Südtirol zwischen Mussolini und Hitler

Es ist dies Fortsetzung eines früheren Artikels, mit dem zeitlichen Rahmen von 1922 (wo dieser Artikel aufhörte) bis 1948, als in Südtirol und Italien überhaupt die Weichen für die Zukunft gestellt waren. Diese knapp 25 Jahre waren (nicht nur für dieses Land und seine Leute) eben von den Regimen Hitlers und Mussolini geprägt. Will man diese Zeit gliedern, so kommt man auf:

  • 1922-43 (Faschismus, Italianisierung, Modernisierung, Industrialisierung; Ausverkauf durch Mussolinis Verbündeten Hitler)
  • 43 bis 45 (nazideutsche Herrschaft; der Weltkrieg kam dann an seinem Ende auch nach Südtirol)
  • 45 bis 48 (Wiederherstellung italienischer Herrschaft, Demokratie kommt erstmals nach Südtirol)

Der Faschismus

1922 wurde Benito Mussolini ja Premier, nach Gewalt-Ausübung durch seine Partei. Bis 1926 war die faschistische Machtübernahme (das Abwürgen der Demokratie) in Italien vollzogen: Auflösung oppositioneller Parteien (die PNF wurde Staatspartei), Ausschaltung des Parlaments, Gleichschaltung der Presse, Polizeiterror gegen Andersdenkende,… Das unter Duldung von König Vittorio Emanuele III.

Die Wahl 1924 war die letzte halbwegs faire in der Zwischenkriegszeit. 1923 kam das Acerbo-Gesetz zustande, eine Wahlrechtsänderung, die der stimmenstärksten Partei zwei Drittel der Parlamentssitze zumaß. Das war 1924 erwartungsgemäß die Lista Nazionale (PNF,…), vor der PPI. Slawen und Deutsche traten wie 1921 wieder zusammen an (Liste di slavi e di tedeschi), konnten in Venezia Giulia (Josip Vilfan,…) und Tridentina einige Sitze erringen. Auch trat eine eigene Liste der Sarden an (die grösste Minderheit Italiens, bis heute, falls sie als nicht-italienische Gruppe klassifiziert werden). Der Jurist Karl Tinzl, im 1. Weltkrieg in der österreichisch-ungarischen Armee, 1919 einer der Mitbegründer des Deutschen Verbands, 1923 Nachfolger von Reut-Nicolussi als dessen Vorsitzender geworden, 1921 bereits in die Kammer gewählt, behauptete 1924 seinen Sitz. Zusammen mit ihm zog Paul von Sternbach ein. Tinzl suchte in dieser Legislatur-Periode, 1924 bis 1929, anfangs eine Verständigung mit den faschistischen Machthabern.

Die PSU, die antimarxistische Abspaltung von der PSI, war dritt-stärkste Partei geworden. Giacomo Matteotti, ihr Sekretär1, verlangte kurz nach der Wahl 24 ihre Annullierung aufgrund von Unregelmäßigkeiten. Einige Tage später war er tot. Die anti-faschistischen Kräfte (die “Aventinianer”) verliessen darauf hin das Parlament. Im Rahmen der Parteien-Auflösung 1926 wurde auch der Deutsche Verband verboten und wurden die Mandate der Aventinianer (darunter war auch Alcide De Gasperi von der PPI) aberkannt. Bei der “Wahl” 29 und den folgenden traten nur die Faschisten an.

1923 wurde im Compartimento Venezia Tridentina die Einheitsprovinz Trentino (Trient) gebildet, die also Südtirol und Trentino umfasste. Mit einem Präfekten, in Trient, und einem Unterpräfekten in Bozen. Im selben Jahr wurden die ladinischen Täler Ampezzo und Buchenstein der Provinz Belluno angeschlossen (Compartimento Venezia Euganea). 1927 wurde im Rahmen einer Verwaltungsreform die Provinz Bozen (Provincia di Bolzano) geschaffen, herausgelöst aus der Einheitsprovinz. Dass Südtirol eigene Provinz wurde, hatte den Hintergrund, das Land der Kontrolle der Trentiner zu entziehen; die Faschisten begannen, den nach Südtirol berufenen Trentiner Beamten zu misstrauen, sie der “Verbrüderung” zu verdächtigen…2 Bei der Provinz Trient blieben das Südtiroler Unterland (Südgrenze Südtirols verlief nun bei Leifers, nicht bei Salurn) sowie der Deutschnonsberg; dies bestand bezüglich Wahlkreisen schon seit 1921 so.

Unter dem Faschismus wurden die Mitglieder der Deputazione provinciale, der Provinzregierung, ab 1923 vom Regime ernannt. Was die Provinzen Bozen und Trient betraf, wurden diese vor dem Faschismus nicht gewählt, weil sie noch nicht bestanden haben. Ende 1928 schaffte man die noch bestehenden Selbstverwaltungsorgane der Provinzen ganz ab und ersetzte sie durch einen ernannten Vorsteher (Preside) und durch ein Rektorat (Rettorato). Die Präfekten, die die Provinzen von Anfang an hatten, blieben. 1925 begann man auch damit, die Gemeindeautonomie abzuschaffen. 1926 wurden – überall in Italien – die gewählten Bürgermeister abgesetzt und staatliche “Amtsbürgermeister”, die Podestà, eingesetzt. In Südtirol waren die (nicht nur frei gewählten, sondern auch “andersstämmigen”) Bürgermeister zT schon vorher abgesetzt worden; in Bozen wurde Julius Perathoner ja 1922 durch einen “Sonderkommissar” ersetzt.

Die nach dem 1. Weltkrieg neu hinzu gekommenen Minderheiten im Norden, Deutsch(sprachig)e, Slowenen und Kroaten wurden eine Zielscheibe im Inneren, neben Regimegegnern. Über den Beginn der Italianisierung in der Venezia Tridentina (Südtirol und Trentino) und Venezia Giulia (Istrien, Görz, Fiume/Rijeka,…) steht schon im erwähnten ersten Südtirol-Artikel einiges. Nicht abzusehen war damals, dass die nationalistische Politik auf eine totale Italianisierung hinaus laufen sollte. Die drastische Einschränkung von Minderheitenrechten betraf auch “alte” Minderheiten, wie die Franco-Provenzalen im Piemont.3 Für die romanischen und/oder in Italien verwurzelten Volksgruppen, dazu sind auch die Sarden oder die Griechen in Kalabrien zu zählen, war der Faschismus in dieser Hinsicht aber wahrscheinlich weniger schlimm.

Als für die Süd-Slawen im Nordosten und die Deutschen, wozu neben den Süd-Tirolern auch die Sprach-bzw Minderheiteninseln der Zimbrer und Mocheni/Fersentaler, Kärntner Kanaltaler sowie weitere im Nordosten zu zählen sind. Nur die Walserdeutschen im Nordwesten (Piemont) waren schon lange in Italien heimisch. Der  Trentiner Irrendentist Ettore Tolomei war Antreiber der Italianisierung in Südtirol, er wollte ursprünglich die Ladiner als Instrument dafür. Ab der Zeit des Faschismus übte Tolomei in Italien Einfluss aus.

Unter der faschistischen Regierung Mussolini kam es zu einem gross angelegten Transfer von Italienern, meist aus dem Süden, Arbeiter- und Beamtenfamilien. Und zum Bau vom Wohnhäusern für die Neuen. In manchen Fällen war die Versetzung in die weit entfernte Provinz Bozen Strafe für mehr oder weniger schwere Vergehen. Die Einwohnerzahl Bozens wuchs von 1921 bis 1939 von etwa 26 400 auf 58 000.

Tolomei verlangte in den 1930ern die Umsiedlung Südtiroler Bauern nach Abessinien/Äthiopien, das Italien gerade in Besitz genommen hatte. Die Ansiedlung von Italienern in Kolonien war ein Projekt des Faschismus; in diesem Fall wäre sie mit einer Ausdünnung der “fremdstämmigen” Minderheit in ihrer Provinz einher gegangen. Österreichisch-stämmige Einwohner Südtirols, die keine italienische Staatsbürgerschaft hatten, wurden ausgewiesen. So der Kärntner Sebastian Weberitsch, der von 1900 bis 1925 als Facharzt in Bozen tätig war (einst von einem Bundesland ins andere gegangen war). Die Staatsbürgerschaft wurde ihm auf sein Ansuchen hin verweigert. Er verfasste Memoiren.

Italienische Einwanderung, industrielle Erschliessung und Modernisierung (von Kraftwerken bis Spül-Toiletten) kamen Hand in Hand nach Südtirol, unter dem Faschismus4. Die Industriezone Bozen wurde ab Herbst 1935 am Südrand der Stadt errichtet, unmittelbar vor der Ernte wurden Zehntausende Obstbäume und Weinstöcke abgeholzt. Es entstand dort das Lancia-Auto-Werk.5 Oder das Aluminiumwerk Montecatini. Diese Betriebe beschäftigten fast ausschliesslich aus dem Süden eingewanderte Italiener. Die städtischen Grosswohnbauten wurden in derselben Gegend errichtet.

Ab 1923 wurden Ortsnamen durch italienische ersetzt (Schilder übermalt,…), die fälschlich als „Rückübersetzungen“ deklariert wurden. Es handelte sich dabei um die Erfindungen Tolomeis. Auch andere Arten von topographischen Bezeichnungen wurden geändert, traten also nicht an die Seite der bisherigen, sondern an ihre Stelle. Die Bezeichnung Alto Adige (manchmal als “Oberetsch” übersetzt) für das Land wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zuge des Irredentismus geprägt, in Anlehnung an den Namen des Départements Haut-Adige im napoleonischen Königreich Italien, das auch den Südteil des späteren Südtirols umfasste.

Auch viele Familiennamen wurden zwangsweise geändert. Und, deutscher Schulunterricht wurde verboten, mit der Lex Gentile 19236. Die Antwort waren Geheimschulen, sogenannnte “Katakombenschulen” (in Erinnerung an die verfolgten Christen im alten Rom). In den 1920er- und 1930er-Jahren wurden zudem in Bozen (v.a. im Stadtteil Gries) mehrere Gebäude im faschistischen Stil errichtet, wie das „Siegesdenkmal“, der Parteisitz (heutiges Finanzamt) und ein neue Gerichtsgebäude. Hinzu kamen Einberufungen ins italienische Militär. In der Phase der schwersten Unterdrückung der Südtiroler söhnte sich das Königreich Italien mit dem Papsttum bzw der katholischen Kirche aus, was seit der Eingliederung des Kirchenstaats in Italien im Zuge des Risorgimento 1870 ausständig war. Die Lateranverträge 1929 brachten die Unabhängigkeit des Vatikans.

Das Julische Venetien im Nordosten, das ehemalige österreichische Küstenland, wies viele Gemeinsamkeiten mit Südtirol auf: das österreichische Erbe, die grosse nicht-italienische Volksgruppe, umstrittene Grenzen. Und die Entwicklung nach dem 1. Weltkrieg bezüglich Italianisierung, vom Austausch von Beamten über die Schliessung anders-sprachiger Schulen und Änderungen von Namen bis zu Ansiedlungen von Italienern. Das Italienische war in der Venezia Giulia aber viel stärker als in Südtirol und die Volksgruppen hier nicht so klar voneinander abgegrenzt (die Kultur war entscheidend).

Und, dort gab es Widerstand der Slowenen und Kroaten. Von der 1924 gegründeten Organisation TIGR, die für Trst (Triest), Istra (Istrien), Gorica (Görz) und Reka (Rijeka) stand; der volle Name war Revolucionarna organizacija Julijske krajine T.I.G.R. Die Organisation bestand hauptsächlich aus Slowenen, die den Nordwesten dieser Region bevölkerten und weniger aus Kroaten Istriens; auch antifaschistische Italiener machten mit. Sie pendelte von rechts nach links. Der Triester Slowene Josip Vilfan, ein Führer der Slawen in Istrien und den umliegenden Ländern, war nicht Teil des radikalen Widerstands von TIGR, musste dennoch Übergriffe und Schikanierungen durch den Faschismus erdulden. 1928 ging er nach Österreich, dann nach Jugoslawien, wie viele Slawen aus dem faschistischen Italien.

Das SHS-Reich (Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, ab 1929 Jugoslawien) war einer jener Staaten, in dem es nach dem 1. WK eine italienische Volksgruppe gab. Circa 500 000 Slowenen und Kroaten lebten in der Venezia Giulia, einige Tausend Italiener im SHS-Königreich (v.a. Dalmatien). Es gab Auswanderungsaktionen, von Italienern v.a. nach Zara/Zadar, von Süd-Slawen in den SHS-Staat (ca. 70 000)7 Eine Art Bevölkerungsaustausch, wobei sich die Grenzen bald wieder ändern sollten. Der italienischen Minderheit verblieben gewisse Rechte (auf Grundlage des Rapallo-Vertrags), die die Südslawen im faschistischen Italien verloren, etwa Elementarunterricht in der Muttersprache. Das SHS-Reich wurde Hauptfeind Italiens. Italien bot etwa Exil/Unterstützung für die kroatische nationalistische Ustascha unter Pavelic.8 SHS/YU war jedenfalls Schutzmacht der Slawen in Italien, im Gegensatz zu Österreich für die Südtiroler.

Österreich und Deutschland

Die Grenzen und die Eigenständigkeit der ersten österreichischen Republik waren in in St. Germain festgelegt worden. Die Staatsform war ja auch neu. Wenige wollten diesen Staat. Ja, der Katholizismus taugte als Identitätsmerkmal Österreichs. Dass Österreich von Südtirol, der Untersteiermark und den Sudetenländern abgetrennt war, war v.a. in den angrenzenden Bundesländern ein Thema. Es gab nach dem Krieg einen kleinen Exodus von Alt-Österreichern (aus der Tschechoslowakei oder dem SHS-Staat) nach Rest-Österreich. Es kamen auch Nicht-Deutsche, v.a. solche, die Österreich-Ungarn gedient hatten. Feldmarschall Boroevic etwa, einer der Feldherren der Donaumonarchie an der Italienfront, diente sich nach dem Krieg der SHS-Armee an, wurde nicht genommen, liess sich in Österreich nieder. Der christlich-soziale Josef Schraffl war letzter Tiroler Landeshauptmann in der Monarchie, erster in der Republik; ein Anhänger der Monarchie, arbeitete er dann mit der Republik zusammen bzw in ihr.

Italien wurde einer der wichtigsten Partner Österreichs, sein faschistisches System ab 1922 und die Unterdrückung der Südtiroler änderte nichts daran. Österreich (die Politik) hat Südtirol sehr bald nach dem Krieg, sogar schon vor der Machterringung des Faschismus, fallen gelassen. Aus der Weimarer Republik kam dagegen etwas Protest. Grund war die aussenpolitische Isolierung der jungen Republik Österreich (jedes Zusammengehen von Österreich mit dem Deutschem Reich wurde von den Grossmächten argwöhnisch beobachtet). Das faschistische Italien war auch strikt gegen eine Restauration der Habsburger-Monarchie in Österreich, wohl im Hinblick auf die nach dem Krieg von Österreich gewonnenen Gebiete. Im Februar 1928 wurde das Südtirol-Thema und auch speziell die Verbannung Josef Noldins (russische Kriegsgefangenschaft, Dt. Verband, Engagement für Geheimschulen) auf Lipari im Parlament in Wien behandelt. Die österreichische Sozialdemokratischen Partei brachte 1931 eine Broschüre mit dem anklagenden Titel “Südtirol verrecke!” heraus, wo sie den österreichischen Umgang mit Südtirol anprangerte.

Eduard Reut-Nicolussi, der nach dem 1. Weltkrieg Abgeordneter im österreichischen Parlament (1919) und dann im italienischen (1921 bis 1924) war, betätigte sich nach Beendigung seiner Mandate auf einer anderen Ebene politisch. Er war in Bozen als Rechtsanwalt tätig, und verteidigte vornehmlich Leute, die aus politischen Gründen oder ethnischen vom faschistischen Regime verfolgt wurden, etwa Gewerkschafter oder (Hilfs-)Lehrer des verbotenen Deutsch-Unterrichts. 1927 wurde er schliesslich von der Anwaltsliste gestrichen,  daraufhin ging er nach Innsbruck. Dort verfasste er das Buch „Tirol unterm Beil“. Dann war er aktiv als Leiter des österreichischen „Deutschen Schulvereins (Südmark)“ sowie beim “Andreas-Hofer-Bund Tirol” (AHBT), die bei der Unterstützung des deutschen Geheimunterrichts in Südtirol zusammen arbeiteten.

Südtiroler, die in faschistischer Zeit schon vor der Option nach Österreich oder Deutschland umsiedelten, wie Reut-Nicolussi, gab es einige. Etwa der Historiker Leo Santifaller, der Maler Paul Flora oder der Raketentechniker Max Valier. Oder auch Karl Ebner, der Südtirol verliess, als er 1923 ins italienische Militär eingezogen werden sollte. Er wurde Jurist und nach dem Anschluss stellvertretender Leiter der Gestapo Wien.

Natürlich gab es in Südtirol in der schweren Lage Hoffnung auf Österreich oder auf Deutschland. Mit dem Anschluss Österreichs waren es Deutschland und der Nationalsozialismus, die als Alternative zur Lage unter dem italienischen Faschismus blieben. Aber grossdeutsche Hoffnungen und der deutsche Faschismus etablierten sich bereits davor in Südtirol, auch vor der Machterringung Hitlers im Deutschen Reich. 1932 wurde der “Völkische Kampfring Südtirol” (VKS; aus der „Südtiroler Heimatfront“) gegründet. Auch bei Kanonikus (Domherr) Michael Gamper trat das Christlich-Soziale zeitweilig in den Hintergrund.

1933, als im Deutschen Reich Hitler an die Macht kam, wurde auch in Österreich die Demokratie ausgeschaltet, wurde der austrofaschistische Ständestaat errichtet, unter Bundeskanzler Dollfuss. Dieser war sehr von Mussolini beeinflusst. Die Machtübernahme der Nazis in Deutschland führten zu einer noch engeren Anlehnung der Republik Österreich, der Christlich-Sozialen, an das faschistische Italien. So hoffte man, die Eigenständigkeit Österreichs erhalten zu können. Während des Nazi-Putschversuchs in Österreich 1934 zog Mussolini am Brenner Truppen zusammen, um Hitler davon abzuhalten, diesen zu unterstützen. Die Kanzler des Ständestaats, Dollfuss und Schuschnigg, setzten auf eine Allianz mit zwei Nachbarländern bzw deren autoritären Regimen – Horthy in Ungarn und Mussolini in Italien (34 römische Protokolle).

So gab es unter dem Austrofaschismus schon gar keine Forderungen an Italien nach Grenzrevisionen oder Minderheitenschutz bezüglich Südtirol. Widerstand gegen diese Linie gab es hauptsächlich aus/in (Nord-) Tirol. Und so richteten sich Südtiroler Hoffnungen noch mehr auf Hitler und Nazi-Deutschland. Eduard Reut-Nicolussi musste 1935 auf Druck der austrofaschistischen Regierung bzw auf Wunsch Italiens als Obmann des Andreas-Hofer-Bundes zurücktreten… Auch die Ablöse von Ernst Rüdiger Starhemberg, 1934 bis 1936 Vizekanzler unter Dollfuss und Schuschnigg, stand in diesem Zusammenhang.

Starhemberg, im Ersten Weltkrieg wie Dollfuss an der Italienfront im Einsatz, war vom monarchistischen Flügel der Christlichsozialen. 1936 näherte sich zum einen Schuschnigg etwas an Hitler an, auf Kosten der Beziehung zu Mussolini; zum anderen gelang Italien im zweiten Anlauf die Annexion Abessiniens (durch den Angriffs-Krieg 1935/36). Starhemberg wollte weiter eine enge Anlehung an das faschistische Italien, um nicht von Nazi-Deutschland “geschluckt” zu werden. Er schickte ein überschwengliches Glückwunschtelegramm an Mussolini, dessen Regime nach dem Krieg nun etwas isoliert war.

Italien hatte 1895/96 erstmals versucht, Abessinien/Äthiopien einzunehmen (Erster Italienisch-Äthiopischer Krieg). Abessinien unter Kaiser Menelik II. gewann die Schlacht von Adua, konnte seine Unabhängigkeit wahren. Italien behielt nur das, was Eritrea wurde. 1935 marschierten das italienische Militär unter General Emilio De Bono von Eritrea aus in Äthiopien ein und begann den zweiten Italienisch-Äthiopischen Krieg; führte ihn unter Einsatz von Giftgas. Im Mai 1936 wurde Äthiopien schliesslich Teil des italienischen Kolonialgebietes Ostafrika (Kaiser Haile Selassie ging ins Exil) und blieb das bis zum Zweiten Weltkrieg. Die Invasion wurde vom Völkerbund verurteilt, und das faschistische Italien unter Mussolini wurde als Aggressor bezeichnet, allerdings wurden keine richtigen Sanktionen verhängt.

Etwa 1300 Südtiroler mussten bei dem Kolonial-Abenteuer im italienischen Heer mitmachen, wo insgesamt um die 500 000 Italiener aufmarschierten. Viele davon blieben bis 1941 bei der Besetzung beteiligt und machten Niederlage, Kriegsgefangenschaft, Abzug mit. Hunderte Südtiroler die 1935 eingezogen wurden, desertierten/flüchteten nach Österreich, Deutschland oder in die Schweiz. 17 Südtiroler sollen in Ostafrika gefallen sein. In der Literatur-/Linkliste unten finden sich zwei Darstellungen zum Thema Südtiroler in Abessinien-Krieg (ein Buch und ein Film), die beide auf den selben Historiker zurückgehen.

1936 die Bildung der Achse Berlin-Rom; 1937 liess Mussolini Hitler freie Hand für Österreich; im März 1938 der Anschluss. Rolf Steininger hat es in einem Satz zusammen gefasst: Hitler opferte nicht das Bündnis mit (dem faschistischen) Italien für Südtirol, sondern Südtirol für das Bündnis mit Italien. Bereits 1922 erklarte Hitler in einer Rede in München: “Mit Italien, das seine nationale Wiedergeburt erlebt und eine grosse Zukunft hat, muss Deutschland zusammengehen. Dazu ist nötig ein klarer und bündiger Verzicht auf die Deutschen in Südtirol.” Das Bündnis mit Mussolini galt ihm als wichtigste Voraussetzung eines erfolgreichen Kriegs in Mitteleuropa, im Mittelmeerraum, am Balkan und in Nordafrika. 1926 liess er in seiner Schrift “Die Südtiroler Frage und das deutsche Bündnisproblem” erneut erkennen, dass er Südtirol dahingehend als ein Hindernis sah. Bei einer Wahlrede 1928 soll er gesagt haben: „Wenn ein Andreas Hofer aufsteht, soll er sich hüten, dass er auf der Flucht nicht nach Deutschland kommt, sonst wird er verhaftet und ausgeliefert.“

Doch für die meisten Südtiroler kam die Ernüchterung erst am 7. Mai 1938, mit Hitlers Besuch in Rom. Hier machte er erneut klar, dass es sein “unerschütterlicher Wille und sein Vermächtnis an das deutsche Volk” sei, “die von der Natur aufgerichtete Alpengrenze für immer als eine unantastbare anzusehen”. Ausserdem wurde mit Mussolini prinzipielle Übereinstimmung in der Frage der „Auswanderung“ der Südtiroler gefunden. Für so etwas wie “Minderheitenschutz” hatte der grössenwahnsinnige Hysteriker höchstens Verachtung über und hätte Mussolini das aufgezogen, hätte er wohl die Achtung vor ihm verloren. Hitler fuhr zum Treffen mit dem faschistischen Diktator mit dem Zug, auch durch Südtirol. Dort versammelten sich in den Bahnhöfen tausende Menschen, um ihm zuzujubeln. Der “Führer” liess die Vorhänge seines Abteils zu.

1935 wurde der Schneidergeselle Peter Hofer, zuvor Obmann der katholischen Gesellenjugend, Führer des VKS. Ein führender Vertreter des VKS, Norbert Mumelter, erlebte die Rede Hitlers 38 in Rom mit. Er war bestürzt, schrieb aber schliesslich in sein Tagebuch: “Für Großdeutschland muss man selbst seine Heimat opfern können.” Ja, Hitler und Tirol. Osttirol wurde im Juli 1938 mit Kärnten zum „Gau Kärnten” vereinigt.

Im Mai 1939 der Stahlpakt zwischen Hitler und Mussolini. Im Oktober ’39 schlossen die beiden das Abkommen über die Option der Südtiroler auf Auswanderung. Aufgabe der Heimat oder die Aufgabe aller Rechte in Italien waren die Alternativen. Bevölkerungsaustausche gab es in der Zwischenkriegszeit einige, etwa den 1923 vereinbarten zwischen Griechenland und der Türkei. Der deutsche Botschafter in der Türkei, Rudolf Nadolny, hatte seinem italienischen Amtskollegen Montagna bereits 1925 eine Umsiedlung der Südtiroler vorgeschlagen. Der deutsche Publizist Siegfried Lichtenstaedter machte in den 1920ern den Vorschlag, die italienische Bevölkerung des Schweizer Kantons Tessin mit der deutschsprachigen Bevölkerung in Südtirol “auszutauschen”.

