth/„Pervitin“ soll er gegen Parkinson genommen haben bzw gespritzt bekommen haben. Der iranisch-amerikanische Psychiater und Historiker Nassir Ghaemi, der den Zusammenhang zwischen Führerschaft und affektiven Störungen untersuchte, nimmt an, dass Hitler manisch-depressiv erkrankt war – was durch Morells Injektionen mit Barbituraten und Amphetaminen noch verstärkt wurde. Hitler nahm v.a. “Eukodal”, am Kriegsende wohl auch “Pervitin”. Auch Kokain soll er konsumiert haben.27 Ein Nazi-Bonze, der sicher viel “Pervitin” (und Alkohol) nahm, war der “Generalluftzeugmeister” der Wehrmacht Ernst Udet.

“Pervitin” (bzw in weiterer Folge auch “Meth”) war vereinfacht gesagt eine Erfindung/Einführung der Nazis. So wie die den V2-Paperclip-Leuten “entsprungene” amerikanische Raumfahrt, Methadon, die Kirchensteuer, der Zuse-Computer, “Fanta” irgendwie (https://www.youtube.com/watch?v=0bI4YI65tKc); nicht die Autobahnen. Im “Grossdeutschen Reich” wurde “Pervitin” auch nach Einführung der Rezeptpflicht weiter auch ausserhalb des Militärs genommen. Stichwort Drogen bei der Wehrmacht: Um dem Grauen des Krieges zu entfliehen, waren den Soldaten viele Mittel recht. Alkohol, Morphium, Kokain und andere Mittel wurden neben Meth konsumiert, das sie von ihren Oberen verabreicht bekamen.

Der nationalsozialistische Staat war Entwickler, Produzent und Verteiler von Rauschmitteln und Verursacher von Drogenwellen. Grosszügig wurden diese  Aufputschmittel für den Endsieg ausgegeben. Der Führer erfreute sich an Oxycodon, seine Nr. 2 an Codein. Im Namen der “Volksgesundheit” predigten die Nazis ansonsten Abstinenz, führten strengere Maßnahmen gegen Drogen im Rahmen von “Rassenhygiene” ein. Gegenüber jenen, die infolge des Krieges süchtig geworden waren, liess man eine gewisse Nachsicht walten, im Gegensatz zu Alkoholikern oder Süchtigen von “Degenerationsgiften” wie Kokain, Heroin, Morphium, Opium.

Das Reichsopiumgesetz aus der Weimarer Republik (und damit die Bestimmungen für den Drogengebrauch) blieb im Nationalsozialismus weitgehend bestehen. Die Verschärfungen kamen über das „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln der Sicherung und Besserung“ 1933. Verstösse gegen das Opiumgesetz wurden dadurch strenger bestraft. Im § 42 des besagten Gesetzes ging es um Bestimmungen zum “Betäubungsmittelmissbrauch”; Drogenkonsumenten wurden damit bedroht, in “Heil- und Pflegeanstalten” eingewiesen zu werden. Durch das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Lebens“ wurde zudem die Möglichkeit der Zwangs-Sterilisierung geschaffen. Dies wurde hauptsächlich an Alkoholikern angewendet. Ärzte sollen neben Apothekern und Leuten in Pflegeberufen die grösste Gruppe unter den “Morphinisten” gewesen sein; waren zudem die Quelle für die unberechtigte Verschreibung von Medikamenten. Der § 42 erlaubte es, ein Berufsverbot auszusprechen. Da sie für den nationalsozialistischen Staat eine wichtige Funktion hatten, wurden sie seltener in Anstalten eingewiesen oder gar sterilisiert.

Härtel: “Im Grunde zog Nazideutschland mit einem Heer von Junkies durch Europa”. Stalingrad 42/43 die Wende, dann das Ende. Die deutsche Niederlage nach dem Angriff auf die Sowjetunion und Grossbritannien, wie das Tief nach dem Hoch eines Meth-Rauschs! Welchen Einfluss der “Pervitin”-Konsum der Soldaten auf den Krieg hatte, das ist wahrscheinlich schwer zu erforschen. Amphetamin (bzw die davon angetriebenen Alliierten) gewann über Methamphetamin (bzw die Achsenmächte). Der Titel der Serie “Breaking Bad” (Ende der 00er geschaffen), um die es hier auch geht, heisst ja so was wie “auf die schiefe Bahn geraten”. Ohler weist darauf hin, dass das auf Deutschland 1939-45 ziemlich zutrifft. Und: Weniger Wachsamkeit und Ausdauer als Wahn und Selbstüberschätzung.

Dieser Krieg ging ja in Japan zu Ende. Im japanischen Militär wurde Methamphetamin als “Philopon” mit dem Kriegseintritt im Pazifik 1941 eingeführt. Auch den in der Endphase eingesetzten Kamikaze-Piloten wurde es vor ihren Selbstmordflügen verabreicht, angeblich in hohen Dosen. Und nach Ende des Krieges im August/September 1945? Süchtige Soldaten kamen nach Hause – und bekamen ihr “Philopon” weiter ohne Einschränkungen. Es war sogar billiger geworden. Denn: In Japan war “Philopon” während des Kriegs massenhaft produziert worden, so dass es danach einen gewaltigen Überschuss davon gab. Die Vorräte des Militärs wurden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es herrschte Mangel und Hunger, und dagegen war das Mittel auch ein Mittel. Viele mussten den Krieg mental verarbeiten. Für die im Wiederaufbau Beschäftigten gab es danach Bedarf, auch Industriearbeiter, die am japanischen Wirtschaftsaufschwung arbeiteten. Und auch jene, die dem Alltag entfliehen wollten, nahmen es.

Die erste Methamphetamin-Welle der Welt war jene in Japan nach dem 2. WK – falls man nicht den Einsatz des Mittels in diesem Krieg in den Armeen Deutschlands und Japans schon als “Welle” wertet. Der Krieg, der den Konsum und die Verbreitung des “Meth” angekurbelt hat. Bald wurden in Japan gewisse Neben- und Folgewirkungen des Stoffes deutlich. Wie im Krieg tauchten jetzt auch bei Zivilisten Psychosen aufgrund des Konsums auf. Und Viele konnten nicht mehr ohne das Mittel leben. Auch Verbrechen in Zusammenhang mit dem Mittel wurden bekannt. 1948 verbot die japanische Regierung daher “Philopon” in Tabletten- und Pulver-Form. Als Injektionslösung liess man es unangetastet – eine Verabreichungsform, die eigentlich noch viel schlimmer ist als die orale. Es heisst, der intravenöse Missbrauch von Methamphetamin in Japan erreichte damals epidemische Ausmaße.

1951 wurde der Stoff im Land verboten. Meth ging in Japan in den Untergrund, Anfang der 1950er (Herstellung, Verkauf, Konsum). Die erste illegale Meth-Herstellung der Welt und der Handel damit wurden von der Yakuza übernommen. Es gab in den ersten Jahren des Verbots enorm viele Verhaftungen im Zusammenhang damit. Dann wurde auch der Import von Ausgangsstoffen, die für die Produktion erforderlich ist, verboten. Meth-Labore wurden ausgehoben. Wodurch sich die Produktion nach Übersee verlagerte, in Länder in der Umgebung Japans, von wo der Stoff dann ins Land geschmuggelt wurde (teilweise geschieht das noch immer). Slang-Bezeichnung für das Meth aus dem “Untergrund” wurde in Japan und anderen Teilen Ostasiens „Shabu“ (シャブ) oder “Ya Ba”. Beide Begriffe bezeichnen aber auch andere Drogen; Shabu gerauchtes Ephedrin und Koffein, eine Art Ersatz-Meth, und Ya Ba Pillen mit Meth und Koffein.

1954 wurde in Japan ein 10-jähriges Mädchen von einem Jugendlichen unter dem Einfluss von Meth ermordet, was zu grosser öffentlicher Empörung und der Verschärfung bestehender Gesetze für Meth führte. Im Jahr darauf lancierte die japanische Regierung eine grosse Kampagne gegen Drogengebrauch. Die erste Meth-Welle Japans (und der Welt), die sich infolge der Verwendung im Krieg gebildet hatte, ebbte Mitte der 50er ab. Auch Amphetamin hat darin eine Rolle gespielt. Sie wurde gefolgt von einer mit Sedativen und Heroin. Die M-Welle war jedoch über geschwappt, in andere Länder Ostasiens und des Pazifik-Raums.28 Über die Philippinen, Guam, die Marshall Islands, Hawaii kam Meth in die Festland-USA, an dessen West-Küste.

Im Nachkriegs-Deutschland wurde Meth bzw “Pervitin” nach seiner Verwendung als militärisches Aufputschmittel wieder Arzneimittel, irgendwie war es aber inzwischen Rauschdroge geworden. Die in Ost-Berlin (und damit in der sowjetischen Besatzungszone) gelegenen Temmler-Produktionsstätten wurden 1945 unter Zwangsverwaltung gestellt und teilweise demontiert, ab 1946 unter Treuhandverwaltung gestellt und 1949 enteignet und verstaatlicht (in jenem Jahr, als die DDR gegründet wurde). Die Produktion lief zunächst als VVB Pharma Temmler-Werke weiter, dann wurde das Werk Teil von Berlin-Chemie, als “Werk Johannisthal”. In West-Deutschland wurde die Geschäftstätigkeit der Firma zunächst in Hamburg fortgeführt, ab 1960 in Marburg.

In Westdeutschland wurde “Pervitin”, das also weiter von Temmler produziert wurde, von Ärzten als Appetitzügler und gegen Depressionen verschrieben. Beides, Hunger und Depressionen, war nach diesem Krieg verbreitet. Ausserdem war es in der Nachkriegszeit auf Schwarzmärkten leicht erhältlich. Böll war nicht der einzige “Ex-Soldat”, der nicht so plötzlich davon lassen konnte. Zu “Pervitin” kam “Preludin“. Das Präparat aus Phenmetrazin (mit Fenbutrazat als Prodrug) wurde 1954 von Boehringer-Ingelheim in der BRD in den Handel gebracht. Es war hauptsächlich als Appetithemmer gedacht/angepriesen, für die Behandlung von Fettleibigkeit. Manche schienen derart an Übergewicht zu leiden, dass sie sich immer stärkere Dosen des frei erhältlichen Medikaments verordneten.

Vielleicht hatte das aber auch mit den “Nebenwirkungen” des Mittels zu tun, die die typischen speed-artigen waren. Zudem wurde es als Aphrodisiakum/Potenzmittel geschätzt (siehe dazu auch Wozencraft). 1955 verfügten die westdeutschen Behörden auf Antrag der Firma die Rezeptpflicht für das Präparat. Aufgrund seiner Unpatentierbarkeit wurde Methamphetamin auch von anderen Firmen heraus gebracht (nicht zuletzt von jenen, die gerne etwas mit dem patentierten Amphetamin gemacht hätten). Der amerikanische Pfizer-Konzern brachte “Preludin” 1955 in verschiedenen Ländern auf den Markt. Auch in Grossbritannien und USA wurde es missbraucht. Etwa in Londoner Bars und Klubs als Stimmungsmacher verkauft. Und, bald hatte “man” heraus gefunden, dass man es in Wasser auf-lösen und dann injizieren konnte. In der USA, wo das bis in die 70er praktiziert wurde, wurde das Mittel umgangssprachlich “Bam” genannt.

In USA oder BRD war der Konsum von (legalen) Meth-Mitteln weniger intensiv als in Japan nach dem Krieg, hier wurden sie auch später illegal. Meth-Inhalatoren wie “Valo” oder “Vick’s Vapoinhaler” (dieser ist noch immer am Markt) wurden schon im Amphetamin-Abschnitt erwähnt, ebenso Kombi-Präparate mit Meth wie “Desbutal”. Und neben offiziell als Appetitzüglern oder Antidepressiva eingesetzten Präparaten wie “Pervitin”, “Desoxyn”, oder “Methedrine” kam dann “Rosimon”, als Schmerzmittel. Wobei eigentlich nur “Rosimon Neu” hierfür relevant ist. Das “alte” und das neue Rosimon enthielten beide u.a. Aminophenazon; das alte auch Phenobarbital. “Rosimon Neu” war ein chemisch maskiertes Methamphetaminderivat, enthielt Morazon, das eine Prodrug des Phenmetrazins ist (oder anders gesagt: Metabolisierungsprodukt von Morazon ist Phenmetrazin). Das Medikament war sehr aufputschend in höheren Dosen.

Der US-amerikanische Musikjournalist “Lester” Bangs (1948-1982) schrieb einmal: “As is well known, it was the Germans who invented methamphetamine, which of all accessible tools has brought human beings within the closest twitch of machinehood, and without methamphetamine we would never have had such high plasma marks of the counterculture as Lenny Bruce, Bob Dylan, Lou Reed and the Velvet Underground, Neal Cassady, Jack Kerouac, Allen Ginsberg’s ‘Howl’, Blue Cheer, Cream and Creem … so it can easily be seen that it was in reality the Germans who were responsible for ‘Blonde on Blonde’ and ‘On the Road’; the Reich never died, it just reincarnated in American archetypes ground out by holloweyed jerkyfin- gered mannikins locked into their typewriters and guitars like rhinoceroses copulating. Of course, just as very few speedfreaks will cop to their vice, so it took a while before due credit was rendered to the factor of machinehood as a source of our finest cultural artifacts.”

Konsumenten von Methamphetamin waren früher, bis etwa in die 1980er, keine gesellschaftlichen Aussenseiter, konsumierten legale Medikamente, wenn auch sehr oft zweck-entfremdet. Die Beatles nahmen in ihrer Hamburger Zeit “Preludin”, laut Ringo Starr mit Bier zusammen, und angeblich weniger wegen dem Kick/Flash, sondern als Durchhaltemittel für Auftritte. Jack Ruby sagte, dass er auf Phenmetrazin war, als er Lee H. Oswald tötete.29 Auch Studenten (hauptsächlich Medizin-Studenten…), LKW-Fahrer oder Sportler (als Doping) konsumierten meth-artige Aufputschmittel. Auch viele (zivile) Piloten nahmen sie – die bei Anderen der chemische Kopilot waren. Bundeswehr wie NVA hatten Meth-Mittel (oder Speed auf Amphetamin-Grundlage) als Vorrat für „Notfälle“ gelagert.

Methamphetamin macht(e) wach, erzeugt eine leichte Euphorie und ermöglicht stundenlange energiezehrende Tätigkeiten, seien sie körperlicher oder auch geistiger Natur, ob Tanzen oder Lernen oder Fliegen. Und es verleiht einen gewissen Mut. In der USA entwickelte sich Ende der 1950er, Anfang der 1960er eine erste Meth-Welle, aus legalen Präparaten, die aber missbraucht wurden, oft injiziert. Es wurde damals aber auch von Ärzten zur Behandlung von Heroin-Sucht eingesetzt. Im Ostblock herrschte Mangel an Allem (dafür hat er wohl weniger auf Kosten des Südens gelebt), auch an Drogen; aber in der CSSR schaffte ein Pavel Gregor in den 70ern die Herstellung von Meth, das in der allgemeinen Depression nach der Niederschlagung des Prager Frühlings im Untergrund viel Absatz fand. Damit wurde auch eine Tradition begründet, die sich in der CSFR und bis heute in Tschechien fort setzte.

“Pervitin” wurde schliesslich 1988 vom Markt genommen und die Herstellung eingestellt. Das war wenige Jahre bevor Temmler in Berlin das alte Werk restituiert bekam. Dieser Standort Johannistahl wurde aber inzwischen abgerissen. Temmler hat in diesen Jahrzehnten seither mehrmals den Besitzer gewechselt und ist heute ein Auftragshersteller für andere Pharmaunternehmen. Bekannt ist es heute für seine Kalender bzw die Witze darin.

Anfang der 1970er waren das Missbrauchspotential und die Nebenwirkungen von Meth-Mitteln dann allgemein bekannt. Es kamen internationale und nationale Verbote und Einschränkungen, die Indikationen für den Einsatz der Substanz wurden stark eingeschränkt. Dies führte dazu, dass ein grosser Teil von Produktion, Vertrieb und Konsum von Meth in den Untergrund wanderte. Was die USA betraf, wurde ein grosser Teil in ausländischen Drogenküchen produziert und importiert/hinein geschmuggelt, von Kartellen aus Mexiko (über Texas) und China (über Hawaii). Das illegal hergestellte Meth unterscheidet sich von dem aus pharmazeutischen Fabriken natürlich in der Qualität; die notwendige(n) Sorgfalt, Hintergrundkenntnisse und Kontrollen fallen hier weg. Und dass die Ware oft gestreckt ist (“verdünnt”), weniger von dem Wirkstoff enthält, ist da noch ein kleineres Problem. Ein weiterer Unterschied: Das illegale wird in der Regel nicht in Tabletten-Form und auch nicht als Injektionslösung hergestellt, sondern in kristalliner Form. Es wird zerdrückt und geraucht, gesnieft, gespritzt, geschluckt, inhaliert, oder eingeführt.

An der Westküste der USA übernahmen die “Hell’s Angels” und andere Motorradgangs in den 1970ern den Vertrieb von Amphetamin und dem noch wirksameren Methampetamin, teilweise auch die Produktion. Als in der USA der Verkauf des Ausgangsstoffs Phenylaceton verboten bzw reglementiert wurde, stieg man auf Ephedrin um. In Japan war Meth ja bereits in den 1950ern in den Untergrund gedrängt worden. Aber erst in den 1970ern erlebte es dort eine “Wiederauferstehung”, entwickelte sich eine neue Welle. Eine, die bis heute nicht abgeebbt ist. Methamphetamin bekam in den Strassen westlicher Länder Namen wie “Meth”, „Crystal“ (>Form Kristalle), “Crystal Meth”, “Ice“, “Crystal Speed”, “Crank”, „Thai-Pillen“, “Tik” (in Südafrika, aufgrund des Geräuschs, das entsteht, wenn die Droge in einer Glaspfeife geraucht wird), “Hitler Speed”, “Glas”, “Nasepuder”, “Chili”, „Yaba“, „Shabu“ (diese letzten 2 in Asien).

In den 1980ern stieg der Konsum von Meth nochmal an. In der USA wurde die Droge für die DEA allmählich ein Schwerpunkt. Das hatte auch damit zu tun, dass der Chemiker Steve Preisler damals ein Buch über die diversen Methoden der Herstellung von Meth schrieb, “Secrets of Methamphetamine Manufacture”. So richtig ab ging illegales Meth aber erst in den 1990ern, und diese Welle schwappte auch nach Europa über. Methamphetamin kehrte nach Deutschland zurück. In Tschechien, frisch von der Diktatur erlöst und von der Slowakei getrennt, wurde die in kommunistischer Zeit begonnene Untergrund-Produktion fort geführt. Meth wurde ab den 90er eine billigere Konkurrenz für Kokain.

