Aspekte des Films „Rosemary’s Baby“

Vorlage war der Roman von Ira Levin, der 1967 heraus kam.1 Eine junge Braut scheint vom Teufel schwanger geworden zu sein, durch Satanismus und Hexerei in ihrem Umfeld, Opfer einer Verschwörung. Zumindest gewinnt sie diesen Eindruck, bis sie sich sicher ist. Der Horror speist sich aus dem Übernatürlichen/Metaphysischen, aber auch aus dem Psychologischen und der Uneindeutigkeit…2 Der Regisseur/Produzent William Castle hat das Buch anscheinend gelesen, wollte es verfilmen, Paramount-Produktionschef Robert Evans war grundsätzlich einverstanden, zweifelte aber ob Castle der Richtige dafür war. Evans war damals dabei, Roman Polanski aus Frankreich in die USA zu locken, dessen “Tanz der Vampire” gerade in die Kinos gekommen war. Evans wollte ihn „Downhill Racer“ filmen lassen, gab ihm auch „Rosemary’s Baby“ (Rosemaries Baby) zu lesen.3 Der Rest ist bekannt, „Rosemary’s Baby“ wurde mit Polanski als Regisseur (der auch das Drehbuch schrieb) verfilmt, noch 1967, mit Castle als Produzent, von Paramount Pictures. Kam 1968 in die Kinos, Premiere war im Mai dieses Jahres beim Cannes-Filmfestival.4

 

Produzent Castle (Schloss) hatte einen “Cameo”, bei der Telefonzelle, als Rosemary Dr. Hill kontaktiert. Als Rosemary mit dem erblindeten Schauspieler Baumgart telefonierte, tat sie das mit Tony Curtis/Bernard Schwartz, wovon Farrow im Vorhinein nichts wusste.5 Die Szene mit dem Überqueren einer befahrenen Strasse in New York wurde improvisiert, Farrow und ein Kamerateam stürzten sich auf Anweisung Polanskis ins Verkehrsgetümmel. Farrow sang auch den Titelsong, das dafür komponierte “Wiegenlied” (“Lullaby”) des polnischen Jazzers (und Arztes) Kryzstof Komeda, selber. Komeda verletzte sich einige Monate nach der Fertigstellung des Films, wobei, darüber gibt es unterschiedliche Angaben, jedenfalls zog er sich eine Hirnblutung zu. Er starb 1969 in Polen, mit 37.6 Unter den Szenen, die rausgeschnitten wurden, ist ein Theaterbesuch Rosemarys mit einer Freundin vor dem Aufsuchen Hills, bei einer Aufführung von “The Fantasticks”, mit Joan Crawford.

S. Hatami-Foto von der Theateraufführung mit Van Johnson & Joan Crawford

Product Placements gab es für “Pall Mall” (Marke von British-American Tobacco) und, auch im Roman, für Vidal Sassoon, britischer Jude, Friseur-Unternehmer in New York. Er hat Farrow während der Dreharbeiten tatsächlich die Haare geschnitten, wie Rosemary im Film. Er nahm auf zionistischer Seite (Haganah) 1948 am Ersten Arabisch-Israelischen Krieg bzw der Nakba teil, stellte dies als „Verteidigung des Landes” dar. Als im August 1967 in der USA die Dreharbeiten für „Rosemary’s Baby“ begannen, war Israel seit einigen Wochen (etwas mehr als 2 Monate) vergrössert, durch die Besetzung weiteren palästinensischen Landes, ägyptischen und syrischen. Die Weltpolitik war damals natürlich vom Kalten Krieg dominiert. Roman und Film spielen 1965/66, thematisieren auch den Besuch von Papst Paul VI. (Giovanni Montini) im Oktober ’65 in der USA. Montini, Bischof von Mailand, wurde während des 2. Vatikanischen Konzils Papst, unternahm als erster Papst der Neuzeit Auslandsreisen. Traf 1965 in der USA auch mit Präsident Lyndon Johnson zusammen.7 Sein Tod im August 1978 war der Auftakt zum Dreipäpstejahr.

Montini & Johnson

“Rosemary’s Baby” ist ein Kunstwerk durch das Spiel mit Ängsten. Der verstörendste Horror in dem Film hat eigentlich nichts mit Hexerei oder Übernatürlichem zu tun, sondern mit Psychologie.8 Wie Guy mit den Nachbarn gemeinsame Sache gegen seine Frau macht, sich ein Ring von Verschwörern um sie bildet (Dr. Sapirstein,…), Rosemary während ihrer Schwangerschaft leidet… Und, ein Verrat anderer Art, durch Dr Hill, an den sie sich wendet als sie flieht. Der ihr zunächst Verständnis vormacht, als sie vom „Plot gegen mich und mein Baby“ erzählt, sie im Sicheren wiegt. Sie träumt beim Schlaf in Hills Praxis von den guten Leuten und ihrem Kind, davon, den bösen entronnen zu sein. Dr. Hill (Charles Grodin) “entscheidet”, dass Rosemary Wahnvorstellungen hat und schickt Sapirstein und Guy zu ihr. Rosemarys Rede über den Hexenzirkel und ihr Baby mag sich für ihn nach Wahnsinn anhören, aber sie hat Angst vor diesen Leuten, und er macht ihr Verständnis vor, liefert sie diesen dann aus, während sie schläft… Hill ist nicht Teil des Hexenzirkels, glaubt wahrscheinlich, das Beste (für sie) zu tun, als er sie verrät an ihr Umfeld (den Hexen- bzw Satanszirkel), sorgt dafür dass sie das Baby nicht in einem Krankenhaus bekommt, sondern im Kreis dieses Zirkels. Man kann Hills Verhalten aber auch so interpretieren, dass er nicht an Rosemarys Geschichte glaubte, sie für Hirngespinste hielt, und sie Hirngespinste waren…sich im Film Wahres und (von Rosemary) Phantasiertes vermischten, bis zum Ende. Dann wären Hill, Sapirstein,… die Vertreter der Vernunft. Aber selbst dann, eine Hochschwangere an Leute “auszuliefern”, vor denen sie grosse Angst hat, nachdem sie sich an Einen um Hilfe gewandt hat…

Die Polizei kommt übrigens im Film nur am Anfang, beim “Selbstmord” von Terry, vor. Sie aufzusuchen ist für Rosemary kein Thema; nun, es hätte ihr dort auch ähnlich ergehen können wie bei Dr. Hill. Hat Rosemary paranoide Verschwörungs-Phantasien oder erkennt sie die Realität – dass sie Opfer einer satanistischen Verschwörung ist? Dieser Verdacht auf etwas Böses, der sich sukzessive bestätigt, mit dem man alleine dasteht…erinnert an “Biedermann und die Brandstifter” (Drama, Max Frisch, Uraufführung 19589). Die Nachbarn sind zu freundlich und hilfsbereit; obwohl der Verdacht (auf etwas Schlimmes) immer konkreter wird, werden Erklärungen geliefert, wird versucht, Ängste zu zerstreuen. Das Spannungsfeld zwischen Paranoia und Hellsichtigkeit gibt es auch in den Filmen “Vier im rasenden Sarg” („Race with the Devil”) oder „Arlington Road“, in anderer Form auch in „Shutter Island“. Der Grat zwischen Erkenntnis und Wahn… In „Arlington Road“ geht es dabei ja auch um Nachbarn. Verschwörungstheorien haben aber auch etwas von Horror, wie man merkt wenn man zB “Das Lexikon der Verschwörungstheorien” von Robert A. Wilson liest.

Nachdem Rosemary mit einer in ein Mousse au Chocolat gemischten Droge dafür “vorbereitet” wurde, wird sie in der Nacht vom Teufel bzw Incubus geschwängert, unter “Anleitung” der Verschwörer.10 Wahrscheinlich, weil sie nicht das ganze Mousse gegessen hat (s.u.), bekommt sie etwas davon mit. “This is no dream! This is really happening!”. Die Wahrnehmung bzw der Bewusstseinszustand der in dieser Szene dargestellt wird, ist eigentlich typisch für einen LSD-Horrortrip, von der Vermischung von Traum (bzw Phantasie) und Wirklichkeit, von den Horrorvorstellungen. Aber auch die ganze “Paranoia” (?) ggü ihrer Umgebung über einen längeren Zeitraum. Dieses Mittel ging damals den Weg von der medizinisch-psychiatrischen Verwendung in den Untergrund. Der Film enthält einiges zum Gruseln, Nacktheit in 2 oder 3 Szenen, wenig Gewalt, und etwas Drogen-Gebrauch: Auf der Party wird ein Joint geraucht. Gegen Ende nimmt Rosemary die ihr verabreichten Beruhigungs-/Schlaf-Tabletten nicht ein, sammelt sie nicht um jemand Anderen damit ausser Gefecht zu setzen, wie in “Mysery” oder “Todesstille”11, sondern um der Verschwörung auf die Spur zu kommen.

Das Rosemary zur “Unterstützung” der satanischen Schwangerschaft verordnete Tannis hat etwas von einer fiktiven Droge. Vorbild dafür soll Mönchspfeffer sein. Vermeintlich ist Tannis, das Rosemary auch in den von der Nachbarin zubereiteten Drinks zu sich nehmen muss, eine natürliche Alternative zu den chemischen Mitteln, die der Medizinbetrieb sonst so bereit hält. Rosemarys Umgang mit dem Anhänger mit der Tanniswurzel spiegelt die Beziehungen zu den Leuten des Hexenzirkels (die Castevetes, deren Freunde, darunter Sapirstein, ihr Mann Guy) wieder. Als ihr bewusst wird (oder sie sich einbildet), dass ihr Mann und die Nachbarn gegen sie konspirieren, schmeisst sie den Anhänger vor dem Haus durch ein Kanalgitter.12 Bin mir nicht sicher, ob der Tannis-Anhänger ein “MacGuffin” ist, wie etwa das veruntreute Geld in „Psycho“.

Rosemary deckt am Ende ja Alles auf, bekommt die Bestätigung für ihren schrecklichen Verdacht. Das Kind, das sie austrug, sieht man nicht (man hört Rosemarys Kommentar über seine Augen), und es wird offen gelassen, ob sie es annimmt, Teil der Satanisten-Gruppe wird (dies wird angedeutet). Ein mehrdeutiger Ausgang; wie zB bei “Memento” (Hat Teddy mit seiner Erklärung Recht oder nicht?) oder “Sopranos”. Und die Interpretation, dass die ganze Verschwörung Rosemarys Phantasie bzw Wahnsinn entsprang, ist auch nicht illegitim.

Die Verbindung von Sexualität, Fortpflanzung/Schwangerschaft und Horror: Bei einem Besuch von Minnie Castevet und deren Freundin Lara-Louise in ihrer Wohnung erzählt Rosemary auf eine Frage nach ihrem Befinden, sie habe den ersten Tag ihrer Periode. Und während die 2 alten Besucherinnen zu häkeln anfangen, wird ein bisschen über Menstruation geredet, zumindest steuert Lara-Louise ihre Erfahrungen bei. So wie das Drehbuch überhaupt nahe bei der Romanvorlage ist, hat Polanski auch diese Szene übernommen. Man kann sich fragen, wie die Bloggerin Cassandra Parkin, was mit der Szene gesagt werden soll. “The only reason I can think for its existence is to establish that Ro’s in tune with her cycle, in step with the times, happy to discuss her body; in fact, part of the sisterhood.” Es ist dieser Besuch, bei dem Rosemary das Amulett von Minnie bekommt.

Einige Tage später dann der (zum Satanismus) “bekehrte” Guy: “Let’s have a baby”. Er habe auch die richtige Zeit dafür herausgefunden, 4./5. Oktober, hat diese Tage im Wandkalender markiert. Dann die Schwängerung durch den Teufel nach dem Mousse, die sie zT mitbekommt (oder phantasiert?). Guy sagt ihr danach ja, dass er sie im Schlaf/Ohnmacht/Rausch “bestiegen” (und gekratzt) hat. 13 Die eigentlich folgenden Szenen müssen auch heraus geschnitten worden sein. Rosemary ist verstimmt darüber, fährt für ein paar Tage zur Hütte von Hutch nahe New York City, um allein zu sein. Nach ihrer Rückkehr wartet sie auf ihre Regelblutung, Guy wettet mit ihr dass sie schwanger ist. Nach einem Besuch bei Dr. Hill, das sieht man wieder im Film, erfährt sie von der Schwangerschaft, sie soll auch zu einer weiteren Blutabnahme kommen, zeichnet diesen Termin im Kalender als “Blood” ein. Gibt Guy, als er nach Hause kommt, eine Münze, da er die Wette gewonnen hat.

Der Gynäkologe Sapirstein, der ihr aufgedrängt wird, ist ja Teil der satanistischen Verschwörung. Das Teufelskind wächst in ihr heran, der Horror nimmt seinen Lauf. Rosemary hat fürchterliche Schmerzen im ersten Drittel der Schwangerschaft; isst rohes Tier-Fleisch. Sehen tut man Blut nur da und ein bisschen durch das Kratzen des Teufels mit seinen Klauen bei der Begattung Rosemarys. Blut wird thematisiert, aber spärlich inszeniert in dem Film. Man denke an das fontänenartige Spritzen bei Kriegsverletzungen in Filmen wie “Der Soldat James Ryan”, das Herunter-Rinnen des Menstruationsblutes in “Carrie”, die Übertragung des weiblichen Blutmysteriums auf das Männliche in Jesus-Filmen wie “Die letzte Versuchung Christi”, die ins Komische gezogene Vampir-Thematik in Polanskis “Tanz der Vampire”, die grosse Rolle die es in “Pulp fiction” spielt… weitere symbolischen und historischen Codierungen von Blut findet man in “Winnetou” (Blutsbruderschaft) oder “Der Pate” (Blutrache). In “Rosemarys Baby” geht es ja auch darum, dass Andere über den Körper einer Frau verfügen. Es war die Zeit, als sich die Antibabypille durchsetzte, Zeit der Emanzipation der Frau – der Körper der Frauen fängt an ihnen wirklich zu gehören. Rosemary ist aber nicht die unterworfene Frau, sie wehrt sich.14

Rosemary ist zwar Hausfrau, gutmütig, vielleicht gutgläubig, aber nicht dumm und hilflos. Maria „Mia“ Farrow bekam ja für den Film keinen Oscar, was mit Francis “Frank” Sinatra zu tun haben soll. Für den Golden Globe wurde sie immerhin nominiert. Ruth Gordon bekam 1969 den Oscar als beste Nebendarstellerin des abgelaufenen Jahres. Wie Rosemary Woodhouse ist Farrow katholisch, aber kein “Landei” wie diese, wuchs in Beverly Hills auf, in einem Schauspieler-Elternhaus. Farrow gelang mit dem Film, einem ihrer ersten, der Durchbruch in Hollywood. Seit 1966 mit Frank Sinatra verheiratet, hatte sie diesem eigentlich versprochen, ihre Schauspiel-Karriere aufzugeben bzw zurückzustecken. Dann nahm sie doch diese Rolle an, und die Dreharbeiten dauerten auch noch länger als erwartet. Sinatra hatte ihr die Rolle in “Der Detektiv” gegeben, der nun gedreht werden sollte. Im November 1967, als Farrow noch “Rosemarys Baby” drehte, reichte Sinatra die Scheidung ein. Im August 1968 wurde diese rechtskräftig. Farrow nannte später den Altersunterschied den Grund für die Differenzen; die Beiden blieben Freunde.15

Ihr nächster Partner, der klassische Musiker André Previn, soll Farrow als “hysterisch” bezeichnet haben. Eher so wie Jaqueline de Belfort in „Tod auf dem Nil”, bei dessen Filmen 1977 sie noch mit Previn zusammen war, oder wie Rosemary Woodhouse? 1980 wurde Farrow die Lebensgefährtin von Heywood “Woody” Allen (der seinen Namen von Allan Konigsberg auf diesen geändert hat). Mit Previn hatte sie drei Kinder (plus drei adoptierte), mit Allen ein biologisches und 7 adoptierte. Die meisten der Filme in der Zeit ihrer Partnerschaft mit Allen waren von diesem, etwa “Hannah und ihre Schwestern”. Nach der Trennung 1992 begann Allen eine Beziehung zu Farrows Adoptivtochter Soon-Yi Previn, heiratete diese. Und zum Sorgerechtsstreit um die gemeinsamen Kinder kamen Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Dylan Farrow an ihren Adoptivvater Allen. Ronan Farrow, zur Zeit der Beziehung mit Allen gezeugt und geboren und als dessen Kind angesehen, soll das Kind von Frank Sinatra sein, mit dem Farrow ja “freundschaftlich” verbunden blieb.16 Mias Kinder…

John Cassavetes spielte Rosemarys Ehemann Guy Woodhouse, der für seine Schauspieler-Karriere17 einen Pakt mit dem Teufel eingeht. Dass bzw wie Guy von den Castevetes überzeugt wird, bei ihrem Satanskult mitzumachen, wird nur angedeutet; er ist jedenfalls schnell eingeweiht und überzegt. Cassavetes konnte aufgrund dieser Rolle seine Independent-Filmprojekte verwirklichen, u.a. “Eine Frau unter Einfluss” mit seiner Frau Gena Rowlands und Peter Falk, 1974.18 Auch so eine Fügung/Koinzidenz im “echten Leben”. Ira Levin ist auch der Autor von “Deathtrap”/”Todesfalle”, des am längsten gespielten Theaterstücks am Broadway, die Geschichte eines alternden Theaterautors, der plant, einen jungen Rivalen zu töten und dessen neues Stück (“Deathtrap”) zu stehlen. 1982 wurde es in Hollywood mit Michael Caine und Christopher Reeve verfilmt. Und natürlich sind wir an den Mephisto bzw den Faust-Stoff erinnert.

Mephistopheles (kurz: Mephisto), der Teufel im “Faust”, der mit Johann G. Faust einen Pakt eingeht. Etwa 150 Jahre nach Goethe, 1936, brachte Klaus Mann im niederländischen Exil “Mephisto – Roman einer Karriere” heraus.19 Darin geht es ja um einen Schauspieler, “Hendrik Höfgen”, der unschwer als “Platzhalter” für Gustaf Gründgens zu erkennen war. Der faustische Pakt hier war das Arrangement mit den nationalsozialistischen Machthabern in Deutschland, die Höfgen/Gründgens eine steile Schauspieler-Karriere ermöglicht(e). Manns Schwester Erika war kurz mit Gründgens verheiratet gewesen.20 1940 wurde, hauptsächlich in Potsdam-Babelsberg, “Jud Süss” gedreht. Die Rolle des Joseph Süss Oppenheimer hatte u.a. Gustaf Gründgens abgelehnt. In “Jud Süß – Film ohne Gewissen” (2010), dem Film über den Film, redet der von Armin Rohde gespielte “Heinrich George” (Georg Schulz), der in “Jud Süss” Herzog Karl Alexander von Württemberg gespielt hat, zu Jud Süss – Darsteller Marian/Hasch(k)owetz (in dem Film von ’10 gespielt von Moretti/Bloeb) auch über das Verkaufen der Seele des Schaupielers an den Teufel um der Karriere willen.

Roman Polanski erwog für die Rolle der Rosemary auch Tuesday Weld und seine Verlobte Sharon Tate. Was mit der passierte, stellt den Horror im Film ja leicht in den Schatten. 1965 drehte Tate “Eye of the devil”/ “Die schwarze 13”, einen Horrorfilm. 1966 kamen Polanski und Tate bei den Dreharbeiten für „The Fearless Vampire Killers“/ “Tanz der Vampire” in Hollywood (Innenaufnahmen) und Italien (Aussenaufnahmen) zusammen. Damals wurde Charles Manson gerade aus einem Gefängnis entlassen, trieb sich danach in San Francisco herum bzw dessen Hippie-Viertel Haight Ashbury. “1966” erinnerte an “666”, das “Untier” mit dieser Zahl aus der biblischen Offenbarung des Jochanan/ Johannes. Anton LaVey gründete damals in San Francisco die “Church of Satan”, erklärte 1966 zum “Jahr 1” – so hat auch Levin dieses Jahr von den Satanisten in seinem Roman deklarieren lassen. Später kam das (falsche) Gerücht auf, La Vey habe bei “Rosemarys Baby” als Berater mitgearbeitet. Und Manson, der sich sowohl zu Jesus als auch zum Teufel erklärte, stellte seine “Familie” zusammen, die eine Landkommune im San Fernando Valley bezog.

Nachdem der Musikproduzent “Terry” Melcher (Sohn von Doris Day) Manson nicht als Musiker herausbringen wollte, entzündete sich dessen Hass auf ihn und das Showbusiness-Establishment. Im März ’69 fuhr Manson zum Haus am Cielo Drive in Beverly Hills in dem Melcher gewohnt hatte (wahrscheinlich, um ihn zur Rede zu stellen), und wo nun Polanski/Tate (inszwischen verheiratet) wohnten, wurde vom iran-stämmigen Fotografen Sharokh Hatami weggeschickt, der dort zu Besuch war. Danach begannen die Morde der “Manson Family” im Raum Los Angeles, mit den von Manson angeordneten im Sommer 69 an der hoch schwangeren Sharon Tate und 4 Freunden/Gästen in der Villa in Beverly Hills als grausamer Höhepunkt. Wobei nicht ganz klar ist ob Manson im Glauben war, dass Melcher noch immer dort lebte oder ob das keine entscheidende Rolle mehr spielte. Polanski war damals in Grossbritannien. Zu dieser Zeit war die USA an zwei Kriegen beteiligt: in Vietnam gegen Vietcong und Nord-Vietnam, und “zu Hause” mit sich (Vertreter der bisherigen Gesellschaftsordnung gegen ihre Herausforderung). Und die “Manson Family” agierte genau so faschistisch wie das damalige Nixon-Regime. Was für die Einen die Perversion von Flower Power war, war für die Anderen ihr wahres Gesicht.21

Christopher Othen schrieb über einige Querverbindungen in dieser Ära: Im Dezember 1969 in Altamont (ebenfalls California) das Rockmusik-Festival mit den Rolling Stones, Ike & Tina Turner, Grateful Dead, Jefferson Airplane, Crosby, Stills, Nash and Young,… Neben drei anderen Menschen, die an diesem Tag verunglückten, wurde ein Zuschauer vor der Bühne von einem der als Sicherheitskräfte eingesetzten Hell’s Angels erstochen. Einer der Hell’s Angels bei diesem Konzert war William Fritsch – Freund von “Bobby” Beausoleil, dem ersten aus der Manson Family der verhaftet wurde (August 69). Beide kommen im “Okkultfilm” “Lucifer Rising” von Kenneth Anger vor, der 1972 fertig war, aber erst 1980 vertrieben wurde, nachdem Beausoleil aus dem Gefängnis den Soundtrack gemacht hatte. Crowley-Anhänger Anger kannte die Rolling Stones, die in Altamont gerade spielten, als unter der Bühne die tödlichen Randale ausbrachen, soll die Inspiration für den Song “Sympathy for the devil” geliefert haben, neben dem Roman “Der Meister und die Margarita” von Michail Bulgakov.

Prominente im Raum L.A. bekamen nach den Tate-Morden Angst und trafen Vorkehrungen, darunter Frank Sinatra. Dann die Verhaftungen und Aufdeckungen dazu, der „Haupt“-Prozess 1970/71. Todesurteile der Geschworenen für Manson, Atkins, Krenwinkel, van Houten, die später umgewandelt wurden. Staatsanwalt Vincent Bugliosi: “Die ‘Familie’ hatte immer gesagt, der Tod sei was Schönes, sie hätten den Getöteten einen Gefallen getan usw, ich habe Manson aber im Prozess 9 Monate hart für sein Leben kämpfen gesehen und bei der Verlesung des Urteils zittern.” Manson saß dann im selben Gefängnis ein wie der Musikproduzent Philip Spector und Sirhan Sirhan, der 1968 Richard Nixons Herausforderer Robert Kennedy tötete. Es gibt 4 ungeklärte Mordfälle aus LA 1968/69, die auch aufs „Konto“ der Manson-Familie gehen könnten, Hippies die in Kontakt mit der „Familie“ standen… Darunter war Marina Habe, die nahe des Mulholland Drive erstochen gefunden wurde, von Thomas Noguchi begutachtet wurde, der auch die Autopsien von Sharon Tate, Robert Kennedy, “Marilyn Monroe” (Norma J. Mortenson), Natalie Wood und anderen Prominenten machte.22

Tate am Set von RB

Noch einmal zu Shahrokh Hatami (Chatami): Er war ein Freund von Polanski und Tate, fotografierte und filmte auch bei den Dreharbeiten von “Rosemarys Baby”. Dabei entstand der Kurzfilm “Mia and Roman”, der der DVD-Ausgabe von “Rosemary’s Baby” aus 2000 beinhaltet ist. Hatami sagte im Prozess gegen die Mörder Tates aus.23 Hatami hat hauptsächlich für “Life” fotografiert24, nicht zuletzt in seinem Heimatland Iran und weiteren Ländern dieser Region. Er war beim Sturz von Premierminister Mossadegh (durch dem Schah Mohammed R. Pahlevi verbundene Kräfte) dabei und auch beim Sturz dieses Schahs, war in dem Flugzeug, das Ruhollah Khomeini in den Iran brachte, jener schiitische Geistliche, der die Revolution an sich riss. Auf seiner Homepage finden sich viele seiner Aufnahmen.

Roman Polanski ist in Frankreich in einer jüdisch-polnischen Familie geboren, die zurück nach Polen ging (Krakau/Krakow), überlebte die deutsche Besetzung und den Holocaust. In der Nachkriegszeit kam er durch Andrzej Wajda zum Film, als es unter dem kommunistischen Machthaber Gomulka politisch “ungemütlich” wurde, konnte er emigrieren, 1963, ging wieder nach Frankreich. Machte dort Filme wie “Cul de sac” (“Wenn Katelbach kommt”). Mit “Tanz der Vampire” 66/67 der Durchbruch, die Frau, und das “Ticket” nach Hollywood. Dort behauptete er sich mit “Rosemarys Baby”. Der erste Film nach dem Mord an seiner Frau war “Macbeth” (1971), eine Adaption des Shakespeare-Stücks.25 Der nächste wichtige Film war “Chinatown”, 1976 kam sein letzter Hollywood-Film heraus, “The Tenant”/”Der Mieter”, in dem Polanski auch wieder eine Rolle spielt, neben Isabelle Adjani und Melvyn Douglas.26 Dann 1977 die Sache mit der 13-Jährigen, die er für Aufnahmen buchte, dann in in Jack Nicholsons Villa am Mulholland Drive vergewaltigte. Der Mulholland Drive liegt oberhalb von Hollywood, der so genannte Film von David Lynch aus 2001 handelt auch von den Mechanismen und Intrigen der Filmindustrie dort. Und, Nicholson hätte Guy Woodhouse spielen können, machte dann Easy Rider. Zuerst wurde die Villa von Jacqueline Bisset erwogen, die die für Mia Farrow gedachte Rolle in Sinatras Film “The Detective” (1968) bekam. Wieder so Querverbindungen, Zufälle.

Und: “Schmeckt eigenartig…kalkiger Beigeschmack”27 sagt “Rosemary”, als sie das mit einem Mittel versetzte Mousse isst, dass sie gefügig machen soll. Polanski gab Samantha “Quaalude”, das geschmacklos ist, wenn man es nicht lutscht, aber eben auch gefügig macht. Es gelang ihm, sich nach Frankreich abzusetzen. Anscheinend ist er auch immer französischer Staatsbürger geblieben. Gut 10 Jahre hat er in Hollywood gewirkt. Sein erster Film nach seiner Rückkehr war “Tess” mit Nastassja Kinski. 1981 spielte er Theater, in “Amadeus” von Peter Shaffer, das Stück auf dem der (Hollywood-) Film von 1984 basiert. 1988 machte er “Frantic”, mit seiner neuen Partnerin Emmanuelle Seigner. Mit “Der Pianist” kehrte er Anfang des neuen Jahrtausends gewissermaßen an seine Wurzeln zurück, bekam einen Oscar für die beste Regie, den er nicht entgegen nehmen konnte, da er bei einer Einreise in die USA verhaftet werden würde. 09 wurde er bei einem Aufenthalt in der Schweiz aufgrund des amerikanischen Haftbefehls vorübergehend verhaftet, dann aber nicht ausgeliefert. Polanski bezeichnete kürzlich die “#MeToo-Bewegung” als eine Form von Massenhysterie.

Die “Rosemary”-Dreharbeiten fanden zwischen August und Dezember 1967 grösstenteils in den Paramount Studios in Los Angeles statt, wo die Innenräume der beiden Wohnungen sowie die Flure des Dakota Buildings in New York aufgebaut waren. Die wenigen Außenaufnahmen entstanden vor dem Dakota-Gebäude (das im Film nicht so heisst, sondern „Bramford House“) in Manhattan, New York City, wo der Grossteil des Films spielt. Im Film macht Woodhouse Hill vor, sie würden nach Kalifornien ziehen, als Ausrede wegen des Gynäkologen-Wechsels. New York, der Schauplatz, Kalifornien Sitz der Filmindustrie. Dabei war NY Anfang des 20. Jh Sitz der US-amerikanischen Filmindustrie. Erst die Zerschlagung des “Edison Trusts” 1912 bewirkte die Verlagerung der Industrie in die Umgebung von LA. Im Dakota Building in New York lebten in den 1970ern Ex-Beatle John Lennon und Yoko Ono. Lennon hatte den Song “Helter Skelter”, den Charles Manson (dann in Kalifornien) in seinem rassistischen Sinn interpretierte bzw verwendete, 1968 mit geschrieben. Im Dezember 1980 wurde er ja dort, vor der Eingangstüre, von einem “Verrückten”, namens Mark Chapman (dem er ein paar Stunden davor ein Autogramm gegeben hatte), erschossen.28 “…In jedem Mietshaus passieren schlimme Dinge”, so Rosemary zu Hutch, als er ihr und Guy vom Bramford House erzählt bzw davor warnt.

“Rosemarys Baby”, inzwischen über 50 Jahre alt, stand mit am Beginn des neuen Hollywood. 1976 gab es eine Art Fortsetzung, den TV-Film “Look what happened to Rosemary’s Baby” mit Ray Milland (> “Lebendig Begraben”). Sam O’Steen, einer der beiden Filmeditoren/Cutter des Originals, führte dabei Regie. 1997 brachte Ira Levin eine Roman-Fortsetzung heraus, “Rosemary’s Sohn”, über das Teufelskind. 2014 lief auf NBC unter dem Titel “Rosemary’s Baby” eine Miniserie, die von Agnieszka Holland inszeniert wurde, mit Zoë Saldaña und Patrick Adams. Anspielungen auf das Original gibt es in vielen Filmen, Serien, Romanen… aber noch kein Remake.

Monstrous Mothers and Patriarchal Evil in Rosemary’s Baby

Vermaledeit unter den Weibern. Marginalien zu Polanskis Grusical “Rosemaries Baby”

Rosemary’s Baby Wiki (Über die Serie)

James Munn: This Is No Dream: Making Rosemary’s Baby (2018)

Birgit Neger: Moderne Hexen und Wicca. Aufzeichnungen über eine magische Lebenswelt von heute (2009)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Mehrere von Levins Romanen wurden in bzw von Hollywood verfilmt, darunter “Kuss vor dem Tode”, “Die Frauen von Stepford”, “Boys from Brazil”
  2. Und das ist vermutlich das, was die Verfilmung von anderen Horrorfilm/ -thrillern, wie “Das Omen” oder “Poltergeist” unterscheidet
  3. Es heisst, zuerst wurde Alfred Hitchcock gefragt, ob er die Filmrechte für den Roman haben wolle
  4. Roman Polanski war mit Sharon Tate dort
  5. Durch das Gespräch wird sie sicher, dass Guy in der Satanismus-Sache mit drinnen hängt, flieht, zunächst zu Sapirstein, kommt drauf dass auch dieser involviert ist, sucht Hill auf
  6. Polanski hatte Komeda in die USA geholt, die beiden haben bei mehreren Filmen zusammen gearbeitet
  7. Sidney Blackmer spielte “Roman Castevet”, den Ober-Satanisten; er hat Theodore Roosevelt im Film und auf der Bühne 10x gespielt, den vielleicht rassistischsten und imperialistischsten USA-Präsidenten
  8. Dies dürfte kennzeichnend für Ira Levin sein
  9. Als Hörspiel schon zuvor
  10. Den Teufel sieht man dabei teilweise
  11. Oder um sich umzubringen, wie der von Ruth Gordon gespielte Charakter in “Harold und Maude”
  12. Danach kommt sie noch drauf, dass auch der Frauenarzt Sapirsein beteiligt ist, und das auch durch den Tannis-Geruch
  13. Vergewaltigung in der Ehe war damals kein Delikt, und eigentlich war das Delikt Vergewaltigung durch Satan
  14. Ein Artikel auf/in “Vanity Fair”: The Devil Inside: Watching Rosemary’s Baby in the Age of #MeToo
  15. Als Rosemary auf der Couch in der Wohnung liegt und Minnie und ihre Freundin anläuten (siehe oben), liest sie “Yes I Can” von “Sammy” Davis, Sinatras langjährigem Partner. Auch der Kinsey-Report findet sich in den Bücherregalen der Woodhouse’
  16. “Er hat die Augen seines Vaters” – Kommentar von Roman Castevet über Rosemarys Baby im Film, meint den Teufel und nicht Guy
  17. Er ist hauptsächlich Theaterschauspieler
  18. ’72 hat Cassavetes mit diesem in einem “Columbo” gespielt
  19. In Deutschland erstmals 1956 in der DDR verlegt
  20. Nach dem Krieg versuchte Gründgens’ Adoptivsohn das Verbot des Romans in der BRD durchzusetzen. Er wurde 1981 durch István Szabó verfilmt
  21. Auch die “Zodiac-Morde” fanden in der späten Flower Power-Ära in Kalifornien statt, diese sogar in Raum San Francisco, bald nach dem Sommer der Liebe 1967
  22. Marinas Vater Hans Habe war ein Jude aus Österreich, der im Militär der USA zurück kehrte. Er war einer jener, die in Fort Ritchie (siehe hier) für künftige Propaganda- und Verhörtätigkeiten ausgebildet wurden. Bereits ab 1944 war er zuständig für die Herausgabe neuer Zeitungen in Deutschland, zusammen u.a. mit Stefan Heym, einem anderen “Ritchie Boy”, und Ernst Cramer, später im Springer-Konzern
  23. Wahrscheinlich auch in jenem gegen den eigentlichen Mörder, “Tex” Watson, der einen eigenen Prozess hatte. Dieser hat übrigens, wie sein “Guru” Manson, massenhaft Zuschriften von Frauen ins Gefängnis bekommen, beide durften intime Besuche empfangen
  24. Das Time & Life Building in NY kommt im Film ja auch vor, dort wollte Rosemary Hutch treffen
  25. Es wurde von Hugh Hefner und Playboy Productions finanziert und enthielt auch Einiges an Nacktheit sowie Gewalt
  26. Teil 3 von Polanskis “Wohnungs”-Trilogie, nach “Ekel” und “RB”
  27. “It has an undertaste… a chalky undertaste”
  28. Beim Warten auf Polizei und Rettung soll Chapman in einer Ausgabe von Jerome Salingers „Der Fänger im Roggen“ geblättert haben, während Ono den Kopf ihres Mannes in ihrem Schoß hielt. John Hinckley, der aufgrund des Films “Taxi driver” eine Obsession für Jodie Foster entwickelte, in deren Zuge er 1981 in New York versuchte, USA-Präsident Reagan zu erschiessen, hat anscheinend auch eine Vorliebe für diesen Roman gehabt

Agana 1944 und was damit zusammen hängt

Die Sache 

Agana (heute Hagatna) ist die Hauptstadt der Insel Guam1. Dort ereigneten sich zu Weihnachten 1944 “Unruhen” innerhalb US-amerikanischer Truppen, die die Insel einige Monate zuvor von den Japanern zurückerobert hatten, im Pazifikkrieg; die Agana race riot.

Dazu ist zu sagen, dass es in den Streitkräften der USA damals noch immer getrennte Einheiten für Weisse und Schwarze gab. Im 2. WK gab es erstmals Schwarze in Kampfeinheiten, eigenen. Spannungen zwischen weissen und schwarzen Marines begannen im August ’44. Die dort praktizierte Rassentrennung war natürlich eine hierarchische, die Schwarzen standen deutlich unter den Weissen, in vieler Hinsicht. Ein schwarzer Marine verglich die Zustände in den militärischen Lagern auf der Insel mit einer Stadt “tief im Süden” (der USA). Ein Streitpunkt war(en) (bzw ergab sich aus) die einheimischen Frauen Guams bzw seiner Hauptstadt Agana (Agaña), die die US-amerikanischen Soldaten gelegentlich “aufsuchten”, ob gegen Bezahlung oder nicht. Nachdem bereits mehrmals weisse Soldaten (hauptsächlich der 3. Marines Division) versucht hatten, ihre schwarzen Kollegen (von der Marine 25th Depot Company) davon abzuhalten, die Stadt und ihre Frauen zu besuchen2, eskalierte zu Weihnachten 44 der Konflikt.

In einem Streit um eine Guamer Frau erschoss ein weisser Marine einen schwarzen in Agana. Anscheinend war das am 24. Dezember. Am nächsten Tag beschossen weisse Marines schwarze in der Stadt. Dies führte fast zu einem grösseren internen Kampf, nachdem die zum Militärlager zurückgekehrten Afro-Amerikaner LKWs entwendeten und in die Stadt fuhren. Die Militärpolizei, die nun einschritt, hielt sie davon ab, durch Strassensperren. Aber im Lager brachen nun Feuergefechte aus, zwischen Weissen und Schwarzen. Es gibt wenige Informationen über die rassischen “Unruhen” im US-Militär auf Guam 44; und darüber, wieviele Todes-Opfer es an diesem 25. Dezember gab. Es folgten jedenfalls Militärgerichts-Verfahren (anscheinend fast nur gegen Schwarze), Verurteilungen, 1946 Begnadigungen.

Jener in Agana war beileibe nicht der einzige Konflikt dieser Art in den Streitkräften der USA, auch nicht in diesem Krieg.

Am Militärstützpunkt Fort Lawton (Bundesstaat Washington) lebten 1944 US-amerikanische Soldaten (schwarze und weisse), deutsche und italienische Kriegsgefangene “zusammen”. Es kam zu einem Streit zwischen Afro-Amerikanern und Italienern, einem Kampf (1 toter Italiener), die (weisse) Militärpolizei griff ein, ein Militärgericht (mit weissen Offizieren) verurteilte Afro-Amerikaner… Camp Claiborne lag ausserhalb Alexandria (Louisiana). Auch dort US-amerikanische Soldaten und deutsche Kriegsgefangene. Und blatante Bernachteiligung der nicht-weissen Amerikaner, strikte Rassentrennung (auch in der baptistischen Kirche). Und Gegenwehr der Betroffenen, in Form einer Art Meuterei, die 1944 begann, wieder “Gegenreaktionen” nach sich zog,… Darüber hier; zu Beobachtungen zur Behandlung von Kriegsgefangenen aus Nazi-Deutschland oder aber Afro-Amerikanern etwa in Huntsville unten im Rassismus-Abschnitt mehr.

In einer Marine-Basis in Port Chicago (California) kam es im Juli 1944 in einem Munitionsdepot während des Beladen eines Schiffes für den Pazifikkrieg zu einer Explosion, die 320 Soldaten sowie Zivilisten tötete und Hunderte weitere verletzte. Die meisten davon waren wiederum Afro-Amerikaner, warum auch immer… Einen Monat später führten unsichere Arbeitsbedingungen beim Laden von Munition zu einer Meuterei von Marine-Soldaten in Port Chicago. 50 “Meuterer” wurden dafür (von einem Kriegsgericht) zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt; sie waren dann etwa eineinhalb Jahre inhaftiert. Infolge der Sache wurde die Rassentrennung in den Streitkräften etwas diskutiert. “Trennung” bedeutete (auch) hier kein gleichberechtigtes Nebeneinander, sondern zB die Delegation schwieriger und gefährlicher Aufgaben an jene, die in der Hierarchie unten standen. Verantwortliche für die Munitionsexplosion bzw die Arbeitsbedingungen wurden keine zur Verantwortung gezogen.

Abseits des Kriegsgeschehens, aber in Zusammenhang mit ihm, gab es 1943 in Detroit rassische Unruhen, die etwa 3 Tage dauerten. Auslöser waren soziale Spannungen durch die Umwidmung der Automobilindustrie der Stadt für Rüstungsprojekte, sowie der Zustrom Hunderttausender in die Stadt in den Jahren davor (Weisse und Schwarze). Die Nationalgarde von Michigan schlug die Unruhen nieder.

Während das Militär der USA die faschistischen Achsenmächte bekämpfte, gab es nicht nur “zu Hause” (in der USA) einen nicht zu übersehenden Rassismus (der hauptsächlich Afro-Amerikaner betraf), sondern auch in diesen Streitkräften. Der Sänger Harry Belafonte (Harold Bellanfanti), einer der Afro-Amerikaner, die im 2. Weltkrieg, in eigenen Einheiten, teilnahmen (er in der Marine): “Es ging für uns Schwarze nicht nur um Hitler und Europa, sondern auch um die USA”. Dort gab es auch nach diesem Krieg vielerorts noch Rassentrennung. Und Lynchjustiz. Der (1915 neu geründete) Ku Klux Klan wollte unter den Grand Wizards James Colescott und Samuel Green mit Nazi-Deutschland zusammenarbeiten – bis Pearl Harbor. Zu dieser Zeit wurde auch der pro-nazi German American Bund aufgelöst, mit dem der KKK zusammenarbeitete. Der “Klan” war damals nicht nur in den Südstaaten der USA (womit eigentlich der Südosten gemeint ist) aktiv, sondern zB auch in Detroit, bei den Unruhen von 1943. Der Urenkel vom wichtigsten Führer des ersten, originalen Klans, Nathan B. Forrest III (aus Tennessee), war General im USA-Militär in diesem Krieg, wurde ’43 über Kiel abgeschossen. Sein Kriegseinsatz sagt nichts über seine Haltung zu Nicht-Weissen aus (sein Vater war jedenfalls noch ein hohes KKK-Tier), nur dass er bereit war, für die globalen Machtinteressen der (weissen) USA zu kämpfen.3

Auch bei (bzw in) anderen Mächten diesen Kriegs gab es interne Konflikte, im Land und in der Armee. Auch in Nazi-Deutschland, man denke etwa an den militärischen Widerstand. Und, bei einem derart rassistisch ausgerichteten Regime gestalteten sich auch die Beziehungen zu Verbündeten “schwierig”, auch zu den engsten, Italien und Japan. In der Sowjetunion gab es Teile mehrerer Völker, die versuchten im Zuge des Krieges von der stalinistischen Herrschaft loszukommen, nicht zuletzt bei den Ukrainern. Bei den Briten waren es hauptsächlich verschiedene Kolonialvölker, die “ausscherten”. Ein Teil der Inder etwa. Oder die Srilanker, die auf Cocos Island meuterten. Dieser Konflikt weist eigentlich Ähnlichkeiten mit dem auf Guam auf: Hilfstruppen, die als rassisch minderwertig gesehen und erniederigend behandelt wurden, die sich wehrten, am Ende wurde aber die alte Ordnung wieder hergestellt. Die Afro-Amerikaner auf Guam stellten aber nicht ihre “Mission” dort, den Kampf für ihre Herren dort gegen die Japaner, in Frage. Die Kokos-Inseln liegen wie Guam “zwischen” Asien und Ozeanien, auch auf Neuguinea4 oder Timor trifft das zu.

Die Sache in Agana war eigentlich weder Meuterei noch Desertion noch Befehlsverweigerung, auch die erwähnten Ereignisse in Fort Lawton, Long Binh und Houston gehören in eine andere Kategorie, bei Camp Clairborne und Port Chicago handelte es sich um Meutereien.

1948 wurde die Rassentrennung (Segregation) in den US-Streitkräften von Präsident Harry Truman aufgehoben. Im Korea-Krieg gab es erstmals gemischte weiss-schwarze Einheiten im USA-Militär, theoretische Gleichberechtigung gab’s ab dem Vietnam-Krieg.

Die Gewalt unter US-Truppen auf Guam 1944 führt in den folgenden Kapiteln zur Geschichte Guams, zum 2. Weltkrieg bzw dazu relevanten Aspekten (Pazifik-Krieg, Kriegsende,…), zur Geschichte von Unruhen bzw gewaltsamen Auseinandersetzungen in der USA, schliesslich zum Thema Rasse und Rassismus in der USA.

Guam

Guam und die anderen Marianen-Inseln gehören zu Mikronesien, dem nördlichen Teil Ozeaniens. Der Begriff hat eine geografische wie eine ethnisch-linguistische Bedeutung.5 Guam und die nördlich “anschliessenden” Inseln Rota, Saipan, Tinian,… liegen nach Ost-Asien hin “offen”. Sie wurden vom portugiesischen Seefahrer in (damals) spanischem Dienst, Fernão de Magalhães/ Ferdinand Magellan 1521 entdeckt und besucht; zusammen mit jenem Archipel, der dann Filipinas benannt wurde. Es folgte die spanische Inbesitznahme, die Inselgruppe wurde Marianas (Marianen) genannt, nach der Königsgattin Maria Anna (Mariana) von Habsburg.6 Ab dem 17. Jh wurden die Marianas/Marianen von Spanien besiedelt (Kirchenleute, Händler, Soldaten,…), auch mit Leuten von den Filipinas/Philippinen.

Spanische Karte von Guam aus dem 18. Jh

Die Bevölkerung Guams und der anderen Marianen-Inseln wurde durch etwas (biologische) Vermischung mit Filipinos/Philippinos und kultureller Prägung durch die Spanier zu Chamorros7. “Häuptling” Matå’pang war einer der Anführer der Chamorros, die bis ins 17. Jh Widerstand leisteten, um die Beibehaltung der althergebrachten Kultur kämpften. Ein Kampf, der verloren ging.8 In der Rassen-Hierarchie der Spanier auf den Marianen standen Peninsulares ganz oben, das waren in Spanien geborene Spanier; es folgten Criollos, auf den Marianen geborene Spanier; dann Mestizos (Personen die von Partnerschaften9 von Chamorros und Spaniern abstammten), Filipinos, und ganz unten Chamorros, die “Urbevölkerung” der Inseln. Eingeschleppte Pocken töteten viele von diesen. Die Chamorros durften ihre Gobernadorcillos (Bürgermeister) wählen, ihre eigenen Angelegenheiten (im engsten Sinn) selbst verwalten. Die Marianen wurden zusammen mit den Philippinen verwaltet. Spanische Schiffe kamen aus Amerika (in der Regel aus Acapulco, Mexico, Neu-Spanien) in die pazifische Region, hielten am Weg zu den grösseren und wichtigeren Philippinen (Manila) auf den Marianen, wurden Manila-Galeonen genannt. Die Spanier bauten auf Guam Festungsanlagen, die zT heute noch stehen, wie das Fort Nuestra Señora de la Soledad in Umatac.

Indias orientales españolas (Spanisch Ost-Indien) war der Überbegriff für die spanischen Kolonien im ostasiatisch-pazifischen Raum. Neben Philippinen und Marianen schlossen diese Indias orientales auch die südlich an die Marianen angrenzenden Carolinas/ Karolinen (Yap, Palau/Palaos,…) mit ein. Diese wurden auch im 16. Jh von Spanien entdeckt und in Besitz genommen, wurden zeitweise Nuevas Filipinas genannt. Zeitweise, in der frühen Neuzeit, wurden auch die Molukken/Moluccas/Maluku, Sulawesi/ Celebes und Formosa/ Taiwan bzw Teile davon von Spanien beherrscht und in sein Ostindien inkludiert. Dieses Kolonialreich hatte etwa 350 Jahre bestand, von Mitte des 16. Jh bis Ende des 19. Es stand an Bedeutung für Spanien klar im Schatten von jenem in Amerika, war wahrscheinlich etwas wichtiger als die Kolonien in Afrika. Die Gebiete von Spanisch Ost-Indien wurden als Teil des Vizekönigreichs Nueva España/ Neu-Spanien (mit dem Zentrum Mexico Stadt) verwaltet, waren (seit 1565) im Generalkapitanat Philippinen (Capitanía General de las Filipinas) zusammengefasst. Anfang des 19. Jh verlor Spanien ja infolge der Napoleonischen Kriege in Europa10 den allergrössten Teil dieses Vizekönigreichs, seine Amerika-Kolonien, behielt nur Puerto Rico und Cuba, auf der Atlantik-Seite bzw in der Karibik.11

Der Verlust von Mexico veranlasste Manche in der spanischen Regierung, die Aufgabe von Guam, der anderen Marianen, sowie der Karolinen zu erwägen. Diese Gebiete waren einst, wie die Philippinen, von ihnen von Mexico (Mexiko) aus erobert, dann verwaltet und bewirtschaftet worden. Die Kolonien in Mikronesien wurden dann aber (noch) stärker mit den Philippinen verbunden, verwaltungsmäßig, wirtschaftlich,… Vor “Einführung” des Flug-Verkehrs, nach der Fertigstellung des Suez-Kanals und vor jener des Panama-Kanals, also im späteren 19. Jh, war dieses spanische Ostindien vom “Mutterland” lange Schiffsreisen entfernt. Guam wurde im 19. Jh als Walfänger-Station wichtig. Cuba (Kuba) und Puerto Rico waren näher bei Spanien und auch abgesehen davon die wichtigeren Kolonien. Die Sklaverei hat Spanien dort erst 1873 (Puerto Rico) bzw 1886 (Cuba) abgeschafft. Bis in die 1860er wurden Afrikaner dort hin verschleppt, zur Zwangsarbeit hauptsächlich auf Zuckerrohr-Plantagen.12 Seine anderen Amerika-Kolonien hatte Spanien Anfang des Jahrhunderts verloren, bevor eine Sklaverei-Abschaffung auf “den Tisch kam”. Darüber hinaus wurde die Peonage betrieben, eine der Sklaverei sehr nahe kommende Form der unfreien Arbeit. Auf Guam wurde das auch nicht für Chamorro praktiziert, da die Spanier dort kaum Plantagenwirtschaft betrieben. Was auch damit zu tun hatte, dass die Region immer wieder von Taifunen heimgesucht wird.

Mitte des 19. Jh waren waren die Indianer-Völker in der Osthälfte des Landes unterworfen, wurde die kontinentale Ausbreitung der USA komplettiert durch Aneignungen mexikanischen Territoriums.13 Wahrscheinlich ist der Beginn des Imperialismus der USA mit der Eroberung grosser Teile Nord-Mexicos anzusetzen. Der Westen der USA war ein “wilder”, in dem die Indianer noch unterworfen werden mussten. Was in der zweiten Hälfte des 19. Jh geschah, mit dem Wounded Knee-Massaker weitgehend zum Abschluss kam. Am Weg vom Gadsen-Kauf (eines weiteren Teil Mexicos) zu Wounded Knee (1890) war der Kauf Alaskas von Russland (1867) gewissermaßen eine Zwischenstation. Und auch durch den Guano Islands Act von 1856 wurde das US-amerikanische Staatsgebiet vergrössert.14 Hinzu kam die “Öffnung” Japans, die Beteiligung an der “Öffnung” Chinas,… In dieser Phase, dem späteren 19. Jh, kamen aus/in der USA, als Unterpfand dieses Imperialismus, Manifestationen eines Auserwähltheitsanspruchs, der sich nur auf bestimmte Bevölkerungsteile als “Träger” dieses Staates bezogen, die herrschenden Anglosachsen (und an sie Assimilierte).

Beim Historiker John Fiske gab es das Konzept einer “angelsächsischen (rassischen) Überlegenheit”, beim protestantischen Geistlichen Josiah Strong die Verbindung dieses Anglo-Saxonism mit pseudo-christlichen Ideen, ein US-amerikanischer Imperialismus sei eine Missionierung, bedeute eine Zivilisierung für die Welt. Beim Politiker Theodore Roosevelt (zum Teil niederländischer Herkunft, aber das waren/sind zB die genannten “Assimilierten”/Aufgenommenen) gab es auch diesen rassi(sti)schen Imperialismus, und er war entscheidend an seiner Umsetzung beteiligt. Der Politiker der Republican Party und Militär hat mit seiner Meinung über Nicht-Weisse nicht hinter dem Berg gehalten. Die Sklaverei (von Afrikanern) sei deshalb ein Verbrechen, weil sie Afrikaner nach Amerika brachte. 1886 in einer Rede in New York über “Indianer”, die verbliebenen in der USA: “I don’t go so far as to think that the only good Indians are dead Indians, but I believe nine out of ten are, and I shouldn’t like to inquire too closely into the case of the tenth. The most vicious cowboy has more moral principle than the average Indian.” Das war vier Jahre vor dem Wounded Knee-Massaker, als es fast keinen Widerstand mehr von den Indianern gegen die USA gab, diese schon unterworfen waren.15

Als Vize-Marineminister war er entscheidend an der Vorbereitung des Kriegs gegen Spanien um dessen Kolonialgebiete in der Karibik und im Pazifik beteiligt, dann auch als Offizier in diesem Krieg. Das Ende des 19. Jh war in der USA gekennzeichnet vom Beginn der “Progressiven Ära”, die auf das Gilded Age folgte, eine Ära die von aussenpolitisch-militärischen Erfolgen, Wirtschaftswachstum, Technisierung, wissenschaftlichen Innovationen, Einwanderung gekennzeichnet war. Der Spanisch-Amerikanische Krieg 1898 war so etwas wie die Einleitung zur letzten Phase der Expansion der USA, gleichbedeutend mit ihrem Aufstieg zur Weltmacht/Weltpolizist. Es war der erste grössere Krieg der USA nach Abschluss der Festland-Expansion und nach dem Bürgerkrieg (oder: Sezessionskrieg), er war relativ kurz und leicht.

Der Krieg USA-Spanien 1898 in und um Cuba, Puerto Rico, Guam, Philippinen dauerte 10 Wochen. Präsident William McKinley startete ihn nach dem Sinken des Kriegsschiffes „USS Maine“ im Hafen von Havanna, das den Spaniern in die Schuhe geschoben wurde.16 Die “Maine” war ab 1897 in den Gewässern der damals spanischen Kolonie Cuba eingesetzt worden, im Jänner 1898 ging sie vor Havanna vor Anker, um durch ihre Anwesenheit Druck auf die Spanier auszuüben. Die Hearst- und Pullitzer-Presse hatten lange für diesen Krieg getrommelt, wie auch viele Politiker, brachte “Mitgefühl” für die Untertanen der Spanier zum Ausdruck, die wirtschaftlichen und strategischen Gründe oft hinter dem Berg haltend. Es ist diese Rhetorik, die US-amerikanische Militäraktionen praktisch immer begleitet, ob Panama 1989 oder Irak 2003…es geht um Hilfe für die Menschen dort.

Von den verbliebenen spanischen Kolonien war Cuba am wichtigsten, dann kam Puerto Rico, die Marianen und die anderen Pazifikgebiete, dann die Afrika-Kolonien; sowohl für Spanien als auch für die USA, die es darauf abgesehen hatten. Das Generalkapitanat Philippinen, also die eigentlichen Philippinen, die Marianen, und die Carolinen, wurde ab 1821 (Ende Neuspanien) direkt von Madrid aus verwaltet. Diese Gebiete wurden von Spanien im 19. Jh “vernachlässigt”. Auf den Philippinen gab es eine Unabhängigkeits-Bewegung (wie auf Cuba), gelegentliche Aufstände17, und eine starke spanische Präsenz nur auf der “Hauptinsel” Luzon. Die Marianen (mit ihrer Hauptinsel Guam) hatten die letzte Botschaft aus Spanien im April 1898 erhalten, einen Monat bevor die USA den Krieg erklärten. “Teddy” Roosevelt verliess seinen Vizeminister-Posten, um als Colonel/Oberst in den Krieg auf Cuba zu ziehen; die Schlacht bei den Hügeln von San Juan im Sommer 1898, mit seinen “Rough Riders”, war eine entscheidende am dortigen Kriegsschauplatz Cuba. In der USA erfreute man sich daran, dass “Nordstaatler und Südstaatler”, “Weisse und Schwarze” in diesem Krieg zusammen kämpften. Einige Konföderierten-Generäle, wie Joseph Wheeler, hatten diesen Rang nun in der “Bundesarmee” inne. Afro-Amerikaner kämpften in eigenen Einheiten; Führer der Afro-Amerikaner wie Booker Washington waren grossteils überzeugt, dass sie die richtige Seite unterstützten mit dem Krieg (nicht zuletzt die Schwarzen auf Cuba gegen weisse Spanier)18.

Roosevelt mit seinen Rough Riders in Cuba 1898

In den Kriegsschauplatz Pazifik (Philippinen, Guam) stach die USA-Flotte von Kalifornien aus, fuhr über Hawaii (das von der USA noch nicht ganz in Besitz genommen war). Auf den Philippinen begannen im Mai 1898 die Kämpfe mit den Spaniern (unter den am Ende rasch wechselnden Generalgouverneuren, wie Basilio Augustin) und ihren philippinischen Hilfstruppen, gingen bis August. Am 20. Juni kam der Kreuzer “USS Charleston” unter Kapitän Henry Glass mit einigen Begleitschiffen vor Guam an, fuhr den Hafen Apra an. Die “Charleston” feuerte eine Runde auf das Fort Santa Cruz, ohne eine “Antwort” zu bekommen. Es heisst, es erschienen dann zwei einheimische Offizielle, nicht wissend dass ein Krieg erklärt worden war, im Glauben, das “Feuer” sei ein Salut gewesen. Am nächsten Tag schickte Glass Soldaten auf die Insel, um die spanischen Infanteristen (54 sollen es gewesen sein) und den spanischen Statthalter gefangen zu nehmen. Sie wurden von der “Charleston” als Kriegsgefangene auf die Philippinen gebracht (wo die Eroberung alles andere als unblutig verlief). Keine Soldaten wurden zurück gelassen, bis die “USS Bennington”, ein anderes Kriegschiff erschien. Und das war erst Anfang 1899.19 Die Einnahme der Insel war deshalb so gewaltlos, weil sie für Spanien ziemlich unwichtig war. Im Dezember 1898 wurde Guam von der USA (Präsident McKinley) bereits der Kontrolle seiner Marine unterstellt.

Die “USS Charleston” bei der Anfahrt auf Agana

Im Dezember 1898 wurde in Paris ein Vertrag zwischen der USA und Spanien abgeschlossen, darin musste Spanien Cuba, Puerto Rico, Philippinen und Guam (ohne die restlichen Marianen) an die USA abtreten. Der Vertrag trat Anfang 1899 in Kraft, nach den Ratifikationen durch die beiden Parlamente. Er beinhaltete eine Entschädigungszahlung der USA. Die Kriegsniederlage und der Verlust seiner Kolonien in der Karibik und im Pazifik, nach fast 400 Jahren, verursachte ein nationales Trauma für Spanien, das sich nun endgültig von der Vorstellung, noch eine Grossmacht zu sein, verabschieden musste. Wie erwähnt war Cuba (Kuba) für Spanien die bei weitem wichtigste dieser Kolonien gewesen. Die restlichen Marianen sowie die Karolinen blieben vorerst spanisch. Daneben “besaß” Spanien nun “nur” noch einige Gebiete in Afrika: Rio Muni, Bioko (Fernando Pó) und Annobon in Zentral-/Westafrika (die Spanien Ende des 18. Jh von Portugal übernommen hatte), wurden im 20. Jh zu Spanisch-Guinea vereinigt; Gebiete im Norden (Ceuta, Melilla,…) und Süden (Ifni, Juby) von Marokko (Spanisch-Marokko); die West-Sahara (kurz vor dem Spanisch-Amerikanischen Krieg erobert; Spanisch-Sahara); und die vor Afrika liegenden Kanaren.20

Es war die Zeit von König Alfons(o) XIII., Sohn einer Habsburgerin, der eine Mountbatten geheiratet hatte. Dieser letzte spanische König (1886-1931) vor Juan Carlos (dessen Grossvater er war) hielt Spanien dann im 1. WK neutral, unterstützte die De Rivera-Diktatur, versuchte mit aller Gewalt, wenigstens die spanische Herrschaft im Norden Marokkos zu behaupten, im Rif-Krieg (1920–1926), weshalb er auch “Alfonso el Africano” genannt wurde.21 Dieser Rifkrieg prägte Francisco Franco; der rechte Putschversuch gegen die Zweite Republik unter ihm 1936 (aus dem sich der Bürgerkrieg entwickelte) wurde dann auch von Marokko aus begonnen.

Der Spanier Julio Cervera, der in Puerto Rico gekämpft hatte, veröffentlichte danach ein Pamphlet, in dem er die auf Puerto Rico Einheimischen für die dortige Niederlage gegen die USA verantwortlich machte.22 Nach den Verlusten im Krieg gegen die USA machte die “Beibehaltung” der restlichen Pazifik-Kolonien (nördliche Marianen, Carolinen mit Palau) für Spanien keinen Sinn mehr. Das Königreich verkaufte sie daher 1899 an das Deutsche Reich.23 Das sie seinem Schutzgebiet Deutsch-Neuguinea angliederte. Im 1. WK besetzte Japan die deutschen Gebiete in Ostasien und Ozeanien, bekam die ozeanischen Gebiete in Versailles zT als Mandatsgebiet zugesprochen24. Im Zweiten Weltkrieg eroberten USA-Truppen diese Inseln, bekamen sie danach zugesprochen. Das betraf also die Nord-Marianen, Karolinen (mit Palau), Marshall-Inseln. Die nördlichen Marianen sind, genau wie die südlichste Insel des Marianen-Archipels, Guam, noch immer amerikanisch, als Aussengebiete (Unincorporated United States possessions). Die Carolinen wurden getrennt, in Vereinigte Staaten von Mikronesien und Palau, beide sind nun unabhängig, assoziiert mit der USA. Die USA wurde und ist dominierende Macht in der Region Mikronesien25, so dass sie zB auf dem Bikini-Atoll (Marshall-Inseln) nach dem 2. WK in Ruhe Atomwaffenversuche durchführen konnte. So wie auch andere Westmächte in dieser Zeit im Pazifik Atomwaffenversuche machten.

Guam ist also seit 1898 getrennt von den anderen Marianen-Inseln (mit denen es unabhängig von den Spaniern viel gemeinsam hat), blieb das auch nachdem die Nord-Marianen im 2. WK auch US-amerikanisch wurden. Guam wurde eine grosse Marinebasis für die USA. Apra blieb der wichtigste Hafen (auch für zivile Schiffe), wurde ausgebaut. Da Schiffe nicht genug Kohle für die Fahrt von Hawaii auf die Philippinen mitnehmen konnten, wurde Apra hier Zwischenstation. In Piti entstand bald eine Marine-Schiffs-Werft, in Sumay eine Kaserne,… Wie schon unter den Spaniern war/ist Guam eine wichtige Zwischenstation für Schiffe auf dem Weg von und zu den Philippinen/Pilipinas. Kokosnüsse wurden unter der USA auf Guam verstärkt angebaut.

Begleitet wurde die Inbesitznahme von einer Rhetorik, die schon vor dem Krieg gegen Spanien ertönte, nun zB vom ersten Militär- (Marine-) Gouverneur der USA für Guam, Richard Leary, kam: Die Kolonisierung Guams erfolge zum Schutz der (dort) Bedürftigen, mit Hilfe für die Bedürftigen,… Die “New York Times” jubelte 1900: “No more Slavery in Guam. Capt. Leary Ordered Its Abolition on Washington’s Birthday”.26 Es ist die protzende Rhetorik, die Eroberungen und Machtübernahmen generell begleitet. Nicht viel anders, wenn Daesh/IS irgend ein Gebiet übernimmt. Das Diktat über das Leben Anderer wird als Barmherzigkeit und Grosszügigkeit dargestellt.

Die Aufteilung des USA-Festlandes in Bundesstaaten war zum Zeitpunkt der amerikanischen Eroberung Guams noch nicht komplett, das war sie erst 1912, als Arizona 48. Bundesstaat wurde. Von den später angeeigneten und ausserhalb des geschlossenen Staatsgebiets gelegenen Gebieten wurden nur Alaska und Hawaii Bundesstaaten, 1959. Für Guam kam das damals schon gar nicht in Frage, als weit entfernte Insel, von Nicht-Weissen bewohnt, die nicht Englisch-sprachig und katholisch waren. Bei Cuba und Philippinen war die Sache ähnlich. Der Krieg gegen Spanien war der erste der USA, dessen Beute weder damals noch später zu Bundesstaaten “aufgewertet” wurde. Der US Supreme Court musste sich 1901 bis 1904 immer wieder mit dem Status der neuen Gebiete befassen (die “Insular Cases”), nannte sie schliesslich “unincorporated territories”, in denen die Verfassung der USA nicht vollständig galt, die nicht für Bundesstaatlichkeit vorgesehen waren, deren Bewohner (vorerst) nicht USA-Staatsbürger werden sollten.

Strategisch wichtig waren diese Gebiete aber, wirtschaftlich auch zum Teil. Die Bevölkerung Guams, die Chamorros, bekamen keine Selbstregierung. Ab 1917 durfte zeitweise ein Kongress von Notabeln Guams zusammentreten, der den amerikanischen Militärgouverneur beraten durfte. Militärgouverneur Willis Bradley liess ab 1931 eine Art Inselparlament (Guam Congress) wählen, daneben auch Bürgermeister.27 Es kamen viele Einschränkungen für die Guamesen: ihrer Sprache und Bräuche etwa. Und, es sollen auch Partnerschaften mit Amerikanern, die nun auf die Insel kamen, verboten worden sein… Manche Guamesen bzw Chamorros von dort wanderten auf die nördlichen, japanischen Marianas aus, da sich diese wirtschaftlich anders entwickelten.

Etwas ganz Anderes: die tiefste Meeres-Stelle überhaupt ist ja der Marianen-Graben. Dieser liegt östlich der Marianen-Inseln, wurde nach der Inselgruppe benannt. Ab Ende des 19. Jh wurde der Meeresgraben von Schiffen ausgelotet; 1875, also noch in spanischer Zeit, von der Besatzung der britischen “HMS Challenger”, die eine Stelle mit über 8000 Meter Tiefe maß. 1899 wurde von dem US-amerikanischen Schiff „Nero“ per Drahtlotung eine Meerestiefe von 9 660 Meter ermittelt. 1960 tauchte der Schweizer Jacques Piccard mit seinem Tauchboot auf über 10 000 m, fast die Maximaltiefe.

Auf Cuba hat es im 19. Jh Unabhängigkeits-Bestrebungen ggü Spanien gegeben. Von 1868 bis 1878 gab es einen grösseren Aufstand, der als „10-Jahres-Krieg“ bezeichnet wird. Es standen sich gegenüber: Tabak-Pflanzer aus dem Osten der Insel, die für Unabhängigkeit und Sklavenbefreiung kämpften, und die Zuckerpflanzer aus dem Westen, die die spanischen Truppen unterstützten (und die Sklaverei beibehalten wollten). Die weisse/spanische Bevölkerung im Westen war dominiert von „Criollos“ (auf Cuba Geborene/Eingewurzelte), jene im Osten von „Peninsulares“ (Einwanderern aus Spanien). Es gab aber auch Zucker-Pflanzer, die gegen Sklaverei und für Unabhängigkeit waren (wie Carlos M. de Céspedes) und Unabhängigkeits-Befürworter, die die Sklaverei beibehalten wollten. Es folgten weitere Aufstände, 1879-80, und jener der 1895 begann und bis zur amerikanischen Eroberung 1898 lief, unter Jose Martí.28

Marti (1853-95), ein Weisser, hatte zur USA eine äusserst ambivalente Haltung – die vielleicht das Verhältnis zwischen Cuba und USA antizipierte. Unter US-amerikanischer Herrschaft ab 1898 wurden (bzw blieben!) die früher versklavten Afro-Cubaner zu Lohnarbeitern, ohne dass sich dadurch ihre soziale Lage entscheidend besserte. Und, es wurden Formen von Peonage betrieben. 1902 wurde Cuba von der USA in die Unabhängigkeit entlassen29, doch der Inselstaat war, wie die gesamte mittelamerikanisch-karibische Region, dem “grossen Bruder” ausgeliefert. Die Bucht von Guantanamo behielt sich die USA; und zwischen 1902 und 1959 ankerten immer wieder US-Kriegsschiffe im Hafen von Havanna, um nicht genehme Regierungen abzusetzen oder wirtschaftspolitische Entscheidungen zugunsten der USA zu erzwingen.

Keinem der vier von den Spaniern eroberten Gebiete wurde eine echte Unabhängigkeit gewährt. Und keines dieser Gebiete, mit nicht-weisser und nicht-englischsprachiger Bevölkerung, bekam einen Status als Bundesstaat der USA; Einwanderer von dort in das Festland der USA wurden und werden auch nicht als Binnenwanderer gesehen. Auf den Philippinen gab es bald einen Aufstand gegen die USA-Herrschaft. Der Aufstand gegen die Spanier hatte ja 1896 begonnen, war (wie die Unabhängigkeitsbestrebungen in Cuba und Puerto Rico) von der USA paternalistisch “unterstützt” und zur Rechtfertigung ihres Eroberungskriegs heran gezogen worden… Nach der Niederlage der Spanier in der Bucht von Manila riefen die Unabhängigkeits-Aktivisten, die die Amerikaner bei ihrer Eroberung zT unterstützt hatten, nun, 1898, die Unabhängigkeit der Philippinen (als Republik) aus. Dies waren die Militärherrscher der USA nicht zu akzeptieren bereit, und die Unterdrückung der Unabhängigkeit führte 1899 zu einem neuen Aufstand, der von den Amerikanern bis 1902 niedergeschlagen wurde. Nach diesem Krieg wurden die “Rebellen”-Führer wie Emilio Aguinaldo und Apolinario Mabini von der USA auf Guam exiliert. Die amerikanische Herrschaft 1898-1946 wurde von der japanischen (1941-45) unterbrochen. Die kommunistische Hukbalahap-Miliz unter Luis Taruc kämpfte gegen die Japaner, dann (46-54) gegen den (mit der USA verbündeten) philippinischen Staat.30

Der Krieg 1898 verstärkte das Selbstbild der USA enorm, als “Verteidiger der Demokratie”, als “Gerechte im Dienst des gerechten Anliegens”31 – trotz imperialistischer eigennütziger Expansion, Jim-Crow-Gesetzen im Süden bzw Südosten der USA,… Der Marine-Offizier und Historiker Alfred T. Mahan begründete mit seinem 1890 veröffentlichten Buch “The Influence of Sea Power upon History” die moderne USA-Marine-Doktrin der Seeüberlegenheit. Der Sieg über Spanien war so etwas wie der Eintritt der USA in die Weltpolitik, der endgültige Aufstieg zur Grossmacht. Präsident McKinley annektierte noch 1898 Hawaii, wo es schon einige Jahrzehnte mitmischte, angestachelt von dem Nationalismus, der im Zuge des Krieges aufkam. Und Theodore Roosevelt kehrte als Kriegsheld aus Cuba in die Politik zurück, wurde 1899 Gouverneur von New York. Der britische Autor Rudyard Kipling war während eines USA-Aufenthalts mit “Teddy” Roosevelt persönlich bekannt geworden, schrieb nach dem Krieg das “Gedicht” “The White Man’s Burden” (Des weissen Mannes Bürde bzw Last). Um die Jahrhundertwende, zum Höhepunkt der westlichen/ europäischen Weltherrschaft. Der Literatur-Nobelpreisträger von 1907 wollte den damaligen Gouverneur zu einer weiteren imperialen Ausdehnung der USA motivieren, diese einmahnen. Die Kolonialisierung Nicht-Weisser sei ein humanitärer Akt, eine Wohltat für die Welt.32

Ob „Teddy“ Roosevelt diese Ermunterung nötig hatte? Zu Beginn des 20. Jh erklärte er, “It is manifest destiny for a nation to own the islands which border its shores.” Diese „offensichtliche Bestimmung“ gestand er natürlich nicht allen Nationen zu, im Gegenteil… 1901 wurde Roosevelt Vizepräsident unter McKinley, nach dessen Wiederwahl; nach etwa einem halben Jahr nach dem Mordanschlag (durch einen polnischen Anarchisten) auf diesen rückte er zum Staatspräsidenten auf, herrschte bis 1909. Die Republikanische Partei wurde in dieser Zeit allmählich die rechte Partei der USA, die Demokraten wurden “links”, aber das auszuführen, würde jetzt zu weit (weg) führen. 1904 verkündete Roosevelt seine “Corollary” (Zusatz) zur Doktrin eines seiner Amtsvorgänger, James Monroe, von 1823, die beanspruchte, den amerikanischen “Doppelkontinent” gegenüber europäischer “Einmischung” frei zu halten. De facto beanspruchte die USA damit eine Hegemonie über Lateinamerika und Karibik. Dies formulierte Roosevelt in seiner Ergänzung auch offen so, und er setzte diese Auffassung von “Schiedsrichterfunktion” und “Interventionsrecht” der USA im südlicheren Amerika auch um. Eine Politik des Isolationismus hat die USA eigentlich nie betrieben, es änderten sich aber immer wieder die Auffassungen von “eigenen Angelegenheiten”.

Diese Verkündigung Roosevelts kam nach der “Venezuela-Krise” von 1902/03.33 Venezuelas Präsident Cipriano Castro weigerte sich, Auslandsschulden des Landes zu bezahlen; darauf hin verhängten Grossbritannien, Deutsches Reich und Italien eine Seeblockade gegen das Land. Castro nahm an, dass die USA aufgrund der Monroe-Doktrin eine solche Intervention europäischer Mächte in Amerika nicht hinnehmen würde. Doch Teddy Roosevelt hatte, welche Überraschung, kein Problem damit. Nur gegen eine Inbesitznahme von Territorium auf dem amerikanischen Kontinent sei man, hiess es damals von der US-amerikanischen Regierung. In Roosevelts “corollary” hiess es dann auch, die USA würden Ansprüche europäischer Staaten gegenüber südamerikanischen helfen durchzusetzen, quasi in deren Namen. Und, Roosevelt dehnte den Hegemonienaspruch der USA 1904 auf die ganze “westliche Hemissphäre” aus. Natürlich nur zum Wohle Aller.

Roosevelt beanspruchte eine Führungsrolle für die USA in der Welt34, erklärte dazu, dass er “sanft sprechen und einen grossen Stock” tragen würde. Dieser Stock war die Marine der USA. 1907 schickte er die “Great White Fleet” auf eine Weltumfahrt, als Machtdemonstration, einen Verband von Marineschiffen, der 1909 zurück kam. “Teddy” Roosevelt sagte, er lehne “Imperialismus” ab, wolle sich stattdessen “Expansionismus” zu eigen machen. Er begann dann mit den „Bananen-Kriegen“ (Banana Wars), militärischen Interventionen im zirkum-karibischen Raum, meist durch das Marine Corps, teilweise in Form von Kanonenbootpolitik. Teilweise wird der Spanisch-Amerikanische Krieg auch schon dazu gerechnet, der den Karibik-Raum geopolitisch veränderte.

Der Ausdruck stammt von einem Lester Langley aus den 1980ern. Im Krieg gegen Spanien 1898 musste die USA ein Kriegsschiff noch aus Kalifornien über Kap Hoorn in die Karibik schicken. 1903 “erzwang” die USA unter Roosevelt von Kolumbien die Abtrennung von dessen Departemento del Istmo, wo ein Kanal gebaut werden sollte. Ein Bau-Abkommen zwischen Kolumbien und USA war 1903 vom kolumbianischen Parlament abgelehnt worden. Darauf hin unterstützte man in dieser Provinz eine “Unabhängigkeits-Bewegung”, und schon erklärte “sich” diese als “Panama” unabhängig. Gegen eine Intervention Kolumbiens kreuzten amerikanische Kriegsschiffe auf… Anderswo ging es auch um Bananen, bzw die Interessen der United Fruit Company.

US Marines Nicaragua 1926 mit erbeuteter Sandinisten-Fahne

Bis in die 1930er, zu Franklin D. Roosevelts „Nachbarschaftspolitik“ gingen diese Interventionen im zirkumkaribischen Raum, dem „Hinterhof“ der USA, aus wirtschaftlichen und strategischen Interessen. Danach hat die USA dort und in Lateinamerika meist nicht mehr direkt militärisch eingegriffen, aber umso mehr über Klientelpolitik, Geheimdienstaktionen, Wirtschaftskriege,… Es handelte sich bei den “Bananen-Kriegen” nach der erzwungenen Panama-Abtrennung von Kolumbien meist um Interventionen ohne territoriale Akquisition. Es kamen aber im 20. Jh u.a. noch die Virgin Islands (damals Dansk Vestindien) zur USA, wenn auch nicht als Bundesstaaten. Anderswo wurden “nur” Militär-Stützpunkte errichtet, Marionetten-Regime eingesetzt oder wirtschaftlicher Einfluss gesichert. Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson waren beides Interventionisten, Roosevelt begründete dies machtpolitisch, Wilson (der erste Südstaatler als Präsident nach Sezession/Bürgerkrieg) pseudo-ethisch.35 Noch heute gibt es diese zwei Varianten, Trump vertritt auch die ehrliche, Bush jun. noch die verlogene. Wilson liess während der Mexikanischen Revolution bzw dem Mexikanischen Bürgerkrieg (ca. 1910-1920) auch wieder dort intervenieren. Und zwar 1914 in Veracruz an der Karibik-Küste, nach dem so genannten „Tampico-Zwischenfall“, bzw mit ihm als Vorwand.36 In den 1. WK führte Wilson die USA dann „gegen Despotismus und für Demokratie“. Es war der endgültige Aufstieg zur Weltmacht.

Agana vor dem 2. WK

1940 zog ein verheerender Taifun über Guam, die Marianen, Mikronesien,…Am 7. Dezember 1941 der Angriff des japanischen Militärs auf den US-Marinehafen Pearl Harbor auf Oahu, Hawaii. Stunden später griffen Japaner Guam, ein anderes USA-Aussengebiet, an, in der “ersten Schlacht um Guam”, nahmen die Insel in wenigen Tagen ein. Der amerikanische Militär-Gouverneur McMillin wurde gefangen genommen, der zuvor angesichts der Spannungen die meisten Amerikaner evakuieren hatte lassen. Die Guamesen/Chamorros wurden sich selbst überlassen, anscheinend auch jene, die im Militär der USA dienten…37 Die japanische Herrschaft (zweiundeinhalb Jahre) brachte für Guam eine Wiedervereinigung mit den anderen, nördlicheren Marianen-Inseln, die ja seit dem 1. WK japanisch waren. Chamorros wurden nun von dort nach Guam gebracht, u.a. um zu übersetzen. Die guamesischen Chamorros wurden als Kriegsgefangene, als Unterworfene behandelt, die nord-marianischen halfen diesen Besatzern (gewissermaßen) – dies verstärkte die Kluft zwischen den Chamorros auf der südlichsten Marianen-Insel und jenen auf den nördlicheren, ist bis heute ein Thema!

Die Schlacht von Midway (eine der “Guano-Inseln”) im Juni 1942 wird ja das “Stalingrad des Pazifikkriegs” genannt, da es dort eine Kriegswende einleitete. Im Juli/August 1944 die “zweite Schlacht um Guam”, die Amerikaner eroberten Guam zurück (u.a. mit Flächenbombardements), die japanischen Verteidiger leisteten fast drei Wochen lang erbitterten Widerstand.38 Ihr Kommandeur Hideyoshi Obata beging rituellen Selbstmord (Seppuku). Am “Liberation Day” wird bis heute dem Beginn der Kämpfe am 21. Juli gedacht. Einzelne japanische Soldaten, die sich der Gefangennahme entziehen konnten, verübten nach der Rückeroberung der Insel durch die Amerikaner noch verschiedentlich Anschläge oder versteckten sich. Die nördlichen Marianen nahmen US-Truppen schon zuvor von Japan ein. Guam wurde noch während der Kampfhandlungen, wie zuvor schon Saipan oder Tinian, mit amerikanischen Militärstützpunkten “übersät”.

Japanische Kriegsgefangene Guam

1945 kam die „USS Indianapolis“, eines der USA-Kriegsschiffe, die 1941 nicht in Pearl Harbor waren, auf die Marianen. Die „Indianapolis“ hatte im Frühling ’45 die US-amerikanische Landung auf den japanischen Inseln Iwo Jima und Okinawa unterstützt, die letzten Kriegshandlungen vor den Atombombenabwürfen. Anschliessend brachte sie Teile der Atombombe „Little Boy“ auf die Marianen-Insel Tinian, wo diese getestet wurde. Danach fuhr die „Indianapolis“ nach Guam, Militärpersonal absetzen, anderes aufnehmen; am Weg zu den Philippinen wurde sie dann noch nahe Guam versenkt, im Juli 45, von einem japanischen U-Boot; es gab 800 Tote, durch Ertrinken, Hai-Angriffe,… Es war dies die grösste Marine-Opferzahl von einem Schiff in der USA-Geschichte; Gerettete wurden nach Guam gebracht. Im August 45 startete die „Enola Gay“ von Tinian, warf die Atombombe dann über Hiroshima ab. Die Marianen, gerade von Japan erobert, hatten sich als “unsinkbarer” Flugzeugträger bewährt, gegen Japan.

Die maximale geographische Ausdehnung direkter US-amerikanischer Kontrolle war nach dem 2. WK gegeben, nach der Kapitulation des “Grossdeutschen Reichs” und dann Japans, und vor der Unabhängigkeit der Philippinen 1946. Man kann aber auch die Phase nach Ende des Kalten Kriegs, als die USA (damals von Clinton regiert) auch Russland (unter Jelzin) gewissermaßen “kontrollierte”, als Höhepunkt amerikanischer Machtausübung sehen. Seit Franklin Roosevelt sind US-Präsidenten (zumindest) so etwas wie Welt-Mit-Beherrscher. Wie erwähnt, kamen Ende des 19., Anfang des 20. Jh einige Gebiete unter Kontrolle der USA, die nicht Bundesstaaten wurden, Gebiete die zum “kontinentalen” Staatsgebiet keine Verbindung haben und eine nicht-weisse Bevölkerungsmehrheit (oder fast unbewohnt sind, wie die “Guano-Inseln”). Es gibt unterschiedliche Status und Bezeichnungen (Insular Areas, Outlying territories, Commonwealth, Incorporated territory, Unincorporated territory, dependent territory,…). Manche wurden aufgegeben über die Jahrzehnte hindurch, wie die Panamakanal-Zone, Palau, Philippinen, Mikronesien, Cuba; in der Regel verblieben dort US-Militär-Basen. Andere Eroberungen, wie Puerto Rico, Guam und (nördliche) Marianen wurden behalten.

Infolge des 2. WK kam es also zu einer Art “Wiedervereinigung” von Guam und den anderen Marianen, da beide Gebiete nun unter USA-Herrschaft standen, sie blieben aber dennoch getrennt. Auch die Nord-Marianen wurden nach diesem Krieg von der USA (weiter) militärisch intensiv genutzt. In der Bevölkerung Guams (Chamorros, Philippinos, Mischlinge, Weisse) gab es nun Verlangen nach Selbstregierung und Aufwertung des Status innerhalb der USA, auch vom Inselparlament. 1949 unterschrieb USA-Präsident Harry Truman den Organic Act, ein Gesetz39, das Guam (seinem Parlament) Autonomie für “innere Angelegenheiten” einräumte. Statt eines amerikanischen Militärgouverneurs gab es nun einen (ernannten) zivilen amerikanischen Gouverneur. Die (nicht-weissen) Guamer/Guamesen bekamen die Staatsbürgerschaft der USA; durften aber nicht an US-amerikanischen Wahlen teilnehmen. Seit 1946 steht Guam auf der UN-Liste der Hoheitsgebiete ohne Selbstregierung, die UN nahm und nimmt die Entkolonialisierungsfrage relativ ernst. Wie bei Puerto Rico gab und gibt es auf Guam die drei Optionen Verlangen nach Bundesstaatlichkeit (oder anderer Formen stärkerer “Integration” in der USA), nach Selbstständigkeit (Unabhängigkeit), Beibehaltung des jetzigen Status. Man kann die „Erhebung“ zur Bundesstaatlichkeit als Akt der Gleichberechtigung sehen oder aber als (“verbindlichere”) Annexion.

1949 wurde eine Commercial Party gegründet, als erste Guamer Partei. Vor der Wahl 1950 wurde sie in Popular Party umbenannt. Bei den folgenden Wahlen gewann sie fast alle Sitze im Parlament Guams. 1956 spaltete sich ein Teil als Territorial Party ab, was an der Dominanz der PP zunächst nichts änderte. Nachdem sie sich mit der US-amerikanischen Democratic Party verbunden hatte, wurde sie 1964 zur Democratic Party of Guam. Die Territorial Party gewann die Wahl 1964, danach kehrte die Dominanz der Democratic Party zurück. 1966 wurde sie zur Republican Party of Guam, nachdem sie sich mit den amerikanischen Republikanern zusammengeschlossen hatten. Seither gleicht das Parteiensystem auf der Insel dem US-amerikanischen. Anscheinend spielt die ethnische Zugehörigkeit keine bestimmende Rolle bei dieser Dichotomie, eher die Klassen-Zugehörigkeit. Inzwischen sind längst nicht mehr alle Guamer/Guamesen Chamorro, es sind inzwischen unter 40%. Hat mit der Einwanderung zu tun, aber auch mit der Auswanderung von chamorrischen Guamern, eine Diaspora gibt es in anderen Teilen der USA (Hawaii, California,…).

Die Einwanderung von Philippinos begann schon zur spanischen Zeit, heute stammen über 25% der Guamer von diesem Archipel in der Nachbarschaft, mit dem Vieles verbindet. Weisse, überwiegendst eingewanderte Amerikaner, machen unter 10% aus. Dann gibt es noch eingewanderte Ozeanier (v.a. von der ehemaligen Carolinen-Insel Chuuk, heute bei den Föderierten Staaten von Mikronesien) und Asiaten, sowie Mischlinge. Die Chamorros sind ähnlich wie die Philippinos zuerst hispanisiert, dann anglifiziert worden. Englisch ist die wichtigste Sprache geworden, hat Chamorro teilweise sogar im privaten Bereich verdrängt. Filipino spielt eine gewisse Rolle, Spanisch dagegen gar nicht mehr. Nur mehr Familiennamen erinnern an diese 400-jährige Kolonialherrschaft. Und die Dominanz der Katholischen Kirche. Durch die vielen US-Militär-Einrichtungen auf der Insel gibt es einen ständigen “Zufluss” und “Abfluss” von Amerikanern aller Bevölkerungsgruppen. Chamorros verpflichten sich überproportional oft zum USA-Militär, verlassen auch so ihre Insel öfters. Die Insel besitzt für die USA nach wie vor eine grosse strategische Bedeutung, blieb v.a. Marine-Stützpunkt.

In den frühen 1960ern wurde der Hafen Apra für atombetriebene U-Boote ausgebaut, die mit strategischen Mittelstreckenraketen bestückt werden. Während des Vietnam-Kriegs, in dem die USA ab 1964 (ein USA-Kriegsschiff, im Tonkin-Golf angeblich von einem nord-vietnamesischen Schiff angegriffen) massiv involviert war (bis 1973), war Guam wieder Aufmarsch- oder Zwischenstation v.a. für Kriegsschiffe. Wie auch die Philippinen, dort v.a. die Marinebasis in der Bucht von Subic auf Luzon, von den Spaniern einst gebaut. Im Juli 1969 reiste USA-Präsident Nixon, nach der Mondlandung, während des Vietnam-Kriegs40 um die halbe Welt, absolvierte Staatsbesuche in Asien, reiste dann über Europa heim. Bei einem Stop in Guam sprach er über die neue Asien-Politik der USA und die Weltpolitik, formulierte dort seine “Nixon-Doktrin”. Demnach erwarteten die Vereinigten Staaten künftig von ihren Verbündeten, ihre militärische Verteidigung – vor allem finanziell – in die eigene Hand zu nehmen. In Vietnam sollten die Süd-Vietnamesen allmählich mehr Verantwortung bei der Kriegführung übernehmen.41 1972 kam Richard Nixon wieder zu Besuch auf Guam, hielt eine Rede. Das war im Jahr seiner Wiederwahl, die er gewann, nachdem er in das Hauptquartier der Demokratischen Partei (des Democratic National Comittee) im Watergate-Gebäude in Washington einbrechen lassen hatte.42 Am Ende des Vietnam-Kriegs 1975 flüchteten Offizielle Süd-Vietnams über Guam in die USA.

Seit 1970/71 darf die Bevölkerung Guams ihre Gouverneure wählen, die also im Zusammenspiel mit Inselparlament (Legislature of Guam/ Liheslaturan Guåhan) regieren. Zum ersten Mal seit 500 Jahren, dem Auftauchen der ersten Europäer dort und der folgenden Kolonialisierung (Spanier, Amerikaner, Japaner), konnten die Guamesen zumindest über ihre eigensten Angelegenheiten wieder selbst bestimmen. Wenn auch nicht über vieles Andere und wenn auch die Chamorros weniger als die Hälfte der Inselbevölkerung ausmach(t)en. Carlos Garcia Camacho (1924 – 1979), ein Republikaner, war letzter ernannter Governor von Guam (1969-1971) und erster gewählter (1971-1975). Seit 1972 darf Guam einen nicht stimmberechtigten Delegierten in den Congress der USA wählen. Zu den Conventions der Grossparteien dürfen Mitglieder dieser Parteien auf Guam Delegierte wählen, die dort stimmberechtigt sind.

Die Nördlichen Marianen wurden ja 1898 von Guam getrennt; als diese Trennung in Versailles 1919 “bestätigt” wurde, gab es in der Marine der USA längst Ansprüche auf diese Inseln. Der Anteil der Chamorros an der Bevölkerung ist dort noch weiter geschrumpft als auf der südlichsten Marianen-Insel Guam; sie machen weniger als ein Viertel aus, Philippinos sind die grösste Ethnie, dann gibt es grosse Gruppen an Asiaten (Chinesen,…), Ozeaniern (Carolinier,…), Mischlingen, einen kleinen Anteil an Weissen. Die Nord-Marianen haben inzwischen einen ähnlichen Status und das selbe politische System wie Guam, mit gewählten Gouverneur und Parlament, nicht-stimmberechtigtem Delegierten im Congress, die Bürger sind (seit 1986) Staatsbürger der USA, dürfen aber nicht an seinen Präsidenten-Wahlen teilnehmen. 1947 bis 1994 waren die Nord-Marianas mit den Föderierten Staaten von Mikronesien, Marshall-Inseln und Palau zum (von der USA verwalteten) UN-Trust Territory of the Pacific Islands (TTPI) zusammengefasst. 1978 bekamen die N-Marianen den Status eines mit der USA assoziierten Staates (Commonwealth, wie Puerto Rico, früher Philippinen), nachdem sie jahrzehntelang von der Marine, dann vom Innenministerium der USA verwaltet wurden. Anders als Guam hat es hier auch die deutsche und japanische Kolonialphase gegeben, die geprägt haben.

Nachdem Guam und die nördlichen Marianen-Inseln infolge des 2. WK beide unter US-amerikanischer Herrschaft “vereint” waren, begann der Diskurs über eine Wiedervereinigung, der hauptsächlich von den Chamorros auf den Inseln getragen wurde. Auf den Marianen gab es ebenfalls eine Popular Party (PP) und eine Territorial Party (TP); die PP war für die Wiedervereinigung mit Guam (und ging in der DP auf), die TP für eine engere Anbindung an die USA (und ging in der RP auf). Als 1957 sowohl auf Guam als auch auf den Nord-Marianen die jeweilige Popular Party die Wahlen gewann, wurde die Wiedervereinigungs-Thematik in beiden Parlamenten ernsthaft diskutiert. Jenes von Guam nahm 1958 eine Resolution bezüglich der Wiedervereinigung mit den Nord-Marianen an, die an den USA-Congress gerichtet wurde. Es scheint, dass dieser Irredentismus aber auf den nördlichen Marianen eine wichtigere Rolle spielt(e). 1958, 1961, 1963 gab es inoffizielle Referenden, in denen die Bevölkerung ein Zusammengehen mit Guam befürwortete. Diese Resultate wurden auch dem UN Special Committee on Decolonization weitergeleitet. Die Wiedervereinigung der Marianen war sowohl für jene auf diesen Inseln anstrebenswert, die die “Aufwertung” zu einem Bundesstaat der USA anstrebten43, als auch für jene die die Unabhängigkeit befürworteten, und für jene die für die Beibehaltung eines “losen” Verhältnisses mit der USA waren.

Im November 1969 lehnte die Bevölkerung Guams aber eine Wiedervereinigung mit 3 720 zu 2 688 Stimmen ab. Nur 32% der etwa 20 000 Wahlberechtigten stimmten ab, zur Fragestellung “Should all of the islands of the Marianas be politically reintegrated within the framework of the American Territory of Guam, such as a new territory to be known as the Territory of the Marianas?”. 5 Tage später stimmte die Bevölkerung der Nord-Marianen ab. Hier gab es eine viel höhere Beteiligung, gab es mehr Wahlmöglichkeiten. Die Wiedervereinigung bekam eine klare Mehrheit, die Option “Unabhängigkeit” bekam ganze 19 Stimmen. Wie ist das Nein auf Guam zu erklären? Auf Guampedia findet sich eine Analyse dazu. Das Verhalten der Nord-Marianer im 2. WK an Seite der japanischen Besatzer wurde nicht vergessen. Anders gesagt: Man hat sich kolonialhistorisch anders entwickelt. Wie Äthiopier und Eritreer. Dann gab es kaum eine Werbung für das Referendum – daher auch die geringe Beteiligung. Weiters: Guam war und ist besser entwickelt, reicher, von daher fürchteten Viele auf der Insel, dass die Nord-Marianen mit ihrem Geld aufgebaut werden müssten. Daneben war bereits das Rennen für die erste Gouverneurs-Wahl, 1970, eröffnet, und im Wahlkampf der drei DP-Kandidaten hat das Team von Ricardo Bordallo (Gouverneur 1975-79, 83-87) indirekt gegen eine Wiedervereinigung Stellung genommen, aus wahltaktischen Gründen (um sich von den Konkurrenten abzugrenzen).

In einem Referendum 1970 haben sich die Nord-Marianer für engere Bindungen an die USA ausgesprochen, gegen die Unabhängigkeit. Auf Guam gab es 1976 und 1982 weitere Referenden über den Status, in denen die Unabhängigkeits-Option ebenfalls keine Rolle spielte. Zuspruch bekam eine engere Bindung an die USA, deutlich mehr als die Aufwertung zum Bundesstaat und die Beibehaltung des Status. Ansonsten wurde auf Guam immer wieder über die Legalität des Glücksspiels abgestimmt. Im Fussball sind Beide schon unabhängig. Sowohl Guam als auch die Nord-Marianen haben einen eigenen Fussballverband und ein Fussball-Nationalteam. Beide gehören dem asiatischen Verband (AFC), nicht dem ozeanischen (OFC), an.44 Zur Zeit ist weder für Guam noch die Nord-Marianen die Vereinigung eine Option noch die Unabhängigkeit noch die Bundesstaatlichkeit. Die demographische Situation spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Für einen Bundesstaat sind die Inseln wohl zu wenig “weiss”. Dass die Chamorro-Anliegen für die Zukunft ausschlaggebend sind, nach Jahrhunderten der Kolonial-/Fremdherrschaft, dazu ist diese Urbevölkerung wahrscheinlich schon zu weit zurückgedrängt worden.

Und solange die Inseln für die USA militärisch oder wirtschaftlich eine Bedeutung haben, werden sie an diese gebunden sein. Die Region Mikronesien45 ist ganz in der Hand der Amerikaner. Der Pazifik, heisst es, rückt zunehmend ins Zentrum des Weltgeschehens. Dort stehen sich die beiden Weltmächte USA und China gegenüber. Und Nordkorea drohte (jedenfalls 2017) mit Angriffen auf Guam, sowie das US-Festland und Hawaii. Nachdem Trump mit “Feuer und Wut” gedroht hatte, im Atom-/Raketenstreit. Und weil Angriffe der USA auf Nordkorea wohl über Guam laufen würden, “Amerikas Tor zu Asien”. Guams damaliger Gouverneur Calvo (RP) stellte sich damals gleich hinter die USA. de.wikipedia weiss: „Die Verbindungen zu den USA werden in der Bevölkerung weitgehend positiv bewertet, auch sind die Militärstützpunkte für die Wirtschaft von Guam wichtig. Unter den Einwohnern ist die US-amerikanische Kultur weit verbreitet.“ Der zweite Satz stimmt sogar irgendwie. Ein Viertel der Inselfläche gehört dem USA-Militär; wichtig sind der Hafen von Apra mit den Atom-U-Booten und die “Andersen” Luftwaffen-Basis im Norden der Insel.

Massive Konflikte zwischen diesem Militär und der Bevölkerung hat es, anders als auf dem japanischen Okinawa, noch nicht gegeben. Auch weil diese Bevölkerung in diesen Streitkräften ja zum Teil mitmacht.46 Rund um die Militäreinrichtungen (bzw für diese) gibt es Prostitutionsangebote, und es gibt auf der Insel einen diesen zugrunde liegenden “Frauenhandel”. Darüber hinaus gibt es aber auch immer wieder Berichte über andere Ausbeutung ausländischer Arbeiter auf Guam, auch durch Chamorros. Die Bedeutung des amerikanischen Militärs für Guam zeigt sich auch dadurch: Die US-Navy hat vor einigen Jahren Guam mit toten Mäusen “bombardiert”, um den bedrohten Vogelbestand der Insel vor der Braunen Nachtbaumnatter zu retten, eine Schlangenart die das Militär selbst vor Jahrzehnten (wahrscheinlich im 2. WK) eingeschleppt hatte. Die toten Mäuse dienten als Köder und wurden mit Paracetamol versehen, das für Schlangen bereits in geringen Dosen tödlich ist. Guams “anderes” wirtschaftliches Standbein ist die Tourismus-Industrie, besonders Japaner und Koreaner kommen gerne, aber auch US-Amerikaner, Philippinos,…

Ein Motto für Guam ist “Where America’s Day Begins”, was sich auf die Nähe zur globalen Datumsgrenze bezieht, darauf, dass Guam das erste US-amerikanische Gebiet auf der “asiatischen” (bzw der westlichen) Seite dieser Grenze ist. Diese Datumsgrenze ist eigentlich ein zutiefst eurozentrisches “Konzept”, ein Erbe des europäischen Kolonialismus. 1884 wurde der Nullmeridian durch den Londoner Stadtteil Greenwich gezogen, der “Gegenbogen” auf der anderen Erdseite (180. Längengrad bzw 180° Greenwich) wurde als Datumsgrenze fest gelegt. Der “Anfang” in der Hauptstadt der damaligen Weltmacht Nr. 1 (bzw durch sie)47, das “Ende” auf der anderen Seite der Welt, dort können ruhig miteinander vernetzte (Insel-) Gebiete zerteilt werden. Infolge dessen wurden auch Zeitzonen eingeführt. Bis dahin war die Datumsgrenze von den europäischen Kolonialmächten individuell (“willkürlich”) festgelegt worden, auch immer irgendwo durch den Pazifik.

So führten die Spanier die Datumsgrenze westlich der Philippinen, weil sie diese von Mexico (Mexiko) aus bewirtschafteten. Nach der Unabhängigkeit von Nueva España als Mexico 1821 verschob Spanien (in den 1840ern) die Datumsgrenze nach Osten, schloss die Philippinen gewissermaßen an Asien an, trennte sie von Amerika ab. Alaska lag, so lange es zu Russland gehörte, auf der asiatischen Seite (wie das gegenüberliegende Sibirien), also westlich der Datumsgrenze. Mit dem Verkauf an die USA gelangte es auf die amerikanische (östliche) Seite. Mikronesien (liegt südlich von Russlands Fernem Osten) liegt grösstenteils auf der asiatischen Seite der Datumslinie, diese verläuft quer durch Polynesien. Das zur mikronesischen Region gehördende Kiribati war durch die Datumsgrenze “geteilt”. 1994/95 entschied sich der Staat, komplett zur asiatisch-ozeanischen Seite zu gehören, diese bekam dadurch eine erhebliche Ausbuchtung. Man wird sehen, ob aus der “Rückseite der Welt”, dem Pazifik-Raum, nicht einmal eine Vorderseite wird.

Der zweite Weltkrieg und sein Ende 

Um zurück zu kommen auf den Aufstand in Agana 1944, und den Krieg, in dem die USA diese südlichste Marianen-Insel von Japan zurückeroberte, im Rahmen des Pazifikkriegs: An diesem Kriegsschauplatz und überhaupt ging der Krieg ja durch die amerikanischen Atombombenabwürfe auf Japan im August 1945 (die, siehe oben, zu den Marianen ja auch einen Bezug haben) und die darauf folgende japanische Kapitulation zu Ende (und bald in einen Kalten Krieg zwischen den Alliierten dieses Kriegs über). Über die Details dieses Endes lassen sich einige interessante (und hierfür relevante) Beobachtungen machen, auch über die amerikanische Einbindung in diesen Krieg.

Bis Pearl Harbor 1941 gab es grosse Debatten in der USA um den Kriegseintritt; zuvor gab es in diesem Jahr unter Franklin Roosevelt bereits Verhandlungen mit GB, die als erste alliierte Konferenzen gelten. Das US-amerikanische Heer wurde hauptsächlich in den Pazifik (gegen Japan) geschickt, dann auch nach Nord-Afrika, von wo nach Italien übergesetzt wurde, und natürlich in die französische Normandie. Japan führte in den 1930ern und 1940ern Kriegszüge in der ostasiatisch-pazifischen Region, ging ein Bündnis mit den faschistischen Mächten Europas ein. Obwohl der Angriff auf Pearl Harbor verheerend war, war es den Japanern auf Hawaii nicht gelungen, die US-amerikanischen Flugzeugträger im grossen Stil zu zerstören, was sich bei Midway 1942 für sie rächen sollte. Die USA blieben materialmäßig trotz der Verluste in Pearl Harbor im „Pazifikkrieg“ überlegen. 1940 war bereits die Wehrpflicht eingeführt worden, von daher waren die Amerikaner ohnehin von dem Krieg betroffen. Japanische Amerikaner und Andere waren wiederum von Internierungen betroffen.