Der nun klandestine Deutsche Verband (katholisch-konservativ) und der nazistische VKS beschlossen bei einem Treffen bei Michael Gamper in Bozen, die Heimat keinesfalls zu verlassen. Doch der VKS schwenkte nach einem Treffen seiner Führung mit Heinrich Himmler (dem Organisator der Umsiedlung) um und propagierte die Auswanderung als bessere Option. Der VKS leistete Propagandaarbeit fürs Wegziehen. Die Arbeitsgemeinschaft der Optanten für Deutschland (AdO) entstand 1940 als Vereinigung von Südtiroler Aussiedlern oder Ja-Optanten (was ja nicht dasselbe war). Karl Tinzl war gegen die Option über die Auswanderung, optierte aber dann dafür, war in der AdO tätig.

Das Abkommen zur Umsiedlung betraf neben den Südtirolern auch die Ladiner und andere deutsche Minderheiten (Angehörige deutscher Sprachinseln) in Norditalien. Das waren die Bewohner des Kanaltals und der Gemeinden Sauris und Timau in der Venezia Euganea. Unterschiedliche Angaben gibt es darüber, ob auch die Zimbrer und Fersentaler im Trentino sowie die Ladiner ausserhalb Südtirols, im Trentino und der Provinz Belluno mit einbezogen waren.9

Südtirol war erfüllt mit Spekulationen, was mit “Optanten”, was mit “Dableibern” konkret geschehen würde. Ansiedlungen waren v.a. in vom nationalsozialistischen Deutschen Reich annektierten Gebieten geplant, zur Veränderung von deren Bevölkerungsstruktur. Die Nazis behaupteten, dass diejenigen Südtiroler, die nicht für Deutschland optieren würden, nach Sizilien transferiert werden würden. Mussolinis Präfekt in Südtirol (Provinz Bozen) 1933-40, Giuseppe Mastromattei, versprach, dass alle jene, “die immer Treue zu Italien und zu den Einrichtungen des Regimes bewiesen haben”, im angestammten Lande bleiben dürften. Mit der Option sah Ettore Tolomei sein Lebenswerk vollendet. Die faschistische Regierung Italiens hatte auch Befürchtungen bezüglich eines Weggangs der Südtiroler, vor entvölkerten Tälern und Dörfern.

Bis Jahresende 39 musste entschieden werden; Familienväter stimmten für die Familien. 86% waren schliesslich fürs Gehen (die NS-Option), optierten für Auswanderung. Ab 1940 wurde die Auswanderung umgesetzt, sie geriet bald ins Stocken, wegen Fehlens geeigneter Umsiedlungsgebiete. Etwa 75 000 verliessen bis 1943 das Land, vor allem nach Nordtirol, Vorarlberg und Bayern. Wenige Ja-Optanten wurden in Tschechien und Luxemburg angesiedelt.

Der niedere Klerus war für das Dableiben, der höhere fürs Wegziehen. Vorwiegend Städter und Gebildete sind ausgewandert. Viele Südtiroler Beamte verloren erst mit der Option ihre Stellen. Die vierzehnprozentige Minderheit – 34 000 Menschen – , die bleiben wollte, bestand hauptsächlich aus Bauern. Ihr Führer war Michael Gamper; auch der Abgeordnete zum italienischen Parlament 1924-29, von Sternbach, nahm eine führende Rolle ein. Aus Widerstand gegen das nazistisch-faschistische Aussiedlungsprojekt formierte sich der Andreas-Hofer-Bund (AHB), nicht zu verwechseln mit dem Andreas-Hofer-Bund Tirol (AHBT). Es ging diesem Bund um den Verbleib der Südtiroler in ihrem Land und um darüber hinaus gehenden Widerstand. Hans Egarter, Journalist beim katholischen Athesia-Verlag, war sein Leiter. „Dableiber“ wie Egarter, Sternbach, Volgger waren oft Antifaschisten und im AHB.

Viele deutsch(sprachig)e Volksgruppen in Europa wurden unter Hitler umgesiedelt, noch mehr verloren ihre Heimat infolge der Nazi-Politik. Wie auch anderswo (und am Ende durch den Rückstoss überall) mussten “Volksdeutsche” draufzahlen für Nazis, widersinniges “Grossdeutschtum”. Von den Nazis kam nicht die “Erlösung” für die schlimme Unterdrückung unter dem Faschismus sondern eine Steigerung: Auswandern oder jede nationalen Rechte aufgeben. Im Budweiser Becken wurden einigen Zimbrern aus dem Trentino Höfe “in Verwaltung” übergeben. Wer von den Umsiedlern geglaubt hatte, eine neue Heimat gefunden zu haben, wurde gegen Kriegsende eines Besseren belehrt. Eine erneute Flucht stand an; in ähnlicher Weise wurde etwa in der Untersteiermark die slowenische Bevölkerung aus und Volksdeutsche aus der Dobrudscha und Bessarabien sowie der Gotschee angesiedelt. Bis 1945.

Im Krieg

Das faschistische Italien trat 1940 in den 2. Weltkrieg ein, um italienische Interessenssphären sowie jenen der Deutschen, gewann für einige Jahre neue Gebiete hinzu, am Balkan, im Mittelmeerraum, Nordafrika. Optanten kamen ab 1939 in die Wehrmacht, Dableiber ab 1943; im 2. WK gab es damit kaum eine Südtiroler Mitwirkung in der italienischen Armee. Infolge des alliierten Sieges  von El Alamein 1942 verlor die Achse in Nord-Afrika (in Nordost-Afrika bereits zuvor). 1943 setzten die Alliierten nach Sizilien über, rollten Italien von unten auf. Auch am am Balkan gab es in dieser Zeit Niederlagen und Verluste.

In dieser Situation wurde Mussolini vom König entlassen, neuer Premierminister wurde Generalstabschef  Pietro Badoglio. Unter diesem wechselte Italien von den Achsenmächten auf die Seite der Alliierten. König Vittorio Emanuele di Savoia und die Badoglio-Regierung begaben sich unter den Schutz der Alliierten in Süd-Italien (USA, GB und “Hilfstruppen”)10. Politische Parteien entstanden in dieser Machtsphäre wieder, schlossen sich zum Comitato di Liberazione Nazionale (CLN) zusammen, das in die Badoglio-Regierung eintrat.

Nach dem Ende des Bündnisses Hitler-Deutschlands mit Italien wurde Hitler-Deutschland in Norditalien Machhaber (anfangs auch in Mittelitalien). Es entstand unter dem aus seiner Gefangenschaft befreiten Mussolini die “Repubblica Sociale Italiana” (RSI), die von der Wehrmacht abhing. Diese gründete im September 1943 die „Operationszone Alpenvorland“ (Provinzen Bozen, Trient, Belluno) und die „Operationszone Adriatisches Küstenland” (bestand aus Friaul, Teilen des Julischen Venetiens und der bislang auch italienisch verwalteten slowenischen Krain). Deutsche Truppen rückten u.a. nach Südtirol vor (wurden dort mit Jubel empfangen), entwaffneten Teile der italienischen Armee, stellte eine neue auf, für die RSI, die “Esercito Nazionale Repubblicano” (E.N.R.) unter Rodolfo Graziani. Kommunistische Partisanen, mehr oder weniger mit dem CLN bzw der “Süd-Regierung” verbunden, leisteten im Norden Widerstand gegen deutschen und italienischen Faschismus.

Offiziell blieb Südtirol bzw das Gebiet der “Operationszonen” also, wieder aus Rücksicht auf den von den Nazis befreiten Duce, ein Teil Italiens (bzw der “Repubblica di Salò”, wie die RSI auch genannt wurde). Die Umsiedlung wurde gestoppt, die Option kam zum Erliegen. Die AdO wurde aufgelöst und in “Deutsche Volksgruppe” umbenannt; Peter Hofer wurde zum „Volksgruppenführer“ und Präfekt der Provinz Bozen befördert. Nach dessen Tod durch eine Fliegerbombe im Dezember 194311 wurde Karl Tinzl Nachfolger als Präfekt. Unterstellt war er dem Salzburger Franz Hofer, der als Oberster Kommissar der Operationszone Alpenvorland und ausserdem als NS-Gauleiter von Tirol-Vorarlberg fungierte (dieser Gau umfasste das nördliche, österreichische Tirol). Adolfo de Bertolini war unter Hofer für das Trentino zuständig.

Im deutschsprachigem Teil des “Alpenvorlands” stand erst recht Nationalsozialismus über Faschismus. Hitler nahm aber auch nach dem italienischen Regime- und Frontwechsel Rücksicht auf Mussolini und dessen Reststaat. Südtirol wurde nicht dem Deutschen Reich angeschlossen (Hofer war dafür). Franz Hofer verbot alle Parteien, liess aber die italienische Verwaltung bestehen, freie Stellen wurden durch geeignete Vertreter der „deutschen Volksgruppe“ besetzt. Diverse faschistische Maßnahmen wurden ausser Kraft gesetzt.

Die deutschsprachige Tageszeitung “Dolomiten” konnte ab 1925 wieder erscheinen, Michael Gamper hatte dies mit Unterstützung des Vatikans erreicht. Unter Mussolini konnte dieses eine deutsche Printmedium in Südtirol also meist erscheinen, unter der deutschen Herrschaft wurde sie nun verboten, zu christlich-sozial, zu südtirolerisch-partikularistisch war es. Die Mehrheit der Südtiroler war davon überzeugt, dass ihr Land nun nie mehr zu Italien kommen würde: Gewann Hitler den Krieg, würde er es behalten12; verlor er ihn, so würden es die Alliierten an Österreich zurückgeben.

Einige Mitglieder der AdO schlossen sich zum “Südtiroler Ordnungsdienst” (SOD) zusammen und waren ab September 1943 maßgeblich beteiligt (neben SS u.ä.) an der Verfolgung von Kommunisten und anderen Dissidenten, Partisanen, Juden13, Südtiroler Kriegsdienstverweigerern, Behinderten, in der „Operationszone Alpenvorland“. Auch gab es Repressalien an Dableibern/Nein-Optanten. Familienangehörige wurden in Sippenhaft genommen.

Die ethnisch oder politisch Verfolgten wurden in der Regel in das Lager Gries bei/in Bozen eingeliefert, das auch “KZ Sigmundskron” oder “Durchgangslager Bozen” genannt wurde. Von dort wurden sie zT in “echte” “Konzentrationslager” abtransportiert. Das Lager Bozen war vom Juli 1944 bis zum 3. Mai 1945 in Betrieb, aber bereits seit dem Winter 1943 wurden darin einige Südtiroler gefangen gehalten. 11 000 bis 15 000 Gefangene wurden dorthin gebracht. Im Unterschied zu anderen Lagern in Italien wurde es von deutschen Dienststellen geleitet und verwaltet, verantwortlich war Franz Hofer. In Aussenlagern des Bozner Lagers in Südtirol mussten Gefangene Arbeitseinsätze leisten. Ettore Tolomei kam 1943 auch in deutsche Lager.

Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Norditalien 1943 verschärfte sich auch die Verfolgung der Mitglieder des Andreas-Hofer-Bundes. Der Geistliche Michael Gamper konnte sich in einem Kloster bei Florenz in Sicherheit bringen. Friedrich „Friedl“ Volgger, seine rechte Hand in der Redaktion der “Dolomiten”, wurde in ein Konzentrationslager verschleppt. Hans Egarter, der in den letzten Kriegsjahren die Leitung des AHB übernahm, unterhielt ab 1944 Kontakte zum französischen und britischen Militärgeheimdienst in die Schweiz.

Kriegsende

Vom Süden rückte, wenn man so will, mit den amerikanisch-britischen Truppen  das künftige Italien vor. Im April und Mai 1945 fand die finale Offensive der Alliierten unter dem amerikanischen General Mark Clark in Nord-Italien statt. In ihren Reihen waren neben dem amerikanischen und britischen Militär auch Teile des italienischen, die üblichen Truppen aus Ländern des britischen Commonwealth (hier aus Neuseeland, Südafrika, Indien, Palästina), die polnische Exil-Armee sowie brasilianische Einheiten. Auf der Gegenseite die Wehrmacht in Italien unter Von Vietinghoff (Kesselring wurde am Kriegsende an die Westfront beordert) sowie das Militär von Mussolinis Salo-Republik. Vietinghoffs Quartier wurde Ende April in Bozen von Partisanen belagert, die ja die königlich-alliierte Seite unterstützen. Er nahm Kapitulations-Verhandlungen mit den Alliierten in Italien auf; auch andere nazi-deutsche Führer in Nord-Italien wie Hofer (mit einem Fuss nördlich des Brenners, mit dem anderen südlich davon) suchten Verhandlungen. Am 29. April wurde eine Kapitulation der deutsch-faschistischen Kräfte in Norditalien unter v. Vietinghoff für den 2. Mai ausgehandelt.

Mussolini versuchte, in die Schweiz zu entkommen, von dort wollte er in das franquistische Spanien weiter. Am 27. April wurden er und seine Vertrauten am Comer See (Lombardei) von kommunistischen Partisanen gestoppt und am nächsten Tag erschossen. Starace, jener Faschist der 1922 die Besetzung Bozens anführte, war einer jener, die zusammen mit Mussolini hingerichtet wurden. 2 Tage später der Selbstmord Hitlers. Es war das Ende des Krieges überhaupt, das Nazi-Reich implodierte, Vietinghoff wurde abberufen, es gab Verwirrung.

In Südtirol fanden zwischen der Kapitulation und dem Eintreffen der Alliierten diverse Bemühungen für die Zeit nach dem Krieg statt. Das CLN etablierte sich in Bozen, unter dem Mailänder Geschäftsmann Bruno De Angelis. Noch hatten die verbliebenen nazideutschen Behörden und Truppen die Macht.14 Partisanen wurden gegen sie aktiv. Es ging nun auch darum, ob die Machtübergabe der Nazis an die amerikanischen Truppen oder die demokratischen italienischen Parteien, das CLN, erfolgen würde. Auch um die Zugehörigkeit Südtirols zu Italien oder Österreich.

Am 3. Mai kam es in der Bozner Industriezone, wo die Arbeiter der Lancia-Werke bewaffnet worden waren, zu einem Angriff auf die nach Norden zurückflutenden deutschen Truppen. Die “Schlacht von Bozen” forderte etwa 50 Tote, hauptsächlich bei den Partisanen und italienischen Zivilisten. Am selben Tag übergab der führende SS-General in Italien, Wolff, anscheinend die Verwaltung Südtirols (dessen Grenzen wie auch staatliche Zugehörigkeit noch nicht ganz fest standen) an das CLN unter De Angelis, nicht an Tinzl. Am 4. Mai erreichten die amerikanischen Truppen das grün-weiss-rot beflaggte Bozen. Sie bestätigten die italienische Verwaltung Südtirols durch das CLN unter De Angelis, die sich auf die Carabineri stützen konnte. Wehrmachts-Soldaten (auch Südtiroler) kamen in Gefangenschaft.

In Südtirol wie auf nationaler Ebene wurde also das CLN unter Kontrolle der anglokeltischen Alliierten bestimmende Kraft; die nicht unbedeutende Rolle der kommunitischen PCI darin war auch in den Augen der Amerikaner oder italienischen Christdemokraten noch kein grosses Problem. In Südtirol war das Machtgerangel der Partisanen mit den Amerikanern nicht so gross. Clark wurde Militär-Gouverneur in Italien, später Chef des USA-Militärs in Österreich. Italiener übernahmen unter amerikanischer Kontrolle also 1945 wieder die Kontrolle über Südtirol. Unter De Angelis als Präfekt der Provinz Bozen wurden alle Verordnungen aus der Zeit der nazi-deutschen Verwaltung ausser Kraft gesetzt, nicht jedoch alle faschistischen Gesetze. Es gab in mancher Hinsicht eine Rückkehr zu Rahmenbedingungen bis 1943, wie die fast alleinige Stellung der italienischen Sprache und die fast alleinige Besetzung öffentlicher Stellen durch Italienisch-Sprachige.

Zum 2. Vizepräfekten ernannten die Amerikaner, am 5. 5., Karl Tinzl, den Vorgänger von De Angelis als Präfekt. Die deutschsprachigen Südtiroler mussten sich nun wieder mit Italien und den Italienern arrangieren, bei der Vorbereitung der Nachkriegsordnung. Kontaktpersonen der US-amerikanischen Militärverwaltung waren auch Hans Egarter und andere AHB-Mitglieder wie Erich Amonn. Dableiber, oft solche die im Andreas-Hofer-Bund mitarbeiteten, waren nun “obenauf” bei den Südtirolern; daneben noch Optanten, die nicht mehr ausgesiedelt wurden und keine Nationalsozialisten waren. Tinzl nahm dabei eine seltsame Stellung, zwischen NS-Kollaborateuren und NS-Gegnern, ein.

Die führenden Südtiroler strebten nach dem Krieg eine Wiedervereinigung mit Nordtirol und Österreich an. Die Übernahme der Zivilverwaltung im Land durch Italien(er) war diesbezüglich eine erste Niederlage. Reut-Nicolussi in Österreich, der während des Krieges im Widerstand zum NS-Regime gestanden war, arbeitete auch dafür, hielt auch Kontakte zum semi-clandestinen Movimento Separatista Trentino (MST), das auch das Trentin(o) aus Italien herauslösen wollte.

Am Ende des Kriegs führten die Fluchtwege von zwei entgegen gesetzten Gruppen aus dem (von Alliierten besetzten) deutschen Raum heraus über Südtirol, nach Italien und weiter aus Europa heraus. Zuerst von Juden, dann von Nazis. Eine Route führte über den Brenner, eine andere über die Birnlücke. Tirol war bis in die 1950er Drehkreuz bzw Transitland des jüdischen Exodus. Wichtigste Zwischenstation in Südtirol war das jüdische Sanatorium in Meran, von wo aus die Transporte meist zu den Schiffen von Genua weiter gingen. Von dort nach Palästina.15 Nazi-Funktionäre gingen die „Klosterroute“, später „Rattenlinie“ genannt, mit Hilfe der katholischen Kirche (Papst Pius XII., der österreichische Bischof Alois Hudal). Auch sie über Genua, meist nach Argentinien. Dort traf man sich manchmal wieder; die Wege der Beiden kreuzten sich auch in Südtirol: Es kam vor, dass sich Juden und Nazis zur selben Zeit im gleichen Flüchtlingsversteck (zB Klöstern) aufhielten. Die Bevölkerung Südtirols hatte trotz des “Verrats” durch den Nationalsozialismus anscheinend noch immer Sympathien für seine Vertreter und half oft den Flüchtigen. Die katholische Kirche half auch den Flüchtlingen.

Zuvor, am Ende des Kriegs, im April 45, gabs den Transport von „Sonder- und Sippenhäftlingen“ über das KZ Dachau nach Südtirol. Das waren deutsche Widerstandskämpfer und Regimegegner wie Fabian von Schlabrendorf, Martin Niemöller, Friedrich L. v. Preussen oder Fritz Thyssen, Verwandte von Angehörigen des Widerstands-Kreises in der Wehrmacht wie Stauffenberg, hohe Kriegsgefangene wie der SU-General Bessonow, in Ungnade gefallenen Nazis wie Schacht oder Halder, Überlebende des Great Escape, Schuschnigg mit Familie, der ehemalige französische Premier Blum, Xavier de Bourbon-Parma, der griechische Generalstabschef Papagos, der britische Geheimagent Sigismund Payne-Best, die Angehörigen von ehemalige NS-Verbündeten wie Badoglio oder Horthy. Georg Elser wurde vor dem Transport in Dachau ermordet. Anscheinend waren sie als Geiseln/Verhandlungsmasse für sie SS mit den Westalliierten in der „Alpenfestung“ gedacht. Kurz vor Inkrafttreten der Kapitulation Wehrmacht in Italien befreiten Soldaten der Wehrmacht unter von Alvensleben die Gefangenen aus der Gewalt der SS und brachte sie in ein Hotel in Niederdorf im Pustertal. Dort wurden sie bald von amerikanischen Soldaten übernommen.

Am 8. Mai 1945 wurde die Südtiroler Volkspartei (SVP) gegründet, aus Resten des Deutschen Verbands (von dem auch das Edelweiss-Symbol übernommen wurde) und dem Andreas-Hofer-Bund. Dableiber bzw Nein-Optanten dominierten die Partei anfangs, wie der erste Obmann Erich Amonn, Egarter, Volgger, Raffeiner, v. Guggenberg. Dass Tinzl und andere Optanten im Hintergrund waren, hatte auch den (pragmatischen) Grund, dass diese als NS-nahe gesehen wurden und man die Zulassung der Partei durch italienische und alliierte Stellen nicht gefährden wollte. Daneben waren viele von ihnen damals staatenlos (nicht mehr Italiener, noch nicht Deutsche geworden) und konnten keine politischen Mandate/Funktionen übernehmen. Am 17. Mai 1945 wurde Tinzl auf Betreiben des CLN als Vizepräfekt abgesetzt. Tinzl, der aufgrund seiner Staatenlosigkeit auch seinen Anwaltsberuf nicht ausüben konnte, widmete sich nun der Aufbauarbeit für die SVP und verfasste das erste Parteiprogramm.

Die SVP verhandelte mit den CLN-Stellen über die Rückkehr der Optanten und Minderheitenrechte, obwohl man damals nicht Teil des neuen Italiens werden wollte. Präfekt De Angelis wollte anscheinend die Ausweisung jener Südtiroler, die für die Auswanderung optiert hatten, aber das noch nicht getan hatten, der nichtumgesiedelten Optanten (das waren etwa 137 000 Personen), wie Tinzl einer war. Auch wurde die Frage der Kollaboration mit Nazis als Kriterium für die Wiedererlangung der Staatsbürgerschaft vorgeschlagen, was angesichts der Achse Hitler-Mussolini und der Nicht-Ahndung der meisten faschistischen Tätigkeiten irgendwie absurd gewesen wäre.16 Viele ausgesiedelte Südtiroler kehrten vor einer Regelung der Frage heimlich in das Land zurück. Im Oktober 1945 wurden wieder deutsch-sprachige Schulen in Südtirol zugelassen. In Rom wurde der Trentiner De Gasperi von der Democrazia Cristiana (DC) im Dezember 1945 erstmals Premier. Präfekt der Provinz wurde 46 Innocenti.

Die Entwicklungen in Nordost-Italien (Julisches Venetien, Friaul) wiesen am Ende des Krieges wieder Ähnlichkeiten und Affinität zu Südtirol auf, auch Unterschiede. Auch dort gab es also 1943 die Änderungen der Fronten. 1945 kämpften dort Wehrmacht, Faschisten, Kollaborateure gegen Partisanen (südslawische und italienische), Anglo-Alliierte; ein CLN bildete sich. Hier waren die Alliierten am Ende nicht überall die Ordnungsmacht bis zum Finden einer Nachkriegsordnung; die jugoslawischen Partisanen drangen (zum Abschluss der Eroberung Istriens) bis Triest vor (2. 5.; das nach 40 Tagen an die Alliierten übergeben wurde), schufen Fakten bezüglich künftiger Grenzen (das Äquivalent in Südtirol wären vorgedrungene österreichische Milizen gewesen, die aber auch die Wehrmacht bekämpft hätten). Es hatte hier mehrere deutsche Gefangenen-Lager gegeben, für Slawen, Juden und italienische Antifaschisten; die Behandlung der Slowenen und Kroaten dort war unter den Faschisten allgemein harscher als jene der Deutschen Südtirols – und entsprechend waren auch die Reaktionen/Repressalien (durch die jugoslawischen Partisanen) am/nach Kriegsende. Es gab Massaker und Vertreibungen an/von Italienern, wobei die Frage der Kollaboration mit Faschismus/Nationalsozialismus oft gar keine Rolle spielte. Und, die Grenze Italiens im Nordosten zu Jugoslawien war umstritten – und das sollte auch Rückwirkungen auf Südtirol haben.17

Nachkriegsordnung

Auf der Pariser Konferenz 1946 wurde u. a. das “Schicksal” Italiens entschieden. In Südtirol wurden dafür Unterschriften für eine Petition gesammelt, die die Wiedervereinigung mit Nordtirol und Österreich (wieder selbstständig geworden) forderte. Fast alle grossjährigen, deutschsprachigen Südtiroler unterschrieben. Die Unterschriften wurden April 1946 auf einer Südtirol-Grosskundgebung in Innsbruck (Nord-Tirol; französische Besatzungszone) an Österreichs Bundeskanzler Figl überreicht. Österreich erhob auch diese Forderung; der Tiroler Landeshauptmann und spätere (ab 45) Aussenminister Karl Gruber übergab die Petition an die Pariser Konferenz. Österreich hatte selbst eine Territorialforderung abzuwehren: Tito-Jugoslawien erhob Ansprüche auf Südost-Kärnten, das Siedlungsgebiet einer slowenischen Volksgruppe. Bis zum Staatsvertrag 1955 (mit der definitiven Festlegung der Grenzen) erhob Österreich seinerseits Ansprüche auf einige Gebiete, neben Südtirol waren das das Kanaltal (ebenfalls von Italien), das Berchtesgadener Land (kleines deutsches Eck) und der Rupertiwinkel von Deutschland, Ödenburg/Sopron von Ungarn und ein Gebiet an der Thaya von der Tschechoslowakei.