Der Stoff für den US-amerikanischen Markt wird hauptsächlich in Meth-Laboren in Mexiko produziert. Mexikanische Drogenkartelle begannen in den 1990ern, den Kolumbianern den Verkauf von Kokain in die USA weg zu nehmen. Anfang der 2000er begannen sie mit der Herstellung von Methamphetamin, ebenfalls für den amerikanischen Markt. Sie bauten grosse Untergrundlabors in Mexiko und im angrenzenden Süden der USA, solche wie in “Breaking Bad” dargestellten Super-Labore. Bald explodierte die Gewalt, zwischen den Kartellen und Organen des Staates, zwischen Kartellen untereinander, von Kartellen gegen Unbeteiligte –  der sogenannte Drogenkrieg, ab ca. ’06. Vor allem die Konkurrenz zwischen dem “Los Zetas”-Kartell und jenem von Sinaloa (unter Joaquín “El Chapo” Guzmán) ist von Bedeutung. Gleichzeitig entstanden aber auch in der USA kleine Drogenküchen in Wohnungen. In Europa ist vor allem Tschechien ein Produktions-Standort für Meth, und ein Umschlagplatz für den europäischen Bedarf.

Mit dem Aufkommen des illegalen Meth wurde in der USA und anderen Ländern um 2000 herum zunächst die Verfügbarkeit von Ephedrin eingeschränkt, einem Ausgangsstoff.30 Dies führte zu einem Umsteigen auf Pseudoephedrin, das etwa in Präparaten wie “Sudafed” enthalten ist. Dann wurde auch der Verkauf dieser Substanz (von Medikamenten damit) reglementiert, in der USA 04 durch ein Bundesgesetz.31 Dies half den Produzenten jener Länder, in denen es diese Einschränkungen nicht gab/gibt, bzw in denen diese nicht so effektiv umgesetzt werden. Im Fall der USA ist das Mexiko. In Ländern mit Einschränkungen für Ephedrin und Pseudoephedrin wie USA wurde dazu über gegangen, verstärkt Methylamin als Ausgangsstoff für die Meth-Herstellung zu verwenden. Am Ende der zweiten Saison von “Breaking Bad” steigen die beiden Köche auf Methylamin um, das sie stehlen. Sie hätten es wahrscheinlich auch herstellen können, aus Ammoniak, Methanol,…

Methamphetamin ist ausser im Westen vor allem in Ost-Asien sehr beliebt. In Japan dürfte es nach wie vor die Droge Nr. 1 sein (was über das Land natürlich auch etwas aussagt). Und den Krieg, den auf den Philippinen Präsident Duterte (vermeintlichen) Drogenhändlern erklärt hat, betrifft auch hauptsächlich Meth. Ein Grossteil des in Asien erhältlichen Stoffs wird in Thailand, Birma und China hergestellt. Nordkorea hat sich jahrelang Devisen über den Export von Opium in alle Teile der Welt beschafft, heisst es. Mitte der 00er verlagerte der Staat den Fokus auf die Produktion von (Crystal) Meth, für einige Jahre.

Ein selten berücksichtigter Aspekt der Meth-Herstellung sind die Gefahren bzw Schäden, die durch Rückstände von verwendeten Chemikalien ausgehen, für die Natur und Menschen. In den seltensten Fällen werden diese fachgerecht entsorgt. Lösungsmittel wie Aceton und Methanol und starke Säuren wie Schwefelsäure und Salzsäure werden meist in Fässern oder Kanistern nachts in ländlichen Gegenden abgeladen, teils auch in Brand gesteckt, oder auch in Flüsse entleert.

Meth-Konsumenten scheinen vorwiegend arm zu sein, unter dem Stress zu stehen, sich bzw ihre Familien zu erhalten, und das Mittel als Antrieb für den Job zu benutzen. Ein sehr grosser Teil steht jedenfalls in einem normalen Arbeitsleben und sozialen Umfeld. Meth wird aber nicht nur dort eingesetzt, wo ein Leistungsdruck herrscht, sondern eine Leistungssteigerung für private Vergnügen erwünscht ist (neben den anderen Wirkungen des Mittel, wie Euphorie); etwa für tagelanges PC-/Video-Spielen ohne Unterbrechung. In Asien zieht sich der Konsum evtl. durch breitere Bevölkerungsschichten, auch Manager dürften dort damit ihre Leistungsfähigkeit steigern. Zu den gesundheitlichen Problemen, mit denen es Meth-Süchtige zu tun bekommen, gehört nicht zuletzt ein Verfall der Zähne. Einige Prominente, wie Lindsay Lohan, Ophra Winfrey, Robert Downing, Volker Beck, wurden beim Konsum von illegalem Meth “erwischt”, Michael Douglas’ Sohn Cameron dealte wahrscheinlich auch damit.

Meth ist in Präparaten wie “Desoxyn” noch immer am legalen Markt, wird v.a. gegen ADHS eingesetzt.

Methylendioxyamphetamin/MDMA/Ecstasy

MDMA alias Ecstasy wurde am 24. Dezember 1912 in Darmstadt geboren. Die Firma Merck, heute ein Weltunternehmen, war damals bereits führend in der Produktion und internationalen Vermarktung der „Medikamente“ Morphium (ab 1827) und Kokain (ab 1862), wobei man sich über deren Suchtpotential erst klar wurde, als es schon zu spät war. Merck war auf der Suche nach einem blutstillendem Mittel, wollte eines finden, das dem Hydrastinin des Konkurrenten Bayer Konkurrenz macht, das patentiert worden war. Es gab keine Absicht, einen Appetithemmer zu entwickeln oder daraus zu machen, wie oft zu lesen ist.

Die Merck-Chemiker Beckh und Wolfes glaubten, dass Methylhydrastinin für den Zweck ebenso wirkungsvoll wie Hydrastinin sein würde und beauftragten ihren Kollegen Anton Köllisch, eine Synthese dafür zu entwickeln, und vielleicht eine  neue für Hydrastinin. Bei der Herstellung von Methylhydrastinin zu Weihnachten 1912 stiess er, als Zwischenprodukt, auf die Verbindung, die später MDMA genannt wurde. Es war also der Merck-Chemiker Köllisch, der MDMA erstmals synthetisierte (und diese Synthese beschrieb). Und nicht Carl Mannich und Willy Jacobsohn, oder gar Fritz Haber. Die von Köllisch für Merck “geschaffene” Substanz wurde damals “Methylsafrylamin” genannt. Die korrektere Bezeichnung 3,4-Methylendioxymethylamphetamin (abgekürzt zu MDMA) kam später, “Ecstasy” noch später.

Das Herstellungsverfahren für Methylhydrastinin wurde von der Firma Merck am 16. Mai 1914 in Darmstadt rückwirkend zum 24. Dezember 1912 patentiert. In Patent 274350, “Verfahren zur Darstellung von Alkyloxyaryl-, Dialkyloxyaryl- und Alkylendioxyarylaminopropanen bzw. deren am Stickstoff monoalkylierten Derivaten” sowie Patent 279194, “Verfahren zur Darstellung von Hydrastinin-Derivaten”. Die Patentschrift beschrieb das Herstellungsverfahren, dieses wurde geschützt, und liess den Verwendungszweck für die Produkte offen. Die damals Methylsafrylamin genannte Substanz war wie andere Zwischenprodukte durch das Patent 274350 geschützt. Mit-patentiert wurde auch die Muttersubstanz von MDMA, MDA (Methylen-Dioxy-Amphetamin32), die bereits 1910 synthetisiert worden war, von Jacobsohn und Mannich für Merck.

Methylhydrastinin, um das im Patent eigentlich ging, wurde getestet und von Merck als Hämostatikum auf den Markt gebracht. Für das zufällige Beiprodukt MDMA sah man keinerlei medizinischen Nutzen. MDMA und MDA verschwanden in der Versenkung. Auch erneuerte Merck die Patente später nicht. Die psychoaktive Wirkung dieser Substanzen wurde erst Jahrzehnte später entdeckt und genutzt. Methylendioxyamphetamin/MDMA ist ein Derivat (Abkömmling) des Amphetamins und wie dieses ein synthetisches Mittel. Es ähnelt in einigen chemisch-pharmkologischen Eigenschaften aber auch dem Halluzinogen Meskalin. Safrol, ein Wirkstoff des Muskat, ist mit dem MDMA verwandt, wirkt ebenfalls psychedelisch wie speedig.

In den nächsten Jahrzehnten gab es bei Merck sporadische Tests mit MDMA. Etwa 1927, als der Konzern auf der Suche nach Adrenalin- oder Ephedrin-artigen Substanzen auf der Basis von Safrol war. Merck-Chemiker Max Oberlin entdeckte dabei anscheinend das Patent 274350 (das in diesem Jahr auslief!), da MDMA diesen Kriterien entsprach. Er nannte es nun “Safryl-Methyl-Amin” und führte einige Versuche damit durch, wandelte es in ein Hydrochlorid um, verglich es mit “Ephetonin”. Auch in den 1950ern gab es einige solcher Versuche. Merck hat MDMA aber nie als Medikament heraus gebracht, es auch nicht an Menschen getestet.

Wie andere Nazi-Projekte wurde auch jenes mit Speed von der USA weiter geführt. Morell war nach dem Krieg nach Bayern gegangen, wurde dort durch das USA-Militär verhört – wie auch Von Braun oder Gehlen. An verschiedene Entwicklungs- und Forschungsansätze der Nazis wurden im Rahmen von “Project Chatter” angeknüpft. Dieses lief von 1947 bis 1953, im Rahmen der Marine, und handelte hauptsächlich von der Suche nach Drogen für Verhöre. “Chatter” wurde nicht zuletzt deshalb eingestellt, da diverse Forschungsansätze bezüglich psychoaktiver Substanzen als Kampfstoffe, als „Wahrheitsdrogen“ oder zur Bewusstseinskontrolle, in einem neuen Programm zusammen gefasst werden sollten, in “MKULTRA”, das die CIA durch führte. Im Rahmen von “MKULTRA” wurden sowohl “Meth” (Code-Name EA-1298) als auch MDMA (Code-Name EA-1475) getestet33.

Wenn es um den Einsatz von Speed-Mitteln zur Bewusstseinskontrolle und nicht zum Aufputschen geht, hat MDMA gewisse “Qualitäten” – Menschen legen unter Ecstasy-Einfluss eine erstaunliche Auskunftsfreudigkeit über sich an den Tag. MDMA wurde von der CIA “nur” an Tieren getestet, heisst es. Anscheinend ist es im Gegensatz zu LSD, Scopolamin und Meskalin nicht in die nächste Runde bzw in die engere Auswahl für den Einsatz als biologisch-chemische Waffe gekommen – gegen Kommunisten oder was so darunter deklariert wurde.

Smith, Kline & French interessierte sich ab Ende der 1940er für das Potential von MDMA’s Verwandten MDA als Anti-Depressivum und Appetitzügler/Schlankheitsmittel, führte bis 1957 diesbezügliche Versuche durch, an Tieren. 1958 ging man zu Versuchen an Menschen über. Bis 1961 liess sich SKF Zubereitungen von MDA als Tranquillizer (Beruhigungsmittel) und Appetitzügler patentieren. Wegen der offensichtlichen Rauschwirkungen der Substanz blies der Konzern letztlich aber die geplante Produktion der Medikamente ab. Doch gelangte MDA in den 1960ern in gewissem Umfang auf die Strasse, vor allem in Kalifornien. Unter Hippies und Homosexuellen war es bis in die 70er als Liebesdroge beliebt, auch „hug drug“ oder “mellow drug” genannt.

Jene, die das Merck-Archiv durchsuchten, Bernschneider und Andere, fanden Hinweise darauf dass der Konzern um 1959 herum den pharmazeutischen Einsatz von MDMA erwog und testete, als neues Aufputschmittel. Jedenfalls kam es nicht dazu. Und, 1960, so heisst es, erschien in einem polnischen wissenschaftlichen Magazin eine Anleitung zur Herstellung von MDMA. Die Untergrund-Produktion im Westen kam, durch welche (fachlichen) “Zuflüsse” auch immer, Ende der 60er, Anfang der 70er auf Touren. 1970 wurden erstmals MDMA-Tabletten in den Strassen von Chicago beschlagnahmt. Nach Europa kam das Mittel in den 1970ern erstmals, durch Rajneesh/Osho-Anhänger, die damit die Herzen und Geldtaschen von Leuten, an denen sie interessiert waren, zu öffnen versuchten.

Hier kommt nun Alexander “Sas(c)ha” T. Shulgin in die Geschichte. Der US-Amerikaner mit russischen Wurzeln, 1925-2014, spielte für Ecstasy/MDMA eine noch viel wichtigere Rolle als Gordon Alles beim Amphetamin –  das Fundament das dort Edeleanu gelegt hat, wurde hier von Köllisch geschaffen. “Pelé” hat einmal über die Anfänge des Fussball-Sports gesagt, die Engländer hätten nur das Format, die Struktur geschaffen, die Brasilianer das Spiel dann mit Leben erfüllt. Ähnliches kann man beim MDMA über Köllisch und Shulgin sagen.

Sein Studium musste Shulgin für den Militärdienst im 2. Weltkrieg unterbrechen. Er kam zur Marine, auf ein Kriegsschiff, das im Nord-Atlantik unterwegs war. Er selbst wurde nicht verwundet, zog sich aber eine schmerzvolle Infektion zu, für die er mit Morphium (Morphin) behandelt wurde. Anscheinend hat dessen Wirkung seine lebenslange Faszination für Drogen begründet. “Das Morphin macht Einen gleichgültig gegenüber dem Schmerz, es de-personalisiert ihn”. Als Biochemiker und Pharmakologe arbeitete er dann für den Pharma-Konzern Dow Chemicals. Um 1960 bekam Shulgin von einem befreundeten Psychiater Meskalin und experimentierte privat damit herum. Bis er dem nachgehen konnte, was er damals anscheinend als seine wahre Berufung erkannte, der Entwicklung von Drogen, dauerte es noch.

Die Grundlage dazu legte er 1961 mit der Entwicklung des Pestizids “Zectran”, das sehr profitabel wurde. Dow gewährte ihm dafür grosse Freiheiten. Er durfte in den nächsten Jahren ausser der Forschung an Medikamenten, die ihm die Firma vorgab, auch “privaten” Forschungsinteressen nachgehen. 1966 verliess er Dow, studierte zunächst Psychiatrie. Dann widmete er sich der Entwicklung synthetischer Halluzinogene. Bedeutend wurde v.a. “DOM”, auch bekannt als “STP” oder „Super-LSD“, eine Substanz die noch um ein Vielfaches stärker wirkt als die Vorbilder LSD und Meskalin.34

Auf der Suche nach bewusstseinsverändernden Drogen stiess Shulgin erstmals 1965 auf MDMA, er synthetisierte es auch. Er probierte es aber nicht selbst aus und befasste sich auch zunächst nicht weiter damit. 1976 wurde er durch eine von ihm betreute Chemie-Studentin an der San Francisco State University, Merrie Kleinman, wieder auf MDMA aufmerksam gemacht. MDMA zirkulierte damals in der USA im Untergrund. Shulgin synthetisierte MDMA erneut, im September 1976 (schuf dabei eine neue Synthese-Methode), und testete es diesmal auch an sich, in ansteigenden Dosen. Bei 120 mg, so heisst es, erfuhr er eine Wirkung, die ihn überzeugte. Dies dürfte der erste wissenschaftliche Versuch mit MDMA an Menschen gewesen sein.

1977 gab Shulgin MDMA an einen befreundeten Psychotherapeuten weiter, Leo Zeff. Auch dieser wurde von dem Mittel überzeugt und benutzte es für seine Therapie und empfahl es auch an andere Psychotherapeuten. Und die Entwicklung nahm ihren Lauf. 1978 führte Shulgin mit Mitarbeitern Versuche über MDMA durch, beobachtete Dosierungen, Wirkungen, Abbauprozesse,… und zeichnete alles auf. In diesem Jahr brachte er mit David Nichols einen Forschungsbericht zur pharmakologischen Wirkung von MDMA bei Menschen heraus, der erste dieser Art. MDMA wurde erst in den späten 1970ern weit verbreitet, von Shulgin aus seinem Dämmerschlaf erweckt. MDMA war zwar von der Pharma-Industrie geschaffen worden35, aber im Gegensatz zu den anderen zwei Speed-Substanzen nie legal auf den Markt gebracht worden. Eine Nutzung der einstigen Merck-Erfindung war “zwischendurch” nur von USA-Behörden (Militär, CIA) in Erwägung gezogen worden. Mit der DEA, die ihn eine Zeit lang verfolgt hatte, arbeitete Alexander Shulgin dann zusammen.

Er ist weniger der Vater von MDMA/Ecstasy, als dessen Zieh- oder Stiefvater. Er war nicht der erste, der MDMA synthetisierte, aber er nahm sich der “nach der Geburt verstoßenen Droge” an und verhalf ihr zu echter Aufmerksamkeit und Verbreitung; die Ecstasy-Wellen ab den 80ern wären ohne ihn wahrscheinlich nicht geschehen. Andere Chemiker, die sich mit MDMA beschäftigten, taten dies in der Regel in dessen Produktion im Untergrund. Und nicht in einem wissenschaftlichen Rahmen. Shulgin stellte in seinem Heim-Labor auch hunderte neue psychoaktive Verbindungen her, etwa das “2C-x” (Phenethylamine), und “probierte” diese auch selbst. In Büchern wie “Pihkal” und “Tihkal” veröffentlichte er diese Selbstversuche.

Shulgins Freund Leo Zeff setzte MDMA in seinen Psychotherapie-Sitzungen bzw an seinen Patienten ein. Und er empfahl diese therapeutisch-psychiatrische Verwendung vielen Kollegen weiter. Auch als eine Art Ersatz für das mittlerweile verbotene LSD – das Zeff ebenfalls eingesetzt hatte. MDMA wurde Ende der 1970er eine „Therapie-Droge“, hauptsächlich in der USA. Shulgin selbst sah MDMA anscheinend immer als psychotherapeutisches Medikament36. Der chilenische Anthropologe und Psychiater Claudio Naranjo untersuchte in Behandlungen in seiner Praxis in der USA wiederum die Effekte von MDA.37 MDMA fand bald seinen Weg von der Psychiater-Couch zurück auf die Strasse. Dort wurde es dann „Adam“ genannt, eine von Leo Zeff geprägte Bezeichnung, eine Anspielung auf einen “Urzustand” vor der Schuld und der Scham.