Aber der 2. WK kam auch auf das Territorium der USA. Nicht nur durch den japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Aussengebiet Hawaii (das damals noch kein Bundesstaat war) und die Kämpfe mit den Japanern auf den amerikanischen “Guano”-Inseln (wie Midway, Wake,…), die erwähnte Rückeroberung der Philippinen und Guam 1944, die Eroberung der Nord-Marianen. Die deutsche Kriegsmarine tastete sich 1941/42 mit U-Booten an die US-amerikanische Ostküste heran, griff dort Schiffe an (“Unternehmen Paukenschlag”). ’42 konnte sich Saboteure von einem U-Boot an Land setzen, diese wurden in New York festgenommen. 1943 wurde auch einmal versucht, deutsche Gefangene am Festland zu befreien. In einem Fall kam es zu Kämpfen auf amerikanischem Boden während des Zweiten Weltkriegs.

Die Japaner nahmen im Juni 1942 zwei Inseln der zu Alaska (auch noch kein Bundesstaat) gehörenden Aleuten ein; 1943 wurden Attu und Kiska zurück erobert. Und dann gab es die japanischen Ballonbomben/ Brandballons/ Fu-gō heiki, Gasballons die Bomben von Japan über den Pazifik nach Amerika trugen. Etwa 9 000 solcher Ballons wurden an der Ostküste der japanischen Insel Honshū gestartet, von November 1944 (als das Bombardement Japans durch amerikanische Kampfflugzeuge begann) bis April 1945. Etwa 300 Ballons kamen an die Westküste der USA sowie Canadas, man fand sie dort vielerorts. Im Mai 1945 tötete einer in Oregon sechs Menschen, die die einzigen Kriegsopfer am Festland bzw in Bundesstaaten der USA wurden.48 Die letzte scharfe Ballonbombe wurde 1955 gefunden, eine durch Verwitterung entschärfte noch 1992, in Alaska. Entsprechendes gibt es ja, Jahrzehnte nach Kriegsende, auch in Europa.

Der blutigste bzw tödlichste Tag für das US-Militär in diesem Krieg (und überhaupt!) war aber fern von “zu Hause”, nach der Landung in der Normandie, am 6. Juni 1944, als etwa 2 500 Soldaten getötet wurden, von Wehrmachts-Angehörigen. Die Normandie-Offensive ging dann noch weitere 1 1/2 verlustreiche Monate weiter. Nach der amerikanischen Landung auf der japanischen Insel Okinawa im April ’45 tobte dort bis Juni eine Schlacht zwischen Angreifern und Verteidigern, bei der etwa 14 000 Amerikaner und um die 100 000 Japaner getötet wurden. Besonders verlustreich war auch die Maas-Argonnen-Offensive 1918 im 1. WK (eineinhalb Monate), Gegner ebenfalls Deutsches Reich.

Die Schlacht von Okinawa kam, als USA-Truppen bereits die Philippinen zurückerobert hatten (eingeleitet mit der Landung auf Leyte 1944), nach der Landung auf der japanischen Insel Iwojima (Anfang ’45, mit dem fotografierten Hissen der USA-Flagge nach der Schlacht). In dieser Endphase des Kriegs flogen (meist) Freiwillige der japanischen Luftwaffe Kamikaze-Selbstmordangriffe gegen Kriegsschiffe der USA (und ihrer Verbündeten). Im August 45 die Atombomben-Einsätze (anstatt einer Invasion auf den japanischen Hauptinseln), ausserdem der Kriegseintritt der SU an der Pazifikfront gegen Japan, die Besetzung von Süd-Sachalin und den nördlichen Kurilen sowie die Invasion in der Mandschurei. Mit der Kapitulation Japans im September war der Krieg eigentlich zu Ende. In Europa war er das schon seit Mai, mit den Kapitulationen Nazi-Deutschlands.

Letzte bedeutende Schlacht in Europa war jene um Berlin (Apr/Mai 45). Einzelne Verbände der Wehrmacht, wie die 8. Armee, kämpften noch einige Tage über die Gesamt-Kapitulationen hinaus gegen sowjetische Truppen (in Ungarn, Tschechoslowakei); dies vor allem in dem Bestreben, Militärverbände und Zivilisten noch in die Westgebiete zu transportieren. Darüber hinaus waren manche Einheiten noch selbstständig aktiv: in Norwegen, Teilen Frankreichs, auf den britischen Kanalinseln, in Lettland. Die “Werwolf”-Kampfgruppen des untergehenden NS-Regimes waren dagegen mehr Mythos bzw Propagandaphänomen als von militärischer Bedeutung (“Untergrundkampf”), gingen hauptsächlich gegen Deutsche vor, die mit Alliierten zusammenarbeiteten.

Scharmützel gab es in Europa über die Kapitulationen hinaus, Stellvertreter-Kämpfe, Rückzugsgefechte, Frontwechsel. In Poljana (Slowenien/Jugoslawien) kämpften Kollaborateure der Achsenmächte in YU (v.a. kroatische und slowenische) mit zurückweichender Wehrmacht Mitte Mai gegen die Tito-Partisanen und britische Verbände. Infolge des Sieges der alliierten Seite dort (15. Mai) kam es zu den Repatriierungen der “Kollaborateure” bei Bleiburg und Vorstössen jugoslawischer Partisanen nach Kärnten. Danach kämpften auf der niederländischen Insel Texel noch georgische Kollaborateure der Wehrmacht gegen ihre bisherigen Meister. Es gab am Kriegsende Fluchtbewegungen, hauptsächlich aus Ost- nach West-Europa, blutige Abrechnungen, Besetzungen,…

1944 gab es die “Haudegen”-Expedition der Wehrmacht, die Errichtung einer Wetterstation auf Spitzbergen im norwegischen Svalbard-Archipel, eine von mehreren im Arktis-Gebiet. Im Mai 1945 verloren die Soldaten den Funkkontakt. Am 4. September wurden sie von norwegischen Robbenjägern gefunden, zwei Tage nach der Kapitulation Japans; es war die letzte Wehrmachts-Einheit die sich ergab. Mancherorts ging ein Konflikt beinahe nahtlos in einen anderen über. Der Chinesische Bürgerkrieg, der aufgrund der japanischen Invasion pausiert hatte, ging im Juli 45 wieder los. Die polnische Widerstandsarmee Armia Krajowa löste sich offiziell im Jänner 45 auf, als die Rote Armee Polen von den Deutschen befreite. Doch viele Einheiten griffen wieder zu den Waffen, als sich abzeichnete, dass die Sowjetunion Polen keine echte Selbstbestimmung gestattete. Vorboten des Kalten Kriegs.

Im Pazifikraum (Ostasien-Ozeanien-Westküste Amerika) gab es auch Scharmützel über die japanische Kapitulation hinaus, und auch das “Übergehen”  dieses Krieges in neue Konflikte. Und das Auftauchen japanischer “Aushalter” lange nach Kriegsende. Auf den Philippinen kam es nach der Wiederherstellung amerikanischer Herrschaft 44/45 die Gewährung der Unabhängigkeit 46 und den Guerilla-Kampf der kommunistischen “Huks”. Abgesehen davon hatten sich vielerorts japanische Soldaten versteckt, die oft weiterkämpften, im Laufe der Jahre auftauchten. Shōichi Shimada war auf der Insel Lubang verblieben, führte einen einsamen Kampf; 1954 wurde er bei einem Gefecht mit philippinischen Soldaten getötet.

Andere Japaner schlossen sich nach dem grossen Krieg den nationalen Unabhängigkeitsbewegungen gegen europäische Kolonialmächte an, v.a. in Vietnam und Indonesien. Murata Susumu wurde 1953 auf der Marianen-Insel Tinian in einer Hütte festgenommen; er wusste noch nichts vom Kriegsende. Berühmt wurde der Fall des japanischen Unteroffiziers Shōichi Yokoi, der erst am 24. Januar 1972 auf Guam entdeckt wurde. Am 10. August 1944 hatten die Amerikaner die Kontrolle über Guam wieder; aber es gab noch Monate darüber hinaus Widerstand von versprengten Truppen. Die sich v.a. in Höhlen in den Hügeln der Insel versteckten. Im Dezember 45 wurden 3 Marines bei einem Angriff (wahrscheinlich dem letzten “organisierten”) getötet.

Shoichi Yokoi Guam 1972

Auch Shōichi Yokoi war Teil einer Kleingruppe, von anfangs 10. Sie überlebten durch Fischen, Jagen und gelegentlichen Diebstählen von Guamesen. Vom Kriegsende erfuhren die Männer 1952 durch ein abgeworfenes Flugblatt. Sie entschieden sich aber gegen eine Kapitulation, da sie eine solche als unehrenhaft empfanden. Dann “übersiedelten” Sieben in einen anderen Teil der Insel – vielleicht waren die 2 japanischen Holdouts, die 1960 gefunden wurden, aus dieser Gruppe. Yokois letzter Kamerad starb 1964, bei einer Flut. 8 Jahre lebte er alleine, in einer getarnten Höhle, jagte in der Nacht, lernte sich in der Situation zu helfen, wurde gewissermaßen ein Waldmensch. 1972 wurde er von zwei Fischern gefunden. Er dachte sie seien hinter ihm her, so griff er sie an, sie überwältigten ihn aber. Und übergaben ihn der Polizei. Seine Heimkehr nach Japan wurde dort im Fernsehen übertragen, war eine grosse Sache. Er selbst soll gesagt haben: “Es ist mir sehr peinlich, lebend zurückzukehren.” Er war aber nicht der letzte japanische Soldat aus dem 2. WK, der aus seinem Versteck auftauchte.

Hiroo Onoda wurde 1974 auf den Philippinen (Lubang) gefunden. Im Dezember 1944, als die US-amerikanische Rückeroberung im Gange war, wurde er auf die Insel “versetzt”, sollte dort in einer Einheit Widerstand leisten. Einige Monate später zogen sich die vier Überlebenden der Einheit in Berge zurück, kämpften einen Guerilla-Krieg. Auch hier wurden Flugblätter abgeworfen, um japanische Holdouts über das Kriegsende zu informieren. Ab 1972 war Onoda alleine. Er traf 1974 einen japanischen Weltenbummler, dem er sich anvertraute. Dieser musste Onodas früheren Kommandanten in Japan aufspüren, der dann auf die Insel kam – um ihn aus dem Dienst zu entlassen, beinahe 30 Jahre nach Kriegsende. Onodas Gruppe hatte um die 30 philippinische Soldaten getötet, über die Jahre, aber er wurde vom philippinischen Präsidenten Ferdinand Marcos begnadigt. Marcos hatte im Weltkrieg auf amerikanischer Seite gegen die Japaner gekämpft; 1972 hatte er die Demokratie suspendiert und das Kriegsrecht ausgerufen.49 Einige Monate später tauchte dann noch Teruo Nakamura in Indonesien auf, ein Angehöriger der Urbevölkerung Taiwans, das 1895 bis 1945 unter japanischer Herrschaft stand.

Waren die Gefechte bzw Angriffe der versprengten japanischen Weltkriegs-Soldaten (die also bis in die 1970er hinein gingen) noch “Nachhutgefechte” dieses Kriegs? Wäre eine mehr als gewagte Interpretation, aber andererseits: Wo ist die Grenze zu ziehen? Es gab sogar noch später Aufgetauchte… Shigeyuki Hashimoto and Kiyoaki Tanaka hatten sich nach der japanischen Kapitulation in Malaysia dem Unabhängigkeitskampf gegen GB angeschlossen, dann einem Aufstand bzw Guerilla-Kampf der kommunistischen Partei Malaysias (PKM) – der 1989 zu Ende ging. Im Jänner 1990 kehrten die Beiden nach Japan zurück. Und Ishinosuke Uwano war auf Sachalin in sowjetische Gefangenschaft geraten, war in diversen Lagern, 1958 riss der Kontakt seiner Familie zu ihm ab. 2006 tauchte er in der Ukraine auf. Das stellt locker Rudolf Hess in den Schatten, der inhaftiert wurde, als es noch keinen Kalten Krieg gab, gestorben ist, als dieser schon fast zu Ende war. Im 1. WK hatte es einen deutschen Hauptmann gegeben, Hermann Detzner, der sich zu Kriegsbeginn im Busch von (Deutsch-)Neuguinea versteckte und schlappe 4 Jahre aushielt.

Für Japan, unter Tenno Hirohito, bedeutete die Kriegsniederlage 45 natürlich einen tiefen Bruch, brachte einen Machtverlust des Tenno, einen inneren und äusseren Kurswechsel, eine Besetzung durch die USA, Gebietsverluste,… es bekam aber nach einer Änderung der Weltlage die Souveränität zurück, wurde Verbündeter bzw Teil des Westens. Die Japaner waren für Hitler Verbündete und gleichzeitig Vorhut einer “gelben Gefahr”50; so weit ist das wahrscheinlich gar nicht von ihrer nachmaligen Wahrnehmung im Westen entfernt. Shiro Ishii war ein japanischer Mediziner, der in der „Einheit 731“ seiner Armee wirkte, die im Chinesisch-Japanischen Krieg 1937-45 in der Mandschurei Lebend-Menschen-Versuche für biologischen Waffen vornahm; 1948 schloss die USA (auf Initiative des Generalmajors Charles Willoughby) mit Ishii und anderen aus der Einheit ein geheimes Abkommen, in dem sie im Gegenzug für aus den Menschenversuchen gewonnene Daten zur biologischen Kriegführung Immunität gegen Verfolgung als Kriegsverbrecher zusicherten. Parallelen also zu Deutschland.51 Der Spanische Bürgerkrieg ging wenige Monate vor Beginn des 2. WK zu Ende, brachte die Diktatur unter Francisco Franco. Der Hitler dann etwas Hilfe zukommen liess (Division Azul), so wie dieser ihm zuvor (Legion Condor). Und bald nach dem Sieg über Hitler begann die USA, Franco zu stützen; 1953 entstanden US-Militärbasen in Spanien, und solange Spanien im US-amerikanischen geopolitischen System blieb, konnte es jede Art von Hilfe gegen eine Rebellion von Innen oder Regimewechsel von Aussen erwarten.

Es gibt noch etwas, dass Guam mit diesem Krieg verbindet: Methamphetamin. Im 2. WK wurde es in den Armeen Deutschlands („Pervitin“) und Japans (“Philopon”) eingesetzt. Nicht zuletzt bei japanischen Kamikaze-Piloten, im Pazifikkrieg. In Japan gab es nach dem Krieg eine Meth-Welle, die Mitte der 50er abebbte, aufgrund von Gesetzesänderungen. Sie schwappte aber über, in andere Länder des Pazifik-Raums, kam über die Philippinen, Guam, die Marshall Islands, Hawaii in die Festland-USA, an deren West-Küste.

Unruhen und Ähnliches in der USA

Abzugrenzen von Aggressionen nach Aussen, im Rahmen von Expansion oder auch nicht. Innere Konflikte, die mit Gewalt ausgetragen wurden, so wie jener im Militär auf Guam im 2. WK nach der Rückeroberung (> 1. Abschnitt). Konflikte wo der Staat bzw seine bewaffneten Kräfte eine Konfliktpartei war, auch solche die gewissermaßen an ihm vorbei liefen. Innere Gewalt hat es nach dem Ende der Expansion und dem Bürgerkrieg immer wieder gegeben. Der erste (quasi-) militärische Angriff auf die USA seit Pearl Harbor 1941, der am 11. September 2001 (die 4 gekaperten Flugzeuge), gehört nicht in diese Kategorie, da er zwar Gewalt in der USA beinhaltet, aber eben von Aussen gekommen ist.

* Die Unterwerfung der “ur-“amerikanischen Bevölkerung, der “Indianer”, begann zu Kolonialzeiten, ging bis Ende des 19., Anfang des 20. Jh.52

* Die Sklaverei muss an sich als Aggression aufgefasst werden; inner-amerikanische Konflikte ergaben sich hier aus dem Widerstand versklavter Afro-Amerikaner. Am bekanntesten ist die Sklaven-Rebellion unter “Nat” Turner 1831 in Virginia, mit etwa 50 Toten bevor die Repressalien bzw die Niederschlagung begannen. Zu dieser Zeit begann übrigens im Norden der USA die Industrialisierung, begannen sich Norden und Süden der USA auseinander zu entwickeln.

* Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg (1846-48) endete mit dem Vertrag von Guadelupe Hidalgo im Februar 1848, mit dem Mexico fast ganz Alta California und einen Teil von (Santa Fe de) Nuevo Mexico an die USA abtreten musste.53 Doch bereits im Jänner 1848 begann der California Gold Rush, begannen US-Amerikaner also, Gold in Kalifornien zu fördern, als das Land de facto aber noch nicht de jure ihnen gehörte. Infolge des “Goldrauschs” wurde California rasch ein US-Bundesstaat (1850).54 In diesem lebten zum Zeitpunkt der “Übernahme” etwa 100 000 Mexikaner, “Weisse”, “Indianer” (der grösste Teil davon!) und “Mischlinge”.55 Diese beteiligten sich auch an der Goldsuche, viele mit Erfolg. Diese Mexikaner in Kalifornien waren damals “das Andere”. Zwischen 1848 und 1860 wurden über 150 mexikanische Kalifornier gelyncht, von weissen Amerikanern, darunter frischen Einwanderern aus Europa. Von einem der Opfer ist der Name bekannt, Josefa Segovia; sie wurde schuldig befunden, einen Amerikaner getötet zu haben, der in ihr Haus einbrach.56

* Wahltag in Louisville, Kentucky 1855, Massaker von Anhängern der American Party (“Know Nothing Party”), WASPs, an irischen und deutschen Einwanderern, Anhänger der Democratic Party, 22+ Tote. Einwanderer sind entgegen dem US-Mythos vom “Schmelztiegel der Nationalitäten” nie populär gewesen. Auch dann nicht, wenn sie dringend gebraucht wurden.

* Die Church of Jesus Christ of Latter-day Saints bzw Mormonen-Kirche hat eine Entstehungsgeschichte, die mit viel Gewalt verbunden ist.57 Die Latter-day Saints bzw Mormonen waren (ab den 1820ern) die erste in der USA entstandene Kirche. Ab 1831 wanderten Joseph Smith und seine Anhänger in den Westen Amerikas, wie viele Andere damals. Auf diesem Weg gab es viele “Auseinandersetzungen”, mit anderen Siedlern oder Behördenvertretern oder aber Indianern. 1838 in Missouri mit nicht-mormonischen Siedlern (Amerikanern). 1844 wurden Joseph Smith und sein Bruder in Illinois gelyncht. Brigham Young führte den „Exodus“ weiter; der Zug kam 1847 in das Gebiet der Ute-Indianer, noch Teil von Alta California, Mexico, aber im laufenden Krieg (1846-48) gerade dabei an die USA verloren zu werden – wie das Gebiet um Coloma, wo dann Gold gefunden wurde (s.o.). Young wurde Gouverneur des Utah-Territoriums (bestand 1850-1896). Es gab in dieser Phase und auch danach bei den Mormonen Ansätze von Separatismus gegenüber der USA, jedenfalls aber eine Sonderentwicklung, religiös begründet, ethnisch waren sie so WASP wie nur möglich.

1857 wollte USA-Präsident James Buchanan (DP) Young als Gouverneur von Utah absetzen und Kontrolle über das Territorium herstellen. In Washington befürchtete man, dass sich Utah unter Young zu einer Mormonen-Theokratie entwickelte, schickte eine Militär-“Expedition”. Daraus ergab sich dort 1857/58 eine Art Besatzungssituation. Im September 1857 entluden sich Spannungen, als Angehörige einer Mormonen-Miliz im südlichen Utah ungefähr 100 Siedler töteten, die nach Kalifornien ziehen wollten. 1858 wurde nach Verhandlungen zwischen der Regierung und der Mormonen-Führung Young als Gouverneur abgesetzt, Utah enger an die USA gebunden und die “Aufständischen” von Buchanan begnadigt, ausser die an dem Massaker Beteiligten. Utah wurde 1896 Bundesstaat. Die allerletzten Auseinandersetzungen, die als Teil der Indianerkriege (Indian wars) gelten, ereigneten sich auch in Utah, bildeten den Abschluss der “Ute-Kriege”. 1923 war das, zwischen einer Gruppe von Ute und Paiute unter einem Posey und der USA-Armee, dauerte einige Tage, bewirkte einen Massenexodus von Ute/Paiute innerhalb Utahs – dem Staat der ihnen seinen Namen verdankt.58

* Die Cortina-Kriege: Juan Cortina (1824 – 1894), ein weisser Mexikaner, lebte in Tamaulipas, war dort Gouverneur (1843, 1844/45). Tamaulipas grenzte an Coahuila y Texas, Cortina erlebte die amerikanische Inbesitznahme von Texas (1835-1845), bei der Tamaulipas auch einen Teil an das amerikanische Texas verlor. Nach dem Krieg 1848 musste dann noch ein umstrittenes Grenzgebiet von Tamaulipas an Texas abgetreten werden. Ende der 1850er stellte Cortina paramilitärische Verbände auf, drang mit ihnen in den USA-Bundesstaat Texas ein, griff ihm im Rio Grande-Tal Angloamerikaner an, die in jenem Gebiet siedelten, das Cortinas Familie gehört hatte. Es gab dort Kämpfe mit bewaffneten Gruppen (United States Army, Texas Rangers, lokale Milizen); der “Erste Cortina-Krieg” ging von 1859 bis 1860, die Mexikaner wurden zurückgeschlagen, über den Rio Grande. 1861 der zweite Versuch und der daraus folgende zweite “Krieg”. Der USA-Bürgerkrieg (oder: Krieg zwischen USA und CSA) hatte gerade begonnen, und Cortina überquerte wieder mit einer Miliz den Rio Grande, nach Texas, das sich den Konföderierten Staaten angeschlossen hatte. Die Mexikaner bekamen es so mit CSA-Truppen zu tun, diese wurden von Santos Benavides geführt, einem Tejano, also mexikanischen Texaner. Es gab dann, speziell um die Jahrhundertwende, noch viele Scharmützel an der mexikanisch-amerikanischen Grenze.

*  Den blutigsten Tag in der amerikanischen Militätgeschichte überhaupt gab es in diesem Bürgerkrieg (1861-65): die Schlacht von Antietam (Maryland) am 17. September 1862, als über 3 600 Soldaten beider Seiten getötet wurden. Es gab auch mehrere Massaker in diesem Krieg. Im Oktober 1862 eines in Gainesville (Texas), an dort lebenden Zivilisten, die verdächtigt wurden, “Unionisten” zu sein, also Sympathisanten/Unterstützer der USA bzw der Bundestruppen. 41 solche wurden gehängt, nach Aburteilungen durch ein “Bürgergericht”, 2 weitere bei Fluchtversuchen erschossen. 1863 veranstalteten CSA-Truppen in Lawrence (Kansas) ein Massaker, töteten 164 Zivilisten. Um den “roten Faden” dieses Artikel aufzunehmen: Kriegsziel der Südstaaten war ja eigentlich die Behauptung der Unabhängigkeit/Souveränität. Der Autor Edward Pollard aus Virgina aber wälzte Pläne für die USA und die CSA für den Fall eines Siegs der zweiteren. Die Industrie im Norden sollte zerschlagen werden, die CSA sollte in den Karibikraum expandieren, ein auf Sklaverei basierendes Imperium errichten (mit einer weissen englischsprachigen Herrenschicht).59

* Unfälle: Auf dem Mississippi-Dampf-Schiff „Sultana“ 1865 eine Explosion, anschliessender Untergang,  1 168 Tote, kurz nach Ende des Bürgerkriegs und der Ermordung von Präsident Lincoln; Brand im Iroquois-Theater in Chicago 1903, forderte 602 Menschenleben; Gasexplosion in New London (Texas) 1937, 295 Opfer; 1913 Grubenunglück in New Mexico durch Dynamit-Verwendung; Italian Hall in Calumet (Michigan) 1913 Massenpanik; American Airlines Flugzeug 1979 Absturz (Wartungsfehler); 1963 Zug-Busunfall Chualar (California);…

* Lynchmorde an Afro-Amerikanern, das Wirken des Ku Klux Klan. Nach einer Schätzung des Tuskegee Institute sind allein in der Zeit von 1882 bis 1968 über 4 700 Menschen in der USA gelyncht worden, hauptsächlich in den Südstaaten, ungefähr drei Viertel davon Afro-Amerikaner. Mit “Lynchen” sind natürlich Hinrichtungen/Tötungen aus Selbstjustiz/Standrecht gemeint; aber jemanden aus rassistischen Gründen ein Verbrechen zu unterstellen/umzuhängen (und ihn dafür zu töten) und jemanden aus rassistischen Gründen zu töten – das ist nicht immer so klar abzugrenzen.

Der bereits erwähnte Nathan B. Forrest war Sklavenhändler u.a. in Tennessee, CSA-General im Bürgerkrieg60, beteiligt beim Massaker 1864 in Fort Pillow (TN) an USA-Truppen (hauptsächlich Schwarzen). Nach dem Krieg Begnadigung, zurück zur Baumwollplantage, Misshandlung von Schwarzen dort, stiess 1867 zum 2 Jahre zuvor gegründeten KKK. Der Klan kämpfte gewissermaßen gegen den Ausgang des Kriegs, die Herrschaft des Nordens, drangsalierte Afro-Amerikaner, hatte im Südosten der USA viele mehr oder weniger autonome lokale Verbände. Forrest wurde Grand Wizard des Klans, bis 1869. 1871 wurde er, im Rahmen der Reconstruction, aufgelöst. Nach Forrest, der der Democratic Party angehörte, sind noch immer Plätze u.a. in der USA benannt. Das Lynchen an Afro-Amerikanern erreichte um 1900 einen Höhepunkt.

In dieser Zeit tauchten in der USA auch Berichte über Folterungen auf den Philippinen auf, von US-Soldaten an Philippinos.61 Wie erwähnt hatten sich die Philippinos gegen die Spanier aufgelehnt; nach der amerikanischen Eroberung (die auch mit diesem Aufstand gerechtfertigt wurde) und der Errichtung einer neuen Fremdherrschaft flammte der Aufstand neu auf62, richtete sich gegen die Amerikaner, wurde zu einer Art Krieg (1899-1902). Vor diesem Hintergrund wurden Philippinos gefoltert. Präsident Theodore Roosevelt hat sich in dieser Zeit zu Lynchmorden in der USA an Schwarzen und Folter auf den Philippinen geäussert. So 1902 bei einer Rede auf dem Arlington Friedhof in Virgina, verurteilte und relativierte gleichzeitig die Gräuel, rief nicht zu einem Ende des Lynchens in der USA auf, sondern zu einem Ende der Kritik am amerikanischen Militär.

24. Infanterie-Division der Armee der USA, Philippinen 1902

Der Krieg ging zu Ende, als die USA (mit dem Philippine Organic Act) den Philippinen 1902 etwas Selbstverwaltung zugestand. Einige Senatoren, weisse Demokraten aus dem Süden, blockierten das Gesetz einige Zeit, da sie Roosevelts Äusserungen über die Süd-USA und die Philippinen als ein Schuldeingeständnis sahen. 1903 tadelte er, in einem Brief, Teilnehmer von Lynchmobs etwas, und führte aus, dass der “schwarze Mann in manchen Fällen schuldig war, an grausamen Verbrechen”63. Die “schwarzen” US-Amerikaner die auf die Philippinen geschickt wurden, um den dortigen Aufstand niederzuschlagen64, waren auch dort Rassismus von ihren Landsleuten ausgesetzt, innerhalb der Armee. Nicht anders als “zu Hause”. In dieser Zeit, zwischen 1899 und 1902 wurden 381 Afro-Amerikaner in der USA gelyncht. Nun waren sie Fusssoldaten, Ausführende in einem Krieg, der auf der selben rassistischen Ideologie basierte, wie jene die sie in Amerika erfuhren. Philippinos wurden von weissen Amerikanern so charakterisiert/eingestuft, wie auch die Afro-Amerikaner: minderwertig, unbeholfen, unreif. Die selbe Konstellation gab es in Vietnam, Irak,…

KKK-Parade Washington 1926

Der Ku Klux Klan wurde ja nach einem Film 1915 neu gegründet65, nahm seine Tätigkeit wieder auf, der aber in der Zwischenzeit (seit seiner Auflösung) auch nachgegangen worden war. Einer der Führer des 2. Klans, David Stephenson (Grand Dragon in Indiana), wurde in den 1920ern wegen Mord und Vergewaltigung einer (weissen) Frau verurteilt (und dann vorzeitig freigelassen). Imperial Wizard Hiram Wesley trat 1939 zurück, nachdem er von Anti-Katholizismus (seinem und dem des KKK) abgerückt war.66 1939 kam auch das Lied “Strange Fruit” von Billie Holiday heraus, komponiert von Abel Meeropol (Jude russischer Herkunft aus New York). Gelynchte Menschen auf Bäumen im Süden der USA, sonderbare Früchte des Baums die da herunterhängen. Der 2. Klan, unter James Colescott dann, musste 1944 aufgrund von Steuerzahlungsforderungen des Staates aufgelöst werden – nicht wegen seiner Ideologie, seinen Aktivitäten. Ab den 1950ern gibt es lokale/regionale Neugründungen.

Emmett Till, 14 Jahre, wurde 1955 in Mississippi gelyncht, nachdem er eine weissen Frau im Geschäft von deren Familie “angemacht” hatte (Pfiff ausgestossen,…), nicht vom KKK, von Leuten die in der Mitte der Gesellschaft waren67, Verwandten und Freunden der Frau; sie wurden freigesprochen. 1981 wurde Michael Donald in Alabama von Mitgliedern des Ku Klux Klan gelyncht, nachdem ein Afroamerikaner des Mordes an einem (Weissen) freigesprochen wurde. Dieser Lynchmord gilt als der letzte (derartige) in der USA.

* In Opelousas (Louisiana) gab es 1868 ein Pogrom an Afro-Amerikanern (über 300 Tote), kurz nach der Aufhebung der Sklaverei also, im Zuge des Bemühens die ehemaligen Sklaven an der Ausübung der ihnen theoretisch zugestandenen politischen Rechte zu hindern.

* 1871 ein Massaker an Chinesen in Los Angeles, etwa 20 Tote

* 1887 in Thibodaux (Louisiana) ein Streik bzw Aufstand von Zuckerrohr-Arbeitern, ehemaligen Sklaven, die Niederschlagung…die Angaben über Opferzahlen reichen von 30 bis 100; die Arbeiter kehrten zu den Bedingungen ihrer Arbeitgeber wieder auf die Plantagen zurück

* Der Johnson County War in Wyoming, 1889-93, ein Konflikt um Weideland; es gab viele weitere solcher Landfehden

*  Casey’s Armee: ein Arbeitslosenmarsch 1894, Tausende Teilnehmer, geführt von Jacob Casey (einem Geschäftsmann!), „Jack London“ war dabei, sollte von Ohio nach Washington DC gehen, wurde in Montana aufgelöst von „Sicherheitskräften“, zuvor schon wurden die Führer verhaftet

* Naturkatastrophen: ein Hurrikan über Texas 1900 (ca 10 000 Tote; im Jahr davor ein ähnlich verheerender, der die Karibik betraf und auch Puerto Rico, das als Teil USA zu sehen ist oder auch nicht), Erdbeben San Francisco/Kalifornien 1906, 1899 Überflutung Pennsylvania, Hitzewelle 1980, 1918 Waldbrand in Minnesota, 1927 Mississippi-Flut, Mount St. Helens Vulkanausbruch 1980 „Katrina“ 2005,

* Gewalt gegen Einwanderer aus Griechenland in South Omaha (Nebraska) 1909

* Houston 1917: Nachdem Präsident Wilson 1917 entschieden hatte, auf Seiten der Entente in den Krieg in Europa einzutreten (> “Lusitania”, Zimmermann-Telegramm,)68, wurde die Wehrpflicht wieder eingeführt, erstmals seit dem Bürgerkrieg, für Männer zwischen 21 und 30 Jahren ein. Auch etwa 300 000 Afro-Amerikaner wurden eingezogen, ausserdem meldeten sich etwa 50 000 von ihnen freiwillig. Das 3. Battailon des 24. Infanterie-Regiments, ausschliesslich mit afro-amerikanischen Soldaten, wurde zur Grundausbildung in New Mexico versammelt, dann nach Houston, Texas, verlegt. Dort wurde Rassentrennung gelebt, und daher hatten die Einwohner Probleme mit dem Auftauchen afro-amerikanischer Soldaten (die für die USA kämpfen sollten). Zumal viele der Soldaten (jene die nicht aus dem Südosten sammten) strikte Rassentrennung nicht gewohnt war, und sich an ihrer Behandlung durch weisse Houstoner störten.

Als die Polizei von Houston eine schwarze Frau gewaltsam verhafteten, waren gerade schwarze Soldaten in der Nähe. Soldaten versuchten die Frau zu beschützen. Ein Polizist schoss auf einen der Soldaten. Ähnlich wie in Agana verbreitete sich die Nachricht von der gewaltsamen Auseinandersetzung in der Stadt zum Battailon. In dieser Situation ordneten die Kommandierenden des Battailons (alles Weisse) die Entwaffnung der Soldaten an. Stattdessen marschierte ein Grossteil der Soldaten mit ihren Waffen und weiteren, die sie im Lager fanden, in die Stadt. Dort kam es zu einer stundenlangen Schiesserei mit Polizisten… 19 Tote zählte man am Abend. Kriegsrecht wurde in der Stadt verhängt, die als “Anführer” bzw “Aufrührer” des Battailons Gebrandmarkten vor ein Kriegsgericht gestellt. 19 Soldaten wurden zum Tode verurteilt und aufgehängt, 63 bekamen lange Gefängnisstrafen. Die ersten toten Amerikaner gab es also (im eigenen Land), bevor die USA unter dem Rassentrennungsbefürworter Wilson in den Krieg in Europa eintrat, um (wie dann auch ab 1941 und viele weiter Male) das Böse in der Welt draussen zu bekämpfen.69

Diese “Houston Riot” wurde dahingehend diskutiert, welche Gefahr von schwarzen Soldaten ausgehe, nicht bezüglich des rassistischen Verhaltens von Polizisten der Stadt, der Verhältnisse im Süden/Südosten der USA, der Stellung der Afro-Amerikaner in diesem Land für das sie kämpfen sollten,… Aus Afro-Amerikanern in den Streitkräften der USA wurden für den Krieg in Europa zwei Infanterie-Divisionen gebildet, der Grossteil kam aber nicht diese Kampfeinheiten (Combat units), sondern in Arbeitseinheiten (support units), wo sie keine Waffen bekamen, aber harte Arbeit wie Entladen von Kriegsschiffen und Strassenbau leisten mussten, streng separiert von den weissen “Kameraden”. Malcolm X / Malik Shabazz hat ja nach der westlichen Intervention im Congo 1960, die mit der Gewalt an (weissen) Frauen dort begründet wurde, gesagt, wenn diese Mächte in Afrika für Weisse intervenierten, könnten afrikanische Armeen eigentlich in der USA anlässlich von Gewalt gegen Schwarze dort intervenieren. In Houston engagierten sich immerhin schwarze US-Soldaten für schwarze Zivilisten. Abgesehen davon, die Sache hätte sich eigentlich auswachsen können, bzw wie ein Lauffeuer verbreiten in der USA. Wilson erhielt 1919 den Friedensnobelpreis „für seine Verdienste um die Beendigung des Ersten Weltkriegs“.

* Nach diesem Krieg kam es in Tulsa (Oklahoma) zu Spannungen zwischen Weiss und Schwarz, die sich entluden. Dort gab es eine auf JimCrow-Gesetzen basierende Rassendiskriminierung. 1921 wurde ein schwarzer Schuhputzer beschuldigt, eine weisse Fahrstuhlführerin sexuell angefallen zu haben. Ein “weisser” Mob stürmte das Gerichtsgebäude/Gefängnis, wollte die Übergabe des Beschuldigten, um ihn zu lynchen. Eine Gruppe Afro-Amerikaner, möglicherweise Veteranen des 1. WK eilte hin, um ihn zu retten. Es folgte ein “Vorgehen” eines weissen Mobs gegen diese Afro-Amerikaner und ihre Wohngegenden, mit Unterstützung der Polizei von Tulsa, das 2 Tage ging. Die meisten der 100–300 Toten waren Afro-Amerikaner.

* Im selben Jahr auch ein ganz anderer Konflikt in der USA: Die “Schlacht am Blair Mountain”, in Logan County (West Virginia). Ein Arbeitskampf, zwischen Arbeitern von Kohle-Bergwerken in den Appalachen und den Besitzern dieser Bergwerke (von den Behörden unterstützt), der bereits Jahre zuvor begann. Der grösste Arbeiteraufstand in der Geschichte der USA, einer der schärfsten Konflikte in diesem Land seit dem Bürgerkrieg. Fünf Tage lang Ende August, Anfang September 1921 standen sich 10 000 bewaffnete Bergarbeiter und 3000 Polizisten, Soldaten, Streikbrecher, Abgehöriger privater Sicherheitsdienste,… gegenüber. Es ging um (bzw gegen) den Versuch, die Kohlearbeiter der Region gewerkschaftlich zu organisieren; Anführer der “Aufständischen” war William “Bill” Blizzard von den United Mine Workers. Ungefähr 100 Menschen wurden getötet, viele wurden verhaftet.

* “Bonus Army” wurde 1932 in der USA ein Protestmarsch von etwa 43 000 Menschen genannt (1. WK-Veteranen, ihre Familien, weitere Angehörige), die sich in der Hauptstadt Washington versammelten, um auf die Auszahlung von “Gutscheinen” (Boni in Form von Zertifikaten) zu drängen die sie für ihren Militärdienst bekommen hatten. Die von Walter Waters Geführten nannten sich “Bonus Expeditionary Force”. Sie “belagerten” das Capitol-Gebäude. Der Militärheld Smedley Butler (Spanisch-Amerikanischer Krieg, „Bananenkriege“, 1. WK) sprach den Protestierenden Solidarität zu. Als die Polizei die Demonstration auflösen wollte, kam es zu Gewalt, zwei toten Demonstranten. Nun liess Präsident Herbert Hoover Militär in die Hauptstadt kommen. Armee-Stabschef Douglas MacArthur (mit Dwight Eisenhower als Adjutant) organisierte diesen Aufmarsch (Kavallerie, Infanterie), auch eine Panzereinheit unter George Patton kam. Dieser Angriff, der die ehemaligen Soldaten aus der Stadt vertrieb, forderte 4 Tote.  Der genannte Smedley Butter war nach seiner Militärkarriere Polizeichef von Philadelphia. 1934 behauptete er, dass rechtsgerichtete Geschäftsleute und Faschisten wie KKK und American Liberty League 1933 einen Staatsstreich gegen Präsident Franklin Roosevelt und seine Regierung geplant hatten. Unzufriedene Militär-Veteranen sollten dazu benutzt werden. Und Butler hätte Führer der USA werden sollen. Butler schrieb bald danach ein kritisches Buch über die Kriege der USA, an denen er teil genommen hatte.

* Der Bezirk/County McMinn in Tennessee wurde um den 2. WK herum von der Cantrell-Familie “geführt”. Anlässlich der Vorwahl für die Sheriffswahl von McMinn County 1946 entzündeten sich lange bestehende Spannungen. Vor allem in der dort gelegenen Stadt Athens, wo es zur “Schlacht von Athens” kam. Wieder beteiligt waren zurückgekehrte Soldaten des 2. WK, die sich gegen Wähler-Einschüchterung und Ähnliches wehrten, sich mit den Polizisten ein Schussgefecht lieferten.

* Interessanterweise gibt es in den zur USA gehörenden Gebieten, die nicht Bundesstaaten sind, Bestrebungen diese zum 51. Staat zu machen, aber auch Unabhängigkeitsbestrebungen. Kandidaten für den Bundesstaat-Status und für die Sezession sind Puerto Rico, Guam, die Northern Mariana Islands, U.S. Virgin Islands70, American Samoa (Ost-Samoa); der District of Columbia nur für Ersteres, die Guano-Inseln für keine der beiden Möglichkeiten. Gebiete ausserhalb des geschlossenen Staatsgebietes, die dann Bundesstaaten wurden, sind ja Hawaii und Alaska. In beiden Staaten gibt es auch Sezessionsbewegungen, in Hawaii werden diese von der “Urbevölkerung” getragen, zielen auf eine Restauration des Königreichs Hawaii (Aupuni Mōʻī o Hawaiʻi) ab. Ansonsten hat es bei Indianer-Völkern immer wieder Unabhängigkeits-Aktivismus gegeben, zur Zeit am konkretesten bei den Lakota. Auch bei Afro-Amerikanern gab es Ansätze, Tendenzen dazu, von den Repatriierungs-Bemühungen nach Afrika bis zur Nation of Islam. Die Mormonen und Utah wurden schon erwähnt.

Kalifornien, der Westen des mexikanischen Alta California, liegt am Rand der USA, könnte als unabhängiger Staat bestehen71, und hat Ansätze einer eigenen nationalen Identität (historisch-ethnisch-kulturell-…), nicht nur da WASP’s dort nicht in der Mehrheit sind. 2015 wurde die Yes California Independence Campaign gegründet (an frühere Initiativen anknüpfend72); sie bekam durch den Sieg von Donald Trump durch die Präsidentschaftswahl im November ’16 grösseren Zulauf. Hillary Clinton war dort mehr als 4,2 Millionen Wählerstimmen vor Trump gelegen, wenn man so will 4 der 3 Millionen Stimmen die Clinton insgesamt mehr als Trump bekam. Yes California will die Abspaltung Kaliforniens von der USA, mittels eines Referendums, für dessen Abhaltung sie Unterschriften sammelte. Die Kampagne durfte Unterschriften sammeln, nachdem Kaliforniens Innenminister dafür im Jan. 17 grünes Licht gab. Im April stoppte die Kampagne diese Initiative, im Zusammenhang mit der möglichen russischen Einflussnahme in diese Präsidentenwahl und den Russland-Verbindungen von Kampagnen-Leiter Louis Marinelli, einem New Yorker (italienischer Herkunft) der in Russland lebt, ehemaliger Republikaner ist und angab, 2016 für Trump gestimmt zu haben.

Die Abhaltung eines Referendums und eine Mehrheit dabei wäre jedenfalls für einen (“geregelten”) Austritt nicht genug; der Congress müsste dazu auch einen entsprechenden Verfassungszusatz annehmen, wofür eine Zwei-Drittel-Mehrheit notwendig ist. Die Kampagne zur Abspaltung Californias vom Rest der USA wird von der California National PartyPartido Nacional de California (CNP) unterstützt, die 2014 gegründet wurde. Latinos/Hispanics/Chicanos, also Menschen lateinamerikanischer Herkunft, machen einen bedeutenden Teil der Bevölkerung Kaliforniens aus, wahrscheinlich die Mehrheit. Wobei Californios, also Nachfahren der mexikanischen Einwohner von Alta California, nur einen kleinen Teil davon ausmachen, die meisten Latinos in Kalifornien sind Einwanderer aus Mexico oder Nachfahren solcher. Und hier kommen wir zu einem anderen Punkt: Neben dem “Calexit” (kalifornischer Separatismus) gibt es noch einen Irredentismus Kalifornien betreffend. Jene Gebiete der USA, die Mitte des 19. Jh von Mexico abgetrennt wurden (Kalifornien einer der Bundesstaaten), werden von manchen Mexikanern noch immer oder wieder beansprucht. Wobei sich die Urheimat der (von den Spaniern unterworfenen) Azteken, Aztlán, im Südwesten der USA befunden haben soll, was diese Ansprüche unterstreicht.73 Bei Samoa und Virgin ist es ja so, dass die USA nur die eine Hälfte dieses Gebiets bekommen haben, bei den Marianen anfangs auch, wobei West-Samoa zwar unabhängig ist, die östlichen Virgin Islands aber britisch. In Texas gibt es seit den 1990ern auch eine Unabhängigkeits-Bewegung74, wie Kalifornien einer der grössten Bundesstaaten, dort kommt die Idee zur Trennung daraus dass man sich als konservativer als der Rest der USA sieht, konträr zum überdurchschnittlich liberalen Kalifornien!

Dort gibt es aber (noch) keine Konflikte, anders als bei Puerto Rico – nun zum eigentlichen Punkt. Dort gab es ja, wie auf Cuba und Philippinen eine Unabhängigkeitsbewegung gegen die Spanier vor der USA-Eroberung. Für die Unabhängigkeit von Puerto Rico von der USA kämpfte früher die Partido Nacionalista de Puerto Rico (PNPR), ab 1930 von Pedro Albizu Campos geführt. Bevor Puerto Rico Ende der 1940er, Anfang der 1950er Selbstverwaltung bekam (und den jetzigen Status), führte staatliches amerikanisches Vorgehen gegen die PNPR75 zu Gegenwehr dieser, zur Aufnahme eines gewaltsamen Kampfes. Dieser wurde auch in die “Kern-USA” getragen; 1950 versuchten PNPR-Aktivisten USA-Präsident Truman zu töten, 1954 gab es ein Schuss-Attentat der Organisation auf den Congress in Washington. Während die PNPR (auch nach dem Tod von Albizu) bis heute aktiv ist, übernahm in den 1970ern eine andere Guerilla-Organisationen, die FALN (Fuerzas Armadas de Liberación Nacional Puertorriqueña), die führende Rolle im Unabhängigkeits-Kampf.76 Der Unabhängigkeits-Kampf wird heute von einer Partei geführt, der PIP, die keinen grossen Zuspruch bekommt.77

* In der damals amerikanischen Panamakanal-Zone gabs 1964 Unruhen gegen die US-Herrschaft, die blutig niedergeschlagen wurden; die Unruhe entzündete sich am Hissen von Flaggen (der amerikanischen und der panamaischen), als Ausdruck der Zugehörigkeit bzw Hoheit. Dieses Gebiet ist eines jener, das die USA nach langer Herrschaft abgegeben haben, de-facto-Staatschef Torrijos handelte mit US-Präsident Carter 1977 die Rückgabe der Kanalzone aus (die als solche schon 1979 aufgelöst wurde), die 1999/2000 vollzogen wurde – im Rückgabevertrag wurde der USA ein Interventionsrecht im Falle von “Gefahr für die Neutralität” des Kanals eingeräumt.

* Die Intervention der USA im Krieg zwischen Nord- und Süd-Vietnam ging von 1964 bis 1973, ab dem Tonkin-Golf-“Zwischenfall”, zuvor waren aber schon 20 000 US-Soldaten in Süd-Vietnam… Der Truppenaufmarsch der USA (auf See) nach Vietnam lief wie erwähnt grossteils über Guam. Eine wachsende Antikriegsbewegung, Teil der dortigen 68er-Bewegung, und die Wehrpflicht machten den Vietnam-Krieg trotz der grossen Distanz sehr präsent in der USA.78 In diesem Krieg gab es ja theoretische Gleichberechtigung zwischen Weissen und Nicht-Weissen in den Streitkräften der USA, die Integration im Militär begann damals, parallel zur allgemeinen Emanzipation der Afro-Amerikaner in der USA (Bürgerrechtsgesetze wie auch Rassenunruhen in den 1960ern). Die 1940 eingeführte Wehrpflicht lief 1947 aus, wurde im beginnenden Kalten Krieg 1948 wieder eingeführt und 1973 (mit dem Abzug aus Vietnam) erneut ausgesetzt.79 Es gab auch in diesem Krieg einen überproportional hohen Anteil von Afro-Amerikanern im USA-Militär, die Todesrate war noch höher, die Offiziersrate wesentlich geringer (in allen früheren Kriegen waren diese Zahlen noch extremer)…80

Vor allem in der Freizeit gab es eine Trennung zwischen Schwarz und Weiss im USA-Militär in Vietnam. Mit zunehmender Kriegsdauer kamen dort rassische Konflikte auf. Martin L. King, der ja für ein Miteinander von “Weiss” und “Schwarz” kämpfte (und Andere), sagte(n), die USA-Intervention sei ein Rassenkrieg in der das Establishment der USA „schwarze Söldner benutze um braune Menschen zu töten”.81 Mir ist nicht bekannt, ob es wirklich Versuche des Vietcong (FNL) oder des nord-vietnamesischen Staates gab, afro-amerikanische Soldaten zum Überlaufen zu bewegen. Im Film „Dead Presidents“ (1995) wird so etwas (mittels Flugblätter) dargestellt. Der afro-amerikanische Autor und Amateurhistoriker Wallace Terry (1938 – 2003) brachte 1984 “Vietnam, Bloods: An Oral History of the Vietnam War” heraus, das Grundlage für diesen Film war.82 Auch Muhammed Ali hat es klar ausgedrückt (siehe unten), eine Verbindung zwischen Rassismus und Diskriminierung zu Hause, in jener Nation, für die diese Afro-Amerikaner kämpfen sollten, und diesem Krieg hergestellt. Die “Kongo-Krise” endete etwa da, als das USA-Mitmischen in Vietnam (und damit der Vietnam-Krieg) richtig losging. Malcolm X hat einen Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen Afro-Amerikaner in der USA und westlichem Eingreifen im Congo/Kongo hergestellt (siehe oben)83, Andere auch einen zwischen diesen inneren Zuständen und dem Wirken als Weltpolizei allgemein.

Die grosse Meuterei oder Kriegsdienstverweigerung gab es aber nicht, wie auch nicht in den Weltkriegen84, dem Spanisch-Amerikanischen Krieg, Irak,… wo ebenfalls das Potential dazu gegeben war. Und es kam auch zu keiner “Fraternisierung” (Überlaufen) zwischen Afro-Amerikanern (“Niggern”) und “Schlitzaugen” oder “Kameltreibern”. Ansätze von Meutereien gab es aber, wie wahrscheinlich nie vorher und danach in den US-Streitkräften. Und das nicht nur unter jenen, die auch nach Vietnam kamen. 43 schwarze Soldaten die in Fort Hood (Texas) stationiert waren, verweigerten rund um den Wahl-Parteitag der Democratic Party 1968 in Chicago den Einsatz gegen Anti-Kriegs-Demonstranten (denen es u.a. um bzw gegen Kriegs-Präsident Johnson ging). Natürlich übten auch Weisse im Militär Proteste aus. Flugblätter und Ähnliches gegen den Krieg zirkulierten auf fast allen Militärstützpunkten in der USA. In South Carolina verweigerte 1967 ein Militärarzt namens Howard Levy, bei den Green Berets dienende Sanitäter auszubilden, wurde dafür von einem Kriegsgericht verurteilt. Oder, zu Weihnachten 1969 gab es eine Antikriegsdemonstration von (etwa 50) US-Soldaten in Saigon.85 Die damals ausufernde Drogeneinnahme von Soldaten war vielleicht auch eine Art Protest, jedenfalls eine Flucht. Manche Soldaten wachten nach Abrüsten/Rückkehr/Verwundung auf, wie Ron(ald) Kovic, der der Organisation Vietnam Veterans Against the War angehört.

Einberufungszentrum Oakland bei San Francisco, 1967

Ja, und die innere Gewalt die in diesem Punkt hauptsächlich behandelt werden soll, ereignete sich im Militärgefängnis im US-Militär-Stützpunkt in Long Binh nahe Saigon. die Basis bestand 65-7586, das Gefängnis war das grösste amerikanische in diesem Krieg, und etwa 90% der Insaßen waren Afro-Amerikaner. Ein Gary Payton etwa verliess nach einer rassistischen Beschimpfung durch einen Vorgesetzten seinen Posten, wurde dafür (dort) eingesperrt. Und 1968 kam es in Long Binh zu einem Aufstand der Schwarzen in dem Gefängnis, die Militärpolizei hielt dagegen, am Ende zählte man einen toten weissen Gefangenen, 4 entkommene Gefangene87. Folgen waren eine “Verstärkung” des Lagers, Strafen für die Beteiligten.

Das Long Binh-Gefängnis nach der Auflehnung

* Militante Indianer-Aktionen nach Abschluss der Unterwerfung der Ureinwohner wurden einige von AIM unternommen. So wie jene 1973 in Wounded Knee.

* 1992 die rassischen Unruhen in Los Angeles (Einsatz der Nationalgarde,…), wie in den 1960ern in verschiedenen Teilen der USA

* In Waco (Texas) 1993 Belagerung und Schiesserei zwischen der Branch Davidians Sekte und staatlichen Kräften (82 Tote). 1997 in San Diego (Kalifornien) Gruppenselbstmord einer anderen Sekte, der Heaven’s Gate. Auch beim Massen-Selbst(?)-Mord 1978 in Guyana waren so ziemlich alle Beteiligten/Betroffenen US-Amerikaner. Ausserhalb der USA ereignete sich auch der Flugzeugabsturz über Lockerbie (Schottland/Grossbritannien) 1988, auch hier waren hauptsächlich Amerikaner betroffen. Beim Untergang der „Titanic“ 1912 war das teilweise der Fall. Beim Anschlag nicht geklärter Provenienz auf die Truppenunterkünfte der Multinational Force in Lebanon (MNF) am Flughafen Beirut 1983 waren die meisten Getöteten Amerikaner, beim israelischen Angriff auf die „USS Liberty” 1967 alle.

* Zu nennen wären noch diverse Gewaltakte aus dem Bereich Terror/Massaker/Amoklauf. Die Ereignisse vom 11. 9. 01 sind wie gesagt von Aussen gekommen, war keine innere Gewalt (es sei denn, die Dinge waren doch anders). Aber: 1910 der Anschlag auf das Gebäude der „Los Angeles Times“ durch einen Gewerkschaftsaktivisten, auf das Verwaltungsgebäude in Oklahoma City 1995 durch einen Rechtsextremisten, oder auf eine Disco in Orlando 2016 durch einen Islamisten waren politische “innere” Anschläge. Jene in Bath Town 1927 (Michigan, Schule, Andrew Kehoe), Austin 1966 (Turm Uni-Gelände), San Ysidro 1984 (McDonalds-Filiale), Columbine (Colorado) 1999, Las Vegas 2017,… waren unpolitische. Wobei: Wo verläuft dort die Grenze, was ist die Definition? Die Washington Sniper 2002 waren vielleicht im Graubereich dazwischen. Gewalt von Abtreibungsgegnern ist sehr politisch. Die Morde der “Manson-Familie” waren das auch, “indirekt”. Jene von “Ted” Bundy, der 1974-78 mindestens 35 Frauen tötete88 (dafür selbt vom Staat getötet wurde), eigentlich nicht. Und der Aufstand im Gefängnis von Attica 1971?

Rassismus in der USA

Die „Frontier“ war bei der Entstehung der USA, der Ausbreitung der europäischen Siedler, die Grenze zwischen „Wildnis“ und „Zivilisation“. Jenseits dieser Grenze hauptsächlich die (aus Asien stammenden) “Indianer”, aber auch hinter dieser “Front”, und die als Sklaven geholten Afrikaner. Diese Afro-Amerikaner waren schon im USA-Unabhängigkeitskrieg (gegen GB) in der ersten Armee der USA, der Continental Army, dabei, seither (in wachsender Zahl) in allen weiteren, von der “Indianer“-Unterwerfung über die „Weltkriege“ und darüber hinaus. Sie wurden benötigt, aber man fürchtete lange, dass sie die mit Militärdienst verbundene(n) Waffen und Ausbildung einsetzten, ihre Rechte zu Hause zu erkämpfen. “Buffalo Soldiers” war ursprünglich die Bezeichnung für ein afro-amerikanisches Regiment 1866, die ihr von Indianern gegeben wurde, später Synonym für afro-amerikanische Soldaten/Einheiten in USA-Streitkräften. Theoretische Gleichberechtigung gab es wie erwähnt ab dem Vietnam-Krieg. Was die Kluft zwischen Norden und Süden der USA, die sich ab den 1830ern auftat, betrifft, ich habe kürzlich “Die Kultur der Niederlage” von Wolfgang Schivelbusch gelesen, wo dies, als Hintergrund zur Niederlage von 1865, analysiert wird. Der Autor weist darauf hin, dass die Afro-Amerikaner auch in der Nord-USA lange um Bürgerrechte kämpfen mussten, es dort möglicherweise mehr Rassismus gab als im Süden.

Unter Präsident Woodrow Wilson (DP) intervenierten die USA im 1. Weltkrieg und bestimmten die Nachkriegsordnung in Europa maßgeblich mit; Basis dafür war sein im Jänner 1918 vorgestelltes 14-Punkte-Programm, das v. a. ein “Selbstbestimmungsrecht der Völker” und sowie die Schaffung eines Völkerbundes vorsah – im weissen Weltsystem. Wilson betrieb der afroamerikanischen Minderheit gegenüber wie gesagt eine rassistische Politik, verteidigte Rassentrennung generell, hielt eigene Einheiten im Militär für sie mit weissen Kommandeuren aufrecht. Als der Völkerbund 1919 eine Resolution zur Gleichheit der Rassen (von Japan eingebracht) verabschieden wollte, scheiterte dies hauptsächlich am Widerstand der USA-Regierung unter Wilson. Darüber hinaus waren/sind die auf ihn zurückgehenden Grenzziehungen in vielen Fällen fragwürdig. Aber auch unter dem fortschrittlicheren Franklin Roosevelt noch gab es in der USA einen dreisten Rassismus. Jesse Owens wurde nach seinen 4 Leichtathletik-Goldmedaillien bei Olympia in Berlin vor Hitler im Gegensatz zu weissen amerikanischen Medaillien-Gewinnern nicht von Roosevelt ins Weisse Haus eingeladen.

Aufschlussreich ist auch der Blick darauf, wie Kriegsgefangene aus Nazi-Deutschland oder aber Afro-Amerikaner im bzw. nach dem 2. Weltkrieg in der USA behandelt wurden. Etwa in Fort Hunt (Virginia) – dort wurden nach dem 2. WK auch deutsche Wissenschafter befragt, die in die USA kommen wollten. Die USA nahmen ab 1942 ihren Anteil an den Alliierten-Kriegsgefangenen der Achsenmächte auf. Kriegsgefangenen-Lager, hauptsächlich für deutsche und italienische Soldaten, entstanden in mehreren Bundesstaaten. Am Kriegsende befanden sich etwa 500 000 Gefangene in der USA, 380 000 davon Deutsche. Ab 1943 wurden die Kriegsgefangenen auch zu Arbeiten eingesetzt, hauptsächlich in der Landwirtschaft (auf Farmen). In Huntsville (Texas) gab es etwa so ein Lager. Die Journalistin Heather Tirado-Gilligan hat darüber einen empfehlenswerten Artikel geschrieben. Mit dem Arbeitseinsatz der Deutschen auf den Feldern brach das Eis zwischen den Gefangenen und den Einheimischen, schreibt sie. Die Deutschen arbeiteten dort Seite an Seite mit Afro-Amerikanern auf den Baumwoll-Feldern. Sogar “Nazi-Gefangene” waren schockiert darüber, wie Afro-Amerikaner in Texas von den Einheimischen (Weissen) und Behördenvertretern behandelt wurden, so Tirado. Dies trotz dem Rassismus der Nazi-Ideologie in deren Namen Deutschland beherrscht und der Krieg geführt wurde.

Und die vormaligen “Landser” durften in “whites-only” Cafeterias essen, im Gegensatz zu den schwarzen Amerikanern. Die im Lager die niedrigsten Tätigkeiten durchführen “durften”. Die Deutschen und die Afro-Amerikaner kamen aber mit einander aus; deutsche Soldaten hatten auch erlebt, heisst es, dass afroamerikanische Soldaten sie vor Übergriffen weisser amerikanischer Soldaten beschützt hatten. In Huntsville gab es auch ein Umerziehungsprogramm für die Deutschen. In dem die Bedeutung von “Demokratie” erklärt wurde, die Befreiung von “Konzentrationslagern” in Filmen gezeigt wurde,… Die Behandlung der Afro-Amerikaner die sie dort erlebten, war auch ein gutes Stück Erziehung, Lehre, Erfahrung. Was vielleicht nicht ganz zu Allem passte, was in Vorträgen oder Filmen kam. Zu diesem Themenkreis hat Matthias Reiss Einiges publiziert.89 In Fort Ritchie (Maryland) wurden deutschsprachige Amerikaner sowie Juden, die aus dem “Grossdeutschen Reich” fliehen mussten, dafür ausgebildet, nach der Invasion dort Befragungen durch zu führen. Ein Afro-Amerikaner war darunter, William Warfield. Trotz seiner sehr guten Deutsch-Kenntnisse kam er dann nie zum Einsatz in Deutschland.90

Umerziehungs-Material für Deutsche in Huntsville

Afro-Amerikanische Soldaten kämpften im 2. WK, je nach Sicht, gegen die Kräfte des Faschismus in Europa oder für den US-amerikanischen Imperialismus. In eigenen Einheiten wie gesagt, am meisten Renommé bekamen wohl die Tuskegee airmen. Walter Manning war ein afroamerikanischer Kampfpilot, der im Frühling 1945 südlich von Linz abstürzte. Er wurde in ein Gefängnis im Fliegerhorst Hörsching gebracht, dann von Nazi-Funktionären und dem regionalen Mob aus seiner Zelle geholt, schwer misshandelt und schliesslich erhängt wurde, mit einem Schild mit den Worten „Wir wehren uns!“ um den Hals. Wenig später rückten Bodentruppen der US-Streitkräfte ein. Hier gab es keine Suche nach den Verantwortlichen. Wehrmachts-General Anton Dostler hingegen wurde in Italien (im Dezember 45) von US-Truppen kriegsrechtlich erschossen, da er 15 amerikanische Kriegsgefangene töten hatte lassen. Bei Manning war es ja so: Nicht-Weisse in den Reihen der Armeen der Alliierten, ob Afro-Amerikaner oder asiatische Sowjetbürger oder französische Kolonialtruppen aus Afrika, wurden von Nazi-Deutschland (wie auch solche Soldaten in den Reihen der Entente-Heere im 1. WK) als Verletzung von Spielregeln gesehen, als Gefährdung des Abendlandes. Davon (und dass Nicht-Europäer in beiden grossen Kriegen des 20. Jh für westliche Mächte kämpften)91 soll auch ein gewisser heutiger Umgang mit der Materie ablenken. Und die Afro-Amerikaner und ihre überdurchschnittlich hohen Opfer im Zweiten Weltkrieg? Im April 1945 kam es auf der Luftwaffenbasis “Freeman Army Airfield” bei Seymour (Indiana) zu einem grossen Aufruhr, nachdem afroamerikanische Luftwaffen-Angehörige versuchten, den Offiziers-Club auch zu nutzen, sich zu integrieren. Am Ende wurden 162 schwarze Offiziere verhaftet, weil sie sich gegen ihre Diskriminierung gewehrt hatten, kam es zu einigen Kriegsgerichtsanklagen. Es war dieses Ereignis ein Faktor, der zur Aufhebung der Segregation in den Streitkräften der USA 1948 durch Truman führte.

Aber auch zur Entstehung der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung nach diesem Krieg, auch aufgrund entsprechender Erfahrungen in ihm.92 Die Sklaverei war nach dem Bürgerkrieg in die Segregation über gegangen, bzw in eine Art Apartheid, hauptsächlich in den Südstaaten. In den 1960ern die Bürgerrechtsgesetze unter Johnson, die die formale Gleichstellung von Afro-Amerikanern in der USA brachten.93 Eine Integration fand v.a. in der Musik und im Sport statt. Wobei es leichter war, ein schwarzes Show-Basketball-Team wie die “Harlem Globetrotters” zu fördern, als Schwarze in NBA-Teams. „Duke“ Ellington und andere Jazz-Musiker (hauptsächlich Schwarze) wurden in den 50ern und 60ern von USA-Regierungen in im Kalten Krieg „umstrittene“ Länder geschickt, um USA und Westen zu promoten, Image zu verbessern. Das zu einer Zeit, wie Andrea Böhm schrieb, als rechte Politiker im Kongress der USA Gift und Galle angesichts „Negermusik“ spuckten, Schwarze im Süden der USA noch von Wahlen ausgeschlossen waren und gelyncht wurden.94

USA-Verteidiger zu Bush- und Trump-Zeiten ziehen/zogen gerne Rassismus von (hauptsächlich europäischen) USA-Kritikern im Westen (also eine USA-Kritik, die sich am Nicht-Weissen und Liberalen dort stört) heran, um USA-Kritik an sich zu diffamieren – obwohl diese „Kritiker“ Gesinnungsfreunde dieses US-amerikanischen institutionalisierten Rassismus sind, und solche USA-Verteidiger die Thematisierung dieses Rassismus zu verhindern suchen. Als ob zwischen Duke Ellington und George Wallace nicht zu differenzieren wäre, als ob sie zu Zeiten der Obama-Präsidentschaft nicht ihre Haltung zur USA bzw ihrer Politik geändert hätten… Ich glaube, es war Wolfgang G. Lerch, der geschrieben hat (in “Halbmond, Kreuz und Davidstern”?), “Einst stand Ella Fitzgerald beim Baalbek-Festival auf der Bühne, heute ist es Schiiten-Hochburg”. Lerch gehört nicht zu dieser Sorte “USA-Freunde”, und seiner Feststellung (bzw Gegenüberstellung) liegt ja eine sehr scharfe Beobachtung zu Grunde. Ich will aber auf sie eingehen, weil es ja Leute gibt, die sie nicht richtig lesen werden. Ab 1955 wurden die Baalbe(c)k (International) Festivals abgehalten. Ella Fitzgerald, liess sich herausfinden, trat 1971 und 1972 dort auf.95 In den Jahren des Bürgerkriegs im Libanon (1975-1990) fiel das Festival klarerweise aus.

Fitzgerald war 1954 nach Australien zu einer Tournee geflogen, wobei die ersten beiden Konzerte, in Sydney, abgesagt und nachgeholt werden mussten. Der Grund war, dass Fitzgerald und 2 weitere Afro-Amerikaner aus ihrer Begleitung, die Tickets für die 1. Klasse des PanAm-Fluges (Honolulu – Sydney) hatten, des Flugzeugs verwiesen worden waren… Baalbek bzw die Bekaa-Ebene waren schon seit Jahrhunderten ein Siedlungsschwerpunkt der Schiiten im Libanon, lange bevor dort der schiitische Islamismus stark wurde (das war eigentlich während des Bürgerkriegs), hauptsächlich durch die Hisbollah (oder die Hisbollah mit ihm), mit Unterstützung des Regimes des Iran. Ja, das Festival in Baalbek steht gewissermaßen im Gegensatz zu diesem Islamismus, auch wenn es noch immer statt findet. Aber, die ganze “Geschichte” ist eben, dass Frau Fitzgerald in ihrem Land, der USA, wegen ihrer Rasse diskriminiert wurde, wie alle Afro-Amerikaner (die Sache mit dem Flug wird nicht die einzige gewesen sein). Auch wenn in den letzten Jahren verstärkt versucht wird, den Westen als so frei, lustvoll und tolerant zu definieren. Und zu insinuieren, dass alle die das anders sehen, dies aus einer Gegnerschaft zu dieser “Lust” und “Freiheit” täten.96

Im Übergang zum Kalten Krieg wurde Deutschland (bzw sein Westteil) schnell Partner der USA und der anderen Westmächte. Afro-Amerikaner wurden in dieser Partnerschaft wiederum nicht als Amerikaner wie Andere auch gesehen. Russen und andere Osteuropäer durften für viele Deutsche nun das bleiben, was sie auch zuvor für sie waren. Von jenen Deutschen, die als Kriegsgefangene in die USA gekommen waren, kehrten nach Krieg und Freilassung bzw Rückkehr etwa 8 000 in die USA zurück bzw wanderten dort ein. In vielen Fällen gab es dabei Hilfe von jenen Farmern, für die sie als Gefangene gearbeitet hatten. Andere kamen zumindest zu häufigen Besuchen, hielten Kontakt zu “ihren” Farmern. Wernher von Braun kam über Fort Bliss und White Sands auch in ein Huntsville, eine Stadt dieses Namens in Alabama, durfte dort wieder an militärischen Raketen und solchen für die Raumfahrt arbeiten. Von Braun und sein Team (Walter Dornberger,…) wurden gleich von der 1958 gegründeten NASA übernommen; bis 1970 war Huntsville ihr Tätigkeitszentrum.

Etwas entfernt von Huntsville, aber auch in Alabama, liegt Montgomery. 1955, dem Jahr als Von Braun die Staatsbürgerschaft der USA bekam, mussten Leute wie Rosa Parks noch darum kämpfen, in Autobussen nicht hinten sitzen zu müssen. 1963, in dem Jahr in dem George Wallace das erste Mal Gouverneur von Alabama wurde, begann das FBI unter John Edgar Hoover, Martin Luther King (der ebenfalls in Montgomery wohnte), in sein COINTELPRO-Programm aufzunehmen, ihn zu bespitzeln und psychischen Druck auf ihn auszuüben. Auch nachdem er 1964 den Friedensnobelpreis bekommen hatte, wurde King in der USA noch als Staatsfeind gesehen. 1967, als Alabama durch den Obersten Gerichtshof der USA dazu gezwungen wurde, als einer der letzten Staaten der USA das Verbot von “Mischehen” aufzuheben, startete die von Von Braun entwickelte “Saturn V” zu ihrem Erstflug und wurde der Westpreusse in die National Academy of Engineering aufgenommen.

Das Verbot von rassischer Diskriminierung kam mit den Bürgerrechts-Gesetzen unter Präsident Lyndon Johnson, hauptsächlich waren das der (eigentliche) Civil Rights Act 1964 und das Wahlrechtsgesetz 1965. Mit Johnson97 wurde die Democratic Party (DP) vollends die linkere der beiden Grossparteien der USA. Von den 1860ern bis ins frühere 20. Jh war die Republican Party (RP, “GOP”) jene Partei gewesen, die die Afro-Amerikaner überwiegendst unterstützten. Die Partei des Nordens, der Sklavereigegner. Dies begann sich schon mit Theodore Roosevelt zu ändern. Die Südstaaten-Demokraten um Alabamas Gouverneur George Wallace waren die schärfsten Gegner der Politik von dem Südstaatler Johnson.98 Der (weisse) Süden wurde republikanisch und die Republikanische Partei rutschte nach Rechts. Und die Afro-Amerikaner wechselten zur DP. Es waren hauptsächlich die Präsidenten-Wahlen 1964 und 1968, die diese Transformation “finalisierten”. Auch weil die RP 64 einen der wenigen Senatoren als Präsidentschafts-Kandidat aufstellte, die gegen das Bürgerrechtsgesetz in diesem Jahr stimmten.

Aus der Zeit nach dem Bürgerkrieg

Die RP begann mit Ronald Reagan (schon in den 1970ern), die Rassenkarte getarnt zu spielen. Man stellt Drogen, Kriminalität, “Sicherheit”99 in den Vordergrund, Religion, “amerikanische Werte”. Konservative Botschaften werden gesendet, die nicht rassistisch, reaktionär, aufhetzend klingen (sollen). Die Republikanische Partei versucht manchmal auch, „ihre“ Rolle (die der damaligen RP) bei der Beendigung der Sklaverei hervor zu streichen, und dass die meisten ihrer Abgeordneten im Congress auch für die Bürgerrechtsgesetze stimmten. Normalerweise bemüht sie sich aber um die Abschaffung von jeder affirmative action. Die Republikaner leugnen die tiefgreifenden und anhaltenden Folgen von Sklaverei und “Jim Crow”, stellen auch einen Rassismus in der Gesellschaft der USA sowie von Behörden in Abrede, wenn sie diesen Rassismus nicht bestärken, stützen. Einerseits sich Gegnerschaft zur rassischen Unterdrückung auf die Fahnen heften (man ist fortschrittlich), andererseits diese apologetisieren. Ähnlich ist es bei der Democratic Alliance in Südafrika (> Apartheid). Man stellt sich in gewissen politischen Kreisen gerne “farbenblind”. Arian Schiffer-Nasserie: “Die sozialistischen Kritiker der Black Panther hatten recht, als sie der Bürgerrechtsbewegung und Martin Luther King vorwarfen, dass mit der rechtlichen Gleichstellung für die eigentumslosen Massen nichts gewonnen sei – nicht einmal ein gewaltfreies Überleben in Armut. Und jene Schwarzen-Organisationen, die Kings Gewaltlosigkeit kritisiert hatten, fühlten sich durch seine Ermordung 1968 bestätigt.”100 Opposition zu dieser USA, nicht Integration in ihr, war von Black Panthers oder Black Muslims die Devise.

1966 wurde bekannt (gegeben), dass der Boxer Muhammad Ali101 für eine Einberufung in das amerikanische Militär für Vietnam in Frage kam, entgegen früherer Musterungs-Befunde. In diesem Zusammenhang kündigte er an, zu verweigern, aus religiösen Gründen und aus politischer Gegnerschaft zum Krieg, gab die Kommentare über den Vietnam-Krieg und die USA ab, die berühmt wurden. “Kein Vietnamese hat mich jemals ‘Nigger’ genannt“, “Wenn ich jemanden bekämpfe, dann euch”, “Ihr seid meine Feinde… Ihr seid meine Gegner bezüglich Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit. Ihr wollt dass ich irgendwo hin gehe und für euch kämpfe? Ihr setzt euch nicht einmal für meine Rechte hier ein”, “Ihr könnt mich ins Gefängnis stecken, ich bin seit 400 Jahren im Gefängnis, ich kann auch für 4 oder 5 mehr bleiben“. Als er 1967 in Houston einrückte, legte er verweigerndes, boykottierendes Verhalten an den Tag. Wurde darauf hin verhaftet, angeklagt. Der Rechtsstreit zog sich bis ’71; es war sein Status als Boxlegende und die wachsende Opposition zum Krieg in der USA, die ihn rettete.

Anti-Vietnam-Krieg-Demonstration 1967, Leroy Henderson (mit Alis Spruch)

Vietnam war ja jener Krieg, in dem ansatzweise Gleichberechtigung in das Militär der USA einkehrte. Und natürlich einer, in dem die USA (unter Johnson und Nixon) eingriff, um „Demokratie zu schützen“, et cetera. Genau auf die Diskrepanz zwischen der US-amerikanischen Rolle (Anmaßung) als Weltpolizist und so manchen Zuständen in diesem Land selbst, hat Ali ja abgezielt. Ein Weltpolizist dessen Truppen zu einem Drittel aus “Schwarzen” bestehen. Auch nachdem die Wehrpflicht 1973 abgeschafft (bzw inaktiv gemacht) wurde. Aber Viele melden sich eben freiwillig, mangels anderer Jobchancen. Colin Powell, im New Yorker Stadtteil Harlem in eine Familie jamaicanischer Emigranten geboren, Vietnam-Veteran, ist bis zum Generalstabschef (Chairman of the Joint Chiefs of Staff) dieses Heeres aufgestiegen, dann noch in die Politik gegangen. Ansonsten gab es nur einen Generalstabschef, der nicht entweder anglokeltischer oder sonstiger nord-/mitteleuropäischer Herkunft war/ist, Powells Nachnachfolger John Shalikashvili. Wie sich bei den niederländisch-stämmigen Roosevelts, dem deutschstämmigen Rumsfeld, dem jüdischstämmigen Lieberman, dem schwedischstämmigen Rehnquist oder dem französischstämmigen Du Pont zeigt, aus gewissen “Ethnien” kann man zum Ehren-WASP aufsteigen – auch wenn früher sogar schon Iren schwer diskriminiert wurden.102 An Präsidentschaftskandidaten von Grossparteien gab es nur zwei, deren Vorfahren aus südlicheren Gefilden stammten, Michael Dukakis und Barack Obama. Und zur Zeit von Obamas Präsidentschaft gab es eine neue staatliche Gewaltwelle gegen Afro-Amerikaner.

Zeitschrift der Black Panther 1969

Bei/von der USA gibt es einerseits den Anspruch, universales Licht für die Völker zu sein, andererseits ihr spezifisches WASP-Mirsanmir (das unter Trump wieder stärker hervor kommt). Was “unamerikanische Elemente” in Amerika sind, und wer die “Kräfte der Barbarei und des Bösen” draussen in der Welt sind, das hat sich immer wieder geändert. Was man auch an den Spielfilmen aus der USA (die seit den 1910ern in der Regel in dem Los Angeleser Stadtteil Hollywood produziert werden) nachverfolgen kann. Was in Amerika (USA) so im Laufe der Jahrhunderte als “unamerikanisch” gesehen wurde, geht aber vor die Entstehung der Filmindustrie zurück. Und, wie man gesehen hat, Nazi-Deutschland etwa wurde zwar richtigerweise bekämpft, aber Vieles davon “stehen gelassen” oder sogar “abgeschöpft”. General Patton wollte mit den Deutschen gleich den Krieg gegen die Sowjetunion weiter führen. Und für die Afroamerikaner begann der Kampf nach diesem Krieg erst. Unablässig die „Freiheit“ im Munde führend, hat man diese nicht einmal jenen im eigenen Land zugestanden, die für diese vorgegebene Definition von “Freiheit” anderswo gekämpft haben. Auch die Monroe-Doktrin und ihre Auslegungen unterstreichen, dass amerikanische “Werte” nie universalistische waren. Rassisches wurde früher gerne als Teil eines “Kampfes gegen den Kommunismus” deklariert, heute als “Kampf gegen Islamismus” ausgegeben.

Die WASP-Vorherrschaft in der USA wurde spät herausgefordert. In Hawaii hat es eine “weisse” Mehrheit nie gegeben, es überwiegt die asiatische Bevölkerung (Japaner,…). Zusammen mit der “Urbevölkerung” (den Hawaiianern) bilden diese wahrscheinlich eine absolute Mehrheit. Der District of Columbia, kein Staat, hat eine Mehrheit von Afro-Amerikanern. Dann gibt es einige Bundesstaaten, die kaum noch eine “weisse” Mehrheit haben. New Mexico hat eine Mehrheit von Hispanics/ Chicanos/ Latinos; California, Arizona, Texas sind nicht so weit davon entfernt. Kalifornien (und wahrscheinlich einige weitere Staaten) hat nur dann eine weisse Mehrheit, wenn man die “Latinos” die “weiss” sind, als Weisse zählt. Bei den mexikanischstämmigen Latinos im Südwesten gibt es nicht so Viele überwiegend europäischer Herkunft wie unter den Exil-Cubanern in Florida. In der USA haben die “Latinos” mit mittlerweile knapp 15 Prozent die Afroamerikaner als zweitgrösste Bevölkerungsgruppe hinter Weissen abgelöst. Wobei: “Weisse” (Caucasians) und “Schwarze” (Afro-Amerikaner) sind rassische Klassifizierungen bzw Konzepte (oder ethnorassische Gruppen), die “Latinos” sind rassisch sehr diversifiziert. Es geht um die Zuwanderer aus Lateinamerika (bzw deren Nachkommen), weiters die (Nachkommen der) Californios, Tejanos, Neomexicanos, sowie die Puertoricaner. Also um eine kulturell-historische Prägung oder so.

Die drei grossen Gruppen der Latinos sind: die mexikanisch Geprägten im Südwesten, meist arm und mit starkem “Einschlag” von Azteken/Nahua, Maya,… gegen ihre weitere Einwanderung will Trump eine Mauer bauen lassen103; die Cubaner im Südosten (Florida), seit dem Umsturz 1959, oft wohlhabend und weiss; die Puertoricaner, jene auf der Insel (die kein Bundesstaat ist, aber zur USA gehört) und jene in New York. Diverse Quellen zur Demographie Puerto Ricos führen die Puertoricaner als zu etwa drei Viertel “weiss” an. Hier kann man etwas genauer hinsehen. Als USA-Präsident Donald Trump nach dem Hurrikan in der Karibik 2017, der auch diese Insel heimsuchte, die Puertoricaner als “faul” tadelte, sprang ihm Tucker Carlson von Fox News bei, dies könne nicht rassistisch sein, da die meisten Puertoricaner weiss seien. Über die “Weissheit” der Puertoricaner bzw deren Konstruktion hier etwas.104 Leute wie Benicio Del Toro, südeuropäischer Herkunft, werden für Manche nicht als “Weisse” zählen, wie die Spanier Ende des 19. Jh für die USA keine ebenbürtigen Kolonialherren waren.

Steve King, Abgeordneter (RP) aus Iowa, ist gegenwärtig Jener im Congress, der “Rasse” am offensten thematisiert. Er propagiert einen “weissen Nationalismus”, wovon die USA als Ganze ja so circa um den 2. WK abgekommen ist. Macht dabei auch mit europäischen Rechtspolitikern gemeinsame Sache (was George Wallace ja zB nicht getan hat). Natürlich sind Einwanderer in die USA (und das sind hauptsächlich Mexikaner und andere Mittelamerikaner) und “Multikulturalismus” für ihn ganz schlimm. Er hatte auf seinem Schreibtisch eine “Südstaaten”-Flagge (jene der CSA), obwohl Iowa nicht Teil der CSA war. Er hat sie entfernt, nachdem in Iowa ein Rechtsextremist mit Südstaaten-Symbolen zwei Polizisten erschoss. Das sind die, die noch rechter sind als seinesgleichen, die den Staat USA (und seine Vertreter) hassen (und bekämpfen), rechtsextreme Milizionäre, Neonazis, Skinheads, KKK-Leute, auch radikale “Christen” (Hutaree,… sektenähnliche Organisationen). Im Jänner dieses Jahres fragte er die “New York Times” in einem Interview, “White nationalist, white supremacist, Western civilization — how did that language become offensive?”.

2008 sagte er zur Wahl von Obama dass Terroristen diese feiern würden, und: “When you think about the optics of a Barack Obama potentially getting elected President of the United States – I mean, what does this look like to the rest of the world? What does it look like to the world of Islam?”. Er hat den “Westen” eher implizit rassisch (weiss) definiert; etwas dass andere “Westisten” weeiiit von sich weisen würden, da ginge es ja um “gemeinsame Werte”105, et cetera. Samuel J. Taylor ist ein US-Amerikaner (ein „racial realist“), der “Westen” explizit über “Weisse” definiert. Wobei sich auch hier Fragen stellen: Weisse Lateinamerikaner gehören für ihn wohl kaum dazu. Und Osteuropäer? Aschkenasische Juden? Vor diesen “Problemen” stand auch das Apartheid-Regime in Südafrika – und hat Japaner aus wirtschaftlichen Gründen als Ehren-Weisse gesehen, nicht weisse Juden/Israelis (Mizrahis,…) ebenfalls (aus einer Mischung aus wirtschaftlichen und ideologischen Gründen), zähneknirschend auch Portugiesen – man durfte in dieser Lage nicht so wählerisch sein. Der Rassismus von Trump ist verhüllter, jener der Clintons mehr.

Leute wie dieser King treffen sich ja mit “antiamerikanischen” Europäern, die die USA aufgrund ihrer nicht-weissen Bevölkerung (ca. 1/3) ablehnen. Wo sich Rechtskonservative hüben (Mitteleuropa) und drüben (USA, angelsächsische Welt) einigen können oder auch nicht, sind Beurteilungen der US-amerikanischen Interventionen in Europa, in den “Weltkriegen”. Aber es geht schon, wie man zB bei Franz J. Strauss oder George Patton gesehen hat. Jene rechtsextremen US-Amerikaner (KKK, Neonazis,…), die 2017 in Charlottesville (Virginia) gegen die Entfernung einer Statue von CSA-General Robert Lee demonstrierten und dabei Gegendemonstranten angriffen (einen töteten), eine Sache an der Präsident Trump die “unfaire Berichterstattung der Medien” über die Demo störte sowie Gewalt dort “allgemein”, werden auch keine Probleme haben, Gleichgesinnte in Europa zu finden. Bei einem Rechten aus Griechenland oder Spanien wird es schon fraglicher sein, ob sie in der USA zB von einem Steve King als grundsätzlich gleichrangig angesehen werden.

Anfang der 00er kam, im Zuge der Islamkrise (bzw der geschürten globalen Polarisierung), in Deutschland und Österreich ja, hauptsächlich von Ex-Linken, eine pro-amerikanische Welle (nicht trotz sondern wegen Bush junior), verbunden mit selbstgerechten Unterstellungen des „Antiamerikanismus“. Andeutend, dass es zB zwischen Martin L. King und seinem Mörder (bzw Gegnern der Gleichberechtigung von Afroamerikanern) keinen Unterschied gäbe, und dass man selbst auf der “progressiven” Seite stünde. Als ob man nicht differenzieren müsste, zwischen Ella Fitzgerald und jenen, die sie aus dem Flugzeug warfen. Ein Feminismus der “Herrinnen der Plantage” kümmert sich da lieber um Hillary Clinton und ihre politischen Ambitionen. „Hitler wurde nicht von Demonstranten besiegt“, hiess es in den Apologetiken zu Bushs-Irak-Krieg 03 andauernd; nein, unter sehr grossen Opfern der afroamerikanischen Soldaten im Militär der USA.106 Und dass Iraks Herrscher Saddam Hussein in den 1980ern von der USA (mit Bush senior als Vizepräsident), vom Westen unterstützt wurde – kein Thema.

Die Geschäftsverbindungen der Bush-Familie mit Bin Laden (über ihre Beteiligung am Carlyle-Konzern)? Darüber schweigen wir lieber. Bush war ja quasi eine Held des Antifaschismus. Er selbst spannte bei einem Besuch in Oswieczim/Auschwitz (Polen) den Bogen vom Holokaust zum islamistischen Terror („evil“…). Dass man auch den Djihad der Mujahedin in Afghanistan unterstützte, aus dem u.a. Al-Kaida hervor ging, und Saudi-Arabien bis heute – das tut hiier doch nichts zur Sache. Und dass sein Grossvater Prescott Bush Geschäfte mit Nazi-Deutschland machte (über die Bank Brown Brothers Harriman), soll(te) bei dieser Geschichts-Aufarbeitung auch nicht stören. Hübsch zu sehen war, dass sich am Ende der Ära Bush junior die Initiatoren des Irak-Kriegs, von Bush abwärts107, von diesem gewissermaßen distanziert haben. Und Trump hat diesen Krieg deutlich verurteilt… Und der Haufen deutsch-österreichischer Ex-68er und “Anti”deutscher, der damals am lautesten dafür “gejubelt” hat?

Ob Jens Söring ein Justizopfer ist oder ein Mörder, kann ich nicht beurteilen. Die Tendenz der Berichte in Deutschland ist für ihn, in der USA scheint es anders herum zu sein. Seine deutschen Verteidiger erwähnen beim Hinweis auf sein Leid immer wieder, dass er als Weisser/Deutscher im Gefängnis (in Virginia) ist, mit Schwarzen und Latinos. Gibt aber auch Deutsche, die hier die Justiz der USA “blind” unterstützen/verteidigen, nicht als ein deutsches Opfer sehen, seinen Verteidigern “Antiamerikanismus” unterstellen. Wenn Söring Afro-Amerikaner wäre, gäbe es von diesen wahrscheinlich nicht das “Maulen” über eine Verurteilung bei dieser Beweislage. Manche deutsche Medien und Kommentatoren stellen auch den in USA wegen Pädophilie-Porno-Konsum verurteilten Zauberer Rouven/Füchtener als Opfer der amerikanischen Justiz dar.108

 

Literatur & Links

Daniel Immerwahr: How to Hide an Empire: A Short History of the Greater United States (2019). Englisch

Stephen Kinzer: Putsch! Zur Geschichte des amerikanischen Imperialismus (2007). Englisches Original: Overthrow: America’s Century of Regime Change from Hawaii to Iraq (2007)

Thomas G. Dyer: Theodore Roosevelt and the Idea of Race (1992). Englisch

Howard Zinn: A People’s History of American Empire (2008 6. Auflage). Englisch

Sebastian E. Bitar: US Military Bases, Quasi-Bases and Domestic Politics in Latin America (2016). Englisch

Michael L. Conniff: Africans in the Americas: A History of Black Diaspora (1994). Englisch

Robert F. Rogers: Destiny’s Landfall: A History of Guam (1995). Englisch. Scheint objektiv zu sein, wohin gegen “A History of Guam” (2001) von Lawrence Cunningham und Janice Beaty einen Pro-USA-POV haben dürfte

Carl Heine: Micronesia at the Crossroads: A Reappraisal of the Micronesian Political Dilemma (1974). Englisch

James Heartfield: Unpatriotic History of the Second World War (2012). Englisch. Heartfield schreibt, dass Alliierte wie Achsenmächte um das Gleiche kämpften: Territorium, Märkte, Natur-Resourcen

José A. Cabranes: Citizenship and the American Empire: Notes on the Legislative History of the United States Citizenship of Puerto Ricans (1978). Englisch

Cecil B. Currey: Long Binh Jail: An Oral History of Vietnam’s Notorious U. S. Military Prison (2001). Englisch

Matthias Reiss: Explaining Jim Crow to German Prisoners of War: the Impact of the South on the World War Two Reeducation Program. In: M. Berg, C. van Minnen (Hg.): The U.S. South and Europe (2013). Englisch

Doloris C. Cogan: We Fought the Navy and Won: Guam’s Quest for Democracy (2008). Englisch

Roger W. Gale: The Americanization of Micronesia: A Study of the Consolidation of US Rule in the Pacific (1979). Englisch

Matthias Reiss: The Nucleus of a New German Ideology? The Re-education of German Prisoners of War in the United States during World War II. In: B. Hately-Broad, B. Moore: Prisoners of War, Prisoners of Peace: Captivity, Homecoming and Memory in World War II (2005). Englisch

Klaus Brinkbäumer: Nachruf auf Amerika: Das Ende einer Freundschaft und die Zukunft des Westens (2018)

Louis Pérez: Cuba in the American Imagination: Metaphor and the Imperial Ethos, the Spanish–American War of 1898 (2008). Englisch

Matthias Reiss: „Wir waren anstelle der Neger dort“: Deutsche Kriegsgefangene und andere Vertragsarbeiter auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt.. In D. Dahlmann, M. Schulte-Beerbühl M (Hg.) Perspektiven in der Fremde? Arbeitsmarkt und Migration von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart (2011)

Johan Galtung: Hitlerisme, stalinisme, reaganisme: Tre variasjoner over et tema av Orwell (1984). Norwegisch/Bokmal

Carlos Fuentes: Contra Bush (2004). Essay, wahrscheinlich nicht auf Deutsch übersetzt. Der Mexikaner Fuentes wurde für sein unabhängiges Denken in den 1960ern in der USA mit einem Einreiseverbot belegt

Scot Ngozi-Brown: African-American Soldiers and Filipinos: Racial Imperialism, Jim Crow and Social Relations. In: The Journal of Negro History Vol. 82, No. 1 (Winter, 1997), S. 42-53

Guams seven historical eras

How the US has hidden it’s empire

Gedanken zu Datumsgrenze, Null-Meridian und Zeitzonen

Amerikanischer Kolonialismus auf Guam

Der lange Weg nach Charlottesville

“The Agana Race Riot” ist ein ein-stündiger-Dokumentarfilm, von Carla Smith (ein schwarze Historikerin auf Guam), 2018 erstmals ausgestrahlt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Sie liegt an der Küste, aber der bedeutende Hafen Apra liegt ausserhalb der Stadt
  2. Angeblich, weil sie sie für sich (alleine) wollten
  3. Sehr relevant dazu ist auch die Behandlung von nazideutschen Kriegsgefangenen in der USA, auf die im Schluss-Abschnitt eingegangen wird
  4. Die Grenze zwischen West- und Ost-Neuguinea (oft als eine Grenze zwischen Asien und Ozeanien gesehen) wurde schnurgerade entlang dem 141. Breitengrad gezogen, war damals, 1884, eine Abgrenzung des niederländischen Besitzes ggü deutschem und britischen
  5. “Austronesier” ist ein Überbegriff für den grössten Teil der Bevölkerung Südost-Asiens und Ozeaniens und ihre Sprachen; Subgruppen sind die Taiwan-Eingeborenen und Malaio-Polynesier, zu Zweiteren gehören neben Polynesiern auch Melanesier und Mikronesier
  6. Die Heirat mit ihrem Onkel, König Felipe IV., war eine der vielen Fälle von Inzucht bei den spanischen Habsburgern, diese ein Grund für ihren Untergang
  7. Wahrscheinlich wurden die Marianen einst von den Philippinen aus besiedelt, stammen die Chamorros von den Philippinos ab
  8. Auf der Marianen-Insel Agrigan/Agrihan/Aguiguan wurde besonders lange Widerstand geleistet, 1695 wurde die Bevölkerung unterworfen und deportiert, nach Saipan und Guam
  9. Oder Sexualbeziehungen
  10. Oder: Durch die Unabhängigkeitsbestrebungen seiner Siedler in diesen Kolonien, die diesen Krieg in Europa zum Anlass nahmen
  11. Die spanischen Karibik-Besitzungen, die Antillas Occidentales, waren Teil von Neuspanien. Im 17. und 18. Jh hatte Spanien einen Teil der Inseln dort bereits an andere europäische Kolonialmächte verloren
  12. 1839 der Aufstand auf dem “La Amistad“-Schiff von versklavten Afrikanern, Angehörigen des westafrikanischen Mende-Volkes, die von Havanna zu einem anderen Hafen Cubas gebracht werden sollten, zu einer Zuckerrohr-Plantage. Sie verlangten, zurück nach Afrika gebracht zu werden. Von der überlebenden Besatzung wurden sie aber bezüglich des Kurses getäuscht, die “Amistad” wurde an die USA-Küste gebracht, landete an Long Island vor New York. Dort wurden die Sklaven in Gefangenschaft genommen. Es folgte ein Prozess, ein Rechtsstreit durch alle Instanzen, in dem es darum ging, ob die Afrikaner tatsächlich unrechtmäßig versklavte Menschen waren, die sich legal mit allen Mitteln gegen ihre Gefangennahme wehren durften. 1841 sprach der Oberste Gerichtshof der USA (Supreme Court) den Afrikanern die Freiheit zu, die meisten kehrten darauf hin nach Afrika zurück, in die britische Sierra Leone Colony and Protectorate
  13. Ausgehend von dem Gebiet, das britisches Kolonialgebiet gewesen war und 1776 als USA unabhängig erklärt wurde, gab es drei grosse Expansionsschritte (und einige kleine Gebietsübernahmen): Der Westen des französischen Louisiane wurde 1803 gekauft; Mitte des 19. Jh wurde mexikanisches Gebiet in 3 Schritten angeeignet; zur selben Zeit kam das Oregon-Territorium dazu, das gemeinsam mit den Briten in Besitz genommen und dann geteilt wurde
  14. Dieses (nach wie vor gültige) Gesetz besagt, dass jeder US-Staatsbürger, der eine unbewohnte und von niemandem beanspruchte Insel entdeckt, auf der es eine bestimmte Sorte von abbauwürdigen Vogelexkrementen gibt, sie für die USA annektieren darf, selbst exklusive Abbaurechte der Guano-Vorkommen bekommt. Mehr als fünfzig Inseln im östlichen und nördlichen Pazifik, der Karibik und dem Atlantik wurden so annektiert, bekamen Namen wie Midway Atoll, Baker Island, Wake,… Viele sind inzwischen in den Besitz europäischer, lateinamerikanischer, ozeanischer, karibischer Staaten übergegangen; manche haben einen anderen Status innerhalb der USA bekommen; manche, wie Navassa Island, sind mit anderen Staaten umstritten
  15. Roosevelt sah auch eine (ethnische) Hierarchie unter den Indianern, die er auch „Aboriginals“ nannte
  16. > “Thornton Affair” 1846 (> Krieg Mexico-USA 46-48), Tampico-Zwischenfall 1914 (> Intervention in Mexico), Abschuss der „RMS Lusitania“ (> Eintritt in 1. WK), Pearl Harbor 1941, Tonkin-Zwischenfall 1964, die “irakischen Atomwaffen”; in gewisser Hinsicht sind auch der Angriff auf Fort Sumter, 11/9/01 oder Operation Northwoods hier einzuordnen
  17. 1896 brach ein grösserer aus, für mehr Selbstverwaltung
  18. Aber dann von den amerikanischen Machthabern wieder das Gerede von der gerechten Weltherrschaft der Weissen und der Anglosachsen, ihrer Überlegenheit; schon die Spanier aber wurden als minderwertig abgegrenzt, und schon gar nicht wurden Cubaner, Philippinos oder Guamesen als annähernd gleichwertig gesehen
  19. Am Weg dorthin, also im Vorbeifahren quasi, nahm die “Bennington” die “Guano-Insel” Wake in Mikronesien in Besitz. Es hatte einige Jahrzehnte zuvor eine “Verbindung” zwischen Guam und (dem unbewohnten) Wake gegeben, 1866, als das deutsche Handelsschiff “Libelle” vor Wake schiffbrüchig ging, und die Besatzung mit Beibooten nach Guam segelte
  20. Die Entkolonialisierung kam ungefähr mit dem Ende der Franco-Diktatur zum Abschluss. Die “Überreste”, wie Ceuta und die Kanaren, werden nicht als Kolonien gesehen
  21. Alfonso wurde 1936 auch Prätendent der französischen Legitimisten, nach dem Aussterben der karlistischen Linie
  22. Es gab auf Puerto Rico eine Unabhängigkeitsbewegung, die Ähnlichkeiten zu jener auf Cuba aufwies; auch hier fiel diese Bewegung grösstenteils mit dem Sklaverei-Abolitionismus zusammen, sie war aber eine weisse Bewegung
  23. In den Bürgerkrieg auf dem Samoa-Archipel in Polynesien 1898/99 griffen sowohl Deutschland als auch Amerika ein, teilten sich dann die Inseln, DR nahm sich die westlichen, USA die östlichen
  24. Nauru zB nicht
  25. Die also spanische, deutsche und japanische Kolonialvergangenheit hat
  26. Ich habe keine Hinweise gefunden, dass die Spanier tatsächlich Sklaverei auf Guam praktiziert haben
  27. Bradley wollte den Chamorros anscheinend sogar noch mehr Rechte zugestehen, scheiterte aber am Widerstand des Marineministers
  28. Der Vater von Fidel Castro, geboren 1875 in Galizien, kam im spanischen Militär (erstmals) auf Cuba, zur Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung. Er war Teilnehmer des Kriegs gegen die USA 1898, kehrte danach nach Spanien zurück. 1905/06 wanderte er nach Cuba aus, also nach dessen Unabhängigkeit. Anfangs arbeitete er für ein Subunternehmen von United Fruits, dann wurde er selbst Plantagenbesitzer (hauptsächlich Zuckerrohr). Er starb einige Jahre vor dem von seinem Sohn angeführten Umsturz (1958/59)
  29. Anders als Puerto Rico und Guam, früher als die Philippinen
  30. Auch später waren dort noch kommunistische Guerillas aktiv, ausserdem islamische
  31. Siehe “Cuba in the American Imagination”, Literaturliste
  32. Mark Twain veröffentlichte 1901 den Essay “To the Person Sitting in Darkness”, eine Art Antwort auf Kiplings Hetze. Die Kurzgeschichte “The War Prayer”, geschrieben 1905, soll sich um den Spanisch-Amerikanischen Krieg und den darauf folgenden philippinischen Aufstand drehen. Es war bei Twains Tod 1910 noch unveröffentlicht, kam erst 1923 heraus; sowohl Twain als auch seine Familie hatten Angst vor den Reaktionen. 1905 wurde die Streitschrift “King Leopold’s Soliloquy – A Defense of His Congo Rule” (“König Leopolds Selbstgespräch”) veröffentlicht. In späteren Veröffentlichungen ist der fiktive Monolog des belgischen Königs über seinen Völkermord in Congo (und die US-amerikanische Unterstützung dafür) ergänzt mit Überlegungen Twains zu anderem Weltgeschehen, wie Kritik an grausamer Vorgehensweise der USA im Philippinischen Krieg und Heldenverehrungen von Militärs wie Frederick Funston, Anklage gegen rassistische Lynchmorde in der USA, das Regime des russischen Zaren oder Antijudaismus in Europa
  33. Achtung, aktueller Bezug!
  34. Nicht nur Grossmacht sein, sondern Supermacht
  35. Roosevelt bekam für die Präsidentenwahl 08 nicht die Nominierung seiner RP, machte 09/10 eine grosse Reise, u.a. mit seinem Sohn Kermit, in die europäischen Kolonien in Afrika, wo er viele Tiere tötete. Dann nach Europa, wo er viele Herrscher traf. 12 wollte er die Nominierung der RP, bekam sie nicht, Taft setzte sich wie schon 08 durch, Roosevelt gründete eine Abspaltung der RP, die PP. Die Spaltung der RP begünstigte den Wahlsieg von DP-Kandidaten Wilson
  36. 1917/18 wollte Wilson wieder in der Region intervenieren, mit Blick v.a. auf die Ölfelder von Tampico. Präsident Venustiano Carranza kündigte die Zerstörung der Ölfelder für den Fall an, dass Marines landen würden
  37. Manche waren auch anderwo im Pazifik stationiert, auch in Pearl Harbor
  38. Vereinzelten noch darüber hinaus, s.u.
  39. 1950 in Kraft
  40. Und des Unfalls von Senator Edward Kennedy in Chappaquiddick (Massachusetts), bei dem eine Mitarbeiterin ums Leben kam
  41. Eingehend dazu hier
  42. Es war Nixon, unter dem sich die USA dann aus Vietnam zurückzogen. Dafür bekam sein Aussenminister Kissinger ’73 den Friedens-Nobelpreis. 74 musste Nixon wegen der Watergate-Affäre zurücktreten
  43. Die sahen/sehen eine bessere Chance, wenn die Fläche und die Bevölkerung des Gebietes grösser ist
  44. Die Marianen sind 09 über gewechselt. Beide Phänomene gibt es ja aich anderswo, dass politisch abhängige Gebiete fussballerisch unabhängig sind (Färoer-Inseln, Schottland, Französisch-Guyana,…), wie auch die Zugehörigkeit zu einem Kontinentalverband, die nicht der geopolitischen entspricht (Türkei, Kasachstan, Australien,…)
  45. Zu unterscheiden vom Inselstaat Föderierte Staaten von Mikronesien, der in dieser Region liegt, mehr oder weniger aus den ehemaligen Carolinen besteht
  46. Es gibt auch schon Pläne zur Verlegung von Truppen von Okinawa nach Guam
  47. Man kann darüber streiten, ob die USA GB nach dem 1. oder dem 2. WK als diese ablöste
  48. Ein Geistlicher einer evangelikalen Kirche und seine Frau waren mit 5 Kindern aus ihrer Gemeinde auf einer Wanderung, als sie den Ballon fanden. Beim Versuch, ihn aus dem Wald zu schleppen, explodierte er, tötetet die Frau und die Kinder
  49. Der korrupte autoritäre Kleptokrat konnte sich gleichwohl auf die USA verlassen
  50. Auch ggü Italienern an sich gab es gewaltige Vorbehalte im Nazi-Regime
  51. Dort hat übrigens Marine-Offizier R. Hardegen während der “Paukenschlag”-Operation ein Glückwunschtelegramm an Marinechef Karl Dönitz geschickt. Hardegen, dann in Flensburg-Mürwik für U-Boote zuständig, auch 45 im Endkampf gegen die Briten dort, im Stab von Dönitz, kam in britische Kriegsgefangenschaft. In der BRD wurde er Unternehmer, Gründer der Bremer CDU, starb 2018
  52. In Florida, das 1819 von Spanien übernommen wurde, gab es ein Zusammengehen von den dortigen Indianern, den Seminolen, und entlaufenen afroamerikanischen Sklaven
  53. Nachdem bereits zuvor nord-mexikanische Gebiete als “Texas” zur USA gekommen waren
  54. Das 1848 abgetretene Gebiet ging aber auch in Arizona, Colorado, Kansas, New Mexico, Nevada, Oklahoma, Texas, Utah und Wyoming auf bzw schuf diese Bundesstaaten
  55. Die an die Weissen assimilierten wurden “Californios” genannt, der letzte Gouverneur von Alta California, Pio Pico, der blieb, war auch einer
  56. Darüber hinaus wurden auch dort die Indianer (Ohlone, Miwok, Chumash,…) stark dezimiert, auf unterschiedliche Weisen. Auch in mexikanischer Zeit wurden sie schon drangsaliert
  57. Wenn man als “Entstehung” die Zeit von Smiths “Offenbarung” bis zur Niederlassung in Utah sieht
  58. Das vorletzte Kapitel in dieser Unterwerfung war jene der Yaqui im Südwesten (Arizona) gewesen, einem Gebiet das von Mexico übernommen wurde
  59. Die Karibik war Umschlagplatz für die aus Afrika Versklavten, ehe sie in verschiedene Teile Amerikas (Nord- und Süd-) gebracht wurden. Afro-Amerikaner sind alle über die Karibik aus Afrika gekommen. Und bis heute ist der karibische Raum demographisch stark von “Schwarzen” geprägt
  60. Den man auch als zwischenstaatlichen Krieg sehen kann
  61. Anscheinend eine Art “Waterboarding”…
  62. Eine unabhängige Philippinische Republik wurde ausgerufen
  63. Zitiert nach Erik Brooks oder Christopher Booker
  64. 4 “schwarze” Regimenter wurden geschickt, die zuvor in Cuba engagiert waren
  65. Zitate aus Woodrow Wilsons Buch “A History of the American People” wurden in dem Stummfilm als Textkarten eingeblendet, und dieser Präsident liess den Film im Weissen Haus vorführen
  66. Es spaltet immer wieder ethno-nationalistische Ideologien/Gruppen, wie weit man die “Nation” definieren soll, mit wem man Bündnisse eingehen soll, wie mit den Nicht-Zugehörigen umgegangen werden soll…
  67. Was aber auch die Leute des Ku Klux Klan zumindest zu gewissen Zeiten und in gewissen Regionen waren!
  68. Im Wahlkampf 1916 war das ein Thema, Gegenkandidat Charles Hughes (RP) war aber kein dezidierter “Interventionist” was diesen Krieg betraf
  69. Wilson hatte bereits 1915 Haiti besetzen lassen
  70. Die westlichen Jungferninseln
  71. Würde nach Meinung der Unabhängigkeitsbefürworter besser dastehen
  72. Teilungspläne für Kalifornien, also etwas Anderes, gibt es schon seit Anbeginn seiner Zugehörigkeit zur USA
  73. In diesem Zusammenhang wird auch der Ausdruck “Reconquista” (Rückeroberung) verwendet
  74. Teilweise anknüpfend an die Sezession von 1861
  75. Wie das “Knebelgesetz” 53 im Jahr 1948 (durch die PPD zu Stande gekommen), das Massaker von Ponce 1937
  76. Einer ihrer Aktivisten, Oscar López Rivera, war 36 Jahre im Gefängnis da man ihm die Beteiligung an Anschlägen und Ähnlichem vorwarf. Er sah sich und seine Anhänger ihn als anti-kolonialen Unabhängigkeitskämpfer, politischen Gefangenen. 1988 versuchte er, aus dem Leavenworth-Gefängnis auszubrechen. Unter Obama wurde er 2017 entlassen
  77. Und seit 1967 gab es 5 Referenden zum politischen Status Puerto Ricos, 67, 93, 98, 12, 17. Die Option “Unabhängigkeit” bekam jedes Mal marginalen Zuspruch, den Wahlergebnissen der PIP entsprechend, die seit Anfang der 1960er deutlich unter 10% sind
  78. Der Widerstand gegen den Krieg bzw das eigene Mitmischen darin und die Wehrpflicht bzw die eigene Betroffenheit hingen sicher auch mit einander zusammen
  79. Der Song “Eve of destruction” von Barry McGuire aus 1965 (geschrieben von Philip Sloan/Schlein) handelte eigentlich nicht von Vietnam sondern vom Krieg allgemein, und McGuire wurde später ein „wiedergeborener Christ“. Jedenfalls hiess es dort “You’re old enough to kill, but not for votin'”, was sich darauf bezieht, dass Amerikaner ab 18 Lebensjahren eingezogen wurden, während das Mindestalter für’s Wählen 21 war, bevor es 1971 gesenkt wurde
  80. John Bolton, Kriegstreiber unter Bush junior und Trump, versteckte sich während des Kriegs (den er befürwortete) in der National Guard von Maryland, Bush junior in jener von Texas, Danforth Quayle (Vizepräsident unter Bush senior) in jener von Indiana, Newt(on) Gingrich wurde als Vater und Student nicht eingezogen,…
  81. Woran erinnert das?
  82. In Vietnam-Kriegs-Filmen oder Filmen in denen der Vietnam-Krieg vorkommt (wie „Forrest Gump“) werden Diskriminierungen von Schwarzen dort und Auflehnungen dagegen normalerweise ausgeblendet. Und Marion Morrison (“John Wayne”) brüstete sich 1971 in einem “Playboy”-Interview damit, Schwarzen bei jenen 2 Filmen bei denen er Regie führte, die richtigen Rollen gegeben zu haben: “Ich hatte einen schwarzen Sklaven in ‘The Alamo’ und ich hatte eine Reihe von Schwarzen in ‘The Green Berets’”. Der zweitere Film war einer der ganz wenigen, in denen das Mitmischen der USA in Vietnam positiv dargestellt wird
  83. Die USA hat in dieser “Krise” eher im Hintergrund gewirkt, aber ihren Mann Mobutu “durchgebracht”
  84. Übrigens, das USA-Militär warf auf Vietnam mehr Bomben ab als die Alliierten im 2. WK über Deutschland
  85. Eine Film-Dokumentation namens “Sir! No Sir!” (2005) behandelt Antikriegsproteste innerhalb des amerikanischen Militärs aus dieser Zeit
  86. Also über den grossen amerikanischen Abzug hinaus, bis zur Niederlage Südvietnams bzw dem Kriegsende 1975
  87. Dauerhaft? Wohin?
  88. Bundy zum FBI zur Opferzahl von 35 oder 36: “Add one digit to that, and you’ll have it”
  89. Siehe Literatur-/Linkliste. Dem deutschen Herausgeber von “Feindaufklärung und Reeducation” (2006), der über „Antifaschismus auf US-Bajonetten“ sprach, dergleichen zu empfehlen, wäre ertraglos bzw am Problem vorbei (auch wenn er Belehrung nötig hätte), denn die innere Verfasstheit des von seinesgleichen favorisierten Weltpolizisten ist ihm ja egal
  90. Die Filmdoku “Ein Hauch von Freiheit” handelt von schwarzen USA-Soldaten in Nachkriegs-Deutschland, vor dem Hintergrund des Rassismus in ihrer Armee und ihrem Land
  91. 2 Mio. Afrikaner kämpften im 2. WK für ihre europäischen Kolonialherren, die meisten auf Seiten der Alliierten (hätten in dieser westlichen Konfrontation die Anderen gesiegt, hätten sie auch den Schwarzen Peter gehabt). Nach Kriegsende war der Einsatz bald vergessen, es gab keine Unabhängigkeit, Besserstellung/Gleichbehandlung wurde nicht gewährt, nicht mal Anerkennung
  92. „Wer für demokratische Prinzipien sterben kann, verdient auch das Recht, diese zu geniessen“, hiess es dann. Im Südafrika der Apartheid sagte General Constand Viljoen (der zwar ein rechter Afrikaaner blieb, aber dann im demokratischen Südafrika mitwirkte): “As hulle kan veg vir Suid-Afrika, kan hulle stem vir Suid-Afrika!”, bezogen auf jene Schwarzen, die in der SADF mitwirkten. In beiden Fällen ist es zweifelhaft, dass man diese Form der Kollaboration heranzieht, um für die Aufhebung der Diskriminierung einer Bevölkerungsgruppe zu argumentieren. “Demokratische Prinzipien”. In Südafrika war diese Mitwirkung aber marginal und auch nicht ausschlaggebend für die Beendigung der Apartheid
  93. Vom Ende der Sklaverei infolge des Bürgerkriegs bis zum Voting Rights Act 1965 vergingen genau 100 Jahre! 1 Jahrhundert “Jim-Crow-Gesetze” bzw Rassentrennung/-diskriminierung, Apartheid-Zustände, zumindest in grossen Teilen der USA
  94. Ellington begab sich 1963 auf eine Tour in West-und Zentralasien, u.a. in Iran und Irak. Im November 1963 trat er im Khuld-Palast in Bagdad auf. Im Februar dieses Jahres war Qasim im Irak gestürzt worden mit USA-Hilfe. In dem Palast 16 Jahre später der Baath-Kongress nach der Hussein-Machtübernahme, von dem (parteiinterne) Gegner abgeführt wurden, zT zu Hinrichtungen
  95. Andere Stars dort waren in diesen und anderen Jahren Placido Domingo, Deep Purple, Oum Khaltoum,…
  96. Es wurde ein Trend, sich Verschiedenes auf die Fahnen zu heften, Anderes auszulagern… Man braucht ein armes Opfer zur Demonstration seiner edlen Gesinnung. Wer diese Rolle einnimmt, ist auswechselbar. Afrikaner als Opfer arabischen Sklavenhandels oder in Darfur, dann doch in die selbe Schublade wie Moslems. Und, die Zulu-Nationalisten der Inkatha Freedom Party in Südafrika oder die Katanga-Sezessionisten im Congo wurden deshalb zu Freunden des Westens erkoren, weil man sie gegen diese Länder an sich ausspielen wollte, mit ihnen seine Interessen durchzusetzen erhoffte. Im Fall Katanga bzw Congo setzte sich aber Mobutu als Vertreter westlicher Interessen (gegen Tshombe) durch, und wandten sich die Katanga-Gendarmen 1977/78 gegen die Europäer
  97. Er hat etwa auch Thurgood Marshall an den Obersten Gerichtshof berufen
  98. Der aber auch den Vietnam-Krieg erst richtig “anheizte”, die demokratische Regierung Brasiliens stürzen liess, die massive Unterstützung Israels begann, gegen echte “rassische Durchlässigkeit” war
  99. Was ist mit der Sicherheit von Afro-Amerikanern, vor Polizei-Gewalt oder vor jener von rassistischer Selbstjustiz?
  100. Wer sich stets fügt, über den wird stets weiter ver-fügt (Helmut Seethaler)
  101. Sein ursprünglicher Nach-Name Clay geht auf jene zurück, die seine Vorfahren als Sklaven hielten
  102. Italiener? Nun ja, immerhin gab/gibt es da Geraldine Ferraro, die Vizepräsidentschaftskandidatin der DP (1984) war, (Unterhaus-)Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi, Gouverneur Mario Cuomo,…
  103. Es sind auch andere Mittelamerikaner dabei. Übrigens, die Mauer durch Israel/Palästina, die nicht ganz zu Unrecht als Apartheid-Mauer bezeichnet wird, wurde auch von Palästinensern gebaut, angesichts der Möglichkeiten die ihnen die Besatzungssituation (nicht) liess. Falls Trump den Bau der Mauer zu Mexico realisiert, werden dort auch Mexikaner und mexikanische US-Amerikaner arbeiten, davon ist auszugehen
  104. “…the bureaucrats and opinion formers who assign Puerto Ricans their ‘race’ are often inconsistent in their labelling practices because sometimes it is convenient to deny the population the privileges attached to whiteness, such as when distributing federal resources like hurricane relief.”
  105. Und es geht auch um nicht-weisse Soldaten im Dienste ihrer Erreichung
  106. Übrigens, auch in den Heeren der 3 anderen Alliierten gab es eine sehr starke Mitwirkung von Nicht-Europäern, in diesem Krieg der Europäer
  107. In einem ABC-Interview kurz vor dem Ausscheiden aus dem Amt
  108. In diesem Zusammenhang: Marco W., in der Türkei für den Sex mit einer Minderjährigen (Engländerin) verurteilt – die Rezeption des Falls in Deutschland hätte auch anders ausgesehen, wenn es um die Sexualität von Orientalen gegangen wäre, eine Deutsche (oder auch eine Engländerin) als (vermeintliches) Opfer, mit einer türkischen Justiz die nicht darauf reagiert. Als 2018 ein Österreicher (18) wegen angeblichem Sex mit einer Minderjährigen (15) in der USA ins Gefängnis kam, empörte sich zB die “Kronen-Zeitung”

Echter Sex in Filmen

In welchen (Nicht-Porno-)Filmen gibt es echten (nicht vorgespielten) Sex? In der Regel ist Film-Sex vorgespielt, früher auch der in Pornos. Es ist normalerweise die Aufgabe eines Schauspielers, auch bei einer Sexszene möglichst echt zu wirken (ohne dass sie echt ist). So wie beim Weinen oder bei körperlichen Schmerzen.1 Die Definition von echtem Sex ist natürlich nicht so einfach (wo beginnt er?), und ein Erkennen von diesem auch nicht (Spielfilme sind schliesslich die Kunst des Vor-Spielens). Und selbst wenn es noch so offensichtlich ist, können immer noch Body Doubles oder Geschlechtsorgan-Prothesen am Werk gewesen sein.2 Daher muss man ein wenig Sekundärquellen heran ziehen. Von vielen Filmen gibt es auch verschiedene Versionen/Schnitte3. Echter Sex im Film kann verschiedene Gründe haben: Die Szene wirkt dadurch realistischer/authentischer; die Schauspieler können sich stärker mit ihrer Rolle identifizieren. Gaspar Noé sagte über die diesbezüglichen Schwierigkeiten: für einen Schauspieler könnte es schwierig sein, eine Erektion zusammen zu bekommen, wenn auch nur eine kleine Film-Crew zugegen ist; die Filmpartner können Partner im Leben haben, die Probleme damit haben. Die Akteure wissen auch, dass sie bei etwas (normalerweise) Intimem für “die Ewigkeit” aufgenommen werden. Manche Leute halten dies für “billig”, doch man kann Schauspielern, die dermaßen weit gehen, um ihre Rolle noch authentischer und glaubwürdiger zu spielen, auch Respekt entgegen bringen.