Die nächste Protestaktion der Südtiroler war die Kundgebung von Castelfeder vom 30. Mai 1946, wo gefordert wurde, die Südgrenze der Provinz Bozen wieder unterhalb Salurn zu ziehen, das Unterland wieder vom Trentino an Südtirol zurück zu gliedern. Während dessen gab es im Julischen Venetien/Venezia Giulia/Julijska krajina die Vertreibungen von Italienern und die Kontrolle Dalmatiens, der Kvarner Bucht und Istriens durch Jugoslawien. Da sich dort ein Ausgang zuungunsten Italiens abzeichnete, verteidigte Italien umso zäher die Brennergrenze, zumal es das betreffende Gebiet unter seiner Kontrolle hatte. Und, von alliierter Seite war man bereit, Südtirol wie schon nach dem ersten WK Italien als Kompensation für jene Teile des Julischen Venetiens zu überlassen, die es nicht bekam. Inzwischen gab es ja auch die Konkurrenz zwischen den West-Alliierten und der Sowjetunion; und Italien (mit einer starken kommunistischen Partei) hätte sich zur SU neigen können, wenn sich die West-Alliierten für die Rückgabe Südtirols an Österreich eingesetzt hätten. Südtirol geriet zwischen die Mühlsteine des frühen Kalten Krieges, wenn man so will, während Triest Frontstadt des Kalten Kriegs wurde.

Ja, die Atlantik-Charta vom August 1941 von Franklin Roosevelt und Winston Churchill, genau wie Wilsons 14 Punkte 1918, gerechte Grenzen, Selbstbestimmungsrecht der Völker, usw. Nationale Ansprüche spiessen sich oft gegenseitig und ausserdem ging es gar nicht um eine gerechte Lösung sondern Belohung, Bestrafung, Vorbeugung und eigene Machtausübung.

Im Rahmen der Pariser Konferenz wurde 1946 ein Vertrag zwischen Österreich und Italien geschlossen, von den Aussenministern Gruber und De Gasperi, nach der alliierten Entscheidung über den Verbleib Südtirol bei Italien. Er sah Autonomie innerhalb Italiens vor, den Schutz der Kultur der deutsch(sprachig)en Südtiroler, Gleichberechtigung, die Revision verschiedener faschistischer Verordnungen, darunter die Rückkehr der ausgesiedelten Optanten18. Auch die Sprachinseln in der Provinz Trient wurden darin erwähnt. Der “Rahmen” der Autonomie sollte “auch” in Beratung mit lokalen deutschsprachigen Vertretern festgelegt werden. Das Abkommen wurde an den Pariser Vertrag der Alliierten mit Italien angehängt, der 1947 unterzeichnet wurde. Österreich, nach dem 2. WK erstmals nun für Südtirol engagiert, wurde durch den Vertrag indirekt Schutzmacht.

Es gab Aufruhr in Nord- und Südtirol nach der Entscheidung des Verbleibs Südtirols bei Italien, Protestkundgebungen in mehreren Städten. Im Pustertal, der österreichischsten Gegend (Bezirk wurde es erst später) Südtirols, gab es Zusammenstösse zwischen Bevölkerung und Carabineri. Österreich versuchte dann (erfolglos), wenigstens dieses Pustertal (der östliche Teil Südtirols) zu bekommen, die in der Ablehnung erwähnten möglichen “kleinen Grenzkorrekturen” einzulösen.

König Viktor Emanuel war nach der Befreiung Roms durch die Alliierten im  Juni 1944 in die Hauptstadt zurück gekehrt; er übertrug in der Folge die meisten seiner Rechte an seinen Sohn Umberto, behielt jedoch den Königstitel. Anfang Mai 1946 dankte er zugunsten seines Sohnes ab. Zu diesem Zeitpunkt gab es von verschiedenen Seiten Rufe nach einem solchen Schritt wie auch nach einer Abschaffung der Monarchie. Anfang Juni fand eine Abstimmung über die Staatsform sowie die Wahl einer Verfassungsgebenden Versammlung statt. Italien wurde Republik.

Das Resultat der Pariser Friedenskonferenz vom Juli bis Oktober 1946 waren die im Februar 1947 unterzeichneten Verträge, darunter der Italien betreffend. Italien war gewissermaßen gleichzeitig Gewinner und Verlierer des Kriegs gewesen, war an der Seite der Achse und der Alliierten gestanden, war an Hitlers Kriegen beteiligt gewesen und auch am Sieg über ihn. Dann war auch das damals mit Stalins SU verbündete Tito-Jugoslawien ein Faktor. Am Ende musste Italien erhebliche Gebietsverluste hinnehmen, verlor in etwa das, was seit Kriegsende nicht mehr unter seiner Kontrolle war. Das war alles unter dem Faschismus eroberte (wie Albanien), alle Kolonien, und im Nordosten ganz Istrien (über Triest sollte erst entschieden werden), Teile von Friaul, Fiume, Dalmatien, an Jugoslawien. Wie Deutschland in dessen Ostgebieten (bzw über diese hinaus) hatte Italien im Ost-Adria-Raum zuviel gewollt und verlor alles. Im Nord-Westen wurden kleinere Grenzgebiete Frankreich zugesprochen. Hinzu kamen militärische Beschränkungen. Italien gewann aber seine Souveränität wieder, die Alliierten zogen ab.

Infolge der Gruber-De Gasperi-Vereinbarungen wurden diverse faschistische Maßnahmen zurück genommen, von der Italianisierung von Namen bis zur Auswanderung der Optanten. Anfang 1948 trat das Optantendekret in Kraft, welches die Rückkehr der Optanten und die italienische Staatsbürgerschaft für sie ermöglichte. Es betraf auch die Kinder der Optanten. Davor waren zwischen 2 000 und 12 000 ausgewanderte Optanten “illegal” nach Südtirol zurückgekehrt. Viele blieben aber weg, aus verschiedenen Gründen, hauptsächlich in Österreich und West-Deutschland. Etwa Claus Gatterer, der im Österreich der Nachkriegszeit als Journalist, Historiker, Autor und Dokumentarfilmer von sich reden machte.

Die Südtiroler wurden durch die Option noch stärker ein “Bauernvolk”, da die Gebildeteren meist wegblieben; auch weil Italien mit verschiedenen Maßnahmen das Entstehen bzw Florieren einer Südtiroler Mittelschicht verhinderte. Michael Gamper leitete das Versöhnungswerk zwischen Dableibern und Optanten ein. Reut-Nicolussi, einer jener Südtiroler, die vor der Option gegangen waren, wegen der Zustände unter dem Faschismus, war nach dem Krieg kurzzeitig in der (Nord-) Tiroler Landesregierung, resignierte aber, nachdem 1946 klar wurde, dass Südtirol bei Italien bleiben würde, und zog sich weitgehend aus der Politik zurück. Im selben Jahr wurde er zum Vorsitzenden des „Verbandes der Südtiroler“ gewählt. 1945 erhielt er an der Universität Innsbruck einen Lehrstuhl für Völkerrecht und Rechtsphilosophie, 1951 wurde er Rektor der Universität Innsbruck.

Die gewählte Konstituante arbeitete eine Verfassung Italiens aus, die 1948 in Kraft trat. Italien wurde in Regionen eingeteilt, die die Compartimenti ersetzten. Südtirol wurde Teil der Region Trentino-Alto Adige (Trentino-Tiroler Etschland), als Provinz Bozen, blieb also mit dem Trentino (Provinz Trient) zusammen. Das Unterland kam von der Provinz Trient zu Südtirol zurück; das Gebiet um Ampezzo (nach dem 1. Weltkrieg abgetrennt) nicht. Trentino-Alto Adige wurde eine von fünf autonomen Regionen, die alle geographische, historische oder ethnische “Besonderheiten” aufweisen.

Nach der Ausarbeitung der Verfassung wurde 1948 gewählt, das nationale Parlament. Es gab, zu Zeiten des frühen Kalten Kriegs, mancherorts Angst vor einem kommunistischem Wahlsieg (PCI, Togliatti). Es siegte aber die DC, unter De Gasperi, und es wurde eine Koalition ohne die PCI gebildet. In Südtirol siegte die SVP, die fünf Abgeordnete ins Parlament in Rom senden durfte (u.a. Tinzl, v. Guggenberg, Volgger, Raffeiner). Auch in den autonomen Regionen und ihren Provinzen wurde erstmals gewählt.

In Trentino-Alto Adige (TAA) wurde der Regionalrat in zwei Wahlkreisen (Bozen, Trient) gewählt, Regionalrats-Abgeordnete wurden gleichzeitig Landtags-Abgeordnete. Die Wahl im Kreis Bozen war gleichzeitig Wahl zum Provinzrat (Landtag) Bozen (Südtirol). Bei dieser ersten Landtags-Wahl siegte die SVP klar, vor DC, MSI, PCI und anderen gesamtitalienischen Parteien verschiedener Richtungen. Die etwa 68% für die SVP dürften ziemlich dem Bevölkerungsanteil der deutschen/österreichischen Südtiroler (zu denen sich auch die meisten Ladiner zählen) entsprochen haben, wie er sich nun darstellte. Da Trentiner etwas zahlreicher sind, gab es 48 im (damals wichtigeren) Regionalrat eine (relative) Mehrheit für die DC, vor SVP, PATT (die Trentiner Autonomisten-Partei), PSI.

Landeshauptmann (Presidente della Provincia) der Provinz Bozen/Südtirol wurde Karl Erckert, ein nicht ausgesiedelter Optant. Der italienische Faschismus, der sich 1943 durch die de facto-Annexion durch Nazi-Deutschland weitgehend aus Südtirol verzogen hatte, kam nach dem Krieg wieder, in Form der neofaschistischen Partei MSI und ihrer Anhänger. Erckert bemühte sich um eine Überwindung der Gegensätze zwischen zurückgekehrten oder nicht ausgesiedelten Optanten und Dableibern, um Aufgaben des infrastrukturellen Wiederaufbaus, sowie eine Umsetzung der Autonomie innerhalb Italiens

Resümee

Die 4 Jahre vom Ende des Krieges zur Errichtung des Faschismus waren zu kurz und die italienische Herrschaft zu ungefestigt als dass diese Zeit wirklich zählen würde; die erste italienische Zeit für Südtirol war somit die faschistische und die ist in mancher Hinsicht für das Land noch immer prägend. Die Südtiroler waren ab Ende der 1930er nicht nur dem italienischem Faschismus sondern auch dem deutschem Nationalsozialismus ausgesetzt. Sie waren aber nicht nur Opfer, wie sie sich gerne für diese Zeit darstellen, sondern auch Täter, wie viele andere „volksdeutsche“ Gruppen. Die Umsiedlungen von deutschen Volksgruppen in europäischen Ländern unter den Nazis zeigt den Wahnsinn des Nationalsozialismus’; mit der Angliederung Südtirols (und Österreichs) und Westpreussens wären sie durchgekommen, diese Gebiete würden heute noch zu Deutschland gehören. Das Schicksal von Südtirol und den Südtirolern pendelte vom Abschluss der Option über die deutsche, dann alliierte Besatzung bis zum Pariser Vertrag zwischen Italien und “Gross-Deutschland” bzw Österreich.

Luis Trenker wird ein Lavieren bzw Taktieren zwischen Mussolini und Hitler vorgeworfen. Dies kommt auch im 2014 gedrehten Film “Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit” von Wolfgang Murnberger heraus. 1945 hat er die ladinische Kulturorganisation “Union di Ladins de Gherdëina” mitbegründet. In gewisser Hinsicht steht er stellvertretend für die Südtiroler Bevölkerung. Es gab aber einen Südtiroler Widerstand gegen den NS. Kanonikus Gamper, Organisator der Katakombenschulen, war etwa Verfechter der Rechte der Südtiroler UND Nazi-Gegner.

Aber es gab wenig Aufarbeitung mit der Verstrickung in den NS. Der Dableiber Egarter, der sich dafür engagierte, geriet dadurch an den Rand der Gesellschaft. Aber, bevor man schnell urteilt: der Vietinghoff, der Nachfolger Kesselrings als Wehrmachts-Oberbefehlshaber in Italien war, spielte etwa eine wichtige Rolle beim Aufbau der Bundeswehr in der BRD (nach zweieinhalb Jahre in britischer Kriegsgefangenschaft), gehörte der Expertengruppe an, die 1950 im Auftrag der Regierung Adenauer die Himmeroder Denkschrift über einen westdeutschen Beitrag zur westeuropäischen “Verteidigung” verfasste. Und, das 1946 gegründete MSI ging vorwiegend aus Kämpfern und Funktionären der RSI hervor.

Das Schicksal der Südtiroler in der Zwischenkriegszeit, im 2. Weltkrieg und der Nachkriegszeit ist ein Lehrstück über die Unvereinbarkeit von rechten Ideologien verschiedener Länder, ein Kapitel aus dem Zeitalter des Nationalismus, mit Dramen und Paradoxa nationalistischer Flurbereinigungen. Deutsch-Sprachige Rechte sind bezüglich Südtirol unter den Nazis in einer Zwickmühle. Hitler wie Dollfuss haben das Land nicht nur Italien überlassen, sondern auch dem Faschismus, der die Minderheiten-Rechte der Bevölkerung (Sprache,…) mit den Füssen trat. 1943 wurde das von Hitler nur beendet, um etwas zu verhindern, was für Südtirol eine gemäßigte italienische Verwaltung bedeutet hätte… Ja, und die Alliierten waren dort der endgültige Befreier vom Faschismus. Entsprechende Nationalitäten-Rechte einzufordern für jene Gebiete, die von Nazis besetzt wurden, etwa Polen, wie für die Südtiroler in Italien, das fällt natürlich auch schwer. Ja, und ethnische Grenzen oder Selbstbestimmung oder zumindest Minderheitenrechte in Südost-Kärnten, im Gebiet der slowenischen Volkssgruppe?

Aber, die Parteinahme geht hier oft so weit, dass der Angriffskrieg Italiens gegen Äthiopien/Abessinien in den 1930ern (mit Giftgas-Einsatz) skandalisiert wird, die Rechte der Äthiopier als schützenswert firmiert werden, gibt man sich richtig antiimperialistisch… Ja, auch im äthiopischen Heer gab es 1935/36 Soldaten, deren Gebiete durch Angriffskriege einst äthiopisch geworden waren, etwa die kuschitischen Afar oder die omotischen Kaffa, und die nolens volens im Heer dieses “Vaterlandes” mitmachten, wie die Südtiroler im italienischen. Menelik II. (der Italien beim ersten Versuch der Einnahme weitgehend abwehrte) hat Abessinien Ende des 19. Jh gehörig erweitert. Und, die Eingliederung Eritreas nach dem 2. WK durch Äthiopien führte zu einem Sezessionskrieg; Eritreas Andersartigkeit gegenüber Äthiopien kam eigentlich nur durch die längere italienische Kolonialherrschaft zu Stande, diesseits und jenseits der Grenze leben Tigre.

Der Haupt-Organisator der deutschen Geheim-Schulen, Michael Gamper, floh vor der nazideutschen Verwaltung Südtirols 43-45, in ein Kloster in der Toskana. Reut-Nicolussi durfte nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 wegen seiner erklärten Opposition gegen die nationalsozialistische Südtirol-Politik (in Österreich) nur mehr Zivilrecht lehren. Bezeichnenderweise befand sich der beschämendste Ort nationalsozialistisch-deutschen Wirkens in Südtirol, das Anhaltelager, im selben Stadtteil Bozens wie die faschistischen Protzbauten, die gegen die ursprüngliche Bevölkerung Südtirols gerichtet waren, in Gries. 1938 erfolgte die Zwangsauflösung des Andreas-Hofer-Bunds Tirol durch die Nationalsozialisten, nicht die Faschisten.19 Der Deutsche Verband Südtirols ging vor der Ausschaltung der Demokratie in Italien durch den Faschismus Wahlbündnisse mit der italienischen Südslawen-Partei ein. Dableiber wurden ausser von Faschisten auch von Nazis (und Weggehern zT) angefeindet; führende Dableiber/Nein-Optanten wie Sternbach wurden 43 oft interniert.

Multiethnische Regionen wie Istrien oder Banat wurden im 20. Jh zerstückelt, auch Tirol auseinander gerissen. Besetzungen, wechselnde Herrscher, ändernde Grenzen (mal aus versuchter Gerechtigkeit, mal aus arrogantem Machtanspruch), Aussiedlung oder Flucht von Bevölkerungsteilen, Verfolgung anderer. Das war das 20. Jahrhundert, waren die europäischen (“Welt”-) Kriege.

Das Buch “Von Reval bis Bukarest” (1991, 2 Teile) von Mads Ole Balling gibt einen Überblick über die Parlamentarier deutscher Minderheiten in Ost-Europa in der Zwischenkriegszeit. In Westeuropa gab es in dieser Zeit die Elsässer und Lothringer in Frankreich, die Nord-Schleswiger in Dänemark und die Eupener in Belgien, deren Gebiete im Versailles-Vertrag vom Deutschen Reich im Westen und Norden abgetrennt worden waren. Wie die Südtiroler in Italien, die durch St. Germain von Österreich(-Ungarn) abgetrennt wurden, kamen auch sie im Laufe des Hitler-Kriegs unter deutsche Herrschaft, für eine Zeit. Im Unterschied zu jenen in Osteuropa gab es hier am Ende des Kriegs nicht solche Fluchtströme und Vertreibungen – was auch damit zu tun hat, dass die Nazis und ihre Kollaborateure in Westeuropa nicht ganz so wüteten.

Den Kampf um die Erhaltung ihrer Eigenart haben die Südtiroler eigentlich gewonnen; es sollte mehr als ein halbes Jahrhundert vergehen, bis sie innerhalb Italiens zu ihrem Recht auf Minderheitenschutz und einem gehörigen Maß an Selbstverwaltung kamen. Darum wird es in Teil III gehen.

Literatur-/Linkliste

Manfred Alexander, Umberto Corsini, Davide Zaffi: Die Minderheiten zwischen den beiden Weltkriegen (1997)

Sabina Donati: A Political History of National Citizenship and Identity in Italy, 1861–1950 (2013; Englisch)

Günther Pallaver und Leopold Steurer (Hg.): „Deutsche! Hitler verkauft euch!“ Das Erbe von Option und Weltkrieg in Südtirol (2011)

Rolf Steininger: Autonomie oder Selbstbestimmung? Die Südtirolfrage 1945/46 und das Gruber-De Gasperi-Abkommen (2008)

Rudolf Lill: Südtirol in der Zeit des Nationalsozialismus (2002)

Manfred Kittel: Deutschsprachige Minderheiten 1945. Ein europäischer Vergleich (2006)

Leopold Steurer: Südtirol zwischen Rom und Berlin 1919–1939 (1980)

Karin Golle: Kanonikus Michael Gamper und seine Bedeutung für die deutsche Sprachgruppe Südtirols zur Zeit der Italianisierung“. Diplomarbeit Wien 2011

Klaus Eisterer, Rolf Steininger: Die Option: Südtirol zwischen Faschismus und Nationalsozialismus (1989)

Gerald Steinacher (Hg.): Zwischen allen Fronten: Ludwig K. Ratschiller, Autobiografie eines Südtiroler Partisanen (2003)

Gerald Steinacher (Hg.): Zwischen Duce, Führer und Negus. Südtirol und der Abessinienkrieg 1935–1941 (2006)

Annuska Trompedeller: Karl Tinzl (1888–1964). Eine politische Biografie (2007)

Patrick Lobis: Südtirol und die Optionsfrage (2013)

Edmund Theil: Kampf um Italien: Von Sizilien bis Tirol, 1943-1945 (1983)

Lilli Gruber: Der Sturm. Die Kriegsjahre meiner Südtiroler Familie (2015). Über ihre Familie im Südtirol in dieser Zeit, ihre Grosstante Hella Rizzoli, die „Katakombenschulen“ organisierte aber anscheinend auch dem NS treu blieb

Stefan Lechner: Die Eroberung der Fremdstämmigen. Provinzfaschismus in Südtirol 1921-1926 (2005)

Gerald Steinacher: Nazis auf der Flucht. Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen (2010)

Luciano Happacher: Il Lager di Bolzano, con appendice documentaria (1979; Italienisch)

Ein Film von Gerald Steinacher und Franz Josef Haller über Südtiroler in Abessinien; ziemlich tendenziös

Anita Rauch: Polizeiliches Durchgangslager Bozen. Diplomarbeit Innsbruck 2003

Rolf Wörsdörfer: Krisenherd Adria 1915-1955: Konstruktion und Artikulation des Nationalen im italienisch-jugoslawischen Grenzraum (2004)

Die Sonder- und Sippenhäftlinge und ihre Befreiung

Teja Krašovec: Primorski priseljenci v Ljubljani v luči popisa prebivalstva iz leta 1928. Geschichte-Diplomarbeit Koper 2010 (Slowenisch). Über die Auswanderung von Slowenen und Kroaten aus der Venezia Giulia in der Zwischenkriegszeit aus dem faschistischen Italien in das SHS-Reich bzw Jugoslawien, besonders Laibach/Ljubljana 

Über das Movimento Separatista Trentino (Italienisch; fragliche Seriosität)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Sein Vater stammte aus dem Trentino
  2. Was die Trentiner über/in Südtirol nach dem 1. WK betrifft: das gabs/gibts öfters in der Geschichte, dass die “Unterdrückten” dann mal oben sind, etwa die Rumänen in Transylvanien in der selben Zeit, über den Ungarn
  3. Und auch regionale Identitäten der Sizilianer, Lombarden oder Trentiner
  4. Weshalb das Urbane, Intellektuelle, Moderne bis weit in die 1960er hinein unter Südtirolern verpönt war
  5. 1950 vor dem Konkurs mit Marshallplan-Dollars gerettet
  6. Als die österreichisch-italienische Grenzziehungskommission in den 1920ern noch dabei war, die Bestimmungen von St. Germain umzusetzen
  7. Oft nach Laibach
  8. In SHS/YU gab es wiederum grosse Konflikte zwischen den Nationalitäten bzw zwischen Zentralismus und Föderalismus
  9. Es tauchen auch Zahlen von Italienern auf, die für eine Auswanderung in das “Grossdeutsche Reich” gestimmt hätten. Möglicherweise sind damit Ladiner gemeint
  10. Die Deutschen konnten Vittorio Emanueles Tochter Mafalda in Rom gefangen nehmen. Sie kam 1944 im KZ Buchenwald ums Leben
  11. Bozen wurde zwischen dem 2. September 1943 und dem 28. Februar 1945 bombardiert
  12. Der Eiertanz, den die Nazis nun um Südtirol vollführten, sollte dieses Gefühl auch wach halten – ohne die Faschisten zu vergraulen
  13. Mussolini erliess 38 auf deutschen Einfluss hin “Rassengesetze”, mit Augenmerk auch auf die Kolonien. Deportationen und Morde gab es erst nach der deutschen Besatzung
  14. Franz Hofer übergab Innsbruck am 3. 5. den Amerikanern. 3 Tage später wurde er von diesen anderswo in Tirol verhaftet und inhaftiert. 1948 gelang ihm die Flucht nach Deutschland. In Mülheim an der Ruhr setzte er seine gelernte Arbeit als Kaufmann ab 1949 fort, ab 1954 auch unter seinem richtigen Namen, bis zu seinem natürlichen Tod 1975
  15. Tom Segev schrieb in “Die siebte Million” auch darüber, wie sie dort von den Zionisten gesehen und behandelt wurden
  16. Tolomei etwa war nach dem Krieg wieder politisch tätig
  17. Ein anderes Thema ist das Schicksal der nicht-kommunistischen slawischen Widerständler gegen Faschismus im kommunistischen Nachkriegs-Jugoslawien. Ehemalige TIGR-Kämpfer durften kaum an der Macht teilhaben, wurden vielmehr bis in die 1970er vom Geheimdienst UDBA überwacht. Vilfan lehnte die Kommunisten ab bzw sie ihn. Er wurde von der jugoslawischen Regierung zwar zeitweise als Experte für die Triest-Verhandlungen konsultiert, man kann aber sagen, dass er von Österreich-Ungarn, dem faschistischen Italien und dem kommunistischen Jugoslawien verfolgt wurde
  18. „…in einem Geist der Billigkeit und Weitherzigkeit die Frage der Staatsbürgerschaftsoptionen, die sich aus dem Hitler-Mussolini-Abkommen von 1939 ergeben, zu revidieren.”
  19. 1994 wurde der Bund wiedergegründet

Rumäniens Ex-König

Der ehemalige rumänische König Mihai (Michael) aus dem Haus Hohenzollern-Sigmaringen ist das letzte lebende Staatsoberhaupt der Zwischenkriegszeit und eines von drei lebenden Staatsoberhäuptern aus der Zeit des 2. Weltkriegs; die anderen sind Bulgariens damaliger König Simeon Sakskoburggotski und Tibets Dalai Lama Tenzin Gyatso (ein Staat, der 1951 seine Unabhängigkeit verlor). Der letzte der rumänischen Hohenzollern-Könige war nach dem Krieg der letzte Monarch hinter dem „eisernem Vorhang“. Von Bedeutung ist der heute 93-jährige wegen seiner Rolle unter faschistischer und dann kommunistischer Diktatur, beim Übergang von der einen zur anderen, dem mißglückten Absprung von der Achse. Eine Phase, die Rumäniens Schicksal für mehrere Jahrzehnte entschied. Eine Beurteilung von ihm, die hier versucht wird, muss auf die Schwierigkeiten rumänischer Geopolitik eingehen, besonders, wie sie sich um den 2. Weltkrieg darstellten.