Es kursierten auch Strassennamen wie “Essence” oder “Love”. Die Bezeichnung “Ecstasy” wurde anscheinend von einem kalifornischen Dealer gewählt, Anfang der 1980er. “Empathie” wäre vielleicht angemessener gewesen, aber “Ekstase” wurde für „verkaufsförderlicher“ gehalten. Die Alternativ-Bezeichnungen „XTC“ oder „E“ leiten sich von diesem Namen ab, der sich durchsetzte. Und, so wie MDMA von “Adam” zu “Ecstasy” wurde, wurde es von der Psychotherapie- zur Party-Droge. 1986 war MDMA/Ecstasy bei der “Geburt” von Acid House auf der Balearen-Insel Ibiza dabei. Fand von dort seinen Weg nach Grossbritannien und Irland, durch zurück kehrende Touristen und DJ’s. Dort spielte es bei der Entstehung der Rave/Techno-Mode eine Rolle. Als diese Welle Anfang der 1990er von GB dann nach Festland-Europa über schwappte, fand auch MDMA seinen Weg dorthin. Dort, wo es einst entstanden war.

So ist MDMA seit den 80ern/90ern als “Ecstasy” auf Discos und Clubbings als “Spassdroge” für Junge verbreitet. Und die “Sicherheitsleute” und Türsteher solcher Veranstaltungen konsumieren für die Arbeit selber sehr oft diese oder eine andere Form von Speed. Und dann gibt es jene Ecstasy-Konsumenten, die darauf lieber Mozart hören, zu Hause auf der Couch. Und im Konsum mehr als nur Hedonismus sehen. Diese sind es auch eher, die die Apologetik des Mittels übernehmen, nicht Jene, die damit nächtelang high-energy Tanzparties mit techno-pop house music durchtanzen.

In vielen Ländern, wie Grossbritannien, waren MDMA und seine “Geschwister” wie MDA oder MDEA bereits in den 1970ern verboten worden, vor dem Aufschwung unter der Bezeichnung “Ecstasy”. In der USA erreichte die DEA 1985, dass MDMA in Klasse I der Drogen klassifiziert wurde, womit ihr jeder legitime Konsum abgesprochen wurde, medizinisch oder sonstwie. In der BRD kam es 1986 ins Betäubungsmittelgesetz. In Grossbritannien wurde 1994 von der konservativen Parlaments-Mehrheit der Criminal Justice and Public Order Act erlassen, der sich gegen diverseste Gruppen ausserhalb einer gewünschten “Leitkultur” richtete, von Hausbesetzern über Tierschützer bis Zuwanderer und eben Raver. Der hierfür relevante Artikel machte es illegal, unter freiem Himmel ohne spezielle Genehmigung Musik für mehr als 100 Personen zu spielen, die sich durch „eine Abfolge repetitiver Rhythmen auszeichnet“, und schon Versammlungen von ab 10 Leuten, die „auf einen Rave warten“ auflösbar machen.

Was die Ecstasy-Wirkung betrifft, ist eine Diskrepanz zwischen reinem Stoff und gestrecktem (dem meist gehandelten) zu unterscheiden. Die vom Konsumenten erhoffte Wirkung ist eine eigenartige Mischung aus Speed und Psychdelika sowie das spezifische „I love you all“-Gefühl. Zum Einen ist da eine allgemeine Stimulierung (> „Tanzdroge“) und Enthemmung. Und zum Anderen Glücksgefühle, ein Gefühl der Entspanntheit, eine „Öffnung nach Innen“, intensive Gefühle der Nähe zu anderen Menschen, ein Gefühl, mit sich und der Welt im Frieden zu sein. Diese psychedelisch-entheogene Wirkung fördert eher Liebe als Sex, heisst es, macht MDMA zum „Herzöffner“ oder „Kuscheldroge“.

MDMA/Ecstasy gilt als Entaktogen und Empathogen. Entaktogene sind psychoaktive Substanzen, unter deren Einfluss die eigenen Emotionen intensiver wahrgenommen werden. Ein Empathogen ist ein Wirkstoff, der dazu führt, dass die unter seinem Einfluss stehende Person das Gefühl hat, mit anderen Menschen zusammen eine Einheit zu bilden, mit ihnen gemeinsam zu fühlen. Diese Wirkung, eine Verbindung zur eigenen Gefühlswelt herzustellen, war es auch, die das Mittel einst für die Psychotherapie wertvoll machten. Und es ist wohl ein Entheogen, wird also für spirituelle und mystische Zwecke genutzt.

Die negativen Wirkungen ergeben sich, wie so oft, aus den positiven. Einer, der alle Menschen als angenehm empfindet, kann auch noch den eigenen Vergewaltiger sympathisch finden, solange er/sie unter Wirkung des Mittel ist. Es wird weiters von Vergiftungen und Schädigungen von Nervenzellen im Gehirn geschrieben. Eine typische Speed-Wirkung ist, dass körperliche Warnsignale abgeschalten werden. Die Engländerin Leah S. Betts hat 1995 an ihrem 18. Geburtstag MDMA/Ecstasy genommen, trank dann 7 Liter Wasser, um beim Tanzen nicht auszutrocknen – und fiel gerade deshalb ins Koma, aus dem sie nicht mehr aufwachte. Sie wollte dem Ausschalten der Warnsignale begegnen. Wie bei anderen Drogen auch bewegt sich auch bei dieser die Beurteilung zwischen Verherrlichung und Dämonisierung. Gerne wird Ecstasy von Ravern mit (zusätzlichem) Speed (Amphetamin) zusammen genommen. Cannabis wird auch gerne dazu geraucht. Seltener ist die Mischung mit LSD (“candyflipping”)38, Psilocybin-Pilzen (“hippieflipping”) oder Ketamin (“kittyflipping”).

Jene Syndikate, die Produktion und Vertrieb von Ecstasy betreiben, sind hauptsächlich in der Niederlande, daneben in Russland, Belgien, Israel, USA,… In der USA ist es v.a. die “Boston Group”, und sie produziert für den Binnenmarkt. Es gibt verschiedene Rezepte für MDMA, die unterschiedlich schwierig sind. Meistens ist MDP2P (3,4-Methylendioxyphenylpropan-2-on bzw Piperonylmethylketon) der Ausgangsstoff; ansonsten meist Piperonal oder Safrol. Die Drogenlabors sind oft mobil.

Was als Ecstasy verkauft wird, enthält oft wenig bis gar kein MDMA. Viele Tabletten enthalten nicht nur Streckmittel und Beimischungen wie Halluzinogene und anderes Speed, sondern oft auch einen ganz anderen Hauptbestandteil. Einen billigeren, manchmal auch gefährliche(re)n. Das können verwandte Stoffe wie MDA (s.u.) sein, aber auch Amphetamin/Speed, Ephedrin, Pseudoephedrin, Koffein, Ketamin, DXM (Dextromethorphan), 2C-B (4-Bromo-2,5 Dimethoxyphenethylamine, ”Nexus”, “Venus”, “Bromo”) oder GHB (Gamma-Hydroxybuttersäure, auch GBL, “liquid ecstasy”)39.

Andere Vertreter der Ecstasy-Gruppe unterscheiden sich von MDMA hauptsächlich dadurch, dass bei ihnen die Antrieb steigernde (speedige), die halluzinogene (darunter das „nach innen Öffnende“) und die empathogene Wirkungs-Komponente des MDMA anders gewichtet sind. Auf dem „E-Film“, wie der Ecstasy-Trip auch genannt wird, sollen die Grenzen speziell zwischen MDA, MDMA und MDE aber eher fließend als genau bestimmbar sein. Oft wird die Bezeichnung “Ecstasy” auch für die dem MDMA ähnlichen chemischen Verbindungen angewendet.

Von der MDMA-Muttersubstanz MDA (3,4-Methylendioxyamphetamin) war schon die Rede; es ist stärker halluzinogen als MDMA. Dann gibt es 3,4-Methylenedioxyethylamphetamin (MDE oder MDEA, auch “Eve” oder “Eva” genannt). Hier ist die Speed-Komponente schwach. DOB ist stark halluzinogen, aber nur leicht aufputschend. Dann gibt es auch MMDA (3-Methoxy-4,5-Methylenedioxyamphetamin), MBDB, MMA. Oder MDMC (3,4-Methylendioxy-N-methylcathinon), auch bekannt als “Methylon”. Es wurde früher auch in der psycholytischen Psychotherapie verwendet. Eine weitere mit dem MDMA verwandte Designerdroge ist 4-Methylmethcathinon bzw “Mephedron”, MMC, “Mephe”. Es ist ein Hauptbestandteil der sogenannten Badesalz-Drogen oder Legal Highs.

Speed in der Kunst

In Romanen und Songs wurde das lange akzeptierte “Benzedrine” besonders oft verarbeitet. Etwa in den “James Bond”-Romanen (1953-1965) von Ian Fleming; der britische Geheimagent nimmt es oft in Zeiten von Stress und Spannungen. Diese Geschichten waren zwar Grundlage für die Filme, in diesen nimmt er diese Tabletten aber nicht; sein Trinken wird darin auch eher nur angedeutet. “Benzedrine” kommt auch im Burroughs-Roman “Junkie”, im Ginsberg-Gedicht “Geheul” (“Howl”), und in den Romanen “Even Cowgirls get the blues” (“Tom” Robbins, 1976, verfilmt) und “Filth” von Irvine Welsh vor; als von Protagonisten eingenommen oder als Metapher. Kim Wozencraft hat in ihrem atobiografischen Roman “Rush” ihre intravenöse Erfahrung mit Phenmetrazin (“Preludin”) verarbeitet, nicht zuletzt als sexuelle Stimulanz.

Die breite kulturelle Akzeptanz von “Benzedrine” besonders in der USA kommt auch in Songs wie “Who put the Benzedrine in Mrs. Murphy’s Ovaltine?” von Harry Gibson, “I Took 3 Bennies and My Semi Truck Won’t Start” von Commander Cody And His Lost Planet Airmen oder “Benny and the Jets” von Elton John zum Ausdruck; aus späterer Zeit stammt “Wet Sand” von RHCP. Velvet Underground, Who, Sisters of mercy dürften “Bennies” konsumiert haben, haben das Mittel auch in Songs verarbeitet. Der Name der Dexys Midnight Runners leitet sich vom “Dexedrine” ab.

Bei den Filmen, in denen Speed-Mittel thematisiert werden, ragt “Spun” (2002, Jonas Akerlund) weit heraus. Meth spielt darin eine Hauptrolle, oder anders gesagt, der Film dreht sich um Leute die Meth-Hersteller, -Verkäufer oder -Konsumenten sind. Auch die Verstopfung von “Cookie” (Mena Suvari), eine mögliche Folge von Meth, wird gezeigt. Auch in “The Salton Sea”, “Quadrophenia”, “Playing God”, “Pink Cadillac”, “Outland”, “Hunt to Kill”, “50 Pills” oder “Berlin Calling” kommt Meth vor. In „Vanishing Point“ (“Fluchtpunkt”, 1971) besorgt sich der Fahrer “Benzedrine”-Tabletten für die lange Fahrt – aus der dann eine Amokfahrt wird. In “Drugstore Cowboy” (1989) geht es um eine Gruppe von jungen Süchtigen, die sich Tabletten, v.a. Schnelle, besorgen. Das “NZT-48” in “Limitless”/”Ohne Limit” ist der Wirkung nach auch eine Art Speed… Und weitere

Und dann gibts natürlich die US-amerikanische TV-Serie “Breaking Bad“, die sich um Methamphetamin dreht. Aus dem braven Chemie-Lehrer und Familien-Vater wird nach einer Krebs-Diagnose ein Meth-Koch, der es mit der DEA, mexikanischen Kartellen und Junkies zu tun bekommt – und sich in 5 Staffeln (08-13) behauptet. Aus Walter White wird “Heisenberg”, allmählich, ab dem Moment als er mit seinem DEA-Schwager Hank auf seinen ehemaligen Schüler Jesse “stösst”. Das kahl-rasieren seines Kopfes ist ein äusserer Ausdruck eines inneren Wandels. Dann die Ablehnung des Angebots seines ehemaligen Kollegen und dessen Frau bzgl der Finanzierung der Krebs-Behandlung.40

Er macht das “Kochen” ursprünglich für die Familie, dann auch für sich. Sehr Symbolisches bzw Metaphorisches in der 10. Folge der 2. Staffel (“Schluss”/”Over”): White, der schon Aufgeben will mit den Drogen, bemerkt beim Einkaufen (von weisser Farbe) in einem Baumarkt Einen, der Zutaten für Crystal Meth-Produktion kauft; gibt ihm zunächst Tipps diesbezüglich, realisiert dann vor der Kassa dass es sich um Konkurrenten handelt. Er sucht und findet den Mann und seinen Partner am Parkplatz und warnt sie. Es geht nicht mehr nur um das (ursprüngliche) Ziel der Absicherung seiner Familie, er hat Macht durch das Meth-Kochen bekommen, Ehrgeiz, Mut,… Er wollte weisse Farbe kaufen (steht für Walter White), überlegt es sich vor der Kassa dann anders, lässt White stehen und konfrontiert die Dealer als “Heisenberg”. Er mordet dann auch, und lässt Jane sterben.

Sein Junior-Partner Jesse Pinkman ist hauptsächlich für den Vetrieb der Ware zuständig. Der Kontrast zwischen Jesse und Walter ist etwas, wovon die Serie lebt. Das eingenommene Geld wird anfangs mittels einer Spenden-Homepage “gewaschen”. Am Ende der zweiten Staffel verlässt Skyler Walter weil sie einen noch ungenauen Verdacht hegt, später wird sie seine Verbündete. Dann arbeiten Walter und Jesse für „Gus“, Gustavo Fring, aus Chile, Besitzer der Fastfood-Kette “Los Pollos Hermanos”, die dem Vertrieb und der Geldwäsche dient. Walt wird vom Unternehmer zum Angestellten; daneben gibts die Autowäsche. In der 5. Staffel schlägt sich Walter ohne Gus durch, hat Hank gegen sich.

Der Konsum von Meth und seine Folgen spielen kaum eine Rolle in BB, Herstellung und Handel stehen im Vordergrund; die Darstellung von Spooge und seiner Partnerin sind da eine Ausnahme. Walter hat, so viel ich weiss, einmal, im Fring-Labor, Meth selbst gekostet. Die Erkrankung von ihm wird ausgeblendet, sie bereitet ihm anscheinend keine wirklichen Beschwerden, weder physisch noch psychisch. Walt und Jesse nehmen viel Geld ein, haben dafür eigentlich wenig Lebensqualität. Walter zeichnet sich durch “Chuzpe” aus, es ist aber auch Chuzpe, das Thema der Herstellung und des Vertriebs harter Drogen so „unverblümt“ dar zu stellen, wie es “Vince” Gilligan mit der Serie tat.

Das in BB gezeigte “Meth” ist übrigens Kandiszucker (https://www.youtube.com/watch?v=kBzNn0Y6bjI ). Schauplatz ist Albuquerque in New Mexico; die Durchmischung von Hispano- und Anglo-Kultur auf verschiedenen Ebenen ist auch ein Aspekt der Serie. Walt fährt auch einen Pontiac “Aztek” > eine Anspielung auf die Nähe zu Mexiko, die aztekische Vergangenheit? Dadurch stieg die Popularität und der Verkauf des Modells, heisst es. Die mexikanischen Konkurrenten werden in der Serie als die Gewalttätigen dargestellt.

Walters Erfolgsgeheimnis ist ja sein fundierter chemischer Sachverstand und die Sorgfalt bei der Herstellung des (fiktiven blauen) Meth, das qualitativer ist als der Stoff der Konkurrenz. Es ist aber fraglich ob Reinheit von Meth in der Realität eine Rolle spielt. Ja, je purer das Produkt des Kochens, je mehr können es die “Verteiler” strecken, aber das ist in der Serie ja nicht das Erfolgsgeheimnis. Und, viele “Konsumenten” kaufen von schlechtem (getsrecktem) Zeug einfach mehr. Es gibt aber wahrscheinlich einen Markt für reines Meth. Durch Jene, die gute Qualität wollen, die es sich leisten können, zB in städtischen Gay-Klubs.

Sachbücher und Online-Artikel

Nicolas Rasmussen: On Speed: The Many Lives of Amphetamine (2008)

Hans-Christian Dany: Speed: Eine Gesellschaft auf Droge (2012)

Norman Ohler: Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich (2015). Über Drogenkonsum im NS-Regime, von Hitler bis zu den Soldaten, v.a. über deren Meth

Leslie Iversen: Speed, Ecstasy, Ritalin. Amphetamine – Theorie und Praxis (2008)

Roland Härtel-Petri, Heiko Haupt: Crystal Meth: Wie eine Droge unser Land überschwemmt (2014)

Sean Connolly: Amphetamines. Just the Facts (2000)

Ralph Weisheit, Whilliam White: Methamphetamine: It’s History, Pharmacology and Treatment (2009)

Irvine Welsh: Ecstasy (1996). Kurzgeschichtensammlung

Detlef Briesen: Drogenkonsum und Drogenpolitik in Deutschland und den USA (2005)

Claudio Naranjo: Die Reise zum Ich (1987). Original: The Healing Journey (1973)

Alexander Shulgin, Ann Shulgin: PiHKAL. A chemical Love Story (1992). Pihkal steht für “Phenethylamines I Have Known And Loved”

Julie Holland (Hg.): Ecstasy: The Complete Guide. A Comprehensive Look at the Risks and Benefits of MDMA (2001)

G. Bonhoff, H. Lewrenz: Über Weckamine. Pervitin und Benzedrin (1954)

Christian Beck: MDMA—Die frühen Jahre. In: C. Rätsch, J. Baker, C. Müller-Ebeling (Hg.): Jahrbuch für Ethnomedizin und Bewußtseinsforschung 1997/
98 (2000)

Frank Owen: No Speed Limit: The Highs and Lows of Meth (2013)

Lara Norquist, Frank Spalding: The Truth about Methamphetamine and Crystal Meth (2011)

Alexander Shulgin: History of MDMA (1990)

Karl-Artur Kovar und Inge Muszynski: Ecstasy Today and in the Future (2000)

Alexander Shulgin, Ann Shulgin: Tihkal (1997)

Udo Benzenhöfer, Torsten Passie: Rediscovering MDMA (ecstasy): the role of the American chemist Alexander T. Shulgin. In: “Addiction” 105 (8), S. 1355–1361 (2010)

Lester Grinspoon, ‎Peter Hedblom: The Speed Culture: Amphetamine Use and Abuse in America (1976)

Terrance McKenna: Speisen der Götter: Die Suche nach dem ursprünglichen Baum der Weisheit (1996). Englisches Original: Food of the Gods: The Search for the Original Tree of Knowledge (1993)

Tilmann Holzer: Die Geburt der Drogenpolitik aus dem Geist der Rassenhygiene (2007)

Brigitta Sternberg: Süchtig (1970). Schilderung einer Amphetaminsucht

Nassir Ghaemi: A First-Rate Madness: Uncovering the Links Between Leadership and Mental Illness (2012)

Jan Haverkamp: Rauschmittel im Nationalsozialismus (2009)

Bruce Eisner: Ecstasy: The MDMA Story (1989)

Nick Reding: Methland: The Death and Life of an American Small Town (2009)

Astrid Ley, Günter Morsch: Medizin und Verbrechen. Das Krankenrevier des KZ Sachsenhausen 1936–1945 (2007; Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Bd. 21)

Werner Pieper (Hg.): Nazis on Speed. Drogen im 3. Reich (2002/03)

Marc Rufer: Glückspillen (1995)

Wolfgang Eckart (Hg.): Man, Medicine and the State: The Human Body as an Object of Government-Sponsored Medical Research in the 20th Century (2006)

David Irving: The Secret Diaries of Hitler’s Doctor (1983)

Malinda Miller: Ecstasy: Dangerous Euphoria (2012)

Hilary Klee: Amphetamine Misuse: International Perspectives on Current Trends (1997)

Peter Steinkamp: Zur Devianzproblematik bei der Wehrmacht: Alkohol- und Rauschmittelmissbrauch in der Truppe (2008). Dissertation

Hans Cousto: Drogen-Mischkonsum – Das Wichtigste in Kürze zu den gängigsten (Party-)Drogen (2003)

Herbert Covey: The Methamphetamine Crisis. Strategies to Save Addicts, Families, and Communities (2006)

 

Politische Einordnung von Amphetaminen

Über Drogenkartelle in Mexiko

Geschichte des Amphetamins (englisch)

Bernschneider-R., Freudenmann, Öxler über die Wurzeln des Ecstasy bei Merck (engl.; zumindest eine der Autoren ist mit der Firma verbunden)

Drogen-Wikia über Amphetamin

Benzedrine im Krieg (englisch)

Amphetamin in der Medizin (engl.)