Etwas zur Abgrenzung von Porno-Filmen: Bei Pornografie geht es ja primär darum, Betrachter (durch die deutliche Darstellung von Sexualität) sexuell zu erregen.4 Echter Sex im Sinne von tatsächlich vollzogenem Geschlechtsverkehr (Penetration, welcher auch immer) gehört normalerweise zu einem Porno. Manchmal genügen aber dazu auch schon Grossaufnahmen von erregten Geschlechtsteilen (erigierter Penis bzw. geöffnete Vagina). Die Abgrenzungen von Softpornos/Erotikfilmen oder Sexploitation-Filmen zu erotischen “Mainstream”-Filmen (Handlungsfilmen?) ist natürlich auch oft schwierig. “Mainstream” bedeutet auch, dass der Film in normale Kinos kam, usw. Filme wie diese (die echte Sexszenen haben) werden hier nicht berücksichtigt, da zu sehr in der “Porno-Ecke”: “Gift” (1966, Dänemark), “99 Women” (1969, Jess Franco, gibt verschiedene Fassungen davon), “Stille Tage in Clichy” (1970, Jens J. Thorsen, Henry Miller-Verfilmung), die “Schulmädchen-Report”-Filme (bzw Verfilmungen, 1970-1980), “Slaughter Hotel” (1971), “Secret Rites” (1971, eine Pseudo-Doku), “Die Stossburg” (1973, Franz Marischka, mit Dagmar Wöhrl alias „Sandra Monte“), “A Scream in the Streets” (1973), “The Devil’s Plaything” (1973, Joseph Sarno), “Immoral Tales” (1974, Walerian Borowczyk), “L’Orgia” (1978, Spanien), “Perdida em Sodoma” (1982, Brasilien),…5

9 Songs (2004): Der Film von Michael Winterbottom besteht hauptsächlich aus unsimuliertem Sex, zwischen Kieran O’Brien und Margo Stilley, darunter “normaler” Verkehr, oraler, und eine sichtbare Ejakulation

Im Reich der Sinne (1976): Auf einer von Sada Abe verfassten Geschichte basierend, regte der Film mit tatsächlich dafür vollzogenem Sex und einem simulierten Penektomie-Ende so auf, dass sich Regisseur Nagisa Oshima dafür in Japan vor Gericht verantworten musste, Szenen wurden aus dem Film rausgeschnitten. Auch in der BRD und so gut wie allen anderen Staaten gab es Einschränkungen verschiedenster Art für die Vorführung dieses Films.

Deep Throat (1972): Eigentlich ein Pornofilm, auch weil die Darsteller und die Macher aus diesem Milieu kommen. Aber einer der in den nicht-pornografischen Vertrieb kam. Darstellerin Linda “Lovelace” (Boreman) wurde übrigens in späteren Jahren eine Aktivistin gegen das Porno-Geschäft.

Anatomie de l’enfer (2003): In diesem Film von Catherine Breillat geht es hauptsächlich um den weiblichen Körper und den männlichen Blick darauf. Der Film enthält Nahaufnahmen einer Scheide, das Einführen von Gegenständen dort hinein und in den Anus, das Bemalen dieser Körperöffnungen mit Lippenstift, und die Thematisierung der Menstruation: nicht-simulierter Sex in den Tagen dieser, das Schmieren von Menstruationsblut in das Haar des Mannes, das Trinken eines Wassers, in das ein blutiger Tampon getaucht wurde,… Hauptdarstellerin Amira Casar wurde bei einigen Aufnahmen gedoubelt, in der männlichen Rolle ist Rocco Siffredi (eigentlich ein Pornodarsteller) zu sehen.

Shortbus (2006): John C. Mitchell wollte Sex cineastisch “neu” behandeln, da er “zu interessant ist, um ihn dem Porno zu überlassen”. Die Handlung dreht sich um verschiedene Wege zur Sexualität, wenn man so will, die Sexszenen zeigen hauptsächlich Gruppensex-Parties, die grossteils mit Laiendarstellern gedreht wurden6

Sweet Sweetback’s Baadasssss Song (Sweet Sweetbacks Lied, 1971): Ein schwarzer Stricher muss sich gegen die Polizei von Los Angeles behaupten. Regisseur Melvin Van Peebles musste den Film unabhängig machen, da ihn kein Filmstudio finanzieren wollte. So schrieb er auch das Drehbuch, komponierte die Musik, produzierte den Film,… und spielte die Hauptrolle, machte dabei alle Stunts und Sexszenen selbst. Diese Szenen wurden so echt gespielt, dass er sich dabei eine Geschlechtskrankheit zuzog. Sein Sohn Mario war auch dabei.

Baise-moi – Fick mich! (2000): Der Film streift zumindest am Porno, auch wegen der Haupt-Darstellerinnen. Es beginnt mit einer Vergewaltigungsszene, die natürlich gespielt ist, aber mit echter (vaginaler) Penetration, und geht weiter mit Szenen, die nicht gespielt gespielt wurden.

Love (2015): Im Gegensatz zu früheren Filmen inszenierte Gaspar Noé hier konsensualen und warmen Sex, aber eben teilweise nicht-simulierten (den er mit gespieltem vermischt). Die körperliche Liebe, so Noé, ist hier genau so wichtig wie die Handlung. Zu den unsimulierten Sexszenen gehört eine Ejakulation, die in dem 3D-Film Richtung Kamera bzw Zuseher geht.

Blau ist eine warme Farbe (2013): In dem Film von Abdellatif Kechiche über eine lesbische Liebe gibt es ausführliche Sex-Szenen, aber mit Vagina-Prothesen. Die hat Spezialeffekt-Maskenbildner Pierre O. Persin angefertigt, er durfte Lea Seydoux und Adèle Exarchopoulos die “Fake-Pussys“ (hauptsächlich aus Haaren bestehend) anpassen.7 Seydoux: “Wir wollten ja auf der einen Seite unsere Körper ganz nackt zeigen. Alles andere wäre verlogen gewesen. Aber auf der anderen Seite mussten wir auch dem Verdacht entgegentreten, dass wir einen Porno drehen. Also haben wir diese Perücken angepasst bekommen und schon haben wir uns … nicht mehr so nackt gefühlt.” Seydoux auch: “Ich habe im echten Leben noch nie eine Frau geliebt…Durch Absprachen und die Perücken war eine Künstlichkeit hergestellt, die für diesen Film nötig war und funktioniert hat. Ohne all das hätte ich den Film nicht gemacht. Es gibt Grenzen, die man nicht überschreiten sollte”.

Pola X (1999): Die Sex-Szenen zwischen “Pierre” (Guillaume Depardieu) und “Isabelle” (Yekaterina Golubeva) wurden zT (die explizitesten) gedoubelt, aber nicht alle. Echter Sex, zT durch Andere als von Depardieu und Golubeva, zT in blaue Schatten getaucht. Hinzu kommt, in narrativer Hinsicht, dass die Beziehung eine inzestuöse ist.8

Romance (1999): Zugegeben, eher ein “Kunstfilm” (art house) als einer für das Massenpublikum; aber eben kein Porno. Catherine Breillat inszenierte Sex v.a. zwischen Caroline Ducey und Rocco Siffredi, den diese am Set auch tatsächlich vollzogen.

Ein Liebeslied (Un chant d’amour, 1950): In Jean Genets Kurzfilm geht es um einen Gefängniswärter und einen Häftling, und ihre von Gewalt und Sexualität geprägte “Beziehung”. Aufregung gab es um die explizite Darstellung von Masturbation (des Häftlings, die den Wärter erregt), aber auch wegen des homosexuellen Charakters der “Beziehung”.

Nymphomaniac (2013): Lars von Trier inszenierte einen Sexfilm mit Shia LaBeouf und Charlotte Gainsbourg in den Hauptrollen, mit Penis- und Vaginaprothesen sowie Körper-Doubles. Der Sex wurde von Pornodarstellern, die als Doubles agierten, gefilmt und dann (über Computersimulationstechnik) mit mit den Köpfen und Beinen der eigentlichen Schauspieler “versehen”. Gainsbourg: “Man sieht eine echte Vagina, in einer Nahaufnahme, wenn sie einen Orgasmus hat. Nicht meine, sondern die vom Pornodouble. Das ist ein sehr seltsames Gefühl, das zu sehen. Es ist wie ein anderes ‘Gesicht’ auf meinem. Als ich das gesehen habe, wollte ich schreien: ‘Das bin nicht ich!'”.

Frankreich privat – Die sexuellen Geheimnisse einer Familie (2012): Das erklärte Ziel von Jean-Marc Barr war es, eine alternative Wahrnehmung von Sex zu der von der Pornoindustrie zu schaffen und gleichzeitig die Energie einer leichten Komödie zu transportieren. In Frankreich erschien der Film in zwei Versionen: einer „entschärften“ Kinofassung und einer „expliziteren“ auf DVD. Alle Sexszenen sollen “echt” sein.

Der letzte Tango in Paris (1972): In Italien, dem Heimatland von Regisseur Bernardo Bertolucci, wurde der Film bei seinem Erscheinen gänzlich verboten. Es gibt eine Szene, eine anale Vergewaltigung, in der ein Stück Butter als Gleitmittel eine Rolle spielt, die etwas von echtem Sex hat. Dieser Sex war für die von Maria Schneider gespielte Filmfigur unfreiwillig, für die Schauspielerin anscheinend auch. Es war nicht echt im Sinne von Eindringen, aber das Eincremen mit Butter. Schneider wusste vor dem Dreh nichts von der Szene, sie stand auch nicht im Drehbuch; Bertolucci konspirierte dabei mit Brando, da er “nicht die Reaktion einer Schauspielerin sondern eines Mädchens wollte.” Schneider: „Es war eine unglaubliche Erniedrigung. Das waren echte Tränen. Ich fühlte mich vergewaltigt.“9

8mm 2 (2005): Viele authentische Sex-Szenen, nur für den Heimvideomarkt

Wenn die Gondeln Trauer tragen (Don’t Look Now, 1973, Nicolas Roeg): Enthält eine Liebesszene von Donald Sutherland und Julie Christie, in Zwischenschnitten erzählt, von der die explizitesten Teile meist herausgeschnitten sind, er leckt sie, sie haben Verkehr, scheinbar echten; Christies damaliger Partner Warren Beatty soll versucht haben zu intervenieren, Sutherland hat die Authentizität dementiert

Antares (2004): In dem Film von Götz Spielmann geht es um 3 miteinander verknüpfte Geschichten/Beziehungen; der Sex zwischen Petra “Morze” (Kogelnik) und Andreas Patton ist jedenfalls sehr explizit dargestellt, scheint tatsächlich vollzogen worden zu sein (“klassische” Penetration)

The Brown Bunny (2003): Enthält eine Szene, in der Regisseur Vincent Gallo (als Darsteller) von seiner damaligen Partnerin Chloë Sevigny oral befriedigt wird. Eine Regisseurin (die mit „Brown Bunny“ nichts zu tun hat) hat behauptet, in der fraglichen Szene eine Prothese erkannt zu haben. In Cannes 03 stritt Gallo mit Filmkritiker Roger Ebert über den Film

Die Idioten (1998): In Lars von Triers Film gibt es eine Gruppensex-Szene, in der auch echter Sex zu sehen ist, der allerdings von Pornodarstellern aufgeführt wurde

Lust, Caution (2007): Im Erotik- und Spionagethriller von Ang Lee mit Tang Wei und Tony Leung gibt es einen Verkehr, der echt gewesen sein dürfte10

Hundstage (2001): Wie bei Robert Altman geht es in diesem Ulrich-Seidl-Film um verschiedene Handlungsstränge, die miteinander verwoben sind. Und wie eigentlich immer bei Seidl um verschiedene österreichische Realitäten. Am Beginn des Films eine Sexclub-Szene mit Claudia Martini mit verschiedenen echten sexuellen Aktivitäten. Was aber nichts gegen die Sexualität und Gewalt ist, die dann kommt, in verschiedenen Formen. Die “Lehrerin” uriniert wahrscheinlich echt, wovon das Geräusch zeugt. In dieser Episode stellt sich auch die Frage nach der Definition von echtem Sex; wenn ihr “Wickerl” mit den Fingern an (in?) das Geschlecht fährt und kommentiert “Saftelst aber ordentlich”. Es folgen ein Erbrechen das echt sein könnte und eine Misshandlung der Frau, die sehr echt wirkt (im Gegensatz zu der, die “Lucky” dann an “Wickerl” ausübt). Auch der “Eifersüchtige” (Rene Wanko) mit seinen verbalen und handgreiflichen Aggressionen gegen eine andere Frau (Franziska Weisz) wirkt beunruhigend authentisch. Bei der “Autistin” (Maria Hofstätter) wird Sexualität und Intimität verbal thematisiert, ggü jenen Autofahrern, die sie mitnehmen (zB “Kriagst du no d’Regel?”). Auch Senioren-Sex kommt vor

Caligula (1979): Malcolm McDowell als der römische Kaiser, der als sex-besessen dargestellt wird, was historisch fragwürdig ist.11 Der Film drückt sehr den Geist der 1970er aus, hat etwas von einem “Trash-Film” und auch von einem Porno, zumindest die ungeschnittene Version

Pink Flamingos (1972): Der Film von John Waters enthält eine Nahaufnahme vom Oralverkehr 2er Männer

Intimacy (2001): Darin geht es um eine rein sexuelle Beziehung, die auch Oralverkehr umfasst, den die Schauspieler tatächlich aneinander vollzogen

Paradies: Liebe (2012): Im ersten Teil von Ulrich Seidls “Paradies”-Trilogie12 geht es um eine österreichische Sextouristin in Kenia, zwischen ihren Gelüsten, ihrer Verzweiflung, Barmherzigkeit, Ausgenützt-werden,… Die Frage, wie authentisch die Sache ist, stellt man sich bei Seidl-Filmen des Öfteren. Das betrifft auch die Sexszenen hier, es gibt diverse davon, aber keinen Vaginal-, Oral- oder Analverkehr oder eine sichtbare Ejakulation, aber zB eine halbe Erektion13

Lucia und der Sex (Lucía y el sexo, 2001): Unter den entsprechenden Szenen ist eine, die in der Filmhandlung für einen Pornofilm gemacht wird, Cunnilingus von “Lorenzo” an “Lucia” (Paz Vega)

Die Erben (1983): In der “längeren” Fassung wird bei der Szene mit Roger Schauer und Evelyn Faber14 klar, dass sie für den (bzw beim) Dreh echten Sex hatten. Es gibt 2 weitere Szenen, die nicht “gefaked” sein könnten. In “Herzklopfen”, dem nächsten Film von Nikolas Vogel, könnte der Sex auch teilweise echt sein

Der Fremde am See (2013): Der üppige nicht-simulierte Sex wurde zT von Doubles durchgeführt

Triumphmarsch (La Marche triomphale, 1976): Der Film mit Patrick Dewaere und “Miou-Miou” war ursprünglich als Porno konzipiert, wurde dann “umgeschnitten”, enthält aber immer noch viel “graphische” Darstellung von Sex15

Heimliche Spiele (Choses secrètes, 2002, Jean-Claude Brisseau): Zeigt zB die öffentliche Masturbation einer Frau

1900 (1976): Eine Szene in der eine Prostituierte Hand an Depardieu und De Niro anlegt (bevor sie einen epileptischen Anfall bekommt)

Wilde Orchidee (1989): Die Schauspieler “Mickey” Rourke und Carre Otis waren damals ein Paar und taten vor der Kamera nicht nur so als ob, heisst es. Besagte Szenen sind jedoch nur in der “Heimkino”-Version zu sehen

Flesh (1968): Von Andrew Warhola, mit Joseph D’Allesandro

Spetters (1980): Ein Frühwerk von Paul Verhoeven mit einigen Hardcore-Sexszenen

Dogtooth (2009): Der Sex unter Geschwistern, die von den Eltern an der Nase herumgeführt werden, wird “semi-explizit” gezeigt

Ken Park (2002): Eine Begebenheit in diesem Film qualifiziert ihn für diese Aufreihung, männliche Masturbation

Wetlands (2013): Am Ende eine Szene, in der 4 Männer auf eine (Spinat-) Pizza masturbieren (und ejakulieren)

Emmanuelle (1974): Eine Szene mit einer asiatischen Tänzerin, die sich eine brennende Zigarette in die Vagina steckt und den Rauch hinterher von dort “ausbläst”16

Sade (2000): Behandelt den Gefängnisaufenthalt von Donatien de Sade während der Terrorherrschaft Maximilien de Robespierres 1794, basiert auf dem Roman “La terreur dans le boudoir”. In einer Szene dringt Daniel Auteuil mit Fingern in Isild Le Besco ein (oder in ihr Körper-Double)

W.R. – Mysterien des Organismus (1971): In dem jugoslawischen Film geht es hauptsächlich um die Beziehung zwischen Politik und Sexualität; es soll eine Szene darin geben, die ihn für diesen Artikel eignet

Weiters: All About Anna (2005, von Frauen für Frauen), Q (2011), Now & Later (2009),…

Little Ashes (2008): Robert Pattinson hat es sich vor der Kamera selbst besorgt, sagte er danach in einem Interview, aufgenommen wurde dabei aber nur sein Gesicht, das einen authentischen Orgasmus-Ausdruck bekommen sollte. Ein Grenzfall. Die Masturbationsszene in „Bad Lieutenant“ (1992) zeigt auch nicht das Glied und Harvey Keitel dürfte so getan haben als ob17 Nicht geklärt ist, ob bestimmte Sexszenen in diesen Filmen echt oder nur gut gespielt sind: “Leap year” (2010), “The diary of a teenage girl” (2015), “Der Liebhaber” (1992), “Cruising” (1980, Homosexualität), “Monster’s Ball” (2001), “Pornopung” (2013), “Nacktschnecken” (2004). Tom Cruise und Rebecca De Mornay waren 1982 beim Drehen von “Risky Business” ein Paar, die Sexszenen sollen eine gewisse Authentizität haben.18 In bzw für “Wild” mit Reese Witherspoon (2014) gab es keinen echten Sex, entgegen entsprechender Medienmeldungen. Bei den Dreharbeiten für “Spring Breakers” (2012) kam kam der Rapper Gucci Mane bekifft zum Set und schlief ein, während sich zwei Filmpartnerinnen einige Minuten lang auf ihm austobten (aber nur an Zehen und so).19 In “Drei” (2010) geht es relativ offen um Sex, aber nichts wurde explizit gemacht bzw gefilmt.

Sexualität kann in Filmen natürlich auch anders als durch Authentizität und Nacktheit dargestellt/ umgesetzt werden. In “Brokeback Mountain” waren nicht Sex-Szenen oder Nacktheit der “Aufreger”, sondern die gleichgeschlechtliche Beziehung. In “Lolita”, “American beauty” und “La Joven” ging es um Formen von Hebephilie. In der “Feuchtgebiete”-Verfilmung um die deutliche Sprache. In “Wolke 9” um Sex im Alter. In “Sleepers” um sexuellen Missbrauch (von Jugendlichen). In “Mississippi Masala” oder “Hochzeit in Galiläa” um Paarungen zwischen Angehörigen unterschiedlicher Ethnien. In “Herzflimmern” (1971) um eine ödipale Beziehung. In “Das Appartment” (1960) dreht sich im Grunde Alles um Sex, jedoch ist keine Haut unterhalb des Halses zu sehen. Auch in “Rosemary’s Baby” spielt sich Sexualität auf einer subtilen Ebene ab. In “Damage” oder “Die Klavierspielerin” gibt es expliziten (und realistisch simulierten) Sex, doch der ist “überschattet” von anderen Verstrickungen. In Filmen wie “Vom Winde verweht” oder “Frauenträume” (Ingmar Bergman) geht es um (die Sex manchmal zu Grunde liegenden) Liebesbeziehungen. In “The Sessions” geht es um die wahre Geschichte eines durch Kinderlähmung behinderten Erwachsenen (Mark O’Brien) und seine Sexualbegleiterin (dargestellt von Helen Hunt).20 In der “Name der Rose”-Verfilmung gibt es eine Sexszene, zwischen Mönch Adso von Melk (Christian Slater) und dem Bauernmädchen (Valentina Vargas), die sich weniger durch Nacktheit oder realen Sex auszeichnet (obwohl er sehr real wirkt)21. Die Szene stellt eine Konfrontation zwischen Trieb und Ratio dar, bzw zwischen Natur und Glauben; sie führt weg vom Hauptstrang der Erzählung (am Ende kommt es noch einmal zu einer wichtigen Konfrontation der Beiden).

Was Nacktheit ohne sexuelle Aktivität im (Mainstream-) Film betrifft, in der Hollywood war dies von den 1930ern bis in die 1960er durch den “Hays Production Code” geregelt. Daneben gab/gibt es in der USA anderen Staaten Regelungen bezüglich Freigabe bzw Zensur von Spielfilmen. “Die Sünderin” (1951) sorgte für Aufregung in der jungen BRD; aber nicht nur wegen der Nacktszene mit Hildegard Knef, sondern auch wegen der Thematisierung von wilder Ehe, Prostitution, Vergewaltigung, Sterbehilfe und Selbstmord. „Psycho“ (1960, Hitchcock) wurde ein Meilenstein der Filmgeschichte, wegen noch nie gezeigten Szenen von Gewalt sowie angedeuteter Sexualität: die Toilettenspülung, die Dusch-/Mordszene, Norman Bates’ Neigungen. Marli Renfro, ein Nacktmodel, machte jene Aufnahmen der Duschszene, in der “Janets” Gesicht nicht zu sehen ist. 1962 wurde “Something’s Got to Give” mit “Marilyn Monroe” gedreht, es sollte ihr letzter Film werden und er wurde nicht vollendet. Der Film sollte eine Neuverfilmung der Komödie “Meine Lieblingsfrau” aus 1940 werden. Für die Nacktszene im Schwimmbad nahm die Schauspielerin eine hautfarbene Badehose. Nach dem Drehen wurde Monroe noch darin und ohne fotografiert. In den Tagen nach dieser Szene meldete sie sich erneut krank, wurde daher gefeuert.

So wurde “Promises! Promises!” mit Jayne Mansfield 1963 der erste Mainstream-Film mit einem Nacktauftritt. In den 1960ern etablierten sich Nacktheit und Sex in Filmen, USA (Hollywood) mehr oder weniger der Vorreiter, echter Sex sowie männliche Nacktheit und Erektion blieben aber die Ausnahme.22 Bollywood ist heute noch prüde; “Kama Sutra” ’95 wurde in Indien als “Pornografie” gesehen, für den Westen war da “zu wenig”. Herausragend war “Prêt-à-Porter” (1994), bzw sein Ende, mit den nackten Models und der schwangeren Ute Lemper. In der Verfilmung von “Das Parfum” (06 in die Kinos) gibt es am Ende ja die Orgien-Szene angesichts der vermeintlichen Exekution, mit 750 Menschen die sich auszogen; Regisseur Tom Tykwer sagte in einem Interview dazu, “Wir wollten … keinen infernalischen Höllenrausch fickender Leiber zeigen, sondern ein überwältigendes Liebes- und Umschlingungsgefühl…Nach ein paar Tagen waren alle so an ihre Nacktheit gewöhnt, dass sich niemand mehr zur Mittagspause angezogen hat. Es war wie in einem Nudistencamp…Keiner hat ein Problem, sich auszuziehen, wenn sowieso alle nackt sind. Aber fass mal jemanden an, den du nicht kennst. Du stehst da und sollst inmitten von Hunderten Nackten jemandem an den Busen fassen.” Sienna Miller musste für den (auch unveröffentlichten) Film „Hippie Hippie Shake“, welcher in der Hippie-Zeit spielt und 2007-09 gedreht wurde, für einige Nacktszenen nachträglich am Computer mit Schamhaaren versehen werden. Da zu jener Zeit die heute unter Jugendlichen häufige Entfernung der Schamhaare noch nicht verbreitet war, hätten die Szenen sonst unauthentisch gewirkt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Echte Gewalt in Filmen, zum Vergleich, ist beschränkt auf Snuff-Filme und Dokus
  2. Gesicht und Genitalien zusammen sind heikel
  3. Eine Möglichkeit der Entschärfung ist auch, bestimmte (Körper-) Teile zu verpixeln
  4. Oder irgendwelche Moralisten, anders. Oder Voyeuristen anzuziehen
  5. Mainstream-Filme mit (gestelltem) Sex und/oder Nacktheit fast wie in Pornos sind zB „Basic Instinct“ (1992), “American Pie”, “Don Juan 73”, “Henry & June”, “Showgirls”, “Walkabout”, “Piranha 3D”, “American Psycho”, “Eyes wide shut”, “Antichrist”, “Striptease”, “Heavens Gate”, “The Garden”, “Belle de jour”, “Lady Henderson präsentiert”, “Lady Chatterley” (Pascal Ferran), “Fifty Shades of Grey”, “Der Pool”, “Die Träumer”, “Last Picture Show”, “Turks Fruit” (Niederlande 1972, Paul Verhoeven, mit Rutger Hauer und Monique van de Ven), “Die 120 Tage von Sodom” (“Salò o le 120 giornate di Sodoma”, 1975, Pier P. Pasolinis letzter Film, basiert auf dem Buch “Die 120 Tage von Sodom” des Marquis de Sade, Handlung in das Italien des Faschismus verlegt, offene aber simulierte Darstellung von Gewalt und erzwungenem Sex), “Blue Movie” (1969, Andy Warhol, soll “Letzter Tango von Paris” beeinflusst haben), “Es brennt in mir” (2003, Laura Smet), “A Real Young Girl” (1976, mit Charlotte A. Seeley, Regisseurin Catherine Breillat, bis um 2000 war der Film in den meisten Ländern verboten, aufgrund der deutlichen Zur-Schau-Stellung von Geschlechtsorganen und der Entladung diverser Körperflüssigkeiten), “Solo für Klarinette” (1998, eine Szene mit Götz George und Saskia Vester), „Die Liebhaberin“ (2016, Argentinien), „Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen“ (1986), “Atemlos”, die “Nathalie-Babystrich”-TV-Filme mit Anne-Sophie „Briest“ (besonders die Teile 1 und 2)
  6. “Statist” ist ein dehnbarer Begriff
  7. Das Filmen dieser Arbeit bzw das Making-of des Films hätte “es” in sich gehabt
  8. So etwas wurde auch in “Close my Eyes” thematisiert, auch ziemlich “deutlich”
  9. Suzanne Moore schrieb dazu im „Guardian“: „Last Tango’s abuse reveals the broken promise of the 1970s sexual revolution“
  10. Auf gutefrage.net antwortete Einer: “Die Szenen wirken erstaunlich echt (z. B. Hautrötungen, zusammengezogener Hodensack) und in einigen Einstellungen sieht es ganz danach aus, als ob er (Tony Leung) erigiert in sie (Tang Wei) eindringt.”
  11. Es gibt zwar derartige zeitgenössische Beschreibungen, doch in der römischen politischen Kultur gingen politische Gegnerschaft oft Hand in Hand mit Zuschreibungen von Verrücktheit und sexueller Abartigkeit
  12. > 2012: Paradies: Glaube, 2013: Paradies: Hoffnung
  13. Und den Kommentar “So an Hoibwachen kriagt da Kurt a no zom”
  14. Erzählt als Rückblick eines Beobachters
  15. Ähnlich war es bei “Alice in Wonderland” (1976), “Café Flesh” (1982) oder “Stocks and Blondes” (1984, ursprünglich als “Wanda Whips Wall Street” raus
  16. Die “Emmanuelle”-Nachfolgefilme bzw Fortsetzungen sind wahrscheinlich als Pornofilme zu klassifizieren
  17. www.youtube.com/watch?v=B2WuD4zRlaY
  18. Manchmal stehen Paare gemeinsam vor den Kameras, wie Basinger und Baldwyn in “Getaway” (1994), oder ist echte Liebe dabei im Entstehen, wie zwischen Polanski und Tate in “Tanz der Vampire” oder Cruise und Kidman in “Days of thunder”
  19. “We were working 12-hour days, and then I was going out at night. The last scene I shot was my big sex scene, and by that point I was exhausted. There had been pounds of this fake herbal weed on set, but that junk gave me a headache, so I stuck to smoking Kush . . . It was 4 in the morning, and even with these two naked bitches on me — one was riding me while the other sucked my toes — I couldn’t keep my eyes open. I was knocked out, snoring . . .”
  20. Hunt in einem Interview: “Ich hatte ehrlich gesagt noch nie von diesem Job gehört. Anfangs dachte ich das Gleiche, was auch der Priester in unserem Film denkt: Im Grunde ist das nichts anderes als eine Prostituierte. Aber dann habe ich die Frau getroffen, auf deren Leben meine Figur basiert, und ich habe auch mit Menschen gesprochen, mit denen sie arbeitet: Prostatakrebs-Überlebende, Frauen, die ihren Körper für entstellt halten, 70-jährige Männer, die nie Sex hatten, weil sie sich ihr Leben lang geschämt haben. Als diesen Menschen hat Cheryl Cohen-Greene geholfen, zu einer eigenen Sexualität zu finden. Das hat mit einer Prostituierten nichts zu tun.”
  21. Wenn Slater beim Dreh einen “Ständer” bekommen hat, ist der Sex i-wie echt geworden
  22. Erektionen (ohne sexuellen Akt) in Nicht-Porno-Filmen gibt es u.a. in: “Boys in the Sand” (1971), “Die Mysterien des Organismus” (1971), “Score” (1974), “Im Lauf der Zeit” (1976), “Loads” (1980), “Taxi zum Klo” (1980), “Hard” (1998), “Killing Me Softly (2002), “Lie with me” (2005), “Destricted” (2006), “Chloe” (2009), “Marfa Girl” (2012), „Spies & Glistrup“ (2013)

Mythos Haile Selassie und Äthiopien

Haile Selassie I. (ቀዳማዊ ኃይለ ሥላሴ]) bzw Tafari Makonnen (1892 – 1975), äthiopischer König/ Kaiser von 1930 bis 1974 und zuvor ab 1916 “Regent”, ist eine umstrittene historische Figur, jedenfalls eine bestimmende Gestalt in der Geschichte Äthiopiens aber auch Afrikas an sich. Über die Geschichte von Äthiopien/ Abessinien liegt Vieles im Unklaren, hier vermischen sich gerne Mythen und Legenden mit Fakten. Der Versuch einer Annäherung an diesen Herrscher und sein Land, und die Widersprüche und Gegensätze in den Auffassungen darüber.

Ländliches Äthiopien, Norden

Haile Selassie kam aus der Salomonischen Dynastie, die sich auf den legendären jüdischen König Salomon/ Shelomoh1 bezieht, der sich im 10. Jh vC laut Tanach/Bibel/Koran und äthiopischer Legenden mit der ebenfalls legendären Königin von Saba/ Sheba in Jerusalem/ Jebus getroffen haben soll. Laut dem äthiopischen “Kebra Nagast” aus dem 13./14. Jh2 soll in ihrem Bauch aus dem Samen Salomons, mit dem sie in das lebendäre Saba zurück kehrte, ein Bub gewachsen sein, den sie Menelik nannte. Dieser soll Herrscher von Äthiopien (wofür Saba ein Synonym gewesen sein soll3) geworden sein, als Erster aus dieser “salomonischen Dynastie”. Gesichert ist diese Dynastie erst ab etwa 1300 (nC), als Herrscherfamilie Äthiopiens, nicht die Abstammung vom biblischen König. Und, das erste Staatswesen Äthiopiens war das Reich von Aksum (nach der “Hauptstadt” so genannt), dessen Anfänge irgendwann zwischen 100 und 500 nC liegen müssen.4 Ob das Aksum-Reich von dieser Dynastie regiert wurde, ist sehr fraglich – wiederum abgesehen von der Frage der Abstammung.

Stele/ Obelisk in Aksum

Die Bevölkerung des Kern-Äthiopiens vor der Erweiterung im 19. Jh waren die Habescha/ Abesha/ Abessinier, die semitischer Sprache und möglicherweise Herkunft waren und aus denen Amhara/ Amharen und Tigre/ Tigray hervor gingen. Die Sprache Ge’ez entstand, die Vorform von Amharigna und Tigrinya, evtl durch Einwanderung aus Südwest-Arabien bzw Jemen. Zeugnisse aksumitischer Kultur sind nicht zuletzt die grossen Obelisken/ Stelen, die auch zT von Europäern aus dem Land verschleppt wurden. Aksum war eines der Reiche  in Spät-Antike/ Früh-Mittelalter in Afrika, wie das benachbarte Reich von Kusch in Nubien, wo sich der aus Äthiopien kommende Blaue Nil mit dem Weissen vereinigt. Das Reich unterhielt Beziehungen über den Nil und das Rote Meer, mit Südarabien und Ägypten (von wo später der Islam kam), mit Europa, mit Asien. Der aus Äthiopien stammende Kaffee wurde hauptsächlich über Jemen/Südarabien verbreitet. Im 4. Jh kam das Christentum, aus dem Osten des Römischen Reichs durch Syro-Phönizier oder Griechen, wurde unter König Ezana Staatsreligion.

Was Äthiopien mit Jemen verbindet, ist auch der Konsum von Qat/ Kath; hier ein Feld in Äthiopien

Die Äthiopische Kirche bekannte sich zum Monophysitismus5, verband sich mit der Koptischen Kirche in Ägypten, hat aus dem Judentum zB die Beschneidung übernommen; an ihrer Spitze steht ein Abuna. Koptische Ägypter füllten jahrhundertelang diese Position aus, standen an der Spitze der Äthiopischen Kirche. In Aksum entstand unter Ezana die Kirche “Sankt Maria von Zion”. Dorthin soll die Bundeslade gebracht worden sein6, dort wurden jahthundertlang die äthiopischen Könige gekrönt. Der Niedergang des Aksum-Reiches begann mit der Ausbreitung des Islams in der Region Westasien-Nordafrika. Der Islam kam auch nach Ägypten, Nubien, Äthiopien und die Küste des Horns von Afrika, das spätere Somalia (wahrscheinlich das legendäre Punt/-land, das teil- und zeitweise zum Aksum-Reich gehört hatte). Die Maria-Zions-Kirche wurde aber (das erste Mal) um 1000 von der Armee der Gudit/ Judith zerstört, möglicherweise ebenfalls eine legendäre Figur, die das Reich von Aksum “beendete”. Sie soll Jüdin gewesen sein und/ oder den kuschitischen Agau angehört haben – wie die als Juden nach Israel gebrachten Äthiopier. In der Folge entstand das Reich der Zagwe-Dynastie sowie andere regionale Reiche.

Kebra Negest – Illustration

1270 wurden die Zagwe von einem Yekuno Amlak gestürzt, der sich als Angehöriger der Salomonischen Dynastie vorstellte. Die Herrschaft dieser Dynastie ist erst ab hier gesichert (abgesehen von der legendären Gründung), sie ging mit kurzen Unterbrechungen bis 1974/75. In der einen Geschichtsauffassung kam es hier zu einer Wiederherstellung der Herrschaft des königlichen Hauses des Aksum-Reichs. Unter den “salomonischen” Kaisern wehrte Äthiopien die Osmanen ab, ging dabei Allianzen mit den Portugiesen ein. Unterhalb des Negus (König/Kaiser) gab es die Ras, regionale Statthalter, meist auch aus dieser Dynastie. Und, in der späteren Neuzeit machten sich die Ras’ selbstständig, die Negus’ (in der Hauptstadt Gondar) begannen ein Schattendasein zu führen. Wie in Japan, wo die Shogune vom 13. bis zum 19. Jh die eigentliche Macht ausübten, die Tennos in den Hintergrund stellten. Diese Periode in Äthiopien von Mitte des 18. Jh bis Mitte des 19. Jh wird Zemene Mesafint (ዘመነ መሳፍንት) genannt, was mit “Ära der Prinzen” übersetzt werden kann.7 Diese Phase kam zu einem Ende, als der Ras von Quara, Kassa Hailu, zunächst weitere Regionen unter seine Kontrolle brachte, dann 1855 Yohannes III.8 absetzte und sich zum Negus Tewodros/ Theodorus II. machte.

Tewodros stellte die Zentralgewalt über/ in Äthiopien wieder her, zu einer Zeit, als europäische Mächte dabei waren, sich ganz Afrika “unter die Nägel zu reissen.” Im südlichen Grenzgebiet kämpfte Tewodros’ Armee mit hamitischen Völkern. Aussenpolitischer Gegner war Ägypten, dass damals de jure Teil des Osmanischen Reichs war, de facto unabhängig (und auch über den Sudan herrschte) und unter zunehmenden britischen Einfluss. Negus Tewodros führte seine Armee gegen die britische Äthiopien-“Expedition” 1868 an, beging am Ende der Schlacht von Magdala Selbstmord, um nicht in britische Gefangenschaft zu geraten. Sein Nachfolger Tekle Giyorgis II. war väterlicherseits ein Abkömmling der alten Zagwe-Dynastie, die ja von der Salomonischen Dynastie, der auch seine Mutter entstammte, entmachtet worden war. In seiner Regierungszeit begann (1869) die italienische Inbesitznahme des Küstengebiets von Äthiopien, Eritrea, ein hauptsächlich von Tigre bevölkertes Gebiet, zT moslemisch, zT christlich, wie der Rest Äthiopiens zeitweise unter regionalen Herrschern, auch unter Herrschaft der Osmanen/Ägypter. Nachfolger Yoannes/Johannes IV. fiel gg die eindringenden Mahdisten aus Sudan; er ist der erste äthiopische König von dem es ein Foto gibt.

Nach ihm kam, 1889, Menelik II., vom Shewa-Zweig der Salomonen, zuvor auch einer der Ras/ Landesfürsten. Dieser Zweig konnte auf eine ununterbrochene patrilineare Abstammung vom frühesten gesicherten Salomonen, Yekonu Amla, “verweisen”. 1895/96 versuchte Italien von Eritrea aus, Äthiopien an sich einzunehmen (“Erster Italienisch-Äthiopischer Krieg”). Abessinien unter Kaiser Menelik II. gewann die Schlacht von Adua (Adwa), konnte seine Unabhängigkeit wahren. Ras Makonnen Woldemikael, Vater des späteren Kaisers (Königs) Haile Selassie, spielte bei diesem Sieg als General eine Rolle. Äthiopien/Abessinien war bei der Berliner “Kongo”-Konferenz 1884/85 anerkannt worden, von den welt-beherrschenden Westmächten, war der einzige afrikanische Staat in Afrika neben dem von der USA gegründeten Liberia. Gegen den italienischen Angriff (der im Zuge der vollständigen europäischen Aufteilung Afrikas kam) konnte das gewahrt werden. China (damals unter den Qing), Persien (unter den Kadscharen), das Osmanische Reich, Japan und Äthiopien waren einige der wenigen Reiche/Länder, die auch im 19. Jh nicht ganz von europäischen Kolonialmächten unterworfen wurden; nach dem 1. WK begann diesbezüglich eine neue Ära.9

Menelik II.

Die Grenzen Äthiopiens wurden unter Menelik II. neu festgelegt, durch seine Eroberungen10, er vergrösserte Abessinien/Äthiopien in den Süden, in hamitische, kuschitische, nilotische Gebiete. Eroberte zB das (nilotische) Kaffa-Reich, das von Naturreligionen geprägt war, sein letzte Herrscher Tato Gaki Sherocho wurde gefangen genommen. Sonst waren vor allem Moslem-Gebiete betroffen; die amharisch-christliche Herrschaft wurde über weitere Ethnien ausgedehnt (zuvor bestand sie nur über Tigre, Afar und einen Teil der Oromo). Meneliks dritter relevanter Wirkungsbereich war eine Modernisierung, die er dem Land verpasste. Im Zuge dessen wurde Addis Abeba Hauptstadt, wurde der Staat zentralisiert, die Macht des Negus gestärkt. In Japan gab es ab 1868 die Meiji-Restauration, mit der die Macht des Tennos wieder hergestellt wurde – was in Äthiopien unter Tewodros und Menelik geschah.

Der Mythos von Äthiopien bzw seine Bedeutung für Afrika und die afrikanische Diaspora kam aus seinem Charakter als afrikanische Hochkultur, seiner frühen Annahme des Christentums, der weitgehenden Behauptung seiner Unabhängigkeit, und nicht zuletzt aus seinen legendären Verbindungen zu den Wurzeln von Christentum und Judentum. Die Äthiopische Orthodoxe Tewahedo Kirche ist eine der wenigen vor-kolonialen Kirchen in Afrika; aber abgesehen davon wird auch ein Bezug des Landes zu Inhalten, Geschehnissen und Figuren aus Tanach und Bibel beansprucht, Äthiopien mit als Quelle jener Kultur gesehen, die den Westen eroberte, und die längst als “westlich” gesehen wird. Äthiopien hat den Europäern (Italiener, Briten,..) wie den Moslems (Araber, Türken) weitgehend widerstanden. Äthiopien war ja auch ein Kandidat für das “Johannesreich”, ein von Europäern vermutetes christliches Reich in einer Region von “Wilden”. Westler, die sich auf den christlichen Charakter Äthiopiens sürzen, blenden die Gräuel aus, die v.a. beim dritten (gelungenen) italienischen Versuch der Einnahme des Landes geschahen, blenden die Bedeutung des Landes in der Behauptung gegen die totale europäische Expansion aus; und: Giordano Bruno schrieb 1591, “niemand könne sich tatsächlich vorstellen, dass zum Beispiel das jüdische Volk und die Äthiopier die gleichen Vorfahren gehabt hätten. Also hätten seinerzeit nicht nur ein Adam, sondern mehrere unterschiedliche erste Menschen geschaffen werden müssen, oder die Afrikaner seien die Abkömmlinge präadamitischer Stämme der Menschheit.”11

Menelik wurde 1913 von seinem Enkel Iyasu und dann seiner Tochter Zauditu gefolgt, dann kam sein Grosscousin Haile Selassie an die Reihe. “Lij” Iyasu, von Grossvater und Vorgänger Menelik ernannt, war Sohn eines ursprünglich moslemischen Oromo-Fürsten (der eine Tochter Meneliks geheiratet hatte). Er war 1910-13 Regent für den erkrankten Opa, 1913 (16 Jahre alt) bis 1916 ungekrönter König (Iyasu V.). Er hatte in der Familie, im Adel, keinen leichten Stand, wurde (v.a. aufgrund seines Vaters) der Förderung von Moslems im Inneren und Äusseren verdächtigt. Seine Halbtante Zauditu (Zewditu, Zawditu, Zäwditu) sah er als Bedrohung, liess sie exilieren; 1916 setzten Adel und Kirche aber Iyasu ab und diese ein. Sie heiratete den Sohn von Meneliks Vorgänger Johannes, bzw wurde verheiratet, es folgten weitere Heiraten. Sie war bis 1930 Negiste (Königin) bzw Negiste Negest (Königin der Könige, bzw Kaiserin), eines von ganz wenigen weiblichen Staatsoberhäuptern weltweit damals. Der gestürzte Iyasu hielt seine Ansprüche aufrecht, forderte mit seinen Anhängern Zauditu (1916) militärisch heraus. Ras Tafari Makonnen, der spätere Haile Selassie, spielte eine Rolle bei der Absetzung von Iyasu, wurde ’16 Kronprinz bzw Thronerbe, spielte unter (seiner Tante) Zauditu eine bestimmende Rolle, als ihr Regent.

Seine Mutter war Oromo (und Tochter eines Regionalherrschers), sein Vater väterlicherseits Oromo, mütterlicherseits Amhara und Angehöriger der Salomonischen Dynastie (Tante von Menelik II., somit gehörte Haile Selassie auch dem Shewa-Zweig der Salomonischen Dynastie an). Sein Vater, Ras Makonnen Woldemikael Gudessa, war “Gouverneur” (Ras) der Provinz Harar, wo Tafari auch 1892 geboren wurde. Dort lebten verschiedene Ethnien, darunter das Harari-Volk, aber Amhara oder an diese Assimilierte herrschten über sie. Es gab innerhalb der Herrscherfamilie viele Machtspiele, Streitigkeiten, Intrigen, auch Heiraten; Posten wie die Regionalfürsten (Ras) und Militärgeneräle wurden oft an Familienangehörige vergeben. Sein Vorname Tafari wurde, nach äthiopischem Brauch, gefolgt von dem seines Vaters (Makonnen), manchmal von dem seines Grossvaters (Woldemikael). Als Kind wurde er Lij (“Kind”12) Tafari Makonnen genannt. Verschiedene Umstände, wie die Tatsache dass keine von Zauditus Kindern über die Kindheit hinaus kamen, “spülten” ihn in der Thronfolge nach oben. Er heiratete eine Nichte von Iyasu V. Als Ras von Harar wurde er Ras Tafari Makonnen.

Der frühere Gouverneurspalast in Harar

Als Regent für Königin Zauditu übernahm er weitgehend “ihr” operatives Geschäft (während sie hauptsächlich Kirchen errichten liess), er sorgte dafür, dass Äthiopien 1923 dem Völkerbund beitrat. Liberia war 1920 Gründungs-Mitglied des Völkerbundes, Südafrika war auch von Anfang an dabei (bevor es unabhängig wurde von GB), 1937 folgte mit Ägypten ein dritter afrikanischer Staat. Der Völkerbund war hauptsächlich mit der Konkurrenz und Feindschaft der westlichen Mächte untereinander beschäftigt – die Anliegen der nicht-weissen Staaten waren absolut untergeordnet. Paradoxerweise kamen die beiden afrikanischen Mitglieder Äthiopien/Abessinien und Liberia im Völkerbund unter Druck wegen Sklaverei bei sich. “Am Ende” waren es die beiden einzigen unabhängigen afrikanischen Staaten, in denen es noch Sklaverei gab, und westliche Länder, die auf Abschaffung drängten…13 In Äthiopien hatten sich Könige seit Tewodros II. um die Abschaffung bemüht, die Praxis ging aber bis in die Königszeit von Tafari Makonnen/Haile Selassie hinein. Im Liberia gab es damals die Minderheitenherrschaft der (schwarzen) Americo-Liberianer über die Afro-Liberianer, und die Wirtschaft des Landes war ganz auf die Produktion von Kautschuk ausgerichtet, und da hatte der US-amerikanische Konzern Firestone quasi ein Monopol – und die Sklaverei spielte sich in deren Bereich ab.

Äthiopien oder Abessinien? “Abessinien” leitet sich vom arabischen “Habash” ab und war der Name, unter dem Äthiopien jahrhundertelang im Ausland bekannt war. Die Äthiopier haben ihr Land eigentlich immer “Äthiopien” (Ītyōṗṗyā, ኢትዮጵያ) genannt. Und, vor der Schaffung des Völkerbundes gab es eigentlich keine internationale Registrierung von Staatsnamen oder so etwas Ähnliches, und das Land trat dem Völkerbund als Äthiopien bzw Äthiopisches Reich bei. Es gab also keinen Namenswechsel, wie bei Ceylon/ Sri Lanka, Siam/ Thailand, Persien/ Iran. Eigentlich bezeichnet “Abessinien” nur den semitischen, ursprünglichen Teil Äthiopiens.

1924 bereiste Regent Tafari Makonnen Europa, Nordafrika, Westasien. In Grossbritannien bekam er die Krone von Tewodros für das Land (bzw Königin Zauditu) zurück, die die Briten bei ihrer Invasion in Äthiopien 1868 mitgenommen hatten – im Gegenzug für zwei Löwen. Die es in Äthiopien damals wahrscheinlich auch nur noch in Gefangenschaft gab. Wie anderswo (zB Persien) waren Löwen auch in Äthiopien bis ins späte 19. Jh weitgehend ausgerottet worden. Vielleicht gibt es auch noch wild lebende im Osten des Landes. 1928 versuchten einige Reaktionäre am Hof, durch einen Putsch gegen Tafari Makonnen seinen sanften Reformkurs zu stoppen. Nach dessen Niederschlagung verschob sich die Macht noch weiter zum Regenten, dem künftigen König, der nun bereits diesen Titel (Negus) bekam. 1930 versuchte Zauditus 3. (4.?) Ehemann, Gugsa Welle (anscheinend ohne Unterstützung der Königin), eine Rebellion gegen Makonnen zu starten, wurde mit seinen Anhängern dabei von der äthiopischen Armee geschlagen und getötet. Kurz darauf starb Zauditu. Es halten sich Gerüchte, wonach sie umgebracht worden sei, und ihr Nachfolger dabei beteiligt war. Tafari Makonnen wurde jedenfalls neuer Negus, nahm den Kaisernamen Haile Selassie an.

Die Gegner jeglicher Reformen im Zentrum der Macht hatten ihn also schon mehrmals herausgefordert, bevor er offiziell an die Macht kam. Haile Selassie I. wird als 225. Nachfolger des Sohnes von Makeda und Salomon, Menelik, gesehen. Als die Kunde von seiner Krönung die damals britische Karibik-Insel Jamaica (Jamaika) erreichte, formierte sich dort die Rastafari-Religion, dazu noch mehr. Haile Selassie erliess 1931 Äthiopiens erste Verfassung,  die ein Parlament aus 2 Kammern festschrieb, allerdings ein ernanntes Parlament aus Adeligen und mit beratender Funktion… Eigentlich hat sich dadurch nur geändert, dass der Entscheidungsprozess des Adels in geregelte Bahnen gelenkt wurde. Es wurde in der Verfassung Demokratie anvisiert, für einen Zeitpunkt in dem das Volk “reif dazu war”.14 Des weiteren wurde dort die Thronfolge auf Nachkommen des aktuellen Königs beschränkt – was in der grossen und weitverzweigten Herrschersippe klarerweise auf Unmut stiess.

Kronprinz Asfaw Wossen und König Fuad von Ägypten 1931

Das faschistische Italien entwickelte Appetit auf neue Aussengebiete und eine “Wiedergutmachung” für die Niederlage von Adua. Zu Eritrea war in der Region noch Ende des 19. Jh ein Teil von Somalia unter italienische Herrschaft dazu gekommen. Äthiopien war auch ein Verbindungsstück zwischen diesen Gebieten. In diese beiden Gebiete in Ostafrika sandte der italienische “Duce” Benito Mussolini 1935 zusätzliche Truppen, Äthiopien wurde so Ende ’35 angegriffen. Den Angriff leitete zunächst Emilio de Bono, dieser wurde nach kurzer Zeit von Pietro Badoglio ersetzt. Der Piemontese15 war schon in Adua als Soldat dabei gewesen, dann bei der Einnahme Libyens in höherer Position, hatte im 1. WK Kampagnen im Julischen Venetien gegen Österreich-Ungarn geleitet16, war dann in Libyen Zivilgouverneur gewesen (mit der Niederschlagung von Widerstand beschäftigt), wurde in der Zwischenkriegszeit Generalstabschef. Badoglio befahl den Einsatz von Giftgas, die Vergiftung von Trinkwasserquellen, Bombardierungen, Beschuss ziviler Ziele.

Haile Selassie und ein italienischer “Blindgänger”, 1935

Das moderne italienische Militär war überlegen, die Äthiopier hatten allenfalls bessere Ortskenntnisse und in der Regel eine höhere Motivation, aber zum Teil nicht einmal Schusswaffen. Im Mai 1936 nahmen die Italiener unter Badoglio Addis Abeba ein, kam der Italienisch-Äthiopische Krieg17 zu einem Ende. Mussolini erklärte Äthiopien zu einer italienischen Provinz, liess es mit Eritea und Somalia zu Italienisch-Ostafrika (Africa Orientale Italiana, bestand 36-41) zusammenschliessen. Der italienische König Vittorio Emanuele III. di Savoia wurde zum Kaiser Äthiopiens proklamiert, Badoglio wurde Vizekönig von Italienisch-Ostafrika, für einige Monate, ehe er von Rodolfo Graziani abgelöst wurde.18 Haile Selassie, der während des Krieges u.a. eine Wallfahrt zu den Lalibela-Kirchen gemacht hatte, verliess die Hauptstadt kurz vor ihrer Einnahme, mit einer Entourage, nach einer Beratung mit Regierung und Parlament.

Die Regierung verliess Addis ebenfalls, wich in den Süden des Landes aus. Der Negus ernannte seinen Cousin Ras Imru Haile Selassie zum Regenten während seiner Abwesenheit. Mit seiner Familie, einigen Vertrauten und Bediensteten fuhr er nach Französisch-Somaliland, von dort (wie einst Makeda der Legende nach) mit dem Schiff über das Rote Meer nach Palästina, damals unter britischer Kontrolle. Er besuchte dort u.a. Jerusalem/ Quds, wohnte im Bayt ʾal-šarq/Orient House; in den 1920ern hatte er das Land erstmals bereist. In Palästina hatte damals gerade der palästinensische Aufstand gegen die zionistische Siedlungs- bzw Verdrängungspolitik unter der britischen Kolonialherrschaft begonnen. Über Gibraltar führen die Äthiopier dann nach Grossbritannien, wo sie die Zeit des Exils bis 41 verbringen sollten, in Bath im Südwesten. Wobei Haile Selassie und seine Begleiter von Haifa nach Gibraltar mit einem britischen Kriegsschiff gebracht wurden19, von dort mit einem zivilen Schiff weiterfuhren. Das ersparte der britischen Regierung, dem exilierten König einen offiziellen Empfang zu geben. Beziehungsweise, ihn als solchen zu empfangen und damit die Besetzung und Annexion seines Landes durch eine andere europäische Macht umissverständlich zu verurteilen.

In Jerusalem

Haile Selassies zwei Schwiegersöhne wurden in diesen Jahren vom italienischen Militär getötet, seine Tochter Romanework starb in Gefangenschaft. Der Negus wollte sein Anliegen beim Völkerbund vorbringen. Die Invasion war vom Völkerbund verurteilt worden, allerdings wurden keine richtigen Sanktionen verhängt. USA-Präsident Franklin Roosevelt erliess (unter dem kurz davor erlassenen Neutalitätsgesetz) für “beide Seiten” (also Aggressor und Opfer) ein Embargo für Waffen und Munition. Der britische Aussenminister Hoare und sein französischer Kollege Laval dachten zur Lösung des “Konflikts über Abessinien” die Teilung des Landes bzw Abtretung eines Teils an Italien an.20 Im Juni 1936 sprach Haile Selassie vor der Generalversammlung des Völkerbunds in Genf, als erstes Staatsoberhaupt überhaupt. Er prangerte in seiner Rede21 den italienischen Gebrauch von Giftgas bei der Eroberung Äthiopiens an und appellierte um Hilfe gegen die Besetzung. Die Rede wurde von italienischen Journalisten auf der Zuschauer-Tribüne gestört. Es stellte sich heraus, dass diese regimetreu waren und von Mussolinis Schwiegersohn und Aussenminister Ciano instruiert worden waren.22

Die Rede machte ihn international berühmt23, jedoch: die ineffektiven Sanktionen gegen das faschistische Italien wurden nicht verschärft, sondern sogar bald aufgehoben. Und 1937 gab es nur 6 Staaten die die italienische Einverleibung Äthiopiens nicht anerkannten: USA, Sowjetunion, Rep. China, Rep. Spanien, Mexico, Neuseeland. Die internationale Gemeinschaft bzw der Völkerbund waren damals eben überwiegend “weiss”, und kaum eine Regierung hatte ein Problem damit, dass endlich auch Äthiopien unterworfen wurde, von einer weissen Macht. Und jene, die eines damit hatten, zT deshalb weil sie eine Expansion des faschistischen Italiens fürchteten, das damals mit Hitler-Deutschland noch nicht fest verbündet war, aber darauf lief es ja hinaus. “Bewahrung von Frieden” bedeutete auch damals nicht, die Aggression gegen ein Land bzw Volk als das Problem zu erkennen, sondern zu vermeiden was gegebenenfalls bei einem Vorgehen gegen die Aggression heraus kommen könnte. Und: Alle wichtigen Mächte hatten selbst “nicht-weisse” Länder unterworfen, wieso sollte das auf einmal ein Problem sein.24

In der USA, wo es in einem sehr grossen Teil des Landes Rassentrennung, und überall Rassendiskriminierung zum Nachteil der Afro-Amerikaner (und anderer Nicht-Weisser) gab, stiess Selassies Rede auf Gehör, bei diesen Unterprivilegierten. Diese sahen schon einen Zusammenhang zwischen der Verletzung ihrer Menschenrechte und der faschistischen Besetzung Äthiopiens. Dort wurden nun die Bodenschätze ausgebeutet, die Völker gegeneinander ausgespielt und den Italienern, die im Zuge der Eroberung ins Land kamen, eine Vorherrschaft in allen Bereichen über die Äthiopier “eingeräumt”.25 Vizekönig/ Gouverneur Graziani liess Abuna Qerellos 36 absetzen, 45 kehrte der zurück an die Spitze der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche. Es gab äthiopischen Widerstand gegen die Besetzung und Einverleibung 36-41, Arbegnoch wurden diese Kämpfer genannt, die italienischen Behörden nannten sie “Shifta”. Die Widerstandsbewegung war in ländlichen Gegenden stark, in Addis Ababa und anderen Städten gab es nur kleine Zellen. Auch einige Hundert Eritreer partizipierten. Und ausländische Freiwillige. Die “Schwarzen Löwen” waren eine Gruppe dieses Widerstands. Unterstützt wurde er von der Oberschicht und der Kirche. Kollaboration gab es auch, nicht zuletzt in Eritrea.

Im Rahmen des zweiten grossen Krieges westlicher Mächte gegeneinander im 20. Jh (“Zweiter Weltkrieg”) kam es 1941 zur britischen Einnahme Äthiopiens – nachdem italienische Truppen von dort aus Britisch- und Französisch-Somalia angegriffen hatten. Die Hauptoffensiven gegen die italienischen Kolonialtruppen wurden vom anglo-ägyptischen Sudan und von Britisch-Ostafrika (Kenia) aus eingeleitet. Die äthiopischen Partisanen beteiligten sich an der Befreiung ihres Landes. Die britischen Truppen bestanden hauptsächlich aus (weissen) Südafrikanern und Indern sowie Männern aus der Region Nordost-Afrika, wie die “Gideon Force” unter Orde Wingate, ein Offizier, der die Zionisten in Palästina offen gegen die dortige Bevölkerung unterstützte. Der König kehrte nach 5 Jahren wieder nach Äthiopien und an die Macht zurück, über den Sudan. Und traf auch mit Wingate zusammen. Der bei der Niederschlagung des palästinensischen Aufstands 36-39 beteiligt war, und beim Aufbau der Haganah (des Instruments ethnischer Säuberungen, von Einschüchterungen und Massakern an Zivilisten). Es gab bei der Befreiung unter den Südafrikanern die für die Briten kämpften, auch solche, die dann bei der Errichtung des Apartheid-Systems in ihrem Land beteiligt waren. Und auf der Gegenseite Südtiroler die für Italien kämpften, auch nolens volens bzw ohne Bezug zum Kriegsziel.26

Haile Selassies zweite, längere Machtphase dauerte von 1941 bis 1974. 1942 gab GB die Souveränität über Äthiopien an die Äthiopier zurück, bzw an ihre Oberschicht. 1942 liess der König die Sklaverei endlich abschaffen. Die Briten behielten aber Militär-Stützpunkte (bzw eine “Militärmission”), 1950 wurden diese durch US-amerikanische ersetzt. Äthiopien war 1946 ein Gründungsmitglied der UN, wiederum als einer von ganz wenigen afrikanischen Staaten. GB hatte nun auch die Herrschaft über Eritrea, diese von Italien übernommen. Nach der Rückkehr des Monarchen und der Souveränität strebte Äthiopien auch die Rückkehr Eritreas an, das schliesslich auch nur durch eine italienische Invasion einst von Äthiopien getrennt wurde. Aus praktischen Gründen war eine Wiedereingliederung wichtig, um einen Meereszugang zu bekommen. Die UN beriet nach dem 2. WK über Eritrea; GB schlug eine Teilung des Landes zwischen Äthiopien und Sudan vor, womit Christen und Moslems getrennt wären. Dies wurde u. a. von allen politischen Kräften Eritreas abgelehnt. Durch eine Resolution der UN-Generalversammlung 1950 wurde eine Föderation von Äthiopien und Eritrea geschaffen, die 1952 realisiert wurde. Damit kehrte Eritrea zu Äthiopien zurück, als föderativer Teilstaat, mit einer eigenen Regierung und mit dem äthiopischen Monarchen als Staatsoberhaupt, nicht unähnlich der Konstruktion von Österreich und Ungarn von 1867 bis 1918.27

Ethnisch sind die Eritreer hauptsächlich Tigre, wie ein grosser Teil der Bevölkerung im angrenzenden Äthiopien. In Äthiopien wird die Volksgruppe Tigray genannt, in Eritrea Tigre; Tigrinya ist jedenfalls die Sprache. Eigentlich sind die Eritreer nur kolonialhistorisch anders geprägt, sie erfuhren Industrialisierung unter den Italienern und etwas Demokratie unter den Briten – das macht den Gegensatz zum landwirtschaftlich geprägten und autokratischen (Rest-)Äthiopien aus.28 Die koloniale Prägung. Aber, mit dem Unterschied zwischen Deutschland und Österreich, Niederlande und Flandern oder Iran und Tadschikistan ist es ja ähnlich, und eine Grenzziehung streng nach ethnischen Kriterien käme in vielen Fällen einer “Vergewaltigung” nahe. In Äthiopien gab es zudem weiter die Vorherrschaft der Amhara (und des Christentums) und einer Oberschicht. Eine mehr oder weniger absolute Monarchie. Dadurch Potential für politische, soziale und ethnische Spannungen. Die Amhara mach(t)en im unter Menelik II. vergrösserten Äthiopien etwa ein Drittel der Bevölkerung aus, blieben  aber eben die herrschende Ethnie.29

Äthiopien war unter Haile Selassie an den Westmächten orientiert, hauptsächlich an GB und USA. Daher war er auch relativ ruhig zum europäischen Kolonialismus in Afrika, er mischte dann im Zuge der Entkolonialisierung ab Ende der 1950er bei der Einigung der unabhängig gewordenen afrikanischen Länder mit. GB hatte Äthiopien die Unabhängigkeit zurück gegeben, hatte aber allein in Afrika noch 13 Kolonien sowie 2 Gebiete (Ägypten, Südafrika), auf die es noch grossen Einfluss ausübte…und hatte etwa 4 Millionen Afrikaner in die Sklaverei verschifft, in die Karibik (die von dort nach Nord-, Süd-, Mittelamerika weiter “geleitet” wurden). Eigentlich war Äthiopien das einzige afrikanische Land, das sich einer Kolonialisierung weitgehend entzog; denn die Gründung von Liberia geht auf die “weisse” American Colonization Society zurück, die danach trachtete, in Afrika einen Brückenkopf für die USA zu schaffen und ehemalige (“schwarze”) Sklaven aus der USA fort zu schaffen.30 In der Zeit, als Afrika restlos aufgeteilt wurde, Ende des 19. Jh, hat Äthiopien sogar expandiert (auf Kosten diverser kleiner afrikanischer Reiche).

Haile Selassies Anlehnung an den Westen ging so weit, dass er ein Bataillon seines Heeres sogar auf amerikanischer Seite am Korea-Krieg teilnehmen liess. Wobei die “amerikanische Seite” streng genommen die der von der UN gebilligten Intervention gegen den Angriff Nordkoreas auf Südkorea war. Und darum ging es dem Monarchen hauptsächlich, ein Teil der “internationalen Gemeinschaft” zu sein. Militärische “Abenteuer” der USA hat er sonst nicht unterstützt. Um 1960 wurde Afrika entkolonialisiert, aber nicht sein Süden, und in nominell unabhängigen Staaten wie Congo (Kongo) begann sogleich der Neokolonialismus westlicher Mächte. Und in Teilen der USA herrschten damals noch Zustände, die der Apartheid in Südafrika ähnelten. Selassie hat das, zB bei Besuchen in der USA in diesen Jahren, auch thematisiert, die weitere Bürgerrechts-Gesetzgebung “angespornt”. Er hat aber nicht den diesen “Jim-Crow-Gesetzen” zu Grunde liegenden Rassismus angesprochen oder Kontakte mit antirassistischen Bewegungen dort geknüpft. Hat, anders als Nelson Mandela, nicht einen Zusammenhang zwischen der europäischen Kolonialisierung Afrikas, US-amerikanischen Interventionen in der Welt, den Zuständen in der USA selbst, und einer rassistischen Grundhaltung gesehen.

An Nachbar-Staaten bekam Äthiopien vorerst den Sudan (56), Somalia (60) und Kenya (Kenia, 1963); 1977 Djibouti (zuvor Französisch-Somalia/Somaliland), 1991/93 Eritrea (durch Abspaltung von sich), 2005 den Süd-Sudan (Abspaltung vom Sudan). Der äthiopische König schickte äthiopische Truppen auch nach Congo, im Rahmen der UN-“Blauhelm”-Intervention in der Kongo-Krise. Dem für echte Unabhängigkeit und Integrität des Landes kämpfenden Premierminister Patrice Lumumba hat er darüber hinaus nicht unterstützt, weder verbal noch in Taten. Aber wie erwähnt kümmerte er sich um die afrikanische Einigung, war bei der Gründung der Organisation afrikanischer Einheit (OAU/ OUA)31 1963 beteiligt, die ihr Hauptquartier auch in  Addis Ababa (Abeba) bekam. Haile Selassie wurde erster Vorsitzender der OAU. Auch bei der Gründung der Blockfreien-Bewegung 1961 in Belgrad war er dabei. Und, Äthiopien war meistens Pro-Israel eingestellt, aufgrund der Verbindungen, die man zu diesem Land und den Juden sieht. Daran änderte auch der Rassismus innerhalb der israelischen Gesellschaft und gegenüber der Region32 nichts.

Äthiopien war, 1956, der zweite afrikanische Staat, der Israel anerkannte, nach (Apartheid-) Südafrika. Äthiopien war wichtiger Teil von Ben Gurions Peripherie-Strategie, unterhielt relativ enge Beziehungen zum jüdischen Staat, arbeitete mit ihm auch gegen die Sezession Eritreas zusammen. Daran änderte auch nichts, dass Israel wichtigster Partner des Apartheid-Regimes war.33 Südafrikas Aussenminister Eric Louw sprach nach der Gründung der OAU von “Bettler-Nationen”34 und kritisierte die “Gewährleistung” der Unabhängigkeit der afrikanischen Länder durch die europäischen als “Betrug am weissen Mann” und “Ermunterung für die Kräfte der Barbarei”. Das Apartheid-Systems Südafrikas wurde, im Zusammenspiel von NP-Politikern mit den Niederländisch-Reformierten Kirchen, religiös-pseudochristlich begründet; auf der anderen Seite entstanden ab Ende des 19. Jh im südlichen Afrika “Äthiopische Kirchen”, bezugnehmend darauf, dass die damals dort vorherrschenden Anglikanischen und Methodistischen Kirchen weiss dominiert waren, und dass das Christentum früher in Äthiopien war als in den meisten Teilen Europas.35

Haile Selassie versuchte im Inneren nach dem 2. WK verschiedene Reformen, die auf eine Modernisierung des Landes abzielten. Manchen gingen diese Reformen zu weit, Anderen viel zu wenig weit. Seine beinahe absoluten Machtposition war eigentlich eine gute Voraussetzung dafür, seine Politik umzusetzen, auch wenn diese darauf hinaus lief, einen Teil dieser Macht abzugeben. Aber diese Macht stützte sich eben auf Loyalitäten, und diese konnten auch entzogen werden. Sein Vorhaben der Einführung einer “progressiven” Besteuerung scheiterte am Widerstand des Adels (der dabei zu verlieren hatte). Den Feudalismus etwas abzubauen war schwierig, denn Adelige waren ja im Militär und als Provinzfürsten stark vertreten… Hier lag eines seiner Dilemmata. Ähnlich war es beim letzten iranischen Schah, Mohammed Reza I. Pahlevi; der etwa mit seiner “Weissen Revolution” zur Landumverteilung 1963 Viele gegen sich aufbrachte. Andere Reformvorhaben, etwa im Bildungswesen, scheiterten am Festhalten an äthiopischen Traditionen in der Bevölkerung. 1955, zu seinem silbernen Thronjubiläum, konnte er wenigstens eine neue Verfassung erlassen, die die Vorrechte des Adels etwas einschränkte. Das ernannte Oberhaus des Parlaments blieb, das Unterhaus sollte nun gewählt werden. Unter einem eingeschränkten Wahlrecht, und ohne die Bildung von Parteien.

1957 wurde das Unterhaus dann das erste Mal gewählt. Wirklich viel Macht hatte es nicht (auch weil der König selbst die meiste behielt), aber es war ein erster Schritt Richtung politische Mitbestimmung getan. Die Opposition zu diesem Regime war überwiegend links, wie hätte es bei diesem Feudalsystem auch anders sein können; Kommunismus fand in Teilen der Intelligenz Anklang, besonders bei jenen, die im Ausland studierten. Daneben gab es aber auch Demokraten, Separatisten, – und Ultrakonservative, denen Haile Selassie zu fortschrittlich war. 1960, als Haile Selassie auf Staatsbesuch in Brasilien war36, versuchte seine Palastwache einen Putsch, proklamierte seinen ältesten Sohn Asfa Wossen zum neuen Monarchen. Die Sache brach rasch in sich zusammen, aber wie der Monarch darauf reagierte, spricht für sich: Militär- und Polizei-Chefs wurden Ländereien zugesprochen. Ebenfalls 1960 errang ein äthiopischer Athlet, A. Bikila, die erste Olympia-Medaillie, für dieses Land, im Marathon, beim zweiten Antreten Äthiopiens bei Olympia. Und begründete die Tradition der Weltklasse-Langstreckenläufer aus diesem Land (> Wolde, Yifter, Gebreselassie,…)

Die Autokephalie (Eigenständigkeit) der Äthiopischen Kirche bzw “Trennung” von der Koptischen kam 48 – 59 zu Stande. Vom 4. Jh bis Mitte des 20. Jh unterstand die Äthiopisch-Orthodoxe Kirche der Ägyptisch-Koptischen, Oberhaupt (“Abuna”) der äthiopischen Kirche war immer ein vom koptischen Patriarchen ernannter koptischer Bischof. Hauptsächlich wegen dessen Unkenntnis der Landessprachen (wie Amharisch/ Amharigna) und der Kirchensprache Ge’ez hatte er nur begrenzten Einfluss auf die Kirche, wurde er auf eine repräsentative Rolle beschränkt. 1948 leitete der koptische Patriarch Joseph/Yusab/Yosef II. (46-56) auf Bitte von Haile Selassie die Autokephalie der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche (so der volle Name) in die Wege. Die Position des Ichegea (Abt des Klosters von Dere Libanos) war bis dahin die höchste, die ein Äthiopier in seiner Kirche erreichen konnte. Der damalige, Gebre Giyorgis Wolde Tsadik (1891 – 1970), wurde ’48 von Yosef zum ersten äthiopischen Erzbischof ernannt. Ausserdem wurden fünf Bischöfe geweiht. Gebre Giyorgis bzw “Basilios” hatte lange in Jerusalem gewirkt, wo die Tewahedo-Kirche seit Langem eine Präsenz (v.a. in der Grabeskirche in der Altstadt) hat.

1950 starb der letzte ägyptische Abuna, Querellos/Kyrillos IV., und Basilios wurde der neue, somit Oberhaupt der Kirche. 1951 wurde er geweiht. 1959 fiel mit dem Amtsantritt des neuen koptischen Patriarchen dessen Ehrenvorrang über den Abuna weg. Josef II. war ’56 intern abgesetzt worden, bis 59 wurde die Koptische Kirche von einem Gremium geleitet. Azar Y. Atta wurde 59 Patriarch Cyril VI. (59-71), als Vorgänger von Schinoda III. Bei einer Zeremonie in der Markus-Kathedrale in Kairo (Foto) wurde, in Beisein von Haile Selassie, die Position des Abuna aufgewertet, zum Oberhaupt der Tewahedo-Kirche. Damit war die Autokephalie 1959 vollkommen. Anders als die Koptische Kirche war die Äthiopische nicht im eigenen Land bzw in der eigenen Bevölkerung zurückgedrängt. Heute ist die Koptische Kirche auch in absoluten Zahlen kleiner als die Äthiopische. 44% der Äthiopier gehören ihr an; 34% sind sunnitische Moslems, dann kommen v.a. andere Kirchen. Nachdem Äthiopien 1993 die Unabhängigkeit von Eritrea  anerkannte, erlangte auch die Eritreisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche den Status der Autokephalie (1998).

Die Abspaltung Eritreas von Äthiopien wurde dadurch in die Wege geleitet, dass es Anfang der 1960er stärker in Äthiopien eingegliedert wurde… 1960 liess Haile Selassie zunächst die Autonomie-Regierung für Eritrea (damals unter A. Abebe) “einschränken”, 1962 löste er sie auf und damit die Eigenständigkeit Eritreas innerhalb Äthiopiens. Eritrea wurde zu einer normalen äthiopischen Provinz “herabgestuft”. 62 bis 91 gab es äthiopische Ras’/ Gouverneure für Eritrea, wie für die anderen Provinzen. Dadurch erfuhr die Eritrea-Unabhängigkeitsbewegung Zulauf, begann der Unabhängigkeitskampf. Erste diesbezügliche Organisation war ab den 1950ern die ELF, im Exil, die 61 eine Miliz aufstellte und den Kampf aufnahm – womit der Sezessionskrieg (61-91) begann. ELF-Mitgründer Hamid I. Awate war Ascari für die Italiener gewesen, was das Argument, die Eritrea-Unabhängigkeits-Idee sei eine von der Kolonialmacht “implantierte”, nicht gerade entkräftet. Die EPLF wurde die wichtigste der Abspaltungen von der ELF, die sich zeitweise gegenseitig bekämpften. Auch ausländische Akteure mischten mit. In den 30 Jahren Krieg fand der grosse Umsturz in Äthiopien statt, von der Feudal-Monarchie zur kommunistischen Junta.

Das Aufbegehren in Eritrea war der ernsteste ethnische Konflikt in Äthiopien37, aber nicht der einzige. In der damaligen südöstlichen Provinz Hararghe38, wo die Somalis dominierten, gab es irredentistische Bestrebungen, einen Anschluss an Somalia anstrebend. Die Somalis sind moslemisch, hamitisch, und hatten ab 1960 Somalia “im Hintergrund”39 Die Provinzen waren damals zudem ziemlich willkürlich gezogen. Das Aufbegehren gab es auch in anderen Gegenden des Südens, der ja später Teil Äthiopiens geworden war; aber auch unter den Afar im Norden. Und daneben eben das politische Aufbegehren, auch unter Amharen und Tigray, nicht zuletzt unter Studenten.

(Um) 1973 eine Hungerkatastrophe im Nordosten des Landes, die Zehntausende Äthiopier tötete. Dies führte mit zu Haile Selassies Sturz. Anfang 1974 Unruhen in der Hauptstadt wegen einer Inflation; der Monarch reagierte mit einer TV-Ansprache in der er das “Einfrieren” der Preise für Grundlebensmittel sowie “Sprit” ankündigte. Doch begann nun eine Meuterei in der Armee, beginnend in Asmara (Eritrea), wo sie mit der Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung beschäftigt war. Haile Selassie wusste, dass damit seine Macht und das System ernsthaft in Gefahr war. Er tauschte seinen Premier aus, trat nochmal vor die TV-Kameras und kündigte Gehaltserhöhungen für Offiziere an. Im Juni 1974 bildete sich der Derg, ein (kommunistisch ausgerichtetes) Komitee aus mittleren und unteren Heeres-Angehörigen, im September setzte dieses den damals 82-jährigen Selassie ab. Der Derg ernannte (wie schon die Aufständischen 1960) seinen ältesten Sohn Asfaw Wossen Tafari zu seinem Nachfolger. Da sich dieser gerade im Ausland befand, sollte General Aman Mikael Andom, ein protestantischer Eritreer, vorübergehend die Position ausfüllen.

Selassie wurde von den Putschisten in seinem Palast in Addis Abeba unter Hausarrest gestellt; er soll in den letzten Monaten seines Lebens nicht gemerkt haben, dass er abgesetzt war. Der Rest seiner Familie wurde zunächst in einem anderen Palast in der Hauptstadt eingesperrt. Asfaw Wossen, ältester Sohn Selassies40, seit 1930 Kronprinz, daneben Regionalfürst (Ras), hatte 1973 einen Schlaganfall erlitten, wurde daher zur Zeit des Putsches in der Schweiz medizinisch behandelt. Er wurde vom Derg damals zum Nachfolger seines Vaters proklamiert (wieder gegen seinen Willen). Der Grossteil der im Land befindlichen königlichen Familie kam in das Kerchele-Gefängnis in Addis Abeba, darunter Königstochter Tenagnework. Im November ’74 wurden 60 hohe Offizielle des gestürzten Regimes (darunter Selassie-Enkel Iskinder Desta, ein Admiral) getötet.41 Als Wossen dies verurteilte, kündigte der Derg an, die Monarchie abzuschaffen.

Haile Selassie hat 1965 eine Autobiografie (auf Amharisch/ Amharigna) herausgebracht, die 1972 anscheinend das erste Mal auf Englisch heraus kam. Es liegt auf der Hand, dass er sein Wirken anders beurteilte als seine Gegner. Die Urteile über ihn oszillieren zwischen Verklärung und Verteufelung. Bereits als Ras der Provinz Harar war er für Umsiedlungen und ethnische Diskriminierungen verantwortlich. Sein Regime als König/ Kaiser war autokratisch und grossteils undemokratisch. Menschenrechte wurden auf verschiedenen Gebieten verletzt, ob politische Rechte oder bürgerliche Freiheiten. Man muss allerdings auch sehen, welchen Gestaltungsspielraum er hatte bzw nicht hatte, und, welche Ausgangslage er bei seinem Amtsantritt vorfand und was er verändert hat. Soll man das Glas halb voll oder halb leer sehen? Einen Herrscher, der ein Parlament in seinem Land eingeführt und die Türe für die politische Mitbestimmung des Volkes geöffnet hat, oder einen unter dem keine Parteien erlaubt waren und die Mitbestimmung der gewählten Parlamentskammer sehr schwach war? Soll man seine Reformversuche zur Überwindung des Feudalismus sehen (gegen den Widerstand von Adel und zT Kirche) oder das Scheitern dieser Versuche? Es gibt starke Parallelen zum letzten iranischen Schah.

Ryszard Kapuściński durfte aus dem kommunistischen Polen Auslandsreisen unternehmen, nicht zuletzt nach Afrika, hat darüber geschrieben. 1978 brachte er eine Biografie Haile Selassies heraus (s. u.), die wenig schmeichelhaft ausfiel. Er stellte ihn als dilettantisch, absurd, korrupt dar. Das Buch sei aufgrund von Interviews mit ehemaligen Hofbediensteten entstanden, jedenfalls nach dem Sturz des Monarchen. Hat er ihn schlechter gemacht, als er war?42 Und hat er wirklich mit Leuten geredet, die ihn gekannt hatten? Und die ein objektives Urteil abgeben konnten? Asfa-Wossen Asserate, Grossneffe Selassies, merkte an, zu der Zeit als Kapuściński in Äthiopien war, als also das Mengistu-Regime “wütete”, sei es schwer gewesen, (zumal für einen Ausländer) Leute aus dem Umfeld des ehemaligen Monarchen zu finden (ausserhalb von Gefängnissen), und selbst wenn, diese hätten Angst gehabt, etwas Positives über ihn zu sagen. Kapuściński brachte 1982 auch ein Buch über den 1979 gestürzten Herrscher des Iran heraus, auf Polnisch (“Szachinszach“), das 1986 auf Deutsch erschien (“Schah-in-Schah: Eine Reportage über die Mechanismen der Macht und des Fundamentalismus”).

Der Schah und der Negus sind sich zumindest 1971 begegnet, bei der Feier die Erster zur Demonstration der Verbindung seiner Dynastie mit jener der Achämeniden veranstaltete.43 Damals zeigte sich übrigens das internationale Prestige, dass Selassie genoss, er bekam “Vorrang” gegenüber anderen Staatsgästen, wie auch beim Begräbnis von John F. Kennedy einige Jahre zuvor. Äthiopien hatte unter Haile Selassie international ein gewisses Prestige, wie der Iran unter Mohammed R. Pahlevi; obwohl, gerade im bzw aus dem Westen viel Rassismus und Paternalismus weiter aktuell war, und obwohl die Herrschaft dieser beiden in ihrem Land grossteils als repressiv empfunden wurde. Beide haben eine genuine Nationalkultur gepflegt, wobei die Islamisten im Iran der Meinung sind, dass diese in Wirklichkeit der schiitische Islam sei (während Pahlevi das vor-islamische Erbe hervorstrich), und in Äthiopien viele Linke und Nicht-Amhara hier auch Einspruch einlegen würden.44

Auch beim Schah kann man durchaus die Modernisierung des Landes unter ihm sehen, die er gegen den Widerstand konservativer Kräfte vollbrachte. Beide Herrscher haben ihrem eigenen Volk nicht wirklich zugetraut, die Politik mitzubestimmen, es als nicht reif dafür gesehen, haben keine Demokratie zugelassen, eine Herrschaft von oben herab als nötig erachtet. Eine solche Geringschätzung wirft auf den “Nationalismus” der Betreffenden wieder ein anderes Licht… Linke im Westen (und im Land) hatten vom Schah wie vom Negus zu deren Herrschaftszeiten ein negatives Bild, und das nicht ganz ohne Grund. Aber in beiden Ländern ist es nach dem Umsturz schlimmer geworden und muss man sich fragen, ob nicht eine Fortsetzung unter diesen Herrschern (bzw unter ihren Söhnen) das kleinste Übel gewesen wäre. Parallelen gibt’s auch zu Afghanistan und dessem letzten König/Schah – auch dort war es so, wenn eine echte Modernisierung und Demokratisierung gelungen wäre, wäre dem Land und der Welt viieel erspart geblieben. Und eine solche hat übrigens der Westen nicht unterstützt, im Gegenteil…

Die Österreicherin Lore Trenkler war von 1962 bis 1975 Köchin am Hof von Haile Selassie, anfangs als Diätassistentin für seine Gemahlin, nach deren baldigen Tod wurde wurde ihr die Leitung der Palastküche übertragen.45 Über den autoritären Negus meinte sie: „Ich nehme an, dass er den Äthiopiern gegenüber streng war, als Mensch war er ganz reizend.“ Nun ja, aber wäre es umgekehrt nicht besser gewesen? Aber, jeder Held ist ein Bösewicht für irgend jemanden. Und alle Helden haben Blut an ihren Händen. Beim Vorgehen gegen den Eritrea-Separatismus hat das äthiopische Militär, sowohl unter Selassie als auch unter Mengistu, auch Verbrechen begangen. Hier tut sich noch einmal eine andere Tragik auf, eine Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Selassie bemühte sich um die afrikanische Einheit, konnte aber nicht einmal im eigenen Land die Einheit erhalten.46 Auch wenn man sagt, die Eritrea-Sezession war auf das koloniale Erbe zurückzuführen und war ein Ausdruck von Tribalismus, das äthiopische Militär hat bei ihrer Bekämpfung Grausamkeiten begangen und sie doch nicht verhindern können.

Aus der Distanz aber sehen die Dinge immer anders aus… Zum Beispiel Äthiopien und Haile Selassie aus der Karibik. Wo das Erbe der europäischen Sklaverei noch am lebendigsten ist. Die zehn Millionen Afrikaner47, die als Sklaven von Afrika nach Amerika deportiert wurden (16.- 19. Jh), kamen zunächst in der Karibik an, wurden von dort in andere Teile Amerikas weiter verkauft, ein Teil blieb auch dort, zur Arbeit in Zuckerrohr-Plantagen hauptsächlich. Die Karibik, wo die “Indianer” (Arawak und Caraib gab es dort) fast ganz ausgerottet sind und wo sich nicht allzu viele Europäer niederliessen, ist überwiegend “schwarz” bevölkert (und sprachlich zersplittert, von der jeweiligen Kolonialherrschaft geprägt).48 Die meisten Schwarzen in Amerika (Nord-, Süd-,…) wurden zu christlichen Gemeinschaften “gelotst”, daneben entstanden trans-afrikanische Religionen wie Voodoo, Umbanda oder eben Rastafari.

Der Jamaikaner Marcus Garvey beschäftigte sich im früheren 20. Jh mit dem Schicksal bzw der Orientierung der “Schwarzen” am amerikanischen Kontinent nach der Sklaverei, vor der echten Gleichberechtigung, vor der Unabhängkeit der karibischen und afrikanischen Nationen. Er nahm dabei stark auf Afrika Bezug, auf die Wurzeln, strebte nicht eine Stärkung der Bürgerrechte der Afro-Amerikaner in Staaten wie der USA an, wie W. E. B. Du Bois, sondern ihre Rückkehr nach Afrika. In seiner Ablehnung der Assimilation der Schwarzen in die weissen Gesellschaften traf er sich mit den weissen Rassisten. Garvey wird die Prophezeiung der Krönung eines (schwarzen) Königs in Afrika, der die Befreiung der Schwarzen bringen würde, zugeschrieben. Damit inspirierte er die Gründung der Rastafari-Religion. Denn als Haile Selassie 1930 König von Äthiopien wurde, sahen Jamaikaner wie Leonard Howell das Eintreffen von Garveys Prophezeiung, sahen im bisherigen Ras Tafari Makonnen einen Messias, und ihn Garvey einen Prophet, und gründeten die Rastafari-Bewegung, die sich v.a. in der Karibik verbreitete.

1961 reiste eine Delegation aus dem damals noch britischen Jamaica (Rastafari und Andere) nach Äthiopien, um Verschiedenes mit Haile Selassie zu diskutieren, darunter eine “Repatriation” von Karibik-Schwarzen nach Äthiopien. Dieser selbst hat stets abgelehnt hat, der Messias zu sein. 1966 besuchte der äthiopische König Jamaica, also einige Jahre nach der Unabhängigkeit (1962). Der Tag wurde zu einem Rastafari-Feiertag. Tausende Rastafari kamen zum Palisadoes-Flughafen bei Kingston um ihn zu empfangen, “Joints” (Ausdruck der Rasta-Kultur) wurden offen geraucht. Haile Selassie konnte das Flugzeug zunächst nicht verlassen, da das Rollfeld mit seinen Anhängern überfüllt war. Jamaikanische Behörden fragten Mortimo Planno, einen Rastafari-Führer, der schon beim Besuch ’61 dabei war, um Vermittlung. “The Emperor has instructed me to tell you to be calm. Step back and let the Emperor land”, rief er der Menge zu. Einige Rastafari-Führer bekamen dann eine Audienz beim äthiopischen König.49

Dazu ist zu sagen, dass heute etwas über 1% der Jamaikaner Rasta(fari) sind, und damals waren es eher etwas weniger. Für sie war der Besuch wichtiger als für die meisten anderen Jamaikaner. Und: Manch ein Jamaikaner, ob Rastafari oder Christ, war enttäuscht von der Erscheinung des “Messias”, der relativ klein und hell war. Die Schwarzen in der Karibik und in anderen Teilen Amerikas stammen aus Westafrika50, nicht aus Ostafrika – entgegen den Rasta-“Mantras” von “Diaspora” und “Rückkehr” im Zusammenhang mit Äthiopien. Die Semiten, Hamiten, Kuschiten im Norden und Osten Afrikas sind ein anderer Typus als die Bantu im grossen Rest Afrikas. In Ländern, wo diese “Rassen” zusammen leb(t)en, wie Sudan (vor der Unabhängigkeit des Südens), Ruanda/Rwanda und Kenya, gibt/gab es auch öfters Spannungen. Die Schwarzen in der Karibik und anderen Teilen Amerikas sind wiederum öfters mit Weissen vermischt.51

Es gab früher zB die Pharaonen, die als “göttlich” gesehen wurden, die “Vorstellungen” von Gottesgnadentum bei den europäischen Monarchen, oder die japanischen Kaiser/ Tennos, die zumindest im Schintoismus als göttlich bzw Nachfahren der Göttin Amaterasu gesehen wurden – bis Hirohitos Erklärung 1945. Stark verbunden mit Rastafari ist die Reggae-Musik. Robert Marley gehörte der Rastafari-„Sekte“ an (sowie christlichen Kirchen), war Freund von Planno, hat Haile Selassie aber nie getroffen. Einige Rastafaris liessen später die Idee von der Göttlichkeit Haile Selassies fallen und wandten sich der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche zu. Es gibt auch Jamaikaner, die nach Äthiopien ausgewandert sind. Mit Afrikanern/Schwarzen wird “normalerweise” eine Nummer geschoben, Äthiopien und Haile Selassie waren aber auch handelnde Subjekte, mit Macht, Tradition,…. deshalb die starke Bezugnahme (u.a.) der Karibik-Schwarzen (Diaspora-Afrikaner) auf dieses Land und seinen (bislang) letzten Monarchen.