Wurzeln und Hintergrund

1866 suchten rumänische Adelige und Politiker (u.a. Premierminister Ion Bratianu von der PNL, aus einer mehrere Generationen umspannenden Politiker-Familie) einen westlichen Prinzen als neuen Fürsten, statt des von ihnen abgesetzten Cuza, unter dem sich die unter osmanischer Hoheit stehenden Fürstentümer Walachei und Moldau vereinigt hatten, der aber zunehmend autoritär geworden war. Frankreichs Kaiser Napoléon III. wollte einen stärkeren „Pufferstaat“ gegenüber Russland, empfahl Prinz Karl Eitel Friedrich von Hohenzollern-Sigmaringen, aus der katholisch und süddeutsch gebliebenen Nebenlinie jener Hohenzollern, die Preussen errichteten, eine Adelsfamilie mit der er über seinen Onkel verwandt war. Dieser Karl war der zweite Sohn des Fürsten Karl Anton, des letzten in Hohenzollern-Sigmaringen regierenden (das Fürstentum ging 1849 in Preussen auf). Der Tag von Karls Ankunft in Bukarest nach abenteuerliche Anreise, der 10. Mai, war lange Nationalfeiertag in Rumänien. Er wurde als Carol I. zum Fürsten gekrönt, sprach den Eid auf Französisch. Eine bald nach seiner Krönung beschlossene neue Verfassung brachte erst den Namen “Rumänien”, anstatt “Vereinigte Fürstentümer” (der Walachei und Moldau). Hohenzollern-Sigmaringen sollte Rumänien im europäischen Machtsystem verankern, innere Stabilität und Fortschritt bringen.

Nach dem Russisch-Türkischen Krieg gab das Osmanische Reich die Ansprüche auf Rumänien auf, das 1878 seine Unabhängigkeit gewann. 1881 durfte es zum Königreich aufgewertet werden. Carol hat in der Tat das Fundament für den modernen rumänischen Staat gelegt, dabei osteuropäisch-orthodoxe und orientalische Einflüsse im Land zurückgedrängt. Die soziale Frage (Landbesitz etc) blieb ungelöst. Carol blieb bis 1914 Herrscher, 48 Jahre, mehr als die anderen rumänischen Könige. Er hatte mit seiner Frau eine Tochter, die früh starb. So wurde sein Neffe Ferdinand Nachfolger; der damalige Chef des Hauses Hohenzollern-Sigmaringen, Wilhelm, und sein erster Sohn Leopold hatten zwar kein Fürstentum mehr, überliessen Rumänien aber dennoch dem Zweitgeborenen. Ab Ferdinand kamen die Ehefrauen der rumänischen Könige aus dem europäischem Hochadel. Er kam also zu Beginn des 1. Weltkriegs auf den Thron, Carol wollte da noch den Kriegseintritt auf Seiten der Mittelmächte, Ferdinand setzte ein Bündnis mit der am Ende siegreichen Entente durch. Dadurch gelang die Verdoppelung von Territorium und Einwohnerzahl, u.a. durch den Friedensvertrag von Trianon, die Realisierung des rumänischen “Irredentismus”. Die Diskrepanz zwischen dem Rumänien diesseits und jenseits der Karpaten (bzw zwischen Regat und Transsylvanien) spielt aber bis heute eine Rolle; und Minderheiten (Ungarn, Deutsche, Ukrainer, Juden, Bulgaren, Sinti, Serben,…) machten nun etwa ein Drittel der Bevölkerung aus.

Unter den Hohenzollern-Königen machte Rumänien entscheidende Modernisierungs-Schritte durch, etwa die Industrialisierung, die in der Zwischenkriegszeit “auf Touren” kam, v.a. rund um das Erdöl, wodurch auch eine Arbeiterklasse entstand. Abwehr der Revisionsansprüche der Nachbarn war Rumäniens aussenpolitisches Hauptaugenmerk in der Zwischenkriegszeit; dabei wurden wechselnde Allianzen eingegangen. Ferdinands Sohn Carol war der erste der rumänischen Hohenzollern, der in Rumänien geboren wurde, und der orthodox aufwuchs. Ebenso wichtig, er setzte einen männlichen Nachfolger in die Welt. Mihai wurde 1921 in Schloss Peles (unter seinem Grossonkel Carol I. gebaut) in Sinaia in den Karpaten geboren. Doch nur die zweite von Carols drei Ehen, mit einer griechischen Prinzessin, Helena Slesvig, Mihais Mutter, war standesgemäß. Die erste Ehe, mit der Rumänin Lambrino, brachte einen Sohn hervor, wurde annulliert. Die zweite Ehe zerbrach wegen Carols Affäre mit Elena “Magda” Lupescu, die seine dritte Frau wurde. 1925 verzichtete Carol wegen Lupescu auf den Thron, sein Sohn Mihai wurde damit Thronanwärter.

(Touristische) Karte Rumäniens aus der Zwischenkriegszeit (1938)
(Touristische) Karte Rumäniens aus der Zwischenkriegszeit (1938)

Als König

1927 wurde Mihai daher nach dem Tod seines Grossvaters Ferdinand mit 6 Jahren das erste Mal König (Tutenchamun war immerhin 9 oder 10 gewesen), unter Regentschaft von Carols Bruder Nicolae (der keine Kinder hatte), des orthodoxen Patriarchen Miron Christea und des Oberrichters des Landes, Gheorghe Buzdugan. Mihai I. war der erste orthodoxe König Rumäniens, wahrscheinlich auch der erste von ihnen, der „zu Hause“ (in den Palästen) Rumänisch sprach. Dass die relativ starke Stellung des Königs nun von Anderen eingenommen wurde, trug zur Instabilität bei, die von wegen Parteienegoismus kurzlebigen Regierungen, korrupter Verwaltung, wirtschaftlichen Problemen ausging. Sie nahm zu, als Ion Bratianu (PNL-Chef, vielfacher Premier) starb. 1930 wurde Mihais Vater Carol von Politikern (v.a. Premier Maniu von der PNT) und Offizieren zurückgeholt, amtierte bis 1940 als König Carol II.

In die Zeit von Carols Herrschaft, die 1930er, fällt der Aufstieg der faschistischen Bewegung Rumäniens, die (übersetzt) als “Legion des Erzengels Michael” gegründet wurde (ihre Mitglieder daher auch “Legionäre” genannt), eine Miliz namens “Eiserne Garde” hatte (die Organisation an sich wurde daher auch so bzw einfach “Garde” genannt) und sich 1935 in “Totul pentru Ţară” (Alles für das Land) umbenannte. Legion-Führer Codreanu kam aus der National-Christlichen Verteidigungsliga, einer anderen rechtsextremen Partei. Die zeitweise verbotene faschistische Organisation wurde eine ernste Herausforderung für die rumänische Demokratie, war bis zum Ende des 2. Weltkriegs viel grösser als die kommunistische Partei und, je schwieriger die Zeiten wurde, desto mehr Zulauf bekam sie. Carol machte u.a. Nicolae Iorga zum Premier, den Historiker, der viel über Rumäniens Stellung in der Geopolitik (etwa zwischen dem orthodoxen Osteuropa und dem “lateinischen” Westeuropa) nachdachte und später von den Faschisten ermordet wurde.

Mihai wurde wieder Kronprinz, ging wieder zur Schule, wurde Oberhaupt der rumänischen Pfadfinder-Organisation. Im Alter von 16 soll er mit seinem Auto einen Radfahrer niedergestossen haben, wodurch dieser tödliche Verletzungen erlitt, ein Vorfall, der damals zensuriert wurde. 1939/40 war er Senator. Von 1930 bis 1940 durfte er den Titel “Grossherzog von Karlsburg” (Mare Duce de Alba Iulia) tragen, eine Referenz an Michael den Tapferen (Mihai Viteazul), der Ende des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts die Walachei, Moldau und Transylvanien für einige wenige Jahre unter seiner Herrschaft vereinigte. Seine exilierte Mutter durfte er auf Anweisung seines Vaters nur einmal im Jahr sehen.

1937 fand die letzte faire bzw reguläre Wahl bis 1990 (!) statt, sie brachte einen Sieg der liberalen PNL unter Constantin “Dinu” Brătianu vor der Bauernpartei PNT von Maniu (von der kommunistischen PCR unterstützt, die nicht selber antrat), der faschistischen TPT (knapp unter 16%), der PNC und anderen. Vor dem Hintergrund der von der TPT ausgehenden Gewalt und ihrem nicht unbeträchtlichen Rückhalt löste König Carol II. das Parlament auf, verbot Parteien, und errichtete eine autoritär-korporatistische Königs-Diktatur (Bildung der Monopolpartei FNR), zunächst mit Patriarch Christea als Premier. So glaubte er, entschieden gegen die Faschisten vorgehen zu können. Die TPT wurde verboten und ihre Führer verhaftet (Codreanu bald darauf bei einem angeblichen Fluchtversuch getötet), aber das Problem war damit nicht gelöst.

Als der 2. Weltkrieg (bzw “Europäische Krieg”) vom Zaun gebrochen wurde, versuchte Rumänien zunächst, neutral zu bleiben; das war aber nicht lange aufrecht zu halten. Frankreich, der wichtigste Partner, wurde 1940 vom “nationalsozialistischen” Deutschen Reich besetzt, britische Unterstützung war äusserst fraglich; vor der Sowjetunion hatte man in Rumänien mindestens so viel Angst wie vor Nazi-Deutschland. Die innere Politik und jene nach aussen verband sich, die Pole des Totalitarismus hatten ihre Vertreter bzw Anhänger im Land: die kommunistische PCR war der SU verbunden (wohin einige ihrer Führer ins Exil gegangen waren), die Faschisten waren natürlich pro-Achse. So glücklich im 1. Weltkrieg Rumäniens Wahl seiner Verbündeten ausging, so schwierig war sie nun.

1940 besetzte die Sowjetunion Bessarabien und die Nord-Bukowina, aufgrund des Hitler-Stalin-Pakts. General Ion Antonescu, im 1. WK schon hoher Offizier, in der ZKZ Generalstabschef, dann Verteidigungsminister, schrieb König Carol eine Protestnote, gegen die Hinnahme dieser territoralen Amputationen. (Wenn sich das sowjetische “Engagement” rund um den Krieg in Rumänien auf diese beiden beschränkt hätte, wäre das tatsächlich vergleichsweise gnädig gewesen). Daraufhin wurde Antonescu im Kloster von Bistriţa/Bistritz interniert. Auf deutschen Druck musste Rumänien dann auch Nord-Transylvanien an Ungarn und die Süd-Dobrudscha an Bulgarien abtreten. Vielleicht hat das Antonescu in den Augen des Königs rehabilitiert, er war jedenfalls eine wichtige Figur im innenpolitischen Poker geworden, auch aufgrund seiner Popularität. Im September 1940 wurde Antonescu von Carol zum Premier ernannt und der König transferierte einen Grossteil seiner diktatorischen Vollmachten an ihn. Als nächstes zwang Premierminister Antonescu aber den König zum Rücktritt. Mihai, inzwischen 19, wurde in dieser Situation zum zweiten Mal König (von Patriarch Nikodim gekrönt), aber wieder ein machtloser – genau das wollte Antonescu. Sein Vater ging ins Exil, landete schliesslich in Portugal. Was auch immer damals vorging, Mihai weigerte sich danach, seinen Vater jemals wieder zu sehen.

Am Titelblatt des “Life”, mit seinem Vater, 1940

Antonescus Machtbefugnisse wurden noch erweitert, und er bildete mit der faschistischen TPT (“Garde”, “Legion”), die eben noch verboten war, eine neue Regierung, eine faschistische Militärdiktatur, den Statul Național Legionar, mit ihm als Conducator (“Führer”, den Titel benutzte später Ceausescu) und Codreanu-Nachfolger Sima als Vize-Premier. Unter dieser Regierung band sich Rumänien an die Achse. 1941 wurden die Faschisten nach dem Versuch alleiniger Machtübernahme mit dem Segen Hitlers zerschlagen, das Antonescu-Alleinregime war nun eine rechte Militärdiktatur. Es wurde die rumänische Teilnahme an deutschen Feldzug gegen die SU beschlossen. „Wenn es gegen die Slawen geht, kann man immer auf die Rumänen zählen“, sagte Antonescu. Das benachbarte Bulgarien gehörte zwar auch Hitlers Achse an, befanden sich aber nur nur in theoretischem Kriegszustand mit den Alliierten. Und, eine Teilnahme am “Russlandfeldzug” lehnten die Bulgaren trotz Hitlers Drängen ab. Zar Boris III.: “Das bulgarische Volk wird niemals gegen Russland kämpfen, dem es seine Befreiung vom türkischen Joch verdankt.” Die primäre Motivation für Rumänien waren die an die SU verlorenen Gebiete, dabei ausblendend dass die Deutschen für andere Gebietsabtrennungen verantwortlich waren. Die Wehrmacht kam ins Land, griff die Sowjetunion auch von dort an, mit rumänischen Truppen. Die Rumänien-Deutschen, damals eine grosse und mächtige Gruppe (bzw verschiedene Gruppen), wurden auch eingespannt, bei Wehrmacht und SS. Ab dem Ende des Jahres 1941 nahmen die Spannungen zwischen König Hohenzollern und Militärdiktator Antonescu zu.

Hohenzollern (König) & Antonescu (Premierminister) 1941 am Pruth, beim Feldzug gegen die Sowjetunion
Der König und Antonescu 1941 am Pruth, beim Feldzug gegen die Sowjetunion

Bessarabien und die Nord-Bukowina wurden bald zurück gewonnen, rumänische Truppen besetzten dabei gleich noch ein Stück ukrainischer Schwarzmeerküste. Rumänische Einheiten zogen mit den Deutschen weiter, waren bei der Schlacht um Stalingrad 1942/43 beteiligt, danach am Rückzug über die Ukraine. Die schweren Verluste, die vielen in sowjetische Gefangenschaft geratenen Soldaten, die Bedrohung des Kernlandes durch die vorrückende Rote Armee, die alliierten Bomben und dass Rumänien von Deutschen in vielerlei Hinsicht ausgebeutet wurden, machten Kriegsteilnahme, Diktatur und Bündnis unter Rumänen zunehmend unpopulär. Deutsche Nazis verschiedener Ebenen sahen auch ihre engsten ausländischen Verbündeten (wie Mussolini) zumindest verdeckt als rassisch und kulturell minderwertig.

Im Sommer 44, als die Rote Armee an Dnister/Nistru stand (Nord- bzw Ostgrenze Bessarabiens) fanden Geheimverhandlungen politischer und militärischer Kreise Rumäniens (u.a. König Mihai), mit Alliierten statt (u.a. in Ägypten), wohl mit Wissen/der Billigung Antonescus. Die Karpatengrenze spielte wieder eine Rolle, für Deutsche sowie Teil der Rumänen als Grenze, die die Rote Armee aufhalten würde. Der 20. August 1944 war der Beginn des Angriffs der Roten Armee auf Rumänien, das für sie auch Tor zum Balkan und Teilen Mitteleuropas war und die Erdölfelder und -raffinerien um Ploiești in der Walachei hatte. In wenigen Tagen kam die Rote Armee von Dnister an Prut(h).

Am 23. 8. 1944, als die Russen den Pruth überschritten, der Krieg verloren schien und elf sowjetische Armeen die Vorkriegs- bzw Vorfeldzugsgrenzen Rumäniens erreicht hatten, führte Mihai de Hohenzollern-Sigmaringen (mit dem Wissen von einigen Offizieren sowie den Spitzen der Parteien) seinen “Staatsstreich” durch: Um das Ruder herumzureissen musste er zuerst den “Kapitän” Antonescu loswerden, lud ihn zu Unterredung in den Bukarester Königs-Palast (bzw in die “Casa Noua”, eine weisse Stuckvilla auf dessen Gelände), zu einer Erörterung der bedrohlichen Kriegslage. Während der König im Empfangszimmer mit Antonescu und dessen Namensvetter und Vertrauten, Aussenminister Michael Antonescu, redete, warteten draussen Offiziere und Palastwache. Der “Conducator” lehnte Waffenstillstand und Rücktritt ab (“Denken Sie, ich würde das Land in Ihre Hände legen – die eines Kindes?”), wurde auf ein Zeichen Mihais von den Bewaffneten verhaftet, und zunächst in einen Raum im Oberstock eingesperrt. Danach kam der deutsche Botschafter in Bukarest, Manfred von Killinger (ehemaliger SA-Führer, Säufer,…), in den Palast, Mihai teilte ihm die neue Lage mit und bot den freien Abzug der Wehrmacht an bzw verlangte diesen. Am Abend verkündete Mihai in einer etwa 20-minütigen Radiorede die Absetzung Antonescus und den Seitenwechsel (begründete diesen unter anderem mit dem Ziel, das 1940 verloren gegangene Nordtransylvanien wiederzugewinnen) sowie die Rückkehr zur Demokratie.

Parteien wurden wieder legalisiert, einige Politiker kamen aus dem Exil, dem Untergrund oder Gefängnissen zurück (v.a. Kommunisten), das Parlament wurde wieder eingesetzt. Eine Konzentrationsregierung unter General Constatin Sanatescu (ein königstreuer Kavallerieoffizier) wurde gebildet; der frisch aus politischer Haft befreite General Nicolae Radescu wurde Generalstabschef. Der König selbst hatte (wieder) eine mächtige Rolle. Der 23. August wurde in kommunistischer Zeit Nationalfeiertag Rumäniens. Die PCR versuchte dann, ihre sehr marginale Rolle beim Umsturz (allein das Werk des Königs mit bürgerlichen Politikern und Generälen) aufzuwerten. Der Seiten- und Regimewechsel ähnelt jenem in Italien im Jahr davor, mit der selben Rolle des Königs, die Rolle von Radescu und Sanatescu nahm dort Badoglio ein.

Nachdem die rumänischen Soldaten von der Front abzogen bzw das Kämpfen einstellten, brach diese zusammen, die deutsche Heeresgruppe “Südukraine” wurde von der Roten Armee zerschlagen. Wehrmachts-Einheiten versuchten, Bukarest unter ihre Kontrolle zu bringen, was von der rumänischen Armee und Freiwilligen-Milizen verhindert wurde. So wurde die Stadt von deutschen Kampfflugzeugen bombardiert, anscheinend auch der Königspalast. Damit wurde der Seitenwechsel des Königs aber nur in den Augen vieler weiterer Rumänen gerechtfertigt. Für diesen war es der Anlass, Deutschland den Krieg zu erklären. Die Wehrmacht in Rumänien hatte von Hitler auch den Befehl bekommen, König Mihai gefangen zu nehmen. Sie musste aber vor der Roten Armee flüchten, auch den restlichen Balkan (Jugoslawien, Griechenland,…) räumen, lieferte sich in Transylvanien Rückzugsgefechte mit rumänischen und sowjetischen Truppen. Teile der Rumänien-Deutschen gingen mit der Wehrmacht; manche Gruppen, wie die Bessarabien- oder Bukowina-Deutschen, waren aber schon von den Nazis ausgesiedelt worden. Der seit 1941 in Deutschland gefangene Faschisten-Führer Sima wurde in dieser Situation wieder hervorgekramt, durfte eine “Exilregierung” bilden.

Mihai und die demokratischen Politiker und Offiziere hofften, die sowjetische Armee bald loszuwerden, wie eben die nazideutsche. Doch die Rechnung ging nicht auf. Zunächst verschonte die Rote Armee Rumänien beim Einmarsch nicht wegen des Seitenwechsels, nahm Kriegsgefangene, beging Plünderungen, nutzte Rumänien zwar wie Deutschland als Durchgangsstation, betrachtete es aber auch als zu seiner Einflussphäre gehörig. Zu den harten Waffenstillstandsbedingungen vom 12. 9. gehörte (neben der freien Hand, die die SU in Rumänien bekam), dass das rumänische MiIitär mit der Roten Armee in Mittel- und Westeuropa weiterkämpfen musste. Diese bekam so eine halbe Million Soldaten dazu, beim Einmarsch in Ungarn, der Tschechoslowakei und Österreich. Beim Sturm auf Hitlers Reich war die rumänische Armee, die vorher mit der Wehrmacht bis Stalingrad marschiert war, nach Sowjets, US-Amerikanern und Briten die viertgrösste Streitmacht. Obzwar von den Russen (wie zuvor von den Deutschen) als feige und unzuverlässig verspottet, verlor sie dabei 169 000 Mann an Toten und Verwundeten.

Ende Oktober war ganz Rumänien unter SU-Kontrolle, der deutsche Botschafter von Killinger erschoss seine Sekretärin und Geliebte und sich selbst nach dem Einzug der Russen in Bukarest. Die Westalliierten überliessen Rumänien der SU-Sphäre. Dies begann mit der Teheraner Vereinbarung der Westalliierten, keine eigene Balkanfront zu eröffnen; dann Churchills Vereinbarung mit Stalin, Rumänien den Sowjets zu überlassen, im Gegenzug dass Griechenland britische “Operationszone” wurde. Für die Anglomächte war Rumänien, wie für Nazideutschland, hauptsächlich aus Ölinteressen von Bedeutung, daneben aus strategisch-ideologischen Gründen. Eine Alliierte Kontrollkommission für Rumänien, die nichts zu sagen hatte, wurde eingerichtet; neben den Sowjetrussen, die nun das Sagen über Rumänien bekamen, waren darin britische und amerikanische Vertreter.

Die Rückkehr zur Demokratie war nur von kurzer Dauer. Der sowjetische Aussenminister Molotow beteuerte zwar, dass die Sowjet-Union “nicht das Ziel verfolgt, sich irgendeinen Teil rumänischen Territoriums anzueignen oder die bestehende Gesellschaftsordnung Rumäniens zu ändern”. Und für einige Wochen begnügten sie sich bezüglich der neuen rumänischen Regierung mit einem einzigen kommunistischen Kabinettsmitglied, Lucretiu Patrascanu (später in Ungnade gefallen und exekutiert). Die SU verhalf dann aber wie in anderen osteuropäischen Staaten der kommunistischen Partei zur alleinigen Macht. Andrej Wyschinski (auch Vâşinski und andere Schreibweisen), ehemaliger Hauptankläger in Stalins Schauprozessen, nun Vizevolkskommissar für Auswärtiges, also stellvertretender Aussenminister, hatte sich schon 1940 beim Anschluss Lettlands an die UdSSR bewährt, wirkte nun in Rumänien. Die Sowjets im Lande hatten etwa die Möglichkeit, die Medien zu zensurieren. Wyschinski trat in die Fussstapfen des deutschen Botschafters von Killinger, bezüglich seiner dauernden Interventionen in die rumänische Politik. Bei dieser “Gleichstellung” muss aber festgehalten werden, dass die Rote Armee den Holocaust in Rumänien beendete und so manches andere.

Die Bestrafung von tatsächlichen Kriegsverbrechern und Faschisten verband sich mit jener von vermeintlichen sowie politischen Säuberungen. Die PCR organisierte nach dem Einmarsch der SU und dem Kriegsende im Land Milizen, die angebliche Faschisten verfolgten, Besitz beschlagnahmten und Unruhen provozierten. Die Haltung zur Sowjetunion war in der PCR umstritten, auch dort spielten die antirussischen Traditionen in Rumänien eine Rolle, aber in dieser Zeit kaum. Überproportional viele Angehörige von ethnischen Minderheiten waren in der PCR vertreten, auch in Führungspositionen; bis Gheorghiu-Dej (ab 1944) waren bis auf einen alle PCR-Führer Angehörige diverser Minderheiten. Der Gewerkschafter Gheorghiu-Dej, der im August 1944 aus dem Gefängnis entlassen wurde, war in der Nachkriegszeit auch der einzige “echte” Rumäne in der KP-Führung. Die Partei, vor dem Krieg nicht besonders stark, verlor im Volk weiter Kredit, da sie den Helfershelfer der marodierenden Besatzungsmacht machte.