Breaking Bad-Wiki (engl.)

Über Meth (engl., Download)

W. R. Bett über die medizinische Nutzung von Benzedrine (engl., 1946)

www.mdma.net (engl.)

Geschichte des Dopings

Über Adderall (engl.)

Über Ecstasy

Infos über Meth (engl.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Kommt etwa in Schokolade bzw Kakao-Bohnen vor
  2. Wenn von der Pflanze als Medizin bzw Droge die Rede ist, wird sie meist Meerträubelkraut, Ephedrakraut oder Ephedrae herba genannt
  3. Qat kann auch ausgeprägte Paranoia sowie Depressionen bewirken
  4. Das Wort kommt vom altgriechischen syntithenai = zusammensetzen
  5. Vieles an den Wirkungen ist beim Kokain auch so
  6. Wobei die von ihm angekurbelten Blutvergiessen in Mittelamerika dabei eher ein Nebenschauplatz waren, schliesslich ist diese Region so etwas wie der Hinterhof der USA
  7. Kommentar aus einem englisch-sprachigen IT-Drogen-Forum: “levo amphetamine is disgusting, its the motor to the car, the D-amph is like the sorround sound speakers blasting and the gasoline to get the whip in motion!”
  8. Wie andere Pharma-Konzerne ging auch SKF aus einer einzelnen Apotheke hervor, der eines John Smith in Philadelphia, die ab 1830 begann. 1865 kam ein Mahlon Kline als Partner dazu, der Betrieb hiess nun “Smith-Kline”. 1891 kam ein French Richards dazu > Smith, Kline & French. 1925 wurde eine Forschungsabteilung geschaffen
  9. SKF hat die oder eine andere Firma, die das tat, geklagt
  10. Mit Methylhexanamin
  11. Vicks (anfänglich: Vick) ist eine Marke des US-Konzerns Procter & Gamble, für Erkältungsprodukte. Im deutsch-sprachigen Raum ist sie als “Wick” am Markt
  12. Manche versuch(t)en auch, sich mit Cannabis „herunterzurauchen“
  13. Darüber gibt es 2 Spiel-Filme, aus 1997 und 2016
  14. Von denen er Lieder sang und die er 5 Jahre zuvor getroffen hatte
  15. Vorläufer des DEA, im Justizministerium angesiedelt
  16. Daneben gab es noch jene, die sie “heimlich” nahmen
  17. “The Intensive Processing Procedure,” 1950. Siehe dazu auch https://mikemcclaughry.wordpress.com/2015/04/09/l-ron-hubbard-benzedrine-and-secret-cia-projects-in-1950/
  18. “Refill”, etwas dass es hierzulande nicht gibt
  19. Während die orale Aufnahme bei medizinischer Anwendung die gängige Darreichungsform ist, trifft man sie ansonsten seltener an. Das liegt auch daran, dass beim oralen Konsum die Wirkung langsamer eintritt und schwächer sein soll
  20. Als Prodrug/Pro-Pharmakon wird ein inaktiver oder wenig aktiver pharmakologischer Stoff bezeichnet, der erst durch Verstoffwechselung (Metabolisierung) im Organismus in einen aktiven Wirkstoff (Metaboliten) überführt wird
  21. Ähnlich war es bei Aminorex, das als “Menocil” von McNeil in den 60ern als Appetitzügler am Markt war
  22. Anscheinend weitgehend vom Markt genommen
  23. Die Autorin Elizabeth Wurtzel thematisierte ihren “Ritalin”-Missbrauch gross, sie sei nahtlos vom Schnupfen des Mitteln zu Kokain über gegangen. Sie nehme jetzt “Concerta”, das sich weniger zum Missbrauch eignet
  24. Daneben wurde das von der Firma Hildebrand hergestellte “Scho-Ka-Kola” in der Wehrmacht verteilt, dort wurde sie auch als “Fliegerschokolade” bezeichnet. Sie enthielt aber kein “Pervitin”; diese Behauptung kommt davon, dass das “Panzerschokolade” genannte “Pervitin” mit dieser tatsächlichen Schokolade durcheinander gebracht wird
  25. Für die Einführung der Rezeptflicht werden auch die Jahre 39 und 42 genannt
  26. Um 1940 sollten Wissenschafter “Pervitin” verbessern, “Nebenwirkungen” ausschalten, auch damals fanden im KZ Sachsenhausen Menschenversuche statt. Die im KZ Dachau durchgeführten Tests mit Meskalin für Verhöre unter Plötner wurden dann von der USA aufgegriffen
  27. Er soll weiters “Mutaflor” gegen seine Blähungen genommen haben
  28. Genau jene Region, in der Japan in dem Krieg gekämpft hatte, welcher für Meth ein “Schrittmacher” war…
  29. Böse Ironie: Dieser hat (wahrscheinlich) den Präsidenten getötet, der seine Amtszeit bzw die letzten Jahre seines Lebens auf Amphetamin war
  30. Im Film “Spun” ist Ephedrin (bzw Medikamente, die es enthalten) noch frei erhältlich
  31. Abgabe kleiner Mengen, Identifikation, Registrierung des Verkaufs
  32. Beziehungsweise 3,4-Methylendioxyamphetamin
  33. In Maryland; die Chatter-Versuche haben auch in diesem Bundesstaat statt gefunden
  34. Über Halluzinogene/Psychedelika sagte Shulgin: “Use them with care, and use them with respect as to the transformations they can achieve, and you have an extraordinary research tool. Go banging about with a psychedelic drug for a Saturday night turn-on, and you can get into a really bad place, psychologically. Know what you’re doing, decide just why you’re using it, and you can have a rich experience. They’re not addictive, and they’re certainly not escapist, either, but they’re exceptionally valuable tools for understanding the human mind, and how it works”
  35. So wie alle modernen (konzentrierten) Drogen
  36. Im Englischen kann “drug” ja sowohl Droge als auch Medikament bedeuten
  37. Fest gehalten in “The healing journey” / “Die Reise zum Ich”
  38. Es gibt auch „Tripstasy“, auch “2c-e”, “2CB” oder “2C-T-7” genannt, eine fertige Kombi aus Ecstasy und LSD bzw aus anderen aufputschenden und halluzinogenen Mitteln
  39. Das an sich als Partydroge (aufputschend) oder KO-Tropfen (niederwerfend) genutzt wird
  40. Es gibt einen echten Walter White, in Alabama, anscheinend kein Chemiker, der Meth-Produzent war, dieser war auch selbst süchtig, er hat viel Geld gemacht, ehe ihm die Polizei auf die Schliche gekommen ist

Morphium

Entwicklung

Es geht hier um eine Droge, die nicht mehr aktuell ist, das zu Anfang des 19. Jahrhunderts erstmals hergestellte Morphium bzw Morphin. Das Alkaloid wurde wurde von seinem “Entdecker” “Morphium” genannt und bald wurden Präparate damit unter diesem Namen industriell hergestellt und vertrieben; als wissenschaftliche Bezeichnung hat sich aber “Morphin” durchgesetzt. Für den Gebrauch als Droge wird weiter vorwiegend “Morphium” verwendet. Die englische (und französische) Bezeichnung ist “Morphine”. Morphium war Grundlage für das fast 100 Jahre später ebenfalls in Deutschland entwickelte “Heroin” (Diacetylmorphin). Die Injektionsspritze und Kriege verhalfen dem Morphium zur Ausbreitung. Es hatte eine kurze Hoch-Zeit, Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jh, vorwiegend in der westlichen Welt. Am höchsten war die Welle des Morphium-Gebrauchs in der Zeit des Fin de siècle, danach wurde es hauptsächlich vom Heroin verdrängt. Viele literarische oder Film-Figuren aus dieser Zeit waren Morphinisten, und auch reale Personen. Dies ist also die Kulturgeschichte des Morphiums.

Die Suche nach den Wirkstoffen im Opium war seit dem 17. Jahrhundert im Gang. Im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert versuchten Apotheker und Chemiker in Europa durch Extraktion, Ausfällen, Dekantieren und Filtrieren die Inhaltsstoffe von Arzneipflanzen und deren chemische Zusammenhänge zu ergründen, und überhaupt pflanzliche Inhaltsstoffe zu isolieren.

1803 wurde in Frankreich Morphin, wichtigstes Alkaloid des Morphiums, erstmals isoliert, von Armand-Jean-François Séguin und seinem Assistenten Bernard Courtois. Seguin hielt darüber 1804 einen Vortrag (vor der Academie des Sciences), der allerdings erst 1814 veröffentlicht wurde. Zu weiteren Untersuchungen kam Seguin aufgrund einer von durch Napoleon veranlassten Anklage gegen ihn nicht mehr. Auch Louis-Charles Derosne befasste sich (unabhängig von Seguin) mit der Analyse der Bestandteile des Opiums, isolierte ebenfalls 1803 ein “Opiumsalz”, das nach heutiger Ansicht ein Gemisch aus Morphin und Narkotin (Narcotin) war. Antoine Baumé hatte Narkotin bereits 1762 aus Opium isoliert.

Der Apothekergehilfe Friedrich Wilhelm Sertürner, der eben erst seine Lehrzeit beendet hatte, wandte sich 1803 in der Cramer’sche Hofapotheke in Paderborn dem Problem der unterschiedlichen Wirksamkeit von Opium (das bei der Schmerzbekämpfung eingesetzt wurde) zu. Er begann bei seiner Analyse von Roh-Opium mit einem wässrigen Auszug durch Auskochen. Diesen neutralisierte er mit Ammoniak. Er gab den Niederschlag einem Hund zu testen, liess es Mäuse probieren. Da sich dieser sich nicht in Wasser, wohl aber in Essigsäure löste, vermutete er richtig, dass es sich um einen alkalischen (basischen) Stoff handle. Damals wurde angenommen, dass pflanzliche Wirkstoffe nur als Säuren vorliegen würden.

Sertürners Isolierung von Morphin aus Opium und die Erkenntnis darüber fiel ins Jahr 1804. Er nannte dieses erste isolierte Alkaloid1 “Morphium”, nach Morpheus, dem griechischen Gott der Träume.2 Sertürner publizierte seine Erkenntnisse 1806, im “Journal der Pharmacie” von Trommsdorff, im Artikel “Darstellung der reinen Mohnsäure (Opiumsäure) nebst einer chemischen Untersuchung des Opiums”. Zum ersten Mal lag die chemisch reine Form eines pflanzlichen Arzneistoffs vor, was die exakte Dosierung des Stoffes ermöglichte.

Sertürner in seinem Bericht 1806:

„Wird es ferner erwiesen, daß der schlafmachende Stoff an und für sich dieselben (wo nicht bessere) Wirkungen als das Opium in der thierischen Oekonomie hervorbringt, so sind alle diese Schwierigkeiten gehoben; der Arzt hat nicht mehr mit der Ungewißheit und dem Ungefähre, worüber oft geklagt wird, zu kämpfen, er wird sich immer mit gleichem Erfolg dieses Mittels …, statt der nicht immer gleichen jetzt gebräuchlichen Opiumpräparate bedienen können.“

Sertürner begann 1805 als Mitarbeiter einer Rats-Apotheke in Einbeck nördlich von Paderborn. Nachdem unter Napoleon die Gewerbefreiheit im Königreich Westphalen eingeführt worden war und er 1809 in Kassel sein Apothekerexamen bestanden, erwarb Sertürner ein Patent zur Errichtung einer zweiten Apotheke in Einbeck. Mit der Niederlage von Napoleon und seiner Armee bei Leipzig 1813 wurden in Deutschland die “meisten Uhren zurück gedreht”, fiel auch die gesetzliche Berechtigung für seine Apotheke weg (bzw, überhaupt das Königreich Westphalen). Das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg (auch Kurfürstentum Hannover genannt), zu dem Einbeck gehörte, wurde zunächst restauriert, dann, durch den Wiener Kongress, 1814 zum Königreich Hannover. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit musste Sertürner 1817 die Apotheke aufgeben. In dieser Zeit überprüfte er die Untersuchungen zum Opium, kam zum gleichen Ergebnis wie ein Jahrzehnt zuvor.

Sertürner publizierte 1817 erneut über die Isolierung des Morphins, dies führte zur Wiederentdeckung seiner vergessenen (untergegangenen) Entdeckung.3 Auf diese Publikation wurde der französische Chemiker Louis-Joseph Gay-Lussac aufmerksam, der auch Herausgeber der Zeitschrift “Annales de chimie et de physique” war. Er veranlasste eine Übersetzung, die nun eine Fülle von Aktivitäten auf diesem Gebiet auslöste. Dazu gehört auch ein Prioritätsstreit um die Entdeckung des Morphin. Über Frankreich fand Sertürner nun auch in Deutschland Anerkennung, wurde (ebenfalls 1817) in die „Societät für die gesammte Mineralogie zu Jena” aufgenommen, deren Präsident zu jener Zeit Goethe war. An der philosophischen Fakultät der Universität Jena reichte er seine Arbeit über das Morphin ein, promovierte damit.

Verbreitung

1821 erwarb Sertürner die Rats-Apotheke in Hameln (ebf. Königreich Hannover), als Nachfolger des ebenfalls bedeutenden J. F. Westrumb. Hier arbeitete er bis zu seinem Tod 1841, blieb daneben wissenschaftlich aktiv, publizierte zu Lehre und Forschung. Die französische Académie des sciences entschied im Prioritätsstreit um die Entdeckung des Morphins um 1830 für Sertürner und gegen Seguin. Der “Erfinder” des Morphins/Morphiums war möglicherweise sein erster Abhängiger. Selbstversuche führte er schon bei der Isolierung durch. Später empfahl er das Mittel anscheinend Kunden seiner Apotheke und Leuten seines Bekanntenkreises, als Linderung für alle möglichen Beschwerden. Morphium wurde zunächst in Sertürners Apotheke vertrieben, als Schmerzmittel sowie für die Behandlung von Opium- und Alkoholsucht.

Der Schritt von lokal, individuell in Apotheken hergestellten und vertriebenen Arzneien zur industriellen Herstellung und zum grossflächigen Vertrieb hängt eng mit dem Morphium zusammen. Auch wegen der kaum zu befriedigenden Nachfrage begann die Loslösung der Arzneiherstellung vom Apothekenlabor. Zur selben Zeit veränderte sich die die Pharmazie von einem reinen Lehr- zum akademischen Beruf. Und, gemäßigte, lokale Herstellung (und Konsum) pflanzlicher Drogen ging über in die industrielle chemische Herstellung konzentrierter Mittel und den Vertrieb dieser Mittel, der Länder und Kontinente umfasste. Diese Entwicklungsschritte, in der späten Neuzeit, gingen nicht zuletzt von Deutschland aus. Diese wissenschaftlich-wirtschaftlichen Umwälzungen (mit gesellschaftlichen Auswirkungen) fanden vor dem Hintergrund politischer Umbrüche statt, dem Ende des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, den Napoleonischen Kriegen und Staatsgründungen und der Restauration der deutschen Staaten (die nur mit einer schwachen Klammer verbunden waren).

Der französische Mediziner François Magendie publizierte 1818 über die medizinische Wirkung des Morphiums, insbesondere die schmerzlindernde (analgetische). Man hatte ein Schmerzmittel, das konzentrierter und dosierbarer als Opium war. Morphium/Morphin stand lange im Zentrum der Schmerztherapie. Und, vom Schmerzstillenden zum Euphorisierenden ist es eben nur ein kleiner Schritt, das wusste man schon vom Opium. Was mit “hypnotischen” Eigenschaften beschrieben wurde, war nicht nur das Einschläfernde, sondern auch das Rauscherzeugende.4 Verschiedene Apotheker und Chemiker versuchten damals nicht nur erfolgreich, aus Opium weitere Alkaloide zu isolieren, wie Kodein; es gelang auch die Isolierung von Nikotin, Koffein oder Chinin. Dass im menschlichen Körper ein selbst produziertes Opioid existiert, Endorphin (das eigentlich „endogenes Morphin“ bedeutet), wurde erst in den 1970ern erforscht/entdeckt.

Um 1820 begann die (Herstellung und) Verwendung des Morphiums in Deutschland und Frankreich, als Arznei und insbesondere als Schmerzmittel. Wegen des bitteren Geschmacks und ausgelösten Brechreizes war die orale Gabe nicht optimal, suchte man eine Methode, den Verdauungsweg zu umgehen. Als eine Möglichkeit fand man die künstliche Zerstörung der Hautoberfläche (Aufritzen der Haut) und eine Aufnahme über die verletzte Stelle (Morphinanreibung). Daneben wurde vor dem Injizieren auch die Aufnahme über Schleimhäute (Mund, Nase) und durch das Rauchen5 praktiziert.