Der Derg unter Mengistu Haile Maryam errichtete 1974 mit Unterstützung der SU eine “sozialistische” Militärdiktatur. Die Monarchie wurde im März 1975 abgeschafft; die Derg-Führer wurden bis dahin als amtierende Staatschefs gesehen. Im August 1975 wurde der Tod von Haile Selassie bekannt gegeben; der “Ex-Monarch” sei durch Komplikationen in Folge einer Operation gestorben. Von manchen Seiten wurde/ wird dies angezweifelt, der Negus sei von den Putschisten getötet worden. Maryam war väterlicherseits Oromo, seine Grossmutter hatte Kaiserin Zauditu gedient, dafür Land bekommen, dieses verlor sie durch die Verstaatlichung ihres Enkels; er selbst war 77 bis 91 Staatsoberhaupt. Die amharische und christliche Vorherrschaft wurde unter dem Derg fortgeführt, die Äthiopische Kirche verlor aber ihre starke Stellung, und oppositionelle Bischöfe das Leben. Abuna “Theophilos” wurde 1976 abgesetzt und 1979 hingerichtet. 77/78 der Ogaden-Krieg durch somalischen Angriff nach Somali-Aufständen in dieser äthiopischen Provinz, durch SU-Frontwechsel zurückgeschlagen.

Um 1984 die Dürre und Hungersnot in weiten Teilen Äthiopiens, hauptsächlich im Osten. Die Politik der Junta unter Mengistu Maryam dürfte die Auswirkungen der Dürre verschlimmert haben. Ausserdem lief damals auch der Eritrea-Krieg 52 Etwa 500 000 Menschen starben von 1983 bis 1985. Wieder einmal tat sich bei Äthiopien eine Kluft zwischen „Anspruch“ und Realität auf; das Land wurde Empfänger von Mitleid und Almosen aus aller Welt… In der BRD hatte Karlheinz Böhm bereits 1981, in der dritten “Wetten dass…?”-Sendung, sein Hilfsprojekt für Äthiopien gestartet. Die (oder das?) britische “Band Aid” brachte Ende 84 “Do They Know It’s Christmas?” heraus, die Pop-Szenen in anderen Ländern folgten, 1985 die “Live Aid”-Konzerte. “Do they know it’s Christmas time at all?” In Äthiopien länger als in England. “Feed the world…”53

Die “humanitäre Katastrophe” veranlasste Israel zu Evakuierungssaktionen der Äthiopier, die sich als Juden sahen, 1985 und 1991 wurden die allermeisten “Beta Israel”/”Falasha” nach Israel ausgeflogen. Es handelte sich um Angehörige der kuschitischen Agau/Agaw aus dem amharischen Teil Äthiopiens, die ihr Christentum zugunsten jüdischer Bräuche aufgaben. Richard Pankhurst fasst die Theorien über ihr Judentum so zusammen: Sie könnten Agaus sein die konvertiert sind (schliesslich ist in Äthiopien auch im Christentum das Judentum präsent); jüdische Einwanderer, die sich mit Agau vermischten; eingewanderte moslemische Jemeniten die konvertiert sind; eingewanderte jemenitische oder ägyptische Juden. Das Selbstverständnis dieser äthiopischer Juden ist, dass sie Juden waren, bevor sie Christen wurden, sie also rück-konvertierten. Es könnte sich auch um Nachfahren der “verlorenen Stämme Israels” handeln, die mit der assyrischen Eroberung im 8. Jh vC verschleppt wurden. Unter israelischen und jüdischen Gremien gab es auch lange Diskussionen über ihre Aufnahme.54

1987 gab es eine Parlamentswahl, aber nur die KP durfte antreten. Der Widerstand gegen das Regime verband sich um 1989 mit dem Eritrea-Unabhängigkeitskampf, hauptsächlich handelte es sich um ein Bündnis der “Volksbefreiungsfront von Tigray” (TPLF) mit der EPLF (im Endeffekt auch Tigre), zur “Revolutionären Demokratischen Front der Äthiopischen Völker” (EPRDF). Den Tigre-Rebellen ging es auch gegen die Amhara-Vorherrschaft. 1990 beendete die SU im Zuge von Perestroika ihre Unterstützung des Derg55; Mengistu wandte sich darauf hin vom Kommunismus ab, Machterhalt blieb aber das Ziel, nur wirtschaftlich wurde etwas geöffnet. Im Mai 1991 marschierten die Truppen der EPRDF in Addis Abeba ein, stürzten den Derg. Mengistu floh mit 50 engen Verwandten und Derg-Kollegen aus dem Land nach Zimbabwe, wo sie von Robert Mugabe aufgenommen wurden.

Die EPRDF übernahm die Macht in Äthiopien, entliess Eritrea, dessen “Rebellen” in ihr mit gekämpft hatte, in die Unabhängigkeit (91-93).56 In der EPRDF war damit die TPLF die haushoch dominierende Kraft, führte eine Tigre/Tigray-Vorherrschaft im Land ein. Und eine Halb-Demokratie: Zulassung von Parteien, eine Verfassung (1994), Wahlen (ab 1995), ein föderatives System mit autonomen Regionen für die grossen Völker (ebenfalls 95). Aber eine Vorherrschaft der TPLF, abgesichert bzw ermöglicht durch Wahlmanipulationen und ethno-regionale Satellitenparteien. Meles Zenawi wurde starker Mann Äthiopiens, zuerst als Staatspräsident, dann (ab 95) als Ministerpräsident, nachdem die Macht zu diesem verschoben wurde.57 Verlierer der Teil-Demokratisierung nach dem Umsturz sind, wenn man es auf’s Ethnische herunterbricht, die lange dominierenden Amhara/ Amharen; auch die Oromo, die grösste Volksgruppe, die Afar, Somali, Kaffa, Harari,… fühlen sich benachteiligt.58

In der EPRDF herrscht seit dem Tod von Zenawi im Jahr 2012 ein Machtvakuum. Die wichtigsten Oppositions-Parteien haben sich zu einem Bündnis mit der englischen Abkürzung CUD zusammengeschlossen. 2015 begannen öffentliche Proteste gegen die von der EPRDF (TPLF,…) ausgeübte Tigray-Vorherrschaft. Ethnisches und Politisches verbindet sich hier, wie oft in Afrika. Teile unter den Oromo (> Oromo Liberation Front), Somali, Afar, die unter Negus, Derg und EPRDF zu kurz kamen, visieren eine Abspaltung (ihrer Provinz) von Äthiopien an, wie es Eritrea tat59. Äthiopien, das als einziger afrikanischer Staat (!) seine Grenzen selbst festlegte, könnte vom Auseinanderfall bedroht sein. Die Gräben in der Bevölkerung verlaufen hauptsächlich entlang ethnischer Linien. Religion ist kein so trennender Faktor; die somalische Islamisten-Gruppe Al-Shabab scheiterte bei einem Terrorangriff mit einer Separation von Moslems und Christen in einem Bus… Unter den (grösstenteils äthiopisch-orthodoxen) Tigray wurde der damalige Abuna/ Patriarch der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, “Merkorios”, 1991 abgesetzt. Verschiedene Kriege und Konflikte am Horn von Afrika bzw in Ostafrika hängen miteinander zusammen, darunter der Al-Shabab-Terror in der Region und das militärische Vorgehen dagegen, in dem das äthiopische Militär eine wichtige Rolle spielt – wofür es westliche Unterstützungsgelder erhält.

Sarkophag Haile Selassies

Da als die letzten Angehörigen der ehemaligen Herrscherfamilie vom Derg freigelassen wurde, 89/90, war dieser selbst schon fast am Ende (> 91). Haile Selassies Tochter Tenagnework wurde 89 freigelassen, ging ins Exil. Nach dem Umsturz konnten exilierte Angehörigen der Familie auch wieder Äthiopien besuchen, wie Haile Selassies Grossneffe Asfa-Wossen Asserate, der 1974 in Deutschland studiert hat. Asfaw Wossen Tafari (1914-97), der sich später Amha Selassie nannte, Oberhaupt der Familie, lebte in GB und USA. 1992 wurden die Gebeine des Ex-Monarchen unter einer Steinplatte im ehemaligen Palast gefunden. Die Überreste seines Körpers wurden in die Kathedrale von Addis Ababa umgebettet, wo auch die seines Grossonkels Menelik (II.) liegen. 2000 bekam er dort ein Begräbnis von der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche, das von der nunmehrigen Regierung nicht zu einem Staatsbegräbnis gemacht wurde.60 Bob Marleys Witwe Alpharita “Rita”61 war dabei, die meisten Rastafari lehnten das Ereignis aber ab; weil das Begräbnis ihres “Messias” in ihren Augen nicht würdig genug war oder weil sie daran zweifelten, dass er überhaupt gestorben war.

Amha Selassies Sohn Zera Yacob Selassie ist seit 1997 Chef des Hauses bzw der Familie, und Prätendent für die äthiopischen Monarchisten. Er hat sich 1989 im Exil zum Negus proklamiert, rückdatierend auf 1975 (Tod des Grossvaters), gründete 1991 eine monarchistische Organisation. Es gibt widersprüchliche Aussagen dazu, ob er (der 1951 in Addis Abeba geboren wurde) mittlerweile nach Äthiopien zurück gekehrt ist oder nicht. Ist Äthiopien ein Land, wo der Monarchismus stark ist? Und würde eine Restauration eine Verbesserung für das Land bedeuten? Wiederum Parallelen zum Iran: Bei allem Schlimmen, das danach kam, die Monarchie in ihrer Unfreiheit und ihrem Absolutismus hat irgendwie den Grundstein dazu gelegt. So wie sie zuletzt bestand, wäre sie kein Anlass zur Hoffnung; etwas anders sähe es mit einer konstitutionellen Monarchie aus, und einer auf Konsens ausgerichteten Restauration. In Afrika gibt es zur Zeit Monarchien in Marokko und Lesotho (konstitutionell) sowie Swasiland (absolut)62. Früher u.a. in Ägypten, Tunesien, der Zentralafrikanischen Republik63,..

Äthiopien ist also weit von einer stabilen Demokratie entfernt, die Mittelschicht fehlt noch immer weitgehend. Nicht wenige Äthiopier sind nach Westeuropa oder die Golfstaaten ausgewandert. Aber es gibt Erfolge in der Bildungs-, Gesundheits- und Infrastrukturpolitik. Der Tourismus dorthin hat einen Aufschwung erfahren. 2011 begann ein Bau eines Kraftwerks am Blauen Nil, das Strom für Äthiopien und den Export produzieren soll. Was im Hinblick auf Naturzerstörung natürlich auch nicht unbedenklich ist. Saudi-Arabien und China haben sich in den letzten Jahren grosse Landflächen in Äthiopien gesichert, um dort Ackerbau für die eigene Versorgung zu betreiben. Auch exportiert das Land Nahrungsmittel in Afrika. Oft geht es hier aber um Land und Ernten, die auch die eigene Bevölkerung bräuchte. Äthiopien ist jedenfalls einer der Schlüsselstaaten Afrikas. Es ist vorsichtiger Optimismus bezüglich Entwicklungen in Afrika angebracht, gibt einige positive Bestandsaufnahmen und Prognosen. Die verbreiteten Afrika-Bilder bestehen entweder in Naturschönheiten oder menschlichem Elend, das mit westlichen Almosen gemildert werden kann. Jene Afrikaner, die verzweifelt versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen, bestärken das klarerweise.

Georgs-Kirche in Lalibela

Bei seinem Besuch am Sitz der Afrikanischen Union (AU) in Addis Abeba hat USA-Präsident Barack Obama 2015 dem afrikanischen Kontinent Aufbruchstimmung bescheinigt. Es müssten „Vorurteile von einem Afrika, das für immer in Armut und Konflikten feststeckt“ wegfallen. Zugleich prangerte er Amtsmissbrauch und Korruption an. Allem voran übte er schärfste Kritik an einigen seiner afrikanischen Amtskollegen: Niemand solle „auf Lebenszeit Staatschef sein“. Yoweri Museveni etwa ist seit ca. 30 Jahren Präsident Ugandas, begann eben seine sechste Amtszeit. Zu lange an der Macht festhaltende Staatschefs seien die Wurzel der afrikanischen Probleme, hat auch er, ein Liebling des Westens, einst gemeint…64 Der Weisse als Retter in Afrika – oder doch ein Verursacher mancher Übel? Abgesehen von der Vergangenheit: Die EU ist wichtigster Handels“partner“ Afrikas; aber eben selten ein richtiger Partner.

Asserate, alles andere als anti-westlich, beklagt die EU-Afrika-Politik: Sobald westliche Politiker sähen, dass ein afrikanischer Präsident ihnen nicht hilft, ihre Geschäftsinteressen durchzusetzen, produzierten sie einen Umsturz. Milliardenhilfen aus dem Westen würden bei afrikanischen Diktatoren landen, die kein Interesse an einer Eindämmung der Flüchtlingskrise bzw ihrer Ursachen hätten. Beliebt wurde in diesem Zusammenhang das Eindreschen auf China. „Sie kommen nur hierher, um Profite zu machen“, sagte ein Afrikaner in einer Film-Dokumentation. Und es klang eher erleichtert als vorwurfsvoll. China hat in Afrika weniger Missionierungsambitionen. Und, beim Verhältnis zwischen China und Afrika handelt es sich nicht um eine Einbahnstrasse. Afrikaner können recht unkompliziert nach China reisen. In Guangzhou haben sich auch mittlerweile Viele niedergelassen. Es gibt auch binationale bzw bikulturelle Paare, auch ein Unterschied.

 

Material

Richard Pankhurst: The Ethiopians: A History (2001)

Paul B. Henze: The Rise of Haile Selassie: Time of Troubles, Regent, Emperor, Exile (2000)

Bahru Zewde: A History of Modern Ethiopia 1855-1991 (2001)

Harold G. Marcus: A History of Ethiopia (1994)

Teshale Tibebu: The Making of Modern Ethiopia: 1896-1974 (1995)

Asfa-Wossen Asserate: Der letzte Kaiser von Afrika: Triumph und Tragik des Haile Selassie (2014)

Siegbert Uhlig, David Appleyard, Alessandro Bausi, Wolfgang Hahn, Steven Kaplan: Ethiopia: History, Culture and Challenges (2017)

Ryszard Kapuściński: König der Könige: Eine Parabel der Macht (1984, polnisches Original “Cesarz” 1978, englische Übersetzung “The Emperor” 1978)

James De Lorenzi: Guardians of the Tradition: Historians and Historical Writing in Ethiopia and Eritrea (2015)

Saheed A. Adejumobi: The History of Ethiopia (2007)

Walter Schicho: Handbuch Afrika (3 Bände, 1999-2001)

Paul B. Henze: Layers of Time: A History of Ethiopia (2004)

Haile Selassie: My Life and Ethiopia’s Progress (1972)

Christopher Othen: Lost Lions of Judah: Haile Selassie’s Mongrel Foreign Legion 1935-41 (2017)

Asfa-Wossen Asserate, Aram Mattioli (Hg.): Der erste faschistische Vernichtungskrieg. Die italienische Aggression gegen Äthiopien 1935–1941 (2006)

John H. Spencer: Ethiopia at Bay: A Personal Account of the Haile Selassie Years (1987)

Edmond J. Keller: Revolutionary Ethiopia: From Empire to People’s Republic (1989)

Richard Pankhurst: The Ethiopian Borderlands: Essays in Regional History from Ancient Times to the End of the 18th Century (1997)

William Saroyan: The Lion of Judah. In: Letters from 74 rue Taitbout or Don’t Go But If You Must Say Hello To Everybody (1971)

Christopher Clapham: Transformation and Continuity in Revolutionary Ethiopia (1990)

Dessalegn Rahmato: Democratic Assistance to Post-conflict Ethiopia: Impact and Limitations (2000)

Walter Rodney: How Europe Underdeveloped Africa (1972)

Asfa-Wossen Asserate: Die neue Völkerwanderung: Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten (2016)

John G. Jackson, C. S. Moore: Ethiopia and the Origin of Civilization (2015)

Taddesse Tamrat: Church and State in Ethiopia, 1270-1527 (1972)

Ernst Hammerschmidt: Äthiopien. Christliches Reich zwischen Gestern und Morgen (1967)

John Markakis: Class and revolution in Ethiopia (1978)

E. A. Wallis Budge: A History of Ethiopia (2 Bde., 1928)

A. J. Barker: The Rape of Ethiopia (1936)

Darrell Bates: The Abyssinian Difficulty: The Emperor Theodorus and the Magdala Campaign, 1867-68 (1979)

Sven Rubenson: King of Kings. Tewodros of Ethiopia (1966)

Graham Hancock: The Sign and the Seal. The Quest for the lost Ark of the Covenant (1993)

Messay Kebede: Eurocentrism and Ethiopian Historiography: Deconstructing Semitization. In: International Journal of Ethiopian Studies, 1 (1) (2003)

Jon Abbink: An Historical-anthropological Approach to Islam in Ethiopia: Issues of Identity and Politics. In: Journal of African Cultural Studies, December 1998

Ein bisschen etwas über den Unterschied in der Sichtweise auf Haile Selassie in Äthiopien und in Jamaica

Über die Besuche von Haile Selassie in Jerusalem/ Quds und die äthiopische Präsenz in der Stadt

Tekeste Negash: The Zagwe period re-interpreted: post-Aksumite Ethiopian urban culture

https://ethiopianhistory.com/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Der genau wie sein Vater und Vorgänger David historisch nicht gesichert ist, ausserhalb des Tanach und davon abhängiger Texte gibt es fast keine Hinweise auf sie
  2. Die Königin von Saba trägt dort den Namen Makeda
  3. Aber das Äthiopien “gegenüber liegende” Jemen ist ein “heisserer” Kandidat. Saba/ Sheba könnte sich auf die dortige Sekte bzw Ethnie der Sabäer (Sabaiyyun) beziehen, die im Koran erwähnt (und toleriert) wurden
  4. Nun, davor gab es noch das Reich von Damot in Teilen des späteren Äthiopiens
  5. In Jesus Christus sei das Göttlichen und das Menschliche vereint
  6. Laut “Kebra Negast” ist Menelik, Stammvater der äthiopischen Könige, selbst nach Jerusalem gereist und habe von dort die Bundeslade mit den beiden Tafeln der Zehn Gebote nach Äthiopien “entführt”
  7. Daneben gab es auch gelegentlich nicht-dynastische Usurpatoren wie Amdo Seyon als Negus
  8. Letzter Herrscher aus dem “Gondar”-Zweig der Salomoniden-Dynastie
  9. In der auch Äthiopien für wenige Jahre kolonialisiert wurde
  10. Er war der letzte der äthiopischen Monarchen, die selbst mit in die Schlachten zogen
  11. Womit die nach ihm benannte Stiftung in der BRD, die sich als “liberal-aufklärerisch” sieht, wiederum kein Problem hat
  12. Zeigte Zugehörigkeit zum Adel an
  13. Beim Völkerbund-Beitritt musste sich Äthiopien dazu verpflichten
  14. So ähnlich wurde es formuliert
  15. 1871 geboren, im Jahr als das Risorgimento mit der Einnahme Roms zu einem Abschluss kam
  16. Auch bei der italienischen Niederlage von Karfreit/Caporetto/Kobarid
  17. Der zweite, eigentlich aber der dritte, schliesslich war die italienische Inbesitznahme Eritreas auch durch Krieg zwischen diesen Ländern zu Stande gekommen
  18. Im 2. WK war Badoglio dann beim italienischen Seitenwechsel 43 eine Schlüsselfigur, wurde italienischer Premierminister. Für seine Kriegsführung in Äthiopien wurde er nie zur Rechenschaft gezogen
  19. Wie schon von Djibouti nach Eilat
  20. Die Beiden mussten zurücktreten, als das bekannt wurde; Mussolini wäre einverstanden gewesen
  21. www.youtube.com/watch?v=oyX2kXeFUlo
  22. Der Präsident der Versammlung, der Rumäne Nicolae Titulescu, liess die Störer des Saals verweisen
  23. 1963 hat er auch vor der UN-Generalversammlung gesprochen
  24. Für Grossbritannien etwa, dass einen grossen Streifen Afrikas von “Kairo bis zum Kap” beherrschte…? Höchstens Italien als Konkurrent in Afrika war eines. In allen diesen mehr oder weniger mit GB verbundenen Gebieten hatten weisse Siedler einen höheren Status als die einheimische Bevölkerung, nicht zuletzt in Südafrika (auch vor der Apartheid). Dort hatte Premier Hertzog das Wahlrecht für weisse Frauen bewilligt, jenes von schwarzen Männern weiter eingeschränkt. Übrigens hatte GB dann ein grosses Problem damit, dass sich im “2. Weltkrieg” Irland, das dabei war sich seine vollständige Unabhängigkeit zu erkämpfen, neutral blieb. Und dass in “seinem” Indien nicht alle Führer/ Politiker das Mitmachen bei diesem Krieg der Briten als selbsverständlich sahen
  25. Drei Rassengesetze wurden von den Faschisten für die Kolonien in Afrika erlassen, 1937, 1939 und 1940. Einer der Gründe warum es dort kaum “Vermischung” zwischen Kolonialherren und Kolonialisierten gab
  26. Und es gibt jene Deutsch-Nationalen, die den Giftgas-Einsatz der Italiener in Äthiopien anprangern, wobei es ihnen nur um eine Desavouierung der Italiener an sich geht, wegen Südtirol; die mit den deutschen Kolonial-Tötungen in Südwestafrika kein Problem haben, im Gegenteil. Es gibt auch jene Zionisten, die diesen Völkermord an den Herero und Nama 1904-08 thematisieren, nur weil sie deutsche Kritik an israelischer Politik, zB an der Allianz mit Apartheid-Südafrika, abwürgen wollen
  27. Ein Unterschied, Eritrea war viel kleiner im Verhältnis zum restlichen Äthiopien als Ungarn im Verhältnis zur österreichischen Reichshälfte. Ausserdem hatte die eritreische Regierung weniger Kompetenzen als die ungarische
  28. Äthiopien, dass sich einer Kolonialisierung weitgehend entzog, musste sich, im Gegensatz zu Eritrea, seine Infrastruktur selbst herstellen
  29. 1920 wurde von den Franzosen ein “Gross-Libanon” von Syrien abgetrennt, die Grenzen wurden so gezogen, dass der Libanon (der in den 1940ern unabhängig wurde) so gross war dass die Maroniten gerade noch die Mehrheit seiner Bevölkerung bildeten. Damit kam ein relativ grosser (hauptsächlich) für die Maroniten konzipierter Staat zu Stande, in diesem machten Nicht-Maroniten aber eben fast die Hälfte der Bevölkerung aus…
  30. Wann genau Ägypten eigentlich genau seine Unabhängigkeit verlor, darum geht es in diesem Artikel
  31. Aus der die  Afrikanische Union/ AU hervor ging
  32. Vor und nach der Besetzung der palsätinensischen Rest-Gebiete 1967, vor und nach dem Transfer der äthiopischen Juden dorthin
  33. So einen Spagat schafft Israel bzw der Zionismus locker
  34. Vornehm übersetzt
  35. Und die Johannesreich-Idee, von einem aussereuropäischen christlichen Reich…  Das man (die Portugiesen etwa) auch in Äthiopien gefunden geglaubt hatte. Aber wurde Äthiopien jemals als gleichrangiger Partner des Westens behandelt…?   Dann doch lieber sich als weisser Retter in Szene setzen. Genau wie gegenüber Kurden oder moslemischen Frauen oder was jetzt so alles als an nicht-weissen/westlichen Verbündeten bzw Schutzobjekten deklariert wird
  36. Andere Reisen waren zB die nach Österreich und Deutschland 1954, Jamaica (Jamaika) 1966 (>), zur ehemaligen Besatzungs-/Kolonialmacht Italien 1970
  37. Aber eben eigentlich kein ethnischer
  38. 1943 u.a. aus Harar hervorgegangen
  39. Das damals noch französische Djibouti ist auch ein Teil Gross-Somalias, auch ein Teil von Kenya; heute geht die Tendenz eher zum Auseinanderfall Somalias als zu seiner Vergrösserung
  40. Es gab daneben eine lebende Tochter; drei Töchter und zwei Söhne waren früh gestorben
  41. Auch General Andom
  42. Wobei, was heisst “schlecht”, für wen?
  43. Die Feier war Sinnbild des Scheiterns des Schah, die eigenen Leute (Iraner) waren ausgesperrt, ausländische Staatsgäste wurden verwöhnt
  44. Die Flagge Äthiopiens wurde 1996 festgelegt, bis dahin waren verschiedene Varianten derselben in Gebrauch, spätestens ab dem 19. Jh, mit Streifen in den Farben Grün, Gelb, Rot, mit dem Kaiserlöwen („Löwe Judas“) und ohne ihn; auch die iranische Flagge hat sich seit dem 19. Jh immer wieder verändert, das Grunddesign ist gleich geblieben, bis zur Revolution 79 war auch ein Löwe darauf abgebildet (dieser auch schon vor dem 19. Jh)
  45. Auch nach dem Umsturz 1974 kochte sie weiter im Palast, die fertigen Gerichte wurden vom Militär den gefangenen Angehörigen der Königsfamilie gebracht. Nach Selassies Tod 75 ging sie zurück nach Österreich
  46. Erinnert an Ghanas Präsidenten Kwame Nkrumah, der 66 gestürzt wurde, während er sich ebenfalls um die afrikanische Einheit bemühte
  47. Hauptsächlichst aus Westafrika
  48. In den ehemals britischen Kolonien gibt es auch viele Asiaten, hauptsächlich Inder, aus der Phase nach der Abschaffung der Sklaverei
  49. Der Chef einer der beiden grossen Parteien Jamaicas, der PNP, Michael Manley, damals Oppositionschef (zur Zeit der Herrschaft der Jamaica Labour Party/ JLP) besuchte Äthiopien und seinen Negus 1969. Er bekam dort einen Stab, der ihm geholfen haben soll, die Wahl 1972 zu gewinnen und Premierminister zu werden
  50. In Westafrika und der Karibik sind die Sprinter, in Ostafrika dominieren die Langstreckenläufer
  51. Wie man an “Bob” Marley oder dem Politiker Michael Manley sieht
  52. Als Bürgerkrieg zu sehen?
  53. In der österreichischen Variante des Benefiz-Songs hiess es, “Es hasst, du woast amoi a Königin, der Stolz von Afrika”… Auch die Zeilen über den Hunger, der Methode hat, und das Spenden um des eigenen Wohls halber sind treffend
  54. Sie werden nun gerne eingesetzt, um vom rassistischen Charakter Israels abzulenken. In der Realität Israels gibt es dann zB immer wieder Weigerungen, Blutspenden dieser “schwarzen Juden” anzunehmen. Die aus Äthiopien stammenden Israelis werden auch immer wieder Ziel von Übergriffen, weil sie für afrikanische Einwanderer (die hauptsächlich aus Eritrea und Süd-Sudan stammen) gehalten werden. Wie einst die Mizrahis versuchen viele von ihnen, ihren Platz in dieser Gesellschaft zu sichern, indem sie besonders rassistisch ggü Nicht-Juden (hauptsächlich Palästinensern) sind
  55. Man muss dazu sagen, dass die SU in Afrika, besonders im südlichen, auch politische Kräfte unterstützte, die es sehr verdienten
  56. Äthiopien verlor damit wieder seinen Zugang zum Roten Meer, wurde wieder ein Binnenland
  57. Seit 1909 gibt es Premierminister in Äthiopien; bis 1974 waren es Partei-Unabhängige, die Vertraute des jeweiligen Negus waren; 74-87 war die Position abgeschafft, dann wurde er bis 91 von der Äthiopischen Arbeiterpartei besetzt; 91-94/95 der Übergang; seither wird er theoretisch von Parteien mit parlamentarischer Basis gestellt, in der Realität ist das die TPLF bzw die EPRDF, und es ist fraglich ob das wirklich die stärkste Partei bzw Parteienallianz ist
  58. Wobei: Solange die Amhara dominant waren, war es ihnen nicht so “wichtig”, dass Äthiopien ein Vielvölkerstaat ist
  59. A propos: Eritrea wurde eine der repressivsten Diktaturen Afrikas, ein Einparteienstaat der PFDJ (Nachfolger der EPLF) unter Isayas Afewerki. Eritreer flüchten inzwischen nach Äthiopien, wie auch Süd-Sudanesen oder Somalier. Davon abgesehen gab es 1998 bis 2000 einen Grenzkrieg zwischen diesen Ländern. Und vor wenigen Wochen eine Aussöhnung
  60. Was wahrscheinlich ein Zeichen von Grösse gewesen wäre; man denke an das Begräbnis für die Zarenfamilie in Russland 1998 und das Staatsbegräbnis, das die Post-Apartheid-Regierung Südafrikas 2006 der Familie von Pieter Botha anbot
  61. Eine gebürtige Kubanerin
  62. Streng genommen gehören geografische Teile Afrikas wie Ceuta und die Kanaren zu Spanien, das auch eine Monarchie ist. Und es gibt regionale bzw zeremoniale Monarchien wie jene der Zulus in Südafrika
  63. Bokassa, der Präsident der sich 1976 zum Kaiser proklamierte; andere Präsidenten haben das nicht getan, aber so geherrscht
  64. Nach dem Abgang von Mugabe in Zimbabwe und Dos Santos in Angola heuer sind Kameruns Biya (seit 43 Jahren zunächst Minister-, dann Staatspräsident), Obiang in Äquatorial-Guinea, Sassou in Kongo-Brazzaville, Museveni in Uganda, König Mswati in Swasiland, Bashir in Sudan, Deby im Tschad, Afewerki in Eritrea und Bouteflika in Algerien die längst Herrschenden in Afrika (und auch global im Spitzenfeld bzw führend)

Nation und Nationalismus in und um Tibet

Tibet ist eine der wichtigsten nicht souveränen (unabhängigen) Nationen. In der Debatte um die Unabhängigkeitsbestrebungen der Tibeter spielt die Phase vor der Eingliederung in die Volksrepublik China eine entscheidende Rolle, ob Tibet also Teil der Republik China (wie sie 1912 bis 1949 am Festland bestand) war. In der Souveränitätsdebatte geht es auch um den Status Tibets gegenüber den Ming-Kaisern Chinas (1368–1644). Damals gab es erstmals eine Art chinesische Herrschaft über Tibet, wobei die wirkliche Natur dieser “Herrschaft” (oder Beziehung) umstritten ist. Wahrscheinlich hatte Tibet damals einen Status ähnlich wie der gegenüber der Republik China (de facto unabhängig, de jure wahrscheinlich nicht). Wobei: was heisst hier “de jure”? Ein Völkerrecht gab es damals nicht, und das Westfälische Staatensystem hat sich eben nach dem Westfälischen Frieden des Jahres 1648 entwickelt. Unter der mongolischen Yuan-Dynastie (1271–1368) waren Tibet und China erstmals in einem Reich zusammen, davor gab es “Berührungen”. Unter der Qing-Dynastie war Tibet1 sicher ein Teil Chinas.

Die Geschichte Chinas ist eine von Reichseinigung (erstmals um 200 vC unter den Qin) und Reichszerfall; im Osten das Innere China, das chinesische Kernland (entwickelter), im Norden, Süden und vor allem Westen das Äussere China, der Rand, bewohnt von “Minderheiten” (Nicht-Chinesen). Es gibt hier also einen Streifzug durch die Geschichte Tibets, mit dem Focus auf seine Entstehung und Behauptung als Nation. Dabei zeigt sich eine starke Verbindung mit dem Buddhismus im Land; weil diese Religion das Land stark geprägt hat, sie seine weltlichen Herrscher hervorbrachte, und weil die meisten tibetischen Historiker buddhistische Mönche (Lamas) waren. Auch gesamt-chinesische Fragen werden angeschnitten, auf das Verhältnis Tibets zum Westen wird eingegangen, am Ende auf Nationalismus und Separatismus generell.

Die Tibeter gehören ethnisch zu den Tibeto-Birmanen, ihre Sprache zur sino-tibetischen Sprachfamilie. Über die Ethnogenese bzw Vorgeschichte der Tibeter gibt es einige Mythen. Ihr Land liegt am Schnittpunkt von Ostasien, Südasien und Zentralasien, zwischen Indien, China und dem westlichen Zentralasien. Es ist ein Hochland, begrenzt von Tarimbecken, chinesischem Strombecken, Himalaya, Kaschmir. Es gibt grosse Temeperatur-Schwankungen. Der tibetische Eigenname für das Land ist Bod (བོད) oder , aus dem türkischen Töbäd (“die Höhen”) dürfte über persische und arabische Vermittlung in westlichen Sprachen “Tibet” geworden sein. Bis heute dominiert Viehzucht (> Yak) und Ackerbau die Wirtschaft und Lebensweise (zT Nomadentum) des Landes. Im frühen Mittelalter gab es die ersten Bildungen regionaler Reiche, etwa im Yarlung-Tal. Vor dem Buddhismus gab es in Tibet eine schamanistische Volksreligion, das Bön.

Im 7./8. Jh kam der Buddhismus aus Indien nach Tibet2, in seiner Vajrayana-Form, wurde dort zum Lamaismus oder lamaistischen Buddhismus umgeformt, in dem das Mönchtum zentral ist. Das vor-buddhistische Bön floss in den “tibetischen” Buddhismus ein, blieb zT (buddhistisch beeinflusst) bestehen. Mit dem Buddhismus kam bzw entstand eine an das Sanskrit angelehnte Schrift für die tibetische Sprache. In das benachbarte China war der Buddhismus im 1. Jh nC gekommen, verbreitete sich dann ab dem frühen Mittelalter stark (hauptsächlich in seiner Mahayana-Form3 In Indien selbst wurde der Buddhismus von Hinduismus und Islam verdrängt.

Im 7. Jh entstand ein vereintes Tibetisches Reich, das ziemlich weit über die heutige chinesische (autonome) Region hinaus reichte, bis ins 9. Jh hielt. Erster Kaiser und Reichsgründer war Songtsen Gampo, dessen Vorfahren zuvor nur in Yarlung herrschten. Unter ihm begann auch der Buddhismus in Tibet Fuss zu fassen und das Land zu prägen. Bod (Bö) bezeichnet auf Tibetisch das gesamte Tibet, bestehend aus den 3 Regionen Ü-Tsang (Zentral-Tibet), Amdo, Kham (die beiden im Osten anschliessenden Regionen, die heute nicht mehr Teil Tibets sind). Tibet (bzw Ü-Tsang)4 bestand damals auch aus Gegenden im Süden und Westen, die später verloren gingen, teilweise tibetisch besiedelt waren, teilweise Nachbargebiete und -völker darstellten. Im Osten grenzt(e) Tibet an chinesische Gebiete, im Süden, Westen und teilweise im Norden an arische/indo-iranische, im Norden auch an türkisch-mongolische, im Süden auch an (andere) tibeto-birmanische. In China herrschte 618–907 die Tang-Dynastie, versuchte zu expandieren, es kam zu mehreren Schlachten mit Tibet, etwa zu jener von Songtsu 638.

Zum Handel an der Seidenstrasse trug Tibet auch mit Textilien-Herstellung bei. Im 9. Jh gingen ein Niedergang des Buddhismus und ein Zerfall Tibets Hand in Hand. Tibet bestand, bis zum 13. Jh, wieder aus Teil- bzw Regionalreichen, die jeweils mit gewissen Klöstern verbunden waren. Im Hoch-Mittelalter lebte der Buddhismus in Tibet wieder auf. In dieser Zeit wurde der Islam ein Bedränger des Buddhismus: In Südasien (also dem indischen Raum), in Südost-Asien, und in Zentralasien. Das bis dahin weitgehend buddhistische Gandhara-Gebiet in Nachbarschaft bzw Nähe Tibets wurde unter den Ghaznawiden islamisiert. Nördlich von Tibet, im heutigen Sinkiang/ Xinjiang, hatte sich der Buddhismus auch bei Ost-Iranern (Tocharer, Saken,…) im Tarim-Becken durchgesetzt, neben dem nestorianischen Christentum. Und auch im Norden dieses Gebiets, bei türkischen Völkern dort (frühe Uiguren, Königreich Quocho).5 Im Hoch-MA wurde dieses Gebiet durch die Karluken/ Karakhaniden islamisiert und türkisiert.6

Das fragmentierte Tibet wurde in den 1240ern in das vom Dschingis Khan begründete Mongolische Reich eingegliedert. Zuerst kam eine Invasion, dann wurde einer führenden Person des tibetischen Buddhismus, Sakya Pandita, die Macht über Tibet innerhalb dieses Reichs übergeben. Kublai Khan, ein Enkel von Dschingis/Cengiz, war Ende des 13. Jh Grosskhan/ Khagan des Mongolischen Reichs, nach dessen endgültigem Auseinanderfall Herrscher und Begründer des Yuan-Reichs, einem der Nachfolgereiche. Tibet kam zu diesem Reich, das China und weitere Teile Nordost-Asiens umfasste, behielt seinen Autonomie. Der Orden der Sa(s)kyapa/Rotmützen wurden von Kublai Khan zu Herrschern über Tibet gemacht, die Klöster in Tibet bekamen (mehr) weltliche Macht. Und, den Tibetern gelang auch die Vermittlung ihres Buddhismus an die Mongolen, der im Yuan-Reich (de facto) Staatsreligion wurde.7 Um 1360 fiel dieses Reich der Mongolen über Nordostasien auseinander.8

Durch die mongolische Herrschaft war Tibet ab dem 13. Jh in den “Einzugsbereich” Chinas, selbst Unterworfener der Mongolen, gekommen. Der chinesische Einfluss, zunächst kulturell, wurde in der frühen Neuzeit politisch. In China schüttelte die Ming-Dynastie in den 1360ern die mongolischen Yuan ab, bald war auch Tibet ein Teil dieses Chinas.9 Die Natur dieser (Vor-) Herrschaft ist, wie in der Einleitung erwähnt, umstritten. Die meisten Wissenschafter ausserhalb Chinas sagen, dass es sich um eine Form der Suzeränität handelte, dass Tibet de facto unabhängig vom Ming-China war (anders als ein Vasallenstaat, der de jure unabhängig ist). Jedenfalls genoss Tibet von China unter den Ming (1368 – 1644) weitgehende Autonomie, die von Familien wie den Phagmodrupa und den Tsangpa als Regionalherrschern “ausgefüllt” wurde. Die Haltung der VR China dazu ist, dass Tibet (chinesisch 西藏, Xizang) durch die Zugehörigkeit zum Yuan-Reich ein Teil Chinas wurde, es unter den Ming blieb, somit seit dem 13. Jh ein (integraler) Teil Chinas ist! Jene, die eine Souveränität von China über Tibet zur Zeit der Ming-Herrschaft behaupten, verweisen darauf, dass diese Fürsten von der Akzeptanz des Ming-Hofes abhängig waren – dem wird entgegen gehalten, dass es dabei um nominelle Titel (für diese Herrscher) ging, ohne grosse Bedeutung.10

Bild des 1. Panchen Lama (14./15. Jh)

Jedenfalls, mit Kaiser Jiajing (1521–1566) wurde das Maß an Selbstbestimmung, das Tibet genoss, noch grösser. Mit dem Ende der Mongolen-Herrschaft begann der Aufstieg des Ordens der Gelbmützen/Gelugpa (mit einem Dalai Lama und Pantschen Lama). Anfang des 1. Jh, unter dem 5. Dalai Lama, wurden tibetische Gebiete vereinigt, die weltliche Herrschaft dieser Institution begründet. Der Dalai Lama wurde weltlicher Führer Tibets, der Pantschen Lama geistlicher. In diese Zeit fällt die Unterdrückung von Christen in Tibet. Die Herrschaft der Lamas wurde fortgesetzt, als die Ming-Herrschaft 1644 unterging und die mandschurischen Qing/ Aisin Goro die Herrschaft über China übernahmen. Tibet war für etwa 80 Jahre frei von chinesischer Oberherrschaft, war in der in dieser Zeit dem mongolischen Khoshut-Khanat tributpflichtig. Das damalige Regime über Tibet wird Ganden Phodrang genannt. Lhasa wurde Hauptstadt und mit dem Bau des Potala-Palastes dort begonnen. Die Grenzen waren aber, wie damals üblich, nirgendwo hin klar festgelegt und die Macht der (klerikalen) Regierung erreichte nicht alle Winkel der Region.

Tibets Nachbarn “wechselten” immer wieder, in der frühen Neuzeit war das u.a. das Ost-Tschagatai-Khanat (Moghulistan), mit dem späteren Sinkiang, wo dann das Dsungarei-Khanat entstand, von dem (wie vom Sikh-Reich) Angriffe auf Tibet ausgingen. Der östliche Teil von “Xinjiang”/”Shərqiy Türkistan” kam im 16. Jh zu China. Im Süden (Indien) entstand das Mogul-Reich. 1720 fielen zunächst die mongolischen Dsungaren (Tsungaren) aus dem Norden in Tibet ein; anschliessend schickte der chinesische Kaiser Gian Long (Qianlong) eine Armee hin, die Soldaten wurden von den Tibetern als Befreier von den Dsungaren freudig begrüsst, heisst es. Tibet wurde chinesisches Protektorat, eine kaiserliche Delegation überbrachte am 21. April 1721 die offizielle Anerkennung des 7. Dalai Lama. Und, China beseitigte die Reste weltlicher (Eigen-) Herrschaft in Tibet, mit der Tötung von Gyurme Namgyal, des neuen Oberhauptes der adeligen Pholha-Familie, 1750.

In den frühen Jahren des Protektorats von Qing-China über Tibet, unter Kaiser Yongzheng, wurde Ost-Tibet abgetrennt; in den 1720ern wurden Amdo und das östliche Kham in die benachbarten chinesischen Provinzen (Qinghai und Sechuan) eingegliedert. Die Grenze wurde bei Batang gezogen, das Gebiet westlich davon (Ü-Tsang, West-Kham) stellte nun Tibet dar, Tibet östlich davon (Ost-Kham und Amdo) blieb dauerhaft abgetrennt – bis zum Ende der Monarchie in China 1912. Und das daran anschliessend (semi-) unabhängige Tibet11 bestand ohne diese Gebiete. Die autonome Herrschaft der Dalai Lamas unter/in Qing-China bezog sich also auf ein verkleinertes Tibet. China hatte einen Statthalter in Lhasa, meist aber keine Truppen dort stationiert, siedelte keine Chinesen an, mischte sich in der Regel nicht in innere Angelegenheiten ein.

Bald nach der “Eingliederung” Tibets in China war das Tarim-Dsungarei-Gebiet dran, damals von den mongolischen (buddhistischen) Dsungaren beherrscht. Die dort heimischen (türkisch-iranischen) Uiguren begrüssten und unterstützten den chinesischen Feldzug 1755, mit dem das Dsungaren-Khanat zerstört wurde. Verbunden damit waren Massentötungen und Verschleppungen von Dsungaren – wie die Tanguten verschwand auch dieses Volk als solches. Die Bezeichnung “Xinjiang” wurde zunächst generell für die neuen Gebiete unter chinesischer Kontrolle verwendet12, dann spezifisch für dieses, für das es eben viele Namen gibt. 1683 eroberte die Armee der mandschurischen Qing Taiwan für China. Bis 1691 wurde die Mongolei unterworfen (auch noch unter Kaiser Qianlong); hier kam es zu einer Politik wie ggü Tibet: Ein Teil (> “Äussere Mongolei”, später zu Qing-China) wurde weitgehend als Provinz in den Vor-Qing-Strukturen belassen, ein anderer (> “Innere Mongolei”, von den Mandschuren unterworfen bevor diese China unterwarfen) wurde auf mehrere Provinzen aufgeteilt. Im Norden grenzte dieses China an Gebiete, die im 17. Jh russisch geworden waren13, im Westen an die türkisch-iranischen Khanate des nordwestlichen Zentralasiens sowie an Afghanistan, das im 18. Jh entstand, im Süden an Mogul-Indien, Nepal, Bhutan sowie diverse südostasiatische Reiche, im Westen an Korea. Viele dieser Nachbarstaaten waren China tributpflichtig.

Guru Rinpoche, Nepal 17./18.Jh, Weltmuseum Wien

Die Mandschu(ren), die unter (bzw mit) den Qing (in) China dominierten, waren ein kleines Teilvolk Chinas oder eine nicht-chinesische Minderheit Chinas, das/die über den grossen Rest des  Landes herrschte. Unter den Ming, der letzten echt chinesischen Herrscherdynastie Chinas, war ein Teil der Mandschurei Teil Chinas geworden14, hatten Han-Chinesen über die Mandschu geherrscht. Die Mauer im Norden Chinas, bis zu den Ming gebaut, war/ist südlich des Gebiets der Mandschu und Mongolen – tweitere kamen unter den mandschurischen Qing zu China. Die Qing haben China grösser gemacht (wahrscheinlich grösser als je zuvor), die Basis für die jetzige Ausdehnung gelegt. Seine grösste Ausdehnung erreichte China unter zwei nicht-chinesischen Dynastien, den Qing und den Yuan. Die (mongolischen) Yuan kann/muss man als Fremdherrschaft sehen, waren das auch die Qing, eine Art Besatzungsregime also? Im Gegensatz zu den Moguln in Indien oder den Alawiyya in Ägypten haben sie nicht von Aussen die Macht ergriffen, ihr Territorium war schon davor Teil des Landes (und blieb es); man kann sie mit den Kadscharen und Safawiden in Persien/Iran vergleichen, vielleicht mit den Americo-Liberianern, die über die Afro-Liberianer herrschten.

Langer Zopf und Kahlscheren des Vorderkopfes und der Seiten bei Männern war mandschurische Sitte, die nach Machtübernahme der Qing über China für Chinesen vorgeschrieben wurde.15 Dies sollte Unterwerfung der (eigentlichen, Han-) Chinesen unter die Mandschuren bzw die Vereinigung der Ethnien Chinas verdeutlichen (optische Unterscheidung zu den Mandschu unmöglich machen). Jene, die die Qing ablehnten, sollten/konnten so auch identifiziert werden. Damit haben sie aber Widerstand hervorgerufen, trotz/wegen der drakonischen Strafen, die auf Nicht-Befolgung standen. Ausnahmen bei der Vorschrift gab es für Nicht-Han (da war diese Haartracht nur für Führer vorgeschrieben) und Geistliche verschiedener Religionen. Die Qing sahen die moslemischen Hui (Dunganen) als Chinesen, aufgrund ihrer Sprache, sie waren daher zu dieser Haartracht verpflichtet. Uiguren oder Tibeter nicht. Im Laufe der Jahrhunderte wurde es für Chinesen zur Selbstverständlichkeit, dass Männer Zöpfe tragen, es wurde sogar als vornehm und chinesisch empfunden. Und im Ausland wurde dieser mandschurische Brauch16 als ur-chinesisch empfunden.

Alle die “äusseren Gebiete” Chinas sind eigentlich unter den (mandschurischen) Qing zu China gekommen – nur die Mandschurei gehörte teilweise vorher schon dazu.17 Die Expansion Chinas (der Kern bzw das Zentrum im Osten) betraf Gebiete in seinem Westen, Norden, Süden, wurde also in der früheren Neuzeit “fixiert”. Wie man auch auf der Karte unten sieht, das äussere China, die Peripherie, der Rand, die (ursprünglich) von Nicht-Chinesen bewohnten Gebiete, ist eigentlich grösser als das ursprüngliche, innere China; und fast alle Aussengrenzen Chinas lagen nach der Expansion im äusseren China. Das Eigentliche oder Innere China umfasst in etwa jenes Gebiet, das von den Ming (oder früher von den Song) gehalten wurde; die 15 Verwaltungseinheiten/Provinzen der Ming wurden unter den Qing durch Reformen zu 18 Provinzen (十八省), die neu eroberten Gebiete bekamen eine andere Verwaltung, diese 18 Provinzen gelten als ursprüngliche und integrale Bestandteile Chinas (in Abgrenzung zu neu eroberten Gebieten, die zudem von Nicht-Chinesen geprägt sind/waren, und grössere Provinzen darstellten). Für wen aber genau? Die Einteilung Chinas in Kern- und Grenzregionen ist eigentlich eine Sache der westlichen Welt.

Im Südwesten des Inneren Chinas gibt es Völker wie die Zhuang und Miao, die nicht chinesisch/sinitisch sind. Taiwan kam erst unter den Qing zu China, seine ursprüngliche Bevölkerung ist nicht chinesisch; Taiwan kam aber unter den Qing zur Provinz Fujian, wurde also Teil des Inneren Chinas, ist so gesehen integraler Bestandteil Chinas. Jener Teil der Mandschurei die Teil von Ming-China gewesen war, wurde von den Qing erobert, bevor (der Rest von) China erobert wurde, daher wurde die Mandschurei als Ganzes nicht Teil der achtzehn neuen Provinzen bzw des Inneren Chinas. Das östliche Tibet wurde wie gesagt grossteils auf die Provinzen Sechuan und Qinghai aufgeteilt. Die Grenzen von Yunnan wurden auch verändert. Die Gebiete des Äusseren Chinas (“Ost-Turkestan”, Mongolei, Tibet, Mandschurei) kamen, ausser jene Teile die inner-chinesischen Provinzen zugeteilt worden waren, unter Verwaltung einer Behörde namens Lifan Yuan, bekamen Autonomie, in Tibet von der religiösen Institution der Dalai Lamas ausgeübt.

Die Qing/Mandschu sahen Mandschu, Han, Tibeter, Uiguren, Hui, Mongolen,… als gleiche Teile Chinas an, China quasi als supranationalen Staat. Ähnlich wie es Persien in der Neuzeit von den Safawiden bis zu den Kadscharen war, vor den Pahlevi.18 Zur “Befriedung” der Tibeter und Mongolen förderten die Kaiser der Qing-Dynastie den Buddhismus, vor allem die Gelugpa-Schule des tibetischen Buddhismus.19 (Das innere) China ist auch zT buddhistisch geprägt, die Mandschuren nahmen den Buddhismus aber überwiegend nicht an.

Gebiete, die als Teile des Tibetischen Kulturraums bzw eines Gross-Tibets gesehen werden, waren zu Zeiten des früheren Qing-Reichs im Süden Tibets Bhutan, Sikkim und Teile von Birma und Nepal. Bhutan und Sikkim, die über die Jahrhunderte hinweg weitgehend ihre Unabhängigkeit bewahren konnten, waren und sind von buddhistischen Tibeto-Birmanern bewohnt. Die wichtigste Bevölkerungsgruppe Bhutans, die Ngalop, sind Auswanderer aus Tibet. Und unter einem tibetischen Lama, Ngawang Namgyal, wurde Bhutan im 17. Jh ein geeintes Reich – das sich Anfang des 18. Jh erfolgreich gegen Eroberungsversuche von Tibet und Mogul-Indien verteidigte, später von den Briten weitgehend in Ruhe gelassen wurde. Die Birmanen/Bamar sind ethnisch und kulturell verwandt mit den Tibetern, blieben politisch aber auch unabhängig, dominier(t)en ihren Vielvölkerstaat. In Nepal gibt es die vorherrschenden arischen, hinduistischen Bevölkerungsgruppen, und einige tibeto-birmanische, buddhistische. Auch die Gegend um den höchsten Berg im Himalaya-Gebirge, den Sagarmatha/ Chomolungma/ Mount Everest, ist hauptsächlich von “tibeter-ähnlichen” Volksgruppen bewohnt.

1788-1793 drangen die Nepalesen übrigens in Teile Tibets, somit in China, ein. Als “Westtibet” werden manchmal teilweise tibetisch geprägte Gebiete zusammengefasst, die unter indische Herrschaft gekommen sind bzw Teil indischer Reiche wurden.20 Hauptsächlich sind das Teile Kaschmirs, die von tibeto-birmanischen Gruppen bewohnt werden, wie Ladakh. 1679–84 gab es dort einen kleinen Krieg zwischen den Truppen von Tibet und des Herrschers von Ladakh, der Unterstützung vom Mogul/Gurkani-Reich bekam. Tibet hat also in den Jahrzehnten, bevor es zum Qing-Reich kam, versucht, sein Territorium zu vergrössern, um Gebiete, die man (ethnisch,…) als Teil eines Gross-Tibets sehen kann. Die (heutigen) Grenzen in diesem südöstlichsten Teil Zentralasiens wurden aber grösstenteils von den Briten und Ende des 19. Jh fest gelegt, bis dahin gab es gerade in diesen gebirgigen Gegenden keine klaren Abgrenzungen der Reiche.

In der späteren Neuzeit begannen Kontakte Tibets mit dem Westen, aus Europa kamen zunächst diverse Erforscher, Missionare (v.a Jesuiten), Händler,… Der transsylvanische Ungar Sándor (Alexander) Kőrösi-Csoma (1784 – 1842) wollte die Urheimat der Magyaren finden, bereiste dazu auch diesen Teil Asiens; er gilt als Begründer der Tibetologie. Ab dem späteren 18. Jh setzten sich die Briten in Indien fest, bekamen es bis Mitte des 19. Jh ganz unter ihre Kontrolle, versuchten von dort (grossteils erfolgreich) Zentralasien zu unterwerfen, weiters Teile von Nordost- und Südost-Asien. Gegen Ende des 19. Jh war GB in grossen Teilen Asiens vorherrschende Macht, auch wenn es sich die betreffenden Länder, wie Persien/Iran oder China, nicht ganz unter den Nagel riss. Russland beherrschte hauptsächlich das nordwestliche Zentralasien, das Gebiet der türkisch-persischen Khanate und Emirate, die dort in der Neuzeit entstanden sind. Während in Amerika ab Ende des 18. Jh von europäischen Siedlern begründete Staaten unabhängig wurden, wurde die Welt bis zum beginnenden 20. Jh fast vollständig von europäischen Mächten unterworfen, unter diesen aufgeteilt. Das China der Qing war wie das Persien der Kadscharen, das Osmanische Reich oder Abessinien/Äthiopien eines der Reiche, die nie ganz unterworfen wurde

Im 18. Jh machten sich die Sikh im Punjab unabhängig, nahmen das Kaschmir ein. Das Sikh-Reich (Sarkar-I Khalsa, ਸਿੱਖ ਖਾਲਸਾ ਰਾਜ) eroberte 1834 auch den Ladakh-Teil von Kaschmir, damals ein unabhängiges Kleinreich und tibetisch geprägt. 1841 drang eine Sikh-Armee von dort auch nach Tibet ein, dadurch kam es zum Sino-Sikh-Krieg (41/42). Auch in “Xinjiang” wurde eingedrungen, vom Khanat Kokand (das dann bald russisch wurde), für einige Jahre in den 1820ern. In der Spätphase des Qing-Reichs kam es zu inneren Aufständen sowie zum Eindringen von Aussen, ähnlich wie beim Osmanischen Reich. Separatistische Bewegungen wurden von den Westmächten auch gefördert. In der frühen Neuzeit hatte im Westen ein idealisiertes China-Bild überwogen, im 19. Jh kippte das ins Negative, auch aus geo- und wirtschaftspolitischen Interessen, sah man nun eine „rückständige Kultur“, die vom Westen auf Vordermann gebracht werden musste. China, das sich so lange isolierte, wurde vom Westen (und Japan) gewaltsam “geöffnet”.

Qing-China um 1820

Die Schwäche des Reichs begünstigte die Aufstände (gegen die mandschurische Fremdherrschaft und aus anderen Gründen) und umgekehrt. Im Rahmen der Weisser-Lotus-Rebellion (1794-1804) war auch das Abschneiden des Männerzopfes Ausdruck von Protest. Es gab den Taiping-Aufstand (religiös-sozial, 1850-64), Aufstände der Hui (in mehreren Provinzen, etwa 1856-77). Das Eindringen der Briten in die “Sinosphäre”, durch die Opiumkriege, 1839 bis 1842 und 1856 bis 1860: China musste die Hafenstadt Hongkong an Grossbritannien abtreten, die Opiumeinfuhr zulassen, Häfen öffnen, “Reparationszahlungen” leisten und westlichen Ausländern Sonderrechte zugestehen. Weitere Mächte wollten und bekamen Stützpunkte in China, Macao ging an Portugal, auch Deutschland bekam etwas,… Taiwan musste an Japan abgetreten werden.

Und sogar in der Mandschurei, dem Stammland des Kaiserhauses, war die Vormachtstellung der Mandschu um 1900 von zugewanderten Han-Chinesen und Assimilierung an die allgemein-chinesische Kultur bedroht. Das Chinesische Reich war am Ende ziemlich ohnmächtig, wie das Osmanische.21 In der “Schlussphase” der Qing-Herrschaft wollte der Kaiserhof mit einer Umstrukturierung von Provinzen seine Macht retten; Tibet sollte in mehrere Provinzen aufgesplittert werden, wie das mit der Mandschurei geschehen war. Dies wurde nicht mehr umgesetzt. Was Tibet betraf, die chinesisch-mandschurische Vorherrschaft war auch hier sehr schwach geworden, so schwach, dass der 13. Dalai Lama 1894 den Statthalter des chinesischen Kaisers aus Tibet vertrieb. Vermutlich mit Rückendeckung Grossbritanniens, dass die meisten Nachbarländer Tibets dominierte. Und Ende des 19., Anfang des 20. Jh im Grossraum Zentralasien die Grenzen zog: die Durand-Linie 1893 zwischen Afghanistan und Indien (beides von ihnen mehr oder weniger kontrollierte Länder, durch das paschtunische, belutschische und nuristanische Siedlungsgebiete hindurch), 1893/95 zwischen dem afghanischen Wakhan-“Korrdidor”22 zu “Sinkiang”, und, in mehreren Schritten die Grenze zwischen “ihrem” Indien und China.

Der 13. Dalai Lama um 1900 in Darjeeling mit dem Herrscher von Sikkim, Thutob Namgyal, (sitzend) und anderen Lamas

Umstritten war dabei u.a. das Aksai-Chin-Gebiet, wenn man so will, ein Teil von Ladakh (Teil Kaschmirs), grossteils tibetisch geprägt und zeitweise Teil Tibets. Aksai Chin bzw Nordost-Kaschmir, ein unzugängliches und unübersichtliches “Grenzgebiet”, wurde damals, nach einigem Hin und Her, China zugesprochen. 1903/04 eine kleine britische Invasion in Tibet, unter F. Younghusband; es ging darum, abzusichern dass Tibet in die britische Einflusssphäre kam (und nicht in eine russische), um Handelsprivilegien23 und Grenzrevisionen, hauptsächlich zu Sikkim. Dieser Kleinstaat war ausserhalb des Mogulreichs geblieben, blieb ausserhalb Britisch Indiens, war aber britisches Protektorat. Als sich im späten 19. Jh abzeichnete, dass sich die Herrscher von Tibet und Sikkim “näher kamen”, sandten die Briten eine “Militärexpedition”, um sie zu “trennen”. Der (13.) Dalai Lama (“Thobten Gyatso”) floh während des britischen Einmarsches in Lhasa 1904 in die (chinesische) Mongolei.24 In jenem Teil Ost-Tibets der zur chinesischen Provinz Yunnan gehörte, kam es 1905 zu einem von tibetischen Lamas angefachten Aufstand gegen die chinesische Verwaltung, der mit Angriffen auf europäische christliche Missionare (und chinesische sowie tibetische Konvertiten) einher ging. Dies wurde mit einer Militärintervention niedergeschlagen. 1910 schickte der Kaiserhof25 Militär nach Tibet, um es wieder stärker an sich zu binden. Der Dalai Lama wurde abgesetzt, floh nach Indien.

1911/12 die “Xinhai”-Revolution, der Sturz der Monarchie und der mandschurischen Dynastie. Es kam dabei auch zu Übergriffen an Mandschuren, die zu weiteren Schritten der Assimilation an die Chinesen beitrugen.26 Es gab damals unter den Revolutionären Diskussionen, die Monarchie fort zu führen und entweder einen Nachfolger von Kon-Fu Tse oder einen Nachfahren der Ming-Familie zum Kaiser zu erheben. Jedenfalls sollte es ein Han-Chinese sein. Es setzte sich aber die Republik durch, ihr erster Präsident wurde Kuomintang-Führer Sun Yat-Sen, für 2 Monate 1912.27 Nach Sun wurde General Yuan S. K. Staatspräsident, nach dessen Tod 1916 begann die “Warlord-Ära”, die Fragmentierung und die innere Gewalt (in) der Republik China.

Ein Thema unter den Revolutionären war auch, ob sich die Republik nicht besser auf das Innere China, die 18 Provinzen, beschränken sollte, ohne den “Ballast” der nicht-chinesischen Völker. Es stand auch eine neue Fahne mit 18 Sternen zur Diskussion. Es setzte sich aber die Republik für das ganze Qing-Reich durch, und eine Fahne mit 5 Streifen, die für die Han, Mongolen, Tibeter, Mandschu und Hui, sowie die Harmonie und Einheit zwischen ihnen, standen. Die äussere Mongolei erklärte 1911 unter ihrem buddhistischen Führer, dem (8.) Bogd Gegen (der damit zum Bogd Khan wurde), ihre Unabhängigkeit. Im Zuge dessen kam es dort zu Übergriffen an Han-Chinesen. Der Bogd Khan, ein Tibeter, sagte, die Mongolei und China seien beide von den Mandschuren regiert worden, nach dem Wegfall dieser Herrschaft gäbe es keine Grundlage mehr dafür, bei China zu bleiben. Ein Teil der Mandschurei, das von den Tuva/Tuwinern bewohnte Tannu Uriankhai, war im 19. Jh unter Einfluss des nördlich angrenzenden Russlands geraten. 1912 proklamierte eine separatistische Bewegung die Unabhängigkeit des Gebiets unter dem Namen „Republik Urjanchai“ proklamierte, dann bald von russischen Truppen besetzt wurde.

In Tibet gab es 1912 einen Aufstand, chinesische Soldaten wurden des Landes (Ü-Tsang) verwiesen. Der 13. Dalai Lama, “Thubten Gyatso”, kehrte im Jänner 1913 aus Sikkim zurück, wo er sich zuletzt aufgehalten hatte. Und erklärte die Unabhängigkeit Tibets von China. Anscheinend war diese die Antwort auf eine Erklärung der Regierung der Republik China, in der sich diese für die Qing-Politik  gegenüber Tibet entschuldigte. Der Dalai Lama antwortete darauf, dass Tibet nie zu China gehört habe, “In den Zeiten von Dschingis Khan und den Mongolen, den chinesischen Ming und den mandschurischen Qing haben Tibet und China in einer Beziehung von Priester und Beschützer28 zusammengearbeitet, nicht in einer Unterordnung”. “Wir sind eine kleine, religiöse, unabhängige Nation.” In seiner Unabhängigkeitserklärung (?) erinnerte der Dalai Lama auch an die tibetischen Gebiete ausserhalb jenes Tibets, das nun unabhängig wurde. Es gab in diesen frühen Jahren der Unabhängigkeit auch Versuche, Teile von Ost-Tibet einzugliedern. Die Unabhängigkeit Tibets wurde von der Republik China nicht anerkannt, diese sah Tibet als eine chinesische Provinz. Für die zwei abtrünnigen Gebiete des Äusseren Chinas, Tibet und Äussere Mongolei, wurde im Innenministerium in Peking eine Abteilung eingerichtet, die später dem Präsidenten unterstellt wurde.

1912: Chinesisches Heer muss Lhasa verlassen

1913/14 kam es zur Simla-Konferenz von Repräsentanten von Grossbritannien (> Indien), Tibet und China. GB war von den drei Parteien klar die stärkste, gestand Tibet eine Art Unabhängigkeit unter Suzeränität/Oberhoheit der Republik China zu – was beiden anderen Verhandlungsparteien eigentlich nicht passte. Diese Art “Unabhängigkeit” sollte nur für die bisherige chinesische Provinz Tibet gelten, nicht für die unter den Qing davon abgetrennten osttibetischen Gebiete. Und diese beiden Gebiete, Zentraltibet und Osttibet, wurde nun klarer als bisher definiert/ abgegrenzt – wieder zur Unzufriedenheit sowohl Tibets wie Chinas. Die chinesischen Vertreter zogen sich darauf hin von der Konferenz zurück, die damit eine bilaterale wurde. Nun setzte der britische Verhandlungsführer Henry McMahon eine neue Grenze zwischen Tibet und Britisch-Indien durch, zog die nach ihm benannte Linie auf einer Landkarte. Ein Gebiet von etwa 9 000 km² südlich des Himalayas wurde von Tibet abgetrennt, das Gebiet um Tawang; dafür kam die Bezeichnung “Süd-Tibet” auf29. Diese Grenzkorrekturen zugunsten Britisch-Indiens wurden wiederum von Tibet und China abgelehnt, wurden später zur Grenze zwischen Indien und China.

In Zentraltibet (Ü-Tsang) regierte nun (wieder) der 13. Dalai Lama; 1917/18 wurde auch das westliche Kham dazu erobert. Zumindest de facto war Tibet 12/13 bis 50/51unabhängig von China. Die erste Phase der Republik China war jene der „Beiyang-Regierung“, 1912-28 (mit der 5-streifigen Flagge), mit Zerfall und bürgerkriegsartigen Zuständen; 1915/16 rief sich der Militär Yuan zum „Kaiser“ aus. Die Republik betrachtete Tibet (und Mongolei) während ihrer gesamten Existenz (12-49) als zu sich gehörig30, übte aber keine Kontrolle darüber aus. Die Kontakte zwischen Lhasa und Peking liefen auch über die chinesische Kommission für mongolische und tibetische Angelegenheiten, nicht über das Aussenministerium. GB war eine Art Garantiemacht für die Unabhängigkeit, unterstützte Tibet auch beim Aufbau einer Armee, war an einem Pufferstaat in der Region interessiert. In die Mongolei marschierten chinesische Truppen 1919 ein, die Kämpfe verbanden sich mit jenen des Russischen Bürgerkriegs, die Weisse Armee siegt über China, 1920/21 war die Mongolei wieder unabhängig. Taiwan war auch in dieser Zeit bei Japan.

Die heute von der Unabhängigkeitsbewegung verwendete Flagge Tibets war damals als Staatssymbol in Gebrauch. Eine solche Macht wie dieser, 13., Dalai Lama nach der Revolution in China hatte keiner seiner Vorgänger, bis dahin war ihre weltliche Macht immer von den Herrschern über China beschränkt worden. Wichtiger Mitarbeiter dieses Dalai Lama (und Minister in seiner Regierung) war Agvan Lobsan Dorzhiev, ein in Russland aufgewachsener Mongole/Burjate, buddhistischer Mönch. Es war jedenfalls ein religiöses Regime, eine Theokratie (Herrschaft buddhistischer Mönche) und absolute Monarchie; die vielen aus politischen Gründen heute vorgebrachten Vorwürfe von Sklaverei, Feudalismus, Mönchspolizei,… seien vorerst hintan gestellt. Ost-Tibet (Amdo und Ost-Kham), abgetrennt unter den frühen Qing, war bei China, ebenso wie Aksai Chin (dieses bei Sinkiang). “Bei China” hiess damals, unter Kontrolle regionaler Warlords oder der KMT. Dort hatte der Dalai Lama nur einen religiösen Einfluss. Die Republik teilte die bei China verbliebenen Teile von Mongolei (die Innere) und Tibet (das östliche bzw historische) auf mehrere Provinzen auf. Tibet kämpfte aber darum, zumindest Teile dieser Regionen unter seine Kontrolle zu bekommen, mit Unterstützung der dortigen tibetischen Bevölkerung. Das “westliche Tibet” (Ladakh) und das “südliche (Tawang) waren bei Britisch-Indien.

Es gab eine Reihe von Grenzkonflikten des semi-unabhängigen Tibets, in Zusammenhang mit den tibetischen Gebieten ausserhalb, die mit diversen regionalen Akteuren ausgetragen wurden. Das östliche Kham, durch den Jangtse-Fluss von (dem restlichen) Tibet getrennt, grossteils Sechuan zugeschlagen, stand in den frühen Jahren der Republik unter Kontrolle des chinesischen Warlords Liu Wenhui. Die historische tibetische Region Amdo ging grossteils in der chinesischen Provinz Qinghai auf. Diese wurde Teil der Machtsphäre des Kriesgherren Ma Bufang, einer schillernden Figur dieser Phase. Der Angehörige des moslemischen Hui-Volkes war der Kuomintang (KMT) zugetan, bekämpfte später die Kommunisten, ging 1949 ins Exil nach Saudi-Arabien (ein Teil seiner Verwandten nach Taiwan), wurde Botschafter der Republik China, unterstützte dem moslemischen Aufstand gegen die Volksrepublik 50-58. Ein Teil von Kham gehört zu Yunnan, wo Long Yun herrschte.

Der Bogd Khan, Staatschef der Mongolei, hatte sich mit dem Dalai Lama während dessen Exils während der britischen Invasion in Tibet zerkracht. Dennoch kam es 1913 zur gegenseitigen Anerkennung der beiden Länder die sich von China losgesagt hatten. Ansonsten nahm Tibet in dieser Phase der Unabhängigkeit (?) kaum internationale Beziehungen auf, bekam kaum Anerkennungen, trat kaum auf der internationalen Bühne (zB als Mitglied des Völkerbundes) auf. Bei den Vielvölker-Monarchien die durch den „1. WK“ untergingen (Österreich-Ungarn, Osmanisches und Russisches Reich), gab es auch einige Völker, die die Gelegenheit ergriffen, um ihre Unabhängigkeit zu kämpfen. Dabei gab es ja sowohl tragisches Scheitern, wie bei Armenien oder Ukraine, als auch Gelingen (bei den meisten arabischen Völkern oder den Tschechen) und halbes Gelingen, wie bei den Ungarn.

Mit dem Tod ihres Gründervaters Sun Yat-sen 1925 entbrannte in der KMT ein Macht- und Richtungskampf. Der linke Flügel der KMT und die Kommunistische Partei Chinas (“KPC”; Zhōngguó Gòngchǎndǎng) bzw ihre Milizen arbeiteten immer wieder zusammen. 1927 ging eine Beendigung einer solchen Kooperation in einen Bürgerkrieg über, wobei die KMT zunächst 1928 China unter ihrer Führung wiedervereinte. Die KMT-Miliz “Nationalrevolutionäre Armee” entmachtete die Beiyang/Peiyang-Regierung in Peking/Beijing durch den Nordfeldzug. Die “Warlord-Ära” wurde beendet, die KMT dominierte nun die Republik, mit ihrer Regierung in Nanjing; die 28 von Sun kreiirte KMT-Flagge wurde 1928 neue chinesische Flagge. Entschiedenster Widerstand kam von der KPC bzw ihrer Miliz “Rote Armee”31. Der Chinesische Bürgerkrieg ging von 1927 bis ca. 1950, war einer zwischen der Regierung der Republik (bzw ihrer Armee) und der KPC/Roten Armee sowie regionalen Akteuren. Durch den japanischen Einmarsch32 war der Krieg ca. von 36 bis 46 unterbrochen. Die Aussenpolitik der Republik China wurde aber durch die Wiedervereinigung 1928 “stabilisiert”, zuvor gab es verschiedene Machtzentren; nun bekam die Republik internationale Anerkennung. Der Anspruch über Tibet und Mongolei wurde durch die “Kommission für Angelegenheiten Tibets und der Mongolei” aufrecht gehalten.33

Tibetischer Skelett-Tänzer

1930-32 kam es zu einem Chinesisch-Tibetischen Krieg, nachdem Tibet unter dem Dalai Lama (bzw seine Armee) eine Vergrösserung seines Territoriums um Teile von Amdo/Qinghai versuchte, nach einem Streit um Klöster dort. Ma Bufang schickte ein Telegramm an Tschiang (Chiang) Kai-Schek, KMT-Führer und 1928-1931 sowie 1943-1949 Präsident der Republik (bzw Vorsitzender der Regierung)34 und Liu Wenhui. Gemeinsam besiegte man die Tibeter. In Kham/Sechuan erhoben sich 1934 Teile der dortigen tibetischen Bevölkerung unter Pandatsang Rapga und seinem Bruder gegen die tibetische Regierung, die dort grossen Einfluss hatte. Ragpa, der die “Tibetische Verbesserungs-Partei” gegründet hatte (bestand 39-50), war anti-feudal, anti-klerikal, anti-kommunistisch und anti-imperialistisch, unterstützte die Republik bzw die KMT. Die Tibeter standen also nicht alle hinter dem Dalai Lama und seinem Regime. Dieser starb 1933. Lhamo Döndrub aus einer bescheidenen Familie in Taktser in Amdo (Qinghai) wurde 1937 von Mönchen als sein Nachfolger “erkannt” und 1939 (im Alter von 4 Jahren) unter dem Namen “Tensin Gyatso” als 14. Dalai Lama inthronisiert, stand bis 1950 unter Regentschaft. Dies soll von der Regierung der Republik China bewilligt worden sein.

Der 9. Pantschen Lama hatte sich mit dem 13. Dalai Lama zerkracht, emigrierte in die (chinesisch gebliebene) Innere Mongolei, kehrte bis zu seinem Tod 1937 nicht mehr nach (Zentral-) Tibet zurück. Er lehnte sich an die Republik China an; die (jetzige) Rivalität zwischen Dalai Lama und Pantschen Lama und die Anlehnung des zweiteren an China gab es also schon zur Zeit der (faktischen) tibetischen Unabhängigkeit! Die Anlehnung des (14.) Dalai Lama an Indien kam erst später. 1944 bis 49 war der Österreicher Heinrich Harrer an der Seite des kindlichen Dalai Lama. Vorbild für Harrers Tibet-Expedtion war der schwedische Geograf Sven Hedin (1865-1952) gewesen, der im Rahmen seiner Reisen in Asien auch nach Tibet kam (1899-1902 aus China, 1905-08 aus Indien), darüber Bücher schrieb – und in beiden “Weltkriegen” prodeutsch war. Der Kärntner Harrer (1912-2006) war Sportler, Geograf, Bergsteiger, Reisender, Autor, und NS-Mitläufer, heiratete eine Tochter des deutschen Polarforschers Alfred Wegener. 1939 reiste er nach Britisch Indien zwecks Nanga Parbat-Besteigung, wurde wegen des Kriegs in Europa von den Briten interniert, brach 44 mit seinem Partner aus, kam so nach Tibet, war dort nahe beim 14. Dalai Lama und dessen Regierung. An dieser Stelle etwas zu Westen und Tibet

Dieser Dalai Lama wurde ja in seinen späteren Jahren, vom Exil aus, für viele Westler eine Art Lichtgestalt, als spirituelle “Instanz” und/oder Kämpfer für die Unabhängigkeit seines Landes von China; aber auch eine Art Feindbild, für Andere, bei denen die traditionellen anti-asiatischen “Gefühle” überwiegen oder die der “Hype” um ihn nervt. Dass der Ungar Csoma35 in Tibet nach den Wurzeln seines Volkes suchte, war eine der ersten dieser Begegnungen. Er begründete also die Tibetologie, die Erforschung der tibetischen Sprache und Kultur. In Csomas Todesjahr 1842 hielt der Franzose Philippe É. Foucaux seine tibetologische Antrittsvorlesung an der École spéciale des Langues Orientales in Paris. Der tibetische Lama Kazi Dawa Samdup (1868 – 1923) trat als einer der ersten Übersetzer tibetischer buddhistischer Texte (ins Englische) in Erscheinung, spielte auch eine Rolle in den Beziehungen des quasi-unabhängigen Tibets mit GB. Auch das “Tibetanische Totenbuch” hat er übersetzt, das bei Esoterikern im Westen auch Anklang fand. “Auf Touren” kam die Tibetologie aber erst nach dem 2. WK, mit Luciano Petech (Italien), David Snellgrove (GB), Ernst Steinkellner (Österreich),… Oft war sie anfangs mit der Indologie verbunden; bei Erich Frauwallner etwa war die Lektüre von Sanskrit-Texten und Buddhismus-Forschung der Zugang zur tibetischen Kultur.

Es gibt Einiges im tibetischen Buddhismus, das von Helena Blavatsky und Anderen in der westlichen Esoterik “aufgegriffen” wurde. Zum Beispiel Shambhala (བདེ་འབྱུང), ein sagenhafter versteckter Ort im Himalaya-Gebirge, von grosser Bedeutung im buddhistischen Kalachakra-Tantra und beschrieben vom 6. Pantschen Lama (18. Jh) im “Shambhala Sutra”. Im Roman “Lost Horizon” (deutsch “Der verlorene Horizont”, auch als „Irgendwo in Tibet“ verlegt) des Briten James Hilton 1933 wird aus Shambhala “Shangri-La”; er beschreibt ein abgelegenes Lama-Kloster am Shangri-Gebirgspass im Himalaya. Die Klosterbewohner, zum großen Teil aus westlichen Ländern und westlichen Kulturkreisen stammend, leben darin in einer frei gewählten Weltabkehr und erreichen zuweilen “biblisches Alter”. Auch in dem Roman “Das Geheimnis von Shambhala” von James Redfield (1999) wird das Thema verarbeiten. Oft mit Shambahla in Verbindung gebracht wurde “Agartha”, ebenso ein mythologischer Ort mit Wurzeln im Buddhismus, der im Westen “aufgegriffen” wurde. Auch die Lehren des Djwal Khul wurden im Westen behandelt und zT “umgeformt.

NS-Ideologe Alfred Rosenberg war mitverantwortlich für die Vereinnahmung (bzw den Missbrauch) des “Ariertums” für den Nationalsozialismus bzw die Nordgermanen.36 Heute gibt es von “Westisten” (hauptsächlich deutschen) Versuche, den „Arier“-Missbrauch der deutschen NS-Zeit “auszulagern“, ihn Anderen zu unterstellen.37 1936 gab es eine deutsche Hindukusch-Expedition in Ost-Afghanistan und dem Nordwesten des britisch besetzen Indiens, die dazu dienen sollte, Saatgut von Wild- und Kulturformen der dort beheimateten Pflanzen zu sammeln, um der Pflanzenzüchtung in Deutschland genetisches Material mit neuen oder verlorengegangenen Erbfaktoren zur Verfügung zu stellen. Otto Rahn hat damals den Mythos um den Heiligen Gral mit NS-Brille “untersucht”, dabei auch Tibet in seine “Theorien” eingespannt.

Heinrich Himmler regte eine Expedition nach Tibet an, vor dem Hintergrund von   Neuheidentum, Christentum-Feindlichkeit, Okkultismus des NS, Theorien über die Herkunft der Germanen38, aber auch von “praktischen” Erwägungen wie der Suche nach kälteresistenten Getreidearten und einer robusten Pferderasse für die deutsche Kriegswirtschaft. Erfahrungen der Tibetexpedition sollten auch für einen Schlag gegen die Briten in Indien militärisch nutzbar gemacht werden können.39 Auch sollte der Zoologe Ernst Schäfer, Leiter der Reise, dort nach Anhaltspunkten für Hanns Hörbigers “Welteislehre” suchen – diese bekam unter den Nazis Anerkennung, weil eine Weltenstehung aus Eis sehr nordisch-germanisch und als Kontrapunkt zu “jüdisch-liberaler” Wissenschaft gesehen wurde. Die von der SS-Organisation “Ahnenerbe” geförderte Expedition 1938/39 führte in den Osten Tibets. 1939 gab es auch eine japanische Expedition nach Tibet, mit dem Ziel der Erkundung der Wege nach Zentralasien und Südasien, wo Russen und Briten herrschten, die die eigene Vorherrschaft in Ostasien bedrohten.

Deutsche bei der Arbeit in Tibet

Nach der japanischen Kapitulation im August 1945 und dem Ende des “2. Weltkriegs”40 bekam China (und das war noch immer die Republik, in der der Bürgerkrieg nun wieder los ging) die Mandschurei und Taiwan zurück. Grossbritannien zog sich aus der Region (und bald auch aus anderen) zurück, 1947 kam es zur indischen Unabhängigkeit und Teilung. Kaschmir ist seit dem 1. Indisch-Pakistanischen Krieg 1947/48 geteilt bzw der Westteil von Pakistan besetzt.41 Die (von den Briten gezogene) indisch-chinesische Grenze wurde/wird von keinem der beiden betreffenden Staaten akzeptiert. Aksai Chin und ein weiteres Gebiet in der Nähe, der Trans-Karakorum-Trakt, stehen unter chinesischer Hoheit (gehören zu bei Sinkiang), werden von Indien als Teil seines Kaschmirs gesehen. Das Gebiet um Tawang, Süd-Tibet wenn man so will, machte einen grossen Teil der North-East Frontier Tracts aus, die 1951 zur North-East Frontier Agency wurde, 1972 zu Arunachal Pradesh, das 1987 in einen Bundesstaat umgewandelt wurde. Die Grenzziehung dort wird wiederum von China nicht anerkannt.

Im April 1949 nahm die aufständische Rote Armee (oder Volksbefreiungsarmee) Nanking ein, damals Hauptstadt der Republik China. Die Regierung (bzw die KMT) und ihre Armee und Anhänger zogen sich von da an immer weiter in den Süden zurück, schliesslich (im Dezember dieses Jahres) auf Taiwan. Das war 2 Monate nachdem KPC-Führer Mao Tse-Tung in Peking die Volksrepublik China ausgerufen hatte. Dieser Bürgerkrieg hat(te) kein klares Ende, schon allein weil es diverse “Abspänne” dieses Kriegs gab, Aufstände in der VR China bzw gegen sie, über 1950 hinaus. Der Krieg führte zur Einigung Chinas (da der allergrösste Teil Chinas unter Kontrolle der VR stand/steht)… und gleichzeitig zur Teilung (oder einer neuen Teilung; da die Führung der Republik auf Taiwan weiter machte). Die Republik China blieb für Jahrzehnte der international vorwiegend anerkannte chinesische Staat, obwohl sie über den grössten Teil Chinas keine Kontrolle hat(te).42 Zumindest solange die KMT in der Republik bzw auf Taiwan allein herrschte, wurde dort an einem China in den Grenzen von vor der Revolution 11/12 festgehalten, also mit der Mongolei, Tibet, dem Tuwa-Gebiet in der Mandschurei, und einigen weiteren “umstrittenen” Gebieten. Die Kommission für mongolische und tibetische Angelegenheiten der Republik wurde 1949 nicht aufgelöst, wurde umgewidmet, hauptsächlich zur Kommunikation mit Angehörigen dieser Völker in China. Die Haltung Taipehs zu den Minderheiten der VR war und ist widersprüchlich/ ambivalent, wie noch ausgeführt wird.

Tibet geriet rasch zwischen die Fronten des Kalten Kriegs, der irgendwann zwischen 1947 und 1949 begann. Im Juli 1949 liess USA-Aussenminister Dean Acheson die Schliessung des Konsulat seines Staates in Urumqi/Tihwa (Sinkiang). Der dort stationierte CIA-Agent Douglas Mackiernan wurde zunächst beordert, dort zurück zu bleiben, um zu spionieren. Er berichtete im August von Atomtests im nahen Kasachstan, der erste der SU. Die CIA unterstütze damals Bevölkerungsteile in Sinkiang/Ostturkestan/Uiguristan/Kaschgaria/Dsungaria die sich gegen die Kommunisten Chinas erhoben, und das war damals die Gruppe um Osman Batur, Kasachen aus dieser Region. Im September wurde Sinkiang von den Kommunisten eingenommen. Mackiernan wollte sich über Tibet nach Indien absetzen, mit einigen Begleitern, gekleidet als Kasachen, auf Pferden. Beim Versuch des Grenzübertritts nach Tibet Anfang 1950 wurde die Gruppe erschossen, von tibetischen Grenzsoldaten, die sie für Kasachen aus Sinkiang hielt, die (wie so oft) im Grenzgebiet einfallen wollten.43 In Tibet erwartete man zudem schon Invasions-Versuche der VR China.

Die Phase vom späten 19. Jh bis Mitte des 20. Jh war für China und mit ihm “assoziierte” Länder ein Zeit tiefer Um-brüche. Wie zB aus der Familiengeschichte von Jung Chang hervorgeht, die sie 1991 unter dem Titel “Wilde Schwäne” veröffentlichte, von der späten Kaiserzeit über die Republik und den Bürgerkrieg bis zur Herrschaft Maos und seiner Nachfolger in der Volksrepublik. Oder aus dem (verfilmten) Leben von Pu Yi, dem letzten Kaiser von China. Oder auch aus dem Leben von Mao selbst, der aus einer Bauernfamilie stammte, in seiner Jugend noch den Manchu-Zopf tragen musste, später KMT-Mitglied war, dann als KPC-Chef mit dieser Partei zusammenarbeitete und sie bekämpfte, die Macht über China erkämpfen liess, mit Stalin brach, Freundschaft mit Nixon schloss,…

Die Rote Armee hatte zuerst den Osten Chinas unter ihre Kontrolle gebracht, die “peripheren” Gebiete Tibet und Sinkiang aber vorerst “draussen” gelassen. Nach dem Sieg am Festland und der Ausrufung der VR wurde auch das in Angriff genommen. Die Ansprüche der Volksrepublik unterschieden sich von jenen der Republik darin, dass Mao & Co die Unabhängigkeit der (äusseren) Mongolei sowie die Abtretung einiger kleiner Grenzgebiete wie das der Tuwa akzeptierten.  Die KPC machte kurz vor der Ausrufung der VR 49 die Eingliederung von Tibet, Taiwan und umliegender Inseln zum Ziel. Mit der Regierung des kindlichen Dalai Lamas verhandelte die VR zunächst, wissend um das gebirgige Terrain Tibets und die Möglichkeit von Guerilla-Kriegführung dort. Sinkiang wurde 1946-1949 aus einer “Koalition” von dortigen KMT-Leuten und Repräsentanten der zweiten Republik Ostturkestan (SU-orientierte Kommunisten), regiert; eigentlich haben diese beiden politischen Kräfte das Land unter sich aufgeteilt. Die (nunmehrige) chinesische Armee drang ab Oktober 1949 in Sinkiang ein. Ein Grossteil der Führer der Ostturkestan-Bewegung und der dortigen KMT fügten sich, nur ein kleiner Teil rief zu Kämpfen auf – wie Yulbars Khan (KMT) und Osman Batur. 1955 wurde Sinkiang/Xinjiang autonom. Auch die osttibetischen Gebiete, die seit 1912 teilweise von lokalen tibetischen Herrschern regiert wurden, wurden 1949 in die VR eingegliedert.

In Tibet wurde der 14. Dalai Lama 1950 15 Jahre alt und damit als volljährig gesehen, ungefähr zu der Zeit, als China die Unabhängigkeit Tibets beendete, nach Monaten der Verhandlungen. Im Oktober 50 marschierte die chinesische Armee44 unter Zhang Guohoa in Tibet ein, stiess nur an der Grenze bei Chamdo auf etwas Widerstand der tibetischen Armee. El Salvador brachte in der UN eine Beschwerde gegen die Besetzung ein, scheiterte aber am Widerstand Indiens und Grossbritanniens. Ein Jahr nach der Besetzung kam es zum 17-Punkte-Abkommen zwischen Repräsentanten des Dalai Lamas und des KPC-Chefs Mao. Kommunistische Maßnahmen wie eine Landreform und eine engere Einbindung an China sollten vorerst in Tibet unterbleiben. Der Dalai Lama konnte seine Herrschaft fortsetzen. An der Präsenz von 20 000 chinesischen Soldaten änderte sich nichts, und die (“rot”-) chinesische Souveränität über Tibet wurde mit dem Abkommen besiegelt, es wird auch als Annexion gesehen. Heinrich Harrer flüchtete wegen des tibetisch-chinesischen “Konflikts nach Indien, der Dalai Lama ihn angeblich bis an die Grenze begleitend.45 Die unter den Qing (anderen) chinesischen Provinzen zugeschlagenen Gebiete Osttibets blieben ausserhalb des autonomen Tibets.

Der 14. Dalai Lama besuchte 1951 anscheinend erstmals Peking, arbeitete dann mit der Regierung der VR China zusammen. 1954 fuhr er zusammen mit dem 10. Pantschen Lama in die chinesische Hauptstadt, um mit dem Vorsitzenden Mao zu verhandeln (über Details der Autonomie) und an der ersten Sitzung des Nationalen Volkskongresses teilzunehmen, der über die Verfassung der VR beriet. Das Parlament der VR China tagt einmal jährlich einige Tage46, sein Ständiger Ausschuss tagt einige Male im Jahr. Lhamo Döndrub/Tenzin Gyatso wurde zum Vize-Vorsitzenden dieses Ständigen Ausschusses gewählt, eine Position, die er offiziell bis 1964 inne hatte…47 1956 reiste Döndrub nach Indien (anlässlich Buddhas Geburtstag), und traf dort mit Premierminister Jawaharlal Nehru (1947-64, INC) zusammen; er fragte ihn ob er ihm im Falle des Falles Asyl gewähren würde. Nehru verwies damals auf den 1954 abgeschlossenen Vertrag mit China, und betrachtete ein solches Asyl als Provokation.

Phuntsok Wangyal-Goranangpa (1922 – 2014) war eine wichtige Figur in den modernen chinesisch-tibetischen Beziehungen. Er empfand das in Tibet unter den Dalai Lamas jahrhundertelang herrschende Gesellschaftssystem als ungerecht, wollte diese feudalen und theokratischen Strukturen ändern, gleichzeitig aber eine wirkliche Unabhängigkeit für das Land. Damit verscherzte er es sich im Endeffekt mit beiden Seiten. Er gründete eine Tibetische Kommunistische Partei und gehörte anscheinend einige Jahre bis 1949 der tibetischen Regierung an. Nachdem er aus dieser entlassen wurde, schloss er “seine” Partei der KPC an. Nach dem Anschluss Tibets an China 1950/51 war er Übersetzer des 14. Dalai Lama bei seinen Gesprächen in Peking mit Mao 1954/55, spielte eine wichtige Rolle beim Aufbau der KP in Tibet, war höchstrangiger Tibeter in der Partei. Dennoch, sein Festhalten an tibetischen Anliegen machte ihn für das chinesische Regime verdächtig. 1958 kam er unter Hausarrest, 1960 wurde er verhaftet und verbrachte anschliessend 18 Jahre im Qincheng-Gefängnis in Peking, in Einzelhaft. Auch Familienangehörige von ihm wurden interniert. Dennoch bleib er nach seiner Freilassung in Peking.

Obwohl der Dalai Lama und seine Regierung sowie die Gesellschaftsstruktur Tibets nach ’51 (zunächst) unangetastet blieben, brachen 1956 bewaffnete Aufstände unter Tibetern aus, und zwar in (dem historischen) Ost-Tibet, das ja ausserhalb dieses Tibets war (und ist). Dort, in Amdo und Ost-Kham, kam es u.a. zu kommunistischen Landumverteilungen. Die Aufständischen nahmen sich zB Konvois des chinesischen Militärs vor. 1958 schlossen sich diverse Milizen zur Gruppe Chushi Gangdruk zusammen, die (unter ihrem Führer Andruk G. Tashi) ca. von 1958-74 aktiv war. Dass die Aufständischen überhaupt Waffen hatten, hatte einen Grund: Die US-amerikanische CIA unterstützte die Sache massiv, über Nepal, und mit Fallschirmabwürfen. Ein Bruder des 14. Dalai Lama, Gyalo Thondup, war bei der Weiterleitung bzw Organisation der CIA-Hilfe führend beteiligt. In der USA rührte während dessen die American Society for a Free Asia, ebenfalls CIA-finanziert, die Propagandatrommel für Tibet und gegen China, mit einem weiteren Bruder des Dalai Lama, Thubten Norbu, der darin eine aktive Rolle spielte. Solange die Chushi Gangdruk agierte, wurde sie von der USA unterstützt, also bis zum Nixon-Mao-Abkommen 1972. Es ist bei diesem Aufstand sehr fraglich, inwiefern sich „gewöhnliche“ Tibeter daran beteiligten, sie unterstützten, guthiessen. Ein CIA-Mann namens Bruce Walker, der die Sache zeitweise leitete, berichtete von Feindseligkeit gegenüber von seiner Behörde unterstützten Tibetern aus der tibetischen Bevölkerung.

Die chinesische Regierung reagierte mit der Stationierung zusätzlicher Truppen in diesen Regionen (also nicht im “eiegntlichen” Tibet). Zusätzlich liess sie aber Strafaktionen gegen Dörfer und Klöster in Tibet durchführen. Dann der Aufstand im März 1959. Es ist wieder einmal die Frage, wer begann und wer reagierte. Angeblich liess der Dalai Lama seine Flucht gut vorbereiten und Kunstschätze aus tibetischen Klostern in immensem Wert an die indische Grenze schaffen. Als in Lhasa Kämpfe ausbrachen (bzw der Aufstand nieder”geschlagen” wurde) und der Norbulingka-Palast (seine Sommerresidenz) beschossen wurde, floh er nach Indien, mit einer relativ kleinen Entourage, wiederum mit USA-Hilfe, zunächst nach Assam. Es folgten aber in den nächsten Wochen und Monaten etwa 80 000 Tibeter, die über verschiedene Wege nach Nord-Indien kamen. Indiens Premier Nehru stimmte der “vorübergehenden” Aufnahme der tibetischen Flüchtlinge zu. Bald nach der Ausreise gab der Dalai Lama eine Stellungnahme ab, in dem er das 17-Punkte-Abkommen verurteilte und das einstige Zustandekommen mit Druck der chinesischen Seite begründete. Auch die chinesische Seite nahm das Abkommen bzw die grosszügige Autonomie für Tibet zurück. Der Dalai Lama und seine Leute riefen bald in Indien eine Exilregierung für Tibet aus.

In Tibet wurde die Selbstverwaltung und die Erhaltung der bisherigen Strukturen durch die VR China beendet. Es blieb aber, mit Unterbrechung der Kulturrevolution, viel Tibetisches erhalten, etwa in der Schulbildung.48 Aber es kam auch eine stärkere Anbindung an (das restliche) China, etwa durch Eisenbahnbau und Strassenbau, zu dem Tibeter verpflichtet wurden, und zur Ansiedlung von Han-Chinesen. Die tibetische Flagge aus der Unabhängigkeitsperiode wurde 1959 nach der Niederschlagung des Aufstands verboten.49 Die tibetische Exilregierung (བོད་མིའི་སྒྲིག་འཛུགས་; Central Tibetan Administration) unter dem 14. Dalai Lama übersiedelte 1960 innerhalb Indiens nach Dharamshala in Himachal Pradesh (das ’71 Bundesstaat wurde). Dort entstand das Zentrum der Exil-Tibeter, daneben gibt es auch in Uttarkhand und Assam viele Auswanderer. Und in Jammu – Kaschmir und Arunachal Pradesh autochthone tibetische Volksgruppen bzw historische tibetische Gebiete in Indien. Arunachal Pradesh grenzt wiederum an Bhutan, dieses an Sikkim50, die ja auch tibetisch geprägt sind. Chef der Exilregierung war 1959 bis 2012 der 14. Dalai Lama, daneben gibt es einen Ministerpräsidenten und ein von Exiltibetern gewähltes Parlament.

In der VR kam 1958 bis 1962 die Kampagne “Grosser Schritt nach vorne”, die die Industrialisierung Chinas voranbringen sollte. Dadurch (Vernachlässigung Landwirtschaft,…) wurde aber eine grosse Hungersnot ausgelöst, auch in Tibet. Der 10. Pantschen Lama war nicht ins Exil gegangen, wurde von der VR als Regierungschef Tibets eingesetzt (!, 59-64, Nachfolger des Dalai Lama), betrieb aber auch keinen Ausverkauf tibetischer Interessen und war 1968 – 1977 in Qincheng inhaftiert, u.a. weil er das Leiden der Tibeter in dieser Zeit gegenüber Ministerpräsident Chou En Lai thematisierte. Dass dem Dalai Lama (und vielen anderen Tibetern) in Indien Asyl gewährt wurde (und einige Grenzzwischenfälle in dem Zhg), verschärfte die bestehenden Spannungen zwischen China und Indien, die sich hauptsächlich um die Gebietsfragen Aksai Chin (bei Sinkiang) und Tawang (bei Arunachal Pradesh) drehten, die beide mit Tibet verbunden waren/sind. China war bereit, die McMahon-Linie als Grenze zu akzeptieren (und damit die Zugehörigkeit des Tawang-Gebietes zu Indien), wenn Indien die chinesische Hoheit über Aksai Chin (अक्साई चिन) akzeptierte; Indien ging darauf jedoch nicht ein, wahrscheinlich weil ohnehin schon Pakistan einen Teil Kaschmirs beanspruchte bzw besetzte.

Beide Gebiete waren durch Grenzziehungen der Briten Ende des 19., Anfang des 20. Jh in den jeweiligen “Besitz” gekommen. Man muss aber sagen, dass ethnische und historische Faktoren nicht unbedingt einen eindeutigen Aufschluss über die Zugehörigkeit gebracht hätten bzw bringen würden. Eher noch im Fall des Nordwestens des indischen Staats (seit 72) Arunachal Pradesh im Nordosten Indiens51. Die Nordgrenze von Arunachal Pradesh ist die McMahon-Linie. Bemerkenswerterweise macht sich die VR China hier tibetische Anmsprüche/Anliegen zu eigen, sieht das Gebiet (auch) als “Süd-Tibet”. Da China (die Republik damals) das Simla-Abkommen nicht unterzeichnet hat, sei die Grenzziehung illegitim. Auch die auf Taiwan beschränkte Republik China beansprucht das Gebiet. Aksai Chin und der Trans-Karakorum-Trakt werden von Indien wiederum als Teil der Ladakh-Region in Jammu und Kashmir gesehen. Der Streit um die beiden Gebiete ebnete den Weg für den Indisch-Chinesischen Grenzkrieg im Oktober und November 1962. Chinesische Truppen drangen dabei relativ tief nach Nordost-Indien ein, zogen sich nach einigen Wochen aber wieder nördlich der McMahon-Linie zurück.52 In den 1990ern einigten sich die beiden Staaten darauf, bis auf weiteres die Line of Actual Control zu respektieren.

Tibet hat drei Atommächte in seiner Nachbarschaft, China (VR), Indien und Pakistan. Die Atomwaffenentwicklung und -tests der Sowjetunion fanden grösstenteils im an China (Sinkiang) angrenzenden Kasachstan statt, nicht so weit von Tibet. Und, bis 1972 war auch ein Eingreifen des USA-Militärs mit Atomwaffen in der Region (zB in den Quemoy-Krisen53 1954/55 und 1958). Als die VR 1954/55 nach den Quemoy-Inseln in der Taiwan-Strasse griff (wie schon 1949) und ein amerikanisches Eingreifen zugunsten der Republik wahrscheinlich war, hat sich Mao anscheinend für ein Atomprogramm entschieden. Es entstanden Urananreicherungsanlagen, eine Plutonium-Aufbereitungsanlage und eine Testanlage, verstreut über das Land, anfangs mit SU-Hilfe. Seit 1964 wird China als Atommacht gesehen, Indien seit 1974, Pakistan seit 1998.

1965 wurde Tibet autonome Provinz innerhalb Chinas; manche tibetischen Besonderheiten, wie die Sprache, würden also geschützt werden.54 Dann kam aber bald die Kulturrevolution. Und es gab keine Wiedervereinigung mit den anderen tibetischen Gebieten innerhalb Chinas (Amdo, Ost-Kham), in den benachbarten Provinzen Qinghai, Szechuan, Yunnan, Gansu. Allerdings wurden dort autonome tibetische Präfekturen und Kreise geschaffen! Autonomie bedeutet dass der Regierungschef (ethnischer) Tibeter ist; allerdings liegt die tatsächliche Macht beim Ersten Sekretär der KPC in der Provinz, der noch nie ein Tibeter war. Die Partei in der Provinz ist von Han-Chinesen dominiert.55 1966-76 die Kulturrevolution, die Zerstörung tibetischer Kultur wie Klöster brachte, materiell und als Institution für Bildung usw. Dass der Widerstand im Land aber grossteils USA-“gesponsert” war, zeigt sich darin, dass bewaffnete Aktionen mit dem Nixon-Mao-Abkommen ziemlich aufhörten. Der Widerstand verlagerte sich auf eine andere Ebene, vom tibetischen Exil und westlichen (nichtstaatlichen) Unterstützern ausgehend. 1976 starb Mao (ungefähr 1 1/2 Jahre nach Chiang auf Taiwan), Deng Xiao-Ping wurde neuer starker Mann (ohne einen entsprechenden Posten inne zu haben), verurteilte die Kulturrevolution und forderte, dass ökonomische Entwicklung die Hauptaufgabe für die Partei werden müsse.

Wie auch in anderen Provinzen wurde auch in Tibet während der Kulturrevolution die Regierung durch ein Revolutionskomitee ersetzt, in dem Han dominierten. In Tibet war das 1968 bis 1979, dann kamen wieder Provinzregierungen mit tibetischen Kommunisten an der Spitze.56 Und, einige Klöster und Tempel wurden im Rahmen dieser “Liberalisierung” in den 1980ern wieder aufgebaut. Dennoch begannen 1987 Unruhen in Tibet, die bis 1989 gingen, sich gegen die chinesische Herrschaft richteten. 1988 wurde der spätere Staatspräsident Hu Jintao Parteichef in Tibet. 1989 starb der 10. Pantschen Lama; in Tibet glaubten Viele dass Hu bzw das Regime dabei “involviert” waren – was die Proteste anheizte. Es gab dann statt eines neuen (11.) Pantschen Lamas gleich zwei. Der vom Dalai Lama (in den Jahren des üblichen Interregnums bzw Auswahlprozesses) ausgewählte Gedhun Choekyi Nyima und der von chinesischen Behörden bevorzugte Gyancain Norbu, beide 1995 als Kinder eingesetzt. Norbu gilt als KPC-Marionette, Nyima wurde seit 1995 nicht mehr gesehen.57 Im Frühling 1989 starb Hu Yaobang, der unter Deng in den 1980ern zum KPC-Chef aufstieg und (hauptsächlich wirtschaftliche) Reformen einleitete, 1987 abgesetzt worden war (vor dem Hintergrund von Studentenprotesten für mehr Reform).