Moskau und die rumänischen Kommunisten forderten bereits im Oktober 1944 den Rücktritt der Regierung Sanatescu. Der Premier hatte am Feldzug gegen die Sowjetunion teilgenommen, er halte das Waffenstillstandsabkommen nicht ein, die Regierung sabotiere Reparationslieferungen an die Russen. Zunächst nahm Sanatescu unter dem Druck noch zwei Kommunisten in seine Regierung auf: Gheorghiu-Dej wurde Verkehrsminister und bekam damit die wichtigen Eisenbahnen in die Hand; Petru Groza wurde Vizepremier. Dieser gehörte der mit den Kommunisten verbündeten “Pflüger-Front” (Frontul Plugarilor) an, war ein Grossgrundbesitzer und Unternehmer aus Transylvanien. Da die Faschisten kein Faktor mehr waren (und manche von ihnen zur PCR gingen), erklärten Kommunisten die traditionellen, bürgerlichen Parteien PNT und PNL zu “Faschisten”. Im Dezember tauschten Radescu und Sanatescu ihre Posten, zweiterer wurde Premier, ersterer Generalstabschef. Sanatescu gab nach Druck der SU und gewalttätigen Strassendemonstrationen der Kommunisten auf. Radescu war unter der Herrschaft von Antonescu und den Deutschen im Lager für politische Gefangene in Târgu Jiu (Walachei) eingesperrt gewesen, mit vielen Kommunisten, wie Nicolae Ceausescu. Die Kommunisten wollten aber auch ihn nicht als Premier. Die PCR schloss sich mit kleinen linken Parteien zur FND zusammen, unter Pflügler-Frontmann Groza. Die Kommunisten wurden in der Allparteienregierung immer dominanter.

Als nächstes forderte Wyschinski von Hohenzollern die Ablöse Radescus und die Ernennung Grozas. Die Westalliierten bzw die “Anglos” wollten/konnten nicht helfen, so trat Radescu unter dem Druck Anfang März 1945 zurück und flüchtete in die britische Mission; er gelang später ausser Landes. An dem Punkt dachte Mihai über einen Rücktritt nach, aber “das wäre zwar eine eindrucksvolle Geste gewesen wäre, hätte das Volk aber allein gelassen”. Ihm blieb nichts anderes übrig, als Groza und seine Regierung zu akzeptieren. 14 von 18 Ministern gehörten der FND an, zu den wenigen Nicht-Kommunisten gehörte Aussenminister Tatarescu, der die PNL mit einer Abspaltung verlasen hatte. Die Würfel waren damit gefallen, die kurze demokratische Phase war zu Ende. Den König wähnten die Kommunisten mit der Einsetzung der Groza-Regierung neutralisiert. Stalin belohnte die Rumänen mit der Rückgabe Nord-Transylvaniens noch am Tag der Ernennung der Regierung. Die Festlegung der Grenzen Rumäniens hauptsächlich durch die Sowjets war relativ maßvoll, die Bukowina wurde geteilt, Bessarabien behielt sich die SU ein. Ein Verstaatlichungsgesetz war eine der ersten Maßnahmen der Regierung.

Die Demonstration für Mihai vor dem Königspalast im November 1945
Die Demonstration für Mihai vor dem Königspalast im November 1945

Mihai, der von Truman schon den “Legion of Merit”-Orden bekommen hatte, erhielt im Juli 45 auch von der SU einen Orden, den Sowjetischen Siegesorden, die höchste sowjetische Auszeichnung, von Staatschef Kalinin, für den Seitenwechsel 44. Als Zugabe soll der Hobbypilot zwei Sportflugzeuge bekommen haben. Eine Zeit lang lieferte Mihai der kommunistischen Regierung noch einen Machtkampf, verweigerte jeden Kontakt mit der Regierung sowie die Unterzeichnung der Gesetze – worauf Groza entschied, die Gesetze auch ohne königliche Unterschrift in Kraft zu setzen. In diesem Zusammenhang kam es am 8. November 1945, Mihai’s Namenstag, zu einer antikommunistischen Demonstration vor dem Königspalast in Bukarest, das Volk zeigte ihm seine Sympathie. Bei der gewaltsamen Auflösung der Demonstration gab es viele Verhaftungen, Verletzte und Tote.

Nach einer Intervention der Westalliierten wurden zwei Minister der “traditionellen Parteien” in die Groza-Regierung aufgenommen (zwei unbekannte Politiker, als Minister ohne Ressort) und wurde ausgemacht, bald “freie” Wahlen abzuhalten. Im Gegenzug anerkannten die West-Alliierten die Groza-Regierung (Februar 1946). PNT-Chef Maniu nannte den Handel einen “schlechten Witz”, aber ein resignierter König Michael beendete seinen “Streik” bzw Boykott der Regierung. Die Parlaments-Wahl im November 1946 wurde geschoben, brachte einen “Sieg” der FND (PCR, PSD, Pflügler,…) mit angeblich 89%; der wahre Sieger dürfte die PNT gewesen sein, vor den Liberalen, die beiden dominierenden Parteien der Zwischenkriegszeit. Die meisten Arbeiter dürften für die PNT und nicht für die Kommunisten gestimmt haben. Die folgenden Wahlen waren dann nur noch solche mit einer Partei.

Mihai schwankte zwischen Widerstand gegen die Kommunisten und Resignation, hatte keine Macht mehr, wurde vom Regime im Bukarester Königspalast isoliert. Ende 1947 durfte er zur Heirat der künftigen britischen Königin Elizabeth Windsor mit Philipp Mountbatten (zwei Verwandte von ihm) nach London reisen. Er lernte dort seine künftige Frau Anne von (Ana de) Bourbon-Parma kennen, eine Cousine zweiten Grades. Sie ist die Enkelin des letzten Herzogs von Parma, ihr Vater René war Bruder von Javier, Siuxtus und Zita. Er kam als Verlobter zurück; sowohl das Regime als auch der Hochadel hatte ihm geraten, nicht nach Rumänien zurückzukehren. Ein Referendum über die Monarchie um ihn loszuwerden, wollten die Kommunisten nicht riskieren, trotz Schiebung hätte es gefährlich für sie werden können, Mihai war zu populär. Zum Jahreswechsel bzw den Weihnachtsfeiertagen 1947/48 zog er sich von Bukarest nach Schloss Peles in Sinaia zurück.

Für den 30. 12. wurde Mihai von Premier Groza nach Bukarest bestellt, fand dort seinen Palast (nach einigen Angaben war das Treffen im Königspalast, nach anderen im Elisabeta-Palast) von Truppen loyal zur kommunistischen Regierung umstellt (der Division “Tudor Vladimirescu”). Mihai kam mit seiner Mutter Helena, Groza hatte Minister und PCR-Chef Gheorghiu-Dej an seiner Seite. Er wurde von ihnen aufgefordert, eine Abdankungserklärung zu unterschreiben, und das Land zu verlassen. Dies geschah möglicherweise mit vorgehaltener Waffe; eine Handfeuerwaffe dürfte Groza jedenfalls gezogen haben, möglicherweise aber auch mit den Worten “Ich wollte kein Risiko eingehen. Sie sollten keine Gelegenheit haben, das gleiche mit mir zu tun, was Sie mit dem Marschall Antonescu getan haben.” Den Druck könnten die beiden Kommunisten auch anders aufgebaut haben, etwa mit Drohungen gegenüber der rumänischen Bevölkerung. Eine andere Darstellung der Ereignisse ist, dass Abdankung und Exil mit den Kommunisten ausgehandelt wurde. Jedenfalls, am selben Tag noch trat das Parlament zusammen um die Volksrepublik auszurufen; dies und die Abdankung wurde von der Regierung am Abend über Rundfunk bekanntgegeben. Der Kommunist Parhon wurde Staatspräsident und Mihais Nachfolger als Staatsoberhaupt.

Die kommunistische Machtergreifung war damit weitgehendst abgeschlossen, nun konnte die Umgestaltung des Landes beginnen. Feudale Zustände gab es damals in Rumänien und diese waren entsprechend „umstritten“, aber wenige wollten eine kommunistische Diktatur. Umverteilungen und Verstaatlichungen, Vorgehen gegen Minderheiten, Abrechnungen mit Faschisten und politische Säuberungen “verbanden” sich im Rumänien der Nachkriegszeit, trafen Rumänien-Deutsche besonders. Mihai war der letzte König hinter dem Eisernen Vorhang (nach dem jugoslawischen und dem bulgarischen), der abdankte. Wenige Tage danach wurde Hohenzollern, nun Privatmann, gezwungen, das Land zu verlassen. Mihai reiste (es war Jänner 1948) von Sinaia mit dem Zug nach Westeuropa, nahm einige seiner Autos mit. Mit ihm ging u.a. Jacques M. Vergotti, ein Offizier (evtl westeuropäischer Herkunft), Vertrauter von Mihai in seinen Jahren als König. Einige Wochen später folgten seine Tanten Elisabeth und Ileana, die mit den Besatzern und Kommunisten zusammengearbeitet haben sollen. Die neue Verfassung Rumäniens, nun eine Volksrepublik, trat am 23. April 1948 in Kraft; im Frühling 1948 wurde die demokratische Opposition vollends zerschlagen, mit Massenverhaftungen und dem Verbot der beiden grossen traditionellen Parteien PNL und PNT. Ihre Führer Bratianu und Maniu starben im Gefängnis

Für Mihai hätte es auch anders kommen können, wie die Ereignisse in Bulgarien zeigten. Simeon Sakskoburggotski (die bulgarisierte Version von Sachsen-Coburg-Gotha, ebenfalls ein deutsches Haus) war als Minderjähriger 1943 bis 1946, als Simeon II., nach dem plötzlichen Tod seines Vaters Boris König/Zar, unter Regentschaft von Onkel Kyrill. Auch hier der Frontwechsel, als die Russen vor der Türe standen, 1944, auch hier der Einmarsch der Roten Armee. Die politischen Kräfte des Landes bemühten sich hier ebenso wie die Rumänen, mit den Alliierten zu einer Abmachung zu gelangen, die es ihnen erlaubte, sich vom Kriegsverlierer Deutschland abzusetzen, ohne SU-Satellit zu werden. Simeons Onkel Kyrill und die anderen Regenten wurden verhaftet und 1945 nach einem Schauprozess vom neuen Regime getötet, zusammen mit anderen ehemaligen Herrschenden. 1946 fand hier eine Volksabstimmung gegen die Monarchie statt, Simeon konnte ins Exil nach Spanien gehen.

Beurteilung

Mihais Zeit als König zerfällt in zwei Abschnitte, 40-44 und 44-47/48, der 23. August 1944 (Mihai damals 23 Jahre alt) als “Wasserscheide” (seine ersten Königs-Jahre, als Kind, jetzt nicht berücksichtigt). In der ersten Phase war er unter faschistischer Herrschaft machtlos, in der zweiten stemmte er sich gegen die kommunistische. Wie im 1. Weltkrieg stellte sich Rumänien unter seinem König während des Krieges auf die Seite der Sieger, dieses Mal ging es aber nicht gut aus. Die beiden Schutzmächte von Faschismus und Kommunismus waren nacheinander mit Rumänien verbündet, hatten im Land ihre „Parteigänger“ und diese waren dort (hintereinander) an der Macht. Die Frage ist, ob Grossdeutsches Reich und dann Sowjetunion nicht soundso nach (bzw über) Rumänien gekommen wären, egal bei welcher Politik; die Westmächte waren nicht “greifbar”, die rumänische Armee alleine zu schwach, die Nachbarn keine Verbündeten. Für/Mit Deutschland in den Krieg einzutreten, als dieses Teile des Landes der SU, Bulgarien und Ungarn zugesprochen hatte, war keine gute Entscheidung, geht aber nicht auf Mihai zurück. Zu den Alliierten zu wechseln, als diese Rumänien schon dem SU-Machtbereich zugesprochen hatten, war Mihais Entscheidung, die Absprache unter den Alliierten war aber damals nicht bekannt. So bekam man, kaum dass man Killinger losgeworden war, Wyschinski.

Hohenzollern, Brătianu, Maniu oder Radescu bekamen nach dem Seitenwechsel nicht die West-Alliierten, sondern die Sowjetunion – welche Rumänien keine eigene Entwicklung zubilligte (nicht nur, weil zwischen den beiden Staaten territoriale Fragen offen waren). Für das Land, das nun auf Seite der Kriegs-Alliierten stand, kam die Bedrohung nun paradoxerweise (weiter) durch einen von ihnen, die Sowjetunion. Der Seitenwechsel beschleunigte den Vormarsch der Roten Armee ins Land, die an seiner Schwelle stand, und dieser brachte neben Kriegsgefangenschaft vieler rumänischer Soldaten und Übergriffen an der Bevölkerung die Verpflichtung zum Weiterkämpfen mit den Russen in Mittel- und Osteuropa und letztlich die Aufzwingung einer kommunistischen Diktatur. Rumänien wurde wie andere osteuropäische Staaten um den 2. WK zwischen Hitler & Stalin “zerquetscht”. Das ganze Dilemma seiner Geopolitik, mit der sich Nicolae Iorga intensiv auseinandergesetzt hatte, zeigte sich damals für Rumänien. Serbien und das Schwarze Meer seien die einzigen Nachbarn Rumäniens ohne Probleme in der Beziehung, so Iorga; was Serbien betrifft, gilt das auch nur bedingt, angesichts der territorialen Ansprüche von Ultranationalisten beider Seiten auf Grenzgebiete (v.a. auf den jeweils anderen Teil des Banats).

Rumänien und seine deutsche Volksgruppe gingen um den 2. WK gemeinsam unter. Deutsche waren in der Zwischenkriegszeit die zweitgrösste Minderheit in „Gross-Rumänien“ nach den Ungarn, machten ca 5% aus, waren in allen Landesteilen vertreten, hatten wie andere Volksgruppen eine eigene Partei. Sie gerieten in den 1930ern unter den Einfluss des deutschen NS, was sie sie spaltete und von anderen Rumänen entfremdete. Es war das Bündnis der rumänischen Rechtsdiktatur mit (NS-)Deutschland, das Rumäniendeutsche endgültig auf Gedeih und Verderb an das nationalsozialistische Deutschland kettete. Teile wurden von den Nazis ausgesiedelt, Teile waren verstrickt in NS-Verbrechen, viele gingen am Kriegsende mit der Wehrmacht, manche blieben im kommunistischen Rumänien. Die Nazis haben auch in Rumänien bezüglich der deutschen Minderheit vieles zerstört. Im Gefangenenlager Târgu Jiu, wo unter Antonescu hauptsächlich Kommunisten saßen, wurden unter den Kommunisten Rumäniendeutsche interniert (darunter viele, die keine Schuld auf sich geladen hatten), nicht wenige wurden zur Zwangsarbeit in die SU deportiert, viele enteignet. Die Beziehung zwischen dem (deutschstämmigen) rumänischen Königshaus und den (grossteils ausgesiedelten) Rumäniendeutschen war und ist nicht die beste. Das hat weniger damit zu tun, dass Mihai (wahrscheinlich) gar nicht Deutsch spricht, der Seitenwechsel hat für die meisten von ihnen eine negative Bedeutung.

Die meisten Juden und Sinti in Rumänien überlebten den 2. Weltkrieg, viele Opfer gab es in Bessarabien und der Nord-Bukowina, die damals zwischen der Sowjetunion und Rumänien umkämpft waren. Mihai war unter Antonescu von Mitbestimmung ausgeschlossen. Hohenzollerns Mutter Helena soll in gutem Einvernehmen mit Rumäniens Oberrabbiner Shafran gestanden sein, und bei Antonescu für die Juden interveniert haben.

In Rumänen ist der Ex-König heute bei Links- wie Rechtsextremen unbeliebt, für seine Absetzung Antonescus bzw seine Ablehnung des Kommunismus. Ihn als jemanden darzustellen, der Faschismus und Stalinismus trotzte, ist etwas übertrieben; ihm Mitschuld daran zu geben, dass diese Systeme über Rumänien kamen, trifft die Wahrheit auch nicht. Dass er in vieler Hinsicht privilegiert war, ist klar, aber es scheint dass er mehr als einfach ein König war, der seinen Status und ein etwas feudales System erhalten wollte. Ein auf Youtube gefundener Kommentar unter einem Video in dem es um ihn ging: “Clearly he is not a true leader to inspire. is totally passive. Where was when Ratiu protesta against Ceausescu when visiting London? A true king would fight abroad against Ceausescu as did Ratiu. [Ion Ratiu: PNL-Politiker, Botschafter, Exil-Oppositioneller] so-called king was walking at 18 with a Formula 1 car in Bucharest while others went with carts at work, feeded an alligator with 500 kg meat from slaughterhouses while other Romanians were starving and sold country for two cars and a few paintings. after the revolution had the nerve to come and claim the palaces of Vlad Tepes and Hunyadi…”

Im Exil

Mihai de Hohenţollern-Sigmaringen verliess also mit Familie und “Schätzen” Rumänien, etwa mit wertvollen Gemälden von El Greco, einiges hat er möglicherweise schon 1947 (Hochzeit London) ausser Land gebracht. Er feilschte anscheinend mit der kommunistischen Regierung um zurückgelassenen Besitz, evtl. wurde ihm auch etwas nachgeschickt. Sein Vermögen in Form von Grundbesitz und Schlössern in Rumänien (teilweise samt Kunstsammlungen) blieb natürlich zurück, sie wurden 1948 vom Regime beschlagnahmt und verstaatlicht. Auch wurde Mihais Staatsbürgerschaft aberkannt. Er liess sich in der Schweiz nieder (1956 endgültig, zwischendurch lebte er auch in Grossbritannien), in der Nähe von Genf. In Griechenland heiratete er die Bourbon-Parma, in einer orthodoxen Zeremonie im königlichen Palast in Athen, auch mit den Schleswigs ist er über seine Mutter eng verwandt; die Eltern der Braut fehlten, wollten das Festhalten ihrer Tochter am Katholizismus. Mihai bekam Unterstützung vom europäischen Hochadel; er ist mit den meisten europäischen Herrscherhäusern verwandt, als Urenkel der britischen Königin Victoria (über beide Eltern) ist er ein Cousin dritten Grades der britischen Königin Elizabeth, des spanischen Königs Juan Carlos, des schwedischen Königs Carl Gustav, von der dänischen Königin Margrethe, des norwegischen Königs Harald. Dafür hat er keine ethnischen Rumänen als Vorfahren.

Dennoch, und obwohl er einen Teil seiner Gemälde verkaufte, er verdiente selbst, als Pilot von Transportmaschinen. Er wurde Vater von 5 Töchtern. Mihai nahm die Abdankung im Exil zurück. Er diskutierte im Exil mit seinem Onkel Nicolae (Nikolaus) und dem Chef der Hohenzollern-Sigmaringen-Hauptlinie in Deutschland, Friedrich, die Nachfolge der rumänischen Linie. Mihais Vater Carol, der in Portugal lebte, und den er ja mied, hat in einem Interview mit dem französischen “Figaro” Friedrich als Prätendent für Rumänien favorisiert. Mihai kam nicht einmal zum Begräbnis seines Vaters 1953. Während ihrer Studienzeit in Schottland hatte seine älteste Tochter Margarita (1949 in der Schweiz geboren) eine Beziehung mit dem späteren britischen Premierminister Gordon Brown, heiratete schliesslich einen Rumänen. Mihai hat neben der Schweizer Staatsbürgerschaft auch die britische (sein Pass ist auf den Namen “Michael de Roumanié” ausgestellt) sowie einen dänischen Diplomatenpass, seine Frau einen französischen.

In den früheren Jahren der kommunistischen Diktatur gab es (wie auch in anderen osteuropäischen Staaten) bewaffneten Widerstand, der vom CIA und anderen Organen westlicher Mächte unterstützt wurde, von der rumänischen Exil-Opposition wahrscheinlich organisiert wurde. Kein Volksaufstand, eher Guerillaaktionen, von aussen gelenkt, auch ethnische Minderheiten und ehemalige Faschisten/Gardisten/Legionäre waren unter den Kämpfern. Mihai stand mit der Exil-Opposition in engem Kontakt, v.a. mit Radescu, der in USA eine Art Exil-Regierung bildete, das Comitetul Național Român (Rumänisches Nationalkomitee, CNR), dann die Liga Românilor Liberi. Über Radio Free Europe/Liberty sprach Hohenzollern gelegentlich zu den Rumänen.

Nach Stalins Tod begann das rumänische Regime, sich von der sowjetischen Vorherrschaft zu lösen. Gheorghiu-Dej kam mit der Ent-Stalinisierung an die Macht, wurde Premier, dann Präsident. 1958 zogen die sowjetischen Truppen aus Rumänien ab. Schlimmstes Unterdrückungsinstrument des Regimes war die Geheimpolizei “Securitate”. Es wurde unter dem Kommunismus eindeutig eine minderheitenfeindlichere Politik als unter der Monarchie betrieben, ein neuer Nationalismus propagiert. Nicolae Ceausescu wurde 65 KP-Chef, 67 Staatschef, war ursprünglich ein Liberalisierer, verschärfte den antisowjetischen Kurs (zB keine Teilnahme CSSR-Intervention 1968, kein Olympia-Boykott in USA 1984). Trotz der “Moskau-Ferne” war das rumänische Regime wahrscheinlich die repressivste der kommunistischen Diktaturen Osteuropas.!

Rückkehr Ostern 1992
Rückkehr Ostern 1992

Seit der Wende

Ende 1989 die blutige und späte Wende in Rumänien, der Sturz Ceausescus im Dezember, die neue Führung unter den Reformkommunisten unter Iliescu, die Neugründung von Parteien. Im Mai 1990 Wahlen, Sieg der reformkommunistischen PSD, die Errichtung einer semi-präsidentiellen Republik (nach französischem Vorbild). Im Dezember 1990 kehrte Mihai nach 43 Jahren nach Rumänien zurück, mit einigen Familienmitgliedern. Am Weg vom Bukarester Flughafen nach Curtea de Arges wurde die Reisegruppe aufgehalten und wieder zurückgeschickt; Iliescu scheint es sich anders überlegt zu haben. Dass man, wie in Spanien, nach der Diktatur eine konstituonelle Monarchie aufrichtet, war für “einige” Rumänen damals die beste Option.

Ostern 1992 war die erste richtige Rückkehr (Foto), in Bukarest kamen eine Million Menschen um ihn zu sehen. Unter Präsident Emil Constantinescu durfte Mihai 1997 wieder kommen und bekam auch seine rumänische Staatsbürgerschaft zurück. 2001, inzwischen war wieder Iliescu an der Macht, wurde er von diesem eingeladen, es kam eine gewisse Normalisierung der Beziehungen zwischen den Postkommunisten und der ehemaligen Königsfamilie zu Stande. 2011 wurde Hohenzollern, als ehemaliges Staatsoberhaupt, vom rumänischen Staat anlässlich seines 90. Geburtstages eingeladen, um im Parlament zu reden und geehrt zu werden. Präsident Basescu, Premier Boc (aus dem Lager der PD-L) und einige Minister und Abgeordnete fehlten dabei. Mihai seinerseits ignorierte Ex-Präsident Iliescu (http://www.youtube.com/watch?v=slnxyQ-Sbpw).

2003 beantragte der Ex-König die Restitution von Immobilien (Schloss Peles, Elisabeth-Palast,…) und Mobilien (v.a. Kunstsammlungen). Es wurde eigentlich sehr grosszügig zu seinen Gunsten entschieden, er bekam das meiste was er wollte. 2008 zog er wieder in Peles ein. Der Elisabeta-Palast wird heute staatlich verwaltet, dem Königshaus aber zur gelegentlichen Nutzung überlassen. Seit der Rückgabe der Immobilien pendeln Hohenzollern und seine Ehefrau zwischen Rumänien und der Schweiz.

Michael hat keine Söhne und es gibt auch keine “unumstrittenen” männliche Nachkommen früherer rumänischer Könige. Sein 06 verstorbener Halbbruder Carol Lambrino entstammt der ersten Ehe seines Vaters, welche in Rumänien damals annulliert wurde; daher kommen dessen Söhne und Enkel nicht in Frage als Nachfolger Mihais als Chef des Hauses und Thronanwärter. Aber wodurch ist diese Nachfolge-Frage (bei der es natürlich auch um das materielle Erbe geht) eigentlich geregelt? Zu Zeiten der Monarchie in der Verfassung Rumäniens, in jenen von 1866, 1884 und 1923 (die letzte demokratische des Königreichs). Darin wurde die Thronfolge “salisch” geregelt, also über den kompletten Ausschluss von Frauen. Durch die Abschaffung der Monarchie hat diese Regelung keine offizielle Bedeutung, aber eine der Tradition. In diesen früheren staatlichen rumänischen Regelungen ging die Nachfolge (die damals eine Thronfolge war) bei “Nicht-Verfügbarkeit” von männlichen Nachkommen auf die deutsche Hohenzollern-Sigamaringen-Hauptlinie zurück – wie nach dem Tod von Carol I. geschehen. Als sich für Mihai die Nachfolge-Frage stellte, wurde auch der Sohn seiner zweiten Tochter, Nicolae, in Betracht gezogen, was natürlich ein Bruch mit der Tradition bzw den damals akuellen Hausregeln gewesen wäre, da die Folge über eine weibliche Person auf diesen überging. Es soll auf den Einfluss seiner Frau zurückgehen, dass Mihai 1997 seine älteste Tochter Margarita als Nachfolgerin designierte.