Die Apothekenlabors waren nicht dafür geeignet und ausgestattet, Arzneistoffe in grossem Ausmaß herzustellen. Manche Apotheker sahen darin ihre Chance, erweiterten ihre Labors oder schufen neue Produktionsstätten. Etwa Emanuel Merck, Besitzer der der in Familienbesitz befindlichen “Engel-Apotheke” in Darmstadt, der sich auch zum Ziel setzte, Arzneistoffe in immer gleich bleibender Qualität zu liefern6. Merck begann 1827 mit der industriellen Produktion von Morphium, als Erster. Er befasste sich mit möglichen Verbesserungen in der Herstellungstechnologie (Extraktion) von Morphium, kam darauf, dass die damals gängigen Verfahren nicht reines Morphin, sondern eine Mischung mit Narcotin darstellten. Innerhalb weniger Jahre wuchs sein Betrieb in einem kaum geahnten Ausmaß, die Morphium-Verkäufe hatten daran einen entscheidenden Anteil. Wie er verlegten sich einige Apotheker darauf, Arzneistoffe und Präparate herzustellen und an andere Apotheken zu liefern. Auch Beiersdorf oder Trommsdorff waren ursprünglich Apotheker, die dann die Herstellung pharmazeutischer Produkte aus der Mutterapotheke lösten bzw Herstellung und Verkauf an den Verbraucher trennten, zweiteres aufgaben.

So entstand im Laufe des 19. Jahrhunderts die pharmazeutische Industrie, im Zuge einer allgemeinen Industrialisierung, auch ausserhalb Deutschlands. Das Morphium steht am Anfang der Entstehung der pharmazeutischen Industrie; auch einige andere ihrer frühen Mittel kamen aus der Isolierung und dann Verarbeitung pflanzlicher Wirkstoffe, die auch als Rauschmittel benutzt und später als solche verboten wurden (v.a. Kokain und Heroin). Der Pharma-Konzern Merck erwähnt auf seiner Homepage Morphium und Kokain nicht (etwa im Rahmen seiner Firmengeschichte), trotz (oder wegen) des entscheidenden Beitrags dieser Mittel dazu, die Firma gross zu machen; er beantwortet auch Anfragen dazu abschlägig. (Hier ein bisschen was dazu.)

Morphium wurde als Medizin verstanden. 1822 vergiftete der französische Arzt Edme Castaing damit einen Patienten, um in den Besitz seines Vermögens zu kommen. Er wurde überführt und 1823 in Paris enthauptet. Wahrscheinlich der erste Einsatz des Mittels als Gift. Viel öfters wurde es aber als Rausch-Droge zweck-entfremdet. Morphium bringt die typischen Opiateffekte und -probleme. Von Verstopfung über die Gefahr einer Atemdepression bis zur Sucht, dem Schritt vom “sich gut fühlen damit” zum “erträglich fühlen nur noch damit”. Auch nach einer Schmerzbehandlung war/ist Morphium nicht so leicht abzusetzen. Im Westen löste Morphium Laudanum ab, in Teilen des Orients Rauchopium.

Ende der 1820er stellte Merck aus Pflanzenextrakten Produkte wie Morphium/Morphin, Narcotin, Chinin, Emetin oder Salicin (Vorläufer der Salicyl- und Acetylsalicylsäure) zum Weiterverkauf und Versand her. Nach wiederholten innerstädtischen Verlegungen seiner Produktionsstätten erwarb Merck 1840 ein am Stadtrand von Darmstadt (seit 1806 beim Grossherzogtum Hessen) gelegenes Grundstück zur Gründung einer chemisch-pharmazeutischen Fabrik. Georg Merck, Spross des Familienunternehmens, entdeckte 1848 (im Laboratorium des angesehenen Giessener Chemie-Professors Justus von Liebig) Papaverin, ein weiteres Alkaloid des Opiums. Es wirkt erschlaffend auf die glatte Muskulatur, wodurch ein Einsatz bei Krankheitsbildern wie Asthma oder Darmkoliken sinnvoll wurde. Daneben wurde es bei “erregten Kranken” eingesetzt.

Die Entwicklung der Injektionsspritze wurde durch den Wunsch vorangetrieben, Lösungen damals neu entdeckter, stark wirkender Arzneistoffe, nicht zuletzt des Morphiums, zu verabreichen. Erst die Entwicklung der Spritze durch Charles Gabriel Pravaz (auch hier gab es „Vorarbeiten“ durch andere, die zT Jahrhunderte zurückgehen, und Weiterentwicklungen) in den 1850ern ermöglichte eine einfachere und schmerzlose Applikation; ein grösserer Erfolg des Morphiums als Schmerzmittel erfolgte erst dadurch. Der schottische Arzt A. Wood verabreichte 1853 als einer der Ersten Morphium (genauer: Morphin-Sulfat) mit einer solchen Spritze, führte das ein, was mit den Kriegen in Nord-Amerika und West-Europa bald zu grosser Verbreitung kommen sollte. Woods Frau soll von solchen Injektionen süchtig geworden sein davon. Überdosierungen wirken sich als Injektion „unmittelbarer“ aus.

Kriege haben dem Morphium zu grösserer Verbreitung geholfen, vor allem der US-amerikanische Bürgerkrieg. Möglicherweise war Morphium schon im Krim-Krieg (1853-1856) und im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg (1846-1848) im Einsatz. Aber erst im USA-Bürgerkrieg (1861-1865) gab es auch die Möglichkeit der Injektion. Morphinsulfat wurde Kriegsverletzten als Schmerzmittel gespritzt und als Anästhesiemittel bei Operationen eingesetzt7. Daneben wurde es auch bei Durchfall, Malaria und Ruhr verabreicht. Das in beiden beteiligten Armeen. Auch Atropin wurde so verabreicht.

Mehrwegspritzen (aus Glas) gab es viel zu wenige in dem Krieg, auch in der besser ausgerüsteten Nordstaaten- (bzw Bundes-) Armee. Daneben wurden auch Opium-Pillen verabreicht, vor allem dann, wenn Spritzen nicht verfügbar waren. In die Armee der Südstaaten/Konföderierten kamen Morphium und Opium trotz der Seeblockade seiner Häfen, durch Schmuggel und Erbeutung von Vorräten im Norden. Die hygienischen Zustände in den Lazaretten waren erbärmlich, so dass ein potentes Schmerzmittel erst recht vonnöten war. Die Behandlung von Verletzungs-Schmerz mit Opiaten und Injektionen bedeutete einen Durchbruch für die Militärmedizin – und den endgültigen für das Morphium als Schmerzmittel.

Jeder Krieg hat seine Droge und jene des Amerikanischen Bürgerkriegs (in dem schon einiges stark in die Moderne zeigte) war das gespritzte Morphium. Es soll auch für die eine oder andere Aktion von Kriegsteilnehmern “verantwortlich” gewesen sein, etwa den Angriff von CSA-General Richard S. Ewell (der nur mehr ein Bein hatte) auf Gettysburg 1863. Drogengebrauch war in der Militärkultur nichts neues, auch wenn diesbezügliche Überlieferungen über die Assassinen nicht zutreffend sein sollten. Die Frauen in der Familie von Jefferson Davis, dem Präsidenten der Konföderierten Staaten (CSA), sollen stark süchtig gewesen sein, von Morphium oder Laudanum, unabhängig vom Krieg.8 Die Anwendung in Kriegen und danach brachte den Doppelcharakter des Morphiums (eigentlich aller Opiate) gut zum Vorschein, den des Schmerzlinderers und des Freudenbringers. Das Mittel, das einen Schmerzen (bzw Verletzungen, Krankheiten) nicht spüren lässt, darüber hinweg tröstet, wird eben auch zur Abschirmung von negativen Gefühlen verschiedener (anderer) Art geschätzt. Von der Anwendung für die Schmerzlinderung zur Anwendung aus hedonistischen Motiven heraus ist es eigentlich kein so grosser Schritt.

Soldaten bekamen in diesem Krieg grosse Mengen an Opiaten verabreicht. Die eine Wirkung haben, an die man sich schnell gewöhnt. Und, viele trugen vom Krieg bleibende Schäden davon, chronische Schmerzen, Behinderungen, seelische Traumata. Und Morphium war auch nach dem Krieg frei verfügbar. Im Zusammenhang mit der der daraus resultierenden Suchtwelle wird auch von einer “Soldatenkrankheit” (Soldier’s disease) gesprochen. Es ist aber umstritten, wie gross diese Suchtwelle wirklich war und wie viel sie mit dem Krieg zu tun hatte. Siehe dazu einen Link unten zu einem Artikel. Der behinderte/traumatisierte Kriegsveteran, der sich selbst Morphium injizierte und dessen Sucht für Andere offensichtlich war, gab es ihn gegen Ende des 19. Jh tatsächlich in allen US-amerikanischen Städten? Manche Historiker meinen, dass hier übertrieben wurde, um repressive Drogengesetze zu rechtfertigen. Die Zahl der Morphium-Süchtigen in der USA nach dem Krieg muss irgendwas zwischen 40 000 und 400 000 betragen haben.

Das Suchtpotential von Morphium wurde nach diesem Krieg jedenfalls klar. Und, infolge des USA-Bürgerkriegs wurde Morphium als Schmerz- und Rauschmittel dort hegemonial, zT durch Umsteiger vom Laudanum (Opium und Alkohol) und (Rauch-)Opium. Es wurde aber aus Morphium und Alkohol eine Art neues Laudanum gemischt. „Morphinismus“ meinte ursprünglich nur die Abhängigkeit von Morphium, wird auch für andere Opiat-Süchte und sogar andere Drogen verwendet.9 Sie waren eine bemerkenswerte gesellschaftliche Mischung, die Morphinisten der USA des späten 19. Jh.: Bürgerkriegs-Veteranen, chinesische Einwanderer und weisse Mittelstands-Frauen. Manchen Angaben zufolge machten Letztere die Mehrheit davon aus, Damen der sogenannten besseren Gesellschaft, die Morphium gegen Schmerzen und Unwohlsein aller Art nahmen, zu “Injektionskränzchen” zusammen kamen. Alexandre Dumas d. J. nannte Morphium den Absinth der Frauen. Auch Mary Chesnut, durch ihr Tagebuch eine wichtige Zeitzeugin des Bürgerkriegs, nahm es.

In Europa war der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 die “Entsprechung” zum amerikanischen Bürgerkrieg, bedeutete die Einführung des (gespritzten) Morphiums in der Militärmedizin (v.a. für Schmerzbehandlung, aber nicht nur), markiert den Beginn der breiten “zivilen” medizinischen Verwendung und seine Durchsetzung in der Gesellschaft zur Selbst-Medikation, nicht zuletzt durch im Krieg süchtig gewordene Soldaten.10 Auch in den anderen Reicheinigungskriegen kam es zur Anwendung. Auch hier wurde man bald auf das im Morphin schlummernde Suchtpotential aufmerksam.

Wieder so eine Koinzidenz, dass der Durchbruch für Morphium in Deutschland und Europa mit der Gründung des Deutschen Reichs zusammenfiel. Es war mir nicht möglich, zweifelsfrei heraus zu finden, ob Merck ein Patent auf Morphium hatte. Jedenfalls hatte es am Weltmarkt eine Hegemonie inne bis zum Ersten Weltkrieg. Krankenhäuser, Ärzte, Apotheken kamen in den meisten Teilen der westlichen Welt nicht mehr ohne Morphium aus. Seit 1880 wurde es auch massiv nach China importiert, wo man (der Westen) um des Geschäfts willen zuerst das Opium-Rauchen aufrecht erhalten wollte, dann durch seine eigenen Mitteln ersetzen wollte.

Allmähliche Verdrängung

Der Deutsch-Französische Krieg, mit Morphium-Einsatz, führte ja zur deutschen Eroberung von Elsass und Lothringen. Dort, am Pharmakologischen Institut der Universität Strassburg11 arbeitete in den 1880ern der Mediziner Heinrich Dreser (aus Darmstadt). Einige Jahre später war Dreser bei Bayer in Elberfeld tätig, Leiter des dortigen Pharmakologischen Laboratoriums, in dem Ende des 19. Jh Diacetylmorphin (Heroin) und Acetylsalicylsäure (“Aspirin”) entwickelt wurden. Es heisst, dass Heroin aus patentrechlichen Gründen entwickelt wurde, man etwas ähnliches wie Morphium suchte, da Merck das Patent dafür hatte. Ja, und Heroin sollte eine weniger süchtig machende Alternative zu Morphium als Schmerzmittel sein und ein Mittel zur Entwöhnung vom Morphinismus. Auch Kokain wurde als Entzugsmittel für Morphinisten gesehen und verwendet (etwa bei Freuds Freund Fleischl und CocaCola-Gründer Pemberton).

Es gibt Schwestern, die geben dem Patienten Morphium, damit dieser Ruhe habe – und es gibt Schwestern, die geben dem Patienten Morphium, damit sie Ruhe haben.

Carl Ludwig Schleich (1859 - 1922), deutscher Arzt (Erfinder der Infiltrations-Anästhesie) und Schriftsteller

Bayers Aspirin war das gesuchte leichte Schmerzmittel, für Fälle in denen Morphium viel zu stark war und wo man sonst nur alkoholische Getränke oder Naturheilmittel hatte.12 Morphium bekam als Schmerz- wie als Rauschmittel Konkurrenz vom noch potenteren Heroin. Codein (Kodein), bereits in den 1830ern in Frankreich isoliert, aber erst ab den 1880ern grossflächig hergestellt (u.a. von Merck!) und angewendet, wurde Ende des 19., Anfang des 20. Jh ebenfalls eine Alternative bzw ein Konkurrent.13

Bayer mit Aspirin und Heroin und Hoechst mit nichtopioiden Schmerzmittel aus der Klasse der Pyrazolone überholten Merck (u.a. Morphium, Kokain, Codein) in dieser Zeit. Bis zum 1. Weltkrieg dominierten pharmazeutische Firmen aus dem Deutschen Reich jedenfalls den globalen Handel mit synthetischen Drogen, die meist auch dort entwickelt worden waren. In diesem Krieg bekam Merck viele Aufträge vom Deutschem Heer, für die Schmerzmittel Morphium und Codein, für Kokain (Aufputschmittel), Narkoseäther, Desinfektionsmittel, Impfstoffe, Veterinärarzneimittel (Pferde spielten in dem Krieg noch eine wichtige Rolle). Zu diesen Mitteln, die die Firma auch sonst herstellte, kam gegen Ende des Kriegs die Produktion von Phosphorgeschossen. Für den Konzern war der Krieg dennoch desaströs, ein grosser Teil der Belegschaft wurde ins Heer eingezogen, Tochtergesellschaften im Ausland gingen ebenso verloren wie wichtige Exportmärkte; durch den Versailles-Friedensvertrag gingen Patente verloren.

Morphium war auch im 1. Weltkrieg das Schmerzmittel in eigentlich allen Armeen. Das Gedicht “In Flanders Fields” (Auf Flanderns Feldern) entstand in diesem europäischen Krieg, 1915, durch den kanadischen Offizier John McCrae14, dessen Freund gerade bei einem Granatenangriff in der Zweiten Flandernschlacht bei Ypern gefallen war. McCrae schrieb über die Felder in Flandern, wo der rot blühende Klatschmohn an das vergossene Blut der Gefallenen erinnert und an die narkotisierenden Wirkungen des Schlafmohns, aus dem Morphium gewonnen wird, das als starkes Schmerzmittel für die schwer verwundeten, auch sterbenden, Soldaten eingesetzt wurde. Der Schmerz, die Linderung, der Rausch, der Schlaf, der Tod.

Morphium wurde in dem Krieg grösstenteils von Militärärzten gespritzt. Im US-amerikanischen Militär war daneben eine frühe Form der Morphium-Fertigspritze (Syrette; Ampullen mit integrierter Nadel) im Einsatz, die im Notfall auch von ungeschultem Personal oder verwundeten Soldaten selbst zu verwenden war, am Schlachtfeld subkutan zu injizieren war. Und, Hoffmann-La Roche stellte ab 1909 unter dem Namen “Pantopon” einen gereinigten und injizierbaren Opium-Extrakt (als Hydrochlorid) her, der die Alkaloide des Opiums in natürlicher Zusammensetzung enthielt. Es wurde meist von Leuten, die gegenüber Morphium allergisch waren, toleriert, und war ähnlich potent wie dieses. Ab 1915 wurde auch Pantopon für den Krieg in sterilen Ampullen mit fest verbundener Injektionsnadel (“Tubunic”) hergestellt. Boehringer machte das Präparat der Schweizer Firma ab 1912 als “Laudanon” nach. Hoffmann-La Roche stellte die Opium-Spritzampullen während des Kriegs für diverse Armeen her und Boehringer ebenfalls.

Da sich in Österreich-Ungarn keine nennenswerte eigene chemisch-pharmazeutische Industrie etabliert hatte, waren seine Streitkräfte bis auf wenige Ausnahmen wie Chloroform und Quecksilber vom Deutschen Reich abhängig, dürften zumindest diese auch mit Boehringers “Laudanon”-Fertigspritzen beliefert worden sein. Die in Basel konzentrierte Fabrikation von Hoffmann-La Roche konnte die Nachfrage während des Kriegs auch durch kontinuierlichen Schichtbetrieb nicht decken. Der Krieg als Riesen-Geschäft. Ironie: Die Einmalspritzen mit Schmerzmittel erinner(t)en in ihrer Form an Patronen. In den Armeen der Mittelmächte dürfte aber auch von Ärzten gespritztes Morphium gegenüber dieser Selbst-Anwendung überwogen haben. Gut möglich, dass das Opium für diese und andere Opiat-Zuberereitungen aus dem Osmanischen Reich kam.

Morphium wirkt stärker als Opium, schwächer als Heroin15, steht auch entwicklungsgeschichtlich zwischen diesen Beiden. Medizinischer Gebrauch und “hedonistischer” war beim Morphium, ist bei anderen Opiaten, nicht so klar und deutlich abzugrenzen, wie Manche meinen möchten. In den 1920ern gab es, u. a. in Deutschland, eine neue Morphium-Welle, die nun nicht mehr nur gehobene Kreise betraf. Legale Einschränkungen kamen, aufgrund der Verwendung als Rauschmittel, dies und die Konkurrenz durch (das semi-synthetische) Heroin drängten Morphium als Rauschmittel in der Zwischenkriegszeit zurück. Anfang des 20. Jh wurde von dem ins Deutsche Reich importierten Opium noch 55% zu Morphium, 45% zu Heroin verarbeitet. Das verschob sich bald.