Rund um Hu’s Begräbnis kam es zu Demonstrationen für mehr Würdigung des Politikers, die sich zu Anti-Regime-Protesten auswuchsen, mit dem Tiananmen-Platz in Peking als Zentrum. Einer der Anführer war ein Uigure. Nach 2 Monaten erklärte Premier Li Peng das Kriegsrecht und liess den Platz räumen. Leute, die den Vormarsch der Armee dorthin stoppen wollten, wurden niedergeschossen,…58 Es kam zu keinem Sturz des Regimes, wie in der zweiten Hälfte dieses Jahres in sechs kommunistischen Staaten Osteuropas (vor dem Hintergrund von Gorbatschows Reformpolitik in der SU). Bald nach der Niederschlagung der Proteste in China sprach das Friedensnobelpreiskomitee in Norwegen dem Dalai Lama den Preis für 1989 zu. Der Kapitalismus-Kritiker ist seit langem indischer Staatsbürger, und eigentlich nur Inder, da es kein unabhängiges Tibet gibt, und er seine chinesische Staatsbürgerschaft (die er in den 1950ern hatte) aufgegeben hat. In den späteren 1980ern (also als er im Westen populär wurde) rückte der 14. Dalai Lama von der Forderung nach einer Unabhängigkeit Tibets von China ab!

Stattdessen verlangt er nun eine “bedeutendere” Autonomie, die auch die tibetischen Gebiete in den benachbarten chinesischen Provinzen einschliessen soll. Eine Autonomie wie sie Hongkong und Macau seit ihrer Rückkehr zu China 1997 bzw 1999 geniessen? Die Abtretung dieser beiden Gebiete an europäische Mächte sind eine Erinnerung daran, dass China selbst Opfer von Imperialismus gewesen ist, und ein Fingerzeig dass man schon von dort eine Linie zur Unterstützung tibetischen Widerstands und manchem Anderen ziehen kann. Aber tibetische Ansprüche sind auch berechtigt. Die Republik China auf Taiwan war über jahrzehnte hinweg etwa so totalitär wie die Volksrepublik am Festland, aber eben dem Westen zugeneigt. Dort kam es in den 1990ern zu einer   Demokratisierung, in Zuge derer sich auch jene artikulieren (und mitwirken) konnten, die Taiwan nicht unbedingt als Teil Chinas sehen und die Republik China nicht unbedingt auf das Festland ausdehnen wollen, das von Benshengren dominierte “grüne” Lager um die Democratic Progressive Party (DPP; 民主進步黨, Mínzhǔ Jìnbù Dǎng). In der Volksrepublik wurde 1989 Jiang Zemin KPC-Chef, Anfang der 00er Hu Jintao59 Es kam in dieser Zeit zu einer Aufweichung der kommunistischen Wirtschaft bei Beibehaltung des Machtmonopols der KPC, und zu einem Machtzuwachs auf der “Weltbühne”.

Tibet und Sinkiang sind die einzigen chinesischen Provinzen mit Nicht-Han bzw einer Minderheit in der Mehrheit, sind auch sonst die „un-chinesischsten“ Provinzen; Tibeter und Uiguren sind aber nicht die grössten Minderheiten. Tibet ist die einzige autonome Provinz Chinas, die eine absolute Bevölkerungsmehrheit der betreffenden Volksgruppe hat. In der Inneren Mongolei, Guangxi (> Zhuang), Ningxia (> Hui) machen Han-Chinesen die absolute Mehrheit aus. Die Zhuang in Süd-China sind mit 18 Mio. das grösste Nicht-Han-Volk in China60, dann folgen die (heute grossteils assimilierten) Mandschu(ren)61, Dsunganen, Miao, Uiguren, Mongolen62,…

Tibeter sollen etwa 90% der Bevölkerung Tibets ausmachen, mit einer wachsenden Zahl zugewanderter Han. Diese Zuwanderung wurde aber nicht erst in der VR begonnen, bereits unter den Qing und in der Republik wurde sie dorthin gelenkt. Wie anderswo kommt es auch hier darauf an, wie temporäre Bewohner (der Provinz) gezählt werden. Es gibt neben den Han noch einige autochthone Minderheiten in Tibet, wie die Kachee, moslemische Tibeter, die auf arabische Missionierungen im 8., 9. Jh zurückgehen sollen63, Tanguten, und die Monpa (ebenfalls mit den buddhistischen Tibetern eng verwandt). Und dann gibt es eben die Tibeter in den benachbarten chinesischen Provinzen Qinghai, Szechuan, Yunnan, Gansu. Aber auch (temporär) ausserhalb tibetischer Gebiete in China lebende Tibeter, zB Studenten in Peking.

Für China ist Sinkiang inzwischen zu einem grösseren Problem als Tibet geworden – bzw China für Sinkiang. In dieser autonomen Provinz (Uigurisch شىنجاڭ ئۇيغۇر ئاپتونوم رايونى, Xinjang Uyĝur Aptonom Rayoni) machen Uiguren eine relative Mehrheit aus, etwa 46%, dahinter Han mit 39%, andere Ethnien zusammen machen die restlichen 15% aus. Tadschiken sind eines dieser anderen Völker, werden aber zT zu den Uiguren gezählt, sind zT vor Langem in diesen aufgegangen; dann gibt es Kasachen,… Auch wenn sie nur die relative Mehrheit in ihrer Provinz sind, es gibt dort elf Millionen (moslemische) Uiguren (und Uigurinnen). Xinjiang/ Sinkiang/ Ostturkestan ist auch die grösste chinesische Provinz, und die acht-grösste Verwaltungseinheit der Welt. In der Uiguren-Unabhängigkeits-Bewegung gibt es  Islamismus, Turkismus/Turanismus, Terrorismus, Chauvinismus…bzw auch ihre Diffamierung damit. Das uigurische Gegenstück zum Dalai Lama ist Rabiyeh Kader, im Exil in der USA, Leiterin des World Uyghur Congress. Mehr als eine Million Uiguren sollen in Internierungslagern festgehalten werden. Wie bei Tibet ist auch hier die Geschichte der Region von den politischen Gegenpolen umkämpft.

Die konkurrierenden Versionen der Geschichte Tibets werden von Regierungen oder parteiischen Akademikern vertreten. Dabei geht es immer wieder um die Phase der tibetischen de facto-Unabhängigkeit nach der Revolution bis zur Eingliederung in die Volksrepublik. Damals hätte es Leibeigenschaft, Amputation von Gliedmaßen zur Strafe und mehr gegeben, ein System das reaktionärer gewesen sei als es die VR ist. Einen Einblick in die Diskussion bietet dieser Artikel.64 Die VR kann sich so als “Retter der Tibeter” präsentieren. In dem Diskurs wird mit Begriffen hantiert, die in verschiedenen Kulturen verschiedene Bedeutungen haben. Und natürlich kommen dann jene, die genau wissen, wo die absoluten Massstäbe anzusetzen sind. Zwei von (pro-) tibetischer Seite vorgebrachte Argumente haben etwas für sich: Nach internationalem Recht65 ist es für die Frage der Selbstbestimmung bzw Unabhängigkeit eines Gebietes unerheblich, welche (humanitären) Zustände dort einmal herrschten. Und, auf die Frage der kontinuierlichen Zugehörigkeit zu China abzielend, man könne nicht frühere Invasionen und Besatzungen als Nachweis dafür anführen, dass Tibet zu China gehöre.

Die Exilregierung erhebt den Anspruch, die Bevölkerung der autonomen chinesischen Provinz sowie der angrenzenden osttibetischen Gebiete zu repräsentieren; damit dürfte sie ihre (gegenwärtigen) Ansprüche von einem Tibet abgesteckt haben. De facto repräsentiert sie die tibetische Diaspora, wobei es Überschneidungen zwischen historischem Tibet und tibetischer Diaspora gibt, hauptsächlich in Indien. Das betrifft nicht nur Arunachal Pradesh; in Himachal Pradesh gibt es nicht nur das Zentrum der tibetischen Exilanten, sondern auch die Lah(a)ul-Spiti-Gegend an der Grenze zu(m) (chinesischen) Tibet, deren Bevölkerung zT tibetisch-buddhistisch geprägt ist. Auch Ladakh im indischen (Jammu und) Kaschmir ist so ein Gebiet, und (das früher unabhängige) Sikkim. Eine Grenzziehung in dieser Gross-Region wäre auch bei bestem Willen und Kenntnissen extrem schwierig… Der 14. Dalai Lama und die tibetische Exilregierung halten sich mit Ansprüchen ggü Indien, ihrem Gastland, natürlich extrem zurück. 2008 sagte der Dalai Lama das erste Mal, dass das einst tibetische Gebiet in Arunachal Pradesh (zu) Indien gehöre. Die VR versucht dies auszunutzen, beschuldigte ihn, Süd-Tibet mit Indien zu betrügen…

Der chinesisch beherrschte Teil von Kaschmir, Aksai Chin, wurde ja Sinkiang zugeschlagen, wenn man so will, ist auch dies ein tibetisches Gebiet. Bhutan weist ethnisch und historisch eine grosse Affinität zu Tibet auf. Bei Nepal und Birma tun das nur gewisse Regionen. In Nepal gibt es an tibeto-birmanischen Gruppen u.a. eigentliche Tibeter, Bhotiya und Sherpa, wobei die Abgrenzung zwischen diesen “schwierig” ist. Tenzing Norgay/ Namgyal Wangdi (1914 – 1986), der Nepali, der 1953 mit dem Neuseeländer Edmund Hillary als Erste den Mount Everest/Sagarmatha in Nepal bestieg, gilt als Angehöriger der Sherpa-Volksgruppe. Seine Eltern dürften aber aus Tibet eingewandert sein.66 Auf der südlichen Seite des Himalaya-Gebirges, ausserhalb chinesischer Kontrolle, gibt es also einige „quasi-tibetische Gebiete“. In Indien, v.a. in Himachal Pradesh, gibt es 100 000 bis 150 000 Tibeter in erster oder späterer Generaion, die aus dem chinesischen Tibet stammen. Und die autochthonen Tibeter in diversen nord-indischen Staaten, auch in Himachal Pradesh.

Diese Differenzierung gilt es auch zB bei Armeniern in den Nachbarstaaten des jetzigen Armeniens zu machen. Die Siedlungsgebiete der autochthonen Tibeter können als Teil eines historischen Tibets oder Gross-Tibets gesehen werden.67 Auch in Nepal gibt es die dort autochthonen und die exilierten Tibeter. Taiwan ist definitiv Exil/Diaspora aus tibetischer Sicht, westliche Länder erst recht68. Der Dalai Lama, der die Forderung nach der Unabhängigkeit Tibets ja nicht mehr erhebt bzw unterstützt (und keine tibetischen Gebiete ausserhalb Chinas als Teil Tibets deklariert), ist 2012 als Chef der Exilregierung zurück getreten. Diese Funktion wird nun vom jeweiligen Ministerpräsidenten dieser Regierung eingenommen, der Dalai Lama ist nur mehr religiöses Oberhaupt der Tibeter. Geheiratet hat er nie, er ist ja ein Mönch geblieben. Die Forderung nach einer Unabhängigkeit ist aber in der tibetischen Diaspora hegemonial69. In Tibet gibt es derzeit keine militanten Gruppen, aber zB 08 Unruhen.

Tibet ist der äusserste Rand Chinas, die unchinesischste chinesische Region.70 Ist China Besatzungsmacht in Tibet und “Sinkiang”? Dann aber auch in der Inneren Mongolei, in Guangxi, in der Mandschurei,…? Und in Honkong? In dem Zusammenhang darf man nicht vergessen, dass die (westlich ausgerichtete) Republik China nicht nur all diese Gebiete beansprucht, sondern noch einige mehr, wie die (äussere) Mongolei. Bei einem Regimewechsel käme also das heraus. Und wie sieht die Sache der 10% Nicht-Han71 in China aus (Han-) chinesischer Sicht aus? Es sind 10% der Bevölkerung, aber mehr als 50% der Fläche (des jetzigen Chinas), die ihre Gebiete einnehmen.72 Das innere und das äussere China eben. Und in diesem Inneren China gibt es auch zB Hongkong, wo es eine ziemlich starke “Lokalisten”-Bewegung gibt, die den Autonomie-ähnlichen Status der Stadt ausbauen will, Teile von ihr wollen auch die Unabhängigkeit. Hier geht es also nicht um ethnische Besonderheiten, sondern eien Sonderentwicklung, die durch koloniale Einflussnahme zu Stande kam; es ist wie zwischen Äthiopien und Eritrea.

China war ab der späten Qing-Zeit in ständigen “Turbulenzen”, für gut ein Jahrhundert. Wahrscheinlich kam es erst in den 1990ern zu einer Stabilisierung. Sind diese Turbulenzen von westlicher Einflussnahme ausgegangen, oder haben Westmächte die (selbstverschuldete) Krise des Reichs nur ausgenutzt? Es ist beileibe nicht nur die Geschichtsauffassung der kommunistisch orientierten Chinesen, dass praktisch alle Unabhängigkeitsinitiativen Tibets von Westmächten unterstützt und initiiert wurden (entsprechendes sagen Russophile über die Ukraine), und dies wiederum in einer Reihe von Einflussnahmen wie den Abtrennungen von Gebieten wie Hongkong zu sehen ist. Und, sind Vielvölkerstaaten an sich illegitim, müssen sie in ihre Einzelbestandteile zerlegt werden? Dann aber nicht nur China. Mehr dazu ganz am Ende des Artikels. Das offizielle China sagt, die Chinesen (verschiedener Ethnizität) seien eine Familie, die chinesisch-kommunistische Herrschaft habe (zB in Tibet) Verbesserungen für die dortige Bevölkerung gebracht, die Eigenheiten der Minderheiten würden gewahrt, nur (vom Ausland aufgestachelte) Terroristen schufen Unruhe, Feindseligkeit und Gewalt unter den Minderheitengruppen Chinas.

Es gab in der Republik (12-49) und gibt in der VR einen inklusiven chinesischen Nationalismus (bzw Nationalkonzept), auch unter den Qing vorwiegend. Seit den 1980ern spricht man in der VR von Zhonghua minzu (中华民族), den chinesischen Ethnien, statt vom chinesischen Volk (Zhongguo renmin, 中国人民).73 Dies steht also im Gegensatz zum (westlichen) Konzept vom Inneren und Äusseren China. Aber stehen in China wirklich Hui, Uiguren oder Tibeter auf einer Ebene mit den Han? Entsprechendes kann man bei Spanien, Türkei, USA, Russland, Iran,… fragen. Gleichberechtigung, Nebeneinander, Anpassung, Unterwerfung, Paternalismus – was trifft auf das Verhältnis von ethnischen Chinesen und den Chinesen im politischen Sinn zu? Nach dem Olympia-Eröffnungsspektakel 08, bei dem kostümierte Kinder aufgetreten waren, um die die Eintracht der 56 ethnischen Gruppen Chinas darzustellen, stellte sich heraus, dass diese allesamt Angehörige der Mehrheit der Han-Chinesen waren. Die Minderheiten waren übrigens ausgenommen von der 2015 abgeschafften 1-Kind-Politik.

Der chinesische Historiker Liu Zhongjing meint, dass diese Form von chinesischem Nationalismus dem Osmanismus gleicht und zum Scheitern verurteilt sei, gewaltsam verschiedene ethnische Gruppen zu vereinen trachtet. Das eigentliche China könne so nur verlieren. Chiang als Präsident der Republik am Festland hätte seinem Vorbild Atatürk folgen und ein Kernland definieren sollen, den Rest aufgeben. Aber, die Definition von “Kern” und “Rand” ist in dem Zusammenhang gar nicht so einfach. Es gibt einige Begriffe in Zhg mit chinesischem chinesischer Nationalismus/ Imperialismus, die leicht durcheinander kommen. Gross-China, Pan-Sinismus und Sinosphäre bezeichnen in etwa dasselbe: alle chinesischen Gebiete, inklusive jene von Minderheiten und Taiwan, die chinesisch beeinflussten Gebiete (wie Mongolei, Korea, Japan, Vietnam, Tuwa), die Diaspora-Chinesen (v.a. in Südost-Asien) – und das was sie möglicherweise verbindet.74 Sinozentrismus und Huaxia bezeichnen auch ungefähr das Selbe, eine Art von Han-Nationalismus, wobei sich Ersteres auch auf Zhonghua minzu beziehen kann.

Das Bild von Tibet im Westen: zwischen Verklärung und Verteufelung. Diese chinesische Provinz ist immer noch von Subsistenz-Landwirtschaft dominiert, aber der Tourismus wurde in den letzten Jahrzehnten zu einer wachsenden Industrie. Es kommen vor allen der Esoterik zugeneigte Westler verschiedenen Alters. Internationale Unterstützung für Anliegen der tibetischen Exilregierung in Indien mit dem Dalai Lama (= Anliegen der Tibeter?) gibt es/ kommt v.a. im / aus dem Westen, wie die Kampagne „Free Tibet“ (GB). Tibet-Unterstützer im Westen, das sind meist entweder linke Esoteriker oder rechte Westisten die China schwächen wollen. Aber die Gegner gibt es auch rechts und links.75 Der jetzige Dalai Lama, Friedensnobelpreisträger, ist populär im Westen, wurde das “Gesicht Tibets”, hat Bücher herausgebracht, bekam 07 von Bush eine Medaillie, zählt Prominente wie Richard Gere zu seinen Freunden/Anhängern76, unternimmt Touren – 09 trat er in Frankfurt in der vollen Commerzbank-Arena auf, gab dort für VIPs eine Audienz. Aber er hat tatsächlich einiges an Weisheit (abzugeben).

In den 00ern kamen in Deutschland einige Bücher der “Trimondis” und von Goldner zu Tibet und zum Dalai Lama. Herbert Röttgen hat Verschiedenes studiert, den Trikont-Verlag gegründet, scheint ein reaktionär gewordener Ex-Linksradikaler zu sein. 2004 änderten er und seine Frau Mariana ihre ursprünglichen Namen auf ihre bis dahin für Publikationen genutzte Pseudonyme Victor und Victoria Trimondi. 1999 brachten sie „Der Schatten des Dalai Lama – Sexualität, Magie und Politik im tibetischen Buddhismus“ heraus, 2002 „Hitler-Buddha-Krishna – Eine unheilige Allianz vom Dritten Reich bis heute“, 2006 „Krieg der Religionen – Politik, Glaube und Terror im Zeichen der Apokalypse“. Im zweiten Buch geht es um den Missbrauch indischer Religionen und immaterieller Kulturgüter durch Nazis. Im ersten u.a. um Zustände unter den Dalai Lamas in Vergangenheit und Gegenwart.

Wahrscheinlich auch um Geschichten von körperlichen Verstümmelungen und Tötungen als Strafe im de facto unabhängigen Tibet einst. Diese Strafen soll es im tibetischen Buddhismus seit dem 13. Jh gegeben haben und bis 1913, als sie der 13. Dalai Lama abschaffte. Tibet-Freunde wie Heinrich Harrer sag(t)en, die Chinesen zeigten Besuchern gerne eine Folterkammer am Fusse des Potala-Palastes, um gegen eine Unabhängigkeit Tibets Stimmung zu machen, wüssten sehr gut, dass diese schon sehr lange nicht mehr benutzt worden ist. Der deutsche Psychologe (Guntram) Colin Goldner schrieb “Dalai Lama. Fall eines Gottkönigs”. Aus der grossspurigen Eigenbeschreibung des Buchs: “Dabei zeigt sich, daß das im Westen vorherrschende Bild von Tibet und dem Buddhismus stark idealisiert ist. Denn die Lebensverhältnisse unter der Diktatur der ‘Gelbmützen’-Mönche waren erbärmlich, durch die Geschichte des Lamaismus zieht sich eine Blutspur, in den Klöstern werden vierjährige Jungen aberwitzigen Übungen unterzogen, die tantrische Rituale erinnern an sexuellen Mißbrauch. Die Doktrin des tibetischen Buddhismus ist geprägt von menschenverachtenden Vorstellungen über ‘Karma’ und eine angeblich höhere ‘Gerechtigkeit’ alles Seienden…”

Goldner gehört dem Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung an, die zB den neoliberalen Atheismus von Richard Dawkins promotet, dessen Vorfahren ihr Vermögen durch den Einsatz von Sklavenarbeit gemacht haben, schreibt in “konkret”. Ist religionskritisch, westistisch, allem Spirituellen abgeneigt, ein rationalistischer Fundi, immerhin auch kritisch ggü Zoos.77 In manchen Hetzpublikationen der Evangelikalen werden Katholiken, Muslime und der Dalai Lama als Monster dargestellt. Dennoch gibt es dort auch Sinophobie,… Koenraad Elst wiederum, der belgische Indologe, sieht sich als eine Art Beschützer der “dharmischen Zivilisation”, was man am ehesten mit von indischen Religionen (Hinduismus, Buddhismus,…) geprägte Länder definieren kann. Es geht ihm aber hauptsächlich um den Hinduismus, er verteidigt auch den Hindu-Zentrismus (Hindutva)78, was ihn nicht nur ggü Islam sondern auch dem Christentum in eine gewisse Position bringt (oder anders herum).79

Über den Niedergang des Buddhismus in Indien durch den Hinduismus hat er nie geschrieben oder geredet. Er hat über den Buddhismus Manches geschrieben, aber das ist eben so, wie ein Katholik über den Protestantismus schreibt. Elst hat aber nicht Unrecht damit, dass der Islam in den indischen Raum hauptsächlich als Religion von Eroberern kam80 und durch verschiedene Formen von Zwang verbreitet wurde, und oft ältere und dort autochthonere Kulturen überdeckt hat. Klemens Ludwig, ein Theologe der für die GfbV arbeitet, beschäftigt sich mit Astrologie und Tibet, schrieb über die „Opferrolle des Islams“ und mehrere “pro-tibetische” Bücher. Er verweist ggü dem Islam auf die Zerstörung der buddhistischen Metropole Nalanda in Nord-Indien, deren Datierung setzt er – oder aber ein seehr wohlgesonnener Rezensent- um 500 Jahre falsch an. Seinen Vorwurf an “den Islam”, “seine eigenen” Verbrechen zu vergessen, und doppelzüngig bzgl Toleranz und Menschenrechten zu sein, kann man aber auch an die GfbV richten – aber wie hat dieser Ludwig geschrieben, Westler müssten zu „eigenen Werten“ stehen.81 Tibeter sind für manche Westler ein “Instrument” gg China wie Kurden gg Iraner/ Türken/ Araber.

Im Vorwort von Leon Dewinter zu einem “Antisemitismus”-Buch wiederum wird Tibet mit Darfur “verwendet” um die Unterdrückung der Palästinenser durch Israel zu relativieren. Im Buch von Broder mit Joffe, Miersch und Maxeiner aus 08 geht es darum, dass Bush in Wirklichkeit gut ist (der Beste), seine Gegner schlecht, ebenso der Dalai Lama, Michael Moore und Che Guevara… Der US-amerikanische Kommunist Michael Parenti schrieb 2003 den Essay “Friendly Feudalism: The Tibet Myth”; er ist einer der auch Stalin verteidigt. Die pro- und anti-tibetischen Schreiber gibt es auch in entsprechenden wissenschaftlichen Fachdisziplinen. Die Tibetologie ist das klassische “Orchideen-Studium”; manche Tibetologen sind aber (über Fachkreise hinaus) zu Bedeutung gekommen. Zum Beispiel der Amerikaner Melvyn Goldstein. Er kritisiert das de facto unabhängige Tibet (1912-1950) als feudale Theokratie, beherrscht von korrupten und inkompetenten Führern. Er wird normalerweise nicht beschuldigt, parteiisch bzw politisch zu sein; im Gegensatz zu anderen Tibetologen oder Sinologen, wie zB Tom Grunfeld, dem man „Sinophilie“ und ein Schlechtmachen Tibets unterstellt.82 Es gibt auch eine Sinophobie die nicht aus Tibetophilie kommt, sondern aus Westismus. Da kommen Klagen über „chinesischen Neokolonialismus“, kommt auf einmal Sorge um Afrika… zB bei Marko Martin, in der Rezension auf der Deutschlandfunk-Website zu Andrea Böhms Buch “Ende der westlichen Weltordnung. Eine Erkundung auf vier Kontinenten” (2017).83

Er hat ein Buch über Südafrika geschrieben, ich kann mir vorstellen was darin steht. China lässt sich nichts mehr vom Westen vorschreiben, darüber zetern Leute wie er. Trumps ehemaliger Berater Stephen Bannon meinte 2016, dass es in fünf bis zehn Jahren einen Krieg der USA gegen China geben werde. Und Tibet? Immer wieder Schachfigur ggü China. Der Dalai Lama selbst hat in den 1990ern bei mehreren Gelegenheiten gesagt, dass seine Regierung in den 1960ern 1,7 $ jährlich von der CIA bekam, nicht aus Unterstützung für Tibet sondern im Rahmen der US-amerikanischen weltweiten Bemühungen, kommunistische Staaten zu destabilisieren, diese dienten primär amerikanischen Interessen, was sich auch darin zeigte, dass die “Hilfe” gestoppt wurde sobald sich die USA-Politik ggü China änderte. Er beklagte in dem Zhg auch die tausenden Tibeter, die in diesem Guerilla-Krieg ihr Leben verloren.

Ein eigenes Kapitel ist die Haltung der Republik China (seit sie auf Taiwan beschränkt ist) gegenüber Tibet. In der Republik gab es zur Zeit ihres Bestehens am Festland wie erwähnt einen inklusiven chinesischen Nationalismus, der aber aufgrund der instabilen inneren Verhältnisse nicht wirklich “zu Tragen” kam. Aber, für die KMT war Tibet immer ein Teil Chinas, und weitere Gebiete, die die VR bzw die KPC nicht mehr beansprucht. Nach dem Bürgerkrieg und der Teilung die Eingliederung Tibets in die VR (“Befreiung der Tibeter von einem theokratischen Feudalsystem”); RC-Diktator Chiang verfasste 1959 einen “Brief an die tibetischen Landsleute“, in dem er diesen “Hilfe” gegen die VR zusagte. Die Kommission für mongolische und tibetische Angelegenheiten der RC schickte Agenten nach Dharamshala, um unter den Exiltibetern KMT/RC-Propaganda zu betreiben. Und der erwähnte Pandatsang Rapga arbeitete ab den frühen 1930ern bis zum Ende des Bürgerkriegs für eine Eingliederung Tibets (als autonome Provinz) in die Republik China und eine Modernisierung Tibets und seines Buddhismus’. Der aus Ost-Tibet stammende Ragpa ging nach der Besetzung bzw Eingliederung Tibets durch die VR nach Indien, blieb aber RC und KMT treu.

Er organisierte den Widerstand von Tibetern in Ost-Kham gegen die VR. Die RC auf Taiwan “debattierte” mit Regierungsoffiziellen der USA zur Zeit des Bündnisses der beiden Staaten (49-72) ob man ein unabhängiges Tibet anvisieren  solle oder nicht. Die Tibeter waren damals ja auch Verbündete der USA… Die RC sah (sieht) Tibet als integralen Teil Chinas – und Festlandchina als eigentlich zu sich gehörig.84 Das Erbe von Ragpa ist aber lebendig, bei Tibetern aus Ost-Kham (Khampa) die in Taiwan leben, die RC/KMT unterstützen, und sowohl Dalai Lama/Exilregierung als auch VR ablehnen. In den 1970ern sponserte die Mongolei & Tibet-Kommission der RC Exil-Tibetern in Indien und Nepal Studien in Taiwan. Die Veteranen-Organisation der tibetischen Guerilla-Gruppe Chushi Gangdruk einigte sich 1994 mit der RC. Das grüne Lager (DPP & Co) in der RC sieht einen Unterschied zwischen Taiwan und China, hat ein entspanntes Verhältnis zu separatistischen Gruppen in (aus) China, es ist selbst gewissermaßen eine… Die Sichtweise der Regierung von RC/Taiwan auf Tibet richtet sich danach, welches Lager an Macht ist, das grüne oder das blaue.85

Tibet und die Tibeter sind sicherlich eines der wichtigsten nicht-souveränen Gebiete/Völker, neben den Palästinensern86, den Kurden, Schottland, Grönland (Kalaallit Nunaat), Québec,… 199187 war die tibetische Exilregierung ein Gründungsmitglied der Unrepresented Nations and Peoples Organization (UNPO), einer Dachorganisation von Organisationen diverser Minderheiten, Separatisten, nicht-repräsentierter Völker, mit Sitz in der Niederlande.88 Interessant ist die Liste der ehemaligen Mitglieder der UNPO: Repräsentanten von inzwischen unabhängigen Staaten wie Lettland, Armenien89, Ost-Timor; von politischen Gebilden oder ethnischen Kollektiven, die mit dem „Makrostaat“/ der Verwaltungsmacht ein Arrangement erreichten, wie Aceh (Indonesien), Bougainville (Papua-Neuguinea) oder die Albaner in Makedonien; die Lakota-Republik nach ihrer Erklärung der Unabhängigkeit von der USA; und, aus verschiedenen anderen Gründen, Baschkortostan (Russland), Gagausien (Moldawien), die Sikh-Khalistan-Bewegung (Indien), oder die Tahiti/Maohi-Bewegung (Frankreich).

Die Liste der aktuellen und ehemaligen UNPO-Mitglieder zeigt, dass es hier unterschiedlichste Ziele bzw Problemstellungen gibt. Die nach Indien ausgewichene tibetische Exilregierung ist ebenso dabei wie diverse Gruppen in/aus Indien, die es verlassen wollen, wie die Nagaland-Organisation. Es bestätigt sich, dass gerechte Grenzen unmöglich sind. Es gibt einige Staaten die unter Umständen vom Zerfall bedroht sein können, wie Russland oder Äthiopien. Es sei dahin gestellt, ob es einen befreienden90 und einen unterdrückenden Nationalismus gibt. Die “Azawad”-Bewegung (Nord-Mali) ist mit dem Islamismus verbunden, die Unabhängigkeitsbewegung in Flandern mit dem Rechsextremismus, jene des serbischen Teils von Bosnien-Herzegowina mit ethnischen Säuberungen, der Tamilen auf Sri Lanka91 mit Terror, die (starke) in Katalonien wurde treffend als “Wohlstandsseparatismus” eingeschätzt, was auch für “Padanien” (Nord-Italien) zutrifft. Andere kommen mit Minderheiten-, Sprach- und Autonomierechten aus.92 Etwa die Franco-Ontarier, die hauptsächlich im 19. und 20. Jh aus Quebec (nach Ontario) einwanderten. Aber auch sehr viele Katalanen und Andere aus Gebieten mit separatistischen Bestrebungen.

Manche Afrikaaner wollen das Ende ihrer privilegierten Stellung in Südafrika (bzw ihrer Herrschaft über Südafrika) mit dem Ende der Apartheid nicht akzeptieren; eine Abspaltung (“Volkstaat”) wäre hier “schwierig”, da sie auf kein Gebiet in Südafrika konzentriert sind. Ähnlich sieht es mit den Ungarn im transylvanischen Teil Rumäniens aus – noch dazu grenzen die rumänischen Provinzen (Judete) mit dem höchsten Anteil an Ungarn (wie Harghita) nicht an Ungarn. Auch bei jenen Nestorianern und Chaldäern die sich als “Assyrer” sehen und von einem eigenen Staat träumen, stellt sich dieses Problem. Übrigens ist das sie betreffende Gebiet, das nördliche Mesopotamien, ziemlich das selbe das auch die Kurden reklamieren. “Naturvölker” wie “Indianer” und “Aborigines” sind von den Siedlern aus Europa zu stark dezimiert worden, als dass sie ihre früheren Länder wieder für sich reklamieren könnten, nur sehr kleine Teile davon…

Ungefähr 120 Staaten93 feiern heute an ihrem Nationalfeiertag die Unabhängigkeit von europäischen oder europäisierten (westlichen) Staaten. Ein Teil jener Gebiete in denen es Unabhängigkeitsbestrebungen gibt, sind verbliebene Kolonien Europas in anderen Teilen der Welt. Die UN hat eine Liste von Hoheitsgebieten ohne Selbstregierung, von der sie einige Gebiete gestrichen hat (Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Hoheitsgebiete_ohne_Selbstregierung , zT zu Recht), auf der sie andere nie gelistet hat. Die Kriterien sind oft schwer nachvollziehbar; warum also zB Grönland, Curacao oder Französisch-Guyana nicht mehr als solche Territorien gesehen werden, der Chagos-Archipel nie wurde. Es ist aber auch die Definition schwierig: Wenn die Kolonialmacht eigene Leute angesiedelt hat und diese für einen Verbleib bei diesem Land stimmen, ist hier von Selbstbestimmung zu reden? Ist “Kolonialismus” nur bei Überseegebieten gegeben? (Die UN hat Gibraltar, als inner-europäische Kolonie, gelistet) Und so weiter.

Süd-Sudan, Ost-Timor, Eritrea, Slowakei sind einige der jüngsten Staaten der Welt, alle unabhängig geworden von “Verwaltungsmächten” die Staaten auf ihrem Kontinent sind (waren)94; im Fall der Tschechoslowakei war es eher ein Staatenbund gewesen, und hier gab es im Gegensatz zu den anderen drei auch eine Trennung im Einvernehmen mit dem “Rumpfstaat”. Manche Staaten/Völker haben zeitweise ihre Unabhängigkeit verloren, wie Polen vom späten 18. Jh bis zum 1. WK und dann nochmal im 2. WK.95 Italien gab es keines vor 1861; technisch gesehen war der Vollzug dieses Risorgimento eine Vereinigung zuvor unabhängiger Staaten sowie eines österreichischen Gebietes (Lombardo-Venetien), bzw der Anschluss dieser Gebiete an Piemont-Sardinien. Aber wie der Name “Risorgimento” schon sagt, sah man diese Staatsgründung als “Wiedererstehung”.

Proklamierte Staaten die aus meist guten Gründen keine wirkliche Anerkennung bekamen bzw “posthum” keine bekommen, sind zB die “Konföderierten Staaten von Amerika” (CSA, 1861-65)96, der “Mahdi-Staat” im osmanisch-ägyptisch-britischen Sudan (1881-1889), die Republik Biafra (1967-70), Rhodesien (1965-1979), die “Mahabad-Republik” (1946), Mandschukuo (1932-1945), Transkei (1976-1994), der Unabhängige Staat Kroatien  (1941-45 proklamiert),… Und heutige Gebiete die ihre Unabhängigkeit erklärt haben97 und begrenzte Anerkennung dafür bekommen haben? Kosovo/ Kosova, West-Sahara, Nord-Zypern, Abchasien, Karabach, Somaliland (> “gescheiterter” “Rumpfstaat” Somalia),… Die genannten sind de facto z Zt unabhängig, oder aber Marionettenstaaten von anerkannt(er)en Staaten. Die Republik China erhebt ja Anspruch darauf, ganz China zu repräsentieren, wird darin von 17 Staaten98 anerkannt.

In manchen Fällen hat sich das im Lauf der Zeit geändert, Litauen oder Kroatien etwa haben in den Monaten nach ihren Unabhängigkeitserklärungen 1990 bzw 1991 je eine Hand voll Anerkennungen bekommen. Das von Daesh kontrollierte Gebiet oder die “Donezk VR” sind von “Rebellen” in Bürgerkriegen (mit ausländischer Beteiligung) gehaltene Gebiete; Scheinstaaten/ Mikronationen wie “Sealand” erheben in der Regel keinen Anspruch auf Ernsthaftigkeit. Dann gibt es die Cook-Inseln, die wiederum einen semi-unabhängigen Status haben, keine volle Unabhängigkeit proklamiert haben, auch nicht darum kämpfen. Die irakische Kurdenregion geniesst etwas weniger Unabhängigkeit, entsendet zB kein eigenes Olympiateam. Zwei proklamierte Staaten mit begrenzter Anerkennung sind auch Israel und Palästina. Das 1948 ausgerufene “Israel” hat immer wieder Gebiete besetzt, manche davon annektiert, kontrolliert das palästinensische Restgebiet (mit einer Militärverwaltung für die Palästinenser, militärischem Schutz für die dortigen israelischen Siedler99).

Für diese erst 1967 besetzten palästinensischen Gebiete haben Organisationen und Institutionen der Palästinenser die Unabhängigkeit “Palästinas” ausgerufen. 1988 wurde durch die PLO ein Staat Palästina in den Grenzen des 1947-UN-Teilungsvorschlags ausgerufen (eine Anerkennung “Israels” damit ausgesprochen), durch viele Staaten anerkannt. 2011 hat die Palästinensiche Autonomiebehörde vor dem Hintergrund des von den Besatzern endlos hingezogenen “Friedensprozesses” bei der UN den Antrag auf Vollmitgliedschaft des von ihr repräsentierten (besetzten) Staats gestellt, der bekam 2012 Beobachterstatus.100 Damit wurde indirekt die Staatlichkeit/Unabhängigkeit ausgerufen.101 Dieser Staat wird von seiner Regierung (der langjährigen palästinensischen Autonomiebehörde) in jenen palästinensischen Gebieten definiert, die Israel erst 1967 besetzt hat, also um einiges weniger als die Defintion von 1947/1988; mit der Hauptstadt Jerusalem/Quds, dem Westjordanland, dem Gaza-Streifen. Die palästinensische Regierung (Sitz in Ramallah) kontrolliert nur einen Teil dieses Gebiets, und diesen auch nicht in allen Aspekten.

Zur Zeit anerkennen 137 von 193 UN-Mitgliedstaaten Palästina102, 161 anerkennen Israel (in den Grenzen von 1949-1967). Palästina beansprucht Gebiete die von Israel besetzt werden, Israel besetzt jene Gebiete die Palästina ausmachen (sollen). Es besetzt auch Teile Syriens (Golan/Jawlan) und Libanons (Shebaa-Farmen). Territorialdispute sind nochmal etwas Anderes. Und Irredentismus auch. Territorien, deren Loslösungsgbestrebungen mit Wiedervereinigungsbestrebungen verbunden sind: Malvinas/Falklands (GB/Argentinien), Chagos-Archipel (GB/Mauritius), Nordirland (GB/Irland), Südosten der USA > “Gross”-Mexiko (s.u.),… Im Fall der Abtrennung der Krim von der Ukraine und Angliederung an Russland war die “Unabhängigkeit” nur ein taktischer Zwischenschritt. Irredentismus-Beispiele aus der Vergangenheit sind Sinai (zur Zeit der israelischen Besatzung) und DDR (aus Sicht der BRD; Frage der deutschen Wiedervereinigung damit definitiv beantwortet?).

Exil-Tibeter sind wie exilierte Iraner103 oder Kubaner zum grössten Teil gegen “die Verhältnisse” in ihrer Heimat eingestellt. Man könnte den Dalai Lama und die anderen Tibeter im Ausland eigentlich auch als Teil der chinesischen Diaspora sehen, da es eben zur Zeit kein unabhängiges Tibet gibt. Die Exilregierung der Tibeter steht in einer Reihe mit vielen anderen in der Gegenwart und aus der Vergangenheit, die sich als legitime Regierung über ein Land sehen/ sahen, aber nicht die wirkliche Macht darüber haben/ hatten, woanders hin ausweichen müssen/mussten. Wie die syrische Gegen-/Interims-/Exilregierung (zum Assad-Regime), z Zt unter Abdurrahman Mustafa, in der Türkei. Der Sohn des letzten iranischen Schahs, Reza Pahlevi, wurde nach dem Tod seines Vaters im Jahr nach dem Umsturz zum neuen Schah proklamiert, lebt in der USA, ist in (der breit gefächerten) iranischen Exilopposition zur Islamischen Republik aktiv.104 Die sunnitischen, paschtunischen Islam-Fundamentalisten in Afghanistan, gegen die kommunistische Regierung einst ideologisch und mit Waffen umsorgt, die radikalste dieser Gruppen setzte sich dann ja bis 1996 gegen die anderen durch; nach ihrem Sturz 2001 gibt es in Pakistan105 eine “Regierung” des Taliban-Staates “Islamisches Emirat Afghanistan”.

Die Republik China sieht sich ja auch als Art Exilregierung, über ganz China, wobei Taiwan (wo die Regierung sitzt und über das sie Macht hat) Teil Chinas ist (und Festlandchina in ihren Augen kein anderer Staat), daher nicht wirklich “Exil”; eher als legitime Gegenregierung zu der “illegitimen” die über das restliche China herrscht. Oder der Malteser-Orden: Die Insel Malta gehörte zu(r grösseren Insel) Sizilien, mit der sie im Spät-Mittelalter zum Königreich Aragon(ien) gehörte, das in Spanien aufging. Dessen Herrscher Karl V. (Habsburger) gab Malta (bzw die Herrschaft darüber) an den Johanniter-Orden, dem Kreuzritter-Orden, der bis zur frühen Neuzeit die Gebiete in der Levante, die er erobert hatte, wieder verloren hatte. Der dadurch zum Malteser-Orden wurde; nordwesteuropäische Katholiken herrschten über südeuropäische. In Folge der Napoleonischen/Revolutions-Kriege kam die Insel an GB, das sie ca 150 Jahre behielt. Der Orden mit seinen paar hundert Mitgliedern musste also um 1800 Malta verlassen, Rom (damals Kirchenstaat) wurde Exil-Zentrum. Der Malteser-Orden sah sich eine Zeit lang als unrechtmäßig exilierte legitime Regierung für Malta, hat sich aber vom Territorium gelöst und sich in der jüngeren Vergangenheit mit der Republik Malta “ausgesöhnt”. Er wird von vielen Staaten als “souverän” anerkannt.

Infolge der türkischen Invasion auf Zypern 1974 vertriebene griechische Zyprioten aus dem Norden der Insel haben für ihre Städte und Dörfer Gemeinderäte im Exil organisiert; etwas Ähnliches gab/gibt es auch in manchen Verbänden vertriebener Deutscher. Im Hitler-Stalin-Krieg mussten die Regierungen von Polen oder der Tschechoslowakei ins Ausland ausweichen, dieser Krieg war auch der Hintergrund (bzw die Vorgeschichte) zu den Vertreibungen von Deutschen an seinem Ende. CSR-Präsident Edvard Benes war schon im 1. WK im Exil gewesen, als Aktivist für die Unabhängigkeit von Böhmen und Mähren von Österreich. Als Exil-Präsident in GB regierte er mangels Parlament mittels Dekreten… Im 1. WK war Beneš also Angehöriger einer separatistischen Bewegung gewesen, solche weichen immer wieder ins Exil aus, wie die tibetische. Zum Beispiel auch die Süd-Molukken-Bewegung, die diesen Archipel unabhängig von Indonesien machen will, 1950 den Kampf aufnahm, 1963 in das Land der ehemaligen Kolonialmacht Niederlande ging106 wo bis heute eine Republik Maluku Selatan proklamiert wird. Im Fall der Exilregierungen für Spanien (39-77, Franco) bzw Ukraine (20-92, SU) ist der Zeitpunkt interessant, zu dem sie sich auflösten und die Verhältnisse im betreffenden Land als nun in Ordnung betrachteten.107 Die “Vichy-Regierung” herrschte zuerst über einen Marionettenstaat von NS-Deutschland (40-42), war dann eine Marionettenregierung dieses Deutschlands (42-44), schliesslich (44-45) eine Exilregierung für Frankreich.

Es gibt jene Separatisten-Bewegungen, die vom Westen unterstützt werden, wie jene die sich gegen Iran richten, aber auch solche im “Herzen” des Westens, von Schottland über Korsika bis Quebec. Und auch in der USA. Wie diese (in ihrer Ausdehnung) zu Stande kam, hat ja auch sehr viel mit dem Thema zu tun. Lassen wir die Gebiete die von den Sioux oder den Hawaiianern übernommen wurden, ausser Acht, die galten (gelten) ja als… Und auch, dass das Anfangsterritorium dieser USA ja von Grossbritannien (und Niederländern,…) kolonialisiert worden war. Die Gebiete die ab Anfang des 19. Jh zur USA kamen, wurden u.a. Frankreich, Spanien, Russland, Deutschland108, Mexiko abgeknöpft. Schauen wir uns letzteres etwas an: In den mexikanischen Staat Texas/Tejas wanderten im frühen 19. Jh US-Amerikaner ein, “erhoben sich” 1835/36 für die Abtrennung dieses Gebietes von Mexiko/Mexico (“Texas Revolution”) unter Führern wie Houston und Austin. Es gab damals auch Aufstände in anderen Teilen Mexicos, gegen den Zentralismus und Präsident Antonio López de Santa Anna, aber ohne eine andere Macht und Einwanderer dahinter.

Die eingewanderten US-Amerikaner spalteten Texas von Mexico ab, der “unabhängige Staat” wurde 1845 an die USA angeschlossen. Eine Lösung ähnlich wie die mit der Ukraine, Krim und Russland. In der USA gab es aber noch weiteren Appetit auf mexikanische Gebiete, und ein „umstrittenes Gebiet“, daher ein Krieg 1846-48, riesige Gebiete kamen an die USA, darunter Alta California; 1853 wurde das durch einen Kauf noch aufgerundet. Dieser ehemals mexikanische Südwesten der USA wurde Ziel vieler mexikanischer Einwanderer, und der heutige diesbzügliche Irredentismus (politisch/kulturell) wird als “Reconquista” (Rückeroberung bezeichnet).109

Material

Melvyn C. Goldstein: The Snow Lion and the Dragon: China, Tibet, and the Dalai Lama (1997)

David Snellgrove, Hugh E. Richardson: A cultural history of Tibet (1968)

Tsering W. Shakya: The Dragon in the Land of Snows: A History of Modern Tibet. Since 1947 (1999)

John Powers: History as Propaganda: Tibetan Exiles versus the People’s Republic of China (2004)

Melvyn C. Goldstein: A History of Modern Tibet, 1913–1951 (1991)

Luciano Petech: China and Tibet in Early Eighteenth Century: History of the Establishment of the Chinese Protectorate in Tibet (1973)

Bryan J. Cuevas und Kurtis R. Schaeffer (Hg.): Power, Politics, and the Reinvention of Tradition: Tibet in the Seventeenth and Eighteenth Centuries (2006)

Sam van Schaik: Tibet: A History (2013)

Christopher Beckwith: The Tibetan Empire in Central Asia: A History of the Struggle for Great Power among Tibetans, Turks, Arabs, and Chinese during the Early Middle Ages (1987)

Tsepon W. D. Shakabpa: Tibet: A Political History (1967)

Warren W. Smith Jr.: Tibetan Nation: A History Of Tibetan Nationalism And Sino-tibetan Relations (1997)

Dieter Schuh: Tibet – Traum und Wirklichkeit (2007)

Dawa Norbu: China’s Tibet Policy (2001)

Warren W. Smith: History of Tibet: Nationalism and Self-determination (1996)

Tashi Tsering (Hg.): Aspects of Tibetan History (2001)

Steven Marshall und Orville Schell: Tibet Since 1950: Silence, Prison or Exile (2000)

Robert Barnett (Hg.): Resistance and Reform in Tibet (1994)

Elliot Sperling: The Tibet-China Conflict: History and Polemics (2004). Policy Studies No. 7 East-West Center Washington

Anna Akasoy, Charles Burnett, Ronit Yoeli-Tlalim: Islam and Tibet: interactions along the musk routes (2016)

Carole McGranahan: Arrested Histories: Tibet, the CIA, and Memories of a Forgotten War (2010)

Roger E. McCarthy: Tears of the Lotus: Accounts of Tibetan Resistance to the Chinese Invasion, 1950-1962 (2006)

Gang Zhao: Reinventing China. Imperial Qing Ideology and the Rise of Modern Chinese National Identity in the Early Twentieth Century (2014)

A. C. McKay: The Establishment of the British Trade Agencies in Tibet: A Survey. In: Journal of the Royal Asiatic Society, Third Series, Vol. 2, No. 3 (Nov. 1992)

Gedun Choephel: The White Annals (1978)

R. A. Huttenback: A Historical Note on the Sino-Indian Dispute over the Aksai Chin. In: The China Quarterly, No. 18 (Apr. – Jun. 1964)

Luciano Petech: Il Tibet (1970)

William T. Rowe: China’s Last Empire. The Great Qing (2012)

S. L. Kuzmin: Hidden Tibet: History of Independence and Occupation (2011)

Peter Meier-Hüsing: Nazis in Tibet – Das Rätsel um die SS-Expedition Ernst Schäfer (2017)

Zhongjing Liu: The Imagination of the Empire, the State, and the Nation-State (2018)

Edward J. M. Rhoads: Manchus and Han: Ethnic Relations and Political Power in Late Qing and Early Republican China, 1861–1928 (2000)

Heinz Bechert: Der Buddhismus in Süd- und Südostasien (2013)

Heinrich Harrer: Sieben Jahre in Tibet (1952)

Colin Mackeras: Sinophiles and sinophobes. Western views of China (2000)

Umberto Eco: Die Geschichte der legendären Länder und Städte (2013). Auch über Agartha und Shangri-La

Dawa Norbu: Red star over Tibet (1974)

Ernst Steinkellner (Hg.): Tibetan history and language : studies dedicated to Uray Géza on his seventieth birthday (1991)

Reza Hasmath: The Paradox of Ethnic Minority Development in Beijing. In: Comparative Sociology, Volume 6, Issue 4 (2007)

Christian Kracht: 1979. Ein Roman (2001). Zeitgeschichtlicher Roman vor dem Hintergrund der Revolution im Iran, spielt daneben in Tibet

Victor und Victoria Trimondi: Der Schatten des Dalai Lama – Sexualität, Magie und Politik im tibetischen Buddhismus (1999)

A. H. Francke: A History of Ladakh (1977)

Edwin Bernbaum: Der Weg nach Shambala. Auf der Suche nach dem sagenhaften Königreich im Himalaya (1982)

Der Fall von Chamdo

Christian Schicklgruber und Francoise Pommaret-Imaeda: Bhutan: Mountain Fortress of the Gods (2000)

  1. Die heutige chinesische Region Tibet, einige chinesische Territorien ausserhalb dieser Region und auch kleinere Territorien ausserhalb des heutigen Chinas
  2. Unter Anderem über einen Padmasambhava aus Kaschmir, der als einer der Ersten den tibetischen Titel Rinpoche/Rinpotse bekam
  3. Es gibt grundsätzlich Mahayana- und Theravada-Buddhismus. Theravada wird auch Hinayana genannt, ist in SO-Asien und Sri Lanka verbreitet. Vajrayana (Tibet > Lamaismus, Mongolei, Bhutan, N-Indien, Kalmüken) wird als Form von Mahayana (China, Korea, Japan, Ost-Russland, Vietnam) oder als eigene gesehen. In China sind eigtl. alle drei vertreten, bei den Han dominiert der Mahayana), wurde dominierende Religion Chinas, verdrängte Konfuzianismus und Taoismus (die chinesische Religionen sind) etwas
  4. Manchmal wird West-Tibet/Ngari als eine von Ü-Tsang unabhängige Region gesehen
  5. “Sinkiang” besteht aus zwei geografisch-historisch-kulturellen Räumen: Das Tarim-Becken im Süden (das an Tibet grenzt), auch Altishahr genannt, war eher iranisch geprägt, dort gab es das Kaschgar- oder das Khotan-Reich. Nördlich der Tian Shan – Berge ist die “Dsungarei”, die eher türkisch geprägt war. Das spätere Sinkiang hatte verschiedene Namen in der Geschichte, Khotan, Khashgar(ia), Dsungarei (alles eigentlich Teilgebiete oder -reiche), Uyghuristan,… Der jetzige bevorzugte Alternativname “Ost-Turkestan” kommt eigentlich von den Russen, die (hauptsächlich im 19. Jh) das westliche “Turkestan” bzw Zentralasien eroberten. Der Begriff, obwohl er an sich persisch/iranisch ist, ignoriert die dortigen Iraner/Tadschiken
  6. Abgeschlossen wurde dieser Prozess im Tschagatai-Khanat im Spät-MA/Früh-NZ
  7. Die Yuan-Dynastie wird auch Sakya-Dynastie genannt, nach der von ihr favorisierten Schule des tibetischen Buddhismus
  8. Dass es den Tibetern auch anders hätte gehen können, zeigt das Schicksal der Tanguten. Dieses mit den Tibetern verwandte Volk wurde im frühen 13. Jh von den Mongolen unterworfen. Da sie ihren “Pflichten” nicht nachkamen, unternahm Dschingis Khan 1226 einen neuen Feldzug gegen sie, der mit der völligen Zerstörung ihrer Hauptstadt endete. Danach zog ein Teil der überlebenden Tanguten südwärts und vereinigte sich mit den in Sechuan verbliebenen Miyao. Trotzdem verschwanden die Tanguten als Ethnie. Ihre Nachfahren sind vor allem unter Tibetern, Han-Chinesen und Qiang aufgegangen. Die Tanguten sind also ein “untergegangenes” Volk, wie die Akkader oder Inkas oder Goten. Tibet ist auch keine historische, tote, oder rein geografische Region wie Gandhara, Preussen, Nabatäa oder Kilikien
  9. In dieser Zeit kam es auch zur Zusammenstellung des tibetischen buddhistischen Kanons
  10. Auch auf Wikipedia spiegeln sich diese Auseinandersetzungen bezüglich der Zugehörigkeit Tibets zu China zur Zeit der Ming und zur Zeit der (frühen) Republik wieder
  11. Dieses wurde dann in die VR China eingegliedert, wurde eine autonome Region
  12. Ein Teil von Xinjiang/Ostturkestan/… war bereits früher unter chinesische Kontrolle gekommen
  13. Die Mandschurei hätte auch ein Teil Russlands werden können
  14. Wenngleich es auch hier unter den Yuan schon einen “Vorlauf” gab
  15. Unter den Ming und davor war das Binden der Haare zu einem Knoten oben Sitte in China
  16. Eigentlich der einzige, der anderen Völkern Chinas aufgezwungen wurde
  17. Unter den Yuan waren alle diese Gebiete schon weitgehend vereint, aber war dieses Reich ein Chinesisches oder nicht eher ein “Abspann” des Mongolischen?
  18. Ende des 19. Jh entstand ein iranischer Nationalismus in Abgrenzung zu Arabern, Türken, Islam. Unter den Pahlevi bekam das Land den Namen “Iran”, als also die Vorherrschaft der Perser wiederhergestellt wurde, zuvor (als Nicht-Perser den Iran dominierten) hiess das Land “Persien”. Aber diese beiden Begriffe sind Synonyme geworden, und nicht Wenige wurden zu Persern assimiliert/eingeschmolzen
  19. Oberhaupt des Buddhismus in der Mongolei wurde im 17. Jh der Bogd Gegen, ab dem 3. im 18. Jh waren diese Tibeter
  20. Westtibet (Ngari) bezeichnet aber ausserdem den westlichen Teil des zentralen Tibet
  21. Das der Moguln war bereits einige Jahrzehnte endgültig untergegangen. Dies war aber nicht mit dem Untergang einer Ethnie verbunden
  22. Dort wo Afghanistan, das damals russische Zentralasien, das indische Kaschmir und das chinesische Sinkiang/Ost-Turkestan aufeinander treffen. China beanspruchte ab dem frühem 20. Jh das Wakhan-Gebiet (das Teil Badachschans ist) als Teil Sinkiangs. 1963 hat die VR die Grenze anerkannt und im Detail festgelegt
  23. Ein britischer “Handelsagent” wurde in Gyantse stationiert
  24. Voraus gegangen war dem ein Massaker an schlecht ausgerüsteten tibetischen Soldaten 1903 in Guru
  25. Letzter Kaiser Chinas war ja, 1909-1912, Pu Yi/ Xiantong, 3 Jahre alt bei seiner “Thronbesteigung”, daher unter Regentschaft von Verwandten (u.a. der Witwe seines Vorgänger Guangxu der sein Halbonkel war), inoffiziell hatte die Witwe von Pu Yis Vorvorgänger, Cixi, das Sagen, über Jahrzehnte hinweg
  26. Während und nach dem 1. WK (bzw Krieg der europäischen Mächte untereinander) sollten noch einige Monarchien “stürzen”, im Falle von Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich ging in Folge dessen das Reich an sich unter, beim Deutschen Reich gab es einen Wechsel der Staatsform, beim Russischen Reich/ Sowjetunion einen radikalen Wechsel, der Staat blieb in seiner Ausdehnung und vielen Strukturen (wie Vorherrschaft der Russen) weitgehend erhalten
  27. Vom letzten Ming-Kaiser Chonghzhen bis Sun vergingen 268 Jahre, in denen also keine echten Chinesen über China herrschten. Aber wie gesagt waren die Mandschu mit den Jahren schon sehr chinesisch geworden
  28. མཆོད་ཡོན; Dieser Dalai Lama hatte vor “Kaiserin” Cixi zwar gekniet, aber keinen Kotau gemacht
  29. Wobei diese Bezeichnung manchmal auch Sikkim, Bhutan, Teile Birmas und Nepals (tibetischer Kulturraum) ausgedehnt wird
  30. Das Simla-Abkommen war von ihr weder unterzeichnet noch ratifiziert worden
  31. 中國工農紅軍
  32. In Folge dessen die Mandschurei als Manchukuo zum unabhängigen Staat ausgerufen wurde
  33. Sinkiang/Ost-Turkestan machte sich zunächst nicht unabhängig; 1933/34 und 1944-46 machten das Teile des Gebiets als “Republik Ostturkestan”. Die zweite dieser Republiken war SU-orientiert
  34. 1950-1975 wieder, aber nur noch mit Macht über Taiwan
  35. Nach dem 1. WK wäre er ungarischer Rumäne geworden
  36. Die Nazis konnten auch an die “Ariosophie” von “Jörg Lanz von Liebenfels” u.a. anknüpfen
  37. Jedoch: Dem Artikel auf de.wikipedia über die Nuristani in Afghanistan und Pakistan kann man entnehmen, wie nahe solche Rassentheorien (angebl. europäische Wurzeln dieser hellen Indoiraner) und “Solidarität” mit den Betreffenden bzw orientalistischer Kulturkampf beieinander liegen können. Speziell vor diesem Edit. Da hiess es: “Das frühere Heidentum der Nuristaner hat dazu geführt, dass europide Afghanen, auch wenn sie noch so vehemente Moslems sind, noch heute argwöhnisch betrachtet werden und nicht als vollwertige Moslems akzeptiert werden…Die in isolierten Hindukusch-Tälern lebenden Nuristaner haben ein europides Aussehen…Nachkommen der ersten Einwanderer, die mehrere tausend Jahre vor Alexander… aus Europa besiedelten…” Dabei lässt sich die Sprache und Abstammung der Nuristanis leicht von den frühesten Indoiranern und ihren Dialekten herleiten
  38. In der Abgeschiedenheit des Himalaya hätten sich Reste “ur-arischer” Populationen erhalten haben können > “europide Afghanen”
  39. Wobei Inder und andere Völker in der Region in der NS-Rassen-Hierarchie natürlich weit unten standen, aber “nutzbar” gemacht werden sollten, wie “Schwarze” oder “Indianer” die im USA-Militär dienen
  40. Zweiter grosser Krieg der westlichen Mächte gegeneinander im 20. Jh
  41. Die beiden Länder haben sich noch 2 Mal um diese Region bekriegt
  42. Die Republik war 1946 bis 1971 im UN-Sicherheitsrat vertreten, wurde dann von der Volksrepublik abgelöst
  43. CIA and MI6 waren in Tibet dennoch weiter aktiv, bis etwa 1970
  44. Insgesamt 1 Million Mann stark und intensive Kampferfahrung aus dem eben zu Ende gegangen Bürgerkrieg
  45. Von Indien kehrte Harrer ’52 nach Österreich zurück, brachte bald das Buch “Sieben Jahre in Tibet” raus, (auch) über tibetische Kultur und Anliegen; es wurde 1996 von Jean-Jacques Annaud verfilmt
  46. Seit 1975 ist eine Delegation die Taiwan vertritt, dabei, hauptsächlich sind das Kommunisten aus Taiwan, die um 1949 von dort auf’s Festland geflüchtet sind, oder (inzwischen) ihre Nachfahren. Hongkong ist seit 1998 vertreten, Macau seit 2003
  47. Hitler wurde in der Weimarer Republik anfangs gegen politische Aufwiegler eingesetzt; Benito Mussolini kam aus der Sozialistischen Partei (PSI); Ioseb „Stalin“ Dschgugaschwili war im Zarenreich im georgisch-orthodoxen Priesterseminar in Tiflis; „Tito“ kämpfte im 1. WK in der “k. u. k. Armee”; “Atatürk” war eigentlich mit der Demobilisierung der osmanischen Armee nach ihrer Kapitulation beauftragt; Salahdin war Wesir der Fatimiden, dann Beender dieser Dynasie (und Sultan des Ayubidenreichs); “Stipe”Mesic wurde Staatsoberhaupt Jugoslawiens als Kroatien (mit seiner Unterstützung) gerade die Unabhängigkeit davon erklärt hatte; Mirwais Hotak begründete das erste paschtunisches Reich gegen Persien, eroberte dann den grössten Teil (des restlichen) Persiens, beendete die Herrschaft der Safawiden, wurde Schah Persiens, eines Landes dass er verlassen wollte; Srebrenica-Verteidiger Naser Oric war Leibwächter von Slobodan Milosevic gewesen, ohne den das Massaker von Srebrenica nicht möglich gewesen wäre; Finnlands erstes Staatsoberhaupt Carl Mannerheim diente in der russischen Armee, Schwedisch war seine erste Sprache, sein Name (und seine Herkunft) deutsch; der israelische Minister Yitzhak Gruenbaum war (als Isaak Grünbaum) Vertreter der Juden im polnischen Parlament der Zwischenkriegszeit gewesen, im Minderheiten-Block BMN, zusammen mit Deutschen, auch nationalsozialistisch orientierten (die Familie wanderte 1932/33 nach Palästina aus, als Grünbaums Hamishmar und die anderen zionistischen Parteien an Unterstützung unter Juden verloren; Konrad Adenauer war entschiedener Gegner der preussischen Dominanz im Deutschen Reich, soll daran gearbeitet haben, das katholische Rheinland davon abzuspalten, und war Präsident des preussischen Staatsrats (2. Kammer des preussischen Landtags), 1921-33 (verteidigte gerade als solcher Interessen des Rheinlandes); „Pol Pot“ ist buddhistischer Mönch (und Exilant in Frankreich) gewesen
  48. In Nord-Indien entstand durch die Exilregierung für die dortigen Exil-Tibeter auch ein eigenes Bildungssystem
  49. Wie Israel 1967 nach der Eroberung und Besetzung der palästinensischen Restgebiete deren Flagge verbieten liess, auch Kunstwerke in ihren Farben, was bis zum Oslo-“Friedensabkommen” 1993 in Kraft war
  50. Wurde 1975 Teil Indiens
  51. Einigen Quellen zufolge wurde auch ein Teil des betreffenden Gebiets Assam zugeschlagen
  52. Chinesischer Sieg, aber keine nennenswerten Veränderungen
  53. englisch Taiwan Strait Crises
  54. Regierungschef in der Provinz war 64-68 Ngapoi Ngawang Jigme, ein tibetischer Kommunist
  55. Wie auch in den anderen Minderheiten-Gebieten
  56. Jigme war 81-83 zum 2. Mal dran
  57. Von Vielen zumindest nicht; chinesische Behörden sagen, er lebe ein normales privates Leben
  58. Die Zahl der Getöteten bewegt sich zwischen 100 und 10 000
  59. Der 03 auch Staatspräsident wurde. Seit 93, als Jiang Präsident wurde, ist der Parteichef in China immer auch Staatsoberhaupt, und damit auch de jure wichtigster Machthaber im Land
  60. Eigentlich handelt es sich um mehrere Volksgruppen, den Thai ähnlich. Sie sind zT Anhänger von Naturreligionen
  61. Die Mandschurei ist ja auf mehrere Provinzen aufgeteilt. In diesen machen Han (bzw Mandschu die dazu geworden sind) teilweise die Mehrheit aus
  62. Es gibt heute in China mehr Mongolen als in der Mongolei
  63. Eigentlich eine religiöse Minderheit und keine ethnische, aber Tibeter definieren sich quasi über den Buddhismus. Die (tibetische) Bezeichnung für die Volksgruppe deutet übrigens auf Kaschmir hin
  64. Die Sache ist dort als Kontroverse deklariert, damit ist der versteckten Propaganda im Gegensatz zu anderen Artikeln ein gewisser Riegel vorgeschoben
  65. Aber auch abseits davon
  66. Später lebte er auch teilweise in Indien
  67. Wenn von tibetischen Gebieten ausserhalb der autonomen chinesischen Provinz die Rede ist, sind aber in der Regel die historisch osttibetischen Gebiete gemeint, die im 18. Jh von China an andere Provinzen zugeteilt wurden und nach der Chinesischen Revolution nicht mit Tibet unabhängig wurden
  68. Z. B. Österreich
  69. Zumindest in dieser
  70. Der tibetische Ausdruck für China ist übrigens “Rgya-nag” (རྒྱ་ནག , “schwarzes Reich”); China nennt sich selbst ja Zhōngguó (中国), “Reich der Mitte”
  71. Es gibt Mischungen, es gibt Assimilierungen,…
  72. Je nachdem, wie man zählt, es gibt ja zB auch in Sinkiang Gebiete in denen Han wohnen, und die Mandschu sind grossteils de facto zu Han geworden,…
  73. Die Minderheiten alleine werden als Shaoshu Minzu bezeichnet
  74. Kann eine Form von Imperialismus sein
  75. Beide, Tibet-Gegner wie -Unterstützer, fühlen sich durch die Islamkrise (01) bestärkt
  76. Der ist vom methodistischen Christentum zum Buddhismus übergetreten
  77. In den letzten ca. 17 Jahren heisst es ja immer wieder, wir im Westen müssten zu unserer Kultur stehen; und dann wird alles Mögliche als Teil dieser Kultur definiert, je nachdem, also zB mehr Feminismus oder aber eine Absage an den Feminismus. Aber jedenfalls wird ein geschöntes West-Bild beworben. Und Goldener kehrt da immerhin im eigenen Stall
  78. Etwa in “The Saffron Swastika: The Notion of ‘Hindu Fascism'” (2001)
  79. Der dänische Anthropologe Thomas B. Hansen bezeichnete Elst als “belgischen Katholiken radikal anti-moslemischer Überzeugung, der versucht, sich als ‘Mitreisender’ der Hindu-Nationalismus-Bewegung nützlich zu machen”
  80. Die selbst konvertiert worden waren
  81. Schön zu sehen, dass diese bei Goldner zB diametral anders sind
  82. In diesem Zusammenhang: Wie parteiisch sollen Tibetologie und Sinologie sein? > Judaistik, Arabistik,… Der Historiker mit Russland-Schwerpunkt Karl Schlögel, ein scharfer Putin-Kritiker, sagte, Russland- und Sowjetunion-Historiker seien in der Regel nicht mit der speziellen Ukraine-Geschichte vertraut, schrieben meist moskauzentrierte Imperialgeschichten
  83. Dort auch: „Gewiss, ‚der Westen’ hatte Saddam dann in den achtziger Jahren Waffen geliefert, um Iran zu stoppen. Aber zeigt dies nicht, dass eine ‚westliche Weltordnung’ bereits seit langem fragmentarisch ist, widersprüchlich agiert und keineswegs permanent ‚dominiert’?“ – Wirklich, zeigt die westliche Unterstützung des Baath-Regime Husseins im Irak das? Er war Verbündeter des Westens, dann Dämon für den Westen (eine Weltgefahr analog zu Hitler), nach dem Krieg der so legitimiert wurde sind Baath-Reste Verbündete der salafistischen Islamisten des IS, und S. Hussein bekommt im Westen wieder Anerkennung, etwa bei Trump. Auf Youtube schrieb einer: “Evil or not, he kept those animals over there in check. Now look.” Heute wird wieder von “Befreiung” gesprochen von Kriegstrommlern, es geht um den Iran. Gewiss, es ist etwas fragmentarisch, Marko, dass jene, die das Foltern und Töten unter Saddam (an Irakern) heranzogen, um den Krieg 03 zu rechtfertigten, das Foltern an Irakern durch Amerikaner im selben Gefängnis und ihr Töten bejubelten bzw verteidigten; und dass das Kriegführen von seinem Regime zur Kriegsrechtfertigung herangezogen wurde, wobei er bei einem der beiden von ihm losgetretenen vom Westen unterstützt wurde und diese Kriegsbefürworter nun auch gegen den Iran Krieg führen wollen
  84. Erinnert an die Bündnisse Nazi-Deutschlands, etwa bezüglich der Ukraine – wo man die OUN mit ihren Unabhängigkeitsambitionen für das Land zum “Partner” machte, nach der Besetzung aber Rumänien und Ungarn Gebiete davon abgeben musste, und keine Unabhängigeit zuliess. Die OUN-Führer kamen ins KZ
  85. Die RC verweigerte der Uiguren-Aktivistin Kader 2009 die Einreise (sie hätte Verbindungen zum militanten und islamistischen Teil der “Ostturkestan”-Bewegung), damals war Ma vom KMT Präsident
  86. Dazu noch mehr
  87. Nach anderen Angaben 1990
  88. Wie die Schweizer gewannen die Niederländer einst ihre Unabhängigkeit vom Römisch-Deutschen Reich, in einem langen Prozess
  89. Ende der SU 91!
  90. Der sich gg Unterdrückung richtet
  91. > Tamil Eelam
  92. Die CSU schon mit einer ordentlichen Portion Regionalismus
  93. Von insgesamt ca. 200…
  94. Sudan, Indonesien, Äthiopien
  95. Wobei man die darauf folgende Phase, die der kommunistischen Volksrepublik Polen, auch als eine des Verlustes der Unabhängigkeit sehen kann
  96. Wurden von der (restlichen) USA mit Gewalt daran gehindert, sich wirklich von ihr zu trennen
  97. Oder Scheinstaaten die als Gebiete proklamiert wurden…
  98. Unbedeutenden im Konzert der Grossen
  99. Bzw mit Landraub innerhalb dieses Besatzungsgebiets durch Siedlungen, militärisch “abgesichert” unter dem Vorwand von “Sicherheit”. Hingegen: Die Zahl der Chinesen in Tibet ist wachsend, aber nicht in Form von ethnisch exklusiven Siedlungen auf Kosten der Einheimischen
  100. Die Änderung war dass Palästina Beobachterstaat wurde, zuvor war es eine Art Beobachter-Organisation
  101. Uniliteral, wie “Israel” 1948
  102. Viele jener Staaten die Palästina nicht anerkennen, anerkennen aber die PLO bzw die PNA
  103. In diesem Fall wird das auch inzwischen nach Kräften auszunutzen getrachtet
  104. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber: Die Mullahs füllen das Loch mit Scheisse, es war aber der Schah, der das tiefe Loch gegraben hat
  105. Über das damals auch die ganze Unterstützung für die Mujahedin lief
  106. Die Süd-Molukker wurden von den NL christianisiert, was, sie von den meisten anderen Indonesiern unterscheidet
  107. Nicht 75 bzw 91
  108. Kein Gebiet in der Festland-USA, aber zB Marianen
  109. Daneben gibt es in anderen USA-Gebieten auch mehr odwer weniger starke separatistische Bewegungen, in Hawaii, Puerto Rico, Alaska, die Lakota-Republik,…

Die Frage der ägyptischen Nation

Die Frage nach der nationalen Identität kam in Ägypten im 19./20. Jh auf (wie anderswo!1), ist noch immer nicht beantwortet, wie gezeigt wird; auch wenn Ägypten unerschüttlich als arabisch-islamische Nation dazustehen scheint. Eher gibt es ein Spannungsfeld zwischen eigener Tradition und arabisch-islamischer Identität.2 Ausgehend von der antiken Hochkultur wird hier der diesbezüglichen Entwicklung nach gegangen. Damit geht es natürlich auch um die Grundzüge der Geschichte Ägyptens, Kontinuitäten, Wendepunkte, Besonderheiten, Spezial-Aspekte. Auf den Sinai und die Juden Ägyptens wird besonders eingegangen. Die Kopten spielen in dieser Thematik aufgrund ihrer Verbundenheit mit der ägyptischen Nation per se eine Rolle. Eine Konstante durch die Jahrhundert war (ist), dass Ägypten hauptsächlich entlang des Nils sowie im Nildelta (> Mittelmeerküste) besiedelt ist, der Rest ist Wüste (und teilweise auch Küste). Nil und Nildelta sind das eigentliche Ägypten, hier entstand ab ca 3000 vC die antike Hochkultur.3

Zeichnung von je einem Libyer, Nubier, Syrer, Ägypter am Grab von Pharao Seti/Sethos I. (Neues Reich)

Die Nachbarn und die Grenzen: Im Westen führt die Wüste irgendwann in die Cyrenaica/Barqa (der östliche Teil Libyens, von Berbern bewohnt), im Süden nach Nubien (der zweite Nil-Katarakt war einmal die Grenze der Ägypter zu den Nubiern, heute ist es weiter südlich), zu der Grenze im Osten noch Eingehenderes – hier sind Sinai, Rotes Meer und Palästina zu nennen. Und im Norden das Mittelmeer, dann kommt irgendwann Griechenland. Das antike Ägypten war ethnisch homogen,  die Ägypter gelten (von ihrer “Wurzel”) als Hamiten. Die ägyptische Antike wird unterteilt in Altes, Mittleres, Neues Reich, und die Spätzeit (Beginn der Fremdherrschaften), dazwischen die Zwischenzeiten (durch inneren Zerfall oder von aussen). Die Pharaonen waren Gottkönige, spielten eine Rolle in der polytheistischen Religion dieser Kultur. 31 Pharaodynastien zählt man, mit der 3. Dynastie (~2700 vC) begann die Errichtung von monumentalen Grabanlagen für die Könige in Pyramidenform – die sichtbarsten und prominentesten Hinterlassenschaften des alten Ägyptens. Etwa 60 Pyramiden entstanden bis etwa 1500 vC, verstreut von Atrib bis Elephantine, die meisten im Nil-Delta (v.a. Gize), dem Schwerpunkt/Zentrum des Landes.

Der erste Pharao des Neuen Reichs, Ahmose, war der letzte der eine Pyramide bekam, dann gab es für verstorbene Pharaonen Felsengräber im Tal der Könige. Im Neuen Reich wurde nach Asien expandiert, die grösste Ausdehnung des alten Ägyptens erreicht, u.a. unter Pharao Thutmosis (> Witwe Hatschepsut). Unter Amenophis (eigentlich Amenothep) IV./Echnaton und Nofretete entstand die Residenzstadt Achet-Aton, Aton gewidmet, der vorübergehend die anderen Götter verdrängte, nach ihm die Rückkehr zu Polytheismus. Diese Zeit (~1300 vC) war von innerer und äusserer Instabilität gekennzeichnet, die Zeichen standen auf Untergang. Die Errichtung des Totentempels von Medinet Habu war letzter kultureller Höhepunkt des alten Ägyptens, Baubeginn war ungefähr zeitgleich mit dem des Felsentempels von Abu Simbel. Am Ende dieser Phase (Neues Reich) wurde Ägypten vom Machtsubjekt zum Machtobjekt, und das für sehr lange Zeit. Das Ende des Neuen Reichs wird mit etwa 1000 vC angesetzt, die darauf folgende Dritte Zwischenzeit ging bis circa 600 vC, die Spätzeit bis etwa 300 vC. In dieser “Zwischenzeit” gab es libysche Pharaonen (23. Dynastie), die Oberägypten (den Süden) von 880 bis 734 vC regierten.4 Die 25. Dynastie (etwa 744 – 656 vC) war gleichbedeutend mit der nubisch-kuschitischen Herrschaft über Ägypten.5

Es folgte die Herrschaft der Assyrer aus Asien und der Beginn der Spätzeit. Im 6. Jh gab es unter der 26. Dynastie (3 Pharaonen namens Psammetich/Psamtik) noch ein letztes Wieder-Erstarken des alten Ägyptens. 525 vC kamen die unter Herrschaft der Achämeniden-Familie stehenden Perser (bzw ihr Heer) nach Ägypten, eroberten es. Die persische Herrschaft wurde fann unterbrochen, die 28. bis 30. Dynastien (404-341 vC) waren wieder wieder ägyptisch. Nechethorenebit/ Nectanebo II. (30. Dynastie) war letzter Pharao, und letzter letzter einheimischer Herrscher bis Nasser! In der Spätzeit gelangten Einflüsse aus Ägypten für die Entstehung der Religion der Juden, die mehr oder weniger in Nachbarschaft lebten.6 Die Tanach/Bibel-Geschichten über „Sklaverei“ und „Exodus“ der Juden in/aus Ägypten (samt Gebote-Übergabe an “Moshe”/”Moses” im Sinai) sind höchstwahrscheinlich Märchen/Legenden. Die Grenze der Spätzeit zur Phase der Fremdherrschaften (in der Spätantike, Früh-MA) würde ich beim Übergang von Persern zu Griechen ansetzen, somit im späteren 4. Jh vC; v.a. weil Griechen die ägyptische Kultur auf Dauer stärker beeinflusst haben als frühere Beherrscher Ägyptens. Das Ende des alten Ägypten kam also mit der Invasion der makedonischen Griechen, deren Herrschaft dann in jene der Ptolemäer überging. Ägypten wurde nun von einer Serie von Fremdherrschern regiert, die sich ablösten, das Land zT prägten, vom Land geprägt wurden. Nach den Griechen die Römer (deren Reich sich dann wandelte), dann nochmal kurz die Perser, dann die Araber. Die arabische Eroberung war gegen die Byzantiner geschah zB ohne viel Beteiligung der Ägypter.

Zur Zeit der Herrschaft der Römer (Kaiser Nero) über Ägypten brachte der Judenchrist oder Heidenchrist Marcos/Markus (ein Evangelist), im 1. Jh nC, das Christentum nach Ägypten. Er wurde von den Römern hingerichtet, die Kopten sehen ihn als ihren ersten Patriarchen/Papst, auf ihn geht die Gründung der Koptischen Kirche zurück. Ägypten wurde christlich (mit einer eigenständigen Kirche), die altägyptische Religion wurde abgelöst. Mit dem Christentum kam (wie später mit dem Islam) Neues nach Ägypten, aber auch Eigenes zurück, das in den Tanach geflossen war, und damit in die Bibel. Das Ankh-Symbol kommt aus dem vorchristlichen, alten Ägypten, war Hieroglyphen-Symbol für “Leben”; die Kopten machten daraus (leicht modifiziert7) ein Symbol für ihre Kirche und ihre Kultur. Daneben gibt es das koptische Kreuz, das aus 2 gleichlangen, dicken, verzierten Balken besteht. Nach dem Ende der römischen Christenverfolgungen (im 4. Jh) kam für die Ägypter und ihre Kirche bald Konkurrenz von der katholischen, dann der orthodoxen Kirche, auch von Nestorianern, Jakobiten. 395 die (endgültige) Teilung des Imperium Romanum, Ägypten im Oströmischen Reich. Die Ägyptische oder Koptische Kirche bekannte sich am 4. Konzil 451 zum Monophysitismus, daraus ergab sich auch der Weg der Eigenständigkeit. In Ostrom war bereits vor der Hellenisierung/Graezisierung das orthodoxe Christentum ggü dem lateinischen dominierend; zwischen diesen beiden war bis ins Hoch-Mittelalter noch kein so grosser Widerspruch. Bis zu diesem 4. Konzil waren auch die monophysitischen Kirchen irgendwie Teil einer „Gesamtkirche“ gewesen, danach wurden im Oströmischen Reich Kopten, Aramäer/Jakobiten,… drangsaliert. Die Koptische Kirche breitete sich auch zu manchen Nachbarn (v.a. Nubier) aus.

Anfang des 7. Jh kamen mehrere Entwicklungen Ägypten betreffend zusammen. Zunächst die Gräzisierung des Oströmischen Reichs unter Herakleios (610-641 Kaiser), die den Übergang zum Byzantinischen Reich bedeutete. Kaiser (Basileios) Herakleios ritt dann persönlich an der Spitze eines Heeres und warf die zoroastrischen Perser (sassanidisches Reich) zurück. Dann kamen die moslemischen Araber.8 Byzanz verlor Syrien und Ägypten binnen weniger Jahre an das Kalifat. Der Übergang vom byzantinischem Ägypten zum arabischen war der zu einer Fremdherrschaft, die das Land am tiefsten und nachhaltigsten von allen prägte. Auch wenn die Araber von Teilen der ägyptischen Bevölkerung als Befreier begrüsst wurden (wegen der byzantinischen Unterdrückung der koptischen Kirche,…). Von der orthodoxen Kirche und der griechischen Bevölkerung blieb nicht viel übrig nach dieser Invasion, von der griechischen Kultur schon9. Der Beginn der islamische Zeit war auch in Ägypten gleich bedeutend mit dem Beginn des Mittelalters.

Ägypten war im Kalifat unter Raschiden, Omayaden, Abbasiden Peripherie. Erst mit dem Zerfall des Kalifats und der Entstehung von Regionalreichen änderte sich das. Es gab unter arabisch-moslemischer Herrschaft (wie andernorts für Nicht-Moslems) eine Sonder-Steuer für Ägypter/Kopten (damals gleichbedeutend!), begründet mit deren “Schutz”, da die Nicht-Moslems nicht in der Armee dienten. Es gab Aufstände der Ägypter gegen die arabisch-moslemische Herrschaft, bis in’s 9. Jh (zB jener unter Bashmura um 830), v.a. wegen der Kopfsteuer, sie wurden niedergeschlagen; dabei spielte auch eine Rolle, dass die Ägypter schon zuvor nicht Herr im eigenen Land gewesen waren, keine eigene Armee gehabt hatten,… Was, wenn diese Aufstände dazu geführt hätten, dass Ägypten (oder Teile davon) diese Herrschaft abschüttelt…?10 Wäre Ägypten dann wie der Libanon geworden, oder wie Äthiopien, Nigeria, Bosnien…? (Länder, in denen sich christliche und moslemische Bevölkerungsgruppen in etwa die Waage halten) Übertritte zum Islam waren aber natürlich auch eine Reaktion auf den Steuer- und sonstigen Druck, mit der Zeit gingen viele Ägypter gingen den Weg der Kollaboration bzw Anpassung. So kam es zur Islamisierung Ägyptens bzw der Kopten. Die Arabisierung geschah hauptsächlich durch die Erhebung der arabischen Sprache zur Staatssprache. Es kam aber nicht zu einer grossen Einwanderung von Arabern (von der Halbinsel). Die Ansiedlung von Arabern geschah hauptsächlich am Sinai (s.u.) – diese Beduinen sind bis heute einzige grössere echt arabische Bevölkerungsgruppe Ägyptens.11

Die Änderung der ethnischen Struktur und des nationalen Charakter Ägyptens infolge der arabischen Herrschaft geschah nicht in dem oft angenommenen Maß. Ein guter Teil der arabischen Soldaten blieb natürlich, vermischte sich mit der ägyptischen Bevölkerung. Die Abbasiden brachten auch viele Militärsklaven12, die Perser, Türken,… waren. Und, die original-ägyptische Kultur wurde durch den Sprachwechsel, die Assimilation und Konversion der Kopten, sukzessive zurück gedrängt. Durch den Islam kam, wie schon zuvor durch das Christentum, sowohl Alt-Ägyptisches zurück ins Land als auch Fremdes herein. Aufgrund der Tatsache, dass Einflüsse aus Hochkulturen der Region in das Judentum flossen, und dessen Inhalte wiederum in Christentum und Islam. Der Eigenname für das Land wurde durch die Arabisierung zB “Misr”, eine Bezeichnung für Ägypten, die aus dem Koran stammt. Der hat es wiederum aus dem Tanach. Das hebräische Wort stammt wiederum von (ebf. semitischen) babylonischen und assyrischen Bezeichnungen für das Land. “Aigýptos” ist ein griechisches Wort, daraus gingen die Fremdbezeichnungen für das Land in vielen Sprachen hervor. Und die (Eigen-) Bezeichnung für die Kopten und ihre Kirche. Die alt-ägyptische Bezeichnung für das Land ist “Kimi”, “Kemi” oder “Kemet” (Ⲭⲏⲙⲓ; soll “schwarzes Land” bedeuten).

Die “Annahme” des Islams bedeutete nur für einige Regionen einen Fortschritt, die Arabische Halbinsel und Nordwest-Afrika hauptsächlich, für Persien und Mesopotamien und die unter byzantinischer Herrschaft gestandenen Regionen (wie Ägypten, Syrien) nicht, und auch nicht für Indien. Dort gab es lange zuvor eine Hochkultur; im Fall Ägyptens und Syriens auch schon vor der Übernahme des Christentums. Mit Persien/Iran verbindet Ägypten so Manches. Auch in Persien gab es Auflehnungen gegen die arabische Herrschaft und die Islamisierung, meist als Shu’ubiyyah zusammengefasst. Es entstand auch ein zoroastrisches Persisch, das sich von der Mehrheitssprache (jener der Islamisierten) unterschiedet, analog zum Koptischen. Was es in Ägypten nicht gab, ist eine Emigrationsbewegung von jenen, die ihre Religion/Kultur behalten wollten, wie die von Zoroastriern nach Indien. Das altpersisch-zoroastrische Symbol Faravahar dürfte auf ein alt-ägyptisches Vorbild zurückgehen.13 Einigen Quellen zufolge spielten Kopten aber unter islamischer Herrschaft eine grössere Rolle in ihrem Land als unter byzantinischer.

828 entführten venezianische Kaufleute die Knochen des heiligen Markus aus Ägypten; zur Rechtfertigung diente eine Legende, wonach Markus auf seinen Missionsfahrten die (noch unbewohnte) Lagune von Venedig durchquert habe und dort von einem Engel eine Weissagung erhalten habe. In Venedig baute man auf das Grab den Markusdom, der geflügelte Markuslöwe wurde zum Staatswappen der Republik Venedig. Mit der Annahme des Christentums durch das Römische Reich begann eine „Verwestlichung“ des Christentums, die sich mit der Ausbreitung des Islams über zuvor christliche Länder (wie Ägypten) verstärkte. Es entstand eine Dynamik, die in der Gegenwart besonders stark ist. In Ägypten wurden die Kopten immer weniger und wurden Bewahrer alt-ägyptischer Kultur (Sprache,…); was sich nicht zuletzt in der Sprachentwicklung Ägyptens zeigt. Im Alten Reich wurde die Ägyptische Sprache in Hieroglyphen geschrieben, auf Stein eingemeisselten Bildzeichen14. Im Mittleren Reich kam die Hierartische Schrift (Kursive Schreibschrift der Hieroglyphen) für Papyrus hinzu. Ausserdem veränderte sich auch die Ägyptische Sprache. Im Neuen Reich und in der Spätzeit wurde das (nun Demotisch genannte) Ägyptisch in Demotischer Schrift geschrieben, u.a. an Wänden von Bauwerken. Zur Zeit der frühen Fremdherrschaften (1. Jh nC bis 3. Jh) entstand daraus die Koptische Sprache, letzte Stufe der Ägyptischen, geschrieben in einer modifizierten griechischen Schrift, zunächst v.a. auf Papyrus und Pergament. Darin ist zB die ägyptische Bibel-Übersetzung verfasst. Koptisch wurde also im Mittelalter vom Arabischen verdrängt. Wobei in das Ägyptische Arabisch Vieles von der Ägyptischen/Koptischen Sprache hinein floss.

Im 9. Jh verfiel das Abbasiden-Kalifat, als Oberherrscher über alle regionalen islamischen Machthaber, es behielt noch eine gewisse Bedeutung als (sunnitische) religiöse Instanz. Auch in Ägypten kamen zur Zeit dieses Übergangs vom Früh- zum Hochmittelalter unabhängige (und auswärtige) Herrscher an die Macht, die türkischen Dynastien der Toluniden und Ichsididen.15 Es folgten die aus Mesopotamien bzw Syrien stammenden (schiitischen) Fatimiden, die im 10. Jh über Nordwest-Afrika Ägypten einnahmen, es bis 1171 beherrschten. Sie haben bekanntlich Kairo gegründet.16 Die Fatimiden-Herrschaft brachte einen Zustrom von Söldnern verschiedener Herkunft nach Ägypten, wo sie schliesslich in der Bevölkerung aufgingen, und eine weitere Islamisierung der Ägypter.17 Der Islam wurde in Ägypten am Übergang vom Hoch- zum Spät-Mittelalter die Religion der Bevölkerungs-Mehrheit, Kopten/Christen wurden eine Minderheit, das ergibt sich aus dem Rückgang des “Toleranz”steuer-Aufkommens. Im 12. Jh kamen Zengiden/Ayubiden aus Syrien (5. und 6. Kreuzzug war gegen das damals von ihnen regierte Ägypten gerichtet), im 13. Jh die Mameluken, im 16. Jh die Osmanen.

Nun, ein Exkurs zum Sinai. Diese Halbinsel war zT in die antike ägyptische Kultur eingebunden, es gab dort Kupfer-Minen die genutzt wurden, und es wurde Türkis-Gestein (für Schmuck,…) dort abgebaut. Die alten Ägypter nannten den Sinai auch “Ta Mefkat“, “Land des Türkis”. Ägypten übte in der Antike zT auch Macht über Palästina/Kanaan aus. Dennoch, der Sinai war bis zum Mittelalter meist nicht Teil ägyptischer Reiche18, die Zugehörigkeit kristallisierte sich allmählich heraus. Wie gesagt, Ägypten entstand entlang des Nils. Der Sinai ist trotz seiner Meereszugänge und seiner Brückenfunktion zu Palästina bzw Asien zu unwirtlich, als das dort menschliches Leben blühen könnte. Eroberer aus Asien (Hyksos, Assyrer, Perser,…) kamen über den Sinai nach Ägypten (bzw dort zuerst in Ägy. an)…auch die Araber und die osmanischen Türken dann. Die “Militärstrasse” des Sinai führt, im Norden, parallel zum Mittelmeer. 1116 nahmen auch die Kreuzritter aus Palästina (das sie damals beherrschten) unter König Balduin auf diesem Weg nach Äygpten. Die anderen Eroberer kamen aus (anderen Teilen) Afrika(s) oder über das Mittelmeer in das Nildelta. Die meisten Inavsoren aus Asien stiessen erst bei Peramun/Pelusium/Tel el Farama (nahe des heutigen Port Said), im äussersten Osten des Nildeltas auf Widerstand. Eine effektive Einbindung des Hinterlandes bzw Verteidigung dort hätte Ägypten vor den meisten Fremdherrschaften bewahren können… Allerdings, die Sinai-Halbinsel wurde lange nicht als Teil Ägyptens gesehen, eher als Verlängerung Palästinas.

Der Sinai war auch für Pilgerreisen aus Ägypten, von Moslems nach Mekka sowie Christen und Juden nach Jerusalem/Quds/Jebus, ein Durchzugsgebiet. Zeitweise war er auch Verbindungsstück zwischen Teilen eines Reiches, zu dem Ägypten gehörte > Perser, Griechen, Römer, Byzantiner, Araber, Fatimiden, Osmanen, das Mohammed Ali-Reich,… Auch mit der arabischen Invasion im 7. Jh wurde der Sinai zunächst nicht dichter besiedelt: Erst als beduinische Araber von der Halbinsel über das Rote Meer und Palästina einwanderten, vom Spät-MA zur früheren NZ. Die Beduinen sind die einzigen echten Araber Ägyptens und dominieren (bis) heute die Bevölkerung des Sinai. Sie sind oft strenger (sunnitisch-) islamisch als die (hamitischen) Ägypter des Nilgebietes. Sie haben eine lange Tradition der Auflehnung gegen den ägyptischen Staat, und Invasoren haben das öfters auszunutzen versucht, etwa die Kreuzfahrer. Unter den Mameluken, die Ägypten im späten Mittelalter regierten, wurde ein Teil der Sinai-Beduinen in den Sudan umgesiedelt.

Sinai 1862

Es gab diese Mameluken-Machtphase vor den Osmanen, dann jene unter der osmanischen Herrschaft19, und die nach ihrer weitgehenden Entmachtung von 1811 (in dieser Zeit wurden auch die Osmanen in Ägypten de facto entmachtet). Im 17. Jh übernahmen die Mameluken (ursprünglich Militärsklaven verschiedener Herkunft, die mit verschiedenen islamischen Herrschern nach Ägypten kamen, v.a. mit bzw unter den Ayyubiden) zur Zeit der Zugehörigkeit Ägyptens zum Osmanischen Reich die Herrschaft in dem Land. Der Anteil der Kopten an der ägyptischen Bevölkerung ging in der Neuzeit auf die heutigen 10% zurück. Der grosse Umbruch kam mit der französischen Invasion unter Napoleon Bonaparte 1798 bis 1801, die gegen Grossbritannien gerichtet war, und im Kontext der europäischen Revolutionskriege stand. Etwa 100 Jahre nachdem die osmanische Expansion in Europa aufgehalten wurde, ging es nun erstmals in die Gegenrichtung. In Ägypten wurde die sozio-politische Ordnung dadurch erschüttert. Mohammed Ali kam in Folge an die Macht, begründete eine Dynastie, schaltete die Mameluken aus, begann die Unterwerfung des Sudan, eine Modernisierung kam in Gang. Und, diese Entwicklung führte zur westlichen Vorherrschaft über das Land, die also in der späten NZ begann und gut 100 Jahre währte.

Mohammed (Muhammad, Mehmet) Ali (Pascha) war ein albanischer Offizier aus Makedonien im osmanischen Heer, 1801 mit diesem zur Vertreibung der Franzosen nach Ägypten gekommen. Durch die Niederlagen gegen die Franzosen wie 1798 in Gize20 wurde die Vorherrschaft der Mameluken schwer erschüttert, was den Aufstieg von Muhammad Ali zum Gouverneur/Vali der Provinz (Eyalet) Ägypten (Ernennung durch den Sultan 1805) ermöglichte. Als solcher “besiegelte” er die Entmachtung der Mamluken durch Tötungen ihrer Anführer, v.a. in Kairo. Mohammed Ali führte Kriegszüge, am Hejaz, in Griechenland (dort im Auftrag der Osmanen), Nubien, Eritrea/Abessinien, Somalia/Punt, und in Syrien, 1831-40 (1832 Sieg über ein osmanisches Heer). Ehe er auch Syrien vollends seinem Machtbereich hinzufügte, wurde er dort von Osmanen und Europäern vertrieben. Er bekam aber vom osmanischen Sultan Ägypten als erbliches “Vizekönigreich” zugeteilt. Die Familie herrschte in Ägypten bis 1953.

Kam mit Mohammed Ali eine neue Fremdherrschaft über Ägypten, eine weitere in der Linie seit der persischen Eroberung 525 vC ? Er war Albaner, diente anfangs den Türken, und an seinem Hof wurde Türkisch gesprochen. Auch seine Nachfahren/Nachfolger heirateten keine Ägypter. Er war ein Bektaschi-Alewit, seine Nachfolger der ägyptischen Bevölkerungsmehrheit gemäß sunnitische Moslems. Er hat Äygpten zu einem de facto unabhängigen Staat gemacht, de jure blieb es aber unter osmanischer Hoheit. Auch unter Ptolemäern oder Fatimiden war Ägypten (mehr oder weniger) unabhängig gewesen, aber eben unter einer Herrscherdynastie ohne Wurzeln im Land. Achämeniden, Abbasiden, oder Osmanen dagegen waren Königshäuser, die von anderswo regierten. In Ägypten sieht man ihn einerseits als Be-Gründer des modernen Ägyptens, der eine ägyptische Armee schuf, nach der Entmachtung der Mameluken, zusammen mit der Modernisierung in anderen Bereichen. Andererseits wird er auch als Eroberer bzw militärischer Abenteurer gesehen, einer der unter Oberherrschaft des schwachen Osmanischen Reichs die eigentliche Macht hatte, wie vor ihm die Mameluken, und der der westlichen Einflussnahme wenig entgegen setzen hatte. Es heisst, er habe Ägypten mit sich identifiziert, aber sich nie mit den Ägyptern. Ein weiterer ausländischer Herrscher, der ägyptische Resourcen für seine Zwecke ausbeutete?

Unter Vali Mohammed Ali gab es auch bescheidene Anfänge des Parlamentarismus in Ägypten, in den 1820ern. Und, es gab damals Rifa’a al Tahtawi, vielleicht der erste Liberale Ägyptens. Er war nicht politisch aktiv tätig, schrieb über seine politischen Vortsellungen; trat weder für Verwestlichung noch für Ablehnung des Westens ein, sondern für eine „Übernahme“ von (eigentlich universalen) Prinzipien, die damals im Westen selbst noch umstritten waren, wie gewisse Ideale der Französischen Revolution, war für die Selbstständigkeit Ägyptens. Die “Einbindung” Ägyptens in den “Weltmarkt”21 im frühen 19. Jh, durch Baumwoll-Exporte, hauptsächlich nach GB, war wiederum etwas, was das Land allmählich in eine Abhängigkeit vom Westen brachte. Es begann damals auch eine Einwanderung nach Ägypten, von Juden, Griechen, Italienern,…

Die napoleonische Invasion leitete auch die Erforschung der Pyramiden22 und allgemein der alt-ägyptischen Kultur ein. Die Ägyptologie entstand, die Erforschung des alten Ägyptens. Bekanntlich wurde im Zuge der Inavsion in Rosetta/Rashit ein Stein mit Inschriften in Hieroglyphen, Demotisch, Griechisch gefunden, ein Priesterdekret aus der Spätzeit bzw der Ptolemäer-Zeit, der die Entzifferung der Hieroglyphen ermöglichte. Man kann sagen, die Ägyptologie wurde von Westlern aufgerichtet und lange von ihnen dominiert. Und man kann darüber diskutieren, ob dies ein Dienst an Ägypten war, der dem Land (bzw seinen Leuten) ihr vor-islamisches Erbe “lebendig” gemacht hat, oder ob man nicht eher sehen muss, was im Zuge von “Erforschungen” alles weggeschleppt wurde. Der Stein von Rosetta/Rosette selbst steht heute im British Museum in London. Aber, im Zuge dieser Entwicklung sind auch die Anfänge des Ägyptischen Altertümer-Museums in Kairo zu finden.

Gustave Flaubert bereiste 1849-51 Ägypten und andere Länder der Levante, mit dem befreundeten Fotografen Maxime Du Camp, schrieb darüber ein Reisetagebuch

Die Oberhäupter der Dynastie von Mohammed Ali (auch Alawiyya-Dynastie genannt), die nacheinander die Funktion Vali, Khedive, Sultan, Melek (König) inne hatten, herrschten also fast das gesamte 19. Jh (zunächst) unter (nomineller) osmanischer Oberherrschaft in Ägypten. Ismail, der erste Khedive23, erweiterte (den ägyptisch beherrschten) Sudan um Darfur und den schwarzen animistischen späteren Süd-Sudan. Das Osmanische Reich an sich war im 19. Jh ja sehr schwach und zunehmend abhängig von europäischen Mächten. Vor diesem Hintergrund “bekam” Ägypten von Grossbritannien und Frankreich den Suez-Kanal, der Mittelmeer und Rotes Meer verbindet, viele Seefahrts-Wege stark verkürzte. Wege, die wiederum nicht im Interesse Ägyptens waren. Das war beim Panama-Kanal auch entsprechend.24 Der Kanalbau (1859-1869) bzw die ägyptische Beteiligung an den Kosten war der entscheidende Schritt zur Abhängigkeit Ägyptens von GB und Frankreich.25

Ismailia um 1870

Die britisch-französische Einflussnahme zeigte sich auch darin, dass in der Regierung des ersten Premierminister Ägyptens, Nubar Pascha (Nubarian26), 1878 auch britische und französischen Minister saßen. Als Khedive (Vizekönig) Ismail 1879 diese Regierung auflöste, wurde er vom osmanischen Sultan auf Druck der Westmächte abgesetzt; sein Sohn (Mehmet) Tawfik wurde Nachfolger, sollte ein willfähriger Herrscher sein. In dieser Situation entfachte sich ein Aufstand von Ägyptern gegen ihre Bevormundung, zu dessen Anführer sich der Offizier Ahmed Urabi aufschwang. Die Urabi-Revolte (etwa 1879-1882) wurde von einer breiten heterogenen Koalition getragen, führte dazu dass Urabi 1882 unter Sharif Pascha Kriegsminister wurde. Er erhob u.a. die  Forderung nach Einberufung des “Parlaments”, was geschah. Doch diese Demokratisierungs-Schritte wurden sofort abgewürgt, das britische Militär intervenierte (mit französischer Hilfe), übernahm die Macht in Ägypten. Das Aufbegehren gegen Entmündigung führte zu neuer Entmündigung – westliche Realpolitik. Die khedivale Herrschaft (türkisch geprägt) und die osmanische Oberherrschaft (dieses Reich selbst zunehmend unter westlicher Kontrolle) blieben bestehen, aber die Macht lag nun in London, wurde von den britischen Militärbasen aus exekutiert.27 Auch der französische Einfluss wurde verstärkt. Und, die Machtelite unter den Khediven war zT noch türkisch gesprägt, zT kam (durch die Einwanderung) eine neue, westlich ausgerichtete hinzu.

Die ebenfalls türkisch geprägte Mameluken-“Kaste” war im Militär noch dominierend. Die Khediven richteten sich nun eher an den westlichen Mächten aus als an den islamischen Reichen und Regionen. Auch der Sudan wurde von den Briten mit übernommen, die dortige Mahdi-Rebellion begann 1881 noch gegen die Ägypter, wurde dann bis 1899 von den Briten nieder geschlagen. Vor diesem Hintergrund entstand Ende des 19. Jh eine ägyptische Nationalbewegung, die sich der Wiedererlangung der (vor Jh verlorenen) Souveränität widmen musste (und dabei mehrere Kontrahenten hatte) und gleichzeitig eine Richtung (bzw eine Definition dieser Nation) finden. Gegenüber westlicher Bevormundung28 boten sich Konzepte von Arabismus und Islamismus an, andererseits waren aber die Kopten die Bewahrer der ursprünglichen Nationalkultur. Die Koptische Sprache wurde in dieser Zeit Kirchensprache, in die Liturgie zurückgedrängt, starb im 19./20. Jh als Umgangssprache aus. Und, eigentlich gibt es auch in der koptischen Kultur viele nicht-ägyptische (v.a. griechische) Elemente, Einflüsse. In der koptischen Kirche gab es Ende des 19. Jh auch einen Machtkampf zwischen der Kirchenhierarchie (dem Klerus) und dem Laiengremium Maglis Milli (mit Marcus Simaika), und in diesem mischten auch die Briten mit. Das ägyptische Parlament wurde um die Jahrhundertwende allmählich bedeutender, und die Wahlen zu ihm (noch ohne Parteien). Damals wirkte auch der Liberale Qasim Amin.