2007 änderte er die Hausgesetze so ab, dass diese “Nachfolge” möglich wurde; weibliche Nachfolge wurde darin ermöglicht und Ausländer (also das deutsche Stammhaus) ausgeschlossen. Die “Fundamentalen Regeln des Rumänischen Königlichen Hauses” von 2007 beschränken die Nachfolge auf die rumänischen Hohenzollern, bei Bevorzugung des männlichen Geschlechts. Unzufriedenheit mit dieser Regelung gibt es von verschiedenen Seiten, u.a. von rumänischen Monarchisten. Bemerkenswererweise ist Margaritas rumänischer Ehemann bei ihnen unbeliebt. In den früheren Verfassungen war die Heirat eines Thronfolge-Kandidaten mit “Rumänen oder nicht-standesgemäßen Personen” ein Ausschlussgrund… Die Regeländerung führte zum Bruch mit dem deutschen Stammhaus (http://www.adz.ro/artikel/artikel/entscheidung-zum-neunzigsten/ ). Infolgedessen änderte der Ex-König 2011 den Namen seiner Dynastie von „Hohenzollern-Sigmaringen“ auf „Rumänien“. Fraglich ist, ob sein “bürgerlicher” Name (und jener von Angehörigen) in seinen diversen Pässen auch aufgrund dessen geändert wurde.

Zu monarchistischen Kreisen hat Mihai ein „loses“ Verhältnis. Das zum rumänischen Staat (der demokratisch aber korrupt ist) ist heute ein relativ gutes. Er hat auf den Thron nicht verzichtet, erhebt aber auch keine Ansprüche. Bei der Präsidenten-Wahl letztes Jahr hat Premier Ponta (Kandidat der ex-kommunistischen PSD) neben einer Vereinigung mit Moldawien die Wiedereinführung der Monarchie ins Spiel gebracht; Gegenkandidat Johannis (PNL) ist Mihai “sehr verbunden” und ebenfalls “offen” bezüglich Moldawien. 2014 wurden Mihai und Anna auch auf einer rumänischen Briefmarke abgebildet. Johannis residiert heute als Staatspräsident im Cotroceni-Palast, in dem früher auch die rumänischen Hohenzollern lebten. Im benachbarten Bulgarien hat Simeon nach seiner Rückkehr eine Partei gegründet und mit ihr die Wahl 2001 gewonnen, wurde Premier; er ist einer von nur zwei ehemaligen Monarchen, die durch demokratische Wahlen an die Staats- oder Regierungsspitze kamen (Norodom Sihanouk in Kambodscha der andere). So etwas kam für Hohenzollern nie in Frage; wenn schon, dann wieder König.

Es ist unklar, wieviele es sind, aber es gibt sie, die Rumänen, die der Meinung sind, dass dies keine schlechte Möglichkeit wäre. Zu Moldawien, dem ehemaligen Bessarabien, 1991 mit dem Auseinanderfall der Sowjetunion unabhängig, erklärte Mihai 2001: „Wir haben keine Gebietsansprüche unseren Nachbarn gegenüber. Aber wir können Versuche, unsere Geschichte umzuschreiben, indem man erklärt, dass Rumänen, die außerhalb unseres Landes leben, einer anderen Nation angehören oder eine andere Sprache sprechen würden, nicht tolerieren.“ 2011 hat ihn der damalige Präsident Traian Basescu in einer TV-Sendung scharf attackiert, ihn als Verräter an die Russen (anscheinend meinte er damit die Abdankung 1947) und mitschuldig am Holocaust in Rumänien bezeichnet. Der Ex-König sagte dazu der BBC, es sei nicht wert, darauf zu reagieren.

Mihais Halbbruder (er hat sonst keine Geschwister) hatte einen Sohn, Paul-Philippe Hohenzollern (auch Paul Lambrino genannt). Dieser behauptet, das eigentlich legitime Oberhaupt der ehemaligen königlichen rumänischen Familie zu sein; die Ehe Carols mit “Zizi” Lambrino sei von der orthodoxen Kirche nicht annulliert worden, daher seien Carols folgende Ehen ungültig gewesen. Dies versuchte er, in Rumänien auch gerichtlich einzuklagen. 2000 kandidierte er bei der rumänischen Präsidentschaftswahl (jene, bei der Iliescu an die Macht zurückkehrte) als unabhängiger Kandidat. Er hat seinen Onkel auch attackiert, dass dieser für die unter Antonescu begangenen Verbrechen mit-verantwortlich sei und rief zu seiner Hinrichtung auf. Die sterblichen Überreste Carols wurden 2003 aus Portugal nach Rumänien (Curtea de Argeș) überführt. Ein Deutscher namens Dieter Stanzeleit behauptet, Mihais Sohn zu sein. Margaritas Ehemann Radu Duda wiederum soll ein ehemaliger Securitate-Agent sein.

Mihai, der Hitler, Mussolini, Stalin and Churchill kennengelernt hat, ist ein häufiger Gast bei hochadeligen Hochzeiten in Westeuropa, etwa bei jener des britischen Prinzen William.

Mit Klaus Johannis, zwischen desser Wahl und Angelobung
Mit Klaus Johannis, zwischen dessen Wahl und Angelobung 2014

 

Ivor Porter: Michael of Romania. The King and the Country (2005)

Michael Kroner: Die Hohenzollern als Könige von Rumänien. Lebensbilder von vier Monarchen 1866-2004 (2004)

Arthur G. Lee: Crown Against Sickle. The Story of King Michael of Rumania (1949)

Edda Binder-Iijima, Heinz-Dietrich Löwe, Gerald Volkmer (Hg.): Die Hohenzollern in Rumänien 1866-1947. Eine monarchische Herrschaftsordnung im europäischen Kontext (=Studia Transylvanica Bd. 41; 2010)

Ioan Scurtu: Monarhia în România: 1866-1947 (1991)

Andreas Hillgruber: Hitler, König Carol und Marschall Antonescu. Die deutsch-rumänischen Beziehungen 1938–1944 (1954)

Nicolette Franck: O înfrângere în victorie (1944 – 1947) (1992)

Diana Mandache: Regele Mihai. Album istoric (2013)

Peter Gosztony: Endkampf an der Donau 1944/45 (1978)

Homepage der Familie des Ex-Königs

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Südtirol 1915-1922. Vom italienischen Kriegseintritt bis zum Beginn der Italianisierung

Hier geht es, 100 Jahre nach dem Beginn der Entwicklung, um einen Überblick über die “Verschiebung” der Grenze zwischen Österreich und Italien infolge des Ersten Weltkriegs (“Europäischer Krieg” wäre eigentlich passender), die zur Entstehung Südtirols im heutigen Sinn führte.

Österreich wurde ab dem Spanischen Erbfolgekrieg im 18. Jahrhundert, nach dem es das Herzogtum Mailand (die Lombardei) bekam, die dominante Macht in Nord-Italien. Am Wiener Kongress kam die Republik Venedig dazu. Die Toskana wurde von Mitte des 18. Jh. an von einer Habsburger-Linie regiert. Österreich war so beim Risorgimento im 19. Jh ein “Hauptziel”, verlor 1859/1866 Lombardo-Venetien an das neu entstehende Italien. Auch im Irredentismus spielte Österreich(-Ungarn) eine Hauptrolle, umfasste es doch weiter mehr oder weniger italienisch besiedelte Gebiete, hauptsächlich das Trentino (im Süden des Kronlands Tirol, die Bezirke Trient und Rovereit) und das was als “Küstenland” zusammengefasst war (Kronländer Görz, Triest, Istrien; das Julische Venetien). Daneben zielte der italienische Irredentismus u. a. auf Gebiete Frankreichs (Korsika, Nizzardo,…) und der Schweiz (Tessin, z.T. auch Graubünden) ab.

Die “Brennergrenze”, also der Alpenhauptkamm (über den, zwischen Stubaier und Zillertaler Alpen, der Brenner-Pass führt) als Nordgrenze Italiens (und damit die italienische Herrschaft über einen Teil des deutschsprachigen Tirols), war eine Extremforderung des Irredentismus, wurde v.a. von Ettore Tolomei propagiert, der im österreichischen Trentino in eine aus der Toskana zugewanderten Familie geboren wurde, er wollte die historische Legitimation dafür schaffen. Zum Teil wurde diese Grenze, die eine eine geographisch-hydrographisch-naturräumliche ist, zur Absicherung einer Übernahme des Trentinos angestrebt. Das südliche deutschsprachige Tirol war im Gegensatz zum Trentin(o) oder Istrien ein “echt österreichisches” Gebiet, die Sprachgrenze verlief an seiner Südgrenze, wie auch im 1841 gedichteten Deutschlandlied herauskommt. Österreich behauptete damals aber historische, multiethnische Grenzen (wollte sich im Krieg sogar weiter über das Siedlungsgebiet der Staatsvölker ausdehnen) – während Italien als Nationalstaat entstanden war.

Das Bündnis Italiens mit Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich zum sogenannten Dreibund Ende des 19. Jh. war auch eines gegen Frankreich im Wettlauf um Kolonien in Nordafrika. Soldaten Österreich-Ungarns kämpften nach dem Mord an dem Thronfolger in Sarajevo 1914 mit den anderen Mittelmächten an der Ostfront gegen Russland, am Balkan gegen Serbien, dann auch gegen Rumänien (wie Italien vor dem Krieg ein Verbündeter Österreich-Ungarns, der aber territoriale Ansprüche gegenüber ihm hatte), im Osmanischen Reich gegen Briten. Sie waren eigentlich überall siegreich, nur nicht bei den Osmanen, wo es für das Reich um nichts ging. Italien erklärte sich bei Ausbruch des Krieges zunächst für neutral, der Vertrag sah eine Beistandspflicht nur vor, wenn einer der Partner angegriffen wurde. Auch hätte Österreich vor seiner Kriegserklärung mit Italien Konsultationen pflegen müssen.

Im Hintergrund spielten natürlich auch die italienisch besiedelten Gebiete des habsburgischen Vielvölkerstaates eine Rolle. Die Kriegs-Befürworter (Interventionisten) waren in Italien eine Minderheit; auch Benito Mussolini war anfangs keiner, wurde Ende 1914 aber aus der PSI und ihrer Zeitung “Avanti” ausgeschlossen nachdem er dort indirekt für eine Aufgabe der Neutralität argumentiert hatte. Er fand eine neue Heimat in den von ihm mitbegründeten faschistischen Gruppen und der Zeitung “Il Popolo d’Italia”, aus denen er dann für einen Kriegseintritt trommelte – wobei die Verwirklichung irredentistischer Pläne dabei nur ein Aspekt war. Während der ersten Jahreshälfte 1915 verhandelten die Regierungen Italiens und Österreich-Ungarns noch über die Neutralität Italiens im Krieg gegen Gebietsabtretungen der Österreicher. Österreich war allenfalls dazu bereit, südliche Teile des Trentinos abzutreten, und das auch nur auf Druck des deutschen Bündnispartners.

Italien wollte aber anscheinend das Trentino in den Grenzen von 1810, das bis nördlich von Bozen reichte, daneben einen Grossteils des Küstenlandes (war bereit, Triest zu einem Freihafen/–stadt zu machen und auf Istrien und Teil der Kvarner Inseln zu “verzichten”) und das Kanaltal. Das Habsburger-Reich war natürlich als Vielvölkerstaat verletzbar, wie das Osmanische und das Russische Reich, und beim Nachgeben territorialer Forderungen hätten andere Nationalitäten und ihre “Schutzmächte” leicht ebensolche stellen können. Italien verhandelte ziemlich parallel mit den Entente-Mächten GB, Frankreich und Russland, und diese versprachen Italien bei einem Kriegseintritt gegen Österreich-Ungarn im Fall eines Sieges über die Mittelmächte jene Gebietszuwächse auf Kosten der Donaumonarchie, die es wünschte, und das war am Ende um einiges mehr als das gegenüber Österreich geforderte (und allgemein als Irredenta beanspruchte): das ganze Küstenland, das nördliche Dalmatien, westliche Teile der Krain, den Alpenhauptkamm als Nordgrenze sowie Überseegebiete.

Anscheinend war die Brennergrenze eine der Forderungen, die Italien (über seinen Aussenminister Sonnino) im Laufe der Verhandlungen einbrachte und die akzeptiert wurden. Die Salandra-Regierung unterzeichnete so Ende April 15 in London den Geheimvertrag, nutzte die Gelegenheit, um Gebietsansprüche gegenüber der Donaumonarchie durchzusetzen, und schloss sich der Entente an. Nichts von dem wissend, glaubte man in Wien auch nach der am 3. Mai ausgesprochenen Kündigung des Dreibundvertrages, Italien von einer Kriegserklärung abhalten zu können und bot nun mehr an als bisher. Ende des Monats trat Italien in den Krieg ein, ein Jahr nach dem Kriegsbeginn, den es v.a. gegen Österreich-Ungarn führte; gegen Albanien und an der Westfront war es wenig engagiert.

Im österreichischen Trentino gab es die volle Gleichberechtigung der italienischen Sprache, ob bei Behörden oder in Schulen. Das rurale Trentino soll am Vorabend des Kriegs vorwiegend filoasburgico (pro-österreichisch) gewesen sein, das Pro-Italienische dort auf die Städte und die Intellektuellen beschränkt gewesen sein. So eine Art “welschtirolerische” Identität mag schon entstanden sein. Auch wenn Markus von Spiegelfeld, 1907-1913 Statthalter von Tirol und Vorarlberg, die Trentiner als durch und durch pro-italienisch einschätzte. Es gab dort mehr Bemühen um Selbstverwaltung innerhalb Tirols oder Österreichs (darüber wurden auch Verhandlungen geführt) als um Loslösung von Österreich-Ungarn. Alcide De Gasperi, nach dem 2. Welt-Krieg italienischer Premierminister, vor dem 1. Welt-Krieg Abgeordneter im österreichischen Reichsrat und einer der “Führer” der Trentiner, vertrat auch das Autonomie-Anliegen. Cesare Battisti, ebenfalls Reichsrat-Abgeordneter, jenes des Anschlusses an Italien, er wollte aber im Gegensatz zu Tolomei und D’Annunzio die Sprachgrenze, nicht die Brennergrenze.

Battisti hatte in der Vorkriegszeit Kontakte zu Mussolini, der damals wie er noch Sozialist war und sich im österreichischen Trentino aufhielt. In der ersten Jahreshälfte 1915, als sich der Krieg mit Italien zusammenbraute, wurden die Stadträte der beiden Städte des Trentinos, Trient (Trento) und Rovereit (Rovereto), aufgelöst, und die Städte unter die Verwaltung von österreichischen “Vertrauenspersonen” gestellt, sowie der Bischof von Trient, Celestino Endrici, zum Rücktritt gezwungen. Zusammenleben zwischen deutsch – und italienischsprachiger Bevölkerung gab es im Kronland Tirol damals wenig, da im Trentino die Italiener mehr oder weniger unter sich waren und im restlichen Tirol die “Deutschen”.

Mit dem Kriegseintritt Italiens lebten in manchen Gebieten Österreich-Ungarns anti-italienische Gefühle auf. Davon zeugt auch das Kriegsbilderbuch “Der Räuber Maledetto Katzelmacker” des Deutschböhmen Arpad Schidhammer, ein Stück Kriegspropaganda. “Katzelmacher” war eine abschätzige Bezeichnung für Italiener im österreichischen und süddeutschen Raum, über deren Ursprung es verschiedene Angaben gibt.

Sowohl im Westen, also rund um das Kronland Tirol, an der Dolomitenfront, als auch im Osten, in Friaul/Görz, an der Isonzo-Front, nahm der österreichische Generalstab zur Verkürzung der Front die Verteidigungslinie leicht zurück und überliess schwer zu verteidigende Täler und Gebiete freiwillig dem Angreifer. Ampezzo befand sich etwa im aufgegebenem Gebiet. Die Kämpfe fanden so an beiden Fronten hauptsächlich auf österreichischem (Vorkriegs)gebiet statt. Es war ein Gebirgskrieg, der die Verteidiger begünstigte, und das waren meistens die Truppen Österreich-Ungarns. Die Dolomitenfront befand sich v.a. an den Süd- und Ostgrenzen des Trentinos; im Grenzgebiet zwischen dem deutschsprachigen Tirol (Pustertal, Osttirol) und Venetien/Veneto sowie an der Westgrenze des südlichen Tirol wurde wenig gekämpft.

Die österreichische Dolomiten-Offensive 1916 brachte nur kleine Gewinne. Auch an dieser Front soll es gelegentliche Fraternisierungen zwischen Soldaten beider Seiten gegeben haben, wie an der Westfront, und auch hier strikt unterbunden worden sein. Von dem dort jahrelang tobenden Krieg zeugen etwa die düsteren Kriegsbilder von Albin Egger-Lienz; der Osttiroler diente an der Dolomitenfront bei den Standschützen, dann als Kriegsmaler. Oder das Lied “Andrea” von Fabrizio de André, Jahrzehnte später geschrieben.

Zu einem noch blutigeren Kriegsschauplatz entwickelte sich das Isonzo/Soča-Tal (in dem der gleichnamige Fluss liegt), in der historischen Region Görz/Gorizia/Goriska, heute zwischen Italien (Friaul-Julisch-Venetien) und Slowenien (Primorska) aufgeteilt, damals an der Grenze des österreichischen Küstenlandes zu Italien. In insgesamt zwölf Schlachten kämpften italienische und österreichisch-ungarische Truppen erbittert meist ohne nennenswerten Raumgewinn. Bei den drei Jahre währenden Schlachten fielen 800 000 junge Männer der italienischen und der k. u. k. Armee. Auch Italiens späterer Diktator Benito Mussolini kämpfte dort, 15-17; daneben schrieb er weiter Artikel für seine Zeitung. Zwischen den grossen Schlachten/Offensiven gab es kleinere. Auch in der oberen Adria wurde etwas gekämpft. Und es gab Luftangriffe beider Seiten tief im gegnerischen Gebiet (Wien, Venedig,…).

Die meisten Tiroler dienten bei den Kaiserjägern in der Gemeinsamen Armee Österreich-Ungarns sowie bei den Landesschützen der k.k. Landwehr, zu Kriegsbeginn an der Ostfront in Galizien, gegen das Russische Reich. An der “Heimatfront” zurück blieben in Tirol einige Einheiten des Landsturms und ein Teil des K.u.k. Salzburgisch-Oberösterreichischen Infanterie-Regiments „Erzherzog Rainer“ Nr. 59 (nach Erzherzog Rainer von Habsburg benannt). Daneben jene Standschützen, die nicht zum Heer eingezogen worden waren, also sehr junge oder alte (unter 16-jährige und über 50-jährige) oder invalide.

Erwähnenswert ist hier das Misstrauen, das die Tiroler Schützen jenen in “Welschtirol”, also dem Trentin, entgegenbrachten; sie wurden meist nur zu Wach- und Trägerdiensten eingeteilt. Als Italien Tirol (neben Küstenland) angriff, kam aufgrund der Entblössung der Front für einige Monate ein Teil des deutschen Alpenkorps (das hauptsächlich aus Bayern bestand), da ein Durchmarsch der Italiener bis zum Brenner oder gar bis Bayern für möglich gehalten wurde. An manchen Orten übernahmen Standschützen die Verteidigung. Tiroler Soldaten wurden nach dem italienischen Angriff von Galizien in die Heimat zurückbeordert, trugen bald die Hauptlast bei der Verteidigung an der Dolomitenfront.

Ohnehin fanden die entscheidenden Ereignisse an der Isonzo- bzw. Piave-Front statt. Das Leben in Gebieten in denen nicht gekämpft wurde war in Tirol wie anderswo von Kriegswirtschaft und Militärdiktatur gekennzeichnet. Der Ausfall von landwirtschaftlichem Personal und Transportgeräten brachte schlechte Ernten und Versorgungsengpässe. In manchen Gegenden Österreichs grassierte Hungersnot und die Spanische Grippe. An der Ostfront kriegsgefangene Tiroler wurden in verschiedene Teile Russlands gebracht (darunter auch der spätere Südtiroler Politiker Josef Noldin), russische Kriegsgefangene nach Tirol.

Am Volkstag des Tiroler Volksbundes in Sterzing im Mai 1918, als es im Krieg gegen Italien für Österreich gut aussah, die Front quer durch das Veneto verlief, wurde in einem 14-Punkte-Programm u.a. die Verlegung der Grenze Tirols an die Südspitze des Gardasees (wo das Trentino, Venetien und Lombardei zusammentreffen) und Grenzkorrekturen unter Einbeziehung der Siedlungsinseln der deutschsprachigen Zimbrer in Venetien verlangt.

Als Italien in den Krieg gegen Österreich-Ungarn eingriff, das Trentino Frontland wurde, steigerte sich das Misstrauen und die Diskriminierung gegenüber den Trentinern. Während des Krieges wurden in Österreich Lager errichtet, in das Zivilpersonen aus Staaten, die mit Österreich-Ungarn Krieg führten, gebracht wurden, sowie „unverlässliche“ Bürger der Donaumonarchie, hauptsächlich Angehörige von Nationalitäten, die der Kollaboration mit Kriegsgegnern bzw Abspaltungsbemühungen verdächtigt wurden. In Katzenau bei Linz entstand ein solches Internierungslager, in das hauptsächlich Italiener gebracht wurden, Bürger des Königreichs Italien die sich in Österreich-Ungarn aufhielten, sowie „verdächtige” Inländer italienischer Nationalität (aus dem trentinischem Tirol, dem Küstenland, Kärnten, Krain, Fiume/Rijeka, Dalmatien). In das Lager in Drosendorf kamen hauptsächlich italienische Staatsbürger. Verdächtigte österreichisch-ungarische Ukrainer kamen vorwiegend nach Thalerhof.

Viele starben in den Lagern an Hunger oder Krankheiten. Daneben gab es Konfinierungsstationen, Privatquartiere, in denen Personen untergebracht wurden, bei denen die Fluchtgefahr als nicht so hoch eingestuft wurde und die in der finanziellen Lage waren, ihr Quartier selbst zu bezahlen. Zudem wurde aus militärisch-strategischen Gründen auch die Zivilbevölkerung aus den Grenzgebieten zu Italien zwangsevakuiert und über die beiden so genannten “Perlustrierungsstationen” Salzburg und Leibnitz auf die innerösterreichischen Kronländer verteilt. De Gasperi thematisierte in einer Rede im Reichsrat nach der Karfreit-Schlacht diese Maßnahmen.

Das italienische Militär, das in von Österreichern aufgegebene Trentiner Gebiete vorrückte, stand der Bevölkerung ebenfalls misstrauisch gegenüber, evakuierte ebenfalls viele; nach dem Krieg galt das italienische Misstrauen v.a. den in der österreichisch-ungarischen Armee gedienten Trentinern. Manche Italiener in Österreich-Ungarn “flüchteten” vor/bei/nach der Generalmobilmachung in italienisches Gebiet, bis Kriegsende waren das einige Hundert. Im italienischen Heer wurde bei den Alpini eine Legion mit diesen Deserteuren aus Trentin und Küstenland geschaffen. Einer von ihnen war Cesare Battisti, er fiel bei der österreichischen Dolomiten-Offensive 1916 der österreichisch-ungarischen Armee in die Hände und wurde hingerichtet. Ähnlich ging es dem Istrier Nazario Sauro und anderen. Der Grossteil kämpfte für die Armeen Österreich-Ungarns, etwa 10 000 Trentiner fielen dabei, v.a. in Galizien.

Natürlich gab es Wechselwirkungen zwischen den Misshandlungen und einem pro-italienischen Gesinnungswandel; ein solcher Loyalitätswechsel von anderen Nationalitäten war mit-entscheidend für die österreichische Niederlage. Die Frage der “Einbeziehung” Unterworfener stellt für Herrscher oftmals ein grosses Dilemma dar… Sowohl die Internierungen als auch den Seitenwechsel von Soldaten gab es natürlich auch anderswo, in diesem Krieg wie in anderen; man denke etwa an den Versuch, eine Irische Brigade gegen Grossbritannien zu formen.

Dann im Oktober 1917 die letzte Isonzoschlacht bei Karfreit/Caporetto/Kobarid, Flitsch, Tolmein; sie entsprang einem österreichisch-ungarischen Angriff, unter dem serbischen Kroaten Boroevic, mithilfe deutscher Truppen (wieder das Alpenkorps) und dem massiven Einsatz von Giftgas. Der Sieg der Mittelmächte führte zu einem Vormarsch, bis an die Piave. Auch an der Dolomitenfront verschob sich die Front etwas, die italienischen Soldaten zogen sich bis zum Monte Grappa zurück. Dolomiten- wie Isonzofront, wie sie bis dahin bestanden hatten, lösten sich auf, die Front verlief nun vom vom südlichen Trentino über Asiago und dem Monte Grappa zur Piave bis zur Adria. Dazu kamen das erbeutete Material, Lebensmittelvorräte, viele Gefangene. Ein weiterer Vormarsch wäre möglich gewesen, zur Entscheidung; Karfreit hätte dann zu einem anderen Ausgang des Krieges führen können.