Auch als Schmerzmittel wurde Morphium nach dem 1. Weltkrieg allmählich verdrängt. Heroin sollte Morphium als Schmerzmittel ablösen, was nicht ganz geschah, es wurde als Analgetikum nie hegemonial, das blieb Morphium im Westen bis in die 1920er/30er, als bessere Mittel entwickelt wurden, wieder v.a. in Deutschland. Auf der Suche nach Nachfolgern /Alternativen von/zu Heroin und Morphium als Schmerzmittel wurden neue Opiate entwickelt, die spätestens nach dem 2. Weltkrieg vorherrschend wurden, Morphium ablösten. Das waren Oxycodon (in 1910ern in Deutschland entwickelt, 1920er zunächst von Merck als „Eukodal“ auf den Markt, dann auch teilweise als Kombinationspräparat), Hydromorphon (bzw Dihydromorphinon, ein Morphin-Derivat, von Knoll ab 1926 als „Dilaudid“ vermarktet, dann auch als “Palladone” u.a.), Tramadol (1920er, ebenfalls ein opioides Analgetikum, mittelstark, Markenname u.a. “Tramal”), Codein-Derivate wie Hydrocodon oder Dihydrocodeine oder Ethylmorphin (Dionine). 1937 brachte Hoechst (damals ein Teil von IG Farben) das erste vollsynthetische Opiat heraus, Pethidin, als „Dolantin“. Die meisten der Genannten gibt es bis heute

Was die Verbote betrifft, das internationale Drogenregime kam ab der Opiumkonferenz 1911/12 in Den Haag langsam in Gang. Infolge dieser Konferenz kam das Haager Abkommen 1912 (International Opium Convention) zu Stande, darüber auch im Kokain-Artikel Einiges. Das Abkommen verpflichtete Unterzeichner-Staaten, eigene Gesetze zu erlassen, was das u.a. das Deutsche Reich nicht tat, wegen seiner Pharma-Industrie. Aber wie gesagt, das Regime kam allmählich zustande, Opium wurde schnell illegal, Heroin (vorerst) nicht… In der USA legte der Harrison Narcotics Act von 1914 den Grundstein für Drogenverbote. Ähnlich wie das 2. deutsche Opiumgesetz schränkte er u.a. Morphium auf den anerkannten therapeutischen Bereich ein. 1920 kam das erste deutsche „Opiumgesetz“. Erst das zweite 1929/30 regelte den Gebrauch der auch medizinisch noch angewendeten Stoffe, von Morphium bis Kokain, dann strenger, schränkte ihn auf diese medizinischen Zwecke ein – für Cannabis und Opium gab es ein Totalverbot. 1931 gab es nach einer internationalen Konferenz die Genf-Übereinkunft (Convention for Limiting the Manufacture and Regulating the Distribution of Narcotic Drugs), die Morphium ebenso wie Heroin und Kokain auf den medizinischen Gebrauch beschränkte und diesen strenger definierte.

Morphin-Tartrat zum Selbst-Spritzen (Syrette, Ampulle mit integrierter Nadel)
Fertigspritzen mit Morphin-Tatrat für verletzte Soldaten, offensichtlich zwei verwendete Exemplare

In der USA wurde in der Zwischenkriegszeit die Morphium-Fertigspritze weiter entwickelt, vom Pharmazie-Unternehmen Squibb in New York. Squibb reichte seine Monoject/ Syrette/ Hypodermic Unit/ Tubunic (nebenan abgebildet) 1939 zum Patent ein, was 1940 genehmigt wurde. Bald darauf nahm das US-Militär das Modell an, liess damit seine Sanitäter ausstatten, rechtzeitig zu seinem Eintritt in den 2. Weltkrieg.

Die Syrette wurde in Kartons ausgegeben; im Falle einer schweren Verletzung konnten Sanitäter/Ärzte, Kameraden oder der Betroffene selbst eine Morphium-Injektion verabreichen. Das Plastik über der Nadel wurde abgezogen, dann wurde die Nadel eingeführt und die Tube zusammengedrückt. Die behandelte Person musste gekennzeichnet werden, mit der leeren Spritze am Kragen, um eine Überdosis zu vermeiden! Im Film “Soldat James Ryan”, der in diesem Krieg spielt, gibt es eine Szene, in der einem schwer Angeschossenen, mehr zur Sterbeerleichterung als zur Schmerzlinderung, zwei solcher Injektionen verabreicht werden. Es ist allerdings fraglich, ob einem Sterbenden mehr als ein Schuss gestattet worden wäre, angesichts der Tatsache dass Sanitäter einen begrenzten Vorrat davon hatten. Ausserdem wurde die Spritze tatsächlich in einem flachen Winkel in die Haut eingeführt, nicht so eingestochen wie darin dargestellt.

Auch Atropin konnte so verabreicht werden. In den Lazaretten wurde Morphium dann üblicherweise mit richtigen Spritzen und von Ärzten verabreicht. Auch andere Heere hatten in dem Krieg die Morphium-Fertigspritzen zur Anwendung ohne grosse Fachkenntnisse, jene für das britische wurden von Burroughs Welcome hergestellt; diese waren mit kleinen Karton-Schildern ausgestattet, die nach der Injektionen an dem (oft bewusstlosen) Verletzten angebracht wurden, um eine (zu frühe) neuerliche Verabreichung zu verhindern (Bild). Neben Morphium waren im 2. WK auch die neuen Schmerzmittel wie Pethidin oder Oxycodon (v.a. als Injektionslösungen) im Einsatz.

1925 gelang es Robert Robinson, die Strukturformel der Morphins zu ermitteln, was eine wichtige Grundlage für weitere Synthesen bildete. 1952 gelang Marshall Gates und Gilg Tschudi in USA die Totalsynthese von Morphin, aus Ausgangsmaterialien wie Kohlenteer und Erdöl-Destillaten. Ähnliche Methoden wurden in den Jahren danach entwickelt und auch patentiert. Dennoch wird Morphin/Morphium seither selten synthetisch produziert, im Gegensatz zu Codein oder Thebain, anderen Opiumalkaloiden. Morphium wird meist nach wie vor aus Rohopium oder Mohnstroh gewonnen. Der ungarische Chemiker János Kabay hat die wichtigste Methode für Mohnstroh in der Zwischenkriegszeit entwickelt. Es gibt weiters die in der Regel bei der illegalen Herstellung angewandte Möglichkeit, Morphin aus opioiden Medikamenten zu gewinnen, etwa durch Demethylierung. Auch wird Morphium mitunter missbraucht, (krudes) Heroin daraus zu gewinnen, durch Azetylierung, das Produkt wird “home-bake” oder “blaues Heroin” genannt.

Die in der Zwischenkriegszeit erlassenen internationalen und nationalen Verbote und Gebote wurden nach dem 2. WK in verschiedener Hinsicht verschärft, bezüglich Morphium änderte sich nichts entscheidendes mehr, es bleibt so gut wie überall auf den medizinischen Bereich (Schmerztherapie) eingeschränkt. Und, nach dem Krieg wurde Morphium vom Heroin endgültig als wichtigtes illegales Opiat verdrängt.

US-Soldaten bekamen auch für die Kriege in Korea und Vietnam “Monojects” mit Morphium bei Verwundungen. Im Film “Dead Presidents”, der teilweise im Vietnam-Krieg spielt, gibt es eine Quasi-Euthanasie mit einer Überdosis durch diese Fertigspritzen, durch einen Kollegen, nach schweren Kampfverletzungen, auf Bitte des Betroffenen. Möglicherweise wurden die Fertigspritzen in diesem Krieg den Soldaten selbst ausgehändigt, zum Selbst-Spritzen, nicht (nur) den Sanitätern. In vielen Armeen dürften solche Präparate bzw Weiterentwicklungen heute noch in Verwendung sein. Das britische Militär hat Syretten mit Papaveretum/”Omnopon” (“Opium-Konzentrat”, enthält die meisten Alkaloide des Opiums, auch Morphin, als Hydrochlorid). Zu den Fentanyl-Lutschern für amerikanische “Marines”, siehe den “Telegraph”-Link unten.

Berühmte Konsumenten

William S. Burroughs wurde nach Pearl Harbor, nach einigem Hin und Her, nicht ins amerikanische Militär aufgenommen. Stattdessen fand und stahl er im Hafen von New York Morphium-Fertigspritzen für das Militär. So entdeckte er Opiate, von denen er Zeit seines Lebens nicht mehr loskam. Auch er stieg nach dem Krieg von Morphium auf Heroin um. Literarisch thematisierte er seine Drogenerfahrungen etwa in seinem ersten Roman “Junkie”.

Hans Fallada (Rudolf Ditzen) entging dem Ersten Weltkrieg. Auch er stieg “quer” ein zum Schreiben, hatte davor diverse Jobs. Er war Morphinist und Alkoholiker (wie auch seine Partnerinnen), schrieb darüber u.a. in “Sachlicher Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein”. Mit Morphium begann er angeblich, wie nicht wenige Andere, nachdem er es infolge eines Unfalls als Schmerzmittel kennen gelernt hatte. Sein Morphinismus fiel hauptsächlich in die Zwischenkriegszeit. Er starb an seinem Drogenkonsum

Auch ein anderer prominenter Morphinist, der Country-Musiker “Hank” Williams (1923-1953), war süchtig von Alkohol und begann, nach einer Verletzung, in seinen letzten Jahren (frühe 1950er) mit Morphium. Im Süden der USA ansäßig, kaufte er es in Spelunken für Afroamerikaner, holte sich dort auch musikalische Einflüsse (Blues). Er starb an einer Mischung von beiden Drogen, die sich gegenseitig verstärken (was bei den körperlichen Wirkungen des Opiats leicht gefährlich werden kann).

Bela “Lugosi” stammte aus dem damals österreichisch-ungarischen Banat, nahm am 1. WK teil, bekam nach einer Verwundung Morphium… Ein Schauspieler schon vor seiner Auswanderung in die USA, wurde er dort ein Stumm-Film-Star. Er wechselte irgendwann zu Methadon, da dieses damals rezeptfrei zu bekommen war. Er starb an den Folgen seines Konsums.

Frida Kahlo begann wahrscheinlich auch nach ihrem Unfall mit Morphium. Wenige Tage vor ihrem Tod im Sommer 1954 nahm sie an einer Demonstration gegen den CIA-inszenierten Sturz von Präsident Jacobo Arbenz Guzman in Guatemala statt. Ironie: Arbenz’ Vater war Apotheker gewesen, der morphium-süchtig wurde – weshalb Jacobo Arbenz die Offizierslaufbahn wählte, ein Studium war durch die Sucht des Vaters materiell unmöglich geworden.

Johannes Becher wurde nach einem Doppelselbstmordversuch mit seiner Partnerin (etwas Ähnliches hatte es bei Fallada gegeben) untauglich für das Militär erklärt, entging dadurch der Teilnahme am 1. WK. Sein Morphinismus, der eine Dekade anhielt, hatte möglicherweise damit zu tun.

Der amerikanische Chirurg William S. Halsted (1852-1922), Vorreiter in der Anästhesie, nahm Morphium und Kokain, zwei Mittel, die er auch zur Anästhesie benutzte (Kokain zur lokalen). Klaus Mann nahm Morphium neben Anderem, in der Zwischenkriegszeit, Rudolf von Habsburg-Lothringen nahm es (siehe auch hier), Friedrich Nietzsche nahm es, Gram Parsons (The Byrds) und Frank X. Leyendecker starben daran. George VI. Windsor (britischer König 1936-1952) und Sigmund Freud dürften es als Sterbebegleitung genommen haben.

Die heutige Situation

Die Substanz wird heute meist Morphin genannt. Es wird noch immer hergestellt, meist in Form seines Pentahydrats oder als Hydrochlorid, und arzneilich verwendet, hauptsächlich als Schmerzmittel und Heroin-Entzugsmittel. Als Darreichungsformen gibt es schnell- und langsam freisetzende Medikamente in Form von Kapseln, Tabletten, Brausetabletten, Tropfen, Granulaten, als Zäpfchen sowie Injektionslösungen (in Ampullen). Noch heute gehört Merck zu den Hauptproduzenten von Morphinpräparaten. Es stellt “Morphin Merck” mit 10 mg, 20 mg, 100 mg Morphinhydrochlorid her, als Injektions-/Infusionslösung, sowie “Morphin Merck Tropfen”, eine Lösung zum Einnehmen, ebenfalls Morphinhydrochlorid, als Schmerzmittel.

Weitere Fertigarzneimittel gegen Schmerzen mit Morphin gibt es u.a. unter Markennamen wie “Kapanol” (GlaxoSmithKline, Morphin-Sulfat-Pentahydrat), “Morphine Sulphate ER” (Mallinckrodt), “Oramorph” (diverse Firmen), “MS Contin” (Mundipharma), “Contalgin” (Pfizer), “Painbreak” (Riemser), “Morphanton”, “Capros”, “M-beta” (Betapharm), “Sevre-Long” (Mundipharma), “Vendal” (G.L. Pharma), “MST Continus”, “Sevredol”, “Morphin-ratiopharm” (Ratiopharm), “Skenan” (Bristol-Myers Squibb), “Morphine Sulfate Hospira” (Hospira), “Morphin-HCl Krewel” (Krewel), “Morphine and Atropine” (Takeda, Morphin und Atropin), “M-long” (Grünenthal), “Morfina cloridrato Molteni” (Molteni & Alitti), “Morfinklorid” (Alkaloid), “Morphine Sulphate-Fresenius” (Fresenius Kabi).

Mit der umgangssprachlichen Bezeichnung „Morphinpflaster“ sind transdermale Pflaster mit anderen Opioiden (Fentanyl, Buprenorphin) gemeint. Morphium/Morphin wird bei sehr starken Schmerzen eingesetzt. Etwa in Fällen, wo der Patient Krebs hat, und zwar in einem Stadium wo es nicht mehr wichtig ist, dass das gegebene Medikament abhängig macht. Der medizinische Einsatz von Morphium ist, wie früher, auf die reicheren Länder beschränkt. Nach einer Schätzung des International Narcotics Control Board von 2005 konsumieren 6 Staaten (Australien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Grossbritannien, USA) 79% des Welt-Morphiums. Die ärmeren Länder, die 80% der Welt-Bevölkerung ausmachen, konsumieren nur 6% davon. Jedenfalls sind sie dabei auf Importe angewiesen. Darunter auch einige Länder, die den Rohstoff für die Morphin-Herstellung (Rohopium oder Mohnstroh) liefern. Andere starke (hochpotente) Analgetika sind dem Morphin strukturverwandt (Hydromorphon) oder enthalten es. “Pantopon” (“Opium-Tinktur”) enthält es, neben allen anderen Opium-Alkaloiden, wird bei schweren Schmerzzuständen, Koliken und Spasmen angewandt, anscheinend auch bei Durchfall.

Ausser in der Schmerztherapie wird Morphium in der Substitutionsbehandlung für Heroin verwendet. In Form von einem oral wirksamen Präparaten, die den Wirkstoff verzögert abgeben, so dass eine lang anhaltende Wirkung (Retardwirkung) resultiert. Ironie, dass Heroin früher als Ersatz-/Entwöhnungsmittel für Morphium gedacht war. Diese Präparate sind v.a.  “Substitol” (Morphin-Sulfat-Pentahydrat, Mundipharma) und “Compensan” (Morphin-Hydrochlorid-Trihydrat, G.L. Pharma).

Neben retardiertem Morphin sind als Heroin-Substitutionsmittel am Markt: Methadon, Dihydrocodein und Buprenorphin. Buprenorphin wird halbsynthetisch aus dem Opium-Alkaloid Thebain gewonnen, ist ein stark wirksames Schmerzmittel, das hochdosiert seit circa Mitte der 1990er dafür verwendet wird. Die Marke heisst “Subutex”, Buprenorphin mit Naloxon wird als “Suboxone” angeboten. Diese Beiden werden vom britischen Konzern Reckitt Benckiser (produziert u.a. auch “Vanish”, “Strepsils”, “Scholl”, “Sagrotan”, “Kukident”, “Durex”, “Clearasil”, “Cilit”, “Calgon”) vertrieben. Benckiser hatte ein Quasi-Monopol auf die Buprenorphin-Präparate, inzwischen gibt es auch vier konkurrierenden Anbieter, darunter Sanofi.

In Deutschland wie in Österreich gibt es die Diskussion, ob retardierte Morphine als Heroinersatzstoffe nicht durch Buprenorphin-Präparate ersetzt werden sollen. Es heisst, dass die Morphin-Medikamente oft am Schwarzmarkt landen und dass Buprenorphine missbrauchssicherer seien. Nur, hinter diesen Bemängelungen stecken oft Lobbying-Agenturen, die für Reckitt-Benckiser arbeiten und die Entscheidungsträger zu beeinflussen versuchen. Auch Heroin-Süchtige, die loskommen wollen, sind eben für Pharma-Hersteller eine Eintrags-Quelle.

Off-Label-Use von Morphin, also die Verwendung ausserhalb des mit der Zulassung genehmigten Gebrauchs, gibt es in der symptomatischen Therapie von Atemnot, Husten und Angst. In der Akutmedizin wird es auch zur Symptomlinderung bei akutem Herzinfarkt eingesetzt, um den Circulus vitiosus aus Schmerzen, Luftnot, Angst, psychischem und körperlichem Stress mit Zunahme des Sauerstoffverbrauchs des Herzens zu unterbinden. Und dann gibt es den Grat zwischen Schmerztherapie in der Sterbephase (Sterbebegleitung, -erleichterung) und Sterbehilfe; für beides wird Morphin eingesetzt, wobei Zweiteres ungesetzlich ist, auch wenn es als Hilfe und Erleichterung gedacht ist. (http://m.aerzteblatt.de/print/81691.htm) Die Krebsärztin Mechthild B. soll  in der Region Hannover mindestens 13 Patienten mit zu hohen Schmerzmittel-Dosen umgebracht haben, wurde wegen Totschlags in diesen Fällen angeklagt. Sie nahm sich dann selbst mit einer Überdosis Morphium (per Infusion) das Leben.

Die Schauspielerin Jamie Lee Curtis begann nach eigenen Angaben nach einer kosmetischen Operation mit morphin-haltigen Schmerzmitteln und wurde davon süchtig. Das Mittel wurde zu “einer warmen Badewanne, in der man der schmerzhaften Realität entfliehen konnte”. Rausch-Gebrauch von Morphium spielt sich heute meist so ab, durch den Missbrauch morphinhaltiger Medikamente, eine illegale Herstellung (siehe oben) findet kaum statt – wenn, dann lieber gleich Heroin. Morphium-Mittel können aus legalen Verschreibungen oder Krankenhaus-Diebstählen auch in der H-Szene auftauchen.

Für Heroin-Junkies ist medizinisches Morphium ein beliebtes Ausweichmittel, auch für solche, die sich nicht einer Substitutionstherapie unterziehen wollen. Die anderen bevorzugten Mittel für den Fall, dass es keinen H-Vorrat gibt, sind die anderen Substitutionsmittel Codein (bzw Dihydrocodein) und Methadon. Dahinter kommen Buphrenorphin und andere Schmerzmittel, wie Hydromorphone oder Oxycodon, leichtere wie Tramal und dann Zubereitungen wie Mohntee. “MS Contin”- Tabletten werden im Englisch-sprachigen Raum in der “Szene” “Misties” genannt, Morphin allgemein u.a. als “Sister morphine”. Nicht-medizinischer Gebrauch von Morphin/Morphium findet i. d. R. mit höheren Dosen statt, als Mischkonsum, etwa mit Alkohol, oft auch in anderer Darreichung als vorgesehen, etwa durch das Sniefen von zerstossenen Tabletten.