In dieser Phase wurden die Grenzen Ägyptens festgelegt. Jene zu Libyen 1841 (als beide Länder unter osmanischer Herrschaft standen) sowie 1925/26 (zwischen dem inzwischen teil-souveränen Ägypten und den über Libyen herrschenden Italienern). Zum Sudan, der mit Ägypten zusammen (offiziell) unter osmanischer Hoheit stand und britisch besetzt war, zogen die Briten 1899 die Grenze am 22. Breitenkreis29; 1902 änderten sie das, weil diese Grenze Stammesgebiete zerschnitt. Mit der Grenzziehung zum osmanischen Palästina war es so: Als Mohammed Ali als Herrscher von Ägypten anerkannt wurde (vom osmanischen Sultan und den europäischen Herrschern), war die Notwendigkeit einer Abgrenzung Ägyptens zu den osmanischen Gebieten im Osten gegeben. Damals wurde der Sinai international als zu Ägypten zugehörig eingestuft, ohne aber eine genau Abgrenzung zu Palästina festzulegen. Dies geschah erst 1906, die Briten inzwischen Herrscher über Ägypten und auch schon so etwas wie eine Regionalmacht. Anlass war ein Streit zwischen Briten und Osmanen über einen britischen Militärposten in Akaba. Sinai bzw Ägypten bzw Afrika und Palästina bzw Asien wurden damals entlang einer Linie von Rafah nach Taba (bzw östlich davon) abgegrenzt.30

Man hätte die Grenze auch von der Stadt Akaba (bzw östlich davon) nach el Arish ziehen können… Jedenfalls, die Zugehörigkeit des Sinai zu Ägypten wurde damals definitiv entschieden. Die Beduinen-Stämme des Sinai bekamen danach die ägyptische Staatsbürgerschaft. Der Sinai wird noch immer teilweise als Teil Asiens gesehen, es gibts keine natürliche Grenze, der Suez-Kanal ist ja „künstlich“.31 Auch der Nil wurde zeitweise als Grenze zwischen Afrika und Asien gesehen, öfters auch das Rote Meer, bzw seine Buchten, der Golf von Suez und Golf von Akaba. Der erstere Golf führt vom Roten Meer zum Suez-Kanal; eine Grenzziehung über zweiteren Golf führt zur bestehenden Rafah-UmmRaschRasch-Grenze hin. Die Zugehörigkeit Ägyptens zu Afrika ist auch nicht so selbstverständlich: In der Antike wurde Afrika überwiegend im Nordosten mit Libyen abgegrenzt, Ägypten als Teil Asiens gesehen. Die “Idee” von Ägypten als afrikanischem Land scheint erst im 19. Jh entstanden zu sein, mit der (europäischen) Erforschung Afrikas (die Ende dieses Jh zu einem Abschluss kam) und der Erkenntnis des “Einschlusses” Ägyptens in die afrikanische Landmasse. Und, der Sinai wird trotz der Zugehörigkeit zu Ägypten (die von israelischen Besatzungen unterbrochen wurde) nach wie vor gerne zu Asien gerechnet. Demnach verläuft die Kontinental-Grenze entlang des Suez-Kanals und Ägypten ist ein transkontinentales Land. Bekanntlich hat sich Ägypten ja dann zeitweise mit Syrien zusammen geschlossen und war (ist) überhaupt eher nach (West-) Asien ausgerichtet als nach Afrika.32

Mit Ausbruch des Ersten “Welt”kriegs 1914 wurde Ägypten erst offiziell britisches “Protektorat” (bis dahin war es ein Besatzungsregime), kam es zum Ende der osmanischen Herrschaft. Khedive Abbas wurde von den Briten abgesetzt, wegen Unterstützung des Osmanischen Reichs (und exiliert), stattdessen sein Onkel Hussain Kamil eingesetzt, und zwar als Sultan; das britische Protektorat Ägypten wurde ein Sultanat.33 Volkssouveränität kam weiter nicht… 1915/16 zunächst ein osmanischer Angriff (mit Hilfe des Deutschen Reichs,…) von Palästina, auf den Suez-Kanal, abgewehrt, dann starteten die Briten (mit Frankreich,…) 16-18 eine Gegenoffensive, drangen über Sinai und Gaza nach Palästina ein, von dort nach Syrien,.. Und zwischendurch (17) die Balfour-Erklärung, an Lionel Walter Rothschild.34 Ägypter wie Palästinenser waren an den Kämpfen in ihren Ländern relativ wenig beteiligt, beteiligten sich z.T. an der britischen Offensive, um die Unabhängigkeit von den Osmanen zu gewinnen, kämpften z.T. in der osmanischen Armee.

Die Unabhängigkeit kam schrittweise, der Kampf um diese und um Orientierung, hatte schon vor diesem europäischen Krieg begonnen. 1919 entstand die Wafd, als eine der ersten Parteien Ägyptens, eine nationalistische Partei35, die an frühere Gruppierungen und Bewegungen anknüpfte. Wafd-Führer Saad Zaghloul führte 1919 einen säkular-nationalistischen Aufstand an, für Unabhängigkeit, Freiheit und Demokratie – und das schloss auch Unzufriedenheit mit der Vorherrschaft der türkischen/türkisierten Elite mit ein. Zaghloul wurde nach Malta ausgewiesen, das sich die Briten ebenfalls unter den Nagel gerissen hatten. Dennoch wurde damit etwas erreicht. 1922 gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit, mit einigen Vorbehalten. Sultan Fuad wurde König, die Briten behielten militärische Stützpunte sowie die Kontrolle über die Kanalzone. Wie ggü Irland gewährte GB Ägypten die Unabhängigkeit in Schritten36, bei Irland begann das ebenfalls 1922; 1937 und 1949 fanden dort die weiteren grossen Schritte statt; Nordirland blieb “draussen”. In diesem Jahr 1922 fand der britische Archäologe Howard Carter (mit seinem Team) im Tal der Könige das Grab von Pharao Tutenchamun (Tutankhamun, Neues Reich, ~1300 vC), eine der sensationellsten archäologischen Entdeckungen, quasi das Gesicht einer Kultur.37

Die Wafd wurde bald an der Macht beteiligt, Zaghloul wurde 1924 der erste Premierminister mit einer parlamentarischen Basis.38 Die drei Jahrzehnte zwischen der nominellen Unabhängigkeit 1922 und dem Putsch 1952 war eine semi-unabhängige, semi-demokratische Phase. Die Macht war geteilt zwischen dem Königshaus, den britischen Repräsentanten, und der Wafd (die noch am ehesten Wünsche des Volkes vertrat). Von der Wafd spaltete sich die  Liberal-Konstitutionelle Partei (حزب الاحرار الدستوريين‎, Ḥizb al-aḥrār al-dustūriyyīn) ab. Ab 1923 bis zum Ende der Monarchie gab es immer Wahlsiege für die Wafd, ausser ’45, und die Partei stellte (ab 24) einige Premiers. Diese Parlaments-Wahlen waren ziemlich frei als, aber es gab relativ wenig Macht für Regierungen und Parlament, und Moslembrüder sowie Linke waren gebannt. Die Moslembruderschaft (Ichwan al Muslimiyun) wurde 1928 gegründet, sah den Islam als Antwort auf alle Probleme Ägyptens, als ein Zurück zu den Wurzeln.39 Sie sah eine Verbindung des eigenen Kampfes gegen die Briten mit jenem der Palästineneser (gegen Briten und Zionisten), der in den 1920ern begann. Führende Bevölkerungsschicht dieser Zeit war das Grossbürgertum, das oft ausländischer Herkunft und Nationalität war. 1936 wurde Faruk König und die Briten zogen sich in die Zone des Suez-Kanals “zurück”, der einer Internationalen Gesellschaft gehörte. High Commissioner40 Lampson wurde Botschafter, Ägypten und Grossbritannien schlossen einen “Bündnisvertrag”.

Die Frage der ägyptischen Identität wurde im frühen 20. Jh “brennend”, betraf die “Gestaltung” der eigenen Gesellschaft wie auch die äussere “Ausrichtung”. Ausländer hatten in Ägypten 1876 bis 1949 eigene Gerichte (konnten nicht an ägyptischen Gerichten angeklagt werden), die Ägypter hatten bis 1955 die Gerichte ihrer Religionsgemeinschaften (über das Ende des osmanischen Millet-System mit der offiziellen britischen Machtergreifung 1914 hinaus). (Westliche) Ausländer in Ägypten hatten damals weitere Privilegien, diese wurden erst 1937 abgeschafft. Mit diesen separaten Gerichten (bzw ihrer Anerkennung) für religiöse Gemeinschaften (Moslems, Christen, Juden) unterminierte der ägyptische Staat seine eigene Souveränität, und wurde auch eine liberale Auffassung von Staatsbürgerschaft, unabhängig von der Religion, unterminiert. Eine ägyptische Staatsbürgerschaft wurde 1929 eingeführt. Die in der späteren Monarchie dominierende Wafd vertrat einen territorialen Nationalismus, sah Kopten, Juden, Griechen,… als prinzipiell gleichberechtigte Ägypter. Nicht umsonst war ihr Symbol eine Kombination aus Halbmond und Kreuz. Diese Auffassung von Ägyptern als Bewohner Ägyptens wurde ab den 1920ern von mehreren Seiten in Frage gestellt: Von jenen Ausländern die ihre kolonialen Privilegien behalten wollten und möglichst wenig mit Ägypte(r)n zu tun haben wollten41; von jenen, die eine islamische Auffassung von Gemeinwesen hatten (hauptsächlich die Moslembrüder); von faschistoiden Gruppen, die (europäisch inspiriert) ein ausschliessendes Nationakonzept vertraten; den im britischen Palästina, von Europa aus, aber auch bald in Ägypten wirkenden Zionisten, die wie Antijudaisten einen Widerspruch darin sahen, als Jude in Ägypten zu leben.

In den späteren 1930ern führte Unzufriedenheit mit dem begrenzten Charakter der Unabhängigkeit, der Unterminierung der parlamentarischen Monarchie durch Königshaus und Briten, und die privilegierte Stellung von Europäern dazu, dass Unterstützung für ein liberales Nationskonzept schwand, Islamisten, Arabisten und Nationalisten Zulauf bekamen. Und, die Entwicklung in Ägypten begann, sich mit dem palästinensisch-zionistischen Konflikt zu verbinden. Was sich auf die Juden Ägyptens auswirkte, auch auf jene, die ggü Palästina bzw dem zionistischen Projekt dort indifferent waren. Um 1900 gab es um die 100 000 Juden in Ägypten 42, und das blieb bis zu den Auswanderungswellen ab 1948 so. Sie hatten verschiedene Staatsbürgerschaften43, Kulturen, Sprachen, Klassen, politische Ausrichtungen,… In Familien gab es oft mehrere verschiedene Konzeptionen von Judentum, innerhalb der jüdischen Bevölkerung gab es viele kulturell-politische Konflikte, wie heute in Israel und in grösseren “Diaspora”-Gemeinschaften.

Jene mit den tiefsten Wurzeln in Ägypten waren die Mizrahi-Juden, die hauptsächlich Karäer waren44, meist sehr arm. Ihr Lebensstil unterschied sich nicht von dem anderer Ägypter dieser sozialen Klasse(n). Sie sahen sich als geschützte religiöse Minderheit, wollten meist gar keine liberale Umgestaltung des Staates, oder ein anderes Nationskonzept, sahen sich ohenhin als Ägpter. Erst nach dem 2. WK gab es hier Änderungen. Die Führung unter den Juden Ägyptens war an Einwanderer des 19. und 20. Jh, Aschkenasen und Sepharden, über-gegangen. Diese hatten weniger Bindung zu Ägypten als die Mizrahis, waren reicher, hatten in der Regel andere Präferenzen, waren näher beim Königshaus bzw der Oligarchie. Die Sepharden (wie die Cattaoui- oder Cicurel-Familien) waren etwas besser integriert als die Aschkenasen. Diese waren meist Teil jener westlichen Ausländer, die Ägypten damals “dominierten”, ausserdem am empfänglichsten für den Zionismus. Rachel Maccabi, die in Alexandria aufwuchs, in den 1930ern nach Palästina auswanderte und nach dem Sieg Israels über Ägypten 1967 ein Buch über das Land ihrer Kindheit herausbrachte, frohlockte dort, dass auch König Fuad I. (1922-1936) kein echter Ägypter war, das Königshaus zu diesem “Ägypten der Ausländer” passte.45

Das Schicksal der Juden Ägyptens46 verband sich mit dem “Palästina-Konflikt”, wie jenes der “Volksdeutschen” mit dem Nationalsozialismus. Ab den 1930ern entstand eine immer stärkere Dynamik, aus der aschkenasischen Hegemonie über die Juden Ägyptens47, Unmut über die Entwicklungen im benachbarten Palästina, dem Wirken zionistischer Stellen in Ägypten selbst, unter dessen Juden48, der westlichen Einflussnahme in Ägypten, und dann auch bald der Verwicklung Ägyptens in diesen Palästina-Konflikt. Der Aufstieg des Faschismus in Europa (mit seinem Antijudaismus) spielte auch eine Rolle, aber nicht jene, die ihm gerne zugeschrieben wird um von manchen Entwicklungen abzulenken. Zumindest bis zum Krieg 48 war es möglich, als Jude die ägyptische “Nationalbewegung” zu unterstützen (zB in der Wafd) und gleichzeitig in der jüdischen Gemeinschaft aktiv zu sein. Manche sahen auch keinen Widerspruch darin, sich als Ägypter zu fühlen und den Zionismus zu unterstützen. Auch die Kombinationen aus (linkem) Zionismus und Kommunismus oder Kommunismus und “Ägyptizismus” gab es.

Und bezüglich der Konzeption Ägyptens als Nation (jetzt nicht den Ein- oder Ausschluss bestimmter Bevölkerungsteile betreffend) gab es auch unterschiedlichste Vorstellungen. Das heute vorherrschende Konzept von Ägypten als arabischer (und islamischer) Nation wurde erst in den 1940ern/50ern hegemonial! Als der Wafd-Führer Saad Zaghlul zur Nachkriegskonferenz nach Versailles reiste, teilte er Politikern anderer “arabischer” Gebiete (die ihre Unabhängigkeit erst bekamen) mit, dass ihre Unabhängigkeitsbestrebungen nicht miteinander verbunden seien. Es dominierte das Konzept eines ethno-territorialen, ägyptischen Nationalismus. Dieses führte im Ägypten der Zwischenkriegszeit zum Pharaonismus. Darin wurde Ägyptens vor-islamische Vergangenheit, seine nationalen Besonderheiten, sein mediterraner Charakter, hoch gehalten. Wichtigster Verfechter des Pharaonismus war der Autor Taha Hussein (1889 – 1973). Der syrische Pan-Arabist Sati’ al-Husri bemerkte bei einem Besuch in Ägypten 1931, dass der Gedanke einer arabischen Nation dort sehr wenig Anklang fand. Dennoch war Ägypten unter Faruk 1945 Gründungsmitglied der Arabischen Liga.

König Faruk I. wollte Ägypten nicht am 2. WK beteiligen, Ägypten wurde aber Kriegsschauplatz. Italienische und deutsche Truppen drangen von (der italienischen Kolonie) Libyen her ein, bei El Alamein fanden 1942 zwei Schlachten zwischen Achsenmächten und Alliierten (GB und ihre Hilfstruppen) statt, erstere wurden zurückgeschlagen, was mit-entscheidend für diesen Krieg war. Ägypten war beim Krieg zwischen europäischen Mächten Schauplatz, die Ägypter in ihrem Land Zuschauer. Wie um 1800 (bei den französisch-britischen Schlachten), im 1. WK, beim Kampf Perser gegen Byzantiner, Ayubiden gegen Kreuzritter. Das Land verwandelte sich in eine grosse britische Militärbasis (diese Truppen zogen sich nach dem Krieg wieder in die Kanalzone zurück), auch Deutsche und Italiener drangen ein, um ihre Ziele zu verfolgen, wie später Israelis. Die Zerstörungen und die gelegten Minen haben Ägypten noch Jahrzehnte danach zu schaffen gemacht.49 Für die Juden Ägyptens rückten NS und Holocaust bedrohlich nahe heran, und auch an das britische Palästina, das nun eine zT jüdische Bevölkerung und Charakter hatte. Im bzw nach dem Krieg wurden die Beziehungen zwischen den karaitischen Mizrahis und rabbanitischen Sepharden und Aschkenasen50 enger, der Zionismus bekam erstmals grössere Unterstützung unter ägyptischen Juden, was noch gegen die Linie der grossen jüdischen Organisationen war.

König Faruk I. schickte 1948 Truppen nach Palästina um die zionistischen Vertreibungen und Massaker im Rahmen der Ausrufung “Israels” (bzw des Abzugs der Briten) zu bremsen, darunter war Gamal A. Nasser. Was nur in der an den Sinai angrenzenden Gegend um die Stadt Gaza (im Westzipfel Palästinas) gelang. Dieser “Gaza-Streifen” (voll mit Flüchtlingen von anderswo) kam nach dem Krieg unter ägyptische Verwaltung. Vertriebene/Flüchtlinge aus den israelisch gewordenen Gebieten kamen damals auch auf den Sinai. In Ägypten wurde 1948 staatlich gegen zionistische Gruppen und Aktivitäten vorgegangen, auch mit Internierungen (zusammen mit Moslembrüdern und Kommunisten), ausserdem gab es Übergriffe; es kam zu einer ersten grossen Auswanderungswelle, nach Israel und in den Westen (v.a. von jenen Juden mit anderen Staatsbürgerschaften als der ägyptischen). Im Sinai und in der angrenzenden Nagab/Negev-Wüste dominierten beduinische Araber die Bevölkerung, und es hatte über Jahrhunderte hinweg dort nicht wirklich eine Grenze gegeben, die den Personen- und Warenverkehr dieser Beduinen behinderte – bis zur Proklamation Israels. Wichtigster Stamm im südlichen Palästina wie am Sinai waren und sind die Tarabin/Tirabin.51

In den Jahren ab 48/49 gab es Gewalt der Moslembrüderschaft gegen den Staat (Ermordung von Premier Nukraschi 1948), westliche Ausländer, Angehörige von Minderheiten, ein staatliches Vorgehen dagegen (u.a. Ermordung von Moslemrüder-Chef Banna ’49). 1950 die letzte Wahl unter der Monarchie, mit einem Sieg der Wafd (vor der Saadistischen Partei), die letzte (einigermaßen) freie bis 2011. Die militärische Niederlage 1948/49 war eine Vorbedingung für den Militärputsch 1952. Und es war eher ein Putsch als eine Revolution. ’53 wurde  die Monarchie abgeschafft, Nagib wurde Präsident, 54 schob Nasser Nagib zur Seite (56 kam eine neue Verfassung). Im Kubbeh-Palast in Kairo residieren seither statt Königen Präsidenten. Unter Nasser wurde eine autoritäre Republik mit Zügen einer Militärdiktatur und Notstandsgesetzen errichtet, ein Polizeistaat. Es kam das Ende der Oligarchie, des Feudalismus, der Paschas und der Macht der Ausländer. Die Ägyptisierung in vielen Bereichen52, eine Bodenreform. Der linksnationalistische Nasser war aber anti-religiös, propagierte einen Säkularismus, nicht unähnlich der kemalistischen Türkei, aber nicht westistisch. Liess die Moslembrüder zerschlagen. Es kam keine Demokratisierung, im Gegenteil. Es kam eine Staatspartei, Pseudo-Wahlen.

Faruk al Alawiyya, Frau Narriman, Sohn Fuad 1953 im Exil in Italien

Diese Umwälzungen waren Teil des Ringens um Unabhängigkeit, Eigenständigkeit, Identität. Die für Afrika typische postkoloniale Phase wurde in Ägypten von Nasser beendet. Vor der Machtergreifung der Freien Offiziere 1952 wurde Ägypten fast 3000 Jahre von Nicht-Ägyptern regiert…53 So etwas gab es nicht nur im “Orient”. In Griechenland vergingen vom Tod von Konstantinos XI. Palaiologos in der Schlacht um Konstantinopel 1453 bis zur Proklamation eines griechischen Staates 1822, mit Alexandros Mavrocordatos als Oberhaupt, 369 Jahre.54 In Persien gab es eine Phase der Fremdbestimmung von Sassaniden bis Safawiden (fast 1000 Jahre), wobei Manche erst die Pahlevi als echt persische/iranische Dynastie zählen.55 Mit Nasser kam aber die Konzeption von Ägypten als arabischer Nation, was wiederum etwas “Fremdes” ist…56

Nasser (wie auch Nagib) sah keinen Widerspruch zwischen ägyptischem Stolz und einer überspannenden arabischen (kulturellen, politischen) Identität. Noch unter Nagib wurde eine neue Staatsflagge mit den pan-arabischen Farben gewählt.57 Ägypten bekam eine Führungsrolle in der “arabischen Welt”, als Gegenpol zu dem Block der konservativen (prowestlichen) Monarchien wie Saudi-Arabien und Marokko. Auch in der Blockfreien-Bewegung wurde es führend. Nasser wandte sich auch zur SU, die seine Armee aufrüstete; obwohl linke, kommunistische Parteien in Ägypten verboten waren. Ägypten wurde unter Nasser Hauptfeind Israels, Nassers frühes Engagement diesbezüglich ging über Gaza (und die Palästinenser), das ägyptisch verwaltet wurde, vor und nach dem israelischen Angriff auf Ägypten und Besetzung von Sinai und Gaza-Streifen 56/57. Israel unter Premier Ben Gurion stiftete 1954 ägyptische Juden dazu an, Anschläge auf amerikanische und britische Ziele in Ägypten durchzuführen, die auf Ägypter zurückfallen sollten, und die Briten von ihrem geplanten Abzug aus der Suez-Kanal-Zone abhalten sollten; für die misslungen Aktion gibt es verschiedene Bezeichnungen, meist wird sie nach dem Verteidigungsminister Lavon (Lubianiker) benannt. Dennoch zogen die Briten ab, 54-56.

Die Universal Maritime Suez Canal Company/ Compagnie universelle du canal maritime de Suez hatte den Kanal bauen lassen und betrieb ihn von seiner Fertigstellung 1869 bis 1956. Letzter Präsident war (ab 1948) François Charles-Roux, ein starker Befürworter der Behaltung französischer Kolonien. Ägyptens Präsident Nasser verstaatlichte 1956 den Kanal bzw die Gesellschaft. Eigentlich war das der letzte Schritt zur Erringung der Unabhängigkeit, die Beseitigung des letzten Restes kolonialer Präsenz in Ägypten.58 Und sofort wurde das Land angegriffen, von Grossbritannien, Frankreich und Israel. “Schutz der freien Schifffahrt” war eine der Begründungen die da kamen. Die israelische Armee kam über Gaza auf den Sinai, besetzte diese Gebiete. Die Invasoren mussten auf Druck der Grossmächte USA und SU abziehen. Israel kam dem erst 1957 nach. Die UN wollte Blauhelme an der ägyptisch-israelischen Grenze (bzw Waffenstillstandslinie von 1949) stationieren. Israel weigerte sich, die UN-Truppen (UNEF) auf “seiner” Seite stationieren zu lassen. Die damit auf den Sinai kamen. Ägypten also 1957 endlich ganz unabhängig? Nun, die israelische Besetzung kam ja 1967 wieder, bis 1982, in Taba dauerte sie bis 1989. Im Zuge des Krieges, in dem Ägypten seine Unabhängigkeit behaupten musste, kam im Land eine antiwestliche, ausländer- und minderheitenfeindliche Welle auf (bzw wurde eine solche verstärkt), und das Konzept von Ägypten als arabischer Nation bekam viel Zulauf. Besonders in Alexandria/ Iskandariya war das spürbar, wo Ägypter seit Jahrhunderten unterprivilegiert waren. Vor allem Griechen und Italiener verliessen nun von dort in grosser Zahl das Land, es folgten Verstaatlichungen (von Betrieben, Grundstücken,…). Alle britischen und französischen Staatsbürger wurden des Landes verwiesen.

Angriff auf Port Said 56

Nach dem Auffliegen der israelischen Falsche-Flagge-Terror-Pläne 1954 (mit dem Ziel der Verschlechterung der Beziehungen Ägyptens zum Westen, der Verlängerung kolonialer Präsenz dort) hatte sich Innenminister Zakaria Mohieddin noch bemüht, zwischen der Masse der Juden Ägyptens und den Zionisten unter ihnen (die sich dafür rekrutieren hatten lassen) zu differenzieren. Nach dem israelischen Angriff (mit Massakern im Gaza-Streifen übrigens) und der Besatzung 1956/57 (zusammen mit den Westmächten) war diese Differenzierung schon sehr schwer. Die Konfrontation mit dem Zionismus war zu einem bestimmenden Thema Ägyptens geworden (im Inneren und nach aussen). Auch unter den Briten und Franzosen (die aus Ägypten vertrieben wurden) waren Juden. Aber auch Juden mit anderen Staatsbürgerschaften, darunter der ägyptischen, verliessen in grosser Zahl das Land. 1956 (und in den darauf folgenden 1,2 Jahren) fand die grösste Auswanderungswelle von Juden aus Ägypten statt. Dazu trug die Verstaatlichungspolitik der Regierung bei, die viele Juden betraf, vor allem aber machte sich unter Juden eine allgemeine Unsicherheit breit, durch die Reaktionen der Ägypter auf Israels Politik gegenüber Ägypten.59 Die meisten Juden gingen 1956ff nicht nach Israel, sondern in westliche Länder.

Da war zum Beispiel die sephardische Cicurel-Familie. Moreno Cicurel war im 19. Jh aus Smyrna (Izmir) nach Ägypten immigriert, von einem Teil des Osmanischen Reichs in einen anderen. Das wichtigste Familiengeschäft wurde die Geschäftskette Les Grands Magasins Cicurel. Die Cicurels wurden britische Staatsbürger. Die Enkelin von Moreno Cicurel60, Liliane, heiratete 1933 den jüdischen französischen Politiker Pierre Mendes-France (Parti radical), Premierminister 1954/55. Dessen Regierung war es, die die nukleare Zusammenarbeit Frankreichs mit Israel begründete. Im Sevres-Protokoll, in dem Israel und Frankreich 1956 den Feldzug gegen Ägypten fixierten, hat Frankreich Israel für seine Unterstützung gegen Ägypten nukleare Hilfe zugesagt. Hilfe beim Bau der Nuklearanlage in Dimona, wo dann Israels Atombomben produziert wurden. Diese wären 1973 beinahe gegen Ägypten eingesetzt worden. Zu Beginn des 3-Mächte-Angriffs auf Ägypten 1956 wurde die Cicurel-Firma unter Zwangsverwaltung gestellt. Familienoberhaupt Salvator Cicurel brachte einen grossen Teil des Vermögens ausser Land, verkaufte die Geschäfte in Ägypten an die moslemische Gabri-Familie und verliess das Land (1956 oder 57), ging nach Westeuropa (wahrscheinlich Frankreich); der Grossteil der Familie folgte.61

Auch die Famile von Chaim Saban (aus Alexandria) verliess nach dem Krieg gegen Ägypten 1956 das Land, auch Giselle Orebi,…und Rafaat El-Gammal. Ganz unten in der Hierarchie der ägyptischen Juden und am verwurzeltsten im Land waren die Karäer, die zB in Kairos Harat al-Yahud (Judenviertel) lebten.62 Auch nach 56 blieb noch eine relativ stattliche jüdische Gemeinde in Ägypten, und die bestand nun hauptsächlich aus diesen Karäern. Aber die Dynamik der Verbindung von europäischer (post-)kolonialer und zionistischer Einflussnahme sollte sich auch auf sie auswirken. Die Zionisten (bzw auf Zionismus Ansprechenden) unter den Juden Ägyptens waren vorwiegend jene mit kurzen Wurzeln in Ägypten und wenig Bezug zum Land, verloren haben aber alle ägyptischen Juden. Joseph Massad weist darauf hin, dass viele exilierte ägyptische Juden prominent wurden für ihre hasserfüllten Ansichten über (bzw Beschreibungen von) Ägypten63, es aber auch andere gäbe, die weniger Aufmerksamkeit bekämen.

Das zionistische Narrativ ist eben, dass jüdische Identität im Gegensatz zum “Orient” steht und nur durch Verlassen von (Länder wie) Ägypten erhalten werden konnte. Wenn Hillel Neuer (“UNwatch”) fragt, „Algeria where are your jews?“, weiss er wahrscheinlich nur zu gut, dass er die Frage eigentlich jenen stellen müsste, die diese Juden nicht Algerier sein lassen wollten, wie Cremieux/Moise. In Ägypten oder Irak war es entsprechend. Wie andere Mizrahis haben auch Juden ägyptischer Herkunft in Israel dann meist besonders zionistisch-nationalistische Positionen eingenommen; schon allein um nicht mit den Palästinensern in einen Topf geworfen zu werden. Zu jenen ägyptischen Juden, die nach Israel ausgewandert sind, und das Land ihrer Herkunft nicht in den Dreck zogen, gehören Yitzhak Gormezano-Goren und Jacqueline Kahanoff.64 Henri Curiel war noch unter Faruk ausgewiesen worden, als Kommunist, ging nach Frankreich und unterstützte dort linke und antikoloniale Bewegungen, wurde 1978 ermordet.

Nasser entliess den Sudan 56 in die Unabhängigkeit, der (bis dahin) gemeinsam mit den Briten verwaltet wurde; eine Nation aus arabisierten Nubiern und grossteils christlichen Schwarzafrikanern. Ägypten vereinigte sich 1958 mit Syrien, was 1961 von syrischer Seite aufgekündigt wurde (u.a. aus Unzufriedenheit mit ägyptischer Dominanz). Ägypten behielt den Namen “Vereinigte Arabische Republik” bis 1971 bei, seither heisst es “Arabische Republik Ägypten”. “Abschliessung” gegenüber dem Westen sowie Arabismus waren unter Nasser angesagt. “Israel” wurde selbst für Ägypter, die sich nicht um die Palästinenser kümmerten und unpolitisch waren, ein bestimmendes, ja existenzielles Thema, spätestens in den 60ern. Der Konflikt war fast immer präsent, auch zwischen den Kriegen 48, 56, 67, 73, durch Gewalt in den jeweiligen Grenzgebieten. Oder durch Geheimdienst-Aktionen wie gegen westdeutsche Raketenleute (Techniker/Wissenschafter), die unter Nasser in Ägypten arbeiteten, durch eine Terror-Kampagne des Mossad dazu veranlasst wurden, (vor 67) abzuziehen. In den folgenden Kriegen hatte das ägyptische Militär so zwar Kurzstrecken-Raketen, aber ohne Navigationssysteme.65 Ägypten nahm eine zentrale Rolle in der israelisch-“arabischen” Konfrontation ein.

Tom Segev sagt, dass für Israel 1967 aus rein militärischen Gesichtspunkten keine existenzielle Bedrohung bestanden hätte66. Es gab wohl wie 48 eine Hysterie mit der die Aggression gerechtfertigt wurde. Und Eroberungspläne die 48 nicht verwirklicht worden waren. Gegenüber Ägypten war zum Einen natürlich die Luftangriffe auf die Luftwaffen am Boden entscheidend. Aber auch die Tatsache, dass 67 ungefähr die Hälfte des ägyptischen Offizier-Korps im Bürgerkrieg in Nord-Jemen (62-70) engagiert war, der ein Stellvertreterkrieg der Lager in der arabischen Welt war, zumindest zu Beginn des Krieges bzw zur Zeit des israelischen Angriffs. Ägyptischer Befehlshaber im Grenzgebiet, am nordöstlichen Sinai, war Mohammed A. H. Amer, der schon beim Putsch 52 dabei war, 58-62 Vizepräsident, danach weiter Verteidigungsminister und Generalstabschef. Nach der Niederlage bei Abu Ageila (Ost-Sinai, südöstlich von Arish) ordnete Amer den Rückzug aller Einheiten an, was den israelischen Durchbruch und Sieg bedeutete.67 Im Rahmen des israelischen Sieges kam es zu neuen Besetzungen, Vertreibungen, Massakern.68 Der grösste Teil der in Ägypten verbliebenen Juden verliess das Land nach dem Krieg.69

Nasser ’68 am Suez-Kanal

Der Sinai war also 67-82 wieder israelisch besetzt, wie schon 56/57 (48/49 gab es “nur” ein Eindringen und Angriffe).70 Es gab eine Militärverwaltung über die dortige Bevölkerung, Israel “saß” auf den ägyptischen Erdöl-Feldern. Ägypten startete 67-70 diverse Angriffe auf die israelischen Besatzungstruppen am Sinai bzw versuchte eine Rückeroberung („Abnutzungskrieg“, am Suezkanal); Israeli beschoss Port Said, Ismailiyya, Suez auf der Westseite des Kanals, was zu vielen zivilen Opfern, der Zerstörung der Stadt Suez und der Flucht von 700 000 Menschen führte. Israel besetzte 1967 (zum wiederholten Mal) den Sinai, den man als Nordostzipfel Afrikas (oder als Verländerung Asiens) sehen kann, zur selben Zeit kam am anderen Ende Afrikas, in der Republik Südafrika, die Apartheid-Politik zu einem Höhepunkt. Es ist kein Zufall, dass diese beiden Regime wunderbar miteinander harmonierten, auch wenn das heute (von jenem das einen Teil Ägyptens besetzte, sowie seinen Anhängern) in Abrede gestellt wird. 1968 kamen die Markus-Gebeine teilweise aus Venedig zurück, anlässlich der 1900-Jahr-Feier der Gründung der koptischen Kirche, zu der die Markus-Kathedrale in Kairo gebaut wurde, Sitz des koptischen Patriarchen (“von Alexandria”), wo sie seither aufbewahrt werden.

Nach Nassers Tod 1970 wurde Anwar as-Sadat Staatspräsident, der zT Nubier war, einer der Freien Offiziere, nach dem Umsturz 52 hohe Staatsfunktionen inne hatte, darunter Vizepräsident. Verheiratet mit einer halben Engländerin, begann Sadat eine Öffnung gegenüber dem Westen sowie verschiedene Liberalisierungen. Der Arabismus hatte für viele Ägypter durch den Krieg mit Israel an Legitimität verloren, Tausende von ihnen hatten ihr Leben verloren, und Solidarität mit den Palästinensern war noch nicht einmal in Ägyptens ureigenstem Interesse. So ähnlich sah es auch Sadat. Er wurde aber in Israel wie zuvor Nasser zum „Hitler vom Nil“ gemacht, obwohl er bereits 71 von Frieden sprach, was misstrauisch und siegestrunken abgelehnt wurde. Der Krieg 73 zur Rückeroberung der besetzten Gebiete misslang wieder, aber die “Barlev-Linie” am Sinai wurde überrannt (wie der Atlantik-Wall 1944), Resultat war ein Unentschieden.71 74/75 kam es nach einem Abkommen zum Teilrückzug der Zionisten (hinter den Mitla-Pass, weg von Kanal), kam der Westteil des Sinai zurück an Ägypten, der Kanal wurde wieder geöffnet.

In den frühen 1970ern errichtete Israel am besetzten Sinai zwei Siedlungsblöcke, im Nordosten (am Mittelmeer, östlich von Arisch, angrenzend an den Gaza-Streifen, der ja auch “besiedelt” war) und im Südosten (am Roten Meer, östlich von Ras Muhammad, bei Sharm el Sheikh). Wichtigste Siedlung im Norden war “Yamit”. 1972/73 wurde die Rafah-Ebene dafür auf Anweisung der “Warlords” (bzw Kriegshelden) Mosche Dayan und Ariel Scharon von Beduinen “gesäubert” (also vor dem Krieg 73), die sich dort vor Langem niedergelassen hatten, Landwirtschaft betrieben. An die 20 000 Leute und 47 Quadratkilometer waren betroffen… 1 bis 2 Tage hatten diese Ägypter Zeit, ihre Häuser bzw Zelte zu verlassen, ehe die Bulldozer kamen. Auch im Süden gab es diese Vertreibungen, und anderswo aus “militärischen” Gründen, immer verbunden mit Gewalt und Toten, wenn Gegenwehr kam.72 Für “Yamit” gab es ambitionierte Pläne, daraus eine Stadt mit 200 000 Einwohnern zu machen, es lebten aber nie mehr als 3 000 dort. Nun, zumindest gab es hier keine Annexion, wie bei anderen 67 besetzten Gebieten.

Bekanntlich kam es zum Friedensabkommen, nachdem 77 Begin vom Likud Premier Israels geworden war. Der Sadat-Besuch, der Beginn der Verhandlungen73, die Vermittlung u.a. von USA-Präsident James Carter, die Einigung von Camp David 78, die Unterzeichnung des Abkommens 79 in Washington. Saad el Shazly, ein hoher Militär, war Gegner des Friedens mit Israel, ging ins Exil, soll mit Libyens Machthaber Ghadaffi gegen Sadat gepackelt haben. Auch in Israel gab es diese Friedensgegner… Roberto Dassa, einer der ägyptischen Juden, die ’54 die Anschläge durchführen wollten, verbrachte anschliessend 14 Jahre im Gefängnis, ehe er durch einen Gefangenenaustausch nach Israel kam. 1979 kehrte er zurück, war er als Journalist74 Begleiter von Begin bei dessen Besuch in Alexandria. Begin hat dort eine Synagoge besucht, die ziemlich leer war – das war das Produkt der Bemühungen israelischer Politiker wie ihm und ägyptischer Juden wie Dassa. Der Sinai kam 79-82 zurück (unter Auflagen), in Raten, erst der Mittelstreifen (79/80, hinter eine Linie von Arish bis Ras Muhammad). Mit dem Friedensvertrag mit Israel war Ägypten endgültig in den “Schoß” des Westens zurück gekehrt.75

Ende der 70er begann vielerorts in der islamischen “Welt” Islamismus zu “blühen”. In Ägypten war Sadats Abkommen mit Israel diesbezüglich ein guter “Dünger”. Nun gab es Gruppen, die radikaler als die (im Untergrund aktiven) Moslembrüder waren, salafistisch geprägte. Auch dieser Islamismus war /ist Ausdruck der Identitätssuche der Ägypter, des Unabhängigkeitsbestrebens. Er beinhaltet eine Ablehnung von ägyptischem Nationalismus (Religion wichtiger als Ethnie und Vor-Islamisches verwerflich), auch von Sozialismus und Bevormundung durch den Westen, meist ist etwas Pan-Arabisches dabei. Manche (Moslems) sehen aber Islamismus als Missbrauch bzw Missdeutung des Islam. Im Kalten Krieg wurden viele islamistische Gruppen durch westliche Mächte unterstützt, sah man Islamismus als gesunde Alternative zu Kommunismus oder linkem Anti-Imperialismus. In Ägypten stehen Islamisten seit jeher in Opposition zum Staat, sind oft auch auch anti-koptisch, wobei die Haltung zu religiösen Minderheiten und Demokratie bei Moslembrüdern toleranter ist als bei Salafisten. Anwar Sadat wurde bei einer Militärparade 81 von Offizieren, die dem (ägyptischen) Djihad Islami angehörten, ermordet. Leute aus dem Umfeld von “Haupttäter” Islambuli kämpften später in Afghanistan bei den dortigen (internationalen) Mujahedin, und waren dann bei al Kaida, u. a. Aiman al Zawahiri (der bei den Moslembrüdern angefangen hatte). Die Jama’at Islamiyya ging aus dem Djihad Islami gervor. Begin kam zu Sadats Begräbnis, das Volk wurde (v.a. deshalb) ausgeschlossen. Vizepräsident Hosny Mubarak, ein Militär, unter den Verletzten auf der Ehrentribüne, rückte zum Präsidenten auf.

Infolge der Sadat-Friedensinitaitive kam also 1982 der östliche Rest des Sinai an Ägypten zurück, wo die Siedlungen (sowie viele militärischen Anlagen) bestanden hatten. “Yamit”, dem israelisch gehaltenen Territorium am nächsten, wurde zerstört, um zu verhindern, dass die Siedler versuchten zurück zu kehren. Taba am Roten Meer wurde aber erst ’89 zurückgegeben, war 82 eines der Gebiete die Israel behalten wollte. Israel bekam auch vertragsgemäß Durchfahrt durch den Suez-Kanal und die Tiran-Strasse. Im östlichen Sinai ist die Aktionsfreiheit des ägyptischen Militärs stark beschränkt worden, dort hin kam eine internationale Friedenstruppe, die Multi-National Force and Observers (MFO). Viele der am Sinai angesiedelten Israelis wählten 1982 als neue Heimat israelische Siedlungen im Gazastreifen… Und Verteidigungsminister Scharon verkündete einen Ausbau der Siedlungen dort und im Westjordanland, die Rückgabe des Sinai sei die letzte “territoriale Konzession” gewesen. Kaum war der Rückzug komplettiert, kam es zudem zum israelischen Angriff auf Libanon… Für fast 30 Jahre war Ägypten für Israel der “wichtigste” Nachbar gewesen, so wichtig, dass man ihn 3 Mal angriff (48, 56, 67) und einen substantiellen Teil seines Territoriums 16 Jahre besetzte. Nun konnten die meisten Truppen von dort zur Besatzung des palästinensischen Restgebiete und des syrischen Jawlan/Golan umgruppiert werden.

Ein Blick auf das Schicksal der Bevölkerung des Sinai unter israelischer Besatzung, und den “Diskurs” darüber. Ein de.wiki-Artikel stellte überhaupt die Behauptung auf: “Sie hatten gute Beziehungen zu den beduinischen Bewohnern des Sinai”. Was schon eher der Wahrheit entspricht, ist dass die Beduinen im Norden Vertreibungen durch das israelische Militär durchmachen mussten, jene im Süden der israelischen Herrschaft teilweise etwas Positives abgewinnen konnten. Die gespannten Beziehungen der Beduinen zu Ägypten (bzw umgekehrt) wurden hier natürlich ausgenutzt. Man findet im IT viele Berichte, was Israelis alles Gute für den Sinai und seine Bevölkerung getan hätten, im Gegensatz zu Ägypten76, zB hier: www.culturalsurvival.org/publications/cultural-survival-quarterly/settling-down-bedouin-sinai. Am en.wiki-Artikel über die Tarabin-Beduinen steht (im Abschnitt “Attitude of Egyptian authorities”): „Israel’s attitude towards its Bedouin citizens has always been positive, although the relations between the Negev Bedouin and the state had their ups and downs.” Als Quelle angegeben ist ein Text des israelischen Aussenministeriums. Na dann.77 Auf der Webseite von “Stratfor” ist zu lesen: “In contrast with Egypt, Israel accommodated the Bedouins and let them live their lives, provided they didn’t interfere with its rule.”78

Man kann lesen, was Israel alles Gutes getan hat für die (südlichen) Beduinen, Infrastruktur (aus-) gebaut, durch die Errichtung von Tourismus-Anlagen (und auch militärischen Anlagen) Jobs geboten, die “Moderne” in die Region gebracht. Wobei dies einmal deshalb bemerkenswert war, weil die Beduinen ja eine “primitive, seminomadic culture” gehabt haben, ein andermal aber weil Ägypten sie so vernachlässigt hat… Und man lese und staune: “A few young, dark men, who had grown up knowing only women heavily cloaked and veiled in black, were stunned by the sudden appearance of blond Scandinavians in bikinis.” Ja, diese dunklen Männer immer, und ihre Lüsternheit, hoffentlich hat man ihnen da Grenzen aufgezeigt. Die im Inneren des Sinai kultivierten Mohn-Produkte haben Beduinen an Israelis und Touristen verkauft, kann man auch lesen. Was bei dem Ganzen unter den Tisch fallen soll, ist, wie Israel (zB) zu dieser Zeit die Palästinenser (ebenfalls seit 1967 ganz unter seiner Kontrolle) behandelte… Es ist dasselbe wie bei den Drusen am Golan/Jawlan oder den Samaritern/Shamerin in der “Westbank”. Man versucht(e) eine Teilgruppe gegen einen Gegner auszuspielen.

Inzwischen hat man sich bezüglich Ägypten hauptsächlich auf die Kopten konzentriert. Von denen viele angefressen damit sind, dass “alles” moslemisch und arabisch sein muss, zumal wenn man sich auf ältere und eigene kulturelle Traditionen stützen kann. Aber die einzigen echten Araber Ägyptens versucht man auch zu bedienen… Ziegenhaar-Zelte, Kamele, Hütten, Wüste, das Lebensumfeld der (traditionell lebenden) Beduinen ist wie die Karikatur eines Islamophoben (der den ganzen “Orient” so sieht). Und das sind die Verbündeten Israels (?)79. Aber man bedient ja auch gleichzeitig iranische Monarchisten und belutschische Separatisten, kemalistische und kurdische Türken,… Ausgerechnet Israel (bzw seine Sprachrohre), wo Aschkenasen einen Führungsanspruch haben und durchsetzen, prangert die “Behandlung” von Beduinen durch Ägypten an. Der südostliche Sinai ist nach der Rückgabe des Gebietes an Ägypten ein beliebtes Tourismusziel für Israelis geblieben/geworden. Israelis sind die viert-grösste nationale Gruppe im Tourismus nach Ägypten.80 Es heisst, manche frequentierten dort von Beduinen betriebene Lager als Unterkunft statt Hotels die Ägyptern aus dem Niltal gehörten.

Als in den 00er-Jahren auch diese Gegend (bzw ihre Tourismusangebote) Ziel von Anschlägen islamistischer Terroristen (aus der Bevölkerungsgruppe der Beduinen) wurde, sollen Israelis (von diesen) bewusst verschont worden sein.81 Seit den 1990ern kommt es im Land vermehrt zu islamistischen Anschlägen, wie 1997 in Luxor/ Uqsur auf Touristen und Ägypter. Von salafistischen Gruppen wie Jama’at Islamiyya. Seit den 00ern ist auch der Sinai ein Brennpunkt, sind dort “Organe” des ägyptischen Staats und der Tourismus Angriffsziele. Und immer wieder die christlichen Kopten. Dann gibt es auch Ägypter, die diesbezüglich international aktiv sind. Bei Gegenaktionen am östlichen Sinai ist Ägypten auf israelische Zustimmung angewiesen. Einige Tage bevor Mubaraks Sturz genehmigte Israel die Entsendung von 2 Bataillons des Militärs in den NO-Sinai, die dort “Jihadisten” bekämpfen sollten – erst das zweite Mal das um so etwas angesucht wurde. Als 2 Wochen später eine Erdgas-Leitung sabotierte wurde (die nach Israel führt), genehmigte Israel weitere 3600 Männer (oder 6 Bataillone).

In dem an den Sinai angrenzenden Gaza-Ghetto entstand ja aus Moslembrüder-Zellen die Hamas. 05 dort der Abzug der israelischen Siedler und Soldaten von dort (bei Beibehaltung vieler Restriktionen für die Bevölkerung), seit 06 diverse militärische Strafaktionen für die Palästinenser dort. Die “Waffenstillstandsverhandlungen” zwischen der Hamas und den Zionisten fanden dabei dann über Ägypten statt. Palästinenser können nirgendwo in ihren Rest-/Autonomie-Gebieten ihre Grenzen kontrollieren, am ehesten noch jene von Gaza nach Ägypten bei Rafah. Unter Mubarak hat Ägypten den Gaza-Streifen meist blockiert, unter Sisi auch wieder, während der kurzen Präsidentschaft Mursis von Juni 12 bis Juli 13 war das anders. Mittlerweile gibt es auch eine salafistische “Szene” in Gaza (wahrscheinlich verantwortlich für den Mord an Vittorio Arrigoni), vernetzt mit jener am Sinai (dazu noch mehr). Tunnell zwischen dem Sinai und Gaza dienen dem Schmuggel verschiedenster Güter aber auch der Zusammenarbeit von Islamisten (Moslembrüder-Hamas oder aber Salafisten). Sisi liess die ägyptische Armee Schmuggel-Tunnell (die meist vom palästinensischen Teil Rafahs in den ägyptischen Teil der Stadt führ[t]en) zerstören. Israel hat an der Grenze des Negev/Nagab zum Sinai-Grenze in den frühen 10ern eine 240 km lange Sperranlage errichtet – wegen Afrikanern, die dort einwander(te)n. Inzwischen gibt es die “Idee”, die Gaza-Palästinenser auf den Sinai umzusiedeln.

Grenze zu Palästina, Rafah ägyptische Seite

Die USA stützten Mubarak als Präsident Ägyptens mit 3 Milliarden Dollar jährlich, damit er die “richtige” Politik macht. Das betrifft hauptsächlich das Aussenpolitische; Demokratie und Menschenrechte gegenüber Ägyptern waren dabei kein Thema.82 Und es gab Opposition, die nicht selbst reaktionär ist, wie die Ghad-Partei. Anfang 11 der Aufstand gegen das Mubarak-Regime, für Demokratie, Freiheit, Menschenrechte, der Meidan al Tahrir in Kairo als Zentrum. Im Zeitalter der Islamkrise konnte Mubarak seine unterdrückerische Politik gegenüber dem Westen noch leichter verkaufen, und sich als Stabilitätsgarant. Altersschwache Oppositionsparteien aus dem Untergrund hängten sich an die Revolution, darunter die Moslembrüder, diese wurden Schreckgespenst. Im Februar der Rücktritt von Mubarak und Ministerpräsident Shafik; Verteidigungsminister Tantawi wurde 11/12 Übergangs-Staatsoberhaupt, das Militär stellte sich nun aber nicht gegen Demokratisierung. Die Moslembruder gründeten eine Partei als Ableger, die Staatspartei NDP wurde aufgelöst. Noam Chomsky: “Die USA und ihre Verbündeten werden alles tun, um Demokratie in der arabischen Welt zu verhindern… Die Bedrohung besteht nicht im Islamismus – warum hat man sich nicht schon längst aus der Verbindung mit Saudi Arabien gelöst? Die ‘Bedrohung’ war immer die Unabhängigkeit. Die USA und ihre Verbündeten haben immer wieder radikale Islamisten unterstützt, manchmal um säkularen Nationalismus auszuschalten…”

Ghassan: “…gehen dort keine Islamisten, sondern ganz normale Leute auf die Straße und fordern keinen Gottesstaat, sondern Demokratie. Auf der anderen Seite ist das Mubarak-Regime ein Verbündeter Israels (wie nahezu alle anderen arabischen Diktaturen) und hat nie damit gezögert die gewünschte Politik durchzusetzen (Abriegelung des Gazastreifens und der Grenze zu Ägypten, Unterdrückung “gefährlicher” Palästinasolidarität in Ägypten, etc…).”. Charlotte Wiedemann: “Was für Ägypten bis vor Kurzem galt, galt lange auch für Iran: Die Zivilgesellschaft wurde vom Westen unterschätzt oder ignoriert. Muslimen wurde nicht zugetraut, als Citoyens aufzutreten.” 2011 gab es den Versuch von Demonstranten, an Geheimdienst-Akten zu kommen…wie bei der Stürmung der Stasi-Zentrale in Ost-Berlin 1990. Dennoch hat man im Westen und Israel die Revolution überwiegend skeptisch gesehen; für Menschenrechtsverletzungen an Nicht-“Westlern” gibt es eine grössere Toleranz. Die Demokratiebewegung sah Angriffe auf Kopten als Angriffe auf sich, wurde aber damit diffamiert.

2011/12 die Parlaments-Wahl, die erste freie nach 61 Jahren; Sieg der Moslembrüder-Partei mit kleineren Verbündeten, vor der salafistischen Nur (mit Verbündeten), der Neuen Wafd, dem linken Ägyptischen Block,… Meist treten Liberale Revolutionen los und tragen Andere den Sieg davon. Das Abschneiden der Moslembrüder (bzw der Ḥizb al-Ḥurriya wa al-’Adala) erinnert an jenes der DDR-CDU, die bei der Wende keinerlei Rolle spielte, bei der Volkskammer-Wahl im Frühling 1990 dann über 40% der Stimmen bekam und gewann. Diktatur (Kaserne) oder Moschee waren und sind in arabischen Staaten meist die Alternativen. Moslembrüder-Mann Kandil wurde Ministerpräsident, Staatschef Tantawi blieb zunächst Verteidigungsminister in seiner Regierung. Das Verfassungs-Gericht hob (kurz vor der Präsidenten-Stichwahl) die Parlaments-Wahl wegen “Formfehlern” auf; die alten Kräfte versuchten eine Demokratisierung zu verhindern.83 Ägypten blieb eine semi-präsidentielle Republik, und 2012 wurde auch der Präsident gewählt.

Präsidenten-Wahl ’12

Moslembruder Mohammed Mursi setzte sich in der Stichwahl gegen Shafik vom gestürzten Regime durch. Nun musste das Militär die Macht abgeben. Mursi ernannte Abdelfattah Sisi ’12 zum Verteidigungsminister im Kandil-Kabinett (> Pinochet, Mobutu), als Nachfolger von Tantawi. Die Moslembrüder-Partei (englisches Akronym FJP) gewann Präsidenten- und Parlamentswahlen, 2 Referenden, doch die ihre Politik polarisierte, bald gab es Massenproteste, Strassenkämpfe zwischen Anhängern und Gegnern. Wenn Mursi irgendwo hin in den Westen reiste, zB nach Berlin zu Westerwelle, wurde er gemahnt, Demokratie und Menschenrechte hoch zu halten – Mubarak musste sich das nie anhören. Das gestürzte Regime war quasi ein Militärregime gewesen, und das Militär war ein machtvoller Gegner der neuen Verhältnisse.84 Die Salafisten waren auch gegen Mursi und die Moslembrüder, und dann gab es noch die liberal-bürgerliche Opposition, u.a. von Ex-IAEA-Chef Mohammed El Baradei angeführt. Mitten in diesem schwierigen Start der Demokratie starb (im März 12) Nasir G. Rafail (“Schinoda III.”), der koptische Patriarch.85

Nach einem Jahr Mursi im Amt (und Protesten zum Jahrestag) 2013 der Militär-Putsch unter Verteidigungsminister Sisi. Auflösung der Regierung und des Parlaments, Festnahme der Staatsspitzen. Oberrichter Mansour wurde übergangsweise Staatspräsident, El Baradei Vizepräsident. Die Moslembrüder wurden wieder in die Illegalität gedrängt, ihre Funktionäre eingesperrt. Ein Schlag gegen die demokratische Entwicklung, mit welcher Legitimation?, aus welchem Grund?, wer soll jetzt noch nach demokratischen Regeln spielen? Mursis Absetzung wurde von den Generälen (u.a.) mit seinen Machtausweitungen begründet, aber jene Allmacht die Sisi jetzt hat… Die Salafisten unterstützten den Putsch; Saudi-Arabien und die anderen “konservativen” Golfstaaten unterstützen ihn ebenfalls, weil die Moslembrüder Erbmonarchien ablehnen und eine islamische Demokratie anstreben, die die Saud(i)s bei sich nicht ansatzweise wollen. Auch im Westen wurde der Militärputsch, der die Demokratie abwürgte, mancherorts bejubelt. Der CDU-Politiker Missfelder: “Ich verteidige nicht …, aber…”. Mursi sei eine “Gefahr für die Region” (damit meint er Israel), ein “Antisemit” (gibt’s einen Vorwurf der darüber geht, von einem Deutschen wie ihm?), auch sei die “Situation in Ägypten schlechter unter ihm geworden” (nein, es geht ihm nicht rein um israel, es geht ihm natürlich auch um Ägypten und die Region). Das repressivste und rückständigste Regime (Saudi-Arabien), das seine Vorstellung von Islam auch überall hin exportieren will, wird ernsthaft als “Stabilitätsanker” gesehen. Atemberaubend.

Der Arabische Frühling ist in Ägypten gescheitert, aber nicht wie in Syrien „ausgeartet“. Nun gibt es wieder abgekartete Wahlen, ein autoritäres, auf das Militär gestützte Regime, wie seit 1952 (mit der Unterbrechung 11-13)86. Sisi hat noch keinen Nachfolger für die NDP geschaffen, soviel ich weiss, aber das kommt wohl noch, dann gibt es auch wieder ein Einparteiensystem. Das Militär kontrolliert grosse Teile der Wirtschaft, u.a. die Tourismus-Industrie. Alles was unter Mubarak schlimm war, ist unter Sisi noch schlimmer, auch die wirtschaftliche Lage. Saudi-Arabien und USA sind die “Schutzmächte” von Sisi-Ägypten. Ägypten übergab unter Sisi seine Inseln Tiran und Sanafir im Roten Meer an Saudi-Arabien. Auf das auch irgendwie die Führungsrolle von Ägypten in der arabischen/islamischen Welt übergegangen ist. Ägypten wird aber immer ein Schlüsselland in Afrika, in der Region Westasien-Nordafrika, sowie unter den islamischen Ländern, bleiben. Es gibt eine demokratisch ausgerichtete Opposition zur Kaserne jenseits von der “Moschee”, zB die Verfassungspartei/Ḥizb el-Dostour. Aber die zur Seite geschobenen Islamisten werden nicht verschwinden, werden eher radikalisiert werden.

Die Zukunft Ägyptens?

Ein Blick auf die Thematik der ethnischen Minderheiten (bzw Volksgruppen) in Ägypten führt hin zu jenen Invasoren und Einwanderern, die teilweise auch unter den (ethnischen) Ägyptern aufgegangen sind, sich an sie assimiliert haben. Kanaaniter, Berber, Nubier, Griechen, Phönizier, Hethiter, Philister, Äthiopier, Perser, Römer, Araber, Türken, Briten, Franzosen, Italiener, Juden, Assyrer, Kurden, Tscherkessen, Syrer, Schwarzafrikaner, Syrer, Armenier,… sind zT unter den Ägyptern aufgegangen, zT sind sie auch als Minderheiten unassimiliert in Ägypten erhalten (als Ägypter im staatsrechtlichen Sinn). Ihre Identität behauptet haben hauptsächlich Teile der Araber, Nubier, Griechen, Türken. Die Mameluken sind ein Sonderfall, da sie ja eigentlich keine Ethnie waren (hauptsächlich Tscherkessen, aber türkisch geprägt), sondern eine Art Kaste. Von den Mameluken geprägt wurde v.a. Kairo, demographisch wie kulturell. Ob die Kopten am Weg dazu sind, eine ethnoreligiöse Gruppe zu werden, wird man sehen.

Die Nubier leben hauptsächlich im südlichen Nil-Gebiet, in der Provinz Assuan, sowie im südlich daran angrenzenden Sudan. In beiden Staaten sind sie zu einem grossen Teil arabisiert (wobei arabisierte Nubier im Sudan das Staatsvolk ausmachen, in Ägypten sind das arabisierte Hamiten). Und, es gibt in Ägypten eine Binnenwanderung von Nubiern. Sadat und Tantawi, zwei Ex-Militärs und -Präsidenten, waren/sind “arabische” Ägypter nubischer Herkunft. Herrscher über Ägypten kamen oft aus Asien oder Europa, seltener aus anderen Teilen Afrikas. Die Nubier herrschten in der Spätzeit über Ägypten, mehr als 2500 Jahre später war es umgekehrt. Und ein Teil Nubiens kam durch die britische Grenzziehung (s.o.) zu Ägypten. Alexandria/Iskandariya am westlichen Rand des Nil-Deltas wurde von Griechen gegründet (in der ersten von zwei Phasen griechischer Herrschaft über Ägypten in der Antike), von ihnen stark geprägt, ist bis heute weniger afrikanisch-orientalisch, mehr mediterran-levantinisch. Es war seit den Mameluken so etwas wie zweite Hauptstadt Ägyptens. Bis Nasser gab es dort eine grössere griechische Gemeinschaft (neben Italienern, Juden und Anderen). Konstantínos Kaváfis war vielleicht der prominenteste Alexandria-Grieche; 1863 in eine griechische Kaufmannsfamilie (mit GB-Verbindung) hineingeboren, die in Alexandria mit dem Handel ägyptischer Baumwolle zu Reichtum gekommen war, starb der Schriftsteller 1933. Nasser stammte selbst aus Alexandria, seine Familie aber zT aus dem Süden. Die griechische Sprache war schon vor Alexander nach Ägypten gekommen, ist ja auch am “Rosette-Stein” vertreten, wurde vorherrschend, war weit in die islamische Zeit hinein wichtig. Nach der mythologischen Figur des “Aigyptos”, der ein Reich in Afrika beherrschte, kam der Name für das Land in den meisten Sprachen. Auch in Dalmatien (Kroatien) gibt es kaum noch Italiener, aber die Region ist trotzdem stark von ihnen geprägt.

Türkische Ägypter stammen von Staatsbediensteten oder Siedlern ab, die unter den Toluniden, Zengiden, Mameluken und Osmanen ins Land kamen. Viele davon waren aber Albaner, Tscherkessen, Kurden, Bosnier,… die türkisiert worden waren. Nach dem Ende der osmanischen Herrschaft (1914) und der nominellen Unabhängigkeit (1922) blieb eine gewisse Dominanz der türkisierten Schicht (bis Nasser), schliesslich gehörte ihr auch das Königshaus an! Die “Türken” sind heutzutage grossteils eingeschmolzen87 unter den Ägyptern, behielten aber zT ein Bewusstsein für die Herkunft, sowie gewisse Bräuche (zB kulinarische), sind oft am (helleren) Aussehen zu erkennen. Die Türkei ist der Nachfolgestaat von einem der früheren Beherrscher Ägyptens.

Am Sinai dominieren wie gesagt arabische Beduinen.88 Diese Halbinsel ist dünn besiedelt, ausser im Norden, nur 2% der ägyptischen Bevölkerung lebt dort. Das sind etwa 400 000 Menschen, gut drei Viertel davon im Norden, an der Küste, v.a. in der Provinz-Hauptstadt des Nord-Sinai, El Arish. Die Beduinen machen noch etwa 70% der Sinai-Bevölkerung aus. Sie sind in Stämmen organisiert, ungefähr 20 gibt es, wie die Tarabin im Süden und die Garasha im Zentrum (die Opium kultivieren). Im Zentrum und im Süden leben die Beduinen noch grossteils ihren nomadenhaften Lebensstil, jene im Norden sind sesshaft geworden. Weiters gibt es am Sinai Palästinenser (mit oder ohne ägyptische Staatsbürgerschaft), etwa 40 000, im Norden, jenem Gebiet, das an den Gaza-Streifen anschliesst, hauptsächlich den drei Städten Rafah, Sheikh Zuwayed and El Arish. Sie sind seit der Nakba in mehreren Wellen gekommen, haben natürlich auch eine eigene Identität (ethnisch, kulturell, politisch,…), und dazu gehören verwandtschaftliche Beziehungen in das historische Palästina, das seit 1967 ganz unter israelischer Kontrolle steht. Speziell seit der Ende der israelischen Besatzung in den 1980ern hat es durch das Entstehen des Tourismus auch eine Arbeits-Migration von Ägyptern aus dem Nilgebiet auf den Sinai gegeben.89

El Arish hat eine gemischte Bevölkerung, aus urbanisierten Beduinen, Nil-Ägyptern, Palästinensern und türkischen Ägyptern (deren Vorfahren während der osmanischen Herrschaft als Soldaten kamen, dort stationiert waren). Natürlich auch Mischungen… Beduinen wie Palästinenser haben ein anderes Nationalgefühl als die Ägypter aus dem Zentrum, aus Nildelta und -tal (ob Moslems oder Christen)90, Türken sind stärker assimiliert/integriert. Es sind aber mittlerweile nicht nur Beduinen am Sinai urbanisiert worden (v.a. in Arish), es sind auch welche nach Kairo oder Ismailiyya ausgewandert. Die Beduinen sind sich ihrer Unterschiede zum Hauptstrom der ägyptischen Bevölkerung sehr bewusst, sie sehen sich als echte Araber, von der Arabischen Halbinsel Stammende, im Gegensatz zu den arabisierten Afrikanern (was sie auch sind). Die Entwicklung des Tourismus am Sinai (an den Küsten) hat den Beduinen nicht viel gebracht, dieser ist hauptsächlich in der Hand von Ägyptern aus dem Nilgebiet. Die Beduinen fühlen sich ausgeschlossen und zur Seite gedrängt; aber die Angehörigen des Tarabin- und des Muzayna-Stammes schliessen wiederum andere Stämme von ihrem Anteil am (hauptsächlich westlichen) Tourismus aus…

Beduinen dürfen bzw wollen nicht im ägyptischen Militär dienen, heisst es, brauchten Bewilligungen wenn sie den Suez-Kanal überqueren wollen. Israel versucht diese Kluft auszunutzen; so wie die Briten einst die Sinai-Beduinen gegen den Urabi-Aufstand aufbringen wollten. Die “eigenen” Beduinen besser behandeln, ist da schon eine andere Sache, von den (anderen) Palästinensern ganz zu schweigen. Die Beduinen unter israelischer Herrschaft sind grossteils vom Tarabin-Stamm, haben oft Verwandtschaftsbeziehungen zu jenen am Sinai. Durch die Errichtung “Israels” kam es überhaupt erst zu Grenzen, die die Tarabin sowie andere Beduinen-Stämme “zerschnitt”. Und, die Grenzsicherungsanlage bzw Mauer die Israel vor einigen Jahren auch dort errichtet hat, verstärkt das noch.

In den 00ern kam unter der beduinischen Bevölkerung des Sinai der salafistische Islamismus auf, dort verbunden mit ihrer Stellung am Rande Ägyptens. Es war hauptsächlich am nördlichen Sinai, dass dies der Fall war, und es sind auch Palästinenser dabei; es gibt Verbindungen zu Salafisten in Gaza91 und im “zentralen” Ägypten (manche von diesen sind auch vor dem ägyptischen Staat auf den Sinai “ausgewichen”). Es geht bei diesen Djihadisten auch um ein Gefühl der “religiösen Authentizität”, als Araber den Islam richtig angenommen zu haben bzw besser verstanden zu haben als diese “echten” Ägypter… Es heisst, die eine Dachorganisation dort heisst “Wilayat Sinaa” (Provinz Sinai), und diese sei Zweig bzw Franchise-Nehmer von Daesh (IS). Dass Äygpten als Teil des Vertrags von 1979 bei militärischen Bewegungen am bzw auf den Sinai eingeschränkt ist, wirkt sich auch auf die Bekämpfung dieser Gruppe aus. Oft wird daher die Polizei eingesetzt, sie ist schlecht bewaffnet, ist ein leichtes Ziel. Einrichtungen und Vertreter des ägyptischen Staats sind Zielscheibe der der Islamisten. Und die Tourismus-Industrie, wie bei vielen Anschlägen am südlichen Sinai. 2011 drangen Islamisten am mittleren Sinai in den südlichen Negev ein, töteten 8 Israelis (davon 5 Zivilisten). Beim israelischen “Gegenschlag” wurden 6 ägyptische Soldaten getötet, worauf hin die israelische Botschaft in Kairo gestürmt wurde, diese Beziehungen an den Rand des Abbruchs kamen.92

Zurück zum “arabischen Charakter” Ägyptens; diese Zuschreibung ergibt sich u.a. aus der Führungsrolle Ägyptens in der Region (die von verschiedenen Seiten als “arabisch” gesehen wird)93 sowie aus der Sprache. Spanien wird auch gerne als “romanische” Nation gesehen, obwohl nicht nur Römer, sondern auch Iberer, Kelten, Phönizier, Griechen, Goten u.a. Germanen, Basken, Araber, Berber das Land ethnisch und kulturell geprägt haben; auch Italien ist nicht nur von den Römern geprägt worden. Die Aserbeidschaner/Aseris werden auch aufgrund der Sprache als “Turkvolk” betrachtet, die ethnisch-historische “Zusammensetzung” ist komplexer. Im Fall Ägypten sind die hamitischen Ägypter der “Grundstock”, im Laufe der Jahrhunderte kamen ethnische und kulturelle Beimischungen von Nubiern, Arabern, Türken,… Die Staaten der Arabischen Halbinsel sind noch am ehesten echt arabische Länder, wobei es dort in manchen Teilen auch recht starke ost-afrikanische Einflüsse gibt. Die anderen arabischen Staaten sind jene der arabisierten Berber/Amazigh (Maghreb), Kanaaniter (Palästina), Phönizier (Libanon), Aramäer (Syrien), Assyrer (Irak)94, Nabatäer (Jordanien), Nubier (Sudan).

Bei Mauretanien, Sudan, Libanon zeigt sich Relativität von “Arabizität” besonders deutlich, bei Ägypten aber eigentlich auch. Ägypten war/ist eine Führungsmacht des (Pan-)Arabismus (seit Nasser), gleichzeitig gibt es unter Ägyptern ein tiefes Ressentiment dagegen, Araber zu sein, und die Besinnung auf eigene Traditionen. Das gibt es auch in den anderen arabisierten Ländern; in Libanon, Syrien, Irak ist die Rolle des Bewahrers der vor-arabischen (und verbunden damit: vor-islamischen !) Traditionen des Landes auf die jeweiligen christlichen Volksgruppen übergegangen, also Maroniten, Syrisch-Orthodoxe/Jakobiten (“Aramäer”), Nestorianer und Chaldäer (“Assyrer”). In Ägypten sind die Kopten in einer ähnlichen Rolle, wie noch ausgeführt wird. Ägypten war bereits eine Hochkultur, als der Prophet Mohammed noch nicht einmal geboren war, war bereits eine Nation95, bevor die Briten die Macht im Land übernahmen. Das Arabische ist nur ein Aspekt der ägyptischen Identität, der andere, ursprünglichere überlagert. Ein bedeutender Ägypter, der ägyptischen Nationalismus (oder Ägyptizismus) über arabischen Nationalismus/Arabismus stellt, ist zB der langjährige Chef-Archäologe Zahi Hawass (wer, wenn nicht er, der sich so stark mit dem vorarabischen Ägypten beschäftigt…).

Der ägyptische Nationalismus ist nicht notwendigerweise chauvinistisch ggü Nicht-Ägyptern, richtet sich hauptsächlich gegen das arabische Nations-Konzept; anders als früher geht es nicht mehr um Selbstbestimmung für Ägypten, die ist gegeben.96 Er hat viel mit dem irakischen gemeinsam. In beiden Fällen gibt es eine starke Einbeziehung der jeweiligen christlichen Bevölkerungsgruppen (Kopten bzw Assyrer), gibt es verschiedene Ausprägungen. Nassers pan-arabischer Linksnationalismus wies wiederum Gemeinsamkeiten mit jenem Husseins auf (der im Inneren und Äusseren bösartiger war, und weniger antiimperialistisch). Es gibt auch einen ägyptischen (sowie einen irakischen) Nationalismus, der das Islamische integriert, eine Variante die das Arabische integriert (zB bei Ashraf Ezzat97), und einen der Islam und Arabertum komplett ausschliesst von ägyptischer Identität (der neue Pharaonismus)98. Arabischer Nationalismus kann aber auch Brücke zwischen Religionsgruppen sein, man denke an Michel Aflak. Der Islamismus, der dem ägyptischen Nationalismus total entgegen steht, ist natürlich der salafistische.

Bezüglich des “arabischen Charakters” Ägyptens (und einiger anderer Länder) ist eine Unterscheidung zwischen “Behälter” und “Inhalt” notwendig; der Inhalt ist sehr wenig arabisch. Unter der Decke nationaler Identitäten verbirgt sich in der Regel so Manches, wie ich auch in dem Türkei-Artikel ausgeführt habe. Die Selbstfindung bzw nationale Renaissance Ägyptens ist seit dem frühem 19. Jh im Gange (bzw Bemühungen darum). Ist eine komplette “Abwendung” von der arabisch-islamischen Identität möglich, oder eher Islamismus und Terror gegen Kopten?99 Von der Shu’ubiyyah war schon die Rede, vom Widerstand gegen Arabisierung und Islamisierung als diese in Persien oder Syrien statt fand, vor und während den Abbasiden100. Teilweise ging es dabei aber auch um (bzw gegen) den privilegierten Status von Arabern (und das waren damals wirklich nur die von der Halbinsel stammenden) – was eigentlich ein anderes Anliegen ist. Der niederländische Forscher Leonard Biegel hat in seinem Buch über Minderheiten im “Mittleren Osten” (unten aufgeführt) den Begriff Neo-Shu’ubiyya geprägt101, der seither manchmal verwendet wird für Nationalismen in der “arabischen Welt”, die eben nicht arabisch sind, jenen der Berber im Maghreb, den Phönizianismus im Libanon, den ägyptischen Pharaonismus, die syrischen Nationalismen, oder den kurdischen Nationalismus (der eine Ethnie betrifft, die nicht arabisiert worden ist).

Die Kopten sind die grösste christliche Gemeinschaft der islamischen Welt.102 Das Christentum ist in vielen islamischen Ländern autochthon (nicht von westlichen Mächten dorthin gepflanzt); insofern sind die Kopten oder Nestorianer auch nicht mit den zugewanderten Moslems in Europa zu vergleichen. Im Iran ist nicht eine christliche Gemeinschaft Träger der vor-islamischen Kultur, sondern die Zoroastrier/ Zarathustrier/ Zartoschtis. Es gibt auch eine grosse Palette von Abspaltungen vom Islam, die in diesen Ländern präsent sind, wobei man den schiitischen Islam als die erste dieser Abspaltungen sehen kann.

Kopten machen wahrscheinlich um die 10% der ägyptischen Bevölkerung aus, manche Angaben belaufen sich aber auf bis zu 30%. Daneben gibt es in Ägypten noch einige weitere, kleine Kirchen, die griechisch-orthodoxe, die römisch-katholische, die jakobitische,…; deren Angehörige sind hauptsächlich Angehörige ethnischer Minderheiten, Nachkommen von Zuwanderern. Ansonsten gibt es kleine Gruppen von 7er-Schiiten (Ismailiten103, v.a. Mustalis), 12er-Schiiten (Imamiten), Baha’i, Drusen,… Oberägypten (der einstige Süden Ägyptens, mit Assiut als Zentrum) ist durch die Grenzziehung zum Sudan im 19. Jh eigentlich Mittelägypten geworden; es soll jener Teil Ägyptens sein, der heute am stärksten von Kopten bewohnt und geprägt ist, mehr als Unterägypten mit Alexandria, Kairo,… Die Gegend ist arm, es gibt eine Abwanderung in den Norden.

Es gibt eine Wechselwirkung zwischen der westlichen Einflussnahme im “Orient” und der Lage von christlichen Gemeinschaften in diesen Ländern. Sehr stark hat sich das bei den Armeniern gezeigt, ihrem Schicksal im späten 19. und frühen 20. Jh im Osmanischen Reich. Engagement westlicher Mächte für diese Christen macht diese in ihren Ländern gewissermaßen “verdächtig” und “fremd”, was zu (neuen104) Diskriminierungen führt, worauf hin sie erst recht “gezwungen” sind, sich an den Westen anzulehnen. In Ägypten war das die westliche Einflussnahme, die im ausgehenden 18. Jh begann und gut 150 Jahre andauerte, vielleicht länger. In der Zwischenkriegszeit wurde Ägypten ein Ziel westlicher Missionare, hauptsächlich aus dem protestantischen Bereich, die Moslems wie Kopten gleichermaßen bekehren wollten; dies hat den Kopten auch nicht gerade genutzt. Die (prowestliche, säkulare) Mubarak-Diktatur hat zur Stärkung der Islamisten und wohl indirekt zu fallweiser Gewalt gegen Kopten beigetragen. In der Zeit nach der Revolution gegen Mubarak hatten mehrere tausend Kopten in Kairo zunächst friedlich gegen einen Brandanschlag auf eine Kirche in der Region Assuan demonstriert. Plötzlich kam es zu schweren Zusammenstössen zwischen Kopten, Muslimen und den Sicherheitskräften, mindestens 25 Menschen starben, mehr als 300 wurden verletzt.

Militärherrscher Sisi unterdrückt politischen Pluralismus, auch moderate Islamisten, verteidigt öffentlich Kopten, diese stehen weitgehend zu seinem Regime, das wiederum bringt Islamisten gegen sie auf… Im Dezember 16 gab es einen Anschlag auf ein Seitengebäude (Kirche Sankt Peter und Paul) der Markus-Kathedrale von Kairo (Sitz des koptischen “Papstes”), der ungefähr 25 Menschen tötete, viele weitere verletzte. Der Sprengsatz wurde vermutlich während der Sonntagsmesse in das Gebäude geworfen… 17 sind in der Stadt al-Minja sind bei einem Anschlag mit Schusswaffen auf Kopten in einem Bus auf dem Weg zu einem Kloster 30 Menschen getötet worden. Sisi liess das ägyptische Militär darauf hin Ausbildungslager für salafistische Islamisten in Libyen angreifen. Attacken aus dieser Ecke gelten auch den kleinen Gemeinschaften der Sufi-Moslems105 und Schiiten. Ich glaube, es war Volker Perthes, der in einem Buch über den Libanon schrieb, die dortigen Maroniten wollten nicht in eine Situation wie die Kopten kommen (eine so kleine Minderheit in ihrem Land werden), bei den Kopten wiederum sei die Lage der Maroniten (Partei in einem Bürgerkrieg geworden zu sein, 1975-1990), ein “Schreckgespenst”. In Syrien ist im dortigen Bürgerkrieg die Lage von Christen auch in mehrere Hinsicht prekär geworden.

Es gibt vielerlei Diskriminierungen von Kopten in Ägypten. Über jene im Fussball hier. Was den Bau und die Reparatur von Kirchen betrifft, diese war lange durch das osmanische Homayouni-Dekret von 1856 geregelt, wonach die Erlaubnis dazu vom osmanischen Sultan erteilt werden müsse. Nach dem “Transfer” zur nominellen Unabhängigkeit bzw Abhängigkeit von GB wurde dies als Gesetz modifiziert, nun musste die Genehmigung vom ägyptischen Monarchen kommen, später vom Präsidenten. Aber es kam, 1934, auch eine Erweiterung, mit vage formulierten Kriterien, die erfüllt werden müssen, darunter Einwände von lokalen Moslems. Unter Mubarak (er hat wirklich nicht nur Schlechtes gemacht) kam zunächst 1998 eine Novelle, die die Erlaubnis des Präsidenten an die Gouverneure der 26 Provinzen delegierte. Im Jahr darauf wurde die Notwendigkeit der Erlaubnis gestrichen, die Erlaubnis zum Kirchenbau der Bauordnung “unterstellt” – womit Kirchen auf einer Stufe mit Moscheen sind. Koptische Kleriker und Laien haben aber wiederholt kritisiert, dass lokale Beamte auf bürokratischen Wegen Kirchen-Bauten und -Reparaturen blockierten. Was wahrscheinlich noch schwerer wiegt: Übertritte vom Islam zum Christentum (ob aus “nationalen” oder aus religiöser Motivation) sind sehr schwierig; wie sich beim Fall des Mohammed Hegazy zeigte. Auch kann die Koptische Sprache in Ägypten nicht in Schulen unterrichtet werden,

Koptisch hat in mancher Hinsicht eine Entwicklung wie das Aramäische durchlaufen: weitgehend in die Liturgie bestimmter christlicher Gemeinschaften zurück gedrängt, Ausdruck echter nationaler Identität (bzw des kulturellen Erbes) des Landes,… Eine Identität, die Kopten in der Regel für sich beanspruchen, manchmal für Ägypten erkämpfen wollen. Das originale Ägypten vor den Fremdherrschaften, die das Land veränderten, das ethnische und kulturelle Fundament des Landes. Kopten sehen besonders stark einen Widerspruch zwischen Araber und Ägypter und sich als zweiteres.106  Der Kampf ihrer Vorfahren gegen die arabischen Invasoren vom 7. bis zum 9. Jh spielt im koptischen Geschichtsverständnis eine wichtige Rolle. Von moslemischen Landsleuten, die diese “Dinge” anders sehen, werden Kopten manchmal “gins firaun“, “Leute des Pharaos”, bezeichnet. Der Pharaonismus, der ägyptische Nationalismus der Bezug auf das vor-islamische und vor-christliche Erbe des Landes Bezug nimmt, überbrückt die “Spaltung” der ägyptischen Bevölkerung zwischen Moslems und Christen. Es gibt aber auch eine koptische Variante des Pharaonismus, die auf Abschliessung von der Mehrheitsgesellschaft aus ist, diese quasi als “verloren” (islamisiert, arabisiert) sieht, die Kopten eher als ethno-religiöse Gemeinschaft.107

Mit Nassers (Pan-) Arabismus – der mit der vollen Unabhängigkeit kam – stellte sich die Frage der koptischen nationalen Identität erst dringlich. Vorher war das eine religiöse Frage. Nationalistische Kopten (und andere “Ägyptizisten”) müssen sich bis zu gewissem Grad dem Westen andienen, diese Thematik habe ich schon angerissen. Die Haltung zum Westen ist unterschiedlich in diesen “Kreisen”, ebenso zur Stellung der Religion in der Gesellschaft, zu Liberalismus/Demokratie, zu Afrika, zu Israel,…  Natürlich sollte in diesem Zusammenhang nicht unterschlagen werden, dass “der Westen” selbst mancherorts an Verdrängung bzw Überlagerung von Kulturen gearbeitet hat, auch an der physischen Vernichtung ihrer Träger, im Kolonialismus, zB in in Amerika (Nord und Süd). Die Situation der “Indianer” oder jene der Afro-Amerikaner hat sich auch nicht dadurch gebessert, dass sie ihre Sprachen (wie Nahuatl/Aztekisch) ganz oder teilweise aufgegeben haben. Auch sind in Europa Kulturen, Sprachen, Menschen ganz oder teilweise vernichtet worden; das irische Gälisch zum Beispiel. Manche Kopten sehen eine Anlehnung an Israel als geboten, wie auch gewisse Iraner, die die totale Islamisierung ihrer Gesellschaft satt haben.108

Der koptische Patriarch Schinoda sagte, die Selbstmordanschläge von Palästinensern gegen Israel seien eine natürliche Reaktion auf die Unterdrückung, und Ägypten solle die palästinensischen Brüder109 nicht aufgeben. Wallfahrt von Kopten nach Jerusalem/Quds/Jebus missbilligte er. Dabei ging es auch um einen Streit um das Al Sultan-Kloster am Dach der Grabeskirche, das mit den äthiopischen Kopten umstritten ist. Auch der maronitische Patriarch (1986-2011) Nasrallah B. Sfeir hat sich im Zusammenhang mit Israel ziemlich “defensiv” geäussert. Es kann sein, dass dabei auch die Motivation mitschwingt, die eigene Gemeinschaft nicht in der Verdacht der Kollaboration mit Israel zu bringen. Wenn armenische Bischöfe in der Türkei dementieren, dass es Armeniern in dem Land schlecht ginge, ist das auch mit Vorsicht zu geniessen. Andererseits, Leute aus dem arabischen Raum, die sich für eine “Normalisierung” des Verhältnisses ihrer Herkunftsländer zu Israel aussprechen (wie Farid Ghadri oder Najim Wali), landen schnell in zionistischen Kampagnen (wie “Stop drop the bomb“), Organisationen und den Artikeln des unterstützenden Journalismus’110, egal für wie Wenige sie sprechen (was bei Uriel Avineri dann zB immer ein grosses Thema ist111).

Die Pro-Israel-Fraktion im Libanon (Teile der Kataib/Phalange, die Harras al Arz, SLA,..) hat im dortigen Bürgerkrieg mit den israelischen Invasoren militärisch kollaboriert, wobei auch nicht der rechtsextreme Charakter dieser Gruppen und ihre Ausrichtung am europäischen Faschismus störte… Im Fall des Verhältnisses von Ägypten und Israel gibt es ja neben den Kopten auch die Beduinen, die sich Israel als “Verbündete” ausgesucht hat. Unter Ausnutzung derer anti-ägyptischen Haltung. Ägyptische Juden wie Maccabi (s.o.) haben ja auch eine “gewisse” Verachtung für Ägypten an sich an den Tag gelegt. Kopten sind aber die ägyptischsten Ägypter… Und zum autoritären Sisi hat Israel auch einen guten Draht. Und seit einigen Jahren auch zu Saudi-Arabien… trotz (?) dessen Promotion von Islamismus und Arabismus. Bündnisse in der Region einzugehen war für Israel schon seit jeher eine Alternative dazu, die Palästinenser besser zu behandeln. Und die Palästinenser werden von Israel und seinen Propagandisten immer als “Araber” dargestellt, die keine eigene Identität hätten, deren Wurzeln im Land nur auf die arabische Invasion in der Region hinunter reichten.

Es gibt einige anti-islamische Exil-Ägypter, die sich voll und ganz neokonservativen, us-imperialistischen und zionistischen Organisationen und Anliegen verschrieben haben. Nahid “Nonie” Darwish112 (“Arabs for Israel”), Raymond Ibrahim (> Victor Hanson, Horowitz Foundation, Middle East Forum,…), Nakoula B. Nakoula (Kopte mit diversen Pseudonymen, der Moslems zu provozieren trachtet113) in der USA, Magdi Allam (zum Christentum übergetreten, in die Politik gegangen) in Italien, Hamed Abdelsamad in Deutschland114. Sie zu konsumieren, soll ersparen, sich damit auseinander zu setzen, was die Feministin Nadah el Saadawi sagt und schreibt, Tarek Heggy, Heba Amin, Sayed Bedreya, oder Samir Khalil Samir (ein katholischer Priester aus Ägypten, im Libanon, jetzt gäbe es die “grösste Krise in der Geschichte des Islam”, kein Scharfmacher oder Krisen-Profiteur, so weit ich beurteilen kann).

Vor den Arabern war Ägypten zwar christlich, stand aber auch unter Fremdherrschern, die das ägyptische, koptische Christentum weitgehend unterdrückten. Im Römischen Reich aus allgemeiner Christenverfolgung, im Ost-Römischen wegen Abweicheung ggü dem orthodoxen. Ägyptische Christen wurden auch später von Europäern/Westlern nicht als gleichrangig gesehen…115 Das Christentum kam nach der antiken Hochkultur nach Ägypten. Eine Idealisierung der vorislamischen Geschichte Ägyptens kann auch nicht über die Schattenseiten dieser Zeit hinweg täuschen, wie die damalige Sklaverei oder Frauengenitalverstümmelung. Zu zweiterem weiss Wikipedia: Die Ursprünge der Beschneidung weiblicher Genitalien konnten weder zeitlich noch geographisch eindeutig bestimmt werden. Schon in der Antike setzten sich Gelehrte mit der Beschneidungsthematik auseinander, welche zu jener Zeit vor allem aus dem antiken Ägypten bekannt war. Beschreibungen finden sich bei Galenos, Ambrosius von Mailand und Aetius von Amida. Auf einem Papyrus aus dem Jahr 163 v. Chr., der Epoche des alten Ägypten, wird die Beschneidung von Mädchen erwähnt. Auch wurden Mumien gefunden, die Anzeichen einer Beschneidung aufweisen. Die männliche Zirkumzision kann ebenfalls auf diese Zeit zurückdatiert werden. Laut dem griechischen Geschichtsschreiber Strabon wurde Beschneidung an beiden Geschlechtern in Ägypten durchgeführt, ebenso wird von Philon von Alexandria berichtet, der um die Zeit Christi Geburt lebte, dass „bei den Juden nur die Männer, bei den Ägyptern jedoch Männer und Frauen beschnitten sind“. … Die antiken Autoren gingen davon aus, dass Frauen aus ästhetischen Gründen beschnitten wurden, um somit das Aussehen der weiblichen Genitalien zu korrigieren beziehungsweise zu verbessern. – Heute soll es im Süden des Landes Ausläufer davon aus Ostafrika geben.

Geschlechterbeziehungen sind natürlich auch für Ägypten ein Thema bzw sollten es sein. Einen radikalen Feminismus vertritt Aliaa M. Elmahdy, die bekannt wurde, als sie Ende 2011 Fotos auf ihrem Blog veröffentlichte, auf denen sie – bis auf rote Schuhe und halterlose Strümpfe – nackt zu sehen war. Bald darauf ging sie ins Exil nach Schweden, begann mit Femen zusammen zu arbeiten. 2014 veröffentlichte Elmahdy ein Bild, auf dem sie mit einer anderen Aktivistin auf die Flagge von Daesh/IS menstruiert und kackt. Um das alles in einen politischen Kontext zu setzen: Es gibt wirklich jene Moslems, die sich über die Zur-Schau-Stellung von Elmahdys Körper ereiferten, nicht aber über das Morden und Zerstören des Daesh, ob in Irak oder Frankreich.116 Der Theologe Nasr H. Abu Zayd hat während seines Lebens dafür gekämpft, den Koran im kulturellen Kontext seiner Entstehung (Araber des 7. Jh) zu lesen. Er bekam viele Todesdrohungen, obwohl er gar nicht eine göttliche “Herkunft” des Buches in Frage stellte. Er verliess Ägypten, kehrte dann heimlich zurück, starb 2010. Farag Foda wurde für vergleichbare Gedanken von Islamisten ermordet. In einem Land der 2. Welt sind aber auch nicht alle Probleme auf die Religion herunter zu brechen.