Lichem klagt “Am Ostufer des Piave wurde den österreichisch-ungarischen Truppen der Befehl zum Abbruch der Offensive, gegen den Willen von nahezu 100% des Offizierskorps und der Mannschaften gegeben. Dieser Befehl wurde der Anlass zum Untergang Altösterreichs und führte in weiterer Folge dazu, dass der deutsche Verbündete, zu Recht verärgert, seine Truppen am Piave sofort nach Erteilung jenes Befehles abzog. Hier verspielte Österreich-Ungarn den Sieg, das Armee-Oberkommando Österreich-Ungarns hat in diesen Tagen am Piave vollkommen versagt. Man ließ den Italienern die Zeit, dass sie mit Hilfe englischer und französischer Truppen das Piave-Westufer uneinnehmbar machen konnten.” Diese Einschätzung ist umstritten; die Hochwasser führende Piave war auch ein Faktor. Italiens Generalstabschef Cadorna wurde abgelöst durch den Neapolitaner Diaz. Das Ende der letzten Isonzoschlacht wird als erste Piaveschlacht eingestuft, die Italiener in der Verteidigerrolle, die Front stabilisierte sich an Piave und Grappa, wo nun noch einige Schlachten stattfanden.

Alliierte Truppen kamen an die italienische Seite der Front, die nun mitten durchs Veneto verlief. Als sich infolge der Karfreit-Niederlage im Herbst 1917, in der das italienischen Heer dem Zusammenbruch entgangen war, in Italien zunehmend Kriegsmüdigkeit breitmachte, unterstützte die römische Repräsentanz des britischen Geheimdienstes MI5 Mussolinis Blatt für mindestens ein Jahr mit einer wöchentlichen Zahlung von umgerechnet etwa 6 400 Euro für gezielte Kriegspropaganda im Land; London hatte Angst, einen Verbündeten zu verlieren. Die Verbindung der beiden Fronten sollte der Schlüssel zur Entscheidung an der österreichisch-italienischen Front sein.

Robert Musil nahm als Reserveoffizier an diesem Krieg teil, an beiden Schauplätzen der Italienfront, zuerst in den Dolomiten, dann am Isonzo (auch bei der Karfreit-Schlacht), ehe er aufgrund einer Erkrankung in die Etappe nach Bozen versetzt wurde, wo er Herausgeber einer Soldaten-Zeitung war. Im September 1915 wurde er nahe Trient knapp von einem Fliegerpfeil verfehlt, der aus einem italienischen Flugzeug abgeworfen worden war, eine Erfahrung, die er in seiner Erzählung “Die Amsel” verwendete. In Bozen traf er etwa auf Graf Franz Harrach, der dem österreichischen Thronfolger im Sommer 1914 seinen Wagen und den Chauffeur für die Reise nach Bosnien zur Verfügung stellte und ihn auch begleitete; Harrach schrieb in Süd-Tirol schmalzige Artikel zu Ehren des greisen Kaisers Franz Joseph für Musils Soldatenzeitung. Seine Militärzeit in diesem grossen europäischen Krieg wurde von Musil in vielen weiteren Schriften verarbeitet, etwa in seinem unvollendeten Drama “Panama oder Der kleine Napoleon” oder der Erzählung “Grigia” in “Drei Frauen”, die im trentinischen Fersental spielt. Er reflektierte auch über die unterschiedlichen militärischen Mentalitäten der Deutschen und Österreicher, die er durch das Eingreifen des “Alpenkorps” an den italienischen Fronten studiert hatte.

Im Juni 1918 fand die 2. Schlacht an der Piave statt, ein österreichischer Angriff, daneben auch am Monte Grappa; Matchball Ö-U um die Entscheidung an der Front. Die Italiener kämpften nun nicht um Gebietseroberungen/Irredenta sondern um die Verteidigung ihres Kernlands; an ihrer Seite die USA, mit dem freiwilligen Ernest Hemingway als Fahrer. Das wirkte sich vorteilhaft für Italien aus, ausserdem die Meutereien und das Überlaufen von Angehörigen diverser Ethnien in der österreichisch-ungarischen Amee. Der Angriff scheiterte, Matchball abgewehrt. Österreich-Ungarn kämpfte ab Ende 17/Anfang 18 nur mehr in Italien, nachdem es in Galizien/an der Ostfront, in Serbien/am Balkan, in Rumänien, siegreich gewesen war und grosse Gebiete dort besetzt hielt mit seinen Verbündeten. Stand in Italien im Vorkriegs-Territorium des Feindes.

Allerdings kämpfte es auch stark mit sich selbst, tschechische und slowakische Soldaten wechselten die Seiten, österreichische Italiener ohnhenin, andere desertierten. Und, der Auseinanderfall der Armee war ausgerechnet während der entscheidenden Schlacht am stärksten. Ein Halten bzw Widerstand in Rumänien, Polen, Serbien, Italien über den Herbst/Winter 1918 hinaus wäre für Österreich wohl auch bei einem anderen Ausgang der entscheidenden Piave-Schlacht nicht möglich gewesen, aufgrund des inneren Auseinanderfalls sowie des Eingreifens der USA im europäischen Krieg (die das wohl notfalls auch an anderen Fronten getan hätte). Und, nur an der italienischen Front, wo es sich entschied, war das österreichische Kernland betroffen und nur hier stand Österreich ohne verbündete Truppen. Eine Konzentration auf die Verteidigung des Kernlandes (etwa jene Gebiete, die die Republik Deutsch-Österreich dann beanspruchte) mit “inner-österreichischen” Truppen stand aber nicht zur Diskussion.

Ende Oktober, Anfang November die dritte Piave-Schlacht, ein italienischer Angriff, mit Hilfe von Truppen aus Grossbritannien, Frankreich, USA (darunter ein z. T. aus Italo-Amerikanern bestehendes Regiment) und einem tschecho-slowakischen Freiwilligenheer aus Soldaten die in Kriegsgefangenschaft die Seiten gewechselt hatten. Mitte Oktober das Angebot des Kaisers zur Selbstverwaltung der Nationalitäten, während dieser Schlacht kamen Ende des Monats aber die Unabhängigkeits-Erklärungen der Ungarn, Tschechen und Slowaken, Südslawen, deren Soldaten in grosser Zahl überliefen/aufgaben/abzogen. Von Deutschland, das an der Westfront in der Defensive war, war keine Hilfe zu erwarten, als dem italienischen Heer an manchen Stellen die Überquerung der Piave gelang.

Während die Österreicher am Monte Grappa die Offensive abwehren konnten, stiessen die Italiener an der Piave auf Vittorio vor, das sie am 30. Oktober einnahmen. Die Stadt war als Verkehrsknoten wichtig, für den Nachschub der Österreicher, sowie um die österreichische Frontlinie zu durchbrechen, bzw um die in den Dolomiten und die im venetianischen Tiefland stehenden Heeresteile zu trennen. Nachdem an der unteren Piave der österreichische Widerstand zusammenbrach, waren die österreichisch-ungarischen Truppen im Grappa-Abschnitt von Umfassung durch vorrückende Italiener bedroht und zogen sich in der Nacht auf den 31. Oktober zurück.

Die Italiener konnten so von zwei Seiten ins Trentino vorstossen; im Osten nach Udine, Triest wurde vom Meer eingenommen. Österreichisch-ungarische Soldaten gerieten in Gefangenschaft, manche kämpften noch, andere Einheiten strömten teils geordnet, teils in Auflösung begriffen, über die Alpen in als sicher gehaltene Teile Österreichs. Die österreichische Militärführung ersuchte bereits am 28. Oktober um einen Waffenstillstand, jetzt liessen sich die Italiener aber Zeit und gestatten erst am Abend des 30. Oktober einer Delegation das Überschreiten der Front.

Die dritte Piaveschlacht entschied nicht nur den Krieg zwischen Italien und Österreich-Ungarn, sie führte auch zum Ende der Donaumonarchie (vielleicht auch umgekehrt), machte deren zwei wichtigste Nachfolgestaaten zu Kriegsverlierern und trug zum Kriegsende rund 2 Wochen später bei, zum Sieg der Alliierten über die Mittelmächte. Vom 1. bis 3. November wurde bei Padua in der Villa Giusti der Waffenstillstand zwischen Rest-Österreich (Ungarn war nicht mehr beteiligt) und Italien verhandelt. In der österreichischen Kommission befand sich auch der Trentiner Kamillo Ruggera, ein Generalstabsoffizier, der auch nach der Niederlage auf der österreichischen Seite blieb, und schon allein aufgrund seiner italienischen Sprachkenntnisse gebraucht wurde. Die Delegation bekam vom Kaiser, Ministern, dem Generalstab keine vernünftigen Vorgaben, begann mit einem unrealistischen Angebot, der Räumung nur der italienischen Vorkriegsgebiete, also des infolge Karfreit besetzten Territoriums. Die italienischen Verhandler pochten auf die Räumung der ihnen im Londoner Vertrag zugesagten Gebiete, die sie besetzen würden. Sie setzten sich damit aufgrund der militärischen Lage durch.

Es wurde eine Demarkationslinie vom Reschenpass bis zur Adria festgelegt, hinter die sich die österreichischen Truppen zurückzuziehen hatten (wenn nicht schon geschehen oder gefangen genommen). Die Italiener würden demnach ins Tirol südlich des Brenners vorrücken, in das kärntnerische Kanaltal, das bisherige Küstenland (Görz, Istrien mit Triest und Inseln der Kvarner Bucht), die westliche Krain und in Teile Dalmatiens. Bezüglich der Einstellung der Kämpfe einigte sich man bei der Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages am 3. November auf 15 Uhr des Folgetages. Die Österreicher stellten ihre Rückzugsgefechte aber bereits am 3. ein, anscheinend aufgrund eines Befehls von Generalstabschef Arz von Straussenburg, dem möglicherweise aus Padua falsche Informationen übermittelt wurden. Dadurch gerieten noch mehr Soldaten und Offiziere der sich auflösenden österreichisch-ungarischen Armeen in Kriegsgefangenschaft. In diesen Tagen wurde in Bayern wieder ein Teil des Alpenkorps in Marsch gesetzt, um den Österreichern in Italien zu Hilfe zu kommen. Diese Einheiten waren anscheinend schon in Nord-Tirol, wo sie auf die abziehenden österreichisch-ungarischen Truppen aus Italien trafen. Diese waren nicht in der Lage/willens, die Kämpfe dort wieder aufzunehmen.

Jene Truppenteile, die dem Los der Kriegsgefangenschaft entgangen waren, strömten demoralisiert und hungernd nach Norden, teils geordnet, teils in Auflösung begriffen. Manche Einheiten aus nichtdeutschen Teilen des Reichs sollen sich auf ihrem Weg in ihre Heimat durch “Rest-Österreich” wie in Feindesland benommen haben. Auf dem Wiener Westbahnhof kam es zu einer Schiesserei zwischen “tschechischen” und “deutschösterreichischen” Soldaten. Wegen der chaotischen Zustände wandten sich die österreichische Heeresleitung sowie der Bozener Bürgermeister Julius Perathoner sogar an die Italiener, schneller vorzurücken. Das italienische Heer rückte in die von Österreichern gemäß Waffenstillstand aufgegebene Gebiete vor, kam im Osten bis Fiume/Rijeka, wo es, wie im Görz und in der Krain auf Widerstand des entstehenden Südslawen-Staats traf. Die Italiener drangen auch ins Kanaltal und von dort für einige Monate ins Kärnten nördlich der Karawanken vor. Vom Trentino, aus dem Veneto und der Lombardei rückten sie kampflos ins deutschsprachige Tirol ein; die ersten der italienischen Einheiten standen am 4. November bei Salurn, am Mendelpass und im Vinschgau.

In Bozen hielten sich noch viele österreichisch-ungarische Soldaten auf, die sich am Rückweg befanden, Trümmer der aufgelösten Armee. Als letzter geordneter Verband marschierte die Salzburger “Edelweiss-Division” (aus dem “Rainer”-Regiment und Teilen von anderen Regimentern gebildet) ab. Der italienische General Enrico Caviglia erklärte nach der Besetzung Bozens am 7. November, dass die italienischen Truppen ausschließlich den Sicherheitsdienst übernehmen und sich „nur als Gäste in fremdem Hause ansehen“ würden. Von Bozen drangen die Italiener dann durch das Eisacktal Richtung Brenner vor, zogen weiter nach Nord- und Osttirol, besetzten dort strategische Stellen, was in der Villa Giusti so ausgemacht worden war (sie zogen von dort 1920 ab). Zweck dessen war, einem möglichen Aufmarsch Deutschlands zu begegnen bzw wollte man von dort nach Deutschland einmarschieren, ehe dann der Waffenstillstand an der Westfront kam.

Der Bezirk Lienz, seit etwa 1850 auch „Osttirol” genannt, wurde bis zur Abtrennung des Tirols südlich des Alpenhauptkamms (der Wasserscheide) als ein Teil dieses “Südtirols” gesehen. Osttirol ist von diesem italienischen Südtirol durch eine kleinere Gebirgs-Wasserscheide getrennt, die Grenze wurde in der Villa Giusti im Gebiet der Hohen Tauern nicht weiter entlang des Hauptkamms gezogen (dann wäre auch Osttirol italienisch geworden), sondern hinunter zu den Karnischen Alpen. Beim Vorrücken des italienischen Militärs wurde die Grenze nun aber nicht über das Toblacher Feld, sondern etwas weiter im Osten des Pustertals gezogen. Zunächst spielte das aber gar keine Rolle, da (das österreichisch bleibende) Osttirol ja auch (teilweise) besetzt wurde. Der Lienzer Bezirkshauptmann Josef Rossi, ein Trentiner, wurde nach der Besetzung grosser Teile Tirols durch das italienische Militär zum Rücktritt gedrängt.

Das südliche Tirol kam unter eine Militärregierung unter General Gugliemo Pecori-Giraldi. Der Toskaner hatte bereits in Abessinien und Libyen gekämpft, kommandierte in diesem Krieg zuerst am Isonzo, dann an den Dolomiten, wurde nun Militärgouverneur. Er verfolgte auf Anweisung der Regierung eine relativ “milde” Besatzungspolitik (auch, um sich gute Bedingungen für die Friedensverhandlungen zu verschaffen), die nicht auf “Entnationalisierung” hinauslief. Für die Südtiroler Bevölkerung begann mit der Besetzung ihres Landes durch die italienische Armee in den ersten November-Tagen 1918, infolge von Vittorio und Padua, mit der Abtrennung vom restlichen Tirol und Österreich, eine schwierige eigene Geschichte. Die Schlachten hatten nicht dort stattgefunden und Italien hatte nur jene ganz am Schluss, an der Piave, gewonnen.

Das italienische Militär unterband zunächst den Personen-, Brief- und Warenverkehr mit Österreich, verbot auch die Einfuhr österreichischer “Devisen”. Verwandtschaftliche Beziehungen wurden zerrissen. Beamte, in der Bezirksverwaltung, in Gemeinden, bei der Gendarmerie, Eisenbahn, Post, mussten entweder beim italienischen Staat um ihre alte Arbeitsstelle ansuchen oder die Stelle aufgeben. Die “abgewanderten” Beamten wurden durch Italiener ersetzt; der italienische Zuzug nach Südtirol (das zu dieser Zeit eben keine eigene Verwaltungseinheit war) war zunächst einer von Beamten (und ihrer Familien). Die Bezirkshauptmänner wurden durch (zivile) italienische Kommissare ersetzt. Die Presse Südtirols wurde einer strengen Zensur unterworfen, aus (deutschsprachigen) Zeitungen wurden Artikel entfernt, die über das Selbstbestimmungsrecht, die wirtschaftliche Notlage, die Friedenskonferenz oder die Tätigkeit von Politikern berichteten. In den Schulen wurde Italienisch wurde zur zweiten Unterrichtssprache und für das Fach Vaterlandskunde der Lehrplan geändert. Dies alles war aber noch im Rahmen, geschah ohne Gewalt und wurde von vielen als vorübergehend angesehen.

Es soll in Tirol Gefühle des Verrats und des Verlassen-seins durch das “jüdische, rote Wien” gegeben haben. Anti-italienische Ressentiments (die von der eigenen Überlegenheit, zivilisatorisch-historisch, ausgingen) wurden durch Krieg und Besatzung verstärkt. Am 4. 11. 1918 (dem Tag nach dem österreichisch-italienischen Waffenstillstand) gründeten Süd-Tiroler Vertreter der Tiroler Volkspartei und der Freiheitlichen Partei in Bozen den “Provisorischen Nationalrat für Deutsch-Südtirol” unter dem Vorsitz des Bozner Bürgermeisters Perathoner (der auch Reichsrat-Abgeordneter gewesen war). Der Nationalrat gab ein eigenes Amtsblatt heraus und proklamierte am 16. November die “Unteilbare Republik Südtirol”; am 19. Jänner 1919 wurde der Nationalrat vom Comando Supremo (der Militärverwaltung) aufgelöst.

Im Dezember 1918 wurde der Trentiner Enrico Conci, vor dem Krieg Abgeordneter im österreichischen Reichsrat und Tiroler Landtag, während des Kriegs in Katzenau interniert, von der italienischen Militärführung damit beauftragt, Pläne für die künftige Verwaltung dieses neuen Gebietes auszuarbeiten. Verhandlungen auf der Friedenskonferenz in Saint-Germain-en-Laye bei Paris begannen Mitte April 1919. USA-Präsident Woodrow Wilson war in St. Germain bestimmend, wollte einerseits ethnisch “bereinigte” Grenzen, andererseits mussten Kriegsverbündete belohnt werden. In seinen 14 Punkten hatte er ausdrücklich festgehalten dass Italiens Grenzen nach nationalen Siedlungsgebieten neu gezogen werden sollten. Italien pochte auf das in London und in Padua zugesprochene. Tolomei war Berater der italienischen Delegation, wollte den italienischen Charakter Südtirols nachweisen. Ende April sickerte bereits durch, dass Südtirol zu Italien kommen würde.

Am 21. Oktober 1918 waren die deutsch-österreichischen Abgeordneten des Reichsrats (der 1911 das letzte Mal gewählt worden war) zum ersten Mal als Provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich zusammen getreten. Am 30. Oktober wurde eine Regierung unter Renner bestellt, womit der Staat Deutschösterreich und die Republik Konturen annahm – was Teil des Auseinanderfalls von Reich und Armee zum Zeitpunkt der entscheidenden Piave-Schlacht (italienischer Durchbruch nach Vittorio) war. In ihrer Heimat wurden Soldaten diverser Nationalitäten der ehemaligen österreichisch-ungarischen Armee zur Aufstellung eigener nationaler Verbände verwendet und teilweise gleich gegen Restösterreich eingesetzt, um Gebietsansprüche zu sichern. Am 12. November 1918 wurde in Wien die Republik Deutschösterreich ausgerufen, einen Tag nach der Verzichtserklärung des Kaisers, der nun mit seiner Familie Schloss Schönbrunn verliess.

Deutschösterreich beanspruchte für sich fast alle Siedlungsgebiete der Deutschsprachigen in der österreichischen Reichshälfte der Donaumonarchie (bezüglich Tirol eben nicht das italienisch besiedelte Trentino); das “Burgenland”, das zur ungarischen Reichshälfte gehört hatte, Ende 1918 noch nicht. Umstritten waren neben dem italienisch besetzten südlichen Tirol (und Kanaltal) die überwiegend deutsch besiedelten Gebiete an den Rändern Böhmens und Mährens (der Begriff „Sudetenland“ entwickelte sich erst allmählich) die auch die Tschechoslowakei beanspruchte und die von südslawischen Truppen im November besetzten Gebiete der Steiermark und Kärntens. Die deutsch(sprachig)en Abgeordneten aus diesen Gebieten waren auch in die Provisorische Nationalversammlung gekommen, so weit dies möglich war (die tschechoslowakischen Behörden verhinderte dies aus “ihren” Gebieten).

Im Februar 1919 wurde die Wahl zur Konstituierenden Nationalversammlung von Deutschösterreich abgehalten, erstmals durften Frauen wählen. Im Wahlkreis “Deutsch-Südtirol” konnte nur im Bezirk Lienz gewählt werden, im grossen Rest, dem Gebiet das die italienischen Besatzer für sich beanspruchten, liessen diese keine Wahl zu. Was wirklich dauerhaft zu welchem Staat gehören würde, war damals eben noch in Schwebe. Deshalb beschloss die Nationalversammlung am 4. April, für die nicht repräsentierten Gebiete proportional nach den in Nord- und Osttirol vorliegenden Wahlresultaten acht weitere auf den Wahllisten der Parteien geführte Kandidaten einzuberufen. Es handelte sich um fünf Mandatare der Tiroler Volkspartei (darunter Eduard Reut-Nicolussi, ein Zimbrer aus dem Trentino, im Krieg in der öst.-ung. Armee), zwei Sozialdemokraten und einen Deutschfreiheitlichen. So wurde auch bei der Wahl zum Tiroler Landtag im Juni 1919 verfahren. Neben Italienern liessen auch Tschechoslowaken und Südslawen (das SHS-Reich) keine österreichischen Wahlen in den von ihnen beanspruchten Gebieten zu. Für die Untersteiermark wurde ebenso wie für Südtirol verfahren. Für “Sudetendeutsche” standen keine Anhaltspunkte für einen möglichen Ausgang zur Verfügung; nachdem sich die zwei grossen österreichischen Parteien nicht einigen konnten, gab es von dort keine Einberufungen.

Der “Südtirol”-Begriff entstand allmählich nach diesem Krieg, zunächst wurde bezüglich der italienische besetzten Gebiete südlich des Brenners vom „deutschen Tirol“ gesprochen, in Abgrenzung zum italienischen Trentino, “Südtirol” umfasste auch Osttirol/den Bezirk Lienz. Ähnlich verhielt es sich mit den “Sudentenländern” in Tschechien, für die es diverse Teilbezeichnungen gab (der südmährische Kreis Znaim wurde etwa als Teil Niederösterreichs proklamiert), “Sudetenland” bezeichnete auch das Teilgebiet des österreichischen Schlesiens, “Deutschböhmen” war eine der Sammelbegriffe. Österreich hätte mit diesen böhmisch-mährischen Gebieten eine kuriose Form gehabt, aber das spielte keine Rolle, da es an das Deutsche Reich angeschlossen werden sollte, womit sich das erübrigt hätte. Beriefen sich die tschechoslowakischen Politiker bezüglich Böhmens und Mährens (und den dortigen “sudetendeutschen” Gebieten) auf die historischen Grenzen, so waren bezüglich der slowakischen Gebiete (die aus Ungarn herausgelöst wurden) für sie  Selbstbestimmungsrechte bzw ethnische Kriterien ausschlaggebend. Diese Flexibilität bezüglich geographischen/ historischen/ ethnischen Grenzen gab (gibt) es natürlich von allen Seiten.1

Österreich und Tiroler wollten zunächst (weiter) historische Grenzen, nachdem das südliche Tirol von Italien besetzt war, dann ethnische und damit die Trennung vom Trentino. In Südost-Kärnten gab es Ende 1918/Anfang 1919 Widerstand gegen das Vorrücken südslawischer Truppen, das Teil des Ringens um neue Grenzen in der Nachkriegszeit war, den “Abwehrkampf”. Militärisch war dieser kein Erfolg, die Kämpfe gingen mit einem amerikanisch vermittelten Waffenstillstand zu Ende, der die Besetzung Kärntens bis Klagenfurt “einfror”. Aber Verhandler der Pariser Friedenskonferenzen registrierten den bewaffneten Widerstand und setzten für die umstrittenen Gebiete ein Plebiszit an. In der Untersteiermark gab es geringen Widerstand gegen die südslawische Inbesitznahme, Kämpfe gab es an der Grenze von der Mittel- zur Untersteiermark, Radkersburg wurde etwa in deren Folge geteilt.

Vorarlberg suchte im Mai 1919 um den Anschluss an die Schweiz an, der u. a. deshalb nicht zustande kam, weil diese in der Folge italienische Forderungen auf das Tessin befürchteten. Bei einer Neuziehung von Grenzen aufgrund ethnischer Kriterien gibt es eben nicht nur etwas zu gewinnen, sondern auch zu verlieren. Auch im österreichischen Tirol wurde eine Abspaltung von Österreich erwogen und ein Anschluss an Deutschland. Im Frühling 1919 rief die Tiroler Landesversammlung einen “Freistaat Tirol” aus.