Morphium in der Populärkultur

Von Arthur Schnitzler soll der Spruch stammen: „Das Morphium, dieser souveräne Schmerzstiller, ist allzu oft nur ein falscher Freund des Leidenden; es lässt sich seine Gefälligkeit allzu teuer bezahlen, es fordert mit der Zeit die Freiheit, zuweilen auch das Leben.“ …der Einiges für sich hat. In diversen Stücken und Geschichten von ihm (auch in der “Traumnovelle”) spielt Morphium zwar eine Rolle, es gibt aber keine Hinweise, dass er es selbst nahm.

Der deutsche Maler und Grafiker Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) geriet im Ersten Weltkrieg an seine seelischen Grenzen, und bald in Abhängigkeit von Medikamenten (anfangs “Veronal”, später Morphin). Er malte ein “Selbstporträt unter dem Einfluss von Morphium”.

Im 1917 erschienenen Roman “Un Istituto per Suicidi” von Gilbert Clavel (Ein Institut für Selbstmorde) beschreibt der Ich-Erzähler eine Anstalt, in der drei Mittel angeboten werden, sich selber im Zustand des Halluzinierens zu töten: Saufen, Wollust und Pantopon.

Der russische Arzt und Autor Michail Bulgakow (1891-1940) schrieb “Morphium”, das Tagebuch eines Suchtkranken, das auf eigener Erfahrung beruht. Bulgakow war zeitweilig morphiumsüchtig.

In Agatha Christies “Tod am Nil” (1937 Roman, 1978 Film) hat Miss Bowers, Miss van Schuylers Krankenschwester, Morphium mit auf der Reise und setzt es auch recht locker ein, an der aufgeregten Jacquie, die noch dazu getrunken hatte. “Morphium” ist der deutsche Titel von Christies Kriminal-Roman “Sad Cypress” (1940). Auch in diesem Gerichtsdrama ermittelt Hercule Poirot; Morphium spielte bei der Vergiftung eine Rolle. In “The Glass Cell” (Die gläserne Zelle) von Patricia Highsmith spielt das Mittel ebenfalls eine Rolle.

In Orwells „1984“ werden keine Drogen gegen die Untertanen eingesetzt, Winston Smith u. A. nehmen aber Morphium oder etwas Ähnliches, zur Erleichterung.

“Morphium” (Lebensroman des Entdeckers des Morphiums) ist der ca 1950 erschienene Biografieroman Friedrich Wilhelm Sertürners, von Otto Schumann-Ingolstadt.

Marianne Faithfull sang einst “Sister Morphine” (Here I lie in my hospital bed. Tell me, Sister Morphine, when are you coming round again? Oh, I don’t think I can wait that long. Oh, you see that I’m not that strong…); Mick Jagger und Keith Richard schrieben den Song, der 1969 auf der B-Seite von Faithfulls Single “Something Better” erschien. Zu dieser Zeit müssten eigentlich andere Opiate/Opioide im medizinischen Gebrauch gewesen sein.

Auf Pantopon beziehen sich das Gedicht “Pantopon Rose” von William Burroughs und ein Song mit dem selben Titel der nord-irischen Alternative Metal-Band “Therapy?” (1994).

“Die Sehnsucht der Veronika Voss” ist ein deutscher Spielfilm von Rainer W. Fassbinder aus 1982. Er erzählt die letzten Lebensjahre der UFA-Schauspielerin Sybille Schmitz, die sich nach Ende ihres Erfolgs mit Morphium tröstete. Sie trank auch und brachte sich mit Schlaftabletten um.

Der Schweizer Autor Friedrich Glauser thematisierte seinen Morphium-Konsum in seinen autobiografischen Texten.

In “Englischer Patient” (eine Art Tatsachen-Roman von Ondaatje, Film-Umsetzung von Minghella) nehmen (spritzen sich) der Patient Almasy und der Dieb Caravaggio Morphium, der eine (ursprünglich) wegen seinen Verletzungen, der andere aus Lust bzw evtl wegen innere Verletzungen.

Im Comic “Kleines Arschloch” ist der Opa ein Morphinist. Im Comic “The Crow” ist es Funboy.

Szczepan Twardoch schrieb “Morphin”, eine Art historischen Roman. Der Protagonist (teils Deutscher, so wie der Autor wahrscheinlich aus Schlesien) hilft sich im besetzten Warschau des 2. WK mit Alkohol und Morphium, spritzt er sich zusammen mit seiner Lieblingshure.

“Lips Like Morphine” ist ein Song aus 2006 von “Kill Hannah”. „Morphine” war eine US-amerikanische Band, die von 1989 bis zum Tod ihres Frontmannes Mark Sandman 1999 (Zigaretten, Stress, Hitze) existierte.

Das Videospiel “L.A. Noire” spielt im Los Angeles des Jahres 1947. Der Spieler übernimmt die Rolle des Polizei-Detektivs Cole Phelps. Morphium spielt in den Verbrechen, die er aufzuklären hat, meist eine wichtige Rolle. Eigentlich war M. damals schon vom Heroin “überholt”.

Hier stellt sich die uchronische Frage, nach einer Welt, in der kein Heroin erfunden wurde und Morphium bis zum heutigen Tag eine dominierende Droge ist, bietet sich die kontrafaktische Spekulation darüber an. Allzu viel wäre nicht anders, da es auch sehr stark ist und die Darreichung die selbe. Eine Kontinuität wäre gegeben

Literatur und Links

Allgemeine Informationen

Bisschen Entwicklungsgeschichte

Und noch mehr

Sertürner-Gesellschaft

Chemische Infos, aber interessant dargebracht (auf Englisch, wie die meisten Links)

Über die “Soldatenkrankheit” nach dem USA-Bürgerkrieg

Kriege, die durch Drogen “definiert” sind

Vor allem Infos über Einsatz des Morphiums in Kriegen

Morphium-Erfahrungsbericht

Eine cannabistische Beurteilung

Vergleich Dilaudid-Morphium

Auch Erfahrungsberichte

Medizinische und juristische Infos

Über Fentanyl-Lollies für Marines

Wilhelm Deutsch: Der Morphinismus. Eine Studie (2011)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der Begriff „Alkaloide“ wurde erst 1819, von Carl Friedrich Wilhelm Meißner, eingeführt
  2. Erst später bekam das Mittel den Namen “Morphin”, der fachsprachlich heute überwiegt
  3. Die korrekte Summenformel wurde 1848 von Auguste Laurent ermittelt
  4. Hypnos: altgriechischer Gott des Schlafes, Bezeichnung für den Schlaf
  5. Ähnlich wie beim Opium geschah/geschieht das durch das Erhitzen der Substanz und das Einatmen der Dämpfe
  6. Emanuel Merck wurde in der angesehenen Apotheke von Johann Bartholomäus Trommsdorff in Erfurt ausgebildet
  7. Davor gab es bei Amputationen von Gliedmaßen eine Flasche Whisky und eine Säge
  8. Abraham Lincoln wiederum, auf der Gegenseite (USA), galt als Abstinenzler – was Alkohol betraf. Einer seiner Biographen schrieb dass er gelegentlich Kokain nahm. Sein General Ulysses Grant, später selbst Präsident, dürfte ein Alkoholproblem gehabt haben
  9. Ein Lawrence veröffentlicht 1884 ein Buch mit dem Titel „Der Morphinismus der Kinder“
  10. Es begann sehr oft mit einer medizinischen Verabreichung!
  11. Durch die französische Niederlage wurde die Uni eine deutsche
  12. Auch von Aspirin gibts eine “Form”, die natürlich vorkommt: Weidenrinde wurde in den frühen Hochkulturen als Mittel gegen Fieber und Schmerzen eingesetzt. Durch Kochen von Weidenbaumrinden wurden Extrakte gewonnent, die der synthetischen Acetylsalicylsäure verwandte Substanzen enthielten!
  13. Um Codein wird es in einem der nächsten Artikel in dieser Reihe gehen
  14. Die Kanadier in allen Kriegen Laufburschen/Handlanger der Briten
  15. Diacetylmorphin kann die Blut-Gehirn-Schranke schneller überschreiten als Morphin

Heroin

Das Morphin wurde fast ein Jahrhundert vor der Entwicklung des Heroins aus dem Opium isoliert, Anfang des 19. Jh, durch Friedrich Sertürner, wurde dann als “Morphium” vermarktet, das als Medizin verstanden wurde; um das Morphium wird es hier ein ander Mal gehen. Die Isolierung von pflanzlichen Wirkstoffen war ein grosser Schritt (nicht ein ausschliesslich guter), Sertürners Morphiumentwicklung steht auch am Anfang der Entstehung der pharmazeutischen Industrie und ist ein wesentlicher Teil davon. Das durch die Firma “Merck” vertriebene Morphin/Morphium war die Voraussetzung für das spätere Diacetylmorphin/Heroin, bezüglich Forschungsgrundlage wie Forschungs- und Produktionsmöglichkeiten. Die Injektionsspritze und Kriege hatten dem Morphin zur Ausbreitung verholfen. Im Westen wurden ab Beginn des 19. Jh Drogen wie Medikamente in chemischer Form synthetisch hergestellt. Aus schwachen Pflanzenprodukten wurden bösartige chemische Konzentrate hergestellt, aus gemäßigtem, lokalen Drogenkonsum wurde ein weltumspannendes Geschäft. Dies stand im Einklang mit der damaligen allgemeinen Technisierung und „Synthetisierung“; man denke etwa an die Entwicklung und Verbreitung chemischer Fasern (zB “Nylon”, durch “Du Pont”, 1930er). Diese Entwicklungsschritte gingen nicht zuletzt von Deutschland aus, und die Voraussetzungen unter den Sertürner Morphium isolierte und jene, unter denen es Felix Hoffmann fast 100 Jahre später zu Heroin verfeinerte, bringen auch zum Ausdruck, wie sich Deutschland in dieser Zeit verändert hat.

Der Engländer Wright untersuchte bereits Mitte des 19. Jh die Verbindung bzw die Reaktion von Morphin (Morphium) und Essigsäure. Der Pharmazeut/Apotheker/Chemiker Felix Hoffmann kam Ende des 19. Jh zur Friedrich-Bayer-Fabrik in Elberfeld (heute Wuppertal), die u.a. Farben, chemische Grundstoffe und Arzneimittel herstellte und 1863 gegründet worden war. Im dortigen Haupt-/Forschungslaboratorium unter Professor Dreser stellte Hoffmann 1896 Diacethylmorphin her, aus Morphin(base) und Essigsäure. Wenige Jahre später kam er auch auf die Acetylsalicylsäure. Diacethylmorphin (bzw Diamorphin) wurde an Katzen wie auch an Werksangehörigen und ihren Kindern erprobt. Es wurde ab 1898 fabrikmäßig hergestellt und als „Heroin“ (von griechisch “Heros”, Held) auf den Markt gebracht (als Pulver, Tabletten, Tinktur, Tropfen, später auch als Injektionslösung), kurz darauf Acetylsalicylsäure-Präparate unter dem Namen “Aspirin”. Die beiden Mittel, auf die “Bayer” Patente hatte, zwei der ersten chemischen Arzneimittel der Geschichte, haben die Firma gross gemacht, nicht zuletzt durch ihren Erfolg in der USA.

Fläschchen "Heroin" von Bayer
Fläschchen “Heroin” von Bayer

Indikationen für das “phantastische” Arzneimittel Heroin waren in den Augen des Bayer-Konzerns hauptsächlich Husten und Schmerzen (es sollte nicht süchtig machen und die Blutschranke schneller überwinden – zweiteres erwies sich als richtig), aber auch zahlreiche weitere körperliche und seelische Beschwerden, von Bronchitis bis Schizophrenie, auch zur Ruhigstellung von psychisch Kranken (bzw dafür gehaltenen) wurde Heroin verwendet. Anfangs glaubte man auch, dass es bei der Entwöhnung von Morphium als Rauschmittel, eine Verwendung die oft mit einer medizinischen Verabreichung begonnen hatte, eine Rolle spielen könnte – das sprichwörtliche „Den Teufel durch den Beelzebub austreiben“. Heroin sollte Morphium als Schmerzmittel ablösen, was nicht ganz geschah, es wurde als Analgetikum nie hegemonial, das blieb Morphium bis in die 1920er/30er, als bessere Mittel entwickelt wurden, wieder v.a. in Deutschland, wie Pethidin (“Dolantin”, das erste vollsynthetische Opiat) oder Codein-Derivate, auf der Suche nach Alternativen zu Morphium und Heroin. Das semi-synthetische Heroin verdrängte Morphium als Rauschmittel, ab Beginn des 20. Jh, v.a. nach dem 1. WK, endgültig nach dem 2. WK.

Bayer begleitete Herstellung und Verkauf von einer aufwändigen internationalen Werbekampagne, versuchte auch Kritik an dem Mittel zum verstummen zu bringen; hinter der aggressiven Vermarktung und Imagepflege bezüglich des H. stand anscheinend der damalige Werks-Prokurist Carl Duisberg der später an der Entwicklung chemischer Kampfstoffe und dem Zusammenschluss deutscher Chemiekonzerne zur IG Farben beteiligt war.

Anfang des 20. Jh wurde von dem ins Deutsche Reich importierte Opium 55% zu Morphium, 45% zu Heroin verarbeitet. Bis zum 1. Weltkrieg dominierten pharmazeutische Firmen aus Deutschland den globalen Handel mit synthetisch hergestellten Opiaten (Heroin, Morphium, Codein), die meist auch dort entwickelt worden waren.

Als “Medizin” gab es neben der oralen Verabreichung die Tinktur, die über verletzte Haut aufgenommen wurde sowie die Injektion (was eine um ein Vielfaches stärkere Wirkung gab); als “Droge” wurde es zudem geschnupft. Nicht medizinisch begründeter Konsum ist nicht so eindeutig zu definieren, der erwünschte Effekt vom Nebeneffekt zu unterscheiden, zumal bei den vom Hersteller vorgegeben Indikationen. Gerade Ärzte, Apotheker, Pfleger sollen früher und auch heute immer wieder für Missbrauch von solchen Arzneimitteln anfällig sein. Man wurde bald auf das Suchtpotential von Heroin aufmerksam, doch vorerst breitete es sich weiter aus. “Konkurrenten” für Heroin im Westen waren bis zum Ende des 2. Weltkriegs (neben Alkohol) v.a. Kokain und andere Opiat-Verarbeitungen; Kodein hinkte als Schmerz- wie Rauschmittel schon Morphium hinterher, tat dies auch gegenüber dem Heroin.

Bayer verlor mit dem Versailles-Vertrag nach dem 1. WK die alleinigen Rechte für Heroin! Es wurde fortan v.a. von US-amerikanischen Firmen erzeugt; Heroin wurde auch, wie auch andere „potente“ Mittel (zB Kokain) im frühen 20. Jh, in diversen Mischpräparaten verwendet. Die USA wurde das erste Land, in dem Heroin ein gesellschaftliches Problem wurde. Infolge des USA-Bürgerkriegs war Morphium als Schmerz- & Rauschmittel dort hegemonial geworden (zT durch Umsteiger vom Opium), in der Zwischenkriegszeit erfolgte der Vormarsch des Heroins. Es entstand eine Diskussion über staatliche Maßnahmen, die bald kamen. Der Begriff “Junkie” entstand Anfang des 20. Jahrhunderts in der USA. Opiatabhängige/-konsumenten in USA waren zu einem sehr grossen Teil aus der Mittelklasse, weisse Hausfrauen zB, in der “öffentlichen Psyche” waren sie Ausländer, Arme, Aussenseiter. Künstler bilden oft die Avantgarde, beim Heroin in Nordamerika war das die New Yorker Jazzszene rund um Charlie Parker, die in der Zwischenkriegszeit zu Heroin griff. In Deutschland dürfte zu dieser Zeit noch Morphium die Drogenszene beherrscht haben, die grosse Heroin-Rausch-Welle kam um einiges später. Frühe Wellen des Rauschgebrauchs von Heroin gab es in den 1920ern im Mittelmeerraum (v.a. in Ägypten, Türkei) und in Ost-Asien, v.a. China. In Ägypten dominierten Pillen mit grossem Anteil an Streckmitteln, mit Namen wie “Zauberpferd”. In China kam der Stoff teilweise aus Japan (wie auch Morphium), wurde teilweise selbst (von Triaden) hergestellt, meist in Pillenform.

Nach einer internationalen Drogenkonferenz 1912 wurde Heroin im Deutschen Reich zunächst apothekenpflichtig, 1917 kam die Verschreibungspflicht. Auch nach der “Opium-Konferenz” 1925 haben viele Staaten Drogen eingeschränkt, in Deutschland war das das “Opiumgesetz” 1929/30, mit dem in Deutschland Drogenmissbrauch ins Strafgesetz kam bzw Drogengebrauch gesetzlich reguliert wurde. Das Gesetz beinhaltete, gemäß den internationalen Vorgaben, ein Totalverbot von Cannabis und Opium, aber nicht von Heroin, das zu “medizinischen und wissenschaftlichen Zwecken” weiter verwendet werden durfte… Bayer war inzwischen mit “Hoechst” und anderen Konzernen zur IG Farben “verbunden”, dieser Konzern (der grösste nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa!) versuchte, das Gesetz ganz zu verhindern. Nach und nach musste nun die Heroinmenge in Medikamenten eingeschränkt werden, medizinische Verordnungen dafür gab es nur noch in Ausnahmefällen; 1931 stellte Bayer die Produktion ganz ein. Waren die Verbote Folge der unverbünftigen Vertriebspraxis der Hersteller, hätte es einen anderen Weg des “Umgangs” mit Heroin gegeben? An seine Vergangenheit als Heroin-Hersteller lässt sich Bayer jedenfalls heute nicht mehr gern erinnern.

In der USA kam mit dem Harrison-Gesetz 1914 die weitgehende Illegalisierung von Opiaten u.a. Drogen, auch medizinischen, dieses (fiskalisch formulierte) Bundesgesetz beendete die föderale Regelung des Medikamenten-/Drogen-Bereichs, und auch den exzessiven, legalen Gebrauch von Mitteln wie Morphium, u.a. wegen ihrer Rauschnutzung und ihrem Suchtpotential. 1924 erfolgte in USA das Verbot der Herstellung von Heroin.