Zum Abschluss etwas über und von Nagib Mahfouz (Machfus). Der Literaturnobelpreisträger von 1988 war ein Anhänger des ägyptischen Nationalismus (ägyptische Identität über einer arabischen), heiratete eine Koptin. In Folge seiner Unterstützung für Sadats Frieden mit Israel wurden seine Bücher in mehreren arabischen/islamischen Ländern gebannt. Darüber hinaus verteidigte er Salman Rushdie (gegen Todesdrohungen von Islamisten)117, weil er an künstlerische Freiheit glaubte, kritisierte aber auch dessen Roman mit dem er “Anstoss” erregt hatte (als “Beleidigung des Islams”). Keine Blasphemie schade dem Islam und Moslems so sehr wie solche Mord-Aufrufe ggü Schriftstellern, so Mahfouz in einem Aufruf. Mahfouz hatte 1959/1971 den Roman أولاد حارتنا heraus gebracht, der 1990 auf Deutsch als “Die Kinder unseres Viertels” herauskam. Darin geht es um die drei abrahamitischen Religionen. Mit der Rushdie-Kontroverse und Mahfouz’ Nobelpreis Ende der 1980er wurde das Buch erst verbreitet, und Mahfouz’ bekam Todesdrohungen, darunter von seinem Landsmann, dem blinden Scheich Omar Abdul-Rahman, von der Jama’at Islamiyya, der in Afghanistan mit westlicher Unterstützung seinen Djihad führen durfte, dann in der USA tätig war.  1994 überlebte er einen Messerangriff. Mahfouz sagte über Ägypten, dieses Land, der schmale Streifen entlang des Nils, sei die Wiege der Zivilisation. Ägypten habe überlebt, während andere Zivilisationen untergegangen seien, habe dem Islam eine neue “Stimme” gegeben, abseits von seinen arabischen Wurzeln.118

Luxor-Obelisk in Paris

Literatur und Links:

Donald Malcolm Reid: Whose Pharaohs? Archaeology, Museums, and Egyptian National Identity from Napoleon to World War I (2003)

Taha Hussein: مستقبل الثقافه في مصر‎ (Die Zukunft der Kultur in Ägypten; 1938)

Ulrich Haarmann: Das islamische und christliche Ägypten (2008)

Ataf L. Al-Sayed-Marsot: A History of Egypt. From the Arab Conquest to the Present (1985)

Arthur Goldschmidt: Historical Dictionary of Egypt (1994)

Nina Burleigh: Mirage: Napoleon’s Scientists and the Unveiling of Egypt (2007)

Aziz S. Atiya: The Coptic Encyclopedia (8 Bände, 1991)

Joel Beinin und Zachary Lockman: Workers on the Nile: Nationalism, Communism, Islam, and the Egyptian Working Class, 1882-1954 (1998)

James H. Breasted: A History of Egypt (1951)

Anthony Gorman: Historians, State and Politics in Twentieth Century Egypt: Contesting the Nation (2003)

Mohannad Sabry: Sinai: Egypt’s Linchpin, Gaza’s Lifeline, Israel’s Nightmare (2015)

Gilles Kepel: Muslim Extremism in Egypt (1986)

William M. Flinders-Petrie (Hg.): A History of Egypt (6 Bände, 1894-1905)

Joel Beinin: The Dispersion of Egyptian Jewry: Culture, Politics, and the Formation of a Modern Diaspora (2005)

Gudrun Krämer: Ägypten unter Mubarak: Identität und nationales Interesse (1986)

Leonard C. Biegel: Minorities in the Middle East: Their significance as political factor in the Arab World (1972)

Adeed Dawisha: Arab Nationalism in the Twentieth Century (2003)

Tom Segev: 1967. Israels zweite Geburt (2007)

Wolfgang G. Lerch: Halbmond, Kreuz und Davidstern. Nationalitäten und Religionen im Nahen und Mittleren Osten (1992)

Said K. Aburish: Nasser, the Last Arab (2004)

Hamid Sadr: Der Fluch des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi. Demokratie oder Herrschaft des Islam? (2011)

Tarek Heggy: Egyptian Political Essays (2000)

Blog von Aliaa Elmahdy

https://www.ispionline.it/en/pubblicazione/islamism-egypt-emerging-divide-19868

egy.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Ägypten stand damals auch noch unter einer Fremdherrschaft, sogar einer doppelten
  2. Und der Arabismus wurde erst mit Nasser hegemonial
  3. Heute leben 95% der Bevölkerung entlang des Nils, in 6% der Fläche des Landes. Die grösste Provinz (Muhafazet) ist El Wādī El Ǧedīd, das die südwestliche Wüste ausmacht, es ist gleichzeitig die am dünnsten besiedelte; auf der anderen Seite des Nil ist die Rote Meer-Provinz, mit der es sich ähnlich verhält; auch Matruh im NW und die 2 Provinzen aus denen der Sinai besteht (Norden /Süden) sind grosse Muhafazat mit wenig Bevölkerung und Bedeutung
  4. Daneben gab es auch einheimische Regionalherrscher. Die ägyptischen Pharaonen, der anderen Dynastien, kamen aus der thebanischen Priesterschaft, waren eigentlich Generäle
  5. Unter den kuschitischen Herrschern wurden auch in Nubien Pyramiden-Gräber gebaut, für diese
  6. Über die Einbindung des Sinai in die alt-ägyptischen Reiche folgt später noch etwas
  7. Der Querbalken wurde herunter gesetzt (oder anders, eine Schleife auf ein Kreuz gesetzt)
  8. Der Prophet Mohammed hatte Ägypten 628 mit Begleitern besucht, war dort schon auf Konversion der Ägypter aus; trat dort mit einem “Muqawqis” in Kontakt, der wahrscheinlich entweder ein byzantinischer Kirchenmann oder ein persischer Gouverneur war
  9. Auch das Katharinenkloster am südlichen Sinai, im 6. Jh entstanden
  10. > https://www.alternatehistory.com/forum/threads/coptic-revolt-founds-christian-kingdom-of-egypt.291776/  
  11. Das ist in den “arabischen” Ländern ausserhalb der arabischen Halbinsel so ähnlich
  12. Wie alle weiteren islamischen Herrscher auch
  13. Und, der letzte iranische Schah starb im ägyptischen Exil
  14. Hieroglyphen-Aufschriften wurden bis ins 4. Jh nC vereinzelt angebracht, die Kenntnis darüber ging dann verloren
  15. Endgültig ging das Abbasiden-Kalifat Mitte des 13. Jh unter, durch die Mongolen-Invasion in Mesopotamien. Jedoch, als die Mameluken wenig später in Ägypten die Macht übernahmen, kamen einige Angehörige der Abbasiden-Familie dorthin, übten unter dem Schutz der Mameluken etwas religiöse Macht aus, bis zur Eroberung durch die Osmanen (16. Jh), die dann das sunnitische Kalifat übernahmen
  16. Das eine der grössten Städte der Welt wurde, wie früher Alexandria, Theben
  17. Es ist umstritten, wie schiitisch Ägypten zur zeit der Fatimiden war, ob das nur die Herrscherklasse und ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung war
  18. Oder nur der Norden, wie unter den Ptolemaiern; das Zentrum und der Süden sind von einer trockenen Gebirgslandschaft dominiert
  19. Dominierten das Militär, waren Landbesitzer,… Offizielle osmanische Statthalter in Ägypten waren auch in dieser Zeit die Beylerbeys, die Mameluken herrschten zT (halb-offiziell) mit einem aus ihrer Mitte als Kaymakam, oder inoffiziell (de facto)
  20. Die französischen Truppen wiederum verloren die entscheidenden Schlachten dort gegen die Briten
  21. Es war nicht so, dass Ägypten mit Indien oder dem Zulu-Reich Handel betrieben hätte (können), das ging alles über westliche Mächte
  22. Die Cheops/Chufr-Pyramide in Gize war bis etwa 1300 höchstes Gebäude der Welt; sie ist das älteste und einzige intakte der “7 Weltwunder”. Plünderungen der Pyramiden begann schon in Antike, verstärkten sich unter Fremdherrschaften
  23. 1867 wurde er von den Osmanen endlich als Khedive anerkannt, was mehr Autonomie und höhere Abgaben bedeutete; seine Vorgänger hatten den Titel schon beansprucht, waren aber nur als Valis anerkannt worden, so wie auch Ismail bei seinem Amtsantritt 1863. Das Eyalet Ägypten (Eyalet-i Misr; hatte als solches seit 1517 bestanden, mit Unterbrechung der französischen Besatzung) wurde so 1867 zu einem Khedivat
  24. Dazu ist auch zu sagen, es gab in der den Antike den Bubastis-Kanal zwischen Nil und Rotem Meer (über einen Wadi), unter Pharao Necho begonnen, unter Dareios fertig gestellt, unter Ptolemäern, Römern, Arabern, erneuert…schliesslich aber versandet
  25. Eine andere Folge: Es entstanden beiderseits des Kanals neue Städte, wie Port Said (Bur Said), Ismailiyya (nach Khedive Ismail benannt), El Qantara (der östliche Teil am Sinai, der westliche nahe des Nildeltas)
  26. Ein armenischer Ägypter
  27. Auch damals schon war das “Ägypten von Despotie befreien“ das “Thema”…auch: seine “Öffnung”, wie gegenüber China beim Opiumkrieg
  28. 1906 das Denshawai-Massaker der Briten; 1910 wurde Premier Boutros Ghali von ägyptischen Nationalisten wegen seiner probritischen Politik ermordet
  29. Das ist um einiges weiter südlich als die historische Grenze zwischen Ägypten und Nubien; noch Anfang des 19. Jh hatte das osmanische Eyalet Ägypten etwas südlich von Assuan geendet; dann kamen die Kriegszüge von Mohammed Ali und seinen Nachfolgern
  30. Grenzsteine und Militärposten errichtet,…
  31. Siehe zB www.quora.com/Is-the-Sinai-considered-Africa-or-Asia
  32. Es gibt noch einige Verbindungsstücke zwischen Afrika und Asien, Seychellen, Mauritius, Komoren, Sokotra,…
  33. Nach Hussans Tod 1917 folgte ihm sein Bruder Fuad
  34. Und das Abkommen der Aussenminister Sykes und Picot sowie die Versprechen an die Regionalherrscher auf der Arabischen Halbinsel
  35. “Nationalistisch” im Sinne des Strebens nach nationaler Selbstbestimmung
  36. Es brachte Ägypten auch in Schritten unter seine Kontrolle
  37. Aufgrund der (nominellen) Unabhängigkeit liess der nunmehrige König Fuad 1922 die Nationalflagge ändern, statt der seit Mohammed Ali bestehenden rot-weissen (der osmanischen bzw heutigen türkischen ähnlich) kam eine grüne mit einem weissen Halbmond und drei Sternen. Die Sterne standen entweder für Ägypten, Nubien, Sudan oder für Moslems, Christen, Juden. Auch die von Giuseppe Verdi komponierte Hymne von 1869 wurde ersetzt
  38. 1923 kam eine neue Verfassung
  39. Obwohl Ägypten schon 3500 Jahre Kultur hatte, als der Islam ins Land kam. Die Inspiration kam von Mohammed Abduh
  40. Ab 1914 gab es diese
  41. Zur Gruppe der westlichen Ausländer gehörte zB die Familie von Rudolf Hess. Seine Grosseltern waren in das damals osmanische Alexandria (Iskandariyya) ausgewandert, er lebte bis 14 (1894-1908) dort (erlebte also auch die britische Zeit), wuchs in Alexandria in der deutschsprachigen Gemeinschaft der Stadt auf und hatte wenig Kontakt mit den Einheimischen oder den Briten, die Ägypten verwalteten. Die Familie hielt Distanz zu Ägyptern, schon Briten und Franzosen waren verdächtig, Griechen und Italiener erst recht, hat von Land und Leuten kaum was wahr genommen. Auch wenn Michael Ley verbreiten will, die Moslembrüder seien in Alexandria mit Unterstützung /unter Einfluss von Hess’ Bruder gegründet worden…
  42. Weniger als 1% der Bevölkerung
  43. Sie waren zT staatenlos (darunter die meisten der ägyptischsten Juden), zT Ausländer (Bürger europäischer Staaten, va die Neueren, ein Teil davon fühlte sich aber ägyptisch); ein Teil bemühte sich um ägyptische Staatsbürgerschaft, als dies möglich war, Teil bekam sie
  44. Es gab auch später eingewanderte Mizrahis, zB aus dem Irak
  45. Die Monarchen der Alawiyya-Dynastie waren hell und un-ägyptisch, wie die Herrscher über Ägypten schon seit vielen Jahrhunderten
  46. Und anderer jüdischen Gemeinschaften in dieser Region
  47. Die Alliance Israélite Universelle (AIU) wollte auch hier den Juden „Zivilisation“ und dann Zionismus bringen, sie “ent-orientalisieren”
  48. Ein Haim Sha`ul war vor ’48 für  die jüdische Einwanderung von Ägypten nach Palästina zuständig, dann in Ägypten für die Jewish Agency, zur Organisation weiterer Auswanderung und anderer zionistischer Aktivitäten
  49. Das soll dahinter versteckt werden, wenn die damalige Propaganda von NS-Deutschland in Ägypten thematisiert wird bzw das wo sie positiv aufgenommen wurde (zB in Teilen der Ichwan/Moslembruderschaft)
  50. Es gab da auch einen religiösen Unterschied!
  51. Infolge der Nakba wurden auch Tarabin aus der Nagab in den Gaza-Streifen vertrieben, manche auch auf den Sinai, nach Jordanien,… Das Grenzgebiet Sinai – Negev/Nagab wurde dann strategisch sehr wichtig, Ägypten und Israel grenzen nur dort aneinander
  52. Zum Beispiel wurden 1958 türkisch-stämmige Bezeichnungen für Ränge im ägyptischen Militär geändert, zB Sirdar (General) in Fariq Awal umgeändert
  53. Manche rechnen die Ptolemäerin Cleopatra als Ägypterin
  54. Wobei dieses Byzanz am Schluss nur noch aus der Gegend um die Stadt herum bestand; und dem Griechenland das (ab) 1822 entstand, fehlten auch noch die meisten griechischen Gebiete. 1832 bis 1973 gab es zudem, mit der Unterbrechung 1924-35 (2. Republik), ausländische Königshäuser (Wittelsbach, Slesvig), aber weitgehendste griechische Selbstbestimmung
  55. Was diese Phase auf 1300 Jahre verlängert. Und unter dem zweiten Pahlevi gab es viel Fremdbestimmung aus dem Westen. Unter den darauf folgenden Mullahs aber eine ebenfalls un-iranische Re-Islamisierung
  56. Und, es gab in den Jahren nach dem Umsturz christen(kopten)feindliche Ausschreitungen, also gegen die Träger der vor-arabischen, ur-ägyptischen Kultur gerichtet
  57. Mit dem Adler des (kurdischen) Ayubiden Salahdin in der Mitte. Als der Herrscher über Ägypten geworden war, wurde ein Adler Symbol Kairos, in Anlehnung an antike Darstellungen, auf der unter ihm gebauten Zitadelle von Kairo abgebildet
  58. Ägypten wurde über den Kanal abhängig von GB (und Frankreich) und es gewann seine Unabhängigkeit über den Kanal wieder
  59. Und nach den Erfahrungen von 1948 und 1954 musste man davon ausgehen, dass Teile der jüdischen Gemeinschaft diese Politik in der einen oder anderen Form unterstützten
  60. Der früh den Zionismus in Palästina unterstützte
  61. Die Gabris verloren das Geschäft 1961, als es unter Nasser verstaatlicht wurde. Es waren also auch (moslemische oder christliche) Ägypter von dieser Politik betroffen; und unter den betroffenen Ausländern waren auch (christliche oder moslemische) Syrer
  62. Eingehende Schilderungen der soziopolitischen Verhältnisse unter den ägyptischen Juden in der ersten Hälfte des 20. Jh finden sich in verschiedenen Texten von Joel Beinin, s.u.
  63. Orebi/Littman (“Bat Yeor”), Maccabi, Nadav Safran,…
  64. Kahanoff sah “Westernisierung” als Lösung für ägyptische Probleme. Bis 56 sahen das auch viele andere Ägypter so, als Ägyptens Streben nach Selbstständigkeit mit einer westlich-zionistischen Invasion beantwortet wurde
  65. Wernher von Braun wurde von niemanden gehindert, sein Know How aus der Nazi-Zeit an die USA weiter zu geben, wo daraus nicht nur ein ziviles Weltraumfahrtprogramm erwuchs, sondern auch militärische Raketen wie die “Redstone”. Dies ist ein Privileg des weissen Mannes. In die Mossad-Kampagne gegen Ägypten wurde auch der SS-Veteran Otto Skorzeny eingespannt
  66. Angesichts des Truppenaufmarsches am Sinai, der Wegweisung der Blauhelme dort (die Israel auf seinem Gebiet ja nicht haben wollte…), der Sperre der “Strasse von Tiran” und der Rhetorik durch Nasser
  67. Amer wurde nach dem Krieg aller Funktionen entbunden, dann eines Komplotts gegen Nasser angeklagt, unter Hausarrest gehalten, wo er im September 67 wahrscheinlich Selbstmord verübte
  68. Und zu einer Welle der Israel-Solidarität unter Rechten im Westen. Schliesslich wurden die unzivilisierten Orientalen in die Grenzen gewiesen. “In manchen Fällen ließ sich sogar eine persönliche Identität von begeisterten Frontberichterstattern des Dritten Reichs und Bewunderern Israel nachweisen.” – Helmut Spehl: Spätfolgen einer Kleinbürgerinitiative. Deutschland, Israel und die Palästinenser (1979)
  69. Und, im Rahmen von Gefangenenaustauschen kamen Spione und Saboteure frei, wie die ’54 Verurteilten
  70. Aber eigentlich war der Sinai auch „befreites Land“, wie „Samaria“, “Galiläa”,…
  71. Israelis überquerten den Kanal im Süden, die Ägypter im Norden, es kam zu einer Entflechtung bzw dem Status quo ante bellum
  72. Der Unterschied zu den jüdischen Siedlern, die zB Widerstand (gg ihre Soldaten) leisteten, als sie 82 “Yamit” verlassen mussten: Dort wurde nicht scharf geschossen. Den Unterschied gibt’s auch beinahe täglich in der “Westbank”
  73. U. a. mit dem ägyptischen Vize-Aussenminister Boutros Boutros-Ghali
  74. Für das Arabisch-Programm des israelischen Rundfunks
  75. Auch die Nationalhymne wurde anlässlich des Abkommens geändert. Ende der 1950er war “Wallāhi Zamān, Yā Silāḥī” Hymne Ägyptens geworden, oft gesungen von (und assoziiert mit) “Umm Kulthum” (Fatima ʾIbrāhīm as-Sayyid al-Biltāǧī), 1900-75. Die wichtigste Sängerin Ägyptens hat auch Präsident Nasser in Liedern gepriesen, wie auch Abdel Halim Hafez. Sadat wollte 79 eine andere Hymne, eine weniger “militantere”. Es heisst, Umm Kulthum ist in Israel, unter Mizrahi-Juden und Palästinensern, auch beliebt. Sie war vor der Ausrufung Israels im Alhambra-Kino in Jaffa aufgetreten. Während der Revolution in Ägypten im Arabischen Frühling, ist, u.a. auf dem Tahrir-Platz, ihre Musik aus vielen Lautsprechern geklungen
  76. So wie zB über das Wirken von Nazideutschland in der Ukraine, im Gegensatz zu den Russen…
  77. Unter den “Downs” bei den Negev-Beduinen sind auch Zwangs-Umsiedlungen, Vertreibungen,…
  78. Hier wäre es interessant, auszuführen, was mit interfere/einmischen genau gemeint ist/war, und zwar für die Verantwortlichen des israelischen Militärs
  79. Dessen Freunde immer mit seiner technologisch-zivilisatorischen Überlegenheit protzen, und Moslems/ Orientale als “Ziegenficker” titulieren
  80. Und Tourismus die wichtigste Einnahmequelle Ägyptens, neben den Durchfahrtsgebühren für den Suez-Kanal und den Überweisungen von Auslands-Ägyptern
  81. Was auch nicht gerade für sie sprechen würde
  82. Bei Sisi ist es jetzt ähnlich
  83. Präsident Mursi machte dann die Auflösung rückgängig
  84. Wie jenes in der Türkei gegenüber Erdogan
  85. Schinoda war unter Sadat 81 interniert worden, um dessen damaliges Vorgehen gegen die Moslembrüder “aufzuwiegen…
  86. Zuerst gegen den Westen, ab Ende der 70er mit/für ihn
  87. Was in Erinnerung ruft, dass die Fremdherrscher Ägypten nicht nur kulturell und historisch sondern auch ethnisch geprägt haben
  88. Unabhängig von der Frage, ob der Sinai jetzt doch zu Asien gehört; in diesem Fall wäre Ägypten ein transkontinentales Land, wie zB auch Russland
  89. Präsident Mubarak hat in den 80ern Sharm al-Sheikh zu seiner Sommer-Hauptstadt gemacht, an der Transformation am Sinai damit auch persönlich mit-gewirkt
  90. Kaum Bezüge zur antiken Hochkultur mit Pharaonen und Pyramiden
  91. Die in Gegnerschaft zur Hamas stehen; unter Mursi hat Ägypten ansatzweise mit der Gaza-Verwaltung zusammengearbeitet, etwa nach einer salafistischen Attacke im August 2012, bei der 16 ägyptische Grenzpolizisten getötet wurden
  92. Was sich Israel entgegen aller Grossspurigkeit doch nicht leisten kann. Während des Gaza-Massakers ’12 zog Mursi den Botschafter seines Landes aus Israel ab, liess den israelischen in Ägypten einbestellen
  93. Zum Beispiel ist Ägypten das bevölkerungsreichste arabische Land
  94. Etwas vereinfacht gesagt. Im Irak zB gab es auch Babylonier und andere vor-arabische/vor-islamische semitische Völker. Und in der islamischen Zeit “entstand” im nördlichen Mesopotamien das kurdische Volk, aus Iranern und Anderen. Und auch Osmanen/Türken und Andere haben ihre “Spuren” hinterlassen
  95. In seiner territorialen, ethnischen und teilweise historischen Kontinuität
  96. Sisi, der Militär-Präsident, der das Land Saudi-Arabien unterwirft, sich mit dessen Hilfe an die Macht putschen konnte, ist auch Ägypter
  97. Bei ihm ist “arabisch” so etwas wie ein Synonym für “orientalisch”, also die Region Nordafrika-Westasien betreffend
  98. Im Libanon gibt es auch den Libanonismus (libanesische Identität über einer arabischen) und den Phönizianismus (libanesische Identität unter Ausschluss einer arabischen)
  99. Im Iran gab es unter dem letzten Schah einen nicht-moslemisch orientierten Nationalismus, der aber dem Islamismus der Mullah das Feld bereitete, so restriktiv er war; der Sturz von Premier Mossadegh war in jener Zeit, als in Ägypten Nasser an die Macht kam
  100. Die sich diesen Unmut bei ihrem Machtkampf gegen die Omayaden auch zu Nutze machten, dann mehr Nicht-Arabisches zuliessen
  101. Bezog sich dabei auf den koptischen Ägypter Sami A. Hanna, der so etwas Ähnliches einige Jahre zuvor formuliert hatte
  102. Eigentlich sind es zwei Kirchen, da sich auch hier (wie bei anderen orientalischen Kirchen) ein Zweig mit der Römisch-Katholischen Kirche “assoziiert” hat, der andere unabhängig geblieben ist
  103. Ein kleiner Rest jener Konfession, die Ägypten einst tief geprägt hat
  104. Was ist die Henne, was das Ei?
  105. ’17 ein Daesh-Anschlag auf eine Sufi-Moschee am nördlichen Sinai mit über 300 Toten!
  106. Auch jene koptischen Ägypter, die solidarisch mit den Palästinensern sind – diese sind eben Nachbarn Ägyptens, nicht unbedingt “arabische Brüder”
  107. In Iran, Libanon, Irak, Syrien,… sind es auch nicht-moslemische Gemeinschaften, die die alternative Nationsidee besonders tragen, ihre Identität als “Verlängerung” des vor-islamischen/ vor-arabischen Charakters des Landes sehen; und dort gibt es auch Teile, die sich eher von der Mehrheitsgesellschaft abschliessen
  108. Der Schritt von (Teil-) Persern wie Kazem Mousawi, Sama Maani, Mehrdad Beiramzadeh, “tangsir” zu solchen wie David Ali Sonboli und Udo Landbauer ist ein kleiner…
  109. Unter denen es, nebenbei, auch viele Christen gibt
  110. A la Ralph Raschen, Florian Niederndorfer, Norbert Jessen, Tobias Huch,…
  111. Da wird dann auch schnell pathologisiert
  112. Väterlicherseits türkische Ägypter
  113. Nakoula und 6 weitere koptische Exilanten wurden im Post-Mubarak-Ägypten wegen des Mohammed-Schmähfilms in Abwesenheit wegen Blasphemie zum Tode verurteilt
  114. Schreibt vom islamischen Faschismus, für den aber eher die Saudis stehen als Mursi, hinter dessen Absetzung diese stehen und die er unterstützte; er hat den Islam zu viel studiert, diverse islamische Realitäten zu wenig; natürlich sind gewisse Deutsche entzückt von ihm
  115. Dazu Gerayer Koutcharian in “Im Land der Rosen und Nachtigallen. Eine armenische Jugend im Iran”, in: Tessa Hofmann (Hg.): Armenier und Armenien – Heimat und Exil (1994): „Als ich selbst am Ende meiner Jugend den Iran verliess, um in Deutschland zu studieren, tat ich dies in der Absicht, nie mehr in das Land meiner Kindheit zurückzukehren. Ich hielt damals den Iran für mein rein zufälliges Geburtsland… Ich sehnte mich nach Europa, von dem ich, wie viele orientalische Christen, naiverweise annahm, es würde mich mit offenen Armen empfangen und mit Solidarität und Wärme ausgleichen, was wir als Minderheitenangehörige in unseren orientalischen Ghettos inmitten muslimischer Völker entbehrt hatten. Ich hatte mich gründlich getäuscht. Ich geriet in eine materialistisch orientierte Industriegesellschaft, der meine Herkunft, mein Schicksal und meine Religion völlig gleichgültig schienen…“
  116. Übrigens, die Pyramiden und andere alt-ägyptische Bauwerke sind von dieser “Gruppe” und ähnlichen auch schon bedroht worden
  117. Und nannte Khomeini einen Terroristen
  118. Das lässt sich über Persien/Iran auch sagen

Israel und die Apartheid

 

1

Rima Khalaf, eine der UN-Unter-Generalsekretäre, verfasste 2017 einen Bericht, in dem sie eine Apartheid-Politik Israels gegenüber den Palästinensern konstatierte. UN-Generalsekretär Antonio Guterres liess den Bericht zurückziehen bzw von der UN-Webseite verschwinden… Israels UN-Botschafter “Danny” Danon (marokkanischer Herkunft) nannte Khalaf prompt eine “Antisemitin”. Danon, der sich dafür ausspricht, die israelische Souveränität (auch offiziell) über die “Westbank” auszudehnen, gegen eine Friedenslösung mit den Palästinensern ist, der für jede “Rakete” die aus Gaza abgefeuert wird, eine Wohngegend in diesem “Streifen” “auslöschen” lassen will. Und das sind nur jene Äusserungen von ihm, die im englischen Wikipedia-Artikel über ihn trotz entsprechender Bemühungen (noch) nicht gelöscht worden sind. Zu ihm und seiner Reaktion zur Attestierung der Apartheid kann man aufgrund seines “Hintergrunds” sagen, “QED”. Aber er ragt aus seiner Partei diesbezüglich nicht heraus, ist ein normaler Likudnik.2 In diesem Artikel geht es um die Zusammenarbeit von Israel mit Südafrika zu Apartheid-Zeiten; die Gemeinsamkeiten dieser Systeme bzw die Analogie; Entwicklungen im Post-Apartheid-Südafrika mit Relevanz bezüglich Israel; Israels Politik gegenüber Afrika; diesen Systemen zugrunde liegende Denkweisen, Entwicklungen, Querverbindungen, sowie den Diskurs über Zionismus und Apartheid.

Die Zusammenarbeit von Israel und Apartheid-Südafrika

Südafrika war zu Apartheid-Zeiten einer der wichtigsten und engsten Partner Israels, was sich ja auch daran zeigt, dass sich diese Partnerschaft sehr tief in den “Sicherheits”-Bereich hinein erstreckte. Mit der Demokratisierung Südafrikas gab es einen scharfen Bruch in der Beziehung dieser Länder, vor allem fehlte jetzt das gemeinsame ideologische Fundament, das man zuvor sah.

Ein Blick zurück: Als 1910 die Südafrikanische Union (als britisches Dominion) entstand, waren Nicht-Weisse (die Bevölkerungsmehrheit) bereits klar Bürger zweiter und dritter Klasse. Innerhalb des weissen Bevölkerungssegments gab es eine Trennlinie, die nicht (ganz) deckungsgleich mit jener zwischen Afrikaans- und Englisch-Sprachigen war, jene zwischen den Anhängern der SAP (South African Party) und der NP (Nasionale Party, Vorgängerin der Apartheid-Partei). Dieser Konflikt drehte sich hauptsächlich um das Verhältnis zu Grossbritannien und entzündete sich im 1. Weltkrieg vollends. In der Zwischenkriegszeit wurde die NP öfters an Regierungen der SAP beteiligt, vereinigte sich schliesslich 1934 mit ihr zur United Party (UP). Ein Teil der NP, unter Daniel F. Malan, gründete aber 1935 die Gesuiwerde Nasionale Party (GNP). Als in Europa der “2. Weltkrieg” ausbrach, spaltete sich die UP, Premierminister James B. Hertzog3 war dafür, dass Südafrika neutral bleibt, der Flügel um Jan C. Smuts für den Kriegs-Eintritt an der Seite von GB bzw den Alliierten. Smuts setzte sich durch, wurde Premier, Hertzog einigte sich zunächst mit Malan und der GNP, auf die Gründung der Herenigde Nasionale Party (HNP).

Zu den Differenzen zwischen Hertzog und Malan gehörte, dass zweiterer für einen Kriegseintritt an der Seite des nationalsozialistischen Deutschen Reichs bzw der Achsenmächte war. Daher spaltete sich eine Fraktion unter Hertzog von der HNP ab, gründete die Afrikaner Party (AP). Während südafrikanische Truppen in Afrika, Europa und Asien an der Seite der Alliierten kämpften, gab es in Südafrika viel Aktivismus für Nazi-Deutschland, von Organisationen wie der Ossewabrandwag (OB), aber auch der oppositionellen HNP unter Malan.4 Das Hitler-Regime sah ausser-europäische Kolonien nicht als Priorität (eher die Weltherrschaft), erwartete aber von einer mit ihm sympathisierenden Regierung Südafrikas eine Rückgabe von Südwestafrika, des ehemaligen deutschen Schutzgebiets (das wichtigste), das seit dem 1. WK von Südafrika verwaltet wurde. “Dafür” sollte sich Südafrika britische Kolonien im südlichen Afrika einverleiben, wie Swaziland, Bechuanaland (> Botswana), Basutoland (> Lesotho) und Southern Rhodesia (> Zimbabwe).

Aber, bei der Wahl 1943 setzte sich nochmal klar die UP vor der HNP durch; und das war einige Monate nach der Kriegswende in der Schlacht von Stalingrad. In beiden weissen Lagern gab es Sympathie für die Sache der Zionisten in Palästina (die zu jener Zeit auch konkretisiert wurde), sah man Gemeinsamkeiten zu Anliegen der Weissen in Südafrika. Jan Smuts (SAP, UP), der probritische, in der Zwischenkriegszeit dominierende Politiker, hatte Kontakte zu Chaim Weizman und der zionistischen Bewegung. Er unterstützte die Gründung Israels, über seine Verbindungen mit wichtigen britischen Politikern. Die engen Beziehungen zwischen Südafrika und Israel wurden von ihm begründet. Südafrika war unter den 33 Staaten, die 1947 für den umstrittenen UN-Teilungsvorschlag für Palästina stimmten, einer von nur 4 Commonwealth-Staaten. Und es war einer der ersten Staaten, die die Ausrufung “Israels” in Palästina anerkannten. Diese Proklamation geschah am 14. Mai 1948, wenige Wochen später wählte Südafrika, bzw seine weissen Bürger5, ein neues Parlament.

Die HNP besiegte die UP, bildete eine Koalition mit der AP, Daniel Malan wurde Premier. Die beiden Parteien vereinigten sich einige Jahre später zur (neuen) Nationalen Partei (NP). Während in Südafrika auf Grundlage einer sauberen (nicht geschobenen) Wahl6 die Apartheid-Politik begann, lief in Palästina die entscheidenden Phase der Nakba an. Und in diesem “israelischen Unabhängigkeitskrieg” gab es schon eine Unterstützung durch Südafrika für die zionistische Seite. Jedenfalls liess die südafrikanische Regierung tausende Juden aus Südafrika nach Palästina ziehen, wo sie für die Gründung Israels kämpften.7 Israel war bzw wurde Teil des global vorherrschenden weissen Systems. Die Apartheid in Südafrika brachte ein Ende einer “milden” Rassentrennungs- (und -diskriminierungs) politik, brachte für die Nicht-Weissen weitere Verschlechterungen, Entmachtungen; nicht umsonst hatte auch ein Wahlkampf-Slogan der NP gelautet “Die kaffer op sy plek”.8 Sie brachte aber auch eine schrittweise Machtübernahme der Afrika(an)ner/ Buren auf Kosten der Englisch-Sprachigen. Buren standen von nun an vorwiegendst hinter der regierenden NP, englischsprachige Weisse hinter der oppositionellen UP. Die Juden Südafrikas standen meist an der Seite der Englischsprachigen, mit denen sie Vieles teilten, bzw waren (sind) Teil davon.

Die NP vertrat einen Afrikaaner-Nationalismus, der sich nicht nur gegen die Schwarzen im Lande richtete, sondern auch WKII-revisionistisch bzw prodeutsch war, im Grunde auch anglophob und antijüdisch. Die nun von der NP gestellten südafrikanischen Regierungen sahen die Juden im Land als Weisse, was auch kohärent war, da der allergrösste Teil davon aschkenasisch war, die meisten litauischer Herkunft. Und somit hell genug9, im Gegensatz zu vielen Israelis, die damals (meist frisch umgesiedelt) selbst noch Bürger zweiter Klasse waren. Ausserdem konnte man es sich angesichts der demographischen Verhältnisse nicht leisten, einen Teil der Bevölkerung den “Farbigen” zuzuschlagen, der für die “Weissen” in Frage kam. Man wollte Juden auch aus wirtschaftlichen Gründen nicht vergraulen. Es gab auf der Seite der Buren/Afrikaaner die typische rechte Bewunderung für Israel10, hier verstärkt durch die Wahrnehmung von Gemeinsamkeiten und den (zum Teil fundamentalistischen) Calvinismus. Der klassische Antisemitismus bei rechten Afrikaanern trat unter diesen Umständen in den Hintergrund, auch dies klassisch.

Buren haben die Portugiesen einst als „Seekaffer“ verachtet… dann aber viele von ihnen “eingevolkt”11. Und die portugiesische Kolonialherrschaft im südlichen Afrika wurde nun auch ein Verbündeter der weissen Minderheitsherrscher Südafrikas; nach ihrem Ende strömten auch wieder portugiesische Siedler von dort nach Südafrika. In der Not frisst der Teufel Fliegen. Zu Apartheid-Zeiten waren in Südafrika natürlich nur weisse Einwanderer erwünscht. Aber: Katholiken, Anglosachsen sowie Ost-Europäer waren eigentlich unerwünscht. Es blieben Niederländer, Deutsche, Skandinavier…12 Die heutigen Schwierigkeiten von burischen Rechten bei der internationalen Zusammenarbeit und dem Allianzen-bilden im Inneren stehen auch in diesem Zusammenhang.

Malan besuchte Israel das erste Mal 1953.13 Jener Malan, der 1930 als Innenminister ein Einwanderungsgesetz ausarbeitete, das Nordwest-Europäer bevorzugte und jüdische Einwanderung erschwerte. Als 1937 unter einer UP-Regierung ein neues Gesetz die Einwanderung nach Südafrika betreffend kam, protestierte der damalige GNP-Chef und Oppositionsführer Malan dagegen, forderte u. a. das Verbot jüdischer Einwanderung, die Streichung von Jiddisch als anerkannte europäische Sprache die Einwanderung betreffend, keine weiteren Einbürgerungen jüdischer Immigranten, das Verbot der Ausübung gewisser Berufe für Juden.14 Malans Nachfolger als Premier, Johannes G. Strijdom, klagte in seinen früheren Jahren über den “britisch-jüdischen Kapitalismus“. Hendrik F. Verwoerd wurde während seines Studiums in Deutschland (vor der NS-Zeit) mit völkischen Ideologien bekannt. Später protestierte er in Südafrika gegen den Kriegseintritt auf Seiten der Alliierten und gegen die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge. Johannes B. Vorster war zu dieser Zeit in der Ossewabrandwag aktiv. Auch Pieter W. Botha beteiligte sich an Aktionen, die sich gegen die Beteiligung Südafrikas am Kampf gegen Nazi-Deutschland richteten. Sie alle fuhren dann als Herrscher Südafrikas eine pro-israelische Politik. Auf den ersten Blick ein Widerspruch.

Die Zusammenarbeit zwischen Südafrika (wo Nicht-Weisse Menschen zweiter und dritter Klasse waren) und Israel (das sich damals über ein Gebiet erstreckte, das von Nicht-Juden grossteils “gesäubert” war) war in den 1950ern und frühen 1960ern hauptsächlich eine wirtschaftliche. Jene im „Sicherheits-” (Unterdrückungs-) Bereich kam erst danach auf Touren. Südafrika hatte für die Weltwirtschaft wichtige Bodenschätze, Gold, Diamanten, Uran, und der Handel mit den grossteils von “farbigen” Arbeitskräften geförderten Rohstoffe war seit Ende des 19. Jh die Stütze der Wirtschaft des Landes. Der Handel mit Diamanten war zentral in der israelisch-südafrikanischen Partnerschaft, und diese schloss die südafrikanischen Juden zu einem Dreieck mit ein. Anglo-American/DeBeers (Ernest Oppenheimer) kontrollierte die Förderung in Südafrika und ihre Verarbeitung in Israel (v.a. von Industriediamanten) sowie in Antwerpen (v.a. für Schmuck), dominiert(e) den Weltmarkt. Theophilus E. Dönges, damals Innenminister des Apartheid-Regimes15, hat zB 1953 bei einer Feier der jüdischen Gemeinde von Worcester (damals Kap-Provinz) gesagt, es gäbe sicherlich eine “Verwandtschaft” zwischen Juden und Afrikaanern und gratulierte zu den wirtschaftlichen Errungenschaften der Juden.

Den South African Jewish Board of Deputies (SAJBD) befriedigten solche Bezeugungen bezüglich der Lage der Juden in Südafrika unter NP/Apartheid-Regierungen. Die Beziehung war aber nicht unkompliziert. Zumal die Juden Südafrikas englisch geprägt waren und auch überwiegend die Oppositionspartei UP wählten. In der UP gab es verschiedene Flügel, die sich hauptsächlich an der Haltung zur Apartheid bzw zur Mitbestimmung der Nicht-Weissen schieden. 1959 spaltete sich der liberale Flügel der UP, mit Helen Suzman und anderen Juden, ab und gründete die Progressive Party (PP).16 Als Suzman 1959, noch als UP-Abgeordnete, im (weissen) Parlament die Behandlung von schwarzen Arbeitern auf weissen Farmen thematisierte, kam von NP-Abgeordneten gleich der Hinweis auf die jüdische Identität von ihr und anderen UP-Politikern. Ein gewisses Ressentiment hielt sich bei rechten Afrikaanern gegenüber Juden, bei aller Bewunderung für Israel, kam hie und da zum Vorschein.

Israel konnte sich an den Westen anlehnen (anfangs hauptsächlich Frankreich, ab dem Krieg 67 die USA), ging Allianzen mit “antikommunistischen” Regimen wie der Militärdiktatur über Argentinien ein17, versuchte Verbündete in der weiteren Region zu finden18 (wie Iran unter dem letzten Schah19), und, es versuchte auch, in der “Dritten Welt” Einfluss zu gewinnen20 – so auch in Schwarz-Afrika ab den 1950ern. In dieser Phase stimmte es zweimal, 1961 und 1966, in der UN gegen Südafrika, ging auf Distanz zur Apartheid, um Alliierte unter den unabhängig gewordenen afrikanischen Staaten zu finden. 1961 ging es um eine Resolution zur Verurteilung der Apartheid21, 1966 um die Aberkennung des Mandats über Südwestafrika (Namibia). Dadurch wurde die Beziehung mit Apartheid-Südafrika kühler, konkret von Anfang der 60er bis 73, wobei 67 schon eine Rückverschiebung brachte.22 Südafrikas Premier 1958-1966, Hendrik Verwoerd, empörte sich 1961:

“Israel is not consistent in its new anti-apartheid attitude … they took Israel away from the Arabs after the Arabs lived there for a thousand years. In that, I agree with them. Israel, like South Africa, is an apartheid state.”

Ausserdem schrieb Verwoerd damals einen privaten Brief, der öffentlich wurde, in dem er Israels aktuelle Politik mit den Juden Südafrikas in Verbindung brachte, deren Unterstützung der PP, ihren Verbindungen zu Israel, und ausschloss, dass seine Regierung/Partei jemals “antisemitisch” agieren würde. Der SAJBD hat danach seine Loyalität “zu Südafrika” bekundet, beziehungsweise zu dem Regime, das gut zwei Drittel der Südafrikaner von politischer und ökonomischer Partizipation ausschloss. Israel hat aber auch damals mit diesem Regime an einem Strang gezogen. Etwa beim Versuch der Sezession Biafras von Nigeria 1967-70; dass auch Portugal dabei mit an Bord war, unterstreicht, dass es nicht um afrikanische Anliegen ging, im Gegenteil.23 Und, entgegen der diplomatischen Offensive gegenüber Afrika begann Israel in den 1960ern auch mit einer nuklearen Zusammenarbeit mit dem Apartheid-Regime. Uran-Lieferungen Südafrikas gegen nukleare Technologie und Know-how von Israel. Südafrika begann sein (zunächst ziviles) Atomprogramm so, Israel (das schon einige Schritte näher bei der Atombombe war) fand einen Partner der Frankreich ersetzte. Bei Israels Krieg 1967 half Südafrika unter Premierminister Vorster u.a. mit der Lieferung von Kampfflugzeugen.

Die Apartheid wurde nicht selten mit dem Kalten Krieg und Antikommunismus argumentiert; die globale Block- bzw Systemkonfrontation begann auch ziemlich parallel zum Apartheid-System in Südafrika. Die Vorenthaltung staatsbürgerlicher bzw politischer Rechte für Menschen, die man als “rassisch minderwertig” betrachtete, konnte so etwas beschönigt werden – heute verwendet man dafür gerne das “Islamismus”-Etikett. Dass die (erste) kommunistische Partei Südafrikas, die CPSA, auch für Nicht-Weisse offen war und Gleichberechtigung der schwarzen Völker Südafrikas (Zulus, Xhosas,…), der Asiaten und “Farbigen” befürwortete, sagt aber etwas Gutes über diese Partei aus, nicht etwas Schlechtes über diese Gleichberechtigung… Der NP-Propaganda fiel es aber so leichter, politische Rechte für Schwarze mit Kommunismus zu verbinden. Die CPSA wurde 1950 verboten, einige Jahre später im Untergrund als SACP neu gegründet.

Brian Bunting’s Vater war einer der Gründer der CPSA gewesen, er engagierte sich in der SACP. Im 2. WK diente Brian Bunting im südafrikanischen Militär; er weigerte sich zunächst an diesem Krieg teilzunehmen, in dem “zwei imperiale Mächte um mehr Territorium kämpften”, änderte aber seine Meinung, nachdem Nazi-Deutschland die SU angegriffen hatte. 1952/53 war er einer von drei (weissen) Abgeordneten, die Schwarze wählen durften – etwas, das dann auch bald abgeschafft wurde. 1953 verlor er seinen Parlamentssitz wegen seines kommunistischen Aktivismus’. Er arbeitete fortan als Journalist, und im Zentralkomitee der SACP, die sich im Untergrund mit dem African National Congress (ANC) verbündete. 1963 musste er ins Exil gehen, wie viele andere Anti-Apartheid-Aktivisten, nach GB. 1964 kam von ihm „The Rise of the South African Reich“ heraus, eine Analyse des Apartheid-Systems (siehe Literatur). 1991 konnte er nach Südafrika zurück kehren, durch die erste freie Wahl 1994 wurde er wieder Abgeordneter.

Die meisten südafrikanischen Juden unterstützten die Apartheid nicht, forderten sie aber nicht heraus. Die Juden Südafrikas (deren Zahl sich seit Jahrzehnten konstant bei etwas über 100 000 hält) unterstütz(t)en Israel durch immense Geld-Überweisungen (Schenkungen). Da das Apartheid-Regime Südafrikas und Israel sehr lange eng zusammen arbeiteten, gab es, wie erwähnt, ein Dreieck zwischen diesen und den südafrikanischen Juden (dem Hauptstrom). Der Hauptstrom der südafrikanischen Juden lehnte sich an die englischsprachigen Weissen an, und deren “elastische” Liberalität.24 Die offizielle Organisation der Juden in Südafrika, der SAJBD, hielt sich zur Apartheid-Zeit dieser gegenüber sehr zurück mit Kritik; mit Kritik an (echter) jüdischer Opposition zur Apartheid tat man sich schon leichter. Juden, die die Apartheid offen bzw aktiv unterstützten, waren selten. Vera Reitzer ( 1921–2006, geborene Schön), eine Holocaust-Überlebende aus Europa, war so eine.25

Sie schloss sich der NP an, als diese Rassengesetze erliess, die an die Nürnberger Gesetze von 1935 erinnerten. Rassengesetze auf Grundlage der Einteilung der Bevölkerung in vier Rassen (s.o.). Verteidigte die Apartheid auch mit der “Gefahr des Kommunismus”, liess aber gegenüber McGreal vom “Guardian” durchblicken, dass sie Schwarze für minderwertiger hielt. Sie war ein respektiertes Mitglied der jüdischen Gemeinde Johannesburgs, im Gegensatz zu jenen Juden, die die Apartheid bekämpften. Der Grossteil unterstützte aber weder NP noch SACP, sondern PP oder UP (bzw ihre Nachfolgeparteien). Nachdem Premier Verwoerd 1966 im Parlament getötet wurde, sagte der damalige Verteidigungsminister Pieter Botha dort zur PP-Abgeordneten Suzman auf Afrikaans, „Ihr Liberalen habt es getan, wir kriegen euch.“ Es war aber ein Parlamentsdiener mosambikanisch-griechischer Herkunft gewesen, im Apartheid-System als „Farbiger“ eingestuft, nicht privilegiert wie Suzman. Und die Liberalen sind eben immer davor zurückgeschreckt, das Apartheid-System wirklich heraus zu fordern, die Grenzen zu überschreiten, die ihnen dieses System setzte. Und Botha (der 1977 auf einem NP-Parteitag sagte, Südafrika entwickle sich in eine Richtung in der sich Israel seit 1948 befinde) entschuldigte sich dann bei Suzman.

Der Vice-Chancellor (also Rektor) der Universität Stellenbosch, J. S. Gericke, sagte 1968 auf einem Kongress des FAK (wie der Afrikaner Broederbond/AB, dem Gericke ebenfalls angehörte, ein wichtiges Afrikaaner-Netzwerk) vor einem Trend zu offenen Diskussionen und schädlichen Einflüssen aus dem Westen, nannte dabei den (jüdischen) französischen Studentenführer Daniel Cohn-Bendit. Von Israel hatte aber auch Gericke eine hohe Meinung. Cohn-Bendit ist heute auch auf zionistischer Linie. Und eine Diskriminierung von Juden gab es nicht unter der Apartheid. Der Patient, dem Christiaan Barnard 1967 als erstem Menschen ein Herz transplantierte, war ein ebenfalls aus Litauen stammender Jude, der von dort aber erst spät auswanderte, zur frühen SU-Zeit.26

Südafrikanische Juden die aktiv gegen die Apartheid kämpften, wie die Slovos, Dennis Goldberg oder Ronald Kasrils, machten einen überproportionalen Anteil in diesem Kampf aus (zumindest unter Weissen, als die sie galten); diese Juden waren/sind meist auch antizionistisch und weich(t)en nicht nur in dem Punkt von der Linie der offiziellen Organe der Juden Südafrikas ab. Diese Juden waren in CPSA bzw SACP aktiv und radikaler Widerstand gegen die Apartheid von Weissen gab es eigentlich nur dort (oder direkt im ANC, mit dem die SACP verbunden war). Als der damalige südafrikanische Präsident Jacob Zuma in einer Grussbotschaft zur Konferenz des SAJBD 2015 der jüdischen Gemeinschaft Südafrikas eine historische Rolle beim Kampf gegen die Apartheid gutschrieb, hat er die Definition von diesem Widerstand wahrscheinlich auch auf die Progressive Party und die Suzmans ausgedehnt. Es gab/gibt auch solche, die “dazwischen” standen/stehen; wie Arthur Goldreich, ein Künstler, der bei der Schaffung Israels militärisch mithalf, nach Südafrika auswanderte, sich dort gegen die Apartheid engagierte (nicht in der PP sondern in der SACP und im Umkreis von Mandela), 1963 verhaftet wurde, über Swasiland flüchtete, wieder nach Israel ging, diesen Staat aber auch kritisierte27, ein moderater/kritischer Zionist wurde/blieb.

Die Ent-Kolonialisierung Afrikas nach dem 2. WK kam ja besonders in den frühen 1960ern in Gang. Südafrika war ein Sonderfall, eine Art innere Kolonialherrschaft, ähnlich wie in (Süd-) Rhodesien, wo sich die Siedler unabhängig von der Kolonialmacht erklärten. Algerien (in “Braunafrika”) wurde von der Kolonialmacht als Teil des Mutterlands gesehen – nicht aber das Gros der Bevölkerung…28 Während dort 1962 ein blutiger Unabhängigkeits-Kampf zu Ende ging, wurde die DR Kongo (nach der Unabhängigkeit 1960) Opfer von westlichem Neo-Kolonialismus. Die globale Entkolonialisierung bewirkte, dass es in internationalen Gremien (von den UN bis zum IOC) zunehmend nicht-weisse Mitgliedsstaaten gab, die die “Beseitigung” der Reste des westlichen Kolonialismus andernorts vorantrieben. In Südafrika war es hauptsächlich der ANC, der den Kampf aufnahm und, nach der Verhaftung von Nelson Mandela und Anderen, vom Untergrund bzw dem Exil weiter führte. Die Situation im südlichen Afrika radikalisierte sich in den 1960ern, der ANC tat sich mit der SWAPO (Südwestafrika/Namibia, von Südafrika beherrscht), MPLA (Portugiesisch-Westafrika/Angola), FRELIMO (Portugiesisch-Ostafrika/Mocambique), ZANU (Rhodesien/Zimbabwe) zusammen, die ähnliche Kämpfe führten.

Und, die SU (bzw der Ostblock) begann, antiimperialistische Kräfte in Afrika zu unterstützen29, während die Kräfte der weissen Vorherrschaft in der Region mit dem Westen verbündet (bzw Teil von ihm) waren, somit wurde das südliche Afrika für einige Jahrzehnte Schauplatz des Kalten Kriegs. Viele unabhängige afrikanische sowie asiatische Staaten unterstützen den “antiimperialistischen Block”, auch manche arabische und islamische Staaten (nicht zB Iran unter dem Schah oder Saudi-Arabien). Israel war aber ohnehin längst auf der Gegenseite. Arbeitete mit Apartheid-Südafrika auch schon eng zusammen bevor Gamal-Abdel Nasser in Ägypten an die Macht kam (1952 bzw 1954) und zB den Unabhängigkeitskampf Algeriens unterstützte. Dem Apartheid-Regime gelang es aber sogar in Schwarzafrika “Partner” bzw nützliche Idoten zu finden, mehr zur Detente-Politik unten.

Ja, Nelson Mandela hatte die Courage und den Stolz, sich am Guerilla-Krieg gegen die Apartheid-Politik in seinem Land zu beteiligen. Das wurde durch sein Versöhnungswerk nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis 1990 (während seiner Präsidentschaft, davor und danach) ganz in den Hintergrund gedrängt (und auch diese Unterdrückungspolitik selbst…), aber es gab vor dem grossväterlichen, milden Nelson Mandela (glücklicherweise) einen anderen.30 Als Mandela 1962 verhaftet wurde (angeblich nachdem die CIA die Apartheid-Behörden über seinen Aufenthaltsort informierten), hatte er bei den Verhören mit dem Polizei-Offizier “Rooy Rus” Swanepoel zu tun, einem grossen Israel-Freund. Mandela bekam den Friedens-Nobel-Preis 1993 nicht für seinen Widerstand gegen das Apartheid-System, sondern für seine Verhandlungen bzw die Einigung mit diesem…

Sein Haupt-Verhandlungspartner, der damalige südafrikanische Präsident Frederik W. de Klerk, bekam zusammen mit ihm den Preis.31 Beim aktuellen Dalai Lama (T. Guatso) oder Aung S. S. K. war Widerstand gegen ein diktatorisches System ausreichend (in diesen Fällen zwei nicht-westliche), nicht eine Einigung mit diesem. Widerstand gegen westliche Diktaturen wird selten belohnt, auch literarischer nicht. Mandela bekam Rettungsringe zugeworfen, als er das rettende Land bereits erreicht hatte. Ende der 1980er, Anfang der 1990er war die Ablehnung der Apartheid schon ziemlich konsensfähig und hegemonial (auch) im Westen geworden – und leitete De Klerk ihr Ende ein.32

Nach dem “Nahost”-Krieg von 1973 brachen die meisten schwarzafrikanischen Staaten die Beziehungen zu Israel ab. Und Israel tat sich mit dem in Afrika ebenfalls isolierten Südafrika wieder enger zusammen, enger als vor der israelischen „Entwicklungshilfe“-Offensive. Die DR Kongo/ “Zaire” unter Diktator Mobutu brach 73 für 10 Jahre die Beziehungen zu Israel offiziell ab, unterhielt aber auch in dieser Phase enge Beziehungen. Israel hatte wie die USA auf Mobutu (und das Militär) gesetzt, Belgier auf Franzosen auf Tschombé (und Katanga), und sich unter diesem militärisch und wirtschaftlich stark im Land involviert (siehe auch unten). Aber hauptsächlich wurde die Kollaboration mit Apartheid-Südafrika enger. Und man sah dieses von israelischer Seite zunehmend als “verwandten” Staat, von einer heuchlerischen Welt unfair verlassen und verurteilt, Opfer eines Bündnisses der Dritten Welt, der Araber, der Kommunisten,…, vom Westen nicht genug wertgeschätzt.33

Yosef “Tommy” Lapid, als Tomislav Lampel in Jugoslawien geboren, 1948 nach Israel ausgewandert, war, bevor er Ende der 1990er, Anfang der 2000er Politiker wurde (03/04 Justizminister und Vize-Premier für seine Shinui-Partei) u.a. Journalist. Der im Westen als “liberal” geltende schrieb 1974 in ”Maariv” (14. März) eine Tirade gegen Afrika und eine Anpreisung Apartheid-Südafrikas mit dem Titel “Le’maan D’rom Africa Lo Esheshe” – transkribiert aus Hebräisch, “Um Südafrikas willen will ich nicht schweigen”, in Abwandlung eines jüdischen Gebets. “Die angeblich befreiten afrikanischen Staaten sind zum grössten Teil ein schlechter Witz und ein Affront gegenüber der menschlichen Würde… Vor einigen Wochen wurde Professor Bakers Forschung in Grossbritannien veröffentlicht, darin wird u.a. die Geschichte von Juden und Negern in New York verglichen… Offensichtlich gibt es einen vererbbaren Unterschied im Intellekt zwischen jemandem, dessen Vater im Dschungel lebte und jemandem, dessen Vorfahren Priester im Tempel waren, wie es D’Israeli schon ausgedrückt hat… Es ist sehr schade, dass es Südafrikas weisse Herrscher nicht fertiggebracht haben, der schwarzen Mehrheit in ihrem Land den grössten Teil der Bürgerrechte zuzugestehen. Ich denke, sie hätten es getan, wenn sie nur darauf vertrauen hätten können, dass die schwarze Mehrheit nicht die weisse Minderheit unterdrückt, sie beraubt und ein reiches und prosperierendes Land in eine weitere Parodie von politischer Unabhängigkeit zu verwandeln…

…Um alles in der Welt, wenn ich wählen muss zwischen der Freundschaft des jetzigen Schwarzafrika und jener eines weissen, organisierten und erfolgreichen Landes mit einer blühenden jüdischen Gemeinschaft, dann wähle ich Südafrika. Es ist nur schade, dass wir gewartet haben bis uns die Neger hinausgeschmissen haben.”34

Eine Resolution der UN-Generalversammlung 1975, die den Zionismus als rassistisch verurteilte, ging hauptsächlich auf die neue arabisch-afrikanische “Allianz” zurück. Mit der portugiesischen Entkolonialisierung infolge des Sturzes der Diktatur im Jahr davor wurde das südafrikanische Regime für die USA bzw den Westblock wichtiger, als Bekämpfer von Kommunismus in Angola und Mocambique. Und Südafrika brauchte dafür (mehr) israelische Unterstützung. An der Spitze des Apartheid-Regimes stand nach Verwoerds Ermordung 1966 Johannes Vorster, als Premier bis 1978. Vorsters Besuch in Israel im April 1976 machte die engen Beziehungen zwischen den Regimen deutlich. Beit-Hallahmi beginnt sein Buch “Schmutzige Allianzen” nicht umsonst mit dem Kapitel “Vorster in Jerusalem”. Viele geheime gemeinsame Projekte wurden bei dem Staatsbesuch in die Wege geleitet, darunter auch die Vertiefung der nuklearen Zusammenarbeit (s.u.). Vorster machte mit seinen Gastgebern auch den Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte “Yad Vashem” in Jerusalem, er der während des Holocausts in Europa in den Reihen der Ossewabrandwag für die Nazis Stimmung gemacht hatte (und dafür interniert worden war), legte dort einen Kranz nieder, verhielt sich taktvoller als seine israelischen Gastgeber, wie Beit-Hallahmi schrieb.

Premierminister Yitzhak Rabin liess Vorsters Vergangenheit auch beim Staatsbankett (mit Verteidigungsminister Peres, Oppositionschef Begin,…) unerwähnt und kein schlechtes Haar an dessem gegenwärtigen Wirken. Im Gegenteil, er pries diesen als “Kämpfer für Freiheit”, sprach von “gemeinsamen Idealen” von Israel und Südafrika35, die sich beide gegen “von aussen gesteuerte Destabiliserung” erwehren müssten. Vorster wiederum schwärmte davon dass Israel und Südafrika “Opfer der Feinde der westlichen Zivilisation” seien. Währenddessen herrschte Israel nicht nur über die nach der Nakba gebliebenen Palästinenser, sondern auch über die 1967 besetzten Gebiete (und ihre Einwohner), und Südafrika nicht nur über die Nicht-Weissen im Land und über Südwestafrika, seine Armee war 1975 auch in Angola eingefallen. Das Jahrbuch der südafrikanischen Regierung 197636 charakterisierte die Gemeinsamkeiten der beiden Staaten so:

“Israel and South Africa have one thing above all else in common: they are both situated in a predominantly hostile world inhabited by dark peoples.”

Die nächsten 10 Jahre lief die Beziehung intensiv weiter, mit Staatsbesuchen, Abkommen, Zusammenarbeit auf den verschiedensten Gebieten (von Atomwaffen bis zu den Homelands), abgestimmtem Stimmverhalten in der UN und anderen internationalen Organisationen,… Die Niederschlagung des Soweto-Aufstands im Juni 1976 geschah wahrscheinlich mit israelischen Waffen. Die Zusammenarbeit wurde intensiver, als die USA unter Präsident Carter (1977-1981) Südafrika nicht mehr alles durchgehen liess. Es war hauptsächlich eine Liebesaffäre der “Sicherheits”-Establishments der beiden Länder; darin war diese Zusammenarbeit auch ziemlich unumstritten. Und Israel war der wichtigste Unterstützer des Apartheid-Regimes. In Israel gab es wenig Opposition dazu, am ehesten in den aus der Mapam-Partei hervor gegangenen Gruppierungen.37 Das UN-Waffenembargo bezüglich Südafrika von 1977 kümmerte Israel nicht.

Nach 1973 gab es eine mehr oder weniger direkte Teilnahme an den Kriegen des anderen Partners. Etwa israelische Berater in der südafrikanischen Armee in   Angola. Beide Regime wollten die Nachbarn und die Region (“Frontstaaten”) destabilisieren. Und, was für Israel die Peripherie-Strategie war, “Verbündete” in der weiteren Region zu finden, war für das Apartheid-Regime die Detente-Politik; Malawi unter Banda kollaborierte mit ihm, Savimbis UNITA war ein Werkzeug von ihm,… In Zaire/Kongo stützten Südafrika und Israel beide Mobutu. Dass Südafrika im südlichen Afrika eine Regionalmacht war (trotz oder wegen der Apartheid), auch wirtschaftlich, hatte auch stark mit dem Wirken von Anglo-American zu tun.38 Es gab auch eine Einwanderung von Israelis nach Südafrika (zT in offizieller „Mission“). Und eine Auswanderung von Juden aus Südafrika nach Israel.

Die nukleare Zusammenarbeit war die pikanteste und geheimste der beiden Regime und basierte auf ihren Ähnlichkeiten. Durch das 2010 veröffentlichte Buch von Sasha Polakow-Suransky, “The Unspoken Alliance”, wurde eigentlich nichts Neues darüber bekannt, eher das Bekannte weiter verbreitet. Israel hatte während des “Yom-Kippur-Krieges” bereits Atomwaffen und soll erwogen haben, diese einzusetzen, als es in die Defensive geriet. Südafrika begann in den 1970ern, sein ziviles Atomprogramm zu einem militärischen “aufzuwerten”. Beide Staaten hatten den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet, Israel bis heute nicht. Die nukleare Zusammenarbeit der Apartheid-Regime umfasste die Bereitstellung von Uran (in Form von “Yellowcake”) durch Südafrika, israelische Weitergabe von Know How für Raketen (als Träger) und gemeinsame Tests dieser Raketen. Wahrscheinlich auch einen gemeinsamen Atomtest, 1979, vor den südafrikanischen Prince-Edward-Inseln; u.a. haben amerikanische Satelliten etwas registriert, was darauf hindeutet. Und, Israel hat dem Apartheid-Regime Südafrikas auch Atomwaffen zum Kauf angeboten.

Und zwar mit Nuklearsprengköpfen versehene “Jericho”-Mittelstreckenraketen, 1975, also sogar vor Vorsters Besuch in Jerusalem. Der Codename für das Unterfangen war “Chalet” und Shimon Peres war als Verteidigungsminister auf israelischer Seite führend beteiligt. Sein südafrikanisches Gegenüber Pieter Botha soll das Angebot durch eine Nachfrage initiiert haben, lehnte das Angebot ab, hauptsächlich weil er glaubte, Südafrika können diese Waffe selbst entwickeln (was dann auch geschah). 2003 wurde ein Memorandum eines Apartheid-Top-Militärs, Raymond Armstrong, an einen anderen, Hugo Biermann, aus 1975 öffentlich. Darin wird das Angebot erwähnt, in Zusammenhang mit der “Bedrohung” Südafrikas, welche nach einer Abschreckung mit eigenen Atomwaffen und Trägerraketen rufe. Auch Dieter Gerhardt, der südafrikanische Militär, der Apartheid-Geheimnisse an die SU weitergab, hat nach seiner Freigelassung von so etwas berichtet. Sasha Polakow-Suransky stammt aus einer jüdischen Anti-Apartheid-Familie aus Südafrika, wuchs in der USA auf, wo er akademisch und journalistisch tätig ist, 2010 brachte er wie erwähnt “The Unspoken Alliance: Israel’s Secret Relationship with Apartheid South Africa” heraus. Die Weitergabe der Atomsprengköpfe kam nicht zu Stande, was aber nichts an der Fülle von militärischer (auch nuklearwaffentechnischer!) Zusammenarbeit ändert.

Polakow-Suransky “beschliesst” sein Buch mit 2 Karten, die die Homelands inmitten Südafrika sowie die palästinensischen Autonomiegebiete im israelisch beherrschten Gebiet zeigen. Shimon Peres spielte einst in Israels Nuklearprojekt eine wichtige Rolle, u. a. bei der Einfädelung verschiedener Abkommen, zur Zeit der Veröffentlichung dieses Buchs war er israelischer Staatspräsident. Von ihm kam eine scharfe Leugnung des Verkaufsangebots; auch der langjährige Leiter der südafrikanischen Atomic Energy Corporation, Waldo Stumpf, und der israelische Autor Avner Cohen zweifelten ein solches Angebot an. Laut „The Mini-Nuke Conspiracy. Mandela’s Nuclear Nightmare“ von Peter Hounam und Steve McQuillan (1995) hat die südafrikanische Regierung unter Frederik de Klerk bei der Beendigung und Offenlegung des Atomprogramms des Apartheid-Regimes in den frühen 1990ern nicht alles deklariert (und einiges “behalten”), darunter “Mini-Nukes” auf Grundlage einer Substanz namens “Red Mercury”. Einige ungeklärte Morde stünden in Zusammenhang damit, der in diesen Fällen ermittelnde Polizeibeamte Charles Landman hat den israelischen Geheimdienst Mossad dafür verantwortlich gemacht, die Opfer hätten Handel mit “Red Mercury” in nahöstliche Staaten betrieben. Auch Post-Apartheid-Verteidigungsminister Johannes “Joe” Modise (ANC) brachte die Sache in Verbindung mit der israelischen Verbindung zum Apartheid-Regime. Die israelische Botschaft in Südafrika dementierte.

Die Anti-Apartheid-Bewegung machte das südafrikanische Atomprogramm mit zum Gegenstand ihrer Kampagne. Apartheid-Präsident Botha hat in der späten und heissen Phase des Krieges in Angola, 1987/88, als das kubanische Militär Angola gegen die Apartheid-Kräfte (UNITA, SADF,…) half, anscheinend einen Einsatz von Atomwaffen erwogen. Auch andere Staaten bzw Firmen aus anderen Staaten als Israel haben Apartheid-Südafrika bei seinem Atomprogramm geholfen, darunter die BRD und die USA; aber es ist sehr zweifelhaft ob von anderswo als von Israel wissentliche Unterstützung für das Atomwaffenprogramm des Apartheid-Regimes kam. Die Atomwaffenprogramme der beiden Apartheid-Regime wurden seit den 1970ern vom Westblock toleriert. Südafrika gab wie gesagt Anfang der 90er (gemeinsam mit der Apartheid) sein militärisches Nuklearprogramm auf, mache es öffentlich, und trat dem Atomwaffensperrvertrag bei; Israel ist weit von solchen Schritten entfernt, pflegt vielmehr seinen Opferkult. Seine Unterstützung des südafrikanischen Atomprogramms nimmt dem Zionismus etwas den Heiligenschein, den er sich im Atomstreit mit dem Iran (nicht zuletzt bezüglich verantwortungsvollem Umgang mit Atomwaffen) aufgesetzt hat. In einem “Spiegel”-Interview39 wurde Polakow-S. gefragt, “Warum wollte das Apartheid-Regime nuklear aufrüsten?” >

“Es ging darum, strategisches Gewicht zu gewinnen. Pretoria wollte von den Amerikanern und den Briten ernst genommen werden und feindlich gesinnte Nachbarländer abschrecken. Es war die gleiche Logik, die heute wohl auch Iran antreibt.”

Vor der Wahl 1977 entstanden in Südafrika die New Republic Party (NRP), als Nachfolgepartei der UP40, und die Progressive Federal Party (PFP), als Nachfolgepartei der PP41. Harry Oppenheimer42, Sohn und Nachfolger von Ernest, unterstützte die PFP. Wie die NRP war sie weiss, englisch, mehr oder weniger liberal. Überraschenderweise kam die PFP bei der Wahl vor die NRP, wurde offizielle Oppositionspartei. In diesem Jahr wurde der Anti-Apartheid-Kämpfer Stephen Biko in Polizeigewahrsam getötet; in Israel kam nach der Wahl (von der die Palästinenser in den 10 Jahre zuvor besetzten Gebieten natürlich ausgeschlossen waren) erstmals der Likud an die Macht. In dieser Zeit (genau 77-79) flog in Südafrika der “Informations-Skandal” auf.

Nach Cornelius P. Mulder, dem damaligen Informationsminister in der Regierung von Premierminister Vorster auch “Muldergate” benannt43, ging es bei der Affäre um eine Propaganda-Offensive des Regimes ab 1973 in Südafrika und international, mit dem Ziel, die Meinung über die Apartheid zu verbessern. 75 Millionen Rand wurden dafür aufgewendet. Sie führte zum Rücktritt von Vorster als Premier, der 1978 zunächst Staatspräsident wurde, ’79 auch als dieser zurücktreten musste; zum Aufstieg von P. W. Botha, der Premier wurde, bis zur Verfassungsreform, dann Präsident; und zum Ende der politischen Karriere von Mulder, der als einer der aussichtsreichsten Anwärter auf die Nachfolge von Vorster (als Premier und NP-Chef) gegolten hatte. Beteiligt an der Propaganda für die Apartheid war auch Arnon Milchan, israelisch-amerikanischer Filmproduzent (“Pretty Woman”,…), Lobbyist, Waffenhändler (gute Beziehungen zu Peres). Milchan, der mit der ehemaligen südafrikanischen Tennisspielerin Amanda Coetzer verheiratet ist, wurde kürzlich als illegaler Spender für Premier Netanyahu bekannt.44

Durch die 1984 in Kraft getretene Verfassungsreform wurden Parlamentskammern für Inder und Farbige eingerichtet (die nichts an der weissen Vorherrschaft änderten); für die schwarzen Völker, so das Regime, gäbe es ohnehin die 10 Homelands. Schwarzen, die beinahe drei Viertel der Gesamtbevölkerung Südafrikas ausmachten, wurden weniger als 15 % der Landesfläche (wirtschaftlich unattraktive) dafür zugewiesen; und Leute teilweise zwangsweise dorthin umgesiedelt. Ausserdem wurde auf eine Präsidialsystem umgestellt. Die kosmetische Korrektur der Parlamentsreform war Manchen in der NP schon zu viel, sie gründeten die Konserwatiewe Party van Suid-Afrika (KP). Dieser wurde bei der Wahl 1987 stärkste Oppositionspartei; blieb dies 89, somit bis zum Ende der Apartheid. Die PFP nahm Ende 80er (liberalere) NP-Abspalter auf, ausserdem den grössten Teil der NRP (der in den ID aufgegangen war), wurde zur Democratic Party (DP).

Die Allianz der beiden Staaten war wie gesagt sehr intim, umfasste nicht nur das Militärische, sondern auch Nuklearwaffen. In den 1980ern lebte eine grössere Zahl von Israelis in Südafrika, Regierungsangestellte (Militärs,…), aber auch Geschäfts- und Privatleute,…, und umgekehrt Südafrikaner in Israel. Das Gefühl, in einer ähnlichen Situation zu sein, ein Gefühl der Verwandtschaft, war sehr verbreitet, wobei viele Israelis bemüht waren, ideologische Distanz zur Apartheid an den Tag zu legen. Ariel Scharon war keiner davon. Der im damals britisch beherrschten Palästina als A. Scheinerman Geborene mit Wurzeln in Ost-Polen bzw Weissrussland war nach seiner militärischen Karriere45 ab 77, als Begin kam, unter allen Likud-Premiers Minister, bis er 01 selbst Premier wurde. Als er 1981-83 Verteidigungsminister war, war Magnus Malan sein südafrikanisches Gegenüber, wie er ein Ex-Militär. Die intime Beziehung zum Apartheid-Staat blieb unter dem Likud und Scharon so intim. Scharon setzte sich auch bei der USA (Reagan) dafür ein, dass Südafrika von ihr mehr und bessere Waffen bekam.

Natürlich im Namen des “Kampfes gegen den Kommunismus”, was damals eine Art Wild Card war. Und, Scharon leitete in den 1980ern als Minister diverser Ressorts eine Kampagne zur Rückeroberung von Kontakten und Einfluss in Afrika, machte Israel dort stärker als vor 73, heisst es. Mobutu-Zaire war dabei am wichtigsten, von dort aus konnte man auch den Kampf gegen die angolanische Regierung aufbauen, natürlich an der Seite des Apartheid-Regimes. Scharon besuchte Südafrika 1981 (geheim), als Verteidigungsminister, besuchte das südafrikanische Militär (SADF) an der Grenze von Südwestafrika zu Angola. Die SADF kämpfte dort auch mit israelischen Waffen; zT solchen, die nach israelischer Vorlage in Südafrika hergestellt wurden. Israelis und Südafrikaner sahen den Kampf, den Israel ab 1982 im Libanon führte, als analog zu jenem der Südafrikaner in Angola und anderen “Frontstaaten”.46

Die PLO hatte damals ihr Hauptquartier im Libanon (und wurde vom israelischen Militär von dort vertrieben, nach Tunesien), der ANC hatte seines in Sambia, das auch vom südafrikanischen Militär angegriffen wurde. Darüber hinaus hatten beide den Anspruch, in der Region mitzubestimmen, gegebenenfalls als Ordnungsmacht aufzutreten. Die militärische Durchschlagskraft des jeweils Anderen wurde von den Partnern bewundert. Von Scharon stammt eine bewunderungsvolle Einschätzung des Apartheid-Militär-Geheimdienstes (DMI), aus seiner Zeit als Verteidigungsminister.47 Magnus Malan wiederum schrieb Scharon nach dessem Abgang aus diesem Ministerium einen bedauernden Brief, betonte die gemeinsamen Interessen (“mutual interest”).

Die “schwarzen” Völker Südafrikas wollte das Apartheid-Regime wie erwähnt in Homelands/ Bantustans /Reservate aussiedeln, deren Anspruch auf politische Mitsprache damit abfertigen, und diese gleichzeitig aus Südafrika ausschliessen. Ausserdem konnte man die schwarze Bevölkerungsmehrheit so schön entlang der ethnischen Linien teilen. Und, die traditionellen Herrscher der Zulus, Xhosas, Sothos, Tswanas,… wurden als eine Art Konkurrenz zur Anti-Apartheid-Bewegung (hauptsächlich dem ANC) aufgebaut. Israel war auch an diesem Apartheid-Projekt mit von der Partie. Bophutatswana, eines der 4 nominell unabhängigen der 10 Homelands, war wichtigster Israel-Partner der Homelands. Bophuthatswana-“Präsident” Lucas Mangope wurde zB 1981 uA vom damaligen Avodah-Chef bzw Oppositionsführer Shimon Peres herzlich empfangen. Israel war das einzige Land, das in den südafrikanischen Homelands nennenswerte Investitionen getätigt hat. Wobei Apartheid-Südafrika die “unabhängigen” Homelands eben auch als “Ausland” sah; dennoch gab es dort weisse Südafrikaner in Schlüsselpositionen wie zB als Armeechefs. Beit-Hallahmi schrieb, israelische Künstler, die in der eigenen Gesellschaft als liberal und linksverdächtig gelten, arbeiteten in etlichen Homelands an Projekten, die sie als „Wiederbelebung authentischer Stammeskulturen“ deklarierten… Auch KwaZulu-Chefminister Mangosuthu Buthelezi hatten Unterstützung durch Israel.48

Er, der in den 1980ern als “Gegenfigur” zum inhaftierten Nelson Mandela aufgebaut wurde, von konservativen Kreisen im Westen, durfte seine “Sicherheitskräfte” in dieser Zeit durch das Apartheid-Regime und in Israel ausbilden lassen. In den frühen 1990ern, in den Übergangsjahren von der Apartheid zur Demokratie, wurde Buthelezis inzwischen südafrika-weit agierende Inkatha Freedom Party (IFP) vom “Sicherheitsapparat” des Apartheid-Regimes gegen den ANC aufgerüstet, mit blutigen Folgen. Ganz am Ende der Apartheids-Zeit schlossen sich einige Homeland-Herrscher (darunter Buthelezi und Mangope) und die afrikaansen Rechtsextremen (KP,…) zusammen.49 Etwa eineinhalb Monate vor der südafrikanischen Wahl 1994 kam es in Bophutatswana zu einem “Showdown” zwischen den Leuten des Diktators Mangope und seinen weissen rechtsextremen Verbündeten einerseits und dem südafrikanischen Militär (SADF) andererseits.

Das Apartheidregime bekam gewisse Unterstützung auch von USA, GB, BRD,… , besonders wenn dort Mitte-Rechts-Regierungen an der Macht waren. Und diese hatte begonnen, bevor die SU den Gegnern der Apartheid Unterstützung zukommen liess. In den 1980ern war Bothas Regime auch im Westblock zunehmend isoliert, trotz Reagan, Thatcher, Kohl. Auch, weil man gegenüber dem Ostblock mit “Menschenrechten” protzen wollte, die Heuchelei nicht mehr so weiter laufen lassen konnte. Man war schliesslich “Führer der freien Welt” und selbstverständlich waren Menschenrechte nicht an Rasse gebunden…50 In der Spätphase der Apartheid musste auch Israel zwangsläufig auf Distanz gehen. Es schloss sich 1987 den Sanktionen des Westens an. Bereits abgeschlossene Verträge blieben aber aufrecht… Nach dem gegen Reagans Willen vom Kongress erlassenen Comprehensive Anti Apartheid Act hätte Israel bei weiteren Brüchen des Waffenembargos gegenüber Apartheid-Südafrika Hilfe der USA verlieren können/müssen. Alon Liel, damaliger Botschafter Israels in Pretoria, sagte darüber, das Security-Establishments seines Landes bäumte sich gegen das späte Einnehmen von taktischer Distanz (Einhaltung diverser Embargos und Resolutionen) auf.

Ende 80er entspannte sich die Situation im südlichen Afrika: Perestroika (in) der SU, 1988 das Angola-Namibia-Abkommen51, 1989 wurde De Klerk Präsident Südafrikas und begann bald mit Reformen: die schrittweise Abschaffung der Apartheid52, Verhandlungen mit der echten Opposition (ANC,…), aber auch die Unterstützung der IFP, mit der man u.a. den ANC “umgehen” wollte. Israels Sorge bei der Demontage der Apartheid war nicht nur, dass man einen Verbündeten verliert; sondern auch dass durch die Demokratisierung in Südafrika Informationen über die eigene Rolle bei Apartheid-Projekten, nicht zuletzt dem Atomprogramm, bekannt werden könnten – und nicht etwa die Aneignung der Atomwaffen durch weisse Rechtsextremisten oder deren Einsatz in Angola, was damals beides für möglich gehalten wurde. Im November 1991 besuchte De Klerk Shamir (der keine Siedlungen aufgeben wollte), damals wurden die noch laufenden gemeinsamen Projekte eingestellt. Das Ende der Apartheid kam mit der Wahl im Frühling 1994; die Homeland-Herrscher lenkten dazu noch ein bzw wurden dazu gezwungen, ein Teil der weissen Rechten blieb abseits.

Wenig später wie die Verhandlungen der NP-Regierung Südafrikas mit dem ANC begannen, begannen auch jene zwischen der Avodah-Regierung Israels mit der PLO, anfangs allerdings geheim. Das Oslo-I-Abkommen wurde im August 1993 unterzeichnet, das Multi Party Negotiationing Forum in Südafrika kam im November dieses Jahres zum Abschluss (machte den Weg zur Wahl frei). Die Afrikaaner waren bereit, die Apartheid aufzugeben, die Macht im Land wirklich zu teilen. Das geschah (ab) 1994 auch. Die Zionisten waren nicht dazu bereit, halten die Palästinenser bis heute hin. Die Haltung, dass das nationale Überleben durch den Feind gefährdet ist, dieser “zivilisatorisch” anders ist, man ihn kleinhalten muss, et cetera – wovon sich die Afrikaaner grossteils verabschiedet haben, dominiert nach wie vor für Israel. Dort nimmt man auch Reaktionen auf die Unterdrückung als Bestätigung dieser Unterdrückung bzw der zugrundeliegenden Geisteshaltung.

Es gibt seit Herzl eine zionistische Realpolitik der Art wie ggü der Apartheid. Zusammenarbeit mit “schmutzigen” Partnern um des eigenen Vorteils (“Überleben”) Willen, die man selbst meist als gar nicht so schmutzig sieht. Beit-Hallahmi sagt, Israel stellt sich immer auf die Seite der Stärkeren. Im Fall Apartheid-Südafrika kam das Wahrnehmen von Gemeinsamkeiten ja auch durch den Charakter als Kolonialvolk – was Zionisten ansonsten brüsk von sich zurückweisen, man habe jahrtausende alte Wurzeln in diesem Land, sei nur “zurück gekehrt”. Der eigenen Gruppe im Land Vorrechte gegenüber den “Eingeborenen” bzw “Farbigen” abzusichern, diese gewaltsam durchzusetzen, ist aber etwas was Israel viel Sympathie von Rechten in vielen Teilen der Welt einbringt. Und man hat von israelischer Seite immer Parallelen zwischen dem eigenen Kampf ggü den Palästinensern und der Region, und gewissen anderen gesehen und unterstützt.

Israel exportiert seit Jahrzehnten militärische Ausrüstung und Know How in alle Welt, an Regime und Gruppe, die meist mit der Bezeichnung “pro-westlich” zusammengefasst werden53, im Kalten Krieg und danach, meist mit Unterstützung oder zumindest Billigung der Supermacht USA. Dies half auch der israelischen Wirtschaft (nicht nur der Rüstungsindustrie) und beim Gewinnen von Freunden. So wurde Israel wichtigster Verbündeter der rechten Militärdiktaturen Lateinamerikas, Vorbild seiner Herrscher. 1983 schrieben der argentinische Friedensnobelpreisträger Adolfo Perez Esquivel und Andere einen offenen Brief, der Israel zur Beendigung der Unterstützung u.a. des guatemaltekischen Regimes aufrief; ca 10 Jahre später richtete Rigoberta Menchu einen ähnlichen Appell. Menchus Dämonisierung aus dem philozionistisch-neokonservativen Bereich ist auch dadurch zu erklären; wahrscheinlich hat aber schon ihr Engagement gegen das Regime und den Krieg in Guatemala dazu gereicht.

Ausgehend vom Sturz von Präsident Arbenz 1954 durch die USA und einer kleinen Elite (die Nutzniesser der Aktion) kam es in Guatemala zu einer Reihe von rechten Militärdiktaturen54, gegen die sich Guerilla-Gruppen wie MR-13, FAR oder PGT auflehnten, die sich hauptsächlich aus der unterdrücktesten Bevölkerungsgruppe, den Mayas, rekrutierten. Im Bürgerkrieg 1960-96 unterstützte die USA natürlich die eine Seite, etwa über „Militärberater“. Spätestens als Carter (auch hier! wie bei Apartheid-Südafrika oder Pinochet) die Hilfe strich, engagierte sich Israel auch dort. In den 1980ern unterstützten die Reagan-USA und Israel zusammen das guatemaltekische Regime. Nach der Entscheidung Trumps, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen bzw seine Botschaft dorthin zu verlegen, kündigte mit Guatemala nun ein weiterer Staat an, diesen Schritt vollziehen zu wollen. Dessen Präsident James „Jimmy“ Morales ist ein Rechter und Evangelikaler, wie der Präsident 82/83, E. Rios Montt (der auch ein School of Americas-Absolvent).

Apartheid-Südafrika war Israels wichtigster schmutziger Verbündete, war fast so wichtig wie die USA. Aber es gab eben auch die Diktaturen in Kongo/Zaire, Chile, Argentinien, Guatemala, die Philippinen unter Marcos, die Republik China (Taiwan) vor ihrer Demokratisierung, oder jahrzehntelang die kemalistische Türkei, der man auch bei der “Verschleierung” des Völkermords an den Armeniern half55,… Bewaffnete Einheiten dieser Staaten wurden ebenso mit “Uzi”-Maschinengewehren oder “Galil”-Sturmgewehren ausgerüstet wie die nicaraguanischen Contras, die angolanische UNITA oder die afghanischen Mujahedin. Nach Beit-Hallahmi und Victor Ostrovsky hat Israel auch in Konflikte eingegriffen, deren Ausgang ihm egal sein konnte, wie dem Bürgerkrieg auf Sri Lanka (und dort beide Seiten unterstützt…).

Der zionistische Umgang mit der intimen Beziehung Israels mit Apartheid-Südafrika bewegt sich heute zwischen Vertuschungen, Schönrednerei, Herunterspielen der Kollaboration (Leugnung funktioniert hier nicht), aggressiven “Antisemitismus”-Vorwürfen (bezüglich der Thematisierung dieser Kollaboration) und offenen anti-afrikanischen Ressentiments und Apartheid-Verteidgung wie einst Lapid sen. Diese Muster an Reaktionen gibt es allerdings bei jedweder Kritik an israelischer Politik (zu beobachten). Eine offensive Apologetik der Apartheid ist selten geworden, hegemonial ist das Eingeständnis, dass Apartheid schlecht/ungerecht war(, aber…).56

Chris McGreal schrieb 2010 in „The Guardian“ 2010, im Artikel „Israel and apartheid: a marriage of convenience and military might“57:

„… when the spotlight occasionally flickered over one of the most intimate and enduring alliances of the postwar years, Israel was quick to underplay its deep military ties with apartheid South Africa as nothing more than a necessity of survival without a flicker of ideological affinity…”

Die Beziehung zwischen Israel und Apartheid-Südafrika war nie problemlos, aber Gemeinsamkeiten zwischen den Systemen wurden von ihren Führern/ Vertretern und Intellektuellen immer wieder herausgestrichen. Das Apartheid-Regime konnte durch eine Anlehnung an Israel nur gewinnen, Israel hatte dabei ein bisschen was zu verlieren. Ein Israeli, der unapologetisch zu der Zusammenarbeit war (an der er entscheidend beteiligt war), war Rafael Eitan, Militär (78-83 Generalstabschef), dann rechter Politiker (Minister in den 90ern), ein anti-arabischer Rassist. Er war führend beim Feldzug im Libanon 1982, mit Verteidigungsminister Scharon Hauptverantwortlicher dafür, die Kataib-Miliz in das palästinensische Flüchtlingslager bei Beirut zu lassen, wo sie ein Massaker anrichtete. Die Schwarzen in Südafrika, so Eitan einst, wollten Kontrolle über die weisse Minderheit erlangen, genau wie die Araber über die Juden. Und man müsse genau wie die Weissen Südafrikas so etwas verhindern.

Der Unterschied im Umgang mit der Allianz zwischen Scharon und Peres spiegelt eben den zwischen Links und Rechts im Zionismus wieder. Leugnung der ideologischen Gemeinsamkeiten oder dazu stehen. So wie es eben jene gibt (zB in IT-Foren oder in den Kommentaren unter Youtube-Videos), die Verachtung ggü Palästinensern und anderen Völkern dieser Region offen und stolz zeigen (zB israelische Aktionen gegen sie bejubeln), und jene die die Existenz einer solchen Verachtung empört als “antisemitisch” abtun und zB Propaganda machen, wie gut Palästinenser von Israel behandelt werden würden (es gibt auch Mischformen). Netanyahu sagte als UN-Botschafter (84-88) zu Vorwürfen der Apartheid-Kollaboration, präpotent wie gewohnt, er wisse von diesen und jenen (europäischen) Staaten, dass sie auch starke wirtschaftliche Beziehungen mit Südafrika pflegten, aber “wieder mal” werde Israel “herausgehoben”; kam also mit verstecker “Antisemitismus”-Keule.58

Dies kommt, offen, als Rechtfertigungs (und Ablenkungs-) manöver bezüglich der Apartheid-Unterstützung, oft: “Alle haben das gemacht, daher ist es antisemitisch dies zu thematisieren”. Dazu ist zunächst zu wiederholen, dass die Beziehung von Israel zu dem Apartheid-Staat viel intensiver und intimer war als die eigentlich aller anderen Staaten; wer sonst hat Südafrika wissentlich bei seinen Atombomben geholfen, wer sonst hat Apartheid-Funktionäre an seine eigenen Geheimnisse herangelassen? Und, diese Intimität und die ideologische Gemeinsamkeit wird ja auch von vielen israelischen (politischen/militärischen) Funktionsträgern nicht geleugnet, im Gegenteil… Und dann: Was ist der Punkt dabei, darauf zu verweisen, andere hätten auch dieses Unrecht getan? Was, wenn Kroaten zur damaligen Kollaboration ihres Landes mit dem NS-Staat sagen würden, Rumänien unter Antonescu und Spanien unter Franco haben das auch gemacht, und ihr seid Anti-Kroatisten?

Wie hat der Berliner in Wien der einen “wissenschaftlichen Berater” macht, posaunt: „Mit Repräsentanten der iranischen Diktatur gibt es keinen Dialog zu führen. Diese Antisemiten und Todfeinde jeglicher emanzipatorischen Bestrebung müssen unter allen Umständen bekämpft werden.” Lobbyismus im (vermeintlichen?) Sinn Israels als “moralisch”, “emanzipatorisch”, “fortschrittlich” et cetera zu firmieren, wird noch lächerlicher, wenn man sich die Heuchelei dieser Lobbyisten, Israels Bündnisse und die westliche Politik in dieser Region anseht. Eben absolvierte Trumps neuer Aussenminister Pompeo seinen Antrittsbesuch in Saudi-Arabien und Israel. Bei Saudi-Arabien sehen wir das mit Menschenrechten und Islamismus und so nicht so streng, gell, sondern ein bisschen pragmatischer.

Zumal es da ums Erdöl geht. Bei Saddam Hussein war es so, der wurde vom Westen unterstützt, als er in den 1980ern den Iran angriff. Später wurde der Angriff auf den Irak auch mit Husseins Menschenrechtsverletzungen argumentiert. Heute führt man die Politik des iranischen Regimes gegen die eigene Bevölkerung an; nahm diese in der Vergangenheit (unter dem letzten Schah) aber nicht nur hin, man unterstützte dieses Regime auch. Und das Hinnehmen oder Unterstützen von Menschenrechtsverletzungen (absurdes Beispiel: wenn ein Staat zwei Drittel der Bevölkerung aufgrund der “Rasse” von Mitgestaltung ausschliessen würde) wenn es im eigenen Interesse ist?! Sonst wird die Sache ja so “gedeutet”, dass ein Bündnis viel über die Partner aussagt, nach dem Motto “Zeig’ mir deine Freunde, und ich sage dir, wer du bist”; zB wenn es darum geht, Antiimperialismus über vermeintliche Bündnisse mit dem Islamismus zu diffamieren, oder bei allen tatsächlichen/vermeintlichen Bündnissen “gegen” Israel.

Beim Bündnis Israels mit Apartheid-Südafrika (historisch) oder mit dem Regime von Aserbeidschan (aktuell) wird die Sache gerne so gedreht, dass es etwas Positives über diese Partner Israels aussage, dass sie eben seine Partner geworden sind! Und wird eine “Zwangslage” behauptet, wird hier jede Menge “Kontextualisierung” gebracht, die man sonst ausblendet.59 Der “latente Antisemitismus” der Afrikaaner zB, wird angeführt. Es gab aber Juden in Südafrika, die trotzdem oder gerade deshalb mit der Waffen in der Hand das Apartheid-Regime bekämpften. Es gab die vielen Sympathiebekundungen ggü Apartheid-Südafrika von israelischer Seite, auch aus dem dortigen linken und liberalen Lager (und eine sehr intime Beziehung). Man könnte dann auch sagen, Rumänien hätte im 2. Weltkrieg keine andere Wahl gehabt, als sich mit NS-Deutschland zusammenzutun: Sein traditioneller Verbündeter Frankreich war von diesem Deutschland selbst besetzt, ein Eingreifen von Grossbritannien in Südosteuropa war nicht zu erwarten und von der stalinistischen Sowjetunion war keine Hilfe zu erwarten, im Gegenteil, aufgrund des von beiden Ländern beanspruchten Territoriums Bessarabien sowie dem sowjetischen Willen zur Ausdehnung des Machtbereichs in Osteuropa.

Und: Die Isolation in der Region kam in den Fällen von Apartheid-Südafrika und Israel ja auch nicht von ungefähr, eher von ihrer Gegnerschaft zur Region… Der Umgang von Linkszionisten mit der israelischen Partnerschaft mit dem (anderen?) Apartheid-Regime (und auch anderen, “vergleichbaren” Systemen) ist meist dahingehend, dass sie die Zusammenarbeit herunter spielen (“Zwangslage”, “Kontextualisierung”,…) und die “Antisemitismus”-Keule schwingen (gegen den Verkünder der schlechten Nachricht), Rechtszionisten verteidigen sie meist offensiv. Es gibt aber auch hier den “Antisemitismus”-Vorwurf. Dieser Dichotomie entspricht auch das “Wir würden so gern Teil dieser Region sein aber man lässt uns nicht” oder aber das “Wir gehören nicht zu dieser unzivilisierten Region”. Shimon Peres war sehr wichtig für die Zusammenarbeit Israels mit Apartheid-Südafrika; als Verteidigungsminister während Vorsters Besuch in Jerusalem, als Premier in den 80ern,…

2005 oder 2006 sagte er zu McGreal vom “Guardian”60 zur Moral der Verbindungen mit dem Apartheid-Regime, eine Entscheidung sei meist nicht zwischen “perfekten Situationen” zu treffen, sondern zwischen mangelhaften Alternativen; damals sei die “Bewegung des schwarzen Afrikas” mit der PLO “gegen uns” gewesen, man habe keine grosse Wahl gehabt; aber man sei immer gegen die Apartheid gewesen. McGreal erinnerte in seinem Artikel daran, dass der damalige (zur Zeit des Interviews) israelische Staatspräsident, der nun davon spreche, dass sein Land widerwillig in eine Allianz mit diesem System, das eigentlich ein ideologischer Gegner war, “gezwungen” worden sei (und dabei noch den Opfermantel anzieht), in dessen Brief an den (General)sekretär im südafrikanischen Informationsministerium, Eschel Rhoodie61 aus 1974 enthusiastische Formulierungen von gemeinsamen Idealen wie der “gemeinsamen Ablehnung von Ungerechtigkeit” verwendete.

Apartheid-Propaganda-Chef Rhoodie, Rabin, Apartheid-Geheimdienst-Chef Vandenbergh, Peres 1975 in Jerusalem

Polakow-Suranskys Buch gewährt intime Einblicke in die Beziehungen zwischen Israel und dem Apartheid-Regime. Daher kamen wütende Reaktionen dazu von zionistischer Seite. Peres persönlich schrieb einen Leserbrief an den “Guardian”, in dem er abstritt, dass es 1975, als er Militärminister war, das Angebot von “Jericho”-Raketen mit Nuklearsprengköpfen an Südafrika gab. “Selektive Interpretation” südafrikanischer Dokumente lägen der “Behauptung” zu Grunde. Polakow-Suransky konnte darauf in “Haaretz” antworten, nannte Peres’ Stellungnahme ausweichend. “Auslassend” könnte man es auch nennen, und seine Stellungnahme an McGreal (s.o.) eine verlogene Rechtfertigung. Zwischen Israel und Apartheid-Südafrika war so viel Gemeinsames, nicht zuletzt in der Ideologie, so viel Intimität, so viel Substanz, so gravierende Folgen – dass man nicht von einem „Zweckbündnis“ sprechen kann.

Zum Argument des “Gegenbündnisses”: Israel arbeitete seit seiner Gründung 1948 mit Südafrika (in dem im selben Jahr die Apartheid kam) zusammen, durch Israels Bemühungen in Schwarzafrika wurde das in den 50ern und 60ern etwas schwächer. Es hat auch anderswo mit Kräften der westlichen Vorherrschaft zusammengearbeitet, und mit diktatorischen Systemen (auch mit dem frühen Mullah-Regime des Iran). Wie war die Anti-Apartheid-Bewegung mit der palästinensischen Nationalbewegung verbunden? James Adams (s.u.) schreibt, Aktivisten des ANC bzw seiner Miliz Umkhonto we Sizwe (MK) seien von der PLO im Libanon und Süd-Jemen trainiert worden; die Information geht allerdings auf den israelischen Geheimdienst Mossad zurück, dem es auch gelungen sein soll, diese Lager zu infiltrieren. Aber die beiden waren schon irgendwie auf der selben Achse; und das sagt definitiv etwas Gutes über die PLO aus.

Peres sagte zur Nakba bzw “Plan Dalet”, Ben Gurion habe keine „Säuberung“ gewollt, er habe es erlebt, glaube nicht Historikern, die anderes schreiben.62 Ab 1953, als ihn sein politischer Ziehvater Ben Gurion zum Generaldirektor im Verteidigungsministerium machte, spielte er eine entscheidende Rolle in der israelischen Politik. Er fädelte die französische Unterstützung für das israelische Atomprogramm ein, den Suez-Krieg. Mit seinem Freund Jacques Soustelle (auch ein proisraelischer Rechtsaussen) redete er über die israelische Kolonialisierung von Französisch-Guyana.63 Der islamistische Terrorangriff in Kenia (Kenya) 2013 war für ihn eine Steilvorlage, sich als Freund der Afrikaner zu geben. Israel stehe “Schulter an Schulter” mit Kenya, zumal es selbst so oft Opfer von Terror gewesen sei. Das was er früher zu Rhoodie oder Vorster gesagt oder geschrieben hat, wie er sie umschmeichelte, hat er später zu Buthelezi und Mangope gesagt, den kemalistischen Herrschern der Türkei (zB über den Völkermord an den Armeniern oder dass das Militär das Rückgrat der “türkischen Demokratie” sei), oder Aserbeidschans Alijew…

Wenn man der heutigen Apologetik zur israelischen Zusammenarbeit mit Apartheid-Südafrika (der dominierenden) folgt, waren „Schwarze“ im südlichen Afrika nur Delphine im Thunfisch-Fangnetz, das aus einer “Zwangslage” entstand. Ob Percy Yutar einer der südafrikanischen Juden war, die die Apartheid unterstützten, dazu gehen die Meinungen auseinander. Er war Ankläger/Staatsanwalt in dem Prozess gegen Nelson Mandela und 9 weitere ANC/SACP-Aktivisten (7 Schwarzafrikaner und 3 Juden!), 1963/64 in Pretoria.64 Yutar beschuldigte die Anti-Apartheid-Kämpfer vor Gericht, der Welt Lügen darüber zu erzählen, dass Schwarze in Südafrika verfolgt werden. Nach dem Prozess, als Mandela und sechs weitere Verurteilte auf Robben Island geflogen wurden, um ihre lebenslange Freiheitsstrafen abzusitzen, wurde Yutar von der Pro-Apartheid-Presse in Südafrika gefeiert65, u.a. als Verteidiger der Zivilisation gegen die Kräfte der Dunkelheit…

Der damalige Jusizminister Vorster nannte Yutar einen “echten Patrioten”. Nach dem Ende der Apartheid sagte Yutar nun, er habe das Leben der Angeklagten gerettet, indem er sie nicht wegen Hochverrat sondern wegen Sabotage angeklagt hat. Mandela, der einen seinen Gefängniswärter zu seiner Amtseinführung als Präsident einlud und Pieter Botha für seine “Reformschritte” lobte, verzieh auch ihm, und das öffentlich. Yutar war ein geachtetes Mitglied der jüdischen Gemeinde in seiner Heimatstadt (Johannesburg, war dort Vorsitzender der United Hebrew Congregation), im Gegensatz zu den Angeklagten im Rivonia-Prozess Denis Goldberg, Lionel Bernstein, James Kantor. Und, wie erwähnt wird heute abgestritten, dass Yutar der Apartheid nahe stand, wird behauptet, er habe eine gänzlich unpolitische Rolle inne gehabt, eine “rein juristische”. So wie Hans Filbinger? Zumindest Yutars Aussagen nach dem Prozess und Lob für ihn durch höchste Vertreter des Regimes waren höchst politisch.66

Der en.wikipedia-Artikel “Israel–South Africa relations” (bzw die von organisierten Teams dort getätigten Bearbeitungen) sagt ja auch einiges über den heute hegemonialen Umgang im Zionismus mit der Partnerschaft. Die (damals so gerne hervor gehobene) gemeinsame Grundlage wird unter den Tisch gekehrt, der scharfe Bruch in den Beziehungen Israels zu Südafrika während der Apartheid und nachher fällt auch der Hasbara zum Opfer. Die unverschämtesten Propaganda-Behauptungen, “belegt” durch lächerliche Quellen bzw lächerliche Interpretationen von Quellen:

“Israeli leaders’ ideological hostility made Israel took a strong and unequivocal stance against South Africa. Israel even offered asylum to South Africa’s most wanted men.”

Was das “Asyl” betrifft: Südafrikanische Juden, die die Apartheid wirklich bekämpften, kamen oft vorzeitig frei, aufgrund der engen Beziehungen des Apartheid-Regimes zu Israel – und weil sich Israel für alle Juden auf der Welt zuständig fühlt. Und durften nach bzw über Israel ausreisen. So wie Denis Goldberg, der im Rivonia-Prozess zu Lebenslänglich verurteilt wurde, nach 22 Jahren (in einem “weissen” Gefängnis) freigelassen wurde, in Israel nur kurz seine Tochter besuchte und das System dort kritisierte, dann nach GB ausreiste, wo er sich wieder voll dem Kampf gegen die Apartheid (in Südafrika) widmete. Arthur Goldreich ging nach seiner Flucht wieder nach Israel, kritisierte aber wie erwähnt den Zionismus und seine Gemeinsamkeiten mit der Apartheid.

Dann wird in dem Artikel auch wieder eine Zwangslage behauptet. “…it was long apprehensive about the punitive measures, stemming from Israel’s own vulnerability to international embargoes by the United Nations and Third World–dominated bodies…”. “Israel’s condemnation of apartheid was based on opposition to the racist nature of the practice, and its maintenance of mutually beneficial commercial and military ties was rooted in a concern for South African Jews and a realpolitik attitude that Israel was too isolated to be selective about partners in trade and arms deals.” Ja, die Henne und das Ei, was war zuerst, die “Isolation” oder die Politik die es in diese Isolation brachte?

Eine “Notsituation”, wie die Südtiroler, die sich Hitler andienten. Aber eigentlich war Hitler ja auch in einer Zwangslage, denn er brauchte (in seiner Isolation) ja Mussolini. Und, “Third World–dominated bodies” ist an sich eine Formulierung die die ganze Verachtung für diese Staaten herüber bringt. Aber auch in dem Zusammenhang schreibt man sich eine Vulnerabilität zu… Auch in der Apartheid-Rhetorik sah man sich immer der “3. Welt” und seinem Druck ausgesetzt. Dass jetzt dort retrospektiv eine Gegnerschaft Israels zur Apartheid behauptet wird, macht deutlich, dass diese Variante des Umgangs nun hegemonial ist. “Israel and the apartheid analogy” ist ein Artikel, von dem auch anzunehmen ist, dass er heftig von Aktivisten von GIYUS/CAMERA/Israel sheli/JIDF/Megaphone/… bearbeitet worden ist und durch das “Spielen” mit Regeln so gehalten wird. Mit der Schönfärberei soll natürlich etwas verdeckt werden…

Der Deutsche Hans Grimm, der im südlichen Afrika gelebt hatte, jammerte in der Zwischenkriegszeit von den Deutschen als ein „Volk ohne Raum“, was die Nazis dann hauptsächlich in Osteuropa zu ändern versuchten. Das osmanische Palästina galt Zionisten um die Jahrhundertwende als „Land ohne Volk“. Dass Palästina ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land sei, wurde nicht von Theodor Herzl in die Welt gesetzt. Sondern erstmals wahrscheinlich vom schottischen presbyterianischen Geistlichen Alexander Keith (1792-1880), der die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina durch die Bibel “verordnet” sah, ein christlicher Zionist war. Anthony Ashley-Cooper, Earl of Shaftesbury, ebenfalls ein Brite und im 19. Jh, war ein evangelikaler Anglikaner, trat für die christliche Missionierung von Juden ein… Er sagte/schrieb (auch) so etwas ähnliches, nannte das Land (welches ohne Volk/Nation sei und den Jude zustehe) Gross-Syrien. Dann kam der englische Jude Israel Zangwill an die Reihe, er hat den Satz „Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“ wahrscheinlich “in Umlauf gebracht”. Dieser Zangwill, ein Bekannter von Herzl, war übrigens einer jener Zionisten, die den jüdischen Staat nicht unbedingt in Palästina verwirklicht haben wollten, und zB ein Gebiet in Afrika anvisierten. Die eurozentrische Illusion, dass sich alle aussereuropäischen Territorien in einem politischem Vakuum befänden, verbindet Kolonialismus67 und Zionismus.

Nirgendwo sind sich Zionismus und klassischer europäischer Faschismus (darunter das Erbe des deutschen Nationalsozialismus) nach der Hitler-Herrschaft in Europa so nahe gekommen wie bei der südafrikanischen Apartheid! Apartheid-Südafrika war für Beide eine wichtige positive Referenz. Wie erwähnt waren die späteren führenden Politiker der NP währen der Nazi-Herrschaft für ein Bündnis Südafrikas mit Nazi-Deutschland. Der spätere Premierminister Strijdom war in den 1930ern auch für die Rückgabe Südwestafrikas an das Deutsche Reich. Ein anderer Afrikaaner-Politiker, Strijdoms Vorgänger Malan, hat sich zB mit einer Thyra Denk, Ehefrau eines deutschen Agenten namens Hans Denk (damals in Portugiesisch-Ostafrika), 1940 im Auftrag mit Hitlers Aussenminister von Ribbentrop getroffen. Was den Nazi Leopold von Mildenstein und seine Reise nach Palästina betrifft und seine Begeisterung für das zionistische Projekt dort, dies ist ein Tabu… In diesem Kontext haben auch Nazis Juden in einem anderen Licht gesehen.

Nach dem von Hitler losgetretenen und verlorenen Krieg haben Afrikaaner in Südafrika deutsche Waisenkinder adoptiert, es mussten deutsche sein. Unter jenen, die 1948 in Kapstadt ankamen, war auch der 13-jährige Lothar P. Tietz aus (dem nunmehr sowjetrussischen) Ostpreussen. Er wurde vom Chef des Kinder-Adoptionsfonds (Dietse Kinderfonds, DKF), J. C. Neethling, adoptiert, einem ehemaligen Aktivisten der Pro-Nazi-Organisation Ossewabrandwag. Dieser Lothar Neethling, wie er dann hiess, machte Karriere in der südafrikanischen (Apartheid-) Polizei (SAP), wurde deren stellvertretender Chef; als solcher hat er auch mit Israel zusammengearbeitet. Ein Regime, dessen frühere Protagonisten allesamt Nazi-Sympathisanten gewesen waren (als die Nazis in grossen Teilen Europas an der Macht waren), unterhielt engste Beziehungen mit dem jüdischen Staat. Nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Die Gegenüber von Malan, Strijdom, Verwoerd, Vorster, Botha waren Politiker, die von den Palästinensern und den anderen Völker der Region eine ähnliche Meinung hatten wie die NP-Leute von den Zulus, Xhosas, Tswana, Shona,…

“Ein Wall gegenüber Asien” (Herzl) und eine Mauer zu Afrika. Und, besonders im Lager der lange oppositionellen zionistischen “Revisionisten” (Herut/Likud/…) gab es Rassen-Theoretiker und selbsterklärte Faschisten wie Ahimeir/Geisonovich. Terroristen waren (bzw galten für die Briten) auch viele Politiker der “Arbeiterpartei” (Mapai/Avodah/…). Der Chauvinismus der zionistischen “Linken” und “Liberalen” (> Lapid senior 1974) ist ein anderer. Der Zionismus ist dem westlichen Nationalismus entsprungen, steht ihm bis heute nahe.68 Wie im Südtirol IV-Artikel ausgeführt wurde, hat etwa der ÖVP-Rechtsaussen Felix Ermacora in einem Buch, in dem er sich für ein österreichisches Südtirol einsetzt, den Freiheitskampf in Namibia (gegen Apartheid-Südafrika) und Palästina attackiert. In Apartheid-Südafrika gab es auch ein Nebeneinander von einem gewissen Antijudaismus und Philozionismus; gegen die religiösen und die linken Juden (die “Sepharden”/Mizrahis zählten gar nicht als Juden), aber für die “wehrhaften” und unterdrückenden und nationalen; ähnlich wie die Evangelikalen in der USA.

Die genannten Probleme in der Beziehung zwischen Israel und dem Apartheid-Regime lagen auch hauptsächlich hier. Bezüglich Diaspora-Juden hat Israel andere Erwartungen als gegenüber seinen Bürgern und ggü den Nicht-Juden unter sich. Das ändert aber nichts an der Begeisterung, die bei rechten Afrikaanern von einer zu den Nazis zu einer für Zionisten überging. Dass Vieles an der südafrikanischen Apartheid an das Nazi-Regime gemahnte, wird nicht nur durch die “Rassengesetze” (s.o.) deutlich; zB auch daran, dass Schwarze durch den Namenszusatz “Bantu” gleich erkenbar sein sollten, wie Juden im NS durch die Beinamen “Israel”/”Sarah”. Apartheid-Südafrika wurde Bezugspunkt für Rechte und Rechtsextreme hauptsächlich aus “weissen” Teilen der Welt. Oswald Mosley, Gründer der British Union of Fascists (BUF), 1940 bis 1945 interniert, lebte nach dem Hitler-Stalin-Krieg hauptsächlich im Ausland, weil er sich in GB kaum mehr politisch betätigen konnte.69

Er war ein häufiger Besucher im Südafrika der Apartheid, wo er von Regierungsmitgliedern empfangen wurde. Trotz der Abneigung der nationalistischen Afrikaaner gegenüber allem Britischem. Was rechtsextreme Briten und diese Afrikaaner verband, war zB Rhodesien (neben den Afrikanern, den Kommunisten,…). Die Candour League von Arthur Chesterton, einem Biografen von Mosley, war eine der britischen Organisationen, die sich der Sache der Weissen im südlichen Afrika annahm. Auch NPD-Chef Adolf von Thadden besuchte Südafrika damals häufig, wo seine Mutter gelebt haben soll, traf sich mit NP-Politikern und deutschen Auswanderern, die sich 1967 zum “Deutschen Arbeitskreis Volkstreuer Verbände in Südafrika” zusammenschlossen. Die rassistische Internationale mit ZA-Connection “traf” sich nicht über Israel, das zu behaupten wäre übertrieben. Aber der “Antikommunismus”, der gelegentlich vorgeschoben wurde um die Rassenkategorien nicht beim Namen zu nennen70, verband mit den weiter in der Mitte stehenden Rechten, wie dem “Western Goals Institute”, und von dort war es nicht weit zum Philo-Zionismus.

Zu jenen, die sowohl den Nationalsozialismus wie Israel schätzten, gehörte Panamas Machthaber Manuel Noriega. Der “legendäre” Mossad-Agent Michael Harari war offiziell Panamas Honorarkonsul für Israel, de facto aber Noriegas Berater. Es heisst, Noriega trug ein israelisches Fallschirmjäger-Abzeichen auf seiner Uniform und besass eine Villa in Herzliya. Als das USA-Militär 1989 in Panama einfiel, um Noriega zu stürzen, wollte es auch Harari schnappen.71 US-Truppen fanden in Noriegas Gemächern Hitler-Bilder. Eine ähnliche Verbindung gab es auch bei anderen lateinamerikanische Rechtsdiktatoren, Wertschätzung für den NS wie für das militärisch ebenso bewundernswerte Israel – zu dem man meist auch “militärische Beziehungen” hatte.

In Apartheid-Südafrika tummelten sich Einwanderer aus der BRD wie aus IL, Geschäftsleute,… Manche Deutsche schwärmten davon, dass es nirgendwo sonst auf der Welt gegenüber dem Kriegsverlierer Deutschland so grosse Sympathien gäbe wie dort. Sowohl diese Deutschen wie diese Israelis waren Apologeten des dortigen Systems. Und man gehörte allesamt zum Westen; das bedeutete auch, dass jene die man bekämpfte, entweder mit dem Kommunismus unter der Decke steckten oder Terroristen waren; oder kommunistische Terroristen, wie es P.W. Botha formulierte, als er sich weigerte, vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission zu erscheinen.72 Mit dem Ende der Apartheid ist das Pro-NS-“Sentiment” unter Buren zu rechtsradikalen Splittergruppen “abgedrängt” worden, wie zur Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB), die offen modifizierte Nazi-Symbole verwendet. Als der damalige südafrikanische Präsident De Klerk, der dabei war, die Apartheid abzuschaffen, 1991 in der AWB-Hochburg Ventersdorp (damals Transvaal) eine Rede halten wollten, griff diese paramilitärische Gruppe die Sicherheitskräfte des (Noch-) Apartheid-Staates an.

Gemeinsamkeiten, Israel als Apartheid-Staat

Die Afrikaaner, die “ewig Unterdrückten” kamen 1948 in Südafrika an die Macht, knapp vorher im selben Jahr gründeten die sich ebenfalls oft so sehenden Juden ihren Staat in Palästina. Für beide Völker war es wichtig, der Boss, der Herr in dem Land zu sein. Im Fall Südafrika war die Staatsgründung 1910 im Gegensatz zu Israel nicht das Problem (gewesen), obwohl sie auch über die Köpfe der angestammten Bevölkerung hinweg erfolgte. Sowohl Weisse in Südafrika als auch Juden in Palästina haben diese Bevölkerung nach ihrer Ankunft sukzessive zurückgedrängt. Aber sie haben ja die Zivilisation in das Land gebracht. Es gibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Zionismus und Apartheid.

Dass Eliahu Yishai als israelischer Inneminister vor einigen Jahren davon sprach, dass “das Land” (womit er wohl auch die von Israel nicht annektierten aber von ihm regierten Gebiete meint) “uns”, dem “weissen Mann”, gehöre, soll hier nicht verharmlost werden – das geschieht ohnehin andauernd mit Äusserungen von israelischen Politikern wie Bennett, Feiglin, Shaked, Netanyahu. Aber ich ziehe es nicht heran, um eine Parallele bzw Gemeinsamkeit von Israel zur Apartheid aufzuzeigen; schon allein, weil dieser Yishai (und seine Wähler, die ebenfalls grossteils aus Nordafrika stammen) für einen grossen Teil der westlich geprägten, aschkenasischen Juden selbst nicht weiss (und westlich) genug ist (sind).

Die allermeisten Afrikaaner gehören einer der Niederländisch-Reformierten Kirchen an (NGK, NHK, GK), deren Mitglieder zusammen vielleicht 5% der Bevölkerung Südafrikas ausmachen, der Anteil der Afrikaaner eben; im Laufe der Jahrzehnte hat sich das demografisch etwas nach unten verschoben73. Christen machen zwar 80-90 % der Bevölkerung Südafrikas aus, aber die meisten davon sind Angehörige unabhängiger afrikanischer Kirchen (wie der Zion Christian Church)74 und englischsprachiger protestantischer Kirchen (Pfingstler, Methodisten, Anglikaner,…). In diesen zweiteren Kirchen sind sowohl Schwarze als auch (englischsprachige) Weisse (auch Inder, Farbige,…) vertreten, und die Apartheid wurde durch sie grösstenteils nicht gestützt, teilweise wurde sie von ihren Mitgliedern bekämpft.75 Die afrikanischen Kirchen waren klarerweise gegen die Apartheid eingestellt. In Israel, das infolge der Nakba entstand76, ist das Staatsvolk (für den der Staat konzipiert ist) durch die Religion definiert.