Im September 1919 der Nachkriegsvertrag von St. Germain für Österreich; Italien bekam Tirol bis zum Brenner, das ganze Küstenland, das Kanaltal, Teile der Krain und Dalmatiens zugesprochen. Diese Grenzziehung richtete sich z. T. nach den Siedlungsgebieten der Italiener in Österreich-Ungarn, z.T. nicht. Im Ost-Adria-Raum war eine vernünftige Abgrenzung italienischer und slawischer Siedlungsgebiete schwierig, im südlichen Tirol wäre sie einfach gewesen, hier wurde Italien mehr zugesprochen als im Sinne ethnisch “bereinigter” Grenzen notwendig. Ohne Minderheitenschutz und ohne Autonomieverpflichtungen wurde Südtirol Italien zugesprochen. Österreich verlor auch fast alle anderen umstrittenen Grenzgebiete (Sudetenland, nördliche Untersteiermark, die südlich der Karawanken gelegenen Kärntner Gebiete), bekam das deutschsprachige Westungarn zugesprochen (dessen Grenzen noch abgesteckt werden mussten). Daneben die Verpflichtung zur Eigenständigkeit.

Südtirol hat(te) von den verlorenen Gebieten für Österreich die grösste Bedeutung; die böhmisch-mährischen Randgebiete waren nicht so eng mit ihm verbunden gewesen, die Untersteiermark nur teilweise deutsch(sprachig) besiedelt (Österreich hatte auch nur auf den nördlichen Teil mit Marburg Ansprüche erhoben). Dass es zur Teilung Tirols kam, erstaunte viele. Südtirol war zwar seit fast einem Jahr besetzt, aber das war für die meisten Tiroler lediglich eine Bedingung des Waffenstillstandes; dass die Italiener kleinere Einheiten auch an strategisch wichtigen Punkten in Nord- und Osttirol stationieren durften, bestärkte den Eindruck einer vorübergehenden Maßnahme. Etwa 100 Jahre zuvor waren Teile des südlichen Tirol auch für einige Jahre besetzt gewesen, und dem “Königreich Italien” zugeschlagen worden, das aber ein “Marionettenstaat” des napoleonischen Frankreichs war, während das restliche Tirol unter bayrischer Herrschaft war.

Die österreichische Nationalversammlung musste den Friedensvertrag annehmen, die Tiroler Abgeordneten beteiligten sich zum Zeichen des Protestes nicht an der Abstimmung; die Südtiroler Abgeordneten und die anderen von abgetrennten Gebieten mussten sich verabschieden. Reut-Nicolussi hielt zu diesem Anlass eine bewegende Rede. Jetzt, wo sich herauskristallisierte, was Österreich war und was nicht, wo die Grenzen nicht mehr historisch sondern ethnisch definiert waren, verlor es diesen Teil seines Kerngebiets.

Die Gegner bzw Nachbarn Österreichs waren untereinander auch in Konflikte verwickelt, v.a. das SHS-Reich und Italien, die um einige Gebiete stritten; der Südslawen-Staat wollte zB das Kanaltal und Teile von Friaul, Italien grössere Teile der slowenischen Krain und Dalmatiens. So hat sich Italien dafür eingesetzt, dass das teilweise deutschsprachige Westungarn (dann Burgenland) zu Österreich kommt, um einen “slawischen Korridor” von tschechischem in slowenisches Gebiet (von der Tschechoslowakei gefordert/angedacht) zu verhindern. Die Volksabstimmung im Gebiet um Ödenburg/Sopron über die Zugehörigkeit zum österreichischen Burgenland oder zu Ungarn Ende 1921, deren Korrektheit von österreichischer Seite angezweifelt wird, fand unter italienischer Überwachung statt (weil Bundeskanzler Schober diese einer tschechoslowakischen vorzog).

Ungarn unter Horthy arbeitete 1920 mit rechten Kreisen in Österreich (Christlich-Soziale, Heimwehr) zusammen, um die dortige sozialdemokratisch geführte Regierung Renner zu stürzen, trotz der damals aktuellen Burgenlandfrage. Wobei sich die Heimwehr-Miliz dann, wie an anderen Grenzen, auch dort Scharmützel mit der Gegenseite lieferte… Die ideologischen Gemeinsamkeiten waren hier wichtiger als der Gebietskonflikt. Ein Teil der deutschsprachigen Ödenburger stimmte vermutlich für Ungarn, die dortigen Kroaten waren gespalten, gingen nach wirtschaftlichen Kriterien: Die ortsgebundenen Bauern waren gegen einen Anschluss an Österreich, die Händler und Nebenerwerbslandwirte hingegen waren längst mit dem österreichischen Absatzmarkt verflochten. Die meisten Slowenen in Kärnten stimmten bei der dortigen Volksabstimmung über die staatliche Zugehörigkeit ihres Siedlungsgebiets für Österreich, wobei ebenfalls Absatzmärkte eine Rolle spielten.

Neue Grenze am Brenner
Neue Grenze am Brenner

Die Periode der provisorischen Militärverwaltung des südlichen Tirols dauerte von November 1918 bis Juli 1919. Noch vor St. Germain ging also die italienische Besatzung in eine Zivilverwaltung über, weil Premierminister Nitti sich für die militärische Demobilisierung nach dem Krieg stark machte. Luigi Credaro, ein Liberaler, wurde Commissario generale civile (General-/Zivilkommissar), das Gebiet bekam den Namen Venezia Tridentina, zunächst mehr als “Arbeitstitel”, Sitz des Generalkommissariats wurde Trient. Zum Missfallen vieler Südtiroler blieb ihr Gebiet also mit dem Trentino verbunden. Unter Credaro wurde die hermetische Abriegelung der Grenzen zu Österreich aufgehoben, die Pressezensur gelockert. Im Juli 1919 errichtete Nitti auch das „Zentralamt für die neuen Provinzen“ unter der Leitung Francesco Salatas. Salata war ein Irredentist aus dem zuvor österreichischen Istrien, relativ minderheitenfreundlich.

In St. Germain bekam Italien vom ehemaligen Österreich-Ungarn ziemlich jene Gebiete zugesprochen, die es seit Kriegsende besetzt hielt, behielt Dodekanes und andere Überseegebiete. Bezüglich westliche Krain und nördliches Dalmatien hätte Italien gerne noch mehr bekommen, hier hatte aber eben auch der neue SHS-Staat Ansprüche, die die Alliierten zufrieden zu stellen hatten. Auch deshalb rückten sie von der Brennergrenze für Italien nicht ab, quasi als Kompensation. Auch bekam Italien kein Protektorat über Albanien und keine Teile der bisherigen deutschen Kolonien. Viele Italiener fühlten sich betrogen, gegenüber den Kriegs-Anstrengungen und dem Sieg.

Im Vertrag von Rapallo 1920 wurden die Grenzstreitigkeiten und Detailfragen zwischen Italien und dem SHS-Königreich für eine Zeit beigelegt, zuungunsten Italiens, das in Dalmatien “nur” Zara/Zadar und zwei Inseln behielt. Fiume/Rijeka, das 1919 “privat” von italienischen Nationalisten besetzt worden war, sollte ein unabhängiger Freistaat werden. In den Nachkriegsjahren kamen dafür das Antalya-Gebiet des Osmanischen Reichs (für einige Jahre) unter italienische Herrschaft, vorübergehend auch Vlora in Albanien, schliesslich auch (1924) das meiste von Fiume.

Durch die von Alt-Österreich neu gewonnenen Gebiete gab es in Italien erstmals echte Minderheiten, neben den Deutschen die Süd-Slawen im Nordosten – die auch im habsburgischen Reich nicht zum “Staatsvolk” gezählt hatten bzw zu einem der beiden. Italiens König Viktor Emanuel III. (besuchte Südtirol 1921) versicherte in seiner Thronrede am 1. Dezember 1919, den neuen Provinzen eine „sorgfältige Wahrung der lokalen Institutionen und der Selbstverwaltung” zuzugestehen. Die zugesprochenen Gebiete wurden im September/Oktober 1920 formell annektiert (per königlichem Dekret zum Bestandteil Italiens erklärt). Aus militärischen Stellungen wurden Grenzanlagen. Credaro blieb “Zivilverwalter”. Die Südtiroler Delegation im Tiroler Landtag nahm erst nach dieser Eingliederung, im November 1920, von dort Abschied.

Venezia Tridentina, die italienisch gewordenen Teile Tirols, wurde 1920 ein Compartimento. Die Compartimenti waren Regionen ohne jede Selbstverwaltung, diese gab es in bescheidenem Maß für Provinzen (bis zum Faschismus). Eine Provinzverwaltung für die Venezia Tridentina wurde erst 1923 geschaffen, wobei diese eine Provinz aus der es zunächst bestand (Trient/Trento), dann deckungsgleich mit dem Compartimento war. Die von Österreich-Ungarn im Nordosten gewonnenen Gebiete wurden grösstenteils zur Venezia Giulia (Julisch Venetien) zusammengefasst, also Istrien mit der Hauptstadt Triest, die Kvarner Bucht (mit Fiume nach dem Anschluss), Zara in Dalmatien sowie Görz und Teile der Krain; hier wurden 5 Provinzen gebildet. Zwischen Venezia Tridentina und Venezia Giulia lag die Venezia Euganea (Venetien und Friaul, das Kanaltal wurde hier zugeschlagen).

In den beiden neuen Gebieten lebten Minderheiten und eingesessene Italiener, wobei im “tridentinischen Venetien” deutschsprachige Tiroler und italienischsprachige Trentiner getrennte Siedlungsgebiete hatten, während im julischen Venetien Slawen und Italiener über das ganze Gebiet verstreut waren. Beide Compartimenti machten eine ähnliche Entwicklung durch hinsichtlich des Übergangs von Militär- zu Zivilverwaltung, der Schaffung von Provinzen und dann der Italianisierungspolitik unter dem Faschismus. Einige Aspekte der habsburgisch-österreichischen Verwaltung, wie das Katastersystem (“sistema tavolare”), wurde in den neuen Gebieten beibehalten.

Die Bevölkerung Südtirols bekam gemäß St. Germain-Vertrag 1920 die italienische Staatsbürgerschaft, alle jene, die vor dem 24. Mai 1915 (Kriegsbeginn) in den Gemeinden gemeldet waren; jene, die später zugezogen waren, konnten darum ansuchen, wobei zahlreiche Gesuche abgelehnt wurden. Jene Beamten, die die italienische Staatsbürgerschaft zurückwiesen oder sie nicht bekamen (und nur jene), wurden entlassen, anscheinend betraf das v.a. Eisenbahner. Grosszügig bzw korrekt war, dass die im österreichisch-ungarischen Militär gedienten neuen italienischen Bürger diesen Wehrdienst auf die italienische Pension angerechnet bekamen und die Familien für den Kaiser Gefallener die gleiche Unterstützung wie jene italienischen Witwen und Waisen, deren Angehörige auf der Gegenseite gekämpft hatten.

Am 26. Juni 1921 löste ein königliches Dekret die Gendarmerie auf und liess Carabinieristationen errichten. Im August 1921 wurde die „Lex Corbino“, benannt nach dem damaligen Unterrichtsminister Mario Corbino, erlassen, bei der der Schutz der italienischen Minderheit in Südtirol bzw ihre Aufwertung im Vordergrund stand. Die bis zum Faschismus kleine italienische Minderheit im deutschsprachigen, eigentlichen, Tirol, lebte v.a. im Unterland (es gab mehr Ladiner als Italiener in Südtirol bis nach dem 1. WK!). Sie bekamen nicht das Recht, sondern wurden dazu verpflichtet, eine italienische Grundschule zu besuchen. Auch die Ladiner2 wurden allerdings dazu verpflichtet und Kinder mit italienisch “klingenden” Familien-Namen. Im September erfolgte die Ausdehnung der Wehrpflicht auf Südtiroler; sie wurden vorwiegend in den “alt-italienischen” Provinzen eingesetzt. An der Ostfront in Kriegsgefangenschaft geratene Südtiroler Soldaten kehrten in die annektierte Heimat zurück. Zweisprachige Ortstafeln kamen. Italienisch wurde zweite Behördensprache.

Im Oktober 1919 schlossen sich Tiroler Volkspartei und Freiheitliche Partei in Südtirol zum “Deutschen Verband” zusammen, Reut-Nicolussi wurde erster Obmann; die Sozialdemokraten Südtirols arbeiteten mit den italienischen Sozialisten (der PSI) zusammen. Der DV führte im Frühjahr 1920 Verhandlungen in Rom mit der italienischen Regierung um Autonomie, die kein Ergebnis brachten, er stellte hohe Forderungen, verlangte ungefähr das, was Jahrzehnte später im Zuge des Pakets erreicht worden ist! Steininger sieht hier eine vertanene Chance. Nach dem Scheitern der Verhandlungen kam es anlässlich des Herz-Jesu-Festes im Juni 1920 zu Protestkundgebung (Bergfeuer, Forderungen nach Selbstverwaltung, Böller schiessen, Hissen der Tiroler Fahne,…), die zu ersten gewaltsamen Auseinandersetzungen mit italienischen Sicherheitskräften und zu Verhaftungen führten.

Bei der italienischen Parlaments-Wahl im Mai 1921 trat der DV (wie dann auch 1924) zusammen mit den Slowenen und Kroaten des Julischen Venetiens, der anderen grossen nicht-romanischen Minderheit, als Liste di slavi e di tedeschi (Liste der Slawen und Deutschen) an. Bei der Wahl 1919 hatten diese neue Gebiete noch nicht teilgenommen. Die Venezia Tridentina wurde in zwei Wahlkreise geteilt, die ziemlich mit Südtirol und Trentino ident waren (das Unterland wurde allerdings zu Trient geschlagen); die Venezia Giulia in 4, zuungunsten der slawischen Minderheiten. Im Wahlkreis Bozen (Südtirol) trat neben dem Deutschen Verband nur die PSI an. Die Partei der Slowenen und Kroaten im Julischen Venetien war die Jugoslovanska narodna stranka (Südslawische Nationalpartei), die sich auf Italienisch Concentrazione slava (Slawische Einheit) nannte. Sie wurde von Josip Vilfan, einem slowenischen Anwalt aus Triest, geführt. Im Julischen Venetien kandidierten alle italienischen Parteien, und – ein weiterer Unterschied zu Südtirol – Angehörige der dortigen Minderheit kandidierten auch für diese Parteien. Das erklärt sich dadurch dass Slawen und Italiener hier auch vor dem Krieg zusammenlebten (nicht nebeneinander, wie Tiroler und Trentiner).

Andererseits gab es in Istrien bereits von den italienischen Faschisten geschürte nationale Spannungen, Gewalt und Tote am Wahltag. Hier gewannen Kandidaten der Slawischen Einheit 5 von 15 dort vergebenen Mandaten (4 in Görz, wo sie in der Mehrheit waren, 1 in Istrien), was der Bevölkerungsverteilung entsprach.3 Rund 90% der Südtiroler stimmten für den Deutschen Verband, der alle 4 Mandate des Wahlkreises gewann. Die kleineren deutsch-sprachigen Gruppen ausserhalb Südtirols konnten den DV nicht wählen. Auch die Italiener in den neuen Gebieten durften das erste Mal wählen; der Trentiner De Gasperi war schon zu einer Führungsfigur in der christdemokratischen PPI aufgestiegen. Und, die Faschisten, als “Nationale Blöcke” erstmals angetreten, kamen ins Parlament. Unter den ins italienische Parlament gewählten Südtiroler Abgeordneten waren Reut-Nicolussi (2 Jahre, nachdem er aus dem österreichischen Parlament ausgeschieden war) und Karl Tinzl, dessen Nachfolger als Obmann des DV. Der Deutsche Verband erklärte sich bereit, in den politischen Institutionen Italiens mitzuarbeiten, strebte aber, wie die Nord-Tiroler Politik, auf lange Sicht einen Anschluss an das Deutsche Reich an, und nicht an Österreich.

Ab Ende 1920 war in vielen Teilen Italiens der Druck der Faschisten auf die Politik zu spüren, so wie in Deutschland jener der Nazis ca 10 Jahre später, da wie dort auch durch deren Schlägertrupps. Ein erster Vorgeschmack auf das, was auf die Südtiroler zukam, waren die Ereignisse vom 24. April 1921 in Bozen. An diesem Tag wurde im österreichischen (Nord-)Tirol über den Anschluss des Landes an das Deutsche Reich abgestimmt, es gab nebenbei eine Mehrheit von 98,8 % dafür. In Bozen fand an diesem Tag die Frühjahrsmesse statt und zu ihrem Anlass ein Trachtenumzug. Faschistische Gruppen marschierten damals in verschiedenen Teilen Italiens auf und suchten gewalttätige Konfrontationen; Linke waren eine bevorzugte Zielgruppe, die ethnischen Minderheiten in den neu hinzugekommenen Gebieten eine andere. Die Faschisten vermuteten anscheinend, dass auch in Südtirol in der Messehalle über den Anschluss an Deutschland abgestimmt werden sollte. Den traditionellen Umzug betrachteten sie als zusätzliche Provokation.

Generalkommissar Credaro wies in Rom darauf hin, dass ein Angriff seitens der Faschisten geplant sei und forderte Sicherheitsmaßnahmen, die jedoch nicht getroffen wurden. Mit Totschlägern, Pistolen und Handgranaten bewaffnete “Schwarzhemden” aus den Altprovinzen kamen an diesem Tag, der als “Blutsonntag” in die Geschichte Südtirols eingegangen ist, nach Bozen und überfielen den Umzug. Ein Südtiroler wurde getötet, 48 verletzt, die Zerstörungen richteten sich u.a. gegen verbliebene Symbole Österreich-Ungarns.

Was Österreicher und Italiener gemeinsam haben, ist der Katholizismus. Das Bistum Brixen war bis 1918 dem Erzbistums Salzburg zugehörig, reichte von Lienz bis Feldkirch. Grosse deutschsprachige Landesteile Südtirols gehörten zur Diözese bzw zum Bistum Trient. Als Südtirol nach dem Ersten Weltkrieg zu Italien kam, erschwerte sich die Verwaltung der bei Österreich geblieben Diözesanteile Brixens. Der Vatikan wollte jedoch durch eine Änderung der Diözesangrenzen nicht den Eindruck erwecken, die Teilung Tirols anzuerkennen. Daher wurde 1921 der Generalvikar von Vorarlberg, Sigismund Waitz, zum Apostolischen Administrator des österreichischen Teils der Diözese Brixen ernannt. 1925 wurde daraus die Administratur Innsbruck-Feldkirch, ohne jedoch eine neue Diözese zu errichten. Da Brixen von seinem Metropolitansitz Salzburg abgeschnitten war, der Heilige Stuhl es aber nicht einem italienischen Metropolitanbezirk eingliedern wollte, wurde die Diözese am 1921 direkt dem Heiligen Stuhl unterstellt. Der andere Teil Südtirols blieb bei der Diözese Trient

1922 war es mit der maßvollen Politik, die unter demokratischen italienischen Regierungen gegenüber den neuen (eroberten/zugesprochenen) Regionen ausgeübt wurde (aber nicht nur damit), zu Ende. Triest (Julisches Venetien), wo die antisozialistische Agitation der Faschisten besonders intensiv war und fliessend in Auseinandersetzungen mit der slowenischen Minderheit überging, entwickelte sich zur ersten echten Hochburg des Faschismus. Hier war der Toskaner Francesco Giunta, später u. a. Gouverneur von Dalmatien, führend. Und auch Bozen spielte bei der faschistischen Machtergreifung eine wichtige Rolle. In der Venezia Tridentina war Achille Starace die faschistische Führungsfigur; er hatte schon die Gewaltaktionen des Bozner Blutsonntags mitorganisiert. Am 1. Oktober 1922 marschierten Faschisten unter Starace auf die grösste Stadt Südtirols, nachdem ihre Forderung bezüglich der Umwidmung einer Schule nicht nachgegeben worden war. Im Zuge der Aktion wurde das Bozener Rathaus gewaltsam eingenommen und die Absetzung von Bürgermeister Perathoner erzwungen. Die Untätigkeit der Sicherheitskräfte dabei ermutigte die Faschisten.

Quasi am Rückweg von Bozen zwang der faschistische Mob wenige Tage später, am 5. Oktober, Credaro, den Verwalter der Venezia Tridentina, in Trient zum Rücktritt  – und zwar genau wegen seiner “gemäßigten” Politik gegenüber der deutschsprachigen Minderheit. Auch Enrico Conci, der “Vorbereiter” der Provinzverwaltung, wurde bei der Gelegenheit aus dem Palazzo Chimatti-Parolini gejagt, blieb aber dann vorerst im Amt. Die Regierung ernannte Giuseppe Guadagnini zum Präfekten der Venezia Tridentina, eine Funktion, die Credaro mit ausgefüllt hatte. Das Kommissariat wurde aufgelöst. Das traf auch viele Trentiner, die sich Selbstverwaltung bzw eine dezentralere Verwaltung erhofft hatten. Guadagnini trat am 4. November sein Amt an, mit dem Willen und dem Auftrag zur Italianisierung des Compartimento. Zu diesem Zeitpunkt war Mussolini bereits Premierminister, nach dem Marsch auf Rom am 22. Oktober. Conci wurde 1923 von Guadagnini aus dem Amt gedrängt. Salata zog sich nach der faschistischen Machtergreifung von seinem Posten zurück.

Italien werde nicht mehr der freundliche Mandolin-Spieler sein, sondern “Krallen zeigen”, drohte Mussolini nach seiner Machtübernahme. Die Minderheiten im Norden des Landes waren nicht die Einzigen, die das spüren sollten. Der Sieg von Vittorio (Veneto) bzw der im 1. Weltkrieg wurde ein wichtiges einheitsstiftendes Symbol für Italien, als Vollendung des Risorgimento bzw des Irredentismus; wobei Manche mit dem Resultat nicht zufrieden waren. Wenn man so will, befleckte Italien aber mit der Annexion des deutschsprachigen Südtirols seinen Irredentismus (weil hier Unterdrückung statt Befreiung folgte). Cesare Battisti gab sein Leben für die Vereinigung italienisch besiedelter Gebiete mit Italien, war aber gegen die Annexion des anderen Südtirols, wo sich heute, am Bozener Siegesdenkmal, eine Büste von ihm befindet; seine Familie war nach dem Krieg gegen diese Vereinnahmung durch den Faschismus aufgetreten und für Anliegen der Südtiroler.

Andererseits, Österreich herrschte jahrhundertelang über italienische Gebiete, pochte auf ethnische Grenzen, sobald eines seiner Kerngebiete unter italienische Herrschaft kam. Mussolini hatte wie Hitler im 1. Weltkrieg (Grossen Europäischen Krieg) gekämpft, stellte sich wie dieser nicht besonders geschickt an, wurde bei einer Übung verwundet. Er versuchte später, die im 1. WK nicht erreichten Ziele des Landes zu erreichen, indem er im Juni 1940 in den Zweiten Weltkrieg eingriff. Der zweite Weltkrieg ist wohl nicht nur ein Kind des ersten, sondern eher seine Fortsetzung, nicht nur von der Brutalität. Der (verspätete) Eintritt aus der k. u. k.-Ära ins Zeitalter des Nationalismus bedeutete für die Süd-Tiroler ein böses Erwachen. Für sie kamen Krieg, Besatzung, Abtrennung von Österreich, Ausschaltung der Demokratie, Italianisierung und Faschismus, Modernisierung, NS (Betrug durch ihn wie Kollaboration mit ihm), neuer Krieg, knapp hintereinander. Sie haben das hässliche Gesicht Italiens erlebt. Ohne Faschismus, mit einer Provinzverwaltung auch ohne Autonomie, wäre es für Südtiroler in der Zwischenkriegszeit ganz anders gewesen. Natürlich war die Grenzziehung dort nicht die einzige problematische in Folge des 1. WK, gab es “Nationalisierungs”-Maßnahmen in eroberten/zugesprochenen Gebieten wie Nachfolgekonflikte auch anderswo, v.a. in Mittel-/Osteuropa. Nach universalen Grundsätzen gerechte Grenzen zu ziehen, wäre auch so gut wie unmöglich. Die jetzigen minderheitenfreundlichen Rahmenbedingungen hat sich Südtirol nach dem 2. Weltkrieg erkämpft; evtl wird das in weiteren Teilen hier noch ausgeführt werden.

http://www.uibk.ac.at/zeitgeschichte/zis/stirol.html (Rolf Steininger)

Manfried Rauchensteiner: Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg (1994)

Heinz von Lichem: Krieg in den Alpen 1915-1918 (1993)

Über die Internierungslager im 1. Weltkrieg: http://ersterweltkrieg-internierungen.blogspot.com

https://www.journal21.ch/italiens-sieg-ueber-den-ewigen-barbaren-oesterreich-teil-2

Michael Forcher: Tirol und der Erste Weltkrieg: Ereignisse, Hintergründe, Schicksale (2014)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  1. Wenn es um unsere eigenen Interessen geht, sind wir sehr praktisch veranlagt; doch wir zeigen uns als Idealisten, sobald es um dir Interessen der anderen geht (Khalil Gibran)
  2. Ladiner wurden einst von den Bajuwaren in die Seitentäler des südlichen Tirols verdrängt
  3. Vilfan wollte Mussolini dann angeblich selbst von einer minderheitenfreundlicheren Politik überzeugen