Die medizinisch-legale Verwendung des Heroin endete also weitgehend in der Zwischenkriegszeit. Es hatte als Medikament eine kürzere Einsatzzeit als Morphium, etwas länger als LSD. In Japan wurde bis Ende des 2. WK Heroin weiter für verletzte Soldaten produziert. Andere Pharma-Firmen als Bayer in verschiedenen Staaten Europas stellten ihre Heroin-Produktion, die eingeschränkt und überwacht wurde, nach und nach ein. Die BRD hat 1958 Pharmafirmen die Produktion von Heroin verboten, das bis dahin also noch gelegentlich verordnet wurde. Diverse Firmen exportierten auch über Verbote hinaus und nicht nur zu medizinischen Zwecken. Der Schweizer Konzern Hoffmann-La Roche etwa soll lange die entstehende illegale Drogenszene mit Heroin aber auch Kokain beliefert haben. Erst um 1940 entstand eine illegale Drogenindustrie, die Herstellung und Handel übernahm. Nach Ende des chinesischen Bürgerkrieges, der mit dem Sieg der Kommunisten endete, wurde das sogenannte „Goldenen Dreieck“ in Südostasien ein Zentrum der Heroin-Produktion. Dorthin ausgewichene Kuomingtang-Truppen bauten sie auf und die Triaden exportierten den Stoff über Bangkok  in alle Welt. In Europa wurde Amsterdam der wichtigste Importhafen.

Nach dem 2. WK begann sich, in allen Teilen des Westens, die illegale Drogenszene um das Heroin zu entwickeln, das Morphium endgültig “ablöste”, als illegales Rauschmittel Nr. 1. Das Schwarzmarkt-Heroin dürfte zunächst im Westen hergestellt worden sein, aus importierter Morphinbase oder dessen Ausgangsstoff Rohopium sowie Acetanhydrid (Essigsäure), das Firmen wie Merck und Hoechst verkauften. Später wurde es in den Mohn-Anbauländern (Afghanistan, Birma, Türkei, Kolumbien,…) hergestellt und in den Westen geschmuggelt. Heroin wurde/wird hier auf diversen Drogen-Schmarzmärkten gehandelt, es kam zu vielen Opfern des illegalen Konsums.

Daneben gibt es auch krudes Heroin, ein Gemisch aus Morphium oder Rohopium oder Mohntee sowie Essigsäure und Streckmitteln, “Berliner Tinke”, “Armes Heroin” oder “Gassenheroin” genannt. Der Gehalt an reinem Heroin darin ist stark schwankend, was für die Konsumenten das Dosieren zu einem beträchtlichen Risiko macht. Streckmittel, von Mehl bis Strychnin, sind aber auch meist dem “richtigen” Heroin beigesetzt, was die Konzentration auch hier zu einer Unbekannten macht. Im Ostblock (1945 bis 1990) gab es wenig an Heroin (Kokain noch weniger), aus dem Westen oder dem Orient geschmuggeltes, auch wenig selbst produziertes, überhaupt weniger Drogen als im Westblock. Am ehesten noch eine Art krudes Heroin, dort “Kompot” oder “Polnische Suppe” genannt,  oder andere Opiatprodukte aus den zentralasiatischen Sowjet-Republiken.

In der Beat(nik)-Subkultur der 1950er in der USA spielte Heroin eine Rolle. Was in den 1960ern mit einem gemeinschaftlichen Aufbruch mit psychedelischen Drogen begann, endete in den 1970ern oft mit einem Rückzug mit Heroin. Seit Ende der 60er gab es in West-Deutschland einen nennenswerten Schwarzmarkt für Heroin; Berlin war in der Zwischenkriegszeit ein “Zentrum” von Drogen-Gebrauch (zunächst mit Morphium) geworden, blieb es mit Veränderungen bis heute. In der BRD wurde Heroin erst 1971 mit dem Betäubungsmittelgesetz dezidiert verboten. Die “Heroin-Kultur” ist jene der Bahnhofsklos, der schmutzigen Spritzen, der Beschaffungskriminalität; viel seltener ist es der Konsum im bürgerlichen oder wohlhabenden Milieu, vielleicht auch durch schnupfen oder rauchen, mit Mischungen wie jener des “Speed ball”, statt als Strassendroge.

Illegaler Anbau von Mohn, also nicht unter Aufsicht von UNODC für Schmerzmittel und andere Pharmaka, findet heute hauptsächlich in Afghanistan, in einigen von dessen Nachbarländern, wie Pakistan, in Südost-Asien (Goldenes Dreieck, also Birma, Thailand, Laos) und Lateinamerika (Kolumbien, Mexiko) statt. Der grösste Teil dieser Ernten wird zu Heroin verarbeitet, ein kleiner Teil zu Rauch-Opium. Die Verarbeitung zum Heroin ist heute meist nahe am Anbau (sein Konsum weniger, im Gegensatz zu Opium). Das nordamerikanische Heroin stammt vorwiegend aus Lateinamerika, in der USA ist aber Kokain wichtiger. Im Goldenen Dreieck ist v.a. Birma wichtig, wo der Schan-Kriegsherr Khun Sa einst “Pate” des Heroin-Exports war. In der Region soll auch die CIA lange als Heroin-Händler tätig gewesen sein; zu einer Zeit als Nixon den “Krieg gegen die Drogen” ausrief. Im Vietnam-Krieg “probierten” zudem viele der dortigen US-amerikanischen Soldaten dort hergestelltes Heroin.

In Afghanistan findet der Anbau von Mohn und seine Verarbeitung v.a. im paschtunisch-belutschischen Südwesten statt, v.a. in der Provinz (Wilayet) Helmand, im Grenzgebiet zu Iran und Pakistan. Essigsäure-Anhydrid muss zur Heroin-Produktion ins Land geschmuggelt werden. Der grösste Teil des afghanischen Heroins wird exportiert (ein wachsender Teil im Land konsumiert), beim dort hergestellten Opium ist es umgekehrt. Der Export läuft hauptsächlich über den Iran, Türkei, Balkan nach Mitteleuropa. Tausende iranische Grenzschützer sind in den letzten Jahrzehnten bei “Kämpfen” mit Schmuggler-Organisationen getötet worden, die mit belutschischen islamistischen Separatisten zusammenarbeiten; ein nicht kleiner Teil des Heroins wird mittlerweile im Iran konsumiert. Die anderen Routen führen über Zentralasien nach Russland, von dort auch nach Sinkiang und andere Teile Chinas, sowie über Pakistan nach Indien.

Bauern in der Gegend um Afyun im westlichen Anatolien durften Mohn für die Verwendung von pharmazeutischen Firmen anbauen. Viele verwendeten den Überschuss zum lokalen Konsum als Rauch-Opium sowie zum Verkauf für das Heroin der „French Connection“ (die v.a. aus Korsen bestand). Der grösste Teil der Felder wurde Ende der 1960er unter westlichem Druck zerstört, ein kleiner blieb für den international erlaubten Mohn-Anbau für Schmerzmittel. Bei dieser Verwendung wird nicht das Roh-Opium aus den Kapseln geerntet, sondern aus den gemähten ganzen Pflanzen (Mohnstroh) auf chemischem Weg Morphin und andere Opiate extrahiert. Bei der illegalen Produktion sind 10 kg geerntetes Rohopium (in Asien, Südamerika) ca. 50 €  wert. Die gleiche Menge an daraus hergestelltem Heroin kostet nach Verarbeitung und Transport im Endhandel im westlichen Abnehmerland etwa 700 000 €. Das grosse Geschäft ist auf Viele verteilt, manche schneiden mehr mit, andere weniger, wie im Kapitalismus so üblich. Manche Drogenkartelle kümmern sich nur um den Handel, andere auch um die Herstellung.

Heroin holt sich alles zurück, was es gibt. Die Schmerzen die es nimmt, kommen bei Entzug als ein Vielfaches zurück, das Wohlbefinden das es gibt, ist bei Sucht kein Genuss mehr sondern ein Muss, die Problemlösung ist eine trügerische. Illegaler Heroinkonsum hat gegenüber dem früheren, medizinisch “überwachten” mehrere Nachteile, von der Reinheit des “Stoffes” bis zu den Preisen. Heroin-Konsum ist eine Art halb-bewusster /-absichtlicher Selbstmord. Politiker setzen gerne Zeichen zur Eindämmung von Drogenproblemen, und kochen oft andere Süppchen dabei, früher wie heute. Ähnlich ist es bei Religionsgemeinschaften und Sekten wie Scientology (>Narconon).

In NS-Deutschland gelang Forschern in dem zu IG Farben gehörenden Hoechst-Konzern 1940 die Herstellung des vollständig synthetischen Methadons, das u.a. als “Polamidon” vermarktet wurde, etwa an die Wehrmacht, als Schmerzmittel für verwundete Soldaten, die zur Besetzung und Unterwerfung zahlreicher Länder ausgeschickt wurden. Man war damit unabhängig von ausländischen Pflanzenrohstoffen, also Schlaf-Mohn, geworden. Seit den 1960ern wird es als Entwöhnungs-Substitut für Heroin-Süchtige verwendet, nach wie vor durch Hoechst hergestellt. Die Verabreichung erfolgt im Rahmen medizinischer und psychosozialer Maßnahmen. Methadon, das vom Heroin entwöhnen soll, ohne eine neue Sucht zu schaffen bzw die bestehende zu verlängern, wird als “Primär”-Rauschmittel sehr wenig verwendet, aber recht oft missbraucht – am Drogen-Schwarzmarkt wird es in “geschweisster” Form (also original verpackt) oder in “gespuckter” (bei Einnahme in flüssiger Form unter Aufsicht) gehandelt… Methadon gehört nicht zu den Drogen, die es zur Verarbeitung in einem Roman geschafft haben, in J. M. Simmels “Wir heissen euch hoffen” (1983) sucht der Held immerhin an einer nicht süchtig-machenden bzw sucht-erhaltenden Alternative dazu.

Auch Morphin/”Morphium” wird in der Substitutionsbehandlung für  Heroin verwendet, mit einem oral wirksamen Präparat (Handelsname “Substitol”), das den Wirkstoff verzögert abgibt, so dass eine lang anhaltende Wirkung (Retardwirkung) resultiert. Daneben wird Buprenorphin, ein starkes Schmerzmittel, halbsynthetisch aus dem Opium-Alkaloid Thebain gewonnen, Handelsname u.a. “Subutex”, als Substitutionsmittel verwendet. Auch das natürliche Ibogain wird zur Heroin-Substitution eingesetzt. Die chemisch-pharmazeutische Industrie produziert nach den Mitteln selbst und den Rohstoffen dafür auch die Entzugs-/Substitionsmittel, bleibt im Geschäft.

In wenigen Ländern wird Heroin an Süchtige kontrolliert abgegeben (im Rahmen eines Entzugs), in der Schweiz als “Diaphin” (chemisch Diamorphin-Hydrochlorid). Angesichts des Drogenelends v.a. auf dem Zürcher Platzspitz hatte sich die Schweiz 1993 für eine “pragmatische” Drogenpolitik mit ärztlich kontrollierter Heroinabgabe an “therapieresistente” Süchtige entschieden, u.a. um Beschaffungskriminalität und Gefahren durch verunreinigten oder gestreckten “Stoff” zu begegnen. 1999 hat das Schweizer Volk das “Experiment” abgesegnet. Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit (BAG) stellte das Heroin aus importierten Grundstoffen zunächst selbst her, wollte die Sache (Produktion und Verteilung) 2001 abgeben, was sich schwierig gestaltete. Die Schweizer Pharmafirmen lehnten aus wirtschaftlichen und Image-Gründen ab, auch solche, die wie “Novartis” grossflächig aus importierten Rohstoffe bzw Zwischenprodukten opiathaltige Medikamente herstellen, für den globalen Export. Die anscheinend dafür gegründete Thuner Firma “DiaMo” begann, im Auftrag des BAG aus dem aus GB (Schottland; von UNODC überwachte Anbaufelder dort) importierten “Zwischenprodukt” (anscheinend fertiges Diamorphin) das Heroin bzw “Diaphin” (in Form von Injektionslösungen und Tabletten) herzustellen. Der Transport zu den Abgabestellen wird schwer überwacht. Das Modell fand einige Nachahmer, Niederlande, Dänemark, Grossbritannien, auch in Deutschland wird die kontrollierte Abgabe von reinem, medizinischen Heroin an ausgewählte Süchtige vorsichtig wieder zugelassen. Entspricht das so abgegebene Heroin den Medikamenten, die man einem schwerstabhängigen lungenkranken Raucher auch nicht vorenthält, oder den Zigaretten für diesen Raucher?

De Ridder bedauert in seinem Buch (s.u.), dass Heroin in den allermeisten Ländern vollständig verboten ist, und nicht als potentes Schmerzmittel für Extremfälle verfügbar ist. In Grossbritannien wurde Heroin als Arzneimittel nie verboten, „medizinisches Heroin“ (dort auch hergestellt) wird dort als Schmerzmittel verwendet. Ansonsten ist das global evtl. noch in Kanada der Fall. Beim Gebrauch von reinem Heroin sind einige der Gefahren des Schwarzmarkkonsums nicht gegeben. Aber am Suchtpotential ändert sich nichts.

Ausweichmittel für Heroinsüchtige sind v.a. opiathaltige bzw -ähnliche Medikamente, von codein-haltigen Hustensäften über Schmerzmittel wie “Valoron” (Tilidin) oder Fentanyl (ein vollsynthetisches opioides Analgetikum/Anästhetikum), auch DXM. Gelegentlich taucht Morphium (s.o.), das aus legalen Verschreibungen oder Krankenhaus-Diebstählen stammt, in der H-Szene auf.

Heroin ist nach wie vor eine der stärksten und gefährlichsten Drogen, neben Crack und Crystal Meth wahrscheinlich. Wie auch die anderen wirklich gefährlichen Drogen ist es aus der chemischen Isolierung von pflanzlichen Inhaltsstoffen und ihrer Verarbeitung zu Medikamenten im 19. und 20. Jh hervorgegangen. Möglicherweise ist nicht die Vermarktung von Diamorphin/Heroin als Arzneimittel an sich ein Kandidat für die Irrtümer-Liste, sondern die Bayer einst vorgenommene. Schwächere, bekömmlichere und ursprünglich in Kulturen integrierte Mittel wie Opium und Koka sind die Verlierer einer Entwicklung, die jene der grossen Weltpolitik wiederspiegelt, und deren Widersprüchlichkeit schon ziemlich am Beginn, im Opiumkrieg gegen China, erkennbar ist.

Wahrscheinlich nicht ernst gemeint
Wahrscheinlich nicht ernst gemeint

An Heroin starben direkt, durch eine versehentliche (?) Überdosis u.a. “Jim” Morrison, Philip S. Hoffman, Janis Joplin, Timothy Buckley, J.-M. Basquiat, “Sid Vicious”, Brad Renfro, Hillel Slovak, D. D. Ramone, Peaches Geldof, “Lenny Bruce” (möglicherweise auch durch Morphium), Chris Farley (Speedball?), Hans Dujmic. Der Jazztrompeter “Chet” Baker fiel unter dem Einfluss von Heroin und Kokain vom Balkon eines Hotels; John Belushi starb an so einer “Speedball”-Mischung, er aber von der Mischung an sich, wie auch River Phoenix; Kurt Cobain nahm eine Heroin-Überdosis, erschoss sich bevor sie richtig zu wirken begann, in seiner Villa in Seattle, 1994

Überlebt haben ihren Heroin-Konsum u.a. “Coco” Chanel (nahm H neben anderen Opiaten, hat bis ins hohe Alter sauberen Stoff konsumiert, konnte sich das leisten), David Bowie (teilte sich eine Zeit lang eine Wohnung in Berlin-Schöneberg mit Iggy Pop), Ray Charles, William Burroughs (nahm von allen Opiaten), Keith Richards (bislang), Angelina Jolie, “Charlie” Parker, Billie Holiday (diese beiden starben an alkoholbedingten Krankheiten), Jimi Hendrix (starb auch an anderen Drogen), Eric Clapton, Samuel L. Jackson, Jörg Fauser, Robert Downey,… Genommen haben soll es auch Robert Kennedy; wenn, dann ist das bei ihm nie richtig “auf Touren gekommen”. Sein Sohn wurde einmal damit geschnappt.

Literarische Behandlungen der Heroin-Sucht gibt es neben der Christiane-Felscherinow-Erzählung aus dem West-Berlin der 1970er (sie lebt noch immer von den Tantiemen ihrer Drogen-Erzählungen und nimmt noch immer Methadon zur Substitution) von W. S. Burroughs in “Junkie” oder Irvine Welsh in “Trainspotting”. Von einem Rudolf Brunngraber erschien 1951/52 “Heroin. Roman der Rauschgifte”, faktisches und fiktives dazu, u.a. über die frühe Welle in Ägypten.

In Filmen wie “Candy”, “Requiem for a dream” oder “Trainspotting” werden Sucht sowie Enzug, Beschaffungskriminalität, Verfall, familiäre Konflikte von Süchtigen dargestellt. Filme in denen Heroin-Handel/-Kriminalität eine Rolle spielen und nicht der Gebrauch bzw die Sucht an sich, gibts viele mehr, zB “The French Connection” (basierend auf einem Sachbuch), den DDR-Film aus 1968 namens “Heroin” oder “The Big Easy”.

Davon handelnde oder davon inspirierte Songs, die auch die Verbindung der Kultur dieser Droge mit jener des Pops und Rocks unterstreichen und in denen meist persönliche Erfahrungen der Stars verarbeitet wurden: der nach ihr benannte von Lou Reed/Velvet Underground (1967), John Lennon 1969 über “Cold turkey”, den kalten Entzug, “Dead Flowers” & “Brown sugar” von den Rolling Stones, “Running to stand Still” (U2), “The Needle and the Damage done” (Neil Young), “The needle and the spoon” (Lynyrd Skynyrd), “Smack Jack” von Nina Hagen, “Lust for life” (Iggy Pop), “King Heroin” v. James Brown, “Beetlebum” (Blur), “H” (Böhse Onkelz),…; …und solche, die “verdächtigt” werden, davon zu handeln: “Coming Down Again” von den “Stones”, “Hotel California” (Eagles), “Bridge over troubled water” (!; Simon & Garfunkel), “Comfartably numb” (Pink Floyd), “Perfect day” (L. Reed), “Down in a hole” (Alice in the chains), “Dancing in glass” (Mötley Crüe), “Under the Bridge” (RHCP), “Golden Brown” (Stranglers), “Space Oddity” (David Bowie), “Gold Dust Woman” (Fleetwood Mac)

Material:

Michael de Ridder: Heroin. Vom Arzneimittel zur Droge (2000). De Ridder, der beruflich mit Heroinsüchtigen zu tun hat, ist es gelungen, in die Bayer-Firmenarchive vorzudringen.

Alfred W. McCoy: Die CIA und das Heroin (2003)

Präsentation zur Geschichte des Heroins

https://www.unodc.org/documents/wdr/WDR_2010/1.2_The_global_heroin_market.pdf