Es gibt das Märchen von Israel als der einzigen Demokratie in “seiner” Region. Und die Realität von einer Bevorzugung von Juden, die weltweit einzigartig ist. Wie Apartheid-Südafrika klassifiziert Israel seine Bürger aufgrund einer Ethnizität und privilegiert bzw diskriminiert auf dieser Grundlage. Gegenüber Palästinensern (mit oder ohne israelischer Staatsbürgerschaft) und anderen Nicht-Juden gibt es in allen Bereichen schlechtere Standards, in zahlreichen Gesetzen (formal) und in der Praxis (informell). Zu den diskriminierenden Gesetzen gehört zB das über den Status der Jewish Agency von 1952 (das Israel als Staat des jüdischen Volkes definiert, nicht als Staat seiner Bürger), das Staatsbürgerschaftsgesetz von 1948 (das geflohene/vertriebene Palästinenser ausschliesst) und auch das “Rückkehrgesetz” von 1950, das Juden und zum Judentum übergetretenen Personen das Recht auf Einwanderung und Staatsbürgerschaft zuspricht und vertriebene Palästinenser bzw ihre Nachfahren wiederum ignoriert, oder verschiedene Gesetze, die es Nicht-Juden verunmöglichen, Land- oder Immobilien-Besitz in Israel zu kaufen. Die Privilegierung von Juden betrifft das international anerkannte Israel (mit den “israelischen Arabern” als Haupt-Leidtragenden) sowie das (seit) 1967 besetzte Westjordanland mit den israelischen Siedlungen, Militärstützpunkten, Strassen,…

Israel ist eine Demokratie für Juden77 und eine Militärdiktatur für Palästinenser in deren Restgebieten78. Hier sind die Parallelen zur südafrikanischen Apartheid zu erkennen, welche für das weisse Bevölkerungssegment alle Merkmale einer Demokratie aufwies. Wenn man das Pech hat, zum falschen Kollektiv zu gehören, sind die Rechte als Einzelner aufgehoben, ist man mit der Willkür einer rassistisch agierenden Besatzungsmacht konfrontiert. Ahmad Tibi, Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft und Parlamentarier79, sagte,

“Israel ist demokratisch gegenüber Juden und jüdisch gegenüber Palästinensern”

In Apartheid-Südafrika behauptete man, mit der Schaffung der Homelands habe man den Ansprüchen der Schwarzafrikaner auf Selbstverwaltung Genüge getan; bei Israel ist es die palästinensische Autonomieverwaltung auf die man verweist. Aber nicht einmal im Gaza-Streifen kann man von einer wirklichen Selbstverwaltung reden. Und im Westjordanland? Die PNA darf zB nicht einmal in den winzigen A-Zonen nach Wasser graben… Das letzte Wort hat überall Israel bzw dessen Militär; und darauf (auf ihre Be-Herrscher) haben die Palästinenser keinerlei Einfluss. Im damaligen Südwestafrika, von Südafrika verwaltet, hat die weisse Minderheit Selbstverwaltung gehabt (u.a. ein eigenes Budget) und wählte jahrzehntelang Vertreter ins südafrikanische Parlament (representation without taxation)80; in Südafrika hatte die nicht-weisse Mehrheit staatsbürgerliche Pflichten wie die Abfuhr von Steuern, aber keine politische Mitsprache (taxation without representation); in Rest-Palästina nimmt Israel für die Palästinensische Autonomiebehörde (PNA) Steuern und Abgaben ein und leitet diese weiter (oder auch nicht)81.

Die Palästinenser in ihren Restgebieten, und nur sie, leben quasi in einer Bürgerkriegs-Situation, für sie sind Elemente einer Diktatur verwirklicht. Demokratie sagt noch nichts über das Verhalten ggü Anderen aus, der demokratischer Charakter Israels (für Juden) verhinderte nicht die Nakba oder die Besatzung – ganz im Gegenteil: Das Militär führt(e) sie durch, auf Anordnung der gewählten Politiker.82 Auch alle “Apartheid”-Regierungen waren demokratisch gewählt, mit der Einschränkung dass etwa 3/4 der Bevölkerung von diesen Wahlen ausgeschlossen war. Ab 1953 bekam die NP bei allen Wahlen absolute Mehrheiten, bis 1989 (da nur mehr an Mandaten). Die Angeklagten im Rivonia-Prozess in Pretoria ’63/64, wenn sie Palästinenser unter israelischer Herrschaft gewesen wären, sie von israelischen Geheimdiensten der Sabotage, des Verrats et cetera, müssten sie (auch in der Gegenwart) mit lebenslänglichem Gefängnis rechnen, würden vielleicht nicht einmal einen Prozess bekommen, oder sehr lange nicht (“Administrationshaft”); solche werden aber auch durch gezielte oder geheimdientliche Tötungen “exekutiert”.

Israel hat sich nie über das Territorium definiert oder dessen Demos, immer über das Ethnos (Juden, auch jene die woanders leben), im Gegensatz zu den „rückständigen“ arabischen und moslemischen Staaten der Region. Die Existenz der “israelischen Araber” ändert nicht den monoethnischen Charakter Israels. Der Grund, warum Israel nicht zu 100% jüdisch ist, ist dass sich viele Palästinenser 1947-49 den Vertreibungen von zionistischen Terrororganisationen (Haganah, IZL, LEHI) widersetzten bzw ausharrten. Später hat Israel ihnen auf internationalen Druck widerstrebend die Staatsbürgerschaft gegeben und nach fast 2 Jahrzehnten auch die Militärverwaltung über sie aufgehoben. Phyllis Bennis:

„Unlike any other country in the world, Israel does not define itself as a state of its residents, or even a state of its citizens, but as a state of all the Jews in the world. Jews from anywhere in the world, like me, can travel to Israel, declare citizenship, and be granted all the privileges of being Jewish that are denied to Palestinians who have lived in the area for hundreds of years.“

Was Azmi Bishara und seine Partei Balad anstreb(t)en/vorschlugen, die Ent-Zionisierung Israels (ein Staat für alle seine Bürger anstatt eines jüdischen Staats), macht irgendwie wenig Sinn, Israel ohne Zionismus ist wie alkoholfreies Bier, da macht eine Abschaffung und Staats-Neugründung mehr Sinn.

Israel ist für die Palästinenser in den besetzten Gebieten zumindest ein autoritärer Staat83, nicht für die dort angesiedelten Israelis natürlich. Welche spezielle Form von autoritärem Regime? Ethnokratie oder ethnische Demokratie? Der Begriff “Ethnische Demokratie” bzw “ethnic democracy” wurde vom israelischen Soziologen Sammy Smooha eingeführt, und er betrachtet Israel als eine solche. In einer ethnischen Demokratie sind strukturelle Dominanz einer Ethnie mit demokratischen Rechten für Alle kombiniert – im Gegensatz zur Ethnokratie (oder Rassendemokratie)84, in der bestimmte ethnische Gruppen von der politischen Partizipation ausgeschlossen werden. Wahrscheinlich ist Israel für die “israelischen Araber” (Palästinenser in jenem Gebiet das 1948 “Israel” wurde) eine ethnische Demokratie, für die Palästinenser in den Gebieten, die 1967 von Israel besetzt wurden, eine Ethnokratie – kombiniert mit Elementen einer Militärdiktatur.

Ein Staat bzw eine Nation und seine “illegtimen Mitglieder”, Araber bzw Schwarzafrikaner. Genau genommen gab bzw gibt es sowohl in Apartheid-Südafrika als auch in Israel eine Art Kastensystem, mit diversen Zwischenstufen, mit einer klaren Hierarchie, mit unterschiedlichen Standards für die unterschiedlichen “Bevölkerungsgruppen”, die man geschaffen hat. Nicht nur 2 Gruppen, eine privilegierte und eine unterdrückte, und eine Trennung (Apartheid) dazwischen. In Israel/Palästina betrifft das Kern-Israel, wie es also vor dem Krieg 1967 existierte. In Südafrika wurden die Inder und “Coloureds” über die Schwarzafrikaner gestellt, und auch gegen sie ausgespielt. In Israel gibt es die Mizrahis, die aus Äthiopien gebrachten Juden85, die ausländischen Arbeiter,… und die säuberlich in verschiedene Gruppen aufgeteilten Palästinenser in diesem Kern-Israel (“israelische Araber”, Drusen, Beduinen,… zur Zeit gibt es Bestrebungen, die christlichen Palästinenser gegen die anderen in Stellung zu bringen).

Dennoch bzw gerade deshalb gibt es Phrasen der “Gleichberechtigung”, Bekenntnisse zu Diversität, Protzereien wie gut es den “israelischen Arabern” doch ginge. Sie haben sich eben (zT) mit ihrer zweitrangigen Rolle bzw der abverlangten Unterordnung abgefunden. Israels rassisch-ethnische Diskriminierung trifft die allermeisten Palästinenser (die nicht im Exil leben) täglich. Die südafrikanische) Apartheid wurde (und wird) gerne als “Politik der guten Nachbarschaft“ verharmlost (bzw verfälscht); ähnlich verhält es sich mit der Definition von „Frieden“ vom zionistischen Standpunkt. „Frieden“ bedeutet für Manche, dass sich die Palästinenser damit begnügen, unter Militärherrschaft zu leben bzw Bürger 3. Klasse zu sein

Ein Kalman Katzenelson, aus Russland, revisionistischer Zionist (Anhänger des Likud-Vorläufers Herut), Schwager von “Kanaaniter-Gründer Ratosh/Halperin, brachte 1964 sein Buch “Ha-Mahfekha ha-Ashkenazit” (transkripiert, “Die aschkenasische Revolution”) heraus. Darin schreibt er, die Mizrahis (“orientalische” Juden, nach Israel gebracht) seien genetisch minderwertig, gefährdeten die Überlegenheit des aschkenasisch-zionistischen Staates, forderte die Errichtung eines Apartheid-Systems86, in dem auch die politischen Rechte der Mizrahis beschnitten bzw abgeschafft werden sollten. Weiters wollte er ein Verbot “gemischter Ehen” (zwischen Aschkenasen und Mizrahis) und die Abschaffung von Hebräisch als Staatssprache, da es zu sehr dem Arabischen ähnelte. Stattdessen solle Jiddisch Staatssprache werden, aufgrund seiner “überlegenen” deutschen Einflüsse.87 Das Buch verkaufte sich sehr gut in diesem Prä-1967-Israel88, bevor es Ben Gurion verbot.

Der aus dem damals russischen Ost-Polen stammende Ben Gurion (Grün) gab diese aschkenasisch-chauvinistische Linie selbst vor89, sprach von den Mizrahis (die er nach Israel bringen liess) als “Wüstengeneration”, von Leuten denen es an jüdischer Erziehung mangle. Als er in den frühen 1950ern sagte, die Israelis dürften nicht Araber werden und dass ein Kampf gegen den “Geist der Levante” zu führen sei, kann er Palästinenser oder Mizrahi-Juden gemeint haben. In dieser Zeit wurden ins Lande gebrachten Familien jemenitischer Juden Neugeborene weg-genommen, und diese an aschkenasische Familien übergeben.90 Die Familien wurden als primitiv gesehen, die Kinder könnten in den “richtigen” Familien gerettet werden, für den zionistischen Staat erzogen; ausserdem könnten sich so grosse Familien ein oder zwei Kinder weniger leisten. Auch aschkenasische Familien, die den Holcocaust überlebt hatten, waren an den Entführungen beteiligt.91 In der “Mini-Intifada” (seit) 2015 kam es zu Fällen, in denen Mizrahi-Israelis nach Messerattacken von Palästinensern (oder vermeintlichen) von einem Mob (darunter Soldaten) attackiert wurden, weil sie für Palästinenser gehalten wurden.92 Bei Übergriffen gegen afrikanische Einwanderer wurden auch äthiopische Juden attackiert.

Manche Mizrahis versuchen aus dem ihnen Auferlegten, Verachtung an die Palästinenser und andere Völker der Region weiterzugeben, auszubrechen. Der Author Sami Michael zB, ein aus dem Irak stammender (jüdischer) Israeli, plädiert dafür, dass sich Israel in die Region integriert. Als Alternative zum Abgrenzen, sich als Aussenposten der westlichen Welt zu sehen, zur Kleinhaltung der Anderen, mit den hochentwickeltsten Waffen, dem Anprangern, sie Überlisten,… Israel, das der schlimmste Apartheid-Staat auf der Welt geworden sei, müsse beweisen, dass es nicht ausführender Arm oder Ausläufer westlicher Politik in seiner Region sei93 und nicht nur gegen die Region bestehen könne. Israeler die nicht die ganze Region hassen, wie Sami Michael, werden diffamiert, sind Aussenseiter in ihrer Gesellschaft.

In der Hierarchie der Bevölkerungsgruppen in Apartheid-Südafrika waren Weisse natürlich ganz oben, und unter ihnen die Afrikaaner/Buren; in Israel sind das Juden, insbesondere (noch immer) die Aschkenasen. In Südafrika 1948-1994 hörte die Freiheit für Weisse dort auf, wo man die Grundsätze der Apartheid in Frage stellte.94 In einer Ethnokratie, heisst es, wird nicht nur Druck auf die benachteiligte Bevölkerung ausgeübt, sondern auch auf Dissidenten aus der privilegierten Schicht, die die Trennungspolitik bekämpfen und in Frage stellen. Das trifft auch auf Israel zu. Die südafrikanische Schriftstellerin Nadine Gordimer sagte, in keinem anderen Land der westlichen Welt gab es weniger Freiheit als in Südafrika, nicht zuletzt in der Kunst.95 Die Publikationen, die in der Apartheid-Zeit in ZA verboten waren, sind im “Jacobsens index of objectionable literature” (1996) aufgelistet; er umfasst fast 15 000 Publikationen. Und die israelische Militärzensur?

Das Zusammenleben mit den “Dunkelhäutigen” aus der Region auf gleichberechtigter Grundlage war/ist für beide Systeme das eigentliche Problem, kam/kommt nicht in Frage. “Die kaffer op sy plek”. Es gibt getrennte Wohngebiete (de facto, hauptsächlich) bzw gab sie de jure. Die Unterworfenen dürfen in gewisse Gebiete nicht hi(nei)n. Apartheid-Regierungen waren bereit, Teile des Territoriums Südafrikas “aufzugeben” (als Homelands), anstatt Schwarzen im Land gleiche Rechte zu geben. Ähnlich verhält sich Israel gegenüber den Palästinensern in den 1967 eroberten Gebieten, die de facto Teile Israels wurden; auch in den “Homelands”, in denen Palästinenser seit 1993/94 Selbstverwaltung haben, hat Israel das letzte Wort. Die Homelands in Südafrika waren wie gesagt etwa 15% (unattraktives) Land für 75% der Bevölkerung; in den Städten gab es die Townships. Das beste und meiste Land blieb/bleibt den Privilegierten vorbehalten. Es gibt Siedlungen, Umsiedlungen, Zerstörung von Stadtvierteln,… Sophiatown in Nord-Johannesburg oder Ost-Jerusalem.

In Hebron, der grössten Stadt im Westjordanland, ist die israelische Apartheid am schlimmsten bzw am deutlichsten. Dort entstand 1968 die erste israelische Siedlung in den neu eroberten Gebieten, durch religiöse Fanatiker um Mosche Levinger. Bezeichnenderweise steht dieses Projekt bis heute unter dem “Motto”, “an 1929 anzuknüpfen”96, für das “Recht der Juden, in dieser Stadt zu leben” zu kämpfen. Die Ereignisse in Hebron 1929 standen im Rahmen des palästinensischen Aufstands gegen die aggressive zionistische Siedlungs- und Vertreibungspolitik. Und, es sind diese Siedler und ihre Beschützer und Apologeten, welche kein Gemeinsam mit der dortigen Bevölkerung (den Palästinensern) wollen, im Gegenteil! Der Diskurs bzw die Apologetik ist typisch; man hängt der Gegenseite all das um, was man ihr entgegen bringt bzw dreht die Verhältnisse anklagend um. Die Anderen seien Fanatiker, man müsse verhindern, dass die Stadt “judenrein” werde,…97 Wären diese Siedlungen auch für Palästinenser offen, wären sie nicht darauf angelegt, Palästinenser zu vertreiben und zu schikanieren, nicht Teil des Besatzungsregimes, würden die israelischen Siedler im Westjordanland nicht in jeder Hinsicht über den Palästinensern stehen,… sähe die Sache ganz anders aus. Das gilt für das gesamte zionistische Projekt in Palästina, seit mehr als 100 Jahren.

Eine Annexion der “Westbank” wird, genau wie einst beim “Gaza-Streifen” wegen den dortigen Palästinensern nicht gemacht, weil man ihnen dann einen Status ähnlich der “israelischen Araber” geben müsste, das Wenige ist ihnen schon zuviel. Naftali Bennett ist einer jener, die weitere Annexionen wollen.98 Die Zionisten kontrollieren 100% Palästinas, haben u.a. ein “demografisches Problem” in Gestalt der Palästinenser, wie immer wieder betont wird. Der damalige Premier Olmert malte als Schreckgespenst an die Wand, dass sein Land eines Tages einen Kampf wie in Südafrika um gleiche Wahlrechte erleben könne…

Nachdem infolge der Perestroika und des Auseinanderfalls (in) der Sowjetunion Anfang der 1990er Hunderttausende Juden (und auch Nicht-Juden…) in das Land strömten (hauptsächlich Aschkenasen), jubelte man (Vertreter der Jewish Agency,…) “Endlich eine jüdische Mehrheit in Galiläa“. Die Aufrufe von Netanyahu zur Einwanderung von Juden, v.a. aus dem „antisemitischen Europa”99, sind auch gegen die „israelischen Araber“ bzw gegen die Palästinenser an sich gerichtet. Nebenbei, US-Amerikaner, Deutsche oder andere “Westler”, die Juden oder Israelis heiraten und einwandern, werden vom Zionismus nicht als demografische Bedrohung gesehen…und auch anders behandelt.100

Die Zionisten wenden bezüglich der Beherrschung der Palästinenser die selben Methoden wie die Apartheid-Herrscher Südafrikas gegenüber den Schwarzen an. Darunter eine Politik des “Teile und herrsche“, das Gegeneinander-Ausspielen der Unterworfenen, die Inkorporation von Teilen von ihnen (die gegen die anderen in Stellung gebracht werden), welche auch gegenüber der “internationalen Gemeinschaft” die Illusion von “Harmonie” erzeugen soll. Das Apartheid-Regime wollte die “schwarze” Bevölkerung entlang ihrer ethnischen Linien (Zulus, Xhosas, Sothos, Tswana,…) teilen101 und sich dabei der traditionellen Herrscher bedienen, teilweise erfolgreich. Die Palästinenser wurden wie erwähnt in mehrere ethnisch-religiöse Kasten (mit unterschiedlichem Status) geteilt, dazu kommt die Teilung zwischen jenen, die schon seit 1948 unter israelischer Herrschaft lebten und jene die die das seit 1967 tun. Es gibt Palästinenser in den IDF102, es gab Schwarze und andere Farbige in der SADF. Es gab auch Schwarze in der NP, am Ende der Apartheid, als dies möglich war (ab 1993), am prominentesten John Mavuso.

Woran keine Kollaboration und keine Beschönigungsmassnahme etwas ändern kann/konnte, ist die Ungleichheit, wer der Boss ist/war; und wenn es darum geht, “den Anderen” etwas substanziell zuzugestehen bzw sie als grundsätzlich ebenbürtig anzuerkennen… Die israelische Polizei kam zB 2017 in ein beduinen-arabisches Dorf, um Häuser zu zerstören, die ohne Genehmigung gebaut worden waren; ging aggressiv vor, es gab Tote und Verletzte, darunter der Knesset-Abgeordnete Aiman Auda. Und die Beduinen dienen teilweise im israelischen Militär – wo sie gegen andere Gruppen unter den Palästinensern eingesetzt werden, oder gegen afrikanische Einwanderer an der Grenze zum Sinai. Das Vorgehen von Polizei und Militär gegen die “Eigenen” (die privilegierte Bevölkerunsggruppe) oder aber gegen “die Anderen” (die Unterworfenen)…auch hier eine Gemeinsamkeit mit Apartheid-Südafrika. Gegen die israelischen Siedler in den palästinensischen Restgebieten würde nie so vorgegangen werden – auch wenn einmal ein Landraub von ihnen von Israel selbst als “illegal” erklärt wird und sie gegen Soldaten Widerstand leisten.103 Weisse konnten öffentlich gegen die Apartheid auftreten (solange sie nicht Taten dagegen setzten), Schwarze nicht; genau so verhält es sich mit Juden und Palästinensern.

Und, jener Soldat, der im März 16 in Hebron einen (nach einer Messerattacke auf einen anderen Soldaten) angeschossenen Palästinenser mit einem Kopfschuss exekutierte, wurde zu 9 Monaten Haft verurteilt (2 Mal wurde die Strafe reduziert, obwohl er nie Reue für seine Tat zeigte). Für Viele ist er ein Held, von Netanyahu abwärts traten viele Politiker für seine Begnadigung ein; aber auch ein anderer Chauvinismus lebte auf, die Selbstbeweihräucherung; die Botschaft der Verurteilung sei, „dass wir uns nicht auf das unmoralische Niveau derer herunterziehen lassen dürfen, die uns auslöschen wollen“. Was nicht diskutiert wird, ist die Rolle der Soldaten und Siedler in Hebron, die Ursachen des „Terrors“ bzw Widerstands.104 Die palästinensische Politikerin Hanan Aschrawi beschrieb das Strafmaß im Militärprozess als „Hohn auf die Gerechtigkeit“, die leichte Haftstrafe beweise, dass palästinensisches Leben als wertlos angesehen werde. Am Ende wird die 16-jährige Ahed Tamimi wahrscheinlich länger im Gefängnis sein als dieser Elor Azaria.

Israel tötet und sperrt Leute ein, mit denen es verhandeln sollte. Selbes galt für das Apartheidsystem und seine Gegner. Dieses hat zB Ruth First 1982 durch eine Paketbombe im Exil getötet, versuchte Frank Chikane zu vergiften. Die Verantwortlichen wurden nach dem Ende der Apartheid milde “bestraft”. Und der Regierungschef 1978 bis 1989, Pieter Botha, zeigte der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) bildlich gesprochen den gestreckten Mittelfinger, was für ihn aber praktisch keine Konsequenzen hatte. Er verbrachte einen ruhigen Lebensabend, mit Bodyguards die ihm die Post-Apartheid-Regierungen zur Verfügung stellten. Die erste dieser Regierungen wurde von Nelson Mandela geleitet, der es vom Gefangenen zum Präsidenten geschafft hat. Weitere zwei südafrikanische Post-Apartheid-Staatspräsidenten waren auf Robben Island Gefangene gewesen.

Politiker und Aktivisten der Gegenseite wurden als “Terroristen” gebrandmarkt, und diese eingesperrt, Mordanschläge auf sie verübt. An dieser Stelle sei die Frage aufgeworfen, wann wem gegen wen Widerstand gestattet wird. Gegen das Nazi-Regime vielerorts in Europa, gegen das Apartheid-Regime in Südafrika, gegen die Sklaverei? Samuel Sharpe, der Anführer eines Aufstandes 1831/32 in Jamaica105, wurde damals als einer von über 300 Versklavten zur Strafe getötet (gehängt). Auch Nelson Mandela wurde mal als Terrorist gesehen, von gewissen Kreisen, und nicht die Angehörigen von südafrikanischen Terroreinheiten wie C1(0), Koevoet, CCB, BOSS. Für Pretoria und Tel Aviv waren Mandela und Arafat “Terroristen-Führer”, die Weisse bzw Juden “in das Meer jagen” wollten und gegen die man sich entsprechend zu “verteidigen” hatte. Das israelische Militär (ZAHAL/IDF) entstand einst aus drei Terrorgruppen und ist heute eine Besatzungsarmee. Der Widerstand von Palästinensern kommt nicht, „weil sie Juden hassen“, sondern aus Jahrzehnte-langen Erfahrungen, bzw aus der Tatsache, was Israel für sie bedeutet.106

Linda Sarsour, eine palästinensische Amerikanerin, mit Engagement für afro-amerikanische und palästinensische sowie moslemische Belange, kommentierte 2015 auf Twitter ein Foto, auf dem ein palästinensischer Junge einer Gruppe schwerbewaffneter israelischer Soldaten mit einem Stein in der Hand gegenübersteht: „Die Definition von Mut. #Palästina.“ Widerspruch eines jüdischen New Yorker Stadtrats: „Nein, die Definition von Barbarei“. Rechtsextreme Afrikaaner haben vor ihrer “Machtübernahme” 1948 den südafrikanischen Staat bekämpft und taten dies nach dem Ende dieser Phase 1994 auch wieder. Widerstand von den Haupt-Leidtragenden in dieser Phase (oder von jenen, die mit ihnen solidarisch waren) galt als “Terrorismus”. Und in Palästina, 1948 und danach? Ein 16-jähriges palästinensisches Mädchen (Ahed Tamimi), die (schwerbewaffnete) israelische Soldaten mit der Hand geschlagen haben soll, wird auch von Israel als Terrorist behandelt.107

Es gab und gibt den Anspruch, dass Weisse/Juden die Zivilisation/Kultur in eine in jeder Hinsicht dunkle Region brachten, zu den schwarzen/arabischen Horden. Der israelische Sieg über die Armeen arabischer Staaten 1967 wurde (auch) vom Apartheid-Regime und seinen Anhängern gefeiert; der “Mythos der militärischen Macht der dritten Welt” sei in sechs Tagen zerstört worden, hiess es da. Ein Beispiel für Südafrika, das ebenfalls numerisch überlegenen Feinden gegenüber stehe, aber eben auch waffentechnisch haushoch überlegen sei und im Gegensatz zum (“fanatischen”) Feind eine disziplinierte Armee habe, sprich, man war zivilisatorisch überlegen. „Ayn Rand“ (Alisa Zinovyevna-Rosenbaum)108 sagte zB zum “Yom-Kippur-Krieg” 1973, dass sich die Israelis als zivilisierte Männer gegen die Wilden durchgesetzt habe; passenderweise war sie auch der Meinung, dass europäische Kolonisten das Recht gehabt hätten, das Land von den amerikanischen Indianern zu nehmen.109

Der faschistische israelische Politiker Naftali Bennett sagte 2010 zum palästinensisch-israelischen Politiker Ahmad Tibi, als “ihr noch auf Bäumen herum geklettert seid, hatten wir hier schon einen jüdischen Staat”. Der “liberale” Lapid senior hat sich ja einst ähnlich ausgedrückt, mit dem Dschungel, allerdings gegenüber den Schwarzafrikanern…sein Sohn war auch Bennetts Koalitionspartner in einer Netanyahu-Regierung.110 Bennett hat übrigens Kurse geleitet, mit seiner Organisation “Israel Sheli” (mit seiner Ayelet Shaked), in der Anleitungen dazu gegeben wurden, Wikipedia-Artikel im zionistischen Sinn umzuschreiben.111 Der aus Russland eingewanderte revisionistische Zionist Wladimir Jabotinsky sagte 1923, die in Palästina ansässigen “wenigen” Araber seien “kulturell 500 Jahre hinter den Juden zurück”.

Zumindest im Fall Südafrikas hat man die “Eingeborenen” auch über 100 Jahre lang (schon vor der Apartheid) von Allem ausgeschlossen und ihnen eine Bildung zukommen lassen, die die ganze Verachtung für sie zum Ausdruck bringt. Bei Apartheid-Südafrika wie bei Israel gibt es gleichzeitig Verachtung ggü der Region und Gegreine über Ablehnung. Gibt es den Anspruch, in der Region eine Art Oberherrschaft auszuüben und das Eingehen von Bündnissen. Im Fall der NP-Regierungen Südafrikas waren das nicht nur die Homeland-Herrscher; Premierminister Vorster begründete auch die Détente-Politik des Apartheid-Regime. Bei der Eröffnung des Kohlekraftwerks in Camden (heute Provinz Mpumalanga) 1967 sagte er, dass die Republik Südafrika dazu bestimmt sei, Führer in Afrika zu sein; es sei eine himmelschreiende Ungerechtigkeit dass man unterentwickelten Ländern Geltung in der Weltpolitik gegeben habe, Ländern die noch in der Krabbelphase seien… Geltung und Akzeptanz in Afrika wollte man bekommen indem man noch einmal die ganze Verachtung für den Kontinent und seine Bewohner (die sich schon allein in der inneren Politik ausdrückte) zum Ausdruck brachte.

Ab 1967 liess Vorsters Kabinett ja die Sezession Biafras von Nigeria unterstützen; auch hier war Israel der Partner (daneben auch u.a. die portugiesische Diktatur, die ihre Kolonien in Afrika zu behaupten trachtete). Die Führer Biafras, wie Chukwuemeka Ojukwu, wenn sie nach Südafrika gekommen wären – in welchen Hotels hätten sie dann übernachten dürfen, welche Restaurants benutzen, welche Toiletten…? Probleme und Zwist unter den Afrikanern (bzw in der Region) waren jedenfalls gut für das Apartheid-Regime. Auch das verband mit Israel. In der DR Congo/ “Zaire” unterstützte Pretoria zunächst Tschombé dann Mobutu. Peres-Partner Rhoodie war ein Befürworter eines südafrikanischen Interventionismus bzw Expansionismus in Afrika, schrieb darüber “The Third Africa”. 1974 verkündete Vorster in einer Parlaments-Rede, das südliche Afrika sei an einem Punkt an dem es zwischen friedlichen Verhandlungen und eskalierender Gewalt wählen müsse.112 Sambias Präsident Kenneth Kaunda reagierte positiv. Der eigentliche Beginn der Detente. Der ANC (unter Oliver Tambo) hatte ja sein Exil-HQ in Sambias Hauptstadt Lusaka, für ihn war die Annäherung die dann folgte, Grund zu grosser Sorge.

1975 trafen sich Vorster und Kaunda auf einer Brücke über den Victoria-Wasserfällen, an der Grenze zwischen Südafrika und Rhodesien, um das es hauptsächlich ging. Daher waren auch Rhodesiens DeFacto-Machthaber Ian Smith und Delegierte des schwarzen Widerstands dabei. Dass Kaunda gegenüber dem Apartheid-Regime Appeasement übte, die UNITA in Angola unterstützte, und dem ANC in seinem Land Beschränkungen auferlegte, bewahrte Sambia nicht vor Angriffen der südafrikanischen Luftwaffe, 1986 und 1987, auf ANC-Ziele. Vorsters Verteidigungsminister und Nachfolger Botha nannte in diesem Zusammenhang Israel als Vorbild, und dessen Überfälle auf Ziele in “Nachbarstaaten”. Südafrika hatte damals ja die Herrschaft über Südwestafrika (Namibia) und damit über den Caprivi-Zipfel. In dessen Osten kamen 5 afrikanische Staaten zusammen, und das südafrikanische Militär, die SADF, hatte dort eine Luftwaffenbasis, von der sie die meisten Ziele im südöstlichen sowie teilweise im zentralen Afrika angreifen konnte. Auch Mocambiques Samora Machel liess sich auf Detente/Appeasement mit Pretoria ein (Nkomati-Abkommen 1984 mit Pieter und Roelof Botha), dennoch kam er bei einem Flugzeugabsturz (?) ums Leben.113

Israel versteht sich gerne als Aussenposten der westlichen (=weissen?) Welt, wird oft (von seinen Apologeten!) als solcher gesehen.114 Und es fühlt sich oft missverstanden und ungerecht beurteilt von diesem Westen, wie einst Apartheid-Südafrika, sind beide doch die erste Vertedigungslinie des Westens, in einer Region mit Ländern, die noch in der Krabbelphase sind. Wenn aus dem Westen, dem man sich zugehörig fühlt, ein kleines bisschen auf halbwegs faire Bedingungen für die unter israelischer Herrschaft lebenden Palästinenser kommt, spricht Netanyahu vom “internationalen Diktat”, wird von “Antisemitismus” geredet.

Vertreter des Apartheid-Regimes haben sich immer wieder als Retter der westlichen Zivilisation gegenüber den afro-asiatischen “Massen” und Staaten präsentiert, die Berechtigung dieser Staatlichkeiten angezweifelt, sich eine Mission zugeschrieben. Südafrikas Aussenminister Eric Louw sprach nach der Gründung der Organisation für afrikanische Einheit (OAU) durch die damals unabhängigen Staaten des Kontinents 1963 in Äthiopien von “burn and beggar”-Nationen, und nahm die Sache zum Anlass, den Transfer der Macht von europäischen Ländern an ihre bisherigen Kolonien in Afrika zu attackieren, als einen “Betrug am weissen Mann”, als Ermunterung für die “Kräfte der Barbarei”. Nico Diederichs (Staatspräsident 75-78): “Wir sind die Träger der Werte, die den Westen gross gemacht haben. Wir sind Europa in Afrika.”115 Nun, die Definition des Westens ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Europa, v.a. dessen Westen, Nord-Amerika, die zwei grossen, “weiss” besiedelten Inseln Ozeaniens, und dann? Israel? Japan? Südafrika solange es dort eine weisse Vorherrschaft gab? In den Aussenposten Europas gab es ggü „Eingeborenen“/ “Farbigen“ ähnliche Einschränkungen wie in Südafrika, ab der Ankunft des weissen Mannes dort, und diese wurden gar nicht so viel früher als in Südafrika geändert! Im Süden der USA gab es Apartheid-Zustände bis in die 1960er116, auch im Militär gab es erst im Vietnam-Krieg (theoretische) Gleichberechtigung.117 Miriam Makeba zu Apartheid-Zeiten: „Ich sage immer, der Unterschied zwischen USA und Südafrika ist sehr gering. Nur dass Südafrika zugibt, das es ist, was es ist“. Wenn hiesige Figuren wie Tobias Jaecker oder Andrei Markovits über „Antiamerikanismus“ faseln, dann geht es immer nur um die USA bestimmter Bevölkerungsschichten… In Australien existierten bis in die 1970er apartheid-artige Gesetze gegenüber den Aborigines. In Südafrika war nur anders, dass Nicht-Weisse in der Mehrheit waren.118

Die nationalistischen Afrikaaner, die die Apartheid in Südafrika etablierten, standen eigentlich im Widerspruch zu den Anglo-Weltmächten, die den Westen führ(t)en. Besonders, als in den 1960ern auch GB ent-kolonialisierte119 und von diesen Ländern zaghafter Widerspruch zur Apartheid kam. Seit die Verbindungen zur niederländischen Kolonialgesellschaft VOC (Vereenigde Oost-Indische Compagnie) gekappt wurden und die Konfrontation mit den Briten begann (also Anfang des 19. Jh), gibt es unter Afrikaanern etwas Anti-Imperialistisches, Anti-Koloniales. Sie sehen sich durchwegs als in Afrika beheimatet, mehr als die englischsprachigen (-stämmigen) Weissen des Landes.120 Was sie aber nicht abgehalten hat, die Schwarzen des Landes noch mehr zu entrechten als unter britischer Vorherrschaft. Aber auch unter Apartheid-Apologeten weltweit gab und gibt es diese Opposition zur vermeintlich vorherrschenden “liberalen” Ausprägung der Anglo-Weltmächte; die sich zB in einer Verachtung für die UN ausdrückt.

Bezeichnend war, dass ggü der palästinensischen Sache früher auch Kommunismus-Vorwürfe kamen, wie bei der Opposition zur Apartheid in RZA. Hier wurde die „kommunistische Gefahr“ gerne vorgeschoben, zur Rechtfertigung der Bekämpfung dieser Opposition. Es gab früher diese Kombination aus rassischem Imperialismus, und einem, der aus dem Kalten Krieg heraus argumentiert wurde. Bei „Ayn Rand“ verband sich das Antikommunistische/ Turbo-Kapitalistische mit Bellizismus, Elitismus, Westismus. Und, damals wurden Faschisten (ob Franco oder Gehlen) und Islamisten (ob in Afghanistan oder Palästina) gg (tatsächliche/ vermeintliche) Kommunisten unterstützt. Ob zwischen Apartheid und Kapitalismus ein Gegensatz besteht, ist eine andere Frage. Allister Sparks schrieb 1993: “Die eigentliche Achillesferse des südafrikanischen Unterdrückungssystems war von jeher die vollkommene Abhängigkeit der Herrschenden von den Unterdrückten.” Die meisten Weissen konnten nicht ohne schwarze Arbeitskräfte auskommen, nicht im Bergbau, nicht in der Landwirtschaft, nicht in ihren Haushalten. Streiks sowie Sanktionen des Auslands erschütterten die Wirtschaft auch. Auch Israel braucht Palästinenser als billige Arbeitskräfte.

“Jimmy” Carter hat sich in seinem 06 erschienen Buch mit der israelischen Apartheid auseinander gesetzt. Carter, der einst die USA-Politik von “Sicherheit”(!) zu Menschenrechten verschoben hat, für 4 kurze Jahre. Der damalige UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte in den besetzten palästinensischen (Rest-) Gebieten, Richard Falk (ein jüdischer Amerikaner), sagte am Ende seines Mandats 2014, die israelische Besatzungspolitik trage Merkmale von Kolonialismus, Apartheid und ethnischen “Säuberungen”. Ahmed Kathrada, ein früherer politischer Gefangener auf Robben Island (wo er dann das zu einer Gedenkstätte umgewidmete frühere Gefängnis leitete), schrieb, ein farbiger Südafrikaner brauche nicht mehr als einen Tag in Palästina, um in das Vor-1994-Südafrika zurückgeworfen zu werden. John Dugard, ein weisser südafrikanischer Jurist, der Widerstand gegen die Apartheid leistete, 01 von der UN-Menschenrechtskommission (Vorgänger des Menschenrechtsrats) mit einer Untersuchung israelischer Verstösse gegen Menschenrechte ggü Palästinenser beauftragt, schrieb 07 in einem Bericht, das israelische Walten in den palästinensischen Restgebieten sei in vielen Aspekten der südafrikanischen Rassentrennung ähnlich.

Jon Soske and Sean Jacobs brachten 2015 “Apartheid Israel: The politics of an analogy” heraus (leider noch nicht auf Deutsch übersetzt), darin behandeln 20 Wissenschafter aus Afrika und seiner Diaspora die Analogie zwischen der Apartheid in Südafrika und der israelischen Herrschaft über die Palästinenser. Darin heisst es,

“The parallels are unmistakable. Apartheid South Africa and Israel both originated through a process of conquest and settlement justified largely on the grounds of religion and ethnic nationalism. Both pursued a legalized, large-scale program of displacing the earlier inhabitants from their land. Both instituted a variety of discriminatory laws based on racial or ethnic grounds…in South Africa itself, the comparison is so widely accepted that it is generally uncontroversial”

Die kanadische Autorin und Aktivistin Naomi Klein hat während des israelischen Feldzugs gegen Gaza 08/09 dazu aufgerufen, israelische Unternehmen und Marken zu boykottieren bzw BDS zu unterstützen. Dies sei das effektivste Werkzeug im gewaltfreien Arsenal und habe bereits das Apartheidregime in Südafrika (mit) zu Fall gebracht. Im Sommer darauf besuchte sie Israel, die Westbank und den Gazastreifen und bekräftigte (und präzisierte sie) ihre Unterstützung für die BDS-Kampagne.

Das Propaganda-Mantra (bzw Entschuldigungs-Narrativ) „Geht ihnen so gut unter uns, besser als allen anderen Afrikanern/Arabern“ verbindet auch. Apartheid-Südafrika (und seine Verteidiger) hat seine Politik immer damit gerechtfertigt, dass die Schwarzen dort einen höheren Lebensstandard hätten als anderwo am Kontinent. Und das wurde der weissen Führung des Landes zugeschrieben, welche notwendig sei, um (auch) diesen Standard zu halten. Wenn man in den vorangegangenen 2 Sätzen “Apartheid-Südafrika” durch “Israel” ersetzt, “Schwarze” durch “Araber”, “Kontinent” durch “Region” und “Weisse” durch “Juden”, dann hat man eine wichtige heutige zionistische Apologetik.121 Verwoerd musste sein Bantustan-Konzept einst gegen Kritiker in den eigenen Reihen verteidigen, für die die “Bantus” dadurch zu viel bekamen. So ähnlich geht es auch Netanyahu manchmal (> Bennett,…). Die Forderung nach echter Gleichberechtigung wurde im einen Fall abgewehrt mit „Schwarze haben ihre Bantustans/ Homelands“, im anderen Fall wird sie das mit „Palästinenser haben ihre Autonomie-Gebiete/ihre Regierung“.

Wie die Zionisten zeterten auch die (südafrikanischen) “Apartheidler” davon, dass ihre Existenz bedroht sei (ihr tolles System, ihr Leben), von den bösen Unzivilisierten. Die “Sie wollen uns ins Meer jagen”-Unterstellung kam dort wie sie hier kommt, auch um die Unterdrückung zu rechtfertigen, zu verschleiern. Um sich davor zu retten, ist ja nun jedes Mittel recht. Informationsminister Cornelius “Connie” Mulder 1977 zur “Bild”-Zeitung: „Wenn wir angegriffen werden und es um unsere Existenz geht, werden keine Regeln gelten. Wir werden alle Mittel, die uns zur Verfügung stehen…anwenden”. Und er schloss mit einem verklausulierten Hinweis auf die südafrikanischen Atomwaffen.122 Ein einigermaßen gerechter Ausgleich mit den “inneren Feinden” wäre das beste Mittel gegen deren „Widerstand“ (gewesen), hier wie dort. Was ja von israelischer Seite auch als Antwort auf den Apartheid-Vorwurf bzw die diesbzgl. Feststellung kommt, ist so etwas wie “We are proudly apartheiding the terror”. Man reagiert also nur auf etwas, der Ausschluss bzw die Diskriminierung erfolgt nur aus Gegenwehr, man ist das Opfer.

Man könnte sich das zB anhand Gaza detailliert ansehen, wie das ablief und -läuft. Aber vielleicht ist es erhellender, wenn man sich ansieht, dass beim Zionismus, genau wie bei der südafrikanischen Apartheid einst, die Vernichtungsunterstellungen (die aus dem Kampf gegen das Unterdrückungs-System “gedreht” werden) nahtlos in Unterstellungen der Unzivilisiertheit, Unterlegenheit,… übergehen (oder aus diesen kommen?). Widerstand gegen die Besatzung (die den Gaza-Streifen weiter betrifft, wenn auch anders als das Westjordanland) wird propagandistisch in den Kontext des Wütens des “IS” (ob in der Region oder in Europa) gestellt, womit man davon ablenken will, dass man normalen Palästinensern die Gleichberechtigung versagt, seit Jahrzehnten. Islamismus und Terrorismus lässt sich (heutzutage) leichter als Ausschlussgrund anführen als Demografie, Rasse oder diverse Aspekte der Kultur. Bei israelischen Fussball-Liga-Spielen (oder bei Umzügen in palästinensische Viertel diverser Städte) wird dann wieder gerufen “Tod den Arabern” (Mavet le Aravim), nicht “Tod den Moslems” (oder: den Islamisten/den Terroristen/…).

Als Frederik W. de Klerk 1990, einige Monate nach seinem Amtsantritt, damit begann, die Apartheid “abzubauen”123, sah er das nicht als Kapitulation der Weissen oder Afrikaaner, sondern als das Einnehmen einer neuen Rolle, machte er das aus der Intention, die Zukunft der Afrikaaner in Südafrika zu sichern, wie er später schrieb. Die rechts von der NP stehende Konservative Partei erhielt bei der letzten “Apartheid-Wahl” (1989) 31%; diesen Anteil gab es auch an “Nein”-Stimmen bei De Klerks Referendum über seine Reformen 1992. Ein Teil dieser ca. 31% Weissen, die keine Reform oder Abschaffung der Apartheid wollten124, nahm an der Wahl 1994, mit der die Apartheid abgeschafft wurde, mit der VF teil, die als KP-Abspaltung gesehen werden kann.

Die KP nahm nicht teil, ihr Chef125 Ferdinand Hartzenberg sagte damals, “unsere126 Kultur und ganze Existenz ist bedroht, soll ausgelöscht werden”. Dieser Rhetorik gibt es auch heute immer wieder. Aber die Afrikaaner und ihre (damaligen) “Führer” haben den Schritt gemacht, sich darauf einzulassen, mit den Schwarzen auf gleichberechtigter Grundlage zusammenzuleben. Die Apartheid-Nostalgiker und -Apologeten stilisieren sich als Opfer der schwarzen Mehrheit in Südafrika, die ihre Existenz bedrohe. Etwa jene, die auf Youtube Videos hochladen, in dem Nelson Mandela beschuldigt wird, über das “Töten von Weissen zu singen”. Darin sieht man Mandela das MK-Kampflied singen (mit Ronnie Kasrils), das nach MEMRI-Art “übersetzt” bzw verdreht wird, um zu diffamieren und anzuprangern.

Die beiden Staaten haben bei ihren Atomwaffenprogrammen nicht nur zusammen gearbeitet, für beide ging es darum, sich (“ihre Existenz”) mit überlegener Technologie und Waffen gegen die “farbigen” Horden zu behaupten. IL war etwas schneller am Ziel als ZA, das die Entwicklung seiner Atombomben dann auch als “Reaktion” deklarierte, auf das Engagement des Ostblocks im südlichen Afrika. Die Apartheid in Südafrika begann aber lange vor einem direkten oder indirekten Eingreifen der SU in der Region, und das südafrikanische Militär intervenierte in Angola (bevor kubanischen Truppen dorthin kamen) und destabilisierte das Land, es war nicht so, dass angolanische Truppen Südafrika bedrohten. Südafrika besetzte auch Südwestafrika, setzte auch dort eine Apartheid-Politik durch, arbeitete mit allen Kräften in der Region zusammen, die gegen schwarze (afrikanische) Selbstbestimmung bzw Gleichberechtigung arbeiteten, ob portugiesische Kolonialherren oder Rhodesien nach der einseitigen Unabhängigkeitserklärung von GB,… Die kommunistische Partei Südafrikas (CPSA bzw SACP) hatte Mitglieder aus allen Bevölkerungsgruppen und hatte mitnichten das Ziel eines Ausschlusses der Weissen von der Macht. Es war die Nationale Partei (bzw die von ihr gestellten Regierungen), die die Nicht-Weissen schwer diskriminierte.

Im südlichen Afrika (eigentlich in ganz Afrika) hatte die Republik Südafrika das nukleare Monopol, wie Israel in der Region Westasien und Nordafrika. Im Fall Südafrika sahen schwarzafrikanische Politiker, wie Nigerias damaliger Aussenminister A. Bolaji Akinyemi in den 1980ern, ein rassisches Monopol auf Atomwaffen, das herausgefordert werden sollte. Auch Israel bedroht die Region, und duldet keine Entwicklung von Atomwaffen durch einen anderen Staat darin. Der israelischer Historiker Benny Morris forderte wiederholt einen Präventivangriff auf den Iran, wegen dessen Atomprogramm, wenn “nötig” mit Atomwaffen. ”Ich denke, alle rundherum wären sehr ruhig danach.“ Eine kleine Belehrungsaktion für die braunen Untermenschen. Der verstorbene kenianische Wissenschafter Ali Mazrui war ein starker Kritiker von Israel bzw seiner Politik ggü den Palästinensern und der Region. Unnötig zu erwähnen, dass er dafür immer wieder attackiert wurde, als “antisemitisch”, auch “antiwestlich” sei er. Mazrui vertrat die kontroversielle Position, dass der einzige Weg, einen nuklearen Holocaust zu verhindern, die nukleare Bewaffnung der “Dritten Welt” (insbesondere Afrikas) sei; dies hat er etwa in seinem Buch “The Africans” argumentiert.

Inwiefern Apartheid-Apologetik, Zionismus-Apologetik und Rassismus (in Post-Apartheid-Zeiten) zusammen hängen, darum geht’s (u.a.) im letzten Abschnitt.

Südafrika nach der Apartheid

Nach den Wahlen in Südafrika Ende April 1994 wurde Nelson Mandela, Parteichef des Wahlsiegers ANC, Anfang Mai vom Parlament zum Staatspräsidenten gewählt, und stellte dann seine Regierung der nationalen Einheit zusammen, aus den drei stärksten Parteien, ANC, NP und IFP. Den ANC-Ministern ging es anfangs in ihren Ministerien ähnlich wie jenen der De Maiziere-Regierung 1990 in der Schlussphase der DDR.127 Namibia war einige Jahre voraus gegangen, 1990 unabhängig von Südafrika geworden; in Zimbabwe, dem früheren Rhodesien, hat man bereits 1980 begonnen, eine nicht-rassische Gesellschaft aufzubauen.128 Afrika war von Kap bis Kairo frei, aber Mobutu und andere Diktatoren waren noch an der Macht, und in Ruanda lief zur Zeit der Demokratisierung Südafrikas gerade das grosse Morden (wie auch in Bosnien-Herzegowina). Manche sahen ein Potential für so etwas auch in Südafrika.

Politische Gewalt kam mit dem Ende der Apartheid in Südafrika129 aber nur ausnahmsweise, zeitlich und örtlich eng begrenzt, vor.130 Mit den Abkommen zwischen Israel und der PLO 1993/94 bekamen die Palästinenser einige Homelands; dort ging die Gewalt nicht zu Ende. Denn dort blieb eine Art Apartheid, während Südafrika demokratisch wurde. Das Ende der Apartheid in Südafrika brachte auch ein endgültiges Ende der speziellen Beziehungen zu Israel (das eigentliche Ende hatten De Klerk und Shamir einige Jahre davor besiegelt); Verteidigungsminister “Joe” Modise, ein früherer Kommandant der ANC-Miliz MK, sagte, diese Beziehungen gelte es nun zu beenden. Wobei Israel ohnehin, so bereitwillig es mit dem Apartheid-Regime Waffen-Handel betrieb und Geheimnisse teilte, mit dem demokratischen Südafrika nicht viel im “Sicherheitsbereich” zusammenarbeiten wollte… Israel fand andere Verbündete, seine Rüstungsindustrie andere Abnehmer.

Und, auch im Post-Apartheid-Südafrika war Inneres und Auswärtiges in vielerlei Hinsicht verbunden. Unter der Regierung der nationalen Einheit unter Präsident Mandela sollte eine neue Verfassung ausgearbeitet werden. Als dies 1996 geschehen war, stieg die NP aus der Regierung aus. Der nunmehrige Oppositionsführer De Klerk kündigte die Umwandlung der NP in eine nicht-rassische, christlich-demokratische Partei an. Beim Parteitag 1997 nannte sie sich in Nuwe Nasionale Party/ New National Party (Neue Nationale Partei, NNP) um, wählte mit Marthinus van Schalkwyk einen neuen Vorsitzenden, und gab sich ein neues Programm. Aus der burisch-nationalen, weiss-rassistischen Partei in einem Land der grossen Gegensätze eine werte-orientierte zu machen, war aber nicht einfach – auf das Christentum zB beziehen sich auch die meisten Schwarzafrikaner, wie gezeigt wurde. Die Democratic Party (DP) war bei der Wahl 1994 weder für einen grossen Teil der Weissen noch einen grösseren der Schwarzen attraktiv, schnitt schlecht ab. Zacharias De Beer, auch letzter Führer der PFP, dann 89-94 einer von drei der DP, trat zurück, wurde Botschafter in der Niederlande, Anthony “Tony” Leon übernahm die noch ziemlich linksliberale Partei.131

Unter Leon verabschiedete die DP 1998 ein Dokument namens „The Death of the Rainbow Nation: Unmasking the ANC’s Programme of Re-racialisation“, in dem der „Wiedergutmachung“ der Resultate der Apartheid eine entschiedene Absage erteilt wurde, die Weissen als schutzbedürftige Minderheit neuerfunden wurden, die im Begriff seien, ausgeplündert & entrechtet zu werden. Wirtschaftswachstum und Bildung seien Schlüssel für das Glück für Alle bzw die Heilung für die von der Apartheid  verursachten Wunden. Dort stand zB, “Racial transformation means that individuals cannot compete as individuals”; daran ist etwas Wahres, aber auch was Verlogenes. Diese(s) Richtungsfestlegung bzw Signal war mit-ausschlaggebend für das Gewinnen auch der meisten Stimmen der Afrikaaner bei der Wahl im Jahr drauf, und das sollte wohl auch bezweckt werden. Die DP positionierte sich als in Opposition zur Apartheid (gewesen) und als Opposition zum ANC. Sie zog bei der Wahl ’99 konservative wie liberale Weisse an, Briten wie Buren, gewann dazu, wurde zweitstärkste Partei und damit “offizielle” Oppositionspartei. Bei dieser Wahl saß nun die NNP zwischen den Stühlen, verlor enorm (-13,5%), war nur noch in der Provinz Westkap eine Grösse – dank der “Farbigen” dort.

Die DP übernahm Ende der 90er, Anfang der 00er Personal, Inhalte und Wähler der (N)NP. Die VF positionierte sich als Partei der konservativen Afrikaaner, in ihr ging dann der grösste Teil der KP auf, aber auch ein Teil des Erbes der NP. Leon war unapologetisch über den rechten Zufluss in die DP. In einem Interview mit dem konservativen “Focus”-Magazin, das von der Helen Suzman Foundation herausgegeben wird, beschrieb er die Weissen in Südafrika als Minderheit, die unter der neuen Demokratie “ausgeschlossen” werde, auch die anderen Nicht-Schwarzen (Asiaten, Mischlinge) nannte er als “Zielpublikum”.132 2000 taten sich DP und NNP zusammen (ausserdem die kleine Federal Alliance/FA), damals nahm die DP den Namen Democratic Alliance (DA) an. FA und NNP brachen aber weg, bevor die Vereinigung vollzogen war, die FA tat sich mit der VF zusammen, die NNP mit dem ANC.133

Die DA, die auf die teil-liberalen Parteien der englischen/jüdischen Weissen zurückgeht, wurde Sammelpartei der Nicht-Schwarzen, ist die Partei der meisten Afrikaaner, Asiaten (Inder, Chinesen,…) und Mischlinge134, sowie eines Teils der bürgerlichen Schwarzen.135 Die DA sucht ihre Identität, wozu auch die Positionierung zur Apartheid bzw ihrer Rolle in dieser Zeit gehört; zumindest ein Teil will sich Widerstand dagegen an die Fahnen heften. Die DA ist Mitglied der Liberalen Internationale, betrachtet die ’59 von der UP abgespaltene PP als früheste Vorgängerin, nicht die UP oder die SAP. Die DA und viele Weisse wollen möglichst wenig Apartheid-Aufarbeitung (in der einen oder anderen Hinsicht, materiell oder geistig), eine Minderheit verteidigt sie offensiv. Auf die Idee, den ANC mit der NP zu vergleichen und Sharpeville mit Marikana, kam eindeutig die “Mehrheitsfraktion”.136

Leons Nachfolgerin als DA-Chef (07-15), Helen Zille137, seit 09 Premierministerin der Provinz Westkap, ist etwas fortschrittlicher als Leon, anerkennt, dass auf dem Weg zu einer nichtrassischen Gesellschaft Folgen der jahrzehntelangen rassischen Diskriminierung beseitigt werden müssen. Inzwischen ist die DA etwas “schwärzer” geworden, 2015 wurde der junge schwarze Nebenjob-Prediger (in der konservativen “Liberty Church”) Mmusi Maimane zum Parteichef gewählt. Das heisst, sie wurde attraktiver für gewisse Schichten der schwarzen Bevölkerung; inwiefern hat sie sich wirklich für schwarze Anliegen geöffnet, auf Kosten der Erhaltung “weisser” Privilegien? Im “Mail & Guardian” 2014 die wunderbare Analyse einer Christi van der Westhuizen über die DA; V. d. Westhuizen weist auch darauf hin, dass schon Vorgängerparteien der DA ähnlich fuhren, Helen Suzman’s Progressive Party lange nur ein eingeschränktes Wahlrecht fü Schwarze wollte, wie der britische „Liberalismus“ im 19. Jh. in der Kapkolonie. Ein Liberalismus, der eine Art weisse Vorherrschaft beinhaltete.

Das Ende der “Regenbogen-Nation”, das Scheitern der “nicht-rassischen” Demokratie, wurde seit 1994 öfters voraus gesagt. Vor der Präsidentschaft Jacob Zumas (zwischen der ANC-Konferenz in Polokwane 07, auf der Zuma Mbeki als Parteichef ablöste und der Wahl 09)138 etwa, und nach dem kürzlich erfolgten Abgang Zumas. Oder, ebenfalls seit gut 10 Jahren, im Zusammenhang mit Julius Malema. Weisse haben da durch das Entgegenkommen von Mandela und seinen Nachfolgern viel von ihren Apartheid-Privilegien behalten, sehen das selbst meist aber anders. Die hohe Kriminalität erklärt sich hauptsächlich dadurch, dass es keinerlei Umverteilung gab. Es gibt eine Auswanderung von weissen Südafrikanern nach der Apartheid.  Die Initialen der PFP wurde auch in “Packing for Perth” umgedeutet, und nach wie vor emigrieren Leute aus der Bevölkerungsgruppe der Englischsprachigen gerne nach Australien, inzwischen auch Afrikaaner.

Der SAJBD setzte seinen Apartheid-Kurs nach 1989/94 gewissermaßen fort, ggü Zionismus-Kritikern unter jüdischen Südafrikanern. Die in der Regel jene waren, die die Apartheid besonders entschieden bekämpft hatten. Am Ende der Apartheid gab es eine kurze Umarmung (bzw Vereinnahmung) für Ronnie Kasrils oder Joe Slovo durch die jüdischen Organisationen (neben dem SAJBD ist die mit ihm eng verbundene South African Zionist Organization/SAZF zu nennen). Diese Südafrikaner (die als “Weisse” gegolten hatten) nahmen ab 1994 zum Teil hohe Positionen im Staat ein) – was für Juden in Zeiten der NP-Regierungen nie möglich gewesen wäre… Kasrils, der lange in der SACP und der ANC-Miliz MK aktiv war, wurde Vizeminister, dann Minister, in verschiedenen Ressorts. Yossel Joe Slovo, aus einer jüdischen Familie aus Litauen, die in der Zwischenkriegszeit nach Südafrika auswanderte, war ebenfalls im MK aktiv und 84-91 Generalsekretär der SACP. 1963 bis 1990 war er in Grossbritannien und Afrika im Exil (in dieser Zeit tötete das Regime seine Ehefrau Ruth First), 1994/95 war er Wohnbauminister.

Die demokratischen Regierungen Südafrikas versuch(t)en das Land nach der Apartheid in Afrika zu (re-) integrieren, in der Aussenpolitik aber auch Brücken zu bauen, zwischen Nord und Süd, 1. und 3. Welt, den Anglo-Staaten (Australien, GB,…) und den aufstrebenden Mächten der 2. Welt (Indien, Brasilien,…) – ein schwieriger Ausgleich, genau wie im Inneren. Es gibt im Land wie auch international immer wieder hysterische Reaktionen, wenn die Regierung gewisse Staaten und Personen nicht als “Pariah” behandelt bzw gemäß einem vom Westen vorgegebenen Schema einer Art globaler Apartheid. Mit guten Diktaturen wie Saudi-Arabien oder Israel und bösen wie Iran oder China. Und Israel ist für manche Weisse nach wie vor ein wichtiger “Bezugspunkt”, nicht nur für die jüdischen. Es ist nach wie vor der zivilisierte Flecken in einer Region der Dunkelheit, der sich (dank seiner Überlegenheit in allen Bereichen) behauptet, trotz stärkstem Gegenwind. Und auf die UN und die dortigen Mehrheitsverhältnisse “scheisst”.139

Der SAJBD ist auch nach dem Ende der Apartheid blind loyal zu Israel. Und attackiert Kritiker israelischer Politik und Realität, nicht zuletzt solche in den eigenen Reihen. Wie den früheren Geheimdienst-Minister Ronnie Kasrils. Als Kasrils vor einigen Jahren in einem der Goethe-Institute in Südafrika auf Einladung von NGO’s über den “Nahost-Konflikt” reden sollte, gab es eine Kampagne dagegen. Und das Institut sagte die Veranstaltung ab. Auch die ehemalige Politikerin Helen Suzman beteiligte sich daran, Kasrils zum Schweigen zu bringen. Gerade bei Kasrils (bzw, als Negativ dazu, bei Suzman) zeigt sich, dass die antizionistischen bzw zionkritischen Juden Südafrikas meist auch entschiedener gegen die Apartheid eingestellt waren/sind. Auch Polakow-Suransky hat nicht die Israel-Verteidigungs-Reflexe. Tony Leon, der langjährige DA-Leader, ist mit einer Israelin verheiratet, und liegt auf der Linie des SAJBD.

01/02 gab ANC-Politiker Kasrils eine Erklärung über die israelische Politik ggü den Palästinsern ab, die von anderen jüdischen Südafrikanern wie Max Ozinsky unterstützt wurde, daraus wurde eine Petition. 07 initiierte Kasrils einen offenen Brief jüdischer Südafrikaner zur israelischen Politik, der u.a. von Raymond Suttner, Steven Friedman, Sue Goldstein unterschrieben wurde. Es folgte wieder ein Diffamierungssturm von SAJBD und SAZF, ohne wirkliche Argumente. Über diese “Krise” (oder Kluft) unter den ZA-Juden hat ein Joel Pollak ein Buch geschrieben, “The Kasrils Affair: Jews and Minority Politics in the New South Africa (2009)”. Pollak war bei der DA (Redenschreiber für Leon!)140 und (zunächst) Unterzeichner. Inzwischen ist er ein Rechter und wirkt er in der USA, bei “Breitbart”… Israel-Kritik wird vom “Mainstream” der südafrikanischen Juden nicht geduldet, wie auch der Zeichner Jonathan Shapiro (“Zapiro”) erfahren hat. Und Richard Goldstone.

Helen Suzman starb mit 91 Jahren am 1. 1. 09 in Johannesburg. Der damalige Staatspräsident Motlanthe ordnete das Hissen der Nationalflaggen auf Halbmast an, der ehemalige anglikanische Erzbischof Desmond Tutu und Andere forderten ein Staatsbegräbnis. Ein solches gab es dann in der jüdischen Abteilung von Johannesburg’s West Park – Friedhof, mit Präsident Motlanthe, den Ex-Präsidenten Mbeki und De Klerk, Oppositionschefin Zille, COPE-Chef Lekota, Prominenten; fast alle Verwandte kamen aus dem Exil angereist. Nelson Mandela musste sich durch seine Tochter “Zindzi” vertreten lassen. Oberrabbiner Warren Goldstein sprach beim Begräbnis von „antisemitischen“ und „sexistischen“ Attacken des Apartheid-Regimes auf sie.

Der Antisemitismus von weissen Südafrikanern galt aber Juden wie Slovo und nicht solchen wie Suzman… Sie hat einen Anti-Apartheid-Kampf aus der privilegierten Position, in der Juden in dem System waren, geführt, während Andere wie Kasrils ein grosses Risiko eingingen. Und dabei immer auch den Zionismus im Blickfeld gehabt, und gegen Ende ihres Lebens kritisierte sie das Post-Apartheid-Südafrika wiederholt. Die Sängerin Miriam Makeba starb 2 Monate zuvor, als Kämpferin gegen die Apartheid durfte sie Jahrzehnte nicht in ihrer Heimat Südafrika leben. De Klerk bezeichnete Suzman als eine der “grossen Ikonen Südafrikas”. Die VF+/FF+ nannte sie “ein Beispiel, wie Oppositionspolitik funktionieren konnte”, aus einer Minderheitenposition. Die Partei also, deren Wurzeln rechts von der NP liegen… Nun war nicht die politische Position ausschlaggebend bzw das Verbindende, sondern die politischen Grössenverhältnisse (und irgendwie auch die Rasse). Ronald Kasrils hat sich inzwischen vom ANC abgewendet, wegen Marikana und der dem Massaker zu Grunde liegenden Politik. Im Wikipedia-Artikel „Political repression in post-apartheid South Africa“ wird auch Kasrils angeführt, wegen seiner Lossagung vom ANC. Nur, er kritisiert den ANC für eine Politik, die (ihm) zu unternehmer-freundlich ist und der weissen Elite zu weit entgegenkommt – während die Verfasser und Initiatoren dieses Artikels die seit 94 regierende Partei von einer völlig konträren Position heraus kritisieren…

Israels Offensive gegen den Gaza-Streifen um den Jahreswechsel 08/09, das zweite derartige “Rasenmähen”, hat auch in Südafrika für Empörung und Proteste gesorgt. Präsident Kgalema Motlanthe (ANC) sagte in einem Interview, die Angriffe gegen Gaza, die Tötungen von Zivilisten, seien pure Brutalität, die in Menschen Abscheu hervorrufen müssten. Israelis und Palästinenser hätten das Recht, nebeneinander zu existieren. Er rief in dem Zusammenhang zu einer Reform der UN auf. „The problem is that if a country has powerful friends on the Security Council they can sometimes act with impunity”, so Motlanthe. “All you have to do is listen to the minister of foreign affairs or defence of Israel to know that you are dealing with people who believe they can cock a snook with impunity.” Die UN und ihr Sicherheitsrat müssten repräsentativer für die Weltbevölkerung werden. Das lobbyistische und parteiische Verhalten von “Vetomächten” wie der USA sei gegen die Idee der Vereinten Nationen.

Der Gewerkschaftsbund COSATU rief dazu auf, den israelischen Botschafter auszuweisen und israelische Güter zu boykottieren. Dieser Botschafter, Dov Segev-Steinberg, wurde in das Parlament geladen, um die Position seiner Regierung zum Blutvergiessen und Zerstören zu erklären. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses der Nationalversammlung, Job Sithole vom ANC, zu den Rahmenbedingungen für Palästinenser:

“When Palestinians have to go through checkpoints like cattle through a dip, this is apartheid. When they cannot drive on the roads by virtue of the fact that they are Palestinian, this is apartheid”

Albertinah Luthuli, Enkelin des verstorbenen ANC-Führers und Friedensnobelpreisträgers Albert Luthuli, hielt Segev-Steinberg die israelische Weigerung, internationale Journalisten in den Gaza-Streifen zu lassen, vor. Und, zu den Geschossen die von Hamas-Leuten aus Gaza gefeuert wurden, müsse man sagen dass sie sehr wenig Schaden anrichteten, im Vergleich zu den israelischen, so Luthuli… Andere Abgeordnete attestierten Israel “ethnische Säuberungen” und eine Politik, die die (südafrikanische) Apartheid wie ein Sonntags-Schul-Picknick aussehen lasse.

Ein aufgebrachter Segev-Steinberg nannte Apartheid-Vergleiche “Blödsinn” (rubbish), spulte das Standard-Propaganda-Programm dazu ab. Kein Staat würde erlauben, dass seine Bürger solchen Raketen-Angriffen ausgesetzt seien. Wie die palästinensische Autonomiebehörden mit der israelischen Blockade oder den Raketen-Angriffen auf Gaza umgehen solle und ihre Bürger schützen könne, sagte er nicht. Und, was die Herrschaften wohl sagen würden, wenn Raketen auf Kapstadt niedergingen.141 Die Analogie wäre aber eher, wie sich die Einwohner von Gugulethu (einem “Township” von Kapstadt) fühlen würden, könnten sie diesen nicht mehr verlassen (in das restliche Südafrika), et cetera, wie die Palästinenser vom Gaza-Gebiet (wo zB 01/02 der Flughafen durch Israel zerstört wurde). Südafrika hätte einen einseitigen Zugang zu “dem Konflikt”, mit einer “ausbalancierteren” Politik könne es mehr Einfluss darauf nehmen. Es müsste also zuerst einmal Appeasement üben, verschiedenens unter den Tisch fallen lassen, wie das zB Deutschland tut. Tja, die Regierungen, die solches Vorgehen sehr “billigten” (und auch deshalb Israels Verbündeter waren), sind Geschichte in Südafrika, seit das Wahlrecht nicht mehr an die Rasse gebunden ist. Vor allem Abgeordnete der wichtigsten einstigen Anti-Apartheid-Bewegung ANC widerprachen, dass Israels Vorgehen eine “Antwort” sei und proportional bzw adäquat.

Die jüdischen Organisationen Südafrikas stellten sich hinter die israelische “Militäroperation” gegen Gaza. In der Glenhazel-Synagoge in Jo’burg versammelten sich dann 2000 Juden zu einem “Friedensgebet” für den “Mittleren Osten” und zur Darstellung von Solidarität mit Israel, darunter Avron Krengel, Chef der SAZF, die dazu geladen hatte, SAJBD-Chef Zev Krengel, Oberrabbiner Goldstein, Botschafter Segev-Steinberg. Paul Trewhela (Vater britischer, Mutter jüdische Südafrikanerin), ein Anti-Apartheid-Kämpfer (in SACP, MK), der ins Exil (GB) ging und dort blieb, sich von der Linken abwandte, meldete sich auf politicsweb.co.za zur Haltung des ANC ggü Israel zu Wort bzw attackierte diese. Indem er auf jüdische Anti-Apartheid-Kämpfer hinwies (wie seinen alten „prison comrade“, Ben Turok), dass das ANC-Lob für Suzman jetzt unglaubwürdig sei,… Als ob sich aus Gegnerschaft zur Apartheid eine Pro-Israel-Haltung ergeben würde; als ob jene südafrikanischen Juden die die Apartheid bekämpften, nicht in “ihrer Gemeinschaft” ausgegrenzt worden wären, als ob es keinen Kuschelkurs Israels mit der Apartheid gegeben hätte.

Rabbiner Goldstein sagte in einer Radio-Diskussion mit einem moslemischen Theologen auch, die jüdische Gemeinschaft Südafrikas sei “leidenschaftlich” davon überzeugt, dass Israel in diesem Konflikt das Opfer ist und gegen seinen Willen einen Krieg der Selbstverteidigung führe. Nun, das galt aber wiederum nicht für die gesamte jüdische Gemeinschaft des Landes. Die “üblichen Aussenseiter” schrieben bzw unterzeichneten einen offenen Brief an “The Star”, in dem sie sich von der SAJBD/SAZF-Position distanzierten und die Gewalt des israelischen Militärs als disproportional bezeichneten. Eine grosse Demonstration (3000 Teilnehmer) gegen das Massaker, in Kapstadt, führte zum Parlament, wo Vize-Aussenministerin Sue van der Merwe ein Memorandum übergeben wurde, in dem u.a. die Ausweisung des israelischen Botschafters und die Verhängung von Sanktionen gegen diesen Staat gefordert wurde.

(Die andere) Vize-Aussenministerin Fatima Hajaig, eine indische Südafrikanerin, zitierte Segev-Steinberg zu sich, dieser klagte danach, wie schlecht er von ihr behandelt worden sei.142 Auf einer Veranstaltung knapp nach dem “Krieg” kritisierte Hajaig den Einfluss von Juden, auch unter Obama in der USA, sprach auch Israels Alibischwarzen an der Botschaft in ZA, einen Äthiopien-stämmigen, an. Darüber gab es grosse Aufregung, die Politikerin musste sich entschuldigen. Die Democratic Alliance (Leon) zürnte über die Aussagen, der SAJBD reichte eine Beschwerde bei der Menschenrechtskommission SAHRC ein, stellte die Aussagen Hajaigs in eine Reihe mit “antijüdischen” von NP-Politikern zu Apartheid-Zeiten – diese waren aber glühende Israel-Anhänger gewesen. Auf Wikipedia sollte Hajaig auch gleich gebrandmarkt werden, auf Facebook wurde eine “Gruppe” gegen sie gegründet,…143

Botschafter Segev-Steinberg klagte, dass das Image von Israel in Südafrika “unangemessen schlecht” sei. Das stimmt aber gar nicht so. Grosse Teile des weissen Südafrikas (das die Medien des Landes noch immer dominiert), fühlt in Post-Apartheid-Zeiten erst recht mit Israel.144 Die zweite Frau vom letzten echten Apartheid-Führer P.W. Botha145, Barbara Botha, hat interkonfessionelle Gebete für Israel organisiert, die u.a. in der Kirche der Nederduitse Gereformeerde Kerk in George (Westkap) stattfanden. “I feel incredibly strongly about this. This is a biblical response that as Christians we support Israel and take action against the violence towards them“, so Botha. Und, es gibt weisse, burische Südafrikaner, die nach der Apartheid zum Judentum konvertierten und nach Israel auswanderten. Und unter die Siedler in den palästinensischen Restgebieten gingen. So konnte man “auserwähltes Volk” bleiben. Diese Leute mussten gar nichts von ihrem Rassismus und ihrer Apartheid-Mentalität aufgeben, noch weniger als andere weisse Auswanderer (die zB nach Australien gingen).146

Tja, und dann kam der Goldstone-Bericht. Richard Goldstone war zunächst Anwalt, dann in den 1980ern Richter in der Provinz Transvaal. Am Ende der Apartheid wurde er an die Berufungsabteilung des Obersten Gerichts berufen, wo er 1990 bis 1994 arbeitete. Danach diente er an den UN-Tribunalen für die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen im früheren Jugoslawien sowie in Ruanda. 1996 wurde er vom damaligen südafrikanischen Präsidenten Mandela an den Verfassungsgerichtshof dieses Landes berufen. Nach dem Ende des Massakers in Gaza 2009 wurde Goldstone vom UN-Menschenrechtsrat (UNHRC) mit der Leitung einer Fakten-Findungs-Mission an Ort und Stelle beauftragt. Der Bericht, United Nations Fact Finding Mission on the Gaza Conflict, befand dass Israel wie die Hamas Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben.

Dies rief Entrüstung in Israel und von jüdischen Gemeinden weltweit (nicht zuletzt in Südafrika) hervor, und eine persönliche Kampagne gegen Goldstone. Der Jurist, der selbst jüdisch ist, wurde 2010 von der Bar Mitzwa seines Enkels im Johannesburger Vorort Sandton ausgeschlossen, auf Druck hauptsächlich der South African Zionist Federation (SAZF)… Goldstone knickte darauf etwas ein, schrieb 2011, dass der Bericht anders gelautet hätte, wenn er damals gewisse Beweise/Hinweise gehabt hätte. Beim nächsten israelischen “Rasenmähen” in Gaza 2012 nahmen wieder Kasrils, “Zapiro” und Andere Stellung gegen Israel (verglichen es mit Apartheid-Südafrika) und die Linie des SAJBD. Beim bislang letzten grossen israelischen Gaza-Massaker 2014 kam es in Südafrika wiederum zu grossen Demonstrationen, zu einigen der grössten Aufläufe seit Nelson Mandelas Freilassung 1990, mit bis zu 100 000 Teilnehmern. Von jüdischen und zionistischen Organisationen initiierte Kundgebungen für Israel brachten zwischen 3 000 und 5 000 auf die Strassen.

Auch Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission, musste (des öfteren) die Erfahrung machen, dass jeder Widerspruch zum (und Widerstand gegen den) Zionismus diffamiert wird, als “antisemitisch”,… 2014 schrieb ein Leon Reich, Vorsitzender von Likud South Africa147 im “South African Jewish Report”, dass Erzbischof Tutu nicht besser als Hitler und Stalin sei (Titel des Artikels: “Arch no better than Hitler or Stalin”). Tutu wolle zusammen mit der Hamas den Staat Israel zerstören, wolle Juden töten,… Zu insinuieren, dass Hamas die Kapazität hat, Israel zu zerstören, ist unseriös (oder blöd). Tutu so etwas zu unterstellen ist pure Hetze, die es gegen ihn nicht einmal zu Apartheid-Zeiten gab. Es sind (hauptsächlich) die Likud-Regierungen, die die Palästinenser täglich terrorisieren (lassen). Die ihre Existenz in mehrerer Hinsicht in Frage stellen. The pot calling the kettle black. Sogar der SAJBD hat sich von dem Artikel distanziert. Unter der Meldung über den Vorfall im “Mail & Guardian” kamen Kommentare (anscheinend von weissen Südafrikanern), mit verklausulierten Apartheid-Apologetiken, offenen Zionismus-Apologetiken, rassistischen Angriffen auf Tutu – es sei ein Fehler von der Anglikanischen Kirche gewesen, Tutu 1985 als Nachfolger des Engländers Timothy Bavin zum Bischof von Johannesburg zu ernennen.

Wenn es passt, werden aber auch christlich orientierte Schwarze angeführt, dann wird der Anti-Apartheid-Kampf instrumentalisiert und verdreht (und nicht die Apartheid apologetisiert). So wie bei Kenneth Meshoe, der immer wieder angeführt wird für die Behauptung, Israel sei kein Apartheid-Staat. Meshoe, der in diesem Kontext als „Mandela era legislator“ angepriesen wird, ist Vorsitzender der African Christian Democratic Party (ACDP), 1993 gegründet, seit dem Ende der Apartheid148 stellt sie zwischen 2 und 7 Abgeordnete von 400 in der National Assembly. Die ACDP ist für ein Verbot der Abtreibung, für die Todesstrafe, gegen die Homosexuellen-Ehe, und gegen die Verwendung von Kondomen für die Verhütung von AIDS – das beste Mittel sei Abstinenz und Sex innerhalb der Ehe.

Ein 19-jähriger Barack Obama gab seine erste öffentliche Rede 1981 an seinem Occidental College in Los Angeles, die sich um einen Boykott von Apartheid-Südafrika drehte. Obama hat ja nicht nur afrikanische Wurzeln, diese sind auch moslemisch, und in den Jahren seiner Präsidentschaft und davor wurde sein zweiter Vorname (Hussein) auch immer wieder genannt um das in Erinnerung zu rufen – nicht zuletzt von Israel-Freunden in der USA.149 Als er 2013 Südafrika besuchte, seinen Amtskollegen Zuma traf, et cetera, gab es auch Demonstrationen gegen ihn in mehreren Städten, organisiert von einem Bündnis linker, gewerkschaftlicher (u.a. Cosatu) und islamischer Gruppen, unter der Parole „Nobama“, vor allem wegen des Gefangenenlagers Guantanamo, des Drohnenkriegs und seiner Unterstützung für Israel. Ex-Präsident Mandela war damals schon sehr krank, starb einige Monate später. Zu seinem Begräbnis sollte Israels Präsident Peres kommen, der wahrscheinlich mehr als jeder andere (damals) Lebende das Apartheid-System unterstützt hatte; es kam dann aber weder er noch Premier Netanyahu, sondern Knesset-Präsident Edelstein, ein Rechtsaussen, der aus der Sowjetukraine eingewandert ist.

Es kam der damalige britische Premier David Cameron, der der Federation of Conservative Students angehört hatte, welche 1985 “Hang Mandela”-Posters produziert hat. Der 1989 für die Parteizentrale der britischen Konservativen Partei (CUP) nach Südafrika reiste, um gegen Sanktionen zu lobbyieren und dabei von einer Pro-Apartheid-PR-Firma zusammenarbeitete. Er sei von Mandela inspiriert worden, sagte Cameron gleichwohl. Er stammt ausserdem von Leuten ab, die in der Karibik Sklaven hielten. Mandela galt (besonders) in den 80ern für Viele im Westen als „Terrorist“; als er starb, nicht einmal für Rechtszionisten. Die „Jerusalem Post“ attackierte ihn damals „nur“ dafür, den „Terroristen“ Yassir Arafat unterstützt zu haben. Diese Zeitung greinte früher mal darüber, dass Mandela bei seinem Besuch im Land zu müde für einen Besuch an der “Westmauer” gewesen war und an diesem Tag dann aber Arafat getroffen hat.150 Jener Mandela, der den ANC Anfang der 1990er (nach seiner Freilassung) dazu brachte, den bewaffneten Kampf (gegen die Apartheid) einzustellen, war dessen Hauptstratege gewesen, ja, und das zeichnet ihn aus.

Ist Nelson Mandela mit seiner Politik der Versöhnung sowie mit seinen Kompromissen am Ende und nach der Apartheid zu weit gegangen? Hat er Entscheidungen getroffen, die zu noch mehr Ungleichheit und Armut geführt haben? Vielleicht ist er nach seiner Freilassung 1990 den Weissen Südafrikas (jenen, die möglichst viel Privilegien behalten wollten) zu weit entgegen gekommen, hat Apartheid-Sündern und -Profiteuren im Land und international zu leicht Absolution gegeben, zu wenig Umverteilung ausgehandelt. Auch manche Zionisten wollen Mandela und seine versöhnlichen Worte auch ihnen ggü als Absolution für ihre jahrzehntelange enge Zusammenarbeit mit dem Apartheid-Regime heranziehen.

In den De Klerk-(Präsidentschafts-)Jahren (1989-1994) bekamen jene rechten Afrikaaner, den die NP längst zu “liberal” war, grossen Zulauf. Diese sammelten sich hauptsächlich in der Konservativen Partei (KP). 1991 wurde die Siedlung “Orania” in der (damals) nördlichen Kapprovinz gegeründet, von Verwoerd-Schwiegersohn Carel Boshoff. Boshoff, der also eine Tochter von “Apartheid-Apostel” Verwoerd geheiratet hatte, war calvinistischer Theologieprofessor an der Universität Pretoria, und in den 80ern Vorsitzender des Afrikaner Broederbonds, somit eine einflussreiche Persönlichkeit im Apartheid-Staat. Als De Klerk mit seinen Reformen begann, wandte er sich von diesem Staat bzw der NP ab, ging in rechte Opposition zum ihm/ihr. Die Gründung Oranias durch Boshoff und andere Leute aus dem Umfeld der KP manifestierte diesen Bruch. Boshoff musste damit leben, dass ein Sohn Selbstmord beging und dass sich Verwoerd-Enkel Wilhelm Verwoerd (sein Neffe) dem ANC anschloss.

Es gab einen Treck nach Westen151, auch die Verwoerd-Witwe wurde geholt, aus Transvaal. Es war der “Kern” der “Volkstaat”-Idee, einer Apartheid reloaded, einem Staat im südlichen Afrika nur für burische Weisse152, mit einem calvinistischen Fundamentalismus. Es kamen hauptsächlich Arbeitslose, Rentner, Fanatiker153 in die neue Wagenburg. Man versuchte, weisse Bauern in der Gegend zu “missionieren” – die aber schwarze (billigere) Arbeiter hatten (haben) und nicht auf diese verzichten wollen. Und, die “Abhängigkeit” von schwarzer Arbeit war/ist für die Orania-Leute der Beginn des Übels. “Nur eine Nation, die ihre Drecksarbeit selber macht, kann überleben”, dieser Ausspruch von David Ben Gurion wurde absorbiert. Israel wieder als Vorbild, der “Pioniergeist”, das Urbar-Machen der Wüste, die Wilden in Schranken weisen, eine rigide Einwanderungs- und Siedlungspolitik.154

Anfang der 90er “malten” Boshoff und seine Leute Distopyen von einer Mandela-Regierung über Südafrika. Als “Madiba” dann Präsident war, besuchte er auch Orania, zeigte auch dort guten Willen und Versöhnungsbemühungen.155 Und liess den Volkstaat-Rat einrichten. Als ein Teil der weissen (burischen) Rechten 1994 den Wahlboykott dieses Lagers durchbrach (die VF unter Constand Viljoen, einem ehemaligen General), liess sich dieser die Zusage der Einrichtung dieses Gremiums geben, das die Möglichkeiten einer Afrikaaner-Selbstbestimmung innerhalb oder ausserhalb Südafrikas ausloten bzw Empfehlungen dafür geben sollte. Die Mitglieder des Volkstaatraad / Volkstaat Council standen näher bei der VF als bei der KP, die sie als Verräter bezeichnete. Das (offizielle!) Gremium tagte von Juni 1994 bis 1999, umfasste 20 Mitglieder, allesamt Volkstaat-Anhänger, darunter Johann Wingard (ein ehemaliger Industrieller), Carel Boshoffs Frau Anna Boshoff (Tochter von Hendrik Verwoerd), ihr Sohn Carel, der Atomwissenschafter „Wally“ Grant,…

Wingard, der damalige Vorsitzende dieses Rates, gab dem rechten Online-Magazin globalpolitician.com 05 ein (Promotion-) Interview.156 Dieses Magazin wird von David Storobin gemacht, einem jüdischen Amerikaner, der schrieb zB über “The Nazi roots of Palestinian nationalism”… Kommentare schreiben dort auch der offen faschistische israelische Politiker Benjamin Elon (“Nationale Union”), der rechtsextreme Norweger „Fjordman“, der anti-afrikanische Hetzer Jan Lamprecht, der britische Rassist “Mike” Smith,… Das Interview zeigt ein bisschen die grösseren Zusammenhänge auf, in denen sich das Post-Apartheid-Südafrika bzw die Diskurse darüber befinden. Das Oszillieren  der weissen Rechten zwischen “unschuldigem” Selbstbestimmungs-Wunsch (für Afrikaaner, deren grosse Mehrheit längst bei der DA ist) und Apartheid-Apologetik (war Vorherrschaft über andere!), zwischen Universalismus-Bekenntnis und offenem Partikularismus (wobei Englisch-sprachige oder liberale Weisse “dazuzunehmen” schon die erste Allianz, der erste Kompromiss ist).

Ich könnte einen eigenen Artikel über dieses Interview schreiben und seine Subtexte, will hier Weniges herausnehmen. Wingard jammerte über die Nicht-Umsetzung der Volkstaatrat-Empfehlungen durch die Regierung unter Mandela, Verfassungsminister Meyer, die Verfassungsgebende Versammlung unter Ramaphosa. Er baut nicht auf Orania (ist ihm zu klein, isoliert). Der heutige Afrikanerbond (Nachfolger des Broederbond) oder die FAK (Federasie van Afrikaanse Kultuurvereniginge) sind für ihn keine echten Afrikaaner-Organisationen. Das Ende der Apartheid (die durch Atombomben und Geheimdienst geschützt gewesen sei) sei durch “Verräter” wie De Klerk gekommen. Der Schmerz über den Untergang des Regimes, den Verlust der Privilegien, der Vormachtstellung, die Angst vor Umverteilung, ist spürbar. Und die Heuchelei. „Black empowerment is blatant racial discrimination – even worse than under the apartheid government“ – also war die Apartheid nicht so toll? Und war sie nicht Sache der Afrikaaner? Wurde nicht jahrzehntelang jemand bevorzugt, empowered?

Oder: „The ANC is now turning out to be a cynical, power-hungry group of politicians, in which the Moslem community, as well as the communists have a level of influence way beyond their numerical relevance“. Das kennt man doch von irgendwo, Einfluss weit über die numerischer Bedeutung…; ausserdem, bedeutet das doch das Kommunisten im ANC eine kleine Minderheit sind, entgegen der Apartheid-Propaganda; die Moslems, also Kap-Malaien, wurden, als Teil der “Coloureds”, über Apartheid-Zeiten hinaus von Afrikaanern gegen Schwarze ausgespielt, als Teil der Farbigen; Wingard ging mit der Zeit, bringt auch den “clash of civilizations”, aber in Zhg mit Schwarzafrikanern; im Trio des Bösen neben Moslems und Kommunisten fehlen noch die Nazis, warum er die wohl nicht erwähnt.. Wingard auch: “Unless Afrikaners soon deal with that scenario in an organised manner by means of a statutary Afrikaner Council (similar to the Jewish Board of Deputies) so as to present a coherent and credible front to the government and the international community…“. Das offene Verachten der Umgebung einerseits (zB verachtungsvoll über „die afrikanische Psyche“ und die „Terroristen des ANC“) und Geklage über ein Nicht-akzeptiert-werden andererseits (zB: „South Africa’s whites are born and bred in Africa and want to stay and make the country a success“) verbindet ebenfalls mit dem Zionismus.

Boshoff starb 2011, sein Sohn Carel Boshoff junior ist in seine Fussstapfen getreten. Dieser, ehemaliges Volkstaat-Rat-Mitglied, ist bei der VF+ in Nordkap engagiert, war 04-09 war er Abgeordneter im dortigen Provinzparlament.157 In Orania gibt es einen Jan Joubert, der dort Parteichef der VF+ sein dürfte und auf Facebook einen Beitrag aus einem Fachmagazin geteilt hat, über Israels Erfolge in der Meerwasserentsalzung, angesichts der Dürre im Westkap 2018, Wasserrationierungen in Kapstadt. Begeisterung für den Zionismus hier, eine andere Sicht darauf von einer anderen Südafrikanerin.

Israel und Afrika

Wie erwähnt war Israel ab den 1950ern in Afrika unterwegs, als Teil einer Strategie, weltweit (ausserhalb der Peripherie “seiner” Region sowie des Westens) Verbündete/Partner/Idioten zu finden, u.a. mit der „Entwicklungshilfe“-Agentur MASHAV. Die DR Congo und Mobutu (der das Land in “Zaire” umbenannte) waren dabei der wichtigste Partner – abgesehen von Apartheid-Südafrika, das man aber nicht als afrikanisches Land sah. Meir Meyouhas, ein Jude aus Ägypten (ein Mossad-Mann), war ab ’61 Israels-Vertreter im Kongo, typischerweise am Schnittpunkt von diplomatischer, geheimdienstlich-militärischer, wirtschaftlicher Interessensvertretung. Israels Kriege gegen “seine” Region 1967, besonders aber 1973, brachten ein Ende für diese “Beziehungen”. Mit der Ausnahme Südafrikas natürlich, und auch jene zum Kongo lief verdeckt weiter. In geringerem Maß auch mit Liberia, Kenia, Ghana.

In Uganda hatte Israel, durch den Militär Chaim Brotzlewsky (“Bar Lev”) aus Österreich, 1971 Idi Amins Militärputsch gegen Präsident Milton Obote unterstützt, der “zu links” geworden war, mit Unterstützung von CIA und MI6. Amins Machtübernahme leitete die blutige Periode Ugandas ein, bedeutete eine Terrorherrschaft, eine der schlimmsten in Afrika – wie auch jene von Mobutu in “Zaire” übrigens, oder Vorster und die anderen Apartheid-Herrscher. ’72 brach Amin die Beziehungen zu seinen bisherigen Gönnern, darunter auch den Zionisten, ab, wandte sich der SU und arabischen Staaten zu. 1976 dann die nach Uganda (Flughafen in Entebbe) führende Flugzeug-Entführung von PFLP und RZ, und die israelischen Heldentaten – die die Vorgeschichte in den Hintergrund rücken (sollen).158 In den 1990ern gab es wieder etwas Aufschwung in den Beziehungen Israels zu afrikanischen Ländern…und zum demokratischen Südafrika einen Abschwung.

In diesem Zusammenhang sind natürlich auch die nach nach Israel eingewanderten Afrikaner zu sehen. Die hauptsächlich aus Eritrea, Sudan (Darfur) und Süd-Sudan stammenden Flüchtlinge kommen in der Regel über Ägypten und dem Sinai. An dieser Grenze baut Israel mittlerweile auch einen Grenzwall, eine Sperranlage, wie an alllen anderen Grenzen auch (und die Mauer auf dem palästinensischen Restgebiet). An der Grenze zu Afrika. Die afrikanischen Flüchtlinge kommen in das Internierungs-/Abschiebelager “Holot” in der Negev/Nagab-Wüste; die mit zeitweiligem Aufenthaltsrecht ziehen oft in den armen Süden Tel Avivs. Israel nimmt in der Regel keine nicht-jüdischen Flüchtlinge/Einwanderer auf, nur gelegentlich Arbeitskräfte, sieht die Afrikaner als “illegale Einwanderer”. Es hat auch die Internationale Flüchtlingskonvention nicht unterzeichnet; so wie auch den Atomwaffensperrvertrag oder das Abkommen zur Ächtung von Landminen nicht.

Netanyahu greinte, dass Israel das einzige “Erste-Welt-Land” sei, in das Flüchtlinge aus der “Dritten Welt” “reinspazierten”. Wenn Israel Teil der “1. Welt” (=Westen?) ist, dann ist es aber so ziemlich das einzige, dass keine Füchtlinge aufnimmt. Und: Hier ist auch wieder dieses Nase-Rümpfen, diesmal nicht über die Region, sondern die “3. Welt”, man ist etwas besseres als die Leute von dort. Die israelische Regierung möchte mit ihrer (Nicht-) Einwanderungspolitik den jüdischen Charakter des Staates Israel erhalten, heisst es. Es habe nicht die „demografische Tiefe“, diese Afrikaner aufzunehmen. Die Einwanderer werden von den Israelis als “Bedrohung für die Sicherheit Israels” gesehen. Netanyahu: ”A stream of refugees threaten to wash away our achievements and harm our existence as a Jewish and democratic state”. Immer wieder geht es um “demografische Gefahren”. Eliahu Yishai: Das Heimatland muss vor diesen Fremden gerettet werden. Sie seien für Israel eine ebenso grosse Bedrohung wie Irans „Atomwaffenprogramm”. Afrikaner gleich Iran gleich Hitler (mondoprinte). Bennett sprach von „Eindringlingen“. Man habe „keine Kapazitäten“ zur Aufnahme. Manche sehen in den Massenabschiebungen eine Bedrohung für das internationale Ansehen des Staates. Und: Die Probleme der Afrikaner seien nicht unsere (israelischen), hiess/heisst es dazu auch.

Von 1944 bis 1948 wurden Mitglieder der zionistischen Terror-Organisationen IZL und LEHI aus dem britischen Gefangenen-Lager Latrun in Internierungslager in britische Kolonien in Afrika gebracht, nach Eritrea, Sudan und Kenya (Kenia)… Und, bekanntlich kamen ab den 1880ern Juden aus verschiedenen Teilen der Welt nach Palästina (das zuerst unter osmanischer, dann unter britischer Herrschaft war), darunter auch alle Staats- und Ministerpräsidenten Israels bzw ihre Eltern.159 Damals wäre es für die Palästinenser um die Sicherung des Charakters des Landes und um die Frage der demografischen Tiefe gegangen…

Schwarzafrikaner, christliche Russen, Südostasiaten sind einige der Bevölkerungsgruppen in Israel/Palästina ohne Wurzeln im Land. In den ärmlichen Vierteln im Süden von Tel Aviv gibt es immer wieder Übergriffe und Hetze gegen die Afrikaner. Ein Video von so einer “Ausländer raus (aus Israel)”-Veranstaltung aus 2011 im so weltoffenen und liberalen Tel Aviv. Immer wieder dabei sind Politiker der israelischen Rechten, 2012 etwa Michael Ben-Ari, als ein rassistischer Mob u.a. „Tel Aviv den Juden! Sudan den Sudanesen!“ skandierte. Die (dort hauptsächlich lebenden) aus Nordafrika stammenden Mizrahi-Juden geben die erfahrene Diskriminierung durch Aschkenasen eben an jene weiter, die in der Hierarchie (Israels) deutlich unter ihnen stehen. Hinweise auf Rassismus in Israel werden natürlich als “antisemitisch” gebrandmarkt. David Sheen setzt sich immer wieder mit der Behandlung von Afrikaner in Israel auseinander; wegschauen und verleugnen macht es nicht besser. Es gab auch Übergriffe gegen äthiopische Juden, die man für Einwanderer aus Eritrea hielt. Dies zB relativiert zB Gil Ofarims kürzlich in einer TV-Diskussion gemachte Aussage “Israel ist das einzige Land, wo wir 160 nicht beleidigt und verfolgt werden”.161

Ein eritreischer Flüchtling/Migrant wurde 2015 vom israelischen Mob gelyncht. Haftom Zarhum hatte sogar eine Arbeitserlaubnis und lebte in Beersheva. Als er gerade am dortigen Busbahnhof war, attackierte ein israelischer Beduine einen Soldaten, erschoss ihn und eröffnete das Feuer auf Andere. Während dieser Mann floh, wurde Zarhum für einen Komplizen gehalten, von einem “Sicherheitsmann” angeschossen und dann von Passanten lange und schwer misshandelt; er starb an seinen Verletzungen. Nun scheint es so, dass die vier dafür angeklagten Israeler mit Sozialarbeit davon kommen… So wie die Mizrahis normalerweise alles tun, um sich von den Palästinensern abzugrenzen, haben die aus Äthiopien geholten Juden Angst, mit diesen Einwanderern in einen Topf geworfen zu werden, und handeln entsprechend. Es gibt im südlichen Afrika noch die Lemba, in Südafrika, Zimbabwe, Mocambique und Malawi, die sich für Juden halten.162 Sollte es eine Einwanderungsaktion für sie geben, dürften sie sich im israelischen Kastensystem ganz unten einordnen.

Als der ghanaische Fussballer John Paintsil bei der WM 06 ein Tor mit einer kleinen Flagge Israels (wo er damals spielte) zelebrierte, war das ein grosser Propagandaerfolg für die Zionisten. Nicht zuletzt wegen der (angeblichen) arabischen Empörung darüber. ynet/”Yedioth Ahronot” jubelte über “fury in egypt”.. und weil Paintsils Familie in Ghana von Moslems bedroht worden sei. Paintsil Verwandte durften nach Israel nachkommen, hiess es damals. Nun, mittlerweile sind die Paintsils ja eine Bedrohung für den jüdischen und demokratischen Staat… Werden sie auch ausgewiesen werden, von der Netanyahu-Regierung? Oder Opfer der Furie der “Strasse” dort werden? Auch die Bürgerkriege in Sudan, zwischen dem arabisierten, nubischen Zentrum und dem schwarzafrikanisch-christlichen Süden sowie dem schwarzafrikanisch-moslemischen Westen (Darfur) waren Propagandamittel für die Sache Israels.

Wie kann man einen Boykott Israels wegen seiner Politik gegen die Palästinenser unterstützen, wenn im Sudan soundsoviele Menschen getötet worden sind, hiess es da.163 Auch Entlastung für die Kollaboration mit der südafrikanischen Apartheid brachte es, denn im Sudan war ja auch irgendwie eine Apartheid, auf die man verweisen konnte. Als Leute aus Süd-Sudan164 und Darfur dann nach Israel kamen, wurde auch Propaganda mit ihnen gemacht; die Opfer der “Araber” und Moslems, die in Israel Zuflucht gefunden hätten… Dann hiess es aber, die Probleme der Afrikaner seien nicht “unsere” Probleme (der Juden).165

Auf (israelischen!) Propagandavideos auf Youtube mit Süd-Sudanesen in Israel finden sich längst Kommentare wie “Geht nun bitte wieder heim”, manchmal auch ohne “bitte” und so. Und, der damalige Innenminister Yishai sagte vor einigen Jahren (zu “Ma’ariv”), die meisten der afrikanischen Einwanderer seien Moslems und glaubten dass das Land nicht uns, dem weissen Mann, gehöre.166 Abgesehen von der patriarchalen Ausdrucksweise, dem Chauvinismus wonach ein Land (nur) einer bestimmten Ethnie gehöre, und dem Rassismus wonach Juden “Weisse” seien und sie das von Afrikanern unterscheide: Mit den Süd-Sudanesen und den Darfurern wurde Propaganda gemacht, weil sie Opfer der “Araber” und “Moslems” seien, und sie dagegen in Israel so gut behandelt werden würden! Und nun… Dies zeigt schön, wie gern und leicht man heutzutage Ressentiments und Diskriminierung mit dem “Islam” rechtfertigen will, man von dort den Bogen zum “Islamismus” spannen kann, und schon eine Tarnung für jeden Rassismus hat. Man sieht das ja auch, wenn man die Hamas vorschiebt, um die Behandlung der Palästinenser zu rechtfertigen.

In einer Gesellschaft, die schon Probleme hat, orientalische Juden (wie Yishai) als gleichrangig zu behandeln, sind Schwarzafrikaner höchstens zeitweiliges Propaganda-Kanonenfutter. Inzwischen wird auch von Eritrea und Sudan als “Problemländern” gesprochen, welche an Länder wie Ägypten grenzten. Zuvor hiess es ja, Ägypten sei so schlecht wegen der dortigen Behandlung von (durchziehenden) Flüchtlingen/Emigranten. 2012 beschloss die Netanyahu-Regierung die Massen-Abschiebungen von Afrikanern, die seither teilweise umgesetzt wurde. Anfang dieses Jahres gab es einen neuen Plan dazu, für Abschiebungen in die Drittländer Ruanda und Uganda, Länder mit deren Regierungen Netanyahu Beziehungen pflegt. Mit dieser Drittstaatenregelung wurde indirekt anerkannt, dass den Betroffenen in ihren Ländern Verfolgung droht. Nun haben aber sowohl die UNHCR als auch diese Regierungen bekannt gegeben, dass es keine Übereinkunft gibt. Netanyahu wurde ausserdem in seiner Rechtskoalition mit Protest konfrontiert, wegen der Gewährung eines Aufenthaltsstatus’ für einen Teil und Zahlungen für die Ausreisewilligen. Ein Teil der Afrikaner wurde auch in europäische Länder abgeschoben.

Netanyahu bemüht sich um afrikanische Staaten, damit seine genozidäre Politik ggü den Palästinensern und Kriegstreiberei ggü der Region international noch weniger kritisiert wird. Es geht bei seinem Rapprochement u.a. um die Mehrheitsverhältnisse in den UN, nicht um Brückenbau, Hilfe, Verständigung. Oder um Länder die die Afrikaner aufnehmen, die Israel nicht haben will. Ruandas Präsident Paul Kagame ist jetzt Israel wichtigster “Partner” bei seinem neuen Griff nach Afrika. Daneben auch Uhuru Kenyatta in Kenya, sowie politische Kräfte in Angola, Senegal, Äthiopien, Ägypten (Sisi…), Südafrika (die DA und noch weiter rechts Stehende), Congo, Nigeria, Süd-Sudan. Diese Instrumentalisierung ähnelt jener gegenwärtigen der Kurden. Bei der Herzliya-“Konferenz”167 2017 rief die rechtsextreme Justizministerin Ayelet Shaked von der Bennett-Partei zur Gründung eines kurdischen Staates auf, dies wäre integral für Israels Bemühungen zu einer “Umgestaltung” der Region. Genau, darum gehts. Für die (damals kemalistische) Türkei Öcalan in Kenya fangen, oder der Türkei bei der Verschleierung des osmanischen Völkermords an den Armeniern helfen, oder auf die “kurdische Karte” setzen – ganz nach Bedarf und gegen die Region.

Teil eines zionistischen Propaganda-Clusters ggü Afrika ist Moshe Terdiman, der im wissenschaftlichen Gewand auftritt, als “Expert on Islam in Africa” deklariert wird und gut vernetzt in jener Industrie ist, die sich zB in Herzliya trifft. Der aschkenasische Israeli mit USA-Hintergrund (> Carol Grosman) macht RIMA (“Research of Islam and Muslims in Africa”), eine “Denkfabrik” in Jerusalem, und die dazugehörige Website muslimsinafrica.wordpress, mit Haggai Erlich, Arye Oded